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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 11:04:50 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Jacobine von Baiern Gräfin von Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland - Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehenden Jahrhundert - -Author: Gottlob Heinrich Heinse - -Contributor: Jordan - -Release Date: June 30, 2017 [EBook #55013] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JACOBINE VON BAIERN GRÄFIN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1791 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Dies gilt - insbesondere für eine Vielzahl altertümlicher Ausdrücke in - unterschiedlichen Schreibweisen, welche nur dann harmonisiert - wurden, wenn eine Variante im Text mehrmals auftritt, die andere - dagegen nicht mehr als einmal. So werden etwa Wörter, die die - Buchstabenkombination ‚tz‘ enthalten, in mehreren Schreibweisen - gleichberechtigt verwendet (z.B. ‚setzen‘, ‚sezen‘ oder ‚sezzen‘). - Oftmals wird ‚wann‘ für ‚wenn‘ verwendet; auch dies wurde so - belassen, soweit der Sinn erkennbar bleibt. Personen- und - Ortsnamen wurden nicht in deren heute üblichen Schreibweisen - übertragen. - - Wie in der damaligen Zeit üblich, folgt auf Kardinalzahlen oft ein - Punkt, auf Ordinalzahlen aber nicht; umgekehrt wie in den heutigen - Rechtschreibregeln festgelegt. Diese Regel wurde im Original zwar - nicht konsequent eingehalten, eine Harmonisierung erfolgte im - vorliegenden Text dennoch nicht. - - Korrekturen aus der Liste der ‚Druckfehler‘ am Ende des Buches - wurden bereits in den Text eingearbeitet. Offensichtliche - typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - Die von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden - in der vorliegenden Fassung mit den nachfolgenden Sonderzeichen - gekennzeichnet: - - kursiv: _Unterstriche_ - gesperrt: +Pluszeichen+ - - Kapitälchen wurden in GROSSBUCHSTABEN umgewandelt. - - #################################################################### - - - - - JACOBINE - - von - - _BAIERN_ - - GRÄFIN VON HENNEGAU, - Holland, Friesland und Zeeland. - - Eine vaterländische Geschichte aus dem - fünfzehenden Jahrhundert. - - [Illustration] - - Frankfurt - bei Johann Daniel Knoop - 1791. - - - - - IHRO KÖNIGLICHEN HOHEIT - - DER - - PREISWÜRDIGSTEN - - STATTHALTERIN - - BELGIENS - - FRIEDERIKE SOPHIE WILHELMINEN - - unterthänigst gewidmet. - - - - - Da Tausende, die DEINER Huld sich freu’n, - Von Dank durchglüht, DIR reichen Weihrauch streu’n, - Leg ich auf den Altar - Ein Blümchen hin. -- Nimms gnädig an, - Erhabenste! ich gebe, was ich kann - Und brings voll Ehrfurcht dar. - - _Jordan._ - - - - -[Illustration] - - -Vorbericht. - - -Ob zwar die Begebenheiten einer Fürstin, die vor mehreren Jahrhunderten -gelebt hat, eben die Neuheit nicht haben, auch denen, die nur -einigermaßen in der Geschichte älterer Zeiten bewandert sind, bekannt -sein werden; so scheinen sie mir doch, besonders bei jezigen, in -den befragten Ländern herrschenden Unruhen, interessant genug, aus -verschiedenen Bruchstücken und einer französischen Handschrift einen -Auszug zu verfertigen und solchen zum Druck zu befördern. Wollte man -diese Geschichte ganz zum Roman bilden, so lies sie sich freilich viel -weiter ausdehnen; allein in solchem Fall müste nothwendiger Weise oft -von der Wahrheit der Sache selbst abgewichen werden. Auch hätte ich um -der Geschichte einen glänzendern Anstrich zu geben, sie mit Turniren, -Bällen und andern dergleichen galanten Lustbarkeiten ausschmücken -können; allein eine Fürstin, deren Leben durch so viele und anhaltende -Widerwärtigkeiten vergället war, konnte wenig an dergleichen -Ergözlichkeiten denken. Ausserdem glaub ich dem Leser einen Gefallen -zu thun, wenn ich diese Tändeleien, so wie den verliebten Stil ganz -weglasse und nur buchstäblich bei der Geschichte bleibe. Ueber die vier -Gemahle, die meine Heldin theils aus Gehorsam, theils aus Schwachheit, -genommen hat, wird sich freilich manche Spröde ärgern; indessen wenn -sie die unglükliche Verfassung, in der sie sich befand, genau erwegen, -werden sie gewis nicht so streng in ihrer Beurtheilung sein; dann -sie war von ihrer eigenen Mutter verlassen; auf Veranlassung der -Päbste muste sie Fehler begehen, die einigermaßen gegen den Wohlstand -stritten, und bei ihren stetigen Widerwärtigkeiten konnte sie sich bei -niemanden Raths erholen. Ob man ihr freilich manchen Vorwurf machen -kann, so ist sie doch nichts destoweniger auf der andern Seite so viel -mehr zu bedauern. Sie besas sehr viel gute Eigenschaften, und hatte die -gerechtesten Ansprüche auf ein glänzendes Glück. Diese Vortheile aber -vermochten nicht, sie für dem empfindlichsten Elend zu schüzen, und -ihre grossen und vielen Widerwärtigkeiten beweisen, welch vergängliche -Dinge, Ehre, Reichthum und Schönheit in der Welt sind. - - +Homburg vor der Höhe+ - im Heumonat 1790. - - Der Verfasser - - - - -[Illustration] - - -Da öfters Menschen von reifern Jahren ihre Handlungen mit wenig -Vorsicht und Klugheit unternehmen und verrichten, so ist es nicht zu -verwundern, daß junge, von aller Erfahrung noch entblößte Menschen in -diese Fehler verfallen. Die täglichen Beispiele beweisen solches zur -gnüge; allein gewisse Fehler, die aus jugendlicher Unbedachtsamkeit -begangen werden, lassen sich um so viel mehr entschuldigen, weil das -Herz keinen Antheil daran hat, und man also der Tugend nicht ganz -entsaget. - -Die Heldin, deren merkwürdige Begebenheiten hier vorgetragen werden, -war eine der, sowohl durch Verdienste als häufige Unglücksfälle -berühmten Prinzeßinnen jener Zeiten, in welchen tugendhafte Handlungen -noch unter dem Joch der Barbarei lagen. Ihre erhabene Geburt, ihre -ausserordentliche Schönheit, und über dieses alles, ihr erleuchteter -Geist, zeichnete sie vor allen andern ihres Geschlechts aus. Ihr -Betragen mit dem strengen Richterauge betrachtet, solte man urtheilen, -daß Liebe und Unbeständigkeit bei ihr Fehler des Temperaments waren, -allein untersucht man ihre Handlungen, so wird man finden, daß sie weit -mehr wegen ihres vielfältigen Unglücks zu bedauern als zu schelten war. - -_Jacobine_, Prinzeßin von Baiern und Gräfin von Hennegau, war die -einzige Tochter und Erbin Wilhelms des IV. von Baiern, Grafen von -Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland, und der _Margaretha_ Herzogs -Philipp des Kühnen von Burgunds Tochter, Uhrenkelin Kaiser Ludwig -des V. von welcher sie 1401. gebohren ward. Ihre erhabene Geburt und -der Glanz ihres Hausses, veranlaßten, daß die mächtigsten Fürsten, -sich schon in ihrer zarten Jugend um sie bewarben. Karl VI. König von -Frankreich, gab sich für seinen Sohn Johann, Dauphin von Vienois, um -ihren Besiz besonders viele Mühe, und die Verlobung erfolgte auch -wirklich im Jahr 1406. da Jacobine erst fünf und der Dauphin, der 1398. -gebohren, acht Jahr alt war. Ob nun gleich die förmliche Vermählung -weit hinaus gesezet wurde, so betrachtete man doch Jacobine von Stund -an, als Königin von Frankreich, und erwies ihr gleiche Ehrerbietung. -Der König von Frankreich stund mit dem Grafen von Hennegau in dem -besten Einverständnis, allein der Dauphin und seine Braut, kannten -sich nur daher, daß man öfters von dieser Verlobung in ihrer Gegenwart -sprach. - -Da nun die Liebe an diesem Bündnis keinen Antheil hatte, so wollte sie -bis zur Vollziehung der Vermählung dennoch nicht unthätig bleiben, -sondern ihre gewöhnliche Streiche spielen. Johann von Burgund, Herzog -von Brabant, der wenig Geist aber desto mehr Ehrgeiz besaß, nahm auf -einige Zeit seinen Auffenthalt zu Bergen. Da Jacobine und er leibliche -Geschwisterkinder waren, berechtigte ihn dieses, den beständigen -Zutritt bei ihr zu haben. Die Gräfin von Hennegau liebte ihn als ihr -eigenes Kind, weil er der Sohn ihres Bruders war, und sie hätte daher -sehr gewünscht, daß die beträchtlichen Güter ihrer Tochter lieber ihm -als dem Dauphin zugefallen wären. - -Der Herzog von Braband war eines ziemlich guten Ansehens, und dabei -sehr reich; allein sein Verstand war eingeschränkt, und er hatte einen -so wunderlichen Sinn, daß auch die Allernachgiebigsten mit ihm nicht -auskommen konnten.[A] Dem ohnerachtet verliebte er sich auf das -heftigste in Jacobinen; allein seine Leidenschaft hatte nicht jene -zärtliche Empfindungen, die vermögend sind, das Herz des Gegenstandes -zu rühren. - -Um diese Zeit 1407 ereigneten sich in Frankreich Vorfälle von grosser -Wichtigkeit für das Haus Burgund. Ludwig, Herzog von Orleans, hatte -sich die Schwachheit seines Bruders, des Königs Karl, zu Nuze gemacht, -und durch einen Anhang von mehr als sechshundert Edelleuten sich fast -der gänzlichen Regierung bemächtiget. Dieses erwekte Eifersucht bei dem -Herzog Johann von Burgund, der gleichfalls Antheil an der Regierung -haben wollte. Ob nun gleich diese Zwistigkeiten durch Vermittelung -ihres Oheims, des Herzogs Johann von Beri, waren beigelegt und beide -Prinzen vereiniget worden; so lies doch Johann von Burgund den -Herzog von Orleans den 23ten Nov. bei der Pforte _Barbette_ in Paris -meuchelmörderischer Weise umbringen.[B] - -Die hinterlassene Gemahlin und Kinder des Herzogs von Orleans suchten -diesen Mord zu rächen; der Herzog von Burgund der sich nach Flandern -geflüchtet hatte, vertheidigte sich schlecht, und die Gräfin von -Hennegau, seine Schwester, war natürlicher Weise auf seiner Seite. Da -aber der König von Frankreich die Anverwandten der Dauphine schonen -wollte, trieb er diese Sache nicht eifrig, sondern wünschte einen -Vergleich. - -Der junge Herzog von Brabant und Jacobine, die noch keinen Antheil -an diesen Zwistigkeiten nehmen konnten, vertrieben sich die Zeit -während man am Hof Karls VI. von nichts als Blut und Mord sprach, -mit unschuldigen Spielen. Denn nachdem der Herzog von Burgund dem -Bischof zu Lüttig, Johann von Baiern, gegen seine aufrührerische -Unterthanen beigestanden, und diese vor Mastricht den 23ten Sept. -1408. geschlagen und vertrieben hatte, kam er mit gewafneter Hand nach -Paris, vertheidigte sein Verbrechen, zog während der Schwachheit -des Königs[C] die ganze Regierung an sich, verübte grosses Unheil im -Königreich, und entzündete dadurch den noch unter der Asche glimmenden -bürgerlichen Krieg an allen Enden des Königreichs.[D] - -Ob nun gleich der junge Herzog von Brabant Jacobinen auf das heftigste -liebte, hatte sie doch nicht die geringste Gegenliebe noch Neigung zu -ihm. Alle seine Tritte misfielen ihr; denn in allen seinen Handlungen -herrschte ein so albernes Wesen, das ihn ihr unerträglich machte. -Jacobine wurde nicht anderst als mit dem Namen Dauphine benennt, daher -erwies man ihr auch, als der Gemahlin des zukünftigen Thronfolgers -eines mächtigen Königreichs die gebührende Ehrerbietung, und ihre guten -Eigenschaften verdienten auch dieses hochachtungsvolle Betragen. - -Der Graf von Hennegau bemerkte durch seine Scharfsichtigkeit die -Leidenschaft des Herzogs von Brabant leicht. Er sagte daher eines -Tages zu seiner Gemahlin: Ich fürchte, diese jungen Leute, die nicht -für einander bestimmt sind, dürften am Ende zu vertraut miteinander -werden; ich ersuche Sie also, nöthige Maasregeln zu nehmen, damit -diese Vertraulichkeit nicht zu weit gehe. Sie wollen, antwortete die -Gräfin, Sachen sehen, die mir gar nicht bedenklich scheinen; und wie -können Sie begehren, daß Kinder, die Blutsfreunde sind, sich einander -gleichgültig begegnen sollen? Glauben Sie mir diese Art angenommener -Vertraulichkeit, führt öfters weiter als man glaubet. Ihre Tochter -gehöret weder Ihnen, mir, noch sich selbst mehr; ich verlasse mich auf -Ihre Klugheit und beschwöre Sie, alle Sorgfalt zu gebrauchen, ihre -Aufführung zu beleuchten, damit mir kein Verdruß daraus erwachse. Aber -Graf! was wollen Sie daß ich thun soll? antwortete sie, und was kann -ich desfalls zwei noch unschuldigen Kindern verständliches sagen? Sie -glauben sie unschuldiger als sie würklich sind, fuhr der Graf fort; -denn, obgleich der Herzog von Brabant keinen glänzenden Verstand hat, -ist er doch der Liebe fähig; meine Tochter hat schon zu viel Geist, und -ich würde verzweifeln, wenn ihr Jemand Empfindungen beibrächte, die -sie einzig und allein gegen den Dauphin haben soll. -- Ihre Vorsicht -scheinet mir ganz unzeitig zu sein, erwiederte die Gräfin; jedoch um -Sie zu befriedigen, will ich das Betragen meiner Tochter und meines -Neffen genau beobachten; allein, in Wahrheit! ich wünschte nicht, daß -man Ihr Mistrauen und Ihre unnüze Vorsicht gewahr würde. -- Thun Sie -nur was ich begehre, schloß der Graf, und sein Sie unbekümmert, was -andere seltsames in meinem Betragen finden mögen. - -Nach dieser Unterredung gieng die Gräfin in der Dauphine Zimmer, die -man eben ankleidete. Sie sahe heute ausserordentlich schön aus, und der -Herzog von Brabant betrachtete sie mit solcher Aufmerksamkeit, daß er -die Ankunft der Gräfin von Hennegau kaum gewahr wurde. Sie scheinen mir -sehr tiefsinnig zu sein, Herr Herzog! redete sie ihn an; haben Ihnen -Ihre Lehrer eine so wichtige Lexion aufgegeben, oder Sie angewiesen, -Betrachtungen über die Frau Dauphine zu machen? Ich finde meinen -Vortheil besser ihre Reize zu bewundern, erwiederte er, als ein unnüzes -Thema auszuarbeiten, und hierinn ist mein Herz allezeit mit meinen -Augen übereinstimmend. Die Gräfin verwundert über diese Erklärung, -antwortete: Da Sie die Dauphine nicht ewig beschauen können, rathe ich -Ihnen sich in Zeiten und nach und nach an ihre Abwesenheit zu gewöhnen; -denn es ist nicht wahrscheinlich, daß Sie dieselbe nach Paris begleiten -werden. Gehet sie ohne mich dahin, äuserte der Herzog weiter, so muß -ich sterben; warum haben Sie sie dem Dauphin versprochen, der sie nicht -kennt und der sie nie so inbrünstig, wie ich lieben wird? -- Ihre -kleine Thorheit kann groß werden, erwiederte die Gräfin; Sie werden -nicht mit nach Frankreich gehen; denn Sie müssen notwendiger Weise in -Ihren Staaten zurück bleiben. -- Ha! ich werde sicher dahin gehen, rief -er aus, und sollte es nur sein um den Dauphin zu bekriegen. Mit diesen -Worten entfernte er sich, und die Gräfin sahe nur zu gut ein, daß ihres -Gemahls Furcht gegründet war. Sie redete hierauf die Dauphine folgender -Weise an: Gefällt Ihnen der Herzog so gut wie Sie ihm zu gefallen -scheinen, und würden Sie es gerne sehen, wann er die Waffen gegen Ihren -Gemahl ergriffe? Lachend antwortete die Prinzessinn ich schäzze den -Herzog als einen Blutsfreund von Ihnen, und weil Sie ihm besonders -gewogen sind; allein da ich dem Krieg feind bin, würde es jederzeit -gegen meinen Willen sein, er möge auch bekriegen wen es seie. Begegnen -Sie ihm nicht streng, sezte die Gräfin hinzu; allein lassen Sie sich -nicht zu vertraut mit ihm ein. Die Dauphine versicherte, daß sie diesem -ohne Zwang folgen werde, und daß sie bis jezt noch nichts empfunden -hätte, das ihrer Schuldigkeit entgegen wäre. Ohnerachtet nun die Gräfin -von Hennegau durch diese Unterredung von der Leidenschaft des Herzogs -überzeugt war, wollte sie doch ihrem Gemahl nicht eingestehen, daß er -recht geurtheilt habe. - - -Die Dauphine, die nunmehr heranwuchs, ward von Tag zu Tag reizender, -und desfalls allgemein bewundert. Die Leidenschaft des Herzogs von -Brabant nahm, wegen der beständigen Gegenwart eines so liebenswürdigen -Gegenstandes, immer mehr zu; allein sein von Natur widriges Betragen, -leistete ihm in seinen jugendlichen Begierden bei dieser zärtlichen, -doch lebhaften Prinzeßin, schlechte Dienste. Er sprach viel, allein die -Gaben des Ausdruks fehlten ihm. Mit ausserordenrlichem Vorurtheil von -sich war er eingenommen, und doch beobachtete man an ihm nichts, als -ein hochmüthiges und widerwärtiges Betragen. - -Der Graf von Hennegau, den seine Gemahlin endlich die Leidenschaft des -Herzogs eingestanden hatte, fand für nöthig, da die Zeit sich nahete, -wo seine Tochter dem Dauphin zugeführt werden sollte, den Herzog von -Brabant zu entfernen. Er veranstaltete daher seine Zurückberufung. Bei -dieser Gelegenheit verübte dieser junge Liebhaber die ausschweifensten -Thorheiten. Er weinte, man muste ihn mit Gewalt fortbringen; ja! seine -Wuth brach sogar in Vorwürfe und Drohungen aus. Der Gräfin, die ihn -bedauerte, gieng es sehr zu Herzen; allein die Dauphine blieb ziemlich -gelassen, und man sahe wohl, daß sie keine Gegenneigung für ihren -Vetter hatte. - -Die Zwistigkeiten zwischen dem Herzog von Burgund und dem Prinzen von -Orleans dauerten beständig fort; jenes Verbrechen erweckte Grausen und -Empfindungen des Mitleidens bei den Theilnehmenden. Der König, der zum -strafen zu schwach war, und sowohl den Beleidiger als die Beleidigten -schonen wollte, blieb saumselig, den Mord seines Bruders zu rächen und -hielte seine Neffen nur mit eitlen Vertröstungen auf. - -Endlich nahete die Zeit, wo die Dauphine ihrem Gemahl zugeführt werden -sollte. Der Graf und die Gräfin von Hennegau, die grosse Neigung zur -Pracht hatten, verschaften ihr einen glänzenden Hofstaat; und Jacobine, -die nun an einem der glänzenden und artigsten Höfen Europens auftreten -sollte, verabsäumte keine Mittel, die ihre natürliche Schönheit noch -besser erheben konnten. Man hatte zu ihrem Gefolg verschiedene der -schönsten Fräuleins ernannt; unter solchen war eine mit Namen von -Degre ihre vertrauteste, und dieser waren die grösten Geheimnisse der -Prinzeßin nicht unbekannt. Also Madame! sagte sie einige Tage vor der -Abreise zu ihr, werden Sie in kurzem dem Dauphin zugehören, und der -arme Herzog von Brabant wird in Verzweiflung fallen. Sein Temperament -ist nicht so heftig, antwortete die Dauphine; sein Leichtsinn der mir -bekannt ist, wird seine erste Neigung durch neue Gegenstände leicht -unterdrücken und ihn heilen, und ich versichere dich, daß er mich jezt -schon vergißt. -- Dieser Meinung bin ich nicht, Madame! erwiederte -von Degre; allein das kann ich mit Zuverlässigkeit versichern, daß, -da ich so grossen Antheil an allem was Sie betrift nehme, mir auch -alle, die Sie lieben, nicht gleichgültig sein können. -- Um Dich -wegen dieser guten Empfindungen zu belohnen, erwiederte die Dauphine -scherzend, wünscht ich, daß Du die unumschränkteste Beherrscherin des -Herzog von Brabant wärest, und mit Vergnügen würde ich Dich Rang und -Glük mit ihm theilen sehen. Das Erröthen der von Degre überzeugte die -Dauphine, daß ihr dieser Wunsch nicht misfiel; allein jene stellte -sich ganz schamhaftig und antwortete der Dauphine: Sie spotten meiner -Madame! übertriebener Eifer ziehet mir diese Beschämung zu; ich weis -meine Hofnungen besser einzuschränken, und die von Degre haben keine -vornehme Ketten genug um Herzoge von Brabant zu fesseln. -- Nun gut -Thörin! fuhr die Dauphine fort, Du magst böse oder nicht böse sein, -nichts destoweniger war es mein völliger Ernst, wenn ich wünschte, daß -Du eine Fürstin und meine Anverwandtin würdest. Und ich Madame! sezte -von Degre Hinzu, wünsche, daß Sie im Besiz des Dauphins, zu einer der -glücklichsten, da Sie schon eine der vollkommensten in der Welt sind, -werden mögen. - -Endlich trat die bestimmte Zeit (1417) ein, in welcher die Dauphine -ihrem Gemahl zugeführt werden sollte. Der Graf und die Gräfin von -Hennegau begleiteten sie nach Compiegne, wo ihrer der Dauphin -erwartete. Die Zusammenkunft dieses jungen Paars, war zwar nicht -ausserordentlich feurig; allein doch nicht ganz gleichgültig. Der -Dauphin war liebenswürdig und die Prinzeßin, seine Braut, besaß -unzählbare Reize. Die Königin von Frankreich, unter Begleitung des -Herzogs von Tourraine, ihres Sohnes, des Herzogs von Britanien, und -mehrerer Prinzen empfingen sie zu Senlis. Das beiderseitige Vergnügen -wurde durch vielfältige Veränderungen in Lustbarkeiten gefeiert, über -welche die Dauphine viel Zufriedenheit bezeugte. Die Königin und -die Gräfin erwiesen sich gegenseitige Freundschaft,[E] und nachdem -man verschiedene Tage in Fröhlichkeit zugebracht hatte, gieng die -Königin zurück nach Paris, der Dauphin mit seiner Gemahlin nebst der -Gräfin ihrer Mutter aber nach Compiegne. Der Graf von Hennegau, der, -wichtiger Angelegenheiten wegen, nach Paris gegangen war, entfernte -sich, auf gewisse Warnungen, die man ihm eines Verdachts wegen -beibrachte, gleich wieder. Da er nun durch die Heirath seiner Tochter -sich den Dauphin ganz eigen gemacht hatte, gieng er mit der Hoffnung, -ganz seine Absichten zu erreichen, zu ihm nach Compiegne; allein das -Verhängniß drohete Frankreich und dem Grafen von Hennegau mit grossen -Unglücksfällen. Bei seiner am 5ten April erfolgten Ankunft, fand er -den Dauphin an einem vorgeblichen Halsgeschwühr in den lezten Zügen -liegen, welcher gleich hernach seinen Geist aufgab, und durch diesen -unerwarteten Todtesfall verschwanden zugleich alle weitere grosse -Aussichten für den Grafen von Hennegau. Traurig und schmerzhaft für -beide Familien, war dieses Absterben, das ganz Europa in Verwunderung -sezte. Die Dauphine, deren Schmerz um so grösser war, da sie wirklich -anfieng ihren jungen Gemahl zu lieben, gieng, statt nach Paris, mit -ihrer Mutter zurück nach Bergen. Der Dauphin wurde ganz stille und -eiligst in der Abtei Cornelien zu Compiegne begraben, welches den -Verdacht seines schleunigen Todes um so mehr bestätigte; wie dann auch -niemand zweifelte, daß er durch geheime Cabale des Herzogs von Brabant -sei hingerichtet worden. - -Des Glückesunbestand hatte Jacobine, zu einem denkwürdigen Bild des -Leidens bestimmt; auf diesen Verlust erfolgte gleich ein, für sie -noch weit schmerzhafter Schlag. Denn er legte den Grund zu allen -ihren künftigen Widerwärtigkeiten. Der Graf von Hennegau ihr Vater, -der durch den Tod des Dauphins schmerzlich gerührt war, wollte in -der Einsamkeit einige Linderung suchen. Er gieng desfalls nach -Bouchain; allein statt dessen, vermehrte sich vielmehr seine Betrübnis -dergestalt, daß er wenige Tage nach seiner Ankunft starb. Sein Leichnam -wurde in die Franziskaner-Kirche nach Valencienes gebracht. Durch -diesen Tod war nun seine Gemahlin eben so, wie seine Tochter zur -Wittwe geworden. Jacobine, die einzige und rechtmäßige Erbin aller -seiner Staaten, wollte solche daher, und vermöge ihrer Gerechtsame, -in Besiz nehmen; sie fand aber an Johann von Baiern, Bischoffen zu -Lüttig, ihrem Oheim, unter dem Vorwand einer ungleichen Theilung der -Verlassenschaft seines Vaters, des Herzog Albrechts von Baiern, einen -heftigen Widerstand und Verfolger. Dieser Johann von Baiern, der den -Bischofsstaab niedergelegt und sich mit der Wittwe, Anton Herzogs von -Brabant, Bruders des Herzogs von Burgund, verheurathet hatte, machte -nunmehr seine Ansprüche mit dem Schwerd gegen seine Nichte geldend.[F] -Die Verlegenheit, in welche diese beiden Wittwen hierdurch versezt -wurden, war nicht gering. Um aus derselben zu kommen war ein kräftiger -Vorstand nöthig; die Gräfin von Hennegau war daher bedacht, solchen -durch eine andere Verheirathung ihrer Tochter zu verschaffen. Sie hatte -den Herzog von Brabant immerfort auf das zärtlichste geliebt. Bewust -war es ihr, daß seine Liebe zu Jacobinen noch nicht erloschen war. Er -war ihr Anverwandter, und stand wegen seines grossen Reichthums in -gewissem Ansehen. Dieses alles, und da sie ausserdem noch glaubte, -sich ihm gefällig zu erzeigen, bewog sie, ihm ohnverzüglich den Antrag -zu thun. Entzückend nahm er ihn an; und da die Gräfin von dieser -Seite gesichert war, fehlte nichts weiter, als ihrer Tochter gleiche -Gesinnungen beizubringen; sie verabsäumte daher nicht, sie auf das -schmeichelhafteste zu bereden. Sie sehen, sagte sie zu Jacobinen, in -welchen Abgrund von Verlegenheiten und Unruhe der Bischoff von Lüttig -uns stürzet; sein Verfahren wird uns unglücklich machen, wo nicht gar, -ganz unterdrücken; durch des Dauphins Tod sind Sie frei; Sie können -daher einen andern Gemahl wählen, und sehr würden Sie mich verbinden, -wenn ihre Wahl auf den Herzog von Brabant fiel. Die Begierde, Ihnen -gefällig zu sein, ist meine Hauptbestrebung, erwiederte Jacobine; -allein Madame! welche Hülfe können Sie von einem jungen, unerfahrnen -Mann, wie der Herzog ist, erwarten. Seine Geistesgaben sind ausserdem -sehr eingeschränkt; aufrichtig gesteh’ ich und bin dessen überzeugt, -daß unsere Angelegenheiten unter einer dergleichen Leitung schief -gehen würden. Ausserdem sind wir zu nahe verwandt, als daß wir uns -ohne Erlaubnis und Einwilligung der Kirche ehelich verbinden könnten. -Ist es dann unumgänglich nöthig, daß ich mich verehliche? Der Dauphin -und mein Vater haben kaum die Augen geschlossen; unsere Thränen rinnen -noch, und Sie denken schon an ein Eheverlöbnis. Ich muß gestehen, -erwiederte die Gräfin, daß alle Ihre so eben gemachte Einwendungen -den Schein einiger Wahrheit haben; allein ob solche in unserer izigen -Lage der Staatsklugheit gemäß sind, ist eine andere Frage. Der Herzog -von Brabant muß einzig und allein nach unserm Rath und Willen handlen; -je weniger er aus selbst eigener Gewalt und Einsicht auszurichten -vermag, desto mehr bleibt er uns unterwürfig. Urtheilen Sie selbst -nach dem Betragen des Bischoffs von Lüttich, ob es rathsam sei, -sich mit ehrsüchtigen und unternehmenden Fürsten in solchen Fällen -einzulassen..... Aber Madame! unterbrach Jacobine, wann ich mich -mit Ihrer Erlaubnis freimüthig erklären darf, muß ich gestehen, daß -es ein trauriger Zustand ist mit einem fast blödsinnigen Menschen, -der nichts aus eigenem Verstand unternehmen kann und doch seinen -Leidenschaften ergeben ist, Zeitlebens verknüpft zu sein. Alle das -hieraus entstehende Ungemach und die Schande würde auf mich fallen; ich -beschwöre Sie daher, in dieser Sache meinem Gehorsam keinen weiteren -Zwang anzulegen. Sie werden beleidigend, Madame! erwiederte die Gräfin -weinend. Wie! weil Sie der Herzog von Brabant aufrichtig liebte, weil -er mehr zärtlich als lebhaft in der Liebe war, betrachten Sie ihn, -- -mich dieses Ausdrucks zu bedienen -- wie ein unvernünftiges Thier, und -urtheilen das Schimpflichste von ihm. Mus man eben albern sein, Ihre -Verdienste schäzen zu können? Haben Sie etwas mehr Erkenntlichkeit -gegen seine ersten und reinen Triebe, und denken weniger an sonstige -gute Eigenschaften, die er Ihrem Vorgeben nach haben sollte. Die -Kirche wird keinen Anstand nehmen, und ohne grosse Schwierigkeiten kann -man sie zur Einwilligung bringen; -- Wir haben tausend Beispiele von -dergleichen Ehen. -- Hierauf umarmte sie ihre Tochter, die die Achseln -zuckte, und wohl einsahe, daß sie am Ende ihrer hartnäckigen Mutter den -Willen thun, und sich ihrem Eigensinn aufopfern müste. - -Da die Gräfin von Hennegau ihre Tochter etwas nachgebender sahe, -verabsäumte sie nicht, die nöthigen Maasregeln auf Seiten des Herzogs -von Brabant zu nehmen. Da er Jacobinen noch heftig liebte, war ihm -die Nachricht, daß er noch zu ihrem Besiz gelangen könnte, auch sehr -willkommen. Man veranstaltete zu Bergen alles zu seinem Empfang; -und die junge Fürstin, die wohl einsahe, daß sie, ohne sich mit -ihrer Mutter ganz zu entzweien, nicht anderst konnte, bereitete sich -allmählig auch hierzu. Die von Degre, die den Herzog von Brabant so -bedauert hatte, da Jacobine dem Dauphin zugeführet wurde, schien, da -nun diese Heirath beschlossen war, dieser Fürstin nicht freudig genug -darüber zu sein. Wie! von Degre! sagte sie, Du läßt wenig Vergnügen -blicken, daß ich deinen guten Freund heirathe; denn nachdem Du mir -sonst so vieles zu seinem Vortheil gesagt hast, scheinest du mir jezo -eben so traurig als damals, wie ich mich mit dem Dauphin vermählte. -Ich nehme dennoch grossen Antheil an dem Glück, das ihm wiederfähret, -erwiederte von Degre; allein Madame! würden Sie es jezt gerne sehen, -daß ich den kleinsten Plaz seines Herzens einnehme? Ich muß gestehen, -antwortete die Fürstin, daß, da er mein Gemahl werden soll, sähe ich -nicht gerne, daß er zugleich eine andere liebte; und lächelnd sezte sie -hinzu, glaube ich nicht, daß sein Herz von so grossem Werth ist, daß -zwei sich darin theilen könnten. Sie verdienen es auch gewis allein zu -besizen, antwortete von Degre, und ich bin überzeugt, daß er keiner -andern Raum in demselben verstatten wird. Sie sehen jezt, Madame! wie -grosse Ursache ich hatte, für ihn zu sprechen, da ihn der Himmel für -Sie bestimmt hat. Er kann dir selbst für diese geneigte Gesinnungen -Dank abstatten, schloß die Fürstin, und ich werde mir angelegen sein -lassen, ihn von Deiner guten Meinung zu überzeugen. - -Ob sich nun gleich der Bischoff von Lüttig, unter Begünstigung -Kaiser Sigismunds, dieser Heirath mit aller Gewalt widersezte, gab -demohnerachtet doch das Konsilium zu Costanz die Einwilligung und -Dispensation. Bei der Ankunft des Herzogs von Brabant in Bergen, sahe -man unmäßige Freude aus seinen Augen funkeln. Er war jung und wohl -gestaltet; Pracht herrschte in seinem ganzen Gefolg. Dieses und das -Vergnügen, das man ihm ansahe, unterdrückte, oder verbarg wenigstens in -etwas seine Verstandesfehler. Gleich nach seiner Ankunft veranstaltete -die Gräfin von Hennegau das Beilager, das sie so sehnlichst gewünscht -hatte. Viele Standspersonen und der ganze Adel des Landes wohnten der -Feierlichkeit bei; und obgleich Jacobine, mit Widerwillen und nur aus -Gefälligkeit für ihre Mutter, diesen Schritt gethan hatte, sahe sie -doch bei dieser Gelegenheit reizender als jemals aus. Der Herzog von -Brabant hatte daher Ursache, in ihrem Besiz alle Leiden, die er zu der -Zeit, da er ohne Hofnung liebte, erduldet hatte, zu vergessen. - -Gleich nach den Feierlichkeiten wurde an einem Vergleich zwischen -Jacobinen und ihrem Oheim gearbeitet; und die, welche zu der -Unterhandlung gebraucht wurden, waren in ihren Bemühungen glücklich, -indem sie denselben zu Stande brachten. Diese wiederhergestellte -Einigkeit lies demnach heitere Tage vermuthen; allein die angenehmsten -und wahrscheinlichsten Hoffnungen werden nicht allezeit nach Wunsch -erfüllet. - -Während der Zeit, die der Herzog von Brabant an seinem Hof zubrachte, -und von Jacobinen, seiner nunmehrigen Gemahlin, entfernet war, -schenkte er sein Vertrauen einem, Namens Beghe, den er zu den obersten -Ehrenstellen erhoben hatte. Dieser wuste sich dergestalt seiner zu -bemeistern, und ihn zu regieren, daß er auch nicht das mindeste ohne -seinen Rath unternahm. Da diesem Minister der erhabene Verstand der -Herzogin nicht verborgen sein konnte, befürchtete er den Verlust -dieses unumschränkten Zutrauens. Ob er nun gleich seine Furcht durch -die tiefste Ehrerbiethung, die er der Herzogin bei jeder Gelegenheit -erwies, zu verbergen suchte, gab er nichts destoweniger dem Herzog, -unter dem Schein der Treue und Redlichkeit, zu verstehen: daß es -gefährlich sei der Herzogin in allem nachzugeben, daß die klugen und -beherzten Frauenzimmer gemeiniglich sich übermäßige Freiheit nehmen, -und daß es schimpflich, ja schändlich für einen Fürsten, als er sei, -so ganz nachsichtig zu sein. Des Herzogs Geistesschwäche war nicht -frei von Stolz; dieses wuste Beghe wohl; sein Kunstgrif that daher -die erwünschte Wirkung. Der ersten Sache, die Jacobine ihrem Gemahl -vorschlug, widersezte er sich hartnäckig. Verwundert und verdrossen -über dies unerwartete, trozige Betragen, sagte sie zu ihm: Sie müssen -blind sein, da Sie die Nothwendigkeit einer Sache nicht einsehen, -welche die verdrüßlichsten Folgen für uns haben kann, wenn desfalls -etwas versäumet wird, und wenn Ihre Einsichten nicht stark genug -sind, müssen Sie sich nothwendiger Weise auf die, welche grössere -haben, verlassen. Ich glaube nicht, antwortete er trocken, daß es -mir an Klugheit fehlet, und mich dünkt, Madame! daß es Ihnen gar -nicht zukommt, mir Geseze vorzuschreiben. Erstaunt rief Jacobine aus: -Ha! Mein Herr! wer hat Sie diese Sprache gelehret? Dürfen unsere -Vortheile jezt getrennt sein, und müssen wir nicht eine einstimmige -Meinung haben? Begeht eine Frau Fehler, wenn sie ihrem Ehegatten -Widerwärtigkeiten ersparen will? Ja Madame! erwiederte er noch -bitterer; und Weiber haben sich in nichts zu mischen, das über ihre -Begriffe gehet. Mit Verachtung erwiederte sie: die Ihrigen sind so -gering, daß, wenn unglücklicher Weise, unsere Angelegenheiten Ihrer -Leitung überlassen werden sollten, sie ganz schief betrieben würden. -- -Nach diesen Worten eilte Jacobine, von Schmerz durchdrungen, zu ihrer -Mutter, um ihr diesen Vorgang zu erzählen. Die Gräfin von Hennegau -aber, die übertriebene Nachsicht für einen Menschen hatte, den sie -selbst zu ihrem Eidam erkohr, suchte die Herzogin dadurch zu beruhigen, -daß der Herzog sein Betragen von selbst bereuen und zurückkehren würde. -Und kaum hatte sie ihn gesprochen, als er alles, was man von ihm -verlangte, wirklich that. - -Dieses benahm aber der Herzogin den Verdruß nicht, den sie hatte, mit -einem so fehlerhaften Gemahl verbunden zu sein. In der Zuversicht, daß -die von Degre Theil an ihrem Kummer nehmen würde, öfnete sie derselben -ihr Herz; allein diese Treulose hatte schon seit geraumer Zeit ganz -andere Absichten. Sie glaubte reizend genug zu sein, einem Menschen, -der dem Anschein nach, eines Glücks, das jeder andere beneidet haben -würde, überdrüssig war, Liebe einzuflösen. Sie nuzte also das Vertrauen -ihrer Gebieterin, mit dem Vorsaz, eigenen Gebrauch davon zu machen, -und spielte daher bei der Herzogin die nämliche Rolle, die Beghe bei -dem Herzog spielte. Ich glaubte, daß man sich nicht genug beeifern -könnte, Ihnen gefällich zu sein, Madame! sagte sie zu Jacobinen, -innerlich erfreuet, daß die Uneinigkeit zu Bergen dem völligen -Ausbruch so nahe war. Sie sind nicht gebohren, dergleichen beleidigende -Widersprüche zu dulten. Wie? der Fürst, der sich in Ihrem Besiz über -alle Massen glücklich schäzen sollte, biethet Ihnen schon Troz, und -will Sie beherrschen? O Himmel Madame! welchen Wunsch äuserten Sie -mir, da Sie mir ehemals den Besiz seines Herzens wünschten; da Ihre -Herrschaft von so kurzer Dauer ist, wie lange würde die meinige -gedauert haben? Brauchen Sie bei einem so gefährlichen Anfang Ihre -ganze Herzhaftigkeit und Klugheit; jezt ist es noch Zeit, wenn Sie -nicht ganz unterdrückt sein wollen, Ihre Gewalt fest zu stellen; denn -Ihr Gemahl ist Ihnen Ehrerbiethung schuldig; er ist durch Ihren Besiz -genugsam dafür belohnet worden. -- Bei diesen Reden der von Degre, -seufzte die Herzogin ohne Unterlaß; allein jene war, während derselben, -auf Ausführung der gräulichsten Bosheit bedacht. Sie war auf das -heftigste in den Herzog verliebt; und da sie alle Gelegenheiten nuzte, -sein Thun und Lassen auszuspäen, war es ihr nicht schwehr zu entdecken, -daß Beghe diesen schwachen Fürsten ganz regierte. Sie sind, sagte sie -eines Tages zu diesem Liebling des Herzogs, da er ihr eben einige -verliebte Schmeicheleien vorsagte, ganz aus Ihrer Sphäre. Die Sorge, -dem Fürsten gefällig zu sein, sollte Sie ununterbrochen beschäftigen, -und Sie sollten die Zeit nicht mit Erhebung meiner vorgeblichen Reize -verderben. Opfern Sie dem Ehrgeiz dergleichen köstliche Augenblicke -nicht auf, und geben Sie mir keine Ursache, mir selbsten etwas auf -meine Schönheit einzubilden. -- Ich kan zugleich meinem Herrn dienen, -erwiederte Beghe, und einer Gebieterin Ehrfurcht bezeigen, wenn Sie -wollen die Meinige sein.... Ich! unterbrach sie? Wenn ich Ihnen auch -alles verspräche, würde ich doch vielleicht gar nichts halten können; -kennen Sie die Frauenzimmer nicht? Einige, erwiederte Beghe; allein -ich muß zugleich gestehen, daß deren verschiedene sind, die ich nicht -auszuklügeln vermag; zum Beispiel unsere Herzogin. Hat diese nicht -einen solchen Scharfsinn, durch welchen sie alle Unternehmungen -auszuführen weis; und kan sich wohl jemand rühmen ihre Gesinnungen zu -ergründen? Ja! erwiederte von Degre, dieser Kunst kan ich mich rühmen; -und ich sage Ihnen mit Zuverlässigkeit, daß sie den Herzog hasset, -verachtet, ja! verabscheuet. Halten Sie sich nicht mit Auskramung -verliebter Schmeicheleien auf, sezte sie hinzu, benuzen Sie den -Wink, den ich Ihnen gebe; aber schonen Sie meine Offenherzigkeit und -benehmen mir die gute Meinung, die ich auf ihr Vertrauen seze, nicht. -Nachdem Beghe dieser Lasterhaften vielen Dank gesagt hatte, eilte er -zu dem Herzog von Brabant, der weder Verstand noch Empfindung hatte, -und dessen Liebe mehr eine Wirkung des Eigensinns, als einer richtigen -Beurtheilungskraft war. Leicht machte er ihn daher glauben, was er -für gut fand; und dieser alberne Fürst glaubte, nach den Eingebungen -dieses gefährlichen Menschen: daß ihn die Herzogin nur verächtlich -mache, um allein zu herrschen; daß sie schon zu viel Gewalt habe; und -daß es aus diesen Ursachen nöthig sei, sich jemanden zu versichern, der -alle ihre Handlungen auf das genaueste zu beobachten vermögend wäre. -Hierauf schlug der Herzog, wie von ungefehr, zu diesem Geschäft die -von Degre vor. Er wuste schon, daß sie aus eigenem Triebe des Herzens -darzu geneigt war. Er rühmte, ganz übertriebener Weise, die Schönheit, -den Eifer und Verstand dieses Mädchens; und überlies die weitere -Einrichtung der Sache dem Beghe. Einige Augenblicke hernach begegnete -ihm die von Degre selbst. Er sahe sie jezt mit weit mehr Aufmerksamkeit -als vorher an. Sie war schön, jung, sanft und auf ihrer Stirne konnte -man die Begierde, ihm zu gefallen, deutlich lesen. Mit vieler Bewegung -redete er sie an: Wo wollen Sie hin, mein Fräulein? Was macht Ihre -Gebieterin? -- Sie ist bei der Gräfin von Hennegau, erwiederte von -Degre, und ich gehe, um ihr Bericht wegen eines Geschäfts, das sie -mir aufgetragen hat, abzustatten. -- Bleiben Sie einen Augenblick, -sagte der Herzog, und vergönnen Sie mir ein kurzes Gehör; ich bitte -inständigst. -- Da es jederzeit meine Schuldigkeit ist, Ihnen zu -gehorchen, antwortete sie, bin ich auch jezt bereit, die Befehle, die -Sie die Gnade haben werden mir zu geben, zu vollziehen. -- Nicht auf -diesen Ton nehmen Sie es, mein Fräulein! erwiederte der Herzog; denn -wer so reizend ist, wie Sie, der hat keinen andern Befehlen als denen -zu gehorchen, welche eigene Schönheit und Anmuth ertheilen. Sie sind -schmeichelhaft und werden gefährlich, gnädiger Herr! sagte von Degre -mit niedergeschlagenen Augen; ob ich gleich nicht zum Hochmuth geneigt -bin, würden Sie mich doch dazu verleiten. Aber weit entfernt, mich -durch dergleichen süsse Schmeicheleien blenden zu lassen, welche im -Ernst aufzunehmen nur Thorheit von mir sein würde, will ich solche -nicht anderst als mit schuldiger Ehrerbietung aufnehmen. -- Glauben -Sie, fuhr der Herzog fort, daß ich falsch oder heimtückisch sei? Man -glaubt, ich wäre unempfindsam; Ihre Gebieterin aber kann das Gegentheil -bezeugen und Ihnen Meinungen beibringen, die Ihnen alle Furcht benehmen -werden. Ich urtheile nicht nach dem Ausspruch anderer, erwiederte -von Degre; in dergleichen Fällen sind meine Augen die sichersten -Beobachter. -- Nun denn! unterbrach der Herzog, so müssen Sie in den -meinigen die Ueberzeugung lesen, daß ich Ihren Reizen Gerechtigkeit -wiederfahren lasse, und daß Sie an der Aufrichtigkeit meiner -unbegränzten Liebe nicht zu zweifeln haben. -- Dieses würde ein Wunder -und zugleich eine grosse Ungerechtigkeit sein, erwiederte von Degre, -Sie dürfen niemand anderst als die Herzogin lieben; und wenn deren -Reize, da es keine vollkommnere giebt, Sie nicht mehr fesseln können, -werden es gewis keine andere, noch weniger meine, als welche sehr -gering sind, vermögen. -- Besser empfinde ich, was in mir vorgehet, als -ichs mit Worten auszudrücken vermag, war des Herzogs Antwort; Genug, -mein bestes Fräulein! ich liebe Sie von Grund der Seele, und gestehe -es ohne weiter gekünstelte Ausdrücke; ersezen Sie durch Güte und ein -wenig Gegenliebe, die beleidigende Verachtung, die mir die Herzogin -erweiset. - -Ob nun gleich die von Degre ihres Sieges gewis war, wollte sie ihre -Nachgiebigkeit doch nicht gerade zu den Herzog merken lassen. Sie -wollte ihm noch einige Zweifel entgegen sezzen, würde aber doch bei -dieser Unterredung ihr Schiksal bestimmt haben, wann nicht eben die -Herzogin dazu gekommen wäre. Da diese gar kein Mistrauen hegte, und die -Gräfin ihre Mutter sie noch kürzlich versichert hatte, der Herzog habe -keine böse Absichten, näherte sie sich mit Freundlichkeit, zu ihrem -Gemahl, und sagte: Ich bin recht erfreuet, daß Sie sich mit meiner -Gesellschafterin unterhalten; es giebt mir den sichersten Beweis, daß -Sie mich nicht hassen. Ohne Zweifel war die Rede von mir, billig ist -es also, daß auch ich zu ihrem Vortheil spreche, und Sie, mein Lieber! -versichere, daß sie schon bei Ihrem ersten hiesigen Aufenthalt sich -Ihrer Angelegenheiten bei mir mit dem wärmsten Eifer angenommen hat. -Die von Degre, sich bewust, daß sie eine Person, die so viel Güte und -Zutrauen hatte, auf das Schändlichste hintergieng, erröthete, und so -unverschämt sie auch war, konnte sie doch die Blike der Herzogin nicht -aushalten. Sie neigte ihre Augen, während der Herzog die seinigen -beständig auf die Undankbare gerichtet hatte. Da Sie es mir zur -Schuldigkeit machen; Madame! der Fräulein von Degre erkenntlich zu -sein, sagte er zur Herzogin, bitte ich auf das Angelegentlichste, sie -noch mehr zu schäzen, als Sie bisher schon gethan haben, damit durch -Ihre gütige Behandlung sie einigermassen für die Verbindlichkeit, die -ich ihr schuldig bin, belohnet werde. -- Mit freudigem Herzen nehme -ich den Befehl an, erwiederte die Herzogin, und das Bestreben, Ihnen -gefällig zu sein, verbunden mit der Neigung, die ich schon dazu habe, -versprechen der von Degre die glücklichsten und vergnügtesten Tage. - -Während dieser Unterredung, die der von Degre so schmeichelhaft war, -saugte diese Untreue das ihr angenehme Gift in vollem Maße ein: Der -Herzog führte seine Gemahlin in ihr Zimmer zurück, woselbst er aber -nicht lange blieb, sondern den Beghe aufzusuchen eilte. Seine Anrede -war: Wissen Sie wohl, daß Sie mich eines der schönsten weiblichen -Geschöpfe, das bis jezt meinen Augen verborgen war, haben kennen -gelehrt? Begehe ich einen Fehler, wenn ich sie liebenswürdig finde, so -fällt er auf Sie selbst zurück. Beghe, der nichts sehnlicher wünschte, -als daß das Herz seines Fürsten mit einem andern Gegenstand, der die -Liebe zu seiner Gemahlin ganz unterdrücke, beschäftiget wäre, rühmte -die Schönheit und Annehmlichkeit der von Degre auf eine übertriebene -Weise. Dieses und ihr schmeichelndes Zuvorkommen, das sie so eben dem -Herzog gezeigt hatte, waren die sichersten Mittel, das noch übrige -Ansehen der Herzogin zu stürzen und das ihrige zu befestigen. Sie sind -es nicht allein, der die Fräulein von Degre schön findet, sagte Beghe -zum Herzog, ich selbst bewundere ihre Reize; es kommt mir daher nicht -übernatürlich vor, daß Sie gleichfalls Behagen daran finden: allein -ob Sie gleich mein Gebieter und Wohlthäter sind, kann ich mich doch -nicht enthalten, eifersüchtig zu sein. -- Verlieben Sie sich nur nicht -in sie, erwiederte der Herzog hastig, vielmehr, wenn Sie schon in sie -verliebt sein sollten, so schlagen Sie dieses ganz aus den Gedanken, -und lassen sich nur angelegen sein, mir als treuer Bottschafter in -meiner Liebe zu dienen. Allein, gnädiger Herr! sagte Beghe scherzend, -wie kann ich Ihre Aufträge in dieser kizlichen Sache besorgen? -- Wenn -Sie die von Degre ernstlich liebten, antwortete der Herzog, würden -Sie mich sehr unglücklich machen, und meine Angelegenheit und mein -Vertrauen stünden alsdann in gefährlichen Händen. -- Sein Sie desfalls -ausser Furcht, gnädigster Herr! erwiederte der Bösewicht; ich gehorche -Ihnen unter der Versicherung, daß Sie auch von Seiten der von Degre -nichts zu befürchten haben. Denn die Ehre, von einem solchen Fürsten -geliebt zu werden, kann ihr nicht anderst als sehr angenehm sein.