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-Project Gutenberg's Der Kriegsfreiwillige, by Hedwig von Mühlenfels
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Der Kriegsfreiwillige
-
-Author: Hedwig von Mühlenfels
-
-Illustrator: Curt Vogt
-
-Release Date: June 3, 2017 [EBook #54837]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KRIEGSFREIWILLIGE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
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-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1915 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
- und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden
- beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich
- waren oder im Text mehrfach auftreten.
-
- Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von
- der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der
- vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Der Kriegsfreiwillige
-
-
- Dritte Auflage
-
-
-
-
- Bei +Egon Fleischel & Co.+
- erschienen folgende Werke von
-
- +Helene von Mühlau+
-
- Beichte einer reinen Törin
- Sie sind gewandert hin und her
- Das Witwenhaus
- Liviana Saltern-Santos
- Eine irrende Seele
- Nach dem dritten Kind
- Das Kätzchen
- Hamtiegel
- Die zweite Generation
- Ehefrauen
-
-
-
-
- Der
- Kriegsfreiwillige
-
- Roman
-
- von
-
- Helene von Mühlau
-
- [Illustration]
-
- Egon Fleischel & Co. / Berlin 1915
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
- ~Amerikanisches Copyright 1915 by Egon Fleischel & Co., Berlin~
-
- Zeichnung für den Umschlag und den
- Original-Einband von +Curt Vogt+
-
-
-
-
- Dieses mit bangem Herzen geschriebene
- Büchlein widmet ihrem verehrten Freunde
- +Herrn Hermann Sudermann+
- in Dankbarkeit die Verfasserin
-
-
-
-
-Leise und zögernd zog der Abend nach dem langen, heißen Sommertag
-ins Zimmer. Die Umrisse der Möbel wurden unbestimmt, die Bilder an
-den Wänden zerflossen in Schatten, auf dem Teppich schlich noch ein
-Stückchen Tageslicht hin wie eine wellig gekrümmte, fast farblose
-Schlange. Alles war weich und mild und lind geworden, und die
-Großmutter sagte mit ungewohnt sanftem Ton: „Komm einmal her zu mir,
-Maria.“ Und Maria, die, ganz in sich zusammengesunken, in einem
-riesengroßen, altväterischen Sessel gesessen hatte, erhob sich leise
-und ging zur Großmutter hin.
-
-Sie sagte ‚Großmutter‘ zu der alten Frau, obwohl sie ihre
-Schwiegermutter war. Maria war am frühen Morgen von Berlin abgefahren;
-erst sechs Stunden mit der Bahn, dann, vom Großvater abgeholt, noch
-zwei Stunden Wagenfahrt. Sie war müde angekommen, und die Großmutter
-hatte ihr ein paar Stunden Ruhe gegönnt und sie erst gegen fünf Uhr zum
-Tee rufen lassen.
-
-Die Großmutter wohnte in einem kleinen, hübschen Villenort; sie hatte
-mit Großvater den unteren Stock eines netten Landhauses inne und sah
-gesund und zufrieden aus. Großvater war nicht zu Hause; er stand
-freiwillig auf Brunnenwache, denn irgend jemand im Orte hatte erzählt,
-daß die Russen durchziehen und die Brunnen vergiften würden. Da hatte
-Großmutter zu ihrem Manne gesagt: „Selbstverständlich wachst du mit“,
-und Großvater hatte sich auch freiwillig zur Verfügung gestellt und
-erfüllte trotz seiner zweiundsiebzig Jahre aufs gewissenhafteste die
-übernommene Pflicht.
-
-Die Großmutter zog Maria zu sich aufs Sofa nieder und legte den Arm um
-ihre Schultern. „So, nun erzähl’ vom Jungen!“
-
-Auf dem runden Tisch vor ihnen lag ein Stoß Zeitungen, und die
-Großmutter war damit beschäftigt gewesen, einige Artikel auszuschneiden.
-
-„Für den Jungen!“ sagte sie. „Der wird jetzt keine Zeit zum
-Zeitunglesen haben; aber später wird er froh sein, daß Großmutter an
-ihn gedacht hat.“
-
-„Ich habe auch schon für ihn gesammelt!“ sagte Maria, nicht ohne leisen
-Trotz in der Stimme.
-
-Die Großmutter faltete plötzlich ihre Hände und rief laut: „Lieber,
-lieber Gott, warum hast du dieses namenlose Leid über uns gesandt?
-Siehst du, Maria, du weißt, daß ich fromm bin und ohne meinen Gott
-nicht leben konnte! Aber seit er all dies Furchtbare geschehen läßt,
-ist es mir jeden Morgen von neuem, als ob ich mit ihm hadern müßte.
-Ich kann nicht ruhig mehr sagen: Vater unser, der du bist im Himmel.
-Geheiligt werde dein Name! Nein, das kommt mir nicht mehr glatt von den
-Lippen, und das ist für eine alte Frau, die eigentlich keinen andern
-Halt mehr hat, sehr hart, wenn sie an ihrem Lebensende mit ihrem Gott
-in Zwietracht geraten muß!“
-
-„Du hast doch Großvater,“ antwortete Maria, und die alte Frau nickte.
-
-„Ja, und er ist ein guter Mann und hat mich nicht enttäuscht.“ Das
-bestätigte die Großmutter sehr kräftig, fast herausfordernd; denn es
-war ihr im Laufe der Zeit allerlei zu Ohren gekommen, was man über
-ihre späte Heirat gesagt hatte. „Ich halte es mit dem alten Fritz:
-Jeder nach seiner Fasson! Es mag alte Frauen in Fülle geben, die das
-Alleinsein nicht empfinden, oder die in Kaffeeklatschen Befriedigung
-suchen oder irgendwo bei Verwandten unterkriechen. Das genügte mir
-nicht. Ich muß jemanden haben, für den ich sorgen kann. Wärest du nach
-Alfreds Tod mit dem Jungen zu mir gekommen, oder hättest du wieder
-geheiratet und mir den Jungen überlassen, dann hätte ich eben Großvater
-nicht genommen. Da dir aber nicht beizukommen war, handelte ich, wie
-ich es für gut hielt.“
-
-„Du sagst das immer so, als ob ich etwas gegen deine Heirat gehabt
-hätte, Großmutter,“ meinte Maria.
-
-„Das würde dir auch wenig genutzt haben,“ rief die Großmutter und sah
-einen Augenblick triumphierend aus, aber dann wurde ihr Gesicht wieder
-weich.
-
-„Ich hatte einmal in einem Buch gelesen, Maria, daß eine Ehe zwischen
-alten Leuten, die des Lebens Stürme hinter sich haben, unendlich gut
-und schön sein müßte. Das ist mir nicht aus dem Sinn gegangen, und als
-ob es so hätte sein sollen, mußte der Großvater, der sich ebensosehr
-vor der Einsamkeit wie ich fürchtete, mir in den Weg laufen. Schickung!
-Und ich muß gestehen, nachdem er seine großen Eigenheiten, die er
-anfänglich durchsetzen wollte, abgelegt hat, sind wir recht glücklich
-zusammen. Er tut, was ich will, und hat keinerlei Launen mehr. Das ist
-eine große Kunst für eine Frau, sich den Mann so zu ziehen, wie sie
-ihn haben will, eine Kunst, von der du nicht viel verstehst, Maria. Du
-würdest dich in den ersten zwei Wochen unterkriegen lassen.“
-
-„Darum habe ich ja auch nicht wieder geheiratet, Großmutter.“
-
-„Schlimm genug für dich und den Jungen, der ohne Vater aufwachsen
-mußte.“
-
-„Ist denn der Junge nicht sehr gut groß geworden? Du tust mir wirklich
-oft Unrecht, Großmutter.“ Aber dann kam der wilde Schmerz all dieser
-Tage wieder in ihr auf; sie warf den Kopf in die Arme und weinte.
-
-„Vielleicht ist alles zwecklos gewesen, alles umsonst!“ Großmutter ließ
-sie eine Weile so liegen, dann hob sie ihr den Kopf in die Höhe.
-
-„Das Weinen hat gar keinen Zweck, Maria. Damit änderst du absolut
-nichts und machst nur dich selbst elend.“
-
-Sie war sehr gut und weich in diesen Augenblicken und zog den Kopf der
-Schwiegertochter an ihre Brust.
-
-„Wir sind sehr verschieden, Maria,“ sagte sie, „und werden wohl nie
-ganz zueinander hinkönnen; aber wenn du um das Jungchen weinst, habe
-ich dich lieb, denn dann fühle ich, daß du doch zu uns gehörst.“
-
-Es war nun ganz dunkel im Zimmer geworden, und die Großmutter sprach
-leise, aber nicht ohne Heftigkeit:
-
-„Siehst du nun ein, daß es eine Dummheit ist, wenn eine Frau, die noch
-jung ist, den Wahn hat, allein bleiben zu müssen. Man kann sich den
-Mann nicht malen, ganz besonders nicht, wenn man so wenig Mittel hat
-wie du. Aber, da hat man, wenn ein braver, solider Mann mit reellen
-Absichten kommt, gleich große Schlagreden bei der Hand: ‚Ich muß
-verstanden sein, muß seelische Gemeinschaft, gleiche Interessen haben!‘
-Der lautere Blödsinn, Maria, den sich meinethalben eine Millionärin
-erlauben kann. Aber für dich paßte sich das absolut nicht! Nun, wo
-Gott dies furchtbare Strafgericht in die Welt geschickt hat, stehst du
-gottverlassen da und wärest vielleicht froh, wenn einer käme und dir
-Sicherheit böte.“
-
-„Nein, das wäre ich auch heute noch nicht, wenn ich ihn nicht lieben
-könnte!“ Der Kopf hob sich von der Brust der Großmutter, und die alte
-Kluft war wieder da.
-
-„Dann weine auch nicht! Der Hochmütige darf nicht weich werden.“
-
-Der Großvater trat ins Zimmer. „Warum denn so im Dunkeln?“ fragte er
-und ließ den Kronleuchter aufblitzen.
-
-Die Großmutter ward ärgerlich. „Du weißt, daß ich diese plötzliche
-Beleuchtung nicht vertrage!“ Und der alte Herr schaltete, mit einem
-feinen Lächeln um den Mund, die Krone aus und drehte eine kleine,
-gelbverschleierte Lampe an. Er hielt Zeitungen in der Hand und machte
-ein bedeutendes Gesicht. „Kann ich noch eine Tasse Tee haben?“ fragte
-er; aber als Maria aufspringen wollte, hielt Großmutter sie fest.
-
-„Geh, Alterchen, und klingle der Müller! Sie wird dir schon irgendwas
-Trinkbares bringen.“
-
-Die Müller, eine ältliche Frau, die bei den zwei alten Leuten wohnte
-und sie bediente, kam schon von selbst mit einer Tasse Tee, und der
-Großvater richtete ein paar freundlich scherzende Worte an sie.
-
-„Was Neues?“ fragte die Großmutter; und er las den Hauptartikel aus der
-Zeitung vor.
-
-„Also mit Belgien werden sie bald durch sein. Rat Mertens behauptet, in
-drei Wochen wären sie in Paris.“
-
-„Rat Mertens soll besser seinen Mund halten,“ schalt die Großmutter.
-„In drei Wochen sind wir nicht in Paris, das sagt mir mein klarer
-Verstand. Die Franzosen, wenn sie nur einigermaßen ihre fünf Sinne
-beisammen haben, werden ihr Paris diesmal zu verschanzen wissen!“
-
-Großvater lenkte ab und wandte sich an die Schwiegertochter: „Nun, hast
-du den ersehnten Brief vom Jungen vorgefunden?“
-
-Und Großmutter bat: „Nun erzähl’ endlich, Maria! Aber ein bißchen
-folgerichtig, nicht so sprunghaft, Maria. Aus euren paar Briefen und
-Karten konnte man so gut wie nichts entnehmen. Also fang’ nur gleich
-mit eurer Abreise von Norderney an! Nein, wie ich Gott gedankt habe,
-daß ihr die verrückte Idee, in ein belgisches Seebad zu fahren, nicht
-ausgeführt habt. Wenn schon einer so viel übrig hat, daß er in ein Bad
-fahren kann, dann soll er sein Geld doch lieber im Lande lassen, statt
-es den Ausländern in den Rachen zu werfen. Man sieht ja nun, wie sie es
-mit uns meinen. ‚Bleib’ im Lande und nähre dich redlich.‘ Dieser Spruch
-wird von jetzt an mit Gottes Hilfe wieder zur Geltung kommen.“
-
-Großvater sagte: „Ich meine, Maria sollte erzählen.“ Großmutter ließ
-sich nicht gern maßregeln und blickte ärgerlich auf.
-
-„Notabene,“ nahm Großvater wieder das Wort, „Mertens und Hieronymus
-wollen heute abend wieder kommen, und vielleicht spricht auch Hauptmann
-Prell vor.“
-
-„Aber hoffentlich nicht zum Essen,“ rief Großmutter auffahrend.
-
-„Nein, ganz solide zum Glas Wein nach Tisch.“
-
-Großmutter sagte zu Maria: „Wenn du doch noch je einmal heiraten
-solltest, Kind, so mache es deinem Manne gleich zu Anfang klar, daß er
-dir nicht ungefragt Leute ins Haus bringt, die auf ein warmes Abendbrot
-warten. Du weißt nicht, in welch eine Verlegenheit eine Hausfrau bei
-solchen Veranlassungen kommen kann.“
-
-„Ich würde Maria gleich ein ganzes Erziehungssystem für den Fall ihrer
-Wiederverheiratung aufschreiben,“ schmunzelte der alte Herr. Und
-Großmutter fuhr ärgerlich dazwischen: „Du und Maria, ihr seid immer
-eins. Aber nun erzähl’, Kind! Wenn die Herren nach Tisch kommen, müssen
-wir zeitig essen. Also in Norderney erfuhret ihr das erste vom Krieg
-und packtet eure Koffer. Die Reise dauerte eine Ewigkeit, das weiß ich
-aus euren Karten, und dann fuhret ihr nach Berlin. Aber was kam dann?
-Vor allem interessiert mich’s, zu wissen, wie der Junge die ganze Sache
-aufnahm. Hat er gleich von Anfang an mitgewollt?“
-
-„Erst freute er sich mal, daß es ein Notabitur gab,“ begann Maria.
-
-„Ja ja, das Notabitur. Das kann ich mir denken. Da hat er uns gleich
-am nächsten Morgen telegraphiert: ‚Glänzend bestanden‘, weil ich ihm
-fünfhundert Mark für den Fall des Bestehens ausgesetzt hatte.“
-
-„Die du dem armen Kerl aber nicht in bar, sondern in einem jetzt
-unverkäuflichen Papier ausgezahlt hast,“ fügte Großvater ein.
-
-„Was soll der Junge jetzt mit so viel barem Geld?“ erwiderte die alte
-Frau gereizt. „Übrigens laß Maria endlich zu Worte kommen!“ Draußen
-klingelte es, und irgendjemand begehrte mit Großvater zu sprechen.
-
-„Wenn er denn gar keine Ruhe hat, dann erzähl’ mir nur allein, Maria!
-Also Montags früh bekam er die Nachricht aus der Schule, daß er sich am
-Abend einzufinden habe! Was hat er da wohl für ein Gesicht gemacht? Das
-hätte ich sehen mögen.“
-
-„Erstmal traf er sich mit drei Freunden, und da erzählte er mir, daß
-sie vor allem die Kleiderfrage erörtert hätten. Sie hatten sich doch
-einen Gesellschaftsrock zum Abitur bauen lassen wollen. Nun waren bei
-uns nicht mal die Koffer zur Stelle, und er mußte im grauen Sommeranzug
-gehen.“
-
-„Glaubst du, daß ihm das hart war?“
-
-„Vielleicht für einen Augenblick, aber das verflog doch schnell neben
-allem andern. Den ganzen Tag gab es Extrablätter; um Mittag waren wir
-Unter den Linden, da hatten sie gerade zwei Spione aufgefangen. Er wäre
-gern mit mir in ein Café gegangen, aber natürlich war nirgendwo ein
-Platz. So stand man denn und wartete und sah und hörte. Du machst dir
-keinen Begriff, wie das in diesen Tagen in Berlin zuging.“
-
-„Das kann ich mir denken und, Maria, so sehr ich mich gräme, daß in
-unseren vorgeschrittenen Zeiten solche Barbarei noch gut möglich ist,
-ich mußte mir doch immer sagen, daß es für einen jungen Menschen mit
-gesunden Gliedern und hellem Verstand gar nichts Wundervolleres geben
-kann, als in solch einer Zeit miteingreifen zu dürfen. War er denn sehr
-begeistert?“
-
-„Du weißt, daß er sich wenig über alles, was in ihm vorgeht, äußert,
-Großmutter.“
-
-„Leider Gottes, und sein Lehrer, der ihn schon jetzt ‚Professor‘
-nannte, hat eigentlich recht. Da hatte sein Vater einen ganz anderen
-Schneid.“ In Marias Gesicht kam ein ablehnender Zug.
-
-„Also weiter, dann ging’s zur Schule?“
-
-„Ja, und da soll es dann sehr feierlich gewesen sein, der Direktor
-begeistert und bis zu Tränen gerührt, und die Lehrer hätten sich wie
-die Kameraden gegeben.“
-
-„Das kann man sich denken.“
-
-„Erst bekamen sie ein Sextanerthema zu ihrem Aufsatz: ‚Begeisterung ist
-die Quelle zu großen Taten‘, und da hätten sie dann einen heillosen
-Blödsinn zusammengeschrieben.“
-
-„Du hast doch hoffentlich seinen Aufsatz aufgehoben? Ich würde jetzt
-alles von ihm aufheben, Maria. Du kannst nicht wissen, wie es kommt,
-und nachher hast du dann doch wenigstens ein paar Andenken an seine
-letzte Zeit.“
-
-„So sollst du nicht sprechen, Großmutter. Ich will nicht denken, daß
-ihm etwas passiert.“
-
-„Besser, man macht sich mit so etwas vertraut, Maria, als wenn es
-einen ganz unerwartet trifft. Das war ja das Entsetzliche für mich bei
-Alfreds Tod, daß die Nachricht wie der Blitz aus heiterem Himmel kam.“
-
-„Du wußtest aber doch, daß er herzleidend war, Großmutter.“
-
-„Aber ich wußte auch, daß die Ärzte zu mir gesagt hatten, er könne
-sechzig Jahre alt werden trotz seines Leidens. Laß gut sein, Kind, wir
-wollen nicht die alten Geschichten aufrühren! Nur das eine kann ich dir
-sagen, Maria: Über den Tod eines Mannes kommt man hinweg, denn selbst
-wenn man einem Manne sehr gut ist, so kann man ihn doch nie mit solcher
-Liebe lieben wie das Kind, das man unter dem Herzen getragen hat.“
-
-Maria war bleich geworden.
-
-„Aber nun erzähle weiter! Also der Aufsatz war Blödsinn und wurde doch
-für gut befunden. Gott, und gerade vor dem Aufsatz hatte er die größte
-Angst gehabt, weil sie da oft so verrückte Themata geben. Da sieht man
-mal wieder, daß der Mensch sich keine Sorge um das, was die Zukunft
-bringt, machen soll. Es kommt immer alles anders als man denkt, im
-Großen wie im Kleinen. Wurden sie denn in den andern Fächern überhaupt
-geprüft?“
-
-„Ja, er sagte mir, in allem seien sie geprüft worden, aber, weißt du,
-so, daß die Lehrer selbst die Antwort gaben oder sie ihnen doch in den
-Mund legten. In der Geschichte fragte man ihn: ‚Wann starb die Königin
-Luise?‘ und gleich danach: ‚Sie wissen doch, vor zwei Jahren feierte
-man ihren hundertsten Todestag?‘“
-
-„Großvater, das mußt du hören!“ rief Großmutter zum wiedereintretenden
-alten Herrn, „wie sie den Jungen in Geschichte geprüft haben!“
-
-Großvater hörte liebenswürdig zu, entschuldigte sich aber gleich
-wieder. Er hatte von einem Extrablatt, das ausgegeben sein sollte,
-gehört und wollte es sich verschaffen, damit die Herren am Abend
-nicht den Triumph haben sollten, ihm mit Neuigkeiten zuvorzukommen.
-Großmutter war ärgerlich.
-
-„Du kannst mir glauben, Maria, seit diesem unseligen Krieg ist unser
-ganzes Zusammenleben zerstört. Großvater ist rein aus dem Häuschen und
-schert sich um keine Zeiteinteilung mehr. Es ist zum Verzweifeln.“
-
-Großvater sagte ernst: „Wie kannst du klagen, da wir hier in unserer
-behaglichen Sicherheit leben!“ Und die alte Frau nickte: „Ist schon
-gut, Alterchen. Jetzt kommt er mit seinen Ostpreußen. Geh’ nur, aber
-sieh’, daß du zum Essen zeitig da bist!“ und dann wieder zu Maria
-gewandt: „Ja, stell’ dir vor, Maria, wenn ich ihm den Gefallen getan
-hätte und mit ihm in seine Heimat nach Ostpreußen gezogen wäre. Ich
-war nahe genug daran, aber ich weiß nicht, warum: ich hatte immer
-ein Grauen davor, so nahe an der Grenze zu wohnen. Nun denkt aber
-Großvater, er hätte ein Recht, mir bei jeder kleinsten Gelegenheit das
-Schicksal seiner armen Landsleute vorzuwerfen, statt daß er sich freut,
-hier in Ruhe zu sitzen.“
-
-Maria sagte nachdenklich: „Es geht mir manchmal wie Großvater, ich
-schäme mich des Wohlergehens! Es klingt frivol, aber oft wünsche ich,
-man litte mehr unter dem Krieg, ich meine es jetzt rein äußerlich.“
-
-Das verstand Großmutter nicht.
-
-„Du warst ja immer ein bißchen anders als andere Leute, Maria; aber nun
-erzähl’ weiter. Also die Lehrer legten ihm die Antwort beim Examen in
-den Mund! Das finde ich famos! Wie ging es denn mit der Mathematik?“
-
-„Die haben sie ihm geschenkt, weil er darin immer besonders gut war.
-Übrigens hat er mir das gar nicht so ausführlich erzählt. Was ihnen
-allen imponierte, war, daß die Töchter des Schuldirektors ihnen Tee und
-Kuchen servierten, und daß alle Lehrer sich mit ihnen unterhielten, als
-seien sie völlig gleichgestellt. Zu Ernst hat einer gesagt: ‚Mensch,
-wenn Sie nicht trotz allem und allem das werden, was ich von Ihnen
-erwarte, dann pfeife ich auf alle meine Menschenkenntnis.‘“
-
-„So, was erwartet er denn von ihm?“ fragte die Großmutter.
-
-„Du weißt doch, sie nannten ihn den Philosophen, weil er so gerne über
-alles mögliche nachgrübelt!“
-
-„Ja, das muß ich gestehen, das ist’s, Maria, was mir am allermeisten
-mißfallen hat. Kein Schneid! Nenne mir einen Philosophen in der Welt,
-der das ergründet hat, was uns nun einmal verborgen bleiben soll!
-Gibt’s nicht! Und ich will dir sagen: Zwei- oder dreimal in meinem
-Leben habe ich in solche Bücher hereingeschaut und hab’ sie mit Abscheu
-wieder zugeschlagen. ‚Esel sind diese Kerle‘ habe ich mir gesagt.
-Wollen anderen Menschen weismachen, daß sie mehr wissen als sie, und
-führen einen nur irre und nehmen einem die Freude am Dasein. Nein, ich
-sehe es als eine Fügung Gottes an, daß der Junge nun doch Soldat werden
-muß. Wenn er dann nebenbei das Philosophieren nicht lassen kann, ~à
-la bonne heure~ -- aber nicht als Beruf, nicht als Broterwerb!“
-
-„Man kann über so etwas nicht verfügen, Großmutter. Ich glaube, jeder
-Mensch muß doch einmal das werden, was in seiner Natur begründet liegt.“
-
-Die Großmutter zuckte die Achseln. „Das sind die heutigen Ansichten.
-Am besten, man steckt einen Buben mit elf Jahren ins Kadettenkorps,
-dann lernt er nichts anderes kennen. Wie lange hat denn nun diese
-Abitursache an jenem Abend gedauert?“
-
-„Um zehn Uhr kam er zurück -- gleich mit der Bescheinigung in der
-Tasche. Er hatte sich großartig ein Auto genommen und blieb nur eine
-Viertelstunde. Sie hatten sich zu einem Kneipabend verabredet.“
-
-„So so!“ antwortete die Großmutter, und Maria würgte an irgend etwas.
-
-„Denk mal, Großmutter,“ sagte sie dann und stockte gleich wieder.
-
-„Nun, was denn?“
-
-„Um halb ein Uhr kam er zurück; ich lag schon zu Bett, konnte aber
-natürlich nicht schlafen. Er war ganz blaß und aufgeregt, und dann
-erzählte er, sie seien da in eine Kneipe gegangen, und plötzlich habe
-einer von ihnen ein Mädchen an den Tisch gebracht, -- und dann seien
-immer mehr gekommen, und auf einmal hätte auch eine neben ihm gesessen.“
-
-Die Großmutter blickte auf, und ein seltsamer Zug lag um ihren Mund:
-„Na -- und?“
-
-„Ja, ich weiß nicht -- -- sie hat gesagt: ‚Sag’ doch ‚Hannchen‘ zu
-mir und hat ihn gefragt, ob er immer so ledern wäre, und ist ihm ganz
-nahegerückt.“
-
-Nun lächelte die Großmutter: „Und weiter?“
-
-„Ich weiß nicht,“ und Maria senkte den Kopf.
-
-„Er tat mir schrecklich leid an jenem Abend; ich glaube, er fühlte sich
-unglücklich!“
-
-„Das ist Blödsinn, Maria. Ein Junge muß mal was erleben. Sieh mal,
-Alfred war doch schon mit siebzehneinhalb Jahren Leutnant, da konnte
-ich ihn doch auch nicht mehr am Rockzipfel haben!“
-
-„Das ist es auch nicht; ich hatte nur das Gefühl, daß der Junge sich um
-etwas grämte, daß ein großer Zwiespalt in ihm war.“
-
-„Laß gut sein, Kind, so was mußte einmal kommen, und vielleicht ist es
-ein Glück, daß ihm gerade jetzt noch die Augen geöffnet wurden. Wer
-weiß, was sie in den nächsten Monaten zu sehen bekommen.“
-
-„Er ist noch so ein Kind, Großmutter. Du weißt gar nicht, wie sehr er
-noch Kind ist, trotz seiner Grübeleien.“
-
-„Dann war es die höchste Zeit, daß er aus seiner Kindheit
-herausgerissen wurde!“
-
-„Es tat mir aber weh. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als sei er
-wieder mein ganz kleines Kind, das ich gegen die Welt schützen müßte.
-Überhaupt, Großmutter -- immer in dieser schrecklichen Zeit, jetzt lebe
-ich wieder alles von früher durch -- wie er noch ganz mein war -- ganz
-hilflos -- ich kann dir das nicht so sagen -- aber es tut alles so
-entsetzlich weh -- so als ob einem scharfe Messer im Herzen wühlten.“
-
-Großmutter streichelte Marias Haar.
-
-„Da mußt du dich nun drüber hinwegsetzen, Kind. Du darfst nicht
-egoistisch sein. Eine Mutter hat die Pflicht, ihr Kind unter Schmerzen
-und Wonne zu gebären, es großzuziehen und dann wieder herzugeben. So
-will es die Natur und alles Auflehnen hilft nichts!“
-
-Großvater kam mit seinem Extrablatt. „Die Russen in Tilsit!“ Er war
-ganz bleich.
-
-Großmutter lenkte ab: „Laß eben Maria fertig erzählen! Also das Abitur
-hatte er, und dann?“
-
-„Dann liefen sie von Kaserne zu Kaserne, um sich zu stellen. Zu
-Tausenden standen sie da herum, und er kam an den ersten beiden
-Tagen enttäuscht nach Hause. Am dritten aber mittags strahlte er und
-hatte einen Fahrschein nach der Altmark -- da sollten sie sich beim
-Husarenregiment melden!“
-
- * * * * *
-
-Herr Hieronymus war ein schlankes, kleines Männchen mit eisgrauem Bart.
-Er kam als erster, und der Tisch war noch nicht abgeräumt. „Das nenne
-ich pünktlich!“ sagte die Großmutter und stellte ihre Schwiegertochter
-vor.
-
-„Große Freude, gnädige Frau! Hab’ schon oft von Ihnen gehört, die Frau
-Schwiegermutter spricht mit Vorliebe von Ihnen und dem famosen Jungen.
-War leider zwei Jahre abwesend, sonst würde ich wohl schon früher das
-Vergnügen gehabt haben, Sie zu sehen!“
-
-Er hielt Marias Hand fest und sah ihr in die Augen.
-
-„Nun erzählen Sie aber auch gleich, teurer Herr Hieronymus, daß ich
-immer nur das Beste von meiner Maria rede!“
-
-„Es wäre eine Kränkung, das besonders zu versichern,“ sagte das kleine
-Männlein, und bevor die Müller noch mit dem Abräumen fertig war, tat
-sich die Tür zum zweitenmale auf, und der behäbige Herr Rat Mertens
-trat ein. Den kannte Maria schon und gab ihm die Hand, die der Rat an
-seine Lippen zog.
-
-„Im Frühjahr sahen Sie blühender aus, liebe Frau Maria. Da sehen Sie
-geradezu beneidenswert gut aus. Jetzt sieht man Ihnen an, daß Sie
-gelitten haben! Schwere Zeiten, furchtbare Zeiten, die Gott uns gesandt
-hat. Heute reichen wir uns noch in Geborgenheit die Hand; wer aber
-weiß, wie nahe die Stunde bevorsteht, in der es auch für uns heißt:
-Verlaßt eure Heimat, flieht oder sterbt!“
-
-„Na, na,“ sagte die Großmutter ärgerlich; und dann ließ die Müller den
-dritten Gast eintreten, den Hauptmann Prell, den Maria noch nicht im
-Hause ihrer Schwiegereltern gesehen hatte. Er kam langsam näher und
-schleppte den linken Fuß nach. Fein und leidend waren die Züge seines
-Gesichtes, die Augen in die Ferne blickend, so wie Menschen, die
-viel denken und grübeln, zu blicken pflegen. Ihm kam die Großmutter
-liebenswürdiger als den anderen Gästen entgegen. Sie hielt die
-Schwiegertochter im Arm und begann herzlich: „Hier ist meine Maria,
-Herr Hauptmann; wir haben ja neulich einen geschlagenen Nachmittag von
-ihr und ihrem Jungen gesprochen!“
-
-Der Hauptmann beugte sich über die dargereichte Hand. „Ich bin sehr
-glücklich, gnädige Frau, Sie zu sehen. Ich bin wirklich sehr erfreut!“
-wiederholte er, als die Großmutter sich zu den anderen Gästen wandte,
-und zog nun auch die andere Hand an die Lippen.
-
-„Sie haben Ihren Jungen hergegeben -- Ihren Einzigen?“ fragte er, „aber
-Sie haben es gern getan, nicht wahr?“
-
-„Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Man will und will nicht;
-es ist ein schreckliches Chaos im Kopf und Herzen.“
-
-„Also wo wünschen die Herren zu sitzen?“ rief die Großmutter. „Hier
-im Eßzimmer haben wir den Vorteil, alle zusammen am Tisch sitzen zu
-können. Gehen wir ins sogenannte Herrenzimmer, müssen sich die Parteien
-teilen.“
-
-Der Großvater aber stimmte fürs Herrenzimmer, und die Müller erhielt
-einen Wink, Gläser und Flaschen dahin zu bringen.
-
-Hieronymus reichte der Großmutter den Arm, Rat Mertens sprach mit
-lauter Stimme auf Großvater ein und Prell ging neben Maria her.
-
-Der behäbige Rat blieb unter dem Kronleuchter stehen und sprach nun
-nicht mehr zu Großvater allein, sondern so, als habe er irgendein
-unbekanntes Publikum vor sich.
-
-„Unsagbar schwere Zeiten hat Gott über unser armes, tapferes Vaterland
-verhängt!“ rief er aus. „Gott ist allmächtig und allgütig und vor
-allem: Gott ist gerecht! Das muß man sich in dieser Zeit immer wieder
-sagen, denn sonst könnte man der Verzweiflung, die einem beim Lesen der
-furchtbaren Geschehnisse ergreift, nicht Herr werden! Ich nehme an,
-Gott will den Frevel und den Hochmut derer, die uns hassen, strafen.
-Wir sind das Werkzeug dazu, und wir dürfen nicht murren. Ja, wir müssen
-uns zum Gottesglauben zwingen! Das ist nicht ganz leicht in diesen
-Zeiten, in denen der, der über uns allen waltet, so Grauenhaftes
-geschehen läßt. Jammer, Jammer, Jammer! Wo ist ein Herz, das nicht von
-Gram verzehrt wurde? Wo ist der Mann, die Frau, die nicht täglich von
-neuem um ihr bißchen Lebensmut kämpfen muß? Wäre es uns nicht allen
-wohler, wenn wir uns jetzt zu einem Schlaf niederlegen könnten, aus dem
-es kein Erwachen mehr gibt?“
-
-„Oho,“ sagte Großmutter, „das wäre ja wirklich sehr deutsch gehandelt.
-Nein, lieber Rat, nun erst recht nicht! Und wenn der Krieg zehn Jahre
-dauern würde, und wenn ich mit Krankheit geschlagen würde, ich möchte
-das Ende abwarten! Jetzt einschlafen, nein, das paßte mir nicht!“
-
-„Sie haben diese wundervoll starken Nerven, gnädige Frau,“ entgegnete
-der Rat. „Aber nicht ein jeder hat die Kraft, so zu denken wie
-Sie. Unsere lieben Damen verfügen ja auch im allgemeinen über mehr
-Optimismus und Naivität als der denkende Mann.“
-
-Großmutter räusperte sich.
-
-„Das sind schöne weibliche Eigenschaften!“ fuhr der Rat fort, „und
-kraft dieser Eigenschaften bleibt es ihnen erspart, den grauenhaften
-Ernst der gegenwärtigen Zeit in seinem vollsten Umfang zu erfassen.“
-
-„Auch dagegen protestiere ich, Herr Rat!“
-
-„Mit Ihnen ist nicht gut verhandeln,“ lachte Mertens etwas gereizt,
-„Frau Maria aber wird mir recht geben. Sagen Sie, gnädige Frau, haben
-Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie es sein wird, wenn wir nicht
-siegreich sein sollten? Wenn diese siebenfache Meute uns doch so zu
-packen kriegt, daß wir am Boden liegen -- daß das edle Blut unserer
-Söhne, Gatten, Väter und Brüder umsonst geflossen ist?“
-
-Maria war bleich geworden: „Ich will mir das nicht vorstellen.“
-
-„Sehen Sie, sagt’ ich es nicht? Sie will sich nicht vorstellen, sie
-macht die Augen zu. Das ist schön, das ist frauenhaft.“
-
-„Blödsinn!“ rief die Großmutter. „Das ist gar nicht nur frauenhaft! Ein
-jeder, ob Mann oder Frau, sollte so denken: Siegen oder Untergehen! An
-Untergehen denkt man nicht gern, also weiß man, daß man siegen muß.
-Aber nun nehmen Sie Platz, meine Herren, und lassen Sie uns so fröhlich
-sein, wie man es in dieser Zeit sein kann!“
-
-Mertens hob als erster sein Glas: „Ein Pereat auf das Land der
-Perfidie!“
-
-Hieronymus zögerte ein wenig, bevor er sein Glas an das der anderen
-klingen ließ: „Das ist mir ein wenig zu pathetisch.“
-
-„Pathetisch?“ ereiferte sich Mertens. „Ist diese Zeit denn nicht
-ganz und gar aufs Pathetische gestimmt, und verdienen es diese
-neidplatzenden Halunken nicht, daß man ihnen zu jeder Stunde des Tages
-einen Fluch nachschleudert?“
-
-„Das nützt uns nur verdammt wenig, lieber Rat.“
-
-„Aber es tut uns wenigstens wohl!“
-
-Über das Gesicht des invaliden Hauptmanns flog ein sarkastisches
-Lächeln.
-
-„Man muß nicht alles so allgemein nehmen; man muß auch bei seinem
-Feinde die Motive suchen.“
-
-„Teufel, ja,“ sagte der Rat, „die liegen doch bei England klar genug.“
-
-Großmutter warf ein: „Nicht wieder die alten Sachen durchkauen, meine
-Herren! Jedes Kind weiß, daß England gemein an uns handelt; jedes
-Kind sagt ‚Pfui!‘, wenn es von England spricht. Ich sage auch ‚Pfui!‘
-und habe gern in das Pereat auf das edle Britenreich miteingestimmt,
-aber damit wollen wir es auch für heute bewenden lassen. Sind Sie
-einverstanden, Rat?“
-
-„Mir war es nur, als habe unser Hauptmann Prell etwas andere Ansichten
-über unsere englischen Feinde!“ meinte Mertens gereizt. „Wie meinen Sie
-das, Herr Hauptmann, wenn Sie sagten, man müsse über die Beweggründe
-jedes Landes nachdenken? Frankreich und Rußland verstehe ich -- ganz
-besonders Frankreich -- aber England hatte keinen Grund zu diesem
-namenlosen Haß. Bei England ist die Triebfeder zu diesem Krieg nichts
-als kalte, gemeine Habgier!“
-
-„Das ist in diesen Tagen tausend- und abertausendmal bestätigt worden,“
-sagte Prell kühl.
-
-„Nun also, warum betonten Sie denn, man müsse über Englands Beweggründe
-nachdenken?“
-
-„Ich habe nicht behauptet: über Englands Beweggründe, sondern über
-jedes einzelnen Landes Beweggründe. Stellen Sie sich mal vor, es
-wären zehn Jahre vergangen, und man verlangte von Ihnen, daß Sie die
-Geschichte dieses Krieges schrieben. Würden Sie da auch nur so einfach
-von Englands Perfidie sprechen? Man muß sich doch auch fragen, was
-England von uns zu fürchten hätte, wenn unsere Industrie und unser
-Handel weiter in dem Maße aufblühen, wie sie es bisher getan. Heute
-noch ist England der Großkaufmann und der Bankier der ganzen Welt. Aber
-es fühlt, daß Deutschland ihm zu mächtig wird. Es fürchtet ganz einfach
-Deutschlands immer weiteres Emporsteigen.“
-
-Der Großvater sagte bedächtig: „Nein, meine Herren, das ist es nicht.
-Es ist einzig unser Militarismus, den sie mit scheelen Augen ansehen.“
-
-Die Großmutter warf ein: „Meine Herren, das sind doch alles
-Gemeinplätze, über die eine Debatte nicht lohnt! Reden wir doch lieber
-von dem, was der Tag gebracht hat. Also die Russen sind einmal wieder
-im Land!“
-
-„Im Anmarsch auf Berlin!“ sagte der Rat Mertens schwer.
-
-Maria wandte sich etwas ängstlich an den Hauptmann Prell: „Ist das
-wahr, sind die Russen wirklich im Anmarsch auf Berlin?“
-
-Der Hauptmann lächelte: „Wenn es nach dem dicken Rat Mertens ginge,
-stände unsere Hauptstadt längst in Flammen. Sind Sie sehr ängstlich,
-gnädige Frau?“
-
-„Nicht für mich, aber all der Jammer, der jetzt in der ganzen Welt ist,
-macht so schwach und elend.“
-
-„Und es wird doch gerade jetzt so viel von der starken deutschen Frau
-gesprochen und gesungen.“
-
-„Dazu gehöre ich nicht,“ sagte Maria und neigte den Kopf.
-
-„Das ist schön, das ist gut, daß Sie das eingestehen. Wenn Sie stark
-sein müssen, dann können Sie es auch sein und Sie sind es doch schon im
-hohen Maße gewesen, ich habe einen Beweis dafür!“
-
-„So?“
-
-„Nun, zum Beispiel, daß Sie sich in all den Jahren dem Willen der Frau
-Schwiegermutter nicht untergeordnet haben. Das heißt doch was, gegen
-den Willen einer so praktischen, energischen Frau anzukämpfen. Sie
-hat mir vieles von Ihnen erzählt und kann es Ihnen heute noch nicht
-verzeihen, daß Sie nicht mit dem Jungen zu ihr gezogen sind, und daß
-Sie nicht wieder heirateten. Das nenne ich doch Stärke, denn solch ein
-Widerstand bedeutet doch alles andere als Schwäche!“
-
-„Aber jetzt bin ich sehr müde und verzagt, und wenn Großmutter mir
-jetzt in dieser Stimmung sagte: ‚Du bleibst!‘ -- ich glaube, dann
-bliebe ich.“
-
-„Sie fühlen sich verlassen, weil Sie den Jungen hergegeben haben, das
-ist natürlich furchtbar hart für Sie. Aber augenblicklich ist er doch
-noch in Sicherheit!“
-
-Der Hauptmann sah Maria mit guten Augen an, während er sprach, und sie
-fühlte sich wohl in seiner Nähe.
-
-„Ist das wahr, Hauptmann,“ rief die Großmutter, „daß Sie sich noch
-gemeldet haben? Und wozu, wenn man fragen darf?“
-
-„Wozu sie so einen Krüppel noch brauchen können,“ sagte er lächelnd,
-„aber ich fürchte, es ist wenig Aussicht vorhanden!“
-
-„Und ich sage Ihnen, daß sie den letzten Mann im Deutschen Reich
-gebrauchen werden. Und reichen die Männer nicht mehr, dann kommen die
-Greise und Frauen daran!“
-
-„Sie sind toll, Rat!“ rief die Großmutter.
-
-Der Rat stürzte ein Glas Wein hinunter. „Ist das in Belgien nicht auch
-der Fall?“ fragte er.
-
-„Teufel, ja, aber eine deutsche Frau schüttet keinem Soldaten heißes
-Wasser auf den Kopf. Dafür möchte ich mein Leben einsetzen!“
-
-„Die Leidenschaft, die Wut erzeugt Bestien!“ schrie der erregte
-Mann, dessen Gesicht stark gerötet war. „Und ich sage und prophezeie
-Ihnen: In einem Jahr wird es nur noch Greise und Kinder im deutschen
-Vaterland geben. Wozu durch die rosige Brille sehen? Wozu sich selbst
-belügen? Und jene jungen Bürschchen, die jetzt in dieser wunderschönen
-Begeisterung als Kriegsfreiwillige in die Kasernen gezogen sind, ihr
-Blut wird in Strömen fließen.“
-
-Maria deckte die Hand über die Augen, und der Hauptmann rief zu Mertens
-hin: „Nun möchte ich doch ernstlich mahnen -- --“
-
-Aber wenn so ein Mann wie der Rat einmal im Zug war, gab es kein
-Bremsen mehr.
-
-„Schenk’ ihm doch nicht immer wieder ein,“ flüsterte die Großmutter
-zu ihrem Mann und legte die Hand um die Flasche. Der Hauptmann hatte
-Marias Hand ergriffen: „Er redet Blödsinn, er kann keinen Wein
-vertragen.“
-
-Sie versuchte zu lächeln, aber es mißlang.
-
-„Nein und tausendmal nein, wir sollen uns nicht selbst betrügen. Wir
-müssen wissen, was uns bevorsteht. Der Zar soll geschworen haben:
-‚Ich ruhe nicht, bis die Straßen Berlins mit Frauenköpfen gepflastert
-sind!‘ Und glaubt einer, daß die Kosaken, wenn sie in unsere Hauptstadt
-ziehen, dieses Wort nicht wahr machen?“
-
-„Teufel noch mal,“ rief jetzt die Großmutter außer sich. „Sind Sie
-dazu hergekommen, Herr Rat, um uns so die Stimmung zu verderben? Ein
-Schwarzseher sind Sie, ein ganz trauriger Schwarzseher. Ich danke für
-alles Weitere. Komm, meine Maria! Du bist müde und siehst blaß aus. Die
-Herren werden uns entschuldigen. Gute Nacht!“
-
-Sie legte ihren Arm um Marias Schulter und führte sie hinaus. Der
-Großvater lenkte die Sache ein, so gut wie es möglich war. Aber nach
-einer Viertelstunde hörte man die Türe klinken, und er schloß seinen
-Gästen die Gartenpforte auf.
-
-Die Großmutter hatte Maria in das kleine Fremdenstübchen geführt. „Es
-tut mir leid, Kind, daß die Müller die dunklen Vorhänge noch nicht
-angemacht hat. Aber da du müde bist, wirst du auch schlafen, wenn der
-Mond ein wenig hereinscheint.“
-
-Das kleine Zimmer war ganz überflutet von weißem Mondlicht. Auf dem
-Teppich zitterte ein weißer, breiter Streifen und zog sich die Wand
-hinauf, an der ein fast lebensgroßes Porträt hing. Es war das Bild von
-Großmutters einzigem Sohn, Marias verstorbenem Manne. Gespensterhaft
-leuchtete es auf die beiden Frauen nieder.
-
-Die Großmutter wurde elegisch. „Daß er diese gewaltige Zeit nicht
-miterleben durfte!“ seufzte sie. Aber dann war sie mit ihren Gedanken
-gleich wieder im praktischen Leben.
-
-„Ich will eben noch einen Augenblick zu Großvater hinüber, denn wenn er
-sich nicht gleich legt, bekomme ich ihn vor Mitternacht nicht zu Bett.
-Leg’ du dich nur ruhig schon hin, Maria. Ich komme noch, dir ‚Gute
-Nacht‘ sagen.“
-
-Im kleinen Zimmer war eine schwere Luft; die Müller hatte das Fenster
-zu früh geschlossen, und die kleinen weißen Ersatzgardinen waren so
-angebracht, daß sich auch nicht ein Spalt öffnen ließ.
-
-‚Schrecklich,‘ dachte Maria und wußte, daß eine schlimme Nacht ihrer
-harrte. Schwere Luft und das große, helle Bild des Mannes! Das war zu
-viel für sie. Und dazu eines von Großmutters massiven Federbetten. Eine
-leise Verzweiflung begann in ihr wach zu werden.
-
-Während sie sich entkleidete, hörte sie Großmutter sagen: „Eine
-Unverschämtheit vom Rat, sich als Gast anzumelden und dann so
-loszulegen. Den brauchst du in der nächsten Zeit nicht mehr
-mitzubringen, Alterchen.“ Und er entgegnete liebenswürdig: „Wie du
-willst!“
-
-Dann gab es noch einen kleinen Kampf zwischen den beiden, weil
-Großvater sich weigerte, sogleich zu Bett zu gehen; aber fünf Minuten
-später war er doch im Schlafzimmer, und eine kleine Weile darauf
-klopfte Großmutter bei Maria an und setzte sich zu ihr auf den
-Bettrand. Sie hielt etwas in der Hand und schien einen Augenblick lang
-um ein paar einleitende Worte verlegen zu sein.
-
-„Ich habe Großvater das Versprechen abgenommen, diesen Mertens nicht
-mehr ins Haus zu bringen! Das ist doch geradezu eine bodenlose
-Unverfrorenheit, einen so in Angst jagen zu wollen. Die Zeiten sind
-ohnehin grauenvoll genug, und ich hatte auf einen netten, behaglichen
-Abend gehofft. Und doch, Maria, trotzdem es eine Taktlosigkeit vom Rat
-war, solche Dinge auszusprechen -- das muß ich dir sagen, daß auch mir
-schon ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sind. Kann denn ein
-Mensch wissen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß bestimmt
-hat? Und wenn er das Furchtbare geschehen läßt, wenn die russische
-Meute bis zu unserer Hauptstadt dringt, dann bleibt auch vielleicht
-das nicht aus, was der Zar gesagt haben soll. Auf jeden Fall ist dann
-über uns Frauen das Urteil gefällt! Ich glaube nicht daran und will
-nicht daran glauben, aber sollte es so kommen -- dann, Maria, heißt es
-für uns: Schnell ein Ende machen, ehe wir uns auf bestialische Weise
-abschlachten lassen! Einen Revolver aber hat man nicht immer zur Hand
-oder ist vielleicht zu nervös, ihn im rechten Augenblick abzudrücken.
-Aber ein kleines Pulver in der höchsten Not herunterschlucken, das kann
-jeder! Sieh mal, was ich hier habe, das soll im selben Augenblick, wo
-man es nimmt, wirken. Herzschlag und aus! Woher ich’s habe, verrate ich
-nicht. Aber es reicht für dich und mich. Ich hab’s für dich in dieses
-kleine Medaillon, das ich dir längst schon geben wollte, gefüllt. Am
-besten tust du, du hängst es um den Hals, dann hast du es immer zur
-Hand.“
-
-Maria sah erstaunt zur Großmutter auf. Sprach sie im Ernst? Aber das
-alte, frische Gesicht war wirklich bekümmert; sie hob Marias Kopf empor
-und hing ihr das kleine Amulett um.
-
-„Nun wollen wir zu beten versuchen, Maria!“
-
-Und sie schlang ihre Hände um die der Schwiegertochter und begann:
-„Herrgott, himmlischer Vater, der du alle Macht in Händen hast -- --“,
-schluchzte dann auf und rief: „Nein, nein, ich finde keinen Weg mehr
-zu dem da droben. Mein Herz will sich auflehnen. Sieh du, Maria, ob du
-noch zum Glauben zurückfindest!“ und küßte ihr Stirn und Augen, zog ihr
-die Decke über die Schultern und ging hinaus.
-
-Marias Augen irrten im Zimmer umher und blieben auf dem hellen Bild
-ihres Mannes hängen. Der war nun schon fünfzehn Jahre tot, und es war
-doch noch nichts vergessen von all dem, was sich in den paar kurzen
-Ehejahren ereignet hatte. Ein armer, herzkranker Mensch war er gewesen,
-der sich als junger Offizier sein Leiden geholt und keine Genesung
-mehr gefunden hatte. Nein, nicht die Vergangenheit heraufbeschwören,
-nicht daran rühren! Sie warf sich zur Seite, so daß sie zur Wand
-blickte. Aber an dieser Wand hingen unzählige kleine, ovale Bildchen
-im schwarzen Rahmen, so wie man sie in großmütterlichen Einrichtungen
-noch findet. Es waren zumeist Kinderbilder von dem Mann da oben an der
-Wand; liebe, gute, kluge Gesichtchen -- dunkle, träumerische Augen, so
-wie auch der Junge, der jetzt in der Altmark in der Kaserne lag, sie
-hatte.
-
-Sie nahm eines von den Bildchen in die Hand und küßte es. Da klapperte
-es an dem Amulett, das Großmutter ihr umgehängt hatte, und die Gedanken
-kehrten zur Gegenwart zurück.
-
-Die Kosaken nach Berlin! Aber das wollte ihr Verstand nicht aufnehmen;
-dagegen lehnte sich irgend etwas in ihr auf.
-
-Wenn sie doch schlafen könnte! Sie hing das kleine Bild wieder an die
-Wand und zog die Decke übers Gesicht. Aber das ging nicht, es herrschte
-ohnehin eine unerträgliche Hitze im Zimmer. Auf dem Teppich tanzte der
-Mondstreif immer heller, immer quälender. Sie schloß die Augen. Da sah
-sie das häßliche, braunrote Gesicht des Rates Mertens vor sich. ‚Und
-all die jungen Kriegsfreiwilligen in den Kasernen -- ihr Blut wird in
-Strömen fließen!‘
-
-Entsetzlich, entsetzlich!
-
-Sie setzte sich aufrecht hin. Die Müller hatte vergessen, ihr
-Streichhölzchen hinzulegen, und beim Mondlicht konnte man nicht lesen.
-
-Wieder zog das große, weiße Bild an der Wand ihre Blicke an, und wieder
-kamen traurige, quälende Erinnerungen.
-
-Nein, so mit dem Bilde an der Wand konnte sie kein Auge zutun in dieser
-Nacht. Ihre Gedanken arbeiteten schon jetzt fieberhaft; die Schläfen
-schmerzten, der Puls raste -- das Herz schlug zum Zerspringen.
-
-„Jungchen -- mein Jungchen!“ und sie dachte an das Kind, an den
-zarten, blutjungen Kerl, den sie hergegeben hatte -- der so froh, so
-selbstverständlich von ihr gegangen war. Der lag nun mit fünfunddreißig
-anderen in irgendeinem öden Raum auf einem Strohsack. Der war
-vielleicht krank und sie wußte es nicht, der hatte Heimweh und war zu
-stolz, davon zu schreiben.
-
-Wo hatten diese jungen, verwöhnten Kerle nur plötzlich die
-Entschlossenheit und Größe hergenommen? All diese Jungchen, die zu
-Hause so gern gemäkelt hatten, denen nichts gut und bequem genug
-gewesen war!
-
-Ihre Hände spielten mit dem Medaillon, das die Großmutter ihr umgehängt
-hatte -- und die Gedanken, die sich ihrem Willen schon nicht mehr
-unterordneten, flogen wieder zu dem, was draußen in der Welt vor sich
-ging.
-
-Sie dachte an all das Grauenerregende, was sie vor zwei Jahren vom
-serbisch-bulgarischen Krieg gelesen hatte. All diese greulichen
-Metzeleien von Frauen und Kindern.
-
-War es möglich, daß Gott auch vielleicht das zuließ?
-
-Ihre Blicke flogen wieder zu dem Bilde ihres Mannes empor!
-
-Das Chaos in ihrem Kopf war riesengroß geworden. Ein Gedanke jagte den
-anderen -- ein Gedanke raste über den nächsten hinweg.
-
-„Ich kann es nicht mehr sehen!“ stöhnte sie, und suchte nach
-irgendeinem Gegenstand, um es zu verdecken. Auf dem Tisch in der Mitte
-des Zimmers lag eine dunkle Plüschdecke. -- -- -- Die nahm sie, aber
-ihre Hände zitterten. Sie stieg auf einen Stuhl und versuchte, die
-Enden der Decke an den Bilderhaken zu befestigen -- -- die Bilderhaken
-rutschten aus der Wand, das Bild glitt hinab, lag am Boden, und irgend
-jemand in der Wohnung schrie auf. Das war die Großmutter, und einen
-Augenblick später klopfte sie an und starrte entsetzt auf das Bild.
-
-„Das bedeutet nichts Gutes, wenn ein Bild von der Wand herunterfällt!“
-sagte sie tonlos. „Komm’, wir lehnen es an die Wand. Armes Ding, hast
-dich erschrocken, was? Warum hab’ ich auch erlaubt, daß Großvater so
-ein großes Bild allein aufhing?“
-
-Maria vermochte nicht zu sprechen; die Nerven zitterten in ihr.
-
-„So leg’ dich hin, mein Schäfchen!“ Und die Großmutter streichelte sie.
-„Du machst dir Sorgen wegen der dummen Prophezeiungen des Mertens, ja?
-Das ist natürlich Blödsinn! So, ich bleib’ ein wenig bei dir, ich kann
-auch nicht schlafen!“ Und Großmutter, in einen ganz hellen Morgenrock
-gehüllt, saß jetzt auf dem Sofa und sah wie mit Silber übergossen aus.
-
-„Weißt du, Maria, wenn ich so im Mondschein sitze, muß ich an frühere
-Zeiten denken. Da hatten wir zu Haus eine alte Magd, die uns im
-Mondschein die Karten legte. Mit Gott finde ich mich jetzt doch nicht
-zurecht, und da die Welt doch einmal auf dem Kopf steht, werd’ ich
-mal ein Spiel holen und probieren, ob’s noch geht. Dazu mußt du aber
-aufstehen und dich zu mir in den Mondschein setzen.“
-
-Die Großmutter lief hinaus, und Maria stand in weißem, langem Nachthemd
-mitten im glitzernden Lichtstreifen.
-
-Müd’ war sie, daß der Körper sich kaum aufrecht halten konnte -- aber
-die Nerven waren zugespitzt, als hätte jeder tausend Leben in sich.
-
-Dann kam die Großmutter mit ihrem Spiel, und die Karten flogen. Die
-Großmutter zählte, schob, legte über- und untereinander und sah
-mit dem herabhängenden weißen Haar, dem hellen Gewand und den flink
-fliegenden Fingern wie ein Wesen aus einer anderen Welt aus.
-
-„Also dem Jungchen passiert nichts. Das Kind soll dir erhalten
-bleiben!“ sagte sie, „aber für dich selbst finde ich nichts Gutes,
-Maria. Da ist wohl der Herzenskönig, der zu dir hin will, aber
-dazwischen liegt die schwarze Karte, und wie ich’s auch mische und
-schiebe, sie kommt immer wieder!“
-
-Und plötzlich sah die Großmutter grade zu Maria auf: „Du hältst es doch
-nicht mit einem, der dich nicht heiraten will, Maria? Daß du deshalb
-vielleicht an keinen anderen denkst? Das wäre ein furchtbares Unglück!“
-
-„Blödsinn, Großmutter!“ sagte Maria ärgerlich, „und ich kann so etwas
-wie dies Kartenlegen nicht vertragen!“
-
-„Du zitterst ja!“ rief Großmutter. „Was fehlt dir denn?“
-
-„Es ist so entsetzlich schwül im Zimmer und so hell.“
-
-„Dann machen wir eben das Fenster auf; es geht ja zum Garten, und
-niemand kann hineinsehen. Warte, ich hole noch den großen Wandschirm,
-den rücken wir vors Bett! Nun meinst du -- -- Herrgott, Kind, es ist ja
-auch zum Weinen und Jammern. Der Mann tot, der Junge in der Kaserne und
-die ganze Welt voll Greuel. Ich bringe dir noch den Baldrian, der macht
-ruhig!“
-
-Und wieder glitt sie über den hellen Lichtstreif hinweg zur Tür hinaus,
-kam mit ihrer Baldrianflasche wieder und ruhte nicht, bis Maria ein
-getränktes Stück Zucker geschluckt hatte. „So, nun schlaf’!“ Sie rückte
-den Wandschirm dicht vors Bett.
-
-„Du kannst morgen so lange liegen, wie du Lust hast. -- Gute Nacht,
-mein Kind!“
-
-Durchs offene Fenster strömte die milde Sommerluft, ein Raunen und
-Weben ging durchs stille Zimmer. Eine Weile noch quälte sich der arme
-Kopf, eine Weile noch hüpften und irrlichterten die Gedanken, dann aber
-war es still. Marias Hände hatten das goldene Medaillon umschlossen
--- und es war, als ob Ruhe und Friede aus diesem kleinen Amulett
-ausströmten.
-
-Der Rat Mertens, die Kosaken, die Großmutter, das Jungchen in der
-Kaserne flogen immer matter durch ihre Gedanken.
-
-‚Dem Jungchen passiert nichts; das Kind soll dir erhalten bleiben!‘
-hörte sie die Großmutter noch sagen, und dann kam der Schlaf doch noch
--- ein tiefer, guter, traumloser, langer Schlaf.
-
-Großmutter meinte am späten Morgen zur Müller: „Nein, nicht wecken!“
-und wartete geduldig, bis der Mittag nahe war.
-
- * * * * *
-
-Einen Tag später fragte Maria mit etwas ängstlichem Herzen: „Erlaubst
-du, daß ich abreise, Großmutter?“ Und Großmutter sagte kurz: „Ich halte
-niemanden, der nicht gerne bei mir ist!“
-
-„Nein, so sollst du nicht sprechen!“ bat Maria. „Du weißt nicht,
-welche Unruhe in mir ist. Heute habe ich wieder keinen Brief von Ernst
-bekommen.“
-
-„Das kannst du auch nicht verlangen, daß er dir täglich schreibt!“
-
-„Läßt du mich reisen, Großmutter? Ich meine, läßt du mich reisen, ohne
-böse zu sein?“
-
-Da küßte die Großmutter sie herzlich. „Ich halte dich nicht, Maria,
-aber wenn es dich einmal zu mir drängt, so weißt du, daß dir bei
-niemand weiter die Türen offen stehen als bei Großvater und mir.“
-
-„Du bist sehr lieb, Großmutter.“ Sie schmiegte sich ganz eng an sie an
-und ließ sich streicheln.
-
-„So für zwei oder drei Tage geht es immer ganz gut mit uns beiden,“
-scherzte die alte Frau, „und es ist eigentlich das Vernünftigste, daß
-wir uns zu keinem längeren Zusammensein zwingen. Also dann sprich nun
-mit Großvater; der wird dir wahrscheinlich sagen können, ob und wann
-Züge gehen.“
-
-Der Großvater wußte in der Tat genau Bescheid, aber er riet, wieder
-einen Wagen zu nehmen und zur nächsten Station, von der aus ein
-Schnellzug ging, zu fahren. Die Großmutter protestierte ein wenig wegen
-der Kosten und weil man schon um fünf Uhr in der Frühe abfahren mußte,
-aber schließlich fügte sie sich.
-
-„Aber nicht den Jungen besuchen und ihm das Herz schwer machen, Maria.
-Der führt jetzt sein Leben für sich und hat fürs erste mit der Mutter
-nichts mehr zu tun. Schicke ihm jede Woche ein vernünftiges Paket, das
-wird ihm lieber sein als alles andere.“
-
-Am nächsten Morgen, als der Großvater mit Maria durch den Vorgarten
-schritt, hatte er ein ganz jungenhaft vergnügtes Gesicht. Die alte Frau
-winkte ihnen vom Fenster aus zu und rief: „Das Medaillon hast du doch
-um den Hals hängen, ja?“ „Natürlich, Großmutter.“ Maria setzte sich auf
-den hohen Sitz neben Großvater; der nahm die Peitsche zur Hand, grüßte
-noch einmal zur Großmutter hin und schnalzte mit der Zunge. --
-
-„Hast du eigentlich Sinn für Natur, Kind?“ fragte er, sowie sie aus
-der kleinen Stadt heraus waren, und ließ die Pferde in langsamerer
-Gangart fahren. „Du siehst manchmal so ins Weite, daß man gar nicht
-weiß, wo deine Gedanken eigentlich sind. Aber wenn du die Natur liebst,
-dann muß dieser frühe Sommermorgen ein Genuß für dich sein. Draußen in
-der Welt toben die Schlachten, Grauen und Entsetzen, und hier dieser
-stille Friede! Sieh mal, ich habe jeden Morgen, wenn Großmutter noch
-schläft, meine schwache Stunde. Wer selbst im Krieg gestanden hat, nur
-der kann sich ein klares Bild von dem, was jetzt in der Welt vorgeht,
-machen. Und dann bin ich auch zu alt, um mich ganz und gar der frohen
-Zuversicht: Wir werden und wir müssen siegen! hinzugeben. Es ist eine
-zu gewaltige Übermacht, gegen die wir kämpfen. Aber angenommen, wir
-siegen doch, selbst dann kann man nicht mehr froh und glücklich werden.
-Ein Mensch, der wie ich am Ende seiner Tage steht, der glaubt, selbst
-ein wenn auch noch so winziges Teil zur Kultur beigetragen zu haben,
-möchte die Augen schließen bei dem Gedanken, daß so etwas noch möglich
-war. Wir sind um fünf Jahrzehnte zurückgeworfen, Maria; wir Alten
-können ruhig von uns sagen: wir haben umsonst gelebt!“
-
-„Ich glaube es dir, Großvater,“ sagte Maria. „Aber es ist jetzt für
-niemand schön in der Welt. Die, die schon gelebt haben, sehen ihre
-Arbeit vernichtet, und die, vor denen noch ein Stück Wegs liegt, haben
-die Lust verloren, ihn weiter zu gehen. Beneidenswert sind vielleicht
-nur die ganz Jungen, die sich besinnungslos hineinstürzen und gar nicht
-zum Denken kommen.“
-
-Großvater wies mit dem Peitschenstiel in die Ferne: „Sieh mal, wie
-schön dort drüben.“ Da war der junge Himmel wunderbar zartblau, und
-eine leise Wellenlinie von Hügeln hob sich leicht davon ab. Dunkel
-ragte ein Stück Wald auf, und grüne Wiesen dehnten sich bis zum Fahrweg
-hin.
-
-„Diesen Weg ging ich so manchesmal in diesen letzten Wochen genau zur
-selben Stunde wie jetzt. Großmutter ist ärgerlich darüber, weil sie
-denkt, das sei zwar ganz nett, wenn junge Leute Frühaufsteher wären;
-den alten Mann aber möchte sie in den weichen Kissen halten. So gut
-sie es aber auch meint, grade in dieser Morgenstunde ertrag ich’s
-nicht, daß ein Mensch neben mir so behaglich und gesund schläft, und
-dann nehme ich Reißaus und komme froh und stark genug zurück, um meine
-Strafrede in Empfang zu nehmen!“
-
-„Warum hast du eigentlich noch einmal geheiratet, Großvater?“ fragte
-Maria.
-
-Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Weil sie so wundervoll
-gesund ist, Kind! Nichts ist wohltuender und erfrischender für
-einen Menschen, der zeitlebens im Kampf mit tausend Erwägungen,
-Grübeleien und Zweifeln gelegen hat, als neben solch robuster und
-dabei liebevoller Gesundheit zu leben. Sie ist wirklich eine gute,
-vernünftige Frau, Maria! Hat vielleicht ein bißchen was von der Frau
-aus dem Volke an sich, aber das schadet nichts. Ich habe mich an sie
-gewöhnen müssen, aber jetzt möchte ich sie nicht mehr entbehren. Je
-älter man wird, um so mehr lernt man das Einfach-Gute im Menschen
-schätzen. Ich habe zwanzig Jahre allein gelebt und während der ganzen
-Zeit immer auf die sogenannte verstehende Seele gewartet; die wollte
-mir aber nicht begegnen. Dafür kam dann Großmutter und ließ mich nicht
-mehr locker. Heut weiß ich, daß es vielleicht ein größeres Glück ist,
-wenn der stark innerlich lebende Mensch sich an den, der praktisch
-und gesund ist, bindet, als wenn zwei grübelnde, ewig-suchende,
-selbstquälerische Menschen sich paaren. Das muß ich dir, grade dir klar
-zu machen suchen, Maria, da ich immer mehr sehe und fühle, daß auch du
-so eine arme, grübelnde Seele bist. Damit kommst du nicht weiter. Es
-bleibt immer beim alten, man verlernt das Lachen und bohrt sich tiefer
-und tiefer in seine fruchtlosen Betrachtungen hinein. Du solltest es
-machen, wie ich’s gemacht habe: einfach mit einem gewaltigen Ruck alles
-abstreifen und einen gesunden Menschen suchen, der dich täglich von
-neuem in die Wirklichkeit zurückzwingt!“
-
-„Nun kommst auch du mit Heiratsprojekten, Großvater!“
-
-Er lächelte. „Weil du mir leid tust, Kind. Vielleicht aber bringt es
-diese Zeit zustande, die Menschen einfacher und gesünder zu machen.
-Wenn man aus der überverfeinerten Kultur so mit Gewalt ins Urwesen der
-Menschheit zurückgeschleudert wird, kann natürlich die Rückwirkung auf
-die Denk- und Anschauungsweise des einzelnen nicht ausbleiben.“
-
-Sie kamen durch ein Dorf, durch das ein silbernes Bächlein floß. Frauen
-mit aufgeschürzten Röcken standen am Wasser und spülten Wäsche aus;
-barfüßige Kinder liefen umher oder saßen in den niederen Türen der
-Häuschen und Hütten. Gänse schnatterten und Hühner gackerten.
-
-„Magst du das leiden?“ fragte Großvater.
-
-„Ja, sehr, ich möchte auch so ein Weib sein, das am Brunnen seine
-Wäsche wäscht und nichts dabei denkt. Ist es nicht eigentlich
-lächerlich, daß man immer den Wunsch hat, zum Primitiven,
-Ursprünglichen zurückzukehren? Wozu ist der ganze Ballast von
-Wissenschaft, Kunst und allem, was nicht zur einfachen, reinen Natur
-gehört, überhaupt da?“
-
-„Ich weiß es nicht,“ antwortete Großvater. „Und wenn du so alt bist wie
-ich, wirst du es auch nicht wissen. Sieh nur zu, daß du deinen Jungen
-von seinem grüblerischen Wesen abbringst! Laß ihn ruhig Soldat bleiben,
-wenn er gesund aus dem Kriege herauskommt. Er ist jetzt schon so ein
-blasser Denkermensch, und Großmutter hat nicht Unrecht, wenn sie sich
-Sorgen um ihn macht.“
-
-„Ich kann ja jetzt gar nichts mehr an ihm tun,“ sagte Maria beklommen
-und ließ den Kopf hängen. Aber wie sie dann zwischen schwerbehangenen
-Obstbäumen dahinfuhren, war der alte Mann fast kindlich froh.
-
-„Sieh diesen Reichtum rund um uns, das tut so wohl, solche
-Fruchtbarkeit zu sehen. Ein jeder Baum scheint zuzurufen: Überfluß ist
-im Lande und aushungern können sie uns nicht. Der verfluchte Brite!“
-
-Großvater hatte ein feingeschnittenes Gesicht, das ein bißchen
-weichlich wirkte. Aber wie er nun dreimal hintereinander ausrief: „Der
-verfluchte Brite!“, da wuchs er aus sich selbst heraus.
-
-„Wenn man nur noch mittun könnte,“ seufzte er. „Der Kopf ist noch so
-klar und nur der Körper wird gebrechlich. Besser sind heute jene daran,
-bei denen der Körper blüht und die Gedanken nachlassen.“
-
-Maria schmiegte sich an ihn an, weil er so bekümmert aussah.
-„Großväterchen,“ sagte sie zärtlich, und er strich ihr mit der freien
-Hand übers Gesicht.
-
-In der Stadt, von der aus der Schnellzug gehen sollte, fuhr Großvater
-vor einem netten kleinen Hotel vor und ließ ausspannen.
-
-„Hier wollen wir frühstücken, und dann bringe ich dich zum Bahnhof.
-Nachher habe ich noch eine Menge Besorgungen für Großmutter zu
-erledigen und fahre am Nachmittag heim.“
-
-Maria trug einen Brief in der Tasche, den sie am letzten Abend erhalten
-und wohl hundert Male schon gelesen hatte: „Ich bin wider Erwarten
-schon jetzt in mein altes Regiment eingezogen worden; muß am Freitag
-früh zur Stelle sein. Ist ein Wiedersehen möglich?“
-
-Der Brief war mit Verspätung angekommen. Heute war schon Donnerstag,
-und die Züge fuhren immer noch völlig unregelmäßig und mit
-stundenlanger Verspätung. Sie war in großer Unruhe; sie wußte nicht,
-ob sie dem alten Großvater trauen durfte, ob er ganz richtig beraten
-war. Sie wollte bitten: „Bleib du hier und laß mich allein zum Bahnhof
-gehen!“ Aber als sie zögernd ihr Anliegen vorbrachte, lachte der alte
-Mann sie aus.
-
-„So alt bin ich noch nicht, Kind, daß man sich nicht auf mich verlassen
-kann. Soweit überhaupt mit Bestimmtheit Züge gehen, soll der deine um
-neun Uhr abfahren. Jetzt ist es also noch nicht acht; was willst du
-also während all dieser Zeit am Bahnhof?“
-
-Er ließ Tee und allerlei kleine Delikatessen kommen. „Iß, Maria, denn
-kein Mensch kann wissen, wann du in Berlin ankommst.“
-
-Der Wirt des Hotels trat zu ihnen und begrüßte den Großvater herzlich.
-
-„Haben Sie schon von den neuen Greueln in Ostpreußen gelesen?“ Und als
-Großvater erschrocken verneinte, begann er zu berichten, entpuppte sich
-als ähnlicher Schwarzseher wie Rat Mertens und erzählte und prophezeite
-so lange, bis der alte Herr Messer und Gabel fallen ließ und dann
-unglücklich sagte: „Und unsereins sitzt hier und läßt sich ein üppiges
-Frühstück schmecken!“ Worauf der Wirt freundlichere Zukunftsaussichten
-eröffnete, aber den Druck, den er auf die Seele seiner Gäste gewälzt
-hatte, nicht mehr wegnehmen konnte.
-
-„Komm, Kind, wir gehen zur Bahn.“ Dem Wirt winkte er zu: „Ich komme
-zu Mittag wieder,“ schob seinen Arm in den der Schwiegertochter und
-schritt langsam mit ihr die Straße hinab. Er war zerknirscht; das
-Schicksal seiner Landsleute in Ostpreußen krampfte ihm das Herz
-zusammen.
-
-„Es ist scheußlich, Maria, solange man nicht mit brutaler Gewalt aus
-seinem Behagen herausgerissen wird, nimmt man die Sache immer noch auf
-die leichte Achsel, feiert Feste und verschafft sich Leckerbissen.
-Nachher kommen zwar Selbstvorwürfe, aber bei nächster Gelegenheit macht
-man es wieder genau so. Scheußlich!“
-
-Sie sagte ihm etwas Liebes, Herzliches, aber seine Stimmung blieb
-düster.
-
-„Wenn man pathetisch wäre, müßte man von sich selbst sagen: Du bist
-nicht wert, in dieser großen, gewaltigen Zeit zu leben!“
-
-„Wir wollen aber nicht pathetisch sein, Großväterchen!“ Da er ziemlich
-willenlos an ihrem Arm hing, gab sie der großen Unruhe, die in ihr
-wogte, nach und beschleunigte die Schritte.
-
-Ein heißer Tag zog herauf. Schon jetzt glühte die Sonne auf dem
-Asphalt. Großvater nahm den Hut ab und trocknete sich die Stirn. Am
-Bahnhofsplatz waren Truppen aufmarschiert. Große Menschenmengen standen
-um sie herum. „Die sollen alle über Berlin nach dem Westen,“ hörten
-sie erzählen, und irgend jemand sagte: „Zivilpersonen werden heute
-überhaupt nicht befördert.“
-
-„So?“ fragte Großvater aufgeregt, erhielt aber keine Antwort mehr.
-Maria war bleich geworden. „Das kann nicht sein,“ rief sie außer sich.
-
-„Es scheint aber doch so zu sein, Kind, und du hättest wirklich besser
-getan, während dieser aufgeregten Zeit ruhig bei uns zu bleiben. Es
-ist ein Glück, daß wir den Wagen haben, und wenn es auch eine kleine
-Gardinenpredigt von Großmutter setzt, so kommen wir doch wenigstens
-sicher zurück!“
-
-„Nein, nein, Großvater, ich muß fahren, komm mit!“ Und sie drängte
-in die Bahnhofshalle hinein und hörte, daß der Neunuhrzug in der Tat
-keine Zivilpersonen beförderte. Sie war wie betäubt, so, als habe sie
-einen Schlag vor den Kopf erhalten, und lehnte an einer Wand. Großvater
-redete auf sie ein.
-
-„Sei doch vernünftig, Kind. Du siehst doch, es ist keine Möglichkeit,
-mitzukommen,“ und sprach gut und eindringlich weiter zu tauben Ohren.
-
-„Es hängt doch bei dir auch nichts davon ab, ob du einen Tag früher
-oder später kommst. Dein Junge ist in der Kaserne, und sonst wartet
-niemand auf dich.“
-
-„Großvater, -- es wartet doch einer auf mich! Großvater, du verstehst
-mich doch, du bist doch von meiner Art! Ich bitte dich, Großvater, hilf
-mir, daß ich fahren kann. Ich weiß, daß Ausnahmen gemacht werden, wenn
-man sagt, daß man zu Angehörigen fährt, die man noch sprechen muß. Und
-ich muß nach Berlin, Großvater, ich muß!“
-
-„Maria!“ sagte er staunend und sah sie mit einem großen Blick, in dem
-Vorwurf und Mitleid lag, an. „Also doch, Maria, also hat Großmutter
-doch recht!“
-
-„Nicht fragen, Großvater, hilf mir!“ Und da gab Großvater sich einen
-Ruck, warf die Müdigkeit ab und war der liebenswürdige, ehrwürdige,
-alte Herr, dem so leicht niemand das Gehör verweigerte.
-
-„Der Zug hat Verspätung, er fährt erst um zwölf Uhr,“ sagte man
-ihm und wies ihn von einer Behörde zur anderen, um seinen Wunsch
-anzubringen. Er ließ sich die Mühe nicht verdrießen. Irgendeine tiefe
-Verwandtschaft, die er schon längst mit seiner Schwiegertochter gefühlt
-hatte, machte ihm jetzt das Herz heiß und die Zunge geläufig. Er wollte
-ihr einen großen Schmerz ersparen, denn er hatte aus diesen Augen
-gelesen, daß Unsägliches von dem Ja oder Nein, das er ihr bringen
-würde, abhinge.
-
-Sie saß auf irgendeiner Bank, zu der der Großvater sie geführt hatte,
-sie sah ins Leere -- sie sah in eine dunkle, in eine trostlose Welt.
-Die zwei Menschen, um die ihr Leben sich gedreht hatte, rissen sich von
-ihr los; die zwei feinen, zarten, liebevollen Menschen, die ihr ganzes
-Glück bedeutet hatten, gingen hin und zeigten, daß sie Männer waren,
-daß sie fähig waren, alles zu vergessen, alles von sich abzuwerfen,
-was ihnen lieb und teuer gewesen war. Schwer mochte ihnen das ankommen
--- und doch und doch! Wie waren sie gewachsen, diese beiden -- der
-ganz junge, der sich schon über dem Leben stehend geglaubt hatte,
-und der andere, dem die Haare leicht ergrauten, und dessen Herz noch
-so unsäglich leidensfähig war. Sie griff wieder nach dem Brief, den
-er ihr geschrieben: „Ist ein Wiedersehen möglich?“ Das konnte ein
-jeder dem anderen schreiben, das war eine einfache Frage, die keine
-Dringlichkeit verriet, und war doch wie ein Schrei, war wie eine
-Verzweiflung. „Laß mich so nicht gehen! Komm, komm, um Gotteswillen,
-komm!“
-
-Scharen von Menschen drängten an ihr vorüber, eifriges Reden,
-Schluchzen, verhaltenes Weinen und tröstende Männerstimmen. Schmerz
-und Jammer in der ganzen Welt. Alles, was fest bestanden hatte, war
-aufgelöst -- alles zerrissen -- jedes Herz verwundet -- unzählige
-Existenzen vernichtet! Man las all das ja täglich in den Zeitungen!
-Aber beim Lesen drang es nicht ins tiefste Herz hinein. An einen
-Bahnhof muß man gehen, um Leid und Schmerz in ihrer wahren,
-herzzerreißenden Gestalt zu sehen.
-
-„Laß mich, laß mich!“ hörte sie in ihrer Nähe rufen, sah, wie ein
-kräftiger Mann eine ganz haltlos gewordene Frau von sich schob und
-fortraste. Nun stand dies arme Geschöpf mit starren Augen, aus denen
-Entsetzen sprach, da -- totenbleich, dem Umfallen nahe.
-
-„Setzen Sie sich!“ sagte Maria und zog sie auf die Bank nieder. Und
-die Frau setzte sich, blieb aber starr und verständnislos; ein weher,
-hilfloser Jammer, der noch nicht zum Ausbruch gelangen konnte.
-
-„Wenn ein Erdbeben gekommen wäre und hätte die halbe Welt verschluckt,
-oder ein Feuerregen oder sonst etwas, was allem mit einem Schlage
-ein Ende gemacht hätte -- es wäre nichts gewesen. Aber dieses
-Abschiednehmen, dieses Stillsitzenmüssen, dieses wahnsinnige Bangen und
-Warten, das nun bevorsteht, dieses Verzweifeln und immer wieder von
-neuem Hoffen, das ist wohl das Furchtbarste, was dem Menschen geschehen
-kann.“
-
-Das hörte Maria aus dem Munde irgendeiner weinenden Frau, die zu einer
-anderen sprach. „Wir Zurückbleibenden sind am schlimmsten daran. Wir
-kosten das Elend zehn- und hundertfach durch!“
-
-Da war Großvater plötzlich an Marias Seite, ganz aufgeregt -- das
-liebe, alte Gesicht heiß und gerötet.
-
-„Also hier ist deine Karte, Maria. Du mußt dir aber gleich einen Platz
-sichern. Ich hab’ das Billett bekommen, weil ich sagte, du hättest
-dringende Rücksprache mit einem ausziehenden Angehörigen zu nehmen.
-Anders ging es nicht. Aber unvernünftig ist es von dir, im höchsten
-Grade unvernünftig. Großmutter darf nicht ahnen, daß der alte, törichte
-Mann dir dazu verholfen hat!“
-
-„Großvater, das vergesse ich dir nie, nie im Leben!“ Und sie dankte ihm
-innig. Er war ein bißchen verlegen und blickte um sich, aber niemand,
-der hier in der Halle war, hatte Zeit, sich um das Gebaren des anderen
-zu kümmern. Und so schmunzelte Großvater und sagte leise: „Und doch
-sind die zarten, feinnervigen Frauen die einzigen, um die sich’s zu
-leben verlohnt!“ Sah einen Augenblick aus, als habe er ein Paradies
-verloren, und brachte die Schwiegertochter bis zum Bahnsteig. „Ich darf
-nicht mit hindurch, also sieh, daß du einen leidlichen Platz bekommst,
-und sei glücklich, Kind -- sei sehr, sehr glücklich!“
-
-„Danke, Großvater!“ Und sie war im Gedränge verschwunden. Der alte Mann
-blieb minutenlang sinnend stehen, dann trottete er zur Stadt zurück.
-
-Nein, die Großmutter brüstete sich vergebens, eine Menschenkennerin zu
-sein, die hatte keine Ahnung von dieser hier!
-
-Um zwölf Uhr fuhr der Zug ab -- -- fuhr durch sonnendurchglühte
-Landschaft, fuhr durch lachende, jauchzende Landschaft. Grüne, saftige
-Wiesen mit weidendem Vieh, Bäume, die ihre Früchtelast kaum zu tragen
-vermochten. Blumen, silbernes Wasser, tiefblauer Himmel und Sonne,
-Sonne, Sonne!
-
-Im engen, überfüllten Abteil eine Luft, in der man nicht zu atmen
-vermochte. Schulter an Schulter mit den Soldaten, die kleine Pfeifen
-rauchten, saß Maria, sengende Sonnenstrahlen auf den Schläfen -- Angst
-im Herzen.
-
-„Junge Frau, was wollen Sie im Zug? Der gehört doch uns!“
-
-Sie versuchte zu lachen.
-
-„Wollen Sie auch ins Feld ziehen?“
-
-„Wenn ich könnte!“
-
-„Na, besser nicht!“
-
-Dann fragte einer: „Haben Sie auch jemand dabei?“ und sah Maria an.
-
-„Ja,“ sagte sie und fühlte die Tränen aufsteigen, stützte den Kopf
-in die Hand und war mit allen Gedanken, allen Nerven bei dem, der in
-diesen letzten Stunden vor dem Abschied auf sie wartete. Quälende
-Stunden in marternder Hitze. Ewiges Anhalten, schneckengleiches
-Vorwärtsschleichen und wieder Halten. Wann würde man in Berlin sein?
-
-Die mit ihr fuhren, waren aus dem Osten gekommen, die hatten schon eine
-Nacht auf Bretterbänken hinter sich. Denen war es auch gleichgültig,
-wie lange sie sich hier noch schütteln ließen, ob sie einen, zwei oder
-drei Tage fuhren. Und da fühlte sie wieder die ganze Jämmerlichkeit
-ihres Schmerzes! Die um sie herum fuhren hinaus mit der fast sicheren
-Aussicht, nicht zurückzukehren, und lachten und scherzten.
-
-War das nicht erbärmlich, nur mit einem Gedanken an sich und ans eigene
-Leid zu denken?
-
-Nun sprach einer der Soldaten dasselbe aus, was sie schon in der
-Bahnhofshalle aus irgendeinem Munde gehört hatte:
-
-„Ich möchte jetzt keine Frau sein. Die haben’s am allerschlimmsten. Die
-sitzen allein und vergrämt da und müssen abwarten, was für sie kommt!
-Abwarten ist das allerschlimmste!“
-
-Sie sah ihn dankbar an.
-
-„Jede Kugel trifft ja nicht!“ tröstete ein Soldat und gab ihr die Hand.
-
-Der Kopf tat ihr weh -- -- die Unruhe stieg. Die Sonne sengte nicht
-mehr, ganz leise wollte der Abend heraufziehen. -- Wann würde sie da
-sein?
-
-Sie dachte an Großvater, der bei Großmutter im stillen Zimmer saß und
-ihr irgend etwas erzählte, was nicht den Tatsachen entsprach. Und sie
-hörte, wie Großmutter ihr altes Klagelied vorbrachte: ‚Ihre ganze
-Jugend hat sie verplempert, und wer weiß, ob sie nun überhaupt einen
-Mann findet, wo doch so viele totgeschossen werden!‘
-
-Sie sah Großmutter in ihrer strahlenden Gesundheit unter dem
-Kronleuchter stehen, und Großvater kam auf sie zu und küßte sie in
-ehrlicher Zärtlichkeit.
-
-Wie war das möglich, da er doch so ganz verschieden von ihr war? War
-er wirklich glücklich -- oder täuschte er sich wissentlich über sich
-selbst? Ihre Gedanken schweiften ab -- -- ihre Gedanken suchten Halt
-bei der Großmutter.
-
-Ach, auch so gesund, so selbstverständlich gesund und praktisch sein
-können!
-
-Aus einmal fuhr man durch ein Lichtermeer -- fuhr an Häusermassen
-vorbei -- -- -- Berlin! Da war alles fort -- -- -- Großmutter,
-Großvater, alles, was sie am langen, heißen Tag gehört und gesehen
--- -- verschwunden.
-
-Nur die Angst, die verzweiflungsvolle Angst: ‚Ist es noch nicht zu
-spät?‘
-
-Sie hatte telegraphiert, daß sie kommen würde, aber es war nicht
-anzunehmen, daß er hier am Bahnhof war. Bei dieser Unsicherheit, bei
-dieser Verspätung!
-
-Und stand doch da -- stand dicht an der Sperre, bleich und aufgeregt,
-und faßte sie ums Handgelenk.
-
-„Endlich!“
-
-Was waren das für Augen, die sie anblickten! Abgehetzt, heiß, bang und
-doch herrisch!
-
-„Komm, ich hab’ ein Auto. Komm schnell!“
-
-„Wann mußt du fort?“
-
-„Morgen früh vier Uhr ausrücken aus der Kaserne. Ich hab’ drei Stunden
-am Bahnhof gewartet. Nun mußt du mit mir fahren; lies, was noch
-zu besorgen ist. Keine Satteltaschen in ganz Berlin aufzutreiben!
-Irgendein Kerl hat sich für Geld und gute Worte breitschlagen lassen,
-sie mir herzustellen. Dann den Revolver abholen, -- Schuster --
-Apotheker! Einfach nichts zu haben!“ Und dann riß er sie an sich.
-
-„Oh, Maria, Maria, durch was für Höllen bin ich in diesen paar Tagen,
-in denen du fern warst und ich dich so nötig gehabt hätte, gewandelt!
-Was ist mir nicht alles klar geworden in diesen Tagen und Nächten! Ein
-Verrückter bin ich gewesen, daß ich dich so neben mir leben ließ, daß
-ich dich so leiden ließ! Immer die Ungewißheit in deinem Herzen: Meint
-er’s gut, meint er’s nicht gut? Warum war ich so, Maria, warum hab’ ich
-mich den allgemeinen Regeln entziehen wollen? War es Hochmut oder war
-es die angeborene Scheu vor jeder Fessel? Ich weiß es nicht, ich komme
-nicht zur Klarheit mit mir selbst. Nur das eine weiß ich, daß ich eine
-entsetzliche Grausamkeit an dir begangen habe.“
-
-„Sprich jetzt nicht davon, sag’ mir das jetzt nicht!“
-
-„Doch und doch und doch! Du weißt nicht, wie sich das plötzlich in mir
-geklärt hat; wie ich ganz plötzlich begreifen mußte, was du gelitten
-hast in all diesen Jahren. Jetzt ist es zu spät, jetzt kann ich nichts
-mehr gutmachen. Du warst so lange gut zu mir, nun sei es auch noch die
-paar lumpigen Stunden, die nicht einmal uns allein gehören!“
-
-Das Auto raste durch die Straßen; sie lag an ihm, die Augen
-geschlossen, sein Mund an ihrem. „Wahnsinn, daß ich mich so von einer
-Idee beherrschen ließ!“
-
-Irgendwo im hohen Norden wohnte der, der ihm die Satteltaschen
-versprochen. „Komm mit!“
-
-Vier Treppen hoch; oben ein winziges Zimmer mit unerträglicher Luft --
-und sie mußten warten -- eine Viertelstunde, eine halbe Stunde.
-
-„Mensch, das ist eine Gemeinheit, daß Sie ihr Versprechen nicht
-gehalten haben!“
-
-Er hielt sie bei der Hand.
-
-„Ich kann hier nicht fort, bis ich die Dinger habe! Es ist auf
-niemanden Verlaß! Komm!“ Und er zog sie in eine Nische des kleinen
-Zimmers.
-
-Sie bat noch einmal: „Quäle dich in dieser Stunde nicht! Ich habe
-gelitten, das ist wahr. Besonders des Jungen wegen hab’ ich gelitten,
-aber dafür hast du mir doch auch Stunden unsäglichen Glückes gegeben.“
-
-„Armes, armes Herz du! Stunden unsäglichen Glückes sagst du! Das glaub’
-ich wohl, aber doch nur, solange wir beisammen waren; sowie du allein
-warst, fing die Marter an, nicht wahr? Da hast du gekämpft und gelitten
-und gezweifelt. Sag’ nicht nein! Ich weiß jetzt alles. Eine Frau will
-Ruhe und Ordnung in ihrem Glück haben -- das ist so natürlich! Und du
-hast immer alles verbergen müssen, ich hab’ dich nie zur Ordnung in
-deinen Gefühlen, nie zur Ruhe kommen lassen; immer warst du gehetzt,
-immer bang, immer erregt! Ich sehe jetzt alles so deutlich, jetzt, da
-es zum Abschied geht; jetzt, da ich nicht mehr als ein paar armselige
-Stunden für dich habe, da ich, neben dir, an meine Stiefel, meinen
-Revolver und meine Koffer denken muß. Was macht denn der Junge, Kind?
-Auch den hast du hergeben müssen, alles, alles ist dir genommen worden!“
-
-Das letzte sagte er in der guten, herzlichen Weise, die sie so oft an
-ihm bestrickt hatte.
-
-Der Mann auf dem Schemel erhob sich: „So, Herr!“
-
-Er sah sich die Arbeit an. „Kostet?“
-
-Ein unverschämter Preis wurde genannt.
-
-„Auch in solcher Zeit wird die Not ausgenützt!“
-
-Er warf ihm das Geld auf den Tisch. Er nahm ihm die Tasche aus der Hand
--- die Treppen hinunter und wieder ins Auto.
-
-„Immer habe ich gewünscht, es möchte einmal ein Ereignis kommen, daß
-alles in der Welt auf den Kopf stellt. Ich weiß nicht, warum. Ich muß
-wohl zu jenen unglückseligen Naturen gehören, die das Gleichmaß des
-Lebens nicht ertragen können, und hab’ mir eingeredet, auch dich könnte
-ich nicht für immer ertragen. Kind, warum hast du das so hingenommen?
-Warum hast du dich nicht aufgelehnt? Du hast mich mit einem
-Glorienschein umgeben, weil ich ein paar lesbare Bücher geschrieben
-habe. Daß ich als Mensch nichts anderes als ein grausamer Egoist war,
-das hast du dir nicht eingestehen wollen.“
-
-„Ich hab’ dich geliebt und war glücklich durch dich, das wog mir das,
-was ich entbehren mußte, auf.“
-
-Aber die Verzweiflung fraß an ihm.
-
-„Du bist so grenzenlos, so ganz unverantwortlich weich, Kind! Wie soll
-das werden, wenn du nun ganz einsam sein wirst? Wirst du das überhaupt
-ertragen, Maria?“
-
-„Ja,“ sagte sie, und fühlte doch ihre Seele in namenloser Schwäche
-erschauern.
-
-„Komm, nicht mehr sprechen!“
-
-Stopp!
-
-Irgendwo in einer stillen Straße hielten sie. Da war der Schuster, der
-noch die Stiefel übernommen hatte.
-
-„Bleib’ sitzen diesmal, Kind. Wenn ich warten muß, hol’ ich dich.“
-
-Der Kopf schmerzte, die Schläfen hämmerten; das Herz schrie: ‚Ich kann
-es nicht ertragen -- kann nicht!‘
-
-Die Stiefel in der Hand kam er zurück. „Gott sei Dank!“
-
-Wieder eine andere Adresse. „Den Revolver muß ich noch haben; das
-andere lassen wir. Ein paar Medikamente bekommt man zur Not auch in der
-Kaserne.“
-
-Er war blaß und nervös.
-
-„Sag’ jetzt gar nichts mehr, Maria! Alles Sprechen ist sinnlos! Nein,
-so geht’s auch nicht; ich muß noch vieles wissen. Wo wirst du leben,
-wenn du nun so ganz einsam bist? Ganz allein in der Wohnung, das geht
-nicht; bei Verwandten unterkriechen, liegt dir nicht. Also wo?“
-
-„Ich weiß nicht. Laß! Das ist ja auch gleichgültig!“
-
-„Aber es quält mich! Ich muß doch an dich denken können; ich meine, in
-einer bestimmten Umgebung muß ich mir dich denken können.“
-
-Die Gedanken waren wieder bei einem anderen Punkt: „Wenn ich
-wiederkomme, Maria, bin ich ein anderer. Dann werfe ich alle meine
-Philosophie über Bord, dann bist du einfach meine Frau.“
-
-Sie sagte nichts. Sie sah plötzlich die im Silberglanz des Mondes
-sitzende Großmutter vor sich, die die Karten durch ihre Hände gleiten
-ließ und ausrief: „Du hältst es doch nicht mit einem, Kind, der dich
-nicht heiraten will?“
-
-Schrecklich, so etwas in banalen Worten von einem resoluten und
-praktischen Menschen, der nur gerade Wege kennt, aussprechen zu hören.
-
-Tiefes, bitteres Leid war in ihr.
-
-„Ich hab’ dich über alles in der Welt lieb,“ sagte sie, um sich selbst
-zu beruhigen.
-
-„Ich weiß, ich weiß!“
-
-„Und ganz ohne Stolz, ganz ohne Klugheit -- so wie man es heute
-überhaupt nicht mehr findet.“
-
-„Ach, wenn du doch wie andere Frauen ängstlich und berechnend gewesen
-wärest! Die Weltklugen siegen natürlich! Dich aber werden sie
-zertrampeln, wenn ich nicht wiederkomme!“
-
-„Laß, laß! Ich bin nicht so schwach, wie du denkst.“
-
-„Doch, entsetzlich schwach -- eben, weil du so namenlos lieben kannst.
-Ich weiß es -- weiß es besser als du selbst.“
-
-Der Revolver war nicht fertig, das brachte ihn ganz außer sich.
-
-„Ich weiß nur einen Weg; ich muß zu Büttner gehen. Der zieht erst
-nächste Woche hinaus, der gibt mir seine Pistole. Aber die Zeit --
-unsere paar armseligen Stunden schmelzen zusammen!“ Er sah auf die
-Uhr: „Halb elf schon, eine halbe Stunde geht darauf bis zu Büttner, der
-am anderen Ende der Welt wohnt; dann zur Kaserne, damit der Bursche
-packen kann, und dabei bin ich schwach vor Hunger.“
-
-Er hielt sie im Arm und sagte nichts mehr.
-
-Um seinen Mund lief ein Zucken, die Augen sahen in die Ferne. „Ich
-wollte, es wäre morgen. Ich kann nicht mitansehen, wie du dir selbst
-etwas von Stärke und Mut vorlügst.“
-
-Der Kamerad gab seinen Revolver ohne weiteres.
-
-„Nun hinaus zur Kaserne. Schofför, so schnell wie irgend möglich!“
-
-Mitternacht nahe.
-
-„Bist du froh, daß das Jungchen mit will? Ich hätte es ihm nicht
-zugetraut. So eine schmale Brust und so ein Muttersöhnchen! Der soll
-in ein paar Wochen gegen die Russen gehen! Grüß ihn von mir! Sag’ ihm
-meine Hochachtung! Wie hat sich die Welt verändert in diesen paar
-Tagen! Man hat es ja immer gewünscht, daß die Luft rein wurde. Man hat
-auch geglaubt, in dem Augenblick, da es einmal eintrete, ganz Flamme,
-ganz Begeisterung zu sein, und bleibt dann doch an sich selber hängen,
-statt im Großen aufzugehen. Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich um
-dich gräme!“
-
-„Tue es nicht!“
-
-Aber sie weinte an seiner Brust und sagte in jammervollem Ton: „Ich bin
-nicht schwach, ich bin wirklich nicht so schwach, wie du denkst.“
-
-Die Kaserne war erreicht. „Hier mußt du nun eine gute Viertelstunde auf
-mich warten.“
-
-Da sah sie alles um sich herum in krasser, entsetzlicher
-Trostlosigkeit. Die ganze Welt in furchtbarer Disharmonie; die ganze
-Welt voll blutender, zerrissener Herzen, Barbarei, Vernichtung, Greuel
-und Entsetzen; wo war das Große, das Erhebende, das der Krieg bringen
-sollte?
-
-Ach nein, nur die Nacht, nur der Abschied machten schwach und klein;
-sobald der bittere persönlichste Schmerz überwunden war, mußte eine
-jede sich zu der Größe aufraffen können, die diese blutige Zeit
-erfordert. Jetzt aber barg sie das Gesicht in den Händen, jetzt wollte
-der heiße Schmerz sie ersticken. Der Mann und der Junge! Die beiden
-Pole ihres Lebens!
-
-Dann war er wieder bei ihr und zog sie in seine Arme. „Zwei Stunden
-noch für uns! -- -- Komm, sei gut, sei gut! Sag’ mir noch einmal,
-daß du mich geliebt hast! Denk’, wir ständen beide vor der letzten
-Stunde unseres Lebens und wollten in diese Stunde noch einmal alles
-hineinpressen, was wir uns zu geben haben. -- --“
-
-Als das erste zaghafte Morgenlicht mit der Dämmerung kämpfte, stand sie
-im grauen, endlosen Kasernenhof neben ihm. Steil ragten die Mauern in
-die Höhe -- beklemmend, düster, dräuend. Aus Türen und Toren quollen
-Menschen. Unermeßliche Scharen von Menschen.
-
-Schauernd stand sie an seiner Seite. Die grauen Massen ordneten
-sich zu Zügen. Kommandorufe erschallten! Abzählen -- aus der Ferne
-Pferdegetrappel. Von hinten her wurden gewaltige Munitionswagen
-sichtbar.
-
-Eine halbe Stunde verging, Namen wurden verlesen, Befehle ausgerufen;
-dann eine Ansprache -- kurz, wuchtig! Und Bewegung kam in die Reihen.
-
-„Leb’ wohl!“
-
-Der ihr zur Seite gestanden hatte, preßte sie noch einmal in die Arme.
-Drüben wartete der Bursche und hielt ihm das Pferd.
-
-„Leb’ wohl!“ Er saß auf, winkte noch einmal und ritt denen, zu welchen
-er gehörte, zur Seite, zum großen Tor hinaus.
-
-Sie lehnte an einer Wand; sie sah die letzten Züge vorbeimarschieren --
-die Furage- und Munitionswagen folgten -- ihnen schlich sie nach.
-
-Irgendwie fand sie zu der Wohnung, die sie mit ihrem Jungchen all die
-Jahre innegehabt hatte. Ging durch die leeren Zimmer und sah auf dem
-Schreibtisch eine Karte liegen, die die Portiersfrau hingelegt haben
-mochte.
-
-„Liebe Mutter! Wenn du mich hier besuchen willst, so komm, bitte. Ich
-habe ein wenig Heimweh nach dir.“
-
-Da -- mit einem Schlag alles verblaßt, alles vorbei, was sie so tief
-erregt, was soeben noch heißer, brennender Schmerz gewesen war.
-
-Wie wenn eine leise, müde Musik von einem brausenden Orchester übertönt
-würde.
-
-Der Junge rief, der Junge brauchte sie! Ihr armer, kleiner, zarter
-Junge hatte Heimweh nach der Mutter.
-
- * * * * *
-
-Sie hatten ihn oft den Philosophen oder den Professor genannt; ob mit
-Recht oder mit Unrecht, das lag nicht klar.
-
-So ein Bub von sechzehn, siebzehn und achtzehn Jahren, der von Natur
-still und im Äußern noch wenig ansehnlich ist, vergräbt sich oft in
-sich selbst, nur weil er den rechten Ton zur Außenwelt nicht findet,
-weil er schüchtern ist und den Bann, der ihn umfangen hält, nicht zu
-brechen versteht.
-
-Und solch eine Jungenseele ist oft so feingestimmt wie das zarteste
-Saiteninstrument. Alles bewegt ihn -- beängstigt ihn -- bringt ihn
-aus der Fassung. Überall wittert er Mißachtung, Hochmut, Spott. Es
-braucht nur ein Erwachsener, ohne irgend etwas dabei zu denken, solch
-blutjungen, kindlich aussehenden Menschen bei der Unterhaltung zu
-übersehen -- irgend jemand kann vergessen, ihm beim Abschied die Hand
-zu reichen -- gleich ist der Aufruhr da, gleich sagt sich so ein
-aufbrausender Kopf: ‚Ich bin überflüssig -- ich bin ausgestoßen; es hat
-gar keinen Zweck, daß ich lebe. Ich werde ewig mir und anderen zur Last
-sein!‘
-
-Und die Augen werden überernst, um den Mund kommt ein Zug, der etwas
-Überlegenes hat und doch nur ein kindlicher Schmerz und Trotz ist. So
-ein Bub mit schlechter Haltung, blassen Farben, tiefernsten Augen und
-leicht ironischem Lächeln wird dann von irgend jemand eintaxiert! Man
-will vielleicht der Mutter, weil man mit dem besten Willen von so einem
-armen, halbflüggen Kerl nicht sagen kann: ‚Welch reizender Junge,‘
-einen Trost geben und sagt: ‚Ihr Junge hat was Bedeutendes -- ein
-Philosoph -- ein Professor! Sie werden sehen, es wird einmal etwas ganz
-Außergewöhnliches aus ihm werden!‘
-
-Und die Mutter, die ein wenig verzweifelt über den unansehnlichen, in
-sich gekehrten, seinen Stimmungen unterworfenen Jungen ist, nimmt so
-eine Prophezeiung gierig und mit tausend Freuden in ihrem Herzen auf
-und redet sich ein: ‚Natürlich wird er etwas Außergewöhnliches werden!‘
-und denkt an den Werdegang vieler großer, bedeutender Männer, die in
-ihrer Jugend bleicher, einförmiger und stiller gewesen sind, als ihre
-Kameraden.
-
-Wie dem auch sei, das Jungchen -- Ernst ward er genannt -- war wirklich
-etwas schwer und ernst und für seine Jahre zu trocken gewesen. Die
-Schule, der Zwang, sich zu einem Beruf zu entschließen, obwohl es von
-jedem einzelnen Beruf hieß, er sei überfüllt, und irgendein dunkles,
-unbewußtes Drängen und Sehnen in ihm mochten ihn niedergedrückt haben.
-Und das Schlußexamen, das Abiturium, das von Jahr zu Jahr schwerer
-gestaltet werden sollte, um nur die ganz Befähigten noch zum Studium
-durchzulassen, mochte ihn auch quälen.
-
-‚Die Blödesten, die überhaupt nicht denken, die aber frech und gerissen
-sind, kommen natürlich immer durch,‘ hatte er einmal der Mutter gesagt
-und damit seine Angst verraten und sie selbst unsicher gemacht.
-
-Ja, wenn der Bub Pech haben sollte und sein Abitur nicht bestand, dann
-war wirklich alles verloren -- dann würde sie selbst nicht wissen, was
-sie aus ihm machen sollte.
-
-Sie lief zu seinem Lehrer, und der lachte sie aus. „Wenn ihr Junge
-nicht besteht, dann müßte die ganze Gesellschaft durchs Examen sausen!“
-
-Das sagte sie ihm und sah ein freudiges Lächeln in seinem Gesicht, das
-ihn verschönte. Aber die Unsicherheit kehrte doch zu ihm zurück.
-
-„Und wenn ich’s wirklich glänzend bestehe, Mutter, so oft ich darüber
-nachdenke, wie alles in der Welt überfüllt ist, wie für jeden Beruf
-Tausende da sind, die einfach entbehrt werden könnten, dann will mir
-doch alles zwecklos erscheinen!“
-
-Das verstand sie! Der arme Kerl litt darunter, das nicht irgendwo ein
-Platz war, von dem es hieß: hier gehörst du hin! hier braucht man dich!
-hier würde eine Lücke sein, wenn du sie nicht ausfülltest!
-
-Darunter litt die ganze heutige Jugend, sofern sie nicht keck und
-selbstbewußt oder mit reichen äußeren Mitteln ausgestattet war.
-
-Und wenn sie in bangen Stunden an seine Zukunft dachte, so war es ihr,
-als mache er den Versuch, auf winzigem Kahn zwischen großen, starken
-Schiffen hindurch ins weite Weltmeer hinauszusegeln, bis dann wieder
-die glücklichen Zeiten kamen, in denen sie überzeugt war, daß er ein
-Überflieger, ein Auserwählter war, der seinen ganz besonderen Weg
-machen würde.
-
-Der kleine, ernste, schmächtige Ernst von Hiller hatte sich wirklich
-mit etwas zu geringem Selbstvertrauen dem geheimnisvollen, großen
-Leben, in das er nun bald eintreten sollte, genähert. Bis dann
-plötzlich die Tore für ihn und alle, die seinesgleichen waren,
-sperrangelweit aufsprangen, bis mit einem Schlage die große, weite Welt
-in ganz anderer Beleuchtung vor ihm lag.
-
-Auf einmal hieß es in Deutschland: Wir brauchen euch alle! Wer nicht
-ganz schwach, nicht ganz unfähig ist, der komme und halte sich bereit,
-für Deutschlands Ehre zu kämpfen. Alle, die ihr gestern noch Kinder und
-Knaben war’t, heute müßt ihr Männer sein!
-
-Und so, wie es verlangt wurde, so war es. Wie ein zu eng gewordenes
-Kleid warfen sie die Kindheit ab, waren befreit aus dumpfem, haltlosem
-Irren, aus tausend Ängsten und Grübeleien.
-
-Man braucht uns, man braucht uns!
-
-Ein einziger Jubel im ganzen jungen deutschen Volke! Eine
-bebende Seligkeit, das jauchzende Bewußtsein, plötzlich aus der
-Überflüssigkeit zu etwas Notwendigem geworden zu sein.
-
-Und dann Schlag auf Schlag -- alles so brausend schnell, wie es die
-Jugend liebt. -- Heute von der Reise zurück -- morgen das Examen mit
-Rührung und Hochachtung von Seiten der bisher gefürchteten Vorgesetzten.
-
-Alles fiel einem in den Schoß. Segenswünsche -- überschwengliches Lob
--- Bewunderung! Die Alten stellten die jüngste Jugend plötzlich auf ein
-hohes Podest und sahen zu ihr auf.
-
-„Ihr zieht aus! Ihr kämpft für uns! Gesegnete Jünglinge! Gottbegnadete
-Menschen, die ihr eure erste Jugend so glorreich betätigen dürft!“
-
-Wie das weckte! Wie das emporriß! Wie so ein blasses, schüchternes
-Jungengesicht da Farbe und Feuer erhielt.
-
-Alles vergessen, was noch vor Tagen der Inhalt des Lebens gewesen
-war -- draußen, jenseits der Grenze wurden schon blutige Schlachten
-geschlagen -- und man war noch nicht dabei, man lief noch in seinen
-Zivilkleidern herum und suchte, suchte, suchte!
-
-Ernst Hiller lief mit zwei Freunden durch Berlin. Das
-Abiturientenzeugnis und die schriftliche Erlaubnis der Mutter, mittun
-zu dürfen, trug er in der Tasche.
-
-Von Kaserne zu Kaserne liefen sie. Ganz gleichgültig, bei welchem
-Regiment, gleichgültig, ob zu Fuß, ob zu Pferd. Nur schnell sollte es
-gehen -- schnell, schnell, schnell!
-
-Aber zu Tausenden standen sie auf den Kasernenhöfen umher -- Stunden
-und Stunden standen sie, um dann plötzlich zu hören, daß hier der
-Bedarf gedeckt sei.
-
-Weiter -- weiter! Und standen wieder unter Tausenden -- standen in
-sengender Sonnenhitze, standen mit leerem Magen und spürten den Hunger
-nicht. Nur genommen werden -- nur erst Sicherheit haben -- nur nicht
-nach Hause müssen und sagen: „Ich habe nichts erreicht!“ -- Sie dachten
-auch gar nicht daran, daß das gar nicht ging, daß das einfach ein Ding
-der Unmöglichkeit war, unter Tausenden und aber Tausenden gleich an
-erster Stelle herausgefischt zu werden.
-
-Gedrückt, müd’, enttäuscht kehrte Ernst am ersten Tag zur Mutter
-zurück. „Morgen wollen wir um fünf Uhr früh anfangen!“ sagte er. „Nur
-wer gleich zu Beginn da ist, hat Aussicht, daranzukommen!“
-
-Er aß mit abwesenden Gedanken -- eine große bange Frage lag in seinen
-Augen.
-
-„Laß mich noch ausgehen, Mutter! Ich halt’s nicht aus!“ Und war fort,
-ehe sie ihn halten konnte, ehe sie fragen konnte, wohin.
-
-Am späten Abend rief er sie in sein Zimmer. Jacke und Weste ausgezogen,
-das Hemd von der Brust heruntergestreift. „Ob sie mich nehmen, Mutter?
-Sie suchen erst die Kräftigsten heraus. Hol’ ein Zentimetermaß, bitte,
-und miß, wieviel Brustweite ich habe!“ So ein schmales, zartes Kerlchen
-stand vor ihr. Zitternd legte er sich das Maß um den Rücken und zog es
-eng über der Brust zusammen.
-
-Dann atmete er tief. „So, nun miß noch einmal!“
-
-Und dann strahlte das Gesicht. Es reichte -- -- er war stark genug --
-sie durften ihn nicht abweisen.
-
-„Stell mir den Wecker neben das Bett, Mutter. Gute Nacht!“ Drehte sich
-um und war auch schon im tiefsten Schlaf.
-
-Wieviele Mütter mögen in jenen ersten Nächten am Bett ihres Jungen
-gesessen und fassungslos in das junge, weiche Gesicht geschaut haben.
-Und wieviel Kämpfe mögen da ausgefochten worden sein. Verzweifelte
-Kämpfe zwischen Stolz und namenloser Schwäche, zwischen hellem Ehrgeiz
-und tiefstem Jammer.
-
-Es war da plötzlich eine unsichtbare Macht in die Welt gekommen,
-die riß die, welche zusammengehörten, auseinander -- machte aus dem
-kindlichsten Buben einen Menschen, der ganz genau wußte, was er zu tun
-hatte, der nicht mehr nach rechts und nach links schaute, der im Fieber
-auf die Erfüllung des einen, großen, heiligen Wunsches wartete: „Nehmt
-mich! Nehmt mich! Stoßt mich nicht aus!“
-
-Und der glühende Wunsch, der da im schlafenden Buben lebte, teilte
-sich der, die neben ihm saß, die durch ein einsames Leben mit dem Kind
-an der Hand gegangen war, mit und gab ihr Stolz und Kraft. „Mag dein
-Wunsch sich erfüllen -- mein Jung -- --“ und küßte die hohe, reine
-Stirn, die das Schönste an diesem schmalen Knabengesicht war.
-
-Dann noch ein Tag der Enttäuschung -- noch ein Tag, an dem die irre
-Angst in den dunklen Augen lebte. -- „Ich ertrag’ es nicht, wenn sie
-mich nicht nehmen!“ Und kein Trost, keine Ermutigung wollte helfen.
-
-Am dritten Tage aber kommt er heim, das Gesicht wie mit Glanz
-übergossen, holt einen Fahrschein, der ihm im Kriegsministerium
-ausgestellt worden ist, aus der Tasche und jubelt: „Morgen fahren wir.
-In der Altmark beim Husarenregiment brauchen sie Freiwillige, die
-nicht über hundertdreißig Pfund wiegen. Pack mir das Notwendigste ein,
-Mutter! Bevor ich eintrete, werde ich ja noch einmal zurückkommen!“
-
-War das noch Ernst Hiller, der sich nichts zugetraut hatte? War das
-noch der ernste Junge, der Philosoph, der Professor, der Grübler, der
-jugendliche Weltverachter?
-
-Nein! Das ganze Leben, das vorangegangen war, war jetzt ein Blödsinn
--- eine Wertlosigkeit -- oder wenn es schon einen Wert gehabt hatte,
-dann war es doch nur der, daß es vorbereitet hatte für das, was nun zu
-erfüllen war. --
-
-Er hatte hundertzwanzig Mark in der Tasche, als er mit den zwei
-Freunden, die ebenso wie er nach der altmärkischen Garnisonstadt
-wollten, das Auto zum Bahnhof bestieg.
-
-Die Zeit war so gewaltig und riß die Menschen zu ungeahnten Höhen; und
-Ernst Hiller war auf einem großen Weg, war bereit, Blut und Leben für
-Deutschlands Ehre darzubieten -- -- aber die hundertundzwanzig Mark in
-seiner Tasche war doch etwas, was ihn ganz kolossal erhob und ihm eine
-ungeheure Zuversicht für das, was kommen würde, gab.
-
-„Leb’ wohl, Mutter! In zwei Tagen bin ich wieder da -- dann nehmen
-wir richtigen Abschied!“ Sprang die Treppe hinab, grüßte noch einmal
-herauf, und fort ging es.
-
-Am Bahnhof großes Durcheinander -- der siebente Mobilmachungstag, und
-die Beamten wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht.
-
-Die drei Jungen aber haben ihren Fahrschein vom Kriegsministerium; man
-darf sie nicht zurückschieben. Sie haben sich zu stellen und müssen
-befördert werden. Und sie warten geduldig in der heißen Halle, warten
-Stunde auf Stunde, so wie sie die Tage zuvor in der Kaserne gewartet
-haben.
-
-Endlich dürfen sie durch -- die Menschen quellen durch die geöffnete
-Sperre, werden von Schutzleuten angehalten -- in Reihen gestellt und zu
-den Abteilen geführt.
-
-Die drei sitzen in der vierten Klasse -- sitzen und stehen in dem immer
-voller werdenden Raum. Aber keiner schimpft über das Gedränge, keines
-einzigen Miene verzieht sich in Ärger, wenn immer Neue hereinquellen.
-
-Sie lachen -- sie reißen Witze -- sie sind alle aufgeregt; ein jeder,
-der hier im Wagen sitzt, macht heute eine Fahrt, die man nur einmal im
-Leben macht.
-
-Der größte Teil der Fahrenden ist schon in feldgraue Uniform gekleidet;
-die anderen haben eine Binde um den Arm und einen Packen oder Karton an
-der Hand. Jeder weiß genau, wo seine Stelle ist. Und da sind so viel
-große und kräftige Gestalten, Männer mit gewaltigen Brustkasten und
-eisernen Fäusten und mächtigen Stimmen. Denn in dem Augenblick, in dem
-der Zug sich in Bewegung setzt, fangen sie an zu singen, alle wie auf
-Verabredung das eine Lied:
-
- Es braust ein Ruf wie Donnerhall --
- Wie Schwertgeklirr und Wogenprall! ...
-
-‚Die Wacht am Rhein!‘ Was anderes sollen sie singen, denn die
-Feldgrauen fahren direkt über den Rhein -- -- die anderen werden
-unterwegs in ihren Garnisonen abgesetzt.
-
-„Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“ Und wie Ernst Hiller das Lied aus
-diesen mächtigen Kehlen schallen hört, wie er diese breiten Männer mit
-den gewaltigen Brustbreiten und den derben Fäusten rund um sich herum
-sieht, da kriecht wieder die zermalmende Angst an ihm in die Höhe und
-frißt sich in seine Seele ein: ‚Wenn sie mich nun doch nicht nehmen!
-Wenn ich doch zu schwach, zu schmal sein sollte?‘
-
-Und es ist, als ob die Welt sich vor ihm verfinstere, als ob die Sonne,
-die heiß und leuchtend am Himmel steht, nur für die anderen da sei
--- für ihn nicht -- denn, wenn er zu schwach befunden, wenn er nicht
-genommen wird, dann mag er nicht mehr leben -- dann hat das Leben
-keinen Sinn für ihn mehr.
-
-Die kindliche Freude an dem Vermögen, das er bei sich trägt, die
-Begeisterung, die jubelnde Zuversicht -- alles ist fort. Die Augen
-wieder tiefernst, um den Mund der alte überlegene Zug, der den Schmerz
-verbergen soll, und Ernst Hiller ist inmitten dieser lebensprühenden,
-heißen, beflügelten Reisegesellschaft wieder der, den sie den
-Philosophen, den Professor, den Grübler nannten.
-
-Aber nicht lange dauert diese Unterwerfung unter eine bange
-Vorstellung. Irgendein Feldgrauer, ein älterer schon, auf den man sich
-verlassen kann, hat an ihn und die zwei Freunde die Frage gerichtet:
-
-„Freiwillige, was? Wo wollen Sie sich stellen?“
-
-Und die drei antworten wie aus einem Mund: „Bei den Husaren!“ Und Ernst
-Hiller fügt, ohne den Willen dazu zu haben, die Frage an: „Hat man
-Aussicht, angenommen zu werden?“
-
-„Totsicher!“ sagte der Mann, „Sie sind ja gesunde, kräftige Menschen.“
-
-Zum Donnerwetter, ja -- wer hatte ihm denn eigentlich zeit seines
-Lebens eingeredet, daß er zart und schwach sei?
-
-Die Mutter natürlich. So ein Blödsinn -- und weil sie das immer
-wiederholte, weil sie immerfort in Sorgen um seine Gesundheit gewesen
-war, hatte er es eben als Tatsache hingenommen, daß er ein zarter,
-schwächlicher Junge sei, der Schonung bedürfte.
-
-In diesem Augenblick war er ärgerlich auf die Mutter. Trotz aller ihrer
-Liebe und Fürsorge -- es wäre vielleicht besser gewesen, sie hätte
-auf Großmutter gehört und hätte ihn mit elf Jahren ins Kadettenkorps
-gesteckt, dann wäre er jetzt Offizier und stände schon irgendwo in der
-Front.
-
-War das eine Fahrerei heute! Schneckengleich kroch der Zug dahin und
-alle Viertelstunde eine Station oder auch nur Anhalten im freien Feld!
-
-Und das Herz schlug einen so schnellen Takt; man wollte so gern am Ziel
-sein -- so gern den Ort sehen, in dem das Schicksal sich entscheiden
-sollte.
-
-An den Bahnhöfen stürzten junge Mädchen mit großen weißen Schürzen an
-die Züge heran; sie trugen Körbe mit Brot und große Blechkannen mit
-Kaffee für die Soldaten.
-
-„Das sind alles feine junge Damen!“ sagte einer von Ernsts Freunden und
-reckt die Hand aus.
-
-„Fräulein -- wir sind auch Soldaten -- -- -- Hiller, laß dir auch was
-geben!“ Aber Ernst Hiller wandte sich ab, und sein Jungengesicht war
-rot geworden.
-
-„Ich bin ja noch kein Soldat!“ und die Angst wollte sich wieder regen.
-Jedoch Kaffee, Brot und Zigarren hatten eine frohe Stimmung in der
-Reisegesellschaft geweckt. Sie sangen wieder -- einer hatte eine
-Ziehharmonika und begleitete -- sie sangen ohne Aufhören, bis die
-Kehlen heiser waren, bis sie keine Lieder mehr wußten.
-
-„Heute sind wir die Herren der Welt!“ schrie ein Feldgrauer. „Heute
-tausche ich mit keinem Millionär!“
-
-Der kleine Hiller sah bewundernd zu ihm auf. Wenn er doch auch erst
-so weit wäre! Übermorgen in Belgien! Bei ihnen kam, wenn sie wirklich
-angenommen wurden, erst noch der lange Drill, und wer weiß, wie weit
-der Krieg schon vorgeschritten war, wenn sie endlich ausrückten.
-
-Verdammt, daß er sich in den Kopf gesetzt hatte, zu studieren. Er
-stammte aus einer Soldatenfamilie und fühlte nun plötzlich, daß auch er
-Soldatenblut in sich trug.
-
-Offizier könnte er sein, wenn er’s gewollt hätte -- und mußte nun
-abwarten, ob sie ihn überhaupt als Freiwilligen nahmen.
-
-Flach und reizlos war die Landschaft, durch die sie fuhren; aber reich
-und fruchtbar war sie auch -- -- auf den grünen Weiden buntgeschecktes,
-mächtiges Vieh und an beiden Seiten der Wege Bäume, die sich unter der
-Last der Früchte beugten.
-
-Die Sonne sank glührot immer tiefer hinab. Wie ein feuriger Ball
-schwebte sie eine Weile dicht über der Erde; dann mit einmal war sie
-fort, und der Himmel, der sich wundervoll hoch und blau gewölbt hatte,
-schien auch näher zur Erde herabzukommen und ward grau und fahl, und
-die ganze Welt schien plötzlich stiller und trauriger zu werden.
-
-Es dunkelte, als die drei mit ihren Taschen sich zum Aussteigen
-rüsteten. „Glück auf!“ riefen ihnen die Soldaten aus dem Zug nach. „Auf
-Wiedersehen in Paris!“
-
-Sie schwenkten ihre Mützen, „Hurrah!“ Und dann kam eine selige
-Freiheitsstimmung über die drei Kerle; kein Mensch in der Welt hatte
-ihnen jetzt etwas zu sagen. Sie standen hier auf dem Bahnhof einer
-fremden Stadt, hatten ein gefülltes Portemonnaie in der Tasche --
-konnten tun und lassen, was sie wollten.
-
-Frei! Frei! Frei! Kein Pauker ging sie mehr was an. Nein -- sie waren
-mit einem Schlag viel mehr als ihre früheren Pauker geworden -- das
-hatten die ihnen ja selbst gesagt. Und alle Frauen vergötterten sie,
-alles faßte sie mit Glacéhandschuhen an. Wenn sie nur erst in ihrer
-Uniform steckten!
-
-„Da steht einer!“ Und sie sahen bewundernd auf einen graugelben
-Husaren, der, den Karabiner über der Schulter, unbeweglich dastand.
-
-„Na -- nu los!“ Und durchs Bahnhofgebäude durch auf den Vorplatz des
-Bahnhofs.
-
-Da stand eine Pferdebahn -- eine richtiggehende Pferdebahn, mit einem
-alten Klepper bespannt.
-
-Na, die Pferdebahn mochten sie nicht; sie nahmen sich einen Wagen.
-„Gasthof ‚Zum Schwan‘, das ist doch das beste Hotel am Ort?“
-
-Der Kutscher winkte, und sie rasselten in die schon dunkel werdende
-Stadt hinein. Der ‚Schwan‘ lag an einem großen Platz; Rathaus und
-Kirche, zwei uralte Bauten, warfen riesenhafte Schatten. Man konnte die
-goldenen Lettern am Hotel kaum erkennen.
-
-„Ist das wirklich das beste Hotel am Ort?“ fragte einer von den drei
-noch einmal mißtrauisch zum Kutscher hinauf, und der nickte wieder.
-
-„Alle Herren Offiziere steigen hier ab.“ Und da sprangen denn auch die
-drei aus dem Wagen, zahlten und gingen durch die große Einfahrt des
-altmodischen Hauses bis zu einer kleinen Seitentreppe hin.
-
-Ein Kellner fragte nach ihrem Begehr.
-
-„Drei Zimmer!“
-
-„Erster oder zweiter Stock?“
-
-„Gleichgültig!“
-
-Sie ließen sich drei geräumige Zimmer geben. Preis war Nebensache.
-Die Hände gewaschen und hinunter in den Speisesaal; sie waren hungrig
-geworden.
-
-Seltsam, das hätte man gar nicht denken sollen, daß in diesem von außen
-so altmodisch aussehenden Hotelchen ein so anständiger Speisesaal war.
-An zwei Wänden entlang ausgebaute Nischen, dicker Teppich auf dem Boden
-und erstklassige Beleuchtung.
-
-In ihren grauen und hellbraunen Sommeranzügen traten sie ein und sahen
-mit angenehmem Staunen ein buntes Bild. Gleich am ersten Tisch ein
-Infanterieoberst, der flüchtig aufblickte, als die drei eintraten. Und
-im übrigen fast nur graugelbe Husarenuniformen: zwei Offiziere, ein
-paar Junker und eine Anzahl Soldaten -- Freiwillige oder Einjährige.
-
-Der Kellner, der ihnen ihre Zimmer angewiesen hatte, führte sie zu
-einem Tisch und reichte ihnen die Speisekarte. Sie bestellten mit
-der Freude der ganz Jungen, denen ein Absteigen im Hotel noch etwas
-Fremdes ist. Sie bestellten das Beste, was sie auf der Karte entdecken
-konnten, und ließen eine Flasche Wein kommen. So oft ein junger Husar
-den Saal betrat, blieb er erst, die Hacken zusammengeklappt, am Tisch
-des Infanterieobersten stehen, dann bei den zwei Offizieren, grüßte die
-Fahnenjunker und verschwand im Hintergrund.
-
-Die drei, die heute noch freie Leute waren, fühlten sich ein wenig
-beklommen. Heute noch ging kein Mensch in der Welt sie was an; heute
-konnten sie ruhig hier in nächster Nähe des Obersten sitzen, ihre
-Mahlzeit verzehren und ihren Wein trinken, konnten lachen und sich
-unterhalten, wie es ihnen beliebte. In ein paar Tagen aber, wenn sie
-Glück hatten, wenn sie angenommen wurden, waren diese hier ihre
-Vorgesetzten, und sie würden sich wahrscheinlich wie die anderen
-Husaren ihren Platz in gemessener Entfernung suchen.
-
-Aber es war merkwürdig, auch jetzt fühlten sie sich schon gar nicht
-mehr ganz frei. Irgendwas lag wie ein leiser Druck auf ihnen. Sie
-sprachen mit gedämpfter Stimme und sprachen nur über Dinge, die jeder
-hören durfte. Eine Vorahnung kam in sie. Diese beiden Herren hier in
-der graugelben Husarenuniform waren vielleicht die, die morgen über
-sie zu entscheiden hatten, und Ernst Hiller senkte den Kopf und ward
-blutrot, als er bemerkte, daß einer der Offiziere scharf nach ihrem
-Tisch hinübersah.
-
-Der wußte natürlich längst, in welcher Eigenschaft sie in diese
-kleine Stadt und in dieses Hotel gekommen waren: ‚Freiwillige.‘ Wie
-anders sollten drei junge Burschen den Weg hierher gefunden haben?
-Sie waren sehr bescheiden geworden, sie aßen nicht ganz mit dem
-harmlos glücklichen Appetit, mit denen sie die guten Dinge, die ihnen
-gereicht wurden, vielleicht auf neutralerem Boden verzehrt haben
-würden. Sie tranken auch den Wein nur in zaghaften Zügen, zahlten und
-gingen hinaus, um draußen in der dunklen Einfahrt einen Seufzer der
-Erleichterung auszustoßen.
-
-Was nun? Erst neun Uhr! Da konnte man natürlich noch nicht zu Bett
-gehen.
-
-Also sah man sich das Nest, in das man gekommen war, mal an. Und mit
-dem Hochmut der geborenen Großstadtmenschen schlenderten sie über den
-Marktplatz mit seinen altmodischen Bauten, durch enge Gäßchen mit
-niedrigen bunten Häusern, um bald in die Hauptstraße, in der noch reges
-Leben herrschte, zu gelangen.
-
-Plakate und Extrablätter genau so wie in Berlin!
-
-Lüttich war genommen. Die Bonner Husaren hatten sich ausgezeichnet! Das
-war etwas für sie! Das trieb ihnen das Blut in die Wangen!
-
-Lüttich genommen! Wie das rasend schnell vorwärtsging! Vielleicht
-war in ein paar Wochen der ganze Krieg ausgefochten, und sie kamen
-überhaupt nicht mehr heraus. Ernst Hiller fühlte es wie Schmerz in
-sich aufsteigen. Die Straße zog sich lang und einförmig hin. „Verdammt
-langweilig, so ein Provinznest!“
-
-Aber da drüben auf der anderen Seite stand an einem unansehnlichen Haus
-die Aufschrift: ‚Wiener Café‘, und durch große Fensterscheiben strahlte
-Licht. Also da hinein! Irgend etwas mußte man doch noch unternehmen!
-
-Einen einzigen leeren Tisch noch gab’s im ganzen Lokal, und der stand
-etwas abseits in einer Ecke. Sie steuerten drauflos und fühlten
-sich hier sicherer als im Hotel, in nächster Nähe der zukünftigen
-Vorgesetzten.
-
-Sie ließen Kaffee und Kuchen kommen; Kuchen mit Schlagsahne und einen
-Likör. Eine kleine Kapelle spielte Vaterlandslieder, und wenn die
-‚Wacht am Rhein‘ oder ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ einsetzte,
-stand jeder von seinem Platz auf und sang mit. Es war heiß im Saal und
-die Luft vom Rauchen so dick, daß man auf zehn Schritte Entfernung
-niemandes Gesicht mehr unterscheiden konnte; aber es war schön. Das
-Blut geriet in Wallung -- man fühlte die große, gewaltige Zeit, in der
-man lebte.
-
-Die drei waren jetzt wieder ganz frei geworden.
-
-Donnerwetter, ja, wenn man bedachte, daß die Schule jetzt für immer
-überwunden war! Überhaupt kein Zwang mehr! Noch ein paar Wochen Drill
-und dann heraus! Donnerwetter!
-
-Ernst Hillers Gesicht leuchtete. Seit er hier in diesem verräucherten
-Lokal mit der lauten, hinreißenden Musik und den vielen begeisterten
-Menschen saß, seit er diese heißen, schönen Lieder im gewaltigen Chor
-erbrausen hörte, war er wieder ganz sicher geworden. Sie nahmen ihn
-selbstverständlich! Morgen oder übermorgen stak er in der graugrünen
-Uniform, und in ein paar Wochen stand er draußen im Felde.
-
-Irgendwo knallten Sektpfropfen, und ein Kellner war an ihren Tisch
-getreten.
-
-„Die Herren befehlen noch etwas?“ Und die drei sahen sich an, dachten
-an den blauen Schein, den sie in der Tasche trugen, einigten sich stumm
-und schnell; schon stand der Sektkübel vor ihnen und der Kellner drehte
-die Flasche mit kundiger Hand in den kleinen Eisstücken herum.
-
-Spät war es, als sie in den ‚Schwan‘ zurückkehrten, und die Köpfe waren
-nicht ganz frei. Einer von ihnen behauptete, trotz des Zigarrendunstes
-einen Husarenoffizier ganz in der Nähe ihres Tisches gesehen zu haben.
-
-Aber wenn auch -- heut waren sie ja noch frei; heute hatte kein Mensch
-auf der ganzen Welt ihnen was zu sagen.
-
-Und ausschlafen konnten sie auch! Für zwölf Uhr erst waren sie zur
-Untersuchung in die Kaserne befohlen.
-
-„Also Punkt zehneinhalb Uhr zum Katerfrühstück im Eßsaal! Gute Nacht!“
-Sie reichten sich die Hände und verschwanden in ihre Zimmer, warfen
-dann noch die Stiefel hinaus und klappten die Türe zu.
-
- * * * * *
-
-Von der strahlenden Augustsonne überflutet, liegen die roten Gebäude
-der Husarenkaserne da. Wenn man aus der inneren Stadt heraus durchs
-alte, ehrwürdige Tor kommt, muß man noch eine lange, mit netten Villen
-bebaute Straße hingehen, oder man kann auch direkt aus der Stadt in die
-Anlagen und von da über den schwarzen Husarenweg gehen, dann sieht man
-sie schon von weitem liegen, die lang sich hinziehenden, roten Fronten
-der noch neuen Kaserne. Ringsherum sind Felder -- gegenüber ein Weg,
-der in ein Dorf führt, und geradeaus weiter eine Chaussee, deren Länge
-man nicht abzusehen vermag.
-
-In Scharen trotten die jungen Leute um die Mittagszeit über die
-heißen Straßen der Kaserne zu. Vom schwarzen Husarenweg wirbeln die
-Staubwolken so hoch auf, daß sie in Mund und Nasen der Wandernden
-eindringen.
-
-Immer Sonne, Sonne, Sonne! Seit vielen Tagen kein Tropfen Regen!
-
-Das ist gut für die, die schon draußen im Felde stehen, und darum muß
-man dankbar für die große Reihe schöner, sonnenheller, trockener Tage
-sein, wie wohl auch ein Regenguß den Feldern wohltun würde.
-
-Junge, aufgeregte Gesichter! Eifriges Reden! In manchen Augen etwas wie
-Angst!
-
-Ernst Hiller hat sich beim Aufstehen nicht recht wohl gefühlt.
-Jetzt aber hat er rote Farben im Gesicht und klare Augen. Sie haben
-ordentlich gefrühstückt, ein richtiges, anständiges Katerfrühstück
--- dazu Südwein und einen kleinen Kognak. Das hat ihnen allen dreien
-wieder auf die Beine geholfen.
-
-Aber das Herz zittert; das Herz schlägt in ganz schnellen, kurzen
-Schlägen. Die niederträchtige Angst ist wieder da.
-
-Bang sieht er auf die große Schar, die alle denselben Weg gehen, den
-er mit seinen Freunden geht. Ob die sich alle als Freiwillige gemeldet
-haben?
-
-Prüfend fliegt sein Blick über sie hin? Sind das nicht alles ganz
-abnorm große Gestalten, oder hat er ein falsches Augenmaß? Sie
-erscheinen ihm wie Riesen und sie scheinen ihm alle sehr selbstsicher
-und stolz dahinzugehen.
-
-Er aber würgt wieder an seiner alten, scheußlichen Angst und kann ihrer
-nicht Herr werden.
-
-Je näher die Kaserne kommt, um so langsamer gehen sie. Es ist noch so
-früh; sie werden eine halbe Stunde warten müssen. Man könnte eigentlich
-noch ein Stück die Chaussee hinuntergehen; es hat ja keinen Zweck, sich
-so lang’ in irgendeinem Winkel herumzudrücken. Aber die Sonne meint es
-sehr gut und man ist müde. Der Südwein hat zwar den Kater vertrieben,
-aber in den Beinen ist man schwach. Und wie man die Kaserne erreicht
-hat, macht man ganz von selbst halt und geht den Weg, den all die
-anderen gehen.
-
-Der Posten der Kaserne läßt sich die Legitimation zeigen; man tritt
-durch das große Tor ein und hat im selben Augenblick ein merkwürdig
-zuckendes Gefühl im Herzen, so, als hätte man einen großen, schweren
-Abschied von irgend etwas genommen.
-
-Dann stehen sie zwischen den Bäumen, die den inneren Kasernenhof
-einfassen. Kein Mensch kümmert sich um sie; sie stehen da, als
-seien sie nicht bestellt, sondern als ständen sie auf irgendeinem
-allgemeinen, gleichgültigen Platz, als gäbe es hier keine Mission für
-sie zu erfüllen.
-
-Eine Stunde ist vergangen und eine zweite will auch vergehen. Aller
-Blicke sind auf die einzelnen Ausgänge der Gebäude, die hier in diesen
-Hof münden, gerichtet. Es muß doch irgend jemand kommen, der sich um
-sie kümmert.
-
-Ernst Hiller steht an einen Baum gelehnt. Gemeinheit, daß er gestern
-Sekt getrunken hat! Nun fühlt er sich elend, und die Hitze benimmt ihm
-den Kopf. Weh ist ihm zumute! Er fühlt sich wirklich nicht wohl -- hat
-Schmerzen im Hinterkopf und zittert mit den Beinen.
-
-Da endlich!
-
-„Stillgestanden!“ dröhnt es über den Platz, und die jungen Menschen,
-die noch gar keine Soldaten sind, stehen stramm wie die Rekruten da; es
-kommt Bewegung in die Sache.
-
-Die Papiere werden ihnen abgenommen.
-
-„Vorwärtstreten!“ Und sie gehen in Reihen -- immer zwei zu zwei auf
-eines der Gebäude zu, in einen Flur hinein, bis ein „Halt!“ sie zum
-Stehen bringt.
-
-Dann werden Namen verlesen, und immer drei zusammen werden in einen
-Raum eingelassen.
-
-Es dauert eine geraume Weile, bis sie zurückkommen. Man möchte in ihren
-Gesichtern lesen -- aber die sind von Stein, und sie gehen geradeaus an
-den noch Wartenden vorbei.
-
-Wie da Minuten zu Ewigkeiten werden! Wie das Herz in immer kürzeren
-Stößen arbeitet und der Schweiß auf der Stirne perlt!
-
-Wenn man nur wüßte, ob alle die, die aus der Tür zurückkommen, wirklich
-angenommen sind! Wenn man sie doch fragen könnte! Aber, obwohl kein
-Stillschweigen geboten ist, steht man doch stumm da, als wäre man in
-einer Kirche. Feierlich ist es -- schwer und feierlich!
-
-Doch wie es immer zu gehen pflegt, so auch bei Ernst Hiller. Ganz elend
-vom Warten fährt er staunend auf, als er plötzlich seinen Namen rufen
-hört -- fühlt, wie sich seine Muskeln spannen, wie der Kopf frei wird
-und das Zittern in den Knien aufhört.
-
-In dem Vorraum, in den sie getreten sind, müssen sie sich entkleiden,
-müssen alles von sich abwerfen und treten in das zweite Zimmer, in dem
-ein Arzt in Feldgrau und ein Schreiber sitzen.
-
-„Sie heißen?“
-
-„Hiller.“
-
-„Abiturient? Alter? Schwere Krankheiten gehabt? Irgendwelche schwere
-Krankheit in der Familie?“
-
-Lungen und Herz werden abgehorcht.
-
-„Ein bißchen schnell der Herzschlag! Das ist wohl nur augenblickliche
-Erregung? Augen sind normal, ja? -- Gut -- angenommen!“
-
-Wie ein Paukenschlag trifft ihn das Wort: „Angenommen!“ Einen
-Augenblick ist er wie geblendet -- vergißt, daß er hier, wie Gott
-ihn geschaffen hat, vor den Herren steht und taumelt dann fast ins
-Vorzimmer zurück.
-
-Er nimmt gar nicht teil am Ergehen seiner beiden Freunde, und als er
-ein paar Minuten später hört, daß einer von ihnen wegen zu starker
-Kurzsichtigkeit abgewiesen ist, ist er nicht fähig, das richtig in sich
-aufzunehmen.
-
-Nur das eine weiß er: Er ist angenommen! Man braucht ihn! Er wird mit
-hinausreiten gegen Deutschlands Feinde. Und er muß seine ganze Kraft
-zusammennehmen, um nicht aufzuschluchzen, um die Tränen, die plötzlich
-so brennen, zurückzuhalten.
-
-Nun geht er ebenso ernst und stumm wie die, die vor ihm aus der Stube
-herausgekommen sind, an den noch Wartenden vorüber; wohin, das weiß er
-nicht -- er ist nur froh, als er draußen im Hof steht, wo ein leiser
-Sommerwind ihm um die heißen Schläfen streicht.
-
-Um fünf Uhr sind sie frei -- das Häuflein derer, die zur Kaserne
-gewallfahrtet waren, ist ein wenig zusammengeschmolzen, und doch ist’s
-noch eine stattliche Schar, der man das Wort ‚Angenommen!‘ zugerufen
-hat und deren Gesichter glänzen, deren Augen leuchten.
-
-Sie haben ein paar Stunden Urlaub, um ihre Sachen zu holen. Das erste,
-was Ernst tut, ist, daß er ein Telegramm an die Mutter aufsetzt.
-
-„Angenommen!“
-
-Wie ein Jubelruf ist das! Was wird sie dazu sagen? Natürlich freut sie
-sich, muß sich freuen! Aber daß er gleich hierbleiben muß, nicht für
-einen einzigen Tag noch aus der Kaserne herausdarf, um ihr Lebewohl zu
-sagen, das wird ihr ein wenig hart sein.
-
-Aber schadet nicht! Es geht ja allen Müttern so. Krieg ist Krieg, und
-man darf nicht weich werden.
-
-Um sieben Uhr stehen sie alle zum ersten Appell versammelt im
-Kasernenhof. Die Befehle für den kommenden Tag werden verlesen:
-
-„Viereinhalb Uhr aufstehen -- Stube reinigen -- fünf Uhr Einkleidung“
--- weiter hört er nichts.
-
-Sein Kopf ist wieder benommen -- mechanisch folgt er dem Unteroffizier,
-der ihnen ihre Stuben anweist. Je fünfunddreißig Mann in einer Kammer.
-Eiserne Betten übereinander wie in Schiffskabinen. Strohsäcke und eine
-wollene Decke.
-
-Was dann noch kommt, geht wie im Traum an ihm vorüber. Erregt ist er
-und müde.
-
-Nur das eine kann er noch denken: ‚Nun hat sie das Telegramm!‘ Dreht
-sich noch mal auf seinem Strohsack um und schläft, ehe noch die große
-Lampe, die in der Mitte der Stube hängt, ausgelöscht ist -- --
-
-Ein glücklicher Schlaf, den der kleine Hiller schläft. Traumbilder
-ziehen an seiner Seele vorüber. Er trägt schon die Uniform des
-Regiments, auf dem Kopf den hohen Kolpak. Auf einem feurigen Roß sitzt
-er -- -- herrlich greift das Tier aus. Um ihn herum Kanonendonner --
-Kugelregen -- blitzende Lanzen -- gezogene Säbel. -- Nichts ficht ihn
-an. -- Für ihn gibt’s keine Kugel -- -- und alles um ihn herum staunte.
-Was will der? Mitten in den Feind rein -- -- und das Roß fliegt -- die
-Erde schwindet unter ihm -- -- irgend etwas Unsichtbares trägt ihn --
-trägt ihn hoch, immer höher, bis in die Wolken hinein. --
-
-Da -- Trompetenklang -- herrlich, wie er gen Himmel fährt -- wie die
-Erde unter ihm versinkt -- wie alles grau und fahl unter ihm wird,
-während er in überirdischen Glanz hineinreitet.
-
-„Der Kerl schläft wie ein Murmeltier. He, du da, es hat zum drittenmal
-geblasen!“
-
-Zwei stehen vor seinem Bett und rütteln ihn an der Schulter.
-
-„Menschenkind, in zehn Minuten mußt du antreten!“
-
-Erste Morgendämmerung fällt durchs Fenster in die kahle Stube.
-
-Hiller reibt sich die Augen. Wo ist er?
-
-„Raus, Mensch!“ Und da fährt er vom Strohsack auf -- in die Kleider
-hinein -- schnell in den Waschsaal. Gesicht und Hände gewaschen und
-hinunter in den Hof.
-
-Sonntag ist es.
-
-Wieder so ein Tag, der in Glanz und Glorie heraufzuziehen beginnt. In
-ihren Zivilkleidern stehen sie da -- manche noch verschlafen, die Haare
-flüchtig gekämmt, die Krawatten in Eile umgeknotet, und warten. Fremd
-und ängstlich stehen sie da -- wissen nicht, was sie tun sollen, und
-sind froh, als ein paar sogenannte ‚alte Leute‘ sich ihrer annehmen.
-
-Die weisen ihnen den Weg zur Mannschaftskantine, wo sie sich Kaffee
-geben lassen können, dann warten sie wieder, bis endlich der große
-Augenblick kommt: Befehl zur Kleiderkammer.
-
-„Vortreten!“ Wieder treten sie zwei zu zwei ein. „Arme ausstrecken!“
-Und ein Rock wird an der Länge der Arme gemessen. Reithose ebenso --
-eine Mütze aufgestülpt! Fertig. Noch ein Hemd, eine Unterhose, ein
-Drillichanzug -- eine schwarze Halsbinde. „Fertig! -- Abtreten! -- Die
-Nächsten!“
-
-Die mit dem Packen auf dem Arm gehen zur Stiefelkammer und proben. Zwei
-Paar Stiefel pro Mann. Ein Paar hohe Reitstiefel und ein Paar braune
-Kommißstiefel. „Fertig, ab!“
-
-Sonntag ist es -- also noch kein richtiger Dienst. In ihre
-Stuben müssen sie zurück und das Zivil in den Koffer packen. Der
-Kammersergeant hält eine Rede über das Instandhalten der Sachen. Alle
-acht Tage Revision, und wehe, wenn nicht alles in Ordnung ist!
-
-Wem das Zeug nicht paßt, der muß es sich passend machen.
-
-Um zwölf Uhr Appell in voller Uniform.
-
-Und die Haare herunter. Scheitel und Tollen gibt es nicht beim Militär.
-
-Um zwölf Uhr steht eine ganz andere Gesellschaft unten im Hof.
-Graugelbe Husaren, in die fünfte Garnitur gekleidet. Ganz wenige,
-die schon etwas vom Soldaten an sich haben, die sich schon wohl
-fühlen. Ein ganzer Teil sieht aus wie Jungen, die zu Weihnachten eine
-Soldatenuniform erhalten haben. Aber gleichgültig! Mit dem Akt der
-Einkleidung ist es endgültig besiegelt. Sie sind angenommen! Sie haben
-ihren Platz gefunden, und in ein paar Wochen -- schlimmstenfalls in
-zwei Monaten, geht’s hinaus in den herrlichen Kampf!
-
-Ernst Hiller hat eine Uniform, die ihm um die Brust schlottert und im
-Rücken tiefe Falten schlägt. Der Kragen niedrig und viel zu weit --
-und die lederbesetzte Reithose hängt wie ein Rock um ihn. Er weiß das
-nicht -- er fühlt das nicht! Er trägt des Königs Rock -- er ist Soldat
--- angenommen -- und mit dem Wort ‚Angenommen!‘ ist’s besiegelt worden,
-daß er ein gesunder Kerl ist, dem man was zutrauen kann.
-
-Nun steht er mit glattgeschorenem Haar, die Mütze tief in die Stirn
-gezogen, bei den anderen -- -- -- nun schlägt das Herz nicht mehr in
-zitternden Stößen.
-
-Ruhe ist in ihm -- Sicherheit ist über ihn gekommen -- -- nein -- mehr
--- stolz ist er geworden, und die Brust dehnt sich -- die Haltung
-verliert das Hilflose -- Schlappe -- --
-
-Er ist wert befunden worden, des Königs Rock zu tragen -- ist also
-nicht um einen Deut weniger als all die anderen, die mit ihm angenommen
-worden sind.
-
-Nach dem Appell das Mittagessen -- sie dürfen nicht aus der
-Kaserne heraus, weil am Nachmittag Besichtigung sein soll. Also
-Mannschaftsessen! Für fünfundachtzig Pfennige gibt’s einen Napf zu
-kaufen -- Gabel und Löffel je zehn Pfennig -- Messer tragen sie in der
-Tasche.
-
-Durch die Mannschaftskantine gehen sie zur Küche, darin zwei riesige
-Kessel auf dem Herd stehen, und zwei Mann daneben. Jeder der Husaren
-tritt mit seinem Napf an.
-
-Sonntag ist’s, da gibt’s Braten. Kräftiger Geruch steigt ihnen in die
-Nase. Jeder erhält von einem der beiden Küchenunteroffiziere drei
-Scheiben Fleisch, vom anderen ein paar Kellen Kartoffel und Tunke
-darüber, bis alles schwimmt.
-
-Im Mannschaftszimmer sitzen sie auf den hölzernen Bänken an langen
-Tischen und leeren ihren Napf.
-
-Für Ernst Hiller ist es ein bißchen reichlich, und es fällt ihm, wie
-manch anderem seinesgleichen, nicht ganz leicht, so aus dem Napf heraus
-zu essen. Aber keiner läßt etwas stehen. Nein, im Gegenteil, ein paar
-von ihnen treten zum zweitenmal den Weg zur Küche an und lassen sich
-eine zweite Portion verabreichen. Er ißt mit Todesverachtung. Es
-schmeckt wirklich gut -- vielleicht ein wenig stärker gewürzt als bei
-Mutter, aber das schadet nichts!
-
-Dann gehen sie, ihren geleerten Napf in der Hand, hinaus in den Hof
-und spülen ihn am Brunnen ab -- haben dann ein paar Stunden für sich,
-und Ernst Hiller benutzt gleich die erste halbe Stunde, um einen
-begeisterten Brief an seine Mutter zu schreiben.
-
-Der Himmel hängt ihm voller Geigen -- -- die Brust ist ihm geschwellt.
-
-Wie ist die Welt so ganz anders für ihn geworden. Alles Dumpfe, Bange,
-das sonst seine Seele belastet hatte, verflogen! Die Schule überwunden
--- für immer! -- Donnerwetter! Das kann man wirklich immer noch nicht
-fassen, daß dieser Lebensabschnitt tatsächlich überwunden sein soll!
-
-Frei ist man, zieht in den Krieg und bleibt dann wahrscheinlich
-Offizier. Soldat ist der einzige Beruf, der wirklich Zweck hat! Das hat
-er auch schon der Mutter geschrieben und hat ihr einen ganz kleinen
-Vorwurf darüber, daß sie ihn von Kind auf zu sehr verpäppelt hat, nicht
-erspart.
-
-Aber schadet nichts; sie hat’s gut gemeint! Es hat ihm eben der Vater
-gefehlt! Wenn er einen Vater gehabt hätte, wäre natürlich manches
-anders gewesen.
-
-Aber das ist nun nicht zu ändern. Hauptsache, daß er trotz allem und
-allem angenommen worden ist, und sein Blick gleitet mit Stolz und
-mit Zärtlichkeit immer wieder über die verbrauchte, um seinen Körper
-herumhängende Uniform herab.
-
-An diesem Tag tritt noch etwas Neues in sein Leben. Sie machen nähere
-Bekanntschaft mit den ‚alten Leuten‘. Das sind die, die im letzten
-Monat ihrer Dienstzeit sind und bald ausrücken werden.
-
-Viele sind schon feldgrau, und sie machen sich über das Aussehen der
-Neueingestellten lustig und machen ihnen vor allem klar, daß sie sich
-selbstverständlich eine Extrauniform anschaffen müssen, denn so wie sie
-jetzt aussehen, können sie sich auf Urlaub in der Stadt nicht blicken
-lassen. Natürlich hat’s keinen Zweck, sich für die paar Wochen, die
-sie hier in der Kaserne sein werden, vom Schneider eine teure Uniform
-machen zu lassen. Das wäre Blödsinn. Aber ihnen, den alten Leuten,
-können sie ihre Gebrauchsuniform abkaufen -- für ein Spottgeld.
-
-Den Jungen leuchtet das ein. Die fünfte Garnitur, die man ihnen
-verabreicht hat, ist wirklich nichts weniger als schön. Es werden große
-Geschäfte gemacht. Die ‚alten Leute‘ haben im Handumdrehen heraus, wer
-von den Neueingestellten mit dem Nötigen in bar ausgestattet ist, und
-wissen, an der Eitelkeit zu packen.
-
-Ernst Hiller hat längst durchblicken lassen, daß er nicht unerhebliche
-Mittel bei sich trägt. Es hat sich auch einer von den Gedienten
-gefunden, der eine ganz ähnliche Figur wie er selber hat, und nach
-einer knappen halben Stunde ist er im Besitz einer wirklich wie neu
-aussehenden Uniform. Ein Paar Stiefel, die von Lackleder sein sollen,
-und deren Ursprungspreis auf neunzig Mark angegeben wurde -- denn sie
-rühren von einem Offizier her -- gleiten ihm glatt über den hohen
-Spann, und eine anständige Mütze sitzt ihm vernünftig auf dem Kopf.
-
-Für den ganzen Rummel hat er fünfundsechzig Mark gegeben -- ein
-Spottpreis, wenn man berechnet, was das ‚neu‘ gekostet hätte, und ein
-Spottpreis, wenn man die strahlenden, seligen Augen des kleinen Hiller
-in Betracht zieht.
-
-Er ist in einem Taumel von Glück und Begeisterung an diesem Tag.
-
-Um fünf Uhr müssen sie in Reih’ und Glied stehen, und ein Wachtmeister
-mit donnernder Stimme hält ihnen einen Vortrag über militärischen
-Gehorsam:
-
-„Die Zeiten sind hart, das Vaterland braucht seine Männer -- --
-ein jeder hat also heute die doppelte und dreifache Pflicht, sich
-einzufügen und den Vorgesetzten die schwere Arbeit zu erleichtern.“
-
-Dann die Verlesung des Dienstes für den nächsten Tag: halb fünf Uhr
-Wecken -- fünf Uhr Stalldienst -- halb acht Uhr Verteilung der Pferde
--- --.
