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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-07 11:04:50 -0800
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #55013 (https://www.gutenberg.org/ebooks/55013)
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-The Project Gutenberg EBook of Jacobine von Baiern Gräfin von Hennegau,
-Holland, Friesland und Zeeland, by Gottlob Heinrich Heinse
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Jacobine von Baiern Gräfin von Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland
- Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehenden Jahrhundert
-
-Author: Gottlob Heinrich Heinse
-
-Contributor: Jordan
-
-Release Date: June 30, 2017 [EBook #55013]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JACOBINE VON BAIERN GRÄFIN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This transcription was produced from
-images generously made available by Bayerische
-Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
-
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-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1791 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Dies gilt
- insbesondere für eine Vielzahl altertümlicher Ausdrücke in
- unterschiedlichen Schreibweisen, welche nur dann harmonisiert
- wurden, wenn eine Variante im Text mehrmals auftritt, die andere
- dagegen nicht mehr als einmal. So werden etwa Wörter, die die
- Buchstabenkombination ‚tz‘ enthalten, in mehreren Schreibweisen
- gleichberechtigt verwendet (z.B. ‚setzen‘, ‚sezen‘ oder ‚sezzen‘).
- Oftmals wird ‚wann‘ für ‚wenn‘ verwendet; auch dies wurde so
- belassen, soweit der Sinn erkennbar bleibt. Personen- und
- Ortsnamen wurden nicht in deren heute üblichen Schreibweisen
- übertragen.
-
- Wie in der damaligen Zeit üblich, folgt auf Kardinalzahlen oft ein
- Punkt, auf Ordinalzahlen aber nicht; umgekehrt wie in den heutigen
- Rechtschreibregeln festgelegt. Diese Regel wurde im Original zwar
- nicht konsequent eingehalten, eine Harmonisierung erfolgte im
- vorliegenden Text dennoch nicht.
-
- Korrekturen aus der Liste der ‚Druckfehler‘ am Ende des Buches
- wurden bereits in den Text eingearbeitet. Offensichtliche
- typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Die von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden
- in der vorliegenden Fassung mit den nachfolgenden Sonderzeichen
- gekennzeichnet:
-
- kursiv: _Unterstriche_
- gesperrt: +Pluszeichen+
-
- Kapitälchen wurden in GROSSBUCHSTABEN umgewandelt.
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- JACOBINE
-
- von
-
- _BAIERN_
-
- GRÄFIN VON HENNEGAU,
- Holland, Friesland und Zeeland.
-
- Eine vaterländische Geschichte aus dem
- fünfzehenden Jahrhundert.
-
- [Illustration]
-
- Frankfurt
- bei Johann Daniel Knoop
- 1791.
-
-
-
-
- IHRO KÖNIGLICHEN HOHEIT
-
- DER
-
- PREISWÜRDIGSTEN
-
- STATTHALTERIN
-
- BELGIENS
-
- FRIEDERIKE SOPHIE WILHELMINEN
-
- unterthänigst gewidmet.
-
-
-
-
- Da Tausende, die DEINER Huld sich freu’n,
- Von Dank durchglüht, DIR reichen Weihrauch streu’n,
- Leg ich auf den Altar
- Ein Blümchen hin. -- Nimms gnädig an,
- Erhabenste! ich gebe, was ich kann
- Und brings voll Ehrfurcht dar.
-
- _Jordan._
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-Vorbericht.
-
-
-Ob zwar die Begebenheiten einer Fürstin, die vor mehreren Jahrhunderten
-gelebt hat, eben die Neuheit nicht haben, auch denen, die nur
-einigermaßen in der Geschichte älterer Zeiten bewandert sind, bekannt
-sein werden; so scheinen sie mir doch, besonders bei jezigen, in
-den befragten Ländern herrschenden Unruhen, interessant genug, aus
-verschiedenen Bruchstücken und einer französischen Handschrift einen
-Auszug zu verfertigen und solchen zum Druck zu befördern. Wollte man
-diese Geschichte ganz zum Roman bilden, so lies sie sich freilich viel
-weiter ausdehnen; allein in solchem Fall müste nothwendiger Weise oft
-von der Wahrheit der Sache selbst abgewichen werden. Auch hätte ich um
-der Geschichte einen glänzendern Anstrich zu geben, sie mit Turniren,
-Bällen und andern dergleichen galanten Lustbarkeiten ausschmücken
-können; allein eine Fürstin, deren Leben durch so viele und anhaltende
-Widerwärtigkeiten vergället war, konnte wenig an dergleichen
-Ergözlichkeiten denken. Ausserdem glaub ich dem Leser einen Gefallen
-zu thun, wenn ich diese Tändeleien, so wie den verliebten Stil ganz
-weglasse und nur buchstäblich bei der Geschichte bleibe. Ueber die vier
-Gemahle, die meine Heldin theils aus Gehorsam, theils aus Schwachheit,
-genommen hat, wird sich freilich manche Spröde ärgern; indessen wenn
-sie die unglükliche Verfassung, in der sie sich befand, genau erwegen,
-werden sie gewis nicht so streng in ihrer Beurtheilung sein; dann
-sie war von ihrer eigenen Mutter verlassen; auf Veranlassung der
-Päbste muste sie Fehler begehen, die einigermaßen gegen den Wohlstand
-stritten, und bei ihren stetigen Widerwärtigkeiten konnte sie sich bei
-niemanden Raths erholen. Ob man ihr freilich manchen Vorwurf machen
-kann, so ist sie doch nichts destoweniger auf der andern Seite so viel
-mehr zu bedauern. Sie besas sehr viel gute Eigenschaften, und hatte die
-gerechtesten Ansprüche auf ein glänzendes Glück. Diese Vortheile aber
-vermochten nicht, sie für dem empfindlichsten Elend zu schüzen, und
-ihre grossen und vielen Widerwärtigkeiten beweisen, welch vergängliche
-Dinge, Ehre, Reichthum und Schönheit in der Welt sind.
-
- +Homburg vor der Höhe+
- im Heumonat 1790.
-
- Der Verfasser
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-Da öfters Menschen von reifern Jahren ihre Handlungen mit wenig
-Vorsicht und Klugheit unternehmen und verrichten, so ist es nicht zu
-verwundern, daß junge, von aller Erfahrung noch entblößte Menschen in
-diese Fehler verfallen. Die täglichen Beispiele beweisen solches zur
-gnüge; allein gewisse Fehler, die aus jugendlicher Unbedachtsamkeit
-begangen werden, lassen sich um so viel mehr entschuldigen, weil das
-Herz keinen Antheil daran hat, und man also der Tugend nicht ganz
-entsaget.
-
-Die Heldin, deren merkwürdige Begebenheiten hier vorgetragen werden,
-war eine der, sowohl durch Verdienste als häufige Unglücksfälle
-berühmten Prinzeßinnen jener Zeiten, in welchen tugendhafte Handlungen
-noch unter dem Joch der Barbarei lagen. Ihre erhabene Geburt, ihre
-ausserordentliche Schönheit, und über dieses alles, ihr erleuchteter
-Geist, zeichnete sie vor allen andern ihres Geschlechts aus. Ihr
-Betragen mit dem strengen Richterauge betrachtet, solte man urtheilen,
-daß Liebe und Unbeständigkeit bei ihr Fehler des Temperaments waren,
-allein untersucht man ihre Handlungen, so wird man finden, daß sie weit
-mehr wegen ihres vielfältigen Unglücks zu bedauern als zu schelten war.
-
-_Jacobine_, Prinzeßin von Baiern und Gräfin von Hennegau, war die
-einzige Tochter und Erbin Wilhelms des IV. von Baiern, Grafen von
-Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland, und der _Margaretha_ Herzogs
-Philipp des Kühnen von Burgunds Tochter, Uhrenkelin Kaiser Ludwig
-des V. von welcher sie 1401. gebohren ward. Ihre erhabene Geburt und
-der Glanz ihres Hausses, veranlaßten, daß die mächtigsten Fürsten,
-sich schon in ihrer zarten Jugend um sie bewarben. Karl VI. König von
-Frankreich, gab sich für seinen Sohn Johann, Dauphin von Vienois, um
-ihren Besiz besonders viele Mühe, und die Verlobung erfolgte auch
-wirklich im Jahr 1406. da Jacobine erst fünf und der Dauphin, der 1398.
-gebohren, acht Jahr alt war. Ob nun gleich die förmliche Vermählung
-weit hinaus gesezet wurde, so betrachtete man doch Jacobine von Stund
-an, als Königin von Frankreich, und erwies ihr gleiche Ehrerbietung.
-Der König von Frankreich stund mit dem Grafen von Hennegau in dem
-besten Einverständnis, allein der Dauphin und seine Braut, kannten
-sich nur daher, daß man öfters von dieser Verlobung in ihrer Gegenwart
-sprach.
-
-Da nun die Liebe an diesem Bündnis keinen Antheil hatte, so wollte sie
-bis zur Vollziehung der Vermählung dennoch nicht unthätig bleiben,
-sondern ihre gewöhnliche Streiche spielen. Johann von Burgund, Herzog
-von Brabant, der wenig Geist aber desto mehr Ehrgeiz besaß, nahm auf
-einige Zeit seinen Auffenthalt zu Bergen. Da Jacobine und er leibliche
-Geschwisterkinder waren, berechtigte ihn dieses, den beständigen
-Zutritt bei ihr zu haben. Die Gräfin von Hennegau liebte ihn als ihr
-eigenes Kind, weil er der Sohn ihres Bruders war, und sie hätte daher
-sehr gewünscht, daß die beträchtlichen Güter ihrer Tochter lieber ihm
-als dem Dauphin zugefallen wären.
-
-Der Herzog von Braband war eines ziemlich guten Ansehens, und dabei
-sehr reich; allein sein Verstand war eingeschränkt, und er hatte einen
-so wunderlichen Sinn, daß auch die Allernachgiebigsten mit ihm nicht
-auskommen konnten.[A] Dem ohnerachtet verliebte er sich auf das
-heftigste in Jacobinen; allein seine Leidenschaft hatte nicht jene
-zärtliche Empfindungen, die vermögend sind, das Herz des Gegenstandes
-zu rühren.
-
-Um diese Zeit 1407 ereigneten sich in Frankreich Vorfälle von grosser
-Wichtigkeit für das Haus Burgund. Ludwig, Herzog von Orleans, hatte
-sich die Schwachheit seines Bruders, des Königs Karl, zu Nuze gemacht,
-und durch einen Anhang von mehr als sechshundert Edelleuten sich fast
-der gänzlichen Regierung bemächtiget. Dieses erwekte Eifersucht bei dem
-Herzog Johann von Burgund, der gleichfalls Antheil an der Regierung
-haben wollte. Ob nun gleich diese Zwistigkeiten durch Vermittelung
-ihres Oheims, des Herzogs Johann von Beri, waren beigelegt und beide
-Prinzen vereiniget worden; so lies doch Johann von Burgund den
-Herzog von Orleans den 23ten Nov. bei der Pforte _Barbette_ in Paris
-meuchelmörderischer Weise umbringen.[B]
-
-Die hinterlassene Gemahlin und Kinder des Herzogs von Orleans suchten
-diesen Mord zu rächen; der Herzog von Burgund der sich nach Flandern
-geflüchtet hatte, vertheidigte sich schlecht, und die Gräfin von
-Hennegau, seine Schwester, war natürlicher Weise auf seiner Seite. Da
-aber der König von Frankreich die Anverwandten der Dauphine schonen
-wollte, trieb er diese Sache nicht eifrig, sondern wünschte einen
-Vergleich.
-
-Der junge Herzog von Brabant und Jacobine, die noch keinen Antheil
-an diesen Zwistigkeiten nehmen konnten, vertrieben sich die Zeit
-während man am Hof Karls VI. von nichts als Blut und Mord sprach,
-mit unschuldigen Spielen. Denn nachdem der Herzog von Burgund dem
-Bischof zu Lüttig, Johann von Baiern, gegen seine aufrührerische
-Unterthanen beigestanden, und diese vor Mastricht den 23ten Sept.
-1408. geschlagen und vertrieben hatte, kam er mit gewafneter Hand nach
-Paris, vertheidigte sein Verbrechen, zog während der Schwachheit
-des Königs[C] die ganze Regierung an sich, verübte grosses Unheil im
-Königreich, und entzündete dadurch den noch unter der Asche glimmenden
-bürgerlichen Krieg an allen Enden des Königreichs.[D]
-
-Ob nun gleich der junge Herzog von Brabant Jacobinen auf das heftigste
-liebte, hatte sie doch nicht die geringste Gegenliebe noch Neigung zu
-ihm. Alle seine Tritte misfielen ihr; denn in allen seinen Handlungen
-herrschte ein so albernes Wesen, das ihn ihr unerträglich machte.
-Jacobine wurde nicht anderst als mit dem Namen Dauphine benennt, daher
-erwies man ihr auch, als der Gemahlin des zukünftigen Thronfolgers
-eines mächtigen Königreichs die gebührende Ehrerbietung, und ihre guten
-Eigenschaften verdienten auch dieses hochachtungsvolle Betragen.
-
-Der Graf von Hennegau bemerkte durch seine Scharfsichtigkeit die
-Leidenschaft des Herzogs von Brabant leicht. Er sagte daher eines
-Tages zu seiner Gemahlin: Ich fürchte, diese jungen Leute, die nicht
-für einander bestimmt sind, dürften am Ende zu vertraut miteinander
-werden; ich ersuche Sie also, nöthige Maasregeln zu nehmen, damit
-diese Vertraulichkeit nicht zu weit gehe. Sie wollen, antwortete die
-Gräfin, Sachen sehen, die mir gar nicht bedenklich scheinen; und wie
-können Sie begehren, daß Kinder, die Blutsfreunde sind, sich einander
-gleichgültig begegnen sollen? Glauben Sie mir diese Art angenommener
-Vertraulichkeit, führt öfters weiter als man glaubet. Ihre Tochter
-gehöret weder Ihnen, mir, noch sich selbst mehr; ich verlasse mich auf
-Ihre Klugheit und beschwöre Sie, alle Sorgfalt zu gebrauchen, ihre
-Aufführung zu beleuchten, damit mir kein Verdruß daraus erwachse. Aber
-Graf! was wollen Sie daß ich thun soll? antwortete sie, und was kann
-ich desfalls zwei noch unschuldigen Kindern verständliches sagen? Sie
-glauben sie unschuldiger als sie würklich sind, fuhr der Graf fort;
-denn, obgleich der Herzog von Brabant keinen glänzenden Verstand hat,
-ist er doch der Liebe fähig; meine Tochter hat schon zu viel Geist, und
-ich würde verzweifeln, wenn ihr Jemand Empfindungen beibrächte, die
-sie einzig und allein gegen den Dauphin haben soll. -- Ihre Vorsicht
-scheinet mir ganz unzeitig zu sein, erwiederte die Gräfin; jedoch um
-Sie zu befriedigen, will ich das Betragen meiner Tochter und meines
-Neffen genau beobachten; allein, in Wahrheit! ich wünschte nicht, daß
-man Ihr Mistrauen und Ihre unnüze Vorsicht gewahr würde. -- Thun Sie
-nur was ich begehre, schloß der Graf, und sein Sie unbekümmert, was
-andere seltsames in meinem Betragen finden mögen.
-
-Nach dieser Unterredung gieng die Gräfin in der Dauphine Zimmer, die
-man eben ankleidete. Sie sahe heute ausserordentlich schön aus, und der
-Herzog von Brabant betrachtete sie mit solcher Aufmerksamkeit, daß er
-die Ankunft der Gräfin von Hennegau kaum gewahr wurde. Sie scheinen mir
-sehr tiefsinnig zu sein, Herr Herzog! redete sie ihn an; haben Ihnen
-Ihre Lehrer eine so wichtige Lexion aufgegeben, oder Sie angewiesen,
-Betrachtungen über die Frau Dauphine zu machen? Ich finde meinen
-Vortheil besser ihre Reize zu bewundern, erwiederte er, als ein unnüzes
-Thema auszuarbeiten, und hierinn ist mein Herz allezeit mit meinen
-Augen übereinstimmend. Die Gräfin verwundert über diese Erklärung,
-antwortete: Da Sie die Dauphine nicht ewig beschauen können, rathe ich
-Ihnen sich in Zeiten und nach und nach an ihre Abwesenheit zu gewöhnen;
-denn es ist nicht wahrscheinlich, daß Sie dieselbe nach Paris begleiten
-werden. Gehet sie ohne mich dahin, äuserte der Herzog weiter, so muß
-ich sterben; warum haben Sie sie dem Dauphin versprochen, der sie nicht
-kennt und der sie nie so inbrünstig, wie ich lieben wird? -- Ihre
-kleine Thorheit kann groß werden, erwiederte die Gräfin; Sie werden
-nicht mit nach Frankreich gehen; denn Sie müssen notwendiger Weise in
-Ihren Staaten zurück bleiben. -- Ha! ich werde sicher dahin gehen, rief
-er aus, und sollte es nur sein um den Dauphin zu bekriegen. Mit diesen
-Worten entfernte er sich, und die Gräfin sahe nur zu gut ein, daß ihres
-Gemahls Furcht gegründet war. Sie redete hierauf die Dauphine folgender
-Weise an: Gefällt Ihnen der Herzog so gut wie Sie ihm zu gefallen
-scheinen, und würden Sie es gerne sehen, wann er die Waffen gegen Ihren
-Gemahl ergriffe? Lachend antwortete die Prinzessinn ich schäzze den
-Herzog als einen Blutsfreund von Ihnen, und weil Sie ihm besonders
-gewogen sind; allein da ich dem Krieg feind bin, würde es jederzeit
-gegen meinen Willen sein, er möge auch bekriegen wen es seie. Begegnen
-Sie ihm nicht streng, sezte die Gräfin hinzu; allein lassen Sie sich
-nicht zu vertraut mit ihm ein. Die Dauphine versicherte, daß sie diesem
-ohne Zwang folgen werde, und daß sie bis jezt noch nichts empfunden
-hätte, das ihrer Schuldigkeit entgegen wäre. Ohnerachtet nun die Gräfin
-von Hennegau durch diese Unterredung von der Leidenschaft des Herzogs
-überzeugt war, wollte sie doch ihrem Gemahl nicht eingestehen, daß er
-recht geurtheilt habe.
-
-
-Die Dauphine, die nunmehr heranwuchs, ward von Tag zu Tag reizender,
-und desfalls allgemein bewundert. Die Leidenschaft des Herzogs von
-Brabant nahm, wegen der beständigen Gegenwart eines so liebenswürdigen
-Gegenstandes, immer mehr zu; allein sein von Natur widriges Betragen,
-leistete ihm in seinen jugendlichen Begierden bei dieser zärtlichen,
-doch lebhaften Prinzeßin, schlechte Dienste. Er sprach viel, allein die
-Gaben des Ausdruks fehlten ihm. Mit ausserordenrlichem Vorurtheil von
-sich war er eingenommen, und doch beobachtete man an ihm nichts, als
-ein hochmüthiges und widerwärtiges Betragen.
-
-Der Graf von Hennegau, den seine Gemahlin endlich die Leidenschaft des
-Herzogs eingestanden hatte, fand für nöthig, da die Zeit sich nahete,
-wo seine Tochter dem Dauphin zugeführt werden sollte, den Herzog von
-Brabant zu entfernen. Er veranstaltete daher seine Zurückberufung. Bei
-dieser Gelegenheit verübte dieser junge Liebhaber die ausschweifensten
-Thorheiten. Er weinte, man muste ihn mit Gewalt fortbringen; ja! seine
-Wuth brach sogar in Vorwürfe und Drohungen aus. Der Gräfin, die ihn
-bedauerte, gieng es sehr zu Herzen; allein die Dauphine blieb ziemlich
-gelassen, und man sahe wohl, daß sie keine Gegenneigung für ihren
-Vetter hatte.
-
-Die Zwistigkeiten zwischen dem Herzog von Burgund und dem Prinzen von
-Orleans dauerten beständig fort; jenes Verbrechen erweckte Grausen und
-Empfindungen des Mitleidens bei den Theilnehmenden. Der König, der zum
-strafen zu schwach war, und sowohl den Beleidiger als die Beleidigten
-schonen wollte, blieb saumselig, den Mord seines Bruders zu rächen und
-hielte seine Neffen nur mit eitlen Vertröstungen auf.
-
-Endlich nahete die Zeit, wo die Dauphine ihrem Gemahl zugeführt werden
-sollte. Der Graf und die Gräfin von Hennegau, die grosse Neigung zur
-Pracht hatten, verschaften ihr einen glänzenden Hofstaat; und Jacobine,
-die nun an einem der glänzenden und artigsten Höfen Europens auftreten
-sollte, verabsäumte keine Mittel, die ihre natürliche Schönheit noch
-besser erheben konnten. Man hatte zu ihrem Gefolg verschiedene der
-schönsten Fräuleins ernannt; unter solchen war eine mit Namen von
-Degre ihre vertrauteste, und dieser waren die grösten Geheimnisse der
-Prinzeßin nicht unbekannt. Also Madame! sagte sie einige Tage vor der
-Abreise zu ihr, werden Sie in kurzem dem Dauphin zugehören, und der
-arme Herzog von Brabant wird in Verzweiflung fallen. Sein Temperament
-ist nicht so heftig, antwortete die Dauphine; sein Leichtsinn der mir
-bekannt ist, wird seine erste Neigung durch neue Gegenstände leicht
-unterdrücken und ihn heilen, und ich versichere dich, daß er mich jezt
-schon vergißt. -- Dieser Meinung bin ich nicht, Madame! erwiederte
-von Degre; allein das kann ich mit Zuverlässigkeit versichern, daß,
-da ich so grossen Antheil an allem was Sie betrift nehme, mir auch
-alle, die Sie lieben, nicht gleichgültig sein können. -- Um Dich
-wegen dieser guten Empfindungen zu belohnen, erwiederte die Dauphine
-scherzend, wünscht ich, daß Du die unumschränkteste Beherrscherin des
-Herzog von Brabant wärest, und mit Vergnügen würde ich Dich Rang und
-Glük mit ihm theilen sehen. Das Erröthen der von Degre überzeugte die
-Dauphine, daß ihr dieser Wunsch nicht misfiel; allein jene stellte
-sich ganz schamhaftig und antwortete der Dauphine: Sie spotten meiner
-Madame! übertriebener Eifer ziehet mir diese Beschämung zu; ich weis
-meine Hofnungen besser einzuschränken, und die von Degre haben keine
-vornehme Ketten genug um Herzoge von Brabant zu fesseln. -- Nun gut
-Thörin! fuhr die Dauphine fort, Du magst böse oder nicht böse sein,
-nichts destoweniger war es mein völliger Ernst, wenn ich wünschte, daß
-Du eine Fürstin und meine Anverwandtin würdest. Und ich Madame! sezte
-von Degre Hinzu, wünsche, daß Sie im Besiz des Dauphins, zu einer der
-glücklichsten, da Sie schon eine der vollkommensten in der Welt sind,
-werden mögen.
-
-Endlich trat die bestimmte Zeit (1417) ein, in welcher die Dauphine
-ihrem Gemahl zugeführt werden sollte. Der Graf und die Gräfin von
-Hennegau begleiteten sie nach Compiegne, wo ihrer der Dauphin
-erwartete. Die Zusammenkunft dieses jungen Paars, war zwar nicht
-ausserordentlich feurig; allein doch nicht ganz gleichgültig. Der
-Dauphin war liebenswürdig und die Prinzeßin, seine Braut, besaß
-unzählbare Reize. Die Königin von Frankreich, unter Begleitung des
-Herzogs von Tourraine, ihres Sohnes, des Herzogs von Britanien, und
-mehrerer Prinzen empfingen sie zu Senlis. Das beiderseitige Vergnügen
-wurde durch vielfältige Veränderungen in Lustbarkeiten gefeiert, über
-welche die Dauphine viel Zufriedenheit bezeugte. Die Königin und
-die Gräfin erwiesen sich gegenseitige Freundschaft,[E] und nachdem
-man verschiedene Tage in Fröhlichkeit zugebracht hatte, gieng die
-Königin zurück nach Paris, der Dauphin mit seiner Gemahlin nebst der
-Gräfin ihrer Mutter aber nach Compiegne. Der Graf von Hennegau, der,
-wichtiger Angelegenheiten wegen, nach Paris gegangen war, entfernte
-sich, auf gewisse Warnungen, die man ihm eines Verdachts wegen
-beibrachte, gleich wieder. Da er nun durch die Heirath seiner Tochter
-sich den Dauphin ganz eigen gemacht hatte, gieng er mit der Hoffnung,
-ganz seine Absichten zu erreichen, zu ihm nach Compiegne; allein das
-Verhängniß drohete Frankreich und dem Grafen von Hennegau mit grossen
-Unglücksfällen. Bei seiner am 5ten April erfolgten Ankunft, fand er
-den Dauphin an einem vorgeblichen Halsgeschwühr in den lezten Zügen
-liegen, welcher gleich hernach seinen Geist aufgab, und durch diesen
-unerwarteten Todtesfall verschwanden zugleich alle weitere grosse
-Aussichten für den Grafen von Hennegau. Traurig und schmerzhaft für
-beide Familien, war dieses Absterben, das ganz Europa in Verwunderung
-sezte. Die Dauphine, deren Schmerz um so grösser war, da sie wirklich
-anfieng ihren jungen Gemahl zu lieben, gieng, statt nach Paris, mit
-ihrer Mutter zurück nach Bergen. Der Dauphin wurde ganz stille und
-eiligst in der Abtei Cornelien zu Compiegne begraben, welches den
-Verdacht seines schleunigen Todes um so mehr bestätigte; wie dann auch
-niemand zweifelte, daß er durch geheime Cabale des Herzogs von Brabant
-sei hingerichtet worden.
-
-Des Glückesunbestand hatte Jacobine, zu einem denkwürdigen Bild des
-Leidens bestimmt; auf diesen Verlust erfolgte gleich ein, für sie
-noch weit schmerzhafter Schlag. Denn er legte den Grund zu allen
-ihren künftigen Widerwärtigkeiten. Der Graf von Hennegau ihr Vater,
-der durch den Tod des Dauphins schmerzlich gerührt war, wollte in
-der Einsamkeit einige Linderung suchen. Er gieng desfalls nach
-Bouchain; allein statt dessen, vermehrte sich vielmehr seine Betrübnis
-dergestalt, daß er wenige Tage nach seiner Ankunft starb. Sein Leichnam
-wurde in die Franziskaner-Kirche nach Valencienes gebracht. Durch
-diesen Tod war nun seine Gemahlin eben so, wie seine Tochter zur
-Wittwe geworden. Jacobine, die einzige und rechtmäßige Erbin aller
-seiner Staaten, wollte solche daher, und vermöge ihrer Gerechtsame,
-in Besiz nehmen; sie fand aber an Johann von Baiern, Bischoffen zu
-Lüttig, ihrem Oheim, unter dem Vorwand einer ungleichen Theilung der
-Verlassenschaft seines Vaters, des Herzog Albrechts von Baiern, einen
-heftigen Widerstand und Verfolger. Dieser Johann von Baiern, der den
-Bischofsstaab niedergelegt und sich mit der Wittwe, Anton Herzogs von
-Brabant, Bruders des Herzogs von Burgund, verheurathet hatte, machte
-nunmehr seine Ansprüche mit dem Schwerd gegen seine Nichte geldend.[F]
-Die Verlegenheit, in welche diese beiden Wittwen hierdurch versezt
-wurden, war nicht gering. Um aus derselben zu kommen war ein kräftiger
-Vorstand nöthig; die Gräfin von Hennegau war daher bedacht, solchen
-durch eine andere Verheirathung ihrer Tochter zu verschaffen. Sie hatte
-den Herzog von Brabant immerfort auf das zärtlichste geliebt. Bewust
-war es ihr, daß seine Liebe zu Jacobinen noch nicht erloschen war. Er
-war ihr Anverwandter, und stand wegen seines grossen Reichthums in
-gewissem Ansehen. Dieses alles, und da sie ausserdem noch glaubte,
-sich ihm gefällig zu erzeigen, bewog sie, ihm ohnverzüglich den Antrag
-zu thun. Entzückend nahm er ihn an; und da die Gräfin von dieser
-Seite gesichert war, fehlte nichts weiter, als ihrer Tochter gleiche
-Gesinnungen beizubringen; sie verabsäumte daher nicht, sie auf das
-schmeichelhafteste zu bereden. Sie sehen, sagte sie zu Jacobinen, in
-welchen Abgrund von Verlegenheiten und Unruhe der Bischoff von Lüttig
-uns stürzet; sein Verfahren wird uns unglücklich machen, wo nicht gar,
-ganz unterdrücken; durch des Dauphins Tod sind Sie frei; Sie können
-daher einen andern Gemahl wählen, und sehr würden Sie mich verbinden,
-wenn ihre Wahl auf den Herzog von Brabant fiel. Die Begierde, Ihnen
-gefällig zu sein, ist meine Hauptbestrebung, erwiederte Jacobine;
-allein Madame! welche Hülfe können Sie von einem jungen, unerfahrnen
-Mann, wie der Herzog ist, erwarten. Seine Geistesgaben sind ausserdem
-sehr eingeschränkt; aufrichtig gesteh’ ich und bin dessen überzeugt,
-daß unsere Angelegenheiten unter einer dergleichen Leitung schief
-gehen würden. Ausserdem sind wir zu nahe verwandt, als daß wir uns
-ohne Erlaubnis und Einwilligung der Kirche ehelich verbinden könnten.
-Ist es dann unumgänglich nöthig, daß ich mich verehliche? Der Dauphin
-und mein Vater haben kaum die Augen geschlossen; unsere Thränen rinnen
-noch, und Sie denken schon an ein Eheverlöbnis. Ich muß gestehen,
-erwiederte die Gräfin, daß alle Ihre so eben gemachte Einwendungen
-den Schein einiger Wahrheit haben; allein ob solche in unserer izigen
-Lage der Staatsklugheit gemäß sind, ist eine andere Frage. Der Herzog
-von Brabant muß einzig und allein nach unserm Rath und Willen handlen;
-je weniger er aus selbst eigener Gewalt und Einsicht auszurichten
-vermag, desto mehr bleibt er uns unterwürfig. Urtheilen Sie selbst
-nach dem Betragen des Bischoffs von Lüttich, ob es rathsam sei,
-sich mit ehrsüchtigen und unternehmenden Fürsten in solchen Fällen
-einzulassen..... Aber Madame! unterbrach Jacobine, wann ich mich
-mit Ihrer Erlaubnis freimüthig erklären darf, muß ich gestehen, daß
-es ein trauriger Zustand ist mit einem fast blödsinnigen Menschen,
-der nichts aus eigenem Verstand unternehmen kann und doch seinen
-Leidenschaften ergeben ist, Zeitlebens verknüpft zu sein. Alle das
-hieraus entstehende Ungemach und die Schande würde auf mich fallen; ich
-beschwöre Sie daher, in dieser Sache meinem Gehorsam keinen weiteren
-Zwang anzulegen. Sie werden beleidigend, Madame! erwiederte die Gräfin
-weinend. Wie! weil Sie der Herzog von Brabant aufrichtig liebte, weil
-er mehr zärtlich als lebhaft in der Liebe war, betrachten Sie ihn, --
-mich dieses Ausdrucks zu bedienen -- wie ein unvernünftiges Thier, und
-urtheilen das Schimpflichste von ihm. Mus man eben albern sein, Ihre
-Verdienste schäzen zu können? Haben Sie etwas mehr Erkenntlichkeit
-gegen seine ersten und reinen Triebe, und denken weniger an sonstige
-gute Eigenschaften, die er Ihrem Vorgeben nach haben sollte. Die
-Kirche wird keinen Anstand nehmen, und ohne grosse Schwierigkeiten kann
-man sie zur Einwilligung bringen; -- Wir haben tausend Beispiele von
-dergleichen Ehen. -- Hierauf umarmte sie ihre Tochter, die die Achseln
-zuckte, und wohl einsahe, daß sie am Ende ihrer hartnäckigen Mutter den
-Willen thun, und sich ihrem Eigensinn aufopfern müste.
-
-Da die Gräfin von Hennegau ihre Tochter etwas nachgebender sahe,
-verabsäumte sie nicht, die nöthigen Maasregeln auf Seiten des Herzogs
-von Brabant zu nehmen. Da er Jacobinen noch heftig liebte, war ihm
-die Nachricht, daß er noch zu ihrem Besiz gelangen könnte, auch sehr
-willkommen. Man veranstaltete zu Bergen alles zu seinem Empfang;
-und die junge Fürstin, die wohl einsahe, daß sie, ohne sich mit
-ihrer Mutter ganz zu entzweien, nicht anderst konnte, bereitete sich
-allmählig auch hierzu. Die von Degre, die den Herzog von Brabant so
-bedauert hatte, da Jacobine dem Dauphin zugeführet wurde, schien, da
-nun diese Heirath beschlossen war, dieser Fürstin nicht freudig genug
-darüber zu sein. Wie! von Degre! sagte sie, Du läßt wenig Vergnügen
-blicken, daß ich deinen guten Freund heirathe; denn nachdem Du mir
-sonst so vieles zu seinem Vortheil gesagt hast, scheinest du mir jezo
-eben so traurig als damals, wie ich mich mit dem Dauphin vermählte.
-Ich nehme dennoch grossen Antheil an dem Glück, das ihm wiederfähret,
-erwiederte von Degre; allein Madame! würden Sie es jezt gerne sehen,
-daß ich den kleinsten Plaz seines Herzens einnehme? Ich muß gestehen,
-antwortete die Fürstin, daß, da er mein Gemahl werden soll, sähe ich
-nicht gerne, daß er zugleich eine andere liebte; und lächelnd sezte sie
-hinzu, glaube ich nicht, daß sein Herz von so grossem Werth ist, daß
-zwei sich darin theilen könnten. Sie verdienen es auch gewis allein zu
-besizen, antwortete von Degre, und ich bin überzeugt, daß er keiner
-andern Raum in demselben verstatten wird. Sie sehen jezt, Madame! wie
-grosse Ursache ich hatte, für ihn zu sprechen, da ihn der Himmel für
-Sie bestimmt hat. Er kann dir selbst für diese geneigte Gesinnungen
-Dank abstatten, schloß die Fürstin, und ich werde mir angelegen sein
-lassen, ihn von Deiner guten Meinung zu überzeugen.
-
-Ob sich nun gleich der Bischoff von Lüttig, unter Begünstigung
-Kaiser Sigismunds, dieser Heirath mit aller Gewalt widersezte, gab
-demohnerachtet doch das Konsilium zu Costanz die Einwilligung und
-Dispensation. Bei der Ankunft des Herzogs von Brabant in Bergen, sahe
-man unmäßige Freude aus seinen Augen funkeln. Er war jung und wohl
-gestaltet; Pracht herrschte in seinem ganzen Gefolg. Dieses und das
-Vergnügen, das man ihm ansahe, unterdrückte, oder verbarg wenigstens in
-etwas seine Verstandesfehler. Gleich nach seiner Ankunft veranstaltete
-die Gräfin von Hennegau das Beilager, das sie so sehnlichst gewünscht
-hatte. Viele Standspersonen und der ganze Adel des Landes wohnten der
-Feierlichkeit bei; und obgleich Jacobine, mit Widerwillen und nur aus
-Gefälligkeit für ihre Mutter, diesen Schritt gethan hatte, sahe sie
-doch bei dieser Gelegenheit reizender als jemals aus. Der Herzog von
-Brabant hatte daher Ursache, in ihrem Besiz alle Leiden, die er zu der
-Zeit, da er ohne Hofnung liebte, erduldet hatte, zu vergessen.
-
-Gleich nach den Feierlichkeiten wurde an einem Vergleich zwischen
-Jacobinen und ihrem Oheim gearbeitet; und die, welche zu der
-Unterhandlung gebraucht wurden, waren in ihren Bemühungen glücklich,
-indem sie denselben zu Stande brachten. Diese wiederhergestellte
-Einigkeit lies demnach heitere Tage vermuthen; allein die angenehmsten
-und wahrscheinlichsten Hoffnungen werden nicht allezeit nach Wunsch
-erfüllet.
-
-Während der Zeit, die der Herzog von Brabant an seinem Hof zubrachte,
-und von Jacobinen, seiner nunmehrigen Gemahlin, entfernet war,
-schenkte er sein Vertrauen einem, Namens Beghe, den er zu den obersten
-Ehrenstellen erhoben hatte. Dieser wuste sich dergestalt seiner zu
-bemeistern, und ihn zu regieren, daß er auch nicht das mindeste ohne
-seinen Rath unternahm. Da diesem Minister der erhabene Verstand der
-Herzogin nicht verborgen sein konnte, befürchtete er den Verlust
-dieses unumschränkten Zutrauens. Ob er nun gleich seine Furcht durch
-die tiefste Ehrerbiethung, die er der Herzogin bei jeder Gelegenheit
-erwies, zu verbergen suchte, gab er nichts destoweniger dem Herzog,
-unter dem Schein der Treue und Redlichkeit, zu verstehen: daß es
-gefährlich sei der Herzogin in allem nachzugeben, daß die klugen und
-beherzten Frauenzimmer gemeiniglich sich übermäßige Freiheit nehmen,
-und daß es schimpflich, ja schändlich für einen Fürsten, als er sei,
-so ganz nachsichtig zu sein. Des Herzogs Geistesschwäche war nicht
-frei von Stolz; dieses wuste Beghe wohl; sein Kunstgrif that daher
-die erwünschte Wirkung. Der ersten Sache, die Jacobine ihrem Gemahl
-vorschlug, widersezte er sich hartnäckig. Verwundert und verdrossen
-über dies unerwartete, trozige Betragen, sagte sie zu ihm: Sie müssen
-blind sein, da Sie die Nothwendigkeit einer Sache nicht einsehen,
-welche die verdrüßlichsten Folgen für uns haben kann, wenn desfalls
-etwas versäumet wird, und wenn Ihre Einsichten nicht stark genug
-sind, müssen Sie sich nothwendiger Weise auf die, welche grössere
-haben, verlassen. Ich glaube nicht, antwortete er trocken, daß es
-mir an Klugheit fehlet, und mich dünkt, Madame! daß es Ihnen gar
-nicht zukommt, mir Geseze vorzuschreiben. Erstaunt rief Jacobine aus:
-Ha! Mein Herr! wer hat Sie diese Sprache gelehret? Dürfen unsere
-Vortheile jezt getrennt sein, und müssen wir nicht eine einstimmige
-Meinung haben? Begeht eine Frau Fehler, wenn sie ihrem Ehegatten
-Widerwärtigkeiten ersparen will? Ja Madame! erwiederte er noch
-bitterer; und Weiber haben sich in nichts zu mischen, das über ihre
-Begriffe gehet. Mit Verachtung erwiederte sie: die Ihrigen sind so
-gering, daß, wenn unglücklicher Weise, unsere Angelegenheiten Ihrer
-Leitung überlassen werden sollten, sie ganz schief betrieben würden. --
-Nach diesen Worten eilte Jacobine, von Schmerz durchdrungen, zu ihrer
-Mutter, um ihr diesen Vorgang zu erzählen. Die Gräfin von Hennegau
-aber, die übertriebene Nachsicht für einen Menschen hatte, den sie
-selbst zu ihrem Eidam erkohr, suchte die Herzogin dadurch zu beruhigen,
-daß der Herzog sein Betragen von selbst bereuen und zurückkehren würde.
-Und kaum hatte sie ihn gesprochen, als er alles, was man von ihm
-verlangte, wirklich that.
-
-Dieses benahm aber der Herzogin den Verdruß nicht, den sie hatte, mit
-einem so fehlerhaften Gemahl verbunden zu sein. In der Zuversicht, daß
-die von Degre Theil an ihrem Kummer nehmen würde, öfnete sie derselben
-ihr Herz; allein diese Treulose hatte schon seit geraumer Zeit ganz
-andere Absichten. Sie glaubte reizend genug zu sein, einem Menschen,
-der dem Anschein nach, eines Glücks, das jeder andere beneidet haben
-würde, überdrüssig war, Liebe einzuflösen. Sie nuzte also das Vertrauen
-ihrer Gebieterin, mit dem Vorsaz, eigenen Gebrauch davon zu machen,
-und spielte daher bei der Herzogin die nämliche Rolle, die Beghe bei
-dem Herzog spielte. Ich glaubte, daß man sich nicht genug beeifern
-könnte, Ihnen gefällich zu sein, Madame! sagte sie zu Jacobinen,
-innerlich erfreuet, daß die Uneinigkeit zu Bergen dem völligen
-Ausbruch so nahe war. Sie sind nicht gebohren, dergleichen beleidigende
-Widersprüche zu dulten. Wie? der Fürst, der sich in Ihrem Besiz über
-alle Massen glücklich schäzen sollte, biethet Ihnen schon Troz, und
-will Sie beherrschen? O Himmel Madame! welchen Wunsch äuserten Sie
-mir, da Sie mir ehemals den Besiz seines Herzens wünschten; da Ihre
-Herrschaft von so kurzer Dauer ist, wie lange würde die meinige
-gedauert haben? Brauchen Sie bei einem so gefährlichen Anfang Ihre
-ganze Herzhaftigkeit und Klugheit; jezt ist es noch Zeit, wenn Sie
-nicht ganz unterdrückt sein wollen, Ihre Gewalt fest zu stellen; denn
-Ihr Gemahl ist Ihnen Ehrerbiethung schuldig; er ist durch Ihren Besiz
-genugsam dafür belohnet worden. -- Bei diesen Reden der von Degre,
-seufzte die Herzogin ohne Unterlaß; allein jene war, während derselben,
-auf Ausführung der gräulichsten Bosheit bedacht. Sie war auf das
-heftigste in den Herzog verliebt; und da sie alle Gelegenheiten nuzte,
-sein Thun und Lassen auszuspäen, war es ihr nicht schwehr zu entdecken,
-daß Beghe diesen schwachen Fürsten ganz regierte. Sie sind, sagte sie
-eines Tages zu diesem Liebling des Herzogs, da er ihr eben einige
-verliebte Schmeicheleien vorsagte, ganz aus Ihrer Sphäre. Die Sorge,
-dem Fürsten gefällig zu sein, sollte Sie ununterbrochen beschäftigen,
-und Sie sollten die Zeit nicht mit Erhebung meiner vorgeblichen Reize
-verderben. Opfern Sie dem Ehrgeiz dergleichen köstliche Augenblicke
-nicht auf, und geben Sie mir keine Ursache, mir selbsten etwas auf
-meine Schönheit einzubilden. -- Ich kan zugleich meinem Herrn dienen,
-erwiederte Beghe, und einer Gebieterin Ehrfurcht bezeigen, wenn Sie
-wollen die Meinige sein.... Ich! unterbrach sie? Wenn ich Ihnen auch
-alles verspräche, würde ich doch vielleicht gar nichts halten können;
-kennen Sie die Frauenzimmer nicht? Einige, erwiederte Beghe; allein
-ich muß zugleich gestehen, daß deren verschiedene sind, die ich nicht
-auszuklügeln vermag; zum Beispiel unsere Herzogin. Hat diese nicht
-einen solchen Scharfsinn, durch welchen sie alle Unternehmungen
-auszuführen weis; und kan sich wohl jemand rühmen ihre Gesinnungen zu
-ergründen? Ja! erwiederte von Degre, dieser Kunst kan ich mich rühmen;
-und ich sage Ihnen mit Zuverlässigkeit, daß sie den Herzog hasset,
-verachtet, ja! verabscheuet. Halten Sie sich nicht mit Auskramung
-verliebter Schmeicheleien auf, sezte sie hinzu, benuzen Sie den
-Wink, den ich Ihnen gebe; aber schonen Sie meine Offenherzigkeit und
-benehmen mir die gute Meinung, die ich auf ihr Vertrauen seze, nicht.
-Nachdem Beghe dieser Lasterhaften vielen Dank gesagt hatte, eilte er
-zu dem Herzog von Brabant, der weder Verstand noch Empfindung hatte,
-und dessen Liebe mehr eine Wirkung des Eigensinns, als einer richtigen
-Beurtheilungskraft war. Leicht machte er ihn daher glauben, was er
-für gut fand; und dieser alberne Fürst glaubte, nach den Eingebungen
-dieses gefährlichen Menschen: daß ihn die Herzogin nur verächtlich
-mache, um allein zu herrschen; daß sie schon zu viel Gewalt habe; und
-daß es aus diesen Ursachen nöthig sei, sich jemanden zu versichern, der
-alle ihre Handlungen auf das genaueste zu beobachten vermögend wäre.
-Hierauf schlug der Herzog, wie von ungefehr, zu diesem Geschäft die
-von Degre vor. Er wuste schon, daß sie aus eigenem Triebe des Herzens
-darzu geneigt war. Er rühmte, ganz übertriebener Weise, die Schönheit,
-den Eifer und Verstand dieses Mädchens; und überlies die weitere
-Einrichtung der Sache dem Beghe. Einige Augenblicke hernach begegnete
-ihm die von Degre selbst. Er sahe sie jezt mit weit mehr Aufmerksamkeit
-als vorher an. Sie war schön, jung, sanft und auf ihrer Stirne konnte
-man die Begierde, ihm zu gefallen, deutlich lesen. Mit vieler Bewegung
-redete er sie an: Wo wollen Sie hin, mein Fräulein? Was macht Ihre
-Gebieterin? -- Sie ist bei der Gräfin von Hennegau, erwiederte von
-Degre, und ich gehe, um ihr Bericht wegen eines Geschäfts, das sie
-mir aufgetragen hat, abzustatten. -- Bleiben Sie einen Augenblick,
-sagte der Herzog, und vergönnen Sie mir ein kurzes Gehör; ich bitte
-inständigst. -- Da es jederzeit meine Schuldigkeit ist, Ihnen zu
-gehorchen, antwortete sie, bin ich auch jezt bereit, die Befehle, die
-Sie die Gnade haben werden mir zu geben, zu vollziehen. -- Nicht auf
-diesen Ton nehmen Sie es, mein Fräulein! erwiederte der Herzog; denn
-wer so reizend ist, wie Sie, der hat keinen andern Befehlen als denen
-zu gehorchen, welche eigene Schönheit und Anmuth ertheilen. Sie sind
-schmeichelhaft und werden gefährlich, gnädiger Herr! sagte von Degre
-mit niedergeschlagenen Augen; ob ich gleich nicht zum Hochmuth geneigt
-bin, würden Sie mich doch dazu verleiten. Aber weit entfernt, mich
-durch dergleichen süsse Schmeicheleien blenden zu lassen, welche im
-Ernst aufzunehmen nur Thorheit von mir sein würde, will ich solche
-nicht anderst als mit schuldiger Ehrerbietung aufnehmen. -- Glauben
-Sie, fuhr der Herzog fort, daß ich falsch oder heimtückisch sei? Man
-glaubt, ich wäre unempfindsam; Ihre Gebieterin aber kann das Gegentheil
-bezeugen und Ihnen Meinungen beibringen, die Ihnen alle Furcht benehmen
-werden. Ich urtheile nicht nach dem Ausspruch anderer, erwiederte
-von Degre; in dergleichen Fällen sind meine Augen die sichersten
-Beobachter. -- Nun denn! unterbrach der Herzog, so müssen Sie in den
-meinigen die Ueberzeugung lesen, daß ich Ihren Reizen Gerechtigkeit
-wiederfahren lasse, und daß Sie an der Aufrichtigkeit meiner
-unbegränzten Liebe nicht zu zweifeln haben. -- Dieses würde ein Wunder
-und zugleich eine grosse Ungerechtigkeit sein, erwiederte von Degre,
-Sie dürfen niemand anderst als die Herzogin lieben; und wenn deren
-Reize, da es keine vollkommnere giebt, Sie nicht mehr fesseln können,
-werden es gewis keine andere, noch weniger meine, als welche sehr
-gering sind, vermögen. -- Besser empfinde ich, was in mir vorgehet, als
-ichs mit Worten auszudrücken vermag, war des Herzogs Antwort; Genug,
-mein bestes Fräulein! ich liebe Sie von Grund der Seele, und gestehe
-es ohne weiter gekünstelte Ausdrücke; ersezen Sie durch Güte und ein
-wenig Gegenliebe, die beleidigende Verachtung, die mir die Herzogin
-erweiset.
-
-Ob nun gleich die von Degre ihres Sieges gewis war, wollte sie ihre
-Nachgiebigkeit doch nicht gerade zu den Herzog merken lassen. Sie
-wollte ihm noch einige Zweifel entgegen sezzen, würde aber doch bei
-dieser Unterredung ihr Schiksal bestimmt haben, wann nicht eben die
-Herzogin dazu gekommen wäre. Da diese gar kein Mistrauen hegte, und die
-Gräfin ihre Mutter sie noch kürzlich versichert hatte, der Herzog habe
-keine böse Absichten, näherte sie sich mit Freundlichkeit, zu ihrem
-Gemahl, und sagte: Ich bin recht erfreuet, daß Sie sich mit meiner
-Gesellschafterin unterhalten; es giebt mir den sichersten Beweis, daß
-Sie mich nicht hassen. Ohne Zweifel war die Rede von mir, billig ist
-es also, daß auch ich zu ihrem Vortheil spreche, und Sie, mein Lieber!
-versichere, daß sie schon bei Ihrem ersten hiesigen Aufenthalt sich
-Ihrer Angelegenheiten bei mir mit dem wärmsten Eifer angenommen hat.
-Die von Degre, sich bewust, daß sie eine Person, die so viel Güte und
-Zutrauen hatte, auf das Schändlichste hintergieng, erröthete, und so
-unverschämt sie auch war, konnte sie doch die Blike der Herzogin nicht
-aushalten. Sie neigte ihre Augen, während der Herzog die seinigen
-beständig auf die Undankbare gerichtet hatte. Da Sie es mir zur
-Schuldigkeit machen; Madame! der Fräulein von Degre erkenntlich zu
-sein, sagte er zur Herzogin, bitte ich auf das Angelegentlichste, sie
-noch mehr zu schäzen, als Sie bisher schon gethan haben, damit durch
-Ihre gütige Behandlung sie einigermassen für die Verbindlichkeit, die
-ich ihr schuldig bin, belohnet werde. -- Mit freudigem Herzen nehme
-ich den Befehl an, erwiederte die Herzogin, und das Bestreben, Ihnen
-gefällig zu sein, verbunden mit der Neigung, die ich schon dazu habe,
-versprechen der von Degre die glücklichsten und vergnügtesten Tage.
-
-Während dieser Unterredung, die der von Degre so schmeichelhaft war,
-saugte diese Untreue das ihr angenehme Gift in vollem Maße ein: Der
-Herzog führte seine Gemahlin in ihr Zimmer zurück, woselbst er aber
-nicht lange blieb, sondern den Beghe aufzusuchen eilte. Seine Anrede
-war: Wissen Sie wohl, daß Sie mich eines der schönsten weiblichen
-Geschöpfe, das bis jezt meinen Augen verborgen war, haben kennen
-gelehrt? Begehe ich einen Fehler, wenn ich sie liebenswürdig finde, so
-fällt er auf Sie selbst zurück. Beghe, der nichts sehnlicher wünschte,
-als daß das Herz seines Fürsten mit einem andern Gegenstand, der die
-Liebe zu seiner Gemahlin ganz unterdrücke, beschäftiget wäre, rühmte
-die Schönheit und Annehmlichkeit der von Degre auf eine übertriebene
-Weise. Dieses und ihr schmeichelndes Zuvorkommen, das sie so eben dem
-Herzog gezeigt hatte, waren die sichersten Mittel, das noch übrige
-Ansehen der Herzogin zu stürzen und das ihrige zu befestigen. Sie sind
-es nicht allein, der die Fräulein von Degre schön findet, sagte Beghe
-zum Herzog, ich selbst bewundere ihre Reize; es kommt mir daher nicht
-übernatürlich vor, daß Sie gleichfalls Behagen daran finden: allein
-ob Sie gleich mein Gebieter und Wohlthäter sind, kann ich mich doch
-nicht enthalten, eifersüchtig zu sein. -- Verlieben Sie sich nur nicht
-in sie, erwiederte der Herzog hastig, vielmehr, wenn Sie schon in sie
-verliebt sein sollten, so schlagen Sie dieses ganz aus den Gedanken,
-und lassen sich nur angelegen sein, mir als treuer Bottschafter in
-meiner Liebe zu dienen. Allein, gnädiger Herr! sagte Beghe scherzend,
-wie kann ich Ihre Aufträge in dieser kizlichen Sache besorgen? -- Wenn
-Sie die von Degre ernstlich liebten, antwortete der Herzog, würden
-Sie mich sehr unglücklich machen, und meine Angelegenheit und mein
-Vertrauen stünden alsdann in gefährlichen Händen. -- Sein Sie desfalls
-ausser Furcht, gnädigster Herr! erwiederte der Bösewicht; ich gehorche
-Ihnen unter der Versicherung, daß Sie auch von Seiten der von Degre
-nichts zu befürchten haben. Denn die Ehre, von einem solchen Fürsten
-geliebt zu werden, kann ihr nicht anderst als sehr angenehm sein.[G]
-
-In dieser Verfassung stunden die Sachen, und in dieser Lage befanden
-sich die, welche dabei interessiret waren. Des Herzogs Leidenschaft
-wuchs dergestalt, und war so sichtbar, daß die von Degre fast den
-Verstand darüber verlohr, indem ihr nunmehriges Betragen den Schein der
-Ehrbarkeit nicht hatte. Beghe behandelte diese Intrique mit solcher
-Behuthsamkeit und List, daß die Klügsten nichts davon entdeckten, und
-so einsichtsvoll die Herzogin war, dauerte es doch lange genug, bis
-sie etwas davon merkte. Der Herzog machte der von Degre die kostbarsten
-Geschenke; allein, auf Anrathen des Beghe, jederzeit durch die Hände
-der Herzogin; hierdurch wurde, unter dem Schein, ihre Vertraute zu
-belohnen, diese gute Fürstin hintergangen, und man konnte mit Wahrheit
-sagen, daß sie mit Blindheit geschlagen sei. Wenn die von Degre durch
-Jacobinen mit des Herzogs Geschenke überhäuft wurde, nahm sie solche
-anderst nicht, als mit vielem Stolz und Geringschäzung an. Sie sagte
-öfters: dieses alles rührt mich nicht, Madame! wenn er Ihnen nicht
-Gerechtigkeit wiederfahren läßt, und sich als Ihren Sklaven betrachtet.