[G] - -In dieser Verfassung stunden die Sachen, und in dieser Lage befanden -sich die, welche dabei interessiret waren. Des Herzogs Leidenschaft -wuchs dergestalt, und war so sichtbar, daß die von Degre fast den -Verstand darüber verlohr, indem ihr nunmehriges Betragen den Schein der -Ehrbarkeit nicht hatte. Beghe behandelte diese Intrique mit solcher -Behuthsamkeit und List, daß die Klügsten nichts davon entdeckten, und -so einsichtsvoll die Herzogin war, dauerte es doch lange genug, bis -sie etwas davon merkte. Der Herzog machte der von Degre die kostbarsten -Geschenke; allein, auf Anrathen des Beghe, jederzeit durch die Hände -der Herzogin; hierdurch wurde, unter dem Schein, ihre Vertraute zu -belohnen, diese gute Fürstin hintergangen, und man konnte mit Wahrheit -sagen, daß sie mit Blindheit geschlagen sei. Wenn die von Degre durch -Jacobinen mit des Herzogs Geschenke überhäuft wurde, nahm sie solche -anderst nicht, als mit vielem Stolz und Geringschäzung an. Sie sagte -öfters: dieses alles rührt mich nicht, Madame! wenn er Ihnen nicht -Gerechtigkeit wiederfahren läßt, und sich als Ihren Sklaven betrachtet. -So übertrieben sind meine Wünsche nicht, erwiederte die Herzogin, -ich bin zufrieden, wenn wir nur gleiche Zärtlichkeit, Gewalt und -Nachgiebigkeit für einander haben; übrigens, wenn er Dir meinetwegen -Wohlthaten erweiset, so ist es ein sicherer Beweis, daß er die, welche -ich liebe, gleich schäzet, und daß er mich verbindlich machen will. - -So hintergieng die Herzogin von Brabant sich selbst; und Beghe, der -seine Gewalt durch Hülfe der von Degre täglich zunehmen sahe, wollte -sein Ansehen immer weiter und auf den höchsten Gipfel bringen. -Dieses verursachte, daß endlich alles, was von angesehenen Personen -in Bergen war, anfieng zu murren. Sie erachteten sich verbunden -zu sein; dem Hochmuth eines Menschen, dem die Nachlässigkeit des -Herzogs volle Gewalt gab, Gränzen zu sezzen, und ihn zu demüthigen. -Eberhard, natürlicher Sohn des verstorbenen Grafen von Hennegau, war -der Aufgebrachteste unter allen. Geheime Kundschaften, die er hatte, -überzeugten ihn, daß Beghe trachte die zwei Fürstinnen unter eine -nachtheilige Bottmäsigkeit zu bringen, und da er dies frevelhafte, -und das Andenken des Grafen von Hennegau beleidigende Beginnen nicht -zugeben wollte, entschloß er sich solches zu verhindern, und den Beghe, -es sei auf welche Weise es wolle, von seiner Höhe zu stürzen, der -aber dergestallt von Herrschsucht eingenommen war, daß er seinen Weg -unbekümmert, was geschehen würde, fortwandelte. - -Der Graf von Hennegau hatte Eberharden eine vortrefliche Erziehung -gegeben, und ihm beträchtliche Reichthümer hinterlassen; und da er -zugleich vielen Verstand und Muth besaß, konnte er sich um so mehr -furchtbar machen. Die Güte seines Herzens flößte ihm Abscheu gegen -alle Ungerechtigkeiten ein; er konnte daher den Uebermuth des Beghe -und die Schwachheit des Herzogs nicht länger ertragen. Leztern selbst -zur Rede zu stellen, würde ihm empfindlich gewesen sein, und die Sache -nur verschlimmert haben: sich an die Gräfin von Hennegau zu wenden, -wäre gleichfalls vergebliche Mühe gewesen. Das sicherste schien -ihm daher, sich grade zu an die Herzogin, die ihn sehr hochachtete -und viel Vertrauen in ihn sezte, zu wenden. Er redete sie also an: -Madame! es schmerzet mich, daß ich genöthiget bin, Ihnen eine kleine -Unruhe zu verursachen, um einer weit grössern vorzubeugen, die gewiß -verdrüßliche Folgen für Sie haben würde. Die Leichtgläubigkeit des -Herzogs, Ihres Gemahls hat die Unverschämtheit des Beghe so weit kommen -lassen, daß er sich das Ansehen giebt, als ob ihm jeder, wer er auch -sei, untergeben sein müsse. Beständig warnet man mich, daß er sich -erdreiste, die wichtigsten Angelegenheiten eigenmächtig auszuführen. -Bald wird er Ihnen selbst befehlen, und sich zum gänzlichen Ruin Ihrer -Unterthanen bereichern. Die Frau Gräfin von Hennegau widersezt sich -im geringsten nicht seinen Absichten, noch der Leichtgläubigkeit des -Herzogs, aus welchen beiden die schrecklichsten Folgen und Unordnungen -entstehen werden, und wenn Sie desfalls keine Vorkehrungen treffen, -wird uns dieser Elende Geseze geben und ganz unterjochen. -- Lieber -Bruder! erwiederte die Herzogin, ich sage Ihnen den wärmsten Dank für -diese aufrichtige Gesinnung, und gewis setze ich ein unbegränztes -Zutrauen in Ihre Freundschaft, um derselben meine Angelegenheiten zu -übertragen. Dächte mein Gemahl nur einigermassen billig, so würde -er solche allen andern Ergözlichkeiten vorziehen; zu meinem grösten -Unglück aber, hat mir der Himmel einen Mann gegeben, der weder eigenes -Gefühl, vielweniger das geringste für mich hat, da er mir doch wirklich -Erkentlichkeit schuldig ist. Ich gestehe Ihnen frei, daß mir der Beghe -sehr verhaßt ist. Seine Aufführung, seine Person, sein Stolz, ja! -selbst seine scheinbare Ehrerbietigkeit, und kurz, sein ganzes Betragen -mißfällt mir. Ich weis, daß er seines Herrn Ohrenbläser ist, und dieser -zu allen Niederträchtigkeiten fähige schwache Geist, glaubt seinen -Eingebungen, wie einem Orakel. Auf meine Warnungen wird nicht geachtet; -und es ist, als ob mein Gemahl verblendet wäre, da er mir sein ganzes -Zutrauen entziehet. Wir werden in diesem elenden Zustand schmachten -und zu der Zeit, da ich am meisten zu beklagen sein werde, wird es -Menschen geben, die grausam genug sind, die Schuld auf mich zu werfen, -und meine Aufführung zu tadeln. Meine Mutter ist von den eingebildeten -Vollkommenheiten ihres Neffen so eingenommen, daß sie selbst seine -Thorheiten vertheidiget. Was soll ich also anfangen, und bei wem Trost -und Hülfe suchen? -- Bei mir, Madame! erwiederte Eberhard, sollen -Sie beides finden. Schon lange mache ich mir Vorwürfe, Ihnen meinen -Diensteifer nicht bezeigt zu haben. Man muß sich zuvörderst des Beghe -entledigen. -- Ach! unterbrach die Herzogin, auf welche Art? -- Dieses -ist meine Sache, Madame! erwiederte Eberhard. Ach! liebster Bruder! -schrie die Herzogin, ich beschwöre Sie, keine Gewaltthätigkeit zu -brauchen. Ob ich gleich den Beghe auf das höchste hasse, verabscheue -ich doch weit mehr alle dergleichen Verbrechen. Denn ob wir gleich -seine gesezmässigen Richter sein können, dürfen wir doch seine Henker -nicht werden. -- Und wer erlaubt ihm, ein Meineidiger und Verräther zu -sein? erwiederte der aufgebrachte Eberhard. Nein, Madame! nein! Sie -sind gegen diesen ehrsüchtigen Bösewicht zu nachsichtlich; ungestraft -mißbraucht man Ihre allzugrosse Güte nicht. Hierauf, und aus Furcht -die sanftmüthige Fürstin möchte sich seinem Unternehmen zu heftig -widersezen, eilte er von ihr, um es ungesäumt auszuführen. - -Der Herzog von Brabant war auf der Jagd. Seine Abwesenheit war dem -Eberhard all zu günstig, als daß er solche nicht gleich hätte nutzen -sollen. Er gieng zu dem Beghe, den er vermuthlich um eine neue -Treulosigkeit auszusinnen, nachläsig auf dem Faulbett ausgestrekt -antraf. In dieser Stellung sahe er ihn mit vieler Verachtung an. -Der Oberamtmann von Hennegau, ein kriechendes Geschöpf, des Beghe -Vertrauter, war eben bei ihm. Jenen redete er zuerst an: Sie spielen -eine saubere Rolle. Beghe ist der Abscheu aller redlich Denkenden, -und Sie verdienten wegen der Unterwürfigkeit, die Sie ihm bezeigen, -und durch welche Sie seinem unerträglichen Hochmuth steifen, ein -ähnliches Schiksal. Hierauf lies der von Rache geleitete Eberhard, den -Beghe durch fünf bis sechs Entschlossene, die er zu diesem Entzweck -mitgebracht hatte, vermittelst verschiedener Stiche durchbohren, die -ihm zugleich die Sprache und das Leben benahmen. Der Oberamtmann war so -erschrocken über diese behende That, daß er vor Angst, es möchte ihm -ein gleiches widerfahren, fast von Sinnen kam; also weit entfernt den -Verschwohrnen die Flucht zu erschweren, erleichterte er vielmehr solche -durch seine eigne. - -Wie der Herzog von Brabant bei seiner Rückkunft erfuhr, was vorgegangen -war, gerieth er in die schrecklichste Wuth, und drohte, sich an -jedem, der ihm vorkäme, zu rächen. Die Gräfin von Hennegau, die ihren -Tochtermann bei allen Gelegenheiten begünstigte, zeigte ihren Unwillen -öffentlich über diese That, und die Herzogin von Brabant war dermassen -darüber betroffen, daß sie wie versteinert dastund. Sind Sie es, -Madame! sagte ihr Gemahl, die mich hat eines treuen Dieners berauben -lassen? und haben Sie mich etwa zu glücklich geschäzet, weil ich mich -auf seinen Diensteifer verlassen konnte? Sein Mörder wird nirgends -Schuz finden, und nichts wird ihn meiner gerechten Rache entziehen. -Was! mich so wenig achtungswerth zu halten: daß die, die ich schätze -und liebe, in meinem eignen Hause nicht vor Mord gesichert sind! Was -wird man erst mit mir selbst vornehmen? Ich bin mit Feinden umgeben, -und nur durch besondern Schuz des Himmels athme ich noch -- Ich habe -Sie reden lassen, antwortete die Herzogin, weil ihr Zorn ein Strohm -ist, dem sich zu widersetzen, vergebliche Mühe sein würde. Es ist wahr, -Ihr Liebling ist umgebracht, und ich bin nur in soweit misvergnügt -darüber, weil ich dergleichen Greuelthaten hasse; allein wollte der -Himmel, er hätte niemals gelebt, so würde sein vergifteter Geist sich -weniger in Hennegau ausgebreitet haben. Nicht durch mich, noch auf -meine Veranlassung ist er umgebracht worden. Denn vergossenes Blut habe -ich jederzeit verabscheuet. Allein bei diesem, Ihnen so nahe ans Herz -gehenden Unfall, werden Sie an der von Degre eine mitleidige Trösterin -finden. -- Unvorsichtiger Weise sprach die Herzogin das leztere; denn -man hatte sie von dem geheimen Verständnis des Herzogs mit der von -Degre glaubhaft belehret. Ganz wüthend erwiederte der Herzog: Ja! und -ich werde Ihre Mitschuldige zu verhindern wissen, daß ihr das nämliche -Schicksal des unschuldigen Beghe nicht widerfahre. -- Sie werden wohl -thun, erwiederte die Herzogin ganz gleichgültig; es ist das Geringste -das Sie für ein Mädchen thun können, das Ihnen Ehre, Gebieterin und -Reize aufgeopfert hat; denn eines gewissen Umstands wegen bemerke ich, -daß leztere ziemlich abnehmen. Hierauf kehrte sie ihm den Rücken; er -aber gieng zur von Degre, deren Gesichtszüge und Leibesgestalt sich -wirklich verändert hatten, ohne deswegen ihrem boshaften Sinn Gewalt -anzuthun, die dann den Beghe, als ihre verlohrne Stütze, mit der -heftigsten Gemüthsbewegung beweinte. - -Die Gräfin von Hennegau, die den Eberhard nicht liebte, war zum -heftigsten gegen ihn aufgebracht. An ihr und ihren Nachstellungen hat -es nicht gelegen, daß er dem Volk in Bergen auf dem Blutgerüste wäre -zur Schau ausgesezet worden: Allein er war in Sicherheit; und dieses -war keine geringe Erleichterung für die bekümmerte Herzogin. - -Die an die Stelle der von Degre zu der Herzogin kam, hatte viel -Verstand und war tugendhafter. Ohne aufdringlich zu sein, noch sich -verdächtig zu machen, hatte sie gleich zu Anfang des Umgangs Beghe -mit der von Degre geschlossen, daß ihr beiderseitiges Verständnis -böse Absichten zum Grund habe. Sie entdeckte alles, und sie war es -eigentlich, die mit einer lobenswürdigen Vorsicht ihrer Gebieterin die -Augen öfnete. Die Herzogin, die schon des Kummers gewohnt war, zeigte -eben keine grosse Empfindlichkeit bei dieser leztern Beschimpfung; -der Herzog war nicht liebenswürdig genug, um jene alle Gemüthsruhe -benehmende Eifersucht, die öfters mit dem Verlust des Verstandes -vergesellschaftet ist, zu erwecken, allein wenn sie zurük dachte, wie -sehr sie dieser Treulose geliebt hatte, kam sie aus aller Fassung; und, -da vollends ihre neue Gesellschafterin, die sich Climberge nennte, ihr -die Stärke des Leibes der von Degre bemerken lies, betrachtete sie -selbige nicht anderst als ein schändliches, undankbares Ungeheuer. - -Indessen der Herzog von Brabant den Beghe beweinte, und nur allein -für die von Degre lebte, die ihn ganz bezaubert in ihrem Neze hielt, -machte die Herzogin ihre Mutter so aufmerksam auf Dinge, die diese ohne -nicht ganz von Eigensinn eingenommen zu sein, unmöglich gleichgültig -ansehen konnte. Kaum sahe der Herzog seine Gemahlin täglich einmal, da -er im Gegentheil seine Zeit ganz bei der von Degre zubrachte. Endlich -legte der Herzog alle Verstellung ab, und der von Degre Schande fieng -an allgemein bekannt zu werden. Nun Madame! sagte die Herzogin zu -ihrer Mutter, Sie haben mich genöthiget, ja gezwungen, dem Herzog von -Brabant meine Hand zu geben. Was sagen Sie jezt zu seiner Aufführung, -und in der Lage, in welche er mich versezet, wie soll die meinige sein? --- Sie müssen sich nicht vorstellen, daß die Ehemänner, besonders -die Fürsten sich eben einer so grossen Treue gegen ihre Gemahlinnen -befleisigen. Wäre Ihr Vater unter der Zahl der allzugewissenhaften -gewesen, so würde der Beghe noch leben, sein Mörder nicht gebohren, -und wir in keiner so grossen Verwirrung sein. Verzeihen Sie ihm also -diese jugendliche Ausschweifung, die sich mit den Jahren legen wird. --- Was! Madame, rief die Herzogin aus, sind es grade meines Vaters -Schwachheitsfehler, die er nachahmen soll? Gebe ich auch zu, daß ein -Jüngling, vermöge seiner noch wenigen Erfahrung, ausschweifen, und -sich, mit Hintansezung seiner Ehre, vergnügen kann, ist es darum unserm -Geschlecht, und besonders einem Mädchen, das Sie mir zugesellet haben, -das mit mir erzogen worden, das ich allen andern mit Achtung vorzog, -das mein ganzes Vertrauen besaß, und das nun der ganzen ehrbaren Welt -ein Aergernis ist, erlaubt. Genehmigen Sie auch noch sein jeziges -Betragen, oder muthen Sie mir vielleicht gar zu, um ihm gefällig zu -sein, die Vermittlerin seiner schändlichen Ausschweifungen zu werden? --- Sie reizen meine Gedult auf das äuserste, erwiederte die Gräfin. -Ihren Reden nach hat es das Ansehen, als ob Sie sich Dinge in Kopf -setzen, die niemals entstehen werden. -- Ha! Madame, erwiederte -die Herzogin weinend, Sie sahen sie lange zuvor ein; denn die bösen -Eigenschaften des Herzogs waren Ihnen zur Gnüge bekannt, und doch -zwangen Sie mich, ein Opfer derselben zu werden. -- Sie legen mir -also die Schuld Ihres Misvergnügens allein bei, erwiederte diese -unnatürliche Mutter; Gut! ich werde mich daher von Ihnen entfernen, -und da Sie selbst so einsichtsvoll sind, wird es Ihnen ein leichtes -sein, dem drohenden Unglück vorzubeugen. -- Hierauf verlies sie das -Zimmer, und stürzte die Herzogin durch ihre, am folgenden Tag wirklich -unternommene Abreise nach Quesnoy, in unaussprechlichen Gram. Du -siehest, sagte sie zur Climberge, daß mich alles verläßt, und ich muß -fürchten, daß endlich auch Du, wie mein Gemahl, meine Mutter, meine -Dienerschaft, ja! öfters mein eigener Verstand, mich noch verlassen -wirst. Gerechter Himmel! was habe ich verbrochen, daß du mich mit so -viel Unglück heimsuchest? Mein Wandel ist schuldlos, kein Verbrechen -habe ich begangen, dennoch sind meine Leiden groß, und bald werde -ich, statt wie ich es gekönnt hätte, in gewissem Glanz zu leben, vom -Glück ganz verlassen, der Spott und die Verachtung der Menschen sein. -Ha! Climberge! wie gepreßt ist mein Herz, und wie schwach sind meine -Kräfte, dergleichen harten Prüfungen zu widerstehen! -- Ich gestehe -aufrichtig Madame! erwiederte die Gesellschafterin, daß Sie nichts -weniger, als ein so trauriges Schicksal verdienen; dieses, nebst dem -unschuldvollen Bewustsein muß Ihnen die Leiden erträglicher machen. -Unterliegt Ihr Muth ganz, so können Sie leicht urtheilen, wie es mit -dem meinigen beschaffen sein würde. Ohne ungerecht zu sein, dürfen Sie -an meiner aufrichtigen und ehrfurchtsvollen Ergebenheit nicht zweifeln. -Setzen Sie mich, theureste Fürstin! auf die Probe. Ich verabscheue die -von Degre, deren Betragen jedem Redlichen ein Greuel sein muß, und die -wegen ihrer schändlichen Undankbarkeit nicht hart genug bestraft werden -kann. Es wundert mich nicht, daß die Tugend eine Buhlerin verläßt, -noch daß ein schwacher Fürst sich so weit vergehet, die ehelichen -Pflichten hintan zu setzen; aber daß die Frau Gräfin von Hennegau, der -Sie leider! zu viel nachgegeben haben, sich unverantwortlicher Weise -entfernet, und Sie in einer so traurigen Lage verlassen hat, dieses -deucht mir entsezlich zu sein, und ich kann nicht ohne tiefe Wehmuth an -dieses Verfahren denken. -- Laß mich! rief die Herzogin schluchsend, -laß mich, grausames Schicksal! deine ganze Härte fühlen! Unter -allen Wegen, die Du mir zeigest, werde ich immer den unschuldigsten -einschlagen; bin ich bestimmt unglücklich zu sterben, werde ich doch -wenigstens den Trost haben, schuldlos mein Haupt niederlegen zu können. -Climberge weinte mit der Herzogin, und sie würden beide wahrscheinlich -noch lange in dieser traurigen Beschäftigung geblieben sein, wenn der -Herzog nicht dazu gekommen wäre und sie gestöhret hätte. Nun, Madame! -sagte er mit stolzem und verachtendem Ton, Ihr mürrischer Sinn hat -denn endlich die Frau Gräfin von Hennegau vertrieben; zum Lohn ihrer -zärtlichen Sorgfalt muß sie nun den bittersten Schmerz empfinden. Für -wen bewahren Sie Liebkosungen, wenn die, die das erste Recht drauf -haben, und die Ihnen am schäzbarsten sein sollten, solche entbehren -müssen? -- Wenn ich aufgelegt wäre mich zu ereifern, erwiederte die -Herzogin mit vieler Mässigung, so gäbe mir ihr Betragen Stoff genug. -Sie sind der Urheber alles dessen, was vorgeht, und die Quelle meiner -Leiden. Meine Mutter hat eigensinniger Weise drauf bestanden, daß ich -Sie heirathen sollte, ob ihr gleich Ihre Gemüthsbeschaffenheit nicht -unbekannt war. Wie belohnen Sie diesen meinen unglücklichen Gehorsam? -Sie beleidigen mich auf hundertfältige Weise; und, nicht zufrieden -mich die größte Verachtung empfinden zu lassen, füllen Sie noch mein -Haus mit Schimpf und Schande; da Sie unter meinen Augen eine meiner -Frauen, die ich am meisten schäzte, verführen. Hohnlachend unterbrach -der Herzog: ich rathe Ihnen, noch auf die Liste meiner Verbrechen -den Mord des Beghe zu sezen, ob ich gleich solchen Ihrer unmässigen -Begierde, allein herrschen zu wollen, zu verdanken habe. In Ansehung -der von Degre aber sollten Sie mir billig wegen der Achtung, die ich -für sie habe, verbindlich sein, da Sie mir ihre Verdienste öfters -angepriesen haben, und mein Herz also hier Ihre Empfehlungen erfüllet, -und Ihre Vorschriften befolget hat. -- Ha! Grausamer, welche Folgen -von Leiden bereiten Sie mir? Ueberflüssig wäre es, Sie an Vernunft, -Pflicht und Ehre zu erinnern, denn von allen diesen Dingen wissen Sie -nichts, noch weniger sind Sie fähig, solche auszuüben. Fahren Sie -in Ihrem feigen und gesezwidrigen Leben fort: triumphiren Sie über -meine Enthaltsamkeit, und verstatten mir, der von Degre einen Plaz -einzuräumen, den ich mit Widerwillen innen habe, und auf den ich von -Grund der Seele Verzicht thue. - -Der Unwille verhinderte die Herzogin ein mehreres zu sagen. Sie gieng -in den Garten, um in der Einsamkeit ihrem beklemmten Herzen durch -eine Thränenfluth Luft zu schaffen. Allein hier fand sie abermal neue -Gelegenheit zum Misvergnügen. Die von Degre, deren Schwangerschaft sich -nun allgemein offenbahrte, saß unter einem Baum. Mit frecher Stirne -trug sie ihre Schande, sie kam nicht mehr zur Herzogin; es war ihr -ausdrücklich verboten und ihr aller Zutritt versagt. Sie schauderte und -konnte ihren Zorn, bei dem Anblik dieser frechen und ganz unverschämten -Kreatur, nicht verbergen. Anfangs wollte sie ihr ausweichen, allein ihr -Unwille sezte sie über alle Betrachtungen weg. Schnell gieng sie auf -die von Degre los, die kaum eine geringe Bewegung zum Grüssen machte. -Ich stöhre sie vielleicht in Ihrem Nachdenken, sagte die Herzogin; -allein da Sie meine ganze Glückseligkeit zernichtet haben, würden Sie -ungerecht sein, wenn Sie mir diesen geringen Verdruß nicht zu gut -halten wollten, da Sie mir durch Ihr Betragen so unendlich grossen -verursachen. -- Wenn Sie Misvergnügen haben Madame! erwiederte die von -Degre ohne alle Ehrfurcht, ganz unbescheiden, müssen Sie sich die -Schuld selbst beimessen. -- Ich gestehe es, erwiederte die Herzogin. -Denn wenn ich nicht blinde Güte und thörigtes Nachsehen für Sie gehabt -hätte, würde ich vielen Verdruß überhoben sein. In was vor einem -verächtlichen Zustand befinden Sie sich jezt, und wie können Sie mir -in solchem unter die Augen treten? Habe ich Sie gelehret dergleichen -niederträchtige Handlungen zu begehen; und wer hat Sie sonst dazu -angeführet? Noch wenn Sie unvorsichtiger Weise, oder durch Verführung -zu Fall gekommen wären, würde man Sie wegen Ihrer Schwachheit bedauern, -wenigstens nicht verabscheuen so aber, da Sie selbst den Herzog zu -dieser schimpflichen Leidenschaft verführet, sich ihm freiwillig Preis -gegeben und ihn zu Bosheiten verleitet haben, deren er bisher unfähig -war, verdienen Sie kein Mitleiden. Was für Folgen werden aus diesem -strafbaren Verständnis entstehen? Sie werden ohne Zweifel elendiglich -umkommen, und Ihr verführter Liebhaber wird in den Abgrund des -Verderbens stürzen, den Sie ihm zubereitet haben. -- Die von Degre, -die sich nun zu Antworten genöthiget sahe, war verlegen, was sie zu -ihrer Vertheidigung vorbringen sollte. Glüklicher Weise zog sie der -Herzog, den sie von ferne kommen sahe, aus der Verlegenheit. Sie -können, Madame! sagte sie mit wenigen Worten, dem Herrn Herzog alles -was Ihnen gefällig ist, sagen, ich glaube daß er Sie sucht; und es wäre -unbescheiden von mir, Sie in der Unterredung durch mein Verweilen zu -stöhren, und Ihnen einen so verhaßten Gegenstand länger vor den Augen -zu lassen. Sie kehrte hierauf der Herzogin den Rücken, die einen andern -Weg gieng um ihrem Gemahl nicht zu begegnen. - -Sobald die Herzogin auf ihrem Zimmer war, lies sie, in Gegenwart der -Climberge, ihren Thränen freien Lauf. Ich muß fliehen, sagte sie zu -ihr, und sollte mich gleich die ganze Welt tadeln, unmöglich kann ich -länger an einem Ort bleiben, wo ich nichts als Gift und Galle einnehme. --- Wo wollen Sie aber hin, Madame! erwiederte Climberge, und welchen -Entschluß kann ein Frauenzimmer Ihres Rangs bei einer so kizlichen -Sache fassen? -- Ich weis es selbst nicht, antwortete die Herzogin; -allein ich hoffe, daß so bald ich nur aus Bergen bin, der Himmel mir -alsdann eingeben werde, was ich weiter thun soll. So hartherzig meine -Mutter ist, kann mich doch nichts von der Ehrerbietung, die ich ihr -schuldig bin, befreien. Ob sie mich gleich verlassen hat, muß ich sie -doch aufsuchen. Rufe den Descaillon. Dieser war der treuste Diener -meines Vaters, und noch der Einzige unter den meinigen allen, auf -dessen Treue und Redlichkeit ich mich verlassen kann. -- Climberge -befolgte diesen Befehl; und kaum hatte die Herzogin dem Descaillon ihr -Vorhaben eröfnet, traf dieser so geheime und schleunige Anstalten, daß -sie schon den andern Morgen mit Tagesanbruch aus Bergen war. Sie gieng -nach Quesnoy zu ihrer Mutter, die sich über ihre unvermuthete Ankunft -nicht wenig wunderte. Nachdem sie dieselbe mit kindlicher Ehrfurcht -umarmt hatte, sagte sie zu ihr: Madame! verdammen Sie meine Reise -nicht, und lassen Sie vielmehr meiner Gedult Gerechtigkeit widerfahren. -Der Herzog von Brabant behandelt mich mit tirannischer Unanständigkeit; -sein Sie billiger und häufen meine Leiden nicht durch harte -Gleichgültigkeit. Behält der Herzog volle Gewalt, so wird er mit unserm -Eigenthum nicht allein die von Degre, sondern die ganze Rotte seiner -nichtswürdigen und unverschämten Höflinge bereichern, wie er es schon -gethan hat. -- Meine liebe Tochter! unterbrach die Gräfin, Ihr Schmerz -rühret mich; ich bin nicht so unmenschlich als Sie es vielleicht von -mir glauben, und ich gebe ihnen die Versicherung meiner zärtlichsten -Liebe und Theilnehmung Ihrer Leiden. Schon lange sollte die Aufführung -Ihres Gemahls meine Langmuth erschöpft haben; allein zur Ehre unseres -Hauses müssen wir uns zuvörderst bemühen, ihn durch Gelindigkeit -und Güte zur Reue zu bringen. Wir wollen uns hierzu des Herzogs von -Burgund, dessen Ansehen etwas vermag, bedienen, und wenigstens die -Sache so einleiten, daß man nicht sagen kann, Sie hätten Ihren Gemahl -leichtfertiger Weise verlassen. Ich weis zwar, daß Sie gegründete -Ursachen dazu haben; allein es werden noch weit wichtigere erfordert, -um Sie vor der Welt dieses wichtigen Schritt wegen zu entschuldigen. --- Nun gut, Madame! antwortete die Herzogin, handeln Sie nach eigenem -Gutdünken. Ihr Wille soll der Meinige sein, und ich will bei Ihnen, -als einem ruhigen und unverletzlichen Zufluchtsort, den Erfolg Ihrer -Bemühungen abwarten. - -Hierauf schrieb die Gräfin von Hennegau an den Herzog von Burgund, -ihn von der ganzen Lage der Sache zu unterrichten. In ihrem Schreiben -schilderte sie mit vieler Klugheit und Wahrheit das Betragen des -Herzogs von Brabant; und Descaillon, der eigends damit abgeschickt war, -fügte noch mündlich alles bei, was zum Vortheil der Herzogin gereichen -konnte. Auch machte der Herzog von Burgund keine Schwierigkeiten, -sich des Zwists zweier Personen, die ihm so naheanverwandt waren, -anzunehmen, um sie wo möglich zu vereinigen. - -Der Herzog von Brabant, der sich einzig und allein mit seiner -gesezwidrigen Liebe beschäftigte, bekümmerte sich wenig um die Abreise -seiner Gemahlin. Wie ihm die Vorschläge zur Aussöhnung gemacht wurden, -antwortete er schlechterdings: Die Herzogin könne zurückkommen, wann -sie wollte; allein seine Beischläferin würde er in kein Kloster -schicken, noch seine Lieblinge vom Hof entfernen, wie man es ihm -vorgeschlagen habe. -- Die Gräfin von Hennegau nahm diese schwürige -Antwort für befriedigend an, und verlangte, daß es ihre Tochter auf die -Willkühr des Herzogs ankommen und auf seine gegebene Zusicherung nach -Bergen zurückgehen sollte; denn man müste ihm die Schande ersparen, -als ob er gezwungener Weise hätte nachgeben müssen. Nun verlohr die -Herzogin völlig ihre bisher noch gehabte Mässigung. Nachdem sie ihren -vergangenen und künftig zu erwartenden jämmerlichen Lebenswandel lange -überdacht hatte, faßte sie den Entschluß, nach England überzu gehen. -Sie lies sich durch den vertrauten Descaillon nach Calais bringen, wo -sie sich einschifte, von dannen sie ohne weitere Hindernis in London -glücklich anlangte. - -Ob gleich die Kriegsflamme an verschiedenen Orten Europens hell -leuchtete, und der Englische Hof, wegen dem Absterben seines Königs -Heinrich des V. in Trauer versezt war, herrschte dennoch Höflichkeit -und galante Lebensart an demselben.[H] Humphrei, Herzog von Glocester, -des verstorbenen Königs Bruder, war damals Regent in England. -Dieser Prinz hatte vortreffliche Eigenschaften, aber dabei einen -ausserordentlichen Hang zu Liebeshändeln; selten sahe er ein schönes -Frauenzimmer, ohne daß sein Herz nicht davon eingenommen ward: Die -Herzogin von Brabant traf es daher nicht frei an; ihre Reize aber -verdrängten bald alle anderen Gegenstände aus demselben. Verbunden -mit majestätischem Ansehen sprach sie mit Ueberzeugungskraft. Ihre -Sache war gerecht, und der Herzog, zum Innersten gerührt, gab ihr -die Versicherung, daß sie mit Englands ganzer Macht beschüzt und als -Königin verehret werden sollte. Diese Versicherungen begleitete er mit -noch einigen besondern Versprechungen; und die Herzogin von Brabant -konnte dem Himmel wegen dem glücklichen Erfolg ihrer Reise nicht -dankbar genug sein. Durch das edelmüthige Betragen und die gefällige -Sorgfalt des Herzogs sahe sie bald ein, daß er sich die Beförderung -ihres Glücks, wie seines eigenen, angelegen sein lies. Eins der -Königlichen Paläste wurde ihr zur Wohnung angewiesen, in welchem sie -mit außerordentlicher Pracht und Aufmerksamkeit bedienet ward, und -es wurden ihr solche Ehrerbietungen erwiesen, deren sich noch keine -Fremde zu rühmen gehabt hatte. Jedermann trachtete sich ihr gefällig zu -erzeigen, und ihr den Auffenthalt angenehm zu machen, und sie erkannte -bald den Unterschied, der zwischen einem großmüthigen Beschützer und -einem unwürdigen Gemahl ist. - -Diesen Gegensatz empfand die Herzogin im innersten des Herzens, und -die Climberge, die es wohl einsahe, bezeugte ausserordentliche Freude, -daß ihre Reize dieses bewirkt hätten, weshalb sie der Herzogin Glück -wünschte. Aber liebe Climberge! erwiederte die Herzogin, ich begreife -nicht, daß Du wegen einer Sache, die mir neue Verdrüßlichkeiten -zuziehen könnte, vergnügt sein kannst. Sind meine Verdienste etwa hier -grösser, als sie zu Bergen waren, und glaubest Du, daß meine Flucht -mich in Achtung halte? Ausserdem bin ich deswegen von der ehelichen -Treue losgesprochen, weil ich mich in einem fremden Staate, den -nur eine schmale See von meiner Heimath absondert, befinde; und so -ungerecht der Herzog von Brabant auch immer ist, bin ich ihm deswegen -weniger Zeitlebens verknüpft? -- Nein Madame! antwortete die Climberge, -er hat Sie auf eine Weise behandelt, die von aller Schuldigkeit -befreiet. Die Kirche, die sie zusammen gegeben hat, ist keine -unbarmherzige Stiefmutter; sie kann eine üble Verbindung aufheben; -und unzählig gegründete Ursachen sprechen hier zu Ihrem Vortheil. -- -Schweig! und verschone mich mit deinen Träumereien, erwiederte die -Herzogin; ich bin unter einem unglücklichen Gestirn zur Welt gekommen -mein Loos ist zu Widerwärtigkeiten bestimmt; und wenn es an dem wäre, -daß der Herzog von Glocester einige Liebe zu mir empfände, ich auch -gleich von meiner Verbindung mit dem Herzog von Brabant losgesprochen -wäre, würde ich mich doch in keine weitere eheliche Sclaverei begeben. -Von zwei Gemahlen, die ich in meinen jugendlichen Jahren hatte, starb -der eine unglücklicher Weise, kaum daß wir einander kennen lernten, -und der andere beschimpfet mich gleich nach unserer Verbindung ganz -niederträchtiger Weise. Glaubest Du, daß ich bei einem Dritten ein -besseres Schicksal zu erwarten hätte? und würde ich nicht in steter -Furcht sein, alle Unfälle, die ich schon erfahren habe, und vielleicht -noch stärkere zu erdulden? Nähre daher deine Einbildungskraft nicht -weiter damit; nur an mir bist Du mit den Trübsalen bekannt worden. -Denn wenn Du sie an Dir selbst erfahren hättest, würdest Du mit mir -eingestehen, daß, wenn der Mensch zum Leiden bestimmt ist, ihn nichts -in der Welt davor schützen kann. -- Also Madame! erwiederte Climberge, -Sie wollen vorsetzlich Ihre Leiden durch die Furcht vergrössern, daß -die eingebildeten künftigen den vorigen, wirklich schon erduldeten, -gleich kommen, wo nicht gar übersteigen würden? Ueberlegen Sie dagegen, -daß der Himmel gerecht ist, und Sie vor allem schützen, ja! Ihre -bisherigen Leiden auf einmal stillen kann, und wird. Uebrigens sind -Sie dem Herzog von Brabant, seiner schlechten Aufführung wegen, keine -Schonung mehr schuldig. -- Nein! Climberge, unterbrach die Herzogin, -wenn ich auch gleich keine Achtung für den Herzog mehr hätte, müste -ich doch jederzeit derjenigen eingedenk sein, die ich meiner eignen -Ehre schuldig bin. Das Vorgeben, daß ich ihn gegen meinen Willen -und gezwungener Weise zum Gemahl genommen habe, würde vor der Welt -nicht hinlänglich sein, mich eines solchen neuen Fehlers wegen zu -entschuldigen. Ich habe nun einmal diesen Schritt gethan, es wäre -aber viel verzeihlicher gewesen, damals meiner Mutter ungehorsam zu -sein, als jezt meinem Gemahl zu entsagen, so viel Verdruß er mir auch -macht. Ich habe mich auch nicht mit dem Vorsatz ganz los zu sein -entfernet, sondern nur um kein Augenzeuge seiner, gegen alle Ehrbarkeit -streitenden Aufführung mehr zu sein. Im strengsten Verstand aber hätte -ich alles dulden müssen, seine Unbeständigkeit, seine Verachtung, -ja sogar die Härte mit der er mich behandelt hat. Genug tugendhafte -Frauen haben mir Beispiele in ähnlichen Fällen gegeben; allein ich -war zu schwach, ihnen nachzuahmen. -- Setzen Sie noch hinzu Madame, -unterbrach Climberge, daß Sie auch schwach genug sein werden, sich ganz -aufzuopfern; und der eingebildeten Ehre wegen, von welcher heut zu -Tage die Tugendhaftesten das Joch abschütteln, wird Sie der Herzog von -Brabant nichts destoweniger mit eben der Wuth, mit der er Sie zu Bergen -verfolgt hat, ferner verfolgen, und die von Degre wird die Höllenfurie -sein, die Sie beständig und überall wo Sie sich aufhalten, quälen und -Ihnen alle Drangsale anthun wird. - -Der Herzog von Glocester, dessen Bestreben von nun an war, sich -der Herzogin von Brabant gefällig zu erzeigen, unterbrach diese -Unterredung durch seine Zwischenkunft. Madame! sagte er, ich komme -vielleicht zur ungelegenen Zeit: allein wenn ich Sie oft aufsuche, so -schreiben Sie es einer heftigen Leidenschaft, der zärtlichsten Liebe -zu. All mein Streben gehet dahin, Ihnen überzeugende Beweise davon -zu geben; und wollten Sie mich unglücklicher Weise nicht erhöhren, -so würde ich der bedauernswürdigste Mensch auf dem ganzen Erdboden -sein. -- Wenn Sie gleich, Herr Herzog! erwiederte die Fürstin, die -wichtigen Staatsgeschäfte, die Ihnen obliegen, nicht dadurch versäumen -wollten, daß Sie mir Beweise Ihrer Achtung und gütigen Fürsorge, -die Sie für nöthig halten, das bittere meiner Leiden zu versüssen, -stetshin zu geben belieben, würde ich Ihnen doch gewis schon grosse -Erkenntlichkeit wegen Ihrer Aufmerksamkeit, und dem Zuvorkommen aller -meiner Bedürfnisse, schuldig sein. -- Die Staatsklugheit, erwiederte -der Herzog, ist nicht der Beweggrund meiner Handlungen, sondern -die Triebe meines zärtlichen Herzens sind es, die mich leiten. -- -Unendlich leid würde mir es sein, unterbrach sie, wenn Sie würklich -die Empfindungen hätten, die Sie so eben gegen mich äussern. Mein -Lebenslauf ist Ihnen bekannt; ich bin zu elend Sie zu begünstigen; -denn ob ich Ihnen gleich unzählbare Verbindlichkeiten schuldig bin; so -habe ich doch solchen nichts als wahre Hochachtung und unvollkommene -Dankbarkeit entgegen zu setzen. -- Madame! erwiederte Humphrei, so -grosse Verbindlichkeiten, wie Sie glauben, sind Sie mir nicht schuldig: -denn nur meine aufrichtige und reine Liebe ist der Zoll, den jedes -empfindsame Herz Ihren Vollkommenheiten und Reitzen, zu entrichten -schuldig ist. -- Meine Reitze, antwortete die Herzogin, sind sehr -mittelmässig, und wenn sie ja jemanden zu rühren vermöchten, wünschte -ich, daß es einen anderen als einen Fürsten wäre, den ich unendlich -ehre und schätze, und dessen Gemüthsruhe mir so angelegen ist. Lassen -Sie mich die Last meiner Leiden in Gedult tragen, ohne solche durch -neue zu erschwehren, und überlegen dabei, daß Sie durch Stöhrung meiner -Ruhe, den Schutz, den Sie mir so großmüthig haben angedeihen lassen, -vereiteln und sich verdächtig machen würden. -- Sie könnten, Madame! -unterbrach der Herzog, ohne sich weiter unglücklich zu machen, meine -Glückseligkeit befördern. Der ganzen Welt ist bekannt, wie unwürdig -der Herzog von Brabant Ihrer ist. Ausserdem sind Sie in einem Grad -Blutsfreundschaft mit ihm verwandt, der eine Ehescheidung noch viel -gültiger macht. Ziehen wir desfalls den Pabst Benedickt zu Rath; er -ist in dergleichen Fällen nicht allein am besten bewandert, sondern er -wird sich auch gewis sehr billig finden lassen. Was haben Sie nachher, -Madame! weiter zu befürchten, da Sie von einem Prinzen, der Sie ewig -anbetet, beschützet werden, und der Englands ganze Macht aufbieten -wird, Ihren Verfolgern, Trotz zu bieten. -- Ganz mißfiel Jacobinen (die -wir in der Folge nicht anderst nennen werden) dieser Antrag nicht. Der -Herzog von Glocester war zärtlich und überaus einnehmend; es war ihr -daher nicht zu verdenken, daß sie selbst Verlangen trug, von einem -Gemal, den sie niemals geliebt hatte, und welchen sie vielmehr jezt zu -hassen berechtiget zu sein glaubte, vor immer geschieden zu werden. -Allein der Vorschlag geschahe durch einen Prinzen, den sie noch nicht -genug kannte, und der vielleicht mehr durch die Gewalt einer heftigen -Leidenschaft hingerissen, als durch Vernunftschlüsse, geleitet, nur die -Befriedigung seiner Begierden suche, und nach deren Genuß Treue und -Liebe, leicht wieder vergessen konnte. Kurz, unzähliche Betrachtungen -sezte sie dem schmeichelhaften Entwurf des Herzogs entgegen. Was! -sagte sie zu ihm, wenn der Pabst mich von der Verbindung mit dem -Herzog von Brabant lossprechen wollte, so würden Sie Entschlossenheit -genug haben, mir Ihre Hand darzubieten? Ja! Madame, unterbrach er -mit Heftigkeit, ja! ich würde dieses Glück als das größte meines -Lebens schätzen, wenn es mir zu Theil wird, und gewis nach keinem -andern mehr geizen. -- Sie irren sich, fuhr Jacobine fort, wenn die -Erlaubnis zur Ehescheidung hier in London zu haben wäre, würden Sie -vielleicht eine ganz andere Sprache führen. Ausserdem muß man auf -einem dornichten Pfad nicht so schnell zu laufen wagen; denn hier ist -die Rede von einer Sache, die das Gewissen, die Ehre und die Religion -betrift; welcher Richter ist dermalen befugt solche zu entscheiden? -Wir sehen eine ärgerliche Spaltung in der Kirche; wollen wir solche -noch dadurch vermehren, daß wir zur Befriedigung unserer Leidenschaften -Hülfe bei einem oder dem andern Theil suchen? Benedickt ist Pabst, -und Martin, von vielen unterstüzt, will es gleichfalls sein. Diese -geistliche Eifersucht trennt die ganze Christenheit, und welcher von -beiden wird wohl vom heiligen Geist genugsam erleuchtet sein, ein -gerechtes Urtheil zu fällen? Ruhet er aber auf beiden gleich stark, -so haben sie auch gleiche Gewalt, und der eine wird nicht verfehlen, -dem andern in allen Fällen, wie der meinige ist, zu widersprechen; die -Schande und der Nachtheil aber der für mich hieraus entstehen und auf -mich allein zurückfallen würde, wäre unauslöschlich. -- Ich glaubte -nicht, Madame! erwiederte ganz niedergeschlagen der Herzog, daß Sie -in Ihrer dermaligen Lage an dergleichen heilige Spitzfindigkeiten -zu denken Ursache hätten. Verzeihen Sie meinen wilden Ausdruck und -schreiben ihn meiner schmerzlichen Empfindung zu. Ist es erst von Heute -daß dieser Zwietracht in der Kirche entstehet, und haben nicht andere -Päbste schon vorher sich in dergleichen Fällen gezankt?[I] Wir haben -Beispiele genug. Haben Menschen, sobald sie als Päbste anerkannt sind, -die Macht, auf Erden zu binden und wieder zu lösen, warum sollten -wir uns bemühen, die Gültigkeit ihres Berufs zu untersuchen? Steht -mir Benedickt Ihren Besiz zu, so mag meinetwegen Martin mit seinen -Donnerkeilen gegen ihn losstürmen, mein Glück wird nichts destoweniger -befestigt sein. Uebrigens, Madame! werden Sie durch unsere Verbindung -dem Abgrund aller Leiden entgehen. Ueberlegen Sie, daß von allen -denen beträchtlichen Staaten, die Sie ruhig besitzen sollten, Ihnen -wenig überbleiben wird. Der Herzog von Brabant, der den größten Theil -durch sein unordentliches Leben schon durchgebracht hat, wird den -übrigen durch seine Nachlässigkeit, gegen den Herzog von Burgund, der -sich solche zuzueignen sucht, schlecht vertheidigen. Ein Mann wie -ich, wird sie aber leicht durch Bestrafung ihrer Undankbarkeit und -Ehrgeizes zurecht weissen, und niemals werden Sie Ursache haben, die -mir erwiesene Güte zu bereuen. - -Während dieser Unterredung, bei welcher die Climberge zugegen wer, -hatte Jacobine die Augen beständig zur Erde geheftet. Endlich sagte -sie zum Herzog: Ich habe Sie gelassen angehöret, lassen Sie mir nun -auch Zeit, Ihre Gründe zu untersuchen. Vorläufig aber muß ich Ihnen -gestehen, daß sie mir sehr seicht vorkommen; vielleicht aber finde ich -sie bei genauerer Erwägung triftiger. Sie würden mich gering schätzen, -wenn ich blinder Weise in Ihren Vorschlag einwilligte. Sie werden also -verzeihen, wenn ich mich nicht übereilt entschließe. Der Herzog war -einstweilen mit dieser Antwort zufrieden, und da er wohl einsahe, daß -Jacobinens Standhaftigkeit schon ziemlich erschüttert war, wollte er -vor diesmal nicht weiter in sie dringen, sondern entfernte sich, und -überlies der Climberge, das übrige für ihn zu bewerkstelligen. - -Diese redete Jacobinen folgendergestalt an: Nun Madame! werden Sie doch -einsehen, daß Ihre Angelegenheiten eine günstige Wendung bekommen. Der -Herzog von Glocester bietet Ihnen sein Herz, seine Hand und die ganze -furchtbare Macht, über die er zu gebieten hat, dar. Er verspricht -noch über dieses die Hülfe des römischen Stuhls: wollten Sie nun noch -einen Augenblick anstehen, aus unzeitiger und furchtsamer Scham, der -ungerechten Gewalt des Herzogs von Brabant, der sich so verächtlich -gemacht hat, zu entsagen? -- Ich verabscheue ihn auch, erwiederte -Jacobine, allein die Rache, die ich vielleicht schon zu weit getrieben -habe, muß mich nicht selbst bei der Welt verächtlich machen. Wird -man mir nicht, wenn ich in das Begehren des Herzogs von Glocester -einwillige, vieles vorzuwerfen haben? kann man, unter welchem Vorwand -es sei, einem rechtmässigen Gemahl entsagen, ohne sich dem Tadel -auszusetzen? In Beurtheilung der menschlichen Handlungen wird selten -Rücksicht auf Unglücksfälle genommen, und ohnerachtet meiner Unschuld, -würde ich bald dem Tadel jener strengen Geister, die da wollen, daß -man alles dulden und sich nie beklagen soll, ausgesezt sein. -- Aber -Madame! erwiederte die Climberge, wenn Sie einen Pabst, der Ihr Vater, -Seelsorger und Gewissensrichter zugleich ist, zum Gewährsmann haben, -was können Sie noch befürchten? Oder hassen Sie etwa gar den Herzog von -Glocester? -- Ich kann fast nicht entscheiden, antwortete Jacobine, -ob ich Liebe oder Haß in meinem Herze habe, und es liegt so etwas -Seltenes in meinem Schicksal, daß der Wohlstand erfordert, es meinen -Empfindungen ganz unabhängig zu überlassen. Ich habe mich schon zu -viel über etwas gegen den Herzog von Glocester herausgelassen, das -mich jezt sehr beunruhiget. Ich verstehe hier, wegen der angetragenen -öffentlichen Ehescheidung, wovon der Schimpf auf mich zurück fallen -würde, denn die Kirche, unter zwei entgegengesezten Häuptern, kann -sicher in dieser mißlichen Sache nicht entscheiden. -- Also Madame! -unterbrach die Climberge, mit dergleichen Heldenträumereien, wollen Sie -lieber den tödtenden Gift geduldig einsaugen, als ihn durch heilsame -Gegenmittel vertreiben. Was! weil wir zwei Päbste haben, wollen Sie -sich keines derselben bedienen. Ha! Madame! denken Sie nicht so -schwach; wer weis ob es nicht der Himmel auch um Ihrer Angelegenheiten -wegen verfügt hat, daß dermalen zwei Päbste sein müssen. Beeifert, sich -gegeneinander alles streitig zu machen, werden sie nicht verfehlen, -hier ihre Gewalt zu beweisen. Fehlen Sie nun, wenn dieselbe Sie -begünstigen; so liegt ja die Verantwortung auf ihnen selbst, und Sie, -Madame! haben sich desfalls keine Vorwürfe zu machen. Denn sobald der -eine, oder der andere entschieden haben wird, können Sie in aller -Gewissensruhe dem Herzog von Brabant entsagen, den Herzog von Glocester -ehelichen, und den Genus Ihrer noch jugendlichen Jahre, in welchen Sie -schon so viel gelitten haben, befriedigen. -- Climberge! erwiederte -Jacobine, die Päbste sind Menschen, und oft Menschen, deren Herzen ganz -verdorben sind; wie können sie daher göttliche Gesetze, die schon viele -Jahrhunderte bestehen, und die jedem wahren Christen unverbrüchlich -sein müssen, zernichten? -- Die Päbste, antwortete Climberge, sitzen -auf ihrem Gerichtsstuhl, den Unterdrückten Gerechtigkeit und Hülfe zu -ertheilen. Sie sind nicht die erste tugendhafte Frau die ihre Zuflucht -dahin genommen hat, Sie würden aber sicher die Einzige sein, die es in -dergleichen Fall unterlies. - -Climbergs Gründe waren Jacobinens Herzen sehr schmeichelhaft. Ausser -daß der Herzog von Glocester ein angesehener Fürst war, hatte er -zugleich fürtrefliche Eigenschaften. Bei näherer Untersuchung seiner -Verdienste verlohren sich alle, der Ehescheidung entgegengesezte -Schwürigkeiten. Jacobine schloß, daß, sobald die Ursachen ihrer Flucht -öffentlich bekannt würden, die Schande allein auf den Herzog von -Brabant zurückfallen werde. - -Schlaflos brachte Jacobine die ganze Nacht mit Bestreitung ihrer -Zweifel zu. Und obgleich in derselben der Antrag des Herzogs von -Glocesters durch die Climberge nicht unterstüzt werden konnte, sprach -doch etwas weit vermögenderes zu seinem Vortheil, und die Liebe besigte -bald alle Schwürigkeiten. Climberge und Descaillon, die beide dem -Herzog von Glocester ganz ergeben waren, unterstüzten die günstigen -Gesinnungen Jacobinens, die nun, ob sie gleich noch einige innerliche -Zweifel beunruhigten, sich nicht mehr weigerte ihre Einwilligung zu -geben. - -Sobald Jacobine die Erlaubnis gegeben hatte, den Pabst Benedickt -wegen ihrer Ehescheidung anzugehen, empfand der Herzog von Glocester -unaussprechliche Freude darüber. Er wollte, daß ganz England -theil daran nehmen sollte; deswegen unterlies er nicht, bei allen -Gelegenheiten seine großmüthige Freigebigkeit gegen jedermann zu -zeigen. Derweil man mit dem Pabst in Unterhandlung war, erfand er -täglich neues Vergnügen, Jacobinen die Zeit angenehm zu vertreiben, -und sobald der Scheide-Brief des günstigen Pabsts eintraf, wurde die -Vermählung zwischen dem Herzog von Glocester und Jacobine von Baiern -vollzogen. Um der Feierlichkeit ein majestätisches Ansehen zu geben, -berief der Herzog alles, was nur im Stande war, die Pracht und den -Glanz derselben zu erheben, nach London. Jacobine war noch in der Blüte -Ihrer Jahre, dabei sehr liebenswürdig und der Herzog so verliebt, daß -er das ihm widerfahrne Glück nicht genug zu schätzen vermochte. Beide -aber verlebten einige Monate ganz unbekümmert, ob sie noch andere -Leiden in der Welt zu erdulden hätten. - -Jacobinens Verhängnis aber war zu grausam, sie lange in dem Genus -einer so süssen Ruhe zu lassen. Es bereitete ihr viel schmerzhaftere -Streiche, als die, welche sie schon empfunden hatte. Mitten im -Genus des Vergnügens zog ein fürchterliches Wetter über sie auf. -Das Concilium zu Costanz hatte Benedickt abgesezt, und hierdurch -alle Schlüsse dieses Pabsts vereitelt. Bei dieser Nachricht wollte -Jacobine fast verzweifeln. Der Herzog von Glocester gab sich alle nur -erdenkliche Mühe, sie zu trösten und verwünschte im Eifer die ganze -Kirchen-Versammlung. Allein was halfen hier tröstliche Worte und -Drohungen? Jacobine, die bessere Einsichten, als Klugheit hatte, fand -nichts darinn, das ihr die Furcht benehmen konnte. Sie zweifelte nicht, -der Herzog von Brabant würde sich, auf des von Degre Antrieb, an den -Pabst Martin wenden. Ich werde das Gelächter und der Abscheu der ganzen -Welt sein, sagte sie zum Herzog von Glocester. Man wird mich hinführo -nicht anderst, als wie ein schändliches Ungeheuer betrachten, und -meine Schwachheiten wird niemand entschuldigen. Zwei lebende Ehegemal! -Gerechter Himmel! wie abscheulig! Ha! Warum ist der bitterste Tod -meinen Ausschweifungen nicht zuvorgekommen? -- Sie bereuen also, daß -Sie mich geliebt haben, erwiederte der Herzog, und Sie wollen meine -Zärtlichkeit damit bestrafen, daß Sie sich Leiden vorstellen, die nur -in dem Gehirn der niedrigsten Klasse von Menschen Statt haben? Was -habe ich bis jezt anderst gethan, als Sie bis zur Anbetung geliebet, -und was kann ich mehr thun als Ihnen die theure Versicherung zu -geben, daß, entstehe auch was da wolle, diese Liebe nur mit meinem -Tode aufhören wird? Lassen Sie den Martin im Eifer schmählen, so -lang er will, er ist nichts anderst als ein wiederrechtlicher Regent -der Kirche, der nur einem der niedrigdenkensten Menschen Gehör geben -kann. Wir sind glüklich und in Sicherheit. Warum wollen Sie das Gemüth -mit schrekhafter Einbildungen martern, indessen Sie nur süsse Tage -verleben können? Ha! Herr Herzog! antwortete Jacobine, Sie sehen -nicht ein, was ich am meisten zu befürchten habe, und was mir den -tiefsten Schmerz verursachet. Sie lieben mich jezt, und ich gestehe -aufrichtig, daß ich es glaube: Wer kann mir aber die Versicherung -geben, daß Sie mich beständig lieben werden? Die armseligen Reize, -die Sie gerührt haben, waren zu schwach, die Unbeständigkeit des -Herzogs von Brabant zu hintertreiben. Die Zeit und der Genuß sind -die Klippen, an denen Zärtlichkeit und Treue oft scheitern; und -vielleicht werden Sie eines Tags der erste sein, der mein Betragen -mißbilligen wird, ob Sie mich gleich darzu verleitet haben. Lassen -Sie mich also meinen bejammernswürdigen Zustand beweinen. -- Sie -bürden mir viele Ungerechtigkeiten zugleich auf, Madame! erwiederte -der Herzog seufzend, und ich glaubte, Sie würden mehr Zutrauen in -meine Redlichkeit setzen, als mir ein so beleidigendes Mißtrauen -äusern. Was soll ich thun, und welche Beweise meiner ewigen Treue soll -ich Ihnen geben? Wollen sie, daß ich England und dessen Regierung, -die mich bindet, verlassen, und daß wir uns in einem verborgenen -Winkel der Erde niederlassen sollen, wo wir gegen den Ausbruch des -Wetters, das Sie ohne Zweifel zu arg fürchten, gesichert, nichts von -aufgeblasenen Kirchen-Vätern und treulosen Ehemännern mehr hören, und -wo wir uns einzig und allein mit unserer gegenseitigen Liebe ungestört -beschäftigen können? Ihre Ehre und Ruhm liegt mir all zu viel am -Herzen, und ich würde mich schlecht rechtfertigen, wenn ich zugäbe, daß -Sie solche meinetwegen in einer finstern Einöde vergraben würden. Dieß -ist der Weg nicht, den ich einzuschlagen wünsche. Wenn Sie in der Liebe -gegen mich beharren, schätze ich mich nicht ganz unglüklich; verlassen -Sie mich aber, so bleibt mir nichts als die äuserste Verzweiflung übrig. - -Der Herzog umarmte hierauf Jacobinen auf das zärtlichste, und beide -vergassen auf einige Zeit dergleichen vergebliche Zweifel, die sie -beunruhiget hatten. Die dienstfertige Climberge, die den Herzog von -Brabant haßte, und die gegentheils dem Herzog von Glocester, der sie -mit Freigebigkeiten überhäuft hatte, ganz ergeben war, bemühte sich, -die Bekümmernisse ihrer Gebieterinn zu zerstreuen, worinn es ihr auch -oft geglückt haben würde, wann deren nicht täglich neue entstanden -wären. - -Die Gräfin von Hennegau war über das Betragen ihrer Tochter -ausserordentlich aufgebracht. Sie erwog die Gründe nicht, die eine -junge beleidigte Fürstin zu ihrer Rechtfertigung haben konnte. Sie war -ganz auf des Herzogs Seite, verwarf öffentlich den Scheidebrief des -Benedikts, und behauptete gegen jeden, daß die Ehe, die er begünstigt -habe, unzulässig sei. - -Ob sich nun gleich die von Degre, die noch bei dem Herzog von Brabant -in grosser Gunst stand, freuete, daß er seine Gemalinn loß war, wuste -sie doch, um so besser uneigennüzig zu scheinen, ihre Zufriedenheit -dergestalt zu verbergen, daß man nicht merken konnte, wie sie an -Jacobinens gänzlichem Verderben arbeite. - -Ist es möglich, sagte sie zum Herzog, daß eine grosse Fürstin -ihre Würde so erniedrigende Handlungen begehet, und daß sie eines -unbedeutenden, Verdrusses wegen, der nur die Folge ihres Uebermuths -war, ihren Gemal verläßt, über See gehet, und sich den Umarmungen -eines Andern Preiß giebt? Ist es überdieß noch möglich, daß ein -Gegenpabst, ein Mensch, der weder Ehre noch Gottesfurcht besizet, sich -unterstehet, dergleichen freche Handlungen, den göttlichen Gesezen -schnur straks zuwieder, und die die Menschlichkeit empören, öffentlich -zu erlauben und zu begünstigen? Sollen dergleichen Mißbräuche nicht -bestrafet werden, und wollen Sie sich nicht durch Behauptung Ihrer -Gerechtsame desfals rächen?