-
-Weiter hörte Hiller nicht. Morgen wird er also vielleicht schon auf
-einem Gaul sitzen. Und er ist doch und doch ein Soldatenkind und hat
-Soldatenblut in sich -- -- und wenn ihn die ganze Welt zum Philosophen
-oder Professor verdammt hat! Er pfeift auf alle Wissenschaft und
-Gelehrsamkeit in der Welt!
-
-Er ist Husar, er wird morgen auf einem Gaul sitzen, und in ein paar
-Wochen über Schlachtfelder reiten.
-
-Er ist es nicht allein, der sich auf den ersten Ritt freut. All die,
-die wie er aus der Schule ins Soldatentum gesprungen sind, haben einen
-freudigen Ruck im Herzen gespürt, als es hieß: halb acht Uhr Reiten!
-
-Der Sonntag geht glorreich zu Ende. Abends sitzen sie mit den alten
-Leuten in der Unteroffizierskantine, haben sich Butterbrote mit
-Würstchen und Kartoffelsalat geben lassen.
-
-Ernst Hiller bezahlt für den, der ihm die Uniform so billig verkaufte,
-mit. Auch seine Freunde halten ein paar alte Leute frei. Sie sind ja
-Kameraden. Wer etwas hat, gibt, und wer nichts hat, läßt sich geben.
-Hiller schmeißt ein paar Runden Bier, und die alten Leute erzählen
-tausend Dinge, die für die Neuen wichtig und interessant sind.
-
-Sie erfahren am ersten Abend von jedem einzelnen Vorgesetzten, wes
-Geistes Kind er ist und was man von ihm zu erwarten hat. Sie erhalten
-dann allerlei Winke. Auch hören sie zu ihrer Freude, daß sie gar
-nicht verpflichtet sind, Mannschaftsessen zu nehmen. Wer Geld hat,
-kann für eine Mark in der Unteroffizierskantine ein anständiges
-Mittagessen kriegen -- er kann auch in ein Restaurant, das der Kaserne
-gegenüberliegt, gehen. -- Überhaupt, wer den nötigen Mammon hat, kann
-sich die Sache prachtvoll deichseln. Geld ist die Hauptsache.
-
-In Ernsts Augen kommt ein kleiner Schatten.
-
-Gewiß, die Mutter wird ihm Geld geben -- sie hat ihm gesagt, er solle
-sich nichts versagen. Und Großmutter läßt ihn auch nicht im Stich.
-Aber dennoch, ein ganz kleiner Schwindel überfällt ihn, als er daran
-denkt, wie seine Barschaft in diesen zwei Tagen zusammengeschmolzen
-ist. Von den hundertundzwanzig Mark keine dreißig mehr übrig -- und
-er hatte geglaubt, mit hundertundzwanzig Mark wenigstens einen Monat
-durchzuhalten.
-
-Es wird ihm schwer fallen, die Mutter schon in den nächsten Tagen
-um Geld zu bitten. Aber schließlich, es waren ja lauter besondere
-Ausgaben, die er jetzt hatte. Alles Ausgaben, die sich nicht
-wiederholen; und er weiß auch, daß die Mutter ihm gern gibt, was er
-braucht.
-
-Der Schatten aus den Augen ist fort. Die Kameraden trinken ihm zu,
-Witze werden erzählt.
-
-Draußen auf dem Hof hat jemand eine Flöte und bläst darauf, und in die
-Kantine hinein klingt das wehmütig-lustige Lied: ‚Was nützt mir denn
-ein schönes Mädchen, wenn andre mit spazierengehn?‘
-
-Da setzen die, die den Text kennen, mit ein, und schließlich singt
-auch der kleine Hiller mit, singt mit derselben Begeisterung wie die
-anderen: „Was nützt mir denn ein schönes Mädchen?“ und weiß nicht
-warum, aber er denkt plötzlich an das Mädchen, das an jenem Kneipabend
-nach dem Abitur so dicht neben ihm gesessen und zu ihm gesagt hat:
-‚Sag’ Hannchen zu mir!‘
-
-Sie trinken und singen, und ihre Augen leuchten!
-
-Wie herrlich ist die Welt -- -- -- wie wunderbar, daß Deutschland im
-Kampf mit seinen Feinden liegt, daß Deutschland alles aufruft, was
-bereit ist, zu helfen -- und daß sie mitdürfen -- sie, die vor einer
-Woche noch bang und zweifelnd dem Leben gegenübergestanden haben.
-
-Ernst Hiller fühlt ein Jauchzen in seiner Brust, das er kaum zu
-verschließen vermag. Jeden einzelnen, der ihm in den Weg kommt, hätte
-er umarmen mögen -- -- -- der ‚alte Mann‘, der ihm die Kleider verkauft
-hat, hat einen guten Tag.
-
-Da! Trompetensignale! Neun Uhr. -- -- In einer Viertelstunde müssen sie
-auf ihren Strohsäcken liegen. Ernst zahlt, trottet mit den anderen über
-den Hof, sucht seine Stube, und kaum hat er die wollene Decke über sich
-gezogen, ist er auch schon wieder mitten im festen Schlaf drin.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen beginnt der erste, stramme Dienst! Jetzt erst
-begreifen sie, was das heißt: aus dem Bett aufspringen und eine knappe
-halbe Stunde später unten im Stall sein.
-
-Wer sich beim ersten Wecken noch einmal auf die Seite wirft und
-weiterschläft, der kann’s überhaupt nicht leisten.
-
-Am besten ist: gleich beim ersten Trompetenstoß raus -- in die Kleider
-fahren und rein in den Waschsaal. Man kann überhaupt noch von Glück
-sagen, daß es hier einen Waschsaal mit fließendem Wasser gibt. In
-Hunderten von Kasernen müssen sie herunter in den Hof an den Brunnen.
-Hier haben sie fließendes Wasser und können sich anständig waschen.
-
-Dann den Strohsack aufrütteln und das Bett ordentlich zudecken --
-Stiefel reinigen -- nein, das soll schon am Abend geschehen -- Stube
-fegen, und wenn’s geht, noch einen Becher Kaffee erobern. Für Hiller
-sorgt an diesem ersten Morgen der ‚alte Mann‘, dem er die Uniform
-abgekauft hat.
-
-Punkt fünf Uhr stehen sie im Hof. Ein Wachtmeister und zwei
-Unteroffiziere sind zur Stelle.
-
-Eine kurze Instruktion. Sie alle zusammen bilden zwei Schwadronen; jede
-Schwadron wird in Beritte eingeteilt; zu einem Beritt gehören fünfzehn
-Mann, und jeder Beritt hat seinen besonderen Führer.
-
-Die Namen werden aufgerufen -- sie werden verteilt. Je fünfzehn finden
-sich zusammen -- Einjährige und Gemeine -- es ist alles gleich in
-dieser Zeit. Kriegsfreiwillige sind sie alle, und einen Unterschied
-gibt es jetzt nicht.
-
-Und dann in den Stall hinein!
-
-Draußen ist schon heller Tag, aber in den Ställen brennen noch die
-kleinen Öllaternen und verbreiten ein trübes Licht. Ein seltsamer
-Geruch schlägt ihnen entgegen, ein Geruch, geschwängert mit Ammoniak
-und dem aus den warmen Tierkörpern ausströmenden Dunst. Aber es ist
-ein Geruch, den man gern atmet, an den man sich im Augenblick gewöhnt.
-Jedes Pferd steht in seinem Verschlag, und an dem Pfosten, der je zwei
-Verschläge trennt, hängen Sattelzeug und Zaumzeug.
-
-Die jungen Freiwilligen folgen ihrem Berittführer, der sie der Reihe
-nach zu den Pferden herantreten läßt und anfängt, zu erklären.
-
-Bei der Kavallerie heißt es: erst das Pferd und dann der Mann! Das
-wird ihnen sehr eindringlich gemacht, wird mehrmals bei dieser ersten
-Bekanntschaft mit ihren Tieren wiederholt.
-
-Dann wird ihnen gesagt, was ‚Putzen‘ heißt. Der Striegel wird ihnen
-vorgeführt, und einer, der schon gedient hat, muß ihnen zeigen, wie
-ein Pferd gestriegelt wird. Acht Strich auf jeder Seite und nach jedem
-Strich der Striegel ausgeklopft. Das gibt einen weißen Streifen auf dem
-Boden; ein Strich muß neben den andern gelegt werden. Man kann also
-genau kontrollieren, ob vorschriftsmäßig gestriegelt wird.
-
-Jeder tritt dann vor den Verschlag, in dem das Pferd, das ihm
-angewiesen ist, steht, und hört mit brennendem Interesse zu. Das
-Sattel- und Zaumzeug wird ihnen erklärt; sie erfahren, wie der Sattel
-angelegt werden muß. Das ist alles sehr leicht zu fassen, und die
-Unteroffiziere haben entschieden eine einfachere Art, etwas begreiflich
-zu machen, als die Professoren des Gymnasiums.
-
-Dann hören sie, wie eine Streu zu machen ist. Aus der alten Streu
-muß der Mist ausgeschüttet werden. Mit dem noch trockenen Stroh
-wird aufgeschüttet, frisches Stroh darübergeworfen, und dann wird
-‚angerollt‘; denn das ist die Hauptsache bei einer guten Streu, daß in
-schnurgerader Linie das Stroh an den Seiten festgerollt wird.
-
-„Verstanden?“
-
-„Ja.“
-
-Es wird ihnen noch das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt, was sehr einfach
-erscheint. Viele von ihnen sind übrigens Burschen vom Land, die schon
-mit einem Pferd umzugehen verstehen.
-
-Hiller steht neben einem frischen, etwas korpulenten Jungen. Gestern
-abend in der Kantine haben sie schon miteinander geredet, und da sie
-in derselben Stube schlafen, werden sie auch wohl Freunde werden.
-Der Dicke, dessen Name Hipp ist, der auch aus Berlin stammt und, wie
-Hiller, wundervoll glatt durch ein Notabitur gerutscht ist, hat noch
-ein ausgeprägtes Kindergesicht: blaue, sehr gutmütige Augen, eine kurze
-Nase und runde, rote Backen. Ihm würde niemand den Großstadtmenschen
-ansehen. Der Drillichanzug, der an Hillers leichter Gestalt
-herumschlottert, sitzt ihm fest und prall um den Körper; er stößt
-Hiller in die Seite, denn alles, was er hier hört und sieht, kommt ihm
-sehr lustig vor.
-
-Das Pferd, an dem das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt worden ist, wird
-wieder abgeschirrt -- der Wachtmeister tritt einen Schritt vor, und das
-Kommando erschallt: „An die Pferde!“
-
-Jeder geht in sein Abteil und begibt sich an die Streu. Der
-Wachtmeister schreitet auf und nieder, beobachtet, weist zurecht,
-tadelt, wenn es zu langsam geht; er scheint aber zufrieden. Beim Putzen
-greift er, wenn es nötig ist, selbst mit an, zeigt, wie der Striegel
-gefaßt werden muß, wie man sich neben das Tier zu stellen hat, und
-erklärt weiter, wie es sich gerade ergibt. Es ist ungewohnte Arbeit
-für die, die aus der Stadt kommen. Aber gerade das Ungewohnte mag sie
-reizen. Sie sind mit Feuereifer bei der Sache, sie wundern sich über
-sich selbst, daß man so selbstverständlich an einem Tier herumhantiert,
-daß man keine Angst hat, getreten zu werden, und daß alles, was sie
-hier zu tun haben, so prachtvoll und einfach und leicht ist.
-
-Die Zeit fliegt hin, die Sonne steht schon längst am Himmel, als der
-Wachtmeister „Abtreten!“ kommandiert, und sie eilen in ihre Stuben, um
-den Drillich mit dem Reitanzug zu vertauschen.
-
-Hillers Gedanken fliegen ab und zu einen Augenblick zu seiner Mutter
-hin. Was würde sie sagen, wenn sie ihn so sähe? Schade, daß er sie
-nicht einmal sprechen konnte, er ist gewohnt, ihr alles, was ihm
-begegnet, zu erzählen. Schreiben kann man das natürlich nicht alles --
-schade -- -- --
-
-Aber zum Nachdenken ist keine Zeit. Sie fahren in die ledernen
-Reithosen -- quälen sich in die ungewohnten, hohen Stiefel. Sie haben
-Eile, denn der Reitunterricht würde bis Mittag dauern, und man muß
-sehen, daß man noch einen Augenblick in die Kantine kann, um etwas zu
-frühstücken. Man hat hier andauernd ein Hungergefühl.
-
-Hipp geht neben Hiller und erzählt, daß er noch keine Extrauniform
-gefunden habe, weil sie ihm alle zu eng seien. Er wird aber mal an
-seinen alten Herrn schreiben, ob der ihm eine ‚neue‘ zubilligt. Der
-alte Herr ist Fabrikant und kann etwas springen lassen, wird es auch
-totsicher tun.
-
-„Seit der Krieg ausgebrochen ist, haben die Väter eine prachtvoll
-freigebige Art ihren Söhnen gegenüber. Deiner doch auch?“
-
-„Ich habe keinen Vater mehr,“ sagt Hiller -- sagt es aber ganz heiter,
-so daß Hipp nicht nötig hat, sein lustiges Gesicht zum Ernst zu zwingen.
-
-Sie essen wieder Würstchen mit Kartoffelsalat, denn das ist am
-praktischsten, weil man es schnell herunterschlingen kann und
-wenigstens für einen Augenblick satt wird, wenn man sich zwei Paar
-geben läßt. Dann geht’s los.
-
-Der Wachtmeister steht schon wieder vor dem Stall.
-
-„Satteln!“ ertönt das Kommando. „Trense anlegen, Kandare fortbleiben!“
-
-Sie greifen zum Zaumzeug und legen es an, so gut es gehen will.
-
-Die Sonne glitzert lustig über den Reitplatz, als sie endlich, erhitzt
-und aufgeregt, ihr Pferd am Zügel, aus den Ställen heraustreten. Der
-Reitplatz ist ein gewaltiger, viereckiger Hof. Einige Beritte sind
-schon aus den Ställen heraus.
-
-„Aufsitzen!“ schallt das Kommando. „Rechts und links am Zwiesel
-anfassen und aufschwingen!“
-
-Die Zwiesel, die vorn und hinten am Sattel liegen, werden umspannt,
-ein mächtiger Schwung -- und ein ganzer Teil von den Fünfzehn sitzt
-glücklich oben.
-
-Andere aber strampeln mit den Beinen -- rutschen mit dem Bauch in die
-Höhe und bekommen das Bein nicht hinüber.
-
-Hiller ist nicht ganz korrekt heraufgekommen, aber er sitzt doch oben
-und weiß selbst nicht, wie das zugegangen ist. In diesen Augenblicken
-empfindet er nichts von dem großen Glück, von dem er geträumt hat,
-wenn er zuerst auf einem Gaul säße. Er möchte sich an irgend etwas
-festhalten -- möchte dem Tier in die Mähne greifen, um Sicherheit zu
-haben -- es ist ihm sehr unbehaglich zumute.
-
-Und zehn Schritte von ihm entfernt steht der Berittführer mit
-dunkelrotem Kopf und schreit und brüllt, was das Zeug hält: „Kerls,
-wollt ihr ewig in der Luft rumangeln? Marsch rauf! Was, es will nicht
-gehen! Teufel noch mal! Du Mehlsack!“
-
-Er ist an Hipp herangetreten, der nun als einziger noch vergeblich
-sucht, seinen wohlgenährten Körper auf das geduldig dastehende Tier zu
-schwingen.
-
-Ein ‚alter Mann‘ hat ihnen gestern erzählt, daß es bei jedem Beritt
-einen Unglückswurm gibt, der die Sache nie begreifen lernt, der nie
-ohne Schwierigkeit auf sein Tier heraufkommen wird.
-
-Hier in diesem Beritt ist der gute, dicke Hipp der Unglückswurm, denn
-er strampelt immer noch mit den Beinen, kommt ein Stück in die Höhe und
-rutscht wieder hinab.
-
-Der Wachtmeister steht dicht bei ihm und brüllt:
-
-„Kerl, sein Pferd ist doch keine Rutschbahn -- du bist doch hier nicht
-auf einem Jahrmarkt -- los -- wirf doch das Bein über!“
-
-Und wie es gar nicht gelingen will, packt der Wachtmeister mit
-wuchtigem Griff in die Reithose des Dicken hinein und schiebt ihn
-hinauf. Nun sitzt Hipp oben und hat ein viel vergnügteres Gesicht als
-die, die sich mit eigener Anstrengung heraufgebracht haben.
-
-Die Sonne brennt lustig vom Himmel herab und verspricht einen heißen
-Tag, und der Wachtmeister, der sich beruhigt hat, steht vor ihnen
-und hält ihnen einen langen Vortrag über den richtigen Sitz, über
-Körperhaltung und die verschiedenen Gangarten der Pferde. Dann das
-Kommando: „Abstand!“ und der Spitzenreiter der schon ein halbes
-Jahr gedient hat, führt an -- der Zug der anderen nach. Sie sitzen
-ängstlich, windschief und vorgebeugt auf ihren Tieren.
-
-„Na, nu mal richtig los! Eskadron in langsamem Arbeitstempo -- Te -- --
-rab!“
-
-Die Gäule gehen los; der schon erfahrene Spitzenreiter sitzt wundervoll
-gerade und korrekt da. Die anderen wackeln hinter ihm her. Aus vielen
-Gesichtern spricht die bleiche Angst -- -- die Hände greifen in die
-Mähnen -- die Beine machen unsichere Bewegungen.
-
-Hipp hängt auf einer Seite seines Gauls, er ist im Fallen begriffen --
-man sieht es deutlich, daß er sich nicht halten wird. Aber er fällt
-langsam. Glied für Glied rutscht hinab, und das lustige Gesicht hat
-einen Ausdruck leiser Verzweiflung; scheußlich, diese Ungewißheit, ob
-man im nächsten Augenblick wieder oben ist oder herunter muß.
-
-Aber die Lage wird immer bedenklicher -- der Körper rutscht mehr und
-mehr nach links -- und da faßt Hipp einen kurzen Entschluß, läßt das
-Bein, das noch oben ist, heruntergleiten, und fliegt ab in den weichen
-Sand. Verletzt hat er sich nicht, aber er ist doch sehr verdutzt. Es
-ging plötzlicher, als er gedacht hatte.
-
-Das Pferd bleibt still und treu bei ihm stehen und sieht sich nach ihm
-um. Der Wachtmeister ist dicht zu ihm herangetreten und sagt zunächst
-gar nichts. Schweigend und höhnisch sieht er auf ihn nieder, und Hipp,
-wie ein von der Schlange hypnotisierter Vogel, bleibt bewegungslos im
-Sand liegen und sieht seinem Vorgesetzten treuherzig ins Gesicht.
-
-Endlich löst sich des Wachtmeisters Schweigen.
-
-Gar nicht unfreundlich sagt er: „Mensch, hast du vor, dich hier gleich
-begraben zu lassen?“ Und da erhebt sich denn Hipp, und obwohl er sich
-nicht den geringsten Schaden zugefügt hat, geht er humpelnd und hinkend
-zu seinem Pferde zurück.
-
-„Na -- nun werden wir mal einen Galopp versuchen!“
-
-Da nehmen die Gesichter einen aufgeregten Ausdruck an, und einige
-werden bleich wie Linnen.
-
-Der Wachtmeister aber kommandiert: „Ganze Eskadron te -- rab --
-Galopp!“ Die Pferde fallen in Galopp, und die jungen Reiter sind
-angenehm überrascht, weil Galopp nicht halb so unangenehm ist als der
-verfluchte Trapp.
-
-Auch Hipp bleibt oben; er schwankt ein bißchen bedenklich hin und her,
-hält sich aber und hat wieder sein lustigstes Gesicht. Der Wachtmeister
-steht in der Mitte und scheint zufrieden. Er kommandiert: „Schritt und
-Halt!“ Und dann sagt er sehr leutselig und gutmütig zu seinen Jungen:
-„Bloß keine Angst haben! Es wird sich schon alles machen! Ihr könnt
-auch ruhig mal in die Zwiesel greifen!“
-
-Dann haben sie einen Augenblick Ruhe, und Hiller fängt nun doch an,
-etwas von dem erträumten Glück zu verspüren.
-
-Nachher aber folgen zwei schwere Stunden, in denen sie Schritt reiten
-müssen und in denen die freudige Begeisterung erheblich abflaut.
-
-Hoch steht die Sonne am Himmel, und der ganzen Gesellschaft perlt der
-Schweiß auf der Stirn, als es endlich heißt: „Absitzen!“
-
-Sie führen die Gäule in den Stall, nehmen Sattel und Zaumzeug herunter
-und reiben mit großen Strohwischen das Fell der erhitzten Tiere ab.
-Dann müssen sie wieder heraus, und der Wachtmeister sieht zu, wie sie
-die Hufe auskratzen und waschen. Bei dieser Arbeit läßt Hipp nichts zu
-wünschen übrig. Und auch das Striegeln geht ihm glatt von der Hand.
-Der Wachtmeister ist immer dicht an seiner Seite und ist vielleicht
-enttäuscht, keine Gelegenheit zum Losbrüllen zu finden. Schweigend,
-den Mund im leichten Hohn verzogen, steht er da, und manchmal trifft
-ihn ein guter, vertrauensvoller Blick von Hipp, der sich über den
-Wassereimer beugt.
-
-„Einjähriger?“ fragt er ihn, und Hipp sagt leuchtenden Auges: „Zu
-Befehl, Herr Wachtmeister, Abiturient!“
-
-Der sagt nichts und wendet sich um zu denen, die die Futterkarren
-heranschieben. Das Futter wird jedem einzelnen zugemessen; sie füllen
-ihre Eimer mit Wasser zum Tränken und dann sind sie frei.
-
-Hillers Pferd hat den Namen ‚Arbeiter‘. Er hat schon Sympathie für sein
-Pferd gefaßt und klopft ihm den Hals.
-
-Hipp sagt: „Das verfluchte Biest, das sie mir zugeschustert haben,
-heißt ‚Anton‘“, und er versetzt ihm einen Schlag aufs Hinterteil, der
-schon keine Liebkosung mehr ist. Dann hängt er sich an Hillers Arm und
-sagt: „Mensch, du hast doch nicht die Absicht, den Mannschaftsfraß zu
-essen? Zum wenigsten gehen wir doch in die Unteroffizierskantine, wo
-man von Tellern ißt.“
-
-Hiller zögert einen Augenblick, denn er möchte wirklich nicht gern zu
-schnell um neues Geld bitten. Aber mit einem Ruck wirft er die Bedenken
-beiseite.
-
-„Gut, gehen wir in die Unteroffizierskantine.“
-
-Und dort wird ihnen für eine Mark ein sehr anständiges und reichliches
-Essen serviert, das sie durch eine Berliner Weiße noch verbessern.
-Hipp holt dann noch zwei Stück Pflaumenkuchen zum Nachtisch. Ein paar
-alte Leute treten zu ihnen und werden zum Glas Bier eingeladen, und
-dafür kramen die wieder allerlei Erfahrungen und gute Lehren aus und
-versichern vor allem, daß nur die ersten Tage schlimm und anstrengend
-sind. Nachher spürt man es gar nicht mehr, daß man vom Morgen bis zum
-Abend auf den Beinen ist.
-
-Das ist besonders für den kleinen Hiller eine tröstliche Aussicht. Denn
-er fühlt sich schon jetzt scheußlich schlapp, alle Knochen tun ihm weh
-und noch liegt der lange Nachmittag vor ihm. Am liebsten möchte er
-jetzt die Augen zufallen lassen und eine Stunde schlafen. Aber erstlich
-weiß er nicht wo, denn hier auf dem Holzstuhl der Unteroffizierskantine
-kann er den Kopf nicht hintenüber lehnen, und dann hat er eine heiße
-Angst, man könnte ihn vielleicht nachträglich noch als zu schwach
-erkennen und ihn wieder heimschicken.
-
-Er hat sein Leben lang immer alles gekonnt, was er wirklich gewollt
-hat, und so wird er auch jetzt das bißchen Müdigkeit und Hüftweh
-überwinden.
-
-Hipp holt sich eine Tasse Kaffee, weil die wieder lebendig macht, und
-Hiller folgt seinem Beispiel. Der Kaffee tut seine Schuldigkeit: sie
-werden wieder mobil und sind völlig frisch, als sie um halb drei Uhr
-zum Fußdienst antreten.
-
-Der Fußdienst ist heute nur eine Vorbereitung für das, was später
-kommen soll. Sie erhalten Unterricht im militärischen Grüßen und
-Verhalten den Vorgesetzten gegenüber, und ganz besonders wird ihnen
-noch einmal ein Vortrag über militärischen Gehorsam gehalten.
-
-Der späte Nachmittag trifft sie wieder im Stall. Ein jeder hat sich in
-der Kantine einen Beutel mit Putzzeug kaufen müssen, und sie putzen und
-reiben an Sattel- und Zaumzeug herum.
-
-Hipp erzählt Berliner Witze und vor allem von einem kleinen blonden
-Mädchen, das ihm versprochen hat, jeden Tag einen Brief zu schreiben.
-Na, er wird ja nachher beim Appell sehen, ob sie Wort hält. Beim
-Abschied hat sie sich fast die Augen ausgeweint, denn sie kennen sich
-seit einem halben Jahr und wollen sich treu bleiben.
-
-Hiller schwankt einen Augenblick. Seine Gedanken fliegen zu Hannchen,
-aber er bringt es nicht fertig, auch seinerseits etwas über Hannchen
-zum besten zu geben.
-
-Gegen Abend tritt einer, den er erst vom Ansehen kennt, zu ihm heran
-und zieht ihn in eine Ecke.
-
-„Mensch, können Sie mir die Gefälligkeit erweisen und mir mit fünf Mark
-aushelfen? Ich bin in Verlegenheit!“ Und Hiller, der noch nie jemand
-angepumpt hat, zieht prompt seinen Brustbeutel heraus und gibt ihm,
-nicht ganz leichten Herzens, das Verlangte. Nun muß er also doch die
-Mutter schon um Geld bitten.
-
-Beim Appell werden die Postsachen verteilt. Hipps Gesicht strahlt,
-denn sein Mädchen hat Wort gehalten und ihm einen Brief geschrieben.
-Aber auch Hiller geht nicht leer aus; es ist ein Paket und ein Brief
-für ihn da. Das Paket ist mit Eilpost gekommen und enthält all
-das, was er der Mutter schon in Berlin für den Fall seiner Annahme
-aufnotiert hatte, und im Brief, der dem Paket beiliegt, findet er einen
-Zwanzigmarkschein. Der andere Brief ist von Großmutter, und auch er
-enthält eine angenehme Einlage.
-
-„Famos!“ Und sein Gesicht strahlt mindestens so hell wie das des guten
-Hipp, der den Brief seines Mädchens zum drittenmal liest.
-
- * * * * *
-
-Der Krieg rauscht mit rasender Eile, mit nie geahntem Entsetzen,
-unsäglichen Greueln durchs belgische Nachbarland! Was ist nicht
-geschehen in diesem halben Monat, seit der Krieg begann!
-
-Ist man ins Mittelalter zurückgekehrt? Ist alles, was Jahrhunderte
-in eifrigem, rastlosem Fleiß an der Kultur gearbeitet haben, ganz
-umsonst gewesen? Wer ein leicht erregbar Herz hat in diesen Tagen des
-Entsetzens, der ist verloren. Wer so geartet ist, daß er sich dem Leid,
-dem Weh, das den Mitmenschen heimsucht, nicht verschließen kann und
-will, der weint Tränen in diesen Tagen, die schlimmer sind, als das
-Blut, das aus schmerzender, brennender Wunde fließt.
-
-Ein jeder leidet, ein jeder kämpft am Morgen, damit er den Tag und das
-Furchtbare, das er finden kann und wird, ertragen könne. Deutschland
-hat ein Ehrenband bekommen, das alle Herzen zusammenschmiedet, alles
-Kleinliche, alles Alltäglich-Gemeine ist über Bord geworfen, jetzt bei
-Beginn dieses grauenvollen Krieges.
-
-Ob es so bleiben wird, wer mag es wissen? Ob auch ein Krieg, ob Greuel
-und Tod und Mord zur Gewohnheit werden können, und einen nüchternen
-Alltag wieder aufkommen lassen, wer mag es wissen? Für den Augenblick
-zum wenigsten scheint alles zu schweigen; für den Augenblick hat auch
-der Armseligste vergessen, daß er ein Einzelwesen ist und kleine und
-große selbstische Wünsche im Herzen trägt.
-
-Jetzt spricht eine furchtbare Stimme zum deutschen Volke.
-
-Feind um Feind ist aufgestanden; die ganze Welt scheint sich verbunden
-zu haben, um das Land, das Volk, das niemandem etwas zuleide tat, das
-nichts weiter tat, als rastlos voranzustreben, zu vernichten.
-
-Kann Gott das geschehen lassen? Kann Gott, der Allgerechte und
-Allgütige, das wollen?
-
-‚Nein, nein und tausendmal nein!‘ braust es von den Kanzeln herab.
-‚Das kann Gott nicht wollen! Gott kann nicht zugeben, daß das einzig
-schuldlose, gerechte Volk einer Meute von gemeinen, habgierigen,
-verlogenen Feinden unterliegen soll.‘
-
-Die Kirchen sind überfüllt in dieser Zeit. Nicht aus Angst, nicht
-aus kleinen Motiven sitzen auch die auf den Kirchenbänken, die sonst
-in Jahren das Gotteshaus nicht betreten haben. Es geht nicht anders;
-man muß heraus aus der gewohnten Umgebung -- man muß es laut und mit
-heißer, inbrünstiger Sicherheit verkünden hören:
-
-„Das kann Gott nicht wollen! Das darf und wird nicht sein, daß der
-Schuldlose vernichtet wird, und daß Neid und Mißgunst und schnöde
-Habsucht siegen werden!“
-
-Die Welt ist in Aufruhr. Wer sich nie zuvor gesehen, spricht jetzt mit
-dem andern, als sei er seit Jahren sein Freund. Wer schon ein heißes
-Herzweh erfahren hat, schon Mann oder Kind hergeben mußte, der wird um
-seines Schmerzes willen geliebt und geehrt von jedem, der von seinem
-Unglück erfährt.
-
-Es ist unsäglich schwer und doch schön, in dieser Zeit zu leben!
-
-Mag sein, daß unsere Enkel uns dereinst beneiden, wenn wir ihnen die
-Geschichte des Krieges von 1914/15 erzählen -- mag sein, daß wir uns
-am Ende unserer Tage uns selbst segnen, in dieser Zeit gelebt zu haben
--- jetzt aber blutet das Herz aus tausend Wunden, und wer eine tätige
-Phantasie hat, der hüte sich, ihr freie Zügel zu lassen.
-
-Wer kann noch ruhig und frohgemut an seinem Tisch sitzen und sein
-täglich Brot verzehren? Wer muß nicht derer gedenken, die Haus und
-Heimat verlassen mußten, die schon den Krieg in nächster, allernächster
-Nähe sahen?
-
-Glücklich -- gesegnet die, die draußen sind, die alles von sich
-abgeworfen haben und sterben oder siegen wollen! Sie brauchen
-nicht zu denken, sie haben nicht das quälende, bittere Gefühl der
-Zurückbleibenden, der Abwartenden, die unter der Sicherheit, in der sie
-noch leben, leiden, während die draußen Blut und Leben für sie hingeben.
-
-Und glücklich auch jene ganz Jungen, die in heller, heiliger
-Begeisterung ihren Einzug in die Kasernen gehalten haben -- jene
-allerbegeistertsten, die am liebsten von der Stelle weg in den Kampf
-gezogen wären, da, wo er am wildesten und blutigsten tobt! Seltsames
-haben sie erfahren in den Tagen, die nach Schulabschluß, nach der
-vermeintlichen Freiheit für sie kamen.
-
-Die Begeisterung ist so still geworden; die heiße Freude, mittun zu
-dürfen, ist gedämpft. Sie kommen überhaupt nicht mehr recht zum Denken.
-Die jungen, verwöhnten Körper müssen Unglaubliches leisten; die feinen
-Stadtjungen müssen so Ungewohntes hören, und der Schlaf ist so kurz
-bemessen. Aber schadet nichts, schadet nichts! Nur nicht schlapp
-werden, nur aushalten! Es geht ja auch, man muß nur wollen, mit aller,
-aller Kraft muß man wollen!
-
-Manchmal bekommt man ein Zeitungsblatt in die Hand und liest, was sich
-draußen in der Welt abspielt. Aber man faßt es nicht ganz. Man hat auch
-immer das Gefühl: ‚Ja, wenn ich erst dabei wäre!‘ Und es ist gut, daß
-sie so denken, denn wenn nicht ein jeder von sich selbst das Gefühl
-hätte, daß er riesenhafte, ganz unerhörte Kräfte in sich trägt, wie
-sollte dann der Krieg gegen die Übermacht geführt werden können?
-
-Einstweilen aber heißt es für diese Jüngsten im deutschen Reiche:
-‚Drill -- Drill -- Drill!‘ und putzen und Stuben fegen und am Abend
-todmüde auf den Strohsack fallen.
-
-Der kleine Hiller kämpft in diesen ersten Tagen einen verzweifelten
-Kampf.
-
-Es ist scheußlich! -- Er fühlt, daß er den Willen, den er mit eiserner
-Kraft zügelt, nur einen Augenblick locker zu lassen braucht, dann ist’s
-aus.
-
-Jeder Knochen im ganzen Körper tut ihm weh! Todmüd’ fühlt er sich vom
-Morgen bis zum Abend. Die Hände sind vom ewigen Putzen aufgerieben, die
-Füße brennen, er hat das Gefühl furchtbarer Mattigkeit -- hat ewig das
-Gefühl, hungrig zu sein, aber wenn das Essen vor ihm steht, schmeckt es
-ihm nicht.
-
-Scheußlich! scheußlich! scheußlich!
-
-Einer von ihnen ist schon schlapp geworden und hat um Entlassung
-gebeten. Hinter dem haben sie alle hergelacht, und der Wachtmeister
-hat sein niederträchtigstes Gesicht aufgesetzt, als er ihm den
-Entlassungsschein gab. Dies höhnische Gesicht des Wachtmeisters hat
-sich in Hillers Herz wie mit blutiger Schrift eingegraben. Nein, eher
-sollen sie ihn halbtot vom Platze tragen, ehe er seiner Schwäche
-nachgibt.
-
-Hipp sagt eines Tages seelenruhig zu ihm:
-
-„Wenn mir die Sache zu toll wird, schwenke ich ab. Ich hab’ mich
-doch zum Teufel nicht als Kriegsfreiwilliger gemeldet, um Stuben
-aufzuwaschen und Sattelzeug zu putzen!“ Aber dabei lacht er und sieht
-wundervoll gesund aus.
-
-Doch es soll noch schlimmer kommen. Der Oberleutnant schreitet eines
-Tages durch die Ställe, und ein heiliges Kreuzdonnerwetter tost nach
-dem anderen herunter.
-
-„Was ist das für eine heillose Schweinerei! In den Ställen ist
-überhaupt kein Boden mehr zu sehen; halbfußhoch ist der Mist
-festgetreten, als ob seit drei Monaten hier nicht gesäubert worden
-wäre!“
-
-Der Wachtmeister erklärt dem Oberleutnant die Ursache.
-Selbstverständlich sieht hier nicht alles so aus wie in anderen Jahren.
-Man hatte über all der Aufregung keine Zeit, die alte Ordnung und
-Reinlichkeit aufrechtzuerhalten.
-
-Aber was nutzt das alles? Die Ställe müssen wieder ordnungsmäßig
-aussehen. Also Freiwillige vor und ausmisten!
-
-Hiller hat wieder falschen Sitz gehabt und ist vom Bügelriemen
-gescheuert worden; das Bein ist ganz wund. Anderen ist’s viel schlimmer
-ergangen -- ja, einen, der einen Tritt vors Schienbein bekam, und der
-vor lauter Schmerz laut aufgeschrien hat, mußten sie unter einem Hagel
-von Flüchen ins Revier schaffen.
-
-Aber der kleine Hiller ist noch so furchtbar empfindlich. Wenn er den
-ganzen Morgen lang schlapp, faul und schläfrig gescholten wird, fängt
-er an, sich unglücklich zu fühlen. Einer von den Wachtmeistern, der
-es gut mit ihnen meint, hat ihnen in einer längeren Rede erklärt:
-„Selbstverständlich kann man euch nicht mit Kosenamen benennen,
-und wenn mal ein derbes Schimpfwort fliegt, dann müßt ihr das eben
-hinnehmen und euch sagen, daß eurem Wachtmeister auch mal die Galle
-überläuft!“
-
-Diese Erklärung hat ihnen wohlgetan. Das wissen sie natürlich, daß beim
-Drillen geschimpft wird, das gehört einfach dazu. Aber dennoch: wenn
-der Wachtmeister sich einen einzelnen heraussucht und den einen ganzen
-Vormittag nicht wieder losläßt, und wenn dieser arme Teufel dazu ein
-empfindsames Gemüt hat, dann ist das doch eine sehr niederträchtige
-Sache.
-
-Dem armen kleinen Hiller ist’s zum Tode weh zumute. Soll er jetzt an
-Hipps Stelle treten und der Unglückswurm seines Beritts werden?
-
-Rot ist sein Kopf, und der Schweiß steht ihm in dicken Tropfen auf der
-Stirn, als es endlich ‚absitzen‘ heißt.
-
-„Eine Viertelstunde Mittagspause -- Kommando, in der Mannschaftskantine
-zu essen -- dann Drillichanzug anziehen und zum Ausmisten in den Stall
-antreten!“
-
-Sie sind wütend; sie kommen sich gedemütigt vor -- diejenigen
-wenigstens, die von den hohen Schulen gekommen sind, um dem Vaterland
-zu dienen.
-
-Heißt das auch noch dem Vaterland dienen, wenn sie Ställe ausmisten?
-Hipp ist nur über den Zwang, den Mannschaftsfraß essen zu müssen,
-aufgebracht. Mit ihren Näpfen treten sie an. Weiße Bohnen und Speck
-gibt’s und duftet herrlich. Und -- Teufel, ja -- schmecken tut es
-großartig! Das müssen sie trotz ihrem Ärger zugeben. Hipp läßt sich
-seinen Napf zum zweitenmal füllen.
-
-Es geht in fliegender Eile. Hinauf in die Stuben, aus den Reithosen
-heraus und in den Drillich hinein.
-
-Hipp holt ein rosa Briefchen aus seiner Rocktasche: „Da, lies mal!“ Er
-gibt es Hiller.
-
-‚Mein süßer, geliebter Schatz!‘ liest der und wirft den Brief
-Hipp wieder zurück. Was gehen ihn Hipps Liebesbriefe an? Es ist
-überhaupt gemein von dem, daß er sie in der Kaserne vorliest und sich
-damit brüstet. „Der blasse Neid,“ sagt Hipp, hält sich aber doch
-freundschaftlich an Hillers Seite.
-
-Unten steht schon der Wachtmeister und brüllt sie an: „Freiwilliger
-Hiller, wissen Sie nicht, daß Sie Stallwache haben?“
-
-Hiller ist erstaunt, daß er mit ‚Sie‘ angeredet wird. „Zu Befehl,
-Herr Wachtmeister! Ich war nur zum Essen in der Kantine und habe den
-Reitanzug ausgezogen.“
-
-„Wenn ich noch einmal einen, der Stallwache hat, nicht auf seinem
-Posten treffe, gebe ich Arrest!“ sagt der Wachtmeister und wendet sich
-ab.
-
-Es werden kleine, scharfe Harken an die Freiwilligen verteilt, denn
-der Mist ist so festgetreten, daß sie ihn losklopfen müssen. Der dicke
-Hipp kniet im Schweiße seines Angesichts da und klopft, ist aber nicht
-aus der Laune zu bringen und reißt Witze. Sobald der Wachtmeister außer
-Sicht ist, lachen sie alle mit ihm; er hat eine ungeheuer komische
-Art, seine Vorgesetzten nachzuahmen. Selbst Hiller kann nicht ernst
-bleiben, wenn Hipp seine Possen treibt. Dieser harmlos aussehende dicke
-Mensch hat es faustdick hinter den Ohren. Er ist frech und kühn, sobald
-der Wachtmeister den Rücken gekehrt hat, und sieht wie ein Gotteslamm
-aus, wenn er ihm gegenübersteht. Sein prachtvoller Humor und seine
-strotzende Gesundheit bringen ihn über alle Widerwärtigkeiten hinweg.
-
-Und an diesen beiden glücklichen Gaben fehlt es dem armen Hiller so
-sehr! Wohl hat er Verständnis für Humor; ja, in einem ganz kleinen
-Winkel seiner Seele sitzt etwas vom Schalk, der sich ganz selten einmal
-etwas hervorwagt, aber gleich ängstlich verschwindet, wenn ein Schatten
-auf den Weg seines Lebens fällt. Und mit seiner Gesundheit ist es auch
-eine eigene Sache. Krank ist er nicht -- -- -- aber auch nicht recht
-widerstandsfähig.
-
-Müd’ -- schlapp -- kaputt!
-
-Auch jetzt tut ihm der Rücken infam weh, das vielfach am Lederzeug
-aufgescheuerte Bein schmerzt und, was das Schlimmste ist, die große,
-schöne Begeisterung ist fort, ist einfach weggeflogen.
-
-Sehnsucht nach dem stillen geistigen Leben ist erwacht. Er gedenkt der
-Abende mit der Mutter. Sie haben zusammen auf dem Sofa gesessen, und
-entweder hat sie gelesen, oder er hat ihr erzählt, und sie waren beide
-stumm geblieben, und die Mutter hat ihm den Arm um die Schultern gelegt.
-
-Hipp erzählt nun doch wieder von seinem blonden Mädchen, und Hiller
-hört zu, ohne es zu wollen. Er erzählt sehr anschaulich -- er verrät
-kolossale Kenntnisse, die er freiwillig zum besten gibt.
-
-Dabei schaufeln sie Berge von Mist vor sich auf, und draußen rollen
-zwei Freiwillige Karren an, um den Mist zum Dunghaufen zu bringen. Hipp
-und die zwei anderen, die zusammen arbeiten, sagen: „Schaufeln her!“
-Aber es sind keine Schaufeln da. „Hiller, du hast Stallwache, du mußt
-für Schaufeln sorgen!“
-
-Hiller weiß wohl, daß er Stallwache hat, das heißt, daß er die ganze
-Nacht über mit einem anderen, der ihn alle zwei Stunden ablösen muß,
-im Stall zu bleiben hat, aber er sieht deshalb nicht ein, warum er es
-gerade sein soll, der für Schaufeln zu sorgen hat.
-
-„Geh du doch,“ sagt er zu Hipp; und Hipp geht auch, kommt aber mit
-leeren Händen zurück.
-
-„Tatsache, Hiller, du mußt gehen -- der Wachtmeister weiß auch, daß du
-Stallwache hast!“
-
-Da macht sich Hiller zum Wachtmeister auf. Stramm, die Hacken
-zusammengeklappt, steht er vor ihm.
-
-„Verzeihung, Herr Wachtmeister, wir möchten um Schaufeln bitten!“
-
-„Schon wieder einer! Kerls, was wollt ihr denn mit den Schaufeln?“
-
-„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, den Mist in die Karre laden!“
-
-„Dämlack!“ schrie ihn der Wachtmeister an. „Wozu hat Gott euch denn
-eure natürlichen Schaufeln gegeben?“ Dreht sich um und läßt den kleinen
-Hiller abziehen.
-
-Sie werfen nun den Mist mit ihren Händen in die blauen Arbeitsschürzen,
-die sie tragen, und leeren ihn in die Karren. Die alten Leute, die
-vorübergehen und die nicht mitzutun brauchen, lachen sie aus.
-
-„Das schmeckt gut, was? Nach so einer Ausmisterei ist man für zwei Tage
-satt und braucht nichts zu essen!“
-
-Es ist ihnen gleichgültig geworden. Auch dem dicken Hipp tut jetzt der
-Rücken weh -- aber der Wachtmeister treibt zur Eile an. „Bis zum Appell
-muß der Boden blank und glatt wie Parkett sein.“
-
-Nein, sie wissen es nicht mehr, daß Deutschland gegen eine Welt von
-Feinden streitet, und daß sie mit so heißer Hingabe in die Kasernen
-gezogen sind, um in ein paar Wochen mitzutun.
-
-Sie knien vor ihrem Misthaufen und sind stumpf und müd’ geworden.
-Denken überhaupt nicht mehr an das Große, Gewaltige, das draußen in der
-Welt vor sich geht -- -- -- denken nur noch an sich selber und an ihre
-eigenen Leiden, an den schmerzende Rücken und an den Durst, den sie
-nicht löschen dürfen.
-
-Und der verärgerte Wachtmeister brüllt sich die Kehle wund, weil es
-nicht schnell genug geht.
-
-Die müden Hände hacken, Schürzen werden gefüllt, und die Karren rollen
-hin und her. Um sechs Uhr ist der letzte Karren weg. Nun Wasser holen
--- zehn, zwanzig Eimer Wasser und schrubben, was das Zeug hält.
-
-Der Wachtmeister reißt Hiller seinen Besen aus der Hand. „Kerl, willst
-du mir einen Tango vortanzen?“ Und er macht ihm das Schrubben auf
-energische Weise vor.
-
-Nun geht es glatt weiter. Die Wasserplantscherei hat etwas Lustiges.
-Hipp läßt das schmutzige Wasser hoch gegen die anderen aufspritzen.
-„Das müßte mein Mädchen sehen!“ sagt er. Er denkt nichts anderes als
-sein Mädchen. Den ganzen Tag spricht er von ihr.
-
-Der Oberleutnant kommt zum Revidieren. Er ist zufrieden.
-
-„Antreten zum Appell!“
-
-Hipp bekommt seinen erwarteten Brief und schmunzelt. Hiller geht leer
-aus. Er läßt den Kopf hängen und kehrt in den Stall zurück. Die anderen
-sind jetzt frei und können in die Kantine oder in die Stadt gehen. Er
-aber sitzt auf einer Futterkiste im Stall und sieht trübe vor sich hin.
-
-Der ‚alte Mann‘ der mit ihm die Wache hält, fragt: „Soll ich Essen
-holen?“
-
-Das bedeutet natürlich, daß er auf Hillers Kosten für sie beide Essen
-holen will. Hiller zieht einen Taler aus seinem Brustbeutel heraus, und
-der andere kommt bald mit einem Arm voll Butterbroten, mit mehreren
-Paar Würstchen und zwei Flaschen Bier zurück.
-
-Sie essen gemeinsam auf ihrer Futterkiste und schwatzen, bis die Sonne
-sinkt.
-
-Um neun Uhr legt sich der ‚alte Mann‘ ins Stroh, zieht einen Woilach um
-sich, und Hiller bleibt allein.
-
-Regungslos bleibt er auf seiner Futterkiste sitzen. Der Rücken
-schmerzt, und ins arme Herz ist ein Leid gezogen, so schwer, so heiß,
-daß er’s kaum zu ertragen vermag.
-
-Die Öllaternen im Stall werfen trübe Lichter um sich. Die Halfterketten
-klirren -- der warme Dunst aus all den Tierleibern strömt stark und
-erregend zu ihm hin.
-
-Er muß an all das, was Hipp ihm die Tage über von seinem Mädchen
-erzählt, denken.
-
-In Hillers Kopf will es nicht hinein, daß man von einem Geschöpf, für
-das man Liebe und Verehrung empfindet, vor anderen sprechen kann. Im
-Anfang hat es ihn angewidert, wenn Hipp von dem Mädchen sprach; aber
-man kann schließlich die Ohren nicht zustopfen, wenn einer so ständig
-von derselben Sache erzählt.
-
-Und jetzt, in dieser halbdunklen Einsamkeit, in dieser tiefen
-Sehnsuchtsstimmung, in dieser warmen, von einem erregenden Duft
-erfüllten Luft steigt heiß und drängend im armen, kleinen Hiller ein
-bisher ungekanntes Verlangen auf.
-
-Tränen fließen ihm aus den Augen. Die Hände haben sich zu Fäusten
-geballt -- weh, furchtbar weh ist ihm ums Herz.
-
-Ein Pferd hat den Kopf aus dem Halfter gelöst und versucht
-auszubrechen. Er springt hin und bekommt es zu fassen, bevor es draußen
-ist.
-
-Das Tier schnuppert an ihm herum und läßt sich willig anketten. Er
-schleicht zu seiner Futterkiste zurück; er sitzt und seine Gedanken
-fliegen zur Mutter. Wo mag die sein? Ob sie allein zu Hause sitzt? Ob
-sie zur Großmutter gefahren ist?
-
-Er sieht sie vor sich, hört sie reden, sieht sie weinen. Natürlich
-weint sie um ihn. Die Trennung mag schwer auf ihr lasten. Bislang hat
-er noch nicht recht darüber nachgedacht, wie einsam es um sie sein
-muß. Nun aber kommt es plötzlich über ihn. Die traulichen Zimmer, in
-denen er mit ihr gelebt hat, sieht er vor sich. Die Bilder an den
-Wänden leuchten zu ihm herab. Er sitzt mit ihr in der halbdunklen
-Sofaecke, den Kopf an sie geschmiegt.
-
-Wie schön waren diese Abende mit ihr gewesen! Wie schön dies ganze
-stille, einfache Leben! So geborgen, so warm! Wenn man etwas auf dem
-Herzen gehabt, hat man’s abends der Mutter gesagt, und alles war gut
-gewesen. Und hat sich doch eigentlich immer nach was anderem gesehnt.
-Hat immer gerechnet, wieviel Vierteljahre man noch auf der Schulbank zu
-sitzen und abzuwarten hat, bis das eigentliche Leben kam.
-
-Und nun ist dies eigentliche Leben da -- nun ist man ganz plötzlich
-aus allem herausgeschleudert worden! Man ist Soldat geworden und will
-fürs Vaterland kämpfen. So stolz, so glücklich, so begeistert ist man
-gewesen.
-
-Warum nur? Für was nur?
-
-Man hört ja nichts mehr vom Krieg. Man tut ja nichts, gar nichts zur
-Sache. Den ganzen Tag wird man angeschnauzt -- Schimpfnamen fliegen
-einem um den Kopf. Man mistet Ställe aus und putzt seine Pferde.
-
-Das hat man doch nicht gewollt! Dafür ist man doch nicht hierher
-gekommen! Und der kleine Hiller, der sich jeden Tag von neuem freuen
-muß, wenn er überhaupt glücklich auf sein Pferd hinaufkommt und sich
-oben behaupten kann -- der kleine Hiller, den jedes Glied am ganzen
-Körper schmerzt, der einen geradezu verzweifelten Kampf gegen Schwäche
-und Schlappheit kämpft, hat in dieser stillen, todeinsamen Nachtstunde
-das Gefühl, daß ihm ein großes Unrecht geschieht, weil man ihn hier
-noch festhält, statt ihn in Kampf und Begeisterung ziehen zu lassen.
-
-Alles ist häßlich und traurig und verzerrt in dieser Nacht. Namenlos
-öd und einsam die ganze Welt! Unerträglich das Leid und die heiße
-Sehnsucht im Herzen! Die Sehnsucht nach irgend jemandem, der gut zu ihm
-ist, der warm und lieb zu ihm spricht -- -- der die Arme um ihn legt --
-ihn küßt.
-
-Verteufelt! Schon wieder muß er an Hipps Mädchen denken, das ihm jeden
-Tag einen Brief schreibt.
-
-Warum hat er niemanden, der an ihn denkt, der ihm schreibt.
-
-Wieder hat ein Pferd sich losgelöst und sucht den Ausgang zu erreichen.
-Der ‚Arbeiter‘ ist es, sein eigenes Pferd. Er führt es zu seinem Platz
-zurück und klopft ihm den Kopf.
-
-Das Tier schmiegt sich an ihn, berührt ihn mit der warmen, nassen
-Schnauze. Da löst sich im armen Jungen der bittre, bittre Schmerz.
-Er weint laut auf. Mit beiden Armen umschlingt er den Hals des
-Tieres. „Mutter -- -- Mutter!“ Er schreit es fast. Ein grenzenloses
-Heimweh tobt in ihm. „Mutter -- -- Mutter!“ Und umklammert wie ein
-Verzweifelter den warmen Kopf, drückt das Gesicht in die Mähne hinein
-und schluchzt und wird gerüttelt und gestoßen von diesem plötzlichen,
-wilden, unerträglichen Jammer. Lang steht er so an seinen ‚Arbeiter‘
-geschmiegt.
-
-‚Nach Hause -- zur Mutter zurück!‘ Und er will ihr schreiben: ‚Ich kann
-es hier nicht länger ertragen, laß mich zu dir zurückkommen!‘
-
-Er schleicht zur Futterkiste zurück -- zieht eine zerknitterte
-Feldpostkarte aus der Tasche.
-
-‚Liebes Muttchen!‘ schreibt er -- besinnt sich einen Augenblick und
-kommt zur Vernunft. Ein ‚Zurück‘ gibt es nicht für ihn. Ausharren muß
-er, und wenn es noch tausendmal schlimmer kommt. Aber sehen will er
-sie, und da er nicht zu ihr kann, muß sie zu ihm kommen. Das geht --
-daran kann niemand etwas finden.
-
-So schreibt er: ‚Wenn Du willst, so besuche mich, bitte. Ich habe ein
-wenig Heimweh nach Dir!‘
-
-Nachdem er das geschrieben, ist ihm leichter ums Herz geworden. Er
-läuft über den Kasernenhof und bringt die Karte zum Kasten.
-
-Sternklar wölbt der Himmel sich draußen. Kühl ist die Nacht, denn der
-Herbst will ganz ganz langsam kommen.
-
-Tief atmet Hiller auf. Das Leid ist verflogen. Der furchtbare Druck ist
-von ihm genommen. Nun ist er nur noch müd’ -- hat nur noch Sehnsucht
-noch einem langen, tiefen Schlaf.
-
-Im Stall trifft er den ‚alten Mann‘, der ihn für zwei Stunden abzulösen
-hat, an. Der sieht ganz vergnügt aus.
-
-„Müde, was?“ und schaut lächelnd in das bleiche Knabenangesicht.
-„In zwei Stunden kommst du wieder dran, Mensch. Das lohnt kaum der
-Mühe, sich hinzulegen! Bleib man gleich auf, sonst wirst du nachher
-überhaupt nicht mehr munter. Man kennt das ja bei euch jungen Kerlen.
-Muttersöhnchen! Neulich habe ich für einen die ganze Nacht gewacht. Da
-hat er mir ’n Taler für geschenkt!“ Und sieht noch forschender, sieht
-eigentlich geradezu aufmunternd in Hillers Gesicht.
-
-Der hat schon die Hand am Brustbeutel. „Ich bin in der Tat sehr müde!“
-
-Der ‚alte Mann‘ nimmt den Taler und läßt ihn in die Hosentasche gleiten.
-
-„Da hast du einen Woilach zum Drauflegen; in den andern wickelst du
-dich ein, und dann kannst du bis sieben Uhr pennen. Los -- mach’, daß
-du ins Stroh kommst!“
-
-Und der kleine, müde Hiller häuft sich das Stroh, aus dem der ‚alte
-Mann‘ aufgestanden ist, frisch auf, legt den einen Woilach darauf,
-wickelt sich in den anderen ein, und bevor zwei Minuten vergangen sind,
-führt ihn sein tiefer, prachtvoller Jungenschlaf aus Leid und Not
-dieses Tages hinweg. Das bekümmerte Gesicht wird kindlich und froh. Die
-bleichen Wangen röten sich. Und als der ‚alte Mann‘ sich gegen Morgen
-einen Scherz macht und ihm mit dem nassen Pferdeschwamm über die Augen
-fährt, merkt er’s kaum, dreht sich um und schläft weiter, bis ihn zwei
-kräftige Arme an den Schultern packen und hochreißen.
-
-„Heraus, Mensch -- aufgestanden -- sieben Uhr -- ‚Vize‘ ist im Anzug!“
-
-‚Vize‘ ist der Vizewachtmeister Peters; und das Wort ‚Vize‘ genügt,
-um den kleinen Hiller im Nu hochfahren zu lassen -- Hände an die
-Hosennaht, Hacken zusammengeklappt.
-
-‚Vize‘ ging schweigend und höhnisch an ihm vorüber.
-
- * * * * *
-
-Hiller ist dem ‚alten Mann‘ riesig dankbar, daß er ihm für den Taler
-die lange Nachtruhe verschafft hat.
-
-Die Taler fliegen ja erschrecklich glatt und leicht dahin, aber
-eigentlich kommt nie ein Brief ohne Einlage an ihn an. Die Mutter
-schickt -- Großmutter und Großvater schicken, und es gibt noch ein paar
-Onkel und Tanten, die nicht nur Worte und schöne Redensarten für den
-jungen Kriegsfreiwilligen übrig haben. Es ist eine ganze Menge, was
-so in immer neuen Auflagen in Hillers Brustbeutel zusammenkommt. Er
-braucht nicht zu knausern, und das ist gut, denn das Knausern liegt ihm
-nicht.
-
-Großmutter schrieb zwar: ‚Daß Du im Restaurant für teures Geld ißt, da
-Du das Mannschaftsessen umsonst haben kannst, ist aus zweierlei Gründen
-nicht richtig; denn erstens soll ein jeder in diesen schweren Zeiten
-sein Geld zusammenhalten oder es fürs allgemeine Wohl hingeben, und
-zweitens ist es besser, wenn Du Dich schon jetzt an das Kasernenessen
-gewöhnst, damit es Dir später im Feld nicht schwer wird!‘
-
-Aber sie legt getreulich jedem Brief einen Schein bei, und darum kann
-Hiller die großmütterlichen Mahnreden nicht sehr ernst nehmen.
-
-Er ißt ja auch keineswegs im Restaurant, um sich Leckerbissen zu
-verschaffen. Nein, er würde ohne weiteres das Mannschaftsessen genommen
-haben, wenn das einfach so möglich gewesen wäre.
-
-Aber hier sitzt der Haken: er ist Einjähriger -- er bekommt Geld --
-er ist also einfach verpflichtet, mit den finanziell Gutgestellten im
-Restaurant zu essen. Man würde ihn sonst nicht für voll angesehen haben.
-
-Und ebenso ist er verpflichtet, sich von den alten Leuten gegen gute
-Bezahlung Dienste leisten zu lassen und sie abends in der Kantine
-freizuhalten. Sie drängen sich an einen heran und können kolossale
-Erleichterungen bringen.
-
-So zum Beispiel dieser lange Schlaf in der letzten Nacht! Dafür ist ein
-Taler wirklich nicht zuviel gewesen. Er fühlt sich prachtvoll frisch --
-die Welt lacht ihn an.
-
-Oben am Kasernenturm ist die Fahne hochgezogen; man feiert einen neuen
-Sieg.
-
-Jetzt weiß man wieder, daß Großes, Gewaltiges sich in Europa abspielt.
--- -- -- Jetzt begreift man, daß man alle Kräfte zusammennehmen muß, um
-würdig befunden zu werden zum Mittun!
-
-Der Wachtmeister sagt: „Natürlich suchen wir zum Ausrücken nur die
-besten Reiter heraus, denn einer, der sein Pferd nicht beherrscht,
-kann im Kriege nichts leisten.“ Das ist eine sehr selbstverständliche
-Tatsache, und Hiller begreift an diesem sonnenhellen Morgen plötzlich,
-daß der strenge, nicht sehr geliebte ‚Vize‘ keinen leichten Standpunkt
-hat. Denn wie er selbst noch ganz und gar unsicher auf seinem Gaul
-sitzt, so ist es mit der Mehrzahl der anderen auch, und doch schimpft
-jeder von ihnen über den Drill und hat jeder einzelne den heftigen
-Wunsch: Hinaus! Hinaus!
-
-An diesem Morgen geschieht es, daß ‚Vize‘ sich am Ende der Reitstunde
-neben Hillers Pferd stellt und den Hals des Tieres klopft.
-
-„Reiten noch sehr mittelmäßig, Freiwilliger! Aber man hat doch heute
-wenigstens den guten Willen gespürt. Das ist schon etwas, und andere
-könnten sich da ein Beispiel dran nehmen!“
-
-Dabei sieht er zu Hipp hinüber, der zweimal über den Kopf seines
-‚Anton‘ hinweggesaust ist.
-
-Hillers Herz klopft in jäher Freude. ‚Vize‘ hat ihn gelobt -- ‚Vize‘
-hat zum erstenmal nicht mit ihm gewütet.
-
-Die Hand, die den Zügel hält, zittert; er ist außer sich vor Glück.
-Keine Spur von Schlappheit mehr -- kein Schmerz mehr in den Knochen.
-Eine Riesenkraft fühlt er in sich erstehen, und heißer Mut beseelt ihn.
-Oh -- er kann -- er kann -- er kann! Immer in seinem ganzen Leben hat
-er noch gekonnt, was er wirklich und mit seinen ganzen Kräften gewollt
-hat!
-
-Auf einmal weiß er nun auch, daß er eines Tages Herr seines Pferdes
-sein wird. Ja -- daß er all die, die hier mit ihm reiten, überragen
-wird. Auch die Bauernjungen, die von Kindheit auf mit Gäulen zu tun
-gehabt haben.
-
-Er braucht nur zu wollen, nur wirklich und ernst zu wollen!
-
-Es wird ihm ordentlich schwer, das Lob des Wachtmeisters still
-hinzunehmen; gern hätte er ihm gedankt, ihm die Hand gereicht. Aber er
-bleibt still und bescheiden sitzen; nur das Herz schlägt heftig.
-
-Nach dem Reitunterricht ist ein Fest in der Kaserne, um den großen
-neuen Sieg zu feiern. Der Oberleutnant steht vor seinen Husaren und
-hält eine kurze, packende Ansprache, die im Kaiserhoch endigt.
-
-Als sie frei sind, sieht Hipp verächtlich zu Hiller hinüber. „Streber!“
-Und der noch allzu empfindliche Hiller erbleicht vor Ärger, aber
-Hipp lacht im nächsten Augenblick und schiebt seinen Arm in den des
-Kameraden.
-
-„Morgen brüllt er dich doch wieder an. Man kennt diese Menschenschinder
-ja!“
-
-Dennoch bleibt Hiller an diesem Tage in gesteigerter Stimmung.
-
-Nach dem eilig eingenommenen Mittagessen geht’s zur ersten Schießübung
-hinaus. Zwei Wachtmeister führen einen Trupp von vierzig Freiwilligen
-zum großen Schießplatz.
-
-Sie haben eine gute Stunde zu marschieren. Die Hitze ist glühend; die
-Sonne glitzert in ihren blanken Knöpfen und spielt mit den grellgelben
-Tressen auf den grauen Attilas. Der trockene Boden knirscht unter ihren
-Füßen, aber sie gehen wie beflügelt dahin. Mit Ungeduld haben sie
-auf diese erste Schießübung gewartet, denn bevor sie nicht schießen
-gelernt, können sie natürlich nicht ins Feld. Nun endlich soll es
-losgehen!
-
-Einer von den alten Leuten hatte ihnen gesagt: Zwei Wochen Schießübung
--- zwei Wochen Lanzenfechten und Säbelstechen, dann ist die Sache
-gedeichselt, dann geht’s los! Dies also ist der eigentliche Anfang; es
-werden noch sechs Wochen vergehen, ehe sie herauskommen! Und draußen
-wird ein Sieg nach dem anderen erfochten! Wenn das so weitergeht, dann
-hat Deutschland ausgekämpft, ehe sie aus ihrem Drill heraus sind.
-
-Bald dehnt sich der Schießplatz vor ihren Blicken aus.
-
-Der Wachtmeister - es ist einer, mit dem sie bislang noch nichts zu
-tun gehabt haben -- lehrt sie in erster Linie den Karabiner richtig
-handhaben.
-
-Auch er brüllt; auch er schimpft wie ein Unsinniger.
-
-Wachtmeister müssen schimpfen und müssen beim Schimpfen einen
-puterroten Kopf bekommen, sonst wird’s nichts.
-
-Der kleine Hiller hat noch so zarte Hände; für ein paar Minuten hat
-es den Anschein, als sollte er hier den Sündenbock abgeben, denn der
-Wachtmeister tobt immer im Kreise um ihn herum.
-
-Aber es müssen wohl noch Ungeschicktere da sein, denn plötzlich ist
-er fort, und nun weiß Hiller auch ganz gut mit seinem Schießprügel
-umzugehen.
-
-Es wird ihnen ein Vortrag gehalten:
-
-Der Kavallerist muß in jeder Stellung schießen können. Er muß im
-Liegen, im Stehen und vom Pferd herabschießen können! Der Kavallerist
-muß überhaupt alles können, was der Infanterist kann! Das hat man ihnen
-nun schon oft gesagt, und sie wissen, daß sie doppelte Ausbildung
-haben werden. Dafür haben sie dann im Feld den Vorteil, auch dann noch
-kampffähig zu sein, wenn das Pferd ihnen weggeschossen wird.
-
-Als Ziel für ihre erste Übung dient ihnen eine Scheibe, die in zwölf
-Kreise geteilt und an ein kleines Steinhäuschen gestellt ist.
-
-Sie haben Platzpatronen bekommen und lernen zunächst den Karabiner
-in jeglicher Stellung handhaben. Der Wachtmeister erklärt ihnen
-umständlich die Scheibe und die Entfernung, und es vergeht eine gute
-Stunde mit den Vorbereitungen, ehe sie endlich zum Schießen kommen.
-
-Die wenigsten haben Glück; sie schießen aufs Geratewohl. Hipp lacht,
-trotzdem der Wachtmeister schimpft, leise vor sich hin, denn es
-belustigt ihn ungeheuer, daß er trotz alles Schimpfens mit keinem Schuß
-auf die Scheibe trifft.
-
-Auch Hillers Hand zittert plötzlich. Da er als Knabe viel nach der
-Scheibe geschossen hat, hat er das angenehme Gefühl gehabt, hier auf
-dem Schießplatz gut zu bestehen und sich womöglich wieder ein Lob des
-Vorgesetzten zu holen. Nun aber schleichen sich Angst und Aufregung an
-ihn heran. Es ist ihm schon oft im Leben so gegangen: wollte er zeigen,
-daß er eine Sache verstand, so mißlang sie erst recht. Der erste Schuß
-geht dann auch richtig daneben, und der Wachtmeister steht wieder
-drohend nahe dicht bei ihm. Er spürt den Atem des erregten Mannes, und
-sein Kopf wird heiß, und das Herz fängt an zu hämmern.
-
-„Kerl, bist du des Teufels?“ Der Wachtmeister richtet ihm den Karabiner
-in der Hand zurecht. Hipp sieht schadenfroh zu Hiller hinüber.
-
-Da geht ein Schuß los und trifft fast in die Mitte der Scheibe. „Das
-war Zufall,“ sagt der Vorgesetzte kühl und mit leisem Hohn in der
-Stimme. „Noch einmal!“ und dreht ihm den Karabiner wieder in der Hand
-zurecht. „Ganz gut,“ sagt er dann etwas weniger kühl. „Nun noch einmal,
-damit es sich herausstellt, ob es Dusel war oder nicht!“
-
-Nun wird Hiller kühn und hat wieder das triumphierende Gefühl: ‚Ich
-kann, was ich will!‘
-
-„Man wird ja später sehen, ob das so bleibt,“ sagt der Wachtmeister
-befriedigt, geht zu den anderen und ahnt nicht, in welchen
-Freudentaumel er den kleinen Freiwilligen mit dem Knabengesicht
-versetzt hat.
-
-Niemand außer Hipp hat an Hillers Schießversuchen Anteil genommen,
-niemand beachtet auch, wie die Augen des schmalen Husaren leuchten, wie
-er ganz verklärt dasteht.
-
-Das zweite Lob an einem Tage! Das macht ihn ganz toll.
-
-Zur Vesperzeit ladet er in der Kantine zwei alte Leute zum Kaffee ein
-und schenkt jedem eine Handvoll von den Zigarren, die Großvater ihm
-geschickt hat. Es geht ihm immer so: Hat er selbst eine Freude, dann
-muß er auch bei anderen frohe Gesichter sehen.
-
-Er spricht zu niemandem von dem, was ihn bewegt, aber es ist eine
-tiefe Liebe zu allem, was ihn hier umgibt, in ihm aufgekommen. Er weiß
-jetzt, daß er im Grund seines Herzens immer Soldat gewesen ist, daß
-er nur während der langen Schulzeit keine Gelegenheit gehabt hat, den
-militärischen Geist, der in ihm steckt, zu erkennen. Nun aber sieht er
-seine Zukunft klar und deutlich vor sich. Selbstverständlich wird er
-Offizier werden, und zwar Kavallerieoffizier.
-
-Wenn er Glück hat und in den Krieg kommt, ist er in einem halben Jahr
-Leutnant, und später wird die Beförderung in Windeseile weitergehen.
-Seine Phantasie baut ihm goldene Schlösser.
-
-Mit keinem Gedanken denkt er mehr an die noch gar nicht weit
-zurückliegende Zeit, in der er der Mutter mit herablassendem Lächeln
-erklärt hat: ‚Offizier? Nein, dafür sind andere da. Der Offiziersberuf
-kommt für mich gar nicht in Betracht.‘
-
-Der kleine Hiller ist erst jetzt eigentlich jung geworden. Er war alt
-und klug und blasiert gewesen, bevor er wußte, was jung sein heißt. Man
-hatte ihm das so anerzogen, so aufgezwungen. Jetzt fällt es ihm wie
-Schleier von den Augen; jetzt, in dieser Zeit, in der Deutschland eine
-kraftvolle, gesunde Jugend braucht, soll auch er kraftvoll und gesund
-werden!
-
-Er ist so hin und her geworfen von all dem Neuen, das auf ihn
-eindringt; er liegt noch sehr im Kampf, in ganz unbewußtem Kampf mit
-dem, was noch vor ganz kurzer Zeit sein Wesen und Denken bedeutete.
-Heimweh wechselt mit Hochmut; Selbstbewußtsein ringt mit tiefer
-Niedergeschlagenheit. Heute aber hat Stolz und Freude über alles andere
-gesiegt.
-
-Um halb sieben Uhr wird zum Appell versammelt. Hiller strahlt immer
-noch und sieht frohbewegt zu der Fahne hin, die hoch über der Kaserne
-weht und an den großen Sieg des heutigen Tages erinnert. Ja, es ist
-heute für ganz Deutschland ein Freudentag. Man sieht heute nur wirklich
-frohe und zufriedene Gesichter; selbst die Wachtmeister scheinen guter
-Laune zu sein.
-
-Plötzlich hört er seinen Namen rufen: „Freiwilliger Hiller soll
-vortreten!“
-
-Ein Wachtmeister winkt ihn zu sich heran und weist mit der Hand nach
-dem vorderen Kasernenhof. „Eine Dame,“ sagt er lakonisch, und Hiller
-versteht erst nicht recht, wird dann glühendrot und schreitet langsam,
-etwas beschämt, dem vorderen Kasernenhof zu.
-
-„Mutter!“
-
-Wie er sie sieht, strömt ihm das Blut heiß zu Herzen, und er fällt ihr
-um den Hals -- ganz instinktiv einer jähen Aufwallung folgend. Aber im
-nächsten Augenblick sinken ihm die Arme schlaff herab. Er sieht scheu
-nach allen Seiten um sich.
-
-Ob jemand das beobachtet hat, ob jemand gesehen hat, wie er der Mutter
-um den Hals gefallen ist?
-
-Auch sie ist verwirrt. Groß und ungläubig sieht sie den Menschen, der
-da im schmutzigen Drillichanzug vor ihr steht, an. Ist das Ernst --
-ihr kleiner Ernst -- ihr Junge? Dunkelgebräunt ist das Gesicht; die
-Mütze ist tief in die Stirn gezogen, und der graue Anzug, dem starker
-Stallgeruch entströmt, hängt in großen Falten an seinem Körper herum.
-Ein leiser Schmerz ist in ihr.
-
-Sie hat während der ganzen Fahrt hierher das Gefühl gehabt: ‚Das arme
-Jungchen ist krank, ist traurig, ist trostbedürftig!‘ Die zerknitterte
-Feldpostkarte mit den wenigen Worten: „Ich habe ein wenig Heimweh nach
-dir!“ hat sie erschüttert. Nun sieht sie den Jungen gesunder, als sie
-ihn je zuvor gesehen. Wie ein gewöhnlicher Soldat steht er vor ihr, und
-die Mütze verbirgt das Schönste, was er hat: die hohe, kluge Stirn.
-
-Sie muß sich erst an den Anblick gewöhnen, und so stehen sie sich
-sekundenlang beide in einem inneren Kampf gegenüber. Der Junge voll
-Unbehagen in dem Gedanken, daß irgend jemand ihn beobachten könnte, und
-die Mutter traurig und enttäuscht. Sie hat das wehe Gefühl, daß etwas
-Fremdes zwischen sie und ihr Kind gekommen ist, daß sich eine Kluft
-zwischen ihr und ihm auftun will.
-
-Hiller führt die Mutter in den Torweg eines der Gebäude, die am
-Kasernenhof liegen. „Warum hast du mir nicht erst geschrieben?“ fragt
-er zaghaft.
-
-Da kommen ihr die Tränen. „Du schriebst doch, daß du Heimweh hättest,
-Ernst!“
-
-Er faßt ihre Hand, denn er kann sie nicht gut traurig sehen. „Das kommt
-mal so über einen, geht aber schnell vorüber,“ sagt er. „Wenn du mir
-wenigstens vom Bahnhof aus telephoniert hättest, daß du hier bist,
-Mutter. Hier in der Kaserne kannst du doch nicht bleiben!“
-
-„Wohin hätte ich denn aber telephonieren sollen?“
-
-„Nun natürlich nach der Kantine; das tun sie doch alle,“ sagt er sehr
-selbstverständlich, und sie ist wirklich fast beschämt, daß sie nicht
-an die Möglichkeit einer vorherigen telephonischen Verständigung
-gedacht hat.
-
-„Darfst du denn überhaupt aus der Kaserne heraus?“ fragt sie fast
-schüchtern.
-
-Der Junge besinnt sich. „Wenn ich Urlaub bekomme. Bleibst du denn über
-Nacht hier?“
-
-Seine Art ist ihr ganz fremd. Der Schmerz in ihr wird immer bitterer.
-
-„Ich kann doch heute abend nicht mehr zurückfahren, Ernst.“
-
-„Wo willst du denn hier wohnen?“
-
-„Ich muß mir ein Hotel suchen, ich bin gleich vom Bahnhof hier
-herausgefahren.“
-
-„Dann mußt du in den ‚Schwan‘ gehen,“ sagt er in freudiger Erinnerung.
-„Da habe ich auch die erste Nacht gewohnt, da ist es sehr nett.“
-
-„Wirst du denn sicher Urlaub bekommen?“ fragt sie weitergehend, denn er
-führt sie zum Kasernentor hin.
-
-Er fühlt sich entsetzlich unfrei, und doch tut ihm die Mutter leid.
-Aber, was soll er hier mit ihr anfangen?
-
-„Ich muß jetzt wieder zurück, Mutter. Aber ich bekomme sicher Urlaub;
-denn die anderen haben sich auch schon oft Urlaub geben lassen. Ich
-telephoniere dir nach dem ‚Schwan‘. Auf Wiedersehn, Mutter!“ Und bevor
-sie noch beim Posten angelangt ist, ist er schon außer Sehweite.
-
-Sie geht ein Stück die Straße entlang und ist wie benommen. Eine
-Sekunde lang hat sie das Gefühl: ‚Das war er ja gar nicht! Dieser
-braungebrannte, nach Heu und Stall duftende Soldat war doch nicht Ernst
--- der zarte, liebenswürdige, schüchterne Ernst!‘ Aber er war es doch,
-und sie muß wieder an Großmutters Worte denken: „Der Junge wird jetzt
-ein Mann, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun.“
-
-Sehr langsam geht sie weiter und kommt auf den schwarzen Husarenweg.
-Die Sonne ist fort, und flach und reizlos dehnt sich das Land vor ihr
-aus. Weit kann der Blick hier schweifen, aber vor ihren Augen ist ein
-Schleier.
-
-„Ernst -- Ernst!“
-
-Sie fühlt wieder diese heiße, wehe, instinkthafte Liebe für ihn --
-diese selbstverständliche Naturliebe, die auch ein Tier für sein
-Junges, das ihm entrissen werden soll, empfinden mag.
-
-Wer hat ein Recht, ihr den Jungen zu nehmen? Oft schon in dieser Zeit
-seit Ausbruch des Krieges hat es so in ihr getobt, hat eine Stimme
-in ihr geschrien: ‚Der Junge ist mein -- mein -- mein! Wer hat ein
-Recht, ihn mir zu nehmen?‘ Und hat dann, wenn der Aufruhr im armen,
-gepeinigten Herzen vorüber war, den Kopf geneigt und hat an die
-tausend und aber tausend Mütter im Deutschen Reich gedacht, die all
-dasselbe schwere Opfer darbringen. Und hat auch Zeiten gehabt, in
-denen sie ganz ruhig, ganz groß zu denken vermochte; in denen sie sich
-stolz und glücklich fühlte, weil ihr Sohn mittun durfte im gewaltigen
-Völkerringen, hat wundervolle Zeiten gehabt, in denen sie empfand,
-daß es schön und herrlich ist, dem bedrängten Vaterland das Beste und
-Einzige, was man besitzt, darzubringen.
-
-Jetzt, da sie im grauen Abenddämmer in der fremden Stadt auf dem
-schwarzen, staubigen Weg langsam dahingeht, ist aber all das Große und
-Schöne von ihr abgefallen.
-
-Sie ist hierhergekommen, um ein heimwehkrankes zartes, bekümmertes
-Kind ans Herz zu nehmen, und hat einem gesunden, fast derben Soldaten
-gegenübergestanden.
-
-Auch das tut weh, daß sie ihn so sehen mußte -- so wenig schön, so
-ungepflegt, so derb.
-
-Sie geht und geht und weiß nicht, wohin. Tiefer senken sich die
-Schatten; vor ihr liegt unbebautes Feld, und es ist sehr, sehr einsam.
-Kein Mensch ist in der Nähe, und leise Angst kommt in ihr auf.
-
-Sie geht denselben Weg, den sie kam, zurück. Staubwolken wirbeln, und
-ein Hirt kommt mit großer Schafherde durch den schwarzen Staub daher.
-Der Hirt strickt an einem Strumpf. Das hat sie noch nie gesehen; nur
-aus Erzählungen weiß sie, daß es strickende Hirten gibt. Aber friedlich
-mutet sie das Bild dieses graubärtig strickenden Mannes an. Friedlich
-auch der Zug der heimkehrenden Schafe und der beiden Hunde, die, ohne
-zu bellen, um die Herde herumkreisen. Wie ein Märchen so seltsam! Einen
-wunderbaren Kontrast bildet dies stille Bild zu all dem wilden Rasen
-draußen in der Welt.
-
-Ihr Herz ist ruhiger geworden. Aus der halben Dunkelheit ragt das alte
-Tor ehrwürdig und gigantisch vor ihr auf. Und dann ist sie plötzlich in
-einem lustigen Treiben mitten drin. Husaren in der graugelben Uniform,
-die auch ihr Ernst trägt, eilen durch die Straßen; auf hohen Heuwagen
-sieht sie die bunten Husaren sitzen, und auf Rädern fahren sie an ihr
-vorüber. Froher wird ihr zumute, und sie weiß nun auch, warum sie
-vorhin so sehr enttäuscht war. Der graue, schmutzige Drillichanzug
-mag sein Teil daran gehabt haben. Der Mensch hängt am Äußeren, und
-eine jede Mutter mag Schmerz empfinden, wenn sie ihr Kind so unschön
-und so nachlässig im Äußeren findet. Sie ist wieder ganz elastisch
-geworden. Ein kleiner Junge, dem sie ein Geldstück verspricht, führt
-sie zum ‚Schwan‘. Man weist ihr ein behagliches Zimmer an. Ernst meldet
-telephonisch, daß er Urlaub erhalten hat, und eine halbe Stunde später
-hört sie Sporengeklirr vor ihrer Tür.
-
-Da steht ihr Junge -- schmuck in der gutsitzenden Uniform und den hohen
-Reiterstiefeln mit der gelben Einfassung! Er wirft seine Mütze auf den
-Tisch und umarmt die Mutter jetzt ohne Scheu -- kindlich und zärtlich
-wie früher.
-
-„Jungchen -- mein Jungchen!“
-
-Die Haare sind kurz abgeschoren, und auf der Oberlippe ist ein ganz
-leichter Flaum von dunkelblonden Härchen zu sehen. Viel männlicher ist
-er geworden! Stramm, mit leuchtenden Augen steht er da.
-
-„Wie gefalle ich dir, Mutter?“ Er tritt vor den großen Spiegel und
-staunt sich selbst an. Denn in der Kaserne hat er keine Gelegenheit,
-sein Bild in Lebensgröße zu sehen. Sie schaut ihn an und weiß nicht,
-was sie sagen soll; ihr Herz ist stolz und doch noch voll Schmerz.
-
-„Unten wartet ein Kamerad von mir,“ sagt er dann. „Er heißt Hipp und
-ließ mir keine Ruhe, bis ich ihn mitnahm. Wenn sein Vater ihn mal
-besucht, lädt er mich auch ein.“
-
-Sie ist sehr enttäuscht. „Ach, Ernst, an diesem ersten Abend willst du
-nicht mit mir allein sein?“
-
-„Das ging nicht anders, Mutter. Aber wir können uns ja auch so alles
-erzählen. Hipp ist ein ganz netter Kerl. Wir haben aber nur eine Stunde
-Urlaub, und wenn wir noch essen wollen, müssen wir hinuntergehen.“
-
-Da kamen ihr schon wieder Großmutters Worte in den Sinn: ‚Der Junge muß
-jetzt ein Mann werden, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu
-tun.‘
-
- * * * * *
-
-Das fremde Hotelzimmer grinst sie höhnisch an, als sie es wieder
-betritt. Neun Uhr schlägt’s von der Kirche, die nur durch ein drei
-Meter breites Gäßchen vom ‚Schwan‘ getrennt ist.
-
-Eine kurze Stunde hat sie unten im Speisesaal mit den zwei gesessen --
-ist nicht aus dem Staunen, aus dem Schmerzgefühl herausgekommen. Ihren
-Jungen hat sie angesehen, wie man einen Menschen, den man vor Jahren
-einmal genau kannte, und der einem dann irgendwo in sehr veränderter
-Gestalt entgegentritt, vielleicht anschauen würde.
-
-Der dicke, etwas gewöhnlich aussehende Hipp mit seinem gesunden,
-naseweisen Witz stößt sie ab; er stößt sie doppelt ab, weil sie sieht,
-wie ihr Junge ganz unwissentlich seine Art anzunehmen versucht. Ernst
-hat zu Hause selten einen Witz erzählt, und wenn er es tat, so wartete
-er den Erfolg nicht ab. An diesem Abend kommt viel ungereimtes Zeug aus
-seinem Munde. Es ist, als wolle er der Mutter zeigen: ‚Sieh, was aus
-mir geworden ist, seit ich von dir fort bin!‘ Es kann aber auch sein,
-daß er sich gar nichts denkt; es kann sein, daß er in ganz jungenhafter
-Weise dem Kameraden beweisen will, daß er kein Muttersöhnchen ist.
-
-Sie weiß an diesem Abend nicht, was sie aus ihm machen soll. Sie weiß
-nur, daß sie traurig ist.
-
-Die niedrigen Fensterchen ihres Zimmerchen stehen weit offen. Kühle
-Sommerabendluft strömt zu ihr hinein. Sie sitzt auf dem roten Samtsofa
-und stützt den Kopf in die Hand.
-
-Morgen will sie noch nicht reisen; für morgen hat er sich noch einmal
-Urlaub geben lassen. Übermorgen aber hat es schon keinen Zweck mehr
-für sie, hier in der fremden Stadt zu sitzen. Was dann? Wohin soll sie
-denn?
-
-Sie hat grenzenlose Angst vor der Einsamkeit in Berlin; sie hat Angst
-vor der Wohnung, in der alles an die so kurz verflossenen Zeiten
-erinnert. Wenn sie da in ihrem Zimmerchen sitzt, wird sie ewig auf
-Ernsts Schritte lauschen; bei jedem Klingeln wird sie zusammenschrecken.
-
-Sie kann zur Großmutter fahren; die hat ihr ja gesagt, daß niemand ihr
-die Türen weiter öffnen wird, als sie und Großvater es tun. Gott, sie
-kann schließlich auch zu anderen Freunden gehen -- wenn sie fühlt, daß
-sie unter Menschen sein muß. Aber sie denkt nur an die zwei, für die
-sie in all den Jahren gelebt hat, und die ihr so plötzlich genommen
-werden.
-
-Warum -- wodurch wurden sie ihr genommen?
-
-Man vergißt den großen, allgemeinen Schmerz immer wieder über dem
-eigenen Kummer -- man liest in den Zeitungen, man denkt an jene, die
-draußen im heißen Ringen liegen, und bringt es doch immer wieder
-fertig, zu sich selbst, zum eigenen kleinen Leid zurückzukehren.
-
-Erbärmlich, daß man so ist!
-
-Sie hebt den Kopf und fühlt sich freier; tritt zum Fenster und schaut
-auf den leeren Marktplatz, der vor ihr liegt. Groß und dunkel ragt
-die Kirche auf; davor ein Gebäude mit reichgeschmückter Fassade
-und zackigem Giebel. Das wird das Rathaus sein. Links davon eine
-Rolandsstatue, steif und hager; wirft einen langen, dünnen Schatten auf
-den von Gaslaternen erleuchteten Platz. Still ist’s, der Himmel wölbt
-sich hoch und feierlich.
-
-Hin und wieder treten Menschen vor ein großes, rotes Plakat,
-das in einem schwarzen Kasten hängt, stehen eine Weile und gehen
-wieder auseinander. Die Pferdebahn rasselt mit Schellengeklirr und
-Peitschenschlag über einen Schienenstrang, der mitten über den Platz
-hinweg in ein enges Gäßchen führt. Aus den Fenstern der Häuser wehen
-Fahnen -- große und kleine, und der Sommerwind bewegt sie, daß sie sich
-hoch aufbauschen und lautlos wieder in sich selbst zusammensinken.
-
-Der Tag eines großen Sieges! Wie das am frühen Morgen in die Höhe
-gerissen hatte, um doch einen so grauen Abend folgen zu lassen!
-
-Warum war der Abend grau? Warum ist das Herz zerrissen? Weil sie
-statt eines trostbedürftigen Kindes einen lustigen, gesunden Jungen
-vorgefunden hat! Weil der Junge es fertig gebracht hat, sich ohne
-weiteres in fremde Verhältnisse einzufügen, und anfängt, sich darin
-wohl zu befinden?
-
-Das muß doch so sein -- das ist doch wunderschön, daß es so ist! sagt
-ihr Verstand, aber das Herz zuckt.
-
-Der Junge will fürs Vaterland kämpfen -- muß also ein Mann werden
-und ist auf dem besten Wege dazu. Er war vor Wochen noch weich und
-schmiegsam wie ein Kind, und heute hat sie gefühlt, daß sich etwas in
-ihm zu härten beginnt.
-
-Was kann sie Besseres wollen?
-
-Warum aber um alles in der Welt hat er ihr denn die wehmütige Karte
-geschrieben? Warum um ihren Besuch gebeten?
-
-Darauf findet sie keine rechte Antwort. Er sah doch an diesem Abend
-wirklich nicht aus, als habe er vor ganz kurzer Zeit eine schwache,
-heimwehkranke Stimmung gehabt!
-
-Er hat von seinem Pferd erzählt wie von einem guten, lieben
-alten Freund; er hat die Wachtmeister nachgeahmt und von seinen
-Schießerfolgen berichtet. Dabei haben seine Augen geleuchtet, und er
-hat mit einem Bärenhunger gegessen.
-
-Soll das alles nicht wahr sein? Soll das alles nur etwas Angenommenes,
-Aufgezwungenes sein? Und hinter der Maske steckt vielleicht doch noch
-ihr kleiner, zarter, zum Grübeln geneigter Junge -- ihr weicher Ernst?
-
-Tiefer wird das Dunkel draußen; vom Kirchturm hallen dunkle, schwere
-Glockenschläge.
-
-In diesem kleinen Städtchen kommt die Nacht früher als im großen
-Berlin. Im ganzen Hotel ist Totenstille, in allen Häusern rund um den
-Marktplatz sind die Lichter erloschen.
-
-Aus ihrem Herzen will das Weh nicht heraus. Sie ist auch nicht
-fähig, sich zur Größe aufzuraffen. Es ist ihr, als lebe sie in der
-Vergangenheit, als habe sie in einem Buch von den Geschehnissen eines
-großen, furchtbaren Krieges gelesen.
-
-Daß es jetzt -- in diesen Augenblicken, während dieser stillen Nacht
-draußen in der Welt tobt, kann sie heute nicht mehr fassen.
-
-Der Besuch bei der Großmutter -- die aufgeregte Rückfahrt, die bange,
-furchtbare Nacht, die folgte, der Abschied im grauen Kasernenhof, die
-abziehenden Massen, die Musik, die Rede, Ernsts Karte und die Fahrt
-hierher, das Wiedersehen mit ihm -- all das fließt jetzt in ihrem
-milden Kopf zu einer einzigen, schweren, traurigen Melodie zusammen.
--- --
-
-Am nächsten Morgen kommt Ernst um die Mittagszeit zur Mutter. Er hat
-ohne viel Umstände drei Stunden Urlaub erhalten, trägt wieder die
-Extrauniform und sieht auch heute wohl und männlich aus.
-
-Und doch, es ist etwas an ihm, was sie gestern vermißt hat. Eine ganz
-kleine Unsicherheit -- etwas Hilfloses -- so, als ob er gern über eine
-Sache sprechen möchte und könnte die Worte nicht finden. Er ist auch
-viel natürlicher und zärtlicher heute. Sie sitzen nebeneinander auf dem
-roten Samtsofa, und Ernsts Hand hat die der Mutter umspannt. Die Attila
-mit dem hohen Kragen zwingt ihn zu guter Haltung. Sein Kopf lehnt an
-ihrer Schulter.
-
-„Es geht dir also wirklich gut, Ernst?“ fragt sie und sieht ihm in die
-Augen, die auszuweichen versuchen.
-
-Er hat an diesem Morgen Unglück gehabt, ist zweimal über den Kopf
-seines Pferdes hinausgeflogen, und ‚Vize‘ Peters hat ihn eine volle
-Stunde nicht locker gelassen. Die Siegerstimmung vom gestrigen Tag ist
-also verflogen. Er hat geglaubt, alle Hindernisse überwunden zu haben,
-und ist in die Misere der ersten Tage zurückgeschleudert worden.
-
-Das frißt an ihm -- das hat seinen so hochgewachsenen Stolz verletzt.
-
-„Ja, es gefällt mir gut!“ sagt er zur Mutter. „Es ist natürlich eine
-furchtbare Schinderei; aber sonst ist es wirklich schön!“
-
-Aber wie er so neben der Mutter sitzt -- ganz allein mit ihr -- und wie
-sie ihm mit der Hand übers glatt geschorene Haar fährt und ihn auf die
-Stirn küßt, wird ihm weh zumute. Es ist so rauh und laut da draußen in
-der Kaserne. Man ist gar kein Mensch für sich -- man ist eine Nummer.
-Alles Gute muß man sich für Geld erkaufen. Schmiert man die alten
-Leute, so sind sie hilfreich und freundlich. Gibt man ihnen nichts, so
-fangen sie an, zu schikanieren. Man hat auch gar keine Zeit zum Denken
-oder Lesen; man verdummt ordentlich. Nicht einmal die Kriegsberichte
-erfährt man -- höchstens, wenn ein großer Sieg ist.
-
-Nein -- nein -- nein! Ernst will nicht klagen. Ernst ist zur Mutter
-gekommen mit dem festen Vorsatz, ihr alles in rosigen Farben zu
-schildern. Er fühlt sich ja auch gar nicht unglücklich; um keinen
-Preis der Welt würde er dies Leben aufgeben. Aber er ist’s nun einmal
-gewohnt, der Mutter alles, was ihn bewegt, zu sagen. Es kommt einfach
-von selbst aus seinem Mund. Er weiß selbst nicht, was er sagt.
-
-Die Mutter küßt ihn, und er legt ihr die Arme um den Hals. In ihr Herz
-zieht ein Glücksgefühl. Er ist also doch noch ihr Junge, dieser kleine
-Soldat in der bunten Uniform mit dem steifen Kragen und den hohen
-Reiterstiefeln!
-
-„Übrigens handelt sich’s ja nur um Wochen, die wir hier in der Kaserne
-auszuhalten haben!“ sagte er dann viel froher und richtet sich auf.
-„Wenn wir erst im Feld sind -- -- hat die Schinderei von selbst ein
-Ende.“
-
-Da kommt ihr das ganze Furchtbare der heutigen Zeit wieder zum
-Bewußtsein. Diese blutjungen Menschen, die sich hier drillen lassen,
-haben die höchste Mission, die ein Mensch haben kann -- sie werden mit
-all den Abertausenden, die schon draußen sind, fürs bedrängte Vaterland
-kämpfen, sie ziehen hinaus, um Blut und Leben hinzugeben, um sich
-vielleicht zum Krüppel schießen zu lassen.
-
-Sie sieht ihren kleinen Ernst an. Weiß so ein Junge wohl, was er
-zu tun im Begriffe ist? Weiß er, was seiner harren kann? Sie weint
-plötzlich auf.
-
-„Was hast du, Mutter?“ Er ist ganz außer sich, er glaubt ihr durch
-seine Klagen das Herz schwer gemacht zu haben.
-
-„Es ist wirklich nicht schlimm, Mutter. Im Gegenteil, es ist eigentlich
-sehr schön. Man muß nur erst sicher auf seinem Gaul sein. Ich hab’ doch
-auch noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen.“
-
-„Es ist nicht deshalb, Ernst.“
-
-„Was denn sonst?“ Er legt ihr den Arm um die Schulter und ist gut und
-zärtlich, wie er es früher gewesen ist.
-
-„Ich möchte bei dir bleiben. Die paar Wochen, die du noch hier bist,
-möchte ich in deiner Nähe sein!“
-
-„Das geht nicht!“ sagte er fast hart, denkt dann einen Augenblick nach,
-und das Mitleid steigt in ihm auf.
-
-„Ich bekomme ja gar nicht so viel Urlaub, und von der Kaserne ist’s
-eine halbe Stunde bis zum Hotel.“
-
-Sie sagt nichts mehr. Vom Kirchturm schlägt die Glocke. Ein Uhr. Der
-kleine Husar ist hungrig. Früher hat er sich gern ein paarmal zum Essen
-rufen lassen; jetzt ist er es, der drängt, in den Speisesaal zu gehen.
-
-Am ersten Tisch sitzt der alte Infanterieoberst, den Hiller nun schon
-kennt; vor dem macht er Front -- grüßt noch nach zwei anderen Tischen
-hin und sitzt dann mit der Mutter in einer Nische.
-
-Nun ist er wieder der, der ihr in den paar kurzen Wochen völlig
-entwachsen ist, von dem sie sich gar nicht vorstellen kann, daß er noch
-vor ganz kurzer Zeit mit seinen Büchern unterm Arm zur Schule schob.
-Ein ganz fertiger Mensch ist er, wie er so hier in seiner Uniform bei
-ihr sitzt. Er ißt mit demselben famosen Appetit, mit dem er gestern
-abend gegessen hat, und erzählt lauter lustige Dinge.
-
-Sie sucht sich ihm anzupassen, auf seine Scherze einzugehen, aber das
-Weh im Herzen will nicht weichen. Heute abend oder morgen früh fährt
-sie fort von ihm. Er wird es kaum empfinden. Vielleicht, wenn wieder
-einmal eine schwache Stunde über ihn kommt, wird er ihr ein wenig
-zärtlich schreiben, wird um ihren Besuch bitten. Wie furchtbar schnell
-wird eine Mutter überflüssig für ihr Kind!
-
-Sie denkt an die eigene Vergangenheit. Hat sie’s anders gemacht? Hat
-sie an der Mutter Trauer gedacht, als sie dem Mann, dem man sie nur
-ungern gab, folgte?
-
-Das Herz rebelliert. Ihre Mutter hatte damals doch noch andere
-Kinder und hatte den Mann; hatte den großen Haushalt, in den sie
-hineingehörte! Sie hat aber nichts außer dem Jungen -- sie hat alles
-hergeben müssen, was sie besaß.
-
-„Iß doch, Mutter!“ sagt er, als er sieht, daß sie nichts anrührt.
-Er trinkt den Wein, den sie kommen ließ, und sie staunt wieder. Ist
-er immer so gewesen? So sicher in seinen Bewegungen? So groß? So
-selbstbewußt -- -- oder macht das alles nur die Uniform?
-
-Sie hat das Gefühl, ihn zu langweilen, weil sie nichts zu sprechen
-vermag. Sie kommt aus dem inneren Staunen, aus der Erschütterung nicht
-heraus. Bleich sitzt sie und denkt an das „Morgen“, das wie eine große,
-graue Wüste vor ihr liegt.
-
-Gleich nach Tisch wird der Junge von Unruhe gepackt, er will doch
-lieber einmal zur Kaserne zurück. Er hat zwar den bescheinigten
-Urlaub, aber er möchte doch nichts versäumen.
-
-„Du bleibst doch heute abend noch, Mutter!“ Und sie nickt, ohne an eine
-bestimmte Antwort zu denken.
-
-Um fünf Uhr ist er wieder bei ihr und hat den belebten Zug im Gesicht,
-der ihm zu eigen ist, wenn er etwas Gutes zu künden hat.
-
-„In acht Tagen müssen wir den Fahneneid leisten. Dazu kommen viele
-Eltern angereist, und weil du doch sagtest, daß du gern bleiben
-möchtest, habe ich einen Plan!“
-
-Es war seltsam, wie sehr sie in der kurzen Zeit der Ereignisse ihre
-Rollen getauscht hatten. Bisher war sie es gewesen, die ihm mit
-irgendeinem Vorschlag eine Freude zu bereiten pflegte; heute lag es in
-seiner Hand, sie froh oder traurig zu machen.
-
-„Nämlich den Plan, Mutter, daß du vielleicht doch bleiben könntest. Es
-hat nur keinen Zweck, daß du so weit von der Kaserne entfernt wohnst.
-Hipp hat gesagt, gleich gegenüber bei uns vermieten ein paar Frauen an
-Einjährige, und die hätten ihre Zimmer jetzt leerstehen.“
-
-Er hat wenig Zeit, er will einen schnellen Entschluß.
-
-„Wenn du also willst, kannst du da wohnen.“
-
-Sie begreift das nicht so schnell, aber er drängt.
-
-„Es soll wirklich ganz nett da sein, also komm! Ich hab’ nicht viel
-Zeit!“
-
-Dann gehen sie durchs Tor heraus die lange Straße hin, die zur
-Kaserne führt, und Ernst erzählt, mit welchen Gefühlen er diesen Weg
-zum erstenmal gegangen ist. Und wie er sich diese Angst von damals
-zurückruft, fühlt er wieder Stolz und Freude über das, was bis jetzt
-schon gewonnen ist, in sich aufsteigen.
-
-Kurz vor der Kaserne verabschiedet er sich von der Mutter, zeigt ihr
-das Haus, in dem die Wohnungen zu haben sein sollen, macht vor einem
-Vorgesetzten Front und biegt schlank und elastisch am Posten vorbei ins
-Kasernentor ein.
-
-Die Mutter blickt ihm nach; jetzt ist er wieder das, was sie noch nicht
-begreifen kann! Es ist ihr wieder, als sei das gar nicht ihr Junge, als
-sei die ganze Welt, so wie sie jetzt ist, eine Unwahrscheinlichkeit,
-ein Traum. Wenn man aus diesem schweren Schlaf erwacht, wird die alte
-Wirklichkeit wieder da sein.
-
-In Gedanken verloren betritt sie das Haus, das der Junge ihr gezeigt
-hat, geht durch einen schmalen Steinflur, eine graue Steintreppe
-hinauf und wird von einem kleinen, zotteligen, grauweißen Köter heftig
-angebellt.
-
-„Mirza,“ ruft eine Frauenstimme, „Mirza, bist du denn ganz des
-Teufels!“ Eine Frau tritt aus einer der braungestrichenen Türen, die
-in den kleinen Flur münden, heraus. Sie sieht die fremde Dame erstaunt
-an, und die fragt fast schüchtern, ob es richtig sei, daß hier Zimmer
-vermietet würden.
-
-Die Frau antwortet nicht gleich, und aus der Tür tritt eine zweite
-weibliche Person -- nach der Ähnlichkeit zu urteilen, die Tochter. Aber
-sie ist schlank und von angenehmem Äußeren.
-
-„Zu gewöhnlichen Zeiten vermieten wir an Einjährige!“ sagt die Frau.
-„Aber jetzt ist ja alles auf den Kopf gestellt. Für wen suchen Sie denn
-Wohnung?“
-
-„Ich möchte selbst ein paar Tage hier draußen wohnen. Mein Junge ist
-drüben in der Kaserne.“
-
-„Ein paar Tage?“ Die Frau denkt nach. „Für ein paar Tage, das lohnt ja
-gar nicht, was soll ich Ihnen da berechnen?“
-
-„Es kann ja auch etwas länger werden. Sagen wir, ich bezahle Ihnen für
-vierzehn Tage, ist Ihnen das recht?“
-
-Die Tochter ist rot geworden.
-
-„Natürlich,“ sagt sie mit einer gewissen scheuen Liebenswürdigkeit.
-„Es geht auch für ein paar Tage.“ Und die beiden Frauen nehmen sie in
-die Mitte und führen sie in ein nettes Wohnzimmer, an das sich ein
-Schlafzimmerchen anschließt. Die Nachmittagssonne fällt durch die
-steifen Falten der dunkelgelben Gardine und läßt alles sehr einladend
-erscheinen.
-
-„Diese zwei Zimmer gehören zusammen; die können sie haben!“
-
-Über den Preis ist man schnell einig; die Tochter ist sehr freundlich
-und schmiegsam und hat im Augenblick das Herz der Frau, die recht
-heimatlos hierhergekommen ist, gewonnen. Sie erbietet sich auch, die
-Sachen aus dem Hotel zu holen, und ihre Mutter steht indes mit in die
-Hüfte gestützten Händen in der Tür und sieht sich die unerwartete
-Hausgenossin an.
-
-„Schwere Zeiten!“ sagt sie dann und tritt an den Tisch heran. „Sonst,
-wenn ein Mieter kam, wußte man: der bleibt nun für ein ganzes Jahr!
-Jetzt nimmt man, was man bekommen kann, nur damit am Ersten die Miete
-vollzählig ist. Aber über solche Kleinigkeiten darf man in dieser Zeit
-ja gar nicht reden. Man hört jetzt jeden Tag so viel Entsetzliches.
-Drüben beim Regimentssattler ist schon ein Sohn gefallen, und die
-Mutter, die ein Herzleiden hat, weiß es noch gar nicht. Und oben beim
-Stabstrompeter ist die Frau guter Hoffnung und hat noch keine Nachricht
-vom Mann, seitdem er ausgerückt ist!“
-
-Die Frau geht hinaus und läßt die neue Bewohnerin allein, und die
-sitzt nun am Fenster und schaut hinüber auf die langgestreckten, roten
-Gebäude der Husarenkaserne, in denen sich ihres Jungen Leben abspielt.
-Es tut ihr wohl, so nahe bei ihm weilen zu dürfen, auch wenn er nicht
-oft bei ihr sein kann.
-
-In dem Zimmer, in dem sie sitzt, ist alles etwas kleinbürgerlich
-aufgeputzt. In Berlin hat sich selbst der, der über keine großen Mittel
-verfügt, von allen Geschmacklosigkeiten freigemacht. Man lebt lieber
-in einer Umgebung ohne Schmuck, als zwischen billigem Tand. Aber die
-kleinen, unzähligen Figuren, die hier auf dem Vertiko stehen, die
-Porzellan-, Glas- und Metallsachen, die Vasen, auf der Spiegelkonsole,
-die grellgrüne Samtdecke auf dem Tisch, all das tut hier dem Auge
-nicht weh. Es ist unsäglich behaglich -- es ist treu und gut in diesem
-Zimmer, man fühlt, daß man bei Menschen ist, die ein Herz haben, die
-einen nicht in ganz trostlose Einsamkeit versinken lassen werden.
-
-Mirza, der wüste kleine Hund, drängt sich an die Kleider der neuen
-Bewohnerin; er sieht sie aus feuchten, dunklen Augen an, und sie fühlt,
-daß sie auch Mirza gern dulden wird.
-
-Die Frau bringt ungefragt eine Tasse Kaffee herein, und draußen zieht
-ein leiser Dämmer nach dem anderen vom Himmel herab. Die liebenswürdige
-Tochter kommt zurück und fängt an, das Schlafzimmer für die Nacht
-vorzubereiten.
-
-Frau Hiller ist es, als sei all das, was hier um sie herum ist, nichts
-Neues, als sei es etwas längst Bekanntes. Es gibt Menschen, denen man
-gut sein kann, ohne zu wissen, was sie sind und wie sie sind. Man
-braucht keine Brücken zu ihnen, man kennt sie gleich und fühlt sich
-wohl bei ihnen. Diese sympathische Tochter und die mitteilsame Mutter
-können nicht anders als gut und wohlwollend und hilfsbereit sein. Man
-fühlt das und ist glücklich und dankbar.
-
-Am Abend kommt der kleine Husar, um zu sehen, ob die Mutter wirklich
-gemietet hat. Er schaut sie ganz erstaunt an, weil sie schon so
-behaglich dasitzt. Die Frau und die Tochter kommen herein und sehen
-sich den jungen Freiwilligen an.
-
-„Noch ein bißchen schmal über der Brust! Aber das macht nichts. Wenn
-ein Jahr vorüber ist, wird er ganz anders aussehen.“
-
-Dann fällt ihr plötzlich wieder ein, daß man nicht in normalen Zeiten
-lebt, und sie schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Man vergißt
-immer wieder, daß Krieg ist, daß alles ganz anders geworden ist,“ sagt
-sie trostlos. „Das kommt, weil wir ja sonst gewohnt sind, die jungen
-Leute für ein ganzes Jahr zu haben. Jetzt mag man sich gar nicht
-ausdenken, was über ein Jahr sein wird.“
-
-Der kleine Hiller sieht ihr belustigt nach, als sie geht.
-
-„Glaubst du, daß es dir hier gefallen wird?“ fragt er die Mutter.
-
-„Ja,“ sagt sie, und sagt es aus sehr freiem und frohem Herzen.
-
-Das Gefühl der Heimatlosigkeit ist fort; sie wird ein paar gute Tage
-hier haben, bevor die große, dumpfe Einsamkeit kommt.
-
-Der Junge setzt sich dicht zu ihr heran und erzählt allerlei aus der
-Kaserne. Fräulein Else, die Tochter, deckt den Tisch, denn die beiden
-Frauen haben sich entschlossen, ihren Gast in volle Pension zu nehmen.
-Mutter und Sohn sitzen an diesem Abend genau so traulich beisammen, wie
-sie es all die Jahre hindurch in Berlin gewohnt waren.
-
- * * * * *
-
-Die Großmutter schreibt einen Brief:
-
-‚Das solltest Du nicht tun, Maria, Dich zu dem Jungen in die Garnison
-setzen. Das ist eine unnötige Qual für Euch beide. Auseinander müßt
-Ihr doch, so wie jede Familie jetzt auseinandergerissen wird. Also,
-wozu dies Hängen und Würgen! Sei vernünftig und laß den Jungen sich
-entwickeln, wie er sich entwickeln muß. Groß sind die Zeiten, und groß
-müssen die Menschen, die in ihr leben, sein. Also sei mutig -- mach’
-Dein Herz stark und nimm Abschied von ihm, wie tausend und aber tausend
-Mütter es jetzt tun.‘
-
-Der Brief tut weh, denn er zerreißt eine schöne, gute Stimmung. Sie
-haben sich wieder ganz ineinander gefunden, die beiden, die sich nie
-voneinander getrennt hatten. Die Natur, das Blut reden eine starke
-Stimme. Der Junge sagte kurzweg: ‚Ach, gräm’ dich nicht! Es ist schön
-und gut, daß du hier bist!‘
-
-Er sagt das lieb und herzlich, sieht aber dabei nicht ganz gerade in
-der Mutter Gesicht.
-
-Sie schiebt den Brief beiseite und genießt einen guten Abend. Arm in
-Arm geht sie mit ihrem Jungen einen schmalen, dunklen Weg entlang, der
-gleich hinter der Kaserne herführt. Er hat ihr den Arm geboten und
-führt sie gut und behutsam. Vom Himmel leuchten zahllose Sterne; warm
-ist die Luft und geschwängert von einem süßen Duft, der aus großen
-Gartenanlagen herüberströmt.
-
-Sie gehen langsam über weichen Sand. Zur Linken fließt der Fluß,
-nicht breiter als ein kleiner Bach; er fließt flink und plätschernd,
-und man hört in der Stille ein leises Glucksen. Hoch und dunkel
-ragen die Pappeln, die zur Seite stehen, auf. Zur Rechten sind weite
-Felder. Alles still und traulich. So ein namenloser Friede liegt hier
-ausgebreitet, daß man seine Gedanken mit Gewalt dazu bringen muß, an
-die furchtbare Disharmonie draußen in der Welt zu glauben.
-
-Pärchen huschen an ihnen vorbei; grau-gelbe Husaren, in deren Arm sich
-ein Mädchen schmiegt. Der kleine Hiller stutzt jedesmal, wenn er eines
-sieht, und geht mit seiner Mutter dahin, als seien sie selbst ein
-glückliches Paar.
-
-Es ist so eine zärtliche Stimmung in der Natur. Vom Himmel zittert ein
-Mondstreif auf die Erde herab. Der Herbst steht vor der Tür und war
-schon einmal durchgebrochen. An diesem Abend aber ist’s wieder Sommer.
-Warm und schmeichelnd streicht die Luft übers Gesicht der beiden. Der
-kleine Hiller hat für jeden Abend einen ganzen Sack von kleinen und
-großen Neuigkeiten, die der Tag brachte, für die Mutter bereit.
-
-Ihm ist die Erlaubnis erteilt worden, die Abende bis neun Uhr
-außerhalb der Kaserne zu sein; und obwohl die Kameraden und besonders
-Hipp ihn ein klein wenig mit dem Besuch der Mutter necken, sitzt er
-Abend für Abend bei ihr in der netten, kleinen Wohnung, die die
-Wachtmeisterswitwe Böhler ihr vermietet hat.
-
-Es tut wohl, sich in einer richtigen Stube aufzuhalten, wenn man den
-ganzen Tag im Stall, im Kasernenhof und draußen auf dem Exerzierplatz
-gewesen ist. Solange er dies Behagen nicht haben konnte, hat er’s nicht
-entbehrt. Nun, da es ihm geboten ist, genießt er es mit großer Freude.
-
-Er fühlt es nicht, daß ihm ein wenig von dem Schneid, der im Anfang
-über ihn gekommen war, verloren ging. In die Augen ist wieder das
-Dunkelträumerische gekommen. Am Tag beim Dienst ist er bei der Sache,
-aber ‚Vize‘ Peters hat ihm nie wieder ein Lob zuteil werden lassen.
-Seine Seele hat allerlei durchzumachen in dieser Zeit. Er schwankt
-zwischen der Selbständigkeit und Unabhängigkeit und dem jungenhaften
-Sichgehenlassen bei der Mutter.
-
-Dazu kommen allerlei Wünsche und Gedanken, von denen er früher
-nichts wußte. Sieht er die Liebespärchen am dunklen Flußweg an sich
-vorüberwandern, so wird ihm süßweh ums Herz. Ganz unwillkürlich drückt
-er dann den Arm der Mutter fester an sich und erschrickt dabei.
-
-Nie im Leben hat er so viel von Liebe und Mädchen und Küssen singen und
-reden hören, als seit diesen paar Wochen in der Kaserne. Hipp kennt
-überhaupt kein anderes Gesprächsthema; aber der spricht nicht mehr von
-der kleinen Blonden in Berlin, der er treu bleiben wollte, sondern der
-hat entdeckt, daß es auch hier in der kleinen altmärkischen Garnison
-hübsche, zutunliche Mädchen gibt, und schwankt zwischen zweien, die er
-auf seinem Sonntagsurlaub kennenlernte.
-
-Für den kleinen Hiller aber sind die Mädchen immer noch wie Blumen, die
-in einem fernen Garten blühen, den man nicht betreten darf. Er denkt
-wohl an das Hannchen vom Abiturientenkneipabend, und er ist traurig,
-wenn er daran denkt. Damals hatte eine Blume sich ihm zugeneigt, und
-er ist erschrocken davor geflohen. Heute hat er die dunkle Sehnsucht,
-die ihn quält, von der er an jenem Abend noch nichts wußte. Er kann von
-allem zur Mutter reden, aber von dem, was seine Seele jetzt am meisten
-belastet, kann er nichts sagen. Sie gehen stumm nebeneinander her,
-immer den stillen Pappelweg am Fluß auf und nieder.
-
-Die Mutter sieht ins Weite. Ihre Gedanken gehören jetzt nicht dem
-Jungen, an dessen Arm sie geht. Ihre Gedanken irren in fremdes,
-unbekanntes Land. Sie suchen und suchen vergebens! Auch ihre Seele ist
-belastet. Sie möchte sich befreien und vermag es nicht. Seit Jahren
-ist ihr Blick getrübt; seit Jahren geht sie einen Weg, der in die Irre
-führt. Sie hat auch immer das volle Bewußtsein davon gehabt, hat sich
-in Irren und Wirrnissen befunden, hat gekämpft und mit sich selbst
-gerungen. Aber ihr Leben ist einsam.
-
-Sie weiß, daß es für sie nur durch die zwei Menschen, die jetzt vom
-Vaterland gefordert werden, Inhalt und Zweck gehabt hat. Sie weiß, daß
-sie in einer Woche oder zwei nach Berlin zurückkehren muß. Sie schmiegt
-sich eng in den Arm ihres Jungen -- sie sucht Schutz und Halt bei ihm.
-
-Der kleine Husar sieht ihr ins Gesicht. Er sagt und fragt nichts, aber
-er drückt ihre Hand, so als wollte er ihr durch dies stumme Zeichen
-sagen: „Ich verstehe dich -- ich weiß alles, aber ich kann dir nicht
-helfen!“
-
-Dann fängt er vom heutigen Reiten zu erzählen an. Hipp ist natürlich
-wieder ein paar Male vom Pferd gesaust, und ‚Vize‘ hat ihm gesagt,
-er solle sich zur Infanterie scheren. Mit einem Gaul würde er doch
-nie fertig, und sein Buckel sei breit genug, um einen Tornister zu
-tragen. Hipp aber habe natürlich sein unschuldigstes Gesicht gemacht
-und nachher dem wütenden ‚Vize‘ nachgeäfft. Und wie er so recht ins
-Erzählen über Hipp gekommen ist, stutzt er plötzlich und muss sich
-Gewalt antun, um einen Schrei zu unterdrücken.
-
-Drüben, auf der anderen Seite des Pappelweges, gehen zwei im Dunkeln.
-Aber der Mond ist doch hell genug, um die Umrisse ihrer Gestalten
-erkennbar zu machen. Das kann kein Anderer als Hipp sein, der da, eng
-an ein Mädchen geschmiegt, im Dunkeln hinwandelt. Jetzt bleiben sie
-stehen, und Hipp küßt das weiße Gesicht, das vom bleichen Mondschein
-beleuchtet wird. Wie entgeistert sieht Hiller zu den beiden hin. In
-seinem Herzen beginnt es zu toben. Er fühlt plötzlich einen Haß gegen
-Hipp. Wie kommt es, daß dem das Glück in den Schoß fällt, während er
-sich mit seiner Sehnsucht plagt?
-
-Er hat oft gelesen, daß es unschöne Menschen gibt, die ihres guten
-und vornehmen Wesens wegen vom weiblichen Geschlecht weit höher
-eingeschätzt werden als die gut aussehenden. Aber Hipps Charakter
-ist nichts weniger als gut und vornehm. Er ist ein echter Berliner
-Junge, der sich die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. Er hat einen
-reichen Vater und weiß den Wert des Geldes zu schätzen. Er ist nur da
-freigebig, wo er sich einen Vorteil davon verspricht. Er ist dumm, in
-allem, was Wissenschaft anbetrifft, aber daneben ist er das, was der
-Berliner ‚hell‘ nennt, in höchstem Maße. Er hält die Leute zum besten;
-er spielt mit ihnen und macht sich über sie lustig.
-
-Nein, Hipp ist kein guter, ist nicht einmal ein anständiger Mensch,
-und Hiller kann und kann es nicht begreifen, daß ein Mädchen Liebe für
-Hipp empfindet. Er kämpft mit sich, denn er hat das Gefühl, zu den
-beiden hinüberlaufen, das Mädchen aus Hipps Armen reißen und ihr sagen
-zu müssen: ‚Glaub’ ihm nicht! Er spielt nur mit dir, und morgen in der
-Kaserne wird er über dich ulken, so wie er es über die, die in Berlin
-sitzt und ihm jeden Tag einen Brief schreibt, tut!‘
-
-In Hiller kommt ganz plötzlich der Kavalier zum Vorschein; er muß das
-Mädchen schützen. Es verträgt sich nicht mit seiner Ehre, wenn er es
-geschehen läßt, daß Hipp diesem armen Geschöpf etwas vorlügt.
-
-Es packt ihn wie ein Krampf. Die Hand, die er frei hat, umspannt den
-Säbel. Ganz instinktiv tut sie das; er möchte den Kerl da drüben
-niederstechen.
-
-Die Mutter fühlt erst jetzt, daß irgend etwas in ihrem Jungen vorgeht.
-Sie weiß nicht, warum, aber ihre Hand umfaßt sein Handgelenk.
-
-„Hast du irgend etwas, Ernst?“ Da fällt ihm die Hand schlaff herab. Er
-sieht sehr bleich aus und kann nicht antworten. Sein Gesicht ist wie
-verzerrt.
-
-Die Mutter blickt um sich. Was kann es sein, was ihren Jungen
-erschreckt hat? Still und einsam ist es um sie her; die Wasser glucksen
-auf, und ein ganz leiser Wind streicht durch die Pappeln. Drüben im
-Dunkeln gewahrt sie die Umrisse eines Pärchens.
-
-„Komm weiter!“ sagt der kleine Husar, und nach einer kleinen Weile
-atmet er erleichtert auf. Nun ist es vorüber. Der Zorn über Hipp ist
-schon verraucht -- nur ein kleiner Neid sitzt ihm noch im Herzen.
-Dann erzählt er der Mutter im alten, kindlichen Vertrauen, was er von
-Hipp und dessen Liebesgeschichten weiß. Ohne es zu wollen, spricht er
-gereizt, spricht er so, wie einer, dem Schmerz und Eifersucht am Herzen
-fressen. Die Mutter erschrickt.
-
-Das hat sie nicht geahnt, daß so etwas in die junge Seele Einzug
-gehalten hat. So spricht nur einer, der das Leben einmal furchtbar
-ernst nehmen wird, dem das, was den anderen zur Unterhaltung und zum
-Vergnügen dient, eine Quelle des Schmerzes werden wird.
-
-In seinen Augen glimmt es von Leidenschaft. Er leidet um das Weib, ehe
-er ihm nahe gekommen ist. Er wird suchen, was nicht zu finden ist. Er
-trägt schon jetzt das Ideal eines Weibes im Herzen, und vom erstbesten
-Mädchen, das ihm einmal in den Weg läuft, wird er das verlangen, was
-nur eine Frau, die selbst von seiner Art ist, zu geben vermag. Er tut
-ihr leid; sie fühlt sich schuldig ihm gegenüber. Wenn er ein Herz hat,
-das durch große Qualen gehen, das namenlosen Jammer in sich tragen
-wird, so hat er es von ihr. Das ist ein trauriges Vermächtnis, das ist
-schlimmer, als wenn er die heftige, aber tatkräftige Art vom Vater
-geerbt hätte.
-
-Dann fährt Hiller sich mit der Hand über die Stirn, als ob er etwas
-fortstreichen möchte, und wie ein ganz Gereifter spricht er jetzt:
-„Es ist Blödsinn, ja, es ist frivol, jetzt so viel an sich selbst zu
-denken. Sieh mal, wer weiß denn, wie es in ein paar Monaten aussieht!
-Gerade Hipp sagt jeden Tag: ‚Pass’ mal auf, ich werde zuerst ins Gras
-beißen müssen, weil ich eine so große Angriffsfläche biete.‘ Und wenn
-man die Sache so auffaßt, hat er ja eigentlich nicht unrecht, wenn
-er sein Leben jetzt noch genießt. Man sollte überhaupt nicht so viel
-nachdenken. Wer zuviel denkt, kann nicht forsch sein. Und forsch sein,
-bedeutet doch heute alles. Überhaupt, Mutter, ich will dir sagen, seit
-dieser Krieg ausgebrochen ist, pfeife ich eigentlich auf alles, was sie
-uns all die Jahre in der Schule beigebracht haben. All das, was sie
-Kultur nennen, ist ja doch nur leerer Tand, wenn eine solche Zeit wie
-die jetzige kommt. Jetzt sind wir doch wieder genau so weit, wie es
-die Menschen vor ein paar Jahrhunderten waren. Nun heißt’s: Wer kann
-dreinhauen? Wer hat am meisten Courage und am wenigsten Gemüt, denn
-mit Gemüt und Herz kann man keine Schlachten schlagen. Und wenn ich
-jetzt über Großmutter nachdenke, die immer gepredigt hat: ‚Tu ihn ins
-Kadettenkorps; Offizier ist der einzig wirkliche Beruf!‘ dann kann ich
-ihr im Grunde nicht mehr so unrecht geben. Von mir sagt ‚Vize‘ fast
-jeden Tag: ‚Mensch, du bist auch einer von denen, die das Verrückteste
-und Verstiegenste begreifen würden, aber was Vernünftiges, Klares und
-Einfaches kriegst du nicht in deinen Döskopp!‘ Und das ist ganz richtig
-von ihm ausgedrückt. Das Einfache hat einen überhaupt nicht mehr
-interessiert; ein Buch, das einem keine Rätsel aufgab, legte man zur
-Seite. Und wenn so ein Wachtmeister einem heut in der einfachsten Weise
-was klar machen will, dann muß man den Kopf ordentlich zwingen, das
-so aufzufassen, wie es gemeint ist, und nicht irgendeinen verborgenen
-Sinn dahinter zu suchen. Ich wünsche mir jetzt oft, ich hätte nicht
-mehr als das Allernötigste gelernt; ich wünsche, ich wäre einer von den
-Bauernjungen aus unserer Stube, die überhaupt über nichts nachdenken!“
-
-Er bringt all das in heftigem Ton hervor, so, als wolle er mit Gewalt
-etwas, was ihn quälte, übertönen.
-
-„Hipp ist nicht anständig und aufrichtig!“ sagt er noch. „Er erzählt
-in der Kaserne von einem Mädchen in Berlin und läuft hier mit einer
-anderen herum. Ich begreife so etwas nicht!“
-
-Die Welt ist plötzlich dunkel geworden. Der Mond ist von Wolken
-überdeckt. Das Pärchen auf der anderen Seite ist von der Dunkelheit
-verschlungen. Durch das Laub der Pappelbäume fährt ein rauher Wind, und
-das leise, friedliche Glucksen des Flusses wird übertönt.
-
-Auch in die Seele der Mutter des Jungen ist ein Windstoß gefahren. Sie
-kann jetzt auf das, was er ihr noch sagt, nichts erwidern. Stumm, fast
-willenlos, geht sie an seinem Arm dahin -- und der kleine Husar kommt
-weiter ins Philosophieren hinein.
-
-„Aber schließlich, wenn die ganze Welt sich als roh und egoistisch
-erweist, warum soll da der einzelne anders sein? Geradezu lächerlich!
-Wer anders ist als Hipp und seinesgleichen, ist ein Narr!“
-
-Das letzte stößt er leidenschaftlich, fast bös heraus. „Ich will nicht
-zu den Narren gehören!“ Er stampft mit dem Fuß auf und will zu neuer
-verbitterter Rede ausholen, da trägt der Wind einen lustigen Klang zu
-ihnen herüber. Von der Kaserne her tönt ein Trompetensignal. Hiller
-beschleunigt die Schritte.
-
-„Du bist so still, Mutter. Du bist mir doch nicht böse?“ fragt er sanft
-und sucht ihr ins Gesicht zu blicken. „Ich ärgere mich nur immer so
-furchtbar, Mutter, wenn ich sehe, wie andere ihr Leben genießen und
-überall zugreifen, wo es was zu holen gibt. Nicht darüber, daß die sich
-das Leben schön und vergnügt machen, ärgere ich mich, sondern darüber,
-daß ich ein Esel bin, daß ich nicht auch so sein kann, wie sie!“
-
-„Du wirst noch vieles lernen, Ernst!“ sagt sie. „Und du wirst auch
-lernen, daß nicht die, die überall zugreifen, die wirklich Glücklichen
-sind!“
-
-Sie kommen auf die breite Chaussee, an der die Kaserne liegt, zurück.
-Hier ist es hell, und die Husaren strömen dem Kasernentor zu.
-
-Hiller bringt seine Mutter noch bis in den Flur ihres Hauses, küßt sie
-und sagt, um das Vorangegangene gutzumachen: „Es war ja alles Blödsinn,
-was ich da gesagt habe, Mutter!“ Küßt sie noch einmal und läßt die Tür
-hinter sich zufliegen.
-
-Frau Hiller geht langsam über den grauen Steinflur. Stufe um Stufe geht
-sie die Treppe hinan wie eine alte Frau, der das Gehen schwer fällt.
-Ist sie plötzlich alt geworden? Es ist ihr, als habe ihr jemand eine
-Last aufgebürdet, die zu schwer für ihre Schultern ist.
-
-Oben im Flur steht das sympathische Fräulein Else und spielt mit
-Mirza, dem wenig appetitlich aussehenden Pintscher. Sie spricht zu
-ihm, wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kind sprechen würde: „Lieb sein,
-Mirzachen! Da, geh’ zu Frauchen; die ist gut!“ Der Hund springt an Frau
-Hiller in die Höhe, und seine nasse Schnauze berührt ihre Hand. Das ist
-ihr nicht angenehm, aber sie bringt es nicht über sich, das Mädchen,
-das den Hund so zärtlich liebt, zu kränken. Sie streicht ihm übers Fell
-und geht mit Fräulein Else in die Küche.
-
-Auf einem kleinen Schrank stehen die Lampen, die in die einzelnen
-Zimmer gehören, und Fräulein Else nimmt den Schirm von der
-größten herab und läßt ein Streichholz aufflammen. Da kommt die
-Wachtmeisterswitwe durch den Flur, und ein Geräusch dringt in die
-Küche, halb Seufzen, halb Schluchzen. Das Streichholz fällt Fräulein
-Else aus der Hand und sie läuft der Mutter entgegen.
-
-Frau Hiller bleibt allein in der durch ein winziges Lämpchen
-beleuchteten Küche, die mehr Wohnzimmer als Küche ist, zurück.
-
-Dem großen, altmodischen Herd gegenüber steht ein mächtiges, braunrotes
-Sofa, auf dem gut drei erwachsene Personen Platz haben. Davor ein
-ovaler Tisch mit rotgewürfelter Decke darauf. Neben dem Küchenschrank
-eine altmodische Kommode mit hohem Pfeilerspiegel darüber, und in einer
-Ecke ein Schaukelstuhl aus Rohr. Aus dem Herd, dem eine Grude angebaut
-ist, strömt ein lieblicher Duft von gebratenen Äpfeln. Es ist sehr
-traulich in der halbdunklen Küche, und Frau Hiller, die sich nicht auf
-den Flur, auf dem die beiden Frauen stehen, herauswagt, schaut in die
-Glut der verglimmenden Kohlen.
-
-Draußen hört sie nun viele Stimmen. Die Frauen vom Nebenflur und
-die von oben und unten aus dem Hause sind im schmalen, dunklen Flur
-hier zusammengeströmt. Sie sprechen erregt. Man kann ihre Worte
-nicht verstehen; nur so viel hört man, daß etwas Entsetzliches sich
-zugetragen haben muß.
-
-Dann dringen sie in die Küche ein und scharen sich um Frau Hiller.
-Natürlich wissen sie alle längst alles, was über den neuen Hausgast
-zu erfahren war. Bisher sind sie ihr ein wenig scheu aus dem Wege
-gegangen; nun aber stehen sie plötzlich um sie herum, als seien sie
-alte, gute Bekannte.
-
-Die Wachtmeisterswitwe sagt unter Schluchzen: „Nun ist die Gewißheit
-da, gnädige Frau. Der Trompeter von oben ist tot. Und nicht mal
-richtig gefallen soll er sein, sondern in Belgien meuchlings ermordet!“
-
-Fräulein Else hat die große Lampe angezündet, und die Augen all der
-Frauen sehen in Frau Hillers Gesicht.
-
-Die hat eine Sekunde lang die Hand über die Augen gelegt.
-
-Fräulein Else liegt in einer Ecke des Sofas und hat den Kopf in die
-Arme geworfen. Sie weint laut und schmerzlich auf -- sie weint so, wie
-nur eine weinen kann, die selbst um jemand bangt!
-
-„Und oben liegt die Frau und erwartet jeden Tag das Kind. Wer bringt
-ihr nur das bei?“
-
-Die Wachtmeisterswitwe sagt in bestimmtem Ton: „Laßt erst das Kind da
-sein; vorher erfährt sie’s nicht!“ Die Frauen schweigen dazu und sind
-einverstanden.
-
-Frau Hiller steht neben dem weinenden Mädchen und möchte am liebsten
-mit ihr weinen. Sie streicht ihr übers Haar, und die Frauen um sie
-herum beginnen wieder zu sprechen.
-
-Fräulein Else weint und kann sich nicht beruhigen; die leidet wirklich
-und leidet furchtbar schwer. Frau Hiller möchte wissen, um wen sie
-leidet, aber sie mag sie nicht fragen.
-
-Leise gleitet sie aus dem Kreis der Frauen hinaus; in ihrem netten
-Wohnzimmer zittert ein Mondstrahl über Boden und Wand. Drüben liegt
-schwer und dunkel die Kaserne und wirft große, schwarze Schatten um
-sich.
-
-Die Wachtmeistersfrau tritt mit der großen Lampe zu ihr ins Zimmer,
-und Frau Hiller fragt, ohne es eigentlich zu wollen: „Warum weint Ihre
-Tochter so sehr? Ist sie verlobt?“
-
-Die Frau sieht sie groß an. „Nein -- die ist nicht verlobt. Es ist der
-Jammer im allgemeinen, um den sie weint! Sie ist immer ein bißchen
-empfindlich gewesen; viel empfindlicher, als sich’s für unseren Stand
-paßt!“
-
-Die Lampe steht auf dem Tisch und wirft einen großen, runden Kreis über
-Tisch und Boden.
-
-Die Wachtmeisterswitwe steht noch ein paar Minuten in der Tür; sie
-wartet, ob die Frau, die am Fenster lehnt, noch Lust hat, mit ihr zu
-schwatzen. Aber die fragt nichts, sondern schaut stumm auf die dunkle
-Straße hinunter.
-
-„Ja, ein jeder hat sein Päckchen zu tragen. Gute Nacht, gnädige Frau!“
-
-„Gute Nacht!“ sagt Frau Hiller freundlich, lehnt dann wieder am Fenster
-und blickt zur Kaserne.
-
- * * * * *
-
-All die Tage über hat die Sonne ihren Glanz über die Erde ausgegossen
--- September ist es geworden, ein ganzer Monat seit Ausbruch des
-furchtbaren Krieges vergangen.
-
-Was hat der Mensch in diesen dreißig Tagen alles fassen müssen! Welche
-Umwälzungen sind im Gehirn des einzelnen vorgegangen! Der Stumpfeste
-ist aufgerüttelt worden. Jeder hat einen Schmerz, ein Leid oder auch
-nur eine Enttäuschung erfahren. Viele, die klein und armselig waren,
-sind groß geworden in dieser kurzen Zeit.
-
-Deutschland ist von Sieg zu Sieg gegangen. Jubel ist durch die Lande
-gezogen.
-
-Viel Blut ist geflossen -- viel Entsetzliches ist geschehen. Aber die
-Sonne hat dazu geleuchtet -- warme Lüfte haben geweht, und die Abende
-sind kühl und wonnig gewesen. Wie aber wird es werden, wenn die Stürme
-brausen, wenn der Regen unaufhörlich niederströmt, wenn der Himmel grau
-und düster über der Erde liegt?
-
-Ein Septembersonntag ist es, der solch bange Ahnungen aufsteigen läßt.
-Zum ersten Male seit Wochen treiben schwere, schwarze Wolken am Himmel;
-die Straßen sind naß vom Regen der Nacht, und jeden Augenblick kann das
-Prasseln von neuem einsetzen. Die Landwirte haben sich’s gewünscht, daß
-es so kommen möchte, aber das Herz des Menschen ist bang und schwer.
-Man braucht die Sonne, um die Schwere der Zeit tragen zu können.
-
-Im Hof der Husarenkaserne haben sich die jungen Freiwilligen
-versammelt. Sie tragen Dienstanzug: die lederne Reithose und ihren
-gewöhnlichen Uniformrock mit den verblaßten Tressen. Aber die
-Knöpfe blitzen; die haben sie frisch geputzt. Auf dem Kopf die hohe
-Husarenpelzmütze mit der roten Zunge, die zur Seite herabfällt. Es ist
-der Tag, an dem sie den Eid auf die Fahne ablegen sollen.
-
-Vor der Kaserne stehen scharenweise Zivilpersonen. Väter und Mütter,
-die angereist kamen, um dem feierlichen Akt beizuwohnen, und junge
-Mädelchen aus dem Ort, die durchs Gitter, das die Kaserne von der
-Straße trennt, blicken.
-
-In Reih’ und Glied stehen sie da; die Wachtmeister gehen vor ihnen
-hin und her, und dann kommt das Kommando: „In Reihen antreten!“ Sie
-marschieren die lange Straße hin, biegen am Husarenweg ein. „Achtung,
-Augen links!“ kommandiert der Unteroffizier, und der Infanterieoberst,
-der im ‚Schwan‘ wohnt, geht an ihnen vorüber.
-
-Die kleine altmärkische Stadt ist weitläufig gebaut, sie hat schöne,
-altertümliche Plätze und eine gutgepflegte Promenade, die sich wie ein
-Ring rund um die Stadt zieht. Zwei große protestantische Kirchen recken
-ihre Türme hoch über sie hin; die eine ist die alte Marienkirche,
-die andere nennt man den Dom. Er liegt an einem freien Platz.
-Kastanienbäume breiten ihre Laubdächer aus. Die Wolken treiben noch
-immer am Himmel, und die Luft ist schwer und beklemmend.
-
-Auf einer Holzbank im Seitenschiff, an eine Säule gedrückt, sitzt Frau
-Hiller. Die Wachtmeistersfrau hat ihr geraten, zeitig zu gehen, denn
-zum Fahneneid läuft heute jeder in den Dom herunter. In der ganzen
-Stadt mag es kaum eine Seele geben, die nicht ein Interesse an der
-heutigen Feier hätte.
-
-Neben ihr sitzt eine andere Mutter -- auch aus Berlin -- auch
-hierhergekommen, um dieser feierlichen Handlung beizuwohnen. Sie sitzen
-eine gute Stunde dicht nebeneinander auf der Holzbank, ohne ein Wort zu
-sprechen.
-
-Es hat etwas Beklemmendes, bei grauem Wetter eine Stunde lang in einem
-leeren protestantischen Gotteshaus zu sitzen. Wohl wölbt sich das Dach
-hoch, von starken Säulen getragen, über dem Haupt. Man kann nicht das
-Gefühl haben, das den empfindsamen Menschen bei grauem Wetter in enger,
-niedriger Stube leicht überfällt, das Gefühl, daß Wände und Decken auf
-ihn niederzudrücken beginnen. Der Blick hat genügend Spielraum. Über
-die langen Reihen der leeren Bänke hinweg kann er zum Altar fliehen --
-kann an den weißen Spitzen der Altardecke haften bleiben, zum Kreuz,
-das den Erlöser trägt, kann er fliehen. Oder zur Kanzel hinauf oder
-noch höher hin zu den herrlichen, großen, bunten Glasfenstern, die
-das Schönste und Kostbarste an diesem alten Bauwerk sein sollen. Und
-Frau Hillers Blicke irren von einem Ende der Kirche zum anderen; aber
-nirgends ein Ruhepunkt. Auch das Bild des gekreuzigten Heilands hält
-sie nicht. Warum ist er gestorben? Warum hat er geduldet? Warum hat er
-eine Welt erlöst, die doch immer wieder in Zwietracht und Finsternis
-versinken muß?
-
-Bang und verzagt sitzt sie an ihrer Säule. Alles Traurige und
-Schmerzliche aus ihrem Leben taucht vor ihr auf; Kindererinnerungen!
-Auch da schon bitteres Leid ohne äußeren Grund, auch da schon
-Schmerzen, für die es keinen Namen gab. Und von der Kindheit in eine
-Jugend, die wiederum Nöte und Kämpfe brachte. Eine Ehe, aus heißer
-Liebe geschlossen und vom Tod gelöst, nachdem ein mühseliger Weg des
-Leidens gemeinsam zurückgelegt war.
-
-„Die Menschen von heutzutage sind nicht mehr einfach genug zum
-Glücklichsein!“ sagt die Großmutter. „Zum Glücklichsein gehört
-Einfachheit des Gemüts, und wer diese Einfachheit nicht von der Natur
-bekommen hat, der soll sie sich erwerben!“
-
-Die Großmutter sagt viel, und man hört leicht über sie hinweg. Aber
-nie hat Frau Hiller so oft an die alte Frau und ihre Aussprüche denken
-müssen als jetzt in dieser Zeit, die von jedem Menschen Einfachheit und
-Stärke fordert.
-
-Sie sitzt an ihrer Säule und sieht in den leeren, weiten Kirchenraum.
-Ein einziges Glück hat sie in ihrem Leben gehabt, das ihr treu
-geblieben ist, und dies Glück fing an mit dem Tag, an dem das Kind
-geboren wurde. Das Kind war das einzig Wirkliche und Große in all dem
-Gewoge in ihrer Seele geblieben. Das Kind war wie eine Melodie, die
-sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat, oft überbraust von wilderen,
-rauschenderen Klängen, aber nie verstummt!
-
-Das Kind, der Junge, ist auch heute noch ihr einziges Glück. Aber wenn
-sie an ihr Kind denkt, dann ist sie mit ihm in Berlin in ihren Zimmern;
-dann ist er der anschmiegende, zarte, feine Junge mit den Träumeraugen!
-Der Husar, der jetzt hier in der altmärkischen Garnison lebt und der im
-Kampf zwischen Kind und Mann liegt, ist ihr noch zu fremd.
-
-Auch die Frau, die neben ihr sitzt, ist versunken; auch deren Augen
-blicken starr und still vor sich hin. --
-
-Die Bänke in den Seitenschiffen beginnen sich zu füllen. Die Glocken
-setzen ein -- mächtig hallt ihr Ton in der großen Kirche wieder. Zwei
-große Kerzen zu Seiten des Gekreuzigten sind entzündet worden. Ihr
-flackernder Schein tanzt um die Leidensgestalt.
-
-Schritte hallen draußen im Vorraum -- eine Bewegung -- ein Rauschen.
-Voran der Küster, der die Plätze anweist, und im Augenblick ist die
-Kirche gefüllt von den graugelben Uniformen. Die Köpfe derer, die
-in den Seitenschiffen sitzen, recken sich. Ein jeder möchte den, um
-dessentwillen er hierherkam, sehen.
-
-Lange sucht Frau Hiller nach ihrem Jungen. Sie sehen alle gleich aus,
-die glattgeschorenen Köpfe über den bunten Kragen. Ein kleines Grauen
-ist in ihr, während sie ihn sucht. So verschwunden in der Masse ist
-er; einer ist soviel wert wie der andere! Sie sind nicht mehr Menschen
-für sich; sie gehören einer großen Einheit an, die keine Unterschiede
-duldet.
-
-Schließlich erkennt sie Ernst an der hohen Stirn und an der Haltung
-des Kopfes. Er hat ihr auch fast unmerklich zugenickt; aber dann sieht
-er nicht mehr zu ihr hin, sitzt ernst und feierlich zwischen den
-anderen.
-
-Die Glocken verhallen, und die Orgel setzt ein.
-
-„Ein’ feste Burg ist unser Gott!“ Ein vielgesungenes Lied in dieser
-Zeit. Man braucht das alte Lutherlied jetzt nötiger als sonst. Man
-versteht erst jetzt eigentlich so ganz den tiefen Sinn. Mächtig
-rauscht der Chor durch die Kirche; ergreifend für die, die in den
-Seitenschiffen sitzen, die in so enger Beziehung zu den jungen Sängern
-stehen.
-
-„Und wenn die Welt voll Teufel wär’!“ -- Es ist herrlich, mit welcher
-Kraft sie das herausstoßen! Die Welt ist voller Teufel -- aber wenn man
-diesen Gesang hört, hat man keine Angst vor ihnen.
-
-Frau Hiller kann den Blick nicht von der hohen, reinen Stirn ihres
-Jungen loslösen. Er ist jetzt ganz der Sache hingegeben, denkt nicht
-mehr an die Mutter.
-
-Der Geistliche ist vor den Altar getreten und spricht ein Gebet. Die
-Husaren stehen mit geneigten Köpfen; der Regen schlägt an die hohen
-Fenster, und ein rauher Wind heult um die Ecken der Kirche. Die Orgel
-setzt wieder ein; das Singen übertönt das Unwetter, das draußen tobt,
-und der Pfarrer steigt auf die Kanzel.
-
-„Liebe junge Freunde!“ sagt er. „In anderen Jahren, wenn es galt, den
-Eid der Treue an dieser Stätte zu leisten, geschah es bei aufgerollter
-Fahne. Heute ist unsere Fahne in Feindesland -- heute gilt es einen Eid
-zu leisten, der sogleich in allen Punkten Erfüllung heischen wird!“
-
-Die Worte klingen schwer und wuchtig und werden von den Wänden der
-Kirche zurückgeworfen.
-
-„In eine große, ernste und doch herrliche Zeit tretet ihr, die ihr noch
-an der Schwelle des Lebens steht, ein! Beneidenswerte Jugend, die ihr
-eure ersten, frischesten Kräfte dem bedrängten Vaterlande weihen dürft!“
-
-Die Gesichter der Husaren blicken zur Kanzel empor. Blutjunge Gesichter
-sind es zumeist -- ernst, voll tiefer Begeisterung sehen sie zu dem,
-der zu ihnen spricht, empor.
-
-Aus den Seitenschiffen klingt es wie leises Schluchzen. Tücher werden
-an die Augen geführt. Mutterherzen bluten; Mutterherzen wollen sich
-auflehnen gegen das Gewaltige, das von ihnen gefordert wird.
-
-Der oben auf der Kanzel steht, spricht unendlich gütig und liebevoll zu
-denen, die heute den Schwur der Treue leisten wollen.
-
-Er spricht von Deutschlands Feinden, die, von Neid, Haß und niedrigen
-Instinkten getrieben, den Willen haben, das Deutsche Reich zu
-zerstückeln, zu vernichten. All die unerhörten Ereignisse, die diese
-Wochen bewegten, läßt er von der Kanzel herab an den jungen Menschen,
-die gewillt sind, ihr Vaterland zu schützen, vorüberziehen.
-
-Ein jeder, der in der großen Kirche sitzt, hat alles das, was da
-aufgezählt wird, noch frisch im Gedächtnis. Und doch -- wie es hier
-aneinandergereiht wird, wie man es förmlich wie die Glieder einer Kette
-vor sich erstehen sieht -- da glaubt man wieder, ein Stück aus ferner
-Vergangenheit tolle sich hier auf.
-
-Eine jede Mutter, die im Seitenschiff der Kirche sitzt, wird ihre Seele
-erschauern fühlen, eine jede wird in furchtbarem Zwiespalt mit sich
-selbst sein. Hat sie dafür ihr Kind geboren, daß es, kaum ins Leben
-eingetreten, sich schon opfern soll. Hat sie ihr Kind geboren, damit
-es in einem Kriege, der tückischer, bestialischer geführt wird als je
-ein Krieg aus der Vorzeit, nicht einmal von offener Kugel getroffen,
-sondern vielleicht hingeschlachtet werden soll?
-
-Unausdenkbar! Grauenvoll!
-
-Oh, wie zucken, wie bluten die armen, wehen Herzen im Seitenschiff,
-während die, an die die Rede gerichtet ist, froh und begeistert zur
-Kanzel aufschauen.
-
-Dem, der da oben steht und zu der jungen Schar künftiger Helden
-spricht, ist eine herrliche Redegabe verliehen. Mag sein, daß die Größe
-der Zeit ihren Teil daran hat; aber es ist, als sei ein Gottgesandter
-hier in diesem Raume erschienen -- einer, der das Wort des Herrn mit
-der ganzen Gewalt und Inbrunst, die es besitzt, wiedergibt.
-
-Wilder wütet der Sturm ums Gotteshaus; es ist, als höre man Kriegslärm;
-es ist, als solle man hier drinnen im Frieden des heiligen Hauses
-besonders eindringlich an all das Böse und Wilde, das draußen in der
-Welt vor sich geht, erinnert werden.
-
-Ein Gebet wird gesprochen -- ein stilles, gutes, inbrünstiges Gebet zu
-dem, der die Geschicke lenkt, der dem Recht zum Sieg verhelfen und das
-Unrecht bestrafen muß! Oh, wer so einfach glauben und zu Gott vertrauen
-kann!
-
-Die Husaren stehen mit geneigten Köpfen, die Orgel intoniert eine leise
-Melodie, und an Stelle des Geistlichen tritt nun ein junger Offizier
-vor die Soldaten hin. Hellgrau ist seine Attila und mit silbernen
-Tressen besetzt. In voller Gala, mit Bandelier und Schärpe steht er da.
-Die Orgel spielt ganz leise, so daß es wie ein geheimes Wogen durch die
-Kirche geht. Er liest den Fahneneid:
-
-„Ich schwöre zu Gott, dem Allwissenden und Allmächtigen, einen
-leiblichen Eid, daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, Wilhelm
-dem Zweiten, meinem allergnädigsten Landesherrn, in allen und jeden
-Vorfällen, zu Lande und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten und an
-welchen Orten es immer sei, getreulich und redlich dienen, Allerhöchst
-dero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden,
-die mir vorgelesenen Kriegsartikel und die mir erteilten Vorschriften
-und Befehle genau befolgen und mich so betragen will, wie es sich für
-einen rechtschaffenen und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt. So
-wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium.“
-
-Die Husaren haben sich erhoben. Der Offizier weist noch einmal auf den
-tiefen, erschütternden Ernst des Augenblicks hin, dann tritt er erst zu
-jenen, die anderen Bundesstaaten angehören, und nimmt ihnen den Schwur
-ab.
-
-Er spricht die einzelnen Worte vor, und der Schwörende spricht sie --
-die Eidfinger erhoben -- nach. Seltsam, fast wie ein Mißklang tönen
-die klaren, schweren Worte zum leisen, tragenden Spiel der Orgel. Nur
-wenn die Schlußworte kommen, wenn sie sagen: „So wahr mir Gott helfe
-durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium!“ klingt beides, die
-gesprochenen Worte und das leise Orgelrauschen, wie ein hohes, hehres
-Lied zusammen.
-
-Einer nach dem andern schwört mit ernster, fester Stimme sein Leben dem
-Vaterlande zu. Ein jeder will bluten, will sterben! Ein jeder will mit
-tausend Freuden sein junges Leben dem Vaterland hingeben.
-
-Warum weinen da so viele von den Frauen, die in den Seitenschiffen
-sitzen? Warum jauchzen sie nicht? Warum schwillt ihr Herz nicht in
-Stolz und Seligkeit darüber, daß sie Söhne geboren haben, die sich der
-großen Zeit würdig erweisen?
-
-Ach, immer mag es so im Leben sein: Wer zu großer Tat von den Seinen
-wegzieht, dem wird der Abschied nicht schwer. Der ganze furchtbare,
-überwältigende Schmerz rast in den Herzen derer, die geben müssen, die
-zum Abwarten verdammt sind. Wer bringt dem Vaterland das größere Opfer:
-der junge, begeisterte Soldat, der, von tausend Hoffnungen beseelt,
-hinauszieht -- oder die, die ihn geboren hat, und die in diesen
-Augenblicken, da ihr Kind von einer anderen, größeren Macht gefordert
-wird, alle Wonnen, alle Schmerzen, das ganze Leben dieses Kindes von
-jener Zeit an, da sie es noch unter dem Herzen trug, wieder durchkosten
-muß.
-
-„Groß sind die Zeiten, und groß sollen auch die Menschen sein!“ Frau
-Hiller denkt an diese Worte der Großmutter, und doch ist ihr, als müsse
-sie aufschreien. Ihr Junge hat mit all den anderen, die preußische
-Staatsangehörige sind, die Schwurfinger erhoben. Im Chor mit ihnen
-spricht er die Worte, die der Offizier in der hellgrauen Attila ihnen
-vorsagt. Die Orgel spielt -- der Regen peitscht gegen die Fenster --
-der Sturm ist zum Orkan geworden; er heult und schreit und winselt
-ums Gotteshaus. Die Lichter am Altar flackern um das stille Kreuz des
-Dulders: „So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges
-Evangelium!“
-
-Ihr Kopf lehnt an der Säule; schwarz ist ihr vor Augen. Eine rohe Faust
-martert ihr Herz. Um sie herum ist das Schluchzen der anderen Mütter.
-
-Leiden die alle dasselbe wie sie? Sind sie in diesen Augenblicken
-genau wie sie durch Höllen gewandert? Sie fühlt ihre Hand von der ihrer
-Nachbarin umschlossen. Eine zitternde Hand ist es, die die ihre umfaßt,
-aber es tut wohl.
-
-Alle Mütter in der ganzen Welt, die ihre Söhne dahingeben -- müssen
-sich verbunden fühlen in dieser Zeit -- -- -- die höchste und die
-niederste müssen sich lieben, denn was ist Rang und Geld und Würde
-neben diesem bitterheißen, gewaltigen, heiligen Schmerz, den sie alle,
-alle durchkosten müssen?
-
-Der kleine Hiller sucht die Blicke der Mutter und nickt ihr ernst und
-kindlich stolz zu. Viel warmes Leben, viel Freude ist in diesem Blick.
-Sie staunt darüber, aber sie fühlt, wie das Blut ihr wieder wärmer zum
-Herzen strömt.
-
-Die Orgel spielt lauter -- das Haus wird erfüllt von den mächtigen
-Klängen. Das Gefühl des Unheimlichen, das Gefühl des Schauerns ist
-vorüber. Helleres Licht bricht durch die Fenster -- die Seele wird
-emporgetragen.
-
-Vor ein paar Augenblicken, als die jungen Menschen die schwer
-feierlichen Worte sprachen, waren die armen Seelen in einem dunklen
-Raum gewesen. Eine jede Mutter mochte da wohl ihren Sohn schon verloren
-gegeben haben. Nun aber erhält sie ihn wieder. Der Pfarrer steht auf
-der Kanzel; er spricht die einzelnen Strophen des wundervollen Liedes:
-‚Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten!‘ Und die Orgel jauchzt
--- die Stimmen setzen ein und schwellen an -- keine Mutter schluchzt
-jetzt mehr; kein Herz ist mehr dunkel und verzagt.
-
-„Herr, mach’ uns frei!“ braust es durchs Gotteshaus. „+Herr, mach’
-uns frei!+“ Und die Wände werfen es zurück -- die Orgel spielt ein
-hohes Feierlied. Alle Herzen sind frei geworden; alle bangen Herzen
-sind stolz und froh geworden.