-So übertrieben sind meine Wünsche nicht, erwiederte die Herzogin,
-ich bin zufrieden, wenn wir nur gleiche Zärtlichkeit, Gewalt und
-Nachgiebigkeit für einander haben; übrigens, wenn er Dir meinetwegen
-Wohlthaten erweiset, so ist es ein sicherer Beweis, daß er die, welche
-ich liebe, gleich schäzet, und daß er mich verbindlich machen will.
-
-So hintergieng die Herzogin von Brabant sich selbst; und Beghe, der
-seine Gewalt durch Hülfe der von Degre täglich zunehmen sahe, wollte
-sein Ansehen immer weiter und auf den höchsten Gipfel bringen.
-Dieses verursachte, daß endlich alles, was von angesehenen Personen
-in Bergen war, anfieng zu murren. Sie erachteten sich verbunden
-zu sein; dem Hochmuth eines Menschen, dem die Nachlässigkeit des
-Herzogs volle Gewalt gab, Gränzen zu sezzen, und ihn zu demüthigen.
-Eberhard, natürlicher Sohn des verstorbenen Grafen von Hennegau, war
-der Aufgebrachteste unter allen. Geheime Kundschaften, die er hatte,
-überzeugten ihn, daß Beghe trachte die zwei Fürstinnen unter eine
-nachtheilige Bottmäsigkeit zu bringen, und da er dies frevelhafte,
-und das Andenken des Grafen von Hennegau beleidigende Beginnen nicht
-zugeben wollte, entschloß er sich solches zu verhindern, und den Beghe,
-es sei auf welche Weise es wolle, von seiner Höhe zu stürzen, der
-aber dergestallt von Herrschsucht eingenommen war, daß er seinen Weg
-unbekümmert, was geschehen würde, fortwandelte.
-
-Der Graf von Hennegau hatte Eberharden eine vortrefliche Erziehung
-gegeben, und ihm beträchtliche Reichthümer hinterlassen; und da er
-zugleich vielen Verstand und Muth besaß, konnte er sich um so mehr
-furchtbar machen. Die Güte seines Herzens flößte ihm Abscheu gegen
-alle Ungerechtigkeiten ein; er konnte daher den Uebermuth des Beghe
-und die Schwachheit des Herzogs nicht länger ertragen. Leztern selbst
-zur Rede zu stellen, würde ihm empfindlich gewesen sein, und die Sache
-nur verschlimmert haben: sich an die Gräfin von Hennegau zu wenden,
-wäre gleichfalls vergebliche Mühe gewesen. Das sicherste schien
-ihm daher, sich grade zu an die Herzogin, die ihn sehr hochachtete
-und viel Vertrauen in ihn sezte, zu wenden. Er redete sie also an:
-Madame! es schmerzet mich, daß ich genöthiget bin, Ihnen eine kleine
-Unruhe zu verursachen, um einer weit grössern vorzubeugen, die gewiß
-verdrüßliche Folgen für Sie haben würde. Die Leichtgläubigkeit des
-Herzogs, Ihres Gemahls hat die Unverschämtheit des Beghe so weit kommen
-lassen, daß er sich das Ansehen giebt, als ob ihm jeder, wer er auch
-sei, untergeben sein müsse. Beständig warnet man mich, daß er sich
-erdreiste, die wichtigsten Angelegenheiten eigenmächtig auszuführen.
-Bald wird er Ihnen selbst befehlen, und sich zum gänzlichen Ruin Ihrer
-Unterthanen bereichern. Die Frau Gräfin von Hennegau widersezt sich
-im geringsten nicht seinen Absichten, noch der Leichtgläubigkeit des
-Herzogs, aus welchen beiden die schrecklichsten Folgen und Unordnungen
-entstehen werden, und wenn Sie desfalls keine Vorkehrungen treffen,
-wird uns dieser Elende Geseze geben und ganz unterjochen. -- Lieber
-Bruder! erwiederte die Herzogin, ich sage Ihnen den wärmsten Dank für
-diese aufrichtige Gesinnung, und gewis setze ich ein unbegränztes
-Zutrauen in Ihre Freundschaft, um derselben meine Angelegenheiten zu
-übertragen. Dächte mein Gemahl nur einigermassen billig, so würde
-er solche allen andern Ergözlichkeiten vorziehen; zu meinem grösten
-Unglück aber, hat mir der Himmel einen Mann gegeben, der weder eigenes
-Gefühl, vielweniger das geringste für mich hat, da er mir doch wirklich
-Erkentlichkeit schuldig ist. Ich gestehe Ihnen frei, daß mir der Beghe
-sehr verhaßt ist. Seine Aufführung, seine Person, sein Stolz, ja!
-selbst seine scheinbare Ehrerbietigkeit, und kurz, sein ganzes Betragen
-mißfällt mir. Ich weis, daß er seines Herrn Ohrenbläser ist, und dieser
-zu allen Niederträchtigkeiten fähige schwache Geist, glaubt seinen
-Eingebungen, wie einem Orakel. Auf meine Warnungen wird nicht geachtet;
-und es ist, als ob mein Gemahl verblendet wäre, da er mir sein ganzes
-Zutrauen entziehet. Wir werden in diesem elenden Zustand schmachten
-und zu der Zeit, da ich am meisten zu beklagen sein werde, wird es
-Menschen geben, die grausam genug sind, die Schuld auf mich zu werfen,
-und meine Aufführung zu tadeln. Meine Mutter ist von den eingebildeten
-Vollkommenheiten ihres Neffen so eingenommen, daß sie selbst seine
-Thorheiten vertheidiget. Was soll ich also anfangen, und bei wem Trost
-und Hülfe suchen? -- Bei mir, Madame! erwiederte Eberhard, sollen
-Sie beides finden. Schon lange mache ich mir Vorwürfe, Ihnen meinen
-Diensteifer nicht bezeigt zu haben. Man muß sich zuvörderst des Beghe
-entledigen. -- Ach! unterbrach die Herzogin, auf welche Art? -- Dieses
-ist meine Sache, Madame! erwiederte Eberhard. Ach! liebster Bruder!
-schrie die Herzogin, ich beschwöre Sie, keine Gewaltthätigkeit zu
-brauchen. Ob ich gleich den Beghe auf das höchste hasse, verabscheue
-ich doch weit mehr alle dergleichen Verbrechen. Denn ob wir gleich
-seine gesezmässigen Richter sein können, dürfen wir doch seine Henker
-nicht werden. -- Und wer erlaubt ihm, ein Meineidiger und Verräther zu
-sein? erwiederte der aufgebrachte Eberhard. Nein, Madame! nein! Sie
-sind gegen diesen ehrsüchtigen Bösewicht zu nachsichtlich; ungestraft
-mißbraucht man Ihre allzugrosse Güte nicht. Hierauf, und aus Furcht
-die sanftmüthige Fürstin möchte sich seinem Unternehmen zu heftig
-widersezen, eilte er von ihr, um es ungesäumt auszuführen.
-
-Der Herzog von Brabant war auf der Jagd. Seine Abwesenheit war dem
-Eberhard all zu günstig, als daß er solche nicht gleich hätte nutzen
-sollen. Er gieng zu dem Beghe, den er vermuthlich um eine neue
-Treulosigkeit auszusinnen, nachläsig auf dem Faulbett ausgestrekt
-antraf. In dieser Stellung sahe er ihn mit vieler Verachtung an.
-Der Oberamtmann von Hennegau, ein kriechendes Geschöpf, des Beghe
-Vertrauter, war eben bei ihm. Jenen redete er zuerst an: Sie spielen
-eine saubere Rolle. Beghe ist der Abscheu aller redlich Denkenden,
-und Sie verdienten wegen der Unterwürfigkeit, die Sie ihm bezeigen,
-und durch welche Sie seinem unerträglichen Hochmuth steifen, ein
-ähnliches Schiksal. Hierauf lies der von Rache geleitete Eberhard, den
-Beghe durch fünf bis sechs Entschlossene, die er zu diesem Entzweck
-mitgebracht hatte, vermittelst verschiedener Stiche durchbohren, die
-ihm zugleich die Sprache und das Leben benahmen. Der Oberamtmann war so
-erschrocken über diese behende That, daß er vor Angst, es möchte ihm
-ein gleiches widerfahren, fast von Sinnen kam; also weit entfernt den
-Verschwohrnen die Flucht zu erschweren, erleichterte er vielmehr solche
-durch seine eigne.
-
-Wie der Herzog von Brabant bei seiner Rückkunft erfuhr, was vorgegangen
-war, gerieth er in die schrecklichste Wuth, und drohte, sich an
-jedem, der ihm vorkäme, zu rächen. Die Gräfin von Hennegau, die ihren
-Tochtermann bei allen Gelegenheiten begünstigte, zeigte ihren Unwillen
-öffentlich über diese That, und die Herzogin von Brabant war dermassen
-darüber betroffen, daß sie wie versteinert dastund. Sind Sie es,
-Madame! sagte ihr Gemahl, die mich hat eines treuen Dieners berauben
-lassen? und haben Sie mich etwa zu glücklich geschäzet, weil ich mich
-auf seinen Diensteifer verlassen konnte? Sein Mörder wird nirgends
-Schuz finden, und nichts wird ihn meiner gerechten Rache entziehen.
-Was! mich so wenig achtungswerth zu halten: daß die, die ich schätze
-und liebe, in meinem eignen Hause nicht vor Mord gesichert sind! Was
-wird man erst mit mir selbst vornehmen? Ich bin mit Feinden umgeben,
-und nur durch besondern Schuz des Himmels athme ich noch -- Ich habe
-Sie reden lassen, antwortete die Herzogin, weil ihr Zorn ein Strohm
-ist, dem sich zu widersetzen, vergebliche Mühe sein würde. Es ist wahr,
-Ihr Liebling ist umgebracht, und ich bin nur in soweit misvergnügt
-darüber, weil ich dergleichen Greuelthaten hasse; allein wollte der
-Himmel, er hätte niemals gelebt, so würde sein vergifteter Geist sich
-weniger in Hennegau ausgebreitet haben. Nicht durch mich, noch auf
-meine Veranlassung ist er umgebracht worden. Denn vergossenes Blut habe
-ich jederzeit verabscheuet. Allein bei diesem, Ihnen so nahe ans Herz
-gehenden Unfall, werden Sie an der von Degre eine mitleidige Trösterin
-finden. -- Unvorsichtiger Weise sprach die Herzogin das leztere; denn
-man hatte sie von dem geheimen Verständnis des Herzogs mit der von
-Degre glaubhaft belehret. Ganz wüthend erwiederte der Herzog: Ja! und
-ich werde Ihre Mitschuldige zu verhindern wissen, daß ihr das nämliche
-Schicksal des unschuldigen Beghe nicht widerfahre. -- Sie werden wohl
-thun, erwiederte die Herzogin ganz gleichgültig; es ist das Geringste
-das Sie für ein Mädchen thun können, das Ihnen Ehre, Gebieterin und
-Reize aufgeopfert hat; denn eines gewissen Umstands wegen bemerke ich,
-daß leztere ziemlich abnehmen. Hierauf kehrte sie ihm den Rücken; er
-aber gieng zur von Degre, deren Gesichtszüge und Leibesgestalt sich
-wirklich verändert hatten, ohne deswegen ihrem boshaften Sinn Gewalt
-anzuthun, die dann den Beghe, als ihre verlohrne Stütze, mit der
-heftigsten Gemüthsbewegung beweinte.
-
-Die Gräfin von Hennegau, die den Eberhard nicht liebte, war zum
-heftigsten gegen ihn aufgebracht. An ihr und ihren Nachstellungen hat
-es nicht gelegen, daß er dem Volk in Bergen auf dem Blutgerüste wäre
-zur Schau ausgesezet worden: Allein er war in Sicherheit; und dieses
-war keine geringe Erleichterung für die bekümmerte Herzogin.
-
-Die an die Stelle der von Degre zu der Herzogin kam, hatte viel
-Verstand und war tugendhafter. Ohne aufdringlich zu sein, noch sich
-verdächtig zu machen, hatte sie gleich zu Anfang des Umgangs Beghe
-mit der von Degre geschlossen, daß ihr beiderseitiges Verständnis
-böse Absichten zum Grund habe. Sie entdeckte alles, und sie war es
-eigentlich, die mit einer lobenswürdigen Vorsicht ihrer Gebieterin die
-Augen öfnete. Die Herzogin, die schon des Kummers gewohnt war, zeigte
-eben keine grosse Empfindlichkeit bei dieser leztern Beschimpfung;
-der Herzog war nicht liebenswürdig genug, um jene alle Gemüthsruhe
-benehmende Eifersucht, die öfters mit dem Verlust des Verstandes
-vergesellschaftet ist, zu erwecken, allein wenn sie zurük dachte, wie
-sehr sie dieser Treulose geliebt hatte, kam sie aus aller Fassung; und,
-da vollends ihre neue Gesellschafterin, die sich Climberge nennte, ihr
-die Stärke des Leibes der von Degre bemerken lies, betrachtete sie
-selbige nicht anderst als ein schändliches, undankbares Ungeheuer.
-
-Indessen der Herzog von Brabant den Beghe beweinte, und nur allein
-für die von Degre lebte, die ihn ganz bezaubert in ihrem Neze hielt,
-machte die Herzogin ihre Mutter so aufmerksam auf Dinge, die diese ohne
-nicht ganz von Eigensinn eingenommen zu sein, unmöglich gleichgültig
-ansehen konnte. Kaum sahe der Herzog seine Gemahlin täglich einmal, da
-er im Gegentheil seine Zeit ganz bei der von Degre zubrachte. Endlich
-legte der Herzog alle Verstellung ab, und der von Degre Schande fieng
-an allgemein bekannt zu werden. Nun Madame! sagte die Herzogin zu
-ihrer Mutter, Sie haben mich genöthiget, ja gezwungen, dem Herzog von
-Brabant meine Hand zu geben. Was sagen Sie jezt zu seiner Aufführung,
-und in der Lage, in welche er mich versezet, wie soll die meinige sein?
--- Sie müssen sich nicht vorstellen, daß die Ehemänner, besonders
-die Fürsten sich eben einer so grossen Treue gegen ihre Gemahlinnen
-befleisigen. Wäre Ihr Vater unter der Zahl der allzugewissenhaften
-gewesen, so würde der Beghe noch leben, sein Mörder nicht gebohren,
-und wir in keiner so grossen Verwirrung sein. Verzeihen Sie ihm also
-diese jugendliche Ausschweifung, die sich mit den Jahren legen wird.
--- Was! Madame, rief die Herzogin aus, sind es grade meines Vaters
-Schwachheitsfehler, die er nachahmen soll? Gebe ich auch zu, daß ein
-Jüngling, vermöge seiner noch wenigen Erfahrung, ausschweifen, und
-sich, mit Hintansezung seiner Ehre, vergnügen kann, ist es darum unserm
-Geschlecht, und besonders einem Mädchen, das Sie mir zugesellet haben,
-das mit mir erzogen worden, das ich allen andern mit Achtung vorzog,
-das mein ganzes Vertrauen besaß, und das nun der ganzen ehrbaren Welt
-ein Aergernis ist, erlaubt. Genehmigen Sie auch noch sein jeziges
-Betragen, oder muthen Sie mir vielleicht gar zu, um ihm gefällig zu
-sein, die Vermittlerin seiner schändlichen Ausschweifungen zu werden?
--- Sie reizen meine Gedult auf das äuserste, erwiederte die Gräfin.
-Ihren Reden nach hat es das Ansehen, als ob Sie sich Dinge in Kopf
-setzen, die niemals entstehen werden. -- Ha! Madame, erwiederte
-die Herzogin weinend, Sie sahen sie lange zuvor ein; denn die bösen
-Eigenschaften des Herzogs waren Ihnen zur Gnüge bekannt, und doch
-zwangen Sie mich, ein Opfer derselben zu werden. -- Sie legen mir
-also die Schuld Ihres Misvergnügens allein bei, erwiederte diese
-unnatürliche Mutter; Gut! ich werde mich daher von Ihnen entfernen,
-und da Sie selbst so einsichtsvoll sind, wird es Ihnen ein leichtes
-sein, dem drohenden Unglück vorzubeugen. -- Hierauf verlies sie das
-Zimmer, und stürzte die Herzogin durch ihre, am folgenden Tag wirklich
-unternommene Abreise nach Quesnoy, in unaussprechlichen Gram. Du
-siehest, sagte sie zur Climberge, daß mich alles verläßt, und ich muß
-fürchten, daß endlich auch Du, wie mein Gemahl, meine Mutter, meine
-Dienerschaft, ja! öfters mein eigener Verstand, mich noch verlassen
-wirst. Gerechter Himmel! was habe ich verbrochen, daß du mich mit so
-viel Unglück heimsuchest? Mein Wandel ist schuldlos, kein Verbrechen
-habe ich begangen, dennoch sind meine Leiden groß, und bald werde
-ich, statt wie ich es gekönnt hätte, in gewissem Glanz zu leben, vom
-Glück ganz verlassen, der Spott und die Verachtung der Menschen sein.
-Ha! Climberge! wie gepreßt ist mein Herz, und wie schwach sind meine
-Kräfte, dergleichen harten Prüfungen zu widerstehen! -- Ich gestehe
-aufrichtig Madame! erwiederte die Gesellschafterin, daß Sie nichts
-weniger, als ein so trauriges Schicksal verdienen; dieses, nebst dem
-unschuldvollen Bewustsein muß Ihnen die Leiden erträglicher machen.
-Unterliegt Ihr Muth ganz, so können Sie leicht urtheilen, wie es mit
-dem meinigen beschaffen sein würde. Ohne ungerecht zu sein, dürfen Sie
-an meiner aufrichtigen und ehrfurchtsvollen Ergebenheit nicht zweifeln.
-Setzen Sie mich, theureste Fürstin! auf die Probe. Ich verabscheue die
-von Degre, deren Betragen jedem Redlichen ein Greuel sein muß, und die
-wegen ihrer schändlichen Undankbarkeit nicht hart genug bestraft werden
-kann. Es wundert mich nicht, daß die Tugend eine Buhlerin verläßt,
-noch daß ein schwacher Fürst sich so weit vergehet, die ehelichen
-Pflichten hintan zu setzen; aber daß die Frau Gräfin von Hennegau, der
-Sie leider! zu viel nachgegeben haben, sich unverantwortlicher Weise
-entfernet, und Sie in einer so traurigen Lage verlassen hat, dieses
-deucht mir entsezlich zu sein, und ich kann nicht ohne tiefe Wehmuth an
-dieses Verfahren denken. -- Laß mich! rief die Herzogin schluchsend,
-laß mich, grausames Schicksal! deine ganze Härte fühlen! Unter
-allen Wegen, die Du mir zeigest, werde ich immer den unschuldigsten
-einschlagen; bin ich bestimmt unglücklich zu sterben, werde ich doch
-wenigstens den Trost haben, schuldlos mein Haupt niederlegen zu können.
-Climberge weinte mit der Herzogin, und sie würden beide wahrscheinlich
-noch lange in dieser traurigen Beschäftigung geblieben sein, wenn der
-Herzog nicht dazu gekommen wäre und sie gestöhret hätte. Nun, Madame!
-sagte er mit stolzem und verachtendem Ton, Ihr mürrischer Sinn hat
-denn endlich die Frau Gräfin von Hennegau vertrieben; zum Lohn ihrer
-zärtlichen Sorgfalt muß sie nun den bittersten Schmerz empfinden. Für
-wen bewahren Sie Liebkosungen, wenn die, die das erste Recht drauf
-haben, und die Ihnen am schäzbarsten sein sollten, solche entbehren
-müssen? -- Wenn ich aufgelegt wäre mich zu ereifern, erwiederte die
-Herzogin mit vieler Mässigung, so gäbe mir ihr Betragen Stoff genug.
-Sie sind der Urheber alles dessen, was vorgeht, und die Quelle meiner
-Leiden. Meine Mutter hat eigensinniger Weise drauf bestanden, daß ich
-Sie heirathen sollte, ob ihr gleich Ihre Gemüthsbeschaffenheit nicht
-unbekannt war. Wie belohnen Sie diesen meinen unglücklichen Gehorsam?
-Sie beleidigen mich auf hundertfältige Weise; und, nicht zufrieden
-mich die größte Verachtung empfinden zu lassen, füllen Sie noch mein
-Haus mit Schimpf und Schande; da Sie unter meinen Augen eine meiner
-Frauen, die ich am meisten schäzte, verführen. Hohnlachend unterbrach
-der Herzog: ich rathe Ihnen, noch auf die Liste meiner Verbrechen
-den Mord des Beghe zu sezen, ob ich gleich solchen Ihrer unmässigen
-Begierde, allein herrschen zu wollen, zu verdanken habe. In Ansehung
-der von Degre aber sollten Sie mir billig wegen der Achtung, die ich
-für sie habe, verbindlich sein, da Sie mir ihre Verdienste öfters
-angepriesen haben, und mein Herz also hier Ihre Empfehlungen erfüllet,
-und Ihre Vorschriften befolget hat. -- Ha! Grausamer, welche Folgen
-von Leiden bereiten Sie mir? Ueberflüssig wäre es, Sie an Vernunft,
-Pflicht und Ehre zu erinnern, denn von allen diesen Dingen wissen Sie
-nichts, noch weniger sind Sie fähig, solche auszuüben. Fahren Sie
-in Ihrem feigen und gesezwidrigen Leben fort: triumphiren Sie über
-meine Enthaltsamkeit, und verstatten mir, der von Degre einen Plaz
-einzuräumen, den ich mit Widerwillen innen habe, und auf den ich von
-Grund der Seele Verzicht thue.
-
-Der Unwille verhinderte die Herzogin ein mehreres zu sagen. Sie gieng
-in den Garten, um in der Einsamkeit ihrem beklemmten Herzen durch
-eine Thränenfluth Luft zu schaffen. Allein hier fand sie abermal neue
-Gelegenheit zum Misvergnügen. Die von Degre, deren Schwangerschaft sich
-nun allgemein offenbahrte, saß unter einem Baum. Mit frecher Stirne
-trug sie ihre Schande, sie kam nicht mehr zur Herzogin; es war ihr
-ausdrücklich verboten und ihr aller Zutritt versagt. Sie schauderte und
-konnte ihren Zorn, bei dem Anblik dieser frechen und ganz unverschämten
-Kreatur, nicht verbergen. Anfangs wollte sie ihr ausweichen, allein ihr
-Unwille sezte sie über alle Betrachtungen weg. Schnell gieng sie auf
-die von Degre los, die kaum eine geringe Bewegung zum Grüssen machte.
-Ich stöhre sie vielleicht in Ihrem Nachdenken, sagte die Herzogin;
-allein da Sie meine ganze Glückseligkeit zernichtet haben, würden Sie
-ungerecht sein, wenn Sie mir diesen geringen Verdruß nicht zu gut
-halten wollten, da Sie mir durch Ihr Betragen so unendlich grossen
-verursachen. -- Wenn Sie Misvergnügen haben Madame! erwiederte die von
-Degre ohne alle Ehrfurcht, ganz unbescheiden, müssen Sie sich die
-Schuld selbst beimessen. -- Ich gestehe es, erwiederte die Herzogin.
-Denn wenn ich nicht blinde Güte und thörigtes Nachsehen für Sie gehabt
-hätte, würde ich vielen Verdruß überhoben sein. In was vor einem
-verächtlichen Zustand befinden Sie sich jezt, und wie können Sie mir
-in solchem unter die Augen treten? Habe ich Sie gelehret dergleichen
-niederträchtige Handlungen zu begehen; und wer hat Sie sonst dazu
-angeführet? Noch wenn Sie unvorsichtiger Weise, oder durch Verführung
-zu Fall gekommen wären, würde man Sie wegen Ihrer Schwachheit bedauern,
-wenigstens nicht verabscheuen so aber, da Sie selbst den Herzog zu
-dieser schimpflichen Leidenschaft verführet, sich ihm freiwillig Preis
-gegeben und ihn zu Bosheiten verleitet haben, deren er bisher unfähig
-war, verdienen Sie kein Mitleiden. Was für Folgen werden aus diesem
-strafbaren Verständnis entstehen? Sie werden ohne Zweifel elendiglich
-umkommen, und Ihr verführter Liebhaber wird in den Abgrund des
-Verderbens stürzen, den Sie ihm zubereitet haben. -- Die von Degre,
-die sich nun zu Antworten genöthiget sahe, war verlegen, was sie zu
-ihrer Vertheidigung vorbringen sollte. Glüklicher Weise zog sie der
-Herzog, den sie von ferne kommen sahe, aus der Verlegenheit. Sie
-können, Madame! sagte sie mit wenigen Worten, dem Herrn Herzog alles
-was Ihnen gefällig ist, sagen, ich glaube daß er Sie sucht; und es wäre
-unbescheiden von mir, Sie in der Unterredung durch mein Verweilen zu
-stöhren, und Ihnen einen so verhaßten Gegenstand länger vor den Augen
-zu lassen. Sie kehrte hierauf der Herzogin den Rücken, die einen andern
-Weg gieng um ihrem Gemahl nicht zu begegnen.
-
-Sobald die Herzogin auf ihrem Zimmer war, lies sie, in Gegenwart der
-Climberge, ihren Thränen freien Lauf. Ich muß fliehen, sagte sie zu
-ihr, und sollte mich gleich die ganze Welt tadeln, unmöglich kann ich
-länger an einem Ort bleiben, wo ich nichts als Gift und Galle einnehme.
--- Wo wollen Sie aber hin, Madame! erwiederte Climberge, und welchen
-Entschluß kann ein Frauenzimmer Ihres Rangs bei einer so kizlichen
-Sache fassen? -- Ich weis es selbst nicht, antwortete die Herzogin;
-allein ich hoffe, daß so bald ich nur aus Bergen bin, der Himmel mir
-alsdann eingeben werde, was ich weiter thun soll. So hartherzig meine
-Mutter ist, kann mich doch nichts von der Ehrerbietung, die ich ihr
-schuldig bin, befreien. Ob sie mich gleich verlassen hat, muß ich sie
-doch aufsuchen. Rufe den Descaillon. Dieser war der treuste Diener
-meines Vaters, und noch der Einzige unter den meinigen allen, auf
-dessen Treue und Redlichkeit ich mich verlassen kann. -- Climberge
-befolgte diesen Befehl; und kaum hatte die Herzogin dem Descaillon ihr
-Vorhaben eröfnet, traf dieser so geheime und schleunige Anstalten, daß
-sie schon den andern Morgen mit Tagesanbruch aus Bergen war. Sie gieng
-nach Quesnoy zu ihrer Mutter, die sich über ihre unvermuthete Ankunft
-nicht wenig wunderte. Nachdem sie dieselbe mit kindlicher Ehrfurcht
-umarmt hatte, sagte sie zu ihr: Madame! verdammen Sie meine Reise
-nicht, und lassen Sie vielmehr meiner Gedult Gerechtigkeit widerfahren.
-Der Herzog von Brabant behandelt mich mit tirannischer Unanständigkeit;
-sein Sie billiger und häufen meine Leiden nicht durch harte
-Gleichgültigkeit. Behält der Herzog volle Gewalt, so wird er mit unserm
-Eigenthum nicht allein die von Degre, sondern die ganze Rotte seiner
-nichtswürdigen und unverschämten Höflinge bereichern, wie er es schon
-gethan hat. -- Meine liebe Tochter! unterbrach die Gräfin, Ihr Schmerz
-rühret mich; ich bin nicht so unmenschlich als Sie es vielleicht von
-mir glauben, und ich gebe ihnen die Versicherung meiner zärtlichsten
-Liebe und Theilnehmung Ihrer Leiden. Schon lange sollte die Aufführung
-Ihres Gemahls meine Langmuth erschöpft haben; allein zur Ehre unseres
-Hauses müssen wir uns zuvörderst bemühen, ihn durch Gelindigkeit
-und Güte zur Reue zu bringen. Wir wollen uns hierzu des Herzogs von
-Burgund, dessen Ansehen etwas vermag, bedienen, und wenigstens die
-Sache so einleiten, daß man nicht sagen kann, Sie hätten Ihren Gemahl
-leichtfertiger Weise verlassen. Ich weis zwar, daß Sie gegründete
-Ursachen dazu haben; allein es werden noch weit wichtigere erfordert,
-um Sie vor der Welt dieses wichtigen Schritt wegen zu entschuldigen.
--- Nun gut, Madame! antwortete die Herzogin, handeln Sie nach eigenem
-Gutdünken. Ihr Wille soll der Meinige sein, und ich will bei Ihnen,
-als einem ruhigen und unverletzlichen Zufluchtsort, den Erfolg Ihrer
-Bemühungen abwarten.
-
-Hierauf schrieb die Gräfin von Hennegau an den Herzog von Burgund,
-ihn von der ganzen Lage der Sache zu unterrichten. In ihrem Schreiben
-schilderte sie mit vieler Klugheit und Wahrheit das Betragen des
-Herzogs von Brabant; und Descaillon, der eigends damit abgeschickt war,
-fügte noch mündlich alles bei, was zum Vortheil der Herzogin gereichen
-konnte. Auch machte der Herzog von Burgund keine Schwierigkeiten,
-sich des Zwists zweier Personen, die ihm so naheanverwandt waren,
-anzunehmen, um sie wo möglich zu vereinigen.
-
-Der Herzog von Brabant, der sich einzig und allein mit seiner
-gesezwidrigen Liebe beschäftigte, bekümmerte sich wenig um die Abreise
-seiner Gemahlin. Wie ihm die Vorschläge zur Aussöhnung gemacht wurden,
-antwortete er schlechterdings: Die Herzogin könne zurückkommen, wann
-sie wollte; allein seine Beischläferin würde er in kein Kloster
-schicken, noch seine Lieblinge vom Hof entfernen, wie man es ihm
-vorgeschlagen habe. -- Die Gräfin von Hennegau nahm diese schwürige
-Antwort für befriedigend an, und verlangte, daß es ihre Tochter auf die
-Willkühr des Herzogs ankommen und auf seine gegebene Zusicherung nach
-Bergen zurückgehen sollte; denn man müste ihm die Schande ersparen,
-als ob er gezwungener Weise hätte nachgeben müssen. Nun verlohr die
-Herzogin völlig ihre bisher noch gehabte Mässigung. Nachdem sie ihren
-vergangenen und künftig zu erwartenden jämmerlichen Lebenswandel lange
-überdacht hatte, faßte sie den Entschluß, nach England überzu gehen.
-Sie lies sich durch den vertrauten Descaillon nach Calais bringen, wo
-sie sich einschifte, von dannen sie ohne weitere Hindernis in London
-glücklich anlangte.
-
-Ob gleich die Kriegsflamme an verschiedenen Orten Europens hell
-leuchtete, und der Englische Hof, wegen dem Absterben seines Königs
-Heinrich des V. in Trauer versezt war, herrschte dennoch Höflichkeit
-und galante Lebensart an demselben.[H] Humphrei, Herzog von Glocester,
-des verstorbenen Königs Bruder, war damals Regent in England.
-Dieser Prinz hatte vortreffliche Eigenschaften, aber dabei einen
-ausserordentlichen Hang zu Liebeshändeln; selten sahe er ein schönes
-Frauenzimmer, ohne daß sein Herz nicht davon eingenommen ward: Die
-Herzogin von Brabant traf es daher nicht frei an; ihre Reize aber
-verdrängten bald alle anderen Gegenstände aus demselben. Verbunden
-mit majestätischem Ansehen sprach sie mit Ueberzeugungskraft. Ihre
-Sache war gerecht, und der Herzog, zum Innersten gerührt, gab ihr
-die Versicherung, daß sie mit Englands ganzer Macht beschüzt und als
-Königin verehret werden sollte. Diese Versicherungen begleitete er mit
-noch einigen besondern Versprechungen; und die Herzogin von Brabant
-konnte dem Himmel wegen dem glücklichen Erfolg ihrer Reise nicht
-dankbar genug sein. Durch das edelmüthige Betragen und die gefällige
-Sorgfalt des Herzogs sahe sie bald ein, daß er sich die Beförderung
-ihres Glücks, wie seines eigenen, angelegen sein lies. Eins der
-Königlichen Paläste wurde ihr zur Wohnung angewiesen, in welchem sie
-mit außerordentlicher Pracht und Aufmerksamkeit bedienet ward, und
-es wurden ihr solche Ehrerbietungen erwiesen, deren sich noch keine
-Fremde zu rühmen gehabt hatte. Jedermann trachtete sich ihr gefällig zu
-erzeigen, und ihr den Auffenthalt angenehm zu machen, und sie erkannte
-bald den Unterschied, der zwischen einem großmüthigen Beschützer und
-einem unwürdigen Gemahl ist.
-
-Diesen Gegensatz empfand die Herzogin im innersten des Herzens, und
-die Climberge, die es wohl einsahe, bezeugte ausserordentliche Freude,
-daß ihre Reize dieses bewirkt hätten, weshalb sie der Herzogin Glück
-wünschte. Aber liebe Climberge! erwiederte die Herzogin, ich begreife
-nicht, daß Du wegen einer Sache, die mir neue Verdrüßlichkeiten
-zuziehen könnte, vergnügt sein kannst. Sind meine Verdienste etwa hier
-grösser, als sie zu Bergen waren, und glaubest Du, daß meine Flucht
-mich in Achtung halte? Ausserdem bin ich deswegen von der ehelichen
-Treue losgesprochen, weil ich mich in einem fremden Staate, den
-nur eine schmale See von meiner Heimath absondert, befinde; und so
-ungerecht der Herzog von Brabant auch immer ist, bin ich ihm deswegen
-weniger Zeitlebens verknüpft? -- Nein Madame! antwortete die Climberge,
-er hat Sie auf eine Weise behandelt, die von aller Schuldigkeit
-befreiet. Die Kirche, die sie zusammen gegeben hat, ist keine
-unbarmherzige Stiefmutter; sie kann eine üble Verbindung aufheben;
-und unzählig gegründete Ursachen sprechen hier zu Ihrem Vortheil. --
-Schweig! und verschone mich mit deinen Träumereien, erwiederte die
-Herzogin; ich bin unter einem unglücklichen Gestirn zur Welt gekommen
-mein Loos ist zu Widerwärtigkeiten bestimmt; und wenn es an dem wäre,
-daß der Herzog von Glocester einige Liebe zu mir empfände, ich auch
-gleich von meiner Verbindung mit dem Herzog von Brabant losgesprochen
-wäre, würde ich mich doch in keine weitere eheliche Sclaverei begeben.
-Von zwei Gemahlen, die ich in meinen jugendlichen Jahren hatte, starb
-der eine unglücklicher Weise, kaum daß wir einander kennen lernten,
-und der andere beschimpfet mich gleich nach unserer Verbindung ganz
-niederträchtiger Weise. Glaubest Du, daß ich bei einem Dritten ein
-besseres Schicksal zu erwarten hätte? und würde ich nicht in steter
-Furcht sein, alle Unfälle, die ich schon erfahren habe, und vielleicht
-noch stärkere zu erdulden? Nähre daher deine Einbildungskraft nicht
-weiter damit; nur an mir bist Du mit den Trübsalen bekannt worden.
-Denn wenn Du sie an Dir selbst erfahren hättest, würdest Du mit mir
-eingestehen, daß, wenn der Mensch zum Leiden bestimmt ist, ihn nichts
-in der Welt davor schützen kann. -- Also Madame! erwiederte Climberge,
-Sie wollen vorsetzlich Ihre Leiden durch die Furcht vergrössern, daß
-die eingebildeten künftigen den vorigen, wirklich schon erduldeten,
-gleich kommen, wo nicht gar übersteigen würden? Ueberlegen Sie dagegen,
-daß der Himmel gerecht ist, und Sie vor allem schützen, ja! Ihre
-bisherigen Leiden auf einmal stillen kann, und wird. Uebrigens sind
-Sie dem Herzog von Brabant, seiner schlechten Aufführung wegen, keine
-Schonung mehr schuldig. -- Nein! Climberge, unterbrach die Herzogin,
-wenn ich auch gleich keine Achtung für den Herzog mehr hätte, müste
-ich doch jederzeit derjenigen eingedenk sein, die ich meiner eignen
-Ehre schuldig bin. Das Vorgeben, daß ich ihn gegen meinen Willen
-und gezwungener Weise zum Gemahl genommen habe, würde vor der Welt
-nicht hinlänglich sein, mich eines solchen neuen Fehlers wegen zu
-entschuldigen. Ich habe nun einmal diesen Schritt gethan, es wäre
-aber viel verzeihlicher gewesen, damals meiner Mutter ungehorsam zu
-sein, als jezt meinem Gemahl zu entsagen, so viel Verdruß er mir auch
-macht. Ich habe mich auch nicht mit dem Vorsatz ganz los zu sein
-entfernet, sondern nur um kein Augenzeuge seiner, gegen alle Ehrbarkeit
-streitenden Aufführung mehr zu sein. Im strengsten Verstand aber hätte
-ich alles dulden müssen, seine Unbeständigkeit, seine Verachtung,
-ja sogar die Härte mit der er mich behandelt hat. Genug tugendhafte
-Frauen haben mir Beispiele in ähnlichen Fällen gegeben; allein ich
-war zu schwach, ihnen nachzuahmen. -- Setzen Sie noch hinzu Madame,
-unterbrach Climberge, daß Sie auch schwach genug sein werden, sich ganz
-aufzuopfern; und der eingebildeten Ehre wegen, von welcher heut zu
-Tage die Tugendhaftesten das Joch abschütteln, wird Sie der Herzog von
-Brabant nichts destoweniger mit eben der Wuth, mit der er Sie zu Bergen
-verfolgt hat, ferner verfolgen, und die von Degre wird die Höllenfurie
-sein, die Sie beständig und überall wo Sie sich aufhalten, quälen und
-Ihnen alle Drangsale anthun wird.
-
-Der Herzog von Glocester, dessen Bestreben von nun an war, sich
-der Herzogin von Brabant gefällig zu erzeigen, unterbrach diese
-Unterredung durch seine Zwischenkunft. Madame! sagte er, ich komme
-vielleicht zur ungelegenen Zeit: allein wenn ich Sie oft aufsuche, so
-schreiben Sie es einer heftigen Leidenschaft, der zärtlichsten Liebe
-zu. All mein Streben gehet dahin, Ihnen überzeugende Beweise davon
-zu geben; und wollten Sie mich unglücklicher Weise nicht erhöhren,
-so würde ich der bedauernswürdigste Mensch auf dem ganzen Erdboden
-sein. -- Wenn Sie gleich, Herr Herzog! erwiederte die Fürstin, die
-wichtigen Staatsgeschäfte, die Ihnen obliegen, nicht dadurch versäumen
-wollten, daß Sie mir Beweise Ihrer Achtung und gütigen Fürsorge,
-die Sie für nöthig halten, das bittere meiner Leiden zu versüssen,
-stetshin zu geben belieben, würde ich Ihnen doch gewis schon grosse
-Erkenntlichkeit wegen Ihrer Aufmerksamkeit, und dem Zuvorkommen aller
-meiner Bedürfnisse, schuldig sein. -- Die Staatsklugheit, erwiederte
-der Herzog, ist nicht der Beweggrund meiner Handlungen, sondern
-die Triebe meines zärtlichen Herzens sind es, die mich leiten. --
-Unendlich leid würde mir es sein, unterbrach sie, wenn Sie würklich
-die Empfindungen hätten, die Sie so eben gegen mich äussern. Mein
-Lebenslauf ist Ihnen bekannt; ich bin zu elend Sie zu begünstigen;
-denn ob ich Ihnen gleich unzählbare Verbindlichkeiten schuldig bin; so
-habe ich doch solchen nichts als wahre Hochachtung und unvollkommene
-Dankbarkeit entgegen zu setzen. -- Madame! erwiederte Humphrei, so
-grosse Verbindlichkeiten, wie Sie glauben, sind Sie mir nicht schuldig:
-denn nur meine aufrichtige und reine Liebe ist der Zoll, den jedes
-empfindsame Herz Ihren Vollkommenheiten und Reitzen, zu entrichten
-schuldig ist. -- Meine Reitze, antwortete die Herzogin, sind sehr
-mittelmässig, und wenn sie ja jemanden zu rühren vermöchten, wünschte
-ich, daß es einen anderen als einen Fürsten wäre, den ich unendlich
-ehre und schätze, und dessen Gemüthsruhe mir so angelegen ist. Lassen
-Sie mich die Last meiner Leiden in Gedult tragen, ohne solche durch
-neue zu erschwehren, und überlegen dabei, daß Sie durch Stöhrung meiner
-Ruhe, den Schutz, den Sie mir so großmüthig haben angedeihen lassen,
-vereiteln und sich verdächtig machen würden. -- Sie könnten, Madame!
-unterbrach der Herzog, ohne sich weiter unglücklich zu machen, meine
-Glückseligkeit befördern. Der ganzen Welt ist bekannt, wie unwürdig
-der Herzog von Brabant Ihrer ist. Ausserdem sind Sie in einem Grad
-Blutsfreundschaft mit ihm verwandt, der eine Ehescheidung noch viel
-gültiger macht. Ziehen wir desfalls den Pabst Benedickt zu Rath; er
-ist in dergleichen Fällen nicht allein am besten bewandert, sondern er
-wird sich auch gewis sehr billig finden lassen. Was haben Sie nachher,
-Madame! weiter zu befürchten, da Sie von einem Prinzen, der Sie ewig
-anbetet, beschützet werden, und der Englands ganze Macht aufbieten
-wird, Ihren Verfolgern, Trotz zu bieten. -- Ganz mißfiel Jacobinen (die
-wir in der Folge nicht anderst nennen werden) dieser Antrag nicht. Der
-Herzog von Glocester war zärtlich und überaus einnehmend; es war ihr
-daher nicht zu verdenken, daß sie selbst Verlangen trug, von einem
-Gemal, den sie niemals geliebt hatte, und welchen sie vielmehr jezt zu
-hassen berechtiget zu sein glaubte, vor immer geschieden zu werden.
-Allein der Vorschlag geschahe durch einen Prinzen, den sie noch nicht
-genug kannte, und der vielleicht mehr durch die Gewalt einer heftigen
-Leidenschaft hingerissen, als durch Vernunftschlüsse, geleitet, nur die
-Befriedigung seiner Begierden suche, und nach deren Genuß Treue und
-Liebe, leicht wieder vergessen konnte. Kurz, unzähliche Betrachtungen
-sezte sie dem schmeichelhaften Entwurf des Herzogs entgegen. Was!
-sagte sie zu ihm, wenn der Pabst mich von der Verbindung mit dem
-Herzog von Brabant lossprechen wollte, so würden Sie Entschlossenheit
-genug haben, mir Ihre Hand darzubieten? Ja! Madame, unterbrach er
-mit Heftigkeit, ja! ich würde dieses Glück als das größte meines
-Lebens schätzen, wenn es mir zu Theil wird, und gewis nach keinem
-andern mehr geizen. -- Sie irren sich, fuhr Jacobine fort, wenn die
-Erlaubnis zur Ehescheidung hier in London zu haben wäre, würden Sie
-vielleicht eine ganz andere Sprache führen. Ausserdem muß man auf
-einem dornichten Pfad nicht so schnell zu laufen wagen; denn hier ist
-die Rede von einer Sache, die das Gewissen, die Ehre und die Religion
-betrift; welcher Richter ist dermalen befugt solche zu entscheiden?
-Wir sehen eine ärgerliche Spaltung in der Kirche; wollen wir solche
-noch dadurch vermehren, daß wir zur Befriedigung unserer Leidenschaften
-Hülfe bei einem oder dem andern Theil suchen? Benedickt ist Pabst,
-und Martin, von vielen unterstüzt, will es gleichfalls sein. Diese
-geistliche Eifersucht trennt die ganze Christenheit, und welcher von
-beiden wird wohl vom heiligen Geist genugsam erleuchtet sein, ein
-gerechtes Urtheil zu fällen? Ruhet er aber auf beiden gleich stark,
-so haben sie auch gleiche Gewalt, und der eine wird nicht verfehlen,
-dem andern in allen Fällen, wie der meinige ist, zu widersprechen; die
-Schande und der Nachtheil aber der für mich hieraus entstehen und auf
-mich allein zurückfallen würde, wäre unauslöschlich. -- Ich glaubte
-nicht, Madame! erwiederte ganz niedergeschlagen der Herzog, daß Sie
-in Ihrer dermaligen Lage an dergleichen heilige Spitzfindigkeiten
-zu denken Ursache hätten. Verzeihen Sie meinen wilden Ausdruck und
-schreiben ihn meiner schmerzlichen Empfindung zu. Ist es erst von Heute
-daß dieser Zwietracht in der Kirche entstehet, und haben nicht andere
-Päbste schon vorher sich in dergleichen Fällen gezankt?[I] Wir haben
-Beispiele genug. Haben Menschen, sobald sie als Päbste anerkannt sind,
-die Macht, auf Erden zu binden und wieder zu lösen, warum sollten
-wir uns bemühen, die Gültigkeit ihres Berufs zu untersuchen? Steht
-mir Benedickt Ihren Besiz zu, so mag meinetwegen Martin mit seinen
-Donnerkeilen gegen ihn losstürmen, mein Glück wird nichts destoweniger
-befestigt sein. Uebrigens, Madame! werden Sie durch unsere Verbindung
-dem Abgrund aller Leiden entgehen. Ueberlegen Sie, daß von allen
-denen beträchtlichen Staaten, die Sie ruhig besitzen sollten, Ihnen
-wenig überbleiben wird. Der Herzog von Brabant, der den größten Theil
-durch sein unordentliches Leben schon durchgebracht hat, wird den
-übrigen durch seine Nachlässigkeit, gegen den Herzog von Burgund, der
-sich solche zuzueignen sucht, schlecht vertheidigen. Ein Mann wie
-ich, wird sie aber leicht durch Bestrafung ihrer Undankbarkeit und
-Ehrgeizes zurecht weissen, und niemals werden Sie Ursache haben, die
-mir erwiesene Güte zu bereuen.
-
-Während dieser Unterredung, bei welcher die Climberge zugegen wer,
-hatte Jacobine die Augen beständig zur Erde geheftet. Endlich sagte
-sie zum Herzog: Ich habe Sie gelassen angehöret, lassen Sie mir nun
-auch Zeit, Ihre Gründe zu untersuchen. Vorläufig aber muß ich Ihnen
-gestehen, daß sie mir sehr seicht vorkommen; vielleicht aber finde ich
-sie bei genauerer Erwägung triftiger. Sie würden mich gering schätzen,
-wenn ich blinder Weise in Ihren Vorschlag einwilligte. Sie werden also
-verzeihen, wenn ich mich nicht übereilt entschließe. Der Herzog war
-einstweilen mit dieser Antwort zufrieden, und da er wohl einsahe, daß
-Jacobinens Standhaftigkeit schon ziemlich erschüttert war, wollte er
-vor diesmal nicht weiter in sie dringen, sondern entfernte sich, und
-überlies der Climberge, das übrige für ihn zu bewerkstelligen.
-
-Diese redete Jacobinen folgendergestalt an: Nun Madame! werden Sie doch
-einsehen, daß Ihre Angelegenheiten eine günstige Wendung bekommen. Der
-Herzog von Glocester bietet Ihnen sein Herz, seine Hand und die ganze
-furchtbare Macht, über die er zu gebieten hat, dar. Er verspricht
-noch über dieses die Hülfe des römischen Stuhls: wollten Sie nun noch
-einen Augenblick anstehen, aus unzeitiger und furchtsamer Scham, der
-ungerechten Gewalt des Herzogs von Brabant, der sich so verächtlich
-gemacht hat, zu entsagen? -- Ich verabscheue ihn auch, erwiederte
-Jacobine, allein die Rache, die ich vielleicht schon zu weit getrieben
-habe, muß mich nicht selbst bei der Welt verächtlich machen. Wird
-man mir nicht, wenn ich in das Begehren des Herzogs von Glocester
-einwillige, vieles vorzuwerfen haben? kann man, unter welchem Vorwand
-es sei, einem rechtmässigen Gemahl entsagen, ohne sich dem Tadel
-auszusetzen? In Beurtheilung der menschlichen Handlungen wird selten
-Rücksicht auf Unglücksfälle genommen, und ohnerachtet meiner Unschuld,
-würde ich bald dem Tadel jener strengen Geister, die da wollen, daß
-man alles dulden und sich nie beklagen soll, ausgesezt sein. -- Aber
-Madame! erwiederte die Climberge, wenn Sie einen Pabst, der Ihr Vater,
-Seelsorger und Gewissensrichter zugleich ist, zum Gewährsmann haben,
-was können Sie noch befürchten? Oder hassen Sie etwa gar den Herzog von
-Glocester? -- Ich kann fast nicht entscheiden, antwortete Jacobine,
-ob ich Liebe oder Haß in meinem Herze habe, und es liegt so etwas
-Seltenes in meinem Schicksal, daß der Wohlstand erfordert, es meinen
-Empfindungen ganz unabhängig zu überlassen. Ich habe mich schon zu
-viel über etwas gegen den Herzog von Glocester herausgelassen, das
-mich jezt sehr beunruhiget. Ich verstehe hier, wegen der angetragenen
-öffentlichen Ehescheidung, wovon der Schimpf auf mich zurück fallen
-würde, denn die Kirche, unter zwei entgegengesezten Häuptern, kann
-sicher in dieser mißlichen Sache nicht entscheiden. -- Also Madame!
-unterbrach die Climberge, mit dergleichen Heldenträumereien, wollen Sie
-lieber den tödtenden Gift geduldig einsaugen, als ihn durch heilsame
-Gegenmittel vertreiben. Was! weil wir zwei Päbste haben, wollen Sie
-sich keines derselben bedienen. Ha! Madame! denken Sie nicht so
-schwach; wer weis ob es nicht der Himmel auch um Ihrer Angelegenheiten
-wegen verfügt hat, daß dermalen zwei Päbste sein müssen. Beeifert, sich
-gegeneinander alles streitig zu machen, werden sie nicht verfehlen,
-hier ihre Gewalt zu beweisen. Fehlen Sie nun, wenn dieselbe Sie
-begünstigen; so liegt ja die Verantwortung auf ihnen selbst, und Sie,
-Madame! haben sich desfalls keine Vorwürfe zu machen. Denn sobald der
-eine, oder der andere entschieden haben wird, können Sie in aller
-Gewissensruhe dem Herzog von Brabant entsagen, den Herzog von Glocester
-ehelichen, und den Genus Ihrer noch jugendlichen Jahre, in welchen Sie
-schon so viel gelitten haben, befriedigen. -- Climberge! erwiederte
-Jacobine, die Päbste sind Menschen, und oft Menschen, deren Herzen ganz
-verdorben sind; wie können sie daher göttliche Gesetze, die schon viele
-Jahrhunderte bestehen, und die jedem wahren Christen unverbrüchlich
-sein müssen, zernichten? -- Die Päbste, antwortete Climberge, sitzen
-auf ihrem Gerichtsstuhl, den Unterdrückten Gerechtigkeit und Hülfe zu
-ertheilen. Sie sind nicht die erste tugendhafte Frau die ihre Zuflucht
-dahin genommen hat, Sie würden aber sicher die Einzige sein, die es in
-dergleichen Fall unterlies.