[J] Ganz bezaubert über diese Rede, -erwiederte der Herzog: Liebste von Degre! Der Fehler der Herzogin von -Glocester ist uns zu vortheilhaft, als daß wir darüber klagen sollten. -Sie hat mehr für uns gethan, als sie hätte thun sollen, wenn sie es -zuvor recht überlegt hätte; denn nun kann ich Ihnen ihren Plaz ohne -Wiederrede einräumen. Sie haben sie aus meinem Herzen verdrängt, und -freiwillig hat sie sich von mir entfernet. Benedikt ist mir mit seiner -Gefälligkeit zuvorgekommen, und hat mir die Mühe erspart, ihn selbst -darum anzugehen, welches ich sicher gethan haben würde. Das Koncilium -zu Costanz giebt mir ein neues Hülfsmittel, um Ihnen ehestens die Würde -meines Rangs ertheilen zu können. Nein! Herr Herzog! antwortete dieses -schändliche Mädchen, Nein! mein Erheben würde Ihrem Ruhm nachtheilig -sein, und ich bin genug befriediget, da ich das Glük habe, Ihnen nicht -zu mißfallen. Ich strebe nach keiner andern Ehre, sondern nur nach -Ihrer beständigen Liebe. Aber verfolgen Sie die Undankbare, die Sie -verachtet hat; und da der Päbste Aussprüche göttlich sein sollen, so -suchen Sie den Pabst Martin auf Ihre Seite zu bringen, damit diese -Männersüchtige, durch öffentliche Beschimpfung gewahr werde, daß sie -unter der Gewalt eines Menschen stehe, der im äusersten Fall genommen, -nur als ihr Buhler angesehen werden kann. Ihre Ehre erfordert es, und -ich beschwöre Sie darum, sezte sie hinzu (auf die Knie vor den Herzog -fallend), denn ich kann nicht zugeben, daß der Schimpf einer solchen -Schandthat auf Ihnen sitzen bleibe. -- Der Herzog, ganz von der Degre -geäuserten Ergebenheit eingenommen, glaubte leicht, daß sie ihm diesen -Anschlag aus aufrichtigem Herzen gäbe; und ohne weitere Untersuchung, -versprach er ganz nach ihrer Vorschrift zu verfahren; wie er dann -auch von Stund an bedacht war, die Wiederrufung der Bullen des Pabst -Benedikts vom Pabst Martin zu erhalten. Der mit Blindheit geschlagene -Herzog hatte bei diesem Unternehmen eine ihm verborgene Hülfe und -Unterstüzung. Philipp, Herzog von Burgund, der im äusersten Grad -ehrsüchtig war, sahe Jacobinens Besitzungen mit neidischen Augen an; -schon lange wünschte er, Gelegenheit zu finden, solche an sich bringen -zu können. - -Diese Zwietracht war ihm also zu Erreichung seiner Absichten sehr -willkommen. Er stellte sich zwar dem äuserlichen Schein nach, als -ob er sich alle Mühe gäbe, die Partheien zu vergleichen; allein die -minder Klügsten konnten leicht einsehen, daß es ihm nicht Ernst war. -Jacobinens Aufführung machte ihm heimlich boshaftes Vergnügen, nicht -zweifelnd, er würde im Trüben fischen, und sich bald durch den Raub -ihrer Staaten bereichern können. Einverstanden mit dem Herzog von -Brabant, fiel es ihm nicht schwer, vom Pabst Martin ein donnerndes -Urtheil, das jenes vom Pabst Benedikt zerschmettern sollte, zu -erhalten. Die Ausdrücke desselben waren ausgesucht und der Kühnheit -des Päbstlichen Stuhls eigen. Wonnevoll, ganz entzückt war die von -Degre darüber. Der Herzog von Brabant glaubte, gerächt zu sein; -die Gräfin von Hennegau, die beständig über ihre Tochter loszog, -frohlokte über diesen schönen Erfolg; und der Herzog von Burgund freute -sich innerlich, daß ihm nunmehr die Unordnungen in seiner Famillie -Gelegenheit verschaften, gemächliche Entwürfe zu machen, den Besiz der -schon inne habenden Staaten sich zuzusichern, und solchen zu erweitern. -Nur der Graf von S. Paul, des Herzogs von Brabant Bruder, ärgerte sich -über diese Mißhelligkeiten und das unkluge Betragen seines Bruders; -allein mit dem besten Willen war er zu ohnmächtig, es zu hintertreiben. - -Diese Nachricht blieb in England nicht lange unbekannt. Ob sie gleich -Jacobine erwartet hatte, war sie ihr nichts desto weniger empfindlich -zu vernehmen. Ihr heftiger Schmerz vermehrte sich; sie bezeigte solches -ihrem Gemal, der sich alle Mühe gab sie zu trösten und zu beruhigen. -Die Climberge brauchte gleichfalls ihre ganze Beredsamheit; allein -Jacobine warf ihr mit vieler Bitterkeit vor, daß sie es nur ihrem -dringenden Zureden zu verdanken hätte, daß sie nunmehr so unglüklich -wäre. - -Indeß Jacobine allen Muth und fast den Verstand verlohr, schmeichelte -der Herzog von Burgund dem von Brabant ganz ausnehmend; der Herzog von -Bedford aber, damaliger Regent in Frankreich, nahm sich seines Bruders -an. Es wurden einige Versuche gemacht, die Partheien zu vereinigen; -wie man sich dann auch würklich zu Amiens versammlet hatte, allein der -Erfolg entsprach diesen Bemühungen nicht. Um die Thränen seiner Gemalin -zu stillen, gieng der Herzog von Glocester, nachdem er so viel Völker, -als er nöthig glaubte, Besiz von denen, dem Hause Hennegau zugehörenden -Ländereien nehmen zu können, aufgebracht hatte, mit ihr nach Calais -über. - -Gerührt bei dem Anblik ihrer rechtmässigen Fürstin, empfiengen sie -die Einwohner der Provinz unter lautem Freudengeschrei, ob sie -gleich dem Herzog von Brabant das Gegentheil zugesagt und geschworen -hatten: Allein da eben damals Johann von Baiern Jacobinens Oheim in -dem Haag vergiftet wurde, und sie dadurch dieser noch einzig übrig -gebliebenen Stütze ihres Hausses beraubet ward, nuzte der Herzog von -Brabant dieses, und bemächtigte sich einiger der beträchtlichsten -Oerter. Hierdurch brach die Kriegsflamme in voller Wut aus. Der Herzog -von Glocester wollte seine Gemalin in Sicherheit nach England zurük -bringen; allein eigensinniger Weise blieb sie in Bergen, und wollte -lieber alles wagen, als, wie sie sich ausdrükte; schimpflich die Flucht -nehmen. - -Hier hatte sie aber neuen Verdruß zu erdulten. Da die Gräfin von -Hennegau, die noch beständig für den Herzog von Brabant eingenommen und -gegen Jacobinen aufs äuserste aufgebracht war, sich an dem nehmlichen -Ort befand, erforderte es der Wohlstand, daß sie sich einander sahen. -Aeusserlich vermied die Gräfin von Hennegau alles, was den Schein eines -Unwillens haben konnte, und Jacobine beobachtete ihre Schuldigkeit -sehr sorgfältig und mit vieler Bescheidenheit. Allein bei der ersten -Unterredung redete die Gräfin Jacobine in stolzem Ton folgendergestalt -an: Jezt Madame! nachdem sie Ihren Gemal, ihre Mutter und ihre Staaten -verlassen, die gesittete Welt durch Ihre Aufführung geärgert und -die Päbste gegeneinander aufgebracht haben, kommen Sie mit fremden -Kriegsvölkern nach Bergen, uns heimzusuchen und vermuthlich auf -keine Weise unserer zu schonen. -- Madame! erwiederte Jacobine, es -wird genug zu meiner Rechtfertigung sein, wenn ich Ihre beleidigende -Vorwürfe, die ich nicht verdiene, gedultig und ehrerbietig anhöre. Die -Beleidigungen, die mir der Herzog von Brabant zugefügt hat, sind Ihnen -nicht unbekannt, und diese haben mich bewogen, ihn als einen Treulosen -und Undankbaren, der mich ins Elend gestürzt hat, zu verlassen, und -mit Erlaubnis der Kirche, einen Fürsten zu heirathen, der mir ganz -uneigennüzig gedienet und Schuz gegeben hat. Ich sehe daher nicht ein, -was in diesem Betragen tadelnswürdig ist. Allein Madame! leid ist es -mir, mich gezwungen zu sehen, Ihnen ohne Rükhalt zu sagen: Daß mir -Ihre Gleichgültigkeit, die Sie mir in meinen Leiden bewiesen haben, -alle Ueberlegungskraft benommen hat. Denn hätten Sie mir nur einige -theilnehmende Liebe gezeigt, so würde meine Erkenntlichkeit Ihre Güte -übertroffen haben. -- Mit verächtlichem Ton erwiederte die Gräfin: -Die Erlaubnis, auf die Sie sich so vest stüzen, ist eben von keiner -grossen Wichtigkeit, da sie nur aus dem Mond[K] ihre Entstehung -hat; und Sie sehen auch, wie wenig das Konzilium drauf achtet. Ich -glaubte, Sie würden vorsichtiger und klüger zu Werke gehen, als durch -Ihre Uebereilung zwei Fürstlichen Häussern einen solchen Schandfleken -anzuhängen, den sie Ihnen mit Recht noch nach vielen Jahrhunderten -vorwerfen werden. -- Ihnen zu gefallen Madame! antwortete Jacobine, -will ich die Schuld ganz auf mich nehmen, und Sie nicht anklagen; -allein hätten Sie mir die Freiheit gelassen, meine erste Verbindung im -Wittwenstand zu betrauren, so würden Sie mir alle diese Leiden und sich -selbst den Verdrus erspahret haben. War es nöthig, um Ihnen gefällig zu -sein, daß ich ewig unter der Abhängigkeit eines eigensinnigen Fürsten, -dem nicht einmal die Worte von Ehre und Tugend bekannt sind, leben -muste? Sollte ich der von Degre Schandthaten durch gefälliges Betragen -noch selbst begünstigen? Und muste ich endlich gelassen zusehen, daß -eine Handvoll Menschen aus der Hefe des Volks sich anmasse, mir Geseze -vorzuschreiben, da wo ich allein unumschränkt zu befehlen habe? -- -Sie musten sich beklagen, fuhr die Gräfin fort, und dieß war alles, -was Ihnen die Klugheit zu thun erlauben konnte. Es ist jezt ein -schöner Anblik für mich, Ihnen, nachdem Sie unsinniger Weise das Meer -durchstrichen, unter Begleitung eines Wollüstlings, der Sie in sein Nez -gelokt hat, und der Ihnen, wenn er nur Ihr wahrer Liebhaber gewessen -wäre, besser geschonet haben würde, wieder hier zu sehen. Denn sein -Betragen zeiget deutlich, wie niedrig er Sie achtet, und daß er sich -nur Ihrer als einer ganz in Ehren verlornen Frau, zur Befriedigung -seiner Lüste bedienet. Diese grausame Mutter wollte hierauf weiter -nichts anhören noch sagen, sondern gieng in ein anderes Zimmer; und -Jacobine, vom tiefsten Schmerz gebeugt, begab sich in das ihrige. - - -Da der Herzog von Brabant damals zu Brüssel war, führte in seiner -Abwesenheit die Gräfin von Hennegau die Regierung in Bergen. Allein das -Blatt drehte sich bald anderst. Die Einwohner, die Jacobinen wirklich -so sehr liebten, als sie ihre Mutter und den Herzog von Brabant -hasseten, erklärten öffentlich, daß sie nur ihr gehorchen wollten, -indem der Herzog sich des Titels ihres Souverains unwürdig gemacht -hätte. - -Seines eigenen Vortheils wegen, ließ sich der Herzog von Burgund sehr -angelegen sein und wandte seine ganze Aufmerksamkeit auf den Nuzen, -den er daraus zu ziehen gedachte; dieser zielte schlechterdings dahin, -Jacobine gänzlich zu unterdrücken. Er foderte den Herzog von Glocester -trozig auf, und zwischen beiden Theilen entstund ein Briefwechsel, der -keine andere Folgen als den Krieg nach sich zog. Humphrei, der damals -seine Gemalin zärtlich liebte, war über die ihr wiederfahrne Kränkung -äuserst gerührt. Die harte Unterredung, die ihre Mutter mit seiner -Gemalin gehabt hatte, sezte ihn vollends in Wuth; und da er alle Kräfte -anwenden wollte sie zu rächen, beschloß er, eine Reise nach England zu -machen, um von da desto leichter die erforderlichen Hülfs-Völker zu -beziehen. - -Die Gräfin von Hennegau, die ihrer Tochter mit so grosser Strenge, -begegnet war, empfand, mehr aus Furcht, als aus anderm Triebe, einige -Reue, und wollte sich nun in etwas menschlicher bezeigen. Dem zufolge -gieng sie zu ihr, und bat sie, während der Abwesenheit des Herzogs von -Glocester, in Bergen zu bleiben. Die Einwohner, die ihr dem Anschein -nach ganz ergeben waren, erboten sich sie zu bewachen. Jacobine sahe -so viele Wiederwärtigkeiten in ihrem Schiksal, daß ihr alles, ja sogar -Humphreis Sorgfalt, dessen Eifer sich verdoppelte, verdächtig war. Da -der Tag seiner Abreise anbrach, wollte sie ihn einige Meilwegs ausser -Bergen begleiten. Beim Abschied schienen beide gleich gerührt, und -eben sagten sie sich das lezte Lebewohl, als ein Frauenzimmer, das -sich durch Schönheit und verbissene Wuth besonders auszeichnete, das -Volk das sie umgab, durchdrang, und den Herzog von Glocester in vollem -Eifer also ansprach: Verräther! feiger und treuloser Fürst! gieb mir -meine Ehre wieder, die du mir geraubet hast, oder tödte mich vor den -Augen derjenigen, die die Ursache deines Meineids ist. Madame! fuhr -sie fort, sich zu Jacobinen wendend, verzeihen Sie meine Ausschweifung -und entschuldigen solche in Rüksicht meiner Verzweiflung. So lange es -mir möglich war, habe ich im verborgenen gelitten; allein die Kräfte -eines zärtlichen und betrogenen Mädchens, die ohne Hülfe ist, sind -nicht unerschöpflich. Dieser heimtückische Fürst, der Ihnen seine -Hand gegeben hat, vergab ein Gut, das ihm nicht mehr eigen war. Er -mißbrauchte die Unschuld meiner Jugend, und verführte mich unter -Ausstosung der theuresten Schwüre, die ich unverbrüchlich zu sein -glaubte. Sie sehen meine Person, ausserdem aber bin ich aus einer guten -edlen Famillie entsprossen, daß er keine Ursache zum erröthen gehabt -haben würde, wenn er sein heilig beschwornes Versprechen gehalten hätte. - -Dieser unvermuthete Auftritt verursachte Jacobinen eine wunderbare -Bestürzung. Mit vieler Aufmerksamkeit betrachtete sie die, die ihn -erregt hatte. Sie fand, daß sie viele Reize hatte; und konnte sich -nicht enthalten, sie zu bedauern. Der Herzog, ganz beschämt, war in -der grösten Verlegenheit, wie er sich aus diesem verdrüslichen Handel -wickeln sollte. Endlich, nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte -er zu Jacobinen: Madame! Kehren Sie sich an den Reden einer Unsinnigen -nicht; nach ihrem Betragen können Sie auf ihre Unverschämtheit -urtheilen. Die wahre Tugend schreiet nicht so laut und vor so vielen -Zeugen. Ich versichere, daß ich Ihnen sehr treu bin, und daß ich jezt -von Ihnen verliebter scheide, als ich es jemals war. Hierauf und ohne -ihr weitere Zeit zur Erholung zu lassen, umarmte er sie, sezte sich -aufs Pferd, und jug mit solcher Geschwindigkeit davon, daß man ihn -augenbliklich aus den Augen verlohr. Die Bekümmerte aber, die ihn in -Verlegenheit gesezt hatte, lief ihm mit einer Schnelligkeit, die man -ihrer Schwäche nicht zugetrauet hätte, nach! - -Der Lerm, den diese Begebenheit verursacht hatte, verbreitete sich -bald bis zur Gräfin von Hennegau; und Jacobine, die wieder zurük -nach Bergen gegangen war, hatte von ihrer Mutter die empfindlichste -Spötteleien auszuhalten. Wenn ich mich nicht irre, sagte sie zu ihr, -so schmeichelt sich die verzweiflungsvolle Schöne mit einem glüklichen -Erfolg ihres zärtlichen Ausfalls, und der eine merkwürdige Epoche -in Ihrem Roman machen wird. Die kleine Ausschweifung des Herzogs -von Brabant war Ihnen empfindlich, weil Sie ihn nicht liebten, und -die weit grössere des Herzogs von Glocester werden Ihnen noch viel -empfindlichere Schmerzen verursachen. Aus Mittleiden muß man Sie -bedauern und aus Vernunft tateln; denn überhaupt sind Sie nicht zu -entschuldigen. Die aller unschuldigsten meiner Handlungen, erwiederte -Jacobine, werden Ihnen allezeit wie unverzeihliche Fehler vorkommen; -denn nur gegen den Herzog von Brabant sind Sie leicht nachsichtlicht. -So groß aber dieses gefällige Betragen ist, weis ich dennoch nicht, ob -er es nicht einstens erschöpfen wird. Wenn der Herzog von Glocester -vor unserer Bekanntschaft einige flüchtige Liebes-Verständnisse gehabt -hat, folget daraus daß er mich verlassen wird? Wenn eine Verwegene -sich selbst anklaget, kann deswegen der Schimpf, auf mich zurükfallen? -Sie suchen mich nur zu beleidigen; denn Sie müssen den Schimpf den -mir der Herzog von Brabant, da er mich schändlicher Weise der von -Degre aufopferte, angethan hat, einem unbedeutenden Liebeshandel, -den der Herzog von Glocester vor unserer Verbindung gehabt hat, -nicht vergleichen. Betrügen Sie sich Madame! erwiederte die Gräfin -honlächelnd, und schmeicheln Sie wenigstens mit freiwilliger Blindheit -Ihren Verwirrungen. Sie bedürfen keines Raths; und da Sie den Weg nach -England allein gefunden haben, so können Sie leicht weit entlegenere -Betrüger finden. Unter Ausstosung dieser beleidigenden Worte verließ -sie Jacobinen, die ihrem beklemmten Herzen bei der Climberge, mit -einer Thränenfluth Luft zu machen suchte. Nun siehest du, sagte sie zu -ihr, in welche Kette von Leiden ich mich durch dein Zureden verwickelt -habe. Du siehest die Päbste, meine Anverwandte und alle vernünftig -denkende Menschen gegen mich aufgebracht. Du siehest ferner eine -Unbekannte aus der Erde empor kommen, der es vermuthlich der Himmel -eingegeben hat, mich durch ihren Vorgang auf das zu bereiten, was -mir unbezweifelt selbst wiederfahren wird. Ha! Climberge! ich bin an -meinem Unglük schuld! Die schnelle Abreise des Herzogs von Glocester -überzeuget mich, daß er nichts zu meiner Beruhigung zu sagen wuste. -Seine Liebste ist ihm nach, sie ist schön und entschlossen; vieleicht -sind sie schon vereiniget; denn ich sehe nur schrekhaften Auftritten -entgegen. Ich gebe zu Madame! antwortete die Climberge, daß Sie -einige Ursache haben verdrüslich zu sein; allein ist der Verdrus von -solcher Beschaffenheit, daß er Sie in einen so verzweiflungsvollen -Zustand sezen sollte? Seit dem der Herzog von Glocester Ihr Gemal -ist, was können Sie ihm vorwerfen? Seine ehrerbietige und sorgfältige -Aufmerksamkeit hat Ihrer Zärtlichkeit entsprochen; die seinige hat er -Ihnen durch stets gefälliges Betragen bewiesen, und Sie beunruhigen -sich dar über, weil es einer thörigten Creatur beliebt, ihre -Ausschweifung selbst öffentlich bekannt zu machen? Er hat Ihnen nicht -gesagt, daß er niemalen einige verliebte Abentheuer gehabt hätte. Wenn -diese Unverschämte noch einige Gewalt über das Herz Ihres Gemals hätte, -würde sie wohl mit solcher Wuth vor Ihnen ihr Recht zu behaupten -suchen? Beruhigen Sie sich Madame! mit diesen Betrachtungen, und lassen -Sie diese Ehrvergessene dem Herzog von Glocester immer nachlaufen; er -schien bei ihrem Anblik so gleichgültig, daß man unbezweifelt einsehen -konnte, er sei der Gunstbezeugungen, die sie ihm vermuthlich all zu -freigebig aufgedrungen hat, überdrüssig: Die Ihrigen aber, die ihm von -weit höherem Werth sind, wird er auch gewiß besser zu schätzen wissen. -Schmeichle! unterbrach Jacobine, schmeichle so viel du willst. Dir -allein, durch dein Zureden, habe ich meine jezige Leiden zu verdanken. -Hiemit endigte sich diese Unterredung; Jacobine aber blieb ganz -tiefsinnig. - -Durch einige Engländer erfuhr Jacobine nach der Hand, daß die, die ihr -dermalen so empfindliche Kümmernis verursachte, ein junges Frauenzimmer -von guter Famille, Namens Eleonore, sei, die der Herzog von Glocester -ehedessen vorzüglich geliebt hatte, und man damals auch in London -geglaubt habe, daß er sich mit ihr vermälen würde. Durch einige -wahrscheinliche Betrachtungen, die Jacobine desfals machte, tröstete -sie sich einigermassen, da sie aber die Unbeständigkeit der Männer -schon erfahren hatte, wiedersezte sich stetes Mistrauen ihrer Ruhe. - -Ganz ohne Freunde war Jacobine nicht; verschiedene derselben hatten -sich bemühet, den Pabst Martin für sie zu gewinnen; und da die -Hohenpriester der römischen Kirche gewöhnlich dergleichen Knoten -nicht so vest knüpfen, daß sie nicht auflösbar sein sollten; zog auch -dieser sein eigenes Urtheil wieder ein, und hob hierdurch Jacobinens -Beschämung zum Theil auf. Allein dieser gefällige Pabst gab damit neuen -Anlaß zum Krieg. Der Herzog von Brabant war nichts weniger als ein -Held; er zog das Vergnügen dem Geräusch der Waffen bis zur Feigheit -vor; und da der Herzog von Burgund, der nur Jacobinens gänzlichen -Sturz zum Augenmerk hatte, sahe, daß sie nur unter dem Schuz eines -unerfahrnen Volks war, lies er ohne alle Achtung für das weibliche -Geschlecht und der Würde einer Fürstin, die Provinz ihrer Zuflucht mit -Kriegsvölker überziehen und in derselben übel haussen. Die Gräfin von -Hennegau, die äusserlich sich stellte, als ob sie auf ihrer Tochter -Seite wäre, aber ganz auf der des Herzogs von Burgund war, brachte -durch ihre listige Unterhandlungen einen Vergleich zu stande, vermöge -welchem: dem Herzog von Brabant die Provinz Hennegau zum Eigenthum -verblieb, wo er züglich alle Beleidigungen, die ihm etwa in derselben -wiederfahren wären, zu vergessen und zu vergeben versprach, und daß -Jacobine, bis der Proces, den man wieder aufs neue beim römischen Hof -anhängig gemacht hatte, entschieden wäre, dem Herzog von Burgund zur -sicheren Verwahrung übergeben werden sollte. - -Diese Uebereinkunft, die Jacobinen so ganz nachtheilig war, verursachte -ihr den tiefsten Schmerz. Nun sahe sie erst recht die Falschheit -ihrer Mutter; und die Untreue der Einwohner Bergens ganz ein. Ob ihr -gleich die Nachläßigkeit des Herzogs von Brabant bekannt war, glaubte -sie dennoch nicht, daß er dem Ehrgeiz des Herzogs von Burgund alles -so schlechterdings aufopfern würde. Man drohete ihr, daß, falls sie -diesen Vergleich nicht eingehen würde, sie dem Herzog von Brabant -zu überantworten. Ihre eigenen Bediente wurden gefangen gesezt. Sie -selbst aber wurde nicht nur als eine Staatsgefangene, sondern als eine -würkliche Mißethäterin behandelt. Da sie keine Nachricht vom Herzog -von Glocester hatte, und daher nicht wissen konnte, was in England -vorgieng, marterte dieses ihr Gemüth um so mehr. In dieser äusersten -Verlegenheit lies sie folgendes Schreiben an den Herzog ergehen: - - „Es würde überflüssig sein, Ihnen eine weitläuftige Erzählung - meines bejammernswürdigen Zustands zu machen; denn das Gerücht - trauriger Begebenheiten verbreitet sich nur all zu schnell und zu - sorgfältig. Dieses finde ich aber nöthig, Ihnen in Erinnerung zu - bringen, daß Sie mir mit Ihrer Hand zugleich Ihr Herz zugesichert - haben. Mich von Ihnen nicht mehr geliebt und verlassen sehen, würde - mein trauriges Herz unter allen Leiden, die auf mich losstürmen, - das empfindlichste sein. Mein gröster Feind hier ist meine eigne - Mutter. Ich bin meiner Länder beraubet, und meine noch wenige, - getreu gebliebene Diener liegen in Fesseln. Mir selbst aber ist - keine andere Wahl gelassen, als mich der Sclaverei des Herzogs - von Burgund, oder der des Herzogs von Brabant, zu unterwerfen. - Urtheilen Sie also was aus mir werden würde, wenn Sie mich - verliessen. Nicht der Ehrgeiz, sondern meine gegen Sie tragende - Liebe fordert Sie auf. Denn wären Sie mir weniger schäzbar - gewessen, so würde ich jezt mehr Muth haben. Ziehen Sie bei dieser - Gelegenheit die Reize der schönen Eleonore nicht zu Rath; sie - dürften mir nachtheilig sein. Da ich nicht angestanden habe, Ihnen - mein Herz zu schenken, gebe ich Ihnen jezt auch die Versicherung, - daß ich mit unverbrüchlicher Treue Zeitlebens sein werde &c. - Jacobine.“ - -Der Eilbote, den sie mit diesem Schreiben eigends abgefertigt hatte, -beschleunigte so viel ihm möglich war seine Reise; allein wiedrige -Winde vereitelten diese gute Meinung, und er kam erst in London an, -nachdem sich Jacobinens Wiedersacher ihrer schon ganz bemeistert -hatten. Unter dem Geleit des Prinzen von Oranien und einiger andern -Herren, die der Herzog von Burgund darzu gewählet hatte, wurde sie von -Bergen weg und nach Genf gebracht, alwo sie noch ziemlich ehrerbietig -bedient ward. - -Den Herzog von Glocester rührte Jacobinens elender Zustand sehr. Er -säumte keinen Augenblik an seinen Bruder den Herzog von Bedford nach -Frankreich zu schreiben, der sich dann auch gleich bei Empfang des -Briefs, mit Achthundert Reuter und unter Begleitung vieler vom Adel, -Jacobinen beizustehen auf den Weg machte, und zu Corbie in der Picardie -anlangte. Die Herzogin von Bedford wollte ihren Gemal zu dieser -Unternehmung begleiten; allein es geschahe mehr um die ganze Sache -zu hintertreiben, da sie eine Schwester des Herzogs von Burgund war. -Dieser besuchte sie gleich bei der Ankunft, und unter dem Vorgeben, -sie besser bewirthen zu können, führte er sie auf einige Tage nach -Hedin, wo er durch verstellte Sanftmuth den Herzog von Bedford so -ein zu nehmen wuste, daß der bedrükten Jacobine gar nicht gedacht -wurde.[L] Ob gleich der Herzog von Bedford Regent in England war, -wollte ihm diese Nation dennoch nicht als ihrem Souverain gehorchen. -Sie versagten ihm ihren Beistand mit ziemlichem Ungestüm. Er fühlte -diese Beleidigung sehr empfindlich, er sahe aber keinen Ausweg sich zu -rächen. In dieser seiner Unvermögenheit war er auf eine besondere Rache -bedacht, und foderte zu dem Ende den Herzog von Burgund zum Zweikampf -auf. Beide Fürsten bereiteten sich auch hierzu; allein der Herzog von -Bedford, der es in Zeiten erfuhr, gab nicht zu, daß sie sich durch ein -so abentheuerliches Benehmen vor der ganzen Welt lächerlich machen -sollten. - -Jacobine, die den Pallast der Grafen von Flandern in Gent zur Wohnung -hatte, ward gleichwohl in demselben ihrem Rang nach bedienet. Diese -glimpfliche Behandlung benahm ihr aber keineswegs das Andenken ihrer -gehabten, ihrer jezigen und die Vorstellung ihrer künftigen Leiden. -Welchen Namen man auch ihrem Auffenthalt geben mochte, war er doch im -Grunde eine wirkliche Gefangenschaft; sie konnte daher ihren dermaligen -Zustand nicht anderst als die Folgen einer unerträglichen Tiranei -ansehen, die sie unmöglich erdulten konnte. Außerdem marterten sie noch -gewiße Gemüthsunruhen. Die Briefe des Herzogs von Glocester wurden -ihr vorenthalten, und unter so vielem Verdrus strebte sie sehnlichst -nach der Freiheit. Man hatte ihr überdem gestekt, daß der Herzog von -Burgund vorhabe, sie auf immer in Lisle einzusperren. Die Furcht -einer ewigen Gefangenschaft flößte ihr, mit Beihülfe der Climberge, -und des Descaillon, die ihr beständig treu verblieben waren, neuen -Muth und Entschloßenheit ein. Sie schrieb an einige angesehene und -vermögende Holländer, und sprach sie um ihren edelmüthigen Beistand -an. Keiner unter ihnen versagte ihr denselben, zu welchem Ende sie auf -das schleunigste nach Gent giengen. Daselbst war sie nicht so genau -bewachet, daß man nicht, mit Beobachtung einiger Vorsicht, hätte zu -ihr kommen können. Sie hatte eine gerechte Sache, und unmöglich konnte -man sie, ohne von ihrer Schönheit und Anmuth gerührt zu sein, ansehen. -Ihre Befreier verabredeten sich und trafen so gute Vorkehrungen, daß -sie sie, nebst der Climberge, in Mannskleidern aus Gent und glüklich -nach Antwerpen brachten, daselbst zog sie wieder ihre gewöhnliche -Kleidung an, und langte über Breda in der Grafschaft Holland an. Hier -wurde sie als Gebieterinn empfangen, und die Angesehensten der Provinz -giengen wegen ihrer wichtigen Angelegenheit mit ihr zu Rath. Der Herzog -von Burgund, der über ihre Flucht in Wuth gerieth, versammlete ein so -fürchterliches Heer, als ob er wolle die ganze Welt bezwingen, und -drang damit in Holland ein, um die schon unter seine Bottmässigkeit -gebrachten Oerter im Gehorsam zu erhalten. Man sahe ihn auf die -gänzliche Unterdrükung einer liebenswürdigen Fürstin, die fast so viele -Unglüksfälle gehabt, als sie an Alter Jahre zählte, ganz erbittert. - -Es dauerte nicht lang, so trafen die zwo Parteien auf einander, und -wurden handgemein. Obgleich Jacobinens Heer sehr gering war, erhielte -es doch verschiedene Vortheile, von welchen sie dem Herzog von -Glocester Nachricht gab, der denn auch entschloßen schien, ihr zu Hülfe -zu kommen. Silvatier, unter dem Karacter seines General-Leutenants, -an der Spitze von fünfhundert der tapfersten entnommener Engländer, -wurde hierzu ernannt; allein der Herzog von Burgund, deßen Macht all zu -beträchtlich war, behielt die Oberhand. Dieses zwar tapfere, aber all -zu schwache Heer wurde geschlagen, und fast ganz in die Pfanne gehauen. -Der Sieger aber gieng nach Flandern, um das seinige, welches gleichfals -viel gelitten hatte, wieder zu ergänzen. - -Dieser unglükliche Ausschlag benahm Jacobinen den Muth dennoch nicht. -Der Schmerz, den sie darüber empfand, war heroisch; denn mit wahrem -Heldenmuth, der ihrem Geschlecht sonst nicht eigen ist, stellte sie -sich selbst vor die Spitze ihres kleinen Heers und belagerte Harlem. -Dies Unternehmen glükte ihr nicht. Denn die Vorkehrungen, die der -Herzog von Burgund zur Vertheidigung dieser Stadt getroffen hatte, -wurden zu genau befolget, und sie muste daher mit Kummer ihre lezte -Anstrengung vereitelt sehen. Der Herzog von Glocester verfuhr sehr -nachläßig. Die See schied sie von einander, und Jacobine zweifelte -nicht, daß sich die entschloßene Eleonore in London befinde, und diese -Nachläßigkeit verursache. Wenn der Herzog an sie schrieb, war es in so -verlegenen Ausdrücken, die leicht ihre Muthmaßung bestättigen konnten, -und indeßen sie ihre Völker in eigener Person anführte und sich allen -Gefahren aussezte, blieb er, unter dem Vorwand, die Engländer auf -seine Seite zu bringen, und die Hülfe seines Bruders, des Herzogs -von Bedfords abzuwarten, dem es auch kein Ernst war, ganz unthätig -in London. Alle diese traurigen Betrachtungen bekümmerten Jacobine -stets, und verursachten ihr manche Gemüthsunruhen. Jezt Climberge! -sagte sie zu dieser ihrer Vertrauten, siehest du die betrübten Folgen -der Falschheit des Herzogs von Glocester. Er überläßt mich ganz -meinem Schiksal und der Himmel straft mich wegen meiner thörigten -Leichtgläubigkeit. Die Rolle, die ich spielen muß, schikte sich weit -besser für ihn. Wie? indem ich ein Heer zur Vertheidigung unserer -Gerechtsame anführe, überläßt er sich ganz in träger Unthätigkeit -seiner verrätherischen Leidenschaft. Grausame Climberge! Warum -stimmte meine Schwachheit mit deinen unbedachtsamen Rathschlägen -so überein? Warum habe ich mich durch deine schmeichlerische Zunge -verführen lassen? Und endlich warum muste ich dir, zu meinem grösten -Nachtheil, folgen? Wilst du nun noch einen Menschen entschuldigen, der -mich im grösten Jammer ganz verläßt? und wirst du mich noch ferner -mit seigten Trostgründen beruhigen können? Betrachte mich von nun -an wie ein verstoßenes in der Welt herum irrendes Geschöpf, das von -Anverwandten gehaßt und von Feinden verfolgt ist, und siehe, ob du -im Stande bist, mir die verlohrne Unschuld wieder zu verschaffen. --- Ich gestehe Madame! erwiederte die Climberge, daß mich mein -Diensteifer kann betrogen und zu weit getrieben haben; allein sind -Sie deswegen straffällig? haben Sie dem Herzog von Brabant Anlaß zu -seiner Ausschweifung mit der schändlichen von Degre gegeben? und -geben sie jezt dem Herzog von Glocester Ursache undankbar zu sein? In -beiden Fällen sind Sie unschuldig. -- Ich war zu leichtgläubig und -zu voreilig, erwiederte Jacobine, ich hätte die Wichtigkeit meiner -Handlungen beßer überlegen sollen und dieses habe ich mir mit Recht -vorzuwerfen. - -Der Herzog von Brabant, den die von Degre beständig anreizte, -verfolgte, während der Zeit, den so viel wiedersprochenen -Scheidungs-Proceß beim römischen Hof aufs schärfste. Zur gründlichen -Untersuchung dieser Sache ernannte der Pabst eine Congregazion von -verschiedenen Kardinälen; und da diese auf Seiten des Herzogs von -Brabant die Ursachen zur Ehescheidung nicht hinlänglich genug fanden, -erkannten sie ohne weiteres Jacobinens Ehe mit dem Herzog von Glocester -für ungültig, wenn auch gleich der Herzog von Brabant mit Tode abgehen -sollte. Diesem Urtheil nach, von welchem nicht zu appeliren war, wurde -beschloßen, daß das unschuldige Schlachtopfer, zur Befriedigung der -gegenseitigen, durch Eigennutz geleiteten Partei, auf ihre eigene -Kosten gefangen und dem Herzog von Savoien in sichere Verwahrung -gegeben werden sollte. Gleich nach dem dieses, für Jacobinen so -fatale, Urtheil bekannt wurde, erklärte sich der Herzog von Glocester -auf die unedelste Art, daß er mit Jacobinens Angelegenheiten nichts -mehr zu schaffen haben wollte; und wenige Tage drauf, heurathete er -die nehmliche Eleonore, die ihn bei der Abreise von Bergen mit ihren -Vorwürfen so überrascht hatte. - -Ob nun gleich jezt Jacobinen die Größe ihres Unglücks ganz einsahe, -verlohr sie darum den Muth noch nicht. An der Spitze ihres kleinen -Heers führte sie den Krieg noch immer fort, und auch bei verschiedenen -Gelegenheiten mit günstigem Erfolg. Allein den eifersüchtigen Herzog -von Burgund, der einmahl ihre völlige Zernichtung geschworen hatte, -glükten wegen seiner großen Obermacht die Unternehmungen weit beßer. - -Damals, nehmlich 1426. im April, starb der Herzog von Brabant, dem -sein Bruder, der Graf von St. Paul, in der Regierung seiner Länder -folgte. Da aber dieser ein sehr friedliebender Herr und unvermält -war, bekümmerte er sich weiter nicht um Jacobinens Angelegenheiten, -deren eigenthümliche Staaten sich nunmehr der Herzog von Burgund ganz -zueignete. - -Jacobinen blieb noch ein wahrer Freund in ihrer ganz verlaßenen Lage -übrig. Es war der Graf von Brederode, dieser stellte sich an die -Spitze ihres übrig gebliebenen kleinen Heers, und erfochte wirklich -mit dieser geringen Anzahl Völker ziemlich beträchtliche Vortheile in -Nordholland. Allein endlich muste er doch der großen Obermacht des -Feindes unterliegen; nach einer tapfern Gegenwehr wurde er überwunden, -gefangen und muste zusehen, daß verschiedene Edelleute von seiner -Partei enthauptet wurden. Er würde auch das nehmliche Schiksal erfahren -haben, wenn man nicht befürchtet hätte, da er von dem ehemaligen Grafen -von Holland abstammte,[M] die ganze Provinz dadurch aufzubringen. - -Nun wurde die unterdrükte Jacobine gezwungen, der unrechtmäßigen Gewalt -nachzugeben und einen Vergleich einzugehen, vermöge welchem sie sich -anheischig machen muste, ohne Einwilligung des Herzogs von Burgund, -ihres nunmehrigen Gesezgebers oder vielmehr Tirannen und nächsten -Blutsverwandten, nicht wieder zu heirathen. Dieser Vergleich wurde von -ihnen beiden, in Gegenwart des Adels und der Deputirten der Städte, -zu Delft eigenhändig unterschrieben. Da nun hierdurch der Herzog von -Burgund seine haabsüchtigen Absichten erreicht hatte, ernannte er einen -jungen Edelmann, Namens Franz von Borselle, der einer der tapfersten -und wohlgestaltesten Edelleute der damaligen Zeit war, zum Gouverneur -über die unrechtmäßig an sich gebrachten Länder. Um sich mehr Ehre -und größeres Ansehen zu geben, führte er Jacobinen, gleichsam wie im -Triumpf, mit sich nach Bergen. - -Hier hatte sie nun volle Muße, Betrachtungen über die vielen -Wiederwärtigkeiten, die ihr begegnet waren, anzustellen. Sie -befand sich an einem Ort, wo ihr alles zu Befehl stehen sollte, wo -sie aber leider nichts mehr zu sagen hatte. Man erwies ihr zwar -einige Ehrenbezeigungen; allein mit weniger Achtung und mit vieler -Nachläßigheit. Stündlich beweinte sie die Härte ihrer Leiden, den -Tod des Dauphins und den ihres Vaters, des Grafen von Hennegau, und -verwünschte ihre unglüklichen Ehen mit den Herzogen von Brabant und von -Glocester. Vielfältige Betrachtungen machte sie über das schändliche -Verfahren der Päbste, und alle andern Ereigniße, die sie in den -Abgrund des Verderbens gestürzt hatten. Aller ihrer Vorrechte beraubt, -unvermögend die geringsten Bedürfniße befriedigen zu können, verachtet -in ihren eigenen Staaten, und unterdrükt von einem Fürsten, der ihr -Blutsfreund war -- was muste sie bei ihrer erhabenen Denkungsart nicht -alle dabei empfinden? Sie fühlte noch zärtliche Regungen für den -untreuen Herzog von Glocester, die zu tiefe Wurzeln gefaßt hatten, als -daß sie so leicht hätten können ausgerottet werden; und man konnte in -Wahrheit von ihr sagen; daß das schönste, geistigste und anmuthigste -Frauenzimmer, das aller elendste auf Erden war, worüber der Herzog -von Burgund frohlokte. Ihr elender Zustand rührte die Gräfin von -Hennegau, ihre Mutter, auf keine Weise; und die von Degre, die nicht -unterlies übertriebene und nachtheilige Erzählungen und Lügen von -ihr auszustreuen, spottete sie allerwegen aus. Dieses alles aber -verhinderte nicht, daß ihr die Liebe in ihrem Schicksal neue Prüfungen -zubereitete. Der von Borselle hatte sie verschiedenemalen angetroffen, -da sie ihrem kummervollen Herzen durch eine Tränenfluth Luft zu machen -gesucht hatte. Nichts erhebt die Schönheit eines Frauenzimmers mehr, -als traurige Blicke; und wer nur die geringste Anlage zu zärtlichen -Empfindungen hat, der kann unmöglich ein liebenswürdiges Frauenzimmer -im Kummer sehen ohne Mittleiden zu fühlen und ohne von ihren Reizen -gerührt zu werden. So gieng es auch dem von Borselle; und ob er gleich -dem Herzog von Burgund sein ganzes Glük zu verdanken hatte, so sahe er -doch denselben von Stund an wie seinen ärgsten Feind an, und lies sich -in seinen zärtlichen Regungen für Jacobinen nicht irre machen. - -Anfangs betrachtete Jacobine Borsellens gefälliges Betragen als -Wirkungen der Großmuth und des Mittleidens; sie wurde aber bald -gewahr, daß er aus ganz andern Empfindungen handele. Selbst die -Climberge, die noch immer Jacobinens Vertraute war, bemerkte es -und unterredete sich ohne weitern Zwang darüber mit ihr. Wie? -antwortete ihr Jacobine, wirst du nach dem allem, was mir begegnet -ist, noch thörigt genug sein, mir von neuen Liebhabern zu sprechen? -Ist Borsellens Rang und Geburt nicht weit unter der meinigen? und -wenn er mich redlicher und treuer wie die vorigen liebte, würdest -du ihn würdig genug halten, drei angesehenen Fürsten in dem Ehebete -zu folgen. Ich weiß wohl, erwiederte die Climberge, daß er nicht -von so hoher Abkunft ist, demohnerachtet ist er doch aus edlem Blut -entsproßen, liebenswürdig wegen seiner angebohrnen Anmuth, über die -Maßen großmüthig, und eifrigst beflissen, Ihnen zu dienen. Können -Sie versichert sein, ob nicht ihm die Ehre, Sie zu befreien, und der -Ruhm, Sie glüklich zu machen, vorbehalten ist? -- He! Wer hat dir denn -gesagt, fuhr Jacobine fort, daß er mir so geneigt ist? Kanst du ihm -ins Herz sehen oder hat er dir sein Geheimnis offenbahret? Man darf -nur Augen haben, erwiederte die Climberge, um dergleichen Bemerkung -zu machen; denn entweder giebt es keine wahre Verliebte, oder Sie -haben dem von Borselle die heftigste Leidenschaft eingeflößt. In -diesem Fall, antwortete Jacobine, da eben Borselle zur Thür herein -tratt, würde er zu bedauern sein. Da er ziemlich schüchtern und -bleich aussahe, seine Blicke auch zärtlich und ehrerbietig waren, so -bestättigte dieses Climbergens Aussage vollkommen. Jacobine erröthete -bei seinem Anblik, und, um ihre Verwirrung zu verbergen, nahm sie ein -erkünsteltes Lächeln an. Sie werden schlechten Dank bei dem Herzog -von Burgund verdienen, sagte sie zu ihm, daß sie eine arme Gefangene, -die alle, welche einiges Mitleiden für sie blicken laßen, mit ins -Unglük stürzet, besuchen. Wenn Sie die Gewogenheit und des Zutrauens -eines mißtrauischen Gebieters fernerhin theilhaftig sein wollen, so -behandeln Sie mich nicht zu edelmüthig. Ich gebe Ihnen die aufrichtige -Versicherung, daß ich mit den, mir schon erzeigten Gefälligkeiten -vollkommen zufrieden bin, und Ihnen dafür ewig verbunden sein -werde. -- Madame! antwortete Borselle, Sie sind mir auf keine Weiße -Verbindlichkeit schuldig; und wenn gleich Ihre Gütigkeit meine gute -Meinung dahin rechnen wollte, so ist bei derselben mein Unvermögen -so groß, daß ich mich darüber schämen muß. Sie sind ganz ohne Fehler -und demohnerachtet sind Sie unglüklich. -- Sie sind zu ausschweifend -in Ihrer Höflichkeit, unterbrach ihn Jacobine; denn von strengern -Richtern würde ich nicht so vortheilhaft beurtheilet werden. Wißen -Sie nicht, welche ärgerliche Gerüchte man von mir ausgestreuet hat, -und auf welche, meiner Ehre nachtheilige Weiße man von mir spricht? -Dieses habe ich der christlichen Liebe der Päbste zu verdanken; diese -wollten mich vermuthlich durch dergleichen grausame Demüthigungen zur -strengeren Buße anhalten. Die Päbste, erwiederte Borselle, waren von -jeher die Geisseln rechtschaffener Menschen. Welche Lästerzunge darf -sich wohl erfrechen, Ihnen ein Vergehen anzudichten. Was? weil Männer -undankbar und unsinnig genug gewesen waren, Ihnen mit Verachtung zu -begegnen, will man Sie ihre Verbrechen entgelten laßen? Ich behaupte -vor der ganzen Welt, daß, wenn jemand unfehlbar ist, Sie es gewiß sind. --- Ha! Borselle, erwiederte Jacobine, Ihre Nachsicht ist übertrieben; -ich laße mir selbst Gerechtigkeit wiederfahren und gestehe freimüthig, -daß ich zu unvorsichtig gehandelt habe. Um aber das Gespräch von -meinen Angelegenheiten abzubrechen, bitte ich Sie, mir die Ursache -Ihrer Traurigkeit und Verlegenheit zu sagen. Sollte ich etwa noch -unglüklich genug sein, Ihnen Verdruß zu verursachen, und sollte das -traurige Verhängniß, daß mich überall verfolget, auch Einfluß auf Sie -haben? -- Sie allein Madame! erwiederte er, verursachen unschuldiger -Weise die Gemüthsruhe, die sie an mir bemerken; denn meine Liebe ist -so gränzenlos, daß ich die Hochachtung, die ich Ihnen schuldig bin, -darüber auf die Seite setze. Ihre Reitze, durch Leiden erhöhet, sind -vermögend, die härtesten Seelen zu rühren; wie kann also die meinige, -die von ganz anderer Beschaffenheit ist, ohne Empfindung sein? Ich -sage dieses mit keiner unbedachtsamen Verlegenheit; denn ich weiß den -Unterschied, der zwischen uns ist, sowohl in Ansehung der Geburt als -des Standes, nur zu gut, dieserwegen ist dennoch meine Liebe nicht -weniger heftig. Erzürnen Sie sich nicht über einen Unglücklichen, den -die Stärke der Leidenschaft hinreißt, durch diese Erklärung seinem -beklemmten Herzen Luft zu schaffen. Obgleich dieser große Unterschied -zwischen uns ist, indem Sie des Glüks eines der ersten Königen -theilhaftig sein sollten, vermindert diese Betrachtung dennoch meine -empfindsame Leidenschaft nicht. -- Borselle! antwortete Jacobine, ich -habe Sie ungestört reden laßen, weil mit Ihre unvermuthete Erklärung -die Sprache benommen hat. Ohne Ihnen die Anmerkung, die Sie selbst -in Ansehung des Unterschieds unseres Standes gemacht haben, nochmals -zu wiederholen, wird es genug sein, Ihnen zur Betrachtung zu geben, -daß alle dergleichen Leidenschaften, die ich unglüklicher Weise schon -eingeflößt habe, gleich nach ihrer Entstehung verschwunden sind, daß -man mir, nur mich beßer betrügen zu können, geschmeichelt hat, und -daß, anstatt daß man mir hätte Treue und Versprechen halten sollen; es -vielmehr scheinet, als ob mein Herz und meine Hand vergiftet wären; -denn so bald ich deren Besiz eingeräumet habe, wurden solche gleich -verachtet und verschmähet, ohne zu gedenken, daß ich unglüklich genug -war, meinem ersten Gemal den Tod zum Brautschaz mit zu bringen. Wenn -es also wirklich an dem ist, daß meine geringen Reize, die niemand -mehr unglüklich machen sollen, Sie beunruhiget haben, so nützen Sie -diese Betrachtungen, Ihre aufkeimende Leidenschaft zu unterdrücken, -und vermehren Sie mein Elend nicht durch Ihr eigenes Leiden. -- Ich -würde, erwiederte Borselle, wenn es in meinem Vermögen stünde, Ihnen -gehorchen; allein eine Leidenschaft, die so heftig wie die meinige ist, -läßt sich nicht bezwingen Sein Sie vielmehr versichert, Madame! daß -sie von ewiger Dauer sein wird. Nur der Tod kann mir solche rauben, -und ich weiß nicht ob sie mir nicht noch jenseit des Grabes folgen -wird. Ah! welcher Unterschied ist in der Liebe, zwischen den hohen -Ungetreuen, die Sie verrathen haben und dem unglüklichen Borselle? -Warum kann die Geburt seine Leidenschaft nicht rechtfertigen, und warum -hat er keine Kronen zu Ihren Füßen zu legen? -- Sie haben, erwiederte -Jacobine, gute Eigenschaften genug, die zu Ihrem Vortheil sprechen; -aber um des Himmels willen dringen Sie weiter nicht in mich, und -überlegen Sie, daß ich schon unglüklich genug war. Hierauf lenkte sie -das Gespräch auf andere Gegenstände; und Borselle der nun einmal den -Schritt, der manchen Liebhaber in Verlegenheit setzet, gemacht hatte, -sezte vor jezt nicht weiter in sie. - - -Von diesem Tag an verdoppelte er seinen Fleiß und seine Sorgfalt, -Jacobinen gefällig zu sein. Der Herzog von Burgund, der sie so vest -gebunden hatte, war auf Borsellens Betragen wenig aufmerksam. Dies -günstige Uebersehen verknüpfte diesen Umgang bald sehr eng. Die -Climberge, der ihr gezwungener Aufenthalt in Bergen unerträglich -wurde, legte Borsellens unbedeutenste Handlungen großen Werth bei. -Ja! Madame, sagte sie zu ihrer Gebieterin, weil man Sie noch nicht -wirklich geliebt hat, wird es Ihnen um so viel süßer sein, nach -Ihren Verdiensten geliebt zu werden. Hat nicht schon der Himmel Ihre -treulosen Gemale bestraft? Der Herzog von Brabant ist in der Blüte -seiner Jahre gestorben, und der Herzog von Glocester hat sich durch -seine Verbindung mit einer entehrten Person, ganz Europas Verachtung -zugezogen, und Sie mit Aufopferung seiner eigenen Ehre gerächet. -Borsellens Beständigkeit in der Liebe wird diese Rache vermehren. -Wollten Sie lieber in den Feßeln, die Ihnen der Herzog von Burgund -angelegt hat, schmachten, als das Glük eines verdienstvollen Mannes -befördern? Man hat Ihnen unbillige Geseze vorgeschrieben, denen Sie -sich zu unterwerfen nicht verbunden sind. Wenn Sie durch Borsellens -Tapferkeit wieder in Ihre Gerechtsame werden eingesezt sein, haben Sie -alsdann nicht Würde und Hoheit, die ihn dem grösten Fürsten gleich -stellen, mit ihm zu theilen? Er ist von edler Geburt, und seine Thaten -machen ihn ehrwürdig. Sollten Ihnen dieses nicht Beweggründe genug -sein? -- Spreche! unterbrach sie Jacobine, spreche immerfort und -leite mich aus einem Irrweg in den andern: weil es deine und meine -Bestimmung ist. Ich sollte die Liebhaber und Ehemänner mehr als den Tod -fürchten, und doch höre ich dir gelaßen zu; ja! ich weiß nicht, ob du -mich nicht noch gar überreden wirst. Gefährliche Freundin! Warum hast -du mich in meinem Unglük allerwegen begleitet? Glaubst du, daß deine -Beharrlichkeit mir nachtheiliger als der andern Treulosigkeit ist? Wie -ich in London ankam, war ich wenig geneigt zu thun, was ich nachher -gethan habe; Du allein warst schuld an der Thorheit, die ich begieng, -jezt willst du mir eine weit größere zumuthen, und am Ende werde ich -mich mehr über dich, als über die von Degre zu beklagen haben. - - -Während Jacobine in einem Strom von Unruhen dahin schwamm, sahe -Borselle, der wirklich und aufrichtig liebte, wohl ein, daß er ihr -nicht verhaßt war; er sezte daher so anhaltend in sie, daß es ihm -glükte das lezte Geständnis von ihr zu erhalten. Er hatte Jacobinens -wegen außerordentlich große Ausgaben gemacht. Denn zu der Zeit, -da sie an allem Mangel litte, sezte er sie in Ueberfluß. Er trat -geheime Vorkehrungen, die des Herzogs von Burgund seine vereiteln -sollten, und heirathete Jacobinen mit der zu diesem Unternehmen -nöthigen Behutsamkeit und erforderlichem Geheimniß. Die Climberge, -der Descaillon und zwei vertraute Freunde des Borselle, waren die -einzigen, die dieser Handlung beigewohnt hatten; das neue Paar war aber -dieserwegen nicht wenig glüklich. Sicher ist es, daß Borsellens Liebe, -statt zu erkalten, täglich zunahm; denn es schien, als ob die Zeit ihr -neue Kräfte gäbe. Allein Borselle konnte nicht länger unthätig bleiben; -er hatte zu viel Muth, das Interesse einer Person, die alles für ihn -aufgeopfert hatte, zu vernachläßigen. Er muste sich daher von ihr -entfernen. Schreklich war für beide dieses nothwendige Scheiden, das -auf die beweglichste Weise, mit Versicherung ewiger Liebe, erfolgte. - - -Man wurde bald gewahr, daß Borselle Jacobinens Angelegenheiten wegen -in Bewegung war. Es dauerte nicht lang, so wurde der Herzog von -Burgund davon benachrichtiget; und ob gleich das Ehebündniß sehr -geheim gehalten war, erfuhr er es doch auch gar bald. Da er einer -der stolzesten rachsüchtigsten Fürsten war, geriet er bei dieser -Nachricht in die gröste Wuth. Hundert Eilboten wurden mit dem Befehl -abgefertiget, sich des Borsellens zu bemächtigen, der sich zu sehr auf -seinen Muth verlaßen, und sich mit seiner geringen Anzahl Leute zu -viel gewagt hatte, gefangen genommen und in die Hände seines Feindes -geliefert wurde. - -Der Herzog von Burgund, der nun seiner Beute gesichert war, wollte -die strengste Rache ausüben. Er befahl zu dem Ende, Borsellens -Prozes zu beschleunigen. Bis zur Wuth gegen Jacobinen, die ihn so -hintergangen hatte, aufgebracht, wollte er ihr das Schiksal, das -ihrem Gemal bevorstand, selbst ankündigen. Sie können nun auf den -fünften Gemal bedacht sein, sagte er zu ihr; denn ich gebe Ihnen mein -Wort, daß ich Sie in einigen Tagen der Mühe überheben werde, den -Scheide-Brief Ihres vortreflichen Ehebündnißes mit dem Borselle, von -Rom aus kommen zu laßen. Ein Scharfrichter wird hier die Stelle des -Hohenpriesters vertreten, und Ihnen diese Erlaubniß verschaffen. Denn -ich glaube nicht, daß Sie mich feig genug halten werden, dergleichen -grobe Beleidigungen ungestraft zu laßen. Ganz unvergleichliche Ehre -haben Sie den Baierischen und Burgundischen Häusern erwießen, daß -Sie ihr Blut mit dem eines elenden Kriegers vermischt haben, der nur -meiner Gnade, das was er ist, zu verdanken hat, und der nun bald dem -Volk zum Schauspiel und den Raben zur Speise dienen wird. Schämen -Sie sich nicht, nach so erniedrigenden Ausschweifungen, noch das -Tageslicht anzuschauen? Der Herzog von Brabant that klug daran, daß er -die Gesellschaft einer Frau, wie Sie sind, mied; und der Herzog von -Glocester hat recht gehabt, Ihnen ein geschändetes Mädchen vorzuziehen. - -Er würde ihr noch mehr Unangenehmes gesagt haben, wenn es sein Zorn -zugelaßen hätte. Jacobine hörte ihm schmerzlich bestürzt zu; aber da -er sie so erniedrigend behandelte, konnte sie nicht länger an sich -halten. Mit trotzigem Blik sagte sie zu ihm: Ob Sie mir gleich im -gebieterischen Ton sprechen, so sind Sie deßwegen noch lange nicht -befugt, mir Geseze vorzuschreiben; und es macht Ihnen eben keine große -Ehre, daß Sie sich mein Unvermögen und Unglük zu nutz machen. Welches -Recht haben Sie, mir meine Güter zu rauben und mich zur Sclavin zu -machen? Ja! ich habe den Borselle geheirathet, und wenn etwas vermögend -wäre, mich es bereuen zu laßen, so wären es die Leiden, die ich ihm -dadurch zugezogen habe. Schwärzen Sie sich immer damit, daß Sie ihn -Ihrem Ehrgeiz aufopfern. Es wird das Maaß Ihrer Ungerechtigkeiten voll, -und Sie vollends abscheuungswürdig machen. -- Ja! Ja! antwortete der -Herzog, ich werde der Nachkommenschaft ein Beispiel geben; denn man -soll nicht von mir sagen, daß ich einen Menschen, der die ersten Häuser -Europens beschimpfet hat, ungestraft laße. Hierauf entfernte er sich, -und verließ die erschrokene Jacobine im tiefsten Schmerz versenkt. - - -So leicht als er es wollte glauben machen, war es doch dem Herzog -von Burgund nicht, den Borselle seiner Rache aufzuopfern. Dieser -Edelmann war durchgehends geachtet und beliebt, auch war Jacobine in -den Jahren, in welchen sie von ihrem Thun und Laßen keine Rechenschaft -mehr zu geben hatte. Es war leicht einzusehen, daß nur die Furcht -Jacobine möchte Leibeserben bekommen, den Herzog zu diesem blutgierigen -Entschluß reizte. Da nun Jacobine dieß alles wohl überlegte, war sie -minder in Verlegenheit.[N] - -Sie bediente sich der Vermittelung des Grafen von Meurs, durch diesen -versprach der Herzog von Burgund, daß wenn Jacobine auf alle ihre -Gerechtsame Verzicht thun würde, so wollte er sie und den Borselle in -Friede laßen.[O] Die dringenden und traurigen Umstände, darinn sich -Jacobine befand, und einen Gemal, den sie zärtlich liebte, zu retten, -nöthigten sie, dieße harte Bedingniß einzugehen. Sie entsagte also zu -Gunsten des Herzogs von Burgund allen ihren Staaten,[P] und man sahe -dieße große Fürstin, und rechtmäßige Erbin so beträchtlicher Länder, in -die äuserste Dürftigkeit versezt. - -Borselle wurde hierauf seiner Gefangenschaft entlaßen. Jacobine -empfieng ihn mit der nehmlichen Zärtlichkeit, als ob sie gar nichts -zu seiner Befreiung aufgeopfert hätte. Beim ersten Anblik sagten sie -sich einander die rührensten Sachen. Borsellens Herz strömte aus -Erkänntlichkeit über; und Jacobine, die sich nun für die glüklichste -Person auf der Welt schäzte, beeiferte sich, ihm ihre zärtliche -Liebe noch mehr zu zeigen. Durch die Bemühungen ihrer beiderseitigen -Freunde wurde der Herzog von Burgund nach und nach besänftiget. Er -warf seiner Nichte einen Gehalt aus, der aber in Betracht deßen, -was er ihr entrissen hatte, gering war. Der Borselle erhielt, wegen -seines Bündnisses mit verschiedenen hohen Fürstenhäuser, den Orden des -goldenen Vliesses. Dieser liebte, oder vielmehr verehrte seine Gemalin -von Tag zu Tag mehr, und Jacobine schäzte ihn eben so. Allein da ihr -Leben mit so vielen und anhaltenden Verdrißlichkeiten verwebt war; so -konnte es nicht anderst sein, als daß ihr Körper sehr geschwächt wurde, -und dieses verursachte ihren frühzeitigen Tod, der dann 1436, sechs -Jahre nach der Zeit, als sie den lezten Vergleich mit dem Herzog von -Burgund eingegangen war, der nun in dem ruhigen Besiz aller der Länder, -die er ihr entrissen hatte, blieb, erfolgte. - - - - -Druckfehler. - - - Pag. 11 Zeile 15 statt Geschwister lies Geschwisterkinder. - - -- 14 lezte Zeile statt kann lies kam. - - -- 14 Zeile 8 statt den lies dem. - - -- 24 - 4 statt dem Grafen lies der Graf. - - - - -_Bei Verleger dieses ist zu haben:_ - - - Auf die Schöpfung. (Ein Gedicht nach Klopstock.) 8. - - 6 ggr. oder 24 kr. - - Carl’s (Dr. Joh. Sam.) Armen-Apotheke, zum Unterricht und Dienst - derer, so keine Kenntniß der Arzneikunst haben. &c. &c. Mit - vollständigen Registern. Siebente verbesserte Auflage. 8. 1789. - - 6 ggr. oder 24 kr. - - Caspari (J. P.) Tirocinia sintactica, oder lateinische Sprach- und - Schulübungen, nach Anleitung der Langischen Grammatik, 2 Theile - verbesserte Auflage. 8. 1789. - - 12 ggr. oder 48 kr. - - Gedanken eines Hohenpriesters der Schwarzen, über die Religion. 8. - 1789. - - 16 ggr. oder 1 fl. - - Hans Georg schlag zu! unser Glaube leidet Noth! eine Ode, - bei Gelegenheit eines Religions Gezänks zwischen Katholiken, - Lutheranern und Reformirten 8. 1788. - - 3 ggr. oder 12 kr. - - Jacobine von Baiern, Gräfin von Hennegau, Holland, Friesland - und Zeeland. Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehnten - Jahrhundert. 8. 1791. - - 12 ggr. oder 45 kr. - - Lecture amusante pour la jeunesse des deux Sexes par Mr. Villaume. - 2 Tomes gr. 8, 1788. - - 1 Rthlr. 12 ggr. oder 2 fl. 45 kr. - - Lettres critiques morales & politiques de Mr. le Comte Max. de - l’Amberg. 3 Tomes 8. à Amsterdam 1786. - - 2 Rthlr. oder 3 fl. - - Philosoph (der) aus Afrika, 3ter Theil, von dem durch mehrere - Schriften sehr bekannten Herrn Pfarrer Hiltebrandt in - Baden-Weyerbach. 8. 1789. - - 16 ggr. oder 1 fl. - - NB Die beiden erstern Theile ließ der Herr Verfasser in Frankenthal - drucken. - - Reimarus (Dr. J. A. H.) Beantwortung einiger, gegen die - Gewitterableiter gemachten Einwürfe als ein nützlicher Anhang zu - dessen Abhandlung vom Blitz, und Vorschriften zur Anlegung neuer - Gewitterableiter. 8. 1790. - - 4 ggr. oder 15 kr. - - Sanders (Heinr.) kleine Schriften. Nach dessen Tode herausgegeben - von G. F. Götz. 2 Bände gr. 8. 1788. - - 1 Rthlr. 20 ggr. oder 2 fl. 45 kr. - - Schatzens (Joh. Jak.) kurze Einleitung in die römischen - Antiquitäten, zur Erläuterung der klassischen Schriftsteller, - vierte sehr vermehrte und verbesserte Auflage, nebst einem - Register, 8. 1789. - - 12 ggr. oder 48 kr. - - System der Wesen, enthaltend die metaphysischen Principien der - Natur. 12. 1779. - - 16 ggr. oder 1 fl. - - Thyms deutliche und vollständige Anweisung zur Orthographie oder - deutschen Rechtschreibung. Berichtiget und herausgegeben von J. D. - Meidinger, zweite und sehr vermehrte Auflage, mit einem Verzeichniß - zweifelhafter und ähnlichlautender in der Bedeutung aber sehr - verschiedener Wörter; nach alphabetischer Ordnung. 8. 1791. - - 16 ggr. oder 1 fl. - - Volks (Alex.), gründlicher Unterricht zur Rechenkunst, woraus - ein Rechenschüler ohne Lehrmeister die Species und Regel de - Tri, nach Anleitung der gemeinen Rechnungsart und der welschen - Praktik, mit ganzen Zahlen und Brüchen, erlernen kann. Mit - vielen ausgearbeiteten Exempeln, sowol nach der Reichsmünze, als - Sächsischen Münze mit allen Vortheilen der Rechenkunst. 8. 1789. - - 6 ggr. oder 24 kr. - - - - -Fußnoten: - - -[A] Seine merkwürdigste Handlung war, daß er 1425 die Universität zu -Löwen stiftete. - -[B] Zu dieser abscheulichen That bediente er sich eines Normänischen -Edelmanns, Namens Raoul d’Ocquetonville, der dem Herzog aufgelauert -hatte, und ihn überfiel, da er eben zu Pferd und nur von zwei Bedienten -begleitet von einem Besuch von der Königin, die in den Wochen lag, -zurük kam. - -[C] Diese Schwachheit, oder vielmehr Wahnsinn des König Karls, rührte -von folgenden Ursachen her: da ihm im Aug. 1392. als er unter Wegs -nach Britannien war, entstandene Unruhen daselbst zu stillen, die -Sonne sehr heiß auf das Haupt schien, bekam er den ersten Anfall von -Unsinn; das Uebel vermehrte sich durch den Schrecken, dem ihm ein -unbekannter, hagerer und elend verstellter Mensch verursachte, der -sich ihm näherte, sein Pferd in den Zaum griff, und ihn mit den Worten -anredete: _Bleib zurück König, wo willst Du hin? Du bist verrathen_, -und gleich verschwand. Und da endlich zum Unglück ein auf dem Pferd -eingeschlafener Edelknabe seine Lanze auf einen vor ihm hergetragenen -Helm fallen lies, glaubte der König man wollte ihn seinen Feinden -überliefern und bekam eine so heftige Wuth, daß er in eine Ohnmacht -fiel und in derselben drei Tage lang liegen blieb. Hierauf hatte er -sich wieder ziemlich erholet, allein, da man, um ihn zu zerstreuen, das -folgende Jahr, den 29ten Jenner, einen vermumten Ball veranstaltete und -ein mit Pech bestrichenes Gewand sich auf demselben entzündete, wodurch -er in Gefahr zu verbrennen gesezt wurde, verfiel er auf das neue in -Raserei. Hieran war die Unvorsichtigkeit des Herzogs von Orleans -schuld, der mit einer brennenden Fackel einigen Personen, die als wilde -Männer verkleidet waren, um sie zu erkennen, zu nahe kam. - -[D] 1412. Bemächtigte er sich der Person des Königs, führte ihn vor -Bourges, wo eine Anzahl Grossen des Reichs eingeschlossen waren, die -zu einem Vergleich gezwungen wurden. Nach diesem verbündete sich der -Herzog näher mit der Königin, und vermehrte dadurch die Zerrüttung im -Reich. Denn unter dem Vorwand der königlichen Gewalt und Befehle lies -er den 18ten Juni 1418. den Kanzler und mehrere Grossen des Reichs, -die ihm entgegen waren, umbringen, und verübte überhaupt unerhörte und -die Natur empörende Grausamkeiten in Paris. Allein das folgende Jahr -erhielt er den verdienten Lohn dafür; denn Sontags den 10ten Sept. -wurde er zu einer Unterredung von dem Dauphin auf die Brücke Monterrau -gelockt, und daselbst durch einen alten Diener des ermordeten Herzogs -von Orleans, Namens Tanegui du Chastel umgebracht. - -[E] Da die Neigungen dieser beiden Frauen in vielem gleich war, so ist -an deren gegenseitigen Freundschafts-Bezeugungen nicht zu zweifeln. -Isabella, Karls Gemahlin, war die Tochter Herzog Stephans II. von -Baiern, und diese Fürstin, die mit ihrem Bruder Ludwig dem Bärtigen, -Grafen von Mottagne beständige Unruhen in Frankreich erregte, konnte -man eine wahre Geissel des Staats nennen. In wie weit ihr die Gräfin -von Hennegau mit ihren Intriguen gleich kam, wird der Verfolg lehren. - -[F] Dieser Johann von Baiern war überhaupt ein sehr haabsüchtiger -und unbarmherziger Fürst. Ob er gleich als Bischoff zu Lüttig lange -Zeit regieret hatte, war er doch nie Priester. Die Lüttiger, die -gerechte Beschwerden gegen ihn hatten, empörten sich, und hielten ihn -in Mastricht eingeschlossen, von wo er, durch Hülfe des Herzogs von -Burgund (wie schon gesagt worden) befreiet wurde. In dem 1409. mit -seinen Unterthanen gehaltenen Treffen, wurden 36000 derselben getödtet, -die übrigen beredete er, unter dem Versprechen einer gänzlichen -Verzeihung, zum Vergleich; allein kaum hatte er die Stadt Lüttig wieder -in Besiz, so lies er eine grosse Anzahl Einwohner, unter dem Vorwand, -daß sie die Rädelsführer, und daher nicht unter diejenigen, die er -begnadigt habe, begriffen sein, ganz unbarmherziger Weise ertränken und -sonst hinrichten. - -[G] Welche Ränke braucht ein verlarvter Bösewicht zu einem -erniedrigendem Geschäft nicht! Zu unsern Zeiten, brauchen die, zu -Ausschweifungen der Art geneigte Fürsten dergleichen Hülfe nicht: -sie wissen sich selbst zu rathen; wäre es aber nöthig, so würden sie -bereitwillige Höflinge zu Unterhändlern genug finden. - -[H] Obgleich der Friede zwischen Heinrich von England und Karl VI. von -Frankreich den 20ten Junii, 1420. zu Troyes geschlossen war; vermöge -welchem Heinrich, nach Absterben König Karls, zum Nachfolger des -französischen Reichs erkannt wurde, und nach der Einnahme verschiedener -Oerter, die es mit dem Dauphin gehalten hatten, die beiden Könige -den ersten Advents-Sonntag ihren Einzug in Paris hielten, wurde doch -der Krieg nicht beendiget. Der Dauphin, unzufrieden mit dem für ihn -so nachtheilig geschlossenen Frieden, der ihn von der Nachfolge im -Reich ausschloß, verstärkte seinen Anhang. Hierdurch wurde Frankreich -in zwei Partheien getheilet, und man sahe damals in demselben zwei -Könige, zwei Königinnen, zwei Kronregenten, doppelte Kronbediente, -doppelte Parlementer, kurz alles war wegen der Spaltung in diesem -Reich zweifach. Die Unruhen auf einmal zu beendigen gieng Heinrich -nach England, um neue Völker zu sammlen. Mit beträchtlicher Macht kam -er zurück, mit dem Vorsaz dem Dauphin ein entscheidendes Treffen zu -liefern; allein dieser wich ihm überall aus. Er belagerte und eroberte -Dreux, während welcher Belagerung ihm ein Einsiedler soll prophezeiet -haben, daß er wegen seiner Ehrsucht das Königreich Frankreich -unrechtmässiger Weise an sich zu bringen, mit einer abscheulichen -Krankheit, vom Himmel würde heimgesucht und bestraft werden. Er -verlachte diese Weissagung. Dem sei wie ihm wolle, so wurde er doch -einige Monate drauf zu Senlis krank. Sein Uebel waren Feigwarzen. (Mal -de St. Fiacre) Ohne sich vor den Folgen dieser Krankheit zu fürchten, -lies er sich in einer Sänfte nach Vincennes bringen, woselbst er aber -am 31. Aug. des 1422. Jahrs seinen Geist im 36ten Jahr seines Alters -aufgab. Kurz vor seinem Ende verordnete er seinem unmündigen Sohn -Heinrich, der erst neun Monat alt war, die Herzoge Johann von Bedford -und Humphrei von Glocester, (der Held in dieser Geschichte) seine beide -Brüder zu Vormündern; und befahl, daß der erste in Frankreich und der -andere in England Regent sein sollte. - -[I] Da hier die Rede von zwei Päbsten ist, die in der damaligen grossen -Kirchenspaltung zugleich gelebt und um gleiche Vorrechte gebuhlet -haben; so wird es wohl hier der schicklichste Platz sein, den kurzen -Lebenslauf derselben anzuführen. Der Leser wird hiernach von selbsten -urtheilen, welcher von beiden den gültigsten Beruf gehabt haben mag? -ein Fall der zu unsern Zeiten schwerlich mehr entstehen wird, jedoch -zur Sache: Peter de la Lune, ein Spanier aus dem Königreich Aragonien, -erhielt vom Pabst Gregor XI. im Jahr 1375. den Kardinalshuth; nach -1378. erfolgtem Tod dieses Pabsts, trug er nicht wenig bei, daß Clemens -VII. zum Nachtheil Urbans V. der schon in Rom auf dem päbstlichen -Stuhl saß, erwählet ward, wodurch die schon in der Kirche herrschende -Zwietracht vermehret wurde. Oefters sprach er dennach mit verstelltem -Eifer von dieser Spaltung, verwünschte alle Zwietracht und versicherte, -daß wenn er an einer der Päbste Stelle wäre, würde er sich alle Mühe -geben und allem entsagen, um die Gläubigen wieder unter ein Haupt zu -vereinigen. Allein der Erfolg zeigte bald, daß er nur unter diesem -heuchlerischen Friedenseifer hochmüthige und ehrsüchtige Absichten -verbarg. Denn als Clemens 1394. zu Avignon starb, stellten die -damals zur Wahl anwesenden Kardinäle, unter deren Zahl er war, eine -schriftliche Versicherung aus, daß derjenige unter ihnen, den die -Wahl treffen würde, wenn es das ganze Collegium für gut finden würde, -der Spaltung dadurch ein Ende zu machen, dem päbstlichen Stuhl wieder -freiwillig entsagen sollte. Es konnte daher nicht fehlen, daß die Wahl -einstimmig auf ihn fiel, bei welcher er den Nahmen Benedickt XIII -annahm. Da er aber nun seinen Entzweck erreichet hatte, wollte er von -allem was er zuvor versprochen und sich anheischig gemacht hatte, -nichts wissen. Der König von Frankreich, verschiedene Häupter Europens, -der französische Klerus und andere mehr, gaben sich alle erdenkliche -Mühe, ihn zur Erfüllung seines Versprechens, damit die Einigkeit in -der Kirche dadurch wieder hergestellet würde, zu bewegen. Allein es -war tauben Ohren gepredigt; sein Ehrgeiz lies es nicht zu; gab er auch -einmal einige Hoffnung, so war es nur um Zeit zu gewinnen, und um desto -wiedrigere Maasregeln nehmen zu können, nach welchen er endlich die nur -auslachte die ihm von freiwilliger Abtretung ferner sprachen. Anfangs -hielt man ihn in Avignon gefangen, er fand aber Gelegenheit 1402. -von da verkleidet zu entweichen, und auf das Schloß Reinard in der -Provence zu flüchten, wo er eine geringe Anzahl Völker antraf, die ihm -zur Leibwache dienten. Auf dem Konzilium zu Pisa wurde er 1409. nebst -Gregor XII. als Schismatiker und Eidbrüchiger, des Päbstlichen Stuhls -verlustig erklärt, worauf den 26ten Juni die Kardinäle ins Conclave -giengen, und Alexander V. an deren Stelle erwählten. Allein Benedickt -kehrte sich hieran nicht, sondern seine Würde zu behaupten und sich -neue Anhänger zu verschaffen, da die Kardinäle alle, die ihn erwählt -hatten, von ihm gewichen waren, ernannte er verschiedene neue. Ob er -nun gleich 1417. von der Kirchenversammlung zu Costanz in den Bann, -gethan und abgesezt wurde, so gaben sich dennoch Europens Monarchen -die Mühe, ihn zum freiwilligen Verzicht unter den vortheilhaftesten -Bedingnissen zu bereden; allein ihre Bemühungen waren auch fruchtlos. -Da er sich endlich von jedermann verlassen und verabscheuet sahe, begab -er sich, nebst zwei ihm treu gebliebenen Kardinälen nach Paniscola, -einer geringen Stadt im Königreich Valenzia, wo er 1424. starb. Dreisig -Jahr hatte er in der Kirchenspaltung verlebt, die er auf seinem -Sterbebette, so wie die Zwietracht boshafter Weise nach seinem Tode, -dadurch noch weiter nähren wollte, daß er die zwei zugegen gewessenen -Kardinäle zwang, an seine Stelle einen Kanonicus zu Barcellona unter -dem Namen Klemens VIII. zu erwählen. - -Sein Gegner Martin III. aus dem Hausse Colonna, wurde, nachdem Gregor -XII. dem Päbstlichen Stuhl freiwillig entsagt hatte, und die Mitpäbste -Johann XXIII. und Benedickt XIII. von der Kirchenversammlung zu -Costanz abhgesezt waren: auf eben dieser Versammlung 1417. zum Pabst -erwählet und daselbst gekrönet. Die versammelten Kirchenväter wollten -hierdurch der ärgerlichen Spaltung, die nun schon vierzig Jahre in der -Kirche gedauert hatte, ein Ende machen. Sie beschlossen daher diese -Wahl nur durch die anwesenden Kardinäle, mit Zuziehung dreisig theils -Prälaten theils andern Geistlichen, die aus verschiedenen Staaten auf -der Versammlung waren, vorzunehmen. Sie erfolgte auf dem Rathhauß zu -Costanz. In der 42ten Sitzung, so wie bei allen folgenden, hatte der -neue Pabst den Vorsitz, worinnen er sich durch seine Beredsamkeit -alle Mühe gab die Eintracht in der Kirche wieder herzustellen. Ein -Beweiß, daß sein Vorsatz aufrichtig war, ist dieser: daß er, nach -Absterben Gregors, den abgesezten Pabst Johann sehr liebreich aufnahm, -und ihn zum Dechant des Kardinalkollegiums ernannte, ihm auch in -solchem einen erhabenern Sitz, als der andern Kardinäle ihrer war, zum -Unterscheidungszeichen anwies. Seine Bemühungen aber, Benedickt zu -gewinnen, waren eben so fruchtlos, wie die der andern Mächte, wovon -schon gesagt worden? nur von Alphonsus König von Aragonien war er noch -unterstüzet. In der 44 Sitzung zu Constanz wurde beschlossen, eine -anderweitige Versammlung für das Jahr 1423. nach Pavia zu berufen, -die aber wegen der daselbst herrschenden Pest das folgende Jahr zu -Sienna gehalten wurde. Dahin sandte Alphonsus einen Bevollmächtigten -mit ansehnlichen Geschenken und grossen Versprechungen, um der -Sache Benedikts eine andre Wendung zu verschaffen, und Martin vom -päbstlichen Stuhl zu vertreiben: Allein der gleich darauf erfolgte -Tod Benedikts machte diesem Zwist ein Ende; denn auf die Wahl, die -Benedikt bei seinem Tode, auf Veranlassung Alphonsus, angestellt hatte, -wurde keine Rüksicht genommen; auch entsagte der dabei ganz ungültig -erwählte Clemens dem päbstlichen Stuhl freiwillig. Dieses bewog den -Pabst Martin, daß er demselben das beträchtliche Bisthum von Majorqua -übertrug. Und hierdurch hörte die während 51. Jahre in der römischen -Kirche gedauerte Spaltung ganz auf, welches man den klugen Bemühungen -Martins zu verdanken hatte. - -[J] Was vermag eine rachsüchtige Buhlschwester nicht! und welch Unglük -entstehet nicht oft in einem ganzen Lande durch das teufelische -Einblasen einer Beischläferin? Doch Dank sei es unsern aufgeklärtern -Zeiten! Kein Blutbad, wie damals wird mehr darauf erfolgen. Denn so -kleine Geister, wie der Herzog von Brabant war, der, ausser seinem -schwachen Verstand, doch gutmüthig genug gewesen sein würde, seine -Gemalinn nicht weiter zu verfolgen, giebt es unter den Grossen nicht -mehr. Thut ja eine Beischläferin noch einigen Schaden, so ist es nur -an Einzeln und an denen, die nicht niederträchtig genug sind, zu ihrer -Fahne zu schwören; der ganze Staat wird aber deswegen nicht zerrüttet. - -[K] Dieser Ausdruk ist ein Wortspiel, das auf den Familien Name (de la -Lune) des Pabsts Benedikts, bezug hat. - -[L] Natürlicher Weise konnte sich Jacobine wenig von dieser Hülfe -versprechen; denn ausserdem wie schon gesagt worden ist, der Herzog -von Bedford ein leiblicher Schwager des von Burgunds war, muste jener -diesen besonders schonen. Da er um seines Vaters Mord zu rächen, -zur Englischen Partie getreten und die Waffen gegen sein Vaterland -ergriffen hatte, war zu befürchten, daß wenn der Herzog von Bedford -eifrig in ihn sezen wollte, er diese Partei verlassen, und sich zum -Nachtheil Englands mit dem König von Frankreich vergleichen dürfte, -wie er denn auch schon oft solches gedrohet hatte. Wäre aber dieses -erfolgt, so hätte sich die Englische Partei unmöglich in Frankreich -erhalten können. Da sich in der Folge mehrere Gelegenheit finden wird, -von dem Herzog von Burgund zu reden, so wird es nicht undienlich -sein, hier einen Biographischen Auszug von ihm zu geben. Philipp III. -Herzog von Burgund &c. war ein Sohn des zu Paris ermordeten Herzogs -Johann von Burgund, wie anderwärts schon gesagt worden. Er ward 1396. -Zu Dijon gebohren. Seines Vaters Tod zu rächen ergrif er 1420. die -Waffen gegen sein Vaterland, und schlug sich zur Englischen Partei. -Hierdurch wurde er sehr mächtig; und da er nirgends Wiederstand fand, -verbreitete er zu Ende der Regierung Carls VI. und Anfangs der von -Carl VII. in Frankreich überall Furcht, Schreken und Verwüstung. 1421. -lieferte er die berühmte Schlacht bei Mons in der Picardie, in welcher -er den Dauphin aufs Haupt schlug, und dadurch das Elend im Vaterland -vermehrte. Endlich verlies er 1435. die Englische Partei, und gieng mit -dem König von Frankreich einen Vergleich ein, welches er auch mit dem -Herzog von Orleans that. Dem ohnerachtet behielt er gegen Carl VII. -beständig heimlichen Haß, welchen er dadurch bewies, daß er seinem Sohn -dem Dauphin, nachmalig König Ludwig XI. Zuflucht in seinen Staaten -verstattete. Er war es der den 19. Jenner 1430. den Orden des güldenen -Vließes stiftete, der verschiedene andere milde Stiftungen errichtet, -und fast die siebenzehen Provinzen der Niederlande vereiniget hatte. Er -starb zu Brügge den 15. Julii 1467. und hinterlies von drei Gemalinnen, -die er gehabt hatte, nur einen Prinzen, Carl den Verwegenen, der ihm in -der Regierung seiner Staaten folgte, dagegen aber fünfzehen natürliche -Kinder, die er von verschiedenen Beischläferinnen erzeugt hatte. - -[M] In der Familie der Grafen von Brederode hat es von jeher nicht -an berühmten Männern gefehlet, unter welchen aber folgende die -merkwürdigsten sind. Heinrich von Brederode war ein Haupt der -Protestantischen Verschwöhrung in den Niederlanden. 1567. überreichte -er der damaligen Gouvernantin Margaretha von Parma verschiedene Denk- -und Bittschriften, in welchen er, als aus dem Hauße der Grafen von -Brabant entsproßen, sein Recht gegen das Hauß Burgund, das diese -Grafschaft in Besiz hatte, suchte geltend zu machen. Da sich aber bald -hernach die Umstände änderten, gieng er mit seiner ganzen Famille, und -allem was er nur fortbringen konnte, zu Wasser nach Embden, und von da -aus nach Deutschland, wo er bald darauf vor Verdruß starb. Seine Wittwe -die eine Gräfin von Meurs, und eine der herzhaftesten Frauen damaliger -Zeit war, vermählte sich nachher mit dem Churfürsten von der Pfalz. -Lancelot von Brederode aber, gleichfals ein Haupt der Verschwornen, -wurde 1573 nach der Einnahme von Harlem, davon er Kommandant war, -und sich muthig vertheidigt hatte, nebst den öbersten Offiziers der -Besazung, auf Befehl des Herzogs von Alba enthauptet. - -[N] Nicht allein diese Furcht, sondern noch ein ganz anderer Beweggrund -veranlaßten den Herzog von Burgund, seine Rache aufzuschieben. Der -Englander Angelegenheiten in Frankreich, mit denen er in Bündniß -stand, fiengen an für ihn nachtheilig zu werden. Es war 1429 da -die berüchtigte Jeanne d’Arc, oder das Mädchen von Orleans, deren -Geschichte, ob gleich schon viel darüber geschrieben worden, jezt noch -ziemlich problematisch ist, zu Frankreichs Rettung auf den Schauplaz -trat. Die Engländer fiengen an, Mißtrauen in den Herzog von Burgund -zu sezen. Trennten sich nun die Engländer ganz von ihm, so muste er -befürchten, daß Jacobine als Gräfin von Holland und Zeeland Hülfe -von ihnen erhalten dürfte. Merkwürdig ist es indeßen, daß Jacobine -die Befreiung ihres Gemals gewißer maßen obiger französischen Heldin -verdanken konnte. - -[O] Es war dem Herzog von Burgund um so viel mehr an Vollziehung des -Vergleichs gelegen, weil eben der lezte Herzog von Brabant, Philipp -Graf von S. Paul, Jacobinens Schwager ohne rechtmäßige Leibeserben -mit Tode abgegangen war, und er sich also auch den gewißen Besiz des -Herzogthums Brabant zusichern wollte. - -[P] Der Herzog von Burgund hatte nun seinen Endzwek erreichet, und -durch Jacobinens Verzicht, die dem Hauße Baiern in den Niederlanden -noch zugehörigen Länder, an sich gebracht. Da er bei seinem Tod nur -einen Sohn, -- wie schon gesagt worden ist -- Carl den verwegenen -hinterließ, und dieser, der 1477. vor Nanzig blieb, keine männliche -Erben, sondern nur eine Prinzeßin Maria, die an den Erzherzog von -Oestreich, nachherigen Kaiser Maximilian, vermälet war, hinterlaßen -hatte, brachte diese die reiche Erbschaft ihres Vaters dem Hauße -Oestreich zu, das denn würklich noch gegenwärtig einen beträchtlichen -Theil davon, wie bekannt ist, besizt. - - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Jacobine von Baiern Gräfin vo - Hennegau, Holland, Friesland , by Gottlob Heinrich Heinse - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JACOBINE VON BAIERN GRÄFIN *** - -***** This file should be named 55013-0.txt or 55013-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/0/1/55013/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Jacobine von Baiern Gräfin von Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland - Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehenden Jahrhundert - -Author: Gottlob Heinrich Heinse - -Contributor: Jordan - -Release Date: June 30, 2017 [EBook #55013] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JACOBINE VON BAIERN GRÄFIN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1791 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Dies -gilt insbesondere für eine Vielzahl altertümlicher Ausdrücke in -unterschiedlichen Schreibweisen, welche nur dann harmonisiert wurden, -wenn eine Variante im Text mehrmals auftritt, die andere dagegen nicht -mehr als einmal. So werden etwa Wörter, die die Buchstabenkombination -‚tz‘ enthalten, in mehreren Schreibweisen gleichberechtigt verwendet -(z.B. ‚setzen‘, ‚sezen‘ oder ‚sezzen‘). Oftmals wird ‚wann‘ für ‚wenn‘ -verwendet; auch dies wurde so belassen, soweit der Sinn erkennbar -bleibt. Personen- und Ortsnamen wurden nicht in deren heute üblichen -Schreibweisen übertragen.</p> - -<p class="p0">Wie in der damaligen Zeit üblich, folgt auf -Kardinalzahlen oft ein Punkt, auf Ordinalzahlen aber nicht; umgekehrt -wie in den heutigen Rechtschreibregeln festgelegt. Diese Regel wurde -im Original zwar nicht konsequent eingehalten, eine Harmonisierung -erfolgte im vorliegenden Text dennoch nicht.</p> - -<p class="p0">Korrekturen aus der Liste der ‚<a href="#druckfehler">Druckfehler</a>‘ -am Ende des Buches wurden bereits in den Text eingearbeitet. -Offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend -korrigiert.</p> - -</div> - -<div class="titelei break-before"> - -<h1><span class="mleft0_3">J</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">C</span><span class="mleft0_3">O</span><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">N</span><span class="mleft0_3">E</span><br /> - -<span class="s7">von</span><br /> - -<span class="s5"><b><i><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">N</span></i></b></span><br /> - -<span class="s5">GRÄFIN <span class="smaller">VON</span> HENNEGAU,</span><br /> - -<span class="s6">Holland, Friesland und Zeeland.</span></h1> - -<p class="s5 center">Eine vaterländische Geschichte aus dem -fünfzehenden Jahrhundert.</p> - -<div class="figcenter padtop3"> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="w16em mtop2 mbot2" src="images/signet.jpg" - alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<hr class="titel" /> - -<p class="s4 center"><span class="mleft0_3">F</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">k</span><span class="mleft0_3">f</span><span class="mleft0_3">u</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">t</span><br /> -<span class="mleft0_3">b</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">i</span> -<span class="mleft0_3">J</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">h</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">n</span> -<span class="mleft0_3">D</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">l</span> -<span class="mleft0_3">K</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">p</span></p> - -<p class="s5 center"><span class="mleft0_3">1</span><span class="mleft0_3">7</span><span class="mleft0_3">9</span><span class="mleft0_3">1</span>.</p> - -<div class="chapter"> - -<p class="s4 center padtop5">IHRO KÖNIGLICHEN HOHEIT</p> - -</div> - -<p class="s6 center mtop2 mbot2"><span class="mleft0_3">D</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">R</span></p> - -<p class="center mbot1">PREISWÜRDIGSTEN</p> - -<p class="s2 center"><span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">H</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">N</span></p> - -<p class="s3 center mtop1 mbot1"><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">N</span><span class="mleft0_3">S</span></p> - -<p class="s3 center">FRIEDERIKE SOPHIE WILHELMINEN</p> - -<p class="s5 center mtop3 padtop3">unterthänigst gewidmet.</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<div class="poetry-container s4 padtop3"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse"><span class="initial">D</span>a Tausende, die D<span class="smaller">EINER</span> Huld sich freu’n,</div> - <div class="verse">Von Dank durchglüht, D<span class="smaller">IR</span> reichen Weihrauch streu’n,</div> - <div class="verse">Leg ich auf den Altar</div> - <div class="verse">Ein Blümchen hin. — Nimms gnädig an,</div> - <div class="verse">Erhabenste! ich gebe, was ich kann</div> - <div class="verse">Und brings voll Ehrfurcht dar.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft15"><i>Jordan.</i></div> - </div> - </div> -</div> - -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p> - -<div class="figcenter padtop3"> - <a id="deko1" name="deko1"> - <img class="w20em" src="images/deko1.jpg" - alt="Dekoration zum Vorbericht" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak padtop3">Vorbericht.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">O</span>b zwar die Begebenheiten einer Fürstin, die vor mehreren Jahrhunderten -gelebt hat, eben die Neuheit nicht haben, auch denen, die nur -einigermaßen in der Geschichte älterer Zeiten bewandert sind, bekannt -sein werden; so scheinen sie mir doch, besonders bei jezigen, in -den befragten Ländern herrschenden Unruhen, interessant genug, aus -verschiedenen Bruchstücken und einer französischen Handschrift einen -Auszug zu<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> verfertigen und solchen zum Druck zu befördern. Wollte man -diese Geschichte ganz zum Roman bilden, so lies sie sich freilich viel -weiter ausdehnen; allein in solchem Fall müste nothwendiger Weise oft -von der Wahrheit der Sache selbst abgewichen werden. Auch hätte ich um -der Geschichte einen glänzendern Anstrich zu geben, sie mit Turniren, -Bällen und andern dergleichen galanten Lustbarkeiten ausschmücken -können; allein eine Fürstin, deren Leben durch so viele und anhaltende -Widerwärtigkeiten vergället war, konnte wenig an dergleichen -Ergözlichkeiten denken. Ausserdem glaub ich dem Leser einen Gefallen -zu thun, wenn ich diese Tändeleien, so wie den verliebten Stil ganz -weglasse und nur buchstäblich bei der Geschichte bleibe. Ueber die vier -Gemahle, die meine Heldin<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> theils aus Gehorsam, theils aus Schwachheit, -genommen hat, wird sich freilich manche Spröde ärgern; indessen wenn -sie die unglükliche Verfassung, in der sie sich befand, genau erwegen, -werden sie gewis nicht so streng in ihrer Beurtheilung sein; dann -sie war von ihrer eigenen Mutter verlassen; auf Veranlassung der -Päbste muste sie Fehler begehen, die einigermaßen gegen den Wohlstand -stritten, und bei ihren stetigen Widerwärtigkeiten konnte sie sich bei -niemanden Raths erholen. Ob man ihr freilich manchen Vorwurf machen -kann, so ist sie doch nichts destoweniger auf der andern Seite so viel -mehr zu bedauern. Sie besas sehr viel gute Eigenschaften, und hatte die -gerechtesten Ansprüche auf ein glänzendes Glück. Diese Vortheile aber -vermochten nicht, sie für dem empfindlichsten<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> Elend zu schüzen, und -ihre grossen und vielen Widerwärtigkeiten beweisen, welch vergängliche -Dinge, Ehre, Reichthum und Schönheit in der Welt sind.</p> - -<p class="s5 mleft2"><em class="gesperrt">Homburg vor der Höhe</em><br /> -<span class="mleft3">im Heumonat 1790.</span></p> - -<p class="s4 right mright2 mtop3">Der Verfasser</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> - -<div class="figcenter padtop3"> - <a id="deko2" name="deko2"> - <img class="w20em mtop3" src="images/deko2.jpg" - alt="Dekoration zum Vorbericht" /></a> -</div> - -<h2 class="nobreak invis">Jacobine von Baiern.