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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Der Kriegsfreiwillige - -Author: Hedwig von Mühlenfels - -Illustrator: Curt Vogt - -Release Date: June 3, 2017 [EBook #54837] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KRIEGSFREIWILLIGE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1915 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung - und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend - korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden - beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich - waren oder im Text mehrfach auftreten. - - Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von - der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der - vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - fett: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Der Kriegsfreiwillige - - - Dritte Auflage - - - - - Bei +Egon Fleischel & Co.+ - erschienen folgende Werke von - - +Helene von Mühlau+ - - Beichte einer reinen Törin - Sie sind gewandert hin und her - Das Witwenhaus - Liviana Saltern-Santos - Eine irrende Seele - Nach dem dritten Kind - Das Kätzchen - Hamtiegel - Die zweite Generation - Ehefrauen - - - - - Der - Kriegsfreiwillige - - Roman - - von - - Helene von Mühlau - - [Illustration] - - Egon Fleischel & Co. / Berlin 1915 - - - - - Alle Rechte vorbehalten - ~Amerikanisches Copyright 1915 by Egon Fleischel & Co., Berlin~ - - Zeichnung für den Umschlag und den - Original-Einband von +Curt Vogt+ - - - - - Dieses mit bangem Herzen geschriebene - Büchlein widmet ihrem verehrten Freunde - +Herrn Hermann Sudermann+ - in Dankbarkeit die Verfasserin - - - - -Leise und zögernd zog der Abend nach dem langen, heißen Sommertag -ins Zimmer. Die Umrisse der Möbel wurden unbestimmt, die Bilder an -den Wänden zerflossen in Schatten, auf dem Teppich schlich noch ein -Stückchen Tageslicht hin wie eine wellig gekrümmte, fast farblose -Schlange. Alles war weich und mild und lind geworden, und die -Großmutter sagte mit ungewohnt sanftem Ton: „Komm einmal her zu mir, -Maria.“ Und Maria, die, ganz in sich zusammengesunken, in einem -riesengroßen, altväterischen Sessel gesessen hatte, erhob sich leise -und ging zur Großmutter hin. - -Sie sagte ‚Großmutter‘ zu der alten Frau, obwohl sie ihre -Schwiegermutter war. Maria war am frühen Morgen von Berlin abgefahren; -erst sechs Stunden mit der Bahn, dann, vom Großvater abgeholt, noch -zwei Stunden Wagenfahrt. Sie war müde angekommen, und die Großmutter -hatte ihr ein paar Stunden Ruhe gegönnt und sie erst gegen fünf Uhr zum -Tee rufen lassen. - -Die Großmutter wohnte in einem kleinen, hübschen Villenort; sie hatte -mit Großvater den unteren Stock eines netten Landhauses inne und sah -gesund und zufrieden aus. Großvater war nicht zu Hause; er stand -freiwillig auf Brunnenwache, denn irgend jemand im Orte hatte erzählt, -daß die Russen durchziehen und die Brunnen vergiften würden. Da hatte -Großmutter zu ihrem Manne gesagt: „Selbstverständlich wachst du mit“, -und Großvater hatte sich auch freiwillig zur Verfügung gestellt und -erfüllte trotz seiner zweiundsiebzig Jahre aufs gewissenhafteste die -übernommene Pflicht. - -Die Großmutter zog Maria zu sich aufs Sofa nieder und legte den Arm um -ihre Schultern. „So, nun erzähl’ vom Jungen!“ - -Auf dem runden Tisch vor ihnen lag ein Stoß Zeitungen, und die -Großmutter war damit beschäftigt gewesen, einige Artikel auszuschneiden. - -„Für den Jungen!“ sagte sie. „Der wird jetzt keine Zeit zum -Zeitunglesen haben; aber später wird er froh sein, daß Großmutter an -ihn gedacht hat.“ - -„Ich habe auch schon für ihn gesammelt!“ sagte Maria, nicht ohne leisen -Trotz in der Stimme. - -Die Großmutter faltete plötzlich ihre Hände und rief laut: „Lieber, -lieber Gott, warum hast du dieses namenlose Leid über uns gesandt? -Siehst du, Maria, du weißt, daß ich fromm bin und ohne meinen Gott -nicht leben konnte! Aber seit er all dies Furchtbare geschehen läßt, -ist es mir jeden Morgen von neuem, als ob ich mit ihm hadern müßte. -Ich kann nicht ruhig mehr sagen: Vater unser, der du bist im Himmel. -Geheiligt werde dein Name! Nein, das kommt mir nicht mehr glatt von den -Lippen, und das ist für eine alte Frau, die eigentlich keinen andern -Halt mehr hat, sehr hart, wenn sie an ihrem Lebensende mit ihrem Gott -in Zwietracht geraten muß!“ - -„Du hast doch Großvater,“ antwortete Maria, und die alte Frau nickte. - -„Ja, und er ist ein guter Mann und hat mich nicht enttäuscht.“ Das -bestätigte die Großmutter sehr kräftig, fast herausfordernd; denn es -war ihr im Laufe der Zeit allerlei zu Ohren gekommen, was man über -ihre späte Heirat gesagt hatte. „Ich halte es mit dem alten Fritz: -Jeder nach seiner Fasson! Es mag alte Frauen in Fülle geben, die das -Alleinsein nicht empfinden, oder die in Kaffeeklatschen Befriedigung -suchen oder irgendwo bei Verwandten unterkriechen. Das genügte mir -nicht. Ich muß jemanden haben, für den ich sorgen kann. Wärest du nach -Alfreds Tod mit dem Jungen zu mir gekommen, oder hättest du wieder -geheiratet und mir den Jungen überlassen, dann hätte ich eben Großvater -nicht genommen. Da dir aber nicht beizukommen war, handelte ich, wie -ich es für gut hielt.“ - -„Du sagst das immer so, als ob ich etwas gegen deine Heirat gehabt -hätte, Großmutter,“ meinte Maria. - -„Das würde dir auch wenig genutzt haben,“ rief die Großmutter und sah -einen Augenblick triumphierend aus, aber dann wurde ihr Gesicht wieder -weich. - -„Ich hatte einmal in einem Buch gelesen, Maria, daß eine Ehe zwischen -alten Leuten, die des Lebens Stürme hinter sich haben, unendlich gut -und schön sein müßte. Das ist mir nicht aus dem Sinn gegangen, und als -ob es so hätte sein sollen, mußte der Großvater, der sich ebensosehr -vor der Einsamkeit wie ich fürchtete, mir in den Weg laufen. Schickung! -Und ich muß gestehen, nachdem er seine großen Eigenheiten, die er -anfänglich durchsetzen wollte, abgelegt hat, sind wir recht glücklich -zusammen. Er tut, was ich will, und hat keinerlei Launen mehr. Das ist -eine große Kunst für eine Frau, sich den Mann so zu ziehen, wie sie -ihn haben will, eine Kunst, von der du nicht viel verstehst, Maria. Du -würdest dich in den ersten zwei Wochen unterkriegen lassen.“ - -„Darum habe ich ja auch nicht wieder geheiratet, Großmutter.“ - -„Schlimm genug für dich und den Jungen, der ohne Vater aufwachsen -mußte.“ - -„Ist denn der Junge nicht sehr gut groß geworden? Du tust mir wirklich -oft Unrecht, Großmutter.“ Aber dann kam der wilde Schmerz all dieser -Tage wieder in ihr auf; sie warf den Kopf in die Arme und weinte. - -„Vielleicht ist alles zwecklos gewesen, alles umsonst!“ Großmutter ließ -sie eine Weile so liegen, dann hob sie ihr den Kopf in die Höhe. - -„Das Weinen hat gar keinen Zweck, Maria. Damit änderst du absolut -nichts und machst nur dich selbst elend.“ - -Sie war sehr gut und weich in diesen Augenblicken und zog den Kopf der -Schwiegertochter an ihre Brust. - -„Wir sind sehr verschieden, Maria,“ sagte sie, „und werden wohl nie -ganz zueinander hinkönnen; aber wenn du um das Jungchen weinst, habe -ich dich lieb, denn dann fühle ich, daß du doch zu uns gehörst.“ - -Es war nun ganz dunkel im Zimmer geworden, und die Großmutter sprach -leise, aber nicht ohne Heftigkeit: - -„Siehst du nun ein, daß es eine Dummheit ist, wenn eine Frau, die noch -jung ist, den Wahn hat, allein bleiben zu müssen. Man kann sich den -Mann nicht malen, ganz besonders nicht, wenn man so wenig Mittel hat -wie du. Aber, da hat man, wenn ein braver, solider Mann mit reellen -Absichten kommt, gleich große Schlagreden bei der Hand: ‚Ich muß -verstanden sein, muß seelische Gemeinschaft, gleiche Interessen haben!‘ -Der lautere Blödsinn, Maria, den sich meinethalben eine Millionärin -erlauben kann. Aber für dich paßte sich das absolut nicht! Nun, wo -Gott dies furchtbare Strafgericht in die Welt geschickt hat, stehst du -gottverlassen da und wärest vielleicht froh, wenn einer käme und dir -Sicherheit böte.“ - -„Nein, das wäre ich auch heute noch nicht, wenn ich ihn nicht lieben -könnte!“ Der Kopf hob sich von der Brust der Großmutter, und die alte -Kluft war wieder da. - -„Dann weine auch nicht! Der Hochmütige darf nicht weich werden.“ - -Der Großvater trat ins Zimmer. „Warum denn so im Dunkeln?“ fragte er -und ließ den Kronleuchter aufblitzen. - -Die Großmutter ward ärgerlich. „Du weißt, daß ich diese plötzliche -Beleuchtung nicht vertrage!“ Und der alte Herr schaltete, mit einem -feinen Lächeln um den Mund, die Krone aus und drehte eine kleine, -gelbverschleierte Lampe an. Er hielt Zeitungen in der Hand und machte -ein bedeutendes Gesicht. „Kann ich noch eine Tasse Tee haben?“ fragte -er; aber als Maria aufspringen wollte, hielt Großmutter sie fest. - -„Geh, Alterchen, und klingle der Müller! Sie wird dir schon irgendwas -Trinkbares bringen.“ - -Die Müller, eine ältliche Frau, die bei den zwei alten Leuten wohnte -und sie bediente, kam schon von selbst mit einer Tasse Tee, und der -Großvater richtete ein paar freundlich scherzende Worte an sie. - -„Was Neues?“ fragte die Großmutter; und er las den Hauptartikel aus der -Zeitung vor. - -„Also mit Belgien werden sie bald durch sein. Rat Mertens behauptet, in -drei Wochen wären sie in Paris.“ - -„Rat Mertens soll besser seinen Mund halten,“ schalt die Großmutter. -„In drei Wochen sind wir nicht in Paris, das sagt mir mein klarer -Verstand. Die Franzosen, wenn sie nur einigermaßen ihre fünf Sinne -beisammen haben, werden ihr Paris diesmal zu verschanzen wissen!“ - -Großvater lenkte ab und wandte sich an die Schwiegertochter: „Nun, hast -du den ersehnten Brief vom Jungen vorgefunden?“ - -Und Großmutter bat: „Nun erzähl’ endlich, Maria! Aber ein bißchen -folgerichtig, nicht so sprunghaft, Maria. Aus euren paar Briefen und -Karten konnte man so gut wie nichts entnehmen. Also fang’ nur gleich -mit eurer Abreise von Norderney an! Nein, wie ich Gott gedankt habe, -daß ihr die verrückte Idee, in ein belgisches Seebad zu fahren, nicht -ausgeführt habt. Wenn schon einer so viel übrig hat, daß er in ein Bad -fahren kann, dann soll er sein Geld doch lieber im Lande lassen, statt -es den Ausländern in den Rachen zu werfen. Man sieht ja nun, wie sie es -mit uns meinen. ‚Bleib’ im Lande und nähre dich redlich.‘ Dieser Spruch -wird von jetzt an mit Gottes Hilfe wieder zur Geltung kommen.“ - -Großvater sagte: „Ich meine, Maria sollte erzählen.“ Großmutter ließ -sich nicht gern maßregeln und blickte ärgerlich auf. - -„Notabene,“ nahm Großvater wieder das Wort, „Mertens und Hieronymus -wollen heute abend wieder kommen, und vielleicht spricht auch Hauptmann -Prell vor.“ - -„Aber hoffentlich nicht zum Essen,“ rief Großmutter auffahrend. - -„Nein, ganz solide zum Glas Wein nach Tisch.“ - -Großmutter sagte zu Maria: „Wenn du doch noch je einmal heiraten -solltest, Kind, so mache es deinem Manne gleich zu Anfang klar, daß er -dir nicht ungefragt Leute ins Haus bringt, die auf ein warmes Abendbrot -warten. Du weißt nicht, in welch eine Verlegenheit eine Hausfrau bei -solchen Veranlassungen kommen kann.“ - -„Ich würde Maria gleich ein ganzes Erziehungssystem für den Fall ihrer -Wiederverheiratung aufschreiben,“ schmunzelte der alte Herr. Und -Großmutter fuhr ärgerlich dazwischen: „Du und Maria, ihr seid immer -eins. Aber nun erzähl’, Kind! Wenn die Herren nach Tisch kommen, müssen -wir zeitig essen. Also in Norderney erfuhret ihr das erste vom Krieg -und packtet eure Koffer. Die Reise dauerte eine Ewigkeit, das weiß ich -aus euren Karten, und dann fuhret ihr nach Berlin. Aber was kam dann? -Vor allem interessiert mich’s, zu wissen, wie der Junge die ganze Sache -aufnahm. Hat er gleich von Anfang an mitgewollt?“ - -„Erst freute er sich mal, daß es ein Notabitur gab,“ begann Maria. - -„Ja ja, das Notabitur. Das kann ich mir denken. Da hat er uns gleich -am nächsten Morgen telegraphiert: ‚Glänzend bestanden‘, weil ich ihm -fünfhundert Mark für den Fall des Bestehens ausgesetzt hatte.“ - -„Die du dem armen Kerl aber nicht in bar, sondern in einem jetzt -unverkäuflichen Papier ausgezahlt hast,“ fügte Großvater ein. - -„Was soll der Junge jetzt mit so viel barem Geld?“ erwiderte die alte -Frau gereizt. „Übrigens laß Maria endlich zu Worte kommen!“ Draußen -klingelte es, und irgendjemand begehrte mit Großvater zu sprechen. - -„Wenn er denn gar keine Ruhe hat, dann erzähl’ mir nur allein, Maria! -Also Montags früh bekam er die Nachricht aus der Schule, daß er sich am -Abend einzufinden habe! Was hat er da wohl für ein Gesicht gemacht? Das -hätte ich sehen mögen.“ - -„Erstmal traf er sich mit drei Freunden, und da erzählte er mir, daß -sie vor allem die Kleiderfrage erörtert hätten. Sie hatten sich doch -einen Gesellschaftsrock zum Abitur bauen lassen wollen. Nun waren bei -uns nicht mal die Koffer zur Stelle, und er mußte im grauen Sommeranzug -gehen.“ - -„Glaubst du, daß ihm das hart war?“ - -„Vielleicht für einen Augenblick, aber das verflog doch schnell neben -allem andern. Den ganzen Tag gab es Extrablätter; um Mittag waren wir -Unter den Linden, da hatten sie gerade zwei Spione aufgefangen. Er wäre -gern mit mir in ein Café gegangen, aber natürlich war nirgendwo ein -Platz. So stand man denn und wartete und sah und hörte. Du machst dir -keinen Begriff, wie das in diesen Tagen in Berlin zuging.“ - -„Das kann ich mir denken und, Maria, so sehr ich mich gräme, daß in -unseren vorgeschrittenen Zeiten solche Barbarei noch gut möglich ist, -ich mußte mir doch immer sagen, daß es für einen jungen Menschen mit -gesunden Gliedern und hellem Verstand gar nichts Wundervolleres geben -kann, als in solch einer Zeit miteingreifen zu dürfen. War er denn sehr -begeistert?“ - -„Du weißt, daß er sich wenig über alles, was in ihm vorgeht, äußert, -Großmutter.“ - -„Leider Gottes, und sein Lehrer, der ihn schon jetzt ‚Professor‘ -nannte, hat eigentlich recht. Da hatte sein Vater einen ganz anderen -Schneid.“ In Marias Gesicht kam ein ablehnender Zug. - -„Also weiter, dann ging’s zur Schule?“ - -„Ja, und da soll es dann sehr feierlich gewesen sein, der Direktor -begeistert und bis zu Tränen gerührt, und die Lehrer hätten sich wie -die Kameraden gegeben.“ - -„Das kann man sich denken.“ - -„Erst bekamen sie ein Sextanerthema zu ihrem Aufsatz: ‚Begeisterung ist -die Quelle zu großen Taten‘, und da hätten sie dann einen heillosen -Blödsinn zusammengeschrieben.“ - -„Du hast doch hoffentlich seinen Aufsatz aufgehoben? Ich würde jetzt -alles von ihm aufheben, Maria. Du kannst nicht wissen, wie es kommt, -und nachher hast du dann doch wenigstens ein paar Andenken an seine -letzte Zeit.“ - -„So sollst du nicht sprechen, Großmutter. Ich will nicht denken, daß -ihm etwas passiert.“ - -„Besser, man macht sich mit so etwas vertraut, Maria, als wenn es -einen ganz unerwartet trifft. Das war ja das Entsetzliche für mich bei -Alfreds Tod, daß die Nachricht wie der Blitz aus heiterem Himmel kam.“ - -„Du wußtest aber doch, daß er herzleidend war, Großmutter.“ - -„Aber ich wußte auch, daß die Ärzte zu mir gesagt hatten, er könne -sechzig Jahre alt werden trotz seines Leidens. Laß gut sein, Kind, wir -wollen nicht die alten Geschichten aufrühren! Nur das eine kann ich dir -sagen, Maria: Über den Tod eines Mannes kommt man hinweg, denn selbst -wenn man einem Manne sehr gut ist, so kann man ihn doch nie mit solcher -Liebe lieben wie das Kind, das man unter dem Herzen getragen hat.“ - -Maria war bleich geworden. - -„Aber nun erzähle weiter! Also der Aufsatz war Blödsinn und wurde doch -für gut befunden. Gott, und gerade vor dem Aufsatz hatte er die größte -Angst gehabt, weil sie da oft so verrückte Themata geben. Da sieht man -mal wieder, daß der Mensch sich keine Sorge um das, was die Zukunft -bringt, machen soll. Es kommt immer alles anders als man denkt, im -Großen wie im Kleinen. Wurden sie denn in den andern Fächern überhaupt -geprüft?“ - -„Ja, er sagte mir, in allem seien sie geprüft worden, aber, weißt du, -so, daß die Lehrer selbst die Antwort gaben oder sie ihnen doch in den -Mund legten. In der Geschichte fragte man ihn: ‚Wann starb die Königin -Luise?‘ und gleich danach: ‚Sie wissen doch, vor zwei Jahren feierte -man ihren hundertsten Todestag?‘“ - -„Großvater, das mußt du hören!“ rief Großmutter zum wiedereintretenden -alten Herrn, „wie sie den Jungen in Geschichte geprüft haben!“ - -Großvater hörte liebenswürdig zu, entschuldigte sich aber gleich -wieder. Er hatte von einem Extrablatt, das ausgegeben sein sollte, -gehört und wollte es sich verschaffen, damit die Herren am Abend -nicht den Triumph haben sollten, ihm mit Neuigkeiten zuvorzukommen. -Großmutter war ärgerlich. - -„Du kannst mir glauben, Maria, seit diesem unseligen Krieg ist unser -ganzes Zusammenleben zerstört. Großvater ist rein aus dem Häuschen und -schert sich um keine Zeiteinteilung mehr. Es ist zum Verzweifeln.“ - -Großvater sagte ernst: „Wie kannst du klagen, da wir hier in unserer -behaglichen Sicherheit leben!“ Und die alte Frau nickte: „Ist schon -gut, Alterchen. Jetzt kommt er mit seinen Ostpreußen. Geh’ nur, aber -sieh’, daß du zum Essen zeitig da bist!“ und dann wieder zu Maria -gewandt: „Ja, stell’ dir vor, Maria, wenn ich ihm den Gefallen getan -hätte und mit ihm in seine Heimat nach Ostpreußen gezogen wäre. Ich -war nahe genug daran, aber ich weiß nicht, warum: ich hatte immer -ein Grauen davor, so nahe an der Grenze zu wohnen. Nun denkt aber -Großvater, er hätte ein Recht, mir bei jeder kleinsten Gelegenheit das -Schicksal seiner armen Landsleute vorzuwerfen, statt daß er sich freut, -hier in Ruhe zu sitzen.“ - -Maria sagte nachdenklich: „Es geht mir manchmal wie Großvater, ich -schäme mich des Wohlergehens! Es klingt frivol, aber oft wünsche ich, -man litte mehr unter dem Krieg, ich meine es jetzt rein äußerlich.“ - -Das verstand Großmutter nicht. - -„Du warst ja immer ein bißchen anders als andere Leute, Maria; aber nun -erzähl’ weiter. Also die Lehrer legten ihm die Antwort beim Examen in -den Mund! Das finde ich famos! Wie ging es denn mit der Mathematik?“ - -„Die haben sie ihm geschenkt, weil er darin immer besonders gut war. -Übrigens hat er mir das gar nicht so ausführlich erzählt. Was ihnen -allen imponierte, war, daß die Töchter des Schuldirektors ihnen Tee und -Kuchen servierten, und daß alle Lehrer sich mit ihnen unterhielten, als -seien sie völlig gleichgestellt. Zu Ernst hat einer gesagt: ‚Mensch, -wenn Sie nicht trotz allem und allem das werden, was ich von Ihnen -erwarte, dann pfeife ich auf alle meine Menschenkenntnis.‘“ - -„So, was erwartet er denn von ihm?“ fragte die Großmutter. - -„Du weißt doch, sie nannten ihn den Philosophen, weil er so gerne über -alles mögliche nachgrübelt!“ - -„Ja, das muß ich gestehen, das ist’s, Maria, was mir am allermeisten -mißfallen hat. Kein Schneid! Nenne mir einen Philosophen in der Welt, -der das ergründet hat, was uns nun einmal verborgen bleiben soll! -Gibt’s nicht! Und ich will dir sagen: Zwei- oder dreimal in meinem -Leben habe ich in solche Bücher hereingeschaut und hab’ sie mit Abscheu -wieder zugeschlagen. ‚Esel sind diese Kerle‘ habe ich mir gesagt. -Wollen anderen Menschen weismachen, daß sie mehr wissen als sie, und -führen einen nur irre und nehmen einem die Freude am Dasein. Nein, ich -sehe es als eine Fügung Gottes an, daß der Junge nun doch Soldat werden -muß. Wenn er dann nebenbei das Philosophieren nicht lassen kann, ~à -la bonne heure~ -- aber nicht als Beruf, nicht als Broterwerb!“ - -„Man kann über so etwas nicht verfügen, Großmutter. Ich glaube, jeder -Mensch muß doch einmal das werden, was in seiner Natur begründet liegt.“ - -Die Großmutter zuckte die Achseln. „Das sind die heutigen Ansichten. -Am besten, man steckt einen Buben mit elf Jahren ins Kadettenkorps, -dann lernt er nichts anderes kennen. Wie lange hat denn nun diese -Abitursache an jenem Abend gedauert?“ - -„Um zehn Uhr kam er zurück -- gleich mit der Bescheinigung in der -Tasche. Er hatte sich großartig ein Auto genommen und blieb nur eine -Viertelstunde. Sie hatten sich zu einem Kneipabend verabredet.“ - -„So so!“ antwortete die Großmutter, und Maria würgte an irgend etwas. - -„Denk mal, Großmutter,“ sagte sie dann und stockte gleich wieder. - -„Nun, was denn?“ - -„Um halb ein Uhr kam er zurück; ich lag schon zu Bett, konnte aber -natürlich nicht schlafen. Er war ganz blaß und aufgeregt, und dann -erzählte er, sie seien da in eine Kneipe gegangen, und plötzlich habe -einer von ihnen ein Mädchen an den Tisch gebracht, -- und dann seien -immer mehr gekommen, und auf einmal hätte auch eine neben ihm gesessen.“ - -Die Großmutter blickte auf, und ein seltsamer Zug lag um ihren Mund: -„Na -- und?“ - -„Ja, ich weiß nicht -- -- sie hat gesagt: ‚Sag’ doch ‚Hannchen‘ zu -mir und hat ihn gefragt, ob er immer so ledern wäre, und ist ihm ganz -nahegerückt.“ - -Nun lächelte die Großmutter: „Und weiter?“ - -„Ich weiß nicht,“ und Maria senkte den Kopf. - -„Er tat mir schrecklich leid an jenem Abend; ich glaube, er fühlte sich -unglücklich!“ - -„Das ist Blödsinn, Maria. Ein Junge muß mal was erleben. Sieh mal, -Alfred war doch schon mit siebzehneinhalb Jahren Leutnant, da konnte -ich ihn doch auch nicht mehr am Rockzipfel haben!“ - -„Das ist es auch nicht; ich hatte nur das Gefühl, daß der Junge sich um -etwas grämte, daß ein großer Zwiespalt in ihm war.“ - -„Laß gut sein, Kind, so was mußte einmal kommen, und vielleicht ist es -ein Glück, daß ihm gerade jetzt noch die Augen geöffnet wurden. Wer -weiß, was sie in den nächsten Monaten zu sehen bekommen.“ - -„Er ist noch so ein Kind, Großmutter. Du weißt gar nicht, wie sehr er -noch Kind ist, trotz seiner Grübeleien.“ - -„Dann war es die höchste Zeit, daß er aus seiner Kindheit -herausgerissen wurde!“ - -„Es tat mir aber weh. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als sei er -wieder mein ganz kleines Kind, das ich gegen die Welt schützen müßte. -Überhaupt, Großmutter -- immer in dieser schrecklichen Zeit, jetzt lebe -ich wieder alles von früher durch -- wie er noch ganz mein war -- ganz -hilflos -- ich kann dir das nicht so sagen -- aber es tut alles so -entsetzlich weh -- so als ob einem scharfe Messer im Herzen wühlten.“ - -Großmutter streichelte Marias Haar. - -„Da mußt du dich nun drüber hinwegsetzen, Kind. Du darfst nicht -egoistisch sein. Eine Mutter hat die Pflicht, ihr Kind unter Schmerzen -und Wonne zu gebären, es großzuziehen und dann wieder herzugeben. So -will es die Natur und alles Auflehnen hilft nichts!“ - -Großvater kam mit seinem Extrablatt. „Die Russen in Tilsit!“ Er war -ganz bleich. - -Großmutter lenkte ab: „Laß eben Maria fertig erzählen! Also das Abitur -hatte er, und dann?“ - -„Dann liefen sie von Kaserne zu Kaserne, um sich zu stellen. Zu -Tausenden standen sie da herum, und er kam an den ersten beiden -Tagen enttäuscht nach Hause. Am dritten aber mittags strahlte er und -hatte einen Fahrschein nach der Altmark -- da sollten sie sich beim -Husarenregiment melden!“ - - * * * * * - -Herr Hieronymus war ein schlankes, kleines Männchen mit eisgrauem Bart. -Er kam als erster, und der Tisch war noch nicht abgeräumt. „Das nenne -ich pünktlich!“ sagte die Großmutter und stellte ihre Schwiegertochter -vor. - -„Große Freude, gnädige Frau! Hab’ schon oft von Ihnen gehört, die Frau -Schwiegermutter spricht mit Vorliebe von Ihnen und dem famosen Jungen. -War leider zwei Jahre abwesend, sonst würde ich wohl schon früher das -Vergnügen gehabt haben, Sie zu sehen!“ - -Er hielt Marias Hand fest und sah ihr in die Augen. - -„Nun erzählen Sie aber auch gleich, teurer Herr Hieronymus, daß ich -immer nur das Beste von meiner Maria rede!“ - -„Es wäre eine Kränkung, das besonders zu versichern,“ sagte das kleine -Männlein, und bevor die Müller noch mit dem Abräumen fertig war, tat -sich die Tür zum zweitenmale auf, und der behäbige Herr Rat Mertens -trat ein. Den kannte Maria schon und gab ihm die Hand, die der Rat an -seine Lippen zog. - -„Im Frühjahr sahen Sie blühender aus, liebe Frau Maria. Da sehen Sie -geradezu beneidenswert gut aus. Jetzt sieht man Ihnen an, daß Sie -gelitten haben! Schwere Zeiten, furchtbare Zeiten, die Gott uns gesandt -hat. Heute reichen wir uns noch in Geborgenheit die Hand; wer aber -weiß, wie nahe die Stunde bevorsteht, in der es auch für uns heißt: -Verlaßt eure Heimat, flieht oder sterbt!“ - -„Na, na,“ sagte die Großmutter ärgerlich; und dann ließ die Müller den -dritten Gast eintreten, den Hauptmann Prell, den Maria noch nicht im -Hause ihrer Schwiegereltern gesehen hatte. Er kam langsam näher und -schleppte den linken Fuß nach. Fein und leidend waren die Züge seines -Gesichtes, die Augen in die Ferne blickend, so wie Menschen, die -viel denken und grübeln, zu blicken pflegen. Ihm kam die Großmutter -liebenswürdiger als den anderen Gästen entgegen. Sie hielt die -Schwiegertochter im Arm und begann herzlich: „Hier ist meine Maria, -Herr Hauptmann; wir haben ja neulich einen geschlagenen Nachmittag von -ihr und ihrem Jungen gesprochen!“ - -Der Hauptmann beugte sich über die dargereichte Hand. „Ich bin sehr -glücklich, gnädige Frau, Sie zu sehen. Ich bin wirklich sehr erfreut!“ -wiederholte er, als die Großmutter sich zu den anderen Gästen wandte, -und zog nun auch die andere Hand an die Lippen. - -„Sie haben Ihren Jungen hergegeben -- Ihren Einzigen?“ fragte er, „aber -Sie haben es gern getan, nicht wahr?“ - -„Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Man will und will nicht; -es ist ein schreckliches Chaos im Kopf und Herzen.“ - -„Also wo wünschen die Herren zu sitzen?“ rief die Großmutter. „Hier -im Eßzimmer haben wir den Vorteil, alle zusammen am Tisch sitzen zu -können. Gehen wir ins sogenannte Herrenzimmer, müssen sich die Parteien -teilen.“ - -Der Großvater aber stimmte fürs Herrenzimmer, und die Müller erhielt -einen Wink, Gläser und Flaschen dahin zu bringen. - -Hieronymus reichte der Großmutter den Arm, Rat Mertens sprach mit -lauter Stimme auf Großvater ein und Prell ging neben Maria her. - -Der behäbige Rat blieb unter dem Kronleuchter stehen und sprach nun -nicht mehr zu Großvater allein, sondern so, als habe er irgendein -unbekanntes Publikum vor sich. - -„Unsagbar schwere Zeiten hat Gott über unser armes, tapferes Vaterland -verhängt!“ rief er aus. „Gott ist allmächtig und allgütig und vor -allem: Gott ist gerecht! Das muß man sich in dieser Zeit immer wieder -sagen, denn sonst könnte man der Verzweiflung, die einem beim Lesen der -furchtbaren Geschehnisse ergreift, nicht Herr werden! Ich nehme an, -Gott will den Frevel und den Hochmut derer, die uns hassen, strafen. -Wir sind das Werkzeug dazu, und wir dürfen nicht murren. Ja, wir müssen -uns zum Gottesglauben zwingen! Das ist nicht ganz leicht in diesen -Zeiten, in denen der, der über uns allen waltet, so Grauenhaftes -geschehen läßt. Jammer, Jammer, Jammer! Wo ist ein Herz, das nicht von -Gram verzehrt wurde? Wo ist der Mann, die Frau, die nicht täglich von -neuem um ihr bißchen Lebensmut kämpfen muß? Wäre es uns nicht allen -wohler, wenn wir uns jetzt zu einem Schlaf niederlegen könnten, aus dem -es kein Erwachen mehr gibt?“ - -„Oho,“ sagte Großmutter, „das wäre ja wirklich sehr deutsch gehandelt. -Nein, lieber Rat, nun erst recht nicht! Und wenn der Krieg zehn Jahre -dauern würde, und wenn ich mit Krankheit geschlagen würde, ich möchte -das Ende abwarten! Jetzt einschlafen, nein, das paßte mir nicht!“ - -„Sie haben diese wundervoll starken Nerven, gnädige Frau,“ entgegnete -der Rat. „Aber nicht ein jeder hat die Kraft, so zu denken wie -Sie. Unsere lieben Damen verfügen ja auch im allgemeinen über mehr -Optimismus und Naivität als der denkende Mann.“ - -Großmutter räusperte sich. - -„Das sind schöne weibliche Eigenschaften!“ fuhr der Rat fort, „und -kraft dieser Eigenschaften bleibt es ihnen erspart, den grauenhaften -Ernst der gegenwärtigen Zeit in seinem vollsten Umfang zu erfassen.“ - -„Auch dagegen protestiere ich, Herr Rat!“ - -„Mit Ihnen ist nicht gut verhandeln,“ lachte Mertens etwas gereizt, -„Frau Maria aber wird mir recht geben. Sagen Sie, gnädige Frau, haben -Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie es sein wird, wenn wir nicht -siegreich sein sollten? Wenn diese siebenfache Meute uns doch so zu -packen kriegt, daß wir am Boden liegen -- daß das edle Blut unserer -Söhne, Gatten, Väter und Brüder umsonst geflossen ist?“ - -Maria war bleich geworden: „Ich will mir das nicht vorstellen.“ - -„Sehen Sie, sagt’ ich es nicht? Sie will sich nicht vorstellen, sie -macht die Augen zu. Das ist schön, das ist frauenhaft.“ - -„Blödsinn!“ rief die Großmutter. „Das ist gar nicht nur frauenhaft! Ein -jeder, ob Mann oder Frau, sollte so denken: Siegen oder Untergehen! An -Untergehen denkt man nicht gern, also weiß man, daß man siegen muß. -Aber nun nehmen Sie Platz, meine Herren, und lassen Sie uns so fröhlich -sein, wie man es in dieser Zeit sein kann!“ - -Mertens hob als erster sein Glas: „Ein Pereat auf das Land der -Perfidie!“ - -Hieronymus zögerte ein wenig, bevor er sein Glas an das der anderen -klingen ließ: „Das ist mir ein wenig zu pathetisch.“ - -„Pathetisch?“ ereiferte sich Mertens. „Ist diese Zeit denn nicht -ganz und gar aufs Pathetische gestimmt, und verdienen es diese -neidplatzenden Halunken nicht, daß man ihnen zu jeder Stunde des Tages -einen Fluch nachschleudert?“ - -„Das nützt uns nur verdammt wenig, lieber Rat.“ - -„Aber es tut uns wenigstens wohl!“ - -Über das Gesicht des invaliden Hauptmanns flog ein sarkastisches -Lächeln. - -„Man muß nicht alles so allgemein nehmen; man muß auch bei seinem -Feinde die Motive suchen.“ - -„Teufel, ja,“ sagte der Rat, „die liegen doch bei England klar genug.“ - -Großmutter warf ein: „Nicht wieder die alten Sachen durchkauen, meine -Herren! Jedes Kind weiß, daß England gemein an uns handelt; jedes -Kind sagt ‚Pfui!‘, wenn es von England spricht. Ich sage auch ‚Pfui!‘ -und habe gern in das Pereat auf das edle Britenreich miteingestimmt, -aber damit wollen wir es auch für heute bewenden lassen. Sind Sie -einverstanden, Rat?“ - -„Mir war es nur, als habe unser Hauptmann Prell etwas andere Ansichten -über unsere englischen Feinde!“ meinte Mertens gereizt. „Wie meinen Sie -das, Herr Hauptmann, wenn Sie sagten, man müsse über die Beweggründe -jedes Landes nachdenken? Frankreich und Rußland verstehe ich -- ganz -besonders Frankreich -- aber England hatte keinen Grund zu diesem -namenlosen Haß. Bei England ist die Triebfeder zu diesem Krieg nichts -als kalte, gemeine Habgier!“ - -„Das ist in diesen Tagen tausend- und abertausendmal bestätigt worden,“ -sagte Prell kühl. - -„Nun also, warum betonten Sie denn, man müsse über Englands Beweggründe -nachdenken?“ - -„Ich habe nicht behauptet: über Englands Beweggründe, sondern über -jedes einzelnen Landes Beweggründe. Stellen Sie sich mal vor, es -wären zehn Jahre vergangen, und man verlangte von Ihnen, daß Sie die -Geschichte dieses Krieges schrieben. Würden Sie da auch nur so einfach -von Englands Perfidie sprechen? Man muß sich doch auch fragen, was -England von uns zu fürchten hätte, wenn unsere Industrie und unser -Handel weiter in dem Maße aufblühen, wie sie es bisher getan. Heute -noch ist England der Großkaufmann und der Bankier der ganzen Welt. Aber -es fühlt, daß Deutschland ihm zu mächtig wird. Es fürchtet ganz einfach -Deutschlands immer weiteres Emporsteigen.“ - -Der Großvater sagte bedächtig: „Nein, meine Herren, das ist es nicht. -Es ist einzig unser Militarismus, den sie mit scheelen Augen ansehen.“ - -Die Großmutter warf ein: „Meine Herren, das sind doch alles -Gemeinplätze, über die eine Debatte nicht lohnt! Reden wir doch lieber -von dem, was der Tag gebracht hat. Also die Russen sind einmal wieder -im Land!“ - -„Im Anmarsch auf Berlin!“ sagte der Rat Mertens schwer. - -Maria wandte sich etwas ängstlich an den Hauptmann Prell: „Ist das -wahr, sind die Russen wirklich im Anmarsch auf Berlin?“ - -Der Hauptmann lächelte: „Wenn es nach dem dicken Rat Mertens ginge, -stände unsere Hauptstadt längst in Flammen. Sind Sie sehr ängstlich, -gnädige Frau?“ - -„Nicht für mich, aber all der Jammer, der jetzt in der ganzen Welt ist, -macht so schwach und elend.“ - -„Und es wird doch gerade jetzt so viel von der starken deutschen Frau -gesprochen und gesungen.“ - -„Dazu gehöre ich nicht,“ sagte Maria und neigte den Kopf. - -„Das ist schön, das ist gut, daß Sie das eingestehen. Wenn Sie stark -sein müssen, dann können Sie es auch sein und Sie sind es doch schon im -hohen Maße gewesen, ich habe einen Beweis dafür!“ - -„So?“ - -„Nun, zum Beispiel, daß Sie sich in all den Jahren dem Willen der Frau -Schwiegermutter nicht untergeordnet haben. Das heißt doch was, gegen -den Willen einer so praktischen, energischen Frau anzukämpfen. Sie -hat mir vieles von Ihnen erzählt und kann es Ihnen heute noch nicht -verzeihen, daß Sie nicht mit dem Jungen zu ihr gezogen sind, und daß -Sie nicht wieder heirateten. Das nenne ich doch Stärke, denn solch ein -Widerstand bedeutet doch alles andere als Schwäche!“ - -„Aber jetzt bin ich sehr müde und verzagt, und wenn Großmutter mir -jetzt in dieser Stimmung sagte: ‚Du bleibst!‘ -- ich glaube, dann -bliebe ich.“ - -„Sie fühlen sich verlassen, weil Sie den Jungen hergegeben haben, das -ist natürlich furchtbar hart für Sie. Aber augenblicklich ist er doch -noch in Sicherheit!“ - -Der Hauptmann sah Maria mit guten Augen an, während er sprach, und sie -fühlte sich wohl in seiner Nähe. - -„Ist das wahr, Hauptmann,“ rief die Großmutter, „daß Sie sich noch -gemeldet haben? Und wozu, wenn man fragen darf?“ - -„Wozu sie so einen Krüppel noch brauchen können,“ sagte er lächelnd, -„aber ich fürchte, es ist wenig Aussicht vorhanden!“ - -„Und ich sage Ihnen, daß sie den letzten Mann im Deutschen Reich -gebrauchen werden. Und reichen die Männer nicht mehr, dann kommen die -Greise und Frauen daran!“ - -„Sie sind toll, Rat!“ rief die Großmutter. - -Der Rat stürzte ein Glas Wein hinunter. „Ist das in Belgien nicht auch -der Fall?“ fragte er. - -„Teufel, ja, aber eine deutsche Frau schüttet keinem Soldaten heißes -Wasser auf den Kopf. Dafür möchte ich mein Leben einsetzen!“ - -„Die Leidenschaft, die Wut erzeugt Bestien!“ schrie der erregte -Mann, dessen Gesicht stark gerötet war. „Und ich sage und prophezeie -Ihnen: In einem Jahr wird es nur noch Greise und Kinder im deutschen -Vaterland geben. Wozu durch die rosige Brille sehen? Wozu sich selbst -belügen? Und jene jungen Bürschchen, die jetzt in dieser wunderschönen -Begeisterung als Kriegsfreiwillige in die Kasernen gezogen sind, ihr -Blut wird in Strömen fließen.“ - -Maria deckte die Hand über die Augen, und der Hauptmann rief zu Mertens -hin: „Nun möchte ich doch ernstlich mahnen -- --“ - -Aber wenn so ein Mann wie der Rat einmal im Zug war, gab es kein -Bremsen mehr. - -„Schenk’ ihm doch nicht immer wieder ein,“ flüsterte die Großmutter -zu ihrem Mann und legte die Hand um die Flasche. Der Hauptmann hatte -Marias Hand ergriffen: „Er redet Blödsinn, er kann keinen Wein -vertragen.“ - -Sie versuchte zu lächeln, aber es mißlang. - -„Nein und tausendmal nein, wir sollen uns nicht selbst betrügen. Wir -müssen wissen, was uns bevorsteht. Der Zar soll geschworen haben: -‚Ich ruhe nicht, bis die Straßen Berlins mit Frauenköpfen gepflastert -sind!‘ Und glaubt einer, daß die Kosaken, wenn sie in unsere Hauptstadt -ziehen, dieses Wort nicht wahr machen?“ - -„Teufel noch mal,“ rief jetzt die Großmutter außer sich. „Sind Sie -dazu hergekommen, Herr Rat, um uns so die Stimmung zu verderben? Ein -Schwarzseher sind Sie, ein ganz trauriger Schwarzseher. Ich danke für -alles Weitere. Komm, meine Maria! Du bist müde und siehst blaß aus. Die -Herren werden uns entschuldigen. Gute Nacht!“ - -Sie legte ihren Arm um Marias Schulter und führte sie hinaus. Der -Großvater lenkte die Sache ein, so gut wie es möglich war. Aber nach -einer Viertelstunde hörte man die Türe klinken, und er schloß seinen -Gästen die Gartenpforte auf. - -Die Großmutter hatte Maria in das kleine Fremdenstübchen geführt. „Es -tut mir leid, Kind, daß die Müller die dunklen Vorhänge noch nicht -angemacht hat. Aber da du müde bist, wirst du auch schlafen, wenn der -Mond ein wenig hereinscheint.“ - -Das kleine Zimmer war ganz überflutet von weißem Mondlicht. Auf dem -Teppich zitterte ein weißer, breiter Streifen und zog sich die Wand -hinauf, an der ein fast lebensgroßes Porträt hing. Es war das Bild von -Großmutters einzigem Sohn, Marias verstorbenem Manne. Gespensterhaft -leuchtete es auf die beiden Frauen nieder. - -Die Großmutter wurde elegisch. „Daß er diese gewaltige Zeit nicht -miterleben durfte!“ seufzte sie. Aber dann war sie mit ihren Gedanken -gleich wieder im praktischen Leben. - -„Ich will eben noch einen Augenblick zu Großvater hinüber, denn wenn er -sich nicht gleich legt, bekomme ich ihn vor Mitternacht nicht zu Bett. -Leg’ du dich nur ruhig schon hin, Maria. Ich komme noch, dir ‚Gute -Nacht‘ sagen.“ - -Im kleinen Zimmer war eine schwere Luft; die Müller hatte das Fenster -zu früh geschlossen, und die kleinen weißen Ersatzgardinen waren so -angebracht, daß sich auch nicht ein Spalt öffnen ließ. - -‚Schrecklich,‘ dachte Maria und wußte, daß eine schlimme Nacht ihrer -harrte. Schwere Luft und das große, helle Bild des Mannes! Das war zu -viel für sie. Und dazu eines von Großmutters massiven Federbetten. Eine -leise Verzweiflung begann in ihr wach zu werden. - -Während sie sich entkleidete, hörte sie Großmutter sagen: „Eine -Unverschämtheit vom Rat, sich als Gast anzumelden und dann so -loszulegen. Den brauchst du in der nächsten Zeit nicht mehr -mitzubringen, Alterchen.“ Und er entgegnete liebenswürdig: „Wie du -willst!“ - -Dann gab es noch einen kleinen Kampf zwischen den beiden, weil -Großvater sich weigerte, sogleich zu Bett zu gehen; aber fünf Minuten -später war er doch im Schlafzimmer, und eine kleine Weile darauf -klopfte Großmutter bei Maria an und setzte sich zu ihr auf den -Bettrand. Sie hielt etwas in der Hand und schien einen Augenblick lang -um ein paar einleitende Worte verlegen zu sein. - -„Ich habe Großvater das Versprechen abgenommen, diesen Mertens nicht -mehr ins Haus zu bringen! Das ist doch geradezu eine bodenlose -Unverfrorenheit, einen so in Angst jagen zu wollen. Die Zeiten sind -ohnehin grauenvoll genug, und ich hatte auf einen netten, behaglichen -Abend gehofft. Und doch, Maria, trotzdem es eine Taktlosigkeit vom Rat -war, solche Dinge auszusprechen -- das muß ich dir sagen, daß auch mir -schon ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sind. Kann denn ein -Mensch wissen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß bestimmt -hat? Und wenn er das Furchtbare geschehen läßt, wenn die russische -Meute bis zu unserer Hauptstadt dringt, dann bleibt auch vielleicht -das nicht aus, was der Zar gesagt haben soll. Auf jeden Fall ist dann -über uns Frauen das Urteil gefällt! Ich glaube nicht daran und will -nicht daran glauben, aber sollte es so kommen -- dann, Maria, heißt es -für uns: Schnell ein Ende machen, ehe wir uns auf bestialische Weise -abschlachten lassen! Einen Revolver aber hat man nicht immer zur Hand -oder ist vielleicht zu nervös, ihn im rechten Augenblick abzudrücken. -Aber ein kleines Pulver in der höchsten Not herunterschlucken, das kann -jeder! Sieh mal, was ich hier habe, das soll im selben Augenblick, wo -man es nimmt, wirken. Herzschlag und aus! Woher ich’s habe, verrate ich -nicht. Aber es reicht für dich und mich. Ich hab’s für dich in dieses -kleine Medaillon, das ich dir längst schon geben wollte, gefüllt. Am -besten tust du, du hängst es um den Hals, dann hast du es immer zur -Hand.“ - -Maria sah erstaunt zur Großmutter auf. Sprach sie im Ernst? Aber das -alte, frische Gesicht war wirklich bekümmert; sie hob Marias Kopf empor -und hing ihr das kleine Amulett um. - -„Nun wollen wir zu beten versuchen, Maria!“ - -Und sie schlang ihre Hände um die der Schwiegertochter und begann: -„Herrgott, himmlischer Vater, der du alle Macht in Händen hast -- --“, -schluchzte dann auf und rief: „Nein, nein, ich finde keinen Weg mehr -zu dem da droben. Mein Herz will sich auflehnen. Sieh du, Maria, ob du -noch zum Glauben zurückfindest!“ und küßte ihr Stirn und Augen, zog ihr -die Decke über die Schultern und ging hinaus. - -Marias Augen irrten im Zimmer umher und blieben auf dem hellen Bild -ihres Mannes hängen. Der war nun schon fünfzehn Jahre tot, und es war -doch noch nichts vergessen von all dem, was sich in den paar kurzen -Ehejahren ereignet hatte. Ein armer, herzkranker Mensch war er gewesen, -der sich als junger Offizier sein Leiden geholt und keine Genesung -mehr gefunden hatte. Nein, nicht die Vergangenheit heraufbeschwören, -nicht daran rühren! Sie warf sich zur Seite, so daß sie zur Wand -blickte. Aber an dieser Wand hingen unzählige kleine, ovale Bildchen -im schwarzen Rahmen, so wie man sie in großmütterlichen Einrichtungen -noch findet. Es waren zumeist Kinderbilder von dem Mann da oben an der -Wand; liebe, gute, kluge Gesichtchen -- dunkle, träumerische Augen, so -wie auch der Junge, der jetzt in der Altmark in der Kaserne lag, sie -hatte. - -Sie nahm eines von den Bildchen in die Hand und küßte es. Da klapperte -es an dem Amulett, das Großmutter ihr umgehängt hatte, und die Gedanken -kehrten zur Gegenwart zurück. - -Die Kosaken nach Berlin! Aber das wollte ihr Verstand nicht aufnehmen; -dagegen lehnte sich irgend etwas in ihr auf. - -Wenn sie doch schlafen könnte! Sie hing das kleine Bild wieder an die -Wand und zog die Decke übers Gesicht. Aber das ging nicht, es herrschte -ohnehin eine unerträgliche Hitze im Zimmer. Auf dem Teppich tanzte der -Mondstreif immer heller, immer quälender. Sie schloß die Augen. Da sah -sie das häßliche, braunrote Gesicht des Rates Mertens vor sich. ‚Und -all die jungen Kriegsfreiwilligen in den Kasernen -- ihr Blut wird in -Strömen fließen!‘ - -Entsetzlich, entsetzlich! - -Sie setzte sich aufrecht hin. Die Müller hatte vergessen, ihr -Streichhölzchen hinzulegen, und beim Mondlicht konnte man nicht lesen. - -Wieder zog das große, weiße Bild an der Wand ihre Blicke an, und wieder -kamen traurige, quälende Erinnerungen. - -Nein, so mit dem Bilde an der Wand konnte sie kein Auge zutun in dieser -Nacht. Ihre Gedanken arbeiteten schon jetzt fieberhaft; die Schläfen -schmerzten, der Puls raste -- das Herz schlug zum Zerspringen. - -„Jungchen -- mein Jungchen!“ und sie dachte an das Kind, an den -zarten, blutjungen Kerl, den sie hergegeben hatte -- der so froh, so -selbstverständlich von ihr gegangen war. Der lag nun mit fünfunddreißig -anderen in irgendeinem öden Raum auf einem Strohsack. Der war -vielleicht krank und sie wußte es nicht, der hatte Heimweh und war zu -stolz, davon zu schreiben. - -Wo hatten diese jungen, verwöhnten Kerle nur plötzlich die -Entschlossenheit und Größe hergenommen? All diese Jungchen, die zu -Hause so gern gemäkelt hatten, denen nichts gut und bequem genug -gewesen war! - -Ihre Hände spielten mit dem Medaillon, das die Großmutter ihr umgehängt -hatte -- und die Gedanken, die sich ihrem Willen schon nicht mehr -unterordneten, flogen wieder zu dem, was draußen in der Welt vor sich -ging. - -Sie dachte an all das Grauenerregende, was sie vor zwei Jahren vom -serbisch-bulgarischen Krieg gelesen hatte. All diese greulichen -Metzeleien von Frauen und Kindern. - -War es möglich, daß Gott auch vielleicht das zuließ? - -Ihre Blicke flogen wieder zu dem Bilde ihres Mannes empor! - -Das Chaos in ihrem Kopf war riesengroß geworden. Ein Gedanke jagte den -anderen -- ein Gedanke raste über den nächsten hinweg. - -„Ich kann es nicht mehr sehen!“ stöhnte sie, und suchte nach -irgendeinem Gegenstand, um es zu verdecken. Auf dem Tisch in der Mitte -des Zimmers lag eine dunkle Plüschdecke. -- -- -- Die nahm sie, aber -ihre Hände zitterten. Sie stieg auf einen Stuhl und versuchte, die -Enden der Decke an den Bilderhaken zu befestigen -- -- die Bilderhaken -rutschten aus der Wand, das Bild glitt hinab, lag am Boden, und irgend -jemand in der Wohnung schrie auf. Das war die Großmutter, und einen -Augenblick später klopfte sie an und starrte entsetzt auf das Bild. - -„Das bedeutet nichts Gutes, wenn ein Bild von der Wand herunterfällt!“ -sagte sie tonlos. „Komm’, wir lehnen es an die Wand. Armes Ding, hast -dich erschrocken, was? Warum hab’ ich auch erlaubt, daß Großvater so -ein großes Bild allein aufhing?“ - -Maria vermochte nicht zu sprechen; die Nerven zitterten in ihr. - -„So leg’ dich hin, mein Schäfchen!“ Und die Großmutter streichelte sie. -„Du machst dir Sorgen wegen der dummen Prophezeiungen des Mertens, ja? -Das ist natürlich Blödsinn! So, ich bleib’ ein wenig bei dir, ich kann -auch nicht schlafen!“ Und Großmutter, in einen ganz hellen Morgenrock -gehüllt, saß jetzt auf dem Sofa und sah wie mit Silber übergossen aus. - -„Weißt du, Maria, wenn ich so im Mondschein sitze, muß ich an frühere -Zeiten denken. Da hatten wir zu Haus eine alte Magd, die uns im -Mondschein die Karten legte. Mit Gott finde ich mich jetzt doch nicht -zurecht, und da die Welt doch einmal auf dem Kopf steht, werd’ ich -mal ein Spiel holen und probieren, ob’s noch geht. Dazu mußt du aber -aufstehen und dich zu mir in den Mondschein setzen.“ - -Die Großmutter lief hinaus, und Maria stand in weißem, langem Nachthemd -mitten im glitzernden Lichtstreifen. - -Müd’ war sie, daß der Körper sich kaum aufrecht halten konnte -- aber -die Nerven waren zugespitzt, als hätte jeder tausend Leben in sich. - -Dann kam die Großmutter mit ihrem Spiel, und die Karten flogen. Die -Großmutter zählte, schob, legte über- und untereinander und sah -mit dem herabhängenden weißen Haar, dem hellen Gewand und den flink -fliegenden Fingern wie ein Wesen aus einer anderen Welt aus. - -„Also dem Jungchen passiert nichts. Das Kind soll dir erhalten -bleiben!“ sagte sie, „aber für dich selbst finde ich nichts Gutes, -Maria. Da ist wohl der Herzenskönig, der zu dir hin will, aber -dazwischen liegt die schwarze Karte, und wie ich’s auch mische und -schiebe, sie kommt immer wieder!“ - -Und plötzlich sah die Großmutter grade zu Maria auf: „Du hältst es doch -nicht mit einem, der dich nicht heiraten will, Maria? Daß du deshalb -vielleicht an keinen anderen denkst? Das wäre ein furchtbares Unglück!“ - -„Blödsinn, Großmutter!“ sagte Maria ärgerlich, „und ich kann so etwas -wie dies Kartenlegen nicht vertragen!“ - -„Du zitterst ja!“ rief Großmutter. „Was fehlt dir denn?“ - -„Es ist so entsetzlich schwül im Zimmer und so hell.“ - -„Dann machen wir eben das Fenster auf; es geht ja zum Garten, und -niemand kann hineinsehen. Warte, ich hole noch den großen Wandschirm, -den rücken wir vors Bett! Nun meinst du -- -- Herrgott, Kind, es ist ja -auch zum Weinen und Jammern. Der Mann tot, der Junge in der Kaserne und -die ganze Welt voll Greuel. Ich bringe dir noch den Baldrian, der macht -ruhig!“ - -Und wieder glitt sie über den hellen Lichtstreif hinweg zur Tür hinaus, -kam mit ihrer Baldrianflasche wieder und ruhte nicht, bis Maria ein -getränktes Stück Zucker geschluckt hatte. „So, nun schlaf’!“ Sie rückte -den Wandschirm dicht vors Bett. - -„Du kannst morgen so lange liegen, wie du Lust hast. -- Gute Nacht, -mein Kind!“ - -Durchs offene Fenster strömte die milde Sommerluft, ein Raunen und -Weben ging durchs stille Zimmer. Eine Weile noch quälte sich der arme -Kopf, eine Weile noch hüpften und irrlichterten die Gedanken, dann aber -war es still. Marias Hände hatten das goldene Medaillon umschlossen --- und es war, als ob Ruhe und Friede aus diesem kleinen Amulett -ausströmten. - -Der Rat Mertens, die Kosaken, die Großmutter, das Jungchen in der -Kaserne flogen immer matter durch ihre Gedanken. - -‚Dem Jungchen passiert nichts; das Kind soll dir erhalten bleiben!‘ -hörte sie die Großmutter noch sagen, und dann kam der Schlaf doch noch --- ein tiefer, guter, traumloser, langer Schlaf. - -Großmutter meinte am späten Morgen zur Müller: „Nein, nicht wecken!“ -und wartete geduldig, bis der Mittag nahe war. - - * * * * * - -Einen Tag später fragte Maria mit etwas ängstlichem Herzen: „Erlaubst -du, daß ich abreise, Großmutter?“ Und Großmutter sagte kurz: „Ich halte -niemanden, der nicht gerne bei mir ist!“ - -„Nein, so sollst du nicht sprechen!“ bat Maria. „Du weißt nicht, -welche Unruhe in mir ist. Heute habe ich wieder keinen Brief von Ernst -bekommen.“ - -„Das kannst du auch nicht verlangen, daß er dir täglich schreibt!“ - -„Läßt du mich reisen, Großmutter? Ich meine, läßt du mich reisen, ohne -böse zu sein?“ - -Da küßte die Großmutter sie herzlich. „Ich halte dich nicht, Maria, -aber wenn es dich einmal zu mir drängt, so weißt du, daß dir bei -niemand weiter die Türen offen stehen als bei Großvater und mir.“ - -„Du bist sehr lieb, Großmutter.“ Sie schmiegte sich ganz eng an sie an -und ließ sich streicheln. - -„So für zwei oder drei Tage geht es immer ganz gut mit uns beiden,“ -scherzte die alte Frau, „und es ist eigentlich das Vernünftigste, daß -wir uns zu keinem längeren Zusammensein zwingen. Also dann sprich nun -mit Großvater; der wird dir wahrscheinlich sagen können, ob und wann -Züge gehen.“ - -Der Großvater wußte in der Tat genau Bescheid, aber er riet, wieder -einen Wagen zu nehmen und zur nächsten Station, von der aus ein -Schnellzug ging, zu fahren. Die Großmutter protestierte ein wenig wegen -der Kosten und weil man schon um fünf Uhr in der Frühe abfahren mußte, -aber schließlich fügte sie sich. - -„Aber nicht den Jungen besuchen und ihm das Herz schwer machen, Maria. -Der führt jetzt sein Leben für sich und hat fürs erste mit der Mutter -nichts mehr zu tun. Schicke ihm jede Woche ein vernünftiges Paket, das -wird ihm lieber sein als alles andere.“ - -Am nächsten Morgen, als der Großvater mit Maria durch den Vorgarten -schritt, hatte er ein ganz jungenhaft vergnügtes Gesicht. Die alte Frau -winkte ihnen vom Fenster aus zu und rief: „Das Medaillon hast du doch -um den Hals hängen, ja?“ „Natürlich, Großmutter.“ Maria setzte sich auf -den hohen Sitz neben Großvater; der nahm die Peitsche zur Hand, grüßte -noch einmal zur Großmutter hin und schnalzte mit der Zunge. -- - -„Hast du eigentlich Sinn für Natur, Kind?“ fragte er, sowie sie aus -der kleinen Stadt heraus waren, und ließ die Pferde in langsamerer -Gangart fahren. „Du siehst manchmal so ins Weite, daß man gar nicht -weiß, wo deine Gedanken eigentlich sind. Aber wenn du die Natur liebst, -dann muß dieser frühe Sommermorgen ein Genuß für dich sein. Draußen in -der Welt toben die Schlachten, Grauen und Entsetzen, und hier dieser -stille Friede! Sieh mal, ich habe jeden Morgen, wenn Großmutter noch -schläft, meine schwache Stunde. Wer selbst im Krieg gestanden hat, nur -der kann sich ein klares Bild von dem, was jetzt in der Welt vorgeht, -machen. Und dann bin ich auch zu alt, um mich ganz und gar der frohen -Zuversicht: Wir werden und wir müssen siegen! hinzugeben. Es ist eine -zu gewaltige Übermacht, gegen die wir kämpfen. Aber angenommen, wir -siegen doch, selbst dann kann man nicht mehr froh und glücklich werden. -Ein Mensch, der wie ich am Ende seiner Tage steht, der glaubt, selbst -ein wenn auch noch so winziges Teil zur Kultur beigetragen zu haben, -möchte die Augen schließen bei dem Gedanken, daß so etwas noch möglich -war. Wir sind um fünf Jahrzehnte zurückgeworfen, Maria; wir Alten -können ruhig von uns sagen: wir haben umsonst gelebt!“ - -„Ich glaube es dir, Großvater,“ sagte Maria. „Aber es ist jetzt für -niemand schön in der Welt. Die, die schon gelebt haben, sehen ihre -Arbeit vernichtet, und die, vor denen noch ein Stück Wegs liegt, haben -die Lust verloren, ihn weiter zu gehen. Beneidenswert sind vielleicht -nur die ganz Jungen, die sich besinnungslos hineinstürzen und gar nicht -zum Denken kommen.“ - -Großvater wies mit dem Peitschenstiel in die Ferne: „Sieh mal, wie -schön dort drüben.“ Da war der junge Himmel wunderbar zartblau, und -eine leise Wellenlinie von Hügeln hob sich leicht davon ab. Dunkel -ragte ein Stück Wald auf, und grüne Wiesen dehnten sich bis zum Fahrweg -hin. - -„Diesen Weg ging ich so manchesmal in diesen letzten Wochen genau zur -selben Stunde wie jetzt. Großmutter ist ärgerlich darüber, weil sie -denkt, das sei zwar ganz nett, wenn junge Leute Frühaufsteher wären; -den alten Mann aber möchte sie in den weichen Kissen halten. So gut -sie es aber auch meint, grade in dieser Morgenstunde ertrag ich’s -nicht, daß ein Mensch neben mir so behaglich und gesund schläft, und -dann nehme ich Reißaus und komme froh und stark genug zurück, um meine -Strafrede in Empfang zu nehmen!“ - -„Warum hast du eigentlich noch einmal geheiratet, Großvater?“ fragte -Maria. - -Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Weil sie so wundervoll -gesund ist, Kind! Nichts ist wohltuender und erfrischender für -einen Menschen, der zeitlebens im Kampf mit tausend Erwägungen, -Grübeleien und Zweifeln gelegen hat, als neben solch robuster und -dabei liebevoller Gesundheit zu leben. Sie ist wirklich eine gute, -vernünftige Frau, Maria! Hat vielleicht ein bißchen was von der Frau -aus dem Volke an sich, aber das schadet nichts. Ich habe mich an sie -gewöhnen müssen, aber jetzt möchte ich sie nicht mehr entbehren. Je -älter man wird, um so mehr lernt man das Einfach-Gute im Menschen -schätzen. Ich habe zwanzig Jahre allein gelebt und während der ganzen -Zeit immer auf die sogenannte verstehende Seele gewartet; die wollte -mir aber nicht begegnen. Dafür kam dann Großmutter und ließ mich nicht -mehr locker. Heut weiß ich, daß es vielleicht ein größeres Glück ist, -wenn der stark innerlich lebende Mensch sich an den, der praktisch -und gesund ist, bindet, als wenn zwei grübelnde, ewig-suchende, -selbstquälerische Menschen sich paaren. Das muß ich dir, grade dir klar -zu machen suchen, Maria, da ich immer mehr sehe und fühle, daß auch du -so eine arme, grübelnde Seele bist. Damit kommst du nicht weiter. Es -bleibt immer beim alten, man verlernt das Lachen und bohrt sich tiefer -und tiefer in seine fruchtlosen Betrachtungen hinein. Du solltest es -machen, wie ich’s gemacht habe: einfach mit einem gewaltigen Ruck alles -abstreifen und einen gesunden Menschen suchen, der dich täglich von -neuem in die Wirklichkeit zurückzwingt!“ - -„Nun kommst auch du mit Heiratsprojekten, Großvater!“ - -Er lächelte. „Weil du mir leid tust, Kind. Vielleicht aber bringt es -diese Zeit zustande, die Menschen einfacher und gesünder zu machen. -Wenn man aus der überverfeinerten Kultur so mit Gewalt ins Urwesen der -Menschheit zurückgeschleudert wird, kann natürlich die Rückwirkung auf -die Denk- und Anschauungsweise des einzelnen nicht ausbleiben.“ - -Sie kamen durch ein Dorf, durch das ein silbernes Bächlein floß. Frauen -mit aufgeschürzten Röcken standen am Wasser und spülten Wäsche aus; -barfüßige Kinder liefen umher oder saßen in den niederen Türen der -Häuschen und Hütten. Gänse schnatterten und Hühner gackerten. - -„Magst du das leiden?“ fragte Großvater. - -„Ja, sehr, ich möchte auch so ein Weib sein, das am Brunnen seine -Wäsche wäscht und nichts dabei denkt. Ist es nicht eigentlich -lächerlich, daß man immer den Wunsch hat, zum Primitiven, -Ursprünglichen zurückzukehren? Wozu ist der ganze Ballast von -Wissenschaft, Kunst und allem, was nicht zur einfachen, reinen Natur -gehört, überhaupt da?“ - -„Ich weiß es nicht,“ antwortete Großvater. „Und wenn du so alt bist wie -ich, wirst du es auch nicht wissen. Sieh nur zu, daß du deinen Jungen -von seinem grüblerischen Wesen abbringst! Laß ihn ruhig Soldat bleiben, -wenn er gesund aus dem Kriege herauskommt. Er ist jetzt schon so ein -blasser Denkermensch, und Großmutter hat nicht Unrecht, wenn sie sich -Sorgen um ihn macht.“ - -„Ich kann ja jetzt gar nichts mehr an ihm tun,“ sagte Maria beklommen -und ließ den Kopf hängen. Aber wie sie dann zwischen schwerbehangenen -Obstbäumen dahinfuhren, war der alte Mann fast kindlich froh. - -„Sieh diesen Reichtum rund um uns, das tut so wohl, solche -Fruchtbarkeit zu sehen. Ein jeder Baum scheint zuzurufen: Überfluß ist -im Lande und aushungern können sie uns nicht. Der verfluchte Brite!“ - -Großvater hatte ein feingeschnittenes Gesicht, das ein bißchen -weichlich wirkte. Aber wie er nun dreimal hintereinander ausrief: „Der -verfluchte Brite!“, da wuchs er aus sich selbst heraus. - -„Wenn man nur noch mittun könnte,“ seufzte er. „Der Kopf ist noch so -klar und nur der Körper wird gebrechlich. Besser sind heute jene daran, -bei denen der Körper blüht und die Gedanken nachlassen.“ - -Maria schmiegte sich an ihn an, weil er so bekümmert aussah. -„Großväterchen,“ sagte sie zärtlich, und er strich ihr mit der freien -Hand übers Gesicht. - -In der Stadt, von der aus der Schnellzug gehen sollte, fuhr Großvater -vor einem netten kleinen Hotel vor und ließ ausspannen. - -„Hier wollen wir frühstücken, und dann bringe ich dich zum Bahnhof. -Nachher habe ich noch eine Menge Besorgungen für Großmutter zu -erledigen und fahre am Nachmittag heim.“ - -Maria trug einen Brief in der Tasche, den sie am letzten Abend erhalten -und wohl hundert Male schon gelesen hatte: „Ich bin wider Erwarten -schon jetzt in mein altes Regiment eingezogen worden; muß am Freitag -früh zur Stelle sein. Ist ein Wiedersehen möglich?“ - -Der Brief war mit Verspätung angekommen. Heute war schon Donnerstag, -und die Züge fuhren immer noch völlig unregelmäßig und mit -stundenlanger Verspätung. Sie war in großer Unruhe; sie wußte nicht, -ob sie dem alten Großvater trauen durfte, ob er ganz richtig beraten -war. Sie wollte bitten: „Bleib du hier und laß mich allein zum Bahnhof -gehen!“ Aber als sie zögernd ihr Anliegen vorbrachte, lachte der alte -Mann sie aus. - -„So alt bin ich noch nicht, Kind, daß man sich nicht auf mich verlassen -kann. Soweit überhaupt mit Bestimmtheit Züge gehen, soll der deine um -neun Uhr abfahren. Jetzt ist es also noch nicht acht; was willst du -also während all dieser Zeit am Bahnhof?“ - -Er ließ Tee und allerlei kleine Delikatessen kommen. „Iß, Maria, denn -kein Mensch kann wissen, wann du in Berlin ankommst.“ - -Der Wirt des Hotels trat zu ihnen und begrüßte den Großvater herzlich. - -„Haben Sie schon von den neuen Greueln in Ostpreußen gelesen?“ Und als -Großvater erschrocken verneinte, begann er zu berichten, entpuppte sich -als ähnlicher Schwarzseher wie Rat Mertens und erzählte und prophezeite -so lange, bis der alte Herr Messer und Gabel fallen ließ und dann -unglücklich sagte: „Und unsereins sitzt hier und läßt sich ein üppiges -Frühstück schmecken!“ Worauf der Wirt freundlichere Zukunftsaussichten -eröffnete, aber den Druck, den er auf die Seele seiner Gäste gewälzt -hatte, nicht mehr wegnehmen konnte. - -„Komm, Kind, wir gehen zur Bahn.“ Dem Wirt winkte er zu: „Ich komme -zu Mittag wieder,“ schob seinen Arm in den der Schwiegertochter und -schritt langsam mit ihr die Straße hinab. Er war zerknirscht; das -Schicksal seiner Landsleute in Ostpreußen krampfte ihm das Herz -zusammen. - -„Es ist scheußlich, Maria, solange man nicht mit brutaler Gewalt aus -seinem Behagen herausgerissen wird, nimmt man die Sache immer noch auf -die leichte Achsel, feiert Feste und verschafft sich Leckerbissen. -Nachher kommen zwar Selbstvorwürfe, aber bei nächster Gelegenheit macht -man es wieder genau so. Scheußlich!“ - -Sie sagte ihm etwas Liebes, Herzliches, aber seine Stimmung blieb -düster. - -„Wenn man pathetisch wäre, müßte man von sich selbst sagen: Du bist -nicht wert, in dieser großen, gewaltigen Zeit zu leben!“ - -„Wir wollen aber nicht pathetisch sein, Großväterchen!“ Da er ziemlich -willenlos an ihrem Arm hing, gab sie der großen Unruhe, die in ihr -wogte, nach und beschleunigte die Schritte. - -Ein heißer Tag zog herauf. Schon jetzt glühte die Sonne auf dem -Asphalt. Großvater nahm den Hut ab und trocknete sich die Stirn. Am -Bahnhofsplatz waren Truppen aufmarschiert. Große Menschenmengen standen -um sie herum. „Die sollen alle über Berlin nach dem Westen,“ hörten -sie erzählen, und irgend jemand sagte: „Zivilpersonen werden heute -überhaupt nicht befördert.“ - -„So?“ fragte Großvater aufgeregt, erhielt aber keine Antwort mehr. -Maria war bleich geworden. „Das kann nicht sein,“ rief sie außer sich. - -„Es scheint aber doch so zu sein, Kind, und du hättest wirklich besser -getan, während dieser aufgeregten Zeit ruhig bei uns zu bleiben. Es -ist ein Glück, daß wir den Wagen haben, und wenn es auch eine kleine -Gardinenpredigt von Großmutter setzt, so kommen wir doch wenigstens -sicher zurück!“ - -„Nein, nein, Großvater, ich muß fahren, komm mit!“ Und sie drängte -in die Bahnhofshalle hinein und hörte, daß der Neunuhrzug in der Tat -keine Zivilpersonen beförderte. Sie war wie betäubt, so, als habe sie -einen Schlag vor den Kopf erhalten, und lehnte an einer Wand. Großvater -redete auf sie ein. - -„Sei doch vernünftig, Kind. Du siehst doch, es ist keine Möglichkeit, -mitzukommen,“ und sprach gut und eindringlich weiter zu tauben Ohren. - -„Es hängt doch bei dir auch nichts davon ab, ob du einen Tag früher -oder später kommst. Dein Junge ist in der Kaserne, und sonst wartet -niemand auf dich.“ - -„Großvater, -- es wartet doch einer auf mich! Großvater, du verstehst -mich doch, du bist doch von meiner Art! Ich bitte dich, Großvater, hilf -mir, daß ich fahren kann. Ich weiß, daß Ausnahmen gemacht werden, wenn -man sagt, daß man zu Angehörigen fährt, die man noch sprechen muß. Und -ich muß nach Berlin, Großvater, ich muß!“ - -„Maria!“ sagte er staunend und sah sie mit einem großen Blick, in dem -Vorwurf und Mitleid lag, an. „Also doch, Maria, also hat Großmutter -doch recht!“ - -„Nicht fragen, Großvater, hilf mir!“ Und da gab Großvater sich einen -Ruck, warf die Müdigkeit ab und war der liebenswürdige, ehrwürdige, -alte Herr, dem so leicht niemand das Gehör verweigerte. - -„Der Zug hat Verspätung, er fährt erst um zwölf Uhr,“ sagte man -ihm und wies ihn von einer Behörde zur anderen, um seinen Wunsch -anzubringen. Er ließ sich die Mühe nicht verdrießen. Irgendeine tiefe -Verwandtschaft, die er schon längst mit seiner Schwiegertochter gefühlt -hatte, machte ihm jetzt das Herz heiß und die Zunge geläufig. Er wollte -ihr einen großen Schmerz ersparen, denn er hatte aus diesen Augen -gelesen, daß Unsägliches von dem Ja oder Nein, das er ihr bringen -würde, abhinge. - -Sie saß auf irgendeiner Bank, zu der der Großvater sie geführt hatte, -sie sah ins Leere -- sie sah in eine dunkle, in eine trostlose Welt. -Die zwei Menschen, um die ihr Leben sich gedreht hatte, rissen sich von -ihr los; die zwei feinen, zarten, liebevollen Menschen, die ihr ganzes -Glück bedeutet hatten, gingen hin und zeigten, daß sie Männer waren, -daß sie fähig waren, alles zu vergessen, alles von sich abzuwerfen, -was ihnen lieb und teuer gewesen war. Schwer mochte ihnen das ankommen --- und doch und doch! Wie waren sie gewachsen, diese beiden -- der -ganz junge, der sich schon über dem Leben stehend geglaubt hatte, -und der andere, dem die Haare leicht ergrauten, und dessen Herz noch -so unsäglich leidensfähig war. Sie griff wieder nach dem Brief, den -er ihr geschrieben: „Ist ein Wiedersehen möglich?“ Das konnte ein -jeder dem anderen schreiben, das war eine einfache Frage, die keine -Dringlichkeit verriet, und war doch wie ein Schrei, war wie eine -Verzweiflung. „Laß mich so nicht gehen! Komm, komm, um Gotteswillen, -komm!“ - -Scharen von Menschen drängten an ihr vorüber, eifriges Reden, -Schluchzen, verhaltenes Weinen und tröstende Männerstimmen. Schmerz -und Jammer in der ganzen Welt. Alles, was fest bestanden hatte, war -aufgelöst -- alles zerrissen -- jedes Herz verwundet -- unzählige -Existenzen vernichtet! Man las all das ja täglich in den Zeitungen! -Aber beim Lesen drang es nicht ins tiefste Herz hinein. An einen -Bahnhof muß man gehen, um Leid und Schmerz in ihrer wahren, -herzzerreißenden Gestalt zu sehen. - -„Laß mich, laß mich!“ hörte sie in ihrer Nähe rufen, sah, wie ein -kräftiger Mann eine ganz haltlos gewordene Frau von sich schob und -fortraste. Nun stand dies arme Geschöpf mit starren Augen, aus denen -Entsetzen sprach, da -- totenbleich, dem Umfallen nahe. - -„Setzen Sie sich!“ sagte Maria und zog sie auf die Bank nieder. Und -die Frau setzte sich, blieb aber starr und verständnislos; ein weher, -hilfloser Jammer, der noch nicht zum Ausbruch gelangen konnte. - -„Wenn ein Erdbeben gekommen wäre und hätte die halbe Welt verschluckt, -oder ein Feuerregen oder sonst etwas, was allem mit einem Schlage -ein Ende gemacht hätte -- es wäre nichts gewesen. Aber dieses -Abschiednehmen, dieses Stillsitzenmüssen, dieses wahnsinnige Bangen und -Warten, das nun bevorsteht, dieses Verzweifeln und immer wieder von -neuem Hoffen, das ist wohl das Furchtbarste, was dem Menschen geschehen -kann.“ - -Das hörte Maria aus dem Munde irgendeiner weinenden Frau, die zu einer -anderen sprach. „Wir Zurückbleibenden sind am schlimmsten daran. Wir -kosten das Elend zehn- und hundertfach durch!“ - -Da war Großvater plötzlich an Marias Seite, ganz aufgeregt -- das -liebe, alte Gesicht heiß und gerötet. - -„Also hier ist deine Karte, Maria. Du mußt dir aber gleich einen Platz -sichern. Ich hab’ das Billett bekommen, weil ich sagte, du hättest -dringende Rücksprache mit einem ausziehenden Angehörigen zu nehmen. -Anders ging es nicht. Aber unvernünftig ist es von dir, im höchsten -Grade unvernünftig. Großmutter darf nicht ahnen, daß der alte, törichte -Mann dir dazu verholfen hat!“ - -„Großvater, das vergesse ich dir nie, nie im Leben!“ Und sie dankte ihm -innig. Er war ein bißchen verlegen und blickte um sich, aber niemand, -der hier in der Halle war, hatte Zeit, sich um das Gebaren des anderen -zu kümmern. Und so schmunzelte Großvater und sagte leise: „Und doch -sind die zarten, feinnervigen Frauen die einzigen, um die sich’s zu -leben verlohnt!“ Sah einen Augenblick aus, als habe er ein Paradies -verloren, und brachte die Schwiegertochter bis zum Bahnsteig. „Ich darf -nicht mit hindurch, also sieh, daß du einen leidlichen Platz bekommst, -und sei glücklich, Kind -- sei sehr, sehr glücklich!“ - -„Danke, Großvater!“ Und sie war im Gedränge verschwunden. Der alte Mann -blieb minutenlang sinnend stehen, dann trottete er zur Stadt zurück. - -Nein, die Großmutter brüstete sich vergebens, eine Menschenkennerin zu -sein, die hatte keine Ahnung von dieser hier! - -Um zwölf Uhr fuhr der Zug ab -- -- fuhr durch sonnendurchglühte -Landschaft, fuhr durch lachende, jauchzende Landschaft. Grüne, saftige -Wiesen mit weidendem Vieh, Bäume, die ihre Früchtelast kaum zu tragen -vermochten. Blumen, silbernes Wasser, tiefblauer Himmel und Sonne, -Sonne, Sonne! - -Im engen, überfüllten Abteil eine Luft, in der man nicht zu atmen -vermochte. Schulter an Schulter mit den Soldaten, die kleine Pfeifen -rauchten, saß Maria, sengende Sonnenstrahlen auf den Schläfen -- Angst -im Herzen. - -„Junge Frau, was wollen Sie im Zug? Der gehört doch uns!“ - -Sie versuchte zu lachen. - -„Wollen Sie auch ins Feld ziehen?“ - -„Wenn ich könnte!“ - -„Na, besser nicht!“ - -Dann fragte einer: „Haben Sie auch jemand dabei?“ und sah Maria an. - -„Ja,“ sagte sie und fühlte die Tränen aufsteigen, stützte den Kopf -in die Hand und war mit allen Gedanken, allen Nerven bei dem, der in -diesen letzten Stunden vor dem Abschied auf sie wartete. Quälende -Stunden in marternder Hitze. Ewiges Anhalten, schneckengleiches -Vorwärtsschleichen und wieder Halten. Wann würde man in Berlin sein? - -Die mit ihr fuhren, waren aus dem Osten gekommen, die hatten schon eine -Nacht auf Bretterbänken hinter sich. Denen war es auch gleichgültig, -wie lange sie sich hier noch schütteln ließen, ob sie einen, zwei oder -drei Tage fuhren. Und da fühlte sie wieder die ganze Jämmerlichkeit -ihres Schmerzes! Die um sie herum fuhren hinaus mit der fast sicheren -Aussicht, nicht zurückzukehren, und lachten und scherzten. - -War das nicht erbärmlich, nur mit einem Gedanken an sich und ans eigene -Leid zu denken? - -Nun sprach einer der Soldaten dasselbe aus, was sie schon in der -Bahnhofshalle aus irgendeinem Munde gehört hatte: - -„Ich möchte jetzt keine Frau sein. Die haben’s am allerschlimmsten. Die -sitzen allein und vergrämt da und müssen abwarten, was für sie kommt! -Abwarten ist das allerschlimmste!“ - -Sie sah ihn dankbar an. - -„Jede Kugel trifft ja nicht!“ tröstete ein Soldat und gab ihr die Hand. - -Der Kopf tat ihr weh -- -- die Unruhe stieg. Die Sonne sengte nicht -mehr, ganz leise wollte der Abend heraufziehen. -- Wann würde sie da -sein? - -Sie dachte an Großvater, der bei Großmutter im stillen Zimmer saß und -ihr irgend etwas erzählte, was nicht den Tatsachen entsprach. Und sie -hörte, wie Großmutter ihr altes Klagelied vorbrachte: ‚Ihre ganze -Jugend hat sie verplempert, und wer weiß, ob sie nun überhaupt einen -Mann findet, wo doch so viele totgeschossen werden!‘ - -Sie sah Großmutter in ihrer strahlenden Gesundheit unter dem -Kronleuchter stehen, und Großvater kam auf sie zu und küßte sie in -ehrlicher Zärtlichkeit. - -Wie war das möglich, da er doch so ganz verschieden von ihr war? War -er wirklich glücklich -- oder täuschte er sich wissentlich über sich -selbst? Ihre Gedanken schweiften ab -- -- ihre Gedanken suchten Halt -bei der Großmutter. - -Ach, auch so gesund, so selbstverständlich gesund und praktisch sein -können! - -Aus einmal fuhr man durch ein Lichtermeer -- fuhr an Häusermassen -vorbei -- -- -- Berlin! Da war alles fort -- -- -- Großmutter, -Großvater, alles, was sie am langen, heißen Tag gehört und gesehen --- -- verschwunden. - -Nur die Angst, die verzweiflungsvolle Angst: ‚Ist es noch nicht zu -spät?‘ - -Sie hatte telegraphiert, daß sie kommen würde, aber es war nicht -anzunehmen, daß er hier am Bahnhof war. Bei dieser Unsicherheit, bei -dieser Verspätung! - -Und stand doch da -- stand dicht an der Sperre, bleich und aufgeregt, -und faßte sie ums Handgelenk. - -„Endlich!“ - -Was waren das für Augen, die sie anblickten! Abgehetzt, heiß, bang und -doch herrisch! - -„Komm, ich hab’ ein Auto. Komm schnell!“ - -„Wann mußt du fort?“ - -„Morgen früh vier Uhr ausrücken aus der Kaserne. Ich hab’ drei Stunden -am Bahnhof gewartet. Nun mußt du mit mir fahren; lies, was noch -zu besorgen ist. Keine Satteltaschen in ganz Berlin aufzutreiben! -Irgendein Kerl hat sich für Geld und gute Worte breitschlagen lassen, -sie mir herzustellen. Dann den Revolver abholen, -- Schuster -- -Apotheker! Einfach nichts zu haben!“ Und dann riß er sie an sich. - -„Oh, Maria, Maria, durch was für Höllen bin ich in diesen paar Tagen, -in denen du fern warst und ich dich so nötig gehabt hätte, gewandelt! -Was ist mir nicht alles klar geworden in diesen Tagen und Nächten! Ein -Verrückter bin ich gewesen, daß ich dich so neben mir leben ließ, daß -ich dich so leiden ließ! Immer die Ungewißheit in deinem Herzen: Meint -er’s gut, meint er’s nicht gut? Warum war ich so, Maria, warum hab’ ich -mich den allgemeinen Regeln entziehen wollen? War es Hochmut oder war -es die angeborene Scheu vor jeder Fessel? Ich weiß es nicht, ich komme -nicht zur Klarheit mit mir selbst. Nur das eine weiß ich, daß ich eine -entsetzliche Grausamkeit an dir begangen habe.“ - -„Sprich jetzt nicht davon, sag’ mir das jetzt nicht!“ - -„Doch und doch und doch! Du weißt nicht, wie sich das plötzlich in mir -geklärt hat; wie ich ganz plötzlich begreifen mußte, was du gelitten -hast in all diesen Jahren. Jetzt ist es zu spät, jetzt kann ich nichts -mehr gutmachen. Du warst so lange gut zu mir, nun sei es auch noch die -paar lumpigen Stunden, die nicht einmal uns allein gehören!“ - -Das Auto raste durch die Straßen; sie lag an ihm, die Augen -geschlossen, sein Mund an ihrem. „Wahnsinn, daß ich mich so von einer -Idee beherrschen ließ!“ - -Irgendwo im hohen Norden wohnte der, der ihm die Satteltaschen -versprochen. „Komm mit!“ - -Vier Treppen hoch; oben ein winziges Zimmer mit unerträglicher Luft -- -und sie mußten warten -- eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. - -„Mensch, das ist eine Gemeinheit, daß Sie ihr Versprechen nicht -gehalten haben!“ - -Er hielt sie bei der Hand. - -„Ich kann hier nicht fort, bis ich die Dinger habe! Es ist auf -niemanden Verlaß! Komm!“ Und er zog sie in eine Nische des kleinen -Zimmers. - -Sie bat noch einmal: „Quäle dich in dieser Stunde nicht! Ich habe -gelitten, das ist wahr. Besonders des Jungen wegen hab’ ich gelitten, -aber dafür hast du mir doch auch Stunden unsäglichen Glückes gegeben.“ - -„Armes, armes Herz du! Stunden unsäglichen Glückes sagst du! Das glaub’ -ich wohl, aber doch nur, solange wir beisammen waren; sowie du allein -warst, fing die Marter an, nicht wahr? Da hast du gekämpft und gelitten -und gezweifelt. Sag’ nicht nein! Ich weiß jetzt alles. Eine Frau will -Ruhe und Ordnung in ihrem Glück haben -- das ist so natürlich! Und du -hast immer alles verbergen müssen, ich hab’ dich nie zur Ordnung in -deinen Gefühlen, nie zur Ruhe kommen lassen; immer warst du gehetzt, -immer bang, immer erregt! Ich sehe jetzt alles so deutlich, jetzt, da -es zum Abschied geht; jetzt, da ich nicht mehr als ein paar armselige -Stunden für dich habe, da ich, neben dir, an meine Stiefel, meinen -Revolver und meine Koffer denken muß. Was macht denn der Junge, Kind? -Auch den hast du hergeben müssen, alles, alles ist dir genommen worden!“ - -Das letzte sagte er in der guten, herzlichen Weise, die sie so oft an -ihm bestrickt hatte. - -Der Mann auf dem Schemel erhob sich: „So, Herr!“ - -Er sah sich die Arbeit an. „Kostet?“ - -Ein unverschämter Preis wurde genannt. - -„Auch in solcher Zeit wird die Not ausgenützt!“ - -Er warf ihm das Geld auf den Tisch. Er nahm ihm die Tasche aus der Hand --- die Treppen hinunter und wieder ins Auto. - -„Immer habe ich gewünscht, es möchte einmal ein Ereignis kommen, daß -alles in der Welt auf den Kopf stellt. Ich weiß nicht, warum. Ich muß -wohl zu jenen unglückseligen Naturen gehören, die das Gleichmaß des -Lebens nicht ertragen können, und hab’ mir eingeredet, auch dich könnte -ich nicht für immer ertragen. Kind, warum hast du das so hingenommen? -Warum hast du dich nicht aufgelehnt? Du hast mich mit einem -Glorienschein umgeben, weil ich ein paar lesbare Bücher geschrieben -habe. Daß ich als Mensch nichts anderes als ein grausamer Egoist war, -das hast du dir nicht eingestehen wollen.“ - -„Ich hab’ dich geliebt und war glücklich durch dich, das wog mir das, -was ich entbehren mußte, auf.“ - -Aber die Verzweiflung fraß an ihm. - -„Du bist so grenzenlos, so ganz unverantwortlich weich, Kind! Wie soll -das werden, wenn du nun ganz einsam sein wirst? Wirst du das überhaupt -ertragen, Maria?“ - -„Ja,“ sagte sie, und fühlte doch ihre Seele in namenloser Schwäche -erschauern. - -„Komm, nicht mehr sprechen!“ - -Stopp! - -Irgendwo in einer stillen Straße hielten sie. Da war der Schuster, der -noch die Stiefel übernommen hatte. - -„Bleib’ sitzen diesmal, Kind. Wenn ich warten muß, hol’ ich dich.“ - -Der Kopf schmerzte, die Schläfen hämmerten; das Herz schrie: ‚Ich kann -es nicht ertragen -- kann nicht!‘ - -Die Stiefel in der Hand kam er zurück. „Gott sei Dank!“ - -Wieder eine andere Adresse. „Den Revolver muß ich noch haben; das -andere lassen wir. Ein paar Medikamente bekommt man zur Not auch in der -Kaserne.“ - -Er war blaß und nervös. - -„Sag’ jetzt gar nichts mehr, Maria! Alles Sprechen ist sinnlos! Nein, -so geht’s auch nicht; ich muß noch vieles wissen. Wo wirst du leben, -wenn du nun so ganz einsam bist? Ganz allein in der Wohnung, das geht -nicht; bei Verwandten unterkriechen, liegt dir nicht. Also wo?“ - -„Ich weiß nicht. Laß! Das ist ja auch gleichgültig!“ - -„Aber es quält mich! Ich muß doch an dich denken können; ich meine, in -einer bestimmten Umgebung muß ich mir dich denken können.“ - -Die Gedanken waren wieder bei einem anderen Punkt: „Wenn ich -wiederkomme, Maria, bin ich ein anderer. Dann werfe ich alle meine -Philosophie über Bord, dann bist du einfach meine Frau.“ - -Sie sagte nichts. Sie sah plötzlich die im Silberglanz des Mondes -sitzende Großmutter vor sich, die die Karten durch ihre Hände gleiten -ließ und ausrief: „Du hältst es doch nicht mit einem, Kind, der dich -nicht heiraten will?“ - -Schrecklich, so etwas in banalen Worten von einem resoluten und -praktischen Menschen, der nur gerade Wege kennt, aussprechen zu hören. - -Tiefes, bitteres Leid war in ihr. - -„Ich hab’ dich über alles in der Welt lieb,“ sagte sie, um sich selbst -zu beruhigen. - -„Ich weiß, ich weiß!“ - -„Und ganz ohne Stolz, ganz ohne Klugheit -- so wie man es heute -überhaupt nicht mehr findet.“ - -„Ach, wenn du doch wie andere Frauen ängstlich und berechnend gewesen -wärest! Die Weltklugen siegen natürlich! Dich aber werden sie -zertrampeln, wenn ich nicht wiederkomme!“ - -„Laß, laß! Ich bin nicht so schwach, wie du denkst.“ - -„Doch, entsetzlich schwach -- eben, weil du so namenlos lieben kannst. -Ich weiß es -- weiß es besser als du selbst.“ - -Der Revolver war nicht fertig, das brachte ihn ganz außer sich. - -„Ich weiß nur einen Weg; ich muß zu Büttner gehen. Der zieht erst -nächste Woche hinaus, der gibt mir seine Pistole. Aber die Zeit -- -unsere paar armseligen Stunden schmelzen zusammen!“ Er sah auf die -Uhr: „Halb elf schon, eine halbe Stunde geht darauf bis zu Büttner, der -am anderen Ende der Welt wohnt; dann zur Kaserne, damit der Bursche -packen kann, und dabei bin ich schwach vor Hunger.“ - -Er hielt sie im Arm und sagte nichts mehr. - -Um seinen Mund lief ein Zucken, die Augen sahen in die Ferne. „Ich -wollte, es wäre morgen. Ich kann nicht mitansehen, wie du dir selbst -etwas von Stärke und Mut vorlügst.“ - -Der Kamerad gab seinen Revolver ohne weiteres. - -„Nun hinaus zur Kaserne. Schofför, so schnell wie irgend möglich!“ - -Mitternacht nahe. - -„Bist du froh, daß das Jungchen mit will? Ich hätte es ihm nicht -zugetraut. So eine schmale Brust und so ein Muttersöhnchen! Der soll -in ein paar Wochen gegen die Russen gehen! Grüß ihn von mir! Sag’ ihm -meine Hochachtung! Wie hat sich die Welt verändert in diesen paar -Tagen! Man hat es ja immer gewünscht, daß die Luft rein wurde. Man hat -auch geglaubt, in dem Augenblick, da es einmal eintrete, ganz Flamme, -ganz Begeisterung zu sein, und bleibt dann doch an sich selber hängen, -statt im Großen aufzugehen. Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich um -dich gräme!“ - -„Tue es nicht!“ - -Aber sie weinte an seiner Brust und sagte in jammervollem Ton: „Ich bin -nicht schwach, ich bin wirklich nicht so schwach, wie du denkst.“ - -Die Kaserne war erreicht. „Hier mußt du nun eine gute Viertelstunde auf -mich warten.“ - -Da sah sie alles um sich herum in krasser, entsetzlicher -Trostlosigkeit. Die ganze Welt in furchtbarer Disharmonie; die ganze -Welt voll blutender, zerrissener Herzen, Barbarei, Vernichtung, Greuel -und Entsetzen; wo war das Große, das Erhebende, das der Krieg bringen -sollte? - -Ach nein, nur die Nacht, nur der Abschied machten schwach und klein; -sobald der bittere persönlichste Schmerz überwunden war, mußte eine -jede sich zu der Größe aufraffen können, die diese blutige Zeit -erfordert. Jetzt aber barg sie das Gesicht in den Händen, jetzt wollte -der heiße Schmerz sie ersticken. Der Mann und der Junge! Die beiden -Pole ihres Lebens! - -Dann war er wieder bei ihr und zog sie in seine Arme. „Zwei Stunden -noch für uns! -- -- Komm, sei gut, sei gut! Sag’ mir noch einmal, -daß du mich geliebt hast! Denk’, wir ständen beide vor der letzten -Stunde unseres Lebens und wollten in diese Stunde noch einmal alles -hineinpressen, was wir uns zu geben haben. -- --“ - -Als das erste zaghafte Morgenlicht mit der Dämmerung kämpfte, stand sie -im grauen, endlosen Kasernenhof neben ihm. Steil ragten die Mauern in -die Höhe -- beklemmend, düster, dräuend. Aus Türen und Toren quollen -Menschen. Unermeßliche Scharen von Menschen. - -Schauernd stand sie an seiner Seite. Die grauen Massen ordneten -sich zu Zügen. Kommandorufe erschallten! Abzählen -- aus der Ferne -Pferdegetrappel. Von hinten her wurden gewaltige Munitionswagen -sichtbar. - -Eine halbe Stunde verging, Namen wurden verlesen, Befehle ausgerufen; -dann eine Ansprache -- kurz, wuchtig! Und Bewegung kam in die Reihen. - -„Leb’ wohl!“ - -Der ihr zur Seite gestanden hatte, preßte sie noch einmal in die Arme. -Drüben wartete der Bursche und hielt ihm das Pferd. - -„Leb’ wohl!“ Er saß auf, winkte noch einmal und ritt denen, zu welchen -er gehörte, zur Seite, zum großen Tor hinaus. - -Sie lehnte an einer Wand; sie sah die letzten Züge vorbeimarschieren -- -die Furage- und Munitionswagen folgten -- ihnen schlich sie nach. - -Irgendwie fand sie zu der Wohnung, die sie mit ihrem Jungchen all die -Jahre innegehabt hatte. Ging durch die leeren Zimmer und sah auf dem -Schreibtisch eine Karte liegen, die die Portiersfrau hingelegt haben -mochte. - -„Liebe Mutter! Wenn du mich hier besuchen willst, so komm, bitte. Ich -habe ein wenig Heimweh nach dir.“ - -Da -- mit einem Schlag alles verblaßt, alles vorbei, was sie so tief -erregt, was soeben noch heißer, brennender Schmerz gewesen war. - -Wie wenn eine leise, müde Musik von einem brausenden Orchester übertönt -würde. - -Der Junge rief, der Junge brauchte sie! Ihr armer, kleiner, zarter -Junge hatte Heimweh nach der Mutter. - - * * * * * - -Sie hatten ihn oft den Philosophen oder den Professor genannt; ob mit -Recht oder mit Unrecht, das lag nicht klar. - -So ein Bub von sechzehn, siebzehn und achtzehn Jahren, der von Natur -still und im Äußern noch wenig ansehnlich ist, vergräbt sich oft in -sich selbst, nur weil er den rechten Ton zur Außenwelt nicht findet, -weil er schüchtern ist und den Bann, der ihn umfangen hält, nicht zu -brechen versteht. - -Und solch eine Jungenseele ist oft so feingestimmt wie das zarteste -Saiteninstrument. Alles bewegt ihn -- beängstigt ihn -- bringt ihn -aus der Fassung. Überall wittert er Mißachtung, Hochmut, Spott. Es -braucht nur ein Erwachsener, ohne irgend etwas dabei zu denken, solch -blutjungen, kindlich aussehenden Menschen bei der Unterhaltung zu -übersehen -- irgend jemand kann vergessen, ihm beim Abschied die Hand -zu reichen -- gleich ist der Aufruhr da, gleich sagt sich so ein -aufbrausender Kopf: ‚Ich bin überflüssig -- ich bin ausgestoßen; es hat -gar keinen Zweck, daß ich lebe. Ich werde ewig mir und anderen zur Last -sein!‘ - -Und die Augen werden überernst, um den Mund kommt ein Zug, der etwas -Überlegenes hat und doch nur ein kindlicher Schmerz und Trotz ist. So -ein Bub mit schlechter Haltung, blassen Farben, tiefernsten Augen und -leicht ironischem Lächeln wird dann von irgend jemand eintaxiert! Man -will vielleicht der Mutter, weil man mit dem besten Willen von so einem -armen, halbflüggen Kerl nicht sagen kann: ‚Welch reizender Junge,‘ -einen Trost geben und sagt: ‚Ihr Junge hat was Bedeutendes -- ein -Philosoph -- ein Professor! Sie werden sehen, es wird einmal etwas ganz -Außergewöhnliches aus ihm werden!‘ - -Und die Mutter, die ein wenig verzweifelt über den unansehnlichen, in -sich gekehrten, seinen Stimmungen unterworfenen Jungen ist, nimmt so -eine Prophezeiung gierig und mit tausend Freuden in ihrem Herzen auf -und redet sich ein: ‚Natürlich wird er etwas Außergewöhnliches werden!‘ -und denkt an den Werdegang vieler großer, bedeutender Männer, die in -ihrer Jugend bleicher, einförmiger und stiller gewesen sind, als ihre -Kameraden. - -Wie dem auch sei, das Jungchen -- Ernst ward er genannt -- war wirklich -etwas schwer und ernst und für seine Jahre zu trocken gewesen. Die -Schule, der Zwang, sich zu einem Beruf zu entschließen, obwohl es von -jedem einzelnen Beruf hieß, er sei überfüllt, und irgendein dunkles, -unbewußtes Drängen und Sehnen in ihm mochten ihn niedergedrückt haben. -Und das Schlußexamen, das Abiturium, das von Jahr zu Jahr schwerer -gestaltet werden sollte, um nur die ganz Befähigten noch zum Studium -durchzulassen, mochte ihn auch quälen. - -‚Die Blödesten, die überhaupt nicht denken, die aber frech und gerissen -sind, kommen natürlich immer durch,‘ hatte er einmal der Mutter gesagt -und damit seine Angst verraten und sie selbst unsicher gemacht. - -Ja, wenn der Bub Pech haben sollte und sein Abitur nicht bestand, dann -war wirklich alles verloren -- dann würde sie selbst nicht wissen, was -sie aus ihm machen sollte. - -Sie lief zu seinem Lehrer, und der lachte sie aus. „Wenn ihr Junge -nicht besteht, dann müßte die ganze Gesellschaft durchs Examen sausen!“ - -Das sagte sie ihm und sah ein freudiges Lächeln in seinem Gesicht, das -ihn verschönte. Aber die Unsicherheit kehrte doch zu ihm zurück. - -„Und wenn ich’s wirklich glänzend bestehe, Mutter, so oft ich darüber -nachdenke, wie alles in der Welt überfüllt ist, wie für jeden Beruf -Tausende da sind, die einfach entbehrt werden könnten, dann will mir -doch alles zwecklos erscheinen!“ - -Das verstand sie! Der arme Kerl litt darunter, das nicht irgendwo ein -Platz war, von dem es hieß: hier gehörst du hin! hier braucht man dich! -hier würde eine Lücke sein, wenn du sie nicht ausfülltest! - -Darunter litt die ganze heutige Jugend, sofern sie nicht keck und -selbstbewußt oder mit reichen äußeren Mitteln ausgestattet war. - -Und wenn sie in bangen Stunden an seine Zukunft dachte, so war es ihr, -als mache er den Versuch, auf winzigem Kahn zwischen großen, starken -Schiffen hindurch ins weite Weltmeer hinauszusegeln, bis dann wieder -die glücklichen Zeiten kamen, in denen sie überzeugt war, daß er ein -Überflieger, ein Auserwählter war, der seinen ganz besonderen Weg -machen würde. - -Der kleine, ernste, schmächtige Ernst von Hiller hatte sich wirklich -mit etwas zu geringem Selbstvertrauen dem geheimnisvollen, großen -Leben, in das er nun bald eintreten sollte, genähert. Bis dann -plötzlich die Tore für ihn und alle, die seinesgleichen waren, -sperrangelweit aufsprangen, bis mit einem Schlage die große, weite Welt -in ganz anderer Beleuchtung vor ihm lag. - -Auf einmal hieß es in Deutschland: Wir brauchen euch alle! Wer nicht -ganz schwach, nicht ganz unfähig ist, der komme und halte sich bereit, -für Deutschlands Ehre zu kämpfen. Alle, die ihr gestern noch Kinder und -Knaben war’t, heute müßt ihr Männer sein! - -Und so, wie es verlangt wurde, so war es. Wie ein zu eng gewordenes -Kleid warfen sie die Kindheit ab, waren befreit aus dumpfem, haltlosem -Irren, aus tausend Ängsten und Grübeleien. - -Man braucht uns, man braucht uns! - -Ein einziger Jubel im ganzen jungen deutschen Volke! Eine -bebende Seligkeit, das jauchzende Bewußtsein, plötzlich aus der -Überflüssigkeit zu etwas Notwendigem geworden zu sein. - -Und dann Schlag auf Schlag -- alles so brausend schnell, wie es die -Jugend liebt. -- Heute von der Reise zurück -- morgen das Examen mit -Rührung und Hochachtung von Seiten der bisher gefürchteten Vorgesetzten. - -Alles fiel einem in den Schoß. Segenswünsche -- überschwengliches Lob --- Bewunderung! Die Alten stellten die jüngste Jugend plötzlich auf ein -hohes Podest und sahen zu ihr auf. - -„Ihr zieht aus! Ihr kämpft für uns! Gesegnete Jünglinge! Gottbegnadete -Menschen, die ihr eure erste Jugend so glorreich betätigen dürft!“ - -Wie das weckte! Wie das emporriß! Wie so ein blasses, schüchternes -Jungengesicht da Farbe und Feuer erhielt. - -Alles vergessen, was noch vor Tagen der Inhalt des Lebens gewesen -war -- draußen, jenseits der Grenze wurden schon blutige Schlachten -geschlagen -- und man war noch nicht dabei, man lief noch in seinen -Zivilkleidern herum und suchte, suchte, suchte! - -Ernst Hiller lief mit zwei Freunden durch Berlin. Das -Abiturientenzeugnis und die schriftliche Erlaubnis der Mutter, mittun -zu dürfen, trug er in der Tasche. - -Von Kaserne zu Kaserne liefen sie. Ganz gleichgültig, bei welchem -Regiment, gleichgültig, ob zu Fuß, ob zu Pferd. Nur schnell sollte es -gehen -- schnell, schnell, schnell! - -Aber zu Tausenden standen sie auf den Kasernenhöfen umher -- Stunden -und Stunden standen sie, um dann plötzlich zu hören, daß hier der -Bedarf gedeckt sei. - -Weiter -- weiter! Und standen wieder unter Tausenden -- standen in -sengender Sonnenhitze, standen mit leerem Magen und spürten den Hunger -nicht. Nur genommen werden -- nur erst Sicherheit haben -- nur nicht -nach Hause müssen und sagen: „Ich habe nichts erreicht!“ -- Sie dachten -auch gar nicht daran, daß das gar nicht ging, daß das einfach ein Ding -der Unmöglichkeit war, unter Tausenden und aber Tausenden gleich an -erster Stelle herausgefischt zu werden. - -Gedrückt, müd’, enttäuscht kehrte Ernst am ersten Tag zur Mutter -zurück. „Morgen wollen wir um fünf Uhr früh anfangen!“ sagte er. „Nur -wer gleich zu Beginn da ist, hat Aussicht, daranzukommen!“ - -Er aß mit abwesenden Gedanken -- eine große bange Frage lag in seinen -Augen. - -„Laß mich noch ausgehen, Mutter! Ich halt’s nicht aus!“ Und war fort, -ehe sie ihn halten konnte, ehe sie fragen konnte, wohin. - -Am späten Abend rief er sie in sein Zimmer. Jacke und Weste ausgezogen, -das Hemd von der Brust heruntergestreift. „Ob sie mich nehmen, Mutter? -Sie suchen erst die Kräftigsten heraus. Hol’ ein Zentimetermaß, bitte, -und miß, wieviel Brustweite ich habe!“ So ein schmales, zartes Kerlchen -stand vor ihr. Zitternd legte er sich das Maß um den Rücken und zog es -eng über der Brust zusammen. - -Dann atmete er tief. „So, nun miß noch einmal!“ - -Und dann strahlte das Gesicht. Es reichte -- -- er war stark genug -- -sie durften ihn nicht abweisen. - -„Stell mir den Wecker neben das Bett, Mutter. Gute Nacht!“ Drehte sich -um und war auch schon im tiefsten Schlaf. - -Wieviele Mütter mögen in jenen ersten Nächten am Bett ihres Jungen -gesessen und fassungslos in das junge, weiche Gesicht geschaut haben. -Und wieviel Kämpfe mögen da ausgefochten worden sein. Verzweifelte -Kämpfe zwischen Stolz und namenloser Schwäche, zwischen hellem Ehrgeiz -und tiefstem Jammer. - -Es war da plötzlich eine unsichtbare Macht in die Welt gekommen, -die riß die, welche zusammengehörten, auseinander -- machte aus dem -kindlichsten Buben einen Menschen, der ganz genau wußte, was er zu tun -hatte, der nicht mehr nach rechts und nach links schaute, der im Fieber -auf die Erfüllung des einen, großen, heiligen Wunsches wartete: „Nehmt -mich! Nehmt mich! Stoßt mich nicht aus!“ - -Und der glühende Wunsch, der da im schlafenden Buben lebte, teilte -sich der, die neben ihm saß, die durch ein einsames Leben mit dem Kind -an der Hand gegangen war, mit und gab ihr Stolz und Kraft. „Mag dein -Wunsch sich erfüllen -- mein Jung -- --“ und küßte die hohe, reine -Stirn, die das Schönste an diesem schmalen Knabengesicht war. - -Dann noch ein Tag der Enttäuschung -- noch ein Tag, an dem die irre -Angst in den dunklen Augen lebte. -- „Ich ertrag’ es nicht, wenn sie -mich nicht nehmen!“ Und kein Trost, keine Ermutigung wollte helfen. - -Am dritten Tage aber kommt er heim, das Gesicht wie mit Glanz -übergossen, holt einen Fahrschein, der ihm im Kriegsministerium -ausgestellt worden ist, aus der Tasche und jubelt: „Morgen fahren wir. -In der Altmark beim Husarenregiment brauchen sie Freiwillige, die -nicht über hundertdreißig Pfund wiegen. Pack mir das Notwendigste ein, -Mutter! Bevor ich eintrete, werde ich ja noch einmal zurückkommen!“ - -War das noch Ernst Hiller, der sich nichts zugetraut hatte? War das -noch der ernste Junge, der Philosoph, der Professor, der Grübler, der -jugendliche Weltverachter? - -Nein! Das ganze Leben, das vorangegangen war, war jetzt ein Blödsinn --- eine Wertlosigkeit -- oder wenn es schon einen Wert gehabt hatte, -dann war es doch nur der, daß es vorbereitet hatte für das, was nun zu -erfüllen war. -- - -Er hatte hundertzwanzig Mark in der Tasche, als er mit den zwei -Freunden, die ebenso wie er nach der altmärkischen Garnisonstadt -wollten, das Auto zum Bahnhof bestieg. - -Die Zeit war so gewaltig und riß die Menschen zu ungeahnten Höhen; und -Ernst Hiller war auf einem großen Weg, war bereit, Blut und Leben für -Deutschlands Ehre darzubieten -- -- aber die hundertundzwanzig Mark in -seiner Tasche war doch etwas, was ihn ganz kolossal erhob und ihm eine -ungeheure Zuversicht für das, was kommen würde, gab. - -„Leb’ wohl, Mutter! In zwei Tagen bin ich wieder da -- dann nehmen -wir richtigen Abschied!“ Sprang die Treppe hinab, grüßte noch einmal -herauf, und fort ging es. - -Am Bahnhof großes Durcheinander -- der siebente Mobilmachungstag, und -die Beamten wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht. - -Die drei Jungen aber haben ihren Fahrschein vom Kriegsministerium; man -darf sie nicht zurückschieben. Sie haben sich zu stellen und müssen -befördert werden. Und sie warten geduldig in der heißen Halle, warten -Stunde auf Stunde, so wie sie die Tage zuvor in der Kaserne gewartet -haben. - -Endlich dürfen sie durch -- die Menschen quellen durch die geöffnete -Sperre, werden von Schutzleuten angehalten -- in Reihen gestellt und zu -den Abteilen geführt. - -Die drei sitzen in der vierten Klasse -- sitzen und stehen in dem immer -voller werdenden Raum. Aber keiner schimpft über das Gedränge, keines -einzigen Miene verzieht sich in Ärger, wenn immer Neue hereinquellen. - -Sie lachen -- sie reißen Witze -- sie sind alle aufgeregt; ein jeder, -der hier im Wagen sitzt, macht heute eine Fahrt, die man nur einmal im -Leben macht. - -Der größte Teil der Fahrenden ist schon in feldgraue Uniform gekleidet; -die anderen haben eine Binde um den Arm und einen Packen oder Karton an -der Hand. Jeder weiß genau, wo seine Stelle ist. Und da sind so viel -große und kräftige Gestalten, Männer mit gewaltigen Brustkasten und -eisernen Fäusten und mächtigen Stimmen. Denn in dem Augenblick, in dem -der Zug sich in Bewegung setzt, fangen sie an zu singen, alle wie auf -Verabredung das eine Lied: - - Es braust ein Ruf wie Donnerhall -- - Wie Schwertgeklirr und Wogenprall! ... - -‚Die Wacht am Rhein!‘ Was anderes sollen sie singen, denn die -Feldgrauen fahren direkt über den Rhein -- -- die anderen werden -unterwegs in ihren Garnisonen abgesetzt. - -„Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“ Und wie Ernst Hiller das Lied aus -diesen mächtigen Kehlen schallen hört, wie er diese breiten Männer mit -den gewaltigen Brustbreiten und den derben Fäusten rund um sich herum -sieht, da kriecht wieder die zermalmende Angst an ihm in die Höhe und -frißt sich in seine Seele ein: ‚Wenn sie mich nun doch nicht nehmen! -Wenn ich doch zu schwach, zu schmal sein sollte?‘ - -Und es ist, als ob die Welt sich vor ihm verfinstere, als ob die Sonne, -die heiß und leuchtend am Himmel steht, nur für die anderen da sei --- für ihn nicht -- denn, wenn er zu schwach befunden, wenn er nicht -genommen wird, dann mag er nicht mehr leben -- dann hat das Leben -keinen Sinn für ihn mehr. - -Die kindliche Freude an dem Vermögen, das er bei sich trägt, die -Begeisterung, die jubelnde Zuversicht -- alles ist fort. Die Augen -wieder tiefernst, um den Mund der alte überlegene Zug, der den Schmerz -verbergen soll, und Ernst Hiller ist inmitten dieser lebensprühenden, -heißen, beflügelten Reisegesellschaft wieder der, den sie den -Philosophen, den Professor, den Grübler nannten. - -Aber nicht lange dauert diese Unterwerfung unter eine bange -Vorstellung. Irgendein Feldgrauer, ein älterer schon, auf den man sich -verlassen kann, hat an ihn und die zwei Freunde die Frage gerichtet: - -„Freiwillige, was? Wo wollen Sie sich stellen?“ - -Und die drei antworten wie aus einem Mund: „Bei den Husaren!“ Und Ernst -Hiller fügt, ohne den Willen dazu zu haben, die Frage an: „Hat man -Aussicht, angenommen zu werden?“ - -„Totsicher!“ sagte der Mann, „Sie sind ja gesunde, kräftige Menschen.“ - -Zum Donnerwetter, ja -- wer hatte ihm denn eigentlich zeit seines -Lebens eingeredet, daß er zart und schwach sei? - -Die Mutter natürlich. So ein Blödsinn -- und weil sie das immer -wiederholte, weil sie immerfort in Sorgen um seine Gesundheit gewesen -war, hatte er es eben als Tatsache hingenommen, daß er ein zarter, -schwächlicher Junge sei, der Schonung bedürfte. - -In diesem Augenblick war er ärgerlich auf die Mutter. Trotz aller ihrer -Liebe und Fürsorge -- es wäre vielleicht besser gewesen, sie hätte -auf Großmutter gehört und hätte ihn mit elf Jahren ins Kadettenkorps -gesteckt, dann wäre er jetzt Offizier und stände schon irgendwo in der -Front. - -War das eine Fahrerei heute! Schneckengleich kroch der Zug dahin und -alle Viertelstunde eine Station oder auch nur Anhalten im freien Feld! - -Und das Herz schlug einen so schnellen Takt; man wollte so gern am Ziel -sein -- so gern den Ort sehen, in dem das Schicksal sich entscheiden -sollte. - -An den Bahnhöfen stürzten junge Mädchen mit großen weißen Schürzen an -die Züge heran; sie trugen Körbe mit Brot und große Blechkannen mit -Kaffee für die Soldaten. - -„Das sind alles feine junge Damen!“ sagte einer von Ernsts Freunden und -reckt die Hand aus. - -„Fräulein -- wir sind auch Soldaten -- -- -- Hiller, laß dir auch was -geben!“ Aber Ernst Hiller wandte sich ab, und sein Jungengesicht war -rot geworden. - -„Ich bin ja noch kein Soldat!“ und die Angst wollte sich wieder regen. -Jedoch Kaffee, Brot und Zigarren hatten eine frohe Stimmung in der -Reisegesellschaft geweckt. Sie sangen wieder -- einer hatte eine -Ziehharmonika und begleitete -- sie sangen ohne Aufhören, bis die -Kehlen heiser waren, bis sie keine Lieder mehr wußten. - -„Heute sind wir die Herren der Welt!“ schrie ein Feldgrauer. „Heute -tausche ich mit keinem Millionär!“ - -Der kleine Hiller sah bewundernd zu ihm auf. Wenn er doch auch erst -so weit wäre! Übermorgen in Belgien! Bei ihnen kam, wenn sie wirklich -angenommen wurden, erst noch der lange Drill, und wer weiß, wie weit -der Krieg schon vorgeschritten war, wenn sie endlich ausrückten. - -Verdammt, daß er sich in den Kopf gesetzt hatte, zu studieren. Er -stammte aus einer Soldatenfamilie und fühlte nun plötzlich, daß auch er -Soldatenblut in sich trug. - -Offizier könnte er sein, wenn er’s gewollt hätte -- und mußte nun -abwarten, ob sie ihn überhaupt als Freiwilligen nahmen. - -Flach und reizlos war die Landschaft, durch die sie fuhren; aber reich -und fruchtbar war sie auch -- -- auf den grünen Weiden buntgeschecktes, -mächtiges Vieh und an beiden Seiten der Wege Bäume, die sich unter der -Last der Früchte beugten. - -Die Sonne sank glührot immer tiefer hinab. Wie ein feuriger Ball -schwebte sie eine Weile dicht über der Erde; dann mit einmal war sie -fort, und der Himmel, der sich wundervoll hoch und blau gewölbt hatte, -schien auch näher zur Erde herabzukommen und ward grau und fahl, und -die ganze Welt schien plötzlich stiller und trauriger zu werden. - -Es dunkelte, als die drei mit ihren Taschen sich zum Aussteigen -rüsteten. „Glück auf!“ riefen ihnen die Soldaten aus dem Zug nach. „Auf -Wiedersehen in Paris!“ - -Sie schwenkten ihre Mützen, „Hurrah!“ Und dann kam eine selige -Freiheitsstimmung über die drei Kerle; kein Mensch in der Welt hatte -ihnen jetzt etwas zu sagen. Sie standen hier auf dem Bahnhof einer -fremden Stadt, hatten ein gefülltes Portemonnaie in der Tasche -- -konnten tun und lassen, was sie wollten. - -Frei! Frei! Frei! Kein Pauker ging sie mehr was an. Nein -- sie waren -mit einem Schlag viel mehr als ihre früheren Pauker geworden -- das -hatten die ihnen ja selbst gesagt. Und alle Frauen vergötterten sie, -alles faßte sie mit Glacéhandschuhen an. Wenn sie nur erst in ihrer -Uniform steckten! - -„Da steht einer!“ Und sie sahen bewundernd auf einen graugelben -Husaren, der, den Karabiner über der Schulter, unbeweglich dastand. - -„Na -- nu los!“ Und durchs Bahnhofgebäude durch auf den Vorplatz des -Bahnhofs. - -Da stand eine Pferdebahn -- eine richtiggehende Pferdebahn, mit einem -alten Klepper bespannt. - -Na, die Pferdebahn mochten sie nicht; sie nahmen sich einen Wagen. -„Gasthof ‚Zum Schwan‘, das ist doch das beste Hotel am Ort?“ - -Der Kutscher winkte, und sie rasselten in die schon dunkel werdende -Stadt hinein. Der ‚Schwan‘ lag an einem großen Platz; Rathaus und -Kirche, zwei uralte Bauten, warfen riesenhafte Schatten. Man konnte die -goldenen Lettern am Hotel kaum erkennen. - -„Ist das wirklich das beste Hotel am Ort?“ fragte einer von den drei -noch einmal mißtrauisch zum Kutscher hinauf, und der nickte wieder. - -„Alle Herren Offiziere steigen hier ab.“ Und da sprangen denn auch die -drei aus dem Wagen, zahlten und gingen durch die große Einfahrt des -altmodischen Hauses bis zu einer kleinen Seitentreppe hin. - -Ein Kellner fragte nach ihrem Begehr. - -„Drei Zimmer!“ - -„Erster oder zweiter Stock?“ - -„Gleichgültig!“ - -Sie ließen sich drei geräumige Zimmer geben. Preis war Nebensache. -Die Hände gewaschen und hinunter in den Speisesaal; sie waren hungrig -geworden. - -Seltsam, das hätte man gar nicht denken sollen, daß in diesem von außen -so altmodisch aussehenden Hotelchen ein so anständiger Speisesaal war. -An zwei Wänden entlang ausgebaute Nischen, dicker Teppich auf dem Boden -und erstklassige Beleuchtung. - -In ihren grauen und hellbraunen Sommeranzügen traten sie ein und sahen -mit angenehmem Staunen ein buntes Bild. Gleich am ersten Tisch ein -Infanterieoberst, der flüchtig aufblickte, als die drei eintraten. Und -im übrigen fast nur graugelbe Husarenuniformen: zwei Offiziere, ein -paar Junker und eine Anzahl Soldaten -- Freiwillige oder Einjährige. - -Der Kellner, der ihnen ihre Zimmer angewiesen hatte, führte sie zu -einem Tisch und reichte ihnen die Speisekarte. Sie bestellten mit -der Freude der ganz Jungen, denen ein Absteigen im Hotel noch etwas -Fremdes ist. Sie bestellten das Beste, was sie auf der Karte entdecken -konnten, und ließen eine Flasche Wein kommen. So oft ein junger Husar -den Saal betrat, blieb er erst, die Hacken zusammengeklappt, am Tisch -des Infanterieobersten stehen, dann bei den zwei Offizieren, grüßte die -Fahnenjunker und verschwand im Hintergrund. - -Die drei, die heute noch freie Leute waren, fühlten sich ein wenig -beklommen. Heute noch ging kein Mensch in der Welt sie was an; heute -konnten sie ruhig hier in nächster Nähe des Obersten sitzen, ihre -Mahlzeit verzehren und ihren Wein trinken, konnten lachen und sich -unterhalten, wie es ihnen beliebte. In ein paar Tagen aber, wenn sie -Glück hatten, wenn sie angenommen wurden, waren diese hier ihre -Vorgesetzten, und sie würden sich wahrscheinlich wie die anderen -Husaren ihren Platz in gemessener Entfernung suchen. - -Aber es war merkwürdig, auch jetzt fühlten sie sich schon gar nicht -mehr ganz frei. Irgendwas lag wie ein leiser Druck auf ihnen. Sie -sprachen mit gedämpfter Stimme und sprachen nur über Dinge, die jeder -hören durfte. Eine Vorahnung kam in sie. Diese beiden Herren hier in -der graugelben Husarenuniform waren vielleicht die, die morgen über -sie zu entscheiden hatten, und Ernst Hiller senkte den Kopf und ward -blutrot, als er bemerkte, daß einer der Offiziere scharf nach ihrem -Tisch hinübersah. - -Der wußte natürlich längst, in welcher Eigenschaft sie in diese -kleine Stadt und in dieses Hotel gekommen waren: ‚Freiwillige.‘ Wie -anders sollten drei junge Burschen den Weg hierher gefunden haben? -Sie waren sehr bescheiden geworden, sie aßen nicht ganz mit dem -harmlos glücklichen Appetit, mit denen sie die guten Dinge, die ihnen -gereicht wurden, vielleicht auf neutralerem Boden verzehrt haben -würden. Sie tranken auch den Wein nur in zaghaften Zügen, zahlten und -gingen hinaus, um draußen in der dunklen Einfahrt einen Seufzer der -Erleichterung auszustoßen. - -Was nun? Erst neun Uhr! Da konnte man natürlich noch nicht zu Bett -gehen. - -Also sah man sich das Nest, in das man gekommen war, mal an. Und mit -dem Hochmut der geborenen Großstadtmenschen schlenderten sie über den -Marktplatz mit seinen altmodischen Bauten, durch enge Gäßchen mit -niedrigen bunten Häusern, um bald in die Hauptstraße, in der noch reges -Leben herrschte, zu gelangen. - -Plakate und Extrablätter genau so wie in Berlin! - -Lüttich war genommen. Die Bonner Husaren hatten sich ausgezeichnet! Das -war etwas für sie! Das trieb ihnen das Blut in die Wangen! - -Lüttich genommen! Wie das rasend schnell vorwärtsging! Vielleicht -war in ein paar Wochen der ganze Krieg ausgefochten, und sie kamen -überhaupt nicht mehr heraus. Ernst Hiller fühlte es wie Schmerz in -sich aufsteigen. Die Straße zog sich lang und einförmig hin. „Verdammt -langweilig, so ein Provinznest!“ - -Aber da drüben auf der anderen Seite stand an einem unansehnlichen Haus -die Aufschrift: ‚Wiener Café‘, und durch große Fensterscheiben strahlte -Licht. Also da hinein! Irgend etwas mußte man doch noch unternehmen! - -Einen einzigen leeren Tisch noch gab’s im ganzen Lokal, und der stand -etwas abseits in einer Ecke. Sie steuerten drauflos und fühlten -sich hier sicherer als im Hotel, in nächster Nähe der zukünftigen -Vorgesetzten. - -Sie ließen Kaffee und Kuchen kommen; Kuchen mit Schlagsahne und einen -Likör. Eine kleine Kapelle spielte Vaterlandslieder, und wenn die -‚Wacht am Rhein‘ oder ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ einsetzte, -stand jeder von seinem Platz auf und sang mit. Es war heiß im Saal und -die Luft vom Rauchen so dick, daß man auf zehn Schritte Entfernung -niemandes Gesicht mehr unterscheiden konnte; aber es war schön. Das -Blut geriet in Wallung -- man fühlte die große, gewaltige Zeit, in der -man lebte. - -Die drei waren jetzt wieder ganz frei geworden. - -Donnerwetter, ja, wenn man bedachte, daß die Schule jetzt für immer -überwunden war! Überhaupt kein Zwang mehr! Noch ein paar Wochen Drill -und dann heraus! Donnerwetter! - -Ernst Hillers Gesicht leuchtete. Seit er hier in diesem verräucherten -Lokal mit der lauten, hinreißenden Musik und den vielen begeisterten -Menschen saß, seit er diese heißen, schönen Lieder im gewaltigen Chor -erbrausen hörte, war er wieder ganz sicher geworden. Sie nahmen ihn -selbstverständlich! Morgen oder übermorgen stak er in der graugrünen -Uniform, und in ein paar Wochen stand er draußen im Felde. - -Irgendwo knallten Sektpfropfen, und ein Kellner war an ihren Tisch -getreten. - -„Die Herren befehlen noch etwas?“ Und die drei sahen sich an, dachten -an den blauen Schein, den sie in der Tasche trugen, einigten sich stumm -und schnell; schon stand der Sektkübel vor ihnen und der Kellner drehte -die Flasche mit kundiger Hand in den kleinen Eisstücken herum. - -Spät war es, als sie in den ‚Schwan‘ zurückkehrten, und die Köpfe waren -nicht ganz frei. Einer von ihnen behauptete, trotz des Zigarrendunstes -einen Husarenoffizier ganz in der Nähe ihres Tisches gesehen zu haben. - -Aber wenn auch -- heut waren sie ja noch frei; heute hatte kein Mensch -auf der ganzen Welt ihnen was zu sagen. - -Und ausschlafen konnten sie auch! Für zwölf Uhr erst waren sie zur -Untersuchung in die Kaserne befohlen. - -„Also Punkt zehneinhalb Uhr zum Katerfrühstück im Eßsaal! Gute Nacht!“ -Sie reichten sich die Hände und verschwanden in ihre Zimmer, warfen -dann noch die Stiefel hinaus und klappten die Türe zu. - - * * * * * - -Von der strahlenden Augustsonne überflutet, liegen die roten Gebäude -der Husarenkaserne da. Wenn man aus der inneren Stadt heraus durchs -alte, ehrwürdige Tor kommt, muß man noch eine lange, mit netten Villen -bebaute Straße hingehen, oder man kann auch direkt aus der Stadt in die -Anlagen und von da über den schwarzen Husarenweg gehen, dann sieht man -sie schon von weitem liegen, die lang sich hinziehenden, roten Fronten -der noch neuen Kaserne. Ringsherum sind Felder -- gegenüber ein Weg, -der in ein Dorf führt, und geradeaus weiter eine Chaussee, deren Länge -man nicht abzusehen vermag. - -In Scharen trotten die jungen Leute um die Mittagszeit über die -heißen Straßen der Kaserne zu. Vom schwarzen Husarenweg wirbeln die -Staubwolken so hoch auf, daß sie in Mund und Nasen der Wandernden -eindringen. - -Immer Sonne, Sonne, Sonne! Seit vielen Tagen kein Tropfen Regen! - -Das ist gut für die, die schon draußen im Felde stehen, und darum muß -man dankbar für die große Reihe schöner, sonnenheller, trockener Tage -sein, wie wohl auch ein Regenguß den Feldern wohltun würde. - -Junge, aufgeregte Gesichter! Eifriges Reden! In manchen Augen etwas wie -Angst! - -Ernst Hiller hat sich beim Aufstehen nicht recht wohl gefühlt. -Jetzt aber hat er rote Farben im Gesicht und klare Augen. Sie haben -ordentlich gefrühstückt, ein richtiges, anständiges Katerfrühstück --- dazu Südwein und einen kleinen Kognak. Das hat ihnen allen dreien -wieder auf die Beine geholfen. - -Aber das Herz zittert; das Herz schlägt in ganz schnellen, kurzen -Schlägen. Die niederträchtige Angst ist wieder da. - -Bang sieht er auf die große Schar, die alle denselben Weg gehen, den -er mit seinen Freunden geht. Ob die sich alle als Freiwillige gemeldet -haben? - -Prüfend fliegt sein Blick über sie hin? Sind das nicht alles ganz -abnorm große Gestalten, oder hat er ein falsches Augenmaß? Sie -erscheinen ihm wie Riesen und sie scheinen ihm alle sehr selbstsicher -und stolz dahinzugehen. - -Er aber würgt wieder an seiner alten, scheußlichen Angst und kann ihrer -nicht Herr werden. - -Je näher die Kaserne kommt, um so langsamer gehen sie. Es ist noch so -früh; sie werden eine halbe Stunde warten müssen. Man könnte eigentlich -noch ein Stück die Chaussee hinuntergehen; es hat ja keinen Zweck, sich -so lang’ in irgendeinem Winkel herumzudrücken. Aber die Sonne meint es -sehr gut und man ist müde. Der Südwein hat zwar den Kater vertrieben, -aber in den Beinen ist man schwach. Und wie man die Kaserne erreicht -hat, macht man ganz von selbst halt und geht den Weg, den all die -anderen gehen. - -Der Posten der Kaserne läßt sich die Legitimation zeigen; man tritt -durch das große Tor ein und hat im selben Augenblick ein merkwürdig -zuckendes Gefühl im Herzen, so, als hätte man einen großen, schweren -Abschied von irgend etwas genommen. - -Dann stehen sie zwischen den Bäumen, die den inneren Kasernenhof -einfassen. Kein Mensch kümmert sich um sie; sie stehen da, als -seien sie nicht bestellt, sondern als ständen sie auf irgendeinem -allgemeinen, gleichgültigen Platz, als gäbe es hier keine Mission für -sie zu erfüllen. - -Eine Stunde ist vergangen und eine zweite will auch vergehen. Aller -Blicke sind auf die einzelnen Ausgänge der Gebäude, die hier in diesen -Hof münden, gerichtet. Es muß doch irgend jemand kommen, der sich um -sie kümmert. - -Ernst Hiller steht an einen Baum gelehnt. Gemeinheit, daß er gestern -Sekt getrunken hat! Nun fühlt er sich elend, und die Hitze benimmt ihm -den Kopf. Weh ist ihm zumute! Er fühlt sich wirklich nicht wohl -- hat -Schmerzen im Hinterkopf und zittert mit den Beinen. - -Da endlich! - -„Stillgestanden!“ dröhnt es über den Platz, und die jungen Menschen, -die noch gar keine Soldaten sind, stehen stramm wie die Rekruten da; es -kommt Bewegung in die Sache. - -Die Papiere werden ihnen abgenommen. - -„Vorwärtstreten!“ Und sie gehen in Reihen -- immer zwei zu zwei auf -eines der Gebäude zu, in einen Flur hinein, bis ein „Halt!“ sie zum -Stehen bringt. - -Dann werden Namen verlesen, und immer drei zusammen werden in einen -Raum eingelassen. - -Es dauert eine geraume Weile, bis sie zurückkommen. Man möchte in ihren -Gesichtern lesen -- aber die sind von Stein, und sie gehen geradeaus an -den noch Wartenden vorbei. - -Wie da Minuten zu Ewigkeiten werden! Wie das Herz in immer kürzeren -Stößen arbeitet und der Schweiß auf der Stirne perlt! - -Wenn man nur wüßte, ob alle die, die aus der Tür zurückkommen, wirklich -angenommen sind! Wenn man sie doch fragen könnte! Aber, obwohl kein -Stillschweigen geboten ist, steht man doch stumm da, als wäre man in -einer Kirche. Feierlich ist es -- schwer und feierlich! - -Doch wie es immer zu gehen pflegt, so auch bei Ernst Hiller. Ganz elend -vom Warten fährt er staunend auf, als er plötzlich seinen Namen rufen -hört -- fühlt, wie sich seine Muskeln spannen, wie der Kopf frei wird -und das Zittern in den Knien aufhört. - -In dem Vorraum, in den sie getreten sind, müssen sie sich entkleiden, -müssen alles von sich abwerfen und treten in das zweite Zimmer, in dem -ein Arzt in Feldgrau und ein Schreiber sitzen. - -„Sie heißen?“ - -„Hiller.“ - -„Abiturient? Alter? Schwere Krankheiten gehabt? Irgendwelche schwere -Krankheit in der Familie?“ - -Lungen und Herz werden abgehorcht. - -„Ein bißchen schnell der Herzschlag! Das ist wohl nur augenblickliche -Erregung? Augen sind normal, ja? -- Gut -- angenommen!“ - -Wie ein Paukenschlag trifft ihn das Wort: „Angenommen!“ Einen -Augenblick ist er wie geblendet -- vergißt, daß er hier, wie Gott -ihn geschaffen hat, vor den Herren steht und taumelt dann fast ins -Vorzimmer zurück. - -Er nimmt gar nicht teil am Ergehen seiner beiden Freunde, und als er -ein paar Minuten später hört, daß einer von ihnen wegen zu starker -Kurzsichtigkeit abgewiesen ist, ist er nicht fähig, das richtig in sich -aufzunehmen. - -Nur das eine weiß er: Er ist angenommen! Man braucht ihn! Er wird mit -hinausreiten gegen Deutschlands Feinde. Und er muß seine ganze Kraft -zusammennehmen, um nicht aufzuschluchzen, um die Tränen, die plötzlich -so brennen, zurückzuhalten. - -Nun geht er ebenso ernst und stumm wie die, die vor ihm aus der Stube -herausgekommen sind, an den noch Wartenden vorüber; wohin, das weiß er -nicht -- er ist nur froh, als er draußen im Hof steht, wo ein leiser -Sommerwind ihm um die heißen Schläfen streicht. - -Um fünf Uhr sind sie frei -- das Häuflein derer, die zur Kaserne -gewallfahrtet waren, ist ein wenig zusammengeschmolzen, und doch ist’s -noch eine stattliche Schar, der man das Wort ‚Angenommen!‘ zugerufen -hat und deren Gesichter glänzen, deren Augen leuchten. - -Sie haben ein paar Stunden Urlaub, um ihre Sachen zu holen. Das erste, -was Ernst tut, ist, daß er ein Telegramm an die Mutter aufsetzt. - -„Angenommen!“ - -Wie ein Jubelruf ist das! Was wird sie dazu sagen? Natürlich freut sie -sich, muß sich freuen! Aber daß er gleich hierbleiben muß, nicht für -einen einzigen Tag noch aus der Kaserne herausdarf, um ihr Lebewohl zu -sagen, das wird ihr ein wenig hart sein. - -Aber schadet nicht! Es geht ja allen Müttern so. Krieg ist Krieg, und -man darf nicht weich werden. - -Um sieben Uhr stehen sie alle zum ersten Appell versammelt im -Kasernenhof. Die Befehle für den kommenden Tag werden verlesen: - -„Viereinhalb Uhr aufstehen -- Stube reinigen -- fünf Uhr Einkleidung“ --- weiter hört er nichts. - -Sein Kopf ist wieder benommen -- mechanisch folgt er dem Unteroffizier, -der ihnen ihre Stuben anweist. Je fünfunddreißig Mann in einer Kammer. -Eiserne Betten übereinander wie in Schiffskabinen. Strohsäcke und eine -wollene Decke. - -Was dann noch kommt, geht wie im Traum an ihm vorüber. Erregt ist er -und müde. - -Nur das eine kann er noch denken: ‚Nun hat sie das Telegramm!‘ Dreht -sich noch mal auf seinem Strohsack um und schläft, ehe noch die große -Lampe, die in der Mitte der Stube hängt, ausgelöscht ist -- -- - -Ein glücklicher Schlaf, den der kleine Hiller schläft. Traumbilder -ziehen an seiner Seele vorüber. Er trägt schon die Uniform des -Regiments, auf dem Kopf den hohen Kolpak. Auf einem feurigen Roß sitzt -er -- -- herrlich greift das Tier aus. Um ihn herum Kanonendonner -- -Kugelregen -- blitzende Lanzen -- gezogene Säbel. -- Nichts ficht ihn -an. -- Für ihn gibt’s keine Kugel -- -- und alles um ihn herum staunte. -Was will der? Mitten in den Feind rein -- -- und das Roß fliegt -- die -Erde schwindet unter ihm -- -- irgend etwas Unsichtbares trägt ihn -- -trägt ihn hoch, immer höher, bis in die Wolken hinein. -- - -Da -- Trompetenklang -- herrlich, wie er gen Himmel fährt -- wie die -Erde unter ihm versinkt -- wie alles grau und fahl unter ihm wird, -während er in überirdischen Glanz hineinreitet. - -„Der Kerl schläft wie ein Murmeltier. He, du da, es hat zum drittenmal -geblasen!“ - -Zwei stehen vor seinem Bett und rütteln ihn an der Schulter. - -„Menschenkind, in zehn Minuten mußt du antreten!“ - -Erste Morgendämmerung fällt durchs Fenster in die kahle Stube. - -Hiller reibt sich die Augen. Wo ist er? - -„Raus, Mensch!“ Und da fährt er vom Strohsack auf -- in die Kleider -hinein -- schnell in den Waschsaal. Gesicht und Hände gewaschen und -hinunter in den Hof. - -Sonntag ist es. - -Wieder so ein Tag, der in Glanz und Glorie heraufzuziehen beginnt. In -ihren Zivilkleidern stehen sie da -- manche noch verschlafen, die Haare -flüchtig gekämmt, die Krawatten in Eile umgeknotet, und warten. Fremd -und ängstlich stehen sie da -- wissen nicht, was sie tun sollen, und -sind froh, als ein paar sogenannte ‚alte Leute‘ sich ihrer annehmen. - -Die weisen ihnen den Weg zur Mannschaftskantine, wo sie sich Kaffee -geben lassen können, dann warten sie wieder, bis endlich der große -Augenblick kommt: Befehl zur Kleiderkammer. - -„Vortreten!“ Wieder treten sie zwei zu zwei ein. „Arme ausstrecken!“ -Und ein Rock wird an der Länge der Arme gemessen. Reithose ebenso -- -eine Mütze aufgestülpt! Fertig. Noch ein Hemd, eine Unterhose, ein -Drillichanzug -- eine schwarze Halsbinde. „Fertig! -- Abtreten! -- Die -Nächsten!“ - -Die mit dem Packen auf dem Arm gehen zur Stiefelkammer und proben. Zwei -Paar Stiefel pro Mann. Ein Paar hohe Reitstiefel und ein Paar braune -Kommißstiefel. „Fertig, ab!“ - -Sonntag ist es -- also noch kein richtiger Dienst. In ihre -Stuben müssen sie zurück und das Zivil in den Koffer packen. Der -Kammersergeant hält eine Rede über das Instandhalten der Sachen. Alle -acht Tage Revision, und wehe, wenn nicht alles in Ordnung ist! - -Wem das Zeug nicht paßt, der muß es sich passend machen. - -Um zwölf Uhr Appell in voller Uniform. - -Und die Haare herunter. Scheitel und Tollen gibt es nicht beim Militär. - -Um zwölf Uhr steht eine ganz andere Gesellschaft unten im Hof. -Graugelbe Husaren, in die fünfte Garnitur gekleidet. Ganz wenige, -die schon etwas vom Soldaten an sich haben, die sich schon wohl -fühlen. Ein ganzer Teil sieht aus wie Jungen, die zu Weihnachten eine -Soldatenuniform erhalten haben. Aber gleichgültig! Mit dem Akt der -Einkleidung ist es endgültig besiegelt. Sie sind angenommen! Sie haben -ihren Platz gefunden, und in ein paar Wochen -- schlimmstenfalls in -zwei Monaten, geht’s hinaus in den herrlichen Kampf! - -Ernst Hiller hat eine Uniform, die ihm um die Brust schlottert und im -Rücken tiefe Falten schlägt. Der Kragen niedrig und viel zu weit -- -und die lederbesetzte Reithose hängt wie ein Rock um ihn. Er weiß das -nicht -- er fühlt das nicht! Er trägt des Königs Rock -- er ist Soldat --- angenommen -- und mit dem Wort ‚Angenommen!‘ ist’s besiegelt worden, -daß er ein gesunder Kerl ist, dem man was zutrauen kann. - -Nun steht er mit glattgeschorenem Haar, die Mütze tief in die Stirn -gezogen, bei den anderen -- -- -- nun schlägt das Herz nicht mehr in -zitternden Stößen. - -Ruhe ist in ihm -- Sicherheit ist über ihn gekommen -- -- nein -- mehr --- stolz ist er geworden, und die Brust dehnt sich -- die Haltung -verliert das Hilflose -- Schlappe -- -- - -Er ist wert befunden worden, des Königs Rock zu tragen -- ist also -nicht um einen Deut weniger als all die anderen, die mit ihm angenommen -worden sind. - -Nach dem Appell das Mittagessen -- sie dürfen nicht aus der -Kaserne heraus, weil am Nachmittag Besichtigung sein soll. Also -Mannschaftsessen! Für fünfundachtzig Pfennige gibt’s einen Napf zu -kaufen -- Gabel und Löffel je zehn Pfennig -- Messer tragen sie in der -Tasche. - -Durch die Mannschaftskantine gehen sie zur Küche, darin zwei riesige -Kessel auf dem Herd stehen, und zwei Mann daneben. Jeder der Husaren -tritt mit seinem Napf an. - -Sonntag ist’s, da gibt’s Braten. Kräftiger Geruch steigt ihnen in die -Nase. Jeder erhält von einem der beiden Küchenunteroffiziere drei -Scheiben Fleisch, vom anderen ein paar Kellen Kartoffel und Tunke -darüber, bis alles schwimmt. - -Im Mannschaftszimmer sitzen sie auf den hölzernen Bänken an langen -Tischen und leeren ihren Napf. - -Für Ernst Hiller ist es ein bißchen reichlich, und es fällt ihm, wie -manch anderem seinesgleichen, nicht ganz leicht, so aus dem Napf heraus -zu essen. Aber keiner läßt etwas stehen. Nein, im Gegenteil, ein paar -von ihnen treten zum zweitenmal den Weg zur Küche an und lassen sich -eine zweite Portion verabreichen. Er ißt mit Todesverachtung. Es -schmeckt wirklich gut -- vielleicht ein wenig stärker gewürzt als bei -Mutter, aber das schadet nichts! - -Dann gehen sie, ihren geleerten Napf in der Hand, hinaus in den Hof -und spülen ihn am Brunnen ab -- haben dann ein paar Stunden für sich, -und Ernst Hiller benutzt gleich die erste halbe Stunde, um einen -begeisterten Brief an seine Mutter zu schreiben. - -Der Himmel hängt ihm voller Geigen -- -- die Brust ist ihm geschwellt. - -Wie ist die Welt so ganz anders für ihn geworden. Alles Dumpfe, Bange, -das sonst seine Seele belastet hatte, verflogen! Die Schule überwunden --- für immer! -- Donnerwetter! Das kann man wirklich immer noch nicht -fassen, daß dieser Lebensabschnitt tatsächlich überwunden sein soll! - -Frei ist man, zieht in den Krieg und bleibt dann wahrscheinlich -Offizier. Soldat ist der einzige Beruf, der wirklich Zweck hat! Das hat -er auch schon der Mutter geschrieben und hat ihr einen ganz kleinen -Vorwurf darüber, daß sie ihn von Kind auf zu sehr verpäppelt hat, nicht -erspart. - -Aber schadet nichts; sie hat’s gut gemeint! Es hat ihm eben der Vater -gefehlt! Wenn er einen Vater gehabt hätte, wäre natürlich manches -anders gewesen. - -Aber das ist nun nicht zu ändern. Hauptsache, daß er trotz allem und -allem angenommen worden ist, und sein Blick gleitet mit Stolz und -mit Zärtlichkeit immer wieder über die verbrauchte, um seinen Körper -herumhängende Uniform herab. - -An diesem Tag tritt noch etwas Neues in sein Leben. Sie machen nähere -Bekanntschaft mit den ‚alten Leuten‘. Das sind die, die im letzten -Monat ihrer Dienstzeit sind und bald ausrücken werden. - -Viele sind schon feldgrau, und sie machen sich über das Aussehen der -Neueingestellten lustig und machen ihnen vor allem klar, daß sie sich -selbstverständlich eine Extrauniform anschaffen müssen, denn so wie sie -jetzt aussehen, können sie sich auf Urlaub in der Stadt nicht blicken -lassen. Natürlich hat’s keinen Zweck, sich für die paar Wochen, die -sie hier in der Kaserne sein werden, vom Schneider eine teure Uniform -machen zu lassen. Das wäre Blödsinn. Aber ihnen, den alten Leuten, -können sie ihre Gebrauchsuniform abkaufen -- für ein Spottgeld. - -Den Jungen leuchtet das ein. Die fünfte Garnitur, die man ihnen -verabreicht hat, ist wirklich nichts weniger als schön. Es werden große -Geschäfte gemacht. Die ‚alten Leute‘ haben im Handumdrehen heraus, wer -von den Neueingestellten mit dem Nötigen in bar ausgestattet ist, und -wissen, an der Eitelkeit zu packen. - -Ernst Hiller hat längst durchblicken lassen, daß er nicht unerhebliche -Mittel bei sich trägt. Es hat sich auch einer von den Gedienten -gefunden, der eine ganz ähnliche Figur wie er selber hat, und nach -einer knappen halben Stunde ist er im Besitz einer wirklich wie neu -aussehenden Uniform. Ein Paar Stiefel, die von Lackleder sein sollen, -und deren Ursprungspreis auf neunzig Mark angegeben wurde -- denn sie -rühren von einem Offizier her -- gleiten ihm glatt über den hohen -Spann, und eine anständige Mütze sitzt ihm vernünftig auf dem Kopf. - -Für den ganzen Rummel hat er fünfundsechzig Mark gegeben -- ein -Spottpreis, wenn man berechnet, was das ‚neu‘ gekostet hätte, und ein -Spottpreis, wenn man die strahlenden, seligen Augen des kleinen Hiller -in Betracht zieht. - -Er ist in einem Taumel von Glück und Begeisterung an diesem Tag. - -Um fünf Uhr müssen sie in Reih’ und Glied stehen, und ein Wachtmeister -mit donnernder Stimme hält ihnen einen Vortrag über militärischen -Gehorsam: - -„Die Zeiten sind hart, das Vaterland braucht seine Männer -- -- -ein jeder hat also heute die doppelte und dreifache Pflicht, sich -einzufügen und den Vorgesetzten die schwere Arbeit zu erleichtern.