-
-Climbergs Gründe waren Jacobinens Herzen sehr schmeichelhaft. Ausser
-daß der Herzog von Glocester ein angesehener Fürst war, hatte er
-zugleich fürtrefliche Eigenschaften. Bei näherer Untersuchung seiner
-Verdienste verlohren sich alle, der Ehescheidung entgegengesezte
-Schwürigkeiten. Jacobine schloß, daß, sobald die Ursachen ihrer Flucht
-öffentlich bekannt würden, die Schande allein auf den Herzog von
-Brabant zurückfallen werde.
-
-Schlaflos brachte Jacobine die ganze Nacht mit Bestreitung ihrer
-Zweifel zu. Und obgleich in derselben der Antrag des Herzogs von
-Glocesters durch die Climberge nicht unterstüzt werden konnte, sprach
-doch etwas weit vermögenderes zu seinem Vortheil, und die Liebe besigte
-bald alle Schwürigkeiten. Climberge und Descaillon, die beide dem
-Herzog von Glocester ganz ergeben waren, unterstüzten die günstigen
-Gesinnungen Jacobinens, die nun, ob sie gleich noch einige innerliche
-Zweifel beunruhigten, sich nicht mehr weigerte ihre Einwilligung zu
-geben.
-
-Sobald Jacobine die Erlaubnis gegeben hatte, den Pabst Benedickt
-wegen ihrer Ehescheidung anzugehen, empfand der Herzog von Glocester
-unaussprechliche Freude darüber. Er wollte, daß ganz England
-theil daran nehmen sollte; deswegen unterlies er nicht, bei allen
-Gelegenheiten seine großmüthige Freigebigkeit gegen jedermann zu
-zeigen. Derweil man mit dem Pabst in Unterhandlung war, erfand er
-täglich neues Vergnügen, Jacobinen die Zeit angenehm zu vertreiben,
-und sobald der Scheide-Brief des günstigen Pabsts eintraf, wurde die
-Vermählung zwischen dem Herzog von Glocester und Jacobine von Baiern
-vollzogen. Um der Feierlichkeit ein majestätisches Ansehen zu geben,
-berief der Herzog alles, was nur im Stande war, die Pracht und den
-Glanz derselben zu erheben, nach London. Jacobine war noch in der Blüte
-Ihrer Jahre, dabei sehr liebenswürdig und der Herzog so verliebt, daß
-er das ihm widerfahrne Glück nicht genug zu schätzen vermochte. Beide
-aber verlebten einige Monate ganz unbekümmert, ob sie noch andere
-Leiden in der Welt zu erdulden hätten.
-
-Jacobinens Verhängnis aber war zu grausam, sie lange in dem Genus
-einer so süssen Ruhe zu lassen. Es bereitete ihr viel schmerzhaftere
-Streiche, als die, welche sie schon empfunden hatte. Mitten im
-Genus des Vergnügens zog ein fürchterliches Wetter über sie auf.
-Das Concilium zu Costanz hatte Benedickt abgesezt, und hierdurch
-alle Schlüsse dieses Pabsts vereitelt. Bei dieser Nachricht wollte
-Jacobine fast verzweifeln. Der Herzog von Glocester gab sich alle nur
-erdenkliche Mühe, sie zu trösten und verwünschte im Eifer die ganze
-Kirchen-Versammlung. Allein was halfen hier tröstliche Worte und
-Drohungen? Jacobine, die bessere Einsichten, als Klugheit hatte, fand
-nichts darinn, das ihr die Furcht benehmen konnte. Sie zweifelte nicht,
-der Herzog von Brabant würde sich, auf des von Degre Antrieb, an den
-Pabst Martin wenden. Ich werde das Gelächter und der Abscheu der ganzen
-Welt sein, sagte sie zum Herzog von Glocester. Man wird mich hinführo
-nicht anderst, als wie ein schändliches Ungeheuer betrachten, und
-meine Schwachheiten wird niemand entschuldigen. Zwei lebende Ehegemal!
-Gerechter Himmel! wie abscheulig! Ha! Warum ist der bitterste Tod
-meinen Ausschweifungen nicht zuvorgekommen? -- Sie bereuen also, daß
-Sie mich geliebt haben, erwiederte der Herzog, und Sie wollen meine
-Zärtlichkeit damit bestrafen, daß Sie sich Leiden vorstellen, die nur
-in dem Gehirn der niedrigsten Klasse von Menschen Statt haben? Was
-habe ich bis jezt anderst gethan, als Sie bis zur Anbetung geliebet,
-und was kann ich mehr thun als Ihnen die theure Versicherung zu
-geben, daß, entstehe auch was da wolle, diese Liebe nur mit meinem
-Tode aufhören wird? Lassen Sie den Martin im Eifer schmählen, so
-lang er will, er ist nichts anderst als ein wiederrechtlicher Regent
-der Kirche, der nur einem der niedrigdenkensten Menschen Gehör geben
-kann. Wir sind glüklich und in Sicherheit. Warum wollen Sie das Gemüth
-mit schrekhafter Einbildungen martern, indessen Sie nur süsse Tage
-verleben können? Ha! Herr Herzog! antwortete Jacobine, Sie sehen
-nicht ein, was ich am meisten zu befürchten habe, und was mir den
-tiefsten Schmerz verursachet. Sie lieben mich jezt, und ich gestehe
-aufrichtig, daß ich es glaube: Wer kann mir aber die Versicherung
-geben, daß Sie mich beständig lieben werden? Die armseligen Reize,
-die Sie gerührt haben, waren zu schwach, die Unbeständigkeit des
-Herzogs von Brabant zu hintertreiben. Die Zeit und der Genuß sind
-die Klippen, an denen Zärtlichkeit und Treue oft scheitern; und
-vielleicht werden Sie eines Tags der erste sein, der mein Betragen
-mißbilligen wird, ob Sie mich gleich darzu verleitet haben. Lassen
-Sie mich also meinen bejammernswürdigen Zustand beweinen. -- Sie
-bürden mir viele Ungerechtigkeiten zugleich auf, Madame! erwiederte
-der Herzog seufzend, und ich glaubte, Sie würden mehr Zutrauen in
-meine Redlichkeit setzen, als mir ein so beleidigendes Mißtrauen
-äusern. Was soll ich thun, und welche Beweise meiner ewigen Treue soll
-ich Ihnen geben? Wollen sie, daß ich England und dessen Regierung,
-die mich bindet, verlassen, und daß wir uns in einem verborgenen
-Winkel der Erde niederlassen sollen, wo wir gegen den Ausbruch des
-Wetters, das Sie ohne Zweifel zu arg fürchten, gesichert, nichts von
-aufgeblasenen Kirchen-Vätern und treulosen Ehemännern mehr hören, und
-wo wir uns einzig und allein mit unserer gegenseitigen Liebe ungestört
-beschäftigen können? Ihre Ehre und Ruhm liegt mir all zu viel am
-Herzen, und ich würde mich schlecht rechtfertigen, wenn ich zugäbe, daß
-Sie solche meinetwegen in einer finstern Einöde vergraben würden. Dieß
-ist der Weg nicht, den ich einzuschlagen wünsche. Wenn Sie in der Liebe
-gegen mich beharren, schätze ich mich nicht ganz unglüklich; verlassen
-Sie mich aber, so bleibt mir nichts als die äuserste Verzweiflung übrig.
-
-Der Herzog umarmte hierauf Jacobinen auf das zärtlichste, und beide
-vergassen auf einige Zeit dergleichen vergebliche Zweifel, die sie
-beunruhiget hatten. Die dienstfertige Climberge, die den Herzog von
-Brabant haßte, und die gegentheils dem Herzog von Glocester, der sie
-mit Freigebigkeiten überhäuft hatte, ganz ergeben war, bemühte sich,
-die Bekümmernisse ihrer Gebieterinn zu zerstreuen, worinn es ihr auch
-oft geglückt haben würde, wann deren nicht täglich neue entstanden
-wären.
-
-Die Gräfin von Hennegau war über das Betragen ihrer Tochter
-ausserordentlich aufgebracht. Sie erwog die Gründe nicht, die eine
-junge beleidigte Fürstin zu ihrer Rechtfertigung haben konnte. Sie war
-ganz auf des Herzogs Seite, verwarf öffentlich den Scheidebrief des
-Benedikts, und behauptete gegen jeden, daß die Ehe, die er begünstigt
-habe, unzulässig sei.
-
-Ob sich nun gleich die von Degre, die noch bei dem Herzog von Brabant
-in grosser Gunst stand, freuete, daß er seine Gemalinn loß war, wuste
-sie doch, um so besser uneigennüzig zu scheinen, ihre Zufriedenheit
-dergestalt zu verbergen, daß man nicht merken konnte, wie sie an
-Jacobinens gänzlichem Verderben arbeite.
-
-Ist es möglich, sagte sie zum Herzog, daß eine grosse Fürstin
-ihre Würde so erniedrigende Handlungen begehet, und daß sie eines
-unbedeutenden, Verdrusses wegen, der nur die Folge ihres Uebermuths
-war, ihren Gemal verläßt, über See gehet, und sich den Umarmungen
-eines Andern Preiß giebt? Ist es überdieß noch möglich, daß ein
-Gegenpabst, ein Mensch, der weder Ehre noch Gottesfurcht besizet, sich
-unterstehet, dergleichen freche Handlungen, den göttlichen Gesezen
-schnur straks zuwieder, und die die Menschlichkeit empören, öffentlich
-zu erlauben und zu begünstigen? Sollen dergleichen Mißbräuche nicht
-bestrafet werden, und wollen Sie sich nicht durch Behauptung Ihrer
-Gerechtsame desfals rächen?[J] Ganz bezaubert über diese Rede,
-erwiederte der Herzog: Liebste von Degre! Der Fehler der Herzogin von
-Glocester ist uns zu vortheilhaft, als daß wir darüber klagen sollten.
-Sie hat mehr für uns gethan, als sie hätte thun sollen, wenn sie es
-zuvor recht überlegt hätte; denn nun kann ich Ihnen ihren Plaz ohne
-Wiederrede einräumen. Sie haben sie aus meinem Herzen verdrängt, und
-freiwillig hat sie sich von mir entfernet. Benedikt ist mir mit seiner
-Gefälligkeit zuvorgekommen, und hat mir die Mühe erspart, ihn selbst
-darum anzugehen, welches ich sicher gethan haben würde. Das Koncilium
-zu Costanz giebt mir ein neues Hülfsmittel, um Ihnen ehestens die Würde
-meines Rangs ertheilen zu können. Nein! Herr Herzog! antwortete dieses
-schändliche Mädchen, Nein! mein Erheben würde Ihrem Ruhm nachtheilig
-sein, und ich bin genug befriediget, da ich das Glük habe, Ihnen nicht
-zu mißfallen. Ich strebe nach keiner andern Ehre, sondern nur nach
-Ihrer beständigen Liebe. Aber verfolgen Sie die Undankbare, die Sie
-verachtet hat; und da der Päbste Aussprüche göttlich sein sollen, so
-suchen Sie den Pabst Martin auf Ihre Seite zu bringen, damit diese
-Männersüchtige, durch öffentliche Beschimpfung gewahr werde, daß sie
-unter der Gewalt eines Menschen stehe, der im äusersten Fall genommen,
-nur als ihr Buhler angesehen werden kann. Ihre Ehre erfordert es, und
-ich beschwöre Sie darum, sezte sie hinzu (auf die Knie vor den Herzog
-fallend), denn ich kann nicht zugeben, daß der Schimpf einer solchen
-Schandthat auf Ihnen sitzen bleibe. -- Der Herzog, ganz von der Degre
-geäuserten Ergebenheit eingenommen, glaubte leicht, daß sie ihm diesen
-Anschlag aus aufrichtigem Herzen gäbe; und ohne weitere Untersuchung,
-versprach er ganz nach ihrer Vorschrift zu verfahren; wie er dann
-auch von Stund an bedacht war, die Wiederrufung der Bullen des Pabst
-Benedikts vom Pabst Martin zu erhalten. Der mit Blindheit geschlagene
-Herzog hatte bei diesem Unternehmen eine ihm verborgene Hülfe und
-Unterstüzung. Philipp, Herzog von Burgund, der im äusersten Grad
-ehrsüchtig war, sahe Jacobinens Besitzungen mit neidischen Augen an;
-schon lange wünschte er, Gelegenheit zu finden, solche an sich bringen
-zu können.
-
-Diese Zwietracht war ihm also zu Erreichung seiner Absichten sehr
-willkommen. Er stellte sich zwar dem äuserlichen Schein nach, als
-ob er sich alle Mühe gäbe, die Partheien zu vergleichen; allein die
-minder Klügsten konnten leicht einsehen, daß es ihm nicht Ernst war.
-Jacobinens Aufführung machte ihm heimlich boshaftes Vergnügen, nicht
-zweifelnd, er würde im Trüben fischen, und sich bald durch den Raub
-ihrer Staaten bereichern können. Einverstanden mit dem Herzog von
-Brabant, fiel es ihm nicht schwer, vom Pabst Martin ein donnerndes
-Urtheil, das jenes vom Pabst Benedikt zerschmettern sollte, zu
-erhalten. Die Ausdrücke desselben waren ausgesucht und der Kühnheit
-des Päbstlichen Stuhls eigen. Wonnevoll, ganz entzückt war die von
-Degre darüber. Der Herzog von Brabant glaubte, gerächt zu sein;
-die Gräfin von Hennegau, die beständig über ihre Tochter loszog,
-frohlokte über diesen schönen Erfolg; und der Herzog von Burgund freute
-sich innerlich, daß ihm nunmehr die Unordnungen in seiner Famillie
-Gelegenheit verschaften, gemächliche Entwürfe zu machen, den Besiz der
-schon inne habenden Staaten sich zuzusichern, und solchen zu erweitern.
-Nur der Graf von S. Paul, des Herzogs von Brabant Bruder, ärgerte sich
-über diese Mißhelligkeiten und das unkluge Betragen seines Bruders;
-allein mit dem besten Willen war er zu ohnmächtig, es zu hintertreiben.
-
-Diese Nachricht blieb in England nicht lange unbekannt. Ob sie gleich
-Jacobine erwartet hatte, war sie ihr nichts desto weniger empfindlich
-zu vernehmen. Ihr heftiger Schmerz vermehrte sich; sie bezeigte solches
-ihrem Gemal, der sich alle Mühe gab sie zu trösten und zu beruhigen.
-Die Climberge brauchte gleichfalls ihre ganze Beredsamheit; allein
-Jacobine warf ihr mit vieler Bitterkeit vor, daß sie es nur ihrem
-dringenden Zureden zu verdanken hätte, daß sie nunmehr so unglüklich
-wäre.
-
-Indeß Jacobine allen Muth und fast den Verstand verlohr, schmeichelte
-der Herzog von Burgund dem von Brabant ganz ausnehmend; der Herzog von
-Bedford aber, damaliger Regent in Frankreich, nahm sich seines Bruders
-an. Es wurden einige Versuche gemacht, die Partheien zu vereinigen;
-wie man sich dann auch würklich zu Amiens versammlet hatte, allein der
-Erfolg entsprach diesen Bemühungen nicht. Um die Thränen seiner Gemalin
-zu stillen, gieng der Herzog von Glocester, nachdem er so viel Völker,
-als er nöthig glaubte, Besiz von denen, dem Hause Hennegau zugehörenden
-Ländereien nehmen zu können, aufgebracht hatte, mit ihr nach Calais
-über.
-
-Gerührt bei dem Anblik ihrer rechtmässigen Fürstin, empfiengen sie
-die Einwohner der Provinz unter lautem Freudengeschrei, ob sie
-gleich dem Herzog von Brabant das Gegentheil zugesagt und geschworen
-hatten: Allein da eben damals Johann von Baiern Jacobinens Oheim in
-dem Haag vergiftet wurde, und sie dadurch dieser noch einzig übrig
-gebliebenen Stütze ihres Hausses beraubet ward, nuzte der Herzog von
-Brabant dieses, und bemächtigte sich einiger der beträchtlichsten
-Oerter. Hierdurch brach die Kriegsflamme in voller Wut aus. Der Herzog
-von Glocester wollte seine Gemalin in Sicherheit nach England zurük
-bringen; allein eigensinniger Weise blieb sie in Bergen, und wollte
-lieber alles wagen, als, wie sie sich ausdrükte; schimpflich die Flucht
-nehmen.
-
-Hier hatte sie aber neuen Verdruß zu erdulten. Da die Gräfin von
-Hennegau, die noch beständig für den Herzog von Brabant eingenommen und
-gegen Jacobinen aufs äuserste aufgebracht war, sich an dem nehmlichen
-Ort befand, erforderte es der Wohlstand, daß sie sich einander sahen.
-Aeusserlich vermied die Gräfin von Hennegau alles, was den Schein eines
-Unwillens haben konnte, und Jacobine beobachtete ihre Schuldigkeit
-sehr sorgfältig und mit vieler Bescheidenheit. Allein bei der ersten
-Unterredung redete die Gräfin Jacobine in stolzem Ton folgendergestalt
-an: Jezt Madame! nachdem sie Ihren Gemal, ihre Mutter und ihre Staaten
-verlassen, die gesittete Welt durch Ihre Aufführung geärgert und
-die Päbste gegeneinander aufgebracht haben, kommen Sie mit fremden
-Kriegsvölkern nach Bergen, uns heimzusuchen und vermuthlich auf
-keine Weise unserer zu schonen. -- Madame! erwiederte Jacobine, es
-wird genug zu meiner Rechtfertigung sein, wenn ich Ihre beleidigende
-Vorwürfe, die ich nicht verdiene, gedultig und ehrerbietig anhöre. Die
-Beleidigungen, die mir der Herzog von Brabant zugefügt hat, sind Ihnen
-nicht unbekannt, und diese haben mich bewogen, ihn als einen Treulosen
-und Undankbaren, der mich ins Elend gestürzt hat, zu verlassen, und
-mit Erlaubnis der Kirche, einen Fürsten zu heirathen, der mir ganz
-uneigennüzig gedienet und Schuz gegeben hat. Ich sehe daher nicht ein,
-was in diesem Betragen tadelnswürdig ist. Allein Madame! leid ist es
-mir, mich gezwungen zu sehen, Ihnen ohne Rükhalt zu sagen: Daß mir
-Ihre Gleichgültigkeit, die Sie mir in meinen Leiden bewiesen haben,
-alle Ueberlegungskraft benommen hat. Denn hätten Sie mir nur einige
-theilnehmende Liebe gezeigt, so würde meine Erkenntlichkeit Ihre Güte
-übertroffen haben. -- Mit verächtlichem Ton erwiederte die Gräfin:
-Die Erlaubnis, auf die Sie sich so vest stüzen, ist eben von keiner
-grossen Wichtigkeit, da sie nur aus dem Mond[K] ihre Entstehung
-hat; und Sie sehen auch, wie wenig das Konzilium drauf achtet. Ich
-glaubte, Sie würden vorsichtiger und klüger zu Werke gehen, als durch
-Ihre Uebereilung zwei Fürstlichen Häussern einen solchen Schandfleken
-anzuhängen, den sie Ihnen mit Recht noch nach vielen Jahrhunderten
-vorwerfen werden. -- Ihnen zu gefallen Madame! antwortete Jacobine,
-will ich die Schuld ganz auf mich nehmen, und Sie nicht anklagen;
-allein hätten Sie mir die Freiheit gelassen, meine erste Verbindung im
-Wittwenstand zu betrauren, so würden Sie mir alle diese Leiden und sich
-selbst den Verdrus erspahret haben. War es nöthig, um Ihnen gefällig zu
-sein, daß ich ewig unter der Abhängigkeit eines eigensinnigen Fürsten,
-dem nicht einmal die Worte von Ehre und Tugend bekannt sind, leben
-muste? Sollte ich der von Degre Schandthaten durch gefälliges Betragen
-noch selbst begünstigen? Und muste ich endlich gelassen zusehen, daß
-eine Handvoll Menschen aus der Hefe des Volks sich anmasse, mir Geseze
-vorzuschreiben, da wo ich allein unumschränkt zu befehlen habe? --
-Sie musten sich beklagen, fuhr die Gräfin fort, und dieß war alles,
-was Ihnen die Klugheit zu thun erlauben konnte. Es ist jezt ein
-schöner Anblik für mich, Ihnen, nachdem Sie unsinniger Weise das Meer
-durchstrichen, unter Begleitung eines Wollüstlings, der Sie in sein Nez
-gelokt hat, und der Ihnen, wenn er nur Ihr wahrer Liebhaber gewessen
-wäre, besser geschonet haben würde, wieder hier zu sehen. Denn sein
-Betragen zeiget deutlich, wie niedrig er Sie achtet, und daß er sich
-nur Ihrer als einer ganz in Ehren verlornen Frau, zur Befriedigung
-seiner Lüste bedienet. Diese grausame Mutter wollte hierauf weiter
-nichts anhören noch sagen, sondern gieng in ein anderes Zimmer; und
-Jacobine, vom tiefsten Schmerz gebeugt, begab sich in das ihrige.
-
-
-Da der Herzog von Brabant damals zu Brüssel war, führte in seiner
-Abwesenheit die Gräfin von Hennegau die Regierung in Bergen. Allein das
-Blatt drehte sich bald anderst. Die Einwohner, die Jacobinen wirklich
-so sehr liebten, als sie ihre Mutter und den Herzog von Brabant
-hasseten, erklärten öffentlich, daß sie nur ihr gehorchen wollten,
-indem der Herzog sich des Titels ihres Souverains unwürdig gemacht
-hätte.
-
-Seines eigenen Vortheils wegen, ließ sich der Herzog von Burgund sehr
-angelegen sein und wandte seine ganze Aufmerksamkeit auf den Nuzen,
-den er daraus zu ziehen gedachte; dieser zielte schlechterdings dahin,
-Jacobine gänzlich zu unterdrücken. Er foderte den Herzog von Glocester
-trozig auf, und zwischen beiden Theilen entstund ein Briefwechsel, der
-keine andere Folgen als den Krieg nach sich zog. Humphrei, der damals
-seine Gemalin zärtlich liebte, war über die ihr wiederfahrne Kränkung
-äuserst gerührt. Die harte Unterredung, die ihre Mutter mit seiner
-Gemalin gehabt hatte, sezte ihn vollends in Wuth; und da er alle Kräfte
-anwenden wollte sie zu rächen, beschloß er, eine Reise nach England zu
-machen, um von da desto leichter die erforderlichen Hülfs-Völker zu
-beziehen.
-
-Die Gräfin von Hennegau, die ihrer Tochter mit so grosser Strenge,
-begegnet war, empfand, mehr aus Furcht, als aus anderm Triebe, einige
-Reue, und wollte sich nun in etwas menschlicher bezeigen. Dem zufolge
-gieng sie zu ihr, und bat sie, während der Abwesenheit des Herzogs von
-Glocester, in Bergen zu bleiben. Die Einwohner, die ihr dem Anschein
-nach ganz ergeben waren, erboten sich sie zu bewachen. Jacobine sahe
-so viele Wiederwärtigkeiten in ihrem Schiksal, daß ihr alles, ja sogar
-Humphreis Sorgfalt, dessen Eifer sich verdoppelte, verdächtig war. Da
-der Tag seiner Abreise anbrach, wollte sie ihn einige Meilwegs ausser
-Bergen begleiten. Beim Abschied schienen beide gleich gerührt, und
-eben sagten sie sich das lezte Lebewohl, als ein Frauenzimmer, das
-sich durch Schönheit und verbissene Wuth besonders auszeichnete, das
-Volk das sie umgab, durchdrang, und den Herzog von Glocester in vollem
-Eifer also ansprach: Verräther! feiger und treuloser Fürst! gieb mir
-meine Ehre wieder, die du mir geraubet hast, oder tödte mich vor den
-Augen derjenigen, die die Ursache deines Meineids ist. Madame! fuhr
-sie fort, sich zu Jacobinen wendend, verzeihen Sie meine Ausschweifung
-und entschuldigen solche in Rüksicht meiner Verzweiflung. So lange es
-mir möglich war, habe ich im verborgenen gelitten; allein die Kräfte
-eines zärtlichen und betrogenen Mädchens, die ohne Hülfe ist, sind
-nicht unerschöpflich. Dieser heimtückische Fürst, der Ihnen seine
-Hand gegeben hat, vergab ein Gut, das ihm nicht mehr eigen war. Er
-mißbrauchte die Unschuld meiner Jugend, und verführte mich unter
-Ausstosung der theuresten Schwüre, die ich unverbrüchlich zu sein
-glaubte. Sie sehen meine Person, ausserdem aber bin ich aus einer guten
-edlen Famillie entsprossen, daß er keine Ursache zum erröthen gehabt
-haben würde, wenn er sein heilig beschwornes Versprechen gehalten hätte.
-
-Dieser unvermuthete Auftritt verursachte Jacobinen eine wunderbare
-Bestürzung. Mit vieler Aufmerksamkeit betrachtete sie die, die ihn
-erregt hatte. Sie fand, daß sie viele Reize hatte; und konnte sich
-nicht enthalten, sie zu bedauern. Der Herzog, ganz beschämt, war in
-der grösten Verlegenheit, wie er sich aus diesem verdrüslichen Handel
-wickeln sollte. Endlich, nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte
-er zu Jacobinen: Madame! Kehren Sie sich an den Reden einer Unsinnigen
-nicht; nach ihrem Betragen können Sie auf ihre Unverschämtheit
-urtheilen. Die wahre Tugend schreiet nicht so laut und vor so vielen
-Zeugen. Ich versichere, daß ich Ihnen sehr treu bin, und daß ich jezt
-von Ihnen verliebter scheide, als ich es jemals war. Hierauf und ohne
-ihr weitere Zeit zur Erholung zu lassen, umarmte er sie, sezte sich
-aufs Pferd, und jug mit solcher Geschwindigkeit davon, daß man ihn
-augenbliklich aus den Augen verlohr. Die Bekümmerte aber, die ihn in
-Verlegenheit gesezt hatte, lief ihm mit einer Schnelligkeit, die man
-ihrer Schwäche nicht zugetrauet hätte, nach!
-
-Der Lerm, den diese Begebenheit verursacht hatte, verbreitete sich
-bald bis zur Gräfin von Hennegau; und Jacobine, die wieder zurük
-nach Bergen gegangen war, hatte von ihrer Mutter die empfindlichste
-Spötteleien auszuhalten. Wenn ich mich nicht irre, sagte sie zu ihr,
-so schmeichelt sich die verzweiflungsvolle Schöne mit einem glüklichen
-Erfolg ihres zärtlichen Ausfalls, und der eine merkwürdige Epoche
-in Ihrem Roman machen wird. Die kleine Ausschweifung des Herzogs
-von Brabant war Ihnen empfindlich, weil Sie ihn nicht liebten, und
-die weit grössere des Herzogs von Glocester werden Ihnen noch viel
-empfindlichere Schmerzen verursachen. Aus Mittleiden muß man Sie
-bedauern und aus Vernunft tateln; denn überhaupt sind Sie nicht zu
-entschuldigen. Die aller unschuldigsten meiner Handlungen, erwiederte
-Jacobine, werden Ihnen allezeit wie unverzeihliche Fehler vorkommen;
-denn nur gegen den Herzog von Brabant sind Sie leicht nachsichtlicht.
-So groß aber dieses gefällige Betragen ist, weis ich dennoch nicht, ob
-er es nicht einstens erschöpfen wird. Wenn der Herzog von Glocester
-vor unserer Bekanntschaft einige flüchtige Liebes-Verständnisse gehabt
-hat, folget daraus daß er mich verlassen wird? Wenn eine Verwegene
-sich selbst anklaget, kann deswegen der Schimpf, auf mich zurükfallen?
-Sie suchen mich nur zu beleidigen; denn Sie müssen den Schimpf den
-mir der Herzog von Brabant, da er mich schändlicher Weise der von
-Degre aufopferte, angethan hat, einem unbedeutenden Liebeshandel,
-den der Herzog von Glocester vor unserer Verbindung gehabt hat,
-nicht vergleichen. Betrügen Sie sich Madame! erwiederte die Gräfin
-honlächelnd, und schmeicheln Sie wenigstens mit freiwilliger Blindheit
-Ihren Verwirrungen. Sie bedürfen keines Raths; und da Sie den Weg nach
-England allein gefunden haben, so können Sie leicht weit entlegenere
-Betrüger finden. Unter Ausstosung dieser beleidigenden Worte verließ
-sie Jacobinen, die ihrem beklemmten Herzen bei der Climberge, mit
-einer Thränenfluth Luft zu machen suchte. Nun siehest du, sagte sie zu
-ihr, in welche Kette von Leiden ich mich durch dein Zureden verwickelt
-habe. Du siehest die Päbste, meine Anverwandte und alle vernünftig
-denkende Menschen gegen mich aufgebracht. Du siehest ferner eine
-Unbekannte aus der Erde empor kommen, der es vermuthlich der Himmel
-eingegeben hat, mich durch ihren Vorgang auf das zu bereiten, was
-mir unbezweifelt selbst wiederfahren wird. Ha! Climberge! ich bin an
-meinem Unglük schuld! Die schnelle Abreise des Herzogs von Glocester
-überzeuget mich, daß er nichts zu meiner Beruhigung zu sagen wuste.
-Seine Liebste ist ihm nach, sie ist schön und entschlossen; vieleicht
-sind sie schon vereiniget; denn ich sehe nur schrekhaften Auftritten
-entgegen. Ich gebe zu Madame! antwortete die Climberge, daß Sie
-einige Ursache haben verdrüslich zu sein; allein ist der Verdrus von
-solcher Beschaffenheit, daß er Sie in einen so verzweiflungsvollen
-Zustand sezen sollte? Seit dem der Herzog von Glocester Ihr Gemal
-ist, was können Sie ihm vorwerfen? Seine ehrerbietige und sorgfältige
-Aufmerksamkeit hat Ihrer Zärtlichkeit entsprochen; die seinige hat er
-Ihnen durch stets gefälliges Betragen bewiesen, und Sie beunruhigen
-sich dar über, weil es einer thörigten Creatur beliebt, ihre
-Ausschweifung selbst öffentlich bekannt zu machen? Er hat Ihnen nicht
-gesagt, daß er niemalen einige verliebte Abentheuer gehabt hätte. Wenn
-diese Unverschämte noch einige Gewalt über das Herz Ihres Gemals hätte,
-würde sie wohl mit solcher Wuth vor Ihnen ihr Recht zu behaupten
-suchen? Beruhigen Sie sich Madame! mit diesen Betrachtungen, und lassen
-Sie diese Ehrvergessene dem Herzog von Glocester immer nachlaufen; er
-schien bei ihrem Anblik so gleichgültig, daß man unbezweifelt einsehen
-konnte, er sei der Gunstbezeugungen, die sie ihm vermuthlich all zu
-freigebig aufgedrungen hat, überdrüssig: Die Ihrigen aber, die ihm von
-weit höherem Werth sind, wird er auch gewiß besser zu schätzen wissen.
-Schmeichle! unterbrach Jacobine, schmeichle so viel du willst. Dir
-allein, durch dein Zureden, habe ich meine jezige Leiden zu verdanken.
-Hiemit endigte sich diese Unterredung; Jacobine aber blieb ganz
-tiefsinnig.
-
-Durch einige Engländer erfuhr Jacobine nach der Hand, daß die, die ihr
-dermalen so empfindliche Kümmernis verursachte, ein junges Frauenzimmer
-von guter Famille, Namens Eleonore, sei, die der Herzog von Glocester
-ehedessen vorzüglich geliebt hatte, und man damals auch in London
-geglaubt habe, daß er sich mit ihr vermälen würde. Durch einige
-wahrscheinliche Betrachtungen, die Jacobine desfals machte, tröstete
-sie sich einigermassen, da sie aber die Unbeständigkeit der Männer
-schon erfahren hatte, wiedersezte sich stetes Mistrauen ihrer Ruhe.
-
-Ganz ohne Freunde war Jacobine nicht; verschiedene derselben hatten
-sich bemühet, den Pabst Martin für sie zu gewinnen; und da die
-Hohenpriester der römischen Kirche gewöhnlich dergleichen Knoten
-nicht so vest knüpfen, daß sie nicht auflösbar sein sollten; zog auch
-dieser sein eigenes Urtheil wieder ein, und hob hierdurch Jacobinens
-Beschämung zum Theil auf. Allein dieser gefällige Pabst gab damit neuen
-Anlaß zum Krieg. Der Herzog von Brabant war nichts weniger als ein
-Held; er zog das Vergnügen dem Geräusch der Waffen bis zur Feigheit
-vor; und da der Herzog von Burgund, der nur Jacobinens gänzlichen
-Sturz zum Augenmerk hatte, sahe, daß sie nur unter dem Schuz eines
-unerfahrnen Volks war, lies er ohne alle Achtung für das weibliche
-Geschlecht und der Würde einer Fürstin, die Provinz ihrer Zuflucht mit
-Kriegsvölker überziehen und in derselben übel haussen. Die Gräfin von
-Hennegau, die äusserlich sich stellte, als ob sie auf ihrer Tochter
-Seite wäre, aber ganz auf der des Herzogs von Burgund war, brachte
-durch ihre listige Unterhandlungen einen Vergleich zu stande, vermöge
-welchem: dem Herzog von Brabant die Provinz Hennegau zum Eigenthum
-verblieb, wo er züglich alle Beleidigungen, die ihm etwa in derselben
-wiederfahren wären, zu vergessen und zu vergeben versprach, und daß
-Jacobine, bis der Proces, den man wieder aufs neue beim römischen Hof
-anhängig gemacht hatte, entschieden wäre, dem Herzog von Burgund zur
-sicheren Verwahrung übergeben werden sollte.
-
-Diese Uebereinkunft, die Jacobinen so ganz nachtheilig war, verursachte
-ihr den tiefsten Schmerz. Nun sahe sie erst recht die Falschheit
-ihrer Mutter; und die Untreue der Einwohner Bergens ganz ein. Ob ihr
-gleich die Nachläßigkeit des Herzogs von Brabant bekannt war, glaubte
-sie dennoch nicht, daß er dem Ehrgeiz des Herzogs von Burgund alles
-so schlechterdings aufopfern würde. Man drohete ihr, daß, falls sie
-diesen Vergleich nicht eingehen würde, sie dem Herzog von Brabant
-zu überantworten. Ihre eigenen Bediente wurden gefangen gesezt. Sie
-selbst aber wurde nicht nur als eine Staatsgefangene, sondern als eine
-würkliche Mißethäterin behandelt. Da sie keine Nachricht vom Herzog
-von Glocester hatte, und daher nicht wissen konnte, was in England
-vorgieng, marterte dieses ihr Gemüth um so mehr. In dieser äusersten
-Verlegenheit lies sie folgendes Schreiben an den Herzog ergehen:
-
- „Es würde überflüssig sein, Ihnen eine weitläuftige Erzählung
- meines bejammernswürdigen Zustands zu machen; denn das Gerücht
- trauriger Begebenheiten verbreitet sich nur all zu schnell und zu
- sorgfältig. Dieses finde ich aber nöthig, Ihnen in Erinnerung zu
- bringen, daß Sie mir mit Ihrer Hand zugleich Ihr Herz zugesichert
- haben. Mich von Ihnen nicht mehr geliebt und verlassen sehen, würde
- mein trauriges Herz unter allen Leiden, die auf mich losstürmen,
- das empfindlichste sein. Mein gröster Feind hier ist meine eigne
- Mutter. Ich bin meiner Länder beraubet, und meine noch wenige,
- getreu gebliebene Diener liegen in Fesseln. Mir selbst aber ist
- keine andere Wahl gelassen, als mich der Sclaverei des Herzogs
- von Burgund, oder der des Herzogs von Brabant, zu unterwerfen.
- Urtheilen Sie also was aus mir werden würde, wenn Sie mich
- verliessen. Nicht der Ehrgeiz, sondern meine gegen Sie tragende
- Liebe fordert Sie auf. Denn wären Sie mir weniger schäzbar
- gewessen, so würde ich jezt mehr Muth haben. Ziehen Sie bei dieser
- Gelegenheit die Reize der schönen Eleonore nicht zu Rath; sie
- dürften mir nachtheilig sein. Da ich nicht angestanden habe, Ihnen
- mein Herz zu schenken, gebe ich Ihnen jezt auch die Versicherung,
- daß ich mit unverbrüchlicher Treue Zeitlebens sein werde &c.
- Jacobine.“
-
-Der Eilbote, den sie mit diesem Schreiben eigends abgefertigt hatte,
-beschleunigte so viel ihm möglich war seine Reise; allein wiedrige
-Winde vereitelten diese gute Meinung, und er kam erst in London an,
-nachdem sich Jacobinens Wiedersacher ihrer schon ganz bemeistert
-hatten. Unter dem Geleit des Prinzen von Oranien und einiger andern
-Herren, die der Herzog von Burgund darzu gewählet hatte, wurde sie von
-Bergen weg und nach Genf gebracht, alwo sie noch ziemlich ehrerbietig
-bedient ward.
-
-Den Herzog von Glocester rührte Jacobinens elender Zustand sehr. Er
-säumte keinen Augenblik an seinen Bruder den Herzog von Bedford nach
-Frankreich zu schreiben, der sich dann auch gleich bei Empfang des
-Briefs, mit Achthundert Reuter und unter Begleitung vieler vom Adel,
-Jacobinen beizustehen auf den Weg machte, und zu Corbie in der Picardie
-anlangte. Die Herzogin von Bedford wollte ihren Gemal zu dieser
-Unternehmung begleiten; allein es geschahe mehr um die ganze Sache
-zu hintertreiben, da sie eine Schwester des Herzogs von Burgund war.
-Dieser besuchte sie gleich bei der Ankunft, und unter dem Vorgeben,
-sie besser bewirthen zu können, führte er sie auf einige Tage nach
-Hedin, wo er durch verstellte Sanftmuth den Herzog von Bedford so
-ein zu nehmen wuste, daß der bedrükten Jacobine gar nicht gedacht
-wurde.[L] Ob gleich der Herzog von Bedford Regent in England war,
-wollte ihm diese Nation dennoch nicht als ihrem Souverain gehorchen.
-Sie versagten ihm ihren Beistand mit ziemlichem Ungestüm. Er fühlte
-diese Beleidigung sehr empfindlich, er sahe aber keinen Ausweg sich zu
-rächen. In dieser seiner Unvermögenheit war er auf eine besondere Rache
-bedacht, und foderte zu dem Ende den Herzog von Burgund zum Zweikampf
-auf. Beide Fürsten bereiteten sich auch hierzu; allein der Herzog von
-Bedford, der es in Zeiten erfuhr, gab nicht zu, daß sie sich durch ein
-so abentheuerliches Benehmen vor der ganzen Welt lächerlich machen
-sollten.
-
-Jacobine, die den Pallast der Grafen von Flandern in Gent zur Wohnung
-hatte, ward gleichwohl in demselben ihrem Rang nach bedienet. Diese
-glimpfliche Behandlung benahm ihr aber keineswegs das Andenken ihrer
-gehabten, ihrer jezigen und die Vorstellung ihrer künftigen Leiden.
-Welchen Namen man auch ihrem Auffenthalt geben mochte, war er doch im
-Grunde eine wirkliche Gefangenschaft; sie konnte daher ihren dermaligen
-Zustand nicht anderst als die Folgen einer unerträglichen Tiranei
-ansehen, die sie unmöglich erdulten konnte. Außerdem marterten sie noch
-gewiße Gemüthsunruhen. Die Briefe des Herzogs von Glocester wurden
-ihr vorenthalten, und unter so vielem Verdrus strebte sie sehnlichst
-nach der Freiheit. Man hatte ihr überdem gestekt, daß der Herzog von
-Burgund vorhabe, sie auf immer in Lisle einzusperren. Die Furcht
-einer ewigen Gefangenschaft flößte ihr, mit Beihülfe der Climberge,
-und des Descaillon, die ihr beständig treu verblieben waren, neuen
-Muth und Entschloßenheit ein. Sie schrieb an einige angesehene und
-vermögende Holländer, und sprach sie um ihren edelmüthigen Beistand
-an. Keiner unter ihnen versagte ihr denselben, zu welchem Ende sie auf
-das schleunigste nach Gent giengen. Daselbst war sie nicht so genau
-bewachet, daß man nicht, mit Beobachtung einiger Vorsicht, hätte zu
-ihr kommen können. Sie hatte eine gerechte Sache, und unmöglich konnte
-man sie, ohne von ihrer Schönheit und Anmuth gerührt zu sein, ansehen.
-Ihre Befreier verabredeten sich und trafen so gute Vorkehrungen, daß
-sie sie, nebst der Climberge, in Mannskleidern aus Gent und glüklich
-nach Antwerpen brachten, daselbst zog sie wieder ihre gewöhnliche
-Kleidung an, und langte über Breda in der Grafschaft Holland an. Hier
-wurde sie als Gebieterinn empfangen, und die Angesehensten der Provinz
-giengen wegen ihrer wichtigen Angelegenheit mit ihr zu Rath. Der Herzog
-von Burgund, der über ihre Flucht in Wuth gerieth, versammlete ein so
-fürchterliches Heer, als ob er wolle die ganze Welt bezwingen, und
-drang damit in Holland ein, um die schon unter seine Bottmässigkeit
-gebrachten Oerter im Gehorsam zu erhalten. Man sahe ihn auf die
-gänzliche Unterdrükung einer liebenswürdigen Fürstin, die fast so viele
-Unglüksfälle gehabt, als sie an Alter Jahre zählte, ganz erbittert.
-
-Es dauerte nicht lang, so trafen die zwo Parteien auf einander, und
-wurden handgemein. Obgleich Jacobinens Heer sehr gering war, erhielte
-es doch verschiedene Vortheile, von welchen sie dem Herzog von
-Glocester Nachricht gab, der denn auch entschloßen schien, ihr zu Hülfe
-zu kommen. Silvatier, unter dem Karacter seines General-Leutenants,
-an der Spitze von fünfhundert der tapfersten entnommener Engländer,
-wurde hierzu ernannt; allein der Herzog von Burgund, deßen Macht all zu
-beträchtlich war, behielt die Oberhand. Dieses zwar tapfere, aber all
-zu schwache Heer wurde geschlagen, und fast ganz in die Pfanne gehauen.
-Der Sieger aber gieng nach Flandern, um das seinige, welches gleichfals
-viel gelitten hatte, wieder zu ergänzen.
-
-Dieser unglükliche Ausschlag benahm Jacobinen den Muth dennoch nicht.
-Der Schmerz, den sie darüber empfand, war heroisch; denn mit wahrem
-Heldenmuth, der ihrem Geschlecht sonst nicht eigen ist, stellte sie
-sich selbst vor die Spitze ihres kleinen Heers und belagerte Harlem.
-Dies Unternehmen glükte ihr nicht. Denn die Vorkehrungen, die der
-Herzog von Burgund zur Vertheidigung dieser Stadt getroffen hatte,
-wurden zu genau befolget, und sie muste daher mit Kummer ihre lezte
-Anstrengung vereitelt sehen. Der Herzog von Glocester verfuhr sehr
-nachläßig. Die See schied sie von einander, und Jacobine zweifelte
-nicht, daß sich die entschloßene Eleonore in London befinde, und diese
-Nachläßigkeit verursache. Wenn der Herzog an sie schrieb, war es in so
-verlegenen Ausdrücken, die leicht ihre Muthmaßung bestättigen konnten,
-und indeßen sie ihre Völker in eigener Person anführte und sich allen
-Gefahren aussezte, blieb er, unter dem Vorwand, die Engländer auf
-seine Seite zu bringen, und die Hülfe seines Bruders, des Herzogs
-von Bedfords abzuwarten, dem es auch kein Ernst war, ganz unthätig
-in London. Alle diese traurigen Betrachtungen bekümmerten Jacobine
-stets, und verursachten ihr manche Gemüthsunruhen. Jezt Climberge!
-sagte sie zu dieser ihrer Vertrauten, siehest du die betrübten Folgen
-der Falschheit des Herzogs von Glocester. Er überläßt mich ganz
-meinem Schiksal und der Himmel straft mich wegen meiner thörigten
-Leichtgläubigkeit. Die Rolle, die ich spielen muß, schikte sich weit
-besser für ihn. Wie? indem ich ein Heer zur Vertheidigung unserer
-Gerechtsame anführe, überläßt er sich ganz in träger Unthätigkeit
-seiner verrätherischen Leidenschaft. Grausame Climberge! Warum
-stimmte meine Schwachheit mit deinen unbedachtsamen Rathschlägen
-so überein? Warum habe ich mich durch deine schmeichlerische Zunge
-verführen lassen? Und endlich warum muste ich dir, zu meinem grösten
-Nachtheil, folgen? Wilst du nun noch einen Menschen entschuldigen, der
-mich im grösten Jammer ganz verläßt? und wirst du mich noch ferner
-mit seigten Trostgründen beruhigen können? Betrachte mich von nun
-an wie ein verstoßenes in der Welt herum irrendes Geschöpf, das von
-Anverwandten gehaßt und von Feinden verfolgt ist, und siehe, ob du
-im Stande bist, mir die verlohrne Unschuld wieder zu verschaffen.
--- Ich gestehe Madame! erwiederte die Climberge, daß mich mein
-Diensteifer kann betrogen und zu weit getrieben haben; allein sind
-Sie deswegen straffällig? haben Sie dem Herzog von Brabant Anlaß zu
-seiner Ausschweifung mit der schändlichen von Degre gegeben? und
-geben sie jezt dem Herzog von Glocester Ursache undankbar zu sein? In
-beiden Fällen sind Sie unschuldig. -- Ich war zu leichtgläubig und
-zu voreilig, erwiederte Jacobine, ich hätte die Wichtigkeit meiner
-Handlungen beßer überlegen sollen und dieses habe ich mir mit Recht
-vorzuwerfen.
-
-Der Herzog von Brabant, den die von Degre beständig anreizte,
-verfolgte, während der Zeit, den so viel wiedersprochenen
-Scheidungs-Proceß beim römischen Hof aufs schärfste. Zur gründlichen
-Untersuchung dieser Sache ernannte der Pabst eine Congregazion von
-verschiedenen Kardinälen; und da diese auf Seiten des Herzogs von
-Brabant die Ursachen zur Ehescheidung nicht hinlänglich genug fanden,
-erkannten sie ohne weiteres Jacobinens Ehe mit dem Herzog von Glocester
-für ungültig, wenn auch gleich der Herzog von Brabant mit Tode abgehen
-sollte. Diesem Urtheil nach, von welchem nicht zu appeliren war, wurde
-beschloßen, daß das unschuldige Schlachtopfer, zur Befriedigung der
-gegenseitigen, durch Eigennutz geleiteten Partei, auf ihre eigene
-Kosten gefangen und dem Herzog von Savoien in sichere Verwahrung
-gegeben werden sollte. Gleich nach dem dieses, für Jacobinen so
-fatale, Urtheil bekannt wurde, erklärte sich der Herzog von Glocester
-auf die unedelste Art, daß er mit Jacobinens Angelegenheiten nichts
-mehr zu schaffen haben wollte; und wenige Tage drauf, heurathete er
-die nehmliche Eleonore, die ihn bei der Abreise von Bergen mit ihren
-Vorwürfen so überrascht hatte.
-
-Ob nun gleich jezt Jacobinen die Größe ihres Unglücks ganz einsahe,
-verlohr sie darum den Muth noch nicht. An der Spitze ihres kleinen
-Heers führte sie den Krieg noch immer fort, und auch bei verschiedenen
-Gelegenheiten mit günstigem Erfolg. Allein den eifersüchtigen Herzog
-von Burgund, der einmahl ihre völlige Zernichtung geschworen hatte,
-glükten wegen seiner großen Obermacht die Unternehmungen weit beßer.
-
-Damals, nehmlich 1426. im April, starb der Herzog von Brabant, dem
-sein Bruder, der Graf von St. Paul, in der Regierung seiner Länder
-folgte. Da aber dieser ein sehr friedliebender Herr und unvermält
-war, bekümmerte er sich weiter nicht um Jacobinens Angelegenheiten,
-deren eigenthümliche Staaten sich nunmehr der Herzog von Burgund ganz
-zueignete.
-
-Jacobinen blieb noch ein wahrer Freund in ihrer ganz verlaßenen Lage
-übrig. Es war der Graf von Brederode, dieser stellte sich an die
-Spitze ihres übrig gebliebenen kleinen Heers, und erfochte wirklich
-mit dieser geringen Anzahl Völker ziemlich beträchtliche Vortheile in
-Nordholland. Allein endlich muste er doch der großen Obermacht des
-Feindes unterliegen; nach einer tapfern Gegenwehr wurde er überwunden,
-gefangen und muste zusehen, daß verschiedene Edelleute von seiner
-Partei enthauptet wurden. Er würde auch das nehmliche Schiksal erfahren
-haben, wenn man nicht befürchtet hätte, da er von dem ehemaligen Grafen
-von Holland abstammte,[M] die ganze Provinz dadurch aufzubringen.
-
-Nun wurde die unterdrükte Jacobine gezwungen, der unrechtmäßigen Gewalt
-nachzugeben und einen Vergleich einzugehen, vermöge welchem sie sich
-anheischig machen muste, ohne Einwilligung des Herzogs von Burgund,
-ihres nunmehrigen Gesezgebers oder vielmehr Tirannen und nächsten
-Blutsverwandten, nicht wieder zu heirathen. Dieser Vergleich wurde von
-ihnen beiden, in Gegenwart des Adels und der Deputirten der Städte,
-zu Delft eigenhändig unterschrieben. Da nun hierdurch der Herzog von
-Burgund seine haabsüchtigen Absichten erreicht hatte, ernannte er einen
-jungen Edelmann, Namens Franz von Borselle, der einer der tapfersten
-und wohlgestaltesten Edelleute der damaligen Zeit war, zum Gouverneur
-über die unrechtmäßig an sich gebrachten Länder. Um sich mehr Ehre
-und größeres Ansehen zu geben, führte er Jacobinen, gleichsam wie im
-Triumpf, mit sich nach Bergen.
-
-Hier hatte sie nun volle Muße, Betrachtungen über die vielen
-Wiederwärtigkeiten, die ihr begegnet waren, anzustellen. Sie
-befand sich an einem Ort, wo ihr alles zu Befehl stehen sollte, wo
-sie aber leider nichts mehr zu sagen hatte. Man erwies ihr zwar
-einige Ehrenbezeigungen; allein mit weniger Achtung und mit vieler
-Nachläßigheit. Stündlich beweinte sie die Härte ihrer Leiden, den
-Tod des Dauphins und den ihres Vaters, des Grafen von Hennegau, und
-verwünschte ihre unglüklichen Ehen mit den Herzogen von Brabant und von
-Glocester. Vielfältige Betrachtungen machte sie über das schändliche
-Verfahren der Päbste, und alle andern Ereigniße, die sie in den
-Abgrund des Verderbens gestürzt hatten. Aller ihrer Vorrechte beraubt,
-unvermögend die geringsten Bedürfniße befriedigen zu können, verachtet
-in ihren eigenen Staaten, und unterdrükt von einem Fürsten, der ihr
-Blutsfreund war -- was muste sie bei ihrer erhabenen Denkungsart nicht
-alle dabei empfinden? Sie fühlte noch zärtliche Regungen für den
-untreuen Herzog von Glocester, die zu tiefe Wurzeln gefaßt hatten, als
-daß sie so leicht hätten können ausgerottet werden; und man konnte in
-Wahrheit von ihr sagen; daß das schönste, geistigste und anmuthigste
-Frauenzimmer, das aller elendste auf Erden war, worüber der Herzog
-von Burgund frohlokte. Ihr elender Zustand rührte die Gräfin von
-Hennegau, ihre Mutter, auf keine Weise; und die von Degre, die nicht
-unterlies übertriebene und nachtheilige Erzählungen und Lügen von
-ihr auszustreuen, spottete sie allerwegen aus. Dieses alles aber
-verhinderte nicht, daß ihr die Liebe in ihrem Schicksal neue Prüfungen
-zubereitete. Der von Borselle hatte sie verschiedenemalen angetroffen,
-da sie ihrem kummervollen Herzen durch eine Tränenfluth Luft zu machen
-gesucht hatte. Nichts erhebt die Schönheit eines Frauenzimmers mehr,
-als traurige Blicke; und wer nur die geringste Anlage zu zärtlichen
-Empfindungen hat, der kann unmöglich ein liebenswürdiges Frauenzimmer
-im Kummer sehen ohne Mittleiden zu fühlen und ohne von ihren Reizen
-gerührt zu werden. So gieng es auch dem von Borselle; und ob er gleich
-dem Herzog von Burgund sein ganzes Glük zu verdanken hatte, so sahe er
-doch denselben von Stund an wie seinen ärgsten Feind an, und lies sich
-in seinen zärtlichen Regungen für Jacobinen nicht irre machen.