</h2> - -</div> - -<p class="p0 padtop3"><span class="initial">D</span>a öfters Menschen von reifern Jahren ihre Handlungen mit wenig -Vorsicht und Klugheit unternehmen und verrichten, so ist es nicht zu -verwundern, daß junge, von aller Erfahrung noch entblößte Menschen in -diese Fehler verfallen. Die täglichen Beispiele beweisen solches zur -gnüge; allein gewisse Fehler, die aus jugendlicher Unbedachtsamkeit -begangen werden, lassen sich um so viel mehr entschuldigen, weil das -Herz keinen Antheil daran hat, und man also der Tugend nicht ganz -entsaget.</p> - -<p>Die Heldin, deren merkwürdige Begebenheiten hier vorgetragen werden, -war eine der, sowohl durch Verdienste als häufige Unglücksfälle -berühmten Prinzeßinnen jener Zeiten, in welchen tugendhafte Handlungen -noch unter dem Joch der Barbarei lagen. Ihre erhabene Geburt, ihre -ausserordentliche Schönheit, und<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> über dieses alles, ihr erleuchteter -Geist, zeichnete sie vor allen andern ihres Geschlechts aus. Ihr -Betragen mit dem strengen Richterauge betrachtet, solte man urtheilen, -daß Liebe und Unbeständigkeit bei ihr Fehler des Temperaments waren, -allein untersucht man ihre Handlungen, so wird man finden, daß sie weit -mehr wegen ihres vielfältigen Unglücks zu bedauern als zu schelten war.</p> - -<p><i>Jacobine</i>, Prinzeßin von Baiern und Gräfin von Hennegau, war die -einzige Tochter und Erbin Wilhelms des IV. von Baiern, Grafen von -Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland, und der <i>Margaretha</i> Herzogs -Philipp des Kühnen von Burgunds Tochter, Uhrenkelin Kaiser Ludwig -des V. von welcher sie 1401. gebohren ward. Ihre erhabene Geburt und -der Glanz ihres Hausses, veranlaßten, daß die mächtigsten Fürsten, -sich schon in ihrer zarten Jugend um sie bewarben. Karl VI. König von -Frankreich, gab sich für seinen Sohn Johann, Dauphin von Vienois, um -ihren Besiz besonders viele Mühe, und die Verlobung erfolgte auch -wirklich im Jahr 1406. da Jacobine erst fünf und der Dauphin, der 1398. -gebohren, acht Jahr alt war. Ob nun gleich die förmliche Vermählung -weit hinaus gesezet wurde, so betrachtete man doch<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> Jacobine von Stund -an, als Königin von Frankreich, und erwies ihr gleiche Ehrerbietung. -Der König von Frankreich stund mit dem Grafen von Hennegau in dem -besten Einverständnis, allein der Dauphin und seine Braut, kannten -sich nur daher, daß man öfters von dieser Verlobung in ihrer Gegenwart -sprach.</p> - -<p>Da nun die Liebe an diesem Bündnis keinen Antheil hatte, so wollte -sie bis zur Vollziehung der Vermählung dennoch nicht unthätig bleiben, -sondern ihre gewöhnliche Streiche spielen. Johann von Burgund, Herzog -von Brabant, der wenig Geist aber desto mehr Ehrgeiz besaß, nahm auf -einige Zeit seinen Auffenthalt zu Bergen. Da Jacobine und er leibliche -<a id="geschwisterkinder" name="geschwisterkinder"></a>Geschwisterkinder waren, berechtigte ihn dieses, den beständigen -Zutritt bei ihr zu haben. Die Gräfin von Hennegau liebte ihn als ihr -eigenes Kind, weil er der Sohn ihres Bruders war, und sie hätte daher -sehr gewünscht, daß die beträchtlichen Güter ihrer Tochter lieber ihm -als dem Dauphin zugefallen wären.</p> - -<p>Der Herzog von Braband war eines ziemlich guten Ansehens, und dabei -sehr reich; allein sein Verstand war eingeschränkt, und er hatte einen -so wunderlichen Sinn, daß auch die Allernachgiebigsten mit ihm nicht -auskommen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> konnten.<a name="FNAnker_A_1" id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a> Dem ohnerachtet verliebte er sich auf das -heftigste in Jacobinen; allein seine Leidenschaft hatte nicht jene -zärtliche Empfindungen, die vermögend sind, das Herz des Gegenstandes -zu rühren.</p> - -<p>Um diese Zeit 1407 ereigneten sich in Frankreich Vorfälle von grosser -Wichtigkeit für das Haus Burgund. Ludwig, Herzog von Orleans, hatte -sich die Schwachheit seines Bruders, des Königs Karl, zu Nuze gemacht, -und durch einen Anhang von mehr als sechshundert Edelleuten sich fast -der gänzlichen Regierung bemächtiget. Dieses erwekte Eifersucht bei dem -Herzog Johann von Burgund, der gleichfalls Antheil an der Regierung -haben wollte. Ob nun gleich diese Zwistigkeiten durch Vermittelung -ihres Oheims, des Herzogs Johann von Beri, waren beigelegt und beide -Prinzen vereiniget worden; so lies doch Johann von Burgund den -Herzog von Orleans den 23ten Nov. bei der Pforte <i>Barbette</i> in Paris -meuchelmörderischer Weise umbringen.<a name="FNAnker_B_2" id="FNAnker_B_2"></a><a href="#Fussnote_B_2" class="fnanchor">[B]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p> - -<p>Die hinterlassene Gemahlin und Kinder des Herzogs von Orleans suchten -diesen Mord zu rächen; der Herzog von Burgund der sich nach Flandern -geflüchtet hatte, vertheidigte sich schlecht, und die Gräfin von -Hennegau, seine Schwester, war natürlicher Weise auf seiner Seite. Da -aber der König von Frankreich die Anverwandten der Dauphine schonen -wollte, trieb er diese Sache nicht eifrig, sondern wünschte einen -Vergleich.</p> - -<p>Der junge Herzog von Brabant und Jacobine, die noch keinen Antheil -an diesen Zwistigkeiten nehmen konnten, vertrieben sich die Zeit -während man am Hof Karls VI. von nichts als Blut und Mord sprach, -mit unschuldigen Spielen. Denn nachdem der Herzog von Burgund dem -Bischof zu Lüttig, Johann von Baiern, gegen seine aufrührerische -Unterthanen beigestanden, und diese vor Mastricht den 23ten Sept. -1408. geschlagen und vertrieben hatte, kam er mit gewafneter Hand nach -Paris, vertheidigte sein Verbrechen, zog während der Schwachheit<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> -des Königs<a name="FNAnker_C_3" id="FNAnker_C_3"></a><a href="#Fussnote_C_3" class="fnanchor">[C]</a> die ganze Regierung an sich, verübte grosses Unheil im -Königreich, und entzündete<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> dadurch den noch unter der Asche glimmenden -bürgerlichen Krieg an allen Enden des Königreichs.<a name="FNAnker_D_4" id="FNAnker_D_4"></a><a href="#Fussnote_D_4" class="fnanchor">[D]</a></p> - -<p>Ob nun gleich der junge Herzog von Brabant Jacobinen auf das heftigste -liebte, hatte sie doch nicht die geringste Gegenliebe noch Neigung zu -ihm. Alle seine Tritte misfielen ihr; denn in allen seinen Handlungen -herrschte ein so albernes Wesen, das ihn ihr unerträglich machte. -Jacobine wurde nicht anderst als mit dem Namen Dauphine benennt, daher -erwies<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> man ihr auch, als der Gemahlin des zukünftigen Thronfolgers -eines mächtigen Königreichs die gebührende Ehrerbietung, und ihre guten -Eigenschaften verdienten auch dieses hochachtungsvolle Betragen.</p> - -<p>Der Graf von Hennegau bemerkte durch seine Scharfsichtigkeit die -Leidenschaft des Herzogs von Brabant leicht. Er sagte daher eines -Tages zu seiner Gemahlin: Ich fürchte, diese jungen Leute, die nicht -für einander bestimmt sind, dürften am Ende zu vertraut miteinander -werden; ich ersuche Sie also, nöthige Maasregeln zu nehmen, damit -diese Vertraulichkeit nicht zu weit gehe. Sie wollen, antwortete die -Gräfin, Sachen sehen, die mir gar nicht bedenklich scheinen; und wie -können Sie begehren, daß Kinder, die Blutsfreunde sind, sich einander -gleichgültig begegnen sollen? Glauben Sie mir diese Art angenommener -Vertraulichkeit, führt öfters weiter als man glaubet. Ihre Tochter -gehöret weder Ihnen, mir, noch sich selbst mehr; ich verlasse mich auf -Ihre Klugheit und beschwöre Sie, alle Sorgfalt zu gebrauchen, ihre -Aufführung zu beleuchten, damit mir kein Verdruß daraus erwachse. Aber -Graf! was wollen Sie daß ich thun soll? antwortete sie, und was kann -ich desfalls zwei noch unschuldigen<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> Kindern verständliches sagen? Sie -glauben sie unschuldiger als sie würklich sind, fuhr der Graf fort; -denn, obgleich der Herzog von Brabant keinen glänzenden Verstand hat, -ist er doch der Liebe fähig; meine Tochter hat schon zu viel Geist, und -ich würde verzweifeln, wenn ihr Jemand Empfindungen beibrächte, die -sie einzig und allein gegen den Dauphin haben soll. — Ihre Vorsicht -scheinet mir ganz unzeitig zu sein, erwiederte die Gräfin; jedoch um -Sie zu befriedigen, will ich das Betragen meiner Tochter und meines -Neffen genau beobachten; allein, in Wahrheit! ich wünschte nicht, daß -man Ihr Mistrauen und Ihre unnüze Vorsicht gewahr würde. — Thun Sie -nur was ich begehre, schloß der Graf, und sein Sie unbekümmert, was -andere seltsames in meinem Betragen finden mögen.</p> - -<p>Nach dieser Unterredung gieng die Gräfin in der Dauphine Zimmer, die -man eben ankleidete. Sie sahe heute ausserordentlich schön aus, und der -Herzog von Brabant betrachtete sie mit solcher Aufmerksamkeit, daß er -die Ankunft der Gräfin von Hennegau kaum gewahr wurde. Sie scheinen mir -sehr tiefsinnig zu sein, Herr Herzog! redete sie ihn an; haben Ihnen -Ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Lehrer eine so wichtige Lexion aufgegeben, oder Sie angewiesen, -Betrachtungen über die Frau Dauphine zu machen? Ich finde meinen -Vortheil besser ihre Reize zu bewundern, erwiederte er, als ein unnüzes -Thema auszuarbeiten, und hierinn ist mein Herz allezeit mit meinen -Augen übereinstimmend. Die Gräfin verwundert über diese Erklärung, -antwortete: Da Sie die Dauphine nicht ewig beschauen können, rathe ich -Ihnen sich in Zeiten und nach und nach an ihre Abwesenheit zu gewöhnen; -denn es ist nicht wahrscheinlich, daß Sie dieselbe nach Paris begleiten -werden. Gehet sie ohne mich dahin, äuserte der Herzog weiter, so muß -ich sterben; warum haben Sie sie dem Dauphin versprochen, der sie nicht -kennt und der sie nie so inbrünstig, wie ich lieben wird? — Ihre -kleine Thorheit kann groß werden, erwiederte die Gräfin; Sie werden -nicht mit nach Frankreich gehen; denn Sie müssen notwendiger Weise in -Ihren Staaten zurück bleiben. — Ha! ich werde sicher dahin gehen, rief -er aus, und sollte es nur sein um den Dauphin zu bekriegen. Mit diesen -Worten entfernte er sich, und die Gräfin sahe nur zu gut ein, daß ihres -Gemahls Furcht gegründet war. Sie redete hierauf die Dauphine folgender -Weise<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> an: Gefällt Ihnen der Herzog so gut wie Sie ihm zu gefallen -scheinen, und würden Sie es gerne sehen, wann er die Waffen gegen Ihren -Gemahl ergriffe? Lachend antwortete die Prinzessinn ich schäzze den -Herzog als einen Blutsfreund von Ihnen, und weil Sie ihm besonders -gewogen sind; allein da ich dem Krieg feind bin, würde es jederzeit -gegen meinen Willen sein, er möge auch bekriegen wen es seie. Begegnen -Sie ihm nicht streng, sezte die Gräfin hinzu; allein lassen Sie sich -nicht zu vertraut mit ihm ein. Die Dauphine versicherte, daß sie diesem -ohne Zwang folgen werde, und daß sie bis jezt noch nichts empfunden -hätte, das ihrer Schuldigkeit entgegen wäre. Ohnerachtet nun die Gräfin -von Hennegau durch diese Unterredung von der Leidenschaft des Herzogs -überzeugt war, wollte sie doch ihrem Gemahl nicht eingestehen, daß er -recht geurtheilt habe.</p> - -<p class="mtop2">Die Dauphine, die nunmehr heranwuchs, ward von Tag zu Tag reizender, -und desfalls allgemein bewundert. Die Leidenschaft des Herzogs von -Brabant nahm, wegen der beständigen Gegenwart eines so liebenswürdigen -Gegenstandes, immer mehr zu; allein sein von Natur widriges Betragen, -leistete ihm in seinen jugendlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> Begierden bei dieser zärtlichen, -doch lebhaften Prinzeßin, schlechte Dienste. Er sprach viel, allein die -Gaben des Ausdruks fehlten ihm. Mit ausserordenrlichem Vorurtheil von -sich war er eingenommen, und doch beobachtete man an ihm nichts, als -ein hochmüthiges und widerwärtiges Betragen.</p> - -<p>Der Graf von Hennegau, den seine Gemahlin endlich die Leidenschaft des -Herzogs eingestanden hatte, fand für nöthig, da die Zeit sich nahete, -wo seine Tochter dem Dauphin zugeführt werden sollte, den Herzog von -Brabant zu entfernen. Er veranstaltete daher seine Zurückberufung. Bei -dieser Gelegenheit verübte dieser junge Liebhaber die ausschweifensten -Thorheiten. Er weinte, man muste ihn mit Gewalt fortbringen; ja! seine -Wuth brach sogar in Vorwürfe und Drohungen aus. Der Gräfin, die ihn -bedauerte, gieng es sehr zu Herzen; allein die Dauphine blieb ziemlich -gelassen, und man sahe wohl, daß sie keine Gegenneigung für ihren -Vetter hatte.</p> - -<p>Die Zwistigkeiten zwischen dem Herzog von Burgund und dem Prinzen von -Orleans dauerten beständig fort; jenes Verbrechen erweckte Grausen und -Empfindungen des Mitleidens bei den Theilnehmenden. Der König, der<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> zum -strafen zu schwach war, und sowohl den Beleidiger als die Beleidigten -schonen wollte, blieb saumselig, den Mord seines Bruders zu rächen und -hielte seine Neffen nur mit eitlen Vertröstungen auf.</p> - -<p>Endlich nahete die Zeit, wo die Dauphine ihrem Gemahl zugeführt werden -sollte. Der Graf und die Gräfin von Hennegau, die grosse Neigung zur -Pracht hatten, verschaften ihr einen glänzenden Hofstaat; und Jacobine, -die nun an einem der glänzenden und artigsten Höfen Europens auftreten -sollte, verabsäumte keine Mittel, die ihre natürliche Schönheit noch -besser erheben konnten. Man hatte zu ihrem Gefolg verschiedene der -schönsten Fräuleins ernannt; unter solchen war eine mit Namen von -Degre ihre vertrauteste, und dieser waren die grösten Geheimnisse der -Prinzeßin nicht unbekannt. Also Madame! sagte sie einige Tage vor der -Abreise zu ihr, werden Sie in kurzem dem Dauphin zugehören, und der -arme Herzog von Brabant wird in Verzweiflung fallen. Sein Temperament -ist nicht so heftig, antwortete die Dauphine; sein Leichtsinn der mir -bekannt ist, wird seine erste Neigung durch neue Gegenstände leicht -unterdrücken und ihn heilen, und ich versichere dich, daß er mich jezt -schon vergißt. — Dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Meinung bin ich nicht, Madame! erwiederte -von Degre; allein das kann ich mit Zuverlässigkeit versichern, daß, -da ich so grossen Antheil an allem was Sie betrift nehme, mir auch -alle, die Sie lieben, nicht gleichgültig sein können. — Um Dich -wegen dieser guten Empfindungen zu belohnen, erwiederte die Dauphine -scherzend, wünscht ich, daß Du die unumschränkteste Beherrscherin des -Herzog von Brabant wärest, und mit Vergnügen würde ich Dich Rang und -Glük mit ihm theilen sehen. Das Erröthen der von Degre überzeugte die -Dauphine, daß ihr dieser Wunsch nicht misfiel; allein jene stellte -sich ganz schamhaftig und antwortete der Dauphine: Sie spotten meiner -Madame! übertriebener Eifer ziehet mir diese Beschämung zu; ich weis -meine Hofnungen besser einzuschränken, und die von Degre haben keine -vornehme Ketten genug um Herzoge von Brabant zu fesseln. — Nun gut -Thörin! fuhr die Dauphine fort, Du magst böse oder nicht böse sein, -nichts destoweniger war es mein völliger Ernst, wenn ich wünschte, daß -Du eine Fürstin und meine Anverwandtin würdest. Und ich Madame! sezte -von Degre Hinzu, wünsche, daß Sie im Besiz des Dauphins, zu einer der -glücklichsten, da Sie schon eine<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> der vollkommensten in der Welt sind, -werden mögen.</p> - -<p>Endlich trat die bestimmte Zeit (1417) ein, in welcher die Dauphine -ihrem Gemahl zugeführt werden sollte. Der Graf und die Gräfin von -Hennegau begleiteten sie nach Compiegne, wo ihrer der Dauphin -erwartete. Die Zusammenkunft dieses jungen Paars, war zwar nicht -ausserordentlich feurig; allein doch nicht ganz gleichgültig. Der -Dauphin war liebenswürdig und die Prinzeßin, seine Braut, besaß -unzählbare Reize. Die Königin von Frankreich, unter Begleitung des -Herzogs von Tourraine, ihres Sohnes, des Herzogs von Britanien, und -mehrerer Prinzen empfingen sie zu Senlis. Das beiderseitige Vergnügen -wurde durch vielfältige Veränderungen in Lustbarkeiten gefeiert, über -welche die Dauphine viel Zufriedenheit bezeugte. Die Königin und die -Gräfin erwiesen sich gegenseitige Freundschaft,<a name="FNAnker_E_5" id="FNAnker_E_5"></a><a href="#Fussnote_E_5" class="fnanchor">[E]</a> und nachdem man<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> -verschiedene Tage in Fröhlichkeit zugebracht hatte, gieng die Königin -zurück nach Paris, der Dauphin mit seiner Gemahlin nebst der Gräfin -ihrer Mutter aber nach Compiegne. <a id="dergraf" name="dergraf"></a>Der Graf von Hennegau, der, -wichtiger Angelegenheiten wegen, nach Paris gegangen war, entfernte -sich, auf gewisse Warnungen, die man ihm eines Verdachts wegen -beibrachte, gleich wieder. Da er nun durch die Heirath seiner Tochter -sich den Dauphin ganz eigen gemacht hatte, gieng er mit der Hoffnung, -ganz seine Absichten zu erreichen, zu ihm nach Compiegne; allein das -Verhängniß drohete Frankreich und dem Grafen von Hennegau mit grossen -Unglücksfällen. Bei seiner am 5ten April erfolgten Ankunft, fand er -den Dauphin an einem vorgeblichen Halsgeschwühr in den lezten Zügen -liegen, welcher gleich hernach seinen Geist aufgab, und durch diesen -unerwarteten Todtesfall verschwanden zugleich alle weitere grosse -Aussichten für den Grafen von Hennegau. Traurig und schmerzhaft für -beide Familien, war<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> dieses Absterben, das ganz Europa in Verwunderung -sezte. Die Dauphine, deren Schmerz um so grösser war, da sie wirklich -anfieng ihren jungen Gemahl zu lieben, gieng, statt nach Paris, mit -ihrer Mutter zurück nach Bergen. Der Dauphin wurde ganz stille und -eiligst in der Abtei Cornelien zu Compiegne begraben, welches den -Verdacht seines schleunigen Todes um so mehr bestätigte; wie dann auch -niemand zweifelte, daß er durch geheime Cabale des Herzogs von Brabant -sei hingerichtet worden.</p> - -<p>Des Glückesunbestand hatte Jacobine, zu einem denkwürdigen Bild des -Leidens bestimmt; auf diesen Verlust erfolgte gleich ein, für sie -noch weit schmerzhafter Schlag. Denn er legte den Grund zu allen -ihren künftigen Widerwärtigkeiten. Der Graf von Hennegau ihr Vater, -der durch den Tod des Dauphins schmerzlich gerührt war, wollte in -der Einsamkeit einige Linderung suchen. Er gieng desfalls nach -Bouchain; allein statt dessen, vermehrte sich vielmehr seine Betrübnis -dergestalt, daß er wenige Tage nach seiner Ankunft starb. Sein Leichnam -wurde in die Franziskaner-Kirche nach Valencienes gebracht. Durch -diesen Tod war nun seine Gemahlin eben so, wie seine Tochter zur -Wittwe geworden. Jacobine, die einzige und rechtmäßige<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> Erbin aller -seiner Staaten, wollte solche daher, und vermöge ihrer Gerechtsame, -in Besiz nehmen; sie fand aber an Johann von Baiern, Bischoffen zu -Lüttig, ihrem Oheim, unter dem Vorwand einer ungleichen Theilung der -Verlassenschaft seines Vaters, des Herzog Albrechts von Baiern, einen -heftigen Widerstand und Verfolger. Dieser Johann von Baiern, der den -Bischofsstaab niedergelegt und sich mit der Wittwe, Anton Herzogs von -Brabant, Bruders des Herzogs von Burgund, verheurathet hatte, machte -nunmehr seine Ansprüche mit dem Schwerd gegen seine Nichte geldend.<a name="FNAnker_F_6" id="FNAnker_F_6"></a><a href="#Fussnote_F_6" class="fnanchor">[F]</a> -Die Verlegenheit, in welche<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> diese beiden Wittwen hierdurch versezt -wurden, war nicht gering. Um aus derselben zu kommen war ein kräftiger -Vorstand nöthig; die Gräfin von Hennegau war daher bedacht, solchen -durch eine andere Verheirathung ihrer Tochter zu verschaffen. Sie hatte -den Herzog von Brabant immerfort auf das zärtlichste geliebt. Bewust -war es ihr, daß seine Liebe zu Jacobinen noch nicht erloschen war. Er -war ihr Anverwandter, und stand wegen seines grossen Reichthums in -gewissem Ansehen. Dieses alles, und da sie ausserdem noch glaubte, -sich ihm gefällig zu erzeigen, bewog sie, ihm ohnverzüglich den Antrag -zu thun. Entzückend nahm er ihn an; und da die Gräfin von dieser -Seite gesichert war, fehlte nichts weiter, als ihrer Tochter gleiche -Gesinnungen beizubringen; sie verabsäumte daher nicht, sie auf das -schmeichelhafteste zu bereden. Sie sehen, sagte sie zu Jacobinen, in -welchen Abgrund von Verlegenheiten und Unruhe der Bischoff von Lüttig -uns stürzet; sein Verfahren wird uns unglücklich machen, wo nicht gar, -ganz unterdrücken; durch des Dauphins Tod<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> sind Sie frei; Sie können -daher einen andern Gemahl wählen, und sehr würden Sie mich verbinden, -wenn ihre Wahl auf den Herzog von Brabant fiel. Die Begierde, Ihnen -gefällig zu sein, ist meine Hauptbestrebung, erwiederte Jacobine; -allein Madame! welche Hülfe können Sie von einem jungen, unerfahrnen -Mann, wie der Herzog ist, erwarten. Seine Geistesgaben sind ausserdem -sehr eingeschränkt; aufrichtig gesteh’ ich und bin dessen überzeugt, -daß unsere Angelegenheiten unter einer dergleichen Leitung schief -gehen würden. Ausserdem sind wir zu nahe verwandt, als daß wir uns -ohne Erlaubnis und Einwilligung der Kirche ehelich verbinden könnten. -Ist es dann unumgänglich nöthig, daß ich mich verehliche? Der Dauphin -und mein Vater haben kaum die Augen geschlossen; unsere Thränen rinnen -noch, und Sie denken schon an ein Eheverlöbnis. Ich muß gestehen, -erwiederte die Gräfin, daß alle Ihre so eben gemachte Einwendungen -den Schein einiger Wahrheit haben; allein ob solche in unserer izigen -Lage der Staatsklugheit gemäß sind, ist eine andere Frage. Der Herzog -von Brabant muß einzig und allein nach unserm Rath und Willen handlen; -je weniger er aus selbst eigener Gewalt und Einsicht auszurichten -vermag,<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> desto mehr bleibt er uns unterwürfig. Urtheilen Sie selbst -nach dem Betragen des Bischoffs von Lüttich, ob es rathsam sei, -sich mit ehrsüchtigen und unternehmenden Fürsten in solchen Fällen -einzulassen..... Aber Madame! unterbrach Jacobine, wann ich mich -mit Ihrer Erlaubnis freimüthig erklären darf, muß ich gestehen, daß -es ein trauriger Zustand ist mit einem fast blödsinnigen Menschen, -der nichts aus eigenem Verstand unternehmen kann und doch seinen -Leidenschaften ergeben ist, Zeitlebens verknüpft zu sein. Alle das -hieraus entstehende Ungemach und die Schande würde auf mich fallen; ich -beschwöre Sie daher, in dieser Sache meinem Gehorsam keinen weiteren -Zwang anzulegen. Sie werden beleidigend, Madame! erwiederte die Gräfin -weinend. Wie! weil Sie der Herzog von Brabant aufrichtig liebte, weil -er mehr zärtlich als lebhaft in der Liebe war, betrachten Sie ihn, — -mich dieses Ausdrucks zu bedienen — wie ein unvernünftiges Thier, und -urtheilen das Schimpflichste von ihm. Mus man eben albern sein, Ihre -Verdienste schäzen zu können? Haben Sie etwas mehr Erkenntlichkeit -gegen seine ersten und reinen Triebe, und denken weniger an sonstige -gute Eigenschaften, die er Ihrem Vorgeben nach<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> haben sollte. -Die Kirche wird keinen Anstand nehmen, und ohne grosse Schwierigkeiten -kann man sie zur Einwilligung bringen; — Wir haben tausend Beispiele -von dergleichen Ehen. — Hierauf umarmte sie ihre Tochter, die die -Achseln zuckte, und wohl einsahe, daß sie am Ende ihrer hartnäckigen -Mutter den Willen thun, und sich ihrem Eigensinn aufopfern müste.</p> - -<p>Da die Gräfin von Hennegau ihre Tochter etwas nachgebender sahe, -verabsäumte sie nicht, die nöthigen Maasregeln auf Seiten des Herzogs -von Brabant zu nehmen. Da er Jacobinen noch heftig liebte, war ihm -die Nachricht, daß er noch zu ihrem Besiz gelangen könnte, auch sehr -willkommen. Man veranstaltete zu Bergen alles zu seinem Empfang; -und die junge Fürstin, die wohl einsahe, daß sie, ohne sich mit -ihrer Mutter ganz zu entzweien, nicht anderst konnte, bereitete sich -allmählig auch hierzu. Die von Degre, die den Herzog von Brabant so -bedauert hatte, da Jacobine dem Dauphin zugeführet wurde, schien, da -nun diese Heirath beschlossen war, dieser Fürstin nicht freudig genug -darüber zu sein. Wie! von Degre! sagte sie, Du läßt wenig Vergnügen -blicken, daß ich deinen guten Freund heirathe; denn<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> nachdem Du mir -sonst so vieles zu seinem Vortheil gesagt hast, scheinest du mir jezo -eben so traurig als damals, wie ich mich mit dem Dauphin vermählte. -Ich nehme dennoch grossen Antheil an dem Glück, das ihm wiederfähret, -erwiederte von Degre; allein Madame! würden Sie es jezt gerne sehen, -daß ich den kleinsten Plaz seines Herzens einnehme? Ich muß gestehen, -antwortete die Fürstin, daß, da er mein Gemahl werden soll, sähe ich -nicht gerne, daß er zugleich eine andere liebte; und lächelnd sezte sie -hinzu, glaube ich nicht, daß sein Herz von so grossem Werth ist, daß -zwei sich darin theilen könnten. Sie verdienen es auch gewis allein zu -besizen, antwortete von Degre, und ich bin überzeugt, daß er keiner -andern Raum in demselben verstatten wird. Sie sehen jezt, Madame! wie -grosse Ursache ich hatte, für ihn zu sprechen, da ihn der Himmel für -Sie bestimmt hat. Er kann dir selbst für diese geneigte Gesinnungen -Dank abstatten, schloß die Fürstin, und ich werde mir angelegen sein -lassen, ihn von Deiner guten Meinung zu überzeugen.</p> - -<p>Ob sich nun gleich der Bischoff von Lüttig, unter Begünstigung -Kaiser Sigismunds, dieser Heirath mit aller Gewalt widersezte, gab -demohnerachtet doch das Konsilium zu Costanz<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> die Einwilligung und -Dispensation. Bei der Ankunft des Herzogs von Brabant in Bergen, sahe -man unmäßige Freude aus seinen Augen funkeln. Er war jung und wohl -gestaltet; Pracht herrschte in seinem ganzen Gefolg. Dieses und das -Vergnügen, das man ihm ansahe, unterdrückte, oder verbarg wenigstens in -etwas seine Verstandesfehler. Gleich nach seiner Ankunft veranstaltete -die Gräfin von Hennegau das Beilager, das sie so sehnlichst gewünscht -hatte. Viele Standspersonen und der ganze Adel des Landes wohnten der -Feierlichkeit bei; und obgleich Jacobine, mit Widerwillen und nur aus -Gefälligkeit für ihre Mutter, diesen Schritt gethan hatte, sahe sie -doch bei dieser Gelegenheit reizender als jemals aus. Der Herzog von -Brabant hatte daher Ursache, in ihrem Besiz alle Leiden, die er zu der -Zeit, da er ohne Hofnung liebte, erduldet hatte, zu vergessen.</p> - -<p>Gleich nach den Feierlichkeiten wurde an einem Vergleich zwischen -Jacobinen und ihrem Oheim gearbeitet; und die, welche zu der -Unterhandlung gebraucht wurden, waren in ihren Bemühungen glücklich, -indem sie denselben zu Stande brachten. Diese wiederhergestellte -Einigkeit lies demnach heitere Tage vermuthen; allein die angenehmsten -und wahrscheinlichsten<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> Hoffnungen werden nicht allezeit nach Wunsch -erfüllet.</p> - -<p>Während der Zeit, die der Herzog von Brabant an seinem Hof zubrachte, -und von Jacobinen, seiner nunmehrigen Gemahlin, entfernet war, -schenkte er sein Vertrauen einem, Namens Beghe, den er zu den obersten -Ehrenstellen erhoben hatte. Dieser wuste sich dergestalt seiner zu -bemeistern, und ihn zu regieren, daß er auch nicht das mindeste ohne -seinen Rath unternahm. Da diesem Minister der erhabene Verstand der -Herzogin nicht verborgen sein konnte, befürchtete er den Verlust -dieses unumschränkten Zutrauens. Ob er nun gleich seine Furcht durch -die tiefste Ehrerbiethung, die er der Herzogin bei jeder Gelegenheit -erwies, zu verbergen suchte, gab er nichts destoweniger dem Herzog, -unter dem Schein der Treue und Redlichkeit, zu verstehen: daß es -gefährlich sei der Herzogin in allem nachzugeben, daß die klugen und -beherzten Frauenzimmer gemeiniglich sich übermäßige Freiheit nehmen, -und daß es schimpflich, ja schändlich für einen Fürsten, als er sei, -so ganz nachsichtig zu sein. Des Herzogs Geistesschwäche war nicht -frei von Stolz; dieses wuste Beghe wohl; sein Kunstgrif<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> that daher -die erwünschte Wirkung. Der ersten Sache, die Jacobine ihrem Gemahl -vorschlug, widersezte er sich hartnäckig. Verwundert und verdrossen -über dies unerwartete, trozige Betragen, sagte sie zu ihm: Sie müssen -blind sein, da Sie die Nothwendigkeit einer Sache nicht einsehen, -welche die verdrüßlichsten Folgen für uns haben kann, wenn desfalls -etwas versäumet wird, und wenn Ihre Einsichten nicht stark genug -sind, müssen Sie sich nothwendiger Weise auf die, welche grössere -haben, verlassen. Ich glaube nicht, antwortete er trocken, daß es -mir an Klugheit fehlet, und mich dünkt, Madame! daß es Ihnen gar -nicht zukommt, mir Geseze vorzuschreiben. Erstaunt rief Jacobine aus: -Ha! Mein Herr! wer hat Sie diese Sprache gelehret? Dürfen unsere -Vortheile jezt getrennt sein, und müssen wir nicht eine einstimmige -Meinung haben? Begeht eine Frau Fehler, wenn sie ihrem Ehegatten -Widerwärtigkeiten ersparen will? Ja Madame! erwiederte er noch -bitterer; und Weiber haben sich in nichts zu mischen, das über ihre -Begriffe gehet. Mit Verachtung erwiederte sie: die Ihrigen sind so -gering, daß, wenn unglücklicher Weise, unsere Angelegenheiten Ihrer -Leitung überlassen werden sollten, sie ganz schief betrieben würden. — -Nach diesen Worten eilte Jacobine,<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> von Schmerz durchdrungen, zu ihrer -Mutter, um ihr diesen Vorgang zu erzählen. Die Gräfin von Hennegau -aber, die übertriebene Nachsicht für einen Menschen hatte, den sie -selbst zu ihrem Eidam erkohr, suchte die Herzogin dadurch zu beruhigen, -daß der Herzog sein Betragen von selbst bereuen und zurückkehren würde. -Und kaum hatte sie ihn gesprochen, als er alles, was man von ihm -verlangte, wirklich that.</p> - -<p>Dieses benahm aber der Herzogin den Verdruß nicht, den sie hatte, mit -einem so fehlerhaften Gemahl verbunden zu sein. In der Zuversicht, daß -die von Degre Theil an ihrem Kummer nehmen würde, öfnete sie derselben -ihr Herz; allein diese Treulose hatte schon seit geraumer Zeit ganz -andere Absichten. Sie glaubte reizend genug zu sein, einem Menschen, -der dem Anschein nach, eines Glücks, das jeder andere beneidet haben -würde, überdrüssig war, Liebe einzuflösen. Sie nuzte also das Vertrauen -ihrer Gebieterin, mit dem Vorsaz, eigenen Gebrauch davon zu machen, -und spielte daher bei der Herzogin die nämliche Rolle, die Beghe bei -dem Herzog spielte. Ich glaubte, daß man sich nicht genug beeifern -könnte, Ihnen gefällich zu sein, Madame! sagte sie zu Jacobinen, -innerlich<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> erfreuet, daß die Uneinigkeit zu Bergen dem völligen -Ausbruch so nahe war. Sie sind nicht gebohren, dergleichen beleidigende -Widersprüche zu dulten. Wie? der Fürst, der sich in Ihrem Besiz über -alle Massen glücklich schäzen sollte, biethet Ihnen schon Troz, und -will Sie beherrschen? O Himmel Madame! welchen Wunsch äuserten Sie -mir, da Sie mir ehemals den Besiz seines Herzens wünschten; da Ihre -Herrschaft von so kurzer Dauer ist, wie lange würde die meinige -gedauert haben? Brauchen Sie bei einem so gefährlichen Anfang Ihre -ganze Herzhaftigkeit und Klugheit; jezt ist es noch Zeit, wenn Sie -nicht ganz unterdrückt sein wollen, Ihre Gewalt fest zu stellen; denn -Ihr Gemahl ist Ihnen Ehrerbiethung schuldig; er ist durch Ihren Besiz -genugsam dafür belohnet worden. — Bei diesen Reden der von Degre, -seufzte die Herzogin ohne Unterlaß; allein jene war, während derselben, -auf Ausführung der gräulichsten Bosheit bedacht. Sie war auf das -heftigste in den Herzog verliebt; und da sie alle Gelegenheiten nuzte, -sein Thun und Lassen auszuspäen, war es ihr nicht schwehr zu entdecken, -daß Beghe diesen schwachen Fürsten ganz regierte. Sie sind, sagte sie -eines Tages zu diesem Liebling des Herzogs, da er ihr eben einige -verliebte Schmeicheleien<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> vorsagte, ganz aus Ihrer Sphäre. Die Sorge, -dem Fürsten gefällig zu sein, sollte Sie ununterbrochen beschäftigen, -und Sie sollten die Zeit nicht mit Erhebung meiner vorgeblichen Reize -verderben. Opfern Sie dem Ehrgeiz dergleichen köstliche Augenblicke -nicht auf, und geben Sie mir keine Ursache, mir selbsten etwas auf -meine Schönheit einzubilden. — Ich kan zugleich meinem Herrn dienen, -erwiederte Beghe, und einer Gebieterin Ehrfurcht bezeigen, wenn Sie -wollen die Meinige sein.... Ich! unterbrach sie? Wenn ich Ihnen auch -alles verspräche, würde ich doch vielleicht gar nichts halten können; -kennen Sie die Frauenzimmer nicht? Einige, erwiederte Beghe; allein -ich muß zugleich gestehen, daß deren verschiedene sind, die ich nicht -auszuklügeln vermag; zum Beispiel unsere Herzogin. Hat diese nicht -einen solchen Scharfsinn, durch welchen sie alle Unternehmungen -auszuführen weis; und kan sich wohl jemand rühmen ihre Gesinnungen zu -ergründen? Ja! erwiederte von Degre, dieser Kunst kan ich mich rühmen; -und ich sage Ihnen mit Zuverlässigkeit, daß sie den Herzog hasset, -verachtet, ja! verabscheuet. Halten Sie sich nicht mit Auskramung -verliebter Schmeicheleien auf, sezte sie hinzu, benuzen Sie den<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> -Wink, den ich Ihnen gebe; aber schonen Sie meine Offenherzigkeit und -benehmen mir die gute Meinung, die ich auf ihr Vertrauen seze, nicht. -Nachdem Beghe dieser Lasterhaften vielen Dank gesagt hatte, eilte er -zu dem Herzog von Brabant, der weder Verstand noch Empfindung hatte, -und dessen Liebe mehr eine Wirkung des Eigensinns, als einer richtigen -Beurtheilungskraft war. Leicht machte er ihn daher glauben, was er -für gut fand; und dieser alberne Fürst glaubte, nach den Eingebungen -dieses gefährlichen Menschen: daß ihn die Herzogin nur verächtlich -mache, um allein zu herrschen; daß sie schon zu viel Gewalt habe; und -daß es aus diesen Ursachen nöthig sei, sich jemanden zu versichern, der -alle ihre Handlungen auf das genaueste zu beobachten vermögend wäre. -Hierauf schlug der Herzog, wie von ungefehr, zu diesem Geschäft die -von Degre vor. Er wuste schon, daß sie aus eigenem Triebe des Herzens -darzu geneigt war. Er rühmte, ganz übertriebener Weise, die Schönheit, -den Eifer und Verstand dieses Mädchens; und überlies die weitere -Einrichtung der Sache dem Beghe. Einige Augenblicke hernach begegnete -ihm die von Degre selbst. Er sahe sie jezt mit weit mehr Aufmerksamkeit -als vorher<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> an. Sie war schön, jung, sanft und auf ihrer Stirne konnte -man die Begierde, ihm zu gefallen, deutlich lesen. Mit vieler Bewegung -redete er sie an: Wo wollen Sie hin, mein Fräulein? Was macht Ihre -Gebieterin? — Sie ist bei der Gräfin von Hennegau, erwiederte von -Degre, und ich gehe, um ihr Bericht wegen eines Geschäfts, das sie -mir aufgetragen hat, abzustatten. — Bleiben Sie einen Augenblick, -sagte der Herzog, und vergönnen Sie mir ein kurzes Gehör; ich bitte -inständigst. — Da es jederzeit meine Schuldigkeit ist, Ihnen zu -gehorchen, antwortete sie, bin ich auch jezt bereit, die Befehle, die -Sie die Gnade haben werden mir zu geben, zu vollziehen. — Nicht auf -diesen Ton nehmen Sie es, mein Fräulein! erwiederte der Herzog; denn -wer so reizend ist, wie Sie, der hat keinen andern Befehlen als denen -zu gehorchen, welche eigene Schönheit und Anmuth ertheilen. Sie sind -schmeichelhaft und werden gefährlich, gnädiger Herr! sagte von Degre -mit niedergeschlagenen Augen; ob ich gleich nicht zum Hochmuth geneigt -bin, würden Sie mich doch dazu verleiten. Aber weit entfernt, mich -durch dergleichen süsse Schmeicheleien blenden zu lassen, welche im -Ernst aufzunehmen nur Thorheit von mir sein<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> würde, will ich solche -nicht anderst als mit schuldiger Ehrerbietung aufnehmen. — Glauben -Sie, fuhr der Herzog fort, daß ich falsch oder heimtückisch sei? Man -glaubt, ich wäre unempfindsam; Ihre Gebieterin aber kann das Gegentheil -bezeugen und Ihnen Meinungen beibringen, die Ihnen alle Furcht benehmen -werden. Ich urtheile nicht nach dem Ausspruch anderer, erwiederte -von Degre; in dergleichen Fällen sind meine Augen die sichersten -Beobachter. — Nun denn! unterbrach der Herzog, so müssen Sie in den -meinigen die Ueberzeugung lesen, daß ich Ihren Reizen Gerechtigkeit -wiederfahren lasse, und daß Sie an der Aufrichtigkeit meiner -unbegränzten Liebe nicht zu zweifeln haben. — Dieses würde ein Wunder -und zugleich eine grosse Ungerechtigkeit sein, erwiederte von Degre, -Sie dürfen niemand anderst als die Herzogin lieben; und wenn deren -Reize, da es keine vollkommnere giebt, Sie nicht mehr fesseln können, -werden es gewis keine andere, noch weniger meine, als welche sehr -gering sind, vermögen. — Besser empfinde ich, was in mir vorgehet, als -ichs mit Worten auszudrücken vermag, war des Herzogs Antwort; Genug, -mein bestes Fräulein! ich liebe Sie von Grund der Seele, und gestehe -es<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> ohne weiter gekünstelte Ausdrücke; ersezen Sie durch Güte und ein -wenig Gegenliebe, die beleidigende Verachtung, die mir die Herzogin -erweiset.</p> - -<p>Ob nun gleich die von Degre ihres Sieges gewis war, wollte sie ihre -Nachgiebigkeit doch nicht gerade zu den Herzog merken lassen. Sie -wollte ihm noch einige Zweifel entgegen sezzen, würde aber doch bei -dieser Unterredung ihr Schiksal bestimmt haben, wann nicht eben die -Herzogin dazu gekommen wäre. Da diese gar kein Mistrauen hegte, und die -Gräfin ihre Mutter sie noch kürzlich versichert hatte, der Herzog habe -keine böse Absichten, näherte sie sich mit Freundlichkeit, zu ihrem -Gemahl, und sagte: Ich bin recht erfreuet, daß Sie sich mit meiner -Gesellschafterin unterhalten; es giebt mir den sichersten Beweis, daß -Sie mich nicht hassen. Ohne Zweifel war die Rede von mir, billig ist -es also, daß auch ich zu ihrem Vortheil spreche, und Sie, mein Lieber! -versichere, daß sie schon bei Ihrem ersten hiesigen Aufenthalt sich -Ihrer Angelegenheiten bei mir mit dem wärmsten Eifer angenommen hat. -Die von Degre, sich bewust, daß sie eine Person, die so viel Güte und -Zutrauen hatte, auf das Schändlichste hintergieng, erröthete, und so -unverschämt<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> sie auch war, konnte sie doch die Blike der Herzogin nicht -aushalten. Sie neigte ihre Augen, während der Herzog die seinigen -beständig auf die Undankbare gerichtet hatte. Da Sie es mir zur -Schuldigkeit machen; Madame! der Fräulein von Degre erkenntlich zu -sein, sagte er zur Herzogin, bitte ich auf das Angelegentlichste, sie -noch mehr zu schäzen, als Sie bisher schon gethan haben, damit durch -Ihre gütige Behandlung sie einigermassen für die Verbindlichkeit, die -ich ihr schuldig bin, belohnet werde. — Mit freudigem Herzen nehme -ich den Befehl an, erwiederte die Herzogin, und das Bestreben, Ihnen -gefällig zu sein, verbunden mit der Neigung, die ich schon dazu habe, -versprechen der von Degre die glücklichsten und vergnügtesten Tage.</p> - -<p>Während dieser Unterredung, die der von Degre so schmeichelhaft war, -saugte diese Untreue das ihr angenehme Gift in vollem Maße ein: Der -Herzog führte seine Gemahlin in ihr Zimmer zurück, woselbst er aber -nicht lange blieb, sondern den Beghe aufzusuchen eilte. Seine Anrede -war: Wissen Sie wohl, daß Sie mich eines der schönsten weiblichen -Geschöpfe, das bis jezt meinen Augen verborgen war, haben kennen -gelehrt? Begehe ich einen Fehler,<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> wenn ich sie liebenswürdig finde, so -fällt er auf Sie selbst zurück. Beghe, der nichts sehnlicher wünschte, -als daß das Herz seines Fürsten mit einem andern Gegenstand, der die -Liebe zu seiner Gemahlin ganz unterdrücke, beschäftiget wäre, rühmte -die Schönheit und Annehmlichkeit der von Degre auf eine übertriebene -Weise. Dieses und ihr schmeichelndes Zuvorkommen, das sie so eben dem -Herzog gezeigt hatte, waren die sichersten Mittel, das noch übrige -Ansehen der Herzogin zu stürzen und das ihrige zu befestigen. Sie sind -es nicht allein, der die Fräulein von Degre schön findet, sagte Beghe -zum Herzog, ich selbst bewundere ihre Reize; es kommt mir daher nicht -übernatürlich vor, daß Sie gleichfalls Behagen daran finden: allein -ob Sie gleich mein Gebieter und Wohlthäter sind, kann ich mich doch -nicht enthalten, eifersüchtig zu sein. — Verlieben Sie sich nur nicht -in sie, erwiederte der Herzog hastig, vielmehr, wenn Sie schon in sie -verliebt sein sollten, so schlagen Sie dieses ganz aus den Gedanken, -und lassen sich nur angelegen sein, mir als treuer Bottschafter in -meiner Liebe zu dienen. Allein, gnädiger Herr! sagte Beghe scherzend, -wie kann ich Ihre Aufträge in dieser kizlichen Sache besorgen? — Wenn -Sie die von Degre ernstlich liebten, antwortete<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> der Herzog, würden -Sie mich sehr unglücklich machen, und meine Angelegenheit und mein -Vertrauen stünden alsdann in gefährlichen Händen. — Sein Sie desfalls -ausser Furcht, gnädigster Herr! erwiederte der Bösewicht; ich gehorche -Ihnen unter der Versicherung, daß Sie auch von Seiten der von Degre -nichts zu befürchten haben. Denn die Ehre, von einem solchen Fürsten -geliebt zu werden, kann ihr nicht anderst als sehr angenehm sein.<a name="FNAnker_G_7" id="FNAnker_G_7"></a><a href="#Fussnote_G_7" class="fnanchor">[G]</a></p> - -<p>In dieser Verfassung stunden die Sachen, und in dieser Lage befanden -sich die, welche dabei interessiret waren. Des Herzogs Leidenschaft -wuchs dergestalt, und war so sichtbar, daß die von Degre fast den -Verstand darüber verlohr, indem ihr nunmehriges Betragen den Schein der -Ehrbarkeit nicht hatte. Beghe behandelte diese Intrique mit solcher -Behuthsamkeit und List, daß die Klügsten nichts davon entdeckten, und -so einsichtsvoll die Herzogin war, dauerte es doch<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> lange genug, bis -sie etwas davon merkte. Der Herzog machte der von Degre die kostbarsten -Geschenke; allein, auf Anrathen des Beghe, jederzeit durch die Hände -der Herzogin; hierdurch wurde, unter dem Schein, ihre Vertraute zu -belohnen, diese gute Fürstin hintergangen, und man konnte mit Wahrheit -sagen, daß sie mit Blindheit geschlagen sei. Wenn die von Degre durch -Jacobinen mit des Herzogs Geschenke überhäuft wurde, nahm sie solche -anderst nicht, als mit vielem Stolz und Geringschäzung an. Sie sagte -öfters: dieses alles rührt mich nicht, Madame! wenn er Ihnen nicht -Gerechtigkeit wiederfahren läßt, und sich als Ihren Sklaven betrachtet. -So übertrieben sind meine Wünsche nicht, erwiederte die Herzogin, -ich bin zufrieden, wenn wir nur gleiche Zärtlichkeit, Gewalt und -Nachgiebigkeit für einander haben; übrigens, wenn er Dir meinetwegen -Wohlthaten erweiset, so ist es ein sicherer Beweis, daß er die, welche -ich liebe, gleich schäzet, und daß er mich verbindlich machen will.</p> - -<p>So hintergieng die Herzogin von Brabant sich selbst; und Beghe, der -seine Gewalt durch Hülfe der von Degre täglich zunehmen sahe, wollte -sein Ansehen immer weiter und auf den<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> höchsten Gipfel bringen. -Dieses verursachte, daß endlich alles, was von angesehenen Personen -in Bergen war, anfieng zu murren. Sie erachteten sich verbunden -zu sein; dem Hochmuth eines Menschen, dem die Nachlässigkeit des -Herzogs volle Gewalt gab, Gränzen zu sezzen, und ihn zu demüthigen. -Eberhard, natürlicher Sohn des verstorbenen Grafen von Hennegau, war -der Aufgebrachteste unter allen. Geheime Kundschaften, die er hatte, -überzeugten ihn, daß Beghe trachte die zwei Fürstinnen unter eine -nachtheilige Bottmäsigkeit zu bringen, und da er dies frevelhafte, -und das Andenken des Grafen von Hennegau beleidigende Beginnen nicht -zugeben wollte, entschloß er sich solches zu verhindern, und den Beghe, -es sei auf welche Weise es wolle, von seiner Höhe zu stürzen, der -aber dergestallt von Herrschsucht eingenommen war, daß er seinen Weg -unbekümmert, was geschehen würde, fortwandelte.