“ - -Dann die Verlesung des Dienstes für den nächsten Tag: halb fünf Uhr -Wecken -- fünf Uhr Stalldienst -- halb acht Uhr Verteilung der Pferde --- --. - -Weiter hörte Hiller nicht. Morgen wird er also vielleicht schon auf -einem Gaul sitzen. Und er ist doch und doch ein Soldatenkind und hat -Soldatenblut in sich -- -- und wenn ihn die ganze Welt zum Philosophen -oder Professor verdammt hat! Er pfeift auf alle Wissenschaft und -Gelehrsamkeit in der Welt! - -Er ist Husar, er wird morgen auf einem Gaul sitzen, und in ein paar -Wochen über Schlachtfelder reiten. - -Er ist es nicht allein, der sich auf den ersten Ritt freut. All die, -die wie er aus der Schule ins Soldatentum gesprungen sind, haben einen -freudigen Ruck im Herzen gespürt, als es hieß: halb acht Uhr Reiten! - -Der Sonntag geht glorreich zu Ende. Abends sitzen sie mit den alten -Leuten in der Unteroffizierskantine, haben sich Butterbrote mit -Würstchen und Kartoffelsalat geben lassen. - -Ernst Hiller bezahlt für den, der ihm die Uniform so billig verkaufte, -mit. Auch seine Freunde halten ein paar alte Leute frei. Sie sind ja -Kameraden. Wer etwas hat, gibt, und wer nichts hat, läßt sich geben. -Hiller schmeißt ein paar Runden Bier, und die alten Leute erzählen -tausend Dinge, die für die Neuen wichtig und interessant sind. - -Sie erfahren am ersten Abend von jedem einzelnen Vorgesetzten, wes -Geistes Kind er ist und was man von ihm zu erwarten hat. Sie erhalten -dann allerlei Winke. Auch hören sie zu ihrer Freude, daß sie gar -nicht verpflichtet sind, Mannschaftsessen zu nehmen. Wer Geld hat, -kann für eine Mark in der Unteroffizierskantine ein anständiges -Mittagessen kriegen -- er kann auch in ein Restaurant, das der Kaserne -gegenüberliegt, gehen. -- Überhaupt, wer den nötigen Mammon hat, kann -sich die Sache prachtvoll deichseln. Geld ist die Hauptsache. - -In Ernsts Augen kommt ein kleiner Schatten. - -Gewiß, die Mutter wird ihm Geld geben -- sie hat ihm gesagt, er solle -sich nichts versagen. Und Großmutter läßt ihn auch nicht im Stich. -Aber dennoch, ein ganz kleiner Schwindel überfällt ihn, als er daran -denkt, wie seine Barschaft in diesen zwei Tagen zusammengeschmolzen -ist. Von den hundertundzwanzig Mark keine dreißig mehr übrig -- und -er hatte geglaubt, mit hundertundzwanzig Mark wenigstens einen Monat -durchzuhalten. - -Es wird ihm schwer fallen, die Mutter schon in den nächsten Tagen -um Geld zu bitten. Aber schließlich, es waren ja lauter besondere -Ausgaben, die er jetzt hatte. Alles Ausgaben, die sich nicht -wiederholen; und er weiß auch, daß die Mutter ihm gern gibt, was er -braucht. - -Der Schatten aus den Augen ist fort. Die Kameraden trinken ihm zu, -Witze werden erzählt. - -Draußen auf dem Hof hat jemand eine Flöte und bläst darauf, und in die -Kantine hinein klingt das wehmütig-lustige Lied: ‚Was nützt mir denn -ein schönes Mädchen, wenn andre mit spazierengehn?‘ - -Da setzen die, die den Text kennen, mit ein, und schließlich singt -auch der kleine Hiller mit, singt mit derselben Begeisterung wie die -anderen: „Was nützt mir denn ein schönes Mädchen?“ und weiß nicht -warum, aber er denkt plötzlich an das Mädchen, das an jenem Kneipabend -nach dem Abitur so dicht neben ihm gesessen und zu ihm gesagt hat: -‚Sag’ Hannchen zu mir!‘ - -Sie trinken und singen, und ihre Augen leuchten! - -Wie herrlich ist die Welt -- -- -- wie wunderbar, daß Deutschland im -Kampf mit seinen Feinden liegt, daß Deutschland alles aufruft, was -bereit ist, zu helfen -- und daß sie mitdürfen -- sie, die vor einer -Woche noch bang und zweifelnd dem Leben gegenübergestanden haben. - -Ernst Hiller fühlt ein Jauchzen in seiner Brust, das er kaum zu -verschließen vermag. Jeden einzelnen, der ihm in den Weg kommt, hätte -er umarmen mögen -- -- -- der ‚alte Mann‘, der ihm die Kleider verkauft -hat, hat einen guten Tag. - -Da! Trompetensignale! Neun Uhr. -- -- In einer Viertelstunde müssen sie -auf ihren Strohsäcken liegen. Ernst zahlt, trottet mit den anderen über -den Hof, sucht seine Stube, und kaum hat er die wollene Decke über sich -gezogen, ist er auch schon wieder mitten im festen Schlaf drin. - - * * * * * - -Am nächsten Morgen beginnt der erste, stramme Dienst! Jetzt erst -begreifen sie, was das heißt: aus dem Bett aufspringen und eine knappe -halbe Stunde später unten im Stall sein. - -Wer sich beim ersten Wecken noch einmal auf die Seite wirft und -weiterschläft, der kann’s überhaupt nicht leisten. - -Am besten ist: gleich beim ersten Trompetenstoß raus -- in die Kleider -fahren und rein in den Waschsaal. Man kann überhaupt noch von Glück -sagen, daß es hier einen Waschsaal mit fließendem Wasser gibt. In -Hunderten von Kasernen müssen sie herunter in den Hof an den Brunnen. -Hier haben sie fließendes Wasser und können sich anständig waschen. - -Dann den Strohsack aufrütteln und das Bett ordentlich zudecken -- -Stiefel reinigen -- nein, das soll schon am Abend geschehen -- Stube -fegen, und wenn’s geht, noch einen Becher Kaffee erobern. Für Hiller -sorgt an diesem ersten Morgen der ‚alte Mann‘, dem er die Uniform -abgekauft hat. - -Punkt fünf Uhr stehen sie im Hof. Ein Wachtmeister und zwei -Unteroffiziere sind zur Stelle. - -Eine kurze Instruktion. Sie alle zusammen bilden zwei Schwadronen; jede -Schwadron wird in Beritte eingeteilt; zu einem Beritt gehören fünfzehn -Mann, und jeder Beritt hat seinen besonderen Führer. - -Die Namen werden aufgerufen -- sie werden verteilt. Je fünfzehn finden -sich zusammen -- Einjährige und Gemeine -- es ist alles gleich in -dieser Zeit. Kriegsfreiwillige sind sie alle, und einen Unterschied -gibt es jetzt nicht. - -Und dann in den Stall hinein! - -Draußen ist schon heller Tag, aber in den Ställen brennen noch die -kleinen Öllaternen und verbreiten ein trübes Licht. Ein seltsamer -Geruch schlägt ihnen entgegen, ein Geruch, geschwängert mit Ammoniak -und dem aus den warmen Tierkörpern ausströmenden Dunst. Aber es ist -ein Geruch, den man gern atmet, an den man sich im Augenblick gewöhnt. -Jedes Pferd steht in seinem Verschlag, und an dem Pfosten, der je zwei -Verschläge trennt, hängen Sattelzeug und Zaumzeug. - -Die jungen Freiwilligen folgen ihrem Berittführer, der sie der Reihe -nach zu den Pferden herantreten läßt und anfängt, zu erklären. - -Bei der Kavallerie heißt es: erst das Pferd und dann der Mann! Das -wird ihnen sehr eindringlich gemacht, wird mehrmals bei dieser ersten -Bekanntschaft mit ihren Tieren wiederholt. - -Dann wird ihnen gesagt, was ‚Putzen‘ heißt. Der Striegel wird ihnen -vorgeführt, und einer, der schon gedient hat, muß ihnen zeigen, wie -ein Pferd gestriegelt wird. Acht Strich auf jeder Seite und nach jedem -Strich der Striegel ausgeklopft. Das gibt einen weißen Streifen auf dem -Boden; ein Strich muß neben den andern gelegt werden. Man kann also -genau kontrollieren, ob vorschriftsmäßig gestriegelt wird. - -Jeder tritt dann vor den Verschlag, in dem das Pferd, das ihm -angewiesen ist, steht, und hört mit brennendem Interesse zu. Das -Sattel- und Zaumzeug wird ihnen erklärt; sie erfahren, wie der Sattel -angelegt werden muß. Das ist alles sehr leicht zu fassen, und die -Unteroffiziere haben entschieden eine einfachere Art, etwas begreiflich -zu machen, als die Professoren des Gymnasiums. - -Dann hören sie, wie eine Streu zu machen ist. Aus der alten Streu -muß der Mist ausgeschüttet werden. Mit dem noch trockenen Stroh -wird aufgeschüttet, frisches Stroh darübergeworfen, und dann wird -‚angerollt‘; denn das ist die Hauptsache bei einer guten Streu, daß in -schnurgerader Linie das Stroh an den Seiten festgerollt wird. - -„Verstanden?“ - -„Ja.“ - -Es wird ihnen noch das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt, was sehr einfach -erscheint. Viele von ihnen sind übrigens Burschen vom Land, die schon -mit einem Pferd umzugehen verstehen. - -Hiller steht neben einem frischen, etwas korpulenten Jungen. Gestern -abend in der Kantine haben sie schon miteinander geredet, und da sie -in derselben Stube schlafen, werden sie auch wohl Freunde werden. -Der Dicke, dessen Name Hipp ist, der auch aus Berlin stammt und, wie -Hiller, wundervoll glatt durch ein Notabitur gerutscht ist, hat noch -ein ausgeprägtes Kindergesicht: blaue, sehr gutmütige Augen, eine kurze -Nase und runde, rote Backen. Ihm würde niemand den Großstadtmenschen -ansehen. Der Drillichanzug, der an Hillers leichter Gestalt -herumschlottert, sitzt ihm fest und prall um den Körper; er stößt -Hiller in die Seite, denn alles, was er hier hört und sieht, kommt ihm -sehr lustig vor. - -Das Pferd, an dem das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt worden ist, wird -wieder abgeschirrt -- der Wachtmeister tritt einen Schritt vor, und das -Kommando erschallt: „An die Pferde!“ - -Jeder geht in sein Abteil und begibt sich an die Streu. Der -Wachtmeister schreitet auf und nieder, beobachtet, weist zurecht, -tadelt, wenn es zu langsam geht; er scheint aber zufrieden. Beim Putzen -greift er, wenn es nötig ist, selbst mit an, zeigt, wie der Striegel -gefaßt werden muß, wie man sich neben das Tier zu stellen hat, und -erklärt weiter, wie es sich gerade ergibt. Es ist ungewohnte Arbeit -für die, die aus der Stadt kommen. Aber gerade das Ungewohnte mag sie -reizen. Sie sind mit Feuereifer bei der Sache, sie wundern sich über -sich selbst, daß man so selbstverständlich an einem Tier herumhantiert, -daß man keine Angst hat, getreten zu werden, und daß alles, was sie -hier zu tun haben, so prachtvoll und einfach und leicht ist. - -Die Zeit fliegt hin, die Sonne steht schon längst am Himmel, als der -Wachtmeister „Abtreten!“ kommandiert, und sie eilen in ihre Stuben, um -den Drillich mit dem Reitanzug zu vertauschen. - -Hillers Gedanken fliegen ab und zu einen Augenblick zu seiner Mutter -hin. Was würde sie sagen, wenn sie ihn so sähe? Schade, daß er sie -nicht einmal sprechen konnte, er ist gewohnt, ihr alles, was ihm -begegnet, zu erzählen. Schreiben kann man das natürlich nicht alles -- -schade -- -- -- - -Aber zum Nachdenken ist keine Zeit. Sie fahren in die ledernen -Reithosen -- quälen sich in die ungewohnten, hohen Stiefel. Sie haben -Eile, denn der Reitunterricht würde bis Mittag dauern, und man muß -sehen, daß man noch einen Augenblick in die Kantine kann, um etwas zu -frühstücken. Man hat hier andauernd ein Hungergefühl. - -Hipp geht neben Hiller und erzählt, daß er noch keine Extrauniform -gefunden habe, weil sie ihm alle zu eng seien. Er wird aber mal an -seinen alten Herrn schreiben, ob der ihm eine ‚neue‘ zubilligt. Der -alte Herr ist Fabrikant und kann etwas springen lassen, wird es auch -totsicher tun. - -„Seit der Krieg ausgebrochen ist, haben die Väter eine prachtvoll -freigebige Art ihren Söhnen gegenüber. Deiner doch auch?“ - -„Ich habe keinen Vater mehr,“ sagt Hiller -- sagt es aber ganz heiter, -so daß Hipp nicht nötig hat, sein lustiges Gesicht zum Ernst zu zwingen. - -Sie essen wieder Würstchen mit Kartoffelsalat, denn das ist am -praktischsten, weil man es schnell herunterschlingen kann und -wenigstens für einen Augenblick satt wird, wenn man sich zwei Paar -geben läßt. Dann geht’s los. - -Der Wachtmeister steht schon wieder vor dem Stall. - -„Satteln!“ ertönt das Kommando. „Trense anlegen, Kandare fortbleiben!“ - -Sie greifen zum Zaumzeug und legen es an, so gut es gehen will. - -Die Sonne glitzert lustig über den Reitplatz, als sie endlich, erhitzt -und aufgeregt, ihr Pferd am Zügel, aus den Ställen heraustreten. Der -Reitplatz ist ein gewaltiger, viereckiger Hof. Einige Beritte sind -schon aus den Ställen heraus. - -„Aufsitzen!“ schallt das Kommando. „Rechts und links am Zwiesel -anfassen und aufschwingen!“ - -Die Zwiesel, die vorn und hinten am Sattel liegen, werden umspannt, -ein mächtiger Schwung -- und ein ganzer Teil von den Fünfzehn sitzt -glücklich oben. - -Andere aber strampeln mit den Beinen -- rutschen mit dem Bauch in die -Höhe und bekommen das Bein nicht hinüber. - -Hiller ist nicht ganz korrekt heraufgekommen, aber er sitzt doch oben -und weiß selbst nicht, wie das zugegangen ist. In diesen Augenblicken -empfindet er nichts von dem großen Glück, von dem er geträumt hat, -wenn er zuerst auf einem Gaul säße. Er möchte sich an irgend etwas -festhalten -- möchte dem Tier in die Mähne greifen, um Sicherheit zu -haben -- es ist ihm sehr unbehaglich zumute. - -Und zehn Schritte von ihm entfernt steht der Berittführer mit -dunkelrotem Kopf und schreit und brüllt, was das Zeug hält: „Kerls, -wollt ihr ewig in der Luft rumangeln? Marsch rauf! Was, es will nicht -gehen! Teufel noch mal! Du Mehlsack!“ - -Er ist an Hipp herangetreten, der nun als einziger noch vergeblich -sucht, seinen wohlgenährten Körper auf das geduldig dastehende Tier zu -schwingen. - -Ein ‚alter Mann‘ hat ihnen gestern erzählt, daß es bei jedem Beritt -einen Unglückswurm gibt, der die Sache nie begreifen lernt, der nie -ohne Schwierigkeit auf sein Tier heraufkommen wird. - -Hier in diesem Beritt ist der gute, dicke Hipp der Unglückswurm, denn -er strampelt immer noch mit den Beinen, kommt ein Stück in die Höhe und -rutscht wieder hinab. - -Der Wachtmeister steht dicht bei ihm und brüllt: - -„Kerl, sein Pferd ist doch keine Rutschbahn -- du bist doch hier nicht -auf einem Jahrmarkt -- los -- wirf doch das Bein über!“ - -Und wie es gar nicht gelingen will, packt der Wachtmeister mit -wuchtigem Griff in die Reithose des Dicken hinein und schiebt ihn -hinauf. Nun sitzt Hipp oben und hat ein viel vergnügteres Gesicht als -die, die sich mit eigener Anstrengung heraufgebracht haben. - -Die Sonne brennt lustig vom Himmel herab und verspricht einen heißen -Tag, und der Wachtmeister, der sich beruhigt hat, steht vor ihnen -und hält ihnen einen langen Vortrag über den richtigen Sitz, über -Körperhaltung und die verschiedenen Gangarten der Pferde. Dann das -Kommando: „Abstand!“ und der Spitzenreiter der schon ein halbes -Jahr gedient hat, führt an -- der Zug der anderen nach. Sie sitzen -ängstlich, windschief und vorgebeugt auf ihren Tieren. - -„Na, nu mal richtig los! Eskadron in langsamem Arbeitstempo -- Te -- -- -rab!“ - -Die Gäule gehen los; der schon erfahrene Spitzenreiter sitzt wundervoll -gerade und korrekt da. Die anderen wackeln hinter ihm her. Aus vielen -Gesichtern spricht die bleiche Angst -- -- die Hände greifen in die -Mähnen -- die Beine machen unsichere Bewegungen. - -Hipp hängt auf einer Seite seines Gauls, er ist im Fallen begriffen -- -man sieht es deutlich, daß er sich nicht halten wird. Aber er fällt -langsam. Glied für Glied rutscht hinab, und das lustige Gesicht hat -einen Ausdruck leiser Verzweiflung; scheußlich, diese Ungewißheit, ob -man im nächsten Augenblick wieder oben ist oder herunter muß. - -Aber die Lage wird immer bedenklicher -- der Körper rutscht mehr und -mehr nach links -- und da faßt Hipp einen kurzen Entschluß, läßt das -Bein, das noch oben ist, heruntergleiten, und fliegt ab in den weichen -Sand. Verletzt hat er sich nicht, aber er ist doch sehr verdutzt. Es -ging plötzlicher, als er gedacht hatte. - -Das Pferd bleibt still und treu bei ihm stehen und sieht sich nach ihm -um. Der Wachtmeister ist dicht zu ihm herangetreten und sagt zunächst -gar nichts. Schweigend und höhnisch sieht er auf ihn nieder, und Hipp, -wie ein von der Schlange hypnotisierter Vogel, bleibt bewegungslos im -Sand liegen und sieht seinem Vorgesetzten treuherzig ins Gesicht. - -Endlich löst sich des Wachtmeisters Schweigen. - -Gar nicht unfreundlich sagt er: „Mensch, hast du vor, dich hier gleich -begraben zu lassen?“ Und da erhebt sich denn Hipp, und obwohl er sich -nicht den geringsten Schaden zugefügt hat, geht er humpelnd und hinkend -zu seinem Pferde zurück. - -„Na -- nun werden wir mal einen Galopp versuchen!“ - -Da nehmen die Gesichter einen aufgeregten Ausdruck an, und einige -werden bleich wie Linnen. - -Der Wachtmeister aber kommandiert: „Ganze Eskadron te -- rab -- -Galopp!“ Die Pferde fallen in Galopp, und die jungen Reiter sind -angenehm überrascht, weil Galopp nicht halb so unangenehm ist als der -verfluchte Trapp. - -Auch Hipp bleibt oben; er schwankt ein bißchen bedenklich hin und her, -hält sich aber und hat wieder sein lustigstes Gesicht. Der Wachtmeister -steht in der Mitte und scheint zufrieden. Er kommandiert: „Schritt und -Halt!“ Und dann sagt er sehr leutselig und gutmütig zu seinen Jungen: -„Bloß keine Angst haben! Es wird sich schon alles machen! Ihr könnt -auch ruhig mal in die Zwiesel greifen!“ - -Dann haben sie einen Augenblick Ruhe, und Hiller fängt nun doch an, -etwas von dem erträumten Glück zu verspüren. - -Nachher aber folgen zwei schwere Stunden, in denen sie Schritt reiten -müssen und in denen die freudige Begeisterung erheblich abflaut. - -Hoch steht die Sonne am Himmel, und der ganzen Gesellschaft perlt der -Schweiß auf der Stirn, als es endlich heißt: „Absitzen!“ - -Sie führen die Gäule in den Stall, nehmen Sattel und Zaumzeug herunter -und reiben mit großen Strohwischen das Fell der erhitzten Tiere ab. -Dann müssen sie wieder heraus, und der Wachtmeister sieht zu, wie sie -die Hufe auskratzen und waschen. Bei dieser Arbeit läßt Hipp nichts zu -wünschen übrig. Und auch das Striegeln geht ihm glatt von der Hand. -Der Wachtmeister ist immer dicht an seiner Seite und ist vielleicht -enttäuscht, keine Gelegenheit zum Losbrüllen zu finden. Schweigend, -den Mund im leichten Hohn verzogen, steht er da, und manchmal trifft -ihn ein guter, vertrauensvoller Blick von Hipp, der sich über den -Wassereimer beugt. - -„Einjähriger?“ fragt er ihn, und Hipp sagt leuchtenden Auges: „Zu -Befehl, Herr Wachtmeister, Abiturient!“ - -Der sagt nichts und wendet sich um zu denen, die die Futterkarren -heranschieben. Das Futter wird jedem einzelnen zugemessen; sie füllen -ihre Eimer mit Wasser zum Tränken und dann sind sie frei. - -Hillers Pferd hat den Namen ‚Arbeiter‘. Er hat schon Sympathie für sein -Pferd gefaßt und klopft ihm den Hals. - -Hipp sagt: „Das verfluchte Biest, das sie mir zugeschustert haben, -heißt ‚Anton‘“, und er versetzt ihm einen Schlag aufs Hinterteil, der -schon keine Liebkosung mehr ist. Dann hängt er sich an Hillers Arm und -sagt: „Mensch, du hast doch nicht die Absicht, den Mannschaftsfraß zu -essen? Zum wenigsten gehen wir doch in die Unteroffizierskantine, wo -man von Tellern ißt.“ - -Hiller zögert einen Augenblick, denn er möchte wirklich nicht gern zu -schnell um neues Geld bitten. Aber mit einem Ruck wirft er die Bedenken -beiseite. - -„Gut, gehen wir in die Unteroffizierskantine.“ - -Und dort wird ihnen für eine Mark ein sehr anständiges und reichliches -Essen serviert, das sie durch eine Berliner Weiße noch verbessern. -Hipp holt dann noch zwei Stück Pflaumenkuchen zum Nachtisch. Ein paar -alte Leute treten zu ihnen und werden zum Glas Bier eingeladen, und -dafür kramen die wieder allerlei Erfahrungen und gute Lehren aus und -versichern vor allem, daß nur die ersten Tage schlimm und anstrengend -sind. Nachher spürt man es gar nicht mehr, daß man vom Morgen bis zum -Abend auf den Beinen ist. - -Das ist besonders für den kleinen Hiller eine tröstliche Aussicht. Denn -er fühlt sich schon jetzt scheußlich schlapp, alle Knochen tun ihm weh -und noch liegt der lange Nachmittag vor ihm. Am liebsten möchte er -jetzt die Augen zufallen lassen und eine Stunde schlafen. Aber erstlich -weiß er nicht wo, denn hier auf dem Holzstuhl der Unteroffizierskantine -kann er den Kopf nicht hintenüber lehnen, und dann hat er eine heiße -Angst, man könnte ihn vielleicht nachträglich noch als zu schwach -erkennen und ihn wieder heimschicken. - -Er hat sein Leben lang immer alles gekonnt, was er wirklich gewollt -hat, und so wird er auch jetzt das bißchen Müdigkeit und Hüftweh -überwinden. - -Hipp holt sich eine Tasse Kaffee, weil die wieder lebendig macht, und -Hiller folgt seinem Beispiel. Der Kaffee tut seine Schuldigkeit: sie -werden wieder mobil und sind völlig frisch, als sie um halb drei Uhr -zum Fußdienst antreten. - -Der Fußdienst ist heute nur eine Vorbereitung für das, was später -kommen soll. Sie erhalten Unterricht im militärischen Grüßen und -Verhalten den Vorgesetzten gegenüber, und ganz besonders wird ihnen -noch einmal ein Vortrag über militärischen Gehorsam gehalten. - -Der späte Nachmittag trifft sie wieder im Stall. Ein jeder hat sich in -der Kantine einen Beutel mit Putzzeug kaufen müssen, und sie putzen und -reiben an Sattel- und Zaumzeug herum. - -Hipp erzählt Berliner Witze und vor allem von einem kleinen blonden -Mädchen, das ihm versprochen hat, jeden Tag einen Brief zu schreiben. -Na, er wird ja nachher beim Appell sehen, ob sie Wort hält. Beim -Abschied hat sie sich fast die Augen ausgeweint, denn sie kennen sich -seit einem halben Jahr und wollen sich treu bleiben. - -Hiller schwankt einen Augenblick. Seine Gedanken fliegen zu Hannchen, -aber er bringt es nicht fertig, auch seinerseits etwas über Hannchen -zum besten zu geben. - -Gegen Abend tritt einer, den er erst vom Ansehen kennt, zu ihm heran -und zieht ihn in eine Ecke. - -„Mensch, können Sie mir die Gefälligkeit erweisen und mir mit fünf Mark -aushelfen? Ich bin in Verlegenheit!“ Und Hiller, der noch nie jemand -angepumpt hat, zieht prompt seinen Brustbeutel heraus und gibt ihm, -nicht ganz leichten Herzens, das Verlangte. Nun muß er also doch die -Mutter schon um Geld bitten. - -Beim Appell werden die Postsachen verteilt. Hipps Gesicht strahlt, -denn sein Mädchen hat Wort gehalten und ihm einen Brief geschrieben. -Aber auch Hiller geht nicht leer aus; es ist ein Paket und ein Brief -für ihn da. Das Paket ist mit Eilpost gekommen und enthält all -das, was er der Mutter schon in Berlin für den Fall seiner Annahme -aufnotiert hatte, und im Brief, der dem Paket beiliegt, findet er einen -Zwanzigmarkschein. Der andere Brief ist von Großmutter, und auch er -enthält eine angenehme Einlage. - -„Famos!“ Und sein Gesicht strahlt mindestens so hell wie das des guten -Hipp, der den Brief seines Mädchens zum drittenmal liest. - - * * * * * - -Der Krieg rauscht mit rasender Eile, mit nie geahntem Entsetzen, -unsäglichen Greueln durchs belgische Nachbarland! Was ist nicht -geschehen in diesem halben Monat, seit der Krieg begann! - -Ist man ins Mittelalter zurückgekehrt? Ist alles, was Jahrhunderte -in eifrigem, rastlosem Fleiß an der Kultur gearbeitet haben, ganz -umsonst gewesen? Wer ein leicht erregbar Herz hat in diesen Tagen des -Entsetzens, der ist verloren. Wer so geartet ist, daß er sich dem Leid, -dem Weh, das den Mitmenschen heimsucht, nicht verschließen kann und -will, der weint Tränen in diesen Tagen, die schlimmer sind, als das -Blut, das aus schmerzender, brennender Wunde fließt. - -Ein jeder leidet, ein jeder kämpft am Morgen, damit er den Tag und das -Furchtbare, das er finden kann und wird, ertragen könne. Deutschland -hat ein Ehrenband bekommen, das alle Herzen zusammenschmiedet, alles -Kleinliche, alles Alltäglich-Gemeine ist über Bord geworfen, jetzt bei -Beginn dieses grauenvollen Krieges. - -Ob es so bleiben wird, wer mag es wissen? Ob auch ein Krieg, ob Greuel -und Tod und Mord zur Gewohnheit werden können, und einen nüchternen -Alltag wieder aufkommen lassen, wer mag es wissen? Für den Augenblick -zum wenigsten scheint alles zu schweigen; für den Augenblick hat auch -der Armseligste vergessen, daß er ein Einzelwesen ist und kleine und -große selbstische Wünsche im Herzen trägt. - -Jetzt spricht eine furchtbare Stimme zum deutschen Volke. - -Feind um Feind ist aufgestanden; die ganze Welt scheint sich verbunden -zu haben, um das Land, das Volk, das niemandem etwas zuleide tat, das -nichts weiter tat, als rastlos voranzustreben, zu vernichten. - -Kann Gott das geschehen lassen? Kann Gott, der Allgerechte und -Allgütige, das wollen? - -‚Nein, nein und tausendmal nein!‘ braust es von den Kanzeln herab. -‚Das kann Gott nicht wollen! Gott kann nicht zugeben, daß das einzig -schuldlose, gerechte Volk einer Meute von gemeinen, habgierigen, -verlogenen Feinden unterliegen soll.‘ - -Die Kirchen sind überfüllt in dieser Zeit. Nicht aus Angst, nicht -aus kleinen Motiven sitzen auch die auf den Kirchenbänken, die sonst -in Jahren das Gotteshaus nicht betreten haben. Es geht nicht anders; -man muß heraus aus der gewohnten Umgebung -- man muß es laut und mit -heißer, inbrünstiger Sicherheit verkünden hören: - -„Das kann Gott nicht wollen! Das darf und wird nicht sein, daß der -Schuldlose vernichtet wird, und daß Neid und Mißgunst und schnöde -Habsucht siegen werden!“ - -Die Welt ist in Aufruhr. Wer sich nie zuvor gesehen, spricht jetzt mit -dem andern, als sei er seit Jahren sein Freund. Wer schon ein heißes -Herzweh erfahren hat, schon Mann oder Kind hergeben mußte, der wird um -seines Schmerzes willen geliebt und geehrt von jedem, der von seinem -Unglück erfährt. - -Es ist unsäglich schwer und doch schön, in dieser Zeit zu leben! - -Mag sein, daß unsere Enkel uns dereinst beneiden, wenn wir ihnen die -Geschichte des Krieges von 1914/15 erzählen -- mag sein, daß wir uns -am Ende unserer Tage uns selbst segnen, in dieser Zeit gelebt zu haben --- jetzt aber blutet das Herz aus tausend Wunden, und wer eine tätige -Phantasie hat, der hüte sich, ihr freie Zügel zu lassen. - -Wer kann noch ruhig und frohgemut an seinem Tisch sitzen und sein -täglich Brot verzehren? Wer muß nicht derer gedenken, die Haus und -Heimat verlassen mußten, die schon den Krieg in nächster, allernächster -Nähe sahen? - -Glücklich -- gesegnet die, die draußen sind, die alles von sich -abgeworfen haben und sterben oder siegen wollen! Sie brauchen -nicht zu denken, sie haben nicht das quälende, bittere Gefühl der -Zurückbleibenden, der Abwartenden, die unter der Sicherheit, in der sie -noch leben, leiden, während die draußen Blut und Leben für sie hingeben. - -Und glücklich auch jene ganz Jungen, die in heller, heiliger -Begeisterung ihren Einzug in die Kasernen gehalten haben -- jene -allerbegeistertsten, die am liebsten von der Stelle weg in den Kampf -gezogen wären, da, wo er am wildesten und blutigsten tobt! Seltsames -haben sie erfahren in den Tagen, die nach Schulabschluß, nach der -vermeintlichen Freiheit für sie kamen. - -Die Begeisterung ist so still geworden; die heiße Freude, mittun zu -dürfen, ist gedämpft. Sie kommen überhaupt nicht mehr recht zum Denken. -Die jungen, verwöhnten Körper müssen Unglaubliches leisten; die feinen -Stadtjungen müssen so Ungewohntes hören, und der Schlaf ist so kurz -bemessen. Aber schadet nichts, schadet nichts! Nur nicht schlapp -werden, nur aushalten! Es geht ja auch, man muß nur wollen, mit aller, -aller Kraft muß man wollen! - -Manchmal bekommt man ein Zeitungsblatt in die Hand und liest, was sich -draußen in der Welt abspielt. Aber man faßt es nicht ganz. Man hat auch -immer das Gefühl: ‚Ja, wenn ich erst dabei wäre!‘ Und es ist gut, daß -sie so denken, denn wenn nicht ein jeder von sich selbst das Gefühl -hätte, daß er riesenhafte, ganz unerhörte Kräfte in sich trägt, wie -sollte dann der Krieg gegen die Übermacht geführt werden können? - -Einstweilen aber heißt es für diese Jüngsten im deutschen Reiche: -‚Drill -- Drill -- Drill!‘ und putzen und Stuben fegen und am Abend -todmüde auf den Strohsack fallen. - -Der kleine Hiller kämpft in diesen ersten Tagen einen verzweifelten -Kampf. - -Es ist scheußlich! -- Er fühlt, daß er den Willen, den er mit eiserner -Kraft zügelt, nur einen Augenblick locker zu lassen braucht, dann ist’s -aus. - -Jeder Knochen im ganzen Körper tut ihm weh! Todmüd’ fühlt er sich vom -Morgen bis zum Abend. Die Hände sind vom ewigen Putzen aufgerieben, die -Füße brennen, er hat das Gefühl furchtbarer Mattigkeit -- hat ewig das -Gefühl, hungrig zu sein, aber wenn das Essen vor ihm steht, schmeckt es -ihm nicht. - -Scheußlich! scheußlich! scheußlich! - -Einer von ihnen ist schon schlapp geworden und hat um Entlassung -gebeten. Hinter dem haben sie alle hergelacht, und der Wachtmeister -hat sein niederträchtigstes Gesicht aufgesetzt, als er ihm den -Entlassungsschein gab. Dies höhnische Gesicht des Wachtmeisters hat -sich in Hillers Herz wie mit blutiger Schrift eingegraben. Nein, eher -sollen sie ihn halbtot vom Platze tragen, ehe er seiner Schwäche -nachgibt. - -Hipp sagt eines Tages seelenruhig zu ihm: - -„Wenn mir die Sache zu toll wird, schwenke ich ab. Ich hab’ mich -doch zum Teufel nicht als Kriegsfreiwilliger gemeldet, um Stuben -aufzuwaschen und Sattelzeug zu putzen!“ Aber dabei lacht er und sieht -wundervoll gesund aus. - -Doch es soll noch schlimmer kommen. Der Oberleutnant schreitet eines -Tages durch die Ställe, und ein heiliges Kreuzdonnerwetter tost nach -dem anderen herunter. - -„Was ist das für eine heillose Schweinerei! In den Ställen ist -überhaupt kein Boden mehr zu sehen; halbfußhoch ist der Mist -festgetreten, als ob seit drei Monaten hier nicht gesäubert worden -wäre!“ - -Der Wachtmeister erklärt dem Oberleutnant die Ursache. -Selbstverständlich sieht hier nicht alles so aus wie in anderen Jahren. -Man hatte über all der Aufregung keine Zeit, die alte Ordnung und -Reinlichkeit aufrechtzuerhalten. - -Aber was nutzt das alles? Die Ställe müssen wieder ordnungsmäßig -aussehen. Also Freiwillige vor und ausmisten! - -Hiller hat wieder falschen Sitz gehabt und ist vom Bügelriemen -gescheuert worden; das Bein ist ganz wund. Anderen ist’s viel schlimmer -ergangen -- ja, einen, der einen Tritt vors Schienbein bekam, und der -vor lauter Schmerz laut aufgeschrien hat, mußten sie unter einem Hagel -von Flüchen ins Revier schaffen. - -Aber der kleine Hiller ist noch so furchtbar empfindlich. Wenn er den -ganzen Morgen lang schlapp, faul und schläfrig gescholten wird, fängt -er an, sich unglücklich zu fühlen. Einer von den Wachtmeistern, der -es gut mit ihnen meint, hat ihnen in einer längeren Rede erklärt: -„Selbstverständlich kann man euch nicht mit Kosenamen benennen, -und wenn mal ein derbes Schimpfwort fliegt, dann müßt ihr das eben -hinnehmen und euch sagen, daß eurem Wachtmeister auch mal die Galle -überläuft!“ - -Diese Erklärung hat ihnen wohlgetan. Das wissen sie natürlich, daß beim -Drillen geschimpft wird, das gehört einfach dazu. Aber dennoch: wenn -der Wachtmeister sich einen einzelnen heraussucht und den einen ganzen -Vormittag nicht wieder losläßt, und wenn dieser arme Teufel dazu ein -empfindsames Gemüt hat, dann ist das doch eine sehr niederträchtige -Sache. - -Dem armen kleinen Hiller ist’s zum Tode weh zumute. Soll er jetzt an -Hipps Stelle treten und der Unglückswurm seines Beritts werden? - -Rot ist sein Kopf, und der Schweiß steht ihm in dicken Tropfen auf der -Stirn, als es endlich ‚absitzen‘ heißt. - -„Eine Viertelstunde Mittagspause -- Kommando, in der Mannschaftskantine -zu essen -- dann Drillichanzug anziehen und zum Ausmisten in den Stall -antreten!“ - -Sie sind wütend; sie kommen sich gedemütigt vor -- diejenigen -wenigstens, die von den hohen Schulen gekommen sind, um dem Vaterland -zu dienen. - -Heißt das auch noch dem Vaterland dienen, wenn sie Ställe ausmisten? -Hipp ist nur über den Zwang, den Mannschaftsfraß essen zu müssen, -aufgebracht. Mit ihren Näpfen treten sie an. Weiße Bohnen und Speck -gibt’s und duftet herrlich. Und -- Teufel, ja -- schmecken tut es -großartig! Das müssen sie trotz ihrem Ärger zugeben. Hipp läßt sich -seinen Napf zum zweitenmal füllen. - -Es geht in fliegender Eile. Hinauf in die Stuben, aus den Reithosen -heraus und in den Drillich hinein. - -Hipp holt ein rosa Briefchen aus seiner Rocktasche: „Da, lies mal!“ Er -gibt es Hiller. - -‚Mein süßer, geliebter Schatz!‘ liest der und wirft den Brief -Hipp wieder zurück. Was gehen ihn Hipps Liebesbriefe an? Es ist -überhaupt gemein von dem, daß er sie in der Kaserne vorliest und sich -damit brüstet. „Der blasse Neid,“ sagt Hipp, hält sich aber doch -freundschaftlich an Hillers Seite. - -Unten steht schon der Wachtmeister und brüllt sie an: „Freiwilliger -Hiller, wissen Sie nicht, daß Sie Stallwache haben?“ - -Hiller ist erstaunt, daß er mit ‚Sie‘ angeredet wird. „Zu Befehl, -Herr Wachtmeister! Ich war nur zum Essen in der Kantine und habe den -Reitanzug ausgezogen.“ - -„Wenn ich noch einmal einen, der Stallwache hat, nicht auf seinem -Posten treffe, gebe ich Arrest!“ sagt der Wachtmeister und wendet sich -ab. - -Es werden kleine, scharfe Harken an die Freiwilligen verteilt, denn -der Mist ist so festgetreten, daß sie ihn losklopfen müssen. Der dicke -Hipp kniet im Schweiße seines Angesichts da und klopft, ist aber nicht -aus der Laune zu bringen und reißt Witze. Sobald der Wachtmeister außer -Sicht ist, lachen sie alle mit ihm; er hat eine ungeheuer komische -Art, seine Vorgesetzten nachzuahmen. Selbst Hiller kann nicht ernst -bleiben, wenn Hipp seine Possen treibt. Dieser harmlos aussehende dicke -Mensch hat es faustdick hinter den Ohren. Er ist frech und kühn, sobald -der Wachtmeister den Rücken gekehrt hat, und sieht wie ein Gotteslamm -aus, wenn er ihm gegenübersteht. Sein prachtvoller Humor und seine -strotzende Gesundheit bringen ihn über alle Widerwärtigkeiten hinweg. - -Und an diesen beiden glücklichen Gaben fehlt es dem armen Hiller so -sehr! Wohl hat er Verständnis für Humor; ja, in einem ganz kleinen -Winkel seiner Seele sitzt etwas vom Schalk, der sich ganz selten einmal -etwas hervorwagt, aber gleich ängstlich verschwindet, wenn ein Schatten -auf den Weg seines Lebens fällt. Und mit seiner Gesundheit ist es auch -eine eigene Sache. Krank ist er nicht -- -- -- aber auch nicht recht -widerstandsfähig. - -Müd’ -- schlapp -- kaputt! - -Auch jetzt tut ihm der Rücken infam weh, das vielfach am Lederzeug -aufgescheuerte Bein schmerzt und, was das Schlimmste ist, die große, -schöne Begeisterung ist fort, ist einfach weggeflogen. - -Sehnsucht nach dem stillen geistigen Leben ist erwacht. Er gedenkt der -Abende mit der Mutter. Sie haben zusammen auf dem Sofa gesessen, und -entweder hat sie gelesen, oder er hat ihr erzählt, und sie waren beide -stumm geblieben, und die Mutter hat ihm den Arm um die Schultern gelegt. - -Hipp erzählt nun doch wieder von seinem blonden Mädchen, und Hiller -hört zu, ohne es zu wollen. Er erzählt sehr anschaulich -- er verrät -kolossale Kenntnisse, die er freiwillig zum besten gibt. - -Dabei schaufeln sie Berge von Mist vor sich auf, und draußen rollen -zwei Freiwillige Karren an, um den Mist zum Dunghaufen zu bringen. Hipp -und die zwei anderen, die zusammen arbeiten, sagen: „Schaufeln her!“ -Aber es sind keine Schaufeln da. „Hiller, du hast Stallwache, du mußt -für Schaufeln sorgen!“ - -Hiller weiß wohl, daß er Stallwache hat, das heißt, daß er die ganze -Nacht über mit einem anderen, der ihn alle zwei Stunden ablösen muß, -im Stall zu bleiben hat, aber er sieht deshalb nicht ein, warum er es -gerade sein soll, der für Schaufeln zu sorgen hat. - -„Geh du doch,“ sagt er zu Hipp; und Hipp geht auch, kommt aber mit -leeren Händen zurück. - -„Tatsache, Hiller, du mußt gehen -- der Wachtmeister weiß auch, daß du -Stallwache hast!“ - -Da macht sich Hiller zum Wachtmeister auf. Stramm, die Hacken -zusammengeklappt, steht er vor ihm. - -„Verzeihung, Herr Wachtmeister, wir möchten um Schaufeln bitten!“ - -„Schon wieder einer! Kerls, was wollt ihr denn mit den Schaufeln?“ - -„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, den Mist in die Karre laden!“ - -„Dämlack!“ schrie ihn der Wachtmeister an. „Wozu hat Gott euch denn -eure natürlichen Schaufeln gegeben?“ Dreht sich um und läßt den kleinen -Hiller abziehen. - -Sie werfen nun den Mist mit ihren Händen in die blauen Arbeitsschürzen, -die sie tragen, und leeren ihn in die Karren. Die alten Leute, die -vorübergehen und die nicht mitzutun brauchen, lachen sie aus. - -„Das schmeckt gut, was? Nach so einer Ausmisterei ist man für zwei Tage -satt und braucht nichts zu essen!“ - -Es ist ihnen gleichgültig geworden. Auch dem dicken Hipp tut jetzt der -Rücken weh -- aber der Wachtmeister treibt zur Eile an. „Bis zum Appell -muß der Boden blank und glatt wie Parkett sein.“ - -Nein, sie wissen es nicht mehr, daß Deutschland gegen eine Welt von -Feinden streitet, und daß sie mit so heißer Hingabe in die Kasernen -gezogen sind, um in ein paar Wochen mitzutun. - -Sie knien vor ihrem Misthaufen und sind stumpf und müd’ geworden. -Denken überhaupt nicht mehr an das Große, Gewaltige, das draußen in der -Welt vor sich geht -- -- -- denken nur noch an sich selber und an ihre -eigenen Leiden, an den schmerzende Rücken und an den Durst, den sie -nicht löschen dürfen. - -Und der verärgerte Wachtmeister brüllt sich die Kehle wund, weil es -nicht schnell genug geht. - -Die müden Hände hacken, Schürzen werden gefüllt, und die Karren rollen -hin und her. Um sechs Uhr ist der letzte Karren weg. Nun Wasser holen --- zehn, zwanzig Eimer Wasser und schrubben, was das Zeug hält. - -Der Wachtmeister reißt Hiller seinen Besen aus der Hand. „Kerl, willst -du mir einen Tango vortanzen?“ Und er macht ihm das Schrubben auf -energische Weise vor. - -Nun geht es glatt weiter. Die Wasserplantscherei hat etwas Lustiges. -Hipp läßt das schmutzige Wasser hoch gegen die anderen aufspritzen. -„Das müßte mein Mädchen sehen!“ sagt er. Er denkt nichts anderes als -sein Mädchen. Den ganzen Tag spricht er von ihr. - -Der Oberleutnant kommt zum Revidieren. Er ist zufrieden. - -„Antreten zum Appell!“ - -Hipp bekommt seinen erwarteten Brief und schmunzelt. Hiller geht leer -aus. Er läßt den Kopf hängen und kehrt in den Stall zurück. Die anderen -sind jetzt frei und können in die Kantine oder in die Stadt gehen. Er -aber sitzt auf einer Futterkiste im Stall und sieht trübe vor sich hin. - -Der ‚alte Mann‘ der mit ihm die Wache hält, fragt: „Soll ich Essen -holen?“ - -Das bedeutet natürlich, daß er auf Hillers Kosten für sie beide Essen -holen will. Hiller zieht einen Taler aus seinem Brustbeutel heraus, und -der andere kommt bald mit einem Arm voll Butterbroten, mit mehreren -Paar Würstchen und zwei Flaschen Bier zurück. - -Sie essen gemeinsam auf ihrer Futterkiste und schwatzen, bis die Sonne -sinkt. - -Um neun Uhr legt sich der ‚alte Mann‘ ins Stroh, zieht einen Woilach um -sich, und Hiller bleibt allein. - -Regungslos bleibt er auf seiner Futterkiste sitzen. Der Rücken -schmerzt, und ins arme Herz ist ein Leid gezogen, so schwer, so heiß, -daß er’s kaum zu ertragen vermag. - -Die Öllaternen im Stall werfen trübe Lichter um sich. Die Halfterketten -klirren -- der warme Dunst aus all den Tierleibern strömt stark und -erregend zu ihm hin. - -Er muß an all das, was Hipp ihm die Tage über von seinem Mädchen -erzählt, denken. - -In Hillers Kopf will es nicht hinein, daß man von einem Geschöpf, für -das man Liebe und Verehrung empfindet, vor anderen sprechen kann. Im -Anfang hat es ihn angewidert, wenn Hipp von dem Mädchen sprach; aber -man kann schließlich die Ohren nicht zustopfen, wenn einer so ständig -von derselben Sache erzählt. - -Und jetzt, in dieser halbdunklen Einsamkeit, in dieser tiefen -Sehnsuchtsstimmung, in dieser warmen, von einem erregenden Duft -erfüllten Luft steigt heiß und drängend im armen, kleinen Hiller ein -bisher ungekanntes Verlangen auf. - -Tränen fließen ihm aus den Augen. Die Hände haben sich zu Fäusten -geballt -- weh, furchtbar weh ist ihm ums Herz. - -Ein Pferd hat den Kopf aus dem Halfter gelöst und versucht -auszubrechen. Er springt hin und bekommt es zu fassen, bevor es draußen -ist. - -Das Tier schnuppert an ihm herum und läßt sich willig anketten. Er -schleicht zu seiner Futterkiste zurück; er sitzt und seine Gedanken -fliegen zur Mutter. Wo mag die sein? Ob sie allein zu Hause sitzt? Ob -sie zur Großmutter gefahren ist? - -Er sieht sie vor sich, hört sie reden, sieht sie weinen. Natürlich -weint sie um ihn. Die Trennung mag schwer auf ihr lasten. Bislang hat -er noch nicht recht darüber nachgedacht, wie einsam es um sie sein -muß. Nun aber kommt es plötzlich über ihn. Die traulichen Zimmer, in -denen er mit ihr gelebt hat, sieht er vor sich. Die Bilder an den -Wänden leuchten zu ihm herab. Er sitzt mit ihr in der halbdunklen -Sofaecke, den Kopf an sie geschmiegt. - -Wie schön waren diese Abende mit ihr gewesen! Wie schön dies ganze -stille, einfache Leben! So geborgen, so warm! Wenn man etwas auf dem -Herzen gehabt, hat man’s abends der Mutter gesagt, und alles war gut -gewesen. Und hat sich doch eigentlich immer nach was anderem gesehnt. -Hat immer gerechnet, wieviel Vierteljahre man noch auf der Schulbank zu -sitzen und abzuwarten hat, bis das eigentliche Leben kam. - -Und nun ist dies eigentliche Leben da -- nun ist man ganz plötzlich -aus allem herausgeschleudert worden! Man ist Soldat geworden und will -fürs Vaterland kämpfen. So stolz, so glücklich, so begeistert ist man -gewesen. - -Warum nur? Für was nur? - -Man hört ja nichts mehr vom Krieg. Man tut ja nichts, gar nichts zur -Sache. Den ganzen Tag wird man angeschnauzt -- Schimpfnamen fliegen -einem um den Kopf. Man mistet Ställe aus und putzt seine Pferde. - -Das hat man doch nicht gewollt! Dafür ist man doch nicht hierher -gekommen! Und der kleine Hiller, der sich jeden Tag von neuem freuen -muß, wenn er überhaupt glücklich auf sein Pferd hinaufkommt und sich -oben behaupten kann -- der kleine Hiller, den jedes Glied am ganzen -Körper schmerzt, der einen geradezu verzweifelten Kampf gegen Schwäche -und Schlappheit kämpft, hat in dieser stillen, todeinsamen Nachtstunde -das Gefühl, daß ihm ein großes Unrecht geschieht, weil man ihn hier -noch festhält, statt ihn in Kampf und Begeisterung ziehen zu lassen. - -Alles ist häßlich und traurig und verzerrt in dieser Nacht. Namenlos -öd und einsam die ganze Welt! Unerträglich das Leid und die heiße -Sehnsucht im Herzen! Die Sehnsucht nach irgend jemandem, der gut zu ihm -ist, der warm und lieb zu ihm spricht -- -- der die Arme um ihn legt -- -ihn küßt. - -Verteufelt! Schon wieder muß er an Hipps Mädchen denken, das ihm jeden -Tag einen Brief schreibt. - -Warum hat er niemanden, der an ihn denkt, der ihm schreibt. - -Wieder hat ein Pferd sich losgelöst und sucht den Ausgang zu erreichen. -Der ‚Arbeiter‘ ist es, sein eigenes Pferd. Er führt es zu seinem Platz -zurück und klopft ihm den Kopf. - -Das Tier schmiegt sich an ihn, berührt ihn mit der warmen, nassen -Schnauze. Da löst sich im armen Jungen der bittre, bittre Schmerz. -Er weint laut auf. Mit beiden Armen umschlingt er den Hals des -Tieres. „Mutter -- -- Mutter!“ Er schreit es fast. Ein grenzenloses -Heimweh tobt in ihm. „Mutter -- -- Mutter!“ Und umklammert wie ein -Verzweifelter den warmen Kopf, drückt das Gesicht in die Mähne hinein -und schluchzt und wird gerüttelt und gestoßen von diesem plötzlichen, -wilden, unerträglichen Jammer. Lang steht er so an seinen ‚Arbeiter‘ -geschmiegt. - -‚Nach Hause -- zur Mutter zurück!‘ Und er will ihr schreiben: ‚Ich kann -es hier nicht länger ertragen, laß mich zu dir zurückkommen!‘ - -Er schleicht zur Futterkiste zurück -- zieht eine zerknitterte -Feldpostkarte aus der Tasche. - -‚Liebes Muttchen!‘ schreibt er -- besinnt sich einen Augenblick und -kommt zur Vernunft. Ein ‚Zurück‘ gibt es nicht für ihn. Ausharren muß -er, und wenn es noch tausendmal schlimmer kommt. Aber sehen will er -sie, und da er nicht zu ihr kann, muß sie zu ihm kommen. Das geht -- -daran kann niemand etwas finden. - -So schreibt er: ‚Wenn Du willst, so besuche mich, bitte. Ich habe ein -wenig Heimweh nach Dir!‘ - -Nachdem er das geschrieben, ist ihm leichter ums Herz geworden. Er -läuft über den Kasernenhof und bringt die Karte zum Kasten. - -Sternklar wölbt der Himmel sich draußen. Kühl ist die Nacht, denn der -Herbst will ganz ganz langsam kommen. - -Tief atmet Hiller auf. Das Leid ist verflogen. Der furchtbare Druck ist -von ihm genommen. Nun ist er nur noch müd’ -- hat nur noch Sehnsucht -noch einem langen, tiefen Schlaf. - -Im Stall trifft er den ‚alten Mann‘, der ihn für zwei Stunden abzulösen -hat, an. Der sieht ganz vergnügt aus. - -„Müde, was?“ und schaut lächelnd in das bleiche Knabenangesicht. -„In zwei Stunden kommst du wieder dran, Mensch. Das lohnt kaum der -Mühe, sich hinzulegen! Bleib man gleich auf, sonst wirst du nachher -überhaupt nicht mehr munter. Man kennt das ja bei euch jungen Kerlen. -Muttersöhnchen! Neulich habe ich für einen die ganze Nacht gewacht. Da -hat er mir ’n Taler für geschenkt!“ Und sieht noch forschender, sieht -eigentlich geradezu aufmunternd in Hillers Gesicht. - -Der hat schon die Hand am Brustbeutel. „Ich bin in der Tat sehr müde!“ - -Der ‚alte Mann‘ nimmt den Taler und läßt ihn in die Hosentasche gleiten. - -„Da hast du einen Woilach zum Drauflegen; in den andern wickelst du -dich ein, und dann kannst du bis sieben Uhr pennen. Los -- mach’, daß -du ins Stroh kommst!“ - -Und der kleine, müde Hiller häuft sich das Stroh, aus dem der ‚alte -Mann‘ aufgestanden ist, frisch auf, legt den einen Woilach darauf, -wickelt sich in den anderen ein, und bevor zwei Minuten vergangen sind, -führt ihn sein tiefer, prachtvoller Jungenschlaf aus Leid und Not -dieses Tages hinweg. Das bekümmerte Gesicht wird kindlich und froh. Die -bleichen Wangen röten sich. Und als der ‚alte Mann‘ sich gegen Morgen -einen Scherz macht und ihm mit dem nassen Pferdeschwamm über die Augen -fährt, merkt er’s kaum, dreht sich um und schläft weiter, bis ihn zwei -kräftige Arme an den Schultern packen und hochreißen. - -„Heraus, Mensch -- aufgestanden -- sieben Uhr -- ‚Vize‘ ist im Anzug!“ - -‚Vize‘ ist der Vizewachtmeister Peters; und das Wort ‚Vize‘ genügt, -um den kleinen Hiller im Nu hochfahren zu lassen -- Hände an die -Hosennaht, Hacken zusammengeklappt. - -‚Vize‘ ging schweigend und höhnisch an ihm vorüber. - - * * * * * - -Hiller ist dem ‚alten Mann‘ riesig dankbar, daß er ihm für den Taler -die lange Nachtruhe verschafft hat. - -Die Taler fliegen ja erschrecklich glatt und leicht dahin, aber -eigentlich kommt nie ein Brief ohne Einlage an ihn an. Die Mutter -schickt -- Großmutter und Großvater schicken, und es gibt noch ein paar -Onkel und Tanten, die nicht nur Worte und schöne Redensarten für den -jungen Kriegsfreiwilligen übrig haben. Es ist eine ganze Menge, was -so in immer neuen Auflagen in Hillers Brustbeutel zusammenkommt. Er -braucht nicht zu knausern, und das ist gut, denn das Knausern liegt ihm -nicht. - -Großmutter schrieb zwar: ‚Daß Du im Restaurant für teures Geld ißt, da -Du das Mannschaftsessen umsonst haben kannst, ist aus zweierlei Gründen -nicht richtig; denn erstens soll ein jeder in diesen schweren Zeiten -sein Geld zusammenhalten oder es fürs allgemeine Wohl hingeben, und -zweitens ist es besser, wenn Du Dich schon jetzt an das Kasernenessen -gewöhnst, damit es Dir später im Feld nicht schwer wird!‘ - -Aber sie legt getreulich jedem Brief einen Schein bei, und darum kann -Hiller die großmütterlichen Mahnreden nicht sehr ernst nehmen. - -Er ißt ja auch keineswegs im Restaurant, um sich Leckerbissen zu -verschaffen. Nein, er würde ohne weiteres das Mannschaftsessen genommen -haben, wenn das einfach so möglich gewesen wäre. - -Aber hier sitzt der Haken: er ist Einjähriger -- er bekommt Geld -- -er ist also einfach verpflichtet, mit den finanziell Gutgestellten im -Restaurant zu essen. Man würde ihn sonst nicht für voll angesehen haben. - -Und ebenso ist er verpflichtet, sich von den alten Leuten gegen gute -Bezahlung Dienste leisten zu lassen und sie abends in der Kantine -freizuhalten. Sie drängen sich an einen heran und können kolossale -Erleichterungen bringen. - -So zum Beispiel dieser lange Schlaf in der letzten Nacht! Dafür ist ein -Taler wirklich nicht zuviel gewesen. Er fühlt sich prachtvoll frisch -- -die Welt lacht ihn an. - -Oben am Kasernenturm ist die Fahne hochgezogen; man feiert einen neuen -Sieg. - -Jetzt weiß man wieder, daß Großes, Gewaltiges sich in Europa abspielt. --- -- -- Jetzt begreift man, daß man alle Kräfte zusammennehmen muß, um -würdig befunden zu werden zum Mittun! - -Der Wachtmeister sagt: „Natürlich suchen wir zum Ausrücken nur die -besten Reiter heraus, denn einer, der sein Pferd nicht beherrscht, -kann im Kriege nichts leisten.“ Das ist eine sehr selbstverständliche -Tatsache, und Hiller begreift an diesem sonnenhellen Morgen plötzlich, -daß der strenge, nicht sehr geliebte ‚Vize‘ keinen leichten Standpunkt -hat. Denn wie er selbst noch ganz und gar unsicher auf seinem Gaul -sitzt, so ist es mit der Mehrzahl der anderen auch, und doch schimpft -jeder von ihnen über den Drill und hat jeder einzelne den heftigen -Wunsch: Hinaus! Hinaus! - -An diesem Morgen geschieht es, daß ‚Vize‘ sich am Ende der Reitstunde -neben Hillers Pferd stellt und den Hals des Tieres klopft. - -„Reiten noch sehr mittelmäßig, Freiwilliger! Aber man hat doch heute -wenigstens den guten Willen gespürt. Das ist schon etwas, und andere -könnten sich da ein Beispiel dran nehmen!“ - -Dabei sieht er zu Hipp hinüber, der zweimal über den Kopf seines -‚Anton‘ hinweggesaust ist. - -Hillers Herz klopft in jäher Freude. ‚Vize‘ hat ihn gelobt -- ‚Vize‘ -hat zum erstenmal nicht mit ihm gewütet. - -Die Hand, die den Zügel hält, zittert; er ist außer sich vor Glück. -Keine Spur von Schlappheit mehr -- kein Schmerz mehr in den Knochen. -Eine Riesenkraft fühlt er in sich erstehen, und heißer Mut beseelt ihn. -Oh -- er kann -- er kann -- er kann! Immer in seinem ganzen Leben hat -er noch gekonnt, was er wirklich und mit seinen ganzen Kräften gewollt -hat! - -Auf einmal weiß er nun auch, daß er eines Tages Herr seines Pferdes -sein wird. Ja -- daß er all die, die hier mit ihm reiten, überragen -wird. Auch die Bauernjungen, die von Kindheit auf mit Gäulen zu tun -gehabt haben. - -Er braucht nur zu wollen, nur wirklich und ernst zu wollen! - -Es wird ihm ordentlich schwer, das Lob des Wachtmeisters still -hinzunehmen; gern hätte er ihm gedankt, ihm die Hand gereicht. Aber er -bleibt still und bescheiden sitzen; nur das Herz schlägt heftig. - -Nach dem Reitunterricht ist ein Fest in der Kaserne, um den großen -neuen Sieg zu feiern. Der Oberleutnant steht vor seinen Husaren und -hält eine kurze, packende Ansprache, die im Kaiserhoch endigt. - -Als sie frei sind, sieht Hipp verächtlich zu Hiller hinüber. „Streber!“ -Und der noch allzu empfindliche Hiller erbleicht vor Ärger, aber -Hipp lacht im nächsten Augenblick und schiebt seinen Arm in den des -Kameraden. - -„Morgen brüllt er dich doch wieder an. Man kennt diese Menschenschinder -ja!“ - -Dennoch bleibt Hiller an diesem Tage in gesteigerter Stimmung. - -Nach dem eilig eingenommenen Mittagessen geht’s zur ersten Schießübung -hinaus. Zwei Wachtmeister führen einen Trupp von vierzig Freiwilligen -zum großen Schießplatz. - -Sie haben eine gute Stunde zu marschieren. Die Hitze ist glühend; die -Sonne glitzert in ihren blanken Knöpfen und spielt mit den grellgelben -Tressen auf den grauen Attilas. Der trockene Boden knirscht unter ihren -Füßen, aber sie gehen wie beflügelt dahin. Mit Ungeduld haben sie -auf diese erste Schießübung gewartet, denn bevor sie nicht schießen -gelernt, können sie natürlich nicht ins Feld. Nun endlich soll es -losgehen! - -Einer von den alten Leuten hatte ihnen gesagt: Zwei Wochen Schießübung --- zwei Wochen Lanzenfechten und Säbelstechen, dann ist die Sache -gedeichselt, dann geht’s los! Dies also ist der eigentliche Anfang; es -werden noch sechs Wochen vergehen, ehe sie herauskommen! Und draußen -wird ein Sieg nach dem anderen erfochten! Wenn das so weitergeht, dann -hat Deutschland ausgekämpft, ehe sie aus ihrem Drill heraus sind. - -Bald dehnt sich der Schießplatz vor ihren Blicken aus. - -Der Wachtmeister - es ist einer, mit dem sie bislang noch nichts zu -tun gehabt haben -- lehrt sie in erster Linie den Karabiner richtig -handhaben. - -Auch er brüllt; auch er schimpft wie ein Unsinniger. - -Wachtmeister müssen schimpfen und müssen beim Schimpfen einen -puterroten Kopf bekommen, sonst wird’s nichts. - -Der kleine Hiller hat noch so zarte Hände; für ein paar Minuten hat -es den Anschein, als sollte er hier den Sündenbock abgeben, denn der -Wachtmeister tobt immer im Kreise um ihn herum. - -Aber es müssen wohl noch Ungeschicktere da sein, denn plötzlich ist -er fort, und nun weiß Hiller auch ganz gut mit seinem Schießprügel -umzugehen. - -Es wird ihnen ein Vortrag gehalten: - -Der Kavallerist muß in jeder Stellung schießen können. Er muß im -Liegen, im Stehen und vom Pferd herabschießen können! Der Kavallerist -muß überhaupt alles können, was der Infanterist kann! Das hat man ihnen -nun schon oft gesagt, und sie wissen, daß sie doppelte Ausbildung -haben werden. Dafür haben sie dann im Feld den Vorteil, auch dann noch -kampffähig zu sein, wenn das Pferd ihnen weggeschossen wird. - -Als Ziel für ihre erste Übung dient ihnen eine Scheibe, die in zwölf -Kreise geteilt und an ein kleines Steinhäuschen gestellt ist. - -Sie haben Platzpatronen bekommen und lernen zunächst den Karabiner -in jeglicher Stellung handhaben. Der Wachtmeister erklärt ihnen -umständlich die Scheibe und die Entfernung, und es vergeht eine gute -Stunde mit den Vorbereitungen, ehe sie endlich zum Schießen kommen. - -Die wenigsten haben Glück; sie schießen aufs Geratewohl. Hipp lacht, -trotzdem der Wachtmeister schimpft, leise vor sich hin, denn es -belustigt ihn ungeheuer, daß er trotz alles Schimpfens mit keinem Schuß -auf die Scheibe trifft. - -Auch Hillers Hand zittert plötzlich. Da er als Knabe viel nach der -Scheibe geschossen hat, hat er das angenehme Gefühl gehabt, hier auf -dem Schießplatz gut zu bestehen und sich womöglich wieder ein Lob des -Vorgesetzten zu holen. Nun aber schleichen sich Angst und Aufregung an -ihn heran. Es ist ihm schon oft im Leben so gegangen: wollte er zeigen, -daß er eine Sache verstand, so mißlang sie erst recht. Der erste Schuß -geht dann auch richtig daneben, und der Wachtmeister steht wieder -drohend nahe dicht bei ihm. Er spürt den Atem des erregten Mannes, und -sein Kopf wird heiß, und das Herz fängt an zu hämmern. - -„Kerl, bist du des Teufels?“ Der Wachtmeister richtet ihm den Karabiner -in der Hand zurecht. Hipp sieht schadenfroh zu Hiller hinüber. - -Da geht ein Schuß los und trifft fast in die Mitte der Scheibe. „Das -war Zufall,“ sagt der Vorgesetzte kühl und mit leisem Hohn in der -Stimme. „Noch einmal!“ und dreht ihm den Karabiner wieder in der Hand -zurecht. „Ganz gut,“ sagt er dann etwas weniger kühl. „Nun noch einmal, -damit es sich herausstellt, ob es Dusel war oder nicht!“ - -Nun wird Hiller kühn und hat wieder das triumphierende Gefühl: ‚Ich -kann, was ich will!‘ - -„Man wird ja später sehen, ob das so bleibt,“ sagt der Wachtmeister -befriedigt, geht zu den anderen und ahnt nicht, in welchen -Freudentaumel er den kleinen Freiwilligen mit dem Knabengesicht -versetzt hat. - -Niemand außer Hipp hat an Hillers Schießversuchen Anteil genommen, -niemand beachtet auch, wie die Augen des schmalen Husaren leuchten, wie -er ganz verklärt dasteht. - -Das zweite Lob an einem Tage! Das macht ihn ganz toll. - -Zur Vesperzeit ladet er in der Kantine zwei alte Leute zum Kaffee ein -und schenkt jedem eine Handvoll von den Zigarren, die Großvater ihm -geschickt hat. Es geht ihm immer so: Hat er selbst eine Freude, dann -muß er auch bei anderen frohe Gesichter sehen. - -Er spricht zu niemandem von dem, was ihn bewegt, aber es ist eine -tiefe Liebe zu allem, was ihn hier umgibt, in ihm aufgekommen. Er weiß -jetzt, daß er im Grund seines Herzens immer Soldat gewesen ist, daß -er nur während der langen Schulzeit keine Gelegenheit gehabt hat, den -militärischen Geist, der in ihm steckt, zu erkennen. Nun aber sieht er -seine Zukunft klar und deutlich vor sich. Selbstverständlich wird er -Offizier werden, und zwar Kavallerieoffizier. - -Wenn er Glück hat und in den Krieg kommt, ist er in einem halben Jahr -Leutnant, und später wird die Beförderung in Windeseile weitergehen. -Seine Phantasie baut ihm goldene Schlösser. - -Mit keinem Gedanken denkt er mehr an die noch gar nicht weit -zurückliegende Zeit, in der er der Mutter mit herablassendem Lächeln -erklärt hat: ‚Offizier? Nein, dafür sind andere da. Der Offiziersberuf -kommt für mich gar nicht in Betracht.‘ - -Der kleine Hiller ist erst jetzt eigentlich jung geworden. Er war alt -und klug und blasiert gewesen, bevor er wußte, was jung sein heißt. Man -hatte ihm das so anerzogen, so aufgezwungen. Jetzt fällt es ihm wie -Schleier von den Augen; jetzt, in dieser Zeit, in der Deutschland eine -kraftvolle, gesunde Jugend braucht, soll auch er kraftvoll und gesund -werden! - -Er ist so hin und her geworfen von all dem Neuen, das auf ihn -eindringt; er liegt noch sehr im Kampf, in ganz unbewußtem Kampf mit -dem, was noch vor ganz kurzer Zeit sein Wesen und Denken bedeutete. -Heimweh wechselt mit Hochmut; Selbstbewußtsein ringt mit tiefer -Niedergeschlagenheit. Heute aber hat Stolz und Freude über alles andere -gesiegt. - -Um halb sieben Uhr wird zum Appell versammelt. Hiller strahlt immer -noch und sieht frohbewegt zu der Fahne hin, die hoch über der Kaserne -weht und an den großen Sieg des heutigen Tages erinnert. Ja, es ist -heute für ganz Deutschland ein Freudentag. Man sieht heute nur wirklich -frohe und zufriedene Gesichter; selbst die Wachtmeister scheinen guter -Laune zu sein. - -Plötzlich hört er seinen Namen rufen: „Freiwilliger Hiller soll -vortreten!“ - -Ein Wachtmeister winkt ihn zu sich heran und weist mit der Hand nach -dem vorderen Kasernenhof. „Eine Dame,“ sagt er lakonisch, und Hiller -versteht erst nicht recht, wird dann glühendrot und schreitet langsam, -etwas beschämt, dem vorderen Kasernenhof zu. - -„Mutter!“ - -Wie er sie sieht, strömt ihm das Blut heiß zu Herzen, und er fällt ihr -um den Hals -- ganz instinktiv einer jähen Aufwallung folgend. Aber im -nächsten Augenblick sinken ihm die Arme schlaff herab. Er sieht scheu -nach allen Seiten um sich. - -Ob jemand das beobachtet hat, ob jemand gesehen hat, wie er der Mutter -um den Hals gefallen ist? - -Auch sie ist verwirrt. Groß und ungläubig sieht sie den Menschen, der -da im schmutzigen Drillichanzug vor ihr steht, an. Ist das Ernst -- -ihr kleiner Ernst -- ihr Junge? Dunkelgebräunt ist das Gesicht; die -Mütze ist tief in die Stirn gezogen, und der graue Anzug, dem starker -Stallgeruch entströmt, hängt in großen Falten an seinem Körper herum. -Ein leiser Schmerz ist in ihr. - -Sie hat während der ganzen Fahrt hierher das Gefühl gehabt: ‚Das arme -Jungchen ist krank, ist traurig, ist trostbedürftig!‘ Die zerknitterte -Feldpostkarte mit den wenigen Worten: „Ich habe ein wenig Heimweh nach -dir!“ hat sie erschüttert. Nun sieht sie den Jungen gesunder, als sie -ihn je zuvor gesehen. Wie ein gewöhnlicher Soldat steht er vor ihr, und -die Mütze verbirgt das Schönste, was er hat: die hohe, kluge Stirn. - -Sie muß sich erst an den Anblick gewöhnen, und so stehen sie sich -sekundenlang beide in einem inneren Kampf gegenüber. Der Junge voll -Unbehagen in dem Gedanken, daß irgend jemand ihn beobachten könnte, und -die Mutter traurig und enttäuscht. Sie hat das wehe Gefühl, daß etwas -Fremdes zwischen sie und ihr Kind gekommen ist, daß sich eine Kluft -zwischen ihr und ihm auftun will. - -Hiller führt die Mutter in den Torweg eines der Gebäude, die am -Kasernenhof liegen. „Warum hast du mir nicht erst geschrieben?“ fragt -er zaghaft. - -Da kommen ihr die Tränen. „Du schriebst doch, daß du Heimweh hättest, -Ernst!“ - -Er faßt ihre Hand, denn er kann sie nicht gut traurig sehen. „Das kommt -mal so über einen, geht aber schnell vorüber,“ sagt er. „Wenn du mir -wenigstens vom Bahnhof aus telephoniert hättest, daß du hier bist, -Mutter. Hier in der Kaserne kannst du doch nicht bleiben!“ - -„Wohin hätte ich denn aber telephonieren sollen?“ - -„Nun natürlich nach der Kantine; das tun sie doch alle,“ sagt er sehr -selbstverständlich, und sie ist wirklich fast beschämt, daß sie nicht -an die Möglichkeit einer vorherigen telephonischen Verständigung -gedacht hat. - -„Darfst du denn überhaupt aus der Kaserne heraus?“ fragt sie fast -schüchtern. - -Der Junge besinnt sich. „Wenn ich Urlaub bekomme. Bleibst du denn über -Nacht hier?“ - -Seine Art ist ihr ganz fremd. Der Schmerz in ihr wird immer bitterer. - -„Ich kann doch heute abend nicht mehr zurückfahren, Ernst.“ - -„Wo willst du denn hier wohnen?“ - -„Ich muß mir ein Hotel suchen, ich bin gleich vom Bahnhof hier -herausgefahren.“ - -„Dann mußt du in den ‚Schwan‘ gehen,“ sagt er in freudiger Erinnerung. -„Da habe ich auch die erste Nacht gewohnt, da ist es sehr nett.“ - -„Wirst du denn sicher Urlaub bekommen?“ fragt sie weitergehend, denn er -führt sie zum Kasernentor hin. - -Er fühlt sich entsetzlich unfrei, und doch tut ihm die Mutter leid. -Aber, was soll er hier mit ihr anfangen? - -„Ich muß jetzt wieder zurück, Mutter. Aber ich bekomme sicher Urlaub; -denn die anderen haben sich auch schon oft Urlaub geben lassen. Ich -telephoniere dir nach dem ‚Schwan‘. Auf Wiedersehn, Mutter!“ Und bevor -sie noch beim Posten angelangt ist, ist er schon außer Sehweite. - -Sie geht ein Stück die Straße entlang und ist wie benommen. Eine -Sekunde lang hat sie das Gefühl: ‚Das war er ja gar nicht! Dieser -braungebrannte, nach Heu und Stall duftende Soldat war doch nicht Ernst --- der zarte, liebenswürdige, schüchterne Ernst!‘ Aber er war es doch, -und sie muß wieder an Großmutters Worte denken: „Der Junge wird jetzt -ein Mann, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun.“ - -Sehr langsam geht sie weiter und kommt auf den schwarzen Husarenweg. -Die Sonne ist fort, und flach und reizlos dehnt sich das Land vor ihr -aus. Weit kann der Blick hier schweifen, aber vor ihren Augen ist ein -Schleier. - -„Ernst -- Ernst!“ - -Sie fühlt wieder diese heiße, wehe, instinkthafte Liebe für ihn -- -diese selbstverständliche Naturliebe, die auch ein Tier für sein -Junges, das ihm entrissen werden soll, empfinden mag. - -Wer hat ein Recht, ihr den Jungen zu nehmen? Oft schon in dieser Zeit -seit Ausbruch des Krieges hat es so in ihr getobt, hat eine Stimme -in ihr geschrien: ‚Der Junge ist mein -- mein -- mein! Wer hat ein -Recht, ihn mir zu nehmen?‘ Und hat dann, wenn der Aufruhr im armen, -gepeinigten Herzen vorüber war, den Kopf geneigt und hat an die -tausend und aber tausend Mütter im Deutschen Reich gedacht, die all -dasselbe schwere Opfer darbringen. Und hat auch Zeiten gehabt, in -denen sie ganz ruhig, ganz groß zu denken vermochte; in denen sie sich -stolz und glücklich fühlte, weil ihr Sohn mittun durfte im gewaltigen -Völkerringen, hat wundervolle Zeiten gehabt, in denen sie empfand, -daß es schön und herrlich ist, dem bedrängten Vaterland das Beste und -Einzige, was man besitzt, darzubringen. - -Jetzt, da sie im grauen Abenddämmer in der fremden Stadt auf dem -schwarzen, staubigen Weg langsam dahingeht, ist aber all das Große und -Schöne von ihr abgefallen. - -Sie ist hierhergekommen, um ein heimwehkrankes zartes, bekümmertes -Kind ans Herz zu nehmen, und hat einem gesunden, fast derben Soldaten -gegenübergestanden. - -Auch das tut weh, daß sie ihn so sehen mußte -- so wenig schön, so -ungepflegt, so derb. - -Sie geht und geht und weiß nicht, wohin. Tiefer senken sich die -Schatten; vor ihr liegt unbebautes Feld, und es ist sehr, sehr einsam. -Kein Mensch ist in der Nähe, und leise Angst kommt in ihr auf. - -Sie geht denselben Weg, den sie kam, zurück. Staubwolken wirbeln, und -ein Hirt kommt mit großer Schafherde durch den schwarzen Staub daher. -Der Hirt strickt an einem Strumpf. Das hat sie noch nie gesehen; nur -aus Erzählungen weiß sie, daß es strickende Hirten gibt. Aber friedlich -mutet sie das Bild dieses graubärtig strickenden Mannes an. Friedlich -auch der Zug der heimkehrenden Schafe und der beiden Hunde, die, ohne -zu bellen, um die Herde herumkreisen. Wie ein Märchen so seltsam! Einen -wunderbaren Kontrast bildet dies stille Bild zu all dem wilden Rasen -draußen in der Welt. - -Ihr Herz ist ruhiger geworden. Aus der halben Dunkelheit ragt das alte -Tor ehrwürdig und gigantisch vor ihr auf. Und dann ist sie plötzlich in -einem lustigen Treiben mitten drin. Husaren in der graugelben Uniform, -die auch ihr Ernst trägt, eilen durch die Straßen; auf hohen Heuwagen -sieht sie die bunten Husaren sitzen, und auf Rädern fahren sie an ihr -vorüber. Froher wird ihr zumute, und sie weiß nun auch, warum sie -vorhin so sehr enttäuscht war. Der graue, schmutzige Drillichanzug -mag sein Teil daran gehabt haben. Der Mensch hängt am Äußeren, und -eine jede Mutter mag Schmerz empfinden, wenn sie ihr Kind so unschön -und so nachlässig im Äußeren findet. Sie ist wieder ganz elastisch -geworden. Ein kleiner Junge, dem sie ein Geldstück verspricht, führt -sie zum ‚Schwan‘. Man weist ihr ein behagliches Zimmer an. Ernst meldet -telephonisch, daß er Urlaub erhalten hat, und eine halbe Stunde später -hört sie Sporengeklirr vor ihrer Tür. - -Da steht ihr Junge -- schmuck in der gutsitzenden Uniform und den hohen -Reiterstiefeln mit der gelben Einfassung! Er wirft seine Mütze auf den -Tisch und umarmt die Mutter jetzt ohne Scheu -- kindlich und zärtlich -wie früher. - -„Jungchen -- mein Jungchen!“ - -Die Haare sind kurz abgeschoren, und auf der Oberlippe ist ein ganz -leichter Flaum von dunkelblonden Härchen zu sehen. Viel männlicher ist -er geworden! Stramm, mit leuchtenden Augen steht er da. - -„Wie gefalle ich dir, Mutter?“ Er tritt vor den großen Spiegel und -staunt sich selbst an. Denn in der Kaserne hat er keine Gelegenheit, -sein Bild in Lebensgröße zu sehen. Sie schaut ihn an und weiß nicht, -was sie sagen soll; ihr Herz ist stolz und doch noch voll Schmerz. - -„Unten wartet ein Kamerad von mir,“ sagt er dann. „Er heißt Hipp und -ließ mir keine Ruhe, bis ich ihn mitnahm. Wenn sein Vater ihn mal -besucht, lädt er mich auch ein.“ - -Sie ist sehr enttäuscht. „Ach, Ernst, an diesem ersten Abend willst du -nicht mit mir allein sein?“ - -„Das ging nicht anders, Mutter. Aber wir können uns ja auch so alles -erzählen. Hipp ist ein ganz netter Kerl. Wir haben aber nur eine Stunde -Urlaub, und wenn wir noch essen wollen, müssen wir hinuntergehen.“ - -Da kamen ihr schon wieder Großmutters Worte in den Sinn: ‚Der Junge muß -jetzt ein Mann werden, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu -tun.‘ - - * * * * * - -Das fremde Hotelzimmer grinst sie höhnisch an, als sie es wieder -betritt. Neun Uhr schlägt’s von der Kirche, die nur durch ein drei -Meter breites Gäßchen vom ‚Schwan‘ getrennt ist. - -Eine kurze Stunde hat sie unten im Speisesaal mit den zwei gesessen -- -ist nicht aus dem Staunen, aus dem Schmerzgefühl herausgekommen. Ihren -Jungen hat sie angesehen, wie man einen Menschen, den man vor Jahren -einmal genau kannte, und der einem dann irgendwo in sehr veränderter -Gestalt entgegentritt, vielleicht anschauen würde. - -Der dicke, etwas gewöhnlich aussehende Hipp mit seinem gesunden, -naseweisen Witz stößt sie ab; er stößt sie doppelt ab, weil sie sieht, -wie ihr Junge ganz unwissentlich seine Art anzunehmen versucht. Ernst -hat zu Hause selten einen Witz erzählt, und wenn er es tat, so wartete -er den Erfolg nicht ab. An diesem Abend kommt viel ungereimtes Zeug aus -seinem Munde. Es ist, als wolle er der Mutter zeigen: ‚Sieh, was aus -mir geworden ist, seit ich von dir fort bin!‘ Es kann aber auch sein, -daß er sich gar nichts denkt; es kann sein, daß er in ganz jungenhafter -Weise dem Kameraden beweisen will, daß er kein Muttersöhnchen ist. - -Sie weiß an diesem Abend nicht, was sie aus ihm machen soll. Sie weiß -nur, daß sie traurig ist. - -Die niedrigen Fensterchen ihres Zimmerchen stehen weit offen. Kühle -Sommerabendluft strömt zu ihr hinein. Sie sitzt auf dem roten Samtsofa -und stützt den Kopf in die Hand. - -Morgen will sie noch nicht reisen; für morgen hat er sich noch einmal -Urlaub geben lassen. Übermorgen aber hat es schon keinen Zweck mehr -für sie, hier in der fremden Stadt zu sitzen. Was dann? Wohin soll sie -denn? - -Sie hat grenzenlose Angst vor der Einsamkeit in Berlin; sie hat Angst -vor der Wohnung, in der alles an die so kurz verflossenen Zeiten -erinnert. Wenn sie da in ihrem Zimmerchen sitzt, wird sie ewig auf -Ernsts Schritte lauschen; bei jedem Klingeln wird sie zusammenschrecken. - -Sie kann zur Großmutter fahren; die hat ihr ja gesagt, daß niemand ihr -die Türen weiter öffnen wird, als sie und Großvater es tun. Gott, sie -kann schließlich auch zu anderen Freunden gehen -- wenn sie fühlt, daß -sie unter Menschen sein muß. Aber sie denkt nur an die zwei, für die -sie in all den Jahren gelebt hat, und die ihr so plötzlich genommen -werden. - -Warum -- wodurch wurden sie ihr genommen? - -Man vergißt den großen, allgemeinen Schmerz immer wieder über dem -eigenen Kummer -- man liest in den Zeitungen, man denkt an jene, die -draußen im heißen Ringen liegen, und bringt es doch immer wieder -fertig, zu sich selbst, zum eigenen kleinen Leid zurückzukehren. - -Erbärmlich, daß man so ist! - -Sie hebt den Kopf und fühlt sich freier; tritt zum Fenster und schaut -auf den leeren Marktplatz, der vor ihr liegt. Groß und dunkel ragt -die Kirche auf; davor ein Gebäude mit reichgeschmückter Fassade -und zackigem Giebel. Das wird das Rathaus sein. Links davon eine -Rolandsstatue, steif und hager; wirft einen langen, dünnen Schatten auf -den von Gaslaternen erleuchteten Platz. Still ist’s, der Himmel wölbt -sich hoch und feierlich. - -Hin und wieder treten Menschen vor ein großes, rotes Plakat, -das in einem schwarzen Kasten hängt, stehen eine Weile und gehen -wieder auseinander. Die Pferdebahn rasselt mit Schellengeklirr und -Peitschenschlag über einen Schienenstrang, der mitten über den Platz -hinweg in ein enges Gäßchen führt. Aus den Fenstern der Häuser wehen -Fahnen -- große und kleine, und der Sommerwind bewegt sie, daß sie sich -hoch aufbauschen und lautlos wieder in sich selbst zusammensinken. - -Der Tag eines großen Sieges! Wie das am frühen Morgen in die Höhe -gerissen hatte, um doch einen so grauen Abend folgen zu lassen! - -Warum war der Abend grau? Warum ist das Herz zerrissen? Weil sie -statt eines trostbedürftigen Kindes einen lustigen, gesunden Jungen -vorgefunden hat! Weil der Junge es fertig gebracht hat, sich ohne -weiteres in fremde Verhältnisse einzufügen, und anfängt, sich darin -wohl zu befinden? - -Das muß doch so sein -- das ist doch wunderschön, daß es so ist! sagt -ihr Verstand, aber das Herz zuckt. - -Der Junge will fürs Vaterland kämpfen -- muß also ein Mann werden -und ist auf dem besten Wege dazu. Er war vor Wochen noch weich und -schmiegsam wie ein Kind, und heute hat sie gefühlt, daß sich etwas in -ihm zu härten beginnt. - -Was kann sie Besseres wollen? - -Warum aber um alles in der Welt hat er ihr denn die wehmütige Karte -geschrieben? Warum um ihren Besuch gebeten? - -Darauf findet sie keine rechte Antwort. Er sah doch an diesem Abend -wirklich nicht aus, als habe er vor ganz kurzer Zeit eine schwache, -heimwehkranke Stimmung gehabt! - -Er hat von seinem Pferd erzählt wie von einem guten, lieben -alten Freund; er hat die Wachtmeister nachgeahmt und von seinen -Schießerfolgen berichtet. Dabei haben seine Augen geleuchtet, und er -hat mit einem Bärenhunger gegessen. - -Soll das alles nicht wahr sein? Soll das alles nur etwas Angenommenes, -Aufgezwungenes sein? Und hinter der Maske steckt vielleicht doch noch -ihr kleiner, zarter, zum Grübeln geneigter Junge -- ihr weicher Ernst? - -Tiefer wird das Dunkel draußen; vom Kirchturm hallen dunkle, schwere -Glockenschläge. - -In diesem kleinen Städtchen kommt die Nacht früher als im großen -Berlin. Im ganzen Hotel ist Totenstille, in allen Häusern rund um den -Marktplatz sind die Lichter erloschen. - -Aus ihrem Herzen will das Weh nicht heraus. Sie ist auch nicht -fähig, sich zur Größe aufzuraffen. Es ist ihr, als lebe sie in der -Vergangenheit, als habe sie in einem Buch von den Geschehnissen eines -großen, furchtbaren Krieges gelesen. - -Daß es jetzt -- in diesen Augenblicken, während dieser stillen Nacht -draußen in der Welt tobt, kann sie heute nicht mehr fassen. - -Der Besuch bei der Großmutter -- die aufgeregte Rückfahrt, die bange, -furchtbare Nacht, die folgte, der Abschied im grauen Kasernenhof, die -abziehenden Massen, die Musik, die Rede, Ernsts Karte und die Fahrt -hierher, das Wiedersehen mit ihm -- all das fließt jetzt in ihrem -milden Kopf zu einer einzigen, schweren, traurigen Melodie zusammen. --- -- - -Am nächsten Morgen kommt Ernst um die Mittagszeit zur Mutter. Er hat -ohne viel Umstände drei Stunden Urlaub erhalten, trägt wieder die -Extrauniform und sieht auch heute wohl und männlich aus. - -Und doch, es ist etwas an ihm, was sie gestern vermißt hat. Eine ganz -kleine Unsicherheit -- etwas Hilfloses -- so, als ob er gern über eine -Sache sprechen möchte und könnte die Worte nicht finden. Er ist auch -viel natürlicher und zärtlicher heute. Sie sitzen nebeneinander auf dem -roten Samtsofa, und Ernsts Hand hat die der Mutter umspannt. Die Attila -mit dem hohen Kragen zwingt ihn zu guter Haltung. Sein Kopf lehnt an -ihrer Schulter. - -„Es geht dir also wirklich gut, Ernst?“ fragt sie und sieht ihm in die -Augen, die auszuweichen versuchen. - -Er hat an diesem Morgen Unglück gehabt, ist zweimal über den Kopf -seines Pferdes hinausgeflogen, und ‚Vize‘ Peters hat ihn eine volle -Stunde nicht locker gelassen. Die Siegerstimmung vom gestrigen Tag ist -also verflogen. Er hat geglaubt, alle Hindernisse überwunden zu haben, -und ist in die Misere der ersten Tage zurückgeschleudert worden. - -Das frißt an ihm -- das hat seinen so hochgewachsenen Stolz verletzt. - -„Ja, es gefällt mir gut!“ sagt er zur Mutter. „Es ist natürlich eine -furchtbare Schinderei; aber sonst ist es wirklich schön!“ - -Aber wie er so neben der Mutter sitzt -- ganz allein mit ihr -- und wie -sie ihm mit der Hand übers glatt geschorene Haar fährt und ihn auf die -Stirn küßt, wird ihm weh zumute. Es ist so rauh und laut da draußen in -der Kaserne. Man ist gar kein Mensch für sich -- man ist eine Nummer. -Alles Gute muß man sich für Geld erkaufen. Schmiert man die alten -Leute, so sind sie hilfreich und freundlich. Gibt man ihnen nichts, so -fangen sie an, zu schikanieren. Man hat auch gar keine Zeit zum Denken -oder Lesen; man verdummt ordentlich. Nicht einmal die Kriegsberichte -erfährt man -- höchstens, wenn ein großer Sieg ist. - -Nein -- nein -- nein! Ernst will nicht klagen. Ernst ist zur Mutter -gekommen mit dem festen Vorsatz, ihr alles in rosigen Farben zu -schildern. Er fühlt sich ja auch gar nicht unglücklich; um keinen -Preis der Welt würde er dies Leben aufgeben. Aber er ist’s nun einmal -gewohnt, der Mutter alles, was ihn bewegt, zu sagen. Es kommt einfach -von selbst aus seinem Mund. Er weiß selbst nicht, was er sagt. - -Die Mutter küßt ihn, und er legt ihr die Arme um den Hals. In ihr Herz -zieht ein Glücksgefühl. Er ist also doch noch ihr Junge, dieser kleine -Soldat in der bunten Uniform mit dem steifen Kragen und den hohen -Reiterstiefeln! - -„Übrigens handelt sich’s ja nur um Wochen, die wir hier in der Kaserne -auszuhalten haben!“ sagte er dann viel froher und richtet sich auf. -„Wenn wir erst im Feld sind -- -- hat die Schinderei von selbst ein -Ende.“ - -Da kommt ihr das ganze Furchtbare der heutigen Zeit wieder zum -Bewußtsein. Diese blutjungen Menschen, die sich hier drillen lassen, -haben die höchste Mission, die ein Mensch haben kann -- sie werden mit -all den Abertausenden, die schon draußen sind, fürs bedrängte Vaterland -kämpfen, sie ziehen hinaus, um Blut und Leben hinzugeben, um sich -vielleicht zum Krüppel schießen zu lassen. - -Sie sieht ihren kleinen Ernst an. Weiß so ein Junge wohl, was er -zu tun im Begriffe ist? Weiß er, was seiner harren kann? Sie weint -plötzlich auf. - -„Was hast du, Mutter?“ Er ist ganz außer sich, er glaubt ihr durch -seine Klagen das Herz schwer gemacht zu haben. - -„Es ist wirklich nicht schlimm, Mutter. Im Gegenteil, es ist eigentlich -sehr schön. Man muß nur erst sicher auf seinem Gaul sein. Ich hab’ doch -auch noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen.“ - -„Es ist nicht deshalb, Ernst.“ - -„Was denn sonst?“ Er legt ihr den Arm um die Schulter und ist gut und -zärtlich, wie er es früher gewesen ist. - -„Ich möchte bei dir bleiben. Die paar Wochen, die du noch hier bist, -möchte ich in deiner Nähe sein!“ - -„Das geht nicht!“ sagte er fast hart, denkt dann einen Augenblick nach, -und das Mitleid steigt in ihm auf. - -„Ich bekomme ja gar nicht so viel Urlaub, und von der Kaserne ist’s -eine halbe Stunde bis zum Hotel.“ - -Sie sagt nichts mehr. Vom Kirchturm schlägt die Glocke. Ein Uhr. Der -kleine Husar ist hungrig. Früher hat er sich gern ein paarmal zum Essen -rufen lassen; jetzt ist er es, der drängt, in den Speisesaal zu gehen. - -Am ersten Tisch sitzt der alte Infanterieoberst, den Hiller nun schon -kennt; vor dem macht er Front -- grüßt noch nach zwei anderen Tischen -hin und sitzt dann mit der Mutter in einer Nische. - -Nun ist er wieder der, der ihr in den paar kurzen Wochen völlig -entwachsen ist, von dem sie sich gar nicht vorstellen kann, daß er noch -vor ganz kurzer Zeit mit seinen Büchern unterm Arm zur Schule schob. -Ein ganz fertiger Mensch ist er, wie er so hier in seiner Uniform bei -ihr sitzt. Er ißt mit demselben famosen Appetit, mit dem er gestern -abend gegessen hat, und erzählt lauter lustige Dinge. - -Sie sucht sich ihm anzupassen, auf seine Scherze einzugehen, aber das -Weh im Herzen will nicht weichen. Heute abend oder morgen früh fährt -sie fort von ihm. Er wird es kaum empfinden. Vielleicht, wenn wieder -einmal eine schwache Stunde über ihn kommt, wird er ihr ein wenig -zärtlich schreiben, wird um ihren Besuch bitten. Wie furchtbar schnell -wird eine Mutter überflüssig für ihr Kind! - -Sie denkt an die eigene Vergangenheit. Hat sie’s anders gemacht? Hat -sie an der Mutter Trauer gedacht, als sie dem Mann, dem man sie nur -ungern gab, folgte? - -Das Herz rebelliert. Ihre Mutter hatte damals doch noch andere -Kinder und hatte den Mann; hatte den großen Haushalt, in den sie -hineingehörte! Sie hat aber nichts außer dem Jungen -- sie hat alles -hergeben müssen, was sie besaß. - -„Iß doch, Mutter!“ sagt er, als er sieht, daß sie nichts anrührt. -Er trinkt den Wein, den sie kommen ließ, und sie staunt wieder. Ist -er immer so gewesen? So sicher in seinen Bewegungen? So groß? So -selbstbewußt -- -- oder macht das alles nur die Uniform? - -Sie hat das Gefühl, ihn zu langweilen, weil sie nichts zu sprechen -vermag. Sie kommt aus dem inneren Staunen, aus der Erschütterung nicht -heraus. Bleich sitzt sie und denkt an das „Morgen“, das wie eine große, -graue Wüste vor ihr liegt. - -Gleich nach Tisch wird der Junge von Unruhe gepackt, er will doch -lieber einmal zur Kaserne zurück. Er hat zwar den bescheinigten -Urlaub, aber er möchte doch nichts versäumen. - -„Du bleibst doch heute abend noch, Mutter!“ Und sie nickt, ohne an eine -bestimmte Antwort zu denken. - -Um fünf Uhr ist er wieder bei ihr und hat den belebten Zug im Gesicht, -der ihm zu eigen ist, wenn er etwas Gutes zu künden hat. - -„In acht Tagen müssen wir den Fahneneid leisten. Dazu kommen viele -Eltern angereist, und weil du doch sagtest, daß du gern bleiben -möchtest, habe ich einen Plan!“ - -Es war seltsam, wie sehr sie in der kurzen Zeit der Ereignisse ihre -Rollen getauscht hatten. Bisher war sie es gewesen, die ihm mit -irgendeinem Vorschlag eine Freude zu bereiten pflegte; heute lag es in -seiner Hand, sie froh oder traurig zu machen. - -„Nämlich den Plan, Mutter, daß du vielleicht doch bleiben könntest. Es -hat nur keinen Zweck, daß du so weit von der Kaserne entfernt wohnst. -Hipp hat gesagt, gleich gegenüber bei uns vermieten ein paar Frauen an -Einjährige, und die hätten ihre Zimmer jetzt leerstehen.“ - -Er hat wenig Zeit, er will einen schnellen Entschluß. - -„Wenn du also willst, kannst du da wohnen.“ - -Sie begreift das nicht so schnell, aber er drängt. - -„Es soll wirklich ganz nett da sein, also komm! Ich hab’ nicht viel -Zeit!“ - -Dann gehen sie durchs Tor heraus die lange Straße hin, die zur -Kaserne führt, und Ernst erzählt, mit welchen Gefühlen er diesen Weg -zum erstenmal gegangen ist. Und wie er sich diese Angst von damals -zurückruft, fühlt er wieder Stolz und Freude über das, was bis jetzt -schon gewonnen ist, in sich aufsteigen. - -Kurz vor der Kaserne verabschiedet er sich von der Mutter, zeigt ihr -das Haus, in dem die Wohnungen zu haben sein sollen, macht vor einem -Vorgesetzten Front und biegt schlank und elastisch am Posten vorbei ins -Kasernentor ein. - -Die Mutter blickt ihm nach; jetzt ist er wieder das, was sie noch nicht -begreifen kann! Es ist ihr wieder, als sei das gar nicht ihr Junge, als -sei die ganze Welt, so wie sie jetzt ist, eine Unwahrscheinlichkeit, -ein Traum. Wenn man aus diesem schweren Schlaf erwacht, wird die alte -Wirklichkeit wieder da sein. - -In Gedanken verloren betritt sie das Haus, das der Junge ihr gezeigt -hat, geht durch einen schmalen Steinflur, eine graue Steintreppe -hinauf und wird von einem kleinen, zotteligen, grauweißen Köter heftig -angebellt. - -„Mirza,“ ruft eine Frauenstimme, „Mirza, bist du denn ganz des -Teufels!“ Eine Frau tritt aus einer der braungestrichenen Türen, die -in den kleinen Flur münden, heraus. Sie sieht die fremde Dame erstaunt -an, und die fragt fast schüchtern, ob es richtig sei, daß hier Zimmer -vermietet würden. - -Die Frau antwortet nicht gleich, und aus der Tür tritt eine zweite -weibliche Person -- nach der Ähnlichkeit zu urteilen, die Tochter. Aber -sie ist schlank und von angenehmem Äußeren. - -„Zu gewöhnlichen Zeiten vermieten wir an Einjährige!“ sagt die Frau. -„Aber jetzt ist ja alles auf den Kopf gestellt. Für wen suchen Sie denn -Wohnung?“ - -„Ich möchte selbst ein paar Tage hier draußen wohnen. Mein Junge ist -drüben in der Kaserne.“ - -„Ein paar Tage?“ Die Frau denkt nach. „Für ein paar Tage, das lohnt ja -gar nicht, was soll ich Ihnen da berechnen?“ - -„Es kann ja auch etwas länger werden. Sagen wir, ich bezahle Ihnen für -vierzehn Tage, ist Ihnen das recht?“ - -Die Tochter ist rot geworden. - -„Natürlich,“ sagt sie mit einer gewissen scheuen Liebenswürdigkeit. -„Es geht auch für ein paar Tage.“ Und die beiden Frauen nehmen sie in -die Mitte und führen sie in ein nettes Wohnzimmer, an das sich ein -Schlafzimmerchen anschließt. Die Nachmittagssonne fällt durch die -steifen Falten der dunkelgelben Gardine und läßt alles sehr einladend -erscheinen. - -„Diese zwei Zimmer gehören zusammen; die können sie haben!“ - -Über den Preis ist man schnell einig; die Tochter ist sehr freundlich -und schmiegsam und hat im Augenblick das Herz der Frau, die recht -heimatlos hierhergekommen ist, gewonnen. Sie erbietet sich auch, die -Sachen aus dem Hotel zu holen, und ihre Mutter steht indes mit in die -Hüfte gestützten Händen in der Tür und sieht sich die unerwartete -Hausgenossin an. - -„Schwere Zeiten!“ sagt sie dann und tritt an den Tisch heran. „Sonst, -wenn ein Mieter kam, wußte man: der bleibt nun für ein ganzes Jahr! -Jetzt nimmt man, was man bekommen kann, nur damit am Ersten die Miete -vollzählig ist. Aber über solche Kleinigkeiten darf man in dieser Zeit -ja gar nicht reden. Man hört jetzt jeden Tag so viel Entsetzliches. -Drüben beim Regimentssattler ist schon ein Sohn gefallen, und die -Mutter, die ein Herzleiden hat, weiß es noch gar nicht. Und oben beim -Stabstrompeter ist die Frau guter Hoffnung und hat noch keine Nachricht -vom Mann, seitdem er ausgerückt ist!“ - -Die Frau geht hinaus und läßt die neue Bewohnerin allein, und die -sitzt nun am Fenster und schaut hinüber auf die langgestreckten, roten -Gebäude der Husarenkaserne, in denen sich ihres Jungen Leben abspielt. -Es tut ihr wohl, so nahe bei ihm weilen zu dürfen, auch wenn er nicht -oft bei ihr sein kann. - -In dem Zimmer, in dem sie sitzt, ist alles etwas kleinbürgerlich -aufgeputzt. In Berlin hat sich selbst der, der über keine großen Mittel -verfügt, von allen Geschmacklosigkeiten freigemacht. Man lebt lieber -in einer Umgebung ohne Schmuck, als zwischen billigem Tand. Aber die -kleinen, unzähligen Figuren, die hier auf dem Vertiko stehen, die -Porzellan-, Glas- und Metallsachen, die Vasen, auf der Spiegelkonsole, -die grellgrüne Samtdecke auf dem Tisch, all das tut hier dem Auge -nicht weh. Es ist unsäglich behaglich -- es ist treu und gut in diesem -Zimmer, man fühlt, daß man bei Menschen ist, die ein Herz haben, die -einen nicht in ganz trostlose Einsamkeit versinken lassen werden. - -Mirza, der wüste kleine Hund, drängt sich an die Kleider der neuen -Bewohnerin; er sieht sie aus feuchten, dunklen Augen an, und sie fühlt, -daß sie auch Mirza gern dulden wird. - -Die Frau bringt ungefragt eine Tasse Kaffee herein, und draußen zieht -ein leiser Dämmer nach dem anderen vom Himmel herab. Die liebenswürdige -Tochter kommt zurück und fängt an, das Schlafzimmer für die Nacht -vorzubereiten. - -Frau Hiller ist es, als sei all das, was hier um sie herum ist, nichts -Neues, als sei es etwas längst Bekanntes. Es gibt Menschen, denen man -gut sein kann, ohne zu wissen, was sie sind und wie sie sind. Man -braucht keine Brücken zu ihnen, man kennt sie gleich und fühlt sich -wohl bei ihnen. Diese sympathische Tochter und die mitteilsame Mutter -können nicht anders als gut und wohlwollend und hilfsbereit sein. Man -fühlt das und ist glücklich und dankbar. - -Am Abend kommt der kleine Husar, um zu sehen, ob die Mutter wirklich -gemietet hat. Er schaut sie ganz erstaunt an, weil sie schon so -behaglich dasitzt. Die Frau und die Tochter kommen herein und sehen -sich den jungen Freiwilligen an. - -„Noch ein bißchen schmal über der Brust! Aber das macht nichts. Wenn -ein Jahr vorüber ist, wird er ganz anders aussehen.“ - -Dann fällt ihr plötzlich wieder ein, daß man nicht in normalen Zeiten -lebt, und sie schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Man vergißt -immer wieder, daß Krieg ist, daß alles ganz anders geworden ist,“ sagt -sie trostlos. „Das kommt, weil wir ja sonst gewohnt sind, die jungen -Leute für ein ganzes Jahr zu haben. Jetzt mag man sich gar nicht -ausdenken, was über ein Jahr sein wird.“ - -Der kleine Hiller sieht ihr belustigt nach, als sie geht. - -„Glaubst du, daß es dir hier gefallen wird?“ fragt er die Mutter. - -„Ja,“ sagt sie, und sagt es aus sehr freiem und frohem Herzen. - -Das Gefühl der Heimatlosigkeit ist fort; sie wird ein paar gute Tage -hier haben, bevor die große, dumpfe Einsamkeit kommt. - -Der Junge setzt sich dicht zu ihr heran und erzählt allerlei aus der -Kaserne. Fräulein Else, die Tochter, deckt den Tisch, denn die beiden -Frauen haben sich entschlossen, ihren Gast in volle Pension zu nehmen. -Mutter und Sohn sitzen an diesem Abend genau so traulich beisammen, wie -sie es all die Jahre hindurch in Berlin gewohnt waren. - - * * * * * - -Die Großmutter schreibt einen Brief: - -‚Das solltest Du nicht tun, Maria, Dich zu dem Jungen in die Garnison -setzen. Das ist eine unnötige Qual für Euch beide. Auseinander müßt -Ihr doch, so wie jede Familie jetzt auseinandergerissen wird. Also, -wozu dies Hängen und Würgen! Sei vernünftig und laß den Jungen sich -entwickeln, wie er sich entwickeln muß. Groß sind die Zeiten, und groß -müssen die Menschen, die in ihr leben, sein. Also sei mutig -- mach’ -Dein Herz stark und nimm Abschied von ihm, wie tausend und aber tausend -Mütter es jetzt tun.‘ - -Der Brief tut weh, denn er zerreißt eine schöne, gute Stimmung. Sie -haben sich wieder ganz ineinander gefunden, die beiden, die sich nie -voneinander getrennt hatten. Die Natur, das Blut reden eine starke -Stimme. Der Junge sagte kurzweg: ‚Ach, gräm’ dich nicht! Es ist schön -und gut, daß du hier bist!‘ - -Er sagt das lieb und herzlich, sieht aber dabei nicht ganz gerade in -der Mutter Gesicht. - -Sie schiebt den Brief beiseite und genießt einen guten Abend. Arm in -Arm geht sie mit ihrem Jungen einen schmalen, dunklen Weg entlang, der -gleich hinter der Kaserne herführt. Er hat ihr den Arm geboten und -führt sie gut und behutsam. Vom Himmel leuchten zahllose Sterne; warm -ist die Luft und geschwängert von einem süßen Duft, der aus großen -Gartenanlagen herüberströmt. - -Sie gehen langsam über weichen Sand. Zur Linken fließt der Fluß, -nicht breiter als ein kleiner Bach; er fließt flink und plätschernd, -und man hört in der Stille ein leises Glucksen. Hoch und dunkel -ragen die Pappeln, die zur Seite stehen, auf. Zur Rechten sind weite -Felder. Alles still und traulich. So ein namenloser Friede liegt hier -ausgebreitet, daß man seine Gedanken mit Gewalt dazu bringen muß, an -die furchtbare Disharmonie draußen in der Welt zu glauben. - -Pärchen huschen an ihnen vorbei; grau-gelbe Husaren, in deren Arm sich -ein Mädchen schmiegt. Der kleine Hiller stutzt jedesmal, wenn er eines -sieht, und geht mit seiner Mutter dahin, als seien sie selbst ein -glückliches Paar. - -Es ist so eine zärtliche Stimmung in der Natur. Vom Himmel zittert ein -Mondstreif auf die Erde herab. Der Herbst steht vor der Tür und war -schon einmal durchgebrochen. An diesem Abend aber ist’s wieder Sommer. -Warm und schmeichelnd streicht die Luft übers Gesicht der beiden. Der -kleine Hiller hat für jeden Abend einen ganzen Sack von kleinen und -großen Neuigkeiten, die der Tag brachte, für die Mutter bereit. - -Ihm ist die Erlaubnis erteilt worden, die Abende bis neun Uhr -außerhalb der Kaserne zu sein; und obwohl die Kameraden und besonders -Hipp ihn ein klein wenig mit dem Besuch der Mutter necken, sitzt er -Abend für Abend bei ihr in der netten, kleinen Wohnung, die die -Wachtmeisterswitwe Böhler ihr vermietet hat. - -Es tut wohl, sich in einer richtigen Stube aufzuhalten, wenn man den -ganzen Tag im Stall, im Kasernenhof und draußen auf dem Exerzierplatz -gewesen ist. Solange er dies Behagen nicht haben konnte, hat er’s nicht -entbehrt. Nun, da es ihm geboten ist, genießt er es mit großer Freude. - -Er fühlt es nicht, daß ihm ein wenig von dem Schneid, der im Anfang -über ihn gekommen war, verloren ging. In die Augen ist wieder das -Dunkelträumerische gekommen. Am Tag beim Dienst ist er bei der Sache, -aber ‚Vize‘ Peters hat ihm nie wieder ein Lob zuteil werden lassen. -Seine Seele hat allerlei durchzumachen in dieser Zeit. Er schwankt -zwischen der Selbständigkeit und Unabhängigkeit und dem jungenhaften -Sichgehenlassen bei der Mutter. - -Dazu kommen allerlei Wünsche und Gedanken, von denen er früher -nichts wußte. Sieht er die Liebespärchen am dunklen Flußweg an sich -vorüberwandern, so wird ihm süßweh ums Herz. Ganz unwillkürlich drückt -er dann den Arm der Mutter fester an sich und erschrickt dabei. - -Nie im Leben hat er so viel von Liebe und Mädchen und Küssen singen und -reden hören, als seit diesen paar Wochen in der Kaserne. Hipp kennt -überhaupt kein anderes Gesprächsthema; aber der spricht nicht mehr von -der kleinen Blonden in Berlin, der er treu bleiben wollte, sondern der -hat entdeckt, daß es auch hier in der kleinen altmärkischen Garnison -hübsche, zutunliche Mädchen gibt, und schwankt zwischen zweien, die er -auf seinem Sonntagsurlaub kennenlernte. - -Für den kleinen Hiller aber sind die Mädchen immer noch wie Blumen, die -in einem fernen Garten blühen, den man nicht betreten darf. Er denkt -wohl an das Hannchen vom Abiturientenkneipabend, und er ist traurig, -wenn er daran denkt. Damals hatte eine Blume sich ihm zugeneigt, und -er ist erschrocken davor geflohen. Heute hat er die dunkle Sehnsucht, -die ihn quält, von der er an jenem Abend noch nichts wußte. Er kann von -allem zur Mutter reden, aber von dem, was seine Seele jetzt am meisten -belastet, kann er nichts sagen. Sie gehen stumm nebeneinander her, -immer den stillen Pappelweg am Fluß auf und nieder. - -Die Mutter sieht ins Weite. Ihre Gedanken gehören jetzt nicht dem -Jungen, an dessen Arm sie geht. Ihre Gedanken irren in fremdes, -unbekanntes Land. Sie suchen und suchen vergebens! Auch ihre Seele ist -belastet. Sie möchte sich befreien und vermag es nicht. Seit Jahren -ist ihr Blick getrübt; seit Jahren geht sie einen Weg, der in die Irre -führt. Sie hat auch immer das volle Bewußtsein davon gehabt, hat sich -in Irren und Wirrnissen befunden, hat gekämpft und mit sich selbst -gerungen. Aber ihr Leben ist einsam. - -Sie weiß, daß es für sie nur durch die zwei Menschen, die jetzt vom -Vaterland gefordert werden, Inhalt und Zweck gehabt hat. Sie weiß, daß -sie in einer Woche oder zwei nach Berlin zurückkehren muß. Sie schmiegt -sich eng in den Arm ihres Jungen -- sie sucht Schutz und Halt bei ihm. - -Der kleine Husar sieht ihr ins Gesicht. Er sagt und fragt nichts, aber -er drückt ihre Hand, so als wollte er ihr durch dies stumme Zeichen -sagen: „Ich verstehe dich -- ich weiß alles, aber ich kann dir nicht -helfen!“ - -Dann fängt er vom heutigen Reiten zu erzählen an. Hipp ist natürlich -wieder ein paar Male vom Pferd gesaust, und ‚Vize‘ hat ihm gesagt, -er solle sich zur Infanterie scheren. Mit einem Gaul würde er doch -nie fertig, und sein Buckel sei breit genug, um einen Tornister zu -tragen. Hipp aber habe natürlich sein unschuldigstes Gesicht gemacht -und nachher dem wütenden ‚Vize‘ nachgeäfft. Und wie er so recht ins -Erzählen über Hipp gekommen ist, stutzt er plötzlich und muss sich -Gewalt antun, um einen Schrei zu unterdrücken. - -Drüben, auf der anderen Seite des Pappelweges, gehen zwei im Dunkeln. -Aber der Mond ist doch hell genug, um die Umrisse ihrer Gestalten -erkennbar zu machen. Das kann kein Anderer als Hipp sein, der da, eng -an ein Mädchen geschmiegt, im Dunkeln hinwandelt. Jetzt bleiben sie -stehen, und Hipp küßt das weiße Gesicht, das vom bleichen Mondschein -beleuchtet wird. Wie entgeistert sieht Hiller zu den beiden hin. In -seinem Herzen beginnt es zu toben. Er fühlt plötzlich einen Haß gegen -Hipp. Wie kommt es, daß dem das Glück in den Schoß fällt, während er -sich mit seiner Sehnsucht plagt? - -Er hat oft gelesen, daß es unschöne Menschen gibt, die ihres guten -und vornehmen Wesens wegen vom weiblichen Geschlecht weit höher -eingeschätzt werden als die gut aussehenden. Aber Hipps Charakter -ist nichts weniger als gut und vornehm. Er ist ein echter Berliner -Junge, der sich die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. Er hat einen -reichen Vater und weiß den Wert des Geldes zu schätzen. Er ist nur da -freigebig, wo er sich einen Vorteil davon verspricht. Er ist dumm, in -allem, was Wissenschaft anbetrifft, aber daneben ist er das, was der -Berliner ‚hell‘ nennt, in höchstem Maße. Er hält die Leute zum besten; -er spielt mit ihnen und macht sich über sie lustig. - -Nein, Hipp ist kein guter, ist nicht einmal ein anständiger Mensch, -und Hiller kann und kann es nicht begreifen, daß ein Mädchen Liebe für -Hipp empfindet. Er kämpft mit sich, denn er hat das Gefühl, zu den -beiden hinüberlaufen, das Mädchen aus Hipps Armen reißen und ihr sagen -zu müssen: ‚Glaub’ ihm nicht! Er spielt nur mit dir, und morgen in der -Kaserne wird er über dich ulken, so wie er es über die, die in Berlin -sitzt und ihm jeden Tag einen Brief schreibt, tut!‘ - -In Hiller kommt ganz plötzlich der Kavalier zum Vorschein; er muß das -Mädchen schützen. Es verträgt sich nicht mit seiner Ehre, wenn er es -geschehen läßt, daß Hipp diesem armen Geschöpf etwas vorlügt. - -Es packt ihn wie ein Krampf. Die Hand, die er frei hat, umspannt den -Säbel. Ganz instinktiv tut sie das; er möchte den Kerl da drüben -niederstechen. - -Die Mutter fühlt erst jetzt, daß irgend etwas in ihrem Jungen vorgeht. -Sie weiß nicht, warum, aber ihre Hand umfaßt sein Handgelenk. - -„Hast du irgend etwas, Ernst?“ Da fällt ihm die Hand schlaff herab. Er -sieht sehr bleich aus und kann nicht antworten. Sein Gesicht ist wie -verzerrt. - -Die Mutter blickt um sich. Was kann es sein, was ihren Jungen -erschreckt hat? Still und einsam ist es um sie her; die Wasser glucksen -auf, und ein ganz leiser Wind streicht durch die Pappeln. Drüben im -Dunkeln gewahrt sie die Umrisse eines Pärchens. - -„Komm weiter!“ sagt der kleine Husar, und nach einer kleinen Weile -atmet er erleichtert auf. Nun ist es vorüber. Der Zorn über Hipp ist -schon verraucht -- nur ein kleiner Neid sitzt ihm noch im Herzen. -Dann erzählt er der Mutter im alten, kindlichen Vertrauen, was er von -Hipp und dessen Liebesgeschichten weiß. Ohne es zu wollen, spricht er -gereizt, spricht er so, wie einer, dem Schmerz und Eifersucht am Herzen -fressen. Die Mutter erschrickt. - -Das hat sie nicht geahnt, daß so etwas in die junge Seele Einzug -gehalten hat. So spricht nur einer, der das Leben einmal furchtbar -ernst nehmen wird, dem das, was den anderen zur Unterhaltung und zum -Vergnügen dient, eine Quelle des Schmerzes werden wird. - -In seinen Augen glimmt es von Leidenschaft. Er leidet um das Weib, ehe -er ihm nahe gekommen ist. Er wird suchen, was nicht zu finden ist. Er -trägt schon jetzt das Ideal eines Weibes im Herzen, und vom erstbesten -Mädchen, das ihm einmal in den Weg läuft, wird er das verlangen, was -nur eine Frau, die selbst von seiner Art ist, zu geben vermag. Er tut -ihr leid; sie fühlt sich schuldig ihm gegenüber. Wenn er ein Herz hat, -das durch große Qualen gehen, das namenlosen Jammer in sich tragen -wird, so hat er es von ihr. Das ist ein trauriges Vermächtnis, das ist -schlimmer, als wenn er die heftige, aber tatkräftige Art vom Vater -geerbt hätte. - -Dann fährt Hiller sich mit der Hand über die Stirn, als ob er etwas -fortstreichen möchte, und wie ein ganz Gereifter spricht er jetzt: -„Es ist Blödsinn, ja, es ist frivol, jetzt so viel an sich selbst zu -denken. Sieh mal, wer weiß denn, wie es in ein paar Monaten aussieht! -Gerade Hipp sagt jeden Tag: ‚Pass’ mal auf, ich werde zuerst ins Gras -beißen müssen, weil ich eine so große Angriffsfläche biete.‘ Und wenn -man die Sache so auffaßt, hat er ja eigentlich nicht unrecht, wenn -er sein Leben jetzt noch genießt. Man sollte überhaupt nicht so viel -nachdenken. Wer zuviel denkt, kann nicht forsch sein. Und forsch sein, -bedeutet doch heute alles. Überhaupt, Mutter, ich will dir sagen, seit -dieser Krieg ausgebrochen ist, pfeife ich eigentlich auf alles, was sie -uns all die Jahre in der Schule beigebracht haben. All das, was sie -Kultur nennen, ist ja doch nur leerer Tand, wenn eine solche Zeit wie -die jetzige kommt. Jetzt sind wir doch wieder genau so weit, wie es -die Menschen vor ein paar Jahrhunderten waren. Nun heißt’s: Wer kann -dreinhauen? Wer hat am meisten Courage und am wenigsten Gemüt, denn -mit Gemüt und Herz kann man keine Schlachten schlagen. Und wenn ich -jetzt über Großmutter nachdenke, die immer gepredigt hat: ‚Tu ihn ins -Kadettenkorps; Offizier ist der einzig wirkliche Beruf!‘ dann kann ich -ihr im Grunde nicht mehr so unrecht geben. Von mir sagt ‚Vize‘ fast -jeden Tag: ‚Mensch, du bist auch einer von denen, die das Verrückteste -und Verstiegenste begreifen würden, aber was Vernünftiges, Klares und -Einfaches kriegst du nicht in deinen Döskopp!‘ Und das ist ganz richtig -von ihm ausgedrückt. Das Einfache hat einen überhaupt nicht mehr -interessiert; ein Buch, das einem keine Rätsel aufgab, legte man zur -Seite. Und wenn so ein Wachtmeister einem heut in der einfachsten Weise -was klar machen will, dann muß man den Kopf ordentlich zwingen, das -so aufzufassen, wie es gemeint ist, und nicht irgendeinen verborgenen -Sinn dahinter zu suchen. Ich wünsche mir jetzt oft, ich hätte nicht -mehr als das Allernötigste gelernt; ich wünsche, ich wäre einer von den -Bauernjungen aus unserer Stube, die überhaupt über nichts nachdenken!“ - -Er bringt all das in heftigem Ton hervor, so, als wolle er mit Gewalt -etwas, was ihn quälte, übertönen. - -„Hipp ist nicht anständig und aufrichtig!“ sagt er noch. „Er erzählt -in der Kaserne von einem Mädchen in Berlin und läuft hier mit einer -anderen herum. Ich begreife so etwas nicht!“ - -Die Welt ist plötzlich dunkel geworden. Der Mond ist von Wolken -überdeckt. Das Pärchen auf der anderen Seite ist von der Dunkelheit -verschlungen. Durch das Laub der Pappelbäume fährt ein rauher Wind, und -das leise, friedliche Glucksen des Flusses wird übertönt. - -Auch in die Seele der Mutter des Jungen ist ein Windstoß gefahren. Sie -kann jetzt auf das, was er ihr noch sagt, nichts erwidern. Stumm, fast -willenlos, geht sie an seinem Arm dahin -- und der kleine Husar kommt -weiter ins Philosophieren hinein. - -„Aber schließlich, wenn die ganze Welt sich als roh und egoistisch -erweist, warum soll da der einzelne anders sein? Geradezu lächerlich! -Wer anders ist als Hipp und seinesgleichen, ist ein Narr!“ - -Das letzte stößt er leidenschaftlich, fast bös heraus. „Ich will nicht -zu den Narren gehören!“ Er stampft mit dem Fuß auf und will zu neuer -verbitterter Rede ausholen, da trägt der Wind einen lustigen Klang zu -ihnen herüber. Von der Kaserne her tönt ein Trompetensignal. Hiller -beschleunigt die Schritte. - -„Du bist so still, Mutter. Du bist mir doch nicht böse?“ fragt er sanft -und sucht ihr ins Gesicht zu blicken. „Ich ärgere mich nur immer so -furchtbar, Mutter, wenn ich sehe, wie andere ihr Leben genießen und -überall zugreifen, wo es was zu holen gibt. Nicht darüber, daß die sich -das Leben schön und vergnügt machen, ärgere ich mich, sondern darüber, -daß ich ein Esel bin, daß ich nicht auch so sein kann, wie sie!“ - -„Du wirst noch vieles lernen, Ernst!“ sagt sie. „Und du wirst auch -lernen, daß nicht die, die überall zugreifen, die wirklich Glücklichen -sind!“ - -Sie kommen auf die breite Chaussee, an der die Kaserne liegt, zurück. -Hier ist es hell, und die Husaren strömen dem Kasernentor zu. - -Hiller bringt seine Mutter noch bis in den Flur ihres Hauses, küßt sie -und sagt, um das Vorangegangene gutzumachen: „Es war ja alles Blödsinn, -was ich da gesagt habe, Mutter!“ Küßt sie noch einmal und läßt die Tür -hinter sich zufliegen. - -Frau Hiller geht langsam über den grauen Steinflur. Stufe um Stufe geht -sie die Treppe hinan wie eine alte Frau, der das Gehen schwer fällt. -Ist sie plötzlich alt geworden? Es ist ihr, als habe ihr jemand eine -Last aufgebürdet, die zu schwer für ihre Schultern ist. - -Oben im Flur steht das sympathische Fräulein Else und spielt mit -Mirza, dem wenig appetitlich aussehenden Pintscher. Sie spricht zu -ihm, wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kind sprechen würde: „Lieb sein, -Mirzachen! Da, geh’ zu Frauchen; die ist gut!“ Der Hund springt an Frau -Hiller in die Höhe, und seine nasse Schnauze berührt ihre Hand. Das ist -ihr nicht angenehm, aber sie bringt es nicht über sich, das Mädchen, -das den Hund so zärtlich liebt, zu kränken. Sie streicht ihm übers Fell -und geht mit Fräulein Else in die Küche. - -Auf einem kleinen Schrank stehen die Lampen, die in die einzelnen -Zimmer gehören, und Fräulein Else nimmt den Schirm von der -größten herab und läßt ein Streichholz aufflammen. Da kommt die -Wachtmeisterswitwe durch den Flur, und ein Geräusch dringt in die -Küche, halb Seufzen, halb Schluchzen. Das Streichholz fällt Fräulein -Else aus der Hand und sie läuft der Mutter entgegen. - -Frau Hiller bleibt allein in der durch ein winziges Lämpchen -beleuchteten Küche, die mehr Wohnzimmer als Küche ist, zurück. - -Dem großen, altmodischen Herd gegenüber steht ein mächtiges, braunrotes -Sofa, auf dem gut drei erwachsene Personen Platz haben. Davor ein -ovaler Tisch mit rotgewürfelter Decke darauf. Neben dem Küchenschrank -eine altmodische Kommode mit hohem Pfeilerspiegel darüber, und in einer -Ecke ein Schaukelstuhl aus Rohr. Aus dem Herd, dem eine Grude angebaut -ist, strömt ein lieblicher Duft von gebratenen Äpfeln. Es ist sehr -traulich in der halbdunklen Küche, und Frau Hiller, die sich nicht auf -den Flur, auf dem die beiden Frauen stehen, herauswagt, schaut in die -Glut der verglimmenden Kohlen. - -Draußen hört sie nun viele Stimmen. Die Frauen vom Nebenflur und -die von oben und unten aus dem Hause sind im schmalen, dunklen Flur -hier zusammengeströmt. Sie sprechen erregt. Man kann ihre Worte -nicht verstehen; nur so viel hört man, daß etwas Entsetzliches sich -zugetragen haben muß. - -Dann dringen sie in die Küche ein und scharen sich um Frau Hiller. -Natürlich wissen sie alle längst alles, was über den neuen Hausgast -zu erfahren war. Bisher sind sie ihr ein wenig scheu aus dem Wege -gegangen; nun aber stehen sie plötzlich um sie herum, als seien sie -alte, gute Bekannte. - -Die Wachtmeisterswitwe sagt unter Schluchzen: „Nun ist die Gewißheit -da, gnädige Frau. Der Trompeter von oben ist tot. Und nicht mal -richtig gefallen soll er sein, sondern in Belgien meuchlings ermordet!“ - -Fräulein Else hat die große Lampe angezündet, und die Augen all der -Frauen sehen in Frau Hillers Gesicht. - -Die hat eine Sekunde lang die Hand über die Augen gelegt. - -Fräulein Else liegt in einer Ecke des Sofas und hat den Kopf in die -Arme geworfen. Sie weint laut und schmerzlich auf -- sie weint so, wie -nur eine weinen kann, die selbst um jemand bangt! - -„Und oben liegt die Frau und erwartet jeden Tag das Kind. Wer bringt -ihr nur das bei?“ - -Die Wachtmeisterswitwe sagt in bestimmtem Ton: „Laßt erst das Kind da -sein; vorher erfährt sie’s nicht!“ Die Frauen schweigen dazu und sind -einverstanden. - -Frau Hiller steht neben dem weinenden Mädchen und möchte am liebsten -mit ihr weinen. Sie streicht ihr übers Haar, und die Frauen um sie -herum beginnen wieder zu sprechen. - -Fräulein Else weint und kann sich nicht beruhigen; die leidet wirklich -und leidet furchtbar schwer. Frau Hiller möchte wissen, um wen sie -leidet, aber sie mag sie nicht fragen. - -Leise gleitet sie aus dem Kreis der Frauen hinaus; in ihrem netten -Wohnzimmer zittert ein Mondstrahl über Boden und Wand. Drüben liegt -schwer und dunkel die Kaserne und wirft große, schwarze Schatten um -sich. - -Die Wachtmeistersfrau tritt mit der großen Lampe zu ihr ins Zimmer, -und Frau Hiller fragt, ohne es eigentlich zu wollen: „Warum weint Ihre -Tochter so sehr? Ist sie verlobt?“ - -Die Frau sieht sie groß an. „Nein -- die ist nicht verlobt. Es ist der -Jammer im allgemeinen, um den sie weint! Sie ist immer ein bißchen -empfindlich gewesen; viel empfindlicher, als sich’s für unseren Stand -paßt!“ - -Die Lampe steht auf dem Tisch und wirft einen großen, runden Kreis über -Tisch und Boden. - -Die Wachtmeisterswitwe steht noch ein paar Minuten in der Tür; sie -wartet, ob die Frau, die am Fenster lehnt, noch Lust hat, mit ihr zu -schwatzen. Aber die fragt nichts, sondern schaut stumm auf die dunkle -Straße hinunter. - -„Ja, ein jeder hat sein Päckchen zu tragen. Gute Nacht, gnädige Frau!“ - -„Gute Nacht!“ sagt Frau Hiller freundlich, lehnt dann wieder am Fenster -und blickt zur Kaserne. - - * * * * * - -All die Tage über hat die Sonne ihren Glanz über die Erde ausgegossen --- September ist es geworden, ein ganzer Monat seit Ausbruch des -furchtbaren Krieges vergangen. - -Was hat der Mensch in diesen dreißig Tagen alles fassen müssen! Welche -Umwälzungen sind im Gehirn des einzelnen vorgegangen! Der Stumpfeste -ist aufgerüttelt worden. Jeder hat einen Schmerz, ein Leid oder auch -nur eine Enttäuschung erfahren. Viele, die klein und armselig waren, -sind groß geworden in dieser kurzen Zeit. - -Deutschland ist von Sieg zu Sieg gegangen. Jubel ist durch die Lande -gezogen. - -Viel Blut ist geflossen -- viel Entsetzliches ist geschehen. Aber die -Sonne hat dazu geleuchtet -- warme Lüfte haben geweht, und die Abende -sind kühl und wonnig gewesen. Wie aber wird es werden, wenn die Stürme -brausen, wenn der Regen unaufhörlich niederströmt, wenn der Himmel grau -und düster über der Erde liegt? - -Ein Septembersonntag ist es, der solch bange Ahnungen aufsteigen läßt. -Zum ersten Male seit Wochen treiben schwere, schwarze Wolken am Himmel; -die Straßen sind naß vom Regen der Nacht, und jeden Augenblick kann das -Prasseln von neuem einsetzen. Die Landwirte haben sich’s gewünscht, daß -es so kommen möchte, aber das Herz des Menschen ist bang und schwer. -Man braucht die Sonne, um die Schwere der Zeit tragen zu können. - -Im Hof der Husarenkaserne haben sich die jungen Freiwilligen -versammelt. Sie tragen Dienstanzug: die lederne Reithose und ihren -gewöhnlichen Uniformrock mit den verblaßten Tressen. Aber die -Knöpfe blitzen; die haben sie frisch geputzt. Auf dem Kopf die hohe -Husarenpelzmütze mit der roten Zunge, die zur Seite herabfällt. Es ist -der Tag, an dem sie den Eid auf die Fahne ablegen sollen. - -Vor der Kaserne stehen scharenweise Zivilpersonen. Väter und Mütter, -die angereist kamen, um dem feierlichen Akt beizuwohnen, und junge -Mädelchen aus dem Ort, die durchs Gitter, das die Kaserne von der -Straße trennt, blicken. - -In Reih’ und Glied stehen sie da; die Wachtmeister gehen vor ihnen -hin und her, und dann kommt das Kommando: „In Reihen antreten!“ Sie -marschieren die lange Straße hin, biegen am Husarenweg ein. „Achtung, -Augen links!“ kommandiert der Unteroffizier, und der Infanterieoberst, -der im ‚Schwan‘ wohnt, geht an ihnen vorüber. - -Die kleine altmärkische Stadt ist weitläufig gebaut, sie hat schöne, -altertümliche Plätze und eine gutgepflegte Promenade, die sich wie ein -Ring rund um die Stadt zieht. Zwei große protestantische Kirchen recken -ihre Türme hoch über sie hin; die eine ist die alte Marienkirche, -die andere nennt man den Dom. Er liegt an einem freien Platz. -Kastanienbäume breiten ihre Laubdächer aus. Die Wolken treiben noch -immer am Himmel, und die Luft ist schwer und beklemmend. - -Auf einer Holzbank im Seitenschiff, an eine Säule gedrückt, sitzt Frau -Hiller. Die Wachtmeistersfrau hat ihr geraten, zeitig zu gehen, denn -zum Fahneneid läuft heute jeder in den Dom herunter. In der ganzen -Stadt mag es kaum eine Seele geben, die nicht ein Interesse an der -heutigen Feier hätte. - -Neben ihr sitzt eine andere Mutter -- auch aus Berlin -- auch -hierhergekommen, um dieser feierlichen Handlung beizuwohnen. Sie sitzen -eine gute Stunde dicht nebeneinander auf der Holzbank, ohne ein Wort zu -sprechen. - -Es hat etwas Beklemmendes, bei grauem Wetter eine Stunde lang in einem -leeren protestantischen Gotteshaus zu sitzen. Wohl wölbt sich das Dach -hoch, von starken Säulen getragen, über dem Haupt. Man kann nicht das -Gefühl haben, das den empfindsamen Menschen bei grauem Wetter in enger, -niedriger Stube leicht überfällt, das Gefühl, daß Wände und Decken auf -ihn niederzudrücken beginnen. Der Blick hat genügend Spielraum. Über -die langen Reihen der leeren Bänke hinweg kann er zum Altar fliehen -- -kann an den weißen Spitzen der Altardecke haften bleiben, zum Kreuz, -das den Erlöser trägt, kann er fliehen. Oder zur Kanzel hinauf oder -noch höher hin zu den herrlichen, großen, bunten Glasfenstern, die -das Schönste und Kostbarste an diesem alten Bauwerk sein sollen. Und -Frau Hillers Blicke irren von einem Ende der Kirche zum anderen; aber -nirgends ein Ruhepunkt. Auch das Bild des gekreuzigten Heilands hält -sie nicht. Warum ist er gestorben? Warum hat er geduldet? Warum hat er -eine Welt erlöst, die doch immer wieder in Zwietracht und Finsternis -versinken muß? - -Bang und verzagt sitzt sie an ihrer Säule. Alles Traurige und -Schmerzliche aus ihrem Leben taucht vor ihr auf; Kindererinnerungen! -Auch da schon bitteres Leid ohne äußeren Grund, auch da schon -Schmerzen, für die es keinen Namen gab. Und von der Kindheit in eine -Jugend, die wiederum Nöte und Kämpfe brachte. Eine Ehe, aus heißer -Liebe geschlossen und vom Tod gelöst, nachdem ein mühseliger Weg des -Leidens gemeinsam zurückgelegt war. - -„Die Menschen von heutzutage sind nicht mehr einfach genug zum -Glücklichsein!“ sagt die Großmutter. „Zum Glücklichsein gehört -Einfachheit des Gemüts, und wer diese Einfachheit nicht von der Natur -bekommen hat, der soll sie sich erwerben!“ - -Die Großmutter sagt viel, und man hört leicht über sie hinweg. Aber -nie hat Frau Hiller so oft an die alte Frau und ihre Aussprüche denken -müssen als jetzt in dieser Zeit, die von jedem Menschen Einfachheit und -Stärke fordert. - -Sie sitzt an ihrer Säule und sieht in den leeren, weiten Kirchenraum. -Ein einziges Glück hat sie in ihrem Leben gehabt, das ihr treu -geblieben ist, und dies Glück fing an mit dem Tag, an dem das Kind -geboren wurde. Das Kind war das einzig Wirkliche und Große in all dem -Gewoge in ihrer Seele geblieben. Das Kind war wie eine Melodie, die -sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat, oft überbraust von wilderen, -rauschenderen Klängen, aber nie verstummt! - -Das Kind, der Junge, ist auch heute noch ihr einziges Glück. Aber wenn -sie an ihr Kind denkt, dann ist sie mit ihm in Berlin in ihren Zimmern; -dann ist er der anschmiegende, zarte, feine Junge mit den Träumeraugen! -Der Husar, der jetzt hier in der altmärkischen Garnison lebt und der im -Kampf zwischen Kind und Mann liegt, ist ihr noch zu fremd. - -Auch die Frau, die neben ihr sitzt, ist versunken; auch deren Augen -blicken starr und still vor sich hin. -- - -Die Bänke in den Seitenschiffen beginnen sich zu füllen. Die Glocken -setzen ein -- mächtig hallt ihr Ton in der großen Kirche wieder. Zwei -große Kerzen zu Seiten des Gekreuzigten sind entzündet worden. Ihr -flackernder Schein tanzt um die Leidensgestalt. - -Schritte hallen draußen im Vorraum -- eine Bewegung -- ein Rauschen. -Voran der Küster, der die Plätze anweist, und im Augenblick ist die -Kirche gefüllt von den graugelben Uniformen. Die Köpfe derer, die -in den Seitenschiffen sitzen, recken sich. Ein jeder möchte den, um -dessentwillen er hierherkam, sehen. - -Lange sucht Frau Hiller nach ihrem Jungen. Sie sehen alle gleich aus, -die glattgeschorenen Köpfe über den bunten Kragen. Ein kleines Grauen -ist in ihr, während sie ihn sucht. So verschwunden in der Masse ist -er; einer ist soviel wert wie der andere! Sie sind nicht mehr Menschen -für sich; sie gehören einer großen Einheit an, die keine Unterschiede -duldet. - -Schließlich erkennt sie Ernst an der hohen Stirn und an der Haltung -des Kopfes. Er hat ihr auch fast unmerklich zugenickt; aber dann sieht -er nicht mehr zu ihr hin, sitzt ernst und feierlich zwischen den -anderen. - -Die Glocken verhallen, und die Orgel setzt ein. - -„Ein’ feste Burg ist unser Gott!“ Ein vielgesungenes Lied in dieser -Zeit. Man braucht das alte Lutherlied jetzt nötiger als sonst. Man -versteht erst jetzt eigentlich so ganz den tiefen Sinn. Mächtig -rauscht der Chor durch die Kirche; ergreifend für die, die in den -Seitenschiffen sitzen, die in so enger Beziehung zu den jungen Sängern -stehen. - -„Und wenn die Welt voll Teufel wär’!“ -- Es ist herrlich, mit welcher -Kraft sie das herausstoßen! Die Welt ist voller Teufel -- aber wenn man -diesen Gesang hört, hat man keine Angst vor ihnen. - -Frau Hiller kann den Blick nicht von der hohen, reinen Stirn ihres -Jungen loslösen. Er ist jetzt ganz der Sache hingegeben, denkt nicht -mehr an die Mutter. - -Der Geistliche ist vor den Altar getreten und spricht ein Gebet. Die -Husaren stehen mit geneigten Köpfen; der Regen schlägt an die hohen -Fenster, und ein rauher Wind heult um die Ecken der Kirche. Die Orgel -setzt wieder ein; das Singen übertönt das Unwetter, das draußen tobt, -und der Pfarrer steigt auf die Kanzel. - -„Liebe junge Freunde!“ sagt er. „In anderen Jahren, wenn es galt, den -Eid der Treue an dieser Stätte zu leisten, geschah es bei aufgerollter -Fahne. Heute ist unsere Fahne in Feindesland -- heute gilt es einen Eid -zu leisten, der sogleich in allen Punkten Erfüllung heischen wird!“ - -Die Worte klingen schwer und wuchtig und werden von den Wänden der -Kirche zurückgeworfen. - -„In eine große, ernste und doch herrliche Zeit tretet ihr, die ihr noch -an der Schwelle des Lebens steht, ein! Beneidenswerte Jugend, die ihr -eure ersten, frischesten Kräfte dem bedrängten Vaterlande weihen dürft!“ - -Die Gesichter der Husaren blicken zur Kanzel empor. Blutjunge Gesichter -sind es zumeist -- ernst, voll tiefer Begeisterung sehen sie zu dem, -der zu ihnen spricht, empor. - -Aus den Seitenschiffen klingt es wie leises Schluchzen. Tücher werden -an die Augen geführt. Mutterherzen bluten; Mutterherzen wollen sich -auflehnen gegen das Gewaltige, das von ihnen gefordert wird. - -Der oben auf der Kanzel steht, spricht unendlich gütig und liebevoll zu -denen, die heute den Schwur der Treue leisten wollen. - -Er spricht von Deutschlands Feinden, die, von Neid, Haß und niedrigen -Instinkten getrieben, den Willen haben, das Deutsche Reich zu -zerstückeln, zu vernichten. All die unerhörten Ereignisse, die diese -Wochen bewegten, läßt er von der Kanzel herab an den jungen Menschen, -die gewillt sind, ihr Vaterland zu schützen, vorüberziehen. - -Ein jeder, der in der großen Kirche sitzt, hat alles das, was da -aufgezählt wird, noch frisch im Gedächtnis. Und doch -- wie es hier -aneinandergereiht wird, wie man es förmlich wie die Glieder einer Kette -vor sich erstehen sieht -- da glaubt man wieder, ein Stück aus ferner -Vergangenheit tolle sich hier auf. - -Eine jede Mutter, die im Seitenschiff der Kirche sitzt, wird ihre Seele -erschauern fühlen, eine jede wird in furchtbarem Zwiespalt mit sich -selbst sein. Hat sie dafür ihr Kind geboren, daß es, kaum ins Leben -eingetreten, sich schon opfern soll. Hat sie ihr Kind geboren, damit -es in einem Kriege, der tückischer, bestialischer geführt wird als je -ein Krieg aus der Vorzeit, nicht einmal von offener Kugel getroffen, -sondern vielleicht hingeschlachtet werden soll? - -Unausdenkbar! Grauenvoll! - -Oh, wie zucken, wie bluten die armen, wehen Herzen im Seitenschiff, -während die, an die die Rede gerichtet ist, froh und begeistert zur -Kanzel aufschauen. - -Dem, der da oben steht und zu der jungen Schar künftiger Helden -spricht, ist eine herrliche Redegabe verliehen. Mag sein, daß die Größe -der Zeit ihren Teil daran hat; aber es ist, als sei ein Gottgesandter -hier in diesem Raume erschienen -- einer, der das Wort des Herrn mit -der ganzen Gewalt und Inbrunst, die es besitzt, wiedergibt. - -Wilder wütet der Sturm ums Gotteshaus; es ist, als höre man Kriegslärm; -es ist, als solle man hier drinnen im Frieden des heiligen Hauses -besonders eindringlich an all das Böse und Wilde, das draußen in der -Welt vor sich geht, erinnert werden. - -Ein Gebet wird gesprochen -- ein stilles, gutes, inbrünstiges Gebet zu -dem, der die Geschicke lenkt, der dem Recht zum Sieg verhelfen und das -Unrecht bestrafen muß! Oh, wer so einfach glauben und zu Gott vertrauen -kann! - -Die Husaren stehen mit geneigten Köpfen, die Orgel intoniert eine leise -Melodie, und an Stelle des Geistlichen tritt nun ein junger Offizier -vor die Soldaten hin. Hellgrau ist seine Attila und mit silbernen -Tressen besetzt. In voller Gala, mit Bandelier und Schärpe steht er da. -Die Orgel spielt ganz leise, so daß es wie ein geheimes Wogen durch die -Kirche geht. Er liest den Fahneneid: - -„Ich schwöre zu Gott, dem Allwissenden und Allmächtigen, einen -leiblichen Eid, daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, Wilhelm -dem Zweiten, meinem allergnädigsten Landesherrn, in allen und jeden -Vorfällen, zu Lande und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten und an -welchen Orten es immer sei, getreulich und redlich dienen, Allerhöchst -dero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, -die mir vorgelesenen Kriegsartikel und die mir erteilten Vorschriften -und Befehle genau befolgen und mich so betragen will, wie es sich für -einen rechtschaffenen und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt. So -wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium.“ - -Die Husaren haben sich erhoben. Der Offizier weist noch einmal auf den -tiefen, erschütternden Ernst des Augenblicks hin, dann tritt er erst zu -jenen, die anderen Bundesstaaten angehören, und nimmt ihnen den Schwur -ab. - -Er spricht die einzelnen Worte vor, und der Schwörende spricht sie -- -die Eidfinger erhoben -- nach. Seltsam, fast wie ein Mißklang tönen -die klaren, schweren Worte zum leisen, tragenden Spiel der Orgel. Nur -wenn die Schlußworte kommen, wenn sie sagen: „So wahr mir Gott helfe -durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium!“ klingt beides, die -gesprochenen Worte und das leise Orgelrauschen, wie ein hohes, hehres -Lied zusammen. - -Einer nach dem andern schwört mit ernster, fester Stimme sein Leben dem -Vaterlande zu. Ein jeder will bluten, will sterben! Ein jeder will mit -tausend Freuden sein junges Leben dem Vaterland hingeben. - -Warum weinen da so viele von den Frauen, die in den Seitenschiffen -sitzen? Warum jauchzen sie nicht? Warum schwillt ihr Herz nicht in -Stolz und Seligkeit darüber, daß sie Söhne geboren haben, die sich der -großen Zeit würdig erweisen? - -Ach, immer mag es so im Leben sein: Wer zu großer Tat von den Seinen -wegzieht, dem wird der Abschied nicht schwer. Der ganze furchtbare, -überwältigende Schmerz rast in den Herzen derer, die geben müssen, die -zum Abwarten verdammt sind. Wer bringt dem Vaterland das größere Opfer: -der junge, begeisterte Soldat, der, von tausend Hoffnungen beseelt, -hinauszieht -- oder die, die ihn geboren hat, und die in diesen -Augenblicken, da ihr Kind von einer anderen, größeren Macht gefordert -wird, alle Wonnen, alle Schmerzen, das ganze Leben dieses Kindes von -jener Zeit an, da sie es noch unter dem Herzen trug, wieder durchkosten -muß. - -„Groß sind die Zeiten, und groß sollen auch die Menschen sein!“ Frau -Hiller denkt an diese Worte der Großmutter, und doch ist ihr, als müsse -sie aufschreien. Ihr Junge hat mit all den anderen, die preußische -Staatsangehörige sind, die Schwurfinger erhoben. Im Chor mit ihnen -spricht er die Worte, die der Offizier in der hellgrauen Attila ihnen -vorsagt. Die Orgel spielt -- der Regen peitscht gegen die Fenster -- -der Sturm ist zum Orkan geworden; er heult und schreit und winselt -ums Gotteshaus. Die Lichter am Altar flackern um das stille Kreuz des -Dulders: „So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges -Evangelium!“ - -Ihr Kopf lehnt an der Säule; schwarz ist ihr vor Augen. Eine rohe Faust -martert ihr Herz. Um sie herum ist das Schluchzen der anderen Mütter. - -Leiden die alle dasselbe wie sie? Sind sie in diesen Augenblicken -genau wie sie durch Höllen gewandert? Sie fühlt ihre Hand von der ihrer -Nachbarin umschlossen. Eine zitternde Hand ist es, die die ihre umfaßt, -aber es tut wohl. - -Alle Mütter in der ganzen Welt, die ihre Söhne dahingeben -- müssen -sich verbunden fühlen in dieser Zeit -- -- -- die höchste und die -niederste müssen sich lieben, denn was ist Rang und Geld und Würde -neben diesem bitterheißen, gewaltigen, heiligen Schmerz, den sie alle, -alle durchkosten müssen? - -Der kleine Hiller sucht die Blicke der Mutter und nickt ihr ernst und -kindlich stolz zu. Viel warmes Leben, viel Freude ist in diesem Blick. -Sie staunt darüber, aber sie fühlt, wie das Blut ihr wieder wärmer zum -Herzen strömt. - -Die Orgel spielt lauter -- das Haus wird erfüllt von den mächtigen -Klängen. Das Gefühl des Unheimlichen, das Gefühl des Schauerns ist -vorüber. Helleres Licht bricht durch die Fenster -- die Seele wird -emporgetragen. - -Vor ein paar Augenblicken, als die jungen Menschen die schwer -feierlichen Worte sprachen, waren die armen Seelen in einem dunklen -Raum gewesen. Eine jede Mutter mochte da wohl ihren Sohn schon verloren -gegeben haben. Nun aber erhält sie ihn wieder. Der Pfarrer steht auf -der Kanzel; er spricht die einzelnen Strophen des wundervollen Liedes: -‚Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten!‘ Und die Orgel jauchzt --- die Stimmen setzen ein und schwellen an -- keine Mutter schluchzt -jetzt mehr; kein Herz ist mehr dunkel und verzagt. - -„Herr, mach’ uns frei!“ braust es durchs Gotteshaus. „+Herr, mach’ -uns frei!+“ Und die Wände werfen es zurück -- die Orgel spielt ein -hohes Feierlied. Alle Herzen sind frei geworden; alle bangen Herzen -sind stolz und froh geworden. - -Der Pfarrer ist wieder vor den Altar getreten; er breitet die Hände aus: - -„Der Herr segne und beschütze dich. Der Herr lasse leuchten sein -Angesicht über dir! Der Herr gebe dir seinen Frieden. Amen!“ - -Die Husaren verlassen reihenweise die Bänke und versammeln sich um ihre -Führer; die aus den Seitenschiffen strömen dem Ausgang zu. Draußen auf -dem Platz vor der Kirche sehen sie sich wieder. - -Das Unwetter hat ausgetobt -- -- durch die grünen Kastaniendächer -bricht leise die Sonne durch. - -Die Mütter möchten zu ihren Söhnen eilen und sie ans Herz drücken; -aber die stehen in Reih’ und Glied, und der Offizier hält eine -Ansprache an sie -- eine kurze, knappe, begeisterte Ansprache, die in -einem Kaiserhoch endet. Die Unteroffiziere kommandieren, die Husaren -schwenken in Reihen ab -- kehren zur Kaserne zurück. -- - -Am Mittag ist lustige Tafel im ‚Schwan‘. Die Husaren haben ihre -Extrauniform angezogen. Die Gesichter glänzen, als sie an die gedeckten -Tische treten, denn sie sind hungrig. Der Oberkellner hat Frau Hiller -zu einem Tisch geführt, an dem schon ein Elternpaar mit einem Husaren -sitzt. Man ist im Augenblick befreundet, und die beiden jungen -Freiwilligen rücken mit Kasernenwitzen heraus. Die Unterhaltung geht im -ganzen Saal von Tisch zu Tisch. Es wird sehr lustig. Die Eltern lassen -Sekt auffahren. Es ist ein Freuden-, ein Ehrentag heute; die Jugend, -die in ein paar Wochen für Deutschlands Ehre kämpfen will, muß gefeiert -werden. Sie läßt sich’s gern gefallen. - -Der kleine Hiller hat heute nichts vom Philosophen an sich. Glücklicher -und lebensfroher können keine Augen strahlen, als die seinen es tun. -Hipp kommt nach dem Dessert mit seinem Vater, dem reichen Fabrikanten, -an den Tisch und setzt sich neben Hiller. - -Die beiden lachen und schwatzen miteinander, und Frau Hiller muß an -den Abend am Pappelweg denken, an dem ihr Ernst so schwermütig und -ablehnend über die Welt und auch über Hipp geurteilt hat. Heute weiß er -nichts mehr davon. Heute ist er Hipps Kamerad -- heute ist er Soldat -und nichts weiter. - -Die Mutter ersehnt den Augenblick, an dem sie den Jungen für sich haben -wird. Sie denkt an den Konfirmationstag zurück. Diesem Tag waren eine -ganze Zahl schwerer Wochen voraufgegangen, denn der junge Philosoph -hatte Gewissensnöte gehabt. Er wollte nicht an den Tisch des Herrn -treten, denn sein Verstand lehnte sich gegen das Gelübde des Glaubens, -das er ablegen sollte, auf. - -Die Großmutter, die auf Ordnung hielt, hatte ihn damals zur Vernunft -gebracht. Aber den ganzen, schweren Tag über hatte der Junge damals auf -den Augenblick gewartet, an dem er die Mutter für sich haben würde, und -die Mutter hatte aus einer unbestimmten Angst vor diesem Alleinsein die -Großmutter nicht von ihrer Seite gelassen. Heute tritt das Umgekehrte -ein. Heute ersehnt sie die stille Stunde einer Aussprache, und der -Junge weicht ihr aus. - -Sie wollen alle zum Photographen; sie müssen natürlich eine Erinnerung -an diesen Tag haben. Und um fünf Uhr müssen sie zur Pferdetränke in der -Kaserne sein. Am Abend aber hat Hiller auf Wache zu ziehen. - -Keine Minute also für die Mutter, und das ist gut. Er will Mann sein; -er will stark und lustig sein! Der Mutter tut das Herz weh, das weiß -er. Aber sie soll es ihm nicht sagen. Es nutzt ja nichts. Hinaus will -er und muß er. Wozu da noch Worte und Tränen? - -Der Sekt schmeckt ihm; der reiche Fabrikant hat noch eine Flasche -bestellt und gießt ein. Die Stimmung wird übermütig. Im Saal ist’s -heiß; sie haben gut gegessen -- nun trinken sie und rauchen gute -Zigarren. In den Hof des Hotels zieht eine Musikerbande. Orgel, Pfeife -und Klarinette: - - „Die Vöglein im Walde, sie singen - so wunder-wunderschön: - In der Heimat -- in der Heimat, - da gibt’s ein Wiedersehn!“ - -Die Sangeslust erwacht. Irgendwo an einem Tisch setzt eine Stimme ein. -Vorgesetzte sind nicht im Saal. In die eine Stimme fallen die andern, -draußen orgeln und blasen sie, und drinnen singen sie in all ihrer -jungen Lebensfreude: - - „Die Vöglein im Walde, sie singen - so wunder-wunderschön: - In der Heimat -- in der Heimat, - da gibt’s ein Wiedersehn!“ - -Die Zeit fliegt dahin; halb fünf Uhr. Die Husaren stehen von den -Tischen auf. - -„Wiedersehn, Mutter!“ sagt der kleine Hiller -- schnallt den Säbel um, -setzt die hohe Mütze auf den Kopf, geht an Hipps Seite davon und läßt -die Mutter unter den fremden Menschen im Hotel zurück. - - * * * * * - -Der Eid der Treue ist geleistet, nun gibt es kein Zurück mehr. -Am nächsten Tag geht die Sache verteufelt stramm los! Es nützt -kein Fackeln! Wer weiß, wie bald Deutschland auch seine jüngsten -Kräfte braucht! Man hofft es nicht, und es ist auch kein Grund zum -Schwarzsehen vorhanden. Aber der Feind ist mächtig; der Feind wird -gepeitscht vom elenden Briten. Deutschland soll und muß vernichtet -werden! - -Aber Deutschland läßt sich nicht vernichten! Deutschlands Jugend -jubelt: ‚Noch sind wir da, sie sollen nur kommen!‘ - -Die Begeisterung ist groß, ist riesengroß. Jeder von ihnen wird ein -Held sein, wenn er dem Feind gegenübersteht! - -Aber Begeisterung ist etwas, was ewig von neuem geschürt werden will. -Begeisterung muß immer neue Nahrung haben -- genau wie ein Feuer im -Kamin -- sonst erlischt sie. - -Der Drill ist aber eintönig, und das ewige Putzen an Pferden, -Sattel- und Zaumzeug und an den Uniformen erst recht! Wo soll da die -Begeisterung herkommen? - -Und doch und doch und doch! Sie vergessen es nicht und dürfen es nicht -vergessen, daß dieser Drill dem Dreinhauen vorangehen muß. Alles in der -Welt will gelernt sein -- auch das Dreinhauen, das so einfach scheint. - -Neben ‚Vize‘, der zwar sehr stramm, aber auch sehr gerecht ist, haben -sie einen zweiten Wachtmeister bekommen, mit dem im Dienst nicht gut -Kirschen essen ist. - -Er ist groß im Androhen von schweren Strafen, aber er ist auch groß im -Verzeihen. Und wenn er guten Willen bemerkt, läßt er sich herab, seine -Anerkennung nicht zu versagen; in der Kantine beim Glas Bier kommt es -vor, daß er außerordentlich gemütlich wird; aber wenn sein Zorn gereizt -wird, kann er rasend werden. Er hat die echtesten Kavalleriebeine -und reitet tadellos; und da er sich rühmt, einen jeden, auch den -störrischsten Gaul zu bemeistern, verlangt er dasselbe von seinen -Schülern. - -Er ist entsetzt, daß sie in all der Zeit, die sie nun schon hier sind, -noch so wenig gelernt haben. Ein paar unter ihnen kommen immer noch -nicht glatt durch den Sprunggarten. Das ist ein starkes Stück, aber er -wird ihnen beikommen! - -Er kann entsetzlich schreien; die Ohren sausen dem, in dessen Nähe er -steht und der seine Ungnade erworben hat. - -Für den kleinen Hiller, dem man zum drittenmal ein neues Pferd gegeben -hat, ist das, welches er jetzt erhalten, ein wenig zu hoch. Es ist -verteufelt schwer, sich in den Sattel zu schwingen. Das Tier heißt -wegen seines Benehmens ‚Verbrecher‘; es beißt und keilt aus. Hillers -Schienbein hat eine starke Anschwellung, die von einem Tritt herrührt. -Er hätte sich daraufhin krank melden können, haben ihm seine Kameraden -gesagt. Aber er mag nicht ins Lazarett, denn er hat das sichere Gefühl, -daß sich irgend etwas Großes in der Welt ereignen wird, wenn er nicht -zugegen ist. Und wenn er sich ausdenkt, daß er eines schmerzenden -Schienbeins wegen im Bett liegt und die anderen vielleicht gerade dann -ausrücken, vergehen die Schmerzen ganz von selbst. Er ist keine Memme -und kann schon was ertragen. - -Der neue Wachtmeister braucht eine sehr erhebliche Zeit, bis er einen -vom andern unterscheiden lernt. Er kennt niemand beim Namen und weiß -nicht, wer Einjähriger und wer Dreijähriger ist. - -‚Vize‘ hatte darin ein viel feineres Unterscheidungsvermögen. - -Zu Hiller sagt er eines Tages: „Zeig’ mal her, du Aas, wie du deine -Sporen sitzen hast!“ Und als es nichts zu tadeln gibt, fragt er: „Wie -heißt du?“ - -Hiller, ohne es zu wollen, reckt sich, und sein Gesicht nimmt einen -hochmütigen Ausdruck an. Er nennt seinen Namen, und der Wachtmeister -sagt: „Ach so, ’n feines Aas also! Aber hier bist du ein Rekrut wie -alle anderen, merk’ dir das!“ - -Hiller hat auf den Lippen, zu erwidern: „Sie irren, Herr Wachtmeister, -ich bin Kriegsfreiwilliger!“ Aber er ist schon zu sehr Soldat -- zu -sehr ist ihm Gehorsam und Disziplin schon ins Blut übergegangen. - -„Zu Befehl, Herr Wachtmeister!“ sagt er und läßt das ‚Aas‘ auf sich -sitzen. - -Abends unterhält sich der Wachtmeister sehr freundschaftlich mit ihm -und fragt ihn nach seinen näheren Verhältnissen aus. „So -- der Vater -ist schon lange tot! Hm -- und er ist das einzige Kind! Schwer für die -Mutter!“ Er wird gerührt und ist wirklich nett und herzlich zum kleinen -Hiller. - -Der benutzt die gute Gelegenheit, ganz bescheiden zu erwähnen, daß sein -neues Pferd, der ‚Verbrecher‘, zu hoch für ihn sei und dazu gemein -ausschlage; aber mit diesem Anliegen hat er kein Glück. - -Der Wachtmeister reißt den Mund weit auf und läßt gleich wieder die -große Kluft, die den Vorgesetzten vom Untergebenen scheidet, entstehen. - -„Mensch, denkst du, daß du dir im Feld einen Gaul aussuchen kannst? -Wenn dir da dein Tier unter dem Leib weggeschossen wird, glaubst du, -daß da gleich ein Dutzend um dich herumwiehern, damit du dir das -bequemste aussuchen kannst? Nee, gibt’s nicht, mein Junge. Und wenn -ein Pferd so hoch ist wie ein Turm, raufkommen muß einer, der sich -Kavallerist schimpft. Sollst mal sehen, was ich von jetzt an für ein -Auge auf dich haben werde, und in spätestens einer Woche kommst du mit -Eleganz auf dein Tier rauf, das schwöre ich dir!“ - -Teufel, ja -- da hatte Hiller sich was eingebrockt. Der Wachtmeister -ließ ihn nicht mehr aus den Fingern. Fünfmal hintereinander: „Rauf aufs -Pferd und wieder runter!“ Beim fünftenmal ging es gewöhnlich. - -„Draußen im Feld wirst du deinem Wachtmeister danken! Da wirst du -dir vielleicht mal sagen: ‚Donnerwetter, der Kerl hat’s gut mit mir -gemeint!‘ Denn das hat schon manchem im Feld das Leben gerettet, wenn -er tadellos auf jeden Gaul hinaufkann. Das kannst du dir da drüben auch -merken, du Sonntagsreiter du! Häng’ mal mit deinen zweihundert Pfund -nicht wie ein Mehlsack auf dem armen Biest!“ - -Hipp, an den die Worte gerichtet sind, sieht den Wachtmeister in der -gewohnt-treuherzigen Art an. - -„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, ich wiege nur hundertvierzig Pfund!“ -wagte er zu sagen. - -„Schnauze halten!“ schreit der Wachtmeister wütend. „Wenn ich sage, daß -du zweihundert Pfund wiegst, dann wiegst du eben zweihundert Pfund. Im -übrigen werde ich auch dich mal im Auge behalten, dann wird dir das -Antwortgeben bald vergehen!“ - -Hipp und Hiller werden, ohne daß ein besonderer Grund dazu vorliegt, -von allen Kameraden und auch von dem Wachtmeister für etwas -Zusammengehöriges angesehen. Sie haben weder im Äußeren noch in ihrem -Wesen irgendwelche Ähnlichkeit, und auch ihre Leistungen sind sehr -verschieden. - -Aber sie sitzen oft beieinander, und wenn Hipps Vater in die Garnison -angereist kommt -- und das tut er häufig -- ladet er den jungen Hiller -jedesmal mit ein. - -Weil die Umgebung sie zu Freunden gestempelt hat, sind sie’s auch in -der Tat geworden. Hiller hat jetzt absolut keine Zeit zum Grübeln und -zum Kritisieren, und da Hipp umgänglich und zutunlich ist, nimmt er -ihn, wie er ist. - -Der neue Wachtmeister hat sich die beiden in der Tat zu besonderen -Freunden auserkoren. - -Er brüllt sie im Dienst an und ist väterlich freundlich zu ihnen, -wenn er sie in der Kantine trifft. Das muß man ihm lassen: er hat ein -eigenes Talent, den Vorgesetzten mit dem Freund zu vereinen. Hat er -Vorgesetzter zu sein, so ist er es ganz und gar; und kann er Freund -sein, so weiß man nichts mehr vom Vorgesetzten in ihm. - -Sie haben ihn gern und fürchten ihn, und das ist das Idealste, was ein -Wachtmeister von seinen Rekruten verlangen kann. - -Hiller hat sein Pferd, den ‚Verbrecher‘, allmählich liebgewonnen. Er -hat sich mit ihm quälen müssen und ist dann Herr über seine Tücken -geworden; das freut ihn, und er klopft das Tier am Hals und gibt ihm -Zucker. - -Aber nun, da er endlich zur Freundschaft mit ihm gelangt ist, muß das -eintreffen, was er im Anfang so oft gewünscht hat. Der ‚Verbrecher‘ -läßt den Kopf hängen und frißt und sauft nicht. Hiller redet ihm gut -zu, denn das Tier kennt seine Stimme, und in gesunden Tagen hat es den -Kopf ihm zugewandt, sobald es seinen jungen Herrn kommen hörte. - -Jetzt bleibt es teilnahmslos, und Hipp sagt: „Sei froh, das Biest -krepiert!“ - -Hiller macht dem Wachtmeister Meldung über das Befinden des Tieres, und -der sieht sich den Gaul von rechts und links an, tastet ihm die Glieder -entlang und entdeckt eine Geschwulst. Er läßt ein paar Donnerwetter los -und schickt Hiller zum Veterinär. Eine Stunde später steht der kleine -Husar sehr bleich beim Arzt im Krankenstall und hält ein Bein des -Pferdes hoch. Der Veterinär hat einen tiefen Schnitt in die Geschwulst -gemacht und fährt mit Instrumenten in der wehen Stelle herum. Das -Tier schreit und das Bein zuckt in Hillers Händen. Alles Blut ist ihm -vom Gehirn zurückgewichen; kalte Schauer rieseln ihm über den Rücken, -und die Hände, die das Bein halten, zittern. Er kämpft mit einer -Ohnmacht und fühlt, wie ihn etwas zu Boden reißen will. Auch der Magen -revoltiert, und der Arzt wirft einen prüfenden Blick auf ihn, fährt -aber ruhig in seiner Beschäftigung fort. - -Das Tier stöhnt und wirft den Kopf von einer Seite auf die andere. Die -nasse Schnauze streift Hillers Wange, und ihm bricht der Schweiß aus. -Die Kniee wanken unter ihm, und vor den Augen tanzen schwarze Punkte... - -Der Arzt räuspert sich: „Ich bitte, das Bein höher halten!“ Hiller -möchte aufschreien. Der Arzt kommt ihm wie ein Schlächter vor. Das Tier -ist halb wahnsinnig vor Schmerz, und er hält das Bein, ohne noch zu -wissen, daß er es hält. Dabei sieht er nach dem Stallausgang. Wenn doch -ein Mensch vorbeikäme, den er anrufen könnte. Aber niemand kommt. - -Nun fängt auch das Herz an zu klopfen; bis zum Hals hinauf hämmert es. -Er fühlt, daß das Bein des Tieres ihm entgleiten will, und hat noch -gerade das Bewußtsein, sich zu sagen, daß es schmachvoll für ihn sein -wird, wenn er nicht standhält. Sein Wille arbeitet mit letzter Kraft. - -Draußen im Feld wird er Schlimmeres sehen müssen, sagt er sich. -Und wenn er hier nicht standhält, wenn der Arzt vielleicht seinen -Wachtmeistern erzählt: ‚Teufel, da habt ihr aber einen netten Helden -als Freiwilligen! Der wird ja Deutschlands Jugend glorreich vertreten, -wenn er hinauskommt!‘ Wenn dieser Mann mit der breiten Stirn und dem -energischen Mund das von ihm erzählt, dann ist’s um ihn geschehen, dann -läßt man ihn nie und nimmer hinaus. Er weiß nicht mehr, sind es Minuten -oder sind es Stunden, die vergehen, während er hier steht und gegen -seine Schwäche ankämpft. Aber der Arzt fängt nun leise an zu pfeifen -bei seiner Arbeit, und das Tier wird ruhiger. - -„Sie können das Bein fallen lassen!“ hört Hiller sagen, und hart läßt -er den Huf auf die Erde aufschlagen. - -„Holen Sie Wasser!“ Hiller kommt aus der dumpfen Stalluft ins Freie, -eilt an den Brunnen und kühlt sich das matte Gesicht. Der Körper ist -noch schwach und zittrig, aber der Kopf kann schon wieder klar denken. -Er hat standgehalten, und niemand wird etwas Kränkendes über ihn sagen -können. - -Der Arzt spricht, während er sich die Hände wäscht, sehr freundlich mit -ihm. - -„Freiwilliger, was? Das war ein gemeines Stück Arbeit an der armen -Kreatur! Verloren ist sie doch, aber es ist genau wie beim Menschen: -Man muß es bis zum letzten versuchen. Und wenn es wirklich zu heilen -ist, so gibt es doch kein Kriegspferd mehr. Sie können sich gleich -ein neues von Ihrem Wachtmeister verschreiben lassen. War ja auch -eigentlich viel zu hoch für Sie, dieser Gaul! Wie sind Sie denn da -überhaupt raufgekommen?“ - -Hillers Augen strahlen den Arzt an. - -„Es ging ganz gut!“ sagt er nicht ohne Stolz, und der Arzt lacht. - -„Um so besser für Sie! Draußen wird es Ihnen zugute kommen, wenn Sie -auf jeden Bock hinaufkönnen!“ - -Zwei Tage später wird der ‚Verbrecher‘ erschossen und in einem Karren -zum Abdecker gebracht. Hiller hat Mühe, seines Schmerzes Herr zu -werden. Am Abend hat er Stallwache und sitzt auf der Futterkiste. Da -kommen ihm fast die Tränen. Er hat jetzt ein Pferd, das besser zu ihm -paßt: einen hübschen, schlanken Fuchs; aber er kann sich noch nicht -darüber freuen. Mit der ganzen Leidensfähigkeit der Jugend durchlebt -er immer wieder die qualvolle Stunde, die das arme Tier vergebens -durchkosten mußte. Der Philosoph wird wieder in ihm geweckt. Er -begreift nicht, warum Gott oder das Schicksal, oder auch nur die -unsichtbare Macht, die über uns waltet, so viel unnötige Qualen in die -Welt schickt. Und von der unnötigen Qual, die das Tier erdulden mußte, -kommt er auf das Leid der Menschheit zurück -- auf diesen entsetzlichen -Krieg, der Millionen und Millionen in Elend und Trauer versetzt. Wer -ist es, der alles das zuläßt? Geht all das wirklich von dem aus, der -die Geschicke der Welten in seiner Hand halten solle, und der der -Allgütige, der Allbarmherzige genannt wird? - -Zu Hillers Glück gesellt sich ein Kamerad zu ihm, bevor sein Geist sich -ganz von den düsteren Grübeleien einfangen läßt. - -„Donnerwetter,“ sagt der und streichelt das neue Pferd. „Du bist ein -Glückspilz. Du hast jetzt den besten Gaul vom ganzen Beritt. Sag’ mal, -hast du vielleicht noch Moneten, dann könnten wir uns einen ‚alten -Mann‘ zum Wachen kaufen und gehen in die Kantine.“ Ja, Hiller hat Geld, -und der ‚alte Mann‘ ist schnell zur Stelle; aus dem dunstig-warmen, -trübselig erleuchteten Stall kommen sie in den lustigen Kantinenraum. -In der Kantine vergißt man das Denken und Grübeln ganz von selbst. Hier -duftet’s nach kräftigem Essen, Zigarren und Alkohol; hier wird gelacht -und gesungen und politisiert. - -Hiller ißt und trinkt mit den anderen. Das Schicksal des armen -‚Verbrechers‘ ist vergessen, und da man ihm von allen Seiten zu seinem -Fuchs gratuliert, fängt er an, sich über das feine, schnittige Tier zu -freuen. -- - -Am nächsten Tag soll das erste Nachtgefecht stattfinden. Am Tag haben -sie schon ein paarmal diese kriegerischen Übungen gemacht, und es war -schön und interessant, weil man dabei eine blasse Vorahnung vom Krieg -bekam. Nun sollte es zum erstenmal in der Dunkelheit geprobt werden. - -‚Vize‘ liest am Morgen die allgemeine Kriegslage vor: Zwei Parteien -werden gebildet, wovon die eine den Freund, die andere den Feind -darstellt. Der Feind trägt die hohe Pelzmütze, der Freund die kleine -Dienstmütze. - -Es gilt die Bahn zwischen der altmärkischen Garnison, in der sie sich -befinden, und der Nachbarstation gegen feindliche Angriffe zu schützen. -Mehrere kleine Posten werden in Abständen von je hundert Metern -aufgestellt, und Patrouillen sollen ausgeschickt werden, um Fühlung mit -dem Feind zu halten. - -Der Feind hat die Aufgabe, die Bahn zu zerstören; das soll durch einen -Schuß, der direkt vor dem in der Nacht durchfahrenden ~D~-Zug -abzugeben ist, markiert werden. Diejenige der beiden Parteien, die -zuerst zur Bahn gelangt und den Schuß abfeuert, geht als Sieger hervor. - -Die Husaren werden verteilt, und jeder bekommt seinen Auftrag. Der -Wachtmeister sucht sich natürlich wieder Hipp und Hiller aus und dazu -einen ‚alten Mann‘, der ihm beim Rekognoszieren helfen soll. Die beiden -Freiwilligen haben nichts weiter zu tun, als sich seinen Anordnungen zu -fügen und sich gut zu Pferde zu halten. - -Um sieben Uhr, als gerade die Dämmerung anfängt, in Dunkelheit -überzugehen, reiten sie zu den Kasernentoren heraus: Karabiner über der -Schulter -- die Lanzen im Arm. Der Feind reitet nach rechts -- die mit -den Dienstmützen nach links. - -Der zweite Wachtmeister macht ein ernstes, würdiges Gesicht und läßt -einen flotten Trab annehmen. Über den großen Exerzierplatz hinweg -geht’s durch einen dunklen Wald. Hiller ist zwar mit Leichtigkeit -auf seinen neuen Gaul, den Fuchs, hinaufgekommen. Aber nun er oben -ist, büßt er sehr schnell sein Behagen ein, denn das Tier ist sehr -temperamentvoll und nervös; bei jedem unbekannten Geräusch zuckt es -zusammen und scheut. - -Im Wald müssen sie über unzählige Hindernisse, und der Wachtmeister -mit dem ‚alten Mann‘ fliegen dahin, als ritten sie über glatten Boden. -Hipp rutscht zweimal von seinem Gaul herab und schimpft und flucht, -und Hiller bearbeitet seinen Fuchs mit Schenkeln und Sporen. Nur mit -größter Not halten sie sich in Sehweite des Wachtmeisters. „Voran!“ -brüllt er ihnen zu, und der ‚alte Mann‘ muß zu ihnen zurückreiten, um -ihren Tieren das nötige Tempo beizubringen. Hipp schreit ein paarmal -laut auf und weiß selbst nicht, wie es ihm gelingt, sich oben zu -halten. Aus dem Wald heraus fliegen sie über eine lange Chaussee hin. -Irgendwo in der Nähe ist Pferdegetrappel zu hören, das müssen die -feindlichen Patrouillen sein. In zehn Minuten kommt der Zug, auf den -sie schießen sollen, vorbei. - -An einer gedeckten Stelle, ganz nahe der Bahn, läßt der Wachtmeister -halten und lauscht. Das Pferdegetrappel ist ganz nahe, man kann nur -nicht unterscheiden, ob es unmittelbar an der Bahn oder mehr nach dem -Wald zu ist. - -Flüsternd befiehlt der Wachtmeister: „Absteigen!“ - -Hipp und Hiller bekommen außer den eigenen Tieren und Lanzen noch die -des Wachtmeisters und des ‚alten Mannes‘ zu halten. Der Wachtmeister, -vom ‚alten Mann‘ gefolgt, schleicht in gebückter Stellung dem Bahndamm -zu. Schweigend stehen Hipp und Hiller einander gegenüber. Stockdunkel -ist es um sie her, und der eine kann das Gesicht des andern nicht -erkennen. Gegen den ausdrücklichen Befehl holt Hipp eine kleine -Stallaterne aus der Tasche, hängt sie in die Schnüre seiner Attila ein -und läßt das Licht aufflammen. - -Der Fuchs ist unruhig und zwingt Hiller, sich rund im Kreis mit ihm zu -bewegen. Hipp muß die drei anderen Gäule am Zügel halten. Vom Wald her -reiten jetzt ganze Kolonnen nach dem Bahndamm zu; von ferne hört man -das Schnauben und Rasseln des heraneilenden Zuges, ein Schuß ertönt und -noch einer, und Hiller schreit laut auf. - -Der Fuchs ist hoch in die Höhe gestiegen und hat sich mit mächtigem -Ruck losgerissen. Nun fliegt er in rasender Schnelligkeit dahin. - -„Hipp, hilf!“ schreit Hiller und rennt hinter dem Fuchs her, und Hipp, -selbst auf das äußerste erschreckt, vergißt seine drei Pferde und rast -hinter Hiller her, an ihnen vorbei die freigelassenen Gäule. - -„Mensch, sei kein Döskopf!“ Hipp kann kaum mehr Luft bekommen, ist -über einen Baumstamm gefallen und flucht und schimpft. „Laß doch die -verteufelten Biester laufen, wohin sie wollen; oder glaubst du, du -holst deinen Fuchs noch ein?“ Und Hiller bleibt mit hochklopfendem -Herzen stehen. Hipp hat recht; es ist natürlich ein Blödsinn, den -Gäulen nachzulaufen. - -Aber was nun? Schweigend gehen sie zu den Lanzen, die sie im Boden -aufgespießt haben, zurück. Hiller hat das Gefühl, ein Verbrechen -begangen zu haben, und auch Hipp ist verlegen. - -„Die Schuld hast du,“ sagt er zu Hiller. „Du hast den Fuchs nicht -gehalten! Na, aber laß gut sein, ich petze nicht. Schön werden die -nächsten Viertelstunden ja nicht werden, aber den Kopf kann er uns auch -nicht abreißen. Pst! Da kommt er schon!“ - -Der Wachtmeister sieht die zwei mit den neben ihnen aufgespießten -Lanzen stehen und ahnt sogleich, was sich ereignet hat. Im Grunde ist -er guter Laune gewesen, weil er den Sieg errungen hat; aber die beiden -armen Sünder, die hier vor ihm stehen, lassen die gemütliche Stimmung -schnell verfliegen. - -„Wo habt ihr die Pferde?“ brüllt er sie an. - -Hiller will eine Erklärung abgeben, aber Hipp schreit in seiner Angst -in die Dunkelheit hinein: „Durchgegangen, Herr Wachtmeister! Und da -kann kein Mensch was für bei dieser Schießerei! Ich habe sie mächtig -festgehalten, aber so viel Kraft hat kein Mensch, daß er gegen vier -wildgewordene Gäule ankommt!“ - -„Schnauze halten, ihr Himmelshunde! -- Schlappe Kanaillen! Was denkt -ihr euch nun, was nun werden soll, wie ich nach Hause kommen soll? -Meint ihr, ich hucke die Lanze auf, ich laufe zu Fuß durch den Wald?“ - -Hipp und Hiller nehmen je zwei Lanzen auf den Arm, und unter -fortwährendem Schimpfen und Fluchen des Wachtmeisters geht es ein Stück -Weg entlang. - -Mit so lieblichen Namen wie in dieser Nacht haben die beiden Berliner -Bürschchen sich noch nicht nennen hören. Sie lassen den Wald links -liegen und gehen auf großem Umweg durch ein Dorf. Der Wachtmeister hält -plötzlich in seinem Fluchen inne; von einem Seitenweg kommt jemand auf -sie zugeritten. Ein Unteroffizier, mit zwei Pferden. Es ist Hillers -Fuchs und das Pferd des ‚alten Mannes‘. Die sind unterwegs von der -feindlichen Partei aufgefangen worden. - -Donner, ja! Jetzt ist der Wachtmeister auf einmal rosigster Laune --- steigt auf -- heißt auch den ‚alten Mann‘ aufsitzen und heidi -- -fort. Hipp und Hiller mit ihren vier Lanzen sehen sich erst eine Weile -ungläubig an. Hiller zieht eine Generalstabskarte heraus und studiert, -wie lange sie zu laufen haben. Durch den Wald können sie nicht gehen, -also immer rund herum um den Wald -- das bedeutet statt einer und einer -halben Stunde drei Stunden Weges. - -Es ist halb elf Uhr, und da sie keine Zeit hatten, vor dem Ausrücken -etwas zu essen, sind sie hungrig. Im Dorf, durch das sie kommen, sehen -sie ein erleuchtetes Wirtshaus. Hiller will erst nichts davon wissen; -sein Gewissen quält ihn, er will auf schnellstem Wege dahin, wo er -hingehört. - -Aber Hipp wird böse: „Mensch, sei doch kein Frosch! Wer kann uns -beweisen, daß wir uns nicht verirrt haben? Immer rin! Wenn man im Feld -Hunger leiden muß, dann geschieht das fürs Vaterland und man ist ein -Held; wenn man aber Hunger hat und kommt an einem Wirtshaus vorbei und -geht nicht rein, dann ist man ein Esel!“ - -Hipp hat etwas Fortreißendes, wenn er mit seiner Philosophie -hervorrückt. Hillers Bedenken fallen demgegenüber immer wie ein -Kartenhaus zusammen. Sie gehen durch einen kleinen, engen Flur ins -Gastzimmer, in dem noch ein paar Bauern beim Kartenspiel sitzen. Ein -gutmütig aussehendes Weib kommt ihnen entgegen und läßt sich ihre -Geschichte erzählen. Sie ist sehr freundlich zu den Freiwilligen; hat -sie doch auch einen Sohn in der Husarenkaserne. - -„I wo, das kann Ihnen keiner übel nehmen, wenn Sie nicht in der -Stockdunkelheit den Weg machen. Man wird doch jetzt noch nicht seine -Gesundheit aufs Spiel setzen, da man sie doch später im Felde so -notwendig hat.“ Die Bauern drehen sich nach den Husaren um und fragen -sie aus. Es sind zwei liederliche Kerle, die hier mit schmutzigen -Karten um Geld spielen. - -Schlechte Zeiten! Man muß sich zerstreuen! Sie laden die beiden jungen -Menschen ein, an ihren Tisch zu kommen, und Hipp steuert sogleich -hinüber. Die Wirtin ist in der Küche verschwunden und kommt nach einer -guten Viertelstunde mit gebackenen Eiern, Schinken, Wurst, Brot und -Butter wieder. Hipp und Hiller essen mit freudigem Appetit und trinken -ein paar Flaschen Bier. Die Bauern haben Steinhäger vor sich stehen, -und Hipp läßt eine Runde für sie alle auffahren. Aus einer Ecke heraus -fängt ein Grammophon mit rasselndem Ton und krähendem Beiklang an -zu tönen. Irgendeine leichte Walzermelodie -- schrecklich für das -musikalisch gebildete Ohr Hillers, aber höchst anregend für alle -anderen. Hipp kennt ein feines Kartenspiel zu Vieren, höchst einfach; -das lernen selbst die Bauern im Handumdrehen. Aus dem Brustbeutel holen -sie, was sie an Nickel bei sich haben. Die Augen der Bauern beginnen -zu glänzen. Hipp sieht genau aus wie sein reicher Vater, wenn er eine -Pulle Sekt spendiert, und Hiller ist in seinem Bann. Er tut mechanisch -mit, was die anderen tun. Ganz dumpf empfindet er dabei ein Unbehagen. -Mitternacht geht vorüber. Irgendwo hat eine Uhr klirrend geschlagen. -Hiller will gehen, aber Hipp lacht ihn aus: „Mensch, sei kein Frosch!“ -Sie sitzen bis ein Uhr und sitzen bis zwei Uhr! Die Brustbeutel werden -leerer. Die Bauern lassen sich von den zwei jungen, reichen Herren -traktieren. Die Köpfe sind rot -- Witze werden erzählt; die Luft in der -kleinen Stube ist zum Ersticken, und die Petroleumlampe will plötzlich -erlöschen. - -Über Hiller kommt es plötzlich wie eine Krankheit; er fühlt sich -namenlos unglücklich. Sein Kopf ist nicht mehr ganz frei, aber so viel -begreift er doch noch, daß er sich in einer scheußlichen Umgebung -befindet. Die Bauern haben kleine, ekelhaft verschwommene Augen -bekommen; ihre rohen Gesichter glänzen wie Speck. Sie erzählen gemeine -Witze. Hipp lacht und spielt sich als großen Herrn auf. - -Plötzlich springt Hiller in die Höhe. „Ich gehe!“ sagt er mit einer -Bestimmtheit, gegen die Hipp sich nicht mehr aufzulehnen vermag. Die -Bauern bieten gegen entsprechende Vergütung ihre Begleitung an, und man -muß sie annehmen, weil man sich allein doch nicht zurechtfinden würde. -Jeder nimmt eine fahnengeschmückte Lanze in den Arm, und schwankend -treten sie in die Nachtluft hinaus. - -Hiller trottet ein paar Schritte hinter den anderen her. Er ist in -einem scheußlichen Zustand. Es ist ihm nicht ganz klar vor Augen, und -doch ist eine Stimme in ihm wach, die immer dasselbe sagt: ‚Pfui Teufel --- pfui Teufel!‘ Sein Blut lehnt sich auf gegen die Gemeinschaft mit -solchen Menschen. Die schmutzigen Witze, über die Hipp gelacht hat, -haben ihn aufs tiefste verletzt. ‚Pfui Teufel -- pfui Teufel!‘ Hier -in der Wirtsstube haben sie gesessen und um Geld gespielt, und haben -sich von gemeinen Bauernschädeln auf gemeine Weise unterhalten lassen, -und draußen in der Welt fließen Ströme von Blut; draußen in der Welt -spielt sich die größte Tragödie, die je in einer Zeit gewesen ist, ab. -„Katzenjammer!“ sagt Hipp und lacht. „Mensch, du bist der unheilbarste -Esel, den ich je gesehen habe!“ - -Sie gehen drei volle Stunden; ganz leise wird die Dunkelheit zur -Dämmerung, als sie die kleine Stadt erreichen. Die Bauern lassen sich -ablohnen und überreichen die Lanzen. - -Die Kasernentore standen schon offen, als Hipp und Hiller antreten. -Sie eilen zum Stall und finden die ausgerückten Pferde auf ihrem -Platz stehen. Hipp haut dem seinen einen tüchtigen Riemenschlag übers -Hinterteil. „Kanaille!“ Dann laufen sie in den Waschsaal, kühlen sich -die erhitzten Gesichter und sind pünktlich mit allen anderen zum -Stalldienst zur Stelle. - -Der Wachtmeister würdigt sie keines Wortes, behandelt sie aber während -des ganzen, langen Reitunterrichtes nicht gerade besonders sanft. - -Hillers Kopf bleibt benommen; erst am Abend wird ihm wohler. Hipp steht -im Stall neben ihm und erzählt Geschichten von kleinen Mädchen. Hiller -tut teilnahmslos, und Hipp nennt ihn wieder: „Esel!“ - -Am späteren Abend in der Kantine erst findet er seinen Frohsinn wieder. -Der Wachtmeister hat ihn angeredet und ist weich geworden. „Nimm dir -das nicht zu Herzen!“ sagt er väterlich. „Jedem kann natürlich mal sein -Gaul durchgehen. Im übrigen macht sich die Sache mit dir!“ Da wird er -ganz froh, fast ausgelassen und läßt trotz der Ebbe in seiner Börse -eine Runde auffahren. - - * * * * * - -Die Wochen vergehen; der Oktober ist gekommen. Die Zeit der wilden -Stürme ist da. Sie brausen übers märkische Land; sie heulen und klagen -über die weiten Ebenen dahin. Eine wilde, schwere Nacht hat in der -altmärkischen Stadt furchtbare Verwüstungen angerichtet. Am Flußweg -sind zwei große Pappeln ums Leben gebracht. Wie Tote liegen sie lang -über den Weg ausgestreckt. Ein Baugerüst ist umgefallen und hat einen -unter sich begraben, und in jeder Promenade liegen ein paar gefällte -Bäume und ausgerissene Sträucher. Noch ein paar andere Menschen sind -zu Schaden gekommen. Einer Frau ist die Schulter gequetscht worden, -und die ganze Stadt ist voll von dem Unglück dieser einzelnen. Ein -Trunkener, der unter einem Baum gelagert hat, hat ein Auge eingebüßt. -Auch sein Schicksal erregt Mitleid. Ein Landstürmer sagt wütend: -„Wenn unsereins draußen zu Haufen niedergeschossen wird, dann ist das -nichts Besonderes. Aber hier flennt man um ein altes Weib und einen -Trunkenbold!“ - -Da der Oktober so schwer und wild einsetzt, prophezeien die Leute -einen furchtbaren Winter. Die Leute müssen was zu schwatzen haben; sie -müssen sich vor etwas gruseln machen. Die Ereignisse schreiten jetzt -langsamer voran. Nach dem raschen Siegeszug durchs belgische Land ist -ein Stillstand eingetreten. Großes soll sich vorbereiten! flüstert man. -Eine Schlacht, wie sie die Weltgeschichte noch nicht gesehen, soll -geschlagen werden in nächster, allernächster Zeit. - -Die jungen Freiwilligen in der Kaserne werden von Ungeduld verzehrt. -Warum hält man sie noch? Die Infanterie ist schon in Scharen -hinausgezogen; sie aber hält man fest und drillt und drillt. Sie kennen -doch nun wirklich alles, was sie zu kennen brauchen. Auf ihren Pferden -sitzen sie so sicher wie auf einem Stuhl; das Lanzenbohren, das sie an -Strohpuppen gelernt haben, ist ein Kinderspiel. Nun fiebern sie, an den -Feind zu kommen. - -Aber es ist noch gar und gar keine Aussicht fürs baldige Ausrücken da. -Nicht mal die feldgraue Uniform haben sie erhalten. - -Einer von den alten Leuten, der hier Garnisondienst tut, hat gesagt: -„Paßt mal auf, Weihnachten sitzt ihr auch noch hier! In diesem Krieg -braucht man die Kavallerie kaum noch. Was früher der Kavallerist -erkunden mußte, tut heute der Flieger, und außerdem hat man Autos und -Räder!“ - -Das klingt so begreiflich; das ist ihnen in die Knochen gefahren! -Herrgott, wenn man sie nun überhaupt nicht brauchte. Wenn man sie eines -Tages nach Hause schickte: ‚Deutschland hat genug Kämpfer! Es bedarf -eurer nicht!‘ - -Es ist eine Flauheit in die Stimmung gekommen. Man wartet allenthalben -auf etwas Großes, etwas Unerhörtes. Die Pfarrer predigen von der Kanzel -herab: Geduld -- Geduld und wieder Geduld. -- -- - -Ach, man merkt erst jetzt so recht den Krieg. Damals, vor zweieinhalb -Monaten, als er begann -- mitten im Sommer, damals, als es so toll und -rasend schnell ging --, da war der Krieg ein einziger Jubel -- ein -einziger Triumph! Nun aber, da die Blätter fallen, da die Nächte kalt -und rauh werden -- nun, da die Natur ihre Schönheit abwirft, und der -Winter wie ein böser, dunkler Geist vor der Tür steht, nun lassen die -Schwachen, die Armseligen ihre Köpfe hängen und beginnen zu klagen und -zu jammern: Warum machen sie nicht vorwärts? Warum schlägt man sich -nicht? Wozu das Herumliegen in den Schützengräben? - -In der altmärkischen Garnison werden draußen im freien Feld, dicht an -den Exerzierplätzen, Stacheldrähte gezogen. Kolossale Flächen werden -eingefaßt. Die Leute fragen und erkunden: Warum? Wozu? Erst ist es ein -Geheimnis -- aber dann geht’s von Mund zu Mund: Russen kommen hierher; -Tausende von gefangenen Russen und Kosaken sollen hierhergebracht -werden. Die Leute erschrecken: Herrgott, Tausende von Russen so nahe -bei der Stadt! Die Frauen, deren Männer und Söhne ausgezogen sind, -erzittern. - -Wenn die nun in der Nacht ausbrechen und über die wehrlosen Leute in -der Stadt herfallen? Gott, o Gott, was man nicht alles erleben muß! -Es vergeht eine Woche und noch eine. Die Stachelverhaue sind längst -fertig, noch nicht ein einziger Russe wohnt darin. Dann war es wohl -doch nur ein Märchen -- und die Herzen beruhigen sich wieder. - -Frau Hiller wohnt noch immer im kleinen Städtchen; sie ist wie -festgebannt hier. Sie will nicht schwach werden und ist es doch. Sie -fürchtet sich so namenlos vor der Einsamkeit in ihrer kleinen Wohnung -in Berlin. Hier, in den zwei Zimmern bei der Wachtmeisterswitwe, ist -ihr Herz ruhiger; von hier aus sieht sie das Leben ihres Jungen sich -abspielen. Sie will ihn nicht stören und in nichts beschränken, das -hat sie ihm versprochen. Er soll gar nicht denken, daß sie hier ist. -Nur wenn ihn die Sehnsucht einmal treibt, soll er zu ihr kommen. Der -kleine Husar ist erstaunt, er begreift gar nicht, warum seine Mutter -sich hier wohlfühlt, da sie es in Berlin doch so viel eleganter und -abwechslungsreicher hat. - -Er selbst kann ihr ja wirklich nichts sein. Der Dienst ist stramm, und -man sieht es nicht gern, wenn sie viel außerhalb der Kaserne sind. Aber -wenn sie es absolut will, so ist es ihm natürlich recht -- sogar sehr -recht, denn oft freut er sich auf eine Stunde des Alleinseins mit ihr. -Sie darf dann nur nicht traurig aussehen, das verträgt er nicht. - -In Berlin sind die Frauen rastlos tätig in der Pflege und in unzähligen -Vereinen für Wohltätigkeit. Ein jeder will sein Scherflein beitragen. -Der Andrang ist so groß, daß gehemmt werden muß. In den Zeitungen wird -gemahnt, der große Eifer solle eingedämmt werden. Auch Frau Hiller -sehnt sich nach einer Arbeit, die sie ausfüllt, die ihre Gedanken -ablenkt vom eigenen Schmerz. Kein Mensch in der Welt hat in dieser Zeit -das Recht, an den eigenen Kummer zu denken. Alles, was im gewöhnlichen -Leben selbstverständlich und gut und berechtigt ist, wird klein und -zwecklos und unbedeutend durch den Krieg. Jeder Schmerz, der im Herzen -des einen wohnt, lebt im Herzen von Tausenden und aber Tausenden. -Wenn jeder ihm nachgeben wollte, so wäre es drin in der Heimat, für -die gekämpft wird, schlimmer und trostloser als draußen auf dem -Schlachtfelde. Aber der Schmerz ist wie ein Pilz; jede Nacht wuchert er -von neuem in die Höhe; jeden Morgen muß er von neuem ausgerissen werden -aus dem armen, bangen Herzen. - -Hier, in der kleinen Altmärker Garnison, kann sie sich am allgemeinen -Wohltätigkeitswerk nicht beteiligen. Verwundete sind noch nicht da, -und wenn sie eines Tages eintreffen, werden mehr Hände da sein, als -gebraucht werden können. - -Das einzige, was sie hier tun kann, ist das, was jetzt alle Welt -tut. Sie strickt für die, die draußen im Felde sind, und für die, -die erst hinausziehen. Die Wachtmeistersfrau hat es ihr wieder -beibringen müssen, wie ein Strumpf gestrickt wird. Sie hat dabei an die -Kinderjahre denken müssen -- an die tote Mutter und das ganze, längst -versunkene Jugendland. - -So ein Zurückschauen ist schön und traurig zugleich. Welche Fülle von -Leid ohne eigentliche Ursache! Und so wie ein Schmerz überwunden ist, -begreift man nicht mehr, daß man so namenlos darunter leiden konnte. -Jedes überwundene Leid hat seinen Glorienschein; man möchte es nicht -missen. Aber jedes neue erscheint unerträglich -- unfaßbar! Das Kreuz, -das man zu tragen hat, wird schwerer, je weiter der Weg geht. - -Man sagt: Die Jugend hat die größte Leidensfähigkeit. Aber dafür hat -die Jugend auch die größte Elastizität. Und überhaupt: Wo hört die -Jugend auf, und wo fängt das Alter an? Gibt es eine Regel dafür? Der -eine fühlt sich mit dreißig alt, der andere ist mit fünfzig jung. -Die Großmutter ist zweiundsiebzig Jahre alt und hat noch das junge, -lebendige Herz! Aber nie hat Frau Hiller so sehr gewünscht, sich alt -und ruhig zu fühlen, als jetzt in dieser großen Zeit, in der die Jugend -vor dem Alter zu Grabe getragen wird. - -In den vergangenen Wochen, als die Luft noch mild war, als der Regen -noch nicht so unablässig fiel und alle Wege grundlos machte, ist sie -oft stundenlang durch die angrenzenden Dörfer und Felder gewandert. Das -ist jetzt nicht mehr möglich. Man kann es kaum wagen, durch eine der -Promenaden in die Stadt zu gehen, und ist dann froh, wenn man wieder -im Warmen sitzt. Kein Mensch ahnt wie lang die Tage sich dehnen; kein -Mensch ahnt, was für Leidenswege ein armes Herz an solch langen Tagen -zurücklegt. - -Oft flieht sie zu den Wachtmeistersleuten in die Küche. Da ist es immer -traulich, da hört man immer etwas Neues. Die alte Frau sitzt an der -Maschine und näht bunte Hemden fürs Rote Kreuz. Das ist Heimarbeit -und wird schlecht bezahlt. Aber man tut es gern. Fräulein Else näht -Knopflöcher, oder sie steht am Plättbrett und plättet. Dabei singt sie. -Sie hat eine hübsche, sympathische Stimme und, was die Hauptsache ist, -sie hat echtes Gefühl. - -Wenn sie singt, wird man von einer guten, wohltuenden Traulichkeit -ergriffen, denn sie singt natürlich mit Vorliebe wehmütige Lieder vom -Scheiden und Sterben und Verlassensein. - -Wäre sie eine Tochter aus vermögendem Hause, so wäre wahrscheinlich -an diese warme, angenehme Stimme etwas gewandt worden, und sie würde -kunstvoll singen. So aber ist sie wie der Vogel im Wald, der sein Lied -singt, wie es ihm gegeben ist. Und das ist das Wohltuende an ihrem -Gesang. - -Daß diese Menschen, die alte Frau sowohl wie die Tochter, keine Damen -sind, daß sie ganz wundervoll einfach sind, das zieht Frau Hiller so -mächtig zu ihnen hin. Die beiden Frauen bringen es fertig, sie für -Stunden ganz gesund, ganz froh zu machen. - -Im Anfang hat sie nur gewagt, hin und wieder eine halbe Stunde auf -dem großen, rotbraunen Sofa in der Küche zu sitzen. Sie wollte nicht -stören; sie glaubte, man lege sich ihretwegen irgendeinen Zwang auf. -Und sie hat wohl auch das törichte Gefühl gehabt, sich herabzulassen, -wenn sie bei den Leuten in der Küche säße. Genau wie ihr Junge mag sie -gefühlt haben, der es im Anfang nicht begreifen konnte, daß er sich -hier mit den Jungen aus dem Volk, mit den Bauernsöhnen und Handwerkern -eins fühlen sollte. Wie schnell hat er seine Vorurteile über Bord -geworfen, wie schnell ist ihm alles klein und lächerlich erschienen, -was ihm angeboren, anerzogen war. Heute sind alle Menschen einander -gleich, ein jeder von den wehrfähigen Männern hat denselben Wert fürs -Vaterland -- ein jeder von ihnen will sein Blut geben, und eine jede -Frau, ob aus hohem Stand oder aus einfachem, zittert und leidet um -dasselbe. - -Um fünf Uhr, zur Kaffeezeit, liegt das altmärkische ‚Intelligenz- und -Leseblatt‘ in der gemütlichen Küche der Wachtmeisterswitwe, und um fünf -Uhr steht auch die große Kaffeekanne auf dem geblümten Tischtuch, und -Frau Hiller sitzt auf dem Sofa, neben ihr die alte Frau, und auf dem -Stuhl ihr gegenüber Fräulein Else. Das altmärkische ‚Intelligenzblatt‘ -bringt gewöhnlich dasselbe, was schon am Morgen in einer Berliner -Zeitung gestanden hat. Die offiziellen Nachrichten sind genau die -gleichen. Aber das, was so ein Provinzblatt sonst noch bringt, ist ihr -neu und scheint ihr eigentümlich. Sie liest den beiden Frauen vor, die, -bis die Dunkelheit völlig einbricht, ihre Arbeit wieder aufnehmen. Die -Herdtür steht offen, die Kohlen glühen und werfen den roten Schein -auf den Boden. Wenn die Wachtmeistersfrau zum Nähen nicht mehr genug -sehen kann, strickt sie im Dunkeln an einem Strumpf, und Fräulein -Else plättet, ohne das, was sie plättet, noch erkennen zu können. Das -Petroleum ist knapp geworden; man darf die Lampen erst anzünden, wenn -man die Hand vor den Augen nicht mehr sehen kann. - -Der Mangel an Petroleum ist unangenehm, aber er ist doch nichts -eigentlich Schlimmes, worunter man wirklich leidet. Doch genügt diese -erste Einschränkung, die dem Land auferlegt wird, um den Krieg auch -denen, die noch in Sicherheit, ohne jegliche Entbehrung dahinleben, ein -wenig näherzurücken. - -Im Nachbarhaus haben sie davon gesprochen, das Mehl könne ausgehen; -wenn der Krieg bis Weihnachten nicht zu Ende sei, habe man kein Brot -mehr. Im Nachbarhaus wohnen Schwarzseher, das ist bekannt. Aber -dennoch! Fast jeder Krieg führt Hunger und Krankheit im Gefolge. Wer -weiß, was noch kommen wird! Wer weiß, wie der einzelne dastehen wird, -wenn dieses furchtbare Ringen zwischen den Völkern einmal vorüber ist! - -Die drei Frauen in der warmen, dunklen Küche haben oft das -niederdrückende Gefühl, daß sie sich das Leben zu leicht und bequem -machen. Man heizt die Öfen und ißt sich satt -- genau wie in -Friedenszeiten. Man singt und erzählt sich Geschichten, und draußen -frieren und hungern und bluten sie. Gewiß, man näht, man strickt; aber -man möchte mehr tun! - -Man möchte, möchte! Aber wo soll man angreifen? - -Einmal kommt ein junger Arzt zur Wachtmeisterswitwe in die Küche -und trinkt den Kaffee mit den drei Frauen. Er erzählt von einem -Verwundetentransport, der in den nächsten Tagen eintreffen soll. Die -Lazarette stehen zum Empfang bereit; hilfreiche Hände sind zwanzigfach -mehr, als Bedarf ist, zur Stelle. Das ist entmutigend. Frau Hiller hat -früher den Samariterkurs durchgemacht. O, wenn sie helfen könnte! Nicht -im großen Berlin, wo so unzählige auf ihre Berufung warten! Aber hier, -im kleinen Altmärker Städtchen, hier, wo ihr Junge lebt, wo sie das -gute Heim gefunden hat. - -Sie weiß genau: Sobald sie großes, wirkliches Unglück sieht, wird das -Leid des eigenen Herzens überwunden sein! Aber der Arzt bleibt dabei: -An Ärzten ist Mangel, an Pflegerinnen Überfluß. Die Wachtmeistersfrau -seufzt: „Es müßte einmal einen Frauenkrieg geben!“ und lächelt dabei; -aber sie rührt in Frau Hillers Herzen an eine wehe Stelle. Es leben so -viele, die überflüssig sind, und es leben so viele, die jede Stunde -gern bereit wären, den großen Weg ins Nichts zu gehen. Draußen lassen -die Besten des Volkes ihr Leben, und im Lande, für das gekämpft wird, -leiden und stöhnen Tausende von Überzähligen weiter. - -Oben die Trompetersfrau hat seit drei Tagen ein kleines Mädchen; die -Geburt hat ihr fast das Leben gekostet. Ach, wäre es zu Ende gegangen -mit ihr, bevor das Kind die Augen aufschlug! Nun liegt sie bleich -und müd’ und fragt nach ihrem Mann. Wer wird den Mut haben, ihr die -grausige Wahrheit zu sagen? Wer wird es über sich bringen, ihr zu -sagen: ‚Du bist Witwe und dein kleines Mädchen war Waise, noch ehe es -geboren war!‘ -- - -Aber ein Unglück überholt das andere. Auch hier im Altmärker Städtchen. -Allein in den paar Häusern, die hier auf einem Block zusammen stehen, -ist Trauer und bitterer Schmerz in eine ganze Reihe von Familien -eingezogen. Eine junge Braut harrt Woche um Woche auf eine Nachricht -von dem, der in der Zeitung unter den ‚Vermißten‘ stand. Die Ärmste, -die mit ihren Gedanken in der weiten Welt herumirren muß, die von einer -Möglichkeit zu anderen tastet, die heute hofft und morgen in die -tiefste Verzweiflung sinkt, sie hat Schlimmeres durchzufechten als die, -der eine bittere, furchtbare Tatsache mitgeteilt wird. - -Frau Hillers Mitleid aber gehört der Frau des Trompeters. Das -Schlafzimmer der Wöchnerin liegt über dem ihren. In der Nacht hört -sie das kleine Geschöpfchen schreien. Lange hat sie kein kleines Kind -schreien hören; lange ist es her, seit sie bei einer jungen Mutter -geweilt hat. Wenn sie in der Nacht nicht schlafen kann, hat sie den -Wunsch, oben im Zimmer bei der armen Frau und dem neugeborenen Kind -sein zu dürfen. Eine alte Person aus des Trompeters Verwandtschaft ist -zur Pflege da. Sie schlurft durch die Zimmer, und man hat das Gefühl, -das ihr die Pflege vielleicht zu viel wird, daß sie oft verdrossen ist. - -Jede Nacht träumt Frau Hiller, daß sie das Kind im Arm hält und am Bett -der Mutter sitzt. Es wäre etwas so Einfaches und Natürliches, daß sie -hinaufginge und ihre Hilfe anböte. Aber jeden Morgen ist sie verzagt -und weiß nicht, wie sie eine Verbindung finden soll. - -Die junge Wöchnerin kann sich nicht erholen. In den Fluren des Hauses -stehen die Frauen und reden und reden. Die Ärmste fragt unablässig -nach ihrem Mann. Warum schreibt er nicht? Das geht doch nicht mit -natürlichen Dingen zu, daß er nicht schreibt! - -Die Qual des Wartens reibt sie auf; auch das Kindchen leidet unter der -Pein der Mutter. Die Frauen aus dem Haus sind jetzt übereingekommen, -daß man ihr die Augen öffnen muß. Ewig kann man sie nicht in der Lüge -erhalten, und wenn sie erst auf ist, kann sie es durch irgendeinen -Zufall erfahren. Aber wer fühlt sich berufen, die Nachricht zu -überbringen? - -Die Wachtmeistersfrau sieht eines Tages Frau Hiller mit forschenden -Augen an, dann sagt sie: „Am besten ist’s, eine ganz Fremde geht zu -ihr! Alle im Haus haben Angst, es ihr zu sagen!“ Und die Augen der -alten Frau sprechen eine Bitte aus: ‚Wollen Sie es übernehmen‘? - -Man sieht ihr neugierig nach, als sie die Treppe hinaufgeht. Es ist -Krieg -- ist Ausnahmezustand: warum soll da nicht die fremde Frau zu -der armen Witwe gehen und ihr das Traurige melden? Die wird am ersten -die richtigen Worte finden. - -Ach, aber Frau Hillers Träume hatten sie doch wohl irregeführt. Sie -hat sich gedacht, gleich eine Verbindung von Herz zu Herz zu finden; -doch wie sie oben im halbdunklen Schlafzimmer steht, kommt es wie -Verzagtheit über sie. Die blasse Frau im Bett fühlt sich verlegen und -beginnt, sich wegen der Einfachheit, in der sie lebt, zu entschuldigen. -Das Kind schreit, und die alte Pflegerin steht in der Mitte vom Raum -und macht keine Miene, zu gehen. - -Frau Hiller hat ein paar Leckerbissen und Blumen mitgebracht; sie gibt -es der Kranken, und die dankt mit viel zu viel Worten. Die Pflegerin -fragt, ob sie der gnädigen Frau Kaffee bringen dürfe, und weicht nicht -von der Stelle. Frau Hiller rückt sich einen Stuhl neben das Bett und -fragt nach allerlei Dingen. Sie hofft, die Kranke müsse von dem, was -sie bewegt, sprechen. Aber das tut sie nicht, denn sie spricht nur -vom Krieg im allgemeinen, von der Verwirrung im ganzen Städtchen, von -den Umzügen, von dem Alarm drüben in der Kaserne in den ersten Tagen. -Die arme Frau glaubt, ihren Gast unterhalten zu müssen; es hat etwas -Erschütterndes, wie sie darauf bedacht ist, über den eigenen Kummer zu -schweigen. - -Die Pflegerin beugt sich über die Kranke und flüstert ihr etwas ins -Ohr. Das Kindchen muß Nahrung haben, und man sieht den Besuch ängstlich -fragend an. - -Frau Hiller nimmt das Kind aus dem Arm der alten Frau und legt es an -die Brust der Mutter. Nun sind sie sich um vieles nähergerückt. Die -Frau lächelt sie dankbar an, und wie sie nun in den Kissen liegt, -sieht Frau Hiller erst, wie jung und lieblich dies Gesicht ist. Große, -ausdrucksvolle, dunkle Augen hat sie, und einen schönen, vollen Mund. - -Die Pflegerin muß zu Einkäufen in die Stadt fahren. Soll sie warten, -bis das Kleine gestillt ist, oder wird die Dame noch eine kleine -Stunde bleiben? Frau Hiller ist glücklich, daß sie bleiben darf. Sie -sieht, wie das feine Mündchen des Kindes sich in die Brust der Mutter -eingräbt; sie fährt mit der Hand über das weiche Köpfchen. So hat sie -einst ihren Ernst gehalten; so wie dies ganz kleine Kindchen hier zur -Mutter gehört, hat ihr Junge einst ihr gehört! Unausdenkbar, daß man so -eins war, daß so ein Kindchen einmal nichts anderes als ein Stück von -der Mutter war. Weh wird ihr ums Herz, als sie dies stille, traurige -Glück sieht. - -Das Kindchen schläft ein; das Mündchen läßt die Brust fahren, und Frau -Hiller trägt das kleine Geschöpf zu seinem Korb zurück. Die Frau bleibt -wie erschöpft in den Kissen liegen; sie wirkt wie ein Bild, von einem -alten Maler gemalt. Solch ein tiefes Leiden in den zarten Zügen! Frau -Hiller nimmt eine der blassen Hände in die ihren. Ihr ist’s, als sei -diese Frau ihre Schwester, als gehöre sie ganz eng zu ihr. Ihr Herz -ist von überquellender Liebe, voll tiefem, tiefstem Mitleiden. - -Aus ihrer Hand geht der Strom heißen Fühlens ins Herz der anderen über. -Sie hat jetzt vergessen, daß die Frau, die an ihrem Bett sitzt, eine -Fremde ist. Der matten Hand tut der warme Druck wohl. Die Seele wird -weich und mitteilsam. Und sie macht der, die zu ihr gekommen ist, ihr -das Bittere mitzuteilen, ihr Amt leicht. - -„Wenn man weiß, daß einer tot ist, daß es nichts mehr zu hoffen gibt, -dann kommt wenigstens Ruhe in den Kopf!“ klagt sie. Frau Hillers Hand -umschließt die der Kranken fester. Ihr Herz ist erregt, es schlägt so -laut, daß es ihr ist, als müßte man den lauten Schlag im Zimmer hören. - -„Jede Nacht höre ich ihn rufen! Jede Nacht sehe ich ihn irgendwo liegen -und höre ihn stöhnen!“ - -Sie wendet das Gesicht zur Seite, die matte Hand zuckt in Frau Hillers -Händen. - -„So viele von uns müssen jetzt dasselbe leiden!“ kommt es zaghaft aus -deren Mund. - -Das ist immer ein matter Trost; weiß sie doch von sich selbst, daß -ein Schmerz nicht weniger bitter wird, wenn man sich sagt, daß viele -dasselbe zu leiden haben. - -Die Frau im Bett richtet sich auf. Ihr Gesicht hat sich verändert; die -Augen starren in eine Ecke, um den Mund liegt ein harten Zug. „Ich habe -alles verloren, seit ich nicht mehr weiß, wo er ist! Ich kann nicht -mehr beten -- ich kann mich nicht an dem Kind freuen. Ich weiß nur -eines: wenn ich nicht bald Gewißheit habe, verliere ich den Verstand, -und ehe ich den Verstand verliere, mache ich ein Ende -- auch mit dem -armen Wurm da!“ - -Wie sie das vor sich hinspricht -- ohne Bewegung im Gesicht -- ohne Ton -in der Stimme, fühlt Frau Hiller, daß dies arme Weib wirklich am Ende -seiner Kraft ist, fühlt, daß dieser Kopf nicht viel mehr ertragen wird. -Sie drückt den noch schwachen Körper in die Kissen zurück. Sie beugt -sich so dicht zum Gesicht der jungen Mutter, daß sie es fast mit dem -ihren berührt. - -„Und wenn Sie nun die Gewißheit hätten! Wenn jemand ihnen mit -Bestimmtheit sagte: Er lebt nicht mehr! Er hat den schönsten Tod, den -ein Mensch finden kann, erlitten!“ sagt sie unsicher und erregt. - -Die Frau sieht sie ungläubig an; das blasse Gesicht verzerrt sich. Aber -dann geht eine Veränderung mit ihr vor. Sie weiß nun auf einmal, warum -die fremde Frau zu ihr herausgekommen ist in ihr armes Stübchen. Sie -begreift mit einem Male alles. Die aus dem Hause haben es längst gewußt -und haben nicht den Mut gehabt, ihr die Wahrheit zu sagen. Da haben sie -die Fremde hier heraufgeschickt. Sie zweifelt keinen Augenblick mehr. -Der Mann ist tot. Sie ist Witwe, das Kind ist Waise. Ein einziges Jahr -des Glückes -- dann aus! - -Sie sagt nichts mehr. Übers bleiche Gesicht strömen Tränen. Sie läßt -ihre Hand in Frau Hillers Händen. - -Still ist’s um die beiden -- fast dunkel im Zimmer. Aus dem Nebenraum -tönt das Ticken einer Uhr. - -Tiefer Frieden hier drinnen. Aber draußen in der Welt tobt die Wut der -Völker weiter; was gilt der einzelne Mensch, der unter den Millionen, -die sich in wildem Haß bekämpfen, steht? Fällt er, so fällt er; sein -ist die Ruhe. Aber jeder, der da draußen sein Leben läßt, stirbt nicht -für sich allein. Jede Wunde, die auf dem heißen Felde geschlagen wird, -reißt schlimmere Wunden bei denen, die zurückblieben, die sich im -Alltag weiterschlagen müssen! - -Wer ist schlimmer daran? Wer hat das größere Leid getragen? Der -arme Trompeter ist als Held gestorben, ist erlöst! Wenn man es noch -fertigbringt, an eine Gerechtigkeit jenseits dieser unharmonischen Welt -zu glauben, wird er zu ewiger Glückseligkeit gelangt sein. Die Frau -aber mit dem Kind hat ein langes, schweres, graues Leben vor sich. - -Frau Hiller fühlt, wie die Hand in der ihren schlaff wird. Sie beugt -sich über das weiße Gesicht. Die Augen sind geschlossen. Ruhige -Atemzüge -- ein guter, friedlicher Zug um den Mund. Sie schläft. - -Durchs Nebenzimmer schlurft die alte Pflegerin und kommt ans Bett. -Frau Hiller löst ihre Hand von der der Schlafenden. „Haben Sie ihr’s -gesagt?“ fragt die Frau und atmet erleichtert auf. - -Sie bringt Frau Hiller bis zur Treppe. „Na, nun wird’s ja bald gut -werden. Der Mensch kann alles aushalten -- nur Ungewißheit nicht!“ - -Unten im Flur springt Mirza an ihr hoch. Der kleine Husar steht in der -Küche bei den Wachtmeistersleuten, denn er hat eine freie Stunde und -will mit der Mutter zu Nacht essen. - -Strahlend erzählt er, daß sie gegen Typhus geimpft wurden. „Eine ganze -Menge ist schlapp geworden!“ erzählt er. „Nun weiß man doch wenigstens, -daß die Sache in Gang gebracht wird -- daß man in absehbarer Zeit -hinauskommt!“ Im dritten Monat sind sie in der Kaserne; das soll einer -aushalten. Man putzt Pferde und Knöpfe und Sattelzeug fürs Vaterland, -und bei den anderen Regimentern haben die Freiwilligen schon große -Schlachten mitgeschlagen und Eiserne Kreuze erworben. - - * * * * * - -Nun kommen die Russen also doch ins Altmärkische Städtchen. Die -Wasserleitung ist bis zu den großen, durch doppelten Stacheldraht -eingezäunten Plätzen hinausgelegt worden. Hohe elektrische Bogenlampen -bestrahlen die weiten Flächen, auf denen jetzt Tag und Nacht gearbeitet -wird. Baracken sind notdürftig aufgebaut, eine große Küche ist -eingerichtet worden. Kaufleute aus der Stadt erzählen von gewaltigen -Aufträgen, die sie zur Verpflegung des Russenlagers erhalten haben. - -Alle Welt spricht nur noch von den Russen! Wie mögen sie aussehen? Man -freut sich und fühlt doch ein leichtes Grauen. Fünfzehntausend Mann -sollen gebracht werden! Eine ganze Horde Feinde in allernächster Nähe! - -Eines Tages, als die Freiwilligen sich zum Abendapell versammeln, -bekommen sie einen Befehl, der sie mit Freude erfüllt. Sie haben ihre -Pferde zu satteln, werden zum Bahnhof reiten, um die Russen, die am -späten Abend eingeliefert werden sollen, in Empfang zu nehmen. Das -Gesicht der jungen Menschen leuchtet auf. Endlich etwas Kriegerisches! -Endlich mal einen Auftrag, der unmittelbar mit dem Krieg zusammenhängt! - -Aber der Wachtmeister legt ihnen einen Dämpfer auf. Ernst und -würdig müssen sie den Feind empfangen. Keiner darf reden -- keiner -irgendwelche Teilnahme bezeigen. Mit gefällter Lanze und geladenem -Karabiner haben sie auf ihrem Pferd zu sitzen und langsam den Zug zu -begleiten. Geschieht etwas Unerwartetes, geht die Sache nicht glatt -von sich, so haben sie auf Befehl von der Waffe Gebrauch zu machen. - -Die Russen kommen also doch. Tag und Stunde der Ankunft sollte -Geheimnis bleiben im Städtchen. Aber man hat es doch erfahren. -In einer kleinen Stadt erfährt man eben alles. Wozu sollten die -Absperrungsmaßregeln am Güterbahnhof getroffen worden sein, wenn nicht -für die Ankunft des Feindes? Die Russen kommen! -- die die Russen -kommen!! -- jedes Kind weiß es. - -Aber alles Interessante in dieser Zeit geschieht bei Nacht; -Mannschaften und Pferde, die ins Feld ziehen, alles wird bei Nacht -transportiert. Vor kurzem sollen fünfhundert gefangene Franzosen -durchgekommen sein und am Bahnhof eine Stunde gelagert haben. Auch in -der Nacht! Kein Mensch hat etwas von ihnen gesehen! Aber die gefangenen -Russen wird man sehen, denn die bleiben ja nun für lange Zeit am Ort. -Solange der Krieg dauert, bleiben die hier, und der Krieg kann noch -lange dauern. Kein Mensch glaubt mehr daran, daß Weihnachten Friede ist. - -Die Deutschen wollen jetzt gar keinen schnellen Frieden mehr! Sie -wollen bis zum Äußersten durchhalten! Was England dem Deutschen Reich -anzutun gedachte, das werden die Deutschen nun den edlen Briten -zufügen! Der Haß gegen die Engländer lebt bis ins kleinste Kinderherz -des ganzen deutschen Vaterlandes hinein. - -Man freut sich, wenn Russen oder Franzosen Niederlagen erleiden und -große Verluste haben. Der kleinste Triumph aber über England löst -ungeheuren Jubel aus. - -So feig ist der Brite, hat seine Flotte in die Irische See gebracht und -wagt sich zu keinem Angriff vor. - -Deutschland soll angreifen, soll sich preisgeben, soll plump -hereinfallen. England lebt nur noch von Lüge und Betrug. - -Die erste Nation der Welt hat sich die Lüge zur Politik gemacht. Ob die -Welt das duldet? Ob England sein Ansehen unter den Völkern behaupten -wird, wenn dieser gewaltige, unselige Krieg einmal zu Ende ist? Die -Kinder im Städtchen, die auf den Plätzen und in den Anlagen Krieg -spielen und die Rollen der Feinde untereinander verteilen, geben sich -gern dazu her, Franzosen, Russen oder Belgier zu sein. Den Engländer -aber will keiner abgeben; wer im Spiel Engländer sein muß, der schämt -sich und verlangt dafür, daß er beim nächsten Spiel Deutscher sein muß. - -Frau Hiller steht mit Fräulein Else in der Tür des Hauses, als die -Freiwilligen aus dem Kasernentor herausreiten. Wie ihr kleiner Ernst -nun schon sicher auf dem Pferd sitzt! Er nickt der Mutter zu, und der -große Zug schmucker Husaren, den Karabiner über der Schulter, die Lanze -im Arm, bewegt sich die lange Straße hinab, dem Bahnhof zu. - -Fräulein Else hat den lebhaften Wunsch, sich die Sache anzusehen. Am -Bahnhof ist natürlich alles abgesperrt, da kann man nicht durch. Aber -wenn man mutig ist, geht man zum Lager selbst hinaus. Es ist ja nicht -gefährlich, denn der Mond scheint, und draußen beim Lager brennen die -hohen Bogenlampen. - -Aus der Kaserne kommt der junge Arzt, der die Wachtmeistersleute hin -und wieder besucht und mit ihnen in der Küche Kaffee trinkt. Fräulein -Else läuft ihm entgegen und bringt ihr Anliegen vor. - -Der Arzt ist selbst auf dem Wege zum Exerzierplatz. Er hat das Amt, -nach den leichtverwundeten Russen, die schon am Morgen ankamen und im -großen Saal eines Bierrestaurants, dicht beim Lager, untergebracht -sind, zu sehen. Er begrüßt Frau Hiller und erklärt sich bereit, die -Damen zu begleiten. Mirza läuft mit ihnen. - -Es ist eine kühle, sternklare Nacht, und sie biegen gleich links von -der Kaserne in einen schmalen Weg ein. Rings um sie herum sind Felder; -ein Bächlein rieselt da durch, der Mond gießt weiches Licht auf die -Erde, und der Arzt erzählt von den Einrichtungen, die für die Russen -getroffen worden sind. Am Bahnhof, in einem Lazarett, liegt eine -Anzahl Schwerverwundeter. Ein paar von ihnen werden in allernächster -Zeit ihren Wunden erliegen. Entsetzliche Verletzungen haben sie -davongetragen. - -Arme Teufel! Es ist eine Grausamkeit, daß man sie leiden läßt, daß man -sie nicht erlösen darf, da man doch genau weiß, daß sie in ein paar -Stunden oder Tagen unter namenlosen Qualen sterben müssen. - -Frau Hiller hat sich in Fräulein Elses Arm gehängt, denn sie gehen über -Stoppeln, und das Mondlicht tanzt unsicher auf dem holprigen Boden. Es -ist ein weiter Weg bis zum Russenlager hinaus; alles totenstill um sie -her, kein Mensch begegnet ihnen, nur Mirza bellt hin und wieder, wenn -er irgendwo etwas Lebendiges wittert. - -Dem Russenlager gegenüber erhebt sich ein kleiner Hügel; wenn man da -hinaufsteigt, überschaut man den ganzen, weiten Platz wie ein Theater. -Der junge Arzt zieht die Uhr. „Die Damen werden noch eine gute Stunde -warten müssen,“ sagt er. „Sind Sie nicht ängstlich?“ - -Nein, ängstlich sind sie nicht! Wer soll ihnen etwas tun, sie haben ja -auch Mirza bei sich, und wenn er auch nicht viel ausrichten kann, so -würde er doch wenigstens bellen, wenn sich etwas Verdächtiges zeigte. - -„Aber es ist kalt, und es wird Ihnen noch etwas langweilig werden, -so lange dem leeren Platz gegenüberzustehen. Wenn Sie Lust und Mut -haben, so kommen Sie mit mir und schauen sich an, wo wir unsere -leichtverletzten Feinde untergebracht haben!“ - -Fräulein Else kämpft mit einem leisen Unbehagen, aber Frau Hiller ist -freudig überrascht. Nicht Neugierde drängt sie, aber in der Nacht denkt -sie oft über das Schicksal der Gefangenen, die krank ins Land ihrer -Feinde kommen, nach. „Wenn ich nur einen Blick in den Saal werfen -darf!“ Sie nimmt dankbar das Anerbieten des jungen Arztes an. - -Er führt sie ein Stück Weges zurück durch einen Garten, in dem den -Sommer über Tische und Bänke standen, und wo sich lustiges Leben -abzuspielen pflegte. Jetzt ist alles dunkel und einsam. - -Ein paar Stufen führen zum Eingang des Hauses hinan; man geht durch -den Restaurationsraum, in dem ganz wenige Gäste sitzen, und kommt in -den großen Tanzsaal. Starker Karbolgeruch dringt ihnen entgegen, und -Fräulein Else hält sich die Nase zu. „Hu, wie das riecht!“ - -Der Arzt geht voran, und die beiden Frauen bleiben am Eingang an einer -Säule stehen. Von der Decke herab hängen große Lampen, die weißes Licht -ausstrahlen. An der Erde, auf Matratzen, die eilig hierhergeschafft -wurden, weil man nicht auf so viele Kranke gerechnet hatte, liegen die -Verletzten; in voller Uniform liegen sie da, und einige haben sogar die -Mütze auf dem Kopf. - -Seltsam mutet dies Bild an -- traurig -- öd -- unfreundlich! Die -Lazarette, die in der Stadt sind, haben weiße Betten und weiße Möbel, -alles wirkt da hell und freundlich, so daß man das sichere Gefühl hat: -der hier liegt, muß gute und friedliche Gedanken bekommen. - -Dieser Saal aber, der so hastig hergerichtet werden mußte, hat etwas -Beklemmendes. Aber sie liegen zum wenigsten warm. Sie haben Pflege -und reichliches Essen. Gott mag wissen, ob es den Unseren, die als -Gefangene in ihr Land kommen, ebenso gut ergehen mag. - -Der Arzt tritt an einen Tisch, an dem zwei junge Leute mit dem -Abzeichen des Roten Kreuzes auf dem Arm stehen. Er läßt sich Bericht -erstatten und geht dann von Bett zu Bett. Die meisten der Gefangenen -sprechen deutsch, und einige von ihnen sehen intelligent aus. - -Auf der Matratze eines Schlafenden sitzt ein junger Mensch, der den -Kopf in die Hand gestützt hat. Von ihm kann Frau Hiller ihre Blicke -nicht lösen, denn etwas unsäglich Trauriges geht von ihm aus. Man soll -kein Mitleid mit den Feinden haben! Man soll an die Greueltaten, die -sie schon in unserer Heimat angerichtet haben, denken. Was wollen sie -denn mehr als das, was man ihnen hier bietet: ein warmes Lager, Essen -und Trinken und die nötige Pflege? Geht es uns etwas an, ob sie sonst -noch leiden, ob sie Heimweh haben, ob ihre Seele belastet ist? - -Der junge, energische Arzt tritt an das Bett des Schlafenden und -rüttelt den, der wie weltentrückt dasitzt, an der Schulter. Der fährt -auf und sieht den Arzt erschrocken an. Er hat nur einen Streifschuß an -der Hüfte und ist schon fast ganz wiederhergestellt. In einem Tag oder -zwei wird er zu den anderen ins Lager kommen. Der Schlafende scheint -doch aber eher zu den Schwerverletzten zu gehören; der hat einen -Lungenschuß und sein Atem geht röchelnd. - -Der Arzt sieht ihn an und läßt ihn schlafen, dann tritt er zu den -Frauen Er erklärt Frau Hiller die einzelnen Fälle. Der junge Mensch, -der wieder in seiner versunkenen Stellung, den Kopf in die Hände -vergraben, dasitzt, ist der Bruder des Schlafenden. Der Arzt hat sich -am Morgen mit ihm unterhalten, denn er spricht deutsch ebenso geläufig -wie russisch, und hat ihm mitgeteilt, daß er ganz nahe der Grenze -zu Hause sei. „Wollen Sie sich mal von ihm selbst seine Geschichte -erzählen lassen?“ - -Fräulein Else machte entsetzte Augen, und auch Frau Hiller möchte -abwinken. Aber der Arzt ist schon zu dem jungen Menschen hingegangen -und kehrt mit ihm zu den zwei Frauen zurück. Er hat ein sympathisches -Gesicht, und man sieht sogleich, daß er kein gewöhnlicher Mensch ist. -Er sieht jetzt auch gar nicht mehr so schwermütig aus und erzählt -fließend und anscheinend gern, wie er in den Krieg gekommen ist. - -Er und sein Bruder, der hier liegt, waren Beamte auf einem großen Gut, -hatten Urlaub bekommen und waren gerade im Begriff, zu Eltern und -Geschwistern in die Stadt zu fahren. Da heißt es: „Großes Manöver!“ Man -rüstet sich und denkt: In drei Tagen ist man frei! Da steht man auch -schon dem Feind gegenüber. Entsetzlich! Kein Mensch hat ihnen etwas vom -Krieg gesagt! Wochenlang liegen sie hinter Wällen -- immer er mit dem -Bruder zusammen -- schlechtes Essen -- trübe Nächte, und die Deutschen -schießen wie die Verrückten! Ende September haben sie sich ergeben -- -der Bruder mit einem Schuß in den Rücken, er mit der Hüftwunde, die -schon fast ganz ausgeheilt ist. - -Mit dem Bruder war es anfänglich auch nicht so schlimm; er konnte noch -ganz gut gehen und sitzen, aber der lange Transport hat ihm geschadet --- nun muß er vielleicht sterben! Da nimmt das Gesicht wieder den -schwermütigen Ausdruck an. Die Angst um den Bruder mag ihm das Herz -zuschnüren, denn man sieht und fühlt aus allem, daß er den Bruder -zärtlich liebt. Er ist noch blutjung und hat ein kluges Gesicht. Nun -erfährt er nichts mehr vom Krieg, wird nicht hören, wie es um sein Land -steht, und wie lange die Gefangenschaft dauert! - -„Danke,“ sagt der Arzt in dem Augenblick, in dem der junge Mensch -anfängt von seinen Gefühlen zu reden. Das klingt schroff, und Frau -Hiller und Fräulein Else sehen ihn vorwurfsvoll an. Kein Mitleid mit -den Feinden! Frauen aber können sich schwer dem Mitleid verschließen! - -Der junge Mensch sitzt wieder ganz versunken am Lager des Bruders. Was -mag er nun gegen die empfinden, denen er Rede stehen mußte über das, -was sie hören wollten, und auf deren Gebot er schweigen mußte, als das, -was er zu sagen hatte, ihnen nicht mehr paßte? - -Frau Hiller sieht zu ihm hin und stellt sich vor, daß ihr Junge eines -Tages so im fremden Land sitzt, den Kopf in die Hand gestützt, das Herz -voll Verzweiflung, und daß er vielleicht vorgerufen wird und Frauen -aus Feindesland Rede stehen muß und fortgeschickt wird, sobald ihre -Neugierde befriedigt ist. Sie schämt sich und hat das Gefühl, zum Leid -eines armen Menschen noch Haß und Verbitterung gesellt zu haben. - -Der Arzt zieht seine Uhr. Er hat in dieser Nacht hier nichts mehr zu -tun und greift zu Hut und Mantel. „In einer Viertelstunde kann übrigens -der Transport beim Lager ankommen, also gehen wir!“ - -Draußen atmen sie tief auf. Eine klare Nachtluft empfängt sie und kühlt -den erhitzten Kopf. Mirza, der im Gastzimmer geblieben war, springt -hoch an Fräulein Else in die Höhe. Die Sterne funkeln, und der Mond -macht die Erde silbern. Es ist eine köstliche Spätherbstnacht! - -Sie steigen auf den Hügel und sehen die Welt wie ein Märchen vor -sich liegen. Weit dehnen sich die vom Drahtzaun eingefaßten Flächen -vor ihnen aus, und die Bogenlampen werfen ein geisterhaftes Licht -darüber. Zu allen Seiten sind weite Felder, und der Blick kann in die -Unendlichkeiten schweifen. Nirgends ein Hemmnis, denn öd und flach ist -das altmärkische Land! - -Frau Hiller wendet sich der Seite zu, wo die Stadt mit ihren -Kirchtürmen liegt. Ganz verschleiert nur sieht man die Umrisse. Es ist -beklemmend still oben auf dem kleinen Hügel; keiner von den dreien -spricht ein Wort, und Fräulein Else hat den frierenden Hund auf die -Arme genommen. Ein leiser Wind raunt durch die letzten Blätter der -Bäume, und hin und wieder schwirrt ein Vogel durch die Luft. - -Frau Hiller ist es, als beginne ihre Seele zu fliegen -- sie sieht -Dinge, die noch kein Mensch gesehen; sie weiß und versteht Dinge, die -niemand auf Erden begreifen kann. Ihr ist, als öffnen sich Tore vor -ihr, die sich erst dem erschließen, der sein irdisches Leben abgeworfen -hat. - -So oft in diesen unseligen Zeiten, seit der Krieg begann, hat sie -an allem, was sonst ihre Zuflucht gewesen, zu zweifeln begonnen: an -dem Gott, der die Geschicke der Menschen in der Hand hält, der über -Recht und Unrecht entscheidet. In dieser Nacht aber wird ihr ein -Gnadengeschenk. Der Himmel öffnet sich ihr, und sie sieht in Pracht -und Herrlichkeit hinein. Sie sieht mit den Augen eines Kindes, dem ein -Märchen erzählt wird. Sie sieht Gott mit dem milden Antlitz und dem -Glorienschein ums Haupt, wie ihn fromme Kinder sich vorstellen. „Wer -sein Leben unschuldig hingibt, der wird hier oben bei mir die Seligkeit -erlangen!“ hört sie ihn sagen. Da weiß sie wieder, daß das, was man -sie in der Jugend lehrte, doch wahr ist. Die paar Jahre, die der -Mensch hier unten auf der Erde hinzuwandern hat, die sind also nichts -anderes als die Vorbereitung für die Ewigkeit da oben! Alle Menschen -bekommen das in ihrer Kindheit gesagt, aber sie vergessen es, oder -sie wachsen darüber hinaus. Und weil jeder nur an das eine Leben hier -unten denkt, kommt so viel Böses und Hartes und Schlimmes in den Herzen -auf, -- darum auch ist der Neid und der Haß unter den Völkern so groß -geworden -- darum schlachten sich die Menschen jetzt hin! Jeder will -für dies eine Leben, an das er glaubt, alles für sich zusammenraffen -- -keiner denkt an die Herrlichkeit da oben und darum will keiner arm und -bescheiden und gut bleiben. Wie verblendet sind die Menschen geworden! - -Der Arzt faßt Frau Hiller leise am Arm, und im selben Augenblick ist -die Traumwelt versunken. Vom Dom und von der Marienkirche schallen -Glockentöne: es ist Mitternacht. - -Der Arzt deutet mit der Hand nach der großen Straße hin, die vom Tor -hier heraus zu den Exerzierplätzen führt. In weiter Ferne hört man -Pferdegetrappel, hört die Marschschritte der Gefangenen. - -„Sie kommen! Sie kommen!“ ruft Fräulein Else und läßt Mirza aus ihren -Armen gleiten. - -Das Auge kann erst allmählich unterscheiden; man sieht etwas wie -eine graue Schlange heranziehen. Es kommt näher und näher. Das -Pferdegetrappel schlägt jetzt schon ganz deutlich ans Ohr, man kann die -Umrisse der Reiter erkennen. - -Ein Schauer geht durch die beiden Frauen. Der Krieg ist ihnen mit -einmal ganz nahe gerückt! Der Feind, der Deutschland in Stücke zerhauen -will, kommt als Gefangener ins Land! Man hat all die Tage gar nicht -darüber nachgedacht, was das eigentlich so recht bedeutet. Auch vorhin -bei den armen Verwundeten hatte man nicht das Gefühl eines Triumphes. -Nun aber, da der Trupp näher und näher kommt, erschauert man unter der -Größe des Augenblicks. - -Sie sind schon ganz nahe! Zwei Vorreiter sind am Stachelzaun angelangt. -Eine Tür wird geöffnet -- eine Anzahl Soldaten bilden Spalier -- die -Husaren verteilen sich rund um den weiten Platz herum, und die ersten -Russen betreten das Lager. Still alles ringsumher, nur das Marschieren -der Truppen und das Aufschlagen der Pferdehufe ist hörbar. - -Die Russen tragen braune Mäntel, die sich kaum vom Erdboden -unterscheiden; sie fließen durch die schmale Tür auf den weiten Platz -wie eine Masse, die eine Form füllen soll. Unabsehbar dehnt sich der -Zug der Anmarschierenden hin; man hat gar nicht mehr die Empfindung, -daß diese wogende Menge, die hier einzieht, aus einzelnen Menschen -besteht. Man sieht nur noch das Ganze, das durch die enge Tür quillt, -das anschwillt, das wie ein Meer auf und nieder wogt! - -Werden sie alle Platz haben? Wird ein jeder ein kleines Stück Boden für -sich finden, wo er sich zur Nacht ausstrecken kann? In Baracken und -Zelten ist Stroh aufgeschüttet worden. Gegen Sturm und Kälte sind sie -also genügend geschützt. „Viel zu human,“ sagt der Arzt, der zwischen -den beiden Frauen steht. „Wer weiß, wie sie mit den Unseren umgehen, -die in ihr Land kommen?“ - -Es ist gut für Frau Hiller, daß ihr Mitleid eingedämmt wird, daß sie -es immer wieder hört: „Wie werden die Deutschen, die in Feindesland -kommen, aufgenommen werden?“ Dann denkt sie an ihren Ernst -- und das -Herz wird hart gegen Deutschlands Feinde. - -Aber immer wieder bricht der Schmerz und der Jammer um all das Leid, -das in die Welt gekommen ist, in ihrer Seele hervor. Wer hat diesen -furchtbaren Krieg gewollt? Wer hat die Brandfackel in die Welt -geschleudert? Welcher verruchte Kopf ist es, der die Massen aufwiegelte --- wessen Seele wird einst Verantwortung tragen müssen für das -namenlose Leid, für den grenzenlosen Jammer, der jeden einzelnen, der -doch nichts anderes als ein armes Werkzeug ist, trifft? - -Die Husaren auf ihren Pferden stellen sich rund ums Lager auf, immer -noch mit gefällter Lanze, immer noch zum Angriff bereit. Aber die -Gefangenen gehen friedlich, wie Vieh, das in den heimatlichen Stall -zieht, in ihr Lager hinein. - -Von der Stadt her kommt der Landsturm angezogen; der hat die Wache zu -übernehmen. Die Nacht ist vorgeschritten; ein Frösteln geht durch die, -die oben auf dem Hügel stehen. Der Wind, der bislang wie ein Raunen -durch die Kronen der Bäume gezogen ist, wird stärker. Am Himmel treiben -Wolken, die Sterne sind verschwunden, und der Mond ist fahl geworden. - -Nun ist der letzte Russe ins Lager eingezogen; die Tür schließt sich. -Zwei Wachtmeister kommandieren die Husaren, die sich zu Reihen ordnen. -Frau Hiller schaut auf den Zug, der sich zur Stadt bewegt. - -Da kommt wieder das große Staunen in ihre Seele. Das Kind, das bislang -ihr eigen war, ihr kleiner Ernst, ist einer von den Husaren, die hier -eine so ernste, feierliche Mission verrichtet haben. Welcher mag es -sein? - -Jeder einzelne wird ein paar Sekunden lang von dem hellen Licht der -Bogenlampen bestrahlt; aber sie hat ihren Jungen nicht erkannt! - -Stolz und Schmerz kämpfen wieder gegeneinander. Der Stolz sagt: -‚Freue dich, daß du dem Vaterland einen Sohn zu geben hast!‘ Aber der -eigennützige Schmerz sagt: ‚Ich habe ihn geboren -- ich habe ihn groß -gezogen, und nun, da ich einen guten Kameraden an ihm hatte, muß ich -ihn hingeben!‘ - -Sie stehen noch eine Weile auf ihrem Hügel; sie sehen, wie der -Landsturm sich rings ums Lager verteilt. - -Drinnen, innerhalb des Drahtzaunes, wogen die Massen auf und nieder --- Tausende von einzelnen Leben, die nun zu einem großen Ganzen -verschmolzen sind! Tausende von Köpfen und Herzen, die hier leiden -werden! - -Und zu diesen Tausenden, die hier in der Fremde die Gefangenschaft -erdulden müssen, gehören wieder Tausende in der Heimat, die mit ihnen -leiden -- deren Seelen dunkel und verzagt sind. Die ganze Welt ein -einziger Jammer -- ein einziger Weheschrei! Wer hat diesen unseligen -Krieg heraufbeschworen? Wer trägt die Schuld, daß die Welt in solche -Finsternis geraten konnte? - -Der junge Arzt mahnt zur Heimkehr. Das Schauspiel ist vorüber; das, was -man jetzt sieht, wird man durch Wochen -- durch Monate -- vielleicht -noch ein ganzes Jahr hindurch sehen können, denn der Krieg hat noch -lange, lange nicht ausgetobt! - - * * * * * - -Die Großmutter hat sich zur Reise ins Altmärker Städtchen aufgemacht. - -Das ist ein großer Entschluß für sie gewesen, denn mit zweiundsiebzig -Jahren reist man nicht mehr ganz leichten Herzens wie in der Jugend, -durch die Welt. Und ganz besonders in diesen Zeiten nicht, in denen man -noch gar nicht auf regelmäßige Beförderung rechnen kann; in denen noch -immer Überraschungen an der Tagesordnung sind: Truppenverschiebungen, -Gefangenentransporte oder erweiterter Güterverkehr, der die -Personenbeförderung einschränkt. - -Großvater ist gar nicht damit einverstanden, daß die alte Frau die -Fahrt, die noch dazu sehr umständlich ist, wagen will. Da sie aber -hartnäckig ist, hat er ihr seine Begleitung angeboten. Doch sie will -nicht, daß die Wohnung ohne männlichen Beschützer bleibt. Sie hat so -ihre Ahnungen, die sie selten täuschen; sie ist sicher, daß sich irgend -etwas Schreckliches ereignen wird, wenn sie beide ihr Heim verlassen, -und sie würde keinen Augenblick der Ruhe haben. - -Eine ganze Woche kämpft sie mit sich selbst. Es fällt ihr wirklich -nicht leicht, sich zu der Fahrt zu entschließen, aber der Wunsch, -den Enkel in Uniform zu sehen, der Wunsch, den Sohn ihres Sohnes noch -einmal, bevor der große Abschied kommt, ans Herz zu drücken, ist zu -brennend geworden. - -Den ganzen Tag, Stunde für Stunde, muß sie an den Jungen denken. Sie -hat immer gehofft, er würde mal ein paar Tage Urlaub erhalten und sie -besuchen; aber die Freiwilligen bekommen nur dann Urlaub, wenn ganz -zwingende Gründe vorliegen, und die Sehnsucht einer Großmutter, ihren -Enkel wiederzusehen, ist kein zwingender Grund. - -Wenn sie also den drängenden Wunsch ihres Herzens befriedigen will, muß -sie sich zur Reise entschließen, und zwar bald, denn der Winter steht -dicht vor der Tür, und man muß von Tag zu Tag auf Schneestürme und -Frostwetter vorbereitet sein. Sie rüstet sich, als habe sie eine Reise -von Wochen vor. - -Natürlich kann sie nicht mit leeren Händen kommen. Die Müller hat ihr -helfen müssen, ein paar Eßpakete zu packen; außerdem hat sie einen -ganzen Berg von Wollsachen, den sie und die Müller gestrickt haben. Das -kann der Junge natürlich nicht alles selbst brauchen und soll er auch -nicht. Sie hat nicht für den Enkel, sondern fürs Vaterland gestrickt; -also mag er ärmere Kameraden, die noch nicht im Besitz des Nötigen -sind, mit dem, was sie und die Dienerin verfertigt haben, beglücken. - -Der Großvater sitzt neben ihr, als sie im geschlossenen Wagen zur -nächsten Bahnstation fährt. Das Herz ist ihr furchtbar schwer. Es ist -vielleicht doch eine Torheit, daß sie die Reise wagt. Sie legt ihren -Arm in den ihres Mannes und schmiegt ihr Gesicht an seine Schulter. -Wie ein ganz junges Paar sitzen sie eng aneinandergelehnt im Wagen. - -Großvater hat ihr genau aufgeschrieben, wo sie umzusteigen hat; aber -am Bahnhof wiederholt er die Reisestrecke noch zwei-, dreimal. Beim -Abschied muß sie weinen und fühlt sich ganz schwach -- aber sobald der -Zug sich in Bewegung setzt, ist alles gut. - -Es wird sogar ganz lustig; sie hat nette Reisegesellschaft, hört -allerlei kleine Geschichten erzählen, und ihre Augen beginnen zu -leuchten. Die alte Lebenslust ist wieder da. Sie hat das Gefühl, daß -sie sich wohl zu sehr einkapselt, darum vorzeitig alt wird und die -rechte Verbindung mit der Welt verliert. - -Das Umsteigen geht sehr glatt; es ist überhaupt während der ganzen -Reise alles wie zu normalen Zeiten. Nur, daß an Brücken und Tunnels -Wachen stehen, und daß im Wagen ein Plakat angebracht ist: ‚Reisende, -helft unsere Brücken und Tunnels schützen!‘ erinnert an den Krieg. - -Der Zug kommt auf die Minute pünktlich im Altmärker Städtchen an; die -Schwiegertochter ist am Bahnhof, und ein Wagen, der sie zur Kaserne -hinausbringt, ist zur Stelle. - -Frau Hiller ist im ersten Augenblick, als sie die alte Frau sieht, ein -wenig benommen. ‚Wie ein Bild, das aus seinem Rahmen genommen würde!‘ -muß sie denken; denn sie hat die Großmutter eigentlich immer nur in der -zu ihr gehörenden Umgebung und nie an einem fremden Ort gesehen. - -Großmutter hält während der ganzen Wagenfahrt die Hand ihrer Maria in -der ihren und läßt sich erzählen. Dabei schaut sie zu den Fenstern -hinaus, findet, daß die Stadt eigentlich ziemlich reizlos sei, und -staunt über den weiten Weg. - -Sie begegnen einem Trupp graugelber Husaren, aber Ernst ist nicht -darunter. - -Die Wachtmeistersfrau und deren liebenswürdige Tochter begrüßt die -Großmutter mit einer gewissen Herablassung, sieht sich prüfend in den -beiden Zimmern, die ihre Maria hier innehat, um, tritt ans Fenster -und schaut auf die langgestreckten Gebäude der roten Kaserne. Dabei -schüttelt sie den Kopf. - -„Daß gerade du es so lange hier aushältst, Kind, wundert mich. Du -bist doch eine Naturschwärmerin und hast auch einen gewissen Luxus in -deiner Umgebung nie gut entbehren können!“ Dabei schaut sie ein wenig -hochmütig auf all das, was hier herumsteht und an den Wänden hängt. - -„Ist es nicht hübsch und behaglich hier?“ fragt Maria erstaunt, denn -sie hat das Gefühl, nie im Leben sich so wohl gefühlt zu haben als hier -in den zwei einfachen, traulichen Zimmerchen. - -Die Großmutter läßt sich aus all ihren vielen Umhüllungen auswickeln; -Fräulein Else bringt den Kaffee, und nun wird auch die alte Frau warm -und gemütlich. Sie freut sich, daß ihre Maria strickt und näht, und -läßt sich vom Jungen erzählen. - -Plötzlich tut sich die Tür auf -- Sporen klirren, die Großmutter -springt mit einem leisen Schrei auf und hält den Enkel am Herzen und -weint und schluchzt dabei. - -Der Junge ist ein wenig verlegen, streichelt ihr die Schulter und sagt: -„Aber Großmutter -- Großmutter!“ Er duftet nach Pferdestall, denn er -hat Stallwache. - -Die alte Frau schiebt ihn ein wenig von sich ab, legt ihm beide Hände -auf die Schultern und schaut ihn an. Kerzengerade -- schlank und rank -steht er vor ihr -- auf den Lippen den Flaum eines Bärtchens -- die -Wangen rot und die Augen klar und voll Lebenslust. Eine heiße Freude -kommt im Herzen der Großmutter auf. Also wird er doch ein Mann werden --- kein Träumer -- kein Weltverächter. Blut von ihrem Blut. Der rechte -Sohn ihres Sohnes! - -„Siehst du, Maria, daß ich recht hatte! Ein Junge will von Männerhänden -angefaßt sein. Ich kann dir den Vorwurf nicht ersparen. Du hättest ihn -früher hergeben müssen -- -- aber schadet nichts! Das, was ich immer -für ihn ersehnt habe, ist ja nun doch noch gekommen. Er ist auf dem -besten Wege, ein Mann zu werden! Und wie ihn die Uniform kleidet! - -Genau wie bei seinem Vater! Zog der Zivil an, dann war er nicht -wiederzuerkennen. Also, Junge, nun bleibst du bei der Stange! Offizier -ist der einzig wirkliche Beruf. Und sollst mal sehen, was das für ein -Avancement gibt, wenn der Krieg vorüber ist. Dann braucht Deutschland -erst seine Offiziere. Und wenn du brav und schneidig bist, dann wird -Großmutter auch ein übriges tun; dann sollst du über die Zulage nicht -zu klagen haben!“ - -Ihr Gesicht ist heiß vor Erregung; sie hält den jungen Menschen immer -noch an beiden Schultern fest, küßt ihn wieder auf beide Wangen und -lacht dann. „Bringt er immer so einen angenehmen Duft aus der Kaserne -mit, Maria? Aber nun setz’ dich, mein Junge!“ Und sie zieht ihn neben -sich aufs Sofa und bittet die Schwiegertochter: „Pack’ mal das kleinere -der beiden Pakete aus, da ist der Kuchen drin!“ - -Die Müller hat köstlichen Kuchen gebacken -- dreierlei Sorten. Kein -Luxuskuchen, sondern einen echten, rechten Soldatenkuchen -- kräftig -und gewürzig, mit viel Mandeln und Zitronat, wie ihn der kleine Ernst -immer geliebt hat. - -Die Großmutter häuft ihm den Teller voll. „Ein Soldat muß immer hungrig -sein!“ Ihre Hände zittern, und in den Augen stehen schon wieder die -Tränen. - -Der Sohn ihres Sohnes! -- So wie dieser jetzt hier sitzt, hat sie das -eigene Kind im Gedächtnis behalten. - -An den, der so früh dahinsiechte, der das schwere Leiden in sich trug, -denkt sie nicht gern; alles Kranke, Traurige hat sie immer in ihrem -ganzen Leben von sich abgeschoben. - -Das alte, junge Gesicht ist wie verklärt, während der Enkel mit Behagen -seinen Kuchen verzehrt. Das Kind ihres Kindes! Heiße Liebe wallt in -ihrem Herzen auf. - -Und die auf der anderen Seite neben ihr sitzt, ist die Mutter ihres -Enkels -- die Frau ihres toten Sohnes. Ach, mögen ihre Naturen -verschieden sein, mag diese Maria ihren Kopf für sich haben, was liegt -daran? Sie gehört ganz eng zu dem lieben, lieben Jungen da -- und -Großmutter, übermannt von den großen, guten, weichen Gefühlen, schlingt -den einen Arm um den Enkel, den anderen um die Schwiegertochter und -küßt den einen und küßt die andere. „Meine lieben, geliebten Kinder -- -meine guten, herzigen Kinder!“ - -Der Junge fängt an zu erzählen. „Du hast einen schlechten Tag zum -Besuch ausgewählt, Großmutter. Heut abend kann ich keinen Urlaub -bekommen. Einfach unmöglich; ich muß im Stall bleiben!“ - -Frau Hiller denkt daran, einen Besuch beim Oberleutnant zu machen und -für den Jungen um ein paar freie Stunden zu bitten. Aber davon will -die Großmutter nichts wissen. Der Dienst geht vor und morgen ist auch -noch ein Tag. - -Sie streichelt die braune, derbgewordene Hand des Husaren und kann sich -nicht satt an ihm sehen. Wie frisch und lebendig er erzählt! Wie ganz -anders als früher er in die Welt schaut -- wie ihm die Augen leuchten! -Die Rührung will ihr immer wieder aufsteigen, die Tränen rollen ganz -von selbst aus den Augen. - -Nach einer kurzen halben Stunde springt der Junge auf; er muß hinüber --- es ist höchste Zeit. ‚Jammerkapaun‘, der Wachtmeister, den sie so -nennen, weil er eine komische Art zu jammern und dazu etwas von einem -stelzenden Vogel hat, hat heute ohnehin seinen bösen Tag. - -Stramm steht er vor Großmutter -- die Hacken zusammengeschlagen -- -Hände an der Hosennaht. „Bis morgen!“ - -Da jauchzt ihr Herz. Mit demselben schalkhaften Zug um den Mund hat -auch ihr Junge sie immer angesehen. Fleisch von seinem Fleisch! Geist -von seinem Geist! - -„Geh mit Gott, mein Junge!“ Und sie umarmt ihn so inbrünstig, als -sollte das die letzte Umarmung, die sie ihm geben kann, sein. - -Vom Fenster aus sieht sie ihm nach. Wie er elastisch dahingeht! Wie er -den Kopf hält! O, daß sie das erleben durfte, ihn so zu sehen! Daß sie -die Gewißheit mit nach Hause nehmen darf, daß er ein echter deutscher -Mann und kein Träumer und Philosoph geworden ist! - -Aber damit ist auch ihre Spannkraft erschöpft. Nun fühlt sie plötzlich -wieder, daß sie zweiundsiebzig Jahre alt ist und einen anstrengenden -Tag hinter sich hat. Sie legt sich in eine Sofaecke; aber das ist ihr -nicht bequem genug. Sie hat das Verlangen, sich auszustrecken, und -geht gern auf Marias Vorschlag, sich schon jetzt zu Bett zu legen, ein. -„Alte Leute sollten wirklich nicht mehr reisen!“ seufzt sie, als sie in -den Kissen liegt. - -Auch das Bett tut ihr nicht wohl. Sie ist ihre weichen Federbetten -gewohnt und liegt hier auf einer steifen Matratze. „Komm, setz’ dich -zu mir, Kind. Sprich mit mir; meine Seele ist bang geworden!“ Die alte -Hand zittert und die Stimme klingt nicht so voll wie sonst. - -Oben schreit das kleine Kind der Trompetersfrau, und Frau Hiller -erzählt der Großmutter die traurige Geschichte dieser Leute; erzählt, -wie sie hinaufgegangen ist zu der armen Witwe und ihr das Schreckliche -beigebracht hat, und erzählt weiter, daß die Frau nun schon wieder ganz -ruhig ist, ja geradezu erstaunlich ruhig und gefaßt ist, und daß es -sie eigentlich enttäuscht hat, daß ein so furchtbarer Schmerz so bald -überwunden werden konnte. - -Die Großmutter denkt anders darin. „Solche Frauen brauchen wir heute, -Kind, die sich mit dem Leben abfinden können, das ist jetzt die -Hauptsache. Tatsachen hinnehmen und sich sagen: Vorwärts! Nur nicht -zurückschauen -- nicht grübeln -- nicht ändern wollen, was nicht zu -ändern ist. Das solltest du auch lernen, Maria! - -„Seit deinem letzten Besuch bei mir ist es mir zur Gewißheit geworden, -daß etwas an dir nagt, daß du mir vieles verbirgst. Du trägst eine -Liebe im Herzen, Maria, die du vor der Welt verheimlichen mußt. Ich -weiß nicht, warum! Ich will es auch nicht wissen. Du bist alt und -selbständig genug, um selbst über dein Leben zu verfügen; das aber -glaube mir, solange ein Mensch sich nicht mit sich selbst im klaren -ist, solange kann er sich auch in der Welt nicht wohl fühlen. - -„Du denkst von mir: die Großmutter ist eine derbe, praktische Frau, die -mich nicht versteht. Zugegeben, Maria, daß ich derber und praktischer -bin als du! Aber ein heißes Herz hab’ auch ich gehabt und hab’ es heute -noch; und ich weiß auch, was es heißt, eine hoffnungslose Liebe in sich -tragen. Keine Krankheit des Körpers kann solche Qualen verursachen, wie -ein krankes, gemartertes Herz. Ich weiß das alles. Aber ich weiß auch, -daß der Mensch dagegen an kann, wenn er es mit aller Kraft will. - -„Man kann sich in einen Schmerz hineinsteigern oder man kann suchen, -eines Schmerzes Herr zu werden! - -„Man kann erwachsene Kinder haben und noch sehr jung sein. Ich bin -um ein Menschenleben älter als du und brauchte doch auch noch einen -Menschen, dem ich gut sein kann. - -„Eine heiße, wilde Liebe ist dazu nicht nötig. Die großen -Leidenschaften gehören der ganz jungen Jugend. Was dir fehlt, Maria, -das ist ein guter, lieber Gefährte, der es treu und einfach mit dir -meint. Alles Einfache ist von Bestand. Alles, was sich zu weit von der -Natur entfernt, ist halt- und wurzellos. - -„Sieh’ zu, daß du einfach wirst; sieh’ zu, daß du frei wirst! Und wenn -der Junge heut oder morgen von dir fortzieht, wenn ganz dunkle Zeiten -für dich kommen, dann denke, daß du eine Zuflucht bei der Großmutter -hast. Dann lasse dich von deiner derben, praktischen Großmutter gesund -machen. - -„So, und nun bin ich müd’, Kind! und will dir was sagen: Laß mich -gleich morgen früh wieder abreisen. Den Jungen habe ich gesehen, -und das Bild, das ich jetzt von ihm mitnehme, ist ein so liebes und -schönes, das ich in gar nichts verändert haben möchte. Und dir hab’ -ich gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, damit ist genug. - -„Großvater hat mir die Züge, mit denen ich fahren kann, genau -aufgeschrieben; sorge du, daß ein Wagen zur Stelle ist und sei nicht -böse, daß ich so schnell wieder abreise. Mit zweiundsiebzig Jahren kann -der Mensch sein Heim nicht mehr lange missen! Gute Nacht, mein Kind -- -mein liebes, gutes Kind!“ Und sie küßte die Frau ihres Sohnes, als sei -sie das eigene Kind, küßte sie wieder und wieder. - -Der kleine Hiller ist erstaunt, die Großmutter nicht mehr vorzufinden, -als er am nächsten Mittag herüberkommt. Schadet aber nichts, denn er -hat wieder kaum eine halbe Stunde Zeit! Am Mittag soll’s nach Magdeburg -gehen; in Magdeburg aus der Kaserne rücken die Freiwilligen schon -aus und brauchen Pferde. Da müssen die graugelben Husaren die ihren -hergeben. Dreißig Mann sind kommandiert, um neunzig Pferde nach dort zu -bringen. Sein Gesicht strahlt. Famos, daß man einmal aus der Kaserne -herauskommt! - -Die Großmutter hat einen Schein für ihn zurückgelassen. Den steckt er -schmunzelnd in seinen Brustbeutel, ißt hastig zu Mittag und eilt zur -Kaserne zurück. - -Eine halbe Stunde später reiten sie los; dreißig junge Kerle -- jeder -auf einem Pferd, einen Stock in der Hand und zwei Pferde am Halfter -führend. Die Pferde tanzen um die Reiter herum; bei der scharfen -Biegung um die Ecke stiegen einige von ihnen kerzengerade in die Höhe. -Gefährlich sieht das aus, und Frau Hiller, die oben am Fenster steht, -fühlt ihr Herz erbeben. Wie sollen die ans Ziel kommen, wenn das hier -schon so wild angeht! - -Der Wachtmeister schreit sich heiser; es will keine Ordnung in den -Zug kommen. „Teufel noch mal, seid ihr nicht Herr über die paar -unschuldigen, eingerittenen Gäule? Und wollt bereit sein, ins Feld zu -ziehen?“ - -Die Stöcke sausen über die Rücken der widerspenstigen Tiere; die Hand, -die die Zügel führt, wird eisern. Man wird doch drei Pferde regieren -können! „Los!“ Und nun geht’s auf einmal. - -Der kleine Hiller nickt zum Fenster hinauf. Er hat neben dem Zügel eine -Blume in der Hand. Eine feuerrote Rose! - -„Von wem mag er die haben?“ - -Die Wachtmeistersfrau lacht vergnügt: „Von wem soll ein junger Husar -wohl eine Blume zum Geschenk erhalten? Die Wachtmeister pflegen ihren -Rekruten keine roten Rosen zu schenken!“ - -Frau Hiller fühlt, wie ihr das Blut ins Gesicht steigt. Sie denkt an -die Pärchen, die abends am Fluß entlang wandern; sie denkt an jenen -Abend, an dem ihr Ernst so hart über Hipp geurteilt hat. Die rote Rose -will nicht aus ihren Gedanken heraus. Ernst, ihr kleiner Ernst, will -wirklich ein ganzer Mann werden. - -Darum ist sie auch so erschüttert, als sie am Abend einen Brief in der -Hand hält, der wie mit Blut geschrieben erscheint. Darum erschauert sie -vor sich selbst, möchte sich vor sich selbst verbergen! Gelten diese -heißen, inbrünstigen Worte ihr, der Mutter Ernsts? Und darf sie das -lesen, immer wieder lesen? Darf ihr Herz so heiß schlagen? Darf sie -dieser wehen, großen Sehnsucht, die heut in ihr aufsteigt, nachgeben? - -Während dieser ganzen Monate, die sie nun hier weilt, und während deren -ihr Junge dies harte, stramme Leben in der Kaserne lebt, liegt sie im -ewigen Kampf mit sich selbst. - -Sie will nur noch Mutter sein -- sie will alt -- will ruhig sein. Sie -hat kein Recht mehr, wie die ganz Jungen zu fühlen! Aber das Herz -rebelliert -- das Herz läßt sich nicht mit Vernunftgründen zur Ruhe -bringen. - -Wochen hat es gegeben, in denen sie glaubte, gesiegt und überwunden -zu haben -- und gerade heute, als der kleine Husar die rote Rose, das -Pfand der ersten Liebe, in der Hand hielt, ist es wie ein Blitz durch -sie gefahren: ‚Nun ist er an der Reihe -- nun muß dein Herz still und -alt und ruhig werden!‘ - -Der Brief brennt in ihrer Hand. Der Brief sagt Dinge, die sie -erschauern machen. Tiefer, heißer und beredter kann kein Mensch zum -andern von einer großen, übermächtigen Liebe sprechen, als er es hier -tut. Der Körper ist gesund und unversehrt, schreibt er, aber das Herz -ist krank und jammert nach ihr. - -Sie steht am Fenster und lehnt den Kopf an die Scheiben. Draußen ist -dunkle Nacht. „Ernst -- Ernst!“ ruft sie. - -Sie weiß es plötzlich mit tödlicher Gewißheit, daß der, der ihr diesen -Brief geschrieben, ihr nie ein guter, lieber Lebensgefährte werden, daß -er ewig unzufrieden mit sich und dem Leben bleiben wird. Kein Mensch -kann über sich selbst hinaus! - -Sie sieht wieder die rote Rose in Ernsts Hand und sieht die kalte -Einsamkeit an sich herankriechen. Sie hat niemand -- das Kind -entgleitet ihr, und dieser Mann wird ihr nie ein stiller, treuer -Gefährte sein. - - * * * * * - -Der nächste Tag ist ein Sonntag, der letzte des Oktobers. Die Sonne -scheint, und es ist warm. Wehmütige Spätherbstschönheit liegt in der -Natur. - -Ernst hat der Mutter eine lustige Karte aus einem kleinen Dorf, auf -halbem Weg nach Magdeburg, geschrieben. Da haben sie Nachtruhe gemacht, -und mit dem dicken Hipp hat er Unterkunft in einem Bauernhaus gefunden. -‚Bürgerquartier -- aber großartig!‘ schreibt er. In zwei Tagen werden -sie wieder in der Altmärker Garnison sein, und dann wird er was zu -erzählen haben. - -Vor Frau Hiller liegt der schöne, sonnenhelle Sonntag wie eine -Ewigkeit! Sie fürchtet sich vor der Länge des stillen Tages. Sie weiß, -daß die Gedanken sie wieder rückwärts führen werden, daß, während sie -näht und strickt, das Leid der Vergangenheit und all die Unruhe und -Not, die das Auf- und Niederwogen der Geschehnisse dieser großen, -schweren Zeit in jedem Menschen erzeugt, sie überwältigen werden. - -Fräulein Else kommt zu ihr ins Zimmer. Die hat am frühen Morgen schon -ein ganzes Tagewerk hinter sich, hat Stuben gereinigt und Stiefel -geputzt, hat das Feuer im Herd und in den Öfen entzündet, hat das -Frühstück bereitet und Flur und Treppen gekehrt. Nun wird sie hier -in Frau Hillers Zimmer weiterarbeiten. Die Mutter sitzt schon seit -Stunden in der Küche an der Maschine. Bis zum ersten November hat sie -einen ganzen Stapel von Hemden ans Rote Kreuz abzuliefern, da muß die -Tochter alles, was sonst die Mutter besorgt, mit verrichten. Aber heute -soll sie einen freien Nachmittag haben. Sie sieht bleich aus, und die -Wachtmeisterswitwe sorgt sich um das schmale, überschlanke Mädchen. - -Fräulein Else hat keine Freundin und hat keinen Liebsten in der Stadt. -Wohin soll sie gehen? Einsame Spaziergänge sind keine Freude! Am -liebsten pilgert sie noch zum Russenlager hinaus und schaut auf das -große Volk von Gefangenen; dabei können die Gedanken in die weite Welt -fliegen und dabei kann man sich tausend Geschichten zusammenreimen. - -Daß Fräulein Else kein gewöhnliches Mädchen ist, hat Frau Hiller gleich -in den ersten Tagen ihres Hierseins gewußt. Beide -- Mutter und Tochter --- die durch die Verhältnisse, in denen sie leben, klein gehalten -wurden, könnten ebensowohl Damen der Gesellschaft sein. Sie denken und -urteilen tief und richtig über alles, was sie sehen und hören; und sie -haben einen Takt, den manch einer, der Rang und Würden trägt, nicht -besitzt. - -An diesem Sonntag, der von draußen so hell und leuchtend durch die -Fenster blickt, und der doch so trostlos vor der Mutter des kleinen -Husaren liegt, empfindet sie fast etwas wie Zärtlichkeit für das gute, -liebe Mädchen, das sie bedient, und das jeden Tag von neuem besorgt -ist, ihr das Wohnen hier in den beiden Zimmern angenehm und behaglich -zu machen. - -Sie erinnert sich, daß Fräulein Else vor kurzem einen Wunsch geäußert -hat. Sie hat ihr erzählt, daß sie seit Jahren nicht aus ihrer kleinen -Heimatstadt herausgekommen ist, auch nicht in die allernächste -Umgebung. Und möchte es doch so gern -- möchte nur einmal einen -einzigen Sonntag draußen sein! Nur einmal etwas anderes sehen als diese -Straßen, in denen sie jedes einzelne Haus malen könnte, so genau kennt -sie alles hier. Den ganzen Sommer über hat sie umsonst gehofft, daß ihr -Wunsch sich erfüllen möge; nun steht der Winter vor der Tür, und sie -wird wieder auf den nächsten Sommer hoffen müssen. - -Frau Hiller steht auf und geht zu Else hin. „Die Sonne scheint so schön --- vielleicht zum letztenmal in diesem Jahr! Haben Sie Lust, mit mir zu -wandern, Fräulein Else?“ - -Sie wird rot vor verlegener Freude. „Wenn die Mutter es erlaubt,“ sagt -sie leise, und sie gehen zusammen zur Wachtmeistersfrau in die Küche, -die gern die Erlaubnis gibt. - -„Wenn Sie schon aus der Stadt heraus wollen, dann sollten Sie sich -Tangermünde ansehen, gnädige Frau. Das muß man gesehen haben, wenn man -so lange in der Altmark gewesen ist.“ - -Als Fräulein Else neben Frau Hiller zum Bahnhof geht, unterscheidet sie -sich in nichts von einem jungen Mädchen aus besten Kreisen. Ihr Gesicht -ist leicht gerötet und sieht sehr lieblich aus -- vielleicht ein wenig -zu schmal. Ihre Stimme ist klangvoll, und ihre Bewegungen sind ruhig -und fein. Sie gehen den Weg am Fluß entlang, an dem die Liebespärchen -bei Dunkelheit zu wandern pflegen. - -In der Stadt selbst ist es sehr lebendig. Auf den freien Plätzen werden -die Infanteristen einexerziert; ein Zug Husaren, der zum Pferdekommando -nach der Mark gekommen ist, marschiert singend an ihnen vorüber. Am -Bahnhof werden durchziehende Truppen gespeist, und ein Samariterzug ist -gerade eingelaufen. - -Es ist sehr kriegerisch geworden in der kleinen Altmärker Stadt; auf -freien Feldern werden Infanteriesignale geübt, und überall steht der -Landsturm als Wache. Seit die Russen hier angekommen sind, ist der -ganze Ort zu einem großen Kriegslager geworden. - -Nach Tangermünde führt eine Kleinbahn, die klingelnd durch die stille -Altmärker Landschaft fährt. Noch sind die Weiden grün, und das schöne, -kräftige Vieh grast in großen Scharen darauf. Der strickende Hirt mit -der Schafherde zieht seine Straße hin, und sonntäglich gekleidete -Frauen und Kinder sieht man vor den Häuschen der Dörfer, durch die man -fährt. - -Je weiter man sich von der Garnisonstadt entfernt, um so schöner und -stiller wird es: Keine Uniformen mehr -- keine laute Musik -- keine -militärischen Kommandos -- Eine leise, süße Friedensahnung zieht durch -die Seele. - -Frau Hiller hat viel von Tangermünde reden hören; sie weiß, daß die -Leute aus den umliegenden Städten am Sonntag hier gern herauspilgern, -und daß es schöne, altertümliche Bauten in Tangermünde gibt. Da -sie schon so viel von der Welt gesehen hat, ist nie der Wunsch in -ihr aufgekommen, gerade dieses Städtchen kennen zu lernen. Von dem -Augenblick an aber, da sie aus dem Bahnhof herausgetreten sind, -fühlt sie ihre Seele ganz eigentümlich berührt. Ihr ist, während sie -neben dem lieben Mädchen dahingeht, als sei sie in eine andere Welt -eingetreten. Etwas Fremdes, Neues und doch schon Vertrautes empfängt -sie. - -Sie geht durch die Straßen mit ihren kleinen, niederen Häusern und hat -das Gefühl, ein Stück Mittelalter zu erleben. Die vorragenden Giebel, -die Inschriften in den Türen, die niederen, von rotem, herbstlichem -Wein umrankten Fenster, all das wirkt so seltsam auf sie. Und -Sonntagsstimmung, wie man sie in anderen Städten nie verspürt; Ruhe und -Frieden überall! - -Die Menschen hier haben Gesichter, als wäre noch kein Wort vom Krieg -bis zu ihnen hingekommen, alles geht behaglich, bürgerlich, wundervoll -zufrieden daher. - -Die engen Straßen steigen an und fallen ab, und herbstliche Gärten -liegen vor und hinter den Häusern. An den Kaufläden sind die Fenster -verhangen, und auf der Einfassung eines Brunnens sitzen halbflügge -Mädchen still und feierlich in schwarzen Kleidern. Sie sind am Morgen -eingesegnet worden -- die ganze Stadt sieht aus, als wäre sie am Morgen -eingesegnet worden. - -Die beiden Frauen sprechen kaum miteinander, weil sie beide von etwas -Gutem, Großem, Geheimnisvollem ergriffen sind. Sie gehen planlos durch -die Straßen, so wie man zuerst durch einen fremden Ort zu gehen pflegt. - -Am Markt liegt das Rathaus, ein uralter Bau, hoch und imposant gegen -all die kleinen, niederen Häuser rund umher, und dahinter das große, -schwere Tor, das die Stadt abschließt. Die Sonne leuchtet, und kein -Lüftchen weht. Die Natur will sterben und will vor ihrem Heimgang -noch einmal auferstehen, will noch einmal alle Schönheit, die ihr zur -Verfügung steht, zusammenraffen. Es ist eine traurige, stille, wonnige -Herbstschönheit! - -In einer engen Straße liegt ein Gasthof, der den Namen ‚Zur Königin -Luise‘ trägt. Ausgetretene Steinstufen führen zum Flur hinauf, und die -Sonne läßt die Inschrift an der Tür aufblitzen. Hier hat einst die -Königin Luise eine Nacht verbracht -- eine traurige Nacht -- sagt man. - -Es klingt so wundervoll mit dem Charakter dieses kleinen Städtchens -zusammen, daß gerade diese Frau hier geweilt, hier gelitten hat. -Man kann es sich so gut vorstellen, wie sie hier durch die stillen -Straßen geschwebt ist. Wie sie im altväterischen kleinen Gasthof in -irgendeinem der niederen Stübchen gedacht und gelitten haben mag. Kein -Name in der Welt hätte sich harmonischer in das Bild, das diese kleine, -weltvergessene Stadt heute bietet, eingefügt, als der dieser zarten, -guten und doch starken Fürstin. - -Frau Hiller und Fräulein Else sind von einem unbekannten Hochgefühl -getragen; sie sitzen im kleinen Speisesaal und nehmen ein einfaches -Essen. Von draußen lacht die Sonne herein, läßt die Bilder an den -Wänden plastisch hervortreten und spiegelt sich am Fußboden. Frau -Hiller hat das Gefühl: ‚Wenn du einmal ganz zerrissen, ganz krank und -elend bist, dann möchtest du in diesem lieben Haus, in dieser kleinen -Stadt Zuflucht suchen!‘ - -Die beiden fühlen sich so wohl und behaglich in dem kleinen, uralten -Gasthof, daß sie sich gar nicht davon trennen möchten. Aber sie haben -ja das Eigentliche, weswegen sie hergekommen sind, noch nicht gesehen, -und Fräulein Else drängt zum Aufbruch. Die Tage sind kurz, und die -Sonne hat in dieser vorgerückten Herbstzeit früh ihre Bahn vollendet. - -Langsam wandern sie aus der Stadt hinaus, und eine mit Kastanienbäumen -bepflanzte Allee führt sie zum Schloß hinauf. Das Laub ist gelb und -dunkelrot, aber es bildet ein fast noch lückenloses Dach, wiewohl der -Fuß durch raschelnde Blätter schreitet. Die Luft ist rein und abgeklärt -und regt zum Sinnen an. - -Ach, die Natur ist wie der Mensch -- der Frühling ist die schwere, -sehnsuchtsvolle, ungebärdige Jugend; der heiße Sommer ist der reif -gewordene Mensch, der ebensowohl jauchzen wie tief leiden kann, und der -Herbst ist das herannahende Alter, das die Stürme überwunden hat, das -rein und still und klar geworden ist. Aber die meisten Menschen wollen, -solange sie jung sind, nichts vom Alter wissen, die meisten Menschen -wollen länger, als die Natur es vorgeschrieben hat, in der Jugend -verharren. - -Warum nur? - -Nein, die Jugend ist nicht das Schönste und Begehrenswerteste. -- -Jugend bedeutet für den tiefen und ernsten Menschen oft nur Leiden. -Jugend bedeutet oft nur Sturm. Erst wenn man aus der Ferne auf sie -zurückschaut, wird auch die Jugend schön und gut und harmonisch. - -In jedem Jahr geht es Frau Hiller so. Erlebt sie den Frühling mit -seinem Stürmen und Brausen, so wirft er sie nieder -- schaut sie aber, -wie heute, aus einem stillen, abgeklärten Herbsttag auf die wilde -Auferstehungszeit in der Natur zurück, so hat sie die Angst und Not -jener Tage vergessen, und nur das Jauchzende, Herzerfreuende ist in -ihrer Erinnerung geblieben. - -Der Weg führt sie bergan; und aus der Allee ist allmählich ein Park -geworden. Ein Farbenrausch vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braunrot -umgibt sie, und die Sonne leuchtet darüber. -- Die Sonne ist wie ein -mildes, segnendes Antlitz, aus dem tiefer, stiller Friede ausstrahlt. -‚Ist es wahr,‘ muß Frau Hiller denken, ‚ist es wahr, daß Krieg in der -Welt ist?‘ Unbegreiflich will ihr das hier erscheinen -- unausdenkbar! - -Je weiter sie gehen, um so herrlicher wird es; man wandelt wie durch -einen wundervollen Saal: das raschelnde Laub ist der Teppich -- die -Kronen der Bäume sind die Decke, und die Sonne ist der große, gewaltige -Kronleuchter, der ein fast magisches Licht verbreitet. Sie gehen -langsam; sie gehen, wie wenn sie durch eine Kirche schreiten. O stille, -schöne, geweihte Welt! - -Dann sind sie plötzlich an einer großen, weißen Terrasse angekommen; -zwei Denkmäler aus der Zeit der Kurfürsten erheben sich da. Und der -Kopf geht so willig auch in diese Vergangenheit mit. Man ist ja ohnehin -schon längst aus der Gegenwart heraus; man hat vorhin mit der Königin -Luise gelebt, nun geht man ein Stückchen weiter zurück und lebt mit -den Kurfürsten. Hat man wirklich nur durch Bücher und Schulstunden -etwas von der Kurfürstenzeit gehört? -- Oder hat man da schon gelebt? -Man kennt doch diese Gestalten, die da oben in Stein gehauen stehen, -so genau, man hat sie doch von Angesicht zu Angesicht gesehen, hat sie -sprechen hören! - -Gibt es nicht Stunden, in denen der Mensch es nicht begreifen will, daß -er nicht von Anbeginn der Welt an gelebt hat? Daß er nicht alles, was -je in der Welt vor sich gegangen ist, mit eigenen Augen geschaut, mit -leiblichen Ohren gehört haben soll? Stunden, in denen man es gar nicht -fassen will, daß jedem Menschen nur eine kurz bemessene Frist zum Leben -gegeben ist, und daß alles, was er von der Vergangenheit weiß, nur -gelernt, nur durch Bücher oder Erzählungen übermittelt worden ist! - -Frau Hiller schaut wie gebannt zu den Denkmälern hinauf, bis plötzlich -andere Menschen aus dem Weg, aus dem sie gekommen sind, auftauchen, -miteinander sprechen und sie aus ihren tiefen Sinnen aufrütteln. - -Sie wendet sich Fräulein Else zu, geht ein Stück weiter durchs -raschelnde Laub und sieht dann etwas, was sie mit Staunen und Jubel -erfüllt. Die Elbe sieht sie, die wie ein silbernes Band durch die -stille Landschaft fließt. Kähne und Flöße ziehen ihren Weg dahin; -eine Fähre führt zum gegenüberliegenden Ufer, und der Blick schweift -weit -- schweift in Unendlichkeiten, wie überall in diesem flachen, -altmärkischen Land, das so viel feine Reize besitzt. - -Im Gasthof ‚Zur Königin Luise‘ hat man ihnen geraten, über die Elbe -zu fahren und zum Dorf Fischbeck zu gehen. Das ist der Lieblingsort -der Tangermünder, zu dem sie an schönen Sonntagen in großen Scharen -wallfahrten. Auch heute drängen sie sich unten an die Fähre, und die -paar Bänke, die an beiden Seiten des Fahrzeuges angebracht sind, sind -schnell gefüllt. Frau Hiller und Fräulein Else müssen froh sein, noch -ein bescheidenes Plätzchen unter all den Menschen zu finden. Sie -gleiten über das stille Wasser und schauen weit dem Flüßchen nach, das -hier so klein und bescheiden noch ist und weiter unten zu so gewaltigem -Strome anschwillt. Immer noch leuchtet die Sonne, immer noch streicht -die Luft mild und leis ums Gesicht. - -Am anderen Ufer verteilen sich die Menschen und beeilen sich, um -zu ihrem Kaffee zu kommen. Fräulein Else aber bleibt stehen und -stößt einen Schrei des Entzückens aus, denn sie sieht das herrliche -Bild, das vor ihr liegt, und ist wie benommen. Tangermünde, vom -gegenüberliegenden Ufer aus gesehen, mit seinem Schloß, seinen -Denkmälern und Kirchtürmen! Tangermünde in letzter Herbstschönheit, von -leuchtender Sonne übergossen! Der Anblick hat etwas Ergreifendes, etwas -Hohes; er trägt über das armselige Leben mit seinen Leiden und Nöten -hinweg. -- Trotzig wie eine Feste liegt dieses wundersame Bild da, und -doch so mild, so voll überwältigender Schönheit. - -Frau Hiller, die viel Großes und Wunderbares in der weiten Welt gesehen -hat, kann den Jubel des armen Mädchens, das nie aus seinem Heimatsort -herauskam, wohl begreifen. Auch ihr ist es, als habe sie nie in -tiefere, ergreifendere Schönheit geblickt als an diesem Tage. - -Sie können sich gar nicht entschließen, ins Dorf hineinzugehen; sie -wollen keine Menschen sehen, wollen allein hier am Ufer weilen und das -glitzernde Wasser und die alte, schöne Stadt mit Schloß und Türmen vor -sich haben. - -Fräulein Else sagt mit leiser, zitternder Stimme: „Nun werde ich für -Wochen zufrieden und glücklich sein! Nun habe ich etwas, woran ich -denken kann, wenn ich traurig bin!“ - -Dieses Mädchen ist sechsundzwanzig Jahre alt und ist nie aus dem -Heimatort, nie von der Mutter fortgekommen. Eine zarte, empfindsame -Seele hat sie und ist einsam, immer einsam gewesen, wird vielleicht -immer einsam bleiben müssen, und fügt sich so still darein, ist nie -verbittert, nie unwillig! Frau Hiller hat oft das Gefühl, als müßte sie -sich vor der Größe dieses Mädchens neigen. - -Sie gehen dann doch ins Dorf. Fräulein Else sieht so blaß aus und hat -sich vielleicht auf den Kaffee gefreut. Im warmen Gastzimmer sitzen sie -unter vielen lebhaften Menschen, und da fällt auch manches Wort vom -Krieg; aber man vergißt es sogleich, wenn man wieder draußen ist. - -Die beiden wandern auf einsamen Feldwegen zur Stadt zurück; die -Dämmerung zieht nieder, und man spürt nun doch, daß es Herbst ist. Die -Luft ist kühl geworden -- der Himmel wölbt sich blau und klar, Sterne -leuchten auf, und eine blasse Mondsichel zieht ihre Bahn dahin. - -Als sie wieder am Ufer der Elbe stehen, ist es dunkel geworden. -Tangermünde hebt sich in schwarzen Umrissen vom Himmel ab -- viel -ernster und schwerer als zuvor in der Sonne. Ein Schiffer bietet seinen -Kahn an und bringt sie hinüber. Und sie wandern wieder durch die engen -Gassen und sind wieder in Schweigen versunken. - -Wozu reden, wenn jeder über so vieles, was in ihm vorgeht, -hinwegzukommen hat? Wozu reden, wenn so Schönes und Großes in die Seele -gedrungen ist? - -Sie haben ein Stück tiefen Friedens mitten im Krieg genossen -- letzte, -wonnige Herbstschönheit hat sich ihnen offenbart. Wenn der Winter sehr -dunkel und trostlos sein wird, haben sie eine Zuflucht, indem sie an -diesen Tag voll friedlicher Schönheit zurückdenken. - -Die Seele ist stärker und ruhiger geworden, und man hat wenigstens -nicht für Stunden das quälende Gefühl gehabt, daß alles, was in der -Welt fest sein sollte, ins Schwanken geraten ist. - -Die Natur hat ihre reine, starke Sprache geredet; man sagt sich: -‚Sollte der Krieg wirklich alles Äußere nehmen, sollten wir in Armut -und Elend geworfen werden, aber Gott läßt uns die Fähigkeit, die -Schönheit seiner Natur in uns aufzunehmen, so können wir nie ganz in -Finsternis geraten, nie ganz in Verzweiflung versinken!‘ - -Es ist Nacht geworden, als sie am Bahnhof ihrer Garnisonstadt -angelangt sind. Ein Verwundetentransport ist angekommen, und die -Beamten vom Roten Kreuz sind in eifriger Tätigkeit. Ein paar Bahren -werden herangetragen, denn der Zug soll weitergehen, und nur die -hoffnungslos Daliegenden werden hier im Bahnhofslazarett untergebracht. -Die freigewordenen Seelen der beiden fühlen, wie etwas vom alten Druck -wieder in sie hineinwill. - -Drin in der Stadt ist reges Leben. Urlaubstag! Die Straßen sind voll -von Uniformen aller Art. Die Pferdebahn rasselt mit Glockengeläut und -Peitschenknall ihren Weg; es wird gesungen und gelacht. - -Fräulein Else hatte geraten, die weite Strecke bis zur Kaserne nicht -zwischen den stillen Feldern zurückzulegen, sondern durch die belebte -Stadt zu gehen; auf den Feldern kann man Betrunkenen begegnen oder -sonst etwas Unangenehmes erleben. So folgen sie dem großen, lauten -Treiben bis zum dunklen Tor hin, aber da biegen sie, ohne sich weiter -darüber zu verständigen, doch in die einsame Kastanienallee ein, von -der aus man zum stillen, poetischen Flußweg kommt. - -Sie wollen in ihrer guten Stimmung bleiben. Mag morgen kommen, was will --- heute wollen sie in dem Wahn bleiben, daß die Welt voll Schönheit -und Frieden ist. Die Pärchen, die in großer Zahl herumwandeln, stören -sie nicht; im Gegenteil, so ein Stück lieber Romantik paßt zu dem, was -der schöne, ernste Tag ihnen gebracht hat. - -Mag die Welt voll Zorn und Wut und Haß sein -- solange es noch Herzen -gibt, die in Zärtlichkeit und Liebe zueinander hindrängen, solange ist -das Gute im Menschen noch nicht ausgetilgt, solange ist die Hoffnung, -daß eine große Versöhnung, ein wahrer, echter Friede dem wilden Hader -folgen wird, noch nicht verloren. - - * * * * * - -Der kleine Hiller hat Hauptwache. Das Gewehr über der Schulter, -die hohe Pelzmütze auf dem Kopf, mit einem aus der Kleiderkammer -gelieferten Militärmantel, der bis zur Erde reicht, angetan, wandert er -vor dem Schilderhaus auf und nieder. - -Es ist noch kein Jahr her, daß Frau Hiller die letzten Bleisoldaten, -das letzte Schilderhaus ihres Jungen an die Kinder des Portiers -geschenkt hat. Natürlich hat er seit seinem vierzehnten Jahr die -Soldaten nicht mehr angerührt, aber er hatte sich doch auch nicht -entschließen können, sie herzugeben. Nun, da sie ihn selbst als Soldat -vor der Kaserne auf und nieder wandern sieht, muß sie sich an die Stirn -fassen. Ist alles, was sie jetzt erlebt, Wahrheit, oder ist es nur -ein Spiel? Ist das ihr Junge aus Fleisch und Blut, der da hin und her -wandert, oder ist es ein Bleisoldat? - -Sie sitzt am Fenster, von der Gardine verborgen, und schaut auf ihn -hin. Er darf nicht wissen, daß sie am Fenster sitzt, denn er will -nicht, daß seine Kameraden viel von der Mutter sehen oder hören. Sein -Gesicht ist ernst, und in dem langen, weiten Mantel sieht er sehr -männlich aus. Kommt ein Vorgesetzter vorbei, dann salutiert er, und -will eine Zivilperson in die Kaserne, so hält er sie an. Der kleine, -weiche Ernst hat das Recht, Menschen anzuhalten und abzuweisen. Das ist -für die Mutter ein so seltsames Gefühl -- das kann sie noch gar nicht -fassen. Und dies hier ist doch nur ein ganz kleines, ganz unbedeutendes -Vorspiel für das, was kommen soll -- was in allernächster Zeit schon -kommen kann. - -Solch ein Kind geht mit gegen Deutschlands Feinde. So ein weicher Junge -wird vielleicht Menschen erschießen, wird die Lanze in Feindes Brust -bohren, wird hungern und frieren und wird vielleicht eines Tages -irgendwo in einem Winkel liegen: verwundet, elend, vom bittersten -Heimweh geplagt -- -- -- - -Sie darf sich das nicht ausdenken -- es ist ihr, als müsse sie den -Verstand darüber verlieren. Tausend Messer wühlen in ihrem Herzen, und -das Blut weicht vom Gehirn zurück. -- - -Ach, groß sein können! Stark sein können! Sich sagen: ‚Mag kommen, was -will! Stirbt er, so stirbt er fürs Vaterland! Leidet er Hunger und -Durst und andere Schmerzen, so leidet er sie fürs Vaterland!‘ - -Aber sie ist klein -- sie ist schwach! Ihr Herz blutet aus unzähligen -Wunden. Sie hat es früher nicht gewußt, daß sie den Jungen so -verzehrend, so tierisch liebt, daß es Tage gibt, an denen die ganze, -heilige Mission, die er zu verrichten hat, ihr klein erscheint gegen -das ungeheure Opfer, das sie zu bringen gezwungen ist! - -Alle zwei Stunden erhält der Posten seine Ablösung. Dann kann er in -die warme Wachtstube gehen und sich vom Kalfaktor etwas zu essen und -trinken besorgen lassen. In der Wachtstube ist es sehr gemütlich, hat -er ihr erzählt. Wenn sie einen netten Unteroffizier haben, klopfen -sie Karten oder spielen Würfel; sie lesen und schlafen und essen und -trinken. - -Es ist wirklich tadellos; gar kein Grund zum Bedauern oder Mitleid -ist da. Die Mutter versucht ihren Gedanken eine heiterere Richtung zu -geben, aber es gelingt ihr nicht recht. -- -- - -Um die Kaffeezeit kommt die Wachtmeisterswitwe in Hut und Mantel und -sagt: „Ich gehe zur Russenbeerdigung, gnädige Frau. Heute sollen doch -die vier Russen, die hier gestorben sind, beigesetzt werden. Kommen -Sie mit? So etwas sieht man vielleicht nur einmal im Leben.“ - -Frau Hiller ist ihrer guten Wirtin für diese Ablenkung dankbar. Sie -legt ihr Strickzeug hin und kleidet sich zum Ausgehen an. Draußen weht -ein scharfer, kalter Wind, der Himmel ist grau verhangen. Richtige -Novemberstimmung! - -Die vier Russen, die hier ihren Wunden erlegen sind, sollen ein -gemeinsames Grab bekommen und mit allen militärischen Ehren zur letzten -Ruhe getragen werden. Unzählige aus der kleinen Garnison wandern -hinaus, um sich dies Schauspiel anzusehen. - -Die Wachtmeisterswitwe hat die Hemden fürs Rote Kreuz abgeliefert und -kann sich einmal ein paar freie Stunden gönnen. Sie hat noch gar nichts -von den Russen gesehen, und da alle Welt vom Gefangenenlager spricht, -schämt sie sich fast, daß sie noch keine Ahnung hat, wie es da draußen -aussieht. - -Aber für weichherzige Menschen ist es an solchem grauen Tag -keine Freude, da hinauszupilgern. Der Anblick des doppelten -Stacheldrahtverhaues hat etwas Erschütterndes -- die grauen Massen, -die auf und nieder wogen, der schwere Himmel, der kalte, rauhe -Novemberwind, all das wirkt so unsäglich beklemmend und niederdrückend. - -Die Wachtmeistersfrau ist nebenbei auch noch enttäuscht, denn man -bekommt gar keinen richtigen Eindruck von dem Ganzen. Man darf jetzt -nur noch von einer ziemlich beträchtlichen Entfernung aus das Lager -überblicken und sieht nichts anderes als eine gewaltige, wogende, graue -Masse. Der einzelne Mensch ist gar nicht zu unterscheiden. Stumm und -feierlich zieht in einer Entfernung von je zwanzig Metern die große -Zahl der Wachthabenden rings ums Lager her. - -Nein, sie wollen hier nicht lange verweilen -- sie wollen sich den -grauen, schwermütigen Tag nicht noch düsterer machen. Aber die -Russenbeerdigung will sich die Wachtmeistersfrau nicht entgehen lassen. -Man hat nun einmal zu diesem Zweck den weiten Weg hierher gemacht und -kann doch nicht unverrichteter Sache wieder nach Hause gehen. - -An der Stelle, an der die vier Toten beigesetzt werden sollen, hat -sich schon eine Menschenmenge gesammelt, und man kann nur noch mit -Mühe ein Plätzchen erobern, von dem aus man einen freien Ausblick -hat. Eine große Gruft ist aufgeschaufelt, denn die vier Särge sollen -nebeneinander Platz finden. Viele von den Menschen stehen da, als -warteten sie auf etwas Freudiges, Sensationelles. Die wenigen -Offiziere, die noch in der Garnison sind, kommen angefahren. Eine -Anzahl Husaren und Infanteristen rücken heran, und von der Richtung des -Lagers wird ein Zug sichtbar. Russen in ihren lehmgrauen Mänteln tragen -ihre toten Brüder. - -Nun sieht man doch einmal, wie der entsetzliche Feind, der Deutschland -vernichten will, der schon ein Stück von Deutschland mit Mord und Brand -heimgesucht hat, aussieht! -- Aber der Feind, der da mit den Särgen -anrückt, sieht nicht wild und furchtbar aus. Trauer malt sich auf den -Gesichtern, die Köpfe sind geneigt und ernst und würdevoll verrichten -sie ihr düsteres Geschäft. - -Der Militärgeistliche, der so wundervoll zu reden versteht, der den -jungen Freiwilligen im Dom den Fahneneid abgenommen hat, tritt an die -Särge heran und breitet die Hand zum Segen, spricht ein Gebet -- und -drückt den Trägern die Hand. Die Särge werden in die Gruft versenkt, -und der junge Russe, dessen Bruder sich unter den Toten befindet, -schluchzt auf; die anderen stehen mit finsteren, undurchdringlichen -Gesichtern. - -Der Pfarrer hält eine kurze, herzliche Rede. Er spricht das aus, was -wohl jeder, der hier am großen Grabe steht, in diesen Augenblicken -empfinden mag. „Ob Freund, ob Feind,“ sagt er, „der Tod macht uns alle -gleich. Über den Tod hinaus gibt es keine Feindschaft. Die hier liegen, -haben ihrem Vaterlande ebenso treu und redlich gedient, wie jeder von -den Unseren das tut. Sie haben ihre Heimat nicht wiedergesehen, sie -haben Schweres gelitten und den Tod im Felde gefunden. Darum Ehre ihrem -Andenken! Gott mag ihnen lohnen, was sie für ihr Vaterland getan haben!