-
-Anfangs betrachtete Jacobine Borsellens gefälliges Betragen als
-Wirkungen der Großmuth und des Mittleidens; sie wurde aber bald
-gewahr, daß er aus ganz andern Empfindungen handele. Selbst die
-Climberge, die noch immer Jacobinens Vertraute war, bemerkte es
-und unterredete sich ohne weitern Zwang darüber mit ihr. Wie?
-antwortete ihr Jacobine, wirst du nach dem allem, was mir begegnet
-ist, noch thörigt genug sein, mir von neuen Liebhabern zu sprechen?
-Ist Borsellens Rang und Geburt nicht weit unter der meinigen? und
-wenn er mich redlicher und treuer wie die vorigen liebte, würdest
-du ihn würdig genug halten, drei angesehenen Fürsten in dem Ehebete
-zu folgen. Ich weiß wohl, erwiederte die Climberge, daß er nicht
-von so hoher Abkunft ist, demohnerachtet ist er doch aus edlem Blut
-entsproßen, liebenswürdig wegen seiner angebohrnen Anmuth, über die
-Maßen großmüthig, und eifrigst beflissen, Ihnen zu dienen. Können
-Sie versichert sein, ob nicht ihm die Ehre, Sie zu befreien, und der
-Ruhm, Sie glüklich zu machen, vorbehalten ist? -- He! Wer hat dir denn
-gesagt, fuhr Jacobine fort, daß er mir so geneigt ist? Kanst du ihm
-ins Herz sehen oder hat er dir sein Geheimnis offenbahret? Man darf
-nur Augen haben, erwiederte die Climberge, um dergleichen Bemerkung
-zu machen; denn entweder giebt es keine wahre Verliebte, oder Sie
-haben dem von Borselle die heftigste Leidenschaft eingeflößt. In
-diesem Fall, antwortete Jacobine, da eben Borselle zur Thür herein
-tratt, würde er zu bedauern sein. Da er ziemlich schüchtern und
-bleich aussahe, seine Blicke auch zärtlich und ehrerbietig waren, so
-bestättigte dieses Climbergens Aussage vollkommen. Jacobine erröthete
-bei seinem Anblik, und, um ihre Verwirrung zu verbergen, nahm sie ein
-erkünsteltes Lächeln an. Sie werden schlechten Dank bei dem Herzog
-von Burgund verdienen, sagte sie zu ihm, daß sie eine arme Gefangene,
-die alle, welche einiges Mitleiden für sie blicken laßen, mit ins
-Unglük stürzet, besuchen. Wenn Sie die Gewogenheit und des Zutrauens
-eines mißtrauischen Gebieters fernerhin theilhaftig sein wollen, so
-behandeln Sie mich nicht zu edelmüthig. Ich gebe Ihnen die aufrichtige
-Versicherung, daß ich mit den, mir schon erzeigten Gefälligkeiten
-vollkommen zufrieden bin, und Ihnen dafür ewig verbunden sein
-werde. -- Madame! antwortete Borselle, Sie sind mir auf keine Weiße
-Verbindlichkeit schuldig; und wenn gleich Ihre Gütigkeit meine gute
-Meinung dahin rechnen wollte, so ist bei derselben mein Unvermögen
-so groß, daß ich mich darüber schämen muß. Sie sind ganz ohne Fehler
-und demohnerachtet sind Sie unglüklich. -- Sie sind zu ausschweifend
-in Ihrer Höflichkeit, unterbrach ihn Jacobine; denn von strengern
-Richtern würde ich nicht so vortheilhaft beurtheilet werden. Wißen
-Sie nicht, welche ärgerliche Gerüchte man von mir ausgestreuet hat,
-und auf welche, meiner Ehre nachtheilige Weiße man von mir spricht?
-Dieses habe ich der christlichen Liebe der Päbste zu verdanken; diese
-wollten mich vermuthlich durch dergleichen grausame Demüthigungen zur
-strengeren Buße anhalten. Die Päbste, erwiederte Borselle, waren von
-jeher die Geisseln rechtschaffener Menschen. Welche Lästerzunge darf
-sich wohl erfrechen, Ihnen ein Vergehen anzudichten. Was? weil Männer
-undankbar und unsinnig genug gewesen waren, Ihnen mit Verachtung zu
-begegnen, will man Sie ihre Verbrechen entgelten laßen? Ich behaupte
-vor der ganzen Welt, daß, wenn jemand unfehlbar ist, Sie es gewiß sind.
--- Ha! Borselle, erwiederte Jacobine, Ihre Nachsicht ist übertrieben;
-ich laße mir selbst Gerechtigkeit wiederfahren und gestehe freimüthig,
-daß ich zu unvorsichtig gehandelt habe. Um aber das Gespräch von
-meinen Angelegenheiten abzubrechen, bitte ich Sie, mir die Ursache
-Ihrer Traurigkeit und Verlegenheit zu sagen. Sollte ich etwa noch
-unglüklich genug sein, Ihnen Verdruß zu verursachen, und sollte das
-traurige Verhängniß, daß mich überall verfolget, auch Einfluß auf Sie
-haben? -- Sie allein Madame! erwiederte er, verursachen unschuldiger
-Weise die Gemüthsruhe, die sie an mir bemerken; denn meine Liebe ist
-so gränzenlos, daß ich die Hochachtung, die ich Ihnen schuldig bin,
-darüber auf die Seite setze. Ihre Reitze, durch Leiden erhöhet, sind
-vermögend, die härtesten Seelen zu rühren; wie kann also die meinige,
-die von ganz anderer Beschaffenheit ist, ohne Empfindung sein? Ich
-sage dieses mit keiner unbedachtsamen Verlegenheit; denn ich weiß den
-Unterschied, der zwischen uns ist, sowohl in Ansehung der Geburt als
-des Standes, nur zu gut, dieserwegen ist dennoch meine Liebe nicht
-weniger heftig. Erzürnen Sie sich nicht über einen Unglücklichen, den
-die Stärke der Leidenschaft hinreißt, durch diese Erklärung seinem
-beklemmten Herzen Luft zu schaffen. Obgleich dieser große Unterschied
-zwischen uns ist, indem Sie des Glüks eines der ersten Königen
-theilhaftig sein sollten, vermindert diese Betrachtung dennoch meine
-empfindsame Leidenschaft nicht. -- Borselle! antwortete Jacobine, ich
-habe Sie ungestört reden laßen, weil mit Ihre unvermuthete Erklärung
-die Sprache benommen hat. Ohne Ihnen die Anmerkung, die Sie selbst
-in Ansehung des Unterschieds unseres Standes gemacht haben, nochmals
-zu wiederholen, wird es genug sein, Ihnen zur Betrachtung zu geben,
-daß alle dergleichen Leidenschaften, die ich unglüklicher Weise schon
-eingeflößt habe, gleich nach ihrer Entstehung verschwunden sind, daß
-man mir, nur mich beßer betrügen zu können, geschmeichelt hat, und
-daß, anstatt daß man mir hätte Treue und Versprechen halten sollen; es
-vielmehr scheinet, als ob mein Herz und meine Hand vergiftet wären;
-denn so bald ich deren Besiz eingeräumet habe, wurden solche gleich
-verachtet und verschmähet, ohne zu gedenken, daß ich unglüklich genug
-war, meinem ersten Gemal den Tod zum Brautschaz mit zu bringen. Wenn
-es also wirklich an dem ist, daß meine geringen Reize, die niemand
-mehr unglüklich machen sollen, Sie beunruhiget haben, so nützen Sie
-diese Betrachtungen, Ihre aufkeimende Leidenschaft zu unterdrücken,
-und vermehren Sie mein Elend nicht durch Ihr eigenes Leiden. -- Ich
-würde, erwiederte Borselle, wenn es in meinem Vermögen stünde, Ihnen
-gehorchen; allein eine Leidenschaft, die so heftig wie die meinige ist,
-läßt sich nicht bezwingen Sein Sie vielmehr versichert, Madame! daß
-sie von ewiger Dauer sein wird. Nur der Tod kann mir solche rauben,
-und ich weiß nicht ob sie mir nicht noch jenseit des Grabes folgen
-wird. Ah! welcher Unterschied ist in der Liebe, zwischen den hohen
-Ungetreuen, die Sie verrathen haben und dem unglüklichen Borselle?
-Warum kann die Geburt seine Leidenschaft nicht rechtfertigen, und warum
-hat er keine Kronen zu Ihren Füßen zu legen? -- Sie haben, erwiederte
-Jacobine, gute Eigenschaften genug, die zu Ihrem Vortheil sprechen;
-aber um des Himmels willen dringen Sie weiter nicht in mich, und
-überlegen Sie, daß ich schon unglüklich genug war. Hierauf lenkte sie
-das Gespräch auf andere Gegenstände; und Borselle der nun einmal den
-Schritt, der manchen Liebhaber in Verlegenheit setzet, gemacht hatte,
-sezte vor jezt nicht weiter in sie.
-
-
-Von diesem Tag an verdoppelte er seinen Fleiß und seine Sorgfalt,
-Jacobinen gefällig zu sein. Der Herzog von Burgund, der sie so vest
-gebunden hatte, war auf Borsellens Betragen wenig aufmerksam. Dies
-günstige Uebersehen verknüpfte diesen Umgang bald sehr eng. Die
-Climberge, der ihr gezwungener Aufenthalt in Bergen unerträglich
-wurde, legte Borsellens unbedeutenste Handlungen großen Werth bei.
-Ja! Madame, sagte sie zu ihrer Gebieterin, weil man Sie noch nicht
-wirklich geliebt hat, wird es Ihnen um so viel süßer sein, nach
-Ihren Verdiensten geliebt zu werden. Hat nicht schon der Himmel Ihre
-treulosen Gemale bestraft? Der Herzog von Brabant ist in der Blüte
-seiner Jahre gestorben, und der Herzog von Glocester hat sich durch
-seine Verbindung mit einer entehrten Person, ganz Europas Verachtung
-zugezogen, und Sie mit Aufopferung seiner eigenen Ehre gerächet.
-Borsellens Beständigkeit in der Liebe wird diese Rache vermehren.
-Wollten Sie lieber in den Feßeln, die Ihnen der Herzog von Burgund
-angelegt hat, schmachten, als das Glük eines verdienstvollen Mannes
-befördern? Man hat Ihnen unbillige Geseze vorgeschrieben, denen Sie
-sich zu unterwerfen nicht verbunden sind. Wenn Sie durch Borsellens
-Tapferkeit wieder in Ihre Gerechtsame werden eingesezt sein, haben Sie
-alsdann nicht Würde und Hoheit, die ihn dem grösten Fürsten gleich
-stellen, mit ihm zu theilen? Er ist von edler Geburt, und seine Thaten
-machen ihn ehrwürdig. Sollten Ihnen dieses nicht Beweggründe genug
-sein? -- Spreche! unterbrach sie Jacobine, spreche immerfort und
-leite mich aus einem Irrweg in den andern: weil es deine und meine
-Bestimmung ist. Ich sollte die Liebhaber und Ehemänner mehr als den Tod
-fürchten, und doch höre ich dir gelaßen zu; ja! ich weiß nicht, ob du
-mich nicht noch gar überreden wirst. Gefährliche Freundin! Warum hast
-du mich in meinem Unglük allerwegen begleitet? Glaubst du, daß deine
-Beharrlichkeit mir nachtheiliger als der andern Treulosigkeit ist? Wie
-ich in London ankam, war ich wenig geneigt zu thun, was ich nachher
-gethan habe; Du allein warst schuld an der Thorheit, die ich begieng,
-jezt willst du mir eine weit größere zumuthen, und am Ende werde ich
-mich mehr über dich, als über die von Degre zu beklagen haben.
-
-
-Während Jacobine in einem Strom von Unruhen dahin schwamm, sahe
-Borselle, der wirklich und aufrichtig liebte, wohl ein, daß er ihr
-nicht verhaßt war; er sezte daher so anhaltend in sie, daß es ihm
-glükte das lezte Geständnis von ihr zu erhalten. Er hatte Jacobinens
-wegen außerordentlich große Ausgaben gemacht. Denn zu der Zeit,
-da sie an allem Mangel litte, sezte er sie in Ueberfluß. Er trat
-geheime Vorkehrungen, die des Herzogs von Burgund seine vereiteln
-sollten, und heirathete Jacobinen mit der zu diesem Unternehmen
-nöthigen Behutsamkeit und erforderlichem Geheimniß. Die Climberge,
-der Descaillon und zwei vertraute Freunde des Borselle, waren die
-einzigen, die dieser Handlung beigewohnt hatten; das neue Paar war aber
-dieserwegen nicht wenig glüklich. Sicher ist es, daß Borsellens Liebe,
-statt zu erkalten, täglich zunahm; denn es schien, als ob die Zeit ihr
-neue Kräfte gäbe. Allein Borselle konnte nicht länger unthätig bleiben;
-er hatte zu viel Muth, das Interesse einer Person, die alles für ihn
-aufgeopfert hatte, zu vernachläßigen. Er muste sich daher von ihr
-entfernen. Schreklich war für beide dieses nothwendige Scheiden, das
-auf die beweglichste Weise, mit Versicherung ewiger Liebe, erfolgte.
-
-
-Man wurde bald gewahr, daß Borselle Jacobinens Angelegenheiten wegen
-in Bewegung war. Es dauerte nicht lang, so wurde der Herzog von
-Burgund davon benachrichtiget; und ob gleich das Ehebündniß sehr
-geheim gehalten war, erfuhr er es doch auch gar bald. Da er einer
-der stolzesten rachsüchtigsten Fürsten war, geriet er bei dieser
-Nachricht in die gröste Wuth. Hundert Eilboten wurden mit dem Befehl
-abgefertiget, sich des Borsellens zu bemächtigen, der sich zu sehr auf
-seinen Muth verlaßen, und sich mit seiner geringen Anzahl Leute zu
-viel gewagt hatte, gefangen genommen und in die Hände seines Feindes
-geliefert wurde.
-
-Der Herzog von Burgund, der nun seiner Beute gesichert war, wollte
-die strengste Rache ausüben. Er befahl zu dem Ende, Borsellens
-Prozes zu beschleunigen. Bis zur Wuth gegen Jacobinen, die ihn so
-hintergangen hatte, aufgebracht, wollte er ihr das Schiksal, das
-ihrem Gemal bevorstand, selbst ankündigen. Sie können nun auf den
-fünften Gemal bedacht sein, sagte er zu ihr; denn ich gebe Ihnen mein
-Wort, daß ich Sie in einigen Tagen der Mühe überheben werde, den
-Scheide-Brief Ihres vortreflichen Ehebündnißes mit dem Borselle, von
-Rom aus kommen zu laßen. Ein Scharfrichter wird hier die Stelle des
-Hohenpriesters vertreten, und Ihnen diese Erlaubniß verschaffen. Denn
-ich glaube nicht, daß Sie mich feig genug halten werden, dergleichen
-grobe Beleidigungen ungestraft zu laßen. Ganz unvergleichliche Ehre
-haben Sie den Baierischen und Burgundischen Häusern erwießen, daß
-Sie ihr Blut mit dem eines elenden Kriegers vermischt haben, der nur
-meiner Gnade, das was er ist, zu verdanken hat, und der nun bald dem
-Volk zum Schauspiel und den Raben zur Speise dienen wird. Schämen
-Sie sich nicht, nach so erniedrigenden Ausschweifungen, noch das
-Tageslicht anzuschauen? Der Herzog von Brabant that klug daran, daß er
-die Gesellschaft einer Frau, wie Sie sind, mied; und der Herzog von
-Glocester hat recht gehabt, Ihnen ein geschändetes Mädchen vorzuziehen.
-
-Er würde ihr noch mehr Unangenehmes gesagt haben, wenn es sein Zorn
-zugelaßen hätte. Jacobine hörte ihm schmerzlich bestürzt zu; aber da
-er sie so erniedrigend behandelte, konnte sie nicht länger an sich
-halten. Mit trotzigem Blik sagte sie zu ihm: Ob Sie mir gleich im
-gebieterischen Ton sprechen, so sind Sie deßwegen noch lange nicht
-befugt, mir Geseze vorzuschreiben; und es macht Ihnen eben keine große
-Ehre, daß Sie sich mein Unvermögen und Unglük zu nutz machen. Welches
-Recht haben Sie, mir meine Güter zu rauben und mich zur Sclavin zu
-machen? Ja! ich habe den Borselle geheirathet, und wenn etwas vermögend
-wäre, mich es bereuen zu laßen, so wären es die Leiden, die ich ihm
-dadurch zugezogen habe. Schwärzen Sie sich immer damit, daß Sie ihn
-Ihrem Ehrgeiz aufopfern. Es wird das Maaß Ihrer Ungerechtigkeiten voll,
-und Sie vollends abscheuungswürdig machen. -- Ja! Ja! antwortete der
-Herzog, ich werde der Nachkommenschaft ein Beispiel geben; denn man
-soll nicht von mir sagen, daß ich einen Menschen, der die ersten Häuser
-Europens beschimpfet hat, ungestraft laße. Hierauf entfernte er sich,
-und verließ die erschrokene Jacobine im tiefsten Schmerz versenkt.
-
-
-So leicht als er es wollte glauben machen, war es doch dem Herzog
-von Burgund nicht, den Borselle seiner Rache aufzuopfern. Dieser
-Edelmann war durchgehends geachtet und beliebt, auch war Jacobine in
-den Jahren, in welchen sie von ihrem Thun und Laßen keine Rechenschaft
-mehr zu geben hatte. Es war leicht einzusehen, daß nur die Furcht
-Jacobine möchte Leibeserben bekommen, den Herzog zu diesem blutgierigen
-Entschluß reizte. Da nun Jacobine dieß alles wohl überlegte, war sie
-minder in Verlegenheit.[N]
-
-Sie bediente sich der Vermittelung des Grafen von Meurs, durch diesen
-versprach der Herzog von Burgund, daß wenn Jacobine auf alle ihre
-Gerechtsame Verzicht thun würde, so wollte er sie und den Borselle in
-Friede laßen.[O] Die dringenden und traurigen Umstände, darinn sich
-Jacobine befand, und einen Gemal, den sie zärtlich liebte, zu retten,
-nöthigten sie, dieße harte Bedingniß einzugehen. Sie entsagte also zu
-Gunsten des Herzogs von Burgund allen ihren Staaten,[P] und man sahe
-dieße große Fürstin, und rechtmäßige Erbin so beträchtlicher Länder, in
-die äuserste Dürftigkeit versezt.
-
-Borselle wurde hierauf seiner Gefangenschaft entlaßen. Jacobine
-empfieng ihn mit der nehmlichen Zärtlichkeit, als ob sie gar nichts
-zu seiner Befreiung aufgeopfert hätte. Beim ersten Anblik sagten sie
-sich einander die rührensten Sachen. Borsellens Herz strömte aus
-Erkänntlichkeit über; und Jacobine, die sich nun für die glüklichste
-Person auf der Welt schäzte, beeiferte sich, ihm ihre zärtliche
-Liebe noch mehr zu zeigen. Durch die Bemühungen ihrer beiderseitigen
-Freunde wurde der Herzog von Burgund nach und nach besänftiget. Er
-warf seiner Nichte einen Gehalt aus, der aber in Betracht deßen,
-was er ihr entrissen hatte, gering war. Der Borselle erhielt, wegen
-seines Bündnisses mit verschiedenen hohen Fürstenhäuser, den Orden des
-goldenen Vliesses. Dieser liebte, oder vielmehr verehrte seine Gemalin
-von Tag zu Tag mehr, und Jacobine schäzte ihn eben so. Allein da ihr
-Leben mit so vielen und anhaltenden Verdrißlichkeiten verwebt war; so
-konnte es nicht anderst sein, als daß ihr Körper sehr geschwächt wurde,
-und dieses verursachte ihren frühzeitigen Tod, der dann 1436, sechs
-Jahre nach der Zeit, als sie den lezten Vergleich mit dem Herzog von
-Burgund eingegangen war, der nun in dem ruhigen Besiz aller der Länder,
-die er ihr entrissen hatte, blieb, erfolgte.
-
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-
-
-
-
-_Bei Verleger dieses ist zu haben:_
-
-
- Auf die Schöpfung. (Ein Gedicht nach Klopstock.) 8.
-
- 6 ggr. oder 24 kr.
-
- Carl’s (Dr. Joh. Sam.) Armen-Apotheke, zum Unterricht und Dienst
- derer, so keine Kenntniß der Arzneikunst haben. &c. &c. Mit
- vollständigen Registern. Siebente verbesserte Auflage. 8. 1789.
-
- 6 ggr. oder 24 kr.
-
- Caspari (J. P.) Tirocinia sintactica, oder lateinische Sprach- und
- Schulübungen, nach Anleitung der Langischen Grammatik, 2 Theile
- verbesserte Auflage. 8. 1789.
-
- 12 ggr. oder 48 kr.
-
- Gedanken eines Hohenpriesters der Schwarzen, über die Religion. 8.
- 1789.
-
- 16 ggr. oder 1 fl.
-
- Hans Georg schlag zu! unser Glaube leidet Noth! eine Ode,
- bei Gelegenheit eines Religions Gezänks zwischen Katholiken,
- Lutheranern und Reformirten 8. 1788.
-
- 3 ggr. oder 12 kr.
-
- Jacobine von Baiern, Gräfin von Hennegau, Holland, Friesland
- und Zeeland. Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehnten
- Jahrhundert. 8. 1791.
-
- 12 ggr. oder 45 kr.
-
- Lecture amusante pour la jeunesse des deux Sexes par Mr. Villaume.
- 2 Tomes gr. 8, 1788.
-
- 1 Rthlr. 12 ggr. oder 2 fl. 45 kr.
-
- Lettres critiques morales & politiques de Mr. le Comte Max. de
- l’Amberg. 3 Tomes 8. à Amsterdam 1786.
-
- 2 Rthlr. oder 3 fl.
-
- Philosoph (der) aus Afrika, 3ter Theil, von dem durch mehrere
- Schriften sehr bekannten Herrn Pfarrer Hiltebrandt in
- Baden-Weyerbach. 8. 1789.
-
- 16 ggr. oder 1 fl.
-
- NB Die beiden erstern Theile ließ der Herr Verfasser in Frankenthal
- drucken.
-
- Reimarus (Dr. J. A. H.) Beantwortung einiger, gegen die
- Gewitterableiter gemachten Einwürfe als ein nützlicher Anhang zu
- dessen Abhandlung vom Blitz, und Vorschriften zur Anlegung neuer
- Gewitterableiter. 8. 1790.
-
- 4 ggr. oder 15 kr.
-
- Sanders (Heinr.) kleine Schriften. Nach dessen Tode herausgegeben
- von G. F. Götz. 2 Bände gr. 8. 1788.
-
- 1 Rthlr. 20 ggr. oder 2 fl. 45 kr.
-
- Schatzens (Joh. Jak.) kurze Einleitung in die römischen
- Antiquitäten, zur Erläuterung der klassischen Schriftsteller,
- vierte sehr vermehrte und verbesserte Auflage, nebst einem
- Register, 8. 1789.
-
- 12 ggr. oder 48 kr.
-
- System der Wesen, enthaltend die metaphysischen Principien der
- Natur. 12. 1779.
-
- 16 ggr. oder 1 fl.
-
- Thyms deutliche und vollständige Anweisung zur Orthographie oder
- deutschen Rechtschreibung. Berichtiget und herausgegeben von J. D.
- Meidinger, zweite und sehr vermehrte Auflage, mit einem Verzeichniß
- zweifelhafter und ähnlichlautender in der Bedeutung aber sehr
- verschiedener Wörter; nach alphabetischer Ordnung. 8. 1791.
-
- 16 ggr. oder 1 fl.
-
- Volks (Alex.), gründlicher Unterricht zur Rechenkunst, woraus
- ein Rechenschüler ohne Lehrmeister die Species und Regel de
- Tri, nach Anleitung der gemeinen Rechnungsart und der welschen
- Praktik, mit ganzen Zahlen und Brüchen, erlernen kann. Mit
- vielen ausgearbeiteten Exempeln, sowol nach der Reichsmünze, als
- Sächsischen Münze mit allen Vortheilen der Rechenkunst. 8. 1789.
-
- 6 ggr. oder 24 kr.
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-
-[A] Seine merkwürdigste Handlung war, daß er 1425 die Universität zu
-Löwen stiftete.
-
-[B] Zu dieser abscheulichen That bediente er sich eines Normänischen
-Edelmanns, Namens Raoul d’Ocquetonville, der dem Herzog aufgelauert
-hatte, und ihn überfiel, da er eben zu Pferd und nur von zwei Bedienten
-begleitet von einem Besuch von der Königin, die in den Wochen lag,
-zurük kam.
-
-[C] Diese Schwachheit, oder vielmehr Wahnsinn des König Karls, rührte
-von folgenden Ursachen her: da ihm im Aug. 1392. als er unter Wegs
-nach Britannien war, entstandene Unruhen daselbst zu stillen, die
-Sonne sehr heiß auf das Haupt schien, bekam er den ersten Anfall von
-Unsinn; das Uebel vermehrte sich durch den Schrecken, dem ihm ein
-unbekannter, hagerer und elend verstellter Mensch verursachte, der
-sich ihm näherte, sein Pferd in den Zaum griff, und ihn mit den Worten
-anredete: _Bleib zurück König, wo willst Du hin? Du bist verrathen_,
-und gleich verschwand. Und da endlich zum Unglück ein auf dem Pferd
-eingeschlafener Edelknabe seine Lanze auf einen vor ihm hergetragenen
-Helm fallen lies, glaubte der König man wollte ihn seinen Feinden
-überliefern und bekam eine so heftige Wuth, daß er in eine Ohnmacht
-fiel und in derselben drei Tage lang liegen blieb. Hierauf hatte er
-sich wieder ziemlich erholet, allein, da man, um ihn zu zerstreuen, das
-folgende Jahr, den 29ten Jenner, einen vermumten Ball veranstaltete und
-ein mit Pech bestrichenes Gewand sich auf demselben entzündete, wodurch
-er in Gefahr zu verbrennen gesezt wurde, verfiel er auf das neue in
-Raserei. Hieran war die Unvorsichtigkeit des Herzogs von Orleans
-schuld, der mit einer brennenden Fackel einigen Personen, die als wilde
-Männer verkleidet waren, um sie zu erkennen, zu nahe kam.
-
-[D] 1412. Bemächtigte er sich der Person des Königs, führte ihn vor
-Bourges, wo eine Anzahl Grossen des Reichs eingeschlossen waren, die
-zu einem Vergleich gezwungen wurden. Nach diesem verbündete sich der
-Herzog näher mit der Königin, und vermehrte dadurch die Zerrüttung im
-Reich. Denn unter dem Vorwand der königlichen Gewalt und Befehle lies
-er den 18ten Juni 1418. den Kanzler und mehrere Grossen des Reichs,
-die ihm entgegen waren, umbringen, und verübte überhaupt unerhörte und
-die Natur empörende Grausamkeiten in Paris. Allein das folgende Jahr
-erhielt er den verdienten Lohn dafür; denn Sontags den 10ten Sept.
-wurde er zu einer Unterredung von dem Dauphin auf die Brücke Monterrau
-gelockt, und daselbst durch einen alten Diener des ermordeten Herzogs
-von Orleans, Namens Tanegui du Chastel umgebracht.
-
-[E] Da die Neigungen dieser beiden Frauen in vielem gleich war, so ist
-an deren gegenseitigen Freundschafts-Bezeugungen nicht zu zweifeln.
-Isabella, Karls Gemahlin, war die Tochter Herzog Stephans II. von
-Baiern, und diese Fürstin, die mit ihrem Bruder Ludwig dem Bärtigen,
-Grafen von Mottagne beständige Unruhen in Frankreich erregte, konnte
-man eine wahre Geissel des Staats nennen. In wie weit ihr die Gräfin
-von Hennegau mit ihren Intriguen gleich kam, wird der Verfolg lehren.
-
-[F] Dieser Johann von Baiern war überhaupt ein sehr haabsüchtiger
-und unbarmherziger Fürst. Ob er gleich als Bischoff zu Lüttig lange
-Zeit regieret hatte, war er doch nie Priester. Die Lüttiger, die
-gerechte Beschwerden gegen ihn hatten, empörten sich, und hielten ihn
-in Mastricht eingeschlossen, von wo er, durch Hülfe des Herzogs von
-Burgund (wie schon gesagt worden) befreiet wurde. In dem 1409. mit
-seinen Unterthanen gehaltenen Treffen, wurden 36000 derselben getödtet,
-die übrigen beredete er, unter dem Versprechen einer gänzlichen
-Verzeihung, zum Vergleich; allein kaum hatte er die Stadt Lüttig wieder
-in Besiz, so lies er eine grosse Anzahl Einwohner, unter dem Vorwand,
-daß sie die Rädelsführer, und daher nicht unter diejenigen, die er
-begnadigt habe, begriffen sein, ganz unbarmherziger Weise ertränken und
-sonst hinrichten.
-
-[G] Welche Ränke braucht ein verlarvter Bösewicht zu einem
-erniedrigendem Geschäft nicht! Zu unsern Zeiten, brauchen die, zu
-Ausschweifungen der Art geneigte Fürsten dergleichen Hülfe nicht:
-sie wissen sich selbst zu rathen; wäre es aber nöthig, so würden sie
-bereitwillige Höflinge zu Unterhändlern genug finden.
-
-[H] Obgleich der Friede zwischen Heinrich von England und Karl VI. von
-Frankreich den 20ten Junii, 1420. zu Troyes geschlossen war; vermöge
-welchem Heinrich, nach Absterben König Karls, zum Nachfolger des
-französischen Reichs erkannt wurde, und nach der Einnahme verschiedener
-Oerter, die es mit dem Dauphin gehalten hatten, die beiden Könige
-den ersten Advents-Sonntag ihren Einzug in Paris hielten, wurde doch
-der Krieg nicht beendiget. Der Dauphin, unzufrieden mit dem für ihn
-so nachtheilig geschlossenen Frieden, der ihn von der Nachfolge im
-Reich ausschloß, verstärkte seinen Anhang. Hierdurch wurde Frankreich
-in zwei Partheien getheilet, und man sahe damals in demselben zwei
-Könige, zwei Königinnen, zwei Kronregenten, doppelte Kronbediente,
-doppelte Parlementer, kurz alles war wegen der Spaltung in diesem
-Reich zweifach. Die Unruhen auf einmal zu beendigen gieng Heinrich
-nach England, um neue Völker zu sammlen. Mit beträchtlicher Macht kam
-er zurück, mit dem Vorsaz dem Dauphin ein entscheidendes Treffen zu
-liefern; allein dieser wich ihm überall aus. Er belagerte und eroberte
-Dreux, während welcher Belagerung ihm ein Einsiedler soll prophezeiet
-haben, daß er wegen seiner Ehrsucht das Königreich Frankreich
-unrechtmässiger Weise an sich zu bringen, mit einer abscheulichen
-Krankheit, vom Himmel würde heimgesucht und bestraft werden. Er
-verlachte diese Weissagung. Dem sei wie ihm wolle, so wurde er doch
-einige Monate drauf zu Senlis krank. Sein Uebel waren Feigwarzen. (Mal
-de St. Fiacre) Ohne sich vor den Folgen dieser Krankheit zu fürchten,
-lies er sich in einer Sänfte nach Vincennes bringen, woselbst er aber
-am 31. Aug. des 1422. Jahrs seinen Geist im 36ten Jahr seines Alters
-aufgab. Kurz vor seinem Ende verordnete er seinem unmündigen Sohn
-Heinrich, der erst neun Monat alt war, die Herzoge Johann von Bedford
-und Humphrei von Glocester, (der Held in dieser Geschichte) seine beide
-Brüder zu Vormündern; und befahl, daß der erste in Frankreich und der
-andere in England Regent sein sollte.
-
-[I] Da hier die Rede von zwei Päbsten ist, die in der damaligen grossen
-Kirchenspaltung zugleich gelebt und um gleiche Vorrechte gebuhlet
-haben; so wird es wohl hier der schicklichste Platz sein, den kurzen
-Lebenslauf derselben anzuführen. Der Leser wird hiernach von selbsten
-urtheilen, welcher von beiden den gültigsten Beruf gehabt haben mag?
-ein Fall der zu unsern Zeiten schwerlich mehr entstehen wird, jedoch
-zur Sache: Peter de la Lune, ein Spanier aus dem Königreich Aragonien,
-erhielt vom Pabst Gregor XI. im Jahr 1375. den Kardinalshuth; nach
-1378. erfolgtem Tod dieses Pabsts, trug er nicht wenig bei, daß Clemens
-VII. zum Nachtheil Urbans V. der schon in Rom auf dem päbstlichen
-Stuhl saß, erwählet ward, wodurch die schon in der Kirche herrschende
-Zwietracht vermehret wurde. Oefters sprach er dennach mit verstelltem
-Eifer von dieser Spaltung, verwünschte alle Zwietracht und versicherte,
-daß wenn er an einer der Päbste Stelle wäre, würde er sich alle Mühe
-geben und allem entsagen, um die Gläubigen wieder unter ein Haupt zu
-vereinigen. Allein der Erfolg zeigte bald, daß er nur unter diesem
-heuchlerischen Friedenseifer hochmüthige und ehrsüchtige Absichten
-verbarg. Denn als Clemens 1394. zu Avignon starb, stellten die
-damals zur Wahl anwesenden Kardinäle, unter deren Zahl er war, eine
-schriftliche Versicherung aus, daß derjenige unter ihnen, den die
-Wahl treffen würde, wenn es das ganze Collegium für gut finden würde,
-der Spaltung dadurch ein Ende zu machen, dem päbstlichen Stuhl wieder
-freiwillig entsagen sollte. Es konnte daher nicht fehlen, daß die Wahl
-einstimmig auf ihn fiel, bei welcher er den Nahmen Benedickt XIII
-annahm. Da er aber nun seinen Entzweck erreichet hatte, wollte er von
-allem was er zuvor versprochen und sich anheischig gemacht hatte,
-nichts wissen. Der König von Frankreich, verschiedene Häupter Europens,
-der französische Klerus und andere mehr, gaben sich alle erdenkliche
-Mühe, ihn zur Erfüllung seines Versprechens, damit die Einigkeit in
-der Kirche dadurch wieder hergestellet würde, zu bewegen. Allein es
-war tauben Ohren gepredigt; sein Ehrgeiz lies es nicht zu; gab er auch
-einmal einige Hoffnung, so war es nur um Zeit zu gewinnen, und um desto
-wiedrigere Maasregeln nehmen zu können, nach welchen er endlich die nur
-auslachte die ihm von freiwilliger Abtretung ferner sprachen. Anfangs
-hielt man ihn in Avignon gefangen, er fand aber Gelegenheit 1402.
-von da verkleidet zu entweichen, und auf das Schloß Reinard in der
-Provence zu flüchten, wo er eine geringe Anzahl Völker antraf, die ihm
-zur Leibwache dienten. Auf dem Konzilium zu Pisa wurde er 1409. nebst
-Gregor XII. als Schismatiker und Eidbrüchiger, des Päbstlichen Stuhls
-verlustig erklärt, worauf den 26ten Juni die Kardinäle ins Conclave
-giengen, und Alexander V. an deren Stelle erwählten. Allein Benedickt
-kehrte sich hieran nicht, sondern seine Würde zu behaupten und sich
-neue Anhänger zu verschaffen, da die Kardinäle alle, die ihn erwählt
-hatten, von ihm gewichen waren, ernannte er verschiedene neue. Ob er
-nun gleich 1417. von der Kirchenversammlung zu Costanz in den Bann,
-gethan und abgesezt wurde, so gaben sich dennoch Europens Monarchen
-die Mühe, ihn zum freiwilligen Verzicht unter den vortheilhaftesten
-Bedingnissen zu bereden; allein ihre Bemühungen waren auch fruchtlos.
-Da er sich endlich von jedermann verlassen und verabscheuet sahe, begab
-er sich, nebst zwei ihm treu gebliebenen Kardinälen nach Paniscola,
-einer geringen Stadt im Königreich Valenzia, wo er 1424. starb. Dreisig
-Jahr hatte er in der Kirchenspaltung verlebt, die er auf seinem
-Sterbebette, so wie die Zwietracht boshafter Weise nach seinem Tode,
-dadurch noch weiter nähren wollte, daß er die zwei zugegen gewessenen
-Kardinäle zwang, an seine Stelle einen Kanonicus zu Barcellona unter
-dem Namen Klemens VIII. zu erwählen.
-
-Sein Gegner Martin III. aus dem Hausse Colonna, wurde, nachdem Gregor
-XII. dem Päbstlichen Stuhl freiwillig entsagt hatte, und die Mitpäbste
-Johann XXIII. und Benedickt XIII. von der Kirchenversammlung zu
-Costanz abhgesezt waren: auf eben dieser Versammlung 1417. zum Pabst
-erwählet und daselbst gekrönet. Die versammelten Kirchenväter wollten
-hierdurch der ärgerlichen Spaltung, die nun schon vierzig Jahre in der
-Kirche gedauert hatte, ein Ende machen. Sie beschlossen daher diese
-Wahl nur durch die anwesenden Kardinäle, mit Zuziehung dreisig theils
-Prälaten theils andern Geistlichen, die aus verschiedenen Staaten auf
-der Versammlung waren, vorzunehmen. Sie erfolgte auf dem Rathhauß zu
-Costanz. In der 42ten Sitzung, so wie bei allen folgenden, hatte der
-neue Pabst den Vorsitz, worinnen er sich durch seine Beredsamkeit
-alle Mühe gab die Eintracht in der Kirche wieder herzustellen. Ein
-Beweiß, daß sein Vorsatz aufrichtig war, ist dieser: daß er, nach
-Absterben Gregors, den abgesezten Pabst Johann sehr liebreich aufnahm,
-und ihn zum Dechant des Kardinalkollegiums ernannte, ihm auch in
-solchem einen erhabenern Sitz, als der andern Kardinäle ihrer war, zum
-Unterscheidungszeichen anwies. Seine Bemühungen aber, Benedickt zu
-gewinnen, waren eben so fruchtlos, wie die der andern Mächte, wovon
-schon gesagt worden? nur von Alphonsus König von Aragonien war er noch
-unterstüzet. In der 44 Sitzung zu Constanz wurde beschlossen, eine
-anderweitige Versammlung für das Jahr 1423. nach Pavia zu berufen,
-die aber wegen der daselbst herrschenden Pest das folgende Jahr zu
-Sienna gehalten wurde. Dahin sandte Alphonsus einen Bevollmächtigten
-mit ansehnlichen Geschenken und grossen Versprechungen, um der
-Sache Benedikts eine andre Wendung zu verschaffen, und Martin vom
-päbstlichen Stuhl zu vertreiben: Allein der gleich darauf erfolgte
-Tod Benedikts machte diesem Zwist ein Ende; denn auf die Wahl, die
-Benedikt bei seinem Tode, auf Veranlassung Alphonsus, angestellt hatte,
-wurde keine Rüksicht genommen; auch entsagte der dabei ganz ungültig
-erwählte Clemens dem päbstlichen Stuhl freiwillig. Dieses bewog den
-Pabst Martin, daß er demselben das beträchtliche Bisthum von Majorqua
-übertrug. Und hierdurch hörte die während 51. Jahre in der römischen
-Kirche gedauerte Spaltung ganz auf, welches man den klugen Bemühungen
-Martins zu verdanken hatte.
-
-[J] Was vermag eine rachsüchtige Buhlschwester nicht! und welch Unglük
-entstehet nicht oft in einem ganzen Lande durch das teufelische
-Einblasen einer Beischläferin? Doch Dank sei es unsern aufgeklärtern
-Zeiten! Kein Blutbad, wie damals wird mehr darauf erfolgen. Denn so
-kleine Geister, wie der Herzog von Brabant war, der, ausser seinem
-schwachen Verstand, doch gutmüthig genug gewesen sein würde, seine
-Gemalinn nicht weiter zu verfolgen, giebt es unter den Grossen nicht
-mehr. Thut ja eine Beischläferin noch einigen Schaden, so ist es nur
-an Einzeln und an denen, die nicht niederträchtig genug sind, zu ihrer
-Fahne zu schwören; der ganze Staat wird aber deswegen nicht zerrüttet.
-
-[K] Dieser Ausdruk ist ein Wortspiel, das auf den Familien Name (de la
-Lune) des Pabsts Benedikts, bezug hat.
-
-[L] Natürlicher Weise konnte sich Jacobine wenig von dieser Hülfe
-versprechen; denn ausserdem wie schon gesagt worden ist, der Herzog
-von Bedford ein leiblicher Schwager des von Burgunds war, muste jener
-diesen besonders schonen. Da er um seines Vaters Mord zu rächen,
-zur Englischen Partie getreten und die Waffen gegen sein Vaterland
-ergriffen hatte, war zu befürchten, daß wenn der Herzog von Bedford
-eifrig in ihn sezen wollte, er diese Partei verlassen, und sich zum
-Nachtheil Englands mit dem König von Frankreich vergleichen dürfte,
-wie er denn auch schon oft solches gedrohet hatte. Wäre aber dieses
-erfolgt, so hätte sich die Englische Partei unmöglich in Frankreich
-erhalten können. Da sich in der Folge mehrere Gelegenheit finden wird,
-von dem Herzog von Burgund zu reden, so wird es nicht undienlich
-sein, hier einen Biographischen Auszug von ihm zu geben. Philipp III.
-Herzog von Burgund &c. war ein Sohn des zu Paris ermordeten Herzogs
-Johann von Burgund, wie anderwärts schon gesagt worden. Er ward 1396.
-Zu Dijon gebohren. Seines Vaters Tod zu rächen ergrif er 1420. die
-Waffen gegen sein Vaterland, und schlug sich zur Englischen Partei.
-Hierdurch wurde er sehr mächtig; und da er nirgends Wiederstand fand,
-verbreitete er zu Ende der Regierung Carls VI. und Anfangs der von
-Carl VII. in Frankreich überall Furcht, Schreken und Verwüstung. 1421.
-lieferte er die berühmte Schlacht bei Mons in der Picardie, in welcher
-er den Dauphin aufs Haupt schlug, und dadurch das Elend im Vaterland
-vermehrte. Endlich verlies er 1435. die Englische Partei, und gieng mit
-dem König von Frankreich einen Vergleich ein, welches er auch mit dem
-Herzog von Orleans that. Dem ohnerachtet behielt er gegen Carl VII.
-beständig heimlichen Haß, welchen er dadurch bewies, daß er seinem Sohn
-dem Dauphin, nachmalig König Ludwig XI. Zuflucht in seinen Staaten
-verstattete. Er war es der den 19. Jenner 1430. den Orden des güldenen
-Vließes stiftete, der verschiedene andere milde Stiftungen errichtet,
-und fast die siebenzehen Provinzen der Niederlande vereiniget hatte. Er
-starb zu Brügge den 15. Julii 1467. und hinterlies von drei Gemalinnen,
-die er gehabt hatte, nur einen Prinzen, Carl den Verwegenen, der ihm in
-der Regierung seiner Staaten folgte, dagegen aber fünfzehen natürliche
-Kinder, die er von verschiedenen Beischläferinnen erzeugt hatte.
-
-[M] In der Familie der Grafen von Brederode hat es von jeher nicht
-an berühmten Männern gefehlet, unter welchen aber folgende die
-merkwürdigsten sind. Heinrich von Brederode war ein Haupt der
-Protestantischen Verschwöhrung in den Niederlanden. 1567. überreichte
-er der damaligen Gouvernantin Margaretha von Parma verschiedene Denk-
-und Bittschriften, in welchen er, als aus dem Hauße der Grafen von
-Brabant entsproßen, sein Recht gegen das Hauß Burgund, das diese
-Grafschaft in Besiz hatte, suchte geltend zu machen. Da sich aber bald
-hernach die Umstände änderten, gieng er mit seiner ganzen Famille, und
-allem was er nur fortbringen konnte, zu Wasser nach Embden, und von da
-aus nach Deutschland, wo er bald darauf vor Verdruß starb. Seine Wittwe
-die eine Gräfin von Meurs, und eine der herzhaftesten Frauen damaliger
-Zeit war, vermählte sich nachher mit dem Churfürsten von der Pfalz.
-Lancelot von Brederode aber, gleichfals ein Haupt der Verschwornen,
-wurde 1573 nach der Einnahme von Harlem, davon er Kommandant war,
-und sich muthig vertheidigt hatte, nebst den öbersten Offiziers der
-Besazung, auf Befehl des Herzogs von Alba enthauptet.
-
-[N] Nicht allein diese Furcht, sondern noch ein ganz anderer Beweggrund
-veranlaßten den Herzog von Burgund, seine Rache aufzuschieben. Der
-Englander Angelegenheiten in Frankreich, mit denen er in Bündniß
-stand, fiengen an für ihn nachtheilig zu werden. Es war 1429 da
-die berüchtigte Jeanne d’Arc, oder das Mädchen von Orleans, deren
-Geschichte, ob gleich schon viel darüber geschrieben worden, jezt noch
-ziemlich problematisch ist, zu Frankreichs Rettung auf den Schauplaz
-trat. Die Engländer fiengen an, Mißtrauen in den Herzog von Burgund
-zu sezen. Trennten sich nun die Engländer ganz von ihm, so muste er
-befürchten, daß Jacobine als Gräfin von Holland und Zeeland Hülfe
-von ihnen erhalten dürfte. Merkwürdig ist es indeßen, daß Jacobine
-die Befreiung ihres Gemals gewißer maßen obiger französischen Heldin
-verdanken konnte.
-
-[O] Es war dem Herzog von Burgund um so viel mehr an Vollziehung des
-Vergleichs gelegen, weil eben der lezte Herzog von Brabant, Philipp
-Graf von S. Paul, Jacobinens Schwager ohne rechtmäßige Leibeserben
-mit Tode abgegangen war, und er sich also auch den gewißen Besiz des
-Herzogthums Brabant zusichern wollte.
-
-[P] Der Herzog von Burgund hatte nun seinen Endzwek erreichet, und
-durch Jacobinens Verzicht, die dem Hauße Baiern in den Niederlanden
-noch zugehörigen Länder, an sich gebracht. Da er bei seinem Tod nur
-einen Sohn, -- wie schon gesagt worden ist -- Carl den verwegenen
-hinterließ, und dieser, der 1477. vor Nanzig blieb, keine männliche
-Erben, sondern nur eine Prinzeßin Maria, die an den Erzherzog von
-Oestreich, nachherigen Kaiser Maximilian, vermälet war, hinterlaßen
-hatte, brachte diese die reiche Erbschaft ihres Vaters dem Hauße
-Oestreich zu, das denn würklich noch gegenwärtig einen beträchtlichen
-Theil davon, wie bekannt ist, besizt.
-
-
-
-
-
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-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Jacobine von Baiern Gräfin vo
- Hennegau, Holland, Friesland , by Gottlob Heinrich Heinse
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JACOBINE VON BAIERN GRÄFIN ***
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-The Project Gutenberg EBook of Jacobine von Baiern Gräfin von Hennegau,
-Holland, Friesland und Zeeland, by Gottlob Heinrich Heinse
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-Title: Jacobine von Baiern Gräfin von Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland
- Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehenden Jahrhundert
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-Author: Gottlob Heinrich Heinse
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-Contributor: Jordan
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-Release Date: June 30, 2017 [EBook #55013]
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-Language: German
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-Character set encoding: UTF-8
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JACOBINE VON BAIERN GRÄFIN ***
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-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This transcription was produced from
-images generously made available by Bayerische
-Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
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-</pre>
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-<div class="transnote">
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-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
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-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1791 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Dies
-gilt insbesondere für eine Vielzahl altertümlicher Ausdrücke in
-unterschiedlichen Schreibweisen, welche nur dann harmonisiert wurden,
-wenn eine Variante im Text mehrmals auftritt, die andere dagegen nicht
-mehr als einmal. So werden etwa Wörter, die die Buchstabenkombination
-‚tz‘ enthalten, in mehreren Schreibweisen gleichberechtigt verwendet
-(z.B. ‚setzen‘, ‚sezen‘ oder ‚sezzen‘). Oftmals wird ‚wann‘ für ‚wenn‘
-verwendet; auch dies wurde so belassen, soweit der Sinn erkennbar
-bleibt. Personen- und Ortsnamen wurden nicht in deren heute üblichen
-Schreibweisen übertragen.</p>
-
-<p class="p0">Wie in der damaligen Zeit üblich, folgt auf
-Kardinalzahlen oft ein Punkt, auf Ordinalzahlen aber nicht; umgekehrt
-wie in den heutigen Rechtschreibregeln festgelegt. Diese Regel wurde
-im Original zwar nicht konsequent eingehalten, eine Harmonisierung
-erfolgte im vorliegenden Text dennoch nicht.</p>
-
-<p class="p0">Korrekturen aus der Liste der ‚<a href="#druckfehler">Druckfehler</a>‘
-am Ende des Buches wurden bereits in den Text eingearbeitet.
-Offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
-korrigiert.</p>
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-</div>
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-<div class="titelei break-before">
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-<h1><span class="mleft0_3">J</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">C</span><span class="mleft0_3">O</span><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">N</span><span class="mleft0_3">E</span><br />
-
-<span class="s7">von</span><br />
-
-<span class="s5"><b><i><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">N</span></i></b></span><br />
-
-<span class="s5">GRÄFIN <span class="smaller">VON</span> HENNEGAU,</span><br />
-
-<span class="s6">Holland, Friesland und Zeeland.</span></h1>
-
-<p class="s5 center">Eine vaterländische Geschichte aus dem
-fünfzehenden Jahrhundert.</p>
-
-<div class="figcenter padtop3">
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="w16em mtop2 mbot2" src="images/signet.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<hr class="titel" />
-
-<p class="s4 center"><span class="mleft0_3">F</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">k</span><span class="mleft0_3">f</span><span class="mleft0_3">u</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">t</span><br />
-<span class="mleft0_3">b</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">i</span>
-<span class="mleft0_3">J</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">h</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">n</span>
-<span class="mleft0_3">D</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">l</span>
-<span class="mleft0_3">K</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">p</span></p>
-
-<p class="s5 center"><span class="mleft0_3">1</span><span class="mleft0_3">7</span><span class="mleft0_3">9</span><span class="mleft0_3">1</span>.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s4 center padtop5">IHRO KÖNIGLICHEN HOHEIT</p>
-
-</div>
-
-<p class="s6 center mtop2 mbot2"><span class="mleft0_3">D</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">R</span></p>
-
-<p class="center mbot1">PREISWÜRDIGSTEN</p>
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-<p class="s2 center"><span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">H</span><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">T</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">N</span></p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1"><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">G</span><span class="mleft0_3">I</span><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">N</span><span class="mleft0_3">S</span></p>
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-<p class="s3 center">FRIEDERIKE SOPHIE WILHELMINEN</p>
-
-<p class="s5 center mtop3 padtop3">unterthänigst gewidmet.</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="poetry-container s4 padtop3">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse"><span class="initial">D</span>a Tausende, die D<span class="smaller">EINER</span> Huld sich freu’n,</div>
- <div class="verse">Von Dank durchglüht, D<span class="smaller">IR</span> reichen Weihrauch streu’n,</div>
- <div class="verse">Leg ich auf den Altar</div>
- <div class="verse">Ein Blümchen hin. &mdash; Nimms gnädig an,</div>
- <div class="verse">Erhabenste! ich gebe, was ich kann</div>
- <div class="verse">Und brings voll Ehrfurcht dar.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft15"><i>Jordan.</i></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter padtop3">
- <a id="deko1" name="deko1">
- <img class="w20em" src="images/deko1.jpg"
- alt="Dekoration zum Vorbericht" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak padtop3">Vorbericht.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">O</span>b zwar die Begebenheiten einer Fürstin, die vor mehreren Jahrhunderten
-gelebt hat, eben die Neuheit nicht haben, auch denen, die nur
-einigermaßen in der Geschichte älterer Zeiten bewandert sind, bekannt
-sein werden; so scheinen sie mir doch, besonders bei jezigen, in
-den befragten Ländern herrschenden Unruhen, interessant genug, aus
-verschiedenen Bruchstücken und einer französischen Handschrift einen
-Auszug zu<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> verfertigen und solchen zum Druck zu befördern. Wollte man
-diese Geschichte ganz zum Roman bilden, so lies sie sich freilich viel
-weiter ausdehnen; allein in solchem Fall müste nothwendiger Weise oft
-von der Wahrheit der Sache selbst abgewichen werden. Auch hätte ich um
-der Geschichte einen glänzendern Anstrich zu geben, sie mit Turniren,
-Bällen und andern dergleichen galanten Lustbarkeiten ausschmücken
-können; allein eine Fürstin, deren Leben durch so viele und anhaltende
-Widerwärtigkeiten vergället war, konnte wenig an dergleichen
-Ergözlichkeiten denken. Ausserdem glaub ich dem Leser einen Gefallen
-zu thun, wenn ich diese Tändeleien, so wie den verliebten Stil ganz
-weglasse und nur buchstäblich bei der Geschichte bleibe. Ueber die vier
-Gemahle, die meine Heldin<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> theils aus Gehorsam, theils aus Schwachheit,
-genommen hat, wird sich freilich manche Spröde ärgern; indessen wenn
-sie die unglükliche Verfassung, in der sie sich befand, genau erwegen,
-werden sie gewis nicht so streng in ihrer Beurtheilung sein; dann
-sie war von ihrer eigenen Mutter verlassen; auf Veranlassung der
-Päbste muste sie Fehler begehen, die einigermaßen gegen den Wohlstand
-stritten, und bei ihren stetigen Widerwärtigkeiten konnte sie sich bei
-niemanden Raths erholen. Ob man ihr freilich manchen Vorwurf machen
-kann, so ist sie doch nichts destoweniger auf der andern Seite so viel
-mehr zu bedauern. Sie besas sehr viel gute Eigenschaften, und hatte die
-gerechtesten Ansprüche auf ein glänzendes Glück. Diese Vortheile aber
-vermochten nicht, sie für dem empfindlichsten<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> Elend zu schüzen, und
-ihre grossen und vielen Widerwärtigkeiten beweisen, welch vergängliche
-Dinge, Ehre, Reichthum und Schönheit in der Welt sind.</p>
-
-<p class="s5 mleft2"><em class="gesperrt">Homburg vor der Höhe</em><br />
-<span class="mleft3">im Heumonat 1790.</span></p>
-
-<p class="s4 right mright2 mtop3">Der Verfasser</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter padtop3">
- <a id="deko2" name="deko2">
- <img class="w20em mtop3" src="images/deko2.jpg"
- alt="Dekoration zum Vorbericht" /></a>
-</div>
-
-<h2 class="nobreak invis">Jacobine von Baiern.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0 padtop3"><span class="initial">D</span>a öfters Menschen von reifern Jahren ihre Handlungen mit wenig
-Vorsicht und Klugheit unternehmen und verrichten, so ist es nicht zu
-verwundern, daß junge, von aller Erfahrung noch entblößte Menschen in
-diese Fehler verfallen. Die täglichen Beispiele beweisen solches zur
-gnüge; allein gewisse Fehler, die aus jugendlicher Unbedachtsamkeit
-begangen werden, lassen sich um so viel mehr entschuldigen, weil das
-Herz keinen Antheil daran hat, und man also der Tugend nicht ganz
-entsaget.</p>
-
-<p>Die Heldin, deren merkwürdige Begebenheiten hier vorgetragen werden,
-war eine der, sowohl durch Verdienste als häufige Unglücksfälle
-berühmten Prinzeßinnen jener Zeiten, in welchen tugendhafte Handlungen
-noch unter dem Joch der Barbarei lagen. Ihre erhabene Geburt, ihre
-ausserordentliche Schönheit, und<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> über dieses alles, ihr erleuchteter
-Geist, zeichnete sie vor allen andern ihres Geschlechts aus. Ihr
-Betragen mit dem strengen Richterauge betrachtet, solte man urtheilen,
-daß Liebe und Unbeständigkeit bei ihr Fehler des Temperaments waren,
-allein untersucht man ihre Handlungen, so wird man finden, daß sie weit
-mehr wegen ihres vielfältigen Unglücks zu bedauern als zu schelten war.</p>
-
-<p><i>Jacobine</i>, Prinzeßin von Baiern und Gräfin von Hennegau, war die
-einzige Tochter und Erbin Wilhelms des IV. von Baiern, Grafen von
-Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland, und der <i>Margaretha</i> Herzogs
-Philipp des Kühnen von Burgunds Tochter, Uhrenkelin Kaiser Ludwig
-des V. von welcher sie 1401. gebohren ward. Ihre erhabene Geburt und
-der Glanz ihres Hausses, veranlaßten, daß die mächtigsten Fürsten,
-sich schon in ihrer zarten Jugend um sie bewarben. Karl VI. König von
-Frankreich, gab sich für seinen Sohn Johann, Dauphin von Vienois, um
-ihren Besiz besonders viele Mühe, und die Verlobung erfolgte auch
-wirklich im Jahr 1406. da Jacobine erst fünf und der Dauphin, der 1398.
-gebohren, acht Jahr alt war. Ob nun gleich die förmliche Vermählung
-weit hinaus gesezet wurde, so betrachtete man doch<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> Jacobine von Stund
-an, als Königin von Frankreich, und erwies ihr gleiche Ehrerbietung.
-Der König von Frankreich stund mit dem Grafen von Hennegau in dem
-besten Einverständnis, allein der Dauphin und seine Braut, kannten
-sich nur daher, daß man öfters von dieser Verlobung in ihrer Gegenwart
-sprach.</p>
-
-<p>Da nun die Liebe an diesem Bündnis keinen Antheil hatte, so wollte
-sie bis zur Vollziehung der Vermählung dennoch nicht unthätig bleiben,
-sondern ihre gewöhnliche Streiche spielen. Johann von Burgund, Herzog
-von Brabant, der wenig Geist aber desto mehr Ehrgeiz besaß, nahm auf
-einige Zeit seinen Auffenthalt zu Bergen. Da Jacobine und er leibliche
-<a id="geschwisterkinder" name="geschwisterkinder"></a>Geschwisterkinder waren, berechtigte ihn dieses, den beständigen
-Zutritt bei ihr zu haben. Die Gräfin von Hennegau liebte ihn als ihr
-eigenes Kind, weil er der Sohn ihres Bruders war, und sie hätte daher
-sehr gewünscht, daß die beträchtlichen Güter ihrer Tochter lieber ihm
-als dem Dauphin zugefallen wären.</p>
-
-<p>Der Herzog von Braband war eines ziemlich guten Ansehens, und dabei
-sehr reich; allein sein Verstand war eingeschränkt, und er hatte einen
-so wunderlichen Sinn, daß auch die Allernachgiebigsten mit ihm nicht
-auskommen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> konnten.<a name="FNAnker_A_1" id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a> Dem ohnerachtet verliebte er sich auf das
-heftigste in Jacobinen; allein seine Leidenschaft hatte nicht jene
-zärtliche Empfindungen, die vermögend sind, das Herz des Gegenstandes
-zu rühren.</p>
-
-<p>Um diese Zeit 1407 ereigneten sich in Frankreich Vorfälle von grosser
-Wichtigkeit für das Haus Burgund. Ludwig, Herzog von Orleans, hatte
-sich die Schwachheit seines Bruders, des Königs Karl, zu Nuze gemacht,
-und durch einen Anhang von mehr als sechshundert Edelleuten sich fast
-der gänzlichen Regierung bemächtiget. Dieses erwekte Eifersucht bei dem
-Herzog Johann von Burgund, der gleichfalls Antheil an der Regierung
-haben wollte. Ob nun gleich diese Zwistigkeiten durch Vermittelung
-ihres Oheims, des Herzogs Johann von Beri, waren beigelegt und beide
-Prinzen vereiniget worden; so lies doch Johann von Burgund den
-Herzog von Orleans den 23ten Nov. bei der Pforte <i>Barbette</i> in Paris
-meuchelmörderischer Weise umbringen.<a name="FNAnker_B_2" id="FNAnker_B_2"></a><a href="#Fussnote_B_2" class="fnanchor">[B]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p>
-
-<p>Die hinterlassene Gemahlin und Kinder des Herzogs von Orleans suchten
-diesen Mord zu rächen; der Herzog von Burgund der sich nach Flandern
-geflüchtet hatte, vertheidigte sich schlecht, und die Gräfin von
-Hennegau, seine Schwester, war natürlicher Weise auf seiner Seite. Da
-aber der König von Frankreich die Anverwandten der Dauphine schonen
-wollte, trieb er diese Sache nicht eifrig, sondern wünschte einen
-Vergleich.</p>
-
-<p>Der junge Herzog von Brabant und Jacobine, die noch keinen Antheil
-an diesen Zwistigkeiten nehmen konnten, vertrieben sich die Zeit
-während man am Hof Karls VI. von nichts als Blut und Mord sprach,
-mit unschuldigen Spielen. Denn nachdem der Herzog von Burgund dem
-Bischof zu Lüttig, Johann von Baiern, gegen seine aufrührerische
-Unterthanen beigestanden, und diese vor Mastricht den 23ten Sept.
-1408. geschlagen und vertrieben hatte, kam er mit gewafneter Hand nach
-Paris, vertheidigte sein Verbrechen, zog während der Schwachheit<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>
-des Königs<a name="FNAnker_C_3" id="FNAnker_C_3"></a><a href="#Fussnote_C_3" class="fnanchor">[C]</a> die ganze Regierung an sich, verübte grosses Unheil im
-Königreich, und entzündete<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> dadurch den noch unter der Asche glimmenden
-bürgerlichen Krieg an allen Enden des Königreichs.<a name="FNAnker_D_4" id="FNAnker_D_4"></a><a href="#Fussnote_D_4" class="fnanchor">[D]</a></p>
-
-<p>Ob nun gleich der junge Herzog von Brabant Jacobinen auf das heftigste
-liebte, hatte sie doch nicht die geringste Gegenliebe noch Neigung zu
-ihm. Alle seine Tritte misfielen ihr; denn in allen seinen Handlungen
-herrschte ein so albernes Wesen, das ihn ihr unerträglich machte.
-Jacobine wurde nicht anderst als mit dem Namen Dauphine benennt, daher
-erwies<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> man ihr auch, als der Gemahlin des zukünftigen Thronfolgers
-eines mächtigen Königreichs die gebührende Ehrerbietung, und ihre guten
-Eigenschaften verdienten auch dieses hochachtungsvolle Betragen.</p>
-
-<p>Der Graf von Hennegau bemerkte durch seine Scharfsichtigkeit die
-Leidenschaft des Herzogs von Brabant leicht. Er sagte daher eines
-Tages zu seiner Gemahlin: Ich fürchte, diese jungen Leute, die nicht
-für einander bestimmt sind, dürften am Ende zu vertraut miteinander
-werden; ich ersuche Sie also, nöthige Maasregeln zu nehmen, damit
-diese Vertraulichkeit nicht zu weit gehe. Sie wollen, antwortete die
-Gräfin, Sachen sehen, die mir gar nicht bedenklich scheinen; und wie
-können Sie begehren, daß Kinder, die Blutsfreunde sind, sich einander
-gleichgültig begegnen sollen? Glauben Sie mir diese Art angenommener
-Vertraulichkeit, führt öfters weiter als man glaubet. Ihre Tochter
-gehöret weder Ihnen, mir, noch sich selbst mehr; ich verlasse mich auf
-Ihre Klugheit und beschwöre Sie, alle Sorgfalt zu gebrauchen, ihre
-Aufführung zu beleuchten, damit mir kein Verdruß daraus erwachse. Aber
-Graf! was wollen Sie daß ich thun soll? antwortete sie, und was kann
-ich desfalls zwei noch unschuldigen<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> Kindern verständliches sagen? Sie
-glauben sie unschuldiger als sie würklich sind, fuhr der Graf fort;
-denn, obgleich der Herzog von Brabant keinen glänzenden Verstand hat,
-ist er doch der Liebe fähig; meine Tochter hat schon zu viel Geist, und
-ich würde verzweifeln, wenn ihr Jemand Empfindungen beibrächte, die
-sie einzig und allein gegen den Dauphin haben soll. &mdash; Ihre Vorsicht
-scheinet mir ganz unzeitig zu sein, erwiederte die Gräfin; jedoch um
-Sie zu befriedigen, will ich das Betragen meiner Tochter und meines
-Neffen genau beobachten; allein, in Wahrheit! ich wünschte nicht, daß
-man Ihr Mistrauen und Ihre unnüze Vorsicht gewahr würde. &mdash; Thun Sie
-nur was ich begehre, schloß der Graf, und sein Sie unbekümmert, was
-andere seltsames in meinem Betragen finden mögen.</p>
-
-<p>Nach dieser Unterredung gieng die Gräfin in der Dauphine Zimmer, die
-man eben ankleidete. Sie sahe heute ausserordentlich schön aus, und der
-Herzog von Brabant betrachtete sie mit solcher Aufmerksamkeit, daß er
-die Ankunft der Gräfin von Hennegau kaum gewahr wurde. Sie scheinen mir
-sehr tiefsinnig zu sein, Herr Herzog! redete sie ihn an; haben Ihnen
-Ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Lehrer eine so wichtige Lexion aufgegeben, oder Sie angewiesen,
-Betrachtungen über die Frau Dauphine zu machen? Ich finde meinen
-Vortheil besser ihre Reize zu bewundern, erwiederte er, als ein unnüzes
-Thema auszuarbeiten, und hierinn ist mein Herz allezeit mit meinen
-Augen übereinstimmend. Die Gräfin verwundert über diese Erklärung,
-antwortete: Da Sie die Dauphine nicht ewig beschauen können, rathe ich
-Ihnen sich in Zeiten und nach und nach an ihre Abwesenheit zu gewöhnen;
-denn es ist nicht wahrscheinlich, daß Sie dieselbe nach Paris begleiten
-werden. Gehet sie ohne mich dahin, äuserte der Herzog weiter, so muß
-ich sterben; warum haben Sie sie dem Dauphin versprochen, der sie nicht
-kennt und der sie nie so inbrünstig, wie ich lieben wird? &mdash; Ihre
-kleine Thorheit kann groß werden, erwiederte die Gräfin; Sie werden
-nicht mit nach Frankreich gehen; denn Sie müssen notwendiger Weise in
-Ihren Staaten zurück bleiben. &mdash; Ha! ich werde sicher dahin gehen, rief
-er aus, und sollte es nur sein um den Dauphin zu bekriegen. Mit diesen
-Worten entfernte er sich, und die Gräfin sahe nur zu gut ein, daß ihres
-Gemahls Furcht gegründet war. Sie redete hierauf die Dauphine folgender
-Weise<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> an: Gefällt Ihnen der Herzog so gut wie Sie ihm zu gefallen
-scheinen, und würden Sie es gerne sehen, wann er die Waffen gegen Ihren
-Gemahl ergriffe? Lachend antwortete die Prinzessinn ich schäzze den
-Herzog als einen Blutsfreund von Ihnen, und weil Sie ihm besonders
-gewogen sind; allein da ich dem Krieg feind bin, würde es jederzeit
-gegen meinen Willen sein, er möge auch bekriegen wen es seie. Begegnen
-Sie ihm nicht streng, sezte die Gräfin hinzu; allein lassen Sie sich
-nicht zu vertraut mit ihm ein. Die Dauphine versicherte, daß sie diesem
-ohne Zwang folgen werde, und daß sie bis jezt noch nichts empfunden
-hätte, das ihrer Schuldigkeit entgegen wäre. Ohnerachtet nun die Gräfin
-von Hennegau durch diese Unterredung von der Leidenschaft des Herzogs
-überzeugt war, wollte sie doch ihrem Gemahl nicht eingestehen, daß er
-recht geurtheilt habe.</p>
-
-<p class="mtop2">Die Dauphine, die nunmehr heranwuchs, ward von Tag zu Tag reizender,
-und desfalls allgemein bewundert. Die Leidenschaft des Herzogs von
-Brabant nahm, wegen der beständigen Gegenwart eines so liebenswürdigen
-Gegenstandes, immer mehr zu; allein sein von Natur widriges Betragen,
-leistete ihm in seinen jugendlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> Begierden bei dieser zärtlichen,
-doch lebhaften Prinzeßin, schlechte Dienste. Er sprach viel, allein die
-Gaben des Ausdruks fehlten ihm. Mit ausserordenrlichem Vorurtheil von
-sich war er eingenommen, und doch beobachtete man an ihm nichts, als
-ein hochmüthiges und widerwärtiges Betragen.</p>
-
-<p>Der Graf von Hennegau, den seine Gemahlin endlich die Leidenschaft des
-Herzogs eingestanden hatte, fand für nöthig, da die Zeit sich nahete,
-wo seine Tochter dem Dauphin zugeführt werden sollte, den Herzog von
-Brabant zu entfernen. Er veranstaltete daher seine Zurückberufung. Bei
-dieser Gelegenheit verübte dieser junge Liebhaber die ausschweifensten
-Thorheiten. Er weinte, man muste ihn mit Gewalt fortbringen; ja! seine
-Wuth brach sogar in Vorwürfe und Drohungen aus. Der Gräfin, die ihn
-bedauerte, gieng es sehr zu Herzen; allein die Dauphine blieb ziemlich
-gelassen, und man sahe wohl, daß sie keine Gegenneigung für ihren
-Vetter hatte.</p>
-
-<p>Die Zwistigkeiten zwischen dem Herzog von Burgund und dem Prinzen von
-Orleans dauerten beständig fort; jenes Verbrechen erweckte Grausen und
-Empfindungen des Mitleidens bei den Theilnehmenden. Der König, der<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> zum
-strafen zu schwach war, und sowohl den Beleidiger als die Beleidigten
-schonen wollte, blieb saumselig, den Mord seines Bruders zu rächen und
-hielte seine Neffen nur mit eitlen Vertröstungen auf.</p>
-
-<p>Endlich nahete die Zeit, wo die Dauphine ihrem Gemahl zugeführt werden
-sollte. Der Graf und die Gräfin von Hennegau, die grosse Neigung zur
-Pracht hatten, verschaften ihr einen glänzenden Hofstaat; und Jacobine,
-die nun an einem der glänzenden und artigsten Höfen Europens auftreten
-sollte, verabsäumte keine Mittel, die ihre natürliche Schönheit noch
-besser erheben konnten. Man hatte zu ihrem Gefolg verschiedene der
-schönsten Fräuleins ernannt; unter solchen war eine mit Namen von
-Degre ihre vertrauteste, und dieser waren die grösten Geheimnisse der
-Prinzeßin nicht unbekannt. Also Madame! sagte sie einige Tage vor der
-Abreise zu ihr, werden Sie in kurzem dem Dauphin zugehören, und der
-arme Herzog von Brabant wird in Verzweiflung fallen. Sein Temperament
-ist nicht so heftig, antwortete die Dauphine; sein Leichtsinn der mir
-bekannt ist, wird seine erste Neigung durch neue Gegenstände leicht
-unterdrücken und ihn heilen, und ich versichere dich, daß er mich jezt
-schon vergißt. &mdash; Dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Meinung bin ich nicht, Madame! erwiederte
-von Degre; allein das kann ich mit Zuverlässigkeit versichern, daß,
-da ich so grossen Antheil an allem was Sie betrift nehme, mir auch
-alle, die Sie lieben, nicht gleichgültig sein können. &mdash; Um Dich
-wegen dieser guten Empfindungen zu belohnen, erwiederte die Dauphine
-scherzend, wünscht ich, daß Du die unumschränkteste Beherrscherin des
-Herzog von Brabant wärest, und mit Vergnügen würde ich Dich Rang und
-Glük mit ihm theilen sehen. Das Erröthen der von Degre überzeugte die
-Dauphine, daß ihr dieser Wunsch nicht misfiel; allein jene stellte
-sich ganz schamhaftig und antwortete der Dauphine: Sie spotten meiner
-Madame! übertriebener Eifer ziehet mir diese Beschämung zu; ich weis
-meine Hofnungen besser einzuschränken, und die von Degre haben keine
-vornehme Ketten genug um Herzoge von Brabant zu fesseln. &mdash; Nun gut
-Thörin! fuhr die Dauphine fort, Du magst böse oder nicht böse sein,
-nichts destoweniger war es mein völliger Ernst, wenn ich wünschte, daß
-Du eine Fürstin und meine Anverwandtin würdest. Und ich Madame! sezte
-von Degre Hinzu, wünsche, daß Sie im Besiz des Dauphins, zu einer der
-glücklichsten, da Sie schon eine<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> der vollkommensten in der Welt sind,
-werden mögen.</p>
-
-<p>Endlich trat die bestimmte Zeit (1417) ein, in welcher die Dauphine
-ihrem Gemahl zugeführt werden sollte. Der Graf und die Gräfin von
-Hennegau begleiteten sie nach Compiegne, wo ihrer der Dauphin
-erwartete. Die Zusammenkunft dieses jungen Paars, war zwar nicht
-ausserordentlich feurig; allein doch nicht ganz gleichgültig. Der
-Dauphin war liebenswürdig und die Prinzeßin, seine Braut, besaß
-unzählbare Reize. Die Königin von Frankreich, unter Begleitung des
-Herzogs von Tourraine, ihres Sohnes, des Herzogs von Britanien, und
-mehrerer Prinzen empfingen sie zu Senlis. Das beiderseitige Vergnügen
-wurde durch vielfältige Veränderungen in Lustbarkeiten gefeiert, über
-welche die Dauphine viel Zufriedenheit bezeugte. Die Königin und die
-Gräfin erwiesen sich gegenseitige Freundschaft,<a name="FNAnker_E_5" id="FNAnker_E_5"></a><a href="#Fussnote_E_5" class="fnanchor">[E]</a> und nachdem man<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>
-verschiedene Tage in Fröhlichkeit zugebracht hatte, gieng die Königin
-zurück nach Paris, der Dauphin mit seiner Gemahlin nebst der Gräfin
-ihrer Mutter aber nach Compiegne. <a id="dergraf" name="dergraf"></a>Der Graf von Hennegau, der,
-wichtiger Angelegenheiten wegen, nach Paris gegangen war, entfernte
-sich, auf gewisse Warnungen, die man ihm eines Verdachts wegen
-beibrachte, gleich wieder. Da er nun durch die Heirath seiner Tochter
-sich den Dauphin ganz eigen gemacht hatte, gieng er mit der Hoffnung,
-ganz seine Absichten zu erreichen, zu ihm nach Compiegne; allein das
-Verhängniß drohete Frankreich und dem Grafen von Hennegau mit grossen
-Unglücksfällen. Bei seiner am 5ten April erfolgten Ankunft, fand er
-den Dauphin an einem vorgeblichen Halsgeschwühr in den lezten Zügen
-liegen, welcher gleich hernach seinen Geist aufgab, und durch diesen
-unerwarteten Todtesfall verschwanden zugleich alle weitere grosse
-Aussichten für den Grafen von Hennegau. Traurig und schmerzhaft für
-beide Familien, war<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> dieses Absterben, das ganz Europa in Verwunderung
-sezte. Die Dauphine, deren Schmerz um so grösser war, da sie wirklich
-anfieng ihren jungen Gemahl zu lieben, gieng, statt nach Paris, mit
-ihrer Mutter zurück nach Bergen. Der Dauphin wurde ganz stille und
-eiligst in der Abtei Cornelien zu Compiegne begraben, welches den
-Verdacht seines schleunigen Todes um so mehr bestätigte; wie dann auch
-niemand zweifelte, daß er durch geheime Cabale des Herzogs von Brabant
-sei hingerichtet worden.</p>
-
-<p>Des Glückesunbestand hatte Jacobine, zu einem denkwürdigen Bild des
-Leidens bestimmt; auf diesen Verlust erfolgte gleich ein, für sie
-noch weit schmerzhafter Schlag. Denn er legte den Grund zu allen
-ihren künftigen Widerwärtigkeiten. Der Graf von Hennegau ihr Vater,
-der durch den Tod des Dauphins schmerzlich gerührt war, wollte in
-der Einsamkeit einige Linderung suchen. Er gieng desfalls nach
-Bouchain; allein statt dessen, vermehrte sich vielmehr seine Betrübnis
-dergestalt, daß er wenige Tage nach seiner Ankunft starb. Sein Leichnam
-wurde in die Franziskaner-Kirche nach Valencienes gebracht. Durch
-diesen Tod war nun seine Gemahlin eben so, wie seine Tochter zur
-Wittwe geworden. Jacobine, die einzige und rechtmäßige<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> Erbin aller
-seiner Staaten, wollte solche daher, und vermöge ihrer Gerechtsame,
-in Besiz nehmen; sie fand aber an Johann von Baiern, Bischoffen zu
-Lüttig, ihrem Oheim, unter dem Vorwand einer ungleichen Theilung der
-Verlassenschaft seines Vaters, des Herzog Albrechts von Baiern, einen
-heftigen Widerstand und Verfolger. Dieser Johann von Baiern, der den
-Bischofsstaab niedergelegt und sich mit der Wittwe, Anton Herzogs von
-Brabant, Bruders des Herzogs von Burgund, verheurathet hatte, machte
-nunmehr seine Ansprüche mit dem Schwerd gegen seine Nichte geldend.<a name="FNAnker_F_6" id="FNAnker_F_6"></a><a href="#Fussnote_F_6" class="fnanchor">[F]</a>
-Die Verlegenheit, in welche<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> diese beiden Wittwen hierdurch versezt
-wurden, war nicht gering. Um aus derselben zu kommen war ein kräftiger
-Vorstand nöthig; die Gräfin von Hennegau war daher bedacht, solchen
-durch eine andere Verheirathung ihrer Tochter zu verschaffen. Sie hatte
-den Herzog von Brabant immerfort auf das zärtlichste geliebt. Bewust
-war es ihr, daß seine Liebe zu Jacobinen noch nicht erloschen war. Er
-war ihr Anverwandter, und stand wegen seines grossen Reichthums in
-gewissem Ansehen. Dieses alles, und da sie ausserdem noch glaubte,
-sich ihm gefällig zu erzeigen, bewog sie, ihm ohnverzüglich den Antrag
-zu thun. Entzückend nahm er ihn an; und da die Gräfin von dieser
-Seite gesichert war, fehlte nichts weiter, als ihrer Tochter gleiche
-Gesinnungen beizubringen; sie verabsäumte daher nicht, sie auf das
-schmeichelhafteste zu bereden. Sie sehen, sagte sie zu Jacobinen, in
-welchen Abgrund von Verlegenheiten und Unruhe der Bischoff von Lüttig
-uns stürzet; sein Verfahren wird uns unglücklich machen, wo nicht gar,
-ganz unterdrücken; durch des Dauphins Tod<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> sind Sie frei; Sie können
-daher einen andern Gemahl wählen, und sehr würden Sie mich verbinden,
-wenn ihre Wahl auf den Herzog von Brabant fiel. Die Begierde, Ihnen
-gefällig zu sein, ist meine Hauptbestrebung, erwiederte Jacobine;
-allein Madame! welche Hülfe können Sie von einem jungen, unerfahrnen
-Mann, wie der Herzog ist, erwarten. Seine Geistesgaben sind ausserdem
-sehr eingeschränkt; aufrichtig gesteh’ ich und bin dessen überzeugt,
-daß unsere Angelegenheiten unter einer dergleichen Leitung schief
-gehen würden. Ausserdem sind wir zu nahe verwandt, als daß wir uns
-ohne Erlaubnis und Einwilligung der Kirche ehelich verbinden könnten.
-Ist es dann unumgänglich nöthig, daß ich mich verehliche? Der Dauphin
-und mein Vater haben kaum die Augen geschlossen; unsere Thränen rinnen
-noch, und Sie denken schon an ein Eheverlöbnis. Ich muß gestehen,
-erwiederte die Gräfin, daß alle Ihre so eben gemachte Einwendungen
-den Schein einiger Wahrheit haben; allein ob solche in unserer izigen
-Lage der Staatsklugheit gemäß sind, ist eine andere Frage. Der Herzog
-von Brabant muß einzig und allein nach unserm Rath und Willen handlen;
-je weniger er aus selbst eigener Gewalt und Einsicht auszurichten
-vermag,<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> desto mehr bleibt er uns unterwürfig. Urtheilen Sie selbst
-nach dem Betragen des Bischoffs von Lüttich, ob es rathsam sei,
-sich mit ehrsüchtigen und unternehmenden Fürsten in solchen Fällen
-einzulassen..... Aber Madame! unterbrach Jacobine, wann ich mich
-mit Ihrer Erlaubnis freimüthig erklären darf, muß ich gestehen, daß
-es ein trauriger Zustand ist mit einem fast blödsinnigen Menschen,
-der nichts aus eigenem Verstand unternehmen kann und doch seinen
-Leidenschaften ergeben ist, Zeitlebens verknüpft zu sein. Alle das
-hieraus entstehende Ungemach und die Schande würde auf mich fallen; ich
-beschwöre Sie daher, in dieser Sache meinem Gehorsam keinen weiteren
-Zwang anzulegen. Sie werden beleidigend, Madame! erwiederte die Gräfin
-weinend. Wie! weil Sie der Herzog von Brabant aufrichtig liebte, weil
-er mehr zärtlich als lebhaft in der Liebe war, betrachten Sie ihn, &mdash;
-mich dieses Ausdrucks zu bedienen &mdash; wie ein unvernünftiges Thier, und
-urtheilen das Schimpflichste von ihm. Mus man eben albern sein, Ihre
-Verdienste schäzen zu können? Haben Sie etwas mehr Erkenntlichkeit
-gegen seine ersten und reinen Triebe, und denken weniger an sonstige
-gute Eigenschaften, die er Ihrem Vorgeben nach<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> haben sollte.
-Die Kirche wird keinen Anstand nehmen, und ohne grosse Schwierigkeiten
-kann man sie zur Einwilligung bringen; &mdash; Wir haben tausend Beispiele
-von dergleichen Ehen. &mdash; Hierauf umarmte sie ihre Tochter, die die
-Achseln zuckte, und wohl einsahe, daß sie am Ende ihrer hartnäckigen
-Mutter den Willen thun, und sich ihrem Eigensinn aufopfern müste.</p>
-
-<p>Da die Gräfin von Hennegau ihre Tochter etwas nachgebender sahe,
-verabsäumte sie nicht, die nöthigen Maasregeln auf Seiten des Herzogs
-von Brabant zu nehmen. Da er Jacobinen noch heftig liebte, war ihm
-die Nachricht, daß er noch zu ihrem Besiz gelangen könnte, auch sehr
-willkommen. Man veranstaltete zu Bergen alles zu seinem Empfang;
-und die junge Fürstin, die wohl einsahe, daß sie, ohne sich mit
-ihrer Mutter ganz zu entzweien, nicht anderst konnte, bereitete sich
-allmählig auch hierzu. Die von Degre, die den Herzog von Brabant so
-bedauert hatte, da Jacobine dem Dauphin zugeführet wurde, schien, da
-nun diese Heirath beschlossen war, dieser Fürstin nicht freudig genug
-darüber zu sein. Wie! von Degre! sagte sie, Du läßt wenig Vergnügen
-blicken, daß ich deinen guten Freund heirathe; denn<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> nachdem Du mir
-sonst so vieles zu seinem Vortheil gesagt hast, scheinest du mir jezo
-eben so traurig als damals, wie ich mich mit dem Dauphin vermählte.
-Ich nehme dennoch grossen Antheil an dem Glück, das ihm wiederfähret,
-erwiederte von Degre; allein Madame! würden Sie es jezt gerne sehen,
-daß ich den kleinsten Plaz seines Herzens einnehme? Ich muß gestehen,
-antwortete die Fürstin, daß, da er mein Gemahl werden soll, sähe ich
-nicht gerne, daß er zugleich eine andere liebte; und lächelnd sezte sie
-hinzu, glaube ich nicht, daß sein Herz von so grossem Werth ist, daß
-zwei sich darin theilen könnten. Sie verdienen es auch gewis allein zu
-besizen, antwortete von Degre, und ich bin überzeugt, daß er keiner
-andern Raum in demselben verstatten wird. Sie sehen jezt, Madame! wie
-grosse Ursache ich hatte, für ihn zu sprechen, da ihn der Himmel für
-Sie bestimmt hat. Er kann dir selbst für diese geneigte Gesinnungen
-Dank abstatten, schloß die Fürstin, und ich werde mir angelegen sein
-lassen, ihn von Deiner guten Meinung zu überzeugen.</p>
-
-<p>Ob sich nun gleich der Bischoff von Lüttig, unter Begünstigung
-Kaiser Sigismunds, dieser Heirath mit aller Gewalt widersezte, gab
-demohnerachtet doch das Konsilium zu Costanz<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> die Einwilligung und
-Dispensation. Bei der Ankunft des Herzogs von Brabant in Bergen, sahe
-man unmäßige Freude aus seinen Augen funkeln. Er war jung und wohl
-gestaltet; Pracht herrschte in seinem ganzen Gefolg. Dieses und das
-Vergnügen, das man ihm ansahe, unterdrückte, oder verbarg wenigstens in
-etwas seine Verstandesfehler. Gleich nach seiner Ankunft veranstaltete
-die Gräfin von Hennegau das Beilager, das sie so sehnlichst gewünscht
-hatte. Viele Standspersonen und der ganze Adel des Landes wohnten der
-Feierlichkeit bei; und obgleich Jacobine, mit Widerwillen und nur aus
-Gefälligkeit für ihre Mutter, diesen Schritt gethan hatte, sahe sie
-doch bei dieser Gelegenheit reizender als jemals aus. Der Herzog von
-Brabant hatte daher Ursache, in ihrem Besiz alle Leiden, die er zu der
-Zeit, da er ohne Hofnung liebte, erduldet hatte, zu vergessen.</p>
-
-<p>Gleich nach den Feierlichkeiten wurde an einem Vergleich zwischen
-Jacobinen und ihrem Oheim gearbeitet; und die, welche zu der
-Unterhandlung gebraucht wurden, waren in ihren Bemühungen glücklich,
-indem sie denselben zu Stande brachten. Diese wiederhergestellte
-Einigkeit lies demnach heitere Tage vermuthen; allein die angenehmsten
-und wahrscheinlichsten<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> Hoffnungen werden nicht allezeit nach Wunsch
-erfüllet.</p>
-
-<p>Während der Zeit, die der Herzog von Brabant an seinem Hof zubrachte,
-und von Jacobinen, seiner nunmehrigen Gemahlin, entfernet war,
-schenkte er sein Vertrauen einem, Namens Beghe, den er zu den obersten
-Ehrenstellen erhoben hatte. Dieser wuste sich dergestalt seiner zu
-bemeistern, und ihn zu regieren, daß er auch nicht das mindeste ohne
-seinen Rath unternahm. Da diesem Minister der erhabene Verstand der
-Herzogin nicht verborgen sein konnte, befürchtete er den Verlust
-dieses unumschränkten Zutrauens. Ob er nun gleich seine Furcht durch
-die tiefste Ehrerbiethung, die er der Herzogin bei jeder Gelegenheit
-erwies, zu verbergen suchte, gab er nichts destoweniger dem Herzog,
-unter dem Schein der Treue und Redlichkeit, zu verstehen: daß es
-gefährlich sei der Herzogin in allem nachzugeben, daß die klugen und
-beherzten Frauenzimmer gemeiniglich sich übermäßige Freiheit nehmen,
-und daß es schimpflich, ja schändlich für einen Fürsten, als er sei,
-so ganz nachsichtig zu sein. Des Herzogs Geistesschwäche war nicht
-frei von Stolz; dieses wuste Beghe wohl; sein Kunstgrif<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> that daher
-die erwünschte Wirkung. Der ersten Sache, die Jacobine ihrem Gemahl
-vorschlug, widersezte er sich hartnäckig. Verwundert und verdrossen
-über dies unerwartete, trozige Betragen, sagte sie zu ihm: Sie müssen
-blind sein, da Sie die Nothwendigkeit einer Sache nicht einsehen,
-welche die verdrüßlichsten Folgen für uns haben kann, wenn desfalls
-etwas versäumet wird, und wenn Ihre Einsichten nicht stark genug
-sind, müssen Sie sich nothwendiger Weise auf die, welche grössere
-haben, verlassen. Ich glaube nicht, antwortete er trocken, daß es
-mir an Klugheit fehlet, und mich dünkt, Madame! daß es Ihnen gar
-nicht zukommt, mir Geseze vorzuschreiben. Erstaunt rief Jacobine aus:
-Ha! Mein Herr! wer hat Sie diese Sprache gelehret? Dürfen unsere
-Vortheile jezt getrennt sein, und müssen wir nicht eine einstimmige
-Meinung haben? Begeht eine Frau Fehler, wenn sie ihrem Ehegatten
-Widerwärtigkeiten ersparen will? Ja Madame! erwiederte er noch
-bitterer; und Weiber haben sich in nichts zu mischen, das über ihre
-Begriffe gehet. Mit Verachtung erwiederte sie: die Ihrigen sind so
-gering, daß, wenn unglücklicher Weise, unsere Angelegenheiten Ihrer
-Leitung überlassen werden sollten, sie ganz schief betrieben würden. &mdash;
-Nach diesen Worten eilte Jacobine,<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> von Schmerz durchdrungen, zu ihrer
-Mutter, um ihr diesen Vorgang zu erzählen. Die Gräfin von Hennegau
-aber, die übertriebene Nachsicht für einen Menschen hatte, den sie
-selbst zu ihrem Eidam erkohr, suchte die Herzogin dadurch zu beruhigen,
-daß der Herzog sein Betragen von selbst bereuen und zurückkehren würde.
-Und kaum hatte sie ihn gesprochen, als er alles, was man von ihm
-verlangte, wirklich that.</p>
-
-<p>Dieses benahm aber der Herzogin den Verdruß nicht, den sie hatte, mit
-einem so fehlerhaften Gemahl verbunden zu sein. In der Zuversicht, daß
-die von Degre Theil an ihrem Kummer nehmen würde, öfnete sie derselben
-ihr Herz; allein diese Treulose hatte schon seit geraumer Zeit ganz
-andere Absichten. Sie glaubte reizend genug zu sein, einem Menschen,
-der dem Anschein nach, eines Glücks, das jeder andere beneidet haben
-würde, überdrüssig war, Liebe einzuflösen. Sie nuzte also das Vertrauen
-ihrer Gebieterin, mit dem Vorsaz, eigenen Gebrauch davon zu machen,
-und spielte daher bei der Herzogin die nämliche Rolle, die Beghe bei
-dem Herzog spielte. Ich glaubte, daß man sich nicht genug beeifern
-könnte, Ihnen gefällich zu sein, Madame! sagte sie zu Jacobinen,
-innerlich<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> erfreuet, daß die Uneinigkeit zu Bergen dem völligen
-Ausbruch so nahe war. Sie sind nicht gebohren, dergleichen beleidigende
-Widersprüche zu dulten. Wie? der Fürst, der sich in Ihrem Besiz über
-alle Massen glücklich schäzen sollte, biethet Ihnen schon Troz, und
-will Sie beherrschen? O Himmel Madame! welchen Wunsch äuserten Sie
-mir, da Sie mir ehemals den Besiz seines Herzens wünschten; da Ihre
-Herrschaft von so kurzer Dauer ist, wie lange würde die meinige
-gedauert haben? Brauchen Sie bei einem so gefährlichen Anfang Ihre
-ganze Herzhaftigkeit und Klugheit; jezt ist es noch Zeit, wenn Sie
-nicht ganz unterdrückt sein wollen, Ihre Gewalt fest zu stellen; denn
-Ihr Gemahl ist Ihnen Ehrerbiethung schuldig; er ist durch Ihren Besiz
-genugsam dafür belohnet worden. &mdash; Bei diesen Reden der von Degre,
-seufzte die Herzogin ohne Unterlaß; allein jene war, während derselben,
-auf Ausführung der gräulichsten Bosheit bedacht. Sie war auf das
-heftigste in den Herzog verliebt; und da sie alle Gelegenheiten nuzte,
-sein Thun und Lassen auszuspäen, war es ihr nicht schwehr zu entdecken,
-daß Beghe diesen schwachen Fürsten ganz regierte. Sie sind, sagte sie
-eines Tages zu diesem Liebling des Herzogs, da er ihr eben einige
-verliebte Schmeicheleien<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> vorsagte, ganz aus Ihrer Sphäre. Die Sorge,
-dem Fürsten gefällig zu sein, sollte Sie ununterbrochen beschäftigen,
-und Sie sollten die Zeit nicht mit Erhebung meiner vorgeblichen Reize
-verderben. Opfern Sie dem Ehrgeiz dergleichen köstliche Augenblicke
-nicht auf, und geben Sie mir keine Ursache, mir selbsten etwas auf
-meine Schönheit einzubilden. &mdash; Ich kan zugleich meinem Herrn dienen,
-erwiederte Beghe, und einer Gebieterin Ehrfurcht bezeigen, wenn Sie
-wollen die Meinige sein.... Ich! unterbrach sie? Wenn ich Ihnen auch
-alles verspräche, würde ich doch vielleicht gar nichts halten können;
-kennen Sie die Frauenzimmer nicht? Einige, erwiederte Beghe; allein
-ich muß zugleich gestehen, daß deren verschiedene sind, die ich nicht
-auszuklügeln vermag; zum Beispiel unsere Herzogin. Hat diese nicht
-einen solchen Scharfsinn, durch welchen sie alle Unternehmungen
-auszuführen weis; und kan sich wohl jemand rühmen ihre Gesinnungen zu
-ergründen? Ja! erwiederte von Degre, dieser Kunst kan ich mich rühmen;
-und ich sage Ihnen mit Zuverlässigkeit, daß sie den Herzog hasset,
-verachtet, ja! verabscheuet. Halten Sie sich nicht mit Auskramung
-verliebter Schmeicheleien auf, sezte sie hinzu, benuzen Sie den<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span>
-Wink, den ich Ihnen gebe; aber schonen Sie meine Offenherzigkeit und
-benehmen mir die gute Meinung, die ich auf ihr Vertrauen seze, nicht.
-Nachdem Beghe dieser Lasterhaften vielen Dank gesagt hatte, eilte er
-zu dem Herzog von Brabant, der weder Verstand noch Empfindung hatte,
-und dessen Liebe mehr eine Wirkung des Eigensinns, als einer richtigen
-Beurtheilungskraft war. Leicht machte er ihn daher glauben, was er
-für gut fand; und dieser alberne Fürst glaubte, nach den Eingebungen
-dieses gefährlichen Menschen: daß ihn die Herzogin nur verächtlich
-mache, um allein zu herrschen; daß sie schon zu viel Gewalt habe; und
-daß es aus diesen Ursachen nöthig sei, sich jemanden zu versichern, der
-alle ihre Handlungen auf das genaueste zu beobachten vermögend wäre.
-Hierauf schlug der Herzog, wie von ungefehr, zu diesem Geschäft die
-von Degre vor. Er wuste schon, daß sie aus eigenem Triebe des Herzens
-darzu geneigt war. Er rühmte, ganz übertriebener Weise, die Schönheit,
-den Eifer und Verstand dieses Mädchens; und überlies die weitere
-Einrichtung der Sache dem Beghe. Einige Augenblicke hernach begegnete
-ihm die von Degre selbst. Er sahe sie jezt mit weit mehr Aufmerksamkeit
-als vorher<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> an. Sie war schön, jung, sanft und auf ihrer Stirne konnte
-man die Begierde, ihm zu gefallen, deutlich lesen. Mit vieler Bewegung
-redete er sie an: Wo wollen Sie hin, mein Fräulein? Was macht Ihre
-Gebieterin? &mdash; Sie ist bei der Gräfin von Hennegau, erwiederte von
-Degre, und ich gehe, um ihr Bericht wegen eines Geschäfts, das sie
-mir aufgetragen hat, abzustatten. &mdash; Bleiben Sie einen Augenblick,
-sagte der Herzog, und vergönnen Sie mir ein kurzes Gehör; ich bitte
-inständigst. &mdash; Da es jederzeit meine Schuldigkeit ist, Ihnen zu
-gehorchen, antwortete sie, bin ich auch jezt bereit, die Befehle, die
-Sie die Gnade haben werden mir zu geben, zu vollziehen. &mdash; Nicht auf
-diesen Ton nehmen Sie es, mein Fräulein! erwiederte der Herzog; denn
-wer so reizend ist, wie Sie, der hat keinen andern Befehlen als denen
-zu gehorchen, welche eigene Schönheit und Anmuth ertheilen. Sie sind
-schmeichelhaft und werden gefährlich, gnädiger Herr! sagte von Degre
-mit niedergeschlagenen Augen; ob ich gleich nicht zum Hochmuth geneigt
-bin, würden Sie mich doch dazu verleiten. Aber weit entfernt, mich
-durch dergleichen süsse Schmeicheleien blenden zu lassen, welche im
-Ernst aufzunehmen nur Thorheit von mir sein<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> würde, will ich solche
-nicht anderst als mit schuldiger Ehrerbietung aufnehmen. &mdash; Glauben
-Sie, fuhr der Herzog fort, daß ich falsch oder heimtückisch sei? Man
-glaubt, ich wäre unempfindsam; Ihre Gebieterin aber kann das Gegentheil
-bezeugen und Ihnen Meinungen beibringen, die Ihnen alle Furcht benehmen
-werden. Ich urtheile nicht nach dem Ausspruch anderer, erwiederte
-von Degre; in dergleichen Fällen sind meine Augen die sichersten
-Beobachter. &mdash; Nun denn! unterbrach der Herzog, so müssen Sie in den
-meinigen die Ueberzeugung lesen, daß ich Ihren Reizen Gerechtigkeit
-wiederfahren lasse, und daß Sie an der Aufrichtigkeit meiner
-unbegränzten Liebe nicht zu zweifeln haben. &mdash; Dieses würde ein Wunder
-und zugleich eine grosse Ungerechtigkeit sein, erwiederte von Degre,
-Sie dürfen niemand anderst als die Herzogin lieben; und wenn deren
-Reize, da es keine vollkommnere giebt, Sie nicht mehr fesseln können,
-werden es gewis keine andere, noch weniger meine, als welche sehr
-gering sind, vermögen. &mdash; Besser empfinde ich, was in mir vorgehet, als
-ichs mit Worten auszudrücken vermag, war des Herzogs Antwort; Genug,
-mein bestes Fräulein! ich liebe Sie von Grund der Seele, und gestehe
-es<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> ohne weiter gekünstelte Ausdrücke; ersezen Sie durch Güte und ein
-wenig Gegenliebe, die beleidigende Verachtung, die mir die Herzogin
-erweiset.</p>
-
-<p>Ob nun gleich die von Degre ihres Sieges gewis war, wollte sie ihre
-Nachgiebigkeit doch nicht gerade zu den Herzog merken lassen. Sie
-wollte ihm noch einige Zweifel entgegen sezzen, würde aber doch bei
-dieser Unterredung ihr Schiksal bestimmt haben, wann nicht eben die
-Herzogin dazu gekommen wäre. Da diese gar kein Mistrauen hegte, und die
-Gräfin ihre Mutter sie noch kürzlich versichert hatte, der Herzog habe
-keine böse Absichten, näherte sie sich mit Freundlichkeit, zu ihrem
-Gemahl, und sagte: Ich bin recht erfreuet, daß Sie sich mit meiner
-Gesellschafterin unterhalten; es giebt mir den sichersten Beweis, daß
-Sie mich nicht hassen. Ohne Zweifel war die Rede von mir, billig ist
-es also, daß auch ich zu ihrem Vortheil spreche, und Sie, mein Lieber!
-versichere, daß sie schon bei Ihrem ersten hiesigen Aufenthalt sich
-Ihrer Angelegenheiten bei mir mit dem wärmsten Eifer angenommen hat.
-Die von Degre, sich bewust, daß sie eine Person, die so viel Güte und
-Zutrauen hatte, auf das Schändlichste hintergieng, erröthete, und so
-unverschämt<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> sie auch war, konnte sie doch die Blike der Herzogin nicht
-aushalten. Sie neigte ihre Augen, während der Herzog die seinigen
-beständig auf die Undankbare gerichtet hatte. Da Sie es mir zur
-Schuldigkeit machen; Madame! der Fräulein von Degre erkenntlich zu
-sein, sagte er zur Herzogin, bitte ich auf das Angelegentlichste, sie
-noch mehr zu schäzen, als Sie bisher schon gethan haben, damit durch
-Ihre gütige Behandlung sie einigermassen für die Verbindlichkeit, die
-ich ihr schuldig bin, belohnet werde. &mdash; Mit freudigem Herzen nehme
-ich den Befehl an, erwiederte die Herzogin, und das Bestreben, Ihnen
-gefällig zu sein, verbunden mit der Neigung, die ich schon dazu habe,
-versprechen der von Degre die glücklichsten und vergnügtesten Tage.</p>
-
-<p>Während dieser Unterredung, die der von Degre so schmeichelhaft war,
-saugte diese Untreue das ihr angenehme Gift in vollem Maße ein: Der
-Herzog führte seine Gemahlin in ihr Zimmer zurück, woselbst er aber
-nicht lange blieb, sondern den Beghe aufzusuchen eilte. Seine Anrede
-war: Wissen Sie wohl, daß Sie mich eines der schönsten weiblichen
-Geschöpfe, das bis jezt meinen Augen verborgen war, haben kennen
-gelehrt? Begehe ich einen Fehler,<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> wenn ich sie liebenswürdig finde, so
-fällt er auf Sie selbst zurück. Beghe, der nichts sehnlicher wünschte,
-als daß das Herz seines Fürsten mit einem andern Gegenstand, der die
-Liebe zu seiner Gemahlin ganz unterdrücke, beschäftiget wäre, rühmte
-die Schönheit und Annehmlichkeit der von Degre auf eine übertriebene
-Weise. Dieses und ihr schmeichelndes Zuvorkommen, das sie so eben dem
-Herzog gezeigt hatte, waren die sichersten Mittel, das noch übrige
-Ansehen der Herzogin zu stürzen und das ihrige zu befestigen. Sie sind
-es nicht allein, der die Fräulein von Degre schön findet, sagte Beghe
-zum Herzog, ich selbst bewundere ihre Reize; es kommt mir daher nicht
-übernatürlich vor, daß Sie gleichfalls Behagen daran finden: allein
-ob Sie gleich mein Gebieter und Wohlthäter sind, kann ich mich doch
-nicht enthalten, eifersüchtig zu sein. &mdash; Verlieben Sie sich nur nicht
-in sie, erwiederte der Herzog hastig, vielmehr, wenn Sie schon in sie
-verliebt sein sollten, so schlagen Sie dieses ganz aus den Gedanken,
-und lassen sich nur angelegen sein, mir als treuer Bottschafter in
-meiner Liebe zu dienen. Allein, gnädiger Herr! sagte Beghe scherzend,
-wie kann ich Ihre Aufträge in dieser kizlichen Sache besorgen? &mdash; Wenn
-Sie die von Degre ernstlich liebten, antwortete<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> der Herzog, würden
-Sie mich sehr unglücklich machen, und meine Angelegenheit und mein
-Vertrauen stünden alsdann in gefährlichen Händen. &mdash; Sein Sie desfalls
-ausser Furcht, gnädigster Herr! erwiederte der Bösewicht; ich gehorche
-Ihnen unter der Versicherung, daß Sie auch von Seiten der von Degre
-nichts zu befürchten haben. Denn die Ehre, von einem solchen Fürsten
-geliebt zu werden, kann ihr nicht anderst als sehr angenehm sein.<a name="FNAnker_G_7" id="FNAnker_G_7"></a><a href="#Fussnote_G_7" class="fnanchor">[G]</a></p>
-
-<p>In dieser Verfassung stunden die Sachen, und in dieser Lage befanden
-sich die, welche dabei interessiret waren. Des Herzogs Leidenschaft
-wuchs dergestalt, und war so sichtbar, daß die von Degre fast den
-Verstand darüber verlohr, indem ihr nunmehriges Betragen den Schein der
-Ehrbarkeit nicht hatte. Beghe behandelte diese Intrique mit solcher
-Behuthsamkeit und List, daß die Klügsten nichts davon entdeckten, und
-so einsichtsvoll die Herzogin war, dauerte es doch<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> lange genug, bis
-sie etwas davon merkte. Der Herzog machte der von Degre die kostbarsten
-Geschenke; allein, auf Anrathen des Beghe, jederzeit durch die Hände
-der Herzogin; hierdurch wurde, unter dem Schein, ihre Vertraute zu
-belohnen, diese gute Fürstin hintergangen, und man konnte mit Wahrheit
-sagen, daß sie mit Blindheit geschlagen sei. Wenn die von Degre durch
-Jacobinen mit des Herzogs Geschenke überhäuft wurde, nahm sie solche
-anderst nicht, als mit vielem Stolz und Geringschäzung an. Sie sagte
-öfters: dieses alles rührt mich nicht, Madame! wenn er Ihnen nicht
-Gerechtigkeit wiederfahren läßt, und sich als Ihren Sklaven betrachtet.