</p> - -<p>Der Graf von Hennegau hatte Eberharden eine vortrefliche Erziehung -gegeben, und ihm beträchtliche Reichthümer hinterlassen; und da er -zugleich vielen Verstand und Muth besaß, konnte er sich um so mehr -furchtbar machen. Die Güte seines Herzens flößte ihm Abscheu gegen -alle Ungerechtigkeiten ein; er konnte daher<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> den Uebermuth des Beghe -und die Schwachheit des Herzogs nicht länger ertragen. Leztern selbst -zur Rede zu stellen, würde ihm empfindlich gewesen sein, und die Sache -nur verschlimmert haben: sich an die Gräfin von Hennegau zu wenden, -wäre gleichfalls vergebliche Mühe gewesen. Das sicherste schien -ihm daher, sich grade zu an die Herzogin, die ihn sehr hochachtete -und viel Vertrauen in ihn sezte, zu wenden. Er redete sie also an: -Madame! es schmerzet mich, daß ich genöthiget bin, Ihnen eine kleine -Unruhe zu verursachen, um einer weit grössern vorzubeugen, die gewiß -verdrüßliche Folgen für Sie haben würde. Die Leichtgläubigkeit des -Herzogs, Ihres Gemahls hat die Unverschämtheit des Beghe so weit kommen -lassen, daß er sich das Ansehen giebt, als ob ihm jeder, wer er auch -sei, untergeben sein müsse. Beständig warnet man mich, daß er sich -erdreiste, die wichtigsten Angelegenheiten eigenmächtig auszuführen. -Bald wird er Ihnen selbst befehlen, und sich zum gänzlichen Ruin Ihrer -Unterthanen bereichern. Die Frau Gräfin von Hennegau widersezt sich -im geringsten nicht seinen Absichten, noch der Leichtgläubigkeit des -Herzogs, aus welchen beiden die schrecklichsten Folgen und Unordnungen -entstehen werden,<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> und wenn Sie desfalls keine Vorkehrungen treffen, -wird uns dieser Elende Geseze geben und ganz unterjochen. — Lieber -Bruder! erwiederte die Herzogin, ich sage Ihnen den wärmsten Dank für -diese aufrichtige Gesinnung, und gewis setze ich ein unbegränztes -Zutrauen in Ihre Freundschaft, um derselben meine Angelegenheiten zu -übertragen. Dächte mein Gemahl nur einigermassen billig, so würde -er solche allen andern Ergözlichkeiten vorziehen; zu meinem grösten -Unglück aber, hat mir der Himmel einen Mann gegeben, der weder eigenes -Gefühl, vielweniger das geringste für mich hat, da er mir doch wirklich -Erkentlichkeit schuldig ist. Ich gestehe Ihnen frei, daß mir der Beghe -sehr verhaßt ist. Seine Aufführung, seine Person, sein Stolz, ja! -selbst seine scheinbare Ehrerbietigkeit, und kurz, sein ganzes Betragen -mißfällt mir. Ich weis, daß er seines Herrn Ohrenbläser ist, und dieser -zu allen Niederträchtigkeiten fähige schwache Geist, glaubt seinen -Eingebungen, wie einem Orakel. Auf meine Warnungen wird nicht geachtet; -und es ist, als ob mein Gemahl verblendet wäre, da er mir sein ganzes -Zutrauen entziehet. Wir werden in diesem elenden Zustand schmachten -und zu der Zeit, da ich am meisten zu beklagen<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> sein werde, wird es -Menschen geben, die grausam genug sind, die Schuld auf mich zu werfen, -und meine Aufführung zu tadeln. Meine Mutter ist von den eingebildeten -Vollkommenheiten ihres Neffen so eingenommen, daß sie selbst seine -Thorheiten vertheidiget. Was soll ich also anfangen, und bei wem Trost -und Hülfe suchen? — Bei mir, Madame! erwiederte Eberhard, sollen -Sie beides finden. Schon lange mache ich mir Vorwürfe, Ihnen meinen -Diensteifer nicht bezeigt zu haben. Man muß sich zuvörderst des Beghe -entledigen. — Ach! unterbrach die Herzogin, auf welche Art? — Dieses -ist meine Sache, Madame! erwiederte Eberhard. Ach! liebster Bruder! -schrie die Herzogin, ich beschwöre Sie, keine Gewaltthätigkeit zu -brauchen. Ob ich gleich den Beghe auf das höchste hasse, verabscheue -ich doch weit mehr alle dergleichen Verbrechen. Denn ob wir gleich -seine gesezmässigen Richter sein können, dürfen wir doch seine Henker -nicht werden. — Und wer erlaubt ihm, ein Meineidiger und Verräther zu -sein? erwiederte der aufgebrachte Eberhard. Nein, Madame! nein! Sie -sind gegen diesen ehrsüchtigen Bösewicht zu nachsichtlich; ungestraft -mißbraucht man Ihre allzugrosse<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Güte nicht. Hierauf, und aus Furcht -die sanftmüthige Fürstin möchte sich seinem Unternehmen zu heftig -widersezen, eilte er von ihr, um es ungesäumt auszuführen.</p> - -<p>Der Herzog von Brabant war auf der Jagd. Seine Abwesenheit war dem -Eberhard all zu günstig, als daß er solche nicht gleich hätte nutzen -sollen. Er gieng zu dem Beghe, den er vermuthlich um eine neue -Treulosigkeit auszusinnen, nachläsig auf dem Faulbett ausgestrekt -antraf. In dieser Stellung sahe er ihn mit vieler Verachtung an. -Der Oberamtmann von Hennegau, ein kriechendes Geschöpf, des Beghe -Vertrauter, war eben bei ihm. Jenen redete er zuerst an: Sie spielen -eine saubere Rolle. Beghe ist der Abscheu aller redlich Denkenden, -und Sie verdienten wegen der Unterwürfigkeit, die Sie ihm bezeigen, -und durch welche Sie seinem unerträglichen Hochmuth steifen, ein -ähnliches Schiksal. Hierauf lies der von Rache geleitete Eberhard, den -Beghe durch fünf bis sechs Entschlossene, die er zu diesem Entzweck -mitgebracht hatte, vermittelst verschiedener Stiche durchbohren, die -ihm zugleich die Sprache und das Leben benahmen. Der Oberamtmann war so -erschrocken über diese behende That, daß er vor Angst, es möchte ihm -ein gleiches wider<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>fahren, fast von Sinnen kam; also weit entfernt den -Verschwohrnen die Flucht zu erschweren, erleichterte er vielmehr solche -durch seine eigne.</p> - -<p>Wie der Herzog von Brabant bei seiner Rückkunft erfuhr, was vorgegangen -war, gerieth er in die schrecklichste Wuth, und drohte, sich an -jedem, der ihm vorkäme, zu rächen. Die Gräfin von Hennegau, die ihren -Tochtermann bei allen Gelegenheiten begünstigte, zeigte ihren Unwillen -öffentlich über diese That, und die Herzogin von Brabant war dermassen -darüber betroffen, daß sie wie versteinert dastund. Sind Sie es, -Madame! sagte ihr Gemahl, die mich hat eines treuen Dieners berauben -lassen? und haben Sie mich etwa zu glücklich geschäzet, weil ich mich -auf seinen Diensteifer verlassen konnte? Sein Mörder wird nirgends -Schuz finden, und nichts wird ihn meiner gerechten Rache entziehen. -Was! mich so wenig achtungswerth zu halten: daß die, die ich schätze -und liebe, in meinem eignen Hause nicht vor Mord gesichert sind! Was -wird man erst mit mir selbst vornehmen? Ich bin mit Feinden umgeben, -und nur durch besondern Schuz des Himmels athme ich noch — Ich habe -Sie reden lassen, antwortete die Herzogin, weil ihr Zorn ein Strohm<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> -ist, dem sich zu widersetzen, vergebliche Mühe sein würde. Es ist wahr, -Ihr Liebling ist umgebracht, und ich bin nur in soweit misvergnügt -darüber, weil ich dergleichen Greuelthaten hasse; allein wollte der -Himmel, er hätte niemals gelebt, so würde sein vergifteter Geist sich -weniger in Hennegau ausgebreitet haben. Nicht durch mich, noch auf -meine Veranlassung ist er umgebracht worden. Denn vergossenes Blut habe -ich jederzeit verabscheuet. Allein bei diesem, Ihnen so nahe ans Herz -gehenden Unfall, werden Sie an der von Degre eine mitleidige Trösterin -finden. — Unvorsichtiger Weise sprach die Herzogin das leztere; denn -man hatte sie von dem geheimen Verständnis des Herzogs mit der von -Degre glaubhaft belehret. Ganz wüthend erwiederte der Herzog: Ja! und -ich werde Ihre Mitschuldige zu verhindern wissen, daß ihr das nämliche -Schicksal des unschuldigen Beghe nicht widerfahre. — Sie werden wohl -thun, erwiederte die Herzogin ganz gleichgültig; es ist das Geringste -das Sie für ein Mädchen thun können, das Ihnen Ehre, Gebieterin und -Reize aufgeopfert hat; denn eines gewissen Umstands wegen bemerke ich, -daß leztere ziemlich abnehmen. Hierauf kehrte sie ihm den Rücken; er -aber gieng zur von Degre, deren Gesichtszüge und Leibesgestalt<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> sich -wirklich verändert hatten, ohne deswegen ihrem boshaften Sinn Gewalt -anzuthun, die dann den Beghe, als ihre verlohrne Stütze, mit der -heftigsten Gemüthsbewegung beweinte.</p> - -<p>Die Gräfin von Hennegau, die den Eberhard nicht liebte, war zum -heftigsten gegen ihn aufgebracht. An ihr und ihren Nachstellungen hat -es nicht gelegen, daß er dem Volk in Bergen auf dem Blutgerüste wäre -zur Schau ausgesezet worden: Allein er war in Sicherheit; und dieses -war keine geringe Erleichterung für die bekümmerte Herzogin.</p> - -<p>Die an die Stelle der von Degre zu der Herzogin kam, hatte viel -Verstand und war tugendhafter. Ohne aufdringlich zu sein, noch sich -verdächtig zu machen, hatte sie gleich zu Anfang des Umgangs Beghe -mit der von Degre geschlossen, daß ihr beiderseitiges Verständnis -böse Absichten zum Grund habe. Sie entdeckte alles, und sie war es -eigentlich, die mit einer lobenswürdigen Vorsicht ihrer Gebieterin die -Augen öfnete. Die Herzogin, die schon des Kummers gewohnt war, zeigte -eben keine grosse Empfindlichkeit bei dieser leztern Beschimpfung; -der Herzog war nicht liebenswürdig genug, um jene alle Gemüthsruhe -benehmende Eifersucht, die öfters mit dem Verlust<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> des Verstandes -vergesellschaftet ist, zu erwecken, allein wenn sie zurük dachte, wie -sehr sie dieser Treulose geliebt hatte, kam sie aus aller Fassung; und, -da vollends ihre neue Gesellschafterin, die sich Climberge nennte, ihr -die Stärke des Leibes der von Degre bemerken lies, betrachtete sie -selbige nicht anderst als ein schändliches, undankbares Ungeheuer.</p> - -<p>Indessen der Herzog von Brabant den Beghe beweinte, und nur allein -für die von Degre lebte, die ihn ganz bezaubert in ihrem Neze hielt, -machte die Herzogin ihre Mutter so aufmerksam auf Dinge, die diese ohne -nicht ganz von Eigensinn eingenommen zu sein, unmöglich gleichgültig -ansehen konnte. Kaum sahe der Herzog seine Gemahlin täglich einmal, da -er im Gegentheil seine Zeit ganz bei der von Degre zubrachte. Endlich -legte der Herzog alle Verstellung ab, und der von Degre Schande fieng -an allgemein bekannt zu werden. Nun Madame! sagte die Herzogin zu -ihrer Mutter, Sie haben mich genöthiget, ja gezwungen, dem Herzog von -Brabant meine Hand zu geben. Was sagen Sie jezt zu seiner Aufführung, -und in der Lage, in welche er mich versezet, wie soll die meinige sein? -— Sie müssen sich nicht vorstellen, daß die Ehemän<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>ner, besonders -die Fürsten sich eben einer so grossen Treue gegen ihre Gemahlinnen -befleisigen. Wäre Ihr Vater unter der Zahl der allzugewissenhaften -gewesen, so würde der Beghe noch leben, sein Mörder nicht gebohren, -und wir in keiner so grossen Verwirrung sein. Verzeihen Sie ihm also -diese jugendliche Ausschweifung, die sich mit den Jahren legen wird. -— Was! Madame, rief die Herzogin aus, sind es grade meines Vaters -Schwachheitsfehler, die er nachahmen soll? Gebe ich auch zu, daß ein -Jüngling, vermöge seiner noch wenigen Erfahrung, ausschweifen, und -sich, mit Hintansezung seiner Ehre, vergnügen kann, ist es darum unserm -Geschlecht, und besonders einem Mädchen, das Sie mir zugesellet haben, -das mit mir erzogen worden, das ich allen andern mit Achtung vorzog, -das mein ganzes Vertrauen besaß, und das nun der ganzen ehrbaren Welt -ein Aergernis ist, erlaubt. Genehmigen Sie auch noch sein jeziges -Betragen, oder muthen Sie mir vielleicht gar zu, um ihm gefällig zu -sein, die Vermittlerin seiner schändlichen Ausschweifungen zu werden? -— Sie reizen meine Gedult auf das äuserste, erwiederte die Gräfin. -Ihren Reden nach hat es das Ansehen, als ob Sie sich Dinge in Kopf -setzen, die niemals entstehen wer<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>den. — Ha! Madame, erwiederte -die Herzogin weinend, Sie sahen sie lange zuvor ein; denn die bösen -Eigenschaften des Herzogs waren Ihnen zur Gnüge bekannt, und doch -zwangen Sie mich, ein Opfer derselben zu werden. — Sie legen mir -also die Schuld Ihres Misvergnügens allein bei, erwiederte diese -unnatürliche Mutter; Gut! ich werde mich daher von Ihnen entfernen, -und da Sie selbst so einsichtsvoll sind, wird es Ihnen ein leichtes -sein, dem drohenden Unglück vorzubeugen. — Hierauf verlies sie das -Zimmer, und stürzte die Herzogin durch ihre, am folgenden Tag wirklich -unternommene Abreise nach Quesnoy, in unaussprechlichen Gram. Du -siehest, sagte sie zur Climberge, daß mich alles verläßt, und ich muß -fürchten, daß endlich auch Du, wie mein Gemahl, meine Mutter, meine -Dienerschaft, ja! öfters mein eigener Verstand, mich noch verlassen -wirst. Gerechter Himmel! was habe ich verbrochen, daß du mich mit so -viel Unglück heimsuchest? Mein Wandel ist schuldlos, kein Verbrechen -habe ich begangen, dennoch sind meine Leiden groß, und bald werde -ich, statt wie ich es gekönnt hätte, in gewissem Glanz zu leben, vom -Glück ganz verlassen, der Spott und die Verachtung der Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> sein. -Ha! Climberge! wie gepreßt ist mein Herz, und wie schwach sind meine -Kräfte, dergleichen harten Prüfungen zu widerstehen! — Ich gestehe -aufrichtig Madame! erwiederte die Gesellschafterin, daß Sie nichts -weniger, als ein so trauriges Schicksal verdienen; dieses, nebst dem -unschuldvollen Bewustsein muß Ihnen die Leiden erträglicher machen. -Unterliegt Ihr Muth ganz, so können Sie leicht urtheilen, wie es mit -dem meinigen beschaffen sein würde. Ohne ungerecht zu sein, dürfen Sie -an meiner aufrichtigen und ehrfurchtsvollen Ergebenheit nicht zweifeln. -Setzen Sie mich, theureste Fürstin! auf die Probe. Ich verabscheue die -von Degre, deren Betragen jedem Redlichen ein Greuel sein muß, und die -wegen ihrer schändlichen Undankbarkeit nicht hart genug bestraft werden -kann. Es wundert mich nicht, daß die Tugend eine Buhlerin verläßt, -noch daß ein schwacher Fürst sich so weit vergehet, die ehelichen -Pflichten hintan zu setzen; aber daß die Frau Gräfin von Hennegau, der -Sie leider! zu viel nachgegeben haben, sich unverantwortlicher Weise -entfernet, und Sie in einer so traurigen Lage verlassen hat, dieses -deucht mir entsezlich zu sein, und ich kann nicht ohne tiefe Wehmuth an -dieses Verfahren denken. —<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> Laß mich! rief die Herzogin schluchsend, -laß mich, grausames Schicksal! deine ganze Härte fühlen! Unter -allen Wegen, die Du mir zeigest, werde ich immer den unschuldigsten -einschlagen; bin ich bestimmt unglücklich zu sterben, werde ich doch -wenigstens den Trost haben, schuldlos mein Haupt niederlegen zu können. -Climberge weinte mit der Herzogin, und sie würden beide wahrscheinlich -noch lange in dieser traurigen Beschäftigung geblieben sein, wenn der -Herzog nicht dazu gekommen wäre und sie gestöhret hätte. Nun, Madame! -sagte er mit stolzem und verachtendem Ton, Ihr mürrischer Sinn hat -denn endlich die Frau Gräfin von Hennegau vertrieben; zum Lohn ihrer -zärtlichen Sorgfalt muß sie nun den bittersten Schmerz empfinden. Für -wen bewahren Sie Liebkosungen, wenn die, die das erste Recht drauf -haben, und die Ihnen am schäzbarsten sein sollten, solche entbehren -müssen? — Wenn ich aufgelegt wäre mich zu ereifern, erwiederte die -Herzogin mit vieler Mässigung, so gäbe mir ihr Betragen Stoff genug. -Sie sind der Urheber alles dessen, was vorgeht, und die Quelle meiner -Leiden. Meine Mutter hat eigensinniger Weise drauf bestanden, daß ich -Sie heirathen sollte, ob ihr gleich Ihre Gemüthsbeschaffenheit nicht -unbekannt<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> war. Wie belohnen Sie diesen meinen unglücklichen Gehorsam? -Sie beleidigen mich auf hundertfältige Weise; und, nicht zufrieden -mich die größte Verachtung empfinden zu lassen, füllen Sie noch mein -Haus mit Schimpf und Schande; da Sie unter meinen Augen eine meiner -Frauen, die ich am meisten schäzte, verführen. Hohnlachend unterbrach -der Herzog: ich rathe Ihnen, noch auf die Liste meiner Verbrechen -den Mord des Beghe zu sezen, ob ich gleich solchen Ihrer unmässigen -Begierde, allein herrschen zu wollen, zu verdanken habe. In Ansehung -der von Degre aber sollten Sie mir billig wegen der Achtung, die ich -für sie habe, verbindlich sein, da Sie mir ihre Verdienste öfters -angepriesen haben, und mein Herz also hier Ihre Empfehlungen erfüllet, -und Ihre Vorschriften befolget hat. — Ha! Grausamer, welche Folgen -von Leiden bereiten Sie mir? Ueberflüssig wäre es, Sie an Vernunft, -Pflicht und Ehre zu erinnern, denn von allen diesen Dingen wissen Sie -nichts, noch weniger sind Sie fähig, solche auszuüben. Fahren Sie -in Ihrem feigen und gesezwidrigen Leben fort: triumphiren Sie über -meine Enthaltsamkeit, und verstatten mir, der von Degre einen Plaz -einzuräumen, den ich mit Widerwillen innen habe,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> und auf den ich von -Grund der Seele Verzicht thue.</p> - -<p>Der Unwille verhinderte die Herzogin ein mehreres zu sagen. Sie gieng -in den Garten, um in der Einsamkeit ihrem beklemmten Herzen durch -eine Thränenfluth Luft zu schaffen. Allein hier fand sie abermal neue -Gelegenheit zum Misvergnügen. Die von Degre, deren Schwangerschaft sich -nun allgemein offenbahrte, saß unter einem Baum. Mit frecher Stirne -trug sie ihre Schande, sie kam nicht mehr zur Herzogin; es war ihr -ausdrücklich verboten und ihr aller Zutritt versagt. Sie schauderte und -konnte ihren Zorn, bei dem Anblik dieser frechen und ganz unverschämten -Kreatur, nicht verbergen. Anfangs wollte sie ihr ausweichen, allein ihr -Unwille sezte sie über alle Betrachtungen weg. Schnell gieng sie auf -die von Degre los, die kaum eine geringe Bewegung zum Grüssen machte. -Ich stöhre sie vielleicht in Ihrem Nachdenken, sagte die Herzogin; -allein da Sie meine ganze Glückseligkeit zernichtet haben, würden Sie -ungerecht sein, wenn Sie mir diesen geringen Verdruß nicht zu gut -halten wollten, da Sie mir durch Ihr Betragen so unendlich grossen -verursachen. — Wenn Sie Misvergnügen haben Madame! erwiederte die von -Degre ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> alle Ehrfurcht, ganz unbescheiden, müssen Sie sich die -Schuld selbst beimessen. — Ich gestehe es, erwiederte die Herzogin. -Denn wenn ich nicht blinde Güte und thörigtes Nachsehen für Sie gehabt -hätte, würde ich vielen Verdruß überhoben sein. In was vor einem -verächtlichen Zustand befinden Sie sich jezt, und wie können Sie mir -in solchem unter die Augen treten? Habe ich Sie gelehret dergleichen -niederträchtige Handlungen zu begehen; und wer hat Sie sonst dazu -angeführet? Noch wenn Sie unvorsichtiger Weise, oder durch Verführung -zu Fall gekommen wären, würde man Sie wegen Ihrer Schwachheit bedauern, -wenigstens nicht verabscheuen so aber, da Sie selbst den Herzog zu -dieser schimpflichen Leidenschaft verführet, sich ihm freiwillig Preis -gegeben und ihn zu Bosheiten verleitet haben, deren er bisher unfähig -war, verdienen Sie kein Mitleiden. Was für Folgen werden aus diesem -strafbaren Verständnis entstehen? Sie werden ohne Zweifel elendiglich -umkommen, und Ihr verführter Liebhaber wird in den Abgrund des -Verderbens stürzen, den Sie ihm zubereitet haben. — Die von Degre, -die sich nun zu Antworten genöthiget sahe, war verlegen, was sie zu -ihrer Vertheidigung vorbringen sollte. Glüklicher<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Weise zog sie der -Herzog, den sie von ferne kommen sahe, aus der Verlegenheit. Sie -können, Madame! sagte sie mit wenigen Worten, dem Herrn Herzog alles -was Ihnen gefällig ist, sagen, ich glaube daß er Sie sucht; und es wäre -unbescheiden von mir, Sie in der Unterredung durch mein Verweilen zu -stöhren, und Ihnen einen so verhaßten Gegenstand länger vor den Augen -zu lassen. Sie kehrte hierauf der Herzogin den Rücken, die einen andern -Weg gieng um ihrem Gemahl nicht zu begegnen.</p> - -<p>Sobald die Herzogin auf ihrem Zimmer war, lies sie, in Gegenwart der -Climberge, ihren Thränen freien Lauf. Ich muß fliehen, sagte sie zu -ihr, und sollte mich gleich die ganze Welt tadeln, unmöglich kann ich -länger an einem Ort bleiben, wo ich nichts als Gift und Galle einnehme. -— Wo wollen Sie aber hin, Madame! erwiederte Climberge, und welchen -Entschluß kann ein Frauenzimmer Ihres Rangs bei einer so kizlichen -Sache fassen? — Ich weis es selbst nicht, antwortete die Herzogin; -allein ich hoffe, daß so bald ich nur aus Bergen bin, der Himmel mir -alsdann eingeben werde, was ich weiter thun soll. So hartherzig meine -Mutter ist, kann mich doch nichts von der Ehrerbietung, die ich ihr -schuldig bin, befreien. Ob sie mich<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> gleich verlassen hat, muß ich sie -doch aufsuchen. Rufe den Descaillon. Dieser war der treuste Diener -meines Vaters, und noch der Einzige unter den meinigen allen, auf -dessen Treue und Redlichkeit ich mich verlassen kann. — Climberge -befolgte diesen Befehl; und kaum hatte die Herzogin dem Descaillon ihr -Vorhaben eröfnet, traf dieser so geheime und schleunige Anstalten, daß -sie schon den andern Morgen mit Tagesanbruch aus Bergen war. Sie gieng -nach Quesnoy zu ihrer Mutter, die sich über ihre unvermuthete Ankunft -nicht wenig wunderte. Nachdem sie dieselbe mit kindlicher Ehrfurcht -umarmt hatte, sagte sie zu ihr: Madame! verdammen Sie meine Reise -nicht, und lassen Sie vielmehr meiner Gedult Gerechtigkeit widerfahren. -Der Herzog von Brabant behandelt mich mit tirannischer Unanständigkeit; -sein Sie billiger und häufen meine Leiden nicht durch harte -Gleichgültigkeit. Behält der Herzog volle Gewalt, so wird er mit unserm -Eigenthum nicht allein die von Degre, sondern die ganze Rotte seiner -nichtswürdigen und unverschämten Höflinge bereichern, wie er es schon -gethan hat. — Meine liebe Tochter! unterbrach die Gräfin, Ihr Schmerz -rühret mich; ich bin nicht so unmenschlich als Sie es vielleicht von -mir glauben, und ich gebe ihnen die Versicherung<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> meiner zärtlichsten -Liebe und Theilnehmung Ihrer Leiden. Schon lange sollte die Aufführung -Ihres Gemahls meine Langmuth erschöpft haben; allein zur Ehre unseres -Hauses müssen wir uns zuvörderst bemühen, ihn durch Gelindigkeit -und Güte zur Reue zu bringen. Wir wollen uns hierzu des Herzogs von -Burgund, dessen Ansehen etwas vermag, bedienen, und wenigstens die -Sache so einleiten, daß man nicht sagen kann, Sie hätten Ihren Gemahl -leichtfertiger Weise verlassen. Ich weis zwar, daß Sie gegründete -Ursachen dazu haben; allein es werden noch weit wichtigere erfordert, -um Sie vor der Welt dieses wichtigen Schritt wegen zu entschuldigen. -— Nun gut, Madame! antwortete die Herzogin, handeln Sie nach eigenem -Gutdünken. Ihr Wille soll der Meinige sein, und ich will bei Ihnen, -als einem ruhigen und unverletzlichen Zufluchtsort, den Erfolg Ihrer -Bemühungen abwarten.</p> - -<p>Hierauf schrieb die Gräfin von Hennegau an den Herzog von Burgund, -ihn von der ganzen Lage der Sache zu unterrichten. In ihrem Schreiben -schilderte sie mit vieler Klugheit und Wahrheit das Betragen des -Herzogs von Brabant; und Descaillon, der eigends damit abgeschickt war, -fügte noch mündlich alles bei, was zum Vortheil<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> der Herzogin gereichen -konnte. Auch machte der Herzog von Burgund keine Schwierigkeiten, -sich des Zwists zweier Personen, die ihm so naheanverwandt waren, -anzunehmen, um sie wo möglich zu vereinigen.</p> - -<p>Der Herzog von Brabant, der sich einzig und allein mit seiner -gesezwidrigen Liebe beschäftigte, bekümmerte sich wenig um die Abreise -seiner Gemahlin. Wie ihm die Vorschläge zur Aussöhnung gemacht wurden, -antwortete er schlechterdings: Die Herzogin könne zurückkommen, wann -sie wollte; allein seine Beischläferin würde er in kein Kloster -schicken, noch seine Lieblinge vom Hof entfernen, wie man es ihm -vorgeschlagen habe. — Die Gräfin von Hennegau nahm diese schwürige -Antwort für befriedigend an, und verlangte, daß es ihre Tochter auf die -Willkühr des Herzogs ankommen und auf seine gegebene Zusicherung nach -Bergen zurückgehen sollte; denn man müste ihm die Schande ersparen, -als ob er gezwungener Weise hätte nachgeben müssen. Nun verlohr die -Herzogin völlig ihre bisher noch gehabte Mässigung. Nachdem sie ihren -vergangenen und künftig zu erwartenden jämmerlichen Lebenswandel lange -überdacht hatte,<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> faßte sie den Entschluß, nach England überzu gehen. -Sie lies sich durch den vertrauten Descaillon nach Calais bringen, wo -sie sich einschifte, von dannen sie ohne weitere Hindernis in London -glücklich anlangte.</p> - -<p>Ob gleich die Kriegsflamme an verschiedenen Orten Europens hell -leuchtete, und der Englische Hof, wegen dem Absterben seines Königs -Heinrich des V. in Trauer versezt war, herrschte dennoch Höflichkeit -und galante Lebensart an demselben.<a name="FNAnker_H_8" id="FNAnker_H_8"></a><a href="#Fussnote_H_8" class="fnanchor">[H]</a> Humphrei, Herzog<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> von Glocester, -des verstorbenen Königs Bruder, war damals Regent in England. -Dieser Prinz hatte vortreffliche Eigenschaften, aber dabei einen -ausserordentlichen Hang zu Liebeshändeln;<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> selten sahe er ein schönes -Frauenzimmer, ohne daß sein Herz nicht davon eingenommen ward: Die -Herzogin von Brabant traf es daher nicht frei an; ihre Reize aber -verdrängten bald alle anderen Gegenstände aus demselben. Verbunden -mit majestätischem Ansehen sprach sie mit Ueberzeugungskraft. Ihre -Sache war gerecht, und der Herzog, zum Innersten gerührt, gab ihr -die Versicherung, daß sie mit Englands ganzer Macht beschüzt und als -Königin verehret werden sollte. Diese Versicherungen begleitete er mit -noch einigen besondern Versprechungen; und die Herzogin von Brabant -konnte dem Himmel wegen dem glücklichen Erfolg ihrer Reise nicht -dankbar genug sein. Durch das edelmüthige Betragen und die gefällige -Sorgfalt des Herzogs sahe sie bald ein, daß er sich die Beförderung -ihres Glücks, wie seines eigenen, angelegen sein lies. Eins der -Königlichen Paläste wurde ihr zur Wohnung angewiesen, in welchem sie -mit außerordentlicher Pracht und Aufmerksamkeit bedienet ward, und -es wurden ihr solche Ehrerbietungen erwiesen, deren sich noch keine -Fremde zu rühmen gehabt hatte. Jedermann trachtete sich ihr gefällig zu -erzeigen, und ihr den Auffenthalt angenehm zu machen, und sie erkannte -bald den Unterschied, der zwischen einem<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> großmüthigen Beschützer und -einem unwürdigen Gemahl ist.</p> - -<p>Diesen Gegensatz empfand die Herzogin im innersten des Herzens, und -die Climberge, die es wohl einsahe, bezeugte ausserordentliche Freude, -daß ihre Reize dieses bewirkt hätten, weshalb sie der Herzogin Glück -wünschte. Aber liebe Climberge! erwiederte die Herzogin, ich begreife -nicht, daß Du wegen einer Sache, die mir neue Verdrüßlichkeiten -zuziehen könnte, vergnügt sein kannst. Sind meine Verdienste etwa hier -grösser, als sie zu Bergen waren, und glaubest Du, daß meine Flucht -mich in Achtung halte? Ausserdem bin ich deswegen von der ehelichen -Treue losgesprochen, weil ich mich in einem fremden Staate, den -nur eine schmale See von meiner Heimath absondert, befinde; und so -ungerecht der Herzog von Brabant auch immer ist, bin ich ihm deswegen -weniger Zeitlebens verknüpft? — Nein Madame! antwortete die Climberge, -er hat Sie auf eine Weise behandelt, die von aller Schuldigkeit -befreiet. Die Kirche, die sie zusammen gegeben hat, ist keine -unbarmherzige Stiefmutter; sie kann eine üble Verbindung aufheben; -und unzählig gegründete Ursachen sprechen hier zu Ihrem Vortheil. — -Schweig! und verschone mich mit deinen Träu<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>mereien, erwiederte die -Herzogin; ich bin unter einem unglücklichen Gestirn zur Welt gekommen -mein Loos ist zu Widerwärtigkeiten bestimmt; und wenn es an dem wäre, -daß der Herzog von Glocester einige Liebe zu mir empfände, ich auch -gleich von meiner Verbindung mit dem Herzog von Brabant losgesprochen -wäre, würde ich mich doch in keine weitere eheliche Sclaverei begeben. -Von zwei Gemahlen, die ich in meinen jugendlichen Jahren hatte, starb -der eine unglücklicher Weise, kaum daß wir einander kennen lernten, -und der andere beschimpfet mich gleich nach unserer Verbindung ganz -niederträchtiger Weise. Glaubest Du, daß ich bei einem Dritten ein -besseres Schicksal zu erwarten hätte? und würde ich nicht in steter -Furcht sein, alle Unfälle, die ich schon erfahren habe, und vielleicht -noch stärkere zu erdulden? Nähre daher deine Einbildungskraft nicht -weiter damit; nur an mir bist Du mit den Trübsalen bekannt worden. -Denn wenn Du sie an Dir selbst erfahren hättest, würdest Du mit mir -eingestehen, daß, wenn der Mensch zum Leiden bestimmt ist, ihn nichts -in der Welt davor schützen kann. — Also Madame! erwiederte Climberge, -Sie wollen vorsetzlich Ihre Leiden durch die Furcht vergrössern, daß -die eingebildeten<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> künftigen den vorigen, wirklich schon erduldeten, -gleich kommen, wo nicht gar übersteigen würden? Ueberlegen Sie dagegen, -daß der Himmel gerecht ist, und Sie vor allem schützen, ja! Ihre -bisherigen Leiden auf einmal stillen kann, und wird. Uebrigens sind -Sie dem Herzog von Brabant, seiner schlechten Aufführung wegen, keine -Schonung mehr schuldig. — Nein! Climberge, unterbrach die Herzogin, -wenn ich auch gleich keine Achtung für den Herzog mehr hätte, müste -ich doch jederzeit derjenigen eingedenk sein, die ich meiner eignen -Ehre schuldig bin. Das Vorgeben, daß ich ihn gegen meinen Willen -und gezwungener Weise zum Gemahl genommen habe, würde vor der Welt -nicht hinlänglich sein, mich eines solchen neuen Fehlers wegen zu -entschuldigen. Ich habe nun einmal diesen Schritt gethan, es wäre -aber viel verzeihlicher gewesen, damals meiner Mutter ungehorsam zu -sein, als jezt meinem Gemahl zu entsagen, so viel Verdruß er mir auch -macht. Ich habe mich auch nicht mit dem Vorsatz ganz los zu sein -entfernet, sondern nur um kein Augenzeuge seiner, gegen alle Ehrbarkeit -streitenden Aufführung mehr zu sein. Im strengsten Verstand aber hätte -ich alles dulden müssen, seine Unbestän<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>digkeit, seine Verachtung, -ja sogar die Härte mit der er mich behandelt hat. Genug tugendhafte -Frauen haben mir Beispiele in ähnlichen Fällen gegeben; allein ich -war zu schwach, ihnen nachzuahmen. — Setzen Sie noch hinzu Madame, -unterbrach Climberge, daß Sie auch schwach genug sein werden, sich ganz -aufzuopfern; und der eingebildeten Ehre wegen, von welcher heut zu -Tage die Tugendhaftesten das Joch abschütteln, wird Sie der Herzog von -Brabant nichts destoweniger mit eben der Wuth, mit der er Sie zu Bergen -verfolgt hat, ferner verfolgen, und die von Degre wird die Höllenfurie -sein, die Sie beständig und überall wo Sie sich aufhalten, quälen und -Ihnen alle Drangsale anthun wird.</p> - -<p>Der Herzog von Glocester, dessen Bestreben von nun an war, sich -der Herzogin von Brabant gefällig zu erzeigen, unterbrach diese -Unterredung durch seine Zwischenkunft. Madame! sagte er, ich komme -vielleicht zur ungelegenen Zeit: allein wenn ich Sie oft aufsuche, so -schreiben Sie es einer heftigen Leidenschaft, der zärtlichsten Liebe -zu. All mein Streben gehet dahin, Ihnen überzeugende Beweise davon -zu geben; und wollten Sie mich unglücklicher Weise nicht erhöhren, -so würde<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> ich der bedauernswürdigste Mensch auf dem ganzen Erdboden -sein. — Wenn Sie gleich, Herr Herzog! erwiederte die Fürstin, die -wichtigen Staatsgeschäfte, die Ihnen obliegen, nicht dadurch versäumen -wollten, daß Sie mir Beweise Ihrer Achtung und gütigen Fürsorge, -die Sie für nöthig halten, das bittere meiner Leiden zu versüssen, -stetshin zu geben belieben, würde ich Ihnen doch gewis schon grosse -Erkenntlichkeit wegen Ihrer Aufmerksamkeit, und dem Zuvorkommen aller -meiner Bedürfnisse, schuldig sein. — Die Staatsklugheit, erwiederte -der Herzog, ist nicht der Beweggrund meiner Handlungen, sondern -die Triebe meines zärtlichen Herzens sind es, die mich leiten. — -Unendlich leid würde mir es sein, unterbrach sie, wenn Sie würklich -die Empfindungen hätten, die Sie so eben gegen mich äussern. Mein -Lebenslauf ist Ihnen bekannt; ich bin zu elend Sie zu begünstigen; -denn ob ich Ihnen gleich unzählbare Verbindlichkeiten schuldig bin; so -habe ich doch solchen nichts als wahre Hochachtung und unvollkommene -Dankbarkeit entgegen zu setzen. — Madame! erwiederte Humphrei, so -grosse Verbindlichkeiten, wie Sie glauben, sind Sie mir nicht schuldig: -denn nur meine aufrichtige und reine Liebe ist der Zoll,<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> den jedes -empfindsame Herz Ihren Vollkommenheiten und Reitzen, zu entrichten -schuldig ist. — Meine Reitze, antwortete die Herzogin, sind sehr -mittelmässig, und wenn sie ja jemanden zu rühren vermöchten, wünschte -ich, daß es einen anderen als einen Fürsten wäre, den ich unendlich -ehre und schätze, und dessen Gemüthsruhe mir so angelegen ist. Lassen -Sie mich die Last meiner Leiden in Gedult tragen, ohne solche durch -neue zu erschwehren, und überlegen dabei, daß Sie durch Stöhrung meiner -Ruhe, den Schutz, den Sie mir so großmüthig haben angedeihen lassen, -vereiteln und sich verdächtig machen würden. — Sie könnten, Madame! -unterbrach der Herzog, ohne sich weiter unglücklich zu machen, meine -Glückseligkeit befördern. Der ganzen Welt ist bekannt, wie unwürdig -der Herzog von Brabant Ihrer ist. Ausserdem sind Sie in einem Grad -Blutsfreundschaft mit ihm verwandt, der eine Ehescheidung noch viel -gültiger macht. Ziehen wir desfalls den Pabst Benedickt zu Rath; er -ist in dergleichen Fällen nicht allein am besten bewandert, sondern er -wird sich auch gewis sehr billig finden lassen. Was haben Sie nachher, -Madame! weiter zu befürchten, da Sie von einem Prinzen, der Sie ewig<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> -anbetet, beschützet werden, und der Englands ganze Macht aufbieten -wird, Ihren Verfolgern, Trotz zu bieten. — Ganz mißfiel Jacobinen (die -wir in der Folge nicht anderst nennen werden) dieser Antrag nicht. Der -Herzog von Glocester war zärtlich und überaus einnehmend; es war ihr -daher nicht zu verdenken, daß sie selbst Verlangen trug, von einem -Gemal, den sie niemals geliebt hatte, und welchen sie vielmehr jezt zu -hassen berechtiget zu sein glaubte, vor immer geschieden zu werden. -Allein der Vorschlag geschahe durch einen Prinzen, den sie noch nicht -genug kannte, und der vielleicht mehr durch die Gewalt einer heftigen -Leidenschaft hingerissen, als durch Vernunftschlüsse, geleitet, nur die -Befriedigung seiner Begierden suche, und nach deren Genuß Treue und -Liebe, leicht wieder vergessen konnte. Kurz, unzähliche Betrachtungen -sezte sie dem schmeichelhaften Entwurf des Herzogs entgegen. Was! -sagte sie zu ihm, wenn der Pabst mich von der Verbindung mit dem -Herzog von Brabant lossprechen wollte, so würden Sie Entschlossenheit -genug haben, mir Ihre Hand darzubieten? Ja! Madame, unterbrach er -mit Heftigkeit, ja! ich würde dieses Glück als das größte meines -Lebens schätzen, wenn es mir zu Theil wird,<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> und gewis nach keinem -andern mehr geizen. — Sie irren sich, fuhr Jacobine fort, wenn die -Erlaubnis zur Ehescheidung hier in London zu haben wäre, würden Sie -vielleicht eine ganz andere Sprache führen. Ausserdem muß man auf -einem dornichten Pfad nicht so schnell zu laufen wagen; denn hier ist -die Rede von einer Sache, die das Gewissen, die Ehre und die Religion -betrift; welcher Richter ist dermalen befugt solche zu entscheiden? -Wir sehen eine ärgerliche Spaltung in der Kirche; wollen wir solche -noch dadurch vermehren, daß wir zur Befriedigung unserer Leidenschaften -Hülfe bei einem oder dem andern Theil suchen? Benedickt ist Pabst, -und Martin, von vielen unterstüzt, will es gleichfalls sein. Diese -geistliche Eifersucht trennt die ganze Christenheit, und welcher von -beiden wird wohl vom heiligen Geist genugsam erleuchtet sein, ein -gerechtes Urtheil zu fällen? Ruhet er aber auf beiden gleich stark, -so haben sie auch gleiche Gewalt, und der eine wird nicht verfehlen, -dem andern in allen Fällen, wie der meinige ist, zu widersprechen; die -Schande und der Nachtheil aber der für mich hieraus entstehen und auf -mich allein zurückfallen würde, wäre unauslöschlich. — Ich glaubte -nicht, Madame! erwiederte ganz niedergeschlagen<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> der Herzog, daß Sie -in Ihrer dermaligen Lage an dergleichen heilige Spitzfindigkeiten -zu denken Ursache hätten. Verzeihen Sie meinen wilden Ausdruck und -schreiben ihn meiner schmerzlichen Empfindung zu. Ist es erst von Heute -daß dieser Zwietracht in der Kirche entstehet, und haben nicht andere -Päbste schon vorher sich in dergleichen Fällen gezankt?<a name="FNAnker_I_9" id="FNAnker_I_9"></a><a href="#Fussnote_I_9" class="fnanchor">[I]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> Wir haben -Beispiele genug. Haben Menschen, sobald sie als Päbste anerkannt sind, -die Macht,<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> auf Erden zu binden und wieder zu lösen, warum sollten -wir uns bemühen, die Gültigkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> ihres Berufs zu untersuchen? Steht -mir Benedickt Ihren Besiz zu, so mag meinetwegen<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> Martin mit seinen -Donnerkeilen gegen ihn losstürmen, mein Glück wird nichts destoweniger -befestigt sein. Uebrigens, Madame! werden Sie durch unsere Verbindung -dem Abgrund aller Leiden entgehen. Ueberlegen Sie, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> von allen -denen beträchtlichen Staaten, die Sie ruhig besitzen sollten, Ihnen -wenig überbleiben wird. Der Herzog von Brabant, der den größten Theil -durch sein unordentliches Leben schon durchgebracht hat, wird den -übrigen durch seine Nachlässigkeit, gegen den Herzog von Burgund, der -sich solche zuzueignen sucht, schlecht vertheidigen. Ein Mann wie -ich, wird sie aber leicht durch Bestrafung ihrer Undankbarkeit und -Ehrgeizes zurecht weissen, und niemals werden Sie Ursache haben, die -mir erwiesene Güte zu bereuen.</p> - -<p>Während dieser Unterredung, bei welcher die Climberge zugegen wer, -hatte Jacobine die Augen beständig zur Erde geheftet. Endlich sagte -sie zum Herzog: Ich habe Sie gelassen angehöret, lassen Sie mir nun -auch Zeit, Ihre Gründe zu untersuchen. Vorläufig aber muß ich Ihnen -gestehen, daß sie mir sehr seicht vorkommen; vielleicht aber finde ich -sie bei genauerer Erwägung triftiger. Sie würden mich gering schätzen, -wenn ich blinder Weise in Ihren Vorschlag einwilligte. Sie werden also -verzeihen, wenn ich mich nicht übereilt entschließe. Der Herzog war -einstweilen mit dieser Antwort zufrieden, und da er wohl einsahe, daß -Jacobinens Standhaftigkeit schon ziemlich<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> erschüttert war, wollte er -vor diesmal nicht weiter in sie dringen, sondern entfernte sich, und -überlies der Climberge, das übrige für ihn zu bewerkstelligen.</p> - -<p>Diese redete Jacobinen folgendergestalt an: Nun Madame! werden Sie doch -einsehen, daß Ihre Angelegenheiten eine günstige Wendung bekommen. Der -Herzog von Glocester bietet Ihnen sein Herz, seine Hand und die ganze -furchtbare Macht, über die er zu gebieten hat, dar. Er verspricht -noch über dieses die Hülfe des römischen Stuhls: wollten Sie nun noch -einen Augenblick anstehen, aus unzeitiger und furchtsamer Scham, der -ungerechten Gewalt des Herzogs von Brabant, der sich so verächtlich -gemacht hat, zu entsagen? — Ich verabscheue ihn auch, erwiederte -Jacobine, allein die Rache, die ich vielleicht schon zu weit getrieben -habe, muß mich nicht selbst bei der Welt verächtlich machen. Wird -man mir nicht, wenn ich in das Begehren des Herzogs von Glocester -einwillige, vieles vorzuwerfen haben? kann man, unter welchem Vorwand -es sei, einem rechtmässigen Gemahl entsagen, ohne sich dem Tadel -auszusetzen? In Beurtheilung der menschlichen Handlungen wird selten -Rücksicht auf Unglücksfälle genommen, und ohnerachtet meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> Unschuld, -würde ich bald dem Tadel jener strengen Geister, die da wollen, daß -man alles dulden und sich nie beklagen soll, ausgesezt sein. — Aber -Madame! erwiederte die Climberge, wenn Sie einen Pabst, der Ihr Vater, -Seelsorger und Gewissensrichter zugleich ist, zum Gewährsmann haben, -was können Sie noch befürchten? Oder hassen Sie etwa gar den Herzog von -Glocester? — Ich kann fast nicht entscheiden, antwortete Jacobine, -ob ich Liebe oder Haß in meinem Herze habe, und es liegt so etwas -Seltenes in meinem Schicksal, daß der Wohlstand erfordert, es meinen -Empfindungen ganz unabhängig zu überlassen. Ich habe mich schon zu -viel über etwas gegen den Herzog von Glocester herausgelassen, das -mich jezt sehr beunruhiget. Ich verstehe hier, wegen der angetragenen -öffentlichen Ehescheidung, wovon der Schimpf auf mich zurück fallen -würde, denn die Kirche, unter zwei entgegengesezten Häuptern, kann -sicher in dieser mißlichen Sache nicht entscheiden. — Also Madame! -unterbrach die Climberge, mit dergleichen Heldenträumereien, wollen Sie -lieber den tödtenden Gift geduldig einsaugen, als ihn durch heilsame -Gegenmittel vertreiben. Was! weil wir zwei Päbste haben, wollen Sie -sich keines derselben<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> bedienen. Ha! Madame! denken Sie nicht so -schwach; wer weis ob es nicht der Himmel auch um Ihrer Angelegenheiten -wegen verfügt hat, daß dermalen zwei Päbste sein müssen. Beeifert, sich -gegeneinander alles streitig zu machen, werden sie nicht verfehlen, -hier ihre Gewalt zu beweisen. Fehlen Sie nun, wenn dieselbe Sie -begünstigen; so liegt ja die Verantwortung auf ihnen selbst, und Sie, -Madame! haben sich desfalls keine Vorwürfe zu machen. Denn sobald der -eine, oder der andere entschieden haben wird, können Sie in aller -Gewissensruhe dem Herzog von Brabant entsagen, den Herzog von Glocester -ehelichen, und den Genus Ihrer noch jugendlichen Jahre, in welchen Sie -schon so viel gelitten haben, befriedigen. — Climberge! erwiederte -Jacobine, die Päbste sind Menschen, und oft Menschen, deren Herzen ganz -verdorben sind; wie können sie daher göttliche Gesetze, die schon viele -Jahrhunderte bestehen, und die jedem wahren Christen unverbrüchlich -sein müssen, zernichten? — Die Päbste, antwortete Climberge, sitzen -auf ihrem Gerichtsstuhl, den Unterdrückten Gerechtigkeit und Hülfe zu -ertheilen. Sie sind nicht die erste tugendhafte Frau die ihre Zuflucht -dahin genommen<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> hat, Sie würden aber sicher die Einzige sein, die es in -dergleichen Fall unterlies.</p> - -<p>Climbergs Gründe waren Jacobinens Herzen sehr schmeichelhaft. Ausser -daß der Herzog von Glocester ein angesehener Fürst war, hatte er -zugleich fürtrefliche Eigenschaften. Bei näherer Untersuchung seiner -Verdienste verlohren sich alle, der Ehescheidung entgegengesezte -Schwürigkeiten. Jacobine schloß, daß, sobald die Ursachen ihrer Flucht -öffentlich bekannt würden, die Schande allein auf den Herzog von -Brabant zurückfallen werde.</p> - -<p>Schlaflos brachte Jacobine die ganze Nacht mit Bestreitung ihrer -Zweifel zu. Und obgleich in derselben der Antrag des Herzogs von -Glocesters durch die Climberge nicht unterstüzt werden konnte, sprach -doch etwas weit vermögenderes zu seinem Vortheil, und die Liebe besigte -bald alle Schwürigkeiten. Climberge und Descaillon, die beide dem -Herzog von Glocester ganz ergeben waren, unterstüzten die günstigen -Gesinnungen Jacobinens, die nun, ob sie gleich noch einige innerliche -Zweifel beunruhigten, sich nicht mehr weigerte ihre Einwilligung zu -geben.