“ - -Tiefe Stille. -- Die Russen sind ergriffen. Vielleicht sind sie alle -der deutschen Sprache mächtig und haben verstanden, was der Geistliche -ihren toten Brüdern sagte. Vielleicht auch haben sie nur aus Stimme und -Gebärde entnommen, daß hier gute, freundliche Worte gesprochen wurden. -Sie werfen ihren gefallenen Kameraden ein paar Schaufeln Erde nach und -falten die Hände zum Gebet. Dann aber sind sie wieder Deutschlands -Gefangene und werden von zwei Posten mit geladenem Karabiner zum Lager -zurückgeleitet. Die Menge zerstreut sich. Man hat etwas gesehen, was -man nicht oft im Leben sieht -- man hat gesehen, daß auch der Feind -ein fühlender Mensch ist, und diejenigen, die einen Mann, einen Sohn -oder Bruder fern im Osten stehen haben, werden vielleicht einen kleinen -Trost mit nach Hause nehmen. Wenn der Feind hört, wie wir seine -Gefangenen halten, seine Toten ehren, wird auch er gegen die Unsrigen -nicht ganz barbarisch sein! - -Der Regen rauscht stärker, und bis zur Kaserne ist ein gutes Stück Weg; -da tut man besser, man geht durchs Tor in die Stadt hinein und wartet -irgendwo bei einer Tasse Kaffee, ob das Wetter nicht freundlicher -werden will, denn man ist schon jetzt durchnäßt und durchfroren. - -Die Wachtmeisterswitwe ist von der Wirtin vom Schützenhaus angesprochen -worden, und die bittet sie, sich doch das Lazarett, das in ihren -Gasträumen eingerichtet worden ist, anzuschauen. Heut und morgen -kann man es noch sehen, in drei Tagen aber sollen schon die ersten -Verwundeten eintreffen. Sie bittet auch Frau Hiller mitzukommen, und -die willigt gern ein. Die beiden Frauen nehmen sie in ihre Mitte, und -wie sie so zwischen den zwei guten, freundlichen Bürgerinnen dieser -Altmärker Garnison dahinwandert, ist ihr ganz traut und heimatlich -zumute. In Berlin bleibt man immer fremd, und wenn man zwanzig Jahre da -wohnt; hier im kleinen Ort aber schlägt man schnell Wurzel und fühlt -sich wohl. - -Der große Tanzsaal des Schützenhauses ist zum Lazarett eingerichtet -worden. Weißgestrichene Betten mit weißen Decken und Kissen stehen in -langen Reihen da; weiche, helle Teppiche bedecken den Fußboden, auf -kleinen Tischen stehen Vasen mit gelben Herbstblumen, und die drei -Frauen schreiten auf Zehenspitzen zwischen den weißen Betten einher. -Es ist schön und fromm und feierlich in diesen stillen, hohen Räumen; -man möchte weinen -- man möchte beten. Hier werden sie nun ruhen und -genesen nach all dem Schrecklichen, was sie sehen mußten! Hier werden -die armen Körper heilen und die wunden Seelen wieder Ruhe und Frieden -finden! - -Von draußen schlägt der Regen an die Fenster -- draußen toben die -ersten, ganz wilden Novemberstürme; aber die, die in zwei oder drei -Tagen in diesen weißen Betten liegen sollen, werden von Liebe, Güte und -Herzenswärme umgeben sein, und die Stürme, die da draußen tosen, können -ihnen nichts mehr anhaben. - -Die Wachtmeisterswitwe hat Tränen in den Augen; sie fühlt sich bedrückt -und verängstigt, wiewohl sie keinen hat, der ihr nahesteht, und der ins -Feld hinausmußte. Sie denkt an alle, und sie leidet für alle, und das, -was sie am heutigen Tage von Kummer und Herzeleid gesehen hat, ist fast -zu viel für sie. Da ist es wirklich besser, man sitzt still zu Hause an -der Maschine und näht die Hemden fürs Rote Kreuz. - -Sie bleiben dann noch eine Weile in dem vorderen Gastzimmer und trinken -Kaffee, den die Schützenwirtin ihnen bringt. Sie wollen warten, ob sich -das Wetter nicht ändern will; aber je länger sie sitzen, um so wilder -toben die Stürme, und um so prasselnder fällt der Regen nieder. - -Es nützt also nichts; ewig kann man nicht bleiben, und man stirbt ja -auch nicht gleich, wenn man eine halbe Stunde durch Wind und Regen -läuft. Man braucht nur an die Armen, die Tage und Nächte draußen in den -Schützengräben, in Sturm und Unwetter ausharren müssen, zu denken, dann -wird alles, was sonst als schwer und unerträglich empfunden wird, auf -einmal ganz leicht. - -Als sie an der Kaserne angelangt sind, machen sie einen Augenblick Halt -und schauen in die erhellte Wachtstube hinein. Der kleine Hiller sitzt -mit seinen Kameraden am Tisch und verzehrt sein Abendbrot. Er hat jetzt -ein paar Stunden der Ruhe, aber in der Nacht muß er wieder zur Stelle -sein. - -Frau Hiller ist an diesem Abend gezwungen, bei den Wachtmeistersleuten -in der Küche zu bleiben, denn Fräulein Else hat nirgendwo auch nur ein -halbes Liter Petroleum aufbringen können. So hat man in der ganzen -Wohnung nur eine einzige gefüllte Lampe, und die steht auf dem runden -Tisch in der Küche vor dem braunroten Sofa. - -Fräulein Else hat Tee gekocht und Butterbrötchen bereitet; in der -Grude schmoren Äpfel, und die Herdtür steht offen und läßt die Glut -der Kohlen herausleuchten. Auch der junge Arzt ist gekommen und lehnt -schon behaglich in einer Sofaecke. Nach dem Essen sitzen die drei -Frauen strickend da, und um neun Uhr kommt noch ein Fahnenjunker, der -vor dem Krieg ein paar Monate bei den Wachtmeistersleuten gewohnt -hat. Er ist schon im Feld gewesen und als Leichtverwundeter hier in -einem Lazarett untergebracht worden. Die Kugel, die ihm in der Hüfte -gesessen hat, trägt er jetzt in der Tasche und holt sie voll Stolz -hervor. Dann erzählt er von den blutigen Kämpfen bei Dixmuiden. Aber -wie er so warm und lebendig hier in der traulichen Küche sitzt und -sich die geschmorten Äpfel schmecken läßt, hat man das Gefühl, daß er -Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erzähle und nicht Episoden -aus diesem unseligen Krieg, der immer noch weitertobt und dessen Ende -nicht abzusehen ist. - -Nachdem er gegangen, liest der Doktor noch ein paar Artikel aus dem -‚Altmärker Intelligenzblatt‘ vor; die Wachtmeisterswitwe richtet -Frau Hiller die Ferse einer Socke ein, der Regen prasselt gegen die -Scheiben, und das Petroleum in der Lampe sinkt tiefer und tiefer. -Und da man nicht weiß, ob man am nächsten Tag noch Glück haben und -ein wenig von diesem kostbar gewordenen Stoff erhalten wird, muß die -behagliche Sitzung abgebrochen werden. - -Die elfte Stunde ist übrigens da, aber man verplaudert sich so leicht, -wenn man warm und gemütlich sitzt. Oft wird es Mitternacht, bis man -endlich zu Bett findet. - -Drüben vor der Kaserne brennen zwei Laternen, und der kleine Hiller -im langen Mantel ist wieder auf Posten und trottet, die Hände in den -weiten Manteltaschen, vor seinem Schilderhaus auf und ab. - -Die Mutter setzt sich ans Fenster und blickt zu ihm hinüber. Ob er wohl -friert? Ob er sehr müde ist? Sich unbehaglich fühlt? Sie kann sein -Gesicht nicht erkennen, sie sieht nur die schlanke Gestalt. - -Sie hat große Lust, zu ihm hinüberzugehen und ihm ein liebes, warmes -Wort zu sagen -- aber das darf sie nicht. Ihr Sohn ist ja nicht mehr -ihr Kind wie früher! Ihr Sohn ist ein Stück von Deutschland geworden, -und die Liebe und das Mitleid einer Mutter dürfen ihn nicht stören, -wenn er seines Amtes waltet. - -Aber sie vermag es nicht, sich zu Bett zu legen, während der Junge -da draußen im Unwetter hin und her marschiert. Sie bleibt am Fenster -sitzen und denkt an ihn. Vielleicht geht ein Strom von ihrem warmen -Fühlen in sein Herz hinüber -- vielleicht tut es ihm unbewußt wohl, -daß die Mutter hier am Fenster sitzt und an ihn denkt! Es soll ja eine -solche Macht des Gefühls geben, die die Menschen unsichtbar miteinander -verbindet. - -Am nächsten Mittag kommt der kleine Husar mit geröteten Wangen und -leuchtenden Augen ins Wohnzimmer zur Mutter. Er, der die stramme Nacht -in Sturm und Regen hinter sich hat, ist froh und wohlgemut. Sie aber -ist ein wenig blaß und müd’ vom vielen Denken und Grübeln. - -Hiller trägt seine Dienstuniform über dem Arm. „Morgen ist -Kleiderbesichtigung,“ erzählt er, „da muß alles tadellos imstande -sein. Du machst mir doch die Flecken raus, nicht wahr, und wäschst die -Tasche!“ - -Dann wirft er sich in den Schaukelstuhl und sieht fast übermütig -aus. „Jetzt endlich hört man doch einmal einen Ton vom Ausrücken!“ -sagt er. „Es sind hundert feldgraue Uniformen bestellt, und die -Regimentsschuster arbeiten fieberhaft an den gelben Reiterstiefeln für -draußen. Man kann jetzt jede Woche auf das Kommando gefaßt sein.“ - -Der Mutter zuckt das Herz, wie er so strahlenden Auges berichtet. Denkt -er gar nicht an sie? Fühlt er nicht den leisesten Schmerz, wenn er an -den Abschied von ihr denkt? Ist der Gedanke, draußen mittun zu dürfen, -so groß, so lockend, daß gar kein anderes Gefühl dagegen aufkommt? - -Ach, ein Kind geht gar leichten Herzens von der Mutter fort -- das weiß -sie ja noch von sich selbst. - -Sie bringt den Uniformrock ins Nebenzimmer, um nur einen Augenblick -allein zu sein, denn die Tränen liegen ihr schwer auf der Brust, und -sie mag ihm nicht zeigen, wie schwach sie ist. - -Am Nachmittag steht sie und reibt an der sehr verbrauchten Uniform. Die -Tressen sind verschabt, und das Tuch ist ganz ohne Glanz. Sie reibt -alles, so gut es geht, und leert dann die Taschen aus, um das Futter zu -waschen. - -Was so ein Junge nicht alles in der Tasche trägt: Loses Geld und -Bleistifte -- Notizbücher und Zigaretten -- Heftpflaster und Schokolade --- drei, vier Taschentücher, die man nur behutsam zwischen zwei Fingern -anfassen kann, denn hier dienen die Taschentücher augenscheinlich -vielen Zwecken, sonst wäre die tiefgraue Färbung nicht erklärlich. Dann -noch ein paar beschriebene Zettel, wovon einer auf die Erde fliegt, und -als Frau Hiller ihn aufhebt, sieht sie, daß Verse darauf geschrieben -sind, Verse, in denen Worte, in denen ganze Zeilen ausgestrichen und -von neuem geschrieben sind. So pflegt ein Anfänger eigene Dichtungen -aufzukritzeln. - -Frau Hillers Neugierde erwacht und sie liest und liest immer wieder: - - „Kalt ist die Nacht, - Ich bin allein, - Ich steh’ auf Wacht - Ich denke dein! - - Deutschland in Not, - Vom Feind umstellt, - Deutschland bedroht - Von einer Welt. - - Da kam die Liebe - An mich heran. - Ich sagte zur Liebe: - ‚Faß mich nicht an! - - Ich will keine Liebe! - Mein Land ist in Not! - Viel süßer als Liebe - Ist heut der Tod!‘ - - Da neigt sich zu mir - Ihr blondes Gesicht: - ‚Heut bist du noch hier, - Heut kämpfst du noch nicht - - Heut kannst du knüpfen - Mit mir ein Band. - Und später kämpfst du - Fürs Vaterland!‘“ - -Sie läßt den Rock aus dem Arm fallen, sie muß lächeln und fühlt auch -etwas Wehes dabei. Ihr kleiner Ernst hat also wirklich seine erste -Liebe gefunden. Nun ist er ihr ganz verloren -- das Vaterland und ein -fremdes Mädchen haben Besitz von ihm ergriffen. Das letzte ist so -natürlich -- ist der Welt Lauf! - -Warum freut sie sich nicht? Warum gönnt sie ihm das nicht? Warum will -sie anders sein als andere Mütter und den Hauptanteil am Sohn für sich -behalten? - -Kein Mensch kann gegen die Natur an. Das hat die Großmutter so oft -gepredigt. - - * * * * * - -Der kleine Hiller ist zu seiner ersten Liebe ganz gegen seinen Willen, -zum wenigsten ganz ohne sein eigenes gekommen. Das Mädchen, das sein -Herz betört hat, ist weder sonderlich schön noch klug, hat weder Geist -noch Vornehmheit. Sie steht weit unter jenen ganz jungen, weiblichen -Geschöpfchen, die Ernst vor einem Jahr in der Tanzstunde in Berlin in -großer Zahl kennen lernte, und die er durchweg als unglaublich albern -bezeichnete. - -Das Mädchen, das ihm durch seinen Freund Hipp zugeführt wurde, hat -irgendeinen kleinen Posten als Stickerin in der Stadt inne. Am Abend um -sechs Uhr, ist sie frei und kann spazieren gehen. Sie hat liebe, blaue -Augen und ein keckes Näschen, blonde Haare, die als Schnecken über den -Ohren liegen, und ein entzückendes, schlankes Körperchen. Sie sieht -wundervoll appetitlich aus und kann über jede Kleinigkeit lachen und -jubeln. Hätte Hipp nicht selbst ein sehr annehmbares Mädchen für sich, -so würde er den kleinen Hiller nicht so großmütig bedacht haben. Aber -da das Mädchen die beste Freundin seiner Freundin ist, muß er für sie -sorgen und empfiehlt sie an Hiller. Der will erst nicht. „Blödsinn, -was soll man mit so einer sprechen!“ Hipp jedoch läßt nicht locker und -schleppt ihn mit zum Flußweg. - -Da ist es jetzt nicht mehr wie zur Sommerszeit, da wehen rauhe Winde, -die Pappeln stehen kahl und leer. Der Fluß hat schlammiges Wasser, und -der Boden ist aufgeweicht vom vielen Regen. Man ist froh, wenn man -sein Mädchen getroffen hat, und geht mit ihr in irgendein Gartenlokal, -wo es einsam ist, und wo man in einer geheizten Stube sitzt. Oder man -wandert mit ihr in die Stadt, in ein Kaffeehaus -- oder geht den Weg -zum Bahnhof hinunter -- -- es ist alles gleichgültig. Hauptsache ist, -daß man sich überhaupt sieht, und Hipp macht Hiller klar, daß für ihn -das harte Leben, das sie jetzt führen, erst dadurch erträglich wird, -daß er sich auf den Abend freuen kann. - -Hiller bringt der Aufforderung seines Freundes erst wenig Verständnis -entgegen. Es liegt ihm so gar nicht, als galanter Kavalier aufzutreten, -und er ist auch sehr überzeugt davon, daß keine ihn lieben wird. -Er stemmt sich dagegen auf und hat das sichere Gefühl, daß er -außerordentlich schwerfällig sein wird, wenn er so einem lustigen -Mädelchen gegenübersteht. Er wird kaum zu sprechen vermögen, wird -verlegen sein, und Hipp wird ihn auslachen. Also schlägt er erst -rundweg ab. Aber Hipp ist nicht derjenige, der so schnell locker läßt, -wenn er sich etwas vorgenommen hat. - -„Du bist ein Esel, Hiller. Du verscherzt dir eine prachtvolle Sache. -Sie ist geradezu entzückend. Sieh sie dir zum wenigsten doch mal an. -Ich hab’ ihr auch schon von dir erzählt und hab’ ihr versprochen, dich -mitzubringen. Ich kann doch wegen deiner Eselei nicht wortbrüchig -werden!“ Hiller schwankt und schwankt! Gewiß, er ist um vieles -lebendiger und lustiger geworden, seit er in der Kaserne ist; er -nimmt das Leben nicht mehr so unsinnig schwer wie früher, ja, er kann -zuzeiten geradezu ausgelassen sein. Aber vor dieser Begegnung mit -einem wildfremden Mädchen sträubt sich doch etwas in ihm. Doch Hipp -ist der Satan in Person und bohrt und bohrt an Hiller herum; greift -ihn bei seiner Ehre an, nennt ihn eine Memme, und es kommt fast zum -Streit zwischen den beiden. Aber schließlich siegt er; Hiller hat sich -gegen die ausdrückliche Versicherung, daß diese Begegnung zu gar nichts -verpflichte, breitschlagen lassen, zieht seine Extrauniform an, spricht -ganz kurz bei der Mutter vor, sagt ihr, daß er heute keine Zeit für sie -habe und geht hochklopfenden Herzens an Hipps Seite zum Flußweg. - -Irgendwo lösen sich aus dem Schatten zwei schlanke Gestalten: die eine, -dunkel gekleidet, reicht Hipp die Hand, die andere, im weißen, wollenen -gestrickten Mantel, bleibt etwas abseits stehen. Man kann nicht viel -sehen. In einiger Entfernung brennt eine Laterne und verbreitet -ein unsicheres Licht, und am Himmel zieht eine schwache, umflorte -Mondscheibe hin. - -Hipp stellt seinen Freund als Herrn von Hiller aus Berlin vor; und das -blonde Mädchen im weißen Mantel reicht ihm die Hand und sieht ihn aus -etwas ängstlichen blauen Augen an. - -Der blutjunge Hipp, der aber jungen Damen gegenüber schon vollkommen -die Haltung eines erfahrenen Mannes hat, hilft über jede Steifheit -hinweg. „Also, Kinder, wie verteilen wir uns? Es regnet nicht, und -die Kälte ist auch nicht unerträglich. Ich für meine Person bin nicht -abgeneigt, den Spaziergang hier am Fluß fortzusetzen -- aber darum bist -du, lieber Hiller, absolut nicht gezwungen, unserem Beispiel zu folgen. -Ich möchte dir sogar vorschlagen, einen andern Weg zu nehmen. Vor neun -Uhr treffen wir uns dann hier an dieser selben Stelle wieder!“ Er -reicht seiner Freundin den Arm. Die Kleine, Weißgekleidete hängt sich -bei Hiller ein, und während Hipp geradeaus geht, biegt das jüngste -Liebespaar in den schmalen, dunklen Feldweg, der zum Bahnhof führt, ein. - -Sie gehen schweigend. Leicht wie eine Feder hängt das schlanke -Persönchen am Arm des kleinen Husaren, und doch ist durch sie eine -schwere Last in seine Seele gekommen. Er fühlt sich sehr unbehaglich; -seine etwas schwierige Art, mit Menschen, die ihm nicht sehr von -sich aus entgegenkommen, eine Verbindung zu finden, lastet auf ihm. -Er sinnt nach einem Scherzwort und findet keines. Er will ihr irgend -etwas Gleichgültiges erzählen, aber es fallen ihm nur traurige oder -pathetische Sachen ein. Er ärgert sich über sich selbst -- ist sehr -uneins mit sich selbst, denn er fühlt einmal wieder, daß er anders -ist als andere Menschen, daß er nicht zum Fröhlichsein, zum Genießen -geschaffen ist. Er schämt sich und wird immer unbeholfener. Was mag das -arme Mädchen, das sich gewiß auf einen fröhlichen Abend gefreut hat, -von ihm denken? Er fühlt, wie sie ihn von der Seite anschaut und auf -etwas zu warten scheint. Teufel auch, fällt ihm denn gar und gar nichts -ein, was er ihr sagen kann? - -Sie kommen aus dem schmalen Feldweg auf eine breite Straße -- da sagt -die Kleine endlich ein Wort: „Durch diese Straße möchte ich nicht -gehen!“ bittet sie. - -„Warum nicht?“ fragt Hiller und biegt wieder nach dem dunklen Feldweg -ein. - -„Weil man mich da sehen wird!“ Dabei überzieht sich ihr Gesichtchen -mit dunklem Rot -- aber nun ist wenigstens doch das lastende Schweigen -gebrochen. - -Das Mädchen erzählt seine Lebensgeschichte. Sie wohnt bei einer Tante, -die sie erzogen hat; ihre Mutter lebt auch noch, aber nicht hier, und -hat noch fünf andere Kinder. Da hat die Tante sie zu sich genommen -und sie Stickerei erlernen lassen. Sie stickt in einem Geschäft und -bekommt fünfzig Mark im Monat, die sie ihrer Tante gibt. Die Tante -ist gut, doch streng. Sie darf von nichts wissen -- und das Köpfchen -schmiegt sich an Hillers Schulter, und wie ein elektrischer Funke -fliegt’s in dessen Herz. Mit einem Schlage ist alle Unbeholfenheit, -alle Schwerfälligkeit verflogen; heiß wogt’s durch ihn -- ein Gemisch -von Mitleid und Zärtlichkeit. - -Er hat noch nie aus sich selbst ein Mädchen geküßt, ist noch nie mit -einem Mädchen auf einsamen Wegen gegangen. Nie hat eine ihm von ihrem -Leben erzählt -- nie hat eine sich an ihn geschmiegt -- denn die Sache -mit Hannchen vom Abiturientenabend war doch nur eine große Neckerei! -Im selben Moment aber, da die Rolle des verstehenden, tröstenden -Liebhabers von ihm verlangt wird, beherrscht er sie auch ganz und gar --- beherrscht sie mit einer Sicherheit und Sanftheit, die ihn selbst -mit Staunen erfüllt. - -Er greift mit der Hand unter ihr Kinn, hebt ihr das Gesicht in die -Höhe, sieht in die blauen Augen, sieht den Mund, der ein wenig geöffnet -ist, und tut das Selbstverständlichste und Einzige, was er in dieser -Lage tun kann: er küßt sie. Und er fühlt dabei etwas, was ihm fast die -Besinnung benimmt. Sie stehen irgendwo in völliger Dunkelheit; sie hat -ihm die Arme um den Hals gelegt, küßt ihn wieder und schmiegt sich -immer enger an ihn an. - -Dem kleinen Hiller ist’s, als sei er von der Erde fort in flammende -Herrlichkeit getragen, er weiß nicht mehr, was er ist und was er tut. -Ein fremder Geist ist in ihn gefahren, der für ihn handelt, der die -zärtlichen Worte, die er hervorbringt, für ihn spricht, der das süße -Geschöpf in die Höhe hebt und immer wieder den roten Mund, die Stirn -und die lieben Augen küßt. Er ist wie trunken; er denkt nicht daran, -daß jemand des Weges kommen und ihn sehen könnte. Raum und Zeit sind -für ihn verschwunden -- er fühlt nur ein namenloses, unfaßbares Glück. - -Für das kleine Mädchen aber hat diese wild und elementar -hervorbrechende Liebe etwas Beängstigendes. Er hat ihr die Mütze -verschoben, und ihre Haare beginnen sich zu lösen; er hält sie so fest -an sich gepreßt, daß sie kaum Atem holen kann. Er tut ihr weh -- er -ist wie ein Unsinniger -- nein, das hat sie nicht gewollt. Vor dem -Krieg ist sie auch mit einem jungen Einjährigen umhergegangen und hat -sich küssen lassen; aber der ist doch vernünftig geblieben. Hier aber -hat sie Angst, und da er sie auf ihre Bitten nicht losläßt, stemmt sie -die Hände gegen seine Schultern und macht sich mit Gewalt frei. Einen -Augenblick blitzen ihre Augen ihn böse an, aber als sie in sein gutes -und betroffenes Gesicht blickt, ist der Zorn wieder verflogen. „Wie du -mich zugerichtet hast!“ sagt sie und nestelt an ihrem Haar und setzt -die Mütze wieder ordentlich auf den Kopf. „So kann ich mich ja nirgends -sehen lassen!“ - -Sie lacht aber schon wieder und hängt sich von neuem in seinen Arm. -„Nun wollen wir vernünftig zusammen gehen!“ Dem kleinen Hiller gehen -plötzlich die Augen auf. Er ist von seinen Himmeln auf die Erde -zurückgekommen und kämpft wieder mit Verlegenheit. - -Das kleine Fräulein ist sehr zutraulich geworden, plaudert über -alles Mögliche und verrät schließlich, daß sie eine Konditorei weiß, -wo man gut eine halbe Stunde sitzen kann. Da kommt ihm auch das -zum Bewußtsein, daß er ganz vergessen hat, sie mit irgend etwas zu -erfreuen. Er weiß von Hipp, daß man eine Freundin zu Kaffee und Kuchen -einlädt und ihr kleine Geschenke macht. Und nachdem die Rolle des -heißen Liebhabers ausgespielt ist, nachdem sein Herz anfängt, ruhiger -zu schlagen und sein Kopf wieder Herrschaft über die erregten Sinne -gewinnt, findet er sich auch in der Rolle des Kavaliers zurecht, -geht mit ihr ins Café, das sie ihm genannt hat, und bewirtet sie mit -Schokolade, Schlagsahne und Kuchen. Dabei sieht er erst, wie niedlich -sie ist, und kann es jetzt, da sie in vollem Licht bei ihm sitzt, gar -nicht mehr begreifen, daß er den Mut gehabt hat, sie zu küssen. Jetzt -wird er nicht mehr wagen, auch nur ihre Fingerspitzen an seine Lippen -zu ziehen. - -Mit Gewalt muß er sich das zurückrufen, wie er vor einer Viertelstunde -mit ihr am Feldweg gestanden hat. Es ist wie ein Traum, wie eine -Unwahrscheinlichkeit. - -Kurz vor neun sind sie am Flußweg an der Stelle, an der sie sich -zuerst gesehen. Hipp mit seiner Freundin hat sich schon eingefunden -- -lächelnd und prüfend sieht er Hiller und die kleine Blondine an. Er -ist Menschenkenner und weiß sofort, daß alles nach Wunsch gegangen ist -zwischen den beiden. Sie verabreden eine Zusammenkunft. - -Die zwei Freundinnen eilen der Stadt zu, und die beiden Husaren wandern -zur Kaserne. -- - -Von diesem Abend an träumt Hiller oft mit wachen Augen. Die Welt hat -sich für ihn geändert -- etwas Neues und Unsagbares ist in sein -Leben gekommen. Sein Herz ist erfüllt von etwas Hohem, Heiligem; er -geht wie auf Wolken. Freilich, wenn er dem kleinen, blonden Mädchen -gegenübersteht, wenn er sie lachen und plaudern hört, muß er ein -wenig heruntersteigen. Er weiß es nicht, daß nicht sie -- nicht ihre -Person es ist, die er liebt, sondern daß er sich ein Phantasiegebilde -geschaffen hat, das im tiefsten Grunde mit dem Mädchen selbst nicht -das Geringste zu tun hat. Die Liebe mit all den Wonnen und Leiden, -die sie dem tiefgründigen, ernsten Menschen bringt, ist in sein Leben -gekommen, und da sie keinen anderen Gegenstand hat, kreist sie um das -nette Mädchen mit dem kecken Näschen und dem schlanken Figürchen. Seine -Gefühle und Gedanken wogen ins Uferlose hinein. Sein Auge blickt in -weite, goldene Fernen -- er dichtet und träumt -- er leidet und jubelt --- -- aber heimlich, nur in der Einsamkeit. Denn nur wenn er sie nicht -sieht, ist das große Glück da; sobald er sie greifbar vor sich hat, ist -sowohl er wie sie völlig verwandelt. - -Aber gleichgültig -- er liebt! Die Mutter rückt für ihn immer weiter -in den Hintergrund. Die Mutter ist etwas Gutes, Wohltuendes, was man -nicht missen möchte. -- -- -- Doch das alte Kindervertrauen, die alte -Kinderoffenheit ist fort. Von dem, was jetzt in seiner Seele lebt, kann -er trotz aller Liebe und Herzlichkeit zur Mutter nicht reden. - -Hipp sagt: „Mensch, du setzt dir doch wohl nichts in den Kopf? Seit du -mit der Kleinen gehst, bist du wie hypnotisiert! Solche Mädchen sind -zum Amüsieren da -- zu weiter nichts!“ - -Hiller nickt und ist blaß geworden, denn er fühlt sich oft sehr -beschwert und ist unglücklich. Es wäre vielleicht doch besser gewesen, -er hätte sie gerade in dieser Zeit nicht kennen gelernt! -- -- - -Auch der November neigt sich dem Ende zu, und von einem bestimmten -Termin zum Ausrücken ist immer noch nicht die Rede. Die feldgrauen -Uniformen sind fertig; Schuster und Sattler haben wie im Fieber -gearbeitet, es ist alles bereit, man könnte jeden Tag ausrücken, aber -der Befehl von oben fehlt noch. Statt dessen geht der Drill fort -- man -zieht auf Wache und wartet, wartet, wartet! - -Es tut weh, daß das Vaterland sie noch nicht braucht! Sie lernen jetzt -Schützengräben aufwerfen -- werden mehr und mehr zu Infanteriediensten -herangezogen. - -Der Krieg hat sich ganz anders gestaltet, als man zu Anfang geglaubt -hat; es kann sich noch lange, sehr lange hinziehen. Die Vorgesetzten -jedoch sagen den ungeduldigen, jungen Kriegern: „Ihr kommt noch alle an -die Reihe! Keiner wird in der Kaserne sitzen bleiben!“ Das ist zwar ein -Trost, aber man hätte doch gern gleich von Anfang an mitgefochten. Aus -den Infanteriekasernen sind sie längst schon ausgezogen und haben sich -ehrenvolle Wunden oder das Eiserne Kreuz oder den Heldentod geholt! Das -Abwarten ist hart, und der Dienst ist eintönig! Man kann doch längst -alles, was man zu können braucht! - -Die Großmutter staunt auch und schreibt Briefe, aus denen fast etwas -wie Enttäuschung klingt: „Ja, kommt denn der Junge überhaupt nicht ins -Feld?“ - -Es will der alten, tatkräftigen Frau nicht behagen, daß ihr Enkel noch -nicht gegen Deutschlands Feinde kämpft. Der alte Hieronymus und der -alte Rat Mertens, dem sie seine Schwarzseherei abgewöhnt hat, fragen -bei jedem Besuch nach dem Jungen, und der Rat hat ihr gesagt, daß man -die Kavallerie fast gar nicht verwenden kann in diesem modernen Krieg. -Das paßt ihr nicht! Ihr starkes Herz will, daß der Enkel in dieser Zeit -zum Helden wird; sie hat viel ehrgeizige Wünsche für ihn. Der Sohn, -der so früh und traurig dahinsiechte, hat ihre stolzen Träume nicht -befriedigt; nun erhofft sie vom Kind ihres Kindes etwas Großes, hofft, -daß der Name starken, neuen, schönen Klang durch ihn bekommt. - -Dem Jungen aber tut es weh, als er den Brief der Großmutter liest. Ist -es seine Schuld, daß sie hier noch immer festgehalten werden? Sehnt er -sich nicht mit allen Fasern seines Herzens danach, hinauszukommen? Und -doppelt und dreifach sehnt er sich danach, seit dieses blonde Mädchen -in sein Leben gekommen ist. Das Mädchen, das ihn ablenkt, das ihn -beunruhigt; das ihn oft vergessen läßt, zu welchem Zweck er hier in der -Kaserne eingerückt ist! Er leidet unter ihr, er hat das Gefühl, gegen -seinen Willen an sie gekettet zu sein. Er möchte sich von ihr losreißen -und vermag es nicht mehr. Im Gegenteil, je öfter er sie sieht, um so -mehr zieht es ihn zu ihr hin. Und ist ihm doch innerlich so ganz und -gar fremd, hat doch keine Ahnung von all dem, was in ihm vorgeht, was -sie in seiner Seele ausgelöst hat. Alles muß er vor ihr verbergen, -immer muß er ängstlich bedacht sein, sie gut und oberflächlich zu -unterhalten, nur ja nichts von dem, was so heiß und heilig in ihm -wogt, erkennen zu lassen. Denn wenn sie ahnte, wie er wirklich ist, -dann würde sie über ihn lachen -- und der Gedanke, daß sie über ihn -lachen könnte, ist ihm unerträglich. So also ist Liebe! Schön und doch -quälend! Entsetzlich quälend! - -Der kleine Hiller sieht oft sehr betrübt und bleich aus, wenn er bei -seiner Mutter im Wohnzimmerchen sitzt. Das Herz ist ihm übervoll, -und er weiß, daß er sich erleichtert fühlen würde, wenn er sich ihr -offenbarte. Aber es geht -- geht nicht. Er kann die erlösenden Worte -nicht finden! - -Die Mutter ist in dieser Zeit noch viel liebevoller als sonst zu ihm; -sie ahnt, daß der Junge jetzt viel durchzukämpfen hat. Sie leidet für -ihn und mit ihm. Er ist Blut von ihrem Blute. Die Liebe wird ihm nie -reiner Genuß sein; schon dieser erste, unschuldige Anfang belastet -seine Seele. Über diese kleine Episode hier in der Altmärker Garnison -wird er zwar hinwegkommen, sowie Größeres ihn in Anspruch nimmt; aber -sie fürchtet für das, was die Zukunft ihm bringen kann. Welche Frau es -auch sei, die in sein Leben tritt -- er wird unter ihr leiden, denn -seine Seele ist tief und wird voll ungelöster Rätsel, voll von Wünschen -sein, die nur Ausnahmemenschen zu befriedigen imstande sind. - -Armer, armer, kleiner Husar! Aber darf man so über die heutige Jugend, -gerade über diese Generation, von der so Kolossales gefordert wird, -nachdenken? Wird nicht das ungeheure Drama, darin sie mitwirken sollen, -sie vielleicht von Grund auf ändern? Wird es nicht die Macht haben, die -Seelen ganz einfach, ganz klar zu machen? - -Sie weiß es nicht, aber es ist möglich. In der ersten Begeisterung -war ja jeder wie umgewandelt -- hatte jeder von seinem eigentlichen -Ich Abschied genommen, um in der großen Allgemeinheit aufzugehen. -Die erste Begeisterung aber ist ruhiger geworden! Die ersten großen -Gefühlserregungen sind auch von dieser ganz jungen Jugend, die erst -zu Taten ausziehen will, überwunden worden! Der Krieg ist ihnen etwas -fernergerückt als im Anfang. Man läßt sie zu lange warten, man hat -ihnen den großen, heiligen Glauben an sich selbst und die eigene Kraft -dadurch ein wenig geschmälert. Aber auch ihr Tag wird kommen; und das, -was den kleinen Ernst jetzt bewegt und quält, wird in seiner Seele -erlöschen, als wäre es nie darin gewesen. - -Und dennoch leidet die Mutter unter den Leiden ihres Jungen; aber nicht -allein darunter. - -Eines Abends erzählt Fräulein Else mit lachenden Augen, daß sie den -Jungen mit seiner Freundin am Tor gesehen habe. Am alten, dunklen Tor -pflegen zur Winterszeit die Mädelchen aus der Stadt auf ihre Liebsten -aus der Kaserne zu warten. - -Frau Hiller möchte Fräulein Else nach manchem ausfragen, aber sie -vermag es nicht. Sie will nicht aus anderem Munde erfahren, wie die, -der die erste Neigung ihres Jungen gehört, aussieht. Und doch muß sie -oft an das kleine Mädchen, das dem Husaren jetzt nähersteht als die -eigene Mutter, denken; möchte sie gern sehen, so gern ein Wort mit -ihr sprechen. Nein, sprechen nicht, das ist nicht nötig. Nur wissen, -wie sie aussieht, ob sie gut, ob sie ihres Jungen würdig ist. In der -Nacht kommen ihr oft so bange Gedanken, dann malt sie sich aus, daß der -Junge, der so wenig Weltklugheit besitzt, vielleicht an eine geraten -ist, die nicht mehr rein, nicht mehr gut ist. - -Ach, sie weiß, daß ein Mensch vieles erleben und dennoch gut und rein -bleiben kann. Sie möchte ja auch gar nicht wissen, woher dieses Mädchen -stammt, was sie vielleicht schon erlebt hat. Nur in die Augen möchte -sie ihr schauen und das Gesicht einmal sehen -- dann weiß sie genug! - -Sie richtet es nun manchmal so ein, daß sie am Abend noch, wenn -es schon dunkel ist, eine Besorgung in der Stadt hat, und auf dem -Rückweg weilt sie dann an einer verborgenen Stelle, von der aus sie -die nächste Umgebung des Tores überschauen kann. Aber sie hat kein -Glück; sie sieht wohl kleine, wartende Mädchen, aber unter denen, die -sich zu ihnen gesellen, ist ihr Ernst noch nie gewesen. Bis sie eines -Abends mit Fräulein Else von einem Gang zu der Stadt zurückkommt. Die -flüstert ihr zu: „Diese hier, gnädige Frau!“ Und Frau Hiller sieht in -ein liebes, nettes Gesicht mit keckem Näschen und guten, blauen Augen --- sieht in ein Gesicht, das nicht sehr viel sagt, und dessen größte -Schönheit seine Jugend ist. Sie ist enttäuscht und auch beruhigt! -Dieses Mädchen ist nicht schlecht und verdorben, ist auch nicht -tiefgründig und verlangt keine schweren Gefühle. Es ist eins von jenen -Mädchen, die so recht eigentlich dazu geschaffen sind, die erste Liebe -eines jungen Menschen zu sein; wie Blumen sind sie, die einen süßen -Duft haben und vergessen sind, sobald man sie nicht mehr sieht. Sie -ist ruhig und versucht sich zu freuen, daß der Junge, bevor das Große, -Gewaltige in sein Leben kommt, ein liebes, heimliches Glück gefunden -hat -- sie will sich freuen, wie eine Mutter sich über das Glück ihrer -Kinder freuen soll; sie will nur noch Mutter sein. - -Der Weg vom Stadttor nach der Kaserne hinaus dünkt ihr an diesem Abend -eine Ewigkeit zu sein: ihre Seele ist in Aufruhr -- in ihr ist ein -alter, heißer, wilder Schmerz, eine verzweifelte Sehnsucht wieder -eingezogen. - -Müde schleppt sie sich neben Fräulein Else her. - -Im Hause steigt sie langsam die Treppe hinan. Oben in der Küche steht -die große Lampe auf dem Tisch vor dem Sofa; das Abendbrot ist bereitet, -und der junge Arzt hat sich auch eingefunden. Aber heute abend kann -sie keinen Menschen mehr um sich haben. Heute abend ist es zu dunkel, -zu trostlos in ihrer Seele. - -Fräulein Else entzündet ihr das kleine, in Öl schwimmende Nachtlicht in -ihrem Schlafzimmerchen und fragt, ob sie etwas zu essen bringen darf. -Nein, nichts -- gar nichts -- nur Ruhe -- nur Stille -- nur Dunkelheit. -Alles tut ihr weh, jedes Geräusch, jeder Lichtschein, jeder Nerv -schmerzt sie. So hat der Schmerz sie noch nie übermannt; so schwach, so -elend und klein ist sie noch nicht ein einzigesmal gewesen, seit der -große Aufruhr in die Welt kam. - -Der müde Kopf liegt in den Kissen; die Dunkelheit, die große Stille -tun ihr gutes Werk. Gott wird sie nicht ganz verlassen -- -- er wird -ihr die beiden, die sie liebt, die so eng mit ihr verbunden sind, -zurückschicken! Aber Gott läßt so viel Furchtbares geschehen in dieser -Zeit -- -- so viel tausend Frauen haben hergeben müssen, was ihr eigen -war -- -- --. Ihre Hand spielt mit dem kleinen goldenen Amulett, das -die Großmutter ihr bei Beginn des Krieges um den Hals gehängt hat, -und ein dunkler Gedanke flieht durch ihre Seele. -- Der Inhalt dieses -Amuletts sollte sie, wenn es ganz schlimm kam, vor der Bestialität der -Russen, die in Deutschlands Hauptstadt einzudringen beabsichtigten, -schützen. Das aber hatte Gott abgelenkt. Nach menschlicher Berechnung -würde nun nicht einer von den vielen Feinden bis ins Herz des Deutschen -Reiches eindringen! Nach menschlicher Berechnung mußte Deutschland -trotz dieser Welt von Feinden doch noch den Sieg erreichen. Viel Blut -floß -- viele Opfer mußten gebracht werden! Keiner durfte zagen -- -keiner durfte klein werden! Man lebt nicht mehr für sich selbst, man -lebt für das Land, in dem man geboren ward, für das Land, das man -jetzt, da es bedroht ist, mit so viel tieferer, heißerer Liebe als in -der Zeit des langen Friedens liebt. - -Ihre Hand läßt das Amulett fallen; ihr Kopf ist wieder ruhig -- die -Gedanken nehmen eine andere Richtung. Nicht klein, nicht schwach, nicht -selbstisch sein! Was sie leidet, ist das Leiden einer ganzen Welt -- -was sie hergeben muß, geben Millionen in allen Ländern her. Soll sie -kleiner, verzagter, armseliger sein als all diese Millionen? -- -- -- - - * * * * * - -Die Husaren haben Freiturnen im Kasernenhof. Es ist kalt, und ein -rauher Wind weht, aber sie merken es nicht. Nachdem sie eine Stunde -lang Lanzenschwingen und Säbelfechten geübt haben, ist zum Springen -kommandiert worden. - -Der Oberleutnant kommt aus dem Dienstgebäude und spricht mit dem -Wachtmeister, und man weiß nicht, ob er nur gekommen ist, um sich die -Sache einmal anzusehen, oder ob etwas Besonderes vorliegt. Man wartet -ja täglich, stündlich auf das Große, das doch nun endlich, endlich -kommen muß. - -Aber nachdem die Unterredung beendet ist, läßt der Wachtmeister ruhig -weiterturnen, und der Oberleutnant sieht zu. Die Freiwilligen sind -enttäuscht, und das Springen geht wirklich etwas mangelhafter als sonst -vor sich. - -Dann aber kommandiert der Oberleutnant plötzlich: „Halt!“ und sagt -zum Wachtmeister: „Wachtmeister, lassen Sie mal die fünfzig Besten -vortreten -- aber, bitte, nicht die, die hier so miserabel geturnt -haben!“ - -Die Freiwilligen horchen auf. Was ist das? Was bedeutet das? Geht es -hinaus? Aber nein, das ist nicht möglich, denn vor einer Woche sind -wieder hundert von ihren Pferden nach Halberstadt verschickt worden, -und die, die jetzt noch hier im Stalle stehen, sind zum großen Teil -nicht kriegstauglich. - -Der Oberleutnant sieht sich die fünfzig Leute, die herausgerufen worden -sind, an. - -„Gut,“ sagt er. „Also, Sie, Wachtmeister, und zwei Unteroffiziere -werden die Reise anführen. Mit dem Herrn Oberst treffen Sie in Budapest -zusammen. Wir haben jetzt vier Uhr; um fünf Uhr geht der Zug. Es ist -also Eile nötig!“ - -Die Freiwilligen, die herausgerufen worden sind, haben rote Köpfe -bekommen. Nach Ungarn zum Pferdekauf! Das geht unmittelbar dem -Ausrücken voran! Bevor der Landsturm und die alten Leute ins Feld -rückten, sind sie auch nach Ungarn gefahren, um Pferde zu holen. Das -Herz schlägt ihnen hoch. Endlich, endlich! - -Der Wachtmeister ist auch plötzlich rosigster Laune. Der Turnunterricht -wird abgebrochen; die, die nicht ausgewählt wurden, haben eine freie -Stunde, und die anderen werden kommandiert, um Futterbeutel und -Tränkeimer in Empfang zu nehmen. - -Hillers Herz klopft zum Zerspringen. Er benutzt die kurze -Viertelstunde, die ihnen zum Umziehen gelassen wird, um ganz schnell -zur Mutter hinüberzulaufen. - -Mit heißen Wangen und leuchtenden Augen steht er vor ihr. „Wir fahren -nach Ungarn, Mutter. Pferde holen -- dann geht’s ins Feld, Hurra!“ - -Er weiß gar nicht, was er sagt; er sieht auch nicht, wie bleich die -Mutter wird; sie hat ihn gar nicht richtig verstanden und glaubt im -ersten Augenblick, daß er schon jetzt den großen Abschied nehmen will. -Aber darüber beruhigt er sie. „Nein, nein. Vorerst nur nach Ungarn, -die Pferde holen. Dann müssen sie doch ein paar Tage lang eingeritten -werden. Man kann doch nicht auf ganz fremden Gäulen ins Feld. Unsinn -- -Mutter, du brauchst nicht zu erschrecken. Wir kommen ganz sicher wieder -zurück. Zehn oder zwölf Tage bleiben wir aus. Aber das ist doch famos! -So eine schöne Reise!“ - -Sie will ihm Kaffee bringen lassen, aber er wehrt ab: - -„Nein, Mutter, ich hab’ nicht einen Augenblick Zeit. Ich muß gleich -wieder drüben sein. Lebewohl, Mutter; was willst du denn während der -Zeit tun?“ Diese letzte Frage richtet er noch im Hinausgehen an sie, -wartet aber die Antwort gar nicht mehr ab. - -Unten vor der Kaserne steht Hipp und hält triumphierend einen -Futterbeutel und Tränkeimer in der Hand. „Teufel,“ sagt Hiller -erstaunt, „du warst doch gar nicht unter den Fünfzig!“ - -Hipp lacht. „Man muß so was zu deichseln verstehen. Ein armer -Bauernlümmel ist krank geworden; ich habe ihm zehn Mark zur Erholung -geschenkt; da hat er mich als Vertretung vorgeschlagen. Ich werde mir -doch so was wie eine Gratisreise nach Ungarn nicht entgehen lassen!“ --- Er hängt sich in Hillers Arm: „Hast du Mammon? Sonst kann ich dir -aushelfen!“ - -Aber Hiller hat, was er braucht; Großmutter sorgt immer gut für ihn, -und die Mutter gibt auch. Sie gehen in die Stube und ziehen den -Reitanzug an. Dann noch schnell in die Kantine, um eine Weiße und ein -paar Butterbrote zu verzehren. Für alle Fälle; denn man kann nicht -wissen, wo man zuerst etwas zu futtern bekommt. - -Im Hof steht der Wachtmeister mit den zwei Unteroffizieren: „Antreten! --- Zu Reihen gliedern! -- Marsch!“ Und fort geht’s zum Bahnhof. Vorerst -mal in den Zug nach Magdeburg. -- Dritter Güte -- das ist anständig; -jeder hat seinen Platz, und der Wachtmeister ist fortgesetzt in -rosigster Laune. - -„Wenn ihr Lust habt, könnt ihr singen!“ - -Hipp hat eine Mundharmonika und setzt sie sogleich an. ‚Morgenrot, -Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod!‘ Sie singen es mit leuchtenden -Augen -- der Wachtmeister und die Unteroffiziere auch. Was das für ein -Gefühl ist -- mal endlich aus der Kaserne raus! - -„Unsere Damen werden heut’ abend große Augen machen!“ flüstert Hipp, zu -Hiller gewandt. „Schad’t aber nichts; sie müssen sich jetzt langsam von -uns abgewöhnen.“ - -Über Hillers Gesicht fliegt ein Schatten. Daran hat er in seiner -Aufregung noch gar nicht gedacht, und das Mädchen tut ihm furchtbar -leid. Was mag die denken, daß er sie so einfach im Stich läßt! - -Hipp sagt: „Siehst du nun ein, daß es blödsinnig ist, bei so einer -Sache etwas zu fühlen? Immer frei bleiben! Das ist die Hauptsache! Wenn -ein Mädchen flennt und Liebesschmerz hat, was ist dabei? Sie haben ja -sonst nicht viel zu tun. Aber unsereins muß frei bleiben. Ist ja auch -nicht der Mühe wert, oder glaubst du, daß deine Kleine länger als einen -Tag um dich weint, wenn sie vielleicht mal hören soll, daß du gefallen -bist? Nur keine Illusionen!“ - -Und es ist gut für Hiller, daß Hipp ihn immer wieder aus seiner -Phantasiewelt herausreißt, denn er gehört zur Klasse der reinen Toren, -die überall nur Gutes und Wahres und Reines sehen. - -Sie singen ein Lied nach dem andern, und der Zug läuft in Magdeburg -ein, bevor man’s gedacht hat. Am Bahnhof steht ein Trupp Ulanen mit -Wachtmeister und Unteroffizier. Der Vorgesetzte der Husaren tritt zu -dem Kameraden vom Ulanenregiment hin und verständigt sich mit ihm. Sie -haben Befehl, die Reise gemeinsam zu machen. Eine Stunde Aufenthalt in -Magdeburg -- dann weiter nach Dresden, wo die erste Nachtrast sein soll. - -Die Freiwilligen -- Ulanen und Husaren -- bekommen Stadturlaub; in -einer Stunde haben sie wieder am Bahnhof zu sein. Sie zerstreuen sich -in Trupps und suchen die dem Bahnhof zunächst liegenden Kneipen auf. -Man kommt sich schnell näher. Die Ulanen sind noch ebenso unsicher wie -die Husaren, ob es nach dieser Ungarnreise nun wirklich hinausgeht. -Man weiß ja wahrhaftig nicht, wozu man noch in der Kaserne sitzt, man -begreift es nicht, daß man solche Mengen von gutem Soldatenmaterial -noch in der Kaserne läßt. Hipp ist mit Hiller und ein paar Ulanen in -einer richtigen Muschkokneipe gelandet. Man sieht nichts anderes als -buntes Tuch und atmet einen üblen Geruch ein. Schadet aber nichts -- -man ist wenigstens mal aus dem ewigen Einerlei heraus! - -Die Fahrt nach Dresden ist schon ein wenig ungemütlicher als die -vorherige. Sie sind jetzt neunzig Mann und werden vierter Klasse -verstaut. Wer Glück hat, kann sitzen, die anderen stehen. Sangeslust -ist nicht mehr vorhanden, und um die neunte Stunde, um die man sonst -auf seinen Strohsack zu fallen pflegt, lassen die meisten ihre Köpfe -hängen. Macht der Gewohnheit. -- Um neun Uhr meldet sich der Schlaf! -Und ein paar von denen, die einen Sitzplatz haben, fangen an zu -schnarchen. - -Um Mitternacht sind sie in Dresden; da ist noch reges Leben am Bahnhof. -Das Rote Kreuz hat einen großen Raum für Verwundete und durchreisende -Krieger eingerichtet, und labt nun auch die Husaren und Ulanen mit -gutem, heißem Kaffee, Butterbrot und Zigarren. - -Da die Nacht vorgeschritten ist, kann man nicht mehr zu einer Kaserne -hinaus, um Quartier zu bekommen; man muß am Bahnhof bleiben, zum -wenigsten die, die auf Regimentskosten schlafen wollen. Wer Geld hat, -kann sich in der Stadt ein Unterkommen suchen. Um elf Uhr am nächsten -Morgen hat man sich wieder am Bahnhof einzufinden. Eine ganze Menge von -ihnen verfügt über das nötige Kleingeld und zieht in die Stadt. Schade, -daß man so hundemüde ist; man hat jetzt wirklich nur noch das eine -Verlangen, sich auszustrecken, und zwar sobald als möglich. - -Hipp und Hiller und zwei Mann, die sie als ihresgleichen erkannt haben, -betreten ein sehr feines Hotel. Warum soll man nicht für eine einzige -Nacht üppig sein? Ein Vermögen wird’s nicht kosten. Und man schläft -dann wenigstens mal wieder in einem anständigen Bett und bekommt am -Morgen etwas Ordentliches zu frühstücken. - -Der Oberkellner sieht die vier Soldaten etwas kritisch an, aber der -weltkundige Hipp hat ihn bald da, wo er ihn haben will. Er versteht es -prachtvoll, jemanden mit drei Worten klarzumachen, wer er ist, und was -er zu beanspruchen hat. - -Sie erhalten je zu zweien ein sehr anständiges Zimmer mit Heizung -und elektrischer Beleuchtung; aber sie genießen nicht mehr viel von -diesen Bequemlichkeiten. Kaum, daß sie den Uniformrock und die lederne -Reithose ausgezogen haben, sind sie schon im Schlaf drin und schlafen -nicht schlechter und nicht besser als in ihrer Altmärker Kaserne auf -dem Strohsack. - -Aber am nächsten Morgen läßt sich die Sache schon anders an, da kann -man sich erst noch diverse Male umdrehen, ehe man ans Aufstehen denkt, -und sitzt dann unten im Frühstückszimmer vor einem famosen Frühstück, -das durch Hipps Anordnungen noch um vieles delikater gemacht wird. - -Die Rechnung ist dann auch einigermaßen erstaunlich, und Hipp läßt beim -Bezahlen seines Anteils die Bemerkung einfließen, daß man in diesem -Hotel nicht sehr patriotisch gesinnt zu sein scheine, denn sonst würde -man freiwilligen Kriegern, die in kurzer Zeit ihr Leben fürs Vaterland -einsetzen wollen, nicht solche Summen abnehmen. Der Oberkellner bleibt -kühl und würdevoll und läßt Hipps Bemerkung an seinem Ohr vorbeigehen, -als ob er sie nicht gehört oder verstanden habe. - -Macht nichts! Man ist acht Mark losgeworden, aber man hat doch auch -etwas dafür gehabt. Weiterhin wird man ja keine Gelegenheit zu großen -Ausgaben mehr haben! - -Nun läßt sich die Sache wirklich anders an -- viel ernster und -dienstlicher! - -Wieder werden sie in Wagen vierter Klasse untergebracht und fahren in -sehr gemäßigtem Tempo der österreichischen Kaiserstadt zu. - -In Prag ist längerer Aufenthalt, und am Bahnhof sind Speisehallen -aufgeschlagen. Jeder tritt mit seinem Napf an und bekommt ein Stück -Fleisch, auf das eine heiße, kräftigriechende Suppe gefüllt wird. Es -schmeckt gut, denn sie sind hungrig -- sie können gut und gern die -doppelte Portion vertragen; aber es dauert eine geraume Zeit, bis alle -neunzig Mann gespeist sind, und man muß sich sogar beeilen, seinen Napf -auszulöffeln. - -Die Dunkelheit bricht an, als sie sich Wien nähern. Hiller ist in -freudiger Erregung. Das war schon längst sein Wunsch, das schöne, alte -Wien zu sehen! Und es kommt ihm fast unwahrscheinlich vor, daß dieser -Wunsch sich nun so plötzlich erfüllen soll. Am liebsten wäre er gleich -vom Bahnhof mit Hipp und den zwei Mann in die Stadt gelaufen, denn -höchstwahrscheinlich werden sie wieder Nachturlaub erhalten. - -Aber am Bahnhof heißt’s: „In Reihen gliedern! -- Marsch!“ Und es geht -durch eine Reihe grauer Straßen immer in Reih und Glied. Man darf den -Kopf nicht nach rechts oder links wenden. Wohin führt man sie? Was hat -man mit ihnen vor? - -Ah, nun kommen sie in belebte Gegenden. Die Leute schauen nach ihnen -und bleiben stehen. „Heil -- Hurra -- Deutschland!“ ertönt’s von allen -Seiten. Man bringt ihnen Ovationen dar -- man feiert sie. „Deutschland, -Deutschland über alles!“ erschallt es, und Menschenscharen schließen -sich ihnen an. „Deutsche Husaren und Ulanen. Hurra! Hoch die -Verbündeten! Heil dir im Siegerkranz! Hoch Kaiser Wilhelm! Hoch -- hoch --- hoch!“ - -Die Köpfe der jungen Menschen werden heiß. Das Blut wallt ihnen -zum Herzen. Sie wissen, daß der Jubel nicht ihnen selbst, nicht -ihrer Person, sondern dem Lande, das sie hier vertreten, gilt. Und -sie fühlen es mit Wonne und Glück: Wir sind Deutsche! Wir sind in -Freundesland. Man liebt uns. - -Ach, endlich einmal wieder Begeisterung und Hoch und Hurra und heiße, -flammende Freude! Endlich einmal wieder kommt es einem zum Bewußtsein, -daß man in dieser gewaltigsten aller Zeiten lebt, daß man zu Hohem, -Heiligem berufen ist. - -Sie singen es mit ihren Bundesbrüdern -- sie singen es aus jubelndem, -heißem Herzen heraus: „Deutschland, Deutschland über alles!“ - -Aber von Wien bekommen sie nichts zu sehen; man hat sie nur von dem -einen Bahnhof, auf dem sie ankamen, zu einem anderen geführt, und -da steht schon der Zug bereit, der sie weiter, der sie direkt nach -Budapest bringen soll. Vorher große Abspeisung und Hurra und herzliches -Willkommen. Die hübschen jungen Mädchen stecken ihnen Liebesgaben -zu: Schokolade, Zigarren, Postkarten, und überall hallt es: „Hoch -Deutschland! -- Hoch die Verbündeten! Deutsche Ulanen und Husaren -- -Hurra -- Hoch!“ - -Die Österreicher haben ihren Waffenbrüdern einen komfortablen Zug zur -Verfügung gestellt: ~D~-Zug, nur mit Wagen zweiter Klasse. Die -Österreicher sind ein höfliches Volk, sie wissen, wie man seine Freunde -ehrt. Jeder hat viel Platz, und sie sitzen sehr bequem auf ihren -Samtpolstern. - -Hiller hat noch einen Augenblick mit seiner Enttäuschung zu kämpfen, -als die Lokomotive anzieht. Sie gleiten am nächtlichen Wien vorüber -- -ohne etwas anderes als ein paar Straßen gesehen zu haben. Schade -- -- -aber dann ist’s auch schon überwunden. Wenn man gesund aus dem Kriege -kommt, wird man Wien schon noch einmal zu sehen bekommen. - -Am nächsten Morgen ist Budapest erreicht und gleich Urlaub bis zum -Mittag. Großartig! Und man steht an der Donau und sieht die herrliche -Stadt mit ihren wundervollen Bauten vor sich liegen. Die Sonne -scheint und glitzert auf den Wellen des Stromes. Wirklich famos! -Und Hipp wird in der ihm noch ganz fremden Stadt gleich zum Führer, -schreitet mit Hiller und den zwei Husaren über die Brücke, so als ob -er schon hundertmal dahergegangen wäre, und macht auch gleich ein -Lokal ausfindig, in dem es etwas Anständiges zu frühstücken gibt, -denn am Bahnhof haben sie ihnen im Wartesaal einen miserablen Kaffee -und Knoblauchwürstchen angeboten. Beides Dinge, die man vielleicht -in höchster Not, wenn der Hunger einen schon mächtig plagt, annehmen -würde. Aber jetzt hatte man das noch nicht nötig! - -Die Menschen hier in der schönen Stadt sind überaus freundlich. Überall -begrüßt man sie aufs herzlichste, und alle paar Schritte werden sie -angehalten: „Was seid’s für Landsleut? Wer seid’s?“ „~Német~ -Husar!“ antwortet Hipp stolz, und: „~Német~ Husar! Hoch -~Német~ Husar!“ tönt es ihnen von allen Seiten entgegen. - -Ha, die Ungarn wissen, was für Bundesgenossen sie an den Deutschen -haben. Es ist eine Freude, hier durch die schöne Stadt zu ziehen und -sich anstaunen und feiern zu lassen. Überall steckt man ihnen Zigarren -und Postkarten zu, und junge Mädchen bringen ihnen Blumen. „Hoch -~Német~ Husar! Heil deutsche Waffenbrüder!“ - -Zu Mittag speist man gut und teuer. Schadet nichts, man ist nur einmal -als Husar in Budapest -- und dann wieder Versammlung am Bahnhof. -Wieder ~D~-Zug mit Wagen zweiter Klasse, und vorbei geht’s an der -schönen, blauen Donau, dann durch flaches Steppenland, bis man an die -Ufer der Theiß gelangt. - -Szegedin! Es ist Nacht geworden. Die Wachtmeister von beiden -Regimentern werden von zwei ungarischen Männern, die ein Mittelding -zwischen Bauer und besserem Gutsbesitzer sind, begrüßt. Das sind die -Pferdehändler, die morgen ihr Geschäft machen wollen, und die für den -heutigen Abend die ganze Schar zum warmen Abendbrot und rotem Ungarwein -einladen. Große, gedeckte Tische stehen im Bahnhofsgebäude bereit; es -gibt Suppe, schöne, zarte Schnitzel, Gemüse und Käse! Alles umsonst --- und in verschwenderischer Fülle. Die Freiwilligen haben einen -Bärenhunger, und der Wein tut ihnen wohl. Aber die Wachtmeister wollen -zur Ruhe kommen. - -Kaum hat man den letzten Bissen gegessen, heißt es schon: „Antreten!“ -und man zieht durch dunkle Straßen zur 46. Infanteriekaserne hinaus. Da -ist Nachtquartier angesagt. Urlaub gibt’s nicht. Alle zur Kaserne -- -gleichgültig, ob man Geld für eigene Unterkunft hat oder nicht. - -In der 46. Infanteriekaserne spricht man gebrochen deutsch. Ein -Unteroffizier empfängt sie und weist ihnen drei große Stuben an -- -jeder bekommt eine Matratze mit Decken. Zum Kopfkissen rollt man -den Mantel zusammen, und die deutschen Wachtmeister teilen ihren -Freiwilligen noch mit, daß der Oberst, der schon in Szegedin weilt, für -den nächsten Tag bis zum Mittag Urlaub gewährt hat. Dann: Lampe aus -- -die Decke über die Schultern und Augen zu! Aus ihren Reithosen kommen -sie fürs erste nicht heraus. - -Am nächsten Mittag beginnt der Pferdekauf. Vorher haben sie sich die -Stadt angesehen, haben gegessen und getrunken und haben sich feiern -lassen. Famos! Auf diese Weise haben sie ein schönes Stück Welt gesehen! - -Der Pferdekauf findet in einem Gutshof, der nicht weit von der Kaserne -abliegt, statt. Die Wachtmeister nehmen jeder ihre Freiwilligen -zusammen, und während die Ulanen in den Gutshof hineingehen, müssen die -Husaren draußen warten. - -Es regnet, und es ist kalt; die Straßen sind aufgeweicht, und die -Freiwilligen frieren trotz der warmen Mäntel, die sie tragen. Die -ungarischen Bauern führen dem deutschen Oberst ihre Pferde vor. Der -besieht sich jedes einzelne von allen Seiten, läßt Trab und Galopp -laufen und diktiert dann dem Schreiber Alter, Farbe und Geschlecht des -Tieres, und für welche Truppengattung es bestimmt werden soll. - -Die Ulanen nehmen die Pferde in Empfang und bringen sie zu den Husaren -hinaus. - -Es sind durchweg temperamentvolle Tiere, die nicht ruhig stehen wollen. -Hipp und Hiller, von denen jeder zwei Gäule hat, gehen im Kreise mit -ihnen herum. Es ist wirklich keine Kleinigkeit, eine Stunde mit zwei -fremden Gäulen herumzulaufen. Aber mit den zwei ist es noch nicht -abgetan. Die Ulanen bringen immer neue Tiere heraus. Teufel auch! Mehr -als drei kann man doch aber nicht handhaben, besonders wenn die Biester -anfangen, kerzengerade in die Höhe zu steigen. - -Da -- nun hat Hipp schon wieder ein neues. Vier Stück, zum -Donnerwetter, das kann gut werden! Auch Hiller bekommt das vierte, -und reißt sich doch schon mit den dreien wie ein Toller herum. Dazu -prasselt der Regen nieder, und die Gäule stampfen in die Pfützen, daß -einem der Kot bis ins Gesicht spritzt. - -Gott sei Dank, nun kommt der Oberst heraus -- setzt sich in sein Auto -und fährt davon. - -Die Freiwilligen sind wie in einer Schlacht. Jeder zerrt an den sich -aufbäumenden Tieren, und die Wachtmeister schimpfen um sie herum. Das -Schlimmste kommt aber noch. Die Tiere müssen gestempelt werden, und in -dem Augenblick, da sie das heiße Eisen an ihrem Hals fühlen, sind sie -ganz des Teufels. - -Hipp fliegt hoch in die Luft, so wirft sich einer von seinen Gäulen -zurück. Er hat das Gefühl, als sei ihm der Arm aus der Kugel gedreht, -und macht ein ganz verzweifeltes Gesicht. Andern geht’s nicht besser; -einer hat die Zügel einfach fahren lassen und muß sehen, wie seine -Tiere in den Gutshof zurückrasen. - -Unter Toben und Schreien, Hü und Hott, setzt sich dann der Zug in -Bewegung zum Bahnhof hin. Da stehen die langen Züge mit Viehwagen, und -nun heißt’s aufpassen, daß keiner seine Gäule locker läßt. Die Pferde -scheuen vor den dunklen Wagen zurück. Sie bleiben am Eingang stehen -und sind durch nichts weiterzubringen. Zurufe, Schreien, Stockhiebe --- alles nutzt nichts. Man muß sich gegen das Hinterteil stemmen und -schieben, bis sie glücklich drin sind. - -Stunden vergehen -- es ist später Nachmittag geworden, bis die Tiere -endlich verladen und gefüttert sind; aber dafür ist dann auch der -Rest des Tages und der Abend frei. Erst um Mitternacht hat man sich -wieder am Bahnhof einzufinden. Dann soll’s weitergehen bis dicht an -die serbische Grenze heran; der Oberst kauft Hunderte und Hunderte von -Pferden, und den Freiwilligen wird es immer banger zumute. Wie sollen -sie das bewältigen? - -Aber erst mal haben sie jetzt einen freien Abend vor sich, und den -wollen sie sich nicht verkümmern lassen. Mag nachher kommen, was will. -Fürs erste lacht die goldene Freiheit sie an. - -Die Straßen der Stadt sind grundlos; bis über die Knöchel waten sie -im Morast. Wohin geht man nun? Wer hat eine Ahnung, wo man hier etwas -Besonderes sehen kann? - -Ein Vorübergehender, der sie anspricht und herzlich begrüßt, hat -ihnen in holperigem Deutsch vorgeschlagen, sich mal die Theißanlagen -anzusehen, und das tun sie denn auch pflichtgetreu, trotz des stetig -fallenden Regens und der einbrechenden Dunkelheit. Aber so recht steht -ihnen heute ihr Sinn eigentlich nicht mehr danach, Naturschönheiten zu -bewundern. Sie frieren, sind durchnäßt und wollen etwas Vernünftiges -in den Magen bekommen. - -Die ersten Husaren, die vorbeikommen, werden angehalten. „Sagt uns ein -gutes Lokal!“ Die empfehlen das Stammlokal der Szegediner Einjährigen -und weisen ihnen den Weg. - -Ja, das war eine gute Weisung. Heiße, ungarische Musik schlägt ihnen -entgegen, noch bevor sie in den hellen, warmen Saal eingetreten sind. -Musik, von einer kleinen ungarischen Kapelle ausgeführt -- feiner -Zigarrenduft und heitere, angeregte Menschen -- Essen und Trinken -- -was wollen sie mehr! - -„Vorerst einmal Kaffee!“ rät Hipp. Inzwischen wird man die Speisekarte -studieren und sich ein feines Nationalgericht bestellen. - -Hipp ist wirklich der geborene Lebemann. Die anderen würden gleich -drauflosgegessen und getrunken haben, aber Hipp weiß ganz genau, daß -ein etwas vernachlässigter Magen erst durch etwas Anregendes gereizt -werden muß. Wenn der Kaffee sie erwärmt und aufgefrischt hat, werden -sie nachher mit viel größerem Genuß speisen können. Man tut ohne -weiteres, was Hipp will, und überläßt ihm auch gern, für alles Weitere -an diesem Abend zu sorgen. - -Die Stimmung ist schon sehr angeregt. Ganze Scharen von den deutschen -Husaren und Ulanen haben den Weg in dies famose Lokal gefunden, und -die Ungarn trinken und jubeln ihnen zu: „Hoch ~Német~ Husar! Hoch -~Német~ Ulan!“ - -Der Kellner bringt eine würzige Suppe von pikantem Geschmack und weißen -Ungarwein zu vier Kronen die Flasche. Hipp schenkt vorsichtig ein. „Nur -nicht gleich drauflossaufen, dann ist es um den feinen Genuß geschehen!“ - -Dann ein Fischgericht. Ein Fisch, der am Morgen noch in der Theiß -schwamm. Teufel, ja, das muß man den ungarischen Bundesbrüdern lassen; -sie haben eine feine, aparte Küche! - -Hipp ißt langsam nach Art der Feinschmecker und trinkt den Wein in -kleinen Schlückchen. - -Zum Schluß ein ungarisches Schnitzel, Butter und Käse und etwas Süßes! -Das läßt man sich gefallen! Nicht zu viel und nicht zu wenig! Man ist -nicht überfüttert, sondern in eine prachtvoll behagliche Stimmung -gekommen und hat noch die Fähigkeit, der Musik zu lauschen und die -Umgebung zu beobachten. - -Nahe bei dem Orchester sitzt ein junger, verwundeter Offizier, um -den Kopf eine Binde, einen Orden auf der Brust; der hat sich schon -mit den Serben geschlagen. Sie schauen ihn bewundernd an, wie er -vor seiner Flasche Sekt sitzt und den Kopf zu den Tönen der Musik -bewegt. Wenn ein Lied gespielt wird, singt er mit -- laut und dröhnend --- er hat eine prachtvolle Stimme und viel Temperament. Eigentlich -zu viel Temperament für einen verwundeten Krieger. Wippt mit den -Beinen und schlägt mit beiden Händen den Takt. „Beschwiemelt,“ sagt -Hipp, „total beschwiemelt,“ und die anderen blicken neugierig zu dem -ordengeschmückten Helden hin. Dieser winkt dem Kellner und sagt ihm -etwas; der Kellner scheint ihn nicht zu verstehen. Klatsch -- fliegt -ein Glas Sekt an den Boden. Im Augenblick steht ein neues da. - -Nun fängt er mit dem Kapellmeister an -- ruft ihm etwas zu und springt -von seinem Sitz auf. Die Augen funkeln ihm; er reißt ihm die Geige -aus der Hand. Teufel, kaum kann er sich noch auf den Beinen halten --- aber spielen kann er...! Da ist der Kapellmeister nichts dagegen. -Er spielt, und der ganze Saal lauscht ihm -- er torkelt umher und -spielt herzzerreißend schön, spielt, daß man laut aufheulen möchte vor -Glück und Schmerz; dann ein Knacks -- eine Saite entzwei -- die Geige -fliegt in eine Ecke -- der Verwundete fällt auf einen Stuhl -- stützt -den verwundeten Kopf in die Hand und starrt vor sich hin. Weint er? -Ist sein armer Geist verwirrt? Hat er so Entsetzliches gesehen und -gehört, daß er nicht mehr Herr seiner Sinne ist? Daß er trinken muß, -um Grauenvolles zu vergessen? Wer weiß es? Wer kann sagen, ob er nur -ein liederlicher Kumpan, oder ob er ein Unglücklicher, ein vom Krieg -Erschütterter ist? - -Zwei junge Honvedoffiziere kommen an seinen Tisch und reden auf ihn -ein. Er ist wie ein Kind und läßt sich willig fortführen. - -Ein paar Minuten bleibt’s still im Saal -- man ist erstaunt und -erschreckt. Dann hebt der Kapellmeister die Geige vom Boden -- zieht -eine neue Saite auf, und die neueinsetzende Musik läßt den kleinen -Zwischenfall vergessen. - -Aber an anderen Tischen wird’s nun auch lebendig; der Ungarwein -beginnt seine Wirkung zu tun. Auch deutsche Husaren und Ulanen haben -rote Köpfe bekommen, fangen an zu singen und zu krakehlen. Die wilde -Musik stachelt auf -- die Begeisterung der Ungarn für ihre deutschen -Bundesgenossen steigt; die Luft ist heiß. Und die Begeisterung flammt -immer höher auf. - -Die Stunden fliegen, aber Hipp, der Feinschmecker, hält seine -Gesellschaft im Zügel. Auch ihre Köpfe sind nicht ganz frei -- doch -denken können sie noch; sie wissen noch, wo sie sind, und als die -zehnte Stunde vorüber ist, steht Hipp auf, winkt den Kellner heran, um -die Rechnung für sich und die drei Tischgenossen zu begleichen. Der -begeisterte Wirt aber will von einer Bezahlung nichts hören und freut -sich, ihnen, als seinen Bundesgenossen, einen schönen Abend bereitet zu -haben. - -Durch den tiefen Morast der Szegediner Straßen tasten sie sich zum -Bahnhof hin. Von allen Seiten kommen sie angetrottet -- in ganzen -Reihen und auch allein; singend und fluchend und lallend -- manch einer -total besinnungslos, auf ein paar Kameraden gestützt. Die Wachtmeister -stehen am Bahnhof und sind wütend, ein Ulan ist am Umfallen und -schwatzt ungereimtes Zeug. - -„Kerl, Sie sind ja total betrunken!“ schreit der Wachtmeister -ihn an. „Sie werden Kasten bekommen -- verstehen Sie?“ „Gut -- -Herr Wachtmeister!“ „Halten Sie die Schnauze, Kerl!“ „Jawohl, Herr -Wachtmeister -- mach’ ich schon! Aber ich bin nicht betrunken! Sicher -nicht!“ - -„Halt’ die Schnauze, Kerl!“ - -„Ich sag’ ja schon nichts mehr, aber betrunken bin ich nicht, Herr -Wachtmeister!“ - -Der packt ihn mit festem Griff und wirft ihn in ein Abteil. Der Ulan -fällt aufs weiche Polster und bleibt bewegungslos liegen. Sie kommen -alle nicht ganz so glatt hinein -- und als der Zug endlich anzieht, -hört man schon manchen schnarchen in den einzelnen Abteilungen. - -Ein paar Stunden darauf sind sie in Mako. Dunkelheit lagert noch über -dem Ort, es ist fünf Uhr früh. Es stürmt und regnet! Eine Kaserne -gibt’s hier nicht. Also wohin? - -Dem Wachtmeister wird ein Wirtshaus genannt, das große Säle hat, da -wird man sie aufnehmen. Also los! Die Stiefel bleiben im Schmutze -stecken -- der Regen peitscht ihnen ums Gesicht -- sie sind todmüde und -schlapp. - -Im Gasthof sieht man sie staunend an. Wer ist das? Eine verschlafene -Magd kreischt auf und will sich mit dem Besen gegen den eindringenden -Feind wehren. - -Wirt und Wirtin erscheinen. „Wer seid’s? Ist das der Serb -- der -Feind?“ -- „Nein, ~Német~ Husar und Ulan, deutsche Waffenbrüder!“ - -Da leuchten die Gesichter! „Aber gewiß! Tretet’s ein!“ und man ist -traurig, daß man keine Betten hat. Schad’t nichts. Wer so hundemüde -ist, schläft auch ohne Betten! Sie verteilen sich auf die Bänke, die an -der Wand stehen, und wer keine Bank findet, legt sich auf den Boden; -es ist ganz gleichgültig. Die Magd schürt das Feuer im großen Ofen; man -hat eine warme Stube und einen Platz, um sich auszustrecken, mehr will -er nicht. - -Die Wachtmeister lassen ihre Soldaten schlafen, bis der Morgen schon -erheblich vorgeschritten ist; der Herr Oberst hat sich erst für elf Uhr -angesagt. - -Der ungarische Gasthofbesitzer und seine Frau sorgen für ein -ordentliches Frühstück. Die neunzig Mann stehen ein wenig verkatert -auf, haben aber wieder einen freien Kopf bekommen. Sie trinken Kaffee, -essen Bratkartoffeln und Brot und Schinken. - -Aus weiter Ferne hört man dumpfes Dröhnen. Serbischer Kanonendonner! -Ganz nah’ beim Krieg -- ganz nah bei einer tosenden Schlacht sind sie! -Wie lang’ noch, dann sind auch sie mitten drin im Kugelregen! - -Die Stiefel sind schwer vom dicken Schmutz, aber es lohnt sich nicht, -sie zu reinigen, denn hier in Mako sind die Wege noch grundloser als in -Szegedin. - -Und wieder fängt der Pferdekauf an! Wieder werden die Tiere unter -Geschrei und Getose am Bahnhof verladen, und weiter geht’s in drei, -vier andere Orte, immer weiter nach Serbien zu. Immer deutlicher hört -man den Kanonendonner. - -In diesen kleinen Nestern ist’s öd und langweilig -- man hat viel -Arbeit und schlechtes Nachtlager. - -Von Gutshof geht’s zu Gutshof, bis endlich der Bedarf an Pferden -gedeckt ist. - -Nun zurück nach Deutschland; eine volle Woche sind sie schon unterwegs -und seit sieben Tagen nicht aus den Kleidern herausgekommen. In -Kiskörös werden die Pferde endgültig verladen; immer sechs in einem -Wagen, und in der Mitte liegt eine Schicht Heu, die das Futter für die -Gäule und zugleich auch das Nachtlager für den Soldaten, der bei den -Pferden schläft, sein soll. - -Hipp hat dafür gesorgt, daß er in nächster Nachbarschaft mit seinem -Freund Hiller bleibt. Aber diese Nachbarschaft nützt ihnen wenig; -wenn sie miteinander sprechen wollen, müssen sie sich die Worte durch -die kleinen Fenster ihres Wagens zurufen. Da schläft man lieber, wenn -man Zeit zum Schlafen hat. Alle paar Stationen muß man hinaus, um im -Tränkeimer Wasser für die Pferde zu holen oder für sich selbst etwas in -Empfang zu nehmen. Die übrige Zeit liegt man auf dem Heu ausgestreckt -und schläft oder träumt vor sich hin. - -Am ersten und am zweiten Tag ist das Heulager im Wagen ganz weich und -mollig, aber je mehr die Gäule verfüttert bekommen, um so spärlicher -und unbehaglicher wird es; und mit der Ernährung ist’s auch eine eigene -Sache. Das letzte Gulasch, das man an der ungarischen Grenze bekam, war -so verpfeffert, daß man den ganzen Tag das Durstgefühl nicht loswurde. -Da hat man am Abend auf eine zweite Portion lieber verzichtet. Der -kleine Hiller ist ein wenig abgemattet, mag es sich aber nicht -eingestehen. Er liegt die beiden letzten Tage der Fahrt Stunde um -Stunde auf der immer dünner werdenden Heuschicht zwischen seinen -Pferden, denkt über tausend Dinge nach, grübelt und philosophiert -- -denkt an das blonde Mädchen in der Garnison, das nichts weiter als -Lustigkeit und kleine Aufmerksamkeiten von ihm verlangt -- denkt auch -an die Mutter, die gewiß ungeduldig auf ihn wartet -- und denkt an das, -was nun sehr nahe bevorsteht: ans endliche Ausrücken nach Frankreich -oder Rußland! - -Oft hat die Großmutter in einer guten, trauten Stunde zu ihrer Maria -gesagt: „Das Leben für uns Frauen ist nur dann schön und lebenswert, -wenn wir einen lieben Menschen haben, den wir mit unserer Liebe umgeben -und für den wir sorgen können; wenn wir einen Menschen haben, der -ganz und gar zu uns gehört. Wir Frauen sind nun einmal nicht für die -Einsamkeit geschaffen!“ - -Und wenn Maria, die immer Heiratspläne von seiten der alten Frau -witterte, etwas ablehnend erwiderte: „Ich bin ja nicht allein -- ich -habe ja mein Kind!“ dann hat die Großmutter immer und immer wiederholt: - -„Nein, das Kind hast du nicht, das Kind gehört nicht dir -- das gehört -sich selbst! Du mußt einen Menschen haben, der so lange dein ist, bis -Gott einmal anders darüber entscheidet!“ Und daß die Frau ihres Sohnes -sich ihr in diesem Punkt so ganz und gar verschloß, daß sie kalt und -hart wurde, sobald die alte Frau dieses ihr Lieblingsthema berührte, -das war der Grund zu dem langjährigen Mißverständnis zwischen beiden -gewesen. - -Die Jugend, die sich stark und selbständig fühlt, mag sich vom Alter -nicht belehren lassen; die Jugend ist hochmütig und lächelt gern über -die Weisheitssprüche der Alten. Ein jeder will sein eigenes Leben haben --- sein eigenes Glück -- seinen eigenen Schmerz! - -Nun ist der Tag gekommen, an dem Maria vom bittersten Schmerz ganz -niedergeworfen, im kleinen Wohnzimmer der Wachtmeistersleute sitzt. -Die alte, fleißige Frau und ihre Tochter sind in der warmen Küche -beim Nähen, und der Junge ist von seiner ungarischen Reise noch nicht -zurück. Es ist still um sie her -- nur eine Uhr tickt, und Mirza, der -zusammengerollt auf dem Teppich liegt, schnurrt leise vor sich hin. - -Bange, unruhige Tage und Nächte des vergeblichen Wartens auf eine -Nachricht liegen hinter ihr; entsetzlich wache Nächte, in denen ihre -Augen Grauenvolles, Unfaßbares gesehen haben, in denen sich auf ihre -Seele der Jammer und das Leid einer ganzen Welt gewälzt hat. - -In diesen Nächten hat sie es schon gewußt, daß das Schicksal für sie -entschieden hatte -- in diesen Nächten hat sie unbeschreibliche Martern -und Qualen durchgekostet, hat sich mit aller Kraft aufgerafft und sich -gesagt: ‚Was Tausende im Deutschen Reiche dulden müssen, das werde auch -ich ertragen können!‘ Und ist dann doch in der Stunde, in der, was ihre -Seele schon gewußt, äußerlich bestätigt vor ihr liegt, da sie seinen -letzten Brief mit der kurzen Notiz eines Kameraden: ‚Am 20. Oktober bei -Cambray gefallen!‘ in der Hand hält, nicht fähig, der Verzweiflung, die -sie erfassen will, Herr zu werden. - -Ganz klein, ganz gebrochen, ganz elend sitzt sie da und starrt vor sich -hin. Und hat es doch viel früher schon, als dieser Krieg ausbrach, -gewußt, daß sie ihn nie besitzen würde, hat es mit tödlicher Sicherheit -gewußt, daß ihre heißen Wünsche nie Erfüllung finden würden. - -Sie hat immer -- ihr ganzes Leben lang -- eine so rege Phantasie -gehabt -- hat sich alles, was die Wirklichkeit ihr versagte, immer -durch die Kraft der Phantasie ersetzen können. Aber dieses ist ihr nie -gelungen: nie hat sie sich vorstellen können, daß einmal eine wirklich -glückliche, friedvolle Zeit für sie und ihn kommen würde -- daß aus -der großen Wirrnis dieser schmerzvollen Liebe je ein klarer, guter, -fester Bund fürs Leben erstehen sollte! Hat alles geahnt, hat alles -gewußt, und kann und will es nun doch nicht fassen -- kann sich nicht -vorstellen, daß sie ihn nie wiedersehen soll, daß jene Nachtstunden, -da sie im Auto durch Berlin rasten -- um Satteltasche, Stiefel und -Revolver zusammenzuholen, die letzten gewesen sein sollten! Jene -Nachtstunden, in denen er plötzlich so gut, so weich und so verstehend -geworden war! - -Ihr ist in diesen furchtbar dunklen, einsamen Stunden, als sei ihr der -Boden unter den Füßen fortgerissen, als gebe es in der ganzen Welt -nichts mehr, was noch zu ihr gehört und ihr Weiterleben möglich macht. -Sie hat das Gefühl, eine furchtbare Ungerechtigkeit erfahren zu haben; -hat das Gefühl, gegen das Schicksal, das ihr immer -- so lange sie -denken kann -- feindlich gesonnen war, anwüten zu müssen. Die große -Zeit hat sie noch nicht groß und hart genug gemacht! - -In den Zeitungen liest man oft von den Heldenfrauen und Heldenmüttern, -die sich nicht beugen lassen -- denen das Vaterland so hoch steht, daß -sie das eigene Ich darüber vergessen; ja, die sich glücklich preisen, -daß sie schmerzhafte Opfer bringen dürfen! Wo mögen sie die Kraft -herhaben? Wer mag ihnen diese Stärke verleihen? - -Der Kopf sinkt ihr tiefer und tiefer auf die Brust. - -Im kleinen Zimmer ist es dunkler geworden; draußen in der Küche singt -Fräulein Else, Mirza schnurrt im Schlaf und die Uhr tickt. - -Maria denkt an die Großmutter und hat Sehnsucht nach ihr. Sie hat den -Wunsch, Großmutter möchte jetzt bei ihr sein, ihr die Hand auf die -Stirn legen, zu ihr sprechen und sie aus der schrecklichen Finsternis, -in die sie immer tiefer hineinsinkt, erlösen. Stunde um Stunde sitzt -sie so in sich zusammengesunken, regungslos im dunklen Zimmer, bis es -denen draußen in der Küche unheimlich wird. - -Fräulein Else klopft leise an die Tür und fragt, ob sie die Lampe -bringen darf. Aber Frau Hiller, die erst ein paar Augenblicke braucht, -um sich in die Gegenwart zurückzufinden, will kein Licht; auch kein -Essen; sie mag auch nicht wie sonst zu einem gemütlichen Abend zu -den zwei Frauen in die Küche hinauskommen. Sie fühlt sich sehr -krank und schwach, und im Kopf toben und wüten die Gedanken, gegen -die sie gar nicht mehr ankommen kann. Sie ist wie ein armes Kind, -das darauf wartet, daß irgend jemand sich seiner annimmt. Aber die -Wachtmeistersleute sind viel zu bescheiden, um sich aufzudrängen. - -Fräulein Else richtet schweigend das Schlafzimmer her, entzündet das -winzige Öllichtchen, das nun ins Dunkle hineinblinzelt, und geht wieder -hinaus. - -Um Mitternacht wird Pferdegetrappel draußen auf der Straße hörbar -- -laute Zurufe, Befehle, Schreien und Gewieher, und Frau Hiller, die noch -immer bewegungslos in ihrem Stuhl liegt, schreckt empor. - -‚Ernst!‘ zuckt es durch ihre Gedanken, und das Herz schlägt schnell und -laut. Das können nur die Freiwilligen sein, die von ihrer Ungarnreise -zurückkehren! - -Sie tritt ans Fenster und sieht im Schein der Laterne, die von der -Kaserne herüberleuchtet, den langen Zug der jungen Husaren und Ulanen, -die mit großer Anstrengung, mit lautem Zurufen und Schreien die -fremden, noch sehr ungebärdigen Pferde zu meistern suchen. Viele von -den Tieren bäumen sich hoch auf, wenn sie in den Kasernenhof hinein -sollen, reißen ihre jungen Führer in die Höhe oder ziehen sie im Kreis -mit sich herum. Erschreckend, fast schauerlich sieht dieser Kampf -zwischen Tier und Mensch in der matten, flackernden Laternenbeleuchtung -aus; jedesmal, wenn so ein armer, junger Kerl sich mit seinen Tieren -durchs weit geöffnete Kasernentor durchschlagen will, hat man das bange -Gefühl, daß ein Unglück geschehen könne, daß die wilden, aufgeregten -Gäule ihn zu Boden werfen und zerstampfen könnten. - -Wie Frau Hiller so steht und mit bangem Herzen sieht, wie einer nach -dem anderen von den Husaren seiner schweren Aufgabe Herr wird, wie -sie dann auch ihren Jungen erkennt, der mit fester Hand seine Tiere -regiert, wie sie seine Stimme hört und seine schlanke Gestalt im -weiten, dunklen Kasernenhof verschwinden sieht, da fühlt sie, wie der -starre Schmerz, der sie umfangen hält, weicher wird, und fühlt auch -nicht mehr diese leere Trostlosigkeit um sich herum. - -In dem Augenblick, da der Junge wieder in ihrer Nähe ist, weiß sie, -daß sie doch nicht überflüssig auf der Welt ist -- ja, daß ihr Leben -vielleicht niemals notwendiger gewesen ist als jetzt. - -Draußen in der Küche rasselt immer noch die Maschine. Die -Wachtmeistersleute haben wieder ganze Stapel von Wäschelieferungen für -Lazarette fertigzustellen, und sie sind unermüdlich, wenn sie so etwas -übernommen haben; sie bringen es dann ohne weiteres fertig, ein paar -Nächte lang ihren Schlaf zu opfern. - -Frau Hiller hat plötzlich den Wunsch, mit ihnen zu sprechen; sie geht -hinaus und sieht die Blicke der beiden Frauen staunend und fragend auf -sich gerichtet. - -„Die Freiwilligen sind soeben von Ungarn zurückgekommen!“ erzählt sie, -und während sie das sagt, hört sie von der Straße her: „Mutter!“ rufen. -Das Herz schlägt ihr ganz laut; sie läuft mit Fräulein Else die Treppe -hinab, und der Junge steht vor ihr -- ein wenig bleich, aber voll guter -Laune. - -„Wir haben nämlich für diese Nacht Urlaub!“ erzählt er. „Wer ein -Unterkommen in der Stadt hat, kann bis morgen früh dortbleiben.“ Er ist -müde und hungrig, und hat vor allem Verlangen nach reiner Wäsche, denn -seit zehn Tagen ist er nicht aus den Kleidern herausgekommen. - -Nun wird die Näherei in der Küche beiseite geschoben; der hungrige, -müde Husar geht vor. In der Grude ist heißes Wasser genug, um ein -notdürftiges Bad herzurichten; Frau Hiller sucht reine Wäsche hervor, -und Fräulein Else kocht Tee und bäckt Eier -- schneidet Brot und legt -Aufschnitt zurecht. - -Der kleine müde Husar wird von allen Seiten umsorgt. Eine halbe Stunde -später liegt er satt und wohlig in der Mutter Bett ausgestreckt; er -kann es gar nicht sagen, wie gut die weichen Kissen und Decken dem -müden Körper tun, versucht noch etwas Zusammenhängendes von der schönen -Reise zu berichten, aber die Augen fallen während des Erzählens zu. Die -Hand in der Mutter Hand, schläft er ein, und das weiche, junge Gesicht -sieht zufrieden und glücklich aus. - -Frau Hiller bleibt still und von einem großen Gefühl überwältigt -bei ihm sitzen. Es ist seit langem das erste Mal wieder, daß sie am -Bett ihres schlafenden Jungen sitzt, und durch ihren Kopf ziehen -Erinnerungen, -- weit zurückliegende Ereignisse fallen ihr ein. - -Sie denkt an des kleinen Ernst Vater und an die Jahre der Einsamkeit, -die seinem Tod folgten; an die große Angst, die so oft über sie kam, -weil der Junge allzu früh anfing, schwer und ernst zu denken und zu -grübeln, weil er so selten lachte und jedem Vergnügen aus dem Wege -ging. - -Sie denkt daran, wie sie selbst so traurig durchs Leben ging, bis sich -der Freund zu ihr gefunden hatte, der ihr und des Jungen Leben in so -vieler Beziehung umgestaltete. Auch dem Jungen ist er Freund gewesen --- ja, ihm ist er eigentlich viel tiefer und ehrlicher Freund und -Berater gewesen, als ihr. Und der kleine Ernst hat diese Freundschaft -des älteren und bedeutenden Mannes mit so heißer, kindlicher Inbrunst -erwidert. Wenn er erfährt, daß dieser beste Freund ihm genommen ist, -wird auch in seine Seele tiefer Schmerz einziehen. - -Ihr Leid ist nun wieder von neuem erwacht -- der Kopf neigt sich, und -heiße Tränen fallen auf Ernsts Hand. - -Man kann nicht in einer Nacht hart werden -- kann nicht in einer -Nacht über den Tod eines Menschen hinwegkommen, und all die Liebe und -Freundschaft, die ihm gehörte, auf einen anderen übertragen. - -Eine Frau aber kann sehr wohl zu gleicher Zeit zwei Menschen mit -aller Inbrunst ihrer Seele lieben, und besonders zwei so verschiedene -Menschen, wie diesen etwas harten, aber hoch über dem Alltag stehenden -Mann, der nun irgendwo in der weiten Welt sein Grab gefunden hat -- und -den kleinen, zarten, weichen Ernst. - -Sie fühlt, während sie die warme Hand des schlafenden Jungen in der -ihren hält, daß dieses liebe, geliebte Kind ihr den Toten doch nicht -ganz ersetzen kann, und wieder muß sie an Großmutter und deren immer -wiederholte Mahnung denken: „Der Junge gehört nicht dir, der will -sein Leben für sich haben!“ Die Großmutter steht in dieser Nacht so -leibhaftig vor ihr -- wie eine Prophetin -- streng, unbestechlich hart -und im Grunde doch gut und gerecht. - -Wenn doch die Großmutter in dieser Nacht bei ihr wäre! Sie ist hilflos; -sie hält die Hand ihres Jungen, und ganz verzweifelte Gedanken gehen -durch ihren Kopf. - -Der Krieg will noch so viele Opfer haben. Von allen Seiten wüten die -Feinde immer noch gegen Deutschland an, von allen Seiten wollen sie -über das Deutsche Reich herfallen, um es zu zerstückeln, zu vernichten! - -Ungeheure Kräfte gehören dazu, um gegen diese Übermacht anzukommen. - -Ach, und das Herz ist so oft ruhig und lässig geworden in dieser -letzten Zeit, denn da die jungen Freiwilligen bis heute noch nicht -eingefordert sind, hat man sich gesagt: ‚Vielleicht werden sie diese -Allerjüngsten doch nicht brauchen!‘ und hat sich in Behagen und -Sicherheit gewiegt. - -In dieser Nacht aber sieht Frau Hiller die Dinge, wie sie wirklich -sind; in dieser Nacht drängt es sich ihr mit bitterer Klarheit auf, daß -sie auch den Jungen hergeben muß, daß alle, alle, die wehrfähig sind, -nötig sein werden, um die furchtbaren Pläne der Feinde Deutschlands zu -vereiteln, um das Vaterland nicht untergehen zu lassen. - -Die Hand des Jungen zuckt in der ihren, er wendet das Gesicht ihr zu, -schlägt einen Augenblick die Augen auf, sagt ein leises, erstauntes: -„Ach, Mutter!“ und schläft weiter. Sie sinkt vor dem Bett ihres Kindes -auf die Kniee, lehnt das heiße Gesicht an des Jungen kühle Stirn und -streicht leise über das kurz geschorene Haar. - -Am nächsten Morgen staunt der kleine Husar, als er sich in der Mutter -Bett findet. - -Bis neun Uhr haben sie Urlaub, um sich von den Anstrengungen der Reise -auszuruhen. Die Mutter bringt ihm das Frühstück ans Bett und läßt sich -nun alles erzählen; sie sorgt für warmes Wasser zum Waschen, und umgibt -ihn mit viel kleinen Aufmerksamkeiten, an die er nicht mehr gewöhnt -ist. Das tut ihm wohl, und er möchte sich gern noch länger umsorgen -lassen, aber die Zeit drängt, der Dienst ruft, und die Wachtmeister -haben ihnen angedroht: ‚Wer sich in dieser Zeit etwas zuschulden kommen -läßt, der zieht in den Kasten und nicht in den Krieg.‘ - -Im Osten wird in diesen Wochen heiß gestritten; man sagt, daß eine -große Entscheidung nahe bevorstehe. Die Russen haben alle Kräfte auf -eine Stelle geworfen; sie versuchen immer wieder neue Durchbrüche, -und die jungen Freiwilligen fiebern vor Ungeduld. Ob auch dieser -Entscheidungskampf wieder ohne sie ausgefochten werden soll? - -Es geht hier in der Kaserne alles seinen alten Gang: Man putzt und -exerziert, man turnt und reitet die neuen Pferde ein -- alles wie sonst! - -Eine Woche vergeht und noch eine, und es wird sogar ein großer Teil von -den ungarischen Gäulen in andere Garnisonen verschickt. Man ist ganz -niedergeschlagen, und der dicke Hipp hat einen Brief an seinen Vater -verfaßt, in dem er ihm kurz und bündig erklärt: ‚Ich tue hier nicht -mehr lange mit; es ist geradezu lächerlich, daß man uns hier festhält. -Lieber gehe ich zur Infanterie, denn die braucht man doch wenigstens!‘ - -Und dann kommt ein Sonntag, der genau so anfängt wie alle anderen -Sonntage: Stalldienst -- Kirchgang -- Briefappell -- und die -verlängerte Mittagspause! Um vier Uhr hat man wieder zur Stelle zu -sein, um zu hören, was für den nächsten Tag bestimmt ist. - -Hipp und Hiller haben ihre Freundinnen für sechs Uhr ans Tor bestellt -und sind schon in Extrauniform. Hiller will aber zuvor noch eine Stunde -mit der Mutter spazieren gehen, denn wenn er sich ihr am Nachmittag -widmet, kann er sie am Abend mit ruhigerem Gewissen allein lassen. - -In Reih’ und Glied stehen sie auf dem Kasernenhof und staunen, daß -außer dem Wachtmeister auch einer von den Offizieren anwesend ist. Sie -sehen sich an und wissen nicht, was sie davon halten sollen; es liegt -überhaupt irgend etwas Besonderes in der Luft -- man hat auf einmal das -ganz sichere Gefühl, daß heute noch etwas Großes, Bedeutsames geschehen -wird. - -Und es kommt wirklich! Es kommt -- längst erwartet und ersehnt -- und -wirkt doch wie ein Blitz aus heiterem Himmel. - -„Also, Freiwillige, nun ist auch für euch der große Tag gekommen!“ -ruft der Offizier aus, und die Herzen der Freiwilligen zucken in jäher -Freude auf. „Im Osten sind Verstärkungen nötig. Unter unserem großen -Feldmarschall werdet ihr kämpfen!“ Da schallt es aus den jungen Kehlen: -„Bravo! -- Bravo! -- Hurra! -- Hoch!“ - -Die Vorgesetzten lassen den Sturm der Begeisterung zur Ruhe -kommen. „Wer nicht mit will, der trete vor!“ Aber keiner von den -Hundertfünfzig, die hier auf dem Platz stehen, tritt vor. - -„Also, alle wollt ihr mit!“ Und es wird abgezählt und die Namen werden -verlesen. - -„So, nun habt ihr eine halbe Stunde für euch frei! Dann antreten, um -eure Ausrüstung in Empfang zu nehmen!“ - -Sie sind wie die Tollen; ein jeder stürmt, um den Seinen das große -Ereignis mitzuteilen. Diejenigen, die in der Stadt wohnen, laufen zu -den Eltern hin; die anderen setzen Depeschen auf. Hipp läßt sich’s -etwas kosten. Seine Depesche wird so lang wie ein Brief. - -Hiller ist zur Mutter ins Zimmer gestürmt und kann kaum sprechen. -„Mutter, Mutter -- übermorgen geht’s ins Feld!“ Und liegt an ihrem Hals -und küßt sie. - -„Nicht weinen! Es ist doch so wunderschön, daß es endlich losgeht! -Bitte, nicht weinen! Du hast’s doch gewußt, daß es einmal kommen würde!“ - -Aus der Küche stürzt die Wachtmeistersfrau mit ihrer Tochter herein: -„Ja, ist es denn wahr, was die Leute unten erzählen -- ziehen Sie denn -nun wirklich los?“ - -Alles ist aufgeregt; die Leute stehen auf der Straße zusammen, und -an der Kaserne versammeln sich immer mehr Menschen. Die Freiwilligen -stehen in großen Haufen beieinander, und ihre Gesichter strahlen. -Endlich! Endlich! - -In den Kleiderkammern liegen die feldgrauen Uniformen bereit; und es -geht alles prachtvoll glatt. Ein paar Unteroffiziere sind zur Hilfe -herankommandiert, und nach Verlauf einer guten Stunde stehen sie alle -in der neuen Ausrüstung da. Nun: Antreten zum Kirchgang -- zum Dom! -Gottesdienst und heiliges Abendmahl! - -Hipp stößt Hiller an. „Verteufelt, unsere Mädchen unten am Stadttor!“ - -Ach, in der kleinen Garnison wird heute wohl gar manches Mädchenherz -bluten; natürlich wissen sie längst Bescheid -- denn die ganze Stadt -weiß ja schon von der großen Neuigkeit. - -Von nun an geht alles wie ein Rausch an ihnen vorüber: die Kirche und -das Abendmahl und die eindringliche Mahnung des Geistlichen: „Vergeßt -das Beten nicht!“ Dann wieder zur Kaserne zurück -- man erhält wieder -Instruktionen -- ein kurzer Urlaub, und der Tag ist zu Ende. - -Sie sind alle wie von einem Taumel ergriffen; keiner fragt nach Vater -und Mutter! Ihr Herz ist so leicht und froh und begeistert! Diese -Jüngsten, die hinausziehen, um’s bedrängte Vaterland zu schützen, sie -sind wirklich die einzig Beneidenswerten! Keine Sorge drückt sie -- -keine Verantwortung lastet auf ihnen -- sie haben den wundervollen Mut -und die große Siegessicherheit, die eben nur die ganz junge Jugend -haben kann! Für sie gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Sieggekrönt nach -Hause kommen oder sterben! An anderes denken sie nicht! - -Am nächsten Tag werden sie vom Morgen bis zum Abend furchtbar stramm -herangenommen: Instruktionen -- Probekochen -- Reiten in voller -Ausrüstung -- Verteilung von Karabinern, Munition, Satteltaschen und -Futtereimern! Dann Packen und die Schränke in den Stuben der Kaserne -ausräumen! Sie kommen gar nicht zur Besinnung. - -Von überallher sind Väter und Mütter angereist gekommen. Die kaufen in -der Stadt an Lebensmitteln zusammen, was nur aufzutreiben ist, denn -die jungen Freiwilligen müssen sich für eine ganze Reihe von Tagen -verproviantieren. Und warme Kleidungsstücke kaufen sie ein; die Mütter -sind alle so entsetzt, daß es nun doch nach Rußland geht! -- mitten im -Winter nach Russland! - -Frau Hiller hat für ihren Jungen eine Pelzweste und Pelzschuhe zum -Unterziehen gekauft; aber er will nichts davon wissen. „Blödsinn, -das ist doch Überfluß -- besonders die Pelzschuhe!“ und er will die -Dinger gar nicht anprobieren. Die Mutter kniet vor ihm, wie sie vor ihm -gekniet hat, als er noch ein kleines Kind war; wenn sie ihm da Schuhe -kaufte, wollte er auch nicht anprobieren, und sie mußte ihn immer erst -mit guten Worten dazu bringen. - -Hipp kommt gerade dazu, als der kleine Kampf zwischen Mutter und Sohn -stattfindet. „Mensch, sei doch kein Frosch!“ sagt er. „Wenn deine -alte Dame dir so teures Zeug kauft, dann nimm es doch mit Dankbarkeit -an. Ich habe übrigens auch solche Dinger!“ Daraufhin gibt Hiller sich -zufrieden. - -Die letzte Nacht in der Kaserne! Die Jungen schlafen wie die Bären. -Viele von ihnen haben mit den Eltern im ‚Schwan‘ großartig zu Nacht -gespeist und fallen nun todmüde auf ihre Strohmatratzen. Ob Mütter -weinen, ob Väter mit schwer bedrückter Seele in dieser Nacht kein Auge -zutun, was wissen sie davon? Sie wissen nur das eine: „Wir kämpfen mit --- wir helfen eine große Entscheidung herbeiführen!“ - -Dann der letzte Tag! Die Instruktionen nehmen kein Ende. Man bekommt -noch die eiserne Ration geliefert: einen Beutel Zwieback, Erbswurst, -eine Büchse mit Fleischkonserven, Salz und ein Päckchen gemahlenen -Kaffee. Das ist für den äußersten Notfall, wenn der Hunger schon sehr -stark plagt; eher darf man diesen Bestand nicht anrühren. - -Die Stunden fliegen dahin; für zwei Uhr ist der Extrazug bestellt. -Hiller läuft ab und zu einen Augenblick zur Mutter hinüber und läßt -sich erklären, wie sie die Sachen in den Satteltaschen und einer -Extratasche verstaut hat; -- sie ist sehr bleich, ihre Hände zittern, -aber sie weint nicht. - -Gott sei Dank, daß sie nicht weint! Hiller hat vor nichts auf der Welt -mehr Angst als vor den Tränen der Mutter. - -Die Wachtmeistersfrau hat ein Beefsteak gebraten und ein paar Eier -darüber geschlagen, aber der kleine Husar ist zu aufgeregt, er hat gar -keine Lust zum Essen. Fräulein Else redet ihm zu, die Wachtmeistersfrau -füttert ihn fast, und die Mutter steht am Fenster und sieht mit starren -Augen auf die Gruppe. - -Teufel, wie die Zeit verfliegt! In zwei Minuten muß er fix und fertig -sein. - -Der schwergefütterte graue Mantel, der mächtige Falten schlägt, macht -aus dem schlanken Jungen eine Kolossalfigur. Der Ledergurt mit Säbel, -Patronentasche und Revolver ist so eng, daß er nur mit Mühe geschlossen -werden kann. Nun noch der Karabiner auf den Rücken und die Lanze -über den Arm! Neben die Kokarde der mit feldgrauem Tuch überzogenen -Pelzmütze hat Fräulein Else einen Maiglöckchenstrauß gesteckt. - -Der kleine Ernst lacht -- er lacht sein goldenes, liebes Kinderlachen. -Nimmt die Hände der Mutter und sieht ihr strahlend in die Augen. „Wie -gefalle ich dir, Mutter?“ - -Sie kann nicht sprechen, aber sie will auch nicht weinen. Ihr Gesicht -verzieht sich nur. - -„Lebe wohl, Mutter! Nachher kann ich dir doch nicht mehr richtig Lebe -wohl! sagen.“ Er hält sie einen Augenblick in den Armen und küßt sie -ein paarmal. „Leb wohl, Mutter, und sei nicht traurig!“ Dabei strahlen -die Augen immer heller, und der Mund lacht. - -Sie beißt sich in die Lippen, und er hängt noch einmal an ihrem Hals, -dann reißt er sich los. „Leb wohl, wir sehen uns ja drüben noch!“ - -Er stürmt hinaus; Fräulein Else bringt nun auch für Frau Hiller Hut und -Mantel, und sie gehen alle drei zur Kaserne hinüber. - -Da gibt’s jetzt in den großen Höfen fast mehr Zivilpersonen als -Militär. Die Freiwilligen haben sich zu Reihen geordnet, und die -Wachtmeister und ein paar Offiziere stehen vor ihnen. Überall hört man -Schluchzen, sieht verweinte Frauengesichter, und die Väter gehen mit -ernsten Augen auf und nieder. - -Die Namen werden noch einmal aufgerufen. Keiner fehlt -- alle sind -sie zur Stelle. Kopf an Kopf stehen sie da, feierlich, in der grauen -Uniform, und bieten doch ein heiteres Bild, weil ihre Gesichter -strahlen, und weil ein jeder Blumenschmuck an der Mütze oder im -Knopfloch trägt. - -„Kameraden,“ beginnt der Rittmeister seine Rede, „nun ist die Stunde -des Abschieds gekommen; nun verlaßt ihr eure Heimat, eure Eltern, um im -gewaltigen Ringen der Völker mitzutun. Unser großer Feldmarschall im -Osten hat euch gerufen. Zeigt euch dieses Rufes würdig! Noch hat der -Krieg keine endgültige Entscheidung gebracht, aber +die+ Gewißheit -ist uns doch schon geworden, daß der Feind trotz seiner Übermacht unser -teures Vaterland nicht vernichten wird. Seid tapfer und todesmutig! -Seid ebenbürtig euren Vorfahren -- jenen großen Freiwilligen von 1813! -Zieht hinaus mit Gottes Segen, begleitet von den Wünschen derer, die -euch ausbildeten, begleitet von der Liebe und Sorge eurer Eltern! -Kämpft für das teure Vaterland und kämpft für den, der an der Spitze -des Deutschen Reiches steht: für unseren großen, geliebten Kaiser! -Kaiser Wilhelm der Zweite -- unser oberster Kriegsherr -- er lebe hoch --- hoch -- hoch!!“ - -Heiß schallt der Ruf aus den Kehlen der jungen Freiwilligen und derer, -die zu ihnen gehören. Dann: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ Über -den Hof schallen die Kommandos und in festem Schritt geht es aus dem -Kasernentor hinaus. - -Draußen stehen die Leute vor den Häusern und winken und rufen: „Hoch, -hurra -- lebt wohl, auf Wiedersehen!“ - -Kleine Mädchen reichen ihren Liebsten zum letzten Male die Hand. Zu -Hiller drängt sich die kleine Blonde mit den blauen Augen und dem -kecken Näschen; sie gibt ihm eine Blume und drückt ihm die Hand, steht -dann in einem Torweg ganz nahe bei Frau Hiller und schluchzt laut auf, -schluchzt weh und schmerzlich, und Frau Hiller fühlt eine namenlose -Zärtlichkeit für dieses junge Geschöpf, das um ihren Ernst weint. Sie -legt ihr die Arme um den Hals und zieht sie an sich. „Du Herziges, du --- du erste Liebe meines Jungen!“ Und das Mädchen hält einen Augenblick -stand, schluchzt noch einmal am Herzen der fremden Frau auf und läuft -scheu davon. - --- -- -- Vorbei! Der Zug ist zu Ende! - -„Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus!“ verklingt es um die Ecke. - -Fräulein Else faßt Frau Hiller am Arm. - -„Sehen Sie, wie alle mit zum Bahnhof hinausziehen! Wollen wir nicht -auch mit?“ Und wie im Traum wandert sie mit all den anderen den -singenden Truppen nach -- erst den Flußweg entlang, dann über die -Felder -- noch über ein paar Straßen hin und durchs Bahnhofsgebäude -durch. - -Der Extrazug nach dem Osten steht schon bereit. „Einsteigen!“ -kommandieren die Wachtmeister, und Ulanen und Husaren schwirren -durcheinander. Im Nu sind alle Wagen gefüllt. - -Der kleine Hiller will noch einmal zu seiner Mutter, die an einer Säule -gelehnt steht, herauskommen; aber es geht nicht. Die Türen werden -zugeschlagen, und Soldaten drängen mit ihren Karabinern das Publikum, -das bis dicht an den Zug herangekommen ist, zurück. - -Noch ein Zurufen -- ein Winken -- dann zieht die Lokomotive an, und -langsam, langsam gleitet der Zug hinaus. Weiße Tücher flattern in der -Luft. Verlorene Klänge eines Marschliedes dringen noch zu den Ohren der -Zurückbleibenden, dann nichts mehr! Der Zug hat die große Schwenkung -nach rechts gemacht! -- -- - -Öd und flach liegt das Altmärkische Land, und man sieht in -Unendlichkeiten hinein. - -„Nur nicht weinen -- nicht wehklagen! Hart sein -- deutsch sein! Sich -freuen, daß man solche Söhne hat!“ Irgend jemand sagt das dicht an Frau -Hillers Seite zu einer Frau, die ganz haltlos schluchzt. - -Sie geht wie im Traum neben Fräulein Else zum Bahnhof hinaus, und da es -regnet, nehmen sie einen Wagen, der sie zur Kaserne bringt. - -Bei der Wachtmeistersfrau in der Küche sitzen ein paar Leute, und -einer schreit auf: „Wahnwitzig ist die Welt geworden! Verflucht und -tausendmal verflucht jene ruchlosen Köpfe, in deren Hirn der teuflische -Gedanke entstand, die Völker gegeneinander aufzuwiegeln!“ Und heißes, -verzweifeltes Weinen dringt heraus. -- Wildes, unbändiges Weinen, das -schon mehr Schreien ist. - -Frau Hiller schleicht an der offen stehenden Küchentür vorbei. Sie mag -das nicht sehen und hören; sie will ruhig sein und will sich freuen, -daß sie einen Sohn hat, der dem Vaterlande dient. Sie setzt sich ans -Fenster des kleinen Wohnzimmers und schaut zur Kaserne hinüber, wie sie -das so oft, so oft getan hat in all diesen vielen Wochen und Monaten. -Das Herz zuckt, aber sie will sich dem Schmerz nicht hingeben. -- -- - -Zwei Tage später wartet Großvater an der Station, in der der Schnellzug -aus der Altmark einlaufen soll, im Wagen auf die Schwiegertochter. Er -ist viel zu früh gekommen und schaut immer wieder auf seine Uhr, denn -es ist kalt, und trotz des Pelzmantels, den er trägt, fröstelt ihn. -Großmutter hat nicht gewollt, daß er selbst herausfuhr, aber er hat -sich nicht abreden lassen. - -Endlich kommt sie -- ein wenig bleich, aber doch viel gefasster, als er -erwartet hatte. - -Sie sagt ganz fest und laut: „Guten Tag, Großvater!“ Er drückt ihr -beide Hände und sagt zweimal: „Das ist recht, Maria, das du den Kopf -nicht hängen läßt! Der Junge steht in Gottes Hand!“ - -Er hilft ihr einsteigen und läßt das Gepäck aufschnallen, und während -der Fahrt erzählt er von allen möglichen Dingen, um sie abzulenken. -Erst ganz zuletzt, als sie schon fast am Ziel sind, bringt er sehr -schüchtern die Frage, die ihm schon lange auf den Lippen gelegen hat, -vor: „Und dein Freund, Maria -- wie geht es ihm?“ Aber da sie nicht -antwortet, weiß er genug, nimmt ihre Hand in die seine, streichelt sie -und sieht sehr bekümmert, sehr traurig aus. - -Großmutter steht in der Tür des Hauses. Mit ausgebreiteten Armen kommt -sie auf die Mutter ihres Enkels zu. Ihre Augen sind voll Tränen, und -auch sie sagt: „Der Junge steht jetzt in Gottes Hand! Sei willkommen, -Maria!“ und zieht die Schwiegertochter ins Haus hinein. - -Am Abend sitzt sie neben ihr auf dem Rand des Bettes. Die Müller hat -das Sommerwohnzimmer, das im Winter wenig benutzt wird, zum Schlafraum -hergerichtet. Schöne, alte, behagliche Möbel stehen darin, und durchs -Fenster hat man einen weiten Blick auf Fluß und Berge. - -„Nun sollst du bei uns erst ganz gesund werden, Maria. Denn wenn du -dir auch Mühe gibst, stark zu sein, so sieht man doch, daß dich’s -sehr mitgenommen hat, und das ist ja auch nur natürlich. Du mußt aber -ganz fest und gesund werden, denn wenn der Junge dich ruft, wenn Gott -es so fügt, daß er krank oder verwundet wird und dich braucht, dann -will er natürlich eine starke Mutter haben, und darum warten wir noch -ein bißchen mit dem Pflegen in den Lazaretten, von dem du sprachst; -denn den Kranken wohltun kann nur ein ganz gesunder und nervenstarker -Mensch, und das bist du jetzt noch nicht! Es ist jetzt alles dunkel um -dich her, das weiß ich wohl, aber es wird auch wieder schön und hell -werden. Sieh, ich bin auch durch große Finsternisse gewandert, Kind, -- -ich war an allem, was mir sonst heilig war, irre geworden! Nun habe ich -mich aber wieder zurechtgefunden und sage mir: Gott wird wissen, warum -er dieses Strafgericht in die Welt geschickt hat -- aber er wird die -Gerechten nicht untergehen lassen. Bis heute ist er ja so herrlich mit -uns gewesen und hat die ruchlosen Pläne unserer Feinde, die unser Land -in Stücke schlagen wollten, zu schanden gemacht. Weißt du noch, wie wir -im Anfang davor zitterten, daß die Russen bis nach Berlin vordringen -würden?“ - -Während sie das sagt, löst sie leise das Medaillon, das sie damals -ihrer Schwiegertochter für den Fall der äußersten Not gab, von -deren Hals und läßt es in ihre Tasche gleiten. „Das brauchst du nun -nicht mehr, Maria. Komm, wir wollen beten! Ich habe meinen Gott -wiedergefunden.“ Und sie schlingt die Hände um die Marias und betet -laut und inbrünstig, wie sie immer zu beten pflegte: „Vater unser, der -du bist im Himmel. -- So, nun schlaf, mein Kind, und hier hab’ ich dir -die Baldrianflasche hingestellt für den Fall, daß du Herzklopfen hast, -und auch ein Buch zum Lesen. Ich bin ja sonst nicht für das Lesen bei -Kerzenlicht, aber es ist immerhin noch besser, als trüben Gedanken -nachhängen. Gute Nacht, Maria, gute Nacht, mein liebes Kind, und wenn -es dir schwer ums Herz wird, dann denke immer: Der Junge steht in -Gottes Hand.“ - -Draußen sagt sie zur Müller: „Morgen früh müssen Sie ganz leise sein -beim Reinemachen, Müller. Sie soll sich ausschlafen, denn sie ist doch -sehr mitgenommen.“ - -Im Zimmer aber muß sie den Kopf an Großvaters Schulter legen; ihr -Herz ist sehr schwach geworden, und sie weint bitterlich. Großvater -streichelt und tröstet sie, aber auch er ist sehr niedergeschlagen. -Er liebt den Enkel, wiewohl es gar nicht sein richtiger Enkel ist; -er liebt ihn seines guten treuen Wesens wegen und liebt ihn ganz -besonders, weil er trotz des zarten Körpers standgehalten hat und nun -stark genug ist, um gegen Deutschlands Feinde zu ziehen. - -Er streichelt das Gesicht der alten, weinenden Großmutter und sagt mit -zitternder Stimme: „Nicht weinen! Der Junge steht in Gottes Hand!“ - - - - -Verlag von +Egon Fleischel & Co.+ / Berlin W 9 - - -Die Werke von - -Helene von Mühlau - - -Nach dem dritten Kind - -Aus dem Tagebuch einer Offiziersfrau - -Preis: geh. M. 3,--; geb. M. 4,-- - -=Fedor von Zobeltitz= in einem Feuilleton der =Hamburger -Nachrichten=: ... Ich wünsche diesem Werke weiteste Verbreitung: -„Nicht nur, weil es grausame Wahrheit in eine Sprache schlichter -Empfindung kleidet, sondern weil es ohne Aufdringlichkeit zu den -Enterbten des Glückes redet, die da vermeinen, das Elend der Armut -wohne nur bei ihnen, zwischen den kahlen Wänden des Proletariats. Ich -glaube, daß niemand diese einfache Geschichte ohne tiefe Erschütterung -lesen wird; sie ist wie +ein Schrei aus tiefster Not -- ein Schrei, -der gehört werden müßte+.“ - - -Hamtiegel - -Eine Geschichte aus den Kolonien. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 4,-- - -=Kölnische Zeitung=: ... Ein reizvoll humoristisches Buch. Die von -uns wiederholt anerkannte Schriftstellerin erzählt uns von einem in -mittlern Lebensjahren stehenden Hauptmann und Stationschef in einer -afrikanischen Kolonie, der ursprünglich entschiedener Ehefeind war, -aber in der Einsamkeit seiner Kolonie und bei der schlechten leiblichen -Versorgung langsam auf den Gedanken gerät, die Ehe möchte für ihn doch -der bessere Teil sein. Das Buch steht ganz erheblich über der Stufe -einer gewöhnlichen lustigen Humoreske dadurch, daß in diesem komischen -Hauptmann und Stationschef mit tieferm psychologischen Blick ein echt -deutscher Männercharakter gezeichnet wird, wobei über dem Ganzen -der Hauch eines hinter aller Komik deutlich durchleuchtenden warmen -Gemütslebens sich angenehm erkennbar macht. Man lacht nicht einfach -über die lustige Geschichte, sondern man hat auch den Genuß, daß hier -mit gutem Geschmack deutsches Wesen nach der drolligen Seite lebensecht -beleuchtet wird. - - -Die zweite Generation - -Roman. Preis: geh. M 5,--; geb. M. 6,50 - -=Doris Wittner= in der =Vossischen Zeitung=: ... Das Buch -der Helene v. Mühlau ist mehr als nur ein Buch der Unterhaltung oder -künstlerischen Anregung; es ist ein Buch sozialer Erkenntnis, ein -Dokument geschlossener Weltanschauung. Ein Frauenbuch im besten Sinne, -denn es schenkt Menschheitswerte. - - -Sie sind gewandert hin und her - -Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,-- - -=Allgemeine Zeitung= (München): Es hält uns in den Bekenntnissen -der jungen Frau ein warmer Gemütston in seinem Bann. Die Schilderungen -chilenischen Lebens und Treibens verleihen dem Roman einen besonderen -Wert. Sie zeugen von einer feinen Beobachtungsgabe und gehören in -ihrer Anschaulichkeit und Gründlichkeit zum Besten, was wir über die -südamerikanische Republik gelesen haben. - - -Liviana Saltern-Santos - -Ein chilenischer Roman. Preis: geh. M. 5,--; geb. M. 6,50 - -Das =Echo=: In „Sie sind gewandert hin und her“ hat die nun schon -bekannte und beliebte Verfasserin ein Bild des chilenischen Lebens -geliefert, wie es sich im Auge des Zugewanderten malt, und sie hat -mit diesem tiefempfundenen Buche an viele Herzen zu rühren gewußt. In -dem vorliegenden Roman ist es nicht mehr die Fremde, die -- fremd im -fremden Lande -- die vielgestaltige Neuheit einer eigenartigen Kultur -auf sich wirken läßt, es ist vielmehr der Roman dieser Kultur selbst am -Wendepunkt ihrer Entwicklung. - - -Beichte einer reinen Törin - -Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,-- - -=Arbeiter-Zeitung= (Dortmund): (Inhalt)... Das ist das Thema des -Buches, das uns viele intime Einblicke in der Frau tiefstes Seelenleben -tun läßt, das zwar mit rücksichtsloser, jeder Prüderie abholder -Wahrheitsliebe, zugleich aber auch mit großer Feinheit und echter -Dezenz die Aufgabe löst, die es sich gestellt hat. - - -Das Kätzchen - -Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,-- - -=Rheinisch-Westfälische Zeitung=: Helene von Mühlau hat mit -gewohnter Sicherheit diese „Fabel“ in eine vornehm geschilderte -Umgebung gestellt; sie wägt das Künstlermilieu fein gegen die -Gesellschaftswelt der Offiziersehen ab und dringt zur reinen -Menschlichkeit vor, wenn sie zeigt, was Maske ist und Maske bleiben -muß. Das Frauenhafte an dem Buch ist vor allem das Glücksstreben, das -die Künstlerin schließlich als Lebensinhalt empfindet, während der Mann -doch das Wirken über das Glück stellt. - -=Neue Freie Presse=: Das Porträt dieser Frau ist mit aller -psychologischen Feinfühligkeit, die man an Helene von Mühlau kennt, -gezeichnet. - - -Eine irrende Seele - -Roman. Preis: geh. M. 5,--; geb. M. 6,50 - -=Leipziger Illustrierte Zeitung=: Von den vielen neueren Romanen, -die dieses Thema (die unverstandene Frau) ausführlich behandeln -oder doch streifen, erscheint mir „+Eine irrende Seele+“, bei -weitem als der echteste und glücklichste, weil er bei der Feinheit -der psychologischen Zeichnung absolut keine Verteidigung dieses -unglücklichen Frauentypus darstellt, sondern im Titel wie in der -Handlung klar die tragische Schuld der Heldin in sich selbst legt. Es -ist ein trauriges Buch, aber eines, das man voll innerer Läuterung aus -der Hand legt. Ein Buch, das einen solche Frauen verstehen lehrt, uns -aber auch die Krankheit ihrer Seelen nicht beschönigt. (Inhalt.) Alles -in allem ist das Werk seiner ehrlichen Wahrhaftigkeit und des Erkennens -einer Zeitkrankheit wegen ein ungewöhnlich gutes und lobenswertes Buch. - - -Das Witwenhaus - -Roman. Preis: geh. M. 5,--; geb. M. 6,50 - -=Frankfurter Zeitung=: Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit in -der Charakteristik führt uns die Schriftstellerin all diese Weiblein, -ihre Schicksale und Intrigen vor. Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit -schlingt sie alle Fäden ihrer Erzählung durch dies Haus, das wie ein -lebendiges Wesen wird. Dabei begegnen wir überall jener tüchtigen -Realistik in der Schilderung des Zuständlichen wie des Psychischen, wie -sie gerade schreibenden Frauen von epischem Talent eigen ist. - - -Ehefrauen - -Novellen. Preis: geh. M. 3,--; geb. M. 4,-- - -=Saale-Zeitung=: Wenn doch dieses Buch Mode würde! Wieviel -künftiges Eheunglück könnte vermieden, wieviel gegenwärtiges geklärt -und so vielleicht gemildert oder ganz geheilt werden! Denn diese -Novellen zwingen jeden Leser zum Nachdenken. Gesetzgeber sollten -verpflichtet sein, Helene von Mühlaus „Ehefrauen“ eingehend zu -studieren, alle anderen Erwachsenen aber sollten wenigstens das -Bedürfnis haben, diese Novellen zu lesen. Sie nützen sich damit viel, -sehr viel. - - -+F. E. Haag+, Melle i. H. - - - - - -End of Project Gutenberg's Der Kriegsfreiwillige, by Hedwig von Mühlenfels - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KRIEGSFREIWILLIGE *** - -***** This file should be named 54837-0.txt or 54837-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/8/3/54837/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Der Kriegsfreiwillige - -Author: Hedwig von Mühlenfels - -Illustrator: Curt Vogt - -Release Date: June 3, 2017 [EBook #54837] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KRIEGSFREIWILLIGE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1915 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden -stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente -Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der -damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.</p> - -<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät -installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s3 center padtop3 break-before">Der Kriegsfreiwillige</p> - -<p class="p0 mleft3 padtop5">Dritte Auflage</p> - -<p class="center padtop3 break-before">Bei <em class="gesperrt">Egon Fleischel & Co.</em><br /> -erschienen folgende Werke von</p> - -<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Helene von Mühlau</em></p> - -<p class="s4 center"> -Beichte einer reinen Törin<br /> -Sie sind gewandert hin und her<br /> -Das Witwenhaus<br /> -Liviana Saltern-Santos<br /> -Eine irrende Seele<br /> -Nach dem dritten Kind<br /> -Das Kätzchen<br /> -Hamtiegel<br /> -Die zweite Generation<br /> -Ehefrauen</p> - -<h1><span class="s5">Der</span><br /> -Kriegsfreiwillige</h1> - -<p class="s3 center mtop2">Roman</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="s3 center">Helene von Mühlau</p> - -<div class="figcenter padtop3"> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="w6em mtop1 mbot3" src="images/signet.jpg" - alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<hr class="titel" /> - -<p class="s3 center">Egon Fleischel & Co. / Berlin 1915</p> - -<p class="center padtop5 break-before">Alle Rechte vorbehalten<br /> -<span class="antiqua">Amerikanisches Copyright 1915 by Egon Fleischel & Co., Berlin</span></p> - -<p class="center padtop5">Zeichnung für den Umschlag und den<br /> -Original-Einband von <em class="gesperrt">Curt Vogt</em></p> - -<p class="center padtop5 break-before">Dieses mit bangem Herzen geschriebene<br /> -Büchlein widmet ihrem verehrten Freunde<br /> -<em class="s4 gesperrt">Herrn Hermann Sudermann</em><br /> -in Dankbarkeit die Verfasserin</p> - -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">– 1 –</a></span></p> - -</div> - -<p class="padtop3">Leise und zögernd zog der Abend nach dem langen, heißen Sommertag -ins Zimmer. Die Umrisse der Möbel wurden unbestimmt, die Bilder an -den Wänden zerflossen in Schatten, auf dem Teppich schlich noch ein -Stückchen Tageslicht hin wie eine wellig gekrümmte, fast farblose -Schlange. Alles war weich und mild und lind geworden, und die -Großmutter sagte mit ungewohnt sanftem Ton: „Komm einmal her zu mir, -Maria.“ Und Maria, die, ganz in sich zusammengesunken, in einem -riesengroßen, altväterischen Sessel gesessen hatte, erhob sich leise -und ging zur Großmutter hin.</p> - -<p>Sie sagte ‚Großmutter‘ zu der alten Frau, obwohl sie ihre -Schwiegermutter war. Maria war am frühen Morgen von Berlin abgefahren; -erst sechs Stunden mit der Bahn, dann, vom Großvater abgeholt, noch -zwei Stunden Wagenfahrt. Sie war müde angekommen, und die Großmutter -hatte ihr ein paar Stunden Ruhe gegönnt und sie erst gegen fünf Uhr zum -Tee rufen lassen.</p> - -<p>Die Großmutter wohnte in einem kleinen, hübschen Villenort; sie hatte -mit Großvater den unteren Stock eines netten Landhauses inne und sah -gesund und zufrieden aus. Großvater war nicht zu Hause; er stand -freiwillig auf Brunnenwache, denn irgend jemand im Orte hatte erzählt, -daß die Russen durchziehen und die Brunnen vergiften würden. Da hatte -Großmutter zu ihrem Manne gesagt: „Selbstverständlich wachst du<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">– 2 –</a></span> mit“, -und Großvater hatte sich auch freiwillig zur Verfügung gestellt und -erfüllte trotz seiner zweiundsiebzig Jahre aufs gewissenhafteste die -übernommene Pflicht.</p> - -<p>Die Großmutter zog Maria zu sich aufs Sofa nieder und legte den Arm um -ihre Schultern. „So, nun erzähl’ vom Jungen!“</p> - -<p>Auf dem runden Tisch vor ihnen lag ein Stoß Zeitungen, und die -Großmutter war damit beschäftigt gewesen, einige Artikel auszuschneiden.</p> - -<p>„Für den Jungen!“ sagte sie. „Der wird jetzt keine Zeit zum -Zeitunglesen haben; aber später wird er froh sein, daß Großmutter an -ihn gedacht hat.“</p> - -<p>„Ich habe auch schon für ihn gesammelt!“ sagte Maria, nicht ohne leisen -Trotz in der Stimme.</p> - -<p>Die Großmutter faltete plötzlich ihre Hände und rief laut: „Lieber, -lieber Gott, warum hast du dieses namenlose Leid über uns gesandt? -Siehst du, Maria, du weißt, daß ich fromm bin und ohne meinen Gott -nicht leben konnte! Aber seit er all dies Furchtbare geschehen läßt, -ist es mir jeden Morgen von neuem, als ob ich mit ihm hadern müßte. -Ich kann nicht ruhig mehr sagen: Vater unser, der du bist im Himmel. -Geheiligt werde dein Name! Nein, das kommt mir nicht mehr glatt von den -Lippen, und das ist für eine alte Frau, die eigentlich keinen andern -Halt mehr hat, sehr hart, wenn sie an ihrem Lebensende mit ihrem Gott -in Zwietracht geraten muß!“</p> - -<p>„Du hast doch Großvater,“ antwortete Maria, und die alte Frau nickte.</p> - -<p>„Ja, und er ist ein guter Mann und hat mich nicht enttäuscht.“ Das -bestätigte die Großmutter sehr kräftig,<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">– 3 –</a></span> fast herausfordernd; denn es -war ihr im Laufe der Zeit allerlei zu Ohren gekommen, was man über -ihre späte Heirat gesagt hatte. „Ich halte es mit dem alten Fritz: -Jeder nach seiner Fasson! Es mag alte Frauen in Fülle geben, die das -Alleinsein nicht empfinden, oder die in Kaffeeklatschen Befriedigung -suchen oder irgendwo bei Verwandten unterkriechen. Das genügte mir -nicht. Ich muß jemanden haben, für den ich sorgen kann. Wärest du nach -Alfreds Tod mit dem Jungen zu mir gekommen, oder hättest du wieder -geheiratet und mir den Jungen überlassen, dann hätte ich eben Großvater -nicht genommen. Da dir aber nicht beizukommen war, handelte ich, wie -ich es für gut hielt.“</p> - -<p>„Du sagst das immer so, als ob ich etwas gegen deine Heirat gehabt -hätte, Großmutter,“ meinte Maria.</p> - -<p>„Das würde dir auch wenig genutzt haben,“ rief die Großmutter und sah -einen Augenblick triumphierend aus, aber dann wurde ihr Gesicht wieder -weich.</p> - -<p>„Ich hatte einmal in einem Buch gelesen, Maria, daß eine Ehe zwischen -alten Leuten, die des Lebens Stürme hinter sich haben, unendlich gut -und schön sein müßte. Das ist mir nicht aus dem Sinn gegangen, und als -ob es so hätte sein sollen, mußte der Großvater, der sich ebensosehr -vor der Einsamkeit wie ich fürchtete, mir in den Weg laufen. Schickung! -Und ich muß gestehen, nachdem er seine großen Eigenheiten, die er -anfänglich durchsetzen wollte, abgelegt hat, sind wir recht glücklich -zusammen. Er tut, was ich will, und hat keinerlei Launen mehr. Das ist -eine große Kunst für eine Frau, sich den Mann so zu ziehen, wie sie -ihn haben will, eine Kunst, von der du nicht viel verstehst, Maria. Du -würdest dich in den ersten zwei Wochen unterkriegen lassen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">– 4 –</a></span></p> - -<p>„Darum habe ich ja auch nicht wieder geheiratet, Großmutter.“</p> - -<p>„Schlimm genug für dich und den Jungen, der ohne Vater aufwachsen -mußte.“</p> - -<p>„Ist denn der Junge nicht sehr gut groß geworden? Du tust mir wirklich -oft Unrecht, Großmutter.“ Aber dann kam der wilde Schmerz all dieser -Tage wieder in ihr auf; sie warf den Kopf in die Arme und weinte.</p> - -<p>„Vielleicht ist alles zwecklos gewesen, alles umsonst!“ Großmutter ließ -sie eine Weile so liegen, dann hob sie ihr den Kopf in die Höhe.</p> - -<p>„Das Weinen hat gar keinen Zweck, Maria. Damit änderst du absolut -nichts und machst nur dich selbst elend.“</p> - -<p>Sie war sehr gut und weich in diesen Augenblicken und zog den Kopf der -Schwiegertochter an ihre Brust.</p> - -<p>„Wir sind sehr verschieden, Maria,“ sagte sie, „und werden wohl nie -ganz zueinander hinkönnen; aber wenn du um das Jungchen weinst, habe -ich dich lieb, denn dann fühle ich, daß du doch zu uns gehörst.“</p> - -<p>Es war nun ganz dunkel im Zimmer geworden, und die Großmutter sprach -leise, aber nicht ohne Heftigkeit:</p> - -<p>„Siehst du nun ein, daß es eine Dummheit ist, wenn eine Frau, die noch -jung ist, den Wahn hat, allein bleiben zu müssen. Man kann sich den -Mann nicht malen, ganz besonders nicht, wenn man so wenig Mittel hat -wie du. Aber, da hat man, wenn ein braver, solider Mann mit reellen -Absichten kommt, gleich große Schlagreden bei der Hand: ‚Ich muß -verstanden sein, muß seelische Gemeinschaft, gleiche Interessen haben!‘ -Der lautere Blödsinn, Maria, den sich meinethalben eine Millionärin -erlauben kann. Aber für dich paßte sich das absolut nicht!<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">– 5 –</a></span> Nun, wo -Gott dies furchtbare Strafgericht in die Welt geschickt hat, stehst du -gottverlassen da und wärest vielleicht froh, wenn einer käme und dir -Sicherheit böte.“</p> - -<p>„Nein, das wäre ich auch heute noch nicht, wenn ich ihn nicht lieben -könnte!“ Der Kopf hob sich von der Brust der Großmutter, und die alte -Kluft war wieder da.</p> - -<p>„Dann weine auch nicht! Der Hochmütige darf nicht weich werden.“</p> - -<p>Der Großvater trat ins Zimmer. „Warum denn so im Dunkeln?“ fragte er -und ließ den Kronleuchter aufblitzen.</p> - -<p>Die Großmutter ward ärgerlich. „Du weißt, daß ich diese plötzliche -Beleuchtung nicht vertrage!“ Und der alte Herr schaltete, mit einem -feinen Lächeln um den Mund, die Krone aus und drehte eine kleine, -gelbverschleierte Lampe an. Er hielt Zeitungen in der Hand und machte -ein bedeutendes Gesicht. „Kann ich noch eine Tasse Tee haben?“ fragte -er; aber als Maria aufspringen wollte, hielt Großmutter sie fest.</p> - -<p>„Geh, Alterchen, und klingle der Müller! Sie wird dir schon irgendwas -Trinkbares bringen.“</p> - -<p>Die Müller, eine ältliche Frau, die bei den zwei alten Leuten wohnte -und sie bediente, kam schon von selbst mit einer Tasse Tee, und der -Großvater richtete ein paar freundlich scherzende Worte an sie.</p> - -<p>„Was Neues?“ fragte die Großmutter; und er las den Hauptartikel aus der -Zeitung vor.</p> - -<p>„Also mit Belgien werden sie bald durch sein. Rat Mertens behauptet, in -drei Wochen wären sie in Paris.“</p> - -<p>„Rat Mertens soll besser seinen Mund halten,“ schalt die Großmutter. -„In drei Wochen sind wir nicht in<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">– 6 –</a></span> Paris, das sagt mir mein klarer -Verstand. Die Franzosen, wenn sie nur einigermaßen ihre fünf Sinne -beisammen haben, werden ihr Paris diesmal zu verschanzen wissen!“</p> - -<p>Großvater lenkte ab und wandte sich an die Schwiegertochter: „Nun, hast -du den ersehnten Brief vom Jungen vorgefunden?“</p> - -<p>Und Großmutter bat: „Nun erzähl’ endlich, Maria! Aber ein bißchen -folgerichtig, nicht so sprunghaft, Maria. Aus euren paar Briefen und -Karten konnte man so gut wie nichts entnehmen. Also fang’ nur gleich -mit eurer Abreise von Norderney an! Nein, wie ich Gott gedankt habe, -daß ihr die verrückte Idee, in ein belgisches Seebad zu fahren, nicht -ausgeführt habt. Wenn schon einer so viel übrig hat, daß er in ein Bad -fahren kann, dann soll er sein Geld doch lieber im Lande lassen, statt -es den Ausländern in den Rachen zu werfen. Man sieht ja nun, wie sie es -mit uns meinen. ‚Bleib’ im Lande und nähre dich redlich.‘ Dieser Spruch -wird von jetzt an mit Gottes Hilfe wieder zur Geltung kommen.“</p> - -<p>Großvater sagte: „Ich meine, Maria sollte erzählen.“ Großmutter ließ -sich nicht gern maßregeln und blickte ärgerlich auf.</p> - -<p>„Notabene,“ nahm Großvater wieder das Wort, „Mertens und Hieronymus -wollen heute abend wieder kommen, und vielleicht spricht auch Hauptmann -Prell vor.“</p> - -<p>„Aber hoffentlich nicht zum Essen,“ rief Großmutter auffahrend.</p> - -<p>„Nein, ganz solide zum Glas Wein nach Tisch.“</p> - -<p>Großmutter sagte zu Maria: „Wenn du doch noch je einmal heiraten -solltest, Kind, so mache es deinem Manne gleich zu Anfang klar, daß er -dir nicht ungefragt Leute ins Haus bringt, die auf ein warmes Abendbrot -warten.<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">– 7 –</a></span> Du weißt nicht, in welch eine Verlegenheit eine Hausfrau bei -solchen Veranlassungen kommen kann.“</p> - -<p>„Ich würde Maria gleich ein ganzes Erziehungssystem für den Fall ihrer -Wiederverheiratung aufschreiben,“ schmunzelte der alte Herr. Und -Großmutter fuhr ärgerlich dazwischen: „Du und Maria, ihr seid immer -eins. Aber nun erzähl’, Kind! Wenn die Herren nach Tisch kommen, müssen -wir zeitig essen. Also in Norderney erfuhret ihr das erste vom Krieg -und packtet eure Koffer. Die Reise dauerte eine Ewigkeit, das weiß ich -aus euren Karten, und dann fuhret ihr nach Berlin. Aber was kam dann? -Vor allem interessiert mich’s, zu wissen, wie der Junge die ganze Sache -aufnahm. Hat er gleich von Anfang an mitgewollt?“</p> - -<p>„Erst freute er sich mal, daß es ein Notabitur gab,“ begann Maria.</p> - -<p>„Ja ja, das Notabitur. Das kann ich mir denken. Da hat er uns gleich -am nächsten Morgen telegraphiert: ‚Glänzend bestanden‘, weil ich ihm -fünfhundert Mark für den Fall des Bestehens ausgesetzt hatte.“</p> - -<p>„Die du dem armen Kerl aber nicht in bar, sondern in einem jetzt -unverkäuflichen Papier ausgezahlt hast,“ fügte Großvater ein.</p> - -<p>„Was soll der Junge jetzt mit so viel barem Geld?“ erwiderte die alte -Frau gereizt. „Übrigens laß Maria endlich zu Worte kommen!“ Draußen -klingelte es, und irgendjemand begehrte mit Großvater zu sprechen.</p> - -<p>„Wenn er denn gar keine Ruhe hat, dann erzähl’ mir nur allein, Maria! -Also Montags früh bekam er die Nachricht aus der Schule, daß er sich am -Abend einzufinden habe! Was hat er da wohl für ein Gesicht gemacht? Das -hätte ich sehen mögen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">– 8 –</a></span></p> - -<p>„Erstmal traf er sich mit drei Freunden, und da erzählte er mir, daß -sie vor allem die Kleiderfrage erörtert hätten. Sie hatten sich doch -einen Gesellschaftsrock zum Abitur bauen lassen wollen. Nun waren bei -uns nicht mal die Koffer zur Stelle, und er mußte im grauen Sommeranzug -gehen.“</p> - -<p>„Glaubst du, daß ihm das hart war?“</p> - -<p>„Vielleicht für einen Augenblick, aber das verflog doch schnell neben -allem andern. Den ganzen Tag gab es Extrablätter; um Mittag waren wir -Unter den Linden, da hatten sie gerade zwei Spione aufgefangen. Er wäre -gern mit mir in ein Café gegangen, aber natürlich war nirgendwo ein -Platz. So stand man denn und wartete und sah und hörte. Du machst dir -keinen Begriff, wie das in diesen Tagen in Berlin zuging.“</p> - -<p>„Das kann ich mir denken und, Maria, so sehr ich mich gräme, daß in -unseren vorgeschrittenen Zeiten solche Barbarei noch gut möglich ist, -ich mußte mir doch immer sagen, daß es für einen jungen Menschen mit -gesunden Gliedern und hellem Verstand gar nichts Wundervolleres geben -kann, als in solch einer Zeit miteingreifen zu dürfen. War er denn sehr -begeistert?“</p> - -<p>„Du weißt, daß er sich wenig über alles, was in ihm vorgeht, äußert, -Großmutter.“</p> - -<p>„Leider Gottes, und sein Lehrer, der ihn schon jetzt ‚Professor‘ -nannte, hat eigentlich recht. Da hatte sein Vater einen ganz anderen -Schneid.“ In Marias Gesicht kam ein ablehnender Zug.</p> - -<p>„Also weiter, dann ging’s zur Schule?“</p> - -<p>„Ja, und da soll es dann sehr feierlich gewesen sein, der Direktor -begeistert und bis zu Tränen gerührt, und die Lehrer hätten sich wie -die Kameraden gegeben.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">– 9 –</a></span></p> - -<p>„Das kann man sich denken.“</p> - -<p>„Erst bekamen sie ein Sextanerthema zu ihrem Aufsatz: ‚Begeisterung ist -die Quelle zu großen Taten‘, und da hätten sie dann einen heillosen -Blödsinn zusammengeschrieben.“</p> - -<p>„Du hast doch hoffentlich seinen Aufsatz aufgehoben? Ich würde jetzt -alles von ihm aufheben, Maria. Du kannst nicht wissen, wie es kommt, -und nachher hast du dann doch wenigstens ein paar Andenken an seine -letzte Zeit.“</p> - -<p>„So sollst du nicht sprechen, Großmutter. Ich will nicht denken, daß -ihm etwas passiert.“</p> - -<p>„Besser, man macht sich mit so etwas vertraut, Maria, als wenn es -einen ganz unerwartet trifft. Das war ja das Entsetzliche für mich bei -Alfreds Tod, daß die Nachricht wie der Blitz aus heiterem Himmel kam.“</p> - -<p>„Du wußtest aber doch, daß er herzleidend war, Großmutter.“</p> - -<p>„Aber ich wußte auch, daß die Ärzte zu mir gesagt hatten, er könne -sechzig Jahre alt werden trotz seines Leidens. Laß gut sein, Kind, wir -wollen nicht die alten Geschichten aufrühren! Nur das eine kann ich dir -sagen, Maria: Über den Tod eines Mannes kommt man hinweg, denn selbst -wenn man einem Manne sehr gut ist, so kann man ihn doch nie mit solcher -Liebe lieben wie das Kind, das man unter dem Herzen getragen hat.“</p> - -<p>Maria war bleich geworden.