-So übertrieben sind meine Wünsche nicht, erwiederte die Herzogin,
-ich bin zufrieden, wenn wir nur gleiche Zärtlichkeit, Gewalt und
-Nachgiebigkeit für einander haben; übrigens, wenn er Dir meinetwegen
-Wohlthaten erweiset, so ist es ein sicherer Beweis, daß er die, welche
-ich liebe, gleich schäzet, und daß er mich verbindlich machen will.</p>
-
-<p>So hintergieng die Herzogin von Brabant sich selbst; und Beghe, der
-seine Gewalt durch Hülfe der von Degre täglich zunehmen sahe, wollte
-sein Ansehen immer weiter und auf den<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> höchsten Gipfel bringen.
-Dieses verursachte, daß endlich alles, was von angesehenen Personen
-in Bergen war, anfieng zu murren. Sie erachteten sich verbunden
-zu sein; dem Hochmuth eines Menschen, dem die Nachlässigkeit des
-Herzogs volle Gewalt gab, Gränzen zu sezzen, und ihn zu demüthigen.
-Eberhard, natürlicher Sohn des verstorbenen Grafen von Hennegau, war
-der Aufgebrachteste unter allen. Geheime Kundschaften, die er hatte,
-überzeugten ihn, daß Beghe trachte die zwei Fürstinnen unter eine
-nachtheilige Bottmäsigkeit zu bringen, und da er dies frevelhafte,
-und das Andenken des Grafen von Hennegau beleidigende Beginnen nicht
-zugeben wollte, entschloß er sich solches zu verhindern, und den Beghe,
-es sei auf welche Weise es wolle, von seiner Höhe zu stürzen, der
-aber dergestallt von Herrschsucht eingenommen war, daß er seinen Weg
-unbekümmert, was geschehen würde, fortwandelte.</p>
-
-<p>Der Graf von Hennegau hatte Eberharden eine vortrefliche Erziehung
-gegeben, und ihm beträchtliche Reichthümer hinterlassen; und da er
-zugleich vielen Verstand und Muth besaß, konnte er sich um so mehr
-furchtbar machen. Die Güte seines Herzens flößte ihm Abscheu gegen
-alle Ungerechtigkeiten ein; er konnte daher<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> den Uebermuth des Beghe
-und die Schwachheit des Herzogs nicht länger ertragen. Leztern selbst
-zur Rede zu stellen, würde ihm empfindlich gewesen sein, und die Sache
-nur verschlimmert haben: sich an die Gräfin von Hennegau zu wenden,
-wäre gleichfalls vergebliche Mühe gewesen. Das sicherste schien
-ihm daher, sich grade zu an die Herzogin, die ihn sehr hochachtete
-und viel Vertrauen in ihn sezte, zu wenden. Er redete sie also an:
-Madame! es schmerzet mich, daß ich genöthiget bin, Ihnen eine kleine
-Unruhe zu verursachen, um einer weit grössern vorzubeugen, die gewiß
-verdrüßliche Folgen für Sie haben würde. Die Leichtgläubigkeit des
-Herzogs, Ihres Gemahls hat die Unverschämtheit des Beghe so weit kommen
-lassen, daß er sich das Ansehen giebt, als ob ihm jeder, wer er auch
-sei, untergeben sein müsse. Beständig warnet man mich, daß er sich
-erdreiste, die wichtigsten Angelegenheiten eigenmächtig auszuführen.
-Bald wird er Ihnen selbst befehlen, und sich zum gänzlichen Ruin Ihrer
-Unterthanen bereichern. Die Frau Gräfin von Hennegau widersezt sich
-im geringsten nicht seinen Absichten, noch der Leichtgläubigkeit des
-Herzogs, aus welchen beiden die schrecklichsten Folgen und Unordnungen
-entstehen werden,<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> und wenn Sie desfalls keine Vorkehrungen treffen,
-wird uns dieser Elende Geseze geben und ganz unterjochen. &mdash; Lieber
-Bruder! erwiederte die Herzogin, ich sage Ihnen den wärmsten Dank für
-diese aufrichtige Gesinnung, und gewis setze ich ein unbegränztes
-Zutrauen in Ihre Freundschaft, um derselben meine Angelegenheiten zu
-übertragen. Dächte mein Gemahl nur einigermassen billig, so würde
-er solche allen andern Ergözlichkeiten vorziehen; zu meinem grösten
-Unglück aber, hat mir der Himmel einen Mann gegeben, der weder eigenes
-Gefühl, vielweniger das geringste für mich hat, da er mir doch wirklich
-Erkentlichkeit schuldig ist. Ich gestehe Ihnen frei, daß mir der Beghe
-sehr verhaßt ist. Seine Aufführung, seine Person, sein Stolz, ja!
-selbst seine scheinbare Ehrerbietigkeit, und kurz, sein ganzes Betragen
-mißfällt mir. Ich weis, daß er seines Herrn Ohrenbläser ist, und dieser
-zu allen Niederträchtigkeiten fähige schwache Geist, glaubt seinen
-Eingebungen, wie einem Orakel. Auf meine Warnungen wird nicht geachtet;
-und es ist, als ob mein Gemahl verblendet wäre, da er mir sein ganzes
-Zutrauen entziehet. Wir werden in diesem elenden Zustand schmachten
-und zu der Zeit, da ich am meisten zu beklagen<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> sein werde, wird es
-Menschen geben, die grausam genug sind, die Schuld auf mich zu werfen,
-und meine Aufführung zu tadeln. Meine Mutter ist von den eingebildeten
-Vollkommenheiten ihres Neffen so eingenommen, daß sie selbst seine
-Thorheiten vertheidiget. Was soll ich also anfangen, und bei wem Trost
-und Hülfe suchen? &mdash; Bei mir, Madame! erwiederte Eberhard, sollen
-Sie beides finden. Schon lange mache ich mir Vorwürfe, Ihnen meinen
-Diensteifer nicht bezeigt zu haben. Man muß sich zuvörderst des Beghe
-entledigen. &mdash; Ach! unterbrach die Herzogin, auf welche Art? &mdash; Dieses
-ist meine Sache, Madame! erwiederte Eberhard. Ach! liebster Bruder!
-schrie die Herzogin, ich beschwöre Sie, keine Gewaltthätigkeit zu
-brauchen. Ob ich gleich den Beghe auf das höchste hasse, verabscheue
-ich doch weit mehr alle dergleichen Verbrechen. Denn ob wir gleich
-seine gesezmässigen Richter sein können, dürfen wir doch seine Henker
-nicht werden. &mdash; Und wer erlaubt ihm, ein Meineidiger und Verräther zu
-sein? erwiederte der aufgebrachte Eberhard. Nein, Madame! nein! Sie
-sind gegen diesen ehrsüchtigen Bösewicht zu nachsichtlich; ungestraft
-mißbraucht man Ihre allzugrosse<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Güte nicht. Hierauf, und aus Furcht
-die sanftmüthige Fürstin möchte sich seinem Unternehmen zu heftig
-widersezen, eilte er von ihr, um es ungesäumt auszuführen.</p>
-
-<p>Der Herzog von Brabant war auf der Jagd. Seine Abwesenheit war dem
-Eberhard all zu günstig, als daß er solche nicht gleich hätte nutzen
-sollen. Er gieng zu dem Beghe, den er vermuthlich um eine neue
-Treulosigkeit auszusinnen, nachläsig auf dem Faulbett ausgestrekt
-antraf. In dieser Stellung sahe er ihn mit vieler Verachtung an.
-Der Oberamtmann von Hennegau, ein kriechendes Geschöpf, des Beghe
-Vertrauter, war eben bei ihm. Jenen redete er zuerst an: Sie spielen
-eine saubere Rolle. Beghe ist der Abscheu aller redlich Denkenden,
-und Sie verdienten wegen der Unterwürfigkeit, die Sie ihm bezeigen,
-und durch welche Sie seinem unerträglichen Hochmuth steifen, ein
-ähnliches Schiksal. Hierauf lies der von Rache geleitete Eberhard, den
-Beghe durch fünf bis sechs Entschlossene, die er zu diesem Entzweck
-mitgebracht hatte, vermittelst verschiedener Stiche durchbohren, die
-ihm zugleich die Sprache und das Leben benahmen. Der Oberamtmann war so
-erschrocken über diese behende That, daß er vor Angst, es möchte ihm
-ein gleiches wider<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>fahren, fast von Sinnen kam; also weit entfernt den
-Verschwohrnen die Flucht zu erschweren, erleichterte er vielmehr solche
-durch seine eigne.</p>
-
-<p>Wie der Herzog von Brabant bei seiner Rückkunft erfuhr, was vorgegangen
-war, gerieth er in die schrecklichste Wuth, und drohte, sich an
-jedem, der ihm vorkäme, zu rächen. Die Gräfin von Hennegau, die ihren
-Tochtermann bei allen Gelegenheiten begünstigte, zeigte ihren Unwillen
-öffentlich über diese That, und die Herzogin von Brabant war dermassen
-darüber betroffen, daß sie wie versteinert dastund. Sind Sie es,
-Madame! sagte ihr Gemahl, die mich hat eines treuen Dieners berauben
-lassen? und haben Sie mich etwa zu glücklich geschäzet, weil ich mich
-auf seinen Diensteifer verlassen konnte? Sein Mörder wird nirgends
-Schuz finden, und nichts wird ihn meiner gerechten Rache entziehen.
-Was! mich so wenig achtungswerth zu halten: daß die, die ich schätze
-und liebe, in meinem eignen Hause nicht vor Mord gesichert sind! Was
-wird man erst mit mir selbst vornehmen? Ich bin mit Feinden umgeben,
-und nur durch besondern Schuz des Himmels athme ich noch &mdash; Ich habe
-Sie reden lassen, antwortete die Herzogin, weil ihr Zorn ein Strohm<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
-ist, dem sich zu widersetzen, vergebliche Mühe sein würde. Es ist wahr,
-Ihr Liebling ist umgebracht, und ich bin nur in soweit misvergnügt
-darüber, weil ich dergleichen Greuelthaten hasse; allein wollte der
-Himmel, er hätte niemals gelebt, so würde sein vergifteter Geist sich
-weniger in Hennegau ausgebreitet haben. Nicht durch mich, noch auf
-meine Veranlassung ist er umgebracht worden. Denn vergossenes Blut habe
-ich jederzeit verabscheuet. Allein bei diesem, Ihnen so nahe ans Herz
-gehenden Unfall, werden Sie an der von Degre eine mitleidige Trösterin
-finden. &mdash; Unvorsichtiger Weise sprach die Herzogin das leztere; denn
-man hatte sie von dem geheimen Verständnis des Herzogs mit der von
-Degre glaubhaft belehret. Ganz wüthend erwiederte der Herzog: Ja! und
-ich werde Ihre Mitschuldige zu verhindern wissen, daß ihr das nämliche
-Schicksal des unschuldigen Beghe nicht widerfahre. &mdash; Sie werden wohl
-thun, erwiederte die Herzogin ganz gleichgültig; es ist das Geringste
-das Sie für ein Mädchen thun können, das Ihnen Ehre, Gebieterin und
-Reize aufgeopfert hat; denn eines gewissen Umstands wegen bemerke ich,
-daß leztere ziemlich abnehmen. Hierauf kehrte sie ihm den Rücken; er
-aber gieng zur von Degre, deren Gesichtszüge und Leibesgestalt<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> sich
-wirklich verändert hatten, ohne deswegen ihrem boshaften Sinn Gewalt
-anzuthun, die dann den Beghe, als ihre verlohrne Stütze, mit der
-heftigsten Gemüthsbewegung beweinte.</p>
-
-<p>Die Gräfin von Hennegau, die den Eberhard nicht liebte, war zum
-heftigsten gegen ihn aufgebracht. An ihr und ihren Nachstellungen hat
-es nicht gelegen, daß er dem Volk in Bergen auf dem Blutgerüste wäre
-zur Schau ausgesezet worden: Allein er war in Sicherheit; und dieses
-war keine geringe Erleichterung für die bekümmerte Herzogin.</p>
-
-<p>Die an die Stelle der von Degre zu der Herzogin kam, hatte viel
-Verstand und war tugendhafter. Ohne aufdringlich zu sein, noch sich
-verdächtig zu machen, hatte sie gleich zu Anfang des Umgangs Beghe
-mit der von Degre geschlossen, daß ihr beiderseitiges Verständnis
-böse Absichten zum Grund habe. Sie entdeckte alles, und sie war es
-eigentlich, die mit einer lobenswürdigen Vorsicht ihrer Gebieterin die
-Augen öfnete. Die Herzogin, die schon des Kummers gewohnt war, zeigte
-eben keine grosse Empfindlichkeit bei dieser leztern Beschimpfung;
-der Herzog war nicht liebenswürdig genug, um jene alle Gemüthsruhe
-benehmende Eifersucht, die öfters mit dem Verlust<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> des Verstandes
-vergesellschaftet ist, zu erwecken, allein wenn sie zurük dachte, wie
-sehr sie dieser Treulose geliebt hatte, kam sie aus aller Fassung; und,
-da vollends ihre neue Gesellschafterin, die sich Climberge nennte, ihr
-die Stärke des Leibes der von Degre bemerken lies, betrachtete sie
-selbige nicht anderst als ein schändliches, undankbares Ungeheuer.</p>
-
-<p>Indessen der Herzog von Brabant den Beghe beweinte, und nur allein
-für die von Degre lebte, die ihn ganz bezaubert in ihrem Neze hielt,
-machte die Herzogin ihre Mutter so aufmerksam auf Dinge, die diese ohne
-nicht ganz von Eigensinn eingenommen zu sein, unmöglich gleichgültig
-ansehen konnte. Kaum sahe der Herzog seine Gemahlin täglich einmal, da
-er im Gegentheil seine Zeit ganz bei der von Degre zubrachte. Endlich
-legte der Herzog alle Verstellung ab, und der von Degre Schande fieng
-an allgemein bekannt zu werden. Nun Madame! sagte die Herzogin zu
-ihrer Mutter, Sie haben mich genöthiget, ja gezwungen, dem Herzog von
-Brabant meine Hand zu geben. Was sagen Sie jezt zu seiner Aufführung,
-und in der Lage, in welche er mich versezet, wie soll die meinige sein?
-&mdash; Sie müssen sich nicht vorstellen, daß die Ehemän<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>ner, besonders
-die Fürsten sich eben einer so grossen Treue gegen ihre Gemahlinnen
-befleisigen. Wäre Ihr Vater unter der Zahl der allzugewissenhaften
-gewesen, so würde der Beghe noch leben, sein Mörder nicht gebohren,
-und wir in keiner so grossen Verwirrung sein. Verzeihen Sie ihm also
-diese jugendliche Ausschweifung, die sich mit den Jahren legen wird.
-&mdash; Was! Madame, rief die Herzogin aus, sind es grade meines Vaters
-Schwachheitsfehler, die er nachahmen soll? Gebe ich auch zu, daß ein
-Jüngling, vermöge seiner noch wenigen Erfahrung, ausschweifen, und
-sich, mit Hintansezung seiner Ehre, vergnügen kann, ist es darum unserm
-Geschlecht, und besonders einem Mädchen, das Sie mir zugesellet haben,
-das mit mir erzogen worden, das ich allen andern mit Achtung vorzog,
-das mein ganzes Vertrauen besaß, und das nun der ganzen ehrbaren Welt
-ein Aergernis ist, erlaubt. Genehmigen Sie auch noch sein jeziges
-Betragen, oder muthen Sie mir vielleicht gar zu, um ihm gefällig zu
-sein, die Vermittlerin seiner schändlichen Ausschweifungen zu werden?
-&mdash; Sie reizen meine Gedult auf das äuserste, erwiederte die Gräfin.
-Ihren Reden nach hat es das Ansehen, als ob Sie sich Dinge in Kopf
-setzen, die niemals entstehen wer<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>den. &mdash; Ha! Madame, erwiederte
-die Herzogin weinend, Sie sahen sie lange zuvor ein; denn die bösen
-Eigenschaften des Herzogs waren Ihnen zur Gnüge bekannt, und doch
-zwangen Sie mich, ein Opfer derselben zu werden. &mdash; Sie legen mir
-also die Schuld Ihres Misvergnügens allein bei, erwiederte diese
-unnatürliche Mutter; Gut! ich werde mich daher von Ihnen entfernen,
-und da Sie selbst so einsichtsvoll sind, wird es Ihnen ein leichtes
-sein, dem drohenden Unglück vorzubeugen. &mdash; Hierauf verlies sie das
-Zimmer, und stürzte die Herzogin durch ihre, am folgenden Tag wirklich
-unternommene Abreise nach Quesnoy, in unaussprechlichen Gram. Du
-siehest, sagte sie zur Climberge, daß mich alles verläßt, und ich muß
-fürchten, daß endlich auch Du, wie mein Gemahl, meine Mutter, meine
-Dienerschaft, ja! öfters mein eigener Verstand, mich noch verlassen
-wirst. Gerechter Himmel! was habe ich verbrochen, daß du mich mit so
-viel Unglück heimsuchest? Mein Wandel ist schuldlos, kein Verbrechen
-habe ich begangen, dennoch sind meine Leiden groß, und bald werde
-ich, statt wie ich es gekönnt hätte, in gewissem Glanz zu leben, vom
-Glück ganz verlassen, der Spott und die Verachtung der Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> sein.
-Ha! Climberge! wie gepreßt ist mein Herz, und wie schwach sind meine
-Kräfte, dergleichen harten Prüfungen zu widerstehen! &mdash; Ich gestehe
-aufrichtig Madame! erwiederte die Gesellschafterin, daß Sie nichts
-weniger, als ein so trauriges Schicksal verdienen; dieses, nebst dem
-unschuldvollen Bewustsein muß Ihnen die Leiden erträglicher machen.
-Unterliegt Ihr Muth ganz, so können Sie leicht urtheilen, wie es mit
-dem meinigen beschaffen sein würde. Ohne ungerecht zu sein, dürfen Sie
-an meiner aufrichtigen und ehrfurchtsvollen Ergebenheit nicht zweifeln.
-Setzen Sie mich, theureste Fürstin! auf die Probe. Ich verabscheue die
-von Degre, deren Betragen jedem Redlichen ein Greuel sein muß, und die
-wegen ihrer schändlichen Undankbarkeit nicht hart genug bestraft werden
-kann. Es wundert mich nicht, daß die Tugend eine Buhlerin verläßt,
-noch daß ein schwacher Fürst sich so weit vergehet, die ehelichen
-Pflichten hintan zu setzen; aber daß die Frau Gräfin von Hennegau, der
-Sie leider! zu viel nachgegeben haben, sich unverantwortlicher Weise
-entfernet, und Sie in einer so traurigen Lage verlassen hat, dieses
-deucht mir entsezlich zu sein, und ich kann nicht ohne tiefe Wehmuth an
-dieses Verfahren denken. &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> Laß mich! rief die Herzogin schluchsend,
-laß mich, grausames Schicksal! deine ganze Härte fühlen! Unter
-allen Wegen, die Du mir zeigest, werde ich immer den unschuldigsten
-einschlagen; bin ich bestimmt unglücklich zu sterben, werde ich doch
-wenigstens den Trost haben, schuldlos mein Haupt niederlegen zu können.
-Climberge weinte mit der Herzogin, und sie würden beide wahrscheinlich
-noch lange in dieser traurigen Beschäftigung geblieben sein, wenn der
-Herzog nicht dazu gekommen wäre und sie gestöhret hätte. Nun, Madame!
-sagte er mit stolzem und verachtendem Ton, Ihr mürrischer Sinn hat
-denn endlich die Frau Gräfin von Hennegau vertrieben; zum Lohn ihrer
-zärtlichen Sorgfalt muß sie nun den bittersten Schmerz empfinden. Für
-wen bewahren Sie Liebkosungen, wenn die, die das erste Recht drauf
-haben, und die Ihnen am schäzbarsten sein sollten, solche entbehren
-müssen? &mdash; Wenn ich aufgelegt wäre mich zu ereifern, erwiederte die
-Herzogin mit vieler Mässigung, so gäbe mir ihr Betragen Stoff genug.
-Sie sind der Urheber alles dessen, was vorgeht, und die Quelle meiner
-Leiden. Meine Mutter hat eigensinniger Weise drauf bestanden, daß ich
-Sie heirathen sollte, ob ihr gleich Ihre Gemüthsbeschaffenheit nicht
-unbekannt<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> war. Wie belohnen Sie diesen meinen unglücklichen Gehorsam?
-Sie beleidigen mich auf hundertfältige Weise; und, nicht zufrieden
-mich die größte Verachtung empfinden zu lassen, füllen Sie noch mein
-Haus mit Schimpf und Schande; da Sie unter meinen Augen eine meiner
-Frauen, die ich am meisten schäzte, verführen. Hohnlachend unterbrach
-der Herzog: ich rathe Ihnen, noch auf die Liste meiner Verbrechen
-den Mord des Beghe zu sezen, ob ich gleich solchen Ihrer unmässigen
-Begierde, allein herrschen zu wollen, zu verdanken habe. In Ansehung
-der von Degre aber sollten Sie mir billig wegen der Achtung, die ich
-für sie habe, verbindlich sein, da Sie mir ihre Verdienste öfters
-angepriesen haben, und mein Herz also hier Ihre Empfehlungen erfüllet,
-und Ihre Vorschriften befolget hat. &mdash; Ha! Grausamer, welche Folgen
-von Leiden bereiten Sie mir? Ueberflüssig wäre es, Sie an Vernunft,
-Pflicht und Ehre zu erinnern, denn von allen diesen Dingen wissen Sie
-nichts, noch weniger sind Sie fähig, solche auszuüben. Fahren Sie
-in Ihrem feigen und gesezwidrigen Leben fort: triumphiren Sie über
-meine Enthaltsamkeit, und verstatten mir, der von Degre einen Plaz
-einzuräumen, den ich mit Widerwillen innen habe,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> und auf den ich von
-Grund der Seele Verzicht thue.</p>
-
-<p>Der Unwille verhinderte die Herzogin ein mehreres zu sagen. Sie gieng
-in den Garten, um in der Einsamkeit ihrem beklemmten Herzen durch
-eine Thränenfluth Luft zu schaffen. Allein hier fand sie abermal neue
-Gelegenheit zum Misvergnügen. Die von Degre, deren Schwangerschaft sich
-nun allgemein offenbahrte, saß unter einem Baum. Mit frecher Stirne
-trug sie ihre Schande, sie kam nicht mehr zur Herzogin; es war ihr
-ausdrücklich verboten und ihr aller Zutritt versagt. Sie schauderte und
-konnte ihren Zorn, bei dem Anblik dieser frechen und ganz unverschämten
-Kreatur, nicht verbergen. Anfangs wollte sie ihr ausweichen, allein ihr
-Unwille sezte sie über alle Betrachtungen weg. Schnell gieng sie auf
-die von Degre los, die kaum eine geringe Bewegung zum Grüssen machte.
-Ich stöhre sie vielleicht in Ihrem Nachdenken, sagte die Herzogin;
-allein da Sie meine ganze Glückseligkeit zernichtet haben, würden Sie
-ungerecht sein, wenn Sie mir diesen geringen Verdruß nicht zu gut
-halten wollten, da Sie mir durch Ihr Betragen so unendlich grossen
-verursachen. &mdash; Wenn Sie Misvergnügen haben Madame! erwiederte die von
-Degre ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> alle Ehrfurcht, ganz unbescheiden, müssen Sie sich die
-Schuld selbst beimessen. &mdash; Ich gestehe es, erwiederte die Herzogin.
-Denn wenn ich nicht blinde Güte und thörigtes Nachsehen für Sie gehabt
-hätte, würde ich vielen Verdruß überhoben sein. In was vor einem
-verächtlichen Zustand befinden Sie sich jezt, und wie können Sie mir
-in solchem unter die Augen treten? Habe ich Sie gelehret dergleichen
-niederträchtige Handlungen zu begehen; und wer hat Sie sonst dazu
-angeführet? Noch wenn Sie unvorsichtiger Weise, oder durch Verführung
-zu Fall gekommen wären, würde man Sie wegen Ihrer Schwachheit bedauern,
-wenigstens nicht verabscheuen so aber, da Sie selbst den Herzog zu
-dieser schimpflichen Leidenschaft verführet, sich ihm freiwillig Preis
-gegeben und ihn zu Bosheiten verleitet haben, deren er bisher unfähig
-war, verdienen Sie kein Mitleiden. Was für Folgen werden aus diesem
-strafbaren Verständnis entstehen? Sie werden ohne Zweifel elendiglich
-umkommen, und Ihr verführter Liebhaber wird in den Abgrund des
-Verderbens stürzen, den Sie ihm zubereitet haben. &mdash; Die von Degre,
-die sich nun zu Antworten genöthiget sahe, war verlegen, was sie zu
-ihrer Vertheidigung vorbringen sollte. Glüklicher<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Weise zog sie der
-Herzog, den sie von ferne kommen sahe, aus der Verlegenheit. Sie
-können, Madame! sagte sie mit wenigen Worten, dem Herrn Herzog alles
-was Ihnen gefällig ist, sagen, ich glaube daß er Sie sucht; und es wäre
-unbescheiden von mir, Sie in der Unterredung durch mein Verweilen zu
-stöhren, und Ihnen einen so verhaßten Gegenstand länger vor den Augen
-zu lassen. Sie kehrte hierauf der Herzogin den Rücken, die einen andern
-Weg gieng um ihrem Gemahl nicht zu begegnen.</p>
-
-<p>Sobald die Herzogin auf ihrem Zimmer war, lies sie, in Gegenwart der
-Climberge, ihren Thränen freien Lauf. Ich muß fliehen, sagte sie zu
-ihr, und sollte mich gleich die ganze Welt tadeln, unmöglich kann ich
-länger an einem Ort bleiben, wo ich nichts als Gift und Galle einnehme.
-&mdash; Wo wollen Sie aber hin, Madame! erwiederte Climberge, und welchen
-Entschluß kann ein Frauenzimmer Ihres Rangs bei einer so kizlichen
-Sache fassen? &mdash; Ich weis es selbst nicht, antwortete die Herzogin;
-allein ich hoffe, daß so bald ich nur aus Bergen bin, der Himmel mir
-alsdann eingeben werde, was ich weiter thun soll. So hartherzig meine
-Mutter ist, kann mich doch nichts von der Ehrerbietung, die ich ihr
-schuldig bin, befreien. Ob sie mich<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> gleich verlassen hat, muß ich sie
-doch aufsuchen. Rufe den Descaillon. Dieser war der treuste Diener
-meines Vaters, und noch der Einzige unter den meinigen allen, auf
-dessen Treue und Redlichkeit ich mich verlassen kann. &mdash; Climberge
-befolgte diesen Befehl; und kaum hatte die Herzogin dem Descaillon ihr
-Vorhaben eröfnet, traf dieser so geheime und schleunige Anstalten, daß
-sie schon den andern Morgen mit Tagesanbruch aus Bergen war. Sie gieng
-nach Quesnoy zu ihrer Mutter, die sich über ihre unvermuthete Ankunft
-nicht wenig wunderte. Nachdem sie dieselbe mit kindlicher Ehrfurcht
-umarmt hatte, sagte sie zu ihr: Madame! verdammen Sie meine Reise
-nicht, und lassen Sie vielmehr meiner Gedult Gerechtigkeit widerfahren.
-Der Herzog von Brabant behandelt mich mit tirannischer Unanständigkeit;
-sein Sie billiger und häufen meine Leiden nicht durch harte
-Gleichgültigkeit. Behält der Herzog volle Gewalt, so wird er mit unserm
-Eigenthum nicht allein die von Degre, sondern die ganze Rotte seiner
-nichtswürdigen und unverschämten Höflinge bereichern, wie er es schon
-gethan hat. &mdash; Meine liebe Tochter! unterbrach die Gräfin, Ihr Schmerz
-rühret mich; ich bin nicht so unmenschlich als Sie es vielleicht von
-mir glauben, und ich gebe ihnen die Versicherung<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> meiner zärtlichsten
-Liebe und Theilnehmung Ihrer Leiden. Schon lange sollte die Aufführung
-Ihres Gemahls meine Langmuth erschöpft haben; allein zur Ehre unseres
-Hauses müssen wir uns zuvörderst bemühen, ihn durch Gelindigkeit
-und Güte zur Reue zu bringen. Wir wollen uns hierzu des Herzogs von
-Burgund, dessen Ansehen etwas vermag, bedienen, und wenigstens die
-Sache so einleiten, daß man nicht sagen kann, Sie hätten Ihren Gemahl
-leichtfertiger Weise verlassen. Ich weis zwar, daß Sie gegründete
-Ursachen dazu haben; allein es werden noch weit wichtigere erfordert,
-um Sie vor der Welt dieses wichtigen Schritt wegen zu entschuldigen.
-&mdash; Nun gut, Madame! antwortete die Herzogin, handeln Sie nach eigenem
-Gutdünken. Ihr Wille soll der Meinige sein, und ich will bei Ihnen,
-als einem ruhigen und unverletzlichen Zufluchtsort, den Erfolg Ihrer
-Bemühungen abwarten.</p>
-
-<p>Hierauf schrieb die Gräfin von Hennegau an den Herzog von Burgund,
-ihn von der ganzen Lage der Sache zu unterrichten. In ihrem Schreiben
-schilderte sie mit vieler Klugheit und Wahrheit das Betragen des
-Herzogs von Brabant; und Descaillon, der eigends damit abgeschickt war,
-fügte noch mündlich alles bei, was zum Vortheil<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> der Herzogin gereichen
-konnte. Auch machte der Herzog von Burgund keine Schwierigkeiten,
-sich des Zwists zweier Personen, die ihm so naheanverwandt waren,
-anzunehmen, um sie wo möglich zu vereinigen.</p>
-
-<p>Der Herzog von Brabant, der sich einzig und allein mit seiner
-gesezwidrigen Liebe beschäftigte, bekümmerte sich wenig um die Abreise
-seiner Gemahlin. Wie ihm die Vorschläge zur Aussöhnung gemacht wurden,
-antwortete er schlechterdings: Die Herzogin könne zurückkommen, wann
-sie wollte; allein seine Beischläferin würde er in kein Kloster
-schicken, noch seine Lieblinge vom Hof entfernen, wie man es ihm
-vorgeschlagen habe. &mdash; Die Gräfin von Hennegau nahm diese schwürige
-Antwort für befriedigend an, und verlangte, daß es ihre Tochter auf die
-Willkühr des Herzogs ankommen und auf seine gegebene Zusicherung nach
-Bergen zurückgehen sollte; denn man müste ihm die Schande ersparen,
-als ob er gezwungener Weise hätte nachgeben müssen. Nun verlohr die
-Herzogin völlig ihre bisher noch gehabte Mässigung. Nachdem sie ihren
-vergangenen und künftig zu erwartenden jämmerlichen Lebenswandel lange
-überdacht hatte,<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> faßte sie den Entschluß, nach England überzu gehen.
-Sie lies sich durch den vertrauten Descaillon nach Calais bringen, wo
-sie sich einschifte, von dannen sie ohne weitere Hindernis in London
-glücklich anlangte.</p>
-
-<p>Ob gleich die Kriegsflamme an verschiedenen Orten Europens hell
-leuchtete, und der Englische Hof, wegen dem Absterben seines Königs
-Heinrich des V. in Trauer versezt war, herrschte dennoch Höflichkeit
-und galante Lebensart an demselben.<a name="FNAnker_H_8" id="FNAnker_H_8"></a><a href="#Fussnote_H_8" class="fnanchor">[H]</a> Humphrei, Herzog<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> von Glocester,
-des verstorbenen Königs Bruder, war damals Regent in England.
-Dieser Prinz hatte vortreffliche Eigenschaften, aber dabei einen
-ausserordentlichen Hang zu Liebeshändeln;<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> selten sahe er ein schönes
-Frauenzimmer, ohne daß sein Herz nicht davon eingenommen ward: Die
-Herzogin von Brabant traf es daher nicht frei an; ihre Reize aber
-verdrängten bald alle anderen Gegenstände aus demselben. Verbunden
-mit majestätischem Ansehen sprach sie mit Ueberzeugungskraft. Ihre
-Sache war gerecht, und der Herzog, zum Innersten gerührt, gab ihr
-die Versicherung, daß sie mit Englands ganzer Macht beschüzt und als
-Königin verehret werden sollte. Diese Versicherungen begleitete er mit
-noch einigen besondern Versprechungen; und die Herzogin von Brabant
-konnte dem Himmel wegen dem glücklichen Erfolg ihrer Reise nicht
-dankbar genug sein. Durch das edelmüthige Betragen und die gefällige
-Sorgfalt des Herzogs sahe sie bald ein, daß er sich die Beförderung
-ihres Glücks, wie seines eigenen, angelegen sein lies. Eins der
-Königlichen Paläste wurde ihr zur Wohnung angewiesen, in welchem sie
-mit außerordentlicher Pracht und Aufmerksamkeit bedienet ward, und
-es wurden ihr solche Ehrerbietungen erwiesen, deren sich noch keine
-Fremde zu rühmen gehabt hatte. Jedermann trachtete sich ihr gefällig zu
-erzeigen, und ihr den Auffenthalt angenehm zu machen, und sie erkannte
-bald den Unterschied, der zwischen einem<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> großmüthigen Beschützer und
-einem unwürdigen Gemahl ist.</p>
-
-<p>Diesen Gegensatz empfand die Herzogin im innersten des Herzens, und
-die Climberge, die es wohl einsahe, bezeugte ausserordentliche Freude,
-daß ihre Reize dieses bewirkt hätten, weshalb sie der Herzogin Glück
-wünschte. Aber liebe Climberge! erwiederte die Herzogin, ich begreife
-nicht, daß Du wegen einer Sache, die mir neue Verdrüßlichkeiten
-zuziehen könnte, vergnügt sein kannst. Sind meine Verdienste etwa hier
-grösser, als sie zu Bergen waren, und glaubest Du, daß meine Flucht
-mich in Achtung halte? Ausserdem bin ich deswegen von der ehelichen
-Treue losgesprochen, weil ich mich in einem fremden Staate, den
-nur eine schmale See von meiner Heimath absondert, befinde; und so
-ungerecht der Herzog von Brabant auch immer ist, bin ich ihm deswegen
-weniger Zeitlebens verknüpft? &mdash; Nein Madame! antwortete die Climberge,
-er hat Sie auf eine Weise behandelt, die von aller Schuldigkeit
-befreiet. Die Kirche, die sie zusammen gegeben hat, ist keine
-unbarmherzige Stiefmutter; sie kann eine üble Verbindung aufheben;
-und unzählig gegründete Ursachen sprechen hier zu Ihrem Vortheil. &mdash;
-Schweig! und verschone mich mit deinen Träu<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>mereien, erwiederte die
-Herzogin; ich bin unter einem unglücklichen Gestirn zur Welt gekommen
-mein Loos ist zu Widerwärtigkeiten bestimmt; und wenn es an dem wäre,
-daß der Herzog von Glocester einige Liebe zu mir empfände, ich auch
-gleich von meiner Verbindung mit dem Herzog von Brabant losgesprochen
-wäre, würde ich mich doch in keine weitere eheliche Sclaverei begeben.
-Von zwei Gemahlen, die ich in meinen jugendlichen Jahren hatte, starb
-der eine unglücklicher Weise, kaum daß wir einander kennen lernten,
-und der andere beschimpfet mich gleich nach unserer Verbindung ganz
-niederträchtiger Weise. Glaubest Du, daß ich bei einem Dritten ein
-besseres Schicksal zu erwarten hätte? und würde ich nicht in steter
-Furcht sein, alle Unfälle, die ich schon erfahren habe, und vielleicht
-noch stärkere zu erdulden? Nähre daher deine Einbildungskraft nicht
-weiter damit; nur an mir bist Du mit den Trübsalen bekannt worden.
-Denn wenn Du sie an Dir selbst erfahren hättest, würdest Du mit mir
-eingestehen, daß, wenn der Mensch zum Leiden bestimmt ist, ihn nichts
-in der Welt davor schützen kann. &mdash; Also Madame! erwiederte Climberge,
-Sie wollen vorsetzlich Ihre Leiden durch die Furcht vergrössern, daß
-die eingebildeten<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> künftigen den vorigen, wirklich schon erduldeten,
-gleich kommen, wo nicht gar übersteigen würden? Ueberlegen Sie dagegen,
-daß der Himmel gerecht ist, und Sie vor allem schützen, ja! Ihre
-bisherigen Leiden auf einmal stillen kann, und wird. Uebrigens sind
-Sie dem Herzog von Brabant, seiner schlechten Aufführung wegen, keine
-Schonung mehr schuldig. &mdash; Nein! Climberge, unterbrach die Herzogin,
-wenn ich auch gleich keine Achtung für den Herzog mehr hätte, müste
-ich doch jederzeit derjenigen eingedenk sein, die ich meiner eignen
-Ehre schuldig bin. Das Vorgeben, daß ich ihn gegen meinen Willen
-und gezwungener Weise zum Gemahl genommen habe, würde vor der Welt
-nicht hinlänglich sein, mich eines solchen neuen Fehlers wegen zu
-entschuldigen. Ich habe nun einmal diesen Schritt gethan, es wäre
-aber viel verzeihlicher gewesen, damals meiner Mutter ungehorsam zu
-sein, als jezt meinem Gemahl zu entsagen, so viel Verdruß er mir auch
-macht. Ich habe mich auch nicht mit dem Vorsatz ganz los zu sein
-entfernet, sondern nur um kein Augenzeuge seiner, gegen alle Ehrbarkeit
-streitenden Aufführung mehr zu sein. Im strengsten Verstand aber hätte
-ich alles dulden müssen, seine Unbestän<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>digkeit, seine Verachtung,
-ja sogar die Härte mit der er mich behandelt hat. Genug tugendhafte
-Frauen haben mir Beispiele in ähnlichen Fällen gegeben; allein ich
-war zu schwach, ihnen nachzuahmen. &mdash; Setzen Sie noch hinzu Madame,
-unterbrach Climberge, daß Sie auch schwach genug sein werden, sich ganz
-aufzuopfern; und der eingebildeten Ehre wegen, von welcher heut zu
-Tage die Tugendhaftesten das Joch abschütteln, wird Sie der Herzog von
-Brabant nichts destoweniger mit eben der Wuth, mit der er Sie zu Bergen
-verfolgt hat, ferner verfolgen, und die von Degre wird die Höllenfurie
-sein, die Sie beständig und überall wo Sie sich aufhalten, quälen und
-Ihnen alle Drangsale anthun wird.</p>
-
-<p>Der Herzog von Glocester, dessen Bestreben von nun an war, sich
-der Herzogin von Brabant gefällig zu erzeigen, unterbrach diese
-Unterredung durch seine Zwischenkunft. Madame! sagte er, ich komme
-vielleicht zur ungelegenen Zeit: allein wenn ich Sie oft aufsuche, so
-schreiben Sie es einer heftigen Leidenschaft, der zärtlichsten Liebe
-zu. All mein Streben gehet dahin, Ihnen überzeugende Beweise davon
-zu geben; und wollten Sie mich unglücklicher Weise nicht erhöhren,
-so würde<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> ich der bedauernswürdigste Mensch auf dem ganzen Erdboden
-sein. &mdash; Wenn Sie gleich, Herr Herzog! erwiederte die Fürstin, die
-wichtigen Staatsgeschäfte, die Ihnen obliegen, nicht dadurch versäumen
-wollten, daß Sie mir Beweise Ihrer Achtung und gütigen Fürsorge,
-die Sie für nöthig halten, das bittere meiner Leiden zu versüssen,
-stetshin zu geben belieben, würde ich Ihnen doch gewis schon grosse
-Erkenntlichkeit wegen Ihrer Aufmerksamkeit, und dem Zuvorkommen aller
-meiner Bedürfnisse, schuldig sein. &mdash; Die Staatsklugheit, erwiederte
-der Herzog, ist nicht der Beweggrund meiner Handlungen, sondern
-die Triebe meines zärtlichen Herzens sind es, die mich leiten. &mdash;
-Unendlich leid würde mir es sein, unterbrach sie, wenn Sie würklich
-die Empfindungen hätten, die Sie so eben gegen mich äussern. Mein
-Lebenslauf ist Ihnen bekannt; ich bin zu elend Sie zu begünstigen;
-denn ob ich Ihnen gleich unzählbare Verbindlichkeiten schuldig bin; so
-habe ich doch solchen nichts als wahre Hochachtung und unvollkommene
-Dankbarkeit entgegen zu setzen. &mdash; Madame! erwiederte Humphrei, so
-grosse Verbindlichkeiten, wie Sie glauben, sind Sie mir nicht schuldig:
-denn nur meine aufrichtige und reine Liebe ist der Zoll,<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> den jedes
-empfindsame Herz Ihren Vollkommenheiten und Reitzen, zu entrichten
-schuldig ist. &mdash; Meine Reitze, antwortete die Herzogin, sind sehr
-mittelmässig, und wenn sie ja jemanden zu rühren vermöchten, wünschte
-ich, daß es einen anderen als einen Fürsten wäre, den ich unendlich
-ehre und schätze, und dessen Gemüthsruhe mir so angelegen ist. Lassen
-Sie mich die Last meiner Leiden in Gedult tragen, ohne solche durch
-neue zu erschwehren, und überlegen dabei, daß Sie durch Stöhrung meiner
-Ruhe, den Schutz, den Sie mir so großmüthig haben angedeihen lassen,
-vereiteln und sich verdächtig machen würden. &mdash; Sie könnten, Madame!
-unterbrach der Herzog, ohne sich weiter unglücklich zu machen, meine
-Glückseligkeit befördern. Der ganzen Welt ist bekannt, wie unwürdig
-der Herzog von Brabant Ihrer ist. Ausserdem sind Sie in einem Grad
-Blutsfreundschaft mit ihm verwandt, der eine Ehescheidung noch viel
-gültiger macht. Ziehen wir desfalls den Pabst Benedickt zu Rath; er
-ist in dergleichen Fällen nicht allein am besten bewandert, sondern er
-wird sich auch gewis sehr billig finden lassen. Was haben Sie nachher,
-Madame! weiter zu befürchten, da Sie von einem Prinzen, der Sie ewig<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>
-anbetet, beschützet werden, und der Englands ganze Macht aufbieten
-wird, Ihren Verfolgern, Trotz zu bieten. &mdash; Ganz mißfiel Jacobinen (die
-wir in der Folge nicht anderst nennen werden) dieser Antrag nicht. Der
-Herzog von Glocester war zärtlich und überaus einnehmend; es war ihr
-daher nicht zu verdenken, daß sie selbst Verlangen trug, von einem
-Gemal, den sie niemals geliebt hatte, und welchen sie vielmehr jezt zu
-hassen berechtiget zu sein glaubte, vor immer geschieden zu werden.
-Allein der Vorschlag geschahe durch einen Prinzen, den sie noch nicht
-genug kannte, und der vielleicht mehr durch die Gewalt einer heftigen
-Leidenschaft hingerissen, als durch Vernunftschlüsse, geleitet, nur die
-Befriedigung seiner Begierden suche, und nach deren Genuß Treue und
-Liebe, leicht wieder vergessen konnte. Kurz, unzähliche Betrachtungen
-sezte sie dem schmeichelhaften Entwurf des Herzogs entgegen. Was!
-sagte sie zu ihm, wenn der Pabst mich von der Verbindung mit dem
-Herzog von Brabant lossprechen wollte, so würden Sie Entschlossenheit
-genug haben, mir Ihre Hand darzubieten? Ja! Madame, unterbrach er
-mit Heftigkeit, ja! ich würde dieses Glück als das größte meines
-Lebens schätzen, wenn es mir zu Theil wird,<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> und gewis nach keinem
-andern mehr geizen. &mdash; Sie irren sich, fuhr Jacobine fort, wenn die
-Erlaubnis zur Ehescheidung hier in London zu haben wäre, würden Sie
-vielleicht eine ganz andere Sprache führen. Ausserdem muß man auf
-einem dornichten Pfad nicht so schnell zu laufen wagen; denn hier ist
-die Rede von einer Sache, die das Gewissen, die Ehre und die Religion
-betrift; welcher Richter ist dermalen befugt solche zu entscheiden?
-Wir sehen eine ärgerliche Spaltung in der Kirche; wollen wir solche
-noch dadurch vermehren, daß wir zur Befriedigung unserer Leidenschaften
-Hülfe bei einem oder dem andern Theil suchen? Benedickt ist Pabst,
-und Martin, von vielen unterstüzt, will es gleichfalls sein. Diese
-geistliche Eifersucht trennt die ganze Christenheit, und welcher von
-beiden wird wohl vom heiligen Geist genugsam erleuchtet sein, ein
-gerechtes Urtheil zu fällen? Ruhet er aber auf beiden gleich stark,
-so haben sie auch gleiche Gewalt, und der eine wird nicht verfehlen,
-dem andern in allen Fällen, wie der meinige ist, zu widersprechen; die
-Schande und der Nachtheil aber der für mich hieraus entstehen und auf
-mich allein zurückfallen würde, wäre unauslöschlich. &mdash; Ich glaubte
-nicht, Madame! erwiederte ganz niedergeschlagen<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> der Herzog, daß Sie
-in Ihrer dermaligen Lage an dergleichen heilige Spitzfindigkeiten
-zu denken Ursache hätten. Verzeihen Sie meinen wilden Ausdruck und
-schreiben ihn meiner schmerzlichen Empfindung zu. Ist es erst von Heute
-daß dieser Zwietracht in der Kirche entstehet, und haben nicht andere
-Päbste schon vorher sich in dergleichen Fällen gezankt?<a name="FNAnker_I_9" id="FNAnker_I_9"></a><a href="#Fussnote_I_9" class="fnanchor">[I]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> Wir haben
-Beispiele genug. Haben Menschen, sobald sie als Päbste anerkannt sind,
-die Macht,<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> auf Erden zu binden und wieder zu lösen, warum sollten
-wir uns bemühen, die Gültigkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> ihres Berufs zu untersuchen? Steht
-mir Benedickt Ihren Besiz zu, so mag meinetwegen<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> Martin mit seinen
-Donnerkeilen gegen ihn losstürmen, mein Glück wird nichts destoweniger
-befestigt sein. Uebrigens, Madame! werden Sie durch unsere Verbindung
-dem Abgrund aller Leiden entgehen. Ueberlegen Sie, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> von allen
-denen beträchtlichen Staaten, die Sie ruhig besitzen sollten, Ihnen
-wenig überbleiben wird. Der Herzog von Brabant, der den größten Theil
-durch sein unordentliches Leben schon durchgebracht hat, wird den
-übrigen durch seine Nachlässigkeit, gegen den Herzog von Burgund, der
-sich solche zuzueignen sucht, schlecht vertheidigen. Ein Mann wie
-ich, wird sie aber leicht durch Bestrafung ihrer Undankbarkeit und
-Ehrgeizes zurecht weissen, und niemals werden Sie Ursache haben, die
-mir erwiesene Güte zu bereuen.</p>
-
-<p>Während dieser Unterredung, bei welcher die Climberge zugegen wer,
-hatte Jacobine die Augen beständig zur Erde geheftet. Endlich sagte
-sie zum Herzog: Ich habe Sie gelassen angehöret, lassen Sie mir nun
-auch Zeit, Ihre Gründe zu untersuchen. Vorläufig aber muß ich Ihnen
-gestehen, daß sie mir sehr seicht vorkommen; vielleicht aber finde ich
-sie bei genauerer Erwägung triftiger. Sie würden mich gering schätzen,
-wenn ich blinder Weise in Ihren Vorschlag einwilligte. Sie werden also
-verzeihen, wenn ich mich nicht übereilt entschließe. Der Herzog war
-einstweilen mit dieser Antwort zufrieden, und da er wohl einsahe, daß
-Jacobinens Standhaftigkeit schon ziemlich<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> erschüttert war, wollte er
-vor diesmal nicht weiter in sie dringen, sondern entfernte sich, und
-überlies der Climberge, das übrige für ihn zu bewerkstelligen.</p>
-
-<p>Diese redete Jacobinen folgendergestalt an: Nun Madame! werden Sie doch
-einsehen, daß Ihre Angelegenheiten eine günstige Wendung bekommen. Der
-Herzog von Glocester bietet Ihnen sein Herz, seine Hand und die ganze
-furchtbare Macht, über die er zu gebieten hat, dar. Er verspricht
-noch über dieses die Hülfe des römischen Stuhls: wollten Sie nun noch
-einen Augenblick anstehen, aus unzeitiger und furchtsamer Scham, der
-ungerechten Gewalt des Herzogs von Brabant, der sich so verächtlich
-gemacht hat, zu entsagen? &mdash; Ich verabscheue ihn auch, erwiederte
-Jacobine, allein die Rache, die ich vielleicht schon zu weit getrieben
-habe, muß mich nicht selbst bei der Welt verächtlich machen. Wird
-man mir nicht, wenn ich in das Begehren des Herzogs von Glocester
-einwillige, vieles vorzuwerfen haben? kann man, unter welchem Vorwand
-es sei, einem rechtmässigen Gemahl entsagen, ohne sich dem Tadel
-auszusetzen? In Beurtheilung der menschlichen Handlungen wird selten
-Rücksicht auf Unglücksfälle genommen, und ohnerachtet meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> Unschuld,
-würde ich bald dem Tadel jener strengen Geister, die da wollen, daß
-man alles dulden und sich nie beklagen soll, ausgesezt sein. &mdash; Aber
-Madame! erwiederte die Climberge, wenn Sie einen Pabst, der Ihr Vater,
-Seelsorger und Gewissensrichter zugleich ist, zum Gewährsmann haben,
-was können Sie noch befürchten? Oder hassen Sie etwa gar den Herzog von
-Glocester? &mdash; Ich kann fast nicht entscheiden, antwortete Jacobine,
-ob ich Liebe oder Haß in meinem Herze habe, und es liegt so etwas
-Seltenes in meinem Schicksal, daß der Wohlstand erfordert, es meinen
-Empfindungen ganz unabhängig zu überlassen. Ich habe mich schon zu
-viel über etwas gegen den Herzog von Glocester herausgelassen, das
-mich jezt sehr beunruhiget. Ich verstehe hier, wegen der angetragenen
-öffentlichen Ehescheidung, wovon der Schimpf auf mich zurück fallen
-würde, denn die Kirche, unter zwei entgegengesezten Häuptern, kann
-sicher in dieser mißlichen Sache nicht entscheiden. &mdash; Also Madame!