</p> - -<p>Sobald Jacobine die Erlaubnis gegeben hatte, den Pabst Benedickt -wegen ihrer Ehescheidung anzugehen, empfand der Herzog von<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> Glocester -unaussprechliche Freude darüber. Er wollte, daß ganz England -theil daran nehmen sollte; deswegen unterlies er nicht, bei allen -Gelegenheiten seine großmüthige Freigebigkeit gegen jedermann zu -zeigen. Derweil man mit dem Pabst in Unterhandlung war, erfand er -täglich neues Vergnügen, Jacobinen die Zeit angenehm zu vertreiben, -und sobald der Scheide-Brief des günstigen Pabsts eintraf, wurde die -Vermählung zwischen dem Herzog von Glocester und Jacobine von Baiern -vollzogen. Um der Feierlichkeit ein majestätisches Ansehen zu geben, -berief der Herzog alles, was nur im Stande war, die Pracht und den -Glanz derselben zu erheben, nach London. Jacobine war noch in der Blüte -Ihrer Jahre, dabei sehr liebenswürdig und der Herzog so verliebt, daß -er das ihm widerfahrne Glück nicht genug zu schätzen vermochte. Beide -aber verlebten einige Monate ganz unbekümmert, ob sie noch andere -Leiden in der Welt zu erdulden hätten.</p> - -<p>Jacobinens Verhängnis aber war zu grausam, sie lange in dem Genus -einer so süssen Ruhe zu lassen. Es bereitete ihr viel schmerzhaftere -Streiche, als die, welche sie schon empfunden hatte. Mitten im -Genus des Vergnügens zog ein fürchterliches Wetter über sie auf. -Das Concilium<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> zu Costanz hatte Benedickt abgesezt, und hierdurch -alle Schlüsse dieses Pabsts vereitelt. Bei dieser Nachricht wollte -Jacobine fast verzweifeln. Der Herzog von Glocester gab sich alle nur -erdenkliche Mühe, sie zu trösten und verwünschte im Eifer die ganze -Kirchen-Versammlung. Allein was halfen hier tröstliche Worte und -Drohungen? Jacobine, die bessere Einsichten, als Klugheit hatte, fand -nichts darinn, das ihr die Furcht benehmen konnte. Sie zweifelte nicht, -der Herzog von Brabant würde sich, auf des von Degre Antrieb, an den -Pabst Martin wenden. Ich werde das Gelächter und der Abscheu der ganzen -Welt sein, sagte sie zum Herzog von Glocester. Man wird mich hinführo -nicht anderst, als wie ein schändliches Ungeheuer betrachten, und -meine Schwachheiten wird niemand entschuldigen. Zwei lebende Ehegemal! -Gerechter Himmel! wie abscheulig! Ha! Warum ist der bitterste Tod -meinen Ausschweifungen nicht zuvorgekommen? — Sie bereuen also, daß -Sie mich geliebt haben, erwiederte der Herzog, und Sie wollen meine -Zärtlichkeit damit bestrafen, daß Sie sich Leiden vorstellen, die nur -in dem Gehirn der niedrigsten Klasse von Menschen Statt haben? Was -habe ich bis jezt anderst gethan, als Sie bis zur Anbetung geliebet, -und was kann ich mehr thun als Ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> die theure Versicherung zu -geben, daß, entstehe auch was da wolle, diese Liebe nur mit meinem -Tode aufhören wird? Lassen Sie den Martin im Eifer schmählen, so -lang er will, er ist nichts anderst als ein wiederrechtlicher Regent -der Kirche, der nur einem der niedrigdenkensten Menschen Gehör geben -kann. Wir sind glüklich und in Sicherheit. Warum wollen Sie das Gemüth -mit schrekhafter Einbildungen martern, indessen Sie nur süsse Tage -verleben können? Ha! Herr Herzog! antwortete Jacobine, Sie sehen -nicht ein, was ich am meisten zu befürchten habe, und was mir den -tiefsten Schmerz verursachet. Sie lieben mich jezt, und ich gestehe -aufrichtig, daß ich es glaube: Wer kann mir aber die Versicherung -geben, daß Sie mich beständig lieben werden? Die armseligen Reize, -die Sie gerührt haben, waren zu schwach, die Unbeständigkeit des -Herzogs von Brabant zu hintertreiben. Die Zeit und der Genuß sind -die Klippen, an denen Zärtlichkeit und Treue oft scheitern; und -vielleicht werden Sie eines Tags der erste sein, der mein Betragen -mißbilligen wird, ob Sie mich gleich darzu verleitet haben. Lassen -Sie mich also meinen bejammernswürdigen Zustand beweinen. — Sie -bürden mir viele Ungerechtigkeiten zugleich auf, Madame! erwiederte -der Herzog seufzend,<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> und ich glaubte, Sie würden mehr Zutrauen in -meine Redlichkeit setzen, als mir ein so beleidigendes Mißtrauen -äusern. Was soll ich thun, und welche Beweise meiner ewigen Treue soll -ich Ihnen geben? Wollen sie, daß ich England und dessen Regierung, -die mich bindet, verlassen, und daß wir uns in einem verborgenen -Winkel der Erde niederlassen sollen, wo wir gegen den Ausbruch des -Wetters, das Sie ohne Zweifel zu arg fürchten, gesichert, nichts von -aufgeblasenen Kirchen-Vätern und treulosen Ehemännern mehr hören, und -wo wir uns einzig und allein mit unserer gegenseitigen Liebe ungestört -beschäftigen können? Ihre Ehre und Ruhm liegt mir all zu viel am -Herzen, und ich würde mich schlecht rechtfertigen, wenn ich zugäbe, daß -Sie solche meinetwegen in einer finstern Einöde vergraben würden. Dieß -ist der Weg nicht, den ich einzuschlagen wünsche. Wenn Sie in der Liebe -gegen mich beharren, schätze ich mich nicht ganz unglüklich; verlassen -Sie mich aber, so bleibt mir nichts als die äuserste Verzweiflung übrig.</p> - -<p>Der Herzog umarmte hierauf Jacobinen auf das zärtlichste, und beide -vergassen auf einige Zeit dergleichen vergebliche Zweifel, die sie -beunruhiget hatten. Die dienstfertige Climberge, die den Herzog von -Brabant haßte, und die gegentheils<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> dem Herzog von Glocester, der sie -mit Freigebigkeiten überhäuft hatte, ganz ergeben war, bemühte sich, -die Bekümmernisse ihrer Gebieterinn zu zerstreuen, worinn es ihr auch -oft geglückt haben würde, wann deren nicht täglich neue entstanden -wären.</p> - -<p>Die Gräfin von Hennegau war über das Betragen ihrer Tochter -ausserordentlich aufgebracht. Sie erwog die Gründe nicht, die eine -junge beleidigte Fürstin zu ihrer Rechtfertigung haben konnte. Sie war -ganz auf des Herzogs Seite, verwarf öffentlich den Scheidebrief des -Benedikts, und behauptete gegen jeden, daß die Ehe, die er begünstigt -habe, unzulässig sei.</p> - -<p>Ob sich nun gleich die von Degre, die noch bei dem Herzog von Brabant -in grosser Gunst stand, freuete, daß er seine Gemalinn loß war, wuste -sie doch, um so besser uneigennüzig zu scheinen, ihre Zufriedenheit -dergestalt zu verbergen, daß man nicht merken konnte, wie sie an -Jacobinens gänzlichem Verderben arbeite.</p> - -<p>Ist es möglich, sagte sie zum Herzog, daß eine grosse Fürstin -ihre Würde so erniedrigende Handlungen begehet, und daß sie eines -unbedeutenden, Verdrusses wegen, der nur die Folge ihres Uebermuths -war, ihren Gemal verläßt, über See gehet, und sich den Umarmungen -eines Andern Preiß<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> giebt? Ist es überdieß noch möglich, daß ein -Gegenpabst, ein Mensch, der weder Ehre noch Gottesfurcht besizet, sich -unterstehet, dergleichen freche Handlungen, den göttlichen Gesezen -schnur straks zuwieder, und die die Menschlichkeit empören, öffentlich -zu erlauben und zu begünstigen? Sollen dergleichen Mißbräuche nicht -bestrafet werden, und wollen Sie sich nicht durch Behauptung Ihrer -Gerechtsame desfals rächen?<a name="FNAnker_J_10" id="FNAnker_J_10"></a><a href="#Fussnote_J_10" class="fnanchor">[J]</a> Ganz bezaubert über diese Rede, -erwiederte der Herzog: Liebste von Degre! Der Fehler der Herzogin von -Glocester ist uns zu vortheilhaft, als daß wir darüber klagen sollten. -Sie hat mehr für<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> uns gethan, als sie hätte thun sollen, wenn sie es -zuvor recht überlegt hätte; denn nun kann ich Ihnen ihren Plaz ohne -Wiederrede einräumen. Sie haben sie aus meinem Herzen verdrängt, und -freiwillig hat sie sich von mir entfernet. Benedikt ist mir mit seiner -Gefälligkeit zuvorgekommen, und hat mir die Mühe erspart, ihn selbst -darum anzugehen, welches ich sicher gethan haben würde. Das Koncilium -zu Costanz giebt mir ein neues Hülfsmittel, um Ihnen ehestens die Würde -meines Rangs ertheilen zu können. Nein! Herr Herzog! antwortete dieses -schändliche Mädchen, Nein! mein Erheben würde Ihrem Ruhm nachtheilig -sein, und ich bin genug befriediget, da ich das Glük habe, Ihnen nicht -zu mißfallen. Ich strebe nach keiner andern Ehre, sondern nur nach -Ihrer beständigen Liebe. Aber verfolgen Sie die Undankbare, die Sie -verachtet hat; und da der Päbste Aussprüche göttlich sein sollen, so -suchen Sie den Pabst Martin auf Ihre Seite zu bringen, damit diese -Männersüchtige, durch öffentliche Beschimpfung gewahr werde, daß sie -unter der Gewalt eines Menschen stehe, der im äusersten Fall genommen, -nur als ihr Buhler angesehen werden kann. Ihre Ehre erfordert es, und -ich beschwöre Sie darum, sezte sie hinzu (auf die Knie vor den Herzog -fal<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>lend), denn ich kann nicht zugeben, daß der Schimpf einer solchen -Schandthat auf Ihnen sitzen bleibe. — Der Herzog, ganz von der Degre -geäuserten Ergebenheit eingenommen, glaubte leicht, daß sie ihm diesen -Anschlag aus aufrichtigem Herzen gäbe; und ohne weitere Untersuchung, -versprach er ganz nach ihrer Vorschrift zu verfahren; wie er dann -auch von Stund an bedacht war, die Wiederrufung der Bullen des Pabst -Benedikts vom Pabst Martin zu erhalten. Der mit Blindheit geschlagene -Herzog hatte bei diesem Unternehmen eine ihm verborgene Hülfe und -Unterstüzung. Philipp, Herzog von Burgund, der im äusersten Grad -ehrsüchtig war, sahe Jacobinens Besitzungen mit neidischen Augen an; -schon lange wünschte er, Gelegenheit zu finden, solche an sich bringen -zu können.</p> - -<p>Diese Zwietracht war ihm also zu Erreichung seiner Absichten sehr -willkommen. Er stellte sich zwar dem äuserlichen Schein nach, als -ob er sich alle Mühe gäbe, die Partheien zu vergleichen; allein die -minder Klügsten konnten leicht einsehen, daß es ihm nicht Ernst war. -Jacobinens Aufführung machte ihm heimlich boshaftes Vergnügen, nicht -zweifelnd, er würde im Trüben fischen, und sich bald durch den Raub -ihrer Staaten bereichern können. Einverstanden<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> mit dem Herzog von -Brabant, fiel es ihm nicht schwer, vom Pabst Martin ein donnerndes -Urtheil, das jenes vom Pabst Benedikt zerschmettern sollte, zu -erhalten. Die Ausdrücke desselben waren ausgesucht und der Kühnheit -des Päbstlichen Stuhls eigen. Wonnevoll, ganz entzückt war die von -Degre darüber. Der Herzog von Brabant glaubte, gerächt zu sein; -die Gräfin von Hennegau, die beständig über ihre Tochter loszog, -frohlokte über diesen schönen Erfolg; und der Herzog von Burgund freute -sich innerlich, daß ihm nunmehr die Unordnungen in seiner Famillie -Gelegenheit verschaften, gemächliche Entwürfe zu machen, den Besiz der -schon inne habenden Staaten sich zuzusichern, und solchen zu erweitern. -Nur der Graf von S. Paul, des Herzogs von Brabant Bruder, ärgerte sich -über diese Mißhelligkeiten und das unkluge Betragen seines Bruders; -allein mit dem besten Willen war er zu ohnmächtig, es zu hintertreiben.</p> - -<p>Diese Nachricht blieb in England nicht lange unbekannt. Ob sie gleich -Jacobine erwartet hatte, war sie ihr nichts desto weniger empfindlich -zu vernehmen. Ihr heftiger Schmerz vermehrte sich; sie bezeigte solches -ihrem Gemal, der sich alle Mühe gab sie zu trösten und<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> zu beruhigen. -Die Climberge brauchte gleichfalls ihre ganze Beredsamheit; allein -Jacobine warf ihr mit vieler Bitterkeit vor, daß sie es nur ihrem -dringenden Zureden zu verdanken hätte, daß sie nunmehr so unglüklich -wäre.</p> - -<p>Indeß Jacobine allen Muth und fast den Verstand verlohr, schmeichelte -der Herzog von Burgund dem von Brabant ganz ausnehmend; der Herzog von -Bedford aber, damaliger Regent in Frankreich, nahm sich seines Bruders -an. Es wurden einige Versuche gemacht, die Partheien zu vereinigen; -wie man sich dann auch würklich zu Amiens versammlet hatte, allein der -Erfolg entsprach diesen Bemühungen nicht. Um die Thränen seiner Gemalin -zu stillen, gieng der Herzog von Glocester, nachdem er so viel Völker, -als er nöthig glaubte, Besiz von denen, dem Hause Hennegau zugehörenden -Ländereien nehmen zu können, aufgebracht hatte, mit ihr nach Calais -über.</p> - -<p>Gerührt bei dem Anblik ihrer rechtmässigen Fürstin, empfiengen sie -die Einwohner der Provinz unter lautem Freudengeschrei, ob sie -gleich dem Herzog von Brabant das Gegentheil zugesagt und geschworen -hatten: Allein da eben damals Johann von Baiern Jacobinens Oheim in -dem Haag vergiftet wurde, und sie dadurch<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> dieser noch einzig übrig -gebliebenen Stütze ihres Hausses beraubet ward, nuzte der Herzog von -Brabant dieses, und bemächtigte sich einiger der beträchtlichsten -Oerter. Hierdurch brach die Kriegsflamme in voller Wut aus. Der Herzog -von Glocester wollte seine Gemalin in Sicherheit nach England zurük -bringen; allein eigensinniger Weise blieb sie in Bergen, und wollte -lieber alles wagen, als, wie sie sich ausdrükte; schimpflich die Flucht -nehmen.</p> - -<p>Hier hatte sie aber neuen Verdruß zu erdulten. Da die Gräfin von -Hennegau, die noch beständig für den Herzog von Brabant eingenommen und -gegen Jacobinen aufs äuserste aufgebracht war, sich an dem nehmlichen -Ort befand, erforderte es der Wohlstand, daß sie sich einander sahen. -Aeusserlich vermied die Gräfin von Hennegau alles, was den Schein eines -Unwillens haben konnte, und Jacobine beobachtete ihre Schuldigkeit -sehr sorgfältig und mit vieler Bescheidenheit. Allein bei der ersten -Unterredung redete die Gräfin Jacobine in stolzem Ton folgendergestalt -an: Jezt Madame! nachdem sie Ihren Gemal, ihre Mutter und ihre Staaten -verlassen, die gesittete Welt durch Ihre Aufführung geärgert und -die Päbste gegeneinander<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> aufgebracht haben, kommen Sie mit fremden -Kriegsvölkern nach Bergen, uns heimzusuchen und vermuthlich auf -keine Weise unserer zu schonen. — Madame! erwiederte Jacobine, es -wird genug zu meiner Rechtfertigung sein, wenn ich Ihre beleidigende -Vorwürfe, die ich nicht verdiene, gedultig und ehrerbietig anhöre. Die -Beleidigungen, die mir der Herzog von Brabant zugefügt hat, sind Ihnen -nicht unbekannt, und diese haben mich bewogen, ihn als einen Treulosen -und Undankbaren, der mich ins Elend gestürzt hat, zu verlassen, und -mit Erlaubnis der Kirche, einen Fürsten zu heirathen, der mir ganz -uneigennüzig gedienet und Schuz gegeben hat. Ich sehe daher nicht ein, -was in diesem Betragen tadelnswürdig ist. Allein Madame! leid ist es -mir, mich gezwungen zu sehen, Ihnen ohne Rükhalt zu sagen: Daß mir -Ihre Gleichgültigkeit, die Sie mir in meinen Leiden bewiesen haben, -alle Ueberlegungskraft benommen hat. Denn hätten Sie mir nur einige -theilnehmende Liebe gezeigt, so würde meine Erkenntlichkeit Ihre Güte -übertroffen haben. — Mit verächtlichem Ton erwiederte die Gräfin: -Die Erlaubnis, auf die Sie sich so vest stüzen, ist eben von keiner -grossen Wich<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>tigkeit, da sie nur aus dem Mond<a name="FNAnker_K_11" id="FNAnker_K_11"></a><a href="#Fussnote_K_11" class="fnanchor">[K]</a> ihre Entstehung -hat; und Sie sehen auch, wie wenig das Konzilium drauf achtet. Ich -glaubte, Sie würden vorsichtiger und klüger zu Werke gehen, als durch -Ihre Uebereilung zwei Fürstlichen Häussern einen solchen Schandfleken -anzuhängen, den sie Ihnen mit Recht noch nach vielen Jahrhunderten -vorwerfen werden. — Ihnen zu gefallen Madame! antwortete Jacobine, -will ich die Schuld ganz auf mich nehmen, und Sie nicht anklagen; -allein hätten Sie mir die Freiheit gelassen, meine erste Verbindung im -Wittwenstand zu betrauren, so würden Sie mir alle diese Leiden und sich -selbst den Verdrus erspahret haben. War es nöthig, um Ihnen gefällig zu -sein, daß ich ewig unter der Abhängigkeit eines eigensinnigen Fürsten, -dem nicht einmal die Worte von Ehre und Tugend bekannt sind, leben -muste? Sollte ich der von Degre Schandthaten durch gefälliges Betragen -noch selbst begünstigen? Und muste ich endlich gelassen zusehen, daß -eine Handvoll Menschen aus der Hefe des Volks sich anmasse, mir Geseze -vorzu<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>schreiben, da wo ich allein unumschränkt zu befehlen habe? — -Sie musten sich beklagen, fuhr die Gräfin fort, und dieß war alles, -was Ihnen die Klugheit zu thun erlauben konnte. Es ist jezt ein -schöner Anblik für mich, Ihnen, nachdem Sie unsinniger Weise das Meer -durchstrichen, unter Begleitung eines Wollüstlings, der Sie in sein Nez -gelokt hat, und der Ihnen, wenn er nur Ihr wahrer Liebhaber gewessen -wäre, besser geschonet haben würde, wieder hier zu sehen. Denn sein -Betragen zeiget deutlich, wie niedrig er Sie achtet, und daß er sich -nur Ihrer als einer ganz in Ehren verlornen Frau, zur Befriedigung -seiner Lüste bedienet. Diese grausame Mutter wollte hierauf weiter -nichts anhören noch sagen, sondern gieng in ein anderes Zimmer; und -Jacobine, vom tiefsten Schmerz gebeugt, begab sich in das ihrige.</p> - -<p class="mtop2">Da der Herzog von Brabant damals zu Brüssel war, führte in seiner -Abwesenheit die Gräfin von Hennegau die Regierung in Bergen. Allein das -Blatt drehte sich bald anderst. Die Einwohner, die Jacobinen wirklich -so sehr liebten, als sie ihre Mutter und den Herzog von Brabant -hasseten, erklärten öffentlich, daß sie nur ihr gehorchen wollten, -indem der Herzog<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> sich des Titels ihres Souverains unwürdig gemacht -hätte.</p> - -<p>Seines eigenen Vortheils wegen, ließ sich der Herzog von Burgund sehr -angelegen sein und wandte seine ganze Aufmerksamkeit auf den Nuzen, -den er daraus zu ziehen gedachte; dieser zielte schlechterdings dahin, -Jacobine gänzlich zu unterdrücken. Er foderte den Herzog von Glocester -trozig auf, und zwischen beiden Theilen entstund ein Briefwechsel, der -keine andere Folgen als den Krieg nach sich zog. Humphrei, der damals -seine Gemalin zärtlich liebte, war über die ihr wiederfahrne Kränkung -äuserst gerührt. Die harte Unterredung, die ihre Mutter mit seiner -Gemalin gehabt hatte, sezte ihn vollends in Wuth; und da er alle Kräfte -anwenden wollte sie zu rächen, beschloß er, eine Reise nach England zu -machen, um von da desto leichter die erforderlichen Hülfs-Völker zu -beziehen.</p> - -<p>Die Gräfin von Hennegau, die ihrer Tochter mit so grosser Strenge, -begegnet war, empfand, mehr aus Furcht, als aus anderm Triebe, einige -Reue, und wollte sich nun in etwas menschlicher bezeigen. Dem zufolge -gieng sie zu ihr, und bat sie, während der Abwesenheit des Herzogs von -Glocester, in Bergen zu bleiben. Die Einwohner, die ihr dem Anschein<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> -nach ganz ergeben waren, erboten sich sie zu bewachen. Jacobine sahe -so viele Wiederwärtigkeiten in ihrem Schiksal, daß ihr alles, ja sogar -Humphreis Sorgfalt, dessen Eifer sich verdoppelte, verdächtig war. Da -der Tag seiner Abreise anbrach, wollte sie ihn einige Meilwegs ausser -Bergen begleiten. Beim Abschied schienen beide gleich gerührt, und -eben sagten sie sich das lezte Lebewohl, als ein Frauenzimmer, das -sich durch Schönheit und verbissene Wuth besonders auszeichnete, das -Volk das sie umgab, durchdrang, und den Herzog von Glocester in vollem -Eifer also ansprach: Verräther! feiger und treuloser Fürst! gieb mir -meine Ehre wieder, die du mir geraubet hast, oder tödte mich vor den -Augen derjenigen, die die Ursache deines Meineids ist. Madame! fuhr -sie fort, sich zu Jacobinen wendend, verzeihen Sie meine Ausschweifung -und entschuldigen solche in Rüksicht meiner Verzweiflung. So lange es -mir möglich war, habe ich im verborgenen gelitten; allein die Kräfte -eines zärtlichen und betrogenen Mädchens, die ohne Hülfe ist, sind -nicht unerschöpflich. Dieser heimtückische Fürst, der Ihnen seine -Hand gegeben hat, vergab ein Gut, das ihm nicht mehr eigen war. Er -mißbrauchte die Unschuld meiner Jugend, und verführte mich<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> unter -Ausstosung der theuresten Schwüre, die ich unverbrüchlich zu sein -glaubte. Sie sehen meine Person, ausserdem aber bin ich aus einer guten -edlen Famillie entsprossen, daß er keine Ursache zum erröthen gehabt -haben würde, wenn er sein heilig beschwornes Versprechen gehalten hätte.</p> - -<p>Dieser unvermuthete Auftritt verursachte Jacobinen eine wunderbare -Bestürzung. Mit vieler Aufmerksamkeit betrachtete sie die, die ihn -erregt hatte. Sie fand, daß sie viele Reize hatte; und konnte sich -nicht enthalten, sie zu bedauern. Der Herzog, ganz beschämt, war in -der grösten Verlegenheit, wie er sich aus diesem verdrüslichen Handel -wickeln sollte. Endlich, nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte -er zu Jacobinen: Madame! Kehren Sie sich an den Reden einer Unsinnigen -nicht; nach ihrem Betragen können Sie auf ihre Unverschämtheit -urtheilen. Die wahre Tugend schreiet nicht so laut und vor so vielen -Zeugen. Ich versichere, daß ich Ihnen sehr treu bin, und daß ich jezt -von Ihnen verliebter scheide, als ich es jemals war. Hierauf und ohne -ihr weitere Zeit zur Erholung zu lassen, umarmte er sie, sezte sich -aufs Pferd, und jug mit solcher Geschwindigkeit davon, daß man ihn -augenbliklich aus den Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> verlohr. Die Bekümmerte aber, die ihn in -Verlegenheit gesezt hatte, lief ihm mit einer Schnelligkeit, die man -ihrer Schwäche nicht zugetrauet hätte, nach!</p> - -<p>Der Lerm, den diese Begebenheit verursacht hatte, verbreitete sich -bald bis zur Gräfin von Hennegau; und Jacobine, die wieder zurük -nach Bergen gegangen war, hatte von ihrer Mutter die empfindlichste -Spötteleien auszuhalten. Wenn ich mich nicht irre, sagte sie zu ihr, -so schmeichelt sich die verzweiflungsvolle Schöne mit einem glüklichen -Erfolg ihres zärtlichen Ausfalls, und der eine merkwürdige Epoche -in Ihrem Roman machen wird. Die kleine Ausschweifung des Herzogs -von Brabant war Ihnen empfindlich, weil Sie ihn nicht liebten, und -die weit grössere des Herzogs von Glocester werden Ihnen noch viel -empfindlichere Schmerzen verursachen. Aus Mittleiden muß man Sie -bedauern und aus Vernunft tateln; denn überhaupt sind Sie nicht zu -entschuldigen. Die aller unschuldigsten meiner Handlungen, erwiederte -Jacobine, werden Ihnen allezeit wie unverzeihliche Fehler vorkommen; -denn nur gegen den Herzog von Brabant sind Sie leicht nachsichtlicht. -So groß aber dieses gefällige Betragen ist, weis ich dennoch nicht, ob -er es nicht einstens erschöpfen wird. Wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> der Herzog von Glocester -vor unserer Bekanntschaft einige flüchtige Liebes-Verständnisse gehabt -hat, folget daraus daß er mich verlassen wird? Wenn eine Verwegene -sich selbst anklaget, kann deswegen der Schimpf, auf mich zurükfallen? -Sie suchen mich nur zu beleidigen; denn Sie müssen den Schimpf den -mir der Herzog von Brabant, da er mich schändlicher Weise der von -Degre aufopferte, angethan hat, einem unbedeutenden Liebeshandel, -den der Herzog von Glocester vor unserer Verbindung gehabt hat, -nicht vergleichen. Betrügen Sie sich Madame! erwiederte die Gräfin -honlächelnd, und schmeicheln Sie wenigstens mit freiwilliger Blindheit -Ihren Verwirrungen. Sie bedürfen keines Raths; und da Sie den Weg nach -England allein gefunden haben, so können Sie leicht weit entlegenere -Betrüger finden. Unter Ausstosung dieser beleidigenden Worte verließ -sie Jacobinen, die ihrem beklemmten Herzen bei der Climberge, mit -einer Thränenfluth Luft zu machen suchte. Nun siehest du, sagte sie zu -ihr, in welche Kette von Leiden ich mich durch dein Zureden verwickelt -habe. Du siehest die Päbste, meine Anverwandte und alle vernünftig -denkende Menschen gegen mich aufgebracht. Du siehest ferner eine -Unbekannte aus der Erde empor kom<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>men, der es vermuthlich der Himmel -eingegeben hat, mich durch ihren Vorgang auf das zu bereiten, was -mir unbezweifelt selbst wiederfahren wird. Ha! Climberge! ich bin an -meinem Unglük schuld! Die schnelle Abreise des Herzogs von Glocester -überzeuget mich, daß er nichts zu meiner Beruhigung zu sagen wuste. -Seine Liebste ist ihm nach, sie ist schön und entschlossen; vieleicht -sind sie schon vereiniget; denn ich sehe nur schrekhaften Auftritten -entgegen. Ich gebe zu Madame! antwortete die Climberge, daß Sie -einige Ursache haben verdrüslich zu sein; allein ist der Verdrus von -solcher Beschaffenheit, daß er Sie in einen so verzweiflungsvollen -Zustand sezen sollte? Seit dem der Herzog von Glocester Ihr Gemal -ist, was können Sie ihm vorwerfen? Seine ehrerbietige und sorgfältige -Aufmerksamkeit hat Ihrer Zärtlichkeit entsprochen; die seinige hat er -Ihnen durch stets gefälliges Betragen bewiesen, und Sie beunruhigen -sich dar über, weil es einer thörigten Creatur beliebt, ihre -Ausschweifung selbst öffentlich bekannt zu machen? Er hat Ihnen nicht -gesagt, daß er niemalen einige verliebte Abentheuer gehabt hätte. Wenn -diese Unverschämte noch einige Gewalt über das Herz Ihres Gemals hätte, -würde sie wohl mit solcher Wuth vor Ihnen ihr Recht zu behaupten<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> -suchen? Beruhigen Sie sich Madame! mit diesen Betrachtungen, und lassen -Sie diese Ehrvergessene dem Herzog von Glocester immer nachlaufen; er -schien bei ihrem Anblik so gleichgültig, daß man unbezweifelt einsehen -konnte, er sei der Gunstbezeugungen, die sie ihm vermuthlich all zu -freigebig aufgedrungen hat, überdrüssig: Die Ihrigen aber, die ihm von -weit höherem Werth sind, wird er auch gewiß besser zu schätzen wissen. -Schmeichle! unterbrach Jacobine, schmeichle so viel du willst. Dir -allein, durch dein Zureden, habe ich meine jezige Leiden zu verdanken. -Hiemit endigte sich diese Unterredung; Jacobine aber blieb ganz -tiefsinnig.</p> - -<p>Durch einige Engländer erfuhr Jacobine nach der Hand, daß die, die ihr -dermalen so empfindliche Kümmernis verursachte, ein junges Frauenzimmer -von guter Famille, Namens Eleonore, sei, die der Herzog von Glocester -ehedessen vorzüglich geliebt hatte, und man damals auch in London -geglaubt habe, daß er sich mit ihr vermälen würde. Durch einige -wahrscheinliche Betrachtungen, die Jacobine desfals machte, tröstete -sie sich einigermassen, da sie aber die Unbeständigkeit der Männer -schon erfahren hatte, wiedersezte sich stetes Mistrauen ihrer Ruhe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> - -<p>Ganz ohne Freunde war Jacobine nicht; verschiedene derselben hatten -sich bemühet, den Pabst Martin für sie zu gewinnen; und da die -Hohenpriester der römischen Kirche gewöhnlich dergleichen Knoten -nicht so vest knüpfen, daß sie nicht auflösbar sein sollten; zog auch -dieser sein eigenes Urtheil wieder ein, und hob hierdurch Jacobinens -Beschämung zum Theil auf. Allein dieser gefällige Pabst gab damit neuen -Anlaß zum Krieg. Der Herzog von Brabant war nichts weniger als ein -Held; er zog das Vergnügen dem Geräusch der Waffen bis zur Feigheit -vor; und da der Herzog von Burgund, der nur Jacobinens gänzlichen -Sturz zum Augenmerk hatte, sahe, daß sie nur unter dem Schuz eines -unerfahrnen Volks war, lies er ohne alle Achtung für das weibliche -Geschlecht und der Würde einer Fürstin, die Provinz ihrer Zuflucht mit -Kriegsvölker überziehen und in derselben übel haussen. Die Gräfin von -Hennegau, die äusserlich sich stellte, als ob sie auf ihrer Tochter -Seite wäre, aber ganz auf der des Herzogs von Burgund war, brachte -durch ihre listige Unterhandlungen einen Vergleich zu stande, vermöge -welchem: dem Herzog von Brabant die Provinz Hennegau zum Eigenthum -verblieb, wo er züglich alle Beleidigungen, die ihm etwa in derselben -wiederfahren wären, zu vergessen<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> und zu vergeben versprach, und daß -Jacobine, bis der Proces, den man wieder aufs neue beim römischen Hof -anhängig gemacht hatte, entschieden wäre, dem Herzog von Burgund zur -sicheren Verwahrung übergeben werden sollte.</p> - -<p>Diese Uebereinkunft, die Jacobinen so ganz nachtheilig war, verursachte -ihr den tiefsten Schmerz. Nun sahe sie erst recht die Falschheit -ihrer Mutter; und die Untreue der Einwohner Bergens ganz ein. Ob ihr -gleich die Nachläßigkeit des Herzogs von Brabant bekannt war, glaubte -sie dennoch nicht, daß er dem Ehrgeiz des Herzogs von Burgund alles -so schlechterdings aufopfern würde. Man drohete ihr, daß, falls sie -diesen Vergleich nicht eingehen würde, sie dem Herzog von Brabant -zu überantworten. Ihre eigenen Bediente wurden gefangen gesezt. Sie -selbst aber wurde nicht nur als eine Staatsgefangene, sondern als eine -würkliche Mißethäterin behandelt. Da sie keine Nachricht vom Herzog -von Glocester hatte, und daher nicht wissen konnte, was in England -vorgieng, marterte dieses ihr Gemüth um so mehr. In dieser äusersten -Verlegenheit lies sie folgendes Schreiben an den Herzog ergehen:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Es würde überflüssig sein, Ihnen eine weitläuftige Erzählung -meines bejammernswürdigen<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> Zustands zu machen; denn das Gerücht -trauriger Begebenheiten verbreitet sich nur all zu schnell und zu -sorgfältig. Dieses finde ich aber nöthig, Ihnen in Erinnerung zu -bringen, daß Sie mir mit Ihrer Hand zugleich Ihr Herz zugesichert -haben. Mich von Ihnen nicht mehr geliebt und verlassen sehen, würde -mein trauriges Herz unter allen Leiden, die auf mich losstürmen, -das empfindlichste sein. Mein gröster Feind hier ist meine eigne -Mutter. Ich bin meiner Länder beraubet, und meine noch wenige, -getreu gebliebene Diener liegen in Fesseln. Mir selbst aber ist -keine andere Wahl gelassen, als mich der Sclaverei des Herzogs -von Burgund, oder der des Herzogs von Brabant, zu unterwerfen. -Urtheilen Sie also was aus mir werden würde, wenn Sie mich -verliessen. Nicht der Ehrgeiz, sondern meine gegen Sie tragende -Liebe fordert Sie auf. Denn wären Sie mir weniger schäzbar -gewessen, so würde ich jezt mehr Muth haben. Ziehen Sie bei dieser -Gelegenheit die Reize der schönen Eleonore nicht zu Rath; sie -dürften mir nachtheilig sein. Da ich nicht angestanden habe, Ihnen -mein Herz zu schenken, gebe ich Ihnen jezt auch die<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> Versicherung, -daß ich mit unverbrüchlicher Treue Zeitlebens sein werde &c. -Jacobine.“</p></div> - -<p>Der Eilbote, den sie mit diesem Schreiben eigends abgefertigt hatte, -beschleunigte so viel ihm möglich war seine Reise; allein wiedrige -Winde vereitelten diese gute Meinung, und er kam erst in London an, -nachdem sich Jacobinens Wiedersacher ihrer schon ganz bemeistert -hatten. Unter dem Geleit des Prinzen von Oranien und einiger andern -Herren, die der Herzog von Burgund darzu gewählet hatte, wurde sie von -Bergen weg und nach Genf gebracht, alwo sie noch ziemlich ehrerbietig -bedient ward.</p> - -<p>Den Herzog von Glocester rührte Jacobinens elender Zustand sehr. Er -säumte keinen Augenblik an seinen Bruder den Herzog von Bedford nach -Frankreich zu schreiben, der sich dann auch gleich bei Empfang des -Briefs, mit Achthundert Reuter und unter Begleitung vieler vom Adel, -Jacobinen beizustehen auf den Weg machte, und zu Corbie in der Picardie -anlangte. Die Herzogin von Bedford wollte ihren Gemal zu dieser -Unternehmung begleiten; allein es geschahe mehr um die ganze Sache -zu hintertreiben, da sie eine Schwester des Herzogs von Burgund war. -Dieser besuchte sie gleich bei der Ankunft, und unter dem Vorgeben, -sie besser bewirthen<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> zu können, führte er sie auf einige Tage nach -Hedin, wo er durch verstellte Sanftmuth den Herzog von Bedford so -ein zu nehmen wuste, daß der bedrükten Jacobine gar nicht gedacht -wurde.<a name="FNAnker_L_12" id="FNAnker_L_12"></a><a href="#Fussnote_L_12" class="fnanchor">[L]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> Ob gleich der Herzog von Bedford Regent in England war, -wollte ihm diese Nation dennoch nicht als ihrem Souverain gehorchen. -Sie versagten ihm ihren Beistand mit ziemlichem Unge<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>stüm. Er fühlte -diese Beleidigung sehr empfindlich, er sahe aber keinen Ausweg sich zu -rächen. In dieser seiner Unvermögenheit war er auf eine besondere Rache -bedacht, und foderte zu dem Ende den Herzog von Burgund zum Zweikampf -auf. Beide Fürsten bereiteten sich auch hierzu; allein der Herzog von -Bedford, der es in Zeiten erfuhr, gab nicht zu, daß sie sich durch ein -so abentheuerliches Benehmen vor der ganzen Welt lächerlich machen -sollten.</p> - -<p>Jacobine, die den Pallast der Grafen von Flandern in Gent zur Wohnung -hatte, ward gleichwohl in demselben ihrem Rang nach bedienet. Diese -glimpfliche Behandlung benahm ihr aber keineswegs das Andenken ihrer -gehabten, ihrer jezigen und die Vorstellung ihrer künftigen Leiden. -Welchen Namen man auch ihrem Auffenthalt geben mochte, war er doch im -Grunde eine wirkliche Gefangenschaft; sie konnte daher ihren dermaligen -Zustand nicht anderst als die Folgen einer unerträglichen Tiranei -ansehen, die sie unmöglich erdulten konnte. Außerdem marterten sie noch -gewiße Gemüthsunruhen. Die Briefe des Herzogs von Glocester wurden -ihr vorenthalten, und unter so vielem Verdrus strebte sie sehnlichst -nach der Freiheit. Man hatte ihr überdem gestekt, daß der Herzog von -Burgund vor<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>habe, sie auf immer in Lisle einzusperren. Die Furcht -einer ewigen Gefangenschaft flößte ihr, mit Beihülfe der Climberge, -und des Descaillon, die ihr beständig treu verblieben waren, neuen -Muth und Entschloßenheit ein. Sie schrieb an einige angesehene und -vermögende Holländer, und sprach sie um ihren edelmüthigen Beistand -an. Keiner unter ihnen versagte ihr denselben, zu welchem Ende sie auf -das schleunigste nach Gent giengen. Daselbst war sie nicht so genau -bewachet, daß man nicht, mit Beobachtung einiger Vorsicht, hätte zu -ihr kommen können. Sie hatte eine gerechte Sache, und unmöglich konnte -man sie, ohne von ihrer Schönheit und Anmuth gerührt zu sein, ansehen. -Ihre Befreier verabredeten sich und trafen so gute Vorkehrungen, daß -sie sie, nebst der Climberge, in Mannskleidern aus Gent und glüklich -nach Antwerpen brachten, daselbst zog sie wieder ihre gewöhnliche -Kleidung an, und langte über Breda in der Grafschaft Holland an. Hier -wurde sie als Gebieterinn empfangen, und die Angesehensten der Provinz -giengen wegen ihrer wichtigen Angelegenheit mit ihr zu Rath. Der Herzog -von Burgund, der über ihre Flucht in Wuth gerieth, versammlete ein so -fürchterliches Heer, als ob er wolle die ganze Welt bezwingen, und -drang damit<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> in Holland ein, um die schon unter seine Bottmässigkeit -gebrachten Oerter im Gehorsam zu erhalten. Man sahe ihn auf die -gänzliche Unterdrükung einer liebenswürdigen Fürstin, die fast so viele -Unglüksfälle gehabt, als sie an Alter Jahre zählte, ganz erbittert.</p> - -<p>Es dauerte nicht lang, so trafen die zwo Parteien auf einander, und -wurden handgemein. Obgleich Jacobinens Heer sehr gering war, erhielte -es doch verschiedene Vortheile, von welchen sie dem Herzog von -Glocester Nachricht gab, der denn auch entschloßen schien, ihr zu Hülfe -zu kommen. Silvatier, unter dem Karacter seines General-Leutenants, -an der Spitze von fünfhundert der tapfersten entnommener Engländer, -wurde hierzu ernannt; allein der Herzog von Burgund, deßen Macht all zu -beträchtlich war, behielt die Oberhand. Dieses zwar tapfere, aber all -zu schwache Heer wurde geschlagen, und fast ganz in die Pfanne gehauen. -Der Sieger aber gieng nach Flandern, um das seinige, welches gleichfals -viel gelitten hatte, wieder zu ergänzen.</p> - -<p>Dieser unglükliche Ausschlag benahm Jacobinen den Muth dennoch nicht. -Der Schmerz, den sie darüber empfand, war heroisch; denn mit wahrem -Heldenmuth, der ihrem Geschlecht<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> sonst nicht eigen ist, stellte sie -sich selbst vor die Spitze ihres kleinen Heers und belagerte Harlem. -Dies Unternehmen glükte ihr nicht. Denn die Vorkehrungen, die der -Herzog von Burgund zur Vertheidigung dieser Stadt getroffen hatte, -wurden zu genau befolget, und sie muste daher mit Kummer ihre lezte -Anstrengung vereitelt sehen. Der Herzog von Glocester verfuhr sehr -nachläßig. Die See schied sie von einander, und Jacobine zweifelte -nicht, daß sich die entschloßene Eleonore in London befinde, und diese -Nachläßigkeit verursache. Wenn der Herzog an sie schrieb, war es in so -verlegenen Ausdrücken, die leicht ihre Muthmaßung bestättigen konnten, -und indeßen sie ihre Völker in eigener Person anführte und sich allen -Gefahren aussezte, blieb er, unter dem Vorwand, die Engländer auf -seine Seite zu bringen, und die Hülfe seines Bruders, des Herzogs -von Bedfords abzuwarten, dem es auch kein Ernst war, ganz unthätig -in London. Alle diese traurigen Betrachtungen bekümmerten Jacobine -stets, und verursachten ihr manche Gemüthsunruhen. Jezt Climberge! -sagte sie zu dieser ihrer Vertrauten, siehest du die betrübten Folgen -der Falschheit des Herzogs von Glocester. Er überläßt mich ganz -meinem Schiksal und der Himmel straft mich wegen meiner thörigten -Leichtgläubigkeit. Die Rolle, die<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> ich spielen muß, schikte sich weit -besser für ihn. Wie? indem ich ein Heer zur Vertheidigung unserer -Gerechtsame anführe, überläßt er sich ganz in träger Unthätigkeit -seiner verrätherischen Leidenschaft. Grausame Climberge! Warum -stimmte meine Schwachheit mit deinen unbedachtsamen Rathschlägen -so überein? Warum habe ich mich durch deine schmeichlerische Zunge -verführen lassen? Und endlich warum muste ich dir, zu meinem grösten -Nachtheil, folgen? Wilst du nun noch einen Menschen entschuldigen, der -mich im grösten Jammer ganz verläßt? und wirst du mich noch ferner -mit seigten Trostgründen beruhigen können? Betrachte mich von nun -an wie ein verstoßenes in der Welt herum irrendes Geschöpf, das von -Anverwandten gehaßt und von Feinden verfolgt ist, und siehe, ob du -im Stande bist, mir die verlohrne Unschuld wieder zu verschaffen. -— Ich gestehe Madame! erwiederte die Climberge, daß mich mein -Diensteifer kann betrogen und zu weit getrieben haben; allein sind -Sie deswegen straffällig? haben Sie dem Herzog von Brabant Anlaß zu -seiner Ausschweifung mit der schändlichen von Degre gegeben? und -geben sie jezt dem Herzog von Glocester Ursache undankbar zu sein? In -beiden Fällen sind Sie unschuldig. — Ich war zu leichtgläubig<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> und -zu voreilig, erwiederte Jacobine, ich hätte die Wichtigkeit meiner -Handlungen beßer überlegen sollen und dieses habe ich mir mit Recht -vorzuwerfen.</p> - -<p>Der Herzog von Brabant, den die von Degre beständig anreizte, -verfolgte, während der Zeit, den so viel wiedersprochenen -Scheidungs-Proceß beim römischen Hof aufs schärfste. Zur gründlichen -Untersuchung dieser Sache ernannte der Pabst eine Congregazion von -verschiedenen Kardinälen; und da diese auf Seiten des Herzogs von -Brabant die Ursachen zur Ehescheidung nicht hinlänglich genug fanden, -erkannten sie ohne weiteres Jacobinens Ehe mit dem Herzog von Glocester -für ungültig, wenn auch gleich der Herzog von Brabant mit Tode abgehen -sollte. Diesem Urtheil nach, von welchem nicht zu appeliren war, wurde -beschloßen, daß das unschuldige Schlachtopfer, zur Befriedigung der -gegenseitigen, durch Eigennutz geleiteten Partei, auf ihre eigene -Kosten gefangen und dem Herzog von Savoien in sichere Verwahrung -gegeben werden sollte. Gleich nach dem dieses, für Jacobinen so -fatale, Urtheil bekannt wurde, erklärte sich der Herzog von Glocester -auf die unedelste Art, daß er mit Jacobinens Angelegenheiten nichts -mehr zu schaffen haben wollte; und wenige<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> Tage drauf, heurathete er -die nehmliche Eleonore, die ihn bei der Abreise von Bergen mit ihren -Vorwürfen so überrascht hatte.</p> - -<p>Ob nun gleich jezt Jacobinen die Größe ihres Unglücks ganz einsahe, -verlohr sie darum den Muth noch nicht. An der Spitze ihres kleinen -Heers führte sie den Krieg noch immer fort, und auch bei verschiedenen -Gelegenheiten mit günstigem Erfolg. Allein den eifersüchtigen Herzog -von Burgund, der einmahl ihre völlige Zernichtung geschworen hatte, -glükten wegen seiner großen Obermacht die Unternehmungen weit beßer.</p> - -<p>Damals, nehmlich 1426. im April, starb der Herzog von Brabant, dem -sein Bruder, der Graf von St. Paul, in der Regierung seiner Länder -folgte. Da aber dieser ein sehr friedliebender Herr und unvermält -war, bekümmerte er sich weiter nicht um Jacobinens Angelegenheiten, -deren eigenthümliche Staaten sich nunmehr der Herzog von Burgund ganz -zueignete.</p> - -<p>Jacobinen blieb noch ein wahrer Freund in ihrer ganz verlaßenen Lage -übrig. Es war der Graf von Brederode, dieser stellte sich an die -Spitze ihres übrig gebliebenen kleinen Heers, und erfochte wirklich -mit dieser geringen Anzahl Völker ziemlich beträchtliche Vortheile in<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> -Nordholland. Allein endlich muste er doch der großen Obermacht des -Feindes unterliegen; nach einer tapfern Gegenwehr wurde er überwunden, -gefangen und muste zusehen, daß verschiedene Edelleute von seiner -Partei enthauptet wurden. Er würde auch das nehmliche Schiksal erfahren -haben, wenn man nicht befürchtet hätte, da er von dem ehemaligen Grafen -von Holland abstammte,<a name="FNAnker_M_13" id="FNAnker_M_13"></a><a href="#Fussnote_M_13" class="fnanchor">[M]</a> die ganze Provinz dadurch aufzubringen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p> - -<p>Nun wurde die unterdrükte Jacobine gezwungen, der unrechtmäßigen Gewalt -nachzugeben und einen Vergleich einzugehen, vermöge welchem sie sich -anheischig machen muste, ohne Einwilligung des Herzogs von Burgund, -ihres nunmehrigen Gesezgebers oder vielmehr Tirannen und nächsten -Blutsverwandten, nicht wieder zu heirathen. Dieser Vergleich wurde von -ihnen beiden, in Gegenwart des Adels und der Deputirten der Städte, -zu Delft eigenhändig unterschrieben. Da nun hierdurch der Herzog von -Burgund seine haabsüchtigen Absichten erreicht hatte, ernannte er einen -jungen Edelmann, Namens Franz von Borselle, der einer der tapfersten -und wohlgestaltesten Edelleute der damaligen Zeit war, zum Gouverneur -über die unrechtmäßig an sich gebrachten Länder. Um sich mehr Ehre -und größeres Ansehen zu geben, führte er Jacobinen, gleichsam wie im -Triumpf, mit sich nach Bergen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p> - -<p>Hier hatte sie nun volle Muße, Betrachtungen über die vielen -Wiederwärtigkeiten, die ihr begegnet waren, anzustellen. Sie -befand sich an einem Ort, wo ihr alles zu Befehl stehen sollte, wo -sie aber leider nichts mehr zu sagen hatte. Man erwies ihr zwar -einige Ehrenbezeigungen; allein mit weniger Achtung und mit vieler -Nachläßigheit. Stündlich beweinte sie die Härte ihrer Leiden, den -Tod des Dauphins und den ihres Vaters, des Grafen von Hennegau, und -verwünschte ihre unglüklichen Ehen mit den Herzogen von Brabant und von -Glocester. Vielfältige Betrachtungen machte sie über das schändliche -Verfahren der Päbste, und alle andern Ereigniße, die sie in den -Abgrund des Verderbens gestürzt hatten. Aller ihrer Vorrechte beraubt, -unvermögend die geringsten Bedürfniße befriedigen zu können, verachtet -in ihren eigenen Staaten, und unterdrükt von einem Fürsten, der ihr -Blutsfreund war — was muste sie bei ihrer erhabenen Denkungsart nicht -alle dabei empfinden? Sie fühlte noch zärtliche Regungen für den -untreuen Herzog von Glocester, die zu tiefe Wurzeln gefaßt hatten, als -daß sie so leicht hätten können ausgerottet werden; und man konnte in -Wahrheit von ihr sagen; daß das schönste, geistigste und anmuthigste -Frauenzimmer, das aller elendste auf<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> Erden war, worüber der Herzog -von Burgund frohlokte. Ihr elender Zustand rührte die Gräfin von -Hennegau, ihre Mutter, auf keine Weise; und die von Degre, die nicht -unterlies übertriebene und nachtheilige Erzählungen und Lügen von -ihr auszustreuen, spottete sie allerwegen aus. Dieses alles aber -verhinderte nicht, daß ihr die Liebe in ihrem Schicksal neue Prüfungen -zubereitete. Der von Borselle hatte sie verschiedenemalen angetroffen, -da sie ihrem kummervollen Herzen durch eine Tränenfluth Luft zu machen -gesucht hatte. Nichts erhebt die Schönheit eines Frauenzimmers mehr, -als traurige Blicke; und wer nur die geringste Anlage zu zärtlichen -Empfindungen hat, der kann unmöglich ein liebenswürdiges Frauenzimmer -im Kummer sehen ohne Mittleiden zu fühlen und ohne von ihren Reizen -gerührt zu werden. So gieng es auch dem von Borselle; und ob er gleich -dem Herzog von Burgund sein ganzes Glük zu verdanken hatte, so sahe er -doch denselben von Stund an wie seinen ärgsten Feind an, und lies sich -in seinen zärtlichen Regungen für Jacobinen nicht irre machen.