</p> - -<p>„Aber nun erzähle weiter! Also der Aufsatz war Blödsinn und wurde doch -für gut befunden. Gott, und gerade vor dem Aufsatz hatte er die größte -Angst gehabt, weil sie da oft so verrückte Themata geben. Da sieht man -mal wieder, daß der Mensch sich keine Sorge um das, was die Zukunft -bringt, machen soll. Es kommt immer<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">– 10 –</a></span> alles anders als man denkt, im -Großen wie im Kleinen. Wurden sie denn in den andern Fächern überhaupt -geprüft?“</p> - -<p>„Ja, er sagte mir, in allem seien sie geprüft worden, aber, weißt du, -so, daß die Lehrer selbst die Antwort gaben oder sie ihnen doch in den -Mund legten. In der Geschichte fragte man ihn: ‚Wann starb die Königin -Luise?‘ und gleich danach: ‚Sie wissen doch, vor zwei Jahren feierte -man ihren hundertsten Todestag?‘“</p> - -<p>„Großvater, das mußt du hören!“ rief Großmutter zum wiedereintretenden -alten Herrn, „wie sie den Jungen in Geschichte geprüft haben!“</p> - -<p>Großvater hörte liebenswürdig zu, entschuldigte sich aber gleich -wieder. Er hatte von einem Extrablatt, das ausgegeben sein sollte, -gehört und wollte es sich verschaffen, damit die Herren am Abend -nicht den Triumph haben sollten, ihm mit Neuigkeiten zuvorzukommen. -Großmutter war ärgerlich.</p> - -<p>„Du kannst mir glauben, Maria, seit diesem unseligen Krieg ist unser -ganzes Zusammenleben zerstört. Großvater ist rein aus dem Häuschen und -schert sich um keine Zeiteinteilung mehr. Es ist zum Verzweifeln.“</p> - -<p>Großvater sagte ernst: „Wie kannst du klagen, da wir hier in unserer -behaglichen Sicherheit leben!“ Und die alte Frau nickte: „Ist schon -gut, Alterchen. Jetzt kommt er mit seinen Ostpreußen. Geh’ nur, aber -sieh’, daß du zum Essen zeitig da bist!“ und dann wieder zu Maria -gewandt: „Ja, stell’ dir vor, Maria, wenn ich ihm den Gefallen getan -hätte und mit ihm in seine Heimat nach Ostpreußen gezogen wäre. Ich -war nahe genug daran, aber ich weiß nicht, warum: ich hatte immer -ein Grauen davor, so nahe an der Grenze zu wohnen. Nun denkt<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">– 11 –</a></span> aber -Großvater, er hätte ein Recht, mir bei jeder kleinsten Gelegenheit das -Schicksal seiner armen Landsleute vorzuwerfen, statt daß er sich freut, -hier in Ruhe zu sitzen.“</p> - -<p>Maria sagte nachdenklich: „Es geht mir manchmal wie Großvater, ich -schäme mich des Wohlergehens! Es klingt frivol, aber oft wünsche ich, -man litte mehr unter dem Krieg, ich meine es jetzt rein äußerlich.“</p> - -<p>Das verstand Großmutter nicht.</p> - -<p>„Du warst ja immer ein bißchen anders als andere Leute, Maria; aber nun -erzähl’ weiter. Also die Lehrer legten ihm die Antwort beim Examen in -den Mund! Das finde ich famos! Wie ging es denn mit der Mathematik?“</p> - -<p>„Die haben sie ihm geschenkt, weil er darin immer besonders gut war. -Übrigens hat er mir das gar nicht so ausführlich erzählt. Was ihnen -allen imponierte, war, daß die Töchter des Schuldirektors ihnen Tee und -Kuchen servierten, und daß alle Lehrer sich mit ihnen unterhielten, als -seien sie völlig gleichgestellt. Zu Ernst hat einer gesagt: ‚Mensch, -wenn Sie nicht trotz allem und allem das werden, was ich von Ihnen -erwarte, dann pfeife ich auf alle meine Menschenkenntnis.‘“</p> - -<p>„So, was erwartet er denn von ihm?“ fragte die Großmutter.</p> - -<p>„Du weißt doch, sie nannten ihn den Philosophen, weil er so gerne über -alles mögliche nachgrübelt!“</p> - -<p>„Ja, das muß ich gestehen, das ist’s, Maria, was mir am allermeisten -mißfallen hat. Kein Schneid! Nenne mir einen Philosophen in der Welt, -der das ergründet hat, was uns nun einmal verborgen bleiben soll! -Gibt’s nicht! Und ich will dir sagen: Zwei- oder dreimal in<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">– 12 –</a></span> meinem -Leben habe ich in solche Bücher hereingeschaut und hab’ sie mit Abscheu -wieder zugeschlagen. ‚Esel sind diese Kerle‘ habe ich mir gesagt. -Wollen anderen Menschen weismachen, daß sie mehr wissen als sie, und -führen einen nur irre und nehmen einem die Freude am Dasein. Nein, ich -sehe es als eine Fügung Gottes an, daß der Junge nun doch Soldat werden -muß. Wenn er dann nebenbei das Philosophieren nicht lassen kann, <span class="antiqua">à -la bonne heure</span> — aber nicht als Beruf, nicht als Broterwerb!“</p> - -<p>„Man kann über so etwas nicht verfügen, Großmutter. Ich glaube, jeder -Mensch muß doch einmal das werden, was in seiner Natur begründet liegt.“</p> - -<p>Die Großmutter zuckte die Achseln. „Das sind die heutigen Ansichten. -Am besten, man steckt einen Buben mit elf Jahren ins Kadettenkorps, -dann lernt er nichts anderes kennen. Wie lange hat denn nun diese -Abitursache an jenem Abend gedauert?“</p> - -<p>„Um zehn Uhr kam er zurück — gleich mit der Bescheinigung in der -Tasche. Er hatte sich großartig ein Auto genommen und blieb nur eine -Viertelstunde. Sie hatten sich zu einem Kneipabend verabredet.“</p> - -<p>„So so!“ antwortete die Großmutter, und Maria würgte an irgend etwas.</p> - -<p>„Denk mal, Großmutter,“ sagte sie dann und stockte gleich wieder.</p> - -<p>„Nun, was denn?“</p> - -<p>„Um halb ein Uhr kam er zurück; ich lag schon zu Bett, konnte aber -natürlich nicht schlafen. Er war ganz blaß und aufgeregt, und dann -erzählte er, sie seien da in eine Kneipe gegangen, und plötzlich habe -einer von ihnen ein Mädchen an den Tisch gebracht, — und dann<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">– 13 –</a></span> seien -immer mehr gekommen, und auf einmal hätte auch eine neben ihm gesessen.“</p> - -<p>Die Großmutter blickte auf, und ein seltsamer Zug lag um ihren Mund: -„Na — und?“</p> - -<p>„Ja, ich weiß nicht — — sie hat gesagt: ‚Sag’ doch ‚Hannchen‘ zu -mir und hat ihn gefragt, ob er immer so ledern wäre, und ist ihm ganz -nahegerückt.“</p> - -<p>Nun lächelte die Großmutter: „Und weiter?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht,“ und Maria senkte den Kopf.</p> - -<p>„Er tat mir schrecklich leid an jenem Abend; ich glaube, er fühlte sich -unglücklich!“</p> - -<p>„Das ist Blödsinn, Maria. Ein Junge muß mal was erleben. Sieh mal, -Alfred war doch schon mit siebzehneinhalb Jahren Leutnant, da konnte -ich ihn doch auch nicht mehr am Rockzipfel haben!“</p> - -<p>„Das ist es auch nicht; ich hatte nur das Gefühl, daß der Junge sich um -etwas grämte, daß ein großer Zwiespalt in ihm war.“</p> - -<p>„Laß gut sein, Kind, so was mußte einmal kommen, und vielleicht ist es -ein Glück, daß ihm gerade jetzt noch die Augen geöffnet wurden. Wer -weiß, was sie in den nächsten Monaten zu sehen bekommen.“</p> - -<p>„Er ist noch so ein Kind, Großmutter. Du weißt gar nicht, wie sehr er -noch Kind ist, trotz seiner Grübeleien.“</p> - -<p>„Dann war es die höchste Zeit, daß er aus seiner Kindheit -herausgerissen wurde!“</p> - -<p>„Es tat mir aber weh. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als sei er -wieder mein ganz kleines Kind, das ich gegen die Welt schützen müßte. -Überhaupt, Großmutter — immer in dieser schrecklichen Zeit, jetzt lebe -ich wieder alles von früher durch — wie er noch ganz mein war — ganz -hilflos — ich kann dir das nicht so sagen — aber<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">– 14 –</a></span> es tut alles so -entsetzlich weh — so als ob einem scharfe Messer im Herzen wühlten.“</p> - -<p>Großmutter streichelte Marias Haar.</p> - -<p>„Da mußt du dich nun drüber hinwegsetzen, Kind. Du darfst nicht -egoistisch sein. Eine Mutter hat die Pflicht, ihr Kind unter Schmerzen -und Wonne zu gebären, es großzuziehen und dann wieder herzugeben. So -will es die Natur und alles Auflehnen hilft nichts!“</p> - -<p>Großvater kam mit seinem Extrablatt. „Die Russen in Tilsit!“ Er war -ganz bleich.</p> - -<p>Großmutter lenkte ab: „Laß eben Maria fertig erzählen! Also das Abitur -hatte er, und dann?“</p> - -<p>„Dann liefen sie von Kaserne zu Kaserne, um sich zu stellen. Zu -Tausenden standen sie da herum, und er kam an den ersten beiden -Tagen enttäuscht nach Hause. Am dritten aber mittags strahlte er und -hatte einen Fahrschein nach der Altmark — da sollten sie sich beim -Husarenregiment melden!“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Herr Hieronymus war ein schlankes, kleines Männchen mit eisgrauem Bart. -Er kam als erster, und der Tisch war noch nicht abgeräumt. „Das nenne -ich pünktlich!“ sagte die Großmutter und stellte ihre Schwiegertochter -vor.</p> - -<p>„Große Freude, gnädige Frau! Hab’ schon oft von Ihnen gehört, die Frau -Schwiegermutter spricht mit Vorliebe von Ihnen und dem famosen Jungen. -War leider zwei Jahre abwesend, sonst würde ich wohl schon früher das -Vergnügen gehabt haben, Sie zu sehen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">– 15 –</a></span></p> - -<p>Er hielt Marias Hand fest und sah ihr in die Augen.</p> - -<p>„Nun erzählen Sie aber auch gleich, teurer Herr Hieronymus, daß ich -immer nur das Beste von meiner Maria rede!“</p> - -<p>„Es wäre eine Kränkung, das besonders zu versichern,“ sagte das kleine -Männlein, und bevor die Müller noch mit dem Abräumen fertig war, tat -sich die Tür zum zweitenmale auf, und der behäbige Herr Rat Mertens -trat ein. Den kannte Maria schon und gab ihm die Hand, die der Rat an -seine Lippen zog.</p> - -<p>„Im Frühjahr sahen Sie blühender aus, liebe Frau Maria. Da sehen Sie -geradezu beneidenswert gut aus. Jetzt sieht man Ihnen an, daß Sie -gelitten haben! Schwere Zeiten, furchtbare Zeiten, die Gott uns gesandt -hat. Heute reichen wir uns noch in Geborgenheit die Hand; wer aber -weiß, wie nahe die Stunde bevorsteht, in der es auch für uns heißt: -Verlaßt eure Heimat, flieht oder sterbt!“</p> - -<p>„Na, na,“ sagte die Großmutter ärgerlich; und dann ließ die Müller den -dritten Gast eintreten, den Hauptmann Prell, den Maria noch nicht im -Hause ihrer Schwiegereltern gesehen hatte. Er kam langsam näher und -schleppte den linken Fuß nach. Fein und leidend waren die Züge seines -Gesichtes, die Augen in die Ferne blickend, so wie Menschen, die -viel denken und grübeln, zu blicken pflegen. Ihm kam die Großmutter -liebenswürdiger als den anderen Gästen entgegen. Sie hielt die -Schwiegertochter im Arm und begann herzlich: „Hier ist meine Maria, -Herr Hauptmann; wir haben ja neulich einen geschlagenen Nachmittag von -ihr und ihrem Jungen gesprochen!“</p> - -<p>Der Hauptmann beugte sich über die dargereichte Hand. „Ich bin sehr -glücklich, gnädige Frau, Sie zu sehen. Ich bin wirklich sehr erfreut!“ -wiederholte er, als<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">– 16 –</a></span> die Großmutter sich zu den anderen Gästen wandte, -und zog nun auch die andere Hand an die Lippen.</p> - -<p>„Sie haben Ihren Jungen hergegeben — Ihren Einzigen?“ fragte er, „aber -Sie haben es gern getan, nicht wahr?“</p> - -<p>„Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Man will und will nicht; -es ist ein schreckliches Chaos im Kopf und Herzen.“</p> - -<p>„Also wo wünschen die Herren zu sitzen?“ rief die Großmutter. „Hier -im Eßzimmer haben wir den Vorteil, alle zusammen am Tisch sitzen zu -können. Gehen wir ins sogenannte Herrenzimmer, müssen sich die Parteien -teilen.“</p> - -<p>Der Großvater aber stimmte fürs Herrenzimmer, und die Müller erhielt -einen Wink, Gläser und Flaschen dahin zu bringen.</p> - -<p>Hieronymus reichte der Großmutter den Arm, Rat Mertens sprach mit -lauter Stimme auf Großvater ein und Prell ging neben Maria her.</p> - -<p>Der behäbige Rat blieb unter dem Kronleuchter stehen und sprach nun -nicht mehr zu Großvater allein, sondern so, als habe er irgendein -unbekanntes Publikum vor sich.</p> - -<p>„Unsagbar schwere Zeiten hat Gott über unser armes, tapferes Vaterland -verhängt!“ rief er aus. „Gott ist allmächtig und allgütig und vor -allem: Gott ist gerecht! Das muß man sich in dieser Zeit immer wieder -sagen, denn sonst könnte man der Verzweiflung, die einem beim Lesen der -furchtbaren Geschehnisse ergreift, nicht Herr werden! Ich nehme an, -Gott will den Frevel und den Hochmut derer, die uns hassen, strafen. -Wir sind das Werkzeug dazu, und wir dürfen nicht murren. Ja, wir müssen -uns zum Gottesglauben zwingen! Das ist nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">– 17 –</a></span> ganz leicht in diesen -Zeiten, in denen der, der über uns allen waltet, so Grauenhaftes -geschehen läßt. Jammer, Jammer, Jammer! Wo ist ein Herz, das nicht von -Gram verzehrt wurde? Wo ist der Mann, die Frau, die nicht täglich von -neuem um ihr bißchen Lebensmut kämpfen muß? Wäre es uns nicht allen -wohler, wenn wir uns jetzt zu einem Schlaf niederlegen könnten, aus dem -es kein Erwachen mehr gibt?“</p> - -<p>„Oho,“ sagte Großmutter, „das wäre ja wirklich sehr deutsch gehandelt. -Nein, lieber Rat, nun erst recht nicht! Und wenn der Krieg zehn Jahre -dauern würde, und wenn ich mit Krankheit geschlagen würde, ich möchte -das Ende abwarten! Jetzt einschlafen, nein, das paßte mir nicht!“</p> - -<p>„Sie haben diese wundervoll starken Nerven, gnädige Frau,“ entgegnete -der Rat. „Aber nicht ein jeder hat die Kraft, so zu denken wie -Sie. Unsere lieben Damen verfügen ja auch im allgemeinen über mehr -Optimismus und Naivität als der denkende Mann.“</p> - -<p>Großmutter räusperte sich.</p> - -<p>„Das sind schöne weibliche Eigenschaften!“ fuhr der Rat fort, „und -kraft dieser Eigenschaften bleibt es ihnen erspart, den grauenhaften -Ernst der gegenwärtigen Zeit in seinem vollsten Umfang zu erfassen.“</p> - -<p>„Auch dagegen protestiere ich, Herr Rat!“</p> - -<p>„Mit Ihnen ist nicht gut verhandeln,“ lachte Mertens etwas gereizt, -„Frau Maria aber wird mir recht geben. Sagen Sie, gnädige Frau, haben -Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie es sein wird, wenn wir nicht -siegreich sein sollten? Wenn diese siebenfache Meute uns doch so zu -packen kriegt, daß wir am Boden liegen — daß das edle Blut unserer -Söhne, Gatten, Väter und Brüder umsonst geflossen ist?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">– 18 –</a></span></p> - -<p>Maria war bleich geworden: „Ich will mir das nicht vorstellen.“</p> - -<p>„Sehen Sie, sagt’ ich es nicht? Sie will sich nicht vorstellen, sie -macht die Augen zu. Das ist schön, das ist frauenhaft.“</p> - -<p>„Blödsinn!“ rief die Großmutter. „Das ist gar nicht nur frauenhaft! Ein -jeder, ob Mann oder Frau, sollte so denken: Siegen oder Untergehen! An -Untergehen denkt man nicht gern, also weiß man, daß man siegen muß. -Aber nun nehmen Sie Platz, meine Herren, und lassen Sie uns so fröhlich -sein, wie man es in dieser Zeit sein kann!“</p> - -<p>Mertens hob als erster sein Glas: „Ein Pereat auf das Land der -Perfidie!“</p> - -<p>Hieronymus zögerte ein wenig, bevor er sein Glas an das der anderen -klingen ließ: „Das ist mir ein wenig zu pathetisch.“</p> - -<p>„Pathetisch?“ ereiferte sich Mertens. „Ist diese Zeit denn nicht -ganz und gar aufs Pathetische gestimmt, und verdienen es diese -neidplatzenden Halunken nicht, daß man ihnen zu jeder Stunde des Tages -einen Fluch nachschleudert?“</p> - -<p>„Das nützt uns nur verdammt wenig, lieber Rat.“</p> - -<p>„Aber es tut uns wenigstens wohl!“</p> - -<p>Über das Gesicht des invaliden Hauptmanns flog ein sarkastisches -Lächeln.</p> - -<p>„Man muß nicht alles so allgemein nehmen; man muß auch bei seinem -Feinde die Motive suchen.“</p> - -<p>„Teufel, ja,“ sagte der Rat, „die liegen doch bei England klar genug.“</p> - -<p>Großmutter warf ein: „Nicht wieder die alten Sachen durchkauen, meine -Herren! Jedes Kind weiß, daß England<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">– 19 –</a></span> gemein an uns handelt; jedes -Kind sagt ‚Pfui!‘, wenn es von England spricht. Ich sage auch ‚Pfui!‘ -und habe gern in das Pereat auf das edle Britenreich miteingestimmt, -aber damit wollen wir es auch für heute bewenden lassen. Sind Sie -einverstanden, Rat?“</p> - -<p>„Mir war es nur, als habe unser Hauptmann Prell etwas andere Ansichten -über unsere englischen Feinde!“ meinte Mertens gereizt. „Wie meinen Sie -das, Herr Hauptmann, wenn Sie sagten, man müsse über die Beweggründe -jedes Landes nachdenken? Frankreich und Rußland verstehe ich — ganz -besonders Frankreich — aber England hatte keinen Grund zu diesem -namenlosen Haß. Bei England ist die Triebfeder zu diesem Krieg nichts -als kalte, gemeine Habgier!“</p> - -<p>„Das ist in diesen Tagen tausend- und abertausendmal bestätigt worden,“ -sagte Prell kühl.</p> - -<p>„Nun also, warum betonten Sie denn, man müsse über Englands Beweggründe -nachdenken?“</p> - -<p>„Ich habe nicht behauptet: über Englands Beweggründe, sondern über -jedes einzelnen Landes Beweggründe. Stellen Sie sich mal vor, es -wären zehn Jahre vergangen, und man verlangte von Ihnen, daß Sie die -Geschichte dieses Krieges schrieben. Würden Sie da auch nur so einfach -von Englands Perfidie sprechen? Man muß sich doch auch fragen, was -England von uns zu fürchten hätte, wenn unsere Industrie und unser -Handel weiter in dem Maße aufblühen, wie sie es bisher getan. Heute -noch ist England der Großkaufmann und der Bankier der ganzen Welt. Aber -es fühlt, daß Deutschland ihm zu mächtig wird. Es fürchtet ganz einfach -Deutschlands immer weiteres Emporsteigen.“</p> - -<p>Der Großvater sagte bedächtig: „Nein, meine Herren,<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">– 20 –</a></span> das ist es nicht. -Es ist einzig unser Militarismus, den sie mit scheelen Augen ansehen.“</p> - -<p>Die Großmutter warf ein: „Meine Herren, das sind doch alles -Gemeinplätze, über die eine Debatte nicht lohnt! Reden wir doch lieber -von dem, was der Tag gebracht hat. Also die Russen sind einmal wieder -im Land!“</p> - -<p>„Im Anmarsch auf Berlin!“ sagte der Rat Mertens schwer.</p> - -<p>Maria wandte sich etwas ängstlich an den Hauptmann Prell: „Ist das -wahr, sind die Russen wirklich im Anmarsch auf Berlin?“</p> - -<p>Der Hauptmann lächelte: „Wenn es nach dem dicken Rat Mertens ginge, -stände unsere Hauptstadt längst in Flammen. Sind Sie sehr ängstlich, -gnädige Frau?“</p> - -<p>„Nicht für mich, aber all der Jammer, der jetzt in der ganzen Welt ist, -macht so schwach und elend.“</p> - -<p>„Und es wird doch gerade jetzt so viel von der starken deutschen Frau -gesprochen und gesungen.“</p> - -<p>„Dazu gehöre ich nicht,“ sagte Maria und neigte den Kopf.</p> - -<p>„Das ist schön, das ist gut, daß Sie das eingestehen. Wenn Sie stark -sein müssen, dann können Sie es auch sein und Sie sind es doch schon im -hohen Maße gewesen, ich habe einen Beweis dafür!“</p> - -<p>„So?“</p> - -<p>„Nun, zum Beispiel, daß Sie sich in all den Jahren dem Willen der Frau -Schwiegermutter nicht untergeordnet haben. Das heißt doch was, gegen -den Willen einer so praktischen, energischen Frau anzukämpfen. Sie -hat mir vieles von Ihnen erzählt und kann es Ihnen heute noch nicht -verzeihen, daß Sie nicht mit dem Jungen zu ihr gezogen sind, und daß -Sie nicht wieder heirateten.<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">– 21 –</a></span> Das nenne ich doch Stärke, denn solch ein -Widerstand bedeutet doch alles andere als Schwäche!“</p> - -<p>„Aber jetzt bin ich sehr müde und verzagt, und wenn Großmutter mir -jetzt in dieser Stimmung sagte: ‚Du bleibst!‘ — ich glaube, dann -bliebe ich.“</p> - -<p>„Sie fühlen sich verlassen, weil Sie den Jungen hergegeben haben, das -ist natürlich furchtbar hart für Sie. Aber augenblicklich ist er doch -noch in Sicherheit!“</p> - -<p>Der Hauptmann sah Maria mit guten Augen an, während er sprach, und sie -fühlte sich wohl in seiner Nähe.</p> - -<p>„Ist das wahr, Hauptmann,“ rief die Großmutter, „daß Sie sich noch -gemeldet haben? Und wozu, wenn man fragen darf?“</p> - -<p>„Wozu sie so einen Krüppel noch brauchen können,“ sagte er lächelnd, -„aber ich fürchte, es ist wenig Aussicht vorhanden!“</p> - -<p>„Und ich sage Ihnen, daß sie den letzten Mann im Deutschen Reich -gebrauchen werden. Und reichen die Männer nicht mehr, dann kommen die -Greise und Frauen daran!“</p> - -<p>„Sie sind toll, Rat!“ rief die Großmutter.</p> - -<p>Der Rat stürzte ein Glas Wein hinunter. „Ist das in Belgien nicht auch -der Fall?“ fragte er.</p> - -<p>„Teufel, ja, aber eine deutsche Frau schüttet keinem Soldaten heißes -Wasser auf den Kopf. Dafür möchte ich mein Leben einsetzen!“</p> - -<p>„Die Leidenschaft, die Wut erzeugt Bestien!“ schrie der erregte -Mann, dessen Gesicht stark gerötet war. „Und ich sage und prophezeie -Ihnen: In einem Jahr wird es nur noch Greise und Kinder im deutschen -Vaterland geben. Wozu durch die rosige Brille sehen? Wozu sich selbst -be<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">– 22 –</a></span>lügen? Und jene jungen Bürschchen, die jetzt in dieser wunderschönen -Begeisterung als Kriegsfreiwillige in die Kasernen gezogen sind, ihr -Blut wird in Strömen fließen.“</p> - -<p>Maria deckte die Hand über die Augen, und der Hauptmann rief zu Mertens -hin: „Nun möchte ich doch ernstlich mahnen — —“</p> - -<p>Aber wenn so ein Mann wie der Rat einmal im Zug war, gab es kein -Bremsen mehr.</p> - -<p>„Schenk’ ihm doch nicht immer wieder ein,“ flüsterte die Großmutter -zu ihrem Mann und legte die Hand um die Flasche. Der Hauptmann hatte -Marias Hand ergriffen: „Er redet Blödsinn, er kann keinen Wein -vertragen.“</p> - -<p>Sie versuchte zu lächeln, aber es mißlang.</p> - -<p>„Nein und tausendmal nein, wir sollen uns nicht selbst betrügen. Wir -müssen wissen, was uns bevorsteht. Der Zar soll geschworen haben: -‚Ich ruhe nicht, bis die Straßen Berlins mit Frauenköpfen gepflastert -sind!‘ Und glaubt einer, daß die Kosaken, wenn sie in unsere Hauptstadt -ziehen, dieses Wort nicht wahr machen?“</p> - -<p>„Teufel noch mal,“ rief jetzt die Großmutter außer sich. „Sind Sie -dazu hergekommen, Herr Rat, um uns so die Stimmung zu verderben? Ein -Schwarzseher sind Sie, ein ganz trauriger Schwarzseher. Ich danke für -alles Weitere. Komm, meine Maria! Du bist müde und siehst blaß aus. Die -Herren werden uns entschuldigen. Gute Nacht!“</p> - -<p>Sie legte ihren Arm um Marias Schulter und führte sie hinaus. Der -Großvater lenkte die Sache ein, so gut wie es möglich war. Aber nach -einer Viertelstunde hörte man die Türe klinken, und er schloß seinen -Gästen die Gartenpforte auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">– 23 –</a></span></p> - -<p>Die Großmutter hatte Maria in das kleine Fremdenstübchen geführt. „Es -tut mir leid, Kind, daß die Müller die dunklen Vorhänge noch nicht -angemacht hat. Aber da du müde bist, wirst du auch schlafen, wenn der -Mond ein wenig hereinscheint.“</p> - -<p>Das kleine Zimmer war ganz überflutet von weißem Mondlicht. Auf dem -Teppich zitterte ein weißer, breiter Streifen und zog sich die Wand -hinauf, an der ein fast lebensgroßes Porträt hing. Es war das Bild von -Großmutters einzigem Sohn, Marias verstorbenem Manne. Gespensterhaft -leuchtete es auf die beiden Frauen nieder.</p> - -<p>Die Großmutter wurde elegisch. „Daß er diese gewaltige Zeit nicht -miterleben durfte!“ seufzte sie. Aber dann war sie mit ihren Gedanken -gleich wieder im praktischen Leben.</p> - -<p>„Ich will eben noch einen Augenblick zu Großvater hinüber, denn wenn er -sich nicht gleich legt, bekomme ich ihn vor Mitternacht nicht zu Bett. -Leg’ du dich nur ruhig schon hin, Maria. Ich komme noch, dir ‚Gute -Nacht‘ sagen.“</p> - -<p>Im kleinen Zimmer war eine schwere Luft; die Müller hatte das Fenster -zu früh geschlossen, und die kleinen weißen Ersatzgardinen waren so -angebracht, daß sich auch nicht ein Spalt öffnen ließ.</p> - -<p>‚Schrecklich,‘ dachte Maria und wußte, daß eine schlimme Nacht ihrer -harrte. Schwere Luft und das große, helle Bild des Mannes! Das war zu -viel für sie. Und dazu eines von Großmutters massiven Federbetten. Eine -leise Verzweiflung begann in ihr wach zu werden.</p> - -<p>Während sie sich entkleidete, hörte sie Großmutter sagen: „Eine -Unverschämtheit vom Rat, sich als Gast anzumelden und dann so -loszulegen. Den brauchst du<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">– 24 –</a></span> in der nächsten Zeit nicht mehr -mitzubringen, Alterchen.“ Und er entgegnete liebenswürdig: „Wie du -willst!“</p> - -<p>Dann gab es noch einen kleinen Kampf zwischen den beiden, weil -Großvater sich weigerte, sogleich zu Bett zu gehen; aber fünf Minuten -später war er doch im Schlafzimmer, und eine kleine Weile darauf -klopfte Großmutter bei Maria an und setzte sich zu ihr auf den -Bettrand. Sie hielt etwas in der Hand und schien einen Augenblick lang -um ein paar einleitende Worte verlegen zu sein.</p> - -<p>„Ich habe Großvater das Versprechen abgenommen, diesen Mertens nicht -mehr ins Haus zu bringen! Das ist doch geradezu eine bodenlose -Unverfrorenheit, einen so in Angst jagen zu wollen. Die Zeiten sind -ohnehin grauenvoll genug, und ich hatte auf einen netten, behaglichen -Abend gehofft. Und doch, Maria, trotzdem es eine Taktlosigkeit vom Rat -war, solche Dinge auszusprechen — das muß ich dir sagen, daß auch mir -schon ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sind. Kann denn ein -Mensch wissen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß bestimmt -hat? Und wenn er das Furchtbare geschehen läßt, wenn die russische -Meute bis zu unserer Hauptstadt dringt, dann bleibt auch vielleicht -das nicht aus, was der Zar gesagt haben soll. Auf jeden Fall ist dann -über uns Frauen das Urteil gefällt! Ich glaube nicht daran und will -nicht daran glauben, aber sollte es so kommen — dann, Maria, heißt es -für uns: Schnell ein Ende machen, ehe wir uns auf bestialische Weise -abschlachten lassen! Einen Revolver aber hat man nicht immer zur Hand -oder ist vielleicht zu nervös, ihn im rechten Augenblick abzudrücken. -Aber ein kleines Pulver in der höchsten Not herunterschlucken, das kann -jeder!<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">– 25 –</a></span> Sieh mal, was ich hier habe, das soll im selben Augenblick, wo -man es nimmt, wirken. Herzschlag und aus! Woher ich’s habe, verrate ich -nicht. Aber es reicht für dich und mich. Ich hab’s für dich in dieses -kleine Medaillon, das ich dir längst schon geben wollte, gefüllt. Am -besten tust du, du hängst es um den Hals, dann hast du es immer zur -Hand.“</p> - -<p>Maria sah erstaunt zur Großmutter auf. Sprach sie im Ernst? Aber das -alte, frische Gesicht war wirklich bekümmert; sie hob Marias Kopf empor -und hing ihr das kleine Amulett um.</p> - -<p>„Nun wollen wir zu beten versuchen, Maria!“</p> - -<p>Und sie schlang ihre Hände um die der Schwiegertochter und begann: -„Herrgott, himmlischer Vater, der du alle Macht in Händen hast — —“, -schluchzte dann auf und rief: „Nein, nein, ich finde keinen Weg mehr -zu dem da droben. Mein Herz will sich auflehnen. Sieh du, Maria, ob du -noch zum Glauben zurückfindest!“ und küßte ihr Stirn und Augen, zog ihr -die Decke über die Schultern und ging hinaus.</p> - -<p>Marias Augen irrten im Zimmer umher und blieben auf dem hellen Bild -ihres Mannes hängen. Der war nun schon fünfzehn Jahre tot, und es war -doch noch nichts vergessen von all dem, was sich in den paar kurzen -Ehejahren ereignet hatte. Ein armer, herzkranker Mensch war er gewesen, -der sich als junger Offizier sein Leiden geholt und keine Genesung -mehr gefunden hatte. Nein, nicht die Vergangenheit heraufbeschwören, -nicht daran rühren! Sie warf sich zur Seite, so daß sie zur Wand -blickte. Aber an dieser Wand hingen unzählige kleine, ovale Bildchen -im schwarzen Rahmen, so wie man sie in großmütterlichen Einrichtungen -noch findet. Es waren<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">– 26 –</a></span> zumeist Kinderbilder von dem Mann da oben an der -Wand; liebe, gute, kluge Gesichtchen — dunkle, träumerische Augen, so -wie auch der Junge, der jetzt in der Altmark in der Kaserne lag, sie -hatte.</p> - -<p>Sie nahm eines von den Bildchen in die Hand und küßte es. Da klapperte -es an dem Amulett, das Großmutter ihr umgehängt hatte, und die Gedanken -kehrten zur Gegenwart zurück.</p> - -<p>Die Kosaken nach Berlin! Aber das wollte ihr Verstand nicht aufnehmen; -dagegen lehnte sich irgend etwas in ihr auf.</p> - -<p>Wenn sie doch schlafen könnte! Sie hing das kleine Bild wieder an die -Wand und zog die Decke übers Gesicht. Aber das ging nicht, es herrschte -ohnehin eine unerträgliche Hitze im Zimmer. Auf dem Teppich tanzte der -Mondstreif immer heller, immer quälender. Sie schloß die Augen. Da sah -sie das häßliche, braunrote Gesicht des Rates Mertens vor sich. ‚Und -all die jungen Kriegsfreiwilligen in den Kasernen — ihr Blut wird in -Strömen fließen!‘</p> - -<p>Entsetzlich, entsetzlich!</p> - -<p>Sie setzte sich aufrecht hin. Die Müller hatte vergessen, ihr -Streichhölzchen hinzulegen, und beim Mondlicht konnte man nicht lesen.</p> - -<p>Wieder zog das große, weiße Bild an der Wand ihre Blicke an, und wieder -kamen traurige, quälende Erinnerungen.</p> - -<p>Nein, so mit dem Bilde an der Wand konnte sie kein Auge zutun in dieser -Nacht. Ihre Gedanken arbeiteten schon jetzt fieberhaft; die Schläfen -schmerzten, der Puls raste — das Herz schlug zum Zerspringen.</p> - -<p>„Jungchen — mein Jungchen!“ und sie dachte an<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">– 27 –</a></span> das Kind, an den -zarten, blutjungen Kerl, den sie hergegeben hatte — der so froh, so -selbstverständlich von ihr gegangen war. Der lag nun mit fünfunddreißig -anderen in irgendeinem öden Raum auf einem Strohsack. Der war -vielleicht krank und sie wußte es nicht, der hatte Heimweh und war zu -stolz, davon zu schreiben.</p> - -<p>Wo hatten diese jungen, verwöhnten Kerle nur plötzlich die -Entschlossenheit und Größe hergenommen? All diese Jungchen, die zu -Hause so gern gemäkelt hatten, denen nichts gut und bequem genug -gewesen war!</p> - -<p>Ihre Hände spielten mit dem Medaillon, das die Großmutter ihr umgehängt -hatte — und die Gedanken, die sich ihrem Willen schon nicht mehr -unterordneten, flogen wieder zu dem, was draußen in der Welt vor sich -ging.</p> - -<p>Sie dachte an all das Grauenerregende, was sie vor zwei Jahren vom -serbisch-bulgarischen Krieg gelesen hatte. All diese greulichen -Metzeleien von Frauen und Kindern.</p> - -<p>War es möglich, daß Gott auch vielleicht das zuließ?</p> - -<p>Ihre Blicke flogen wieder zu dem Bilde ihres Mannes empor!</p> - -<p>Das Chaos in ihrem Kopf war riesengroß geworden. Ein Gedanke jagte den -anderen — ein Gedanke raste über den nächsten hinweg.</p> - -<p>„Ich kann es nicht mehr sehen!“ stöhnte sie, und suchte nach -irgendeinem Gegenstand, um es zu verdecken. Auf dem Tisch in der Mitte -des Zimmers lag eine dunkle Plüschdecke. — — — Die nahm sie, aber -ihre Hände zitterten. Sie stieg auf einen Stuhl und versuchte, die -Enden der Decke an den Bilderhaken zu befestigen — — die Bilderhaken -rutschten aus der Wand, das Bild glitt hinab, lag am Boden, und irgend -jemand in der Wohnung<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">– 28 –</a></span> schrie auf. Das war die Großmutter, und einen -Augenblick später klopfte sie an und starrte entsetzt auf das Bild.</p> - -<p>„Das bedeutet nichts Gutes, wenn ein Bild von der Wand herunterfällt!“ -sagte sie tonlos. „Komm’, wir lehnen es an die Wand. Armes Ding, hast -dich erschrocken, was? Warum hab’ ich auch erlaubt, daß Großvater so -ein großes Bild allein aufhing?“</p> - -<p>Maria vermochte nicht zu sprechen; die Nerven zitterten in ihr.</p> - -<p>„So leg’ dich hin, mein Schäfchen!“ Und die Großmutter streichelte sie. -„Du machst dir Sorgen wegen der dummen Prophezeiungen des Mertens, ja? -Das ist natürlich Blödsinn! So, ich bleib’ ein wenig bei dir, ich kann -auch nicht schlafen!“ Und Großmutter, in einen ganz hellen Morgenrock -gehüllt, saß jetzt auf dem Sofa und sah wie mit Silber übergossen aus.</p> - -<p>„Weißt du, Maria, wenn ich so im Mondschein sitze, muß ich an frühere -Zeiten denken. Da hatten wir zu Haus eine alte Magd, die uns im -Mondschein die Karten legte. Mit Gott finde ich mich jetzt doch nicht -zurecht, und da die Welt doch einmal auf dem Kopf steht, werd’ ich -mal ein Spiel holen und probieren, ob’s noch geht. Dazu mußt du aber -aufstehen und dich zu mir in den Mondschein setzen.“</p> - -<p>Die Großmutter lief hinaus, und Maria stand in weißem, langem Nachthemd -mitten im glitzernden Lichtstreifen.</p> - -<p>Müd’ war sie, daß der Körper sich kaum aufrecht halten konnte — aber -die Nerven waren zugespitzt, als hätte jeder tausend Leben in sich.</p> - -<p>Dann kam die Großmutter mit ihrem Spiel, und die Karten flogen. Die -Großmutter zählte, schob, legte<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">– 29 –</a></span> über- und untereinander und sah -mit dem herabhängenden weißen Haar, dem hellen Gewand und den flink -fliegenden Fingern wie ein Wesen aus einer anderen Welt aus.</p> - -<p>„Also dem Jungchen passiert nichts. Das Kind soll dir erhalten -bleiben!“ sagte sie, „aber für dich selbst finde ich nichts Gutes, -Maria. Da ist wohl der Herzenskönig, der zu dir hin will, aber -dazwischen liegt die schwarze Karte, und wie ich’s auch mische und -schiebe, sie kommt immer wieder!“</p> - -<p>Und plötzlich sah die Großmutter grade zu Maria auf: „Du hältst es doch -nicht mit einem, der dich nicht heiraten will, Maria? Daß du deshalb -vielleicht an keinen anderen denkst? Das wäre ein furchtbares Unglück!“</p> - -<p>„Blödsinn, Großmutter!“ sagte Maria ärgerlich, „und ich kann so etwas -wie dies Kartenlegen nicht vertragen!“</p> - -<p>„Du zitterst ja!“ rief Großmutter. „Was fehlt dir denn?“</p> - -<p>„Es ist so entsetzlich schwül im Zimmer und so hell.“</p> - -<p>„Dann machen wir eben das Fenster auf; es geht ja zum Garten, und -niemand kann hineinsehen. Warte, ich hole noch den großen Wandschirm, -den rücken wir vors Bett! Nun meinst du — — Herrgott, Kind, es ist ja -auch zum Weinen und Jammern. Der Mann tot, der Junge in der Kaserne und -die ganze Welt voll Greuel. Ich bringe dir noch den Baldrian, der macht -ruhig!“</p> - -<p>Und wieder glitt sie über den hellen Lichtstreif hinweg zur Tür hinaus, -kam mit ihrer Baldrianflasche wieder und ruhte nicht, bis Maria ein -getränktes Stück Zucker geschluckt hatte. „So, nun schlaf’!“ Sie rückte -den Wandschirm dicht vors Bett.</p> - -<p>„Du kannst morgen so lange liegen, wie du Lust hast. — Gute Nacht, -mein Kind!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">– 30 –</a></span></p> - -<p>Durchs offene Fenster strömte die milde Sommerluft, ein Raunen und -Weben ging durchs stille Zimmer. Eine Weile noch quälte sich der arme -Kopf, eine Weile noch hüpften und irrlichterten die Gedanken, dann aber -war es still. Marias Hände hatten das goldene Medaillon umschlossen -— und es war, als ob Ruhe und Friede aus diesem kleinen Amulett -ausströmten.</p> - -<p>Der Rat Mertens, die Kosaken, die Großmutter, das Jungchen in der -Kaserne flogen immer matter durch ihre Gedanken.</p> - -<p>‚Dem Jungchen passiert nichts; das Kind soll dir erhalten bleiben!‘ -hörte sie die Großmutter noch sagen, und dann kam der Schlaf doch noch -— ein tiefer, guter, traumloser, langer Schlaf.</p> - -<p>Großmutter meinte am späten Morgen zur Müller: „Nein, nicht wecken!“ -und wartete geduldig, bis der Mittag nahe war.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Einen Tag später fragte Maria mit etwas ängstlichem Herzen: „Erlaubst -du, daß ich abreise, Großmutter?“ Und Großmutter sagte kurz: „Ich halte -niemanden, der nicht gerne bei mir ist!“</p> - -<p>„Nein, so sollst du nicht sprechen!“ bat Maria. „Du weißt nicht, -welche Unruhe in mir ist. Heute habe ich wieder keinen Brief von Ernst -bekommen.“</p> - -<p>„Das kannst du auch nicht verlangen, daß er dir täglich schreibt!“</p> - -<p>„Läßt du mich reisen, Großmutter? Ich meine, läßt du mich reisen, ohne -böse zu sein?“</p> - -<p>Da küßte die Großmutter sie herzlich. „Ich halte<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">– 31 –</a></span> dich nicht, Maria, -aber wenn es dich einmal zu mir drängt, so weißt du, daß dir bei -niemand weiter die Türen offen stehen als bei Großvater und mir.“</p> - -<p>„Du bist sehr lieb, Großmutter.“ Sie schmiegte sich ganz eng an sie an -und ließ sich streicheln.</p> - -<p>„So für zwei oder drei Tage geht es immer ganz gut mit uns beiden,“ -scherzte die alte Frau, „und es ist eigentlich das Vernünftigste, daß -wir uns zu keinem längeren Zusammensein zwingen. Also dann sprich nun -mit Großvater; der wird dir wahrscheinlich sagen können, ob und wann -Züge gehen.“</p> - -<p>Der Großvater wußte in der Tat genau Bescheid, aber er riet, wieder -einen Wagen zu nehmen und zur nächsten Station, von der aus ein -Schnellzug ging, zu fahren. Die Großmutter protestierte ein wenig wegen -der Kosten und weil man schon um fünf Uhr in der Frühe abfahren mußte, -aber schließlich fügte sie sich.</p> - -<p>„Aber nicht den Jungen besuchen und ihm das Herz schwer machen, Maria. -Der führt jetzt sein Leben für sich und hat fürs erste mit der Mutter -nichts mehr zu tun. Schicke ihm jede Woche ein vernünftiges Paket, das -wird ihm lieber sein als alles andere.“</p> - -<p>Am nächsten Morgen, als der Großvater mit Maria durch den Vorgarten -schritt, hatte er ein ganz jungenhaft vergnügtes Gesicht. Die alte Frau -winkte ihnen vom Fenster aus zu und rief: „Das Medaillon hast du doch -um den Hals hängen, ja?“ „Natürlich, Großmutter.“ Maria setzte sich auf -den hohen Sitz neben Großvater; der nahm die Peitsche zur Hand, grüßte -noch einmal zur Großmutter hin und schnalzte mit der <span class="nowrap">Zunge. —</span></p> - -<p>„Hast du eigentlich Sinn für Natur, Kind?“ fragte er, sowie sie aus -der kleinen Stadt heraus waren, und<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">– 32 –</a></span> ließ die Pferde in langsamerer -Gangart fahren. „Du siehst manchmal so ins Weite, daß man gar nicht -weiß, wo deine Gedanken eigentlich sind. Aber wenn du die Natur liebst, -dann muß dieser frühe Sommermorgen ein Genuß für dich sein. Draußen in -der Welt toben die Schlachten, Grauen und Entsetzen, und hier dieser -stille Friede! Sieh mal, ich habe jeden Morgen, wenn Großmutter noch -schläft, meine schwache Stunde. Wer selbst im Krieg gestanden hat, nur -der kann sich ein klares Bild von dem, was jetzt in der Welt vorgeht, -machen. Und dann bin ich auch zu alt, um mich ganz und gar der frohen -Zuversicht: Wir werden und wir müssen siegen! hinzugeben. Es ist eine -zu gewaltige Übermacht, gegen die wir kämpfen. Aber angenommen, wir -siegen doch, selbst dann kann man nicht mehr froh und glücklich werden. -Ein Mensch, der wie ich am Ende seiner Tage steht, der glaubt, selbst -ein wenn auch noch so winziges Teil zur Kultur beigetragen zu haben, -möchte die Augen schließen bei dem Gedanken, daß so etwas noch möglich -war. Wir sind um fünf Jahrzehnte zurückgeworfen, Maria; wir Alten -können ruhig von uns sagen: wir haben umsonst gelebt!“</p> - -<p>„Ich glaube es dir, Großvater,“ sagte Maria. „Aber es ist jetzt für -niemand schön in der Welt. Die, die schon gelebt haben, sehen ihre -Arbeit vernichtet, und die, vor denen noch ein Stück Wegs liegt, haben -die Lust verloren, ihn weiter zu gehen. Beneidenswert sind vielleicht -nur die ganz Jungen, die sich besinnungslos hineinstürzen und gar nicht -zum Denken kommen.“</p> - -<p>Großvater wies mit dem Peitschenstiel in die Ferne: „Sieh mal, wie -schön dort drüben.“ Da war der junge Himmel wunderbar zartblau, und -eine leise Wellenlinie<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">– 33 –</a></span> von Hügeln hob sich leicht davon ab. Dunkel -ragte ein Stück Wald auf, und grüne Wiesen dehnten sich bis zum Fahrweg -hin.</p> - -<p>„Diesen Weg ging ich so manchesmal in diesen letzten Wochen genau zur -selben Stunde wie jetzt. Großmutter ist ärgerlich darüber, weil sie -denkt, das sei zwar ganz nett, wenn junge Leute Frühaufsteher wären; -den alten Mann aber möchte sie in den weichen Kissen halten. So gut -sie es aber auch meint, grade in dieser Morgenstunde ertrag ich’s -nicht, daß ein Mensch neben mir so behaglich und gesund schläft, und -dann nehme ich Reißaus und komme froh und stark genug zurück, um meine -Strafrede in Empfang zu nehmen!“</p> - -<p>„Warum hast du eigentlich noch einmal geheiratet, Großvater?“ fragte -Maria.</p> - -<p>Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Weil sie so wundervoll -gesund ist, Kind! Nichts ist wohltuender und erfrischender für -einen Menschen, der zeitlebens im Kampf mit tausend Erwägungen, -Grübeleien und Zweifeln gelegen hat, als neben solch robuster und -dabei liebevoller Gesundheit zu leben. Sie ist wirklich eine gute, -vernünftige Frau, Maria! Hat vielleicht ein bißchen was von der Frau -aus dem Volke an sich, aber das schadet nichts. Ich habe mich an sie -gewöhnen müssen, aber jetzt möchte ich sie nicht mehr entbehren. Je -älter man wird, um so mehr lernt man das Einfach-Gute im Menschen -schätzen. Ich habe zwanzig Jahre allein gelebt und während der ganzen -Zeit immer auf die sogenannte verstehende Seele gewartet; die wollte -mir aber nicht begegnen. Dafür kam dann Großmutter und ließ mich nicht -mehr locker. Heut weiß ich, daß es vielleicht ein größeres Glück ist, -wenn der stark innerlich lebende<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">– 34 –</a></span> Mensch sich an den, der praktisch -und gesund ist, bindet, als wenn zwei grübelnde, ewig-suchende, -selbstquälerische Menschen sich paaren. Das muß ich dir, grade dir klar -zu machen suchen, Maria, da ich immer mehr sehe und fühle, daß auch du -so eine arme, grübelnde Seele bist. Damit kommst du nicht weiter. Es -bleibt immer beim alten, man verlernt das Lachen und bohrt sich tiefer -und tiefer in seine fruchtlosen Betrachtungen hinein. Du solltest es -machen, wie ich’s gemacht habe: einfach mit einem gewaltigen Ruck alles -abstreifen und einen gesunden Menschen suchen, der dich täglich von -neuem in die Wirklichkeit zurückzwingt!“</p> - -<p>„Nun kommst auch du mit Heiratsprojekten, Großvater!“</p> - -<p>Er lächelte. „Weil du mir leid tust, Kind. Vielleicht aber bringt es -diese Zeit zustande, die Menschen einfacher und gesünder zu machen. -Wenn man aus der überverfeinerten Kultur so mit Gewalt ins Urwesen der -Menschheit zurückgeschleudert wird, kann natürlich die Rückwirkung auf -die Denk- und Anschauungsweise des einzelnen nicht ausbleiben.“</p> - -<p>Sie kamen durch ein Dorf, durch das ein silbernes Bächlein floß. Frauen -mit aufgeschürzten Röcken standen am Wasser und spülten Wäsche aus; -barfüßige Kinder liefen umher oder saßen in den niederen Türen der -Häuschen und Hütten. Gänse schnatterten und Hühner gackerten.</p> - -<p>„Magst du das leiden?“ fragte Großvater.</p> - -<p>„Ja, sehr, ich möchte auch so ein Weib sein, das am Brunnen seine -Wäsche wäscht und nichts dabei denkt. Ist es nicht eigentlich -lächerlich, daß man immer den Wunsch hat, zum Primitiven, -Ursprünglichen zurückzukehren? Wozu ist der ganze Ballast von -Wissenschaft, Kunst und<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">– 35 –</a></span> allem, was nicht zur einfachen, reinen Natur -gehört, überhaupt da?“</p> - -<p>„Ich weiß es nicht,“ antwortete Großvater. „Und wenn du so alt bist wie -ich, wirst du es auch nicht wissen. Sieh nur zu, daß du deinen Jungen -von seinem grüblerischen Wesen abbringst! Laß ihn ruhig Soldat bleiben, -wenn er gesund aus dem Kriege herauskommt. Er ist jetzt schon so ein -blasser Denkermensch, und Großmutter hat nicht Unrecht, wenn sie sich -Sorgen um ihn macht.“</p> - -<p>„Ich kann ja jetzt gar nichts mehr an ihm tun,“ sagte Maria beklommen -und ließ den Kopf hängen. Aber wie sie dann zwischen schwerbehangenen -Obstbäumen dahinfuhren, war der alte Mann fast kindlich froh.</p> - -<p>„Sieh diesen Reichtum rund um uns, das tut so wohl, solche -Fruchtbarkeit zu sehen. Ein jeder Baum scheint zuzurufen: Überfluß ist -im Lande und aushungern können sie uns nicht. Der verfluchte Brite!“</p> - -<p>Großvater hatte ein feingeschnittenes Gesicht, das ein bißchen -weichlich wirkte. Aber wie er nun dreimal hintereinander ausrief: „Der -verfluchte Brite!“, da wuchs er aus sich selbst heraus.</p> - -<p>„Wenn man nur noch mittun könnte,“ seufzte er. „Der Kopf ist noch so -klar und nur der Körper wird gebrechlich. Besser sind heute jene daran, -bei denen der Körper blüht und die Gedanken nachlassen.“</p> - -<p>Maria schmiegte sich an ihn an, weil er so bekümmert aussah. -„Großväterchen,“ sagte sie zärtlich, und er strich ihr mit der freien -Hand übers Gesicht.</p> - -<p>In der Stadt, von der aus der Schnellzug gehen sollte, fuhr Großvater -vor einem netten kleinen Hotel vor und ließ ausspannen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">– 36 –</a></span></p> - -<p>„Hier wollen wir frühstücken, und dann bringe ich dich zum Bahnhof. -Nachher habe ich noch eine Menge Besorgungen für Großmutter zu -erledigen und fahre am Nachmittag heim.“</p> - -<p>Maria trug einen Brief in der Tasche, den sie am letzten Abend erhalten -und wohl hundert Male schon gelesen hatte: „Ich bin wider Erwarten -schon jetzt in mein altes Regiment eingezogen worden; muß am Freitag -früh zur Stelle sein. Ist ein Wiedersehen möglich?“</p> - -<p>Der Brief war mit Verspätung angekommen. Heute war schon Donnerstag, -und die Züge fuhren immer noch völlig unregelmäßig und mit -stundenlanger Verspätung. Sie war in großer Unruhe; sie wußte nicht, -ob sie dem alten Großvater trauen durfte, ob er ganz richtig beraten -war. Sie wollte bitten: „Bleib du hier und laß mich allein zum Bahnhof -gehen!“ Aber als sie zögernd ihr Anliegen vorbrachte, lachte der alte -Mann sie aus.</p> - -<p>„So alt bin ich noch nicht, Kind, daß man sich nicht auf mich verlassen -kann. Soweit überhaupt mit Bestimmtheit Züge gehen, soll der deine um -neun Uhr abfahren. Jetzt ist es also noch nicht acht; was willst du -also während all dieser Zeit am Bahnhof?“</p> - -<p>Er ließ Tee und allerlei kleine Delikatessen kommen. „Iß, Maria, denn -kein Mensch kann wissen, wann du in Berlin ankommst.“</p> - -<p>Der Wirt des Hotels trat zu ihnen und begrüßte den Großvater herzlich.</p> - -<p>„Haben Sie schon von den neuen Greueln in Ostpreußen gelesen?“ Und als -Großvater erschrocken verneinte, begann er zu berichten, entpuppte sich -als ähnlicher Schwarzseher wie Rat Mertens und erzählte und prophezeite -so lange, bis der alte Herr Messer und Gabel<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">– 37 –</a></span> fallen ließ und dann -unglücklich sagte: „Und unsereins sitzt hier und läßt sich ein üppiges -Frühstück schmecken!“ Worauf der Wirt freundlichere Zukunftsaussichten -eröffnete, aber den Druck, den er auf die Seele seiner Gäste gewälzt -hatte, nicht mehr wegnehmen konnte.</p> - -<p>„Komm, Kind, wir gehen zur Bahn.“ Dem Wirt winkte er zu: „Ich komme -zu Mittag wieder,“ schob seinen Arm in den der Schwiegertochter und -schritt langsam mit ihr die Straße hinab. Er war zerknirscht; das -Schicksal seiner Landsleute in Ostpreußen krampfte ihm das Herz -zusammen.</p> - -<p>„Es ist scheußlich, Maria, solange man nicht mit brutaler Gewalt aus -seinem Behagen herausgerissen wird, nimmt man die Sache immer noch auf -die leichte Achsel, feiert Feste und verschafft sich Leckerbissen. -Nachher kommen zwar Selbstvorwürfe, aber bei nächster Gelegenheit macht -man es wieder genau so. Scheußlich!“</p> - -<p>Sie sagte ihm etwas Liebes, Herzliches, aber seine Stimmung blieb -düster.</p> - -<p>„Wenn man pathetisch wäre, müßte man von sich selbst sagen: Du bist -nicht wert, in dieser großen, gewaltigen Zeit zu leben!“</p> - -<p>„Wir wollen aber nicht pathetisch sein, Großväterchen!“ Da er ziemlich -willenlos an ihrem Arm hing, gab sie der großen Unruhe, die in ihr -wogte, nach und beschleunigte die Schritte.</p> - -<p>Ein heißer Tag zog herauf. Schon jetzt glühte die Sonne auf dem -Asphalt. Großvater nahm den Hut ab und trocknete sich die Stirn. Am -Bahnhofsplatz waren Truppen aufmarschiert. Große Menschenmengen standen -um sie herum. „Die sollen alle über Berlin nach dem<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">– 38 –</a></span> Westen,“ hörten -sie erzählen, und irgend jemand sagte: „Zivilpersonen werden heute -überhaupt nicht befördert.“</p> - -<p>„So?“ fragte Großvater aufgeregt, erhielt aber keine Antwort mehr. -Maria war bleich geworden. „Das kann nicht sein,“ rief sie außer sich.</p> - -<p>„Es scheint aber doch so zu sein, Kind, und du hättest wirklich besser -getan, während dieser aufgeregten Zeit ruhig bei uns zu bleiben. Es -ist ein Glück, daß wir den Wagen haben, und wenn es auch eine kleine -Gardinenpredigt von Großmutter setzt, so kommen wir doch wenigstens -sicher zurück!“</p> - -<p>„Nein, nein, Großvater, ich muß fahren, komm mit!“ Und sie drängte -in die Bahnhofshalle hinein und hörte, daß der Neunuhrzug in der Tat -keine Zivilpersonen beförderte. Sie war wie betäubt, so, als habe sie -einen Schlag vor den Kopf erhalten, und lehnte an einer Wand. Großvater -redete auf sie ein.</p> - -<p>„Sei doch vernünftig, Kind. Du siehst doch, es ist keine Möglichkeit, -mitzukommen,“ und sprach gut und eindringlich weiter zu tauben Ohren.</p> - -<p>„Es hängt doch bei dir auch nichts davon ab, ob du einen Tag früher -oder später kommst. Dein Junge ist in der Kaserne, und sonst wartet -niemand auf dich.“</p> - -<p>„Großvater, — es wartet doch einer auf mich! Großvater, du verstehst -mich doch, du bist doch von meiner Art! Ich bitte dich, Großvater, hilf -mir, daß ich fahren kann. Ich weiß, daß Ausnahmen gemacht werden, wenn -man sagt, daß man zu Angehörigen fährt, die man noch sprechen muß. Und -ich muß nach Berlin, Großvater, ich muß!“</p> - -<p>„Maria!“ sagte er staunend und sah sie mit einem<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">– 39 –</a></span> großen Blick, in dem -Vorwurf und Mitleid lag, an. „Also doch, Maria, also hat Großmutter -doch recht!“</p> - -<p>„Nicht fragen, Großvater, hilf mir!“ Und da gab Großvater sich einen -Ruck, warf die Müdigkeit ab und war der liebenswürdige, ehrwürdige, -alte Herr, dem so leicht niemand das Gehör verweigerte.</p> - -<p>„Der Zug hat Verspätung, er fährt erst um zwölf Uhr,“ sagte man -ihm und wies ihn von einer Behörde zur anderen, um seinen Wunsch -anzubringen. Er ließ sich die Mühe nicht verdrießen. Irgendeine tiefe -Verwandtschaft, die er schon längst mit seiner Schwiegertochter gefühlt -hatte, machte ihm jetzt das Herz heiß und die Zunge geläufig. Er wollte -ihr einen großen Schmerz ersparen, denn er hatte aus diesen Augen -gelesen, daß Unsägliches von dem Ja oder Nein, das er ihr bringen -würde, abhinge.</p> - -<p>Sie saß auf irgendeiner Bank, zu der der Großvater sie geführt hatte, -sie sah ins Leere — sie sah in eine dunkle, in eine trostlose Welt. -Die zwei Menschen, um die ihr Leben sich gedreht hatte, rissen sich von -ihr los; die zwei feinen, zarten, liebevollen Menschen, die ihr ganzes -Glück bedeutet hatten, gingen hin und zeigten, daß sie Männer waren, -daß sie fähig waren, alles zu vergessen, alles von sich abzuwerfen, -was ihnen lieb und teuer gewesen war. Schwer mochte ihnen das ankommen -— und doch und doch! Wie waren sie gewachsen, diese beiden — der -ganz junge, der sich schon über dem Leben stehend geglaubt hatte, -und der andere, dem die Haare leicht ergrauten, und dessen Herz noch -so unsäglich leidensfähig war. Sie griff wieder nach dem Brief, den -er ihr geschrieben: „Ist ein Wiedersehen möglich?“ Das konnte ein -jeder dem anderen schreiben, das war eine einfache<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">– 40 –</a></span> Frage, die keine -Dringlichkeit verriet, und war doch wie ein Schrei, war wie eine -Verzweiflung. „Laß mich so nicht gehen! Komm, komm, um Gotteswillen, -komm!“</p> - -<p>Scharen von Menschen drängten an ihr vorüber, eifriges Reden, -Schluchzen, verhaltenes Weinen und tröstende Männerstimmen. Schmerz -und Jammer in der ganzen Welt. Alles, was fest bestanden hatte, war -aufgelöst — alles zerrissen — jedes Herz verwundet — unzählige -Existenzen vernichtet! Man las all das ja täglich in den Zeitungen! -Aber beim Lesen drang es nicht ins tiefste Herz hinein. An einen -Bahnhof muß man gehen, um Leid und Schmerz in ihrer wahren, -herzzerreißenden Gestalt zu sehen.</p> - -<p>„Laß mich, laß mich!“ hörte sie in ihrer Nähe rufen, sah, wie ein -kräftiger Mann eine ganz haltlos gewordene Frau von sich schob und -fortraste. Nun stand dies arme Geschöpf mit starren Augen, aus denen -Entsetzen sprach, da — totenbleich, dem Umfallen nahe.</p> - -<p>„Setzen Sie sich!“ sagte Maria und zog sie auf die Bank nieder. Und -die Frau setzte sich, blieb aber starr und verständnislos; ein weher, -hilfloser Jammer, der noch nicht zum Ausbruch gelangen konnte.</p> - -<p>„Wenn ein Erdbeben gekommen wäre und hätte die halbe Welt verschluckt, -oder ein Feuerregen oder sonst etwas, was allem mit einem Schlage -ein Ende gemacht hätte — es wäre nichts gewesen. Aber dieses -Abschiednehmen, dieses Stillsitzenmüssen, dieses wahnsinnige Bangen und -Warten, das nun bevorsteht, dieses Verzweifeln und immer wieder von -neuem Hoffen, das ist wohl das Furchtbarste, was dem Menschen geschehen -kann.“</p> - -<p>Das hörte Maria aus dem Munde irgendeiner weinenden Frau, die zu einer -anderen sprach. „Wir Zurückbleibenden<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">– 41 –</a></span> sind am schlimmsten daran. Wir -kosten das Elend zehn- und hundertfach durch!“</p> - -<p>Da war Großvater plötzlich an Marias Seite, ganz aufgeregt — das -liebe, alte Gesicht heiß und gerötet.</p> - -<p>„Also hier ist deine Karte, Maria. Du mußt dir aber gleich einen Platz -sichern. Ich hab’ das Billett bekommen, weil ich sagte, du hättest -dringende Rücksprache mit einem ausziehenden Angehörigen zu nehmen. -Anders ging es nicht. Aber unvernünftig ist es von dir, im höchsten -Grade unvernünftig. Großmutter darf nicht ahnen, daß der alte, törichte -Mann dir dazu verholfen hat!“</p> - -<p>„Großvater, das vergesse ich dir nie, nie im Leben!“ Und sie dankte ihm -innig. Er war ein bißchen verlegen und blickte um sich, aber niemand, -der hier in der Halle war, hatte Zeit, sich um das Gebaren des anderen -zu kümmern. Und so schmunzelte Großvater und sagte leise: „Und doch -sind die zarten, feinnervigen Frauen die einzigen, um die sich’s zu -leben verlohnt!“ Sah einen Augenblick aus, als habe er ein Paradies -verloren, und brachte die Schwiegertochter bis zum Bahnsteig. „Ich darf -nicht mit hindurch, also sieh, daß du einen leidlichen Platz bekommst, -und sei glücklich, Kind — sei sehr, sehr glücklich!“</p> - -<p>„Danke, Großvater!“ Und sie war im Gedränge verschwunden. Der alte Mann -blieb minutenlang sinnend stehen, dann trottete er zur Stadt zurück.</p> - -<p>Nein, die Großmutter brüstete sich vergebens, eine Menschenkennerin zu -sein, die hatte keine Ahnung von dieser hier!</p> - -<p>Um zwölf Uhr fuhr der Zug ab — — fuhr durch sonnendurchglühte -Landschaft, fuhr durch lachende, jauchzende Landschaft. Grüne, saftige -Wiesen mit weidendem<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">– 42 –</a></span> Vieh, Bäume, die ihre Früchtelast kaum zu tragen -vermochten. Blumen, silbernes Wasser, tiefblauer Himmel und Sonne, -Sonne, Sonne!</p> - -<p>Im engen, überfüllten Abteil eine Luft, in der man nicht zu atmen -vermochte. Schulter an Schulter mit den Soldaten, die kleine Pfeifen -rauchten, saß Maria, sengende Sonnenstrahlen auf den Schläfen — Angst -im Herzen.</p> - -<p>„Junge Frau, was wollen Sie im Zug? Der gehört doch uns!“</p> - -<p>Sie versuchte zu lachen.</p> - -<p>„Wollen Sie auch ins Feld ziehen?“</p> - -<p>„Wenn ich könnte!“</p> - -<p>„Na, besser nicht!“</p> - -<p>Dann fragte einer: „Haben Sie auch jemand dabei?“ und sah Maria an.</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie und fühlte die Tränen aufsteigen, stützte den Kopf -in die Hand und war mit allen Gedanken, allen Nerven bei dem, der in -diesen letzten Stunden vor dem Abschied auf sie wartete. Quälende -Stunden in marternder Hitze. Ewiges Anhalten, schneckengleiches -Vorwärtsschleichen und wieder Halten. Wann würde man in Berlin sein?</p> - -<p>Die mit ihr fuhren, waren aus dem Osten gekommen, die hatten schon eine -Nacht auf Bretterbänken hinter sich. Denen war es auch gleichgültig, -wie lange sie sich hier noch schütteln ließen, ob sie einen, zwei oder -drei Tage fuhren. Und da fühlte sie wieder die ganze Jämmerlichkeit -ihres Schmerzes! Die um sie herum fuhren hinaus mit der fast sicheren -Aussicht, nicht zurückzukehren, und lachten und scherzten.</p> - -<p>War das nicht erbärmlich, nur mit einem Gedanken an sich und ans eigene -Leid zu denken?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">– 43 –</a></span></p> - -<p>Nun sprach einer der Soldaten dasselbe aus, was sie schon in der -Bahnhofshalle aus irgendeinem Munde gehört hatte:</p> - -<p>„Ich möchte jetzt keine Frau sein. Die haben’s am allerschlimmsten. Die -sitzen allein und vergrämt da und müssen abwarten, was für sie kommt! -Abwarten ist das allerschlimmste!“</p> - -<p>Sie sah ihn dankbar an.</p> - -<p>„Jede Kugel trifft ja nicht!“ tröstete ein Soldat und gab ihr die Hand.</p> - -<p>Der Kopf tat ihr weh — — die Unruhe stieg. Die Sonne sengte nicht -mehr, ganz leise wollte der Abend heraufziehen. — Wann würde sie da -sein?</p> - -<p>Sie dachte an Großvater, der bei Großmutter im stillen Zimmer saß und -ihr irgend etwas erzählte, was nicht den Tatsachen entsprach. Und sie -hörte, wie Großmutter ihr altes Klagelied vorbrachte: ‚Ihre ganze -Jugend hat sie verplempert, und wer weiß, ob sie nun überhaupt einen -Mann findet, wo doch so viele totgeschossen werden!‘</p> - -<p>Sie sah Großmutter in ihrer strahlenden Gesundheit unter dem -Kronleuchter stehen, und Großvater kam auf sie zu und küßte sie in -ehrlicher Zärtlichkeit.</p> - -<p>Wie war das möglich, da er doch so ganz verschieden von ihr war? War -er wirklich glücklich — oder täuschte er sich wissentlich über sich -selbst? Ihre Gedanken schweiften ab — — ihre Gedanken suchten Halt -bei der Großmutter.</p> - -<p>Ach, auch so gesund, so selbstverständlich gesund und praktisch sein -können!</p> - -<p>Aus einmal fuhr man durch ein Lichtermeer — fuhr an Häusermassen -vorbei — — — Berlin!<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">– 44 –</a></span> Da war alles fort — — — Großmutter, -Großvater, alles, was sie am langen, heißen Tag gehört und gesehen -— — verschwunden.</p> - -<p>Nur die Angst, die verzweiflungsvolle Angst: ‚Ist es noch nicht zu -spät?‘</p> - -<p>Sie hatte telegraphiert, daß sie kommen würde, aber es war nicht -anzunehmen, daß er hier am Bahnhof war. Bei dieser Unsicherheit, bei -dieser Verspätung!</p> - -<p>Und stand doch da — stand dicht an der Sperre, bleich und aufgeregt, -und faßte sie ums Handgelenk.</p> - -<p>„Endlich!“</p> - -<p>Was waren das für Augen, die sie anblickten! Abgehetzt, heiß, bang und -doch herrisch!</p> - -<p>„Komm, ich hab’ ein Auto. Komm schnell!“</p> - -<p>„Wann mußt du fort?“</p> - -<p>„Morgen früh vier Uhr ausrücken aus der Kaserne. Ich hab’ drei Stunden -am Bahnhof gewartet. Nun mußt du mit mir fahren; lies, was noch -zu besorgen ist. Keine Satteltaschen in ganz Berlin aufzutreiben! -Irgendein Kerl hat sich für Geld und gute Worte breitschlagen lassen, -sie mir herzustellen. Dann den Revolver abholen, — Schuster — -Apotheker! Einfach nichts zu haben!“ Und dann riß er sie an sich.</p> - -<p>„Oh, Maria, Maria, durch was für Höllen bin ich in diesen paar Tagen, -in denen du fern warst und ich dich so nötig gehabt hätte, gewandelt! -Was ist mir nicht alles klar geworden in diesen Tagen und Nächten! Ein -Verrückter bin ich gewesen, daß ich dich so neben mir leben ließ, daß -ich dich so leiden ließ! Immer die Ungewißheit in deinem Herzen: Meint -er’s gut, meint er’s nicht gut? Warum war ich so, Maria, warum hab’ ich -mich den allgemeinen Regeln entziehen wollen? War es Hochmut<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">– 45 –</a></span> oder war -es die angeborene Scheu vor jeder Fessel? Ich weiß es nicht, ich komme -nicht zur Klarheit mit mir selbst. Nur das eine weiß ich, daß ich eine -entsetzliche Grausamkeit an dir begangen habe.“</p> - -<p>„Sprich jetzt nicht davon, sag’ mir das jetzt nicht!“</p> - -<p>„Doch und doch und doch! Du weißt nicht, wie sich das plötzlich in mir -geklärt hat; wie ich ganz plötzlich begreifen mußte, was du gelitten -hast in all diesen Jahren. Jetzt ist es zu spät, jetzt kann ich nichts -mehr gutmachen. Du warst so lange gut zu mir, nun sei es auch noch die -paar lumpigen Stunden, die nicht einmal uns allein gehören!“</p> - -<p>Das Auto raste durch die Straßen; sie lag an ihm, die Augen -geschlossen, sein Mund an ihrem. „Wahnsinn, daß ich mich so von einer -Idee beherrschen ließ!“</p> - -<p>Irgendwo im hohen Norden wohnte der, der ihm die Satteltaschen -versprochen. „Komm mit!“</p> - -<p>Vier Treppen hoch; oben ein winziges Zimmer mit unerträglicher Luft — -und sie mußten warten — eine Viertelstunde, eine halbe Stunde.</p> - -<p>„Mensch, das ist eine Gemeinheit, daß Sie ihr Versprechen nicht -gehalten haben!“</p> - -<p>Er hielt sie bei der Hand.</p> - -<p>„Ich kann hier nicht fort, bis ich die Dinger habe! Es ist auf -niemanden Verlaß! Komm!“ Und er zog sie in eine Nische des kleinen -Zimmers.</p> - -<p>Sie bat noch einmal: „Quäle dich in dieser Stunde nicht! Ich habe -gelitten, das ist wahr. Besonders des Jungen wegen hab’ ich gelitten, -aber dafür hast du mir doch auch Stunden unsäglichen Glückes gegeben.“</p> - -<p>„Armes, armes Herz du! Stunden unsäglichen Glückes sagst du! Das glaub’ -ich wohl, aber doch nur,<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">– 46 –</a></span> solange wir beisammen waren; sowie du allein -warst, fing die Marter an, nicht wahr? Da hast du gekämpft und gelitten -und gezweifelt. Sag’ nicht nein! Ich weiß jetzt alles. Eine Frau will -Ruhe und Ordnung in ihrem Glück haben — das ist so natürlich! Und du -hast immer alles verbergen müssen, ich hab’ dich nie zur Ordnung in -deinen Gefühlen, nie zur Ruhe kommen lassen; immer warst du gehetzt, -immer bang, immer erregt! Ich sehe jetzt alles so deutlich, jetzt, da -es zum Abschied geht; jetzt, da ich nicht mehr als ein paar armselige -Stunden für dich habe, da ich, neben dir, an meine Stiefel, meinen -Revolver und meine Koffer denken muß. Was macht denn der Junge, Kind? -Auch den hast du hergeben müssen, alles, alles ist dir genommen worden!“</p> - -<p>Das letzte sagte er in der guten, herzlichen Weise, die sie so oft an -ihm bestrickt hatte.</p> - -<p>Der Mann auf dem Schemel erhob sich: „So, Herr!“</p> - -<p>Er sah sich die Arbeit an. „Kostet?“</p> - -<p>Ein unverschämter Preis wurde genannt.</p> - -<p>„Auch in solcher Zeit wird die Not ausgenützt!“</p> - -<p>Er warf ihm das Geld auf den Tisch. Er nahm ihm die Tasche aus der Hand -— die Treppen hinunter und wieder ins Auto.</p> - -<p>„Immer habe ich gewünscht, es möchte einmal ein Ereignis kommen, daß -alles in der Welt auf den Kopf stellt. Ich weiß nicht, warum. Ich muß -wohl zu jenen unglückseligen Naturen gehören, die das Gleichmaß des -Lebens nicht ertragen können, und hab’ mir eingeredet, auch dich könnte -ich nicht für immer ertragen. Kind, warum hast du das so hingenommen? -Warum hast du dich nicht aufgelehnt? Du hast mich mit einem -Glorienschein umgeben, weil ich ein paar lesbare Bücher geschrieben -habe.<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">– 47 –</a></span> Daß ich als Mensch nichts anderes als ein grausamer Egoist war, -das hast du dir nicht eingestehen wollen.“</p> - -<p>„Ich hab’ dich geliebt und war glücklich durch dich, das wog mir das, -was ich entbehren mußte, auf.“</p> - -<p>Aber die Verzweiflung fraß an ihm.</p> - -<p>„Du bist so grenzenlos, so ganz unverantwortlich weich, Kind! Wie soll -das werden, wenn du nun ganz einsam sein wirst? Wirst du das überhaupt -ertragen, Maria?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie, und fühlte doch ihre Seele in namenloser Schwäche -erschauern.</p> - -<p>„Komm, nicht mehr sprechen!“</p> - -<p>Stopp!</p> - -<p>Irgendwo in einer stillen Straße hielten sie. Da war der Schuster, der -noch die Stiefel übernommen hatte.</p> - -<p>„Bleib’ sitzen diesmal, Kind. Wenn ich warten muß, hol’ ich dich.“</p> - -<p>Der Kopf schmerzte, die Schläfen hämmerten; das Herz schrie: ‚Ich kann -es nicht ertragen — kann nicht!‘</p> - -<p>Die Stiefel in der Hand kam er zurück. „Gott sei Dank!“</p> - -<p>Wieder eine andere Adresse. „Den Revolver muß ich noch haben; das -andere lassen wir. Ein paar Medikamente bekommt man zur Not auch in der -Kaserne.“</p> - -<p>Er war blaß und nervös.</p> - -<p>„Sag’ jetzt gar nichts mehr, Maria! Alles Sprechen ist sinnlos! Nein, -so geht’s auch nicht; ich muß noch vieles wissen. Wo wirst du leben, -wenn du nun so ganz einsam bist? Ganz allein in der Wohnung, das geht -nicht; bei Verwandten unterkriechen, liegt dir nicht. Also wo?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht. Laß! Das ist ja auch gleichgültig!“</p> - -<p>„Aber es quält mich! Ich muß doch an dich denken<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">– 48 –</a></span> können; ich meine, in -einer bestimmten Umgebung muß ich mir dich denken können.“</p> - -<p>Die Gedanken waren wieder bei einem anderen Punkt: „Wenn ich -wiederkomme, Maria, bin ich ein anderer. Dann werfe ich alle meine -Philosophie über Bord, dann bist du einfach meine Frau.“</p> - -<p>Sie sagte nichts. Sie sah plötzlich die im Silberglanz des Mondes -sitzende Großmutter vor sich, die die Karten durch ihre Hände gleiten -ließ und ausrief: „Du hältst es doch nicht mit einem, Kind, der dich -nicht heiraten will?“</p> - -<p>Schrecklich, so etwas in banalen Worten von einem resoluten und -praktischen Menschen, der nur gerade Wege kennt, aussprechen zu hören.</p> - -<p>Tiefes, bitteres Leid war in ihr.</p> - -<p>„Ich hab’ dich über alles in der Welt lieb,“ sagte sie, um sich selbst -zu beruhigen.</p> - -<p>„Ich weiß, ich weiß!“</p> - -<p>„Und ganz ohne Stolz, ganz ohne Klugheit — so wie man es heute -überhaupt nicht mehr findet.“</p> - -<p>„Ach, wenn du doch wie andere Frauen ängstlich und berechnend gewesen -wärest! Die Weltklugen siegen natürlich! Dich aber werden sie -zertrampeln, wenn ich nicht wiederkomme!“</p> - -<p>„Laß, laß! Ich bin nicht so schwach, wie du denkst.“</p> - -<p>„Doch, entsetzlich schwach — eben, weil du so namenlos lieben kannst. -Ich weiß es — weiß es besser als du selbst.“</p> - -<p>Der Revolver war nicht fertig, das brachte ihn ganz außer sich.</p> - -<p>„Ich weiß nur einen Weg; ich muß zu Büttner gehen. Der zieht erst -nächste Woche hinaus, der gibt mir seine Pistole. Aber die Zeit — -unsere paar armseligen Stunden<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">– 49 –</a></span> schmelzen zusammen!“ Er sah auf die -Uhr: „Halb elf schon, eine halbe Stunde geht darauf bis zu Büttner, der -am anderen Ende der Welt wohnt; dann zur Kaserne, damit der Bursche -packen kann, und dabei bin ich schwach vor Hunger.“</p> - -<p>Er hielt sie im Arm und sagte nichts mehr.</p> - -<p>Um seinen Mund lief ein Zucken, die Augen sahen in die Ferne. „Ich -wollte, es wäre morgen. Ich kann nicht mitansehen, wie du dir selbst -etwas von Stärke und Mut vorlügst.“</p> - -<p>Der Kamerad gab seinen Revolver ohne weiteres.</p> - -<p>„Nun hinaus zur Kaserne. Schofför, so schnell wie irgend möglich!“</p> - -<p>Mitternacht nahe.</p> - -<p>„Bist du froh, daß das Jungchen mit will? Ich hätte es ihm nicht -zugetraut. So eine schmale Brust und so ein Muttersöhnchen! Der soll -in ein paar Wochen gegen die Russen gehen! Grüß ihn von mir! Sag’ ihm -meine Hochachtung! Wie hat sich die Welt verändert in diesen paar -Tagen! Man hat es ja immer gewünscht, daß die Luft rein wurde. Man hat -auch geglaubt, in dem Augenblick, da es einmal eintrete, ganz Flamme, -ganz Begeisterung zu sein, und bleibt dann doch an sich selber hängen, -statt im Großen aufzugehen. Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich um -dich gräme!“</p> - -<p>„Tue es nicht!“</p> - -<p>Aber sie weinte an seiner Brust und sagte in jammervollem Ton: „Ich bin -nicht schwach, ich bin wirklich nicht so schwach, wie du denkst.“</p> - -<p>Die Kaserne war erreicht. „Hier mußt du nun eine gute Viertelstunde auf -mich warten.“</p> - -<p>Da sah sie alles um sich herum in krasser, entsetz<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">– 50 –</a></span>licher -Trostlosigkeit. Die ganze Welt in furchtbarer Disharmonie; die ganze -Welt voll blutender, zerrissener Herzen, Barbarei, Vernichtung, Greuel -und Entsetzen; wo war das Große, das Erhebende, das der Krieg bringen -sollte?</p> - -<p>Ach nein, nur die Nacht, nur der Abschied machten schwach und klein; -sobald der bittere persönlichste Schmerz überwunden war, mußte eine -jede sich zu der Größe aufraffen können, die diese blutige Zeit -erfordert. Jetzt aber barg sie das Gesicht in den Händen, jetzt wollte -der heiße Schmerz sie ersticken. Der Mann und der Junge! Die beiden -Pole ihres Lebens!</p> - -<p>Dann war er wieder bei ihr und zog sie in seine Arme. „Zwei Stunden -noch für uns! — — Komm, sei gut, sei gut! Sag’ mir noch einmal, -daß du mich geliebt hast! Denk’, wir ständen beide vor der letzten -Stunde unseres Lebens und wollten in diese Stunde noch einmal alles -hineinpressen, was wir uns zu geben haben. — —“</p> - -<p>Als das erste zaghafte Morgenlicht mit der Dämmerung kämpfte, stand sie -im grauen, endlosen Kasernenhof neben ihm. Steil ragten die Mauern in -die Höhe — beklemmend, düster, dräuend. Aus Türen und Toren quollen -Menschen. Unermeßliche Scharen von Menschen.</p> - -<p>Schauernd stand sie an seiner Seite. Die grauen Massen ordneten -sich zu Zügen. Kommandorufe erschallten! Abzählen — aus der Ferne -Pferdegetrappel. Von hinten her wurden gewaltige Munitionswagen -sichtbar.</p> - -<p>Eine halbe Stunde verging, Namen wurden verlesen, Befehle ausgerufen; -dann eine Ansprache — kurz, wuchtig! Und Bewegung kam in die Reihen.</p> - -<p>„Leb’ wohl!“</p> - -<p>Der ihr zur Seite gestanden hatte, preßte sie noch<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">– 51 –</a></span> einmal in die Arme. -Drüben wartete der Bursche und hielt ihm das Pferd.</p> - -<p>„Leb’ wohl!“ Er saß auf, winkte noch einmal und ritt denen, zu welchen -er gehörte, zur Seite, zum großen Tor hinaus.</p> - -<p>Sie lehnte an einer Wand; sie sah die letzten Züge vorbeimarschieren — -die Furage- und Munitionswagen folgten — ihnen schlich sie nach.</p> - -<p>Irgendwie fand sie zu der Wohnung, die sie mit ihrem Jungchen all die -Jahre innegehabt hatte. Ging durch die leeren Zimmer und sah auf dem -Schreibtisch eine Karte liegen, die die Portiersfrau hingelegt haben -mochte.</p> - -<p>„Liebe Mutter! Wenn du mich hier besuchen willst, so komm, bitte. Ich -habe ein wenig Heimweh nach dir.“</p> - -<p>Da — mit einem Schlag alles verblaßt, alles vorbei, was sie so tief -erregt, was soeben noch heißer, brennender Schmerz gewesen war.</p> - -<p>Wie wenn eine leise, müde Musik von einem brausenden Orchester übertönt -würde.</p> - -<p>Der Junge rief, der Junge brauchte sie! Ihr armer, kleiner, zarter -Junge hatte Heimweh nach der Mutter.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Sie hatten ihn oft den Philosophen oder den Professor genannt; ob mit -Recht oder mit Unrecht, das lag nicht klar.</p> - -<p>So ein Bub von sechzehn, siebzehn und achtzehn Jahren, der von Natur -still und im Äußern noch wenig ansehnlich ist, vergräbt sich oft in -sich selbst, nur weil er den rechten Ton zur Außenwelt nicht findet, -weil er<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">– 52 –</a></span> schüchtern ist und den Bann, der ihn umfangen hält, nicht zu -brechen versteht.</p> - -<p>Und solch eine Jungenseele ist oft so feingestimmt wie das zarteste -Saiteninstrument. Alles bewegt ihn — beängstigt ihn — bringt ihn -aus der Fassung. Überall wittert er Mißachtung, Hochmut, Spott. Es -braucht nur ein Erwachsener, ohne irgend etwas dabei zu denken, solch -blutjungen, kindlich aussehenden Menschen bei der Unterhaltung zu -übersehen — irgend jemand kann vergessen, ihm beim Abschied die Hand -zu reichen — gleich ist der Aufruhr da, gleich sagt sich so ein -aufbrausender Kopf: ‚Ich bin überflüssig — ich bin ausgestoßen; es hat -gar keinen Zweck, daß ich lebe. Ich werde ewig mir und anderen zur Last -sein!‘</p> - -<p>Und die Augen werden überernst, um den Mund kommt ein Zug, der etwas -Überlegenes hat und doch nur ein kindlicher Schmerz und Trotz ist. So -ein Bub mit schlechter Haltung, blassen Farben, tiefernsten Augen und -leicht ironischem Lächeln wird dann von irgend jemand eintaxiert! Man -will vielleicht der Mutter, weil man mit dem besten Willen von so einem -armen, halbflüggen Kerl nicht sagen kann: ‚Welch reizender Junge,‘ -einen Trost geben und sagt: ‚Ihr Junge hat was Bedeutendes — ein -Philosoph — ein Professor! Sie werden sehen, es wird einmal etwas ganz -Außergewöhnliches aus ihm werden!‘</p> - -<p>Und die Mutter, die ein wenig verzweifelt über den unansehnlichen, in -sich gekehrten, seinen Stimmungen unterworfenen Jungen ist, nimmt so -eine Prophezeiung gierig und mit tausend Freuden in ihrem Herzen auf -und redet sich ein: ‚Natürlich wird er etwas Außergewöhnliches werden!‘ -und denkt an den Werdegang vieler großer, bedeutender<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">– 53 –</a></span> Männer, die in -ihrer Jugend bleicher, einförmiger und stiller gewesen sind, als ihre -Kameraden.</p> - -<p>Wie dem auch sei, das Jungchen — Ernst ward er genannt — war wirklich -etwas schwer und ernst und für seine Jahre zu trocken gewesen. Die -Schule, der Zwang, sich zu einem Beruf zu entschließen, obwohl es von -jedem einzelnen Beruf hieß, er sei überfüllt, und irgendein dunkles, -unbewußtes Drängen und Sehnen in ihm mochten ihn niedergedrückt haben. -Und das Schlußexamen, das Abiturium, das von Jahr zu Jahr schwerer -gestaltet werden sollte, um nur die ganz Befähigten noch zum Studium -durchzulassen, mochte ihn auch quälen.</p> - -<p>‚Die Blödesten, die überhaupt nicht denken, die aber frech und gerissen -sind, kommen natürlich immer durch,‘ hatte er einmal der Mutter gesagt -und damit seine Angst verraten und sie selbst unsicher gemacht.</p> - -<p>Ja, wenn der Bub Pech haben sollte und sein Abitur nicht bestand, dann -war wirklich alles verloren — dann würde sie selbst nicht wissen, was -sie aus ihm machen sollte.</p> - -<p>Sie lief zu seinem Lehrer, und der lachte sie aus. „Wenn ihr Junge -nicht besteht, dann müßte die ganze Gesellschaft durchs Examen sausen!“</p> - -<p>Das sagte sie ihm und sah ein freudiges Lächeln in seinem Gesicht, das -ihn verschönte. Aber die Unsicherheit kehrte doch zu ihm zurück.</p> - -<p>„Und wenn ich’s wirklich glänzend bestehe, Mutter, so oft ich darüber -nachdenke, wie alles in der Welt überfüllt ist, wie für jeden Beruf -Tausende da sind, die einfach entbehrt werden könnten, dann will mir -doch alles zwecklos erscheinen!“</p> - -<p>Das verstand sie! Der arme Kerl litt darunter, das<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">– 54 –</a></span> nicht irgendwo ein -Platz war, von dem es hieß: hier gehörst du hin! hier braucht man dich! -hier würde eine Lücke sein, wenn du sie nicht ausfülltest!</p> - -<p>Darunter litt die ganze heutige Jugend, sofern sie nicht keck und -selbstbewußt oder mit reichen äußeren Mitteln ausgestattet war.</p> - -<p>Und wenn sie in bangen Stunden an seine Zukunft dachte, so war es ihr, -als mache er den Versuch, auf winzigem Kahn zwischen großen, starken -Schiffen hindurch ins weite Weltmeer hinauszusegeln, bis dann wieder -die glücklichen Zeiten kamen, in denen sie überzeugt war, daß er ein -Überflieger, ein Auserwählter war, der seinen ganz besonderen Weg -machen würde.</p> - -<p>Der kleine, ernste, schmächtige Ernst von Hiller hatte sich wirklich -mit etwas zu geringem Selbstvertrauen dem geheimnisvollen, großen -Leben, in das er nun bald eintreten sollte, genähert. Bis dann -plötzlich die Tore für ihn und alle, die seinesgleichen waren, -sperrangelweit aufsprangen, bis mit einem Schlage die große, weite Welt -in ganz anderer Beleuchtung vor ihm lag.</p> - -<p>Auf einmal hieß es in Deutschland: Wir brauchen euch alle! Wer nicht -ganz schwach, nicht ganz unfähig ist, der komme und halte sich bereit, -für Deutschlands Ehre zu kämpfen. Alle, die ihr gestern noch Kinder und -Knaben war’t, heute müßt ihr Männer sein!</p> - -<p>Und so, wie es verlangt wurde, so war es. Wie ein zu eng gewordenes -Kleid warfen sie die Kindheit ab, waren befreit aus dumpfem, haltlosem -Irren, aus tausend Ängsten und Grübeleien.</p> - -<p>Man braucht uns, man braucht uns!</p> - -<p>Ein einziger Jubel im ganzen jungen deutschen Volke! Eine -bebende Seligkeit, das jauchzende Bewußtsein, plötzlich<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">– 55 –</a></span> aus der -Überflüssigkeit zu etwas Notwendigem geworden zu sein.</p> - -<p>Und dann Schlag auf Schlag — alles so brausend schnell, wie es die -Jugend liebt. — Heute von der Reise zurück — morgen das Examen mit -Rührung und Hochachtung von Seiten der bisher gefürchteten Vorgesetzten.</p> - -<p>Alles fiel einem in den Schoß. Segenswünsche — überschwengliches Lob -— Bewunderung! Die Alten stellten die jüngste Jugend plötzlich auf ein -hohes Podest und sahen zu ihr auf.</p> - -<p>„Ihr zieht aus! Ihr kämpft für uns! Gesegnete Jünglinge! Gottbegnadete -Menschen, die ihr eure erste Jugend so glorreich betätigen dürft!“</p> - -<p>Wie das weckte! Wie das emporriß! Wie so ein blasses, schüchternes -Jungengesicht da Farbe und Feuer erhielt.</p> - -<p>Alles vergessen, was noch vor Tagen der Inhalt des Lebens gewesen -war — draußen, jenseits der Grenze wurden schon blutige Schlachten -geschlagen — und man war noch nicht dabei, man lief noch in seinen -Zivilkleidern herum und suchte, suchte, suchte!</p> - -<p>Ernst Hiller lief mit zwei Freunden durch Berlin. Das -Abiturientenzeugnis und die schriftliche Erlaubnis der Mutter, mittun -zu dürfen, trug er in der Tasche.</p> - -<p>Von Kaserne zu Kaserne liefen sie. Ganz gleichgültig, bei welchem -Regiment, gleichgültig, ob zu Fuß, ob zu Pferd. Nur schnell sollte es -gehen — schnell, schnell, schnell!</p> - -<p>Aber zu Tausenden standen sie auf den Kasernenhöfen umher — Stunden -und Stunden standen sie, um dann plötzlich zu hören, daß hier der -Bedarf gedeckt sei.</p> - -<p>Weiter — weiter! Und standen wieder unter Tausenden<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">– 56 –</a></span> — standen in -sengender Sonnenhitze, standen mit leerem Magen und spürten den Hunger -nicht. Nur genommen werden — nur erst Sicherheit haben — nur nicht -nach Hause müssen und sagen: „Ich habe nichts erreicht!“ — Sie dachten -auch gar nicht daran, daß das gar nicht ging, daß das einfach ein Ding -der Unmöglichkeit war, unter Tausenden und aber Tausenden gleich an -erster Stelle herausgefischt zu werden.</p> - -<p>Gedrückt, müd’, enttäuscht kehrte Ernst am ersten Tag zur Mutter -zurück. „Morgen wollen wir um fünf Uhr früh anfangen!“ sagte er. „Nur -wer gleich zu Beginn da ist, hat Aussicht, daranzukommen!“</p> - -<p>Er aß mit abwesenden Gedanken — eine große bange Frage lag in seinen -Augen.</p> - -<p>„Laß mich noch ausgehen, Mutter! Ich halt’s nicht aus!“ Und war fort, -ehe sie ihn halten konnte, ehe sie fragen konnte, wohin.</p> - -<p>Am späten Abend rief er sie in sein Zimmer. Jacke und Weste ausgezogen, -das Hemd von der Brust heruntergestreift. „Ob sie mich nehmen, Mutter? -Sie suchen erst die Kräftigsten heraus. Hol’ ein Zentimetermaß, bitte, -und miß, wieviel Brustweite ich habe!“ So ein schmales, zartes Kerlchen -stand vor ihr. Zitternd legte er sich das Maß um den Rücken und zog es -eng über der Brust zusammen.</p> - -<p>Dann atmete er tief. „So, nun miß noch einmal!“</p> - -<p>Und dann strahlte das Gesicht. Es reichte — — er war stark genug — -sie durften ihn nicht abweisen.</p> - -<p>„Stell mir den Wecker neben das Bett, Mutter. Gute Nacht!“ Drehte sich -um und war auch schon im tiefsten Schlaf.</p> - -<p>Wieviele Mütter mögen in jenen ersten Nächten am<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">– 57 –</a></span> Bett ihres Jungen -gesessen und fassungslos in das junge, weiche Gesicht geschaut haben. -Und wieviel Kämpfe mögen da ausgefochten worden sein. Verzweifelte -Kämpfe zwischen Stolz und namenloser Schwäche, zwischen hellem Ehrgeiz -und tiefstem Jammer.</p> - -<p>Es war da plötzlich eine unsichtbare Macht in die Welt gekommen, -die riß die, welche zusammengehörten, auseinander — machte aus dem -kindlichsten Buben einen Menschen, der ganz genau wußte, was er zu tun -hatte, der nicht mehr nach rechts und nach links schaute, der im Fieber -auf die Erfüllung des einen, großen, heiligen Wunsches wartete: „Nehmt -mich! Nehmt mich! Stoßt mich nicht aus!“</p> - -<p>Und der glühende Wunsch, der da im schlafenden Buben lebte, teilte -sich der, die neben ihm saß, die durch ein einsames Leben mit dem Kind -an der Hand gegangen war, mit und gab ihr Stolz und Kraft. „Mag dein -Wunsch sich erfüllen — mein Jung — —“ und küßte die hohe, reine -Stirn, die das Schönste an diesem schmalen Knabengesicht war.</p> - -<p>Dann noch ein Tag der Enttäuschung — noch ein Tag, an dem die irre -Angst in den dunklen Augen lebte. — „Ich ertrag’ es nicht, wenn sie -mich nicht nehmen!“ Und kein Trost, keine Ermutigung wollte helfen.</p> - -<p>Am dritten Tage aber kommt er heim, das Gesicht wie mit Glanz -übergossen, holt einen Fahrschein, der ihm im Kriegsministerium -ausgestellt worden ist, aus der Tasche und jubelt: „Morgen fahren wir. -In der Altmark beim Husarenregiment brauchen sie Freiwillige, die -nicht über hundertdreißig Pfund wiegen. Pack mir das Notwendigste ein, -Mutter! Bevor ich eintrete, werde ich ja noch einmal zurückkommen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">– 58 –</a></span></p> - -<p>War das noch Ernst Hiller, der sich nichts zugetraut hatte? War das -noch der ernste Junge, der Philosoph, der Professor, der Grübler, der -jugendliche Weltverachter?</p> - -<p>Nein! Das ganze Leben, das vorangegangen war, war jetzt ein Blödsinn -— eine Wertlosigkeit — oder wenn es schon einen Wert gehabt hatte, -dann war es doch nur der, daß es vorbereitet hatte für das, was nun zu -erfüllen <span class="nowrap">war. —</span></p> - -<p>Er hatte hundertzwanzig Mark in der Tasche, als er mit den zwei -Freunden, die ebenso wie er nach der altmärkischen Garnisonstadt -wollten, das Auto zum Bahnhof bestieg.</p> - -<p>Die Zeit war so gewaltig und riß die Menschen zu ungeahnten Höhen; und -Ernst Hiller war auf einem großen Weg, war bereit, Blut und Leben für -Deutschlands Ehre darzubieten — — aber die hundertundzwanzig Mark in -seiner Tasche war doch etwas, was ihn ganz kolossal erhob und ihm eine -ungeheure Zuversicht für das, was kommen würde, gab.</p> - -<p>„Leb’ wohl, Mutter! In zwei Tagen bin ich wieder da — dann nehmen -wir richtigen Abschied!“ Sprang die Treppe hinab, grüßte noch einmal -herauf, und fort ging es.</p> - -<p>Am Bahnhof großes Durcheinander — der siebente Mobilmachungstag, und -die Beamten wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht.</p> - -<p>Die drei Jungen aber haben ihren Fahrschein vom Kriegsministerium; man -darf sie nicht zurückschieben. Sie haben sich zu stellen und müssen -befördert werden. Und sie warten geduldig in der heißen Halle, warten -Stunde auf Stunde, so wie sie die Tage zuvor in der Kaserne gewartet -haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">– 59 –</a></span></p> - -<p>Endlich dürfen sie durch — die Menschen quellen durch die geöffnete -Sperre, werden von Schutzleuten angehalten — in Reihen gestellt und zu -den Abteilen geführt.</p> - -<p>Die drei sitzen in der vierten Klasse — sitzen und stehen in dem immer -voller werdenden Raum. Aber keiner schimpft über das Gedränge, keines -einzigen Miene verzieht sich in Ärger, wenn immer Neue hereinquellen.</p> - -<p>Sie lachen — sie reißen Witze — sie sind alle aufgeregt; ein jeder, -der hier im Wagen sitzt, macht heute eine Fahrt, die man nur einmal im -Leben macht.</p> - -<p>Der größte Teil der Fahrenden ist schon in feldgraue Uniform gekleidet; -die anderen haben eine Binde um den Arm und einen Packen oder Karton an -der Hand. Jeder weiß genau, wo seine Stelle ist. Und da sind so viel -große und kräftige Gestalten, Männer mit gewaltigen Brustkasten und -eisernen Fäusten und mächtigen Stimmen. Denn in dem Augenblick, in dem -der Zug sich in Bewegung setzt, fangen sie an zu singen, alle wie auf -Verabredung das eine Lied:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Es braust ein Ruf wie Donnerhall —</div> - <div class="verse">Wie Schwertgeklirr und Wogenprall! ...</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>‚Die Wacht am Rhein!‘ Was anderes sollen sie singen, denn die -Feldgrauen fahren direkt über den Rhein — — die anderen werden -unterwegs in ihren Garnisonen abgesetzt.</p> - -<p>„Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“ Und wie Ernst Hiller das Lied aus -diesen mächtigen Kehlen schallen hört, wie er diese breiten Männer mit -den gewaltigen Brustbreiten und den derben Fäusten rund um sich herum -sieht, da kriecht wieder die zermalmende Angst an ihm in die Höhe und -frißt sich in seine Seele ein: ‚Wenn sie<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">– 60 –</a></span> mich nun doch nicht nehmen! -Wenn ich doch zu schwach, zu schmal sein sollte?‘</p> - -<p>Und es ist, als ob die Welt sich vor ihm verfinstere, als ob die Sonne, -die heiß und leuchtend am Himmel steht, nur für die anderen da sei -— für ihn nicht — denn, wenn er zu schwach befunden, wenn er nicht -genommen wird, dann mag er nicht mehr leben — dann hat das Leben -keinen Sinn für ihn mehr.</p> - -<p>Die kindliche Freude an dem Vermögen, das er bei sich trägt, die -Begeisterung, die jubelnde Zuversicht — alles ist fort. Die Augen -wieder tiefernst, um den Mund der alte überlegene Zug, der den Schmerz -verbergen soll, und Ernst Hiller ist inmitten dieser lebensprühenden, -heißen, beflügelten Reisegesellschaft wieder der, den sie den -Philosophen, den Professor, den Grübler nannten.</p> - -<p>Aber nicht lange dauert diese Unterwerfung unter eine bange -Vorstellung. Irgendein Feldgrauer, ein älterer schon, auf den man sich -verlassen kann, hat an ihn und die zwei Freunde die Frage gerichtet:</p> - -<p>„Freiwillige, was? Wo wollen Sie sich stellen?“</p> - -<p>Und die drei antworten wie aus einem Mund: „Bei den Husaren!“ Und Ernst -Hiller fügt, ohne den Willen dazu zu haben, die Frage an: „Hat man -Aussicht, angenommen zu werden?“</p> - -<p>„Totsicher!“ sagte der Mann, „Sie sind ja gesunde, kräftige Menschen.“</p> - -<p>Zum Donnerwetter, ja — wer hatte ihm denn eigentlich zeit seines -Lebens eingeredet, daß er zart und schwach sei?</p> - -<p>Die Mutter natürlich. So ein Blödsinn — und weil sie das immer -wiederholte, weil sie immerfort in Sorgen um seine Gesundheit gewesen -war, hatte er es eben als<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">– 61 –</a></span> Tatsache hingenommen, daß er ein zarter, -schwächlicher Junge sei, der Schonung bedürfte.</p> - -<p>In diesem Augenblick war er ärgerlich auf die Mutter. Trotz aller ihrer -Liebe und Fürsorge — es wäre vielleicht besser gewesen, sie hätte -auf Großmutter gehört und hätte ihn mit elf Jahren ins Kadettenkorps -gesteckt, dann wäre er jetzt Offizier und stände schon irgendwo in der -Front.</p> - -<p>War das eine Fahrerei heute! Schneckengleich kroch der Zug dahin und -alle Viertelstunde eine Station oder auch nur Anhalten im freien Feld!</p> - -<p>Und das Herz schlug einen so schnellen Takt; man wollte so gern am Ziel -sein — so gern den Ort sehen, in dem das Schicksal sich entscheiden -sollte.</p> - -<p>An den Bahnhöfen stürzten junge Mädchen mit großen weißen Schürzen an -die Züge heran; sie trugen Körbe mit Brot und große Blechkannen mit -Kaffee für die Soldaten.</p> - -<p>„Das sind alles feine junge Damen!“ sagte einer von Ernsts Freunden und -reckt die Hand aus.</p> - -<p>„Fräulein — wir sind auch Soldaten — — — Hiller, laß dir auch was -geben!“ Aber Ernst Hiller wandte sich ab, und sein Jungengesicht war -rot geworden.</p> - -<p>„Ich bin ja noch kein Soldat!“ und die Angst wollte sich wieder regen. -Jedoch Kaffee, Brot und Zigarren hatten eine frohe Stimmung in der -Reisegesellschaft geweckt. Sie sangen wieder — einer hatte eine -Ziehharmonika und begleitete — sie sangen ohne Aufhören, bis die -Kehlen heiser waren, bis sie keine Lieder mehr wußten.</p> - -<p>„Heute sind wir die Herren der Welt!“ schrie ein Feldgrauer. „Heute -tausche ich mit keinem Millionär!“</p> - -<p>Der kleine Hiller sah bewundernd zu ihm auf. Wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">– 62 –</a></span> er doch auch erst -so weit wäre! Übermorgen in Belgien! Bei ihnen kam, wenn sie wirklich -angenommen wurden, erst noch der lange Drill, und wer weiß, wie weit -der Krieg schon vorgeschritten war, wenn sie endlich ausrückten.</p> - -<p>Verdammt, daß er sich in den Kopf gesetzt hatte, zu studieren. Er -stammte aus einer Soldatenfamilie und fühlte nun plötzlich, daß auch er -Soldatenblut in sich trug.</p> - -<p>Offizier könnte er sein, wenn er’s gewollt hätte — und mußte nun -abwarten, ob sie ihn überhaupt als Freiwilligen nahmen.</p> - -<p>Flach und reizlos war die Landschaft, durch die sie fuhren; aber reich -und fruchtbar war sie auch — — auf den grünen Weiden buntgeschecktes, -mächtiges Vieh und an beiden Seiten der Wege Bäume, die sich unter der -Last der Früchte beugten.</p> - -<p>Die Sonne sank glührot immer tiefer hinab. Wie ein feuriger Ball -schwebte sie eine Weile dicht über der Erde; dann mit einmal war sie -fort, und der Himmel, der sich wundervoll hoch und blau gewölbt hatte, -schien auch näher zur Erde herabzukommen und ward grau und fahl, und -die ganze Welt schien plötzlich stiller und trauriger zu werden.</p> - -<p>Es dunkelte, als die drei mit ihren Taschen sich zum Aussteigen -rüsteten. „Glück auf!“ riefen ihnen die Soldaten aus dem Zug nach. „Auf -Wiedersehen in Paris!“</p> - -<p>Sie schwenkten ihre Mützen, „Hurrah!“ Und dann kam eine selige -Freiheitsstimmung über die drei Kerle; kein Mensch in der Welt hatte -ihnen jetzt etwas zu sagen. Sie standen hier auf dem Bahnhof einer -fremden Stadt, hatten ein gefülltes Portemonnaie in der Tasche — -konnten tun und lassen, was sie wollten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">– 63 –</a></span></p> - -<p>Frei! Frei! Frei! Kein Pauker ging sie mehr was an. Nein — sie waren -mit einem Schlag viel mehr als ihre früheren Pauker geworden — das -hatten die ihnen ja selbst gesagt. Und alle Frauen vergötterten sie, -alles faßte sie mit Glacéhandschuhen an. Wenn sie nur erst in ihrer -Uniform steckten!</p> - -<p>„Da steht einer!“ Und sie sahen bewundernd auf einen graugelben -Husaren, der, den Karabiner über der Schulter, unbeweglich dastand.</p> - -<p>„Na — nu los!“ Und durchs Bahnhofgebäude durch auf den Vorplatz des -Bahnhofs.</p> - -<p>Da stand eine Pferdebahn — eine richtiggehende Pferdebahn, mit einem -alten Klepper bespannt.</p> - -<p>Na, die Pferdebahn mochten sie nicht; sie nahmen sich einen Wagen. -„Gasthof ‚Zum Schwan‘, das ist doch das beste Hotel am Ort?“</p> - -<p>Der Kutscher winkte, und sie rasselten in die schon dunkel werdende -Stadt hinein. Der ‚Schwan‘ lag an einem großen Platz; Rathaus und -Kirche, zwei uralte Bauten, warfen riesenhafte Schatten. Man konnte die -goldenen Lettern am Hotel kaum erkennen.</p> - -<p>„Ist das wirklich das beste Hotel am Ort?“ fragte einer von den drei -noch einmal mißtrauisch zum Kutscher hinauf, und der nickte wieder.</p> - -<p>„Alle Herren Offiziere steigen hier ab.“ Und da sprangen denn auch die -drei aus dem Wagen, zahlten und gingen durch die große Einfahrt des -altmodischen Hauses bis zu einer kleinen Seitentreppe hin.</p> - -<p>Ein Kellner fragte nach ihrem Begehr.</p> - -<p>„Drei Zimmer!“</p> - -<p>„Erster oder zweiter Stock?“</p> - -<p>„Gleichgültig!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">– 64 –</a></span></p> - -<p>Sie ließen sich drei geräumige Zimmer geben. Preis war Nebensache. -Die Hände gewaschen und hinunter in den Speisesaal; sie waren hungrig -geworden.</p> - -<p>Seltsam, das hätte man gar nicht denken sollen, daß in diesem von außen -so altmodisch aussehenden Hotelchen ein so anständiger Speisesaal war. -An zwei Wänden entlang ausgebaute Nischen, dicker Teppich auf dem Boden -und erstklassige Beleuchtung.</p> - -<p>In ihren grauen und hellbraunen Sommeranzügen traten sie ein und sahen -mit angenehmem Staunen ein buntes Bild. Gleich am ersten Tisch ein -Infanterieoberst, der flüchtig aufblickte, als die drei eintraten. Und -im übrigen fast nur graugelbe Husarenuniformen: zwei Offiziere, ein -paar Junker und eine Anzahl Soldaten — Freiwillige oder Einjährige.</p> - -<p>Der Kellner, der ihnen ihre Zimmer angewiesen hatte, führte sie zu -einem Tisch und reichte ihnen die Speisekarte. Sie bestellten mit -der Freude der ganz Jungen, denen ein Absteigen im Hotel noch etwas -Fremdes ist. Sie bestellten das Beste, was sie auf der Karte entdecken -konnten, und ließen eine Flasche Wein kommen. So oft ein junger Husar -den Saal betrat, blieb er erst, die Hacken zusammengeklappt, am Tisch -des Infanterieobersten stehen, dann bei den zwei Offizieren, grüßte die -Fahnenjunker und verschwand im Hintergrund.</p> - -<p>Die drei, die heute noch freie Leute waren, fühlten sich ein wenig -beklommen. Heute noch ging kein Mensch in der Welt sie was an; heute -konnten sie ruhig hier in nächster Nähe des Obersten sitzen, ihre -Mahlzeit verzehren und ihren Wein trinken, konnten lachen und sich -unterhalten, wie es ihnen beliebte. In ein paar Tagen aber, wenn sie -Glück hatten, wenn sie angenommen wur<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">– 65 –</a></span>den, waren diese hier ihre -Vorgesetzten, und sie würden sich wahrscheinlich wie die anderen -Husaren ihren Platz in gemessener Entfernung suchen.</p> - -<p>Aber es war merkwürdig, auch jetzt fühlten sie sich schon gar nicht -mehr ganz frei. Irgendwas lag wie ein leiser Druck auf ihnen. Sie -sprachen mit gedämpfter Stimme und sprachen nur über Dinge, die jeder -hören durfte. Eine Vorahnung kam in sie. Diese beiden Herren hier in -der graugelben Husarenuniform waren vielleicht die, die morgen über -sie zu entscheiden hatten, und Ernst Hiller senkte den Kopf und ward -blutrot, als er bemerkte, daß einer der Offiziere scharf nach ihrem -Tisch hinübersah.</p> - -<p>Der wußte natürlich längst, in welcher Eigenschaft sie in diese -kleine Stadt und in dieses Hotel gekommen waren: ‚Freiwillige.‘ Wie -anders sollten drei junge Burschen den Weg hierher gefunden haben? -Sie waren sehr bescheiden geworden, sie aßen nicht ganz mit dem -harmlos glücklichen Appetit, mit denen sie die guten Dinge, die ihnen -gereicht wurden, vielleicht auf neutralerem Boden verzehrt haben -würden. Sie tranken auch den Wein nur in zaghaften Zügen, zahlten und -gingen hinaus, um draußen in der dunklen Einfahrt einen Seufzer der -Erleichterung auszustoßen.</p> - -<p>Was nun? Erst neun Uhr! Da konnte man natürlich noch nicht zu Bett -gehen.</p> - -<p>Also sah man sich das Nest, in das man gekommen war, mal an. Und mit -dem Hochmut der geborenen Großstadtmenschen schlenderten sie über den -Marktplatz mit seinen altmodischen Bauten, durch enge Gäßchen mit -niedrigen bunten Häusern, um bald in die Hauptstraße, in der noch reges -Leben herrschte, zu gelangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">– 66 –</a></span></p> - -<p>Plakate und Extrablätter genau so wie in Berlin!</p> - -<p>Lüttich war genommen. Die Bonner Husaren hatten sich ausgezeichnet! Das -war etwas für sie! Das trieb ihnen das Blut in die Wangen!</p> - -<p>Lüttich genommen! Wie das rasend schnell vorwärtsging! Vielleicht -war in ein paar Wochen der ganze Krieg ausgefochten, und sie kamen -überhaupt nicht mehr heraus. Ernst Hiller fühlte es wie Schmerz in -sich aufsteigen. Die Straße zog sich lang und einförmig hin. „Verdammt -langweilig, so ein Provinznest!“</p> - -<p>Aber da drüben auf der anderen Seite stand an einem unansehnlichen Haus -die Aufschrift: ‚Wiener Café‘, und durch große Fensterscheiben strahlte -Licht. Also da hinein! Irgend etwas mußte man doch noch unternehmen!</p> - -<p>Einen einzigen leeren Tisch noch gab’s im ganzen Lokal, und der stand -etwas abseits in einer Ecke. Sie steuerten drauflos und fühlten -sich hier sicherer als im Hotel, in nächster Nähe der zukünftigen -Vorgesetzten.</p> - -<p>Sie ließen Kaffee und Kuchen kommen; Kuchen mit Schlagsahne und einen -Likör. Eine kleine Kapelle spielte Vaterlandslieder, und wenn die -‚Wacht am Rhein‘ oder ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ einsetzte, -stand jeder von seinem Platz auf und sang mit. Es war heiß im Saal und -die Luft vom Rauchen so dick, daß man auf zehn Schritte Entfernung -niemandes Gesicht mehr unterscheiden konnte; aber es war schön. Das -Blut geriet in Wallung — man fühlte die große, gewaltige Zeit, in der -man lebte.</p> - -<p>Die drei waren jetzt wieder ganz frei geworden.</p> - -<p>Donnerwetter, ja, wenn man bedachte, daß die Schule jetzt für immer -überwunden war! Überhaupt kein Zwang<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">– 67 –</a></span> mehr! Noch ein paar Wochen Drill -und dann heraus! Donnerwetter!</p> - -<p>Ernst Hillers Gesicht leuchtete. Seit er hier in diesem verräucherten -Lokal mit der lauten, hinreißenden Musik und den vielen begeisterten -Menschen saß, seit er diese heißen, schönen Lieder im gewaltigen Chor -erbrausen hörte, war er wieder ganz sicher geworden. Sie nahmen ihn -selbstverständlich! Morgen oder übermorgen stak er in der graugrünen -Uniform, und in ein paar Wochen stand er draußen im Felde.</p> - -<p>Irgendwo knallten Sektpfropfen, und ein Kellner war an ihren Tisch -getreten.</p> - -<p>„Die Herren befehlen noch etwas?“ Und die drei sahen sich an, dachten -an den blauen Schein, den sie in der Tasche trugen, einigten sich stumm -und schnell; schon stand der Sektkübel vor ihnen und der Kellner drehte -die Flasche mit kundiger Hand in den kleinen Eisstücken herum.</p> - -<p>Spät war es, als sie in den ‚Schwan‘ zurückkehrten, und die Köpfe waren -nicht ganz frei. Einer von ihnen behauptete, trotz des Zigarrendunstes -einen Husarenoffizier ganz in der Nähe ihres Tisches gesehen zu haben.</p> - -<p>Aber wenn auch — heut waren sie ja noch frei; heute hatte kein Mensch -auf der ganzen Welt ihnen was zu sagen.</p> - -<p>Und ausschlafen konnten sie auch! Für zwölf Uhr erst waren sie zur -Untersuchung in die Kaserne befohlen.</p> - -<p>„Also Punkt zehneinhalb Uhr zum Katerfrühstück im Eßsaal! Gute Nacht!“ -Sie reichten sich die Hände und verschwanden in ihre Zimmer, warfen -dann noch die Stiefel hinaus und klappten die Türe zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">– 68 –</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Von der strahlenden Augustsonne überflutet, liegen die roten Gebäude -der Husarenkaserne da. Wenn man aus der inneren Stadt heraus durchs -alte, ehrwürdige Tor kommt, muß man noch eine lange, mit netten Villen -bebaute Straße hingehen, oder man kann auch direkt aus der Stadt in die -Anlagen und von da über den schwarzen Husarenweg gehen, dann sieht man -sie schon von weitem liegen, die lang sich hinziehenden, roten Fronten -der noch neuen Kaserne. Ringsherum sind Felder — gegenüber ein Weg, -der in ein Dorf führt, und geradeaus weiter eine Chaussee, deren Länge -man nicht abzusehen vermag.</p> - -<p>In Scharen trotten die jungen Leute um die Mittagszeit über die -heißen Straßen der Kaserne zu. Vom schwarzen Husarenweg wirbeln die -Staubwolken so hoch auf, daß sie in Mund und Nasen der Wandernden -eindringen.</p> - -<p>Immer Sonne, Sonne, Sonne! Seit vielen Tagen kein Tropfen Regen!</p> - -<p>Das ist gut für die, die schon draußen im Felde stehen, und darum muß -man dankbar für die große Reihe schöner, sonnenheller, trockener Tage -sein, wie wohl auch ein Regenguß den Feldern wohltun würde.</p> - -<p>Junge, aufgeregte Gesichter! Eifriges Reden! In manchen Augen etwas wie -Angst!</p> - -<p>Ernst Hiller hat sich beim Aufstehen nicht recht wohl gefühlt. -Jetzt aber hat er rote Farben im Gesicht und klare Augen. Sie haben -ordentlich gefrühstückt, ein richtiges, anständiges Katerfrühstück -— dazu Südwein und einen kleinen Kognak. Das hat ihnen allen dreien -wieder auf die Beine geholfen.</p> - -<p>Aber das Herz zittert; das Herz schlägt in ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">– 69 –</a></span> schnellen, kurzen -Schlägen. Die niederträchtige Angst ist wieder da.</p> - -<p>Bang sieht er auf die große Schar, die alle denselben Weg gehen, den -er mit seinen Freunden geht. Ob die sich alle als Freiwillige gemeldet -haben?</p> - -<p>Prüfend fliegt sein Blick über sie hin? Sind das nicht alles ganz -abnorm große Gestalten, oder hat er ein falsches Augenmaß? Sie -erscheinen ihm wie Riesen und sie scheinen ihm alle sehr selbstsicher -und stolz dahinzugehen.</p> - -<p>Er aber würgt wieder an seiner alten, scheußlichen Angst und kann ihrer -nicht Herr werden.</p> - -<p>Je näher die Kaserne kommt, um so langsamer gehen sie. Es ist noch so -früh; sie werden eine halbe Stunde warten müssen. Man könnte eigentlich -noch ein Stück die Chaussee hinuntergehen; es hat ja keinen Zweck, sich -so lang’ in irgendeinem Winkel herumzudrücken. Aber die Sonne meint es -sehr gut und man ist müde. Der Südwein hat zwar den Kater vertrieben, -aber in den Beinen ist man schwach. Und wie man die Kaserne erreicht -hat, macht man ganz von selbst halt und geht den Weg, den all die -anderen gehen.</p> - -<p>Der Posten der Kaserne läßt sich die Legitimation zeigen; man tritt -durch das große Tor ein und hat im selben Augenblick ein merkwürdig -zuckendes Gefühl im Herzen, so, als hätte man einen großen, schweren -Abschied von irgend etwas genommen.</p> - -<p>Dann stehen sie zwischen den Bäumen, die den inneren Kasernenhof -einfassen. Kein Mensch kümmert sich um sie; sie stehen da, als -seien sie nicht bestellt, sondern als ständen sie auf irgendeinem -allgemeinen, gleichgültigen Platz, als gäbe es hier keine Mission für -sie zu erfüllen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">– 70 –</a></span></p> - -<p>Eine Stunde ist vergangen und eine zweite will auch vergehen. Aller -Blicke sind auf die einzelnen Ausgänge der Gebäude, die hier in diesen -Hof münden, gerichtet. Es muß doch irgend jemand kommen, der sich um -sie kümmert.</p> - -<p>Ernst Hiller steht an einen Baum gelehnt. Gemeinheit, daß er gestern -Sekt getrunken hat! Nun fühlt er sich elend, und die Hitze benimmt ihm -den Kopf. Weh ist ihm zumute! Er fühlt sich wirklich nicht wohl — hat -Schmerzen im Hinterkopf und zittert mit den Beinen.</p> - -<p>Da endlich!</p> - -<p>„Stillgestanden!“ dröhnt es über den Platz, und die jungen Menschen, -die noch gar keine Soldaten sind, stehen stramm wie die Rekruten da; es -kommt Bewegung in die Sache.</p> - -<p>Die Papiere werden ihnen abgenommen.</p> - -<p>„Vorwärtstreten!“ Und sie gehen in Reihen — immer zwei zu zwei auf -eines der Gebäude zu, in einen Flur hinein, bis ein „Halt!“ sie zum -Stehen bringt.</p> - -<p>Dann werden Namen verlesen, und immer drei zusammen werden in einen -Raum eingelassen.</p> - -<p>Es dauert eine geraume Weile, bis sie zurückkommen. Man möchte in ihren -Gesichtern lesen — aber die sind von Stein, und sie gehen geradeaus an -den noch Wartenden vorbei.</p> - -<p>Wie da Minuten zu Ewigkeiten werden! Wie das Herz in immer kürzeren -Stößen arbeitet und der Schweiß auf der Stirne perlt!</p> - -<p>Wenn man nur wüßte, ob alle die, die aus der Tür zurückkommen, wirklich -angenommen sind! Wenn man sie doch fragen könnte! Aber, obwohl kein -Stillschweigen<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">– 71 –</a></span> geboten ist, steht man doch stumm da, als wäre man in -einer Kirche. Feierlich ist es — schwer und feierlich!</p> - -<p>Doch wie es immer zu gehen pflegt, so auch bei Ernst Hiller. Ganz elend -vom Warten fährt er staunend auf, als er plötzlich seinen Namen rufen -hört — fühlt, wie sich seine Muskeln spannen, wie der Kopf frei wird -und das Zittern in den Knien aufhört.</p> - -<p>In dem Vorraum, in den sie getreten sind, müssen sie sich entkleiden, -müssen alles von sich abwerfen und treten in das zweite Zimmer, in dem -ein Arzt in Feldgrau und ein Schreiber sitzen.</p> - -<p>„Sie heißen?“</p> - -<p>„Hiller.“</p> - -<p>„Abiturient? Alter? Schwere Krankheiten gehabt? Irgendwelche schwere -Krankheit in der Familie?“</p> - -<p>Lungen und Herz werden abgehorcht.</p> - -<p>„Ein bißchen schnell der Herzschlag! Das ist wohl nur augenblickliche -Erregung? Augen sind normal, ja? — Gut — angenommen!“</p> - -<p>Wie ein Paukenschlag trifft ihn das Wort: „Angenommen!“ Einen -Augenblick ist er wie geblendet — vergißt, daß er hier, wie Gott -ihn geschaffen hat, vor den Herren steht und taumelt dann fast ins -Vorzimmer zurück.</p> - -<p>Er nimmt gar nicht teil am Ergehen seiner beiden Freunde, und als er -ein paar Minuten später hört, daß einer von ihnen wegen zu starker -Kurzsichtigkeit abgewiesen ist, ist er nicht fähig, das richtig in sich -aufzunehmen.</p> - -<p>Nur das eine weiß er: Er ist angenommen! Man braucht ihn! Er wird mit -hinausreiten gegen Deutschlands Feinde. Und er muß seine ganze Kraft -zusammennehmen,<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">– 72 –</a></span> um nicht aufzuschluchzen, um die Tränen, die plötzlich -so brennen, zurückzuhalten.</p> - -<p>Nun geht er ebenso ernst und stumm wie die, die vor ihm aus der Stube -herausgekommen sind, an den noch Wartenden vorüber; wohin, das weiß er -nicht — er ist nur froh, als er draußen im Hof steht, wo ein leiser -Sommerwind ihm um die heißen Schläfen streicht.</p> - -<p>Um fünf Uhr sind sie frei — das Häuflein derer, die zur Kaserne -gewallfahrtet waren, ist ein wenig zusammengeschmolzen, und doch ist’s -noch eine stattliche Schar, der man das Wort ‚Angenommen!‘ zugerufen -hat und deren Gesichter glänzen, deren Augen leuchten.</p> - -<p>Sie haben ein paar Stunden Urlaub, um ihre Sachen zu holen. Das erste, -was Ernst tut, ist, daß er ein Telegramm an die Mutter aufsetzt.</p> - -<p>„Angenommen!“</p> - -<p>Wie ein Jubelruf ist das! Was wird sie dazu sagen? Natürlich freut sie -sich, muß sich freuen! Aber daß er gleich hierbleiben muß, nicht für -einen einzigen Tag noch aus der Kaserne herausdarf, um ihr Lebewohl zu -sagen, das wird ihr ein wenig hart sein.</p> - -<p>Aber schadet nicht! Es geht ja allen Müttern so. Krieg ist Krieg, und -man darf nicht weich werden.</p> - -<p>Um sieben Uhr stehen sie alle zum ersten Appell versammelt im -Kasernenhof. Die Befehle für den kommenden Tag werden verlesen:</p> - -<p>„Viereinhalb Uhr aufstehen — Stube reinigen — fünf Uhr Einkleidung“ -— weiter hört er nichts.</p> - -<p>Sein Kopf ist wieder benommen — mechanisch folgt er dem Unteroffizier, -der ihnen ihre Stuben anweist. Je fünfunddreißig Mann in einer Kammer. -Eiserne Betten<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">– 73 –</a></span> übereinander wie in Schiffskabinen. Strohsäcke und eine -wollene Decke.</p> - -<p>Was dann noch kommt, geht wie im Traum an ihm vorüber. Erregt ist er -und müde.</p> - -<p>Nur das eine kann er noch denken: ‚Nun hat sie das Telegramm!‘ Dreht -sich noch mal auf seinem Strohsack um und schläft, ehe noch die große -Lampe, die in der Mitte der Stube hängt, ausgelöscht <span class="nowrap">ist — —</span></p> - -<p>Ein glücklicher Schlaf, den der kleine Hiller schläft. Traumbilder -ziehen an seiner Seele vorüber. Er trägt schon die Uniform des -Regiments, auf dem Kopf den hohen Kolpak. Auf einem feurigen Roß sitzt -er — — herrlich greift das Tier aus. Um ihn herum Kanonendonner — -Kugelregen — blitzende Lanzen — gezogene Säbel. — Nichts ficht ihn -an. — Für ihn gibt’s keine Kugel — — und alles um ihn herum staunte. -Was will der? Mitten in den Feind rein — — und das Roß fliegt — die -Erde schwindet unter ihm — — irgend etwas Unsichtbares trägt ihn — -trägt ihn hoch, immer höher, bis in die Wolken <span class="nowrap">hinein. —</span></p> - -<p>Da — Trompetenklang — herrlich, wie er gen Himmel fährt — wie die -Erde unter ihm versinkt — wie alles grau und fahl unter ihm wird, -während er in überirdischen Glanz hineinreitet.</p> - -<p>„Der Kerl schläft wie ein Murmeltier. He, du da, es hat zum drittenmal -geblasen!“</p> - -<p>Zwei stehen vor seinem Bett und rütteln ihn an der Schulter.</p> - -<p>„Menschenkind, in zehn Minuten mußt du antreten!“</p> - -<p>Erste Morgendämmerung fällt durchs Fenster in die kahle Stube.</p> - -<p>Hiller reibt sich die Augen. Wo ist er?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">– 74 –</a></span></p> - -<p>„Raus, Mensch!“ Und da fährt er vom Strohsack auf — in die Kleider -hinein — schnell in den Waschsaal. Gesicht und Hände gewaschen und -hinunter in den Hof.</p> - -<p>Sonntag ist es.</p> - -<p>Wieder so ein Tag, der in Glanz und Glorie heraufzuziehen beginnt. In -ihren Zivilkleidern stehen sie da — manche noch verschlafen, die Haare -flüchtig gekämmt, die Krawatten in Eile umgeknotet, und warten. Fremd -und ängstlich stehen sie da — wissen nicht, was sie tun sollen, und -sind froh, als ein paar sogenannte ‚alte Leute‘ sich ihrer annehmen.</p> - -<p>Die weisen ihnen den Weg zur Mannschaftskantine, wo sie sich Kaffee -geben lassen können, dann warten sie wieder, bis endlich der große -Augenblick kommt: Befehl zur Kleiderkammer.</p> - -<p>„Vortreten!“ Wieder treten sie zwei zu zwei ein. „Arme ausstrecken!“ -Und ein Rock wird an der Länge der Arme gemessen. Reithose ebenso — -eine Mütze aufgestülpt! Fertig. Noch ein Hemd, eine Unterhose, ein -Drillichanzug — eine schwarze Halsbinde. „Fertig! — Abtreten! — Die -Nächsten!“</p> - -<p>Die mit dem Packen auf dem Arm gehen zur Stiefelkammer und proben. Zwei -Paar Stiefel pro Mann. Ein Paar hohe Reitstiefel und ein Paar braune -Kommißstiefel. „Fertig, ab!“</p> - -<p>Sonntag ist es — also noch kein richtiger Dienst. In ihre -Stuben müssen sie zurück und das Zivil in den Koffer packen. Der -Kammersergeant hält eine Rede über das Instandhalten der Sachen. Alle -acht Tage Revision, und wehe, wenn nicht alles in Ordnung ist!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">– 75 –</a></span></p> - -<p>Wem das Zeug nicht paßt, der muß es sich passend machen.</p> - -<p>Um zwölf Uhr Appell in voller Uniform.</p> - -<p>Und die Haare herunter. Scheitel und Tollen gibt es nicht beim Militär.</p> - -<p>Um zwölf Uhr steht eine ganz andere Gesellschaft unten im Hof. -Graugelbe Husaren, in die fünfte Garnitur gekleidet. Ganz wenige, -die schon etwas vom Soldaten an sich haben, die sich schon wohl -fühlen. Ein ganzer Teil sieht aus wie Jungen, die zu Weihnachten eine -Soldatenuniform erhalten haben. Aber gleichgültig! Mit dem Akt der -Einkleidung ist es endgültig besiegelt. Sie sind angenommen! Sie haben -ihren Platz gefunden, und in ein paar Wochen — schlimmstenfalls in -zwei Monaten, geht’s hinaus in den herrlichen Kampf!</p> - -<p>Ernst Hiller hat eine Uniform, die ihm um die Brust schlottert und im -Rücken tiefe Falten schlägt. Der Kragen niedrig und viel zu weit — -und die lederbesetzte Reithose hängt wie ein Rock um ihn. Er weiß das -nicht — er fühlt das nicht! Er trägt des Königs Rock — er ist Soldat -— angenommen — und mit dem Wort ‚Angenommen!‘ ist’s besiegelt worden, -daß er ein gesunder Kerl ist, dem man was zutrauen kann.</p> - -<p>Nun steht er mit glattgeschorenem Haar, die Mütze tief in die Stirn -gezogen, bei den anderen — — — nun schlägt das Herz nicht mehr in -zitternden Stößen.</p> - -<p>Ruhe ist in ihm — Sicherheit ist über ihn gekommen — — nein — mehr -— stolz ist er geworden, und die Brust dehnt sich — die Haltung -verliert das Hilflose — <span class="nowrap">Schlappe — —</span></p> - -<p>Er ist wert befunden worden, des Königs Rock zu<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">– 76 –</a></span> tragen — ist also -nicht um einen Deut weniger als all die anderen, die mit ihm angenommen -worden sind.</p> - -<p>Nach dem Appell das Mittagessen — sie dürfen nicht aus der -Kaserne heraus, weil am Nachmittag Besichtigung sein soll. Also -Mannschaftsessen! Für fünfundachtzig Pfennige gibt’s einen Napf zu -kaufen — Gabel und Löffel je zehn Pfennig — Messer tragen sie in der -Tasche.</p> - -<p>Durch die Mannschaftskantine gehen sie zur Küche, darin zwei riesige -Kessel auf dem Herd stehen, und zwei Mann daneben. Jeder der Husaren -tritt mit seinem Napf an.</p> - -<p>Sonntag ist’s, da gibt’s Braten. Kräftiger Geruch steigt ihnen in die -Nase. Jeder erhält von einem der beiden Küchenunteroffiziere drei -Scheiben Fleisch, vom anderen ein paar Kellen Kartoffel und Tunke -darüber, bis alles schwimmt.</p> - -<p>Im Mannschaftszimmer sitzen sie auf den hölzernen Bänken an langen -Tischen und leeren ihren Napf.</p> - -<p>Für Ernst Hiller ist es ein bißchen reichlich, und es fällt ihm, wie -manch anderem seinesgleichen, nicht ganz leicht, so aus dem Napf heraus -zu essen. Aber keiner läßt etwas stehen. Nein, im Gegenteil, ein paar -von ihnen treten zum zweitenmal den Weg zur Küche an und lassen sich -eine zweite Portion verabreichen. Er ißt mit Todesverachtung. Es -schmeckt wirklich gut — vielleicht ein wenig stärker gewürzt als bei -Mutter, aber das schadet nichts!</p> - -<p>Dann gehen sie, ihren geleerten Napf in der Hand, hinaus in den Hof -und spülen ihn am Brunnen ab — haben dann ein paar Stunden für sich, -und Ernst Hiller<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">– 77 –</a></span> benutzt gleich die erste halbe Stunde, um einen -begeisterten Brief an seine Mutter zu schreiben.</p> - -<p>Der Himmel hängt ihm voller Geigen — — die Brust ist ihm geschwellt.</p> - -<p>Wie ist die Welt so ganz anders für ihn geworden. Alles Dumpfe, Bange, -das sonst seine Seele belastet hatte, verflogen! Die Schule überwunden -— für immer! — Donnerwetter! Das kann man wirklich immer noch nicht -fassen, daß dieser Lebensabschnitt tatsächlich überwunden sein soll!</p> - -<p>Frei ist man, zieht in den Krieg und bleibt dann wahrscheinlich -Offizier. Soldat ist der einzige Beruf, der wirklich Zweck hat! Das hat -er auch schon der Mutter geschrieben und hat ihr einen ganz kleinen -Vorwurf darüber, daß sie ihn von Kind auf zu sehr verpäppelt hat, nicht -erspart.</p> - -<p>Aber schadet nichts; sie hat’s gut gemeint! Es hat ihm eben der Vater -gefehlt! Wenn er einen Vater gehabt hätte, wäre natürlich manches -anders gewesen.</p> - -<p>Aber das ist nun nicht zu ändern. Hauptsache, daß er trotz allem und -allem angenommen worden ist, und sein Blick gleitet mit Stolz und -mit Zärtlichkeit immer wieder über die verbrauchte, um seinen Körper -herumhängende Uniform herab.</p> - -<p>An diesem Tag tritt noch etwas Neues in sein Leben. Sie machen nähere -Bekanntschaft mit den ‚alten Leuten‘. Das sind die, die im letzten -Monat ihrer Dienstzeit sind und bald ausrücken werden.</p> - -<p>Viele sind schon feldgrau, und sie machen sich über das Aussehen der -Neueingestellten lustig und machen ihnen vor allem klar, daß sie sich -selbstverständlich eine Extrauniform anschaffen müssen, denn so wie sie -jetzt aussehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">– 78 –</a></span> können sie sich auf Urlaub in der Stadt nicht blicken -lassen. Natürlich hat’s keinen Zweck, sich für die paar Wochen, die -sie hier in der Kaserne sein werden, vom Schneider eine teure Uniform -machen zu lassen. Das wäre Blödsinn. Aber ihnen, den alten Leuten, -können sie ihre Gebrauchsuniform abkaufen — für ein Spottgeld.</p> - -<p>Den Jungen leuchtet das ein. Die fünfte Garnitur, die man ihnen -verabreicht hat, ist wirklich nichts weniger als schön. Es werden große -Geschäfte gemacht. Die ‚alten Leute‘ haben im Handumdrehen heraus, wer -von den Neueingestellten mit dem Nötigen in bar ausgestattet ist, und -wissen, an der Eitelkeit zu packen.</p> - -<p>Ernst Hiller hat längst durchblicken lassen, daß er nicht unerhebliche -Mittel bei sich trägt. Es hat sich auch einer von den Gedienten -gefunden, der eine ganz ähnliche Figur wie er selber hat, und nach -einer knappen halben Stunde ist er im Besitz einer wirklich wie neu -aussehenden Uniform. Ein Paar Stiefel, die von Lackleder sein sollen, -und deren Ursprungspreis auf neunzig Mark angegeben wurde — denn sie -rühren von einem Offizier her — gleiten ihm glatt über den hohen -Spann, und eine anständige Mütze sitzt ihm vernünftig auf dem Kopf.</p> - -<p>Für den ganzen Rummel hat er fünfundsechzig Mark gegeben — ein -Spottpreis, wenn man berechnet, was das ‚neu‘ gekostet hätte, und ein -Spottpreis, wenn man die strahlenden, seligen Augen des kleinen Hiller -in Betracht zieht.</p> - -<p>Er ist in einem Taumel von Glück und Begeisterung an diesem Tag.</p> - -<p>Um fünf Uhr müssen sie in Reih’ und Glied stehen, und ein Wachtmeister -mit donnernder Stimme hält ihnen einen Vortrag über militärischen -Gehorsam:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">– 79 –</a></span></p> - -<p>„Die Zeiten sind hart, das Vaterland braucht seine Männer — — -ein jeder hat also heute die doppelte und dreifache Pflicht, sich -einzufügen und den Vorgesetzten die schwere Arbeit zu erleichtern.“</p> - -<p>Dann die Verlesung des Dienstes für den nächsten Tag: halb fünf Uhr -Wecken — fünf Uhr Stalldienst — halb acht Uhr Verteilung der <span class="nowrap">Pferde -— —</span></p> - -<p>Weiter hörte Hiller nicht. Morgen wird er also vielleicht schon auf -einem Gaul sitzen. Und er ist doch und doch ein Soldatenkind und hat -Soldatenblut in sich — — und wenn ihn die ganze Welt zum Philosophen -oder Professor verdammt hat! Er pfeift auf alle Wissenschaft und -Gelehrsamkeit in der Welt!</p> - -<p>Er ist Husar, er wird morgen auf einem Gaul sitzen, und in ein paar -Wochen über Schlachtfelder reiten.</p> - -<p>Er ist es nicht allein, der sich auf den ersten Ritt freut. All die, -die wie er aus der Schule ins Soldatentum gesprungen sind, haben einen -freudigen Ruck im Herzen gespürt, als es hieß: halb acht Uhr Reiten!</p> - -<p>Der Sonntag geht glorreich zu Ende. Abends sitzen sie mit den alten -Leuten in der Unteroffizierskantine, haben sich Butterbrote mit -Würstchen und Kartoffelsalat geben lassen.</p> - -<p>Ernst Hiller bezahlt für den, der ihm die Uniform so billig verkaufte, -mit. Auch seine Freunde halten ein paar alte Leute frei. Sie sind ja -Kameraden. Wer etwas hat, gibt, und wer nichts hat, läßt sich geben. -Hiller schmeißt ein paar Runden Bier, und die alten Leute erzählen -tausend Dinge, die für die Neuen wichtig und interessant sind.</p> - -<p>Sie erfahren am ersten Abend von jedem einzelnen Vorgesetzten, wes -Geistes Kind er ist und was man von<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">– 80 –</a></span> ihm zu erwarten hat. Sie erhalten -dann allerlei Winke. Auch hören sie zu ihrer Freude, daß sie gar -nicht verpflichtet sind, Mannschaftsessen zu nehmen. Wer Geld hat, -kann für eine Mark in der Unteroffizierskantine ein anständiges -Mittagessen kriegen — er kann auch in ein Restaurant, das der Kaserne -gegenüberliegt, gehen. — Überhaupt, wer den nötigen Mammon hat, kann -sich die Sache prachtvoll deichseln. Geld ist die Hauptsache.</p> - -<p>In Ernsts Augen kommt ein kleiner Schatten.</p> - -<p>Gewiß, die Mutter wird ihm Geld geben — sie hat ihm gesagt, er solle -sich nichts versagen. Und Großmutter läßt ihn auch nicht im Stich. -Aber dennoch, ein ganz kleiner Schwindel überfällt ihn, als er daran -denkt, wie seine Barschaft in diesen zwei Tagen zusammengeschmolzen -ist. Von den hundertundzwanzig Mark keine dreißig mehr übrig — und -er hatte geglaubt, mit hundertundzwanzig Mark wenigstens einen Monat -durchzuhalten.</p> - -<p>Es wird ihm schwer fallen, die Mutter schon in den nächsten Tagen -um Geld zu bitten. Aber schließlich, es waren ja lauter besondere -Ausgaben, die er jetzt hatte. Alles Ausgaben, die sich nicht -wiederholen; und er weiß auch, daß die Mutter ihm gern gibt, was er -braucht.</p> - -<p>Der Schatten aus den Augen ist fort. Die Kameraden trinken ihm zu, -Witze werden erzählt.</p> - -<p>Draußen auf dem Hof hat jemand eine Flöte und bläst darauf, und in die -Kantine hinein klingt das wehmütig-lustige Lied: ‚Was nützt mir denn -ein schönes Mädchen, wenn andre mit spazierengehn?‘</p> - -<p>Da setzen die, die den Text kennen, mit ein, und schließlich singt -auch der kleine Hiller mit, singt mit derselben Begeisterung wie die -anderen: „Was nützt mir denn ein schönes Mädchen?“ und weiß nicht -warum, aber er<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">– 81 –</a></span> denkt plötzlich an das Mädchen, das an jenem Kneipabend -nach dem Abitur so dicht neben ihm gesessen und zu ihm gesagt hat: -‚Sag’ Hannchen zu mir!‘</p> - -<p>Sie trinken und singen, und ihre Augen leuchten!</p> - -<p>Wie herrlich ist die Welt — — — wie wunderbar, daß Deutschland im -Kampf mit seinen Feinden liegt, daß Deutschland alles aufruft, was -bereit ist, zu helfen — und daß sie mitdürfen — sie, die vor einer -Woche noch bang und zweifelnd dem Leben gegenübergestanden haben.</p> - -<p>Ernst Hiller fühlt ein Jauchzen in seiner Brust, das er kaum zu -verschließen vermag. Jeden einzelnen, der ihm in den Weg kommt, hätte -er umarmen mögen — — — der ‚alte Mann‘, der ihm die Kleider verkauft -hat, hat einen guten Tag.</p> - -<p>Da! Trompetensignale! Neun Uhr. — — In einer Viertelstunde müssen sie -auf ihren Strohsäcken liegen. Ernst zahlt, trottet mit den anderen über -den Hof, sucht seine Stube, und kaum hat er die wollene Decke über sich -gezogen, ist er auch schon wieder mitten im festen Schlaf drin.</p> - -<p class="center">— — — — — — — -— — — — — — — — — -— —</p> - -<p>Am nächsten Morgen beginnt der erste, stramme Dienst! Jetzt erst -begreifen sie, was das heißt: aus dem Bett aufspringen und eine knappe -halbe Stunde später unten im Stall sein.</p> - -<p>Wer sich beim ersten Wecken noch einmal auf die Seite wirft und -weiterschläft, der kann’s überhaupt nicht leisten.</p> - -<p>Am besten ist: gleich beim ersten Trompetenstoß raus — in die Kleider -fahren und rein in den Waschsaal. Man kann überhaupt noch von Glück -sagen, daß es hier einen Waschsaal mit fließendem Wasser gibt. In -Hunderten von Kasernen müssen sie herunter in den Hof an den<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">– 82 –</a></span> Brunnen. -Hier haben sie fließendes Wasser und können sich anständig waschen.</p> - -<p>Dann den Strohsack aufrütteln und das Bett ordentlich zudecken — -Stiefel reinigen — nein, das soll schon am Abend geschehen — Stube -fegen, und wenn’s geht, noch einen Becher Kaffee erobern. Für Hiller -sorgt an diesem ersten Morgen der ‚alte Mann‘, dem er die Uniform -abgekauft hat.</p> - -<p>Punkt fünf Uhr stehen sie im Hof. Ein Wachtmeister und zwei -Unteroffiziere sind zur Stelle.</p> - -<p>Eine kurze Instruktion. Sie alle zusammen bilden zwei Schwadronen; jede -Schwadron wird in Beritte eingeteilt; zu einem Beritt gehören fünfzehn -Mann, und jeder Beritt hat seinen besonderen Führer.</p> - -<p>Die Namen werden aufgerufen — sie werden verteilt. Je fünfzehn finden -sich zusammen — Einjährige und Gemeine — es ist alles gleich in -dieser Zeit. Kriegsfreiwillige sind sie alle, und einen Unterschied -gibt es jetzt nicht.</p> - -<p>Und dann in den Stall hinein!