-unterbrach die Climberge, mit dergleichen Heldenträumereien, wollen Sie
-lieber den tödtenden Gift geduldig einsaugen, als ihn durch heilsame
-Gegenmittel vertreiben. Was! weil wir zwei Päbste haben, wollen Sie
-sich keines derselben<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> bedienen. Ha! Madame! denken Sie nicht so
-schwach; wer weis ob es nicht der Himmel auch um Ihrer Angelegenheiten
-wegen verfügt hat, daß dermalen zwei Päbste sein müssen. Beeifert, sich
-gegeneinander alles streitig zu machen, werden sie nicht verfehlen,
-hier ihre Gewalt zu beweisen. Fehlen Sie nun, wenn dieselbe Sie
-begünstigen; so liegt ja die Verantwortung auf ihnen selbst, und Sie,
-Madame! haben sich desfalls keine Vorwürfe zu machen. Denn sobald der
-eine, oder der andere entschieden haben wird, können Sie in aller
-Gewissensruhe dem Herzog von Brabant entsagen, den Herzog von Glocester
-ehelichen, und den Genus Ihrer noch jugendlichen Jahre, in welchen Sie
-schon so viel gelitten haben, befriedigen. &mdash; Climberge! erwiederte
-Jacobine, die Päbste sind Menschen, und oft Menschen, deren Herzen ganz
-verdorben sind; wie können sie daher göttliche Gesetze, die schon viele
-Jahrhunderte bestehen, und die jedem wahren Christen unverbrüchlich
-sein müssen, zernichten? &mdash; Die Päbste, antwortete Climberge, sitzen
-auf ihrem Gerichtsstuhl, den Unterdrückten Gerechtigkeit und Hülfe zu
-ertheilen. Sie sind nicht die erste tugendhafte Frau die ihre Zuflucht
-dahin genommen<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> hat, Sie würden aber sicher die Einzige sein, die es in
-dergleichen Fall unterlies.</p>
-
-<p>Climbergs Gründe waren Jacobinens Herzen sehr schmeichelhaft. Ausser
-daß der Herzog von Glocester ein angesehener Fürst war, hatte er
-zugleich fürtrefliche Eigenschaften. Bei näherer Untersuchung seiner
-Verdienste verlohren sich alle, der Ehescheidung entgegengesezte
-Schwürigkeiten. Jacobine schloß, daß, sobald die Ursachen ihrer Flucht
-öffentlich bekannt würden, die Schande allein auf den Herzog von
-Brabant zurückfallen werde.</p>
-
-<p>Schlaflos brachte Jacobine die ganze Nacht mit Bestreitung ihrer
-Zweifel zu. Und obgleich in derselben der Antrag des Herzogs von
-Glocesters durch die Climberge nicht unterstüzt werden konnte, sprach
-doch etwas weit vermögenderes zu seinem Vortheil, und die Liebe besigte
-bald alle Schwürigkeiten. Climberge und Descaillon, die beide dem
-Herzog von Glocester ganz ergeben waren, unterstüzten die günstigen
-Gesinnungen Jacobinens, die nun, ob sie gleich noch einige innerliche
-Zweifel beunruhigten, sich nicht mehr weigerte ihre Einwilligung zu
-geben.</p>
-
-<p>Sobald Jacobine die Erlaubnis gegeben hatte, den Pabst Benedickt
-wegen ihrer Ehescheidung anzugehen, empfand der Herzog von<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> Glocester
-unaussprechliche Freude darüber. Er wollte, daß ganz England
-theil daran nehmen sollte; deswegen unterlies er nicht, bei allen
-Gelegenheiten seine großmüthige Freigebigkeit gegen jedermann zu
-zeigen. Derweil man mit dem Pabst in Unterhandlung war, erfand er
-täglich neues Vergnügen, Jacobinen die Zeit angenehm zu vertreiben,
-und sobald der Scheide-Brief des günstigen Pabsts eintraf, wurde die
-Vermählung zwischen dem Herzog von Glocester und Jacobine von Baiern
-vollzogen. Um der Feierlichkeit ein majestätisches Ansehen zu geben,
-berief der Herzog alles, was nur im Stande war, die Pracht und den
-Glanz derselben zu erheben, nach London. Jacobine war noch in der Blüte
-Ihrer Jahre, dabei sehr liebenswürdig und der Herzog so verliebt, daß
-er das ihm widerfahrne Glück nicht genug zu schätzen vermochte. Beide
-aber verlebten einige Monate ganz unbekümmert, ob sie noch andere
-Leiden in der Welt zu erdulden hätten.</p>
-
-<p>Jacobinens Verhängnis aber war zu grausam, sie lange in dem Genus
-einer so süssen Ruhe zu lassen. Es bereitete ihr viel schmerzhaftere
-Streiche, als die, welche sie schon empfunden hatte. Mitten im
-Genus des Vergnügens zog ein fürchterliches Wetter über sie auf.
-Das Concilium<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> zu Costanz hatte Benedickt abgesezt, und hierdurch
-alle Schlüsse dieses Pabsts vereitelt. Bei dieser Nachricht wollte
-Jacobine fast verzweifeln. Der Herzog von Glocester gab sich alle nur
-erdenkliche Mühe, sie zu trösten und verwünschte im Eifer die ganze
-Kirchen-Versammlung. Allein was halfen hier tröstliche Worte und
-Drohungen? Jacobine, die bessere Einsichten, als Klugheit hatte, fand
-nichts darinn, das ihr die Furcht benehmen konnte. Sie zweifelte nicht,
-der Herzog von Brabant würde sich, auf des von Degre Antrieb, an den
-Pabst Martin wenden. Ich werde das Gelächter und der Abscheu der ganzen
-Welt sein, sagte sie zum Herzog von Glocester. Man wird mich hinführo
-nicht anderst, als wie ein schändliches Ungeheuer betrachten, und
-meine Schwachheiten wird niemand entschuldigen. Zwei lebende Ehegemal!
-Gerechter Himmel! wie abscheulig! Ha! Warum ist der bitterste Tod
-meinen Ausschweifungen nicht zuvorgekommen? &mdash; Sie bereuen also, daß
-Sie mich geliebt haben, erwiederte der Herzog, und Sie wollen meine
-Zärtlichkeit damit bestrafen, daß Sie sich Leiden vorstellen, die nur
-in dem Gehirn der niedrigsten Klasse von Menschen Statt haben? Was
-habe ich bis jezt anderst gethan, als Sie bis zur Anbetung geliebet,
-und was kann ich mehr thun als Ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> die theure Versicherung zu
-geben, daß, entstehe auch was da wolle, diese Liebe nur mit meinem
-Tode aufhören wird? Lassen Sie den Martin im Eifer schmählen, so
-lang er will, er ist nichts anderst als ein wiederrechtlicher Regent
-der Kirche, der nur einem der niedrigdenkensten Menschen Gehör geben
-kann. Wir sind glüklich und in Sicherheit. Warum wollen Sie das Gemüth
-mit schrekhafter Einbildungen martern, indessen Sie nur süsse Tage
-verleben können? Ha! Herr Herzog! antwortete Jacobine, Sie sehen
-nicht ein, was ich am meisten zu befürchten habe, und was mir den
-tiefsten Schmerz verursachet. Sie lieben mich jezt, und ich gestehe
-aufrichtig, daß ich es glaube: Wer kann mir aber die Versicherung
-geben, daß Sie mich beständig lieben werden? Die armseligen Reize,
-die Sie gerührt haben, waren zu schwach, die Unbeständigkeit des
-Herzogs von Brabant zu hintertreiben. Die Zeit und der Genuß sind
-die Klippen, an denen Zärtlichkeit und Treue oft scheitern; und
-vielleicht werden Sie eines Tags der erste sein, der mein Betragen
-mißbilligen wird, ob Sie mich gleich darzu verleitet haben. Lassen
-Sie mich also meinen bejammernswürdigen Zustand beweinen. &mdash; Sie
-bürden mir viele Ungerechtigkeiten zugleich auf, Madame! erwiederte
-der Herzog seufzend,<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> und ich glaubte, Sie würden mehr Zutrauen in
-meine Redlichkeit setzen, als mir ein so beleidigendes Mißtrauen
-äusern. Was soll ich thun, und welche Beweise meiner ewigen Treue soll
-ich Ihnen geben? Wollen sie, daß ich England und dessen Regierung,
-die mich bindet, verlassen, und daß wir uns in einem verborgenen
-Winkel der Erde niederlassen sollen, wo wir gegen den Ausbruch des
-Wetters, das Sie ohne Zweifel zu arg fürchten, gesichert, nichts von
-aufgeblasenen Kirchen-Vätern und treulosen Ehemännern mehr hören, und
-wo wir uns einzig und allein mit unserer gegenseitigen Liebe ungestört
-beschäftigen können? Ihre Ehre und Ruhm liegt mir all zu viel am
-Herzen, und ich würde mich schlecht rechtfertigen, wenn ich zugäbe, daß
-Sie solche meinetwegen in einer finstern Einöde vergraben würden. Dieß
-ist der Weg nicht, den ich einzuschlagen wünsche. Wenn Sie in der Liebe
-gegen mich beharren, schätze ich mich nicht ganz unglüklich; verlassen
-Sie mich aber, so bleibt mir nichts als die äuserste Verzweiflung übrig.</p>
-
-<p>Der Herzog umarmte hierauf Jacobinen auf das zärtlichste, und beide
-vergassen auf einige Zeit dergleichen vergebliche Zweifel, die sie
-beunruhiget hatten. Die dienstfertige Climberge, die den Herzog von
-Brabant haßte, und die gegentheils<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> dem Herzog von Glocester, der sie
-mit Freigebigkeiten überhäuft hatte, ganz ergeben war, bemühte sich,
-die Bekümmernisse ihrer Gebieterinn zu zerstreuen, worinn es ihr auch
-oft geglückt haben würde, wann deren nicht täglich neue entstanden
-wären.</p>
-
-<p>Die Gräfin von Hennegau war über das Betragen ihrer Tochter
-ausserordentlich aufgebracht. Sie erwog die Gründe nicht, die eine
-junge beleidigte Fürstin zu ihrer Rechtfertigung haben konnte. Sie war
-ganz auf des Herzogs Seite, verwarf öffentlich den Scheidebrief des
-Benedikts, und behauptete gegen jeden, daß die Ehe, die er begünstigt
-habe, unzulässig sei.</p>
-
-<p>Ob sich nun gleich die von Degre, die noch bei dem Herzog von Brabant
-in grosser Gunst stand, freuete, daß er seine Gemalinn loß war, wuste
-sie doch, um so besser uneigennüzig zu scheinen, ihre Zufriedenheit
-dergestalt zu verbergen, daß man nicht merken konnte, wie sie an
-Jacobinens gänzlichem Verderben arbeite.</p>
-
-<p>Ist es möglich, sagte sie zum Herzog, daß eine grosse Fürstin
-ihre Würde so erniedrigende Handlungen begehet, und daß sie eines
-unbedeutenden, Verdrusses wegen, der nur die Folge ihres Uebermuths
-war, ihren Gemal verläßt, über See gehet, und sich den Umarmungen
-eines Andern Preiß<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> giebt? Ist es überdieß noch möglich, daß ein
-Gegenpabst, ein Mensch, der weder Ehre noch Gottesfurcht besizet, sich
-unterstehet, dergleichen freche Handlungen, den göttlichen Gesezen
-schnur straks zuwieder, und die die Menschlichkeit empören, öffentlich
-zu erlauben und zu begünstigen? Sollen dergleichen Mißbräuche nicht
-bestrafet werden, und wollen Sie sich nicht durch Behauptung Ihrer
-Gerechtsame desfals rächen?<a name="FNAnker_J_10" id="FNAnker_J_10"></a><a href="#Fussnote_J_10" class="fnanchor">[J]</a> Ganz bezaubert über diese Rede,
-erwiederte der Herzog: Liebste von Degre! Der Fehler der Herzogin von
-Glocester ist uns zu vortheilhaft, als daß wir darüber klagen sollten.
-Sie hat mehr für<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> uns gethan, als sie hätte thun sollen, wenn sie es
-zuvor recht überlegt hätte; denn nun kann ich Ihnen ihren Plaz ohne
-Wiederrede einräumen. Sie haben sie aus meinem Herzen verdrängt, und
-freiwillig hat sie sich von mir entfernet. Benedikt ist mir mit seiner
-Gefälligkeit zuvorgekommen, und hat mir die Mühe erspart, ihn selbst
-darum anzugehen, welches ich sicher gethan haben würde. Das Koncilium
-zu Costanz giebt mir ein neues Hülfsmittel, um Ihnen ehestens die Würde
-meines Rangs ertheilen zu können. Nein! Herr Herzog! antwortete dieses
-schändliche Mädchen, Nein! mein Erheben würde Ihrem Ruhm nachtheilig
-sein, und ich bin genug befriediget, da ich das Glük habe, Ihnen nicht
-zu mißfallen. Ich strebe nach keiner andern Ehre, sondern nur nach
-Ihrer beständigen Liebe. Aber verfolgen Sie die Undankbare, die Sie
-verachtet hat; und da der Päbste Aussprüche göttlich sein sollen, so
-suchen Sie den Pabst Martin auf Ihre Seite zu bringen, damit diese
-Männersüchtige, durch öffentliche Beschimpfung gewahr werde, daß sie
-unter der Gewalt eines Menschen stehe, der im äusersten Fall genommen,
-nur als ihr Buhler angesehen werden kann. Ihre Ehre erfordert es, und
-ich beschwöre Sie darum, sezte sie hinzu (auf die Knie vor den Herzog
-fal<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>lend), denn ich kann nicht zugeben, daß der Schimpf einer solchen
-Schandthat auf Ihnen sitzen bleibe. &mdash; Der Herzog, ganz von der Degre
-geäuserten Ergebenheit eingenommen, glaubte leicht, daß sie ihm diesen
-Anschlag aus aufrichtigem Herzen gäbe; und ohne weitere Untersuchung,
-versprach er ganz nach ihrer Vorschrift zu verfahren; wie er dann
-auch von Stund an bedacht war, die Wiederrufung der Bullen des Pabst
-Benedikts vom Pabst Martin zu erhalten. Der mit Blindheit geschlagene
-Herzog hatte bei diesem Unternehmen eine ihm verborgene Hülfe und
-Unterstüzung. Philipp, Herzog von Burgund, der im äusersten Grad
-ehrsüchtig war, sahe Jacobinens Besitzungen mit neidischen Augen an;
-schon lange wünschte er, Gelegenheit zu finden, solche an sich bringen
-zu können.</p>
-
-<p>Diese Zwietracht war ihm also zu Erreichung seiner Absichten sehr
-willkommen. Er stellte sich zwar dem äuserlichen Schein nach, als
-ob er sich alle Mühe gäbe, die Partheien zu vergleichen; allein die
-minder Klügsten konnten leicht einsehen, daß es ihm nicht Ernst war.
-Jacobinens Aufführung machte ihm heimlich boshaftes Vergnügen, nicht
-zweifelnd, er würde im Trüben fischen, und sich bald durch den Raub
-ihrer Staaten bereichern können. Einverstanden<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> mit dem Herzog von
-Brabant, fiel es ihm nicht schwer, vom Pabst Martin ein donnerndes
-Urtheil, das jenes vom Pabst Benedikt zerschmettern sollte, zu
-erhalten. Die Ausdrücke desselben waren ausgesucht und der Kühnheit
-des Päbstlichen Stuhls eigen. Wonnevoll, ganz entzückt war die von
-Degre darüber. Der Herzog von Brabant glaubte, gerächt zu sein;
-die Gräfin von Hennegau, die beständig über ihre Tochter loszog,
-frohlokte über diesen schönen Erfolg; und der Herzog von Burgund freute
-sich innerlich, daß ihm nunmehr die Unordnungen in seiner Famillie
-Gelegenheit verschaften, gemächliche Entwürfe zu machen, den Besiz der
-schon inne habenden Staaten sich zuzusichern, und solchen zu erweitern.
-Nur der Graf von S. Paul, des Herzogs von Brabant Bruder, ärgerte sich
-über diese Mißhelligkeiten und das unkluge Betragen seines Bruders;
-allein mit dem besten Willen war er zu ohnmächtig, es zu hintertreiben.</p>
-
-<p>Diese Nachricht blieb in England nicht lange unbekannt. Ob sie gleich
-Jacobine erwartet hatte, war sie ihr nichts desto weniger empfindlich
-zu vernehmen. Ihr heftiger Schmerz vermehrte sich; sie bezeigte solches
-ihrem Gemal, der sich alle Mühe gab sie zu trösten und<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> zu beruhigen.
-Die Climberge brauchte gleichfalls ihre ganze Beredsamheit; allein
-Jacobine warf ihr mit vieler Bitterkeit vor, daß sie es nur ihrem
-dringenden Zureden zu verdanken hätte, daß sie nunmehr so unglüklich
-wäre.</p>
-
-<p>Indeß Jacobine allen Muth und fast den Verstand verlohr, schmeichelte
-der Herzog von Burgund dem von Brabant ganz ausnehmend; der Herzog von
-Bedford aber, damaliger Regent in Frankreich, nahm sich seines Bruders
-an. Es wurden einige Versuche gemacht, die Partheien zu vereinigen;
-wie man sich dann auch würklich zu Amiens versammlet hatte, allein der
-Erfolg entsprach diesen Bemühungen nicht. Um die Thränen seiner Gemalin
-zu stillen, gieng der Herzog von Glocester, nachdem er so viel Völker,
-als er nöthig glaubte, Besiz von denen, dem Hause Hennegau zugehörenden
-Ländereien nehmen zu können, aufgebracht hatte, mit ihr nach Calais
-über.</p>
-
-<p>Gerührt bei dem Anblik ihrer rechtmässigen Fürstin, empfiengen sie
-die Einwohner der Provinz unter lautem Freudengeschrei, ob sie
-gleich dem Herzog von Brabant das Gegentheil zugesagt und geschworen
-hatten: Allein da eben damals Johann von Baiern Jacobinens Oheim in
-dem Haag vergiftet wurde, und sie dadurch<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> dieser noch einzig übrig
-gebliebenen Stütze ihres Hausses beraubet ward, nuzte der Herzog von
-Brabant dieses, und bemächtigte sich einiger der beträchtlichsten
-Oerter. Hierdurch brach die Kriegsflamme in voller Wut aus. Der Herzog
-von Glocester wollte seine Gemalin in Sicherheit nach England zurük
-bringen; allein eigensinniger Weise blieb sie in Bergen, und wollte
-lieber alles wagen, als, wie sie sich ausdrükte; schimpflich die Flucht
-nehmen.</p>
-
-<p>Hier hatte sie aber neuen Verdruß zu erdulten. Da die Gräfin von
-Hennegau, die noch beständig für den Herzog von Brabant eingenommen und
-gegen Jacobinen aufs äuserste aufgebracht war, sich an dem nehmlichen
-Ort befand, erforderte es der Wohlstand, daß sie sich einander sahen.
-Aeusserlich vermied die Gräfin von Hennegau alles, was den Schein eines
-Unwillens haben konnte, und Jacobine beobachtete ihre Schuldigkeit
-sehr sorgfältig und mit vieler Bescheidenheit. Allein bei der ersten
-Unterredung redete die Gräfin Jacobine in stolzem Ton folgendergestalt
-an: Jezt Madame! nachdem sie Ihren Gemal, ihre Mutter und ihre Staaten
-verlassen, die gesittete Welt durch Ihre Aufführung geärgert und
-die Päbste gegeneinander<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> aufgebracht haben, kommen Sie mit fremden
-Kriegsvölkern nach Bergen, uns heimzusuchen und vermuthlich auf
-keine Weise unserer zu schonen. &mdash; Madame! erwiederte Jacobine, es
-wird genug zu meiner Rechtfertigung sein, wenn ich Ihre beleidigende
-Vorwürfe, die ich nicht verdiene, gedultig und ehrerbietig anhöre. Die
-Beleidigungen, die mir der Herzog von Brabant zugefügt hat, sind Ihnen
-nicht unbekannt, und diese haben mich bewogen, ihn als einen Treulosen
-und Undankbaren, der mich ins Elend gestürzt hat, zu verlassen, und
-mit Erlaubnis der Kirche, einen Fürsten zu heirathen, der mir ganz
-uneigennüzig gedienet und Schuz gegeben hat. Ich sehe daher nicht ein,
-was in diesem Betragen tadelnswürdig ist. Allein Madame! leid ist es
-mir, mich gezwungen zu sehen, Ihnen ohne Rükhalt zu sagen: Daß mir
-Ihre Gleichgültigkeit, die Sie mir in meinen Leiden bewiesen haben,
-alle Ueberlegungskraft benommen hat. Denn hätten Sie mir nur einige
-theilnehmende Liebe gezeigt, so würde meine Erkenntlichkeit Ihre Güte
-übertroffen haben. &mdash; Mit verächtlichem Ton erwiederte die Gräfin:
-Die Erlaubnis, auf die Sie sich so vest stüzen, ist eben von keiner
-grossen Wich<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>tigkeit, da sie nur aus dem Mond<a name="FNAnker_K_11" id="FNAnker_K_11"></a><a href="#Fussnote_K_11" class="fnanchor">[K]</a> ihre Entstehung
-hat; und Sie sehen auch, wie wenig das Konzilium drauf achtet. Ich
-glaubte, Sie würden vorsichtiger und klüger zu Werke gehen, als durch
-Ihre Uebereilung zwei Fürstlichen Häussern einen solchen Schandfleken
-anzuhängen, den sie Ihnen mit Recht noch nach vielen Jahrhunderten
-vorwerfen werden. &mdash; Ihnen zu gefallen Madame! antwortete Jacobine,
-will ich die Schuld ganz auf mich nehmen, und Sie nicht anklagen;
-allein hätten Sie mir die Freiheit gelassen, meine erste Verbindung im
-Wittwenstand zu betrauren, so würden Sie mir alle diese Leiden und sich
-selbst den Verdrus erspahret haben. War es nöthig, um Ihnen gefällig zu
-sein, daß ich ewig unter der Abhängigkeit eines eigensinnigen Fürsten,
-dem nicht einmal die Worte von Ehre und Tugend bekannt sind, leben
-muste? Sollte ich der von Degre Schandthaten durch gefälliges Betragen
-noch selbst begünstigen? Und muste ich endlich gelassen zusehen, daß
-eine Handvoll Menschen aus der Hefe des Volks sich anmasse, mir Geseze
-vorzu<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>schreiben, da wo ich allein unumschränkt zu befehlen habe? &mdash;
-Sie musten sich beklagen, fuhr die Gräfin fort, und dieß war alles,
-was Ihnen die Klugheit zu thun erlauben konnte. Es ist jezt ein
-schöner Anblik für mich, Ihnen, nachdem Sie unsinniger Weise das Meer
-durchstrichen, unter Begleitung eines Wollüstlings, der Sie in sein Nez
-gelokt hat, und der Ihnen, wenn er nur Ihr wahrer Liebhaber gewessen
-wäre, besser geschonet haben würde, wieder hier zu sehen. Denn sein
-Betragen zeiget deutlich, wie niedrig er Sie achtet, und daß er sich
-nur Ihrer als einer ganz in Ehren verlornen Frau, zur Befriedigung
-seiner Lüste bedienet. Diese grausame Mutter wollte hierauf weiter
-nichts anhören noch sagen, sondern gieng in ein anderes Zimmer; und
-Jacobine, vom tiefsten Schmerz gebeugt, begab sich in das ihrige.</p>
-
-<p class="mtop2">Da der Herzog von Brabant damals zu Brüssel war, führte in seiner
-Abwesenheit die Gräfin von Hennegau die Regierung in Bergen. Allein das
-Blatt drehte sich bald anderst. Die Einwohner, die Jacobinen wirklich
-so sehr liebten, als sie ihre Mutter und den Herzog von Brabant
-hasseten, erklärten öffentlich, daß sie nur ihr gehorchen wollten,
-indem der Herzog<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> sich des Titels ihres Souverains unwürdig gemacht
-hätte.</p>
-
-<p>Seines eigenen Vortheils wegen, ließ sich der Herzog von Burgund sehr
-angelegen sein und wandte seine ganze Aufmerksamkeit auf den Nuzen,
-den er daraus zu ziehen gedachte; dieser zielte schlechterdings dahin,
-Jacobine gänzlich zu unterdrücken. Er foderte den Herzog von Glocester
-trozig auf, und zwischen beiden Theilen entstund ein Briefwechsel, der
-keine andere Folgen als den Krieg nach sich zog. Humphrei, der damals
-seine Gemalin zärtlich liebte, war über die ihr wiederfahrne Kränkung
-äuserst gerührt. Die harte Unterredung, die ihre Mutter mit seiner
-Gemalin gehabt hatte, sezte ihn vollends in Wuth; und da er alle Kräfte
-anwenden wollte sie zu rächen, beschloß er, eine Reise nach England zu
-machen, um von da desto leichter die erforderlichen Hülfs-Völker zu
-beziehen.</p>
-
-<p>Die Gräfin von Hennegau, die ihrer Tochter mit so grosser Strenge,
-begegnet war, empfand, mehr aus Furcht, als aus anderm Triebe, einige
-Reue, und wollte sich nun in etwas menschlicher bezeigen. Dem zufolge
-gieng sie zu ihr, und bat sie, während der Abwesenheit des Herzogs von
-Glocester, in Bergen zu bleiben. Die Einwohner, die ihr dem Anschein<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>
-nach ganz ergeben waren, erboten sich sie zu bewachen. Jacobine sahe
-so viele Wiederwärtigkeiten in ihrem Schiksal, daß ihr alles, ja sogar
-Humphreis Sorgfalt, dessen Eifer sich verdoppelte, verdächtig war. Da
-der Tag seiner Abreise anbrach, wollte sie ihn einige Meilwegs ausser
-Bergen begleiten. Beim Abschied schienen beide gleich gerührt, und
-eben sagten sie sich das lezte Lebewohl, als ein Frauenzimmer, das
-sich durch Schönheit und verbissene Wuth besonders auszeichnete, das
-Volk das sie umgab, durchdrang, und den Herzog von Glocester in vollem
-Eifer also ansprach: Verräther! feiger und treuloser Fürst! gieb mir
-meine Ehre wieder, die du mir geraubet hast, oder tödte mich vor den
-Augen derjenigen, die die Ursache deines Meineids ist. Madame! fuhr
-sie fort, sich zu Jacobinen wendend, verzeihen Sie meine Ausschweifung
-und entschuldigen solche in Rüksicht meiner Verzweiflung. So lange es
-mir möglich war, habe ich im verborgenen gelitten; allein die Kräfte
-eines zärtlichen und betrogenen Mädchens, die ohne Hülfe ist, sind
-nicht unerschöpflich. Dieser heimtückische Fürst, der Ihnen seine
-Hand gegeben hat, vergab ein Gut, das ihm nicht mehr eigen war. Er
-mißbrauchte die Unschuld meiner Jugend, und verführte mich<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> unter
-Ausstosung der theuresten Schwüre, die ich unverbrüchlich zu sein
-glaubte. Sie sehen meine Person, ausserdem aber bin ich aus einer guten
-edlen Famillie entsprossen, daß er keine Ursache zum erröthen gehabt
-haben würde, wenn er sein heilig beschwornes Versprechen gehalten hätte.</p>
-
-<p>Dieser unvermuthete Auftritt verursachte Jacobinen eine wunderbare
-Bestürzung. Mit vieler Aufmerksamkeit betrachtete sie die, die ihn
-erregt hatte. Sie fand, daß sie viele Reize hatte; und konnte sich
-nicht enthalten, sie zu bedauern. Der Herzog, ganz beschämt, war in
-der grösten Verlegenheit, wie er sich aus diesem verdrüslichen Handel
-wickeln sollte. Endlich, nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte
-er zu Jacobinen: Madame! Kehren Sie sich an den Reden einer Unsinnigen
-nicht; nach ihrem Betragen können Sie auf ihre Unverschämtheit
-urtheilen. Die wahre Tugend schreiet nicht so laut und vor so vielen
-Zeugen. Ich versichere, daß ich Ihnen sehr treu bin, und daß ich jezt
-von Ihnen verliebter scheide, als ich es jemals war. Hierauf und ohne
-ihr weitere Zeit zur Erholung zu lassen, umarmte er sie, sezte sich
-aufs Pferd, und jug mit solcher Geschwindigkeit davon, daß man ihn
-augenbliklich aus den Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> verlohr. Die Bekümmerte aber, die ihn in
-Verlegenheit gesezt hatte, lief ihm mit einer Schnelligkeit, die man
-ihrer Schwäche nicht zugetrauet hätte, nach!</p>
-
-<p>Der Lerm, den diese Begebenheit verursacht hatte, verbreitete sich
-bald bis zur Gräfin von Hennegau; und Jacobine, die wieder zurük
-nach Bergen gegangen war, hatte von ihrer Mutter die empfindlichste
-Spötteleien auszuhalten. Wenn ich mich nicht irre, sagte sie zu ihr,
-so schmeichelt sich die verzweiflungsvolle Schöne mit einem glüklichen
-Erfolg ihres zärtlichen Ausfalls, und der eine merkwürdige Epoche
-in Ihrem Roman machen wird. Die kleine Ausschweifung des Herzogs
-von Brabant war Ihnen empfindlich, weil Sie ihn nicht liebten, und
-die weit grössere des Herzogs von Glocester werden Ihnen noch viel
-empfindlichere Schmerzen verursachen. Aus Mittleiden muß man Sie
-bedauern und aus Vernunft tateln; denn überhaupt sind Sie nicht zu
-entschuldigen. Die aller unschuldigsten meiner Handlungen, erwiederte
-Jacobine, werden Ihnen allezeit wie unverzeihliche Fehler vorkommen;
-denn nur gegen den Herzog von Brabant sind Sie leicht nachsichtlicht.
-So groß aber dieses gefällige Betragen ist, weis ich dennoch nicht, ob
-er es nicht einstens erschöpfen wird. Wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> der Herzog von Glocester
-vor unserer Bekanntschaft einige flüchtige Liebes-Verständnisse gehabt
-hat, folget daraus daß er mich verlassen wird? Wenn eine Verwegene
-sich selbst anklaget, kann deswegen der Schimpf, auf mich zurükfallen?
-Sie suchen mich nur zu beleidigen; denn Sie müssen den Schimpf den
-mir der Herzog von Brabant, da er mich schändlicher Weise der von
-Degre aufopferte, angethan hat, einem unbedeutenden Liebeshandel,
-den der Herzog von Glocester vor unserer Verbindung gehabt hat,
-nicht vergleichen. Betrügen Sie sich Madame! erwiederte die Gräfin
-honlächelnd, und schmeicheln Sie wenigstens mit freiwilliger Blindheit
-Ihren Verwirrungen. Sie bedürfen keines Raths; und da Sie den Weg nach
-England allein gefunden haben, so können Sie leicht weit entlegenere
-Betrüger finden. Unter Ausstosung dieser beleidigenden Worte verließ
-sie Jacobinen, die ihrem beklemmten Herzen bei der Climberge, mit
-einer Thränenfluth Luft zu machen suchte. Nun siehest du, sagte sie zu
-ihr, in welche Kette von Leiden ich mich durch dein Zureden verwickelt
-habe. Du siehest die Päbste, meine Anverwandte und alle vernünftig
-denkende Menschen gegen mich aufgebracht. Du siehest ferner eine
-Unbekannte aus der Erde empor kom<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>men, der es vermuthlich der Himmel
-eingegeben hat, mich durch ihren Vorgang auf das zu bereiten, was
-mir unbezweifelt selbst wiederfahren wird. Ha! Climberge! ich bin an
-meinem Unglük schuld! Die schnelle Abreise des Herzogs von Glocester
-überzeuget mich, daß er nichts zu meiner Beruhigung zu sagen wuste.
-Seine Liebste ist ihm nach, sie ist schön und entschlossen; vieleicht
-sind sie schon vereiniget; denn ich sehe nur schrekhaften Auftritten
-entgegen. Ich gebe zu Madame! antwortete die Climberge, daß Sie
-einige Ursache haben verdrüslich zu sein; allein ist der Verdrus von
-solcher Beschaffenheit, daß er Sie in einen so verzweiflungsvollen
-Zustand sezen sollte? Seit dem der Herzog von Glocester Ihr Gemal
-ist, was können Sie ihm vorwerfen? Seine ehrerbietige und sorgfältige
-Aufmerksamkeit hat Ihrer Zärtlichkeit entsprochen; die seinige hat er
-Ihnen durch stets gefälliges Betragen bewiesen, und Sie beunruhigen
-sich dar über, weil es einer thörigten Creatur beliebt, ihre
-Ausschweifung selbst öffentlich bekannt zu machen? Er hat Ihnen nicht
-gesagt, daß er niemalen einige verliebte Abentheuer gehabt hätte. Wenn
-diese Unverschämte noch einige Gewalt über das Herz Ihres Gemals hätte,
-würde sie wohl mit solcher Wuth vor Ihnen ihr Recht zu behaupten<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>
-suchen? Beruhigen Sie sich Madame! mit diesen Betrachtungen, und lassen
-Sie diese Ehrvergessene dem Herzog von Glocester immer nachlaufen; er
-schien bei ihrem Anblik so gleichgültig, daß man unbezweifelt einsehen
-konnte, er sei der Gunstbezeugungen, die sie ihm vermuthlich all zu
-freigebig aufgedrungen hat, überdrüssig: Die Ihrigen aber, die ihm von
-weit höherem Werth sind, wird er auch gewiß besser zu schätzen wissen.
-Schmeichle! unterbrach Jacobine, schmeichle so viel du willst. Dir
-allein, durch dein Zureden, habe ich meine jezige Leiden zu verdanken.
-Hiemit endigte sich diese Unterredung; Jacobine aber blieb ganz
-tiefsinnig.</p>
-
-<p>Durch einige Engländer erfuhr Jacobine nach der Hand, daß die, die ihr
-dermalen so empfindliche Kümmernis verursachte, ein junges Frauenzimmer
-von guter Famille, Namens Eleonore, sei, die der Herzog von Glocester
-ehedessen vorzüglich geliebt hatte, und man damals auch in London
-geglaubt habe, daß er sich mit ihr vermälen würde. Durch einige
-wahrscheinliche Betrachtungen, die Jacobine desfals machte, tröstete
-sie sich einigermassen, da sie aber die Unbeständigkeit der Männer
-schon erfahren hatte, wiedersezte sich stetes Mistrauen ihrer Ruhe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-<p>Ganz ohne Freunde war Jacobine nicht; verschiedene derselben hatten
-sich bemühet, den Pabst Martin für sie zu gewinnen; und da die
-Hohenpriester der römischen Kirche gewöhnlich dergleichen Knoten
-nicht so vest knüpfen, daß sie nicht auflösbar sein sollten; zog auch
-dieser sein eigenes Urtheil wieder ein, und hob hierdurch Jacobinens
-Beschämung zum Theil auf. Allein dieser gefällige Pabst gab damit neuen
-Anlaß zum Krieg. Der Herzog von Brabant war nichts weniger als ein
-Held; er zog das Vergnügen dem Geräusch der Waffen bis zur Feigheit
-vor; und da der Herzog von Burgund, der nur Jacobinens gänzlichen
-Sturz zum Augenmerk hatte, sahe, daß sie nur unter dem Schuz eines
-unerfahrnen Volks war, lies er ohne alle Achtung für das weibliche
-Geschlecht und der Würde einer Fürstin, die Provinz ihrer Zuflucht mit
-Kriegsvölker überziehen und in derselben übel haussen. Die Gräfin von
-Hennegau, die äusserlich sich stellte, als ob sie auf ihrer Tochter
-Seite wäre, aber ganz auf der des Herzogs von Burgund war, brachte
-durch ihre listige Unterhandlungen einen Vergleich zu stande, vermöge
-welchem: dem Herzog von Brabant die Provinz Hennegau zum Eigenthum
-verblieb, wo er züglich alle Beleidigungen, die ihm etwa in derselben
-wiederfahren wären, zu vergessen<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> und zu vergeben versprach, und daß
-Jacobine, bis der Proces, den man wieder aufs neue beim römischen Hof
-anhängig gemacht hatte, entschieden wäre, dem Herzog von Burgund zur
-sicheren Verwahrung übergeben werden sollte.</p>
-
-<p>Diese Uebereinkunft, die Jacobinen so ganz nachtheilig war, verursachte
-ihr den tiefsten Schmerz. Nun sahe sie erst recht die Falschheit
-ihrer Mutter; und die Untreue der Einwohner Bergens ganz ein. Ob ihr
-gleich die Nachläßigkeit des Herzogs von Brabant bekannt war, glaubte
-sie dennoch nicht, daß er dem Ehrgeiz des Herzogs von Burgund alles
-so schlechterdings aufopfern würde. Man drohete ihr, daß, falls sie
-diesen Vergleich nicht eingehen würde, sie dem Herzog von Brabant
-zu überantworten. Ihre eigenen Bediente wurden gefangen gesezt. Sie
-selbst aber wurde nicht nur als eine Staatsgefangene, sondern als eine
-würkliche Mißethäterin behandelt. Da sie keine Nachricht vom Herzog
-von Glocester hatte, und daher nicht wissen konnte, was in England
-vorgieng, marterte dieses ihr Gemüth um so mehr. In dieser äusersten
-Verlegenheit lies sie folgendes Schreiben an den Herzog ergehen:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Es würde überflüssig sein, Ihnen eine weitläuftige Erzählung
-meines bejammernswürdigen<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> Zustands zu machen; denn das Gerücht
-trauriger Begebenheiten verbreitet sich nur all zu schnell und zu
-sorgfältig. Dieses finde ich aber nöthig, Ihnen in Erinnerung zu
-bringen, daß Sie mir mit Ihrer Hand zugleich Ihr Herz zugesichert
-haben. Mich von Ihnen nicht mehr geliebt und verlassen sehen, würde
-mein trauriges Herz unter allen Leiden, die auf mich losstürmen,
-das empfindlichste sein. Mein gröster Feind hier ist meine eigne
-Mutter. Ich bin meiner Länder beraubet, und meine noch wenige,
-getreu gebliebene Diener liegen in Fesseln. Mir selbst aber ist
-keine andere Wahl gelassen, als mich der Sclaverei des Herzogs
-von Burgund, oder der des Herzogs von Brabant, zu unterwerfen.
-Urtheilen Sie also was aus mir werden würde, wenn Sie mich
-verliessen. Nicht der Ehrgeiz, sondern meine gegen Sie tragende
-Liebe fordert Sie auf. Denn wären Sie mir weniger schäzbar
-gewessen, so würde ich jezt mehr Muth haben. Ziehen Sie bei dieser
-Gelegenheit die Reize der schönen Eleonore nicht zu Rath; sie
-dürften mir nachtheilig sein. Da ich nicht angestanden habe, Ihnen
-mein Herz zu schenken, gebe ich Ihnen jezt auch die<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> Versicherung,
-daß ich mit unverbrüchlicher Treue Zeitlebens sein werde &amp;c.
-Jacobine.“</p></div>
-
-<p>Der Eilbote, den sie mit diesem Schreiben eigends abgefertigt hatte,
-beschleunigte so viel ihm möglich war seine Reise; allein wiedrige
-Winde vereitelten diese gute Meinung, und er kam erst in London an,
-nachdem sich Jacobinens Wiedersacher ihrer schon ganz bemeistert
-hatten. Unter dem Geleit des Prinzen von Oranien und einiger andern
-Herren, die der Herzog von Burgund darzu gewählet hatte, wurde sie von
-Bergen weg und nach Genf gebracht, alwo sie noch ziemlich ehrerbietig
-bedient ward.</p>
-
-<p>Den Herzog von Glocester rührte Jacobinens elender Zustand sehr. Er
-säumte keinen Augenblik an seinen Bruder den Herzog von Bedford nach
-Frankreich zu schreiben, der sich dann auch gleich bei Empfang des
-Briefs, mit Achthundert Reuter und unter Begleitung vieler vom Adel,
-Jacobinen beizustehen auf den Weg machte, und zu Corbie in der Picardie
-anlangte. Die Herzogin von Bedford wollte ihren Gemal zu dieser
-Unternehmung begleiten; allein es geschahe mehr um die ganze Sache
-zu hintertreiben, da sie eine Schwester des Herzogs von Burgund war.
-Dieser besuchte sie gleich bei der Ankunft, und unter dem Vorgeben,
-sie besser bewirthen<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> zu können, führte er sie auf einige Tage nach
-Hedin, wo er durch verstellte Sanftmuth den Herzog von Bedford so
-ein zu nehmen wuste, daß der bedrükten Jacobine gar nicht gedacht
-wurde.<a name="FNAnker_L_12" id="FNAnker_L_12"></a><a href="#Fussnote_L_12" class="fnanchor">[L]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> Ob gleich der Herzog von Bedford Regent in England war,
-wollte ihm diese Nation dennoch nicht als ihrem Souverain gehorchen.
-Sie versagten ihm ihren Beistand mit ziemlichem Unge<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>stüm. Er fühlte
-diese Beleidigung sehr empfindlich, er sahe aber keinen Ausweg sich zu
-rächen. In dieser seiner Unvermögenheit war er auf eine besondere Rache
-bedacht, und foderte zu dem Ende den Herzog von Burgund zum Zweikampf
-auf. Beide Fürsten bereiteten sich auch hierzu; allein der Herzog von
-Bedford, der es in Zeiten erfuhr, gab nicht zu, daß sie sich durch ein
-so abentheuerliches Benehmen vor der ganzen Welt lächerlich machen
-sollten.</p>
-
-<p>Jacobine, die den Pallast der Grafen von Flandern in Gent zur Wohnung
-hatte, ward gleichwohl in demselben ihrem Rang nach bedienet. Diese
-glimpfliche Behandlung benahm ihr aber keineswegs das Andenken ihrer
-gehabten, ihrer jezigen und die Vorstellung ihrer künftigen Leiden.
-Welchen Namen man auch ihrem Auffenthalt geben mochte, war er doch im
-Grunde eine wirkliche Gefangenschaft; sie konnte daher ihren dermaligen
-Zustand nicht anderst als die Folgen einer unerträglichen Tiranei
-ansehen, die sie unmöglich erdulten konnte. Außerdem marterten sie noch
-gewiße Gemüthsunruhen. Die Briefe des Herzogs von Glocester wurden
-ihr vorenthalten, und unter so vielem Verdrus strebte sie sehnlichst
-nach der Freiheit. Man hatte ihr überdem gestekt, daß der Herzog von
-Burgund vor<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>habe, sie auf immer in Lisle einzusperren. Die Furcht
-einer ewigen Gefangenschaft flößte ihr, mit Beihülfe der Climberge,
-und des Descaillon, die ihr beständig treu verblieben waren, neuen
-Muth und Entschloßenheit ein. Sie schrieb an einige angesehene und
-vermögende Holländer, und sprach sie um ihren edelmüthigen Beistand
-an. Keiner unter ihnen versagte ihr denselben, zu welchem Ende sie auf
-das schleunigste nach Gent giengen. Daselbst war sie nicht so genau
-bewachet, daß man nicht, mit Beobachtung einiger Vorsicht, hätte zu
-ihr kommen können. Sie hatte eine gerechte Sache, und unmöglich konnte
-man sie, ohne von ihrer Schönheit und Anmuth gerührt zu sein, ansehen.
-Ihre Befreier verabredeten sich und trafen so gute Vorkehrungen, daß
-sie sie, nebst der Climberge, in Mannskleidern aus Gent und glüklich
-nach Antwerpen brachten, daselbst zog sie wieder ihre gewöhnliche
-Kleidung an, und langte über Breda in der Grafschaft Holland an. Hier
-wurde sie als Gebieterinn empfangen, und die Angesehensten der Provinz
-giengen wegen ihrer wichtigen Angelegenheit mit ihr zu Rath. Der Herzog
-von Burgund, der über ihre Flucht in Wuth gerieth, versammlete ein so
-fürchterliches Heer, als ob er wolle die ganze Welt bezwingen, und
-drang damit<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> in Holland ein, um die schon unter seine Bottmässigkeit
-gebrachten Oerter im Gehorsam zu erhalten. Man sahe ihn auf die
-gänzliche Unterdrükung einer liebenswürdigen Fürstin, die fast so viele
-Unglüksfälle gehabt, als sie an Alter Jahre zählte, ganz erbittert.</p>
-
-<p>Es dauerte nicht lang, so trafen die zwo Parteien auf einander, und
-wurden handgemein. Obgleich Jacobinens Heer sehr gering war, erhielte
-es doch verschiedene Vortheile, von welchen sie dem Herzog von
-Glocester Nachricht gab, der denn auch entschloßen schien, ihr zu Hülfe
-zu kommen. Silvatier, unter dem Karacter seines General-Leutenants,
-an der Spitze von fünfhundert der tapfersten entnommener Engländer,
-wurde hierzu ernannt; allein der Herzog von Burgund, deßen Macht all zu
-beträchtlich war, behielt die Oberhand. Dieses zwar tapfere, aber all
-zu schwache Heer wurde geschlagen, und fast ganz in die Pfanne gehauen.
-Der Sieger aber gieng nach Flandern, um das seinige, welches gleichfals
-viel gelitten hatte, wieder zu ergänzen.</p>
-
-<p>Dieser unglükliche Ausschlag benahm Jacobinen den Muth dennoch nicht.
-Der Schmerz, den sie darüber empfand, war heroisch; denn mit wahrem
-Heldenmuth, der ihrem Geschlecht<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> sonst nicht eigen ist, stellte sie
-sich selbst vor die Spitze ihres kleinen Heers und belagerte Harlem.
-Dies Unternehmen glükte ihr nicht. Denn die Vorkehrungen, die der
-Herzog von Burgund zur Vertheidigung dieser Stadt getroffen hatte,
-wurden zu genau befolget, und sie muste daher mit Kummer ihre lezte
-Anstrengung vereitelt sehen. Der Herzog von Glocester verfuhr sehr
-nachläßig. Die See schied sie von einander, und Jacobine zweifelte
-nicht, daß sich die entschloßene Eleonore in London befinde, und diese
-Nachläßigkeit verursache. Wenn der Herzog an sie schrieb, war es in so
-verlegenen Ausdrücken, die leicht ihre Muthmaßung bestättigen konnten,
-und indeßen sie ihre Völker in eigener Person anführte und sich allen
-Gefahren aussezte, blieb er, unter dem Vorwand, die Engländer auf
-seine Seite zu bringen, und die Hülfe seines Bruders, des Herzogs
-von Bedfords abzuwarten, dem es auch kein Ernst war, ganz unthätig
-in London. Alle diese traurigen Betrachtungen bekümmerten Jacobine
-stets, und verursachten ihr manche Gemüthsunruhen. Jezt Climberge!
-sagte sie zu dieser ihrer Vertrauten, siehest du die betrübten Folgen
-der Falschheit des Herzogs von Glocester. Er überläßt mich ganz
-meinem Schiksal und der Himmel straft mich wegen meiner thörigten
-Leichtgläubigkeit. Die Rolle, die<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> ich spielen muß, schikte sich weit
-besser für ihn. Wie? indem ich ein Heer zur Vertheidigung unserer
-Gerechtsame anführe, überläßt er sich ganz in träger Unthätigkeit
-seiner verrätherischen Leidenschaft. Grausame Climberge! Warum
-stimmte meine Schwachheit mit deinen unbedachtsamen Rathschlägen
-so überein? Warum habe ich mich durch deine schmeichlerische Zunge
-verführen lassen? Und endlich warum muste ich dir, zu meinem grösten
-Nachtheil, folgen? Wilst du nun noch einen Menschen entschuldigen, der
-mich im grösten Jammer ganz verläßt? und wirst du mich noch ferner
-mit seigten Trostgründen beruhigen können? Betrachte mich von nun
-an wie ein verstoßenes in der Welt herum irrendes Geschöpf, das von
-Anverwandten gehaßt und von Feinden verfolgt ist, und siehe, ob du
-im Stande bist, mir die verlohrne Unschuld wieder zu verschaffen.
-&mdash; Ich gestehe Madame! erwiederte die Climberge, daß mich mein
-Diensteifer kann betrogen und zu weit getrieben haben; allein sind
-Sie deswegen straffällig? haben Sie dem Herzog von Brabant Anlaß zu
-seiner Ausschweifung mit der schändlichen von Degre gegeben? und
-geben sie jezt dem Herzog von Glocester Ursache undankbar zu sein? In
-beiden Fällen sind Sie unschuldig. &mdash; Ich war zu leichtgläubig<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> und
-zu voreilig, erwiederte Jacobine, ich hätte die Wichtigkeit meiner
-Handlungen beßer überlegen sollen und dieses habe ich mir mit Recht
-vorzuwerfen.</p>
-
-<p>Der Herzog von Brabant, den die von Degre beständig anreizte,
-verfolgte, während der Zeit, den so viel wiedersprochenen
-Scheidungs-Proceß beim römischen Hof aufs schärfste. Zur gründlichen
-Untersuchung dieser Sache ernannte der Pabst eine Congregazion von
-verschiedenen Kardinälen; und da diese auf Seiten des Herzogs von
-Brabant die Ursachen zur Ehescheidung nicht hinlänglich genug fanden,
-erkannten sie ohne weiteres Jacobinens Ehe mit dem Herzog von Glocester
-für ungültig, wenn auch gleich der Herzog von Brabant mit Tode abgehen
-sollte. Diesem Urtheil nach, von welchem nicht zu appeliren war, wurde
-beschloßen, daß das unschuldige Schlachtopfer, zur Befriedigung der
-gegenseitigen, durch Eigennutz geleiteten Partei, auf ihre eigene
-Kosten gefangen und dem Herzog von Savoien in sichere Verwahrung
-gegeben werden sollte. Gleich nach dem dieses, für Jacobinen so
-fatale, Urtheil bekannt wurde, erklärte sich der Herzog von Glocester
-auf die unedelste Art, daß er mit Jacobinens Angelegenheiten nichts
-mehr zu schaffen haben wollte; und wenige<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> Tage drauf, heurathete er
-die nehmliche Eleonore, die ihn bei der Abreise von Bergen mit ihren
-Vorwürfen so überrascht hatte.</p>
-
-<p>Ob nun gleich jezt Jacobinen die Größe ihres Unglücks ganz einsahe,
-verlohr sie darum den Muth noch nicht. An der Spitze ihres kleinen
-Heers führte sie den Krieg noch immer fort, und auch bei verschiedenen
-Gelegenheiten mit günstigem Erfolg. Allein den eifersüchtigen Herzog
-von Burgund, der einmahl ihre völlige Zernichtung geschworen hatte,
-glükten wegen seiner großen Obermacht die Unternehmungen weit beßer.</p>
-
-<p>Damals, nehmlich 1426. im April, starb der Herzog von Brabant, dem
-sein Bruder, der Graf von St. Paul, in der Regierung seiner Länder
-folgte. Da aber dieser ein sehr friedliebender Herr und unvermält
-war, bekümmerte er sich weiter nicht um Jacobinens Angelegenheiten,
-deren eigenthümliche Staaten sich nunmehr der Herzog von Burgund ganz
-zueignete.</p>
-
-<p>Jacobinen blieb noch ein wahrer Freund in ihrer ganz verlaßenen Lage
-übrig. Es war der Graf von Brederode, dieser stellte sich an die
-Spitze ihres übrig gebliebenen kleinen Heers, und erfochte wirklich
-mit dieser geringen Anzahl Völker ziemlich beträchtliche Vortheile in<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>
-Nordholland. Allein endlich muste er doch der großen Obermacht des
-Feindes unterliegen; nach einer tapfern Gegenwehr wurde er überwunden,
-gefangen und muste zusehen, daß verschiedene Edelleute von seiner
-Partei enthauptet wurden. Er würde auch das nehmliche Schiksal erfahren
-haben, wenn man nicht befürchtet hätte, da er von dem ehemaligen Grafen
-von Holland abstammte,<a name="FNAnker_M_13" id="FNAnker_M_13"></a><a href="#Fussnote_M_13" class="fnanchor">[M]</a> die ganze Provinz dadurch aufzubringen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p>
-
-<p>Nun wurde die unterdrükte Jacobine gezwungen, der unrechtmäßigen Gewalt
-nachzugeben und einen Vergleich einzugehen, vermöge welchem sie sich
-anheischig machen muste, ohne Einwilligung des Herzogs von Burgund,
-ihres nunmehrigen Gesezgebers oder vielmehr Tirannen und nächsten
-Blutsverwandten, nicht wieder zu heirathen. Dieser Vergleich wurde von
-ihnen beiden, in Gegenwart des Adels und der Deputirten der Städte,
-zu Delft eigenhändig unterschrieben. Da nun hierdurch der Herzog von
-Burgund seine haabsüchtigen Absichten erreicht hatte, ernannte er einen
-jungen Edelmann, Namens Franz von Borselle, der einer der tapfersten
-und wohlgestaltesten Edelleute der damaligen Zeit war, zum Gouverneur
-über die unrechtmäßig an sich gebrachten Länder. Um sich mehr Ehre
-und größeres Ansehen zu geben, führte er Jacobinen, gleichsam wie im
-Triumpf, mit sich nach Bergen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p>
-
-<p>Hier hatte sie nun volle Muße, Betrachtungen über die vielen
-Wiederwärtigkeiten, die ihr begegnet waren, anzustellen. Sie
-befand sich an einem Ort, wo ihr alles zu Befehl stehen sollte, wo
-sie aber leider nichts mehr zu sagen hatte. Man erwies ihr zwar
-einige Ehrenbezeigungen; allein mit weniger Achtung und mit vieler
-Nachläßigheit. Stündlich beweinte sie die Härte ihrer Leiden, den
-Tod des Dauphins und den ihres Vaters, des Grafen von Hennegau, und
-verwünschte ihre unglüklichen Ehen mit den Herzogen von Brabant und von
-Glocester. Vielfältige Betrachtungen machte sie über das schändliche
-Verfahren der Päbste, und alle andern Ereigniße, die sie in den
-Abgrund des Verderbens gestürzt hatten. Aller ihrer Vorrechte beraubt,
-unvermögend die geringsten Bedürfniße befriedigen zu können, verachtet
-in ihren eigenen Staaten, und unterdrükt von einem Fürsten, der ihr
-Blutsfreund war &mdash; was muste sie bei ihrer erhabenen Denkungsart nicht
-alle dabei empfinden? Sie fühlte noch zärtliche Regungen für den
-untreuen Herzog von Glocester, die zu tiefe Wurzeln gefaßt hatten, als
-daß sie so leicht hätten können ausgerottet werden; und man konnte in
-Wahrheit von ihr sagen; daß das schönste, geistigste und anmuthigste
-Frauenzimmer, das aller elendste auf<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> Erden war, worüber der Herzog
-von Burgund frohlokte. Ihr elender Zustand rührte die Gräfin von
-Hennegau, ihre Mutter, auf keine Weise; und die von Degre, die nicht
-unterlies übertriebene und nachtheilige Erzählungen und Lügen von
-ihr auszustreuen, spottete sie allerwegen aus. Dieses alles aber
-verhinderte nicht, daß ihr die Liebe in ihrem Schicksal neue Prüfungen
-zubereitete. Der von Borselle hatte sie verschiedenemalen angetroffen,
-da sie ihrem kummervollen Herzen durch eine Tränenfluth Luft zu machen
-gesucht hatte. Nichts erhebt die Schönheit eines Frauenzimmers mehr,
-als traurige Blicke; und wer nur die geringste Anlage zu zärtlichen
-Empfindungen hat, der kann unmöglich ein liebenswürdiges Frauenzimmer
-im Kummer sehen ohne Mittleiden zu fühlen und ohne von ihren Reizen
-gerührt zu werden. So gieng es auch dem von Borselle; und ob er gleich
-dem Herzog von Burgund sein ganzes Glük zu verdanken hatte, so sahe er
-doch denselben von Stund an wie seinen ärgsten Feind an, und lies sich
-in seinen zärtlichen Regungen für Jacobinen nicht irre machen.</p>
-
-<p>Anfangs betrachtete Jacobine Borsellens gefälliges Betragen als
-Wirkungen der Großmuth und des Mittleidens; sie wurde aber bald
-ge<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>wahr, daß er aus ganz andern Empfindungen handele. Selbst die
-Climberge, die noch immer Jacobinens Vertraute war, bemerkte es
-und unterredete sich ohne weitern Zwang darüber mit ihr. Wie?