-
-Der Pfarrer ist wieder vor den Altar getreten; er breitet die Hände aus:
-
-„Der Herr segne und beschütze dich. Der Herr lasse leuchten sein
-Angesicht über dir! Der Herr gebe dir seinen Frieden. Amen!“
-
-Die Husaren verlassen reihenweise die Bänke und versammeln sich um ihre
-Führer; die aus den Seitenschiffen strömen dem Ausgang zu. Draußen auf
-dem Platz vor der Kirche sehen sie sich wieder.
-
-Das Unwetter hat ausgetobt -- -- durch die grünen Kastaniendächer
-bricht leise die Sonne durch.
-
-Die Mütter möchten zu ihren Söhnen eilen und sie ans Herz drücken;
-aber die stehen in Reih’ und Glied, und der Offizier hält eine
-Ansprache an sie -- eine kurze, knappe, begeisterte Ansprache, die in
-einem Kaiserhoch endet. Die Unteroffiziere kommandieren, die Husaren
-schwenken in Reihen ab -- kehren zur Kaserne zurück. --
-
-Am Mittag ist lustige Tafel im ‚Schwan‘. Die Husaren haben ihre
-Extrauniform angezogen. Die Gesichter glänzen, als sie an die gedeckten
-Tische treten, denn sie sind hungrig. Der Oberkellner hat Frau Hiller
-zu einem Tisch geführt, an dem schon ein Elternpaar mit einem Husaren
-sitzt. Man ist im Augenblick befreundet, und die beiden jungen
-Freiwilligen rücken mit Kasernenwitzen heraus. Die Unterhaltung geht im
-ganzen Saal von Tisch zu Tisch. Es wird sehr lustig. Die Eltern lassen
-Sekt auffahren. Es ist ein Freuden-, ein Ehrentag heute; die Jugend,
-die in ein paar Wochen für Deutschlands Ehre kämpfen will, muß gefeiert
-werden. Sie läßt sich’s gern gefallen.
-
-Der kleine Hiller hat heute nichts vom Philosophen an sich. Glücklicher
-und lebensfroher können keine Augen strahlen, als die seinen es tun.
-Hipp kommt nach dem Dessert mit seinem Vater, dem reichen Fabrikanten,
-an den Tisch und setzt sich neben Hiller.
-
-Die beiden lachen und schwatzen miteinander, und Frau Hiller muß an
-den Abend am Pappelweg denken, an dem ihr Ernst so schwermütig und
-ablehnend über die Welt und auch über Hipp geurteilt hat. Heute weiß er
-nichts mehr davon. Heute ist er Hipps Kamerad -- heute ist er Soldat
-und nichts weiter.
-
-Die Mutter ersehnt den Augenblick, an dem sie den Jungen für sich haben
-wird. Sie denkt an den Konfirmationstag zurück. Diesem Tag waren eine
-ganze Zahl schwerer Wochen voraufgegangen, denn der junge Philosoph
-hatte Gewissensnöte gehabt. Er wollte nicht an den Tisch des Herrn
-treten, denn sein Verstand lehnte sich gegen das Gelübde des Glaubens,
-das er ablegen sollte, auf.
-
-Die Großmutter, die auf Ordnung hielt, hatte ihn damals zur Vernunft
-gebracht. Aber den ganzen, schweren Tag über hatte der Junge damals auf
-den Augenblick gewartet, an dem er die Mutter für sich haben würde, und
-die Mutter hatte aus einer unbestimmten Angst vor diesem Alleinsein die
-Großmutter nicht von ihrer Seite gelassen. Heute tritt das Umgekehrte
-ein. Heute ersehnt sie die stille Stunde einer Aussprache, und der
-Junge weicht ihr aus.
-
-Sie wollen alle zum Photographen; sie müssen natürlich eine Erinnerung
-an diesen Tag haben. Und um fünf Uhr müssen sie zur Pferdetränke in der
-Kaserne sein. Am Abend aber hat Hiller auf Wache zu ziehen.
-
-Keine Minute also für die Mutter, und das ist gut. Er will Mann sein;
-er will stark und lustig sein! Der Mutter tut das Herz weh, das weiß
-er. Aber sie soll es ihm nicht sagen. Es nutzt ja nichts. Hinaus will
-er und muß er. Wozu da noch Worte und Tränen?
-
-Der Sekt schmeckt ihm; der reiche Fabrikant hat noch eine Flasche
-bestellt und gießt ein. Die Stimmung wird übermütig. Im Saal ist’s
-heiß; sie haben gut gegessen -- nun trinken sie und rauchen gute
-Zigarren. In den Hof des Hotels zieht eine Musikerbande. Orgel, Pfeife
-und Klarinette:
-
- „Die Vöglein im Walde, sie singen
- so wunder-wunderschön:
- In der Heimat -- in der Heimat,
- da gibt’s ein Wiedersehn!“
-
-Die Sangeslust erwacht. Irgendwo an einem Tisch setzt eine Stimme ein.
-Vorgesetzte sind nicht im Saal. In die eine Stimme fallen die andern,
-draußen orgeln und blasen sie, und drinnen singen sie in all ihrer
-jungen Lebensfreude:
-
- „Die Vöglein im Walde, sie singen
- so wunder-wunderschön:
- In der Heimat -- in der Heimat,
- da gibt’s ein Wiedersehn!“
-
-Die Zeit fliegt dahin; halb fünf Uhr. Die Husaren stehen von den
-Tischen auf.
-
-„Wiedersehn, Mutter!“ sagt der kleine Hiller -- schnallt den Säbel um,
-setzt die hohe Mütze auf den Kopf, geht an Hipps Seite davon und läßt
-die Mutter unter den fremden Menschen im Hotel zurück.
-
- * * * * *
-
-Der Eid der Treue ist geleistet, nun gibt es kein Zurück mehr.
-Am nächsten Tag geht die Sache verteufelt stramm los! Es nützt
-kein Fackeln! Wer weiß, wie bald Deutschland auch seine jüngsten
-Kräfte braucht! Man hofft es nicht, und es ist auch kein Grund zum
-Schwarzsehen vorhanden. Aber der Feind ist mächtig; der Feind wird
-gepeitscht vom elenden Briten. Deutschland soll und muß vernichtet
-werden!
-
-Aber Deutschland läßt sich nicht vernichten! Deutschlands Jugend
-jubelt: ‚Noch sind wir da, sie sollen nur kommen!‘
-
-Die Begeisterung ist groß, ist riesengroß. Jeder von ihnen wird ein
-Held sein, wenn er dem Feind gegenübersteht!
-
-Aber Begeisterung ist etwas, was ewig von neuem geschürt werden will.
-Begeisterung muß immer neue Nahrung haben -- genau wie ein Feuer im
-Kamin -- sonst erlischt sie.
-
-Der Drill ist aber eintönig, und das ewige Putzen an Pferden,
-Sattel- und Zaumzeug und an den Uniformen erst recht! Wo soll da die
-Begeisterung herkommen?
-
-Und doch und doch und doch! Sie vergessen es nicht und dürfen es nicht
-vergessen, daß dieser Drill dem Dreinhauen vorangehen muß. Alles in der
-Welt will gelernt sein -- auch das Dreinhauen, das so einfach scheint.
-
-Neben ‚Vize‘, der zwar sehr stramm, aber auch sehr gerecht ist, haben
-sie einen zweiten Wachtmeister bekommen, mit dem im Dienst nicht gut
-Kirschen essen ist.
-
-Er ist groß im Androhen von schweren Strafen, aber er ist auch groß im
-Verzeihen. Und wenn er guten Willen bemerkt, läßt er sich herab, seine
-Anerkennung nicht zu versagen; in der Kantine beim Glas Bier kommt es
-vor, daß er außerordentlich gemütlich wird; aber wenn sein Zorn gereizt
-wird, kann er rasend werden. Er hat die echtesten Kavalleriebeine
-und reitet tadellos; und da er sich rühmt, einen jeden, auch den
-störrischsten Gaul zu bemeistern, verlangt er dasselbe von seinen
-Schülern.
-
-Er ist entsetzt, daß sie in all der Zeit, die sie nun schon hier sind,
-noch so wenig gelernt haben. Ein paar unter ihnen kommen immer noch
-nicht glatt durch den Sprunggarten. Das ist ein starkes Stück, aber er
-wird ihnen beikommen!
-
-Er kann entsetzlich schreien; die Ohren sausen dem, in dessen Nähe er
-steht und der seine Ungnade erworben hat.
-
-Für den kleinen Hiller, dem man zum drittenmal ein neues Pferd gegeben
-hat, ist das, welches er jetzt erhalten, ein wenig zu hoch. Es ist
-verteufelt schwer, sich in den Sattel zu schwingen. Das Tier heißt
-wegen seines Benehmens ‚Verbrecher‘; es beißt und keilt aus. Hillers
-Schienbein hat eine starke Anschwellung, die von einem Tritt herrührt.
-Er hätte sich daraufhin krank melden können, haben ihm seine Kameraden
-gesagt. Aber er mag nicht ins Lazarett, denn er hat das sichere Gefühl,
-daß sich irgend etwas Großes in der Welt ereignen wird, wenn er nicht
-zugegen ist. Und wenn er sich ausdenkt, daß er eines schmerzenden
-Schienbeins wegen im Bett liegt und die anderen vielleicht gerade dann
-ausrücken, vergehen die Schmerzen ganz von selbst. Er ist keine Memme
-und kann schon was ertragen.
-
-Der neue Wachtmeister braucht eine sehr erhebliche Zeit, bis er einen
-vom andern unterscheiden lernt. Er kennt niemand beim Namen und weiß
-nicht, wer Einjähriger und wer Dreijähriger ist.
-
-‚Vize‘ hatte darin ein viel feineres Unterscheidungsvermögen.
-
-Zu Hiller sagt er eines Tages: „Zeig’ mal her, du Aas, wie du deine
-Sporen sitzen hast!“ Und als es nichts zu tadeln gibt, fragt er: „Wie
-heißt du?“
-
-Hiller, ohne es zu wollen, reckt sich, und sein Gesicht nimmt einen
-hochmütigen Ausdruck an. Er nennt seinen Namen, und der Wachtmeister
-sagt: „Ach so, ’n feines Aas also! Aber hier bist du ein Rekrut wie
-alle anderen, merk’ dir das!“
-
-Hiller hat auf den Lippen, zu erwidern: „Sie irren, Herr Wachtmeister,
-ich bin Kriegsfreiwilliger!“ Aber er ist schon zu sehr Soldat -- zu
-sehr ist ihm Gehorsam und Disziplin schon ins Blut übergegangen.
-
-„Zu Befehl, Herr Wachtmeister!“ sagt er und läßt das ‚Aas‘ auf sich
-sitzen.
-
-Abends unterhält sich der Wachtmeister sehr freundschaftlich mit ihm
-und fragt ihn nach seinen näheren Verhältnissen aus. „So -- der Vater
-ist schon lange tot! Hm -- und er ist das einzige Kind! Schwer für die
-Mutter!“ Er wird gerührt und ist wirklich nett und herzlich zum kleinen
-Hiller.
-
-Der benutzt die gute Gelegenheit, ganz bescheiden zu erwähnen, daß sein
-neues Pferd, der ‚Verbrecher‘, zu hoch für ihn sei und dazu gemein
-ausschlage; aber mit diesem Anliegen hat er kein Glück.
-
-Der Wachtmeister reißt den Mund weit auf und läßt gleich wieder die
-große Kluft, die den Vorgesetzten vom Untergebenen scheidet, entstehen.
-
-„Mensch, denkst du, daß du dir im Feld einen Gaul aussuchen kannst?
-Wenn dir da dein Tier unter dem Leib weggeschossen wird, glaubst du,
-daß da gleich ein Dutzend um dich herumwiehern, damit du dir das
-bequemste aussuchen kannst? Nee, gibt’s nicht, mein Junge. Und wenn
-ein Pferd so hoch ist wie ein Turm, raufkommen muß einer, der sich
-Kavallerist schimpft. Sollst mal sehen, was ich von jetzt an für ein
-Auge auf dich haben werde, und in spätestens einer Woche kommst du mit
-Eleganz auf dein Tier rauf, das schwöre ich dir!“
-
-Teufel, ja -- da hatte Hiller sich was eingebrockt. Der Wachtmeister
-ließ ihn nicht mehr aus den Fingern. Fünfmal hintereinander: „Rauf aufs
-Pferd und wieder runter!“ Beim fünftenmal ging es gewöhnlich.
-
-„Draußen im Feld wirst du deinem Wachtmeister danken! Da wirst du
-dir vielleicht mal sagen: ‚Donnerwetter, der Kerl hat’s gut mit mir
-gemeint!‘ Denn das hat schon manchem im Feld das Leben gerettet, wenn
-er tadellos auf jeden Gaul hinaufkann. Das kannst du dir da drüben auch
-merken, du Sonntagsreiter du! Häng’ mal mit deinen zweihundert Pfund
-nicht wie ein Mehlsack auf dem armen Biest!“
-
-Hipp, an den die Worte gerichtet sind, sieht den Wachtmeister in der
-gewohnt-treuherzigen Art an.
-
-„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, ich wiege nur hundertvierzig Pfund!“
-wagte er zu sagen.
-
-„Schnauze halten!“ schreit der Wachtmeister wütend. „Wenn ich sage, daß
-du zweihundert Pfund wiegst, dann wiegst du eben zweihundert Pfund. Im
-übrigen werde ich auch dich mal im Auge behalten, dann wird dir das
-Antwortgeben bald vergehen!“
-
-Hipp und Hiller werden, ohne daß ein besonderer Grund dazu vorliegt,
-von allen Kameraden und auch von dem Wachtmeister für etwas
-Zusammengehöriges angesehen. Sie haben weder im Äußeren noch in ihrem
-Wesen irgendwelche Ähnlichkeit, und auch ihre Leistungen sind sehr
-verschieden.
-
-Aber sie sitzen oft beieinander, und wenn Hipps Vater in die Garnison
-angereist kommt -- und das tut er häufig -- ladet er den jungen Hiller
-jedesmal mit ein.
-
-Weil die Umgebung sie zu Freunden gestempelt hat, sind sie’s auch in
-der Tat geworden. Hiller hat jetzt absolut keine Zeit zum Grübeln und
-zum Kritisieren, und da Hipp umgänglich und zutunlich ist, nimmt er
-ihn, wie er ist.
-
-Der neue Wachtmeister hat sich die beiden in der Tat zu besonderen
-Freunden auserkoren.
-
-Er brüllt sie im Dienst an und ist väterlich freundlich zu ihnen,
-wenn er sie in der Kantine trifft. Das muß man ihm lassen: er hat ein
-eigenes Talent, den Vorgesetzten mit dem Freund zu vereinen. Hat er
-Vorgesetzter zu sein, so ist er es ganz und gar; und kann er Freund
-sein, so weiß man nichts mehr vom Vorgesetzten in ihm.
-
-Sie haben ihn gern und fürchten ihn, und das ist das Idealste, was ein
-Wachtmeister von seinen Rekruten verlangen kann.
-
-Hiller hat sein Pferd, den ‚Verbrecher‘, allmählich liebgewonnen. Er
-hat sich mit ihm quälen müssen und ist dann Herr über seine Tücken
-geworden; das freut ihn, und er klopft das Tier am Hals und gibt ihm
-Zucker.
-
-Aber nun, da er endlich zur Freundschaft mit ihm gelangt ist, muß das
-eintreffen, was er im Anfang so oft gewünscht hat. Der ‚Verbrecher‘
-läßt den Kopf hängen und frißt und sauft nicht. Hiller redet ihm gut
-zu, denn das Tier kennt seine Stimme, und in gesunden Tagen hat es den
-Kopf ihm zugewandt, sobald es seinen jungen Herrn kommen hörte.
-
-Jetzt bleibt es teilnahmslos, und Hipp sagt: „Sei froh, das Biest
-krepiert!“
-
-Hiller macht dem Wachtmeister Meldung über das Befinden des Tieres, und
-der sieht sich den Gaul von rechts und links an, tastet ihm die Glieder
-entlang und entdeckt eine Geschwulst. Er läßt ein paar Donnerwetter los
-und schickt Hiller zum Veterinär. Eine Stunde später steht der kleine
-Husar sehr bleich beim Arzt im Krankenstall und hält ein Bein des
-Pferdes hoch. Der Veterinär hat einen tiefen Schnitt in die Geschwulst
-gemacht und fährt mit Instrumenten in der wehen Stelle herum. Das
-Tier schreit und das Bein zuckt in Hillers Händen. Alles Blut ist ihm
-vom Gehirn zurückgewichen; kalte Schauer rieseln ihm über den Rücken,
-und die Hände, die das Bein halten, zittern. Er kämpft mit einer
-Ohnmacht und fühlt, wie ihn etwas zu Boden reißen will. Auch der Magen
-revoltiert, und der Arzt wirft einen prüfenden Blick auf ihn, fährt
-aber ruhig in seiner Beschäftigung fort.
-
-Das Tier stöhnt und wirft den Kopf von einer Seite auf die andere. Die
-nasse Schnauze streift Hillers Wange, und ihm bricht der Schweiß aus.
-Die Kniee wanken unter ihm, und vor den Augen tanzen schwarze Punkte...
-
-Der Arzt räuspert sich: „Ich bitte, das Bein höher halten!“ Hiller
-möchte aufschreien. Der Arzt kommt ihm wie ein Schlächter vor. Das Tier
-ist halb wahnsinnig vor Schmerz, und er hält das Bein, ohne noch zu
-wissen, daß er es hält. Dabei sieht er nach dem Stallausgang. Wenn doch
-ein Mensch vorbeikäme, den er anrufen könnte. Aber niemand kommt.
-
-Nun fängt auch das Herz an zu klopfen; bis zum Hals hinauf hämmert es.
-Er fühlt, daß das Bein des Tieres ihm entgleiten will, und hat noch
-gerade das Bewußtsein, sich zu sagen, daß es schmachvoll für ihn sein
-wird, wenn er nicht standhält. Sein Wille arbeitet mit letzter Kraft.
-
-Draußen im Feld wird er Schlimmeres sehen müssen, sagt er sich.
-Und wenn er hier nicht standhält, wenn der Arzt vielleicht seinen
-Wachtmeistern erzählt: ‚Teufel, da habt ihr aber einen netten Helden
-als Freiwilligen! Der wird ja Deutschlands Jugend glorreich vertreten,
-wenn er hinauskommt!‘ Wenn dieser Mann mit der breiten Stirn und dem
-energischen Mund das von ihm erzählt, dann ist’s um ihn geschehen, dann
-läßt man ihn nie und nimmer hinaus. Er weiß nicht mehr, sind es Minuten
-oder sind es Stunden, die vergehen, während er hier steht und gegen
-seine Schwäche ankämpft. Aber der Arzt fängt nun leise an zu pfeifen
-bei seiner Arbeit, und das Tier wird ruhiger.
-
-„Sie können das Bein fallen lassen!“ hört Hiller sagen, und hart läßt
-er den Huf auf die Erde aufschlagen.
-
-„Holen Sie Wasser!“ Hiller kommt aus der dumpfen Stalluft ins Freie,
-eilt an den Brunnen und kühlt sich das matte Gesicht. Der Körper ist
-noch schwach und zittrig, aber der Kopf kann schon wieder klar denken.
-Er hat standgehalten, und niemand wird etwas Kränkendes über ihn sagen
-können.
-
-Der Arzt spricht, während er sich die Hände wäscht, sehr freundlich mit
-ihm.
-
-„Freiwilliger, was? Das war ein gemeines Stück Arbeit an der armen
-Kreatur! Verloren ist sie doch, aber es ist genau wie beim Menschen:
-Man muß es bis zum letzten versuchen. Und wenn es wirklich zu heilen
-ist, so gibt es doch kein Kriegspferd mehr. Sie können sich gleich
-ein neues von Ihrem Wachtmeister verschreiben lassen. War ja auch
-eigentlich viel zu hoch für Sie, dieser Gaul! Wie sind Sie denn da
-überhaupt raufgekommen?“
-
-Hillers Augen strahlen den Arzt an.
-
-„Es ging ganz gut!“ sagt er nicht ohne Stolz, und der Arzt lacht.
-
-„Um so besser für Sie! Draußen wird es Ihnen zugute kommen, wenn Sie
-auf jeden Bock hinaufkönnen!“
-
-Zwei Tage später wird der ‚Verbrecher‘ erschossen und in einem Karren
-zum Abdecker gebracht. Hiller hat Mühe, seines Schmerzes Herr zu
-werden. Am Abend hat er Stallwache und sitzt auf der Futterkiste. Da
-kommen ihm fast die Tränen. Er hat jetzt ein Pferd, das besser zu ihm
-paßt: einen hübschen, schlanken Fuchs; aber er kann sich noch nicht
-darüber freuen. Mit der ganzen Leidensfähigkeit der Jugend durchlebt
-er immer wieder die qualvolle Stunde, die das arme Tier vergebens
-durchkosten mußte. Der Philosoph wird wieder in ihm geweckt. Er
-begreift nicht, warum Gott oder das Schicksal, oder auch nur die
-unsichtbare Macht, die über uns waltet, so viel unnötige Qualen in die
-Welt schickt. Und von der unnötigen Qual, die das Tier erdulden mußte,
-kommt er auf das Leid der Menschheit zurück -- auf diesen entsetzlichen
-Krieg, der Millionen und Millionen in Elend und Trauer versetzt. Wer
-ist es, der alles das zuläßt? Geht all das wirklich von dem aus, der
-die Geschicke der Welten in seiner Hand halten solle, und der der
-Allgütige, der Allbarmherzige genannt wird?
-
-Zu Hillers Glück gesellt sich ein Kamerad zu ihm, bevor sein Geist sich
-ganz von den düsteren Grübeleien einfangen läßt.
-
-„Donnerwetter,“ sagt der und streichelt das neue Pferd. „Du bist ein
-Glückspilz. Du hast jetzt den besten Gaul vom ganzen Beritt. Sag’ mal,
-hast du vielleicht noch Moneten, dann könnten wir uns einen ‚alten
-Mann‘ zum Wachen kaufen und gehen in die Kantine.“ Ja, Hiller hat Geld,
-und der ‚alte Mann‘ ist schnell zur Stelle; aus dem dunstig-warmen,
-trübselig erleuchteten Stall kommen sie in den lustigen Kantinenraum.
-In der Kantine vergißt man das Denken und Grübeln ganz von selbst. Hier
-duftet’s nach kräftigem Essen, Zigarren und Alkohol; hier wird gelacht
-und gesungen und politisiert.
-
-Hiller ißt und trinkt mit den anderen. Das Schicksal des armen
-‚Verbrechers‘ ist vergessen, und da man ihm von allen Seiten zu seinem
-Fuchs gratuliert, fängt er an, sich über das feine, schnittige Tier zu
-freuen. --
-
-Am nächsten Tag soll das erste Nachtgefecht stattfinden. Am Tag haben
-sie schon ein paarmal diese kriegerischen Übungen gemacht, und es war
-schön und interessant, weil man dabei eine blasse Vorahnung vom Krieg
-bekam. Nun sollte es zum erstenmal in der Dunkelheit geprobt werden.
-
-‚Vize‘ liest am Morgen die allgemeine Kriegslage vor: Zwei Parteien
-werden gebildet, wovon die eine den Freund, die andere den Feind
-darstellt. Der Feind trägt die hohe Pelzmütze, der Freund die kleine
-Dienstmütze.
-
-Es gilt die Bahn zwischen der altmärkischen Garnison, in der sie sich
-befinden, und der Nachbarstation gegen feindliche Angriffe zu schützen.
-Mehrere kleine Posten werden in Abständen von je hundert Metern
-aufgestellt, und Patrouillen sollen ausgeschickt werden, um Fühlung mit
-dem Feind zu halten.
-
-Der Feind hat die Aufgabe, die Bahn zu zerstören; das soll durch einen
-Schuß, der direkt vor dem in der Nacht durchfahrenden ~D~-Zug
-abzugeben ist, markiert werden. Diejenige der beiden Parteien, die
-zuerst zur Bahn gelangt und den Schuß abfeuert, geht als Sieger hervor.
-
-Die Husaren werden verteilt, und jeder bekommt seinen Auftrag. Der
-Wachtmeister sucht sich natürlich wieder Hipp und Hiller aus und dazu
-einen ‚alten Mann‘, der ihm beim Rekognoszieren helfen soll. Die beiden
-Freiwilligen haben nichts weiter zu tun, als sich seinen Anordnungen zu
-fügen und sich gut zu Pferde zu halten.
-
-Um sieben Uhr, als gerade die Dämmerung anfängt, in Dunkelheit
-überzugehen, reiten sie zu den Kasernentoren heraus: Karabiner über der
-Schulter -- die Lanzen im Arm. Der Feind reitet nach rechts -- die mit
-den Dienstmützen nach links.
-
-Der zweite Wachtmeister macht ein ernstes, würdiges Gesicht und läßt
-einen flotten Trab annehmen. Über den großen Exerzierplatz hinweg
-geht’s durch einen dunklen Wald. Hiller ist zwar mit Leichtigkeit
-auf seinen neuen Gaul, den Fuchs, hinaufgekommen. Aber nun er oben
-ist, büßt er sehr schnell sein Behagen ein, denn das Tier ist sehr
-temperamentvoll und nervös; bei jedem unbekannten Geräusch zuckt es
-zusammen und scheut.
-
-Im Wald müssen sie über unzählige Hindernisse, und der Wachtmeister
-mit dem ‚alten Mann‘ fliegen dahin, als ritten sie über glatten Boden.
-Hipp rutscht zweimal von seinem Gaul herab und schimpft und flucht,
-und Hiller bearbeitet seinen Fuchs mit Schenkeln und Sporen. Nur mit
-größter Not halten sie sich in Sehweite des Wachtmeisters. „Voran!“
-brüllt er ihnen zu, und der ‚alte Mann‘ muß zu ihnen zurückreiten, um
-ihren Tieren das nötige Tempo beizubringen. Hipp schreit ein paarmal
-laut auf und weiß selbst nicht, wie es ihm gelingt, sich oben zu
-halten. Aus dem Wald heraus fliegen sie über eine lange Chaussee hin.
-Irgendwo in der Nähe ist Pferdegetrappel zu hören, das müssen die
-feindlichen Patrouillen sein. In zehn Minuten kommt der Zug, auf den
-sie schießen sollen, vorbei.
-
-An einer gedeckten Stelle, ganz nahe der Bahn, läßt der Wachtmeister
-halten und lauscht. Das Pferdegetrappel ist ganz nahe, man kann nur
-nicht unterscheiden, ob es unmittelbar an der Bahn oder mehr nach dem
-Wald zu ist.
-
-Flüsternd befiehlt der Wachtmeister: „Absteigen!“
-
-Hipp und Hiller bekommen außer den eigenen Tieren und Lanzen noch die
-des Wachtmeisters und des ‚alten Mannes‘ zu halten. Der Wachtmeister,
-vom ‚alten Mann‘ gefolgt, schleicht in gebückter Stellung dem Bahndamm
-zu. Schweigend stehen Hipp und Hiller einander gegenüber. Stockdunkel
-ist es um sie her, und der eine kann das Gesicht des andern nicht
-erkennen. Gegen den ausdrücklichen Befehl holt Hipp eine kleine
-Stallaterne aus der Tasche, hängt sie in die Schnüre seiner Attila ein
-und läßt das Licht aufflammen.
-
-Der Fuchs ist unruhig und zwingt Hiller, sich rund im Kreis mit ihm zu
-bewegen. Hipp muß die drei anderen Gäule am Zügel halten. Vom Wald her
-reiten jetzt ganze Kolonnen nach dem Bahndamm zu; von ferne hört man
-das Schnauben und Rasseln des heraneilenden Zuges, ein Schuß ertönt und
-noch einer, und Hiller schreit laut auf.
-
-Der Fuchs ist hoch in die Höhe gestiegen und hat sich mit mächtigem
-Ruck losgerissen. Nun fliegt er in rasender Schnelligkeit dahin.
-
-„Hipp, hilf!“ schreit Hiller und rennt hinter dem Fuchs her, und Hipp,
-selbst auf das äußerste erschreckt, vergißt seine drei Pferde und rast
-hinter Hiller her, an ihnen vorbei die freigelassenen Gäule.
-
-„Mensch, sei kein Döskopf!“ Hipp kann kaum mehr Luft bekommen, ist
-über einen Baumstamm gefallen und flucht und schimpft. „Laß doch die
-verteufelten Biester laufen, wohin sie wollen; oder glaubst du, du
-holst deinen Fuchs noch ein?“ Und Hiller bleibt mit hochklopfendem
-Herzen stehen. Hipp hat recht; es ist natürlich ein Blödsinn, den
-Gäulen nachzulaufen.
-
-Aber was nun? Schweigend gehen sie zu den Lanzen, die sie im Boden
-aufgespießt haben, zurück. Hiller hat das Gefühl, ein Verbrechen
-begangen zu haben, und auch Hipp ist verlegen.
-
-„Die Schuld hast du,“ sagt er zu Hiller. „Du hast den Fuchs nicht
-gehalten! Na, aber laß gut sein, ich petze nicht. Schön werden die
-nächsten Viertelstunden ja nicht werden, aber den Kopf kann er uns auch
-nicht abreißen. Pst! Da kommt er schon!“
-
-Der Wachtmeister sieht die zwei mit den neben ihnen aufgespießten
-Lanzen stehen und ahnt sogleich, was sich ereignet hat. Im Grunde ist
-er guter Laune gewesen, weil er den Sieg errungen hat; aber die beiden
-armen Sünder, die hier vor ihm stehen, lassen die gemütliche Stimmung
-schnell verfliegen.
-
-„Wo habt ihr die Pferde?“ brüllt er sie an.
-
-Hiller will eine Erklärung abgeben, aber Hipp schreit in seiner Angst
-in die Dunkelheit hinein: „Durchgegangen, Herr Wachtmeister! Und da
-kann kein Mensch was für bei dieser Schießerei! Ich habe sie mächtig
-festgehalten, aber so viel Kraft hat kein Mensch, daß er gegen vier
-wildgewordene Gäule ankommt!“
-
-„Schnauze halten, ihr Himmelshunde! -- Schlappe Kanaillen! Was denkt
-ihr euch nun, was nun werden soll, wie ich nach Hause kommen soll?
-Meint ihr, ich hucke die Lanze auf, ich laufe zu Fuß durch den Wald?“
-
-Hipp und Hiller nehmen je zwei Lanzen auf den Arm, und unter
-fortwährendem Schimpfen und Fluchen des Wachtmeisters geht es ein Stück
-Weg entlang.
-
-Mit so lieblichen Namen wie in dieser Nacht haben die beiden Berliner
-Bürschchen sich noch nicht nennen hören. Sie lassen den Wald links
-liegen und gehen auf großem Umweg durch ein Dorf. Der Wachtmeister hält
-plötzlich in seinem Fluchen inne; von einem Seitenweg kommt jemand auf
-sie zugeritten. Ein Unteroffizier, mit zwei Pferden. Es ist Hillers
-Fuchs und das Pferd des ‚alten Mannes‘. Die sind unterwegs von der
-feindlichen Partei aufgefangen worden.
-
-Donner, ja! Jetzt ist der Wachtmeister auf einmal rosigster Laune
--- steigt auf -- heißt auch den ‚alten Mann‘ aufsitzen und heidi --
-fort. Hipp und Hiller mit ihren vier Lanzen sehen sich erst eine Weile
-ungläubig an. Hiller zieht eine Generalstabskarte heraus und studiert,
-wie lange sie zu laufen haben. Durch den Wald können sie nicht gehen,
-also immer rund herum um den Wald -- das bedeutet statt einer und einer
-halben Stunde drei Stunden Weges.
-
-Es ist halb elf Uhr, und da sie keine Zeit hatten, vor dem Ausrücken
-etwas zu essen, sind sie hungrig. Im Dorf, durch das sie kommen, sehen
-sie ein erleuchtetes Wirtshaus. Hiller will erst nichts davon wissen;
-sein Gewissen quält ihn, er will auf schnellstem Wege dahin, wo er
-hingehört.
-
-Aber Hipp wird böse: „Mensch, sei doch kein Frosch! Wer kann uns
-beweisen, daß wir uns nicht verirrt haben? Immer rin! Wenn man im Feld
-Hunger leiden muß, dann geschieht das fürs Vaterland und man ist ein
-Held; wenn man aber Hunger hat und kommt an einem Wirtshaus vorbei und
-geht nicht rein, dann ist man ein Esel!“
-
-Hipp hat etwas Fortreißendes, wenn er mit seiner Philosophie
-hervorrückt. Hillers Bedenken fallen demgegenüber immer wie ein
-Kartenhaus zusammen. Sie gehen durch einen kleinen, engen Flur ins
-Gastzimmer, in dem noch ein paar Bauern beim Kartenspiel sitzen. Ein
-gutmütig aussehendes Weib kommt ihnen entgegen und läßt sich ihre
-Geschichte erzählen. Sie ist sehr freundlich zu den Freiwilligen; hat
-sie doch auch einen Sohn in der Husarenkaserne.
-
-„I wo, das kann Ihnen keiner übel nehmen, wenn Sie nicht in der
-Stockdunkelheit den Weg machen. Man wird doch jetzt noch nicht seine
-Gesundheit aufs Spiel setzen, da man sie doch später im Felde so
-notwendig hat.“ Die Bauern drehen sich nach den Husaren um und fragen
-sie aus. Es sind zwei liederliche Kerle, die hier mit schmutzigen
-Karten um Geld spielen.
-
-Schlechte Zeiten! Man muß sich zerstreuen! Sie laden die beiden jungen
-Menschen ein, an ihren Tisch zu kommen, und Hipp steuert sogleich
-hinüber. Die Wirtin ist in der Küche verschwunden und kommt nach einer
-guten Viertelstunde mit gebackenen Eiern, Schinken, Wurst, Brot und
-Butter wieder. Hipp und Hiller essen mit freudigem Appetit und trinken
-ein paar Flaschen Bier. Die Bauern haben Steinhäger vor sich stehen,
-und Hipp läßt eine Runde für sie alle auffahren. Aus einer Ecke heraus
-fängt ein Grammophon mit rasselndem Ton und krähendem Beiklang an
-zu tönen. Irgendeine leichte Walzermelodie -- schrecklich für das
-musikalisch gebildete Ohr Hillers, aber höchst anregend für alle
-anderen. Hipp kennt ein feines Kartenspiel zu Vieren, höchst einfach;
-das lernen selbst die Bauern im Handumdrehen. Aus dem Brustbeutel holen
-sie, was sie an Nickel bei sich haben. Die Augen der Bauern beginnen
-zu glänzen. Hipp sieht genau aus wie sein reicher Vater, wenn er eine
-Pulle Sekt spendiert, und Hiller ist in seinem Bann. Er tut mechanisch
-mit, was die anderen tun. Ganz dumpf empfindet er dabei ein Unbehagen.
-Mitternacht geht vorüber. Irgendwo hat eine Uhr klirrend geschlagen.
-Hiller will gehen, aber Hipp lacht ihn aus: „Mensch, sei kein Frosch!“
-Sie sitzen bis ein Uhr und sitzen bis zwei Uhr! Die Brustbeutel werden
-leerer. Die Bauern lassen sich von den zwei jungen, reichen Herren
-traktieren. Die Köpfe sind rot -- Witze werden erzählt; die Luft in der
-kleinen Stube ist zum Ersticken, und die Petroleumlampe will plötzlich
-erlöschen.
-
-Über Hiller kommt es plötzlich wie eine Krankheit; er fühlt sich
-namenlos unglücklich. Sein Kopf ist nicht mehr ganz frei, aber so viel
-begreift er doch noch, daß er sich in einer scheußlichen Umgebung
-befindet. Die Bauern haben kleine, ekelhaft verschwommene Augen
-bekommen; ihre rohen Gesichter glänzen wie Speck. Sie erzählen gemeine
-Witze. Hipp lacht und spielt sich als großen Herrn auf.
-
-Plötzlich springt Hiller in die Höhe. „Ich gehe!“ sagt er mit einer
-Bestimmtheit, gegen die Hipp sich nicht mehr aufzulehnen vermag. Die
-Bauern bieten gegen entsprechende Vergütung ihre Begleitung an, und man
-muß sie annehmen, weil man sich allein doch nicht zurechtfinden würde.
-Jeder nimmt eine fahnengeschmückte Lanze in den Arm, und schwankend
-treten sie in die Nachtluft hinaus.
-
-Hiller trottet ein paar Schritte hinter den anderen her. Er ist in
-einem scheußlichen Zustand. Es ist ihm nicht ganz klar vor Augen, und
-doch ist eine Stimme in ihm wach, die immer dasselbe sagt: ‚Pfui Teufel
--- pfui Teufel!‘ Sein Blut lehnt sich auf gegen die Gemeinschaft mit
-solchen Menschen. Die schmutzigen Witze, über die Hipp gelacht hat,
-haben ihn aufs tiefste verletzt. ‚Pfui Teufel -- pfui Teufel!‘ Hier
-in der Wirtsstube haben sie gesessen und um Geld gespielt, und haben
-sich von gemeinen Bauernschädeln auf gemeine Weise unterhalten lassen,
-und draußen in der Welt fließen Ströme von Blut; draußen in der Welt
-spielt sich die größte Tragödie, die je in einer Zeit gewesen ist, ab.
-„Katzenjammer!“ sagt Hipp und lacht. „Mensch, du bist der unheilbarste
-Esel, den ich je gesehen habe!“
-
-Sie gehen drei volle Stunden; ganz leise wird die Dunkelheit zur
-Dämmerung, als sie die kleine Stadt erreichen. Die Bauern lassen sich
-ablohnen und überreichen die Lanzen.
-
-Die Kasernentore standen schon offen, als Hipp und Hiller antreten.
-Sie eilen zum Stall und finden die ausgerückten Pferde auf ihrem
-Platz stehen. Hipp haut dem seinen einen tüchtigen Riemenschlag übers
-Hinterteil. „Kanaille!“ Dann laufen sie in den Waschsaal, kühlen sich
-die erhitzten Gesichter und sind pünktlich mit allen anderen zum
-Stalldienst zur Stelle.
-
-Der Wachtmeister würdigt sie keines Wortes, behandelt sie aber während
-des ganzen, langen Reitunterrichtes nicht gerade besonders sanft.
-
-Hillers Kopf bleibt benommen; erst am Abend wird ihm wohler. Hipp steht
-im Stall neben ihm und erzählt Geschichten von kleinen Mädchen. Hiller
-tut teilnahmslos, und Hipp nennt ihn wieder: „Esel!“
-
-Am späteren Abend in der Kantine erst findet er seinen Frohsinn wieder.
-Der Wachtmeister hat ihn angeredet und ist weich geworden. „Nimm dir
-das nicht zu Herzen!“ sagt er väterlich. „Jedem kann natürlich mal sein
-Gaul durchgehen. Im übrigen macht sich die Sache mit dir!“ Da wird er
-ganz froh, fast ausgelassen und läßt trotz der Ebbe in seiner Börse
-eine Runde auffahren.
-
- * * * * *
-
-Die Wochen vergehen; der Oktober ist gekommen. Die Zeit der wilden
-Stürme ist da. Sie brausen übers märkische Land; sie heulen und klagen
-über die weiten Ebenen dahin. Eine wilde, schwere Nacht hat in der
-altmärkischen Stadt furchtbare Verwüstungen angerichtet. Am Flußweg
-sind zwei große Pappeln ums Leben gebracht. Wie Tote liegen sie lang
-über den Weg ausgestreckt. Ein Baugerüst ist umgefallen und hat einen
-unter sich begraben, und in jeder Promenade liegen ein paar gefällte
-Bäume und ausgerissene Sträucher. Noch ein paar andere Menschen sind
-zu Schaden gekommen. Einer Frau ist die Schulter gequetscht worden,
-und die ganze Stadt ist voll von dem Unglück dieser einzelnen. Ein
-Trunkener, der unter einem Baum gelagert hat, hat ein Auge eingebüßt.
-Auch sein Schicksal erregt Mitleid. Ein Landstürmer sagt wütend:
-„Wenn unsereins draußen zu Haufen niedergeschossen wird, dann ist das
-nichts Besonderes. Aber hier flennt man um ein altes Weib und einen
-Trunkenbold!“
-
-Da der Oktober so schwer und wild einsetzt, prophezeien die Leute
-einen furchtbaren Winter. Die Leute müssen was zu schwatzen haben; sie
-müssen sich vor etwas gruseln machen. Die Ereignisse schreiten jetzt
-langsamer voran. Nach dem raschen Siegeszug durchs belgische Land ist
-ein Stillstand eingetreten. Großes soll sich vorbereiten! flüstert man.
-Eine Schlacht, wie sie die Weltgeschichte noch nicht gesehen, soll
-geschlagen werden in nächster, allernächster Zeit.
-
-Die jungen Freiwilligen in der Kaserne werden von Ungeduld verzehrt.
-Warum hält man sie noch? Die Infanterie ist schon in Scharen
-hinausgezogen; sie aber hält man fest und drillt und drillt. Sie kennen
-doch nun wirklich alles, was sie zu kennen brauchen. Auf ihren Pferden
-sitzen sie so sicher wie auf einem Stuhl; das Lanzenbohren, das sie an
-Strohpuppen gelernt haben, ist ein Kinderspiel. Nun fiebern sie, an den
-Feind zu kommen.
-
-Aber es ist noch gar und gar keine Aussicht fürs baldige Ausrücken da.
-Nicht mal die feldgraue Uniform haben sie erhalten.
-
-Einer von den alten Leuten, der hier Garnisondienst tut, hat gesagt:
-„Paßt mal auf, Weihnachten sitzt ihr auch noch hier! In diesem Krieg
-braucht man die Kavallerie kaum noch. Was früher der Kavallerist
-erkunden mußte, tut heute der Flieger, und außerdem hat man Autos und
-Räder!“
-
-Das klingt so begreiflich; das ist ihnen in die Knochen gefahren!
-Herrgott, wenn man sie nun überhaupt nicht brauchte. Wenn man sie eines
-Tages nach Hause schickte: ‚Deutschland hat genug Kämpfer! Es bedarf
-eurer nicht!‘
-
-Es ist eine Flauheit in die Stimmung gekommen. Man wartet allenthalben
-auf etwas Großes, etwas Unerhörtes. Die Pfarrer predigen von der Kanzel
-herab: Geduld -- Geduld und wieder Geduld. -- --
-
-Ach, man merkt erst jetzt so recht den Krieg. Damals, vor zweieinhalb
-Monaten, als er begann -- mitten im Sommer, damals, als es so toll und
-rasend schnell ging --, da war der Krieg ein einziger Jubel -- ein
-einziger Triumph! Nun aber, da die Blätter fallen, da die Nächte kalt
-und rauh werden -- nun, da die Natur ihre Schönheit abwirft, und der
-Winter wie ein böser, dunkler Geist vor der Tür steht, nun lassen die
-Schwachen, die Armseligen ihre Köpfe hängen und beginnen zu klagen und
-zu jammern: Warum machen sie nicht vorwärts? Warum schlägt man sich
-nicht? Wozu das Herumliegen in den Schützengräben?
-
-In der altmärkischen Garnison werden draußen im freien Feld, dicht an
-den Exerzierplätzen, Stacheldrähte gezogen. Kolossale Flächen werden
-eingefaßt. Die Leute fragen und erkunden: Warum? Wozu? Erst ist es ein
-Geheimnis -- aber dann geht’s von Mund zu Mund: Russen kommen hierher;
-Tausende von gefangenen Russen und Kosaken sollen hierhergebracht
-werden. Die Leute erschrecken: Herrgott, Tausende von Russen so nahe
-bei der Stadt! Die Frauen, deren Männer und Söhne ausgezogen sind,
-erzittern.
-
-Wenn die nun in der Nacht ausbrechen und über die wehrlosen Leute in
-der Stadt herfallen? Gott, o Gott, was man nicht alles erleben muß!
-Es vergeht eine Woche und noch eine. Die Stachelverhaue sind längst
-fertig, noch nicht ein einziger Russe wohnt darin. Dann war es wohl
-doch nur ein Märchen -- und die Herzen beruhigen sich wieder.
-
-Frau Hiller wohnt noch immer im kleinen Städtchen; sie ist wie
-festgebannt hier. Sie will nicht schwach werden und ist es doch. Sie
-fürchtet sich so namenlos vor der Einsamkeit in ihrer kleinen Wohnung
-in Berlin. Hier, in den zwei Zimmern bei der Wachtmeisterswitwe, ist
-ihr Herz ruhiger; von hier aus sieht sie das Leben ihres Jungen sich
-abspielen. Sie will ihn nicht stören und in nichts beschränken, das
-hat sie ihm versprochen. Er soll gar nicht denken, daß sie hier ist.
-Nur wenn ihn die Sehnsucht einmal treibt, soll er zu ihr kommen. Der
-kleine Husar ist erstaunt, er begreift gar nicht, warum seine Mutter
-sich hier wohlfühlt, da sie es in Berlin doch so viel eleganter und
-abwechslungsreicher hat.
-
-Er selbst kann ihr ja wirklich nichts sein. Der Dienst ist stramm, und
-man sieht es nicht gern, wenn sie viel außerhalb der Kaserne sind. Aber
-wenn sie es absolut will, so ist es ihm natürlich recht -- sogar sehr
-recht, denn oft freut er sich auf eine Stunde des Alleinseins mit ihr.
-Sie darf dann nur nicht traurig aussehen, das verträgt er nicht.
-
-In Berlin sind die Frauen rastlos tätig in der Pflege und in unzähligen
-Vereinen für Wohltätigkeit. Ein jeder will sein Scherflein beitragen.
-Der Andrang ist so groß, daß gehemmt werden muß. In den Zeitungen wird
-gemahnt, der große Eifer solle eingedämmt werden. Auch Frau Hiller
-sehnt sich nach einer Arbeit, die sie ausfüllt, die ihre Gedanken
-ablenkt vom eigenen Schmerz. Kein Mensch in der Welt hat in dieser Zeit
-das Recht, an den eigenen Kummer zu denken. Alles, was im gewöhnlichen
-Leben selbstverständlich und gut und berechtigt ist, wird klein und
-zwecklos und unbedeutend durch den Krieg. Jeder Schmerz, der im Herzen
-des einen wohnt, lebt im Herzen von Tausenden und aber Tausenden.
-Wenn jeder ihm nachgeben wollte, so wäre es drin in der Heimat, für
-die gekämpft wird, schlimmer und trostloser als draußen auf dem
-Schlachtfelde. Aber der Schmerz ist wie ein Pilz; jede Nacht wuchert er
-von neuem in die Höhe; jeden Morgen muß er von neuem ausgerissen werden
-aus dem armen, bangen Herzen.
-
-Hier, in der kleinen Altmärker Garnison, kann sie sich am allgemeinen
-Wohltätigkeitswerk nicht beteiligen. Verwundete sind noch nicht da,
-und wenn sie eines Tages eintreffen, werden mehr Hände da sein, als
-gebraucht werden können.
-
-Das einzige, was sie hier tun kann, ist das, was jetzt alle Welt
-tut. Sie strickt für die, die draußen im Felde sind, und für die,
-die erst hinausziehen. Die Wachtmeistersfrau hat es ihr wieder
-beibringen müssen, wie ein Strumpf gestrickt wird. Sie hat dabei an die
-Kinderjahre denken müssen -- an die tote Mutter und das ganze, längst
-versunkene Jugendland.
-
-So ein Zurückschauen ist schön und traurig zugleich. Welche Fülle von
-Leid ohne eigentliche Ursache! Und so wie ein Schmerz überwunden ist,
-begreift man nicht mehr, daß man so namenlos darunter leiden konnte.
-Jedes überwundene Leid hat seinen Glorienschein; man möchte es nicht
-missen. Aber jedes neue erscheint unerträglich -- unfaßbar! Das Kreuz,
-das man zu tragen hat, wird schwerer, je weiter der Weg geht.
-
-Man sagt: Die Jugend hat die größte Leidensfähigkeit. Aber dafür hat
-die Jugend auch die größte Elastizität. Und überhaupt: Wo hört die
-Jugend auf, und wo fängt das Alter an? Gibt es eine Regel dafür? Der
-eine fühlt sich mit dreißig alt, der andere ist mit fünfzig jung.
-Die Großmutter ist zweiundsiebzig Jahre alt und hat noch das junge,
-lebendige Herz! Aber nie hat Frau Hiller so sehr gewünscht, sich alt
-und ruhig zu fühlen, als jetzt in dieser großen Zeit, in der die Jugend
-vor dem Alter zu Grabe getragen wird.
-
-In den vergangenen Wochen, als die Luft noch mild war, als der Regen
-noch nicht so unablässig fiel und alle Wege grundlos machte, ist sie
-oft stundenlang durch die angrenzenden Dörfer und Felder gewandert. Das
-ist jetzt nicht mehr möglich. Man kann es kaum wagen, durch eine der
-Promenaden in die Stadt zu gehen, und ist dann froh, wenn man wieder
-im Warmen sitzt. Kein Mensch ahnt wie lang die Tage sich dehnen; kein
-Mensch ahnt, was für Leidenswege ein armes Herz an solch langen Tagen
-zurücklegt.
-
-Oft flieht sie zu den Wachtmeistersleuten in die Küche. Da ist es immer
-traulich, da hört man immer etwas Neues. Die alte Frau sitzt an der
-Maschine und näht bunte Hemden fürs Rote Kreuz. Das ist Heimarbeit
-und wird schlecht bezahlt. Aber man tut es gern. Fräulein Else näht
-Knopflöcher, oder sie steht am Plättbrett und plättet. Dabei singt sie.
-Sie hat eine hübsche, sympathische Stimme und, was die Hauptsache ist,
-sie hat echtes Gefühl.
-
-Wenn sie singt, wird man von einer guten, wohltuenden Traulichkeit
-ergriffen, denn sie singt natürlich mit Vorliebe wehmütige Lieder vom
-Scheiden und Sterben und Verlassensein.
-
-Wäre sie eine Tochter aus vermögendem Hause, so wäre wahrscheinlich
-an diese warme, angenehme Stimme etwas gewandt worden, und sie würde
-kunstvoll singen. So aber ist sie wie der Vogel im Wald, der sein Lied
-singt, wie es ihm gegeben ist. Und das ist das Wohltuende an ihrem
-Gesang.
-
-Daß diese Menschen, die alte Frau sowohl wie die Tochter, keine Damen
-sind, daß sie ganz wundervoll einfach sind, das zieht Frau Hiller so
-mächtig zu ihnen hin. Die beiden Frauen bringen es fertig, sie für
-Stunden ganz gesund, ganz froh zu machen.
-
-Im Anfang hat sie nur gewagt, hin und wieder eine halbe Stunde auf
-dem großen, rotbraunen Sofa in der Küche zu sitzen. Sie wollte nicht
-stören; sie glaubte, man lege sich ihretwegen irgendeinen Zwang auf.
-Und sie hat wohl auch das törichte Gefühl gehabt, sich herabzulassen,
-wenn sie bei den Leuten in der Küche säße. Genau wie ihr Junge mag sie
-gefühlt haben, der es im Anfang nicht begreifen konnte, daß er sich
-hier mit den Jungen aus dem Volk, mit den Bauernsöhnen und Handwerkern
-eins fühlen sollte. Wie schnell hat er seine Vorurteile über Bord
-geworfen, wie schnell ist ihm alles klein und lächerlich erschienen,
-was ihm angeboren, anerzogen war. Heute sind alle Menschen einander
-gleich, ein jeder von den wehrfähigen Männern hat denselben Wert fürs
-Vaterland -- ein jeder von ihnen will sein Blut geben, und eine jede
-Frau, ob aus hohem Stand oder aus einfachem, zittert und leidet um
-dasselbe.
-
-Um fünf Uhr, zur Kaffeezeit, liegt das altmärkische ‚Intelligenz- und
-Leseblatt‘ in der gemütlichen Küche der Wachtmeisterswitwe, und um fünf
-Uhr steht auch die große Kaffeekanne auf dem geblümten Tischtuch, und
-Frau Hiller sitzt auf dem Sofa, neben ihr die alte Frau, und auf dem
-Stuhl ihr gegenüber Fräulein Else. Das altmärkische ‚Intelligenzblatt‘
-bringt gewöhnlich dasselbe, was schon am Morgen in einer Berliner
-Zeitung gestanden hat. Die offiziellen Nachrichten sind genau die
-gleichen. Aber das, was so ein Provinzblatt sonst noch bringt, ist ihr
-neu und scheint ihr eigentümlich. Sie liest den beiden Frauen vor, die,
-bis die Dunkelheit völlig einbricht, ihre Arbeit wieder aufnehmen. Die
-Herdtür steht offen, die Kohlen glühen und werfen den roten Schein
-auf den Boden. Wenn die Wachtmeistersfrau zum Nähen nicht mehr genug
-sehen kann, strickt sie im Dunkeln an einem Strumpf, und Fräulein
-Else plättet, ohne das, was sie plättet, noch erkennen zu können. Das
-Petroleum ist knapp geworden; man darf die Lampen erst anzünden, wenn
-man die Hand vor den Augen nicht mehr sehen kann.
-
-Der Mangel an Petroleum ist unangenehm, aber er ist doch nichts
-eigentlich Schlimmes, worunter man wirklich leidet. Doch genügt diese
-erste Einschränkung, die dem Land auferlegt wird, um den Krieg auch
-denen, die noch in Sicherheit, ohne jegliche Entbehrung dahinleben, ein
-wenig näherzurücken.
-
-Im Nachbarhaus haben sie davon gesprochen, das Mehl könne ausgehen;
-wenn der Krieg bis Weihnachten nicht zu Ende sei, habe man kein Brot
-mehr. Im Nachbarhaus wohnen Schwarzseher, das ist bekannt. Aber
-dennoch! Fast jeder Krieg führt Hunger und Krankheit im Gefolge. Wer
-weiß, was noch kommen wird! Wer weiß, wie der einzelne dastehen wird,
-wenn dieses furchtbare Ringen zwischen den Völkern einmal vorüber ist!
-
-Die drei Frauen in der warmen, dunklen Küche haben oft das
-niederdrückende Gefühl, daß sie sich das Leben zu leicht und bequem
-machen. Man heizt die Öfen und ißt sich satt -- genau wie in
-Friedenszeiten. Man singt und erzählt sich Geschichten, und draußen
-frieren und hungern und bluten sie. Gewiß, man näht, man strickt; aber
-man möchte mehr tun!
-
-Man möchte, möchte! Aber wo soll man angreifen?
-
-Einmal kommt ein junger Arzt zur Wachtmeisterswitwe in die Küche
-und trinkt den Kaffee mit den drei Frauen. Er erzählt von einem
-Verwundetentransport, der in den nächsten Tagen eintreffen soll. Die
-Lazarette stehen zum Empfang bereit; hilfreiche Hände sind zwanzigfach
-mehr, als Bedarf ist, zur Stelle. Das ist entmutigend. Frau Hiller hat
-früher den Samariterkurs durchgemacht. O, wenn sie helfen könnte! Nicht
-im großen Berlin, wo so unzählige auf ihre Berufung warten! Aber hier,
-im kleinen Altmärker Städtchen, hier, wo ihr Junge lebt, wo sie das
-gute Heim gefunden hat.
-
-Sie weiß genau: Sobald sie großes, wirkliches Unglück sieht, wird das
-Leid des eigenen Herzens überwunden sein! Aber der Arzt bleibt dabei:
-An Ärzten ist Mangel, an Pflegerinnen Überfluß. Die Wachtmeistersfrau
-seufzt: „Es müßte einmal einen Frauenkrieg geben!“ und lächelt dabei;
-aber sie rührt in Frau Hillers Herzen an eine wehe Stelle. Es leben so
-viele, die überflüssig sind, und es leben so viele, die jede Stunde
-gern bereit wären, den großen Weg ins Nichts zu gehen. Draußen lassen
-die Besten des Volkes ihr Leben, und im Lande, für das gekämpft wird,
-leiden und stöhnen Tausende von Überzähligen weiter.
-
-Oben die Trompetersfrau hat seit drei Tagen ein kleines Mädchen; die
-Geburt hat ihr fast das Leben gekostet. Ach, wäre es zu Ende gegangen
-mit ihr, bevor das Kind die Augen aufschlug! Nun liegt sie bleich
-und müd’ und fragt nach ihrem Mann. Wer wird den Mut haben, ihr die
-grausige Wahrheit zu sagen? Wer wird es über sich bringen, ihr zu
-sagen: ‚Du bist Witwe und dein kleines Mädchen war Waise, noch ehe es
-geboren war!‘ --
-
-Aber ein Unglück überholt das andere. Auch hier im Altmärker Städtchen.
-Allein in den paar Häusern, die hier auf einem Block zusammen stehen,
-ist Trauer und bitterer Schmerz in eine ganze Reihe von Familien
-eingezogen. Eine junge Braut harrt Woche um Woche auf eine Nachricht
-von dem, der in der Zeitung unter den ‚Vermißten‘ stand. Die Ärmste,
-die mit ihren Gedanken in der weiten Welt herumirren muß, die von einer
-Möglichkeit zu anderen tastet, die heute hofft und morgen in die
-tiefste Verzweiflung sinkt, sie hat Schlimmeres durchzufechten als die,
-der eine bittere, furchtbare Tatsache mitgeteilt wird.
-
-Frau Hillers Mitleid aber gehört der Frau des Trompeters. Das
-Schlafzimmer der Wöchnerin liegt über dem ihren. In der Nacht hört
-sie das kleine Geschöpfchen schreien. Lange hat sie kein kleines Kind
-schreien hören; lange ist es her, seit sie bei einer jungen Mutter
-geweilt hat. Wenn sie in der Nacht nicht schlafen kann, hat sie den
-Wunsch, oben im Zimmer bei der armen Frau und dem neugeborenen Kind
-sein zu dürfen. Eine alte Person aus des Trompeters Verwandtschaft ist
-zur Pflege da. Sie schlurft durch die Zimmer, und man hat das Gefühl,
-das ihr die Pflege vielleicht zu viel wird, daß sie oft verdrossen ist.
-
-Jede Nacht träumt Frau Hiller, daß sie das Kind im Arm hält und am Bett
-der Mutter sitzt. Es wäre etwas so Einfaches und Natürliches, daß sie
-hinaufginge und ihre Hilfe anböte. Aber jeden Morgen ist sie verzagt
-und weiß nicht, wie sie eine Verbindung finden soll.
-
-Die junge Wöchnerin kann sich nicht erholen. In den Fluren des Hauses
-stehen die Frauen und reden und reden. Die Ärmste fragt unablässig
-nach ihrem Mann. Warum schreibt er nicht? Das geht doch nicht mit
-natürlichen Dingen zu, daß er nicht schreibt!
-
-Die Qual des Wartens reibt sie auf; auch das Kindchen leidet unter der
-Pein der Mutter. Die Frauen aus dem Haus sind jetzt übereingekommen,
-daß man ihr die Augen öffnen muß. Ewig kann man sie nicht in der Lüge
-erhalten, und wenn sie erst auf ist, kann sie es durch irgendeinen
-Zufall erfahren. Aber wer fühlt sich berufen, die Nachricht zu
-überbringen?
-
-Die Wachtmeistersfrau sieht eines Tages Frau Hiller mit forschenden
-Augen an, dann sagt sie: „Am besten ist’s, eine ganz Fremde geht zu
-ihr! Alle im Haus haben Angst, es ihr zu sagen!“ Und die Augen der
-alten Frau sprechen eine Bitte aus: ‚Wollen Sie es übernehmen‘?
-
-Man sieht ihr neugierig nach, als sie die Treppe hinaufgeht. Es ist
-Krieg -- ist Ausnahmezustand: warum soll da nicht die fremde Frau zu
-der armen Witwe gehen und ihr das Traurige melden? Die wird am ersten
-die richtigen Worte finden.
-
-Ach, aber Frau Hillers Träume hatten sie doch wohl irregeführt. Sie
-hat sich gedacht, gleich eine Verbindung von Herz zu Herz zu finden;
-doch wie sie oben im halbdunklen Schlafzimmer steht, kommt es wie
-Verzagtheit über sie. Die blasse Frau im Bett fühlt sich verlegen und
-beginnt, sich wegen der Einfachheit, in der sie lebt, zu entschuldigen.
-Das Kind schreit, und die alte Pflegerin steht in der Mitte vom Raum
-und macht keine Miene, zu gehen.
-
-Frau Hiller hat ein paar Leckerbissen und Blumen mitgebracht; sie gibt
-es der Kranken, und die dankt mit viel zu viel Worten. Die Pflegerin
-fragt, ob sie der gnädigen Frau Kaffee bringen dürfe, und weicht nicht
-von der Stelle. Frau Hiller rückt sich einen Stuhl neben das Bett und
-fragt nach allerlei Dingen. Sie hofft, die Kranke müsse von dem, was
-sie bewegt, sprechen. Aber das tut sie nicht, denn sie spricht nur
-vom Krieg im allgemeinen, von der Verwirrung im ganzen Städtchen, von
-den Umzügen, von dem Alarm drüben in der Kaserne in den ersten Tagen.
-Die arme Frau glaubt, ihren Gast unterhalten zu müssen; es hat etwas
-Erschütterndes, wie sie darauf bedacht ist, über den eigenen Kummer zu
-schweigen.
-
-Die Pflegerin beugt sich über die Kranke und flüstert ihr etwas ins
-Ohr. Das Kindchen muß Nahrung haben, und man sieht den Besuch ängstlich
-fragend an.
-
-Frau Hiller nimmt das Kind aus dem Arm der alten Frau und legt es an
-die Brust der Mutter. Nun sind sie sich um vieles nähergerückt. Die
-Frau lächelt sie dankbar an, und wie sie nun in den Kissen liegt,
-sieht Frau Hiller erst, wie jung und lieblich dies Gesicht ist. Große,
-ausdrucksvolle, dunkle Augen hat sie, und einen schönen, vollen Mund.
-
-Die Pflegerin muß zu Einkäufen in die Stadt fahren. Soll sie warten,
-bis das Kleine gestillt ist, oder wird die Dame noch eine kleine
-Stunde bleiben? Frau Hiller ist glücklich, daß sie bleiben darf. Sie
-sieht, wie das feine Mündchen des Kindes sich in die Brust der Mutter
-eingräbt; sie fährt mit der Hand über das weiche Köpfchen. So hat sie
-einst ihren Ernst gehalten; so wie dies ganz kleine Kindchen hier zur
-Mutter gehört, hat ihr Junge einst ihr gehört! Unausdenkbar, daß man so
-eins war, daß so ein Kindchen einmal nichts anderes als ein Stück von
-der Mutter war. Weh wird ihr ums Herz, als sie dies stille, traurige
-Glück sieht.
-
-Das Kindchen schläft ein; das Mündchen läßt die Brust fahren, und Frau
-Hiller trägt das kleine Geschöpf zu seinem Korb zurück. Die Frau bleibt
-wie erschöpft in den Kissen liegen; sie wirkt wie ein Bild, von einem
-alten Maler gemalt. Solch ein tiefes Leiden in den zarten Zügen! Frau
-Hiller nimmt eine der blassen Hände in die ihren. Ihr ist’s, als sei
-diese Frau ihre Schwester, als gehöre sie ganz eng zu ihr. Ihr Herz
-ist von überquellender Liebe, voll tiefem, tiefstem Mitleiden.
-
-Aus ihrer Hand geht der Strom heißen Fühlens ins Herz der anderen über.
-Sie hat jetzt vergessen, daß die Frau, die an ihrem Bett sitzt, eine
-Fremde ist. Der matten Hand tut der warme Druck wohl. Die Seele wird
-weich und mitteilsam. Und sie macht der, die zu ihr gekommen ist, ihr
-das Bittere mitzuteilen, ihr Amt leicht.
-
-„Wenn man weiß, daß einer tot ist, daß es nichts mehr zu hoffen gibt,
-dann kommt wenigstens Ruhe in den Kopf!“ klagt sie. Frau Hillers Hand
-umschließt die der Kranken fester. Ihr Herz ist erregt, es schlägt so
-laut, daß es ihr ist, als müßte man den lauten Schlag im Zimmer hören.
-
-„Jede Nacht höre ich ihn rufen! Jede Nacht sehe ich ihn irgendwo liegen
-und höre ihn stöhnen!“
-
-Sie wendet das Gesicht zur Seite, die matte Hand zuckt in Frau Hillers
-Händen.
-
-„So viele von uns müssen jetzt dasselbe leiden!“ kommt es zaghaft aus
-deren Mund.
-
-Das ist immer ein matter Trost; weiß sie doch von sich selbst, daß
-ein Schmerz nicht weniger bitter wird, wenn man sich sagt, daß viele
-dasselbe zu leiden haben.
-
-Die Frau im Bett richtet sich auf. Ihr Gesicht hat sich verändert; die
-Augen starren in eine Ecke, um den Mund liegt ein harten Zug. „Ich habe
-alles verloren, seit ich nicht mehr weiß, wo er ist! Ich kann nicht
-mehr beten -- ich kann mich nicht an dem Kind freuen. Ich weiß nur
-eines: wenn ich nicht bald Gewißheit habe, verliere ich den Verstand,
-und ehe ich den Verstand verliere, mache ich ein Ende -- auch mit dem
-armen Wurm da!“
-
-Wie sie das vor sich hinspricht -- ohne Bewegung im Gesicht -- ohne Ton
-in der Stimme, fühlt Frau Hiller, daß dies arme Weib wirklich am Ende
-seiner Kraft ist, fühlt, daß dieser Kopf nicht viel mehr ertragen wird.
-Sie drückt den noch schwachen Körper in die Kissen zurück. Sie beugt
-sich so dicht zum Gesicht der jungen Mutter, daß sie es fast mit dem
-ihren berührt.
-
-„Und wenn Sie nun die Gewißheit hätten! Wenn jemand ihnen mit
-Bestimmtheit sagte: Er lebt nicht mehr! Er hat den schönsten Tod, den
-ein Mensch finden kann, erlitten!“ sagt sie unsicher und erregt.
-
-Die Frau sieht sie ungläubig an; das blasse Gesicht verzerrt sich. Aber
-dann geht eine Veränderung mit ihr vor. Sie weiß nun auf einmal, warum
-die fremde Frau zu ihr herausgekommen ist in ihr armes Stübchen. Sie
-begreift mit einem Male alles. Die aus dem Hause haben es längst gewußt
-und haben nicht den Mut gehabt, ihr die Wahrheit zu sagen. Da haben sie
-die Fremde hier heraufgeschickt. Sie zweifelt keinen Augenblick mehr.
-Der Mann ist tot. Sie ist Witwe, das Kind ist Waise. Ein einziges Jahr
-des Glückes -- dann aus!
-
-Sie sagt nichts mehr. Übers bleiche Gesicht strömen Tränen. Sie läßt
-ihre Hand in Frau Hillers Händen.
-
-Still ist’s um die beiden -- fast dunkel im Zimmer. Aus dem Nebenraum
-tönt das Ticken einer Uhr.
-
-Tiefer Frieden hier drinnen. Aber draußen in der Welt tobt die Wut der
-Völker weiter; was gilt der einzelne Mensch, der unter den Millionen,
-die sich in wildem Haß bekämpfen, steht? Fällt er, so fällt er; sein
-ist die Ruhe. Aber jeder, der da draußen sein Leben läßt, stirbt nicht
-für sich allein. Jede Wunde, die auf dem heißen Felde geschlagen wird,
-reißt schlimmere Wunden bei denen, die zurückblieben, die sich im
-Alltag weiterschlagen müssen!
-
-Wer ist schlimmer daran? Wer hat das größere Leid getragen? Der
-arme Trompeter ist als Held gestorben, ist erlöst! Wenn man es noch
-fertigbringt, an eine Gerechtigkeit jenseits dieser unharmonischen Welt
-zu glauben, wird er zu ewiger Glückseligkeit gelangt sein. Die Frau
-aber mit dem Kind hat ein langes, schweres, graues Leben vor sich.
-
-Frau Hiller fühlt, wie die Hand in der ihren schlaff wird. Sie beugt
-sich über das weiße Gesicht. Die Augen sind geschlossen. Ruhige
-Atemzüge -- ein guter, friedlicher Zug um den Mund. Sie schläft.
-
-Durchs Nebenzimmer schlurft die alte Pflegerin und kommt ans Bett.
-Frau Hiller löst ihre Hand von der der Schlafenden. „Haben Sie ihr’s
-gesagt?“ fragt die Frau und atmet erleichtert auf.
-
-Sie bringt Frau Hiller bis zur Treppe. „Na, nun wird’s ja bald gut
-werden. Der Mensch kann alles aushalten -- nur Ungewißheit nicht!“
-
-Unten im Flur springt Mirza an ihr hoch. Der kleine Husar steht in der
-Küche bei den Wachtmeistersleuten, denn er hat eine freie Stunde und
-will mit der Mutter zu Nacht essen.
-
-Strahlend erzählt er, daß sie gegen Typhus geimpft wurden. „Eine ganze
-Menge ist schlapp geworden!“ erzählt er. „Nun weiß man doch wenigstens,
-daß die Sache in Gang gebracht wird -- daß man in absehbarer Zeit
-hinauskommt!“ Im dritten Monat sind sie in der Kaserne; das soll einer
-aushalten. Man putzt Pferde und Knöpfe und Sattelzeug fürs Vaterland,
-und bei den anderen Regimentern haben die Freiwilligen schon große
-Schlachten mitgeschlagen und Eiserne Kreuze erworben.
-
- * * * * *
-
-Nun kommen die Russen also doch ins Altmärkische Städtchen. Die
-Wasserleitung ist bis zu den großen, durch doppelten Stacheldraht
-eingezäunten Plätzen hinausgelegt worden. Hohe elektrische Bogenlampen
-bestrahlen die weiten Flächen, auf denen jetzt Tag und Nacht gearbeitet
-wird. Baracken sind notdürftig aufgebaut, eine große Küche ist
-eingerichtet worden. Kaufleute aus der Stadt erzählen von gewaltigen
-Aufträgen, die sie zur Verpflegung des Russenlagers erhalten haben.
-
-Alle Welt spricht nur noch von den Russen! Wie mögen sie aussehen? Man
-freut sich und fühlt doch ein leichtes Grauen. Fünfzehntausend Mann
-sollen gebracht werden! Eine ganze Horde Feinde in allernächster Nähe!
-
-Eines Tages, als die Freiwilligen sich zum Abendapell versammeln,
-bekommen sie einen Befehl, der sie mit Freude erfüllt. Sie haben ihre
-Pferde zu satteln, werden zum Bahnhof reiten, um die Russen, die am
-späten Abend eingeliefert werden sollen, in Empfang zu nehmen. Das
-Gesicht der jungen Menschen leuchtet auf. Endlich etwas Kriegerisches!
-Endlich mal einen Auftrag, der unmittelbar mit dem Krieg zusammenhängt!
-
-Aber der Wachtmeister legt ihnen einen Dämpfer auf. Ernst und
-würdig müssen sie den Feind empfangen. Keiner darf reden -- keiner
-irgendwelche Teilnahme bezeigen. Mit gefällter Lanze und geladenem
-Karabiner haben sie auf ihrem Pferd zu sitzen und langsam den Zug zu
-begleiten. Geschieht etwas Unerwartetes, geht die Sache nicht glatt
-von sich, so haben sie auf Befehl von der Waffe Gebrauch zu machen.
-
-Die Russen kommen also doch. Tag und Stunde der Ankunft sollte
-Geheimnis bleiben im Städtchen. Aber man hat es doch erfahren.
-In einer kleinen Stadt erfährt man eben alles. Wozu sollten die
-Absperrungsmaßregeln am Güterbahnhof getroffen worden sein, wenn nicht
-für die Ankunft des Feindes? Die Russen kommen! -- die die Russen
-kommen!! -- jedes Kind weiß es.
-
-Aber alles Interessante in dieser Zeit geschieht bei Nacht;
-Mannschaften und Pferde, die ins Feld ziehen, alles wird bei Nacht
-transportiert. Vor kurzem sollen fünfhundert gefangene Franzosen
-durchgekommen sein und am Bahnhof eine Stunde gelagert haben. Auch in
-der Nacht! Kein Mensch hat etwas von ihnen gesehen! Aber die gefangenen
-Russen wird man sehen, denn die bleiben ja nun für lange Zeit am Ort.
-Solange der Krieg dauert, bleiben die hier, und der Krieg kann noch
-lange dauern. Kein Mensch glaubt mehr daran, daß Weihnachten Friede ist.
-
-Die Deutschen wollen jetzt gar keinen schnellen Frieden mehr! Sie
-wollen bis zum Äußersten durchhalten! Was England dem Deutschen Reich
-anzutun gedachte, das werden die Deutschen nun den edlen Briten
-zufügen! Der Haß gegen die Engländer lebt bis ins kleinste Kinderherz
-des ganzen deutschen Vaterlandes hinein.
-
-Man freut sich, wenn Russen oder Franzosen Niederlagen erleiden und
-große Verluste haben. Der kleinste Triumph aber über England löst
-ungeheuren Jubel aus.
-
-So feig ist der Brite, hat seine Flotte in die Irische See gebracht und
-wagt sich zu keinem Angriff vor.
-
-Deutschland soll angreifen, soll sich preisgeben, soll plump
-hereinfallen. England lebt nur noch von Lüge und Betrug.
-
-Die erste Nation der Welt hat sich die Lüge zur Politik gemacht. Ob die
-Welt das duldet? Ob England sein Ansehen unter den Völkern behaupten
-wird, wenn dieser gewaltige, unselige Krieg einmal zu Ende ist? Die
-Kinder im Städtchen, die auf den Plätzen und in den Anlagen Krieg
-spielen und die Rollen der Feinde untereinander verteilen, geben sich
-gern dazu her, Franzosen, Russen oder Belgier zu sein. Den Engländer
-aber will keiner abgeben; wer im Spiel Engländer sein muß, der schämt
-sich und verlangt dafür, daß er beim nächsten Spiel Deutscher sein muß.
-
-Frau Hiller steht mit Fräulein Else in der Tür des Hauses, als die
-Freiwilligen aus dem Kasernentor herausreiten. Wie ihr kleiner Ernst
-nun schon sicher auf dem Pferd sitzt! Er nickt der Mutter zu, und der
-große Zug schmucker Husaren, den Karabiner über der Schulter, die Lanze
-im Arm, bewegt sich die lange Straße hinab, dem Bahnhof zu.
-
-Fräulein Else hat den lebhaften Wunsch, sich die Sache anzusehen. Am
-Bahnhof ist natürlich alles abgesperrt, da kann man nicht durch. Aber
-wenn man mutig ist, geht man zum Lager selbst hinaus. Es ist ja nicht
-gefährlich, denn der Mond scheint, und draußen beim Lager brennen die
-hohen Bogenlampen.
-
-Aus der Kaserne kommt der junge Arzt, der die Wachtmeistersleute hin
-und wieder besucht und mit ihnen in der Küche Kaffee trinkt. Fräulein
-Else läuft ihm entgegen und bringt ihr Anliegen vor.
-
-Der Arzt ist selbst auf dem Wege zum Exerzierplatz. Er hat das Amt,
-nach den leichtverwundeten Russen, die schon am Morgen ankamen und im
-großen Saal eines Bierrestaurants, dicht beim Lager, untergebracht
-sind, zu sehen. Er begrüßt Frau Hiller und erklärt sich bereit, die
-Damen zu begleiten. Mirza läuft mit ihnen.
-
-Es ist eine kühle, sternklare Nacht, und sie biegen gleich links von
-der Kaserne in einen schmalen Weg ein. Rings um sie herum sind Felder;
-ein Bächlein rieselt da durch, der Mond gießt weiches Licht auf die
-Erde, und der Arzt erzählt von den Einrichtungen, die für die Russen
-getroffen worden sind. Am Bahnhof, in einem Lazarett, liegt eine
-Anzahl Schwerverwundeter. Ein paar von ihnen werden in allernächster
-Zeit ihren Wunden erliegen. Entsetzliche Verletzungen haben sie
-davongetragen.
-
-Arme Teufel! Es ist eine Grausamkeit, daß man sie leiden läßt, daß man
-sie nicht erlösen darf, da man doch genau weiß, daß sie in ein paar
-Stunden oder Tagen unter namenlosen Qualen sterben müssen.
-
-Frau Hiller hat sich in Fräulein Elses Arm gehängt, denn sie gehen über
-Stoppeln, und das Mondlicht tanzt unsicher auf dem holprigen Boden. Es
-ist ein weiter Weg bis zum Russenlager hinaus; alles totenstill um sie
-her, kein Mensch begegnet ihnen, nur Mirza bellt hin und wieder, wenn
-er irgendwo etwas Lebendiges wittert.
-
-Dem Russenlager gegenüber erhebt sich ein kleiner Hügel; wenn man da
-hinaufsteigt, überschaut man den ganzen, weiten Platz wie ein Theater.
-Der junge Arzt zieht die Uhr. „Die Damen werden noch eine gute Stunde
-warten müssen,“ sagt er. „Sind Sie nicht ängstlich?“
-
-Nein, ängstlich sind sie nicht! Wer soll ihnen etwas tun, sie haben ja
-auch Mirza bei sich, und wenn er auch nicht viel ausrichten kann, so
-würde er doch wenigstens bellen, wenn sich etwas Verdächtiges zeigte.
-
-„Aber es ist kalt, und es wird Ihnen noch etwas langweilig werden,
-so lange dem leeren Platz gegenüberzustehen. Wenn Sie Lust und Mut
-haben, so kommen Sie mit mir und schauen sich an, wo wir unsere
-leichtverletzten Feinde untergebracht haben!“
-
-Fräulein Else kämpft mit einem leisen Unbehagen, aber Frau Hiller ist
-freudig überrascht. Nicht Neugierde drängt sie, aber in der Nacht denkt
-sie oft über das Schicksal der Gefangenen, die krank ins Land ihrer
-Feinde kommen, nach. „Wenn ich nur einen Blick in den Saal werfen
-darf!“ Sie nimmt dankbar das Anerbieten des jungen Arztes an.
-
-Er führt sie ein Stück Weges zurück durch einen Garten, in dem den
-Sommer über Tische und Bänke standen, und wo sich lustiges Leben
-abzuspielen pflegte. Jetzt ist alles dunkel und einsam.
-
-Ein paar Stufen führen zum Eingang des Hauses hinan; man geht durch
-den Restaurationsraum, in dem ganz wenige Gäste sitzen, und kommt in
-den großen Tanzsaal. Starker Karbolgeruch dringt ihnen entgegen, und
-Fräulein Else hält sich die Nase zu. „Hu, wie das riecht!“
-
-Der Arzt geht voran, und die beiden Frauen bleiben am Eingang an einer
-Säule stehen. Von der Decke herab hängen große Lampen, die weißes Licht
-ausstrahlen. An der Erde, auf Matratzen, die eilig hierhergeschafft
-wurden, weil man nicht auf so viele Kranke gerechnet hatte, liegen die
-Verletzten; in voller Uniform liegen sie da, und einige haben sogar die
-Mütze auf dem Kopf.
-
-Seltsam mutet dies Bild an -- traurig -- öd -- unfreundlich! Die
-Lazarette, die in der Stadt sind, haben weiße Betten und weiße Möbel,
-alles wirkt da hell und freundlich, so daß man das sichere Gefühl hat:
-der hier liegt, muß gute und friedliche Gedanken bekommen.
-
-Dieser Saal aber, der so hastig hergerichtet werden mußte, hat etwas
-Beklemmendes. Aber sie liegen zum wenigsten warm. Sie haben Pflege
-und reichliches Essen. Gott mag wissen, ob es den Unseren, die als
-Gefangene in ihr Land kommen, ebenso gut ergehen mag.
-
-Der Arzt tritt an einen Tisch, an dem zwei junge Leute mit dem
-Abzeichen des Roten Kreuzes auf dem Arm stehen. Er läßt sich Bericht
-erstatten und geht dann von Bett zu Bett. Die meisten der Gefangenen
-sprechen deutsch, und einige von ihnen sehen intelligent aus.
-
-Auf der Matratze eines Schlafenden sitzt ein junger Mensch, der den
-Kopf in die Hand gestützt hat. Von ihm kann Frau Hiller ihre Blicke
-nicht lösen, denn etwas unsäglich Trauriges geht von ihm aus. Man soll
-kein Mitleid mit den Feinden haben! Man soll an die Greueltaten, die
-sie schon in unserer Heimat angerichtet haben, denken. Was wollen sie
-denn mehr als das, was man ihnen hier bietet: ein warmes Lager, Essen
-und Trinken und die nötige Pflege? Geht es uns etwas an, ob sie sonst
-noch leiden, ob sie Heimweh haben, ob ihre Seele belastet ist?
-
-Der junge, energische Arzt tritt an das Bett des Schlafenden und
-rüttelt den, der wie weltentrückt dasitzt, an der Schulter. Der fährt
-auf und sieht den Arzt erschrocken an. Er hat nur einen Streifschuß an
-der Hüfte und ist schon fast ganz wiederhergestellt. In einem Tag oder
-zwei wird er zu den anderen ins Lager kommen. Der Schlafende scheint
-doch aber eher zu den Schwerverletzten zu gehören; der hat einen
-Lungenschuß und sein Atem geht röchelnd.
-
-Der Arzt sieht ihn an und läßt ihn schlafen, dann tritt er zu den
-Frauen Er erklärt Frau Hiller die einzelnen Fälle. Der junge Mensch,
-der wieder in seiner versunkenen Stellung, den Kopf in die Hände
-vergraben, dasitzt, ist der Bruder des Schlafenden. Der Arzt hat sich
-am Morgen mit ihm unterhalten, denn er spricht deutsch ebenso geläufig
-wie russisch, und hat ihm mitgeteilt, daß er ganz nahe der Grenze
-zu Hause sei. „Wollen Sie sich mal von ihm selbst seine Geschichte
-erzählen lassen?“
-
-Fräulein Else machte entsetzte Augen, und auch Frau Hiller möchte
-abwinken. Aber der Arzt ist schon zu dem jungen Menschen hingegangen
-und kehrt mit ihm zu den zwei Frauen zurück. Er hat ein sympathisches
-Gesicht, und man sieht sogleich, daß er kein gewöhnlicher Mensch ist.
-Er sieht jetzt auch gar nicht mehr so schwermütig aus und erzählt
-fließend und anscheinend gern, wie er in den Krieg gekommen ist.
-
-Er und sein Bruder, der hier liegt, waren Beamte auf einem großen Gut,
-hatten Urlaub bekommen und waren gerade im Begriff, zu Eltern und
-Geschwistern in die Stadt zu fahren. Da heißt es: „Großes Manöver!“ Man
-rüstet sich und denkt: In drei Tagen ist man frei! Da steht man auch
-schon dem Feind gegenüber. Entsetzlich! Kein Mensch hat ihnen etwas vom
-Krieg gesagt! Wochenlang liegen sie hinter Wällen -- immer er mit dem
-Bruder zusammen -- schlechtes Essen -- trübe Nächte, und die Deutschen
-schießen wie die Verrückten! Ende September haben sie sich ergeben --
-der Bruder mit einem Schuß in den Rücken, er mit der Hüftwunde, die
-schon fast ganz ausgeheilt ist.
-
-Mit dem Bruder war es anfänglich auch nicht so schlimm; er konnte noch
-ganz gut gehen und sitzen, aber der lange Transport hat ihm geschadet
--- nun muß er vielleicht sterben! Da nimmt das Gesicht wieder den
-schwermütigen Ausdruck an. Die Angst um den Bruder mag ihm das Herz
-zuschnüren, denn man sieht und fühlt aus allem, daß er den Bruder
-zärtlich liebt. Er ist noch blutjung und hat ein kluges Gesicht. Nun
-erfährt er nichts mehr vom Krieg, wird nicht hören, wie es um sein Land
-steht, und wie lange die Gefangenschaft dauert!
-
-„Danke,“ sagt der Arzt in dem Augenblick, in dem der junge Mensch
-anfängt von seinen Gefühlen zu reden. Das klingt schroff, und Frau
-Hiller und Fräulein Else sehen ihn vorwurfsvoll an. Kein Mitleid mit
-den Feinden! Frauen aber können sich schwer dem Mitleid verschließen!
-
-Der junge Mensch sitzt wieder ganz versunken am Lager des Bruders. Was
-mag er nun gegen die empfinden, denen er Rede stehen mußte über das,
-was sie hören wollten, und auf deren Gebot er schweigen mußte, als das,
-was er zu sagen hatte, ihnen nicht mehr paßte?
-
-Frau Hiller sieht zu ihm hin und stellt sich vor, daß ihr Junge eines
-Tages so im fremden Land sitzt, den Kopf in die Hand gestützt, das Herz
-voll Verzweiflung, und daß er vielleicht vorgerufen wird und Frauen
-aus Feindesland Rede stehen muß und fortgeschickt wird, sobald ihre
-Neugierde befriedigt ist. Sie schämt sich und hat das Gefühl, zum Leid
-eines armen Menschen noch Haß und Verbitterung gesellt zu haben.
-
-Der Arzt zieht seine Uhr. Er hat in dieser Nacht hier nichts mehr zu
-tun und greift zu Hut und Mantel. „In einer Viertelstunde kann übrigens
-der Transport beim Lager ankommen, also gehen wir!“
-
-Draußen atmen sie tief auf. Eine klare Nachtluft empfängt sie und kühlt
-den erhitzten Kopf. Mirza, der im Gastzimmer geblieben war, springt
-hoch an Fräulein Else in die Höhe. Die Sterne funkeln, und der Mond
-macht die Erde silbern. Es ist eine köstliche Spätherbstnacht!
-
-Sie steigen auf den Hügel und sehen die Welt wie ein Märchen vor
-sich liegen. Weit dehnen sich die vom Drahtzaun eingefaßten Flächen
-vor ihnen aus, und die Bogenlampen werfen ein geisterhaftes Licht
-darüber. Zu allen Seiten sind weite Felder, und der Blick kann in die
-Unendlichkeiten schweifen. Nirgends ein Hemmnis, denn öd und flach ist
-das altmärkische Land!
-
-Frau Hiller wendet sich der Seite zu, wo die Stadt mit ihren
-Kirchtürmen liegt. Ganz verschleiert nur sieht man die Umrisse. Es ist
-beklemmend still oben auf dem kleinen Hügel; keiner von den dreien
-spricht ein Wort, und Fräulein Else hat den frierenden Hund auf die
-Arme genommen. Ein leiser Wind raunt durch die letzten Blätter der
-Bäume, und hin und wieder schwirrt ein Vogel durch die Luft.
-
-Frau Hiller ist es, als beginne ihre Seele zu fliegen -- sie sieht
-Dinge, die noch kein Mensch gesehen; sie weiß und versteht Dinge, die
-niemand auf Erden begreifen kann. Ihr ist, als öffnen sich Tore vor
-ihr, die sich erst dem erschließen, der sein irdisches Leben abgeworfen
-hat.
-
-So oft in diesen unseligen Zeiten, seit der Krieg begann, hat sie
-an allem, was sonst ihre Zuflucht gewesen, zu zweifeln begonnen: an
-dem Gott, der die Geschicke der Menschen in der Hand hält, der über
-Recht und Unrecht entscheidet. In dieser Nacht aber wird ihr ein
-Gnadengeschenk. Der Himmel öffnet sich ihr, und sie sieht in Pracht
-und Herrlichkeit hinein. Sie sieht mit den Augen eines Kindes, dem ein
-Märchen erzählt wird. Sie sieht Gott mit dem milden Antlitz und dem
-Glorienschein ums Haupt, wie ihn fromme Kinder sich vorstellen. „Wer
-sein Leben unschuldig hingibt, der wird hier oben bei mir die Seligkeit
-erlangen!“ hört sie ihn sagen. Da weiß sie wieder, daß das, was man
-sie in der Jugend lehrte, doch wahr ist. Die paar Jahre, die der
-Mensch hier unten auf der Erde hinzuwandern hat, die sind also nichts
-anderes als die Vorbereitung für die Ewigkeit da oben! Alle Menschen
-bekommen das in ihrer Kindheit gesagt, aber sie vergessen es, oder
-sie wachsen darüber hinaus. Und weil jeder nur an das eine Leben hier
-unten denkt, kommt so viel Böses und Hartes und Schlimmes in den Herzen
-auf, -- darum auch ist der Neid und der Haß unter den Völkern so groß
-geworden -- darum schlachten sich die Menschen jetzt hin! Jeder will
-für dies eine Leben, an das er glaubt, alles für sich zusammenraffen --
-keiner denkt an die Herrlichkeit da oben und darum will keiner arm und
-bescheiden und gut bleiben. Wie verblendet sind die Menschen geworden!
-
-Der Arzt faßt Frau Hiller leise am Arm, und im selben Augenblick ist
-die Traumwelt versunken. Vom Dom und von der Marienkirche schallen
-Glockentöne: es ist Mitternacht.
-
-Der Arzt deutet mit der Hand nach der großen Straße hin, die vom Tor
-hier heraus zu den Exerzierplätzen führt. In weiter Ferne hört man
-Pferdegetrappel, hört die Marschschritte der Gefangenen.
-
-„Sie kommen! Sie kommen!“ ruft Fräulein Else und läßt Mirza aus ihren
-Armen gleiten.
-
-Das Auge kann erst allmählich unterscheiden; man sieht etwas wie
-eine graue Schlange heranziehen. Es kommt näher und näher. Das
-Pferdegetrappel schlägt jetzt schon ganz deutlich ans Ohr, man kann die
-Umrisse der Reiter erkennen.
-
-Ein Schauer geht durch die beiden Frauen. Der Krieg ist ihnen mit
-einmal ganz nahe gerückt! Der Feind, der Deutschland in Stücke zerhauen
-will, kommt als Gefangener ins Land! Man hat all die Tage gar nicht
-darüber nachgedacht, was das eigentlich so recht bedeutet. Auch vorhin
-bei den armen Verwundeten hatte man nicht das Gefühl eines Triumphes.
-Nun aber, da der Trupp näher und näher kommt, erschauert man unter der
-Größe des Augenblicks.
-
-Sie sind schon ganz nahe! Zwei Vorreiter sind am Stachelzaun angelangt.
-Eine Tür wird geöffnet -- eine Anzahl Soldaten bilden Spalier -- die
-Husaren verteilen sich rund um den weiten Platz herum, und die ersten
-Russen betreten das Lager. Still alles ringsumher, nur das Marschieren
-der Truppen und das Aufschlagen der Pferdehufe ist hörbar.
-
-Die Russen tragen braune Mäntel, die sich kaum vom Erdboden
-unterscheiden; sie fließen durch die schmale Tür auf den weiten Platz
-wie eine Masse, die eine Form füllen soll. Unabsehbar dehnt sich der
-Zug der Anmarschierenden hin; man hat gar nicht mehr die Empfindung,
-daß diese wogende Menge, die hier einzieht, aus einzelnen Menschen
-besteht. Man sieht nur noch das Ganze, das durch die enge Tür quillt,
-das anschwillt, das wie ein Meer auf und nieder wogt!
-
-Werden sie alle Platz haben? Wird ein jeder ein kleines Stück Boden für
-sich finden, wo er sich zur Nacht ausstrecken kann? In Baracken und
-Zelten ist Stroh aufgeschüttet worden. Gegen Sturm und Kälte sind sie
-also genügend geschützt. „Viel zu human,“ sagt der Arzt, der zwischen
-den beiden Frauen steht. „Wer weiß, wie sie mit den Unseren umgehen,
-die in ihr Land kommen?“
-
-Es ist gut für Frau Hiller, daß ihr Mitleid eingedämmt wird, daß sie
-es immer wieder hört: „Wie werden die Deutschen, die in Feindesland
-kommen, aufgenommen werden?“ Dann denkt sie an ihren Ernst -- und das
-Herz wird hart gegen Deutschlands Feinde.
-
-Aber immer wieder bricht der Schmerz und der Jammer um all das Leid,
-das in die Welt gekommen ist, in ihrer Seele hervor. Wer hat diesen
-furchtbaren Krieg gewollt? Wer hat die Brandfackel in die Welt
-geschleudert? Welcher verruchte Kopf ist es, der die Massen aufwiegelte
--- wessen Seele wird einst Verantwortung tragen müssen für das
-namenlose Leid, für den grenzenlosen Jammer, der jeden einzelnen, der
-doch nichts anderes als ein armes Werkzeug ist, trifft?
-
-Die Husaren auf ihren Pferden stellen sich rund ums Lager auf, immer
-noch mit gefällter Lanze, immer noch zum Angriff bereit. Aber die
-Gefangenen gehen friedlich, wie Vieh, das in den heimatlichen Stall
-zieht, in ihr Lager hinein.
-
-Von der Stadt her kommt der Landsturm angezogen; der hat die Wache zu
-übernehmen. Die Nacht ist vorgeschritten; ein Frösteln geht durch die,
-die oben auf dem Hügel stehen. Der Wind, der bislang wie ein Raunen
-durch die Kronen der Bäume gezogen ist, wird stärker. Am Himmel treiben
-Wolken, die Sterne sind verschwunden, und der Mond ist fahl geworden.
-
-Nun ist der letzte Russe ins Lager eingezogen; die Tür schließt sich.
-Zwei Wachtmeister kommandieren die Husaren, die sich zu Reihen ordnen.
-Frau Hiller schaut auf den Zug, der sich zur Stadt bewegt.
-
-Da kommt wieder das große Staunen in ihre Seele. Das Kind, das bislang
-ihr eigen war, ihr kleiner Ernst, ist einer von den Husaren, die hier
-eine so ernste, feierliche Mission verrichtet haben. Welcher mag es
-sein?
-
-Jeder einzelne wird ein paar Sekunden lang von dem hellen Licht der
-Bogenlampen bestrahlt; aber sie hat ihren Jungen nicht erkannt!
-
-Stolz und Schmerz kämpfen wieder gegeneinander. Der Stolz sagt:
-‚Freue dich, daß du dem Vaterland einen Sohn zu geben hast!‘ Aber der
-eigennützige Schmerz sagt: ‚Ich habe ihn geboren -- ich habe ihn groß
-gezogen, und nun, da ich einen guten Kameraden an ihm hatte, muß ich
-ihn hingeben!‘
-
-Sie stehen noch eine Weile auf ihrem Hügel; sie sehen, wie der
-Landsturm sich rings ums Lager verteilt.
-
-Drinnen, innerhalb des Drahtzaunes, wogen die Massen auf und nieder
--- Tausende von einzelnen Leben, die nun zu einem großen Ganzen
-verschmolzen sind! Tausende von Köpfen und Herzen, die hier leiden
-werden!
-
-Und zu diesen Tausenden, die hier in der Fremde die Gefangenschaft
-erdulden müssen, gehören wieder Tausende in der Heimat, die mit ihnen
-leiden -- deren Seelen dunkel und verzagt sind. Die ganze Welt ein
-einziger Jammer -- ein einziger Weheschrei! Wer hat diesen unseligen
-Krieg heraufbeschworen? Wer trägt die Schuld, daß die Welt in solche
-Finsternis geraten konnte?
-
-Der junge Arzt mahnt zur Heimkehr. Das Schauspiel ist vorüber; das, was
-man jetzt sieht, wird man durch Wochen -- durch Monate -- vielleicht
-noch ein ganzes Jahr hindurch sehen können, denn der Krieg hat noch
-lange, lange nicht ausgetobt!
-
- * * * * *
-
-Die Großmutter hat sich zur Reise ins Altmärker Städtchen aufgemacht.
-
-Das ist ein großer Entschluß für sie gewesen, denn mit zweiundsiebzig
-Jahren reist man nicht mehr ganz leichten Herzens wie in der Jugend,
-durch die Welt. Und ganz besonders in diesen Zeiten nicht, in denen man
-noch gar nicht auf regelmäßige Beförderung rechnen kann; in denen noch
-immer Überraschungen an der Tagesordnung sind: Truppenverschiebungen,
-Gefangenentransporte oder erweiterter Güterverkehr, der die
-Personenbeförderung einschränkt.
-
-Großvater ist gar nicht damit einverstanden, daß die alte Frau die
-Fahrt, die noch dazu sehr umständlich ist, wagen will. Da sie aber
-hartnäckig ist, hat er ihr seine Begleitung angeboten. Doch sie will
-nicht, daß die Wohnung ohne männlichen Beschützer bleibt. Sie hat so
-ihre Ahnungen, die sie selten täuschen; sie ist sicher, daß sich irgend
-etwas Schreckliches ereignen wird, wenn sie beide ihr Heim verlassen,
-und sie würde keinen Augenblick der Ruhe haben.
-
-Eine ganze Woche kämpft sie mit sich selbst. Es fällt ihr wirklich
-nicht leicht, sich zu der Fahrt zu entschließen, aber der Wunsch,
-den Enkel in Uniform zu sehen, der Wunsch, den Sohn ihres Sohnes noch
-einmal, bevor der große Abschied kommt, ans Herz zu drücken, ist zu
-brennend geworden.
-
-Den ganzen Tag, Stunde für Stunde, muß sie an den Jungen denken. Sie
-hat immer gehofft, er würde mal ein paar Tage Urlaub erhalten und sie
-besuchen; aber die Freiwilligen bekommen nur dann Urlaub, wenn ganz
-zwingende Gründe vorliegen, und die Sehnsucht einer Großmutter, ihren
-Enkel wiederzusehen, ist kein zwingender Grund.
-
-Wenn sie also den drängenden Wunsch ihres Herzens befriedigen will, muß
-sie sich zur Reise entschließen, und zwar bald, denn der Winter steht
-dicht vor der Tür, und man muß von Tag zu Tag auf Schneestürme und
-Frostwetter vorbereitet sein. Sie rüstet sich, als habe sie eine Reise
-von Wochen vor.
-
-Natürlich kann sie nicht mit leeren Händen kommen. Die Müller hat ihr
-helfen müssen, ein paar Eßpakete zu packen; außerdem hat sie einen
-ganzen Berg von Wollsachen, den sie und die Müller gestrickt haben. Das
-kann der Junge natürlich nicht alles selbst brauchen und soll er auch
-nicht. Sie hat nicht für den Enkel, sondern fürs Vaterland gestrickt;
-also mag er ärmere Kameraden, die noch nicht im Besitz des Nötigen
-sind, mit dem, was sie und die Dienerin verfertigt haben, beglücken.
-
-Der Großvater sitzt neben ihr, als sie im geschlossenen Wagen zur
-nächsten Bahnstation fährt. Das Herz ist ihr furchtbar schwer. Es ist
-vielleicht doch eine Torheit, daß sie die Reise wagt. Sie legt ihren
-Arm in den ihres Mannes und schmiegt ihr Gesicht an seine Schulter.
-Wie ein ganz junges Paar sitzen sie eng aneinandergelehnt im Wagen.
-
-Großvater hat ihr genau aufgeschrieben, wo sie umzusteigen hat; aber
-am Bahnhof wiederholt er die Reisestrecke noch zwei-, dreimal. Beim
-Abschied muß sie weinen und fühlt sich ganz schwach -- aber sobald der
-Zug sich in Bewegung setzt, ist alles gut.
-
-Es wird sogar ganz lustig; sie hat nette Reisegesellschaft, hört
-allerlei kleine Geschichten erzählen, und ihre Augen beginnen zu
-leuchten. Die alte Lebenslust ist wieder da. Sie hat das Gefühl, daß
-sie sich wohl zu sehr einkapselt, darum vorzeitig alt wird und die
-rechte Verbindung mit der Welt verliert.
-
-Das Umsteigen geht sehr glatt; es ist überhaupt während der ganzen
-Reise alles wie zu normalen Zeiten. Nur, daß an Brücken und Tunnels
-Wachen stehen, und daß im Wagen ein Plakat angebracht ist: ‚Reisende,
-helft unsere Brücken und Tunnels schützen!‘ erinnert an den Krieg.
-
-Der Zug kommt auf die Minute pünktlich im Altmärker Städtchen an; die
-Schwiegertochter ist am Bahnhof, und ein Wagen, der sie zur Kaserne
-hinausbringt, ist zur Stelle.
-
-Frau Hiller ist im ersten Augenblick, als sie die alte Frau sieht, ein
-wenig benommen. ‚Wie ein Bild, das aus seinem Rahmen genommen würde!‘
-muß sie denken; denn sie hat die Großmutter eigentlich immer nur in der
-zu ihr gehörenden Umgebung und nie an einem fremden Ort gesehen.
-
-Großmutter hält während der ganzen Wagenfahrt die Hand ihrer Maria in
-der ihren und läßt sich erzählen. Dabei schaut sie zu den Fenstern
-hinaus, findet, daß die Stadt eigentlich ziemlich reizlos sei, und
-staunt über den weiten Weg.
-
-Sie begegnen einem Trupp graugelber Husaren, aber Ernst ist nicht
-darunter.
-
-Die Wachtmeistersfrau und deren liebenswürdige Tochter begrüßt die
-Großmutter mit einer gewissen Herablassung, sieht sich prüfend in den
-beiden Zimmern, die ihre Maria hier innehat, um, tritt ans Fenster
-und schaut auf die langgestreckten Gebäude der roten Kaserne. Dabei
-schüttelt sie den Kopf.
-
-„Daß gerade du es so lange hier aushältst, Kind, wundert mich. Du
-bist doch eine Naturschwärmerin und hast auch einen gewissen Luxus in
-deiner Umgebung nie gut entbehren können!“ Dabei schaut sie ein wenig
-hochmütig auf all das, was hier herumsteht und an den Wänden hängt.
-
-„Ist es nicht hübsch und behaglich hier?“ fragt Maria erstaunt, denn
-sie hat das Gefühl, nie im Leben sich so wohl gefühlt zu haben als hier
-in den zwei einfachen, traulichen Zimmerchen.
-
-Die Großmutter läßt sich aus all ihren vielen Umhüllungen auswickeln;
-Fräulein Else bringt den Kaffee, und nun wird auch die alte Frau warm
-und gemütlich. Sie freut sich, daß ihre Maria strickt und näht, und
-läßt sich vom Jungen erzählen.
-
-Plötzlich tut sich die Tür auf -- Sporen klirren, die Großmutter
-springt mit einem leisen Schrei auf und hält den Enkel am Herzen und
-weint und schluchzt dabei.
-
-Der Junge ist ein wenig verlegen, streichelt ihr die Schulter und sagt:
-„Aber Großmutter -- Großmutter!“ Er duftet nach Pferdestall, denn er
-hat Stallwache.
-
-Die alte Frau schiebt ihn ein wenig von sich ab, legt ihm beide Hände
-auf die Schultern und schaut ihn an. Kerzengerade -- schlank und rank
-steht er vor ihr -- auf den Lippen den Flaum eines Bärtchens -- die
-Wangen rot und die Augen klar und voll Lebenslust. Eine heiße Freude
-kommt im Herzen der Großmutter auf. Also wird er doch ein Mann werden
--- kein Träumer -- kein Weltverächter. Blut von ihrem Blut. Der rechte
-Sohn ihres Sohnes!
-
-„Siehst du, Maria, daß ich recht hatte! Ein Junge will von Männerhänden
-angefaßt sein. Ich kann dir den Vorwurf nicht ersparen. Du hättest ihn
-früher hergeben müssen -- -- aber schadet nichts! Das, was ich immer
-für ihn ersehnt habe, ist ja nun doch noch gekommen. Er ist auf dem
-besten Wege, ein Mann zu werden! Und wie ihn die Uniform kleidet!
-
-Genau wie bei seinem Vater! Zog der Zivil an, dann war er nicht
-wiederzuerkennen. Also, Junge, nun bleibst du bei der Stange! Offizier
-ist der einzig wirkliche Beruf. Und sollst mal sehen, was das für ein
-Avancement gibt, wenn der Krieg vorüber ist. Dann braucht Deutschland
-erst seine Offiziere. Und wenn du brav und schneidig bist, dann wird
-Großmutter auch ein übriges tun; dann sollst du über die Zulage nicht
-zu klagen haben!“
-
-Ihr Gesicht ist heiß vor Erregung; sie hält den jungen Menschen immer
-noch an beiden Schultern fest, küßt ihn wieder auf beide Wangen und
-lacht dann. „Bringt er immer so einen angenehmen Duft aus der Kaserne
-mit, Maria? Aber nun setz’ dich, mein Junge!“ Und sie zieht ihn neben
-sich aufs Sofa und bittet die Schwiegertochter: „Pack’ mal das kleinere
-der beiden Pakete aus, da ist der Kuchen drin!“
-
-Die Müller hat köstlichen Kuchen gebacken -- dreierlei Sorten. Kein
-Luxuskuchen, sondern einen echten, rechten Soldatenkuchen -- kräftig
-und gewürzig, mit viel Mandeln und Zitronat, wie ihn der kleine Ernst
-immer geliebt hat.
-
-Die Großmutter häuft ihm den Teller voll. „Ein Soldat muß immer hungrig
-sein!“ Ihre Hände zittern, und in den Augen stehen schon wieder die
-Tränen.
-
-Der Sohn ihres Sohnes! -- So wie dieser jetzt hier sitzt, hat sie das
-eigene Kind im Gedächtnis behalten.
-
-An den, der so früh dahinsiechte, der das schwere Leiden in sich trug,
-denkt sie nicht gern; alles Kranke, Traurige hat sie immer in ihrem
-ganzen Leben von sich abgeschoben.
-
-Das alte, junge Gesicht ist wie verklärt, während der Enkel mit Behagen
-seinen Kuchen verzehrt. Das Kind ihres Kindes! Heiße Liebe wallt in
-ihrem Herzen auf.
-
-Und die auf der anderen Seite neben ihr sitzt, ist die Mutter ihres
-Enkels -- die Frau ihres toten Sohnes. Ach, mögen ihre Naturen
-verschieden sein, mag diese Maria ihren Kopf für sich haben, was liegt
-daran? Sie gehört ganz eng zu dem lieben, lieben Jungen da -- und
-Großmutter, übermannt von den großen, guten, weichen Gefühlen, schlingt
-den einen Arm um den Enkel, den anderen um die Schwiegertochter und
-küßt den einen und küßt die andere. „Meine lieben, geliebten Kinder --
-meine guten, herzigen Kinder!“
-
-Der Junge fängt an zu erzählen. „Du hast einen schlechten Tag zum
-Besuch ausgewählt, Großmutter. Heut abend kann ich keinen Urlaub
-bekommen. Einfach unmöglich; ich muß im Stall bleiben!“
-
-Frau Hiller denkt daran, einen Besuch beim Oberleutnant zu machen und
-für den Jungen um ein paar freie Stunden zu bitten. Aber davon will
-die Großmutter nichts wissen. Der Dienst geht vor und morgen ist auch
-noch ein Tag.
-
-Sie streichelt die braune, derbgewordene Hand des Husaren und kann sich
-nicht satt an ihm sehen. Wie frisch und lebendig er erzählt! Wie ganz
-anders als früher er in die Welt schaut -- wie ihm die Augen leuchten!
-Die Rührung will ihr immer wieder aufsteigen, die Tränen rollen ganz
-von selbst aus den Augen.
-
-Nach einer kurzen halben Stunde springt der Junge auf; er muß hinüber
--- es ist höchste Zeit. ‚Jammerkapaun‘, der Wachtmeister, den sie so
-nennen, weil er eine komische Art zu jammern und dazu etwas von einem
-stelzenden Vogel hat, hat heute ohnehin seinen bösen Tag.
-
-Stramm steht er vor Großmutter -- die Hacken zusammengeschlagen --
-Hände an der Hosennaht. „Bis morgen!“
-
-Da jauchzt ihr Herz. Mit demselben schalkhaften Zug um den Mund hat
-auch ihr Junge sie immer angesehen. Fleisch von seinem Fleisch! Geist
-von seinem Geist!
-
-„Geh mit Gott, mein Junge!“ Und sie umarmt ihn so inbrünstig, als
-sollte das die letzte Umarmung, die sie ihm geben kann, sein.
-
-Vom Fenster aus sieht sie ihm nach. Wie er elastisch dahingeht! Wie er
-den Kopf hält! O, daß sie das erleben durfte, ihn so zu sehen! Daß sie
-die Gewißheit mit nach Hause nehmen darf, daß er ein echter deutscher
-Mann und kein Träumer und Philosoph geworden ist!
-
-Aber damit ist auch ihre Spannkraft erschöpft. Nun fühlt sie plötzlich
-wieder, daß sie zweiundsiebzig Jahre alt ist und einen anstrengenden
-Tag hinter sich hat. Sie legt sich in eine Sofaecke; aber das ist ihr
-nicht bequem genug. Sie hat das Verlangen, sich auszustrecken, und
-geht gern auf Marias Vorschlag, sich schon jetzt zu Bett zu legen, ein.
-„Alte Leute sollten wirklich nicht mehr reisen!“ seufzt sie, als sie in
-den Kissen liegt.
-
-Auch das Bett tut ihr nicht wohl. Sie ist ihre weichen Federbetten
-gewohnt und liegt hier auf einer steifen Matratze. „Komm, setz’ dich
-zu mir, Kind. Sprich mit mir; meine Seele ist bang geworden!“ Die alte
-Hand zittert und die Stimme klingt nicht so voll wie sonst.
-
-Oben schreit das kleine Kind der Trompetersfrau, und Frau Hiller
-erzählt der Großmutter die traurige Geschichte dieser Leute; erzählt,
-wie sie hinaufgegangen ist zu der armen Witwe und ihr das Schreckliche
-beigebracht hat, und erzählt weiter, daß die Frau nun schon wieder ganz
-ruhig ist, ja geradezu erstaunlich ruhig und gefaßt ist, und daß es
-sie eigentlich enttäuscht hat, daß ein so furchtbarer Schmerz so bald
-überwunden werden konnte.
-
-Die Großmutter denkt anders darin. „Solche Frauen brauchen wir heute,
-Kind, die sich mit dem Leben abfinden können, das ist jetzt die
-Hauptsache. Tatsachen hinnehmen und sich sagen: Vorwärts! Nur nicht
-zurückschauen -- nicht grübeln -- nicht ändern wollen, was nicht zu
-ändern ist. Das solltest du auch lernen, Maria!
-
-„Seit deinem letzten Besuch bei mir ist es mir zur Gewißheit geworden,
-daß etwas an dir nagt, daß du mir vieles verbirgst. Du trägst eine
-Liebe im Herzen, Maria, die du vor der Welt verheimlichen mußt. Ich
-weiß nicht, warum! Ich will es auch nicht wissen. Du bist alt und
-selbständig genug, um selbst über dein Leben zu verfügen; das aber
-glaube mir, solange ein Mensch sich nicht mit sich selbst im klaren
-ist, solange kann er sich auch in der Welt nicht wohl fühlen.
-
-„Du denkst von mir: die Großmutter ist eine derbe, praktische Frau, die
-mich nicht versteht. Zugegeben, Maria, daß ich derber und praktischer
-bin als du! Aber ein heißes Herz hab’ auch ich gehabt und hab’ es heute
-noch; und ich weiß auch, was es heißt, eine hoffnungslose Liebe in sich
-tragen. Keine Krankheit des Körpers kann solche Qualen verursachen, wie
-ein krankes, gemartertes Herz. Ich weiß das alles. Aber ich weiß auch,
-daß der Mensch dagegen an kann, wenn er es mit aller Kraft will.
-
-„Man kann sich in einen Schmerz hineinsteigern oder man kann suchen,
-eines Schmerzes Herr zu werden!
-
-„Man kann erwachsene Kinder haben und noch sehr jung sein. Ich bin
-um ein Menschenleben älter als du und brauchte doch auch noch einen
-Menschen, dem ich gut sein kann.
-
-„Eine heiße, wilde Liebe ist dazu nicht nötig. Die großen
-Leidenschaften gehören der ganz jungen Jugend. Was dir fehlt, Maria,
-das ist ein guter, lieber Gefährte, der es treu und einfach mit dir
-meint. Alles Einfache ist von Bestand. Alles, was sich zu weit von der
-Natur entfernt, ist halt- und wurzellos.
-
-„Sieh’ zu, daß du einfach wirst; sieh’ zu, daß du frei wirst! Und wenn
-der Junge heut oder morgen von dir fortzieht, wenn ganz dunkle Zeiten
-für dich kommen, dann denke, daß du eine Zuflucht bei der Großmutter
-hast. Dann lasse dich von deiner derben, praktischen Großmutter gesund
-machen.
-
-„So, und nun bin ich müd’, Kind! und will dir was sagen: Laß mich
-gleich morgen früh wieder abreisen. Den Jungen habe ich gesehen,
-und das Bild, das ich jetzt von ihm mitnehme, ist ein so liebes und
-schönes, das ich in gar nichts verändert haben möchte. Und dir hab’
-ich gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, damit ist genug.
-
-„Großvater hat mir die Züge, mit denen ich fahren kann, genau
-aufgeschrieben; sorge du, daß ein Wagen zur Stelle ist und sei nicht
-böse, daß ich so schnell wieder abreise. Mit zweiundsiebzig Jahren kann
-der Mensch sein Heim nicht mehr lange missen! Gute Nacht, mein Kind --
-mein liebes, gutes Kind!“ Und sie küßte die Frau ihres Sohnes, als sei
-sie das eigene Kind, küßte sie wieder und wieder.
-
-Der kleine Hiller ist erstaunt, die Großmutter nicht mehr vorzufinden,
-als er am nächsten Mittag herüberkommt. Schadet aber nichts, denn er
-hat wieder kaum eine halbe Stunde Zeit! Am Mittag soll’s nach Magdeburg
-gehen; in Magdeburg aus der Kaserne rücken die Freiwilligen schon
-aus und brauchen Pferde. Da müssen die graugelben Husaren die ihren
-hergeben. Dreißig Mann sind kommandiert, um neunzig Pferde nach dort zu
-bringen. Sein Gesicht strahlt. Famos, daß man einmal aus der Kaserne
-herauskommt!
-
-Die Großmutter hat einen Schein für ihn zurückgelassen. Den steckt er
-schmunzelnd in seinen Brustbeutel, ißt hastig zu Mittag und eilt zur
-Kaserne zurück.
-
-Eine halbe Stunde später reiten sie los; dreißig junge Kerle -- jeder
-auf einem Pferd, einen Stock in der Hand und zwei Pferde am Halfter
-führend. Die Pferde tanzen um die Reiter herum; bei der scharfen
-Biegung um die Ecke stiegen einige von ihnen kerzengerade in die Höhe.
-Gefährlich sieht das aus, und Frau Hiller, die oben am Fenster steht,
-fühlt ihr Herz erbeben. Wie sollen die ans Ziel kommen, wenn das hier
-schon so wild angeht!
-
-Der Wachtmeister schreit sich heiser; es will keine Ordnung in den
-Zug kommen. „Teufel noch mal, seid ihr nicht Herr über die paar
-unschuldigen, eingerittenen Gäule? Und wollt bereit sein, ins Feld zu
-ziehen?“
-
-Die Stöcke sausen über die Rücken der widerspenstigen Tiere; die Hand,
-die die Zügel führt, wird eisern. Man wird doch drei Pferde regieren
-können! „Los!“ Und nun geht’s auf einmal.
-
-Der kleine Hiller nickt zum Fenster hinauf. Er hat neben dem Zügel eine
-Blume in der Hand. Eine feuerrote Rose!
-
-„Von wem mag er die haben?“
-
-Die Wachtmeistersfrau lacht vergnügt: „Von wem soll ein junger Husar
-wohl eine Blume zum Geschenk erhalten? Die Wachtmeister pflegen ihren
-Rekruten keine roten Rosen zu schenken!“
-
-Frau Hiller fühlt, wie ihr das Blut ins Gesicht steigt. Sie denkt an
-die Pärchen, die abends am Fluß entlang wandern; sie denkt an jenen
-Abend, an dem ihr Ernst so hart über Hipp geurteilt hat. Die rote Rose
-will nicht aus ihren Gedanken heraus. Ernst, ihr kleiner Ernst, will
-wirklich ein ganzer Mann werden.
-
-Darum ist sie auch so erschüttert, als sie am Abend einen Brief in der
-Hand hält, der wie mit Blut geschrieben erscheint. Darum erschauert sie
-vor sich selbst, möchte sich vor sich selbst verbergen! Gelten diese
-heißen, inbrünstigen Worte ihr, der Mutter Ernsts? Und darf sie das
-lesen, immer wieder lesen? Darf ihr Herz so heiß schlagen? Darf sie
-dieser wehen, großen Sehnsucht, die heut in ihr aufsteigt, nachgeben?
-
-Während dieser ganzen Monate, die sie nun hier weilt, und während deren
-ihr Junge dies harte, stramme Leben in der Kaserne lebt, liegt sie im
-ewigen Kampf mit sich selbst.
-
-Sie will nur noch Mutter sein -- sie will alt -- will ruhig sein. Sie
-hat kein Recht mehr, wie die ganz Jungen zu fühlen! Aber das Herz
-rebelliert -- das Herz läßt sich nicht mit Vernunftgründen zur Ruhe
-bringen.
-
-Wochen hat es gegeben, in denen sie glaubte, gesiegt und überwunden
-zu haben -- und gerade heute, als der kleine Husar die rote Rose, das
-Pfand der ersten Liebe, in der Hand hielt, ist es wie ein Blitz durch
-sie gefahren: ‚Nun ist er an der Reihe -- nun muß dein Herz still und
-alt und ruhig werden!‘
-
-Der Brief brennt in ihrer Hand. Der Brief sagt Dinge, die sie
-erschauern machen. Tiefer, heißer und beredter kann kein Mensch zum
-andern von einer großen, übermächtigen Liebe sprechen, als er es hier
-tut. Der Körper ist gesund und unversehrt, schreibt er, aber das Herz
-ist krank und jammert nach ihr.
-
-Sie steht am Fenster und lehnt den Kopf an die Scheiben. Draußen ist
-dunkle Nacht. „Ernst -- Ernst!“ ruft sie.
-
-Sie weiß es plötzlich mit tödlicher Gewißheit, daß der, der ihr diesen
-Brief geschrieben, ihr nie ein guter, lieber Lebensgefährte werden, daß
-er ewig unzufrieden mit sich und dem Leben bleiben wird. Kein Mensch
-kann über sich selbst hinaus!
-
-Sie sieht wieder die rote Rose in Ernsts Hand und sieht die kalte
-Einsamkeit an sich herankriechen. Sie hat niemand -- das Kind
-entgleitet ihr, und dieser Mann wird ihr nie ein stiller, treuer
-Gefährte sein.
-
- * * * * *
-
-Der nächste Tag ist ein Sonntag, der letzte des Oktobers. Die Sonne
-scheint, und es ist warm. Wehmütige Spätherbstschönheit liegt in der
-Natur.
-
-Ernst hat der Mutter eine lustige Karte aus einem kleinen Dorf, auf
-halbem Weg nach Magdeburg, geschrieben. Da haben sie Nachtruhe gemacht,
-und mit dem dicken Hipp hat er Unterkunft in einem Bauernhaus gefunden.
-‚Bürgerquartier -- aber großartig!‘ schreibt er. In zwei Tagen werden
-sie wieder in der Altmärker Garnison sein, und dann wird er was zu
-erzählen haben.
-
-Vor Frau Hiller liegt der schöne, sonnenhelle Sonntag wie eine
-Ewigkeit! Sie fürchtet sich vor der Länge des stillen Tages. Sie weiß,
-daß die Gedanken sie wieder rückwärts führen werden, daß, während sie
-näht und strickt, das Leid der Vergangenheit und all die Unruhe und
-Not, die das Auf- und Niederwogen der Geschehnisse dieser großen,
-schweren Zeit in jedem Menschen erzeugt, sie überwältigen werden.
-
-Fräulein Else kommt zu ihr ins Zimmer. Die hat am frühen Morgen schon
-ein ganzes Tagewerk hinter sich, hat Stuben gereinigt und Stiefel
-geputzt, hat das Feuer im Herd und in den Öfen entzündet, hat das
-Frühstück bereitet und Flur und Treppen gekehrt. Nun wird sie hier
-in Frau Hillers Zimmer weiterarbeiten. Die Mutter sitzt schon seit
-Stunden in der Küche an der Maschine. Bis zum ersten November hat sie
-einen ganzen Stapel von Hemden ans Rote Kreuz abzuliefern, da muß die
-Tochter alles, was sonst die Mutter besorgt, mit verrichten. Aber heute
-soll sie einen freien Nachmittag haben. Sie sieht bleich aus, und die
-Wachtmeisterswitwe sorgt sich um das schmale, überschlanke Mädchen.
-
-Fräulein Else hat keine Freundin und hat keinen Liebsten in der Stadt.
-Wohin soll sie gehen? Einsame Spaziergänge sind keine Freude! Am
-liebsten pilgert sie noch zum Russenlager hinaus und schaut auf das
-große Volk von Gefangenen; dabei können die Gedanken in die weite Welt
-fliegen und dabei kann man sich tausend Geschichten zusammenreimen.
-
-Daß Fräulein Else kein gewöhnliches Mädchen ist, hat Frau Hiller gleich
-in den ersten Tagen ihres Hierseins gewußt. Beide -- Mutter und Tochter
--- die durch die Verhältnisse, in denen sie leben, klein gehalten
-wurden, könnten ebensowohl Damen der Gesellschaft sein. Sie denken und
-urteilen tief und richtig über alles, was sie sehen und hören; und sie
-haben einen Takt, den manch einer, der Rang und Würden trägt, nicht
-besitzt.
-
-An diesem Sonntag, der von draußen so hell und leuchtend durch die
-Fenster blickt, und der doch so trostlos vor der Mutter des kleinen
-Husaren liegt, empfindet sie fast etwas wie Zärtlichkeit für das gute,
-liebe Mädchen, das sie bedient, und das jeden Tag von neuem besorgt
-ist, ihr das Wohnen hier in den beiden Zimmern angenehm und behaglich
-zu machen.
-
-Sie erinnert sich, daß Fräulein Else vor kurzem einen Wunsch geäußert
-hat. Sie hat ihr erzählt, daß sie seit Jahren nicht aus ihrer kleinen
-Heimatstadt herausgekommen ist, auch nicht in die allernächste
-Umgebung. Und möchte es doch so gern -- möchte nur einmal einen
-einzigen Sonntag draußen sein! Nur einmal etwas anderes sehen als diese
-Straßen, in denen sie jedes einzelne Haus malen könnte, so genau kennt
-sie alles hier. Den ganzen Sommer über hat sie umsonst gehofft, daß ihr
-Wunsch sich erfüllen möge; nun steht der Winter vor der Tür, und sie
-wird wieder auf den nächsten Sommer hoffen müssen.
-
-Frau Hiller steht auf und geht zu Else hin. „Die Sonne scheint so schön
--- vielleicht zum letztenmal in diesem Jahr! Haben Sie Lust, mit mir zu
-wandern, Fräulein Else?“
-
-Sie wird rot vor verlegener Freude. „Wenn die Mutter es erlaubt,“ sagt
-sie leise, und sie gehen zusammen zur Wachtmeistersfrau in die Küche,
-die gern die Erlaubnis gibt.
-
-„Wenn Sie schon aus der Stadt heraus wollen, dann sollten Sie sich
-Tangermünde ansehen, gnädige Frau. Das muß man gesehen haben, wenn man
-so lange in der Altmark gewesen ist.“
-
-Als Fräulein Else neben Frau Hiller zum Bahnhof geht, unterscheidet sie
-sich in nichts von einem jungen Mädchen aus besten Kreisen. Ihr Gesicht
-ist leicht gerötet und sieht sehr lieblich aus -- vielleicht ein wenig
-zu schmal. Ihre Stimme ist klangvoll, und ihre Bewegungen sind ruhig
-und fein. Sie gehen den Weg am Fluß entlang, an dem die Liebespärchen
-bei Dunkelheit zu wandern pflegen.
-
-In der Stadt selbst ist es sehr lebendig. Auf den freien Plätzen werden
-die Infanteristen einexerziert; ein Zug Husaren, der zum Pferdekommando
-nach der Mark gekommen ist, marschiert singend an ihnen vorüber. Am
-Bahnhof werden durchziehende Truppen gespeist, und ein Samariterzug ist
-gerade eingelaufen.
-
-Es ist sehr kriegerisch geworden in der kleinen Altmärker Stadt; auf
-freien Feldern werden Infanteriesignale geübt, und überall steht der
-Landsturm als Wache. Seit die Russen hier angekommen sind, ist der
-ganze Ort zu einem großen Kriegslager geworden.
-
-Nach Tangermünde führt eine Kleinbahn, die klingelnd durch die stille
-Altmärker Landschaft fährt. Noch sind die Weiden grün, und das schöne,
-kräftige Vieh grast in großen Scharen darauf. Der strickende Hirt mit
-der Schafherde zieht seine Straße hin, und sonntäglich gekleidete
-Frauen und Kinder sieht man vor den Häuschen der Dörfer, durch die man
-fährt.
-
-Je weiter man sich von der Garnisonstadt entfernt, um so schöner und
-stiller wird es: Keine Uniformen mehr -- keine laute Musik -- keine
-militärischen Kommandos -- Eine leise, süße Friedensahnung zieht durch
-die Seele.
-
-Frau Hiller hat viel von Tangermünde reden hören; sie weiß, daß die
-Leute aus den umliegenden Städten am Sonntag hier gern herauspilgern,
-und daß es schöne, altertümliche Bauten in Tangermünde gibt. Da
-sie schon so viel von der Welt gesehen hat, ist nie der Wunsch in
-ihr aufgekommen, gerade dieses Städtchen kennen zu lernen. Von dem
-Augenblick an aber, da sie aus dem Bahnhof herausgetreten sind,
-fühlt sie ihre Seele ganz eigentümlich berührt. Ihr ist, während sie
-neben dem lieben Mädchen dahingeht, als sei sie in eine andere Welt
-eingetreten. Etwas Fremdes, Neues und doch schon Vertrautes empfängt
-sie.
-
-Sie geht durch die Straßen mit ihren kleinen, niederen Häusern und hat
-das Gefühl, ein Stück Mittelalter zu erleben. Die vorragenden Giebel,
-die Inschriften in den Türen, die niederen, von rotem, herbstlichem
-Wein umrankten Fenster, all das wirkt so seltsam auf sie. Und
-Sonntagsstimmung, wie man sie in anderen Städten nie verspürt; Ruhe und
-Frieden überall!
-
-Die Menschen hier haben Gesichter, als wäre noch kein Wort vom Krieg
-bis zu ihnen hingekommen, alles geht behaglich, bürgerlich, wundervoll
-zufrieden daher.
-
-Die engen Straßen steigen an und fallen ab, und herbstliche Gärten
-liegen vor und hinter den Häusern. An den Kaufläden sind die Fenster
-verhangen, und auf der Einfassung eines Brunnens sitzen halbflügge
-Mädchen still und feierlich in schwarzen Kleidern. Sie sind am Morgen
-eingesegnet worden -- die ganze Stadt sieht aus, als wäre sie am Morgen
-eingesegnet worden.
-
-Die beiden Frauen sprechen kaum miteinander, weil sie beide von etwas
-Gutem, Großem, Geheimnisvollem ergriffen sind. Sie gehen planlos durch
-die Straßen, so wie man zuerst durch einen fremden Ort zu gehen pflegt.
-
-Am Markt liegt das Rathaus, ein uralter Bau, hoch und imposant gegen
-all die kleinen, niederen Häuser rund umher, und dahinter das große,
-schwere Tor, das die Stadt abschließt. Die Sonne leuchtet, und kein
-Lüftchen weht. Die Natur will sterben und will vor ihrem Heimgang
-noch einmal auferstehen, will noch einmal alle Schönheit, die ihr zur
-Verfügung steht, zusammenraffen. Es ist eine traurige, stille, wonnige
-Herbstschönheit!
-
-In einer engen Straße liegt ein Gasthof, der den Namen ‚Zur Königin
-Luise‘ trägt. Ausgetretene Steinstufen führen zum Flur hinauf, und die
-Sonne läßt die Inschrift an der Tür aufblitzen. Hier hat einst die
-Königin Luise eine Nacht verbracht -- eine traurige Nacht -- sagt man.
-
-Es klingt so wundervoll mit dem Charakter dieses kleinen Städtchens
-zusammen, daß gerade diese Frau hier geweilt, hier gelitten hat.
-Man kann es sich so gut vorstellen, wie sie hier durch die stillen
-Straßen geschwebt ist. Wie sie im altväterischen kleinen Gasthof in
-irgendeinem der niederen Stübchen gedacht und gelitten haben mag. Kein
-Name in der Welt hätte sich harmonischer in das Bild, das diese kleine,
-weltvergessene Stadt heute bietet, eingefügt, als der dieser zarten,
-guten und doch starken Fürstin.
-
-Frau Hiller und Fräulein Else sind von einem unbekannten Hochgefühl
-getragen; sie sitzen im kleinen Speisesaal und nehmen ein einfaches
-Essen. Von draußen lacht die Sonne herein, läßt die Bilder an den
-Wänden plastisch hervortreten und spiegelt sich am Fußboden. Frau
-Hiller hat das Gefühl: ‚Wenn du einmal ganz zerrissen, ganz krank und
-elend bist, dann möchtest du in diesem lieben Haus, in dieser kleinen
-Stadt Zuflucht suchen!‘
-
-Die beiden fühlen sich so wohl und behaglich in dem kleinen, uralten
-Gasthof, daß sie sich gar nicht davon trennen möchten. Aber sie haben
-ja das Eigentliche, weswegen sie hergekommen sind, noch nicht gesehen,
-und Fräulein Else drängt zum Aufbruch. Die Tage sind kurz, und die
-Sonne hat in dieser vorgerückten Herbstzeit früh ihre Bahn vollendet.
-
-Langsam wandern sie aus der Stadt hinaus, und eine mit Kastanienbäumen
-bepflanzte Allee führt sie zum Schloß hinauf. Das Laub ist gelb und
-dunkelrot, aber es bildet ein fast noch lückenloses Dach, wiewohl der
-Fuß durch raschelnde Blätter schreitet. Die Luft ist rein und abgeklärt
-und regt zum Sinnen an.
-
-Ach, die Natur ist wie der Mensch -- der Frühling ist die schwere,
-sehnsuchtsvolle, ungebärdige Jugend; der heiße Sommer ist der reif
-gewordene Mensch, der ebensowohl jauchzen wie tief leiden kann, und der
-Herbst ist das herannahende Alter, das die Stürme überwunden hat, das
-rein und still und klar geworden ist. Aber die meisten Menschen wollen,
-solange sie jung sind, nichts vom Alter wissen, die meisten Menschen
-wollen länger, als die Natur es vorgeschrieben hat, in der Jugend
-verharren.
-
-Warum nur?
-
-Nein, die Jugend ist nicht das Schönste und Begehrenswerteste. --
-Jugend bedeutet für den tiefen und ernsten Menschen oft nur Leiden.
-Jugend bedeutet oft nur Sturm. Erst wenn man aus der Ferne auf sie
-zurückschaut, wird auch die Jugend schön und gut und harmonisch.
-
-In jedem Jahr geht es Frau Hiller so. Erlebt sie den Frühling mit
-seinem Stürmen und Brausen, so wirft er sie nieder -- schaut sie aber,
-wie heute, aus einem stillen, abgeklärten Herbsttag auf die wilde
-Auferstehungszeit in der Natur zurück, so hat sie die Angst und Not
-jener Tage vergessen, und nur das Jauchzende, Herzerfreuende ist in
-ihrer Erinnerung geblieben.
-
-Der Weg führt sie bergan; und aus der Allee ist allmählich ein Park
-geworden. Ein Farbenrausch vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braunrot
-umgibt sie, und die Sonne leuchtet darüber. -- Die Sonne ist wie ein
-mildes, segnendes Antlitz, aus dem tiefer, stiller Friede ausstrahlt.
-‚Ist es wahr,‘ muß Frau Hiller denken, ‚ist es wahr, daß Krieg in der
-Welt ist?‘ Unbegreiflich will ihr das hier erscheinen -- unausdenkbar!
-
-Je weiter sie gehen, um so herrlicher wird es; man wandelt wie durch
-einen wundervollen Saal: das raschelnde Laub ist der Teppich -- die
-Kronen der Bäume sind die Decke, und die Sonne ist der große, gewaltige
-Kronleuchter, der ein fast magisches Licht verbreitet. Sie gehen
-langsam; sie gehen, wie wenn sie durch eine Kirche schreiten. O stille,
-schöne, geweihte Welt!
-
-Dann sind sie plötzlich an einer großen, weißen Terrasse angekommen;
-zwei Denkmäler aus der Zeit der Kurfürsten erheben sich da. Und der
-Kopf geht so willig auch in diese Vergangenheit mit. Man ist ja ohnehin
-schon längst aus der Gegenwart heraus; man hat vorhin mit der Königin
-Luise gelebt, nun geht man ein Stückchen weiter zurück und lebt mit
-den Kurfürsten. Hat man wirklich nur durch Bücher und Schulstunden
-etwas von der Kurfürstenzeit gehört? -- Oder hat man da schon gelebt?
-Man kennt doch diese Gestalten, die da oben in Stein gehauen stehen,
-so genau, man hat sie doch von Angesicht zu Angesicht gesehen, hat sie
-sprechen hören!
-
-Gibt es nicht Stunden, in denen der Mensch es nicht begreifen will, daß
-er nicht von Anbeginn der Welt an gelebt hat? Daß er nicht alles, was
-je in der Welt vor sich gegangen ist, mit eigenen Augen geschaut, mit
-leiblichen Ohren gehört haben soll? Stunden, in denen man es gar nicht
-fassen will, daß jedem Menschen nur eine kurz bemessene Frist zum Leben
-gegeben ist, und daß alles, was er von der Vergangenheit weiß, nur
-gelernt, nur durch Bücher oder Erzählungen übermittelt worden ist!
-
-Frau Hiller schaut wie gebannt zu den Denkmälern hinauf, bis plötzlich
-andere Menschen aus dem Weg, aus dem sie gekommen sind, auftauchen,
-miteinander sprechen und sie aus ihren tiefen Sinnen aufrütteln.
-
-Sie wendet sich Fräulein Else zu, geht ein Stück weiter durchs
-raschelnde Laub und sieht dann etwas, was sie mit Staunen und Jubel
-erfüllt. Die Elbe sieht sie, die wie ein silbernes Band durch die
-stille Landschaft fließt. Kähne und Flöße ziehen ihren Weg dahin;
-eine Fähre führt zum gegenüberliegenden Ufer, und der Blick schweift
-weit -- schweift in Unendlichkeiten, wie überall in diesem flachen,
-altmärkischen Land, das so viel feine Reize besitzt.
-
-Im Gasthof ‚Zur Königin Luise‘ hat man ihnen geraten, über die Elbe
-zu fahren und zum Dorf Fischbeck zu gehen. Das ist der Lieblingsort
-der Tangermünder, zu dem sie an schönen Sonntagen in großen Scharen
-wallfahrten. Auch heute drängen sie sich unten an die Fähre, und die
-paar Bänke, die an beiden Seiten des Fahrzeuges angebracht sind, sind
-schnell gefüllt. Frau Hiller und Fräulein Else müssen froh sein, noch
-ein bescheidenes Plätzchen unter all den Menschen zu finden. Sie
-gleiten über das stille Wasser und schauen weit dem Flüßchen nach, das
-hier so klein und bescheiden noch ist und weiter unten zu so gewaltigem
-Strome anschwillt. Immer noch leuchtet die Sonne, immer noch streicht
-die Luft mild und leis ums Gesicht.
-
-Am anderen Ufer verteilen sich die Menschen und beeilen sich, um
-zu ihrem Kaffee zu kommen. Fräulein Else aber bleibt stehen und
-stößt einen Schrei des Entzückens aus, denn sie sieht das herrliche
-Bild, das vor ihr liegt, und ist wie benommen. Tangermünde, vom
-gegenüberliegenden Ufer aus gesehen, mit seinem Schloß, seinen
-Denkmälern und Kirchtürmen! Tangermünde in letzter Herbstschönheit, von
-leuchtender Sonne übergossen! Der Anblick hat etwas Ergreifendes, etwas
-Hohes; er trägt über das armselige Leben mit seinen Leiden und Nöten
-hinweg. -- Trotzig wie eine Feste liegt dieses wundersame Bild da, und
-doch so mild, so voll überwältigender Schönheit.
-
-Frau Hiller, die viel Großes und Wunderbares in der weiten Welt gesehen
-hat, kann den Jubel des armen Mädchens, das nie aus seinem Heimatsort
-herauskam, wohl begreifen. Auch ihr ist es, als habe sie nie in
-tiefere, ergreifendere Schönheit geblickt als an diesem Tage.
-
-Sie können sich gar nicht entschließen, ins Dorf hineinzugehen; sie
-wollen keine Menschen sehen, wollen allein hier am Ufer weilen und das
-glitzernde Wasser und die alte, schöne Stadt mit Schloß und Türmen vor
-sich haben.
-
-Fräulein Else sagt mit leiser, zitternder Stimme: „Nun werde ich für
-Wochen zufrieden und glücklich sein! Nun habe ich etwas, woran ich
-denken kann, wenn ich traurig bin!“
-
-Dieses Mädchen ist sechsundzwanzig Jahre alt und ist nie aus dem
-Heimatort, nie von der Mutter fortgekommen. Eine zarte, empfindsame
-Seele hat sie und ist einsam, immer einsam gewesen, wird vielleicht
-immer einsam bleiben müssen, und fügt sich so still darein, ist nie
-verbittert, nie unwillig! Frau Hiller hat oft das Gefühl, als müßte sie
-sich vor der Größe dieses Mädchens neigen.
-
-Sie gehen dann doch ins Dorf. Fräulein Else sieht so blaß aus und hat
-sich vielleicht auf den Kaffee gefreut. Im warmen Gastzimmer sitzen sie
-unter vielen lebhaften Menschen, und da fällt auch manches Wort vom
-Krieg; aber man vergißt es sogleich, wenn man wieder draußen ist.
-
-Die beiden wandern auf einsamen Feldwegen zur Stadt zurück; die
-Dämmerung zieht nieder, und man spürt nun doch, daß es Herbst ist. Die
-Luft ist kühl geworden -- der Himmel wölbt sich blau und klar, Sterne
-leuchten auf, und eine blasse Mondsichel zieht ihre Bahn dahin.
-
-Als sie wieder am Ufer der Elbe stehen, ist es dunkel geworden.
-Tangermünde hebt sich in schwarzen Umrissen vom Himmel ab -- viel
-ernster und schwerer als zuvor in der Sonne. Ein Schiffer bietet seinen
-Kahn an und bringt sie hinüber. Und sie wandern wieder durch die engen
-Gassen und sind wieder in Schweigen versunken.
-
-Wozu reden, wenn jeder über so vieles, was in ihm vorgeht,
-hinwegzukommen hat? Wozu reden, wenn so Schönes und Großes in die Seele
-gedrungen ist?
-
-Sie haben ein Stück tiefen Friedens mitten im Krieg genossen -- letzte,
-wonnige Herbstschönheit hat sich ihnen offenbart. Wenn der Winter sehr
-dunkel und trostlos sein wird, haben sie eine Zuflucht, indem sie an
-diesen Tag voll friedlicher Schönheit zurückdenken.
-
-Die Seele ist stärker und ruhiger geworden, und man hat wenigstens
-nicht für Stunden das quälende Gefühl gehabt, daß alles, was in der
-Welt fest sein sollte, ins Schwanken geraten ist.
-
-Die Natur hat ihre reine, starke Sprache geredet; man sagt sich:
-‚Sollte der Krieg wirklich alles Äußere nehmen, sollten wir in Armut
-und Elend geworfen werden, aber Gott läßt uns die Fähigkeit, die
-Schönheit seiner Natur in uns aufzunehmen, so können wir nie ganz in
-Finsternis geraten, nie ganz in Verzweiflung versinken!‘
-
-Es ist Nacht geworden, als sie am Bahnhof ihrer Garnisonstadt
-angelangt sind. Ein Verwundetentransport ist angekommen, und die
-Beamten vom Roten Kreuz sind in eifriger Tätigkeit. Ein paar Bahren
-werden herangetragen, denn der Zug soll weitergehen, und nur die
-hoffnungslos Daliegenden werden hier im Bahnhofslazarett untergebracht.
-Die freigewordenen Seelen der beiden fühlen, wie etwas vom alten Druck
-wieder in sie hineinwill.
-
-Drin in der Stadt ist reges Leben. Urlaubstag! Die Straßen sind voll
-von Uniformen aller Art. Die Pferdebahn rasselt mit Glockengeläut und
-Peitschenknall ihren Weg; es wird gesungen und gelacht.
-
-Fräulein Else hatte geraten, die weite Strecke bis zur Kaserne nicht
-zwischen den stillen Feldern zurückzulegen, sondern durch die belebte
-Stadt zu gehen; auf den Feldern kann man Betrunkenen begegnen oder
-sonst etwas Unangenehmes erleben. So folgen sie dem großen, lauten
-Treiben bis zum dunklen Tor hin, aber da biegen sie, ohne sich weiter
-darüber zu verständigen, doch in die einsame Kastanienallee ein, von
-der aus man zum stillen, poetischen Flußweg kommt.
-
-Sie wollen in ihrer guten Stimmung bleiben. Mag morgen kommen, was will
--- heute wollen sie in dem Wahn bleiben, daß die Welt voll Schönheit
-und Frieden ist. Die Pärchen, die in großer Zahl herumwandeln, stören
-sie nicht; im Gegenteil, so ein Stück lieber Romantik paßt zu dem, was
-der schöne, ernste Tag ihnen gebracht hat.
-
-Mag die Welt voll Zorn und Wut und Haß sein -- solange es noch Herzen
-gibt, die in Zärtlichkeit und Liebe zueinander hindrängen, solange ist
-das Gute im Menschen noch nicht ausgetilgt, solange ist die Hoffnung,
-daß eine große Versöhnung, ein wahrer, echter Friede dem wilden Hader
-folgen wird, noch nicht verloren.
-
- * * * * *
-
-Der kleine Hiller hat Hauptwache. Das Gewehr über der Schulter,
-die hohe Pelzmütze auf dem Kopf, mit einem aus der Kleiderkammer
-gelieferten Militärmantel, der bis zur Erde reicht, angetan, wandert er
-vor dem Schilderhaus auf und nieder.
-
-Es ist noch kein Jahr her, daß Frau Hiller die letzten Bleisoldaten,
-das letzte Schilderhaus ihres Jungen an die Kinder des Portiers
-geschenkt hat. Natürlich hat er seit seinem vierzehnten Jahr die
-Soldaten nicht mehr angerührt, aber er hatte sich doch auch nicht
-entschließen können, sie herzugeben. Nun, da sie ihn selbst als Soldat
-vor der Kaserne auf und nieder wandern sieht, muß sie sich an die Stirn
-fassen. Ist alles, was sie jetzt erlebt, Wahrheit, oder ist es nur
-ein Spiel? Ist das ihr Junge aus Fleisch und Blut, der da hin und her
-wandert, oder ist es ein Bleisoldat?
-
-Sie sitzt am Fenster, von der Gardine verborgen, und schaut auf ihn
-hin. Er darf nicht wissen, daß sie am Fenster sitzt, denn er will
-nicht, daß seine Kameraden viel von der Mutter sehen oder hören. Sein
-Gesicht ist ernst, und in dem langen, weiten Mantel sieht er sehr
-männlich aus. Kommt ein Vorgesetzter vorbei, dann salutiert er, und
-will eine Zivilperson in die Kaserne, so hält er sie an. Der kleine,
-weiche Ernst hat das Recht, Menschen anzuhalten und abzuweisen. Das ist
-für die Mutter ein so seltsames Gefühl -- das kann sie noch gar nicht
-fassen. Und dies hier ist doch nur ein ganz kleines, ganz unbedeutendes
-Vorspiel für das, was kommen soll -- was in allernächster Zeit schon
-kommen kann.
-
-Solch ein Kind geht mit gegen Deutschlands Feinde. So ein weicher Junge
-wird vielleicht Menschen erschießen, wird die Lanze in Feindes Brust
-bohren, wird hungern und frieren und wird vielleicht eines Tages
-irgendwo in einem Winkel liegen: verwundet, elend, vom bittersten
-Heimweh geplagt -- -- --
-
-Sie darf sich das nicht ausdenken -- es ist ihr, als müsse sie den
-Verstand darüber verlieren. Tausend Messer wühlen in ihrem Herzen, und
-das Blut weicht vom Gehirn zurück. --
-
-Ach, groß sein können! Stark sein können! Sich sagen: ‚Mag kommen, was
-will! Stirbt er, so stirbt er fürs Vaterland! Leidet er Hunger und
-Durst und andere Schmerzen, so leidet er sie fürs Vaterland!‘
-
-Aber sie ist klein -- sie ist schwach! Ihr Herz blutet aus unzähligen
-Wunden. Sie hat es früher nicht gewußt, daß sie den Jungen so
-verzehrend, so tierisch liebt, daß es Tage gibt, an denen die ganze,
-heilige Mission, die er zu verrichten hat, ihr klein erscheint gegen
-das ungeheure Opfer, das sie zu bringen gezwungen ist!
-
-Alle zwei Stunden erhält der Posten seine Ablösung. Dann kann er in
-die warme Wachtstube gehen und sich vom Kalfaktor etwas zu essen und
-trinken besorgen lassen. In der Wachtstube ist es sehr gemütlich, hat
-er ihr erzählt. Wenn sie einen netten Unteroffizier haben, klopfen
-sie Karten oder spielen Würfel; sie lesen und schlafen und essen und
-trinken.
-
-Es ist wirklich tadellos; gar kein Grund zum Bedauern oder Mitleid
-ist da. Die Mutter versucht ihren Gedanken eine heiterere Richtung zu
-geben, aber es gelingt ihr nicht recht. -- --
-
-Um die Kaffeezeit kommt die Wachtmeisterswitwe in Hut und Mantel und
-sagt: „Ich gehe zur Russenbeerdigung, gnädige Frau. Heute sollen doch
-die vier Russen, die hier gestorben sind, beigesetzt werden. Kommen
-Sie mit? So etwas sieht man vielleicht nur einmal im Leben.“
-
-Frau Hiller ist ihrer guten Wirtin für diese Ablenkung dankbar. Sie
-legt ihr Strickzeug hin und kleidet sich zum Ausgehen an. Draußen weht
-ein scharfer, kalter Wind, der Himmel ist grau verhangen. Richtige
-Novemberstimmung!
-
-Die vier Russen, die hier ihren Wunden erlegen sind, sollen ein
-gemeinsames Grab bekommen und mit allen militärischen Ehren zur letzten
-Ruhe getragen werden. Unzählige aus der kleinen Garnison wandern
-hinaus, um sich dies Schauspiel anzusehen.
-
-Die Wachtmeisterswitwe hat die Hemden fürs Rote Kreuz abgeliefert und
-kann sich einmal ein paar freie Stunden gönnen. Sie hat noch gar nichts
-von den Russen gesehen, und da alle Welt vom Gefangenenlager spricht,
-schämt sie sich fast, daß sie noch keine Ahnung hat, wie es da draußen
-aussieht.
-
-Aber für weichherzige Menschen ist es an solchem grauen Tag
-keine Freude, da hinauszupilgern. Der Anblick des doppelten
-Stacheldrahtverhaues hat etwas Erschütterndes -- die grauen Massen,
-die auf und nieder wogen, der schwere Himmel, der kalte, rauhe
-Novemberwind, all das wirkt so unsäglich beklemmend und niederdrückend.
-
-Die Wachtmeistersfrau ist nebenbei auch noch enttäuscht, denn man
-bekommt gar keinen richtigen Eindruck von dem Ganzen. Man darf jetzt
-nur noch von einer ziemlich beträchtlichen Entfernung aus das Lager
-überblicken und sieht nichts anderes als eine gewaltige, wogende, graue
-Masse. Der einzelne Mensch ist gar nicht zu unterscheiden. Stumm und
-feierlich zieht in einer Entfernung von je zwanzig Metern die große
-Zahl der Wachthabenden rings ums Lager her.
-
-Nein, sie wollen hier nicht lange verweilen -- sie wollen sich den
-grauen, schwermütigen Tag nicht noch düsterer machen. Aber die
-Russenbeerdigung will sich die Wachtmeistersfrau nicht entgehen lassen.
-Man hat nun einmal zu diesem Zweck den weiten Weg hierher gemacht und
-kann doch nicht unverrichteter Sache wieder nach Hause gehen.
-
-An der Stelle, an der die vier Toten beigesetzt werden sollen, hat
-sich schon eine Menschenmenge gesammelt, und man kann nur noch mit
-Mühe ein Plätzchen erobern, von dem aus man einen freien Ausblick
-hat. Eine große Gruft ist aufgeschaufelt, denn die vier Särge sollen
-nebeneinander Platz finden. Viele von den Menschen stehen da, als
-warteten sie auf etwas Freudiges, Sensationelles. Die wenigen
-Offiziere, die noch in der Garnison sind, kommen angefahren. Eine
-Anzahl Husaren und Infanteristen rücken heran, und von der Richtung des
-Lagers wird ein Zug sichtbar. Russen in ihren lehmgrauen Mänteln tragen
-ihre toten Brüder.
-
-Nun sieht man doch einmal, wie der entsetzliche Feind, der Deutschland
-vernichten will, der schon ein Stück von Deutschland mit Mord und Brand
-heimgesucht hat, aussieht! -- Aber der Feind, der da mit den Särgen
-anrückt, sieht nicht wild und furchtbar aus. Trauer malt sich auf den
-Gesichtern, die Köpfe sind geneigt und ernst und würdevoll verrichten
-sie ihr düsteres Geschäft.
-
-Der Militärgeistliche, der so wundervoll zu reden versteht, der den
-jungen Freiwilligen im Dom den Fahneneid abgenommen hat, tritt an die
-Särge heran und breitet die Hand zum Segen, spricht ein Gebet -- und
-drückt den Trägern die Hand. Die Särge werden in die Gruft versenkt,
-und der junge Russe, dessen Bruder sich unter den Toten befindet,
-schluchzt auf; die anderen stehen mit finsteren, undurchdringlichen
-Gesichtern.
-
-Der Pfarrer hält eine kurze, herzliche Rede. Er spricht das aus, was
-wohl jeder, der hier am großen Grabe steht, in diesen Augenblicken
-empfinden mag. „Ob Freund, ob Feind,“ sagt er, „der Tod macht uns alle
-gleich. Über den Tod hinaus gibt es keine Feindschaft. Die hier liegen,
-haben ihrem Vaterlande ebenso treu und redlich gedient, wie jeder von
-den Unseren das tut. Sie haben ihre Heimat nicht wiedergesehen, sie
-haben Schweres gelitten und den Tod im Felde gefunden. Darum Ehre ihrem
-Andenken! Gott mag ihnen lohnen, was sie für ihr Vaterland getan haben!“
-
-Tiefe Stille. -- Die Russen sind ergriffen. Vielleicht sind sie alle
-der deutschen Sprache mächtig und haben verstanden, was der Geistliche
-ihren toten Brüdern sagte. Vielleicht auch haben sie nur aus Stimme und
-Gebärde entnommen, daß hier gute, freundliche Worte gesprochen wurden.
-Sie werfen ihren gefallenen Kameraden ein paar Schaufeln Erde nach und
-falten die Hände zum Gebet. Dann aber sind sie wieder Deutschlands
-Gefangene und werden von zwei Posten mit geladenem Karabiner zum Lager
-zurückgeleitet. Die Menge zerstreut sich. Man hat etwas gesehen, was
-man nicht oft im Leben sieht -- man hat gesehen, daß auch der Feind
-ein fühlender Mensch ist, und diejenigen, die einen Mann, einen Sohn
-oder Bruder fern im Osten stehen haben, werden vielleicht einen kleinen
-Trost mit nach Hause nehmen. Wenn der Feind hört, wie wir seine
-Gefangenen halten, seine Toten ehren, wird auch er gegen die Unsrigen
-nicht ganz barbarisch sein!
-
-Der Regen rauscht stärker, und bis zur Kaserne ist ein gutes Stück Weg;
-da tut man besser, man geht durchs Tor in die Stadt hinein und wartet
-irgendwo bei einer Tasse Kaffee, ob das Wetter nicht freundlicher
-werden will, denn man ist schon jetzt durchnäßt und durchfroren.
-
-Die Wachtmeisterswitwe ist von der Wirtin vom Schützenhaus angesprochen
-worden, und die bittet sie, sich doch das Lazarett, das in ihren
-Gasträumen eingerichtet worden ist, anzuschauen. Heut und morgen
-kann man es noch sehen, in drei Tagen aber sollen schon die ersten
-Verwundeten eintreffen. Sie bittet auch Frau Hiller mitzukommen, und
-die willigt gern ein. Die beiden Frauen nehmen sie in ihre Mitte, und
-wie sie so zwischen den zwei guten, freundlichen Bürgerinnen dieser
-Altmärker Garnison dahinwandert, ist ihr ganz traut und heimatlich
-zumute. In Berlin bleibt man immer fremd, und wenn man zwanzig Jahre da
-wohnt; hier im kleinen Ort aber schlägt man schnell Wurzel und fühlt
-sich wohl.