</p> - -<p>Anfangs betrachtete Jacobine Borsellens gefälliges Betragen als -Wirkungen der Großmuth und des Mittleidens; sie wurde aber bald -ge<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>wahr, daß er aus ganz andern Empfindungen handele. Selbst die -Climberge, die noch immer Jacobinens Vertraute war, bemerkte es -und unterredete sich ohne weitern Zwang darüber mit ihr. Wie? -antwortete ihr Jacobine, wirst du nach dem allem, was mir begegnet -ist, noch thörigt genug sein, mir von neuen Liebhabern zu sprechen? -Ist Borsellens Rang und Geburt nicht weit unter der meinigen? und -wenn er mich redlicher und treuer wie die vorigen liebte, würdest -du ihn würdig genug halten, drei angesehenen Fürsten in dem Ehebete -zu folgen. Ich weiß wohl, erwiederte die Climberge, daß er nicht -von so hoher Abkunft ist, demohnerachtet ist er doch aus edlem Blut -entsproßen, liebenswürdig wegen seiner angebohrnen Anmuth, über die -Maßen großmüthig, und eifrigst beflissen, Ihnen zu dienen. Können -Sie versichert sein, ob nicht ihm die Ehre, Sie zu befreien, und der -Ruhm, Sie glüklich zu machen, vorbehalten ist? — He! Wer hat dir denn -gesagt, fuhr Jacobine fort, daß er mir so geneigt ist? Kanst du ihm -ins Herz sehen oder hat er dir sein Geheimnis offenbahret? Man darf -nur Augen haben, erwiederte die Climberge, um dergleichen Bemerkung -zu machen; denn entweder giebt es keine wahre Verliebte, oder Sie -haben dem von Borselle die heftigste Leidenschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> eingeflößt. In -diesem Fall, antwortete Jacobine, da eben Borselle zur Thür herein -tratt, würde er zu bedauern sein. Da er ziemlich schüchtern und -bleich aussahe, seine Blicke auch zärtlich und ehrerbietig waren, so -bestättigte dieses Climbergens Aussage vollkommen. Jacobine erröthete -bei seinem Anblik, und, um ihre Verwirrung zu verbergen, nahm sie ein -erkünsteltes Lächeln an. Sie werden schlechten Dank bei dem Herzog -von Burgund verdienen, sagte sie zu ihm, daß sie eine arme Gefangene, -die alle, welche einiges Mitleiden für sie blicken laßen, mit ins -Unglük stürzet, besuchen. Wenn Sie die Gewogenheit und des Zutrauens -eines mißtrauischen Gebieters fernerhin theilhaftig sein wollen, so -behandeln Sie mich nicht zu edelmüthig. Ich gebe Ihnen die aufrichtige -Versicherung, daß ich mit den, mir schon erzeigten Gefälligkeiten -vollkommen zufrieden bin, und Ihnen dafür ewig verbunden sein -werde. — Madame! antwortete Borselle, Sie sind mir auf keine Weiße -Verbindlichkeit schuldig; und wenn gleich Ihre Gütigkeit meine gute -Meinung dahin rechnen wollte, so ist bei derselben mein Unvermögen -so groß, daß ich mich darüber schämen muß. Sie sind ganz ohne Fehler -und demohnerachtet sind Sie unglüklich. — Sie sind zu ausschwei<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>fend -in Ihrer Höflichkeit, unterbrach ihn Jacobine; denn von strengern -Richtern würde ich nicht so vortheilhaft beurtheilet werden. Wißen -Sie nicht, welche ärgerliche Gerüchte man von mir ausgestreuet hat, -und auf welche, meiner Ehre nachtheilige Weiße man von mir spricht? -Dieses habe ich der christlichen Liebe der Päbste zu verdanken; diese -wollten mich vermuthlich durch dergleichen grausame Demüthigungen zur -strengeren Buße anhalten. Die Päbste, erwiederte Borselle, waren von -jeher die Geisseln rechtschaffener Menschen. Welche Lästerzunge darf -sich wohl erfrechen, Ihnen ein Vergehen anzudichten. Was? weil Männer -undankbar und unsinnig genug gewesen waren, Ihnen mit Verachtung zu -begegnen, will man Sie ihre Verbrechen entgelten laßen? Ich behaupte -vor der ganzen Welt, daß, wenn jemand unfehlbar ist, Sie es gewiß sind. -— Ha! Borselle, erwiederte Jacobine, Ihre Nachsicht ist übertrieben; -ich laße mir selbst Gerechtigkeit wiederfahren und gestehe freimüthig, -daß ich zu unvorsichtig gehandelt habe. Um aber das Gespräch von -meinen Angelegenheiten abzubrechen, bitte ich Sie, mir die Ursache -Ihrer Traurigkeit und Verlegenheit zu sagen. Sollte ich etwa noch -unglüklich genug sein, Ihnen Verdruß zu verur<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span>sachen, und sollte das -traurige Verhängniß, daß mich überall verfolget, auch Einfluß auf Sie -haben? — Sie allein Madame! erwiederte er, verursachen unschuldiger -Weise die Gemüthsruhe, die sie an mir bemerken; denn meine Liebe ist -so gränzenlos, daß ich die Hochachtung, die ich Ihnen schuldig bin, -darüber auf die Seite setze. Ihre Reitze, durch Leiden erhöhet, sind -vermögend, die härtesten Seelen zu rühren; wie kann also die meinige, -die von ganz anderer Beschaffenheit ist, ohne Empfindung sein? Ich -sage dieses mit keiner unbedachtsamen Verlegenheit; denn ich weiß den -Unterschied, der zwischen uns ist, sowohl in Ansehung der Geburt als -des Standes, nur zu gut, dieserwegen ist dennoch meine Liebe nicht -weniger heftig. Erzürnen Sie sich nicht über einen Unglücklichen, den -die Stärke der Leidenschaft hinreißt, durch diese Erklärung seinem -beklemmten Herzen Luft zu schaffen. Obgleich dieser große Unterschied -zwischen uns ist, indem Sie des Glüks eines der ersten Königen -theilhaftig sein sollten, vermindert diese Betrachtung dennoch meine -empfindsame Leidenschaft nicht. — Borselle! antwortete Jacobine, ich -habe Sie ungestört reden laßen, weil mit Ihre unvermuthete Erklärung -die Sprache benommen<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> hat. Ohne Ihnen die Anmerkung, die Sie selbst -in Ansehung des Unterschieds unseres Standes gemacht haben, nochmals -zu wiederholen, wird es genug sein, Ihnen zur Betrachtung zu geben, -daß alle dergleichen Leidenschaften, die ich unglüklicher Weise schon -eingeflößt habe, gleich nach ihrer Entstehung verschwunden sind, daß -man mir, nur mich beßer betrügen zu können, geschmeichelt hat, und -daß, anstatt daß man mir hätte Treue und Versprechen halten sollen; es -vielmehr scheinet, als ob mein Herz und meine Hand vergiftet wären; -denn so bald ich deren Besiz eingeräumet habe, wurden solche gleich -verachtet und verschmähet, ohne zu gedenken, daß ich unglüklich genug -war, meinem ersten Gemal den Tod zum Brautschaz mit zu bringen. Wenn -es also wirklich an dem ist, daß meine geringen Reize, die niemand -mehr unglüklich machen sollen, Sie beunruhiget haben, so nützen Sie -diese Betrachtungen, Ihre aufkeimende Leidenschaft zu unterdrücken, -und vermehren Sie mein Elend nicht durch Ihr eigenes Leiden. — Ich -würde, erwiederte Borselle, wenn es in meinem Vermögen stünde, Ihnen -gehorchen; allein eine Leidenschaft, die so heftig wie die meinige ist, -läßt sich nicht bezwingen<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> Sein Sie vielmehr versichert, Madame! daß -sie von ewiger Dauer sein wird. Nur der Tod kann mir solche rauben, -und ich weiß nicht ob sie mir nicht noch jenseit des Grabes folgen -wird. Ah! welcher Unterschied ist in der Liebe, zwischen den hohen -Ungetreuen, die Sie verrathen haben und dem unglüklichen Borselle? -Warum kann die Geburt seine Leidenschaft nicht rechtfertigen, und warum -hat er keine Kronen zu Ihren Füßen zu legen? — Sie haben, erwiederte -Jacobine, gute Eigenschaften genug, die zu Ihrem Vortheil sprechen; -aber um des Himmels willen dringen Sie weiter nicht in mich, und -überlegen Sie, daß ich schon unglüklich genug war. Hierauf lenkte sie -das Gespräch auf andere Gegenstände; und Borselle der nun einmal den -Schritt, der manchen Liebhaber in Verlegenheit setzet, gemacht hatte, -sezte vor jezt nicht weiter in sie.</p> - -<p class="mtop2">Von diesem Tag an verdoppelte er seinen Fleiß und seine Sorgfalt, -Jacobinen gefällig zu sein. Der Herzog von Burgund, der sie so vest -gebunden hatte, war auf Borsellens Betragen wenig aufmerksam. Dies -günstige Uebersehen verknüpfte diesen Umgang bald sehr eng. Die -Climberge, der ihr gezwungener Aufenthalt in Bergen unerträglich -wurde, legte Borsellens unbedeutenste<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> Handlungen großen Werth bei. -Ja! Madame, sagte sie zu ihrer Gebieterin, weil man Sie noch nicht -wirklich geliebt hat, wird es Ihnen um so viel süßer sein, nach -Ihren Verdiensten geliebt zu werden. Hat nicht schon der Himmel Ihre -treulosen Gemale bestraft? Der Herzog von Brabant ist in der Blüte -seiner Jahre gestorben, und der Herzog von Glocester hat sich durch -seine Verbindung mit einer entehrten Person, ganz Europas Verachtung -zugezogen, und Sie mit Aufopferung seiner eigenen Ehre gerächet. -Borsellens Beständigkeit in der Liebe wird diese Rache vermehren. -Wollten Sie lieber in den Feßeln, die Ihnen der Herzog von Burgund -angelegt hat, schmachten, als das Glük eines verdienstvollen Mannes -befördern? Man hat Ihnen unbillige Geseze vorgeschrieben, denen Sie -sich zu unterwerfen nicht verbunden sind. Wenn Sie durch Borsellens -Tapferkeit wieder in Ihre Gerechtsame werden eingesezt sein, haben Sie -alsdann nicht Würde und Hoheit, die ihn dem grösten Fürsten gleich -stellen, mit ihm zu theilen? Er ist von edler Geburt, und seine Thaten -machen ihn ehrwürdig. Sollten Ihnen dieses nicht Beweggründe genug -sein? — Spreche! unterbrach sie Jacobine, spreche immerfort und -leite mich aus einem Irrweg in den<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> andern: weil es deine und meine -Bestimmung ist. Ich sollte die Liebhaber und Ehemänner mehr als den Tod -fürchten, und doch höre ich dir gelaßen zu; ja! ich weiß nicht, ob du -mich nicht noch gar überreden wirst. Gefährliche Freundin! Warum hast -du mich in meinem Unglük allerwegen begleitet? Glaubst du, daß deine -Beharrlichkeit mir nachtheiliger als der andern Treulosigkeit ist? Wie -ich in London ankam, war ich wenig geneigt zu thun, was ich nachher -gethan habe; Du allein warst schuld an der Thorheit, die ich begieng, -jezt willst du mir eine weit größere zumuthen, und am Ende werde ich -mich mehr über dich, als über die von Degre zu beklagen haben.</p> - -<p class="mtop2">Während Jacobine in einem Strom von Unruhen dahin schwamm, sahe -Borselle, der wirklich und aufrichtig liebte, wohl ein, daß er ihr -nicht verhaßt war; er sezte daher so anhaltend in sie, daß es ihm -glükte das lezte Geständnis von ihr zu erhalten. Er hatte Jacobinens -wegen außerordentlich große Ausgaben gemacht. Denn zu der Zeit, -da sie an allem Mangel litte, sezte er sie in Ueberfluß. Er trat -geheime Vorkehrungen, die des Herzogs von Burgund seine vereiteln -sollten, und heirathete<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> Jacobinen mit der zu diesem Unternehmen -nöthigen Behutsamkeit und erforderlichem Geheimniß. Die Climberge, -der Descaillon und zwei vertraute Freunde des Borselle, waren die -einzigen, die dieser Handlung beigewohnt hatten; das neue Paar war aber -dieserwegen nicht wenig glüklich. Sicher ist es, daß Borsellens Liebe, -statt zu erkalten, täglich zunahm; denn es schien, als ob die Zeit ihr -neue Kräfte gäbe. Allein Borselle konnte nicht länger unthätig bleiben; -er hatte zu viel Muth, das Interesse einer Person, die alles für ihn -aufgeopfert hatte, zu vernachläßigen. Er muste sich daher von ihr -entfernen. Schreklich war für beide dieses nothwendige Scheiden, das -auf die beweglichste Weise, mit Versicherung ewiger Liebe, erfolgte.</p> - -<p class="mtop2">Man wurde bald gewahr, daß Borselle Jacobinens Angelegenheiten wegen -in Bewegung war. Es dauerte nicht lang, so wurde der Herzog von -Burgund davon benachrichtiget; und ob gleich das Ehebündniß sehr -geheim gehalten war, erfuhr er es doch auch gar bald. Da er einer -der stolzesten rachsüchtigsten Fürsten war, geriet er bei dieser -Nachricht in die gröste Wuth. Hundert Eilboten wurden mit dem Befehl -abgefertiget, sich des Borsellens zu bemächtigen, der sich zu sehr auf -seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Muth verlaßen, und sich mit seiner geringen Anzahl Leute zu -viel gewagt hatte, gefangen genommen und in die Hände seines Feindes -geliefert wurde.</p> - -<p>Der Herzog von Burgund, der nun seiner Beute gesichert war, wollte -die strengste Rache ausüben. Er befahl zu dem Ende, Borsellens -Prozes zu beschleunigen. Bis zur Wuth gegen Jacobinen, die ihn so -hintergangen hatte, aufgebracht, wollte er ihr das Schiksal, das -ihrem Gemal bevorstand, selbst ankündigen. Sie können nun auf den -fünften Gemal bedacht sein, sagte er zu ihr; denn ich gebe Ihnen mein -Wort, daß ich Sie in einigen Tagen der Mühe überheben werde, den -Scheide-Brief Ihres vortreflichen Ehebündnißes mit dem Borselle, von -Rom aus kommen zu laßen. Ein Scharfrichter wird hier die Stelle des -Hohenpriesters vertreten, und Ihnen diese Erlaubniß verschaffen. Denn -ich glaube nicht, daß Sie mich feig genug halten werden, dergleichen -grobe Beleidigungen ungestraft zu laßen. Ganz unvergleichliche Ehre -haben Sie den Baierischen und Burgundischen Häusern erwießen, daß -Sie ihr Blut mit dem eines elenden Kriegers vermischt haben, der nur -meiner Gnade, das was er ist, zu verdanken hat, und der nun bald dem -Volk zum Schauspiel und den Raben zur Speise dienen wird.<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> Schämen -Sie sich nicht, nach so erniedrigenden Ausschweifungen, noch das -Tageslicht anzuschauen? Der Herzog von Brabant that klug daran, daß er -die Gesellschaft einer Frau, wie Sie sind, mied; und der Herzog von -Glocester hat recht gehabt, Ihnen ein geschändetes Mädchen vorzuziehen.</p> - -<p>Er würde ihr noch mehr Unangenehmes gesagt haben, wenn es sein Zorn -zugelaßen hätte. Jacobine hörte ihm schmerzlich bestürzt zu; aber da -er sie so erniedrigend behandelte, konnte sie nicht länger an sich -halten. Mit trotzigem Blik sagte sie zu ihm: Ob Sie mir gleich im -gebieterischen Ton sprechen, so sind Sie deßwegen noch lange nicht -befugt, mir Geseze vorzuschreiben; und es macht Ihnen eben keine große -Ehre, daß Sie sich mein Unvermögen und Unglük zu nutz machen. Welches -Recht haben Sie, mir meine Güter zu rauben und mich zur Sclavin zu -machen? Ja! ich habe den Borselle geheirathet, und wenn etwas vermögend -wäre, mich es bereuen zu laßen, so wären es die Leiden, die ich ihm -dadurch zugezogen habe. Schwärzen Sie sich immer damit, daß Sie ihn -Ihrem Ehrgeiz aufopfern. Es wird das Maaß Ihrer Ungerechtigkeiten voll, -und Sie vollends<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> abscheuungswürdig machen. — Ja! Ja! antwortete der -Herzog, ich werde der Nachkommenschaft ein Beispiel geben; denn man -soll nicht von mir sagen, daß ich einen Menschen, der die ersten Häuser -Europens beschimpfet hat, ungestraft laße. Hierauf entfernte er sich, -und verließ die erschrokene Jacobine im tiefsten Schmerz versenkt.</p> - -<p class="mtop2">So leicht als er es wollte glauben machen, war es doch dem Herzog -von Burgund nicht, den Borselle seiner Rache aufzuopfern. Dieser -Edelmann war durchgehends geachtet und beliebt, auch war Jacobine in -den Jahren, in welchen sie von ihrem Thun und Laßen keine Rechenschaft -mehr zu geben hatte. Es war leicht einzusehen, daß nur die Furcht -Jacobine möchte Leibeserben bekommen, den Herzog zu diesem blutgierigen -Entschluß reizte. Da nun Jacobine dieß alles wohl überlegte, war sie -minder in Verlegenheit.<a name="FNAnker_N_14" id="FNAnker_N_14"></a><a href="#Fussnote_N_14" class="fnanchor">[N]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p> - -<p>Sie bediente sich der Vermittelung des Grafen von Meurs, durch diesen -versprach der Herzog von Burgund, daß wenn Jacobine auf alle ihre -Gerechtsame Verzicht thun würde, so wollte er sie und den Borselle in -Friede laßen.<a name="FNAnker_O_15" id="FNAnker_O_15"></a><a href="#Fussnote_O_15" class="fnanchor">[O]</a> Die dringenden und traurigen Umstände, darinn sich -Jacobine befand, und einen Gemal, den sie zärtlich liebte, zu retten, -nöthigten sie, dieße harte Bedingniß einzugehen. Sie entsagte also zu -Gunsten des Herzogs von Burgund allen ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> Staaten,<a name="FNAnker_P_16" id="FNAnker_P_16"></a><a href="#Fussnote_P_16" class="fnanchor">[P]</a> und man sahe -dieße große Fürstin, und rechtmäßige Erbin so beträchtlicher Länder, in -die äuserste Dürftigkeit versezt.</p> - -<p>Borselle wurde hierauf seiner Gefangenschaft entlaßen. Jacobine -empfieng ihn mit der nehmlichen Zärtlichkeit, als ob sie gar nichts -zu seiner Befreiung aufgeopfert hätte. Beim ersten Anblik sagten sie -sich einander die rührensten Sachen. Borsellens Herz strömte aus -Erkänntlichkeit über; und Jacobine, die sich nun für die glüklichste -Person auf der Welt schäzte, beeiferte sich, ihm ihre zärtliche -Liebe noch mehr zu zeigen. Durch die Bemühungen ihrer beiderseitigen -Freunde wurde<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> der Herzog von Burgund nach und nach besänftiget. Er -warf seiner Nichte einen Gehalt aus, der aber in Betracht deßen, -was er ihr entrissen hatte, gering war. Der Borselle erhielt, wegen -seines Bündnisses mit verschiedenen hohen Fürstenhäuser, den Orden des -goldenen Vliesses. Dieser liebte, oder vielmehr verehrte seine Gemalin -von Tag zu Tag mehr, und Jacobine schäzte ihn eben so. Allein da ihr -Leben mit so vielen und anhaltenden Verdrißlichkeiten verwebt war; so -konnte es nicht anderst sein, als daß ihr Körper sehr geschwächt wurde, -und dieses verursachte ihren frühzeitigen Tod, der dann 1436, sechs -Jahre nach der Zeit, als sie den lezten Vergleich mit dem Herzog von -Burgund eingegangen war, der nun in dem ruhigen Besiz aller der Länder, -die er ihr entrissen hatte, blieb, erfolgte.</p> - -<hr class="chapter" /> - -<div class="chapter"> - -<p class="s2 center padtop3" id="druckfehler">Druckfehler.</p> - -</div> - -<ul class="druckfehler"> - <li>Pag. 11 Zeile 15 statt Geschwister lies <a href="#geschwisterkinder">Geschwisterkinder</a>.</li> - <li> —  14 lezte Zeile statt kann lies <a href="#kam">kam</a>.</li> - <li> —  14 Zeile 8 statt den lies <a href="#dem">dem</a>.</li> - <li> —  24 – 4 statt dem Grafen lies <a href="#dergraf">der Graf</a>.</li> -</ul> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<div class="reklame"> - -<p class="s3 center padtop1 mbot2"><i>Bei Verleger dieses ist zu haben:</i></p> - -<p class="hang1_5"><span class="initial">A</span>uf die Schöpfung. (Ein Gedicht nach Klopstock.) 8.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">6 ggr. oder 24 kr.</p> - -<p class="hang1_5">Carl’s (Dr. Joh. Sam.) Armen-Apotheke, zum Unterricht und Dienst -derer, so keine Kenntniß der Arzneikunst haben. &c. &c. Mit -vollständigen Registern. Siebente verbesserte Auflage. 8. 1789.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">6 ggr. oder 24 kr.</p> - -<p class="hang1_5">Caspari (J. P.) Tirocinia sintactica, oder lateinische Sprach- und -Schulübungen, nach Anleitung der Langischen Grammatik, 2 Theile -verbesserte Auflage. 8. 1789.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">12 ggr. oder 48 kr.</p> - -<p class="hang1_5">Gedanken eines Hohenpriesters der Schwarzen, über die Religion. 8. -1789.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">16 ggr. oder 1 fl.</p> - -<p class="hang1_5">Hans Georg schlag zu! unser Glaube leidet Noth! eine Ode, -bei Gelegenheit eines Religions Gezänks zwischen Katholiken, -Lutheranern und Reformirten 8. 1788.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">3 ggr. oder 12 kr.</p> - -<p class="hang1_5">Jacobine von Baiern, Gräfin von Hennegau, Holland, Friesland -und Zeeland. Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehnten -Jahrhundert. 8. 1791.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">12 ggr. oder 45 kr.</p> - -<p class="hang1_5">Lecture amusante pour la jeunesse des deux Sexes par Mr. Villaume. -2 Tomes gr. 8, 1788.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">1 Rthlr. 12 ggr. oder 2 fl. 45 kr.</p> - -<p class="hang1_5">Lettres critiques morales & politiques de Mr. le Comte Max. de -l’Amberg. 3 Tomes 8. à Amsterdam 1786.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">2 Rthlr. oder 3 fl.</p> - -<p class="hang1_5">Philosoph (der) aus Afrika, 3ter Theil, von dem durch mehrere -Schriften sehr bekannten Herrn Pfarrer Hiltebrandt in -Baden-Weyerbach. 8. 1789.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">16 ggr. oder 1 fl.</p> - -<p class="hang1_5 mleft2">NB Die beiden erstern Theile ließ der Herr Verfasser in Frankenthal -drucken.</p> - -<p class="hang1_5 mtop2">Reimarus (Dr. J. A. H.) Beantwortung einiger, gegen die -Gewitterableiter gemachten Einwürfe als ein nützlicher Anhang zu -dessen Abhandlung vom Blitz, und Vorschriften zur Anlegung neuer -Gewitterableiter. 8. 1790.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">4 ggr. oder 15 kr.</p> - -<p class="hang1_5">Sanders (Heinr.) kleine Schriften. Nach dessen Tode herausgegeben -von G. F. Götz. 2 Bände gr. 8. 1788.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">1 Rthlr. 20 ggr. oder 2 fl. 45 kr.</p> - -<p class="hang1_5">Schatzens (Joh. Jak.) kurze Einleitung in die römischen -Antiquitäten, zur Erläuterung der klassischen Schriftsteller, -vierte sehr vermehrte und verbesserte Auflage, nebst einem -Register, 8. 1789.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">12 ggr. oder 48 kr.</p> - -<p class="hang1_5">System der Wesen, enthaltend die metaphysischen Principien der -Natur. 12. 1779.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">16 ggr. oder 1 fl.</p> - -<p class="hang1_5">Thyms deutliche und vollständige Anweisung zur Orthographie oder -deutschen Rechtschreibung. Berichtiget und herausgegeben von J. D. -Meidinger, zweite und sehr vermehrte Auflage, mit einem Verzeichniß -zweifelhafter und ähnlichlautender in der Bedeutung aber sehr -verschiedener Wörter; nach alphabetischer Ordnung. 8. 1791.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">16 ggr. oder 1 fl.</p> - -<p class="hang1_5">Volks (Alex.), gründlicher Unterricht zur Rechenkunst, woraus -ein Rechenschüler ohne Lehrmeister die Species und Regel de -Tri, nach Anleitung der gemeinen Rechnungsart und der welschen -Praktik, mit ganzen Zahlen und Brüchen, erlernen kann. Mit -vielen ausgearbeiteten Exempeln, sowol nach der Reichsmünze, als -Sächsischen Münze mit allen Vortheilen der Rechenkunst. 8. 1789.</p> - -<p class="right mright1 mbot1">6 ggr. oder 24 kr.</p> - -</div> - -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<div class="footnotes"> - -<p class="s3 center mtop1 mbot1"><b>Fußnoten:</b></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_A_1" id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Seine merkwürdigste Handlung war, daß er 1425 die -Universität zu Löwen stiftete.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_B_2" id="Fussnote_B_2"></a><a href="#FNAnker_B_2"><span class="label">[B]</span></a> Zu dieser abscheulichen That bediente er sich eines -Normänischen Edelmanns, Namens Raoul d’Ocquetonville, der dem Herzog -aufgelauert hatte, und ihn überfiel, da er eben zu Pferd und nur von -zwei Bedienten begleitet von einem Besuch von der Königin, die in den -Wochen lag, zurük kam.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_C_3" id="Fussnote_C_3"></a><a href="#FNAnker_C_3"><span class="label">[C]</span></a> Diese Schwachheit, oder vielmehr Wahnsinn des König Karls, -rührte von folgenden Ursachen her: da ihm im Aug. 1392. als er unter -Wegs nach Britannien war, entstandene Unruhen daselbst zu stillen, -die Sonne sehr heiß auf das Haupt schien, bekam er den ersten Anfall -von Unsinn; das Uebel vermehrte sich durch den Schrecken, <a id="dem" name="dem"></a>dem ihm ein -unbekannter, hagerer und elend verstellter Mensch verursachte, der -sich ihm näherte, sein Pferd in den Zaum griff, und ihn mit den Worten -anredete: <i>Bleib zurück König, wo willst Du hin? Du bist verrathen</i>, -und gleich verschwand. Und da endlich zum Unglück ein auf dem Pferd -eingeschlafener Edelknabe seine Lanze auf einen vor ihm hergetragenen -Helm fallen lies, glaubte der König man wollte ihn seinen Feinden -überliefern und bekam eine so heftige Wuth, daß er in eine Ohnmacht -fiel und in derselben drei Tage lang liegen blieb. Hierauf hatte er -sich wieder ziemlich erholet, allein, da man, um ihn zu zerstreuen, -das folgende Jahr, den 29ten Jenner, einen vermumten Ball -veranstaltete und ein mit Pech bestrichenes Gewand sich auf demselben -entzündete, wodurch er in Gefahr zu verbrennen gesezt wurde, verfiel er -auf das neue in Raserei. Hieran war die Unvorsichtigkeit des Herzogs -von Orleans schuld, der mit einer brennenden Fackel einigen Personen, -die als wilde Männer verkleidet waren, um sie zu erkennen, zu nahe <a id="kam" name="kam"></a>kam.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_D_4" id="Fussnote_D_4"></a><a href="#FNAnker_D_4"><span class="label">[D]</span></a> 1412. Bemächtigte er sich der Person des Königs, führte -ihn vor Bourges, wo eine Anzahl Grossen des Reichs eingeschlossen -waren, die zu einem Vergleich gezwungen wurden. Nach diesem verbündete -sich der Herzog näher mit der Königin, und vermehrte dadurch die -Zerrüttung im Reich. Denn unter dem Vorwand der königlichen Gewalt und -Befehle lies er den 18ten Juni 1418. den Kanzler und mehrere Grossen -des Reichs, die ihm entgegen waren, umbringen, und verübte überhaupt -unerhörte und die Natur empörende Grausamkeiten in Paris. Allein das -folgende Jahr erhielt er den verdienten Lohn dafür; denn Sontags den -10ten Sept. wurde er zu einer Unterredung von dem Dauphin auf die -Brücke Monterrau gelockt, und daselbst durch einen alten Diener des -ermordeten Herzogs von Orleans, Namens Tanegui du Chastel umgebracht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_E_5" id="Fussnote_E_5"></a><a href="#FNAnker_E_5"><span class="label">[E]</span></a> Da die Neigungen dieser beiden Frauen in vielem gleich -war, so ist an deren gegenseitigen Freundschafts-Bezeugungen nicht zu -zweifeln. Isabella, Karls Gemahlin, war die Tochter Herzog Stephans -II. von Baiern, und diese Fürstin, die mit ihrem Bruder Ludwig dem -Bärtigen, Grafen von Mottagne beständige Unruhen in Frankreich erregte, -konnte man eine wahre Geissel des Staats nennen. In wie weit ihr die -Gräfin von Hennegau mit ihren Intriguen gleich kam, wird der Verfolg -lehren.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_F_6" id="Fussnote_F_6"></a><a href="#FNAnker_F_6"><span class="label">[F]</span></a> Dieser Johann von Baiern war überhaupt ein sehr -haabsüchtiger und unbarmherziger Fürst. Ob er gleich als Bischoff -zu Lüttig lange Zeit regieret hatte, war er doch nie Priester. Die -Lüttiger, die gerechte Beschwerden gegen ihn hatten, empörten sich, -und hielten ihn in Mastricht eingeschlossen, von wo er, durch Hülfe -des Herzogs von Burgund (wie schon gesagt worden) befreiet wurde. In -dem 1409. mit seinen Unterthanen gehaltenen Treffen, wurden 36000 -derselben getödtet, die übrigen beredete er, unter dem Versprechen -einer gänzlichen Verzeihung, zum Vergleich; allein kaum hatte er die -Stadt Lüttig wieder in Besiz, so lies er eine grosse Anzahl Einwohner, -unter dem Vorwand, daß sie die Rädelsführer, und daher nicht unter -diejenigen, die er begnadigt habe, begriffen sein, ganz unbarmherziger -Weise ertränken und sonst hinrichten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_G_7" id="Fussnote_G_7"></a><a href="#FNAnker_G_7"><span class="label">[G]</span></a> Welche Ränke braucht ein verlarvter Bösewicht zu einem -erniedrigendem Geschäft nicht! Zu unsern Zeiten, brauchen die, zu -Ausschweifungen der Art geneigte Fürsten dergleichen Hülfe nicht: -sie wissen sich selbst zu rathen; wäre es aber nöthig, so würden sie -bereitwillige Höflinge zu Unterhändlern genug finden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_H_8" id="Fussnote_H_8"></a><a href="#FNAnker_H_8"><span class="label">[H]</span></a> Obgleich der Friede zwischen Heinrich von England und -Karl VI. von Frankreich den 20ten Junii, 1420. zu Troyes geschlossen -war; vermöge welchem Heinrich, nach Absterben König Karls, zum -Nachfolger des französischen Reichs erkannt wurde, und nach der -Einnahme verschiedener Oerter, die es mit dem Dauphin gehalten -hatten, die beiden Könige den ersten Advents-Sonntag ihren Einzug in -Paris hielten, wurde doch der Krieg nicht beendiget. Der Dauphin, -unzufrieden mit dem für ihn so nachtheilig geschlossenen Frieden, der -ihn von der Nachfolge im Reich ausschloß, verstärkte seinen Anhang. -Hierdurch wurde Frankreich in zwei Partheien getheilet, und man sahe -damals in demselben zwei Könige, zwei Königinnen, zwei Kronregenten, -doppelte Kronbediente, doppelte Parlementer, kurz alles war wegen -der Spaltung in diesem Reich zweifach. Die Unruhen auf einmal zu -beendigen gieng Heinrich nach England, um neue Völker zu sammlen. Mit -beträchtlicher Macht kam er zurück, mit dem Vorsaz dem Dauphin ein -entscheidendes Treffen zu liefern; allein dieser wich ihm überall -aus. Er belagerte und eroberte Dreux, während welcher Belagerung ihm -ein Einsiedler soll prophezeiet haben, daß er wegen seiner Ehrsucht -das Königreich Frankreich unrechtmässiger Weise an sich zu bringen, -mit einer abscheulichen Krankheit, vom Himmel würde heimgesucht und -bestraft werden. Er verlachte diese Weissagung. Dem sei wie ihm wolle, -so wurde er doch einige Monate drauf zu Senlis krank. Sein Uebel -waren Feigwarzen. (Mal de St. Fiacre) Ohne sich vor den Folgen dieser -Krankheit zu fürchten, lies er sich in einer Sänfte nach Vincennes -bringen, woselbst er aber am 31. Aug. des 1422. Jahrs seinen Geist -im 36ten Jahr seines Alters aufgab. Kurz vor seinem Ende verordnete -er seinem unmündigen Sohn Heinrich, der erst neun Monat alt war, die -Herzoge Johann von Bedford und Humphrei von Glocester, (der Held in -dieser Geschichte) seine beide Brüder zu Vormündern; und befahl, daß -der erste in Frankreich und der andere in England Regent sein sollte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_I_9" id="Fussnote_I_9"></a><a href="#FNAnker_I_9"><span class="label">[I]</span></a> Da hier die Rede von zwei Päbsten ist, die in der -damaligen grossen Kirchenspaltung zugleich gelebt und um gleiche -Vorrechte gebuhlet haben; so wird es wohl hier der schicklichste Platz -sein, den kurzen Lebenslauf derselben anzuführen. Der Leser wird -hiernach von selbsten urtheilen, welcher von beiden den gültigsten -Beruf gehabt haben mag? ein Fall der zu unsern Zeiten schwerlich mehr -entstehen wird, jedoch zur Sache: Peter de la Lune, ein Spanier aus -dem Königreich Aragonien, erhielt vom Pabst Gregor XI. im Jahr 1375. -den Kardinalshuth; nach 1378. erfolgtem Tod dieses Pabsts, trug er -nicht wenig bei, daß Clemens VII. zum Nachtheil Urbans V. der schon in -Rom auf dem päbstlichen Stuhl saß, erwählet ward, wodurch die schon -in der Kirche herrschende Zwietracht vermehret wurde. Oefters sprach -er dennach mit verstelltem Eifer von dieser Spaltung, verwünschte -alle Zwietracht und versicherte, daß wenn er an einer der Päbste -Stelle wäre, würde er sich alle Mühe geben und allem entsagen, um die -Gläubigen wieder unter ein Haupt zu vereinigen. Allein der Erfolg -zeigte bald, daß er nur unter diesem heuchlerischen Friedenseifer -hochmüthige und ehrsüchtige Absichten verbarg. Denn als Clemens 1394. -zu Avignon starb, stellten die damals zur Wahl anwesenden Kardinäle, -unter deren Zahl er war, eine schriftliche Versicherung aus, daß -derjenige unter ihnen, den die Wahl treffen würde, wenn es das ganze -Collegium für gut finden würde, der Spaltung dadurch ein Ende zu -machen, dem päbstlichen Stuhl wieder freiwillig entsagen sollte. Es -konnte daher nicht fehlen, daß die Wahl einstimmig auf ihn fiel, bei -welcher er den Nahmen Benedickt XIII annahm. Da er aber nun seinen -Entzweck erreichet hatte, wollte er von allem was er zuvor versprochen -und sich anheischig gemacht hatte, nichts wissen. Der König von -Frankreich, verschiedene Häupter Europens, der französische Klerus -und andere mehr, gaben sich alle erdenkliche Mühe, ihn zur Erfüllung -seines Versprechens, damit die Einigkeit in der Kirche dadurch wieder -hergestellet würde, zu bewegen. Allein es war tauben Ohren gepredigt; -sein Ehrgeiz lies es nicht zu; gab er auch einmal einige Hoffnung, so -war es nur um Zeit zu gewinnen, und um desto wiedrigere Maasregeln -nehmen zu können, nach welchen er endlich die nur auslachte die ihm -von freiwilliger Abtretung ferner sprachen. Anfangs hielt man ihn in -Avignon gefangen, er fand aber Gelegenheit 1402. von da verkleidet zu -entweichen, und auf das Schloß Reinard in der Provence zu flüchten, -wo er eine geringe Anzahl Völker antraf, die ihm zur Leibwache -dienten. Auf dem Konzilium zu Pisa wurde er 1409. nebst Gregor XII. -als Schismatiker und Eidbrüchiger, des Päbstlichen Stuhls verlustig -erklärt, worauf den 26ten Juni die Kardinäle ins Conclave giengen, und -Alexander V. an deren Stelle erwählten. Allein Benedickt kehrte sich -hieran nicht, sondern seine Würde zu behaupten und sich neue Anhänger -zu verschaffen, da die Kardinäle alle, die ihn erwählt hatten, von -ihm gewichen waren, ernannte er verschiedene neue. Ob er nun gleich -1417. von der Kirchenversammlung zu Costanz in den Bann, gethan und -abgesezt wurde, so gaben sich dennoch Europens Monarchen die Mühe, ihn -zum freiwilligen Verzicht unter den vortheilhaftesten Bedingnissen -zu bereden; allein ihre Bemühungen waren auch fruchtlos. Da er sich -endlich von jedermann verlassen und verabscheuet sahe, begab er sich, -nebst zwei ihm treu gebliebenen Kardinälen nach Paniscola, einer -geringen Stadt im Königreich Valenzia, wo er 1424. starb. Dreisig Jahr -hatte er in der Kirchenspaltung verlebt, die er auf seinem Sterbebette, -so wie die Zwietracht boshafter Weise nach seinem Tode, dadurch noch -weiter nähren wollte, daß er die zwei zugegen gewessenen Kardinäle -zwang, an seine Stelle einen Kanonicus zu Barcellona unter dem Namen -Klemens VIII. zu erwählen. -</p> -<p> -Sein Gegner Martin III. aus dem Hausse Colonna, wurde, nachdem Gregor -XII. dem Päbstlichen Stuhl freiwillig entsagt hatte, und die Mitpäbste -Johann XXIII. und Benedickt XIII. von der Kirchenversammlung zu -Costanz abhgesezt waren: auf eben dieser Versammlung 1417. zum Pabst -erwählet und daselbst gekrönet. Die versammelten Kirchenväter wollten -hierdurch der ärgerlichen Spaltung, die nun schon vierzig Jahre in der -Kirche gedauert hatte, ein Ende machen. Sie beschlossen daher diese -Wahl nur durch die anwesenden Kardinäle, mit Zuziehung dreisig theils -Prälaten theils andern Geistlichen, die aus verschiedenen Staaten auf -der Versammlung waren, vorzunehmen. Sie erfolgte auf dem Rathhauß zu -Costanz. In der 42ten Sitzung, so wie bei allen folgenden, hatte der -neue Pabst den Vorsitz, worinnen er sich durch seine Beredsamkeit -alle Mühe gab die Eintracht in der Kirche wieder herzustellen. Ein -Beweiß, daß sein Vorsatz aufrichtig war, ist dieser: daß er, nach -Absterben Gregors, den abgesezten Pabst Johann sehr liebreich aufnahm, -und ihn zum Dechant des Kardinalkollegiums ernannte, ihm auch in -solchem einen erhabenern Sitz, als der andern Kardinäle ihrer war, zum -Unterscheidungszeichen anwies. Seine Bemühungen aber, Benedickt zu -gewinnen, waren eben so fruchtlos, wie die der andern Mächte, wovon -schon gesagt worden? nur von Alphonsus König von Aragonien war er noch -unterstüzet. In der 44 Sitzung zu Constanz wurde beschlossen, eine -anderweitige Versammlung für das Jahr 1423. nach Pavia zu berufen, -die aber wegen der daselbst herrschenden Pest das folgende Jahr zu -Sienna gehalten wurde. Dahin sandte Alphonsus einen Bevollmächtigten -mit ansehnlichen Geschenken und grossen Versprechungen, um der -Sache Benedikts eine andre Wendung zu verschaffen, und Martin vom -päbstlichen Stuhl zu vertreiben: Allein der gleich darauf erfolgte -Tod Benedikts machte diesem Zwist ein Ende; denn auf die Wahl, die -Benedikt bei seinem Tode, auf Veranlassung Alphonsus, angestellt hatte, -wurde keine Rüksicht genommen; auch entsagte der dabei ganz ungültig -erwählte Clemens dem päbstlichen Stuhl freiwillig. Dieses bewog den -Pabst Martin, daß er demselben das beträchtliche Bisthum von Majorqua -übertrug. Und hierdurch hörte die während 51. Jahre in der römischen -Kirche gedauerte Spaltung ganz auf, welches man den klugen Bemühungen -Martins zu verdanken hatte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_J_10" id="Fussnote_J_10"></a><a href="#FNAnker_J_10"><span class="label">[J]</span></a> Was vermag eine rachsüchtige Buhlschwester nicht! und -welch Unglük entstehet nicht oft in einem ganzen Lande durch das -teufelische Einblasen einer Beischläferin? Doch Dank sei es unsern -aufgeklärtern Zeiten! Kein Blutbad, wie damals wird mehr darauf -erfolgen. Denn so kleine Geister, wie der Herzog von Brabant war, der, -ausser seinem schwachen Verstand, doch gutmüthig genug gewesen sein -würde, seine Gemalinn nicht weiter zu verfolgen, giebt es unter den -Grossen nicht mehr. Thut ja eine Beischläferin noch einigen Schaden, -so ist es nur an Einzeln und an denen, die nicht niederträchtig genug -sind, zu ihrer Fahne zu schwören; der ganze Staat wird aber deswegen -nicht zerrüttet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_K_11" id="Fussnote_K_11"></a><a href="#FNAnker_K_11"><span class="label">[K]</span></a> Dieser Ausdruk ist ein Wortspiel, das auf den Familien -Name (de la Lune) des Pabsts Benedikts, bezug hat.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_L_12" id="Fussnote_L_12"></a><a href="#FNAnker_L_12"><span class="label">[L]</span></a> Natürlicher Weise konnte sich Jacobine wenig von dieser -Hülfe versprechen; denn ausserdem wie schon gesagt worden ist, der -Herzog von Bedford ein leiblicher Schwager des von Burgunds war, muste -jener diesen besonders schonen. Da er um seines Vaters Mord zu rächen, -zur Englischen Partie getreten und die Waffen gegen sein Vaterland -ergriffen hatte, war zu befürchten, daß wenn der Herzog von Bedford -eifrig in ihn sezen wollte, er diese Partei verlassen, und sich zum -Nachtheil Englands mit dem König von Frankreich vergleichen dürfte, -wie er denn auch schon oft solches gedrohet hatte. Wäre aber dieses -erfolgt, so hätte sich die Englische Partei unmöglich in Frankreich -erhalten können. Da sich in der Folge mehrere Gelegenheit finden wird, -von dem Herzog von Burgund zu reden, so wird es nicht undienlich -sein, hier einen Biographischen Auszug von ihm zu geben. Philipp III. -Herzog von Burgund &c. war ein Sohn des zu Paris ermordeten Herzogs -Johann von Burgund, wie anderwärts schon gesagt worden. Er ward 1396. -Zu Dijon gebohren. Seines Vaters Tod zu rächen ergrif er 1420. die -Waffen gegen sein Vaterland, und schlug sich zur Englischen Partei. -Hierdurch wurde er sehr mächtig; und da er nirgends Wiederstand fand, -verbreitete er zu Ende der Regierung Carls VI. und Anfangs der von -Carl VII. in Frankreich überall Furcht, Schreken und Verwüstung. 1421. -lieferte er die berühmte Schlacht bei Mons in der Picardie, in welcher -er den Dauphin aufs Haupt schlug, und dadurch das Elend im Vaterland -vermehrte. Endlich verlies er 1435. die Englische Partei, und gieng mit -dem König von Frankreich einen Vergleich ein, welches er auch mit dem -Herzog von Orleans that. Dem ohnerachtet behielt er gegen Carl VII. -beständig heimlichen Haß, welchen er dadurch bewies, daß er seinem Sohn -dem Dauphin, nachmalig König Ludwig XI. Zuflucht in seinen Staaten -verstattete. Er war es der den 19. Jenner 1430. den Orden des güldenen -Vließes stiftete, der verschiedene andere milde Stiftungen errichtet, -und fast die siebenzehen Provinzen der Niederlande vereiniget hatte. Er -starb zu Brügge den 15. Julii 1467. und hinterlies von drei Gemalinnen, -die er gehabt hatte, nur einen Prinzen, Carl den Verwegenen, der ihm in -der Regierung seiner Staaten folgte, dagegen aber fünfzehen natürliche -Kinder, die er von verschiedenen Beischläferinnen erzeugt hatte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_M_13" id="Fussnote_M_13"></a><a href="#FNAnker_M_13"><span class="label">[M]</span></a> In der Familie der Grafen von Brederode hat es von jeher -nicht an berühmten Männern gefehlet, unter welchen aber folgende -die merkwürdigsten sind. Heinrich von Brederode war ein Haupt der -Protestantischen Verschwöhrung in den Niederlanden. 1567. überreichte -er der damaligen Gouvernantin Margaretha von Parma verschiedene Denk- -und Bittschriften, in welchen er, als aus dem Hauße der Grafen von -Brabant entsproßen, sein Recht gegen das Hauß Burgund, das diese -Grafschaft in Besiz hatte, suchte geltend zu machen. Da sich aber bald -hernach die Umstände änderten, gieng er mit seiner ganzen Famille, und -allem was er nur fortbringen konnte, zu Wasser nach Embden, und von da -aus nach Deutschland, wo er bald darauf vor Verdruß starb. Seine Wittwe -die eine Gräfin von Meurs, und eine der herzhaftesten Frauen damaliger -Zeit war, vermählte sich nachher mit dem Churfürsten von der Pfalz. -Lancelot von Brederode aber, gleichfals ein Haupt der Verschwornen, -wurde 1573 nach der Einnahme von Harlem, davon er Kommandant war, -und sich muthig vertheidigt hatte, nebst den öbersten Offiziers der -Besazung, auf Befehl des Herzogs von Alba enthauptet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_N_14" id="Fussnote_N_14"></a><a href="#FNAnker_N_14"><span class="label">[N]</span></a> Nicht allein diese Furcht, sondern noch ein ganz -anderer Beweggrund veranlaßten den Herzog von Burgund, seine Rache -aufzuschieben. Der Englander Angelegenheiten in Frankreich, mit denen -er in Bündniß stand, fiengen an für ihn nachtheilig zu werden. Es war -1429 da die berüchtigte Jeanne d’Arc, oder das Mädchen von Orleans, -deren Geschichte, ob gleich schon viel darüber geschrieben worden, -jezt noch ziemlich problematisch ist, zu Frankreichs Rettung auf den -Schauplaz trat. Die Engländer fiengen an, Mißtrauen in den Herzog von -Burgund zu sezen. Trennten sich nun die Engländer ganz von ihm, so -muste er befürchten, daß Jacobine als Gräfin von Holland und Zeeland -Hülfe von ihnen erhalten dürfte. Merkwürdig ist es indeßen, daß -Jacobine die Befreiung ihres Gemals gewißer maßen obiger französischen -Heldin verdanken konnte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_O_15" id="Fussnote_O_15"></a><a href="#FNAnker_O_15"><span class="label">[O]</span></a> Es war dem Herzog von Burgund um so viel mehr an -Vollziehung des Vergleichs gelegen, weil eben der lezte Herzog von -Brabant, Philipp Graf von S. Paul, Jacobinens Schwager ohne rechtmäßige -Leibeserben mit Tode abgegangen war, und er sich also auch den gewißen -Besiz des Herzogthums Brabant zusichern wollte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_P_16" id="Fussnote_P_16"></a><a href="#FNAnker_P_16"><span class="label">[P]</span></a> Der Herzog von Burgund hatte nun seinen Endzwek erreichet, -und durch Jacobinens Verzicht, die dem Hauße Baiern in den Niederlanden -noch zugehörigen Länder, an sich gebracht. Da er bei seinem Tod nur -einen Sohn, — wie schon gesagt worden ist — Carl den verwegenen -hinterließ, und dieser, der 1477. vor Nanzig blieb, keine männliche -Erben, sondern nur eine Prinzeßin Maria, die an den Erzherzog von -Oestreich, nachherigen Kaiser Maximilian, vermälet war, hinterlaßen -hatte, brachte diese die reiche Erbschaft ihres Vaters dem Hauße -Oestreich zu, das denn würklich noch gegenwärtig einen beträchtlichen -Theil davon, wie bekannt ist, besizt.</p></div> - -</div> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Jacobine von Baiern Gräfin vo - Hennegau, Holland, Friesland , by Gottlob Heinrich Heinse - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JACOBINE VON BAIERN GRÄFIN *** - -***** This file should be named 55013-h.htm or 55013-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/0/1/55013/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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