</p> - -<p>Draußen ist schon heller Tag, aber in den Ställen brennen noch die -kleinen Öllaternen und verbreiten ein trübes Licht. Ein seltsamer -Geruch schlägt ihnen entgegen, ein Geruch, geschwängert mit Ammoniak -und dem aus den warmen Tierkörpern ausströmenden Dunst. Aber es ist -ein Geruch, den man gern atmet, an den man sich im Augenblick gewöhnt. -Jedes Pferd steht in seinem Verschlag, und an dem Pfosten, der je zwei -Verschläge trennt, hängen Sattelzeug und Zaumzeug.</p> - -<p>Die jungen Freiwilligen folgen ihrem Berittführer, der sie der Reihe -nach zu den Pferden herantreten läßt und anfängt, zu erklären.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">– 83 –</a></span></p> - -<p>Bei der Kavallerie heißt es: erst das Pferd und dann der Mann! Das -wird ihnen sehr eindringlich gemacht, wird mehrmals bei dieser ersten -Bekanntschaft mit ihren Tieren wiederholt.</p> - -<p>Dann wird ihnen gesagt, was ‚Putzen‘ heißt. Der Striegel wird ihnen -vorgeführt, und einer, der schon gedient hat, muß ihnen zeigen, wie -ein Pferd gestriegelt wird. Acht Strich auf jeder Seite und nach jedem -Strich der Striegel ausgeklopft. Das gibt einen weißen Streifen auf dem -Boden; ein Strich muß neben den andern gelegt werden. Man kann also -genau kontrollieren, ob vorschriftsmäßig gestriegelt wird.</p> - -<p>Jeder tritt dann vor den Verschlag, in dem das Pferd, das ihm -angewiesen ist, steht, und hört mit brennendem Interesse zu. Das -Sattel- und Zaumzeug wird ihnen erklärt; sie erfahren, wie der Sattel -angelegt werden muß. Das ist alles sehr leicht zu fassen, und die -Unteroffiziere haben entschieden eine einfachere Art, etwas begreiflich -zu machen, als die Professoren des Gymnasiums.</p> - -<p>Dann hören sie, wie eine Streu zu machen ist. Aus der alten Streu -muß der Mist ausgeschüttet werden. Mit dem noch trockenen Stroh -wird aufgeschüttet, frisches Stroh darübergeworfen, und dann wird -‚angerollt‘; denn das ist die Hauptsache bei einer guten Streu, daß in -schnurgerader Linie das Stroh an den Seiten festgerollt wird.</p> - -<p>„Verstanden?“</p> - -<p>„Ja.“</p> - -<p>Es wird ihnen noch das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt, was sehr einfach -erscheint. Viele von ihnen sind übrigens Burschen vom Land, die schon -mit einem Pferd umzugehen verstehen.</p> - -<p>Hiller steht neben einem frischen, etwas korpulenten<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">– 84 –</a></span> Jungen. Gestern -abend in der Kantine haben sie schon miteinander geredet, und da sie -in derselben Stube schlafen, werden sie auch wohl Freunde werden. -Der Dicke, dessen Name Hipp ist, der auch aus Berlin stammt und, wie -Hiller, wundervoll glatt durch ein Notabitur gerutscht ist, hat noch -ein ausgeprägtes Kindergesicht: blaue, sehr gutmütige Augen, eine kurze -Nase und runde, rote Backen. Ihm würde niemand den Großstadtmenschen -ansehen. Der Drillichanzug, der an Hillers leichter Gestalt -herumschlottert, sitzt ihm fest und prall um den Körper; er stößt -Hiller in die Seite, denn alles, was er hier hört und sieht, kommt ihm -sehr lustig vor.</p> - -<p>Das Pferd, an dem das Anlegen des Zaumzeuges gezeigt worden ist, wird -wieder abgeschirrt — der Wachtmeister tritt einen Schritt vor, und das -Kommando erschallt: „An die Pferde!“</p> - -<p>Jeder geht in sein Abteil und begibt sich an die Streu. Der -Wachtmeister schreitet auf und nieder, beobachtet, weist zurecht, -tadelt, wenn es zu langsam geht; er scheint aber zufrieden. Beim Putzen -greift er, wenn es nötig ist, selbst mit an, zeigt, wie der Striegel -gefaßt werden muß, wie man sich neben das Tier zu stellen hat, und -erklärt weiter, wie es sich gerade ergibt. Es ist ungewohnte Arbeit -für die, die aus der Stadt kommen. Aber gerade das Ungewohnte mag sie -reizen. Sie sind mit Feuereifer bei der Sache, sie wundern sich über -sich selbst, daß man so selbstverständlich an einem Tier herumhantiert, -daß man keine Angst hat, getreten zu werden, und daß alles, was sie -hier zu tun haben, so prachtvoll und einfach und leicht ist.</p> - -<p>Die Zeit fliegt hin, die Sonne steht schon längst am Himmel, als der -Wachtmeister „Abtreten!“ kommandiert,<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">– 85 –</a></span> und sie eilen in ihre Stuben, um -den Drillich mit dem Reitanzug zu vertauschen.</p> - -<p>Hillers Gedanken fliegen ab und zu einen Augenblick zu seiner Mutter -hin. Was würde sie sagen, wenn sie ihn so sähe? Schade, daß er sie -nicht einmal sprechen konnte, er ist gewohnt, ihr alles, was ihm -begegnet, zu erzählen. Schreiben kann man das natürlich nicht alles — -schade <span class="nowrap">— — —</span></p> - -<p>Aber zum Nachdenken ist keine Zeit. Sie fahren in die ledernen -Reithosen — quälen sich in die ungewohnten, hohen Stiefel. Sie haben -Eile, denn der Reitunterricht würde bis Mittag dauern, und man muß -sehen, daß man noch einen Augenblick in die Kantine kann, um etwas zu -frühstücken. Man hat hier andauernd ein Hungergefühl.</p> - -<p>Hipp geht neben Hiller und erzählt, daß er noch keine Extrauniform -gefunden habe, weil sie ihm alle zu eng seien. Er wird aber mal an -seinen alten Herrn schreiben, ob der ihm eine ‚neue‘ zubilligt. Der -alte Herr ist Fabrikant und kann etwas springen lassen, wird es auch -totsicher tun.</p> - -<p>„Seit der Krieg ausgebrochen ist, haben die Väter eine prachtvoll -freigebige Art ihren Söhnen gegenüber. Deiner doch auch?“</p> - -<p>„Ich habe keinen Vater mehr,“ sagt Hiller — sagt es aber ganz heiter, -so daß Hipp nicht nötig hat, sein lustiges Gesicht zum Ernst zu zwingen.</p> - -<p>Sie essen wieder Würstchen mit Kartoffelsalat, denn das ist am -praktischsten, weil man es schnell herunterschlingen kann und -wenigstens für einen Augenblick satt wird, wenn man sich zwei Paar -geben läßt. Dann geht’s los.</p> - -<p>Der Wachtmeister steht schon wieder vor dem Stall.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">– 86 –</a></span></p> - -<p>„Satteln!“ ertönt das Kommando. „Trense anlegen, Kandare fortbleiben!“</p> - -<p>Sie greifen zum Zaumzeug und legen es an, so gut es gehen will.</p> - -<p>Die Sonne glitzert lustig über den Reitplatz, als sie endlich, erhitzt -und aufgeregt, ihr Pferd am Zügel, aus den Ställen heraustreten. Der -Reitplatz ist ein gewaltiger, viereckiger Hof. Einige Beritte sind -schon aus den Ställen heraus.</p> - -<p>„Aufsitzen!“ schallt das Kommando. „Rechts und links am Zwiesel -anfassen und aufschwingen!“</p> - -<p>Die Zwiesel, die vorn und hinten am Sattel liegen, werden umspannt, -ein mächtiger Schwung — und ein ganzer Teil von den Fünfzehn sitzt -glücklich oben.</p> - -<p>Andere aber strampeln mit den Beinen — rutschen mit dem Bauch in die -Höhe und bekommen das Bein nicht hinüber.</p> - -<p>Hiller ist nicht ganz korrekt heraufgekommen, aber er sitzt doch oben -und weiß selbst nicht, wie das zugegangen ist. In diesen Augenblicken -empfindet er nichts von dem großen Glück, von dem er geträumt hat, -wenn er zuerst auf einem Gaul säße. Er möchte sich an irgend etwas -festhalten — möchte dem Tier in die Mähne greifen, um Sicherheit zu -haben — es ist ihm sehr unbehaglich zumute.</p> - -<p>Und zehn Schritte von ihm entfernt steht der Berittführer mit -dunkelrotem Kopf und schreit und brüllt, was das Zeug hält: „Kerls, -wollt ihr ewig in der Luft rumangeln? Marsch rauf! Was, es will nicht -gehen! Teufel noch mal! Du Mehlsack!“</p> - -<p>Er ist an Hipp herangetreten, der nun als einziger<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">– 87 –</a></span> noch vergeblich -sucht, seinen wohlgenährten Körper auf das geduldig dastehende Tier zu -schwingen.</p> - -<p>Ein ‚alter Mann‘ hat ihnen gestern erzählt, daß es bei jedem Beritt -einen Unglückswurm gibt, der die Sache nie begreifen lernt, der nie -ohne Schwierigkeit auf sein Tier heraufkommen wird.</p> - -<p>Hier in diesem Beritt ist der gute, dicke Hipp der Unglückswurm, denn -er strampelt immer noch mit den Beinen, kommt ein Stück in die Höhe und -rutscht wieder hinab.</p> - -<p>Der Wachtmeister steht dicht bei ihm und brüllt:</p> - -<p>„Kerl, sein Pferd ist doch keine Rutschbahn — du bist doch hier nicht -auf einem Jahrmarkt — los — wirf doch das Bein über!“</p> - -<p>Und wie es gar nicht gelingen will, packt der Wachtmeister mit -wuchtigem Griff in die Reithose des Dicken hinein und schiebt ihn -hinauf. Nun sitzt Hipp oben und hat ein viel vergnügteres Gesicht als -die, die sich mit eigener Anstrengung heraufgebracht haben.</p> - -<p>Die Sonne brennt lustig vom Himmel herab und verspricht einen heißen -Tag, und der Wachtmeister, der sich beruhigt hat, steht vor ihnen -und hält ihnen einen langen Vortrag über den richtigen Sitz, über -Körperhaltung und die verschiedenen Gangarten der Pferde. Dann das -Kommando: „Abstand!“ und der Spitzenreiter der schon ein halbes -Jahr gedient hat, führt an — der Zug der anderen nach. Sie sitzen -ängstlich, windschief und vorgebeugt auf ihren Tieren.</p> - -<p>„Na, nu mal richtig los! Eskadron in langsamem Arbeitstempo — Te — — -rab!“</p> - -<p>Die Gäule gehen los; der schon erfahrene Spitzenreiter sitzt wundervoll -gerade und korrekt da. Die anderen<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">– 88 –</a></span> wackeln hinter ihm her. Aus vielen -Gesichtern spricht die bleiche Angst — — die Hände greifen in die -Mähnen — die Beine machen unsichere Bewegungen.</p> - -<p>Hipp hängt auf einer Seite seines Gauls, er ist im Fallen begriffen — -man sieht es deutlich, daß er sich nicht halten wird. Aber er fällt -langsam. Glied für Glied rutscht hinab, und das lustige Gesicht hat -einen Ausdruck leiser Verzweiflung; scheußlich, diese Ungewißheit, ob -man im nächsten Augenblick wieder oben ist oder herunter muß.</p> - -<p>Aber die Lage wird immer bedenklicher — der Körper rutscht mehr und -mehr nach links — und da faßt Hipp einen kurzen Entschluß, läßt das -Bein, das noch oben ist, heruntergleiten, und fliegt ab in den weichen -Sand. Verletzt hat er sich nicht, aber er ist doch sehr verdutzt. Es -ging plötzlicher, als er gedacht hatte.</p> - -<p>Das Pferd bleibt still und treu bei ihm stehen und sieht sich nach ihm -um. Der Wachtmeister ist dicht zu ihm herangetreten und sagt zunächst -gar nichts. Schweigend und höhnisch sieht er auf ihn nieder, und Hipp, -wie ein von der Schlange hypnotisierter Vogel, bleibt bewegungslos im -Sand liegen und sieht seinem Vorgesetzten treuherzig ins Gesicht.</p> - -<p>Endlich löst sich des Wachtmeisters Schweigen.</p> - -<p>Gar nicht unfreundlich sagt er: „Mensch, hast du vor, dich hier gleich -begraben zu lassen?“ Und da erhebt sich denn Hipp, und obwohl er sich -nicht den geringsten Schaden zugefügt hat, geht er humpelnd und hinkend -zu seinem Pferde zurück.</p> - -<p>„Na — nun werden wir mal einen Galopp versuchen!“</p> - -<p>Da nehmen die Gesichter einen aufgeregten Ausdruck an, und einige -werden bleich wie Linnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">– 89 –</a></span></p> - -<p>Der Wachtmeister aber kommandiert: „Ganze Eskadron te — rab — -Galopp!“ Die Pferde fallen in Galopp, und die jungen Reiter sind -angenehm überrascht, weil Galopp nicht halb so unangenehm ist als der -verfluchte Trapp.</p> - -<p>Auch Hipp bleibt oben; er schwankt ein bißchen bedenklich hin und her, -hält sich aber und hat wieder sein lustigstes Gesicht. Der Wachtmeister -steht in der Mitte und scheint zufrieden. Er kommandiert: „Schritt und -Halt!“ Und dann sagt er sehr leutselig und gutmütig zu seinen Jungen: -„Bloß keine Angst haben! Es wird sich schon alles machen! Ihr könnt -auch ruhig mal in die Zwiesel greifen!“</p> - -<p>Dann haben sie einen Augenblick Ruhe, und Hiller fängt nun doch an, -etwas von dem erträumten Glück zu verspüren.</p> - -<p>Nachher aber folgen zwei schwere Stunden, in denen sie Schritt reiten -müssen und in denen die freudige Begeisterung erheblich abflaut.</p> - -<p>Hoch steht die Sonne am Himmel, und der ganzen Gesellschaft perlt der -Schweiß auf der Stirn, als es endlich heißt: „Absitzen!“</p> - -<p>Sie führen die Gäule in den Stall, nehmen Sattel und Zaumzeug herunter -und reiben mit großen Strohwischen das Fell der erhitzten Tiere ab. -Dann müssen sie wieder heraus, und der Wachtmeister sieht zu, wie sie -die Hufe auskratzen und waschen. Bei dieser Arbeit läßt Hipp nichts zu -wünschen übrig. Und auch das Striegeln geht ihm glatt von der Hand. -Der Wachtmeister ist immer dicht an seiner Seite und ist vielleicht -enttäuscht, keine Gelegenheit zum Losbrüllen zu finden. Schweigend, -den Mund im leichten Hohn verzogen, steht<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">– 90 –</a></span> er da, und manchmal trifft -ihn ein guter, vertrauensvoller Blick von Hipp, der sich über den -Wassereimer beugt.</p> - -<p>„Einjähriger?“ fragt er ihn, und Hipp sagt leuchtenden Auges: „Zu -Befehl, Herr Wachtmeister, Abiturient!“</p> - -<p>Der sagt nichts und wendet sich um zu denen, die die Futterkarren -heranschieben. Das Futter wird jedem einzelnen zugemessen; sie füllen -ihre Eimer mit Wasser zum Tränken und dann sind sie frei.</p> - -<p>Hillers Pferd hat den Namen ‚Arbeiter‘. Er hat schon Sympathie für sein -Pferd gefaßt und klopft ihm den Hals.</p> - -<p>Hipp sagt: „Das verfluchte Biest, das sie mir zugeschustert haben, -heißt ‚Anton‘“, und er versetzt ihm einen Schlag aufs Hinterteil, der -schon keine Liebkosung mehr ist. Dann hängt er sich an Hillers Arm und -sagt: „Mensch, du hast doch nicht die Absicht, den Mannschaftsfraß zu -essen? Zum wenigsten gehen wir doch in die Unteroffizierskantine, wo -man von Tellern ißt.“</p> - -<p>Hiller zögert einen Augenblick, denn er möchte wirklich nicht gern zu -schnell um neues Geld bitten. Aber mit einem Ruck wirft er die Bedenken -beiseite.</p> - -<p>„Gut, gehen wir in die Unteroffizierskantine.“</p> - -<p>Und dort wird ihnen für eine Mark ein sehr anständiges und reichliches -Essen serviert, das sie durch eine Berliner Weiße noch verbessern. -Hipp holt dann noch zwei Stück Pflaumenkuchen zum Nachtisch. Ein paar -alte Leute treten zu ihnen und werden zum Glas Bier eingeladen, und -dafür kramen die wieder allerlei Erfahrungen und gute Lehren aus und -versichern vor allem, daß nur die ersten Tage schlimm und anstrengend -sind. Nachher spürt man es gar nicht mehr, daß man vom Morgen bis zum -Abend auf den Beinen ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">– 91 –</a></span></p> - -<p>Das ist besonders für den kleinen Hiller eine tröstliche Aussicht. Denn -er fühlt sich schon jetzt scheußlich schlapp, alle Knochen tun ihm weh -und noch liegt der lange Nachmittag vor ihm. Am liebsten möchte er -jetzt die Augen zufallen lassen und eine Stunde schlafen. Aber erstlich -weiß er nicht wo, denn hier auf dem Holzstuhl der Unteroffizierskantine -kann er den Kopf nicht hintenüber lehnen, und dann hat er eine heiße -Angst, man könnte ihn vielleicht nachträglich noch als zu schwach -erkennen und ihn wieder heimschicken.</p> - -<p>Er hat sein Leben lang immer alles gekonnt, was er wirklich gewollt -hat, und so wird er auch jetzt das bißchen Müdigkeit und Hüftweh -überwinden.</p> - -<p>Hipp holt sich eine Tasse Kaffee, weil die wieder lebendig macht, und -Hiller folgt seinem Beispiel. Der Kaffee tut seine Schuldigkeit: sie -werden wieder mobil und sind völlig frisch, als sie um halb drei Uhr -zum Fußdienst antreten.</p> - -<p>Der Fußdienst ist heute nur eine Vorbereitung für das, was später -kommen soll. Sie erhalten Unterricht im militärischen Grüßen und -Verhalten den Vorgesetzten gegenüber, und ganz besonders wird ihnen -noch einmal ein Vortrag über militärischen Gehorsam gehalten.</p> - -<p>Der späte Nachmittag trifft sie wieder im Stall. Ein jeder hat sich in -der Kantine einen Beutel mit Putzzeug kaufen müssen, und sie putzen und -reiben an Sattel- und Zaumzeug herum.</p> - -<p>Hipp erzählt Berliner Witze und vor allem von einem kleinen blonden -Mädchen, das ihm versprochen hat, jeden Tag einen Brief zu schreiben. -Na, er wird ja nachher beim Appell sehen, ob sie Wort hält. Beim -Abschied hat sie sich fast die Augen ausgeweint, denn sie<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">– 92 –</a></span> kennen sich -seit einem halben Jahr und wollen sich treu bleiben.</p> - -<p>Hiller schwankt einen Augenblick. Seine Gedanken fliegen zu Hannchen, -aber er bringt es nicht fertig, auch seinerseits etwas über Hannchen -zum besten zu geben.</p> - -<p>Gegen Abend tritt einer, den er erst vom Ansehen kennt, zu ihm heran -und zieht ihn in eine Ecke.</p> - -<p>„Mensch, können Sie mir die Gefälligkeit erweisen und mir mit fünf Mark -aushelfen? Ich bin in Verlegenheit!“ Und Hiller, der noch nie jemand -angepumpt hat, zieht prompt seinen Brustbeutel heraus und gibt ihm, -nicht ganz leichten Herzens, das Verlangte. Nun muß er also doch die -Mutter schon um Geld bitten.</p> - -<p>Beim Appell werden die Postsachen verteilt. Hipps Gesicht strahlt, -denn sein Mädchen hat Wort gehalten und ihm einen Brief geschrieben. -Aber auch Hiller geht nicht leer aus; es ist ein Paket und ein Brief -für ihn da. Das Paket ist mit Eilpost gekommen und enthält all -das, was er der Mutter schon in Berlin für den Fall seiner Annahme -aufnotiert hatte, und im Brief, der dem Paket beiliegt, findet er einen -Zwanzigmarkschein. Der andere Brief ist von Großmutter, und auch er -enthält eine angenehme Einlage.</p> - -<p>„Famos!“ Und sein Gesicht strahlt mindestens so hell wie das des guten -Hipp, der den Brief seines Mädchens zum drittenmal liest.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Krieg rauscht mit rasender Eile, mit nie geahntem Entsetzen, -unsäglichen Greueln durchs belgische Nachbarland! Was ist nicht -geschehen in diesem halben Monat, seit der Krieg begann!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">– 93 –</a></span></p> - -<p>Ist man ins Mittelalter zurückgekehrt? Ist alles, was Jahrhunderte -in eifrigem, rastlosem Fleiß an der Kultur gearbeitet haben, ganz -umsonst gewesen? Wer ein leicht erregbar Herz hat in diesen Tagen des -Entsetzens, der ist verloren. Wer so geartet ist, daß er sich dem Leid, -dem Weh, das den Mitmenschen heimsucht, nicht verschließen kann und -will, der weint Tränen in diesen Tagen, die schlimmer sind, als das -Blut, das aus schmerzender, brennender Wunde fließt.</p> - -<p>Ein jeder leidet, ein jeder kämpft am Morgen, damit er den Tag und das -Furchtbare, das er finden kann und wird, ertragen könne. Deutschland -hat ein Ehrenband bekommen, das alle Herzen zusammenschmiedet, alles -Kleinliche, alles Alltäglich-Gemeine ist über Bord geworfen, jetzt bei -Beginn dieses grauenvollen Krieges.</p> - -<p>Ob es so bleiben wird, wer mag es wissen? Ob auch ein Krieg, ob Greuel -und Tod und Mord zur Gewohnheit werden können, und einen nüchternen -Alltag wieder aufkommen lassen, wer mag es wissen? Für den Augenblick -zum wenigsten scheint alles zu schweigen; für den Augenblick hat auch -der Armseligste vergessen, daß er ein Einzelwesen ist und kleine und -große selbstische Wünsche im Herzen trägt.</p> - -<p>Jetzt spricht eine furchtbare Stimme zum deutschen Volke.</p> - -<p>Feind um Feind ist aufgestanden; die ganze Welt scheint sich verbunden -zu haben, um das Land, das Volk, das niemandem etwas zuleide tat, das -nichts weiter tat, als rastlos voranzustreben, zu vernichten.</p> - -<p>Kann Gott das geschehen lassen? Kann Gott, der Allgerechte und -Allgütige, das wollen?</p> - -<p>‚Nein, nein und tausendmal nein!‘ braust es von<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">– 94 –</a></span> den Kanzeln herab. -‚Das kann Gott nicht wollen! Gott kann nicht zugeben, daß das einzig -schuldlose, gerechte Volk einer Meute von gemeinen, habgierigen, -verlogenen Feinden unterliegen soll.‘</p> - -<p>Die Kirchen sind überfüllt in dieser Zeit. Nicht aus Angst, nicht -aus kleinen Motiven sitzen auch die auf den Kirchenbänken, die sonst -in Jahren das Gotteshaus nicht betreten haben. Es geht nicht anders; -man muß heraus aus der gewohnten Umgebung — man muß es laut und mit -heißer, inbrünstiger Sicherheit verkünden hören:</p> - -<p>„Das kann Gott nicht wollen! Das darf und wird nicht sein, daß der -Schuldlose vernichtet wird, und daß Neid und Mißgunst und schnöde -Habsucht siegen werden!“</p> - -<p>Die Welt ist in Aufruhr. Wer sich nie zuvor gesehen, spricht jetzt mit -dem andern, als sei er seit Jahren sein Freund. Wer schon ein heißes -Herzweh erfahren hat, schon Mann oder Kind hergeben mußte, der wird um -seines Schmerzes willen geliebt und geehrt von jedem, der von seinem -Unglück erfährt.</p> - -<p>Es ist unsäglich schwer und doch schön, in dieser Zeit zu leben!</p> - -<p>Mag sein, daß unsere Enkel uns dereinst beneiden, wenn wir ihnen die -Geschichte des Krieges von 1914/15 erzählen — mag sein, daß wir uns -am Ende unserer Tage uns selbst segnen, in dieser Zeit gelebt zu haben -— jetzt aber blutet das Herz aus tausend Wunden, und wer eine tätige -Phantasie hat, der hüte sich, ihr freie Zügel zu lassen.</p> - -<p>Wer kann noch ruhig und frohgemut an seinem Tisch sitzen und sein -täglich Brot verzehren? Wer muß nicht derer gedenken, die Haus und -Heimat verlassen mußten, die schon den Krieg in nächster, allernächster -Nähe sahen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">– 95 –</a></span></p> - -<p>Glücklich — gesegnet die, die draußen sind, die alles von sich -abgeworfen haben und sterben oder siegen wollen! Sie brauchen -nicht zu denken, sie haben nicht das quälende, bittere Gefühl der -Zurückbleibenden, der Abwartenden, die unter der Sicherheit, in der sie -noch leben, leiden, während die draußen Blut und Leben für sie hingeben.</p> - -<p>Und glücklich auch jene ganz Jungen, die in heller, heiliger -Begeisterung ihren Einzug in die Kasernen gehalten haben — jene -allerbegeistertsten, die am liebsten von der Stelle weg in den Kampf -gezogen wären, da, wo er am wildesten und blutigsten tobt! Seltsames -haben sie erfahren in den Tagen, die nach Schulabschluß, nach der -vermeintlichen Freiheit für sie kamen.</p> - -<p>Die Begeisterung ist so still geworden; die heiße Freude, mittun zu -dürfen, ist gedämpft. Sie kommen überhaupt nicht mehr recht zum Denken. -Die jungen, verwöhnten Körper müssen Unglaubliches leisten; die feinen -Stadtjungen müssen so Ungewohntes hören, und der Schlaf ist so kurz -bemessen. Aber schadet nichts, schadet nichts! Nur nicht schlapp -werden, nur aushalten! Es geht ja auch, man muß nur wollen, mit aller, -aller Kraft muß man wollen!</p> - -<p>Manchmal bekommt man ein Zeitungsblatt in die Hand und liest, was sich -draußen in der Welt abspielt. Aber man faßt es nicht ganz. Man hat auch -immer das Gefühl: ‚Ja, wenn ich erst dabei wäre!‘ Und es ist gut, daß -sie so denken, denn wenn nicht ein jeder von sich selbst das Gefühl -hätte, daß er riesenhafte, ganz unerhörte Kräfte in sich trägt, wie -sollte dann der Krieg gegen die Übermacht geführt werden können?</p> - -<p>Einstweilen aber heißt es für diese Jüngsten im deutschen Reiche: -‚Drill — Drill — Drill!‘ und putzen und<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">– 96 –</a></span> Stuben fegen und am Abend -todmüde auf den Strohsack fallen.</p> - -<p>Der kleine Hiller kämpft in diesen ersten Tagen einen verzweifelten -Kampf.</p> - -<p>Es ist scheußlich! — Er fühlt, daß er den Willen, den er mit eiserner -Kraft zügelt, nur einen Augenblick locker zu lassen braucht, dann ist’s -aus.</p> - -<p>Jeder Knochen im ganzen Körper tut ihm weh! Todmüd’ fühlt er sich vom -Morgen bis zum Abend. Die Hände sind vom ewigen Putzen aufgerieben, die -Füße brennen, er hat das Gefühl furchtbarer Mattigkeit — hat ewig das -Gefühl, hungrig zu sein, aber wenn das Essen vor ihm steht, schmeckt es -ihm nicht.</p> - -<p>Scheußlich! scheußlich! scheußlich!</p> - -<p>Einer von ihnen ist schon schlapp geworden und hat um Entlassung -gebeten. Hinter dem haben sie alle hergelacht, und der Wachtmeister -hat sein niederträchtigstes Gesicht aufgesetzt, als er ihm den -Entlassungsschein gab. Dies höhnische Gesicht des Wachtmeisters hat -sich in Hillers Herz wie mit blutiger Schrift eingegraben. Nein, eher -sollen sie ihn halbtot vom Platze tragen, ehe er seiner Schwäche -nachgibt.</p> - -<p>Hipp sagt eines Tages seelenruhig zu ihm:</p> - -<p>„Wenn mir die Sache zu toll wird, schwenke ich ab. Ich hab’ mich -doch zum Teufel nicht als Kriegsfreiwilliger gemeldet, um Stuben -aufzuwaschen und Sattelzeug zu putzen!“ Aber dabei lacht er und sieht -wundervoll gesund aus.</p> - -<p>Doch es soll noch schlimmer kommen. Der Oberleutnant schreitet eines -Tages durch die Ställe, und ein heiliges Kreuzdonnerwetter tost nach -dem anderen herunter.</p> - -<p>„Was ist das für eine heillose Schweinerei! In den<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">– 97 –</a></span> Ställen ist -überhaupt kein Boden mehr zu sehen; halbfußhoch ist der Mist -festgetreten, als ob seit drei Monaten hier nicht gesäubert worden -wäre!“</p> - -<p>Der Wachtmeister erklärt dem Oberleutnant die Ursache. -Selbstverständlich sieht hier nicht alles so aus wie in anderen Jahren. -Man hatte über all der Aufregung keine Zeit, die alte Ordnung und -Reinlichkeit aufrechtzuerhalten.</p> - -<p>Aber was nutzt das alles? Die Ställe müssen wieder ordnungsmäßig -aussehen. Also Freiwillige vor und ausmisten!</p> - -<p>Hiller hat wieder falschen Sitz gehabt und ist vom Bügelriemen -gescheuert worden; das Bein ist ganz wund. Anderen ist’s viel schlimmer -ergangen — ja, einen, der einen Tritt vors Schienbein bekam, und der -vor lauter Schmerz laut aufgeschrien hat, mußten sie unter einem Hagel -von Flüchen ins Revier schaffen.</p> - -<p>Aber der kleine Hiller ist noch so furchtbar empfindlich. Wenn er den -ganzen Morgen lang schlapp, faul und schläfrig gescholten wird, fängt -er an, sich unglücklich zu fühlen. Einer von den Wachtmeistern, der -es gut mit ihnen meint, hat ihnen in einer längeren Rede erklärt: -„Selbstverständlich kann man euch nicht mit Kosenamen benennen, -und wenn mal ein derbes Schimpfwort fliegt, dann müßt ihr das eben -hinnehmen und euch sagen, daß eurem Wachtmeister auch mal die Galle -überläuft!“</p> - -<p>Diese Erklärung hat ihnen wohlgetan. Das wissen sie natürlich, daß beim -Drillen geschimpft wird, das gehört einfach dazu. Aber dennoch: wenn -der Wachtmeister sich einen einzelnen heraussucht und den einen ganzen -Vormittag nicht wieder losläßt, und wenn dieser arme<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">– 98 –</a></span> Teufel dazu ein -empfindsames Gemüt hat, dann ist das doch eine sehr niederträchtige -Sache.</p> - -<p>Dem armen kleinen Hiller ist’s zum Tode weh zumute. Soll er jetzt an -Hipps Stelle treten und der Unglückswurm seines Beritts werden?</p> - -<p>Rot ist sein Kopf, und der Schweiß steht ihm in dicken Tropfen auf der -Stirn, als es endlich ‚absitzen‘ heißt.</p> - -<p>„Eine Viertelstunde Mittagspause — Kommando, in der Mannschaftskantine -zu essen — dann Drillichanzug anziehen und zum Ausmisten in den Stall -antreten!“</p> - -<p>Sie sind wütend; sie kommen sich gedemütigt vor — diejenigen -wenigstens, die von den hohen Schulen gekommen sind, um dem Vaterland -zu dienen.</p> - -<p>Heißt das auch noch dem Vaterland dienen, wenn sie Ställe ausmisten? -Hipp ist nur über den Zwang, den Mannschaftsfraß essen zu müssen, -aufgebracht. Mit ihren Näpfen treten sie an. Weiße Bohnen und Speck -gibt’s und duftet herrlich. Und — Teufel, ja — schmecken tut es -großartig! Das müssen sie trotz ihrem Ärger zugeben. Hipp läßt sich -seinen Napf zum zweitenmal füllen.</p> - -<p>Es geht in fliegender Eile. Hinauf in die Stuben, aus den Reithosen -heraus und in den Drillich hinein.</p> - -<p>Hipp holt ein rosa Briefchen aus seiner Rocktasche: „Da, lies mal!“ Er -gibt es Hiller.</p> - -<p>‚Mein süßer, geliebter Schatz!‘ liest der und wirft den Brief -Hipp wieder zurück. Was gehen ihn Hipps Liebesbriefe an? Es ist -überhaupt gemein von dem, daß er sie in der Kaserne vorliest und sich -damit brüstet. „Der blasse Neid,“ sagt Hipp, hält sich aber doch -freundschaftlich an Hillers Seite.</p> - -<p>Unten steht schon der Wachtmeister und brüllt sie an:<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">– 99 –</a></span> „Freiwilliger -Hiller, wissen Sie nicht, daß Sie Stallwache haben?“</p> - -<p>Hiller ist erstaunt, daß er mit ‚Sie‘ angeredet wird. „Zu Befehl, -Herr Wachtmeister! Ich war nur zum Essen in der Kantine und habe den -Reitanzug ausgezogen.“</p> - -<p>„Wenn ich noch einmal einen, der Stallwache hat, nicht auf seinem -Posten treffe, gebe ich Arrest!“ sagt der Wachtmeister und wendet sich -ab.</p> - -<p>Es werden kleine, scharfe Harken an die Freiwilligen verteilt, denn -der Mist ist so festgetreten, daß sie ihn losklopfen müssen. Der dicke -Hipp kniet im Schweiße seines Angesichts da und klopft, ist aber nicht -aus der Laune zu bringen und reißt Witze. Sobald der Wachtmeister außer -Sicht ist, lachen sie alle mit ihm; er hat eine ungeheuer komische -Art, seine Vorgesetzten nachzuahmen. Selbst Hiller kann nicht ernst -bleiben, wenn Hipp seine Possen treibt. Dieser harmlos aussehende dicke -Mensch hat es faustdick hinter den Ohren. Er ist frech und kühn, sobald -der Wachtmeister den Rücken gekehrt hat, und sieht wie ein Gotteslamm -aus, wenn er ihm gegenübersteht. Sein prachtvoller Humor und seine -strotzende Gesundheit bringen ihn über alle Widerwärtigkeiten hinweg.</p> - -<p>Und an diesen beiden glücklichen Gaben fehlt es dem armen Hiller so -sehr! Wohl hat er Verständnis für Humor; ja, in einem ganz kleinen -Winkel seiner Seele sitzt etwas vom Schalk, der sich ganz selten einmal -etwas hervorwagt, aber gleich ängstlich verschwindet, wenn ein Schatten -auf den Weg seines Lebens fällt. Und mit seiner Gesundheit ist es auch -eine eigene Sache. Krank ist er nicht — — — aber auch nicht recht -widerstandsfähig.</p> - -<p>Müd’ — schlapp — kaputt!</p> - -<p>Auch jetzt tut ihm der Rücken infam weh, das vielfach<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">– 100 –</a></span> am Lederzeug -aufgescheuerte Bein schmerzt und, was das Schlimmste ist, die große, -schöne Begeisterung ist fort, ist einfach weggeflogen.</p> - -<p>Sehnsucht nach dem stillen geistigen Leben ist erwacht. Er gedenkt der -Abende mit der Mutter. Sie haben zusammen auf dem Sofa gesessen, und -entweder hat sie gelesen, oder er hat ihr erzählt, und sie waren beide -stumm geblieben, und die Mutter hat ihm den Arm um die Schultern gelegt.</p> - -<p>Hipp erzählt nun doch wieder von seinem blonden Mädchen, und Hiller -hört zu, ohne es zu wollen. Er erzählt sehr anschaulich — er verrät -kolossale Kenntnisse, die er freiwillig zum besten gibt.</p> - -<p>Dabei schaufeln sie Berge von Mist vor sich auf, und draußen rollen -zwei Freiwillige Karren an, um den Mist zum Dunghaufen zu bringen. Hipp -und die zwei anderen, die zusammen arbeiten, sagen: „Schaufeln her!“ -Aber es sind keine Schaufeln da. „Hiller, du hast Stallwache, du mußt -für Schaufeln sorgen!“</p> - -<p>Hiller weiß wohl, daß er Stallwache hat, das heißt, daß er die ganze -Nacht über mit einem anderen, der ihn alle zwei Stunden ablösen muß, -im Stall zu bleiben hat, aber er sieht deshalb nicht ein, warum er es -gerade sein soll, der für Schaufeln zu sorgen hat.</p> - -<p>„Geh du doch,“ sagt er zu Hipp; und Hipp geht auch, kommt aber mit -leeren Händen zurück.</p> - -<p>„Tatsache, Hiller, du mußt gehen — der Wachtmeister weiß auch, daß du -Stallwache hast!“</p> - -<p>Da macht sich Hiller zum Wachtmeister auf. Stramm, die Hacken -zusammengeklappt, steht er vor ihm.</p> - -<p>„Verzeihung, Herr Wachtmeister, wir möchten um Schaufeln bitten!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">– 101 –</a></span></p> - -<p>„Schon wieder einer! Kerls, was wollt ihr denn mit den Schaufeln?“</p> - -<p>„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, den Mist in die Karre laden!“</p> - -<p>„Dämlack!“ schrie ihn der Wachtmeister an. „Wozu hat Gott euch denn -eure natürlichen Schaufeln gegeben?“ Dreht sich um und läßt den kleinen -Hiller abziehen.</p> - -<p>Sie werfen nun den Mist mit ihren Händen in die blauen Arbeitsschürzen, -die sie tragen, und leeren ihn in die Karren. Die alten Leute, die -vorübergehen und die nicht mitzutun brauchen, lachen sie aus.</p> - -<p>„Das schmeckt gut, was? Nach so einer Ausmisterei ist man für zwei Tage -satt und braucht nichts zu essen!“</p> - -<p>Es ist ihnen gleichgültig geworden. Auch dem dicken Hipp tut jetzt der -Rücken weh — aber der Wachtmeister treibt zur Eile an. „Bis zum Appell -muß der Boden blank und glatt wie Parkett sein.“</p> - -<p>Nein, sie wissen es nicht mehr, daß Deutschland gegen eine Welt von -Feinden streitet, und daß sie mit so heißer Hingabe in die Kasernen -gezogen sind, um in ein paar Wochen mitzutun.</p> - -<p>Sie knien vor ihrem Misthaufen und sind stumpf und müd’ geworden. -Denken überhaupt nicht mehr an das Große, Gewaltige, das draußen in der -Welt vor sich geht — — — denken nur noch an sich selber und an ihre -eigenen Leiden, an den schmerzende Rücken und an den Durst, den sie -nicht löschen dürfen.</p> - -<p>Und der verärgerte Wachtmeister brüllt sich die Kehle wund, weil es -nicht schnell genug geht.</p> - -<p>Die müden Hände hacken, Schürzen werden gefüllt, und die Karren rollen -hin und her. Um sechs Uhr ist der<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">– 102 –</a></span> letzte Karren weg. Nun Wasser holen -— zehn, zwanzig Eimer Wasser und schrubben, was das Zeug hält.</p> - -<p>Der Wachtmeister reißt Hiller seinen Besen aus der Hand. „Kerl, willst -du mir einen Tango vortanzen?“ Und er macht ihm das Schrubben auf -energische Weise vor.</p> - -<p>Nun geht es glatt weiter. Die Wasserplantscherei hat etwas Lustiges. -Hipp läßt das schmutzige Wasser hoch gegen die anderen aufspritzen. -„Das müßte mein Mädchen sehen!“ sagt er. Er denkt nichts anderes als -sein Mädchen. Den ganzen Tag spricht er von ihr.</p> - -<p>Der Oberleutnant kommt zum Revidieren. Er ist zufrieden.</p> - -<p>„Antreten zum Appell!“</p> - -<p>Hipp bekommt seinen erwarteten Brief und schmunzelt. Hiller geht leer -aus. Er läßt den Kopf hängen und kehrt in den Stall zurück. Die anderen -sind jetzt frei und können in die Kantine oder in die Stadt gehen. Er -aber sitzt auf einer Futterkiste im Stall und sieht trübe vor sich hin.</p> - -<p>Der ‚alte Mann‘ der mit ihm die Wache hält, fragt: „Soll ich Essen -holen?“</p> - -<p>Das bedeutet natürlich, daß er auf Hillers Kosten für sie beide Essen -holen will. Hiller zieht einen Taler aus seinem Brustbeutel heraus, und -der andere kommt bald mit einem Arm voll Butterbroten, mit mehreren -Paar Würstchen und zwei Flaschen Bier zurück.</p> - -<p>Sie essen gemeinsam auf ihrer Futterkiste und schwatzen, bis die Sonne -sinkt.</p> - -<p>Um neun Uhr legt sich der ‚alte Mann‘ ins Stroh, zieht einen Woilach um -sich, und Hiller bleibt allein.</p> - -<p>Regungslos bleibt er auf seiner Futterkiste sitzen. Der Rücken -schmerzt, und ins arme Herz ist ein Leid ge<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">– 103 –</a></span>zogen, so schwer, so heiß, -daß er’s kaum zu ertragen vermag.</p> - -<p>Die Öllaternen im Stall werfen trübe Lichter um sich. Die Halfterketten -klirren — der warme Dunst aus all den Tierleibern strömt stark und -erregend zu ihm hin.</p> - -<p>Er muß an all das, was Hipp ihm die Tage über von seinem Mädchen -erzählt, denken.</p> - -<p>In Hillers Kopf will es nicht hinein, daß man von einem Geschöpf, für -das man Liebe und Verehrung empfindet, vor anderen sprechen kann. Im -Anfang hat es ihn angewidert, wenn Hipp von dem Mädchen sprach; aber -man kann schließlich die Ohren nicht zustopfen, wenn einer so ständig -von derselben Sache erzählt.</p> - -<p>Und jetzt, in dieser halbdunklen Einsamkeit, in dieser tiefen -Sehnsuchtsstimmung, in dieser warmen, von einem erregenden Duft -erfüllten Luft steigt heiß und drängend im armen, kleinen Hiller ein -bisher ungekanntes Verlangen auf.</p> - -<p>Tränen fließen ihm aus den Augen. Die Hände haben sich zu Fäusten -geballt — weh, furchtbar weh ist ihm ums Herz.</p> - -<p>Ein Pferd hat den Kopf aus dem Halfter gelöst und versucht -auszubrechen. Er springt hin und bekommt es zu fassen, bevor es draußen -ist.</p> - -<p>Das Tier schnuppert an ihm herum und läßt sich willig anketten. Er -schleicht zu seiner Futterkiste zurück; er sitzt und seine Gedanken -fliegen zur Mutter. Wo mag die sein? Ob sie allein zu Hause sitzt? Ob -sie zur Großmutter gefahren ist?</p> - -<p>Er sieht sie vor sich, hört sie reden, sieht sie weinen. Natürlich -weint sie um ihn. Die Trennung mag schwer auf ihr lasten. Bislang hat -er noch nicht recht darüber<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">– 104 –</a></span> nachgedacht, wie einsam es um sie sein -muß. Nun aber kommt es plötzlich über ihn. Die traulichen Zimmer, in -denen er mit ihr gelebt hat, sieht er vor sich. Die Bilder an den -Wänden leuchten zu ihm herab. Er sitzt mit ihr in der halbdunklen -Sofaecke, den Kopf an sie geschmiegt.</p> - -<p>Wie schön waren diese Abende mit ihr gewesen! Wie schön dies ganze -stille, einfache Leben! So geborgen, so warm! Wenn man etwas auf dem -Herzen gehabt, hat man’s abends der Mutter gesagt, und alles war gut -gewesen. Und hat sich doch eigentlich immer nach was anderem gesehnt. -Hat immer gerechnet, wieviel Vierteljahre man noch auf der Schulbank zu -sitzen und abzuwarten hat, bis das eigentliche Leben kam.</p> - -<p>Und nun ist dies eigentliche Leben da — nun ist man ganz plötzlich -aus allem herausgeschleudert worden! Man ist Soldat geworden und will -fürs Vaterland kämpfen. So stolz, so glücklich, so begeistert ist man -gewesen.</p> - -<p>Warum nur? Für was nur?</p> - -<p>Man hört ja nichts mehr vom Krieg. Man tut ja nichts, gar nichts zur -Sache. Den ganzen Tag wird man angeschnauzt — Schimpfnamen fliegen -einem um den Kopf. Man mistet Ställe aus und putzt seine Pferde.</p> - -<p>Das hat man doch nicht gewollt! Dafür ist man doch nicht hierher -gekommen! Und der kleine Hiller, der sich jeden Tag von neuem freuen -muß, wenn er überhaupt glücklich auf sein Pferd hinaufkommt und sich -oben behaupten kann — der kleine Hiller, den jedes Glied am ganzen -Körper schmerzt, der einen geradezu verzweifelten Kampf gegen Schwäche -und Schlappheit kämpft, hat in dieser stillen, todeinsamen Nachtstunde -das Gefühl,<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">– 105 –</a></span> daß ihm ein großes Unrecht geschieht, weil man ihn hier -noch festhält, statt ihn in Kampf und Begeisterung ziehen zu lassen.</p> - -<p>Alles ist häßlich und traurig und verzerrt in dieser Nacht. Namenlos -öd und einsam die ganze Welt! Unerträglich das Leid und die heiße -Sehnsucht im Herzen! Die Sehnsucht nach irgend jemandem, der gut zu ihm -ist, der warm und lieb zu ihm spricht — — der die Arme um ihn legt — -ihn küßt.</p> - -<p>Verteufelt! Schon wieder muß er an Hipps Mädchen denken, das ihm jeden -Tag einen Brief schreibt.</p> - -<p>Warum hat er niemanden, der an ihn denkt, der ihm schreibt.</p> - -<p>Wieder hat ein Pferd sich losgelöst und sucht den Ausgang zu erreichen. -Der ‚Arbeiter‘ ist es, sein eigenes Pferd. Er führt es zu seinem Platz -zurück und klopft ihm den Kopf.</p> - -<p>Das Tier schmiegt sich an ihn, berührt ihn mit der warmen, nassen -Schnauze. Da löst sich im armen Jungen der bittre, bittre Schmerz. -Er weint laut auf. Mit beiden Armen umschlingt er den Hals des -Tieres. „Mutter — — Mutter!“ Er schreit es fast. Ein grenzenloses -Heimweh tobt in ihm. „Mutter — — Mutter!“ Und umklammert wie ein -Verzweifelter den warmen Kopf, drückt das Gesicht in die Mähne hinein -und schluchzt und wird gerüttelt und gestoßen von diesem plötzlichen, -wilden, unerträglichen Jammer. Lang steht er so an seinen ‚Arbeiter‘ -geschmiegt.</p> - -<p>‚Nach Hause — zur Mutter zurück!‘ Und er will ihr schreiben: ‚Ich kann -es hier nicht länger ertragen, laß mich zu dir zurückkommen!<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">– 106 –</a></span>‘</p> - -<p>Er schleicht zur Futterkiste zurück — zieht eine zerknitterte -Feldpostkarte aus der Tasche.</p> - -<p>‚Liebes Muttchen!‘ schreibt er — besinnt sich einen Augenblick und -kommt zur Vernunft. Ein ‚Zurück‘ gibt es nicht für ihn. Ausharren muß -er, und wenn es noch tausendmal schlimmer kommt. Aber sehen will er -sie, und da er nicht zu ihr kann, muß sie zu ihm kommen. Das geht — -daran kann niemand etwas finden.</p> - -<p>So schreibt er: ‚Wenn Du willst, so besuche mich, bitte. Ich habe ein -wenig Heimweh nach Dir!‘</p> - -<p>Nachdem er das geschrieben, ist ihm leichter ums Herz geworden. Er -läuft über den Kasernenhof und bringt die Karte zum Kasten.</p> - -<p>Sternklar wölbt der Himmel sich draußen. Kühl ist die Nacht, denn der -Herbst will ganz ganz langsam kommen.</p> - -<p>Tief atmet Hiller auf. Das Leid ist verflogen. Der furchtbare Druck ist -von ihm genommen. Nun ist er nur noch müd’ — hat nur noch Sehnsucht -noch einem langen, tiefen Schlaf.</p> - -<p>Im Stall trifft er den ‚alten Mann‘, der ihn für zwei Stunden abzulösen -hat, an. Der sieht ganz vergnügt aus.</p> - -<p>„Müde, was?“ und schaut lächelnd in das bleiche Knabenangesicht. -„In zwei Stunden kommst du wieder dran, Mensch. Das lohnt kaum der -Mühe, sich hinzulegen! Bleib man gleich auf, sonst wirst du nachher -überhaupt nicht mehr munter. Man kennt das ja bei euch jungen Kerlen. -Muttersöhnchen! Neulich habe ich für einen die ganze Nacht gewacht. Da -hat er mir ’n Taler für geschenkt!“ Und sieht noch forschender, sieht -eigentlich geradezu aufmunternd in Hillers Gesicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">– 107 –</a></span></p> - -<p>Der hat schon die Hand am Brustbeutel. „Ich bin in der Tat sehr müde!“</p> - -<p>Der ‚alte Mann‘ nimmt den Taler und läßt ihn in die Hosentasche gleiten.</p> - -<p>„Da hast du einen Woilach zum Drauflegen; in den andern wickelst du -dich ein, und dann kannst du bis sieben Uhr pennen. Los — mach’, daß -du ins Stroh kommst!“</p> - -<p>Und der kleine, müde Hiller häuft sich das Stroh, aus dem der ‚alte -Mann‘ aufgestanden ist, frisch auf, legt den einen Woilach darauf, -wickelt sich in den anderen ein, und bevor zwei Minuten vergangen sind, -führt ihn sein tiefer, prachtvoller Jungenschlaf aus Leid und Not -dieses Tages hinweg. Das bekümmerte Gesicht wird kindlich und froh. Die -bleichen Wangen röten sich. Und als der ‚alte Mann‘ sich gegen Morgen -einen Scherz macht und ihm mit dem nassen Pferdeschwamm über die Augen -fährt, merkt er’s kaum, dreht sich um und schläft weiter, bis ihn zwei -kräftige Arme an den Schultern packen und hochreißen.</p> - -<p>„Heraus, Mensch — aufgestanden — sieben Uhr — ‚Vize‘ ist im Anzug!“</p> - -<p>‚Vize‘ ist der Vizewachtmeister Peters; und das Wort ‚Vize‘ genügt, -um den kleinen Hiller im Nu hochfahren zu lassen — Hände an die -Hosennaht, Hacken zusammengeklappt.</p> - -<p>‚Vize‘ ging schweigend und höhnisch an ihm vorüber.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Hiller ist dem ‚alten Mann‘ riesig dankbar, daß er ihm für den Taler -die lange Nachtruhe verschafft hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">– 108 –</a></span></p> - -<p>Die Taler fliegen ja erschrecklich glatt und leicht dahin, aber -eigentlich kommt nie ein Brief ohne Einlage an ihn an. Die Mutter -schickt — Großmutter und Großvater schicken, und es gibt noch ein paar -Onkel und Tanten, die nicht nur Worte und schöne Redensarten für den -jungen Kriegsfreiwilligen übrig haben. Es ist eine ganze Menge, was -so in immer neuen Auflagen in Hillers Brustbeutel zusammenkommt. Er -braucht nicht zu knausern, und das ist gut, denn das Knausern liegt ihm -nicht.</p> - -<p>Großmutter schrieb zwar: ‚Daß Du im Restaurant für teures Geld ißt, da -Du das Mannschaftsessen umsonst haben kannst, ist aus zweierlei Gründen -nicht richtig; denn erstens soll ein jeder in diesen schweren Zeiten -sein Geld zusammenhalten oder es fürs allgemeine Wohl hingeben, und -zweitens ist es besser, wenn Du Dich schon jetzt an das Kasernenessen -gewöhnst, damit es Dir später im Feld nicht schwer wird!‘</p> - -<p>Aber sie legt getreulich jedem Brief einen Schein bei, und darum kann -Hiller die großmütterlichen Mahnreden nicht sehr ernst nehmen.</p> - -<p>Er ißt ja auch keineswegs im Restaurant, um sich Leckerbissen zu -verschaffen. Nein, er würde ohne weiteres das Mannschaftsessen genommen -haben, wenn das einfach so möglich gewesen wäre.</p> - -<p>Aber hier sitzt der Haken: er ist Einjähriger — er bekommt Geld — -er ist also einfach verpflichtet, mit den finanziell Gutgestellten im -Restaurant zu essen. Man würde ihn sonst nicht für voll angesehen haben.</p> - -<p>Und ebenso ist er verpflichtet, sich von den alten Leuten gegen gute -Bezahlung Dienste leisten zu lassen und sie abends in der Kantine -freizuhalten. Sie drängen sich<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">– 109 –</a></span> an einen heran und können kolossale -Erleichterungen bringen.</p> - -<p>So zum Beispiel dieser lange Schlaf in der letzten Nacht! Dafür ist ein -Taler wirklich nicht zuviel gewesen. Er fühlt sich prachtvoll frisch — -die Welt lacht ihn an.</p> - -<p>Oben am Kasernenturm ist die Fahne hochgezogen; man feiert einen neuen -Sieg.</p> - -<p>Jetzt weiß man wieder, daß Großes, Gewaltiges sich in Europa abspielt. -— — — Jetzt begreift man, daß man alle Kräfte zusammennehmen muß, um -würdig befunden zu werden zum Mittun!</p> - -<p>Der Wachtmeister sagt: „Natürlich suchen wir zum Ausrücken nur die -besten Reiter heraus, denn einer, der sein Pferd nicht beherrscht, -kann im Kriege nichts leisten.“ Das ist eine sehr selbstverständliche -Tatsache, und Hiller begreift an diesem sonnenhellen Morgen plötzlich, -daß der strenge, nicht sehr geliebte ‚Vize‘ keinen leichten Standpunkt -hat. Denn wie er selbst noch ganz und gar unsicher auf seinem Gaul -sitzt, so ist es mit der Mehrzahl der anderen auch, und doch schimpft -jeder von ihnen über den Drill und hat jeder einzelne den heftigen -Wunsch: Hinaus! Hinaus!</p> - -<p>An diesem Morgen geschieht es, daß ‚Vize‘ sich am Ende der Reitstunde -neben Hillers Pferd stellt und den Hals des Tieres klopft.</p> - -<p>„Reiten noch sehr mittelmäßig, Freiwilliger! Aber man hat doch heute -wenigstens den guten Willen gespürt. Das ist schon etwas, und andere -könnten sich da ein Beispiel dran nehmen!“</p> - -<p>Dabei sieht er zu Hipp hinüber, der zweimal über den Kopf seines -‚Anton‘ hinweggesaust ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">– 110 –</a></span></p> - -<p>Hillers Herz klopft in jäher Freude. ‚Vize‘ hat ihn gelobt — ‚Vize‘ -hat zum erstenmal nicht mit ihm gewütet.</p> - -<p>Die Hand, die den Zügel hält, zittert; er ist außer sich vor Glück. -Keine Spur von Schlappheit mehr — kein Schmerz mehr in den Knochen. -Eine Riesenkraft fühlt er in sich erstehen, und heißer Mut beseelt ihn. -Oh — er kann — er kann — er kann! Immer in seinem ganzen Leben hat -er noch gekonnt, was er wirklich und mit seinen ganzen Kräften gewollt -hat!</p> - -<p>Auf einmal weiß er nun auch, daß er eines Tages Herr seines Pferdes -sein wird. Ja — daß er all die, die hier mit ihm reiten, überragen -wird. Auch die Bauernjungen, die von Kindheit auf mit Gäulen zu tun -gehabt haben.</p> - -<p>Er braucht nur zu wollen, nur wirklich und ernst zu wollen!</p> - -<p>Es wird ihm ordentlich schwer, das Lob des Wachtmeisters still -hinzunehmen; gern hätte er ihm gedankt, ihm die Hand gereicht. Aber er -bleibt still und bescheiden sitzen; nur das Herz schlägt heftig.</p> - -<p>Nach dem Reitunterricht ist ein Fest in der Kaserne, um den großen -neuen Sieg zu feiern. Der Oberleutnant steht vor seinen Husaren und -hält eine kurze, packende Ansprache, die im Kaiserhoch endigt.</p> - -<p>Als sie frei sind, sieht Hipp verächtlich zu Hiller hinüber. „Streber!“ -Und der noch allzu empfindliche Hiller erbleicht vor Ärger, aber -Hipp lacht im nächsten Augenblick und schiebt seinen Arm in den des -Kameraden.</p> - -<p>„Morgen brüllt er dich doch wieder an. Man kennt diese Menschenschinder -ja!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">– 111 –</a></span></p> - -<p>Dennoch bleibt Hiller an diesem Tage in gesteigerter Stimmung.</p> - -<p>Nach dem eilig eingenommenen Mittagessen geht’s zur ersten Schießübung -hinaus. Zwei Wachtmeister führen einen Trupp von vierzig Freiwilligen -zum großen Schießplatz.</p> - -<p>Sie haben eine gute Stunde zu marschieren. Die Hitze ist glühend; die -Sonne glitzert in ihren blanken Knöpfen und spielt mit den grellgelben -Tressen auf den grauen Attilas. Der trockene Boden knirscht unter ihren -Füßen, aber sie gehen wie beflügelt dahin. Mit Ungeduld haben sie -auf diese erste Schießübung gewartet, denn bevor sie nicht schießen -gelernt, können sie natürlich nicht ins Feld. Nun endlich soll es -losgehen!</p> - -<p>Einer von den alten Leuten hatte ihnen gesagt: Zwei Wochen Schießübung -— zwei Wochen Lanzenfechten und Säbelstechen, dann ist die Sache -gedeichselt, dann geht’s los! Dies also ist der eigentliche Anfang; es -werden noch sechs Wochen vergehen, ehe sie herauskommen! Und draußen -wird ein Sieg nach dem anderen erfochten! Wenn das so weitergeht, dann -hat Deutschland ausgekämpft, ehe sie aus ihrem Drill heraus sind.</p> - -<p>Bald dehnt sich der Schießplatz vor ihren Blicken aus.</p> - -<p>Der Wachtmeister - es ist einer, mit dem sie bislang noch nichts zu -tun gehabt haben — lehrt sie in erster Linie den Karabiner richtig -handhaben.</p> - -<p>Auch er brüllt; auch er schimpft wie ein Unsinniger.</p> - -<p>Wachtmeister müssen schimpfen und müssen beim Schimpfen einen -puterroten Kopf bekommen, sonst wird’s nichts.</p> - -<p>Der kleine Hiller hat noch so zarte Hände; für ein paar Minuten hat -es den Anschein, als sollte er hier<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">– 112 –</a></span> den Sündenbock abgeben, denn der -Wachtmeister tobt immer im Kreise um ihn herum.</p> - -<p>Aber es müssen wohl noch Ungeschicktere da sein, denn plötzlich ist -er fort, und nun weiß Hiller auch ganz gut mit seinem Schießprügel -umzugehen.</p> - -<p>Es wird ihnen ein Vortrag gehalten:</p> - -<p>Der Kavallerist muß in jeder Stellung schießen können. Er muß im -Liegen, im Stehen und vom Pferd herabschießen können! Der Kavallerist -muß überhaupt alles können, was der Infanterist kann! Das hat man ihnen -nun schon oft gesagt, und sie wissen, daß sie doppelte Ausbildung -haben werden. Dafür haben sie dann im Feld den Vorteil, auch dann noch -kampffähig zu sein, wenn das Pferd ihnen weggeschossen wird.</p> - -<p>Als Ziel für ihre erste Übung dient ihnen eine Scheibe, die in zwölf -Kreise geteilt und an ein kleines Steinhäuschen gestellt ist.</p> - -<p>Sie haben Platzpatronen bekommen und lernen zunächst den Karabiner -in jeglicher Stellung handhaben. Der Wachtmeister erklärt ihnen -umständlich die Scheibe und die Entfernung, und es vergeht eine gute -Stunde mit den Vorbereitungen, ehe sie endlich zum Schießen kommen.</p> - -<p>Die wenigsten haben Glück; sie schießen aufs Geratewohl. Hipp lacht, -trotzdem der Wachtmeister schimpft, leise vor sich hin, denn es -belustigt ihn ungeheuer, daß er trotz alles Schimpfens mit keinem Schuß -auf die Scheibe trifft.</p> - -<p>Auch Hillers Hand zittert plötzlich. Da er als Knabe viel nach der -Scheibe geschossen hat, hat er das angenehme Gefühl gehabt, hier auf -dem Schießplatz gut zu bestehen und sich womöglich wieder ein Lob des -Vorgesetzten zu holen. Nun aber schleichen sich Angst und Aufregung<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">– 113 –</a></span> an -ihn heran. Es ist ihm schon oft im Leben so gegangen: wollte er zeigen, -daß er eine Sache verstand, so mißlang sie erst recht. Der erste Schuß -geht dann auch richtig daneben, und der Wachtmeister steht wieder -drohend nahe dicht bei ihm. Er spürt den Atem des erregten Mannes, und -sein Kopf wird heiß, und das Herz fängt an zu hämmern.</p> - -<p>„Kerl, bist du des Teufels?“ Der Wachtmeister richtet ihm den Karabiner -in der Hand zurecht. Hipp sieht schadenfroh zu Hiller hinüber.</p> - -<p>Da geht ein Schuß los und trifft fast in die Mitte der Scheibe. „Das -war Zufall,“ sagt der Vorgesetzte kühl und mit leisem Hohn in der -Stimme. „Noch einmal!“ und dreht ihm den Karabiner wieder in der Hand -zurecht. „Ganz gut,“ sagt er dann etwas weniger kühl. „Nun noch einmal, -damit es sich herausstellt, ob es Dusel war oder nicht!“</p> - -<p>Nun wird Hiller kühn und hat wieder das triumphierende Gefühl: ‚Ich -kann, was ich will!‘</p> - -<p>„Man wird ja später sehen, ob das so bleibt,“ sagt der Wachtmeister -befriedigt, geht zu den anderen und ahnt nicht, in welchen -Freudentaumel er den kleinen Freiwilligen mit dem Knabengesicht -versetzt hat.</p> - -<p>Niemand außer Hipp hat an Hillers Schießversuchen Anteil genommen, -niemand beachtet auch, wie die Augen des schmalen Husaren leuchten, wie -er ganz verklärt dasteht.</p> - -<p>Das zweite Lob an einem Tage! Das macht ihn ganz toll.</p> - -<p>Zur Vesperzeit ladet er in der Kantine zwei alte Leute zum Kaffee ein -und schenkt jedem eine Handvoll von den Zigarren, die Großvater ihm -geschickt hat. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">– 114 –</a></span> geht ihm immer so: Hat er selbst eine Freude, dann -muß er auch bei anderen frohe Gesichter sehen.</p> - -<p>Er spricht zu niemandem von dem, was ihn bewegt, aber es ist eine -tiefe Liebe zu allem, was ihn hier umgibt, in ihm aufgekommen. Er weiß -jetzt, daß er im Grund seines Herzens immer Soldat gewesen ist, daß -er nur während der langen Schulzeit keine Gelegenheit gehabt hat, den -militärischen Geist, der in ihm steckt, zu erkennen. Nun aber sieht er -seine Zukunft klar und deutlich vor sich. Selbstverständlich wird er -Offizier werden, und zwar Kavallerieoffizier.</p> - -<p>Wenn er Glück hat und in den Krieg kommt, ist er in einem halben Jahr -Leutnant, und später wird die Beförderung in Windeseile weitergehen. -Seine Phantasie baut ihm goldene Schlösser.</p> - -<p>Mit keinem Gedanken denkt er mehr an die noch gar nicht weit -zurückliegende Zeit, in der er der Mutter mit herablassendem Lächeln -erklärt hat: ‚Offizier? Nein, dafür sind andere da. Der Offiziersberuf -kommt für mich gar nicht in Betracht.‘</p> - -<p>Der kleine Hiller ist erst jetzt eigentlich jung geworden. Er war alt -und klug und blasiert gewesen, bevor er wußte, was jung sein heißt. Man -hatte ihm das so anerzogen, so aufgezwungen. Jetzt fällt es ihm wie -Schleier von den Augen; jetzt, in dieser Zeit, in der Deutschland eine -kraftvolle, gesunde Jugend braucht, soll auch er kraftvoll und gesund -werden!</p> - -<p>Er ist so hin und her geworfen von all dem Neuen, das auf ihn -eindringt; er liegt noch sehr im Kampf, in ganz unbewußtem Kampf mit -dem, was noch vor ganz kurzer Zeit sein Wesen und Denken bedeutete. -Heimweh wechselt mit Hochmut; Selbstbewußtsein ringt mit tiefer<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">– 115 –</a></span> -Niedergeschlagenheit. Heute aber hat Stolz und Freude über alles andere -gesiegt.</p> - -<p>Um halb sieben Uhr wird zum Appell versammelt. Hiller strahlt immer -noch und sieht frohbewegt zu der Fahne hin, die hoch über der Kaserne -weht und an den großen Sieg des heutigen Tages erinnert. Ja, es ist -heute für ganz Deutschland ein Freudentag. Man sieht heute nur wirklich -frohe und zufriedene Gesichter; selbst die Wachtmeister scheinen guter -Laune zu sein.</p> - -<p>Plötzlich hört er seinen Namen rufen: „Freiwilliger Hiller soll -vortreten!“</p> - -<p>Ein Wachtmeister winkt ihn zu sich heran und weist mit der Hand nach -dem vorderen Kasernenhof. „Eine Dame,“ sagt er lakonisch, und Hiller -versteht erst nicht recht, wird dann glühendrot und schreitet langsam, -etwas beschämt, dem vorderen Kasernenhof zu.</p> - -<p>„Mutter!“</p> - -<p>Wie er sie sieht, strömt ihm das Blut heiß zu Herzen, und er fällt ihr -um den Hals — ganz instinktiv einer jähen Aufwallung folgend. Aber im -nächsten Augenblick sinken ihm die Arme schlaff herab. Er sieht scheu -nach allen Seiten um sich.</p> - -<p>Ob jemand das beobachtet hat, ob jemand gesehen hat, wie er der Mutter -um den Hals gefallen ist?</p> - -<p>Auch sie ist verwirrt. Groß und ungläubig sieht sie den Menschen, der -da im schmutzigen Drillichanzug vor ihr steht, an. Ist das Ernst — -ihr kleiner Ernst — ihr Junge? Dunkelgebräunt ist das Gesicht; die -Mütze ist tief in die Stirn gezogen, und der graue Anzug, dem starker -Stallgeruch entströmt, hängt in großen Falten an seinem Körper herum. -Ein leiser Schmerz ist in ihr.</p> - -<p>Sie hat während der ganzen Fahrt hierher das Gefühl<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">– 116 –</a></span> gehabt: ‚Das arme -Jungchen ist krank, ist traurig, ist trostbedürftig!‘ Die zerknitterte -Feldpostkarte mit den wenigen Worten: „Ich habe ein wenig Heimweh nach -dir!“ hat sie erschüttert. Nun sieht sie den Jungen gesunder, als sie -ihn je zuvor gesehen. Wie ein gewöhnlicher Soldat steht er vor ihr, und -die Mütze verbirgt das Schönste, was er hat: die hohe, kluge Stirn.</p> - -<p>Sie muß sich erst an den Anblick gewöhnen, und so stehen sie sich -sekundenlang beide in einem inneren Kampf gegenüber. Der Junge voll -Unbehagen in dem Gedanken, daß irgend jemand ihn beobachten könnte, und -die Mutter traurig und enttäuscht. Sie hat das wehe Gefühl, daß etwas -Fremdes zwischen sie und ihr Kind gekommen ist, daß sich eine Kluft -zwischen ihr und ihm auftun will.</p> - -<p>Hiller führt die Mutter in den Torweg eines der Gebäude, die am -Kasernenhof liegen. „Warum hast du mir nicht erst geschrieben?“ fragt -er zaghaft.</p> - -<p>Da kommen ihr die Tränen. „Du schriebst doch, daß du Heimweh hättest, -Ernst!“</p> - -<p>Er faßt ihre Hand, denn er kann sie nicht gut traurig sehen. „Das kommt -mal so über einen, geht aber schnell vorüber,“ sagt er. „Wenn du mir -wenigstens vom Bahnhof aus telephoniert hättest, daß du hier bist, -Mutter. Hier in der Kaserne kannst du doch nicht bleiben!“</p> - -<p>„Wohin hätte ich denn aber telephonieren sollen?“</p> - -<p>„Nun natürlich nach der Kantine; das tun sie doch alle,“ sagt er sehr -selbstverständlich, und sie ist wirklich fast beschämt, daß sie nicht -an die Möglichkeit einer vorherigen telephonischen Verständigung -gedacht hat.</p> - -<p>„Darfst du denn überhaupt aus der Kaserne heraus?“ fragt sie fast -schüchtern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">– 117 –</a></span></p> - -<p>Der Junge besinnt sich. „Wenn ich Urlaub bekomme. Bleibst du denn über -Nacht hier?“</p> - -<p>Seine Art ist ihr ganz fremd. Der Schmerz in ihr wird immer bitterer.</p> - -<p>„Ich kann doch heute abend nicht mehr zurückfahren, Ernst.“</p> - -<p>„Wo willst du denn hier wohnen?“</p> - -<p>„Ich muß mir ein Hotel suchen, ich bin gleich vom Bahnhof hier -herausgefahren.“</p> - -<p>„Dann mußt du in den ‚Schwan‘ gehen,“ sagt er in freudiger Erinnerung. -„Da habe ich auch die erste Nacht gewohnt, da ist es sehr nett.“</p> - -<p>„Wirst du denn sicher Urlaub bekommen?“ fragt sie weitergehend, denn er -führt sie zum Kasernentor hin.</p> - -<p>Er fühlt sich entsetzlich unfrei, und doch tut ihm die Mutter leid. -Aber, was soll er hier mit ihr anfangen?</p> - -<p>„Ich muß jetzt wieder zurück, Mutter. Aber ich bekomme sicher Urlaub; -denn die anderen haben sich auch schon oft Urlaub geben lassen. Ich -telephoniere dir nach dem ‚Schwan‘. Auf Wiedersehn, Mutter!“ Und bevor -sie noch beim Posten angelangt ist, ist er schon außer Sehweite.</p> - -<p>Sie geht ein Stück die Straße entlang und ist wie benommen. Eine -Sekunde lang hat sie das Gefühl: ‚Das war er ja gar nicht! Dieser -braungebrannte, nach Heu und Stall duftende Soldat war doch nicht Ernst -— der zarte, liebenswürdige, schüchterne Ernst!‘ Aber er war es doch, -und sie muß wieder an Großmutters Worte denken: „Der Junge wird jetzt -ein Mann, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun.“</p> - -<p>Sehr langsam geht sie weiter und kommt auf den schwarzen Husarenweg. -Die Sonne ist fort, und flach<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">– 118 –</a></span> und reizlos dehnt sich das Land vor ihr -aus. Weit kann der Blick hier schweifen, aber vor ihren Augen ist ein -Schleier.</p> - -<p>„Ernst — Ernst!“</p> - -<p>Sie fühlt wieder diese heiße, wehe, instinkthafte Liebe für ihn — -diese selbstverständliche Naturliebe, die auch ein Tier für sein -Junges, das ihm entrissen werden soll, empfinden mag.</p> - -<p>Wer hat ein Recht, ihr den Jungen zu nehmen? Oft schon in dieser Zeit -seit Ausbruch des Krieges hat es so in ihr getobt, hat eine Stimme -in ihr geschrien: ‚Der Junge ist mein — mein — mein! Wer hat ein -Recht, ihn mir zu nehmen?‘ Und hat dann, wenn der Aufruhr im armen, -gepeinigten Herzen vorüber war, den Kopf geneigt und hat an die -tausend und aber tausend Mütter im Deutschen Reich gedacht, die all -dasselbe schwere Opfer darbringen. Und hat auch Zeiten gehabt, in -denen sie ganz ruhig, ganz groß zu denken vermochte; in denen sie sich -stolz und glücklich fühlte, weil ihr Sohn mittun durfte im gewaltigen -Völkerringen, hat wundervolle Zeiten gehabt, in denen sie empfand, -daß es schön und herrlich ist, dem bedrängten Vaterland das Beste und -Einzige, was man besitzt, darzubringen.</p> - -<p>Jetzt, da sie im grauen Abenddämmer in der fremden Stadt auf dem -schwarzen, staubigen Weg langsam dahingeht, ist aber all das Große und -Schöne von ihr abgefallen.</p> - -<p>Sie ist hierhergekommen, um ein heimwehkrankes zartes, bekümmertes -Kind ans Herz zu nehmen, und hat einem gesunden, fast derben Soldaten -gegenübergestanden.</p> - -<p>Auch das tut weh, daß sie ihn so sehen mußte — so wenig schön, so -ungepflegt, so derb.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">– 119 –</a></span></p> - -<p>Sie geht und geht und weiß nicht, wohin. Tiefer senken sich die -Schatten; vor ihr liegt unbebautes Feld, und es ist sehr, sehr einsam. -Kein Mensch ist in der Nähe, und leise Angst kommt in ihr auf.</p> - -<p>Sie geht denselben Weg, den sie kam, zurück. Staubwolken wirbeln, und -ein Hirt kommt mit großer Schafherde durch den schwarzen Staub daher. -Der Hirt strickt an einem Strumpf. Das hat sie noch nie gesehen; nur -aus Erzählungen weiß sie, daß es strickende Hirten gibt. Aber friedlich -mutet sie das Bild dieses graubärtig strickenden Mannes an. Friedlich -auch der Zug der heimkehrenden Schafe und der beiden Hunde, die, ohne -zu bellen, um die Herde herumkreisen. Wie ein Märchen so seltsam! Einen -wunderbaren Kontrast bildet dies stille Bild zu all dem wilden Rasen -draußen in der Welt.</p> - -<p>Ihr Herz ist ruhiger geworden. Aus der halben Dunkelheit ragt das alte -Tor ehrwürdig und gigantisch vor ihr auf. Und dann ist sie plötzlich in -einem lustigen Treiben mitten drin. Husaren in der graugelben Uniform, -die auch ihr Ernst trägt, eilen durch die Straßen; auf hohen Heuwagen -sieht sie die bunten Husaren sitzen, und auf Rädern fahren sie an ihr -vorüber. Froher wird ihr zumute, und sie weiß nun auch, warum sie -vorhin so sehr enttäuscht war. Der graue, schmutzige Drillichanzug -mag sein Teil daran gehabt haben. Der Mensch hängt am Äußeren, und -eine jede Mutter mag Schmerz empfinden, wenn sie ihr Kind so unschön -und so nachlässig im Äußeren findet. Sie ist wieder ganz elastisch -geworden. Ein kleiner Junge, dem sie ein Geldstück verspricht, führt -sie zum ‚Schwan‘. Man weist ihr ein behagliches Zimmer an. Ernst meldet -telephonisch, daß er Urlaub erhalten hat,<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">– 120 –</a></span> und eine halbe Stunde später -hört sie Sporengeklirr vor ihrer Tür.</p> - -<p>Da steht ihr Junge — schmuck in der gutsitzenden Uniform und den hohen -Reiterstiefeln mit der gelben Einfassung! Er wirft seine Mütze auf den -Tisch und umarmt die Mutter jetzt ohne Scheu — kindlich und zärtlich -wie früher.</p> - -<p>„Jungchen — mein Jungchen!“</p> - -<p>Die Haare sind kurz abgeschoren, und auf der Oberlippe ist ein ganz -leichter Flaum von dunkelblonden Härchen zu sehen. Viel männlicher ist -er geworden! Stramm, mit leuchtenden Augen steht er da.</p> - -<p>„Wie gefalle ich dir, Mutter?“ Er tritt vor den großen Spiegel und -staunt sich selbst an. Denn in der Kaserne hat er keine Gelegenheit, -sein Bild in Lebensgröße zu sehen. Sie schaut ihn an und weiß nicht, -was sie sagen soll; ihr Herz ist stolz und doch noch voll Schmerz.</p> - -<p>„Unten wartet ein Kamerad von mir,“ sagt er dann. „Er heißt Hipp und -ließ mir keine Ruhe, bis ich ihn mitnahm. Wenn sein Vater ihn mal -besucht, lädt er mich auch ein.“</p> - -<p>Sie ist sehr enttäuscht. „Ach, Ernst, an diesem ersten Abend willst du -nicht mit mir allein sein?“</p> - -<p>„Das ging nicht anders, Mutter. Aber wir können uns ja auch so alles -erzählen. Hipp ist ein ganz netter Kerl. Wir haben aber nur eine Stunde -Urlaub, und wenn wir noch essen wollen, müssen wir hinuntergehen.“</p> - -<p>Da kamen ihr schon wieder Großmutters Worte in den Sinn: ‚Der Junge muß -jetzt ein Mann werden, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu -tun.‘</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">– 121 –</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das fremde Hotelzimmer grinst sie höhnisch an, als sie es wieder -betritt. Neun Uhr schlägt’s von der Kirche, die nur durch ein drei -Meter breites Gäßchen vom ‚Schwan‘ getrennt ist.</p> - -<p>Eine kurze Stunde hat sie unten im Speisesaal mit den zwei gesessen — -ist nicht aus dem Staunen, aus dem Schmerzgefühl herausgekommen. Ihren -Jungen hat sie angesehen, wie man einen Menschen, den man vor Jahren -einmal genau kannte, und der einem dann irgendwo in sehr veränderter -Gestalt entgegentritt, vielleicht anschauen würde.</p> - -<p>Der dicke, etwas gewöhnlich aussehende Hipp mit seinem gesunden, -naseweisen Witz stößt sie ab; er stößt sie doppelt ab, weil sie sieht, -wie ihr Junge ganz unwissentlich seine Art anzunehmen versucht. Ernst -hat zu Hause selten einen Witz erzählt, und wenn er es tat, so wartete -er den Erfolg nicht ab. An diesem Abend kommt viel ungereimtes Zeug aus -seinem Munde. Es ist, als wolle er der Mutter zeigen: ‚Sieh, was aus -mir geworden ist, seit ich von dir fort bin!‘ Es kann aber auch sein, -daß er sich gar nichts denkt; es kann sein, daß er in ganz jungenhafter -Weise dem Kameraden beweisen will, daß er kein Muttersöhnchen ist.</p> - -<p>Sie weiß an diesem Abend nicht, was sie aus ihm machen soll. Sie weiß -nur, daß sie traurig ist.</p> - -<p>Die niedrigen Fensterchen ihres Zimmerchen stehen weit offen. Kühle -Sommerabendluft strömt zu ihr hinein. Sie sitzt auf dem roten Samtsofa -und stützt den Kopf in die Hand.</p> - -<p>Morgen will sie noch nicht reisen; für morgen hat er sich noch einmal -Urlaub geben lassen. Übermorgen aber<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">– 122 –</a></span> hat es schon keinen Zweck mehr -für sie, hier in der fremden Stadt zu sitzen. Was dann? Wohin soll sie -denn?</p> - -<p>Sie hat grenzenlose Angst vor der Einsamkeit in Berlin; sie hat Angst -vor der Wohnung, in der alles an die so kurz verflossenen Zeiten -erinnert. Wenn sie da in ihrem Zimmerchen sitzt, wird sie ewig auf -Ernsts Schritte lauschen; bei jedem Klingeln wird sie zusammenschrecken.</p> - -<p>Sie kann zur Großmutter fahren; die hat ihr ja gesagt, daß niemand ihr -die Türen weiter öffnen wird, als sie und Großvater es tun. Gott, sie -kann schließlich auch zu anderen Freunden gehen — wenn sie fühlt, daß -sie unter Menschen sein muß. Aber sie denkt nur an die zwei, für die -sie in all den Jahren gelebt hat, und die ihr so plötzlich genommen -werden.</p> - -<p>Warum — wodurch wurden sie ihr genommen?</p> - -<p>Man vergißt den großen, allgemeinen Schmerz immer wieder über dem -eigenen Kummer — man liest in den Zeitungen, man denkt an jene, die -draußen im heißen Ringen liegen, und bringt es doch immer wieder -fertig, zu sich selbst, zum eigenen kleinen Leid zurückzukehren.</p> - -<p>Erbärmlich, daß man so ist!</p> - -<p>Sie hebt den Kopf und fühlt sich freier; tritt zum Fenster und schaut -auf den leeren Marktplatz, der vor ihr liegt. Groß und dunkel ragt -die Kirche auf; davor ein Gebäude mit reichgeschmückter Fassade -und zackigem Giebel. Das wird das Rathaus sein. Links davon eine -Rolandsstatue, steif und hager; wirft einen langen, dünnen Schatten auf -den von Gaslaternen erleuchteten Platz. Still ist’s, der Himmel wölbt -sich hoch und feierlich.</p> - -<p>Hin und wieder treten Menschen vor ein großes,<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">– 123 –</a></span> rotes Plakat, -das in einem schwarzen Kasten hängt, stehen eine Weile und gehen -wieder auseinander. Die Pferdebahn rasselt mit Schellengeklirr und -Peitschenschlag über einen Schienenstrang, der mitten über den Platz -hinweg in ein enges Gäßchen führt. Aus den Fenstern der Häuser wehen -Fahnen — große und kleine, und der Sommerwind bewegt sie, daß sie sich -hoch aufbauschen und lautlos wieder in sich selbst zusammensinken.</p> - -<p>Der Tag eines großen Sieges! Wie das am frühen Morgen in die Höhe -gerissen hatte, um doch einen so grauen Abend folgen zu lassen!</p> - -<p>Warum war der Abend grau? Warum ist das Herz zerrissen? Weil sie -statt eines trostbedürftigen Kindes einen lustigen, gesunden Jungen -vorgefunden hat! Weil der Junge es fertig gebracht hat, sich ohne -weiteres in fremde Verhältnisse einzufügen, und anfängt, sich darin -wohl zu befinden?</p> - -<p>Das muß doch so sein — das ist doch wunderschön, daß es so ist! sagt -ihr Verstand, aber das Herz zuckt.</p> - -<p>Der Junge will fürs Vaterland kämpfen — muß also ein Mann werden -und ist auf dem besten Wege dazu. Er war vor Wochen noch weich und -schmiegsam wie ein Kind, und heute hat sie gefühlt, daß sich etwas in -ihm zu härten beginnt.</p> - -<p>Was kann sie Besseres wollen?</p> - -<p>Warum aber um alles in der Welt hat er ihr denn die wehmütige Karte -geschrieben? Warum um ihren Besuch gebeten?</p> - -<p>Darauf findet sie keine rechte Antwort. Er sah doch an diesem Abend -wirklich nicht aus, als habe er vor ganz kurzer Zeit eine schwache, -heimwehkranke Stimmung gehabt!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">– 124 –</a></span></p> - -<p>Er hat von seinem Pferd erzählt wie von einem guten, lieben -alten Freund; er hat die Wachtmeister nachgeahmt und von seinen -Schießerfolgen berichtet. Dabei haben seine Augen geleuchtet, und er -hat mit einem Bärenhunger gegessen.</p> - -<p>Soll das alles nicht wahr sein? Soll das alles nur etwas Angenommenes, -Aufgezwungenes sein? Und hinter der Maske steckt vielleicht doch noch -ihr kleiner, zarter, zum Grübeln geneigter Junge — ihr weicher Ernst?</p> - -<p>Tiefer wird das Dunkel draußen; vom Kirchturm hallen dunkle, schwere -Glockenschläge.</p> - -<p>In diesem kleinen Städtchen kommt die Nacht früher als im großen -Berlin. Im ganzen Hotel ist Totenstille, in allen Häusern rund um den -Marktplatz sind die Lichter erloschen.</p> - -<p>Aus ihrem Herzen will das Weh nicht heraus. Sie ist auch nicht -fähig, sich zur Größe aufzuraffen. Es ist ihr, als lebe sie in der -Vergangenheit, als habe sie in einem Buch von den Geschehnissen eines -großen, furchtbaren Krieges gelesen.</p> - -<p>Daß es jetzt — in diesen Augenblicken, während dieser stillen Nacht -draußen in der Welt tobt, kann sie heute nicht mehr fassen.</p> - -<p>Der Besuch bei der Großmutter — die aufgeregte Rückfahrt, die bange, -furchtbare Nacht, die folgte, der Abschied im grauen Kasernenhof, die -abziehenden Massen, die Musik, die Rede, Ernsts Karte und die Fahrt -hierher, das Wiedersehen mit ihm — all das fließt jetzt in ihrem -milden Kopf zu einer einzigen, schweren, traurigen Melodie <span class="nowrap">zusammen. -— —</span></p> - -<p>Am nächsten Morgen kommt Ernst um die Mittagszeit<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">– 125 –</a></span> zur Mutter. Er hat -ohne viel Umstände drei Stunden Urlaub erhalten, trägt wieder die -Extrauniform und sieht auch heute wohl und männlich aus.</p> - -<p>Und doch, es ist etwas an ihm, was sie gestern vermißt hat. Eine ganz -kleine Unsicherheit — etwas Hilfloses — so, als ob er gern über eine -Sache sprechen möchte und könnte die Worte nicht finden. Er ist auch -viel natürlicher und zärtlicher heute. Sie sitzen nebeneinander auf dem -roten Samtsofa, und Ernsts Hand hat die der Mutter umspannt. Die Attila -mit dem hohen Kragen zwingt ihn zu guter Haltung. Sein Kopf lehnt an -ihrer Schulter.</p> - -<p>„Es geht dir also wirklich gut, Ernst?“ fragt sie und sieht ihm in die -Augen, die auszuweichen versuchen.</p> - -<p>Er hat an diesem Morgen Unglück gehabt, ist zweimal über den Kopf -seines Pferdes hinausgeflogen, und ‚Vize‘ Peters hat ihn eine volle -Stunde nicht locker gelassen. Die Siegerstimmung vom gestrigen Tag ist -also verflogen. Er hat geglaubt, alle Hindernisse überwunden zu haben, -und ist in die Misere der ersten Tage zurückgeschleudert worden.</p> - -<p>Das frißt an ihm — das hat seinen so hochgewachsenen Stolz verletzt.</p> - -<p>„Ja, es gefällt mir gut!“ sagt er zur Mutter. „Es ist natürlich eine -furchtbare Schinderei; aber sonst ist es wirklich schön!“</p> - -<p>Aber wie er so neben der Mutter sitzt — ganz allein mit ihr — und wie -sie ihm mit der Hand übers glatt geschorene Haar fährt und ihn auf die -Stirn küßt, wird ihm weh zumute. Es ist so rauh und laut da draußen in -der Kaserne. Man ist gar kein Mensch für sich — man ist eine Nummer. -Alles Gute muß man<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">– 126 –</a></span> sich für Geld erkaufen. Schmiert man die alten -Leute, so sind sie hilfreich und freundlich. Gibt man ihnen nichts, so -fangen sie an, zu schikanieren. Man hat auch gar keine Zeit zum Denken -oder Lesen; man verdummt ordentlich. Nicht einmal die Kriegsberichte -erfährt man — höchstens, wenn ein großer Sieg ist.</p> - -<p>Nein — nein — nein! Ernst will nicht klagen. Ernst ist zur Mutter -gekommen mit dem festen Vorsatz, ihr alles in rosigen Farben zu -schildern. Er fühlt sich ja auch gar nicht unglücklich; um keinen -Preis der Welt würde er dies Leben aufgeben. Aber er ist’s nun einmal -gewohnt, der Mutter alles, was ihn bewegt, zu sagen. Es kommt einfach -von selbst aus seinem Mund. Er weiß selbst nicht, was er sagt.</p> - -<p>Die Mutter küßt ihn, und er legt ihr die Arme um den Hals. In ihr Herz -zieht ein Glücksgefühl. Er ist also doch noch ihr Junge, dieser kleine -Soldat in der bunten Uniform mit dem steifen Kragen und den hohen -Reiterstiefeln!</p> - -<p>„Übrigens handelt sich’s ja nur um Wochen, die wir hier in der Kaserne -auszuhalten haben!“ sagte er dann viel froher und richtet sich auf. -„Wenn wir erst im Feld sind — — hat die Schinderei von selbst ein -Ende.“</p> - -<p>Da kommt ihr das ganze Furchtbare der heutigen Zeit wieder zum -Bewußtsein. Diese blutjungen Menschen, die sich hier drillen lassen, -haben die höchste Mission, die ein Mensch haben kann — sie werden mit -all den Abertausenden, die schon draußen sind, fürs bedrängte Vaterland -kämpfen, sie ziehen hinaus, um Blut und Leben hinzugeben, um sich -vielleicht zum Krüppel schießen zu lassen.</p> - -<p>Sie sieht ihren kleinen Ernst an. Weiß so ein Junge<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">– 127 –</a></span> wohl, was er -zu tun im Begriffe ist? Weiß er, was seiner harren kann? Sie weint -plötzlich auf.</p> - -<p>„Was hast du, Mutter?“ Er ist ganz außer sich, er glaubt ihr durch -seine Klagen das Herz schwer gemacht zu haben.</p> - -<p>„Es ist wirklich nicht schlimm, Mutter. Im Gegenteil, es ist eigentlich -sehr schön. Man muß nur erst sicher auf seinem Gaul sein. Ich hab’ doch -auch noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen.“</p> - -<p>„Es ist nicht deshalb, Ernst.“</p> - -<p>„Was denn sonst?“ Er legt ihr den Arm um die Schulter und ist gut und -zärtlich, wie er es früher gewesen ist.</p> - -<p>„Ich möchte bei dir bleiben. Die paar Wochen, die du noch hier bist, -möchte ich in deiner Nähe sein!“</p> - -<p>„Das geht nicht!“ sagte er fast hart, denkt dann einen Augenblick nach, -und das Mitleid steigt in ihm auf.</p> - -<p>„Ich bekomme ja gar nicht so viel Urlaub, und von der Kaserne ist’s -eine halbe Stunde bis zum Hotel.“</p> - -<p>Sie sagt nichts mehr. Vom Kirchturm schlägt die Glocke. Ein Uhr. Der -kleine Husar ist hungrig. Früher hat er sich gern ein paarmal zum Essen -rufen lassen; jetzt ist er es, der drängt, in den Speisesaal zu gehen.</p> - -<p>Am ersten Tisch sitzt der alte Infanterieoberst, den Hiller nun schon -kennt; vor dem macht er Front — grüßt noch nach zwei anderen Tischen -hin und sitzt dann mit der Mutter in einer Nische.</p> - -<p>Nun ist er wieder der, der ihr in den paar kurzen Wochen völlig -entwachsen ist, von dem sie sich gar nicht vorstellen kann, daß er noch -vor ganz kurzer Zeit mit seinen Büchern unterm Arm zur Schule schob. -Ein ganz fertiger Mensch ist er, wie er so hier in seiner Uniform<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">– 128 –</a></span> bei -ihr sitzt. Er ißt mit demselben famosen Appetit, mit dem er gestern -abend gegessen hat, und erzählt lauter lustige Dinge.</p> - -<p>Sie sucht sich ihm anzupassen, auf seine Scherze einzugehen, aber das -Weh im Herzen will nicht weichen. Heute abend oder morgen früh fährt -sie fort von ihm. Er wird es kaum empfinden. Vielleicht, wenn wieder -einmal eine schwache Stunde über ihn kommt, wird er ihr ein wenig -zärtlich schreiben, wird um ihren Besuch bitten. Wie furchtbar schnell -wird eine Mutter überflüssig für ihr Kind!</p> - -<p>Sie denkt an die eigene Vergangenheit. Hat sie’s anders gemacht? Hat -sie an der Mutter Trauer gedacht, als sie dem Mann, dem man sie nur -ungern gab, folgte?</p> - -<p>Das Herz rebelliert. Ihre Mutter hatte damals doch noch andere -Kinder und hatte den Mann; hatte den großen Haushalt, in den sie -hineingehörte! Sie hat aber nichts außer dem Jungen — sie hat alles -hergeben müssen, was sie besaß.</p> - -<p>„Iß doch, Mutter!“ sagt er, als er sieht, daß sie nichts anrührt. -Er trinkt den Wein, den sie kommen ließ, und sie staunt wieder. Ist -er immer so gewesen? So sicher in seinen Bewegungen? So groß? So -selbstbewußt — — oder macht das alles nur die Uniform?</p> - -<p>Sie hat das Gefühl, ihn zu langweilen, weil sie nichts zu sprechen -vermag. Sie kommt aus dem inneren Staunen, aus der Erschütterung nicht -heraus. Bleich sitzt sie und denkt an das „Morgen“, das wie eine große, -graue Wüste vor ihr liegt.</p> - -<p>Gleich nach Tisch wird der Junge von Unruhe gepackt, er will doch -lieber einmal zur Kaserne zurück. Er<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">– 129 –</a></span> hat zwar den bescheinigten -Urlaub, aber er möchte doch nichts versäumen.</p> - -<p>„Du bleibst doch heute abend noch, Mutter!“ Und sie nickt, ohne an eine -bestimmte Antwort zu denken.</p> - -<p>Um fünf Uhr ist er wieder bei ihr und hat den belebten Zug im Gesicht, -der ihm zu eigen ist, wenn er etwas Gutes zu künden hat.</p> - -<p>„In acht Tagen müssen wir den Fahneneid leisten. Dazu kommen viele -Eltern angereist, und weil du doch sagtest, daß du gern bleiben -möchtest, habe ich einen Plan!“</p> - -<p>Es war seltsam, wie sehr sie in der kurzen Zeit der Ereignisse ihre -Rollen getauscht hatten. Bisher war sie es gewesen, die ihm mit -irgendeinem Vorschlag eine Freude zu bereiten pflegte; heute lag es in -seiner Hand, sie froh oder traurig zu machen.</p> - -<p>„Nämlich den Plan, Mutter, daß du vielleicht doch bleiben könntest. Es -hat nur keinen Zweck, daß du so weit von der Kaserne entfernt wohnst. -Hipp hat gesagt, gleich gegenüber bei uns vermieten ein paar Frauen an -Einjährige, und die hätten ihre Zimmer jetzt leerstehen.“</p> - -<p>Er hat wenig Zeit, er will einen schnellen Entschluß.</p> - -<p>„Wenn du also willst, kannst du da wohnen.“</p> - -<p>Sie begreift das nicht so schnell, aber er drängt.</p> - -<p>„Es soll wirklich ganz nett da sein, also komm! Ich hab’ nicht viel -Zeit!“</p> - -<p>Dann gehen sie durchs Tor heraus die lange Straße hin, die zur -Kaserne führt, und Ernst erzählt, mit welchen Gefühlen er diesen Weg -zum erstenmal gegangen ist. Und wie er sich diese Angst von damals -zurückruft,<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">– 130 –</a></span> fühlt er wieder Stolz und Freude über das, was bis jetzt -schon gewonnen ist, in sich aufsteigen.</p> - -<p>Kurz vor der Kaserne verabschiedet er sich von der Mutter, zeigt ihr -das Haus, in dem die Wohnungen zu haben sein sollen, macht vor einem -Vorgesetzten Front und biegt schlank und elastisch am Posten vorbei ins -Kasernentor ein.</p> - -<p>Die Mutter blickt ihm nach; jetzt ist er wieder das, was sie noch nicht -begreifen kann! Es ist ihr wieder, als sei das gar nicht ihr Junge, als -sei die ganze Welt, so wie sie jetzt ist, eine Unwahrscheinlichkeit, -ein Traum. Wenn man aus diesem schweren Schlaf erwacht, wird die alte -Wirklichkeit wieder da sein.</p> - -<p>In Gedanken verloren betritt sie das Haus, das der Junge ihr gezeigt -hat, geht durch einen schmalen Steinflur, eine graue Steintreppe -hinauf und wird von einem kleinen, zotteligen, grauweißen Köter heftig -angebellt.</p> - -<p>„Mirza,“ ruft eine Frauenstimme, „Mirza, bist du denn ganz des -Teufels!“ Eine Frau tritt aus einer der braungestrichenen Türen, die -in den kleinen Flur münden, heraus. Sie sieht die fremde Dame erstaunt -an, und die fragt fast schüchtern, ob es richtig sei, daß hier Zimmer -vermietet würden.</p> - -<p>Die Frau antwortet nicht gleich, und aus der Tür tritt eine zweite -weibliche Person — nach der Ähnlichkeit zu urteilen, die Tochter. Aber -sie ist schlank und von angenehmem Äußeren.</p> - -<p>„Zu gewöhnlichen Zeiten vermieten wir an Einjährige!“ sagt die Frau. -„Aber jetzt ist ja alles auf den Kopf gestellt. Für wen suchen Sie denn -Wohnung?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">– 131 –</a></span></p> - -<p>„Ich möchte selbst ein paar Tage hier draußen wohnen. Mein Junge ist -drüben in der Kaserne.“</p> - -<p>„Ein paar Tage?“ Die Frau denkt nach. „Für ein paar Tage, das lohnt ja -gar nicht, was soll ich Ihnen da berechnen?“</p> - -<p>„Es kann ja auch etwas länger werden. Sagen wir, ich bezahle Ihnen für -vierzehn Tage, ist Ihnen das recht?“</p> - -<p>Die Tochter ist rot geworden.</p> - -<p>„Natürlich,“ sagt sie mit einer gewissen scheuen Liebenswürdigkeit. -„Es geht auch für ein paar Tage.“ Und die beiden Frauen nehmen sie in -die Mitte und führen sie in ein nettes Wohnzimmer, an das sich ein -Schlafzimmerchen anschließt. Die Nachmittagssonne fällt durch die -steifen Falten der dunkelgelben Gardine und läßt alles sehr einladend -erscheinen.</p> - -<p>„Diese zwei Zimmer gehören zusammen; die können sie haben!“</p> - -<p>Über den Preis ist man schnell einig; die Tochter ist sehr freundlich -und schmiegsam und hat im Augenblick das Herz der Frau, die recht -heimatlos hierhergekommen ist, gewonnen. Sie erbietet sich auch, die -Sachen aus dem Hotel zu holen, und ihre Mutter steht indes mit in die -Hüfte gestützten Händen in der Tür und sieht sich die unerwartete -Hausgenossin an.</p> - -<p>„Schwere Zeiten!“ sagt sie dann und tritt an den Tisch heran. „Sonst, -wenn ein Mieter kam, wußte man: der bleibt nun für ein ganzes Jahr! -Jetzt nimmt man, was man bekommen kann, nur damit am Ersten die Miete -vollzählig ist. Aber über solche Kleinigkeiten darf man in dieser Zeit -ja gar nicht reden. Man hört jetzt jeden Tag so viel Entsetzliches. -Drüben beim Regimentssattler ist schon ein Sohn gefallen, und die -Mutter, die<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">– 132 –</a></span> ein Herzleiden hat, weiß es noch gar nicht. Und oben beim -Stabstrompeter ist die Frau guter Hoffnung und hat noch keine Nachricht -vom Mann, seitdem er ausgerückt ist!“</p> - -<p>Die Frau geht hinaus und läßt die neue Bewohnerin allein, und die -sitzt nun am Fenster und schaut hinüber auf die langgestreckten, roten -Gebäude der Husarenkaserne, in denen sich ihres Jungen Leben abspielt. -Es tut ihr wohl, so nahe bei ihm weilen zu dürfen, auch wenn er nicht -oft bei ihr sein kann.</p> - -<p>In dem Zimmer, in dem sie sitzt, ist alles etwas kleinbürgerlich -aufgeputzt. In Berlin hat sich selbst der, der über keine großen Mittel -verfügt, von allen Geschmacklosigkeiten freigemacht. Man lebt lieber -in einer Umgebung ohne Schmuck, als zwischen billigem Tand. Aber die -kleinen, unzähligen Figuren, die hier auf dem Vertiko stehen, die -Porzellan-, Glas- und Metallsachen, die Vasen, auf der Spiegelkonsole, -die grellgrüne Samtdecke auf dem Tisch, all das tut hier dem Auge -nicht weh. Es ist unsäglich behaglich — es ist treu und gut in diesem -Zimmer, man fühlt, daß man bei Menschen ist, die ein Herz haben, die -einen nicht in ganz trostlose Einsamkeit versinken lassen werden.</p> - -<p>Mirza, der wüste kleine Hund, drängt sich an die Kleider der neuen -Bewohnerin; er sieht sie aus feuchten, dunklen Augen an, und sie fühlt, -daß sie auch Mirza gern dulden wird.</p> - -<p>Die Frau bringt ungefragt eine Tasse Kaffee herein, und draußen zieht -ein leiser Dämmer nach dem anderen vom Himmel herab. Die liebenswürdige -Tochter kommt zurück und fängt an, das Schlafzimmer für die Nacht -vorzubereiten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">– 133 –</a></span></p> - -<p>Frau Hiller ist es, als sei all das, was hier um sie herum ist, nichts -Neues, als sei es etwas längst Bekanntes. Es gibt Menschen, denen man -gut sein kann, ohne zu wissen, was sie sind und wie sie sind. Man -braucht keine Brücken zu ihnen, man kennt sie gleich und fühlt sich -wohl bei ihnen. Diese sympathische Tochter und die mitteilsame Mutter -können nicht anders als gut und wohlwollend und hilfsbereit sein. Man -fühlt das und ist glücklich und dankbar.</p> - -<p>Am Abend kommt der kleine Husar, um zu sehen, ob die Mutter wirklich -gemietet hat. Er schaut sie ganz erstaunt an, weil sie schon so -behaglich dasitzt. Die Frau und die Tochter kommen herein und sehen -sich den jungen Freiwilligen an.</p> - -<p>„Noch ein bißchen schmal über der Brust! Aber das macht nichts. Wenn -ein Jahr vorüber ist, wird er ganz anders aussehen.“</p> - -<p>Dann fällt ihr plötzlich wieder ein, daß man nicht in normalen Zeiten -lebt, und sie schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Man vergißt -immer wieder, daß Krieg ist, daß alles ganz anders geworden ist,“ sagt -sie trostlos. „Das kommt, weil wir ja sonst gewohnt sind, die jungen -Leute für ein ganzes Jahr zu haben. Jetzt mag man sich gar nicht -ausdenken, was über ein Jahr sein wird.“</p> - -<p>Der kleine Hiller sieht ihr belustigt nach, als sie geht.</p> - -<p>„Glaubst du, daß es dir hier gefallen wird?“ fragt er die Mutter.</p> - -<p>„Ja,“ sagt sie, und sagt es aus sehr freiem und frohem Herzen.</p> - -<p>Das Gefühl der Heimatlosigkeit ist fort; sie wird<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">– 134 –</a></span> ein paar gute Tage -hier haben, bevor die große, dumpfe Einsamkeit kommt.</p> - -<p>Der Junge setzt sich dicht zu ihr heran und erzählt allerlei aus der -Kaserne. Fräulein Else, die Tochter, deckt den Tisch, denn die beiden -Frauen haben sich entschlossen, ihren Gast in volle Pension zu nehmen. -Mutter und Sohn sitzen an diesem Abend genau so traulich beisammen, wie -sie es all die Jahre hindurch in Berlin gewohnt waren.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Großmutter schreibt einen Brief:</p> - -<p>‚Das solltest Du nicht tun, Maria, Dich zu dem Jungen in die Garnison -setzen. Das ist eine unnötige Qual für Euch beide. Auseinander müßt -Ihr doch, so wie jede Familie jetzt auseinandergerissen wird. Also, -wozu dies Hängen und Würgen! Sei vernünftig und laß den Jungen sich -entwickeln, wie er sich entwickeln muß. Groß sind die Zeiten, und groß -müssen die Menschen, die in ihr leben, sein. Also sei mutig — mach’ -Dein Herz stark und nimm Abschied von ihm, wie tausend und aber tausend -Mütter es jetzt tun.‘</p> - -<p>Der Brief tut weh, denn er zerreißt eine schöne, gute Stimmung. Sie -haben sich wieder ganz ineinander gefunden, die beiden, die sich nie -voneinander getrennt hatten. Die Natur, das Blut reden eine starke -Stimme. Der Junge sagte kurzweg: ‚Ach, gräm’ dich nicht! Es ist schön -und gut, daß du hier bist!‘</p> - -<p>Er sagt das lieb und herzlich, sieht aber dabei nicht ganz gerade in -der Mutter Gesicht.</p> - -<p>Sie schiebt den Brief beiseite und genießt einen guten<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">– 135 –</a></span> Abend. Arm in -Arm geht sie mit ihrem Jungen einen schmalen, dunklen Weg entlang, der -gleich hinter der Kaserne herführt. Er hat ihr den Arm geboten und -führt sie gut und behutsam. Vom Himmel leuchten zahllose Sterne; warm -ist die Luft und geschwängert von einem süßen Duft, der aus großen -Gartenanlagen herüberströmt.</p> - -<p>Sie gehen langsam über weichen Sand. Zur Linken fließt der Fluß, -nicht breiter als ein kleiner Bach; er fließt flink und plätschernd, -und man hört in der Stille ein leises Glucksen. Hoch und dunkel -ragen die Pappeln, die zur Seite stehen, auf. Zur Rechten sind weite -Felder. Alles still und traulich. So ein namenloser Friede liegt hier -ausgebreitet, daß man seine Gedanken mit Gewalt dazu bringen muß, an -die furchtbare Disharmonie draußen in der Welt zu glauben.</p> - -<p>Pärchen huschen an ihnen vorbei; grau-gelbe Husaren, in deren Arm sich -ein Mädchen schmiegt. Der kleine Hiller stutzt jedesmal, wenn er eines -sieht, und geht mit seiner Mutter dahin, als seien sie selbst ein -glückliches Paar.</p> - -<p>Es ist so eine zärtliche Stimmung in der Natur. Vom Himmel zittert ein -Mondstreif auf die Erde herab. Der Herbst steht vor der Tür und war -schon einmal durchgebrochen. An diesem Abend aber ist’s wieder Sommer. -Warm und schmeichelnd streicht die Luft übers Gesicht der beiden. Der -kleine Hiller hat für jeden Abend einen ganzen Sack von kleinen und -großen Neuigkeiten, die der Tag brachte, für die Mutter bereit.</p> - -<p>Ihm ist die Erlaubnis erteilt worden, die Abende bis neun Uhr -außerhalb der Kaserne zu sein; und obwohl die Kameraden und besonders -Hipp ihn ein klein wenig mit dem Besuch der Mutter necken, sitzt er -Abend für<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">– 136 –</a></span> Abend bei ihr in der netten, kleinen Wohnung, die die -Wachtmeisterswitwe Böhler ihr vermietet hat.</p> - -<p>Es tut wohl, sich in einer richtigen Stube aufzuhalten, wenn man den -ganzen Tag im Stall, im Kasernenhof und draußen auf dem Exerzierplatz -gewesen ist. Solange er dies Behagen nicht haben konnte, hat er’s nicht -entbehrt. Nun, da es ihm geboten ist, genießt er es mit großer Freude.</p> - -<p>Er fühlt es nicht, daß ihm ein wenig von dem Schneid, der im Anfang -über ihn gekommen war, verloren ging. In die Augen ist wieder das -Dunkelträumerische gekommen. Am Tag beim Dienst ist er bei der Sache, -aber ‚Vize‘ Peters hat ihm nie wieder ein Lob zuteil werden lassen. -Seine Seele hat allerlei durchzumachen in dieser Zeit. Er schwankt -zwischen der Selbständigkeit und Unabhängigkeit und dem jungenhaften -Sichgehenlassen bei der Mutter.</p> - -<p>Dazu kommen allerlei Wünsche und Gedanken, von denen er früher -nichts wußte. Sieht er die Liebespärchen am dunklen Flußweg an sich -vorüberwandern, so wird ihm süßweh ums Herz. Ganz unwillkürlich drückt -er dann den Arm der Mutter fester an sich und erschrickt dabei.</p> - -<p>Nie im Leben hat er so viel von Liebe und Mädchen und Küssen singen und -reden hören, als seit diesen paar Wochen in der Kaserne. Hipp kennt -überhaupt kein anderes Gesprächsthema; aber der spricht nicht mehr von -der kleinen Blonden in Berlin, der er treu bleiben wollte, sondern der -hat entdeckt, daß es auch hier in der kleinen altmärkischen Garnison -hübsche, zutunliche Mädchen gibt, und schwankt zwischen zweien, die er -auf seinem Sonntagsurlaub kennenlernte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">– 137 –</a></span></p> - -<p>Für den kleinen Hiller aber sind die Mädchen immer noch wie Blumen, die -in einem fernen Garten blühen, den man nicht betreten darf. Er denkt -wohl an das Hannchen vom Abiturientenkneipabend, und er ist traurig, -wenn er daran denkt. Damals hatte eine Blume sich ihm zugeneigt, und -er ist erschrocken davor geflohen. Heute hat er die dunkle Sehnsucht, -die ihn quält, von der er an jenem Abend noch nichts wußte. Er kann von -allem zur Mutter reden, aber von dem, was seine Seele jetzt am meisten -belastet, kann er nichts sagen. Sie gehen stumm nebeneinander her, -immer den stillen Pappelweg am Fluß auf und nieder.</p> - -<p>Die Mutter sieht ins Weite. Ihre Gedanken gehören jetzt nicht dem -Jungen, an dessen Arm sie geht. Ihre Gedanken irren in fremdes, -unbekanntes Land. Sie suchen und suchen vergebens! Auch ihre Seele ist -belastet. Sie möchte sich befreien und vermag es nicht. Seit Jahren -ist ihr Blick getrübt; seit Jahren geht sie einen Weg, der in die Irre -führt. Sie hat auch immer das volle Bewußtsein davon gehabt, hat sich -in Irren und Wirrnissen befunden, hat gekämpft und mit sich selbst -gerungen. Aber ihr Leben ist einsam.</p> - -<p>Sie weiß, daß es für sie nur durch die zwei Menschen, die jetzt vom -Vaterland gefordert werden, Inhalt und Zweck gehabt hat. Sie weiß, daß -sie in einer Woche oder zwei nach Berlin zurückkehren muß. Sie schmiegt -sich eng in den Arm ihres Jungen — sie sucht Schutz und Halt bei ihm.</p> - -<p>Der kleine Husar sieht ihr ins Gesicht. Er sagt und fragt nichts, aber -er drückt ihre Hand, so als wollte er ihr durch dies stumme Zeichen -sagen: „Ich verstehe dich — ich weiß alles, aber ich kann dir nicht -helfen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">– 138 –</a></span></p> - -<p>Dann fängt er vom heutigen Reiten zu erzählen an. Hipp ist natürlich -wieder ein paar Male vom Pferd gesaust, und ‚Vize‘ hat ihm gesagt, -er solle sich zur Infanterie scheren. Mit einem Gaul würde er doch -nie fertig, und sein Buckel sei breit genug, um einen Tornister zu -tragen. Hipp aber habe natürlich sein unschuldigstes Gesicht gemacht -und nachher dem wütenden ‚Vize‘ nachgeäfft. Und wie er so recht ins -Erzählen über Hipp gekommen ist, stutzt er plötzlich und muss sich -Gewalt antun, um einen Schrei zu unterdrücken.</p> - -<p>Drüben, auf der anderen Seite des Pappelweges, gehen zwei im Dunkeln. -Aber der Mond ist doch hell genug, um die Umrisse ihrer Gestalten -erkennbar zu machen. Das kann kein Anderer als Hipp sein, der da, eng -an ein Mädchen geschmiegt, im Dunkeln hinwandelt. Jetzt bleiben sie -stehen, und Hipp küßt das weiße Gesicht, das vom bleichen Mondschein -beleuchtet wird. Wie entgeistert sieht Hiller zu den beiden hin. In -seinem Herzen beginnt es zu toben. Er fühlt plötzlich einen Haß gegen -Hipp. Wie kommt es, daß dem das Glück in den Schoß fällt, während er -sich mit seiner Sehnsucht plagt?</p> - -<p>Er hat oft gelesen, daß es unschöne Menschen gibt, die ihres guten -und vornehmen Wesens wegen vom weiblichen Geschlecht weit höher -eingeschätzt werden als die gut aussehenden. Aber Hipps Charakter -ist nichts weniger als gut und vornehm. Er ist ein echter Berliner -Junge, der sich die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. Er hat einen -reichen Vater und weiß den Wert des Geldes zu schätzen. Er ist nur da -freigebig, wo er sich einen Vorteil davon verspricht. Er ist dumm, in -allem, was Wissenschaft anbetrifft, aber daneben ist er das, was der<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">– 139 –</a></span> -Berliner ‚hell‘ nennt, in höchstem Maße. Er hält die Leute zum besten; -er spielt mit ihnen und macht sich über sie lustig.</p> - -<p>Nein, Hipp ist kein guter, ist nicht einmal ein anständiger Mensch, -und Hiller kann und kann es nicht begreifen, daß ein Mädchen Liebe für -Hipp empfindet. Er kämpft mit sich, denn er hat das Gefühl, zu den -beiden hinüberlaufen, das Mädchen aus Hipps Armen reißen und ihr sagen -zu müssen: ‚Glaub’ ihm nicht! Er spielt nur mit dir, und morgen in der -Kaserne wird er über dich ulken, so wie er es über die, die in Berlin -sitzt und ihm jeden Tag einen Brief schreibt, tut!‘</p> - -<p>In Hiller kommt ganz plötzlich der Kavalier zum Vorschein; er muß das -Mädchen schützen. Es verträgt sich nicht mit seiner Ehre, wenn er es -geschehen läßt, daß Hipp diesem armen Geschöpf etwas vorlügt.</p> - -<p>Es packt ihn wie ein Krampf. Die Hand, die er frei hat, umspannt den -Säbel. Ganz instinktiv tut sie das; er möchte den Kerl da drüben -niederstechen.</p> - -<p>Die Mutter fühlt erst jetzt, daß irgend etwas in ihrem Jungen vorgeht. -Sie weiß nicht, warum, aber ihre Hand umfaßt sein Handgelenk.</p> - -<p>„Hast du irgend etwas, Ernst?“ Da fällt ihm die Hand schlaff herab. Er -sieht sehr bleich aus und kann nicht antworten. Sein Gesicht ist wie -verzerrt.</p> - -<p>Die Mutter blickt um sich. Was kann es sein, was ihren Jungen -erschreckt hat? Still und einsam ist es um sie her; die Wasser glucksen -auf, und ein ganz leiser Wind streicht durch die Pappeln. Drüben im -Dunkeln gewahrt sie die Umrisse eines Pärchens.</p> - -<p>„Komm weiter!“ sagt der kleine Husar, und nach<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">– 140 –</a></span> einer kleinen Weile -atmet er erleichtert auf. Nun ist es vorüber. Der Zorn über Hipp ist -schon verraucht — nur ein kleiner Neid sitzt ihm noch im Herzen. -Dann erzählt er der Mutter im alten, kindlichen Vertrauen, was er von -Hipp und dessen Liebesgeschichten weiß. Ohne es zu wollen, spricht er -gereizt, spricht er so, wie einer, dem Schmerz und Eifersucht am Herzen -fressen. Die Mutter erschrickt.</p> - -<p>Das hat sie nicht geahnt, daß so etwas in die junge Seele Einzug -gehalten hat. So spricht nur einer, der das Leben einmal furchtbar -ernst nehmen wird, dem das, was den anderen zur Unterhaltung und zum -Vergnügen dient, eine Quelle des Schmerzes werden wird.</p> - -<p>In seinen Augen glimmt es von Leidenschaft. Er leidet um das Weib, ehe -er ihm nahe gekommen ist. Er wird suchen, was nicht zu finden ist. Er -trägt schon jetzt das Ideal eines Weibes im Herzen, und vom erstbesten -Mädchen, das ihm einmal in den Weg läuft, wird er das verlangen, was -nur eine Frau, die selbst von seiner Art ist, zu geben vermag. Er tut -ihr leid; sie fühlt sich schuldig ihm gegenüber. Wenn er ein Herz hat, -das durch große Qualen gehen, das namenlosen Jammer in sich tragen -wird, so hat er es von ihr. Das ist ein trauriges Vermächtnis, das ist -schlimmer, als wenn er die heftige, aber tatkräftige Art vom Vater -geerbt hätte.</p> - -<p>Dann fährt Hiller sich mit der Hand über die Stirn, als ob er etwas -fortstreichen möchte, und wie ein ganz Gereifter spricht er jetzt: -„Es ist Blödsinn, ja, es ist frivol, jetzt so viel an sich selbst zu -denken. Sieh mal, wer weiß denn, wie es in ein paar Monaten aussieht! -Gerade Hipp sagt jeden Tag: ‚Pass’ mal auf, ich werde zuerst ins Gras -beißen müssen, weil ich eine so große Angriffsfläche<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">– 141 –</a></span> biete.‘ Und wenn -man die Sache so auffaßt, hat er ja eigentlich nicht unrecht, wenn -er sein Leben jetzt noch genießt. Man sollte überhaupt nicht so viel -nachdenken. Wer zuviel denkt, kann nicht forsch sein. Und forsch sein, -bedeutet doch heute alles. Überhaupt, Mutter, ich will dir sagen, seit -dieser Krieg ausgebrochen ist, pfeife ich eigentlich auf alles, was sie -uns all die Jahre in der Schule beigebracht haben. All das, was sie -Kultur nennen, ist ja doch nur leerer Tand, wenn eine solche Zeit wie -die jetzige kommt. Jetzt sind wir doch wieder genau so weit, wie es -die Menschen vor ein paar Jahrhunderten waren. Nun heißt’s: Wer kann -dreinhauen? Wer hat am meisten Courage und am wenigsten Gemüt, denn -mit Gemüt und Herz kann man keine Schlachten schlagen. Und wenn ich -jetzt über Großmutter nachdenke, die immer gepredigt hat: ‚Tu ihn ins -Kadettenkorps; Offizier ist der einzig wirkliche Beruf!‘ dann kann ich -ihr im Grunde nicht mehr so unrecht geben. Von mir sagt ‚Vize‘ fast -jeden Tag: ‚Mensch, du bist auch einer von denen, die das Verrückteste -und Verstiegenste begreifen würden, aber was Vernünftiges, Klares und -Einfaches kriegst du nicht in deinen Döskopp!‘ Und das ist ganz richtig -von ihm ausgedrückt. Das Einfache hat einen überhaupt nicht mehr -interessiert; ein Buch, das einem keine Rätsel aufgab, legte man zur -Seite. Und wenn so ein Wachtmeister einem heut in der einfachsten Weise -was klar machen will, dann muß man den Kopf ordentlich zwingen, das -so aufzufassen, wie es gemeint ist, und nicht irgendeinen verborgenen -Sinn dahinter zu suchen. Ich wünsche mir jetzt oft, ich hätte nicht -mehr als das Allernötigste gelernt; ich wünsche, ich wäre einer von den -Bauernjungen aus unserer Stube, die überhaupt über nichts nachdenken!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">– 142 –</a></span></p> - -<p>Er bringt all das in heftigem Ton hervor, so, als wolle er mit Gewalt -etwas, was ihn quälte, übertönen.</p> - -<p>„Hipp ist nicht anständig und aufrichtig!“ sagt er noch. „Er erzählt -in der Kaserne von einem Mädchen in Berlin und läuft hier mit einer -anderen herum. Ich begreife so etwas nicht!“</p> - -<p>Die Welt ist plötzlich dunkel geworden. Der Mond ist von Wolken -überdeckt. Das Pärchen auf der anderen Seite ist von der Dunkelheit -verschlungen. Durch das Laub der Pappelbäume fährt ein rauher Wind, und -das leise, friedliche Glucksen des Flusses wird übertönt.</p> - -<p>Auch in die Seele der Mutter des Jungen ist ein Windstoß gefahren. Sie -kann jetzt auf das, was er ihr noch sagt, nichts erwidern. Stumm, fast -willenlos, geht sie an seinem Arm dahin — und der kleine Husar kommt -weiter ins Philosophieren hinein.</p> - -<p>„Aber schließlich, wenn die ganze Welt sich als roh und egoistisch -erweist, warum soll da der einzelne anders sein? Geradezu lächerlich! -Wer anders ist als Hipp und seinesgleichen, ist ein Narr!“</p> - -<p>Das letzte stößt er leidenschaftlich, fast bös heraus. „Ich will nicht -zu den Narren gehören!“ Er stampft mit dem Fuß auf und will zu neuer -verbitterter Rede ausholen, da trägt der Wind einen lustigen Klang zu -ihnen herüber. Von der Kaserne her tönt ein Trompetensignal. Hiller -beschleunigt die Schritte.</p> - -<p>„Du bist so still, Mutter. Du bist mir doch nicht böse?“ fragt er sanft -und sucht ihr ins Gesicht zu blicken. „Ich ärgere mich nur immer so -furchtbar, Mutter, wenn ich sehe, wie andere ihr Leben genießen und -überall zugreifen, wo es was zu holen gibt. Nicht darüber, daß die sich -das Leben schön und vergnügt machen, ärgere ich<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">– 143 –</a></span> mich, sondern darüber, -daß ich ein Esel bin, daß ich nicht auch so sein kann, wie sie!“</p> - -<p>„Du wirst noch vieles lernen, Ernst!“ sagt sie. „Und du wirst auch -lernen, daß nicht die, die überall zugreifen, die wirklich Glücklichen -sind!“</p> - -<p>Sie kommen auf die breite Chaussee, an der die Kaserne liegt, zurück. -Hier ist es hell, und die Husaren strömen dem Kasernentor zu.</p> - -<p>Hiller bringt seine Mutter noch bis in den Flur ihres Hauses, küßt sie -und sagt, um das Vorangegangene gutzumachen: „Es war ja alles Blödsinn, -was ich da gesagt habe, Mutter!“ Küßt sie noch einmal und läßt die Tür -hinter sich zufliegen.</p> - -<p>Frau Hiller geht langsam über den grauen Steinflur. Stufe um Stufe geht -sie die Treppe hinan wie eine alte Frau, der das Gehen schwer fällt. -Ist sie plötzlich alt geworden? Es ist ihr, als habe ihr jemand eine -Last aufgebürdet, die zu schwer für ihre Schultern ist.</p> - -<p>Oben im Flur steht das sympathische Fräulein Else und spielt mit -Mirza, dem wenig appetitlich aussehenden Pintscher. Sie spricht zu -ihm, wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kind sprechen würde: „Lieb sein, -Mirzachen! Da, geh’ zu Frauchen; die ist gut!“ Der Hund springt an Frau -Hiller in die Höhe, und seine nasse Schnauze berührt ihre Hand. Das ist -ihr nicht angenehm, aber sie bringt es nicht über sich, das Mädchen, -das den Hund so zärtlich liebt, zu kränken. Sie streicht ihm übers Fell -und geht mit Fräulein Else in die Küche.</p> - -<p>Auf einem kleinen Schrank stehen die Lampen, die in die einzelnen -Zimmer gehören, und Fräulein Else nimmt den Schirm von der -größten herab und läßt ein Streichholz aufflammen. Da kommt die -Wachtmeisterswitwe<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">– 144 –</a></span> durch den Flur, und ein Geräusch dringt in die -Küche, halb Seufzen, halb Schluchzen. Das Streichholz fällt Fräulein -Else aus der Hand und sie läuft der Mutter entgegen.</p> - -<p>Frau Hiller bleibt allein in der durch ein winziges Lämpchen -beleuchteten Küche, die mehr Wohnzimmer als Küche ist, zurück.</p> - -<p>Dem großen, altmodischen Herd gegenüber steht ein mächtiges, braunrotes -Sofa, auf dem gut drei erwachsene Personen Platz haben. Davor ein -ovaler Tisch mit rotgewürfelter Decke darauf. Neben dem Küchenschrank -eine altmodische Kommode mit hohem Pfeilerspiegel darüber, und in einer -Ecke ein Schaukelstuhl aus Rohr. Aus dem Herd, dem eine Grude angebaut -ist, strömt ein lieblicher Duft von gebratenen Äpfeln. Es ist sehr -traulich in der halbdunklen Küche, und Frau Hiller, die sich nicht auf -den Flur, auf dem die beiden Frauen stehen, herauswagt, schaut in die -Glut der verglimmenden Kohlen.</p> - -<p>Draußen hört sie nun viele Stimmen. Die Frauen vom Nebenflur und -die von oben und unten aus dem Hause sind im schmalen, dunklen Flur -hier zusammengeströmt. Sie sprechen erregt. Man kann ihre Worte -nicht verstehen; nur so viel hört man, daß etwas Entsetzliches sich -zugetragen haben muß.</p> - -<p>Dann dringen sie in die Küche ein und scharen sich um Frau Hiller. -Natürlich wissen sie alle längst alles, was über den neuen Hausgast -zu erfahren war. Bisher sind sie ihr ein wenig scheu aus dem Wege -gegangen; nun aber stehen sie plötzlich um sie herum, als seien sie -alte, gute Bekannte.</p> - -<p>Die Wachtmeisterswitwe sagt unter Schluchzen: „Nun ist die Gewißheit -da, gnädige Frau. Der Trompeter von<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">– 145 –</a></span> oben ist tot. Und nicht mal -richtig gefallen soll er sein, sondern in Belgien meuchlings ermordet!“</p> - -<p>Fräulein Else hat die große Lampe angezündet, und die Augen all der -Frauen sehen in Frau Hillers Gesicht.</p> - -<p>Die hat eine Sekunde lang die Hand über die Augen gelegt.</p> - -<p>Fräulein Else liegt in einer Ecke des Sofas und hat den Kopf in die -Arme geworfen. Sie weint laut und schmerzlich auf — sie weint so, wie -nur eine weinen kann, die selbst um jemand bangt!</p> - -<p>„Und oben liegt die Frau und erwartet jeden Tag das Kind. Wer bringt -ihr nur das bei?“</p> - -<p>Die Wachtmeisterswitwe sagt in bestimmtem Ton: „Laßt erst das Kind da -sein; vorher erfährt sie’s nicht!“ Die Frauen schweigen dazu und sind -einverstanden.</p> - -<p>Frau Hiller steht neben dem weinenden Mädchen und möchte am liebsten -mit ihr weinen. Sie streicht ihr übers Haar, und die Frauen um sie -herum beginnen wieder zu sprechen.</p> - -<p>Fräulein Else weint und kann sich nicht beruhigen; die leidet wirklich -und leidet furchtbar schwer. Frau Hiller möchte wissen, um wen sie -leidet, aber sie mag sie nicht fragen.</p> - -<p>Leise gleitet sie aus dem Kreis der Frauen hinaus; in ihrem netten -Wohnzimmer zittert ein Mondstrahl über Boden und Wand. Drüben liegt -schwer und dunkel die Kaserne und wirft große, schwarze Schatten um -sich.</p> - -<p>Die Wachtmeistersfrau tritt mit der großen Lampe zu ihr ins Zimmer, -und Frau Hiller fragt, ohne es eigentlich zu wollen: „Warum weint Ihre -Tochter so sehr? Ist sie verlobt?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">– 146 –</a></span></p> - -<p>Die Frau sieht sie groß an. „Nein — die ist nicht verlobt. Es ist der -Jammer im allgemeinen, um den sie weint! Sie ist immer ein bißchen -empfindlich gewesen; viel empfindlicher, als sich’s für unseren Stand -paßt!“</p> - -<p>Die Lampe steht auf dem Tisch und wirft einen großen, runden Kreis über -Tisch und Boden.</p> - -<p>Die Wachtmeisterswitwe steht noch ein paar Minuten in der Tür; sie -wartet, ob die Frau, die am Fenster lehnt, noch Lust hat, mit ihr zu -schwatzen. Aber die fragt nichts, sondern schaut stumm auf die dunkle -Straße hinunter.</p> - -<p>„Ja, ein jeder hat sein Päckchen zu tragen. Gute Nacht, gnädige Frau!“</p> - -<p>„Gute Nacht!“ sagt Frau Hiller freundlich, lehnt dann wieder am Fenster -und blickt zur Kaserne.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>All die Tage über hat die Sonne ihren Glanz über die Erde ausgegossen -— September ist es geworden, ein ganzer Monat seit Ausbruch des -furchtbaren Krieges vergangen.</p> - -<p>Was hat der Mensch in diesen dreißig Tagen alles fassen müssen! Welche -Umwälzungen sind im Gehirn des einzelnen vorgegangen! Der Stumpfeste -ist aufgerüttelt worden. Jeder hat einen Schmerz, ein Leid oder auch -nur eine Enttäuschung erfahren. Viele, die klein und armselig waren, -sind groß geworden in dieser kurzen Zeit.</p> - -<p>Deutschland ist von Sieg zu Sieg gegangen. Jubel ist durch die Lande -gezogen.</p> - -<p>Viel Blut ist geflossen — viel Entsetzliches ist geschehen. Aber die -Sonne hat dazu geleuchtet — warme<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">– 147 –</a></span> Lüfte haben geweht, und die Abende -sind kühl und wonnig gewesen. Wie aber wird es werden, wenn die Stürme -brausen, wenn der Regen unaufhörlich niederströmt, wenn der Himmel grau -und düster über der Erde liegt?</p> - -<p>Ein Septembersonntag ist es, der solch bange Ahnungen aufsteigen läßt. -Zum ersten Male seit Wochen treiben schwere, schwarze Wolken am Himmel; -die Straßen sind naß vom Regen der Nacht, und jeden Augenblick kann das -Prasseln von neuem einsetzen. Die Landwirte haben sich’s gewünscht, daß -es so kommen möchte, aber das Herz des Menschen ist bang und schwer. -Man braucht die Sonne, um die Schwere der Zeit tragen zu können.</p> - -<p>Im Hof der Husarenkaserne haben sich die jungen Freiwilligen -versammelt. Sie tragen Dienstanzug: die lederne Reithose und ihren -gewöhnlichen Uniformrock mit den verblaßten Tressen. Aber die -Knöpfe blitzen; die haben sie frisch geputzt. Auf dem Kopf die hohe -Husarenpelzmütze mit der roten Zunge, die zur Seite herabfällt. Es ist -der Tag, an dem sie den Eid auf die Fahne ablegen sollen.</p> - -<p>Vor der Kaserne stehen scharenweise Zivilpersonen. Väter und Mütter, -die angereist kamen, um dem feierlichen Akt beizuwohnen, und junge -Mädelchen aus dem Ort, die durchs Gitter, das die Kaserne von der -Straße trennt, blicken.</p> - -<p>In Reih’ und Glied stehen sie da; die Wachtmeister gehen vor ihnen -hin und her, und dann kommt das Kommando: „In Reihen antreten!“ Sie -marschieren die lange Straße hin, biegen am Husarenweg ein. „Achtung, -Augen links!“ kommandiert der Unteroffizier, und der Infanterieoberst, -der im ‚Schwan‘ wohnt, geht an ihnen vorüber.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">– 148 –</a></span></p> - -<p>Die kleine altmärkische Stadt ist weitläufig gebaut, sie hat schöne, -altertümliche Plätze und eine gutgepflegte Promenade, die sich wie ein -Ring rund um die Stadt zieht. Zwei große protestantische Kirchen recken -ihre Türme hoch über sie hin; die eine ist die alte Marienkirche, -die andere nennt man den Dom. Er liegt an einem freien Platz. -Kastanienbäume breiten ihre Laubdächer aus. Die Wolken treiben noch -immer am Himmel, und die Luft ist schwer und beklemmend.</p> - -<p>Auf einer Holzbank im Seitenschiff, an eine Säule gedrückt, sitzt Frau -Hiller. Die Wachtmeistersfrau hat ihr geraten, zeitig zu gehen, denn -zum Fahneneid läuft heute jeder in den Dom herunter. In der ganzen -Stadt mag es kaum eine Seele geben, die nicht ein Interesse an der -heutigen Feier hätte.</p> - -<p>Neben ihr sitzt eine andere Mutter — auch aus Berlin — auch -hierhergekommen, um dieser feierlichen Handlung beizuwohnen. Sie sitzen -eine gute Stunde dicht nebeneinander auf der Holzbank, ohne ein Wort zu -sprechen.</p> - -<p>Es hat etwas Beklemmendes, bei grauem Wetter eine Stunde lang in einem -leeren protestantischen Gotteshaus zu sitzen. Wohl wölbt sich das Dach -hoch, von starken Säulen getragen, über dem Haupt. Man kann nicht das -Gefühl haben, das den empfindsamen Menschen bei grauem Wetter in enger, -niedriger Stube leicht überfällt, das Gefühl, daß Wände und Decken auf -ihn niederzudrücken beginnen. Der Blick hat genügend Spielraum. Über -die langen Reihen der leeren Bänke hinweg kann er zum Altar fliehen — -kann an den weißen Spitzen der Altardecke haften bleiben, zum Kreuz, -das den Erlöser trägt, kann er fliehen. Oder zur Kanzel hinauf oder -noch höher hin zu den herrlichen, großen, bunten Glasfenstern, die -das<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">– 149 –</a></span> Schönste und Kostbarste an diesem alten Bauwerk sein sollen. Und -Frau Hillers Blicke irren von einem Ende der Kirche zum anderen; aber -nirgends ein Ruhepunkt. Auch das Bild des gekreuzigten Heilands hält -sie nicht. Warum ist er gestorben? Warum hat er geduldet? Warum hat er -eine Welt erlöst, die doch immer wieder in Zwietracht und Finsternis -versinken muß?</p> - -<p>Bang und verzagt sitzt sie an ihrer Säule. Alles Traurige und -Schmerzliche aus ihrem Leben taucht vor ihr auf; Kindererinnerungen! -Auch da schon bitteres Leid ohne äußeren Grund, auch da schon -Schmerzen, für die es keinen Namen gab. Und von der Kindheit in eine -Jugend, die wiederum Nöte und Kämpfe brachte. Eine Ehe, aus heißer -Liebe geschlossen und vom Tod gelöst, nachdem ein mühseliger Weg des -Leidens gemeinsam zurückgelegt war.</p> - -<p>„Die Menschen von heutzutage sind nicht mehr einfach genug zum -Glücklichsein!“ sagt die Großmutter. „Zum Glücklichsein gehört -Einfachheit des Gemüts, und wer diese Einfachheit nicht von der Natur -bekommen hat, der soll sie sich erwerben!“</p> - -<p>Die Großmutter sagt viel, und man hört leicht über sie hinweg. Aber -nie hat Frau Hiller so oft an die alte Frau und ihre Aussprüche denken -müssen als jetzt in dieser Zeit, die von jedem Menschen Einfachheit und -Stärke fordert.</p> - -<p>Sie sitzt an ihrer Säule und sieht in den leeren, weiten Kirchenraum. -Ein einziges Glück hat sie in ihrem Leben gehabt, das ihr treu -geblieben ist, und dies Glück fing an mit dem Tag, an dem das Kind -geboren wurde. Das Kind war das einzig Wirkliche und Große in all dem -Gewoge in ihrer Seele geblieben. Das Kind<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">– 150 –</a></span> war wie eine Melodie, die -sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat, oft überbraust von wilderen, -rauschenderen Klängen, aber nie verstummt!</p> - -<p>Das Kind, der Junge, ist auch heute noch ihr einziges Glück. Aber wenn -sie an ihr Kind denkt, dann ist sie mit ihm in Berlin in ihren Zimmern; -dann ist er der anschmiegende, zarte, feine Junge mit den Träumeraugen! -Der Husar, der jetzt hier in der altmärkischen Garnison lebt und der im -Kampf zwischen Kind und Mann liegt, ist ihr noch zu fremd.</p> - -<p>Auch die Frau, die neben ihr sitzt, ist versunken; auch deren Augen -blicken starr und still vor sich <span class="nowrap">hin. —</span></p> - -<p>Die Bänke in den Seitenschiffen beginnen sich zu füllen. Die Glocken -setzen ein — mächtig hallt ihr Ton in der großen Kirche wieder. Zwei -große Kerzen zu Seiten des Gekreuzigten sind entzündet worden. Ihr -flackernder Schein tanzt um die Leidensgestalt.</p> - -<p>Schritte hallen draußen im Vorraum — eine Bewegung — ein Rauschen. -Voran der Küster, der die Plätze anweist, und im Augenblick ist die -Kirche gefüllt von den graugelben Uniformen. Die Köpfe derer, die -in den Seitenschiffen sitzen, recken sich. Ein jeder möchte den, um -dessentwillen er hierherkam, sehen.</p> - -<p>Lange sucht Frau Hiller nach ihrem Jungen. Sie sehen alle gleich aus, -die glattgeschorenen Köpfe über den bunten Kragen. Ein kleines Grauen -ist in ihr, während sie ihn sucht. So verschwunden in der Masse ist -er; einer ist soviel wert wie der andere! Sie sind nicht mehr Menschen -für sich; sie gehören einer großen Einheit an, die keine Unterschiede -duldet.</p> - -<p>Schließlich erkennt sie Ernst an der hohen Stirn und<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">– 151 –</a></span> an der Haltung -des Kopfes. Er hat ihr auch fast unmerklich zugenickt; aber dann sieht -er nicht mehr zu ihr hin, sitzt ernst und feierlich zwischen den -anderen.</p> - -<p>Die Glocken verhallen, und die Orgel setzt ein.</p> - -<p>„Ein’ feste Burg ist unser Gott!“ Ein vielgesungenes Lied in dieser -Zeit. Man braucht das alte Lutherlied jetzt nötiger als sonst. Man -versteht erst jetzt eigentlich so ganz den tiefen Sinn. Mächtig -rauscht der Chor durch die Kirche; ergreifend für die, die in den -Seitenschiffen sitzen, die in so enger Beziehung zu den jungen Sängern -stehen.</p> - -<p>„Und wenn die Welt voll Teufel wär’!“ — Es ist herrlich, mit welcher -Kraft sie das herausstoßen! Die Welt ist voller Teufel — aber wenn man -diesen Gesang hört, hat man keine Angst vor ihnen.</p> - -<p>Frau Hiller kann den Blick nicht von der hohen, reinen Stirn ihres -Jungen loslösen. Er ist jetzt ganz der Sache hingegeben, denkt nicht -mehr an die Mutter.</p> - -<p>Der Geistliche ist vor den Altar getreten und spricht ein Gebet. Die -Husaren stehen mit geneigten Köpfen; der Regen schlägt an die hohen -Fenster, und ein rauher Wind heult um die Ecken der Kirche. Die Orgel -setzt wieder ein; das Singen übertönt das Unwetter, das draußen tobt, -und der Pfarrer steigt auf die Kanzel.</p> - -<p>„Liebe junge Freunde!“ sagt er. „In anderen Jahren, wenn es galt, den -Eid der Treue an dieser Stätte zu leisten, geschah es bei aufgerollter -Fahne. Heute ist unsere Fahne in Feindesland — heute gilt es einen Eid -zu leisten, der sogleich in allen Punkten Erfüllung heischen wird!“</p> - -<p>Die Worte klingen schwer und wuchtig und werden von den Wänden der -Kirche zurückgeworfen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">– 152 –</a></span></p> - -<p>„In eine große, ernste und doch herrliche Zeit tretet ihr, die ihr noch -an der Schwelle des Lebens steht, ein! Beneidenswerte Jugend, die ihr -eure ersten, frischesten Kräfte dem bedrängten Vaterlande weihen dürft!“</p> - -<p>Die Gesichter der Husaren blicken zur Kanzel empor. Blutjunge Gesichter -sind es zumeist — ernst, voll tiefer Begeisterung sehen sie zu dem, -der zu ihnen spricht, empor.</p> - -<p>Aus den Seitenschiffen klingt es wie leises Schluchzen. Tücher werden -an die Augen geführt. Mutterherzen bluten; Mutterherzen wollen sich -auflehnen gegen das Gewaltige, das von ihnen gefordert wird.</p> - -<p>Der oben auf der Kanzel steht, spricht unendlich gütig und liebevoll zu -denen, die heute den Schwur der Treue leisten wollen.</p> - -<p>Er spricht von Deutschlands Feinden, die, von Neid, Haß und niedrigen -Instinkten getrieben, den Willen haben, das Deutsche Reich zu -zerstückeln, zu vernichten. All die unerhörten Ereignisse, die diese -Wochen bewegten, läßt er von der Kanzel herab an den jungen Menschen, -die gewillt sind, ihr Vaterland zu schützen, vorüberziehen.</p> - -<p>Ein jeder, der in der großen Kirche sitzt, hat alles das, was da -aufgezählt wird, noch frisch im Gedächtnis. Und doch — wie es hier -aneinandergereiht wird, wie man es förmlich wie die Glieder einer Kette -vor sich erstehen sieht — da glaubt man wieder, ein Stück aus ferner -Vergangenheit tolle sich hier auf.</p> - -<p>Eine jede Mutter, die im Seitenschiff der Kirche sitzt, wird ihre Seele -erschauern fühlen, eine jede wird in furchtbarem Zwiespalt mit sich -selbst sein. Hat sie dafür ihr Kind geboren, daß es, kaum ins Leben -eingetreten, sich schon opfern soll. Hat sie ihr Kind ge<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">– 153 –</a></span>boren, damit -es in einem Kriege, der tückischer, bestialischer geführt wird als je -ein Krieg aus der Vorzeit, nicht einmal von offener Kugel getroffen, -sondern vielleicht hingeschlachtet werden soll?</p> - -<p>Unausdenkbar! Grauenvoll!</p> - -<p>Oh, wie zucken, wie bluten die armen, wehen Herzen im Seitenschiff, -während die, an die die Rede gerichtet ist, froh und begeistert zur -Kanzel aufschauen.</p> - -<p>Dem, der da oben steht und zu der jungen Schar künftiger Helden -spricht, ist eine herrliche Redegabe verliehen. Mag sein, daß die Größe -der Zeit ihren Teil daran hat; aber es ist, als sei ein Gottgesandter -hier in diesem Raume erschienen — einer, der das Wort des Herrn mit -der ganzen Gewalt und Inbrunst, die es besitzt, wiedergibt.</p> - -<p>Wilder wütet der Sturm ums Gotteshaus; es ist, als höre man Kriegslärm; -es ist, als solle man hier drinnen im Frieden des heiligen Hauses -besonders eindringlich an all das Böse und Wilde, das draußen in der -Welt vor sich geht, erinnert werden.</p> - -<p>Ein Gebet wird gesprochen — ein stilles, gutes, inbrünstiges Gebet zu -dem, der die Geschicke lenkt, der dem Recht zum Sieg verhelfen und das -Unrecht bestrafen muß! Oh, wer so einfach glauben und zu Gott vertrauen -kann!</p> - -<p>Die Husaren stehen mit geneigten Köpfen, die Orgel intoniert eine leise -Melodie, und an Stelle des Geistlichen tritt nun ein junger Offizier -vor die Soldaten hin. Hellgrau ist seine Attila und mit silbernen -Tressen besetzt. In voller Gala, mit Bandelier und Schärpe steht er da. -Die Orgel spielt ganz leise, so daß es wie ein geheimes Wogen durch die -Kirche geht. Er liest den Fahneneid:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">– 154 –</a></span></p> - -<p>„Ich schwöre zu Gott, dem Allwissenden und Allmächtigen, einen -leiblichen Eid, daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, Wilhelm -dem Zweiten, meinem allergnädigsten Landesherrn, in allen und jeden -Vorfällen, zu Lande und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten und an -welchen Orten es immer sei, getreulich und redlich dienen, Allerhöchst -dero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, -die mir vorgelesenen Kriegsartikel und die mir erteilten Vorschriften -und Befehle genau befolgen und mich so betragen will, wie es sich für -einen rechtschaffenen und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt. So -wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium.“</p> - -<p>Die Husaren haben sich erhoben. Der Offizier weist noch einmal auf den -tiefen, erschütternden Ernst des Augenblicks hin, dann tritt er erst zu -jenen, die anderen Bundesstaaten angehören, und nimmt ihnen den Schwur -ab.</p> - -<p>Er spricht die einzelnen Worte vor, und der Schwörende spricht sie — -die Eidfinger erhoben — nach. Seltsam, fast wie ein Mißklang tönen -die klaren, schweren Worte zum leisen, tragenden Spiel der Orgel. Nur -wenn die Schlußworte kommen, wenn sie sagen: „So wahr mir Gott helfe -durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium!“ klingt beides, die -gesprochenen Worte und das leise Orgelrauschen, wie ein hohes, hehres -Lied zusammen.</p> - -<p>Einer nach dem andern schwört mit ernster, fester Stimme sein Leben dem -Vaterlande zu. Ein jeder will bluten, will sterben! Ein jeder will mit -tausend Freuden sein junges Leben dem Vaterland hingeben.</p> - -<p>Warum weinen da so viele von den Frauen, die in<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">– 155 –</a></span> den Seitenschiffen -sitzen? Warum jauchzen sie nicht? Warum schwillt ihr Herz nicht in -Stolz und Seligkeit darüber, daß sie Söhne geboren haben, die sich der -großen Zeit würdig erweisen?