-
-Der große Tanzsaal des Schützenhauses ist zum Lazarett eingerichtet
-worden. Weißgestrichene Betten mit weißen Decken und Kissen stehen in
-langen Reihen da; weiche, helle Teppiche bedecken den Fußboden, auf
-kleinen Tischen stehen Vasen mit gelben Herbstblumen, und die drei
-Frauen schreiten auf Zehenspitzen zwischen den weißen Betten einher.
-Es ist schön und fromm und feierlich in diesen stillen, hohen Räumen;
-man möchte weinen -- man möchte beten. Hier werden sie nun ruhen und
-genesen nach all dem Schrecklichen, was sie sehen mußten! Hier werden
-die armen Körper heilen und die wunden Seelen wieder Ruhe und Frieden
-finden!
-
-Von draußen schlägt der Regen an die Fenster -- draußen toben die
-ersten, ganz wilden Novemberstürme; aber die, die in zwei oder drei
-Tagen in diesen weißen Betten liegen sollen, werden von Liebe, Güte und
-Herzenswärme umgeben sein, und die Stürme, die da draußen tosen, können
-ihnen nichts mehr anhaben.
-
-Die Wachtmeisterswitwe hat Tränen in den Augen; sie fühlt sich bedrückt
-und verängstigt, wiewohl sie keinen hat, der ihr nahesteht, und der ins
-Feld hinausmußte. Sie denkt an alle, und sie leidet für alle, und das,
-was sie am heutigen Tage von Kummer und Herzeleid gesehen hat, ist fast
-zu viel für sie. Da ist es wirklich besser, man sitzt still zu Hause an
-der Maschine und näht die Hemden fürs Rote Kreuz.
-
-Sie bleiben dann noch eine Weile in dem vorderen Gastzimmer und trinken
-Kaffee, den die Schützenwirtin ihnen bringt. Sie wollen warten, ob sich
-das Wetter nicht ändern will; aber je länger sie sitzen, um so wilder
-toben die Stürme, und um so prasselnder fällt der Regen nieder.
-
-Es nützt also nichts; ewig kann man nicht bleiben, und man stirbt ja
-auch nicht gleich, wenn man eine halbe Stunde durch Wind und Regen
-läuft. Man braucht nur an die Armen, die Tage und Nächte draußen in den
-Schützengräben, in Sturm und Unwetter ausharren müssen, zu denken, dann
-wird alles, was sonst als schwer und unerträglich empfunden wird, auf
-einmal ganz leicht.
-
-Als sie an der Kaserne angelangt sind, machen sie einen Augenblick Halt
-und schauen in die erhellte Wachtstube hinein. Der kleine Hiller sitzt
-mit seinen Kameraden am Tisch und verzehrt sein Abendbrot. Er hat jetzt
-ein paar Stunden der Ruhe, aber in der Nacht muß er wieder zur Stelle
-sein.
-
-Frau Hiller ist an diesem Abend gezwungen, bei den Wachtmeistersleuten
-in der Küche zu bleiben, denn Fräulein Else hat nirgendwo auch nur ein
-halbes Liter Petroleum aufbringen können. So hat man in der ganzen
-Wohnung nur eine einzige gefüllte Lampe, und die steht auf dem runden
-Tisch in der Küche vor dem braunroten Sofa.
-
-Fräulein Else hat Tee gekocht und Butterbrötchen bereitet; in der
-Grude schmoren Äpfel, und die Herdtür steht offen und läßt die Glut
-der Kohlen herausleuchten. Auch der junge Arzt ist gekommen und lehnt
-schon behaglich in einer Sofaecke. Nach dem Essen sitzen die drei
-Frauen strickend da, und um neun Uhr kommt noch ein Fahnenjunker, der
-vor dem Krieg ein paar Monate bei den Wachtmeistersleuten gewohnt
-hat. Er ist schon im Feld gewesen und als Leichtverwundeter hier in
-einem Lazarett untergebracht worden. Die Kugel, die ihm in der Hüfte
-gesessen hat, trägt er jetzt in der Tasche und holt sie voll Stolz
-hervor. Dann erzählt er von den blutigen Kämpfen bei Dixmuiden. Aber
-wie er so warm und lebendig hier in der traulichen Küche sitzt und
-sich die geschmorten Äpfel schmecken läßt, hat man das Gefühl, daß er
-Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erzähle und nicht Episoden
-aus diesem unseligen Krieg, der immer noch weitertobt und dessen Ende
-nicht abzusehen ist.
-
-Nachdem er gegangen, liest der Doktor noch ein paar Artikel aus dem
-‚Altmärker Intelligenzblatt‘ vor; die Wachtmeisterswitwe richtet
-Frau Hiller die Ferse einer Socke ein, der Regen prasselt gegen die
-Scheiben, und das Petroleum in der Lampe sinkt tiefer und tiefer.
-Und da man nicht weiß, ob man am nächsten Tag noch Glück haben und
-ein wenig von diesem kostbar gewordenen Stoff erhalten wird, muß die
-behagliche Sitzung abgebrochen werden.
-
-Die elfte Stunde ist übrigens da, aber man verplaudert sich so leicht,
-wenn man warm und gemütlich sitzt. Oft wird es Mitternacht, bis man
-endlich zu Bett findet.
-
-Drüben vor der Kaserne brennen zwei Laternen, und der kleine Hiller
-im langen Mantel ist wieder auf Posten und trottet, die Hände in den
-weiten Manteltaschen, vor seinem Schilderhaus auf und ab.
-
-Die Mutter setzt sich ans Fenster und blickt zu ihm hinüber. Ob er wohl
-friert? Ob er sehr müde ist? Sich unbehaglich fühlt? Sie kann sein
-Gesicht nicht erkennen, sie sieht nur die schlanke Gestalt.
-
-Sie hat große Lust, zu ihm hinüberzugehen und ihm ein liebes, warmes
-Wort zu sagen -- aber das darf sie nicht. Ihr Sohn ist ja nicht mehr
-ihr Kind wie früher! Ihr Sohn ist ein Stück von Deutschland geworden,
-und die Liebe und das Mitleid einer Mutter dürfen ihn nicht stören,
-wenn er seines Amtes waltet.
-
-Aber sie vermag es nicht, sich zu Bett zu legen, während der Junge
-da draußen im Unwetter hin und her marschiert. Sie bleibt am Fenster
-sitzen und denkt an ihn. Vielleicht geht ein Strom von ihrem warmen
-Fühlen in sein Herz hinüber -- vielleicht tut es ihm unbewußt wohl,
-daß die Mutter hier am Fenster sitzt und an ihn denkt! Es soll ja eine
-solche Macht des Gefühls geben, die die Menschen unsichtbar miteinander
-verbindet.
-
-Am nächsten Mittag kommt der kleine Husar mit geröteten Wangen und
-leuchtenden Augen ins Wohnzimmer zur Mutter. Er, der die stramme Nacht
-in Sturm und Regen hinter sich hat, ist froh und wohlgemut. Sie aber
-ist ein wenig blaß und müd’ vom vielen Denken und Grübeln.
-
-Hiller trägt seine Dienstuniform über dem Arm. „Morgen ist
-Kleiderbesichtigung,“ erzählt er, „da muß alles tadellos imstande
-sein. Du machst mir doch die Flecken raus, nicht wahr, und wäschst die
-Tasche!“
-
-Dann wirft er sich in den Schaukelstuhl und sieht fast übermütig
-aus. „Jetzt endlich hört man doch einmal einen Ton vom Ausrücken!“
-sagt er. „Es sind hundert feldgraue Uniformen bestellt, und die
-Regimentsschuster arbeiten fieberhaft an den gelben Reiterstiefeln für
-draußen. Man kann jetzt jede Woche auf das Kommando gefaßt sein.“
-
-Der Mutter zuckt das Herz, wie er so strahlenden Auges berichtet. Denkt
-er gar nicht an sie? Fühlt er nicht den leisesten Schmerz, wenn er an
-den Abschied von ihr denkt? Ist der Gedanke, draußen mittun zu dürfen,
-so groß, so lockend, daß gar kein anderes Gefühl dagegen aufkommt?
-
-Ach, ein Kind geht gar leichten Herzens von der Mutter fort -- das weiß
-sie ja noch von sich selbst.
-
-Sie bringt den Uniformrock ins Nebenzimmer, um nur einen Augenblick
-allein zu sein, denn die Tränen liegen ihr schwer auf der Brust, und
-sie mag ihm nicht zeigen, wie schwach sie ist.
-
-Am Nachmittag steht sie und reibt an der sehr verbrauchten Uniform. Die
-Tressen sind verschabt, und das Tuch ist ganz ohne Glanz. Sie reibt
-alles, so gut es geht, und leert dann die Taschen aus, um das Futter zu
-waschen.
-
-Was so ein Junge nicht alles in der Tasche trägt: Loses Geld und
-Bleistifte -- Notizbücher und Zigaretten -- Heftpflaster und Schokolade
--- drei, vier Taschentücher, die man nur behutsam zwischen zwei Fingern
-anfassen kann, denn hier dienen die Taschentücher augenscheinlich
-vielen Zwecken, sonst wäre die tiefgraue Färbung nicht erklärlich. Dann
-noch ein paar beschriebene Zettel, wovon einer auf die Erde fliegt, und
-als Frau Hiller ihn aufhebt, sieht sie, daß Verse darauf geschrieben
-sind, Verse, in denen Worte, in denen ganze Zeilen ausgestrichen und
-von neuem geschrieben sind. So pflegt ein Anfänger eigene Dichtungen
-aufzukritzeln.
-
-Frau Hillers Neugierde erwacht und sie liest und liest immer wieder:
-
- „Kalt ist die Nacht,
- Ich bin allein,
- Ich steh’ auf Wacht
- Ich denke dein!
-
- Deutschland in Not,
- Vom Feind umstellt,
- Deutschland bedroht
- Von einer Welt.
-
- Da kam die Liebe
- An mich heran.
- Ich sagte zur Liebe:
- ‚Faß mich nicht an!
-
- Ich will keine Liebe!
- Mein Land ist in Not!
- Viel süßer als Liebe
- Ist heut der Tod!‘
-
- Da neigt sich zu mir
- Ihr blondes Gesicht:
- ‚Heut bist du noch hier,
- Heut kämpfst du noch nicht
-
- Heut kannst du knüpfen
- Mit mir ein Band.
- Und später kämpfst du
- Fürs Vaterland!‘“
-
-Sie läßt den Rock aus dem Arm fallen, sie muß lächeln und fühlt auch
-etwas Wehes dabei. Ihr kleiner Ernst hat also wirklich seine erste
-Liebe gefunden. Nun ist er ihr ganz verloren -- das Vaterland und ein
-fremdes Mädchen haben Besitz von ihm ergriffen. Das letzte ist so
-natürlich -- ist der Welt Lauf!
-
-Warum freut sie sich nicht? Warum gönnt sie ihm das nicht? Warum will
-sie anders sein als andere Mütter und den Hauptanteil am Sohn für sich
-behalten?
-
-Kein Mensch kann gegen die Natur an. Das hat die Großmutter so oft
-gepredigt.
-
- * * * * *
-
-Der kleine Hiller ist zu seiner ersten Liebe ganz gegen seinen Willen,
-zum wenigsten ganz ohne sein eigenes gekommen. Das Mädchen, das sein
-Herz betört hat, ist weder sonderlich schön noch klug, hat weder Geist
-noch Vornehmheit. Sie steht weit unter jenen ganz jungen, weiblichen
-Geschöpfchen, die Ernst vor einem Jahr in der Tanzstunde in Berlin in
-großer Zahl kennen lernte, und die er durchweg als unglaublich albern
-bezeichnete.
-
-Das Mädchen, das ihm durch seinen Freund Hipp zugeführt wurde, hat
-irgendeinen kleinen Posten als Stickerin in der Stadt inne. Am Abend um
-sechs Uhr, ist sie frei und kann spazieren gehen. Sie hat liebe, blaue
-Augen und ein keckes Näschen, blonde Haare, die als Schnecken über den
-Ohren liegen, und ein entzückendes, schlankes Körperchen. Sie sieht
-wundervoll appetitlich aus und kann über jede Kleinigkeit lachen und
-jubeln. Hätte Hipp nicht selbst ein sehr annehmbares Mädchen für sich,
-so würde er den kleinen Hiller nicht so großmütig bedacht haben. Aber
-da das Mädchen die beste Freundin seiner Freundin ist, muß er für sie
-sorgen und empfiehlt sie an Hiller. Der will erst nicht. „Blödsinn,
-was soll man mit so einer sprechen!“ Hipp jedoch läßt nicht locker und
-schleppt ihn mit zum Flußweg.
-
-Da ist es jetzt nicht mehr wie zur Sommerszeit, da wehen rauhe Winde,
-die Pappeln stehen kahl und leer. Der Fluß hat schlammiges Wasser, und
-der Boden ist aufgeweicht vom vielen Regen. Man ist froh, wenn man
-sein Mädchen getroffen hat, und geht mit ihr in irgendein Gartenlokal,
-wo es einsam ist, und wo man in einer geheizten Stube sitzt. Oder man
-wandert mit ihr in die Stadt, in ein Kaffeehaus -- oder geht den Weg
-zum Bahnhof hinunter -- -- es ist alles gleichgültig. Hauptsache ist,
-daß man sich überhaupt sieht, und Hipp macht Hiller klar, daß für ihn
-das harte Leben, das sie jetzt führen, erst dadurch erträglich wird,
-daß er sich auf den Abend freuen kann.
-
-Hiller bringt der Aufforderung seines Freundes erst wenig Verständnis
-entgegen. Es liegt ihm so gar nicht, als galanter Kavalier aufzutreten,
-und er ist auch sehr überzeugt davon, daß keine ihn lieben wird.
-Er stemmt sich dagegen auf und hat das sichere Gefühl, daß er
-außerordentlich schwerfällig sein wird, wenn er so einem lustigen
-Mädelchen gegenübersteht. Er wird kaum zu sprechen vermögen, wird
-verlegen sein, und Hipp wird ihn auslachen. Also schlägt er erst
-rundweg ab. Aber Hipp ist nicht derjenige, der so schnell locker läßt,
-wenn er sich etwas vorgenommen hat.
-
-„Du bist ein Esel, Hiller. Du verscherzt dir eine prachtvolle Sache.
-Sie ist geradezu entzückend. Sieh sie dir zum wenigsten doch mal an.
-Ich hab’ ihr auch schon von dir erzählt und hab’ ihr versprochen, dich
-mitzubringen. Ich kann doch wegen deiner Eselei nicht wortbrüchig
-werden!“ Hiller schwankt und schwankt! Gewiß, er ist um vieles
-lebendiger und lustiger geworden, seit er in der Kaserne ist; er
-nimmt das Leben nicht mehr so unsinnig schwer wie früher, ja, er kann
-zuzeiten geradezu ausgelassen sein. Aber vor dieser Begegnung mit
-einem wildfremden Mädchen sträubt sich doch etwas in ihm. Doch Hipp
-ist der Satan in Person und bohrt und bohrt an Hiller herum; greift
-ihn bei seiner Ehre an, nennt ihn eine Memme, und es kommt fast zum
-Streit zwischen den beiden. Aber schließlich siegt er; Hiller hat sich
-gegen die ausdrückliche Versicherung, daß diese Begegnung zu gar nichts
-verpflichte, breitschlagen lassen, zieht seine Extrauniform an, spricht
-ganz kurz bei der Mutter vor, sagt ihr, daß er heute keine Zeit für sie
-habe und geht hochklopfenden Herzens an Hipps Seite zum Flußweg.
-
-Irgendwo lösen sich aus dem Schatten zwei schlanke Gestalten: die eine,
-dunkel gekleidet, reicht Hipp die Hand, die andere, im weißen, wollenen
-gestrickten Mantel, bleibt etwas abseits stehen. Man kann nicht viel
-sehen. In einiger Entfernung brennt eine Laterne und verbreitet
-ein unsicheres Licht, und am Himmel zieht eine schwache, umflorte
-Mondscheibe hin.
-
-Hipp stellt seinen Freund als Herrn von Hiller aus Berlin vor; und das
-blonde Mädchen im weißen Mantel reicht ihm die Hand und sieht ihn aus
-etwas ängstlichen blauen Augen an.
-
-Der blutjunge Hipp, der aber jungen Damen gegenüber schon vollkommen
-die Haltung eines erfahrenen Mannes hat, hilft über jede Steifheit
-hinweg. „Also, Kinder, wie verteilen wir uns? Es regnet nicht, und
-die Kälte ist auch nicht unerträglich. Ich für meine Person bin nicht
-abgeneigt, den Spaziergang hier am Fluß fortzusetzen -- aber darum bist
-du, lieber Hiller, absolut nicht gezwungen, unserem Beispiel zu folgen.
-Ich möchte dir sogar vorschlagen, einen andern Weg zu nehmen. Vor neun
-Uhr treffen wir uns dann hier an dieser selben Stelle wieder!“ Er
-reicht seiner Freundin den Arm. Die Kleine, Weißgekleidete hängt sich
-bei Hiller ein, und während Hipp geradeaus geht, biegt das jüngste
-Liebespaar in den schmalen, dunklen Feldweg, der zum Bahnhof führt, ein.
-
-Sie gehen schweigend. Leicht wie eine Feder hängt das schlanke
-Persönchen am Arm des kleinen Husaren, und doch ist durch sie eine
-schwere Last in seine Seele gekommen. Er fühlt sich sehr unbehaglich;
-seine etwas schwierige Art, mit Menschen, die ihm nicht sehr von
-sich aus entgegenkommen, eine Verbindung zu finden, lastet auf ihm.
-Er sinnt nach einem Scherzwort und findet keines. Er will ihr irgend
-etwas Gleichgültiges erzählen, aber es fallen ihm nur traurige oder
-pathetische Sachen ein. Er ärgert sich über sich selbst -- ist sehr
-uneins mit sich selbst, denn er fühlt einmal wieder, daß er anders
-ist als andere Menschen, daß er nicht zum Fröhlichsein, zum Genießen
-geschaffen ist. Er schämt sich und wird immer unbeholfener. Was mag das
-arme Mädchen, das sich gewiß auf einen fröhlichen Abend gefreut hat,
-von ihm denken? Er fühlt, wie sie ihn von der Seite anschaut und auf
-etwas zu warten scheint. Teufel auch, fällt ihm denn gar und gar nichts
-ein, was er ihr sagen kann?
-
-Sie kommen aus dem schmalen Feldweg auf eine breite Straße -- da sagt
-die Kleine endlich ein Wort: „Durch diese Straße möchte ich nicht
-gehen!“ bittet sie.
-
-„Warum nicht?“ fragt Hiller und biegt wieder nach dem dunklen Feldweg
-ein.
-
-„Weil man mich da sehen wird!“ Dabei überzieht sich ihr Gesichtchen
-mit dunklem Rot -- aber nun ist wenigstens doch das lastende Schweigen
-gebrochen.
-
-Das Mädchen erzählt seine Lebensgeschichte. Sie wohnt bei einer Tante,
-die sie erzogen hat; ihre Mutter lebt auch noch, aber nicht hier, und
-hat noch fünf andere Kinder. Da hat die Tante sie zu sich genommen
-und sie Stickerei erlernen lassen. Sie stickt in einem Geschäft und
-bekommt fünfzig Mark im Monat, die sie ihrer Tante gibt. Die Tante
-ist gut, doch streng. Sie darf von nichts wissen -- und das Köpfchen
-schmiegt sich an Hillers Schulter, und wie ein elektrischer Funke
-fliegt’s in dessen Herz. Mit einem Schlage ist alle Unbeholfenheit,
-alle Schwerfälligkeit verflogen; heiß wogt’s durch ihn -- ein Gemisch
-von Mitleid und Zärtlichkeit.
-
-Er hat noch nie aus sich selbst ein Mädchen geküßt, ist noch nie mit
-einem Mädchen auf einsamen Wegen gegangen. Nie hat eine ihm von ihrem
-Leben erzählt -- nie hat eine sich an ihn geschmiegt -- denn die Sache
-mit Hannchen vom Abiturientenabend war doch nur eine große Neckerei!
-Im selben Moment aber, da die Rolle des verstehenden, tröstenden
-Liebhabers von ihm verlangt wird, beherrscht er sie auch ganz und gar
--- beherrscht sie mit einer Sicherheit und Sanftheit, die ihn selbst
-mit Staunen erfüllt.
-
-Er greift mit der Hand unter ihr Kinn, hebt ihr das Gesicht in die
-Höhe, sieht in die blauen Augen, sieht den Mund, der ein wenig geöffnet
-ist, und tut das Selbstverständlichste und Einzige, was er in dieser
-Lage tun kann: er küßt sie. Und er fühlt dabei etwas, was ihm fast die
-Besinnung benimmt. Sie stehen irgendwo in völliger Dunkelheit; sie hat
-ihm die Arme um den Hals gelegt, küßt ihn wieder und schmiegt sich
-immer enger an ihn an.
-
-Dem kleinen Hiller ist’s, als sei er von der Erde fort in flammende
-Herrlichkeit getragen, er weiß nicht mehr, was er ist und was er tut.
-Ein fremder Geist ist in ihn gefahren, der für ihn handelt, der die
-zärtlichen Worte, die er hervorbringt, für ihn spricht, der das süße
-Geschöpf in die Höhe hebt und immer wieder den roten Mund, die Stirn
-und die lieben Augen küßt. Er ist wie trunken; er denkt nicht daran,
-daß jemand des Weges kommen und ihn sehen könnte. Raum und Zeit sind
-für ihn verschwunden -- er fühlt nur ein namenloses, unfaßbares Glück.
-
-Für das kleine Mädchen aber hat diese wild und elementar
-hervorbrechende Liebe etwas Beängstigendes. Er hat ihr die Mütze
-verschoben, und ihre Haare beginnen sich zu lösen; er hält sie so fest
-an sich gepreßt, daß sie kaum Atem holen kann. Er tut ihr weh -- er
-ist wie ein Unsinniger -- nein, das hat sie nicht gewollt. Vor dem
-Krieg ist sie auch mit einem jungen Einjährigen umhergegangen und hat
-sich küssen lassen; aber der ist doch vernünftig geblieben. Hier aber
-hat sie Angst, und da er sie auf ihre Bitten nicht losläßt, stemmt sie
-die Hände gegen seine Schultern und macht sich mit Gewalt frei. Einen
-Augenblick blitzen ihre Augen ihn böse an, aber als sie in sein gutes
-und betroffenes Gesicht blickt, ist der Zorn wieder verflogen. „Wie du
-mich zugerichtet hast!“ sagt sie und nestelt an ihrem Haar und setzt
-die Mütze wieder ordentlich auf den Kopf. „So kann ich mich ja nirgends
-sehen lassen!“
-
-Sie lacht aber schon wieder und hängt sich von neuem in seinen Arm.
-„Nun wollen wir vernünftig zusammen gehen!“ Dem kleinen Hiller gehen
-plötzlich die Augen auf. Er ist von seinen Himmeln auf die Erde
-zurückgekommen und kämpft wieder mit Verlegenheit.
-
-Das kleine Fräulein ist sehr zutraulich geworden, plaudert über
-alles Mögliche und verrät schließlich, daß sie eine Konditorei weiß,
-wo man gut eine halbe Stunde sitzen kann. Da kommt ihm auch das
-zum Bewußtsein, daß er ganz vergessen hat, sie mit irgend etwas zu
-erfreuen. Er weiß von Hipp, daß man eine Freundin zu Kaffee und Kuchen
-einlädt und ihr kleine Geschenke macht. Und nachdem die Rolle des
-heißen Liebhabers ausgespielt ist, nachdem sein Herz anfängt, ruhiger
-zu schlagen und sein Kopf wieder Herrschaft über die erregten Sinne
-gewinnt, findet er sich auch in der Rolle des Kavaliers zurecht,
-geht mit ihr ins Café, das sie ihm genannt hat, und bewirtet sie mit
-Schokolade, Schlagsahne und Kuchen. Dabei sieht er erst, wie niedlich
-sie ist, und kann es jetzt, da sie in vollem Licht bei ihm sitzt, gar
-nicht mehr begreifen, daß er den Mut gehabt hat, sie zu küssen. Jetzt
-wird er nicht mehr wagen, auch nur ihre Fingerspitzen an seine Lippen
-zu ziehen.
-
-Mit Gewalt muß er sich das zurückrufen, wie er vor einer Viertelstunde
-mit ihr am Feldweg gestanden hat. Es ist wie ein Traum, wie eine
-Unwahrscheinlichkeit.
-
-Kurz vor neun sind sie am Flußweg an der Stelle, an der sie sich
-zuerst gesehen. Hipp mit seiner Freundin hat sich schon eingefunden --
-lächelnd und prüfend sieht er Hiller und die kleine Blondine an. Er
-ist Menschenkenner und weiß sofort, daß alles nach Wunsch gegangen ist
-zwischen den beiden. Sie verabreden eine Zusammenkunft.
-
-Die zwei Freundinnen eilen der Stadt zu, und die beiden Husaren wandern
-zur Kaserne. --
-
-Von diesem Abend an träumt Hiller oft mit wachen Augen. Die Welt hat
-sich für ihn geändert -- etwas Neues und Unsagbares ist in sein
-Leben gekommen. Sein Herz ist erfüllt von etwas Hohem, Heiligem; er
-geht wie auf Wolken. Freilich, wenn er dem kleinen, blonden Mädchen
-gegenübersteht, wenn er sie lachen und plaudern hört, muß er ein
-wenig heruntersteigen. Er weiß es nicht, daß nicht sie -- nicht ihre
-Person es ist, die er liebt, sondern daß er sich ein Phantasiegebilde
-geschaffen hat, das im tiefsten Grunde mit dem Mädchen selbst nicht
-das Geringste zu tun hat. Die Liebe mit all den Wonnen und Leiden,
-die sie dem tiefgründigen, ernsten Menschen bringt, ist in sein Leben
-gekommen, und da sie keinen anderen Gegenstand hat, kreist sie um das
-nette Mädchen mit dem kecken Näschen und dem schlanken Figürchen. Seine
-Gefühle und Gedanken wogen ins Uferlose hinein. Sein Auge blickt in
-weite, goldene Fernen -- er dichtet und träumt -- er leidet und jubelt
--- -- aber heimlich, nur in der Einsamkeit. Denn nur wenn er sie nicht
-sieht, ist das große Glück da; sobald er sie greifbar vor sich hat, ist
-sowohl er wie sie völlig verwandelt.
-
-Aber gleichgültig -- er liebt! Die Mutter rückt für ihn immer weiter
-in den Hintergrund. Die Mutter ist etwas Gutes, Wohltuendes, was man
-nicht missen möchte. -- -- -- Doch das alte Kindervertrauen, die alte
-Kinderoffenheit ist fort. Von dem, was jetzt in seiner Seele lebt, kann
-er trotz aller Liebe und Herzlichkeit zur Mutter nicht reden.
-
-Hipp sagt: „Mensch, du setzt dir doch wohl nichts in den Kopf? Seit du
-mit der Kleinen gehst, bist du wie hypnotisiert! Solche Mädchen sind
-zum Amüsieren da -- zu weiter nichts!“
-
-Hiller nickt und ist blaß geworden, denn er fühlt sich oft sehr
-beschwert und ist unglücklich. Es wäre vielleicht doch besser gewesen,
-er hätte sie gerade in dieser Zeit nicht kennen gelernt! -- --
-
-Auch der November neigt sich dem Ende zu, und von einem bestimmten
-Termin zum Ausrücken ist immer noch nicht die Rede. Die feldgrauen
-Uniformen sind fertig; Schuster und Sattler haben wie im Fieber
-gearbeitet, es ist alles bereit, man könnte jeden Tag ausrücken, aber
-der Befehl von oben fehlt noch. Statt dessen geht der Drill fort -- man
-zieht auf Wache und wartet, wartet, wartet!
-
-Es tut weh, daß das Vaterland sie noch nicht braucht! Sie lernen jetzt
-Schützengräben aufwerfen -- werden mehr und mehr zu Infanteriediensten
-herangezogen.
-
-Der Krieg hat sich ganz anders gestaltet, als man zu Anfang geglaubt
-hat; es kann sich noch lange, sehr lange hinziehen. Die Vorgesetzten
-jedoch sagen den ungeduldigen, jungen Kriegern: „Ihr kommt noch alle an
-die Reihe! Keiner wird in der Kaserne sitzen bleiben!“ Das ist zwar ein
-Trost, aber man hätte doch gern gleich von Anfang an mitgefochten. Aus
-den Infanteriekasernen sind sie längst schon ausgezogen und haben sich
-ehrenvolle Wunden oder das Eiserne Kreuz oder den Heldentod geholt! Das
-Abwarten ist hart, und der Dienst ist eintönig! Man kann doch längst
-alles, was man zu können braucht!
-
-Die Großmutter staunt auch und schreibt Briefe, aus denen fast etwas
-wie Enttäuschung klingt: „Ja, kommt denn der Junge überhaupt nicht ins
-Feld?“
-
-Es will der alten, tatkräftigen Frau nicht behagen, daß ihr Enkel noch
-nicht gegen Deutschlands Feinde kämpft. Der alte Hieronymus und der
-alte Rat Mertens, dem sie seine Schwarzseherei abgewöhnt hat, fragen
-bei jedem Besuch nach dem Jungen, und der Rat hat ihr gesagt, daß man
-die Kavallerie fast gar nicht verwenden kann in diesem modernen Krieg.
-Das paßt ihr nicht! Ihr starkes Herz will, daß der Enkel in dieser Zeit
-zum Helden wird; sie hat viel ehrgeizige Wünsche für ihn. Der Sohn,
-der so früh und traurig dahinsiechte, hat ihre stolzen Träume nicht
-befriedigt; nun erhofft sie vom Kind ihres Kindes etwas Großes, hofft,
-daß der Name starken, neuen, schönen Klang durch ihn bekommt.
-
-Dem Jungen aber tut es weh, als er den Brief der Großmutter liest. Ist
-es seine Schuld, daß sie hier noch immer festgehalten werden? Sehnt er
-sich nicht mit allen Fasern seines Herzens danach, hinauszukommen? Und
-doppelt und dreifach sehnt er sich danach, seit dieses blonde Mädchen
-in sein Leben gekommen ist. Das Mädchen, das ihn ablenkt, das ihn
-beunruhigt; das ihn oft vergessen läßt, zu welchem Zweck er hier in der
-Kaserne eingerückt ist! Er leidet unter ihr, er hat das Gefühl, gegen
-seinen Willen an sie gekettet zu sein. Er möchte sich von ihr losreißen
-und vermag es nicht mehr. Im Gegenteil, je öfter er sie sieht, um so
-mehr zieht es ihn zu ihr hin. Und ist ihm doch innerlich so ganz und
-gar fremd, hat doch keine Ahnung von all dem, was in ihm vorgeht, was
-sie in seiner Seele ausgelöst hat. Alles muß er vor ihr verbergen,
-immer muß er ängstlich bedacht sein, sie gut und oberflächlich zu
-unterhalten, nur ja nichts von dem, was so heiß und heilig in ihm
-wogt, erkennen zu lassen. Denn wenn sie ahnte, wie er wirklich ist,
-dann würde sie über ihn lachen -- und der Gedanke, daß sie über ihn
-lachen könnte, ist ihm unerträglich. So also ist Liebe! Schön und doch
-quälend! Entsetzlich quälend!
-
-Der kleine Hiller sieht oft sehr betrübt und bleich aus, wenn er bei
-seiner Mutter im Wohnzimmerchen sitzt. Das Herz ist ihm übervoll,
-und er weiß, daß er sich erleichtert fühlen würde, wenn er sich ihr
-offenbarte. Aber es geht -- geht nicht. Er kann die erlösenden Worte
-nicht finden!
-
-Die Mutter ist in dieser Zeit noch viel liebevoller als sonst zu ihm;
-sie ahnt, daß der Junge jetzt viel durchzukämpfen hat. Sie leidet für
-ihn und mit ihm. Er ist Blut von ihrem Blute. Die Liebe wird ihm nie
-reiner Genuß sein; schon dieser erste, unschuldige Anfang belastet
-seine Seele. Über diese kleine Episode hier in der Altmärker Garnison
-wird er zwar hinwegkommen, sowie Größeres ihn in Anspruch nimmt; aber
-sie fürchtet für das, was die Zukunft ihm bringen kann. Welche Frau es
-auch sei, die in sein Leben tritt -- er wird unter ihr leiden, denn
-seine Seele ist tief und wird voll ungelöster Rätsel, voll von Wünschen
-sein, die nur Ausnahmemenschen zu befriedigen imstande sind.
-
-Armer, armer, kleiner Husar! Aber darf man so über die heutige Jugend,
-gerade über diese Generation, von der so Kolossales gefordert wird,
-nachdenken? Wird nicht das ungeheure Drama, darin sie mitwirken sollen,
-sie vielleicht von Grund auf ändern? Wird es nicht die Macht haben, die
-Seelen ganz einfach, ganz klar zu machen?
-
-Sie weiß es nicht, aber es ist möglich. In der ersten Begeisterung
-war ja jeder wie umgewandelt -- hatte jeder von seinem eigentlichen
-Ich Abschied genommen, um in der großen Allgemeinheit aufzugehen.
-Die erste Begeisterung aber ist ruhiger geworden! Die ersten großen
-Gefühlserregungen sind auch von dieser ganz jungen Jugend, die erst
-zu Taten ausziehen will, überwunden worden! Der Krieg ist ihnen etwas
-fernergerückt als im Anfang. Man läßt sie zu lange warten, man hat
-ihnen den großen, heiligen Glauben an sich selbst und die eigene Kraft
-dadurch ein wenig geschmälert. Aber auch ihr Tag wird kommen; und das,
-was den kleinen Ernst jetzt bewegt und quält, wird in seiner Seele
-erlöschen, als wäre es nie darin gewesen.
-
-Und dennoch leidet die Mutter unter den Leiden ihres Jungen; aber nicht
-allein darunter.
-
-Eines Abends erzählt Fräulein Else mit lachenden Augen, daß sie den
-Jungen mit seiner Freundin am Tor gesehen habe. Am alten, dunklen Tor
-pflegen zur Winterszeit die Mädelchen aus der Stadt auf ihre Liebsten
-aus der Kaserne zu warten.
-
-Frau Hiller möchte Fräulein Else nach manchem ausfragen, aber sie
-vermag es nicht. Sie will nicht aus anderem Munde erfahren, wie die,
-der die erste Neigung ihres Jungen gehört, aussieht. Und doch muß sie
-oft an das kleine Mädchen, das dem Husaren jetzt nähersteht als die
-eigene Mutter, denken; möchte sie gern sehen, so gern ein Wort mit
-ihr sprechen. Nein, sprechen nicht, das ist nicht nötig. Nur wissen,
-wie sie aussieht, ob sie gut, ob sie ihres Jungen würdig ist. In der
-Nacht kommen ihr oft so bange Gedanken, dann malt sie sich aus, daß der
-Junge, der so wenig Weltklugheit besitzt, vielleicht an eine geraten
-ist, die nicht mehr rein, nicht mehr gut ist.
-
-Ach, sie weiß, daß ein Mensch vieles erleben und dennoch gut und rein
-bleiben kann. Sie möchte ja auch gar nicht wissen, woher dieses Mädchen
-stammt, was sie vielleicht schon erlebt hat. Nur in die Augen möchte
-sie ihr schauen und das Gesicht einmal sehen -- dann weiß sie genug!
-
-Sie richtet es nun manchmal so ein, daß sie am Abend noch, wenn
-es schon dunkel ist, eine Besorgung in der Stadt hat, und auf dem
-Rückweg weilt sie dann an einer verborgenen Stelle, von der aus sie
-die nächste Umgebung des Tores überschauen kann. Aber sie hat kein
-Glück; sie sieht wohl kleine, wartende Mädchen, aber unter denen, die
-sich zu ihnen gesellen, ist ihr Ernst noch nie gewesen. Bis sie eines
-Abends mit Fräulein Else von einem Gang zu der Stadt zurückkommt. Die
-flüstert ihr zu: „Diese hier, gnädige Frau!“ Und Frau Hiller sieht in
-ein liebes, nettes Gesicht mit keckem Näschen und guten, blauen Augen
--- sieht in ein Gesicht, das nicht sehr viel sagt, und dessen größte
-Schönheit seine Jugend ist. Sie ist enttäuscht und auch beruhigt!
-Dieses Mädchen ist nicht schlecht und verdorben, ist auch nicht
-tiefgründig und verlangt keine schweren Gefühle. Es ist eins von jenen
-Mädchen, die so recht eigentlich dazu geschaffen sind, die erste Liebe
-eines jungen Menschen zu sein; wie Blumen sind sie, die einen süßen
-Duft haben und vergessen sind, sobald man sie nicht mehr sieht. Sie
-ist ruhig und versucht sich zu freuen, daß der Junge, bevor das Große,
-Gewaltige in sein Leben kommt, ein liebes, heimliches Glück gefunden
-hat -- sie will sich freuen, wie eine Mutter sich über das Glück ihrer
-Kinder freuen soll; sie will nur noch Mutter sein.
-
-Der Weg vom Stadttor nach der Kaserne hinaus dünkt ihr an diesem Abend
-eine Ewigkeit zu sein: ihre Seele ist in Aufruhr -- in ihr ist ein
-alter, heißer, wilder Schmerz, eine verzweifelte Sehnsucht wieder
-eingezogen.
-
-Müde schleppt sie sich neben Fräulein Else her.
-
-Im Hause steigt sie langsam die Treppe hinan. Oben in der Küche steht
-die große Lampe auf dem Tisch vor dem Sofa; das Abendbrot ist bereitet,
-und der junge Arzt hat sich auch eingefunden. Aber heute abend kann
-sie keinen Menschen mehr um sich haben. Heute abend ist es zu dunkel,
-zu trostlos in ihrer Seele.
-
-Fräulein Else entzündet ihr das kleine, in Öl schwimmende Nachtlicht in
-ihrem Schlafzimmerchen und fragt, ob sie etwas zu essen bringen darf.
-Nein, nichts -- gar nichts -- nur Ruhe -- nur Stille -- nur Dunkelheit.
-Alles tut ihr weh, jedes Geräusch, jeder Lichtschein, jeder Nerv
-schmerzt sie. So hat der Schmerz sie noch nie übermannt; so schwach, so
-elend und klein ist sie noch nicht ein einzigesmal gewesen, seit der
-große Aufruhr in die Welt kam.
-
-Der müde Kopf liegt in den Kissen; die Dunkelheit, die große Stille
-tun ihr gutes Werk. Gott wird sie nicht ganz verlassen -- -- er wird
-ihr die beiden, die sie liebt, die so eng mit ihr verbunden sind,
-zurückschicken! Aber Gott läßt so viel Furchtbares geschehen in dieser
-Zeit -- -- so viel tausend Frauen haben hergeben müssen, was ihr eigen
-war -- -- --. Ihre Hand spielt mit dem kleinen goldenen Amulett, das
-die Großmutter ihr bei Beginn des Krieges um den Hals gehängt hat,
-und ein dunkler Gedanke flieht durch ihre Seele. -- Der Inhalt dieses
-Amuletts sollte sie, wenn es ganz schlimm kam, vor der Bestialität der
-Russen, die in Deutschlands Hauptstadt einzudringen beabsichtigten,
-schützen. Das aber hatte Gott abgelenkt. Nach menschlicher Berechnung
-würde nun nicht einer von den vielen Feinden bis ins Herz des Deutschen
-Reiches eindringen! Nach menschlicher Berechnung mußte Deutschland
-trotz dieser Welt von Feinden doch noch den Sieg erreichen. Viel Blut
-floß -- viele Opfer mußten gebracht werden! Keiner durfte zagen --
-keiner durfte klein werden! Man lebt nicht mehr für sich selbst, man
-lebt für das Land, in dem man geboren ward, für das Land, das man
-jetzt, da es bedroht ist, mit so viel tieferer, heißerer Liebe als in
-der Zeit des langen Friedens liebt.
-
-Ihre Hand läßt das Amulett fallen; ihr Kopf ist wieder ruhig -- die
-Gedanken nehmen eine andere Richtung. Nicht klein, nicht schwach, nicht
-selbstisch sein! Was sie leidet, ist das Leiden einer ganzen Welt --
-was sie hergeben muß, geben Millionen in allen Ländern her. Soll sie
-kleiner, verzagter, armseliger sein als all diese Millionen? -- -- --
-
- * * * * *
-
-Die Husaren haben Freiturnen im Kasernenhof. Es ist kalt, und ein
-rauher Wind weht, aber sie merken es nicht. Nachdem sie eine Stunde
-lang Lanzenschwingen und Säbelfechten geübt haben, ist zum Springen
-kommandiert worden.
-
-Der Oberleutnant kommt aus dem Dienstgebäude und spricht mit dem
-Wachtmeister, und man weiß nicht, ob er nur gekommen ist, um sich die
-Sache einmal anzusehen, oder ob etwas Besonderes vorliegt. Man wartet
-ja täglich, stündlich auf das Große, das doch nun endlich, endlich
-kommen muß.
-
-Aber nachdem die Unterredung beendet ist, läßt der Wachtmeister ruhig
-weiterturnen, und der Oberleutnant sieht zu. Die Freiwilligen sind
-enttäuscht, und das Springen geht wirklich etwas mangelhafter als sonst
-vor sich.
-
-Dann aber kommandiert der Oberleutnant plötzlich: „Halt!“ und sagt
-zum Wachtmeister: „Wachtmeister, lassen Sie mal die fünfzig Besten
-vortreten -- aber, bitte, nicht die, die hier so miserabel geturnt
-haben!“
-
-Die Freiwilligen horchen auf. Was ist das? Was bedeutet das? Geht es
-hinaus? Aber nein, das ist nicht möglich, denn vor einer Woche sind
-wieder hundert von ihren Pferden nach Halberstadt verschickt worden,
-und die, die jetzt noch hier im Stalle stehen, sind zum großen Teil
-nicht kriegstauglich.
-
-Der Oberleutnant sieht sich die fünfzig Leute, die herausgerufen worden
-sind, an.
-
-„Gut,“ sagt er. „Also, Sie, Wachtmeister, und zwei Unteroffiziere
-werden die Reise anführen. Mit dem Herrn Oberst treffen Sie in Budapest
-zusammen. Wir haben jetzt vier Uhr; um fünf Uhr geht der Zug. Es ist
-also Eile nötig!“
-
-Die Freiwilligen, die herausgerufen worden sind, haben rote Köpfe
-bekommen. Nach Ungarn zum Pferdekauf! Das geht unmittelbar dem
-Ausrücken voran! Bevor der Landsturm und die alten Leute ins Feld
-rückten, sind sie auch nach Ungarn gefahren, um Pferde zu holen. Das
-Herz schlägt ihnen hoch. Endlich, endlich!
-
-Der Wachtmeister ist auch plötzlich rosigster Laune. Der Turnunterricht
-wird abgebrochen; die, die nicht ausgewählt wurden, haben eine freie
-Stunde, und die anderen werden kommandiert, um Futterbeutel und
-Tränkeimer in Empfang zu nehmen.
-
-Hillers Herz klopft zum Zerspringen. Er benutzt die kurze
-Viertelstunde, die ihnen zum Umziehen gelassen wird, um ganz schnell
-zur Mutter hinüberzulaufen.
-
-Mit heißen Wangen und leuchtenden Augen steht er vor ihr. „Wir fahren
-nach Ungarn, Mutter. Pferde holen -- dann geht’s ins Feld, Hurra!“
-
-Er weiß gar nicht, was er sagt; er sieht auch nicht, wie bleich die
-Mutter wird; sie hat ihn gar nicht richtig verstanden und glaubt im
-ersten Augenblick, daß er schon jetzt den großen Abschied nehmen will.
-Aber darüber beruhigt er sie. „Nein, nein. Vorerst nur nach Ungarn,
-die Pferde holen. Dann müssen sie doch ein paar Tage lang eingeritten
-werden. Man kann doch nicht auf ganz fremden Gäulen ins Feld. Unsinn --
-Mutter, du brauchst nicht zu erschrecken. Wir kommen ganz sicher wieder
-zurück. Zehn oder zwölf Tage bleiben wir aus. Aber das ist doch famos!
-So eine schöne Reise!“
-
-Sie will ihm Kaffee bringen lassen, aber er wehrt ab:
-
-„Nein, Mutter, ich hab’ nicht einen Augenblick Zeit. Ich muß gleich
-wieder drüben sein. Lebewohl, Mutter; was willst du denn während der
-Zeit tun?“ Diese letzte Frage richtet er noch im Hinausgehen an sie,
-wartet aber die Antwort gar nicht mehr ab.
-
-Unten vor der Kaserne steht Hipp und hält triumphierend einen
-Futterbeutel und Tränkeimer in der Hand. „Teufel,“ sagt Hiller
-erstaunt, „du warst doch gar nicht unter den Fünfzig!“
-
-Hipp lacht. „Man muß so was zu deichseln verstehen. Ein armer
-Bauernlümmel ist krank geworden; ich habe ihm zehn Mark zur Erholung
-geschenkt; da hat er mich als Vertretung vorgeschlagen. Ich werde mir
-doch so was wie eine Gratisreise nach Ungarn nicht entgehen lassen!“
--- Er hängt sich in Hillers Arm: „Hast du Mammon? Sonst kann ich dir
-aushelfen!“
-
-Aber Hiller hat, was er braucht; Großmutter sorgt immer gut für ihn,
-und die Mutter gibt auch. Sie gehen in die Stube und ziehen den
-Reitanzug an. Dann noch schnell in die Kantine, um eine Weiße und ein
-paar Butterbrote zu verzehren. Für alle Fälle; denn man kann nicht
-wissen, wo man zuerst etwas zu futtern bekommt.
-
-Im Hof steht der Wachtmeister mit den zwei Unteroffizieren: „Antreten!
--- Zu Reihen gliedern! -- Marsch!“ Und fort geht’s zum Bahnhof. Vorerst
-mal in den Zug nach Magdeburg. -- Dritter Güte -- das ist anständig;
-jeder hat seinen Platz, und der Wachtmeister ist fortgesetzt in
-rosigster Laune.
-
-„Wenn ihr Lust habt, könnt ihr singen!“
-
-Hipp hat eine Mundharmonika und setzt sie sogleich an. ‚Morgenrot,
-Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod!‘ Sie singen es mit leuchtenden
-Augen -- der Wachtmeister und die Unteroffiziere auch. Was das für ein
-Gefühl ist -- mal endlich aus der Kaserne raus!
-
-„Unsere Damen werden heut’ abend große Augen machen!“ flüstert Hipp, zu
-Hiller gewandt. „Schad’t aber nichts; sie müssen sich jetzt langsam von
-uns abgewöhnen.“
-
-Über Hillers Gesicht fliegt ein Schatten. Daran hat er in seiner
-Aufregung noch gar nicht gedacht, und das Mädchen tut ihm furchtbar
-leid. Was mag die denken, daß er sie so einfach im Stich läßt!
-
-Hipp sagt: „Siehst du nun ein, daß es blödsinnig ist, bei so einer
-Sache etwas zu fühlen? Immer frei bleiben! Das ist die Hauptsache! Wenn
-ein Mädchen flennt und Liebesschmerz hat, was ist dabei? Sie haben ja
-sonst nicht viel zu tun. Aber unsereins muß frei bleiben. Ist ja auch
-nicht der Mühe wert, oder glaubst du, daß deine Kleine länger als einen
-Tag um dich weint, wenn sie vielleicht mal hören soll, daß du gefallen
-bist? Nur keine Illusionen!“
-
-Und es ist gut für Hiller, daß Hipp ihn immer wieder aus seiner
-Phantasiewelt herausreißt, denn er gehört zur Klasse der reinen Toren,
-die überall nur Gutes und Wahres und Reines sehen.
-
-Sie singen ein Lied nach dem andern, und der Zug läuft in Magdeburg
-ein, bevor man’s gedacht hat. Am Bahnhof steht ein Trupp Ulanen mit
-Wachtmeister und Unteroffizier. Der Vorgesetzte der Husaren tritt zu
-dem Kameraden vom Ulanenregiment hin und verständigt sich mit ihm. Sie
-haben Befehl, die Reise gemeinsam zu machen. Eine Stunde Aufenthalt in
-Magdeburg -- dann weiter nach Dresden, wo die erste Nachtrast sein soll.
-
-Die Freiwilligen -- Ulanen und Husaren -- bekommen Stadturlaub; in
-einer Stunde haben sie wieder am Bahnhof zu sein. Sie zerstreuen sich
-in Trupps und suchen die dem Bahnhof zunächst liegenden Kneipen auf.
-Man kommt sich schnell näher. Die Ulanen sind noch ebenso unsicher wie
-die Husaren, ob es nach dieser Ungarnreise nun wirklich hinausgeht.
-Man weiß ja wahrhaftig nicht, wozu man noch in der Kaserne sitzt, man
-begreift es nicht, daß man solche Mengen von gutem Soldatenmaterial
-noch in der Kaserne läßt. Hipp ist mit Hiller und ein paar Ulanen in
-einer richtigen Muschkokneipe gelandet. Man sieht nichts anderes als
-buntes Tuch und atmet einen üblen Geruch ein. Schadet aber nichts --
-man ist wenigstens mal aus dem ewigen Einerlei heraus!
-
-Die Fahrt nach Dresden ist schon ein wenig ungemütlicher als die
-vorherige. Sie sind jetzt neunzig Mann und werden vierter Klasse
-verstaut. Wer Glück hat, kann sitzen, die anderen stehen. Sangeslust
-ist nicht mehr vorhanden, und um die neunte Stunde, um die man sonst
-auf seinen Strohsack zu fallen pflegt, lassen die meisten ihre Köpfe
-hängen. Macht der Gewohnheit. -- Um neun Uhr meldet sich der Schlaf!
-Und ein paar von denen, die einen Sitzplatz haben, fangen an zu
-schnarchen.
-
-Um Mitternacht sind sie in Dresden; da ist noch reges Leben am Bahnhof.
-Das Rote Kreuz hat einen großen Raum für Verwundete und durchreisende
-Krieger eingerichtet, und labt nun auch die Husaren und Ulanen mit
-gutem, heißem Kaffee, Butterbrot und Zigarren.
-
-Da die Nacht vorgeschritten ist, kann man nicht mehr zu einer Kaserne
-hinaus, um Quartier zu bekommen; man muß am Bahnhof bleiben, zum
-wenigsten die, die auf Regimentskosten schlafen wollen. Wer Geld hat,
-kann sich in der Stadt ein Unterkommen suchen. Um elf Uhr am nächsten
-Morgen hat man sich wieder am Bahnhof einzufinden. Eine ganze Menge von
-ihnen verfügt über das nötige Kleingeld und zieht in die Stadt. Schade,
-daß man so hundemüde ist; man hat jetzt wirklich nur noch das eine
-Verlangen, sich auszustrecken, und zwar sobald als möglich.
-
-Hipp und Hiller und zwei Mann, die sie als ihresgleichen erkannt haben,
-betreten ein sehr feines Hotel. Warum soll man nicht für eine einzige
-Nacht üppig sein? Ein Vermögen wird’s nicht kosten. Und man schläft
-dann wenigstens mal wieder in einem anständigen Bett und bekommt am
-Morgen etwas Ordentliches zu frühstücken.
-
-Der Oberkellner sieht die vier Soldaten etwas kritisch an, aber der
-weltkundige Hipp hat ihn bald da, wo er ihn haben will. Er versteht es
-prachtvoll, jemanden mit drei Worten klarzumachen, wer er ist, und was
-er zu beanspruchen hat.
-
-Sie erhalten je zu zweien ein sehr anständiges Zimmer mit Heizung
-und elektrischer Beleuchtung; aber sie genießen nicht mehr viel von
-diesen Bequemlichkeiten. Kaum, daß sie den Uniformrock und die lederne
-Reithose ausgezogen haben, sind sie schon im Schlaf drin und schlafen
-nicht schlechter und nicht besser als in ihrer Altmärker Kaserne auf
-dem Strohsack.
-
-Aber am nächsten Morgen läßt sich die Sache schon anders an, da kann
-man sich erst noch diverse Male umdrehen, ehe man ans Aufstehen denkt,
-und sitzt dann unten im Frühstückszimmer vor einem famosen Frühstück,
-das durch Hipps Anordnungen noch um vieles delikater gemacht wird.
-
-Die Rechnung ist dann auch einigermaßen erstaunlich, und Hipp läßt beim
-Bezahlen seines Anteils die Bemerkung einfließen, daß man in diesem
-Hotel nicht sehr patriotisch gesinnt zu sein scheine, denn sonst würde
-man freiwilligen Kriegern, die in kurzer Zeit ihr Leben fürs Vaterland
-einsetzen wollen, nicht solche Summen abnehmen. Der Oberkellner bleibt
-kühl und würdevoll und läßt Hipps Bemerkung an seinem Ohr vorbeigehen,
-als ob er sie nicht gehört oder verstanden habe.
-
-Macht nichts! Man ist acht Mark losgeworden, aber man hat doch auch
-etwas dafür gehabt. Weiterhin wird man ja keine Gelegenheit zu großen
-Ausgaben mehr haben!
-
-Nun läßt sich die Sache wirklich anders an -- viel ernster und
-dienstlicher!
-
-Wieder werden sie in Wagen vierter Klasse untergebracht und fahren in
-sehr gemäßigtem Tempo der österreichischen Kaiserstadt zu.
-
-In Prag ist längerer Aufenthalt, und am Bahnhof sind Speisehallen
-aufgeschlagen. Jeder tritt mit seinem Napf an und bekommt ein Stück
-Fleisch, auf das eine heiße, kräftigriechende Suppe gefüllt wird. Es
-schmeckt gut, denn sie sind hungrig -- sie können gut und gern die
-doppelte Portion vertragen; aber es dauert eine geraume Zeit, bis alle
-neunzig Mann gespeist sind, und man muß sich sogar beeilen, seinen Napf
-auszulöffeln.
-
-Die Dunkelheit bricht an, als sie sich Wien nähern. Hiller ist in
-freudiger Erregung. Das war schon längst sein Wunsch, das schöne, alte
-Wien zu sehen! Und es kommt ihm fast unwahrscheinlich vor, daß dieser
-Wunsch sich nun so plötzlich erfüllen soll. Am liebsten wäre er gleich
-vom Bahnhof mit Hipp und den zwei Mann in die Stadt gelaufen, denn
-höchstwahrscheinlich werden sie wieder Nachturlaub erhalten.
-
-Aber am Bahnhof heißt’s: „In Reihen gliedern! -- Marsch!“ Und es geht
-durch eine Reihe grauer Straßen immer in Reih und Glied. Man darf den
-Kopf nicht nach rechts oder links wenden. Wohin führt man sie? Was hat
-man mit ihnen vor?
-
-Ah, nun kommen sie in belebte Gegenden. Die Leute schauen nach ihnen
-und bleiben stehen. „Heil -- Hurra -- Deutschland!“ ertönt’s von allen
-Seiten. Man bringt ihnen Ovationen dar -- man feiert sie. „Deutschland,
-Deutschland über alles!“ erschallt es, und Menschenscharen schließen
-sich ihnen an. „Deutsche Husaren und Ulanen. Hurra! Hoch die
-Verbündeten! Heil dir im Siegerkranz! Hoch Kaiser Wilhelm! Hoch -- hoch
--- hoch!“
-
-Die Köpfe der jungen Menschen werden heiß. Das Blut wallt ihnen
-zum Herzen. Sie wissen, daß der Jubel nicht ihnen selbst, nicht
-ihrer Person, sondern dem Lande, das sie hier vertreten, gilt. Und
-sie fühlen es mit Wonne und Glück: Wir sind Deutsche! Wir sind in
-Freundesland. Man liebt uns.
-
-Ach, endlich einmal wieder Begeisterung und Hoch und Hurra und heiße,
-flammende Freude! Endlich einmal wieder kommt es einem zum Bewußtsein,
-daß man in dieser gewaltigsten aller Zeiten lebt, daß man zu Hohem,
-Heiligem berufen ist.
-
-Sie singen es mit ihren Bundesbrüdern -- sie singen es aus jubelndem,
-heißem Herzen heraus: „Deutschland, Deutschland über alles!“
-
-Aber von Wien bekommen sie nichts zu sehen; man hat sie nur von dem
-einen Bahnhof, auf dem sie ankamen, zu einem anderen geführt, und
-da steht schon der Zug bereit, der sie weiter, der sie direkt nach
-Budapest bringen soll. Vorher große Abspeisung und Hurra und herzliches
-Willkommen. Die hübschen jungen Mädchen stecken ihnen Liebesgaben
-zu: Schokolade, Zigarren, Postkarten, und überall hallt es: „Hoch
-Deutschland! -- Hoch die Verbündeten! Deutsche Ulanen und Husaren --
-Hurra -- Hoch!“
-
-Die Österreicher haben ihren Waffenbrüdern einen komfortablen Zug zur
-Verfügung gestellt: ~D~-Zug, nur mit Wagen zweiter Klasse. Die
-Österreicher sind ein höfliches Volk, sie wissen, wie man seine Freunde
-ehrt. Jeder hat viel Platz, und sie sitzen sehr bequem auf ihren
-Samtpolstern.
-
-Hiller hat noch einen Augenblick mit seiner Enttäuschung zu kämpfen,
-als die Lokomotive anzieht. Sie gleiten am nächtlichen Wien vorüber --
-ohne etwas anderes als ein paar Straßen gesehen zu haben. Schade -- --
-aber dann ist’s auch schon überwunden. Wenn man gesund aus dem Kriege
-kommt, wird man Wien schon noch einmal zu sehen bekommen.
-
-Am nächsten Morgen ist Budapest erreicht und gleich Urlaub bis zum
-Mittag. Großartig! Und man steht an der Donau und sieht die herrliche
-Stadt mit ihren wundervollen Bauten vor sich liegen. Die Sonne
-scheint und glitzert auf den Wellen des Stromes. Wirklich famos!
-Und Hipp wird in der ihm noch ganz fremden Stadt gleich zum Führer,
-schreitet mit Hiller und den zwei Husaren über die Brücke, so als ob
-er schon hundertmal dahergegangen wäre, und macht auch gleich ein
-Lokal ausfindig, in dem es etwas Anständiges zu frühstücken gibt,
-denn am Bahnhof haben sie ihnen im Wartesaal einen miserablen Kaffee
-und Knoblauchwürstchen angeboten. Beides Dinge, die man vielleicht
-in höchster Not, wenn der Hunger einen schon mächtig plagt, annehmen
-würde. Aber jetzt hatte man das noch nicht nötig!
-
-Die Menschen hier in der schönen Stadt sind überaus freundlich. Überall
-begrüßt man sie aufs herzlichste, und alle paar Schritte werden sie
-angehalten: „Was seid’s für Landsleut? Wer seid’s?“ „~Német~
-Husar!“ antwortet Hipp stolz, und: „~Német~ Husar! Hoch
-~Német~ Husar!“ tönt es ihnen von allen Seiten entgegen.
-
-Ha, die Ungarn wissen, was für Bundesgenossen sie an den Deutschen
-haben. Es ist eine Freude, hier durch die schöne Stadt zu ziehen und
-sich anstaunen und feiern zu lassen. Überall steckt man ihnen Zigarren
-und Postkarten zu, und junge Mädchen bringen ihnen Blumen. „Hoch
-~Német~ Husar! Heil deutsche Waffenbrüder!“
-
-Zu Mittag speist man gut und teuer. Schadet nichts, man ist nur einmal
-als Husar in Budapest -- und dann wieder Versammlung am Bahnhof.
-Wieder ~D~-Zug mit Wagen zweiter Klasse, und vorbei geht’s an der
-schönen, blauen Donau, dann durch flaches Steppenland, bis man an die
-Ufer der Theiß gelangt.
-
-Szegedin! Es ist Nacht geworden. Die Wachtmeister von beiden
-Regimentern werden von zwei ungarischen Männern, die ein Mittelding
-zwischen Bauer und besserem Gutsbesitzer sind, begrüßt. Das sind die
-Pferdehändler, die morgen ihr Geschäft machen wollen, und die für den
-heutigen Abend die ganze Schar zum warmen Abendbrot und rotem Ungarwein
-einladen. Große, gedeckte Tische stehen im Bahnhofsgebäude bereit; es
-gibt Suppe, schöne, zarte Schnitzel, Gemüse und Käse! Alles umsonst
--- und in verschwenderischer Fülle. Die Freiwilligen haben einen
-Bärenhunger, und der Wein tut ihnen wohl. Aber die Wachtmeister wollen
-zur Ruhe kommen.
-
-Kaum hat man den letzten Bissen gegessen, heißt es schon: „Antreten!“
-und man zieht durch dunkle Straßen zur 46. Infanteriekaserne hinaus. Da
-ist Nachtquartier angesagt. Urlaub gibt’s nicht. Alle zur Kaserne --
-gleichgültig, ob man Geld für eigene Unterkunft hat oder nicht.
-
-In der 46. Infanteriekaserne spricht man gebrochen deutsch. Ein
-Unteroffizier empfängt sie und weist ihnen drei große Stuben an --
-jeder bekommt eine Matratze mit Decken. Zum Kopfkissen rollt man
-den Mantel zusammen, und die deutschen Wachtmeister teilen ihren
-Freiwilligen noch mit, daß der Oberst, der schon in Szegedin weilt, für
-den nächsten Tag bis zum Mittag Urlaub gewährt hat. Dann: Lampe aus --
-die Decke über die Schultern und Augen zu! Aus ihren Reithosen kommen
-sie fürs erste nicht heraus.
-
-Am nächsten Mittag beginnt der Pferdekauf. Vorher haben sie sich die
-Stadt angesehen, haben gegessen und getrunken und haben sich feiern
-lassen. Famos! Auf diese Weise haben sie ein schönes Stück Welt gesehen!
-
-Der Pferdekauf findet in einem Gutshof, der nicht weit von der Kaserne
-abliegt, statt. Die Wachtmeister nehmen jeder ihre Freiwilligen
-zusammen, und während die Ulanen in den Gutshof hineingehen, müssen die
-Husaren draußen warten.
-
-Es regnet, und es ist kalt; die Straßen sind aufgeweicht, und die
-Freiwilligen frieren trotz der warmen Mäntel, die sie tragen. Die
-ungarischen Bauern führen dem deutschen Oberst ihre Pferde vor. Der
-besieht sich jedes einzelne von allen Seiten, läßt Trab und Galopp
-laufen und diktiert dann dem Schreiber Alter, Farbe und Geschlecht des
-Tieres, und für welche Truppengattung es bestimmt werden soll.
-
-Die Ulanen nehmen die Pferde in Empfang und bringen sie zu den Husaren
-hinaus.
-
-Es sind durchweg temperamentvolle Tiere, die nicht ruhig stehen wollen.
-Hipp und Hiller, von denen jeder zwei Gäule hat, gehen im Kreise mit
-ihnen herum. Es ist wirklich keine Kleinigkeit, eine Stunde mit zwei
-fremden Gäulen herumzulaufen. Aber mit den zwei ist es noch nicht
-abgetan. Die Ulanen bringen immer neue Tiere heraus. Teufel auch! Mehr
-als drei kann man doch aber nicht handhaben, besonders wenn die Biester
-anfangen, kerzengerade in die Höhe zu steigen.
-
-Da -- nun hat Hipp schon wieder ein neues. Vier Stück, zum
-Donnerwetter, das kann gut werden! Auch Hiller bekommt das vierte,
-und reißt sich doch schon mit den dreien wie ein Toller herum. Dazu
-prasselt der Regen nieder, und die Gäule stampfen in die Pfützen, daß
-einem der Kot bis ins Gesicht spritzt.
-
-Gott sei Dank, nun kommt der Oberst heraus -- setzt sich in sein Auto
-und fährt davon.
-
-Die Freiwilligen sind wie in einer Schlacht. Jeder zerrt an den sich
-aufbäumenden Tieren, und die Wachtmeister schimpfen um sie herum. Das
-Schlimmste kommt aber noch. Die Tiere müssen gestempelt werden, und in
-dem Augenblick, da sie das heiße Eisen an ihrem Hals fühlen, sind sie
-ganz des Teufels.
-
-Hipp fliegt hoch in die Luft, so wirft sich einer von seinen Gäulen
-zurück. Er hat das Gefühl, als sei ihm der Arm aus der Kugel gedreht,
-und macht ein ganz verzweifeltes Gesicht. Andern geht’s nicht besser;
-einer hat die Zügel einfach fahren lassen und muß sehen, wie seine
-Tiere in den Gutshof zurückrasen.
-
-Unter Toben und Schreien, Hü und Hott, setzt sich dann der Zug in
-Bewegung zum Bahnhof hin. Da stehen die langen Züge mit Viehwagen, und
-nun heißt’s aufpassen, daß keiner seine Gäule locker läßt. Die Pferde
-scheuen vor den dunklen Wagen zurück. Sie bleiben am Eingang stehen
-und sind durch nichts weiterzubringen. Zurufe, Schreien, Stockhiebe
--- alles nutzt nichts. Man muß sich gegen das Hinterteil stemmen und
-schieben, bis sie glücklich drin sind.
-
-Stunden vergehen -- es ist später Nachmittag geworden, bis die Tiere
-endlich verladen und gefüttert sind; aber dafür ist dann auch der
-Rest des Tages und der Abend frei. Erst um Mitternacht hat man sich
-wieder am Bahnhof einzufinden. Dann soll’s weitergehen bis dicht an
-die serbische Grenze heran; der Oberst kauft Hunderte und Hunderte von
-Pferden, und den Freiwilligen wird es immer banger zumute. Wie sollen
-sie das bewältigen?
-
-Aber erst mal haben sie jetzt einen freien Abend vor sich, und den
-wollen sie sich nicht verkümmern lassen. Mag nachher kommen, was will.
-Fürs erste lacht die goldene Freiheit sie an.
-
-Die Straßen der Stadt sind grundlos; bis über die Knöchel waten sie
-im Morast. Wohin geht man nun? Wer hat eine Ahnung, wo man hier etwas
-Besonderes sehen kann?
-
-Ein Vorübergehender, der sie anspricht und herzlich begrüßt, hat
-ihnen in holperigem Deutsch vorgeschlagen, sich mal die Theißanlagen
-anzusehen, und das tun sie denn auch pflichtgetreu, trotz des stetig
-fallenden Regens und der einbrechenden Dunkelheit. Aber so recht steht
-ihnen heute ihr Sinn eigentlich nicht mehr danach, Naturschönheiten zu
-bewundern. Sie frieren, sind durchnäßt und wollen etwas Vernünftiges
-in den Magen bekommen.
-
-Die ersten Husaren, die vorbeikommen, werden angehalten. „Sagt uns ein
-gutes Lokal!“ Die empfehlen das Stammlokal der Szegediner Einjährigen
-und weisen ihnen den Weg.
-
-Ja, das war eine gute Weisung. Heiße, ungarische Musik schlägt ihnen
-entgegen, noch bevor sie in den hellen, warmen Saal eingetreten sind.
-Musik, von einer kleinen ungarischen Kapelle ausgeführt -- feiner
-Zigarrenduft und heitere, angeregte Menschen -- Essen und Trinken --
-was wollen sie mehr!
-
-„Vorerst einmal Kaffee!“ rät Hipp. Inzwischen wird man die Speisekarte
-studieren und sich ein feines Nationalgericht bestellen.
-
-Hipp ist wirklich der geborene Lebemann. Die anderen würden gleich
-drauflosgegessen und getrunken haben, aber Hipp weiß ganz genau, daß
-ein etwas vernachlässigter Magen erst durch etwas Anregendes gereizt
-werden muß. Wenn der Kaffee sie erwärmt und aufgefrischt hat, werden
-sie nachher mit viel größerem Genuß speisen können. Man tut ohne
-weiteres, was Hipp will, und überläßt ihm auch gern, für alles Weitere
-an diesem Abend zu sorgen.
-
-Die Stimmung ist schon sehr angeregt. Ganze Scharen von den deutschen
-Husaren und Ulanen haben den Weg in dies famose Lokal gefunden, und
-die Ungarn trinken und jubeln ihnen zu: „Hoch ~Német~ Husar! Hoch
-~Német~ Ulan!“
-
-Der Kellner bringt eine würzige Suppe von pikantem Geschmack und weißen
-Ungarwein zu vier Kronen die Flasche. Hipp schenkt vorsichtig ein. „Nur
-nicht gleich drauflossaufen, dann ist es um den feinen Genuß geschehen!“
-
-Dann ein Fischgericht. Ein Fisch, der am Morgen noch in der Theiß
-schwamm. Teufel, ja, das muß man den ungarischen Bundesbrüdern lassen;
-sie haben eine feine, aparte Küche!
-
-Hipp ißt langsam nach Art der Feinschmecker und trinkt den Wein in
-kleinen Schlückchen.
-
-Zum Schluß ein ungarisches Schnitzel, Butter und Käse und etwas Süßes!
-Das läßt man sich gefallen! Nicht zu viel und nicht zu wenig! Man ist
-nicht überfüttert, sondern in eine prachtvoll behagliche Stimmung
-gekommen und hat noch die Fähigkeit, der Musik zu lauschen und die
-Umgebung zu beobachten.
-
-Nahe bei dem Orchester sitzt ein junger, verwundeter Offizier, um
-den Kopf eine Binde, einen Orden auf der Brust; der hat sich schon
-mit den Serben geschlagen. Sie schauen ihn bewundernd an, wie er
-vor seiner Flasche Sekt sitzt und den Kopf zu den Tönen der Musik
-bewegt. Wenn ein Lied gespielt wird, singt er mit -- laut und dröhnend
--- er hat eine prachtvolle Stimme und viel Temperament. Eigentlich
-zu viel Temperament für einen verwundeten Krieger. Wippt mit den
-Beinen und schlägt mit beiden Händen den Takt. „Beschwiemelt,“ sagt
-Hipp, „total beschwiemelt,“ und die anderen blicken neugierig zu dem
-ordengeschmückten Helden hin. Dieser winkt dem Kellner und sagt ihm
-etwas; der Kellner scheint ihn nicht zu verstehen. Klatsch -- fliegt
-ein Glas Sekt an den Boden. Im Augenblick steht ein neues da.
-
-Nun fängt er mit dem Kapellmeister an -- ruft ihm etwas zu und springt
-von seinem Sitz auf. Die Augen funkeln ihm; er reißt ihm die Geige
-aus der Hand. Teufel, kaum kann er sich noch auf den Beinen halten
--- aber spielen kann er...! Da ist der Kapellmeister nichts dagegen.
-Er spielt, und der ganze Saal lauscht ihm -- er torkelt umher und
-spielt herzzerreißend schön, spielt, daß man laut aufheulen möchte vor
-Glück und Schmerz; dann ein Knacks -- eine Saite entzwei -- die Geige
-fliegt in eine Ecke -- der Verwundete fällt auf einen Stuhl -- stützt
-den verwundeten Kopf in die Hand und starrt vor sich hin. Weint er?
-Ist sein armer Geist verwirrt? Hat er so Entsetzliches gesehen und
-gehört, daß er nicht mehr Herr seiner Sinne ist? Daß er trinken muß,
-um Grauenvolles zu vergessen? Wer weiß es? Wer kann sagen, ob er nur
-ein liederlicher Kumpan, oder ob er ein Unglücklicher, ein vom Krieg
-Erschütterter ist?
-
-Zwei junge Honvedoffiziere kommen an seinen Tisch und reden auf ihn
-ein. Er ist wie ein Kind und läßt sich willig fortführen.
-
-Ein paar Minuten bleibt’s still im Saal -- man ist erstaunt und
-erschreckt. Dann hebt der Kapellmeister die Geige vom Boden -- zieht
-eine neue Saite auf, und die neueinsetzende Musik läßt den kleinen
-Zwischenfall vergessen.
-
-Aber an anderen Tischen wird’s nun auch lebendig; der Ungarwein
-beginnt seine Wirkung zu tun. Auch deutsche Husaren und Ulanen haben
-rote Köpfe bekommen, fangen an zu singen und zu krakehlen. Die wilde
-Musik stachelt auf -- die Begeisterung der Ungarn für ihre deutschen
-Bundesgenossen steigt; die Luft ist heiß. Und die Begeisterung flammt
-immer höher auf.
-
-Die Stunden fliegen, aber Hipp, der Feinschmecker, hält seine
-Gesellschaft im Zügel. Auch ihre Köpfe sind nicht ganz frei -- doch
-denken können sie noch; sie wissen noch, wo sie sind, und als die
-zehnte Stunde vorüber ist, steht Hipp auf, winkt den Kellner heran, um
-die Rechnung für sich und die drei Tischgenossen zu begleichen. Der
-begeisterte Wirt aber will von einer Bezahlung nichts hören und freut
-sich, ihnen, als seinen Bundesgenossen, einen schönen Abend bereitet zu
-haben.
-
-Durch den tiefen Morast der Szegediner Straßen tasten sie sich zum
-Bahnhof hin. Von allen Seiten kommen sie angetrottet -- in ganzen
-Reihen und auch allein; singend und fluchend und lallend -- manch einer
-total besinnungslos, auf ein paar Kameraden gestützt. Die Wachtmeister
-stehen am Bahnhof und sind wütend, ein Ulan ist am Umfallen und
-schwatzt ungereimtes Zeug.
-
-„Kerl, Sie sind ja total betrunken!“ schreit der Wachtmeister
-ihn an. „Sie werden Kasten bekommen -- verstehen Sie?“ „Gut --
-Herr Wachtmeister!“ „Halten Sie die Schnauze, Kerl!“ „Jawohl, Herr
-Wachtmeister -- mach’ ich schon! Aber ich bin nicht betrunken! Sicher
-nicht!“
-
-„Halt’ die Schnauze, Kerl!“
-
-„Ich sag’ ja schon nichts mehr, aber betrunken bin ich nicht, Herr
-Wachtmeister!“
-
-Der packt ihn mit festem Griff und wirft ihn in ein Abteil. Der Ulan
-fällt aufs weiche Polster und bleibt bewegungslos liegen. Sie kommen
-alle nicht ganz so glatt hinein -- und als der Zug endlich anzieht,
-hört man schon manchen schnarchen in den einzelnen Abteilungen.
-
-Ein paar Stunden darauf sind sie in Mako. Dunkelheit lagert noch über
-dem Ort, es ist fünf Uhr früh. Es stürmt und regnet! Eine Kaserne
-gibt’s hier nicht. Also wohin?
-
-Dem Wachtmeister wird ein Wirtshaus genannt, das große Säle hat, da
-wird man sie aufnehmen. Also los! Die Stiefel bleiben im Schmutze
-stecken -- der Regen peitscht ihnen ums Gesicht -- sie sind todmüde und
-schlapp.
-
-Im Gasthof sieht man sie staunend an. Wer ist das? Eine verschlafene
-Magd kreischt auf und will sich mit dem Besen gegen den eindringenden
-Feind wehren.
-
-Wirt und Wirtin erscheinen. „Wer seid’s? Ist das der Serb -- der
-Feind?“ -- „Nein, ~Német~ Husar und Ulan, deutsche Waffenbrüder!“
-
-Da leuchten die Gesichter! „Aber gewiß! Tretet’s ein!“ und man ist
-traurig, daß man keine Betten hat. Schad’t nichts. Wer so hundemüde
-ist, schläft auch ohne Betten! Sie verteilen sich auf die Bänke, die an
-der Wand stehen, und wer keine Bank findet, legt sich auf den Boden;
-es ist ganz gleichgültig. Die Magd schürt das Feuer im großen Ofen; man
-hat eine warme Stube und einen Platz, um sich auszustrecken, mehr will
-er nicht.
-
-Die Wachtmeister lassen ihre Soldaten schlafen, bis der Morgen schon
-erheblich vorgeschritten ist; der Herr Oberst hat sich erst für elf Uhr
-angesagt.
-
-Der ungarische Gasthofbesitzer und seine Frau sorgen für ein
-ordentliches Frühstück. Die neunzig Mann stehen ein wenig verkatert
-auf, haben aber wieder einen freien Kopf bekommen. Sie trinken Kaffee,
-essen Bratkartoffeln und Brot und Schinken.
-
-Aus weiter Ferne hört man dumpfes Dröhnen. Serbischer Kanonendonner!
-Ganz nah’ beim Krieg -- ganz nah bei einer tosenden Schlacht sind sie!
-Wie lang’ noch, dann sind auch sie mitten drin im Kugelregen!
-
-Die Stiefel sind schwer vom dicken Schmutz, aber es lohnt sich nicht,
-sie zu reinigen, denn hier in Mako sind die Wege noch grundloser als in
-Szegedin.
-
-Und wieder fängt der Pferdekauf an! Wieder werden die Tiere unter
-Geschrei und Getose am Bahnhof verladen, und weiter geht’s in drei,
-vier andere Orte, immer weiter nach Serbien zu. Immer deutlicher hört
-man den Kanonendonner.
-
-In diesen kleinen Nestern ist’s öd und langweilig -- man hat viel
-Arbeit und schlechtes Nachtlager.
-
-Von Gutshof geht’s zu Gutshof, bis endlich der Bedarf an Pferden
-gedeckt ist.
-
-Nun zurück nach Deutschland; eine volle Woche sind sie schon unterwegs
-und seit sieben Tagen nicht aus den Kleidern herausgekommen. In
-Kiskörös werden die Pferde endgültig verladen; immer sechs in einem
-Wagen, und in der Mitte liegt eine Schicht Heu, die das Futter für die
-Gäule und zugleich auch das Nachtlager für den Soldaten, der bei den
-Pferden schläft, sein soll.
-
-Hipp hat dafür gesorgt, daß er in nächster Nachbarschaft mit seinem
-Freund Hiller bleibt. Aber diese Nachbarschaft nützt ihnen wenig;
-wenn sie miteinander sprechen wollen, müssen sie sich die Worte durch
-die kleinen Fenster ihres Wagens zurufen. Da schläft man lieber, wenn
-man Zeit zum Schlafen hat. Alle paar Stationen muß man hinaus, um im
-Tränkeimer Wasser für die Pferde zu holen oder für sich selbst etwas in
-Empfang zu nehmen. Die übrige Zeit liegt man auf dem Heu ausgestreckt
-und schläft oder träumt vor sich hin.
-
-Am ersten und am zweiten Tag ist das Heulager im Wagen ganz weich und
-mollig, aber je mehr die Gäule verfüttert bekommen, um so spärlicher
-und unbehaglicher wird es; und mit der Ernährung ist’s auch eine eigene
-Sache. Das letzte Gulasch, das man an der ungarischen Grenze bekam, war
-so verpfeffert, daß man den ganzen Tag das Durstgefühl nicht loswurde.
-Da hat man am Abend auf eine zweite Portion lieber verzichtet. Der
-kleine Hiller ist ein wenig abgemattet, mag es sich aber nicht
-eingestehen. Er liegt die beiden letzten Tage der Fahrt Stunde um
-Stunde auf der immer dünner werdenden Heuschicht zwischen seinen
-Pferden, denkt über tausend Dinge nach, grübelt und philosophiert --
-denkt an das blonde Mädchen in der Garnison, das nichts weiter als
-Lustigkeit und kleine Aufmerksamkeiten von ihm verlangt -- denkt auch
-an die Mutter, die gewiß ungeduldig auf ihn wartet -- und denkt an das,
-was nun sehr nahe bevorsteht: ans endliche Ausrücken nach Frankreich
-oder Rußland!
-
-Oft hat die Großmutter in einer guten, trauten Stunde zu ihrer Maria
-gesagt: „Das Leben für uns Frauen ist nur dann schön und lebenswert,
-wenn wir einen lieben Menschen haben, den wir mit unserer Liebe umgeben
-und für den wir sorgen können; wenn wir einen Menschen haben, der
-ganz und gar zu uns gehört. Wir Frauen sind nun einmal nicht für die
-Einsamkeit geschaffen!“
-
-Und wenn Maria, die immer Heiratspläne von seiten der alten Frau
-witterte, etwas ablehnend erwiderte: „Ich bin ja nicht allein -- ich
-habe ja mein Kind!“ dann hat die Großmutter immer und immer wiederholt:
-
-„Nein, das Kind hast du nicht, das Kind gehört nicht dir -- das gehört
-sich selbst! Du mußt einen Menschen haben, der so lange dein ist, bis
-Gott einmal anders darüber entscheidet!“ Und daß die Frau ihres Sohnes
-sich ihr in diesem Punkt so ganz und gar verschloß, daß sie kalt und
-hart wurde, sobald die alte Frau dieses ihr Lieblingsthema berührte,
-das war der Grund zu dem langjährigen Mißverständnis zwischen beiden
-gewesen.
-
-Die Jugend, die sich stark und selbständig fühlt, mag sich vom Alter
-nicht belehren lassen; die Jugend ist hochmütig und lächelt gern über
-die Weisheitssprüche der Alten. Ein jeder will sein eigenes Leben haben
--- sein eigenes Glück -- seinen eigenen Schmerz!
-
-Nun ist der Tag gekommen, an dem Maria vom bittersten Schmerz ganz
-niedergeworfen, im kleinen Wohnzimmer der Wachtmeistersleute sitzt.
-Die alte, fleißige Frau und ihre Tochter sind in der warmen Küche
-beim Nähen, und der Junge ist von seiner ungarischen Reise noch nicht
-zurück. Es ist still um sie her -- nur eine Uhr tickt, und Mirza, der
-zusammengerollt auf dem Teppich liegt, schnurrt leise vor sich hin.
-
-Bange, unruhige Tage und Nächte des vergeblichen Wartens auf eine
-Nachricht liegen hinter ihr; entsetzlich wache Nächte, in denen ihre
-Augen Grauenvolles, Unfaßbares gesehen haben, in denen sich auf ihre
-Seele der Jammer und das Leid einer ganzen Welt gewälzt hat.
-
-In diesen Nächten hat sie es schon gewußt, daß das Schicksal für sie
-entschieden hatte -- in diesen Nächten hat sie unbeschreibliche Martern
-und Qualen durchgekostet, hat sich mit aller Kraft aufgerafft und sich
-gesagt: ‚Was Tausende im Deutschen Reiche dulden müssen, das werde auch
-ich ertragen können!‘ Und ist dann doch in der Stunde, in der, was ihre
-Seele schon gewußt, äußerlich bestätigt vor ihr liegt, da sie seinen
-letzten Brief mit der kurzen Notiz eines Kameraden: ‚Am 20. Oktober bei
-Cambray gefallen!‘ in der Hand hält, nicht fähig, der Verzweiflung, die
-sie erfassen will, Herr zu werden.
-
-Ganz klein, ganz gebrochen, ganz elend sitzt sie da und starrt vor sich
-hin. Und hat es doch viel früher schon, als dieser Krieg ausbrach,
-gewußt, daß sie ihn nie besitzen würde, hat es mit tödlicher Sicherheit
-gewußt, daß ihre heißen Wünsche nie Erfüllung finden würden.
-
-Sie hat immer -- ihr ganzes Leben lang -- eine so rege Phantasie
-gehabt -- hat sich alles, was die Wirklichkeit ihr versagte, immer
-durch die Kraft der Phantasie ersetzen können. Aber dieses ist ihr nie
-gelungen: nie hat sie sich vorstellen können, daß einmal eine wirklich
-glückliche, friedvolle Zeit für sie und ihn kommen würde -- daß aus
-der großen Wirrnis dieser schmerzvollen Liebe je ein klarer, guter,
-fester Bund fürs Leben erstehen sollte! Hat alles geahnt, hat alles
-gewußt, und kann und will es nun doch nicht fassen -- kann sich nicht
-vorstellen, daß sie ihn nie wiedersehen soll, daß jene Nachtstunden,
-da sie im Auto durch Berlin rasten -- um Satteltasche, Stiefel und
-Revolver zusammenzuholen, die letzten gewesen sein sollten! Jene
-Nachtstunden, in denen er plötzlich so gut, so weich und so verstehend
-geworden war!
-
-Ihr ist in diesen furchtbar dunklen, einsamen Stunden, als sei ihr der
-Boden unter den Füßen fortgerissen, als gebe es in der ganzen Welt
-nichts mehr, was noch zu ihr gehört und ihr Weiterleben möglich macht.
-Sie hat das Gefühl, eine furchtbare Ungerechtigkeit erfahren zu haben;
-hat das Gefühl, gegen das Schicksal, das ihr immer -- so lange sie
-denken kann -- feindlich gesonnen war, anwüten zu müssen. Die große
-Zeit hat sie noch nicht groß und hart genug gemacht!
-
-In den Zeitungen liest man oft von den Heldenfrauen und Heldenmüttern,
-die sich nicht beugen lassen -- denen das Vaterland so hoch steht, daß
-sie das eigene Ich darüber vergessen; ja, die sich glücklich preisen,
-daß sie schmerzhafte Opfer bringen dürfen! Wo mögen sie die Kraft
-herhaben? Wer mag ihnen diese Stärke verleihen?
-
-Der Kopf sinkt ihr tiefer und tiefer auf die Brust.
-
-Im kleinen Zimmer ist es dunkler geworden; draußen in der Küche singt
-Fräulein Else, Mirza schnurrt im Schlaf und die Uhr tickt.
-
-Maria denkt an die Großmutter und hat Sehnsucht nach ihr. Sie hat den
-Wunsch, Großmutter möchte jetzt bei ihr sein, ihr die Hand auf die
-Stirn legen, zu ihr sprechen und sie aus der schrecklichen Finsternis,
-in die sie immer tiefer hineinsinkt, erlösen. Stunde um Stunde sitzt
-sie so in sich zusammengesunken, regungslos im dunklen Zimmer, bis es
-denen draußen in der Küche unheimlich wird.
-
-Fräulein Else klopft leise an die Tür und fragt, ob sie die Lampe
-bringen darf. Aber Frau Hiller, die erst ein paar Augenblicke braucht,
-um sich in die Gegenwart zurückzufinden, will kein Licht; auch kein
-Essen; sie mag auch nicht wie sonst zu einem gemütlichen Abend zu
-den zwei Frauen in die Küche hinauskommen. Sie fühlt sich sehr
-krank und schwach, und im Kopf toben und wüten die Gedanken, gegen
-die sie gar nicht mehr ankommen kann. Sie ist wie ein armes Kind,
-das darauf wartet, daß irgend jemand sich seiner annimmt. Aber die
-Wachtmeistersleute sind viel zu bescheiden, um sich aufzudrängen.
-
-Fräulein Else richtet schweigend das Schlafzimmer her, entzündet das
-winzige Öllichtchen, das nun ins Dunkle hineinblinzelt, und geht wieder
-hinaus.
-
-Um Mitternacht wird Pferdegetrappel draußen auf der Straße hörbar --
-laute Zurufe, Befehle, Schreien und Gewieher, und Frau Hiller, die noch
-immer bewegungslos in ihrem Stuhl liegt, schreckt empor.
-
-‚Ernst!‘ zuckt es durch ihre Gedanken, und das Herz schlägt schnell und
-laut. Das können nur die Freiwilligen sein, die von ihrer Ungarnreise
-zurückkehren!
-
-Sie tritt ans Fenster und sieht im Schein der Laterne, die von der
-Kaserne herüberleuchtet, den langen Zug der jungen Husaren und Ulanen,
-die mit großer Anstrengung, mit lautem Zurufen und Schreien die
-fremden, noch sehr ungebärdigen Pferde zu meistern suchen. Viele von
-den Tieren bäumen sich hoch auf, wenn sie in den Kasernenhof hinein
-sollen, reißen ihre jungen Führer in die Höhe oder ziehen sie im Kreis
-mit sich herum. Erschreckend, fast schauerlich sieht dieser Kampf
-zwischen Tier und Mensch in der matten, flackernden Laternenbeleuchtung
-aus; jedesmal, wenn so ein armer, junger Kerl sich mit seinen Tieren
-durchs weit geöffnete Kasernentor durchschlagen will, hat man das bange
-Gefühl, daß ein Unglück geschehen könne, daß die wilden, aufgeregten
-Gäule ihn zu Boden werfen und zerstampfen könnten.
-
-Wie Frau Hiller so steht und mit bangem Herzen sieht, wie einer nach
-dem anderen von den Husaren seiner schweren Aufgabe Herr wird, wie
-sie dann auch ihren Jungen erkennt, der mit fester Hand seine Tiere
-regiert, wie sie seine Stimme hört und seine schlanke Gestalt im
-weiten, dunklen Kasernenhof verschwinden sieht, da fühlt sie, wie der
-starre Schmerz, der sie umfangen hält, weicher wird, und fühlt auch
-nicht mehr diese leere Trostlosigkeit um sich herum.
-
-In dem Augenblick, da der Junge wieder in ihrer Nähe ist, weiß sie,
-daß sie doch nicht überflüssig auf der Welt ist -- ja, daß ihr Leben
-vielleicht niemals notwendiger gewesen ist als jetzt.
-
-Draußen in der Küche rasselt immer noch die Maschine. Die
-Wachtmeistersleute haben wieder ganze Stapel von Wäschelieferungen für
-Lazarette fertigzustellen, und sie sind unermüdlich, wenn sie so etwas
-übernommen haben; sie bringen es dann ohne weiteres fertig, ein paar
-Nächte lang ihren Schlaf zu opfern.
-
-Frau Hiller hat plötzlich den Wunsch, mit ihnen zu sprechen; sie geht
-hinaus und sieht die Blicke der beiden Frauen staunend und fragend auf
-sich gerichtet.
-
-„Die Freiwilligen sind soeben von Ungarn zurückgekommen!“ erzählt sie,
-und während sie das sagt, hört sie von der Straße her: „Mutter!“ rufen.
-Das Herz schlägt ihr ganz laut; sie läuft mit Fräulein Else die Treppe
-hinab, und der Junge steht vor ihr -- ein wenig bleich, aber voll guter
-Laune.
-
-„Wir haben nämlich für diese Nacht Urlaub!“ erzählt er. „Wer ein
-Unterkommen in der Stadt hat, kann bis morgen früh dortbleiben.“ Er ist
-müde und hungrig, und hat vor allem Verlangen nach reiner Wäsche, denn
-seit zehn Tagen ist er nicht aus den Kleidern herausgekommen.
-
-Nun wird die Näherei in der Küche beiseite geschoben; der hungrige,
-müde Husar geht vor. In der Grude ist heißes Wasser genug, um ein
-notdürftiges Bad herzurichten; Frau Hiller sucht reine Wäsche hervor,
-und Fräulein Else kocht Tee und bäckt Eier -- schneidet Brot und legt
-Aufschnitt zurecht.
-
-Der kleine müde Husar wird von allen Seiten umsorgt. Eine halbe Stunde
-später liegt er satt und wohlig in der Mutter Bett ausgestreckt; er
-kann es gar nicht sagen, wie gut die weichen Kissen und Decken dem
-müden Körper tun, versucht noch etwas Zusammenhängendes von der schönen
-Reise zu berichten, aber die Augen fallen während des Erzählens zu. Die
-Hand in der Mutter Hand, schläft er ein, und das weiche, junge Gesicht
-sieht zufrieden und glücklich aus.
-
-Frau Hiller bleibt still und von einem großen Gefühl überwältigt
-bei ihm sitzen. Es ist seit langem das erste Mal wieder, daß sie am
-Bett ihres schlafenden Jungen sitzt, und durch ihren Kopf ziehen
-Erinnerungen, -- weit zurückliegende Ereignisse fallen ihr ein.
-
-Sie denkt an des kleinen Ernst Vater und an die Jahre der Einsamkeit,
-die seinem Tod folgten; an die große Angst, die so oft über sie kam,
-weil der Junge allzu früh anfing, schwer und ernst zu denken und zu
-grübeln, weil er so selten lachte und jedem Vergnügen aus dem Wege
-ging.
-
-Sie denkt daran, wie sie selbst so traurig durchs Leben ging, bis sich
-der Freund zu ihr gefunden hatte, der ihr und des Jungen Leben in so
-vieler Beziehung umgestaltete. Auch dem Jungen ist er Freund gewesen
--- ja, ihm ist er eigentlich viel tiefer und ehrlicher Freund und
-Berater gewesen, als ihr. Und der kleine Ernst hat diese Freundschaft
-des älteren und bedeutenden Mannes mit so heißer, kindlicher Inbrunst
-erwidert. Wenn er erfährt, daß dieser beste Freund ihm genommen ist,
-wird auch in seine Seele tiefer Schmerz einziehen.
-
-Ihr Leid ist nun wieder von neuem erwacht -- der Kopf neigt sich, und
-heiße Tränen fallen auf Ernsts Hand.
-
-Man kann nicht in einer Nacht hart werden -- kann nicht in einer
-Nacht über den Tod eines Menschen hinwegkommen, und all die Liebe und
-Freundschaft, die ihm gehörte, auf einen anderen übertragen.
-
-Eine Frau aber kann sehr wohl zu gleicher Zeit zwei Menschen mit
-aller Inbrunst ihrer Seele lieben, und besonders zwei so verschiedene
-Menschen, wie diesen etwas harten, aber hoch über dem Alltag stehenden
-Mann, der nun irgendwo in der weiten Welt sein Grab gefunden hat -- und
-den kleinen, zarten, weichen Ernst.
-
-Sie fühlt, während sie die warme Hand des schlafenden Jungen in der
-ihren hält, daß dieses liebe, geliebte Kind ihr den Toten doch nicht
-ganz ersetzen kann, und wieder muß sie an Großmutter und deren immer
-wiederholte Mahnung denken: „Der Junge gehört nicht dir, der will
-sein Leben für sich haben!“ Die Großmutter steht in dieser Nacht so
-leibhaftig vor ihr -- wie eine Prophetin -- streng, unbestechlich hart
-und im Grunde doch gut und gerecht.
-
-Wenn doch die Großmutter in dieser Nacht bei ihr wäre! Sie ist hilflos;
-sie hält die Hand ihres Jungen, und ganz verzweifelte Gedanken gehen
-durch ihren Kopf.
-
-Der Krieg will noch so viele Opfer haben. Von allen Seiten wüten die
-Feinde immer noch gegen Deutschland an, von allen Seiten wollen sie
-über das Deutsche Reich herfallen, um es zu zerstückeln, zu vernichten!
-
-Ungeheure Kräfte gehören dazu, um gegen diese Übermacht anzukommen.
-
-Ach, und das Herz ist so oft ruhig und lässig geworden in dieser
-letzten Zeit, denn da die jungen Freiwilligen bis heute noch nicht
-eingefordert sind, hat man sich gesagt: ‚Vielleicht werden sie diese
-Allerjüngsten doch nicht brauchen!‘ und hat sich in Behagen und
-Sicherheit gewiegt.
-
-In dieser Nacht aber sieht Frau Hiller die Dinge, wie sie wirklich
-sind; in dieser Nacht drängt es sich ihr mit bitterer Klarheit auf, daß
-sie auch den Jungen hergeben muß, daß alle, alle, die wehrfähig sind,
-nötig sein werden, um die furchtbaren Pläne der Feinde Deutschlands zu
-vereiteln, um das Vaterland nicht untergehen zu lassen.
-
-Die Hand des Jungen zuckt in der ihren, er wendet das Gesicht ihr zu,
-schlägt einen Augenblick die Augen auf, sagt ein leises, erstauntes:
-„Ach, Mutter!“ und schläft weiter. Sie sinkt vor dem Bett ihres Kindes
-auf die Kniee, lehnt das heiße Gesicht an des Jungen kühle Stirn und
-streicht leise über das kurz geschorene Haar.
-
-Am nächsten Morgen staunt der kleine Husar, als er sich in der Mutter
-Bett findet.
-
-Bis neun Uhr haben sie Urlaub, um sich von den Anstrengungen der Reise
-auszuruhen. Die Mutter bringt ihm das Frühstück ans Bett und läßt sich
-nun alles erzählen; sie sorgt für warmes Wasser zum Waschen, und umgibt
-ihn mit viel kleinen Aufmerksamkeiten, an die er nicht mehr gewöhnt
-ist. Das tut ihm wohl, und er möchte sich gern noch länger umsorgen
-lassen, aber die Zeit drängt, der Dienst ruft, und die Wachtmeister
-haben ihnen angedroht: ‚Wer sich in dieser Zeit etwas zuschulden kommen
-läßt, der zieht in den Kasten und nicht in den Krieg.‘
-
-Im Osten wird in diesen Wochen heiß gestritten; man sagt, daß eine
-große Entscheidung nahe bevorstehe. Die Russen haben alle Kräfte auf
-eine Stelle geworfen; sie versuchen immer wieder neue Durchbrüche,
-und die jungen Freiwilligen fiebern vor Ungeduld. Ob auch dieser
-Entscheidungskampf wieder ohne sie ausgefochten werden soll?
-
-Es geht hier in der Kaserne alles seinen alten Gang: Man putzt und
-exerziert, man turnt und reitet die neuen Pferde ein -- alles wie sonst!
-
-Eine Woche vergeht und noch eine, und es wird sogar ein großer Teil von
-den ungarischen Gäulen in andere Garnisonen verschickt. Man ist ganz
-niedergeschlagen, und der dicke Hipp hat einen Brief an seinen Vater
-verfaßt, in dem er ihm kurz und bündig erklärt: ‚Ich tue hier nicht
-mehr lange mit; es ist geradezu lächerlich, daß man uns hier festhält.
-Lieber gehe ich zur Infanterie, denn die braucht man doch wenigstens!‘
-
-Und dann kommt ein Sonntag, der genau so anfängt wie alle anderen
-Sonntage: Stalldienst -- Kirchgang -- Briefappell -- und die
-verlängerte Mittagspause! Um vier Uhr hat man wieder zur Stelle zu
-sein, um zu hören, was für den nächsten Tag bestimmt ist.
-
-Hipp und Hiller haben ihre Freundinnen für sechs Uhr ans Tor bestellt
-und sind schon in Extrauniform. Hiller will aber zuvor noch eine Stunde
-mit der Mutter spazieren gehen, denn wenn er sich ihr am Nachmittag
-widmet, kann er sie am Abend mit ruhigerem Gewissen allein lassen.
-
-In Reih’ und Glied stehen sie auf dem Kasernenhof und staunen, daß
-außer dem Wachtmeister auch einer von den Offizieren anwesend ist. Sie
-sehen sich an und wissen nicht, was sie davon halten sollen; es liegt
-überhaupt irgend etwas Besonderes in der Luft -- man hat auf einmal das
-ganz sichere Gefühl, daß heute noch etwas Großes, Bedeutsames geschehen
-wird.
-
-Und es kommt wirklich! Es kommt -- längst erwartet und ersehnt -- und
-wirkt doch wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
-
-„Also, Freiwillige, nun ist auch für euch der große Tag gekommen!“
-ruft der Offizier aus, und die Herzen der Freiwilligen zucken in jäher
-Freude auf. „Im Osten sind Verstärkungen nötig. Unter unserem großen
-Feldmarschall werdet ihr kämpfen!“ Da schallt es aus den jungen Kehlen:
-„Bravo! -- Bravo! -- Hurra! -- Hoch!“
-
-Die Vorgesetzten lassen den Sturm der Begeisterung zur Ruhe
-kommen. „Wer nicht mit will, der trete vor!“ Aber keiner von den
-Hundertfünfzig, die hier auf dem Platz stehen, tritt vor.
-
-„Also, alle wollt ihr mit!“ Und es wird abgezählt und die Namen werden
-verlesen.
-
-„So, nun habt ihr eine halbe Stunde für euch frei! Dann antreten, um
-eure Ausrüstung in Empfang zu nehmen!“
-
-Sie sind wie die Tollen; ein jeder stürmt, um den Seinen das große
-Ereignis mitzuteilen. Diejenigen, die in der Stadt wohnen, laufen zu
-den Eltern hin; die anderen setzen Depeschen auf. Hipp läßt sich’s
-etwas kosten. Seine Depesche wird so lang wie ein Brief.
-
-Hiller ist zur Mutter ins Zimmer gestürmt und kann kaum sprechen.
-„Mutter, Mutter -- übermorgen geht’s ins Feld!“ Und liegt an ihrem Hals
-und küßt sie.
-
-„Nicht weinen! Es ist doch so wunderschön, daß es endlich losgeht!
-Bitte, nicht weinen! Du hast’s doch gewußt, daß es einmal kommen würde!“
-
-Aus der Küche stürzt die Wachtmeistersfrau mit ihrer Tochter herein:
-„Ja, ist es denn wahr, was die Leute unten erzählen -- ziehen Sie denn
-nun wirklich los?“
-
-Alles ist aufgeregt; die Leute stehen auf der Straße zusammen, und
-an der Kaserne versammeln sich immer mehr Menschen. Die Freiwilligen
-stehen in großen Haufen beieinander, und ihre Gesichter strahlen.
-Endlich! Endlich!
-
-In den Kleiderkammern liegen die feldgrauen Uniformen bereit; und es
-geht alles prachtvoll glatt. Ein paar Unteroffiziere sind zur Hilfe
-herankommandiert, und nach Verlauf einer guten Stunde stehen sie alle
-in der neuen Ausrüstung da. Nun: Antreten zum Kirchgang -- zum Dom!
-Gottesdienst und heiliges Abendmahl!
-
-Hipp stößt Hiller an. „Verteufelt, unsere Mädchen unten am Stadttor!“
-
-Ach, in der kleinen Garnison wird heute wohl gar manches Mädchenherz
-bluten; natürlich wissen sie längst Bescheid -- denn die ganze Stadt
-weiß ja schon von der großen Neuigkeit.
-
-Von nun an geht alles wie ein Rausch an ihnen vorüber: die Kirche und
-das Abendmahl und die eindringliche Mahnung des Geistlichen: „Vergeßt
-das Beten nicht!“ Dann wieder zur Kaserne zurück -- man erhält wieder
-Instruktionen -- ein kurzer Urlaub, und der Tag ist zu Ende.
-
-Sie sind alle wie von einem Taumel ergriffen; keiner fragt nach Vater
-und Mutter! Ihr Herz ist so leicht und froh und begeistert! Diese
-Jüngsten, die hinausziehen, um’s bedrängte Vaterland zu schützen, sie
-sind wirklich die einzig Beneidenswerten! Keine Sorge drückt sie --
-keine Verantwortung lastet auf ihnen -- sie haben den wundervollen Mut
-und die große Siegessicherheit, die eben nur die ganz junge Jugend
-haben kann! Für sie gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Sieggekrönt nach
-Hause kommen oder sterben! An anderes denken sie nicht!
-
-Am nächsten Tag werden sie vom Morgen bis zum Abend furchtbar stramm
-herangenommen: Instruktionen -- Probekochen -- Reiten in voller
-Ausrüstung -- Verteilung von Karabinern, Munition, Satteltaschen und
-Futtereimern! Dann Packen und die Schränke in den Stuben der Kaserne
-ausräumen! Sie kommen gar nicht zur Besinnung.
-
-Von überallher sind Väter und Mütter angereist gekommen. Die kaufen in
-der Stadt an Lebensmitteln zusammen, was nur aufzutreiben ist, denn
-die jungen Freiwilligen müssen sich für eine ganze Reihe von Tagen
-verproviantieren. Und warme Kleidungsstücke kaufen sie ein; die Mütter
-sind alle so entsetzt, daß es nun doch nach Rußland geht! -- mitten im
-Winter nach Russland!
-
-Frau Hiller hat für ihren Jungen eine Pelzweste und Pelzschuhe zum
-Unterziehen gekauft; aber er will nichts davon wissen. „Blödsinn,
-das ist doch Überfluß -- besonders die Pelzschuhe!“ und er will die
-Dinger gar nicht anprobieren. Die Mutter kniet vor ihm, wie sie vor ihm
-gekniet hat, als er noch ein kleines Kind war; wenn sie ihm da Schuhe
-kaufte, wollte er auch nicht anprobieren, und sie mußte ihn immer erst
-mit guten Worten dazu bringen.
-
-Hipp kommt gerade dazu, als der kleine Kampf zwischen Mutter und Sohn
-stattfindet. „Mensch, sei doch kein Frosch!“ sagt er. „Wenn deine
-alte Dame dir so teures Zeug kauft, dann nimm es doch mit Dankbarkeit
-an. Ich habe übrigens auch solche Dinger!“ Daraufhin gibt Hiller sich
-zufrieden.
-
-Die letzte Nacht in der Kaserne! Die Jungen schlafen wie die Bären.
-Viele von ihnen haben mit den Eltern im ‚Schwan‘ großartig zu Nacht
-gespeist und fallen nun todmüde auf ihre Strohmatratzen. Ob Mütter
-weinen, ob Väter mit schwer bedrückter Seele in dieser Nacht kein Auge
-zutun, was wissen sie davon? Sie wissen nur das eine: „Wir kämpfen mit
--- wir helfen eine große Entscheidung herbeiführen!“
-
-Dann der letzte Tag! Die Instruktionen nehmen kein Ende. Man bekommt
-noch die eiserne Ration geliefert: einen Beutel Zwieback, Erbswurst,
-eine Büchse mit Fleischkonserven, Salz und ein Päckchen gemahlenen
-Kaffee. Das ist für den äußersten Notfall, wenn der Hunger schon sehr
-stark plagt; eher darf man diesen Bestand nicht anrühren.
-
-Die Stunden fliegen dahin; für zwei Uhr ist der Extrazug bestellt.
-Hiller läuft ab und zu einen Augenblick zur Mutter hinüber und läßt
-sich erklären, wie sie die Sachen in den Satteltaschen und einer
-Extratasche verstaut hat; -- sie ist sehr bleich, ihre Hände zittern,
-aber sie weint nicht.
-
-Gott sei Dank, daß sie nicht weint! Hiller hat vor nichts auf der Welt
-mehr Angst als vor den Tränen der Mutter.
-
-Die Wachtmeistersfrau hat ein Beefsteak gebraten und ein paar Eier
-darüber geschlagen, aber der kleine Husar ist zu aufgeregt, er hat gar
-keine Lust zum Essen. Fräulein Else redet ihm zu, die Wachtmeistersfrau
-füttert ihn fast, und die Mutter steht am Fenster und sieht mit starren
-Augen auf die Gruppe.
-
-Teufel, wie die Zeit verfliegt! In zwei Minuten muß er fix und fertig
-sein.
-
-Der schwergefütterte graue Mantel, der mächtige Falten schlägt, macht
-aus dem schlanken Jungen eine Kolossalfigur. Der Ledergurt mit Säbel,
-Patronentasche und Revolver ist so eng, daß er nur mit Mühe geschlossen
-werden kann. Nun noch der Karabiner auf den Rücken und die Lanze
-über den Arm! Neben die Kokarde der mit feldgrauem Tuch überzogenen
-Pelzmütze hat Fräulein Else einen Maiglöckchenstrauß gesteckt.
-
-Der kleine Ernst lacht -- er lacht sein goldenes, liebes Kinderlachen.
-Nimmt die Hände der Mutter und sieht ihr strahlend in die Augen. „Wie
-gefalle ich dir, Mutter?“
-
-Sie kann nicht sprechen, aber sie will auch nicht weinen. Ihr Gesicht
-verzieht sich nur.
-
-„Lebe wohl, Mutter! Nachher kann ich dir doch nicht mehr richtig Lebe
-wohl! sagen.“ Er hält sie einen Augenblick in den Armen und küßt sie
-ein paarmal. „Leb wohl, Mutter, und sei nicht traurig!“ Dabei strahlen
-die Augen immer heller, und der Mund lacht.
-
-Sie beißt sich in die Lippen, und er hängt noch einmal an ihrem Hals,
-dann reißt er sich los. „Leb wohl, wir sehen uns ja drüben noch!“
-
-Er stürmt hinaus; Fräulein Else bringt nun auch für Frau Hiller Hut und
-Mantel, und sie gehen alle drei zur Kaserne hinüber.
-
-Da gibt’s jetzt in den großen Höfen fast mehr Zivilpersonen als
-Militär. Die Freiwilligen haben sich zu Reihen geordnet, und die
-Wachtmeister und ein paar Offiziere stehen vor ihnen. Überall hört man
-Schluchzen, sieht verweinte Frauengesichter, und die Väter gehen mit
-ernsten Augen auf und nieder.
-
-Die Namen werden noch einmal aufgerufen. Keiner fehlt -- alle sind
-sie zur Stelle. Kopf an Kopf stehen sie da, feierlich, in der grauen
-Uniform, und bieten doch ein heiteres Bild, weil ihre Gesichter
-strahlen, und weil ein jeder Blumenschmuck an der Mütze oder im
-Knopfloch trägt.
-
-„Kameraden,“ beginnt der Rittmeister seine Rede, „nun ist die Stunde
-des Abschieds gekommen; nun verlaßt ihr eure Heimat, eure Eltern, um im
-gewaltigen Ringen der Völker mitzutun. Unser großer Feldmarschall im
-Osten hat euch gerufen. Zeigt euch dieses Rufes würdig! Noch hat der
-Krieg keine endgültige Entscheidung gebracht, aber +die+ Gewißheit
-ist uns doch schon geworden, daß der Feind trotz seiner Übermacht unser
-teures Vaterland nicht vernichten wird. Seid tapfer und todesmutig!
-Seid ebenbürtig euren Vorfahren -- jenen großen Freiwilligen von 1813!
-Zieht hinaus mit Gottes Segen, begleitet von den Wünschen derer, die
-euch ausbildeten, begleitet von der Liebe und Sorge eurer Eltern!
-Kämpft für das teure Vaterland und kämpft für den, der an der Spitze
-des Deutschen Reiches steht: für unseren großen, geliebten Kaiser!
-Kaiser Wilhelm der Zweite -- unser oberster Kriegsherr -- er lebe hoch
--- hoch -- hoch!!“
-
-Heiß schallt der Ruf aus den Kehlen der jungen Freiwilligen und derer,
-die zu ihnen gehören. Dann: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ Über
-den Hof schallen die Kommandos und in festem Schritt geht es aus dem
-Kasernentor hinaus.
-
-Draußen stehen die Leute vor den Häusern und winken und rufen: „Hoch,
-hurra -- lebt wohl, auf Wiedersehen!“
-
-Kleine Mädchen reichen ihren Liebsten zum letzten Male die Hand. Zu
-Hiller drängt sich die kleine Blonde mit den blauen Augen und dem
-kecken Näschen; sie gibt ihm eine Blume und drückt ihm die Hand, steht
-dann in einem Torweg ganz nahe bei Frau Hiller und schluchzt laut auf,
-schluchzt weh und schmerzlich, und Frau Hiller fühlt eine namenlose
-Zärtlichkeit für dieses junge Geschöpf, das um ihren Ernst weint. Sie
-legt ihr die Arme um den Hals und zieht sie an sich. „Du Herziges, du
--- du erste Liebe meines Jungen!“ Und das Mädchen hält einen Augenblick
-stand, schluchzt noch einmal am Herzen der fremden Frau auf und läuft
-scheu davon.
-
--- -- -- Vorbei! Der Zug ist zu Ende!
-
-„Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus!“ verklingt es um die Ecke.
-
-Fräulein Else faßt Frau Hiller am Arm.
-
-„Sehen Sie, wie alle mit zum Bahnhof hinausziehen! Wollen wir nicht
-auch mit?“ Und wie im Traum wandert sie mit all den anderen den
-singenden Truppen nach -- erst den Flußweg entlang, dann über die
-Felder -- noch über ein paar Straßen hin und durchs Bahnhofsgebäude
-durch.
-
-Der Extrazug nach dem Osten steht schon bereit. „Einsteigen!“
-kommandieren die Wachtmeister, und Ulanen und Husaren schwirren
-durcheinander. Im Nu sind alle Wagen gefüllt.
-
-Der kleine Hiller will noch einmal zu seiner Mutter, die an einer Säule
-gelehnt steht, herauskommen; aber es geht nicht. Die Türen werden
-zugeschlagen, und Soldaten drängen mit ihren Karabinern das Publikum,
-das bis dicht an den Zug herangekommen ist, zurück.
-
-Noch ein Zurufen -- ein Winken -- dann zieht die Lokomotive an, und
-langsam, langsam gleitet der Zug hinaus. Weiße Tücher flattern in der
-Luft. Verlorene Klänge eines Marschliedes dringen noch zu den Ohren der
-Zurückbleibenden, dann nichts mehr! Der Zug hat die große Schwenkung
-nach rechts gemacht! -- --
-
-Öd und flach liegt das Altmärkische Land, und man sieht in
-Unendlichkeiten hinein.
-
-„Nur nicht weinen -- nicht wehklagen! Hart sein -- deutsch sein! Sich
-freuen, daß man solche Söhne hat!“ Irgend jemand sagt das dicht an Frau
-Hillers Seite zu einer Frau, die ganz haltlos schluchzt.
-
-Sie geht wie im Traum neben Fräulein Else zum Bahnhof hinaus, und da es
-regnet, nehmen sie einen Wagen, der sie zur Kaserne bringt.
-
-Bei der Wachtmeistersfrau in der Küche sitzen ein paar Leute, und
-einer schreit auf: „Wahnwitzig ist die Welt geworden! Verflucht und
-tausendmal verflucht jene ruchlosen Köpfe, in deren Hirn der teuflische
-Gedanke entstand, die Völker gegeneinander aufzuwiegeln!“ Und heißes,
-verzweifeltes Weinen dringt heraus. -- Wildes, unbändiges Weinen, das
-schon mehr Schreien ist.
-
-Frau Hiller schleicht an der offen stehenden Küchentür vorbei. Sie mag
-das nicht sehen und hören; sie will ruhig sein und will sich freuen,
-daß sie einen Sohn hat, der dem Vaterlande dient. Sie setzt sich ans
-Fenster des kleinen Wohnzimmers und schaut zur Kaserne hinüber, wie sie
-das so oft, so oft getan hat in all diesen vielen Wochen und Monaten.
-Das Herz zuckt, aber sie will sich dem Schmerz nicht hingeben. -- --
-
-Zwei Tage später wartet Großvater an der Station, in der der Schnellzug
-aus der Altmark einlaufen soll, im Wagen auf die Schwiegertochter. Er
-ist viel zu früh gekommen und schaut immer wieder auf seine Uhr, denn
-es ist kalt, und trotz des Pelzmantels, den er trägt, fröstelt ihn.
-Großmutter hat nicht gewollt, daß er selbst herausfuhr, aber er hat
-sich nicht abreden lassen.
-
-Endlich kommt sie -- ein wenig bleich, aber doch viel gefasster, als er
-erwartet hatte.
-
-Sie sagt ganz fest und laut: „Guten Tag, Großvater!“ Er drückt ihr
-beide Hände und sagt zweimal: „Das ist recht, Maria, das du den Kopf
-nicht hängen läßt! Der Junge steht in Gottes Hand!“
-
-Er hilft ihr einsteigen und läßt das Gepäck aufschnallen, und während
-der Fahrt erzählt er von allen möglichen Dingen, um sie abzulenken.
-Erst ganz zuletzt, als sie schon fast am Ziel sind, bringt er sehr
-schüchtern die Frage, die ihm schon lange auf den Lippen gelegen hat,
-vor: „Und dein Freund, Maria -- wie geht es ihm?“ Aber da sie nicht
-antwortet, weiß er genug, nimmt ihre Hand in die seine, streichelt sie
-und sieht sehr bekümmert, sehr traurig aus.
-
-Großmutter steht in der Tür des Hauses. Mit ausgebreiteten Armen kommt
-sie auf die Mutter ihres Enkels zu. Ihre Augen sind voll Tränen, und
-auch sie sagt: „Der Junge steht jetzt in Gottes Hand! Sei willkommen,
-Maria!“ und zieht die Schwiegertochter ins Haus hinein.
-
-Am Abend sitzt sie neben ihr auf dem Rand des Bettes. Die Müller hat
-das Sommerwohnzimmer, das im Winter wenig benutzt wird, zum Schlafraum
-hergerichtet. Schöne, alte, behagliche Möbel stehen darin, und durchs
-Fenster hat man einen weiten Blick auf Fluß und Berge.
-
-„Nun sollst du bei uns erst ganz gesund werden, Maria. Denn wenn du
-dir auch Mühe gibst, stark zu sein, so sieht man doch, daß dich’s
-sehr mitgenommen hat, und das ist ja auch nur natürlich. Du mußt aber
-ganz fest und gesund werden, denn wenn der Junge dich ruft, wenn Gott
-es so fügt, daß er krank oder verwundet wird und dich braucht, dann
-will er natürlich eine starke Mutter haben, und darum warten wir noch
-ein bißchen mit dem Pflegen in den Lazaretten, von dem du sprachst;
-denn den Kranken wohltun kann nur ein ganz gesunder und nervenstarker
-Mensch, und das bist du jetzt noch nicht! Es ist jetzt alles dunkel um
-dich her, das weiß ich wohl, aber es wird auch wieder schön und hell
-werden. Sieh, ich bin auch durch große Finsternisse gewandert, Kind, --
-ich war an allem, was mir sonst heilig war, irre geworden! Nun habe ich
-mich aber wieder zurechtgefunden und sage mir: Gott wird wissen, warum
-er dieses Strafgericht in die Welt geschickt hat -- aber er wird die
-Gerechten nicht untergehen lassen. Bis heute ist er ja so herrlich mit
-uns gewesen und hat die ruchlosen Pläne unserer Feinde, die unser Land
-in Stücke schlagen wollten, zu schanden gemacht. Weißt du noch, wie wir
-im Anfang davor zitterten, daß die Russen bis nach Berlin vordringen
-würden?“
-
-Während sie das sagt, löst sie leise das Medaillon, das sie damals
-ihrer Schwiegertochter für den Fall der äußersten Not gab, von
-deren Hals und läßt es in ihre Tasche gleiten. „Das brauchst du nun
-nicht mehr, Maria. Komm, wir wollen beten! Ich habe meinen Gott
-wiedergefunden.“ Und sie schlingt die Hände um die Marias und betet
-laut und inbrünstig, wie sie immer zu beten pflegte: „Vater unser, der
-du bist im Himmel. -- So, nun schlaf, mein Kind, und hier hab’ ich dir
-die Baldrianflasche hingestellt für den Fall, daß du Herzklopfen hast,
-und auch ein Buch zum Lesen. Ich bin ja sonst nicht für das Lesen bei
-Kerzenlicht, aber es ist immerhin noch besser, als trüben Gedanken
-nachhängen. Gute Nacht, Maria, gute Nacht, mein liebes Kind, und wenn
-es dir schwer ums Herz wird, dann denke immer: Der Junge steht in
-Gottes Hand.“
-
-Draußen sagt sie zur Müller: „Morgen früh müssen Sie ganz leise sein
-beim Reinemachen, Müller. Sie soll sich ausschlafen, denn sie ist doch
-sehr mitgenommen.“
-
-Im Zimmer aber muß sie den Kopf an Großvaters Schulter legen; ihr
-Herz ist sehr schwach geworden, und sie weint bitterlich. Großvater
-streichelt und tröstet sie, aber auch er ist sehr niedergeschlagen.
-Er liebt den Enkel, wiewohl es gar nicht sein richtiger Enkel ist;
-er liebt ihn seines guten treuen Wesens wegen und liebt ihn ganz
-besonders, weil er trotz des zarten Körpers standgehalten hat und nun
-stark genug ist, um gegen Deutschlands Feinde zu ziehen.
-
-Er streichelt das Gesicht der alten, weinenden Großmutter und sagt mit
-zitternder Stimme: „Nicht weinen! Der Junge steht in Gottes Hand!“
-
-
-
-
-Verlag von +Egon Fleischel & Co.+ / Berlin W 9
-
-
-Die Werke von
-
-Helene von Mühlau
-
-
-Nach dem dritten Kind
-
-Aus dem Tagebuch einer Offiziersfrau
-
-Preis: geh. M. 3,--; geb. M. 4,--
-
-=Fedor von Zobeltitz= in einem Feuilleton der =Hamburger
-Nachrichten=: ... Ich wünsche diesem Werke weiteste Verbreitung:
-„Nicht nur, weil es grausame Wahrheit in eine Sprache schlichter
-Empfindung kleidet, sondern weil es ohne Aufdringlichkeit zu den
-Enterbten des Glückes redet, die da vermeinen, das Elend der Armut
-wohne nur bei ihnen, zwischen den kahlen Wänden des Proletariats. Ich
-glaube, daß niemand diese einfache Geschichte ohne tiefe Erschütterung
-lesen wird; sie ist wie +ein Schrei aus tiefster Not -- ein Schrei,
-der gehört werden müßte+.“
-
-
-Hamtiegel
-
-Eine Geschichte aus den Kolonien. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 4,--
-
-=Kölnische Zeitung=: ... Ein reizvoll humoristisches Buch. Die von
-uns wiederholt anerkannte Schriftstellerin erzählt uns von einem in
-mittlern Lebensjahren stehenden Hauptmann und Stationschef in einer
-afrikanischen Kolonie, der ursprünglich entschiedener Ehefeind war,
-aber in der Einsamkeit seiner Kolonie und bei der schlechten leiblichen
-Versorgung langsam auf den Gedanken gerät, die Ehe möchte für ihn doch
-der bessere Teil sein. Das Buch steht ganz erheblich über der Stufe
-einer gewöhnlichen lustigen Humoreske dadurch, daß in diesem komischen
-Hauptmann und Stationschef mit tieferm psychologischen Blick ein echt
-deutscher Männercharakter gezeichnet wird, wobei über dem Ganzen
-der Hauch eines hinter aller Komik deutlich durchleuchtenden warmen
-Gemütslebens sich angenehm erkennbar macht. Man lacht nicht einfach
-über die lustige Geschichte, sondern man hat auch den Genuß, daß hier
-mit gutem Geschmack deutsches Wesen nach der drolligen Seite lebensecht
-beleuchtet wird.
-
-
-Die zweite Generation
-
-Roman. Preis: geh. M 5,--; geb. M. 6,50
-
-=Doris Wittner= in der =Vossischen Zeitung=: ... Das Buch
-der Helene v. Mühlau ist mehr als nur ein Buch der Unterhaltung oder
-künstlerischen Anregung; es ist ein Buch sozialer Erkenntnis, ein
-Dokument geschlossener Weltanschauung. Ein Frauenbuch im besten Sinne,
-denn es schenkt Menschheitswerte.
-
-
-Sie sind gewandert hin und her
-
-Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,--
-
-=Allgemeine Zeitung= (München): Es hält uns in den Bekenntnissen
-der jungen Frau ein warmer Gemütston in seinem Bann. Die Schilderungen
-chilenischen Lebens und Treibens verleihen dem Roman einen besonderen
-Wert. Sie zeugen von einer feinen Beobachtungsgabe und gehören in
-ihrer Anschaulichkeit und Gründlichkeit zum Besten, was wir über die
-südamerikanische Republik gelesen haben.
-
-
-Liviana Saltern-Santos
-
-Ein chilenischer Roman. Preis: geh. M. 5,--; geb. M. 6,50
-
-Das =Echo=: In „Sie sind gewandert hin und her“ hat die nun schon
-bekannte und beliebte Verfasserin ein Bild des chilenischen Lebens
-geliefert, wie es sich im Auge des Zugewanderten malt, und sie hat
-mit diesem tiefempfundenen Buche an viele Herzen zu rühren gewußt. In
-dem vorliegenden Roman ist es nicht mehr die Fremde, die -- fremd im
-fremden Lande -- die vielgestaltige Neuheit einer eigenartigen Kultur
-auf sich wirken läßt, es ist vielmehr der Roman dieser Kultur selbst am
-Wendepunkt ihrer Entwicklung.
-
-
-Beichte einer reinen Törin
-
-Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,--
-
-=Arbeiter-Zeitung= (Dortmund): (Inhalt)... Das ist das Thema des
-Buches, das uns viele intime Einblicke in der Frau tiefstes Seelenleben
-tun läßt, das zwar mit rücksichtsloser, jeder Prüderie abholder
-Wahrheitsliebe, zugleich aber auch mit großer Feinheit und echter
-Dezenz die Aufgabe löst, die es sich gestellt hat.
-
-
-Das Kätzchen
-
-Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,--
-
-=Rheinisch-Westfälische Zeitung=: Helene von Mühlau hat mit
-gewohnter Sicherheit diese „Fabel“ in eine vornehm geschilderte
-Umgebung gestellt; sie wägt das Künstlermilieu fein gegen die
-Gesellschaftswelt der Offiziersehen ab und dringt zur reinen
-Menschlichkeit vor, wenn sie zeigt, was Maske ist und Maske bleiben
-muß. Das Frauenhafte an dem Buch ist vor allem das Glücksstreben, das
-die Künstlerin schließlich als Lebensinhalt empfindet, während der Mann
-doch das Wirken über das Glück stellt.
-
-=Neue Freie Presse=: Das Porträt dieser Frau ist mit aller
-psychologischen Feinfühligkeit, die man an Helene von Mühlau kennt,
-gezeichnet.
-
-
-Eine irrende Seele
-
-Roman. Preis: geh. M. 5,--; geb. M. 6,50
-
-=Leipziger Illustrierte Zeitung=: Von den vielen neueren Romanen,
-die dieses Thema (die unverstandene Frau) ausführlich behandeln
-oder doch streifen, erscheint mir „+Eine irrende Seele+“, bei
-weitem als der echteste und glücklichste, weil er bei der Feinheit
-der psychologischen Zeichnung absolut keine Verteidigung dieses
-unglücklichen Frauentypus darstellt, sondern im Titel wie in der
-Handlung klar die tragische Schuld der Heldin in sich selbst legt. Es
-ist ein trauriges Buch, aber eines, das man voll innerer Läuterung aus
-der Hand legt. Ein Buch, das einen solche Frauen verstehen lehrt, uns
-aber auch die Krankheit ihrer Seelen nicht beschönigt. (Inhalt.) Alles
-in allem ist das Werk seiner ehrlichen Wahrhaftigkeit und des Erkennens
-einer Zeitkrankheit wegen ein ungewöhnlich gutes und lobenswertes Buch.
-
-
-Das Witwenhaus
-
-Roman. Preis: geh. M. 5,--; geb. M. 6,50
-
-=Frankfurter Zeitung=: Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit in
-der Charakteristik führt uns die Schriftstellerin all diese Weiblein,
-ihre Schicksale und Intrigen vor. Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit
-schlingt sie alle Fäden ihrer Erzählung durch dies Haus, das wie ein
-lebendiges Wesen wird. Dabei begegnen wir überall jener tüchtigen
-Realistik in der Schilderung des Zuständlichen wie des Psychischen, wie
-sie gerade schreibenden Frauen von epischem Talent eigen ist.
-
-
-Ehefrauen
-
-Novellen. Preis: geh. M. 3,--; geb. M. 4,--
-
-=Saale-Zeitung=: Wenn doch dieses Buch Mode würde! Wieviel
-künftiges Eheunglück könnte vermieden, wieviel gegenwärtiges geklärt
-und so vielleicht gemildert oder ganz geheilt werden! Denn diese
-Novellen zwingen jeden Leser zum Nachdenken. Gesetzgeber sollten
-verpflichtet sein, Helene von Mühlaus „Ehefrauen“ eingehend zu
-studieren, alle anderen Erwachsenen aber sollten wenigstens das
-Bedürfnis haben, diese Novellen zu lesen. Sie nützen sich damit viel,
-sehr viel.
-
-
-+F. E. Haag+, Melle i. H.
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Der Kriegsfreiwillige, by Hedwig von Mühlenfels
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KRIEGSFREIWILLIGE ***
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Der Kriegsfreiwillige, by Hedwig von Mühlenfels
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Der Kriegsfreiwillige
-
-Author: Hedwig von Mühlenfels
-
-Illustrator: Curt Vogt
-
-Release Date: June 3, 2017 [EBook #54837]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KRIEGSFREIWILLIGE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1915 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden
-stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente
-Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der
-damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.</p>
-
-<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät
-installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s3 center padtop3 break-before">Der Kriegsfreiwillige</p>
-
-<p class="p0 mleft3 padtop5">Dritte Auflage</p>
-
-<p class="center padtop3 break-before">Bei <em class="gesperrt">Egon Fleischel &amp; Co.</em><br />
-erschienen folgende Werke von</p>
-
-<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Helene von Mühlau</em></p>
-
-<p class="s4 center">
-Beichte einer reinen Törin<br />
-Sie sind gewandert hin und her<br />
-Das Witwenhaus<br />
-Liviana Saltern-Santos<br />
-Eine irrende Seele<br />
-Nach dem dritten Kind<br />
-Das Kätzchen<br />
-Hamtiegel<br />
-Die zweite Generation<br />
-Ehefrauen</p>
-
-<h1><span class="s5">Der</span><br />
-Kriegsfreiwillige</h1>
-
-<p class="s3 center mtop2">Roman</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s3 center">Helene von Mühlau</p>
-
-<div class="figcenter padtop3">
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="w6em mtop1 mbot3" src="images/signet.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<hr class="titel" />
-
-<p class="s3 center">Egon Fleischel &amp; Co. / Berlin 1915</p>
-
-<p class="center padtop5 break-before">Alle Rechte vorbehalten<br />
-<span class="antiqua">Amerikanisches Copyright 1915 by Egon Fleischel &amp; Co., Berlin</span></p>
-
-<p class="center padtop5">Zeichnung für den Umschlag und den<br />
-Original-Einband von <em class="gesperrt">Curt Vogt</em></p>
-
-<p class="center padtop5 break-before">Dieses mit bangem Herzen geschriebene<br />
-Büchlein widmet ihrem verehrten Freunde<br />
-<em class="s4 gesperrt">Herrn Hermann Sudermann</em><br />
-in Dankbarkeit die Verfasserin</p>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">&ndash;&nbsp;1&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-</div>
-
-<p class="padtop3">Leise und zögernd zog der Abend nach dem langen, heißen Sommertag
-ins Zimmer. Die Umrisse der Möbel wurden unbestimmt, die Bilder an
-den Wänden zerflossen in Schatten, auf dem Teppich schlich noch ein
-Stückchen Tageslicht hin wie eine wellig gekrümmte, fast farblose
-Schlange. Alles war weich und mild und lind geworden, und die
-Großmutter sagte mit ungewohnt sanftem Ton: „Komm einmal her zu mir,
-Maria.“ Und Maria, die, ganz in sich zusammengesunken, in einem
-riesengroßen, altväterischen Sessel gesessen hatte, erhob sich leise
-und ging zur Großmutter hin.</p>
-
-<p>Sie sagte ‚Großmutter‘ zu der alten Frau, obwohl sie ihre
-Schwiegermutter war. Maria war am frühen Morgen von Berlin abgefahren;
-erst sechs Stunden mit der Bahn, dann, vom Großvater abgeholt, noch
-zwei Stunden Wagenfahrt. Sie war müde angekommen, und die Großmutter
-hatte ihr ein paar Stunden Ruhe gegönnt und sie erst gegen fünf Uhr zum
-Tee rufen lassen.</p>
-
-<p>Die Großmutter wohnte in einem kleinen, hübschen Villenort; sie hatte
-mit Großvater den unteren Stock eines netten Landhauses inne und sah
-gesund und zufrieden aus. Großvater war nicht zu Hause; er stand
-freiwillig auf Brunnenwache, denn irgend jemand im Orte hatte erzählt,
-daß die Russen durchziehen und die Brunnen vergiften würden. Da hatte
-Großmutter zu ihrem Manne gesagt: „Selbstverständlich wachst du<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">&ndash;&nbsp;2&nbsp;&ndash;</a></span> mit“,
-und Großvater hatte sich auch freiwillig zur Verfügung gestellt und
-erfüllte trotz seiner zweiundsiebzig Jahre aufs gewissenhafteste die
-übernommene Pflicht.</p>
-
-<p>Die Großmutter zog Maria zu sich aufs Sofa nieder und legte den Arm um
-ihre Schultern. „So, nun erzähl’ vom Jungen!“</p>
-
-<p>Auf dem runden Tisch vor ihnen lag ein Stoß Zeitungen, und die
-Großmutter war damit beschäftigt gewesen, einige Artikel auszuschneiden.</p>
-
-<p>„Für den Jungen!“ sagte sie. „Der wird jetzt keine Zeit zum
-Zeitunglesen haben; aber später wird er froh sein, daß Großmutter an
-ihn gedacht hat.“</p>
-
-<p>„Ich habe auch schon für ihn gesammelt!“ sagte Maria, nicht ohne leisen
-Trotz in der Stimme.</p>
-
-<p>Die Großmutter faltete plötzlich ihre Hände und rief laut: „Lieber,
-lieber Gott, warum hast du dieses namenlose Leid über uns gesandt?
-Siehst du, Maria, du weißt, daß ich fromm bin und ohne meinen Gott
-nicht leben konnte! Aber seit er all dies Furchtbare geschehen läßt,
-ist es mir jeden Morgen von neuem, als ob ich mit ihm hadern müßte.
-Ich kann nicht ruhig mehr sagen: Vater unser, der du bist im Himmel.
-Geheiligt werde dein Name! Nein, das kommt mir nicht mehr glatt von den
-Lippen, und das ist für eine alte Frau, die eigentlich keinen andern
-Halt mehr hat, sehr hart, wenn sie an ihrem Lebensende mit ihrem Gott
-in Zwietracht geraten muß!“</p>
-
-<p>„Du hast doch Großvater,“ antwortete Maria, und die alte Frau nickte.</p>
-
-<p>„Ja, und er ist ein guter Mann und hat mich nicht enttäuscht.“ Das
-bestätigte die Großmutter sehr kräftig,<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">&ndash;&nbsp;3&nbsp;&ndash;</a></span> fast herausfordernd; denn es
-war ihr im Laufe der Zeit allerlei zu Ohren gekommen, was man über
-ihre späte Heirat gesagt hatte. „Ich halte es mit dem alten Fritz:
-Jeder nach seiner Fasson! Es mag alte Frauen in Fülle geben, die das
-Alleinsein nicht empfinden, oder die in Kaffeeklatschen Befriedigung
-suchen oder irgendwo bei Verwandten unterkriechen. Das genügte mir
-nicht. Ich muß jemanden haben, für den ich sorgen kann. Wärest du nach
-Alfreds Tod mit dem Jungen zu mir gekommen, oder hättest du wieder
-geheiratet und mir den Jungen überlassen, dann hätte ich eben Großvater
-nicht genommen. Da dir aber nicht beizukommen war, handelte ich, wie
-ich es für gut hielt.“</p>
-
-<p>„Du sagst das immer so, als ob ich etwas gegen deine Heirat gehabt
-hätte, Großmutter,“ meinte Maria.</p>
-
-<p>„Das würde dir auch wenig genutzt haben,“ rief die Großmutter und sah
-einen Augenblick triumphierend aus, aber dann wurde ihr Gesicht wieder
-weich.</p>
-
-<p>„Ich hatte einmal in einem Buch gelesen, Maria, daß eine Ehe zwischen
-alten Leuten, die des Lebens Stürme hinter sich haben, unendlich gut
-und schön sein müßte. Das ist mir nicht aus dem Sinn gegangen, und als
-ob es so hätte sein sollen, mußte der Großvater, der sich ebensosehr
-vor der Einsamkeit wie ich fürchtete, mir in den Weg laufen. Schickung!
-Und ich muß gestehen, nachdem er seine großen Eigenheiten, die er
-anfänglich durchsetzen wollte, abgelegt hat, sind wir recht glücklich
-zusammen. Er tut, was ich will, und hat keinerlei Launen mehr. Das ist
-eine große Kunst für eine Frau, sich den Mann so zu ziehen, wie sie
-ihn haben will, eine Kunst, von der du nicht viel verstehst, Maria. Du
-würdest dich in den ersten zwei Wochen unterkriegen lassen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">&ndash;&nbsp;4&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Darum habe ich ja auch nicht wieder geheiratet, Großmutter.“</p>
-
-<p>„Schlimm genug für dich und den Jungen, der ohne Vater aufwachsen
-mußte.“</p>
-
-<p>„Ist denn der Junge nicht sehr gut groß geworden? Du tust mir wirklich
-oft Unrecht, Großmutter.“ Aber dann kam der wilde Schmerz all dieser
-Tage wieder in ihr auf; sie warf den Kopf in die Arme und weinte.</p>
-
-<p>„Vielleicht ist alles zwecklos gewesen, alles umsonst!“ Großmutter ließ
-sie eine Weile so liegen, dann hob sie ihr den Kopf in die Höhe.</p>
-
-<p>„Das Weinen hat gar keinen Zweck, Maria. Damit änderst du absolut
-nichts und machst nur dich selbst elend.“</p>
-
-<p>Sie war sehr gut und weich in diesen Augenblicken und zog den Kopf der
-Schwiegertochter an ihre Brust.</p>
-
-<p>„Wir sind sehr verschieden, Maria,“ sagte sie, „und werden wohl nie
-ganz zueinander hinkönnen; aber wenn du um das Jungchen weinst, habe
-ich dich lieb, denn dann fühle ich, daß du doch zu uns gehörst.“</p>
-
-<p>Es war nun ganz dunkel im Zimmer geworden, und die Großmutter sprach
-leise, aber nicht ohne Heftigkeit:</p>
-
-<p>„Siehst du nun ein, daß es eine Dummheit ist, wenn eine Frau, die noch
-jung ist, den Wahn hat, allein bleiben zu müssen. Man kann sich den
-Mann nicht malen, ganz besonders nicht, wenn man so wenig Mittel hat
-wie du. Aber, da hat man, wenn ein braver, solider Mann mit reellen
-Absichten kommt, gleich große Schlagreden bei der Hand: ‚Ich muß
-verstanden sein, muß seelische Gemeinschaft, gleiche Interessen haben!‘
-Der lautere Blödsinn, Maria, den sich meinethalben eine Millionärin
-erlauben kann. Aber für dich paßte sich das absolut nicht!<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">&ndash;&nbsp;5&nbsp;&ndash;</a></span> Nun, wo
-Gott dies furchtbare Strafgericht in die Welt geschickt hat, stehst du
-gottverlassen da und wärest vielleicht froh, wenn einer käme und dir
-Sicherheit böte.“</p>
-
-<p>„Nein, das wäre ich auch heute noch nicht, wenn ich ihn nicht lieben
-könnte!“ Der Kopf hob sich von der Brust der Großmutter, und die alte
-Kluft war wieder da.</p>
-
-<p>„Dann weine auch nicht! Der Hochmütige darf nicht weich werden.“</p>
-
-<p>Der Großvater trat ins Zimmer. „Warum denn so im Dunkeln?“ fragte er
-und ließ den Kronleuchter aufblitzen.</p>
-
-<p>Die Großmutter ward ärgerlich. „Du weißt, daß ich diese plötzliche
-Beleuchtung nicht vertrage!“ Und der alte Herr schaltete, mit einem
-feinen Lächeln um den Mund, die Krone aus und drehte eine kleine,
-gelbverschleierte Lampe an. Er hielt Zeitungen in der Hand und machte
-ein bedeutendes Gesicht. „Kann ich noch eine Tasse Tee haben?“ fragte
-er; aber als Maria aufspringen wollte, hielt Großmutter sie fest.</p>
-
-<p>„Geh, Alterchen, und klingle der Müller! Sie wird dir schon irgendwas
-Trinkbares bringen.“</p>
-
-<p>Die Müller, eine ältliche Frau, die bei den zwei alten Leuten wohnte
-und sie bediente, kam schon von selbst mit einer Tasse Tee, und der
-Großvater richtete ein paar freundlich scherzende Worte an sie.</p>
-
-<p>„Was Neues?“ fragte die Großmutter; und er las den Hauptartikel aus der
-Zeitung vor.</p>
-
-<p>„Also mit Belgien werden sie bald durch sein. Rat Mertens behauptet, in
-drei Wochen wären sie in Paris.“</p>
-
-<p>„Rat Mertens soll besser seinen Mund halten,“ schalt die Großmutter.
-„In drei Wochen sind wir nicht in<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">&ndash;&nbsp;6&nbsp;&ndash;</a></span> Paris, das sagt mir mein klarer
-Verstand. Die Franzosen, wenn sie nur einigermaßen ihre fünf Sinne
-beisammen haben, werden ihr Paris diesmal zu verschanzen wissen!“</p>
-
-<p>Großvater lenkte ab und wandte sich an die Schwiegertochter: „Nun, hast
-du den ersehnten Brief vom Jungen vorgefunden?“</p>
-
-<p>Und Großmutter bat: „Nun erzähl’ endlich, Maria! Aber ein bißchen
-folgerichtig, nicht so sprunghaft, Maria. Aus euren paar Briefen und
-Karten konnte man so gut wie nichts entnehmen. Also fang’ nur gleich
-mit eurer Abreise von Norderney an! Nein, wie ich Gott gedankt habe,
-daß ihr die verrückte Idee, in ein belgisches Seebad zu fahren, nicht
-ausgeführt habt. Wenn schon einer so viel übrig hat, daß er in ein Bad
-fahren kann, dann soll er sein Geld doch lieber im Lande lassen, statt
-es den Ausländern in den Rachen zu werfen. Man sieht ja nun, wie sie es
-mit uns meinen. ‚Bleib’ im Lande und nähre dich redlich.‘ Dieser Spruch
-wird von jetzt an mit Gottes Hilfe wieder zur Geltung kommen.“</p>
-
-<p>Großvater sagte: „Ich meine, Maria sollte erzählen.“ Großmutter ließ
-sich nicht gern maßregeln und blickte ärgerlich auf.</p>
-
-<p>„Notabene,“ nahm Großvater wieder das Wort, „Mertens und Hieronymus
-wollen heute abend wieder kommen, und vielleicht spricht auch Hauptmann
-Prell vor.“</p>
-
-<p>„Aber hoffentlich nicht zum Essen,“ rief Großmutter auffahrend.</p>
-
-<p>„Nein, ganz solide zum Glas Wein nach Tisch.“</p>
-
-<p>Großmutter sagte zu Maria: „Wenn du doch noch je einmal heiraten
-solltest, Kind, so mache es deinem Manne gleich zu Anfang klar, daß er
-dir nicht ungefragt Leute ins Haus bringt, die auf ein warmes Abendbrot
-warten.<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">&ndash;&nbsp;7&nbsp;&ndash;</a></span> Du weißt nicht, in welch eine Verlegenheit eine Hausfrau bei
-solchen Veranlassungen kommen kann.“</p>
-
-<p>„Ich würde Maria gleich ein ganzes Erziehungssystem für den Fall ihrer
-Wiederverheiratung aufschreiben,“ schmunzelte der alte Herr. Und
-Großmutter fuhr ärgerlich dazwischen: „Du und Maria, ihr seid immer
-eins. Aber nun erzähl’, Kind! Wenn die Herren nach Tisch kommen, müssen
-wir zeitig essen. Also in Norderney erfuhret ihr das erste vom Krieg
-und packtet eure Koffer. Die Reise dauerte eine Ewigkeit, das weiß ich
-aus euren Karten, und dann fuhret ihr nach Berlin. Aber was kam dann?
-Vor allem interessiert mich’s, zu wissen, wie der Junge die ganze Sache
-aufnahm. Hat er gleich von Anfang an mitgewollt?“</p>
-
-<p>„Erst freute er sich mal, daß es ein Notabitur gab,“ begann Maria.</p>
-
-<p>„Ja ja, das Notabitur. Das kann ich mir denken. Da hat er uns gleich
-am nächsten Morgen telegraphiert: ‚Glänzend bestanden‘, weil ich ihm
-fünfhundert Mark für den Fall des Bestehens ausgesetzt hatte.“</p>
-
-<p>„Die du dem armen Kerl aber nicht in bar, sondern in einem jetzt
-unverkäuflichen Papier ausgezahlt hast,“ fügte Großvater ein.</p>
-
-<p>„Was soll der Junge jetzt mit so viel barem Geld?“ erwiderte die alte
-Frau gereizt. „Übrigens laß Maria endlich zu Worte kommen!“ Draußen
-klingelte es, und irgendjemand begehrte mit Großvater zu sprechen.</p>
-
-<p>„Wenn er denn gar keine Ruhe hat, dann erzähl’ mir nur allein, Maria!
-Also Montags früh bekam er die Nachricht aus der Schule, daß er sich am
-Abend einzufinden habe! Was hat er da wohl für ein Gesicht gemacht? Das
-hätte ich sehen mögen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">&ndash;&nbsp;8&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Erstmal traf er sich mit drei Freunden, und da erzählte er mir, daß
-sie vor allem die Kleiderfrage erörtert hätten. Sie hatten sich doch
-einen Gesellschaftsrock zum Abitur bauen lassen wollen. Nun waren bei
-uns nicht mal die Koffer zur Stelle, und er mußte im grauen Sommeranzug
-gehen.“</p>
-
-<p>„Glaubst du, daß ihm das hart war?“</p>
-
-<p>„Vielleicht für einen Augenblick, aber das verflog doch schnell neben
-allem andern. Den ganzen Tag gab es Extrablätter; um Mittag waren wir
-Unter den Linden, da hatten sie gerade zwei Spione aufgefangen. Er wäre
-gern mit mir in ein Café gegangen, aber natürlich war nirgendwo ein
-Platz. So stand man denn und wartete und sah und hörte. Du machst dir
-keinen Begriff, wie das in diesen Tagen in Berlin zuging.“</p>
-
-<p>„Das kann ich mir denken und, Maria, so sehr ich mich gräme, daß in
-unseren vorgeschrittenen Zeiten solche Barbarei noch gut möglich ist,
-ich mußte mir doch immer sagen, daß es für einen jungen Menschen mit
-gesunden Gliedern und hellem Verstand gar nichts Wundervolleres geben
-kann, als in solch einer Zeit miteingreifen zu dürfen. War er denn sehr
-begeistert?“</p>
-
-<p>„Du weißt, daß er sich wenig über alles, was in ihm vorgeht, äußert,
-Großmutter.“</p>
-
-<p>„Leider Gottes, und sein Lehrer, der ihn schon jetzt ‚Professor‘
-nannte, hat eigentlich recht. Da hatte sein Vater einen ganz anderen
-Schneid.“ In Marias Gesicht kam ein ablehnender Zug.</p>
-
-<p>„Also weiter, dann ging’s zur Schule?“</p>
-
-<p>„Ja, und da soll es dann sehr feierlich gewesen sein, der Direktor
-begeistert und bis zu Tränen gerührt, und die Lehrer hätten sich wie
-die Kameraden gegeben.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">&ndash;&nbsp;9&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Das kann man sich denken.“</p>
-
-<p>„Erst bekamen sie ein Sextanerthema zu ihrem Aufsatz: ‚Begeisterung ist
-die Quelle zu großen Taten‘, und da hätten sie dann einen heillosen
-Blödsinn zusammengeschrieben.“</p>
-
-<p>„Du hast doch hoffentlich seinen Aufsatz aufgehoben? Ich würde jetzt
-alles von ihm aufheben, Maria. Du kannst nicht wissen, wie es kommt,
-und nachher hast du dann doch wenigstens ein paar Andenken an seine
-letzte Zeit.“</p>
-
-<p>„So sollst du nicht sprechen, Großmutter. Ich will nicht denken, daß
-ihm etwas passiert.“</p>
-
-<p>„Besser, man macht sich mit so etwas vertraut, Maria, als wenn es
-einen ganz unerwartet trifft. Das war ja das Entsetzliche für mich bei
-Alfreds Tod, daß die Nachricht wie der Blitz aus heiterem Himmel kam.“</p>
-
-<p>„Du wußtest aber doch, daß er herzleidend war, Großmutter.“</p>
-
-<p>„Aber ich wußte auch, daß die Ärzte zu mir gesagt hatten, er könne
-sechzig Jahre alt werden trotz seines Leidens. Laß gut sein, Kind, wir
-wollen nicht die alten Geschichten aufrühren! Nur das eine kann ich dir
-sagen, Maria: Über den Tod eines Mannes kommt man hinweg, denn selbst
-wenn man einem Manne sehr gut ist, so kann man ihn doch nie mit solcher
-Liebe lieben wie das Kind, das man unter dem Herzen getragen hat.“</p>
-
-<p>Maria war bleich geworden.</p>
-
-<p>„Aber nun erzähle weiter! Also der Aufsatz war Blödsinn und wurde doch
-für gut befunden. Gott, und gerade vor dem Aufsatz hatte er die größte
-Angst gehabt, weil sie da oft so verrückte Themata geben. Da sieht man
-mal wieder, daß der Mensch sich keine Sorge um das, was die Zukunft
-bringt, machen soll. Es kommt immer<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">&ndash;&nbsp;10&nbsp;&ndash;</a></span> alles anders als man denkt, im
-Großen wie im Kleinen. Wurden sie denn in den andern Fächern überhaupt
-geprüft?“</p>
-
-<p>„Ja, er sagte mir, in allem seien sie geprüft worden, aber, weißt du,
-so, daß die Lehrer selbst die Antwort gaben oder sie ihnen doch in den
-Mund legten. In der Geschichte fragte man ihn: ‚Wann starb die Königin
-Luise?‘ und gleich danach: ‚Sie wissen doch, vor zwei Jahren feierte
-man ihren hundertsten Todestag?‘“</p>
-
-<p>„Großvater, das mußt du hören!“ rief Großmutter zum wiedereintretenden
-alten Herrn, „wie sie den Jungen in Geschichte geprüft haben!“</p>
-
-<p>Großvater hörte liebenswürdig zu, entschuldigte sich aber gleich
-wieder. Er hatte von einem Extrablatt, das ausgegeben sein sollte,
-gehört und wollte es sich verschaffen, damit die Herren am Abend
-nicht den Triumph haben sollten, ihm mit Neuigkeiten zuvorzukommen.
-Großmutter war ärgerlich.</p>
-
-<p>„Du kannst mir glauben, Maria, seit diesem unseligen Krieg ist unser
-ganzes Zusammenleben zerstört. Großvater ist rein aus dem Häuschen und
-schert sich um keine Zeiteinteilung mehr. Es ist zum Verzweifeln.“</p>
-
-<p>Großvater sagte ernst: „Wie kannst du klagen, da wir hier in unserer
-behaglichen Sicherheit leben!“ Und die alte Frau nickte: „Ist schon
-gut, Alterchen. Jetzt kommt er mit seinen Ostpreußen. Geh’ nur, aber
-sieh’, daß du zum Essen zeitig da bist!“ und dann wieder zu Maria
-gewandt: „Ja, stell’ dir vor, Maria, wenn ich ihm den Gefallen getan
-hätte und mit ihm in seine Heimat nach Ostpreußen gezogen wäre. Ich
-war nahe genug daran, aber ich weiß nicht, warum: ich hatte immer
-ein Grauen davor, so nahe an der Grenze zu wohnen. Nun denkt<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">&ndash;&nbsp;11&nbsp;&ndash;</a></span> aber
-Großvater, er hätte ein Recht, mir bei jeder kleinsten Gelegenheit das
-Schicksal seiner armen Landsleute vorzuwerfen, statt daß er sich freut,
-hier in Ruhe zu sitzen.“</p>
-
-<p>Maria sagte nachdenklich: „Es geht mir manchmal wie Großvater, ich
-schäme mich des Wohlergehens! Es klingt frivol, aber oft wünsche ich,
-man litte mehr unter dem Krieg, ich meine es jetzt rein äußerlich.“</p>
-
-<p>Das verstand Großmutter nicht.</p>
-
-<p>„Du warst ja immer ein bißchen anders als andere Leute, Maria; aber nun
-erzähl’ weiter. Also die Lehrer legten ihm die Antwort beim Examen in
-den Mund! Das finde ich famos! Wie ging es denn mit der Mathematik?“</p>
-
-<p>„Die haben sie ihm geschenkt, weil er darin immer besonders gut war.
-Übrigens hat er mir das gar nicht so ausführlich erzählt. Was ihnen
-allen imponierte, war, daß die Töchter des Schuldirektors ihnen Tee und
-Kuchen servierten, und daß alle Lehrer sich mit ihnen unterhielten, als
-seien sie völlig gleichgestellt. Zu Ernst hat einer gesagt: ‚Mensch,
-wenn Sie nicht trotz allem und allem das werden, was ich von Ihnen
-erwarte, dann pfeife ich auf alle meine Menschenkenntnis.‘“</p>
-
-<p>„So, was erwartet er denn von ihm?“ fragte die Großmutter.</p>
-
-<p>„Du weißt doch, sie nannten ihn den Philosophen, weil er so gerne über
-alles mögliche nachgrübelt!“</p>
-
-<p>„Ja, das muß ich gestehen, das ist’s, Maria, was mir am allermeisten
-mißfallen hat. Kein Schneid! Nenne mir einen Philosophen in der Welt,
-der das ergründet hat, was uns nun einmal verborgen bleiben soll!