-antwortete ihr Jacobine, wirst du nach dem allem, was mir begegnet
-ist, noch thörigt genug sein, mir von neuen Liebhabern zu sprechen?
-Ist Borsellens Rang und Geburt nicht weit unter der meinigen? und
-wenn er mich redlicher und treuer wie die vorigen liebte, würdest
-du ihn würdig genug halten, drei angesehenen Fürsten in dem Ehebete
-zu folgen. Ich weiß wohl, erwiederte die Climberge, daß er nicht
-von so hoher Abkunft ist, demohnerachtet ist er doch aus edlem Blut
-entsproßen, liebenswürdig wegen seiner angebohrnen Anmuth, über die
-Maßen großmüthig, und eifrigst beflissen, Ihnen zu dienen. Können
-Sie versichert sein, ob nicht ihm die Ehre, Sie zu befreien, und der
-Ruhm, Sie glüklich zu machen, vorbehalten ist? &mdash; He! Wer hat dir denn
-gesagt, fuhr Jacobine fort, daß er mir so geneigt ist? Kanst du ihm
-ins Herz sehen oder hat er dir sein Geheimnis offenbahret? Man darf
-nur Augen haben, erwiederte die Climberge, um dergleichen Bemerkung
-zu machen; denn entweder giebt es keine wahre Verliebte, oder Sie
-haben dem von Borselle die heftigste Leidenschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> eingeflößt. In
-diesem Fall, antwortete Jacobine, da eben Borselle zur Thür herein
-tratt, würde er zu bedauern sein. Da er ziemlich schüchtern und
-bleich aussahe, seine Blicke auch zärtlich und ehrerbietig waren, so
-bestättigte dieses Climbergens Aussage vollkommen. Jacobine erröthete
-bei seinem Anblik, und, um ihre Verwirrung zu verbergen, nahm sie ein
-erkünsteltes Lächeln an. Sie werden schlechten Dank bei dem Herzog
-von Burgund verdienen, sagte sie zu ihm, daß sie eine arme Gefangene,
-die alle, welche einiges Mitleiden für sie blicken laßen, mit ins
-Unglük stürzet, besuchen. Wenn Sie die Gewogenheit und des Zutrauens
-eines mißtrauischen Gebieters fernerhin theilhaftig sein wollen, so
-behandeln Sie mich nicht zu edelmüthig. Ich gebe Ihnen die aufrichtige
-Versicherung, daß ich mit den, mir schon erzeigten Gefälligkeiten
-vollkommen zufrieden bin, und Ihnen dafür ewig verbunden sein
-werde. &mdash; Madame! antwortete Borselle, Sie sind mir auf keine Weiße
-Verbindlichkeit schuldig; und wenn gleich Ihre Gütigkeit meine gute
-Meinung dahin rechnen wollte, so ist bei derselben mein Unvermögen
-so groß, daß ich mich darüber schämen muß. Sie sind ganz ohne Fehler
-und demohnerachtet sind Sie unglüklich. &mdash; Sie sind zu ausschwei<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>fend
-in Ihrer Höflichkeit, unterbrach ihn Jacobine; denn von strengern
-Richtern würde ich nicht so vortheilhaft beurtheilet werden. Wißen
-Sie nicht, welche ärgerliche Gerüchte man von mir ausgestreuet hat,
-und auf welche, meiner Ehre nachtheilige Weiße man von mir spricht?
-Dieses habe ich der christlichen Liebe der Päbste zu verdanken; diese
-wollten mich vermuthlich durch dergleichen grausame Demüthigungen zur
-strengeren Buße anhalten. Die Päbste, erwiederte Borselle, waren von
-jeher die Geisseln rechtschaffener Menschen. Welche Lästerzunge darf
-sich wohl erfrechen, Ihnen ein Vergehen anzudichten. Was? weil Männer
-undankbar und unsinnig genug gewesen waren, Ihnen mit Verachtung zu
-begegnen, will man Sie ihre Verbrechen entgelten laßen? Ich behaupte
-vor der ganzen Welt, daß, wenn jemand unfehlbar ist, Sie es gewiß sind.
-&mdash; Ha! Borselle, erwiederte Jacobine, Ihre Nachsicht ist übertrieben;
-ich laße mir selbst Gerechtigkeit wiederfahren und gestehe freimüthig,
-daß ich zu unvorsichtig gehandelt habe. Um aber das Gespräch von
-meinen Angelegenheiten abzubrechen, bitte ich Sie, mir die Ursache
-Ihrer Traurigkeit und Verlegenheit zu sagen. Sollte ich etwa noch
-unglüklich genug sein, Ihnen Verdruß zu verur<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span>sachen, und sollte das
-traurige Verhängniß, daß mich überall verfolget, auch Einfluß auf Sie
-haben? &mdash; Sie allein Madame! erwiederte er, verursachen unschuldiger
-Weise die Gemüthsruhe, die sie an mir bemerken; denn meine Liebe ist
-so gränzenlos, daß ich die Hochachtung, die ich Ihnen schuldig bin,
-darüber auf die Seite setze. Ihre Reitze, durch Leiden erhöhet, sind
-vermögend, die härtesten Seelen zu rühren; wie kann also die meinige,
-die von ganz anderer Beschaffenheit ist, ohne Empfindung sein? Ich
-sage dieses mit keiner unbedachtsamen Verlegenheit; denn ich weiß den
-Unterschied, der zwischen uns ist, sowohl in Ansehung der Geburt als
-des Standes, nur zu gut, dieserwegen ist dennoch meine Liebe nicht
-weniger heftig. Erzürnen Sie sich nicht über einen Unglücklichen, den
-die Stärke der Leidenschaft hinreißt, durch diese Erklärung seinem
-beklemmten Herzen Luft zu schaffen. Obgleich dieser große Unterschied
-zwischen uns ist, indem Sie des Glüks eines der ersten Königen
-theilhaftig sein sollten, vermindert diese Betrachtung dennoch meine
-empfindsame Leidenschaft nicht. &mdash; Borselle! antwortete Jacobine, ich
-habe Sie ungestört reden laßen, weil mit Ihre unvermuthete Erklärung
-die Sprache benommen<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> hat. Ohne Ihnen die Anmerkung, die Sie selbst
-in Ansehung des Unterschieds unseres Standes gemacht haben, nochmals
-zu wiederholen, wird es genug sein, Ihnen zur Betrachtung zu geben,
-daß alle dergleichen Leidenschaften, die ich unglüklicher Weise schon
-eingeflößt habe, gleich nach ihrer Entstehung verschwunden sind, daß
-man mir, nur mich beßer betrügen zu können, geschmeichelt hat, und
-daß, anstatt daß man mir hätte Treue und Versprechen halten sollen; es
-vielmehr scheinet, als ob mein Herz und meine Hand vergiftet wären;
-denn so bald ich deren Besiz eingeräumet habe, wurden solche gleich
-verachtet und verschmähet, ohne zu gedenken, daß ich unglüklich genug
-war, meinem ersten Gemal den Tod zum Brautschaz mit zu bringen. Wenn
-es also wirklich an dem ist, daß meine geringen Reize, die niemand
-mehr unglüklich machen sollen, Sie beunruhiget haben, so nützen Sie
-diese Betrachtungen, Ihre aufkeimende Leidenschaft zu unterdrücken,
-und vermehren Sie mein Elend nicht durch Ihr eigenes Leiden. &mdash; Ich
-würde, erwiederte Borselle, wenn es in meinem Vermögen stünde, Ihnen
-gehorchen; allein eine Leidenschaft, die so heftig wie die meinige ist,
-läßt sich nicht bezwingen<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> Sein Sie vielmehr versichert, Madame! daß
-sie von ewiger Dauer sein wird. Nur der Tod kann mir solche rauben,
-und ich weiß nicht ob sie mir nicht noch jenseit des Grabes folgen
-wird. Ah! welcher Unterschied ist in der Liebe, zwischen den hohen
-Ungetreuen, die Sie verrathen haben und dem unglüklichen Borselle?
-Warum kann die Geburt seine Leidenschaft nicht rechtfertigen, und warum
-hat er keine Kronen zu Ihren Füßen zu legen? &mdash; Sie haben, erwiederte
-Jacobine, gute Eigenschaften genug, die zu Ihrem Vortheil sprechen;
-aber um des Himmels willen dringen Sie weiter nicht in mich, und
-überlegen Sie, daß ich schon unglüklich genug war. Hierauf lenkte sie
-das Gespräch auf andere Gegenstände; und Borselle der nun einmal den
-Schritt, der manchen Liebhaber in Verlegenheit setzet, gemacht hatte,
-sezte vor jezt nicht weiter in sie.</p>
-
-<p class="mtop2">Von diesem Tag an verdoppelte er seinen Fleiß und seine Sorgfalt,
-Jacobinen gefällig zu sein. Der Herzog von Burgund, der sie so vest
-gebunden hatte, war auf Borsellens Betragen wenig aufmerksam. Dies
-günstige Uebersehen verknüpfte diesen Umgang bald sehr eng. Die
-Climberge, der ihr gezwungener Aufenthalt in Bergen unerträglich
-wurde, legte Borsellens unbedeutenste<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> Handlungen großen Werth bei.
-Ja! Madame, sagte sie zu ihrer Gebieterin, weil man Sie noch nicht
-wirklich geliebt hat, wird es Ihnen um so viel süßer sein, nach
-Ihren Verdiensten geliebt zu werden. Hat nicht schon der Himmel Ihre
-treulosen Gemale bestraft? Der Herzog von Brabant ist in der Blüte
-seiner Jahre gestorben, und der Herzog von Glocester hat sich durch
-seine Verbindung mit einer entehrten Person, ganz Europas Verachtung
-zugezogen, und Sie mit Aufopferung seiner eigenen Ehre gerächet.
-Borsellens Beständigkeit in der Liebe wird diese Rache vermehren.
-Wollten Sie lieber in den Feßeln, die Ihnen der Herzog von Burgund
-angelegt hat, schmachten, als das Glük eines verdienstvollen Mannes
-befördern? Man hat Ihnen unbillige Geseze vorgeschrieben, denen Sie
-sich zu unterwerfen nicht verbunden sind. Wenn Sie durch Borsellens
-Tapferkeit wieder in Ihre Gerechtsame werden eingesezt sein, haben Sie
-alsdann nicht Würde und Hoheit, die ihn dem grösten Fürsten gleich
-stellen, mit ihm zu theilen? Er ist von edler Geburt, und seine Thaten
-machen ihn ehrwürdig. Sollten Ihnen dieses nicht Beweggründe genug
-sein? &mdash; Spreche! unterbrach sie Jacobine, spreche immerfort und
-leite mich aus einem Irrweg in den<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> andern: weil es deine und meine
-Bestimmung ist. Ich sollte die Liebhaber und Ehemänner mehr als den Tod
-fürchten, und doch höre ich dir gelaßen zu; ja! ich weiß nicht, ob du
-mich nicht noch gar überreden wirst. Gefährliche Freundin! Warum hast
-du mich in meinem Unglük allerwegen begleitet? Glaubst du, daß deine
-Beharrlichkeit mir nachtheiliger als der andern Treulosigkeit ist? Wie
-ich in London ankam, war ich wenig geneigt zu thun, was ich nachher
-gethan habe; Du allein warst schuld an der Thorheit, die ich begieng,
-jezt willst du mir eine weit größere zumuthen, und am Ende werde ich
-mich mehr über dich, als über die von Degre zu beklagen haben.</p>
-
-<p class="mtop2">Während Jacobine in einem Strom von Unruhen dahin schwamm, sahe
-Borselle, der wirklich und aufrichtig liebte, wohl ein, daß er ihr
-nicht verhaßt war; er sezte daher so anhaltend in sie, daß es ihm
-glükte das lezte Geständnis von ihr zu erhalten. Er hatte Jacobinens
-wegen außerordentlich große Ausgaben gemacht. Denn zu der Zeit,
-da sie an allem Mangel litte, sezte er sie in Ueberfluß. Er trat
-geheime Vorkehrungen, die des Herzogs von Burgund seine vereiteln
-sollten, und heirathete<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> Jacobinen mit der zu diesem Unternehmen
-nöthigen Behutsamkeit und erforderlichem Geheimniß. Die Climberge,
-der Descaillon und zwei vertraute Freunde des Borselle, waren die
-einzigen, die dieser Handlung beigewohnt hatten; das neue Paar war aber
-dieserwegen nicht wenig glüklich. Sicher ist es, daß Borsellens Liebe,
-statt zu erkalten, täglich zunahm; denn es schien, als ob die Zeit ihr
-neue Kräfte gäbe. Allein Borselle konnte nicht länger unthätig bleiben;
-er hatte zu viel Muth, das Interesse einer Person, die alles für ihn
-aufgeopfert hatte, zu vernachläßigen. Er muste sich daher von ihr
-entfernen. Schreklich war für beide dieses nothwendige Scheiden, das
-auf die beweglichste Weise, mit Versicherung ewiger Liebe, erfolgte.</p>
-
-<p class="mtop2">Man wurde bald gewahr, daß Borselle Jacobinens Angelegenheiten wegen
-in Bewegung war. Es dauerte nicht lang, so wurde der Herzog von
-Burgund davon benachrichtiget; und ob gleich das Ehebündniß sehr
-geheim gehalten war, erfuhr er es doch auch gar bald. Da er einer
-der stolzesten rachsüchtigsten Fürsten war, geriet er bei dieser
-Nachricht in die gröste Wuth. Hundert Eilboten wurden mit dem Befehl
-abgefertiget, sich des Borsellens zu bemächtigen, der sich zu sehr auf
-seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Muth verlaßen, und sich mit seiner geringen Anzahl Leute zu
-viel gewagt hatte, gefangen genommen und in die Hände seines Feindes
-geliefert wurde.</p>
-
-<p>Der Herzog von Burgund, der nun seiner Beute gesichert war, wollte
-die strengste Rache ausüben. Er befahl zu dem Ende, Borsellens
-Prozes zu beschleunigen. Bis zur Wuth gegen Jacobinen, die ihn so
-hintergangen hatte, aufgebracht, wollte er ihr das Schiksal, das
-ihrem Gemal bevorstand, selbst ankündigen. Sie können nun auf den
-fünften Gemal bedacht sein, sagte er zu ihr; denn ich gebe Ihnen mein
-Wort, daß ich Sie in einigen Tagen der Mühe überheben werde, den
-Scheide-Brief Ihres vortreflichen Ehebündnißes mit dem Borselle, von
-Rom aus kommen zu laßen. Ein Scharfrichter wird hier die Stelle des
-Hohenpriesters vertreten, und Ihnen diese Erlaubniß verschaffen. Denn
-ich glaube nicht, daß Sie mich feig genug halten werden, dergleichen
-grobe Beleidigungen ungestraft zu laßen. Ganz unvergleichliche Ehre
-haben Sie den Baierischen und Burgundischen Häusern erwießen, daß
-Sie ihr Blut mit dem eines elenden Kriegers vermischt haben, der nur
-meiner Gnade, das was er ist, zu verdanken hat, und der nun bald dem
-Volk zum Schauspiel und den Raben zur Speise dienen wird.<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> Schämen
-Sie sich nicht, nach so erniedrigenden Ausschweifungen, noch das
-Tageslicht anzuschauen? Der Herzog von Brabant that klug daran, daß er
-die Gesellschaft einer Frau, wie Sie sind, mied; und der Herzog von
-Glocester hat recht gehabt, Ihnen ein geschändetes Mädchen vorzuziehen.</p>
-
-<p>Er würde ihr noch mehr Unangenehmes gesagt haben, wenn es sein Zorn
-zugelaßen hätte. Jacobine hörte ihm schmerzlich bestürzt zu; aber da
-er sie so erniedrigend behandelte, konnte sie nicht länger an sich
-halten. Mit trotzigem Blik sagte sie zu ihm: Ob Sie mir gleich im
-gebieterischen Ton sprechen, so sind Sie deßwegen noch lange nicht
-befugt, mir Geseze vorzuschreiben; und es macht Ihnen eben keine große
-Ehre, daß Sie sich mein Unvermögen und Unglük zu nutz machen. Welches
-Recht haben Sie, mir meine Güter zu rauben und mich zur Sclavin zu
-machen? Ja! ich habe den Borselle geheirathet, und wenn etwas vermögend
-wäre, mich es bereuen zu laßen, so wären es die Leiden, die ich ihm
-dadurch zugezogen habe. Schwärzen Sie sich immer damit, daß Sie ihn
-Ihrem Ehrgeiz aufopfern. Es wird das Maaß Ihrer Ungerechtigkeiten voll,
-und Sie vollends<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> abscheuungswürdig machen. &mdash; Ja! Ja! antwortete der
-Herzog, ich werde der Nachkommenschaft ein Beispiel geben; denn man
-soll nicht von mir sagen, daß ich einen Menschen, der die ersten Häuser
-Europens beschimpfet hat, ungestraft laße. Hierauf entfernte er sich,
-und verließ die erschrokene Jacobine im tiefsten Schmerz versenkt.</p>
-
-<p class="mtop2">So leicht als er es wollte glauben machen, war es doch dem Herzog
-von Burgund nicht, den Borselle seiner Rache aufzuopfern. Dieser
-Edelmann war durchgehends geachtet und beliebt, auch war Jacobine in
-den Jahren, in welchen sie von ihrem Thun und Laßen keine Rechenschaft
-mehr zu geben hatte. Es war leicht einzusehen, daß nur die Furcht
-Jacobine möchte Leibeserben bekommen, den Herzog zu diesem blutgierigen
-Entschluß reizte. Da nun Jacobine dieß alles wohl überlegte, war sie
-minder in Verlegenheit.<a name="FNAnker_N_14" id="FNAnker_N_14"></a><a href="#Fussnote_N_14" class="fnanchor">[N]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p>
-
-<p>Sie bediente sich der Vermittelung des Grafen von Meurs, durch diesen
-versprach der Herzog von Burgund, daß wenn Jacobine auf alle ihre
-Gerechtsame Verzicht thun würde, so wollte er sie und den Borselle in
-Friede laßen.<a name="FNAnker_O_15" id="FNAnker_O_15"></a><a href="#Fussnote_O_15" class="fnanchor">[O]</a> Die dringenden und traurigen Umstände, darinn sich
-Jacobine befand, und einen Gemal, den sie zärtlich liebte, zu retten,
-nöthigten sie, dieße harte Bedingniß einzugehen. Sie entsagte also zu
-Gunsten des Herzogs von Burgund allen ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> Staaten,<a name="FNAnker_P_16" id="FNAnker_P_16"></a><a href="#Fussnote_P_16" class="fnanchor">[P]</a> und man sahe
-dieße große Fürstin, und rechtmäßige Erbin so beträchtlicher Länder, in
-die äuserste Dürftigkeit versezt.</p>
-
-<p>Borselle wurde hierauf seiner Gefangenschaft entlaßen. Jacobine
-empfieng ihn mit der nehmlichen Zärtlichkeit, als ob sie gar nichts
-zu seiner Befreiung aufgeopfert hätte. Beim ersten Anblik sagten sie
-sich einander die rührensten Sachen. Borsellens Herz strömte aus
-Erkänntlichkeit über; und Jacobine, die sich nun für die glüklichste
-Person auf der Welt schäzte, beeiferte sich, ihm ihre zärtliche
-Liebe noch mehr zu zeigen. Durch die Bemühungen ihrer beiderseitigen
-Freunde wurde<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> der Herzog von Burgund nach und nach besänftiget. Er
-warf seiner Nichte einen Gehalt aus, der aber in Betracht deßen,
-was er ihr entrissen hatte, gering war. Der Borselle erhielt, wegen
-seines Bündnisses mit verschiedenen hohen Fürstenhäuser, den Orden des
-goldenen Vliesses. Dieser liebte, oder vielmehr verehrte seine Gemalin
-von Tag zu Tag mehr, und Jacobine schäzte ihn eben so. Allein da ihr
-Leben mit so vielen und anhaltenden Verdrißlichkeiten verwebt war; so
-konnte es nicht anderst sein, als daß ihr Körper sehr geschwächt wurde,
-und dieses verursachte ihren frühzeitigen Tod, der dann 1436, sechs
-Jahre nach der Zeit, als sie den lezten Vergleich mit dem Herzog von
-Burgund eingegangen war, der nun in dem ruhigen Besiz aller der Länder,
-die er ihr entrissen hatte, blieb, erfolgte.</p>
-
-<hr class="chapter" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s2 center padtop3" id="druckfehler">Druckfehler.</p>
-
-</div>
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-<ul class="druckfehler">
- <li>Pag. 11 Zeile 15 statt Geschwister lies <a href="#geschwisterkinder">Geschwisterkinder</a>.</li>
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- <li>&nbsp;&mdash;&ensp; 14 Zeile 8 statt den lies <a href="#dem">dem</a>.</li>
- <li>&nbsp;&mdash;&ensp; 24&emsp;&ndash;&emsp;4 statt dem Grafen lies <a href="#dergraf">der Graf</a>.</li>
-</ul>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="reklame">
-
-<p class="s3 center padtop1 mbot2"><i>Bei Verleger dieses ist zu haben:</i></p>
-
-<p class="hang1_5"><span class="initial">A</span>uf die Schöpfung. (Ein Gedicht nach Klopstock.) 8.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">6 ggr. oder 24 kr.</p>
-
-<p class="hang1_5">Carl’s (Dr. Joh. Sam.) Armen-Apotheke, zum Unterricht und Dienst
-derer, so keine Kenntniß der Arzneikunst haben. &amp;c. &amp;c. Mit
-vollständigen Registern. Siebente verbesserte Auflage. 8. 1789.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">6 ggr. oder 24 kr.</p>
-
-<p class="hang1_5">Caspari (J. P.) Tirocinia sintactica, oder lateinische Sprach- und
-Schulübungen, nach Anleitung der Langischen Grammatik, 2 Theile
-verbesserte Auflage. 8. 1789.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">12 ggr. oder 48 kr.</p>
-
-<p class="hang1_5">Gedanken eines Hohenpriesters der Schwarzen, über die Religion. 8.
-1789.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">16 ggr. oder 1 fl.</p>
-
-<p class="hang1_5">Hans Georg schlag zu! unser Glaube leidet Noth! eine Ode,
-bei Gelegenheit eines Religions Gezänks zwischen Katholiken,
-Lutheranern und Reformirten 8. 1788.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">3 ggr. oder 12 kr.</p>
-
-<p class="hang1_5">Jacobine von Baiern, Gräfin von Hennegau, Holland, Friesland
-und Zeeland. Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehnten
-Jahrhundert. 8. 1791.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">12 ggr. oder 45 kr.</p>
-
-<p class="hang1_5">Lecture amusante pour la jeunesse des deux Sexes par Mr. Villaume.
-2 Tomes gr. 8, 1788.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">1 Rthlr. 12 ggr. oder 2 fl. 45 kr.</p>
-
-<p class="hang1_5">Lettres critiques morales &amp; politiques de Mr. le Comte Max. de
-l’Amberg. 3 Tomes 8. à Amsterdam 1786.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">2 Rthlr. oder 3 fl.</p>
-
-<p class="hang1_5">Philosoph (der) aus Afrika, 3ter Theil, von dem durch mehrere
-Schriften sehr bekannten Herrn Pfarrer Hiltebrandt in
-Baden-Weyerbach. 8. 1789.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">16 ggr. oder 1 fl.</p>
-
-<p class="hang1_5 mleft2">NB Die beiden erstern Theile ließ der Herr Verfasser in Frankenthal
-drucken.</p>
-
-<p class="hang1_5 mtop2">Reimarus (Dr. J. A. H.) Beantwortung einiger, gegen die
-Gewitterableiter gemachten Einwürfe als ein nützlicher Anhang zu
-dessen Abhandlung vom Blitz, und Vorschriften zur Anlegung neuer
-Gewitterableiter. 8. 1790.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">4 ggr. oder 15 kr.</p>
-
-<p class="hang1_5">Sanders (Heinr.) kleine Schriften. Nach dessen Tode herausgegeben
-von G. F. Götz. 2 Bände gr. 8. 1788.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">1 Rthlr. 20 ggr. oder 2 fl. 45 kr.</p>
-
-<p class="hang1_5">Schatzens (Joh. Jak.) kurze Einleitung in die römischen
-Antiquitäten, zur Erläuterung der klassischen Schriftsteller,
-vierte sehr vermehrte und verbesserte Auflage, nebst einem
-Register, 8. 1789.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">12 ggr. oder 48 kr.</p>
-
-<p class="hang1_5">System der Wesen, enthaltend die metaphysischen Principien der
-Natur. 12. 1779.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">16 ggr. oder 1 fl.</p>
-
-<p class="hang1_5">Thyms deutliche und vollständige Anweisung zur Orthographie oder
-deutschen Rechtschreibung. Berichtiget und herausgegeben von J. D.
-Meidinger, zweite und sehr vermehrte Auflage, mit einem Verzeichniß
-zweifelhafter und ähnlichlautender in der Bedeutung aber sehr
-verschiedener Wörter; nach alphabetischer Ordnung. 8. 1791.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">16 ggr. oder 1 fl.</p>
-
-<p class="hang1_5">Volks (Alex.), gründlicher Unterricht zur Rechenkunst, woraus
-ein Rechenschüler ohne Lehrmeister die Species und Regel de
-Tri, nach Anleitung der gemeinen Rechnungsart und der welschen
-Praktik, mit ganzen Zahlen und Brüchen, erlernen kann. Mit
-vielen ausgearbeiteten Exempeln, sowol nach der Reichsmünze, als
-Sächsischen Münze mit allen Vortheilen der Rechenkunst. 8. 1789.</p>
-
-<p class="right mright1 mbot1">6 ggr. oder 24 kr.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="footnotes">
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1"><b>Fußnoten:</b></p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_A_1" id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Seine merkwürdigste Handlung war, daß er 1425 die
-Universität zu Löwen stiftete.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_B_2" id="Fussnote_B_2"></a><a href="#FNAnker_B_2"><span class="label">[B]</span></a> Zu dieser abscheulichen That bediente er sich eines
-Normänischen Edelmanns, Namens Raoul d’Ocquetonville, der dem Herzog
-aufgelauert hatte, und ihn überfiel, da er eben zu Pferd und nur von
-zwei Bedienten begleitet von einem Besuch von der Königin, die in den
-Wochen lag, zurük kam.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_C_3" id="Fussnote_C_3"></a><a href="#FNAnker_C_3"><span class="label">[C]</span></a> Diese Schwachheit, oder vielmehr Wahnsinn des König Karls,
-rührte von folgenden Ursachen her: da ihm im Aug. 1392. als er unter
-Wegs nach Britannien war, entstandene Unruhen daselbst zu stillen,
-die Sonne sehr heiß auf das Haupt schien, bekam er den ersten Anfall
-von Unsinn; das Uebel vermehrte sich durch den Schrecken, <a id="dem" name="dem"></a>dem ihm ein
-unbekannter, hagerer und elend verstellter Mensch verursachte, der
-sich ihm näherte, sein Pferd in den Zaum griff, und ihn mit den Worten
-anredete: <i>Bleib zurück König, wo willst Du hin? Du bist verrathen</i>,
-und gleich verschwand. Und da endlich zum Unglück ein auf dem Pferd
-eingeschlafener Edelknabe seine Lanze auf einen vor ihm hergetragenen
-Helm fallen lies, glaubte der König man wollte ihn seinen Feinden
-überliefern und bekam eine so heftige Wuth, daß er in eine Ohnmacht
-fiel und in derselben drei Tage lang liegen blieb. Hierauf hatte er
-sich wieder ziemlich erholet, allein, da man, um ihn zu zerstreuen,
-das folgende Jahr, den 29ten Jenner, einen vermumten Ball
-veranstaltete und ein mit Pech bestrichenes Gewand sich auf demselben
-entzündete, wodurch er in Gefahr zu verbrennen gesezt wurde, verfiel er
-auf das neue in Raserei. Hieran war die Unvorsichtigkeit des Herzogs
-von Orleans schuld, der mit einer brennenden Fackel einigen Personen,
-die als wilde Männer verkleidet waren, um sie zu erkennen, zu nahe <a id="kam" name="kam"></a>kam.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_D_4" id="Fussnote_D_4"></a><a href="#FNAnker_D_4"><span class="label">[D]</span></a> 1412. Bemächtigte er sich der Person des Königs, führte
-ihn vor Bourges, wo eine Anzahl Grossen des Reichs eingeschlossen
-waren, die zu einem Vergleich gezwungen wurden. Nach diesem verbündete
-sich der Herzog näher mit der Königin, und vermehrte dadurch die
-Zerrüttung im Reich. Denn unter dem Vorwand der königlichen Gewalt und
-Befehle lies er den 18ten Juni 1418. den Kanzler und mehrere Grossen
-des Reichs, die ihm entgegen waren, umbringen, und verübte überhaupt
-unerhörte und die Natur empörende Grausamkeiten in Paris. Allein das
-folgende Jahr erhielt er den verdienten Lohn dafür; denn Sontags den
-10ten Sept. wurde er zu einer Unterredung von dem Dauphin auf die
-Brücke Monterrau gelockt, und daselbst durch einen alten Diener des
-ermordeten Herzogs von Orleans, Namens Tanegui du Chastel umgebracht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_E_5" id="Fussnote_E_5"></a><a href="#FNAnker_E_5"><span class="label">[E]</span></a> Da die Neigungen dieser beiden Frauen in vielem gleich
-war, so ist an deren gegenseitigen Freundschafts-Bezeugungen nicht zu
-zweifeln. Isabella, Karls Gemahlin, war die Tochter Herzog Stephans
-II. von Baiern, und diese Fürstin, die mit ihrem Bruder Ludwig dem
-Bärtigen, Grafen von Mottagne beständige Unruhen in Frankreich erregte,
-konnte man eine wahre Geissel des Staats nennen. In wie weit ihr die
-Gräfin von Hennegau mit ihren Intriguen gleich kam, wird der Verfolg
-lehren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_F_6" id="Fussnote_F_6"></a><a href="#FNAnker_F_6"><span class="label">[F]</span></a> Dieser Johann von Baiern war überhaupt ein sehr
-haabsüchtiger und unbarmherziger Fürst. Ob er gleich als Bischoff
-zu Lüttig lange Zeit regieret hatte, war er doch nie Priester. Die
-Lüttiger, die gerechte Beschwerden gegen ihn hatten, empörten sich,
-und hielten ihn in Mastricht eingeschlossen, von wo er, durch Hülfe
-des Herzogs von Burgund (wie schon gesagt worden) befreiet wurde. In
-dem 1409. mit seinen Unterthanen gehaltenen Treffen, wurden 36000
-derselben getödtet, die übrigen beredete er, unter dem Versprechen
-einer gänzlichen Verzeihung, zum Vergleich; allein kaum hatte er die
-Stadt Lüttig wieder in Besiz, so lies er eine grosse Anzahl Einwohner,
-unter dem Vorwand, daß sie die Rädelsführer, und daher nicht unter
-diejenigen, die er begnadigt habe, begriffen sein, ganz unbarmherziger
-Weise ertränken und sonst hinrichten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_G_7" id="Fussnote_G_7"></a><a href="#FNAnker_G_7"><span class="label">[G]</span></a> Welche Ränke braucht ein verlarvter Bösewicht zu einem
-erniedrigendem Geschäft nicht! Zu unsern Zeiten, brauchen die, zu
-Ausschweifungen der Art geneigte Fürsten dergleichen Hülfe nicht:
-sie wissen sich selbst zu rathen; wäre es aber nöthig, so würden sie
-bereitwillige Höflinge zu Unterhändlern genug finden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_H_8" id="Fussnote_H_8"></a><a href="#FNAnker_H_8"><span class="label">[H]</span></a> Obgleich der Friede zwischen Heinrich von England und
-Karl VI. von Frankreich den 20ten Junii, 1420. zu Troyes geschlossen
-war; vermöge welchem Heinrich, nach Absterben König Karls, zum
-Nachfolger des französischen Reichs erkannt wurde, und nach der
-Einnahme verschiedener Oerter, die es mit dem Dauphin gehalten
-hatten, die beiden Könige den ersten Advents-Sonntag ihren Einzug in
-Paris hielten, wurde doch der Krieg nicht beendiget. Der Dauphin,
-unzufrieden mit dem für ihn so nachtheilig geschlossenen Frieden, der
-ihn von der Nachfolge im Reich ausschloß, verstärkte seinen Anhang.
-Hierdurch wurde Frankreich in zwei Partheien getheilet, und man sahe
-damals in demselben zwei Könige, zwei Königinnen, zwei Kronregenten,
-doppelte Kronbediente, doppelte Parlementer, kurz alles war wegen
-der Spaltung in diesem Reich zweifach. Die Unruhen auf einmal zu
-beendigen gieng Heinrich nach England, um neue Völker zu sammlen. Mit
-beträchtlicher Macht kam er zurück, mit dem Vorsaz dem Dauphin ein
-entscheidendes Treffen zu liefern; allein dieser wich ihm überall
-aus. Er belagerte und eroberte Dreux, während welcher Belagerung ihm
-ein Einsiedler soll prophezeiet haben, daß er wegen seiner Ehrsucht
-das Königreich Frankreich unrechtmässiger Weise an sich zu bringen,
-mit einer abscheulichen Krankheit, vom Himmel würde heimgesucht und
-bestraft werden. Er verlachte diese Weissagung. Dem sei wie ihm wolle,
-so wurde er doch einige Monate drauf zu Senlis krank. Sein Uebel
-waren Feigwarzen. (Mal de St. Fiacre) Ohne sich vor den Folgen dieser
-Krankheit zu fürchten, lies er sich in einer Sänfte nach Vincennes
-bringen, woselbst er aber am 31. Aug. des 1422. Jahrs seinen Geist
-im 36ten Jahr seines Alters aufgab. Kurz vor seinem Ende verordnete
-er seinem unmündigen Sohn Heinrich, der erst neun Monat alt war, die
-Herzoge Johann von Bedford und Humphrei von Glocester, (der Held in
-dieser Geschichte) seine beide Brüder zu Vormündern; und befahl, daß
-der erste in Frankreich und der andere in England Regent sein sollte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_I_9" id="Fussnote_I_9"></a><a href="#FNAnker_I_9"><span class="label">[I]</span></a> Da hier die Rede von zwei Päbsten ist, die in der
-damaligen grossen Kirchenspaltung zugleich gelebt und um gleiche
-Vorrechte gebuhlet haben; so wird es wohl hier der schicklichste Platz
-sein, den kurzen Lebenslauf derselben anzuführen. Der Leser wird
-hiernach von selbsten urtheilen, welcher von beiden den gültigsten
-Beruf gehabt haben mag? ein Fall der zu unsern Zeiten schwerlich mehr
-entstehen wird, jedoch zur Sache: Peter de la Lune, ein Spanier aus
-dem Königreich Aragonien, erhielt vom Pabst Gregor XI. im Jahr 1375.
-den Kardinalshuth; nach 1378. erfolgtem Tod dieses Pabsts, trug er
-nicht wenig bei, daß Clemens VII. zum Nachtheil Urbans V. der schon in
-Rom auf dem päbstlichen Stuhl saß, erwählet ward, wodurch die schon
-in der Kirche herrschende Zwietracht vermehret wurde. Oefters sprach
-er dennach mit verstelltem Eifer von dieser Spaltung, verwünschte
-alle Zwietracht und versicherte, daß wenn er an einer der Päbste
-Stelle wäre, würde er sich alle Mühe geben und allem entsagen, um die
-Gläubigen wieder unter ein Haupt zu vereinigen. Allein der Erfolg
-zeigte bald, daß er nur unter diesem heuchlerischen Friedenseifer
-hochmüthige und ehrsüchtige Absichten verbarg. Denn als Clemens 1394.
-zu Avignon starb, stellten die damals zur Wahl anwesenden Kardinäle,
-unter deren Zahl er war, eine schriftliche Versicherung aus, daß
-derjenige unter ihnen, den die Wahl treffen würde, wenn es das ganze
-Collegium für gut finden würde, der Spaltung dadurch ein Ende zu
-machen, dem päbstlichen Stuhl wieder freiwillig entsagen sollte. Es
-konnte daher nicht fehlen, daß die Wahl einstimmig auf ihn fiel, bei
-welcher er den Nahmen Benedickt XIII annahm. Da er aber nun seinen
-Entzweck erreichet hatte, wollte er von allem was er zuvor versprochen
-und sich anheischig gemacht hatte, nichts wissen. Der König von
-Frankreich, verschiedene Häupter Europens, der französische Klerus
-und andere mehr, gaben sich alle erdenkliche Mühe, ihn zur Erfüllung
-seines Versprechens, damit die Einigkeit in der Kirche dadurch wieder
-hergestellet würde, zu bewegen. Allein es war tauben Ohren gepredigt;
-sein Ehrgeiz lies es nicht zu; gab er auch einmal einige Hoffnung, so
-war es nur um Zeit zu gewinnen, und um desto wiedrigere Maasregeln
-nehmen zu können, nach welchen er endlich die nur auslachte die ihm
-von freiwilliger Abtretung ferner sprachen. Anfangs hielt man ihn in
-Avignon gefangen, er fand aber Gelegenheit 1402. von da verkleidet zu
-entweichen, und auf das Schloß Reinard in der Provence zu flüchten,
-wo er eine geringe Anzahl Völker antraf, die ihm zur Leibwache
-dienten. Auf dem Konzilium zu Pisa wurde er 1409. nebst Gregor XII.
-als Schismatiker und Eidbrüchiger, des Päbstlichen Stuhls verlustig
-erklärt, worauf den 26ten Juni die Kardinäle ins Conclave giengen, und
-Alexander V. an deren Stelle erwählten. Allein Benedickt kehrte sich
-hieran nicht, sondern seine Würde zu behaupten und sich neue Anhänger
-zu verschaffen, da die Kardinäle alle, die ihn erwählt hatten, von
-ihm gewichen waren, ernannte er verschiedene neue. Ob er nun gleich
-1417. von der Kirchenversammlung zu Costanz in den Bann, gethan und
-abgesezt wurde, so gaben sich dennoch Europens Monarchen die Mühe, ihn
-zum freiwilligen Verzicht unter den vortheilhaftesten Bedingnissen
-zu bereden; allein ihre Bemühungen waren auch fruchtlos. Da er sich
-endlich von jedermann verlassen und verabscheuet sahe, begab er sich,
-nebst zwei ihm treu gebliebenen Kardinälen nach Paniscola, einer
-geringen Stadt im Königreich Valenzia, wo er 1424. starb. Dreisig Jahr
-hatte er in der Kirchenspaltung verlebt, die er auf seinem Sterbebette,
-so wie die Zwietracht boshafter Weise nach seinem Tode, dadurch noch
-weiter nähren wollte, daß er die zwei zugegen gewessenen Kardinäle
-zwang, an seine Stelle einen Kanonicus zu Barcellona unter dem Namen
-Klemens VIII. zu erwählen.
-</p>
-<p>
-Sein Gegner Martin III. aus dem Hausse Colonna, wurde, nachdem Gregor
-XII. dem Päbstlichen Stuhl freiwillig entsagt hatte, und die Mitpäbste
-Johann XXIII. und Benedickt XIII. von der Kirchenversammlung zu
-Costanz abhgesezt waren: auf eben dieser Versammlung 1417. zum Pabst
-erwählet und daselbst gekrönet. Die versammelten Kirchenväter wollten
-hierdurch der ärgerlichen Spaltung, die nun schon vierzig Jahre in der
-Kirche gedauert hatte, ein Ende machen. Sie beschlossen daher diese
-Wahl nur durch die anwesenden Kardinäle, mit Zuziehung dreisig theils
-Prälaten theils andern Geistlichen, die aus verschiedenen Staaten auf
-der Versammlung waren, vorzunehmen. Sie erfolgte auf dem Rathhauß zu
-Costanz. In der 42ten Sitzung, so wie bei allen folgenden, hatte der
-neue Pabst den Vorsitz, worinnen er sich durch seine Beredsamkeit
-alle Mühe gab die Eintracht in der Kirche wieder herzustellen. Ein
-Beweiß, daß sein Vorsatz aufrichtig war, ist dieser: daß er, nach
-Absterben Gregors, den abgesezten Pabst Johann sehr liebreich aufnahm,
-und ihn zum Dechant des Kardinalkollegiums ernannte, ihm auch in
-solchem einen erhabenern Sitz, als der andern Kardinäle ihrer war, zum
-Unterscheidungszeichen anwies. Seine Bemühungen aber, Benedickt zu
-gewinnen, waren eben so fruchtlos, wie die der andern Mächte, wovon
-schon gesagt worden? nur von Alphonsus König von Aragonien war er noch
-unterstüzet. In der 44 Sitzung zu Constanz wurde beschlossen, eine
-anderweitige Versammlung für das Jahr 1423. nach Pavia zu berufen,
-die aber wegen der daselbst herrschenden Pest das folgende Jahr zu
-Sienna gehalten wurde. Dahin sandte Alphonsus einen Bevollmächtigten
-mit ansehnlichen Geschenken und grossen Versprechungen, um der
-Sache Benedikts eine andre Wendung zu verschaffen, und Martin vom
-päbstlichen Stuhl zu vertreiben: Allein der gleich darauf erfolgte
-Tod Benedikts machte diesem Zwist ein Ende; denn auf die Wahl, die
-Benedikt bei seinem Tode, auf Veranlassung Alphonsus, angestellt hatte,
-wurde keine Rüksicht genommen; auch entsagte der dabei ganz ungültig
-erwählte Clemens dem päbstlichen Stuhl freiwillig. Dieses bewog den
-Pabst Martin, daß er demselben das beträchtliche Bisthum von Majorqua
-übertrug. Und hierdurch hörte die während 51. Jahre in der römischen
-Kirche gedauerte Spaltung ganz auf, welches man den klugen Bemühungen
-Martins zu verdanken hatte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_J_10" id="Fussnote_J_10"></a><a href="#FNAnker_J_10"><span class="label">[J]</span></a> Was vermag eine rachsüchtige Buhlschwester nicht! und
-welch Unglük entstehet nicht oft in einem ganzen Lande durch das
-teufelische Einblasen einer Beischläferin? Doch Dank sei es unsern
-aufgeklärtern Zeiten! Kein Blutbad, wie damals wird mehr darauf
-erfolgen. Denn so kleine Geister, wie der Herzog von Brabant war, der,
-ausser seinem schwachen Verstand, doch gutmüthig genug gewesen sein
-würde, seine Gemalinn nicht weiter zu verfolgen, giebt es unter den
-Grossen nicht mehr. Thut ja eine Beischläferin noch einigen Schaden,
-so ist es nur an Einzeln und an denen, die nicht niederträchtig genug
-sind, zu ihrer Fahne zu schwören; der ganze Staat wird aber deswegen
-nicht zerrüttet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_K_11" id="Fussnote_K_11"></a><a href="#FNAnker_K_11"><span class="label">[K]</span></a> Dieser Ausdruk ist ein Wortspiel, das auf den Familien
-Name (de la Lune) des Pabsts Benedikts, bezug hat.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_L_12" id="Fussnote_L_12"></a><a href="#FNAnker_L_12"><span class="label">[L]</span></a> Natürlicher Weise konnte sich Jacobine wenig von dieser
-Hülfe versprechen; denn ausserdem wie schon gesagt worden ist, der
-Herzog von Bedford ein leiblicher Schwager des von Burgunds war, muste
-jener diesen besonders schonen. Da er um seines Vaters Mord zu rächen,
-zur Englischen Partie getreten und die Waffen gegen sein Vaterland
-ergriffen hatte, war zu befürchten, daß wenn der Herzog von Bedford
-eifrig in ihn sezen wollte, er diese Partei verlassen, und sich zum
-Nachtheil Englands mit dem König von Frankreich vergleichen dürfte,
-wie er denn auch schon oft solches gedrohet hatte. Wäre aber dieses
-erfolgt, so hätte sich die Englische Partei unmöglich in Frankreich
-erhalten können. Da sich in der Folge mehrere Gelegenheit finden wird,
-von dem Herzog von Burgund zu reden, so wird es nicht undienlich
-sein, hier einen Biographischen Auszug von ihm zu geben. Philipp III.
-Herzog von Burgund &amp;c. war ein Sohn des zu Paris ermordeten Herzogs
-Johann von Burgund, wie anderwärts schon gesagt worden. Er ward 1396.
-Zu Dijon gebohren. Seines Vaters Tod zu rächen ergrif er 1420. die
-Waffen gegen sein Vaterland, und schlug sich zur Englischen Partei.
-Hierdurch wurde er sehr mächtig; und da er nirgends Wiederstand fand,
-verbreitete er zu Ende der Regierung Carls VI. und Anfangs der von
-Carl VII. in Frankreich überall Furcht, Schreken und Verwüstung. 1421.
-lieferte er die berühmte Schlacht bei Mons in der Picardie, in welcher
-er den Dauphin aufs Haupt schlug, und dadurch das Elend im Vaterland
-vermehrte. Endlich verlies er 1435. die Englische Partei, und gieng mit
-dem König von Frankreich einen Vergleich ein, welches er auch mit dem
-Herzog von Orleans that. Dem ohnerachtet behielt er gegen Carl VII.
-beständig heimlichen Haß, welchen er dadurch bewies, daß er seinem Sohn
-dem Dauphin, nachmalig König Ludwig XI. Zuflucht in seinen Staaten
-verstattete. Er war es der den 19. Jenner 1430. den Orden des güldenen
-Vließes stiftete, der verschiedene andere milde Stiftungen errichtet,
-und fast die siebenzehen Provinzen der Niederlande vereiniget hatte. Er
-starb zu Brügge den 15. Julii 1467. und hinterlies von drei Gemalinnen,
-die er gehabt hatte, nur einen Prinzen, Carl den Verwegenen, der ihm in
-der Regierung seiner Staaten folgte, dagegen aber fünfzehen natürliche
-Kinder, die er von verschiedenen Beischläferinnen erzeugt hatte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_M_13" id="Fussnote_M_13"></a><a href="#FNAnker_M_13"><span class="label">[M]</span></a> In der Familie der Grafen von Brederode hat es von jeher
-nicht an berühmten Männern gefehlet, unter welchen aber folgende
-die merkwürdigsten sind. Heinrich von Brederode war ein Haupt der
-Protestantischen Verschwöhrung in den Niederlanden. 1567. überreichte
-er der damaligen Gouvernantin Margaretha von Parma verschiedene Denk-
-und Bittschriften, in welchen er, als aus dem Hauße der Grafen von
-Brabant entsproßen, sein Recht gegen das Hauß Burgund, das diese
-Grafschaft in Besiz hatte, suchte geltend zu machen. Da sich aber bald
-hernach die Umstände änderten, gieng er mit seiner ganzen Famille, und
-allem was er nur fortbringen konnte, zu Wasser nach Embden, und von da
-aus nach Deutschland, wo er bald darauf vor Verdruß starb. Seine Wittwe
-die eine Gräfin von Meurs, und eine der herzhaftesten Frauen damaliger
-Zeit war, vermählte sich nachher mit dem Churfürsten von der Pfalz.
-Lancelot von Brederode aber, gleichfals ein Haupt der Verschwornen,
-wurde 1573 nach der Einnahme von Harlem, davon er Kommandant war,
-und sich muthig vertheidigt hatte, nebst den öbersten Offiziers der
-Besazung, auf Befehl des Herzogs von Alba enthauptet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_N_14" id="Fussnote_N_14"></a><a href="#FNAnker_N_14"><span class="label">[N]</span></a> Nicht allein diese Furcht, sondern noch ein ganz
-anderer Beweggrund veranlaßten den Herzog von Burgund, seine Rache
-aufzuschieben. Der Englander Angelegenheiten in Frankreich, mit denen
-er in Bündniß stand, fiengen an für ihn nachtheilig zu werden. Es war
-1429 da die berüchtigte Jeanne d’Arc, oder das Mädchen von Orleans,
-deren Geschichte, ob gleich schon viel darüber geschrieben worden,
-jezt noch ziemlich problematisch ist, zu Frankreichs Rettung auf den
-Schauplaz trat. Die Engländer fiengen an, Mißtrauen in den Herzog von
-Burgund zu sezen. Trennten sich nun die Engländer ganz von ihm, so
-muste er befürchten, daß Jacobine als Gräfin von Holland und Zeeland
-Hülfe von ihnen erhalten dürfte. Merkwürdig ist es indeßen, daß
-Jacobine die Befreiung ihres Gemals gewißer maßen obiger französischen
-Heldin verdanken konnte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_O_15" id="Fussnote_O_15"></a><a href="#FNAnker_O_15"><span class="label">[O]</span></a> Es war dem Herzog von Burgund um so viel mehr an
-Vollziehung des Vergleichs gelegen, weil eben der lezte Herzog von
-Brabant, Philipp Graf von S. Paul, Jacobinens Schwager ohne rechtmäßige
-Leibeserben mit Tode abgegangen war, und er sich also auch den gewißen
-Besiz des Herzogthums Brabant zusichern wollte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_P_16" id="Fussnote_P_16"></a><a href="#FNAnker_P_16"><span class="label">[P]</span></a> Der Herzog von Burgund hatte nun seinen Endzwek erreichet,
-und durch Jacobinens Verzicht, die dem Hauße Baiern in den Niederlanden
-noch zugehörigen Länder, an sich gebracht. Da er bei seinem Tod nur
-einen Sohn, &mdash; wie schon gesagt worden ist &mdash; Carl den verwegenen
-hinterließ, und dieser, der 1477. vor Nanzig blieb, keine männliche
-Erben, sondern nur eine Prinzeßin Maria, die an den Erzherzog von
-Oestreich, nachherigen Kaiser Maximilian, vermälet war, hinterlaßen
-hatte, brachte diese die reiche Erbschaft ihres Vaters dem Hauße
-Oestreich zu, das denn würklich noch gegenwärtig einen beträchtlichen
-Theil davon, wie bekannt ist, besizt.</p></div>
-
-</div>
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-</div>
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-<pre>
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-
-End of the Project Gutenberg EBook of Jacobine von Baiern Gräfin vo
- Hennegau, Holland, Friesland , by Gottlob Heinrich Heinse
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JACOBINE VON BAIERN GRÄFIN ***
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