</p> - -<p>Ach, immer mag es so im Leben sein: Wer zu großer Tat von den Seinen -wegzieht, dem wird der Abschied nicht schwer. Der ganze furchtbare, -überwältigende Schmerz rast in den Herzen derer, die geben müssen, die -zum Abwarten verdammt sind. Wer bringt dem Vaterland das größere Opfer: -der junge, begeisterte Soldat, der, von tausend Hoffnungen beseelt, -hinauszieht — oder die, die ihn geboren hat, und die in diesen -Augenblicken, da ihr Kind von einer anderen, größeren Macht gefordert -wird, alle Wonnen, alle Schmerzen, das ganze Leben dieses Kindes von -jener Zeit an, da sie es noch unter dem Herzen trug, wieder durchkosten -muß.</p> - -<p>„Groß sind die Zeiten, und groß sollen auch die Menschen sein!“ Frau -Hiller denkt an diese Worte der Großmutter, und doch ist ihr, als müsse -sie aufschreien. Ihr Junge hat mit all den anderen, die preußische -Staatsangehörige sind, die Schwurfinger erhoben. Im Chor mit ihnen -spricht er die Worte, die der Offizier in der hellgrauen Attila ihnen -vorsagt. Die Orgel spielt — der Regen peitscht gegen die Fenster — -der Sturm ist zum Orkan geworden; er heult und schreit und winselt -ums Gotteshaus. Die Lichter am Altar flackern um das stille Kreuz des -Dulders: „So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges -Evangelium!“</p> - -<p>Ihr Kopf lehnt an der Säule; schwarz ist ihr vor Augen. Eine rohe Faust -martert ihr Herz. Um sie herum ist das Schluchzen der anderen Mütter.</p> - -<p>Leiden die alle dasselbe wie sie? Sind sie in diesen<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">– 156 –</a></span> Augenblicken -genau wie sie durch Höllen gewandert? Sie fühlt ihre Hand von der ihrer -Nachbarin umschlossen. Eine zitternde Hand ist es, die die ihre umfaßt, -aber es tut wohl.</p> - -<p>Alle Mütter in der ganzen Welt, die ihre Söhne dahingeben — müssen -sich verbunden fühlen in dieser Zeit — — — die höchste und die -niederste müssen sich lieben, denn was ist Rang und Geld und Würde -neben diesem bitterheißen, gewaltigen, heiligen Schmerz, den sie alle, -alle durchkosten müssen?</p> - -<p>Der kleine Hiller sucht die Blicke der Mutter und nickt ihr ernst und -kindlich stolz zu. Viel warmes Leben, viel Freude ist in diesem Blick. -Sie staunt darüber, aber sie fühlt, wie das Blut ihr wieder wärmer zum -Herzen strömt.</p> - -<p>Die Orgel spielt lauter — das Haus wird erfüllt von den mächtigen -Klängen. Das Gefühl des Unheimlichen, das Gefühl des Schauerns ist -vorüber. Helleres Licht bricht durch die Fenster — die Seele wird -emporgetragen.</p> - -<p>Vor ein paar Augenblicken, als die jungen Menschen die schwer -feierlichen Worte sprachen, waren die armen Seelen in einem dunklen -Raum gewesen. Eine jede Mutter mochte da wohl ihren Sohn schon verloren -gegeben haben. Nun aber erhält sie ihn wieder. Der Pfarrer steht auf -der Kanzel; er spricht die einzelnen Strophen des wundervollen Liedes: -‚Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten!‘ Und die Orgel jauchzt -— die Stimmen setzen ein und schwellen an — keine Mutter schluchzt -jetzt mehr; kein Herz ist mehr dunkel und verzagt.</p> - -<p>„Herr, mach’ uns frei!“ braust es durchs Gotteshaus.<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">– 157 –</a></span> „<em class="gesperrt">Herr, mach’ -uns frei!</em>“ Und die Wände werfen es zurück — die Orgel spielt ein -hohes Feierlied. Alle Herzen sind frei geworden; alle bangen Herzen -sind stolz und froh geworden.</p> - -<p>Der Pfarrer ist wieder vor den Altar getreten; er breitet die Hände aus:</p> - -<p>„Der Herr segne und beschütze dich. Der Herr lasse leuchten sein -Angesicht über dir! Der Herr gebe dir seinen Frieden. Amen!“</p> - -<p>Die Husaren verlassen reihenweise die Bänke und versammeln sich um ihre -Führer; die aus den Seitenschiffen strömen dem Ausgang zu. Draußen auf -dem Platz vor der Kirche sehen sie sich wieder.</p> - -<p>Das Unwetter hat ausgetobt — — durch die grünen Kastaniendächer -bricht leise die Sonne durch.</p> - -<p>Die Mütter möchten zu ihren Söhnen eilen und sie ans Herz drücken; -aber die stehen in Reih’ und Glied, und der Offizier hält eine -Ansprache an sie — eine kurze, knappe, begeisterte Ansprache, die in -einem Kaiserhoch endet. Die Unteroffiziere kommandieren, die Husaren -schwenken in Reihen ab — kehren zur Kaserne <span class="nowrap">zurück. —</span></p> - -<p>Am Mittag ist lustige Tafel im ‚Schwan‘. Die Husaren haben ihre -Extrauniform angezogen. Die Gesichter glänzen, als sie an die gedeckten -Tische treten, denn sie sind hungrig. Der Oberkellner hat Frau Hiller -zu einem Tisch geführt, an dem schon ein Elternpaar mit einem Husaren -sitzt. Man ist im Augenblick befreundet, und die beiden jungen -Freiwilligen rücken mit Kasernenwitzen heraus. Die Unterhaltung geht im -ganzen Saal von Tisch zu Tisch. Es wird sehr lustig. Die Eltern lassen -Sekt auffahren. Es ist ein Freuden-, ein<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">– 158 –</a></span> Ehrentag heute; die Jugend, -die in ein paar Wochen für Deutschlands Ehre kämpfen will, muß gefeiert -werden. Sie läßt sich’s gern gefallen.</p> - -<p>Der kleine Hiller hat heute nichts vom Philosophen an sich. Glücklicher -und lebensfroher können keine Augen strahlen, als die seinen es tun. -Hipp kommt nach dem Dessert mit seinem Vater, dem reichen Fabrikanten, -an den Tisch und setzt sich neben Hiller.</p> - -<p>Die beiden lachen und schwatzen miteinander, und Frau Hiller muß an -den Abend am Pappelweg denken, an dem ihr Ernst so schwermütig und -ablehnend über die Welt und auch über Hipp geurteilt hat. Heute weiß er -nichts mehr davon. Heute ist er Hipps Kamerad — heute ist er Soldat -und nichts weiter.</p> - -<p>Die Mutter ersehnt den Augenblick, an dem sie den Jungen für sich haben -wird. Sie denkt an den Konfirmationstag zurück. Diesem Tag waren eine -ganze Zahl schwerer Wochen voraufgegangen, denn der junge Philosoph -hatte Gewissensnöte gehabt. Er wollte nicht an den Tisch des Herrn -treten, denn sein Verstand lehnte sich gegen das Gelübde des Glaubens, -das er ablegen sollte, auf.</p> - -<p>Die Großmutter, die auf Ordnung hielt, hatte ihn damals zur Vernunft -gebracht. Aber den ganzen, schweren Tag über hatte der Junge damals auf -den Augenblick gewartet, an dem er die Mutter für sich haben würde, und -die Mutter hatte aus einer unbestimmten Angst vor diesem Alleinsein die -Großmutter nicht von ihrer Seite gelassen. Heute tritt das Umgekehrte -ein. Heute ersehnt sie die stille Stunde einer Aussprache, und der -Junge weicht ihr aus.</p> - -<p>Sie wollen alle zum Photographen; sie müssen natür<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">– 159 –</a></span>lich eine Erinnerung -an diesen Tag haben. Und um fünf Uhr müssen sie zur Pferdetränke in der -Kaserne sein. Am Abend aber hat Hiller auf Wache zu ziehen.</p> - -<p>Keine Minute also für die Mutter, und das ist gut. Er will Mann sein; -er will stark und lustig sein! Der Mutter tut das Herz weh, das weiß -er. Aber sie soll es ihm nicht sagen. Es nutzt ja nichts. Hinaus will -er und muß er. Wozu da noch Worte und Tränen?</p> - -<p>Der Sekt schmeckt ihm; der reiche Fabrikant hat noch eine Flasche -bestellt und gießt ein. Die Stimmung wird übermütig. Im Saal ist’s -heiß; sie haben gut gegessen — nun trinken sie und rauchen gute -Zigarren. In den Hof des Hotels zieht eine Musikerbande. Orgel, Pfeife -und Klarinette:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Die Vöglein im Walde, sie singen</div> - <div class="verse mleft3">so wunder-wunderschön:</div> - <div class="verse">In der Heimat — in der Heimat,</div> - <div class="verse mleft3">da gibt’s ein Wiedersehn!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Die Sangeslust erwacht. Irgendwo an einem Tisch setzt eine Stimme ein. -Vorgesetzte sind nicht im Saal. In die eine Stimme fallen die andern, -draußen orgeln und blasen sie, und drinnen singen sie in all ihrer -jungen Lebensfreude:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Die Vöglein im Walde, sie singen</div> - <div class="verse mleft3">so wunder-wunderschön:</div> - <div class="verse">In der Heimat — in der Heimat,</div> - <div class="verse mleft3">da gibt’s ein Wiedersehn!“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Die Zeit fliegt dahin; halb fünf Uhr. Die Husaren stehen von den -Tischen auf.</p> - -<p>„Wiedersehn, Mutter!“ sagt der kleine Hiller —<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">– 160 –</a></span> schnallt den Säbel um, -setzt die hohe Mütze auf den Kopf, geht an Hipps Seite davon und läßt -die Mutter unter den fremden Menschen im Hotel zurück.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Eid der Treue ist geleistet, nun gibt es kein Zurück mehr. -Am nächsten Tag geht die Sache verteufelt stramm los! Es nützt -kein Fackeln! Wer weiß, wie bald Deutschland auch seine jüngsten -Kräfte braucht! Man hofft es nicht, und es ist auch kein Grund zum -Schwarzsehen vorhanden. Aber der Feind ist mächtig; der Feind wird -gepeitscht vom elenden Briten. Deutschland soll und muß vernichtet -werden!</p> - -<p>Aber Deutschland läßt sich nicht vernichten! Deutschlands Jugend -jubelt: ‚Noch sind wir da, sie sollen nur kommen!‘</p> - -<p>Die Begeisterung ist groß, ist riesengroß. Jeder von ihnen wird ein -Held sein, wenn er dem Feind gegenübersteht!</p> - -<p>Aber Begeisterung ist etwas, was ewig von neuem geschürt werden will. -Begeisterung muß immer neue Nahrung haben — genau wie ein Feuer im -Kamin — sonst erlischt sie.</p> - -<p>Der Drill ist aber eintönig, und das ewige Putzen an Pferden, -Sattel- und Zaumzeug und an den Uniformen erst recht! Wo soll da die -Begeisterung herkommen?</p> - -<p>Und doch und doch und doch! Sie vergessen es nicht und dürfen es nicht -vergessen, daß dieser Drill dem Dreinhauen vorangehen muß. Alles in der -Welt will gelernt sein — auch das Dreinhauen, das so einfach scheint.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">– 161 –</a></span></p> - -<p>Neben ‚Vize‘, der zwar sehr stramm, aber auch sehr gerecht ist, haben -sie einen zweiten Wachtmeister bekommen, mit dem im Dienst nicht gut -Kirschen essen ist.</p> - -<p>Er ist groß im Androhen von schweren Strafen, aber er ist auch groß im -Verzeihen. Und wenn er guten Willen bemerkt, läßt er sich herab, seine -Anerkennung nicht zu versagen; in der Kantine beim Glas Bier kommt es -vor, daß er außerordentlich gemütlich wird; aber wenn sein Zorn gereizt -wird, kann er rasend werden. Er hat die echtesten Kavalleriebeine -und reitet tadellos; und da er sich rühmt, einen jeden, auch den -störrischsten Gaul zu bemeistern, verlangt er dasselbe von seinen -Schülern.</p> - -<p>Er ist entsetzt, daß sie in all der Zeit, die sie nun schon hier sind, -noch so wenig gelernt haben. Ein paar unter ihnen kommen immer noch -nicht glatt durch den Sprunggarten. Das ist ein starkes Stück, aber er -wird ihnen beikommen!</p> - -<p>Er kann entsetzlich schreien; die Ohren sausen dem, in dessen Nähe er -steht und der seine Ungnade erworben hat.</p> - -<p>Für den kleinen Hiller, dem man zum drittenmal ein neues Pferd gegeben -hat, ist das, welches er jetzt erhalten, ein wenig zu hoch. Es ist -verteufelt schwer, sich in den Sattel zu schwingen. Das Tier heißt -wegen seines Benehmens ‚Verbrecher‘; es beißt und keilt aus. Hillers -Schienbein hat eine starke Anschwellung, die von einem Tritt herrührt. -Er hätte sich daraufhin krank melden können, haben ihm seine Kameraden -gesagt. Aber er mag nicht ins Lazarett, denn er hat das sichere Gefühl, -daß sich irgend etwas Großes in der Welt ereignen wird, wenn er nicht -zugegen ist. Und wenn er sich ausdenkt, daß er eines schmerzenden -Schienbeins wegen im Bett<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">– 162 –</a></span> liegt und die anderen vielleicht gerade dann -ausrücken, vergehen die Schmerzen ganz von selbst. Er ist keine Memme -und kann schon was ertragen.</p> - -<p>Der neue Wachtmeister braucht eine sehr erhebliche Zeit, bis er einen -vom andern unterscheiden lernt. Er kennt niemand beim Namen und weiß -nicht, wer Einjähriger und wer Dreijähriger ist.</p> - -<p>‚Vize‘ hatte darin ein viel feineres Unterscheidungsvermögen.</p> - -<p>Zu Hiller sagt er eines Tages: „Zeig’ mal her, du Aas, wie du deine -Sporen sitzen hast!“ Und als es nichts zu tadeln gibt, fragt er: „Wie -heißt du?“</p> - -<p>Hiller, ohne es zu wollen, reckt sich, und sein Gesicht nimmt einen -hochmütigen Ausdruck an. Er nennt seinen Namen, und der Wachtmeister -sagt: „Ach so, ’n feines Aas also! Aber hier bist du ein Rekrut wie -alle anderen, merk’ dir das!“</p> - -<p>Hiller hat auf den Lippen, zu erwidern: „Sie irren, Herr Wachtmeister, -ich bin Kriegsfreiwilliger!“ Aber er ist schon zu sehr Soldat — zu -sehr ist ihm Gehorsam und Disziplin schon ins Blut übergegangen.</p> - -<p>„Zu Befehl, Herr Wachtmeister!“ sagt er und läßt das ‚Aas‘ auf sich -sitzen.</p> - -<p>Abends unterhält sich der Wachtmeister sehr freundschaftlich mit ihm -und fragt ihn nach seinen näheren Verhältnissen aus. „So — der Vater -ist schon lange tot! Hm — und er ist das einzige Kind! Schwer für die -Mutter!“ Er wird gerührt und ist wirklich nett und herzlich zum kleinen -Hiller.</p> - -<p>Der benutzt die gute Gelegenheit, ganz bescheiden zu erwähnen, daß sein -neues Pferd, der ‚Verbrecher‘, zu<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">– 163 –</a></span> hoch für ihn sei und dazu gemein -ausschlage; aber mit diesem Anliegen hat er kein Glück.</p> - -<p>Der Wachtmeister reißt den Mund weit auf und läßt gleich wieder die -große Kluft, die den Vorgesetzten vom Untergebenen scheidet, entstehen.</p> - -<p>„Mensch, denkst du, daß du dir im Feld einen Gaul aussuchen kannst? -Wenn dir da dein Tier unter dem Leib weggeschossen wird, glaubst du, -daß da gleich ein Dutzend um dich herumwiehern, damit du dir das -bequemste aussuchen kannst? Nee, gibt’s nicht, mein Junge. Und wenn -ein Pferd so hoch ist wie ein Turm, raufkommen muß einer, der sich -Kavallerist schimpft. Sollst mal sehen, was ich von jetzt an für ein -Auge auf dich haben werde, und in spätestens einer Woche kommst du mit -Eleganz auf dein Tier rauf, das schwöre ich dir!“</p> - -<p>Teufel, ja — da hatte Hiller sich was eingebrockt. Der Wachtmeister -ließ ihn nicht mehr aus den Fingern. Fünfmal hintereinander: „Rauf aufs -Pferd und wieder runter!“ Beim fünftenmal ging es gewöhnlich.</p> - -<p>„Draußen im Feld wirst du deinem Wachtmeister danken! Da wirst du -dir vielleicht mal sagen: ‚Donnerwetter, der Kerl hat’s gut mit mir -gemeint!‘ Denn das hat schon manchem im Feld das Leben gerettet, wenn -er tadellos auf jeden Gaul hinaufkann. Das kannst du dir da drüben auch -merken, du Sonntagsreiter du! Häng’ mal mit deinen zweihundert Pfund -nicht wie ein Mehlsack auf dem armen Biest!“</p> - -<p>Hipp, an den die Worte gerichtet sind, sieht den Wachtmeister in der -gewohnt-treuherzigen Art an.</p> - -<p>„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, ich wiege nur hundertvierzig Pfund!“ -wagte er zu sagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">– 164 –</a></span></p> - -<p>„Schnauze halten!“ schreit der Wachtmeister wütend. „Wenn ich sage, daß -du zweihundert Pfund wiegst, dann wiegst du eben zweihundert Pfund. Im -übrigen werde ich auch dich mal im Auge behalten, dann wird dir das -Antwortgeben bald vergehen!“</p> - -<p>Hipp und Hiller werden, ohne daß ein besonderer Grund dazu vorliegt, -von allen Kameraden und auch von dem Wachtmeister für etwas -Zusammengehöriges angesehen. Sie haben weder im Äußeren noch in ihrem -Wesen irgendwelche Ähnlichkeit, und auch ihre Leistungen sind sehr -verschieden.</p> - -<p>Aber sie sitzen oft beieinander, und wenn Hipps Vater in die Garnison -angereist kommt — und das tut er häufig — ladet er den jungen Hiller -jedesmal mit ein.</p> - -<p>Weil die Umgebung sie zu Freunden gestempelt hat, sind sie’s auch in -der Tat geworden. Hiller hat jetzt absolut keine Zeit zum Grübeln und -zum Kritisieren, und da Hipp umgänglich und zutunlich ist, nimmt er -ihn, wie er ist.</p> - -<p>Der neue Wachtmeister hat sich die beiden in der Tat zu besonderen -Freunden auserkoren.</p> - -<p>Er brüllt sie im Dienst an und ist väterlich freundlich zu ihnen, -wenn er sie in der Kantine trifft. Das muß man ihm lassen: er hat ein -eigenes Talent, den Vorgesetzten mit dem Freund zu vereinen. Hat er -Vorgesetzter zu sein, so ist er es ganz und gar; und kann er Freund -sein, so weiß man nichts mehr vom Vorgesetzten in ihm.</p> - -<p>Sie haben ihn gern und fürchten ihn, und das ist das Idealste, was ein -Wachtmeister von seinen Rekruten verlangen kann.</p> - -<p>Hiller hat sein Pferd, den ‚Verbrecher‘, allmählich<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">– 165 –</a></span> liebgewonnen. Er -hat sich mit ihm quälen müssen und ist dann Herr über seine Tücken -geworden; das freut ihn, und er klopft das Tier am Hals und gibt ihm -Zucker.</p> - -<p>Aber nun, da er endlich zur Freundschaft mit ihm gelangt ist, muß das -eintreffen, was er im Anfang so oft gewünscht hat. Der ‚Verbrecher‘ -läßt den Kopf hängen und frißt und sauft nicht. Hiller redet ihm gut -zu, denn das Tier kennt seine Stimme, und in gesunden Tagen hat es den -Kopf ihm zugewandt, sobald es seinen jungen Herrn kommen hörte.</p> - -<p>Jetzt bleibt es teilnahmslos, und Hipp sagt: „Sei froh, das Biest -krepiert!“</p> - -<p>Hiller macht dem Wachtmeister Meldung über das Befinden des Tieres, und -der sieht sich den Gaul von rechts und links an, tastet ihm die Glieder -entlang und entdeckt eine Geschwulst. Er läßt ein paar Donnerwetter los -und schickt Hiller zum Veterinär. Eine Stunde später steht der kleine -Husar sehr bleich beim Arzt im Krankenstall und hält ein Bein des -Pferdes hoch. Der Veterinär hat einen tiefen Schnitt in die Geschwulst -gemacht und fährt mit Instrumenten in der wehen Stelle herum. Das -Tier schreit und das Bein zuckt in Hillers Händen. Alles Blut ist ihm -vom Gehirn zurückgewichen; kalte Schauer rieseln ihm über den Rücken, -und die Hände, die das Bein halten, zittern. Er kämpft mit einer -Ohnmacht und fühlt, wie ihn etwas zu Boden reißen will. Auch der Magen -revoltiert, und der Arzt wirft einen prüfenden Blick auf ihn, fährt -aber ruhig in seiner Beschäftigung fort.</p> - -<p>Das Tier stöhnt und wirft den Kopf von einer Seite auf die andere. Die -nasse Schnauze streift Hillers<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">– 166 –</a></span> Wange, und ihm bricht der Schweiß aus. -Die Kniee wanken unter ihm, und vor den Augen tanzen schwarze Punkte...</p> - -<p>Der Arzt räuspert sich: „Ich bitte, das Bein höher halten!“ Hiller -möchte aufschreien. Der Arzt kommt ihm wie ein Schlächter vor. Das Tier -ist halb wahnsinnig vor Schmerz, und er hält das Bein, ohne noch zu -wissen, daß er es hält. Dabei sieht er nach dem Stallausgang. Wenn doch -ein Mensch vorbeikäme, den er anrufen könnte. Aber niemand kommt.</p> - -<p>Nun fängt auch das Herz an zu klopfen; bis zum Hals hinauf hämmert es. -Er fühlt, daß das Bein des Tieres ihm entgleiten will, und hat noch -gerade das Bewußtsein, sich zu sagen, daß es schmachvoll für ihn sein -wird, wenn er nicht standhält. Sein Wille arbeitet mit letzter Kraft.</p> - -<p>Draußen im Feld wird er Schlimmeres sehen müssen, sagt er sich. -Und wenn er hier nicht standhält, wenn der Arzt vielleicht seinen -Wachtmeistern erzählt: ‚Teufel, da habt ihr aber einen netten Helden -als Freiwilligen! Der wird ja Deutschlands Jugend glorreich vertreten, -wenn er hinauskommt!‘ Wenn dieser Mann mit der breiten Stirn und dem -energischen Mund das von ihm erzählt, dann ist’s um ihn geschehen, dann -läßt man ihn nie und nimmer hinaus. Er weiß nicht mehr, sind es Minuten -oder sind es Stunden, die vergehen, während er hier steht und gegen -seine Schwäche ankämpft. Aber der Arzt fängt nun leise an zu pfeifen -bei seiner Arbeit, und das Tier wird ruhiger.</p> - -<p>„Sie können das Bein fallen lassen!“ hört Hiller sagen, und hart läßt -er den Huf auf die Erde aufschlagen.</p> - -<p>„Holen Sie Wasser!“ Hiller kommt aus der dumpfen<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">– 167 –</a></span> Stalluft ins Freie, -eilt an den Brunnen und kühlt sich das matte Gesicht. Der Körper ist -noch schwach und zittrig, aber der Kopf kann schon wieder klar denken. -Er hat standgehalten, und niemand wird etwas Kränkendes über ihn sagen -können.</p> - -<p>Der Arzt spricht, während er sich die Hände wäscht, sehr freundlich mit -ihm.</p> - -<p>„Freiwilliger, was? Das war ein gemeines Stück Arbeit an der armen -Kreatur! Verloren ist sie doch, aber es ist genau wie beim Menschen: -Man muß es bis zum letzten versuchen. Und wenn es wirklich zu heilen -ist, so gibt es doch kein Kriegspferd mehr. Sie können sich gleich -ein neues von Ihrem Wachtmeister verschreiben lassen. War ja auch -eigentlich viel zu hoch für Sie, dieser Gaul! Wie sind Sie denn da -überhaupt raufgekommen?“</p> - -<p>Hillers Augen strahlen den Arzt an.</p> - -<p>„Es ging ganz gut!“ sagt er nicht ohne Stolz, und der Arzt lacht.</p> - -<p>„Um so besser für Sie! Draußen wird es Ihnen zugute kommen, wenn Sie -auf jeden Bock hinaufkönnen!“</p> - -<p>Zwei Tage später wird der ‚Verbrecher‘ erschossen und in einem Karren -zum Abdecker gebracht. Hiller hat Mühe, seines Schmerzes Herr zu -werden. Am Abend hat er Stallwache und sitzt auf der Futterkiste. Da -kommen ihm fast die Tränen. Er hat jetzt ein Pferd, das besser zu ihm -paßt: einen hübschen, schlanken Fuchs; aber er kann sich noch nicht -darüber freuen. Mit der ganzen Leidensfähigkeit der Jugend durchlebt -er immer wieder die qualvolle Stunde, die das arme Tier vergebens -durchkosten mußte. Der Philosoph wird wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">– 168 –</a></span> in ihm geweckt. Er -begreift nicht, warum Gott oder das Schicksal, oder auch nur die -unsichtbare Macht, die über uns waltet, so viel unnötige Qualen in die -Welt schickt. Und von der unnötigen Qual, die das Tier erdulden mußte, -kommt er auf das Leid der Menschheit zurück — auf diesen entsetzlichen -Krieg, der Millionen und Millionen in Elend und Trauer versetzt. Wer -ist es, der alles das zuläßt? Geht all das wirklich von dem aus, der -die Geschicke der Welten in seiner Hand halten solle, und der der -Allgütige, der Allbarmherzige genannt wird?</p> - -<p>Zu Hillers Glück gesellt sich ein Kamerad zu ihm, bevor sein Geist sich -ganz von den düsteren Grübeleien einfangen läßt.</p> - -<p>„Donnerwetter,“ sagt der und streichelt das neue Pferd. „Du bist ein -Glückspilz. Du hast jetzt den besten Gaul vom ganzen Beritt. Sag’ mal, -hast du vielleicht noch Moneten, dann könnten wir uns einen ‚alten -Mann‘ zum Wachen kaufen und gehen in die Kantine.“ Ja, Hiller hat Geld, -und der ‚alte Mann‘ ist schnell zur Stelle; aus dem dunstig-warmen, -trübselig erleuchteten Stall kommen sie in den lustigen Kantinenraum. -In der Kantine vergißt man das Denken und Grübeln ganz von selbst. Hier -duftet’s nach kräftigem Essen, Zigarren und Alkohol; hier wird gelacht -und gesungen und politisiert.</p> - -<p>Hiller ißt und trinkt mit den anderen. Das Schicksal des armen -‚Verbrechers‘ ist vergessen, und da man ihm von allen Seiten zu seinem -Fuchs gratuliert, fängt er an, sich über das feine, schnittige Tier zu -<span class="nowrap">freuen. —</span></p> - -<p>Am nächsten Tag soll das erste Nachtgefecht stattfinden. Am Tag haben -sie schon ein paarmal diese kriegerischen Übungen gemacht, und es war -schön und<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">– 169 –</a></span> interessant, weil man dabei eine blasse Vorahnung vom Krieg -bekam. Nun sollte es zum erstenmal in der Dunkelheit geprobt werden.</p> - -<p>‚Vize‘ liest am Morgen die allgemeine Kriegslage vor: Zwei Parteien -werden gebildet, wovon die eine den Freund, die andere den Feind -darstellt. Der Feind trägt die hohe Pelzmütze, der Freund die kleine -Dienstmütze.</p> - -<p>Es gilt die Bahn zwischen der altmärkischen Garnison, in der sie sich -befinden, und der Nachbarstation gegen feindliche Angriffe zu schützen. -Mehrere kleine Posten werden in Abständen von je hundert Metern -aufgestellt, und Patrouillen sollen ausgeschickt werden, um Fühlung mit -dem Feind zu halten.</p> - -<p>Der Feind hat die Aufgabe, die Bahn zu zerstören; das soll durch einen -Schuß, der direkt vor dem in der Nacht durchfahrenden <span class="antiqua">D</span>-Zug -abzugeben ist, markiert werden. Diejenige der beiden Parteien, die -zuerst zur Bahn gelangt und den Schuß abfeuert, geht als Sieger hervor.</p> - -<p>Die Husaren werden verteilt, und jeder bekommt seinen Auftrag. Der -Wachtmeister sucht sich natürlich wieder Hipp und Hiller aus und dazu -einen ‚alten Mann‘, der ihm beim Rekognoszieren helfen soll. Die beiden -Freiwilligen haben nichts weiter zu tun, als sich seinen Anordnungen zu -fügen und sich gut zu Pferde zu halten.</p> - -<p>Um sieben Uhr, als gerade die Dämmerung anfängt, in Dunkelheit -überzugehen, reiten sie zu den Kasernentoren heraus: Karabiner über der -Schulter — die Lanzen im Arm. Der Feind reitet nach rechts — die mit -den Dienstmützen nach links.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">– 170 –</a></span></p> - -<p>Der zweite Wachtmeister macht ein ernstes, würdiges Gesicht und läßt -einen flotten Trab annehmen. Über den großen Exerzierplatz hinweg -geht’s durch einen dunklen Wald. Hiller ist zwar mit Leichtigkeit -auf seinen neuen Gaul, den Fuchs, hinaufgekommen. Aber nun er oben -ist, büßt er sehr schnell sein Behagen ein, denn das Tier ist sehr -temperamentvoll und nervös; bei jedem unbekannten Geräusch zuckt es -zusammen und scheut.</p> - -<p>Im Wald müssen sie über unzählige Hindernisse, und der Wachtmeister -mit dem ‚alten Mann‘ fliegen dahin, als ritten sie über glatten Boden. -Hipp rutscht zweimal von seinem Gaul herab und schimpft und flucht, -und Hiller bearbeitet seinen Fuchs mit Schenkeln und Sporen. Nur mit -größter Not halten sie sich in Sehweite des Wachtmeisters. „Voran!“ -brüllt er ihnen zu, und der ‚alte Mann‘ muß zu ihnen zurückreiten, um -ihren Tieren das nötige Tempo beizubringen. Hipp schreit ein paarmal -laut auf und weiß selbst nicht, wie es ihm gelingt, sich oben zu -halten. Aus dem Wald heraus fliegen sie über eine lange Chaussee hin. -Irgendwo in der Nähe ist Pferdegetrappel zu hören, das müssen die -feindlichen Patrouillen sein. In zehn Minuten kommt der Zug, auf den -sie schießen sollen, vorbei.</p> - -<p>An einer gedeckten Stelle, ganz nahe der Bahn, läßt der Wachtmeister -halten und lauscht. Das Pferdegetrappel ist ganz nahe, man kann nur -nicht unterscheiden, ob es unmittelbar an der Bahn oder mehr nach dem -Wald zu ist.</p> - -<p>Flüsternd befiehlt der Wachtmeister: „Absteigen!“</p> - -<p>Hipp und Hiller bekommen außer den eigenen Tieren und Lanzen noch die -des Wachtmeisters und des ‚alten Mannes‘ zu halten. Der Wachtmeister, -vom ‚alten<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">– 171 –</a></span> Mann‘ gefolgt, schleicht in gebückter Stellung dem Bahndamm -zu. Schweigend stehen Hipp und Hiller einander gegenüber. Stockdunkel -ist es um sie her, und der eine kann das Gesicht des andern nicht -erkennen. Gegen den ausdrücklichen Befehl holt Hipp eine kleine -Stallaterne aus der Tasche, hängt sie in die Schnüre seiner Attila ein -und läßt das Licht aufflammen.</p> - -<p>Der Fuchs ist unruhig und zwingt Hiller, sich rund im Kreis mit ihm zu -bewegen. Hipp muß die drei anderen Gäule am Zügel halten. Vom Wald her -reiten jetzt ganze Kolonnen nach dem Bahndamm zu; von ferne hört man -das Schnauben und Rasseln des heraneilenden Zuges, ein Schuß ertönt und -noch einer, und Hiller schreit laut auf.</p> - -<p>Der Fuchs ist hoch in die Höhe gestiegen und hat sich mit mächtigem -Ruck losgerissen. Nun fliegt er in rasender Schnelligkeit dahin.</p> - -<p>„Hipp, hilf!“ schreit Hiller und rennt hinter dem Fuchs her, und Hipp, -selbst auf das äußerste erschreckt, vergißt seine drei Pferde und rast -hinter Hiller her, an ihnen vorbei die freigelassenen Gäule.</p> - -<p>„Mensch, sei kein Döskopf!“ Hipp kann kaum mehr Luft bekommen, ist -über einen Baumstamm gefallen und flucht und schimpft. „Laß doch die -verteufelten Biester laufen, wohin sie wollen; oder glaubst du, du -holst deinen Fuchs noch ein?“ Und Hiller bleibt mit hochklopfendem -Herzen stehen. Hipp hat recht; es ist natürlich ein Blödsinn, den -Gäulen nachzulaufen.</p> - -<p>Aber was nun? Schweigend gehen sie zu den Lanzen, die sie im Boden -aufgespießt haben, zurück. Hiller hat das Gefühl, ein Verbrechen -begangen zu haben, und auch Hipp ist verlegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">– 172 –</a></span></p> - -<p>„Die Schuld hast du,“ sagt er zu Hiller. „Du hast den Fuchs nicht -gehalten! Na, aber laß gut sein, ich petze nicht. Schön werden die -nächsten Viertelstunden ja nicht werden, aber den Kopf kann er uns auch -nicht abreißen. Pst! Da kommt er schon!“</p> - -<p>Der Wachtmeister sieht die zwei mit den neben ihnen aufgespießten -Lanzen stehen und ahnt sogleich, was sich ereignet hat. Im Grunde ist -er guter Laune gewesen, weil er den Sieg errungen hat; aber die beiden -armen Sünder, die hier vor ihm stehen, lassen die gemütliche Stimmung -schnell verfliegen.</p> - -<p>„Wo habt ihr die Pferde?“ brüllt er sie an.</p> - -<p>Hiller will eine Erklärung abgeben, aber Hipp schreit in seiner Angst -in die Dunkelheit hinein: „Durchgegangen, Herr Wachtmeister! Und da -kann kein Mensch was für bei dieser Schießerei! Ich habe sie mächtig -festgehalten, aber so viel Kraft hat kein Mensch, daß er gegen vier -wildgewordene Gäule ankommt!“</p> - -<p>„Schnauze halten, ihr Himmelshunde! — Schlappe Kanaillen! Was denkt -ihr euch nun, was nun werden soll, wie ich nach Hause kommen soll? -Meint ihr, ich hucke die Lanze auf, ich laufe zu Fuß durch den Wald?“</p> - -<p>Hipp und Hiller nehmen je zwei Lanzen auf den Arm, und unter -fortwährendem Schimpfen und Fluchen des Wachtmeisters geht es ein Stück -Weg entlang.</p> - -<p>Mit so lieblichen Namen wie in dieser Nacht haben die beiden Berliner -Bürschchen sich noch nicht nennen hören. Sie lassen den Wald links -liegen und gehen auf großem Umweg durch ein Dorf. Der Wachtmeister hält -plötzlich in seinem Fluchen inne; von einem Seitenweg kommt jemand auf -sie zugeritten. Ein Unteroffizier, mit zwei Pferden. Es ist Hillers -Fuchs und das Pferd<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">– 173 –</a></span> des ‚alten Mannes‘. Die sind unterwegs von der -feindlichen Partei aufgefangen worden.</p> - -<p>Donner, ja! Jetzt ist der Wachtmeister auf einmal rosigster Laune -— steigt auf — heißt auch den ‚alten Mann‘ aufsitzen und heidi — -fort. Hipp und Hiller mit ihren vier Lanzen sehen sich erst eine Weile -ungläubig an. Hiller zieht eine Generalstabskarte heraus und studiert, -wie lange sie zu laufen haben. Durch den Wald können sie nicht gehen, -also immer rund herum um den Wald — das bedeutet statt einer und einer -halben Stunde drei Stunden Weges.</p> - -<p>Es ist halb elf Uhr, und da sie keine Zeit hatten, vor dem Ausrücken -etwas zu essen, sind sie hungrig. Im Dorf, durch das sie kommen, sehen -sie ein erleuchtetes Wirtshaus. Hiller will erst nichts davon wissen; -sein Gewissen quält ihn, er will auf schnellstem Wege dahin, wo er -hingehört.</p> - -<p>Aber Hipp wird böse: „Mensch, sei doch kein Frosch! Wer kann uns -beweisen, daß wir uns nicht verirrt haben? Immer rin! Wenn man im Feld -Hunger leiden muß, dann geschieht das fürs Vaterland und man ist ein -Held; wenn man aber Hunger hat und kommt an einem Wirtshaus vorbei und -geht nicht rein, dann ist man ein Esel!“</p> - -<p>Hipp hat etwas Fortreißendes, wenn er mit seiner Philosophie -hervorrückt. Hillers Bedenken fallen demgegenüber immer wie ein -Kartenhaus zusammen. Sie gehen durch einen kleinen, engen Flur ins -Gastzimmer, in dem noch ein paar Bauern beim Kartenspiel sitzen. Ein -gutmütig aussehendes Weib kommt ihnen entgegen und läßt sich ihre -Geschichte erzählen. Sie ist sehr freundlich zu den Freiwilligen; hat -sie doch auch einen Sohn in der Husarenkaserne.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">– 174 –</a></span></p> - -<p>„I wo, das kann Ihnen keiner übel nehmen, wenn Sie nicht in der -Stockdunkelheit den Weg machen. Man wird doch jetzt noch nicht seine -Gesundheit aufs Spiel setzen, da man sie doch später im Felde so -notwendig hat.“ Die Bauern drehen sich nach den Husaren um und fragen -sie aus. Es sind zwei liederliche Kerle, die hier mit schmutzigen -Karten um Geld spielen.</p> - -<p>Schlechte Zeiten! Man muß sich zerstreuen! Sie laden die beiden jungen -Menschen ein, an ihren Tisch zu kommen, und Hipp steuert sogleich -hinüber. Die Wirtin ist in der Küche verschwunden und kommt nach einer -guten Viertelstunde mit gebackenen Eiern, Schinken, Wurst, Brot und -Butter wieder. Hipp und Hiller essen mit freudigem Appetit und trinken -ein paar Flaschen Bier. Die Bauern haben Steinhäger vor sich stehen, -und Hipp läßt eine Runde für sie alle auffahren. Aus einer Ecke heraus -fängt ein Grammophon mit rasselndem Ton und krähendem Beiklang an -zu tönen. Irgendeine leichte Walzermelodie — schrecklich für das -musikalisch gebildete Ohr Hillers, aber höchst anregend für alle -anderen. Hipp kennt ein feines Kartenspiel zu Vieren, höchst einfach; -das lernen selbst die Bauern im Handumdrehen. Aus dem Brustbeutel holen -sie, was sie an Nickel bei sich haben. Die Augen der Bauern beginnen -zu glänzen. Hipp sieht genau aus wie sein reicher Vater, wenn er eine -Pulle Sekt spendiert, und Hiller ist in seinem Bann. Er tut mechanisch -mit, was die anderen tun. Ganz dumpf empfindet er dabei ein Unbehagen. -Mitternacht geht vorüber. Irgendwo hat eine Uhr klirrend geschlagen. -Hiller will gehen, aber Hipp lacht ihn aus: „Mensch, sei kein Frosch!“ -Sie sitzen bis ein Uhr und sitzen bis zwei Uhr! Die Brustbeutel werden -leerer. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">– 175 –</a></span> Bauern lassen sich von den zwei jungen, reichen Herren -traktieren. Die Köpfe sind rot — Witze werden erzählt; die Luft in der -kleinen Stube ist zum Ersticken, und die Petroleumlampe will plötzlich -erlöschen.</p> - -<p>Über Hiller kommt es plötzlich wie eine Krankheit; er fühlt sich -namenlos unglücklich. Sein Kopf ist nicht mehr ganz frei, aber so viel -begreift er doch noch, daß er sich in einer scheußlichen Umgebung -befindet. Die Bauern haben kleine, ekelhaft verschwommene Augen -bekommen; ihre rohen Gesichter glänzen wie Speck. Sie erzählen gemeine -Witze. Hipp lacht und spielt sich als großen Herrn auf.</p> - -<p>Plötzlich springt Hiller in die Höhe. „Ich gehe!“ sagt er mit einer -Bestimmtheit, gegen die Hipp sich nicht mehr aufzulehnen vermag. Die -Bauern bieten gegen entsprechende Vergütung ihre Begleitung an, und man -muß sie annehmen, weil man sich allein doch nicht zurechtfinden würde. -Jeder nimmt eine fahnengeschmückte Lanze in den Arm, und schwankend -treten sie in die Nachtluft hinaus.</p> - -<p>Hiller trottet ein paar Schritte hinter den anderen her. Er ist in -einem scheußlichen Zustand. Es ist ihm nicht ganz klar vor Augen, und -doch ist eine Stimme in ihm wach, die immer dasselbe sagt: ‚Pfui Teufel -— pfui Teufel!‘ Sein Blut lehnt sich auf gegen die Gemeinschaft mit -solchen Menschen. Die schmutzigen Witze, über die Hipp gelacht hat, -haben ihn aufs tiefste verletzt. ‚Pfui Teufel — pfui Teufel!‘ Hier -in der Wirtsstube haben sie gesessen und um Geld gespielt, und haben -sich von gemeinen Bauernschädeln auf gemeine Weise unterhalten lassen, -und draußen in der Welt fließen Ströme von Blut; draußen in der Welt -spielt sich die größte Tragödie, die je in einer Zeit gewesen ist, ab. -„Katzen<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">– 176 –</a></span>jammer!“ sagt Hipp und lacht. „Mensch, du bist der unheilbarste -Esel, den ich je gesehen habe!“</p> - -<p>Sie gehen drei volle Stunden; ganz leise wird die Dunkelheit zur -Dämmerung, als sie die kleine Stadt erreichen. Die Bauern lassen sich -ablohnen und überreichen die Lanzen.</p> - -<p>Die Kasernentore standen schon offen, als Hipp und Hiller antreten. -Sie eilen zum Stall und finden die ausgerückten Pferde auf ihrem -Platz stehen. Hipp haut dem seinen einen tüchtigen Riemenschlag übers -Hinterteil. „Kanaille!“ Dann laufen sie in den Waschsaal, kühlen sich -die erhitzten Gesichter und sind pünktlich mit allen anderen zum -Stalldienst zur Stelle.</p> - -<p>Der Wachtmeister würdigt sie keines Wortes, behandelt sie aber während -des ganzen, langen Reitunterrichtes nicht gerade besonders sanft.</p> - -<p>Hillers Kopf bleibt benommen; erst am Abend wird ihm wohler. Hipp steht -im Stall neben ihm und erzählt Geschichten von kleinen Mädchen. Hiller -tut teilnahmslos, und Hipp nennt ihn wieder: „Esel!“</p> - -<p>Am späteren Abend in der Kantine erst findet er seinen Frohsinn wieder. -Der Wachtmeister hat ihn angeredet und ist weich geworden. „Nimm dir -das nicht zu Herzen!“ sagt er väterlich. „Jedem kann natürlich mal sein -Gaul durchgehen. Im übrigen macht sich die Sache mit dir!“ Da wird er -ganz froh, fast ausgelassen und läßt trotz der Ebbe in seiner Börse -eine Runde auffahren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">– 177 –</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Wochen vergehen; der Oktober ist gekommen. Die Zeit der wilden -Stürme ist da. Sie brausen übers märkische Land; sie heulen und klagen -über die weiten Ebenen dahin. Eine wilde, schwere Nacht hat in der -altmärkischen Stadt furchtbare Verwüstungen angerichtet. Am Flußweg -sind zwei große Pappeln ums Leben gebracht. Wie Tote liegen sie lang -über den Weg ausgestreckt. Ein Baugerüst ist umgefallen und hat einen -unter sich begraben, und in jeder Promenade liegen ein paar gefällte -Bäume und ausgerissene Sträucher. Noch ein paar andere Menschen sind -zu Schaden gekommen. Einer Frau ist die Schulter gequetscht worden, -und die ganze Stadt ist voll von dem Unglück dieser einzelnen. Ein -Trunkener, der unter einem Baum gelagert hat, hat ein Auge eingebüßt. -Auch sein Schicksal erregt Mitleid. Ein Landstürmer sagt wütend: -„Wenn unsereins draußen zu Haufen niedergeschossen wird, dann ist das -nichts Besonderes. Aber hier flennt man um ein altes Weib und einen -Trunkenbold!“</p> - -<p>Da der Oktober so schwer und wild einsetzt, prophezeien die Leute -einen furchtbaren Winter. Die Leute müssen was zu schwatzen haben; sie -müssen sich vor etwas gruseln machen. Die Ereignisse schreiten jetzt -langsamer voran. Nach dem raschen Siegeszug durchs belgische Land ist -ein Stillstand eingetreten. Großes soll sich vorbereiten! flüstert man. -Eine Schlacht, wie sie die Weltgeschichte noch nicht gesehen, soll -geschlagen werden in nächster, allernächster Zeit.</p> - -<p>Die jungen Freiwilligen in der Kaserne werden von Ungeduld verzehrt. -Warum hält man sie noch? Die Infanterie ist schon in Scharen -hinausgezogen; sie aber hält man fest und drillt und drillt. Sie kennen -doch nun<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">– 178 –</a></span> wirklich alles, was sie zu kennen brauchen. Auf ihren Pferden -sitzen sie so sicher wie auf einem Stuhl; das Lanzenbohren, das sie an -Strohpuppen gelernt haben, ist ein Kinderspiel. Nun fiebern sie, an den -Feind zu kommen.</p> - -<p>Aber es ist noch gar und gar keine Aussicht fürs baldige Ausrücken da. -Nicht mal die feldgraue Uniform haben sie erhalten.</p> - -<p>Einer von den alten Leuten, der hier Garnisondienst tut, hat gesagt: -„Paßt mal auf, Weihnachten sitzt ihr auch noch hier! In diesem Krieg -braucht man die Kavallerie kaum noch. Was früher der Kavallerist -erkunden mußte, tut heute der Flieger, und außerdem hat man Autos und -Räder!“</p> - -<p>Das klingt so begreiflich; das ist ihnen in die Knochen gefahren! -Herrgott, wenn man sie nun überhaupt nicht brauchte. Wenn man sie eines -Tages nach Hause schickte: ‚Deutschland hat genug Kämpfer! Es bedarf -eurer nicht!‘</p> - -<p>Es ist eine Flauheit in die Stimmung gekommen. Man wartet allenthalben -auf etwas Großes, etwas Unerhörtes. Die Pfarrer predigen von der Kanzel -herab: Geduld — Geduld und wieder <span class="nowrap">Geduld. — —</span></p> - -<p>Ach, man merkt erst jetzt so recht den Krieg. Damals, vor zweieinhalb -Monaten, als er begann — mitten im Sommer, damals, als es so toll und -rasend schnell ging —, da war der Krieg ein einziger Jubel — ein -einziger Triumph! Nun aber, da die Blätter fallen, da die Nächte kalt -und rauh werden — nun, da die Natur ihre Schönheit abwirft, und der -Winter wie ein böser, dunkler Geist vor der Tür steht, nun lassen die -Schwachen, die Armseligen ihre Köpfe hängen und beginnen zu klagen und -zu jammern: Warum machen sie nicht vorwärts? Warum<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">– 179 –</a></span> schlägt man sich -nicht? Wozu das Herumliegen in den Schützengräben?</p> - -<p>In der altmärkischen Garnison werden draußen im freien Feld, dicht an -den Exerzierplätzen, Stacheldrähte gezogen. Kolossale Flächen werden -eingefaßt. Die Leute fragen und erkunden: Warum? Wozu? Erst ist es ein -Geheimnis — aber dann geht’s von Mund zu Mund: Russen kommen hierher; -Tausende von gefangenen Russen und Kosaken sollen hierhergebracht -werden. Die Leute erschrecken: Herrgott, Tausende von Russen so nahe -bei der Stadt! Die Frauen, deren Männer und Söhne ausgezogen sind, -erzittern.</p> - -<p>Wenn die nun in der Nacht ausbrechen und über die wehrlosen Leute in -der Stadt herfallen? Gott, o Gott, was man nicht alles erleben muß! -Es vergeht eine Woche und noch eine. Die Stachelverhaue sind längst -fertig, noch nicht ein einziger Russe wohnt darin. Dann war es wohl -doch nur ein Märchen — und die Herzen beruhigen sich wieder.</p> - -<p>Frau Hiller wohnt noch immer im kleinen Städtchen; sie ist wie -festgebannt hier. Sie will nicht schwach werden und ist es doch. Sie -fürchtet sich so namenlos vor der Einsamkeit in ihrer kleinen Wohnung -in Berlin. Hier, in den zwei Zimmern bei der Wachtmeisterswitwe, ist -ihr Herz ruhiger; von hier aus sieht sie das Leben ihres Jungen sich -abspielen. Sie will ihn nicht stören und in nichts beschränken, das -hat sie ihm versprochen. Er soll gar nicht denken, daß sie hier ist. -Nur wenn ihn die Sehnsucht einmal treibt, soll er zu ihr kommen. Der -kleine Husar ist erstaunt, er begreift gar nicht, warum seine Mutter -sich hier wohlfühlt, da sie es in Berlin doch so viel eleganter und -abwechslungsreicher hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">– 180 –</a></span></p> - -<p>Er selbst kann ihr ja wirklich nichts sein. Der Dienst ist stramm, und -man sieht es nicht gern, wenn sie viel außerhalb der Kaserne sind. Aber -wenn sie es absolut will, so ist es ihm natürlich recht — sogar sehr -recht, denn oft freut er sich auf eine Stunde des Alleinseins mit ihr. -Sie darf dann nur nicht traurig aussehen, das verträgt er nicht.</p> - -<p>In Berlin sind die Frauen rastlos tätig in der Pflege und in unzähligen -Vereinen für Wohltätigkeit. Ein jeder will sein Scherflein beitragen. -Der Andrang ist so groß, daß gehemmt werden muß. In den Zeitungen wird -gemahnt, der große Eifer solle eingedämmt werden. Auch Frau Hiller -sehnt sich nach einer Arbeit, die sie ausfüllt, die ihre Gedanken -ablenkt vom eigenen Schmerz. Kein Mensch in der Welt hat in dieser Zeit -das Recht, an den eigenen Kummer zu denken. Alles, was im gewöhnlichen -Leben selbstverständlich und gut und berechtigt ist, wird klein und -zwecklos und unbedeutend durch den Krieg. Jeder Schmerz, der im Herzen -des einen wohnt, lebt im Herzen von Tausenden und aber Tausenden. -Wenn jeder ihm nachgeben wollte, so wäre es drin in der Heimat, für -die gekämpft wird, schlimmer und trostloser als draußen auf dem -Schlachtfelde. Aber der Schmerz ist wie ein Pilz; jede Nacht wuchert er -von neuem in die Höhe; jeden Morgen muß er von neuem ausgerissen werden -aus dem armen, bangen Herzen.</p> - -<p>Hier, in der kleinen Altmärker Garnison, kann sie sich am allgemeinen -Wohltätigkeitswerk nicht beteiligen. Verwundete sind noch nicht da, -und wenn sie eines Tages eintreffen, werden mehr Hände da sein, als -gebraucht werden können.</p> - -<p>Das einzige, was sie hier tun kann, ist das, was<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">– 181 –</a></span> jetzt alle Welt -tut. Sie strickt für die, die draußen im Felde sind, und für die, -die erst hinausziehen. Die Wachtmeistersfrau hat es ihr wieder -beibringen müssen, wie ein Strumpf gestrickt wird. Sie hat dabei an die -Kinderjahre denken müssen — an die tote Mutter und das ganze, längst -versunkene Jugendland.</p> - -<p>So ein Zurückschauen ist schön und traurig zugleich. Welche Fülle von -Leid ohne eigentliche Ursache! Und so wie ein Schmerz überwunden ist, -begreift man nicht mehr, daß man so namenlos darunter leiden konnte. -Jedes überwundene Leid hat seinen Glorienschein; man möchte es nicht -missen. Aber jedes neue erscheint unerträglich — unfaßbar! Das Kreuz, -das man zu tragen hat, wird schwerer, je weiter der Weg geht.</p> - -<p>Man sagt: Die Jugend hat die größte Leidensfähigkeit. Aber dafür hat -die Jugend auch die größte Elastizität. Und überhaupt: Wo hört die -Jugend auf, und wo fängt das Alter an? Gibt es eine Regel dafür? Der -eine fühlt sich mit dreißig alt, der andere ist mit fünfzig jung. -Die Großmutter ist zweiundsiebzig Jahre alt und hat noch das junge, -lebendige Herz! Aber nie hat Frau Hiller so sehr gewünscht, sich alt -und ruhig zu fühlen, als jetzt in dieser großen Zeit, in der die Jugend -vor dem Alter zu Grabe getragen wird.</p> - -<p>In den vergangenen Wochen, als die Luft noch mild war, als der Regen -noch nicht so unablässig fiel und alle Wege grundlos machte, ist sie -oft stundenlang durch die angrenzenden Dörfer und Felder gewandert. Das -ist jetzt nicht mehr möglich. Man kann es kaum wagen, durch eine der -Promenaden in die Stadt zu gehen, und ist dann froh, wenn man wieder -im Warmen sitzt. Kein Mensch ahnt wie lang die Tage sich dehnen; kein -Mensch ahnt,<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">– 182 –</a></span> was für Leidenswege ein armes Herz an solch langen Tagen -zurücklegt.</p> - -<p>Oft flieht sie zu den Wachtmeistersleuten in die Küche. Da ist es immer -traulich, da hört man immer etwas Neues. Die alte Frau sitzt an der -Maschine und näht bunte Hemden fürs Rote Kreuz. Das ist Heimarbeit -und wird schlecht bezahlt. Aber man tut es gern. Fräulein Else näht -Knopflöcher, oder sie steht am Plättbrett und plättet. Dabei singt sie. -Sie hat eine hübsche, sympathische Stimme und, was die Hauptsache ist, -sie hat echtes Gefühl.</p> - -<p>Wenn sie singt, wird man von einer guten, wohltuenden Traulichkeit -ergriffen, denn sie singt natürlich mit Vorliebe wehmütige Lieder vom -Scheiden und Sterben und Verlassensein.</p> - -<p>Wäre sie eine Tochter aus vermögendem Hause, so wäre wahrscheinlich -an diese warme, angenehme Stimme etwas gewandt worden, und sie würde -kunstvoll singen. So aber ist sie wie der Vogel im Wald, der sein Lied -singt, wie es ihm gegeben ist. Und das ist das Wohltuende an ihrem -Gesang.</p> - -<p>Daß diese Menschen, die alte Frau sowohl wie die Tochter, keine Damen -sind, daß sie ganz wundervoll einfach sind, das zieht Frau Hiller so -mächtig zu ihnen hin. Die beiden Frauen bringen es fertig, sie für -Stunden ganz gesund, ganz froh zu machen.</p> - -<p>Im Anfang hat sie nur gewagt, hin und wieder eine halbe Stunde auf -dem großen, rotbraunen Sofa in der Küche zu sitzen. Sie wollte nicht -stören; sie glaubte, man lege sich ihretwegen irgendeinen Zwang auf. -Und sie hat wohl auch das törichte Gefühl gehabt, sich herab<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">– 183 –</a></span>zulassen, -wenn sie bei den Leuten in der Küche säße. Genau wie ihr Junge mag sie -gefühlt haben, der es im Anfang nicht begreifen konnte, daß er sich -hier mit den Jungen aus dem Volk, mit den Bauernsöhnen und Handwerkern -eins fühlen sollte. Wie schnell hat er seine Vorurteile über Bord -geworfen, wie schnell ist ihm alles klein und lächerlich erschienen, -was ihm angeboren, anerzogen war. Heute sind alle Menschen einander -gleich, ein jeder von den wehrfähigen Männern hat denselben Wert fürs -Vaterland — ein jeder von ihnen will sein Blut geben, und eine jede -Frau, ob aus hohem Stand oder aus einfachem, zittert und leidet um -dasselbe.</p> - -<p>Um fünf Uhr, zur Kaffeezeit, liegt das altmärkische ‚Intelligenz- und -Leseblatt‘ in der gemütlichen Küche der Wachtmeisterswitwe, und um fünf -Uhr steht auch die große Kaffeekanne auf dem geblümten Tischtuch, und -Frau Hiller sitzt auf dem Sofa, neben ihr die alte Frau, und auf dem -Stuhl ihr gegenüber Fräulein Else. Das altmärkische ‚Intelligenzblatt‘ -bringt gewöhnlich dasselbe, was schon am Morgen in einer Berliner -Zeitung gestanden hat. Die offiziellen Nachrichten sind genau die -gleichen. Aber das, was so ein Provinzblatt sonst noch bringt, ist ihr -neu und scheint ihr eigentümlich. Sie liest den beiden Frauen vor, die, -bis die Dunkelheit völlig einbricht, ihre Arbeit wieder aufnehmen. Die -Herdtür steht offen, die Kohlen glühen und werfen den roten Schein -auf den Boden. Wenn die Wachtmeistersfrau zum Nähen nicht mehr genug -sehen kann, strickt sie im Dunkeln an einem Strumpf, und Fräulein -Else plättet, ohne das, was sie plättet, noch erkennen zu können. Das -Petroleum ist knapp geworden; man darf die Lampen erst anzünden, wenn -man die Hand vor den Augen nicht mehr sehen kann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">– 184 –</a></span></p> - -<p>Der Mangel an Petroleum ist unangenehm, aber er ist doch nichts -eigentlich Schlimmes, worunter man wirklich leidet. Doch genügt diese -erste Einschränkung, die dem Land auferlegt wird, um den Krieg auch -denen, die noch in Sicherheit, ohne jegliche Entbehrung dahinleben, ein -wenig näherzurücken.</p> - -<p>Im Nachbarhaus haben sie davon gesprochen, das Mehl könne ausgehen; -wenn der Krieg bis Weihnachten nicht zu Ende sei, habe man kein Brot -mehr. Im Nachbarhaus wohnen Schwarzseher, das ist bekannt. Aber -dennoch! Fast jeder Krieg führt Hunger und Krankheit im Gefolge. Wer -weiß, was noch kommen wird! Wer weiß, wie der einzelne dastehen wird, -wenn dieses furchtbare Ringen zwischen den Völkern einmal vorüber ist!</p> - -<p>Die drei Frauen in der warmen, dunklen Küche haben oft das -niederdrückende Gefühl, daß sie sich das Leben zu leicht und bequem -machen. Man heizt die Öfen und ißt sich satt — genau wie in -Friedenszeiten. Man singt und erzählt sich Geschichten, und draußen -frieren und hungern und bluten sie. Gewiß, man näht, man strickt; aber -man möchte mehr tun!</p> - -<p>Man möchte, möchte! Aber wo soll man angreifen?</p> - -<p>Einmal kommt ein junger Arzt zur Wachtmeisterswitwe in die Küche -und trinkt den Kaffee mit den drei Frauen. Er erzählt von einem -Verwundetentransport, der in den nächsten Tagen eintreffen soll. Die -Lazarette stehen zum Empfang bereit; hilfreiche Hände sind zwanzigfach -mehr, als Bedarf ist, zur Stelle. Das ist entmutigend. Frau Hiller hat -früher den Samariterkurs durchgemacht. O, wenn sie helfen könnte! Nicht -im großen Berlin, wo so unzählige auf ihre Berufung<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">– 185 –</a></span> warten! Aber hier, -im kleinen Altmärker Städtchen, hier, wo ihr Junge lebt, wo sie das -gute Heim gefunden hat.</p> - -<p>Sie weiß genau: Sobald sie großes, wirkliches Unglück sieht, wird das -Leid des eigenen Herzens überwunden sein! Aber der Arzt bleibt dabei: -An Ärzten ist Mangel, an Pflegerinnen Überfluß. Die Wachtmeistersfrau -seufzt: „Es müßte einmal einen Frauenkrieg geben!“ und lächelt dabei; -aber sie rührt in Frau Hillers Herzen an eine wehe Stelle. Es leben so -viele, die überflüssig sind, und es leben so viele, die jede Stunde -gern bereit wären, den großen Weg ins Nichts zu gehen. Draußen lassen -die Besten des Volkes ihr Leben, und im Lande, für das gekämpft wird, -leiden und stöhnen Tausende von Überzähligen weiter.</p> - -<p>Oben die Trompetersfrau hat seit drei Tagen ein kleines Mädchen; die -Geburt hat ihr fast das Leben gekostet. Ach, wäre es zu Ende gegangen -mit ihr, bevor das Kind die Augen aufschlug! Nun liegt sie bleich -und müd’ und fragt nach ihrem Mann. Wer wird den Mut haben, ihr die -grausige Wahrheit zu sagen? Wer wird es über sich bringen, ihr zu -sagen: ‚Du bist Witwe und dein kleines Mädchen war Waise, noch ehe es -geboren <span class="nowrap">war!‘ —</span></p> - -<p>Aber ein Unglück überholt das andere. Auch hier im Altmärker Städtchen. -Allein in den paar Häusern, die hier auf einem Block zusammen stehen, -ist Trauer und bitterer Schmerz in eine ganze Reihe von Familien -eingezogen. Eine junge Braut harrt Woche um Woche auf eine Nachricht -von dem, der in der Zeitung unter den ‚Vermißten‘ stand. Die Ärmste, -die mit ihren Gedanken in der weiten Welt herumirren muß, die von einer -Möglichkeit zu anderen tastet, die heute hofft und<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">– 186 –</a></span> morgen in die -tiefste Verzweiflung sinkt, sie hat Schlimmeres durchzufechten als die, -der eine bittere, furchtbare Tatsache mitgeteilt wird.</p> - -<p>Frau Hillers Mitleid aber gehört der Frau des Trompeters. Das -Schlafzimmer der Wöchnerin liegt über dem ihren. In der Nacht hört -sie das kleine Geschöpfchen schreien. Lange hat sie kein kleines Kind -schreien hören; lange ist es her, seit sie bei einer jungen Mutter -geweilt hat. Wenn sie in der Nacht nicht schlafen kann, hat sie den -Wunsch, oben im Zimmer bei der armen Frau und dem neugeborenen Kind -sein zu dürfen. Eine alte Person aus des Trompeters Verwandtschaft ist -zur Pflege da. Sie schlurft durch die Zimmer, und man hat das Gefühl, -das ihr die Pflege vielleicht zu viel wird, daß sie oft verdrossen ist.</p> - -<p>Jede Nacht träumt Frau Hiller, daß sie das Kind im Arm hält und am Bett -der Mutter sitzt. Es wäre etwas so Einfaches und Natürliches, daß sie -hinaufginge und ihre Hilfe anböte. Aber jeden Morgen ist sie verzagt -und weiß nicht, wie sie eine Verbindung finden soll.</p> - -<p>Die junge Wöchnerin kann sich nicht erholen. In den Fluren des Hauses -stehen die Frauen und reden und reden. Die Ärmste fragt unablässig -nach ihrem Mann. Warum schreibt er nicht? Das geht doch nicht mit -natürlichen Dingen zu, daß er nicht schreibt!</p> - -<p>Die Qual des Wartens reibt sie auf; auch das Kindchen leidet unter der -Pein der Mutter. Die Frauen aus dem Haus sind jetzt übereingekommen, -daß man ihr die Augen öffnen muß. Ewig kann man sie nicht in der Lüge -erhalten, und wenn sie erst auf ist, kann sie es durch irgendeinen -Zufall erfahren. Aber wer fühlt sich berufen, die Nachricht zu -überbringen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">– 187 –</a></span></p> - -<p>Die Wachtmeistersfrau sieht eines Tages Frau Hiller mit forschenden -Augen an, dann sagt sie: „Am besten ist’s, eine ganz Fremde geht zu -ihr! Alle im Haus haben Angst, es ihr zu sagen!“ Und die Augen der -alten Frau sprechen eine Bitte aus: ‚Wollen Sie es übernehmen‘?</p> - -<p>Man sieht ihr neugierig nach, als sie die Treppe hinaufgeht. Es ist -Krieg — ist Ausnahmezustand: warum soll da nicht die fremde Frau zu -der armen Witwe gehen und ihr das Traurige melden? Die wird am ersten -die richtigen Worte finden.</p> - -<p>Ach, aber Frau Hillers Träume hatten sie doch wohl irregeführt. Sie -hat sich gedacht, gleich eine Verbindung von Herz zu Herz zu finden; -doch wie sie oben im halbdunklen Schlafzimmer steht, kommt es wie -Verzagtheit über sie. Die blasse Frau im Bett fühlt sich verlegen und -beginnt, sich wegen der Einfachheit, in der sie lebt, zu entschuldigen. -Das Kind schreit, und die alte Pflegerin steht in der Mitte vom Raum -und macht keine Miene, zu gehen.</p> - -<p>Frau Hiller hat ein paar Leckerbissen und Blumen mitgebracht; sie gibt -es der Kranken, und die dankt mit viel zu viel Worten. Die Pflegerin -fragt, ob sie der gnädigen Frau Kaffee bringen dürfe, und weicht nicht -von der Stelle. Frau Hiller rückt sich einen Stuhl neben das Bett und -fragt nach allerlei Dingen. Sie hofft, die Kranke müsse von dem, was -sie bewegt, sprechen. Aber das tut sie nicht, denn sie spricht nur -vom Krieg im allgemeinen, von der Verwirrung im ganzen Städtchen, von -den Umzügen, von dem Alarm drüben in der Kaserne in den ersten Tagen. -Die arme Frau glaubt, ihren Gast unterhalten zu müssen; es hat etwas -Erschütterndes, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">– 188 –</a></span> sie darauf bedacht ist, über den eigenen Kummer zu -schweigen.</p> - -<p>Die Pflegerin beugt sich über die Kranke und flüstert ihr etwas ins -Ohr. Das Kindchen muß Nahrung haben, und man sieht den Besuch ängstlich -fragend an.</p> - -<p>Frau Hiller nimmt das Kind aus dem Arm der alten Frau und legt es an -die Brust der Mutter. Nun sind sie sich um vieles nähergerückt. Die -Frau lächelt sie dankbar an, und wie sie nun in den Kissen liegt, -sieht Frau Hiller erst, wie jung und lieblich dies Gesicht ist. Große, -ausdrucksvolle, dunkle Augen hat sie, und einen schönen, vollen Mund.</p> - -<p>Die Pflegerin muß zu Einkäufen in die Stadt fahren. Soll sie warten, -bis das Kleine gestillt ist, oder wird die Dame noch eine kleine -Stunde bleiben? Frau Hiller ist glücklich, daß sie bleiben darf. Sie -sieht, wie das feine Mündchen des Kindes sich in die Brust der Mutter -eingräbt; sie fährt mit der Hand über das weiche Köpfchen. So hat sie -einst ihren Ernst gehalten; so wie dies ganz kleine Kindchen hier zur -Mutter gehört, hat ihr Junge einst ihr gehört! Unausdenkbar, daß man so -eins war, daß so ein Kindchen einmal nichts anderes als ein Stück von -der Mutter war. Weh wird ihr ums Herz, als sie dies stille, traurige -Glück sieht.</p> - -<p>Das Kindchen schläft ein; das Mündchen läßt die Brust fahren, und Frau -Hiller trägt das kleine Geschöpf zu seinem Korb zurück. Die Frau bleibt -wie erschöpft in den Kissen liegen; sie wirkt wie ein Bild, von einem -alten Maler gemalt. Solch ein tiefes Leiden in den zarten Zügen! Frau -Hiller nimmt eine der blassen Hände in die ihren. Ihr ist’s, als sei -diese Frau ihre Schwester,<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">– 189 –</a></span> als gehöre sie ganz eng zu ihr. Ihr Herz -ist von überquellender Liebe, voll tiefem, tiefstem Mitleiden.</p> - -<p>Aus ihrer Hand geht der Strom heißen Fühlens ins Herz der anderen über. -Sie hat jetzt vergessen, daß die Frau, die an ihrem Bett sitzt, eine -Fremde ist. Der matten Hand tut der warme Druck wohl. Die Seele wird -weich und mitteilsam. Und sie macht der, die zu ihr gekommen ist, ihr -das Bittere mitzuteilen, ihr Amt leicht.</p> - -<p>„Wenn man weiß, daß einer tot ist, daß es nichts mehr zu hoffen gibt, -dann kommt wenigstens Ruhe in den Kopf!“ klagt sie. Frau Hillers Hand -umschließt die der Kranken fester. Ihr Herz ist erregt, es schlägt so -laut, daß es ihr ist, als müßte man den lauten Schlag im Zimmer hören.</p> - -<p>„Jede Nacht höre ich ihn rufen! Jede Nacht sehe ich ihn irgendwo liegen -und höre ihn stöhnen!“</p> - -<p>Sie wendet das Gesicht zur Seite, die matte Hand zuckt in Frau Hillers -Händen.</p> - -<p>„So viele von uns müssen jetzt dasselbe leiden!“ kommt es zaghaft aus -deren Mund.</p> - -<p>Das ist immer ein matter Trost; weiß sie doch von sich selbst, daß -ein Schmerz nicht weniger bitter wird, wenn man sich sagt, daß viele -dasselbe zu leiden haben.</p> - -<p>Die Frau im Bett richtet sich auf. Ihr Gesicht hat sich verändert; die -Augen starren in eine Ecke, um den Mund liegt ein harten Zug. „Ich habe -alles verloren, seit ich nicht mehr weiß, wo er ist! Ich kann nicht -mehr beten — ich kann mich nicht an dem Kind freuen. Ich weiß nur -eines: wenn ich nicht bald Gewißheit habe, verliere ich den Verstand, -und ehe ich den Verstand verliere, mache ich ein Ende — auch mit dem -armen Wurm da!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">– 190 –</a></span></p> - -<p>Wie sie das vor sich hinspricht — ohne Bewegung im Gesicht — ohne Ton -in der Stimme, fühlt Frau Hiller, daß dies arme Weib wirklich am Ende -seiner Kraft ist, fühlt, daß dieser Kopf nicht viel mehr ertragen wird. -Sie drückt den noch schwachen Körper in die Kissen zurück. Sie beugt -sich so dicht zum Gesicht der jungen Mutter, daß sie es fast mit dem -ihren berührt.</p> - -<p>„Und wenn Sie nun die Gewißheit hätten! Wenn jemand ihnen mit -Bestimmtheit sagte: Er lebt nicht mehr! Er hat den schönsten Tod, den -ein Mensch finden kann, erlitten!“ sagt sie unsicher und erregt.</p> - -<p>Die Frau sieht sie ungläubig an; das blasse Gesicht verzerrt sich. Aber -dann geht eine Veränderung mit ihr vor. Sie weiß nun auf einmal, warum -die fremde Frau zu ihr herausgekommen ist in ihr armes Stübchen. Sie -begreift mit einem Male alles. Die aus dem Hause haben es längst gewußt -und haben nicht den Mut gehabt, ihr die Wahrheit zu sagen. Da haben sie -die Fremde hier heraufgeschickt. Sie zweifelt keinen Augenblick mehr. -Der Mann ist tot. Sie ist Witwe, das Kind ist Waise. Ein einziges Jahr -des Glückes — dann aus!</p> - -<p>Sie sagt nichts mehr. Übers bleiche Gesicht strömen Tränen. Sie läßt -ihre Hand in Frau Hillers Händen.</p> - -<p>Still ist’s um die beiden — fast dunkel im Zimmer. Aus dem Nebenraum -tönt das Ticken einer Uhr.</p> - -<p>Tiefer Frieden hier drinnen. Aber draußen in der Welt tobt die Wut der -Völker weiter; was gilt der einzelne Mensch, der unter den Millionen, -die sich in wildem Haß bekämpfen, steht? Fällt er, so fällt er; sein -ist die Ruhe. Aber jeder, der da draußen sein Leben läßt, stirbt nicht -für sich allein. Jede Wunde, die auf dem heißen Felde geschlagen wird, -reißt schlimmere Wunden bei<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">– 191 –</a></span> denen, die zurückblieben, die sich im -Alltag weiterschlagen müssen!</p> - -<p>Wer ist schlimmer daran? Wer hat das größere Leid getragen? Der -arme Trompeter ist als Held gestorben, ist erlöst! Wenn man es noch -fertigbringt, an eine Gerechtigkeit jenseits dieser unharmonischen Welt -zu glauben, wird er zu ewiger Glückseligkeit gelangt sein. Die Frau -aber mit dem Kind hat ein langes, schweres, graues Leben vor sich.</p> - -<p>Frau Hiller fühlt, wie die Hand in der ihren schlaff wird. Sie beugt -sich über das weiße Gesicht. Die Augen sind geschlossen. Ruhige -Atemzüge — ein guter, friedlicher Zug um den Mund. Sie schläft.</p> - -<p>Durchs Nebenzimmer schlurft die alte Pflegerin und kommt ans Bett. -Frau Hiller löst ihre Hand von der der Schlafenden. „Haben Sie ihr’s -gesagt?“ fragt die Frau und atmet erleichtert auf.</p> - -<p>Sie bringt Frau Hiller bis zur Treppe. „Na, nun wird’s ja bald gut -werden. Der Mensch kann alles aushalten — nur Ungewißheit nicht!“</p> - -<p>Unten im Flur springt Mirza an ihr hoch. Der kleine Husar steht in der -Küche bei den Wachtmeistersleuten, denn er hat eine freie Stunde und -will mit der Mutter zu Nacht essen.</p> - -<p>Strahlend erzählt er, daß sie gegen Typhus geimpft wurden. „Eine ganze -Menge ist schlapp geworden!“ erzählt er. „Nun weiß man doch wenigstens, -daß die Sache in Gang gebracht wird — daß man in absehbarer Zeit -hinauskommt!“ Im dritten Monat sind sie in der Kaserne; das soll einer -aushalten. Man putzt Pferde und Knöpfe und Sattelzeug fürs Vaterland, -und bei den anderen Regimentern<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">– 192 –</a></span> haben die Freiwilligen schon große -Schlachten mitgeschlagen und Eiserne Kreuze erworben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nun kommen die Russen also doch ins Altmärkische Städtchen. Die -Wasserleitung ist bis zu den großen, durch doppelten Stacheldraht -eingezäunten Plätzen hinausgelegt worden. Hohe elektrische Bogenlampen -bestrahlen die weiten Flächen, auf denen jetzt Tag und Nacht gearbeitet -wird. Baracken sind notdürftig aufgebaut, eine große Küche ist -eingerichtet worden. Kaufleute aus der Stadt erzählen von gewaltigen -Aufträgen, die sie zur Verpflegung des Russenlagers erhalten haben.</p> - -<p>Alle Welt spricht nur noch von den Russen! Wie mögen sie aussehen? Man -freut sich und fühlt doch ein leichtes Grauen. Fünfzehntausend Mann -sollen gebracht werden! Eine ganze Horde Feinde in allernächster Nähe!</p> - -<p>Eines Tages, als die Freiwilligen sich zum Abendapell versammeln, -bekommen sie einen Befehl, der sie mit Freude erfüllt. Sie haben ihre -Pferde zu satteln, werden zum Bahnhof reiten, um die Russen, die am -späten Abend eingeliefert werden sollen, in Empfang zu nehmen. Das -Gesicht der jungen Menschen leuchtet auf. Endlich etwas Kriegerisches! -Endlich mal einen Auftrag, der unmittelbar mit dem Krieg zusammenhängt!</p> - -<p>Aber der Wachtmeister legt ihnen einen Dämpfer auf. Ernst und -würdig müssen sie den Feind empfangen. Keiner darf reden — keiner -irgendwelche Teilnahme bezeigen. Mit gefällter Lanze und geladenem -Karabiner haben sie auf ihrem Pferd zu sitzen und langsam den Zug zu -begleiten. Geschieht etwas Unerwartetes, geht die<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">– 193 –</a></span> Sache nicht glatt -von sich, so haben sie auf Befehl von der Waffe Gebrauch zu machen.</p> - -<p>Die Russen kommen also doch. Tag und Stunde der Ankunft sollte -Geheimnis bleiben im Städtchen. Aber man hat es doch erfahren. -In einer kleinen Stadt erfährt man eben alles. Wozu sollten die -Absperrungsmaßregeln am Güterbahnhof getroffen worden sein, wenn nicht -für die Ankunft des Feindes? Die Russen kommen! — die die Russen -kommen!! — jedes Kind weiß es.</p> - -<p>Aber alles Interessante in dieser Zeit geschieht bei Nacht; -Mannschaften und Pferde, die ins Feld ziehen, alles wird bei Nacht -transportiert. Vor kurzem sollen fünfhundert gefangene Franzosen -durchgekommen sein und am Bahnhof eine Stunde gelagert haben. Auch in -der Nacht! Kein Mensch hat etwas von ihnen gesehen! Aber die gefangenen -Russen wird man sehen, denn die bleiben ja nun für lange Zeit am Ort. -Solange der Krieg dauert, bleiben die hier, und der Krieg kann noch -lange dauern. Kein Mensch glaubt mehr daran, daß Weihnachten Friede ist.</p> - -<p>Die Deutschen wollen jetzt gar keinen schnellen Frieden mehr! Sie -wollen bis zum Äußersten durchhalten! Was England dem Deutschen Reich -anzutun gedachte, das werden die Deutschen nun den edlen Briten -zufügen! Der Haß gegen die Engländer lebt bis ins kleinste Kinderherz -des ganzen deutschen Vaterlandes hinein.</p> - -<p>Man freut sich, wenn Russen oder Franzosen Niederlagen erleiden und -große Verluste haben. Der kleinste Triumph aber über England löst -ungeheuren Jubel aus.</p> - -<p>So feig ist der Brite, hat seine Flotte in die Irische See gebracht und -wagt sich zu keinem Angriff vor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">– 194 –</a></span></p> - -<p>Deutschland soll angreifen, soll sich preisgeben, soll plump -hereinfallen. England lebt nur noch von Lüge und Betrug.</p> - -<p>Die erste Nation der Welt hat sich die Lüge zur Politik gemacht. Ob die -Welt das duldet? Ob England sein Ansehen unter den Völkern behaupten -wird, wenn dieser gewaltige, unselige Krieg einmal zu Ende ist? Die -Kinder im Städtchen, die auf den Plätzen und in den Anlagen Krieg -spielen und die Rollen der Feinde untereinander verteilen, geben sich -gern dazu her, Franzosen, Russen oder Belgier zu sein. Den Engländer -aber will keiner abgeben; wer im Spiel Engländer sein muß, der schämt -sich und verlangt dafür, daß er beim nächsten Spiel Deutscher sein muß.</p> - -<p>Frau Hiller steht mit Fräulein Else in der Tür des Hauses, als die -Freiwilligen aus dem Kasernentor herausreiten. Wie ihr kleiner Ernst -nun schon sicher auf dem Pferd sitzt! Er nickt der Mutter zu, und der -große Zug schmucker Husaren, den Karabiner über der Schulter, die Lanze -im Arm, bewegt sich die lange Straße hinab, dem Bahnhof zu.</p> - -<p>Fräulein Else hat den lebhaften Wunsch, sich die Sache anzusehen. Am -Bahnhof ist natürlich alles abgesperrt, da kann man nicht durch. Aber -wenn man mutig ist, geht man zum Lager selbst hinaus. Es ist ja nicht -gefährlich, denn der Mond scheint, und draußen beim Lager brennen die -hohen Bogenlampen.</p> - -<p>Aus der Kaserne kommt der junge Arzt, der die Wachtmeistersleute hin -und wieder besucht und mit ihnen in der Küche Kaffee trinkt. Fräulein -Else läuft ihm entgegen und bringt ihr Anliegen vor.</p> - -<p>Der Arzt ist selbst auf dem Wege zum Exerzierplatz.<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">– 195 –</a></span> Er hat das Amt, -nach den leichtverwundeten Russen, die schon am Morgen ankamen und im -großen Saal eines Bierrestaurants, dicht beim Lager, untergebracht -sind, zu sehen. Er begrüßt Frau Hiller und erklärt sich bereit, die -Damen zu begleiten. Mirza läuft mit ihnen.</p> - -<p>Es ist eine kühle, sternklare Nacht, und sie biegen gleich links von -der Kaserne in einen schmalen Weg ein. Rings um sie herum sind Felder; -ein Bächlein rieselt da durch, der Mond gießt weiches Licht auf die -Erde, und der Arzt erzählt von den Einrichtungen, die für die Russen -getroffen worden sind. Am Bahnhof, in einem Lazarett, liegt eine -Anzahl Schwerverwundeter. Ein paar von ihnen werden in allernächster -Zeit ihren Wunden erliegen. Entsetzliche Verletzungen haben sie -davongetragen.</p> - -<p>Arme Teufel! Es ist eine Grausamkeit, daß man sie leiden läßt, daß man -sie nicht erlösen darf, da man doch genau weiß, daß sie in ein paar -Stunden oder Tagen unter namenlosen Qualen sterben müssen.</p> - -<p>Frau Hiller hat sich in Fräulein Elses Arm gehängt, denn sie gehen über -Stoppeln, und das Mondlicht tanzt unsicher auf dem holprigen Boden. Es -ist ein weiter Weg bis zum Russenlager hinaus; alles totenstill um sie -her, kein Mensch begegnet ihnen, nur Mirza bellt hin und wieder, wenn -er irgendwo etwas Lebendiges wittert.</p> - -<p>Dem Russenlager gegenüber erhebt sich ein kleiner Hügel; wenn man da -hinaufsteigt, überschaut man den ganzen, weiten Platz wie ein Theater. -Der junge Arzt zieht die Uhr. „Die Damen werden noch eine gute Stunde -warten müssen,“ sagt er. „Sind Sie nicht ängstlich?“</p> - -<p>Nein, ängstlich sind sie nicht! Wer soll ihnen etwas tun, sie haben ja -auch Mirza bei sich, und wenn er auch<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">– 196 –</a></span> nicht viel ausrichten kann, so -würde er doch wenigstens bellen, wenn sich etwas Verdächtiges zeigte.</p> - -<p>„Aber es ist kalt, und es wird Ihnen noch etwas langweilig werden, -so lange dem leeren Platz gegenüberzustehen. Wenn Sie Lust und Mut -haben, so kommen Sie mit mir und schauen sich an, wo wir unsere -leichtverletzten Feinde untergebracht haben!“</p> - -<p>Fräulein Else kämpft mit einem leisen Unbehagen, aber Frau Hiller ist -freudig überrascht. Nicht Neugierde drängt sie, aber in der Nacht denkt -sie oft über das Schicksal der Gefangenen, die krank ins Land ihrer -Feinde kommen, nach. „Wenn ich nur einen Blick in den Saal werfen -darf!“ Sie nimmt dankbar das Anerbieten des jungen Arztes an.</p> - -<p>Er führt sie ein Stück Weges zurück durch einen Garten, in dem den -Sommer über Tische und Bänke standen, und wo sich lustiges Leben -abzuspielen pflegte. Jetzt ist alles dunkel und einsam.</p> - -<p>Ein paar Stufen führen zum Eingang des Hauses hinan; man geht durch -den Restaurationsraum, in dem ganz wenige Gäste sitzen, und kommt in -den großen Tanzsaal. Starker Karbolgeruch dringt ihnen entgegen, und -Fräulein Else hält sich die Nase zu. „Hu, wie das riecht!“</p> - -<p>Der Arzt geht voran, und die beiden Frauen bleiben am Eingang an einer -Säule stehen. Von der Decke herab hängen große Lampen, die weißes Licht -ausstrahlen. An der Erde, auf Matratzen, die eilig hierhergeschafft -wurden, weil man nicht auf so viele Kranke gerechnet hatte, liegen die -Verletzten; in voller Uniform liegen sie da, und einige haben sogar die -Mütze auf dem Kopf.</p> - -<p>Seltsam mutet dies Bild an — traurig — öd — un<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">– 197 –</a></span>freundlich! Die -Lazarette, die in der Stadt sind, haben weiße Betten und weiße Möbel, -alles wirkt da hell und freundlich, so daß man das sichere Gefühl hat: -der hier liegt, muß gute und friedliche Gedanken bekommen.</p> - -<p>Dieser Saal aber, der so hastig hergerichtet werden mußte, hat etwas -Beklemmendes. Aber sie liegen zum wenigsten warm. Sie haben Pflege -und reichliches Essen. Gott mag wissen, ob es den Unseren, die als -Gefangene in ihr Land kommen, ebenso gut ergehen mag.</p> - -<p>Der Arzt tritt an einen Tisch, an dem zwei junge Leute mit dem -Abzeichen des Roten Kreuzes auf dem Arm stehen. Er läßt sich Bericht -erstatten und geht dann von Bett zu Bett. Die meisten der Gefangenen -sprechen deutsch, und einige von ihnen sehen intelligent aus.</p> - -<p>Auf der Matratze eines Schlafenden sitzt ein junger Mensch, der den -Kopf in die Hand gestützt hat. Von ihm kann Frau Hiller ihre Blicke -nicht lösen, denn etwas unsäglich Trauriges geht von ihm aus. Man soll -kein Mitleid mit den Feinden haben! Man soll an die Greueltaten, die -sie schon in unserer Heimat angerichtet haben, denken. Was wollen sie -denn mehr als das, was man ihnen hier bietet: ein warmes Lager, Essen -und Trinken und die nötige Pflege? Geht es uns etwas an, ob sie sonst -noch leiden, ob sie Heimweh haben, ob ihre Seele belastet ist?</p> - -<p>Der junge, energische Arzt tritt an das Bett des Schlafenden und -rüttelt den, der wie weltentrückt dasitzt, an der Schulter. Der fährt -auf und sieht den Arzt erschrocken an. Er hat nur einen Streifschuß an -der Hüfte und ist schon fast ganz wiederhergestellt. In einem Tag oder -zwei wird er zu den anderen ins Lager kommen.<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">– 198 –</a></span> Der Schlafende scheint -doch aber eher zu den Schwerverletzten zu gehören; der hat einen -Lungenschuß und sein Atem geht röchelnd.</p> - -<p>Der Arzt sieht ihn an und läßt ihn schlafen, dann tritt er zu den -Frauen Er erklärt Frau Hiller die einzelnen Fälle. Der junge Mensch, -der wieder in seiner versunkenen Stellung, den Kopf in die Hände -vergraben, dasitzt, ist der Bruder des Schlafenden. Der Arzt hat sich -am Morgen mit ihm unterhalten, denn er spricht deutsch ebenso geläufig -wie russisch, und hat ihm mitgeteilt, daß er ganz nahe der Grenze -zu Hause sei. „Wollen Sie sich mal von ihm selbst seine Geschichte -erzählen lassen?“</p> - -<p>Fräulein Else machte entsetzte Augen, und auch Frau Hiller möchte -abwinken. Aber der Arzt ist schon zu dem jungen Menschen hingegangen -und kehrt mit ihm zu den zwei Frauen zurück. Er hat ein sympathisches -Gesicht, und man sieht sogleich, daß er kein gewöhnlicher Mensch ist. -Er sieht jetzt auch gar nicht mehr so schwermütig aus und erzählt -fließend und anscheinend gern, wie er in den Krieg gekommen ist.</p> - -<p>Er und sein Bruder, der hier liegt, waren Beamte auf einem großen Gut, -hatten Urlaub bekommen und waren gerade im Begriff, zu Eltern und -Geschwistern in die Stadt zu fahren. Da heißt es: „Großes Manöver!“ Man -rüstet sich und denkt: In drei Tagen ist man frei! Da steht man auch -schon dem Feind gegenüber. Entsetzlich! Kein Mensch hat ihnen etwas vom -Krieg gesagt! Wochenlang liegen sie hinter Wällen — immer er mit dem -Bruder zusammen — schlechtes Essen — trübe Nächte, und die Deutschen -schießen wie die Verrückten! Ende September haben sie sich ergeben — -der Bruder<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">– 199 –</a></span> mit einem Schuß in den Rücken, er mit der Hüftwunde, die -schon fast ganz ausgeheilt ist.</p> - -<p>Mit dem Bruder war es anfänglich auch nicht so schlimm; er konnte noch -ganz gut gehen und sitzen, aber der lange Transport hat ihm geschadet -— nun muß er vielleicht sterben! Da nimmt das Gesicht wieder den -schwermütigen Ausdruck an. Die Angst um den Bruder mag ihm das Herz -zuschnüren, denn man sieht und fühlt aus allem, daß er den Bruder -zärtlich liebt. Er ist noch blutjung und hat ein kluges Gesicht. Nun -erfährt er nichts mehr vom Krieg, wird nicht hören, wie es um sein Land -steht, und wie lange die Gefangenschaft dauert!</p> - -<p>„Danke,“ sagt der Arzt in dem Augenblick, in dem der junge Mensch -anfängt von seinen Gefühlen zu reden. Das klingt schroff, und Frau -Hiller und Fräulein Else sehen ihn vorwurfsvoll an. Kein Mitleid mit -den Feinden! Frauen aber können sich schwer dem Mitleid verschließen!</p> - -<p>Der junge Mensch sitzt wieder ganz versunken am Lager des Bruders. Was -mag er nun gegen die empfinden, denen er Rede stehen mußte über das, -was sie hören wollten, und auf deren Gebot er schweigen mußte, als das, -was er zu sagen hatte, ihnen nicht mehr paßte?</p> - -<p>Frau Hiller sieht zu ihm hin und stellt sich vor, daß ihr Junge eines -Tages so im fremden Land sitzt, den Kopf in die Hand gestützt, das Herz -voll Verzweiflung, und daß er vielleicht vorgerufen wird und Frauen -aus Feindesland Rede stehen muß und fortgeschickt wird, sobald ihre -Neugierde befriedigt ist. Sie schämt sich und hat das Gefühl, zum Leid -eines armen Menschen noch Haß und Verbitterung gesellt zu haben.</p> - -<p>Der Arzt zieht seine Uhr. Er hat in dieser Nacht hier<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">– 200 –</a></span> nichts mehr zu -tun und greift zu Hut und Mantel. „In einer Viertelstunde kann übrigens -der Transport beim Lager ankommen, also gehen wir!“</p> - -<p>Draußen atmen sie tief auf. Eine klare Nachtluft empfängt sie und kühlt -den erhitzten Kopf. Mirza, der im Gastzimmer geblieben war, springt -hoch an Fräulein Else in die Höhe. Die Sterne funkeln, und der Mond -macht die Erde silbern. Es ist eine köstliche Spätherbstnacht!</p> - -<p>Sie steigen auf den Hügel und sehen die Welt wie ein Märchen vor -sich liegen. Weit dehnen sich die vom Drahtzaun eingefaßten Flächen -vor ihnen aus, und die Bogenlampen werfen ein geisterhaftes Licht -darüber. Zu allen Seiten sind weite Felder, und der Blick kann in die -Unendlichkeiten schweifen. Nirgends ein Hemmnis, denn öd und flach ist -das altmärkische Land!</p> - -<p>Frau Hiller wendet sich der Seite zu, wo die Stadt mit ihren -Kirchtürmen liegt. Ganz verschleiert nur sieht man die Umrisse. Es ist -beklemmend still oben auf dem kleinen Hügel; keiner von den dreien -spricht ein Wort, und Fräulein Else hat den frierenden Hund auf die -Arme genommen. Ein leiser Wind raunt durch die letzten Blätter der -Bäume, und hin und wieder schwirrt ein Vogel durch die Luft.</p> - -<p>Frau Hiller ist es, als beginne ihre Seele zu fliegen — sie sieht -Dinge, die noch kein Mensch gesehen; sie weiß und versteht Dinge, die -niemand auf Erden begreifen kann. Ihr ist, als öffnen sich Tore vor -ihr, die sich erst dem erschließen, der sein irdisches Leben abgeworfen -hat.</p> - -<p>So oft in diesen unseligen Zeiten, seit der Krieg be<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">– 201 –</a></span>gann, hat sie -an allem, was sonst ihre Zuflucht gewesen, zu zweifeln begonnen: an -dem Gott, der die Geschicke der Menschen in der Hand hält, der über -Recht und Unrecht entscheidet. In dieser Nacht aber wird ihr ein -Gnadengeschenk. Der Himmel öffnet sich ihr, und sie sieht in Pracht -und Herrlichkeit hinein. Sie sieht mit den Augen eines Kindes, dem ein -Märchen erzählt wird. Sie sieht Gott mit dem milden Antlitz und dem -Glorienschein ums Haupt, wie ihn fromme Kinder sich vorstellen. „Wer -sein Leben unschuldig hingibt, der wird hier oben bei mir die Seligkeit -erlangen!“ hört sie ihn sagen. Da weiß sie wieder, daß das, was man -sie in der Jugend lehrte, doch wahr ist. Die paar Jahre, die der -Mensch hier unten auf der Erde hinzuwandern hat, die sind also nichts -anderes als die Vorbereitung für die Ewigkeit da oben! Alle Menschen -bekommen das in ihrer Kindheit gesagt, aber sie vergessen es, oder -sie wachsen darüber hinaus. Und weil jeder nur an das eine Leben hier -unten denkt, kommt so viel Böses und Hartes und Schlimmes in den Herzen -auf, — darum auch ist der Neid und der Haß unter den Völkern so groß -geworden — darum schlachten sich die Menschen jetzt hin! Jeder will -für dies eine Leben, an das er glaubt, alles für sich zusammenraffen — -keiner denkt an die Herrlichkeit da oben und darum will keiner arm und -bescheiden und gut bleiben. Wie verblendet sind die Menschen geworden!</p> - -<p>Der Arzt faßt Frau Hiller leise am Arm, und im selben Augenblick ist -die Traumwelt versunken. Vom Dom und von der Marienkirche schallen -Glockentöne: es ist Mitternacht.</p> - -<p>Der Arzt deutet mit der Hand nach der großen Straße hin, die vom Tor -hier heraus zu den Exerzierplätzen führt.<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">– 202 –</a></span> In weiter Ferne hört man -Pferdegetrappel, hört die Marschschritte der Gefangenen.</p> - -<p>„Sie kommen! Sie kommen!“ ruft Fräulein Else und läßt Mirza aus ihren -Armen gleiten.</p> - -<p>Das Auge kann erst allmählich unterscheiden; man sieht etwas wie -eine graue Schlange heranziehen. Es kommt näher und näher. Das -Pferdegetrappel schlägt jetzt schon ganz deutlich ans Ohr, man kann die -Umrisse der Reiter erkennen.</p> - -<p>Ein Schauer geht durch die beiden Frauen. Der Krieg ist ihnen mit -einmal ganz nahe gerückt! Der Feind, der Deutschland in Stücke zerhauen -will, kommt als Gefangener ins Land! Man hat all die Tage gar nicht -darüber nachgedacht, was das eigentlich so recht bedeutet. Auch vorhin -bei den armen Verwundeten hatte man nicht das Gefühl eines Triumphes. -Nun aber, da der Trupp näher und näher kommt, erschauert man unter der -Größe des Augenblicks.</p> - -<p>Sie sind schon ganz nahe! Zwei Vorreiter sind am Stachelzaun angelangt. -Eine Tür wird geöffnet — eine Anzahl Soldaten bilden Spalier — die -Husaren verteilen sich rund um den weiten Platz herum, und die ersten -Russen betreten das Lager. Still alles ringsumher, nur das Marschieren -der Truppen und das Aufschlagen der Pferdehufe ist hörbar.</p> - -<p>Die Russen tragen braune Mäntel, die sich kaum vom Erdboden -unterscheiden; sie fließen durch die schmale Tür auf den weiten Platz -wie eine Masse, die eine Form füllen soll. Unabsehbar dehnt sich der -Zug der Anmarschierenden hin; man hat gar nicht mehr die Empfindung, -daß diese wogende Menge, die hier einzieht, aus einzelnen Menschen -besteht. Man sieht nur noch das Ganze,<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">– 203 –</a></span> das durch die enge Tür quillt, -das anschwillt, das wie ein Meer auf und nieder wogt!</p> - -<p>Werden sie alle Platz haben? Wird ein jeder ein kleines Stück Boden für -sich finden, wo er sich zur Nacht ausstrecken kann? In Baracken und -Zelten ist Stroh aufgeschüttet worden. Gegen Sturm und Kälte sind sie -also genügend geschützt. „Viel zu human,“ sagt der Arzt, der zwischen -den beiden Frauen steht. „Wer weiß, wie sie mit den Unseren umgehen, -die in ihr Land kommen?“</p> - -<p>Es ist gut für Frau Hiller, daß ihr Mitleid eingedämmt wird, daß sie -es immer wieder hört: „Wie werden die Deutschen, die in Feindesland -kommen, aufgenommen werden?“ Dann denkt sie an ihren Ernst — und das -Herz wird hart gegen Deutschlands Feinde.</p> - -<p>Aber immer wieder bricht der Schmerz und der Jammer um all das Leid, -das in die Welt gekommen ist, in ihrer Seele hervor. Wer hat diesen -furchtbaren Krieg gewollt? Wer hat die Brandfackel in die Welt -geschleudert? Welcher verruchte Kopf ist es, der die Massen aufwiegelte -— wessen Seele wird einst Verantwortung tragen müssen für das -namenlose Leid, für den grenzenlosen Jammer, der jeden einzelnen, der -doch nichts anderes als ein armes Werkzeug ist, trifft?</p> - -<p>Die Husaren auf ihren Pferden stellen sich rund ums Lager auf, immer -noch mit gefällter Lanze, immer noch zum Angriff bereit. Aber die -Gefangenen gehen friedlich, wie Vieh, das in den heimatlichen Stall -zieht, in ihr Lager hinein.</p> - -<p>Von der Stadt her kommt der Landsturm angezogen; der hat die Wache zu -übernehmen. Die Nacht ist vorgeschritten; ein Frösteln geht durch die, -die oben auf dem Hügel stehen. Der Wind, der bislang wie ein<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">– 204 –</a></span> Raunen -durch die Kronen der Bäume gezogen ist, wird stärker. Am Himmel treiben -Wolken, die Sterne sind verschwunden, und der Mond ist fahl geworden.</p> - -<p>Nun ist der letzte Russe ins Lager eingezogen; die Tür schließt sich. -Zwei Wachtmeister kommandieren die Husaren, die sich zu Reihen ordnen. -Frau Hiller schaut auf den Zug, der sich zur Stadt bewegt.</p> - -<p>Da kommt wieder das große Staunen in ihre Seele. Das Kind, das bislang -ihr eigen war, ihr kleiner Ernst, ist einer von den Husaren, die hier -eine so ernste, feierliche Mission verrichtet haben. Welcher mag es -sein?</p> - -<p>Jeder einzelne wird ein paar Sekunden lang von dem hellen Licht der -Bogenlampen bestrahlt; aber sie hat ihren Jungen nicht erkannt!</p> - -<p>Stolz und Schmerz kämpfen wieder gegeneinander. Der Stolz sagt: -‚Freue dich, daß du dem Vaterland einen Sohn zu geben hast!‘ Aber der -eigennützige Schmerz sagt: ‚Ich habe ihn geboren — ich habe ihn groß -gezogen, und nun, da ich einen guten Kameraden an ihm hatte, muß ich -ihn hingeben!‘</p> - -<p>Sie stehen noch eine Weile auf ihrem Hügel; sie sehen, wie der -Landsturm sich rings ums Lager verteilt.</p> - -<p>Drinnen, innerhalb des Drahtzaunes, wogen die Massen auf und nieder -— Tausende von einzelnen Leben, die nun zu einem großen Ganzen -verschmolzen sind! Tausende von Köpfen und Herzen, die hier leiden -werden!</p> - -<p>Und zu diesen Tausenden, die hier in der Fremde die Gefangenschaft -erdulden müssen, gehören wieder Tausende in der Heimat, die mit ihnen -leiden — deren Seelen dunkel und verzagt sind. Die ganze Welt ein -einziger Jammer — ein einziger Weheschrei! Wer hat<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">– 205 –</a></span> diesen unseligen -Krieg heraufbeschworen? Wer trägt die Schuld, daß die Welt in solche -Finsternis geraten konnte?</p> - -<p>Der junge Arzt mahnt zur Heimkehr. Das Schauspiel ist vorüber; das, was -man jetzt sieht, wird man durch Wochen — durch Monate — vielleicht -noch ein ganzes Jahr hindurch sehen können, denn der Krieg hat noch -lange, lange nicht ausgetobt!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Großmutter hat sich zur Reise ins Altmärker Städtchen aufgemacht.</p> - -<p>Das ist ein großer Entschluß für sie gewesen, denn mit zweiundsiebzig -Jahren reist man nicht mehr ganz leichten Herzens wie in der Jugend, -durch die Welt. Und ganz besonders in diesen Zeiten nicht, in denen man -noch gar nicht auf regelmäßige Beförderung rechnen kann; in denen noch -immer Überraschungen an der Tagesordnung sind: Truppenverschiebungen, -Gefangenentransporte oder erweiterter Güterverkehr, der die -Personenbeförderung einschränkt.</p> - -<p>Großvater ist gar nicht damit einverstanden, daß die alte Frau die -Fahrt, die noch dazu sehr umständlich ist, wagen will. Da sie aber -hartnäckig ist, hat er ihr seine Begleitung angeboten. Doch sie will -nicht, daß die Wohnung ohne männlichen Beschützer bleibt. Sie hat so -ihre Ahnungen, die sie selten täuschen; sie ist sicher, daß sich irgend -etwas Schreckliches ereignen wird, wenn sie beide ihr Heim verlassen, -und sie würde keinen Augenblick der Ruhe haben.</p> - -<p>Eine ganze Woche kämpft sie mit sich selbst. Es fällt ihr wirklich -nicht leicht, sich zu der Fahrt zu entschließen,<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">– 206 –</a></span> aber der Wunsch, -den Enkel in Uniform zu sehen, der Wunsch, den Sohn ihres Sohnes noch -einmal, bevor der große Abschied kommt, ans Herz zu drücken, ist zu -brennend geworden.</p> - -<p>Den ganzen Tag, Stunde für Stunde, muß sie an den Jungen denken. Sie -hat immer gehofft, er würde mal ein paar Tage Urlaub erhalten und sie -besuchen; aber die Freiwilligen bekommen nur dann Urlaub, wenn ganz -zwingende Gründe vorliegen, und die Sehnsucht einer Großmutter, ihren -Enkel wiederzusehen, ist kein zwingender Grund.</p> - -<p>Wenn sie also den drängenden Wunsch ihres Herzens befriedigen will, muß -sie sich zur Reise entschließen, und zwar bald, denn der Winter steht -dicht vor der Tür, und man muß von Tag zu Tag auf Schneestürme und -Frostwetter vorbereitet sein. Sie rüstet sich, als habe sie eine Reise -von Wochen vor.</p> - -<p>Natürlich kann sie nicht mit leeren Händen kommen. Die Müller hat ihr -helfen müssen, ein paar Eßpakete zu packen; außerdem hat sie einen -ganzen Berg von Wollsachen, den sie und die Müller gestrickt haben. Das -kann der Junge natürlich nicht alles selbst brauchen und soll er auch -nicht. Sie hat nicht für den Enkel, sondern fürs Vaterland gestrickt; -also mag er ärmere Kameraden, die noch nicht im Besitz des Nötigen -sind, mit dem, was sie und die Dienerin verfertigt haben, beglücken.</p> - -<p>Der Großvater sitzt neben ihr, als sie im geschlossenen Wagen zur -nächsten Bahnstation fährt. Das Herz ist ihr furchtbar schwer. Es ist -vielleicht doch eine Torheit, daß sie die Reise wagt. Sie legt ihren -Arm in den ihres Mannes und schmiegt ihr Gesicht an seine Schulter.<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">– 207 –</a></span> -Wie ein ganz junges Paar sitzen sie eng aneinandergelehnt im Wagen.</p> - -<p>Großvater hat ihr genau aufgeschrieben, wo sie umzusteigen hat; aber -am Bahnhof wiederholt er die Reisestrecke noch zwei-, dreimal. Beim -Abschied muß sie weinen und fühlt sich ganz schwach — aber sobald der -Zug sich in Bewegung setzt, ist alles gut.</p> - -<p>Es wird sogar ganz lustig; sie hat nette Reisegesellschaft, hört -allerlei kleine Geschichten erzählen, und ihre Augen beginnen zu -leuchten. Die alte Lebenslust ist wieder da. Sie hat das Gefühl, daß -sie sich wohl zu sehr einkapselt, darum vorzeitig alt wird und die -rechte Verbindung mit der Welt verliert.</p> - -<p>Das Umsteigen geht sehr glatt; es ist überhaupt während der ganzen -Reise alles wie zu normalen Zeiten. Nur, daß an Brücken und Tunnels -Wachen stehen, und daß im Wagen ein Plakat angebracht ist: ‚Reisende, -helft unsere Brücken und Tunnels schützen!‘ erinnert an den Krieg.</p> - -<p>Der Zug kommt auf die Minute pünktlich im Altmärker Städtchen an; die -Schwiegertochter ist am Bahnhof, und ein Wagen, der sie zur Kaserne -hinausbringt, ist zur Stelle.</p> - -<p>Frau Hiller ist im ersten Augenblick, als sie die alte Frau sieht, ein -wenig benommen. ‚Wie ein Bild, das aus seinem Rahmen genommen würde!‘ -muß sie denken; denn sie hat die Großmutter eigentlich immer nur in der -zu ihr gehörenden Umgebung und nie an einem fremden Ort gesehen.</p> - -<p>Großmutter hält während der ganzen Wagenfahrt die Hand ihrer Maria in -der ihren und läßt sich erzählen. Dabei schaut sie zu den Fenstern -hinaus, findet, daß die<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">– 208 –</a></span> Stadt eigentlich ziemlich reizlos sei, und -staunt über den weiten Weg.</p> - -<p>Sie begegnen einem Trupp graugelber Husaren, aber Ernst ist nicht -darunter.</p> - -<p>Die Wachtmeistersfrau und deren liebenswürdige Tochter begrüßt die -Großmutter mit einer gewissen Herablassung, sieht sich prüfend in den -beiden Zimmern, die ihre Maria hier innehat, um, tritt ans Fenster -und schaut auf die langgestreckten Gebäude der roten Kaserne. Dabei -schüttelt sie den Kopf.</p> - -<p>„Daß gerade du es so lange hier aushältst, Kind, wundert mich. Du -bist doch eine Naturschwärmerin und hast auch einen gewissen Luxus in -deiner Umgebung nie gut entbehren können!“ Dabei schaut sie ein wenig -hochmütig auf all das, was hier herumsteht und an den Wänden hängt.</p> - -<p>„Ist es nicht hübsch und behaglich hier?“ fragt Maria erstaunt, denn -sie hat das Gefühl, nie im Leben sich so wohl gefühlt zu haben als hier -in den zwei einfachen, traulichen Zimmerchen.</p> - -<p>Die Großmutter läßt sich aus all ihren vielen Umhüllungen auswickeln; -Fräulein Else bringt den Kaffee, und nun wird auch die alte Frau warm -und gemütlich. Sie freut sich, daß ihre Maria strickt und näht, und -läßt sich vom Jungen erzählen.</p> - -<p>Plötzlich tut sich die Tür auf — Sporen klirren, die Großmutter -springt mit einem leisen Schrei auf und hält den Enkel am Herzen und -weint und schluchzt dabei.</p> - -<p>Der Junge ist ein wenig verlegen, streichelt ihr die Schulter und sagt: -„Aber Großmutter — Großmutter!“ Er duftet nach Pferdestall, denn er -hat Stallwache.</p> - -<p>Die alte Frau schiebt ihn ein wenig von sich ab,<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">– 209 –</a></span> legt ihm beide Hände -auf die Schultern und schaut ihn an. Kerzengerade — schlank und rank -steht er vor ihr — auf den Lippen den Flaum eines Bärtchens — die -Wangen rot und die Augen klar und voll Lebenslust. Eine heiße Freude -kommt im Herzen der Großmutter auf. Also wird er doch ein Mann werden -— kein Träumer — kein Weltverächter. Blut von ihrem Blut. Der rechte -Sohn ihres Sohnes!</p> - -<p>„Siehst du, Maria, daß ich recht hatte! Ein Junge will von Männerhänden -angefaßt sein. Ich kann dir den Vorwurf nicht ersparen. Du hättest ihn -früher hergeben müssen — — aber schadet nichts! Das, was ich immer -für ihn ersehnt habe, ist ja nun doch noch gekommen. Er ist auf dem -besten Wege, ein Mann zu werden! Und wie ihn die Uniform kleidet!</p> - -<p>Genau wie bei seinem Vater! Zog der Zivil an, dann war er nicht -wiederzuerkennen. Also, Junge, nun bleibst du bei der Stange! Offizier -ist der einzig wirkliche Beruf. Und sollst mal sehen, was das für ein -Avancement gibt, wenn der Krieg vorüber ist. Dann braucht Deutschland -erst seine Offiziere. Und wenn du brav und schneidig bist, dann wird -Großmutter auch ein übriges tun; dann sollst du über die Zulage nicht -zu klagen haben!“</p> - -<p>Ihr Gesicht ist heiß vor Erregung; sie hält den jungen Menschen immer -noch an beiden Schultern fest, küßt ihn wieder auf beide Wangen und -lacht dann. „Bringt er immer so einen angenehmen Duft aus der Kaserne -mit, Maria? Aber nun setz’ dich, mein Junge!“ Und sie zieht ihn neben -sich aufs Sofa und bittet die Schwiegertochter: „Pack’ mal das kleinere -der beiden Pakete aus, da ist der Kuchen drin!“</p> - -<p>Die Müller hat köstlichen Kuchen gebacken — dreierlei<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">– 210 –</a></span> Sorten. Kein -Luxuskuchen, sondern einen echten, rechten Soldatenkuchen — kräftig -und gewürzig, mit viel Mandeln und Zitronat, wie ihn der kleine Ernst -immer geliebt hat.</p> - -<p>Die Großmutter häuft ihm den Teller voll. „Ein Soldat muß immer hungrig -sein!“ Ihre Hände zittern, und in den Augen stehen schon wieder die -Tränen.</p> - -<p>Der Sohn ihres Sohnes! — So wie dieser jetzt hier sitzt, hat sie das -eigene Kind im Gedächtnis behalten.</p> - -<p>An den, der so früh dahinsiechte, der das schwere Leiden in sich trug, -denkt sie nicht gern; alles Kranke, Traurige hat sie immer in ihrem -ganzen Leben von sich abgeschoben.</p> - -<p>Das alte, junge Gesicht ist wie verklärt, während der Enkel mit Behagen -seinen Kuchen verzehrt. Das Kind ihres Kindes! Heiße Liebe wallt in -ihrem Herzen auf.</p> - -<p>Und die auf der anderen Seite neben ihr sitzt, ist die Mutter ihres -Enkels — die Frau ihres toten Sohnes. Ach, mögen ihre Naturen -verschieden sein, mag diese Maria ihren Kopf für sich haben, was liegt -daran? Sie gehört ganz eng zu dem lieben, lieben Jungen da — und -Großmutter, übermannt von den großen, guten, weichen Gefühlen, schlingt -den einen Arm um den Enkel, den anderen um die Schwiegertochter und -küßt den einen und küßt die andere. „Meine lieben, geliebten Kinder — -meine guten, herzigen Kinder!“</p> - -<p>Der Junge fängt an zu erzählen. „Du hast einen schlechten Tag zum -Besuch ausgewählt, Großmutter. Heut abend kann ich keinen Urlaub -bekommen. Einfach unmöglich; ich muß im Stall bleiben!“</p> - -<p>Frau Hiller denkt daran, einen Besuch beim Oberleutnant zu machen und -für den Jungen um ein paar<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">– 211 –</a></span> freie Stunden zu bitten. Aber davon will -die Großmutter nichts wissen. Der Dienst geht vor und morgen ist auch -noch ein Tag.</p> - -<p>Sie streichelt die braune, derbgewordene Hand des Husaren und kann sich -nicht satt an ihm sehen. Wie frisch und lebendig er erzählt! Wie ganz -anders als früher er in die Welt schaut — wie ihm die Augen leuchten! -Die Rührung will ihr immer wieder aufsteigen, die Tränen rollen ganz -von selbst aus den Augen.</p> - -<p>Nach einer kurzen halben Stunde springt der Junge auf; er muß hinüber -— es ist höchste Zeit. ‚Jammerkapaun‘, der Wachtmeister, den sie so -nennen, weil er eine komische Art zu jammern und dazu etwas von einem -stelzenden Vogel hat, hat heute ohnehin seinen bösen Tag.</p> - -<p>Stramm steht er vor Großmutter — die Hacken zusammengeschlagen — -Hände an der Hosennaht. „Bis morgen!“</p> - -<p>Da jauchzt ihr Herz. Mit demselben schalkhaften Zug um den Mund hat -auch ihr Junge sie immer angesehen. Fleisch von seinem Fleisch! Geist -von seinem Geist!</p> - -<p>„Geh mit Gott, mein Junge!“ Und sie umarmt ihn so inbrünstig, als -sollte das die letzte Umarmung, die sie ihm geben kann, sein.</p> - -<p>Vom Fenster aus sieht sie ihm nach. Wie er elastisch dahingeht! Wie er -den Kopf hält! O, daß sie das erleben durfte, ihn so zu sehen! Daß sie -die Gewißheit mit nach Hause nehmen darf, daß er ein echter deutscher -Mann und kein Träumer und Philosoph geworden ist!</p> - -<p>Aber damit ist auch ihre Spannkraft erschöpft. Nun fühlt sie plötzlich -wieder, daß sie zweiundsiebzig Jahre alt ist und einen anstrengenden -Tag hinter sich hat. Sie legt sich in eine Sofaecke; aber das ist ihr -nicht bequem<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">– 212 –</a></span> genug. Sie hat das Verlangen, sich auszustrecken, und -geht gern auf Marias Vorschlag, sich schon jetzt zu Bett zu legen, ein. -„Alte Leute sollten wirklich nicht mehr reisen!“ seufzt sie, als sie in -den Kissen liegt.</p> - -<p>Auch das Bett tut ihr nicht wohl. Sie ist ihre weichen Federbetten -gewohnt und liegt hier auf einer steifen Matratze. „Komm, setz’ dich -zu mir, Kind. Sprich mit mir; meine Seele ist bang geworden!“ Die alte -Hand zittert und die Stimme klingt nicht so voll wie sonst.</p> - -<p>Oben schreit das kleine Kind der Trompetersfrau, und Frau Hiller -erzählt der Großmutter die traurige Geschichte dieser Leute; erzählt, -wie sie hinaufgegangen ist zu der armen Witwe und ihr das Schreckliche -beigebracht hat, und erzählt weiter, daß die Frau nun schon wieder ganz -ruhig ist, ja geradezu erstaunlich ruhig und gefaßt ist, und daß es -sie eigentlich enttäuscht hat, daß ein so furchtbarer Schmerz so bald -überwunden werden konnte.</p> - -<p>Die Großmutter denkt anders darin. „Solche Frauen brauchen wir heute, -Kind, die sich mit dem Leben abfinden können, das ist jetzt die -Hauptsache. Tatsachen hinnehmen und sich sagen: Vorwärts! Nur nicht -zurückschauen — nicht grübeln — nicht ändern wollen, was nicht zu -ändern ist. Das solltest du auch lernen, Maria!</p> - -<p>„Seit deinem letzten Besuch bei mir ist es mir zur Gewißheit geworden, -daß etwas an dir nagt, daß du mir vieles verbirgst. Du trägst eine -Liebe im Herzen, Maria, die du vor der Welt verheimlichen mußt. Ich -weiß nicht, warum! Ich will es auch nicht wissen. Du bist alt und -selbständig genug, um selbst über dein Leben zu verfügen; das aber -glaube mir, solange ein Mensch sich nicht mit sich selbst im klaren -ist, solange kann er sich auch in der Welt nicht wohl fühlen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">– 213 –</a></span></p> - -<p>„Du denkst von mir: die Großmutter ist eine derbe, praktische Frau, die -mich nicht versteht. Zugegeben, Maria, daß ich derber und praktischer -bin als du! Aber ein heißes Herz hab’ auch ich gehabt und hab’ es heute -noch; und ich weiß auch, was es heißt, eine hoffnungslose Liebe in sich -tragen. Keine Krankheit des Körpers kann solche Qualen verursachen, wie -ein krankes, gemartertes Herz. Ich weiß das alles. Aber ich weiß auch, -daß der Mensch dagegen an kann, wenn er es mit aller Kraft will.</p> - -<p>„Man kann sich in einen Schmerz hineinsteigern oder man kann suchen, -eines Schmerzes Herr zu werden!</p> - -<p>„Man kann erwachsene Kinder haben und noch sehr jung sein. Ich bin -um ein Menschenleben älter als du und brauchte doch auch noch einen -Menschen, dem ich gut sein kann.</p> - -<p>„Eine heiße, wilde Liebe ist dazu nicht nötig. Die großen -Leidenschaften gehören der ganz jungen Jugend. Was dir fehlt, Maria, -das ist ein guter, lieber Gefährte, der es treu und einfach mit dir -meint. Alles Einfache ist von Bestand. Alles, was sich zu weit von der -Natur entfernt, ist halt- und wurzellos.</p> - -<p>„Sieh’ zu, daß du einfach wirst; sieh’ zu, daß du frei wirst! Und wenn -der Junge heut oder morgen von dir fortzieht, wenn ganz dunkle Zeiten -für dich kommen, dann denke, daß du eine Zuflucht bei der Großmutter -hast. Dann lasse dich von deiner derben, praktischen Großmutter gesund -machen.</p> - -<p>„So, und nun bin ich müd’, Kind! und will dir was sagen: Laß mich -gleich morgen früh wieder abreisen. Den Jungen habe ich gesehen, -und das Bild, das ich jetzt von ihm mitnehme, ist ein so liebes und -schönes,<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">– 214 –</a></span> das ich in gar nichts verändert haben möchte. Und dir hab’ -ich gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, damit ist genug.</p> - -<p>„Großvater hat mir die Züge, mit denen ich fahren kann, genau -aufgeschrieben; sorge du, daß ein Wagen zur Stelle ist und sei nicht -böse, daß ich so schnell wieder abreise. Mit zweiundsiebzig Jahren kann -der Mensch sein Heim nicht mehr lange missen! Gute Nacht, mein Kind — -mein liebes, gutes Kind!“ Und sie küßte die Frau ihres Sohnes, als sei -sie das eigene Kind, küßte sie wieder und wieder.</p> - -<p>Der kleine Hiller ist erstaunt, die Großmutter nicht mehr vorzufinden, -als er am nächsten Mittag herüberkommt. Schadet aber nichts, denn er -hat wieder kaum eine halbe Stunde Zeit! Am Mittag soll’s nach Magdeburg -gehen; in Magdeburg aus der Kaserne rücken die Freiwilligen schon -aus und brauchen Pferde. Da müssen die graugelben Husaren die ihren -hergeben. Dreißig Mann sind kommandiert, um neunzig Pferde nach dort zu -bringen. Sein Gesicht strahlt. Famos, daß man einmal aus der Kaserne -herauskommt!</p> - -<p>Die Großmutter hat einen Schein für ihn zurückgelassen. Den steckt er -schmunzelnd in seinen Brustbeutel, ißt hastig zu Mittag und eilt zur -Kaserne zurück.</p> - -<p>Eine halbe Stunde später reiten sie los; dreißig junge Kerle — jeder -auf einem Pferd, einen Stock in der Hand und zwei Pferde am Halfter -führend. Die Pferde tanzen um die Reiter herum; bei der scharfen -Biegung um die Ecke stiegen einige von ihnen kerzengerade in die Höhe. -Gefährlich sieht das aus, und Frau Hiller, die oben am Fenster steht, -fühlt ihr Herz erbeben. Wie sollen die ans Ziel kommen, wenn das hier -schon so wild angeht!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">– 215 –</a></span></p> - -<p>Der Wachtmeister schreit sich heiser; es will keine Ordnung in den -Zug kommen. „Teufel noch mal, seid ihr nicht Herr über die paar -unschuldigen, eingerittenen Gäule? Und wollt bereit sein, ins Feld zu -ziehen?“</p> - -<p>Die Stöcke sausen über die Rücken der widerspenstigen Tiere; die Hand, -die die Zügel führt, wird eisern. Man wird doch drei Pferde regieren -können! „Los!“ Und nun geht’s auf einmal.</p> - -<p>Der kleine Hiller nickt zum Fenster hinauf. Er hat neben dem Zügel eine -Blume in der Hand. Eine feuerrote Rose!</p> - -<p>„Von wem mag er die haben?“</p> - -<p>Die Wachtmeistersfrau lacht vergnügt: „Von wem soll ein junger Husar -wohl eine Blume zum Geschenk erhalten? Die Wachtmeister pflegen ihren -Rekruten keine roten Rosen zu schenken!“</p> - -<p>Frau Hiller fühlt, wie ihr das Blut ins Gesicht steigt. Sie denkt an -die Pärchen, die abends am Fluß entlang wandern; sie denkt an jenen -Abend, an dem ihr Ernst so hart über Hipp geurteilt hat. Die rote Rose -will nicht aus ihren Gedanken heraus. Ernst, ihr kleiner Ernst, will -wirklich ein ganzer Mann werden.</p> - -<p>Darum ist sie auch so erschüttert, als sie am Abend einen Brief in der -Hand hält, der wie mit Blut geschrieben erscheint. Darum erschauert sie -vor sich selbst, möchte sich vor sich selbst verbergen! Gelten diese -heißen, inbrünstigen Worte ihr, der Mutter Ernsts? Und darf sie das -lesen, immer wieder lesen? Darf ihr Herz so heiß schlagen? Darf sie -dieser wehen, großen Sehnsucht, die heut in ihr aufsteigt, nachgeben?</p> - -<p>Während dieser ganzen Monate, die sie nun hier weilt, und während deren -ihr Junge dies harte, stramme<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">– 216 –</a></span> Leben in der Kaserne lebt, liegt sie im -ewigen Kampf mit sich selbst.</p> - -<p>Sie will nur noch Mutter sein — sie will alt — will ruhig sein. Sie -hat kein Recht mehr, wie die ganz Jungen zu fühlen! Aber das Herz -rebelliert — das Herz läßt sich nicht mit Vernunftgründen zur Ruhe -bringen.</p> - -<p>Wochen hat es gegeben, in denen sie glaubte, gesiegt und überwunden -zu haben — und gerade heute, als der kleine Husar die rote Rose, das -Pfand der ersten Liebe, in der Hand hielt, ist es wie ein Blitz durch -sie gefahren: ‚Nun ist er an der Reihe — nun muß dein Herz still und -alt und ruhig werden!‘</p> - -<p>Der Brief brennt in ihrer Hand. Der Brief sagt Dinge, die sie -erschauern machen. Tiefer, heißer und beredter kann kein Mensch zum -andern von einer großen, übermächtigen Liebe sprechen, als er es hier -tut. Der Körper ist gesund und unversehrt, schreibt er, aber das Herz -ist krank und jammert nach ihr.</p> - -<p>Sie steht am Fenster und lehnt den Kopf an die Scheiben. Draußen ist -dunkle Nacht. „Ernst — Ernst!“ ruft sie.</p> - -<p>Sie weiß es plötzlich mit tödlicher Gewißheit, daß der, der ihr diesen -Brief geschrieben, ihr nie ein guter, lieber Lebensgefährte werden, daß -er ewig unzufrieden mit sich und dem Leben bleiben wird. Kein Mensch -kann über sich selbst hinaus!</p> - -<p>Sie sieht wieder die rote Rose in Ernsts Hand und sieht die kalte -Einsamkeit an sich herankriechen. Sie hat niemand — das Kind -entgleitet ihr, und dieser Mann wird ihr nie ein stiller, treuer -Gefährte sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">– 217 –</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der nächste Tag ist ein Sonntag, der letzte des Oktobers. Die Sonne -scheint, und es ist warm. Wehmütige Spätherbstschönheit liegt in der -Natur.</p> - -<p>Ernst hat der Mutter eine lustige Karte aus einem kleinen Dorf, auf -halbem Weg nach Magdeburg, geschrieben. Da haben sie Nachtruhe gemacht, -und mit dem dicken Hipp hat er Unterkunft in einem Bauernhaus gefunden. -‚Bürgerquartier — aber großartig!‘ schreibt er. In zwei Tagen werden -sie wieder in der Altmärker Garnison sein, und dann wird er was zu -erzählen haben.</p> - -<p>Vor Frau Hiller liegt der schöne, sonnenhelle Sonntag wie eine -Ewigkeit! Sie fürchtet sich vor der Länge des stillen Tages. Sie weiß, -daß die Gedanken sie wieder rückwärts führen werden, daß, während sie -näht und strickt, das Leid der Vergangenheit und all die Unruhe und -Not, die das Auf- und Niederwogen der Geschehnisse dieser großen, -schweren Zeit in jedem Menschen erzeugt, sie überwältigen werden.</p> - -<p>Fräulein Else kommt zu ihr ins Zimmer. Die hat am frühen Morgen schon -ein ganzes Tagewerk hinter sich, hat Stuben gereinigt und Stiefel -geputzt, hat das Feuer im Herd und in den Öfen entzündet, hat das -Frühstück bereitet und Flur und Treppen gekehrt. Nun wird sie hier -in Frau Hillers Zimmer weiterarbeiten. Die Mutter sitzt schon seit -Stunden in der Küche an der Maschine. Bis zum ersten November hat sie -einen ganzen Stapel von Hemden ans Rote Kreuz abzuliefern, da muß die -Tochter alles, was sonst die Mutter besorgt, mit verrichten. Aber heute -soll sie einen freien Nachmittag haben. Sie sieht bleich aus, und die -Wachtmeisterswitwe sorgt sich um das schmale, überschlanke Mädchen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">– 218 –</a></span></p> - -<p>Fräulein Else hat keine Freundin und hat keinen Liebsten in der Stadt. -Wohin soll sie gehen? Einsame Spaziergänge sind keine Freude! Am -liebsten pilgert sie noch zum Russenlager hinaus und schaut auf das -große Volk von Gefangenen; dabei können die Gedanken in die weite Welt -fliegen und dabei kann man sich tausend Geschichten zusammenreimen.</p> - -<p>Daß Fräulein Else kein gewöhnliches Mädchen ist, hat Frau Hiller gleich -in den ersten Tagen ihres Hierseins gewußt. Beide — Mutter und Tochter -— die durch die Verhältnisse, in denen sie leben, klein gehalten -wurden, könnten ebensowohl Damen der Gesellschaft sein. Sie denken und -urteilen tief und richtig über alles, was sie sehen und hören; und sie -haben einen Takt, den manch einer, der Rang und Würden trägt, nicht -besitzt.</p> - -<p>An diesem Sonntag, der von draußen so hell und leuchtend durch die -Fenster blickt, und der doch so trostlos vor der Mutter des kleinen -Husaren liegt, empfindet sie fast etwas wie Zärtlichkeit für das gute, -liebe Mädchen, das sie bedient, und das jeden Tag von neuem besorgt -ist, ihr das Wohnen hier in den beiden Zimmern angenehm und behaglich -zu machen.</p> - -<p>Sie erinnert sich, daß Fräulein Else vor kurzem einen Wunsch geäußert -hat. Sie hat ihr erzählt, daß sie seit Jahren nicht aus ihrer kleinen -Heimatstadt herausgekommen ist, auch nicht in die allernächste -Umgebung. Und möchte es doch so gern — möchte nur einmal einen -einzigen Sonntag draußen sein! Nur einmal etwas anderes sehen als diese -Straßen, in denen sie jedes einzelne Haus malen könnte, so genau kennt -sie alles hier. Den ganzen Sommer über hat sie umsonst gehofft, daß ihr -Wunsch sich erfüllen möge; nun steht der Winter<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">– 219 –</a></span> vor der Tür, und sie -wird wieder auf den nächsten Sommer hoffen müssen.</p> - -<p>Frau Hiller steht auf und geht zu Else hin. „Die Sonne scheint so schön -— vielleicht zum letztenmal in diesem Jahr! Haben Sie Lust, mit mir zu -wandern, Fräulein Else?“</p> - -<p>Sie wird rot vor verlegener Freude. „Wenn die Mutter es erlaubt,“ sagt -sie leise, und sie gehen zusammen zur Wachtmeistersfrau in die Küche, -die gern die Erlaubnis gibt.</p> - -<p>„Wenn Sie schon aus der Stadt heraus wollen, dann sollten Sie sich -Tangermünde ansehen, gnädige Frau. Das muß man gesehen haben, wenn man -so lange in der Altmark gewesen ist.“</p> - -<p>Als Fräulein Else neben Frau Hiller zum Bahnhof geht, unterscheidet sie -sich in nichts von einem jungen Mädchen aus besten Kreisen. Ihr Gesicht -ist leicht gerötet und sieht sehr lieblich aus — vielleicht ein wenig -zu schmal. Ihre Stimme ist klangvoll, und ihre Bewegungen sind ruhig -und fein. Sie gehen den Weg am Fluß entlang, an dem die Liebespärchen -bei Dunkelheit zu wandern pflegen.</p> - -<p>In der Stadt selbst ist es sehr lebendig. Auf den freien Plätzen werden -die Infanteristen einexerziert; ein Zug Husaren, der zum Pferdekommando -nach der Mark gekommen ist, marschiert singend an ihnen vorüber. Am -Bahnhof werden durchziehende Truppen gespeist, und ein Samariterzug ist -gerade eingelaufen.</p> - -<p>Es ist sehr kriegerisch geworden in der kleinen Altmärker Stadt; auf -freien Feldern werden Infanteriesignale geübt, und überall steht der -Landsturm als Wache.<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">– 220 –</a></span> Seit die Russen hier angekommen sind, ist der -ganze Ort zu einem großen Kriegslager geworden.</p> - -<p>Nach Tangermünde führt eine Kleinbahn, die klingelnd durch die stille -Altmärker Landschaft fährt. Noch sind die Weiden grün, und das schöne, -kräftige Vieh grast in großen Scharen darauf. Der strickende Hirt mit -der Schafherde zieht seine Straße hin, und sonntäglich gekleidete -Frauen und Kinder sieht man vor den Häuschen der Dörfer, durch die man -fährt.</p> - -<p>Je weiter man sich von der Garnisonstadt entfernt, um so schöner und -stiller wird es: Keine Uniformen mehr — keine laute Musik — keine -militärischen Kommandos — Eine leise, süße Friedensahnung zieht durch -die Seele.</p> - -<p>Frau Hiller hat viel von Tangermünde reden hören; sie weiß, daß die -Leute aus den umliegenden Städten am Sonntag hier gern herauspilgern, -und daß es schöne, altertümliche Bauten in Tangermünde gibt. Da -sie schon so viel von der Welt gesehen hat, ist nie der Wunsch in -ihr aufgekommen, gerade dieses Städtchen kennen zu lernen. Von dem -Augenblick an aber, da sie aus dem Bahnhof herausgetreten sind, -fühlt sie ihre Seele ganz eigentümlich berührt. Ihr ist, während sie -neben dem lieben Mädchen dahingeht, als sei sie in eine andere Welt -eingetreten. Etwas Fremdes, Neues und doch schon Vertrautes empfängt -sie.</p> - -<p>Sie geht durch die Straßen mit ihren kleinen, niederen Häusern und hat -das Gefühl, ein Stück Mittelalter zu erleben. Die vorragenden Giebel, -die Inschriften in den Türen, die niederen, von rotem, herbstlichem -Wein umrankten Fenster, all das wirkt so seltsam auf sie. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">– 221 –</a></span> -Sonntagsstimmung, wie man sie in anderen Städten nie verspürt; Ruhe und -Frieden überall!</p> - -<p>Die Menschen hier haben Gesichter, als wäre noch kein Wort vom Krieg -bis zu ihnen hingekommen, alles geht behaglich, bürgerlich, wundervoll -zufrieden daher.</p> - -<p>Die engen Straßen steigen an und fallen ab, und herbstliche Gärten -liegen vor und hinter den Häusern. An den Kaufläden sind die Fenster -verhangen, und auf der Einfassung eines Brunnens sitzen halbflügge -Mädchen still und feierlich in schwarzen Kleidern. Sie sind am Morgen -eingesegnet worden — die ganze Stadt sieht aus, als wäre sie am Morgen -eingesegnet worden.</p> - -<p>Die beiden Frauen sprechen kaum miteinander, weil sie beide von etwas -Gutem, Großem, Geheimnisvollem ergriffen sind. Sie gehen planlos durch -die Straßen, so wie man zuerst durch einen fremden Ort zu gehen pflegt.</p> - -<p>Am Markt liegt das Rathaus, ein uralter Bau, hoch und imposant gegen -all die kleinen, niederen Häuser rund umher, und dahinter das große, -schwere Tor, das die Stadt abschließt. Die Sonne leuchtet, und kein -Lüftchen weht. Die Natur will sterben und will vor ihrem Heimgang -noch einmal auferstehen, will noch einmal alle Schönheit, die ihr zur -Verfügung steht, zusammenraffen. Es ist eine traurige, stille, wonnige -Herbstschönheit!</p> - -<p>In einer engen Straße liegt ein Gasthof, der den Namen ‚Zur Königin -Luise‘ trägt. Ausgetretene Steinstufen führen zum Flur hinauf, und die -Sonne läßt die Inschrift an der Tür aufblitzen. Hier hat einst die -Königin Luise eine Nacht verbracht — eine traurige Nacht — sagt man.</p> - -<p>Es klingt so wundervoll mit dem Charakter dieses<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">– 222 –</a></span> kleinen Städtchens -zusammen, daß gerade diese Frau hier geweilt, hier gelitten hat. -Man kann es sich so gut vorstellen, wie sie hier durch die stillen -Straßen geschwebt ist. Wie sie im altväterischen kleinen Gasthof in -irgendeinem der niederen Stübchen gedacht und gelitten haben mag. Kein -Name in der Welt hätte sich harmonischer in das Bild, das diese kleine, -weltvergessene Stadt heute bietet, eingefügt, als der dieser zarten, -guten und doch starken Fürstin.</p> - -<p>Frau Hiller und Fräulein Else sind von einem unbekannten Hochgefühl -getragen; sie sitzen im kleinen Speisesaal und nehmen ein einfaches -Essen. Von draußen lacht die Sonne herein, läßt die Bilder an den -Wänden plastisch hervortreten und spiegelt sich am Fußboden. Frau -Hiller hat das Gefühl: ‚Wenn du einmal ganz zerrissen, ganz krank und -elend bist, dann möchtest du in diesem lieben Haus, in dieser kleinen -Stadt Zuflucht suchen!‘</p> - -<p>Die beiden fühlen sich so wohl und behaglich in dem kleinen, uralten -Gasthof, daß sie sich gar nicht davon trennen möchten. Aber sie haben -ja das Eigentliche, weswegen sie hergekommen sind, noch nicht gesehen, -und Fräulein Else drängt zum Aufbruch. Die Tage sind kurz, und die -Sonne hat in dieser vorgerückten Herbstzeit früh ihre Bahn vollendet.</p> - -<p>Langsam wandern sie aus der Stadt hinaus, und eine mit Kastanienbäumen -bepflanzte Allee führt sie zum Schloß hinauf. Das Laub ist gelb und -dunkelrot, aber es bildet ein fast noch lückenloses Dach, wiewohl der -Fuß durch raschelnde Blätter schreitet. Die Luft ist rein und abgeklärt -und regt zum Sinnen an.</p> - -<p>Ach, die Natur ist wie der Mensch — der Frühling ist die schwere, -sehnsuchtsvolle, ungebärdige Jugend; der<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">– 223 –</a></span> heiße Sommer ist der reif -gewordene Mensch, der ebensowohl jauchzen wie tief leiden kann, und der -Herbst ist das herannahende Alter, das die Stürme überwunden hat, das -rein und still und klar geworden ist. Aber die meisten Menschen wollen, -solange sie jung sind, nichts vom Alter wissen, die meisten Menschen -wollen länger, als die Natur es vorgeschrieben hat, in der Jugend -verharren.</p> - -<p>Warum nur?</p> - -<p>Nein, die Jugend ist nicht das Schönste und Begehrenswerteste. — -Jugend bedeutet für den tiefen und ernsten Menschen oft nur Leiden. -Jugend bedeutet oft nur Sturm. Erst wenn man aus der Ferne auf sie -zurückschaut, wird auch die Jugend schön und gut und harmonisch.</p> - -<p>In jedem Jahr geht es Frau Hiller so. Erlebt sie den Frühling mit -seinem Stürmen und Brausen, so wirft er sie nieder — schaut sie aber, -wie heute, aus einem stillen, abgeklärten Herbsttag auf die wilde -Auferstehungszeit in der Natur zurück, so hat sie die Angst und Not -jener Tage vergessen, und nur das Jauchzende, Herzerfreuende ist in -ihrer Erinnerung geblieben.</p> - -<p>Der Weg führt sie bergan; und aus der Allee ist allmählich ein Park -geworden. Ein Farbenrausch vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braunrot -umgibt sie, und die Sonne leuchtet darüber. — Die Sonne ist wie ein -mildes, segnendes Antlitz, aus dem tiefer, stiller Friede ausstrahlt. -‚Ist es wahr,‘ muß Frau Hiller denken, ‚ist es wahr, daß Krieg in der -Welt ist?‘ Unbegreiflich will ihr das hier erscheinen — unausdenkbar!</p> - -<p>Je weiter sie gehen, um so herrlicher wird es; man wandelt wie durch -einen wundervollen Saal: das<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">– 224 –</a></span> raschelnde Laub ist der Teppich — die -Kronen der Bäume sind die Decke, und die Sonne ist der große, gewaltige -Kronleuchter, der ein fast magisches Licht verbreitet. Sie gehen -langsam; sie gehen, wie wenn sie durch eine Kirche schreiten. O stille, -schöne, geweihte Welt!</p> - -<p>Dann sind sie plötzlich an einer großen, weißen Terrasse angekommen; -zwei Denkmäler aus der Zeit der Kurfürsten erheben sich da. Und der -Kopf geht so willig auch in diese Vergangenheit mit. Man ist ja ohnehin -schon längst aus der Gegenwart heraus; man hat vorhin mit der Königin -Luise gelebt, nun geht man ein Stückchen weiter zurück und lebt mit -den Kurfürsten. Hat man wirklich nur durch Bücher und Schulstunden -etwas von der Kurfürstenzeit gehört? — Oder hat man da schon gelebt? -Man kennt doch diese Gestalten, die da oben in Stein gehauen stehen, -so genau, man hat sie doch von Angesicht zu Angesicht gesehen, hat sie -sprechen hören!</p> - -<p>Gibt es nicht Stunden, in denen der Mensch es nicht begreifen will, daß -er nicht von Anbeginn der Welt an gelebt hat? Daß er nicht alles, was -je in der Welt vor sich gegangen ist, mit eigenen Augen geschaut, mit -leiblichen Ohren gehört haben soll? Stunden, in denen man es gar nicht -fassen will, daß jedem Menschen nur eine kurz bemessene Frist zum Leben -gegeben ist, und daß alles, was er von der Vergangenheit weiß, nur -gelernt, nur durch Bücher oder Erzählungen übermittelt worden ist!</p> - -<p>Frau Hiller schaut wie gebannt zu den Denkmälern hinauf, bis plötzlich -andere Menschen aus dem Weg, aus dem sie gekommen sind, auftauchen, -miteinander sprechen und sie aus ihren tiefen Sinnen aufrütteln.</p> - -<p>Sie wendet sich Fräulein Else zu, geht ein Stück weiter durchs -raschelnde Laub und sieht dann etwas, was<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">– 225 –</a></span> sie mit Staunen und Jubel -erfüllt. Die Elbe sieht sie, die wie ein silbernes Band durch die -stille Landschaft fließt. Kähne und Flöße ziehen ihren Weg dahin; -eine Fähre führt zum gegenüberliegenden Ufer, und der Blick schweift -weit — schweift in Unendlichkeiten, wie überall in diesem flachen, -altmärkischen Land, das so viel feine Reize besitzt.</p> - -<p>Im Gasthof ‚Zur Königin Luise‘ hat man ihnen geraten, über die Elbe -zu fahren und zum Dorf Fischbeck zu gehen. Das ist der Lieblingsort -der Tangermünder, zu dem sie an schönen Sonntagen in großen Scharen -wallfahrten. Auch heute drängen sie sich unten an die Fähre, und die -paar Bänke, die an beiden Seiten des Fahrzeuges angebracht sind, sind -schnell gefüllt. Frau Hiller und Fräulein Else müssen froh sein, noch -ein bescheidenes Plätzchen unter all den Menschen zu finden. Sie -gleiten über das stille Wasser und schauen weit dem Flüßchen nach, das -hier so klein und bescheiden noch ist und weiter unten zu so gewaltigem -Strome anschwillt. Immer noch leuchtet die Sonne, immer noch streicht -die Luft mild und leis ums Gesicht.</p> - -<p>Am anderen Ufer verteilen sich die Menschen und beeilen sich, um -zu ihrem Kaffee zu kommen. Fräulein Else aber bleibt stehen und -stößt einen Schrei des Entzückens aus, denn sie sieht das herrliche -Bild, das vor ihr liegt, und ist wie benommen. Tangermünde, vom -gegenüberliegenden Ufer aus gesehen, mit seinem Schloß, seinen -Denkmälern und Kirchtürmen! Tangermünde in letzter Herbstschönheit, von -leuchtender Sonne übergossen! Der Anblick hat etwas Ergreifendes, etwas -Hohes; er trägt über das armselige Leben mit seinen Leiden und Nöten -hinweg. — Trotzig wie eine Feste liegt dieses wundersame<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">– 226 –</a></span> Bild da, und -doch so mild, so voll überwältigender Schönheit.</p> - -<p>Frau Hiller, die viel Großes und Wunderbares in der weiten Welt gesehen -hat, kann den Jubel des armen Mädchens, das nie aus seinem Heimatsort -herauskam, wohl begreifen. Auch ihr ist es, als habe sie nie in -tiefere, ergreifendere Schönheit geblickt als an diesem Tage.</p> - -<p>Sie können sich gar nicht entschließen, ins Dorf hineinzugehen; sie -wollen keine Menschen sehen, wollen allein hier am Ufer weilen und das -glitzernde Wasser und die alte, schöne Stadt mit Schloß und Türmen vor -sich haben.</p> - -<p>Fräulein Else sagt mit leiser, zitternder Stimme: „Nun werde ich für -Wochen zufrieden und glücklich sein! Nun habe ich etwas, woran ich -denken kann, wenn ich traurig bin!“</p> - -<p>Dieses Mädchen ist sechsundzwanzig Jahre alt und ist nie aus dem -Heimatort, nie von der Mutter fortgekommen. Eine zarte, empfindsame -Seele hat sie und ist einsam, immer einsam gewesen, wird vielleicht -immer einsam bleiben müssen, und fügt sich so still darein, ist nie -verbittert, nie unwillig! Frau Hiller hat oft das Gefühl, als müßte sie -sich vor der Größe dieses Mädchens neigen.</p> - -<p>Sie gehen dann doch ins Dorf. Fräulein Else sieht so blaß aus und hat -sich vielleicht auf den Kaffee gefreut. Im warmen Gastzimmer sitzen sie -unter vielen lebhaften Menschen, und da fällt auch manches Wort vom -Krieg; aber man vergißt es sogleich, wenn man wieder draußen ist.