-Gibt’s nicht! Und ich will dir sagen: Zwei- oder dreimal in<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">&ndash;&nbsp;12&nbsp;&ndash;</a></span> meinem
-Leben habe ich in solche Bücher hereingeschaut und hab’ sie mit Abscheu
-wieder zugeschlagen. ‚Esel sind diese Kerle‘ habe ich mir gesagt.
-Wollen anderen Menschen weismachen, daß sie mehr wissen als sie, und
-führen einen nur irre und nehmen einem die Freude am Dasein. Nein, ich
-sehe es als eine Fügung Gottes an, daß der Junge nun doch Soldat werden
-muß. Wenn er dann nebenbei das Philosophieren nicht lassen kann, <span class="antiqua">à
-la bonne heure</span> &mdash; aber nicht als Beruf, nicht als Broterwerb!“</p>
-
-<p>„Man kann über so etwas nicht verfügen, Großmutter. Ich glaube, jeder
-Mensch muß doch einmal das werden, was in seiner Natur begründet liegt.“</p>
-
-<p>Die Großmutter zuckte die Achseln. „Das sind die heutigen Ansichten.
-Am besten, man steckt einen Buben mit elf Jahren ins Kadettenkorps,
-dann lernt er nichts anderes kennen. Wie lange hat denn nun diese
-Abitursache an jenem Abend gedauert?“</p>
-
-<p>„Um zehn Uhr kam er zurück &mdash; gleich mit der Bescheinigung in der
-Tasche. Er hatte sich großartig ein Auto genommen und blieb nur eine
-Viertelstunde. Sie hatten sich zu einem Kneipabend verabredet.“</p>
-
-<p>„So so!“ antwortete die Großmutter, und Maria würgte an irgend etwas.</p>
-
-<p>„Denk mal, Großmutter,“ sagte sie dann und stockte gleich wieder.</p>
-
-<p>„Nun, was denn?“</p>
-
-<p>„Um halb ein Uhr kam er zurück; ich lag schon zu Bett, konnte aber
-natürlich nicht schlafen. Er war ganz blaß und aufgeregt, und dann
-erzählte er, sie seien da in eine Kneipe gegangen, und plötzlich habe
-einer von ihnen ein Mädchen an den Tisch gebracht, &mdash; und dann<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">&ndash;&nbsp;13&nbsp;&ndash;</a></span> seien
-immer mehr gekommen, und auf einmal hätte auch eine neben ihm gesessen.“</p>
-
-<p>Die Großmutter blickte auf, und ein seltsamer Zug lag um ihren Mund:
-„Na &mdash; und?“</p>
-
-<p>„Ja, ich weiß nicht &mdash; &mdash; sie hat gesagt: ‚Sag’ doch ‚Hannchen‘ zu
-mir und hat ihn gefragt, ob er immer so ledern wäre, und ist ihm ganz
-nahegerückt.“</p>
-
-<p>Nun lächelte die Großmutter: „Und weiter?“</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht,“ und Maria senkte den Kopf.</p>
-
-<p>„Er tat mir schrecklich leid an jenem Abend; ich glaube, er fühlte sich
-unglücklich!“</p>
-
-<p>„Das ist Blödsinn, Maria. Ein Junge muß mal was erleben. Sieh mal,
-Alfred war doch schon mit siebzehneinhalb Jahren Leutnant, da konnte
-ich ihn doch auch nicht mehr am Rockzipfel haben!“</p>
-
-<p>„Das ist es auch nicht; ich hatte nur das Gefühl, daß der Junge sich um
-etwas grämte, daß ein großer Zwiespalt in ihm war.“</p>
-
-<p>„Laß gut sein, Kind, so was mußte einmal kommen, und vielleicht ist es
-ein Glück, daß ihm gerade jetzt noch die Augen geöffnet wurden. Wer
-weiß, was sie in den nächsten Monaten zu sehen bekommen.“</p>
-
-<p>„Er ist noch so ein Kind, Großmutter. Du weißt gar nicht, wie sehr er
-noch Kind ist, trotz seiner Grübeleien.“</p>
-
-<p>„Dann war es die höchste Zeit, daß er aus seiner Kindheit
-herausgerissen wurde!“</p>
-
-<p>„Es tat mir aber weh. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als sei er
-wieder mein ganz kleines Kind, das ich gegen die Welt schützen müßte.
-Überhaupt, Großmutter &mdash; immer in dieser schrecklichen Zeit, jetzt lebe
-ich wieder alles von früher durch &mdash; wie er noch ganz mein war &mdash; ganz
-hilflos &mdash; ich kann dir das nicht so sagen &mdash; aber<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">&ndash;&nbsp;14&nbsp;&ndash;</a></span> es tut alles so
-entsetzlich weh &mdash; so als ob einem scharfe Messer im Herzen wühlten.“</p>
-
-<p>Großmutter streichelte Marias Haar.</p>
-
-<p>„Da mußt du dich nun drüber hinwegsetzen, Kind. Du darfst nicht
-egoistisch sein. Eine Mutter hat die Pflicht, ihr Kind unter Schmerzen
-und Wonne zu gebären, es großzuziehen und dann wieder herzugeben. So
-will es die Natur und alles Auflehnen hilft nichts!“</p>
-
-<p>Großvater kam mit seinem Extrablatt. „Die Russen in Tilsit!“ Er war
-ganz bleich.</p>
-
-<p>Großmutter lenkte ab: „Laß eben Maria fertig erzählen! Also das Abitur
-hatte er, und dann?“</p>
-
-<p>„Dann liefen sie von Kaserne zu Kaserne, um sich zu stellen. Zu
-Tausenden standen sie da herum, und er kam an den ersten beiden
-Tagen enttäuscht nach Hause. Am dritten aber mittags strahlte er und
-hatte einen Fahrschein nach der Altmark &mdash; da sollten sie sich beim
-Husarenregiment melden!“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Herr Hieronymus war ein schlankes, kleines Männchen mit eisgrauem Bart.
-Er kam als erster, und der Tisch war noch nicht abgeräumt. „Das nenne
-ich pünktlich!“ sagte die Großmutter und stellte ihre Schwiegertochter
-vor.</p>
-
-<p>„Große Freude, gnädige Frau! Hab’ schon oft von Ihnen gehört, die Frau
-Schwiegermutter spricht mit Vorliebe von Ihnen und dem famosen Jungen.
-War leider zwei Jahre abwesend, sonst würde ich wohl schon früher das
-Vergnügen gehabt haben, Sie zu sehen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">&ndash;&nbsp;15&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Er hielt Marias Hand fest und sah ihr in die Augen.</p>
-
-<p>„Nun erzählen Sie aber auch gleich, teurer Herr Hieronymus, daß ich
-immer nur das Beste von meiner Maria rede!“</p>
-
-<p>„Es wäre eine Kränkung, das besonders zu versichern,“ sagte das kleine
-Männlein, und bevor die Müller noch mit dem Abräumen fertig war, tat
-sich die Tür zum zweitenmale auf, und der behäbige Herr Rat Mertens
-trat ein. Den kannte Maria schon und gab ihm die Hand, die der Rat an
-seine Lippen zog.</p>
-
-<p>„Im Frühjahr sahen Sie blühender aus, liebe Frau Maria. Da sehen Sie
-geradezu beneidenswert gut aus. Jetzt sieht man Ihnen an, daß Sie
-gelitten haben! Schwere Zeiten, furchtbare Zeiten, die Gott uns gesandt
-hat. Heute reichen wir uns noch in Geborgenheit die Hand; wer aber
-weiß, wie nahe die Stunde bevorsteht, in der es auch für uns heißt:
-Verlaßt eure Heimat, flieht oder sterbt!“</p>
-
-<p>„Na, na,“ sagte die Großmutter ärgerlich; und dann ließ die Müller den
-dritten Gast eintreten, den Hauptmann Prell, den Maria noch nicht im
-Hause ihrer Schwiegereltern gesehen hatte. Er kam langsam näher und
-schleppte den linken Fuß nach. Fein und leidend waren die Züge seines
-Gesichtes, die Augen in die Ferne blickend, so wie Menschen, die
-viel denken und grübeln, zu blicken pflegen. Ihm kam die Großmutter
-liebenswürdiger als den anderen Gästen entgegen. Sie hielt die
-Schwiegertochter im Arm und begann herzlich: „Hier ist meine Maria,
-Herr Hauptmann; wir haben ja neulich einen geschlagenen Nachmittag von
-ihr und ihrem Jungen gesprochen!“</p>
-
-<p>Der Hauptmann beugte sich über die dargereichte Hand. „Ich bin sehr
-glücklich, gnädige Frau, Sie zu sehen. Ich bin wirklich sehr erfreut!“
-wiederholte er, als<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">&ndash;&nbsp;16&nbsp;&ndash;</a></span> die Großmutter sich zu den anderen Gästen wandte,
-und zog nun auch die andere Hand an die Lippen.</p>
-
-<p>„Sie haben Ihren Jungen hergegeben &mdash; Ihren Einzigen?“ fragte er, „aber
-Sie haben es gern getan, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Man will und will nicht;
-es ist ein schreckliches Chaos im Kopf und Herzen.“</p>
-
-<p>„Also wo wünschen die Herren zu sitzen?“ rief die Großmutter. „Hier
-im Eßzimmer haben wir den Vorteil, alle zusammen am Tisch sitzen zu
-können. Gehen wir ins sogenannte Herrenzimmer, müssen sich die Parteien
-teilen.“</p>
-
-<p>Der Großvater aber stimmte fürs Herrenzimmer, und die Müller erhielt
-einen Wink, Gläser und Flaschen dahin zu bringen.</p>
-
-<p>Hieronymus reichte der Großmutter den Arm, Rat Mertens sprach mit
-lauter Stimme auf Großvater ein und Prell ging neben Maria her.</p>
-
-<p>Der behäbige Rat blieb unter dem Kronleuchter stehen und sprach nun
-nicht mehr zu Großvater allein, sondern so, als habe er irgendein
-unbekanntes Publikum vor sich.</p>
-
-<p>„Unsagbar schwere Zeiten hat Gott über unser armes, tapferes Vaterland
-verhängt!“ rief er aus. „Gott ist allmächtig und allgütig und vor
-allem: Gott ist gerecht! Das muß man sich in dieser Zeit immer wieder
-sagen, denn sonst könnte man der Verzweiflung, die einem beim Lesen der
-furchtbaren Geschehnisse ergreift, nicht Herr werden! Ich nehme an,
-Gott will den Frevel und den Hochmut derer, die uns hassen, strafen.
-Wir sind das Werkzeug dazu, und wir dürfen nicht murren. Ja, wir müssen
-uns zum Gottesglauben zwingen! Das ist nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">&ndash;&nbsp;17&nbsp;&ndash;</a></span> ganz leicht in diesen
-Zeiten, in denen der, der über uns allen waltet, so Grauenhaftes
-geschehen läßt. Jammer, Jammer, Jammer! Wo ist ein Herz, das nicht von
-Gram verzehrt wurde? Wo ist der Mann, die Frau, die nicht täglich von
-neuem um ihr bißchen Lebensmut kämpfen muß? Wäre es uns nicht allen
-wohler, wenn wir uns jetzt zu einem Schlaf niederlegen könnten, aus dem
-es kein Erwachen mehr gibt?“</p>
-
-<p>„Oho,“ sagte Großmutter, „das wäre ja wirklich sehr deutsch gehandelt.
-Nein, lieber Rat, nun erst recht nicht! Und wenn der Krieg zehn Jahre
-dauern würde, und wenn ich mit Krankheit geschlagen würde, ich möchte
-das Ende abwarten! Jetzt einschlafen, nein, das paßte mir nicht!“</p>
-
-<p>„Sie haben diese wundervoll starken Nerven, gnädige Frau,“ entgegnete
-der Rat. „Aber nicht ein jeder hat die Kraft, so zu denken wie
-Sie. Unsere lieben Damen verfügen ja auch im allgemeinen über mehr
-Optimismus und Naivität als der denkende Mann.“</p>
-
-<p>Großmutter räusperte sich.</p>
-
-<p>„Das sind schöne weibliche Eigenschaften!“ fuhr der Rat fort, „und
-kraft dieser Eigenschaften bleibt es ihnen erspart, den grauenhaften
-Ernst der gegenwärtigen Zeit in seinem vollsten Umfang zu erfassen.“</p>
-
-<p>„Auch dagegen protestiere ich, Herr Rat!“</p>
-
-<p>„Mit Ihnen ist nicht gut verhandeln,“ lachte Mertens etwas gereizt,
-„Frau Maria aber wird mir recht geben. Sagen Sie, gnädige Frau, haben
-Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie es sein wird, wenn wir nicht
-siegreich sein sollten? Wenn diese siebenfache Meute uns doch so zu
-packen kriegt, daß wir am Boden liegen &mdash; daß das edle Blut unserer
-Söhne, Gatten, Väter und Brüder umsonst geflossen ist?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">&ndash;&nbsp;18&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Maria war bleich geworden: „Ich will mir das nicht vorstellen.“</p>
-
-<p>„Sehen Sie, sagt’ ich es nicht? Sie will sich nicht vorstellen, sie
-macht die Augen zu. Das ist schön, das ist frauenhaft.“</p>
-
-<p>„Blödsinn!“ rief die Großmutter. „Das ist gar nicht nur frauenhaft! Ein
-jeder, ob Mann oder Frau, sollte so denken: Siegen oder Untergehen! An
-Untergehen denkt man nicht gern, also weiß man, daß man siegen muß.
-Aber nun nehmen Sie Platz, meine Herren, und lassen Sie uns so fröhlich
-sein, wie man es in dieser Zeit sein kann!“</p>
-
-<p>Mertens hob als erster sein Glas: „Ein Pereat auf das Land der
-Perfidie!“</p>
-
-<p>Hieronymus zögerte ein wenig, bevor er sein Glas an das der anderen
-klingen ließ: „Das ist mir ein wenig zu pathetisch.“</p>
-
-<p>„Pathetisch?“ ereiferte sich Mertens. „Ist diese Zeit denn nicht
-ganz und gar aufs Pathetische gestimmt, und verdienen es diese
-neidplatzenden Halunken nicht, daß man ihnen zu jeder Stunde des Tages
-einen Fluch nachschleudert?“</p>
-
-<p>„Das nützt uns nur verdammt wenig, lieber Rat.“</p>
-
-<p>„Aber es tut uns wenigstens wohl!“</p>
-
-<p>Über das Gesicht des invaliden Hauptmanns flog ein sarkastisches
-Lächeln.</p>
-
-<p>„Man muß nicht alles so allgemein nehmen; man muß auch bei seinem
-Feinde die Motive suchen.“</p>
-
-<p>„Teufel, ja,“ sagte der Rat, „die liegen doch bei England klar genug.“</p>
-
-<p>Großmutter warf ein: „Nicht wieder die alten Sachen durchkauen, meine
-Herren! Jedes Kind weiß, daß England<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">&ndash;&nbsp;19&nbsp;&ndash;</a></span> gemein an uns handelt; jedes
-Kind sagt ‚Pfui!‘, wenn es von England spricht. Ich sage auch ‚Pfui!‘
-und habe gern in das Pereat auf das edle Britenreich miteingestimmt,
-aber damit wollen wir es auch für heute bewenden lassen. Sind Sie
-einverstanden, Rat?“</p>
-
-<p>„Mir war es nur, als habe unser Hauptmann Prell etwas andere Ansichten
-über unsere englischen Feinde!“ meinte Mertens gereizt. „Wie meinen Sie
-das, Herr Hauptmann, wenn Sie sagten, man müsse über die Beweggründe
-jedes Landes nachdenken? Frankreich und Rußland verstehe ich &mdash; ganz
-besonders Frankreich &mdash; aber England hatte keinen Grund zu diesem
-namenlosen Haß. Bei England ist die Triebfeder zu diesem Krieg nichts
-als kalte, gemeine Habgier!“</p>
-
-<p>„Das ist in diesen Tagen tausend- und abertausendmal bestätigt worden,“
-sagte Prell kühl.</p>
-
-<p>„Nun also, warum betonten Sie denn, man müsse über Englands Beweggründe
-nachdenken?“</p>
-
-<p>„Ich habe nicht behauptet: über Englands Beweggründe, sondern über
-jedes einzelnen Landes Beweggründe. Stellen Sie sich mal vor, es
-wären zehn Jahre vergangen, und man verlangte von Ihnen, daß Sie die
-Geschichte dieses Krieges schrieben. Würden Sie da auch nur so einfach
-von Englands Perfidie sprechen? Man muß sich doch auch fragen, was
-England von uns zu fürchten hätte, wenn unsere Industrie und unser
-Handel weiter in dem Maße aufblühen, wie sie es bisher getan. Heute
-noch ist England der Großkaufmann und der Bankier der ganzen Welt. Aber
-es fühlt, daß Deutschland ihm zu mächtig wird. Es fürchtet ganz einfach
-Deutschlands immer weiteres Emporsteigen.“</p>
-
-<p>Der Großvater sagte bedächtig: „Nein, meine Herren,<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">&ndash;&nbsp;20&nbsp;&ndash;</a></span> das ist es nicht.
-Es ist einzig unser Militarismus, den sie mit scheelen Augen ansehen.“</p>
-
-<p>Die Großmutter warf ein: „Meine Herren, das sind doch alles
-Gemeinplätze, über die eine Debatte nicht lohnt! Reden wir doch lieber
-von dem, was der Tag gebracht hat. Also die Russen sind einmal wieder
-im Land!“</p>
-
-<p>„Im Anmarsch auf Berlin!“ sagte der Rat Mertens schwer.</p>
-
-<p>Maria wandte sich etwas ängstlich an den Hauptmann Prell: „Ist das
-wahr, sind die Russen wirklich im Anmarsch auf Berlin?“</p>
-
-<p>Der Hauptmann lächelte: „Wenn es nach dem dicken Rat Mertens ginge,
-stände unsere Hauptstadt längst in Flammen. Sind Sie sehr ängstlich,
-gnädige Frau?“</p>
-
-<p>„Nicht für mich, aber all der Jammer, der jetzt in der ganzen Welt ist,
-macht so schwach und elend.“</p>
-
-<p>„Und es wird doch gerade jetzt so viel von der starken deutschen Frau
-gesprochen und gesungen.“</p>
-
-<p>„Dazu gehöre ich nicht,“ sagte Maria und neigte den Kopf.</p>
-
-<p>„Das ist schön, das ist gut, daß Sie das eingestehen. Wenn Sie stark
-sein müssen, dann können Sie es auch sein und Sie sind es doch schon im
-hohen Maße gewesen, ich habe einen Beweis dafür!“</p>
-
-<p>„So?“</p>
-
-<p>„Nun, zum Beispiel, daß Sie sich in all den Jahren dem Willen der Frau
-Schwiegermutter nicht untergeordnet haben. Das heißt doch was, gegen
-den Willen einer so praktischen, energischen Frau anzukämpfen. Sie
-hat mir vieles von Ihnen erzählt und kann es Ihnen heute noch nicht
-verzeihen, daß Sie nicht mit dem Jungen zu ihr gezogen sind, und daß
-Sie nicht wieder heirateten.<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">&ndash;&nbsp;21&nbsp;&ndash;</a></span> Das nenne ich doch Stärke, denn solch ein
-Widerstand bedeutet doch alles andere als Schwäche!“</p>
-
-<p>„Aber jetzt bin ich sehr müde und verzagt, und wenn Großmutter mir
-jetzt in dieser Stimmung sagte: ‚Du bleibst!‘ &mdash; ich glaube, dann
-bliebe ich.“</p>
-
-<p>„Sie fühlen sich verlassen, weil Sie den Jungen hergegeben haben, das
-ist natürlich furchtbar hart für Sie. Aber augenblicklich ist er doch
-noch in Sicherheit!“</p>
-
-<p>Der Hauptmann sah Maria mit guten Augen an, während er sprach, und sie
-fühlte sich wohl in seiner Nähe.</p>
-
-<p>„Ist das wahr, Hauptmann,“ rief die Großmutter, „daß Sie sich noch
-gemeldet haben? Und wozu, wenn man fragen darf?“</p>
-
-<p>„Wozu sie so einen Krüppel noch brauchen können,“ sagte er lächelnd,
-„aber ich fürchte, es ist wenig Aussicht vorhanden!“</p>
-
-<p>„Und ich sage Ihnen, daß sie den letzten Mann im Deutschen Reich
-gebrauchen werden. Und reichen die Männer nicht mehr, dann kommen die
-Greise und Frauen daran!“</p>
-
-<p>„Sie sind toll, Rat!“ rief die Großmutter.</p>
-
-<p>Der Rat stürzte ein Glas Wein hinunter. „Ist das in Belgien nicht auch
-der Fall?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Teufel, ja, aber eine deutsche Frau schüttet keinem Soldaten heißes
-Wasser auf den Kopf. Dafür möchte ich mein Leben einsetzen!“</p>
-
-<p>„Die Leidenschaft, die Wut erzeugt Bestien!“ schrie der erregte
-Mann, dessen Gesicht stark gerötet war. „Und ich sage und prophezeie
-Ihnen: In einem Jahr wird es nur noch Greise und Kinder im deutschen
-Vaterland geben. Wozu durch die rosige Brille sehen? Wozu sich selbst
-be<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">&ndash;&nbsp;22&nbsp;&ndash;</a></span>lügen? Und jene jungen Bürschchen, die jetzt in dieser wunderschönen
-Begeisterung als Kriegsfreiwillige in die Kasernen gezogen sind, ihr
-Blut wird in Strömen fließen.“</p>
-
-<p>Maria deckte die Hand über die Augen, und der Hauptmann rief zu Mertens
-hin: „Nun möchte ich doch ernstlich mahnen &mdash; &mdash;“</p>
-
-<p>Aber wenn so ein Mann wie der Rat einmal im Zug war, gab es kein
-Bremsen mehr.</p>
-
-<p>„Schenk’ ihm doch nicht immer wieder ein,“ flüsterte die Großmutter
-zu ihrem Mann und legte die Hand um die Flasche. Der Hauptmann hatte
-Marias Hand ergriffen: „Er redet Blödsinn, er kann keinen Wein
-vertragen.“</p>
-
-<p>Sie versuchte zu lächeln, aber es mißlang.</p>
-
-<p>„Nein und tausendmal nein, wir sollen uns nicht selbst betrügen. Wir
-müssen wissen, was uns bevorsteht. Der Zar soll geschworen haben:
-‚Ich ruhe nicht, bis die Straßen Berlins mit Frauenköpfen gepflastert
-sind!‘ Und glaubt einer, daß die Kosaken, wenn sie in unsere Hauptstadt
-ziehen, dieses Wort nicht wahr machen?“</p>
-
-<p>„Teufel noch mal,“ rief jetzt die Großmutter außer sich. „Sind Sie
-dazu hergekommen, Herr Rat, um uns so die Stimmung zu verderben? Ein
-Schwarzseher sind Sie, ein ganz trauriger Schwarzseher. Ich danke für
-alles Weitere. Komm, meine Maria! Du bist müde und siehst blaß aus. Die
-Herren werden uns entschuldigen. Gute Nacht!“</p>
-
-<p>Sie legte ihren Arm um Marias Schulter und führte sie hinaus. Der
-Großvater lenkte die Sache ein, so gut wie es möglich war. Aber nach
-einer Viertelstunde hörte man die Türe klinken, und er schloß seinen
-Gästen die Gartenpforte auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">&ndash;&nbsp;23&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Die Großmutter hatte Maria in das kleine Fremdenstübchen geführt. „Es
-tut mir leid, Kind, daß die Müller die dunklen Vorhänge noch nicht
-angemacht hat. Aber da du müde bist, wirst du auch schlafen, wenn der
-Mond ein wenig hereinscheint.“</p>
-
-<p>Das kleine Zimmer war ganz überflutet von weißem Mondlicht. Auf dem
-Teppich zitterte ein weißer, breiter Streifen und zog sich die Wand
-hinauf, an der ein fast lebensgroßes Porträt hing. Es war das Bild von
-Großmutters einzigem Sohn, Marias verstorbenem Manne. Gespensterhaft
-leuchtete es auf die beiden Frauen nieder.</p>
-
-<p>Die Großmutter wurde elegisch. „Daß er diese gewaltige Zeit nicht
-miterleben durfte!“ seufzte sie. Aber dann war sie mit ihren Gedanken
-gleich wieder im praktischen Leben.</p>
-
-<p>„Ich will eben noch einen Augenblick zu Großvater hinüber, denn wenn er
-sich nicht gleich legt, bekomme ich ihn vor Mitternacht nicht zu Bett.
-Leg’ du dich nur ruhig schon hin, Maria. Ich komme noch, dir ‚Gute
-Nacht‘ sagen.“</p>
-
-<p>Im kleinen Zimmer war eine schwere Luft; die Müller hatte das Fenster
-zu früh geschlossen, und die kleinen weißen Ersatzgardinen waren so
-angebracht, daß sich auch nicht ein Spalt öffnen ließ.</p>
-
-<p>‚Schrecklich,‘ dachte Maria und wußte, daß eine schlimme Nacht ihrer
-harrte. Schwere Luft und das große, helle Bild des Mannes! Das war zu
-viel für sie. Und dazu eines von Großmutters massiven Federbetten. Eine
-leise Verzweiflung begann in ihr wach zu werden.</p>
-
-<p>Während sie sich entkleidete, hörte sie Großmutter sagen: „Eine
-Unverschämtheit vom Rat, sich als Gast anzumelden und dann so
-loszulegen. Den brauchst du<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">&ndash;&nbsp;24&nbsp;&ndash;</a></span> in der nächsten Zeit nicht mehr
-mitzubringen, Alterchen.“ Und er entgegnete liebenswürdig: „Wie du
-willst!“</p>
-
-<p>Dann gab es noch einen kleinen Kampf zwischen den beiden, weil
-Großvater sich weigerte, sogleich zu Bett zu gehen; aber fünf Minuten
-später war er doch im Schlafzimmer, und eine kleine Weile darauf
-klopfte Großmutter bei Maria an und setzte sich zu ihr auf den
-Bettrand. Sie hielt etwas in der Hand und schien einen Augenblick lang
-um ein paar einleitende Worte verlegen zu sein.</p>
-
-<p>„Ich habe Großvater das Versprechen abgenommen, diesen Mertens nicht
-mehr ins Haus zu bringen! Das ist doch geradezu eine bodenlose
-Unverfrorenheit, einen so in Angst jagen zu wollen. Die Zeiten sind
-ohnehin grauenvoll genug, und ich hatte auf einen netten, behaglichen
-Abend gehofft. Und doch, Maria, trotzdem es eine Taktlosigkeit vom Rat
-war, solche Dinge auszusprechen &mdash; das muß ich dir sagen, daß auch mir
-schon ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sind. Kann denn ein
-Mensch wissen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß bestimmt
-hat? Und wenn er das Furchtbare geschehen läßt, wenn die russische
-Meute bis zu unserer Hauptstadt dringt, dann bleibt auch vielleicht
-das nicht aus, was der Zar gesagt haben soll. Auf jeden Fall ist dann
-über uns Frauen das Urteil gefällt! Ich glaube nicht daran und will
-nicht daran glauben, aber sollte es so kommen &mdash; dann, Maria, heißt es
-für uns: Schnell ein Ende machen, ehe wir uns auf bestialische Weise
-abschlachten lassen! Einen Revolver aber hat man nicht immer zur Hand
-oder ist vielleicht zu nervös, ihn im rechten Augenblick abzudrücken.
-Aber ein kleines Pulver in der höchsten Not herunterschlucken, das kann
-jeder!<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">&ndash;&nbsp;25&nbsp;&ndash;</a></span> Sieh mal, was ich hier habe, das soll im selben Augenblick, wo
-man es nimmt, wirken. Herzschlag und aus! Woher ich’s habe, verrate ich
-nicht. Aber es reicht für dich und mich. Ich hab’s für dich in dieses
-kleine Medaillon, das ich dir längst schon geben wollte, gefüllt. Am
-besten tust du, du hängst es um den Hals, dann hast du es immer zur
-Hand.“</p>
-
-<p>Maria sah erstaunt zur Großmutter auf. Sprach sie im Ernst? Aber das
-alte, frische Gesicht war wirklich bekümmert; sie hob Marias Kopf empor
-und hing ihr das kleine Amulett um.</p>
-
-<p>„Nun wollen wir zu beten versuchen, Maria!“</p>
-
-<p>Und sie schlang ihre Hände um die der Schwiegertochter und begann:
-„Herrgott, himmlischer Vater, der du alle Macht in Händen hast &mdash; &mdash;“,
-schluchzte dann auf und rief: „Nein, nein, ich finde keinen Weg mehr
-zu dem da droben. Mein Herz will sich auflehnen. Sieh du, Maria, ob du
-noch zum Glauben zurückfindest!“ und küßte ihr Stirn und Augen, zog ihr
-die Decke über die Schultern und ging hinaus.</p>
-
-<p>Marias Augen irrten im Zimmer umher und blieben auf dem hellen Bild
-ihres Mannes hängen. Der war nun schon fünfzehn Jahre tot, und es war
-doch noch nichts vergessen von all dem, was sich in den paar kurzen
-Ehejahren ereignet hatte. Ein armer, herzkranker Mensch war er gewesen,
-der sich als junger Offizier sein Leiden geholt und keine Genesung
-mehr gefunden hatte. Nein, nicht die Vergangenheit heraufbeschwören,
-nicht daran rühren! Sie warf sich zur Seite, so daß sie zur Wand
-blickte. Aber an dieser Wand hingen unzählige kleine, ovale Bildchen
-im schwarzen Rahmen, so wie man sie in großmütterlichen Einrichtungen
-noch findet. Es waren<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">&ndash;&nbsp;26&nbsp;&ndash;</a></span> zumeist Kinderbilder von dem Mann da oben an der
-Wand; liebe, gute, kluge Gesichtchen &mdash; dunkle, träumerische Augen, so
-wie auch der Junge, der jetzt in der Altmark in der Kaserne lag, sie
-hatte.</p>
-
-<p>Sie nahm eines von den Bildchen in die Hand und küßte es. Da klapperte
-es an dem Amulett, das Großmutter ihr umgehängt hatte, und die Gedanken
-kehrten zur Gegenwart zurück.</p>
-
-<p>Die Kosaken nach Berlin! Aber das wollte ihr Verstand nicht aufnehmen;
-dagegen lehnte sich irgend etwas in ihr auf.</p>
-
-<p>Wenn sie doch schlafen könnte! Sie hing das kleine Bild wieder an die
-Wand und zog die Decke übers Gesicht. Aber das ging nicht, es herrschte
-ohnehin eine unerträgliche Hitze im Zimmer. Auf dem Teppich tanzte der
-Mondstreif immer heller, immer quälender. Sie schloß die Augen. Da sah
-sie das häßliche, braunrote Gesicht des Rates Mertens vor sich. ‚Und
-all die jungen Kriegsfreiwilligen in den Kasernen &mdash; ihr Blut wird in
-Strömen fließen!‘</p>
-
-<p>Entsetzlich, entsetzlich!</p>
-
-<p>Sie setzte sich aufrecht hin. Die Müller hatte vergessen, ihr
-Streichhölzchen hinzulegen, und beim Mondlicht konnte man nicht lesen.</p>
-
-<p>Wieder zog das große, weiße Bild an der Wand ihre Blicke an, und wieder
-kamen traurige, quälende Erinnerungen.</p>
-
-<p>Nein, so mit dem Bilde an der Wand konnte sie kein Auge zutun in dieser
-Nacht. Ihre Gedanken arbeiteten schon jetzt fieberhaft; die Schläfen
-schmerzten, der Puls raste &mdash; das Herz schlug zum Zerspringen.</p>
-
-<p>„Jungchen &mdash; mein Jungchen!“ und sie dachte an<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">&ndash;&nbsp;27&nbsp;&ndash;</a></span> das Kind, an den
-zarten, blutjungen Kerl, den sie hergegeben hatte &mdash; der so froh, so
-selbstverständlich von ihr gegangen war. Der lag nun mit fünfunddreißig
-anderen in irgendeinem öden Raum auf einem Strohsack. Der war
-vielleicht krank und sie wußte es nicht, der hatte Heimweh und war zu
-stolz, davon zu schreiben.</p>
-
-<p>Wo hatten diese jungen, verwöhnten Kerle nur plötzlich die
-Entschlossenheit und Größe hergenommen? All diese Jungchen, die zu
-Hause so gern gemäkelt hatten, denen nichts gut und bequem genug
-gewesen war!</p>
-
-<p>Ihre Hände spielten mit dem Medaillon, das die Großmutter ihr umgehängt
-hatte &mdash; und die Gedanken, die sich ihrem Willen schon nicht mehr
-unterordneten, flogen wieder zu dem, was draußen in der Welt vor sich
-ging.</p>
-
-<p>Sie dachte an all das Grauenerregende, was sie vor zwei Jahren vom
-serbisch-bulgarischen Krieg gelesen hatte. All diese greulichen
-Metzeleien von Frauen und Kindern.</p>
-
-<p>War es möglich, daß Gott auch vielleicht das zuließ?</p>
-
-<p>Ihre Blicke flogen wieder zu dem Bilde ihres Mannes empor!</p>
-
-<p>Das Chaos in ihrem Kopf war riesengroß geworden. Ein Gedanke jagte den
-anderen &mdash; ein Gedanke raste über den nächsten hinweg.</p>
-
-<p>„Ich kann es nicht mehr sehen!“ stöhnte sie, und suchte nach
-irgendeinem Gegenstand, um es zu verdecken. Auf dem Tisch in der Mitte
-des Zimmers lag eine dunkle Plüschdecke. &mdash; &mdash; &mdash; Die nahm sie, aber
-ihre Hände zitterten. Sie stieg auf einen Stuhl und versuchte, die
-Enden der Decke an den Bilderhaken zu befestigen &mdash; &mdash; die Bilderhaken
-rutschten aus der Wand, das Bild glitt hinab, lag am Boden, und irgend
-jemand in der Wohnung<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">&ndash;&nbsp;28&nbsp;&ndash;</a></span> schrie auf. Das war die Großmutter, und einen
-Augenblick später klopfte sie an und starrte entsetzt auf das Bild.</p>
-
-<p>„Das bedeutet nichts Gutes, wenn ein Bild von der Wand herunterfällt!“
-sagte sie tonlos. „Komm’, wir lehnen es an die Wand. Armes Ding, hast
-dich erschrocken, was? Warum hab’ ich auch erlaubt, daß Großvater so
-ein großes Bild allein aufhing?“</p>
-
-<p>Maria vermochte nicht zu sprechen; die Nerven zitterten in ihr.</p>
-
-<p>„So leg’ dich hin, mein Schäfchen!“ Und die Großmutter streichelte sie.
-„Du machst dir Sorgen wegen der dummen Prophezeiungen des Mertens, ja?
-Das ist natürlich Blödsinn! So, ich bleib’ ein wenig bei dir, ich kann
-auch nicht schlafen!“ Und Großmutter, in einen ganz hellen Morgenrock
-gehüllt, saß jetzt auf dem Sofa und sah wie mit Silber übergossen aus.</p>
-
-<p>„Weißt du, Maria, wenn ich so im Mondschein sitze, muß ich an frühere
-Zeiten denken. Da hatten wir zu Haus eine alte Magd, die uns im
-Mondschein die Karten legte. Mit Gott finde ich mich jetzt doch nicht
-zurecht, und da die Welt doch einmal auf dem Kopf steht, werd’ ich
-mal ein Spiel holen und probieren, ob’s noch geht. Dazu mußt du aber
-aufstehen und dich zu mir in den Mondschein setzen.“</p>
-
-<p>Die Großmutter lief hinaus, und Maria stand in weißem, langem Nachthemd
-mitten im glitzernden Lichtstreifen.</p>
-
-<p>Müd’ war sie, daß der Körper sich kaum aufrecht halten konnte &mdash; aber
-die Nerven waren zugespitzt, als hätte jeder tausend Leben in sich.</p>
-
-<p>Dann kam die Großmutter mit ihrem Spiel, und die Karten flogen. Die
-Großmutter zählte, schob, legte<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">&ndash;&nbsp;29&nbsp;&ndash;</a></span> über- und untereinander und sah
-mit dem herabhängenden weißen Haar, dem hellen Gewand und den flink
-fliegenden Fingern wie ein Wesen aus einer anderen Welt aus.</p>
-
-<p>„Also dem Jungchen passiert nichts. Das Kind soll dir erhalten
-bleiben!“ sagte sie, „aber für dich selbst finde ich nichts Gutes,
-Maria. Da ist wohl der Herzenskönig, der zu dir hin will, aber
-dazwischen liegt die schwarze Karte, und wie ich’s auch mische und
-schiebe, sie kommt immer wieder!“</p>
-
-<p>Und plötzlich sah die Großmutter grade zu Maria auf: „Du hältst es doch
-nicht mit einem, der dich nicht heiraten will, Maria? Daß du deshalb
-vielleicht an keinen anderen denkst? Das wäre ein furchtbares Unglück!“</p>
-
-<p>„Blödsinn, Großmutter!“ sagte Maria ärgerlich, „und ich kann so etwas
-wie dies Kartenlegen nicht vertragen!“</p>
-
-<p>„Du zitterst ja!“ rief Großmutter. „Was fehlt dir denn?“</p>
-
-<p>„Es ist so entsetzlich schwül im Zimmer und so hell.“</p>
-
-<p>„Dann machen wir eben das Fenster auf; es geht ja zum Garten, und
-niemand kann hineinsehen. Warte, ich hole noch den großen Wandschirm,
-den rücken wir vors Bett! Nun meinst du &mdash; &mdash; Herrgott, Kind, es ist ja
-auch zum Weinen und Jammern. Der Mann tot, der Junge in der Kaserne und
-die ganze Welt voll Greuel. Ich bringe dir noch den Baldrian, der macht
-ruhig!“</p>
-
-<p>Und wieder glitt sie über den hellen Lichtstreif hinweg zur Tür hinaus,
-kam mit ihrer Baldrianflasche wieder und ruhte nicht, bis Maria ein
-getränktes Stück Zucker geschluckt hatte. „So, nun schlaf’!“ Sie rückte
-den Wandschirm dicht vors Bett.</p>
-
-<p>„Du kannst morgen so lange liegen, wie du Lust hast. &mdash; Gute Nacht,
-mein Kind!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">&ndash;&nbsp;30&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Durchs offene Fenster strömte die milde Sommerluft, ein Raunen und
-Weben ging durchs stille Zimmer. Eine Weile noch quälte sich der arme
-Kopf, eine Weile noch hüpften und irrlichterten die Gedanken, dann aber
-war es still. Marias Hände hatten das goldene Medaillon umschlossen
-&mdash; und es war, als ob Ruhe und Friede aus diesem kleinen Amulett
-ausströmten.</p>
-
-<p>Der Rat Mertens, die Kosaken, die Großmutter, das Jungchen in der
-Kaserne flogen immer matter durch ihre Gedanken.</p>
-
-<p>‚Dem Jungchen passiert nichts; das Kind soll dir erhalten bleiben!‘
-hörte sie die Großmutter noch sagen, und dann kam der Schlaf doch noch
-&mdash; ein tiefer, guter, traumloser, langer Schlaf.</p>
-
-<p>Großmutter meinte am späten Morgen zur Müller: „Nein, nicht wecken!“
-und wartete geduldig, bis der Mittag nahe war.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Einen Tag später fragte Maria mit etwas ängstlichem Herzen: „Erlaubst
-du, daß ich abreise, Großmutter?“ Und Großmutter sagte kurz: „Ich halte
-niemanden, der nicht gerne bei mir ist!“</p>
-
-<p>„Nein, so sollst du nicht sprechen!“ bat Maria. „Du weißt nicht,
-welche Unruhe in mir ist. Heute habe ich wieder keinen Brief von Ernst
-bekommen.“</p>
-
-<p>„Das kannst du auch nicht verlangen, daß er dir täglich schreibt!“</p>
-
-<p>„Läßt du mich reisen, Großmutter? Ich meine, läßt du mich reisen, ohne
-böse zu sein?“</p>
-
-<p>Da küßte die Großmutter sie herzlich. „Ich halte<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">&ndash;&nbsp;31&nbsp;&ndash;</a></span> dich nicht, Maria,
-aber wenn es dich einmal zu mir drängt, so weißt du, daß dir bei
-niemand weiter die Türen offen stehen als bei Großvater und mir.“</p>
-
-<p>„Du bist sehr lieb, Großmutter.“ Sie schmiegte sich ganz eng an sie an
-und ließ sich streicheln.</p>
-
-<p>„So für zwei oder drei Tage geht es immer ganz gut mit uns beiden,“
-scherzte die alte Frau, „und es ist eigentlich das Vernünftigste, daß
-wir uns zu keinem längeren Zusammensein zwingen. Also dann sprich nun
-mit Großvater; der wird dir wahrscheinlich sagen können, ob und wann
-Züge gehen.“</p>
-
-<p>Der Großvater wußte in der Tat genau Bescheid, aber er riet, wieder
-einen Wagen zu nehmen und zur nächsten Station, von der aus ein
-Schnellzug ging, zu fahren. Die Großmutter protestierte ein wenig wegen
-der Kosten und weil man schon um fünf Uhr in der Frühe abfahren mußte,
-aber schließlich fügte sie sich.</p>
-
-<p>„Aber nicht den Jungen besuchen und ihm das Herz schwer machen, Maria.
-Der führt jetzt sein Leben für sich und hat fürs erste mit der Mutter
-nichts mehr zu tun. Schicke ihm jede Woche ein vernünftiges Paket, das
-wird ihm lieber sein als alles andere.“</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen, als der Großvater mit Maria durch den Vorgarten
-schritt, hatte er ein ganz jungenhaft vergnügtes Gesicht. Die alte Frau
-winkte ihnen vom Fenster aus zu und rief: „Das Medaillon hast du doch
-um den Hals hängen, ja?“ „Natürlich, Großmutter.“ Maria setzte sich auf
-den hohen Sitz neben Großvater; der nahm die Peitsche zur Hand, grüßte
-noch einmal zur Großmutter hin und schnalzte mit der <span class="nowrap">Zunge. &mdash;</span></p>
-
-<p>„Hast du eigentlich Sinn für Natur, Kind?“ fragte er, sowie sie aus
-der kleinen Stadt heraus waren, und<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">&ndash;&nbsp;32&nbsp;&ndash;</a></span> ließ die Pferde in langsamerer
-Gangart fahren. „Du siehst manchmal so ins Weite, daß man gar nicht
-weiß, wo deine Gedanken eigentlich sind. Aber wenn du die Natur liebst,
-dann muß dieser frühe Sommermorgen ein Genuß für dich sein. Draußen in
-der Welt toben die Schlachten, Grauen und Entsetzen, und hier dieser
-stille Friede! Sieh mal, ich habe jeden Morgen, wenn Großmutter noch
-schläft, meine schwache Stunde. Wer selbst im Krieg gestanden hat, nur
-der kann sich ein klares Bild von dem, was jetzt in der Welt vorgeht,
-machen. Und dann bin ich auch zu alt, um mich ganz und gar der frohen
-Zuversicht: Wir werden und wir müssen siegen! hinzugeben. Es ist eine
-zu gewaltige Übermacht, gegen die wir kämpfen. Aber angenommen, wir
-siegen doch, selbst dann kann man nicht mehr froh und glücklich werden.
-Ein Mensch, der wie ich am Ende seiner Tage steht, der glaubt, selbst
-ein wenn auch noch so winziges Teil zur Kultur beigetragen zu haben,
-möchte die Augen schließen bei dem Gedanken, daß so etwas noch möglich
-war. Wir sind um fünf Jahrzehnte zurückgeworfen, Maria; wir Alten
-können ruhig von uns sagen: wir haben umsonst gelebt!“</p>
-
-<p>„Ich glaube es dir, Großvater,“ sagte Maria. „Aber es ist jetzt für
-niemand schön in der Welt. Die, die schon gelebt haben, sehen ihre
-Arbeit vernichtet, und die, vor denen noch ein Stück Wegs liegt, haben
-die Lust verloren, ihn weiter zu gehen. Beneidenswert sind vielleicht
-nur die ganz Jungen, die sich besinnungslos hineinstürzen und gar nicht
-zum Denken kommen.“</p>
-
-<p>Großvater wies mit dem Peitschenstiel in die Ferne: „Sieh mal, wie
-schön dort drüben.“ Da war der junge Himmel wunderbar zartblau, und
-eine leise Wellenlinie<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">&ndash;&nbsp;33&nbsp;&ndash;</a></span> von Hügeln hob sich leicht davon ab. Dunkel
-ragte ein Stück Wald auf, und grüne Wiesen dehnten sich bis zum Fahrweg
-hin.</p>
-
-<p>„Diesen Weg ging ich so manchesmal in diesen letzten Wochen genau zur
-selben Stunde wie jetzt. Großmutter ist ärgerlich darüber, weil sie
-denkt, das sei zwar ganz nett, wenn junge Leute Frühaufsteher wären;
-den alten Mann aber möchte sie in den weichen Kissen halten. So gut
-sie es aber auch meint, grade in dieser Morgenstunde ertrag ich’s
-nicht, daß ein Mensch neben mir so behaglich und gesund schläft, und
-dann nehme ich Reißaus und komme froh und stark genug zurück, um meine
-Strafrede in Empfang zu nehmen!“</p>
-
-<p>„Warum hast du eigentlich noch einmal geheiratet, Großvater?“ fragte
-Maria.</p>
-
-<p>Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Weil sie so wundervoll
-gesund ist, Kind! Nichts ist wohltuender und erfrischender für
-einen Menschen, der zeitlebens im Kampf mit tausend Erwägungen,
-Grübeleien und Zweifeln gelegen hat, als neben solch robuster und
-dabei liebevoller Gesundheit zu leben. Sie ist wirklich eine gute,
-vernünftige Frau, Maria! Hat vielleicht ein bißchen was von der Frau
-aus dem Volke an sich, aber das schadet nichts. Ich habe mich an sie
-gewöhnen müssen, aber jetzt möchte ich sie nicht mehr entbehren. Je
-älter man wird, um so mehr lernt man das Einfach-Gute im Menschen
-schätzen. Ich habe zwanzig Jahre allein gelebt und während der ganzen
-Zeit immer auf die sogenannte verstehende Seele gewartet; die wollte
-mir aber nicht begegnen. Dafür kam dann Großmutter und ließ mich nicht
-mehr locker. Heut weiß ich, daß es vielleicht ein größeres Glück ist,
-wenn der stark innerlich lebende<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">&ndash;&nbsp;34&nbsp;&ndash;</a></span> Mensch sich an den, der praktisch
-und gesund ist, bindet, als wenn zwei grübelnde, ewig-suchende,
-selbstquälerische Menschen sich paaren. Das muß ich dir, grade dir klar
-zu machen suchen, Maria, da ich immer mehr sehe und fühle, daß auch du
-so eine arme, grübelnde Seele bist. Damit kommst du nicht weiter. Es
-bleibt immer beim alten, man verlernt das Lachen und bohrt sich tiefer
-und tiefer in seine fruchtlosen Betrachtungen hinein. Du solltest es
-machen, wie ich’s gemacht habe: einfach mit einem gewaltigen Ruck alles
-abstreifen und einen gesunden Menschen suchen, der dich täglich von
-neuem in die Wirklichkeit zurückzwingt!“</p>
-
-<p>„Nun kommst auch du mit Heiratsprojekten, Großvater!“</p>
-
-<p>Er lächelte. „Weil du mir leid tust, Kind. Vielleicht aber bringt es
-diese Zeit zustande, die Menschen einfacher und gesünder zu machen.
-Wenn man aus der überverfeinerten Kultur so mit Gewalt ins Urwesen der
-Menschheit zurückgeschleudert wird, kann natürlich die Rückwirkung auf
-die Denk- und Anschauungsweise des einzelnen nicht ausbleiben.“</p>
-
-<p>Sie kamen durch ein Dorf, durch das ein silbernes Bächlein floß. Frauen
-mit aufgeschürzten Röcken standen am Wasser und spülten Wäsche aus;
-barfüßige Kinder liefen umher oder saßen in den niederen Türen der
-Häuschen und Hütten. Gänse schnatterten und Hühner gackerten.</p>
-
-<p>„Magst du das leiden?“ fragte Großvater.</p>
-
-<p>„Ja, sehr, ich möchte auch so ein Weib sein, das am Brunnen seine
-Wäsche wäscht und nichts dabei denkt. Ist es nicht eigentlich
-lächerlich, daß man immer den Wunsch hat, zum Primitiven,
-Ursprünglichen zurückzukehren? Wozu ist der ganze Ballast von
-Wissenschaft, Kunst und<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">&ndash;&nbsp;35&nbsp;&ndash;</a></span> allem, was nicht zur einfachen, reinen Natur
-gehört, überhaupt da?“</p>
-
-<p>„Ich weiß es nicht,“ antwortete Großvater. „Und wenn du so alt bist wie
-ich, wirst du es auch nicht wissen. Sieh nur zu, daß du deinen Jungen
-von seinem grüblerischen Wesen abbringst! Laß ihn ruhig Soldat bleiben,
-wenn er gesund aus dem Kriege herauskommt. Er ist jetzt schon so ein
-blasser Denkermensch, und Großmutter hat nicht Unrecht, wenn sie sich
-Sorgen um ihn macht.“</p>
-
-<p>„Ich kann ja jetzt gar nichts mehr an ihm tun,“ sagte Maria beklommen
-und ließ den Kopf hängen. Aber wie sie dann zwischen schwerbehangenen
-Obstbäumen dahinfuhren, war der alte Mann fast kindlich froh.</p>
-
-<p>„Sieh diesen Reichtum rund um uns, das tut so wohl, solche
-Fruchtbarkeit zu sehen. Ein jeder Baum scheint zuzurufen: Überfluß ist
-im Lande und aushungern können sie uns nicht. Der verfluchte Brite!“</p>
-
-<p>Großvater hatte ein feingeschnittenes Gesicht, das ein bißchen
-weichlich wirkte. Aber wie er nun dreimal hintereinander ausrief: „Der
-verfluchte Brite!“, da wuchs er aus sich selbst heraus.</p>
-
-<p>„Wenn man nur noch mittun könnte,“ seufzte er. „Der Kopf ist noch so
-klar und nur der Körper wird gebrechlich. Besser sind heute jene daran,
-bei denen der Körper blüht und die Gedanken nachlassen.“</p>
-
-<p>Maria schmiegte sich an ihn an, weil er so bekümmert aussah.
-„Großväterchen,“ sagte sie zärtlich, und er strich ihr mit der freien
-Hand übers Gesicht.</p>
-
-<p>In der Stadt, von der aus der Schnellzug gehen sollte, fuhr Großvater
-vor einem netten kleinen Hotel vor und ließ ausspannen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">&ndash;&nbsp;36&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Hier wollen wir frühstücken, und dann bringe ich dich zum Bahnhof.
-Nachher habe ich noch eine Menge Besorgungen für Großmutter zu
-erledigen und fahre am Nachmittag heim.“</p>
-
-<p>Maria trug einen Brief in der Tasche, den sie am letzten Abend erhalten
-und wohl hundert Male schon gelesen hatte: „Ich bin wider Erwarten
-schon jetzt in mein altes Regiment eingezogen worden; muß am Freitag
-früh zur Stelle sein. Ist ein Wiedersehen möglich?“</p>
-
-<p>Der Brief war mit Verspätung angekommen. Heute war schon Donnerstag,
-und die Züge fuhren immer noch völlig unregelmäßig und mit
-stundenlanger Verspätung. Sie war in großer Unruhe; sie wußte nicht,
-ob sie dem alten Großvater trauen durfte, ob er ganz richtig beraten
-war. Sie wollte bitten: „Bleib du hier und laß mich allein zum Bahnhof
-gehen!“ Aber als sie zögernd ihr Anliegen vorbrachte, lachte der alte
-Mann sie aus.</p>
-
-<p>„So alt bin ich noch nicht, Kind, daß man sich nicht auf mich verlassen
-kann. Soweit überhaupt mit Bestimmtheit Züge gehen, soll der deine um
-neun Uhr abfahren. Jetzt ist es also noch nicht acht; was willst du
-also während all dieser Zeit am Bahnhof?“</p>
-
-<p>Er ließ Tee und allerlei kleine Delikatessen kommen. „Iß, Maria, denn
-kein Mensch kann wissen, wann du in Berlin ankommst.“</p>
-
-<p>Der Wirt des Hotels trat zu ihnen und begrüßte den Großvater herzlich.</p>
-
-<p>„Haben Sie schon von den neuen Greueln in Ostpreußen gelesen?“ Und als
-Großvater erschrocken verneinte, begann er zu berichten, entpuppte sich
-als ähnlicher Schwarzseher wie Rat Mertens und erzählte und prophezeite
-so lange, bis der alte Herr Messer und Gabel<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">&ndash;&nbsp;37&nbsp;&ndash;</a></span> fallen ließ und dann
-unglücklich sagte: „Und unsereins sitzt hier und läßt sich ein üppiges
-Frühstück schmecken!“ Worauf der Wirt freundlichere Zukunftsaussichten
-eröffnete, aber den Druck, den er auf die Seele seiner Gäste gewälzt
-hatte, nicht mehr wegnehmen konnte.</p>
-
-<p>„Komm, Kind, wir gehen zur Bahn.“ Dem Wirt winkte er zu: „Ich komme
-zu Mittag wieder,“ schob seinen Arm in den der Schwiegertochter und
-schritt langsam mit ihr die Straße hinab. Er war zerknirscht; das
-Schicksal seiner Landsleute in Ostpreußen krampfte ihm das Herz
-zusammen.</p>
-
-<p>„Es ist scheußlich, Maria, solange man nicht mit brutaler Gewalt aus
-seinem Behagen herausgerissen wird, nimmt man die Sache immer noch auf
-die leichte Achsel, feiert Feste und verschafft sich Leckerbissen.
-Nachher kommen zwar Selbstvorwürfe, aber bei nächster Gelegenheit macht
-man es wieder genau so. Scheußlich!“</p>
-
-<p>Sie sagte ihm etwas Liebes, Herzliches, aber seine Stimmung blieb
-düster.</p>
-
-<p>„Wenn man pathetisch wäre, müßte man von sich selbst sagen: Du bist
-nicht wert, in dieser großen, gewaltigen Zeit zu leben!“</p>
-
-<p>„Wir wollen aber nicht pathetisch sein, Großväterchen!“ Da er ziemlich
-willenlos an ihrem Arm hing, gab sie der großen Unruhe, die in ihr
-wogte, nach und beschleunigte die Schritte.</p>
-
-<p>Ein heißer Tag zog herauf. Schon jetzt glühte die Sonne auf dem
-Asphalt. Großvater nahm den Hut ab und trocknete sich die Stirn. Am
-Bahnhofsplatz waren Truppen aufmarschiert. Große Menschenmengen standen
-um sie herum. „Die sollen alle über Berlin nach dem<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">&ndash;&nbsp;38&nbsp;&ndash;</a></span> Westen,“ hörten
-sie erzählen, und irgend jemand sagte: „Zivilpersonen werden heute
-überhaupt nicht befördert.“</p>
-
-<p>„So?“ fragte Großvater aufgeregt, erhielt aber keine Antwort mehr.
-Maria war bleich geworden. „Das kann nicht sein,“ rief sie außer sich.</p>
-
-<p>„Es scheint aber doch so zu sein, Kind, und du hättest wirklich besser
-getan, während dieser aufgeregten Zeit ruhig bei uns zu bleiben. Es
-ist ein Glück, daß wir den Wagen haben, und wenn es auch eine kleine
-Gardinenpredigt von Großmutter setzt, so kommen wir doch wenigstens
-sicher zurück!“</p>
-
-<p>„Nein, nein, Großvater, ich muß fahren, komm mit!“ Und sie drängte
-in die Bahnhofshalle hinein und hörte, daß der Neunuhrzug in der Tat
-keine Zivilpersonen beförderte. Sie war wie betäubt, so, als habe sie
-einen Schlag vor den Kopf erhalten, und lehnte an einer Wand. Großvater
-redete auf sie ein.</p>
-
-<p>„Sei doch vernünftig, Kind. Du siehst doch, es ist keine Möglichkeit,
-mitzukommen,“ und sprach gut und eindringlich weiter zu tauben Ohren.</p>
-
-<p>„Es hängt doch bei dir auch nichts davon ab, ob du einen Tag früher
-oder später kommst. Dein Junge ist in der Kaserne, und sonst wartet
-niemand auf dich.“</p>
-
-<p>„Großvater, &mdash; es wartet doch einer auf mich! Großvater, du verstehst
-mich doch, du bist doch von meiner Art! Ich bitte dich, Großvater, hilf
-mir, daß ich fahren kann. Ich weiß, daß Ausnahmen gemacht werden, wenn
-man sagt, daß man zu Angehörigen fährt, die man noch sprechen muß. Und
-ich muß nach Berlin, Großvater, ich muß!“</p>
-
-<p>„Maria!“ sagte er staunend und sah sie mit einem<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">&ndash;&nbsp;39&nbsp;&ndash;</a></span> großen Blick, in dem
-Vorwurf und Mitleid lag, an. „Also doch, Maria, also hat Großmutter
-doch recht!“</p>
-
-<p>„Nicht fragen, Großvater, hilf mir!“ Und da gab Großvater sich einen
-Ruck, warf die Müdigkeit ab und war der liebenswürdige, ehrwürdige,
-alte Herr, dem so leicht niemand das Gehör verweigerte.</p>
-
-<p>„Der Zug hat Verspätung, er fährt erst um zwölf Uhr,“ sagte man
-ihm und wies ihn von einer Behörde zur anderen, um seinen Wunsch
-anzubringen. Er ließ sich die Mühe nicht verdrießen. Irgendeine tiefe
-Verwandtschaft, die er schon längst mit seiner Schwiegertochter gefühlt
-hatte, machte ihm jetzt das Herz heiß und die Zunge geläufig. Er wollte
-ihr einen großen Schmerz ersparen, denn er hatte aus diesen Augen
-gelesen, daß Unsägliches von dem Ja oder Nein, das er ihr bringen
-würde, abhinge.</p>
-
-<p>Sie saß auf irgendeiner Bank, zu der der Großvater sie geführt hatte,
-sie sah ins Leere &mdash; sie sah in eine dunkle, in eine trostlose Welt.
-Die zwei Menschen, um die ihr Leben sich gedreht hatte, rissen sich von
-ihr los; die zwei feinen, zarten, liebevollen Menschen, die ihr ganzes
-Glück bedeutet hatten, gingen hin und zeigten, daß sie Männer waren,
-daß sie fähig waren, alles zu vergessen, alles von sich abzuwerfen,
-was ihnen lieb und teuer gewesen war. Schwer mochte ihnen das ankommen
-&mdash; und doch und doch! Wie waren sie gewachsen, diese beiden &mdash; der
-ganz junge, der sich schon über dem Leben stehend geglaubt hatte,
-und der andere, dem die Haare leicht ergrauten, und dessen Herz noch
-so unsäglich leidensfähig war. Sie griff wieder nach dem Brief, den
-er ihr geschrieben: „Ist ein Wiedersehen möglich?“ Das konnte ein
-jeder dem anderen schreiben, das war eine einfache<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">&ndash;&nbsp;40&nbsp;&ndash;</a></span> Frage, die keine
-Dringlichkeit verriet, und war doch wie ein Schrei, war wie eine
-Verzweiflung. „Laß mich so nicht gehen! Komm, komm, um Gotteswillen,
-komm!“</p>
-
-<p>Scharen von Menschen drängten an ihr vorüber, eifriges Reden,
-Schluchzen, verhaltenes Weinen und tröstende Männerstimmen. Schmerz
-und Jammer in der ganzen Welt. Alles, was fest bestanden hatte, war
-aufgelöst &mdash; alles zerrissen &mdash; jedes Herz verwundet &mdash; unzählige
-Existenzen vernichtet! Man las all das ja täglich in den Zeitungen!
-Aber beim Lesen drang es nicht ins tiefste Herz hinein. An einen
-Bahnhof muß man gehen, um Leid und Schmerz in ihrer wahren,
-herzzerreißenden Gestalt zu sehen.</p>
-
-<p>„Laß mich, laß mich!“ hörte sie in ihrer Nähe rufen, sah, wie ein
-kräftiger Mann eine ganz haltlos gewordene Frau von sich schob und
-fortraste. Nun stand dies arme Geschöpf mit starren Augen, aus denen
-Entsetzen sprach, da &mdash; totenbleich, dem Umfallen nahe.</p>
-
-<p>„Setzen Sie sich!“ sagte Maria und zog sie auf die Bank nieder. Und
-die Frau setzte sich, blieb aber starr und verständnislos; ein weher,
-hilfloser Jammer, der noch nicht zum Ausbruch gelangen konnte.</p>
-
-<p>„Wenn ein Erdbeben gekommen wäre und hätte die halbe Welt verschluckt,
-oder ein Feuerregen oder sonst etwas, was allem mit einem Schlage
-ein Ende gemacht hätte &mdash; es wäre nichts gewesen. Aber dieses
-Abschiednehmen, dieses Stillsitzenmüssen, dieses wahnsinnige Bangen und
-Warten, das nun bevorsteht, dieses Verzweifeln und immer wieder von
-neuem Hoffen, das ist wohl das Furchtbarste, was dem Menschen geschehen
-kann.“</p>
-
-<p>Das hörte Maria aus dem Munde irgendeiner weinenden Frau, die zu einer
-anderen sprach. „Wir Zurückbleibenden<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">&ndash;&nbsp;41&nbsp;&ndash;</a></span> sind am schlimmsten daran. Wir
-kosten das Elend zehn- und hundertfach durch!“</p>
-
-<p>Da war Großvater plötzlich an Marias Seite, ganz aufgeregt &mdash; das
-liebe, alte Gesicht heiß und gerötet.</p>
-
-<p>„Also hier ist deine Karte, Maria. Du mußt dir aber gleich einen Platz
-sichern. Ich hab’ das Billett bekommen, weil ich sagte, du hättest
-dringende Rücksprache mit einem ausziehenden Angehörigen zu nehmen.
-Anders ging es nicht. Aber unvernünftig ist es von dir, im höchsten
-Grade unvernünftig. Großmutter darf nicht ahnen, daß der alte, törichte
-Mann dir dazu verholfen hat!“</p>
-
-<p>„Großvater, das vergesse ich dir nie, nie im Leben!“ Und sie dankte ihm
-innig. Er war ein bißchen verlegen und blickte um sich, aber niemand,
-der hier in der Halle war, hatte Zeit, sich um das Gebaren des anderen
-zu kümmern. Und so schmunzelte Großvater und sagte leise: „Und doch
-sind die zarten, feinnervigen Frauen die einzigen, um die sich’s zu
-leben verlohnt!“ Sah einen Augenblick aus, als habe er ein Paradies
-verloren, und brachte die Schwiegertochter bis zum Bahnsteig. „Ich darf
-nicht mit hindurch, also sieh, daß du einen leidlichen Platz bekommst,
-und sei glücklich, Kind &mdash; sei sehr, sehr glücklich!“</p>
-
-<p>„Danke, Großvater!“ Und sie war im Gedränge verschwunden. Der alte Mann
-blieb minutenlang sinnend stehen, dann trottete er zur Stadt zurück.</p>
-
-<p>Nein, die Großmutter brüstete sich vergebens, eine Menschenkennerin zu
-sein, die hatte keine Ahnung von dieser hier!</p>
-
-<p>Um zwölf Uhr fuhr der Zug ab &mdash; &mdash; fuhr durch sonnendurchglühte
-Landschaft, fuhr durch lachende, jauchzende Landschaft. Grüne, saftige
-Wiesen mit weidendem<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">&ndash;&nbsp;42&nbsp;&ndash;</a></span> Vieh, Bäume, die ihre Früchtelast kaum zu tragen
-vermochten. Blumen, silbernes Wasser, tiefblauer Himmel und Sonne,
-Sonne, Sonne!</p>
-
-<p>Im engen, überfüllten Abteil eine Luft, in der man nicht zu atmen
-vermochte. Schulter an Schulter mit den Soldaten, die kleine Pfeifen
-rauchten, saß Maria, sengende Sonnenstrahlen auf den Schläfen &mdash; Angst
-im Herzen.</p>
-
-<p>„Junge Frau, was wollen Sie im Zug? Der gehört doch uns!“</p>
-
-<p>Sie versuchte zu lachen.</p>
-
-<p>„Wollen Sie auch ins Feld ziehen?“</p>
-
-<p>„Wenn ich könnte!“</p>
-
-<p>„Na, besser nicht!“</p>
-
-<p>Dann fragte einer: „Haben Sie auch jemand dabei?“ und sah Maria an.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte sie und fühlte die Tränen aufsteigen, stützte den Kopf
-in die Hand und war mit allen Gedanken, allen Nerven bei dem, der in
-diesen letzten Stunden vor dem Abschied auf sie wartete. Quälende
-Stunden in marternder Hitze. Ewiges Anhalten, schneckengleiches
-Vorwärtsschleichen und wieder Halten. Wann würde man in Berlin sein?</p>
-
-<p>Die mit ihr fuhren, waren aus dem Osten gekommen, die hatten schon eine
-Nacht auf Bretterbänken hinter sich. Denen war es auch gleichgültig,
-wie lange sie sich hier noch schütteln ließen, ob sie einen, zwei oder
-drei Tage fuhren. Und da fühlte sie wieder die ganze Jämmerlichkeit
-ihres Schmerzes! Die um sie herum fuhren hinaus mit der fast sicheren
-Aussicht, nicht zurückzukehren, und lachten und scherzten.</p>
-
-<p>War das nicht erbärmlich, nur mit einem Gedanken an sich und ans eigene
-Leid zu denken?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">&ndash;&nbsp;43&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Nun sprach einer der Soldaten dasselbe aus, was sie schon in der
-Bahnhofshalle aus irgendeinem Munde gehört hatte:</p>
-
-<p>„Ich möchte jetzt keine Frau sein. Die haben’s am allerschlimmsten. Die
-sitzen allein und vergrämt da und müssen abwarten, was für sie kommt!
-Abwarten ist das allerschlimmste!“</p>
-
-<p>Sie sah ihn dankbar an.</p>
-
-<p>„Jede Kugel trifft ja nicht!“ tröstete ein Soldat und gab ihr die Hand.</p>
-
-<p>Der Kopf tat ihr weh &mdash; &mdash; die Unruhe stieg. Die Sonne sengte nicht
-mehr, ganz leise wollte der Abend heraufziehen. &mdash; Wann würde sie da
-sein?</p>
-
-<p>Sie dachte an Großvater, der bei Großmutter im stillen Zimmer saß und
-ihr irgend etwas erzählte, was nicht den Tatsachen entsprach. Und sie
-hörte, wie Großmutter ihr altes Klagelied vorbrachte: ‚Ihre ganze
-Jugend hat sie verplempert, und wer weiß, ob sie nun überhaupt einen
-Mann findet, wo doch so viele totgeschossen werden!‘</p>
-
-<p>Sie sah Großmutter in ihrer strahlenden Gesundheit unter dem
-Kronleuchter stehen, und Großvater kam auf sie zu und küßte sie in
-ehrlicher Zärtlichkeit.</p>
-
-<p>Wie war das möglich, da er doch so ganz verschieden von ihr war? War
-er wirklich glücklich &mdash; oder täuschte er sich wissentlich über sich
-selbst? Ihre Gedanken schweiften ab &mdash; &mdash; ihre Gedanken suchten Halt
-bei der Großmutter.</p>
-
-<p>Ach, auch so gesund, so selbstverständlich gesund und praktisch sein
-können!</p>
-
-<p>Aus einmal fuhr man durch ein Lichtermeer &mdash; fuhr an Häusermassen
-vorbei &mdash; &mdash; &mdash; Berlin!<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">&ndash;&nbsp;44&nbsp;&ndash;</a></span> Da war alles fort &mdash; &mdash; &mdash; Großmutter,
-Großvater, alles, was sie am langen, heißen Tag gehört und gesehen
-&mdash; &mdash; verschwunden.</p>
-
-<p>Nur die Angst, die verzweiflungsvolle Angst: ‚Ist es noch nicht zu
-spät?‘</p>
-
-<p>Sie hatte telegraphiert, daß sie kommen würde, aber es war nicht
-anzunehmen, daß er hier am Bahnhof war. Bei dieser Unsicherheit, bei
-dieser Verspätung!</p>
-
-<p>Und stand doch da &mdash; stand dicht an der Sperre, bleich und aufgeregt,
-und faßte sie ums Handgelenk.</p>
-
-<p>„Endlich!“</p>
-
-<p>Was waren das für Augen, die sie anblickten! Abgehetzt, heiß, bang und
-doch herrisch!</p>
-
-<p>„Komm, ich hab’ ein Auto. Komm schnell!“</p>
-
-<p>„Wann mußt du fort?“</p>
-
-<p>„Morgen früh vier Uhr ausrücken aus der Kaserne. Ich hab’ drei Stunden
-am Bahnhof gewartet. Nun mußt du mit mir fahren; lies, was noch
-zu besorgen ist. Keine Satteltaschen in ganz Berlin aufzutreiben!
-Irgendein Kerl hat sich für Geld und gute Worte breitschlagen lassen,
-sie mir herzustellen. Dann den Revolver abholen, &mdash; Schuster &mdash;
-Apotheker! Einfach nichts zu haben!“ Und dann riß er sie an sich.</p>
-
-<p>„Oh, Maria, Maria, durch was für Höllen bin ich in diesen paar Tagen,
-in denen du fern warst und ich dich so nötig gehabt hätte, gewandelt!
-Was ist mir nicht alles klar geworden in diesen Tagen und Nächten! Ein
-Verrückter bin ich gewesen, daß ich dich so neben mir leben ließ, daß
-ich dich so leiden ließ! Immer die Ungewißheit in deinem Herzen: Meint
-er’s gut, meint er’s nicht gut? Warum war ich so, Maria, warum hab’ ich
-mich den allgemeinen Regeln entziehen wollen? War es Hochmut<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">&ndash;&nbsp;45&nbsp;&ndash;</a></span> oder war
-es die angeborene Scheu vor jeder Fessel? Ich weiß es nicht, ich komme
-nicht zur Klarheit mit mir selbst. Nur das eine weiß ich, daß ich eine
-entsetzliche Grausamkeit an dir begangen habe.“</p>
-
-<p>„Sprich jetzt nicht davon, sag’ mir das jetzt nicht!“</p>
-
-<p>„Doch und doch und doch! Du weißt nicht, wie sich das plötzlich in mir
-geklärt hat; wie ich ganz plötzlich begreifen mußte, was du gelitten
-hast in all diesen Jahren. Jetzt ist es zu spät, jetzt kann ich nichts
-mehr gutmachen. Du warst so lange gut zu mir, nun sei es auch noch die
-paar lumpigen Stunden, die nicht einmal uns allein gehören!“</p>
-
-<p>Das Auto raste durch die Straßen; sie lag an ihm, die Augen
-geschlossen, sein Mund an ihrem. „Wahnsinn, daß ich mich so von einer
-Idee beherrschen ließ!“</p>
-
-<p>Irgendwo im hohen Norden wohnte der, der ihm die Satteltaschen
-versprochen. „Komm mit!“</p>
-
-<p>Vier Treppen hoch; oben ein winziges Zimmer mit unerträglicher Luft &mdash;
-und sie mußten warten &mdash; eine Viertelstunde, eine halbe Stunde.</p>
-
-<p>„Mensch, das ist eine Gemeinheit, daß Sie ihr Versprechen nicht
-gehalten haben!“</p>
-
-<p>Er hielt sie bei der Hand.</p>
-
-<p>„Ich kann hier nicht fort, bis ich die Dinger habe! Es ist auf
-niemanden Verlaß! Komm!“ Und er zog sie in eine Nische des kleinen
-Zimmers.</p>
-
-<p>Sie bat noch einmal: „Quäle dich in dieser Stunde nicht! Ich habe
-gelitten, das ist wahr. Besonders des Jungen wegen hab’ ich gelitten,
-aber dafür hast du mir doch auch Stunden unsäglichen Glückes gegeben.“</p>
-
-<p>„Armes, armes Herz du! Stunden unsäglichen Glückes sagst du! Das glaub’
-ich wohl, aber doch nur,<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">&ndash;&nbsp;46&nbsp;&ndash;</a></span> solange wir beisammen waren; sowie du allein
-warst, fing die Marter an, nicht wahr? Da hast du gekämpft und gelitten
-und gezweifelt. Sag’ nicht nein! Ich weiß jetzt alles. Eine Frau will
-Ruhe und Ordnung in ihrem Glück haben &mdash; das ist so natürlich! Und du
-hast immer alles verbergen müssen, ich hab’ dich nie zur Ordnung in
-deinen Gefühlen, nie zur Ruhe kommen lassen; immer warst du gehetzt,
-immer bang, immer erregt! Ich sehe jetzt alles so deutlich, jetzt, da
-es zum Abschied geht; jetzt, da ich nicht mehr als ein paar armselige
-Stunden für dich habe, da ich, neben dir, an meine Stiefel, meinen
-Revolver und meine Koffer denken muß. Was macht denn der Junge, Kind?
-Auch den hast du hergeben müssen, alles, alles ist dir genommen worden!“</p>
-
-<p>Das letzte sagte er in der guten, herzlichen Weise, die sie so oft an
-ihm bestrickt hatte.</p>
-
-<p>Der Mann auf dem Schemel erhob sich: „So, Herr!“</p>
-
-<p>Er sah sich die Arbeit an. „Kostet?“</p>
-
-<p>Ein unverschämter Preis wurde genannt.</p>
-
-<p>„Auch in solcher Zeit wird die Not ausgenützt!“</p>
-
-<p>Er warf ihm das Geld auf den Tisch. Er nahm ihm die Tasche aus der Hand
-&mdash; die Treppen hinunter und wieder ins Auto.</p>
-
-<p>„Immer habe ich gewünscht, es möchte einmal ein Ereignis kommen, daß
-alles in der Welt auf den Kopf stellt. Ich weiß nicht, warum. Ich muß
-wohl zu jenen unglückseligen Naturen gehören, die das Gleichmaß des
-Lebens nicht ertragen können, und hab’ mir eingeredet, auch dich könnte
-ich nicht für immer ertragen. Kind, warum hast du das so hingenommen?
-Warum hast du dich nicht aufgelehnt? Du hast mich mit einem
-Glorienschein umgeben, weil ich ein paar lesbare Bücher geschrieben
-habe.<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">&ndash;&nbsp;47&nbsp;&ndash;</a></span> Daß ich als Mensch nichts anderes als ein grausamer Egoist war,
-das hast du dir nicht eingestehen wollen.“</p>
-
-<p>„Ich hab’ dich geliebt und war glücklich durch dich, das wog mir das,
-was ich entbehren mußte, auf.“</p>
-
-<p>Aber die Verzweiflung fraß an ihm.</p>
-
-<p>„Du bist so grenzenlos, so ganz unverantwortlich weich, Kind! Wie soll
-das werden, wenn du nun ganz einsam sein wirst? Wirst du das überhaupt
-ertragen, Maria?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte sie, und fühlte doch ihre Seele in namenloser Schwäche
-erschauern.</p>
-
-<p>„Komm, nicht mehr sprechen!“</p>
-
-<p>Stopp!</p>
-
-<p>Irgendwo in einer stillen Straße hielten sie. Da war der Schuster, der
-noch die Stiefel übernommen hatte.</p>
-
-<p>„Bleib’ sitzen diesmal, Kind. Wenn ich warten muß, hol’ ich dich.“</p>
-
-<p>Der Kopf schmerzte, die Schläfen hämmerten; das Herz schrie: ‚Ich kann
-es nicht ertragen &mdash; kann nicht!‘</p>
-
-<p>Die Stiefel in der Hand kam er zurück. „Gott sei Dank!“</p>
-
-<p>Wieder eine andere Adresse. „Den Revolver muß ich noch haben; das
-andere lassen wir. Ein paar Medikamente bekommt man zur Not auch in der
-Kaserne.“</p>
-
-<p>Er war blaß und nervös.</p>
-
-<p>„Sag’ jetzt gar nichts mehr, Maria! Alles Sprechen ist sinnlos! Nein,
-so geht’s auch nicht; ich muß noch vieles wissen. Wo wirst du leben,
-wenn du nun so ganz einsam bist? Ganz allein in der Wohnung, das geht
-nicht; bei Verwandten unterkriechen, liegt dir nicht. Also wo?“</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht. Laß! Das ist ja auch gleichgültig!“</p>
-
-<p>„Aber es quält mich! Ich muß doch an dich denken<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">&ndash;&nbsp;48&nbsp;&ndash;</a></span> können; ich meine, in
-einer bestimmten Umgebung muß ich mir dich denken können.“</p>
-
-<p>Die Gedanken waren wieder bei einem anderen Punkt: „Wenn ich
-wiederkomme, Maria, bin ich ein anderer. Dann werfe ich alle meine
-Philosophie über Bord, dann bist du einfach meine Frau.“</p>
-
-<p>Sie sagte nichts. Sie sah plötzlich die im Silberglanz des Mondes
-sitzende Großmutter vor sich, die die Karten durch ihre Hände gleiten
-ließ und ausrief: „Du hältst es doch nicht mit einem, Kind, der dich
-nicht heiraten will?“</p>
-
-<p>Schrecklich, so etwas in banalen Worten von einem resoluten und
-praktischen Menschen, der nur gerade Wege kennt, aussprechen zu hören.</p>
-
-<p>Tiefes, bitteres Leid war in ihr.</p>
-
-<p>„Ich hab’ dich über alles in der Welt lieb,“ sagte sie, um sich selbst
-zu beruhigen.</p>
-
-<p>„Ich weiß, ich weiß!“</p>
-
-<p>„Und ganz ohne Stolz, ganz ohne Klugheit &mdash; so wie man es heute
-überhaupt nicht mehr findet.“</p>
-
-<p>„Ach, wenn du doch wie andere Frauen ängstlich und berechnend gewesen
-wärest! Die Weltklugen siegen natürlich! Dich aber werden sie
-zertrampeln, wenn ich nicht wiederkomme!“</p>
-
-<p>„Laß, laß! Ich bin nicht so schwach, wie du denkst.“</p>
-
-<p>„Doch, entsetzlich schwach &mdash; eben, weil du so namenlos lieben kannst.
-Ich weiß es &mdash; weiß es besser als du selbst.“</p>
-
-<p>Der Revolver war nicht fertig, das brachte ihn ganz außer sich.</p>
-
-<p>„Ich weiß nur einen Weg; ich muß zu Büttner gehen. Der zieht erst
-nächste Woche hinaus, der gibt mir seine Pistole. Aber die Zeit &mdash;
-unsere paar armseligen Stunden<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">&ndash;&nbsp;49&nbsp;&ndash;</a></span> schmelzen zusammen!“ Er sah auf die
-Uhr: „Halb elf schon, eine halbe Stunde geht darauf bis zu Büttner, der
-am anderen Ende der Welt wohnt; dann zur Kaserne, damit der Bursche
-packen kann, und dabei bin ich schwach vor Hunger.“</p>
-
-<p>Er hielt sie im Arm und sagte nichts mehr.</p>
-
-<p>Um seinen Mund lief ein Zucken, die Augen sahen in die Ferne. „Ich
-wollte, es wäre morgen. Ich kann nicht mitansehen, wie du dir selbst
-etwas von Stärke und Mut vorlügst.“</p>
-
-<p>Der Kamerad gab seinen Revolver ohne weiteres.</p>
-
-<p>„Nun hinaus zur Kaserne. Schofför, so schnell wie irgend möglich!“</p>
-
-<p>Mitternacht nahe.</p>
-
-<p>„Bist du froh, daß das Jungchen mit will? Ich hätte es ihm nicht
-zugetraut. So eine schmale Brust und so ein Muttersöhnchen! Der soll
-in ein paar Wochen gegen die Russen gehen! Grüß ihn von mir! Sag’ ihm
-meine Hochachtung! Wie hat sich die Welt verändert in diesen paar
-Tagen! Man hat es ja immer gewünscht, daß die Luft rein wurde. Man hat
-auch geglaubt, in dem Augenblick, da es einmal eintrete, ganz Flamme,
-ganz Begeisterung zu sein, und bleibt dann doch an sich selber hängen,
-statt im Großen aufzugehen. Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich um
-dich gräme!“</p>
-
-<p>„Tue es nicht!“</p>
-
-<p>Aber sie weinte an seiner Brust und sagte in jammervollem Ton: „Ich bin
-nicht schwach, ich bin wirklich nicht so schwach, wie du denkst.“</p>
-
-<p>Die Kaserne war erreicht. „Hier mußt du nun eine gute Viertelstunde auf
-mich warten.“</p>
-
-<p>Da sah sie alles um sich herum in krasser, entsetz<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">&ndash;&nbsp;50&nbsp;&ndash;</a></span>licher
-Trostlosigkeit. Die ganze Welt in furchtbarer Disharmonie; die ganze
-Welt voll blutender, zerrissener Herzen, Barbarei, Vernichtung, Greuel
-und Entsetzen; wo war das Große, das Erhebende, das der Krieg bringen
-sollte?</p>
-
-<p>Ach nein, nur die Nacht, nur der Abschied machten schwach und klein;
-sobald der bittere persönlichste Schmerz überwunden war, mußte eine
-jede sich zu der Größe aufraffen können, die diese blutige Zeit
-erfordert. Jetzt aber barg sie das Gesicht in den Händen, jetzt wollte
-der heiße Schmerz sie ersticken. Der Mann und der Junge! Die beiden
-Pole ihres Lebens!</p>
-
-<p>Dann war er wieder bei ihr und zog sie in seine Arme. „Zwei Stunden
-noch für uns! &mdash; &mdash; Komm, sei gut, sei gut! Sag’ mir noch einmal,
-daß du mich geliebt hast! Denk’, wir ständen beide vor der letzten
-Stunde unseres Lebens und wollten in diese Stunde noch einmal alles
-hineinpressen, was wir uns zu geben haben. &mdash; &mdash;“</p>
-
-<p>Als das erste zaghafte Morgenlicht mit der Dämmerung kämpfte, stand sie
-im grauen, endlosen Kasernenhof neben ihm. Steil ragten die Mauern in
-die Höhe &mdash; beklemmend, düster, dräuend. Aus Türen und Toren quollen
-Menschen. Unermeßliche Scharen von Menschen.</p>
-
-<p>Schauernd stand sie an seiner Seite. Die grauen Massen ordneten
-sich zu Zügen. Kommandorufe erschallten! Abzählen &mdash; aus der Ferne
-Pferdegetrappel. Von hinten her wurden gewaltige Munitionswagen
-sichtbar.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde verging, Namen wurden verlesen, Befehle ausgerufen;
-dann eine Ansprache &mdash; kurz, wuchtig! Und Bewegung kam in die Reihen.</p>
-
-<p>„Leb’ wohl!“</p>
-
-<p>Der ihr zur Seite gestanden hatte, preßte sie noch<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">&ndash;&nbsp;51&nbsp;&ndash;</a></span> einmal in die Arme.
-Drüben wartete der Bursche und hielt ihm das Pferd.</p>
-
-<p>„Leb’ wohl!“ Er saß auf, winkte noch einmal und ritt denen, zu welchen
-er gehörte, zur Seite, zum großen Tor hinaus.</p>
-
-<p>Sie lehnte an einer Wand; sie sah die letzten Züge vorbeimarschieren &mdash;
-die Furage- und Munitionswagen folgten &mdash; ihnen schlich sie nach.</p>
-
-<p>Irgendwie fand sie zu der Wohnung, die sie mit ihrem Jungchen all die
-Jahre innegehabt hatte. Ging durch die leeren Zimmer und sah auf dem
-Schreibtisch eine Karte liegen, die die Portiersfrau hingelegt haben
-mochte.</p>
-
-<p>„Liebe Mutter! Wenn du mich hier besuchen willst, so komm, bitte. Ich
-habe ein wenig Heimweh nach dir.“</p>
-
-<p>Da &mdash; mit einem Schlag alles verblaßt, alles vorbei, was sie so tief
-erregt, was soeben noch heißer, brennender Schmerz gewesen war.</p>
-
-<p>Wie wenn eine leise, müde Musik von einem brausenden Orchester übertönt
-würde.</p>
-
-<p>Der Junge rief, der Junge brauchte sie! Ihr armer, kleiner, zarter
-Junge hatte Heimweh nach der Mutter.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Sie hatten ihn oft den Philosophen oder den Professor genannt; ob mit
-Recht oder mit Unrecht, das lag nicht klar.</p>
-
-<p>So ein Bub von sechzehn, siebzehn und achtzehn Jahren, der von Natur
-still und im Äußern noch wenig ansehnlich ist, vergräbt sich oft in
-sich selbst, nur weil er den rechten Ton zur Außenwelt nicht findet,
-weil er<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">&ndash;&nbsp;52&nbsp;&ndash;</a></span> schüchtern ist und den Bann, der ihn umfangen hält, nicht zu
-brechen versteht.</p>
-
-<p>Und solch eine Jungenseele ist oft so feingestimmt wie das zarteste
-Saiteninstrument. Alles bewegt ihn &mdash; beängstigt ihn &mdash; bringt ihn
-aus der Fassung. Überall wittert er Mißachtung, Hochmut, Spott. Es
-braucht nur ein Erwachsener, ohne irgend etwas dabei zu denken, solch
-blutjungen, kindlich aussehenden Menschen bei der Unterhaltung zu
-übersehen &mdash; irgend jemand kann vergessen, ihm beim Abschied die Hand
-zu reichen &mdash; gleich ist der Aufruhr da, gleich sagt sich so ein
-aufbrausender Kopf: ‚Ich bin überflüssig &mdash; ich bin ausgestoßen; es hat
-gar keinen Zweck, daß ich lebe. Ich werde ewig mir und anderen zur Last
-sein!‘</p>
-
-<p>Und die Augen werden überernst, um den Mund kommt ein Zug, der etwas
-Überlegenes hat und doch nur ein kindlicher Schmerz und Trotz ist. So
-ein Bub mit schlechter Haltung, blassen Farben, tiefernsten Augen und
-leicht ironischem Lächeln wird dann von irgend jemand eintaxiert! Man
-will vielleicht der Mutter, weil man mit dem besten Willen von so einem
-armen, halbflüggen Kerl nicht sagen kann: ‚Welch reizender Junge,‘
-einen Trost geben und sagt: ‚Ihr Junge hat was Bedeutendes &mdash; ein
-Philosoph &mdash; ein Professor! Sie werden sehen, es wird einmal etwas ganz
-Außergewöhnliches aus ihm werden!‘</p>
-
-<p>Und die Mutter, die ein wenig verzweifelt über den unansehnlichen, in
-sich gekehrten, seinen Stimmungen unterworfenen Jungen ist, nimmt so
-eine Prophezeiung gierig und mit tausend Freuden in ihrem Herzen auf
-und redet sich ein: ‚Natürlich wird er etwas Außergewöhnliches werden!‘
-und denkt an den Werdegang vieler großer, bedeutender<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">&ndash;&nbsp;53&nbsp;&ndash;</a></span> Männer, die in
-ihrer Jugend bleicher, einförmiger und stiller gewesen sind, als ihre
-Kameraden.</p>
-
-<p>Wie dem auch sei, das Jungchen &mdash; Ernst ward er genannt &mdash; war wirklich
-etwas schwer und ernst und für seine Jahre zu trocken gewesen. Die
-Schule, der Zwang, sich zu einem Beruf zu entschließen, obwohl es von
-jedem einzelnen Beruf hieß, er sei überfüllt, und irgendein dunkles,
-unbewußtes Drängen und Sehnen in ihm mochten ihn niedergedrückt haben.
-Und das Schlußexamen, das Abiturium, das von Jahr zu Jahr schwerer
-gestaltet werden sollte, um nur die ganz Befähigten noch zum Studium
-durchzulassen, mochte ihn auch quälen.</p>
-
-<p>‚Die Blödesten, die überhaupt nicht denken, die aber frech und gerissen
-sind, kommen natürlich immer durch,‘ hatte er einmal der Mutter gesagt
-und damit seine Angst verraten und sie selbst unsicher gemacht.</p>
-
-<p>Ja, wenn der Bub Pech haben sollte und sein Abitur nicht bestand, dann
-war wirklich alles verloren &mdash; dann würde sie selbst nicht wissen, was
-sie aus ihm machen sollte.</p>
-
-<p>Sie lief zu seinem Lehrer, und der lachte sie aus. „Wenn ihr Junge
-nicht besteht, dann müßte die ganze Gesellschaft durchs Examen sausen!“</p>
-
-<p>Das sagte sie ihm und sah ein freudiges Lächeln in seinem Gesicht, das
-ihn verschönte. Aber die Unsicherheit kehrte doch zu ihm zurück.</p>
-
-<p>„Und wenn ich’s wirklich glänzend bestehe, Mutter, so oft ich darüber
-nachdenke, wie alles in der Welt überfüllt ist, wie für jeden Beruf
-Tausende da sind, die einfach entbehrt werden könnten, dann will mir
-doch alles zwecklos erscheinen!“</p>
-
-<p>Das verstand sie! Der arme Kerl litt darunter, das<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">&ndash;&nbsp;54&nbsp;&ndash;</a></span> nicht irgendwo ein
-Platz war, von dem es hieß: hier gehörst du hin! hier braucht man dich!
-hier würde eine Lücke sein, wenn du sie nicht ausfülltest!</p>
-
-<p>Darunter litt die ganze heutige Jugend, sofern sie nicht keck und
-selbstbewußt oder mit reichen äußeren Mitteln ausgestattet war.</p>
-
-<p>Und wenn sie in bangen Stunden an seine Zukunft dachte, so war es ihr,
-als mache er den Versuch, auf winzigem Kahn zwischen großen, starken
-Schiffen hindurch ins weite Weltmeer hinauszusegeln, bis dann wieder
-die glücklichen Zeiten kamen, in denen sie überzeugt war, daß er ein
-Überflieger, ein Auserwählter war, der seinen ganz besonderen Weg
-machen würde.</p>
-
-<p>Der kleine, ernste, schmächtige Ernst von Hiller hatte sich wirklich
-mit etwas zu geringem Selbstvertrauen dem geheimnisvollen, großen
-Leben, in das er nun bald eintreten sollte, genähert. Bis dann
-plötzlich die Tore für ihn und alle, die seinesgleichen waren,
-sperrangelweit aufsprangen, bis mit einem Schlage die große, weite Welt
-in ganz anderer Beleuchtung vor ihm lag.</p>
-
-<p>Auf einmal hieß es in Deutschland: Wir brauchen euch alle! Wer nicht
-ganz schwach, nicht ganz unfähig ist, der komme und halte sich bereit,
-für Deutschlands Ehre zu kämpfen. Alle, die ihr gestern noch Kinder und
-Knaben war’t, heute müßt ihr Männer sein!</p>
-
-<p>Und so, wie es verlangt wurde, so war es. Wie ein zu eng gewordenes
-Kleid warfen sie die Kindheit ab, waren befreit aus dumpfem, haltlosem
-Irren, aus tausend Ängsten und Grübeleien.</p>
-
-<p>Man braucht uns, man braucht uns!</p>
-
-<p>Ein einziger Jubel im ganzen jungen deutschen Volke! Eine
-bebende Seligkeit, das jauchzende Bewußtsein, plötzlich<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">&ndash;&nbsp;55&nbsp;&ndash;</a></span> aus der
-Überflüssigkeit zu etwas Notwendigem geworden zu sein.</p>
-
-<p>Und dann Schlag auf Schlag &mdash; alles so brausend schnell, wie es die
-Jugend liebt. &mdash; Heute von der Reise zurück &mdash; morgen das Examen mit
-Rührung und Hochachtung von Seiten der bisher gefürchteten Vorgesetzten.</p>
-
-<p>Alles fiel einem in den Schoß. Segenswünsche &mdash; überschwengliches Lob
-&mdash; Bewunderung! Die Alten stellten die jüngste Jugend plötzlich auf ein
-hohes Podest und sahen zu ihr auf.</p>
-
-<p>„Ihr zieht aus! Ihr kämpft für uns! Gesegnete Jünglinge! Gottbegnadete
-Menschen, die ihr eure erste Jugend so glorreich betätigen dürft!“</p>
-
-<p>Wie das weckte! Wie das emporriß! Wie so ein blasses, schüchternes
-Jungengesicht da Farbe und Feuer erhielt.</p>
-
-<p>Alles vergessen, was noch vor Tagen der Inhalt des Lebens gewesen
-war &mdash; draußen, jenseits der Grenze wurden schon blutige Schlachten
-geschlagen &mdash; und man war noch nicht dabei, man lief noch in seinen
-Zivilkleidern herum und suchte, suchte, suchte!</p>
-
-<p>Ernst Hiller lief mit zwei Freunden durch Berlin. Das
-Abiturientenzeugnis und die schriftliche Erlaubnis der Mutter, mittun
-zu dürfen, trug er in der Tasche.</p>
-
-<p>Von Kaserne zu Kaserne liefen sie. Ganz gleichgültig, bei welchem
-Regiment, gleichgültig, ob zu Fuß, ob zu Pferd. Nur schnell sollte es
-gehen &mdash; schnell, schnell, schnell!</p>
-
-<p>Aber zu Tausenden standen sie auf den Kasernenhöfen umher &mdash; Stunden
-und Stunden standen sie, um dann plötzlich zu hören, daß hier der
-Bedarf gedeckt sei.</p>
-
-<p>Weiter &mdash; weiter! Und standen wieder unter Tausenden<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">&ndash;&nbsp;56&nbsp;&ndash;</a></span> &mdash; standen in
-sengender Sonnenhitze, standen mit leerem Magen und spürten den Hunger
-nicht. Nur genommen werden &mdash; nur erst Sicherheit haben &mdash; nur nicht
-nach Hause müssen und sagen: „Ich habe nichts erreicht!“ &mdash; Sie dachten
-auch gar nicht daran, daß das gar nicht ging, daß das einfach ein Ding
-der Unmöglichkeit war, unter Tausenden und aber Tausenden gleich an
-erster Stelle herausgefischt zu werden.</p>
-
-<p>Gedrückt, müd’, enttäuscht kehrte Ernst am ersten Tag zur Mutter
-zurück. „Morgen wollen wir um fünf Uhr früh anfangen!“ sagte er. „Nur
-wer gleich zu Beginn da ist, hat Aussicht, daranzukommen!“</p>
-
-<p>Er aß mit abwesenden Gedanken &mdash; eine große bange Frage lag in seinen
-Augen.</p>
-
-<p>„Laß mich noch ausgehen, Mutter! Ich halt’s nicht aus!“ Und war fort,
-ehe sie ihn halten konnte, ehe sie fragen konnte, wohin.</p>
-
-<p>Am späten Abend rief er sie in sein Zimmer. Jacke und Weste ausgezogen,
-das Hemd von der Brust heruntergestreift. „Ob sie mich nehmen, Mutter?
-Sie suchen erst die Kräftigsten heraus. Hol’ ein Zentimetermaß, bitte,
-und miß, wieviel Brustweite ich habe!“ So ein schmales, zartes Kerlchen
-stand vor ihr. Zitternd legte er sich das Maß um den Rücken und zog es
-eng über der Brust zusammen.</p>
-
-<p>Dann atmete er tief. „So, nun miß noch einmal!“</p>
-
-<p>Und dann strahlte das Gesicht. Es reichte &mdash; &mdash; er war stark genug &mdash;
-sie durften ihn nicht abweisen.</p>
-
-<p>„Stell mir den Wecker neben das Bett, Mutter. Gute Nacht!“ Drehte sich
-um und war auch schon im tiefsten Schlaf.</p>
-
-<p>Wieviele Mütter mögen in jenen ersten Nächten am<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">&ndash;&nbsp;57&nbsp;&ndash;</a></span> Bett ihres Jungen
-gesessen und fassungslos in das junge, weiche Gesicht geschaut haben.
-Und wieviel Kämpfe mögen da ausgefochten worden sein. Verzweifelte
-Kämpfe zwischen Stolz und namenloser Schwäche, zwischen hellem Ehrgeiz
-und tiefstem Jammer.</p>
-
-<p>Es war da plötzlich eine unsichtbare Macht in die Welt gekommen,
-die riß die, welche zusammengehörten, auseinander &mdash; machte aus dem
-kindlichsten Buben einen Menschen, der ganz genau wußte, was er zu tun
-hatte, der nicht mehr nach rechts und nach links schaute, der im Fieber
-auf die Erfüllung des einen, großen, heiligen Wunsches wartete: „Nehmt
-mich! Nehmt mich! Stoßt mich nicht aus!“</p>
-
-<p>Und der glühende Wunsch, der da im schlafenden Buben lebte, teilte
-sich der, die neben ihm saß, die durch ein einsames Leben mit dem Kind
-an der Hand gegangen war, mit und gab ihr Stolz und Kraft. „Mag dein
-Wunsch sich erfüllen &mdash; mein Jung &mdash; &mdash;“ und küßte die hohe, reine
-Stirn, die das Schönste an diesem schmalen Knabengesicht war.</p>
-
-<p>Dann noch ein Tag der Enttäuschung &mdash; noch ein Tag, an dem die irre
-Angst in den dunklen Augen lebte. &mdash; „Ich ertrag’ es nicht, wenn sie
-mich nicht nehmen!“ Und kein Trost, keine Ermutigung wollte helfen.</p>
-
-<p>Am dritten Tage aber kommt er heim, das Gesicht wie mit Glanz
-übergossen, holt einen Fahrschein, der ihm im Kriegsministerium
-ausgestellt worden ist, aus der Tasche und jubelt: „Morgen fahren wir.
-In der Altmark beim Husarenregiment brauchen sie Freiwillige, die
-nicht über hundertdreißig Pfund wiegen. Pack mir das Notwendigste ein,
-Mutter! Bevor ich eintrete, werde ich ja noch einmal zurückkommen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">&ndash;&nbsp;58&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>War das noch Ernst Hiller, der sich nichts zugetraut hatte? War das
-noch der ernste Junge, der Philosoph, der Professor, der Grübler, der
-jugendliche Weltverachter?</p>
-
-<p>Nein! Das ganze Leben, das vorangegangen war, war jetzt ein Blödsinn
-&mdash; eine Wertlosigkeit &mdash; oder wenn es schon einen Wert gehabt hatte,
-dann war es doch nur der, daß es vorbereitet hatte für das, was nun zu
-erfüllen <span class="nowrap">war. &mdash;</span></p>
-
-<p>Er hatte hundertzwanzig Mark in der Tasche, als er mit den zwei
-Freunden, die ebenso wie er nach der altmärkischen Garnisonstadt
-wollten, das Auto zum Bahnhof bestieg.</p>
-
-<p>Die Zeit war so gewaltig und riß die Menschen zu ungeahnten Höhen; und
-Ernst Hiller war auf einem großen Weg, war bereit, Blut und Leben für
-Deutschlands Ehre darzubieten &mdash; &mdash; aber die hundertundzwanzig Mark in
-seiner Tasche war doch etwas, was ihn ganz kolossal erhob und ihm eine
-ungeheure Zuversicht für das, was kommen würde, gab.</p>
-
-<p>„Leb’ wohl, Mutter! In zwei Tagen bin ich wieder da &mdash; dann nehmen
-wir richtigen Abschied!“ Sprang die Treppe hinab, grüßte noch einmal
-herauf, und fort ging es.</p>
-
-<p>Am Bahnhof großes Durcheinander &mdash; der siebente Mobilmachungstag, und
-die Beamten wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht.</p>
-
-<p>Die drei Jungen aber haben ihren Fahrschein vom Kriegsministerium; man
-darf sie nicht zurückschieben. Sie haben sich zu stellen und müssen
-befördert werden. Und sie warten geduldig in der heißen Halle, warten
-Stunde auf Stunde, so wie sie die Tage zuvor in der Kaserne gewartet
-haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">&ndash;&nbsp;59&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Endlich dürfen sie durch &mdash; die Menschen quellen durch die geöffnete
-Sperre, werden von Schutzleuten angehalten &mdash; in Reihen gestellt und zu
-den Abteilen geführt.</p>
-
-<p>Die drei sitzen in der vierten Klasse &mdash; sitzen und stehen in dem immer
-voller werdenden Raum. Aber keiner schimpft über das Gedränge, keines
-einzigen Miene verzieht sich in Ärger, wenn immer Neue hereinquellen.</p>
-
-<p>Sie lachen &mdash; sie reißen Witze &mdash; sie sind alle aufgeregt; ein jeder,
-der hier im Wagen sitzt, macht heute eine Fahrt, die man nur einmal im
-Leben macht.</p>
-
-<p>Der größte Teil der Fahrenden ist schon in feldgraue Uniform gekleidet;
-die anderen haben eine Binde um den Arm und einen Packen oder Karton an
-der Hand. Jeder weiß genau, wo seine Stelle ist. Und da sind so viel
-große und kräftige Gestalten, Männer mit gewaltigen Brustkasten und
-eisernen Fäusten und mächtigen Stimmen. Denn in dem Augenblick, in dem
-der Zug sich in Bewegung setzt, fangen sie an zu singen, alle wie auf
-Verabredung das eine Lied:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Es braust ein Ruf wie Donnerhall &mdash;</div>
- <div class="verse">Wie Schwertgeklirr und Wogenprall! ...</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>‚Die Wacht am Rhein!‘ Was anderes sollen sie singen, denn die
-Feldgrauen fahren direkt über den Rhein &mdash; &mdash; die anderen werden
-unterwegs in ihren Garnisonen abgesetzt.</p>
-
-<p>„Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“ Und wie Ernst Hiller das Lied aus
-diesen mächtigen Kehlen schallen hört, wie er diese breiten Männer mit
-den gewaltigen Brustbreiten und den derben Fäusten rund um sich herum
-sieht, da kriecht wieder die zermalmende Angst an ihm in die Höhe und
-frißt sich in seine Seele ein: ‚Wenn sie<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">&ndash;&nbsp;60&nbsp;&ndash;</a></span> mich nun doch nicht nehmen!
-Wenn ich doch zu schwach, zu schmal sein sollte?‘</p>
-
-<p>Und es ist, als ob die Welt sich vor ihm verfinstere, als ob die Sonne,
-die heiß und leuchtend am Himmel steht, nur für die anderen da sei
-&mdash; für ihn nicht &mdash; denn, wenn er zu schwach befunden, wenn er nicht
-genommen wird, dann mag er nicht mehr leben &mdash; dann hat das Leben
-keinen Sinn für ihn mehr.</p>
-
-<p>Die kindliche Freude an dem Vermögen, das er bei sich trägt, die
-Begeisterung, die jubelnde Zuversicht &mdash; alles ist fort. Die Augen
-wieder tiefernst, um den Mund der alte überlegene Zug, der den Schmerz
-verbergen soll, und Ernst Hiller ist inmitten dieser lebensprühenden,
-heißen, beflügelten Reisegesellschaft wieder der, den sie den
-Philosophen, den Professor, den Grübler nannten.</p>
-
-<p>Aber nicht lange dauert diese Unterwerfung unter eine bange
-Vorstellung. Irgendein Feldgrauer, ein älterer schon, auf den man sich
-verlassen kann, hat an ihn und die zwei Freunde die Frage gerichtet:</p>
-
-<p>„Freiwillige, was? Wo wollen Sie sich stellen?“</p>
-
-<p>Und die drei antworten wie aus einem Mund: „Bei den Husaren!“ Und Ernst
-Hiller fügt, ohne den Willen dazu zu haben, die Frage an: „Hat man
-Aussicht, angenommen zu werden?“</p>
-
-<p>„Totsicher!“ sagte der Mann, „Sie sind ja gesunde, kräftige Menschen.“</p>
-
-<p>Zum Donnerwetter, ja &mdash; wer hatte ihm denn eigentlich zeit seines
-Lebens eingeredet, daß er zart und schwach sei?</p>
-
-<p>Die Mutter natürlich. So ein Blödsinn &mdash; und weil sie das immer
-wiederholte, weil sie immerfort in Sorgen um seine Gesundheit gewesen
-war, hatte er es eben als<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">&ndash;&nbsp;61&nbsp;&ndash;</a></span> Tatsache hingenommen, daß er ein zarter,
-schwächlicher Junge sei, der Schonung bedürfte.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick war er ärgerlich auf die Mutter. Trotz aller ihrer
-Liebe und Fürsorge &mdash; es wäre vielleicht besser gewesen, sie hätte
-auf Großmutter gehört und hätte ihn mit elf Jahren ins Kadettenkorps
-gesteckt, dann wäre er jetzt Offizier und stände schon irgendwo in der
-Front.</p>
-
-<p>War das eine Fahrerei heute! Schneckengleich kroch der Zug dahin und
-alle Viertelstunde eine Station oder auch nur Anhalten im freien Feld!</p>
-
-<p>Und das Herz schlug einen so schnellen Takt; man wollte so gern am Ziel
-sein &mdash; so gern den Ort sehen, in dem das Schicksal sich entscheiden
-sollte.</p>
-
-<p>An den Bahnhöfen stürzten junge Mädchen mit großen weißen Schürzen an
-die Züge heran; sie trugen Körbe mit Brot und große Blechkannen mit
-Kaffee für die Soldaten.</p>
-
-<p>„Das sind alles feine junge Damen!“ sagte einer von Ernsts Freunden und
-reckt die Hand aus.</p>
-
-<p>„Fräulein &mdash; wir sind auch Soldaten &mdash; &mdash; &mdash; Hiller, laß dir auch was
-geben!“ Aber Ernst Hiller wandte sich ab, und sein Jungengesicht war
-rot geworden.</p>
-
-<p>„Ich bin ja noch kein Soldat!“ und die Angst wollte sich wieder regen.
-Jedoch Kaffee, Brot und Zigarren hatten eine frohe Stimmung in der
-Reisegesellschaft geweckt. Sie sangen wieder &mdash; einer hatte eine
-Ziehharmonika und begleitete &mdash; sie sangen ohne Aufhören, bis die
-Kehlen heiser waren, bis sie keine Lieder mehr wußten.</p>
-
-<p>„Heute sind wir die Herren der Welt!“ schrie ein Feldgrauer. „Heute
-tausche ich mit keinem Millionär!“</p>
-
-<p>Der kleine Hiller sah bewundernd zu ihm auf. Wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">&ndash;&nbsp;62&nbsp;&ndash;</a></span> er doch auch erst
-so weit wäre! Übermorgen in Belgien! Bei ihnen kam, wenn sie wirklich
-angenommen wurden, erst noch der lange Drill, und wer weiß, wie weit
-der Krieg schon vorgeschritten war, wenn sie endlich ausrückten.</p>
-
-<p>Verdammt, daß er sich in den Kopf gesetzt hatte, zu studieren. Er
-stammte aus einer Soldatenfamilie und fühlte nun plötzlich, daß auch er
-Soldatenblut in sich trug.</p>
-
-<p>Offizier könnte er sein, wenn er’s gewollt hätte &mdash; und mußte nun
-abwarten, ob sie ihn überhaupt als Freiwilligen nahmen.</p>
-
-<p>Flach und reizlos war die Landschaft, durch die sie fuhren; aber reich
-und fruchtbar war sie auch &mdash; &mdash; auf den grünen Weiden buntgeschecktes,
-mächtiges Vieh und an beiden Seiten der Wege Bäume, die sich unter der
-Last der Früchte beugten.</p>
-
-<p>Die Sonne sank glührot immer tiefer hinab. Wie ein feuriger Ball
-schwebte sie eine Weile dicht über der Erde; dann mit einmal war sie
-fort, und der Himmel, der sich wundervoll hoch und blau gewölbt hatte,
-schien auch näher zur Erde herabzukommen und ward grau und fahl, und
-die ganze Welt schien plötzlich stiller und trauriger zu werden.</p>
-
-<p>Es dunkelte, als die drei mit ihren Taschen sich zum Aussteigen
-rüsteten. „Glück auf!“ riefen ihnen die Soldaten aus dem Zug nach. „Auf
-Wiedersehen in Paris!“</p>
-
-<p>Sie schwenkten ihre Mützen, „Hurrah!“ Und dann kam eine selige
-Freiheitsstimmung über die drei Kerle; kein Mensch in der Welt hatte
-ihnen jetzt etwas zu sagen. Sie standen hier auf dem Bahnhof einer
-fremden Stadt, hatten ein gefülltes Portemonnaie in der Tasche &mdash;
-konnten tun und lassen, was sie wollten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">&ndash;&nbsp;63&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Frei! Frei! Frei! Kein Pauker ging sie mehr was an. Nein &mdash; sie waren
-mit einem Schlag viel mehr als ihre früheren Pauker geworden &mdash; das
-hatten die ihnen ja selbst gesagt. Und alle Frauen vergötterten sie,
-alles faßte sie mit Glacéhandschuhen an. Wenn sie nur erst in ihrer
-Uniform steckten!</p>
-
-<p>„Da steht einer!“ Und sie sahen bewundernd auf einen graugelben
-Husaren, der, den Karabiner über der Schulter, unbeweglich dastand.</p>
-
-<p>„Na &mdash; nu los!“ Und durchs Bahnhofgebäude durch auf den Vorplatz des
-Bahnhofs.</p>
-
-<p>Da stand eine Pferdebahn &mdash; eine richtiggehende Pferdebahn, mit einem
-alten Klepper bespannt.</p>
-
-<p>Na, die Pferdebahn mochten sie nicht; sie nahmen sich einen Wagen.
-„Gasthof ‚Zum Schwan‘, das ist doch das beste Hotel am Ort?“</p>
-
-<p>Der Kutscher winkte, und sie rasselten in die schon dunkel werdende
-Stadt hinein. Der ‚Schwan‘ lag an einem großen Platz; Rathaus und
-Kirche, zwei uralte Bauten, warfen riesenhafte Schatten. Man konnte die
-goldenen Lettern am Hotel kaum erkennen.</p>
-
-<p>„Ist das wirklich das beste Hotel am Ort?“ fragte einer von den drei
-noch einmal mißtrauisch zum Kutscher hinauf, und der nickte wieder.</p>
-
-<p>„Alle Herren Offiziere steigen hier ab.“ Und da sprangen denn auch die
-drei aus dem Wagen, zahlten und gingen durch die große Einfahrt des
-altmodischen Hauses bis zu einer kleinen Seitentreppe hin.</p>
-
-<p>Ein Kellner fragte nach ihrem Begehr.</p>
-
-<p>„Drei Zimmer!“</p>
-
-<p>„Erster oder zweiter Stock?“</p>
-
-<p>„Gleichgültig!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">&ndash;&nbsp;64&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Sie ließen sich drei geräumige Zimmer geben. Preis war Nebensache.
-Die Hände gewaschen und hinunter in den Speisesaal; sie waren hungrig
-geworden.</p>
-
-<p>Seltsam, das hätte man gar nicht denken sollen, daß in diesem von außen
-so altmodisch aussehenden Hotelchen ein so anständiger Speisesaal war.
-An zwei Wänden entlang ausgebaute Nischen, dicker Teppich auf dem Boden
-und erstklassige Beleuchtung.</p>
-
-<p>In ihren grauen und hellbraunen Sommeranzügen traten sie ein und sahen
-mit angenehmem Staunen ein buntes Bild. Gleich am ersten Tisch ein
-Infanterieoberst, der flüchtig aufblickte, als die drei eintraten. Und
-im übrigen fast nur graugelbe Husarenuniformen: zwei Offiziere, ein
-paar Junker und eine Anzahl Soldaten &mdash; Freiwillige oder Einjährige.</p>
-
-<p>Der Kellner, der ihnen ihre Zimmer angewiesen hatte, führte sie zu
-einem Tisch und reichte ihnen die Speisekarte. Sie bestellten mit
-der Freude der ganz Jungen, denen ein Absteigen im Hotel noch etwas
-Fremdes ist. Sie bestellten das Beste, was sie auf der Karte entdecken
-konnten, und ließen eine Flasche Wein kommen. So oft ein junger Husar
-den Saal betrat, blieb er erst, die Hacken zusammengeklappt, am Tisch
-des Infanterieobersten stehen, dann bei den zwei Offizieren, grüßte die
-Fahnenjunker und verschwand im Hintergrund.</p>
-
-<p>Die drei, die heute noch freie Leute waren, fühlten sich ein wenig
-beklommen. Heute noch ging kein Mensch in der Welt sie was an; heute
-konnten sie ruhig hier in nächster Nähe des Obersten sitzen, ihre
-Mahlzeit verzehren und ihren Wein trinken, konnten lachen und sich
-unterhalten, wie es ihnen beliebte. In ein paar Tagen aber, wenn sie
-Glück hatten, wenn sie angenommen wur<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">&ndash;&nbsp;65&nbsp;&ndash;</a></span>den, waren diese hier ihre
-Vorgesetzten, und sie würden sich wahrscheinlich wie die anderen
-Husaren ihren Platz in gemessener Entfernung suchen.</p>
-
-<p>Aber es war merkwürdig, auch jetzt fühlten sie sich schon gar nicht
-mehr ganz frei. Irgendwas lag wie ein leiser Druck auf ihnen. Sie
-sprachen mit gedämpfter Stimme und sprachen nur über Dinge, die jeder
-hören durfte. Eine Vorahnung kam in sie. Diese beiden Herren hier in
-der graugelben Husarenuniform waren vielleicht die, die morgen über
-sie zu entscheiden hatten, und Ernst Hiller senkte den Kopf und ward
-blutrot, als er bemerkte, daß einer der Offiziere scharf nach ihrem
-Tisch hinübersah.</p>
-
-<p>Der wußte natürlich längst, in welcher Eigenschaft sie in diese
-kleine Stadt und in dieses Hotel gekommen waren: ‚Freiwillige.‘ Wie
-anders sollten drei junge Burschen den Weg hierher gefunden haben?
-Sie waren sehr bescheiden geworden, sie aßen nicht ganz mit dem
-harmlos glücklichen Appetit, mit denen sie die guten Dinge, die ihnen
-gereicht wurden, vielleicht auf neutralerem Boden verzehrt haben
-würden. Sie tranken auch den Wein nur in zaghaften Zügen, zahlten und
-gingen hinaus, um draußen in der dunklen Einfahrt einen Seufzer der
-Erleichterung auszustoßen.</p>
-
-<p>Was nun? Erst neun Uhr! Da konnte man natürlich noch nicht zu Bett
-gehen.</p>
-
-<p>Also sah man sich das Nest, in das man gekommen war, mal an. Und mit
-dem Hochmut der geborenen Großstadtmenschen schlenderten sie über den
-Marktplatz mit seinen altmodischen Bauten, durch enge Gäßchen mit
-niedrigen bunten Häusern, um bald in die Hauptstraße, in der noch reges
-Leben herrschte, zu gelangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">&ndash;&nbsp;66&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Plakate und Extrablätter genau so wie in Berlin!</p>
-
-<p>Lüttich war genommen. Die Bonner Husaren hatten sich ausgezeichnet! Das
-war etwas für sie! Das trieb ihnen das Blut in die Wangen!</p>
-
-<p>Lüttich genommen! Wie das rasend schnell vorwärtsging! Vielleicht
-war in ein paar Wochen der ganze Krieg ausgefochten, und sie kamen
-überhaupt nicht mehr heraus. Ernst Hiller fühlte es wie Schmerz in
-sich aufsteigen. Die Straße zog sich lang und einförmig hin. „Verdammt
-langweilig, so ein Provinznest!“</p>
-
-<p>Aber da drüben auf der anderen Seite stand an einem unansehnlichen Haus
-die Aufschrift: ‚Wiener Café‘, und durch große Fensterscheiben strahlte
-Licht. Also da hinein! Irgend etwas mußte man doch noch unternehmen!</p>
-
-<p>Einen einzigen leeren Tisch noch gab’s im ganzen Lokal, und der stand
-etwas abseits in einer Ecke. Sie steuerten drauflos und fühlten
-sich hier sicherer als im Hotel, in nächster Nähe der zukünftigen
-Vorgesetzten.</p>
-
-<p>Sie ließen Kaffee und Kuchen kommen; Kuchen mit Schlagsahne und einen
-Likör. Eine kleine Kapelle spielte Vaterlandslieder, und wenn die
-‚Wacht am Rhein‘ oder ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ einsetzte,
-stand jeder von seinem Platz auf und sang mit. Es war heiß im Saal und
-die Luft vom Rauchen so dick, daß man auf zehn Schritte Entfernung
-niemandes Gesicht mehr unterscheiden konnte; aber es war schön. Das
-Blut geriet in Wallung &mdash; man fühlte die große, gewaltige Zeit, in der
-man lebte.</p>
-
-<p>Die drei waren jetzt wieder ganz frei geworden.</p>
-
-<p>Donnerwetter, ja, wenn man bedachte, daß die Schule jetzt für immer
-überwunden war! Überhaupt kein Zwang<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">&ndash;&nbsp;67&nbsp;&ndash;</a></span> mehr! Noch ein paar Wochen Drill
-und dann heraus! Donnerwetter!</p>
-
-<p>Ernst Hillers Gesicht leuchtete. Seit er hier in diesem verräucherten
-Lokal mit der lauten, hinreißenden Musik und den vielen begeisterten
-Menschen saß, seit er diese heißen, schönen Lieder im gewaltigen Chor
-erbrausen hörte, war er wieder ganz sicher geworden. Sie nahmen ihn
-selbstverständlich! Morgen oder übermorgen stak er in der graugrünen
-Uniform, und in ein paar Wochen stand er draußen im Felde.</p>
-
-<p>Irgendwo knallten Sektpfropfen, und ein Kellner war an ihren Tisch
-getreten.</p>
-
-<p>„Die Herren befehlen noch etwas?“ Und die drei sahen sich an, dachten
-an den blauen Schein, den sie in der Tasche trugen, einigten sich stumm
-und schnell; schon stand der Sektkübel vor ihnen und der Kellner drehte
-die Flasche mit kundiger Hand in den kleinen Eisstücken herum.</p>
-
-<p>Spät war es, als sie in den ‚Schwan‘ zurückkehrten, und die Köpfe waren
-nicht ganz frei. Einer von ihnen behauptete, trotz des Zigarrendunstes
-einen Husarenoffizier ganz in der Nähe ihres Tisches gesehen zu haben.</p>
-
-<p>Aber wenn auch &mdash; heut waren sie ja noch frei; heute hatte kein Mensch
-auf der ganzen Welt ihnen was zu sagen.</p>
-
-<p>Und ausschlafen konnten sie auch! Für zwölf Uhr erst waren sie zur
-Untersuchung in die Kaserne befohlen.</p>
-
-<p>„Also Punkt zehneinhalb Uhr zum Katerfrühstück im Eßsaal! Gute Nacht!“
-Sie reichten sich die Hände und verschwanden in ihre Zimmer, warfen
-dann noch die Stiefel hinaus und klappten die Türe zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">&ndash;&nbsp;68&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Von der strahlenden Augustsonne überflutet, liegen die roten Gebäude
-der Husarenkaserne da. Wenn man aus der inneren Stadt heraus durchs
-alte, ehrwürdige Tor kommt, muß man noch eine lange, mit netten Villen
-bebaute Straße hingehen, oder man kann auch direkt aus der Stadt in die
-Anlagen und von da über den schwarzen Husarenweg gehen, dann sieht man
-sie schon von weitem liegen, die lang sich hinziehenden, roten Fronten
-der noch neuen Kaserne. Ringsherum sind Felder &mdash; gegenüber ein Weg,
-der in ein Dorf führt, und geradeaus weiter eine Chaussee, deren Länge
-man nicht abzusehen vermag.</p>
-
-<p>In Scharen trotten die jungen Leute um die Mittagszeit über die
-heißen Straßen der Kaserne zu. Vom schwarzen Husarenweg wirbeln die
-Staubwolken so hoch auf, daß sie in Mund und Nasen der Wandernden
-eindringen.</p>
-
-<p>Immer Sonne, Sonne, Sonne! Seit vielen Tagen kein Tropfen Regen!</p>
-
-<p>Das ist gut für die, die schon draußen im Felde stehen, und darum muß
-man dankbar für die große Reihe schöner, sonnenheller, trockener Tage
-sein, wie wohl auch ein Regenguß den Feldern wohltun würde.</p>
-
-<p>Junge, aufgeregte Gesichter! Eifriges Reden! In manchen Augen etwas wie
-Angst!</p>
-
-<p>Ernst Hiller hat sich beim Aufstehen nicht recht wohl gefühlt.
-Jetzt aber hat er rote Farben im Gesicht und klare Augen. Sie haben
-ordentlich gefrühstückt, ein richtiges, anständiges Katerfrühstück
-&mdash; dazu Südwein und einen kleinen Kognak. Das hat ihnen allen dreien
-wieder auf die Beine geholfen.</p>
-
-<p>Aber das Herz zittert; das Herz schlägt in ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">&ndash;&nbsp;69&nbsp;&ndash;</a></span> schnellen, kurzen
-Schlägen. Die niederträchtige Angst ist wieder da.</p>
-
-<p>Bang sieht er auf die große Schar, die alle denselben Weg gehen, den
-er mit seinen Freunden geht. Ob die sich alle als Freiwillige gemeldet
-haben?</p>
-
-<p>Prüfend fliegt sein Blick über sie hin? Sind das nicht alles ganz
-abnorm große Gestalten, oder hat er ein falsches Augenmaß? Sie
-erscheinen ihm wie Riesen und sie scheinen ihm alle sehr selbstsicher
-und stolz dahinzugehen.</p>
-
-<p>Er aber würgt wieder an seiner alten, scheußlichen Angst und kann ihrer
-nicht Herr werden.</p>
-
-<p>Je näher die Kaserne kommt, um so langsamer gehen sie. Es ist noch so
-früh; sie werden eine halbe Stunde warten müssen. Man könnte eigentlich
-noch ein Stück die Chaussee hinuntergehen; es hat ja keinen Zweck, sich
-so lang’ in irgendeinem Winkel herumzudrücken. Aber die Sonne meint es
-sehr gut und man ist müde. Der Südwein hat zwar den Kater vertrieben,
-aber in den Beinen ist man schwach. Und wie man die Kaserne erreicht
-hat, macht man ganz von selbst halt und geht den Weg, den all die
-anderen gehen.</p>
-
-<p>Der Posten der Kaserne läßt sich die Legitimation zeigen; man tritt
-durch das große Tor ein und hat im selben Augenblick ein merkwürdig
-zuckendes Gefühl im Herzen, so, als hätte man einen großen, schweren
-Abschied von irgend etwas genommen.</p>
-
-<p>Dann stehen sie zwischen den Bäumen, die den inneren Kasernenhof
-einfassen. Kein Mensch kümmert sich um sie; sie stehen da, als
-seien sie nicht bestellt, sondern als ständen sie auf irgendeinem
-allgemeinen, gleichgültigen Platz, als gäbe es hier keine Mission für
-sie zu erfüllen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">&ndash;&nbsp;70&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Eine Stunde ist vergangen und eine zweite will auch vergehen. Aller
-Blicke sind auf die einzelnen Ausgänge der Gebäude, die hier in diesen
-Hof münden, gerichtet. Es muß doch irgend jemand kommen, der sich um
-sie kümmert.</p>
-
-<p>Ernst Hiller steht an einen Baum gelehnt. Gemeinheit, daß er gestern
-Sekt getrunken hat! Nun fühlt er sich elend, und die Hitze benimmt ihm
-den Kopf. Weh ist ihm zumute! Er fühlt sich wirklich nicht wohl &mdash; hat
-Schmerzen im Hinterkopf und zittert mit den Beinen.</p>
-
-<p>Da endlich!</p>
-
-<p>„Stillgestanden!“ dröhnt es über den Platz, und die jungen Menschen,
-die noch gar keine Soldaten sind, stehen stramm wie die Rekruten da; es
-kommt Bewegung in die Sache.</p>
-
-<p>Die Papiere werden ihnen abgenommen.</p>
-
-<p>„Vorwärtstreten!“ Und sie gehen in Reihen &mdash; immer zwei zu zwei auf
-eines der Gebäude zu, in einen Flur hinein, bis ein „Halt!“ sie zum
-Stehen bringt.</p>
-
-<p>Dann werden Namen verlesen, und immer drei zusammen werden in einen
-Raum eingelassen.</p>
-
-<p>Es dauert eine geraume Weile, bis sie zurückkommen. Man möchte in ihren
-Gesichtern lesen &mdash; aber die sind von Stein, und sie gehen geradeaus an
-den noch Wartenden vorbei.</p>
-
-<p>Wie da Minuten zu Ewigkeiten werden! Wie das Herz in immer kürzeren
-Stößen arbeitet und der Schweiß auf der Stirne perlt!</p>
-
-<p>Wenn man nur wüßte, ob alle die, die aus der Tür zurückkommen, wirklich
-angenommen sind! Wenn man sie doch fragen könnte! Aber, obwohl kein
-Stillschweigen<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">&ndash;&nbsp;71&nbsp;&ndash;</a></span> geboten ist, steht man doch stumm da, als wäre man in
-einer Kirche. Feierlich ist es &mdash; schwer und feierlich!</p>
-
-<p>Doch wie es immer zu gehen pflegt, so auch bei Ernst Hiller. Ganz elend
-vom Warten fährt er staunend auf, als er plötzlich seinen Namen rufen
-hört &mdash; fühlt, wie sich seine Muskeln spannen, wie der Kopf frei wird
-und das Zittern in den Knien aufhört.</p>
-
-<p>In dem Vorraum, in den sie getreten sind, müssen sie sich entkleiden,
-müssen alles von sich abwerfen und treten in das zweite Zimmer, in dem
-ein Arzt in Feldgrau und ein Schreiber sitzen.</p>
-
-<p>„Sie heißen?“</p>
-
-<p>„Hiller.“</p>
-
-<p>„Abiturient? Alter? Schwere Krankheiten gehabt? Irgendwelche schwere
-Krankheit in der Familie?“</p>
-
-<p>Lungen und Herz werden abgehorcht.</p>
-
-<p>„Ein bißchen schnell der Herzschlag! Das ist wohl nur augenblickliche
-Erregung? Augen sind normal, ja? &mdash; Gut &mdash; angenommen!“</p>
-
-<p>Wie ein Paukenschlag trifft ihn das Wort: „Angenommen!“ Einen
-Augenblick ist er wie geblendet &mdash; vergißt, daß er hier, wie Gott
-ihn geschaffen hat, vor den Herren steht und taumelt dann fast ins
-Vorzimmer zurück.</p>
-
-<p>Er nimmt gar nicht teil am Ergehen seiner beiden Freunde, und als er
-ein paar Minuten später hört, daß einer von ihnen wegen zu starker
-Kurzsichtigkeit abgewiesen ist, ist er nicht fähig, das richtig in sich
-aufzunehmen.</p>
-
-<p>Nur das eine weiß er: Er ist angenommen! Man braucht ihn! Er wird mit
-hinausreiten gegen Deutschlands Feinde. Und er muß seine ganze Kraft
-zusammennehmen,<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">&ndash;&nbsp;72&nbsp;&ndash;</a></span> um nicht aufzuschluchzen, um die Tränen, die plötzlich
-so brennen, zurückzuhalten.</p>
-
-<p>Nun geht er ebenso ernst und stumm wie die, die vor ihm aus der Stube
-herausgekommen sind, an den noch Wartenden vorüber; wohin, das weiß er
-nicht &mdash; er ist nur froh, als er draußen im Hof steht, wo ein leiser
-Sommerwind ihm um die heißen Schläfen streicht.</p>
-
-<p>Um fünf Uhr sind sie frei &mdash; das Häuflein derer, die zur Kaserne
-gewallfahrtet waren, ist ein wenig zusammengeschmolzen, und doch ist’s
-noch eine stattliche Schar, der man das Wort ‚Angenommen!‘ zugerufen
-hat und deren Gesichter glänzen, deren Augen leuchten.</p>
-
-<p>Sie haben ein paar Stunden Urlaub, um ihre Sachen zu holen. Das erste,
-was Ernst tut, ist, daß er ein Telegramm an die Mutter aufsetzt.</p>
-
-<p>„Angenommen!“</p>
-
-<p>Wie ein Jubelruf ist das! Was wird sie dazu sagen? Natürlich freut sie
-sich, muß sich freuen! Aber daß er gleich hierbleiben muß, nicht für
-einen einzigen Tag noch aus der Kaserne herausdarf, um ihr Lebewohl zu
-sagen, das wird ihr ein wenig hart sein.</p>
-
-<p>Aber schadet nicht! Es geht ja allen Müttern so. Krieg ist Krieg, und
-man darf nicht weich werden.</p>
-
-<p>Um sieben Uhr stehen sie alle zum ersten Appell versammelt im
-Kasernenhof. Die Befehle für den kommenden Tag werden verlesen:</p>
-
-<p>„Viereinhalb Uhr aufstehen &mdash; Stube reinigen &mdash; fünf Uhr Einkleidung“
-&mdash; weiter hört er nichts.</p>
-
-<p>Sein Kopf ist wieder benommen &mdash; mechanisch folgt er dem Unteroffizier,
-der ihnen ihre Stuben anweist. Je fünfunddreißig Mann in einer Kammer.
-Eiserne Betten<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">&ndash;&nbsp;73&nbsp;&ndash;</a></span> übereinander wie in Schiffskabinen. Strohsäcke und eine
-wollene Decke.</p>
-
-<p>Was dann noch kommt, geht wie im Traum an ihm vorüber. Erregt ist er
-und müde.</p>
-
-<p>Nur das eine kann er noch denken: ‚Nun hat sie das Telegramm!‘ Dreht
-sich noch mal auf seinem Strohsack um und schläft, ehe noch die große
-Lampe, die in der Mitte der Stube hängt, ausgelöscht <span class="nowrap">ist &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Ein glücklicher Schlaf, den der kleine Hiller schläft. Traumbilder
-ziehen an seiner Seele vorüber. Er trägt schon die Uniform des
-Regiments, auf dem Kopf den hohen Kolpak. Auf einem feurigen Roß sitzt
-er &mdash; &mdash; herrlich greift das Tier aus. Um ihn herum Kanonendonner &mdash;
-Kugelregen &mdash; blitzende Lanzen &mdash; gezogene Säbel. &mdash; Nichts ficht ihn
-an. &mdash; Für ihn gibt’s keine Kugel &mdash; &mdash; und alles um ihn herum staunte.
-Was will der? Mitten in den Feind rein &mdash; &mdash; und das Roß fliegt &mdash; die
-Erde schwindet unter ihm &mdash; &mdash; irgend etwas Unsichtbares trägt ihn &mdash;
-trägt ihn hoch, immer höher, bis in die Wolken <span class="nowrap">hinein. &mdash;</span></p>
-
-<p>Da &mdash; Trompetenklang &mdash; herrlich, wie er gen Himmel fährt &mdash; wie die
-Erde unter ihm versinkt &mdash; wie alles grau und fahl unter ihm wird,
-während er in überirdischen Glanz hineinreitet.</p>
-
-<p>„Der Kerl schläft wie ein Murmeltier. He, du da, es hat zum drittenmal
-geblasen!“</p>
-
-<p>Zwei stehen vor seinem Bett und rütteln ihn an der Schulter.</p>
-
-<p>„Menschenkind, in zehn Minuten mußt du antreten!“</p>
-
-<p>Erste Morgendämmerung fällt durchs Fenster in die kahle Stube.</p>
-
-<p>Hiller reibt sich die Augen. Wo ist er?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">&ndash;&nbsp;74&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Raus, Mensch!“ Und da fährt er vom Strohsack auf &mdash; in die Kleider
-hinein &mdash; schnell in den Waschsaal. Gesicht und Hände gewaschen und
-hinunter in den Hof.</p>
-
-<p>Sonntag ist es.</p>
-
-<p>Wieder so ein Tag, der in Glanz und Glorie heraufzuziehen beginnt. In
-ihren Zivilkleidern stehen sie da &mdash; manche noch verschlafen, die Haare
-flüchtig gekämmt, die Krawatten in Eile umgeknotet, und warten. Fremd
-und ängstlich stehen sie da &mdash; wissen nicht, was sie tun sollen, und
-sind froh, als ein paar sogenannte ‚alte Leute‘ sich ihrer annehmen.</p>
-
-<p>Die weisen ihnen den Weg zur Mannschaftskantine, wo sie sich Kaffee
-geben lassen können, dann warten sie wieder, bis endlich der große
-Augenblick kommt: Befehl zur Kleiderkammer.</p>
-
-<p>„Vortreten!“ Wieder treten sie zwei zu zwei ein. „Arme ausstrecken!“
-Und ein Rock wird an der Länge der Arme gemessen. Reithose ebenso &mdash;
-eine Mütze aufgestülpt! Fertig. Noch ein Hemd, eine Unterhose, ein
-Drillichanzug &mdash; eine schwarze Halsbinde. „Fertig! &mdash; Abtreten! &mdash; Die
-Nächsten!“</p>
-
-<p>Die mit dem Packen auf dem Arm gehen zur Stiefelkammer und proben. Zwei
-Paar Stiefel pro Mann. Ein Paar hohe Reitstiefel und ein Paar braune
-Kommißstiefel. „Fertig, ab!“</p>
-
-<p>Sonntag ist es &mdash; also noch kein richtiger Dienst. In ihre
-Stuben müssen sie zurück und das Zivil in den Koffer packen. Der
-Kammersergeant hält eine Rede über das Instandhalten der Sachen. Alle
-acht Tage Revision, und wehe, wenn nicht alles in Ordnung ist!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">&ndash;&nbsp;75&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Wem das Zeug nicht paßt, der muß es sich passend machen.</p>
-
-<p>Um zwölf Uhr Appell in voller Uniform.</p>
-
-<p>Und die Haare herunter. Scheitel und Tollen gibt es nicht beim Militär.</p>
-
-<p>Um zwölf Uhr steht eine ganz andere Gesellschaft unten im Hof.
-Graugelbe Husaren, in die fünfte Garnitur gekleidet. Ganz wenige,
-die schon etwas vom Soldaten an sich haben, die sich schon wohl
-fühlen. Ein ganzer Teil sieht aus wie Jungen, die zu Weihnachten eine
-Soldatenuniform erhalten haben. Aber gleichgültig! Mit dem Akt der
-Einkleidung ist es endgültig besiegelt. Sie sind angenommen! Sie haben
-ihren Platz gefunden, und in ein paar Wochen &mdash; schlimmstenfalls in
-zwei Monaten, geht’s hinaus in den herrlichen Kampf!</p>
-
-<p>Ernst Hiller hat eine Uniform, die ihm um die Brust schlottert und im
-Rücken tiefe Falten schlägt. Der Kragen niedrig und viel zu weit &mdash;
-und die lederbesetzte Reithose hängt wie ein Rock um ihn. Er weiß das
-nicht &mdash; er fühlt das nicht! Er trägt des Königs Rock &mdash; er ist Soldat
-&mdash; angenommen &mdash; und mit dem Wort ‚Angenommen!‘ ist’s besiegelt worden,
-daß er ein gesunder Kerl ist, dem man was zutrauen kann.</p>
-
-<p>Nun steht er mit glattgeschorenem Haar, die Mütze tief in die Stirn
-gezogen, bei den anderen &mdash; &mdash; &mdash; nun schlägt das Herz nicht mehr in
-zitternden Stößen.</p>
-
-<p>Ruhe ist in ihm &mdash; Sicherheit ist über ihn gekommen &mdash; &mdash; nein &mdash; mehr
-&mdash; stolz ist er geworden, und die Brust dehnt sich &mdash; die Haltung
-verliert das Hilflose &mdash; <span class="nowrap">Schlappe &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Er ist wert befunden worden, des Königs Rock zu<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">&ndash;&nbsp;76&nbsp;&ndash;</a></span> tragen &mdash; ist also
-nicht um einen Deut weniger als all die anderen, die mit ihm angenommen
-worden sind.</p>
-
-<p>Nach dem Appell das Mittagessen &mdash; sie dürfen nicht aus der
-Kaserne heraus, weil am Nachmittag Besichtigung sein soll. Also
-Mannschaftsessen! Für fünfundachtzig Pfennige gibt’s einen Napf zu
-kaufen &mdash; Gabel und Löffel je zehn Pfennig &mdash; Messer tragen sie in der
-Tasche.</p>
-
-<p>Durch die Mannschaftskantine gehen sie zur Küche, darin zwei riesige
-Kessel auf dem Herd stehen, und zwei Mann daneben. Jeder der Husaren
-tritt mit seinem Napf an.</p>
-
-<p>Sonntag ist’s, da gibt’s Braten. Kräftiger Geruch steigt ihnen in die
-Nase. Jeder erhält von einem der beiden Küchenunteroffiziere drei
-Scheiben Fleisch, vom anderen ein paar Kellen Kartoffel und Tunke
-darüber, bis alles schwimmt.</p>
-
-<p>Im Mannschaftszimmer sitzen sie auf den hölzernen Bänken an langen
-Tischen und leeren ihren Napf.</p>
-
-<p>Für Ernst Hiller ist es ein bißchen reichlich, und es fällt ihm, wie
-manch anderem seinesgleichen, nicht ganz leicht, so aus dem Napf heraus
-zu essen. Aber keiner läßt etwas stehen. Nein, im Gegenteil, ein paar
-von ihnen treten zum zweitenmal den Weg zur Küche an und lassen sich
-eine zweite Portion verabreichen. Er ißt mit Todesverachtung. Es
-schmeckt wirklich gut &mdash; vielleicht ein wenig stärker gewürzt als bei
-Mutter, aber das schadet nichts!</p>
-
-<p>Dann gehen sie, ihren geleerten Napf in der Hand, hinaus in den Hof
-und spülen ihn am Brunnen ab &mdash; haben dann ein paar Stunden für sich,
-und Ernst Hiller<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">&ndash;&nbsp;77&nbsp;&ndash;</a></span> benutzt gleich die erste halbe Stunde, um einen
-begeisterten Brief an seine Mutter zu schreiben.</p>
-
-<p>Der Himmel hängt ihm voller Geigen &mdash; &mdash; die Brust ist ihm geschwellt.</p>
-
-<p>Wie ist die Welt so ganz anders für ihn geworden. Alles Dumpfe, Bange,
-das sonst seine Seele belastet hatte, verflogen! Die Schule überwunden
-&mdash; für immer! &mdash; Donnerwetter! Das kann man wirklich immer noch nicht
-fassen, daß dieser Lebensabschnitt tatsächlich überwunden sein soll!</p>
-
-<p>Frei ist man, zieht in den Krieg und bleibt dann wahrscheinlich
-Offizier. Soldat ist der einzige Beruf, der wirklich Zweck hat! Das hat
-er auch schon der Mutter geschrieben und hat ihr einen ganz kleinen
-Vorwurf darüber, daß sie ihn von Kind auf zu sehr verpäppelt hat, nicht
-erspart.</p>
-
-<p>Aber schadet nichts; sie hat’s gut gemeint! Es hat ihm eben der Vater
-gefehlt! Wenn er einen Vater gehabt hätte, wäre natürlich manches
-anders gewesen.</p>
-
-<p>Aber das ist nun nicht zu ändern. Hauptsache, daß er trotz allem und
-allem angenommen worden ist, und sein Blick gleitet mit Stolz und
-mit Zärtlichkeit immer wieder über die verbrauchte, um seinen Körper
-herumhängende Uniform herab.</p>
-
-<p>An diesem Tag tritt noch etwas Neues in sein Leben. Sie machen nähere
-Bekanntschaft mit den ‚alten Leuten‘. Das sind die, die im letzten
-Monat ihrer Dienstzeit sind und bald ausrücken werden.</p>
-
-<p>Viele sind schon feldgrau, und sie machen sich über das Aussehen der
-Neueingestellten lustig und machen ihnen vor allem klar, daß sie sich
-selbstverständlich eine Extrauniform anschaffen müssen, denn so wie sie
-jetzt aussehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">&ndash;&nbsp;78&nbsp;&ndash;</a></span> können sie sich auf Urlaub in der Stadt nicht blicken
-lassen. Natürlich hat’s keinen Zweck, sich für die paar Wochen, die
-sie hier in der Kaserne sein werden, vom Schneider eine teure Uniform
-machen zu lassen. Das wäre Blödsinn. Aber ihnen, den alten Leuten,
-können sie ihre Gebrauchsuniform abkaufen &mdash; für ein Spottgeld.</p>
-
-<p>Den Jungen leuchtet das ein. Die fünfte Garnitur, die man ihnen
-verabreicht hat, ist wirklich nichts weniger als schön. Es werden große
-Geschäfte gemacht. Die ‚alten Leute‘ haben im Handumdrehen heraus, wer
-von den Neueingestellten mit dem Nötigen in bar ausgestattet ist, und
-wissen, an der Eitelkeit zu packen.</p>
-
-<p>Ernst Hiller hat längst durchblicken lassen, daß er nicht unerhebliche
-Mittel bei sich trägt. Es hat sich auch einer von den Gedienten
-gefunden, der eine ganz ähnliche Figur wie er selber hat, und nach
-einer knappen halben Stunde ist er im Besitz einer wirklich wie neu
-aussehenden Uniform. Ein Paar Stiefel, die von Lackleder sein sollen,
-und deren Ursprungspreis auf neunzig Mark angegeben wurde &mdash; denn sie
-rühren von einem Offizier her &mdash; gleiten ihm glatt über den hohen
-Spann, und eine anständige Mütze sitzt ihm vernünftig auf dem Kopf.</p>
-
-<p>Für den ganzen Rummel hat er fünfundsechzig Mark gegeben &mdash; ein
-Spottpreis, wenn man berechnet, was das ‚neu‘ gekostet hätte, und ein
-Spottpreis, wenn man die strahlenden, seligen Augen des kleinen Hiller
-in Betracht zieht.</p>
-
-<p>Er ist in einem Taumel von Glück und Begeisterung an diesem Tag.</p>
-
-<p>Um fünf Uhr müssen sie in Reih’ und Glied stehen, und ein Wachtmeister
-mit donnernder Stimme hält ihnen einen Vortrag über militärischen
-Gehorsam:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">&ndash;&nbsp;79&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Die Zeiten sind hart, das Vaterland braucht seine Männer &mdash; &mdash;
-ein jeder hat also heute die doppelte und dreifache Pflicht, sich
-einzufügen und den Vorgesetzten die schwere Arbeit zu erleichtern.“</p>
-
-<p>Dann die Verlesung des Dienstes für den nächsten Tag: halb fünf Uhr
-Wecken &mdash; fünf Uhr Stalldienst &mdash; halb acht Uhr Verteilung der <span class="nowrap">Pferde
-&mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Weiter hörte Hiller nicht. Morgen wird er also vielleicht schon auf
-einem Gaul sitzen. Und er ist doch und doch ein Soldatenkind und hat
-Soldatenblut in sich &mdash; &mdash; und wenn ihn die ganze Welt zum Philosophen
-oder Professor verdammt hat! Er pfeift auf alle Wissenschaft und
-Gelehrsamkeit in der Welt!</p>
-
-<p>Er ist Husar, er wird morgen auf einem Gaul sitzen, und in ein paar
-Wochen über Schlachtfelder reiten.</p>
-
-<p>Er ist es nicht allein, der sich auf den ersten Ritt freut. All die,
-die wie er aus der Schule ins Soldatentum gesprungen sind, haben einen
-freudigen Ruck im Herzen gespürt, als es hieß: halb acht Uhr Reiten!</p>
-
-<p>Der Sonntag geht glorreich zu Ende. Abends sitzen sie mit den alten
-Leuten in der Unteroffizierskantine, haben sich Butterbrote mit
-Würstchen und Kartoffelsalat geben lassen.</p>
-
-<p>Ernst Hiller bezahlt für den, der ihm die Uniform so billig verkaufte,
-mit. Auch seine Freunde halten ein paar alte Leute frei. Sie sind ja
-Kameraden. Wer etwas hat, gibt, und wer nichts hat, läßt sich geben.
-Hiller schmeißt ein paar Runden Bier, und die alten Leute erzählen
-tausend Dinge, die für die Neuen wichtig und interessant sind.</p>
-
-<p>Sie erfahren am ersten Abend von jedem einzelnen Vorgesetzten, wes
-Geistes Kind er ist und was man von<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">&ndash;&nbsp;80&nbsp;&ndash;</a></span> ihm zu erwarten hat. Sie erhalten
-dann allerlei Winke. Auch hören sie zu ihrer Freude, daß sie gar
-nicht verpflichtet sind, Mannschaftsessen zu nehmen. Wer Geld hat,
-kann für eine Mark in der Unteroffizierskantine ein anständiges
-Mittagessen kriegen &mdash; er kann auch in ein Restaurant, das der Kaserne
-gegenüberliegt, gehen. &mdash; Überhaupt, wer den nötigen Mammon hat, kann
-sich die Sache prachtvoll deichseln. Geld ist die Hauptsache.</p>
-
-<p>In Ernsts Augen kommt ein kleiner Schatten.</p>
-
-<p>Gewiß, die Mutter wird ihm Geld geben &mdash; sie hat ihm gesagt, er solle
-sich nichts versagen. Und Großmutter läßt ihn auch nicht im Stich.
-Aber dennoch, ein ganz kleiner Schwindel überfällt ihn, als er daran
-denkt, wie seine Barschaft in diesen zwei Tagen zusammengeschmolzen
-ist. Von den hundertundzwanzig Mark keine dreißig mehr übrig &mdash; und
-er hatte geglaubt, mit hundertundzwanzig Mark wenigstens einen Monat
-durchzuhalten.</p>
-
-<p>Es wird ihm schwer fallen, die Mutter schon in den nächsten Tagen
-um Geld zu bitten. Aber schließlich, es waren ja lauter besondere
-Ausgaben, die er jetzt hatte. Alles Ausgaben, die sich nicht
-wiederholen; und er weiß auch, daß die Mutter ihm gern gibt, was er
-braucht.</p>
-
-<p>Der Schatten aus den Augen ist fort. Die Kameraden trinken ihm zu,
-Witze werden erzählt.</p>
-
-<p>Draußen auf dem Hof hat jemand eine Flöte und bläst darauf, und in die
-Kantine hinein klingt das wehmütig-lustige Lied: ‚Was nützt mir denn
-ein schönes Mädchen, wenn andre mit spazierengehn?‘</p>
-
-<p>Da setzen die, die den Text kennen, mit ein, und schließlich singt
-auch der kleine Hiller mit, singt mit derselben Begeisterung wie die
-anderen: „Was nützt mir denn ein schönes Mädchen?“ und weiß nicht
-warum, aber er<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">&ndash;&nbsp;81&nbsp;&ndash;</a></span> denkt plötzlich an das Mädchen, das an jenem Kneipabend
-nach dem Abitur so dicht neben ihm gesessen und zu ihm gesagt hat:
-‚Sag’ Hannchen zu mir!‘</p>
-
-<p>Sie trinken und singen, und ihre Augen leuchten!</p>
-
-<p>Wie herrlich ist die Welt &mdash; &mdash; &mdash; wie wunderbar, daß Deutschland im
-Kampf mit seinen Feinden liegt, daß Deutschland alles aufruft, was
-bereit ist, zu helfen &mdash; und daß sie mitdürfen &mdash; sie, die vor einer
-Woche noch bang und zweifelnd dem Leben gegenübergestanden haben.</p>
-
-<p>Ernst Hiller fühlt ein Jauchzen in seiner Brust, das er kaum zu
-verschließen vermag. Jeden einzelnen, der ihm in den Weg kommt, hätte
-er umarmen mögen &mdash; &mdash; &mdash; der ‚alte Mann‘, der ihm die Kleider verkauft
-hat, hat einen guten Tag.</p>
-
-<p>Da! Trompetensignale! Neun Uhr. &mdash; &mdash; In einer Viertelstunde müssen sie
-auf ihren Strohsäcken liegen. Ernst zahlt, trottet mit den anderen über
-den Hof, sucht seine Stube, und kaum hat er die wollene Decke über sich
-gezogen, ist er auch schon wieder mitten im festen Schlaf drin.</p>
-
-<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-&mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen beginnt der erste, stramme Dienst! Jetzt erst
-begreifen sie, was das heißt: aus dem Bett aufspringen und eine knappe
-halbe Stunde später unten im Stall sein.</p>
-
-<p>Wer sich beim ersten Wecken noch einmal auf die Seite wirft und
-weiterschläft, der kann’s überhaupt nicht leisten.</p>
-
-<p>Am besten ist: gleich beim ersten Trompetenstoß raus &mdash; in die Kleider
-fahren und rein in den Waschsaal. Man kann überhaupt noch von Glück
-sagen, daß es hier einen Waschsaal mit fließendem Wasser gibt. In
-Hunderten von Kasernen müssen sie herunter in den Hof an den<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">&ndash;&nbsp;82&nbsp;&ndash;</a></span> Brunnen.
-Hier haben sie fließendes Wasser und können sich anständig waschen.</p>
-
-<p>Dann den Strohsack aufrütteln und das Bett ordentlich zudecken &mdash;
-Stiefel reinigen &mdash; nein, das soll schon am Abend geschehen &mdash; Stube
-fegen, und wenn’s geht, noch einen Becher Kaffee erobern. Für Hiller
-sorgt an diesem ersten Morgen der ‚alte Mann‘, dem er die Uniform
-abgekauft hat.</p>
-
-<p>Punkt fünf Uhr stehen sie im Hof. Ein Wachtmeister und zwei
-Unteroffiziere sind zur Stelle.</p>
-
-<p>Eine kurze Instruktion. Sie alle zusammen bilden zwei Schwadronen; jede
-Schwadron wird in Beritte eingeteilt; zu einem Beritt gehören fünfzehn
-Mann, und jeder Beritt hat seinen besonderen Führer.</p>
-
-<p>Die Namen werden aufgerufen &mdash; sie werden verteilt. Je fünfzehn finden
-sich zusammen &mdash; Einjährige und Gemeine &mdash; es ist alles gleich in
-dieser Zeit. Kriegsfreiwillige sind sie alle, und einen Unterschied
-gibt es jetzt nicht.</p>
-
-<p>Und dann in den Stall hinein!</p>
-
-<p>Draußen ist schon heller Tag, aber in den Ställen brennen noch die
-kleinen Öllaternen und verbreiten ein trübes Licht. Ein seltsamer
-Geruch schlägt ihnen entgegen, ein Geruch, geschwängert mit Ammoniak
-und dem aus den warmen Tierkörpern ausströmenden Dunst. Aber es ist
-ein Geruch, den man gern atmet, an den man sich im Augenblick gewöhnt.
-Jedes Pferd steht in seinem Verschlag, und an dem Pfosten, der je zwei
-Verschläge trennt, hängen Sattelzeug und Zaumzeug.</p>
-
-<p>Die jungen Freiwilligen folgen ihrem Berittführer, der sie der Reihe
-nach zu den Pferden herantreten läßt und anfängt, zu erklären.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">&ndash;&nbsp;83&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Bei der Kavallerie heißt es: erst das Pferd und dann der Mann! Das
-wird ihnen sehr eindringlich gemacht, wird mehrmals bei dieser ersten
-Bekanntschaft mit ihren Tieren wiederholt.</p>
-
-<p>Dann wird ihnen gesagt, was ‚Putzen‘ heißt. Der Striegel wird ihnen
-vorgeführt, und einer, der schon gedient hat, muß ihnen zeigen, wie
-ein Pferd gestriegelt wird. Acht Strich auf jeder Seite und nach jedem
-Strich der Striegel ausgeklopft. Das gibt einen weißen Streifen auf dem
-Boden; ein Strich muß neben den andern gelegt werden. Man kann also
-genau kontrollieren, ob vorschriftsmäßig gestriegelt wird.</p>
-
-<p>Jeder tritt dann vor den Verschlag, in dem das Pferd, das ihm
-angewiesen ist, steht, und hört mit brennendem Interesse zu. Das
-Sattel- und Zaumzeug wird ihnen erklärt; sie erfahren, wie der Sattel
-angelegt werden muß. Das ist alles sehr leicht zu fassen, und die
-Unteroffiziere haben entschieden eine einfachere Art, etwas begreiflich
-zu machen, als die Professoren des Gymnasiums.</p>
-
-<p>Dann hören sie, wie eine Streu zu machen ist. Aus der alten Streu
-muß der Mist ausgeschüttet werden. Mit dem noch trockenen Stroh
-wird aufgeschüttet, frisches Stroh darübergeworfen, und dann wird
-‚angerollt‘; denn das ist die Hauptsache bei einer guten Streu, daß in
-schnurgerader Linie das Stroh an den Seiten festgerollt wird.</p>
-
-<p>„Verstanden?“</p>
-
-<p>„Ja.“</p>
-
-<p>Es wird ihnen noch das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt, was sehr einfach
-erscheint. Viele von ihnen sind übrigens Burschen vom Land, die schon
-mit einem Pferd umzugehen verstehen.</p>
-
-<p>Hiller steht neben einem frischen, etwas korpulenten<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">&ndash;&nbsp;84&nbsp;&ndash;</a></span> Jungen. Gestern
-abend in der Kantine haben sie schon miteinander geredet, und da sie
-in derselben Stube schlafen, werden sie auch wohl Freunde werden.
-Der Dicke, dessen Name Hipp ist, der auch aus Berlin stammt und, wie
-Hiller, wundervoll glatt durch ein Notabitur gerutscht ist, hat noch
-ein ausgeprägtes Kindergesicht: blaue, sehr gutmütige Augen, eine kurze
-Nase und runde, rote Backen. Ihm würde niemand den Großstadtmenschen
-ansehen. Der Drillichanzug, der an Hillers leichter Gestalt
-herumschlottert, sitzt ihm fest und prall um den Körper; er stößt
-Hiller in die Seite, denn alles, was er hier hört und sieht, kommt ihm
-sehr lustig vor.</p>
-
-<p>Das Pferd, an dem das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt worden ist, wird
-wieder abgeschirrt &mdash; der Wachtmeister tritt einen Schritt vor, und das
-Kommando erschallt: „An die Pferde!“</p>
-
-<p>Jeder geht in sein Abteil und begibt sich an die Streu. Der
-Wachtmeister schreitet auf und nieder, beobachtet, weist zurecht,
-tadelt, wenn es zu langsam geht; er scheint aber zufrieden. Beim Putzen
-greift er, wenn es nötig ist, selbst mit an, zeigt, wie der Striegel
-gefaßt werden muß, wie man sich neben das Tier zu stellen hat, und
-erklärt weiter, wie es sich gerade ergibt. Es ist ungewohnte Arbeit
-für die, die aus der Stadt kommen. Aber gerade das Ungewohnte mag sie
-reizen. Sie sind mit Feuereifer bei der Sache, sie wundern sich über
-sich selbst, daß man so selbstverständlich an einem Tier herumhantiert,
-daß man keine Angst hat, getreten zu werden, und daß alles, was sie
-hier zu tun haben, so prachtvoll und einfach und leicht ist.</p>
-
-<p>Die Zeit fliegt hin, die Sonne steht schon längst am Himmel, als der
-Wachtmeister „Abtreten!“ kommandiert,<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">&ndash;&nbsp;85&nbsp;&ndash;</a></span> und sie eilen in ihre Stuben, um
-den Drillich mit dem Reitanzug zu vertauschen.</p>
-
-<p>Hillers Gedanken fliegen ab und zu einen Augenblick zu seiner Mutter
-hin. Was würde sie sagen, wenn sie ihn so sähe? Schade, daß er sie
-nicht einmal sprechen konnte, er ist gewohnt, ihr alles, was ihm
-begegnet, zu erzählen. Schreiben kann man das natürlich nicht alles &mdash;
-schade <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Aber zum Nachdenken ist keine Zeit. Sie fahren in die ledernen
-Reithosen &mdash; quälen sich in die ungewohnten, hohen Stiefel. Sie haben
-Eile, denn der Reitunterricht würde bis Mittag dauern, und man muß
-sehen, daß man noch einen Augenblick in die Kantine kann, um etwas zu
-frühstücken. Man hat hier andauernd ein Hungergefühl.</p>
-
-<p>Hipp geht neben Hiller und erzählt, daß er noch keine Extrauniform
-gefunden habe, weil sie ihm alle zu eng seien. Er wird aber mal an
-seinen alten Herrn schreiben, ob der ihm eine ‚neue‘ zubilligt. Der
-alte Herr ist Fabrikant und kann etwas springen lassen, wird es auch
-totsicher tun.</p>
-
-<p>„Seit der Krieg ausgebrochen ist, haben die Väter eine prachtvoll
-freigebige Art ihren Söhnen gegenüber. Deiner doch auch?“</p>
-
-<p>„Ich habe keinen Vater mehr,“ sagt Hiller &mdash; sagt es aber ganz heiter,
-so daß Hipp nicht nötig hat, sein lustiges Gesicht zum Ernst zu zwingen.</p>
-
-<p>Sie essen wieder Würstchen mit Kartoffelsalat, denn das ist am
-praktischsten, weil man es schnell herunterschlingen kann und
-wenigstens für einen Augenblick satt wird, wenn man sich zwei Paar
-geben läßt. Dann geht’s los.</p>
-
-<p>Der Wachtmeister steht schon wieder vor dem Stall.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">&ndash;&nbsp;86&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Satteln!“ ertönt das Kommando. „Trense anlegen, Kandare fortbleiben!“</p>
-
-<p>Sie greifen zum Zaumzeug und legen es an, so gut es gehen will.</p>
-
-<p>Die Sonne glitzert lustig über den Reitplatz, als sie endlich, erhitzt
-und aufgeregt, ihr Pferd am Zügel, aus den Ställen heraustreten. Der
-Reitplatz ist ein gewaltiger, viereckiger Hof. Einige Beritte sind
-schon aus den Ställen heraus.</p>
-
-<p>„Aufsitzen!“ schallt das Kommando. „Rechts und links am Zwiesel
-anfassen und aufschwingen!“</p>
-
-<p>Die Zwiesel, die vorn und hinten am Sattel liegen, werden umspannt,
-ein mächtiger Schwung &mdash; und ein ganzer Teil von den Fünfzehn sitzt
-glücklich oben.</p>
-
-<p>Andere aber strampeln mit den Beinen &mdash; rutschen mit dem Bauch in die
-Höhe und bekommen das Bein nicht hinüber.</p>
-
-<p>Hiller ist nicht ganz korrekt heraufgekommen, aber er sitzt doch oben
-und weiß selbst nicht, wie das zugegangen ist. In diesen Augenblicken
-empfindet er nichts von dem großen Glück, von dem er geträumt hat,
-wenn er zuerst auf einem Gaul säße. Er möchte sich an irgend etwas
-festhalten &mdash; möchte dem Tier in die Mähne greifen, um Sicherheit zu
-haben &mdash; es ist ihm sehr unbehaglich zumute.</p>
-
-<p>Und zehn Schritte von ihm entfernt steht der Berittführer mit
-dunkelrotem Kopf und schreit und brüllt, was das Zeug hält: „Kerls,
-wollt ihr ewig in der Luft rumangeln? Marsch rauf! Was, es will nicht
-gehen! Teufel noch mal! Du Mehlsack!“</p>
-
-<p>Er ist an Hipp herangetreten, der nun als einziger<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">&ndash;&nbsp;87&nbsp;&ndash;</a></span> noch vergeblich
-sucht, seinen wohlgenährten Körper auf das geduldig dastehende Tier zu
-schwingen.</p>
-
-<p>Ein ‚alter Mann‘ hat ihnen gestern erzählt, daß es bei jedem Beritt
-einen Unglückswurm gibt, der die Sache nie begreifen lernt, der nie
-ohne Schwierigkeit auf sein Tier heraufkommen wird.</p>
-
-<p>Hier in diesem Beritt ist der gute, dicke Hipp der Unglückswurm, denn
-er strampelt immer noch mit den Beinen, kommt ein Stück in die Höhe und
-rutscht wieder hinab.</p>
-
-<p>Der Wachtmeister steht dicht bei ihm und brüllt:</p>
-
-<p>„Kerl, sein Pferd ist doch keine Rutschbahn &mdash; du bist doch hier nicht
-auf einem Jahrmarkt &mdash; los &mdash; wirf doch das Bein über!“</p>
-
-<p>Und wie es gar nicht gelingen will, packt der Wachtmeister mit
-wuchtigem Griff in die Reithose des Dicken hinein und schiebt ihn
-hinauf. Nun sitzt Hipp oben und hat ein viel vergnügteres Gesicht als
-die, die sich mit eigener Anstrengung heraufgebracht haben.</p>
-
-<p>Die Sonne brennt lustig vom Himmel herab und verspricht einen heißen
-Tag, und der Wachtmeister, der sich beruhigt hat, steht vor ihnen
-und hält ihnen einen langen Vortrag über den richtigen Sitz, über
-Körperhaltung und die verschiedenen Gangarten der Pferde. Dann das
-Kommando: „Abstand!“ und der Spitzenreiter der schon ein halbes
-Jahr gedient hat, führt an &mdash; der Zug der anderen nach. Sie sitzen
-ängstlich, windschief und vorgebeugt auf ihren Tieren.</p>
-
-<p>„Na, nu mal richtig los! Eskadron in langsamem Arbeitstempo &mdash; Te &mdash; &mdash;
-rab!“</p>
-
-<p>Die Gäule gehen los; der schon erfahrene Spitzenreiter sitzt wundervoll
-gerade und korrekt da. Die anderen<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">&ndash;&nbsp;88&nbsp;&ndash;</a></span> wackeln hinter ihm her. Aus vielen
-Gesichtern spricht die bleiche Angst &mdash; &mdash; die Hände greifen in die
-Mähnen &mdash; die Beine machen unsichere Bewegungen.</p>
-
-<p>Hipp hängt auf einer Seite seines Gauls, er ist im Fallen begriffen &mdash;
-man sieht es deutlich, daß er sich nicht halten wird. Aber er fällt
-langsam. Glied für Glied rutscht hinab, und das lustige Gesicht hat
-einen Ausdruck leiser Verzweiflung; scheußlich, diese Ungewißheit, ob
-man im nächsten Augenblick wieder oben ist oder herunter muß.</p>
-
-<p>Aber die Lage wird immer bedenklicher &mdash; der Körper rutscht mehr und
-mehr nach links &mdash; und da faßt Hipp einen kurzen Entschluß, läßt das
-Bein, das noch oben ist, heruntergleiten, und fliegt ab in den weichen
-Sand. Verletzt hat er sich nicht, aber er ist doch sehr verdutzt. Es
-ging plötzlicher, als er gedacht hatte.</p>
-
-<p>Das Pferd bleibt still und treu bei ihm stehen und sieht sich nach ihm
-um. Der Wachtmeister ist dicht zu ihm herangetreten und sagt zunächst
-gar nichts. Schweigend und höhnisch sieht er auf ihn nieder, und Hipp,
-wie ein von der Schlange hypnotisierter Vogel, bleibt bewegungslos im
-Sand liegen und sieht seinem Vorgesetzten treuherzig ins Gesicht.</p>
-
-<p>Endlich löst sich des Wachtmeisters Schweigen.</p>
-
-<p>Gar nicht unfreundlich sagt er: „Mensch, hast du vor, dich hier gleich
-begraben zu lassen?“ Und da erhebt sich denn Hipp, und obwohl er sich
-nicht den geringsten Schaden zugefügt hat, geht er humpelnd und hinkend
-zu seinem Pferde zurück.</p>
-
-<p>„Na &mdash; nun werden wir mal einen Galopp versuchen!“</p>
-
-<p>Da nehmen die Gesichter einen aufgeregten Ausdruck an, und einige
-werden bleich wie Linnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">&ndash;&nbsp;89&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Der Wachtmeister aber kommandiert: „Ganze Eskadron te &mdash; rab &mdash;
-Galopp!“ Die Pferde fallen in Galopp, und die jungen Reiter sind
-angenehm überrascht, weil Galopp nicht halb so unangenehm ist als der
-verfluchte Trapp.</p>
-
-<p>Auch Hipp bleibt oben; er schwankt ein bißchen bedenklich hin und her,
-hält sich aber und hat wieder sein lustigstes Gesicht. Der Wachtmeister
-steht in der Mitte und scheint zufrieden. Er kommandiert: „Schritt und
-Halt!“ Und dann sagt er sehr leutselig und gutmütig zu seinen Jungen:
-„Bloß keine Angst haben! Es wird sich schon alles machen! Ihr könnt
-auch ruhig mal in die Zwiesel greifen!“</p>
-
-<p>Dann haben sie einen Augenblick Ruhe, und Hiller fängt nun doch an,
-etwas von dem erträumten Glück zu verspüren.</p>
-
-<p>Nachher aber folgen zwei schwere Stunden, in denen sie Schritt reiten
-müssen und in denen die freudige Begeisterung erheblich abflaut.</p>
-
-<p>Hoch steht die Sonne am Himmel, und der ganzen Gesellschaft perlt der
-Schweiß auf der Stirn, als es endlich heißt: „Absitzen!“</p>
-
-<p>Sie führen die Gäule in den Stall, nehmen Sattel und Zaumzeug herunter
-und reiben mit großen Strohwischen das Fell der erhitzten Tiere ab.
-Dann müssen sie wieder heraus, und der Wachtmeister sieht zu, wie sie
-die Hufe auskratzen und waschen. Bei dieser Arbeit läßt Hipp nichts zu
-wünschen übrig. Und auch das Striegeln geht ihm glatt von der Hand.
-Der Wachtmeister ist immer dicht an seiner Seite und ist vielleicht
-enttäuscht, keine Gelegenheit zum Losbrüllen zu finden. Schweigend,
-den Mund im leichten Hohn verzogen, steht<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">&ndash;&nbsp;90&nbsp;&ndash;</a></span> er da, und manchmal trifft
-ihn ein guter, vertrauensvoller Blick von Hipp, der sich über den
-Wassereimer beugt.</p>
-
-<p>„Einjähriger?“ fragt er ihn, und Hipp sagt leuchtenden Auges: „Zu
-Befehl, Herr Wachtmeister, Abiturient!“</p>
-
-<p>Der sagt nichts und wendet sich um zu denen, die die Futterkarren
-heranschieben. Das Futter wird jedem einzelnen zugemessen; sie füllen
-ihre Eimer mit Wasser zum Tränken und dann sind sie frei.</p>
-
-<p>Hillers Pferd hat den Namen ‚Arbeiter‘. Er hat schon Sympathie für sein
-Pferd gefaßt und klopft ihm den Hals.</p>
-
-<p>Hipp sagt: „Das verfluchte Biest, das sie mir zugeschustert haben,
-heißt ‚Anton‘“, und er versetzt ihm einen Schlag aufs Hinterteil, der
-schon keine Liebkosung mehr ist. Dann hängt er sich an Hillers Arm und
-sagt: „Mensch, du hast doch nicht die Absicht, den Mannschaftsfraß zu
-essen? Zum wenigsten gehen wir doch in die Unteroffizierskantine, wo
-man von Tellern ißt.“</p>
-
-<p>Hiller zögert einen Augenblick, denn er möchte wirklich nicht gern zu
-schnell um neues Geld bitten. Aber mit einem Ruck wirft er die Bedenken
-beiseite.</p>
-
-<p>„Gut, gehen wir in die Unteroffizierskantine.“</p>
-
-<p>Und dort wird ihnen für eine Mark ein sehr anständiges und reichliches
-Essen serviert, das sie durch eine Berliner Weiße noch verbessern.
-Hipp holt dann noch zwei Stück Pflaumenkuchen zum Nachtisch. Ein paar
-alte Leute treten zu ihnen und werden zum Glas Bier eingeladen, und
-dafür kramen die wieder allerlei Erfahrungen und gute Lehren aus und
-versichern vor allem, daß nur die ersten Tage schlimm und anstrengend
-sind. Nachher spürt man es gar nicht mehr, daß man vom Morgen bis zum
-Abend auf den Beinen ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">&ndash;&nbsp;91&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Das ist besonders für den kleinen Hiller eine tröstliche Aussicht. Denn
-er fühlt sich schon jetzt scheußlich schlapp, alle Knochen tun ihm weh
-und noch liegt der lange Nachmittag vor ihm. Am liebsten möchte er
-jetzt die Augen zufallen lassen und eine Stunde schlafen. Aber erstlich
-weiß er nicht wo, denn hier auf dem Holzstuhl der Unteroffizierskantine
-kann er den Kopf nicht hintenüber lehnen, und dann hat er eine heiße
-Angst, man könnte ihn vielleicht nachträglich noch als zu schwach
-erkennen und ihn wieder heimschicken.</p>
-
-<p>Er hat sein Leben lang immer alles gekonnt, was er wirklich gewollt
-hat, und so wird er auch jetzt das bißchen Müdigkeit und Hüftweh
-überwinden.</p>
-
-<p>Hipp holt sich eine Tasse Kaffee, weil die wieder lebendig macht, und
-Hiller folgt seinem Beispiel. Der Kaffee tut seine Schuldigkeit: sie
-werden wieder mobil und sind völlig frisch, als sie um halb drei Uhr
-zum Fußdienst antreten.</p>
-
-<p>Der Fußdienst ist heute nur eine Vorbereitung für das, was später
-kommen soll. Sie erhalten Unterricht im militärischen Grüßen und
-Verhalten den Vorgesetzten gegenüber, und ganz besonders wird ihnen
-noch einmal ein Vortrag über militärischen Gehorsam gehalten.</p>
-
-<p>Der späte Nachmittag trifft sie wieder im Stall. Ein jeder hat sich in
-der Kantine einen Beutel mit Putzzeug kaufen müssen, und sie putzen und
-reiben an Sattel- und Zaumzeug herum.</p>
-
-<p>Hipp erzählt Berliner Witze und vor allem von einem kleinen blonden
-Mädchen, das ihm versprochen hat, jeden Tag einen Brief zu schreiben.
-Na, er wird ja nachher beim Appell sehen, ob sie Wort hält. Beim
-Abschied hat sie sich fast die Augen ausgeweint, denn sie<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">&ndash;&nbsp;92&nbsp;&ndash;</a></span> kennen sich
-seit einem halben Jahr und wollen sich treu bleiben.</p>
-
-<p>Hiller schwankt einen Augenblick. Seine Gedanken fliegen zu Hannchen,
-aber er bringt es nicht fertig, auch seinerseits etwas über Hannchen
-zum besten zu geben.</p>
-
-<p>Gegen Abend tritt einer, den er erst vom Ansehen kennt, zu ihm heran
-und zieht ihn in eine Ecke.</p>
-
-<p>„Mensch, können Sie mir die Gefälligkeit erweisen und mir mit fünf Mark
-aushelfen? Ich bin in Verlegenheit!“ Und Hiller, der noch nie jemand
-angepumpt hat, zieht prompt seinen Brustbeutel heraus und gibt ihm,
-nicht ganz leichten Herzens, das Verlangte. Nun muß er also doch die
-Mutter schon um Geld bitten.</p>
-
-<p>Beim Appell werden die Postsachen verteilt. Hipps Gesicht strahlt,
-denn sein Mädchen hat Wort gehalten und ihm einen Brief geschrieben.
-Aber auch Hiller geht nicht leer aus; es ist ein Paket und ein Brief
-für ihn da. Das Paket ist mit Eilpost gekommen und enthält all
-das, was er der Mutter schon in Berlin für den Fall seiner Annahme
-aufnotiert hatte, und im Brief, der dem Paket beiliegt, findet er einen
-Zwanzigmarkschein. Der andere Brief ist von Großmutter, und auch er
-enthält eine angenehme Einlage.</p>
-
-<p>„Famos!“ Und sein Gesicht strahlt mindestens so hell wie das des guten
-Hipp, der den Brief seines Mädchens zum drittenmal liest.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Krieg rauscht mit rasender Eile, mit nie geahntem Entsetzen,
-unsäglichen Greueln durchs belgische Nachbarland! Was ist nicht
-geschehen in diesem halben Monat, seit der Krieg begann!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">&ndash;&nbsp;93&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Ist man ins Mittelalter zurückgekehrt? Ist alles, was Jahrhunderte
-in eifrigem, rastlosem Fleiß an der Kultur gearbeitet haben, ganz
-umsonst gewesen? Wer ein leicht erregbar Herz hat in diesen Tagen des
-Entsetzens, der ist verloren. Wer so geartet ist, daß er sich dem Leid,
-dem Weh, das den Mitmenschen heimsucht, nicht verschließen kann und
-will, der weint Tränen in diesen Tagen, die schlimmer sind, als das
-Blut, das aus schmerzender, brennender Wunde fließt.</p>
-
-<p>Ein jeder leidet, ein jeder kämpft am Morgen, damit er den Tag und das
-Furchtbare, das er finden kann und wird, ertragen könne. Deutschland
-hat ein Ehrenband bekommen, das alle Herzen zusammenschmiedet, alles
-Kleinliche, alles Alltäglich-Gemeine ist über Bord geworfen, jetzt bei
-Beginn dieses grauenvollen Krieges.</p>
-
-<p>Ob es so bleiben wird, wer mag es wissen? Ob auch ein Krieg, ob Greuel
-und Tod und Mord zur Gewohnheit werden können, und einen nüchternen
-Alltag wieder aufkommen lassen, wer mag es wissen? Für den Augenblick
-zum wenigsten scheint alles zu schweigen; für den Augenblick hat auch
-der Armseligste vergessen, daß er ein Einzelwesen ist und kleine und
-große selbstische Wünsche im Herzen trägt.</p>
-
-<p>Jetzt spricht eine furchtbare Stimme zum deutschen Volke.</p>
-
-<p>Feind um Feind ist aufgestanden; die ganze Welt scheint sich verbunden
-zu haben, um das Land, das Volk, das niemandem etwas zuleide tat, das
-nichts weiter tat, als rastlos voranzustreben, zu vernichten.</p>
-
-<p>Kann Gott das geschehen lassen? Kann Gott, der Allgerechte und
-Allgütige, das wollen?</p>
-
-<p>‚Nein, nein und tausendmal nein!‘ braust es von<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">&ndash;&nbsp;94&nbsp;&ndash;</a></span> den Kanzeln herab.
-‚Das kann Gott nicht wollen! Gott kann nicht zugeben, daß das einzig
-schuldlose, gerechte Volk einer Meute von gemeinen, habgierigen,
-verlogenen Feinden unterliegen soll.‘</p>
-
-<p>Die Kirchen sind überfüllt in dieser Zeit. Nicht aus Angst, nicht
-aus kleinen Motiven sitzen auch die auf den Kirchenbänken, die sonst
-in Jahren das Gotteshaus nicht betreten haben. Es geht nicht anders;
-man muß heraus aus der gewohnten Umgebung &mdash; man muß es laut und mit
-heißer, inbrünstiger Sicherheit verkünden hören:</p>
-
-<p>„Das kann Gott nicht wollen! Das darf und wird nicht sein, daß der
-Schuldlose vernichtet wird, und daß Neid und Mißgunst und schnöde
-Habsucht siegen werden!“</p>
-
-<p>Die Welt ist in Aufruhr. Wer sich nie zuvor gesehen, spricht jetzt mit
-dem andern, als sei er seit Jahren sein Freund. Wer schon ein heißes
-Herzweh erfahren hat, schon Mann oder Kind hergeben mußte, der wird um
-seines Schmerzes willen geliebt und geehrt von jedem, der von seinem
-Unglück erfährt.</p>
-
-<p>Es ist unsäglich schwer und doch schön, in dieser Zeit zu leben!</p>
-
-<p>Mag sein, daß unsere Enkel uns dereinst beneiden, wenn wir ihnen die
-Geschichte des Krieges von 1914/15 erzählen &mdash; mag sein, daß wir uns
-am Ende unserer Tage uns selbst segnen, in dieser Zeit gelebt zu haben
-&mdash; jetzt aber blutet das Herz aus tausend Wunden, und wer eine tätige
-Phantasie hat, der hüte sich, ihr freie Zügel zu lassen.</p>
-
-<p>Wer kann noch ruhig und frohgemut an seinem Tisch sitzen und sein
-täglich Brot verzehren? Wer muß nicht derer gedenken, die Haus und
-Heimat verlassen mußten, die schon den Krieg in nächster, allernächster
-Nähe sahen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">&ndash;&nbsp;95&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Glücklich &mdash; gesegnet die, die draußen sind, die alles von sich
-abgeworfen haben und sterben oder siegen wollen! Sie brauchen
-nicht zu denken, sie haben nicht das quälende, bittere Gefühl der
-Zurückbleibenden, der Abwartenden, die unter der Sicherheit, in der sie
-noch leben, leiden, während die draußen Blut und Leben für sie hingeben.</p>
-
-<p>Und glücklich auch jene ganz Jungen, die in heller, heiliger
-Begeisterung ihren Einzug in die Kasernen gehalten haben &mdash; jene
-allerbegeistertsten, die am liebsten von der Stelle weg in den Kampf
-gezogen wären, da, wo er am wildesten und blutigsten tobt! Seltsames
-haben sie erfahren in den Tagen, die nach Schulabschluß, nach der
-vermeintlichen Freiheit für sie kamen.</p>
-
-<p>Die Begeisterung ist so still geworden; die heiße Freude, mittun zu
-dürfen, ist gedämpft. Sie kommen überhaupt nicht mehr recht zum Denken.
-Die jungen, verwöhnten Körper müssen Unglaubliches leisten; die feinen
-Stadtjungen müssen so Ungewohntes hören, und der Schlaf ist so kurz
-bemessen. Aber schadet nichts, schadet nichts! Nur nicht schlapp
-werden, nur aushalten! Es geht ja auch, man muß nur wollen, mit aller,
-aller Kraft muß man wollen!</p>
-
-<p>Manchmal bekommt man ein Zeitungsblatt in die Hand und liest, was sich
-draußen in der Welt abspielt. Aber man faßt es nicht ganz. Man hat auch
-immer das Gefühl: ‚Ja, wenn ich erst dabei wäre!‘ Und es ist gut, daß
-sie so denken, denn wenn nicht ein jeder von sich selbst das Gefühl
-hätte, daß er riesenhafte, ganz unerhörte Kräfte in sich trägt, wie
-sollte dann der Krieg gegen die Übermacht geführt werden können?</p>
-
-<p>Einstweilen aber heißt es für diese Jüngsten im deutschen Reiche:
-‚Drill &mdash; Drill &mdash; Drill!‘ und putzen und<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">&ndash;&nbsp;96&nbsp;&ndash;</a></span> Stuben fegen und am Abend
-todmüde auf den Strohsack fallen.</p>
-
-<p>Der kleine Hiller kämpft in diesen ersten Tagen einen verzweifelten
-Kampf.</p>
-
-<p>Es ist scheußlich! &mdash; Er fühlt, daß er den Willen, den er mit eiserner
-Kraft zügelt, nur einen Augenblick locker zu lassen braucht, dann ist’s
-aus.</p>
-
-<p>Jeder Knochen im ganzen Körper tut ihm weh! Todmüd’ fühlt er sich vom
-Morgen bis zum Abend. Die Hände sind vom ewigen Putzen aufgerieben, die
-Füße brennen, er hat das Gefühl furchtbarer Mattigkeit &mdash; hat ewig das
-Gefühl, hungrig zu sein, aber wenn das Essen vor ihm steht, schmeckt es
-ihm nicht.</p>
-
-<p>Scheußlich! scheußlich! scheußlich!</p>
-
-<p>Einer von ihnen ist schon schlapp geworden und hat um Entlassung
-gebeten. Hinter dem haben sie alle hergelacht, und der Wachtmeister
-hat sein niederträchtigstes Gesicht aufgesetzt, als er ihm den
-Entlassungsschein gab. Dies höhnische Gesicht des Wachtmeisters hat
-sich in Hillers Herz wie mit blutiger Schrift eingegraben. Nein, eher
-sollen sie ihn halbtot vom Platze tragen, ehe er seiner Schwäche
-nachgibt.</p>
-
-<p>Hipp sagt eines Tages seelenruhig zu ihm:</p>
-
-<p>„Wenn mir die Sache zu toll wird, schwenke ich ab. Ich hab’ mich
-doch zum Teufel nicht als Kriegsfreiwilliger gemeldet, um Stuben
-aufzuwaschen und Sattelzeug zu putzen!“ Aber dabei lacht er und sieht
-wundervoll gesund aus.</p>
-
-<p>Doch es soll noch schlimmer kommen. Der Oberleutnant schreitet eines
-Tages durch die Ställe, und ein heiliges Kreuzdonnerwetter tost nach
-dem anderen herunter.</p>
-
-<p>„Was ist das für eine heillose Schweinerei! In den<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">&ndash;&nbsp;97&nbsp;&ndash;</a></span> Ställen ist
-überhaupt kein Boden mehr zu sehen; halbfußhoch ist der Mist
-festgetreten, als ob seit drei Monaten hier nicht gesäubert worden
-wäre!“</p>
-
-<p>Der Wachtmeister erklärt dem Oberleutnant die Ursache.
-Selbstverständlich sieht hier nicht alles so aus wie in anderen Jahren.
-Man hatte über all der Aufregung keine Zeit, die alte Ordnung und
-Reinlichkeit aufrechtzuerhalten.</p>
-
-<p>Aber was nutzt das alles? Die Ställe müssen wieder ordnungsmäßig
-aussehen. Also Freiwillige vor und ausmisten!</p>
-
-<p>Hiller hat wieder falschen Sitz gehabt und ist vom Bügelriemen
-gescheuert worden; das Bein ist ganz wund. Anderen ist’s viel schlimmer
-ergangen &mdash; ja, einen, der einen Tritt vors Schienbein bekam, und der
-vor lauter Schmerz laut aufgeschrien hat, mußten sie unter einem Hagel
-von Flüchen ins Revier schaffen.</p>
-
-<p>Aber der kleine Hiller ist noch so furchtbar empfindlich. Wenn er den
-ganzen Morgen lang schlapp, faul und schläfrig gescholten wird, fängt
-er an, sich unglücklich zu fühlen. Einer von den Wachtmeistern, der
-es gut mit ihnen meint, hat ihnen in einer längeren Rede erklärt:
-„Selbstverständlich kann man euch nicht mit Kosenamen benennen,
-und wenn mal ein derbes Schimpfwort fliegt, dann müßt ihr das eben
-hinnehmen und euch sagen, daß eurem Wachtmeister auch mal die Galle
-überläuft!“</p>
-
-<p>Diese Erklärung hat ihnen wohlgetan. Das wissen sie natürlich, daß beim
-Drillen geschimpft wird, das gehört einfach dazu. Aber dennoch: wenn
-der Wachtmeister sich einen einzelnen heraussucht und den einen ganzen
-Vormittag nicht wieder losläßt, und wenn dieser arme<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">&ndash;&nbsp;98&nbsp;&ndash;</a></span> Teufel dazu ein
-empfindsames Gemüt hat, dann ist das doch eine sehr niederträchtige
-Sache.</p>
-
-<p>Dem armen kleinen Hiller ist’s zum Tode weh zumute. Soll er jetzt an
-Hipps Stelle treten und der Unglückswurm seines Beritts werden?</p>
-
-<p>Rot ist sein Kopf, und der Schweiß steht ihm in dicken Tropfen auf der
-Stirn, als es endlich ‚absitzen‘ heißt.</p>
-
-<p>„Eine Viertelstunde Mittagspause &mdash; Kommando, in der Mannschaftskantine
-zu essen &mdash; dann Drillichanzug anziehen und zum Ausmisten in den Stall
-antreten!“</p>
-
-<p>Sie sind wütend; sie kommen sich gedemütigt vor &mdash; diejenigen
-wenigstens, die von den hohen Schulen gekommen sind, um dem Vaterland
-zu dienen.</p>
-
-<p>Heißt das auch noch dem Vaterland dienen, wenn sie Ställe ausmisten?
-Hipp ist nur über den Zwang, den Mannschaftsfraß essen zu müssen,
-aufgebracht. Mit ihren Näpfen treten sie an. Weiße Bohnen und Speck
-gibt’s und duftet herrlich. Und &mdash; Teufel, ja &mdash; schmecken tut es
-großartig! Das müssen sie trotz ihrem Ärger zugeben. Hipp läßt sich
-seinen Napf zum zweitenmal füllen.</p>
-
-<p>Es geht in fliegender Eile. Hinauf in die Stuben, aus den Reithosen
-heraus und in den Drillich hinein.</p>
-
-<p>Hipp holt ein rosa Briefchen aus seiner Rocktasche: „Da, lies mal!“ Er
-gibt es Hiller.</p>
-
-<p>‚Mein süßer, geliebter Schatz!‘ liest der und wirft den Brief
-Hipp wieder zurück. Was gehen ihn Hipps Liebesbriefe an? Es ist
-überhaupt gemein von dem, daß er sie in der Kaserne vorliest und sich
-damit brüstet. „Der blasse Neid,“ sagt Hipp, hält sich aber doch
-freundschaftlich an Hillers Seite.</p>
-
-<p>Unten steht schon der Wachtmeister und brüllt sie an:<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">&ndash;&nbsp;99&nbsp;&ndash;</a></span> „Freiwilliger
-Hiller, wissen Sie nicht, daß Sie Stallwache haben?“</p>
-
-<p>Hiller ist erstaunt, daß er mit ‚Sie‘ angeredet wird. „Zu Befehl,
-Herr Wachtmeister! Ich war nur zum Essen in der Kantine und habe den
-Reitanzug ausgezogen.“</p>
-
-<p>„Wenn ich noch einmal einen, der Stallwache hat, nicht auf seinem
-Posten treffe, gebe ich Arrest!“ sagt der Wachtmeister und wendet sich
-ab.</p>
-
-<p>Es werden kleine, scharfe Harken an die Freiwilligen verteilt, denn
-der Mist ist so festgetreten, daß sie ihn losklopfen müssen. Der dicke
-Hipp kniet im Schweiße seines Angesichts da und klopft, ist aber nicht
-aus der Laune zu bringen und reißt Witze. Sobald der Wachtmeister außer
-Sicht ist, lachen sie alle mit ihm; er hat eine ungeheuer komische
-Art, seine Vorgesetzten nachzuahmen. Selbst Hiller kann nicht ernst
-bleiben, wenn Hipp seine Possen treibt. Dieser harmlos aussehende dicke
-Mensch hat es faustdick hinter den Ohren. Er ist frech und kühn, sobald
-der Wachtmeister den Rücken gekehrt hat, und sieht wie ein Gotteslamm
-aus, wenn er ihm gegenübersteht. Sein prachtvoller Humor und seine
-strotzende Gesundheit bringen ihn über alle Widerwärtigkeiten hinweg.</p>
-
-<p>Und an diesen beiden glücklichen Gaben fehlt es dem armen Hiller so
-sehr! Wohl hat er Verständnis für Humor; ja, in einem ganz kleinen
-Winkel seiner Seele sitzt etwas vom Schalk, der sich ganz selten einmal
-etwas hervorwagt, aber gleich ängstlich verschwindet, wenn ein Schatten
-auf den Weg seines Lebens fällt. Und mit seiner Gesundheit ist es auch
-eine eigene Sache. Krank ist er nicht &mdash; &mdash; &mdash; aber auch nicht recht
-widerstandsfähig.</p>
-
-<p>Müd’ &mdash; schlapp &mdash; kaputt!</p>
-
-<p>Auch jetzt tut ihm der Rücken infam weh, das vielfach<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">&ndash;&nbsp;100&nbsp;&ndash;</a></span> am Lederzeug
-aufgescheuerte Bein schmerzt und, was das Schlimmste ist, die große,
-schöne Begeisterung ist fort, ist einfach weggeflogen.</p>
-
-<p>Sehnsucht nach dem stillen geistigen Leben ist erwacht. Er gedenkt der
-Abende mit der Mutter. Sie haben zusammen auf dem Sofa gesessen, und
-entweder hat sie gelesen, oder er hat ihr erzählt, und sie waren beide
-stumm geblieben, und die Mutter hat ihm den Arm um die Schultern gelegt.</p>
-
-<p>Hipp erzählt nun doch wieder von seinem blonden Mädchen, und Hiller
-hört zu, ohne es zu wollen. Er erzählt sehr anschaulich &mdash; er verrät
-kolossale Kenntnisse, die er freiwillig zum besten gibt.</p>
-
-<p>Dabei schaufeln sie Berge von Mist vor sich auf, und draußen rollen
-zwei Freiwillige Karren an, um den Mist zum Dunghaufen zu bringen. Hipp
-und die zwei anderen, die zusammen arbeiten, sagen: „Schaufeln her!“
-Aber es sind keine Schaufeln da. „Hiller, du hast Stallwache, du mußt
-für Schaufeln sorgen!“</p>
-
-<p>Hiller weiß wohl, daß er Stallwache hat, das heißt, daß er die ganze
-Nacht über mit einem anderen, der ihn alle zwei Stunden ablösen muß,
-im Stall zu bleiben hat, aber er sieht deshalb nicht ein, warum er es
-gerade sein soll, der für Schaufeln zu sorgen hat.</p>
-
-<p>„Geh du doch,“ sagt er zu Hipp; und Hipp geht auch, kommt aber mit
-leeren Händen zurück.</p>
-
-<p>„Tatsache, Hiller, du mußt gehen &mdash; der Wachtmeister weiß auch, daß du
-Stallwache hast!“</p>
-
-<p>Da macht sich Hiller zum Wachtmeister auf. Stramm, die Hacken
-zusammengeklappt, steht er vor ihm.</p>
-
-<p>„Verzeihung, Herr Wachtmeister, wir möchten um Schaufeln bitten!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">&ndash;&nbsp;101&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Schon wieder einer! Kerls, was wollt ihr denn mit den Schaufeln?“</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, den Mist in die Karre laden!“</p>
-
-<p>„Dämlack!“ schrie ihn der Wachtmeister an. „Wozu hat Gott euch denn
-eure natürlichen Schaufeln gegeben?“ Dreht sich um und läßt den kleinen
-Hiller abziehen.</p>
-
-<p>Sie werfen nun den Mist mit ihren Händen in die blauen Arbeitsschürzen,
-die sie tragen, und leeren ihn in die Karren. Die alten Leute, die
-vorübergehen und die nicht mitzutun brauchen, lachen sie aus.</p>
-
-<p>„Das schmeckt gut, was? Nach so einer Ausmisterei ist man für zwei Tage
-satt und braucht nichts zu essen!“</p>
-
-<p>Es ist ihnen gleichgültig geworden. Auch dem dicken Hipp tut jetzt der
-Rücken weh &mdash; aber der Wachtmeister treibt zur Eile an. „Bis zum Appell
-muß der Boden blank und glatt wie Parkett sein.“</p>
-
-<p>Nein, sie wissen es nicht mehr, daß Deutschland gegen eine Welt von
-Feinden streitet, und daß sie mit so heißer Hingabe in die Kasernen
-gezogen sind, um in ein paar Wochen mitzutun.</p>
-
-<p>Sie knien vor ihrem Misthaufen und sind stumpf und müd’ geworden.
-Denken überhaupt nicht mehr an das Große, Gewaltige, das draußen in der
-Welt vor sich geht &mdash; &mdash; &mdash; denken nur noch an sich selber und an ihre
-eigenen Leiden, an den schmerzende Rücken und an den Durst, den sie
-nicht löschen dürfen.</p>
-
-<p>Und der verärgerte Wachtmeister brüllt sich die Kehle wund, weil es
-nicht schnell genug geht.</p>
-
-<p>Die müden Hände hacken, Schürzen werden gefüllt, und die Karren rollen
-hin und her. Um sechs Uhr ist der<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">&ndash;&nbsp;102&nbsp;&ndash;</a></span> letzte Karren weg. Nun Wasser holen
-&mdash; zehn, zwanzig Eimer Wasser und schrubben, was das Zeug hält.</p>
-
-<p>Der Wachtmeister reißt Hiller seinen Besen aus der Hand. „Kerl, willst
-du mir einen Tango vortanzen?“ Und er macht ihm das Schrubben auf
-energische Weise vor.</p>
-
-<p>Nun geht es glatt weiter. Die Wasserplantscherei hat etwas Lustiges.
-Hipp läßt das schmutzige Wasser hoch gegen die anderen aufspritzen.
-„Das müßte mein Mädchen sehen!“ sagt er. Er denkt nichts anderes als
-sein Mädchen. Den ganzen Tag spricht er von ihr.</p>
-
-<p>Der Oberleutnant kommt zum Revidieren. Er ist zufrieden.</p>
-
-<p>„Antreten zum Appell!“</p>
-
-<p>Hipp bekommt seinen erwarteten Brief und schmunzelt. Hiller geht leer
-aus. Er läßt den Kopf hängen und kehrt in den Stall zurück. Die anderen
-sind jetzt frei und können in die Kantine oder in die Stadt gehen. Er
-aber sitzt auf einer Futterkiste im Stall und sieht trübe vor sich hin.</p>
-
-<p>Der ‚alte Mann‘ der mit ihm die Wache hält, fragt: „Soll ich Essen
-holen?“</p>
-
-<p>Das bedeutet natürlich, daß er auf Hillers Kosten für sie beide Essen
-holen will. Hiller zieht einen Taler aus seinem Brustbeutel heraus, und
-der andere kommt bald mit einem Arm voll Butterbroten, mit mehreren
-Paar Würstchen und zwei Flaschen Bier zurück.</p>
-
-<p>Sie essen gemeinsam auf ihrer Futterkiste und schwatzen, bis die Sonne
-sinkt.</p>
-
-<p>Um neun Uhr legt sich der ‚alte Mann‘ ins Stroh, zieht einen Woilach um
-sich, und Hiller bleibt allein.</p>
-
-<p>Regungslos bleibt er auf seiner Futterkiste sitzen. Der Rücken
-schmerzt, und ins arme Herz ist ein Leid ge<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">&ndash;&nbsp;103&nbsp;&ndash;</a></span>zogen, so schwer, so heiß,
-daß er’s kaum zu ertragen vermag.</p>
-
-<p>Die Öllaternen im Stall werfen trübe Lichter um sich. Die Halfterketten
-klirren &mdash; der warme Dunst aus all den Tierleibern strömt stark und
-erregend zu ihm hin.</p>
-
-<p>Er muß an all das, was Hipp ihm die Tage über von seinem Mädchen
-erzählt, denken.</p>
-
-<p>In Hillers Kopf will es nicht hinein, daß man von einem Geschöpf, für
-das man Liebe und Verehrung empfindet, vor anderen sprechen kann. Im
-Anfang hat es ihn angewidert, wenn Hipp von dem Mädchen sprach; aber
-man kann schließlich die Ohren nicht zustopfen, wenn einer so ständig
-von derselben Sache erzählt.</p>
-
-<p>Und jetzt, in dieser halbdunklen Einsamkeit, in dieser tiefen
-Sehnsuchtsstimmung, in dieser warmen, von einem erregenden Duft
-erfüllten Luft steigt heiß und drängend im armen, kleinen Hiller ein
-bisher ungekanntes Verlangen auf.</p>
-
-<p>Tränen fließen ihm aus den Augen. Die Hände haben sich zu Fäusten
-geballt &mdash; weh, furchtbar weh ist ihm ums Herz.</p>
-
-<p>Ein Pferd hat den Kopf aus dem Halfter gelöst und versucht
-auszubrechen. Er springt hin und bekommt es zu fassen, bevor es draußen
-ist.</p>
-
-<p>Das Tier schnuppert an ihm herum und läßt sich willig anketten. Er
-schleicht zu seiner Futterkiste zurück; er sitzt und seine Gedanken
-fliegen zur Mutter. Wo mag die sein? Ob sie allein zu Hause sitzt? Ob
-sie zur Großmutter gefahren ist?</p>
-
-<p>Er sieht sie vor sich, hört sie reden, sieht sie weinen. Natürlich
-weint sie um ihn. Die Trennung mag schwer auf ihr lasten. Bislang hat
-er noch nicht recht darüber<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">&ndash;&nbsp;104&nbsp;&ndash;</a></span> nachgedacht, wie einsam es um sie sein
-muß. Nun aber kommt es plötzlich über ihn. Die traulichen Zimmer, in
-denen er mit ihr gelebt hat, sieht er vor sich. Die Bilder an den
-Wänden leuchten zu ihm herab. Er sitzt mit ihr in der halbdunklen
-Sofaecke, den Kopf an sie geschmiegt.</p>
-
-<p>Wie schön waren diese Abende mit ihr gewesen! Wie schön dies ganze
-stille, einfache Leben! So geborgen, so warm! Wenn man etwas auf dem
-Herzen gehabt, hat man’s abends der Mutter gesagt, und alles war gut
-gewesen. Und hat sich doch eigentlich immer nach was anderem gesehnt.
-Hat immer gerechnet, wieviel Vierteljahre man noch auf der Schulbank zu
-sitzen und abzuwarten hat, bis das eigentliche Leben kam.</p>
-
-<p>Und nun ist dies eigentliche Leben da &mdash; nun ist man ganz plötzlich
-aus allem herausgeschleudert worden! Man ist Soldat geworden und will
-fürs Vaterland kämpfen. So stolz, so glücklich, so begeistert ist man
-gewesen.</p>
-
-<p>Warum nur? Für was nur?</p>
-
-<p>Man hört ja nichts mehr vom Krieg. Man tut ja nichts, gar nichts zur
-Sache. Den ganzen Tag wird man angeschnauzt &mdash; Schimpfnamen fliegen
-einem um den Kopf. Man mistet Ställe aus und putzt seine Pferde.</p>
-
-<p>Das hat man doch nicht gewollt! Dafür ist man doch nicht hierher
-gekommen! Und der kleine Hiller, der sich jeden Tag von neuem freuen
-muß, wenn er überhaupt glücklich auf sein Pferd hinaufkommt und sich
-oben behaupten kann &mdash; der kleine Hiller, den jedes Glied am ganzen
-Körper schmerzt, der einen geradezu verzweifelten Kampf gegen Schwäche
-und Schlappheit kämpft, hat in dieser stillen, todeinsamen Nachtstunde
-das Gefühl,<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">&ndash;&nbsp;105&nbsp;&ndash;</a></span> daß ihm ein großes Unrecht geschieht, weil man ihn hier
-noch festhält, statt ihn in Kampf und Begeisterung ziehen zu lassen.</p>
-
-<p>Alles ist häßlich und traurig und verzerrt in dieser Nacht. Namenlos
-öd und einsam die ganze Welt! Unerträglich das Leid und die heiße
-Sehnsucht im Herzen! Die Sehnsucht nach irgend jemandem, der gut zu ihm
-ist, der warm und lieb zu ihm spricht &mdash; &mdash; der die Arme um ihn legt &mdash;
-ihn küßt.</p>
-
-<p>Verteufelt! Schon wieder muß er an Hipps Mädchen denken, das ihm jeden
-Tag einen Brief schreibt.</p>
-
-<p>Warum hat er niemanden, der an ihn denkt, der ihm schreibt.</p>
-
-<p>Wieder hat ein Pferd sich losgelöst und sucht den Ausgang zu erreichen.
-Der ‚Arbeiter‘ ist es, sein eigenes Pferd. Er führt es zu seinem Platz
-zurück und klopft ihm den Kopf.</p>
-
-<p>Das Tier schmiegt sich an ihn, berührt ihn mit der warmen, nassen
-Schnauze. Da löst sich im armen Jungen der bittre, bittre Schmerz.
-Er weint laut auf. Mit beiden Armen umschlingt er den Hals des
-Tieres. „Mutter &mdash; &mdash; Mutter!“ Er schreit es fast. Ein grenzenloses
-Heimweh tobt in ihm. „Mutter &mdash; &mdash; Mutter!“ Und umklammert wie ein
-Verzweifelter den warmen Kopf, drückt das Gesicht in die Mähne hinein
-und schluchzt und wird gerüttelt und gestoßen von diesem plötzlichen,
-wilden, unerträglichen Jammer. Lang steht er so an seinen ‚Arbeiter‘
-geschmiegt.</p>
-
-<p>‚Nach Hause &mdash; zur Mutter zurück!‘ Und er will ihr schreiben: ‚Ich kann
-es hier nicht länger ertragen, laß mich zu dir zurückkommen!<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">&ndash;&nbsp;106&nbsp;&ndash;</a></span>‘</p>
-
-<p>Er schleicht zur Futterkiste zurück &mdash; zieht eine zerknitterte
-Feldpostkarte aus der Tasche.</p>
-
-<p>‚Liebes Muttchen!‘ schreibt er &mdash; besinnt sich einen Augenblick und
-kommt zur Vernunft. Ein ‚Zurück‘ gibt es nicht für ihn. Ausharren muß
-er, und wenn es noch tausendmal schlimmer kommt. Aber sehen will er
-sie, und da er nicht zu ihr kann, muß sie zu ihm kommen. Das geht &mdash;
-daran kann niemand etwas finden.</p>
-
-<p>So schreibt er: ‚Wenn Du willst, so besuche mich, bitte. Ich habe ein
-wenig Heimweh nach Dir!‘</p>
-
-<p>Nachdem er das geschrieben, ist ihm leichter ums Herz geworden. Er
-läuft über den Kasernenhof und bringt die Karte zum Kasten.</p>
-
-<p>Sternklar wölbt der Himmel sich draußen. Kühl ist die Nacht, denn der
-Herbst will ganz ganz langsam kommen.</p>
-
-<p>Tief atmet Hiller auf. Das Leid ist verflogen. Der furchtbare Druck ist
-von ihm genommen. Nun ist er nur noch müd’ &mdash; hat nur noch Sehnsucht
-noch einem langen, tiefen Schlaf.</p>
-
-<p>Im Stall trifft er den ‚alten Mann‘, der ihn für zwei Stunden abzulösen
-hat, an. Der sieht ganz vergnügt aus.</p>
-
-<p>„Müde, was?“ und schaut lächelnd in das bleiche Knabenangesicht.
-„In zwei Stunden kommst du wieder dran, Mensch. Das lohnt kaum der
-Mühe, sich hinzulegen! Bleib man gleich auf, sonst wirst du nachher
-überhaupt nicht mehr munter. Man kennt das ja bei euch jungen Kerlen.
-Muttersöhnchen! Neulich habe ich für einen die ganze Nacht gewacht. Da
-hat er mir ’n Taler für geschenkt!“ Und sieht noch forschender, sieht
-eigentlich geradezu aufmunternd in Hillers Gesicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">&ndash;&nbsp;107&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Der hat schon die Hand am Brustbeutel. „Ich bin in der Tat sehr müde!“</p>
-
-<p>Der ‚alte Mann‘ nimmt den Taler und läßt ihn in die Hosentasche gleiten.</p>
-
-<p>„Da hast du einen Woilach zum Drauflegen; in den andern wickelst du
-dich ein, und dann kannst du bis sieben Uhr pennen. Los &mdash; mach’, daß
-du ins Stroh kommst!“</p>
-
-<p>Und der kleine, müde Hiller häuft sich das Stroh, aus dem der ‚alte
-Mann‘ aufgestanden ist, frisch auf, legt den einen Woilach darauf,
-wickelt sich in den anderen ein, und bevor zwei Minuten vergangen sind,
-führt ihn sein tiefer, prachtvoller Jungenschlaf aus Leid und Not
-dieses Tages hinweg. Das bekümmerte Gesicht wird kindlich und froh. Die
-bleichen Wangen röten sich. Und als der ‚alte Mann‘ sich gegen Morgen
-einen Scherz macht und ihm mit dem nassen Pferdeschwamm über die Augen
-fährt, merkt er’s kaum, dreht sich um und schläft weiter, bis ihn zwei
-kräftige Arme an den Schultern packen und hochreißen.</p>
-
-<p>„Heraus, Mensch &mdash; aufgestanden &mdash; sieben Uhr &mdash; ‚Vize‘ ist im Anzug!“</p>
-
-<p>‚Vize‘ ist der Vizewachtmeister Peters; und das Wort ‚Vize‘ genügt,
-um den kleinen Hiller im Nu hochfahren zu lassen &mdash; Hände an die
-Hosennaht, Hacken zusammengeklappt.</p>
-
-<p>‚Vize‘ ging schweigend und höhnisch an ihm vorüber.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Hiller ist dem ‚alten Mann‘ riesig dankbar, daß er ihm für den Taler
-die lange Nachtruhe verschafft hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">&ndash;&nbsp;108&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Die Taler fliegen ja erschrecklich glatt und leicht dahin, aber
-eigentlich kommt nie ein Brief ohne Einlage an ihn an. Die Mutter
-schickt &mdash; Großmutter und Großvater schicken, und es gibt noch ein paar
-Onkel und Tanten, die nicht nur Worte und schöne Redensarten für den
-jungen Kriegsfreiwilligen übrig haben. Es ist eine ganze Menge, was
-so in immer neuen Auflagen in Hillers Brustbeutel zusammenkommt. Er
-braucht nicht zu knausern, und das ist gut, denn das Knausern liegt ihm
-nicht.</p>
-
-<p>Großmutter schrieb zwar: ‚Daß Du im Restaurant für teures Geld ißt, da
-Du das Mannschaftsessen umsonst haben kannst, ist aus zweierlei Gründen
-nicht richtig; denn erstens soll ein jeder in diesen schweren Zeiten
-sein Geld zusammenhalten oder es fürs allgemeine Wohl hingeben, und
-zweitens ist es besser, wenn Du Dich schon jetzt an das Kasernenessen
-gewöhnst, damit es Dir später im Feld nicht schwer wird!‘</p>
-
-<p>Aber sie legt getreulich jedem Brief einen Schein bei, und darum kann
-Hiller die großmütterlichen Mahnreden nicht sehr ernst nehmen.</p>
-
-<p>Er ißt ja auch keineswegs im Restaurant, um sich Leckerbissen zu
-verschaffen. Nein, er würde ohne weiteres das Mannschaftsessen genommen
-haben, wenn das einfach so möglich gewesen wäre.</p>
-
-<p>Aber hier sitzt der Haken: er ist Einjähriger &mdash; er bekommt Geld &mdash;
-er ist also einfach verpflichtet, mit den finanziell Gutgestellten im
-Restaurant zu essen. Man würde ihn sonst nicht für voll angesehen haben.</p>
-
-<p>Und ebenso ist er verpflichtet, sich von den alten Leuten gegen gute
-Bezahlung Dienste leisten zu lassen und sie abends in der Kantine
-freizuhalten. Sie drängen sich<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">&ndash;&nbsp;109&nbsp;&ndash;</a></span> an einen heran und können kolossale
-Erleichterungen bringen.</p>
-
-<p>So zum Beispiel dieser lange Schlaf in der letzten Nacht! Dafür ist ein
-Taler wirklich nicht zuviel gewesen. Er fühlt sich prachtvoll frisch &mdash;
-die Welt lacht ihn an.</p>
-
-<p>Oben am Kasernenturm ist die Fahne hochgezogen; man feiert einen neuen
-Sieg.</p>
-
-<p>Jetzt weiß man wieder, daß Großes, Gewaltiges sich in Europa abspielt.
-&mdash; &mdash; &mdash; Jetzt begreift man, daß man alle Kräfte zusammennehmen muß, um
-würdig befunden zu werden zum Mittun!</p>
-
-<p>Der Wachtmeister sagt: „Natürlich suchen wir zum Ausrücken nur die
-besten Reiter heraus, denn einer, der sein Pferd nicht beherrscht,
-kann im Kriege nichts leisten.“ Das ist eine sehr selbstverständliche
-Tatsache, und Hiller begreift an diesem sonnenhellen Morgen plötzlich,
-daß der strenge, nicht sehr geliebte ‚Vize‘ keinen leichten Standpunkt
-hat. Denn wie er selbst noch ganz und gar unsicher auf seinem Gaul
-sitzt, so ist es mit der Mehrzahl der anderen auch, und doch schimpft
-jeder von ihnen über den Drill und hat jeder einzelne den heftigen
-Wunsch: Hinaus! Hinaus!</p>
-
-<p>An diesem Morgen geschieht es, daß ‚Vize‘ sich am Ende der Reitstunde
-neben Hillers Pferd stellt und den Hals des Tieres klopft.</p>
-
-<p>„Reiten noch sehr mittelmäßig, Freiwilliger! Aber man hat doch heute
-wenigstens den guten Willen gespürt. Das ist schon etwas, und andere
-könnten sich da ein Beispiel dran nehmen!“</p>
-
-<p>Dabei sieht er zu Hipp hinüber, der zweimal über den Kopf seines
-‚Anton‘ hinweggesaust ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">&ndash;&nbsp;110&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Hillers Herz klopft in jäher Freude. ‚Vize‘ hat ihn gelobt &mdash; ‚Vize‘
-hat zum erstenmal nicht mit ihm gewütet.</p>
-
-<p>Die Hand, die den Zügel hält, zittert; er ist außer sich vor Glück.
-Keine Spur von Schlappheit mehr &mdash; kein Schmerz mehr in den Knochen.
-Eine Riesenkraft fühlt er in sich erstehen, und heißer Mut beseelt ihn.
-Oh &mdash; er kann &mdash; er kann &mdash; er kann! Immer in seinem ganzen Leben hat
-er noch gekonnt, was er wirklich und mit seinen ganzen Kräften gewollt
-hat!</p>
-
-<p>Auf einmal weiß er nun auch, daß er eines Tages Herr seines Pferdes
-sein wird. Ja &mdash; daß er all die, die hier mit ihm reiten, überragen
-wird. Auch die Bauernjungen, die von Kindheit auf mit Gäulen zu tun
-gehabt haben.</p>
-
-<p>Er braucht nur zu wollen, nur wirklich und ernst zu wollen!</p>
-
-<p>Es wird ihm ordentlich schwer, das Lob des Wachtmeisters still
-hinzunehmen; gern hätte er ihm gedankt, ihm die Hand gereicht. Aber er
-bleibt still und bescheiden sitzen; nur das Herz schlägt heftig.</p>
-
-<p>Nach dem Reitunterricht ist ein Fest in der Kaserne, um den großen
-neuen Sieg zu feiern. Der Oberleutnant steht vor seinen Husaren und
-hält eine kurze, packende Ansprache, die im Kaiserhoch endigt.</p>
-
-<p>Als sie frei sind, sieht Hipp verächtlich zu Hiller hinüber. „Streber!“
-Und der noch allzu empfindliche Hiller erbleicht vor Ärger, aber
-Hipp lacht im nächsten Augenblick und schiebt seinen Arm in den des
-Kameraden.</p>
-
-<p>„Morgen brüllt er dich doch wieder an. Man kennt diese Menschenschinder
-ja!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">&ndash;&nbsp;111&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Dennoch bleibt Hiller an diesem Tage in gesteigerter Stimmung.</p>
-
-<p>Nach dem eilig eingenommenen Mittagessen geht’s zur ersten Schießübung
-hinaus. Zwei Wachtmeister führen einen Trupp von vierzig Freiwilligen
-zum großen Schießplatz.</p>
-
-<p>Sie haben eine gute Stunde zu marschieren. Die Hitze ist glühend; die
-Sonne glitzert in ihren blanken Knöpfen und spielt mit den grellgelben
-Tressen auf den grauen Attilas. Der trockene Boden knirscht unter ihren
-Füßen, aber sie gehen wie beflügelt dahin. Mit Ungeduld haben sie
-auf diese erste Schießübung gewartet, denn bevor sie nicht schießen
-gelernt, können sie natürlich nicht ins Feld. Nun endlich soll es
-losgehen!</p>
-
-<p>Einer von den alten Leuten hatte ihnen gesagt: Zwei Wochen Schießübung
-&mdash; zwei Wochen Lanzenfechten und Säbelstechen, dann ist die Sache
-gedeichselt, dann geht’s los! Dies also ist der eigentliche Anfang; es
-werden noch sechs Wochen vergehen, ehe sie herauskommen! Und draußen
-wird ein Sieg nach dem anderen erfochten! Wenn das so weitergeht, dann
-hat Deutschland ausgekämpft, ehe sie aus ihrem Drill heraus sind.</p>
-
-<p>Bald dehnt sich der Schießplatz vor ihren Blicken aus.</p>
-
-<p>Der Wachtmeister - es ist einer, mit dem sie bislang noch nichts zu
-tun gehabt haben &mdash; lehrt sie in erster Linie den Karabiner richtig
-handhaben.</p>
-
-<p>Auch er brüllt; auch er schimpft wie ein Unsinniger.</p>
-
-<p>Wachtmeister müssen schimpfen und müssen beim Schimpfen einen
-puterroten Kopf bekommen, sonst wird’s nichts.</p>
-
-<p>Der kleine Hiller hat noch so zarte Hände; für ein paar Minuten hat
-es den Anschein, als sollte er hier<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">&ndash;&nbsp;112&nbsp;&ndash;</a></span> den Sündenbock abgeben, denn der
-Wachtmeister tobt immer im Kreise um ihn herum.</p>
-
-<p>Aber es müssen wohl noch Ungeschicktere da sein, denn plötzlich ist
-er fort, und nun weiß Hiller auch ganz gut mit seinem Schießprügel
-umzugehen.</p>
-
-<p>Es wird ihnen ein Vortrag gehalten:</p>
-
-<p>Der Kavallerist muß in jeder Stellung schießen können. Er muß im
-Liegen, im Stehen und vom Pferd herabschießen können! Der Kavallerist
-muß überhaupt alles können, was der Infanterist kann! Das hat man ihnen
-nun schon oft gesagt, und sie wissen, daß sie doppelte Ausbildung
-haben werden. Dafür haben sie dann im Feld den Vorteil, auch dann noch
-kampffähig zu sein, wenn das Pferd ihnen weggeschossen wird.</p>
-
-<p>Als Ziel für ihre erste Übung dient ihnen eine Scheibe, die in zwölf
-Kreise geteilt und an ein kleines Steinhäuschen gestellt ist.</p>
-
-<p>Sie haben Platzpatronen bekommen und lernen zunächst den Karabiner
-in jeglicher Stellung handhaben. Der Wachtmeister erklärt ihnen
-umständlich die Scheibe und die Entfernung, und es vergeht eine gute
-Stunde mit den Vorbereitungen, ehe sie endlich zum Schießen kommen.</p>
-
-<p>Die wenigsten haben Glück; sie schießen aufs Geratewohl. Hipp lacht,
-trotzdem der Wachtmeister schimpft, leise vor sich hin, denn es
-belustigt ihn ungeheuer, daß er trotz alles Schimpfens mit keinem Schuß
-auf die Scheibe trifft.</p>
-
-<p>Auch Hillers Hand zittert plötzlich. Da er als Knabe viel nach der
-Scheibe geschossen hat, hat er das angenehme Gefühl gehabt, hier auf
-dem Schießplatz gut zu bestehen und sich womöglich wieder ein Lob des
-Vorgesetzten zu holen. Nun aber schleichen sich Angst und Aufregung<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">&ndash;&nbsp;113&nbsp;&ndash;</a></span> an
-ihn heran. Es ist ihm schon oft im Leben so gegangen: wollte er zeigen,
-daß er eine Sache verstand, so mißlang sie erst recht. Der erste Schuß
-geht dann auch richtig daneben, und der Wachtmeister steht wieder
-drohend nahe dicht bei ihm. Er spürt den Atem des erregten Mannes, und
-sein Kopf wird heiß, und das Herz fängt an zu hämmern.</p>
-
-<p>„Kerl, bist du des Teufels?“ Der Wachtmeister richtet ihm den Karabiner
-in der Hand zurecht. Hipp sieht schadenfroh zu Hiller hinüber.</p>
-
-<p>Da geht ein Schuß los und trifft fast in die Mitte der Scheibe. „Das
-war Zufall,“ sagt der Vorgesetzte kühl und mit leisem Hohn in der
-Stimme. „Noch einmal!“ und dreht ihm den Karabiner wieder in der Hand
-zurecht. „Ganz gut,“ sagt er dann etwas weniger kühl. „Nun noch einmal,
-damit es sich herausstellt, ob es Dusel war oder nicht!“</p>
-
-<p>Nun wird Hiller kühn und hat wieder das triumphierende Gefühl: ‚Ich
-kann, was ich will!‘</p>
-
-<p>„Man wird ja später sehen, ob das so bleibt,“ sagt der Wachtmeister
-befriedigt, geht zu den anderen und ahnt nicht, in welchen
-Freudentaumel er den kleinen Freiwilligen mit dem Knabengesicht
-versetzt hat.</p>
-
-<p>Niemand außer Hipp hat an Hillers Schießversuchen Anteil genommen,
-niemand beachtet auch, wie die Augen des schmalen Husaren leuchten, wie
-er ganz verklärt dasteht.</p>
-
-<p>Das zweite Lob an einem Tage! Das macht ihn ganz toll.</p>
-
-<p>Zur Vesperzeit ladet er in der Kantine zwei alte Leute zum Kaffee ein
-und schenkt jedem eine Handvoll von den Zigarren, die Großvater ihm
-geschickt hat. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">&ndash;&nbsp;114&nbsp;&ndash;</a></span> geht ihm immer so: Hat er selbst eine Freude, dann
-muß er auch bei anderen frohe Gesichter sehen.</p>
-
-<p>Er spricht zu niemandem von dem, was ihn bewegt, aber es ist eine
-tiefe Liebe zu allem, was ihn hier umgibt, in ihm aufgekommen. Er weiß
-jetzt, daß er im Grund seines Herzens immer Soldat gewesen ist, daß
-er nur während der langen Schulzeit keine Gelegenheit gehabt hat, den
-militärischen Geist, der in ihm steckt, zu erkennen. Nun aber sieht er
-seine Zukunft klar und deutlich vor sich. Selbstverständlich wird er
-Offizier werden, und zwar Kavallerieoffizier.</p>
-
-<p>Wenn er Glück hat und in den Krieg kommt, ist er in einem halben Jahr
-Leutnant, und später wird die Beförderung in Windeseile weitergehen.
-Seine Phantasie baut ihm goldene Schlösser.</p>
-
-<p>Mit keinem Gedanken denkt er mehr an die noch gar nicht weit
-zurückliegende Zeit, in der er der Mutter mit herablassendem Lächeln
-erklärt hat: ‚Offizier? Nein, dafür sind andere da. Der Offiziersberuf
-kommt für mich gar nicht in Betracht.‘</p>
-
-<p>Der kleine Hiller ist erst jetzt eigentlich jung geworden. Er war alt
-und klug und blasiert gewesen, bevor er wußte, was jung sein heißt. Man
-hatte ihm das so anerzogen, so aufgezwungen. Jetzt fällt es ihm wie
-Schleier von den Augen; jetzt, in dieser Zeit, in der Deutschland eine
-kraftvolle, gesunde Jugend braucht, soll auch er kraftvoll und gesund
-werden!</p>
-
-<p>Er ist so hin und her geworfen von all dem Neuen, das auf ihn
-eindringt; er liegt noch sehr im Kampf, in ganz unbewußtem Kampf mit
-dem, was noch vor ganz kurzer Zeit sein Wesen und Denken bedeutete.
-Heimweh wechselt mit Hochmut; Selbstbewußtsein ringt mit tiefer<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">&ndash;&nbsp;115&nbsp;&ndash;</a></span>
-Niedergeschlagenheit. Heute aber hat Stolz und Freude über alles andere
-gesiegt.</p>
-
-<p>Um halb sieben Uhr wird zum Appell versammelt. Hiller strahlt immer
-noch und sieht frohbewegt zu der Fahne hin, die hoch über der Kaserne
-weht und an den großen Sieg des heutigen Tages erinnert. Ja, es ist
-heute für ganz Deutschland ein Freudentag. Man sieht heute nur wirklich
-frohe und zufriedene Gesichter; selbst die Wachtmeister scheinen guter
-Laune zu sein.</p>
-
-<p>Plötzlich hört er seinen Namen rufen: „Freiwilliger Hiller soll
-vortreten!“</p>
-
-<p>Ein Wachtmeister winkt ihn zu sich heran und weist mit der Hand nach
-dem vorderen Kasernenhof. „Eine Dame,“ sagt er lakonisch, und Hiller
-versteht erst nicht recht, wird dann glühendrot und schreitet langsam,
-etwas beschämt, dem vorderen Kasernenhof zu.</p>
-
-<p>„Mutter!“</p>
-
-<p>Wie er sie sieht, strömt ihm das Blut heiß zu Herzen, und er fällt ihr
-um den Hals &mdash; ganz instinktiv einer jähen Aufwallung folgend. Aber im
-nächsten Augenblick sinken ihm die Arme schlaff herab. Er sieht scheu
-nach allen Seiten um sich.</p>
-
-<p>Ob jemand das beobachtet hat, ob jemand gesehen hat, wie er der Mutter
-um den Hals gefallen ist?</p>
-
-<p>Auch sie ist verwirrt. Groß und ungläubig sieht sie den Menschen, der
-da im schmutzigen Drillichanzug vor ihr steht, an. Ist das Ernst &mdash;
-ihr kleiner Ernst &mdash; ihr Junge? Dunkelgebräunt ist das Gesicht; die
-Mütze ist tief in die Stirn gezogen, und der graue Anzug, dem starker
-Stallgeruch entströmt, hängt in großen Falten an seinem Körper herum.
-Ein leiser Schmerz ist in ihr.</p>
-
-<p>Sie hat während der ganzen Fahrt hierher das Gefühl<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">&ndash;&nbsp;116&nbsp;&ndash;</a></span> gehabt: ‚Das arme
-Jungchen ist krank, ist traurig, ist trostbedürftig!‘ Die zerknitterte
-Feldpostkarte mit den wenigen Worten: „Ich habe ein wenig Heimweh nach
-dir!“ hat sie erschüttert. Nun sieht sie den Jungen gesunder, als sie
-ihn je zuvor gesehen. Wie ein gewöhnlicher Soldat steht er vor ihr, und
-die Mütze verbirgt das Schönste, was er hat: die hohe, kluge Stirn.</p>
-
-<p>Sie muß sich erst an den Anblick gewöhnen, und so stehen sie sich
-sekundenlang beide in einem inneren Kampf gegenüber. Der Junge voll
-Unbehagen in dem Gedanken, daß irgend jemand ihn beobachten könnte, und
-die Mutter traurig und enttäuscht. Sie hat das wehe Gefühl, daß etwas
-Fremdes zwischen sie und ihr Kind gekommen ist, daß sich eine Kluft
-zwischen ihr und ihm auftun will.</p>
-
-<p>Hiller führt die Mutter in den Torweg eines der Gebäude, die am
-Kasernenhof liegen. „Warum hast du mir nicht erst geschrieben?“ fragt
-er zaghaft.</p>
-
-<p>Da kommen ihr die Tränen. „Du schriebst doch, daß du Heimweh hättest,
-Ernst!“</p>
-
-<p>Er faßt ihre Hand, denn er kann sie nicht gut traurig sehen. „Das kommt
-mal so über einen, geht aber schnell vorüber,“ sagt er. „Wenn du mir
-wenigstens vom Bahnhof aus telephoniert hättest, daß du hier bist,
-Mutter. Hier in der Kaserne kannst du doch nicht bleiben!“</p>
-
-<p>„Wohin hätte ich denn aber telephonieren sollen?“</p>
-
-<p>„Nun natürlich nach der Kantine; das tun sie doch alle,“ sagt er sehr
-selbstverständlich, und sie ist wirklich fast beschämt, daß sie nicht
-an die Möglichkeit einer vorherigen telephonischen Verständigung
-gedacht hat.</p>
-
-<p>„Darfst du denn überhaupt aus der Kaserne heraus?“ fragt sie fast
-schüchtern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">&ndash;&nbsp;117&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Der Junge besinnt sich. „Wenn ich Urlaub bekomme. Bleibst du denn über
-Nacht hier?“</p>
-
-<p>Seine Art ist ihr ganz fremd. Der Schmerz in ihr wird immer bitterer.</p>
-
-<p>„Ich kann doch heute abend nicht mehr zurückfahren, Ernst.“</p>
-
-<p>„Wo willst du denn hier wohnen?“</p>
-
-<p>„Ich muß mir ein Hotel suchen, ich bin gleich vom Bahnhof hier
-herausgefahren.“</p>
-
-<p>„Dann mußt du in den ‚Schwan‘ gehen,“ sagt er in freudiger Erinnerung.
-„Da habe ich auch die erste Nacht gewohnt, da ist es sehr nett.“</p>
-
-<p>„Wirst du denn sicher Urlaub bekommen?“ fragt sie weitergehend, denn er
-führt sie zum Kasernentor hin.</p>
-
-<p>Er fühlt sich entsetzlich unfrei, und doch tut ihm die Mutter leid.
-Aber, was soll er hier mit ihr anfangen?</p>
-
-<p>„Ich muß jetzt wieder zurück, Mutter. Aber ich bekomme sicher Urlaub;
-denn die anderen haben sich auch schon oft Urlaub geben lassen. Ich
-telephoniere dir nach dem ‚Schwan‘. Auf Wiedersehn, Mutter!“ Und bevor
-sie noch beim Posten angelangt ist, ist er schon außer Sehweite.</p>
-
-<p>Sie geht ein Stück die Straße entlang und ist wie benommen. Eine
-Sekunde lang hat sie das Gefühl: ‚Das war er ja gar nicht! Dieser
-braungebrannte, nach Heu und Stall duftende Soldat war doch nicht Ernst
-&mdash; der zarte, liebenswürdige, schüchterne Ernst!‘ Aber er war es doch,
-und sie muß wieder an Großmutters Worte denken: „Der Junge wird jetzt
-ein Mann, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun.“</p>
-
-<p>Sehr langsam geht sie weiter und kommt auf den schwarzen Husarenweg.
-Die Sonne ist fort, und flach<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">&ndash;&nbsp;118&nbsp;&ndash;</a></span> und reizlos dehnt sich das Land vor ihr
-aus. Weit kann der Blick hier schweifen, aber vor ihren Augen ist ein
-Schleier.</p>
-
-<p>„Ernst &mdash; Ernst!“</p>
-
-<p>Sie fühlt wieder diese heiße, wehe, instinkthafte Liebe für ihn &mdash;
-diese selbstverständliche Naturliebe, die auch ein Tier für sein
-Junges, das ihm entrissen werden soll, empfinden mag.</p>
-
-<p>Wer hat ein Recht, ihr den Jungen zu nehmen? Oft schon in dieser Zeit
-seit Ausbruch des Krieges hat es so in ihr getobt, hat eine Stimme
-in ihr geschrien: ‚Der Junge ist mein &mdash; mein &mdash; mein! Wer hat ein
-Recht, ihn mir zu nehmen?‘ Und hat dann, wenn der Aufruhr im armen,
-gepeinigten Herzen vorüber war, den Kopf geneigt und hat an die
-tausend und aber tausend Mütter im Deutschen Reich gedacht, die all
-dasselbe schwere Opfer darbringen. Und hat auch Zeiten gehabt, in
-denen sie ganz ruhig, ganz groß zu denken vermochte; in denen sie sich
-stolz und glücklich fühlte, weil ihr Sohn mittun durfte im gewaltigen
-Völkerringen, hat wundervolle Zeiten gehabt, in denen sie empfand,
-daß es schön und herrlich ist, dem bedrängten Vaterland das Beste und
-Einzige, was man besitzt, darzubringen.</p>
-
-<p>Jetzt, da sie im grauen Abenddämmer in der fremden Stadt auf dem
-schwarzen, staubigen Weg langsam dahingeht, ist aber all das Große und
-Schöne von ihr abgefallen.</p>
-
-<p>Sie ist hierhergekommen, um ein heimwehkrankes zartes, bekümmertes
-Kind ans Herz zu nehmen, und hat einem gesunden, fast derben Soldaten
-gegenübergestanden.</p>
-
-<p>Auch das tut weh, daß sie ihn so sehen mußte &mdash; so wenig schön, so
-ungepflegt, so derb.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">&ndash;&nbsp;119&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Sie geht und geht und weiß nicht, wohin. Tiefer senken sich die
-Schatten; vor ihr liegt unbebautes Feld, und es ist sehr, sehr einsam.
-Kein Mensch ist in der Nähe, und leise Angst kommt in ihr auf.</p>
-
-<p>Sie geht denselben Weg, den sie kam, zurück. Staubwolken wirbeln, und
-ein Hirt kommt mit großer Schafherde durch den schwarzen Staub daher.
-Der Hirt strickt an einem Strumpf. Das hat sie noch nie gesehen; nur
-aus Erzählungen weiß sie, daß es strickende Hirten gibt. Aber friedlich
-mutet sie das Bild dieses graubärtig strickenden Mannes an. Friedlich
-auch der Zug der heimkehrenden Schafe und der beiden Hunde, die, ohne
-zu bellen, um die Herde herumkreisen. Wie ein Märchen so seltsam! Einen
-wunderbaren Kontrast bildet dies stille Bild zu all dem wilden Rasen
-draußen in der Welt.</p>
-
-<p>Ihr Herz ist ruhiger geworden. Aus der halben Dunkelheit ragt das alte
-Tor ehrwürdig und gigantisch vor ihr auf. Und dann ist sie plötzlich in
-einem lustigen Treiben mitten drin. Husaren in der graugelben Uniform,
-die auch ihr Ernst trägt, eilen durch die Straßen; auf hohen Heuwagen
-sieht sie die bunten Husaren sitzen, und auf Rädern fahren sie an ihr
-vorüber. Froher wird ihr zumute, und sie weiß nun auch, warum sie
-vorhin so sehr enttäuscht war. Der graue, schmutzige Drillichanzug
-mag sein Teil daran gehabt haben. Der Mensch hängt am Äußeren, und
-eine jede Mutter mag Schmerz empfinden, wenn sie ihr Kind so unschön
-und so nachlässig im Äußeren findet. Sie ist wieder ganz elastisch
-geworden. Ein kleiner Junge, dem sie ein Geldstück verspricht, führt
-sie zum ‚Schwan‘. Man weist ihr ein behagliches Zimmer an. Ernst meldet
-telephonisch, daß er Urlaub erhalten hat,<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">&ndash;&nbsp;120&nbsp;&ndash;</a></span> und eine halbe Stunde später
-hört sie Sporengeklirr vor ihrer Tür.</p>
-
-<p>Da steht ihr Junge &mdash; schmuck in der gutsitzenden Uniform und den hohen
-Reiterstiefeln mit der gelben Einfassung! Er wirft seine Mütze auf den
-Tisch und umarmt die Mutter jetzt ohne Scheu &mdash; kindlich und zärtlich
-wie früher.</p>
-
-<p>„Jungchen &mdash; mein Jungchen!“</p>
-
-<p>Die Haare sind kurz abgeschoren, und auf der Oberlippe ist ein ganz
-leichter Flaum von dunkelblonden Härchen zu sehen. Viel männlicher ist
-er geworden! Stramm, mit leuchtenden Augen steht er da.</p>
-
-<p>„Wie gefalle ich dir, Mutter?“ Er tritt vor den großen Spiegel und
-staunt sich selbst an. Denn in der Kaserne hat er keine Gelegenheit,
-sein Bild in Lebensgröße zu sehen. Sie schaut ihn an und weiß nicht,
-was sie sagen soll; ihr Herz ist stolz und doch noch voll Schmerz.</p>
-
-<p>„Unten wartet ein Kamerad von mir,“ sagt er dann. „Er heißt Hipp und
-ließ mir keine Ruhe, bis ich ihn mitnahm. Wenn sein Vater ihn mal
-besucht, lädt er mich auch ein.“</p>
-
-<p>Sie ist sehr enttäuscht. „Ach, Ernst, an diesem ersten Abend willst du
-nicht mit mir allein sein?“</p>
-
-<p>„Das ging nicht anders, Mutter. Aber wir können uns ja auch so alles
-erzählen. Hipp ist ein ganz netter Kerl. Wir haben aber nur eine Stunde
-Urlaub, und wenn wir noch essen wollen, müssen wir hinuntergehen.“</p>
-
-<p>Da kamen ihr schon wieder Großmutters Worte in den Sinn: ‚Der Junge muß
-jetzt ein Mann werden, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu
-tun.‘</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">&ndash;&nbsp;121&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Das fremde Hotelzimmer grinst sie höhnisch an, als sie es wieder
-betritt. Neun Uhr schlägt’s von der Kirche, die nur durch ein drei
-Meter breites Gäßchen vom ‚Schwan‘ getrennt ist.</p>
-
-<p>Eine kurze Stunde hat sie unten im Speisesaal mit den zwei gesessen &mdash;
-ist nicht aus dem Staunen, aus dem Schmerzgefühl herausgekommen. Ihren
-Jungen hat sie angesehen, wie man einen Menschen, den man vor Jahren
-einmal genau kannte, und der einem dann irgendwo in sehr veränderter
-Gestalt entgegentritt, vielleicht anschauen würde.</p>
-
-<p>Der dicke, etwas gewöhnlich aussehende Hipp mit seinem gesunden,
-naseweisen Witz stößt sie ab; er stößt sie doppelt ab, weil sie sieht,
-wie ihr Junge ganz unwissentlich seine Art anzunehmen versucht. Ernst
-hat zu Hause selten einen Witz erzählt, und wenn er es tat, so wartete
-er den Erfolg nicht ab. An diesem Abend kommt viel ungereimtes Zeug aus
-seinem Munde. Es ist, als wolle er der Mutter zeigen: ‚Sieh, was aus
-mir geworden ist, seit ich von dir fort bin!‘ Es kann aber auch sein,
-daß er sich gar nichts denkt; es kann sein, daß er in ganz jungenhafter
-Weise dem Kameraden beweisen will, daß er kein Muttersöhnchen ist.</p>
-
-<p>Sie weiß an diesem Abend nicht, was sie aus ihm machen soll. Sie weiß
-nur, daß sie traurig ist.</p>
-
-<p>Die niedrigen Fensterchen ihres Zimmerchen stehen weit offen. Kühle
-Sommerabendluft strömt zu ihr hinein. Sie sitzt auf dem roten Samtsofa
-und stützt den Kopf in die Hand.</p>
-
-<p>Morgen will sie noch nicht reisen; für morgen hat er sich noch einmal
-Urlaub geben lassen. Übermorgen aber<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">&ndash;&nbsp;122&nbsp;&ndash;</a></span> hat es schon keinen Zweck mehr
-für sie, hier in der fremden Stadt zu sitzen. Was dann? Wohin soll sie
-denn?</p>
-
-<p>Sie hat grenzenlose Angst vor der Einsamkeit in Berlin; sie hat Angst
-vor der Wohnung, in der alles an die so kurz verflossenen Zeiten
-erinnert. Wenn sie da in ihrem Zimmerchen sitzt, wird sie ewig auf
-Ernsts Schritte lauschen; bei jedem Klingeln wird sie zusammenschrecken.</p>
-
-<p>Sie kann zur Großmutter fahren; die hat ihr ja gesagt, daß niemand ihr
-die Türen weiter öffnen wird, als sie und Großvater es tun. Gott, sie
-kann schließlich auch zu anderen Freunden gehen &mdash; wenn sie fühlt, daß
-sie unter Menschen sein muß. Aber sie denkt nur an die zwei, für die
-sie in all den Jahren gelebt hat, und die ihr so plötzlich genommen
-werden.</p>
-
-<p>Warum &mdash; wodurch wurden sie ihr genommen?</p>
-
-<p>Man vergißt den großen, allgemeinen Schmerz immer wieder über dem
-eigenen Kummer &mdash; man liest in den Zeitungen, man denkt an jene, die
-draußen im heißen Ringen liegen, und bringt es doch immer wieder
-fertig, zu sich selbst, zum eigenen kleinen Leid zurückzukehren.</p>
-
-<p>Erbärmlich, daß man so ist!</p>
-
-<p>Sie hebt den Kopf und fühlt sich freier; tritt zum Fenster und schaut
-auf den leeren Marktplatz, der vor ihr liegt. Groß und dunkel ragt
-die Kirche auf; davor ein Gebäude mit reichgeschmückter Fassade
-und zackigem Giebel. Das wird das Rathaus sein. Links davon eine
-Rolandsstatue, steif und hager; wirft einen langen, dünnen Schatten auf
-den von Gaslaternen erleuchteten Platz. Still ist’s, der Himmel wölbt
-sich hoch und feierlich.</p>
-
-<p>Hin und wieder treten Menschen vor ein großes,<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">&ndash;&nbsp;123&nbsp;&ndash;</a></span> rotes Plakat,
-das in einem schwarzen Kasten hängt, stehen eine Weile und gehen
-wieder auseinander. Die Pferdebahn rasselt mit Schellengeklirr und
-Peitschenschlag über einen Schienenstrang, der mitten über den Platz
-hinweg in ein enges Gäßchen führt. Aus den Fenstern der Häuser wehen
-Fahnen &mdash; große und kleine, und der Sommerwind bewegt sie, daß sie sich
-hoch aufbauschen und lautlos wieder in sich selbst zusammensinken.</p>
-
-<p>Der Tag eines großen Sieges! Wie das am frühen Morgen in die Höhe
-gerissen hatte, um doch einen so grauen Abend folgen zu lassen!</p>
-
-<p>Warum war der Abend grau? Warum ist das Herz zerrissen? Weil sie
-statt eines trostbedürftigen Kindes einen lustigen, gesunden Jungen
-vorgefunden hat! Weil der Junge es fertig gebracht hat, sich ohne
-weiteres in fremde Verhältnisse einzufügen, und anfängt, sich darin
-wohl zu befinden?</p>
-
-<p>Das muß doch so sein &mdash; das ist doch wunderschön, daß es so ist! sagt
-ihr Verstand, aber das Herz zuckt.</p>
-
-<p>Der Junge will fürs Vaterland kämpfen &mdash; muß also ein Mann werden
-und ist auf dem besten Wege dazu. Er war vor Wochen noch weich und
-schmiegsam wie ein Kind, und heute hat sie gefühlt, daß sich etwas in
-ihm zu härten beginnt.</p>
-
-<p>Was kann sie Besseres wollen?</p>
-
-<p>Warum aber um alles in der Welt hat er ihr denn die wehmütige Karte
-geschrieben? Warum um ihren Besuch gebeten?</p>
-
-<p>Darauf findet sie keine rechte Antwort. Er sah doch an diesem Abend
-wirklich nicht aus, als habe er vor ganz kurzer Zeit eine schwache,
-heimwehkranke Stimmung gehabt!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">&ndash;&nbsp;124&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Er hat von seinem Pferd erzählt wie von einem guten, lieben
-alten Freund; er hat die Wachtmeister nachgeahmt und von seinen
-Schießerfolgen berichtet. Dabei haben seine Augen geleuchtet, und er
-hat mit einem Bärenhunger gegessen.</p>
-
-<p>Soll das alles nicht wahr sein? Soll das alles nur etwas Angenommenes,
-Aufgezwungenes sein? Und hinter der Maske steckt vielleicht doch noch
-ihr kleiner, zarter, zum Grübeln geneigter Junge &mdash; ihr weicher Ernst?</p>
-
-<p>Tiefer wird das Dunkel draußen; vom Kirchturm hallen dunkle, schwere
-Glockenschläge.</p>
-
-<p>In diesem kleinen Städtchen kommt die Nacht früher als im großen
-Berlin. Im ganzen Hotel ist Totenstille, in allen Häusern rund um den
-Marktplatz sind die Lichter erloschen.</p>
-
-<p>Aus ihrem Herzen will das Weh nicht heraus. Sie ist auch nicht
-fähig, sich zur Größe aufzuraffen. Es ist ihr, als lebe sie in der
-Vergangenheit, als habe sie in einem Buch von den Geschehnissen eines
-großen, furchtbaren Krieges gelesen.</p>
-
-<p>Daß es jetzt &mdash; in diesen Augenblicken, während dieser stillen Nacht
-draußen in der Welt tobt, kann sie heute nicht mehr fassen.</p>
-
-<p>Der Besuch bei der Großmutter &mdash; die aufgeregte Rückfahrt, die bange,
-furchtbare Nacht, die folgte, der Abschied im grauen Kasernenhof, die
-abziehenden Massen, die Musik, die Rede, Ernsts Karte und die Fahrt
-hierher, das Wiedersehen mit ihm &mdash; all das fließt jetzt in ihrem
-milden Kopf zu einer einzigen, schweren, traurigen Melodie <span class="nowrap">zusammen.
-&mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Am nächsten Morgen kommt Ernst um die Mittagszeit<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">&ndash;&nbsp;125&nbsp;&ndash;</a></span> zur Mutter. Er hat
-ohne viel Umstände drei Stunden Urlaub erhalten, trägt wieder die
-Extrauniform und sieht auch heute wohl und männlich aus.</p>
-
-<p>Und doch, es ist etwas an ihm, was sie gestern vermißt hat. Eine ganz
-kleine Unsicherheit &mdash; etwas Hilfloses &mdash; so, als ob er gern über eine
-Sache sprechen möchte und könnte die Worte nicht finden. Er ist auch
-viel natürlicher und zärtlicher heute. Sie sitzen nebeneinander auf dem
-roten Samtsofa, und Ernsts Hand hat die der Mutter umspannt. Die Attila
-mit dem hohen Kragen zwingt ihn zu guter Haltung. Sein Kopf lehnt an
-ihrer Schulter.</p>
-
-<p>„Es geht dir also wirklich gut, Ernst?“ fragt sie und sieht ihm in die
-Augen, die auszuweichen versuchen.</p>
-
-<p>Er hat an diesem Morgen Unglück gehabt, ist zweimal über den Kopf
-seines Pferdes hinausgeflogen, und ‚Vize‘ Peters hat ihn eine volle
-Stunde nicht locker gelassen. Die Siegerstimmung vom gestrigen Tag ist
-also verflogen. Er hat geglaubt, alle Hindernisse überwunden zu haben,
-und ist in die Misere der ersten Tage zurückgeschleudert worden.</p>
-
-<p>Das frißt an ihm &mdash; das hat seinen so hochgewachsenen Stolz verletzt.</p>
-
-<p>„Ja, es gefällt mir gut!“ sagt er zur Mutter. „Es ist natürlich eine
-furchtbare Schinderei; aber sonst ist es wirklich schön!“</p>
-
-<p>Aber wie er so neben der Mutter sitzt &mdash; ganz allein mit ihr &mdash; und wie
-sie ihm mit der Hand übers glatt geschorene Haar fährt und ihn auf die
-Stirn küßt, wird ihm weh zumute. Es ist so rauh und laut da draußen in
-der Kaserne. Man ist gar kein Mensch für sich &mdash; man ist eine Nummer.
-Alles Gute muß man<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">&ndash;&nbsp;126&nbsp;&ndash;</a></span> sich für Geld erkaufen. Schmiert man die alten
-Leute, so sind sie hilfreich und freundlich. Gibt man ihnen nichts, so
-fangen sie an, zu schikanieren. Man hat auch gar keine Zeit zum Denken
-oder Lesen; man verdummt ordentlich. Nicht einmal die Kriegsberichte
-erfährt man &mdash; höchstens, wenn ein großer Sieg ist.</p>
-
-<p>Nein &mdash; nein &mdash; nein! Ernst will nicht klagen. Ernst ist zur Mutter
-gekommen mit dem festen Vorsatz, ihr alles in rosigen Farben zu
-schildern. Er fühlt sich ja auch gar nicht unglücklich; um keinen
-Preis der Welt würde er dies Leben aufgeben. Aber er ist’s nun einmal
-gewohnt, der Mutter alles, was ihn bewegt, zu sagen. Es kommt einfach
-von selbst aus seinem Mund. Er weiß selbst nicht, was er sagt.</p>
-
-<p>Die Mutter küßt ihn, und er legt ihr die Arme um den Hals. In ihr Herz
-zieht ein Glücksgefühl. Er ist also doch noch ihr Junge, dieser kleine
-Soldat in der bunten Uniform mit dem steifen Kragen und den hohen
-Reiterstiefeln!</p>
-
-<p>„Übrigens handelt sich’s ja nur um Wochen, die wir hier in der Kaserne
-auszuhalten haben!“ sagte er dann viel froher und richtet sich auf.
-„Wenn wir erst im Feld sind &mdash; &mdash; hat die Schinderei von selbst ein
-Ende.“</p>
-
-<p>Da kommt ihr das ganze Furchtbare der heutigen Zeit wieder zum
-Bewußtsein. Diese blutjungen Menschen, die sich hier drillen lassen,
-haben die höchste Mission, die ein Mensch haben kann &mdash; sie werden mit
-all den Abertausenden, die schon draußen sind, fürs bedrängte Vaterland
-kämpfen, sie ziehen hinaus, um Blut und Leben hinzugeben, um sich
-vielleicht zum Krüppel schießen zu lassen.</p>
-
-<p>Sie sieht ihren kleinen Ernst an. Weiß so ein Junge<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">&ndash;&nbsp;127&nbsp;&ndash;</a></span> wohl, was er
-zu tun im Begriffe ist? Weiß er, was seiner harren kann? Sie weint
-plötzlich auf.</p>
-
-<p>„Was hast du, Mutter?“ Er ist ganz außer sich, er glaubt ihr durch
-seine Klagen das Herz schwer gemacht zu haben.</p>
-
-<p>„Es ist wirklich nicht schlimm, Mutter. Im Gegenteil, es ist eigentlich
-sehr schön. Man muß nur erst sicher auf seinem Gaul sein. Ich hab’ doch
-auch noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen.“</p>
-
-<p>„Es ist nicht deshalb, Ernst.“</p>
-
-<p>„Was denn sonst?“ Er legt ihr den Arm um die Schulter und ist gut und
-zärtlich, wie er es früher gewesen ist.</p>
-
-<p>„Ich möchte bei dir bleiben. Die paar Wochen, die du noch hier bist,
-möchte ich in deiner Nähe sein!“</p>
-
-<p>„Das geht nicht!“ sagte er fast hart, denkt dann einen Augenblick nach,
-und das Mitleid steigt in ihm auf.</p>
-
-<p>„Ich bekomme ja gar nicht so viel Urlaub, und von der Kaserne ist’s
-eine halbe Stunde bis zum Hotel.“</p>
-
-<p>Sie sagt nichts mehr. Vom Kirchturm schlägt die Glocke. Ein Uhr. Der
-kleine Husar ist hungrig. Früher hat er sich gern ein paarmal zum Essen
-rufen lassen; jetzt ist er es, der drängt, in den Speisesaal zu gehen.</p>
-
-<p>Am ersten Tisch sitzt der alte Infanterieoberst, den Hiller nun schon
-kennt; vor dem macht er Front &mdash; grüßt noch nach zwei anderen Tischen
-hin und sitzt dann mit der Mutter in einer Nische.</p>
-
-<p>Nun ist er wieder der, der ihr in den paar kurzen Wochen völlig
-entwachsen ist, von dem sie sich gar nicht vorstellen kann, daß er noch
-vor ganz kurzer Zeit mit seinen Büchern unterm Arm zur Schule schob.
-Ein ganz fertiger Mensch ist er, wie er so hier in seiner Uniform<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">&ndash;&nbsp;128&nbsp;&ndash;</a></span> bei
-ihr sitzt. Er ißt mit demselben famosen Appetit, mit dem er gestern
-abend gegessen hat, und erzählt lauter lustige Dinge.</p>
-
-<p>Sie sucht sich ihm anzupassen, auf seine Scherze einzugehen, aber das
-Weh im Herzen will nicht weichen. Heute abend oder morgen früh fährt
-sie fort von ihm. Er wird es kaum empfinden. Vielleicht, wenn wieder
-einmal eine schwache Stunde über ihn kommt, wird er ihr ein wenig
-zärtlich schreiben, wird um ihren Besuch bitten. Wie furchtbar schnell
-wird eine Mutter überflüssig für ihr Kind!</p>
-
-<p>Sie denkt an die eigene Vergangenheit. Hat sie’s anders gemacht? Hat
-sie an der Mutter Trauer gedacht, als sie dem Mann, dem man sie nur
-ungern gab, folgte?</p>
-
-<p>Das Herz rebelliert. Ihre Mutter hatte damals doch noch andere
-Kinder und hatte den Mann; hatte den großen Haushalt, in den sie
-hineingehörte! Sie hat aber nichts außer dem Jungen &mdash; sie hat alles
-hergeben müssen, was sie besaß.</p>
-
-<p>„Iß doch, Mutter!“ sagt er, als er sieht, daß sie nichts anrührt.
-Er trinkt den Wein, den sie kommen ließ, und sie staunt wieder. Ist
-er immer so gewesen? So sicher in seinen Bewegungen? So groß? So
-selbstbewußt &mdash; &mdash; oder macht das alles nur die Uniform?</p>
-
-<p>Sie hat das Gefühl, ihn zu langweilen, weil sie nichts zu sprechen
-vermag. Sie kommt aus dem inneren Staunen, aus der Erschütterung nicht
-heraus. Bleich sitzt sie und denkt an das „Morgen“, das wie eine große,
-graue Wüste vor ihr liegt.</p>
-
-<p>Gleich nach Tisch wird der Junge von Unruhe gepackt, er will doch
-lieber einmal zur Kaserne zurück. Er<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">&ndash;&nbsp;129&nbsp;&ndash;</a></span> hat zwar den bescheinigten
-Urlaub, aber er möchte doch nichts versäumen.</p>
-
-<p>„Du bleibst doch heute abend noch, Mutter!“ Und sie nickt, ohne an eine
-bestimmte Antwort zu denken.</p>
-
-<p>Um fünf Uhr ist er wieder bei ihr und hat den belebten Zug im Gesicht,
-der ihm zu eigen ist, wenn er etwas Gutes zu künden hat.</p>
-
-<p>„In acht Tagen müssen wir den Fahneneid leisten. Dazu kommen viele
-Eltern angereist, und weil du doch sagtest, daß du gern bleiben
-möchtest, habe ich einen Plan!“</p>
-
-<p>Es war seltsam, wie sehr sie in der kurzen Zeit der Ereignisse ihre
-Rollen getauscht hatten. Bisher war sie es gewesen, die ihm mit
-irgendeinem Vorschlag eine Freude zu bereiten pflegte; heute lag es in
-seiner Hand, sie froh oder traurig zu machen.</p>
-
-<p>„Nämlich den Plan, Mutter, daß du vielleicht doch bleiben könntest. Es
-hat nur keinen Zweck, daß du so weit von der Kaserne entfernt wohnst.
-Hipp hat gesagt, gleich gegenüber bei uns vermieten ein paar Frauen an
-Einjährige, und die hätten ihre Zimmer jetzt leerstehen.“</p>
-
-<p>Er hat wenig Zeit, er will einen schnellen Entschluß.</p>
-
-<p>„Wenn du also willst, kannst du da wohnen.“</p>
-
-<p>Sie begreift das nicht so schnell, aber er drängt.</p>
-
-<p>„Es soll wirklich ganz nett da sein, also komm! Ich hab’ nicht viel
-Zeit!“</p>
-
-<p>Dann gehen sie durchs Tor heraus die lange Straße hin, die zur
-Kaserne führt, und Ernst erzählt, mit welchen Gefühlen er diesen Weg
-zum erstenmal gegangen ist. Und wie er sich diese Angst von damals
-zurückruft,<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">&ndash;&nbsp;130&nbsp;&ndash;</a></span> fühlt er wieder Stolz und Freude über das, was bis jetzt
-schon gewonnen ist, in sich aufsteigen.</p>
-
-<p>Kurz vor der Kaserne verabschiedet er sich von der Mutter, zeigt ihr
-das Haus, in dem die Wohnungen zu haben sein sollen, macht vor einem
-Vorgesetzten Front und biegt schlank und elastisch am Posten vorbei ins
-Kasernentor ein.</p>
-
-<p>Die Mutter blickt ihm nach; jetzt ist er wieder das, was sie noch nicht
-begreifen kann! Es ist ihr wieder, als sei das gar nicht ihr Junge, als
-sei die ganze Welt, so wie sie jetzt ist, eine Unwahrscheinlichkeit,
-ein Traum. Wenn man aus diesem schweren Schlaf erwacht, wird die alte
-Wirklichkeit wieder da sein.</p>
-
-<p>In Gedanken verloren betritt sie das Haus, das der Junge ihr gezeigt
-hat, geht durch einen schmalen Steinflur, eine graue Steintreppe
-hinauf und wird von einem kleinen, zotteligen, grauweißen Köter heftig
-angebellt.</p>
-
-<p>„Mirza,“ ruft eine Frauenstimme, „Mirza, bist du denn ganz des
-Teufels!“ Eine Frau tritt aus einer der braungestrichenen Türen, die
-in den kleinen Flur münden, heraus. Sie sieht die fremde Dame erstaunt
-an, und die fragt fast schüchtern, ob es richtig sei, daß hier Zimmer
-vermietet würden.</p>
-
-<p>Die Frau antwortet nicht gleich, und aus der Tür tritt eine zweite
-weibliche Person &mdash; nach der Ähnlichkeit zu urteilen, die Tochter. Aber
-sie ist schlank und von angenehmem Äußeren.</p>
-
-<p>„Zu gewöhnlichen Zeiten vermieten wir an Einjährige!“ sagt die Frau.
-„Aber jetzt ist ja alles auf den Kopf gestellt. Für wen suchen Sie denn
-Wohnung?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">&ndash;&nbsp;131&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Ich möchte selbst ein paar Tage hier draußen wohnen. Mein Junge ist
-drüben in der Kaserne.“</p>
-
-<p>„Ein paar Tage?“ Die Frau denkt nach. „Für ein paar Tage, das lohnt ja
-gar nicht, was soll ich Ihnen da berechnen?“</p>
-
-<p>„Es kann ja auch etwas länger werden. Sagen wir, ich bezahle Ihnen für
-vierzehn Tage, ist Ihnen das recht?“</p>
-
-<p>Die Tochter ist rot geworden.</p>
-
-<p>„Natürlich,“ sagt sie mit einer gewissen scheuen Liebenswürdigkeit.
-„Es geht auch für ein paar Tage.“ Und die beiden Frauen nehmen sie in
-die Mitte und führen sie in ein nettes Wohnzimmer, an das sich ein
-Schlafzimmerchen anschließt. Die Nachmittagssonne fällt durch die
-steifen Falten der dunkelgelben Gardine und läßt alles sehr einladend
-erscheinen.</p>
-
-<p>„Diese zwei Zimmer gehören zusammen; die können sie haben!“</p>
-
-<p>Über den Preis ist man schnell einig; die Tochter ist sehr freundlich
-und schmiegsam und hat im Augenblick das Herz der Frau, die recht
-heimatlos hierhergekommen ist, gewonnen. Sie erbietet sich auch, die
-Sachen aus dem Hotel zu holen, und ihre Mutter steht indes mit in die
-Hüfte gestützten Händen in der Tür und sieht sich die unerwartete
-Hausgenossin an.</p>
-
-<p>„Schwere Zeiten!“ sagt sie dann und tritt an den Tisch heran. „Sonst,
-wenn ein Mieter kam, wußte man: der bleibt nun für ein ganzes Jahr!
-Jetzt nimmt man, was man bekommen kann, nur damit am Ersten die Miete
-vollzählig ist. Aber über solche Kleinigkeiten darf man in dieser Zeit
-ja gar nicht reden. Man hört jetzt jeden Tag so viel Entsetzliches.
-Drüben beim Regimentssattler ist schon ein Sohn gefallen, und die
-Mutter, die<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">&ndash;&nbsp;132&nbsp;&ndash;</a></span> ein Herzleiden hat, weiß es noch gar nicht. Und oben beim
-Stabstrompeter ist die Frau guter Hoffnung und hat noch keine Nachricht
-vom Mann, seitdem er ausgerückt ist!“</p>
-
-<p>Die Frau geht hinaus und läßt die neue Bewohnerin allein, und die
-sitzt nun am Fenster und schaut hinüber auf die langgestreckten, roten
-Gebäude der Husarenkaserne, in denen sich ihres Jungen Leben abspielt.
-Es tut ihr wohl, so nahe bei ihm weilen zu dürfen, auch wenn er nicht
-oft bei ihr sein kann.</p>
-
-<p>In dem Zimmer, in dem sie sitzt, ist alles etwas kleinbürgerlich
-aufgeputzt. In Berlin hat sich selbst der, der über keine großen Mittel
-verfügt, von allen Geschmacklosigkeiten freigemacht. Man lebt lieber
-in einer Umgebung ohne Schmuck, als zwischen billigem Tand. Aber die
-kleinen, unzähligen Figuren, die hier auf dem Vertiko stehen, die
-Porzellan-, Glas- und Metallsachen, die Vasen, auf der Spiegelkonsole,
-die grellgrüne Samtdecke auf dem Tisch, all das tut hier dem Auge
-nicht weh. Es ist unsäglich behaglich &mdash; es ist treu und gut in diesem
-Zimmer, man fühlt, daß man bei Menschen ist, die ein Herz haben, die
-einen nicht in ganz trostlose Einsamkeit versinken lassen werden.</p>
-
-<p>Mirza, der wüste kleine Hund, drängt sich an die Kleider der neuen
-Bewohnerin; er sieht sie aus feuchten, dunklen Augen an, und sie fühlt,
-daß sie auch Mirza gern dulden wird.</p>
-
-<p>Die Frau bringt ungefragt eine Tasse Kaffee herein, und draußen zieht
-ein leiser Dämmer nach dem anderen vom Himmel herab. Die liebenswürdige
-Tochter kommt zurück und fängt an, das Schlafzimmer für die Nacht
-vorzubereiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">&ndash;&nbsp;133&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Frau Hiller ist es, als sei all das, was hier um sie herum ist, nichts
-Neues, als sei es etwas längst Bekanntes. Es gibt Menschen, denen man
-gut sein kann, ohne zu wissen, was sie sind und wie sie sind. Man
-braucht keine Brücken zu ihnen, man kennt sie gleich und fühlt sich
-wohl bei ihnen. Diese sympathische Tochter und die mitteilsame Mutter
-können nicht anders als gut und wohlwollend und hilfsbereit sein. Man
-fühlt das und ist glücklich und dankbar.</p>
-
-<p>Am Abend kommt der kleine Husar, um zu sehen, ob die Mutter wirklich
-gemietet hat. Er schaut sie ganz erstaunt an, weil sie schon so
-behaglich dasitzt. Die Frau und die Tochter kommen herein und sehen
-sich den jungen Freiwilligen an.</p>
-
-<p>„Noch ein bißchen schmal über der Brust! Aber das macht nichts. Wenn
-ein Jahr vorüber ist, wird er ganz anders aussehen.“</p>
-
-<p>Dann fällt ihr plötzlich wieder ein, daß man nicht in normalen Zeiten
-lebt, und sie schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Man vergißt
-immer wieder, daß Krieg ist, daß alles ganz anders geworden ist,“ sagt
-sie trostlos. „Das kommt, weil wir ja sonst gewohnt sind, die jungen
-Leute für ein ganzes Jahr zu haben. Jetzt mag man sich gar nicht
-ausdenken, was über ein Jahr sein wird.“</p>
-
-<p>Der kleine Hiller sieht ihr belustigt nach, als sie geht.</p>
-
-<p>„Glaubst du, daß es dir hier gefallen wird?“ fragt er die Mutter.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagt sie, und sagt es aus sehr freiem und frohem Herzen.</p>
-
-<p>Das Gefühl der Heimatlosigkeit ist fort; sie wird<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">&ndash;&nbsp;134&nbsp;&ndash;</a></span> ein paar gute Tage
-hier haben, bevor die große, dumpfe Einsamkeit kommt.</p>
-
-<p>Der Junge setzt sich dicht zu ihr heran und erzählt allerlei aus der
-Kaserne. Fräulein Else, die Tochter, deckt den Tisch, denn die beiden
-Frauen haben sich entschlossen, ihren Gast in volle Pension zu nehmen.
-Mutter und Sohn sitzen an diesem Abend genau so traulich beisammen, wie
-sie es all die Jahre hindurch in Berlin gewohnt waren.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Großmutter schreibt einen Brief:</p>
-
-<p>‚Das solltest Du nicht tun, Maria, Dich zu dem Jungen in die Garnison
-setzen. Das ist eine unnötige Qual für Euch beide. Auseinander müßt
-Ihr doch, so wie jede Familie jetzt auseinandergerissen wird. Also,
-wozu dies Hängen und Würgen! Sei vernünftig und laß den Jungen sich
-entwickeln, wie er sich entwickeln muß. Groß sind die Zeiten, und groß
-müssen die Menschen, die in ihr leben, sein. Also sei mutig &mdash; mach’
-Dein Herz stark und nimm Abschied von ihm, wie tausend und aber tausend
-Mütter es jetzt tun.‘</p>
-
-<p>Der Brief tut weh, denn er zerreißt eine schöne, gute Stimmung. Sie
-haben sich wieder ganz ineinander gefunden, die beiden, die sich nie
-voneinander getrennt hatten. Die Natur, das Blut reden eine starke
-Stimme. Der Junge sagte kurzweg: ‚Ach, gräm’ dich nicht! Es ist schön
-und gut, daß du hier bist!‘</p>
-
-<p>Er sagt das lieb und herzlich, sieht aber dabei nicht ganz gerade in
-der Mutter Gesicht.</p>
-
-<p>Sie schiebt den Brief beiseite und genießt einen guten<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">&ndash;&nbsp;135&nbsp;&ndash;</a></span> Abend. Arm in
-Arm geht sie mit ihrem Jungen einen schmalen, dunklen Weg entlang, der
-gleich hinter der Kaserne herführt. Er hat ihr den Arm geboten und
-führt sie gut und behutsam. Vom Himmel leuchten zahllose Sterne; warm
-ist die Luft und geschwängert von einem süßen Duft, der aus großen
-Gartenanlagen herüberströmt.</p>
-
-<p>Sie gehen langsam über weichen Sand. Zur Linken fließt der Fluß,
-nicht breiter als ein kleiner Bach; er fließt flink und plätschernd,
-und man hört in der Stille ein leises Glucksen. Hoch und dunkel
-ragen die Pappeln, die zur Seite stehen, auf. Zur Rechten sind weite
-Felder. Alles still und traulich. So ein namenloser Friede liegt hier
-ausgebreitet, daß man seine Gedanken mit Gewalt dazu bringen muß, an
-die furchtbare Disharmonie draußen in der Welt zu glauben.</p>
-
-<p>Pärchen huschen an ihnen vorbei; grau-gelbe Husaren, in deren Arm sich
-ein Mädchen schmiegt. Der kleine Hiller stutzt jedesmal, wenn er eines
-sieht, und geht mit seiner Mutter dahin, als seien sie selbst ein
-glückliches Paar.</p>
-
-<p>Es ist so eine zärtliche Stimmung in der Natur. Vom Himmel zittert ein
-Mondstreif auf die Erde herab. Der Herbst steht vor der Tür und war
-schon einmal durchgebrochen. An diesem Abend aber ist’s wieder Sommer.
-Warm und schmeichelnd streicht die Luft übers Gesicht der beiden. Der
-kleine Hiller hat für jeden Abend einen ganzen Sack von kleinen und
-großen Neuigkeiten, die der Tag brachte, für die Mutter bereit.</p>
-
-<p>Ihm ist die Erlaubnis erteilt worden, die Abende bis neun Uhr
-außerhalb der Kaserne zu sein; und obwohl die Kameraden und besonders
-Hipp ihn ein klein wenig mit dem Besuch der Mutter necken, sitzt er
-Abend für<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">&ndash;&nbsp;136&nbsp;&ndash;</a></span> Abend bei ihr in der netten, kleinen Wohnung, die die
-Wachtmeisterswitwe Böhler ihr vermietet hat.</p>
-
-<p>Es tut wohl, sich in einer richtigen Stube aufzuhalten, wenn man den
-ganzen Tag im Stall, im Kasernenhof und draußen auf dem Exerzierplatz
-gewesen ist. Solange er dies Behagen nicht haben konnte, hat er’s nicht
-entbehrt. Nun, da es ihm geboten ist, genießt er es mit großer Freude.</p>
-
-<p>Er fühlt es nicht, daß ihm ein wenig von dem Schneid, der im Anfang
-über ihn gekommen war, verloren ging. In die Augen ist wieder das
-Dunkelträumerische gekommen. Am Tag beim Dienst ist er bei der Sache,
-aber ‚Vize‘ Peters hat ihm nie wieder ein Lob zuteil werden lassen.
-Seine Seele hat allerlei durchzumachen in dieser Zeit. Er schwankt
-zwischen der Selbständigkeit und Unabhängigkeit und dem jungenhaften
-Sichgehenlassen bei der Mutter.</p>
-
-<p>Dazu kommen allerlei Wünsche und Gedanken, von denen er früher
-nichts wußte. Sieht er die Liebespärchen am dunklen Flußweg an sich
-vorüberwandern, so wird ihm süßweh ums Herz. Ganz unwillkürlich drückt
-er dann den Arm der Mutter fester an sich und erschrickt dabei.</p>
-
-<p>Nie im Leben hat er so viel von Liebe und Mädchen und Küssen singen und
-reden hören, als seit diesen paar Wochen in der Kaserne. Hipp kennt
-überhaupt kein anderes Gesprächsthema; aber der spricht nicht mehr von
-der kleinen Blonden in Berlin, der er treu bleiben wollte, sondern der
-hat entdeckt, daß es auch hier in der kleinen altmärkischen Garnison
-hübsche, zutunliche Mädchen gibt, und schwankt zwischen zweien, die er
-auf seinem Sonntagsurlaub kennenlernte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">&ndash;&nbsp;137&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Für den kleinen Hiller aber sind die Mädchen immer noch wie Blumen, die
-in einem fernen Garten blühen, den man nicht betreten darf. Er denkt
-wohl an das Hannchen vom Abiturientenkneipabend, und er ist traurig,
-wenn er daran denkt. Damals hatte eine Blume sich ihm zugeneigt, und
-er ist erschrocken davor geflohen. Heute hat er die dunkle Sehnsucht,
-die ihn quält, von der er an jenem Abend noch nichts wußte. Er kann von
-allem zur Mutter reden, aber von dem, was seine Seele jetzt am meisten
-belastet, kann er nichts sagen. Sie gehen stumm nebeneinander her,
-immer den stillen Pappelweg am Fluß auf und nieder.</p>
-
-<p>Die Mutter sieht ins Weite. Ihre Gedanken gehören jetzt nicht dem
-Jungen, an dessen Arm sie geht. Ihre Gedanken irren in fremdes,
-unbekanntes Land. Sie suchen und suchen vergebens! Auch ihre Seele ist
-belastet. Sie möchte sich befreien und vermag es nicht. Seit Jahren
-ist ihr Blick getrübt; seit Jahren geht sie einen Weg, der in die Irre
-führt. Sie hat auch immer das volle Bewußtsein davon gehabt, hat sich
-in Irren und Wirrnissen befunden, hat gekämpft und mit sich selbst
-gerungen. Aber ihr Leben ist einsam.</p>
-
-<p>Sie weiß, daß es für sie nur durch die zwei Menschen, die jetzt vom
-Vaterland gefordert werden, Inhalt und Zweck gehabt hat. Sie weiß, daß
-sie in einer Woche oder zwei nach Berlin zurückkehren muß. Sie schmiegt
-sich eng in den Arm ihres Jungen &mdash; sie sucht Schutz und Halt bei ihm.</p>
-
-<p>Der kleine Husar sieht ihr ins Gesicht. Er sagt und fragt nichts, aber
-er drückt ihre Hand, so als wollte er ihr durch dies stumme Zeichen
-sagen: „Ich verstehe dich &mdash; ich weiß alles, aber ich kann dir nicht
-helfen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">&ndash;&nbsp;138&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Dann fängt er vom heutigen Reiten zu erzählen an. Hipp ist natürlich
-wieder ein paar Male vom Pferd gesaust, und ‚Vize‘ hat ihm gesagt,
-er solle sich zur Infanterie scheren. Mit einem Gaul würde er doch
-nie fertig, und sein Buckel sei breit genug, um einen Tornister zu
-tragen. Hipp aber habe natürlich sein unschuldigstes Gesicht gemacht
-und nachher dem wütenden ‚Vize‘ nachgeäfft. Und wie er so recht ins
-Erzählen über Hipp gekommen ist, stutzt er plötzlich und muss sich
-Gewalt antun, um einen Schrei zu unterdrücken.</p>
-
-<p>Drüben, auf der anderen Seite des Pappelweges, gehen zwei im Dunkeln.
-Aber der Mond ist doch hell genug, um die Umrisse ihrer Gestalten
-erkennbar zu machen. Das kann kein Anderer als Hipp sein, der da, eng
-an ein Mädchen geschmiegt, im Dunkeln hinwandelt. Jetzt bleiben sie
-stehen, und Hipp küßt das weiße Gesicht, das vom bleichen Mondschein
-beleuchtet wird. Wie entgeistert sieht Hiller zu den beiden hin. In
-seinem Herzen beginnt es zu toben. Er fühlt plötzlich einen Haß gegen
-Hipp. Wie kommt es, daß dem das Glück in den Schoß fällt, während er
-sich mit seiner Sehnsucht plagt?</p>
-
-<p>Er hat oft gelesen, daß es unschöne Menschen gibt, die ihres guten
-und vornehmen Wesens wegen vom weiblichen Geschlecht weit höher
-eingeschätzt werden als die gut aussehenden. Aber Hipps Charakter
-ist nichts weniger als gut und vornehm. Er ist ein echter Berliner
-Junge, der sich die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. Er hat einen
-reichen Vater und weiß den Wert des Geldes zu schätzen. Er ist nur da
-freigebig, wo er sich einen Vorteil davon verspricht. Er ist dumm, in
-allem, was Wissenschaft anbetrifft, aber daneben ist er das, was der<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">&ndash;&nbsp;139&nbsp;&ndash;</a></span>
-Berliner ‚hell‘ nennt, in höchstem Maße. Er hält die Leute zum besten;
-er spielt mit ihnen und macht sich über sie lustig.</p>
-
-<p>Nein, Hipp ist kein guter, ist nicht einmal ein anständiger Mensch,
-und Hiller kann und kann es nicht begreifen, daß ein Mädchen Liebe für
-Hipp empfindet. Er kämpft mit sich, denn er hat das Gefühl, zu den
-beiden hinüberlaufen, das Mädchen aus Hipps Armen reißen und ihr sagen
-zu müssen: ‚Glaub’ ihm nicht! Er spielt nur mit dir, und morgen in der
-Kaserne wird er über dich ulken, so wie er es über die, die in Berlin
-sitzt und ihm jeden Tag einen Brief schreibt, tut!‘</p>
-
-<p>In Hiller kommt ganz plötzlich der Kavalier zum Vorschein; er muß das
-Mädchen schützen. Es verträgt sich nicht mit seiner Ehre, wenn er es
-geschehen läßt, daß Hipp diesem armen Geschöpf etwas vorlügt.</p>
-
-<p>Es packt ihn wie ein Krampf. Die Hand, die er frei hat, umspannt den
-Säbel. Ganz instinktiv tut sie das; er möchte den Kerl da drüben
-niederstechen.</p>
-
-<p>Die Mutter fühlt erst jetzt, daß irgend etwas in ihrem Jungen vorgeht.
-Sie weiß nicht, warum, aber ihre Hand umfaßt sein Handgelenk.</p>
-
-<p>„Hast du irgend etwas, Ernst?“ Da fällt ihm die Hand schlaff herab. Er
-sieht sehr bleich aus und kann nicht antworten. Sein Gesicht ist wie
-verzerrt.</p>
-
-<p>Die Mutter blickt um sich. Was kann es sein, was ihren Jungen
-erschreckt hat? Still und einsam ist es um sie her; die Wasser glucksen
-auf, und ein ganz leiser Wind streicht durch die Pappeln. Drüben im
-Dunkeln gewahrt sie die Umrisse eines Pärchens.</p>
-
-<p>„Komm weiter!“ sagt der kleine Husar, und nach<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">&ndash;&nbsp;140&nbsp;&ndash;</a></span> einer kleinen Weile
-atmet er erleichtert auf. Nun ist es vorüber. Der Zorn über Hipp ist
-schon verraucht &mdash; nur ein kleiner Neid sitzt ihm noch im Herzen.
-Dann erzählt er der Mutter im alten, kindlichen Vertrauen, was er von
-Hipp und dessen Liebesgeschichten weiß. Ohne es zu wollen, spricht er
-gereizt, spricht er so, wie einer, dem Schmerz und Eifersucht am Herzen
-fressen. Die Mutter erschrickt.</p>
-
-<p>Das hat sie nicht geahnt, daß so etwas in die junge Seele Einzug
-gehalten hat. So spricht nur einer, der das Leben einmal furchtbar
-ernst nehmen wird, dem das, was den anderen zur Unterhaltung und zum
-Vergnügen dient, eine Quelle des Schmerzes werden wird.</p>
-
-<p>In seinen Augen glimmt es von Leidenschaft. Er leidet um das Weib, ehe
-er ihm nahe gekommen ist. Er wird suchen, was nicht zu finden ist. Er
-trägt schon jetzt das Ideal eines Weibes im Herzen, und vom erstbesten
-Mädchen, das ihm einmal in den Weg läuft, wird er das verlangen, was
-nur eine Frau, die selbst von seiner Art ist, zu geben vermag. Er tut
-ihr leid; sie fühlt sich schuldig ihm gegenüber. Wenn er ein Herz hat,
-das durch große Qualen gehen, das namenlosen Jammer in sich tragen
-wird, so hat er es von ihr. Das ist ein trauriges Vermächtnis, das ist
-schlimmer, als wenn er die heftige, aber tatkräftige Art vom Vater
-geerbt hätte.</p>
-
-<p>Dann fährt Hiller sich mit der Hand über die Stirn, als ob er etwas
-fortstreichen möchte, und wie ein ganz Gereifter spricht er jetzt:
-„Es ist Blödsinn, ja, es ist frivol, jetzt so viel an sich selbst zu
-denken. Sieh mal, wer weiß denn, wie es in ein paar Monaten aussieht!
-Gerade Hipp sagt jeden Tag: ‚Pass’ mal auf, ich werde zuerst ins Gras
-beißen müssen, weil ich eine so große Angriffsfläche<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">&ndash;&nbsp;141&nbsp;&ndash;</a></span> biete.‘ Und wenn
-man die Sache so auffaßt, hat er ja eigentlich nicht unrecht, wenn
-er sein Leben jetzt noch genießt. Man sollte überhaupt nicht so viel
-nachdenken. Wer zuviel denkt, kann nicht forsch sein. Und forsch sein,
-bedeutet doch heute alles. Überhaupt, Mutter, ich will dir sagen, seit
-dieser Krieg ausgebrochen ist, pfeife ich eigentlich auf alles, was sie
-uns all die Jahre in der Schule beigebracht haben. All das, was sie
-Kultur nennen, ist ja doch nur leerer Tand, wenn eine solche Zeit wie
-die jetzige kommt. Jetzt sind wir doch wieder genau so weit, wie es
-die Menschen vor ein paar Jahrhunderten waren. Nun heißt’s: Wer kann
-dreinhauen? Wer hat am meisten Courage und am wenigsten Gemüt, denn
-mit Gemüt und Herz kann man keine Schlachten schlagen. Und wenn ich
-jetzt über Großmutter nachdenke, die immer gepredigt hat: ‚Tu ihn ins
-Kadettenkorps; Offizier ist der einzig wirkliche Beruf!‘ dann kann ich
-ihr im Grunde nicht mehr so unrecht geben. Von mir sagt ‚Vize‘ fast
-jeden Tag: ‚Mensch, du bist auch einer von denen, die das Verrückteste
-und Verstiegenste begreifen würden, aber was Vernünftiges, Klares und
-Einfaches kriegst du nicht in deinen Döskopp!‘ Und das ist ganz richtig
-von ihm ausgedrückt. Das Einfache hat einen überhaupt nicht mehr
-interessiert; ein Buch, das einem keine Rätsel aufgab, legte man zur
-Seite. Und wenn so ein Wachtmeister einem heut in der einfachsten Weise
-was klar machen will, dann muß man den Kopf ordentlich zwingen, das
-so aufzufassen, wie es gemeint ist, und nicht irgendeinen verborgenen
-Sinn dahinter zu suchen. Ich wünsche mir jetzt oft, ich hätte nicht
-mehr als das Allernötigste gelernt; ich wünsche, ich wäre einer von den
-Bauernjungen aus unserer Stube, die überhaupt über nichts nachdenken!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">&ndash;&nbsp;142&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Er bringt all das in heftigem Ton hervor, so, als wolle er mit Gewalt
-etwas, was ihn quälte, übertönen.</p>
-
-<p>„Hipp ist nicht anständig und aufrichtig!“ sagt er noch. „Er erzählt
-in der Kaserne von einem Mädchen in Berlin und läuft hier mit einer
-anderen herum. Ich begreife so etwas nicht!“</p>
-
-<p>Die Welt ist plötzlich dunkel geworden. Der Mond ist von Wolken
-überdeckt. Das Pärchen auf der anderen Seite ist von der Dunkelheit
-verschlungen. Durch das Laub der Pappelbäume fährt ein rauher Wind, und
-das leise, friedliche Glucksen des Flusses wird übertönt.</p>
-
-<p>Auch in die Seele der Mutter des Jungen ist ein Windstoß gefahren. Sie
-kann jetzt auf das, was er ihr noch sagt, nichts erwidern. Stumm, fast
-willenlos, geht sie an seinem Arm dahin &mdash; und der kleine Husar kommt
-weiter ins Philosophieren hinein.</p>
-
-<p>„Aber schließlich, wenn die ganze Welt sich als roh und egoistisch
-erweist, warum soll da der einzelne anders sein? Geradezu lächerlich!
-Wer anders ist als Hipp und seinesgleichen, ist ein Narr!“</p>
-
-<p>Das letzte stößt er leidenschaftlich, fast bös heraus. „Ich will nicht
-zu den Narren gehören!“ Er stampft mit dem Fuß auf und will zu neuer
-verbitterter Rede ausholen, da trägt der Wind einen lustigen Klang zu
-ihnen herüber. Von der Kaserne her tönt ein Trompetensignal. Hiller
-beschleunigt die Schritte.</p>
-
-<p>„Du bist so still, Mutter. Du bist mir doch nicht böse?“ fragt er sanft
-und sucht ihr ins Gesicht zu blicken. „Ich ärgere mich nur immer so
-furchtbar, Mutter, wenn ich sehe, wie andere ihr Leben genießen und
-überall zugreifen, wo es was zu holen gibt. Nicht darüber, daß die sich
-das Leben schön und vergnügt machen, ärgere ich<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">&ndash;&nbsp;143&nbsp;&ndash;</a></span> mich, sondern darüber,
-daß ich ein Esel bin, daß ich nicht auch so sein kann, wie sie!“</p>
-
-<p>„Du wirst noch vieles lernen, Ernst!“ sagt sie. „Und du wirst auch
-lernen, daß nicht die, die überall zugreifen, die wirklich Glücklichen
-sind!“</p>
-
-<p>Sie kommen auf die breite Chaussee, an der die Kaserne liegt, zurück.
-Hier ist es hell, und die Husaren strömen dem Kasernentor zu.</p>
-
-<p>Hiller bringt seine Mutter noch bis in den Flur ihres Hauses, küßt sie
-und sagt, um das Vorangegangene gutzumachen: „Es war ja alles Blödsinn,
-was ich da gesagt habe, Mutter!“ Küßt sie noch einmal und läßt die Tür
-hinter sich zufliegen.</p>
-
-<p>Frau Hiller geht langsam über den grauen Steinflur. Stufe um Stufe geht
-sie die Treppe hinan wie eine alte Frau, der das Gehen schwer fällt.
-Ist sie plötzlich alt geworden? Es ist ihr, als habe ihr jemand eine
-Last aufgebürdet, die zu schwer für ihre Schultern ist.</p>
-
-<p>Oben im Flur steht das sympathische Fräulein Else und spielt mit
-Mirza, dem wenig appetitlich aussehenden Pintscher. Sie spricht zu
-ihm, wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kind sprechen würde: „Lieb sein,
-Mirzachen! Da, geh’ zu Frauchen; die ist gut!“ Der Hund springt an Frau
-Hiller in die Höhe, und seine nasse Schnauze berührt ihre Hand. Das ist
-ihr nicht angenehm, aber sie bringt es nicht über sich, das Mädchen,
-das den Hund so zärtlich liebt, zu kränken. Sie streicht ihm übers Fell
-und geht mit Fräulein Else in die Küche.</p>
-
-<p>Auf einem kleinen Schrank stehen die Lampen, die in die einzelnen
-Zimmer gehören, und Fräulein Else nimmt den Schirm von der
-größten herab und läßt ein Streichholz aufflammen. Da kommt die
-Wachtmeisterswitwe<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">&ndash;&nbsp;144&nbsp;&ndash;</a></span> durch den Flur, und ein Geräusch dringt in die
-Küche, halb Seufzen, halb Schluchzen. Das Streichholz fällt Fräulein
-Else aus der Hand und sie läuft der Mutter entgegen.</p>
-
-<p>Frau Hiller bleibt allein in der durch ein winziges Lämpchen
-beleuchteten Küche, die mehr Wohnzimmer als Küche ist, zurück.</p>
-
-<p>Dem großen, altmodischen Herd gegenüber steht ein mächtiges, braunrotes
-Sofa, auf dem gut drei erwachsene Personen Platz haben. Davor ein
-ovaler Tisch mit rotgewürfelter Decke darauf. Neben dem Küchenschrank
-eine altmodische Kommode mit hohem Pfeilerspiegel darüber, und in einer
-Ecke ein Schaukelstuhl aus Rohr. Aus dem Herd, dem eine Grude angebaut
-ist, strömt ein lieblicher Duft von gebratenen Äpfeln. Es ist sehr
-traulich in der halbdunklen Küche, und Frau Hiller, die sich nicht auf
-den Flur, auf dem die beiden Frauen stehen, herauswagt, schaut in die
-Glut der verglimmenden Kohlen.</p>
-
-<p>Draußen hört sie nun viele Stimmen. Die Frauen vom Nebenflur und
-die von oben und unten aus dem Hause sind im schmalen, dunklen Flur
-hier zusammengeströmt. Sie sprechen erregt. Man kann ihre Worte
-nicht verstehen; nur so viel hört man, daß etwas Entsetzliches sich
-zugetragen haben muß.</p>
-
-<p>Dann dringen sie in die Küche ein und scharen sich um Frau Hiller.
-Natürlich wissen sie alle längst alles, was über den neuen Hausgast
-zu erfahren war. Bisher sind sie ihr ein wenig scheu aus dem Wege
-gegangen; nun aber stehen sie plötzlich um sie herum, als seien sie
-alte, gute Bekannte.</p>
-
-<p>Die Wachtmeisterswitwe sagt unter Schluchzen: „Nun ist die Gewißheit
-da, gnädige Frau. Der Trompeter von<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">&ndash;&nbsp;145&nbsp;&ndash;</a></span> oben ist tot. Und nicht mal
-richtig gefallen soll er sein, sondern in Belgien meuchlings ermordet!“</p>
-
-<p>Fräulein Else hat die große Lampe angezündet, und die Augen all der
-Frauen sehen in Frau Hillers Gesicht.</p>
-
-<p>Die hat eine Sekunde lang die Hand über die Augen gelegt.</p>
-
-<p>Fräulein Else liegt in einer Ecke des Sofas und hat den Kopf in die
-Arme geworfen. Sie weint laut und schmerzlich auf &mdash; sie weint so, wie
-nur eine weinen kann, die selbst um jemand bangt!</p>
-
-<p>„Und oben liegt die Frau und erwartet jeden Tag das Kind. Wer bringt
-ihr nur das bei?“</p>
-
-<p>Die Wachtmeisterswitwe sagt in bestimmtem Ton: „Laßt erst das Kind da
-sein; vorher erfährt sie’s nicht!“ Die Frauen schweigen dazu und sind
-einverstanden.</p>
-
-<p>Frau Hiller steht neben dem weinenden Mädchen und möchte am liebsten
-mit ihr weinen. Sie streicht ihr übers Haar, und die Frauen um sie
-herum beginnen wieder zu sprechen.</p>
-
-<p>Fräulein Else weint und kann sich nicht beruhigen; die leidet wirklich
-und leidet furchtbar schwer. Frau Hiller möchte wissen, um wen sie
-leidet, aber sie mag sie nicht fragen.</p>
-
-<p>Leise gleitet sie aus dem Kreis der Frauen hinaus; in ihrem netten
-Wohnzimmer zittert ein Mondstrahl über Boden und Wand. Drüben liegt
-schwer und dunkel die Kaserne und wirft große, schwarze Schatten um
-sich.</p>
-
-<p>Die Wachtmeistersfrau tritt mit der großen Lampe zu ihr ins Zimmer,
-und Frau Hiller fragt, ohne es eigentlich zu wollen: „Warum weint Ihre
-Tochter so sehr? Ist sie verlobt?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">&ndash;&nbsp;146&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Die Frau sieht sie groß an. „Nein &mdash; die ist nicht verlobt. Es ist der
-Jammer im allgemeinen, um den sie weint! Sie ist immer ein bißchen
-empfindlich gewesen; viel empfindlicher, als sich’s für unseren Stand
-paßt!“</p>
-
-<p>Die Lampe steht auf dem Tisch und wirft einen großen, runden Kreis über
-Tisch und Boden.</p>
-
-<p>Die Wachtmeisterswitwe steht noch ein paar Minuten in der Tür; sie
-wartet, ob die Frau, die am Fenster lehnt, noch Lust hat, mit ihr zu
-schwatzen. Aber die fragt nichts, sondern schaut stumm auf die dunkle
-Straße hinunter.</p>
-
-<p>„Ja, ein jeder hat sein Päckchen zu tragen. Gute Nacht, gnädige Frau!“</p>
-
-<p>„Gute Nacht!“ sagt Frau Hiller freundlich, lehnt dann wieder am Fenster
-und blickt zur Kaserne.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>All die Tage über hat die Sonne ihren Glanz über die Erde ausgegossen
-&mdash; September ist es geworden, ein ganzer Monat seit Ausbruch des
-furchtbaren Krieges vergangen.</p>
-
-<p>Was hat der Mensch in diesen dreißig Tagen alles fassen müssen! Welche
-Umwälzungen sind im Gehirn des einzelnen vorgegangen! Der Stumpfeste
-ist aufgerüttelt worden. Jeder hat einen Schmerz, ein Leid oder auch
-nur eine Enttäuschung erfahren. Viele, die klein und armselig waren,
-sind groß geworden in dieser kurzen Zeit.</p>
-
-<p>Deutschland ist von Sieg zu Sieg gegangen. Jubel ist durch die Lande
-gezogen.</p>
-
-<p>Viel Blut ist geflossen &mdash; viel Entsetzliches ist geschehen. Aber die
-Sonne hat dazu geleuchtet &mdash; warme<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">&ndash;&nbsp;147&nbsp;&ndash;</a></span> Lüfte haben geweht, und die Abende
-sind kühl und wonnig gewesen. Wie aber wird es werden, wenn die Stürme
-brausen, wenn der Regen unaufhörlich niederströmt, wenn der Himmel grau
-und düster über der Erde liegt?</p>
-
-<p>Ein Septembersonntag ist es, der solch bange Ahnungen aufsteigen läßt.
-Zum ersten Male seit Wochen treiben schwere, schwarze Wolken am Himmel;
-die Straßen sind naß vom Regen der Nacht, und jeden Augenblick kann das
-Prasseln von neuem einsetzen. Die Landwirte haben sich’s gewünscht, daß
-es so kommen möchte, aber das Herz des Menschen ist bang und schwer.
-Man braucht die Sonne, um die Schwere der Zeit tragen zu können.</p>
-
-<p>Im Hof der Husarenkaserne haben sich die jungen Freiwilligen
-versammelt. Sie tragen Dienstanzug: die lederne Reithose und ihren
-gewöhnlichen Uniformrock mit den verblaßten Tressen. Aber die
-Knöpfe blitzen; die haben sie frisch geputzt. Auf dem Kopf die hohe
-Husarenpelzmütze mit der roten Zunge, die zur Seite herabfällt. Es ist
-der Tag, an dem sie den Eid auf die Fahne ablegen sollen.</p>
-
-<p>Vor der Kaserne stehen scharenweise Zivilpersonen. Väter und Mütter,
-die angereist kamen, um dem feierlichen Akt beizuwohnen, und junge
-Mädelchen aus dem Ort, die durchs Gitter, das die Kaserne von der
-Straße trennt, blicken.</p>
-
-<p>In Reih’ und Glied stehen sie da; die Wachtmeister gehen vor ihnen
-hin und her, und dann kommt das Kommando: „In Reihen antreten!“ Sie
-marschieren die lange Straße hin, biegen am Husarenweg ein. „Achtung,
-Augen links!“ kommandiert der Unteroffizier, und der Infanterieoberst,
-der im ‚Schwan‘ wohnt, geht an ihnen vorüber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">&ndash;&nbsp;148&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Die kleine altmärkische Stadt ist weitläufig gebaut, sie hat schöne,
-altertümliche Plätze und eine gutgepflegte Promenade, die sich wie ein
-Ring rund um die Stadt zieht. Zwei große protestantische Kirchen recken
-ihre Türme hoch über sie hin; die eine ist die alte Marienkirche,
-die andere nennt man den Dom. Er liegt an einem freien Platz.
-Kastanienbäume breiten ihre Laubdächer aus. Die Wolken treiben noch
-immer am Himmel, und die Luft ist schwer und beklemmend.</p>
-
-<p>Auf einer Holzbank im Seitenschiff, an eine Säule gedrückt, sitzt Frau
-Hiller. Die Wachtmeistersfrau hat ihr geraten, zeitig zu gehen, denn
-zum Fahneneid läuft heute jeder in den Dom herunter. In der ganzen
-Stadt mag es kaum eine Seele geben, die nicht ein Interesse an der
-heutigen Feier hätte.</p>
-
-<p>Neben ihr sitzt eine andere Mutter &mdash; auch aus Berlin &mdash; auch
-hierhergekommen, um dieser feierlichen Handlung beizuwohnen. Sie sitzen
-eine gute Stunde dicht nebeneinander auf der Holzbank, ohne ein Wort zu
-sprechen.</p>
-
-<p>Es hat etwas Beklemmendes, bei grauem Wetter eine Stunde lang in einem
-leeren protestantischen Gotteshaus zu sitzen. Wohl wölbt sich das Dach
-hoch, von starken Säulen getragen, über dem Haupt. Man kann nicht das
-Gefühl haben, das den empfindsamen Menschen bei grauem Wetter in enger,
-niedriger Stube leicht überfällt, das Gefühl, daß Wände und Decken auf
-ihn niederzudrücken beginnen. Der Blick hat genügend Spielraum. Über
-die langen Reihen der leeren Bänke hinweg kann er zum Altar fliehen &mdash;
-kann an den weißen Spitzen der Altardecke haften bleiben, zum Kreuz,
-das den Erlöser trägt, kann er fliehen. Oder zur Kanzel hinauf oder
-noch höher hin zu den herrlichen, großen, bunten Glasfenstern, die
-das<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">&ndash;&nbsp;149&nbsp;&ndash;</a></span> Schönste und Kostbarste an diesem alten Bauwerk sein sollen. Und
-Frau Hillers Blicke irren von einem Ende der Kirche zum anderen; aber
-nirgends ein Ruhepunkt. Auch das Bild des gekreuzigten Heilands hält
-sie nicht. Warum ist er gestorben? Warum hat er geduldet? Warum hat er
-eine Welt erlöst, die doch immer wieder in Zwietracht und Finsternis
-versinken muß?</p>
-
-<p>Bang und verzagt sitzt sie an ihrer Säule. Alles Traurige und
-Schmerzliche aus ihrem Leben taucht vor ihr auf; Kindererinnerungen!
-Auch da schon bitteres Leid ohne äußeren Grund, auch da schon
-Schmerzen, für die es keinen Namen gab. Und von der Kindheit in eine
-Jugend, die wiederum Nöte und Kämpfe brachte. Eine Ehe, aus heißer
-Liebe geschlossen und vom Tod gelöst, nachdem ein mühseliger Weg des
-Leidens gemeinsam zurückgelegt war.</p>
-
-<p>„Die Menschen von heutzutage sind nicht mehr einfach genug zum
-Glücklichsein!“ sagt die Großmutter. „Zum Glücklichsein gehört
-Einfachheit des Gemüts, und wer diese Einfachheit nicht von der Natur
-bekommen hat, der soll sie sich erwerben!“</p>
-
-<p>Die Großmutter sagt viel, und man hört leicht über sie hinweg. Aber
-nie hat Frau Hiller so oft an die alte Frau und ihre Aussprüche denken
-müssen als jetzt in dieser Zeit, die von jedem Menschen Einfachheit und
-Stärke fordert.</p>
-
-<p>Sie sitzt an ihrer Säule und sieht in den leeren, weiten Kirchenraum.
-Ein einziges Glück hat sie in ihrem Leben gehabt, das ihr treu
-geblieben ist, und dies Glück fing an mit dem Tag, an dem das Kind
-geboren wurde. Das Kind war das einzig Wirkliche und Große in all dem
-Gewoge in ihrer Seele geblieben. Das Kind<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">&ndash;&nbsp;150&nbsp;&ndash;</a></span> war wie eine Melodie, die
-sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat, oft überbraust von wilderen,
-rauschenderen Klängen, aber nie verstummt!</p>
-
-<p>Das Kind, der Junge, ist auch heute noch ihr einziges Glück. Aber wenn
-sie an ihr Kind denkt, dann ist sie mit ihm in Berlin in ihren Zimmern;
-dann ist er der anschmiegende, zarte, feine Junge mit den Träumeraugen!
-Der Husar, der jetzt hier in der altmärkischen Garnison lebt und der im
-Kampf zwischen Kind und Mann liegt, ist ihr noch zu fremd.</p>
-
-<p>Auch die Frau, die neben ihr sitzt, ist versunken; auch deren Augen
-blicken starr und still vor sich <span class="nowrap">hin. &mdash;</span></p>
-
-<p>Die Bänke in den Seitenschiffen beginnen sich zu füllen. Die Glocken
-setzen ein &mdash; mächtig hallt ihr Ton in der großen Kirche wieder. Zwei
-große Kerzen zu Seiten des Gekreuzigten sind entzündet worden. Ihr
-flackernder Schein tanzt um die Leidensgestalt.</p>
-
-<p>Schritte hallen draußen im Vorraum &mdash; eine Bewegung &mdash; ein Rauschen.
-Voran der Küster, der die Plätze anweist, und im Augenblick ist die
-Kirche gefüllt von den graugelben Uniformen. Die Köpfe derer, die
-in den Seitenschiffen sitzen, recken sich. Ein jeder möchte den, um
-dessentwillen er hierherkam, sehen.</p>
-
-<p>Lange sucht Frau Hiller nach ihrem Jungen. Sie sehen alle gleich aus,
-die glattgeschorenen Köpfe über den bunten Kragen. Ein kleines Grauen
-ist in ihr, während sie ihn sucht. So verschwunden in der Masse ist
-er; einer ist soviel wert wie der andere! Sie sind nicht mehr Menschen
-für sich; sie gehören einer großen Einheit an, die keine Unterschiede
-duldet.</p>
-
-<p>Schließlich erkennt sie Ernst an der hohen Stirn und<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">&ndash;&nbsp;151&nbsp;&ndash;</a></span> an der Haltung
-des Kopfes. Er hat ihr auch fast unmerklich zugenickt; aber dann sieht
-er nicht mehr zu ihr hin, sitzt ernst und feierlich zwischen den
-anderen.</p>
-
-<p>Die Glocken verhallen, und die Orgel setzt ein.</p>
-
-<p>„Ein’ feste Burg ist unser Gott!“ Ein vielgesungenes Lied in dieser
-Zeit. Man braucht das alte Lutherlied jetzt nötiger als sonst. Man
-versteht erst jetzt eigentlich so ganz den tiefen Sinn. Mächtig
-rauscht der Chor durch die Kirche; ergreifend für die, die in den
-Seitenschiffen sitzen, die in so enger Beziehung zu den jungen Sängern
-stehen.</p>
-
-<p>„Und wenn die Welt voll Teufel wär’!“ &mdash; Es ist herrlich, mit welcher
-Kraft sie das herausstoßen! Die Welt ist voller Teufel &mdash; aber wenn man
-diesen Gesang hört, hat man keine Angst vor ihnen.</p>
-
-<p>Frau Hiller kann den Blick nicht von der hohen, reinen Stirn ihres
-Jungen loslösen. Er ist jetzt ganz der Sache hingegeben, denkt nicht
-mehr an die Mutter.</p>
-
-<p>Der Geistliche ist vor den Altar getreten und spricht ein Gebet. Die
-Husaren stehen mit geneigten Köpfen; der Regen schlägt an die hohen
-Fenster, und ein rauher Wind heult um die Ecken der Kirche. Die Orgel
-setzt wieder ein; das Singen übertönt das Unwetter, das draußen tobt,
-und der Pfarrer steigt auf die Kanzel.</p>
-
-<p>„Liebe junge Freunde!“ sagt er. „In anderen Jahren, wenn es galt, den
-Eid der Treue an dieser Stätte zu leisten, geschah es bei aufgerollter
-Fahne. Heute ist unsere Fahne in Feindesland &mdash; heute gilt es einen Eid
-zu leisten, der sogleich in allen Punkten Erfüllung heischen wird!“</p>
-
-<p>Die Worte klingen schwer und wuchtig und werden von den Wänden der
-Kirche zurückgeworfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">&ndash;&nbsp;152&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„In eine große, ernste und doch herrliche Zeit tretet ihr, die ihr noch
-an der Schwelle des Lebens steht, ein! Beneidenswerte Jugend, die ihr
-eure ersten, frischesten Kräfte dem bedrängten Vaterlande weihen dürft!“</p>
-
-<p>Die Gesichter der Husaren blicken zur Kanzel empor. Blutjunge Gesichter
-sind es zumeist &mdash; ernst, voll tiefer Begeisterung sehen sie zu dem,
-der zu ihnen spricht, empor.</p>
-
-<p>Aus den Seitenschiffen klingt es wie leises Schluchzen. Tücher werden
-an die Augen geführt. Mutterherzen bluten; Mutterherzen wollen sich
-auflehnen gegen das Gewaltige, das von ihnen gefordert wird.</p>
-
-<p>Der oben auf der Kanzel steht, spricht unendlich gütig und liebevoll zu
-denen, die heute den Schwur der Treue leisten wollen.</p>
-
-<p>Er spricht von Deutschlands Feinden, die, von Neid, Haß und niedrigen
-Instinkten getrieben, den Willen haben, das Deutsche Reich zu
-zerstückeln, zu vernichten. All die unerhörten Ereignisse, die diese
-Wochen bewegten, läßt er von der Kanzel herab an den jungen Menschen,
-die gewillt sind, ihr Vaterland zu schützen, vorüberziehen.</p>
-
-<p>Ein jeder, der in der großen Kirche sitzt, hat alles das, was da
-aufgezählt wird, noch frisch im Gedächtnis. Und doch &mdash; wie es hier
-aneinandergereiht wird, wie man es förmlich wie die Glieder einer Kette
-vor sich erstehen sieht &mdash; da glaubt man wieder, ein Stück aus ferner
-Vergangenheit tolle sich hier auf.</p>
-
-<p>Eine jede Mutter, die im Seitenschiff der Kirche sitzt, wird ihre Seele
-erschauern fühlen, eine jede wird in furchtbarem Zwiespalt mit sich
-selbst sein. Hat sie dafür ihr Kind geboren, daß es, kaum ins Leben
-eingetreten, sich schon opfern soll. Hat sie ihr Kind ge<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">&ndash;&nbsp;153&nbsp;&ndash;</a></span>boren, damit
-es in einem Kriege, der tückischer, bestialischer geführt wird als je
-ein Krieg aus der Vorzeit, nicht einmal von offener Kugel getroffen,
-sondern vielleicht hingeschlachtet werden soll?</p>
-
-<p>Unausdenkbar! Grauenvoll!</p>
-
-<p>Oh, wie zucken, wie bluten die armen, wehen Herzen im Seitenschiff,
-während die, an die die Rede gerichtet ist, froh und begeistert zur
-Kanzel aufschauen.</p>
-
-<p>Dem, der da oben steht und zu der jungen Schar künftiger Helden
-spricht, ist eine herrliche Redegabe verliehen. Mag sein, daß die Größe
-der Zeit ihren Teil daran hat; aber es ist, als sei ein Gottgesandter
-hier in diesem Raume erschienen &mdash; einer, der das Wort des Herrn mit
-der ganzen Gewalt und Inbrunst, die es besitzt, wiedergibt.</p>
-
-<p>Wilder wütet der Sturm ums Gotteshaus; es ist, als höre man Kriegslärm;
-es ist, als solle man hier drinnen im Frieden des heiligen Hauses
-besonders eindringlich an all das Böse und Wilde, das draußen in der
-Welt vor sich geht, erinnert werden.</p>
-
-<p>Ein Gebet wird gesprochen &mdash; ein stilles, gutes, inbrünstiges Gebet zu
-dem, der die Geschicke lenkt, der dem Recht zum Sieg verhelfen und das
-Unrecht bestrafen muß! Oh, wer so einfach glauben und zu Gott vertrauen
-kann!</p>
-
-<p>Die Husaren stehen mit geneigten Köpfen, die Orgel intoniert eine leise
-Melodie, und an Stelle des Geistlichen tritt nun ein junger Offizier
-vor die Soldaten hin. Hellgrau ist seine Attila und mit silbernen
-Tressen besetzt. In voller Gala, mit Bandelier und Schärpe steht er da.
-Die Orgel spielt ganz leise, so daß es wie ein geheimes Wogen durch die
-Kirche geht. Er liest den Fahneneid:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">&ndash;&nbsp;154&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Ich schwöre zu Gott, dem Allwissenden und Allmächtigen, einen
-leiblichen Eid, daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, Wilhelm
-dem Zweiten, meinem allergnädigsten Landesherrn, in allen und jeden
-Vorfällen, zu Lande und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten und an
-welchen Orten es immer sei, getreulich und redlich dienen, Allerhöchst
-dero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden,
-die mir vorgelesenen Kriegsartikel und die mir erteilten Vorschriften
-und Befehle genau befolgen und mich so betragen will, wie es sich für
-einen rechtschaffenen und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt. So
-wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium.“</p>
-
-<p>Die Husaren haben sich erhoben. Der Offizier weist noch einmal auf den
-tiefen, erschütternden Ernst des Augenblicks hin, dann tritt er erst zu
-jenen, die anderen Bundesstaaten angehören, und nimmt ihnen den Schwur
-ab.</p>
-
-<p>Er spricht die einzelnen Worte vor, und der Schwörende spricht sie &mdash;
-die Eidfinger erhoben &mdash; nach. Seltsam, fast wie ein Mißklang tönen
-die klaren, schweren Worte zum leisen, tragenden Spiel der Orgel. Nur
-wenn die Schlußworte kommen, wenn sie sagen: „So wahr mir Gott helfe
-durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium!“ klingt beides, die
-gesprochenen Worte und das leise Orgelrauschen, wie ein hohes, hehres
-Lied zusammen.</p>
-
-<p>Einer nach dem andern schwört mit ernster, fester Stimme sein Leben dem
-Vaterlande zu. Ein jeder will bluten, will sterben! Ein jeder will mit
-tausend Freuden sein junges Leben dem Vaterland hingeben.</p>
-
-<p>Warum weinen da so viele von den Frauen, die in<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">&ndash;&nbsp;155&nbsp;&ndash;</a></span> den Seitenschiffen
-sitzen? Warum jauchzen sie nicht? Warum schwillt ihr Herz nicht in
-Stolz und Seligkeit darüber, daß sie Söhne geboren haben, die sich der
-großen Zeit würdig erweisen?</p>
-
-<p>Ach, immer mag es so im Leben sein: Wer zu großer Tat von den Seinen
-wegzieht, dem wird der Abschied nicht schwer. Der ganze furchtbare,
-überwältigende Schmerz rast in den Herzen derer, die geben müssen, die
-zum Abwarten verdammt sind. Wer bringt dem Vaterland das größere Opfer:
-der junge, begeisterte Soldat, der, von tausend Hoffnungen beseelt,
-hinauszieht &mdash; oder die, die ihn geboren hat, und die in diesen
-Augenblicken, da ihr Kind von einer anderen, größeren Macht gefordert
-wird, alle Wonnen, alle Schmerzen, das ganze Leben dieses Kindes von
-jener Zeit an, da sie es noch unter dem Herzen trug, wieder durchkosten
-muß.</p>
-
-<p>„Groß sind die Zeiten, und groß sollen auch die Menschen sein!“ Frau
-Hiller denkt an diese Worte der Großmutter, und doch ist ihr, als müsse
-sie aufschreien. Ihr Junge hat mit all den anderen, die preußische
-Staatsangehörige sind, die Schwurfinger erhoben. Im Chor mit ihnen
-spricht er die Worte, die der Offizier in der hellgrauen Attila ihnen
-vorsagt. Die Orgel spielt &mdash; der Regen peitscht gegen die Fenster &mdash;
-der Sturm ist zum Orkan geworden; er heult und schreit und winselt
-ums Gotteshaus. Die Lichter am Altar flackern um das stille Kreuz des
-Dulders: „So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges
-Evangelium!“</p>
-
-<p>Ihr Kopf lehnt an der Säule; schwarz ist ihr vor Augen. Eine rohe Faust
-martert ihr Herz. Um sie herum ist das Schluchzen der anderen Mütter.</p>
-
-<p>Leiden die alle dasselbe wie sie? Sind sie in diesen<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">&ndash;&nbsp;156&nbsp;&ndash;</a></span> Augenblicken
-genau wie sie durch Höllen gewandert? Sie fühlt ihre Hand von der ihrer
-Nachbarin umschlossen. Eine zitternde Hand ist es, die die ihre umfaßt,
-aber es tut wohl.</p>
-
-<p>Alle Mütter in der ganzen Welt, die ihre Söhne dahingeben &mdash; müssen
-sich verbunden fühlen in dieser Zeit &mdash; &mdash; &mdash; die höchste und die
-niederste müssen sich lieben, denn was ist Rang und Geld und Würde
-neben diesem bitterheißen, gewaltigen, heiligen Schmerz, den sie alle,
-alle durchkosten müssen?</p>
-
-<p>Der kleine Hiller sucht die Blicke der Mutter und nickt ihr ernst und
-kindlich stolz zu. Viel warmes Leben, viel Freude ist in diesem Blick.
-Sie staunt darüber, aber sie fühlt, wie das Blut ihr wieder wärmer zum
-Herzen strömt.</p>
-
-<p>Die Orgel spielt lauter &mdash; das Haus wird erfüllt von den mächtigen
-Klängen. Das Gefühl des Unheimlichen, das Gefühl des Schauerns ist
-vorüber. Helleres Licht bricht durch die Fenster &mdash; die Seele wird
-emporgetragen.</p>
-
-<p>Vor ein paar Augenblicken, als die jungen Menschen die schwer
-feierlichen Worte sprachen, waren die armen Seelen in einem dunklen
-Raum gewesen. Eine jede Mutter mochte da wohl ihren Sohn schon verloren
-gegeben haben. Nun aber erhält sie ihn wieder. Der Pfarrer steht auf
-der Kanzel; er spricht die einzelnen Strophen des wundervollen Liedes:
-‚Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten!‘ Und die Orgel jauchzt
-&mdash; die Stimmen setzen ein und schwellen an &mdash; keine Mutter schluchzt
-jetzt mehr; kein Herz ist mehr dunkel und verzagt.</p>
-
-<p>„Herr, mach’ uns frei!“ braust es durchs Gotteshaus.<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">&ndash;&nbsp;157&nbsp;&ndash;</a></span> „<em class="gesperrt">Herr, mach’
-uns frei!</em>“ Und die Wände werfen es zurück &mdash; die Orgel spielt ein
-hohes Feierlied. Alle Herzen sind frei geworden; alle bangen Herzen
-sind stolz und froh geworden.</p>
-
-<p>Der Pfarrer ist wieder vor den Altar getreten; er breitet die Hände aus:</p>
-
-<p>„Der Herr segne und beschütze dich. Der Herr lasse leuchten sein
-Angesicht über dir! Der Herr gebe dir seinen Frieden. Amen!“</p>
-
-<p>Die Husaren verlassen reihenweise die Bänke und versammeln sich um ihre
-Führer; die aus den Seitenschiffen strömen dem Ausgang zu. Draußen auf
-dem Platz vor der Kirche sehen sie sich wieder.</p>
-
-<p>Das Unwetter hat ausgetobt &mdash; &mdash; durch die grünen Kastaniendächer
-bricht leise die Sonne durch.</p>
-
-<p>Die Mütter möchten zu ihren Söhnen eilen und sie ans Herz drücken;
-aber die stehen in Reih’ und Glied, und der Offizier hält eine
-Ansprache an sie &mdash; eine kurze, knappe, begeisterte Ansprache, die in
-einem Kaiserhoch endet. Die Unteroffiziere kommandieren, die Husaren
-schwenken in Reihen ab &mdash; kehren zur Kaserne <span class="nowrap">zurück. &mdash;</span></p>
-
-<p>Am Mittag ist lustige Tafel im ‚Schwan‘. Die Husaren haben ihre
-Extrauniform angezogen. Die Gesichter glänzen, als sie an die gedeckten
-Tische treten, denn sie sind hungrig. Der Oberkellner hat Frau Hiller
-zu einem Tisch geführt, an dem schon ein Elternpaar mit einem Husaren
-sitzt. Man ist im Augenblick befreundet, und die beiden jungen
-Freiwilligen rücken mit Kasernenwitzen heraus. Die Unterhaltung geht im
-ganzen Saal von Tisch zu Tisch. Es wird sehr lustig. Die Eltern lassen
-Sekt auffahren. Es ist ein Freuden-, ein<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">&ndash;&nbsp;158&nbsp;&ndash;</a></span> Ehrentag heute; die Jugend,
-die in ein paar Wochen für Deutschlands Ehre kämpfen will, muß gefeiert
-werden. Sie läßt sich’s gern gefallen.</p>
-
-<p>Der kleine Hiller hat heute nichts vom Philosophen an sich. Glücklicher
-und lebensfroher können keine Augen strahlen, als die seinen es tun.
-Hipp kommt nach dem Dessert mit seinem Vater, dem reichen Fabrikanten,
-an den Tisch und setzt sich neben Hiller.</p>
-
-<p>Die beiden lachen und schwatzen miteinander, und Frau Hiller muß an
-den Abend am Pappelweg denken, an dem ihr Ernst so schwermütig und
-ablehnend über die Welt und auch über Hipp geurteilt hat. Heute weiß er
-nichts mehr davon. Heute ist er Hipps Kamerad &mdash; heute ist er Soldat
-und nichts weiter.</p>
-
-<p>Die Mutter ersehnt den Augenblick, an dem sie den Jungen für sich haben
-wird. Sie denkt an den Konfirmationstag zurück. Diesem Tag waren eine
-ganze Zahl schwerer Wochen voraufgegangen, denn der junge Philosoph
-hatte Gewissensnöte gehabt. Er wollte nicht an den Tisch des Herrn
-treten, denn sein Verstand lehnte sich gegen das Gelübde des Glaubens,
-das er ablegen sollte, auf.</p>
-
-<p>Die Großmutter, die auf Ordnung hielt, hatte ihn damals zur Vernunft
-gebracht. Aber den ganzen, schweren Tag über hatte der Junge damals auf
-den Augenblick gewartet, an dem er die Mutter für sich haben würde, und
-die Mutter hatte aus einer unbestimmten Angst vor diesem Alleinsein die
-Großmutter nicht von ihrer Seite gelassen. Heute tritt das Umgekehrte
-ein. Heute ersehnt sie die stille Stunde einer Aussprache, und der
-Junge weicht ihr aus.</p>
-
-<p>Sie wollen alle zum Photographen; sie müssen natür<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">&ndash;&nbsp;159&nbsp;&ndash;</a></span>lich eine Erinnerung
-an diesen Tag haben. Und um fünf Uhr müssen sie zur Pferdetränke in der
-Kaserne sein. Am Abend aber hat Hiller auf Wache zu ziehen.</p>
-
-<p>Keine Minute also für die Mutter, und das ist gut. Er will Mann sein;
-er will stark und lustig sein! Der Mutter tut das Herz weh, das weiß
-er. Aber sie soll es ihm nicht sagen. Es nutzt ja nichts. Hinaus will
-er und muß er. Wozu da noch Worte und Tränen?</p>
-
-<p>Der Sekt schmeckt ihm; der reiche Fabrikant hat noch eine Flasche
-bestellt und gießt ein. Die Stimmung wird übermütig. Im Saal ist’s
-heiß; sie haben gut gegessen &mdash; nun trinken sie und rauchen gute
-Zigarren. In den Hof des Hotels zieht eine Musikerbande. Orgel, Pfeife
-und Klarinette:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Die Vöglein im Walde, sie singen</div>
- <div class="verse mleft3">so wunder-wunderschön:</div>
- <div class="verse">In der Heimat &mdash; in der Heimat,</div>
- <div class="verse mleft3">da gibt’s ein Wiedersehn!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Die Sangeslust erwacht. Irgendwo an einem Tisch setzt eine Stimme ein.
-Vorgesetzte sind nicht im Saal. In die eine Stimme fallen die andern,
-draußen orgeln und blasen sie, und drinnen singen sie in all ihrer
-jungen Lebensfreude:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Die Vöglein im Walde, sie singen</div>
- <div class="verse mleft3">so wunder-wunderschön:</div>
- <div class="verse">In der Heimat &mdash; in der Heimat,</div>
- <div class="verse mleft3">da gibt’s ein Wiedersehn!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Die Zeit fliegt dahin; halb fünf Uhr. Die Husaren stehen von den
-Tischen auf.</p>
-
-<p>„Wiedersehn, Mutter!“ sagt der kleine Hiller &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">&ndash;&nbsp;160&nbsp;&ndash;</a></span> schnallt den Säbel um,
-setzt die hohe Mütze auf den Kopf, geht an Hipps Seite davon und läßt
-die Mutter unter den fremden Menschen im Hotel zurück.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Eid der Treue ist geleistet, nun gibt es kein Zurück mehr.
-Am nächsten Tag geht die Sache verteufelt stramm los! Es nützt
-kein Fackeln! Wer weiß, wie bald Deutschland auch seine jüngsten
-Kräfte braucht! Man hofft es nicht, und es ist auch kein Grund zum
-Schwarzsehen vorhanden. Aber der Feind ist mächtig; der Feind wird
-gepeitscht vom elenden Briten. Deutschland soll und muß vernichtet
-werden!</p>
-
-<p>Aber Deutschland läßt sich nicht vernichten! Deutschlands Jugend
-jubelt: ‚Noch sind wir da, sie sollen nur kommen!‘</p>
-
-<p>Die Begeisterung ist groß, ist riesengroß. Jeder von ihnen wird ein
-Held sein, wenn er dem Feind gegenübersteht!</p>
-
-<p>Aber Begeisterung ist etwas, was ewig von neuem geschürt werden will.
-Begeisterung muß immer neue Nahrung haben &mdash; genau wie ein Feuer im
-Kamin &mdash; sonst erlischt sie.</p>
-
-<p>Der Drill ist aber eintönig, und das ewige Putzen an Pferden,
-Sattel- und Zaumzeug und an den Uniformen erst recht! Wo soll da die
-Begeisterung herkommen?</p>
-
-<p>Und doch und doch und doch! Sie vergessen es nicht und dürfen es nicht
-vergessen, daß dieser Drill dem Dreinhauen vorangehen muß. Alles in der
-Welt will gelernt sein &mdash; auch das Dreinhauen, das so einfach scheint.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">&ndash;&nbsp;161&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Neben ‚Vize‘, der zwar sehr stramm, aber auch sehr gerecht ist, haben
-sie einen zweiten Wachtmeister bekommen, mit dem im Dienst nicht gut
-Kirschen essen ist.</p>
-
-<p>Er ist groß im Androhen von schweren Strafen, aber er ist auch groß im
-Verzeihen. Und wenn er guten Willen bemerkt, läßt er sich herab, seine
-Anerkennung nicht zu versagen; in der Kantine beim Glas Bier kommt es
-vor, daß er außerordentlich gemütlich wird; aber wenn sein Zorn gereizt
-wird, kann er rasend werden. Er hat die echtesten Kavalleriebeine
-und reitet tadellos; und da er sich rühmt, einen jeden, auch den
-störrischsten Gaul zu bemeistern, verlangt er dasselbe von seinen
-Schülern.</p>
-
-<p>Er ist entsetzt, daß sie in all der Zeit, die sie nun schon hier sind,
-noch so wenig gelernt haben. Ein paar unter ihnen kommen immer noch
-nicht glatt durch den Sprunggarten. Das ist ein starkes Stück, aber er
-wird ihnen beikommen!</p>
-
-<p>Er kann entsetzlich schreien; die Ohren sausen dem, in dessen Nähe er
-steht und der seine Ungnade erworben hat.</p>
-
-<p>Für den kleinen Hiller, dem man zum drittenmal ein neues Pferd gegeben
-hat, ist das, welches er jetzt erhalten, ein wenig zu hoch. Es ist
-verteufelt schwer, sich in den Sattel zu schwingen. Das Tier heißt
-wegen seines Benehmens ‚Verbrecher‘; es beißt und keilt aus. Hillers
-Schienbein hat eine starke Anschwellung, die von einem Tritt herrührt.
-Er hätte sich daraufhin krank melden können, haben ihm seine Kameraden
-gesagt. Aber er mag nicht ins Lazarett, denn er hat das sichere Gefühl,
-daß sich irgend etwas Großes in der Welt ereignen wird, wenn er nicht
-zugegen ist. Und wenn er sich ausdenkt, daß er eines schmerzenden
-Schienbeins wegen im Bett<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">&ndash;&nbsp;162&nbsp;&ndash;</a></span> liegt und die anderen vielleicht gerade dann
-ausrücken, vergehen die Schmerzen ganz von selbst. Er ist keine Memme
-und kann schon was ertragen.</p>
-
-<p>Der neue Wachtmeister braucht eine sehr erhebliche Zeit, bis er einen
-vom andern unterscheiden lernt. Er kennt niemand beim Namen und weiß
-nicht, wer Einjähriger und wer Dreijähriger ist.</p>
-
-<p>‚Vize‘ hatte darin ein viel feineres Unterscheidungsvermögen.</p>
-
-<p>Zu Hiller sagt er eines Tages: „Zeig’ mal her, du Aas, wie du deine
-Sporen sitzen hast!“ Und als es nichts zu tadeln gibt, fragt er: „Wie
-heißt du?“</p>
-
-<p>Hiller, ohne es zu wollen, reckt sich, und sein Gesicht nimmt einen
-hochmütigen Ausdruck an. Er nennt seinen Namen, und der Wachtmeister
-sagt: „Ach so, ’n feines Aas also! Aber hier bist du ein Rekrut wie
-alle anderen, merk’ dir das!“</p>
-
-<p>Hiller hat auf den Lippen, zu erwidern: „Sie irren, Herr Wachtmeister,
-ich bin Kriegsfreiwilliger!“ Aber er ist schon zu sehr Soldat &mdash; zu
-sehr ist ihm Gehorsam und Disziplin schon ins Blut übergegangen.</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Herr Wachtmeister!“ sagt er und läßt das ‚Aas‘ auf sich
-sitzen.</p>
-
-<p>Abends unterhält sich der Wachtmeister sehr freundschaftlich mit ihm
-und fragt ihn nach seinen näheren Verhältnissen aus. „So &mdash; der Vater
-ist schon lange tot! Hm &mdash; und er ist das einzige Kind! Schwer für die
-Mutter!“ Er wird gerührt und ist wirklich nett und herzlich zum kleinen
-Hiller.</p>
-
-<p>Der benutzt die gute Gelegenheit, ganz bescheiden zu erwähnen, daß sein
-neues Pferd, der ‚Verbrecher‘, zu<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">&ndash;&nbsp;163&nbsp;&ndash;</a></span> hoch für ihn sei und dazu gemein
-ausschlage; aber mit diesem Anliegen hat er kein Glück.</p>
-
-<p>Der Wachtmeister reißt den Mund weit auf und läßt gleich wieder die
-große Kluft, die den Vorgesetzten vom Untergebenen scheidet, entstehen.</p>
-
-<p>„Mensch, denkst du, daß du dir im Feld einen Gaul aussuchen kannst?
-Wenn dir da dein Tier unter dem Leib weggeschossen wird, glaubst du,
-daß da gleich ein Dutzend um dich herumwiehern, damit du dir das
-bequemste aussuchen kannst? Nee, gibt’s nicht, mein Junge. Und wenn
-ein Pferd so hoch ist wie ein Turm, raufkommen muß einer, der sich
-Kavallerist schimpft. Sollst mal sehen, was ich von jetzt an für ein
-Auge auf dich haben werde, und in spätestens einer Woche kommst du mit
-Eleganz auf dein Tier rauf, das schwöre ich dir!“</p>
-
-<p>Teufel, ja &mdash; da hatte Hiller sich was eingebrockt. Der Wachtmeister
-ließ ihn nicht mehr aus den Fingern. Fünfmal hintereinander: „Rauf aufs
-Pferd und wieder runter!“ Beim fünftenmal ging es gewöhnlich.</p>
-
-<p>„Draußen im Feld wirst du deinem Wachtmeister danken! Da wirst du
-dir vielleicht mal sagen: ‚Donnerwetter, der Kerl hat’s gut mit mir
-gemeint!‘ Denn das hat schon manchem im Feld das Leben gerettet, wenn
-er tadellos auf jeden Gaul hinaufkann. Das kannst du dir da drüben auch
-merken, du Sonntagsreiter du! Häng’ mal mit deinen zweihundert Pfund
-nicht wie ein Mehlsack auf dem armen Biest!“</p>
-
-<p>Hipp, an den die Worte gerichtet sind, sieht den Wachtmeister in der
-gewohnt-treuherzigen Art an.</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, ich wiege nur hundertvierzig Pfund!“
-wagte er zu sagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">&ndash;&nbsp;164&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Schnauze halten!“ schreit der Wachtmeister wütend. „Wenn ich sage, daß
-du zweihundert Pfund wiegst, dann wiegst du eben zweihundert Pfund. Im
-übrigen werde ich auch dich mal im Auge behalten, dann wird dir das
-Antwortgeben bald vergehen!“</p>
-
-<p>Hipp und Hiller werden, ohne daß ein besonderer Grund dazu vorliegt,
-von allen Kameraden und auch von dem Wachtmeister für etwas
-Zusammengehöriges angesehen. Sie haben weder im Äußeren noch in ihrem
-Wesen irgendwelche Ähnlichkeit, und auch ihre Leistungen sind sehr
-verschieden.</p>
-
-<p>Aber sie sitzen oft beieinander, und wenn Hipps Vater in die Garnison
-angereist kommt &mdash; und das tut er häufig &mdash; ladet er den jungen Hiller
-jedesmal mit ein.</p>
-
-<p>Weil die Umgebung sie zu Freunden gestempelt hat, sind sie’s auch in
-der Tat geworden. Hiller hat jetzt absolut keine Zeit zum Grübeln und
-zum Kritisieren, und da Hipp umgänglich und zutunlich ist, nimmt er
-ihn, wie er ist.</p>
-
-<p>Der neue Wachtmeister hat sich die beiden in der Tat zu besonderen
-Freunden auserkoren.</p>
-
-<p>Er brüllt sie im Dienst an und ist väterlich freundlich zu ihnen,
-wenn er sie in der Kantine trifft. Das muß man ihm lassen: er hat ein
-eigenes Talent, den Vorgesetzten mit dem Freund zu vereinen. Hat er
-Vorgesetzter zu sein, so ist er es ganz und gar; und kann er Freund
-sein, so weiß man nichts mehr vom Vorgesetzten in ihm.</p>
-
-<p>Sie haben ihn gern und fürchten ihn, und das ist das Idealste, was ein
-Wachtmeister von seinen Rekruten verlangen kann.</p>
-
-<p>Hiller hat sein Pferd, den ‚Verbrecher‘, allmählich<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">&ndash;&nbsp;165&nbsp;&ndash;</a></span> liebgewonnen. Er
-hat sich mit ihm quälen müssen und ist dann Herr über seine Tücken
-geworden; das freut ihn, und er klopft das Tier am Hals und gibt ihm
-Zucker.</p>
-
-<p>Aber nun, da er endlich zur Freundschaft mit ihm gelangt ist, muß das
-eintreffen, was er im Anfang so oft gewünscht hat. Der ‚Verbrecher‘
-läßt den Kopf hängen und frißt und sauft nicht. Hiller redet ihm gut
-zu, denn das Tier kennt seine Stimme, und in gesunden Tagen hat es den
-Kopf ihm zugewandt, sobald es seinen jungen Herrn kommen hörte.</p>
-
-<p>Jetzt bleibt es teilnahmslos, und Hipp sagt: „Sei froh, das Biest
-krepiert!“</p>
-
-<p>Hiller macht dem Wachtmeister Meldung über das Befinden des Tieres, und
-der sieht sich den Gaul von rechts und links an, tastet ihm die Glieder
-entlang und entdeckt eine Geschwulst. Er läßt ein paar Donnerwetter los
-und schickt Hiller zum Veterinär. Eine Stunde später steht der kleine
-Husar sehr bleich beim Arzt im Krankenstall und hält ein Bein des
-Pferdes hoch. Der Veterinär hat einen tiefen Schnitt in die Geschwulst
-gemacht und fährt mit Instrumenten in der wehen Stelle herum. Das
-Tier schreit und das Bein zuckt in Hillers Händen. Alles Blut ist ihm
-vom Gehirn zurückgewichen; kalte Schauer rieseln ihm über den Rücken,
-und die Hände, die das Bein halten, zittern. Er kämpft mit einer
-Ohnmacht und fühlt, wie ihn etwas zu Boden reißen will. Auch der Magen
-revoltiert, und der Arzt wirft einen prüfenden Blick auf ihn, fährt
-aber ruhig in seiner Beschäftigung fort.</p>
-
-<p>Das Tier stöhnt und wirft den Kopf von einer Seite auf die andere. Die
-nasse Schnauze streift Hillers<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">&ndash;&nbsp;166&nbsp;&ndash;</a></span> Wange, und ihm bricht der Schweiß aus.
-Die Kniee wanken unter ihm, und vor den Augen tanzen schwarze Punkte...</p>
-
-<p>Der Arzt räuspert sich: „Ich bitte, das Bein höher halten!“ Hiller
-möchte aufschreien. Der Arzt kommt ihm wie ein Schlächter vor. Das Tier
-ist halb wahnsinnig vor Schmerz, und er hält das Bein, ohne noch zu
-wissen, daß er es hält. Dabei sieht er nach dem Stallausgang. Wenn doch
-ein Mensch vorbeikäme, den er anrufen könnte. Aber niemand kommt.</p>
-
-<p>Nun fängt auch das Herz an zu klopfen; bis zum Hals hinauf hämmert es.
-Er fühlt, daß das Bein des Tieres ihm entgleiten will, und hat noch
-gerade das Bewußtsein, sich zu sagen, daß es schmachvoll für ihn sein
-wird, wenn er nicht standhält. Sein Wille arbeitet mit letzter Kraft.</p>
-
-<p>Draußen im Feld wird er Schlimmeres sehen müssen, sagt er sich.
-Und wenn er hier nicht standhält, wenn der Arzt vielleicht seinen
-Wachtmeistern erzählt: ‚Teufel, da habt ihr aber einen netten Helden
-als Freiwilligen! Der wird ja Deutschlands Jugend glorreich vertreten,
-wenn er hinauskommt!‘ Wenn dieser Mann mit der breiten Stirn und dem
-energischen Mund das von ihm erzählt, dann ist’s um ihn geschehen, dann
-läßt man ihn nie und nimmer hinaus. Er weiß nicht mehr, sind es Minuten
-oder sind es Stunden, die vergehen, während er hier steht und gegen
-seine Schwäche ankämpft. Aber der Arzt fängt nun leise an zu pfeifen
-bei seiner Arbeit, und das Tier wird ruhiger.</p>
-
-<p>„Sie können das Bein fallen lassen!“ hört Hiller sagen, und hart läßt
-er den Huf auf die Erde aufschlagen.</p>
-
-<p>„Holen Sie Wasser!“ Hiller kommt aus der dumpfen<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">&ndash;&nbsp;167&nbsp;&ndash;</a></span> Stalluft ins Freie,
-eilt an den Brunnen und kühlt sich das matte Gesicht. Der Körper ist
-noch schwach und zittrig, aber der Kopf kann schon wieder klar denken.
-Er hat standgehalten, und niemand wird etwas Kränkendes über ihn sagen
-können.</p>
-
-<p>Der Arzt spricht, während er sich die Hände wäscht, sehr freundlich mit
-ihm.</p>
-
-<p>„Freiwilliger, was? Das war ein gemeines Stück Arbeit an der armen
-Kreatur! Verloren ist sie doch, aber es ist genau wie beim Menschen:
-Man muß es bis zum letzten versuchen. Und wenn es wirklich zu heilen
-ist, so gibt es doch kein Kriegspferd mehr. Sie können sich gleich
-ein neues von Ihrem Wachtmeister verschreiben lassen. War ja auch
-eigentlich viel zu hoch für Sie, dieser Gaul! Wie sind Sie denn da
-überhaupt raufgekommen?“</p>
-
-<p>Hillers Augen strahlen den Arzt an.</p>
-
-<p>„Es ging ganz gut!“ sagt er nicht ohne Stolz, und der Arzt lacht.</p>
-
-<p>„Um so besser für Sie! Draußen wird es Ihnen zugute kommen, wenn Sie
-auf jeden Bock hinaufkönnen!“</p>
-
-<p>Zwei Tage später wird der ‚Verbrecher‘ erschossen und in einem Karren
-zum Abdecker gebracht. Hiller hat Mühe, seines Schmerzes Herr zu
-werden. Am Abend hat er Stallwache und sitzt auf der Futterkiste. Da
-kommen ihm fast die Tränen. Er hat jetzt ein Pferd, das besser zu ihm
-paßt: einen hübschen, schlanken Fuchs; aber er kann sich noch nicht
-darüber freuen. Mit der ganzen Leidensfähigkeit der Jugend durchlebt
-er immer wieder die qualvolle Stunde, die das arme Tier vergebens
-durchkosten mußte. Der Philosoph wird wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">&ndash;&nbsp;168&nbsp;&ndash;</a></span> in ihm geweckt. Er
-begreift nicht, warum Gott oder das Schicksal, oder auch nur die
-unsichtbare Macht, die über uns waltet, so viel unnötige Qualen in die
-Welt schickt. Und von der unnötigen Qual, die das Tier erdulden mußte,
-kommt er auf das Leid der Menschheit zurück &mdash; auf diesen entsetzlichen
-Krieg, der Millionen und Millionen in Elend und Trauer versetzt. Wer
-ist es, der alles das zuläßt? Geht all das wirklich von dem aus, der
-die Geschicke der Welten in seiner Hand halten solle, und der der
-Allgütige, der Allbarmherzige genannt wird?</p>
-
-<p>Zu Hillers Glück gesellt sich ein Kamerad zu ihm, bevor sein Geist sich
-ganz von den düsteren Grübeleien einfangen läßt.</p>
-
-<p>„Donnerwetter,“ sagt der und streichelt das neue Pferd. „Du bist ein
-Glückspilz. Du hast jetzt den besten Gaul vom ganzen Beritt. Sag’ mal,
-hast du vielleicht noch Moneten, dann könnten wir uns einen ‚alten
-Mann‘ zum Wachen kaufen und gehen in die Kantine.“ Ja, Hiller hat Geld,
-und der ‚alte Mann‘ ist schnell zur Stelle; aus dem dunstig-warmen,
-trübselig erleuchteten Stall kommen sie in den lustigen Kantinenraum.
-In der Kantine vergißt man das Denken und Grübeln ganz von selbst. Hier
-duftet’s nach kräftigem Essen, Zigarren und Alkohol; hier wird gelacht
-und gesungen und politisiert.</p>
-
-<p>Hiller ißt und trinkt mit den anderen. Das Schicksal des armen
-‚Verbrechers‘ ist vergessen, und da man ihm von allen Seiten zu seinem
-Fuchs gratuliert, fängt er an, sich über das feine, schnittige Tier zu
-<span class="nowrap">freuen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Am nächsten Tag soll das erste Nachtgefecht stattfinden. Am Tag haben
-sie schon ein paarmal diese kriegerischen Übungen gemacht, und es war
-schön und<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">&ndash;&nbsp;169&nbsp;&ndash;</a></span> interessant, weil man dabei eine blasse Vorahnung vom Krieg
-bekam. Nun sollte es zum erstenmal in der Dunkelheit geprobt werden.</p>
-
-<p>‚Vize‘ liest am Morgen die allgemeine Kriegslage vor: Zwei Parteien
-werden gebildet, wovon die eine den Freund, die andere den Feind
-darstellt. Der Feind trägt die hohe Pelzmütze, der Freund die kleine
-Dienstmütze.</p>
-
-<p>Es gilt die Bahn zwischen der altmärkischen Garnison, in der sie sich
-befinden, und der Nachbarstation gegen feindliche Angriffe zu schützen.
-Mehrere kleine Posten werden in Abständen von je hundert Metern
-aufgestellt, und Patrouillen sollen ausgeschickt werden, um Fühlung mit
-dem Feind zu halten.</p>
-
-<p>Der Feind hat die Aufgabe, die Bahn zu zerstören; das soll durch einen
-Schuß, der direkt vor dem in der Nacht durchfahrenden <span class="antiqua">D</span>-Zug
-abzugeben ist, markiert werden. Diejenige der beiden Parteien, die
-zuerst zur Bahn gelangt und den Schuß abfeuert, geht als Sieger hervor.</p>
-
-<p>Die Husaren werden verteilt, und jeder bekommt seinen Auftrag. Der
-Wachtmeister sucht sich natürlich wieder Hipp und Hiller aus und dazu
-einen ‚alten Mann‘, der ihm beim Rekognoszieren helfen soll. Die beiden
-Freiwilligen haben nichts weiter zu tun, als sich seinen Anordnungen zu
-fügen und sich gut zu Pferde zu halten.</p>
-
-<p>Um sieben Uhr, als gerade die Dämmerung anfängt, in Dunkelheit
-überzugehen, reiten sie zu den Kasernentoren heraus: Karabiner über der
-Schulter &mdash; die Lanzen im Arm. Der Feind reitet nach rechts &mdash; die mit
-den Dienstmützen nach links.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">&ndash;&nbsp;170&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Der zweite Wachtmeister macht ein ernstes, würdiges Gesicht und läßt
-einen flotten Trab annehmen. Über den großen Exerzierplatz hinweg
-geht’s durch einen dunklen Wald. Hiller ist zwar mit Leichtigkeit
-auf seinen neuen Gaul, den Fuchs, hinaufgekommen. Aber nun er oben
-ist, büßt er sehr schnell sein Behagen ein, denn das Tier ist sehr
-temperamentvoll und nervös; bei jedem unbekannten Geräusch zuckt es
-zusammen und scheut.</p>
-
-<p>Im Wald müssen sie über unzählige Hindernisse, und der Wachtmeister
-mit dem ‚alten Mann‘ fliegen dahin, als ritten sie über glatten Boden.
-Hipp rutscht zweimal von seinem Gaul herab und schimpft und flucht,
-und Hiller bearbeitet seinen Fuchs mit Schenkeln und Sporen. Nur mit
-größter Not halten sie sich in Sehweite des Wachtmeisters. „Voran!“
-brüllt er ihnen zu, und der ‚alte Mann‘ muß zu ihnen zurückreiten, um
-ihren Tieren das nötige Tempo beizubringen. Hipp schreit ein paarmal
-laut auf und weiß selbst nicht, wie es ihm gelingt, sich oben zu
-halten. Aus dem Wald heraus fliegen sie über eine lange Chaussee hin.
-Irgendwo in der Nähe ist Pferdegetrappel zu hören, das müssen die
-feindlichen Patrouillen sein. In zehn Minuten kommt der Zug, auf den
-sie schießen sollen, vorbei.</p>
-
-<p>An einer gedeckten Stelle, ganz nahe der Bahn, läßt der Wachtmeister
-halten und lauscht. Das Pferdegetrappel ist ganz nahe, man kann nur
-nicht unterscheiden, ob es unmittelbar an der Bahn oder mehr nach dem
-Wald zu ist.</p>
-
-<p>Flüsternd befiehlt der Wachtmeister: „Absteigen!“</p>
-
-<p>Hipp und Hiller bekommen außer den eigenen Tieren und Lanzen noch die
-des Wachtmeisters und des ‚alten Mannes‘ zu halten. Der Wachtmeister,
-vom ‚alten<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">&ndash;&nbsp;171&nbsp;&ndash;</a></span> Mann‘ gefolgt, schleicht in gebückter Stellung dem Bahndamm
-zu. Schweigend stehen Hipp und Hiller einander gegenüber. Stockdunkel
-ist es um sie her, und der eine kann das Gesicht des andern nicht
-erkennen. Gegen den ausdrücklichen Befehl holt Hipp eine kleine
-Stallaterne aus der Tasche, hängt sie in die Schnüre seiner Attila ein
-und läßt das Licht aufflammen.</p>
-
-<p>Der Fuchs ist unruhig und zwingt Hiller, sich rund im Kreis mit ihm zu
-bewegen. Hipp muß die drei anderen Gäule am Zügel halten. Vom Wald her
-reiten jetzt ganze Kolonnen nach dem Bahndamm zu; von ferne hört man
-das Schnauben und Rasseln des heraneilenden Zuges, ein Schuß ertönt und
-noch einer, und Hiller schreit laut auf.</p>
-
-<p>Der Fuchs ist hoch in die Höhe gestiegen und hat sich mit mächtigem
-Ruck losgerissen. Nun fliegt er in rasender Schnelligkeit dahin.</p>
-
-<p>„Hipp, hilf!“ schreit Hiller und rennt hinter dem Fuchs her, und Hipp,
-selbst auf das äußerste erschreckt, vergißt seine drei Pferde und rast
-hinter Hiller her, an ihnen vorbei die freigelassenen Gäule.</p>
-
-<p>„Mensch, sei kein Döskopf!“ Hipp kann kaum mehr Luft bekommen, ist
-über einen Baumstamm gefallen und flucht und schimpft. „Laß doch die
-verteufelten Biester laufen, wohin sie wollen; oder glaubst du, du
-holst deinen Fuchs noch ein?“ Und Hiller bleibt mit hochklopfendem
-Herzen stehen. Hipp hat recht; es ist natürlich ein Blödsinn, den
-Gäulen nachzulaufen.</p>
-
-<p>Aber was nun? Schweigend gehen sie zu den Lanzen, die sie im Boden
-aufgespießt haben, zurück. Hiller hat das Gefühl, ein Verbrechen
-begangen zu haben, und auch Hipp ist verlegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">&ndash;&nbsp;172&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Die Schuld hast du,“ sagt er zu Hiller. „Du hast den Fuchs nicht
-gehalten! Na, aber laß gut sein, ich petze nicht. Schön werden die
-nächsten Viertelstunden ja nicht werden, aber den Kopf kann er uns auch
-nicht abreißen. Pst! Da kommt er schon!“</p>
-
-<p>Der Wachtmeister sieht die zwei mit den neben ihnen aufgespießten
-Lanzen stehen und ahnt sogleich, was sich ereignet hat. Im Grunde ist
-er guter Laune gewesen, weil er den Sieg errungen hat; aber die beiden
-armen Sünder, die hier vor ihm stehen, lassen die gemütliche Stimmung
-schnell verfliegen.</p>
-
-<p>„Wo habt ihr die Pferde?“ brüllt er sie an.</p>
-
-<p>Hiller will eine Erklärung abgeben, aber Hipp schreit in seiner Angst
-in die Dunkelheit hinein: „Durchgegangen, Herr Wachtmeister! Und da
-kann kein Mensch was für bei dieser Schießerei! Ich habe sie mächtig
-festgehalten, aber so viel Kraft hat kein Mensch, daß er gegen vier
-wildgewordene Gäule ankommt!“</p>
-
-<p>„Schnauze halten, ihr Himmelshunde! &mdash; Schlappe Kanaillen! Was denkt
-ihr euch nun, was nun werden soll, wie ich nach Hause kommen soll?
-Meint ihr, ich hucke die Lanze auf, ich laufe zu Fuß durch den Wald?“</p>
-
-<p>Hipp und Hiller nehmen je zwei Lanzen auf den Arm, und unter
-fortwährendem Schimpfen und Fluchen des Wachtmeisters geht es ein Stück
-Weg entlang.</p>
-
-<p>Mit so lieblichen Namen wie in dieser Nacht haben die beiden Berliner
-Bürschchen sich noch nicht nennen hören. Sie lassen den Wald links
-liegen und gehen auf großem Umweg durch ein Dorf. Der Wachtmeister hält
-plötzlich in seinem Fluchen inne; von einem Seitenweg kommt jemand auf
-sie zugeritten. Ein Unteroffizier, mit zwei Pferden. Es ist Hillers
-Fuchs und das Pferd<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">&ndash;&nbsp;173&nbsp;&ndash;</a></span> des ‚alten Mannes‘. Die sind unterwegs von der
-feindlichen Partei aufgefangen worden.</p>
-
-<p>Donner, ja! Jetzt ist der Wachtmeister auf einmal rosigster Laune
-&mdash; steigt auf &mdash; heißt auch den ‚alten Mann‘ aufsitzen und heidi &mdash;
-fort. Hipp und Hiller mit ihren vier Lanzen sehen sich erst eine Weile
-ungläubig an. Hiller zieht eine Generalstabskarte heraus und studiert,
-wie lange sie zu laufen haben. Durch den Wald können sie nicht gehen,
-also immer rund herum um den Wald &mdash; das bedeutet statt einer und einer
-halben Stunde drei Stunden Weges.</p>
-
-<p>Es ist halb elf Uhr, und da sie keine Zeit hatten, vor dem Ausrücken
-etwas zu essen, sind sie hungrig. Im Dorf, durch das sie kommen, sehen
-sie ein erleuchtetes Wirtshaus. Hiller will erst nichts davon wissen;
-sein Gewissen quält ihn, er will auf schnellstem Wege dahin, wo er
-hingehört.</p>
-
-<p>Aber Hipp wird böse: „Mensch, sei doch kein Frosch! Wer kann uns
-beweisen, daß wir uns nicht verirrt haben? Immer rin! Wenn man im Feld
-Hunger leiden muß, dann geschieht das fürs Vaterland und man ist ein
-Held; wenn man aber Hunger hat und kommt an einem Wirtshaus vorbei und
-geht nicht rein, dann ist man ein Esel!“</p>
-
-<p>Hipp hat etwas Fortreißendes, wenn er mit seiner Philosophie
-hervorrückt. Hillers Bedenken fallen demgegenüber immer wie ein
-Kartenhaus zusammen. Sie gehen durch einen kleinen, engen Flur ins
-Gastzimmer, in dem noch ein paar Bauern beim Kartenspiel sitzen. Ein
-gutmütig aussehendes Weib kommt ihnen entgegen und läßt sich ihre
-Geschichte erzählen. Sie ist sehr freundlich zu den Freiwilligen; hat
-sie doch auch einen Sohn in der Husarenkaserne.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">&ndash;&nbsp;174&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„I wo, das kann Ihnen keiner übel nehmen, wenn Sie nicht in der
-Stockdunkelheit den Weg machen. Man wird doch jetzt noch nicht seine
-Gesundheit aufs Spiel setzen, da man sie doch später im Felde so
-notwendig hat.“ Die Bauern drehen sich nach den Husaren um und fragen
-sie aus. Es sind zwei liederliche Kerle, die hier mit schmutzigen
-Karten um Geld spielen.</p>
-
-<p>Schlechte Zeiten! Man muß sich zerstreuen! Sie laden die beiden jungen
-Menschen ein, an ihren Tisch zu kommen, und Hipp steuert sogleich
-hinüber. Die Wirtin ist in der Küche verschwunden und kommt nach einer
-guten Viertelstunde mit gebackenen Eiern, Schinken, Wurst, Brot und
-Butter wieder. Hipp und Hiller essen mit freudigem Appetit und trinken
-ein paar Flaschen Bier. Die Bauern haben Steinhäger vor sich stehen,
-und Hipp läßt eine Runde für sie alle auffahren. Aus einer Ecke heraus
-fängt ein Grammophon mit rasselndem Ton und krähendem Beiklang an
-zu tönen. Irgendeine leichte Walzermelodie &mdash; schrecklich für das
-musikalisch gebildete Ohr Hillers, aber höchst anregend für alle
-anderen. Hipp kennt ein feines Kartenspiel zu Vieren, höchst einfach;
-das lernen selbst die Bauern im Handumdrehen. Aus dem Brustbeutel holen
-sie, was sie an Nickel bei sich haben. Die Augen der Bauern beginnen
-zu glänzen. Hipp sieht genau aus wie sein reicher Vater, wenn er eine
-Pulle Sekt spendiert, und Hiller ist in seinem Bann. Er tut mechanisch
-mit, was die anderen tun. Ganz dumpf empfindet er dabei ein Unbehagen.
-Mitternacht geht vorüber. Irgendwo hat eine Uhr klirrend geschlagen.
-Hiller will gehen, aber Hipp lacht ihn aus: „Mensch, sei kein Frosch!“
-Sie sitzen bis ein Uhr und sitzen bis zwei Uhr! Die Brustbeutel werden
-leerer. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">&ndash;&nbsp;175&nbsp;&ndash;</a></span> Bauern lassen sich von den zwei jungen, reichen Herren
-traktieren. Die Köpfe sind rot &mdash; Witze werden erzählt; die Luft in der
-kleinen Stube ist zum Ersticken, und die Petroleumlampe will plötzlich
-erlöschen.</p>
-
-<p>Über Hiller kommt es plötzlich wie eine Krankheit; er fühlt sich
-namenlos unglücklich. Sein Kopf ist nicht mehr ganz frei, aber so viel
-begreift er doch noch, daß er sich in einer scheußlichen Umgebung
-befindet. Die Bauern haben kleine, ekelhaft verschwommene Augen
-bekommen; ihre rohen Gesichter glänzen wie Speck. Sie erzählen gemeine
-Witze. Hipp lacht und spielt sich als großen Herrn auf.</p>
-
-<p>Plötzlich springt Hiller in die Höhe. „Ich gehe!“ sagt er mit einer
-Bestimmtheit, gegen die Hipp sich nicht mehr aufzulehnen vermag. Die
-Bauern bieten gegen entsprechende Vergütung ihre Begleitung an, und man
-muß sie annehmen, weil man sich allein doch nicht zurechtfinden würde.
-Jeder nimmt eine fahnengeschmückte Lanze in den Arm, und schwankend
-treten sie in die Nachtluft hinaus.</p>
-
-<p>Hiller trottet ein paar Schritte hinter den anderen her. Er ist in
-einem scheußlichen Zustand. Es ist ihm nicht ganz klar vor Augen, und
-doch ist eine Stimme in ihm wach, die immer dasselbe sagt: ‚Pfui Teufel
-&mdash; pfui Teufel!‘ Sein Blut lehnt sich auf gegen die Gemeinschaft mit
-solchen Menschen. Die schmutzigen Witze, über die Hipp gelacht hat,
-haben ihn aufs tiefste verletzt. ‚Pfui Teufel &mdash; pfui Teufel!‘ Hier
-in der Wirtsstube haben sie gesessen und um Geld gespielt, und haben
-sich von gemeinen Bauernschädeln auf gemeine Weise unterhalten lassen,
-und draußen in der Welt fließen Ströme von Blut; draußen in der Welt
-spielt sich die größte Tragödie, die je in einer Zeit gewesen ist, ab.
-„Katzen<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">&ndash;&nbsp;176&nbsp;&ndash;</a></span>jammer!“ sagt Hipp und lacht. „Mensch, du bist der unheilbarste
-Esel, den ich je gesehen habe!“</p>
-
-<p>Sie gehen drei volle Stunden; ganz leise wird die Dunkelheit zur
-Dämmerung, als sie die kleine Stadt erreichen. Die Bauern lassen sich
-ablohnen und überreichen die Lanzen.</p>
-
-<p>Die Kasernentore standen schon offen, als Hipp und Hiller antreten.
-Sie eilen zum Stall und finden die ausgerückten Pferde auf ihrem
-Platz stehen. Hipp haut dem seinen einen tüchtigen Riemenschlag übers
-Hinterteil. „Kanaille!“ Dann laufen sie in den Waschsaal, kühlen sich
-die erhitzten Gesichter und sind pünktlich mit allen anderen zum
-Stalldienst zur Stelle.</p>
-
-<p>Der Wachtmeister würdigt sie keines Wortes, behandelt sie aber während
-des ganzen, langen Reitunterrichtes nicht gerade besonders sanft.</p>
-
-<p>Hillers Kopf bleibt benommen; erst am Abend wird ihm wohler. Hipp steht
-im Stall neben ihm und erzählt Geschichten von kleinen Mädchen. Hiller
-tut teilnahmslos, und Hipp nennt ihn wieder: „Esel!“</p>
-
-<p>Am späteren Abend in der Kantine erst findet er seinen Frohsinn wieder.
-Der Wachtmeister hat ihn angeredet und ist weich geworden. „Nimm dir
-das nicht zu Herzen!“ sagt er väterlich. „Jedem kann natürlich mal sein
-Gaul durchgehen. Im übrigen macht sich die Sache mit dir!“ Da wird er
-ganz froh, fast ausgelassen und läßt trotz der Ebbe in seiner Börse
-eine Runde auffahren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">&ndash;&nbsp;177&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Wochen vergehen; der Oktober ist gekommen. Die Zeit der wilden
-Stürme ist da. Sie brausen übers märkische Land; sie heulen und klagen
-über die weiten Ebenen dahin. Eine wilde, schwere Nacht hat in der
-altmärkischen Stadt furchtbare Verwüstungen angerichtet. Am Flußweg
-sind zwei große Pappeln ums Leben gebracht. Wie Tote liegen sie lang
-über den Weg ausgestreckt. Ein Baugerüst ist umgefallen und hat einen
-unter sich begraben, und in jeder Promenade liegen ein paar gefällte
-Bäume und ausgerissene Sträucher. Noch ein paar andere Menschen sind
-zu Schaden gekommen. Einer Frau ist die Schulter gequetscht worden,
-und die ganze Stadt ist voll von dem Unglück dieser einzelnen. Ein
-Trunkener, der unter einem Baum gelagert hat, hat ein Auge eingebüßt.
-Auch sein Schicksal erregt Mitleid. Ein Landstürmer sagt wütend:
-„Wenn unsereins draußen zu Haufen niedergeschossen wird, dann ist das
-nichts Besonderes. Aber hier flennt man um ein altes Weib und einen
-Trunkenbold!“</p>
-
-<p>Da der Oktober so schwer und wild einsetzt, prophezeien die Leute
-einen furchtbaren Winter. Die Leute müssen was zu schwatzen haben; sie
-müssen sich vor etwas gruseln machen. Die Ereignisse schreiten jetzt
-langsamer voran. Nach dem raschen Siegeszug durchs belgische Land ist
-ein Stillstand eingetreten. Großes soll sich vorbereiten! flüstert man.
-Eine Schlacht, wie sie die Weltgeschichte noch nicht gesehen, soll
-geschlagen werden in nächster, allernächster Zeit.</p>
-
-<p>Die jungen Freiwilligen in der Kaserne werden von Ungeduld verzehrt.
-Warum hält man sie noch? Die Infanterie ist schon in Scharen
-hinausgezogen; sie aber hält man fest und drillt und drillt. Sie kennen
-doch nun<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">&ndash;&nbsp;178&nbsp;&ndash;</a></span> wirklich alles, was sie zu kennen brauchen. Auf ihren Pferden
-sitzen sie so sicher wie auf einem Stuhl; das Lanzenbohren, das sie an
-Strohpuppen gelernt haben, ist ein Kinderspiel. Nun fiebern sie, an den
-Feind zu kommen.</p>
-
-<p>Aber es ist noch gar und gar keine Aussicht fürs baldige Ausrücken da.
-Nicht mal die feldgraue Uniform haben sie erhalten.</p>
-
-<p>Einer von den alten Leuten, der hier Garnisondienst tut, hat gesagt:
-„Paßt mal auf, Weihnachten sitzt ihr auch noch hier! In diesem Krieg
-braucht man die Kavallerie kaum noch. Was früher der Kavallerist
-erkunden mußte, tut heute der Flieger, und außerdem hat man Autos und
-Räder!“</p>
-
-<p>Das klingt so begreiflich; das ist ihnen in die Knochen gefahren!
-Herrgott, wenn man sie nun überhaupt nicht brauchte. Wenn man sie eines
-Tages nach Hause schickte: ‚Deutschland hat genug Kämpfer! Es bedarf
-eurer nicht!‘</p>
-
-<p>Es ist eine Flauheit in die Stimmung gekommen. Man wartet allenthalben
-auf etwas Großes, etwas Unerhörtes. Die Pfarrer predigen von der Kanzel
-herab: Geduld &mdash; Geduld und wieder <span class="nowrap">Geduld. &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Ach, man merkt erst jetzt so recht den Krieg. Damals, vor zweieinhalb
-Monaten, als er begann &mdash; mitten im Sommer, damals, als es so toll und
-rasend schnell ging &mdash;, da war der Krieg ein einziger Jubel &mdash; ein
-einziger Triumph! Nun aber, da die Blätter fallen, da die Nächte kalt
-und rauh werden &mdash; nun, da die Natur ihre Schönheit abwirft, und der
-Winter wie ein böser, dunkler Geist vor der Tür steht, nun lassen die
-Schwachen, die Armseligen ihre Köpfe hängen und beginnen zu klagen und
-zu jammern: Warum machen sie nicht vorwärts? Warum<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">&ndash;&nbsp;179&nbsp;&ndash;</a></span> schlägt man sich
-nicht? Wozu das Herumliegen in den Schützengräben?</p>
-
-<p>In der altmärkischen Garnison werden draußen im freien Feld, dicht an
-den Exerzierplätzen, Stacheldrähte gezogen. Kolossale Flächen werden
-eingefaßt. Die Leute fragen und erkunden: Warum? Wozu? Erst ist es ein
-Geheimnis &mdash; aber dann geht’s von Mund zu Mund: Russen kommen hierher;
-Tausende von gefangenen Russen und Kosaken sollen hierhergebracht
-werden. Die Leute erschrecken: Herrgott, Tausende von Russen so nahe
-bei der Stadt! Die Frauen, deren Männer und Söhne ausgezogen sind,
-erzittern.</p>
-
-<p>Wenn die nun in der Nacht ausbrechen und über die wehrlosen Leute in
-der Stadt herfallen? Gott, o Gott, was man nicht alles erleben muß!
-Es vergeht eine Woche und noch eine. Die Stachelverhaue sind längst
-fertig, noch nicht ein einziger Russe wohnt darin. Dann war es wohl
-doch nur ein Märchen &mdash; und die Herzen beruhigen sich wieder.</p>
-
-<p>Frau Hiller wohnt noch immer im kleinen Städtchen; sie ist wie
-festgebannt hier. Sie will nicht schwach werden und ist es doch. Sie
-fürchtet sich so namenlos vor der Einsamkeit in ihrer kleinen Wohnung
-in Berlin. Hier, in den zwei Zimmern bei der Wachtmeisterswitwe, ist
-ihr Herz ruhiger; von hier aus sieht sie das Leben ihres Jungen sich
-abspielen. Sie will ihn nicht stören und in nichts beschränken, das
-hat sie ihm versprochen. Er soll gar nicht denken, daß sie hier ist.
-Nur wenn ihn die Sehnsucht einmal treibt, soll er zu ihr kommen. Der
-kleine Husar ist erstaunt, er begreift gar nicht, warum seine Mutter
-sich hier wohlfühlt, da sie es in Berlin doch so viel eleganter und
-abwechslungsreicher hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">&ndash;&nbsp;180&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Er selbst kann ihr ja wirklich nichts sein. Der Dienst ist stramm, und
-man sieht es nicht gern, wenn sie viel außerhalb der Kaserne sind. Aber
-wenn sie es absolut will, so ist es ihm natürlich recht &mdash; sogar sehr
-recht, denn oft freut er sich auf eine Stunde des Alleinseins mit ihr.
-Sie darf dann nur nicht traurig aussehen, das verträgt er nicht.</p>
-
-<p>In Berlin sind die Frauen rastlos tätig in der Pflege und in unzähligen
-Vereinen für Wohltätigkeit. Ein jeder will sein Scherflein beitragen.
-Der Andrang ist so groß, daß gehemmt werden muß. In den Zeitungen wird
-gemahnt, der große Eifer solle eingedämmt werden. Auch Frau Hiller
-sehnt sich nach einer Arbeit, die sie ausfüllt, die ihre Gedanken
-ablenkt vom eigenen Schmerz. Kein Mensch in der Welt hat in dieser Zeit
-das Recht, an den eigenen Kummer zu denken. Alles, was im gewöhnlichen
-Leben selbstverständlich und gut und berechtigt ist, wird klein und
-zwecklos und unbedeutend durch den Krieg. Jeder Schmerz, der im Herzen
-des einen wohnt, lebt im Herzen von Tausenden und aber Tausenden.
-Wenn jeder ihm nachgeben wollte, so wäre es drin in der Heimat, für
-die gekämpft wird, schlimmer und trostloser als draußen auf dem
-Schlachtfelde. Aber der Schmerz ist wie ein Pilz; jede Nacht wuchert er
-von neuem in die Höhe; jeden Morgen muß er von neuem ausgerissen werden
-aus dem armen, bangen Herzen.</p>
-
-<p>Hier, in der kleinen Altmärker Garnison, kann sie sich am allgemeinen
-Wohltätigkeitswerk nicht beteiligen. Verwundete sind noch nicht da,
-und wenn sie eines Tages eintreffen, werden mehr Hände da sein, als
-gebraucht werden können.</p>
-
-<p>Das einzige, was sie hier tun kann, ist das, was<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">&ndash;&nbsp;181&nbsp;&ndash;</a></span> jetzt alle Welt
-tut. Sie strickt für die, die draußen im Felde sind, und für die,
-die erst hinausziehen. Die Wachtmeistersfrau hat es ihr wieder
-beibringen müssen, wie ein Strumpf gestrickt wird. Sie hat dabei an die
-Kinderjahre denken müssen &mdash; an die tote Mutter und das ganze, längst
-versunkene Jugendland.</p>
-
-<p>So ein Zurückschauen ist schön und traurig zugleich. Welche Fülle von
-Leid ohne eigentliche Ursache! Und so wie ein Schmerz überwunden ist,
-begreift man nicht mehr, daß man so namenlos darunter leiden konnte.
-Jedes überwundene Leid hat seinen Glorienschein; man möchte es nicht
-missen. Aber jedes neue erscheint unerträglich &mdash; unfaßbar! Das Kreuz,
-das man zu tragen hat, wird schwerer, je weiter der Weg geht.</p>
-
-<p>Man sagt: Die Jugend hat die größte Leidensfähigkeit. Aber dafür hat
-die Jugend auch die größte Elastizität. Und überhaupt: Wo hört die
-Jugend auf, und wo fängt das Alter an? Gibt es eine Regel dafür? Der
-eine fühlt sich mit dreißig alt, der andere ist mit fünfzig jung.
-Die Großmutter ist zweiundsiebzig Jahre alt und hat noch das junge,
-lebendige Herz! Aber nie hat Frau Hiller so sehr gewünscht, sich alt
-und ruhig zu fühlen, als jetzt in dieser großen Zeit, in der die Jugend
-vor dem Alter zu Grabe getragen wird.</p>
-
-<p>In den vergangenen Wochen, als die Luft noch mild war, als der Regen
-noch nicht so unablässig fiel und alle Wege grundlos machte, ist sie
-oft stundenlang durch die angrenzenden Dörfer und Felder gewandert. Das
-ist jetzt nicht mehr möglich. Man kann es kaum wagen, durch eine der
-Promenaden in die Stadt zu gehen, und ist dann froh, wenn man wieder
-im Warmen sitzt. Kein Mensch ahnt wie lang die Tage sich dehnen; kein
-Mensch ahnt,<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">&ndash;&nbsp;182&nbsp;&ndash;</a></span> was für Leidenswege ein armes Herz an solch langen Tagen
-zurücklegt.</p>
-
-<p>Oft flieht sie zu den Wachtmeistersleuten in die Küche. Da ist es immer
-traulich, da hört man immer etwas Neues. Die alte Frau sitzt an der
-Maschine und näht bunte Hemden fürs Rote Kreuz. Das ist Heimarbeit
-und wird schlecht bezahlt. Aber man tut es gern. Fräulein Else näht
-Knopflöcher, oder sie steht am Plättbrett und plättet. Dabei singt sie.
-Sie hat eine hübsche, sympathische Stimme und, was die Hauptsache ist,
-sie hat echtes Gefühl.</p>
-
-<p>Wenn sie singt, wird man von einer guten, wohltuenden Traulichkeit
-ergriffen, denn sie singt natürlich mit Vorliebe wehmütige Lieder vom
-Scheiden und Sterben und Verlassensein.</p>
-
-<p>Wäre sie eine Tochter aus vermögendem Hause, so wäre wahrscheinlich
-an diese warme, angenehme Stimme etwas gewandt worden, und sie würde
-kunstvoll singen. So aber ist sie wie der Vogel im Wald, der sein Lied
-singt, wie es ihm gegeben ist. Und das ist das Wohltuende an ihrem
-Gesang.</p>
-
-<p>Daß diese Menschen, die alte Frau sowohl wie die Tochter, keine Damen
-sind, daß sie ganz wundervoll einfach sind, das zieht Frau Hiller so
-mächtig zu ihnen hin. Die beiden Frauen bringen es fertig, sie für
-Stunden ganz gesund, ganz froh zu machen.</p>
-
-<p>Im Anfang hat sie nur gewagt, hin und wieder eine halbe Stunde auf
-dem großen, rotbraunen Sofa in der Küche zu sitzen. Sie wollte nicht
-stören; sie glaubte, man lege sich ihretwegen irgendeinen Zwang auf.
-Und sie hat wohl auch das törichte Gefühl gehabt, sich herab<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">&ndash;&nbsp;183&nbsp;&ndash;</a></span>zulassen,
-wenn sie bei den Leuten in der Küche säße. Genau wie ihr Junge mag sie
-gefühlt haben, der es im Anfang nicht begreifen konnte, daß er sich
-hier mit den Jungen aus dem Volk, mit den Bauernsöhnen und Handwerkern
-eins fühlen sollte. Wie schnell hat er seine Vorurteile über Bord
-geworfen, wie schnell ist ihm alles klein und lächerlich erschienen,
-was ihm angeboren, anerzogen war. Heute sind alle Menschen einander
-gleich, ein jeder von den wehrfähigen Männern hat denselben Wert fürs
-Vaterland &mdash; ein jeder von ihnen will sein Blut geben, und eine jede
-Frau, ob aus hohem Stand oder aus einfachem, zittert und leidet um
-dasselbe.</p>
-
-<p>Um fünf Uhr, zur Kaffeezeit, liegt das altmärkische ‚Intelligenz- und
-Leseblatt‘ in der gemütlichen Küche der Wachtmeisterswitwe, und um fünf
-Uhr steht auch die große Kaffeekanne auf dem geblümten Tischtuch, und
-Frau Hiller sitzt auf dem Sofa, neben ihr die alte Frau, und auf dem
-Stuhl ihr gegenüber Fräulein Else. Das altmärkische ‚Intelligenzblatt‘
-bringt gewöhnlich dasselbe, was schon am Morgen in einer Berliner
-Zeitung gestanden hat. Die offiziellen Nachrichten sind genau die
-gleichen. Aber das, was so ein Provinzblatt sonst noch bringt, ist ihr
-neu und scheint ihr eigentümlich. Sie liest den beiden Frauen vor, die,
-bis die Dunkelheit völlig einbricht, ihre Arbeit wieder aufnehmen. Die
-Herdtür steht offen, die Kohlen glühen und werfen den roten Schein
-auf den Boden. Wenn die Wachtmeistersfrau zum Nähen nicht mehr genug
-sehen kann, strickt sie im Dunkeln an einem Strumpf, und Fräulein
-Else plättet, ohne das, was sie plättet, noch erkennen zu können. Das
-Petroleum ist knapp geworden; man darf die Lampen erst anzünden, wenn
-man die Hand vor den Augen nicht mehr sehen kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">&ndash;&nbsp;184&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Der Mangel an Petroleum ist unangenehm, aber er ist doch nichts
-eigentlich Schlimmes, worunter man wirklich leidet. Doch genügt diese
-erste Einschränkung, die dem Land auferlegt wird, um den Krieg auch
-denen, die noch in Sicherheit, ohne jegliche Entbehrung dahinleben, ein
-wenig näherzurücken.</p>
-
-<p>Im Nachbarhaus haben sie davon gesprochen, das Mehl könne ausgehen;
-wenn der Krieg bis Weihnachten nicht zu Ende sei, habe man kein Brot
-mehr. Im Nachbarhaus wohnen Schwarzseher, das ist bekannt. Aber
-dennoch! Fast jeder Krieg führt Hunger und Krankheit im Gefolge. Wer
-weiß, was noch kommen wird! Wer weiß, wie der einzelne dastehen wird,
-wenn dieses furchtbare Ringen zwischen den Völkern einmal vorüber ist!</p>
-
-<p>Die drei Frauen in der warmen, dunklen Küche haben oft das
-niederdrückende Gefühl, daß sie sich das Leben zu leicht und bequem
-machen. Man heizt die Öfen und ißt sich satt &mdash; genau wie in
-Friedenszeiten. Man singt und erzählt sich Geschichten, und draußen
-frieren und hungern und bluten sie. Gewiß, man näht, man strickt; aber
-man möchte mehr tun!</p>
-
-<p>Man möchte, möchte! Aber wo soll man angreifen?</p>
-
-<p>Einmal kommt ein junger Arzt zur Wachtmeisterswitwe in die Küche
-und trinkt den Kaffee mit den drei Frauen. Er erzählt von einem
-Verwundetentransport, der in den nächsten Tagen eintreffen soll. Die
-Lazarette stehen zum Empfang bereit; hilfreiche Hände sind zwanzigfach
-mehr, als Bedarf ist, zur Stelle. Das ist entmutigend. Frau Hiller hat
-früher den Samariterkurs durchgemacht. O, wenn sie helfen könnte! Nicht
-im großen Berlin, wo so unzählige auf ihre Berufung<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">&ndash;&nbsp;185&nbsp;&ndash;</a></span> warten! Aber hier,
-im kleinen Altmärker Städtchen, hier, wo ihr Junge lebt, wo sie das
-gute Heim gefunden hat.</p>
-
-<p>Sie weiß genau: Sobald sie großes, wirkliches Unglück sieht, wird das
-Leid des eigenen Herzens überwunden sein! Aber der Arzt bleibt dabei:
-An Ärzten ist Mangel, an Pflegerinnen Überfluß. Die Wachtmeistersfrau
-seufzt: „Es müßte einmal einen Frauenkrieg geben!“ und lächelt dabei;
-aber sie rührt in Frau Hillers Herzen an eine wehe Stelle. Es leben so
-viele, die überflüssig sind, und es leben so viele, die jede Stunde
-gern bereit wären, den großen Weg ins Nichts zu gehen. Draußen lassen
-die Besten des Volkes ihr Leben, und im Lande, für das gekämpft wird,
-leiden und stöhnen Tausende von Überzähligen weiter.</p>
-
-<p>Oben die Trompetersfrau hat seit drei Tagen ein kleines Mädchen; die
-Geburt hat ihr fast das Leben gekostet. Ach, wäre es zu Ende gegangen
-mit ihr, bevor das Kind die Augen aufschlug! Nun liegt sie bleich
-und müd’ und fragt nach ihrem Mann. Wer wird den Mut haben, ihr die
-grausige Wahrheit zu sagen? Wer wird es über sich bringen, ihr zu
-sagen: ‚Du bist Witwe und dein kleines Mädchen war Waise, noch ehe es
-geboren <span class="nowrap">war!‘ &mdash;</span></p>
-
-<p>Aber ein Unglück überholt das andere. Auch hier im Altmärker Städtchen.
-Allein in den paar Häusern, die hier auf einem Block zusammen stehen,
-ist Trauer und bitterer Schmerz in eine ganze Reihe von Familien
-eingezogen. Eine junge Braut harrt Woche um Woche auf eine Nachricht
-von dem, der in der Zeitung unter den ‚Vermißten‘ stand. Die Ärmste,
-die mit ihren Gedanken in der weiten Welt herumirren muß, die von einer
-Möglichkeit zu anderen tastet, die heute hofft und<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">&ndash;&nbsp;186&nbsp;&ndash;</a></span> morgen in die
-tiefste Verzweiflung sinkt, sie hat Schlimmeres durchzufechten als die,
-der eine bittere, furchtbare Tatsache mitgeteilt wird.</p>
-
-<p>Frau Hillers Mitleid aber gehört der Frau des Trompeters. Das
-Schlafzimmer der Wöchnerin liegt über dem ihren. In der Nacht hört
-sie das kleine Geschöpfchen schreien. Lange hat sie kein kleines Kind
-schreien hören; lange ist es her, seit sie bei einer jungen Mutter
-geweilt hat. Wenn sie in der Nacht nicht schlafen kann, hat sie den
-Wunsch, oben im Zimmer bei der armen Frau und dem neugeborenen Kind
-sein zu dürfen. Eine alte Person aus des Trompeters Verwandtschaft ist
-zur Pflege da. Sie schlurft durch die Zimmer, und man hat das Gefühl,
-das ihr die Pflege vielleicht zu viel wird, daß sie oft verdrossen ist.</p>
-
-<p>Jede Nacht träumt Frau Hiller, daß sie das Kind im Arm hält und am Bett
-der Mutter sitzt. Es wäre etwas so Einfaches und Natürliches, daß sie
-hinaufginge und ihre Hilfe anböte. Aber jeden Morgen ist sie verzagt
-und weiß nicht, wie sie eine Verbindung finden soll.</p>
-
-<p>Die junge Wöchnerin kann sich nicht erholen. In den Fluren des Hauses
-stehen die Frauen und reden und reden. Die Ärmste fragt unablässig
-nach ihrem Mann. Warum schreibt er nicht? Das geht doch nicht mit
-natürlichen Dingen zu, daß er nicht schreibt!</p>
-
-<p>Die Qual des Wartens reibt sie auf; auch das Kindchen leidet unter der
-Pein der Mutter. Die Frauen aus dem Haus sind jetzt übereingekommen,
-daß man ihr die Augen öffnen muß. Ewig kann man sie nicht in der Lüge
-erhalten, und wenn sie erst auf ist, kann sie es durch irgendeinen
-Zufall erfahren. Aber wer fühlt sich berufen, die Nachricht zu
-überbringen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">&ndash;&nbsp;187&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Die Wachtmeistersfrau sieht eines Tages Frau Hiller mit forschenden
-Augen an, dann sagt sie: „Am besten ist’s, eine ganz Fremde geht zu
-ihr! Alle im Haus haben Angst, es ihr zu sagen!“ Und die Augen der
-alten Frau sprechen eine Bitte aus: ‚Wollen Sie es übernehmen‘?</p>
-
-<p>Man sieht ihr neugierig nach, als sie die Treppe hinaufgeht. Es ist
-Krieg &mdash; ist Ausnahmezustand: warum soll da nicht die fremde Frau zu
-der armen Witwe gehen und ihr das Traurige melden? Die wird am ersten
-die richtigen Worte finden.</p>
-
-<p>Ach, aber Frau Hillers Träume hatten sie doch wohl irregeführt. Sie
-hat sich gedacht, gleich eine Verbindung von Herz zu Herz zu finden;
-doch wie sie oben im halbdunklen Schlafzimmer steht, kommt es wie
-Verzagtheit über sie. Die blasse Frau im Bett fühlt sich verlegen und
-beginnt, sich wegen der Einfachheit, in der sie lebt, zu entschuldigen.
-Das Kind schreit, und die alte Pflegerin steht in der Mitte vom Raum
-und macht keine Miene, zu gehen.</p>
-
-<p>Frau Hiller hat ein paar Leckerbissen und Blumen mitgebracht; sie gibt
-es der Kranken, und die dankt mit viel zu viel Worten. Die Pflegerin
-fragt, ob sie der gnädigen Frau Kaffee bringen dürfe, und weicht nicht
-von der Stelle. Frau Hiller rückt sich einen Stuhl neben das Bett und
-fragt nach allerlei Dingen. Sie hofft, die Kranke müsse von dem, was
-sie bewegt, sprechen. Aber das tut sie nicht, denn sie spricht nur
-vom Krieg im allgemeinen, von der Verwirrung im ganzen Städtchen, von
-den Umzügen, von dem Alarm drüben in der Kaserne in den ersten Tagen.
-Die arme Frau glaubt, ihren Gast unterhalten zu müssen; es hat etwas
-Erschütterndes, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">&ndash;&nbsp;188&nbsp;&ndash;</a></span> sie darauf bedacht ist, über den eigenen Kummer zu
-schweigen.</p>
-
-<p>Die Pflegerin beugt sich über die Kranke und flüstert ihr etwas ins
-Ohr. Das Kindchen muß Nahrung haben, und man sieht den Besuch ängstlich
-fragend an.</p>
-
-<p>Frau Hiller nimmt das Kind aus dem Arm der alten Frau und legt es an
-die Brust der Mutter. Nun sind sie sich um vieles nähergerückt. Die
-Frau lächelt sie dankbar an, und wie sie nun in den Kissen liegt,
-sieht Frau Hiller erst, wie jung und lieblich dies Gesicht ist. Große,
-ausdrucksvolle, dunkle Augen hat sie, und einen schönen, vollen Mund.</p>
-
-<p>Die Pflegerin muß zu Einkäufen in die Stadt fahren. Soll sie warten,
-bis das Kleine gestillt ist, oder wird die Dame noch eine kleine
-Stunde bleiben? Frau Hiller ist glücklich, daß sie bleiben darf. Sie
-sieht, wie das feine Mündchen des Kindes sich in die Brust der Mutter
-eingräbt; sie fährt mit der Hand über das weiche Köpfchen. So hat sie
-einst ihren Ernst gehalten; so wie dies ganz kleine Kindchen hier zur
-Mutter gehört, hat ihr Junge einst ihr gehört! Unausdenkbar, daß man so
-eins war, daß so ein Kindchen einmal nichts anderes als ein Stück von
-der Mutter war. Weh wird ihr ums Herz, als sie dies stille, traurige
-Glück sieht.</p>
-
-<p>Das Kindchen schläft ein; das Mündchen läßt die Brust fahren, und Frau
-Hiller trägt das kleine Geschöpf zu seinem Korb zurück. Die Frau bleibt
-wie erschöpft in den Kissen liegen; sie wirkt wie ein Bild, von einem
-alten Maler gemalt. Solch ein tiefes Leiden in den zarten Zügen! Frau
-Hiller nimmt eine der blassen Hände in die ihren. Ihr ist’s, als sei
-diese Frau ihre Schwester,<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">&ndash;&nbsp;189&nbsp;&ndash;</a></span> als gehöre sie ganz eng zu ihr. Ihr Herz
-ist von überquellender Liebe, voll tiefem, tiefstem Mitleiden.</p>
-
-<p>Aus ihrer Hand geht der Strom heißen Fühlens ins Herz der anderen über.
-Sie hat jetzt vergessen, daß die Frau, die an ihrem Bett sitzt, eine
-Fremde ist. Der matten Hand tut der warme Druck wohl. Die Seele wird
-weich und mitteilsam. Und sie macht der, die zu ihr gekommen ist, ihr
-das Bittere mitzuteilen, ihr Amt leicht.</p>
-
-<p>„Wenn man weiß, daß einer tot ist, daß es nichts mehr zu hoffen gibt,
-dann kommt wenigstens Ruhe in den Kopf!“ klagt sie. Frau Hillers Hand
-umschließt die der Kranken fester. Ihr Herz ist erregt, es schlägt so
-laut, daß es ihr ist, als müßte man den lauten Schlag im Zimmer hören.</p>
-
-<p>„Jede Nacht höre ich ihn rufen! Jede Nacht sehe ich ihn irgendwo liegen
-und höre ihn stöhnen!“</p>
-
-<p>Sie wendet das Gesicht zur Seite, die matte Hand zuckt in Frau Hillers
-Händen.</p>
-
-<p>„So viele von uns müssen jetzt dasselbe leiden!“ kommt es zaghaft aus
-deren Mund.</p>
-
-<p>Das ist immer ein matter Trost; weiß sie doch von sich selbst, daß
-ein Schmerz nicht weniger bitter wird, wenn man sich sagt, daß viele
-dasselbe zu leiden haben.</p>
-
-<p>Die Frau im Bett richtet sich auf. Ihr Gesicht hat sich verändert; die
-Augen starren in eine Ecke, um den Mund liegt ein harten Zug. „Ich habe
-alles verloren, seit ich nicht mehr weiß, wo er ist! Ich kann nicht
-mehr beten &mdash; ich kann mich nicht an dem Kind freuen. Ich weiß nur
-eines: wenn ich nicht bald Gewißheit habe, verliere ich den Verstand,
-und ehe ich den Verstand verliere, mache ich ein Ende &mdash; auch mit dem
-armen Wurm da!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">&ndash;&nbsp;190&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Wie sie das vor sich hinspricht &mdash; ohne Bewegung im Gesicht &mdash; ohne Ton
-in der Stimme, fühlt Frau Hiller, daß dies arme Weib wirklich am Ende
-seiner Kraft ist, fühlt, daß dieser Kopf nicht viel mehr ertragen wird.
-Sie drückt den noch schwachen Körper in die Kissen zurück. Sie beugt
-sich so dicht zum Gesicht der jungen Mutter, daß sie es fast mit dem
-ihren berührt.</p>
-
-<p>„Und wenn Sie nun die Gewißheit hätten! Wenn jemand ihnen mit
-Bestimmtheit sagte: Er lebt nicht mehr! Er hat den schönsten Tod, den
-ein Mensch finden kann, erlitten!“ sagt sie unsicher und erregt.</p>
-
-<p>Die Frau sieht sie ungläubig an; das blasse Gesicht verzerrt sich. Aber
-dann geht eine Veränderung mit ihr vor. Sie weiß nun auf einmal, warum
-die fremde Frau zu ihr herausgekommen ist in ihr armes Stübchen. Sie
-begreift mit einem Male alles. Die aus dem Hause haben es längst gewußt
-und haben nicht den Mut gehabt, ihr die Wahrheit zu sagen. Da haben sie
-die Fremde hier heraufgeschickt. Sie zweifelt keinen Augenblick mehr.
-Der Mann ist tot. Sie ist Witwe, das Kind ist Waise. Ein einziges Jahr
-des Glückes &mdash; dann aus!</p>
-
-<p>Sie sagt nichts mehr. Übers bleiche Gesicht strömen Tränen. Sie läßt
-ihre Hand in Frau Hillers Händen.</p>
-
-<p>Still ist’s um die beiden &mdash; fast dunkel im Zimmer. Aus dem Nebenraum
-tönt das Ticken einer Uhr.</p>
-
-<p>Tiefer Frieden hier drinnen. Aber draußen in der Welt tobt die Wut der
-Völker weiter; was gilt der einzelne Mensch, der unter den Millionen,
-die sich in wildem Haß bekämpfen, steht? Fällt er, so fällt er; sein
-ist die Ruhe. Aber jeder, der da draußen sein Leben läßt, stirbt nicht
-für sich allein. Jede Wunde, die auf dem heißen Felde geschlagen wird,
-reißt schlimmere Wunden bei<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">&ndash;&nbsp;191&nbsp;&ndash;</a></span> denen, die zurückblieben, die sich im
-Alltag weiterschlagen müssen!</p>
-
-<p>Wer ist schlimmer daran? Wer hat das größere Leid getragen? Der
-arme Trompeter ist als Held gestorben, ist erlöst! Wenn man es noch
-fertigbringt, an eine Gerechtigkeit jenseits dieser unharmonischen Welt
-zu glauben, wird er zu ewiger Glückseligkeit gelangt sein. Die Frau
-aber mit dem Kind hat ein langes, schweres, graues Leben vor sich.</p>
-
-<p>Frau Hiller fühlt, wie die Hand in der ihren schlaff wird. Sie beugt
-sich über das weiße Gesicht. Die Augen sind geschlossen. Ruhige
-Atemzüge &mdash; ein guter, friedlicher Zug um den Mund. Sie schläft.</p>
-
-<p>Durchs Nebenzimmer schlurft die alte Pflegerin und kommt ans Bett.
-Frau Hiller löst ihre Hand von der der Schlafenden. „Haben Sie ihr’s
-gesagt?“ fragt die Frau und atmet erleichtert auf.</p>
-
-<p>Sie bringt Frau Hiller bis zur Treppe. „Na, nun wird’s ja bald gut
-werden. Der Mensch kann alles aushalten &mdash; nur Ungewißheit nicht!“</p>
-
-<p>Unten im Flur springt Mirza an ihr hoch. Der kleine Husar steht in der
-Küche bei den Wachtmeistersleuten, denn er hat eine freie Stunde und
-will mit der Mutter zu Nacht essen.</p>
-
-<p>Strahlend erzählt er, daß sie gegen Typhus geimpft wurden. „Eine ganze
-Menge ist schlapp geworden!“ erzählt er. „Nun weiß man doch wenigstens,
-daß die Sache in Gang gebracht wird &mdash; daß man in absehbarer Zeit
-hinauskommt!“ Im dritten Monat sind sie in der Kaserne; das soll einer
-aushalten. Man putzt Pferde und Knöpfe und Sattelzeug fürs Vaterland,
-und bei den anderen Regimentern<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">&ndash;&nbsp;192&nbsp;&ndash;</a></span> haben die Freiwilligen schon große
-Schlachten mitgeschlagen und Eiserne Kreuze erworben.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Nun kommen die Russen also doch ins Altmärkische Städtchen. Die
-Wasserleitung ist bis zu den großen, durch doppelten Stacheldraht
-eingezäunten Plätzen hinausgelegt worden. Hohe elektrische Bogenlampen
-bestrahlen die weiten Flächen, auf denen jetzt Tag und Nacht gearbeitet
-wird. Baracken sind notdürftig aufgebaut, eine große Küche ist
-eingerichtet worden. Kaufleute aus der Stadt erzählen von gewaltigen
-Aufträgen, die sie zur Verpflegung des Russenlagers erhalten haben.</p>
-
-<p>Alle Welt spricht nur noch von den Russen! Wie mögen sie aussehen? Man
-freut sich und fühlt doch ein leichtes Grauen. Fünfzehntausend Mann
-sollen gebracht werden! Eine ganze Horde Feinde in allernächster Nähe!</p>
-
-<p>Eines Tages, als die Freiwilligen sich zum Abendapell versammeln,
-bekommen sie einen Befehl, der sie mit Freude erfüllt. Sie haben ihre
-Pferde zu satteln, werden zum Bahnhof reiten, um die Russen, die am
-späten Abend eingeliefert werden sollen, in Empfang zu nehmen. Das
-Gesicht der jungen Menschen leuchtet auf. Endlich etwas Kriegerisches!
-Endlich mal einen Auftrag, der unmittelbar mit dem Krieg zusammenhängt!</p>
-
-<p>Aber der Wachtmeister legt ihnen einen Dämpfer auf. Ernst und
-würdig müssen sie den Feind empfangen. Keiner darf reden &mdash; keiner
-irgendwelche Teilnahme bezeigen. Mit gefällter Lanze und geladenem
-Karabiner haben sie auf ihrem Pferd zu sitzen und langsam den Zug zu
-begleiten. Geschieht etwas Unerwartetes, geht die<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">&ndash;&nbsp;193&nbsp;&ndash;</a></span> Sache nicht glatt
-von sich, so haben sie auf Befehl von der Waffe Gebrauch zu machen.</p>
-
-<p>Die Russen kommen also doch. Tag und Stunde der Ankunft sollte
-Geheimnis bleiben im Städtchen. Aber man hat es doch erfahren.
-In einer kleinen Stadt erfährt man eben alles. Wozu sollten die
-Absperrungsmaßregeln am Güterbahnhof getroffen worden sein, wenn nicht
-für die Ankunft des Feindes? Die Russen kommen! &mdash; die die Russen
-kommen!! &mdash; jedes Kind weiß es.</p>
-
-<p>Aber alles Interessante in dieser Zeit geschieht bei Nacht;
-Mannschaften und Pferde, die ins Feld ziehen, alles wird bei Nacht
-transportiert. Vor kurzem sollen fünfhundert gefangene Franzosen
-durchgekommen sein und am Bahnhof eine Stunde gelagert haben. Auch in
-der Nacht! Kein Mensch hat etwas von ihnen gesehen! Aber die gefangenen
-Russen wird man sehen, denn die bleiben ja nun für lange Zeit am Ort.
-Solange der Krieg dauert, bleiben die hier, und der Krieg kann noch
-lange dauern. Kein Mensch glaubt mehr daran, daß Weihnachten Friede ist.</p>
-
-<p>Die Deutschen wollen jetzt gar keinen schnellen Frieden mehr! Sie
-wollen bis zum Äußersten durchhalten! Was England dem Deutschen Reich
-anzutun gedachte, das werden die Deutschen nun den edlen Briten
-zufügen! Der Haß gegen die Engländer lebt bis ins kleinste Kinderherz
-des ganzen deutschen Vaterlandes hinein.</p>
-
-<p>Man freut sich, wenn Russen oder Franzosen Niederlagen erleiden und
-große Verluste haben. Der kleinste Triumph aber über England löst
-ungeheuren Jubel aus.</p>
-
-<p>So feig ist der Brite, hat seine Flotte in die Irische See gebracht und
-wagt sich zu keinem Angriff vor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">&ndash;&nbsp;194&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Deutschland soll angreifen, soll sich preisgeben, soll plump
-hereinfallen. England lebt nur noch von Lüge und Betrug.</p>
-
-<p>Die erste Nation der Welt hat sich die Lüge zur Politik gemacht. Ob die
-Welt das duldet? Ob England sein Ansehen unter den Völkern behaupten
-wird, wenn dieser gewaltige, unselige Krieg einmal zu Ende ist? Die
-Kinder im Städtchen, die auf den Plätzen und in den Anlagen Krieg
-spielen und die Rollen der Feinde untereinander verteilen, geben sich
-gern dazu her, Franzosen, Russen oder Belgier zu sein. Den Engländer
-aber will keiner abgeben; wer im Spiel Engländer sein muß, der schämt
-sich und verlangt dafür, daß er beim nächsten Spiel Deutscher sein muß.</p>
-
-<p>Frau Hiller steht mit Fräulein Else in der Tür des Hauses, als die
-Freiwilligen aus dem Kasernentor herausreiten. Wie ihr kleiner Ernst
-nun schon sicher auf dem Pferd sitzt! Er nickt der Mutter zu, und der
-große Zug schmucker Husaren, den Karabiner über der Schulter, die Lanze
-im Arm, bewegt sich die lange Straße hinab, dem Bahnhof zu.</p>
-
-<p>Fräulein Else hat den lebhaften Wunsch, sich die Sache anzusehen. Am
-Bahnhof ist natürlich alles abgesperrt, da kann man nicht durch. Aber
-wenn man mutig ist, geht man zum Lager selbst hinaus. Es ist ja nicht
-gefährlich, denn der Mond scheint, und draußen beim Lager brennen die
-hohen Bogenlampen.</p>
-
-<p>Aus der Kaserne kommt der junge Arzt, der die Wachtmeistersleute hin
-und wieder besucht und mit ihnen in der Küche Kaffee trinkt. Fräulein
-Else läuft ihm entgegen und bringt ihr Anliegen vor.</p>
-
-<p>Der Arzt ist selbst auf dem Wege zum Exerzierplatz.<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">&ndash;&nbsp;195&nbsp;&ndash;</a></span> Er hat das Amt,
-nach den leichtverwundeten Russen, die schon am Morgen ankamen und im
-großen Saal eines Bierrestaurants, dicht beim Lager, untergebracht
-sind, zu sehen. Er begrüßt Frau Hiller und erklärt sich bereit, die
-Damen zu begleiten. Mirza läuft mit ihnen.</p>
-
-<p>Es ist eine kühle, sternklare Nacht, und sie biegen gleich links von
-der Kaserne in einen schmalen Weg ein. Rings um sie herum sind Felder;
-ein Bächlein rieselt da durch, der Mond gießt weiches Licht auf die
-Erde, und der Arzt erzählt von den Einrichtungen, die für die Russen
-getroffen worden sind. Am Bahnhof, in einem Lazarett, liegt eine
-Anzahl Schwerverwundeter. Ein paar von ihnen werden in allernächster
-Zeit ihren Wunden erliegen. Entsetzliche Verletzungen haben sie
-davongetragen.</p>
-
-<p>Arme Teufel! Es ist eine Grausamkeit, daß man sie leiden läßt, daß man
-sie nicht erlösen darf, da man doch genau weiß, daß sie in ein paar
-Stunden oder Tagen unter namenlosen Qualen sterben müssen.</p>
-
-<p>Frau Hiller hat sich in Fräulein Elses Arm gehängt, denn sie gehen über
-Stoppeln, und das Mondlicht tanzt unsicher auf dem holprigen Boden. Es
-ist ein weiter Weg bis zum Russenlager hinaus; alles totenstill um sie
-her, kein Mensch begegnet ihnen, nur Mirza bellt hin und wieder, wenn
-er irgendwo etwas Lebendiges wittert.</p>
-
-<p>Dem Russenlager gegenüber erhebt sich ein kleiner Hügel; wenn man da
-hinaufsteigt, überschaut man den ganzen, weiten Platz wie ein Theater.
-Der junge Arzt zieht die Uhr. „Die Damen werden noch eine gute Stunde
-warten müssen,“ sagt er. „Sind Sie nicht ängstlich?“</p>
-
-<p>Nein, ängstlich sind sie nicht! Wer soll ihnen etwas tun, sie haben ja
-auch Mirza bei sich, und wenn er auch<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">&ndash;&nbsp;196&nbsp;&ndash;</a></span> nicht viel ausrichten kann, so
-würde er doch wenigstens bellen, wenn sich etwas Verdächtiges zeigte.</p>
-
-<p>„Aber es ist kalt, und es wird Ihnen noch etwas langweilig werden,
-so lange dem leeren Platz gegenüberzustehen. Wenn Sie Lust und Mut
-haben, so kommen Sie mit mir und schauen sich an, wo wir unsere
-leichtverletzten Feinde untergebracht haben!“</p>
-
-<p>Fräulein Else kämpft mit einem leisen Unbehagen, aber Frau Hiller ist
-freudig überrascht. Nicht Neugierde drängt sie, aber in der Nacht denkt
-sie oft über das Schicksal der Gefangenen, die krank ins Land ihrer
-Feinde kommen, nach. „Wenn ich nur einen Blick in den Saal werfen
-darf!“ Sie nimmt dankbar das Anerbieten des jungen Arztes an.</p>
-
-<p>Er führt sie ein Stück Weges zurück durch einen Garten, in dem den
-Sommer über Tische und Bänke standen, und wo sich lustiges Leben
-abzuspielen pflegte. Jetzt ist alles dunkel und einsam.</p>
-
-<p>Ein paar Stufen führen zum Eingang des Hauses hinan; man geht durch
-den Restaurationsraum, in dem ganz wenige Gäste sitzen, und kommt in
-den großen Tanzsaal. Starker Karbolgeruch dringt ihnen entgegen, und
-Fräulein Else hält sich die Nase zu. „Hu, wie das riecht!“</p>
-
-<p>Der Arzt geht voran, und die beiden Frauen bleiben am Eingang an einer
-Säule stehen. Von der Decke herab hängen große Lampen, die weißes Licht
-ausstrahlen. An der Erde, auf Matratzen, die eilig hierhergeschafft
-wurden, weil man nicht auf so viele Kranke gerechnet hatte, liegen die
-Verletzten; in voller Uniform liegen sie da, und einige haben sogar die
-Mütze auf dem Kopf.</p>
-
-<p>Seltsam mutet dies Bild an &mdash; traurig &mdash; öd &mdash; un<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">&ndash;&nbsp;197&nbsp;&ndash;</a></span>freundlich! Die
-Lazarette, die in der Stadt sind, haben weiße Betten und weiße Möbel,
-alles wirkt da hell und freundlich, so daß man das sichere Gefühl hat:
-der hier liegt, muß gute und friedliche Gedanken bekommen.</p>
-
-<p>Dieser Saal aber, der so hastig hergerichtet werden mußte, hat etwas
-Beklemmendes. Aber sie liegen zum wenigsten warm. Sie haben Pflege
-und reichliches Essen. Gott mag wissen, ob es den Unseren, die als
-Gefangene in ihr Land kommen, ebenso gut ergehen mag.</p>
-
-<p>Der Arzt tritt an einen Tisch, an dem zwei junge Leute mit dem
-Abzeichen des Roten Kreuzes auf dem Arm stehen. Er läßt sich Bericht
-erstatten und geht dann von Bett zu Bett. Die meisten der Gefangenen
-sprechen deutsch, und einige von ihnen sehen intelligent aus.</p>
-
-<p>Auf der Matratze eines Schlafenden sitzt ein junger Mensch, der den
-Kopf in die Hand gestützt hat. Von ihm kann Frau Hiller ihre Blicke
-nicht lösen, denn etwas unsäglich Trauriges geht von ihm aus. Man soll
-kein Mitleid mit den Feinden haben! Man soll an die Greueltaten, die
-sie schon in unserer Heimat angerichtet haben, denken. Was wollen sie
-denn mehr als das, was man ihnen hier bietet: ein warmes Lager, Essen
-und Trinken und die nötige Pflege? Geht es uns etwas an, ob sie sonst
-noch leiden, ob sie Heimweh haben, ob ihre Seele belastet ist?</p>
-
-<p>Der junge, energische Arzt tritt an das Bett des Schlafenden und
-rüttelt den, der wie weltentrückt dasitzt, an der Schulter. Der fährt
-auf und sieht den Arzt erschrocken an. Er hat nur einen Streifschuß an
-der Hüfte und ist schon fast ganz wiederhergestellt. In einem Tag oder
-zwei wird er zu den anderen ins Lager kommen.<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">&ndash;&nbsp;198&nbsp;&ndash;</a></span> Der Schlafende scheint
-doch aber eher zu den Schwerverletzten zu gehören; der hat einen
-Lungenschuß und sein Atem geht röchelnd.</p>
-
-<p>Der Arzt sieht ihn an und läßt ihn schlafen, dann tritt er zu den
-Frauen Er erklärt Frau Hiller die einzelnen Fälle. Der junge Mensch,
-der wieder in seiner versunkenen Stellung, den Kopf in die Hände
-vergraben, dasitzt, ist der Bruder des Schlafenden. Der Arzt hat sich
-am Morgen mit ihm unterhalten, denn er spricht deutsch ebenso geläufig
-wie russisch, und hat ihm mitgeteilt, daß er ganz nahe der Grenze
-zu Hause sei. „Wollen Sie sich mal von ihm selbst seine Geschichte
-erzählen lassen?“</p>
-
-<p>Fräulein Else machte entsetzte Augen, und auch Frau Hiller möchte
-abwinken. Aber der Arzt ist schon zu dem jungen Menschen hingegangen
-und kehrt mit ihm zu den zwei Frauen zurück. Er hat ein sympathisches
-Gesicht, und man sieht sogleich, daß er kein gewöhnlicher Mensch ist.
-Er sieht jetzt auch gar nicht mehr so schwermütig aus und erzählt
-fließend und anscheinend gern, wie er in den Krieg gekommen ist.</p>
-
-<p>Er und sein Bruder, der hier liegt, waren Beamte auf einem großen Gut,
-hatten Urlaub bekommen und waren gerade im Begriff, zu Eltern und
-Geschwistern in die Stadt zu fahren. Da heißt es: „Großes Manöver!“ Man
-rüstet sich und denkt: In drei Tagen ist man frei! Da steht man auch
-schon dem Feind gegenüber. Entsetzlich! Kein Mensch hat ihnen etwas vom
-Krieg gesagt! Wochenlang liegen sie hinter Wällen &mdash; immer er mit dem
-Bruder zusammen &mdash; schlechtes Essen &mdash; trübe Nächte, und die Deutschen
-schießen wie die Verrückten! Ende September haben sie sich ergeben &mdash;
-der Bruder<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">&ndash;&nbsp;199&nbsp;&ndash;</a></span> mit einem Schuß in den Rücken, er mit der Hüftwunde, die
-schon fast ganz ausgeheilt ist.</p>
-
-<p>Mit dem Bruder war es anfänglich auch nicht so schlimm; er konnte noch
-ganz gut gehen und sitzen, aber der lange Transport hat ihm geschadet
-&mdash; nun muß er vielleicht sterben! Da nimmt das Gesicht wieder den
-schwermütigen Ausdruck an. Die Angst um den Bruder mag ihm das Herz
-zuschnüren, denn man sieht und fühlt aus allem, daß er den Bruder
-zärtlich liebt. Er ist noch blutjung und hat ein kluges Gesicht. Nun
-erfährt er nichts mehr vom Krieg, wird nicht hören, wie es um sein Land
-steht, und wie lange die Gefangenschaft dauert!</p>
-
-<p>„Danke,“ sagt der Arzt in dem Augenblick, in dem der junge Mensch
-anfängt von seinen Gefühlen zu reden. Das klingt schroff, und Frau
-Hiller und Fräulein Else sehen ihn vorwurfsvoll an. Kein Mitleid mit
-den Feinden! Frauen aber können sich schwer dem Mitleid verschließen!</p>
-
-<p>Der junge Mensch sitzt wieder ganz versunken am Lager des Bruders. Was
-mag er nun gegen die empfinden, denen er Rede stehen mußte über das,
-was sie hören wollten, und auf deren Gebot er schweigen mußte, als das,
-was er zu sagen hatte, ihnen nicht mehr paßte?</p>
-
-<p>Frau Hiller sieht zu ihm hin und stellt sich vor, daß ihr Junge eines
-Tages so im fremden Land sitzt, den Kopf in die Hand gestützt, das Herz
-voll Verzweiflung, und daß er vielleicht vorgerufen wird und Frauen
-aus Feindesland Rede stehen muß und fortgeschickt wird, sobald ihre
-Neugierde befriedigt ist. Sie schämt sich und hat das Gefühl, zum Leid
-eines armen Menschen noch Haß und Verbitterung gesellt zu haben.</p>
-
-<p>Der Arzt zieht seine Uhr. Er hat in dieser Nacht hier<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">&ndash;&nbsp;200&nbsp;&ndash;</a></span> nichts mehr zu
-tun und greift zu Hut und Mantel. „In einer Viertelstunde kann übrigens
-der Transport beim Lager ankommen, also gehen wir!“</p>
-
-<p>Draußen atmen sie tief auf. Eine klare Nachtluft empfängt sie und kühlt
-den erhitzten Kopf. Mirza, der im Gastzimmer geblieben war, springt
-hoch an Fräulein Else in die Höhe. Die Sterne funkeln, und der Mond
-macht die Erde silbern. Es ist eine köstliche Spätherbstnacht!</p>
-
-<p>Sie steigen auf den Hügel und sehen die Welt wie ein Märchen vor
-sich liegen. Weit dehnen sich die vom Drahtzaun eingefaßten Flächen
-vor ihnen aus, und die Bogenlampen werfen ein geisterhaftes Licht
-darüber. Zu allen Seiten sind weite Felder, und der Blick kann in die
-Unendlichkeiten schweifen. Nirgends ein Hemmnis, denn öd und flach ist
-das altmärkische Land!</p>
-
-<p>Frau Hiller wendet sich der Seite zu, wo die Stadt mit ihren
-Kirchtürmen liegt. Ganz verschleiert nur sieht man die Umrisse. Es ist
-beklemmend still oben auf dem kleinen Hügel; keiner von den dreien
-spricht ein Wort, und Fräulein Else hat den frierenden Hund auf die
-Arme genommen. Ein leiser Wind raunt durch die letzten Blätter der
-Bäume, und hin und wieder schwirrt ein Vogel durch die Luft.</p>
-
-<p>Frau Hiller ist es, als beginne ihre Seele zu fliegen &mdash; sie sieht
-Dinge, die noch kein Mensch gesehen; sie weiß und versteht Dinge, die
-niemand auf Erden begreifen kann. Ihr ist, als öffnen sich Tore vor
-ihr, die sich erst dem erschließen, der sein irdisches Leben abgeworfen
-hat.</p>
-
-<p>So oft in diesen unseligen Zeiten, seit der Krieg be<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">&ndash;&nbsp;201&nbsp;&ndash;</a></span>gann, hat sie
-an allem, was sonst ihre Zuflucht gewesen, zu zweifeln begonnen: an
-dem Gott, der die Geschicke der Menschen in der Hand hält, der über
-Recht und Unrecht entscheidet. In dieser Nacht aber wird ihr ein
-Gnadengeschenk. Der Himmel öffnet sich ihr, und sie sieht in Pracht
-und Herrlichkeit hinein. Sie sieht mit den Augen eines Kindes, dem ein
-Märchen erzählt wird. Sie sieht Gott mit dem milden Antlitz und dem
-Glorienschein ums Haupt, wie ihn fromme Kinder sich vorstellen. „Wer
-sein Leben unschuldig hingibt, der wird hier oben bei mir die Seligkeit
-erlangen!“ hört sie ihn sagen. Da weiß sie wieder, daß das, was man
-sie in der Jugend lehrte, doch wahr ist. Die paar Jahre, die der
-Mensch hier unten auf der Erde hinzuwandern hat, die sind also nichts
-anderes als die Vorbereitung für die Ewigkeit da oben! Alle Menschen
-bekommen das in ihrer Kindheit gesagt, aber sie vergessen es, oder
-sie wachsen darüber hinaus. Und weil jeder nur an das eine Leben hier
-unten denkt, kommt so viel Böses und Hartes und Schlimmes in den Herzen
-auf, &mdash; darum auch ist der Neid und der Haß unter den Völkern so groß
-geworden &mdash; darum schlachten sich die Menschen jetzt hin! Jeder will
-für dies eine Leben, an das er glaubt, alles für sich zusammenraffen &mdash;
-keiner denkt an die Herrlichkeit da oben und darum will keiner arm und
-bescheiden und gut bleiben. Wie verblendet sind die Menschen geworden!</p>
-
-<p>Der Arzt faßt Frau Hiller leise am Arm, und im selben Augenblick ist
-die Traumwelt versunken. Vom Dom und von der Marienkirche schallen
-Glockentöne: es ist Mitternacht.</p>
-
-<p>Der Arzt deutet mit der Hand nach der großen Straße hin, die vom Tor
-hier heraus zu den Exerzierplätzen führt.<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">&ndash;&nbsp;202&nbsp;&ndash;</a></span> In weiter Ferne hört man
-Pferdegetrappel, hört die Marschschritte der Gefangenen.</p>
-
-<p>„Sie kommen! Sie kommen!“ ruft Fräulein Else und läßt Mirza aus ihren
-Armen gleiten.</p>
-
-<p>Das Auge kann erst allmählich unterscheiden; man sieht etwas wie
-eine graue Schlange heranziehen. Es kommt näher und näher. Das
-Pferdegetrappel schlägt jetzt schon ganz deutlich ans Ohr, man kann die
-Umrisse der Reiter erkennen.</p>
-
-<p>Ein Schauer geht durch die beiden Frauen. Der Krieg ist ihnen mit
-einmal ganz nahe gerückt! Der Feind, der Deutschland in Stücke zerhauen
-will, kommt als Gefangener ins Land! Man hat all die Tage gar nicht
-darüber nachgedacht, was das eigentlich so recht bedeutet. Auch vorhin
-bei den armen Verwundeten hatte man nicht das Gefühl eines Triumphes.
-Nun aber, da der Trupp näher und näher kommt, erschauert man unter der
-Größe des Augenblicks.</p>
-
-<p>Sie sind schon ganz nahe! Zwei Vorreiter sind am Stachelzaun angelangt.
-Eine Tür wird geöffnet &mdash; eine Anzahl Soldaten bilden Spalier &mdash; die
-Husaren verteilen sich rund um den weiten Platz herum, und die ersten
-Russen betreten das Lager. Still alles ringsumher, nur das Marschieren
-der Truppen und das Aufschlagen der Pferdehufe ist hörbar.</p>
-
-<p>Die Russen tragen braune Mäntel, die sich kaum vom Erdboden
-unterscheiden; sie fließen durch die schmale Tür auf den weiten Platz
-wie eine Masse, die eine Form füllen soll. Unabsehbar dehnt sich der
-Zug der Anmarschierenden hin; man hat gar nicht mehr die Empfindung,
-daß diese wogende Menge, die hier einzieht, aus einzelnen Menschen
-besteht. Man sieht nur noch das Ganze,<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">&ndash;&nbsp;203&nbsp;&ndash;</a></span> das durch die enge Tür quillt,
-das anschwillt, das wie ein Meer auf und nieder wogt!</p>
-
-<p>Werden sie alle Platz haben? Wird ein jeder ein kleines Stück Boden für
-sich finden, wo er sich zur Nacht ausstrecken kann? In Baracken und
-Zelten ist Stroh aufgeschüttet worden. Gegen Sturm und Kälte sind sie
-also genügend geschützt. „Viel zu human,“ sagt der Arzt, der zwischen
-den beiden Frauen steht. „Wer weiß, wie sie mit den Unseren umgehen,
-die in ihr Land kommen?“</p>
-
-<p>Es ist gut für Frau Hiller, daß ihr Mitleid eingedämmt wird, daß sie
-es immer wieder hört: „Wie werden die Deutschen, die in Feindesland
-kommen, aufgenommen werden?“ Dann denkt sie an ihren Ernst &mdash; und das
-Herz wird hart gegen Deutschlands Feinde.</p>
-
-<p>Aber immer wieder bricht der Schmerz und der Jammer um all das Leid,
-das in die Welt gekommen ist, in ihrer Seele hervor. Wer hat diesen
-furchtbaren Krieg gewollt? Wer hat die Brandfackel in die Welt
-geschleudert? Welcher verruchte Kopf ist es, der die Massen aufwiegelte
-&mdash; wessen Seele wird einst Verantwortung tragen müssen für das
-namenlose Leid, für den grenzenlosen Jammer, der jeden einzelnen, der
-doch nichts anderes als ein armes Werkzeug ist, trifft?</p>
-
-<p>Die Husaren auf ihren Pferden stellen sich rund ums Lager auf, immer
-noch mit gefällter Lanze, immer noch zum Angriff bereit. Aber die
-Gefangenen gehen friedlich, wie Vieh, das in den heimatlichen Stall
-zieht, in ihr Lager hinein.</p>
-
-<p>Von der Stadt her kommt der Landsturm angezogen; der hat die Wache zu
-übernehmen. Die Nacht ist vorgeschritten; ein Frösteln geht durch die,
-die oben auf dem Hügel stehen. Der Wind, der bislang wie ein<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">&ndash;&nbsp;204&nbsp;&ndash;</a></span> Raunen
-durch die Kronen der Bäume gezogen ist, wird stärker. Am Himmel treiben
-Wolken, die Sterne sind verschwunden, und der Mond ist fahl geworden.</p>
-
-<p>Nun ist der letzte Russe ins Lager eingezogen; die Tür schließt sich.
-Zwei Wachtmeister kommandieren die Husaren, die sich zu Reihen ordnen.
-Frau Hiller schaut auf den Zug, der sich zur Stadt bewegt.</p>
-
-<p>Da kommt wieder das große Staunen in ihre Seele. Das Kind, das bislang
-ihr eigen war, ihr kleiner Ernst, ist einer von den Husaren, die hier
-eine so ernste, feierliche Mission verrichtet haben. Welcher mag es
-sein?</p>
-
-<p>Jeder einzelne wird ein paar Sekunden lang von dem hellen Licht der
-Bogenlampen bestrahlt; aber sie hat ihren Jungen nicht erkannt!</p>
-
-<p>Stolz und Schmerz kämpfen wieder gegeneinander. Der Stolz sagt:
-‚Freue dich, daß du dem Vaterland einen Sohn zu geben hast!‘ Aber der
-eigennützige Schmerz sagt: ‚Ich habe ihn geboren &mdash; ich habe ihn groß
-gezogen, und nun, da ich einen guten Kameraden an ihm hatte, muß ich
-ihn hingeben!‘</p>
-
-<p>Sie stehen noch eine Weile auf ihrem Hügel; sie sehen, wie der
-Landsturm sich rings ums Lager verteilt.</p>
-
-<p>Drinnen, innerhalb des Drahtzaunes, wogen die Massen auf und nieder
-&mdash; Tausende von einzelnen Leben, die nun zu einem großen Ganzen
-verschmolzen sind! Tausende von Köpfen und Herzen, die hier leiden
-werden!</p>
-
-<p>Und zu diesen Tausenden, die hier in der Fremde die Gefangenschaft
-erdulden müssen, gehören wieder Tausende in der Heimat, die mit ihnen
-leiden &mdash; deren Seelen dunkel und verzagt sind. Die ganze Welt ein
-einziger Jammer &mdash; ein einziger Weheschrei! Wer hat<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">&ndash;&nbsp;205&nbsp;&ndash;</a></span> diesen unseligen
-Krieg heraufbeschworen? Wer trägt die Schuld, daß die Welt in solche
-Finsternis geraten konnte?</p>
-
-<p>Der junge Arzt mahnt zur Heimkehr. Das Schauspiel ist vorüber; das, was
-man jetzt sieht, wird man durch Wochen &mdash; durch Monate &mdash; vielleicht
-noch ein ganzes Jahr hindurch sehen können, denn der Krieg hat noch
-lange, lange nicht ausgetobt!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Großmutter hat sich zur Reise ins Altmärker Städtchen aufgemacht.</p>
-
-<p>Das ist ein großer Entschluß für sie gewesen, denn mit zweiundsiebzig
-Jahren reist man nicht mehr ganz leichten Herzens wie in der Jugend,
-durch die Welt. Und ganz besonders in diesen Zeiten nicht, in denen man
-noch gar nicht auf regelmäßige Beförderung rechnen kann; in denen noch
-immer Überraschungen an der Tagesordnung sind: Truppenverschiebungen,
-Gefangenentransporte oder erweiterter Güterverkehr, der die
-Personenbeförderung einschränkt.</p>
-
-<p>Großvater ist gar nicht damit einverstanden, daß die alte Frau die
-Fahrt, die noch dazu sehr umständlich ist, wagen will. Da sie aber
-hartnäckig ist, hat er ihr seine Begleitung angeboten. Doch sie will
-nicht, daß die Wohnung ohne männlichen Beschützer bleibt. Sie hat so
-ihre Ahnungen, die sie selten täuschen; sie ist sicher, daß sich irgend
-etwas Schreckliches ereignen wird, wenn sie beide ihr Heim verlassen,
-und sie würde keinen Augenblick der Ruhe haben.</p>
-
-<p>Eine ganze Woche kämpft sie mit sich selbst. Es fällt ihr wirklich
-nicht leicht, sich zu der Fahrt zu entschließen,<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">&ndash;&nbsp;206&nbsp;&ndash;</a></span> aber der Wunsch,
-den Enkel in Uniform zu sehen, der Wunsch, den Sohn ihres Sohnes noch
-einmal, bevor der große Abschied kommt, ans Herz zu drücken, ist zu
-brennend geworden.</p>
-
-<p>Den ganzen Tag, Stunde für Stunde, muß sie an den Jungen denken. Sie
-hat immer gehofft, er würde mal ein paar Tage Urlaub erhalten und sie
-besuchen; aber die Freiwilligen bekommen nur dann Urlaub, wenn ganz
-zwingende Gründe vorliegen, und die Sehnsucht einer Großmutter, ihren
-Enkel wiederzusehen, ist kein zwingender Grund.</p>
-
-<p>Wenn sie also den drängenden Wunsch ihres Herzens befriedigen will, muß
-sie sich zur Reise entschließen, und zwar bald, denn der Winter steht
-dicht vor der Tür, und man muß von Tag zu Tag auf Schneestürme und
-Frostwetter vorbereitet sein. Sie rüstet sich, als habe sie eine Reise
-von Wochen vor.</p>
-
-<p>Natürlich kann sie nicht mit leeren Händen kommen. Die Müller hat ihr
-helfen müssen, ein paar Eßpakete zu packen; außerdem hat sie einen
-ganzen Berg von Wollsachen, den sie und die Müller gestrickt haben. Das
-kann der Junge natürlich nicht alles selbst brauchen und soll er auch
-nicht. Sie hat nicht für den Enkel, sondern fürs Vaterland gestrickt;
-also mag er ärmere Kameraden, die noch nicht im Besitz des Nötigen
-sind, mit dem, was sie und die Dienerin verfertigt haben, beglücken.</p>
-
-<p>Der Großvater sitzt neben ihr, als sie im geschlossenen Wagen zur
-nächsten Bahnstation fährt. Das Herz ist ihr furchtbar schwer. Es ist
-vielleicht doch eine Torheit, daß sie die Reise wagt. Sie legt ihren
-Arm in den ihres Mannes und schmiegt ihr Gesicht an seine Schulter.<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">&ndash;&nbsp;207&nbsp;&ndash;</a></span>
-Wie ein ganz junges Paar sitzen sie eng aneinandergelehnt im Wagen.</p>
-
-<p>Großvater hat ihr genau aufgeschrieben, wo sie umzusteigen hat; aber
-am Bahnhof wiederholt er die Reisestrecke noch zwei-, dreimal. Beim
-Abschied muß sie weinen und fühlt sich ganz schwach &mdash; aber sobald der
-Zug sich in Bewegung setzt, ist alles gut.</p>
-
-<p>Es wird sogar ganz lustig; sie hat nette Reisegesellschaft, hört
-allerlei kleine Geschichten erzählen, und ihre Augen beginnen zu
-leuchten. Die alte Lebenslust ist wieder da. Sie hat das Gefühl, daß
-sie sich wohl zu sehr einkapselt, darum vorzeitig alt wird und die
-rechte Verbindung mit der Welt verliert.</p>
-
-<p>Das Umsteigen geht sehr glatt; es ist überhaupt während der ganzen
-Reise alles wie zu normalen Zeiten. Nur, daß an Brücken und Tunnels
-Wachen stehen, und daß im Wagen ein Plakat angebracht ist: ‚Reisende,
-helft unsere Brücken und Tunnels schützen!‘ erinnert an den Krieg.</p>
-
-<p>Der Zug kommt auf die Minute pünktlich im Altmärker Städtchen an; die
-Schwiegertochter ist am Bahnhof, und ein Wagen, der sie zur Kaserne
-hinausbringt, ist zur Stelle.</p>
-
-<p>Frau Hiller ist im ersten Augenblick, als sie die alte Frau sieht, ein
-wenig benommen. ‚Wie ein Bild, das aus seinem Rahmen genommen würde!‘
-muß sie denken; denn sie hat die Großmutter eigentlich immer nur in der
-zu ihr gehörenden Umgebung und nie an einem fremden Ort gesehen.</p>
-
-<p>Großmutter hält während der ganzen Wagenfahrt die Hand ihrer Maria in
-der ihren und läßt sich erzählen. Dabei schaut sie zu den Fenstern
-hinaus, findet, daß die<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">&ndash;&nbsp;208&nbsp;&ndash;</a></span> Stadt eigentlich ziemlich reizlos sei, und
-staunt über den weiten Weg.</p>
-
-<p>Sie begegnen einem Trupp graugelber Husaren, aber Ernst ist nicht
-darunter.</p>
-
-<p>Die Wachtmeistersfrau und deren liebenswürdige Tochter begrüßt die
-Großmutter mit einer gewissen Herablassung, sieht sich prüfend in den
-beiden Zimmern, die ihre Maria hier innehat, um, tritt ans Fenster
-und schaut auf die langgestreckten Gebäude der roten Kaserne. Dabei
-schüttelt sie den Kopf.</p>
-
-<p>„Daß gerade du es so lange hier aushältst, Kind, wundert mich. Du
-bist doch eine Naturschwärmerin und hast auch einen gewissen Luxus in
-deiner Umgebung nie gut entbehren können!“ Dabei schaut sie ein wenig
-hochmütig auf all das, was hier herumsteht und an den Wänden hängt.</p>
-
-<p>„Ist es nicht hübsch und behaglich hier?“ fragt Maria erstaunt, denn
-sie hat das Gefühl, nie im Leben sich so wohl gefühlt zu haben als hier
-in den zwei einfachen, traulichen Zimmerchen.</p>
-
-<p>Die Großmutter läßt sich aus all ihren vielen Umhüllungen auswickeln;
-Fräulein Else bringt den Kaffee, und nun wird auch die alte Frau warm
-und gemütlich. Sie freut sich, daß ihre Maria strickt und näht, und
-läßt sich vom Jungen erzählen.</p>
-
-<p>Plötzlich tut sich die Tür auf &mdash; Sporen klirren, die Großmutter
-springt mit einem leisen Schrei auf und hält den Enkel am Herzen und
-weint und schluchzt dabei.</p>
-
-<p>Der Junge ist ein wenig verlegen, streichelt ihr die Schulter und sagt:
-„Aber Großmutter &mdash; Großmutter!“ Er duftet nach Pferdestall, denn er
-hat Stallwache.</p>
-
-<p>Die alte Frau schiebt ihn ein wenig von sich ab,<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">&ndash;&nbsp;209&nbsp;&ndash;</a></span> legt ihm beide Hände
-auf die Schultern und schaut ihn an. Kerzengerade &mdash; schlank und rank
-steht er vor ihr &mdash; auf den Lippen den Flaum eines Bärtchens &mdash; die
-Wangen rot und die Augen klar und voll Lebenslust. Eine heiße Freude
-kommt im Herzen der Großmutter auf. Also wird er doch ein Mann werden
-&mdash; kein Träumer &mdash; kein Weltverächter. Blut von ihrem Blut. Der rechte
-Sohn ihres Sohnes!</p>
-
-<p>„Siehst du, Maria, daß ich recht hatte! Ein Junge will von Männerhänden
-angefaßt sein. Ich kann dir den Vorwurf nicht ersparen. Du hättest ihn
-früher hergeben müssen &mdash; &mdash; aber schadet nichts! Das, was ich immer
-für ihn ersehnt habe, ist ja nun doch noch gekommen. Er ist auf dem
-besten Wege, ein Mann zu werden! Und wie ihn die Uniform kleidet!</p>
-
-<p>Genau wie bei seinem Vater! Zog der Zivil an, dann war er nicht
-wiederzuerkennen. Also, Junge, nun bleibst du bei der Stange! Offizier
-ist der einzig wirkliche Beruf. Und sollst mal sehen, was das für ein
-Avancement gibt, wenn der Krieg vorüber ist. Dann braucht Deutschland
-erst seine Offiziere. Und wenn du brav und schneidig bist, dann wird
-Großmutter auch ein übriges tun; dann sollst du über die Zulage nicht
-zu klagen haben!“</p>
-
-<p>Ihr Gesicht ist heiß vor Erregung; sie hält den jungen Menschen immer
-noch an beiden Schultern fest, küßt ihn wieder auf beide Wangen und
-lacht dann. „Bringt er immer so einen angenehmen Duft aus der Kaserne
-mit, Maria? Aber nun setz’ dich, mein Junge!“ Und sie zieht ihn neben
-sich aufs Sofa und bittet die Schwiegertochter: „Pack’ mal das kleinere
-der beiden Pakete aus, da ist der Kuchen drin!“</p>
-
-<p>Die Müller hat köstlichen Kuchen gebacken &mdash; dreierlei<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">&ndash;&nbsp;210&nbsp;&ndash;</a></span> Sorten. Kein
-Luxuskuchen, sondern einen echten, rechten Soldatenkuchen &mdash; kräftig
-und gewürzig, mit viel Mandeln und Zitronat, wie ihn der kleine Ernst
-immer geliebt hat.</p>
-
-<p>Die Großmutter häuft ihm den Teller voll. „Ein Soldat muß immer hungrig
-sein!“ Ihre Hände zittern, und in den Augen stehen schon wieder die
-Tränen.</p>
-
-<p>Der Sohn ihres Sohnes! &mdash; So wie dieser jetzt hier sitzt, hat sie das
-eigene Kind im Gedächtnis behalten.</p>
-
-<p>An den, der so früh dahinsiechte, der das schwere Leiden in sich trug,
-denkt sie nicht gern; alles Kranke, Traurige hat sie immer in ihrem
-ganzen Leben von sich abgeschoben.</p>
-
-<p>Das alte, junge Gesicht ist wie verklärt, während der Enkel mit Behagen
-seinen Kuchen verzehrt. Das Kind ihres Kindes! Heiße Liebe wallt in
-ihrem Herzen auf.</p>
-
-<p>Und die auf der anderen Seite neben ihr sitzt, ist die Mutter ihres
-Enkels &mdash; die Frau ihres toten Sohnes. Ach, mögen ihre Naturen
-verschieden sein, mag diese Maria ihren Kopf für sich haben, was liegt
-daran? Sie gehört ganz eng zu dem lieben, lieben Jungen da &mdash; und
-Großmutter, übermannt von den großen, guten, weichen Gefühlen, schlingt
-den einen Arm um den Enkel, den anderen um die Schwiegertochter und
-küßt den einen und küßt die andere. „Meine lieben, geliebten Kinder &mdash;
-meine guten, herzigen Kinder!“</p>
-
-<p>Der Junge fängt an zu erzählen. „Du hast einen schlechten Tag zum
-Besuch ausgewählt, Großmutter. Heut abend kann ich keinen Urlaub
-bekommen. Einfach unmöglich; ich muß im Stall bleiben!“</p>
-
-<p>Frau Hiller denkt daran, einen Besuch beim Oberleutnant zu machen und
-für den Jungen um ein paar<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">&ndash;&nbsp;211&nbsp;&ndash;</a></span> freie Stunden zu bitten. Aber davon will
-die Großmutter nichts wissen. Der Dienst geht vor und morgen ist auch
-noch ein Tag.</p>
-
-<p>Sie streichelt die braune, derbgewordene Hand des Husaren und kann sich
-nicht satt an ihm sehen. Wie frisch und lebendig er erzählt! Wie ganz
-anders als früher er in die Welt schaut &mdash; wie ihm die Augen leuchten!
-Die Rührung will ihr immer wieder aufsteigen, die Tränen rollen ganz
-von selbst aus den Augen.</p>
-
-<p>Nach einer kurzen halben Stunde springt der Junge auf; er muß hinüber
-&mdash; es ist höchste Zeit. ‚Jammerkapaun‘, der Wachtmeister, den sie so
-nennen, weil er eine komische Art zu jammern und dazu etwas von einem
-stelzenden Vogel hat, hat heute ohnehin seinen bösen Tag.</p>
-
-<p>Stramm steht er vor Großmutter &mdash; die Hacken zusammengeschlagen &mdash;
-Hände an der Hosennaht. „Bis morgen!“</p>
-
-<p>Da jauchzt ihr Herz. Mit demselben schalkhaften Zug um den Mund hat
-auch ihr Junge sie immer angesehen. Fleisch von seinem Fleisch! Geist
-von seinem Geist!</p>
-
-<p>„Geh mit Gott, mein Junge!“ Und sie umarmt ihn so inbrünstig, als
-sollte das die letzte Umarmung, die sie ihm geben kann, sein.</p>
-
-<p>Vom Fenster aus sieht sie ihm nach. Wie er elastisch dahingeht! Wie er
-den Kopf hält! O, daß sie das erleben durfte, ihn so zu sehen! Daß sie
-die Gewißheit mit nach Hause nehmen darf, daß er ein echter deutscher
-Mann und kein Träumer und Philosoph geworden ist!</p>
-
-<p>Aber damit ist auch ihre Spannkraft erschöpft. Nun fühlt sie plötzlich
-wieder, daß sie zweiundsiebzig Jahre alt ist und einen anstrengenden
-Tag hinter sich hat. Sie legt sich in eine Sofaecke; aber das ist ihr
-nicht bequem<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">&ndash;&nbsp;212&nbsp;&ndash;</a></span> genug. Sie hat das Verlangen, sich auszustrecken, und
-geht gern auf Marias Vorschlag, sich schon jetzt zu Bett zu legen, ein.
-„Alte Leute sollten wirklich nicht mehr reisen!“ seufzt sie, als sie in
-den Kissen liegt.</p>
-
-<p>Auch das Bett tut ihr nicht wohl. Sie ist ihre weichen Federbetten
-gewohnt und liegt hier auf einer steifen Matratze. „Komm, setz’ dich
-zu mir, Kind. Sprich mit mir; meine Seele ist bang geworden!“ Die alte
-Hand zittert und die Stimme klingt nicht so voll wie sonst.</p>
-
-<p>Oben schreit das kleine Kind der Trompetersfrau, und Frau Hiller
-erzählt der Großmutter die traurige Geschichte dieser Leute; erzählt,
-wie sie hinaufgegangen ist zu der armen Witwe und ihr das Schreckliche
-beigebracht hat, und erzählt weiter, daß die Frau nun schon wieder ganz
-ruhig ist, ja geradezu erstaunlich ruhig und gefaßt ist, und daß es
-sie eigentlich enttäuscht hat, daß ein so furchtbarer Schmerz so bald
-überwunden werden konnte.</p>
-
-<p>Die Großmutter denkt anders darin. „Solche Frauen brauchen wir heute,
-Kind, die sich mit dem Leben abfinden können, das ist jetzt die
-Hauptsache. Tatsachen hinnehmen und sich sagen: Vorwärts! Nur nicht
-zurückschauen &mdash; nicht grübeln &mdash; nicht ändern wollen, was nicht zu
-ändern ist. Das solltest du auch lernen, Maria!</p>
-
-<p>„Seit deinem letzten Besuch bei mir ist es mir zur Gewißheit geworden,
-daß etwas an dir nagt, daß du mir vieles verbirgst. Du trägst eine
-Liebe im Herzen, Maria, die du vor der Welt verheimlichen mußt. Ich
-weiß nicht, warum! Ich will es auch nicht wissen. Du bist alt und
-selbständig genug, um selbst über dein Leben zu verfügen; das aber
-glaube mir, solange ein Mensch sich nicht mit sich selbst im klaren
-ist, solange kann er sich auch in der Welt nicht wohl fühlen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">&ndash;&nbsp;213&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>„Du denkst von mir: die Großmutter ist eine derbe, praktische Frau, die
-mich nicht versteht. Zugegeben, Maria, daß ich derber und praktischer
-bin als du! Aber ein heißes Herz hab’ auch ich gehabt und hab’ es heute
-noch; und ich weiß auch, was es heißt, eine hoffnungslose Liebe in sich
-tragen. Keine Krankheit des Körpers kann solche Qualen verursachen, wie
-ein krankes, gemartertes Herz. Ich weiß das alles. Aber ich weiß auch,
-daß der Mensch dagegen an kann, wenn er es mit aller Kraft will.</p>
-
-<p>„Man kann sich in einen Schmerz hineinsteigern oder man kann suchen,
-eines Schmerzes Herr zu werden!</p>
-
-<p>„Man kann erwachsene Kinder haben und noch sehr jung sein. Ich bin
-um ein Menschenleben älter als du und brauchte doch auch noch einen
-Menschen, dem ich gut sein kann.</p>
-
-<p>„Eine heiße, wilde Liebe ist dazu nicht nötig. Die großen
-Leidenschaften gehören der ganz jungen Jugend. Was dir fehlt, Maria,
-das ist ein guter, lieber Gefährte, der es treu und einfach mit dir
-meint. Alles Einfache ist von Bestand. Alles, was sich zu weit von der
-Natur entfernt, ist halt- und wurzellos.</p>
-
-<p>„Sieh’ zu, daß du einfach wirst; sieh’ zu, daß du frei wirst! Und wenn
-der Junge heut oder morgen von dir fortzieht, wenn ganz dunkle Zeiten
-für dich kommen, dann denke, daß du eine Zuflucht bei der Großmutter
-hast. Dann lasse dich von deiner derben, praktischen Großmutter gesund
-machen.</p>
-
-<p>„So, und nun bin ich müd’, Kind! und will dir was sagen: Laß mich
-gleich morgen früh wieder abreisen. Den Jungen habe ich gesehen,
-und das Bild, das ich jetzt von ihm mitnehme, ist ein so liebes und
-schönes,<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">&ndash;&nbsp;214&nbsp;&ndash;</a></span> das ich in gar nichts verändert haben möchte. Und dir hab’
-ich gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, damit ist genug.</p>
-
-<p>„Großvater hat mir die Züge, mit denen ich fahren kann, genau
-aufgeschrieben; sorge du, daß ein Wagen zur Stelle ist und sei nicht
-böse, daß ich so schnell wieder abreise. Mit zweiundsiebzig Jahren kann
-der Mensch sein Heim nicht mehr lange missen! Gute Nacht, mein Kind &mdash;
-mein liebes, gutes Kind!“ Und sie küßte die Frau ihres Sohnes, als sei
-sie das eigene Kind, küßte sie wieder und wieder.</p>
-
-<p>Der kleine Hiller ist erstaunt, die Großmutter nicht mehr vorzufinden,
-als er am nächsten Mittag herüberkommt. Schadet aber nichts, denn er
-hat wieder kaum eine halbe Stunde Zeit! Am Mittag soll’s nach Magdeburg
-gehen; in Magdeburg aus der Kaserne rücken die Freiwilligen schon
-aus und brauchen Pferde. Da müssen die graugelben Husaren die ihren
-hergeben. Dreißig Mann sind kommandiert, um neunzig Pferde nach dort zu
-bringen. Sein Gesicht strahlt. Famos, daß man einmal aus der Kaserne
-herauskommt!</p>
-
-<p>Die Großmutter hat einen Schein für ihn zurückgelassen. Den steckt er
-schmunzelnd in seinen Brustbeutel, ißt hastig zu Mittag und eilt zur
-Kaserne zurück.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später reiten sie los; dreißig junge Kerle &mdash; jeder
-auf einem Pferd, einen Stock in der Hand und zwei Pferde am Halfter
-führend. Die Pferde tanzen um die Reiter herum; bei der scharfen
-Biegung um die Ecke stiegen einige von ihnen kerzengerade in die Höhe.
-Gefährlich sieht das aus, und Frau Hiller, die oben am Fenster steht,
-fühlt ihr Herz erbeben. Wie sollen die ans Ziel kommen, wenn das hier
-schon so wild angeht!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">&ndash;&nbsp;215&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Der Wachtmeister schreit sich heiser; es will keine Ordnung in den
-Zug kommen. „Teufel noch mal, seid ihr nicht Herr über die paar
-unschuldigen, eingerittenen Gäule? Und wollt bereit sein, ins Feld zu
-ziehen?“</p>
-
-<p>Die Stöcke sausen über die Rücken der widerspenstigen Tiere; die Hand,
-die die Zügel führt, wird eisern. Man wird doch drei Pferde regieren
-können! „Los!“ Und nun geht’s auf einmal.</p>
-
-<p>Der kleine Hiller nickt zum Fenster hinauf. Er hat neben dem Zügel eine
-Blume in der Hand. Eine feuerrote Rose!</p>
-
-<p>„Von wem mag er die haben?“</p>
-
-<p>Die Wachtmeistersfrau lacht vergnügt: „Von wem soll ein junger Husar
-wohl eine Blume zum Geschenk erhalten? Die Wachtmeister pflegen ihren
-Rekruten keine roten Rosen zu schenken!“</p>
-
-<p>Frau Hiller fühlt, wie ihr das Blut ins Gesicht steigt. Sie denkt an
-die Pärchen, die abends am Fluß entlang wandern; sie denkt an jenen
-Abend, an dem ihr Ernst so hart über Hipp geurteilt hat. Die rote Rose
-will nicht aus ihren Gedanken heraus. Ernst, ihr kleiner Ernst, will
-wirklich ein ganzer Mann werden.</p>
-
-<p>Darum ist sie auch so erschüttert, als sie am Abend einen Brief in der
-Hand hält, der wie mit Blut geschrieben erscheint. Darum erschauert sie
-vor sich selbst, möchte sich vor sich selbst verbergen! Gelten diese
-heißen, inbrünstigen Worte ihr, der Mutter Ernsts? Und darf sie das
-lesen, immer wieder lesen? Darf ihr Herz so heiß schlagen? Darf sie
-dieser wehen, großen Sehnsucht, die heut in ihr aufsteigt, nachgeben?</p>
-
-<p>Während dieser ganzen Monate, die sie nun hier weilt, und während deren
-ihr Junge dies harte, stramme<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">&ndash;&nbsp;216&nbsp;&ndash;</a></span> Leben in der Kaserne lebt, liegt sie im
-ewigen Kampf mit sich selbst.</p>
-
-<p>Sie will nur noch Mutter sein &mdash; sie will alt &mdash; will ruhig sein. Sie
-hat kein Recht mehr, wie die ganz Jungen zu fühlen! Aber das Herz
-rebelliert &mdash; das Herz läßt sich nicht mit Vernunftgründen zur Ruhe
-bringen.</p>
-
-<p>Wochen hat es gegeben, in denen sie glaubte, gesiegt und überwunden
-zu haben &mdash; und gerade heute, als der kleine Husar die rote Rose, das
-Pfand der ersten Liebe, in der Hand hielt, ist es wie ein Blitz durch
-sie gefahren: ‚Nun ist er an der Reihe &mdash; nun muß dein Herz still und
-alt und ruhig werden!‘</p>
-
-<p>Der Brief brennt in ihrer Hand. Der Brief sagt Dinge, die sie
-erschauern machen. Tiefer, heißer und beredter kann kein Mensch zum
-andern von einer großen, übermächtigen Liebe sprechen, als er es hier
-tut. Der Körper ist gesund und unversehrt, schreibt er, aber das Herz
-ist krank und jammert nach ihr.</p>
-
-<p>Sie steht am Fenster und lehnt den Kopf an die Scheiben. Draußen ist
-dunkle Nacht. „Ernst &mdash; Ernst!“ ruft sie.</p>
-
-<p>Sie weiß es plötzlich mit tödlicher Gewißheit, daß der, der ihr diesen
-Brief geschrieben, ihr nie ein guter, lieber Lebensgefährte werden, daß
-er ewig unzufrieden mit sich und dem Leben bleiben wird. Kein Mensch
-kann über sich selbst hinaus!</p>
-
-<p>Sie sieht wieder die rote Rose in Ernsts Hand und sieht die kalte
-Einsamkeit an sich herankriechen. Sie hat niemand &mdash; das Kind
-entgleitet ihr, und dieser Mann wird ihr nie ein stiller, treuer
-Gefährte sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">&ndash;&nbsp;217&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der nächste Tag ist ein Sonntag, der letzte des Oktobers. Die Sonne
-scheint, und es ist warm. Wehmütige Spätherbstschönheit liegt in der
-Natur.</p>
-
-<p>Ernst hat der Mutter eine lustige Karte aus einem kleinen Dorf, auf
-halbem Weg nach Magdeburg, geschrieben. Da haben sie Nachtruhe gemacht,
-und mit dem dicken Hipp hat er Unterkunft in einem Bauernhaus gefunden.
-‚Bürgerquartier &mdash; aber großartig!‘ schreibt er. In zwei Tagen werden
-sie wieder in der Altmärker Garnison sein, und dann wird er was zu
-erzählen haben.</p>
-
-<p>Vor Frau Hiller liegt der schöne, sonnenhelle Sonntag wie eine
-Ewigkeit! Sie fürchtet sich vor der Länge des stillen Tages. Sie weiß,
-daß die Gedanken sie wieder rückwärts führen werden, daß, während sie
-näht und strickt, das Leid der Vergangenheit und all die Unruhe und
-Not, die das Auf- und Niederwogen der Geschehnisse dieser großen,
-schweren Zeit in jedem Menschen erzeugt, sie überwältigen werden.</p>
-
-<p>Fräulein Else kommt zu ihr ins Zimmer. Die hat am frühen Morgen schon
-ein ganzes Tagewerk hinter sich, hat Stuben gereinigt und Stiefel
-geputzt, hat das Feuer im Herd und in den Öfen entzündet, hat das
-Frühstück bereitet und Flur und Treppen gekehrt. Nun wird sie hier
-in Frau Hillers Zimmer weiterarbeiten. Die Mutter sitzt schon seit
-Stunden in der Küche an der Maschine. Bis zum ersten November hat sie
-einen ganzen Stapel von Hemden ans Rote Kreuz abzuliefern, da muß die
-Tochter alles, was sonst die Mutter besorgt, mit verrichten. Aber heute
-soll sie einen freien Nachmittag haben. Sie sieht bleich aus, und die
-Wachtmeisterswitwe sorgt sich um das schmale, überschlanke Mädchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">&ndash;&nbsp;218&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Fräulein Else hat keine Freundin und hat keinen Liebsten in der Stadt.
-Wohin soll sie gehen? Einsame Spaziergänge sind keine Freude! Am
-liebsten pilgert sie noch zum Russenlager hinaus und schaut auf das
-große Volk von Gefangenen; dabei können die Gedanken in die weite Welt
-fliegen und dabei kann man sich tausend Geschichten zusammenreimen.</p>
-
-<p>Daß Fräulein Else kein gewöhnliches Mädchen ist, hat Frau Hiller gleich
-in den ersten Tagen ihres Hierseins gewußt. Beide &mdash; Mutter und Tochter
-&mdash; die durch die Verhältnisse, in denen sie leben, klein gehalten
-wurden, könnten ebensowohl Damen der Gesellschaft sein. Sie denken und
-urteilen tief und richtig über alles, was sie sehen und hören; und sie
-haben einen Takt, den manch einer, der Rang und Würden trägt, nicht
-besitzt.</p>
-
-<p>An diesem Sonntag, der von draußen so hell und leuchtend durch die
-Fenster blickt, und der doch so trostlos vor der Mutter des kleinen
-Husaren liegt, empfindet sie fast etwas wie Zärtlichkeit für das gute,
-liebe Mädchen, das sie bedient, und das jeden Tag von neuem besorgt
-ist, ihr das Wohnen hier in den beiden Zimmern angenehm und behaglich
-zu machen.</p>
-
-<p>Sie erinnert sich, daß Fräulein Else vor kurzem einen Wunsch geäußert
-hat. Sie hat ihr erzählt, daß sie seit Jahren nicht aus ihrer kleinen
-Heimatstadt herausgekommen ist, auch nicht in die allernächste
-Umgebung. Und möchte es doch so gern &mdash; möchte nur einmal einen
-einzigen Sonntag draußen sein! Nur einmal etwas anderes sehen als diese
-Straßen, in denen sie jedes einzelne Haus malen könnte, so genau kennt
-sie alles hier. Den ganzen Sommer über hat sie umsonst gehofft, daß ihr
-Wunsch sich erfüllen möge; nun steht der Winter<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">&ndash;&nbsp;219&nbsp;&ndash;</a></span> vor der Tür, und sie
-wird wieder auf den nächsten Sommer hoffen müssen.</p>
-
-<p>Frau Hiller steht auf und geht zu Else hin. „Die Sonne scheint so schön
-&mdash; vielleicht zum letztenmal in diesem Jahr! Haben Sie Lust, mit mir zu
-wandern, Fräulein Else?“</p>
-
-<p>Sie wird rot vor verlegener Freude. „Wenn die Mutter es erlaubt,“ sagt
-sie leise, und sie gehen zusammen zur Wachtmeistersfrau in die Küche,
-die gern die Erlaubnis gibt.</p>
-
-<p>„Wenn Sie schon aus der Stadt heraus wollen, dann sollten Sie sich
-Tangermünde ansehen, gnädige Frau. Das muß man gesehen haben, wenn man
-so lange in der Altmark gewesen ist.“</p>
-
-<p>Als Fräulein Else neben Frau Hiller zum Bahnhof geht, unterscheidet sie
-sich in nichts von einem jungen Mädchen aus besten Kreisen. Ihr Gesicht
-ist leicht gerötet und sieht sehr lieblich aus &mdash; vielleicht ein wenig
-zu schmal. Ihre Stimme ist klangvoll, und ihre Bewegungen sind ruhig
-und fein. Sie gehen den Weg am Fluß entlang, an dem die Liebespärchen
-bei Dunkelheit zu wandern pflegen.</p>
-
-<p>In der Stadt selbst ist es sehr lebendig. Auf den freien Plätzen werden
-die Infanteristen einexerziert; ein Zug Husaren, der zum Pferdekommando
-nach der Mark gekommen ist, marschiert singend an ihnen vorüber. Am
-Bahnhof werden durchziehende Truppen gespeist, und ein Samariterzug ist
-gerade eingelaufen.</p>
-
-<p>Es ist sehr kriegerisch geworden in der kleinen Altmärker Stadt; auf
-freien Feldern werden Infanteriesignale geübt, und überall steht der
-Landsturm als Wache.<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">&ndash;&nbsp;220&nbsp;&ndash;</a></span> Seit die Russen hier angekommen sind, ist der
-ganze Ort zu einem großen Kriegslager geworden.</p>
-
-<p>Nach Tangermünde führt eine Kleinbahn, die klingelnd durch die stille
-Altmärker Landschaft fährt. Noch sind die Weiden grün, und das schöne,
-kräftige Vieh grast in großen Scharen darauf. Der strickende Hirt mit
-der Schafherde zieht seine Straße hin, und sonntäglich gekleidete
-Frauen und Kinder sieht man vor den Häuschen der Dörfer, durch die man
-fährt.</p>
-
-<p>Je weiter man sich von der Garnisonstadt entfernt, um so schöner und
-stiller wird es: Keine Uniformen mehr &mdash; keine laute Musik &mdash; keine
-militärischen Kommandos &mdash; Eine leise, süße Friedensahnung zieht durch
-die Seele.</p>
-
-<p>Frau Hiller hat viel von Tangermünde reden hören; sie weiß, daß die
-Leute aus den umliegenden Städten am Sonntag hier gern herauspilgern,
-und daß es schöne, altertümliche Bauten in Tangermünde gibt. Da
-sie schon so viel von der Welt gesehen hat, ist nie der Wunsch in
-ihr aufgekommen, gerade dieses Städtchen kennen zu lernen. Von dem
-Augenblick an aber, da sie aus dem Bahnhof herausgetreten sind,
-fühlt sie ihre Seele ganz eigentümlich berührt. Ihr ist, während sie
-neben dem lieben Mädchen dahingeht, als sei sie in eine andere Welt
-eingetreten. Etwas Fremdes, Neues und doch schon Vertrautes empfängt
-sie.</p>
-
-<p>Sie geht durch die Straßen mit ihren kleinen, niederen Häusern und hat
-das Gefühl, ein Stück Mittelalter zu erleben. Die vorragenden Giebel,
-die Inschriften in den Türen, die niederen, von rotem, herbstlichem
-Wein umrankten Fenster, all das wirkt so seltsam auf sie. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">&ndash;&nbsp;221&nbsp;&ndash;</a></span>
-Sonntagsstimmung, wie man sie in anderen Städten nie verspürt; Ruhe und
-Frieden überall!</p>
-
-<p>Die Menschen hier haben Gesichter, als wäre noch kein Wort vom Krieg
-bis zu ihnen hingekommen, alles geht behaglich, bürgerlich, wundervoll
-zufrieden daher.</p>
-
-<p>Die engen Straßen steigen an und fallen ab, und herbstliche Gärten
-liegen vor und hinter den Häusern. An den Kaufläden sind die Fenster
-verhangen, und auf der Einfassung eines Brunnens sitzen halbflügge
-Mädchen still und feierlich in schwarzen Kleidern. Sie sind am Morgen
-eingesegnet worden &mdash; die ganze Stadt sieht aus, als wäre sie am Morgen
-eingesegnet worden.</p>
-
-<p>Die beiden Frauen sprechen kaum miteinander, weil sie beide von etwas
-Gutem, Großem, Geheimnisvollem ergriffen sind. Sie gehen planlos durch
-die Straßen, so wie man zuerst durch einen fremden Ort zu gehen pflegt.</p>
-
-<p>Am Markt liegt das Rathaus, ein uralter Bau, hoch und imposant gegen
-all die kleinen, niederen Häuser rund umher, und dahinter das große,
-schwere Tor, das die Stadt abschließt. Die Sonne leuchtet, und kein
-Lüftchen weht. Die Natur will sterben und will vor ihrem Heimgang
-noch einmal auferstehen, will noch einmal alle Schönheit, die ihr zur
-Verfügung steht, zusammenraffen. Es ist eine traurige, stille, wonnige
-Herbstschönheit!</p>
-
-<p>In einer engen Straße liegt ein Gasthof, der den Namen ‚Zur Königin
-Luise‘ trägt. Ausgetretene Steinstufen führen zum Flur hinauf, und die
-Sonne läßt die Inschrift an der Tür aufblitzen. Hier hat einst die
-Königin Luise eine Nacht verbracht &mdash; eine traurige Nacht &mdash; sagt man.</p>
-
-<p>Es klingt so wundervoll mit dem Charakter dieses<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">&ndash;&nbsp;222&nbsp;&ndash;</a></span> kleinen Städtchens
-zusammen, daß gerade diese Frau hier geweilt, hier gelitten hat.
-Man kann es sich so gut vorstellen, wie sie hier durch die stillen
-Straßen geschwebt ist. Wie sie im altväterischen kleinen Gasthof in
-irgendeinem der niederen Stübchen gedacht und gelitten haben mag. Kein
-Name in der Welt hätte sich harmonischer in das Bild, das diese kleine,
-weltvergessene Stadt heute bietet, eingefügt, als der dieser zarten,
-guten und doch starken Fürstin.</p>
-
-<p>Frau Hiller und Fräulein Else sind von einem unbekannten Hochgefühl
-getragen; sie sitzen im kleinen Speisesaal und nehmen ein einfaches
-Essen. Von draußen lacht die Sonne herein, läßt die Bilder an den
-Wänden plastisch hervortreten und spiegelt sich am Fußboden. Frau
-Hiller hat das Gefühl: ‚Wenn du einmal ganz zerrissen, ganz krank und
-elend bist, dann möchtest du in diesem lieben Haus, in dieser kleinen
-Stadt Zuflucht suchen!‘</p>
-
-<p>Die beiden fühlen sich so wohl und behaglich in dem kleinen, uralten
-Gasthof, daß sie sich gar nicht davon trennen möchten. Aber sie haben
-ja das Eigentliche, weswegen sie hergekommen sind, noch nicht gesehen,
-und Fräulein Else drängt zum Aufbruch. Die Tage sind kurz, und die
-Sonne hat in dieser vorgerückten Herbstzeit früh ihre Bahn vollendet.</p>
-
-<p>Langsam wandern sie aus der Stadt hinaus, und eine mit Kastanienbäumen
-bepflanzte Allee führt sie zum Schloß hinauf. Das Laub ist gelb und
-dunkelrot, aber es bildet ein fast noch lückenloses Dach, wiewohl der
-Fuß durch raschelnde Blätter schreitet. Die Luft ist rein und abgeklärt
-und regt zum Sinnen an.</p>
-
-<p>Ach, die Natur ist wie der Mensch &mdash; der Frühling ist die schwere,
-sehnsuchtsvolle, ungebärdige Jugend; der<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">&ndash;&nbsp;223&nbsp;&ndash;</a></span> heiße Sommer ist der reif
-gewordene Mensch, der ebensowohl jauchzen wie tief leiden kann, und der
-Herbst ist das herannahende Alter, das die Stürme überwunden hat, das
-rein und still und klar geworden ist. Aber die meisten Menschen wollen,
-solange sie jung sind, nichts vom Alter wissen, die meisten Menschen
-wollen länger, als die Natur es vorgeschrieben hat, in der Jugend
-verharren.</p>
-
-<p>Warum nur?</p>
-
-<p>Nein, die Jugend ist nicht das Schönste und Begehrenswerteste. &mdash;
-Jugend bedeutet für den tiefen und ernsten Menschen oft nur Leiden.
-Jugend bedeutet oft nur Sturm. Erst wenn man aus der Ferne auf sie
-zurückschaut, wird auch die Jugend schön und gut und harmonisch.</p>
-
-<p>In jedem Jahr geht es Frau Hiller so. Erlebt sie den Frühling mit
-seinem Stürmen und Brausen, so wirft er sie nieder &mdash; schaut sie aber,
-wie heute, aus einem stillen, abgeklärten Herbsttag auf die wilde
-Auferstehungszeit in der Natur zurück, so hat sie die Angst und Not
-jener Tage vergessen, und nur das Jauchzende, Herzerfreuende ist in
-ihrer Erinnerung geblieben.</p>
-
-<p>Der Weg führt sie bergan; und aus der Allee ist allmählich ein Park
-geworden. Ein Farbenrausch vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braunrot
-umgibt sie, und die Sonne leuchtet darüber. &mdash; Die Sonne ist wie ein
-mildes, segnendes Antlitz, aus dem tiefer, stiller Friede ausstrahlt.
-‚Ist es wahr,‘ muß Frau Hiller denken, ‚ist es wahr, daß Krieg in der
-Welt ist?‘ Unbegreiflich will ihr das hier erscheinen &mdash; unausdenkbar!</p>
-
-<p>Je weiter sie gehen, um so herrlicher wird es; man wandelt wie durch
-einen wundervollen Saal: das<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">&ndash;&nbsp;224&nbsp;&ndash;</a></span> raschelnde Laub ist der Teppich &mdash; die
-Kronen der Bäume sind die Decke, und die Sonne ist der große, gewaltige
-Kronleuchter, der ein fast magisches Licht verbreitet. Sie gehen
-langsam; sie gehen, wie wenn sie durch eine Kirche schreiten. O stille,
-schöne, geweihte Welt!</p>
-
-<p>Dann sind sie plötzlich an einer großen, weißen Terrasse angekommen;
-zwei Denkmäler aus der Zeit der Kurfürsten erheben sich da. Und der
-Kopf geht so willig auch in diese Vergangenheit mit. Man ist ja ohnehin
-schon längst aus der Gegenwart heraus; man hat vorhin mit der Königin
-Luise gelebt, nun geht man ein Stückchen weiter zurück und lebt mit
-den Kurfürsten. Hat man wirklich nur durch Bücher und Schulstunden
-etwas von der Kurfürstenzeit gehört? &mdash; Oder hat man da schon gelebt?
-Man kennt doch diese Gestalten, die da oben in Stein gehauen stehen,
-so genau, man hat sie doch von Angesicht zu Angesicht gesehen, hat sie
-sprechen hören!</p>
-
-<p>Gibt es nicht Stunden, in denen der Mensch es nicht begreifen will, daß
-er nicht von Anbeginn der Welt an gelebt hat? Daß er nicht alles, was
-je in der Welt vor sich gegangen ist, mit eigenen Augen geschaut, mit
-leiblichen Ohren gehört haben soll? Stunden, in denen man es gar nicht
-fassen will, daß jedem Menschen nur eine kurz bemessene Frist zum Leben
-gegeben ist, und daß alles, was er von der Vergangenheit weiß, nur
-gelernt, nur durch Bücher oder Erzählungen übermittelt worden ist!</p>
-
-<p>Frau Hiller schaut wie gebannt zu den Denkmälern hinauf, bis plötzlich
-andere Menschen aus dem Weg, aus dem sie gekommen sind, auftauchen,
-miteinander sprechen und sie aus ihren tiefen Sinnen aufrütteln.</p>
-
-<p>Sie wendet sich Fräulein Else zu, geht ein Stück weiter durchs
-raschelnde Laub und sieht dann etwas, was<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">&ndash;&nbsp;225&nbsp;&ndash;</a></span> sie mit Staunen und Jubel
-erfüllt. Die Elbe sieht sie, die wie ein silbernes Band durch die
-stille Landschaft fließt. Kähne und Flöße ziehen ihren Weg dahin;
-eine Fähre führt zum gegenüberliegenden Ufer, und der Blick schweift
-weit &mdash; schweift in Unendlichkeiten, wie überall in diesem flachen,
-altmärkischen Land, das so viel feine Reize besitzt.</p>
-
-<p>Im Gasthof ‚Zur Königin Luise‘ hat man ihnen geraten, über die Elbe
-zu fahren und zum Dorf Fischbeck zu gehen. Das ist der Lieblingsort
-der Tangermünder, zu dem sie an schönen Sonntagen in großen Scharen
-wallfahrten. Auch heute drängen sie sich unten an die Fähre, und die
-paar Bänke, die an beiden Seiten des Fahrzeuges angebracht sind, sind
-schnell gefüllt. Frau Hiller und Fräulein Else müssen froh sein, noch
-ein bescheidenes Plätzchen unter all den Menschen zu finden. Sie
-gleiten über das stille Wasser und schauen weit dem Flüßchen nach, das
-hier so klein und bescheiden noch ist und weiter unten zu so gewaltigem
-Strome anschwillt. Immer noch leuchtet die Sonne, immer noch streicht
-die Luft mild und leis ums Gesicht.</p>
-
-<p>Am anderen Ufer verteilen sich die Menschen und beeilen sich, um
-zu ihrem Kaffee zu kommen. Fräulein Else aber bleibt stehen und
-stößt einen Schrei des Entzückens aus, denn sie sieht das herrliche
-Bild, das vor ihr liegt, und ist wie benommen. Tangermünde, vom
-gegenüberliegenden Ufer aus gesehen, mit seinem Schloß, seinen
-Denkmälern und Kirchtürmen! Tangermünde in letzter Herbstschönheit, von
-leuchtender Sonne übergossen! Der Anblick hat etwas Ergreifendes, etwas
-Hohes; er trägt über das armselige Leben mit seinen Leiden und Nöten
-hinweg. &mdash; Trotzig wie eine Feste liegt dieses wundersame<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">&ndash;&nbsp;226&nbsp;&ndash;</a></span> Bild da, und
-doch so mild, so voll überwältigender Schönheit.</p>
-
-<p>Frau Hiller, die viel Großes und Wunderbares in der weiten Welt gesehen
-hat, kann den Jubel des armen Mädchens, das nie aus seinem Heimatsort
-herauskam, wohl begreifen. Auch ihr ist es, als habe sie nie in
-tiefere, ergreifendere Schönheit geblickt als an diesem Tage.</p>
-
-<p>Sie können sich gar nicht entschließen, ins Dorf hineinzugehen; sie
-wollen keine Menschen sehen, wollen allein hier am Ufer weilen und das
-glitzernde Wasser und die alte, schöne Stadt mit Schloß und Türmen vor
-sich haben.</p>
-
-<p>Fräulein Else sagt mit leiser, zitternder Stimme: „Nun werde ich für
-Wochen zufrieden und glücklich sein! Nun habe ich etwas, woran ich
-denken kann, wenn ich traurig bin!“</p>
-
-<p>Dieses Mädchen ist sechsundzwanzig Jahre alt und ist nie aus dem
-Heimatort, nie von der Mutter fortgekommen. Eine zarte, empfindsame
-Seele hat sie und ist einsam, immer einsam gewesen, wird vielleicht
-immer einsam bleiben müssen, und fügt sich so still darein, ist nie
-verbittert, nie unwillig! Frau Hiller hat oft das Gefühl, als müßte sie
-sich vor der Größe dieses Mädchens neigen.</p>
-
-<p>Sie gehen dann doch ins Dorf. Fräulein Else sieht so blaß aus und hat
-sich vielleicht auf den Kaffee gefreut. Im warmen Gastzimmer sitzen sie
-unter vielen lebhaften Menschen, und da fällt auch manches Wort vom
-Krieg; aber man vergißt es sogleich, wenn man wieder draußen ist.</p>
-
-<p>Die beiden wandern auf einsamen Feldwegen zur Stadt zurück; die
-Dämmerung zieht nieder, und man spürt nun doch, daß es Herbst ist. Die
-Luft ist kühl geworden &mdash; der Himmel wölbt sich blau und klar, Sterne<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">&ndash;&nbsp;227&nbsp;&ndash;</a></span>
-leuchten auf, und eine blasse Mondsichel zieht ihre Bahn dahin.</p>
-
-<p>Als sie wieder am Ufer der Elbe stehen, ist es dunkel geworden.
-Tangermünde hebt sich in schwarzen Umrissen vom Himmel ab &mdash; viel
-ernster und schwerer als zuvor in der Sonne. Ein Schiffer bietet seinen
-Kahn an und bringt sie hinüber. Und sie wandern wieder durch die engen
-Gassen und sind wieder in Schweigen versunken.</p>
-
-<p>Wozu reden, wenn jeder über so vieles, was in ihm vorgeht,
-hinwegzukommen hat? Wozu reden, wenn so Schönes und Großes in die Seele
-gedrungen ist?</p>
-
-<p>Sie haben ein Stück tiefen Friedens mitten im Krieg genossen &mdash; letzte,
-wonnige Herbstschönheit hat sich ihnen offenbart. Wenn der Winter sehr
-dunkel und trostlos sein wird, haben sie eine Zuflucht, indem sie an
-diesen Tag voll friedlicher Schönheit zurückdenken.</p>
-
-<p>Die Seele ist stärker und ruhiger geworden, und man hat wenigstens
-nicht für Stunden das quälende Gefühl gehabt, daß alles, was in der
-Welt fest sein sollte, ins Schwanken geraten ist.</p>
-
-<p>Die Natur hat ihre reine, starke Sprache geredet; man sagt sich:
-‚Sollte der Krieg wirklich alles Äußere nehmen, sollten wir in Armut
-und Elend geworfen werden, aber Gott läßt uns die Fähigkeit, die
-Schönheit seiner Natur in uns aufzunehmen, so können wir nie ganz in
-Finsternis geraten, nie ganz in Verzweiflung versinken!‘</p>
-
-<p>Es ist Nacht geworden, als sie am Bahnhof ihrer Garnisonstadt
-angelangt sind. Ein Verwundetentransport ist angekommen, und die
-Beamten vom Roten Kreuz sind in eifriger Tätigkeit. Ein paar Bahren
-werden herangetragen, denn der Zug soll weitergehen, und nur die<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">&ndash;&nbsp;228&nbsp;&ndash;</a></span>
-hoffnungslos Daliegenden werden hier im Bahnhofslazarett untergebracht.
-Die freigewordenen Seelen der beiden fühlen, wie etwas vom alten Druck
-wieder in sie hineinwill.</p>
-
-<p>Drin in der Stadt ist reges Leben. Urlaubstag! Die Straßen sind voll
-von Uniformen aller Art. Die Pferdebahn rasselt mit Glockengeläut und
-Peitschenknall ihren Weg; es wird gesungen und gelacht.</p>
-
-<p>Fräulein Else hatte geraten, die weite Strecke bis zur Kaserne nicht
-zwischen den stillen Feldern zurückzulegen, sondern durch die belebte
-Stadt zu gehen; auf den Feldern kann man Betrunkenen begegnen oder
-sonst etwas Unangenehmes erleben. So folgen sie dem großen, lauten
-Treiben bis zum dunklen Tor hin, aber da biegen sie, ohne sich weiter
-darüber zu verständigen, doch in die einsame Kastanienallee ein, von
-der aus man zum stillen, poetischen Flußweg kommt.</p>
-
-<p>Sie wollen in ihrer guten Stimmung bleiben. Mag morgen kommen, was will
-&mdash; heute wollen sie in dem Wahn bleiben, daß die Welt voll Schönheit
-und Frieden ist. Die Pärchen, die in großer Zahl herumwandeln, stören
-sie nicht; im Gegenteil, so ein Stück lieber Romantik paßt zu dem, was
-der schöne, ernste Tag ihnen gebracht hat.</p>
-
-<p>Mag die Welt voll Zorn und Wut und Haß sein &mdash; solange es noch Herzen
-gibt, die in Zärtlichkeit und Liebe zueinander hindrängen, solange ist
-das Gute im Menschen noch nicht ausgetilgt, solange ist die Hoffnung,
-daß eine große Versöhnung, ein wahrer, echter Friede dem wilden Hader
-folgen wird, noch nicht verloren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">&ndash;&nbsp;229&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der kleine Hiller hat Hauptwache. Das Gewehr über der Schulter,
-die hohe Pelzmütze auf dem Kopf, mit einem aus der Kleiderkammer
-gelieferten Militärmantel, der bis zur Erde reicht, angetan, wandert er
-vor dem Schilderhaus auf und nieder.</p>
-
-<p>Es ist noch kein Jahr her, daß Frau Hiller die letzten Bleisoldaten,
-das letzte Schilderhaus ihres Jungen an die Kinder des Portiers
-geschenkt hat. Natürlich hat er seit seinem vierzehnten Jahr die
-Soldaten nicht mehr angerührt, aber er hatte sich doch auch nicht
-entschließen können, sie herzugeben. Nun, da sie ihn selbst als Soldat
-vor der Kaserne auf und nieder wandern sieht, muß sie sich an die Stirn
-fassen. Ist alles, was sie jetzt erlebt, Wahrheit, oder ist es nur
-ein Spiel? Ist das ihr Junge aus Fleisch und Blut, der da hin und her
-wandert, oder ist es ein Bleisoldat?</p>
-
-<p>Sie sitzt am Fenster, von der Gardine verborgen, und schaut auf ihn
-hin. Er darf nicht wissen, daß sie am Fenster sitzt, denn er will
-nicht, daß seine Kameraden viel von der Mutter sehen oder hören. Sein
-Gesicht ist ernst, und in dem langen, weiten Mantel sieht er sehr
-männlich aus. Kommt ein Vorgesetzter vorbei, dann salutiert er, und
-will eine Zivilperson in die Kaserne, so hält er sie an. Der kleine,
-weiche Ernst hat das Recht, Menschen anzuhalten und abzuweisen. Das ist
-für die Mutter ein so seltsames Gefühl &mdash; das kann sie noch gar nicht
-fassen. Und dies hier ist doch nur ein ganz kleines, ganz unbedeutendes
-Vorspiel für das, was kommen soll &mdash; was in allernächster Zeit schon
-kommen kann.</p>
-
-<p>Solch ein Kind geht mit gegen Deutschlands Feinde. So ein weicher Junge
-wird vielleicht Menschen erschießen, wird die Lanze in Feindes Brust
-bohren, wird hungern<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">&ndash;&nbsp;230&nbsp;&ndash;</a></span> und frieren und wird vielleicht eines Tages
-irgendwo in einem Winkel liegen: verwundet, elend, vom bittersten
-Heimweh geplagt <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Sie darf sich das nicht ausdenken &mdash; es ist ihr, als müsse sie den
-Verstand darüber verlieren. Tausend Messer wühlen in ihrem Herzen, und
-das Blut weicht vom Gehirn <span class="nowrap">zurück. &mdash;</span></p>
-
-<p>Ach, groß sein können! Stark sein können! Sich sagen: ‚Mag kommen, was
-will! Stirbt er, so stirbt er fürs Vaterland! Leidet er Hunger und
-Durst und andere Schmerzen, so leidet er sie fürs Vaterland!‘</p>
-
-<p>Aber sie ist klein &mdash; sie ist schwach! Ihr Herz blutet aus unzähligen
-Wunden. Sie hat es früher nicht gewußt, daß sie den Jungen so
-verzehrend, so tierisch liebt, daß es Tage gibt, an denen die ganze,
-heilige Mission, die er zu verrichten hat, ihr klein erscheint gegen
-das ungeheure Opfer, das sie zu bringen gezwungen ist!</p>
-
-<p>Alle zwei Stunden erhält der Posten seine Ablösung. Dann kann er in
-die warme Wachtstube gehen und sich vom Kalfaktor etwas zu essen und
-trinken besorgen lassen. In der Wachtstube ist es sehr gemütlich, hat
-er ihr erzählt. Wenn sie einen netten Unteroffizier haben, klopfen
-sie Karten oder spielen Würfel; sie lesen und schlafen und essen und
-trinken.</p>
-
-<p>Es ist wirklich tadellos; gar kein Grund zum Bedauern oder Mitleid
-ist da. Die Mutter versucht ihren Gedanken eine heiterere Richtung zu
-geben, aber es gelingt ihr nicht <span class="nowrap">recht. &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Um die Kaffeezeit kommt die Wachtmeisterswitwe in Hut und Mantel und
-sagt: „Ich gehe zur Russenbeerdigung, gnädige Frau. Heute sollen doch
-die vier Russen,<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">&ndash;&nbsp;231&nbsp;&ndash;</a></span> die hier gestorben sind, beigesetzt werden. Kommen
-Sie mit? So etwas sieht man vielleicht nur einmal im Leben.“</p>
-
-<p>Frau Hiller ist ihrer guten Wirtin für diese Ablenkung dankbar. Sie
-legt ihr Strickzeug hin und kleidet sich zum Ausgehen an. Draußen weht
-ein scharfer, kalter Wind, der Himmel ist grau verhangen. Richtige
-Novemberstimmung!</p>
-
-<p>Die vier Russen, die hier ihren Wunden erlegen sind, sollen ein
-gemeinsames Grab bekommen und mit allen militärischen Ehren zur letzten
-Ruhe getragen werden. Unzählige aus der kleinen Garnison wandern
-hinaus, um sich dies Schauspiel anzusehen.</p>
-
-<p>Die Wachtmeisterswitwe hat die Hemden fürs Rote Kreuz abgeliefert und
-kann sich einmal ein paar freie Stunden gönnen. Sie hat noch gar nichts
-von den Russen gesehen, und da alle Welt vom Gefangenenlager spricht,
-schämt sie sich fast, daß sie noch keine Ahnung hat, wie es da draußen
-aussieht.</p>
-
-<p>Aber für weichherzige Menschen ist es an solchem grauen Tag
-keine Freude, da hinauszupilgern. Der Anblick des doppelten
-Stacheldrahtverhaues hat etwas Erschütterndes &mdash; die grauen Massen,
-die auf und nieder wogen, der schwere Himmel, der kalte, rauhe
-Novemberwind, all das wirkt so unsäglich beklemmend und niederdrückend.</p>
-
-<p>Die Wachtmeistersfrau ist nebenbei auch noch enttäuscht, denn man
-bekommt gar keinen richtigen Eindruck von dem Ganzen. Man darf jetzt
-nur noch von einer ziemlich beträchtlichen Entfernung aus das Lager
-überblicken und sieht nichts anderes als eine gewaltige, wogende, graue
-Masse. Der einzelne Mensch ist gar nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">&ndash;&nbsp;232&nbsp;&ndash;</a></span> zu unterscheiden. Stumm und
-feierlich zieht in einer Entfernung von je zwanzig Metern die große
-Zahl der Wachthabenden rings ums Lager her.</p>
-
-<p>Nein, sie wollen hier nicht lange verweilen &mdash; sie wollen sich den
-grauen, schwermütigen Tag nicht noch düsterer machen. Aber die
-Russenbeerdigung will sich die Wachtmeistersfrau nicht entgehen lassen.
-Man hat nun einmal zu diesem Zweck den weiten Weg hierher gemacht und
-kann doch nicht unverrichteter Sache wieder nach Hause gehen.</p>
-
-<p>An der Stelle, an der die vier Toten beigesetzt werden sollen, hat
-sich schon eine Menschenmenge gesammelt, und man kann nur noch mit
-Mühe ein Plätzchen erobern, von dem aus man einen freien Ausblick
-hat. Eine große Gruft ist aufgeschaufelt, denn die vier Särge sollen
-nebeneinander Platz finden. Viele von den Menschen stehen da, als
-warteten sie auf etwas Freudiges, Sensationelles. Die wenigen
-Offiziere, die noch in der Garnison sind, kommen angefahren. Eine
-Anzahl Husaren und Infanteristen rücken heran, und von der Richtung des
-Lagers wird ein Zug sichtbar. Russen in ihren lehmgrauen Mänteln tragen
-ihre toten Brüder.</p>
-
-<p>Nun sieht man doch einmal, wie der entsetzliche Feind, der Deutschland
-vernichten will, der schon ein Stück von Deutschland mit Mord und Brand
-heimgesucht hat, aussieht! &mdash; Aber der Feind, der da mit den Särgen
-anrückt, sieht nicht wild und furchtbar aus. Trauer malt sich auf den
-Gesichtern, die Köpfe sind geneigt und ernst und würdevoll verrichten
-sie ihr düsteres Geschäft.</p>
-
-<p>Der Militärgeistliche, der so wundervoll zu reden versteht, der den
-jungen Freiwilligen im Dom den Fahneneid abgenommen hat, tritt an die
-Särge heran und breitet<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">&ndash;&nbsp;233&nbsp;&ndash;</a></span> die Hand zum Segen, spricht ein Gebet &mdash; und
-drückt den Trägern die Hand. Die Särge werden in die Gruft versenkt,
-und der junge Russe, dessen Bruder sich unter den Toten befindet,
-schluchzt auf; die anderen stehen mit finsteren, undurchdringlichen
-Gesichtern.</p>
-
-<p>Der Pfarrer hält eine kurze, herzliche Rede. Er spricht das aus, was
-wohl jeder, der hier am großen Grabe steht, in diesen Augenblicken
-empfinden mag. „Ob Freund, ob Feind,“ sagt er, „der Tod macht uns alle
-gleich. Über den Tod hinaus gibt es keine Feindschaft. Die hier liegen,
-haben ihrem Vaterlande ebenso treu und redlich gedient, wie jeder von
-den Unseren das tut. Sie haben ihre Heimat nicht wiedergesehen, sie
-haben Schweres gelitten und den Tod im Felde gefunden. Darum Ehre ihrem
-Andenken! Gott mag ihnen lohnen, was sie für ihr Vaterland getan haben!“</p>
-
-<p>Tiefe Stille. &mdash; Die Russen sind ergriffen. Vielleicht sind sie alle
-der deutschen Sprache mächtig und haben verstanden, was der Geistliche
-ihren toten Brüdern sagte. Vielleicht auch haben sie nur aus Stimme und
-Gebärde entnommen, daß hier gute, freundliche Worte gesprochen wurden.
-Sie werfen ihren gefallenen Kameraden ein paar Schaufeln Erde nach und
-falten die Hände zum Gebet. Dann aber sind sie wieder Deutschlands
-Gefangene und werden von zwei Posten mit geladenem Karabiner zum Lager
-zurückgeleitet. Die Menge zerstreut sich. Man hat etwas gesehen, was
-man nicht oft im Leben sieht &mdash; man hat gesehen, daß auch der Feind
-ein fühlender Mensch ist, und diejenigen, die einen Mann, einen Sohn
-oder Bruder fern im Osten stehen haben, werden vielleicht einen kleinen
-Trost mit nach Hause nehmen. Wenn der Feind hört, wie wir seine
-Gefangenen halten, seine<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">&ndash;&nbsp;234&nbsp;&ndash;</a></span> Toten ehren, wird auch er gegen die Unsrigen
-nicht ganz barbarisch sein!</p>
-
-<p>Der Regen rauscht stärker, und bis zur Kaserne ist ein gutes Stück Weg;
-da tut man besser, man geht durchs Tor in die Stadt hinein und wartet
-irgendwo bei einer Tasse Kaffee, ob das Wetter nicht freundlicher
-werden will, denn man ist schon jetzt durchnäßt und durchfroren.</p>
-
-<p>Die Wachtmeisterswitwe ist von der Wirtin vom Schützenhaus angesprochen
-worden, und die bittet sie, sich doch das Lazarett, das in ihren
-Gasträumen eingerichtet worden ist, anzuschauen. Heut und morgen
-kann man es noch sehen, in drei Tagen aber sollen schon die ersten
-Verwundeten eintreffen. Sie bittet auch Frau Hiller mitzukommen, und
-die willigt gern ein. Die beiden Frauen nehmen sie in ihre Mitte, und
-wie sie so zwischen den zwei guten, freundlichen Bürgerinnen dieser
-Altmärker Garnison dahinwandert, ist ihr ganz traut und heimatlich
-zumute. In Berlin bleibt man immer fremd, und wenn man zwanzig Jahre da
-wohnt; hier im kleinen Ort aber schlägt man schnell Wurzel und fühlt
-sich wohl.</p>
-
-<p>Der große Tanzsaal des Schützenhauses ist zum Lazarett eingerichtet
-worden. Weißgestrichene Betten mit weißen Decken und Kissen stehen in
-langen Reihen da; weiche, helle Teppiche bedecken den Fußboden, auf
-kleinen Tischen stehen Vasen mit gelben Herbstblumen, und die drei
-Frauen schreiten auf Zehenspitzen zwischen den weißen Betten einher.
-Es ist schön und fromm und feierlich in diesen stillen, hohen Räumen;
-man möchte weinen &mdash; man möchte beten. Hier werden sie nun ruhen und
-genesen nach all dem Schrecklichen, was sie sehen mußten! Hier werden
-die armen Körper heilen und die wunden Seelen wieder Ruhe und Frieden
-finden!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">&ndash;&nbsp;235&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Von draußen schlägt der Regen an die Fenster &mdash; draußen toben die
-ersten, ganz wilden Novemberstürme; aber die, die in zwei oder drei
-Tagen in diesen weißen Betten liegen sollen, werden von Liebe, Güte und
-Herzenswärme umgeben sein, und die Stürme, die da draußen tosen, können
-ihnen nichts mehr anhaben.</p>
-
-<p>Die Wachtmeisterswitwe hat Tränen in den Augen; sie fühlt sich bedrückt
-und verängstigt, wiewohl sie keinen hat, der ihr nahesteht, und der ins
-Feld hinausmußte. Sie denkt an alle, und sie leidet für alle, und das,
-was sie am heutigen Tage von Kummer und Herzeleid gesehen hat, ist fast
-zu viel für sie. Da ist es wirklich besser, man sitzt still zu Hause an
-der Maschine und näht die Hemden fürs Rote Kreuz.</p>
-
-<p>Sie bleiben dann noch eine Weile in dem vorderen Gastzimmer und trinken
-Kaffee, den die Schützenwirtin ihnen bringt. Sie wollen warten, ob sich
-das Wetter nicht ändern will; aber je länger sie sitzen, um so wilder
-toben die Stürme, und um so prasselnder fällt der Regen nieder.</p>
-
-<p>Es nützt also nichts; ewig kann man nicht bleiben, und man stirbt ja
-auch nicht gleich, wenn man eine halbe Stunde durch Wind und Regen
-läuft. Man braucht nur an die Armen, die Tage und Nächte draußen in den
-Schützengräben, in Sturm und Unwetter ausharren müssen, zu denken, dann
-wird alles, was sonst als schwer und unerträglich empfunden wird, auf
-einmal ganz leicht.</p>
-
-<p>Als sie an der Kaserne angelangt sind, machen sie einen Augenblick Halt
-und schauen in die erhellte Wachtstube hinein. Der kleine Hiller sitzt
-mit seinen Kameraden am Tisch und verzehrt sein Abendbrot. Er hat jetzt
-ein<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">&ndash;&nbsp;236&nbsp;&ndash;</a></span> paar Stunden der Ruhe, aber in der Nacht muß er wieder zur Stelle
-sein.</p>
-
-<p>Frau Hiller ist an diesem Abend gezwungen, bei den Wachtmeistersleuten
-in der Küche zu bleiben, denn Fräulein Else hat nirgendwo auch nur ein
-halbes Liter Petroleum aufbringen können. So hat man in der ganzen
-Wohnung nur eine einzige gefüllte Lampe, und die steht auf dem runden
-Tisch in der Küche vor dem braunroten Sofa.</p>
-
-<p>Fräulein Else hat Tee gekocht und Butterbrötchen bereitet; in der
-Grude schmoren Äpfel, und die Herdtür steht offen und läßt die Glut
-der Kohlen herausleuchten. Auch der junge Arzt ist gekommen und lehnt
-schon behaglich in einer Sofaecke. Nach dem Essen sitzen die drei
-Frauen strickend da, und um neun Uhr kommt noch ein Fahnenjunker, der
-vor dem Krieg ein paar Monate bei den Wachtmeistersleuten gewohnt
-hat. Er ist schon im Feld gewesen und als Leichtverwundeter hier in
-einem Lazarett untergebracht worden. Die Kugel, die ihm in der Hüfte
-gesessen hat, trägt er jetzt in der Tasche und holt sie voll Stolz
-hervor. Dann erzählt er von den blutigen Kämpfen bei Dixmuiden. Aber
-wie er so warm und lebendig hier in der traulichen Küche sitzt und
-sich die geschmorten Äpfel schmecken läßt, hat man das Gefühl, daß er
-Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erzähle und nicht Episoden
-aus diesem unseligen Krieg, der immer noch weitertobt und dessen Ende
-nicht abzusehen ist.</p>
-
-<p>Nachdem er gegangen, liest der Doktor noch ein paar Artikel aus dem
-‚Altmärker Intelligenzblatt‘ vor; die Wachtmeisterswitwe richtet
-Frau Hiller die Ferse einer Socke ein, der Regen prasselt gegen die
-Scheiben, und<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">&ndash;&nbsp;237&nbsp;&ndash;</a></span> das Petroleum in der Lampe sinkt tiefer und tiefer.
-Und da man nicht weiß, ob man am nächsten Tag noch Glück haben und
-ein wenig von diesem kostbar gewordenen Stoff erhalten wird, muß die
-behagliche Sitzung abgebrochen werden.</p>
-
-<p>Die elfte Stunde ist übrigens da, aber man verplaudert sich so leicht,
-wenn man warm und gemütlich sitzt. Oft wird es Mitternacht, bis man
-endlich zu Bett findet.</p>
-
-<p>Drüben vor der Kaserne brennen zwei Laternen, und der kleine Hiller
-im langen Mantel ist wieder auf Posten und trottet, die Hände in den
-weiten Manteltaschen, vor seinem Schilderhaus auf und ab.</p>
-
-<p>Die Mutter setzt sich ans Fenster und blickt zu ihm hinüber. Ob er wohl
-friert? Ob er sehr müde ist? Sich unbehaglich fühlt? Sie kann sein
-Gesicht nicht erkennen, sie sieht nur die schlanke Gestalt.</p>
-
-<p>Sie hat große Lust, zu ihm hinüberzugehen und ihm ein liebes, warmes
-Wort zu sagen &mdash; aber das darf sie nicht. Ihr Sohn ist ja nicht mehr
-ihr Kind wie früher! Ihr Sohn ist ein Stück von Deutschland geworden,
-und die Liebe und das Mitleid einer Mutter dürfen ihn nicht stören,
-wenn er seines Amtes waltet.</p>
-
-<p>Aber sie vermag es nicht, sich zu Bett zu legen, während der Junge
-da draußen im Unwetter hin und her marschiert. Sie bleibt am Fenster
-sitzen und denkt an ihn. Vielleicht geht ein Strom von ihrem warmen
-Fühlen in sein Herz hinüber &mdash; vielleicht tut es ihm unbewußt wohl,
-daß die Mutter hier am Fenster sitzt und an ihn denkt! Es soll ja eine
-solche Macht des Gefühls geben, die die Menschen unsichtbar miteinander
-verbindet.</p>
-
-<p>Am nächsten Mittag kommt der kleine Husar mit geröteten<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">&ndash;&nbsp;238&nbsp;&ndash;</a></span> Wangen und
-leuchtenden Augen ins Wohnzimmer zur Mutter. Er, der die stramme Nacht
-in Sturm und Regen hinter sich hat, ist froh und wohlgemut. Sie aber
-ist ein wenig blaß und müd’ vom vielen Denken und Grübeln.</p>
-
-<p>Hiller trägt seine Dienstuniform über dem Arm. „Morgen ist
-Kleiderbesichtigung,“ erzählt er, „da muß alles tadellos imstande
-sein. Du machst mir doch die Flecken raus, nicht wahr, und wäschst die
-Tasche!“</p>
-
-<p>Dann wirft er sich in den Schaukelstuhl und sieht fast übermütig
-aus. „Jetzt endlich hört man doch einmal einen Ton vom Ausrücken!“
-sagt er. „Es sind hundert feldgraue Uniformen bestellt, und die
-Regimentsschuster arbeiten fieberhaft an den gelben Reiterstiefeln für
-draußen. Man kann jetzt jede Woche auf das Kommando gefaßt sein.“</p>
-
-<p>Der Mutter zuckt das Herz, wie er so strahlenden Auges berichtet. Denkt
-er gar nicht an sie? Fühlt er nicht den leisesten Schmerz, wenn er an
-den Abschied von ihr denkt? Ist der Gedanke, draußen mittun zu dürfen,
-so groß, so lockend, daß gar kein anderes Gefühl dagegen aufkommt?</p>
-
-<p>Ach, ein Kind geht gar leichten Herzens von der Mutter fort &mdash; das weiß
-sie ja noch von sich selbst.</p>
-
-<p>Sie bringt den Uniformrock ins Nebenzimmer, um nur einen Augenblick
-allein zu sein, denn die Tränen liegen ihr schwer auf der Brust, und
-sie mag ihm nicht zeigen, wie schwach sie ist.</p>
-
-<p>Am Nachmittag steht sie und reibt an der sehr verbrauchten Uniform. Die
-Tressen sind verschabt, und das Tuch ist ganz ohne Glanz. Sie reibt
-alles, so gut es geht, und leert dann die Taschen aus, um das Futter zu
-waschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">&ndash;&nbsp;239&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Was so ein Junge nicht alles in der Tasche trägt: Loses Geld und
-Bleistifte &mdash; Notizbücher und Zigaretten &mdash; Heftpflaster und Schokolade
-&mdash; drei, vier Taschentücher, die man nur behutsam zwischen zwei Fingern
-anfassen kann, denn hier dienen die Taschentücher augenscheinlich
-vielen Zwecken, sonst wäre die tiefgraue Färbung nicht erklärlich. Dann
-noch ein paar beschriebene Zettel, wovon einer auf die Erde fliegt, und
-als Frau Hiller ihn aufhebt, sieht sie, daß Verse darauf geschrieben
-sind, Verse, in denen Worte, in denen ganze Zeilen ausgestrichen und
-von neuem geschrieben sind. So pflegt ein Anfänger eigene Dichtungen
-aufzukritzeln.</p>
-
-<p>Frau Hillers Neugierde erwacht und sie liest und liest immer wieder:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Kalt ist die Nacht,</div>
- <div class="verse">Ich bin allein,</div>
- <div class="verse">Ich steh’ auf Wacht</div>
- <div class="verse">Ich denke dein!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Deutschland in Not,</div>
- <div class="verse">Vom Feind umstellt,</div>
- <div class="verse">Deutschland bedroht</div>
- <div class="verse">Von einer Welt.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Da kam die Liebe</div>
- <div class="verse">An mich heran.</div>
- <div class="verse">Ich sagte zur Liebe:</div>
- <div class="verse">‚Faß mich nicht an!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ich will keine Liebe!</div>
- <div class="verse">Mein Land ist in Not!</div>
- <div class="verse">Viel süßer als Liebe</div>
- <div class="verse">Ist heut der Tod!‘</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Da neigt sich zu mir</div>
- <div class="verse">Ihr blondes Gesicht:</div>
- <div class="verse">‚Heut bist du noch hier,</div>
- <div class="verse">Heut kämpfst du noch nicht</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Heut kannst du knüpfen</div>
- <div class="verse">Mit mir ein Band.</div>
- <div class="verse">Und später kämpfst du</div>
- <div class="verse">Fürs Vaterland!‘“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Sie läßt den Rock aus dem Arm fallen, sie muß lächeln und fühlt auch
-etwas Wehes dabei. Ihr kleiner Ernst hat also wirklich seine erste
-Liebe gefunden. Nun ist er ihr ganz verloren &mdash; das Vaterland und ein
-fremdes Mädchen haben Besitz von ihm ergriffen. Das letzte ist so
-natürlich &mdash; ist der Welt Lauf!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">&ndash;&nbsp;240&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Warum freut sie sich nicht? Warum gönnt sie ihm das nicht? Warum will
-sie anders sein als andere Mütter und den Hauptanteil am Sohn für sich
-behalten?</p>
-
-<p>Kein Mensch kann gegen die Natur an. Das hat die Großmutter so oft
-gepredigt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der kleine Hiller ist zu seiner ersten Liebe ganz gegen seinen Willen,
-zum wenigsten ganz ohne sein eigenes gekommen. Das Mädchen, das sein
-Herz betört hat, ist weder sonderlich schön noch klug, hat weder Geist
-noch Vornehmheit. Sie steht weit unter jenen ganz jungen, weiblichen
-Geschöpfchen, die Ernst vor einem Jahr in der Tanzstunde in Berlin in
-großer Zahl kennen lernte, und die er durchweg als unglaublich albern
-bezeichnete.</p>
-
-<p>Das Mädchen, das ihm durch seinen Freund Hipp zugeführt wurde, hat
-irgendeinen kleinen Posten als Stickerin in der Stadt inne. Am Abend um
-sechs Uhr, ist sie frei und kann spazieren gehen. Sie hat liebe, blaue
-Augen und ein keckes Näschen, blonde Haare, die als Schnecken über den
-Ohren liegen, und ein entzückendes, schlankes Körperchen. Sie sieht
-wundervoll appetitlich aus und kann über jede Kleinigkeit lachen und
-jubeln. Hätte Hipp nicht selbst ein sehr annehmbares Mädchen für sich,
-so würde er den kleinen Hiller nicht so großmütig bedacht haben. Aber
-da das Mädchen die beste Freundin seiner Freundin ist, muß er für sie
-sorgen und empfiehlt sie an Hiller. Der will erst nicht. „Blödsinn,
-was soll man mit so einer sprechen!“ Hipp jedoch läßt nicht locker und
-schleppt ihn mit zum Flußweg.</p>
-
-<p>Da ist es jetzt nicht mehr wie zur Sommerszeit, da<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">&ndash;&nbsp;241&nbsp;&ndash;</a></span> wehen rauhe Winde,
-die Pappeln stehen kahl und leer. Der Fluß hat schlammiges Wasser, und
-der Boden ist aufgeweicht vom vielen Regen. Man ist froh, wenn man
-sein Mädchen getroffen hat, und geht mit ihr in irgendein Gartenlokal,
-wo es einsam ist, und wo man in einer geheizten Stube sitzt. Oder man
-wandert mit ihr in die Stadt, in ein Kaffeehaus &mdash; oder geht den Weg
-zum Bahnhof hinunter &mdash; &mdash; es ist alles gleichgültig. Hauptsache ist,
-daß man sich überhaupt sieht, und Hipp macht Hiller klar, daß für ihn
-das harte Leben, das sie jetzt führen, erst dadurch erträglich wird,
-daß er sich auf den Abend freuen kann.</p>
-
-<p>Hiller bringt der Aufforderung seines Freundes erst wenig Verständnis
-entgegen. Es liegt ihm so gar nicht, als galanter Kavalier aufzutreten,
-und er ist auch sehr überzeugt davon, daß keine ihn lieben wird.
-Er stemmt sich dagegen auf und hat das sichere Gefühl, daß er
-außerordentlich schwerfällig sein wird, wenn er so einem lustigen
-Mädelchen gegenübersteht. Er wird kaum zu sprechen vermögen, wird
-verlegen sein, und Hipp wird ihn auslachen. Also schlägt er erst
-rundweg ab. Aber Hipp ist nicht derjenige, der so schnell locker läßt,
-wenn er sich etwas vorgenommen hat.</p>
-
-<p>„Du bist ein Esel, Hiller. Du verscherzt dir eine prachtvolle Sache.
-Sie ist geradezu entzückend. Sieh sie dir zum wenigsten doch mal an.
-Ich hab’ ihr auch schon von dir erzählt und hab’ ihr versprochen, dich
-mitzubringen. Ich kann doch wegen deiner Eselei nicht wortbrüchig
-werden!“ Hiller schwankt und schwankt! Gewiß, er ist um vieles
-lebendiger und lustiger geworden, seit er in der Kaserne ist; er
-nimmt das Leben nicht mehr so unsinnig schwer wie früher, ja, er kann
-zuzeiten geradezu<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">&ndash;&nbsp;242&nbsp;&ndash;</a></span> ausgelassen sein. Aber vor dieser Begegnung mit
-einem wildfremden Mädchen sträubt sich doch etwas in ihm. Doch Hipp
-ist der Satan in Person und bohrt und bohrt an Hiller herum; greift
-ihn bei seiner Ehre an, nennt ihn eine Memme, und es kommt fast zum
-Streit zwischen den beiden. Aber schließlich siegt er; Hiller hat sich
-gegen die ausdrückliche Versicherung, daß diese Begegnung zu gar nichts
-verpflichte, breitschlagen lassen, zieht seine Extrauniform an, spricht
-ganz kurz bei der Mutter vor, sagt ihr, daß er heute keine Zeit für sie
-habe und geht hochklopfenden Herzens an Hipps Seite zum Flußweg.</p>
-
-<p>Irgendwo lösen sich aus dem Schatten zwei schlanke Gestalten: die eine,
-dunkel gekleidet, reicht Hipp die Hand, die andere, im weißen, wollenen
-gestrickten Mantel, bleibt etwas abseits stehen. Man kann nicht viel
-sehen. In einiger Entfernung brennt eine Laterne und verbreitet
-ein unsicheres Licht, und am Himmel zieht eine schwache, umflorte
-Mondscheibe hin.</p>
-
-<p>Hipp stellt seinen Freund als Herrn von Hiller aus Berlin vor; und das
-blonde Mädchen im weißen Mantel reicht ihm die Hand und sieht ihn aus
-etwas ängstlichen blauen Augen an.</p>
-
-<p>Der blutjunge Hipp, der aber jungen Damen gegenüber schon vollkommen
-die Haltung eines erfahrenen Mannes hat, hilft über jede Steifheit
-hinweg. „Also, Kinder, wie verteilen wir uns? Es regnet nicht, und
-die Kälte ist auch nicht unerträglich. Ich für meine Person bin nicht
-abgeneigt, den Spaziergang hier am Fluß fortzusetzen &mdash; aber darum bist
-du, lieber Hiller, absolut nicht gezwungen, unserem Beispiel zu folgen.
-Ich möchte dir sogar vorschlagen, einen andern Weg zu nehmen. Vor neun
-Uhr treffen wir uns dann hier an dieser selben<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">&ndash;&nbsp;243&nbsp;&ndash;</a></span> Stelle wieder!“ Er
-reicht seiner Freundin den Arm. Die Kleine, Weißgekleidete hängt sich
-bei Hiller ein, und während Hipp geradeaus geht, biegt das jüngste
-Liebespaar in den schmalen, dunklen Feldweg, der zum Bahnhof führt, ein.</p>
-
-<p>Sie gehen schweigend. Leicht wie eine Feder hängt das schlanke
-Persönchen am Arm des kleinen Husaren, und doch ist durch sie eine
-schwere Last in seine Seele gekommen. Er fühlt sich sehr unbehaglich;
-seine etwas schwierige Art, mit Menschen, die ihm nicht sehr von
-sich aus entgegenkommen, eine Verbindung zu finden, lastet auf ihm.
-Er sinnt nach einem Scherzwort und findet keines. Er will ihr irgend
-etwas Gleichgültiges erzählen, aber es fallen ihm nur traurige oder
-pathetische Sachen ein. Er ärgert sich über sich selbst &mdash; ist sehr
-uneins mit sich selbst, denn er fühlt einmal wieder, daß er anders
-ist als andere Menschen, daß er nicht zum Fröhlichsein, zum Genießen
-geschaffen ist. Er schämt sich und wird immer unbeholfener. Was mag das
-arme Mädchen, das sich gewiß auf einen fröhlichen Abend gefreut hat,
-von ihm denken? Er fühlt, wie sie ihn von der Seite anschaut und auf
-etwas zu warten scheint. Teufel auch, fällt ihm denn gar und gar nichts
-ein, was er ihr sagen kann?</p>
-
-<p>Sie kommen aus dem schmalen Feldweg auf eine breite Straße &mdash; da sagt
-die Kleine endlich ein Wort: „Durch diese Straße möchte ich nicht
-gehen!“ bittet sie.</p>
-
-<p>„Warum nicht?“ fragt Hiller und biegt wieder nach dem dunklen Feldweg
-ein.</p>
-
-<p>„Weil man mich da sehen wird!“ Dabei überzieht sich ihr Gesichtchen
-mit dunklem Rot &mdash; aber nun ist wenigstens doch das lastende Schweigen
-gebrochen.</p>
-
-<p>Das Mädchen erzählt seine Lebensgeschichte. Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">&ndash;&nbsp;244&nbsp;&ndash;</a></span> wohnt bei einer Tante,
-die sie erzogen hat; ihre Mutter lebt auch noch, aber nicht hier, und
-hat noch fünf andere Kinder. Da hat die Tante sie zu sich genommen
-und sie Stickerei erlernen lassen. Sie stickt in einem Geschäft und
-bekommt fünfzig Mark im Monat, die sie ihrer Tante gibt. Die Tante
-ist gut, doch streng. Sie darf von nichts wissen &mdash; und das Köpfchen
-schmiegt sich an Hillers Schulter, und wie ein elektrischer Funke
-fliegt’s in dessen Herz. Mit einem Schlage ist alle Unbeholfenheit,
-alle Schwerfälligkeit verflogen; heiß wogt’s durch ihn &mdash; ein Gemisch
-von Mitleid und Zärtlichkeit.</p>
-
-<p>Er hat noch nie aus sich selbst ein Mädchen geküßt, ist noch nie mit
-einem Mädchen auf einsamen Wegen gegangen. Nie hat eine ihm von ihrem
-Leben erzählt &mdash; nie hat eine sich an ihn geschmiegt &mdash; denn die Sache
-mit Hannchen vom Abiturientenabend war doch nur eine große Neckerei!
-Im selben Moment aber, da die Rolle des verstehenden, tröstenden
-Liebhabers von ihm verlangt wird, beherrscht er sie auch ganz und gar
-&mdash; beherrscht sie mit einer Sicherheit und Sanftheit, die ihn selbst
-mit Staunen erfüllt.</p>
-
-<p>Er greift mit der Hand unter ihr Kinn, hebt ihr das Gesicht in die
-Höhe, sieht in die blauen Augen, sieht den Mund, der ein wenig geöffnet
-ist, und tut das Selbstverständlichste und Einzige, was er in dieser
-Lage tun kann: er küßt sie. Und er fühlt dabei etwas, was ihm fast die
-Besinnung benimmt. Sie stehen irgendwo in völliger Dunkelheit; sie hat
-ihm die Arme um den Hals gelegt, küßt ihn wieder und schmiegt sich
-immer enger an ihn an.</p>
-
-<p>Dem kleinen Hiller ist’s, als sei er von der Erde fort in flammende
-Herrlichkeit getragen, er weiß nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">&ndash;&nbsp;245&nbsp;&ndash;</a></span> mehr, was er ist und was er tut.
-Ein fremder Geist ist in ihn gefahren, der für ihn handelt, der die
-zärtlichen Worte, die er hervorbringt, für ihn spricht, der das süße
-Geschöpf in die Höhe hebt und immer wieder den roten Mund, die Stirn
-und die lieben Augen küßt. Er ist wie trunken; er denkt nicht daran,
-daß jemand des Weges kommen und ihn sehen könnte. Raum und Zeit sind
-für ihn verschwunden &mdash; er fühlt nur ein namenloses, unfaßbares Glück.</p>
-
-<p>Für das kleine Mädchen aber hat diese wild und elementar
-hervorbrechende Liebe etwas Beängstigendes. Er hat ihr die Mütze
-verschoben, und ihre Haare beginnen sich zu lösen; er hält sie so fest
-an sich gepreßt, daß sie kaum Atem holen kann. Er tut ihr weh &mdash; er
-ist wie ein Unsinniger &mdash; nein, das hat sie nicht gewollt. Vor dem
-Krieg ist sie auch mit einem jungen Einjährigen umhergegangen und hat
-sich küssen lassen; aber der ist doch vernünftig geblieben. Hier aber
-hat sie Angst, und da er sie auf ihre Bitten nicht losläßt, stemmt sie
-die Hände gegen seine Schultern und macht sich mit Gewalt frei. Einen
-Augenblick blitzen ihre Augen ihn böse an, aber als sie in sein gutes
-und betroffenes Gesicht blickt, ist der Zorn wieder verflogen. „Wie du
-mich zugerichtet hast!“ sagt sie und nestelt an ihrem Haar und setzt
-die Mütze wieder ordentlich auf den Kopf. „So kann ich mich ja nirgends
-sehen lassen!“</p>
-
-<p>Sie lacht aber schon wieder und hängt sich von neuem in seinen Arm.
-„Nun wollen wir vernünftig zusammen gehen!“ Dem kleinen Hiller gehen
-plötzlich die Augen auf. Er ist von seinen Himmeln auf die Erde
-zurückgekommen und kämpft wieder mit Verlegenheit.</p>
-
-<p>Das kleine Fräulein ist sehr zutraulich geworden,<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">&ndash;&nbsp;246&nbsp;&ndash;</a></span> plaudert über
-alles Mögliche und verrät schließlich, daß sie eine Konditorei weiß,
-wo man gut eine halbe Stunde sitzen kann. Da kommt ihm auch das
-zum Bewußtsein, daß er ganz vergessen hat, sie mit irgend etwas zu
-erfreuen. Er weiß von Hipp, daß man eine Freundin zu Kaffee und Kuchen
-einlädt und ihr kleine Geschenke macht. Und nachdem die Rolle des
-heißen Liebhabers ausgespielt ist, nachdem sein Herz anfängt, ruhiger
-zu schlagen und sein Kopf wieder Herrschaft über die erregten Sinne
-gewinnt, findet er sich auch in der Rolle des Kavaliers zurecht,
-geht mit ihr ins Café, das sie ihm genannt hat, und bewirtet sie mit
-Schokolade, Schlagsahne und Kuchen. Dabei sieht er erst, wie niedlich
-sie ist, und kann es jetzt, da sie in vollem Licht bei ihm sitzt, gar
-nicht mehr begreifen, daß er den Mut gehabt hat, sie zu küssen. Jetzt
-wird er nicht mehr wagen, auch nur ihre Fingerspitzen an seine Lippen
-zu ziehen.</p>
-
-<p>Mit Gewalt muß er sich das zurückrufen, wie er vor einer Viertelstunde
-mit ihr am Feldweg gestanden hat. Es ist wie ein Traum, wie eine
-Unwahrscheinlichkeit.</p>
-
-<p>Kurz vor neun sind sie am Flußweg an der Stelle, an der sie sich
-zuerst gesehen. Hipp mit seiner Freundin hat sich schon eingefunden &mdash;
-lächelnd und prüfend sieht er Hiller und die kleine Blondine an. Er
-ist Menschenkenner und weiß sofort, daß alles nach Wunsch gegangen ist
-zwischen den beiden. Sie verabreden eine Zusammenkunft.</p>
-
-<p>Die zwei Freundinnen eilen der Stadt zu, und die beiden Husaren wandern
-zur <span class="nowrap">Kaserne. &mdash;</span></p>
-
-<p>Von diesem Abend an träumt Hiller oft mit wachen Augen. Die Welt hat
-sich für ihn geändert &mdash; etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">&ndash;&nbsp;247&nbsp;&ndash;</a></span> Neues und Unsagbares ist in sein
-Leben gekommen. Sein Herz ist erfüllt von etwas Hohem, Heiligem; er
-geht wie auf Wolken. Freilich, wenn er dem kleinen, blonden Mädchen
-gegenübersteht, wenn er sie lachen und plaudern hört, muß er ein
-wenig heruntersteigen. Er weiß es nicht, daß nicht sie &mdash; nicht ihre
-Person es ist, die er liebt, sondern daß er sich ein Phantasiegebilde
-geschaffen hat, das im tiefsten Grunde mit dem Mädchen selbst nicht
-das Geringste zu tun hat. Die Liebe mit all den Wonnen und Leiden,
-die sie dem tiefgründigen, ernsten Menschen bringt, ist in sein Leben
-gekommen, und da sie keinen anderen Gegenstand hat, kreist sie um das
-nette Mädchen mit dem kecken Näschen und dem schlanken Figürchen. Seine
-Gefühle und Gedanken wogen ins Uferlose hinein. Sein Auge blickt in
-weite, goldene Fernen &mdash; er dichtet und träumt &mdash; er leidet und jubelt
-&mdash; &mdash; aber heimlich, nur in der Einsamkeit. Denn nur wenn er sie nicht
-sieht, ist das große Glück da; sobald er sie greifbar vor sich hat, ist
-sowohl er wie sie völlig verwandelt.</p>
-
-<p>Aber gleichgültig &mdash; er liebt! Die Mutter rückt für ihn immer weiter
-in den Hintergrund. Die Mutter ist etwas Gutes, Wohltuendes, was man
-nicht missen möchte. &mdash; &mdash; &mdash; Doch das alte Kindervertrauen, die alte
-Kinderoffenheit ist fort. Von dem, was jetzt in seiner Seele lebt, kann
-er trotz aller Liebe und Herzlichkeit zur Mutter nicht reden.</p>
-
-<p>Hipp sagt: „Mensch, du setzt dir doch wohl nichts in den Kopf? Seit du
-mit der Kleinen gehst, bist du wie hypnotisiert! Solche Mädchen sind
-zum Amüsieren da &mdash; zu weiter nichts!“</p>
-
-<p>Hiller nickt und ist blaß geworden, denn er fühlt sich oft sehr
-beschwert und ist unglücklich. Es wäre vielleicht<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">&ndash;&nbsp;248&nbsp;&ndash;</a></span> doch besser gewesen,
-er hätte sie gerade in dieser Zeit nicht kennen <span class="nowrap">gelernt! &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Auch der November neigt sich dem Ende zu, und von einem bestimmten
-Termin zum Ausrücken ist immer noch nicht die Rede. Die feldgrauen
-Uniformen sind fertig; Schuster und Sattler haben wie im Fieber
-gearbeitet, es ist alles bereit, man könnte jeden Tag ausrücken, aber
-der Befehl von oben fehlt noch. Statt dessen geht der Drill fort &mdash; man
-zieht auf Wache und wartet, wartet, wartet!</p>
-
-<p>Es tut weh, daß das Vaterland sie noch nicht braucht! Sie lernen jetzt
-Schützengräben aufwerfen &mdash; werden mehr und mehr zu Infanteriediensten
-herangezogen.</p>
-
-<p>Der Krieg hat sich ganz anders gestaltet, als man zu Anfang geglaubt
-hat; es kann sich noch lange, sehr lange hinziehen. Die Vorgesetzten
-jedoch sagen den ungeduldigen, jungen Kriegern: „Ihr kommt noch alle an
-die Reihe! Keiner wird in der Kaserne sitzen bleiben!“ Das ist zwar ein
-Trost, aber man hätte doch gern gleich von Anfang an mitgefochten. Aus
-den Infanteriekasernen sind sie längst schon ausgezogen und haben sich
-ehrenvolle Wunden oder das Eiserne Kreuz oder den Heldentod geholt! Das
-Abwarten ist hart, und der Dienst ist eintönig! Man kann doch längst
-alles, was man zu können braucht!</p>
-
-<p>Die Großmutter staunt auch und schreibt Briefe, aus denen fast etwas
-wie Enttäuschung klingt: „Ja, kommt denn der Junge überhaupt nicht ins
-Feld?“</p>
-
-<p>Es will der alten, tatkräftigen Frau nicht behagen, daß ihr Enkel noch
-nicht gegen Deutschlands Feinde kämpft. Der alte Hieronymus und der
-alte Rat Mertens, dem sie seine Schwarzseherei abgewöhnt hat, fragen
-bei jedem Besuch nach dem Jungen, und der Rat hat ihr gesagt, daß man
-die Kavallerie fast gar nicht verwenden<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">&ndash;&nbsp;249&nbsp;&ndash;</a></span> kann in diesem modernen Krieg.
-Das paßt ihr nicht! Ihr starkes Herz will, daß der Enkel in dieser Zeit
-zum Helden wird; sie hat viel ehrgeizige Wünsche für ihn. Der Sohn,
-der so früh und traurig dahinsiechte, hat ihre stolzen Träume nicht
-befriedigt; nun erhofft sie vom Kind ihres Kindes etwas Großes, hofft,
-daß der Name starken, neuen, schönen Klang durch ihn bekommt.</p>
-
-<p>Dem Jungen aber tut es weh, als er den Brief der Großmutter liest. Ist
-es seine Schuld, daß sie hier noch immer festgehalten werden? Sehnt er
-sich nicht mit allen Fasern seines Herzens danach, hinauszukommen? Und
-doppelt und dreifach sehnt er sich danach, seit dieses blonde Mädchen
-in sein Leben gekommen ist. Das Mädchen, das ihn ablenkt, das ihn
-beunruhigt; das ihn oft vergessen läßt, zu welchem Zweck er hier in der
-Kaserne eingerückt ist! Er leidet unter ihr, er hat das Gefühl, gegen
-seinen Willen an sie gekettet zu sein. Er möchte sich von ihr losreißen
-und vermag es nicht mehr. Im Gegenteil, je öfter er sie sieht, um so
-mehr zieht es ihn zu ihr hin. Und ist ihm doch innerlich so ganz und
-gar fremd, hat doch keine Ahnung von all dem, was in ihm vorgeht, was
-sie in seiner Seele ausgelöst hat. Alles muß er vor ihr verbergen,
-immer muß er ängstlich bedacht sein, sie gut und oberflächlich zu
-unterhalten, nur ja nichts von dem, was so heiß und heilig in ihm
-wogt, erkennen zu lassen. Denn wenn sie ahnte, wie er wirklich ist,
-dann würde sie über ihn lachen &mdash; und der Gedanke, daß sie über ihn
-lachen könnte, ist ihm unerträglich. So also ist Liebe! Schön und doch
-quälend! Entsetzlich quälend!</p>
-
-<p>Der kleine Hiller sieht oft sehr betrübt und bleich aus, wenn er bei
-seiner Mutter im Wohnzimmerchen sitzt. Das Herz ist ihm übervoll,
-und er weiß, daß er sich erleichtert<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">&ndash;&nbsp;250&nbsp;&ndash;</a></span> fühlen würde, wenn er sich ihr
-offenbarte. Aber es geht &mdash; geht nicht. Er kann die erlösenden Worte
-nicht finden!</p>
-
-<p>Die Mutter ist in dieser Zeit noch viel liebevoller als sonst zu ihm;
-sie ahnt, daß der Junge jetzt viel durchzukämpfen hat. Sie leidet für
-ihn und mit ihm. Er ist Blut von ihrem Blute. Die Liebe wird ihm nie
-reiner Genuß sein; schon dieser erste, unschuldige Anfang belastet
-seine Seele. Über diese kleine Episode hier in der Altmärker Garnison
-wird er zwar hinwegkommen, sowie Größeres ihn in Anspruch nimmt; aber
-sie fürchtet für das, was die Zukunft ihm bringen kann. Welche Frau es
-auch sei, die in sein Leben tritt &mdash; er wird unter ihr leiden, denn
-seine Seele ist tief und wird voll ungelöster Rätsel, voll von Wünschen
-sein, die nur Ausnahmemenschen zu befriedigen imstande sind.</p>
-
-<p>Armer, armer, kleiner Husar! Aber darf man so über die heutige Jugend,
-gerade über diese Generation, von der so Kolossales gefordert wird,
-nachdenken? Wird nicht das ungeheure Drama, darin sie mitwirken sollen,
-sie vielleicht von Grund auf ändern? Wird es nicht die Macht haben, die
-Seelen ganz einfach, ganz klar zu machen?</p>
-
-<p>Sie weiß es nicht, aber es ist möglich. In der ersten Begeisterung
-war ja jeder wie umgewandelt &mdash; hatte jeder von seinem eigentlichen
-Ich Abschied genommen, um in der großen Allgemeinheit aufzugehen.
-Die erste Begeisterung aber ist ruhiger geworden! Die ersten großen
-Gefühlserregungen sind auch von dieser ganz jungen Jugend, die erst
-zu Taten ausziehen will, überwunden worden! Der Krieg ist ihnen etwas
-fernergerückt als im Anfang. Man läßt sie zu lange warten, man hat
-ihnen den großen, heiligen Glauben an sich<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">&ndash;&nbsp;251&nbsp;&ndash;</a></span> selbst und die eigene Kraft
-dadurch ein wenig geschmälert. Aber auch ihr Tag wird kommen; und das,
-was den kleinen Ernst jetzt bewegt und quält, wird in seiner Seele
-erlöschen, als wäre es nie darin gewesen.</p>
-
-<p>Und dennoch leidet die Mutter unter den Leiden ihres Jungen; aber nicht
-allein darunter.</p>
-
-<p>Eines Abends erzählt Fräulein Else mit lachenden Augen, daß sie den
-Jungen mit seiner Freundin am Tor gesehen habe. Am alten, dunklen Tor
-pflegen zur Winterszeit die Mädelchen aus der Stadt auf ihre Liebsten
-aus der Kaserne zu warten.</p>
-
-<p>Frau Hiller möchte Fräulein Else nach manchem ausfragen, aber sie
-vermag es nicht. Sie will nicht aus anderem Munde erfahren, wie die,
-der die erste Neigung ihres Jungen gehört, aussieht. Und doch muß sie
-oft an das kleine Mädchen, das dem Husaren jetzt nähersteht als die
-eigene Mutter, denken; möchte sie gern sehen, so gern ein Wort mit
-ihr sprechen. Nein, sprechen nicht, das ist nicht nötig. Nur wissen,
-wie sie aussieht, ob sie gut, ob sie ihres Jungen würdig ist. In der
-Nacht kommen ihr oft so bange Gedanken, dann malt sie sich aus, daß der
-Junge, der so wenig Weltklugheit besitzt, vielleicht an eine geraten
-ist, die nicht mehr rein, nicht mehr gut ist.</p>
-
-<p>Ach, sie weiß, daß ein Mensch vieles erleben und dennoch gut und rein
-bleiben kann. Sie möchte ja auch gar nicht wissen, woher dieses Mädchen
-stammt, was sie vielleicht schon erlebt hat. Nur in die Augen möchte
-sie ihr schauen und das Gesicht einmal sehen &mdash; dann weiß sie genug!</p>
-
-<p>Sie richtet es nun manchmal so ein, daß sie am Abend noch, wenn
-es schon dunkel ist, eine Besorgung in der Stadt hat, und auf dem
-Rückweg weilt sie dann an<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">&ndash;&nbsp;252&nbsp;&ndash;</a></span> einer verborgenen Stelle, von der aus sie
-die nächste Umgebung des Tores überschauen kann. Aber sie hat kein
-Glück; sie sieht wohl kleine, wartende Mädchen, aber unter denen, die
-sich zu ihnen gesellen, ist ihr Ernst noch nie gewesen. Bis sie eines
-Abends mit Fräulein Else von einem Gang zu der Stadt zurückkommt. Die
-flüstert ihr zu: „Diese hier, gnädige Frau!“ Und Frau Hiller sieht in
-ein liebes, nettes Gesicht mit keckem Näschen und guten, blauen Augen
-&mdash; sieht in ein Gesicht, das nicht sehr viel sagt, und dessen größte
-Schönheit seine Jugend ist. Sie ist enttäuscht und auch beruhigt!
-Dieses Mädchen ist nicht schlecht und verdorben, ist auch nicht
-tiefgründig und verlangt keine schweren Gefühle. Es ist eins von jenen
-Mädchen, die so recht eigentlich dazu geschaffen sind, die erste Liebe
-eines jungen Menschen zu sein; wie Blumen sind sie, die einen süßen
-Duft haben und vergessen sind, sobald man sie nicht mehr sieht. Sie
-ist ruhig und versucht sich zu freuen, daß der Junge, bevor das Große,
-Gewaltige in sein Leben kommt, ein liebes, heimliches Glück gefunden
-hat &mdash; sie will sich freuen, wie eine Mutter sich über das Glück ihrer
-Kinder freuen soll; sie will nur noch Mutter sein.</p>
-
-<p>Der Weg vom Stadttor nach der Kaserne hinaus dünkt ihr an diesem Abend
-eine Ewigkeit zu sein: ihre Seele ist in Aufruhr &mdash; in ihr ist ein
-alter, heißer, wilder Schmerz, eine verzweifelte Sehnsucht wieder
-eingezogen.</p>
-
-<p>Müde schleppt sie sich neben Fräulein Else her.</p>
-
-<p>Im Hause steigt sie langsam die Treppe hinan. Oben in der Küche steht
-die große Lampe auf dem Tisch vor dem Sofa; das Abendbrot ist bereitet,
-und der junge Arzt hat sich auch eingefunden. Aber heute abend kann
-sie<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">&ndash;&nbsp;253&nbsp;&ndash;</a></span> keinen Menschen mehr um sich haben. Heute abend ist es zu dunkel,
-zu trostlos in ihrer Seele.</p>
-
-<p>Fräulein Else entzündet ihr das kleine, in Öl schwimmende Nachtlicht in
-ihrem Schlafzimmerchen und fragt, ob sie etwas zu essen bringen darf.
-Nein, nichts &mdash; gar nichts &mdash; nur Ruhe &mdash; nur Stille &mdash; nur Dunkelheit.
-Alles tut ihr weh, jedes Geräusch, jeder Lichtschein, jeder Nerv
-schmerzt sie. So hat der Schmerz sie noch nie übermannt; so schwach, so
-elend und klein ist sie noch nicht ein einzigesmal gewesen, seit der
-große Aufruhr in die Welt kam.</p>
-
-<p>Der müde Kopf liegt in den Kissen; die Dunkelheit, die große Stille
-tun ihr gutes Werk. Gott wird sie nicht ganz verlassen &mdash; &mdash; er wird
-ihr die beiden, die sie liebt, die so eng mit ihr verbunden sind,
-zurückschicken! Aber Gott läßt so viel Furchtbares geschehen in dieser
-Zeit &mdash; &mdash; so viel tausend Frauen haben hergeben müssen, was ihr eigen
-war &mdash; &mdash; &mdash;. Ihre Hand spielt mit dem kleinen goldenen Amulett, das
-die Großmutter ihr bei Beginn des Krieges um den Hals gehängt hat,
-und ein dunkler Gedanke flieht durch ihre Seele. &mdash; Der Inhalt dieses
-Amuletts sollte sie, wenn es ganz schlimm kam, vor der Bestialität der
-Russen, die in Deutschlands Hauptstadt einzudringen beabsichtigten,
-schützen. Das aber hatte Gott abgelenkt. Nach menschlicher Berechnung
-würde nun nicht einer von den vielen Feinden bis ins Herz des Deutschen
-Reiches eindringen! Nach menschlicher Berechnung mußte Deutschland
-trotz dieser Welt von Feinden doch noch den Sieg erreichen. Viel Blut
-floß &mdash; viele Opfer mußten gebracht werden! Keiner durfte zagen &mdash;
-keiner durfte klein werden! Man lebt nicht mehr für sich selbst, man
-lebt für das Land, in<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">&ndash;&nbsp;254&nbsp;&ndash;</a></span> dem man geboren ward, für das Land, das man
-jetzt, da es bedroht ist, mit so viel tieferer, heißerer Liebe als in
-der Zeit des langen Friedens liebt.</p>
-
-<p>Ihre Hand läßt das Amulett fallen; ihr Kopf ist wieder ruhig &mdash; die
-Gedanken nehmen eine andere Richtung. Nicht klein, nicht schwach, nicht
-selbstisch sein! Was sie leidet, ist das Leiden einer ganzen Welt &mdash;
-was sie hergeben muß, geben Millionen in allen Ländern her. Soll sie
-kleiner, verzagter, armseliger sein als all diese Millionen? <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Husaren haben Freiturnen im Kasernenhof. Es ist kalt, und ein
-rauher Wind weht, aber sie merken es nicht. Nachdem sie eine Stunde
-lang Lanzenschwingen und Säbelfechten geübt haben, ist zum Springen
-kommandiert worden.</p>
-
-<p>Der Oberleutnant kommt aus dem Dienstgebäude und spricht mit dem
-Wachtmeister, und man weiß nicht, ob er nur gekommen ist, um sich die
-Sache einmal anzusehen, oder ob etwas Besonderes vorliegt. Man wartet
-ja täglich, stündlich auf das Große, das doch nun endlich, endlich
-kommen muß.</p>
-
-<p>Aber nachdem die Unterredung beendet ist, läßt der Wachtmeister ruhig
-weiterturnen, und der Oberleutnant sieht zu. Die Freiwilligen sind
-enttäuscht, und das Springen geht wirklich etwas mangelhafter als sonst
-vor sich.</p>
-
-<p>Dann aber kommandiert der Oberleutnant plötzlich: „Halt!“ und sagt
-zum Wachtmeister: „Wachtmeister,<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">&ndash;&nbsp;255&nbsp;&ndash;</a></span> lassen Sie mal die fünfzig Besten
-vortreten &mdash; aber, bitte, nicht die, die hier so miserabel geturnt
-haben!“</p>
-
-<p>Die Freiwilligen horchen auf. Was ist das? Was bedeutet das? Geht es
-hinaus? Aber nein, das ist nicht möglich, denn vor einer Woche sind
-wieder hundert von ihren Pferden nach Halberstadt verschickt worden,
-und die, die jetzt noch hier im Stalle stehen, sind zum großen Teil
-nicht kriegstauglich.</p>
-
-<p>Der Oberleutnant sieht sich die fünfzig Leute, die herausgerufen worden
-sind, an.</p>
-
-<p>„Gut,“ sagt er. „Also, Sie, Wachtmeister, und zwei Unteroffiziere
-werden die Reise anführen. Mit dem Herrn Oberst treffen Sie in Budapest
-zusammen. Wir haben jetzt vier Uhr; um fünf Uhr geht der Zug. Es ist
-also Eile nötig!“</p>
-
-<p>Die Freiwilligen, die herausgerufen worden sind, haben rote Köpfe
-bekommen. Nach Ungarn zum Pferdekauf! Das geht unmittelbar dem
-Ausrücken voran! Bevor der Landsturm und die alten Leute ins Feld
-rückten, sind sie auch nach Ungarn gefahren, um Pferde zu holen. Das
-Herz schlägt ihnen hoch. Endlich, endlich!</p>
-
-<p>Der Wachtmeister ist auch plötzlich rosigster Laune. Der Turnunterricht
-wird abgebrochen; die, die nicht ausgewählt wurden, haben eine freie
-Stunde, und die anderen werden kommandiert, um Futterbeutel und
-Tränkeimer in Empfang zu nehmen.</p>
-
-<p>Hillers Herz klopft zum Zerspringen. Er benutzt die kurze
-Viertelstunde, die ihnen zum Umziehen gelassen wird, um ganz schnell
-zur Mutter hinüberzulaufen.</p>
-
-<p>Mit heißen Wangen und leuchtenden Augen steht er vor ihr. „Wir fahren
-nach Ungarn, Mutter. Pferde holen &mdash; dann geht’s ins Feld, Hurra!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">&ndash;&nbsp;256&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Er weiß gar nicht, was er sagt; er sieht auch nicht, wie bleich die
-Mutter wird; sie hat ihn gar nicht richtig verstanden und glaubt im
-ersten Augenblick, daß er schon jetzt den großen Abschied nehmen will.
-Aber darüber beruhigt er sie. „Nein, nein. Vorerst nur nach Ungarn,
-die Pferde holen. Dann müssen sie doch ein paar Tage lang eingeritten
-werden. Man kann doch nicht auf ganz fremden Gäulen ins Feld. Unsinn &mdash;
-Mutter, du brauchst nicht zu erschrecken. Wir kommen ganz sicher wieder
-zurück. Zehn oder zwölf Tage bleiben wir aus. Aber das ist doch famos!
-So eine schöne Reise!“</p>
-
-<p>Sie will ihm Kaffee bringen lassen, aber er wehrt ab:</p>
-
-<p>„Nein, Mutter, ich hab’ nicht einen Augenblick Zeit. Ich muß gleich
-wieder drüben sein. Lebewohl, Mutter; was willst du denn während der
-Zeit tun?“ Diese letzte Frage richtet er noch im Hinausgehen an sie,
-wartet aber die Antwort gar nicht mehr ab.</p>
-
-<p>Unten vor der Kaserne steht Hipp und hält triumphierend einen
-Futterbeutel und Tränkeimer in der Hand. „Teufel,“ sagt Hiller
-erstaunt, „du warst doch gar nicht unter den Fünfzig!“</p>
-
-<p>Hipp lacht. „Man muß so was zu deichseln verstehen. Ein armer
-Bauernlümmel ist krank geworden; ich habe ihm zehn Mark zur Erholung
-geschenkt; da hat er mich als Vertretung vorgeschlagen. Ich werde mir
-doch so was wie eine Gratisreise nach Ungarn nicht entgehen lassen!“
-&mdash; Er hängt sich in Hillers Arm: „Hast du Mammon? Sonst kann ich dir
-aushelfen!“</p>
-
-<p>Aber Hiller hat, was er braucht; Großmutter sorgt immer gut für ihn,
-und die Mutter gibt auch. Sie gehen in die Stube und ziehen den
-Reitanzug an. Dann noch schnell in die Kantine, um eine Weiße und ein
-paar<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">&ndash;&nbsp;257&nbsp;&ndash;</a></span> Butterbrote zu verzehren. Für alle Fälle; denn man kann nicht
-wissen, wo man zuerst etwas zu futtern bekommt.</p>
-
-<p>Im Hof steht der Wachtmeister mit den zwei Unteroffizieren: „Antreten!
-&mdash; Zu Reihen gliedern! &mdash; Marsch!“ Und fort geht’s zum Bahnhof. Vorerst
-mal in den Zug nach Magdeburg. &mdash; Dritter Güte &mdash; das ist anständig;
-jeder hat seinen Platz, und der Wachtmeister ist fortgesetzt in
-rosigster Laune.</p>
-
-<p>„Wenn ihr Lust habt, könnt ihr singen!“</p>
-
-<p>Hipp hat eine Mundharmonika und setzt sie sogleich an. ‚Morgenrot,
-Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod!‘ Sie singen es mit leuchtenden
-Augen &mdash; der Wachtmeister und die Unteroffiziere auch. Was das für ein
-Gefühl ist &mdash; mal endlich aus der Kaserne raus!</p>
-
-<p>„Unsere Damen werden heut’ abend große Augen machen!“ flüstert Hipp, zu
-Hiller gewandt. „Schad’t aber nichts; sie müssen sich jetzt langsam von
-uns abgewöhnen.“</p>
-
-<p>Über Hillers Gesicht fliegt ein Schatten. Daran hat er in seiner
-Aufregung noch gar nicht gedacht, und das Mädchen tut ihm furchtbar
-leid. Was mag die denken, daß er sie so einfach im Stich läßt!</p>
-
-<p>Hipp sagt: „Siehst du nun ein, daß es blödsinnig ist, bei so einer
-Sache etwas zu fühlen? Immer frei bleiben! Das ist die Hauptsache! Wenn
-ein Mädchen flennt und Liebesschmerz hat, was ist dabei? Sie haben ja
-sonst nicht viel zu tun. Aber unsereins muß frei bleiben. Ist ja auch
-nicht der Mühe wert, oder glaubst du, daß deine Kleine länger als einen
-Tag um dich weint, wenn sie vielleicht mal hören soll, daß du gefallen
-bist? Nur keine Illusionen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">&ndash;&nbsp;258&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Und es ist gut für Hiller, daß Hipp ihn immer wieder aus seiner
-Phantasiewelt herausreißt, denn er gehört zur Klasse der reinen Toren,
-die überall nur Gutes und Wahres und Reines sehen.</p>
-
-<p>Sie singen ein Lied nach dem andern, und der Zug läuft in Magdeburg
-ein, bevor man’s gedacht hat. Am Bahnhof steht ein Trupp Ulanen mit
-Wachtmeister und Unteroffizier. Der Vorgesetzte der Husaren tritt zu
-dem Kameraden vom Ulanenregiment hin und verständigt sich mit ihm. Sie
-haben Befehl, die Reise gemeinsam zu machen. Eine Stunde Aufenthalt in
-Magdeburg &mdash; dann weiter nach Dresden, wo die erste Nachtrast sein soll.</p>
-
-<p>Die Freiwilligen &mdash; Ulanen und Husaren &mdash; bekommen Stadturlaub; in
-einer Stunde haben sie wieder am Bahnhof zu sein. Sie zerstreuen sich
-in Trupps und suchen die dem Bahnhof zunächst liegenden Kneipen auf.
-Man kommt sich schnell näher. Die Ulanen sind noch ebenso unsicher wie
-die Husaren, ob es nach dieser Ungarnreise nun wirklich hinausgeht.
-Man weiß ja wahrhaftig nicht, wozu man noch in der Kaserne sitzt, man
-begreift es nicht, daß man solche Mengen von gutem Soldatenmaterial
-noch in der Kaserne läßt. Hipp ist mit Hiller und ein paar Ulanen in
-einer richtigen Muschkokneipe gelandet. Man sieht nichts anderes als
-buntes Tuch und atmet einen üblen Geruch ein. Schadet aber nichts &mdash;
-man ist wenigstens mal aus dem ewigen Einerlei heraus!</p>
-
-<p>Die Fahrt nach Dresden ist schon ein wenig ungemütlicher als die
-vorherige. Sie sind jetzt neunzig Mann und werden vierter Klasse
-verstaut. Wer Glück hat, kann sitzen, die anderen stehen. Sangeslust
-ist nicht mehr vorhanden, und um die neunte Stunde, um die man sonst
-auf seinen Strohsack zu fallen pflegt, lassen<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">&ndash;&nbsp;259&nbsp;&ndash;</a></span> die meisten ihre Köpfe
-hängen. Macht der Gewohnheit. &mdash; Um neun Uhr meldet sich der Schlaf!
-Und ein paar von denen, die einen Sitzplatz haben, fangen an zu
-schnarchen.</p>
-
-<p>Um Mitternacht sind sie in Dresden; da ist noch reges Leben am Bahnhof.
-Das Rote Kreuz hat einen großen Raum für Verwundete und durchreisende
-Krieger eingerichtet, und labt nun auch die Husaren und Ulanen mit
-gutem, heißem Kaffee, Butterbrot und Zigarren.</p>
-
-<p>Da die Nacht vorgeschritten ist, kann man nicht mehr zu einer Kaserne
-hinaus, um Quartier zu bekommen; man muß am Bahnhof bleiben, zum
-wenigsten die, die auf Regimentskosten schlafen wollen. Wer Geld hat,
-kann sich in der Stadt ein Unterkommen suchen. Um elf Uhr am nächsten
-Morgen hat man sich wieder am Bahnhof einzufinden. Eine ganze Menge von
-ihnen verfügt über das nötige Kleingeld und zieht in die Stadt. Schade,
-daß man so hundemüde ist; man hat jetzt wirklich nur noch das eine
-Verlangen, sich auszustrecken, und zwar sobald als möglich.</p>
-
-<p>Hipp und Hiller und zwei Mann, die sie als ihresgleichen erkannt haben,
-betreten ein sehr feines Hotel. Warum soll man nicht für eine einzige
-Nacht üppig sein? Ein Vermögen wird’s nicht kosten. Und man schläft
-dann wenigstens mal wieder in einem anständigen Bett und bekommt am
-Morgen etwas Ordentliches zu frühstücken.</p>
-
-<p>Der Oberkellner sieht die vier Soldaten etwas kritisch an, aber der
-weltkundige Hipp hat ihn bald da, wo er ihn haben will. Er versteht es
-prachtvoll, jemanden mit drei Worten klarzumachen, wer er ist, und was
-er zu beanspruchen hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">&ndash;&nbsp;260&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Sie erhalten je zu zweien ein sehr anständiges Zimmer mit Heizung
-und elektrischer Beleuchtung; aber sie genießen nicht mehr viel von
-diesen Bequemlichkeiten. Kaum, daß sie den Uniformrock und die lederne
-Reithose ausgezogen haben, sind sie schon im Schlaf drin und schlafen
-nicht schlechter und nicht besser als in ihrer Altmärker Kaserne auf
-dem Strohsack.</p>
-
-<p>Aber am nächsten Morgen läßt sich die Sache schon anders an, da kann
-man sich erst noch diverse Male umdrehen, ehe man ans Aufstehen denkt,
-und sitzt dann unten im Frühstückszimmer vor einem famosen Frühstück,
-das durch Hipps Anordnungen noch um vieles delikater gemacht wird.</p>
-
-<p>Die Rechnung ist dann auch einigermaßen erstaunlich, und Hipp läßt beim
-Bezahlen seines Anteils die Bemerkung einfließen, daß man in diesem
-Hotel nicht sehr patriotisch gesinnt zu sein scheine, denn sonst würde
-man freiwilligen Kriegern, die in kurzer Zeit ihr Leben fürs Vaterland
-einsetzen wollen, nicht solche Summen abnehmen. Der Oberkellner bleibt
-kühl und würdevoll und läßt Hipps Bemerkung an seinem Ohr vorbeigehen,
-als ob er sie nicht gehört oder verstanden habe.</p>
-
-<p>Macht nichts! Man ist acht Mark losgeworden, aber man hat doch auch
-etwas dafür gehabt. Weiterhin wird man ja keine Gelegenheit zu großen
-Ausgaben mehr haben!</p>
-
-<p>Nun läßt sich die Sache wirklich anders an &mdash; viel ernster und
-dienstlicher!</p>
-
-<p>Wieder werden sie in Wagen vierter Klasse untergebracht und fahren in
-sehr gemäßigtem Tempo der österreichischen Kaiserstadt zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">&ndash;&nbsp;261&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>In Prag ist längerer Aufenthalt, und am Bahnhof sind Speisehallen
-aufgeschlagen. Jeder tritt mit seinem Napf an und bekommt ein Stück
-Fleisch, auf das eine heiße, kräftigriechende Suppe gefüllt wird. Es
-schmeckt gut, denn sie sind hungrig &mdash; sie können gut und gern die
-doppelte Portion vertragen; aber es dauert eine geraume Zeit, bis alle
-neunzig Mann gespeist sind, und man muß sich sogar beeilen, seinen Napf
-auszulöffeln.</p>
-
-<p>Die Dunkelheit bricht an, als sie sich Wien nähern. Hiller ist in
-freudiger Erregung. Das war schon längst sein Wunsch, das schöne, alte
-Wien zu sehen! Und es kommt ihm fast unwahrscheinlich vor, daß dieser
-Wunsch sich nun so plötzlich erfüllen soll. Am liebsten wäre er gleich
-vom Bahnhof mit Hipp und den zwei Mann in die Stadt gelaufen, denn
-höchstwahrscheinlich werden sie wieder Nachturlaub erhalten.</p>
-
-<p>Aber am Bahnhof heißt’s: „In Reihen gliedern! &mdash; Marsch!“ Und es geht
-durch eine Reihe grauer Straßen immer in Reih und Glied. Man darf den
-Kopf nicht nach rechts oder links wenden. Wohin führt man sie? Was hat
-man mit ihnen vor?</p>
-
-<p>Ah, nun kommen sie in belebte Gegenden. Die Leute schauen nach ihnen
-und bleiben stehen. „Heil &mdash; Hurra &mdash; Deutschland!“ ertönt’s von allen
-Seiten. Man bringt ihnen Ovationen dar &mdash; man feiert sie. „Deutschland,
-Deutschland über alles!“ erschallt es, und Menschenscharen schließen
-sich ihnen an. „Deutsche Husaren und Ulanen. Hurra! Hoch die
-Verbündeten! Heil dir im Siegerkranz! Hoch Kaiser Wilhelm! Hoch &mdash; hoch
-&mdash; hoch!“</p>
-
-<p>Die Köpfe der jungen Menschen werden heiß. Das Blut wallt ihnen
-zum Herzen. Sie wissen, daß der Jubel nicht ihnen selbst, nicht
-ihrer Person, sondern dem Lande,<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">&ndash;&nbsp;262&nbsp;&ndash;</a></span> das sie hier vertreten, gilt. Und
-sie fühlen es mit Wonne und Glück: Wir sind Deutsche! Wir sind in
-Freundesland. Man liebt uns.</p>
-
-<p>Ach, endlich einmal wieder Begeisterung und Hoch und Hurra und heiße,
-flammende Freude! Endlich einmal wieder kommt es einem zum Bewußtsein,
-daß man in dieser gewaltigsten aller Zeiten lebt, daß man zu Hohem,
-Heiligem berufen ist.</p>
-
-<p>Sie singen es mit ihren Bundesbrüdern &mdash; sie singen es aus jubelndem,
-heißem Herzen heraus: „Deutschland, Deutschland über alles!“</p>
-
-<p>Aber von Wien bekommen sie nichts zu sehen; man hat sie nur von dem
-einen Bahnhof, auf dem sie ankamen, zu einem anderen geführt, und
-da steht schon der Zug bereit, der sie weiter, der sie direkt nach
-Budapest bringen soll. Vorher große Abspeisung und Hurra und herzliches
-Willkommen. Die hübschen jungen Mädchen stecken ihnen Liebesgaben
-zu: Schokolade, Zigarren, Postkarten, und überall hallt es: „Hoch
-Deutschland! &mdash; Hoch die Verbündeten! Deutsche Ulanen und Husaren &mdash;
-Hurra &mdash; Hoch!“</p>
-
-<p>Die Österreicher haben ihren Waffenbrüdern einen komfortablen Zug zur
-Verfügung gestellt: <span class="antiqua">D</span>-Zug, nur mit Wagen zweiter Klasse. Die
-Österreicher sind ein höfliches Volk, sie wissen, wie man seine Freunde
-ehrt. Jeder hat viel Platz, und sie sitzen sehr bequem auf ihren
-Samtpolstern.</p>
-
-<p>Hiller hat noch einen Augenblick mit seiner Enttäuschung zu kämpfen,
-als die Lokomotive anzieht. Sie gleiten am nächtlichen Wien vorüber &mdash;
-ohne etwas anderes als ein paar Straßen gesehen zu haben. Schade<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">&ndash;&nbsp;263&nbsp;&ndash;</a></span> &mdash; &mdash;
-aber dann ist’s auch schon überwunden. Wenn man gesund aus dem Kriege
-kommt, wird man Wien schon noch einmal zu sehen bekommen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen ist Budapest erreicht und gleich Urlaub bis zum
-Mittag. Großartig! Und man steht an der Donau und sieht die herrliche
-Stadt mit ihren wundervollen Bauten vor sich liegen. Die Sonne
-scheint und glitzert auf den Wellen des Stromes. Wirklich famos!
-Und Hipp wird in der ihm noch ganz fremden Stadt gleich zum Führer,
-schreitet mit Hiller und den zwei Husaren über die Brücke, so als ob
-er schon hundertmal dahergegangen wäre, und macht auch gleich ein
-Lokal ausfindig, in dem es etwas Anständiges zu frühstücken gibt,
-denn am Bahnhof haben sie ihnen im Wartesaal einen miserablen Kaffee
-und Knoblauchwürstchen angeboten. Beides Dinge, die man vielleicht
-in höchster Not, wenn der Hunger einen schon mächtig plagt, annehmen
-würde. Aber jetzt hatte man das noch nicht nötig!</p>
-
-<p>Die Menschen hier in der schönen Stadt sind überaus freundlich. Überall
-begrüßt man sie aufs herzlichste, und alle paar Schritte werden sie
-angehalten: „Was seid’s für Landsleut? Wer seid’s?“ „<span class="antiqua">Német</span>
-Husar!“ antwortet Hipp stolz, und: „<span class="antiqua">Német</span> Husar! Hoch
-<span class="antiqua">Német</span> Husar!“ tönt es ihnen von allen Seiten entgegen.</p>
-
-<p>Ha, die Ungarn wissen, was für Bundesgenossen sie an den Deutschen
-haben. Es ist eine Freude, hier durch die schöne Stadt zu ziehen und
-sich anstaunen und feiern zu lassen. Überall steckt man ihnen Zigarren
-und Postkarten zu, und junge Mädchen bringen ihnen Blumen. „Hoch
-<span class="antiqua">Német</span> Husar! Heil deutsche Waffenbrüder!“</p>
-
-<p>Zu Mittag speist man gut und teuer. Schadet nichts, man ist nur einmal
-als Husar in Budapest &mdash; und dann<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">&ndash;&nbsp;264&nbsp;&ndash;</a></span> wieder Versammlung am Bahnhof.
-Wieder <span class="antiqua">D</span>-Zug mit Wagen zweiter Klasse, und vorbei geht’s an der
-schönen, blauen Donau, dann durch flaches Steppenland, bis man an die
-Ufer der Theiß gelangt.</p>
-
-<p>Szegedin! Es ist Nacht geworden. Die Wachtmeister von beiden
-Regimentern werden von zwei ungarischen Männern, die ein Mittelding
-zwischen Bauer und besserem Gutsbesitzer sind, begrüßt. Das sind die
-Pferdehändler, die morgen ihr Geschäft machen wollen, und die für den
-heutigen Abend die ganze Schar zum warmen Abendbrot und rotem Ungarwein
-einladen. Große, gedeckte Tische stehen im Bahnhofsgebäude bereit; es
-gibt Suppe, schöne, zarte Schnitzel, Gemüse und Käse! Alles umsonst
-&mdash; und in verschwenderischer Fülle. Die Freiwilligen haben einen
-Bärenhunger, und der Wein tut ihnen wohl. Aber die Wachtmeister wollen
-zur Ruhe kommen.</p>
-
-<p>Kaum hat man den letzten Bissen gegessen, heißt es schon: „Antreten!“
-und man zieht durch dunkle Straßen zur 46. Infanteriekaserne hinaus. Da
-ist Nachtquartier angesagt. Urlaub gibt’s nicht. Alle zur Kaserne &mdash;
-gleichgültig, ob man Geld für eigene Unterkunft hat oder nicht.</p>
-
-<p>In der 46. Infanteriekaserne spricht man gebrochen deutsch. Ein
-Unteroffizier empfängt sie und weist ihnen drei große Stuben an &mdash;
-jeder bekommt eine Matratze mit Decken. Zum Kopfkissen rollt man
-den Mantel zusammen, und die deutschen Wachtmeister teilen ihren
-Freiwilligen noch mit, daß der Oberst, der schon in Szegedin weilt, für
-den nächsten Tag bis zum Mittag Urlaub gewährt hat. Dann: Lampe aus &mdash;
-die Decke über die Schultern und Augen zu! Aus ihren Reithosen kommen
-sie fürs erste nicht heraus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">&ndash;&nbsp;265&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Am nächsten Mittag beginnt der Pferdekauf. Vorher haben sie sich die
-Stadt angesehen, haben gegessen und getrunken und haben sich feiern
-lassen. Famos! Auf diese Weise haben sie ein schönes Stück Welt gesehen!</p>
-
-<p>Der Pferdekauf findet in einem Gutshof, der nicht weit von der Kaserne
-abliegt, statt. Die Wachtmeister nehmen jeder ihre Freiwilligen
-zusammen, und während die Ulanen in den Gutshof hineingehen, müssen die
-Husaren draußen warten.</p>
-
-<p>Es regnet, und es ist kalt; die Straßen sind aufgeweicht, und die
-Freiwilligen frieren trotz der warmen Mäntel, die sie tragen. Die
-ungarischen Bauern führen dem deutschen Oberst ihre Pferde vor. Der
-besieht sich jedes einzelne von allen Seiten, läßt Trab und Galopp
-laufen und diktiert dann dem Schreiber Alter, Farbe und Geschlecht des
-Tieres, und für welche Truppengattung es bestimmt werden soll.</p>
-
-<p>Die Ulanen nehmen die Pferde in Empfang und bringen sie zu den Husaren
-hinaus.</p>
-
-<p>Es sind durchweg temperamentvolle Tiere, die nicht ruhig stehen wollen.
-Hipp und Hiller, von denen jeder zwei Gäule hat, gehen im Kreise mit
-ihnen herum. Es ist wirklich keine Kleinigkeit, eine Stunde mit zwei
-fremden Gäulen herumzulaufen. Aber mit den zwei ist es noch nicht
-abgetan. Die Ulanen bringen immer neue Tiere heraus. Teufel auch! Mehr
-als drei kann man doch aber nicht handhaben, besonders wenn die Biester
-anfangen, kerzengerade in die Höhe zu steigen.</p>
-
-<p>Da &mdash; nun hat Hipp schon wieder ein neues. Vier Stück, zum
-Donnerwetter, das kann gut werden! Auch Hiller bekommt das vierte,
-und reißt sich doch schon mit den dreien wie ein Toller herum. Dazu
-prasselt der<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">&ndash;&nbsp;266&nbsp;&ndash;</a></span> Regen nieder, und die Gäule stampfen in die Pfützen, daß
-einem der Kot bis ins Gesicht spritzt.</p>
-
-<p>Gott sei Dank, nun kommt der Oberst heraus &mdash; setzt sich in sein Auto
-und fährt davon.</p>
-
-<p>Die Freiwilligen sind wie in einer Schlacht. Jeder zerrt an den sich
-aufbäumenden Tieren, und die Wachtmeister schimpfen um sie herum. Das
-Schlimmste kommt aber noch. Die Tiere müssen gestempelt werden, und in
-dem Augenblick, da sie das heiße Eisen an ihrem Hals fühlen, sind sie
-ganz des Teufels.</p>
-
-<p>Hipp fliegt hoch in die Luft, so wirft sich einer von seinen Gäulen
-zurück. Er hat das Gefühl, als sei ihm der Arm aus der Kugel gedreht,
-und macht ein ganz verzweifeltes Gesicht. Andern geht’s nicht besser;
-einer hat die Zügel einfach fahren lassen und muß sehen, wie seine
-Tiere in den Gutshof zurückrasen.</p>
-
-<p>Unter Toben und Schreien, Hü und Hott, setzt sich dann der Zug in
-Bewegung zum Bahnhof hin. Da stehen die langen Züge mit Viehwagen, und
-nun heißt’s aufpassen, daß keiner seine Gäule locker läßt. Die Pferde
-scheuen vor den dunklen Wagen zurück. Sie bleiben am Eingang stehen
-und sind durch nichts weiterzubringen. Zurufe, Schreien, Stockhiebe
-&mdash; alles nutzt nichts. Man muß sich gegen das Hinterteil stemmen und
-schieben, bis sie glücklich drin sind.</p>
-
-<p>Stunden vergehen &mdash; es ist später Nachmittag geworden, bis die Tiere
-endlich verladen und gefüttert sind; aber dafür ist dann auch der
-Rest des Tages und der Abend frei. Erst um Mitternacht hat man sich
-wieder am Bahnhof einzufinden. Dann soll’s weitergehen bis dicht an
-die serbische Grenze heran; der Oberst kauft Hunderte und Hunderte von
-Pferden, und den Freiwilligen wird<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">&ndash;&nbsp;267&nbsp;&ndash;</a></span> es immer banger zumute. Wie sollen
-sie das bewältigen?</p>
-
-<p>Aber erst mal haben sie jetzt einen freien Abend vor sich, und den
-wollen sie sich nicht verkümmern lassen. Mag nachher kommen, was will.
-Fürs erste lacht die goldene Freiheit sie an.</p>
-
-<p>Die Straßen der Stadt sind grundlos; bis über die Knöchel waten sie
-im Morast. Wohin geht man nun? Wer hat eine Ahnung, wo man hier etwas
-Besonderes sehen kann?</p>
-
-<p>Ein Vorübergehender, der sie anspricht und herzlich begrüßt, hat
-ihnen in holperigem Deutsch vorgeschlagen, sich mal die Theißanlagen
-anzusehen, und das tun sie denn auch pflichtgetreu, trotz des stetig
-fallenden Regens und der einbrechenden Dunkelheit. Aber so recht steht
-ihnen heute ihr Sinn eigentlich nicht mehr danach, Naturschönheiten zu
-bewundern. Sie frieren, sind durchnäßt und wollen etwas Vernünftiges
-in den Magen bekommen.</p>
-
-<p>Die ersten Husaren, die vorbeikommen, werden angehalten. „Sagt uns ein
-gutes Lokal!“ Die empfehlen das Stammlokal der Szegediner Einjährigen
-und weisen ihnen den Weg.</p>
-
-<p>Ja, das war eine gute Weisung. Heiße, ungarische Musik schlägt ihnen
-entgegen, noch bevor sie in den hellen, warmen Saal eingetreten sind.
-Musik, von einer kleinen ungarischen Kapelle ausgeführt &mdash; feiner
-Zigarrenduft und heitere, angeregte Menschen &mdash; Essen und Trinken &mdash;
-was wollen sie mehr!</p>
-
-<p>„Vorerst einmal Kaffee!“ rät Hipp. Inzwischen wird man die Speisekarte
-studieren und sich ein feines Nationalgericht bestellen.</p>
-
-<p>Hipp ist wirklich der geborene Lebemann. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">&ndash;&nbsp;268&nbsp;&ndash;</a></span> anderen würden gleich
-drauflosgegessen und getrunken haben, aber Hipp weiß ganz genau, daß
-ein etwas vernachlässigter Magen erst durch etwas Anregendes gereizt
-werden muß. Wenn der Kaffee sie erwärmt und aufgefrischt hat, werden
-sie nachher mit viel größerem Genuß speisen können. Man tut ohne
-weiteres, was Hipp will, und überläßt ihm auch gern, für alles Weitere
-an diesem Abend zu sorgen.</p>
-
-<p>Die Stimmung ist schon sehr angeregt. Ganze Scharen von den deutschen
-Husaren und Ulanen haben den Weg in dies famose Lokal gefunden, und
-die Ungarn trinken und jubeln ihnen zu: „Hoch <span class="antiqua">Német</span> Husar! Hoch
-<span class="antiqua">Német</span> Ulan!“</p>
-
-<p>Der Kellner bringt eine würzige Suppe von pikantem Geschmack und weißen
-Ungarwein zu vier Kronen die Flasche. Hipp schenkt vorsichtig ein. „Nur
-nicht gleich drauflossaufen, dann ist es um den feinen Genuß geschehen!“</p>
-
-<p>Dann ein Fischgericht. Ein Fisch, der am Morgen noch in der Theiß
-schwamm. Teufel, ja, das muß man den ungarischen Bundesbrüdern lassen;
-sie haben eine feine, aparte Küche!</p>
-
-<p>Hipp ißt langsam nach Art der Feinschmecker und trinkt den Wein in
-kleinen Schlückchen.</p>
-
-<p>Zum Schluß ein ungarisches Schnitzel, Butter und Käse und etwas Süßes!
-Das läßt man sich gefallen! Nicht zu viel und nicht zu wenig! Man ist
-nicht überfüttert, sondern in eine prachtvoll behagliche Stimmung
-gekommen und hat noch die Fähigkeit, der Musik zu lauschen und die
-Umgebung zu beobachten.</p>
-
-<p>Nahe bei dem Orchester sitzt ein junger, verwundeter<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">&ndash;&nbsp;269&nbsp;&ndash;</a></span> Offizier, um
-den Kopf eine Binde, einen Orden auf der Brust; der hat sich schon
-mit den Serben geschlagen. Sie schauen ihn bewundernd an, wie er
-vor seiner Flasche Sekt sitzt und den Kopf zu den Tönen der Musik
-bewegt. Wenn ein Lied gespielt wird, singt er mit &mdash; laut und dröhnend
-&mdash; er hat eine prachtvolle Stimme und viel Temperament. Eigentlich
-zu viel Temperament für einen verwundeten Krieger. Wippt mit den
-Beinen und schlägt mit beiden Händen den Takt. „Beschwiemelt,“ sagt
-Hipp, „total beschwiemelt,“ und die anderen blicken neugierig zu dem
-ordengeschmückten Helden hin. Dieser winkt dem Kellner und sagt ihm
-etwas; der Kellner scheint ihn nicht zu verstehen. Klatsch &mdash; fliegt
-ein Glas Sekt an den Boden. Im Augenblick steht ein neues da.</p>
-
-<p>Nun fängt er mit dem Kapellmeister an &mdash; ruft ihm etwas zu und springt
-von seinem Sitz auf. Die Augen funkeln ihm; er reißt ihm die Geige
-aus der Hand. Teufel, kaum kann er sich noch auf den Beinen halten
-&mdash; aber spielen kann er...! Da ist der Kapellmeister nichts dagegen.
-Er spielt, und der ganze Saal lauscht ihm &mdash; er torkelt umher und
-spielt herzzerreißend schön, spielt, daß man laut aufheulen möchte vor
-Glück und Schmerz; dann ein Knacks &mdash; eine Saite entzwei &mdash; die Geige
-fliegt in eine Ecke &mdash; der Verwundete fällt auf einen Stuhl &mdash; stützt
-den verwundeten Kopf in die Hand und starrt vor sich hin. Weint er?
-Ist sein armer Geist verwirrt? Hat er so Entsetzliches gesehen und
-gehört, daß er nicht mehr Herr seiner Sinne ist? Daß er trinken muß,
-um Grauenvolles zu vergessen? Wer weiß es? Wer kann sagen, ob er nur
-ein liederlicher Kumpan, oder ob er ein Unglücklicher, ein vom Krieg
-Erschütterter ist?</p>
-
-<p>Zwei junge Honvedoffiziere kommen an seinen Tisch<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">&ndash;&nbsp;270&nbsp;&ndash;</a></span> und reden auf ihn
-ein. Er ist wie ein Kind und läßt sich willig fortführen.</p>
-
-<p>Ein paar Minuten bleibt’s still im Saal &mdash; man ist erstaunt und
-erschreckt. Dann hebt der Kapellmeister die Geige vom Boden &mdash; zieht
-eine neue Saite auf, und die neueinsetzende Musik läßt den kleinen
-Zwischenfall vergessen.</p>
-
-<p>Aber an anderen Tischen wird’s nun auch lebendig; der Ungarwein
-beginnt seine Wirkung zu tun. Auch deutsche Husaren und Ulanen haben
-rote Köpfe bekommen, fangen an zu singen und zu krakehlen. Die wilde
-Musik stachelt auf &mdash; die Begeisterung der Ungarn für ihre deutschen
-Bundesgenossen steigt; die Luft ist heiß. Und die Begeisterung flammt
-immer höher auf.</p>
-
-<p>Die Stunden fliegen, aber Hipp, der Feinschmecker, hält seine
-Gesellschaft im Zügel. Auch ihre Köpfe sind nicht ganz frei &mdash; doch
-denken können sie noch; sie wissen noch, wo sie sind, und als die
-zehnte Stunde vorüber ist, steht Hipp auf, winkt den Kellner heran, um
-die Rechnung für sich und die drei Tischgenossen zu begleichen. Der
-begeisterte Wirt aber will von einer Bezahlung nichts hören und freut
-sich, ihnen, als seinen Bundesgenossen, einen schönen Abend bereitet zu
-haben.</p>
-
-<p>Durch den tiefen Morast der Szegediner Straßen tasten sie sich zum
-Bahnhof hin. Von allen Seiten kommen sie angetrottet &mdash; in ganzen
-Reihen und auch allein; singend und fluchend und lallend &mdash; manch einer
-total besinnungslos, auf ein paar Kameraden gestützt. Die Wachtmeister
-stehen am Bahnhof und sind wütend, ein Ulan ist am Umfallen und
-schwatzt ungereimtes Zeug.</p>
-
-<p>„Kerl, Sie sind ja total betrunken!“ schreit der<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">&ndash;&nbsp;271&nbsp;&ndash;</a></span> Wachtmeister
-ihn an. „Sie werden Kasten bekommen &mdash; verstehen Sie?“ „Gut &mdash;
-Herr Wachtmeister!“ „Halten Sie die Schnauze, Kerl!“ „Jawohl, Herr
-Wachtmeister &mdash; mach’ ich schon! Aber ich bin nicht betrunken! Sicher
-nicht!“</p>
-
-<p>„Halt’ die Schnauze, Kerl!“</p>
-
-<p>„Ich sag’ ja schon nichts mehr, aber betrunken bin ich nicht, Herr
-Wachtmeister!“</p>
-
-<p>Der packt ihn mit festem Griff und wirft ihn in ein Abteil. Der Ulan
-fällt aufs weiche Polster und bleibt bewegungslos liegen. Sie kommen
-alle nicht ganz so glatt hinein &mdash; und als der Zug endlich anzieht,
-hört man schon manchen schnarchen in den einzelnen Abteilungen.</p>
-
-<p>Ein paar Stunden darauf sind sie in Mako. Dunkelheit lagert noch über
-dem Ort, es ist fünf Uhr früh. Es stürmt und regnet! Eine Kaserne
-gibt’s hier nicht. Also wohin?</p>
-
-<p>Dem Wachtmeister wird ein Wirtshaus genannt, das große Säle hat, da
-wird man sie aufnehmen. Also los! Die Stiefel bleiben im Schmutze
-stecken &mdash; der Regen peitscht ihnen ums Gesicht &mdash; sie sind todmüde und
-schlapp.</p>
-
-<p>Im Gasthof sieht man sie staunend an. Wer ist das? Eine verschlafene
-Magd kreischt auf und will sich mit dem Besen gegen den eindringenden
-Feind wehren.</p>
-
-<p>Wirt und Wirtin erscheinen. „Wer seid’s? Ist das der Serb &mdash; der
-Feind?“ &mdash; „Nein, <span class="antiqua">Német</span> Husar und Ulan, deutsche Waffenbrüder!“</p>
-
-<p>Da leuchten die Gesichter! „Aber gewiß! Tretet’s ein!“ und man ist
-traurig, daß man keine Betten hat. Schad’t nichts. Wer so hundemüde
-ist, schläft auch ohne Betten! Sie verteilen sich auf die Bänke, die an
-der Wand stehen, und wer keine Bank findet, legt sich auf<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">&ndash;&nbsp;272&nbsp;&ndash;</a></span> den Boden;
-es ist ganz gleichgültig. Die Magd schürt das Feuer im großen Ofen; man
-hat eine warme Stube und einen Platz, um sich auszustrecken, mehr will
-er nicht.</p>
-
-<p>Die Wachtmeister lassen ihre Soldaten schlafen, bis der Morgen schon
-erheblich vorgeschritten ist; der Herr Oberst hat sich erst für elf Uhr
-angesagt.</p>
-
-<p>Der ungarische Gasthofbesitzer und seine Frau sorgen für ein
-ordentliches Frühstück. Die neunzig Mann stehen ein wenig verkatert
-auf, haben aber wieder einen freien Kopf bekommen. Sie trinken Kaffee,
-essen Bratkartoffeln und Brot und Schinken.</p>
-
-<p>Aus weiter Ferne hört man dumpfes Dröhnen. Serbischer Kanonendonner!
-Ganz nah’ beim Krieg &mdash; ganz nah bei einer tosenden Schlacht sind sie!
-Wie lang’ noch, dann sind auch sie mitten drin im Kugelregen!</p>
-
-<p>Die Stiefel sind schwer vom dicken Schmutz, aber es lohnt sich nicht,
-sie zu reinigen, denn hier in Mako sind die Wege noch grundloser als in
-Szegedin.</p>
-
-<p>Und wieder fängt der Pferdekauf an! Wieder werden die Tiere unter
-Geschrei und Getose am Bahnhof verladen, und weiter geht’s in drei,
-vier andere Orte, immer weiter nach Serbien zu. Immer deutlicher hört
-man den Kanonendonner.</p>
-
-<p>In diesen kleinen Nestern ist’s öd und langweilig &mdash; man hat viel
-Arbeit und schlechtes Nachtlager.</p>
-
-<p>Von Gutshof geht’s zu Gutshof, bis endlich der Bedarf an Pferden
-gedeckt ist.</p>
-
-<p>Nun zurück nach Deutschland; eine volle Woche sind sie schon unterwegs
-und seit sieben Tagen nicht aus den Kleidern herausgekommen. In
-Kiskörös werden die Pferde endgültig verladen; immer sechs in einem
-Wagen,<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">&ndash;&nbsp;273&nbsp;&ndash;</a></span> und in der Mitte liegt eine Schicht Heu, die das Futter für die
-Gäule und zugleich auch das Nachtlager für den Soldaten, der bei den
-Pferden schläft, sein soll.</p>
-
-<p>Hipp hat dafür gesorgt, daß er in nächster Nachbarschaft mit seinem
-Freund Hiller bleibt. Aber diese Nachbarschaft nützt ihnen wenig;
-wenn sie miteinander sprechen wollen, müssen sie sich die Worte durch
-die kleinen Fenster ihres Wagens zurufen. Da schläft man lieber, wenn
-man Zeit zum Schlafen hat. Alle paar Stationen muß man hinaus, um im
-Tränkeimer Wasser für die Pferde zu holen oder für sich selbst etwas in
-Empfang zu nehmen. Die übrige Zeit liegt man auf dem Heu ausgestreckt
-und schläft oder träumt vor sich hin.</p>
-
-<p>Am ersten und am zweiten Tag ist das Heulager im Wagen ganz weich und
-mollig, aber je mehr die Gäule verfüttert bekommen, um so spärlicher
-und unbehaglicher wird es; und mit der Ernährung ist’s auch eine eigene
-Sache. Das letzte Gulasch, das man an der ungarischen Grenze bekam, war
-so verpfeffert, daß man den ganzen Tag das Durstgefühl nicht loswurde.
-Da hat man am Abend auf eine zweite Portion lieber verzichtet. Der
-kleine Hiller ist ein wenig abgemattet, mag es sich aber nicht
-eingestehen. Er liegt die beiden letzten Tage der Fahrt Stunde um
-Stunde auf der immer dünner werdenden Heuschicht zwischen seinen
-Pferden, denkt über tausend Dinge nach, grübelt und philosophiert &mdash;
-denkt an das blonde Mädchen in der Garnison, das nichts weiter als
-Lustigkeit und kleine Aufmerksamkeiten von ihm verlangt &mdash; denkt auch
-an die Mutter, die gewiß ungeduldig auf ihn wartet &mdash; und denkt an das,
-was nun sehr nahe bevorsteht: ans endliche Ausrücken nach Frankreich
-oder Rußland!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">&ndash;&nbsp;274&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Oft hat die Großmutter in einer guten, trauten Stunde zu ihrer Maria
-gesagt: „Das Leben für uns Frauen ist nur dann schön und lebenswert,
-wenn wir einen lieben Menschen haben, den wir mit unserer Liebe umgeben
-und für den wir sorgen können; wenn wir einen Menschen haben, der
-ganz und gar zu uns gehört. Wir Frauen sind nun einmal nicht für die
-Einsamkeit geschaffen!“</p>
-
-<p>Und wenn Maria, die immer Heiratspläne von seiten der alten Frau
-witterte, etwas ablehnend erwiderte: „Ich bin ja nicht allein &mdash; ich
-habe ja mein Kind!“ dann hat die Großmutter immer und immer wiederholt:</p>
-
-<p>„Nein, das Kind hast du nicht, das Kind gehört nicht dir &mdash; das gehört
-sich selbst! Du mußt einen Menschen haben, der so lange dein ist, bis
-Gott einmal anders darüber entscheidet!“ Und daß die Frau ihres Sohnes
-sich ihr in diesem Punkt so ganz und gar verschloß, daß sie kalt und
-hart wurde, sobald die alte Frau dieses ihr Lieblingsthema berührte,
-das war der Grund zu dem langjährigen Mißverständnis zwischen beiden
-gewesen.</p>
-
-<p>Die Jugend, die sich stark und selbständig fühlt, mag sich vom Alter
-nicht belehren lassen; die Jugend ist hochmütig und lächelt gern über
-die Weisheitssprüche der Alten. Ein jeder will sein eigenes Leben haben
-&mdash; sein eigenes Glück &mdash; seinen eigenen Schmerz!</p>
-
-<p>Nun ist der Tag gekommen, an dem Maria vom bittersten Schmerz ganz
-niedergeworfen, im kleinen Wohnzimmer der Wachtmeistersleute sitzt.
-Die alte, fleißige Frau und ihre Tochter sind in der warmen Küche
-beim Nähen, und der Junge ist von seiner ungarischen Reise noch nicht
-zurück. Es ist still um sie her &mdash; nur eine<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">&ndash;&nbsp;275&nbsp;&ndash;</a></span> Uhr tickt, und Mirza, der
-zusammengerollt auf dem Teppich liegt, schnurrt leise vor sich hin.</p>
-
-<p>Bange, unruhige Tage und Nächte des vergeblichen Wartens auf eine
-Nachricht liegen hinter ihr; entsetzlich wache Nächte, in denen ihre
-Augen Grauenvolles, Unfaßbares gesehen haben, in denen sich auf ihre
-Seele der Jammer und das Leid einer ganzen Welt gewälzt hat.</p>
-
-<p>In diesen Nächten hat sie es schon gewußt, daß das Schicksal für sie
-entschieden hatte &mdash; in diesen Nächten hat sie unbeschreibliche Martern
-und Qualen durchgekostet, hat sich mit aller Kraft aufgerafft und sich
-gesagt: ‚Was Tausende im Deutschen Reiche dulden müssen, das werde auch
-ich ertragen können!‘ Und ist dann doch in der Stunde, in der, was ihre
-Seele schon gewußt, äußerlich bestätigt vor ihr liegt, da sie seinen
-letzten Brief mit der kurzen Notiz eines Kameraden: ‚Am 20. Oktober bei
-Cambray gefallen!‘ in der Hand hält, nicht fähig, der Verzweiflung, die
-sie erfassen will, Herr zu werden.</p>
-
-<p>Ganz klein, ganz gebrochen, ganz elend sitzt sie da und starrt vor sich
-hin. Und hat es doch viel früher schon, als dieser Krieg ausbrach,
-gewußt, daß sie ihn nie besitzen würde, hat es mit tödlicher Sicherheit
-gewußt, daß ihre heißen Wünsche nie Erfüllung finden würden.</p>
-
-<p>Sie hat immer &mdash; ihr ganzes Leben lang &mdash; eine so rege Phantasie
-gehabt &mdash; hat sich alles, was die Wirklichkeit ihr versagte, immer
-durch die Kraft der Phantasie ersetzen können. Aber dieses ist ihr nie
-gelungen: nie hat sie sich vorstellen können, daß einmal eine wirklich
-glückliche, friedvolle Zeit für sie und ihn kommen würde &mdash; daß aus
-der großen Wirrnis dieser schmerzvollen Liebe<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">&ndash;&nbsp;276&nbsp;&ndash;</a></span> je ein klarer, guter,
-fester Bund fürs Leben erstehen sollte! Hat alles geahnt, hat alles
-gewußt, und kann und will es nun doch nicht fassen &mdash; kann sich nicht
-vorstellen, daß sie ihn nie wiedersehen soll, daß jene Nachtstunden,
-da sie im Auto durch Berlin rasten &mdash; um Satteltasche, Stiefel und
-Revolver zusammenzuholen, die letzten gewesen sein sollten! Jene
-Nachtstunden, in denen er plötzlich so gut, so weich und so verstehend
-geworden war!</p>
-
-<p>Ihr ist in diesen furchtbar dunklen, einsamen Stunden, als sei ihr der
-Boden unter den Füßen fortgerissen, als gebe es in der ganzen Welt
-nichts mehr, was noch zu ihr gehört und ihr Weiterleben möglich macht.
-Sie hat das Gefühl, eine furchtbare Ungerechtigkeit erfahren zu haben;
-hat das Gefühl, gegen das Schicksal, das ihr immer &mdash; so lange sie
-denken kann &mdash; feindlich gesonnen war, anwüten zu müssen. Die große
-Zeit hat sie noch nicht groß und hart genug gemacht!</p>
-
-<p>In den Zeitungen liest man oft von den Heldenfrauen und Heldenmüttern,
-die sich nicht beugen lassen &mdash; denen das Vaterland so hoch steht, daß
-sie das eigene Ich darüber vergessen; ja, die sich glücklich preisen,
-daß sie schmerzhafte Opfer bringen dürfen! Wo mögen sie die Kraft
-herhaben? Wer mag ihnen diese Stärke verleihen?</p>
-
-<p>Der Kopf sinkt ihr tiefer und tiefer auf die Brust.</p>
-
-<p>Im kleinen Zimmer ist es dunkler geworden; draußen in der Küche singt
-Fräulein Else, Mirza schnurrt im Schlaf und die Uhr tickt.</p>
-
-<p>Maria denkt an die Großmutter und hat Sehnsucht nach ihr. Sie hat den
-Wunsch, Großmutter möchte jetzt bei ihr sein, ihr die Hand auf die
-Stirn legen, zu ihr sprechen und sie aus der schrecklichen Finsternis,
-in die sie immer tiefer hineinsinkt, erlösen. Stunde um Stunde sitzt
-sie<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">&ndash;&nbsp;277&nbsp;&ndash;</a></span> so in sich zusammengesunken, regungslos im dunklen Zimmer, bis es
-denen draußen in der Küche unheimlich wird.</p>
-
-<p>Fräulein Else klopft leise an die Tür und fragt, ob sie die Lampe
-bringen darf. Aber Frau Hiller, die erst ein paar Augenblicke braucht,
-um sich in die Gegenwart zurückzufinden, will kein Licht; auch kein
-Essen; sie mag auch nicht wie sonst zu einem gemütlichen Abend zu
-den zwei Frauen in die Küche hinauskommen. Sie fühlt sich sehr
-krank und schwach, und im Kopf toben und wüten die Gedanken, gegen
-die sie gar nicht mehr ankommen kann. Sie ist wie ein armes Kind,
-das darauf wartet, daß irgend jemand sich seiner annimmt. Aber die
-Wachtmeistersleute sind viel zu bescheiden, um sich aufzudrängen.</p>
-
-<p>Fräulein Else richtet schweigend das Schlafzimmer her, entzündet das
-winzige Öllichtchen, das nun ins Dunkle hineinblinzelt, und geht wieder
-hinaus.</p>
-
-<p>Um Mitternacht wird Pferdegetrappel draußen auf der Straße hörbar &mdash;
-laute Zurufe, Befehle, Schreien und Gewieher, und Frau Hiller, die noch
-immer bewegungslos in ihrem Stuhl liegt, schreckt empor.</p>
-
-<p>‚Ernst!‘ zuckt es durch ihre Gedanken, und das Herz schlägt schnell und
-laut. Das können nur die Freiwilligen sein, die von ihrer Ungarnreise
-zurückkehren!</p>
-
-<p>Sie tritt ans Fenster und sieht im Schein der Laterne, die von der
-Kaserne herüberleuchtet, den langen Zug der jungen Husaren und Ulanen,
-die mit großer Anstrengung, mit lautem Zurufen und Schreien die
-fremden, noch sehr ungebärdigen Pferde zu meistern suchen. Viele von
-den Tieren bäumen sich hoch auf, wenn sie in den Kasernenhof hinein
-sollen, reißen ihre jungen Führer in die Höhe oder ziehen sie im Kreis
-mit sich herum. Erschreckend,<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">&ndash;&nbsp;278&nbsp;&ndash;</a></span> fast schauerlich sieht dieser Kampf
-zwischen Tier und Mensch in der matten, flackernden Laternenbeleuchtung
-aus; jedesmal, wenn so ein armer, junger Kerl sich mit seinen Tieren
-durchs weit geöffnete Kasernentor durchschlagen will, hat man das bange
-Gefühl, daß ein Unglück geschehen könne, daß die wilden, aufgeregten
-Gäule ihn zu Boden werfen und zerstampfen könnten.</p>
-
-<p>Wie Frau Hiller so steht und mit bangem Herzen sieht, wie einer nach
-dem anderen von den Husaren seiner schweren Aufgabe Herr wird, wie
-sie dann auch ihren Jungen erkennt, der mit fester Hand seine Tiere
-regiert, wie sie seine Stimme hört und seine schlanke Gestalt im
-weiten, dunklen Kasernenhof verschwinden sieht, da fühlt sie, wie der
-starre Schmerz, der sie umfangen hält, weicher wird, und fühlt auch
-nicht mehr diese leere Trostlosigkeit um sich herum.</p>
-
-<p>In dem Augenblick, da der Junge wieder in ihrer Nähe ist, weiß sie,
-daß sie doch nicht überflüssig auf der Welt ist &mdash; ja, daß ihr Leben
-vielleicht niemals notwendiger gewesen ist als jetzt.</p>
-
-<p>Draußen in der Küche rasselt immer noch die Maschine. Die
-Wachtmeistersleute haben wieder ganze Stapel von Wäschelieferungen für
-Lazarette fertigzustellen, und sie sind unermüdlich, wenn sie so etwas
-übernommen haben; sie bringen es dann ohne weiteres fertig, ein paar
-Nächte lang ihren Schlaf zu opfern.</p>
-
-<p>Frau Hiller hat plötzlich den Wunsch, mit ihnen zu sprechen; sie geht
-hinaus und sieht die Blicke der beiden Frauen staunend und fragend auf
-sich gerichtet.</p>
-
-<p>„Die Freiwilligen sind soeben von Ungarn zurückgekommen!“ erzählt sie,
-und während sie das sagt, hört sie von der Straße her: „Mutter!“ rufen.
-Das Herz<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">&ndash;&nbsp;279&nbsp;&ndash;</a></span> schlägt ihr ganz laut; sie läuft mit Fräulein Else die Treppe
-hinab, und der Junge steht vor ihr &mdash; ein wenig bleich, aber voll guter
-Laune.</p>
-
-<p>„Wir haben nämlich für diese Nacht Urlaub!“ erzählt er. „Wer ein
-Unterkommen in der Stadt hat, kann bis morgen früh dortbleiben.“ Er ist
-müde und hungrig, und hat vor allem Verlangen nach reiner Wäsche, denn
-seit zehn Tagen ist er nicht aus den Kleidern herausgekommen.</p>
-
-<p>Nun wird die Näherei in der Küche beiseite geschoben; der hungrige,
-müde Husar geht vor. In der Grude ist heißes Wasser genug, um ein
-notdürftiges Bad herzurichten; Frau Hiller sucht reine Wäsche hervor,
-und Fräulein Else kocht Tee und bäckt Eier &mdash; schneidet Brot und legt
-Aufschnitt zurecht.</p>
-
-<p>Der kleine müde Husar wird von allen Seiten umsorgt. Eine halbe Stunde
-später liegt er satt und wohlig in der Mutter Bett ausgestreckt; er
-kann es gar nicht sagen, wie gut die weichen Kissen und Decken dem
-müden Körper tun, versucht noch etwas Zusammenhängendes von der schönen
-Reise zu berichten, aber die Augen fallen während des Erzählens zu. Die
-Hand in der Mutter Hand, schläft er ein, und das weiche, junge Gesicht
-sieht zufrieden und glücklich aus.</p>
-
-<p>Frau Hiller bleibt still und von einem großen Gefühl überwältigt
-bei ihm sitzen. Es ist seit langem das erste Mal wieder, daß sie am
-Bett ihres schlafenden Jungen sitzt, und durch ihren Kopf ziehen
-Erinnerungen, &mdash; weit zurückliegende Ereignisse fallen ihr ein.</p>
-
-<p>Sie denkt an des kleinen Ernst Vater und an die Jahre der Einsamkeit,
-die seinem Tod folgten; an die große Angst, die so oft über sie kam,
-weil der Junge allzu früh anfing, schwer und ernst zu denken und zu
-grübeln,<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">&ndash;&nbsp;280&nbsp;&ndash;</a></span> weil er so selten lachte und jedem Vergnügen aus dem Wege
-ging.</p>
-
-<p>Sie denkt daran, wie sie selbst so traurig durchs Leben ging, bis sich
-der Freund zu ihr gefunden hatte, der ihr und des Jungen Leben in so
-vieler Beziehung umgestaltete. Auch dem Jungen ist er Freund gewesen
-&mdash; ja, ihm ist er eigentlich viel tiefer und ehrlicher Freund und
-Berater gewesen, als ihr. Und der kleine Ernst hat diese Freundschaft
-des älteren und bedeutenden Mannes mit so heißer, kindlicher Inbrunst
-erwidert. Wenn er erfährt, daß dieser beste Freund ihm genommen ist,
-wird auch in seine Seele tiefer Schmerz einziehen.</p>
-
-<p>Ihr Leid ist nun wieder von neuem erwacht &mdash; der Kopf neigt sich, und
-heiße Tränen fallen auf Ernsts Hand.</p>
-
-<p>Man kann nicht in einer Nacht hart werden &mdash; kann nicht in einer
-Nacht über den Tod eines Menschen hinwegkommen, und all die Liebe und
-Freundschaft, die ihm gehörte, auf einen anderen übertragen.</p>
-
-<p>Eine Frau aber kann sehr wohl zu gleicher Zeit zwei Menschen mit
-aller Inbrunst ihrer Seele lieben, und besonders zwei so verschiedene
-Menschen, wie diesen etwas harten, aber hoch über dem Alltag stehenden
-Mann, der nun irgendwo in der weiten Welt sein Grab gefunden hat &mdash; und
-den kleinen, zarten, weichen Ernst.</p>
-
-<p>Sie fühlt, während sie die warme Hand des schlafenden Jungen in der
-ihren hält, daß dieses liebe, geliebte Kind ihr den Toten doch nicht
-ganz ersetzen kann, und wieder muß sie an Großmutter und deren immer
-wiederholte Mahnung denken: „Der Junge gehört nicht dir, der will
-sein Leben für sich haben!“ Die Großmutter steht in dieser Nacht so
-leibhaftig vor ihr &mdash; wie eine<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">&ndash;&nbsp;281&nbsp;&ndash;</a></span> Prophetin &mdash; streng, unbestechlich hart
-und im Grunde doch gut und gerecht.</p>
-
-<p>Wenn doch die Großmutter in dieser Nacht bei ihr wäre! Sie ist hilflos;
-sie hält die Hand ihres Jungen, und ganz verzweifelte Gedanken gehen
-durch ihren Kopf.</p>
-
-<p>Der Krieg will noch so viele Opfer haben. Von allen Seiten wüten die
-Feinde immer noch gegen Deutschland an, von allen Seiten wollen sie
-über das Deutsche Reich herfallen, um es zu zerstückeln, zu vernichten!</p>
-
-<p>Ungeheure Kräfte gehören dazu, um gegen diese Übermacht anzukommen.</p>
-
-<p>Ach, und das Herz ist so oft ruhig und lässig geworden in dieser
-letzten Zeit, denn da die jungen Freiwilligen bis heute noch nicht
-eingefordert sind, hat man sich gesagt: ‚Vielleicht werden sie diese
-Allerjüngsten doch nicht brauchen!‘ und hat sich in Behagen und
-Sicherheit gewiegt.</p>
-
-<p>In dieser Nacht aber sieht Frau Hiller die Dinge, wie sie wirklich
-sind; in dieser Nacht drängt es sich ihr mit bitterer Klarheit auf, daß
-sie auch den Jungen hergeben muß, daß alle, alle, die wehrfähig sind,
-nötig sein werden, um die furchtbaren Pläne der Feinde Deutschlands zu
-vereiteln, um das Vaterland nicht untergehen zu lassen.</p>
-
-<p>Die Hand des Jungen zuckt in der ihren, er wendet das Gesicht ihr zu,
-schlägt einen Augenblick die Augen auf, sagt ein leises, erstauntes:
-„Ach, Mutter!“ und schläft weiter. Sie sinkt vor dem Bett ihres Kindes
-auf die Kniee, lehnt das heiße Gesicht an des Jungen kühle Stirn und
-streicht leise über das kurz geschorene Haar.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen staunt der kleine Husar, als er sich in der Mutter
-Bett findet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">&ndash;&nbsp;282&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Bis neun Uhr haben sie Urlaub, um sich von den Anstrengungen der Reise
-auszuruhen. Die Mutter bringt ihm das Frühstück ans Bett und läßt sich
-nun alles erzählen; sie sorgt für warmes Wasser zum Waschen, und umgibt
-ihn mit viel kleinen Aufmerksamkeiten, an die er nicht mehr gewöhnt
-ist. Das tut ihm wohl, und er möchte sich gern noch länger umsorgen
-lassen, aber die Zeit drängt, der Dienst ruft, und die Wachtmeister
-haben ihnen angedroht: ‚Wer sich in dieser Zeit etwas zuschulden kommen
-läßt, der zieht in den Kasten und nicht in den Krieg.‘</p>
-
-<p>Im Osten wird in diesen Wochen heiß gestritten; man sagt, daß eine
-große Entscheidung nahe bevorstehe. Die Russen haben alle Kräfte auf
-eine Stelle geworfen; sie versuchen immer wieder neue Durchbrüche,
-und die jungen Freiwilligen fiebern vor Ungeduld. Ob auch dieser
-Entscheidungskampf wieder ohne sie ausgefochten werden soll?</p>
-
-<p>Es geht hier in der Kaserne alles seinen alten Gang: Man putzt und
-exerziert, man turnt und reitet die neuen Pferde ein &mdash; alles wie sonst!</p>
-
-<p>Eine Woche vergeht und noch eine, und es wird sogar ein großer Teil von
-den ungarischen Gäulen in andere Garnisonen verschickt. Man ist ganz
-niedergeschlagen, und der dicke Hipp hat einen Brief an seinen Vater
-verfaßt, in dem er ihm kurz und bündig erklärt: ‚Ich tue hier nicht
-mehr lange mit; es ist geradezu lächerlich, daß man uns hier festhält.
-Lieber gehe ich zur Infanterie, denn die braucht man doch wenigstens!‘</p>
-
-<p>Und dann kommt ein Sonntag, der genau so anfängt wie alle anderen
-Sonntage: Stalldienst &mdash; Kirchgang &mdash; Briefappell &mdash; und die
-verlängerte Mittagspause!<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">&ndash;&nbsp;283&nbsp;&ndash;</a></span> Um vier Uhr hat man wieder zur Stelle zu
-sein, um zu hören, was für den nächsten Tag bestimmt ist.</p>
-
-<p>Hipp und Hiller haben ihre Freundinnen für sechs Uhr ans Tor bestellt
-und sind schon in Extrauniform. Hiller will aber zuvor noch eine Stunde
-mit der Mutter spazieren gehen, denn wenn er sich ihr am Nachmittag
-widmet, kann er sie am Abend mit ruhigerem Gewissen allein lassen.</p>
-
-<p>In Reih’ und Glied stehen sie auf dem Kasernenhof und staunen, daß
-außer dem Wachtmeister auch einer von den Offizieren anwesend ist. Sie
-sehen sich an und wissen nicht, was sie davon halten sollen; es liegt
-überhaupt irgend etwas Besonderes in der Luft &mdash; man hat auf einmal das
-ganz sichere Gefühl, daß heute noch etwas Großes, Bedeutsames geschehen
-wird.</p>
-
-<p>Und es kommt wirklich! Es kommt &mdash; längst erwartet und ersehnt &mdash; und
-wirkt doch wie ein Blitz aus heiterem Himmel.</p>
-
-<p>„Also, Freiwillige, nun ist auch für euch der große Tag gekommen!“
-ruft der Offizier aus, und die Herzen der Freiwilligen zucken in jäher
-Freude auf. „Im Osten sind Verstärkungen nötig. Unter unserem großen
-Feldmarschall werdet ihr kämpfen!“ Da schallt es aus den jungen Kehlen:
-„Bravo! &mdash; Bravo! &mdash; Hurra! &mdash; Hoch!“</p>
-
-<p>Die Vorgesetzten lassen den Sturm der Begeisterung zur Ruhe
-kommen. „Wer nicht mit will, der trete vor!“ Aber keiner von den
-Hundertfünfzig, die hier auf dem Platz stehen, tritt vor.</p>
-
-<p>„Also, alle wollt ihr mit!“ Und es wird abgezählt und die Namen werden
-verlesen.</p>
-
-<p>„So, nun habt ihr eine halbe Stunde für euch<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">&ndash;&nbsp;284&nbsp;&ndash;</a></span> frei! Dann antreten, um
-eure Ausrüstung in Empfang zu nehmen!“</p>
-
-<p>Sie sind wie die Tollen; ein jeder stürmt, um den Seinen das große
-Ereignis mitzuteilen. Diejenigen, die in der Stadt wohnen, laufen zu
-den Eltern hin; die anderen setzen Depeschen auf. Hipp läßt sich’s
-etwas kosten. Seine Depesche wird so lang wie ein Brief.</p>
-
-<p>Hiller ist zur Mutter ins Zimmer gestürmt und kann kaum sprechen.
-„Mutter, Mutter &mdash; übermorgen geht’s ins Feld!“ Und liegt an ihrem Hals
-und küßt sie.</p>
-
-<p>„Nicht weinen! Es ist doch so wunderschön, daß es endlich losgeht!
-Bitte, nicht weinen! Du hast’s doch gewußt, daß es einmal kommen würde!“</p>
-
-<p>Aus der Küche stürzt die Wachtmeistersfrau mit ihrer Tochter herein:
-„Ja, ist es denn wahr, was die Leute unten erzählen &mdash; ziehen Sie denn
-nun wirklich los?“</p>
-
-<p>Alles ist aufgeregt; die Leute stehen auf der Straße zusammen, und
-an der Kaserne versammeln sich immer mehr Menschen. Die Freiwilligen
-stehen in großen Haufen beieinander, und ihre Gesichter strahlen.
-Endlich! Endlich!</p>
-
-<p>In den Kleiderkammern liegen die feldgrauen Uniformen bereit; und es
-geht alles prachtvoll glatt. Ein paar Unteroffiziere sind zur Hilfe
-herankommandiert, und nach Verlauf einer guten Stunde stehen sie alle
-in der neuen Ausrüstung da. Nun: Antreten zum Kirchgang &mdash; zum Dom!
-Gottesdienst und heiliges Abendmahl!</p>
-
-<p>Hipp stößt Hiller an. „Verteufelt, unsere Mädchen unten am Stadttor!“</p>
-
-<p>Ach, in der kleinen Garnison wird heute wohl gar manches Mädchenherz
-bluten; natürlich wissen sie längst Bescheid &mdash; denn die ganze Stadt
-weiß ja schon von der großen Neuigkeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">&ndash;&nbsp;285&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Von nun an geht alles wie ein Rausch an ihnen vorüber: die Kirche und
-das Abendmahl und die eindringliche Mahnung des Geistlichen: „Vergeßt
-das Beten nicht!“ Dann wieder zur Kaserne zurück &mdash; man erhält wieder
-Instruktionen &mdash; ein kurzer Urlaub, und der Tag ist zu Ende.</p>
-
-<p>Sie sind alle wie von einem Taumel ergriffen; keiner fragt nach Vater
-und Mutter! Ihr Herz ist so leicht und froh und begeistert! Diese
-Jüngsten, die hinausziehen, um’s bedrängte Vaterland zu schützen, sie
-sind wirklich die einzig Beneidenswerten! Keine Sorge drückt sie &mdash;
-keine Verantwortung lastet auf ihnen &mdash; sie haben den wundervollen Mut
-und die große Siegessicherheit, die eben nur die ganz junge Jugend
-haben kann! Für sie gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Sieggekrönt nach
-Hause kommen oder sterben! An anderes denken sie nicht!</p>
-
-<p>Am nächsten Tag werden sie vom Morgen bis zum Abend furchtbar stramm
-herangenommen: Instruktionen &mdash; Probekochen &mdash; Reiten in voller
-Ausrüstung &mdash; Verteilung von Karabinern, Munition, Satteltaschen und
-Futtereimern! Dann Packen und die Schränke in den Stuben der Kaserne
-ausräumen! Sie kommen gar nicht zur Besinnung.</p>
-
-<p>Von überallher sind Väter und Mütter angereist gekommen. Die kaufen in
-der Stadt an Lebensmitteln zusammen, was nur aufzutreiben ist, denn
-die jungen Freiwilligen müssen sich für eine ganze Reihe von Tagen
-verproviantieren. Und warme Kleidungsstücke kaufen sie ein; die Mütter
-sind alle so entsetzt, daß es nun doch nach Rußland geht! &mdash; mitten im
-Winter nach Russland!</p>
-
-<p>Frau Hiller hat für ihren Jungen eine Pelzweste und Pelzschuhe zum
-Unterziehen gekauft; aber er will<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">&ndash;&nbsp;286&nbsp;&ndash;</a></span> nichts davon wissen. „Blödsinn,
-das ist doch Überfluß &mdash; besonders die Pelzschuhe!“ und er will die
-Dinger gar nicht anprobieren. Die Mutter kniet vor ihm, wie sie vor ihm
-gekniet hat, als er noch ein kleines Kind war; wenn sie ihm da Schuhe
-kaufte, wollte er auch nicht anprobieren, und sie mußte ihn immer erst
-mit guten Worten dazu bringen.</p>
-
-<p>Hipp kommt gerade dazu, als der kleine Kampf zwischen Mutter und Sohn
-stattfindet. „Mensch, sei doch kein Frosch!“ sagt er. „Wenn deine
-alte Dame dir so teures Zeug kauft, dann nimm es doch mit Dankbarkeit
-an. Ich habe übrigens auch solche Dinger!“ Daraufhin gibt Hiller sich
-zufrieden.</p>
-
-<p>Die letzte Nacht in der Kaserne! Die Jungen schlafen wie die Bären.
-Viele von ihnen haben mit den Eltern im ‚Schwan‘ großartig zu Nacht
-gespeist und fallen nun todmüde auf ihre Strohmatratzen. Ob Mütter
-weinen, ob Väter mit schwer bedrückter Seele in dieser Nacht kein Auge
-zutun, was wissen sie davon? Sie wissen nur das eine: „Wir kämpfen mit
-&mdash; wir helfen eine große Entscheidung herbeiführen!“</p>
-
-<p>Dann der letzte Tag! Die Instruktionen nehmen kein Ende. Man bekommt
-noch die eiserne Ration geliefert: einen Beutel Zwieback, Erbswurst,
-eine Büchse mit Fleischkonserven, Salz und ein Päckchen gemahlenen
-Kaffee. Das ist für den äußersten Notfall, wenn der Hunger schon sehr
-stark plagt; eher darf man diesen Bestand nicht anrühren.</p>
-
-<p>Die Stunden fliegen dahin; für zwei Uhr ist der Extrazug bestellt.
-Hiller läuft ab und zu einen Augenblick zur Mutter hinüber und läßt
-sich erklären, wie sie die Sachen in den Satteltaschen und einer
-Extratasche verstaut<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">&ndash;&nbsp;287&nbsp;&ndash;</a></span> hat; &mdash; sie ist sehr bleich, ihre Hände zittern,
-aber sie weint nicht.</p>
-
-<p>Gott sei Dank, daß sie nicht weint! Hiller hat vor nichts auf der Welt
-mehr Angst als vor den Tränen der Mutter.</p>
-
-<p>Die Wachtmeistersfrau hat ein Beefsteak gebraten und ein paar Eier
-darüber geschlagen, aber der kleine Husar ist zu aufgeregt, er hat gar
-keine Lust zum Essen. Fräulein Else redet ihm zu, die Wachtmeistersfrau
-füttert ihn fast, und die Mutter steht am Fenster und sieht mit starren
-Augen auf die Gruppe.</p>
-
-<p>Teufel, wie die Zeit verfliegt! In zwei Minuten muß er fix und fertig
-sein.</p>
-
-<p>Der schwergefütterte graue Mantel, der mächtige Falten schlägt, macht
-aus dem schlanken Jungen eine Kolossalfigur. Der Ledergurt mit Säbel,
-Patronentasche und Revolver ist so eng, daß er nur mit Mühe geschlossen
-werden kann. Nun noch der Karabiner auf den Rücken und die Lanze
-über den Arm! Neben die Kokarde der mit feldgrauem Tuch überzogenen
-Pelzmütze hat Fräulein Else einen Maiglöckchenstrauß gesteckt.</p>
-
-<p>Der kleine Ernst lacht &mdash; er lacht sein goldenes, liebes Kinderlachen.
-Nimmt die Hände der Mutter und sieht ihr strahlend in die Augen. „Wie
-gefalle ich dir, Mutter?“</p>
-
-<p>Sie kann nicht sprechen, aber sie will auch nicht weinen. Ihr Gesicht
-verzieht sich nur.</p>
-
-<p>„Lebe wohl, Mutter! Nachher kann ich dir doch nicht mehr richtig Lebe
-wohl! sagen.“ Er hält sie einen Augenblick in den Armen und küßt sie
-ein paarmal. „Leb wohl, Mutter, und sei nicht traurig!“ Dabei strahlen
-die Augen immer heller, und der Mund lacht.</p>
-
-<p>Sie beißt sich in die Lippen, und er hängt noch einmal<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">&ndash;&nbsp;288&nbsp;&ndash;</a></span> an ihrem Hals,
-dann reißt er sich los. „Leb wohl, wir sehen uns ja drüben noch!“</p>
-
-<p>Er stürmt hinaus; Fräulein Else bringt nun auch für Frau Hiller Hut und
-Mantel, und sie gehen alle drei zur Kaserne hinüber.</p>
-
-<p>Da gibt’s jetzt in den großen Höfen fast mehr Zivilpersonen als
-Militär. Die Freiwilligen haben sich zu Reihen geordnet, und die
-Wachtmeister und ein paar Offiziere stehen vor ihnen. Überall hört man
-Schluchzen, sieht verweinte Frauengesichter, und die Väter gehen mit
-ernsten Augen auf und nieder.</p>
-
-<p>Die Namen werden noch einmal aufgerufen. Keiner fehlt &mdash; alle sind
-sie zur Stelle. Kopf an Kopf stehen sie da, feierlich, in der grauen
-Uniform, und bieten doch ein heiteres Bild, weil ihre Gesichter
-strahlen, und weil ein jeder Blumenschmuck an der Mütze oder im
-Knopfloch trägt.</p>
-
-<p>„Kameraden,“ beginnt der Rittmeister seine Rede, „nun ist die Stunde
-des Abschieds gekommen; nun verlaßt ihr eure Heimat, eure Eltern, um im
-gewaltigen Ringen der Völker mitzutun. Unser großer Feldmarschall im
-Osten hat euch gerufen. Zeigt euch dieses Rufes würdig! Noch hat der
-Krieg keine endgültige Entscheidung gebracht, aber <em class="gesperrt">die</em> Gewißheit
-ist uns doch schon geworden, daß der Feind trotz seiner Übermacht unser
-teures Vaterland nicht vernichten wird. Seid tapfer und todesmutig!
-Seid ebenbürtig euren Vorfahren &mdash; jenen großen Freiwilligen von 1813!
-Zieht hinaus mit Gottes Segen, begleitet von den Wünschen derer, die
-euch ausbildeten, begleitet von der Liebe und Sorge eurer Eltern!
-Kämpft für das teure Vaterland und kämpft für den, der an der Spitze
-des Deutschen Reiches steht: für unseren großen,<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">&ndash;&nbsp;289&nbsp;&ndash;</a></span> geliebten Kaiser!
-Kaiser Wilhelm der Zweite &mdash; unser oberster Kriegsherr &mdash; er lebe hoch
-&mdash; hoch &mdash; hoch!!“</p>
-
-<p>Heiß schallt der Ruf aus den Kehlen der jungen Freiwilligen und derer,
-die zu ihnen gehören. Dann: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ Über
-den Hof schallen die Kommandos und in festem Schritt geht es aus dem
-Kasernentor hinaus.</p>
-
-<p>Draußen stehen die Leute vor den Häusern und winken und rufen: „Hoch,
-hurra &mdash; lebt wohl, auf Wiedersehen!“</p>
-
-<p>Kleine Mädchen reichen ihren Liebsten zum letzten Male die Hand. Zu
-Hiller drängt sich die kleine Blonde mit den blauen Augen und dem
-kecken Näschen; sie gibt ihm eine Blume und drückt ihm die Hand, steht
-dann in einem Torweg ganz nahe bei Frau Hiller und schluchzt laut auf,
-schluchzt weh und schmerzlich, und Frau Hiller fühlt eine namenlose
-Zärtlichkeit für dieses junge Geschöpf, das um ihren Ernst weint. Sie
-legt ihr die Arme um den Hals und zieht sie an sich. „Du Herziges, du
-&mdash; du erste Liebe meines Jungen!“ Und das Mädchen hält einen Augenblick
-stand, schluchzt noch einmal am Herzen der fremden Frau auf und läuft
-scheu davon.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Vorbei! Der Zug ist zu Ende!</p>
-
-<p>„Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus!“ verklingt es um die Ecke.</p>
-
-<p>Fräulein Else faßt Frau Hiller am Arm.</p>
-
-<p>„Sehen Sie, wie alle mit zum Bahnhof hinausziehen! Wollen wir nicht
-auch mit?“ Und wie im Traum wandert sie mit all den anderen den
-singenden Truppen nach &mdash; erst den Flußweg entlang, dann über die
-Felder &mdash; noch über ein paar Straßen hin und durchs Bahnhofsgebäude
-durch.</p>
-
-<p>Der Extrazug nach dem Osten steht schon bereit.<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">&ndash;&nbsp;290&nbsp;&ndash;</a></span> „Einsteigen!“
-kommandieren die Wachtmeister, und Ulanen und Husaren schwirren
-durcheinander. Im Nu sind alle Wagen gefüllt.</p>
-
-<p>Der kleine Hiller will noch einmal zu seiner Mutter, die an einer Säule
-gelehnt steht, herauskommen; aber es geht nicht. Die Türen werden
-zugeschlagen, und Soldaten drängen mit ihren Karabinern das Publikum,
-das bis dicht an den Zug herangekommen ist, zurück.</p>
-
-<p>Noch ein Zurufen &mdash; ein Winken &mdash; dann zieht die Lokomotive an, und
-langsam, langsam gleitet der Zug hinaus. Weiße Tücher flattern in der
-Luft. Verlorene Klänge eines Marschliedes dringen noch zu den Ohren der
-Zurückbleibenden, dann nichts mehr! Der Zug hat die große Schwenkung
-nach rechts <span class="nowrap">gemacht! &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Öd und flach liegt das Altmärkische Land, und man sieht in
-Unendlichkeiten hinein.</p>
-
-<p>„Nur nicht weinen &mdash; nicht wehklagen! Hart sein &mdash; deutsch sein! Sich
-freuen, daß man solche Söhne hat!“ Irgend jemand sagt das dicht an Frau
-Hillers Seite zu einer Frau, die ganz haltlos schluchzt.</p>
-
-<p>Sie geht wie im Traum neben Fräulein Else zum Bahnhof hinaus, und da es
-regnet, nehmen sie einen Wagen, der sie zur Kaserne bringt.</p>
-
-<p>Bei der Wachtmeistersfrau in der Küche sitzen ein paar Leute, und
-einer schreit auf: „Wahnwitzig ist die Welt geworden! Verflucht und
-tausendmal verflucht jene ruchlosen Köpfe, in deren Hirn der teuflische
-Gedanke entstand, die Völker gegeneinander aufzuwiegeln!“ Und heißes,
-verzweifeltes Weinen dringt heraus. &mdash; Wildes, unbändiges Weinen, das
-schon mehr Schreien ist.</p>
-
-<p>Frau Hiller schleicht an der offen stehenden Küchentür vorbei. Sie mag
-das nicht sehen und hören; sie will ruhig<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">&ndash;&nbsp;291&nbsp;&ndash;</a></span> sein und will sich freuen,
-daß sie einen Sohn hat, der dem Vaterlande dient. Sie setzt sich ans
-Fenster des kleinen Wohnzimmers und schaut zur Kaserne hinüber, wie sie
-das so oft, so oft getan hat in all diesen vielen Wochen und Monaten.
-Das Herz zuckt, aber sie will sich dem Schmerz nicht <span class="nowrap">hingeben. &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Zwei Tage später wartet Großvater an der Station, in der der Schnellzug
-aus der Altmark einlaufen soll, im Wagen auf die Schwiegertochter. Er
-ist viel zu früh gekommen und schaut immer wieder auf seine Uhr, denn
-es ist kalt, und trotz des Pelzmantels, den er trägt, fröstelt ihn.
-Großmutter hat nicht gewollt, daß er selbst herausfuhr, aber er hat
-sich nicht abreden lassen.</p>
-
-<p>Endlich kommt sie &mdash; ein wenig bleich, aber doch viel gefasster, als er
-erwartet hatte.</p>
-
-<p>Sie sagt ganz fest und laut: „Guten Tag, Großvater!“ Er drückt ihr
-beide Hände und sagt zweimal: „Das ist recht, Maria, das du den Kopf
-nicht hängen läßt! Der Junge steht in Gottes Hand!“</p>
-
-<p>Er hilft ihr einsteigen und läßt das Gepäck aufschnallen, und während
-der Fahrt erzählt er von allen möglichen Dingen, um sie abzulenken.
-Erst ganz zuletzt, als sie schon fast am Ziel sind, bringt er sehr
-schüchtern die Frage, die ihm schon lange auf den Lippen gelegen hat,
-vor: „Und dein Freund, Maria &mdash; wie geht es ihm?“ Aber da sie nicht
-antwortet, weiß er genug, nimmt ihre Hand in die seine, streichelt sie
-und sieht sehr bekümmert, sehr traurig aus.</p>
-
-<p>Großmutter steht in der Tür des Hauses. Mit ausgebreiteten Armen kommt
-sie auf die Mutter ihres Enkels zu. Ihre Augen sind voll Tränen, und
-auch sie sagt: „Der Junge steht jetzt in Gottes Hand! Sei willkom<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">&ndash;&nbsp;292&nbsp;&ndash;</a></span>men,
-Maria!“ und zieht die Schwiegertochter ins Haus hinein.</p>
-
-<p>Am Abend sitzt sie neben ihr auf dem Rand des Bettes. Die Müller hat
-das Sommerwohnzimmer, das im Winter wenig benutzt wird, zum Schlafraum
-hergerichtet. Schöne, alte, behagliche Möbel stehen darin, und durchs
-Fenster hat man einen weiten Blick auf Fluß und Berge.</p>
-
-<p>„Nun sollst du bei uns erst ganz gesund werden, Maria. Denn wenn du
-dir auch Mühe gibst, stark zu sein, so sieht man doch, daß dich’s
-sehr mitgenommen hat, und das ist ja auch nur natürlich. Du mußt aber
-ganz fest und gesund werden, denn wenn der Junge dich ruft, wenn Gott
-es so fügt, daß er krank oder verwundet wird und dich braucht, dann
-will er natürlich eine starke Mutter haben, und darum warten wir noch
-ein bißchen mit dem Pflegen in den Lazaretten, von dem du sprachst;
-denn den Kranken wohltun kann nur ein ganz gesunder und nervenstarker
-Mensch, und das bist du jetzt noch nicht! Es ist jetzt alles dunkel um
-dich her, das weiß ich wohl, aber es wird auch wieder schön und hell
-werden. Sieh, ich bin auch durch große Finsternisse gewandert, Kind, &mdash;
-ich war an allem, was mir sonst heilig war, irre geworden! Nun habe ich
-mich aber wieder zurechtgefunden und sage mir: Gott wird wissen, warum
-er dieses Strafgericht in die Welt geschickt hat &mdash; aber er wird die
-Gerechten nicht untergehen lassen. Bis heute ist er ja so herrlich mit
-uns gewesen und hat die ruchlosen Pläne unserer Feinde, die unser Land
-in Stücke schlagen wollten, zu schanden gemacht. Weißt du noch, wie wir
-im Anfang davor zitterten, daß die Russen bis nach Berlin vordringen
-würden?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">&ndash;&nbsp;293&nbsp;&ndash;</a></span></p>
-
-<p>Während sie das sagt, löst sie leise das Medaillon, das sie damals
-ihrer Schwiegertochter für den Fall der äußersten Not gab, von
-deren Hals und läßt es in ihre Tasche gleiten. „Das brauchst du nun
-nicht mehr, Maria. Komm, wir wollen beten! Ich habe meinen Gott
-wiedergefunden.“ Und sie schlingt die Hände um die Marias und betet
-laut und inbrünstig, wie sie immer zu beten pflegte: „Vater unser, der
-du bist im Himmel. &mdash; So, nun schlaf, mein Kind, und hier hab’ ich dir
-die Baldrianflasche hingestellt für den Fall, daß du Herzklopfen hast,
-und auch ein Buch zum Lesen. Ich bin ja sonst nicht für das Lesen bei
-Kerzenlicht, aber es ist immerhin noch besser, als trüben Gedanken
-nachhängen. Gute Nacht, Maria, gute Nacht, mein liebes Kind, und wenn
-es dir schwer ums Herz wird, dann denke immer: Der Junge steht in
-Gottes Hand.“</p>
-
-<p>Draußen sagt sie zur Müller: „Morgen früh müssen Sie ganz leise sein
-beim Reinemachen, Müller. Sie soll sich ausschlafen, denn sie ist doch
-sehr mitgenommen.“</p>
-
-<p>Im Zimmer aber muß sie den Kopf an Großvaters Schulter legen; ihr
-Herz ist sehr schwach geworden, und sie weint bitterlich. Großvater
-streichelt und tröstet sie, aber auch er ist sehr niedergeschlagen.
-Er liebt den Enkel, wiewohl es gar nicht sein richtiger Enkel ist;
-er liebt ihn seines guten treuen Wesens wegen und liebt ihn ganz
-besonders, weil er trotz des zarten Körpers standgehalten hat und nun
-stark genug ist, um gegen Deutschlands Feinde zu ziehen.</p>
-
-<p>Er streichelt das Gesicht der alten, weinenden Großmutter und sagt mit
-zitternder Stimme: „Nicht weinen! Der Junge steht in Gottes Hand!“</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="reklame">
-
-<p class="s4 center padtop1 mbot2 break-before"><span class="bb">Verlag von <em class="gesperrt">Egon Fleischel
-&amp; Co.</em> / Berlin W 9</span></p>
-
-
-<p class="center mbot1"><span class="s3">Die Werke von</span><br />
-
-<span class="s2">Helene von Mühlau</span></p>
-
-<p class="s2 center">Nach dem dritten Kind</p>
-
-<p class="s4 center">Aus dem Tagebuch einer Offiziersfrau</p>
-
-<p class="center">Preis: geh. M. 3,&mdash;; geb. M. 4,&mdash;</p>
-
-<p class="s5"><b>Fedor von Zobeltitz</b> in einem Feuilleton der <b>Hamburger
-Nachrichten</b>: ... Ich wünsche diesem Werke weiteste Verbreitung:
-„Nicht nur, weil es grausame Wahrheit in eine Sprache schlichter
-Empfindung kleidet, sondern weil es ohne Aufdringlichkeit zu den
-Enterbten des Glückes redet, die da vermeinen, das Elend der Armut
-wohne nur bei ihnen, zwischen den kahlen Wänden des Proletariats. Ich
-glaube, daß niemand diese einfache Geschichte ohne tiefe Erschütterung
-lesen wird; sie ist wie <em class="gesperrt">ein Schrei aus tiefster Not &mdash; ein Schrei,
-der gehört werden müßte</em>.“</p>
-
-<p class="s2 center mtop1">Hamtiegel</p>
-
-<p class="center">Eine Geschichte aus den Kolonien. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 4,&mdash;</p>
-
-<p class="s5"><b>Kölnische Zeitung</b>: ... Ein reizvoll humoristisches Buch. Die von
-uns wiederholt anerkannte Schriftstellerin erzählt uns von einem in
-mittlern Lebensjahren stehenden Hauptmann und Stationschef in einer
-afrikanischen Kolonie, der ursprünglich entschiedener Ehefeind war,
-aber in der Einsamkeit seiner Kolonie und bei der schlechten leiblichen
-Versorgung langsam auf den Gedanken gerät, die Ehe möchte für ihn doch
-der bessere Teil sein. Das Buch steht ganz erheblich über der Stufe
-einer gewöhnlichen lustigen Humoreske dadurch, daß in diesem komischen
-Hauptmann und Stationschef mit tieferm psychologischen Blick ein echt
-deutscher Männercharakter gezeichnet wird, wobei über dem Ganzen
-der Hauch eines hinter aller Komik deutlich durchleuchtenden warmen
-Gemütslebens sich angenehm erkennbar macht. Man lacht nicht einfach
-über die lustige Geschichte, sondern man hat auch den Genuß, daß hier
-mit gutem Geschmack deutsches Wesen nach der drolligen Seite lebensecht
-beleuchtet wird.</p>
-
-<p class="s2 center mtop1">Die zweite Generation</p>
-
-<p class="center">Roman. Preis: geh. M 5,&mdash;; geb. M. 6,50</p>
-
-<p class="s5"><b>Doris Wittner</b> in der <b>Vossischen Zeitung</b>: ... Das Buch
-der Helene v. Mühlau ist mehr als nur ein Buch der Unterhaltung oder
-künstlerischen Anregung; es ist ein Buch sozialer Erkenntnis, ein
-Dokument geschlossener Weltanschauung. Ein Frauenbuch im besten Sinne,
-denn es schenkt Menschheitswerte.</p>
-
-<p class="s2 center mtop1">Sie sind gewandert hin und her</p>
-
-<p class="center">Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,&mdash;</p>
-
-<p class="s5"><b>Allgemeine Zeitung</b> (München): Es hält uns in den Bekenntnissen
-der jungen Frau ein warmer Gemütston in seinem Bann. Die Schilderungen
-chilenischen Lebens und Treibens verleihen dem Roman einen besonderen
-Wert. Sie zeugen von einer feinen Beobachtungsgabe und gehören in
-ihrer Anschaulichkeit und Gründlichkeit zum Besten, was wir über die
-südamerikanische Republik gelesen haben.</p>
-
-<p class="s2 center mtop1">Liviana Saltern-Santos</p>
-
-<p class="center">Ein chilenischer Roman. Preis: geh. M. 5,&mdash;; geb. M. 6,50</p>
-
-<p class="s5">Das <b>Echo</b>: In „Sie sind gewandert hin und her“ hat die nun schon
-bekannte und beliebte Verfasserin ein Bild des chilenischen Lebens
-geliefert, wie es sich im Auge des Zugewanderten malt, und sie hat
-mit diesem tiefempfundenen Buche an viele Herzen zu rühren gewußt. In
-dem vorliegenden Roman ist es nicht mehr die Fremde, die &mdash; fremd im
-fremden Lande &mdash; die vielgestaltige Neuheit einer eigenartigen Kultur
-auf sich wirken läßt, es ist vielmehr der Roman dieser Kultur selbst am
-Wendepunkt ihrer Entwicklung.</p>
-
-<p class="s2 center mtop1">Beichte einer reinen Törin</p>
-
-<p class="center">Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,&mdash;</p>
-
-<p class="s5"><b>Arbeiter-Zeitung</b> (Dortmund): (Inhalt)... Das ist das Thema des
-Buches, das uns viele intime Einblicke in der Frau tiefstes Seelenleben
-tun läßt, das zwar mit rücksichtsloser, jeder Prüderie abholder
-Wahrheitsliebe, zugleich aber auch mit großer Feinheit und echter
-Dezenz die Aufgabe löst, die es sich gestellt hat.</p>
-
-<p class="s2 center mtop1">Das Kätzchen</p>
-
-<p class="center">Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,&mdash;</p>
-
-<p class="s5"><b>Rheinisch-Westfälische Zeitung</b>: Helene von Mühlau hat mit
-gewohnter Sicherheit diese „Fabel“ in eine vornehm geschilderte
-Umgebung gestellt; sie wägt das Künstlermilieu fein gegen die
-Gesellschaftswelt der Offiziersehen ab und dringt zur reinen
-Menschlichkeit vor, wenn sie zeigt, was Maske ist und Maske bleiben
-muß. Das Frauenhafte an dem Buch ist vor allem das Glücksstreben, das
-die Künstlerin schließlich als Lebensinhalt empfindet, während der Mann
-doch das Wirken über das Glück stellt.</p>
-
-<p class="s5"><b>Neue Freie Presse</b>: Das Porträt dieser Frau ist mit aller
-psychologischen Feinfühligkeit, die man an Helene von Mühlau kennt,
-gezeichnet.</p>
-
-<p class="s2 center mtop1">Eine irrende Seele</p>
-
-<p class="center">Roman. Preis: geh. M. 5,&mdash;; geb. M. 6,50</p>
-
-<p class="s5"><b>Leipziger Illustrierte Zeitung</b>: Von den vielen neueren Romanen,
-die dieses Thema (die unverstandene Frau) ausführlich behandeln
-oder doch streifen, erscheint mir „<em class="gesperrt">Eine irrende Seele</em>“, bei
-weitem als der echteste und glücklichste, weil er bei der Feinheit
-der psychologischen Zeichnung absolut keine Verteidigung dieses
-unglücklichen Frauentypus darstellt, sondern im Titel wie in der
-Handlung klar die tragische Schuld der Heldin in sich selbst legt. Es
-ist ein trauriges Buch, aber eines, das man voll innerer Läuterung aus
-der Hand legt. Ein Buch, das einen solche Frauen verstehen lehrt, uns
-aber auch die Krankheit ihrer Seelen nicht beschönigt. (Inhalt.) Alles
-in allem ist das Werk seiner ehrlichen Wahrhaftigkeit und des Erkennens
-einer Zeitkrankheit wegen ein ungewöhnlich gutes und lobenswertes Buch.</p>
-
-<p class="s2 center mtop1">Das Witwenhaus</p>
-
-<p class="center">Roman. Preis: geh. M. 5,&mdash;; geb. M. 6,50</p>
-
-<p class="s5"><b>Frankfurter Zeitung</b>: Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit in
-der Charakteristik führt uns die Schriftstellerin all diese Weiblein,
-ihre Schicksale und Intrigen vor. Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit
-schlingt sie alle Fäden ihrer Erzählung durch dies Haus, das wie ein
-lebendiges Wesen wird. Dabei begegnen wir überall jener tüchtigen
-Realistik in der Schilderung des Zuständlichen wie des Psychischen, wie
-sie gerade schreibenden Frauen von epischem Talent eigen ist.</p>
-
-<p class="s2 center mtop1">Ehefrauen</p>
-
-<p class="center">Novellen. Preis: geh. M. 3,&mdash;; geb. M. 4,&mdash;</p>
-
-<p class="s5"><b>Saale-Zeitung</b>: Wenn doch dieses Buch Mode würde! Wieviel
-künftiges Eheunglück könnte vermieden, wieviel gegenwärtiges geklärt
-und so vielleicht gemildert oder ganz geheilt werden! Denn diese
-Novellen zwingen jeden Leser zum Nachdenken. Gesetzgeber sollten
-verpflichtet sein, Helene von Mühlaus „Ehefrauen“ eingehend zu
-studieren, alle anderen Erwachsenen aber sollten wenigstens das
-Bedürfnis haben, diese Novellen zu lesen. Sie nützen sich damit viel,
-sehr viel.</p>
-
-<p class="center padtop5"><span class="bt">&emsp;<em class="gesperrt">F. E.
-Haag</em>, Melle i. H.&emsp;</span></p>
-
-</div>
-
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-<pre>
-
-
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-
-
-End of Project Gutenberg's Der Kriegsfreiwillige, by Hedwig von Mühlenfels
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KRIEGSFREIWILLIGE ***
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index 73403a3..0000000
--- a/old/54837-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
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index 063bd1e..0000000
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