</p> - -<p>Die beiden wandern auf einsamen Feldwegen zur Stadt zurück; die -Dämmerung zieht nieder, und man spürt nun doch, daß es Herbst ist. Die -Luft ist kühl geworden — der Himmel wölbt sich blau und klar, Sterne<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">– 227 –</a></span> -leuchten auf, und eine blasse Mondsichel zieht ihre Bahn dahin.</p> - -<p>Als sie wieder am Ufer der Elbe stehen, ist es dunkel geworden. -Tangermünde hebt sich in schwarzen Umrissen vom Himmel ab — viel -ernster und schwerer als zuvor in der Sonne. Ein Schiffer bietet seinen -Kahn an und bringt sie hinüber. Und sie wandern wieder durch die engen -Gassen und sind wieder in Schweigen versunken.</p> - -<p>Wozu reden, wenn jeder über so vieles, was in ihm vorgeht, -hinwegzukommen hat? Wozu reden, wenn so Schönes und Großes in die Seele -gedrungen ist?</p> - -<p>Sie haben ein Stück tiefen Friedens mitten im Krieg genossen — letzte, -wonnige Herbstschönheit hat sich ihnen offenbart. Wenn der Winter sehr -dunkel und trostlos sein wird, haben sie eine Zuflucht, indem sie an -diesen Tag voll friedlicher Schönheit zurückdenken.</p> - -<p>Die Seele ist stärker und ruhiger geworden, und man hat wenigstens -nicht für Stunden das quälende Gefühl gehabt, daß alles, was in der -Welt fest sein sollte, ins Schwanken geraten ist.</p> - -<p>Die Natur hat ihre reine, starke Sprache geredet; man sagt sich: -‚Sollte der Krieg wirklich alles Äußere nehmen, sollten wir in Armut -und Elend geworfen werden, aber Gott läßt uns die Fähigkeit, die -Schönheit seiner Natur in uns aufzunehmen, so können wir nie ganz in -Finsternis geraten, nie ganz in Verzweiflung versinken!‘</p> - -<p>Es ist Nacht geworden, als sie am Bahnhof ihrer Garnisonstadt -angelangt sind. Ein Verwundetentransport ist angekommen, und die -Beamten vom Roten Kreuz sind in eifriger Tätigkeit. Ein paar Bahren -werden herangetragen, denn der Zug soll weitergehen, und nur die<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">– 228 –</a></span> -hoffnungslos Daliegenden werden hier im Bahnhofslazarett untergebracht. -Die freigewordenen Seelen der beiden fühlen, wie etwas vom alten Druck -wieder in sie hineinwill.</p> - -<p>Drin in der Stadt ist reges Leben. Urlaubstag! Die Straßen sind voll -von Uniformen aller Art. Die Pferdebahn rasselt mit Glockengeläut und -Peitschenknall ihren Weg; es wird gesungen und gelacht.</p> - -<p>Fräulein Else hatte geraten, die weite Strecke bis zur Kaserne nicht -zwischen den stillen Feldern zurückzulegen, sondern durch die belebte -Stadt zu gehen; auf den Feldern kann man Betrunkenen begegnen oder -sonst etwas Unangenehmes erleben. So folgen sie dem großen, lauten -Treiben bis zum dunklen Tor hin, aber da biegen sie, ohne sich weiter -darüber zu verständigen, doch in die einsame Kastanienallee ein, von -der aus man zum stillen, poetischen Flußweg kommt.</p> - -<p>Sie wollen in ihrer guten Stimmung bleiben. Mag morgen kommen, was will -— heute wollen sie in dem Wahn bleiben, daß die Welt voll Schönheit -und Frieden ist. Die Pärchen, die in großer Zahl herumwandeln, stören -sie nicht; im Gegenteil, so ein Stück lieber Romantik paßt zu dem, was -der schöne, ernste Tag ihnen gebracht hat.</p> - -<p>Mag die Welt voll Zorn und Wut und Haß sein — solange es noch Herzen -gibt, die in Zärtlichkeit und Liebe zueinander hindrängen, solange ist -das Gute im Menschen noch nicht ausgetilgt, solange ist die Hoffnung, -daß eine große Versöhnung, ein wahrer, echter Friede dem wilden Hader -folgen wird, noch nicht verloren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">– 229 –</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der kleine Hiller hat Hauptwache. Das Gewehr über der Schulter, -die hohe Pelzmütze auf dem Kopf, mit einem aus der Kleiderkammer -gelieferten Militärmantel, der bis zur Erde reicht, angetan, wandert er -vor dem Schilderhaus auf und nieder.</p> - -<p>Es ist noch kein Jahr her, daß Frau Hiller die letzten Bleisoldaten, -das letzte Schilderhaus ihres Jungen an die Kinder des Portiers -geschenkt hat. Natürlich hat er seit seinem vierzehnten Jahr die -Soldaten nicht mehr angerührt, aber er hatte sich doch auch nicht -entschließen können, sie herzugeben. Nun, da sie ihn selbst als Soldat -vor der Kaserne auf und nieder wandern sieht, muß sie sich an die Stirn -fassen. Ist alles, was sie jetzt erlebt, Wahrheit, oder ist es nur -ein Spiel? Ist das ihr Junge aus Fleisch und Blut, der da hin und her -wandert, oder ist es ein Bleisoldat?</p> - -<p>Sie sitzt am Fenster, von der Gardine verborgen, und schaut auf ihn -hin. Er darf nicht wissen, daß sie am Fenster sitzt, denn er will -nicht, daß seine Kameraden viel von der Mutter sehen oder hören. Sein -Gesicht ist ernst, und in dem langen, weiten Mantel sieht er sehr -männlich aus. Kommt ein Vorgesetzter vorbei, dann salutiert er, und -will eine Zivilperson in die Kaserne, so hält er sie an. Der kleine, -weiche Ernst hat das Recht, Menschen anzuhalten und abzuweisen. Das ist -für die Mutter ein so seltsames Gefühl — das kann sie noch gar nicht -fassen. Und dies hier ist doch nur ein ganz kleines, ganz unbedeutendes -Vorspiel für das, was kommen soll — was in allernächster Zeit schon -kommen kann.</p> - -<p>Solch ein Kind geht mit gegen Deutschlands Feinde. So ein weicher Junge -wird vielleicht Menschen erschießen, wird die Lanze in Feindes Brust -bohren, wird hungern<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">– 230 –</a></span> und frieren und wird vielleicht eines Tages -irgendwo in einem Winkel liegen: verwundet, elend, vom bittersten -Heimweh geplagt <span class="nowrap">— — —</span></p> - -<p>Sie darf sich das nicht ausdenken — es ist ihr, als müsse sie den -Verstand darüber verlieren. Tausend Messer wühlen in ihrem Herzen, und -das Blut weicht vom Gehirn <span class="nowrap">zurück. —</span></p> - -<p>Ach, groß sein können! Stark sein können! Sich sagen: ‚Mag kommen, was -will! Stirbt er, so stirbt er fürs Vaterland! Leidet er Hunger und -Durst und andere Schmerzen, so leidet er sie fürs Vaterland!‘</p> - -<p>Aber sie ist klein — sie ist schwach! Ihr Herz blutet aus unzähligen -Wunden. Sie hat es früher nicht gewußt, daß sie den Jungen so -verzehrend, so tierisch liebt, daß es Tage gibt, an denen die ganze, -heilige Mission, die er zu verrichten hat, ihr klein erscheint gegen -das ungeheure Opfer, das sie zu bringen gezwungen ist!</p> - -<p>Alle zwei Stunden erhält der Posten seine Ablösung. Dann kann er in -die warme Wachtstube gehen und sich vom Kalfaktor etwas zu essen und -trinken besorgen lassen. In der Wachtstube ist es sehr gemütlich, hat -er ihr erzählt. Wenn sie einen netten Unteroffizier haben, klopfen -sie Karten oder spielen Würfel; sie lesen und schlafen und essen und -trinken.</p> - -<p>Es ist wirklich tadellos; gar kein Grund zum Bedauern oder Mitleid -ist da. Die Mutter versucht ihren Gedanken eine heiterere Richtung zu -geben, aber es gelingt ihr nicht <span class="nowrap">recht. — —</span></p> - -<p>Um die Kaffeezeit kommt die Wachtmeisterswitwe in Hut und Mantel und -sagt: „Ich gehe zur Russenbeerdigung, gnädige Frau. Heute sollen doch -die vier Russen,<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">– 231 –</a></span> die hier gestorben sind, beigesetzt werden. Kommen -Sie mit? So etwas sieht man vielleicht nur einmal im Leben.“</p> - -<p>Frau Hiller ist ihrer guten Wirtin für diese Ablenkung dankbar. Sie -legt ihr Strickzeug hin und kleidet sich zum Ausgehen an. Draußen weht -ein scharfer, kalter Wind, der Himmel ist grau verhangen. Richtige -Novemberstimmung!</p> - -<p>Die vier Russen, die hier ihren Wunden erlegen sind, sollen ein -gemeinsames Grab bekommen und mit allen militärischen Ehren zur letzten -Ruhe getragen werden. Unzählige aus der kleinen Garnison wandern -hinaus, um sich dies Schauspiel anzusehen.</p> - -<p>Die Wachtmeisterswitwe hat die Hemden fürs Rote Kreuz abgeliefert und -kann sich einmal ein paar freie Stunden gönnen. Sie hat noch gar nichts -von den Russen gesehen, und da alle Welt vom Gefangenenlager spricht, -schämt sie sich fast, daß sie noch keine Ahnung hat, wie es da draußen -aussieht.</p> - -<p>Aber für weichherzige Menschen ist es an solchem grauen Tag -keine Freude, da hinauszupilgern. Der Anblick des doppelten -Stacheldrahtverhaues hat etwas Erschütterndes — die grauen Massen, -die auf und nieder wogen, der schwere Himmel, der kalte, rauhe -Novemberwind, all das wirkt so unsäglich beklemmend und niederdrückend.</p> - -<p>Die Wachtmeistersfrau ist nebenbei auch noch enttäuscht, denn man -bekommt gar keinen richtigen Eindruck von dem Ganzen. Man darf jetzt -nur noch von einer ziemlich beträchtlichen Entfernung aus das Lager -überblicken und sieht nichts anderes als eine gewaltige, wogende, graue -Masse. Der einzelne Mensch ist gar nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">– 232 –</a></span> zu unterscheiden. Stumm und -feierlich zieht in einer Entfernung von je zwanzig Metern die große -Zahl der Wachthabenden rings ums Lager her.</p> - -<p>Nein, sie wollen hier nicht lange verweilen — sie wollen sich den -grauen, schwermütigen Tag nicht noch düsterer machen. Aber die -Russenbeerdigung will sich die Wachtmeistersfrau nicht entgehen lassen. -Man hat nun einmal zu diesem Zweck den weiten Weg hierher gemacht und -kann doch nicht unverrichteter Sache wieder nach Hause gehen.</p> - -<p>An der Stelle, an der die vier Toten beigesetzt werden sollen, hat -sich schon eine Menschenmenge gesammelt, und man kann nur noch mit -Mühe ein Plätzchen erobern, von dem aus man einen freien Ausblick -hat. Eine große Gruft ist aufgeschaufelt, denn die vier Särge sollen -nebeneinander Platz finden. Viele von den Menschen stehen da, als -warteten sie auf etwas Freudiges, Sensationelles. Die wenigen -Offiziere, die noch in der Garnison sind, kommen angefahren. Eine -Anzahl Husaren und Infanteristen rücken heran, und von der Richtung des -Lagers wird ein Zug sichtbar. Russen in ihren lehmgrauen Mänteln tragen -ihre toten Brüder.</p> - -<p>Nun sieht man doch einmal, wie der entsetzliche Feind, der Deutschland -vernichten will, der schon ein Stück von Deutschland mit Mord und Brand -heimgesucht hat, aussieht! — Aber der Feind, der da mit den Särgen -anrückt, sieht nicht wild und furchtbar aus. Trauer malt sich auf den -Gesichtern, die Köpfe sind geneigt und ernst und würdevoll verrichten -sie ihr düsteres Geschäft.</p> - -<p>Der Militärgeistliche, der so wundervoll zu reden versteht, der den -jungen Freiwilligen im Dom den Fahneneid abgenommen hat, tritt an die -Särge heran und breitet<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">– 233 –</a></span> die Hand zum Segen, spricht ein Gebet — und -drückt den Trägern die Hand. Die Särge werden in die Gruft versenkt, -und der junge Russe, dessen Bruder sich unter den Toten befindet, -schluchzt auf; die anderen stehen mit finsteren, undurchdringlichen -Gesichtern.</p> - -<p>Der Pfarrer hält eine kurze, herzliche Rede. Er spricht das aus, was -wohl jeder, der hier am großen Grabe steht, in diesen Augenblicken -empfinden mag. „Ob Freund, ob Feind,“ sagt er, „der Tod macht uns alle -gleich. Über den Tod hinaus gibt es keine Feindschaft. Die hier liegen, -haben ihrem Vaterlande ebenso treu und redlich gedient, wie jeder von -den Unseren das tut. Sie haben ihre Heimat nicht wiedergesehen, sie -haben Schweres gelitten und den Tod im Felde gefunden. Darum Ehre ihrem -Andenken! Gott mag ihnen lohnen, was sie für ihr Vaterland getan haben!“</p> - -<p>Tiefe Stille. — Die Russen sind ergriffen. Vielleicht sind sie alle -der deutschen Sprache mächtig und haben verstanden, was der Geistliche -ihren toten Brüdern sagte. Vielleicht auch haben sie nur aus Stimme und -Gebärde entnommen, daß hier gute, freundliche Worte gesprochen wurden. -Sie werfen ihren gefallenen Kameraden ein paar Schaufeln Erde nach und -falten die Hände zum Gebet. Dann aber sind sie wieder Deutschlands -Gefangene und werden von zwei Posten mit geladenem Karabiner zum Lager -zurückgeleitet. Die Menge zerstreut sich. Man hat etwas gesehen, was -man nicht oft im Leben sieht — man hat gesehen, daß auch der Feind -ein fühlender Mensch ist, und diejenigen, die einen Mann, einen Sohn -oder Bruder fern im Osten stehen haben, werden vielleicht einen kleinen -Trost mit nach Hause nehmen. Wenn der Feind hört, wie wir seine -Gefangenen halten, seine<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">– 234 –</a></span> Toten ehren, wird auch er gegen die Unsrigen -nicht ganz barbarisch sein!</p> - -<p>Der Regen rauscht stärker, und bis zur Kaserne ist ein gutes Stück Weg; -da tut man besser, man geht durchs Tor in die Stadt hinein und wartet -irgendwo bei einer Tasse Kaffee, ob das Wetter nicht freundlicher -werden will, denn man ist schon jetzt durchnäßt und durchfroren.</p> - -<p>Die Wachtmeisterswitwe ist von der Wirtin vom Schützenhaus angesprochen -worden, und die bittet sie, sich doch das Lazarett, das in ihren -Gasträumen eingerichtet worden ist, anzuschauen. Heut und morgen -kann man es noch sehen, in drei Tagen aber sollen schon die ersten -Verwundeten eintreffen. Sie bittet auch Frau Hiller mitzukommen, und -die willigt gern ein. Die beiden Frauen nehmen sie in ihre Mitte, und -wie sie so zwischen den zwei guten, freundlichen Bürgerinnen dieser -Altmärker Garnison dahinwandert, ist ihr ganz traut und heimatlich -zumute. In Berlin bleibt man immer fremd, und wenn man zwanzig Jahre da -wohnt; hier im kleinen Ort aber schlägt man schnell Wurzel und fühlt -sich wohl.</p> - -<p>Der große Tanzsaal des Schützenhauses ist zum Lazarett eingerichtet -worden. Weißgestrichene Betten mit weißen Decken und Kissen stehen in -langen Reihen da; weiche, helle Teppiche bedecken den Fußboden, auf -kleinen Tischen stehen Vasen mit gelben Herbstblumen, und die drei -Frauen schreiten auf Zehenspitzen zwischen den weißen Betten einher. -Es ist schön und fromm und feierlich in diesen stillen, hohen Räumen; -man möchte weinen — man möchte beten. Hier werden sie nun ruhen und -genesen nach all dem Schrecklichen, was sie sehen mußten! Hier werden -die armen Körper heilen und die wunden Seelen wieder Ruhe und Frieden -finden!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">– 235 –</a></span></p> - -<p>Von draußen schlägt der Regen an die Fenster — draußen toben die -ersten, ganz wilden Novemberstürme; aber die, die in zwei oder drei -Tagen in diesen weißen Betten liegen sollen, werden von Liebe, Güte und -Herzenswärme umgeben sein, und die Stürme, die da draußen tosen, können -ihnen nichts mehr anhaben.</p> - -<p>Die Wachtmeisterswitwe hat Tränen in den Augen; sie fühlt sich bedrückt -und verängstigt, wiewohl sie keinen hat, der ihr nahesteht, und der ins -Feld hinausmußte. Sie denkt an alle, und sie leidet für alle, und das, -was sie am heutigen Tage von Kummer und Herzeleid gesehen hat, ist fast -zu viel für sie. Da ist es wirklich besser, man sitzt still zu Hause an -der Maschine und näht die Hemden fürs Rote Kreuz.</p> - -<p>Sie bleiben dann noch eine Weile in dem vorderen Gastzimmer und trinken -Kaffee, den die Schützenwirtin ihnen bringt. Sie wollen warten, ob sich -das Wetter nicht ändern will; aber je länger sie sitzen, um so wilder -toben die Stürme, und um so prasselnder fällt der Regen nieder.</p> - -<p>Es nützt also nichts; ewig kann man nicht bleiben, und man stirbt ja -auch nicht gleich, wenn man eine halbe Stunde durch Wind und Regen -läuft. Man braucht nur an die Armen, die Tage und Nächte draußen in den -Schützengräben, in Sturm und Unwetter ausharren müssen, zu denken, dann -wird alles, was sonst als schwer und unerträglich empfunden wird, auf -einmal ganz leicht.</p> - -<p>Als sie an der Kaserne angelangt sind, machen sie einen Augenblick Halt -und schauen in die erhellte Wachtstube hinein. Der kleine Hiller sitzt -mit seinen Kameraden am Tisch und verzehrt sein Abendbrot. Er hat jetzt -ein<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">– 236 –</a></span> paar Stunden der Ruhe, aber in der Nacht muß er wieder zur Stelle -sein.</p> - -<p>Frau Hiller ist an diesem Abend gezwungen, bei den Wachtmeistersleuten -in der Küche zu bleiben, denn Fräulein Else hat nirgendwo auch nur ein -halbes Liter Petroleum aufbringen können. So hat man in der ganzen -Wohnung nur eine einzige gefüllte Lampe, und die steht auf dem runden -Tisch in der Küche vor dem braunroten Sofa.</p> - -<p>Fräulein Else hat Tee gekocht und Butterbrötchen bereitet; in der -Grude schmoren Äpfel, und die Herdtür steht offen und läßt die Glut -der Kohlen herausleuchten. Auch der junge Arzt ist gekommen und lehnt -schon behaglich in einer Sofaecke. Nach dem Essen sitzen die drei -Frauen strickend da, und um neun Uhr kommt noch ein Fahnenjunker, der -vor dem Krieg ein paar Monate bei den Wachtmeistersleuten gewohnt -hat. Er ist schon im Feld gewesen und als Leichtverwundeter hier in -einem Lazarett untergebracht worden. Die Kugel, die ihm in der Hüfte -gesessen hat, trägt er jetzt in der Tasche und holt sie voll Stolz -hervor. Dann erzählt er von den blutigen Kämpfen bei Dixmuiden. Aber -wie er so warm und lebendig hier in der traulichen Küche sitzt und -sich die geschmorten Äpfel schmecken läßt, hat man das Gefühl, daß er -Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erzähle und nicht Episoden -aus diesem unseligen Krieg, der immer noch weitertobt und dessen Ende -nicht abzusehen ist.</p> - -<p>Nachdem er gegangen, liest der Doktor noch ein paar Artikel aus dem -‚Altmärker Intelligenzblatt‘ vor; die Wachtmeisterswitwe richtet -Frau Hiller die Ferse einer Socke ein, der Regen prasselt gegen die -Scheiben, und<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">– 237 –</a></span> das Petroleum in der Lampe sinkt tiefer und tiefer. -Und da man nicht weiß, ob man am nächsten Tag noch Glück haben und -ein wenig von diesem kostbar gewordenen Stoff erhalten wird, muß die -behagliche Sitzung abgebrochen werden.</p> - -<p>Die elfte Stunde ist übrigens da, aber man verplaudert sich so leicht, -wenn man warm und gemütlich sitzt. Oft wird es Mitternacht, bis man -endlich zu Bett findet.</p> - -<p>Drüben vor der Kaserne brennen zwei Laternen, und der kleine Hiller -im langen Mantel ist wieder auf Posten und trottet, die Hände in den -weiten Manteltaschen, vor seinem Schilderhaus auf und ab.</p> - -<p>Die Mutter setzt sich ans Fenster und blickt zu ihm hinüber. Ob er wohl -friert? Ob er sehr müde ist? Sich unbehaglich fühlt? Sie kann sein -Gesicht nicht erkennen, sie sieht nur die schlanke Gestalt.</p> - -<p>Sie hat große Lust, zu ihm hinüberzugehen und ihm ein liebes, warmes -Wort zu sagen — aber das darf sie nicht. Ihr Sohn ist ja nicht mehr -ihr Kind wie früher! Ihr Sohn ist ein Stück von Deutschland geworden, -und die Liebe und das Mitleid einer Mutter dürfen ihn nicht stören, -wenn er seines Amtes waltet.</p> - -<p>Aber sie vermag es nicht, sich zu Bett zu legen, während der Junge -da draußen im Unwetter hin und her marschiert. Sie bleibt am Fenster -sitzen und denkt an ihn. Vielleicht geht ein Strom von ihrem warmen -Fühlen in sein Herz hinüber — vielleicht tut es ihm unbewußt wohl, -daß die Mutter hier am Fenster sitzt und an ihn denkt! Es soll ja eine -solche Macht des Gefühls geben, die die Menschen unsichtbar miteinander -verbindet.</p> - -<p>Am nächsten Mittag kommt der kleine Husar mit geröteten<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">– 238 –</a></span> Wangen und -leuchtenden Augen ins Wohnzimmer zur Mutter. Er, der die stramme Nacht -in Sturm und Regen hinter sich hat, ist froh und wohlgemut. Sie aber -ist ein wenig blaß und müd’ vom vielen Denken und Grübeln.</p> - -<p>Hiller trägt seine Dienstuniform über dem Arm. „Morgen ist -Kleiderbesichtigung,“ erzählt er, „da muß alles tadellos imstande -sein. Du machst mir doch die Flecken raus, nicht wahr, und wäschst die -Tasche!“</p> - -<p>Dann wirft er sich in den Schaukelstuhl und sieht fast übermütig -aus. „Jetzt endlich hört man doch einmal einen Ton vom Ausrücken!“ -sagt er. „Es sind hundert feldgraue Uniformen bestellt, und die -Regimentsschuster arbeiten fieberhaft an den gelben Reiterstiefeln für -draußen. Man kann jetzt jede Woche auf das Kommando gefaßt sein.“</p> - -<p>Der Mutter zuckt das Herz, wie er so strahlenden Auges berichtet. Denkt -er gar nicht an sie? Fühlt er nicht den leisesten Schmerz, wenn er an -den Abschied von ihr denkt? Ist der Gedanke, draußen mittun zu dürfen, -so groß, so lockend, daß gar kein anderes Gefühl dagegen aufkommt?</p> - -<p>Ach, ein Kind geht gar leichten Herzens von der Mutter fort — das weiß -sie ja noch von sich selbst.</p> - -<p>Sie bringt den Uniformrock ins Nebenzimmer, um nur einen Augenblick -allein zu sein, denn die Tränen liegen ihr schwer auf der Brust, und -sie mag ihm nicht zeigen, wie schwach sie ist.</p> - -<p>Am Nachmittag steht sie und reibt an der sehr verbrauchten Uniform. Die -Tressen sind verschabt, und das Tuch ist ganz ohne Glanz. Sie reibt -alles, so gut es geht, und leert dann die Taschen aus, um das Futter zu -waschen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">– 239 –</a></span></p> - -<p>Was so ein Junge nicht alles in der Tasche trägt: Loses Geld und -Bleistifte — Notizbücher und Zigaretten — Heftpflaster und Schokolade -— drei, vier Taschentücher, die man nur behutsam zwischen zwei Fingern -anfassen kann, denn hier dienen die Taschentücher augenscheinlich -vielen Zwecken, sonst wäre die tiefgraue Färbung nicht erklärlich. Dann -noch ein paar beschriebene Zettel, wovon einer auf die Erde fliegt, und -als Frau Hiller ihn aufhebt, sieht sie, daß Verse darauf geschrieben -sind, Verse, in denen Worte, in denen ganze Zeilen ausgestrichen und -von neuem geschrieben sind. So pflegt ein Anfänger eigene Dichtungen -aufzukritzeln.</p> - -<p>Frau Hillers Neugierde erwacht und sie liest und liest immer wieder:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Kalt ist die Nacht,</div> - <div class="verse">Ich bin allein,</div> - <div class="verse">Ich steh’ auf Wacht</div> - <div class="verse">Ich denke dein!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Deutschland in Not,</div> - <div class="verse">Vom Feind umstellt,</div> - <div class="verse">Deutschland bedroht</div> - <div class="verse">Von einer Welt.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Da kam die Liebe</div> - <div class="verse">An mich heran.</div> - <div class="verse">Ich sagte zur Liebe:</div> - <div class="verse">‚Faß mich nicht an!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ich will keine Liebe!</div> - <div class="verse">Mein Land ist in Not!</div> - <div class="verse">Viel süßer als Liebe</div> - <div class="verse">Ist heut der Tod!‘</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Da neigt sich zu mir</div> - <div class="verse">Ihr blondes Gesicht:</div> - <div class="verse">‚Heut bist du noch hier,</div> - <div class="verse">Heut kämpfst du noch nicht</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Heut kannst du knüpfen</div> - <div class="verse">Mit mir ein Band.</div> - <div class="verse">Und später kämpfst du</div> - <div class="verse">Fürs Vaterland!‘“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Sie läßt den Rock aus dem Arm fallen, sie muß lächeln und fühlt auch -etwas Wehes dabei. Ihr kleiner Ernst hat also wirklich seine erste -Liebe gefunden. Nun ist er ihr ganz verloren — das Vaterland und ein -fremdes Mädchen haben Besitz von ihm ergriffen. Das letzte ist so -natürlich — ist der Welt Lauf!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">– 240 –</a></span></p> - -<p>Warum freut sie sich nicht? Warum gönnt sie ihm das nicht? Warum will -sie anders sein als andere Mütter und den Hauptanteil am Sohn für sich -behalten?</p> - -<p>Kein Mensch kann gegen die Natur an. Das hat die Großmutter so oft -gepredigt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der kleine Hiller ist zu seiner ersten Liebe ganz gegen seinen Willen, -zum wenigsten ganz ohne sein eigenes gekommen. Das Mädchen, das sein -Herz betört hat, ist weder sonderlich schön noch klug, hat weder Geist -noch Vornehmheit. Sie steht weit unter jenen ganz jungen, weiblichen -Geschöpfchen, die Ernst vor einem Jahr in der Tanzstunde in Berlin in -großer Zahl kennen lernte, und die er durchweg als unglaublich albern -bezeichnete.</p> - -<p>Das Mädchen, das ihm durch seinen Freund Hipp zugeführt wurde, hat -irgendeinen kleinen Posten als Stickerin in der Stadt inne. Am Abend um -sechs Uhr, ist sie frei und kann spazieren gehen. Sie hat liebe, blaue -Augen und ein keckes Näschen, blonde Haare, die als Schnecken über den -Ohren liegen, und ein entzückendes, schlankes Körperchen. Sie sieht -wundervoll appetitlich aus und kann über jede Kleinigkeit lachen und -jubeln. Hätte Hipp nicht selbst ein sehr annehmbares Mädchen für sich, -so würde er den kleinen Hiller nicht so großmütig bedacht haben. Aber -da das Mädchen die beste Freundin seiner Freundin ist, muß er für sie -sorgen und empfiehlt sie an Hiller. Der will erst nicht. „Blödsinn, -was soll man mit so einer sprechen!“ Hipp jedoch läßt nicht locker und -schleppt ihn mit zum Flußweg.</p> - -<p>Da ist es jetzt nicht mehr wie zur Sommerszeit, da<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">– 241 –</a></span> wehen rauhe Winde, -die Pappeln stehen kahl und leer. Der Fluß hat schlammiges Wasser, und -der Boden ist aufgeweicht vom vielen Regen. Man ist froh, wenn man -sein Mädchen getroffen hat, und geht mit ihr in irgendein Gartenlokal, -wo es einsam ist, und wo man in einer geheizten Stube sitzt. Oder man -wandert mit ihr in die Stadt, in ein Kaffeehaus — oder geht den Weg -zum Bahnhof hinunter — — es ist alles gleichgültig. Hauptsache ist, -daß man sich überhaupt sieht, und Hipp macht Hiller klar, daß für ihn -das harte Leben, das sie jetzt führen, erst dadurch erträglich wird, -daß er sich auf den Abend freuen kann.</p> - -<p>Hiller bringt der Aufforderung seines Freundes erst wenig Verständnis -entgegen. Es liegt ihm so gar nicht, als galanter Kavalier aufzutreten, -und er ist auch sehr überzeugt davon, daß keine ihn lieben wird. -Er stemmt sich dagegen auf und hat das sichere Gefühl, daß er -außerordentlich schwerfällig sein wird, wenn er so einem lustigen -Mädelchen gegenübersteht. Er wird kaum zu sprechen vermögen, wird -verlegen sein, und Hipp wird ihn auslachen. Also schlägt er erst -rundweg ab. Aber Hipp ist nicht derjenige, der so schnell locker läßt, -wenn er sich etwas vorgenommen hat.</p> - -<p>„Du bist ein Esel, Hiller. Du verscherzt dir eine prachtvolle Sache. -Sie ist geradezu entzückend. Sieh sie dir zum wenigsten doch mal an. -Ich hab’ ihr auch schon von dir erzählt und hab’ ihr versprochen, dich -mitzubringen. Ich kann doch wegen deiner Eselei nicht wortbrüchig -werden!“ Hiller schwankt und schwankt! Gewiß, er ist um vieles -lebendiger und lustiger geworden, seit er in der Kaserne ist; er -nimmt das Leben nicht mehr so unsinnig schwer wie früher, ja, er kann -zuzeiten geradezu<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">– 242 –</a></span> ausgelassen sein. Aber vor dieser Begegnung mit -einem wildfremden Mädchen sträubt sich doch etwas in ihm. Doch Hipp -ist der Satan in Person und bohrt und bohrt an Hiller herum; greift -ihn bei seiner Ehre an, nennt ihn eine Memme, und es kommt fast zum -Streit zwischen den beiden. Aber schließlich siegt er; Hiller hat sich -gegen die ausdrückliche Versicherung, daß diese Begegnung zu gar nichts -verpflichte, breitschlagen lassen, zieht seine Extrauniform an, spricht -ganz kurz bei der Mutter vor, sagt ihr, daß er heute keine Zeit für sie -habe und geht hochklopfenden Herzens an Hipps Seite zum Flußweg.</p> - -<p>Irgendwo lösen sich aus dem Schatten zwei schlanke Gestalten: die eine, -dunkel gekleidet, reicht Hipp die Hand, die andere, im weißen, wollenen -gestrickten Mantel, bleibt etwas abseits stehen. Man kann nicht viel -sehen. In einiger Entfernung brennt eine Laterne und verbreitet -ein unsicheres Licht, und am Himmel zieht eine schwache, umflorte -Mondscheibe hin.</p> - -<p>Hipp stellt seinen Freund als Herrn von Hiller aus Berlin vor; und das -blonde Mädchen im weißen Mantel reicht ihm die Hand und sieht ihn aus -etwas ängstlichen blauen Augen an.</p> - -<p>Der blutjunge Hipp, der aber jungen Damen gegenüber schon vollkommen -die Haltung eines erfahrenen Mannes hat, hilft über jede Steifheit -hinweg. „Also, Kinder, wie verteilen wir uns? Es regnet nicht, und -die Kälte ist auch nicht unerträglich. Ich für meine Person bin nicht -abgeneigt, den Spaziergang hier am Fluß fortzusetzen — aber darum bist -du, lieber Hiller, absolut nicht gezwungen, unserem Beispiel zu folgen. -Ich möchte dir sogar vorschlagen, einen andern Weg zu nehmen. Vor neun -Uhr treffen wir uns dann hier an dieser selben<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">– 243 –</a></span> Stelle wieder!“ Er -reicht seiner Freundin den Arm. Die Kleine, Weißgekleidete hängt sich -bei Hiller ein, und während Hipp geradeaus geht, biegt das jüngste -Liebespaar in den schmalen, dunklen Feldweg, der zum Bahnhof führt, ein.</p> - -<p>Sie gehen schweigend. Leicht wie eine Feder hängt das schlanke -Persönchen am Arm des kleinen Husaren, und doch ist durch sie eine -schwere Last in seine Seele gekommen. Er fühlt sich sehr unbehaglich; -seine etwas schwierige Art, mit Menschen, die ihm nicht sehr von -sich aus entgegenkommen, eine Verbindung zu finden, lastet auf ihm. -Er sinnt nach einem Scherzwort und findet keines. Er will ihr irgend -etwas Gleichgültiges erzählen, aber es fallen ihm nur traurige oder -pathetische Sachen ein. Er ärgert sich über sich selbst — ist sehr -uneins mit sich selbst, denn er fühlt einmal wieder, daß er anders -ist als andere Menschen, daß er nicht zum Fröhlichsein, zum Genießen -geschaffen ist. Er schämt sich und wird immer unbeholfener. Was mag das -arme Mädchen, das sich gewiß auf einen fröhlichen Abend gefreut hat, -von ihm denken? Er fühlt, wie sie ihn von der Seite anschaut und auf -etwas zu warten scheint. Teufel auch, fällt ihm denn gar und gar nichts -ein, was er ihr sagen kann?</p> - -<p>Sie kommen aus dem schmalen Feldweg auf eine breite Straße — da sagt -die Kleine endlich ein Wort: „Durch diese Straße möchte ich nicht -gehen!“ bittet sie.</p> - -<p>„Warum nicht?“ fragt Hiller und biegt wieder nach dem dunklen Feldweg -ein.</p> - -<p>„Weil man mich da sehen wird!“ Dabei überzieht sich ihr Gesichtchen -mit dunklem Rot — aber nun ist wenigstens doch das lastende Schweigen -gebrochen.</p> - -<p>Das Mädchen erzählt seine Lebensgeschichte. Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">– 244 –</a></span> wohnt bei einer Tante, -die sie erzogen hat; ihre Mutter lebt auch noch, aber nicht hier, und -hat noch fünf andere Kinder. Da hat die Tante sie zu sich genommen -und sie Stickerei erlernen lassen. Sie stickt in einem Geschäft und -bekommt fünfzig Mark im Monat, die sie ihrer Tante gibt. Die Tante -ist gut, doch streng. Sie darf von nichts wissen — und das Köpfchen -schmiegt sich an Hillers Schulter, und wie ein elektrischer Funke -fliegt’s in dessen Herz. Mit einem Schlage ist alle Unbeholfenheit, -alle Schwerfälligkeit verflogen; heiß wogt’s durch ihn — ein Gemisch -von Mitleid und Zärtlichkeit.</p> - -<p>Er hat noch nie aus sich selbst ein Mädchen geküßt, ist noch nie mit -einem Mädchen auf einsamen Wegen gegangen. Nie hat eine ihm von ihrem -Leben erzählt — nie hat eine sich an ihn geschmiegt — denn die Sache -mit Hannchen vom Abiturientenabend war doch nur eine große Neckerei! -Im selben Moment aber, da die Rolle des verstehenden, tröstenden -Liebhabers von ihm verlangt wird, beherrscht er sie auch ganz und gar -— beherrscht sie mit einer Sicherheit und Sanftheit, die ihn selbst -mit Staunen erfüllt.</p> - -<p>Er greift mit der Hand unter ihr Kinn, hebt ihr das Gesicht in die -Höhe, sieht in die blauen Augen, sieht den Mund, der ein wenig geöffnet -ist, und tut das Selbstverständlichste und Einzige, was er in dieser -Lage tun kann: er küßt sie. Und er fühlt dabei etwas, was ihm fast die -Besinnung benimmt. Sie stehen irgendwo in völliger Dunkelheit; sie hat -ihm die Arme um den Hals gelegt, küßt ihn wieder und schmiegt sich -immer enger an ihn an.</p> - -<p>Dem kleinen Hiller ist’s, als sei er von der Erde fort in flammende -Herrlichkeit getragen, er weiß nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">– 245 –</a></span> mehr, was er ist und was er tut. -Ein fremder Geist ist in ihn gefahren, der für ihn handelt, der die -zärtlichen Worte, die er hervorbringt, für ihn spricht, der das süße -Geschöpf in die Höhe hebt und immer wieder den roten Mund, die Stirn -und die lieben Augen küßt. Er ist wie trunken; er denkt nicht daran, -daß jemand des Weges kommen und ihn sehen könnte. Raum und Zeit sind -für ihn verschwunden — er fühlt nur ein namenloses, unfaßbares Glück.</p> - -<p>Für das kleine Mädchen aber hat diese wild und elementar -hervorbrechende Liebe etwas Beängstigendes. Er hat ihr die Mütze -verschoben, und ihre Haare beginnen sich zu lösen; er hält sie so fest -an sich gepreßt, daß sie kaum Atem holen kann. Er tut ihr weh — er -ist wie ein Unsinniger — nein, das hat sie nicht gewollt. Vor dem -Krieg ist sie auch mit einem jungen Einjährigen umhergegangen und hat -sich küssen lassen; aber der ist doch vernünftig geblieben. Hier aber -hat sie Angst, und da er sie auf ihre Bitten nicht losläßt, stemmt sie -die Hände gegen seine Schultern und macht sich mit Gewalt frei. Einen -Augenblick blitzen ihre Augen ihn böse an, aber als sie in sein gutes -und betroffenes Gesicht blickt, ist der Zorn wieder verflogen. „Wie du -mich zugerichtet hast!“ sagt sie und nestelt an ihrem Haar und setzt -die Mütze wieder ordentlich auf den Kopf. „So kann ich mich ja nirgends -sehen lassen!“</p> - -<p>Sie lacht aber schon wieder und hängt sich von neuem in seinen Arm. -„Nun wollen wir vernünftig zusammen gehen!“ Dem kleinen Hiller gehen -plötzlich die Augen auf. Er ist von seinen Himmeln auf die Erde -zurückgekommen und kämpft wieder mit Verlegenheit.</p> - -<p>Das kleine Fräulein ist sehr zutraulich geworden,<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">– 246 –</a></span> plaudert über -alles Mögliche und verrät schließlich, daß sie eine Konditorei weiß, -wo man gut eine halbe Stunde sitzen kann. Da kommt ihm auch das -zum Bewußtsein, daß er ganz vergessen hat, sie mit irgend etwas zu -erfreuen. Er weiß von Hipp, daß man eine Freundin zu Kaffee und Kuchen -einlädt und ihr kleine Geschenke macht. Und nachdem die Rolle des -heißen Liebhabers ausgespielt ist, nachdem sein Herz anfängt, ruhiger -zu schlagen und sein Kopf wieder Herrschaft über die erregten Sinne -gewinnt, findet er sich auch in der Rolle des Kavaliers zurecht, -geht mit ihr ins Café, das sie ihm genannt hat, und bewirtet sie mit -Schokolade, Schlagsahne und Kuchen. Dabei sieht er erst, wie niedlich -sie ist, und kann es jetzt, da sie in vollem Licht bei ihm sitzt, gar -nicht mehr begreifen, daß er den Mut gehabt hat, sie zu küssen. Jetzt -wird er nicht mehr wagen, auch nur ihre Fingerspitzen an seine Lippen -zu ziehen.</p> - -<p>Mit Gewalt muß er sich das zurückrufen, wie er vor einer Viertelstunde -mit ihr am Feldweg gestanden hat. Es ist wie ein Traum, wie eine -Unwahrscheinlichkeit.</p> - -<p>Kurz vor neun sind sie am Flußweg an der Stelle, an der sie sich -zuerst gesehen. Hipp mit seiner Freundin hat sich schon eingefunden — -lächelnd und prüfend sieht er Hiller und die kleine Blondine an. Er -ist Menschenkenner und weiß sofort, daß alles nach Wunsch gegangen ist -zwischen den beiden. Sie verabreden eine Zusammenkunft.</p> - -<p>Die zwei Freundinnen eilen der Stadt zu, und die beiden Husaren wandern -zur <span class="nowrap">Kaserne. —</span></p> - -<p>Von diesem Abend an träumt Hiller oft mit wachen Augen. Die Welt hat -sich für ihn geändert — etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">– 247 –</a></span> Neues und Unsagbares ist in sein -Leben gekommen. Sein Herz ist erfüllt von etwas Hohem, Heiligem; er -geht wie auf Wolken. Freilich, wenn er dem kleinen, blonden Mädchen -gegenübersteht, wenn er sie lachen und plaudern hört, muß er ein -wenig heruntersteigen. Er weiß es nicht, daß nicht sie — nicht ihre -Person es ist, die er liebt, sondern daß er sich ein Phantasiegebilde -geschaffen hat, das im tiefsten Grunde mit dem Mädchen selbst nicht -das Geringste zu tun hat. Die Liebe mit all den Wonnen und Leiden, -die sie dem tiefgründigen, ernsten Menschen bringt, ist in sein Leben -gekommen, und da sie keinen anderen Gegenstand hat, kreist sie um das -nette Mädchen mit dem kecken Näschen und dem schlanken Figürchen. Seine -Gefühle und Gedanken wogen ins Uferlose hinein. Sein Auge blickt in -weite, goldene Fernen — er dichtet und träumt — er leidet und jubelt -— — aber heimlich, nur in der Einsamkeit. Denn nur wenn er sie nicht -sieht, ist das große Glück da; sobald er sie greifbar vor sich hat, ist -sowohl er wie sie völlig verwandelt.</p> - -<p>Aber gleichgültig — er liebt! Die Mutter rückt für ihn immer weiter -in den Hintergrund. Die Mutter ist etwas Gutes, Wohltuendes, was man -nicht missen möchte. — — — Doch das alte Kindervertrauen, die alte -Kinderoffenheit ist fort. Von dem, was jetzt in seiner Seele lebt, kann -er trotz aller Liebe und Herzlichkeit zur Mutter nicht reden.</p> - -<p>Hipp sagt: „Mensch, du setzt dir doch wohl nichts in den Kopf? Seit du -mit der Kleinen gehst, bist du wie hypnotisiert! Solche Mädchen sind -zum Amüsieren da — zu weiter nichts!“</p> - -<p>Hiller nickt und ist blaß geworden, denn er fühlt sich oft sehr -beschwert und ist unglücklich. Es wäre vielleicht<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">– 248 –</a></span> doch besser gewesen, -er hätte sie gerade in dieser Zeit nicht kennen <span class="nowrap">gelernt! — —</span></p> - -<p>Auch der November neigt sich dem Ende zu, und von einem bestimmten -Termin zum Ausrücken ist immer noch nicht die Rede. Die feldgrauen -Uniformen sind fertig; Schuster und Sattler haben wie im Fieber -gearbeitet, es ist alles bereit, man könnte jeden Tag ausrücken, aber -der Befehl von oben fehlt noch. Statt dessen geht der Drill fort — man -zieht auf Wache und wartet, wartet, wartet!</p> - -<p>Es tut weh, daß das Vaterland sie noch nicht braucht! Sie lernen jetzt -Schützengräben aufwerfen — werden mehr und mehr zu Infanteriediensten -herangezogen.</p> - -<p>Der Krieg hat sich ganz anders gestaltet, als man zu Anfang geglaubt -hat; es kann sich noch lange, sehr lange hinziehen. Die Vorgesetzten -jedoch sagen den ungeduldigen, jungen Kriegern: „Ihr kommt noch alle an -die Reihe! Keiner wird in der Kaserne sitzen bleiben!“ Das ist zwar ein -Trost, aber man hätte doch gern gleich von Anfang an mitgefochten. Aus -den Infanteriekasernen sind sie längst schon ausgezogen und haben sich -ehrenvolle Wunden oder das Eiserne Kreuz oder den Heldentod geholt! Das -Abwarten ist hart, und der Dienst ist eintönig! Man kann doch längst -alles, was man zu können braucht!</p> - -<p>Die Großmutter staunt auch und schreibt Briefe, aus denen fast etwas -wie Enttäuschung klingt: „Ja, kommt denn der Junge überhaupt nicht ins -Feld?“</p> - -<p>Es will der alten, tatkräftigen Frau nicht behagen, daß ihr Enkel noch -nicht gegen Deutschlands Feinde kämpft. Der alte Hieronymus und der -alte Rat Mertens, dem sie seine Schwarzseherei abgewöhnt hat, fragen -bei jedem Besuch nach dem Jungen, und der Rat hat ihr gesagt, daß man -die Kavallerie fast gar nicht verwenden<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">– 249 –</a></span> kann in diesem modernen Krieg. -Das paßt ihr nicht! Ihr starkes Herz will, daß der Enkel in dieser Zeit -zum Helden wird; sie hat viel ehrgeizige Wünsche für ihn. Der Sohn, -der so früh und traurig dahinsiechte, hat ihre stolzen Träume nicht -befriedigt; nun erhofft sie vom Kind ihres Kindes etwas Großes, hofft, -daß der Name starken, neuen, schönen Klang durch ihn bekommt.</p> - -<p>Dem Jungen aber tut es weh, als er den Brief der Großmutter liest. Ist -es seine Schuld, daß sie hier noch immer festgehalten werden? Sehnt er -sich nicht mit allen Fasern seines Herzens danach, hinauszukommen? Und -doppelt und dreifach sehnt er sich danach, seit dieses blonde Mädchen -in sein Leben gekommen ist. Das Mädchen, das ihn ablenkt, das ihn -beunruhigt; das ihn oft vergessen läßt, zu welchem Zweck er hier in der -Kaserne eingerückt ist! Er leidet unter ihr, er hat das Gefühl, gegen -seinen Willen an sie gekettet zu sein. Er möchte sich von ihr losreißen -und vermag es nicht mehr. Im Gegenteil, je öfter er sie sieht, um so -mehr zieht es ihn zu ihr hin. Und ist ihm doch innerlich so ganz und -gar fremd, hat doch keine Ahnung von all dem, was in ihm vorgeht, was -sie in seiner Seele ausgelöst hat. Alles muß er vor ihr verbergen, -immer muß er ängstlich bedacht sein, sie gut und oberflächlich zu -unterhalten, nur ja nichts von dem, was so heiß und heilig in ihm -wogt, erkennen zu lassen. Denn wenn sie ahnte, wie er wirklich ist, -dann würde sie über ihn lachen — und der Gedanke, daß sie über ihn -lachen könnte, ist ihm unerträglich. So also ist Liebe! Schön und doch -quälend! Entsetzlich quälend!</p> - -<p>Der kleine Hiller sieht oft sehr betrübt und bleich aus, wenn er bei -seiner Mutter im Wohnzimmerchen sitzt. Das Herz ist ihm übervoll, -und er weiß, daß er sich erleichtert<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">– 250 –</a></span> fühlen würde, wenn er sich ihr -offenbarte. Aber es geht — geht nicht. Er kann die erlösenden Worte -nicht finden!</p> - -<p>Die Mutter ist in dieser Zeit noch viel liebevoller als sonst zu ihm; -sie ahnt, daß der Junge jetzt viel durchzukämpfen hat. Sie leidet für -ihn und mit ihm. Er ist Blut von ihrem Blute. Die Liebe wird ihm nie -reiner Genuß sein; schon dieser erste, unschuldige Anfang belastet -seine Seele. Über diese kleine Episode hier in der Altmärker Garnison -wird er zwar hinwegkommen, sowie Größeres ihn in Anspruch nimmt; aber -sie fürchtet für das, was die Zukunft ihm bringen kann. Welche Frau es -auch sei, die in sein Leben tritt — er wird unter ihr leiden, denn -seine Seele ist tief und wird voll ungelöster Rätsel, voll von Wünschen -sein, die nur Ausnahmemenschen zu befriedigen imstande sind.</p> - -<p>Armer, armer, kleiner Husar! Aber darf man so über die heutige Jugend, -gerade über diese Generation, von der so Kolossales gefordert wird, -nachdenken? Wird nicht das ungeheure Drama, darin sie mitwirken sollen, -sie vielleicht von Grund auf ändern? Wird es nicht die Macht haben, die -Seelen ganz einfach, ganz klar zu machen?</p> - -<p>Sie weiß es nicht, aber es ist möglich. In der ersten Begeisterung -war ja jeder wie umgewandelt — hatte jeder von seinem eigentlichen -Ich Abschied genommen, um in der großen Allgemeinheit aufzugehen. -Die erste Begeisterung aber ist ruhiger geworden! Die ersten großen -Gefühlserregungen sind auch von dieser ganz jungen Jugend, die erst -zu Taten ausziehen will, überwunden worden! Der Krieg ist ihnen etwas -fernergerückt als im Anfang. Man läßt sie zu lange warten, man hat -ihnen den großen, heiligen Glauben an sich<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">– 251 –</a></span> selbst und die eigene Kraft -dadurch ein wenig geschmälert. Aber auch ihr Tag wird kommen; und das, -was den kleinen Ernst jetzt bewegt und quält, wird in seiner Seele -erlöschen, als wäre es nie darin gewesen.</p> - -<p>Und dennoch leidet die Mutter unter den Leiden ihres Jungen; aber nicht -allein darunter.</p> - -<p>Eines Abends erzählt Fräulein Else mit lachenden Augen, daß sie den -Jungen mit seiner Freundin am Tor gesehen habe. Am alten, dunklen Tor -pflegen zur Winterszeit die Mädelchen aus der Stadt auf ihre Liebsten -aus der Kaserne zu warten.</p> - -<p>Frau Hiller möchte Fräulein Else nach manchem ausfragen, aber sie -vermag es nicht. Sie will nicht aus anderem Munde erfahren, wie die, -der die erste Neigung ihres Jungen gehört, aussieht. Und doch muß sie -oft an das kleine Mädchen, das dem Husaren jetzt nähersteht als die -eigene Mutter, denken; möchte sie gern sehen, so gern ein Wort mit -ihr sprechen. Nein, sprechen nicht, das ist nicht nötig. Nur wissen, -wie sie aussieht, ob sie gut, ob sie ihres Jungen würdig ist. In der -Nacht kommen ihr oft so bange Gedanken, dann malt sie sich aus, daß der -Junge, der so wenig Weltklugheit besitzt, vielleicht an eine geraten -ist, die nicht mehr rein, nicht mehr gut ist.</p> - -<p>Ach, sie weiß, daß ein Mensch vieles erleben und dennoch gut und rein -bleiben kann. Sie möchte ja auch gar nicht wissen, woher dieses Mädchen -stammt, was sie vielleicht schon erlebt hat. Nur in die Augen möchte -sie ihr schauen und das Gesicht einmal sehen — dann weiß sie genug!</p> - -<p>Sie richtet es nun manchmal so ein, daß sie am Abend noch, wenn -es schon dunkel ist, eine Besorgung in der Stadt hat, und auf dem -Rückweg weilt sie dann an<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">– 252 –</a></span> einer verborgenen Stelle, von der aus sie -die nächste Umgebung des Tores überschauen kann. Aber sie hat kein -Glück; sie sieht wohl kleine, wartende Mädchen, aber unter denen, die -sich zu ihnen gesellen, ist ihr Ernst noch nie gewesen. Bis sie eines -Abends mit Fräulein Else von einem Gang zu der Stadt zurückkommt. Die -flüstert ihr zu: „Diese hier, gnädige Frau!“ Und Frau Hiller sieht in -ein liebes, nettes Gesicht mit keckem Näschen und guten, blauen Augen -— sieht in ein Gesicht, das nicht sehr viel sagt, und dessen größte -Schönheit seine Jugend ist. Sie ist enttäuscht und auch beruhigt! -Dieses Mädchen ist nicht schlecht und verdorben, ist auch nicht -tiefgründig und verlangt keine schweren Gefühle. Es ist eins von jenen -Mädchen, die so recht eigentlich dazu geschaffen sind, die erste Liebe -eines jungen Menschen zu sein; wie Blumen sind sie, die einen süßen -Duft haben und vergessen sind, sobald man sie nicht mehr sieht. Sie -ist ruhig und versucht sich zu freuen, daß der Junge, bevor das Große, -Gewaltige in sein Leben kommt, ein liebes, heimliches Glück gefunden -hat — sie will sich freuen, wie eine Mutter sich über das Glück ihrer -Kinder freuen soll; sie will nur noch Mutter sein.</p> - -<p>Der Weg vom Stadttor nach der Kaserne hinaus dünkt ihr an diesem Abend -eine Ewigkeit zu sein: ihre Seele ist in Aufruhr — in ihr ist ein -alter, heißer, wilder Schmerz, eine verzweifelte Sehnsucht wieder -eingezogen.</p> - -<p>Müde schleppt sie sich neben Fräulein Else her.</p> - -<p>Im Hause steigt sie langsam die Treppe hinan. Oben in der Küche steht -die große Lampe auf dem Tisch vor dem Sofa; das Abendbrot ist bereitet, -und der junge Arzt hat sich auch eingefunden. Aber heute abend kann -sie<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">– 253 –</a></span> keinen Menschen mehr um sich haben. Heute abend ist es zu dunkel, -zu trostlos in ihrer Seele.</p> - -<p>Fräulein Else entzündet ihr das kleine, in Öl schwimmende Nachtlicht in -ihrem Schlafzimmerchen und fragt, ob sie etwas zu essen bringen darf. -Nein, nichts — gar nichts — nur Ruhe — nur Stille — nur Dunkelheit. -Alles tut ihr weh, jedes Geräusch, jeder Lichtschein, jeder Nerv -schmerzt sie. So hat der Schmerz sie noch nie übermannt; so schwach, so -elend und klein ist sie noch nicht ein einzigesmal gewesen, seit der -große Aufruhr in die Welt kam.</p> - -<p>Der müde Kopf liegt in den Kissen; die Dunkelheit, die große Stille -tun ihr gutes Werk. Gott wird sie nicht ganz verlassen — — er wird -ihr die beiden, die sie liebt, die so eng mit ihr verbunden sind, -zurückschicken! Aber Gott läßt so viel Furchtbares geschehen in dieser -Zeit — — so viel tausend Frauen haben hergeben müssen, was ihr eigen -war — — —. Ihre Hand spielt mit dem kleinen goldenen Amulett, das -die Großmutter ihr bei Beginn des Krieges um den Hals gehängt hat, -und ein dunkler Gedanke flieht durch ihre Seele. — Der Inhalt dieses -Amuletts sollte sie, wenn es ganz schlimm kam, vor der Bestialität der -Russen, die in Deutschlands Hauptstadt einzudringen beabsichtigten, -schützen. Das aber hatte Gott abgelenkt. Nach menschlicher Berechnung -würde nun nicht einer von den vielen Feinden bis ins Herz des Deutschen -Reiches eindringen! Nach menschlicher Berechnung mußte Deutschland -trotz dieser Welt von Feinden doch noch den Sieg erreichen. Viel Blut -floß — viele Opfer mußten gebracht werden! Keiner durfte zagen — -keiner durfte klein werden! Man lebt nicht mehr für sich selbst, man -lebt für das Land, in<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">– 254 –</a></span> dem man geboren ward, für das Land, das man -jetzt, da es bedroht ist, mit so viel tieferer, heißerer Liebe als in -der Zeit des langen Friedens liebt.</p> - -<p>Ihre Hand läßt das Amulett fallen; ihr Kopf ist wieder ruhig — die -Gedanken nehmen eine andere Richtung. Nicht klein, nicht schwach, nicht -selbstisch sein! Was sie leidet, ist das Leiden einer ganzen Welt — -was sie hergeben muß, geben Millionen in allen Ländern her. Soll sie -kleiner, verzagter, armseliger sein als all diese Millionen? <span class="nowrap">— — —</span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Husaren haben Freiturnen im Kasernenhof. Es ist kalt, und ein -rauher Wind weht, aber sie merken es nicht. Nachdem sie eine Stunde -lang Lanzenschwingen und Säbelfechten geübt haben, ist zum Springen -kommandiert worden.</p> - -<p>Der Oberleutnant kommt aus dem Dienstgebäude und spricht mit dem -Wachtmeister, und man weiß nicht, ob er nur gekommen ist, um sich die -Sache einmal anzusehen, oder ob etwas Besonderes vorliegt. Man wartet -ja täglich, stündlich auf das Große, das doch nun endlich, endlich -kommen muß.</p> - -<p>Aber nachdem die Unterredung beendet ist, läßt der Wachtmeister ruhig -weiterturnen, und der Oberleutnant sieht zu. Die Freiwilligen sind -enttäuscht, und das Springen geht wirklich etwas mangelhafter als sonst -vor sich.</p> - -<p>Dann aber kommandiert der Oberleutnant plötzlich: „Halt!“ und sagt -zum Wachtmeister: „Wachtmeister,<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">– 255 –</a></span> lassen Sie mal die fünfzig Besten -vortreten — aber, bitte, nicht die, die hier so miserabel geturnt -haben!“</p> - -<p>Die Freiwilligen horchen auf. Was ist das? Was bedeutet das? Geht es -hinaus? Aber nein, das ist nicht möglich, denn vor einer Woche sind -wieder hundert von ihren Pferden nach Halberstadt verschickt worden, -und die, die jetzt noch hier im Stalle stehen, sind zum großen Teil -nicht kriegstauglich.</p> - -<p>Der Oberleutnant sieht sich die fünfzig Leute, die herausgerufen worden -sind, an.</p> - -<p>„Gut,“ sagt er. „Also, Sie, Wachtmeister, und zwei Unteroffiziere -werden die Reise anführen. Mit dem Herrn Oberst treffen Sie in Budapest -zusammen. Wir haben jetzt vier Uhr; um fünf Uhr geht der Zug. Es ist -also Eile nötig!“</p> - -<p>Die Freiwilligen, die herausgerufen worden sind, haben rote Köpfe -bekommen. Nach Ungarn zum Pferdekauf! Das geht unmittelbar dem -Ausrücken voran! Bevor der Landsturm und die alten Leute ins Feld -rückten, sind sie auch nach Ungarn gefahren, um Pferde zu holen. Das -Herz schlägt ihnen hoch. Endlich, endlich!</p> - -<p>Der Wachtmeister ist auch plötzlich rosigster Laune. Der Turnunterricht -wird abgebrochen; die, die nicht ausgewählt wurden, haben eine freie -Stunde, und die anderen werden kommandiert, um Futterbeutel und -Tränkeimer in Empfang zu nehmen.</p> - -<p>Hillers Herz klopft zum Zerspringen. Er benutzt die kurze -Viertelstunde, die ihnen zum Umziehen gelassen wird, um ganz schnell -zur Mutter hinüberzulaufen.</p> - -<p>Mit heißen Wangen und leuchtenden Augen steht er vor ihr. „Wir fahren -nach Ungarn, Mutter. Pferde holen — dann geht’s ins Feld, Hurra!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">– 256 –</a></span></p> - -<p>Er weiß gar nicht, was er sagt; er sieht auch nicht, wie bleich die -Mutter wird; sie hat ihn gar nicht richtig verstanden und glaubt im -ersten Augenblick, daß er schon jetzt den großen Abschied nehmen will. -Aber darüber beruhigt er sie. „Nein, nein. Vorerst nur nach Ungarn, -die Pferde holen. Dann müssen sie doch ein paar Tage lang eingeritten -werden. Man kann doch nicht auf ganz fremden Gäulen ins Feld. Unsinn — -Mutter, du brauchst nicht zu erschrecken. Wir kommen ganz sicher wieder -zurück. Zehn oder zwölf Tage bleiben wir aus. Aber das ist doch famos! -So eine schöne Reise!“</p> - -<p>Sie will ihm Kaffee bringen lassen, aber er wehrt ab:</p> - -<p>„Nein, Mutter, ich hab’ nicht einen Augenblick Zeit. Ich muß gleich -wieder drüben sein. Lebewohl, Mutter; was willst du denn während der -Zeit tun?“ Diese letzte Frage richtet er noch im Hinausgehen an sie, -wartet aber die Antwort gar nicht mehr ab.</p> - -<p>Unten vor der Kaserne steht Hipp und hält triumphierend einen -Futterbeutel und Tränkeimer in der Hand. „Teufel,“ sagt Hiller -erstaunt, „du warst doch gar nicht unter den Fünfzig!“</p> - -<p>Hipp lacht. „Man muß so was zu deichseln verstehen. Ein armer -Bauernlümmel ist krank geworden; ich habe ihm zehn Mark zur Erholung -geschenkt; da hat er mich als Vertretung vorgeschlagen. Ich werde mir -doch so was wie eine Gratisreise nach Ungarn nicht entgehen lassen!“ -— Er hängt sich in Hillers Arm: „Hast du Mammon? Sonst kann ich dir -aushelfen!“</p> - -<p>Aber Hiller hat, was er braucht; Großmutter sorgt immer gut für ihn, -und die Mutter gibt auch. Sie gehen in die Stube und ziehen den -Reitanzug an. Dann noch schnell in die Kantine, um eine Weiße und ein -paar<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">– 257 –</a></span> Butterbrote zu verzehren. Für alle Fälle; denn man kann nicht -wissen, wo man zuerst etwas zu futtern bekommt.</p> - -<p>Im Hof steht der Wachtmeister mit den zwei Unteroffizieren: „Antreten! -— Zu Reihen gliedern! — Marsch!“ Und fort geht’s zum Bahnhof. Vorerst -mal in den Zug nach Magdeburg. — Dritter Güte — das ist anständig; -jeder hat seinen Platz, und der Wachtmeister ist fortgesetzt in -rosigster Laune.</p> - -<p>„Wenn ihr Lust habt, könnt ihr singen!“</p> - -<p>Hipp hat eine Mundharmonika und setzt sie sogleich an. ‚Morgenrot, -Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod!‘ Sie singen es mit leuchtenden -Augen — der Wachtmeister und die Unteroffiziere auch. Was das für ein -Gefühl ist — mal endlich aus der Kaserne raus!</p> - -<p>„Unsere Damen werden heut’ abend große Augen machen!“ flüstert Hipp, zu -Hiller gewandt. „Schad’t aber nichts; sie müssen sich jetzt langsam von -uns abgewöhnen.“</p> - -<p>Über Hillers Gesicht fliegt ein Schatten. Daran hat er in seiner -Aufregung noch gar nicht gedacht, und das Mädchen tut ihm furchtbar -leid. Was mag die denken, daß er sie so einfach im Stich läßt!</p> - -<p>Hipp sagt: „Siehst du nun ein, daß es blödsinnig ist, bei so einer -Sache etwas zu fühlen? Immer frei bleiben! Das ist die Hauptsache! Wenn -ein Mädchen flennt und Liebesschmerz hat, was ist dabei? Sie haben ja -sonst nicht viel zu tun. Aber unsereins muß frei bleiben. Ist ja auch -nicht der Mühe wert, oder glaubst du, daß deine Kleine länger als einen -Tag um dich weint, wenn sie vielleicht mal hören soll, daß du gefallen -bist? Nur keine Illusionen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">– 258 –</a></span></p> - -<p>Und es ist gut für Hiller, daß Hipp ihn immer wieder aus seiner -Phantasiewelt herausreißt, denn er gehört zur Klasse der reinen Toren, -die überall nur Gutes und Wahres und Reines sehen.</p> - -<p>Sie singen ein Lied nach dem andern, und der Zug läuft in Magdeburg -ein, bevor man’s gedacht hat. Am Bahnhof steht ein Trupp Ulanen mit -Wachtmeister und Unteroffizier. Der Vorgesetzte der Husaren tritt zu -dem Kameraden vom Ulanenregiment hin und verständigt sich mit ihm. Sie -haben Befehl, die Reise gemeinsam zu machen. Eine Stunde Aufenthalt in -Magdeburg — dann weiter nach Dresden, wo die erste Nachtrast sein soll.</p> - -<p>Die Freiwilligen — Ulanen und Husaren — bekommen Stadturlaub; in -einer Stunde haben sie wieder am Bahnhof zu sein. Sie zerstreuen sich -in Trupps und suchen die dem Bahnhof zunächst liegenden Kneipen auf. -Man kommt sich schnell näher. Die Ulanen sind noch ebenso unsicher wie -die Husaren, ob es nach dieser Ungarnreise nun wirklich hinausgeht. -Man weiß ja wahrhaftig nicht, wozu man noch in der Kaserne sitzt, man -begreift es nicht, daß man solche Mengen von gutem Soldatenmaterial -noch in der Kaserne läßt. Hipp ist mit Hiller und ein paar Ulanen in -einer richtigen Muschkokneipe gelandet. Man sieht nichts anderes als -buntes Tuch und atmet einen üblen Geruch ein. Schadet aber nichts — -man ist wenigstens mal aus dem ewigen Einerlei heraus!</p> - -<p>Die Fahrt nach Dresden ist schon ein wenig ungemütlicher als die -vorherige. Sie sind jetzt neunzig Mann und werden vierter Klasse -verstaut. Wer Glück hat, kann sitzen, die anderen stehen. Sangeslust -ist nicht mehr vorhanden, und um die neunte Stunde, um die man sonst -auf seinen Strohsack zu fallen pflegt, lassen<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">– 259 –</a></span> die meisten ihre Köpfe -hängen. Macht der Gewohnheit. — Um neun Uhr meldet sich der Schlaf! -Und ein paar von denen, die einen Sitzplatz haben, fangen an zu -schnarchen.</p> - -<p>Um Mitternacht sind sie in Dresden; da ist noch reges Leben am Bahnhof. -Das Rote Kreuz hat einen großen Raum für Verwundete und durchreisende -Krieger eingerichtet, und labt nun auch die Husaren und Ulanen mit -gutem, heißem Kaffee, Butterbrot und Zigarren.</p> - -<p>Da die Nacht vorgeschritten ist, kann man nicht mehr zu einer Kaserne -hinaus, um Quartier zu bekommen; man muß am Bahnhof bleiben, zum -wenigsten die, die auf Regimentskosten schlafen wollen. Wer Geld hat, -kann sich in der Stadt ein Unterkommen suchen. Um elf Uhr am nächsten -Morgen hat man sich wieder am Bahnhof einzufinden. Eine ganze Menge von -ihnen verfügt über das nötige Kleingeld und zieht in die Stadt. Schade, -daß man so hundemüde ist; man hat jetzt wirklich nur noch das eine -Verlangen, sich auszustrecken, und zwar sobald als möglich.</p> - -<p>Hipp und Hiller und zwei Mann, die sie als ihresgleichen erkannt haben, -betreten ein sehr feines Hotel. Warum soll man nicht für eine einzige -Nacht üppig sein? Ein Vermögen wird’s nicht kosten. Und man schläft -dann wenigstens mal wieder in einem anständigen Bett und bekommt am -Morgen etwas Ordentliches zu frühstücken.</p> - -<p>Der Oberkellner sieht die vier Soldaten etwas kritisch an, aber der -weltkundige Hipp hat ihn bald da, wo er ihn haben will. Er versteht es -prachtvoll, jemanden mit drei Worten klarzumachen, wer er ist, und was -er zu beanspruchen hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">– 260 –</a></span></p> - -<p>Sie erhalten je zu zweien ein sehr anständiges Zimmer mit Heizung -und elektrischer Beleuchtung; aber sie genießen nicht mehr viel von -diesen Bequemlichkeiten. Kaum, daß sie den Uniformrock und die lederne -Reithose ausgezogen haben, sind sie schon im Schlaf drin und schlafen -nicht schlechter und nicht besser als in ihrer Altmärker Kaserne auf -dem Strohsack.</p> - -<p>Aber am nächsten Morgen läßt sich die Sache schon anders an, da kann -man sich erst noch diverse Male umdrehen, ehe man ans Aufstehen denkt, -und sitzt dann unten im Frühstückszimmer vor einem famosen Frühstück, -das durch Hipps Anordnungen noch um vieles delikater gemacht wird.</p> - -<p>Die Rechnung ist dann auch einigermaßen erstaunlich, und Hipp läßt beim -Bezahlen seines Anteils die Bemerkung einfließen, daß man in diesem -Hotel nicht sehr patriotisch gesinnt zu sein scheine, denn sonst würde -man freiwilligen Kriegern, die in kurzer Zeit ihr Leben fürs Vaterland -einsetzen wollen, nicht solche Summen abnehmen. Der Oberkellner bleibt -kühl und würdevoll und läßt Hipps Bemerkung an seinem Ohr vorbeigehen, -als ob er sie nicht gehört oder verstanden habe.</p> - -<p>Macht nichts! Man ist acht Mark losgeworden, aber man hat doch auch -etwas dafür gehabt. Weiterhin wird man ja keine Gelegenheit zu großen -Ausgaben mehr haben!</p> - -<p>Nun läßt sich die Sache wirklich anders an — viel ernster und -dienstlicher!</p> - -<p>Wieder werden sie in Wagen vierter Klasse untergebracht und fahren in -sehr gemäßigtem Tempo der österreichischen Kaiserstadt zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">– 261 –</a></span></p> - -<p>In Prag ist längerer Aufenthalt, und am Bahnhof sind Speisehallen -aufgeschlagen. Jeder tritt mit seinem Napf an und bekommt ein Stück -Fleisch, auf das eine heiße, kräftigriechende Suppe gefüllt wird. Es -schmeckt gut, denn sie sind hungrig — sie können gut und gern die -doppelte Portion vertragen; aber es dauert eine geraume Zeit, bis alle -neunzig Mann gespeist sind, und man muß sich sogar beeilen, seinen Napf -auszulöffeln.</p> - -<p>Die Dunkelheit bricht an, als sie sich Wien nähern. Hiller ist in -freudiger Erregung. Das war schon längst sein Wunsch, das schöne, alte -Wien zu sehen! Und es kommt ihm fast unwahrscheinlich vor, daß dieser -Wunsch sich nun so plötzlich erfüllen soll. Am liebsten wäre er gleich -vom Bahnhof mit Hipp und den zwei Mann in die Stadt gelaufen, denn -höchstwahrscheinlich werden sie wieder Nachturlaub erhalten.</p> - -<p>Aber am Bahnhof heißt’s: „In Reihen gliedern! — Marsch!“ Und es geht -durch eine Reihe grauer Straßen immer in Reih und Glied. Man darf den -Kopf nicht nach rechts oder links wenden. Wohin führt man sie? Was hat -man mit ihnen vor?</p> - -<p>Ah, nun kommen sie in belebte Gegenden. Die Leute schauen nach ihnen -und bleiben stehen. „Heil — Hurra — Deutschland!“ ertönt’s von allen -Seiten. Man bringt ihnen Ovationen dar — man feiert sie. „Deutschland, -Deutschland über alles!“ erschallt es, und Menschenscharen schließen -sich ihnen an. „Deutsche Husaren und Ulanen. Hurra! Hoch die -Verbündeten! Heil dir im Siegerkranz! Hoch Kaiser Wilhelm! Hoch — hoch -— hoch!“</p> - -<p>Die Köpfe der jungen Menschen werden heiß. Das Blut wallt ihnen -zum Herzen. Sie wissen, daß der Jubel nicht ihnen selbst, nicht -ihrer Person, sondern dem Lande,<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">– 262 –</a></span> das sie hier vertreten, gilt. Und -sie fühlen es mit Wonne und Glück: Wir sind Deutsche! Wir sind in -Freundesland. Man liebt uns.</p> - -<p>Ach, endlich einmal wieder Begeisterung und Hoch und Hurra und heiße, -flammende Freude! Endlich einmal wieder kommt es einem zum Bewußtsein, -daß man in dieser gewaltigsten aller Zeiten lebt, daß man zu Hohem, -Heiligem berufen ist.</p> - -<p>Sie singen es mit ihren Bundesbrüdern — sie singen es aus jubelndem, -heißem Herzen heraus: „Deutschland, Deutschland über alles!“</p> - -<p>Aber von Wien bekommen sie nichts zu sehen; man hat sie nur von dem -einen Bahnhof, auf dem sie ankamen, zu einem anderen geführt, und -da steht schon der Zug bereit, der sie weiter, der sie direkt nach -Budapest bringen soll. Vorher große Abspeisung und Hurra und herzliches -Willkommen. Die hübschen jungen Mädchen stecken ihnen Liebesgaben -zu: Schokolade, Zigarren, Postkarten, und überall hallt es: „Hoch -Deutschland! — Hoch die Verbündeten! Deutsche Ulanen und Husaren — -Hurra — Hoch!“</p> - -<p>Die Österreicher haben ihren Waffenbrüdern einen komfortablen Zug zur -Verfügung gestellt: <span class="antiqua">D</span>-Zug, nur mit Wagen zweiter Klasse. Die -Österreicher sind ein höfliches Volk, sie wissen, wie man seine Freunde -ehrt. Jeder hat viel Platz, und sie sitzen sehr bequem auf ihren -Samtpolstern.</p> - -<p>Hiller hat noch einen Augenblick mit seiner Enttäuschung zu kämpfen, -als die Lokomotive anzieht. Sie gleiten am nächtlichen Wien vorüber — -ohne etwas anderes als ein paar Straßen gesehen zu haben. Schade<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">– 263 –</a></span> — — -aber dann ist’s auch schon überwunden. Wenn man gesund aus dem Kriege -kommt, wird man Wien schon noch einmal zu sehen bekommen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen ist Budapest erreicht und gleich Urlaub bis zum -Mittag. Großartig! Und man steht an der Donau und sieht die herrliche -Stadt mit ihren wundervollen Bauten vor sich liegen. Die Sonne -scheint und glitzert auf den Wellen des Stromes. Wirklich famos! -Und Hipp wird in der ihm noch ganz fremden Stadt gleich zum Führer, -schreitet mit Hiller und den zwei Husaren über die Brücke, so als ob -er schon hundertmal dahergegangen wäre, und macht auch gleich ein -Lokal ausfindig, in dem es etwas Anständiges zu frühstücken gibt, -denn am Bahnhof haben sie ihnen im Wartesaal einen miserablen Kaffee -und Knoblauchwürstchen angeboten. Beides Dinge, die man vielleicht -in höchster Not, wenn der Hunger einen schon mächtig plagt, annehmen -würde. Aber jetzt hatte man das noch nicht nötig!</p> - -<p>Die Menschen hier in der schönen Stadt sind überaus freundlich. Überall -begrüßt man sie aufs herzlichste, und alle paar Schritte werden sie -angehalten: „Was seid’s für Landsleut? Wer seid’s?“ „<span class="antiqua">Német</span> -Husar!“ antwortet Hipp stolz, und: „<span class="antiqua">Német</span> Husar! Hoch -<span class="antiqua">Német</span> Husar!“ tönt es ihnen von allen Seiten entgegen.</p> - -<p>Ha, die Ungarn wissen, was für Bundesgenossen sie an den Deutschen -haben. Es ist eine Freude, hier durch die schöne Stadt zu ziehen und -sich anstaunen und feiern zu lassen. Überall steckt man ihnen Zigarren -und Postkarten zu, und junge Mädchen bringen ihnen Blumen. „Hoch -<span class="antiqua">Német</span> Husar! Heil deutsche Waffenbrüder!“</p> - -<p>Zu Mittag speist man gut und teuer. Schadet nichts, man ist nur einmal -als Husar in Budapest — und dann<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">– 264 –</a></span> wieder Versammlung am Bahnhof. -Wieder <span class="antiqua">D</span>-Zug mit Wagen zweiter Klasse, und vorbei geht’s an der -schönen, blauen Donau, dann durch flaches Steppenland, bis man an die -Ufer der Theiß gelangt.</p> - -<p>Szegedin! Es ist Nacht geworden. Die Wachtmeister von beiden -Regimentern werden von zwei ungarischen Männern, die ein Mittelding -zwischen Bauer und besserem Gutsbesitzer sind, begrüßt. Das sind die -Pferdehändler, die morgen ihr Geschäft machen wollen, und die für den -heutigen Abend die ganze Schar zum warmen Abendbrot und rotem Ungarwein -einladen. Große, gedeckte Tische stehen im Bahnhofsgebäude bereit; es -gibt Suppe, schöne, zarte Schnitzel, Gemüse und Käse! Alles umsonst -— und in verschwenderischer Fülle. Die Freiwilligen haben einen -Bärenhunger, und der Wein tut ihnen wohl. Aber die Wachtmeister wollen -zur Ruhe kommen.</p> - -<p>Kaum hat man den letzten Bissen gegessen, heißt es schon: „Antreten!“ -und man zieht durch dunkle Straßen zur 46. Infanteriekaserne hinaus. Da -ist Nachtquartier angesagt. Urlaub gibt’s nicht. Alle zur Kaserne — -gleichgültig, ob man Geld für eigene Unterkunft hat oder nicht.</p> - -<p>In der 46. Infanteriekaserne spricht man gebrochen deutsch. Ein -Unteroffizier empfängt sie und weist ihnen drei große Stuben an — -jeder bekommt eine Matratze mit Decken. Zum Kopfkissen rollt man -den Mantel zusammen, und die deutschen Wachtmeister teilen ihren -Freiwilligen noch mit, daß der Oberst, der schon in Szegedin weilt, für -den nächsten Tag bis zum Mittag Urlaub gewährt hat. Dann: Lampe aus — -die Decke über die Schultern und Augen zu! Aus ihren Reithosen kommen -sie fürs erste nicht heraus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">– 265 –</a></span></p> - -<p>Am nächsten Mittag beginnt der Pferdekauf. Vorher haben sie sich die -Stadt angesehen, haben gegessen und getrunken und haben sich feiern -lassen. Famos! Auf diese Weise haben sie ein schönes Stück Welt gesehen!</p> - -<p>Der Pferdekauf findet in einem Gutshof, der nicht weit von der Kaserne -abliegt, statt. Die Wachtmeister nehmen jeder ihre Freiwilligen -zusammen, und während die Ulanen in den Gutshof hineingehen, müssen die -Husaren draußen warten.</p> - -<p>Es regnet, und es ist kalt; die Straßen sind aufgeweicht, und die -Freiwilligen frieren trotz der warmen Mäntel, die sie tragen. Die -ungarischen Bauern führen dem deutschen Oberst ihre Pferde vor. Der -besieht sich jedes einzelne von allen Seiten, läßt Trab und Galopp -laufen und diktiert dann dem Schreiber Alter, Farbe und Geschlecht des -Tieres, und für welche Truppengattung es bestimmt werden soll.</p> - -<p>Die Ulanen nehmen die Pferde in Empfang und bringen sie zu den Husaren -hinaus.</p> - -<p>Es sind durchweg temperamentvolle Tiere, die nicht ruhig stehen wollen. -Hipp und Hiller, von denen jeder zwei Gäule hat, gehen im Kreise mit -ihnen herum. Es ist wirklich keine Kleinigkeit, eine Stunde mit zwei -fremden Gäulen herumzulaufen. Aber mit den zwei ist es noch nicht -abgetan. Die Ulanen bringen immer neue Tiere heraus. Teufel auch! Mehr -als drei kann man doch aber nicht handhaben, besonders wenn die Biester -anfangen, kerzengerade in die Höhe zu steigen.</p> - -<p>Da — nun hat Hipp schon wieder ein neues. Vier Stück, zum -Donnerwetter, das kann gut werden! Auch Hiller bekommt das vierte, -und reißt sich doch schon mit den dreien wie ein Toller herum. Dazu -prasselt der<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">– 266 –</a></span> Regen nieder, und die Gäule stampfen in die Pfützen, daß -einem der Kot bis ins Gesicht spritzt.</p> - -<p>Gott sei Dank, nun kommt der Oberst heraus — setzt sich in sein Auto -und fährt davon.</p> - -<p>Die Freiwilligen sind wie in einer Schlacht. Jeder zerrt an den sich -aufbäumenden Tieren, und die Wachtmeister schimpfen um sie herum. Das -Schlimmste kommt aber noch. Die Tiere müssen gestempelt werden, und in -dem Augenblick, da sie das heiße Eisen an ihrem Hals fühlen, sind sie -ganz des Teufels.</p> - -<p>Hipp fliegt hoch in die Luft, so wirft sich einer von seinen Gäulen -zurück. Er hat das Gefühl, als sei ihm der Arm aus der Kugel gedreht, -und macht ein ganz verzweifeltes Gesicht. Andern geht’s nicht besser; -einer hat die Zügel einfach fahren lassen und muß sehen, wie seine -Tiere in den Gutshof zurückrasen.</p> - -<p>Unter Toben und Schreien, Hü und Hott, setzt sich dann der Zug in -Bewegung zum Bahnhof hin. Da stehen die langen Züge mit Viehwagen, und -nun heißt’s aufpassen, daß keiner seine Gäule locker läßt. Die Pferde -scheuen vor den dunklen Wagen zurück. Sie bleiben am Eingang stehen -und sind durch nichts weiterzubringen. Zurufe, Schreien, Stockhiebe -— alles nutzt nichts. Man muß sich gegen das Hinterteil stemmen und -schieben, bis sie glücklich drin sind.</p> - -<p>Stunden vergehen — es ist später Nachmittag geworden, bis die Tiere -endlich verladen und gefüttert sind; aber dafür ist dann auch der -Rest des Tages und der Abend frei. Erst um Mitternacht hat man sich -wieder am Bahnhof einzufinden. Dann soll’s weitergehen bis dicht an -die serbische Grenze heran; der Oberst kauft Hunderte und Hunderte von -Pferden, und den Freiwilligen wird<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">– 267 –</a></span> es immer banger zumute. Wie sollen -sie das bewältigen?</p> - -<p>Aber erst mal haben sie jetzt einen freien Abend vor sich, und den -wollen sie sich nicht verkümmern lassen. Mag nachher kommen, was will. -Fürs erste lacht die goldene Freiheit sie an.</p> - -<p>Die Straßen der Stadt sind grundlos; bis über die Knöchel waten sie -im Morast. Wohin geht man nun? Wer hat eine Ahnung, wo man hier etwas -Besonderes sehen kann?</p> - -<p>Ein Vorübergehender, der sie anspricht und herzlich begrüßt, hat -ihnen in holperigem Deutsch vorgeschlagen, sich mal die Theißanlagen -anzusehen, und das tun sie denn auch pflichtgetreu, trotz des stetig -fallenden Regens und der einbrechenden Dunkelheit. Aber so recht steht -ihnen heute ihr Sinn eigentlich nicht mehr danach, Naturschönheiten zu -bewundern. Sie frieren, sind durchnäßt und wollen etwas Vernünftiges -in den Magen bekommen.</p> - -<p>Die ersten Husaren, die vorbeikommen, werden angehalten. „Sagt uns ein -gutes Lokal!“ Die empfehlen das Stammlokal der Szegediner Einjährigen -und weisen ihnen den Weg.</p> - -<p>Ja, das war eine gute Weisung. Heiße, ungarische Musik schlägt ihnen -entgegen, noch bevor sie in den hellen, warmen Saal eingetreten sind. -Musik, von einer kleinen ungarischen Kapelle ausgeführt — feiner -Zigarrenduft und heitere, angeregte Menschen — Essen und Trinken — -was wollen sie mehr!</p> - -<p>„Vorerst einmal Kaffee!“ rät Hipp. Inzwischen wird man die Speisekarte -studieren und sich ein feines Nationalgericht bestellen.</p> - -<p>Hipp ist wirklich der geborene Lebemann. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">– 268 –</a></span> anderen würden gleich -drauflosgegessen und getrunken haben, aber Hipp weiß ganz genau, daß -ein etwas vernachlässigter Magen erst durch etwas Anregendes gereizt -werden muß. Wenn der Kaffee sie erwärmt und aufgefrischt hat, werden -sie nachher mit viel größerem Genuß speisen können. Man tut ohne -weiteres, was Hipp will, und überläßt ihm auch gern, für alles Weitere -an diesem Abend zu sorgen.</p> - -<p>Die Stimmung ist schon sehr angeregt. Ganze Scharen von den deutschen -Husaren und Ulanen haben den Weg in dies famose Lokal gefunden, und -die Ungarn trinken und jubeln ihnen zu: „Hoch <span class="antiqua">Német</span> Husar! Hoch -<span class="antiqua">Német</span> Ulan!“</p> - -<p>Der Kellner bringt eine würzige Suppe von pikantem Geschmack und weißen -Ungarwein zu vier Kronen die Flasche. Hipp schenkt vorsichtig ein. „Nur -nicht gleich drauflossaufen, dann ist es um den feinen Genuß geschehen!“</p> - -<p>Dann ein Fischgericht. Ein Fisch, der am Morgen noch in der Theiß -schwamm. Teufel, ja, das muß man den ungarischen Bundesbrüdern lassen; -sie haben eine feine, aparte Küche!</p> - -<p>Hipp ißt langsam nach Art der Feinschmecker und trinkt den Wein in -kleinen Schlückchen.</p> - -<p>Zum Schluß ein ungarisches Schnitzel, Butter und Käse und etwas Süßes! -Das läßt man sich gefallen! Nicht zu viel und nicht zu wenig! Man ist -nicht überfüttert, sondern in eine prachtvoll behagliche Stimmung -gekommen und hat noch die Fähigkeit, der Musik zu lauschen und die -Umgebung zu beobachten.</p> - -<p>Nahe bei dem Orchester sitzt ein junger, verwundeter<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">– 269 –</a></span> Offizier, um -den Kopf eine Binde, einen Orden auf der Brust; der hat sich schon -mit den Serben geschlagen. Sie schauen ihn bewundernd an, wie er -vor seiner Flasche Sekt sitzt und den Kopf zu den Tönen der Musik -bewegt. Wenn ein Lied gespielt wird, singt er mit — laut und dröhnend -— er hat eine prachtvolle Stimme und viel Temperament. Eigentlich -zu viel Temperament für einen verwundeten Krieger. Wippt mit den -Beinen und schlägt mit beiden Händen den Takt. „Beschwiemelt,“ sagt -Hipp, „total beschwiemelt,“ und die anderen blicken neugierig zu dem -ordengeschmückten Helden hin. Dieser winkt dem Kellner und sagt ihm -etwas; der Kellner scheint ihn nicht zu verstehen. Klatsch — fliegt -ein Glas Sekt an den Boden. Im Augenblick steht ein neues da.</p> - -<p>Nun fängt er mit dem Kapellmeister an — ruft ihm etwas zu und springt -von seinem Sitz auf. Die Augen funkeln ihm; er reißt ihm die Geige -aus der Hand. Teufel, kaum kann er sich noch auf den Beinen halten -— aber spielen kann er...! Da ist der Kapellmeister nichts dagegen. -Er spielt, und der ganze Saal lauscht ihm — er torkelt umher und -spielt herzzerreißend schön, spielt, daß man laut aufheulen möchte vor -Glück und Schmerz; dann ein Knacks — eine Saite entzwei — die Geige -fliegt in eine Ecke — der Verwundete fällt auf einen Stuhl — stützt -den verwundeten Kopf in die Hand und starrt vor sich hin. Weint er? -Ist sein armer Geist verwirrt? Hat er so Entsetzliches gesehen und -gehört, daß er nicht mehr Herr seiner Sinne ist? Daß er trinken muß, -um Grauenvolles zu vergessen? Wer weiß es? Wer kann sagen, ob er nur -ein liederlicher Kumpan, oder ob er ein Unglücklicher, ein vom Krieg -Erschütterter ist?</p> - -<p>Zwei junge Honvedoffiziere kommen an seinen Tisch<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">– 270 –</a></span> und reden auf ihn -ein. Er ist wie ein Kind und läßt sich willig fortführen.</p> - -<p>Ein paar Minuten bleibt’s still im Saal — man ist erstaunt und -erschreckt. Dann hebt der Kapellmeister die Geige vom Boden — zieht -eine neue Saite auf, und die neueinsetzende Musik läßt den kleinen -Zwischenfall vergessen.</p> - -<p>Aber an anderen Tischen wird’s nun auch lebendig; der Ungarwein -beginnt seine Wirkung zu tun. Auch deutsche Husaren und Ulanen haben -rote Köpfe bekommen, fangen an zu singen und zu krakehlen. Die wilde -Musik stachelt auf — die Begeisterung der Ungarn für ihre deutschen -Bundesgenossen steigt; die Luft ist heiß. Und die Begeisterung flammt -immer höher auf.</p> - -<p>Die Stunden fliegen, aber Hipp, der Feinschmecker, hält seine -Gesellschaft im Zügel. Auch ihre Köpfe sind nicht ganz frei — doch -denken können sie noch; sie wissen noch, wo sie sind, und als die -zehnte Stunde vorüber ist, steht Hipp auf, winkt den Kellner heran, um -die Rechnung für sich und die drei Tischgenossen zu begleichen. Der -begeisterte Wirt aber will von einer Bezahlung nichts hören und freut -sich, ihnen, als seinen Bundesgenossen, einen schönen Abend bereitet zu -haben.</p> - -<p>Durch den tiefen Morast der Szegediner Straßen tasten sie sich zum -Bahnhof hin. Von allen Seiten kommen sie angetrottet — in ganzen -Reihen und auch allein; singend und fluchend und lallend — manch einer -total besinnungslos, auf ein paar Kameraden gestützt. Die Wachtmeister -stehen am Bahnhof und sind wütend, ein Ulan ist am Umfallen und -schwatzt ungereimtes Zeug.</p> - -<p>„Kerl, Sie sind ja total betrunken!“ schreit der<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">– 271 –</a></span> Wachtmeister -ihn an. „Sie werden Kasten bekommen — verstehen Sie?“ „Gut — -Herr Wachtmeister!“ „Halten Sie die Schnauze, Kerl!“ „Jawohl, Herr -Wachtmeister — mach’ ich schon! Aber ich bin nicht betrunken! Sicher -nicht!“</p> - -<p>„Halt’ die Schnauze, Kerl!“</p> - -<p>„Ich sag’ ja schon nichts mehr, aber betrunken bin ich nicht, Herr -Wachtmeister!“</p> - -<p>Der packt ihn mit festem Griff und wirft ihn in ein Abteil. Der Ulan -fällt aufs weiche Polster und bleibt bewegungslos liegen. Sie kommen -alle nicht ganz so glatt hinein — und als der Zug endlich anzieht, -hört man schon manchen schnarchen in den einzelnen Abteilungen.</p> - -<p>Ein paar Stunden darauf sind sie in Mako. Dunkelheit lagert noch über -dem Ort, es ist fünf Uhr früh. Es stürmt und regnet! Eine Kaserne -gibt’s hier nicht. Also wohin?</p> - -<p>Dem Wachtmeister wird ein Wirtshaus genannt, das große Säle hat, da -wird man sie aufnehmen. Also los! Die Stiefel bleiben im Schmutze -stecken — der Regen peitscht ihnen ums Gesicht — sie sind todmüde und -schlapp.</p> - -<p>Im Gasthof sieht man sie staunend an. Wer ist das? Eine verschlafene -Magd kreischt auf und will sich mit dem Besen gegen den eindringenden -Feind wehren.</p> - -<p>Wirt und Wirtin erscheinen. „Wer seid’s? Ist das der Serb — der -Feind?“ — „Nein, <span class="antiqua">Német</span> Husar und Ulan, deutsche Waffenbrüder!“</p> - -<p>Da leuchten die Gesichter! „Aber gewiß! Tretet’s ein!“ und man ist -traurig, daß man keine Betten hat. Schad’t nichts. Wer so hundemüde -ist, schläft auch ohne Betten! Sie verteilen sich auf die Bänke, die an -der Wand stehen, und wer keine Bank findet, legt sich auf<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">– 272 –</a></span> den Boden; -es ist ganz gleichgültig. Die Magd schürt das Feuer im großen Ofen; man -hat eine warme Stube und einen Platz, um sich auszustrecken, mehr will -er nicht.</p> - -<p>Die Wachtmeister lassen ihre Soldaten schlafen, bis der Morgen schon -erheblich vorgeschritten ist; der Herr Oberst hat sich erst für elf Uhr -angesagt.</p> - -<p>Der ungarische Gasthofbesitzer und seine Frau sorgen für ein -ordentliches Frühstück. Die neunzig Mann stehen ein wenig verkatert -auf, haben aber wieder einen freien Kopf bekommen. Sie trinken Kaffee, -essen Bratkartoffeln und Brot und Schinken.</p> - -<p>Aus weiter Ferne hört man dumpfes Dröhnen. Serbischer Kanonendonner! -Ganz nah’ beim Krieg — ganz nah bei einer tosenden Schlacht sind sie! -Wie lang’ noch, dann sind auch sie mitten drin im Kugelregen!</p> - -<p>Die Stiefel sind schwer vom dicken Schmutz, aber es lohnt sich nicht, -sie zu reinigen, denn hier in Mako sind die Wege noch grundloser als in -Szegedin.</p> - -<p>Und wieder fängt der Pferdekauf an! Wieder werden die Tiere unter -Geschrei und Getose am Bahnhof verladen, und weiter geht’s in drei, -vier andere Orte, immer weiter nach Serbien zu. Immer deutlicher hört -man den Kanonendonner.</p> - -<p>In diesen kleinen Nestern ist’s öd und langweilig — man hat viel -Arbeit und schlechtes Nachtlager.</p> - -<p>Von Gutshof geht’s zu Gutshof, bis endlich der Bedarf an Pferden -gedeckt ist.</p> - -<p>Nun zurück nach Deutschland; eine volle Woche sind sie schon unterwegs -und seit sieben Tagen nicht aus den Kleidern herausgekommen. In -Kiskörös werden die Pferde endgültig verladen; immer sechs in einem -Wagen,<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">– 273 –</a></span> und in der Mitte liegt eine Schicht Heu, die das Futter für die -Gäule und zugleich auch das Nachtlager für den Soldaten, der bei den -Pferden schläft, sein soll.</p> - -<p>Hipp hat dafür gesorgt, daß er in nächster Nachbarschaft mit seinem -Freund Hiller bleibt. Aber diese Nachbarschaft nützt ihnen wenig; -wenn sie miteinander sprechen wollen, müssen sie sich die Worte durch -die kleinen Fenster ihres Wagens zurufen. Da schläft man lieber, wenn -man Zeit zum Schlafen hat. Alle paar Stationen muß man hinaus, um im -Tränkeimer Wasser für die Pferde zu holen oder für sich selbst etwas in -Empfang zu nehmen. Die übrige Zeit liegt man auf dem Heu ausgestreckt -und schläft oder träumt vor sich hin.</p> - -<p>Am ersten und am zweiten Tag ist das Heulager im Wagen ganz weich und -mollig, aber je mehr die Gäule verfüttert bekommen, um so spärlicher -und unbehaglicher wird es; und mit der Ernährung ist’s auch eine eigene -Sache. Das letzte Gulasch, das man an der ungarischen Grenze bekam, war -so verpfeffert, daß man den ganzen Tag das Durstgefühl nicht loswurde. -Da hat man am Abend auf eine zweite Portion lieber verzichtet. Der -kleine Hiller ist ein wenig abgemattet, mag es sich aber nicht -eingestehen. Er liegt die beiden letzten Tage der Fahrt Stunde um -Stunde auf der immer dünner werdenden Heuschicht zwischen seinen -Pferden, denkt über tausend Dinge nach, grübelt und philosophiert — -denkt an das blonde Mädchen in der Garnison, das nichts weiter als -Lustigkeit und kleine Aufmerksamkeiten von ihm verlangt — denkt auch -an die Mutter, die gewiß ungeduldig auf ihn wartet — und denkt an das, -was nun sehr nahe bevorsteht: ans endliche Ausrücken nach Frankreich -oder Rußland!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">– 274 –</a></span></p> - -<p>Oft hat die Großmutter in einer guten, trauten Stunde zu ihrer Maria -gesagt: „Das Leben für uns Frauen ist nur dann schön und lebenswert, -wenn wir einen lieben Menschen haben, den wir mit unserer Liebe umgeben -und für den wir sorgen können; wenn wir einen Menschen haben, der -ganz und gar zu uns gehört. Wir Frauen sind nun einmal nicht für die -Einsamkeit geschaffen!“</p> - -<p>Und wenn Maria, die immer Heiratspläne von seiten der alten Frau -witterte, etwas ablehnend erwiderte: „Ich bin ja nicht allein — ich -habe ja mein Kind!“ dann hat die Großmutter immer und immer wiederholt:</p> - -<p>„Nein, das Kind hast du nicht, das Kind gehört nicht dir — das gehört -sich selbst! Du mußt einen Menschen haben, der so lange dein ist, bis -Gott einmal anders darüber entscheidet!“ Und daß die Frau ihres Sohnes -sich ihr in diesem Punkt so ganz und gar verschloß, daß sie kalt und -hart wurde, sobald die alte Frau dieses ihr Lieblingsthema berührte, -das war der Grund zu dem langjährigen Mißverständnis zwischen beiden -gewesen.</p> - -<p>Die Jugend, die sich stark und selbständig fühlt, mag sich vom Alter -nicht belehren lassen; die Jugend ist hochmütig und lächelt gern über -die Weisheitssprüche der Alten. Ein jeder will sein eigenes Leben haben -— sein eigenes Glück — seinen eigenen Schmerz!</p> - -<p>Nun ist der Tag gekommen, an dem Maria vom bittersten Schmerz ganz -niedergeworfen, im kleinen Wohnzimmer der Wachtmeistersleute sitzt. -Die alte, fleißige Frau und ihre Tochter sind in der warmen Küche -beim Nähen, und der Junge ist von seiner ungarischen Reise noch nicht -zurück. Es ist still um sie her — nur eine<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">– 275 –</a></span> Uhr tickt, und Mirza, der -zusammengerollt auf dem Teppich liegt, schnurrt leise vor sich hin.</p> - -<p>Bange, unruhige Tage und Nächte des vergeblichen Wartens auf eine -Nachricht liegen hinter ihr; entsetzlich wache Nächte, in denen ihre -Augen Grauenvolles, Unfaßbares gesehen haben, in denen sich auf ihre -Seele der Jammer und das Leid einer ganzen Welt gewälzt hat.</p> - -<p>In diesen Nächten hat sie es schon gewußt, daß das Schicksal für sie -entschieden hatte — in diesen Nächten hat sie unbeschreibliche Martern -und Qualen durchgekostet, hat sich mit aller Kraft aufgerafft und sich -gesagt: ‚Was Tausende im Deutschen Reiche dulden müssen, das werde auch -ich ertragen können!‘ Und ist dann doch in der Stunde, in der, was ihre -Seele schon gewußt, äußerlich bestätigt vor ihr liegt, da sie seinen -letzten Brief mit der kurzen Notiz eines Kameraden: ‚Am 20. Oktober bei -Cambray gefallen!‘ in der Hand hält, nicht fähig, der Verzweiflung, die -sie erfassen will, Herr zu werden.</p> - -<p>Ganz klein, ganz gebrochen, ganz elend sitzt sie da und starrt vor sich -hin. Und hat es doch viel früher schon, als dieser Krieg ausbrach, -gewußt, daß sie ihn nie besitzen würde, hat es mit tödlicher Sicherheit -gewußt, daß ihre heißen Wünsche nie Erfüllung finden würden.</p> - -<p>Sie hat immer — ihr ganzes Leben lang — eine so rege Phantasie -gehabt — hat sich alles, was die Wirklichkeit ihr versagte, immer -durch die Kraft der Phantasie ersetzen können. Aber dieses ist ihr nie -gelungen: nie hat sie sich vorstellen können, daß einmal eine wirklich -glückliche, friedvolle Zeit für sie und ihn kommen würde — daß aus -der großen Wirrnis dieser schmerzvollen Liebe<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">– 276 –</a></span> je ein klarer, guter, -fester Bund fürs Leben erstehen sollte! Hat alles geahnt, hat alles -gewußt, und kann und will es nun doch nicht fassen — kann sich nicht -vorstellen, daß sie ihn nie wiedersehen soll, daß jene Nachtstunden, -da sie im Auto durch Berlin rasten — um Satteltasche, Stiefel und -Revolver zusammenzuholen, die letzten gewesen sein sollten! Jene -Nachtstunden, in denen er plötzlich so gut, so weich und so verstehend -geworden war!</p> - -<p>Ihr ist in diesen furchtbar dunklen, einsamen Stunden, als sei ihr der -Boden unter den Füßen fortgerissen, als gebe es in der ganzen Welt -nichts mehr, was noch zu ihr gehört und ihr Weiterleben möglich macht. -Sie hat das Gefühl, eine furchtbare Ungerechtigkeit erfahren zu haben; -hat das Gefühl, gegen das Schicksal, das ihr immer — so lange sie -denken kann — feindlich gesonnen war, anwüten zu müssen. Die große -Zeit hat sie noch nicht groß und hart genug gemacht!</p> - -<p>In den Zeitungen liest man oft von den Heldenfrauen und Heldenmüttern, -die sich nicht beugen lassen — denen das Vaterland so hoch steht, daß -sie das eigene Ich darüber vergessen; ja, die sich glücklich preisen, -daß sie schmerzhafte Opfer bringen dürfen! Wo mögen sie die Kraft -herhaben? Wer mag ihnen diese Stärke verleihen?</p> - -<p>Der Kopf sinkt ihr tiefer und tiefer auf die Brust.</p> - -<p>Im kleinen Zimmer ist es dunkler geworden; draußen in der Küche singt -Fräulein Else, Mirza schnurrt im Schlaf und die Uhr tickt.</p> - -<p>Maria denkt an die Großmutter und hat Sehnsucht nach ihr. Sie hat den -Wunsch, Großmutter möchte jetzt bei ihr sein, ihr die Hand auf die -Stirn legen, zu ihr sprechen und sie aus der schrecklichen Finsternis, -in die sie immer tiefer hineinsinkt, erlösen. Stunde um Stunde sitzt -sie<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">– 277 –</a></span> so in sich zusammengesunken, regungslos im dunklen Zimmer, bis es -denen draußen in der Küche unheimlich wird.</p> - -<p>Fräulein Else klopft leise an die Tür und fragt, ob sie die Lampe -bringen darf. Aber Frau Hiller, die erst ein paar Augenblicke braucht, -um sich in die Gegenwart zurückzufinden, will kein Licht; auch kein -Essen; sie mag auch nicht wie sonst zu einem gemütlichen Abend zu -den zwei Frauen in die Küche hinauskommen. Sie fühlt sich sehr -krank und schwach, und im Kopf toben und wüten die Gedanken, gegen -die sie gar nicht mehr ankommen kann. Sie ist wie ein armes Kind, -das darauf wartet, daß irgend jemand sich seiner annimmt. Aber die -Wachtmeistersleute sind viel zu bescheiden, um sich aufzudrängen.</p> - -<p>Fräulein Else richtet schweigend das Schlafzimmer her, entzündet das -winzige Öllichtchen, das nun ins Dunkle hineinblinzelt, und geht wieder -hinaus.</p> - -<p>Um Mitternacht wird Pferdegetrappel draußen auf der Straße hörbar — -laute Zurufe, Befehle, Schreien und Gewieher, und Frau Hiller, die noch -immer bewegungslos in ihrem Stuhl liegt, schreckt empor.</p> - -<p>‚Ernst!‘ zuckt es durch ihre Gedanken, und das Herz schlägt schnell und -laut. Das können nur die Freiwilligen sein, die von ihrer Ungarnreise -zurückkehren!</p> - -<p>Sie tritt ans Fenster und sieht im Schein der Laterne, die von der -Kaserne herüberleuchtet, den langen Zug der jungen Husaren und Ulanen, -die mit großer Anstrengung, mit lautem Zurufen und Schreien die -fremden, noch sehr ungebärdigen Pferde zu meistern suchen. Viele von -den Tieren bäumen sich hoch auf, wenn sie in den Kasernenhof hinein -sollen, reißen ihre jungen Führer in die Höhe oder ziehen sie im Kreis -mit sich herum. Erschreckend,<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">– 278 –</a></span> fast schauerlich sieht dieser Kampf -zwischen Tier und Mensch in der matten, flackernden Laternenbeleuchtung -aus; jedesmal, wenn so ein armer, junger Kerl sich mit seinen Tieren -durchs weit geöffnete Kasernentor durchschlagen will, hat man das bange -Gefühl, daß ein Unglück geschehen könne, daß die wilden, aufgeregten -Gäule ihn zu Boden werfen und zerstampfen könnten.</p> - -<p>Wie Frau Hiller so steht und mit bangem Herzen sieht, wie einer nach -dem anderen von den Husaren seiner schweren Aufgabe Herr wird, wie -sie dann auch ihren Jungen erkennt, der mit fester Hand seine Tiere -regiert, wie sie seine Stimme hört und seine schlanke Gestalt im -weiten, dunklen Kasernenhof verschwinden sieht, da fühlt sie, wie der -starre Schmerz, der sie umfangen hält, weicher wird, und fühlt auch -nicht mehr diese leere Trostlosigkeit um sich herum.</p> - -<p>In dem Augenblick, da der Junge wieder in ihrer Nähe ist, weiß sie, -daß sie doch nicht überflüssig auf der Welt ist — ja, daß ihr Leben -vielleicht niemals notwendiger gewesen ist als jetzt.</p> - -<p>Draußen in der Küche rasselt immer noch die Maschine. Die -Wachtmeistersleute haben wieder ganze Stapel von Wäschelieferungen für -Lazarette fertigzustellen, und sie sind unermüdlich, wenn sie so etwas -übernommen haben; sie bringen es dann ohne weiteres fertig, ein paar -Nächte lang ihren Schlaf zu opfern.</p> - -<p>Frau Hiller hat plötzlich den Wunsch, mit ihnen zu sprechen; sie geht -hinaus und sieht die Blicke der beiden Frauen staunend und fragend auf -sich gerichtet.</p> - -<p>„Die Freiwilligen sind soeben von Ungarn zurückgekommen!“ erzählt sie, -und während sie das sagt, hört sie von der Straße her: „Mutter!“ rufen. -Das Herz<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">– 279 –</a></span> schlägt ihr ganz laut; sie läuft mit Fräulein Else die Treppe -hinab, und der Junge steht vor ihr — ein wenig bleich, aber voll guter -Laune.</p> - -<p>„Wir haben nämlich für diese Nacht Urlaub!“ erzählt er. „Wer ein -Unterkommen in der Stadt hat, kann bis morgen früh dortbleiben.“ Er ist -müde und hungrig, und hat vor allem Verlangen nach reiner Wäsche, denn -seit zehn Tagen ist er nicht aus den Kleidern herausgekommen.</p> - -<p>Nun wird die Näherei in der Küche beiseite geschoben; der hungrige, -müde Husar geht vor. In der Grude ist heißes Wasser genug, um ein -notdürftiges Bad herzurichten; Frau Hiller sucht reine Wäsche hervor, -und Fräulein Else kocht Tee und bäckt Eier — schneidet Brot und legt -Aufschnitt zurecht.</p> - -<p>Der kleine müde Husar wird von allen Seiten umsorgt. Eine halbe Stunde -später liegt er satt und wohlig in der Mutter Bett ausgestreckt; er -kann es gar nicht sagen, wie gut die weichen Kissen und Decken dem -müden Körper tun, versucht noch etwas Zusammenhängendes von der schönen -Reise zu berichten, aber die Augen fallen während des Erzählens zu. Die -Hand in der Mutter Hand, schläft er ein, und das weiche, junge Gesicht -sieht zufrieden und glücklich aus.</p> - -<p>Frau Hiller bleibt still und von einem großen Gefühl überwältigt -bei ihm sitzen. Es ist seit langem das erste Mal wieder, daß sie am -Bett ihres schlafenden Jungen sitzt, und durch ihren Kopf ziehen -Erinnerungen, — weit zurückliegende Ereignisse fallen ihr ein.</p> - -<p>Sie denkt an des kleinen Ernst Vater und an die Jahre der Einsamkeit, -die seinem Tod folgten; an die große Angst, die so oft über sie kam, -weil der Junge allzu früh anfing, schwer und ernst zu denken und zu -grübeln,<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">– 280 –</a></span> weil er so selten lachte und jedem Vergnügen aus dem Wege -ging.</p> - -<p>Sie denkt daran, wie sie selbst so traurig durchs Leben ging, bis sich -der Freund zu ihr gefunden hatte, der ihr und des Jungen Leben in so -vieler Beziehung umgestaltete. Auch dem Jungen ist er Freund gewesen -— ja, ihm ist er eigentlich viel tiefer und ehrlicher Freund und -Berater gewesen, als ihr. Und der kleine Ernst hat diese Freundschaft -des älteren und bedeutenden Mannes mit so heißer, kindlicher Inbrunst -erwidert. Wenn er erfährt, daß dieser beste Freund ihm genommen ist, -wird auch in seine Seele tiefer Schmerz einziehen.</p> - -<p>Ihr Leid ist nun wieder von neuem erwacht — der Kopf neigt sich, und -heiße Tränen fallen auf Ernsts Hand.</p> - -<p>Man kann nicht in einer Nacht hart werden — kann nicht in einer -Nacht über den Tod eines Menschen hinwegkommen, und all die Liebe und -Freundschaft, die ihm gehörte, auf einen anderen übertragen.</p> - -<p>Eine Frau aber kann sehr wohl zu gleicher Zeit zwei Menschen mit -aller Inbrunst ihrer Seele lieben, und besonders zwei so verschiedene -Menschen, wie diesen etwas harten, aber hoch über dem Alltag stehenden -Mann, der nun irgendwo in der weiten Welt sein Grab gefunden hat — und -den kleinen, zarten, weichen Ernst.</p> - -<p>Sie fühlt, während sie die warme Hand des schlafenden Jungen in der -ihren hält, daß dieses liebe, geliebte Kind ihr den Toten doch nicht -ganz ersetzen kann, und wieder muß sie an Großmutter und deren immer -wiederholte Mahnung denken: „Der Junge gehört nicht dir, der will -sein Leben für sich haben!“ Die Großmutter steht in dieser Nacht so -leibhaftig vor ihr — wie eine<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">– 281 –</a></span> Prophetin — streng, unbestechlich hart -und im Grunde doch gut und gerecht.</p> - -<p>Wenn doch die Großmutter in dieser Nacht bei ihr wäre! Sie ist hilflos; -sie hält die Hand ihres Jungen, und ganz verzweifelte Gedanken gehen -durch ihren Kopf.</p> - -<p>Der Krieg will noch so viele Opfer haben. Von allen Seiten wüten die -Feinde immer noch gegen Deutschland an, von allen Seiten wollen sie -über das Deutsche Reich herfallen, um es zu zerstückeln, zu vernichten!</p> - -<p>Ungeheure Kräfte gehören dazu, um gegen diese Übermacht anzukommen.</p> - -<p>Ach, und das Herz ist so oft ruhig und lässig geworden in dieser -letzten Zeit, denn da die jungen Freiwilligen bis heute noch nicht -eingefordert sind, hat man sich gesagt: ‚Vielleicht werden sie diese -Allerjüngsten doch nicht brauchen!‘ und hat sich in Behagen und -Sicherheit gewiegt.</p> - -<p>In dieser Nacht aber sieht Frau Hiller die Dinge, wie sie wirklich -sind; in dieser Nacht drängt es sich ihr mit bitterer Klarheit auf, daß -sie auch den Jungen hergeben muß, daß alle, alle, die wehrfähig sind, -nötig sein werden, um die furchtbaren Pläne der Feinde Deutschlands zu -vereiteln, um das Vaterland nicht untergehen zu lassen.</p> - -<p>Die Hand des Jungen zuckt in der ihren, er wendet das Gesicht ihr zu, -schlägt einen Augenblick die Augen auf, sagt ein leises, erstauntes: -„Ach, Mutter!“ und schläft weiter. Sie sinkt vor dem Bett ihres Kindes -auf die Kniee, lehnt das heiße Gesicht an des Jungen kühle Stirn und -streicht leise über das kurz geschorene Haar.</p> - -<p>Am nächsten Morgen staunt der kleine Husar, als er sich in der Mutter -Bett findet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">– 282 –</a></span></p> - -<p>Bis neun Uhr haben sie Urlaub, um sich von den Anstrengungen der Reise -auszuruhen. Die Mutter bringt ihm das Frühstück ans Bett und läßt sich -nun alles erzählen; sie sorgt für warmes Wasser zum Waschen, und umgibt -ihn mit viel kleinen Aufmerksamkeiten, an die er nicht mehr gewöhnt -ist. Das tut ihm wohl, und er möchte sich gern noch länger umsorgen -lassen, aber die Zeit drängt, der Dienst ruft, und die Wachtmeister -haben ihnen angedroht: ‚Wer sich in dieser Zeit etwas zuschulden kommen -läßt, der zieht in den Kasten und nicht in den Krieg.‘</p> - -<p>Im Osten wird in diesen Wochen heiß gestritten; man sagt, daß eine -große Entscheidung nahe bevorstehe. Die Russen haben alle Kräfte auf -eine Stelle geworfen; sie versuchen immer wieder neue Durchbrüche, -und die jungen Freiwilligen fiebern vor Ungeduld. Ob auch dieser -Entscheidungskampf wieder ohne sie ausgefochten werden soll?</p> - -<p>Es geht hier in der Kaserne alles seinen alten Gang: Man putzt und -exerziert, man turnt und reitet die neuen Pferde ein — alles wie sonst!</p> - -<p>Eine Woche vergeht und noch eine, und es wird sogar ein großer Teil von -den ungarischen Gäulen in andere Garnisonen verschickt. Man ist ganz -niedergeschlagen, und der dicke Hipp hat einen Brief an seinen Vater -verfaßt, in dem er ihm kurz und bündig erklärt: ‚Ich tue hier nicht -mehr lange mit; es ist geradezu lächerlich, daß man uns hier festhält. -Lieber gehe ich zur Infanterie, denn die braucht man doch wenigstens!‘</p> - -<p>Und dann kommt ein Sonntag, der genau so anfängt wie alle anderen -Sonntage: Stalldienst — Kirchgang — Briefappell — und die -verlängerte Mittagspause!<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">– 283 –</a></span> Um vier Uhr hat man wieder zur Stelle zu -sein, um zu hören, was für den nächsten Tag bestimmt ist.</p> - -<p>Hipp und Hiller haben ihre Freundinnen für sechs Uhr ans Tor bestellt -und sind schon in Extrauniform. Hiller will aber zuvor noch eine Stunde -mit der Mutter spazieren gehen, denn wenn er sich ihr am Nachmittag -widmet, kann er sie am Abend mit ruhigerem Gewissen allein lassen.</p> - -<p>In Reih’ und Glied stehen sie auf dem Kasernenhof und staunen, daß -außer dem Wachtmeister auch einer von den Offizieren anwesend ist. Sie -sehen sich an und wissen nicht, was sie davon halten sollen; es liegt -überhaupt irgend etwas Besonderes in der Luft — man hat auf einmal das -ganz sichere Gefühl, daß heute noch etwas Großes, Bedeutsames geschehen -wird.</p> - -<p>Und es kommt wirklich! Es kommt — längst erwartet und ersehnt — und -wirkt doch wie ein Blitz aus heiterem Himmel.</p> - -<p>„Also, Freiwillige, nun ist auch für euch der große Tag gekommen!“ -ruft der Offizier aus, und die Herzen der Freiwilligen zucken in jäher -Freude auf. „Im Osten sind Verstärkungen nötig. Unter unserem großen -Feldmarschall werdet ihr kämpfen!“ Da schallt es aus den jungen Kehlen: -„Bravo! — Bravo! — Hurra! — Hoch!“</p> - -<p>Die Vorgesetzten lassen den Sturm der Begeisterung zur Ruhe -kommen. „Wer nicht mit will, der trete vor!“ Aber keiner von den -Hundertfünfzig, die hier auf dem Platz stehen, tritt vor.</p> - -<p>„Also, alle wollt ihr mit!“ Und es wird abgezählt und die Namen werden -verlesen.</p> - -<p>„So, nun habt ihr eine halbe Stunde für euch<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">– 284 –</a></span> frei! Dann antreten, um -eure Ausrüstung in Empfang zu nehmen!“</p> - -<p>Sie sind wie die Tollen; ein jeder stürmt, um den Seinen das große -Ereignis mitzuteilen. Diejenigen, die in der Stadt wohnen, laufen zu -den Eltern hin; die anderen setzen Depeschen auf. Hipp läßt sich’s -etwas kosten. Seine Depesche wird so lang wie ein Brief.</p> - -<p>Hiller ist zur Mutter ins Zimmer gestürmt und kann kaum sprechen. -„Mutter, Mutter — übermorgen geht’s ins Feld!“ Und liegt an ihrem Hals -und küßt sie.</p> - -<p>„Nicht weinen! Es ist doch so wunderschön, daß es endlich losgeht! -Bitte, nicht weinen! Du hast’s doch gewußt, daß es einmal kommen würde!“</p> - -<p>Aus der Küche stürzt die Wachtmeistersfrau mit ihrer Tochter herein: -„Ja, ist es denn wahr, was die Leute unten erzählen — ziehen Sie denn -nun wirklich los?“</p> - -<p>Alles ist aufgeregt; die Leute stehen auf der Straße zusammen, und -an der Kaserne versammeln sich immer mehr Menschen. Die Freiwilligen -stehen in großen Haufen beieinander, und ihre Gesichter strahlen. -Endlich! Endlich!</p> - -<p>In den Kleiderkammern liegen die feldgrauen Uniformen bereit; und es -geht alles prachtvoll glatt. Ein paar Unteroffiziere sind zur Hilfe -herankommandiert, und nach Verlauf einer guten Stunde stehen sie alle -in der neuen Ausrüstung da. Nun: Antreten zum Kirchgang — zum Dom! -Gottesdienst und heiliges Abendmahl!</p> - -<p>Hipp stößt Hiller an. „Verteufelt, unsere Mädchen unten am Stadttor!“</p> - -<p>Ach, in der kleinen Garnison wird heute wohl gar manches Mädchenherz -bluten; natürlich wissen sie längst Bescheid — denn die ganze Stadt -weiß ja schon von der großen Neuigkeit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">– 285 –</a></span></p> - -<p>Von nun an geht alles wie ein Rausch an ihnen vorüber: die Kirche und -das Abendmahl und die eindringliche Mahnung des Geistlichen: „Vergeßt -das Beten nicht!“ Dann wieder zur Kaserne zurück — man erhält wieder -Instruktionen — ein kurzer Urlaub, und der Tag ist zu Ende.</p> - -<p>Sie sind alle wie von einem Taumel ergriffen; keiner fragt nach Vater -und Mutter! Ihr Herz ist so leicht und froh und begeistert! Diese -Jüngsten, die hinausziehen, um’s bedrängte Vaterland zu schützen, sie -sind wirklich die einzig Beneidenswerten! Keine Sorge drückt sie — -keine Verantwortung lastet auf ihnen — sie haben den wundervollen Mut -und die große Siegessicherheit, die eben nur die ganz junge Jugend -haben kann! Für sie gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Sieggekrönt nach -Hause kommen oder sterben! An anderes denken sie nicht!</p> - -<p>Am nächsten Tag werden sie vom Morgen bis zum Abend furchtbar stramm -herangenommen: Instruktionen — Probekochen — Reiten in voller -Ausrüstung — Verteilung von Karabinern, Munition, Satteltaschen und -Futtereimern! Dann Packen und die Schränke in den Stuben der Kaserne -ausräumen! Sie kommen gar nicht zur Besinnung.</p> - -<p>Von überallher sind Väter und Mütter angereist gekommen. Die kaufen in -der Stadt an Lebensmitteln zusammen, was nur aufzutreiben ist, denn -die jungen Freiwilligen müssen sich für eine ganze Reihe von Tagen -verproviantieren. Und warme Kleidungsstücke kaufen sie ein; die Mütter -sind alle so entsetzt, daß es nun doch nach Rußland geht! — mitten im -Winter nach Russland!</p> - -<p>Frau Hiller hat für ihren Jungen eine Pelzweste und Pelzschuhe zum -Unterziehen gekauft; aber er will<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">– 286 –</a></span> nichts davon wissen. „Blödsinn, -das ist doch Überfluß — besonders die Pelzschuhe!“ und er will die -Dinger gar nicht anprobieren. Die Mutter kniet vor ihm, wie sie vor ihm -gekniet hat, als er noch ein kleines Kind war; wenn sie ihm da Schuhe -kaufte, wollte er auch nicht anprobieren, und sie mußte ihn immer erst -mit guten Worten dazu bringen.</p> - -<p>Hipp kommt gerade dazu, als der kleine Kampf zwischen Mutter und Sohn -stattfindet. „Mensch, sei doch kein Frosch!“ sagt er. „Wenn deine -alte Dame dir so teures Zeug kauft, dann nimm es doch mit Dankbarkeit -an. Ich habe übrigens auch solche Dinger!“ Daraufhin gibt Hiller sich -zufrieden.</p> - -<p>Die letzte Nacht in der Kaserne! Die Jungen schlafen wie die Bären. -Viele von ihnen haben mit den Eltern im ‚Schwan‘ großartig zu Nacht -gespeist und fallen nun todmüde auf ihre Strohmatratzen. Ob Mütter -weinen, ob Väter mit schwer bedrückter Seele in dieser Nacht kein Auge -zutun, was wissen sie davon? Sie wissen nur das eine: „Wir kämpfen mit -— wir helfen eine große Entscheidung herbeiführen!“</p> - -<p>Dann der letzte Tag! Die Instruktionen nehmen kein Ende. Man bekommt -noch die eiserne Ration geliefert: einen Beutel Zwieback, Erbswurst, -eine Büchse mit Fleischkonserven, Salz und ein Päckchen gemahlenen -Kaffee. Das ist für den äußersten Notfall, wenn der Hunger schon sehr -stark plagt; eher darf man diesen Bestand nicht anrühren.</p> - -<p>Die Stunden fliegen dahin; für zwei Uhr ist der Extrazug bestellt. -Hiller läuft ab und zu einen Augenblick zur Mutter hinüber und läßt -sich erklären, wie sie die Sachen in den Satteltaschen und einer -Extratasche verstaut<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">– 287 –</a></span> hat; — sie ist sehr bleich, ihre Hände zittern, -aber sie weint nicht.</p> - -<p>Gott sei Dank, daß sie nicht weint! Hiller hat vor nichts auf der Welt -mehr Angst als vor den Tränen der Mutter.</p> - -<p>Die Wachtmeistersfrau hat ein Beefsteak gebraten und ein paar Eier -darüber geschlagen, aber der kleine Husar ist zu aufgeregt, er hat gar -keine Lust zum Essen. Fräulein Else redet ihm zu, die Wachtmeistersfrau -füttert ihn fast, und die Mutter steht am Fenster und sieht mit starren -Augen auf die Gruppe.</p> - -<p>Teufel, wie die Zeit verfliegt! In zwei Minuten muß er fix und fertig -sein.</p> - -<p>Der schwergefütterte graue Mantel, der mächtige Falten schlägt, macht -aus dem schlanken Jungen eine Kolossalfigur. Der Ledergurt mit Säbel, -Patronentasche und Revolver ist so eng, daß er nur mit Mühe geschlossen -werden kann. Nun noch der Karabiner auf den Rücken und die Lanze -über den Arm! Neben die Kokarde der mit feldgrauem Tuch überzogenen -Pelzmütze hat Fräulein Else einen Maiglöckchenstrauß gesteckt.</p> - -<p>Der kleine Ernst lacht — er lacht sein goldenes, liebes Kinderlachen. -Nimmt die Hände der Mutter und sieht ihr strahlend in die Augen. „Wie -gefalle ich dir, Mutter?“</p> - -<p>Sie kann nicht sprechen, aber sie will auch nicht weinen. Ihr Gesicht -verzieht sich nur.</p> - -<p>„Lebe wohl, Mutter! Nachher kann ich dir doch nicht mehr richtig Lebe -wohl! sagen.“ Er hält sie einen Augenblick in den Armen und küßt sie -ein paarmal. „Leb wohl, Mutter, und sei nicht traurig!“ Dabei strahlen -die Augen immer heller, und der Mund lacht.</p> - -<p>Sie beißt sich in die Lippen, und er hängt noch einmal<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">– 288 –</a></span> an ihrem Hals, -dann reißt er sich los. „Leb wohl, wir sehen uns ja drüben noch!“</p> - -<p>Er stürmt hinaus; Fräulein Else bringt nun auch für Frau Hiller Hut und -Mantel, und sie gehen alle drei zur Kaserne hinüber.</p> - -<p>Da gibt’s jetzt in den großen Höfen fast mehr Zivilpersonen als -Militär. Die Freiwilligen haben sich zu Reihen geordnet, und die -Wachtmeister und ein paar Offiziere stehen vor ihnen. Überall hört man -Schluchzen, sieht verweinte Frauengesichter, und die Väter gehen mit -ernsten Augen auf und nieder.</p> - -<p>Die Namen werden noch einmal aufgerufen. Keiner fehlt — alle sind -sie zur Stelle. Kopf an Kopf stehen sie da, feierlich, in der grauen -Uniform, und bieten doch ein heiteres Bild, weil ihre Gesichter -strahlen, und weil ein jeder Blumenschmuck an der Mütze oder im -Knopfloch trägt.</p> - -<p>„Kameraden,“ beginnt der Rittmeister seine Rede, „nun ist die Stunde -des Abschieds gekommen; nun verlaßt ihr eure Heimat, eure Eltern, um im -gewaltigen Ringen der Völker mitzutun. Unser großer Feldmarschall im -Osten hat euch gerufen. Zeigt euch dieses Rufes würdig! Noch hat der -Krieg keine endgültige Entscheidung gebracht, aber <em class="gesperrt">die</em> Gewißheit -ist uns doch schon geworden, daß der Feind trotz seiner Übermacht unser -teures Vaterland nicht vernichten wird. Seid tapfer und todesmutig! -Seid ebenbürtig euren Vorfahren — jenen großen Freiwilligen von 1813! -Zieht hinaus mit Gottes Segen, begleitet von den Wünschen derer, die -euch ausbildeten, begleitet von der Liebe und Sorge eurer Eltern! -Kämpft für das teure Vaterland und kämpft für den, der an der Spitze -des Deutschen Reiches steht: für unseren großen,<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">– 289 –</a></span> geliebten Kaiser! -Kaiser Wilhelm der Zweite — unser oberster Kriegsherr — er lebe hoch -— hoch — hoch!!“</p> - -<p>Heiß schallt der Ruf aus den Kehlen der jungen Freiwilligen und derer, -die zu ihnen gehören. Dann: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ Über -den Hof schallen die Kommandos und in festem Schritt geht es aus dem -Kasernentor hinaus.</p> - -<p>Draußen stehen die Leute vor den Häusern und winken und rufen: „Hoch, -hurra — lebt wohl, auf Wiedersehen!“</p> - -<p>Kleine Mädchen reichen ihren Liebsten zum letzten Male die Hand. Zu -Hiller drängt sich die kleine Blonde mit den blauen Augen und dem -kecken Näschen; sie gibt ihm eine Blume und drückt ihm die Hand, steht -dann in einem Torweg ganz nahe bei Frau Hiller und schluchzt laut auf, -schluchzt weh und schmerzlich, und Frau Hiller fühlt eine namenlose -Zärtlichkeit für dieses junge Geschöpf, das um ihren Ernst weint. Sie -legt ihr die Arme um den Hals und zieht sie an sich. „Du Herziges, du -— du erste Liebe meines Jungen!“ Und das Mädchen hält einen Augenblick -stand, schluchzt noch einmal am Herzen der fremden Frau auf und läuft -scheu davon.</p> - -<p>— — — Vorbei! Der Zug ist zu Ende!</p> - -<p>„Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus!“ verklingt es um die Ecke.</p> - -<p>Fräulein Else faßt Frau Hiller am Arm.</p> - -<p>„Sehen Sie, wie alle mit zum Bahnhof hinausziehen! Wollen wir nicht -auch mit?“ Und wie im Traum wandert sie mit all den anderen den -singenden Truppen nach — erst den Flußweg entlang, dann über die -Felder — noch über ein paar Straßen hin und durchs Bahnhofsgebäude -durch.</p> - -<p>Der Extrazug nach dem Osten steht schon bereit.<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">– 290 –</a></span> „Einsteigen!“ -kommandieren die Wachtmeister, und Ulanen und Husaren schwirren -durcheinander. Im Nu sind alle Wagen gefüllt.</p> - -<p>Der kleine Hiller will noch einmal zu seiner Mutter, die an einer Säule -gelehnt steht, herauskommen; aber es geht nicht. Die Türen werden -zugeschlagen, und Soldaten drängen mit ihren Karabinern das Publikum, -das bis dicht an den Zug herangekommen ist, zurück.</p> - -<p>Noch ein Zurufen — ein Winken — dann zieht die Lokomotive an, und -langsam, langsam gleitet der Zug hinaus. Weiße Tücher flattern in der -Luft. Verlorene Klänge eines Marschliedes dringen noch zu den Ohren der -Zurückbleibenden, dann nichts mehr! Der Zug hat die große Schwenkung -nach rechts <span class="nowrap">gemacht! — —</span></p> - -<p>Öd und flach liegt das Altmärkische Land, und man sieht in -Unendlichkeiten hinein.</p> - -<p>„Nur nicht weinen — nicht wehklagen! Hart sein — deutsch sein! Sich -freuen, daß man solche Söhne hat!“ Irgend jemand sagt das dicht an Frau -Hillers Seite zu einer Frau, die ganz haltlos schluchzt.</p> - -<p>Sie geht wie im Traum neben Fräulein Else zum Bahnhof hinaus, und da es -regnet, nehmen sie einen Wagen, der sie zur Kaserne bringt.</p> - -<p>Bei der Wachtmeistersfrau in der Küche sitzen ein paar Leute, und -einer schreit auf: „Wahnwitzig ist die Welt geworden! Verflucht und -tausendmal verflucht jene ruchlosen Köpfe, in deren Hirn der teuflische -Gedanke entstand, die Völker gegeneinander aufzuwiegeln!“ Und heißes, -verzweifeltes Weinen dringt heraus. — Wildes, unbändiges Weinen, das -schon mehr Schreien ist.</p> - -<p>Frau Hiller schleicht an der offen stehenden Küchentür vorbei. Sie mag -das nicht sehen und hören; sie will ruhig<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">– 291 –</a></span> sein und will sich freuen, -daß sie einen Sohn hat, der dem Vaterlande dient. Sie setzt sich ans -Fenster des kleinen Wohnzimmers und schaut zur Kaserne hinüber, wie sie -das so oft, so oft getan hat in all diesen vielen Wochen und Monaten. -Das Herz zuckt, aber sie will sich dem Schmerz nicht <span class="nowrap">hingeben. — —</span></p> - -<p>Zwei Tage später wartet Großvater an der Station, in der der Schnellzug -aus der Altmark einlaufen soll, im Wagen auf die Schwiegertochter. Er -ist viel zu früh gekommen und schaut immer wieder auf seine Uhr, denn -es ist kalt, und trotz des Pelzmantels, den er trägt, fröstelt ihn. -Großmutter hat nicht gewollt, daß er selbst herausfuhr, aber er hat -sich nicht abreden lassen.</p> - -<p>Endlich kommt sie — ein wenig bleich, aber doch viel gefasster, als er -erwartet hatte.</p> - -<p>Sie sagt ganz fest und laut: „Guten Tag, Großvater!“ Er drückt ihr -beide Hände und sagt zweimal: „Das ist recht, Maria, das du den Kopf -nicht hängen läßt! Der Junge steht in Gottes Hand!“</p> - -<p>Er hilft ihr einsteigen und läßt das Gepäck aufschnallen, und während -der Fahrt erzählt er von allen möglichen Dingen, um sie abzulenken. -Erst ganz zuletzt, als sie schon fast am Ziel sind, bringt er sehr -schüchtern die Frage, die ihm schon lange auf den Lippen gelegen hat, -vor: „Und dein Freund, Maria — wie geht es ihm?“ Aber da sie nicht -antwortet, weiß er genug, nimmt ihre Hand in die seine, streichelt sie -und sieht sehr bekümmert, sehr traurig aus.</p> - -<p>Großmutter steht in der Tür des Hauses. Mit ausgebreiteten Armen kommt -sie auf die Mutter ihres Enkels zu. Ihre Augen sind voll Tränen, und -auch sie sagt: „Der Junge steht jetzt in Gottes Hand! Sei willkom<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">– 292 –</a></span>men, -Maria!“ und zieht die Schwiegertochter ins Haus hinein.</p> - -<p>Am Abend sitzt sie neben ihr auf dem Rand des Bettes. Die Müller hat -das Sommerwohnzimmer, das im Winter wenig benutzt wird, zum Schlafraum -hergerichtet. Schöne, alte, behagliche Möbel stehen darin, und durchs -Fenster hat man einen weiten Blick auf Fluß und Berge.</p> - -<p>„Nun sollst du bei uns erst ganz gesund werden, Maria. Denn wenn du -dir auch Mühe gibst, stark zu sein, so sieht man doch, daß dich’s -sehr mitgenommen hat, und das ist ja auch nur natürlich. Du mußt aber -ganz fest und gesund werden, denn wenn der Junge dich ruft, wenn Gott -es so fügt, daß er krank oder verwundet wird und dich braucht, dann -will er natürlich eine starke Mutter haben, und darum warten wir noch -ein bißchen mit dem Pflegen in den Lazaretten, von dem du sprachst; -denn den Kranken wohltun kann nur ein ganz gesunder und nervenstarker -Mensch, und das bist du jetzt noch nicht! Es ist jetzt alles dunkel um -dich her, das weiß ich wohl, aber es wird auch wieder schön und hell -werden. Sieh, ich bin auch durch große Finsternisse gewandert, Kind, — -ich war an allem, was mir sonst heilig war, irre geworden! Nun habe ich -mich aber wieder zurechtgefunden und sage mir: Gott wird wissen, warum -er dieses Strafgericht in die Welt geschickt hat — aber er wird die -Gerechten nicht untergehen lassen. Bis heute ist er ja so herrlich mit -uns gewesen und hat die ruchlosen Pläne unserer Feinde, die unser Land -in Stücke schlagen wollten, zu schanden gemacht. Weißt du noch, wie wir -im Anfang davor zitterten, daß die Russen bis nach Berlin vordringen -würden?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">– 293 –</a></span></p> - -<p>Während sie das sagt, löst sie leise das Medaillon, das sie damals -ihrer Schwiegertochter für den Fall der äußersten Not gab, von -deren Hals und läßt es in ihre Tasche gleiten. „Das brauchst du nun -nicht mehr, Maria. Komm, wir wollen beten! Ich habe meinen Gott -wiedergefunden.“ Und sie schlingt die Hände um die Marias und betet -laut und inbrünstig, wie sie immer zu beten pflegte: „Vater unser, der -du bist im Himmel. — So, nun schlaf, mein Kind, und hier hab’ ich dir -die Baldrianflasche hingestellt für den Fall, daß du Herzklopfen hast, -und auch ein Buch zum Lesen. Ich bin ja sonst nicht für das Lesen bei -Kerzenlicht, aber es ist immerhin noch besser, als trüben Gedanken -nachhängen. Gute Nacht, Maria, gute Nacht, mein liebes Kind, und wenn -es dir schwer ums Herz wird, dann denke immer: Der Junge steht in -Gottes Hand.“</p> - -<p>Draußen sagt sie zur Müller: „Morgen früh müssen Sie ganz leise sein -beim Reinemachen, Müller. Sie soll sich ausschlafen, denn sie ist doch -sehr mitgenommen.“</p> - -<p>Im Zimmer aber muß sie den Kopf an Großvaters Schulter legen; ihr -Herz ist sehr schwach geworden, und sie weint bitterlich. Großvater -streichelt und tröstet sie, aber auch er ist sehr niedergeschlagen. -Er liebt den Enkel, wiewohl es gar nicht sein richtiger Enkel ist; -er liebt ihn seines guten treuen Wesens wegen und liebt ihn ganz -besonders, weil er trotz des zarten Körpers standgehalten hat und nun -stark genug ist, um gegen Deutschlands Feinde zu ziehen.</p> - -<p>Er streichelt das Gesicht der alten, weinenden Großmutter und sagt mit -zitternder Stimme: „Nicht weinen! Der Junge steht in Gottes Hand!“</p> - -<hr class="full" /> - -<div class="reklame"> - -<p class="s4 center padtop1 mbot2 break-before"><span class="bb">Verlag von <em class="gesperrt">Egon Fleischel -& Co.</em> / Berlin W 9</span></p> - - -<p class="center mbot1"><span class="s3">Die Werke von</span><br /> - -<span class="s2">Helene von Mühlau</span></p> - -<p class="s2 center">Nach dem dritten Kind</p> - -<p class="s4 center">Aus dem Tagebuch einer Offiziersfrau</p> - -<p class="center">Preis: geh. M. 3,—; geb. M. 4,—</p> - -<p class="s5"><b>Fedor von Zobeltitz</b> in einem Feuilleton der <b>Hamburger -Nachrichten</b>: ... Ich wünsche diesem Werke weiteste Verbreitung: -„Nicht nur, weil es grausame Wahrheit in eine Sprache schlichter -Empfindung kleidet, sondern weil es ohne Aufdringlichkeit zu den -Enterbten des Glückes redet, die da vermeinen, das Elend der Armut -wohne nur bei ihnen, zwischen den kahlen Wänden des Proletariats. Ich -glaube, daß niemand diese einfache Geschichte ohne tiefe Erschütterung -lesen wird; sie ist wie <em class="gesperrt">ein Schrei aus tiefster Not — ein Schrei, -der gehört werden müßte</em>.“</p> - -<p class="s2 center mtop1">Hamtiegel</p> - -<p class="center">Eine Geschichte aus den Kolonien. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 4,—</p> - -<p class="s5"><b>Kölnische Zeitung</b>: ... Ein reizvoll humoristisches Buch. Die von -uns wiederholt anerkannte Schriftstellerin erzählt uns von einem in -mittlern Lebensjahren stehenden Hauptmann und Stationschef in einer -afrikanischen Kolonie, der ursprünglich entschiedener Ehefeind war, -aber in der Einsamkeit seiner Kolonie und bei der schlechten leiblichen -Versorgung langsam auf den Gedanken gerät, die Ehe möchte für ihn doch -der bessere Teil sein. Das Buch steht ganz erheblich über der Stufe -einer gewöhnlichen lustigen Humoreske dadurch, daß in diesem komischen -Hauptmann und Stationschef mit tieferm psychologischen Blick ein echt -deutscher Männercharakter gezeichnet wird, wobei über dem Ganzen -der Hauch eines hinter aller Komik deutlich durchleuchtenden warmen -Gemütslebens sich angenehm erkennbar macht. Man lacht nicht einfach -über die lustige Geschichte, sondern man hat auch den Genuß, daß hier -mit gutem Geschmack deutsches Wesen nach der drolligen Seite lebensecht -beleuchtet wird.</p> - -<p class="s2 center mtop1">Die zweite Generation</p> - -<p class="center">Roman. Preis: geh. M 5,—; geb. M. 6,50</p> - -<p class="s5"><b>Doris Wittner</b> in der <b>Vossischen Zeitung</b>: ... Das Buch -der Helene v. Mühlau ist mehr als nur ein Buch der Unterhaltung oder -künstlerischen Anregung; es ist ein Buch sozialer Erkenntnis, ein -Dokument geschlossener Weltanschauung. Ein Frauenbuch im besten Sinne, -denn es schenkt Menschheitswerte.</p> - -<p class="s2 center mtop1">Sie sind gewandert hin und her</p> - -<p class="center">Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,—</p> - -<p class="s5"><b>Allgemeine Zeitung</b> (München): Es hält uns in den Bekenntnissen -der jungen Frau ein warmer Gemütston in seinem Bann. Die Schilderungen -chilenischen Lebens und Treibens verleihen dem Roman einen besonderen -Wert. Sie zeugen von einer feinen Beobachtungsgabe und gehören in -ihrer Anschaulichkeit und Gründlichkeit zum Besten, was wir über die -südamerikanische Republik gelesen haben.</p> - -<p class="s2 center mtop1">Liviana Saltern-Santos</p> - -<p class="center">Ein chilenischer Roman. Preis: geh. M. 5,—; geb. M. 6,50</p> - -<p class="s5">Das <b>Echo</b>: In „Sie sind gewandert hin und her“ hat die nun schon -bekannte und beliebte Verfasserin ein Bild des chilenischen Lebens -geliefert, wie es sich im Auge des Zugewanderten malt, und sie hat -mit diesem tiefempfundenen Buche an viele Herzen zu rühren gewußt. In -dem vorliegenden Roman ist es nicht mehr die Fremde, die — fremd im -fremden Lande — die vielgestaltige Neuheit einer eigenartigen Kultur -auf sich wirken läßt, es ist vielmehr der Roman dieser Kultur selbst am -Wendepunkt ihrer Entwicklung.</p> - -<p class="s2 center mtop1">Beichte einer reinen Törin</p> - -<p class="center">Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,—</p> - -<p class="s5"><b>Arbeiter-Zeitung</b> (Dortmund): (Inhalt)... Das ist das Thema des -Buches, das uns viele intime Einblicke in der Frau tiefstes Seelenleben -tun läßt, das zwar mit rücksichtsloser, jeder Prüderie abholder -Wahrheitsliebe, zugleich aber auch mit großer Feinheit und echter -Dezenz die Aufgabe löst, die es sich gestellt hat.</p> - -<p class="s2 center mtop1">Das Kätzchen</p> - -<p class="center">Roman. Preis: geh. M. 3,50; geb. M. 5,—</p> - -<p class="s5"><b>Rheinisch-Westfälische Zeitung</b>: Helene von Mühlau hat mit -gewohnter Sicherheit diese „Fabel“ in eine vornehm geschilderte -Umgebung gestellt; sie wägt das Künstlermilieu fein gegen die -Gesellschaftswelt der Offiziersehen ab und dringt zur reinen -Menschlichkeit vor, wenn sie zeigt, was Maske ist und Maske bleiben -muß. Das Frauenhafte an dem Buch ist vor allem das Glücksstreben, das -die Künstlerin schließlich als Lebensinhalt empfindet, während der Mann -doch das Wirken über das Glück stellt.</p> - -<p class="s5"><b>Neue Freie Presse</b>: Das Porträt dieser Frau ist mit aller -psychologischen Feinfühligkeit, die man an Helene von Mühlau kennt, -gezeichnet.</p> - -<p class="s2 center mtop1">Eine irrende Seele</p> - -<p class="center">Roman. Preis: geh. M. 5,—; geb. M. 6,50</p> - -<p class="s5"><b>Leipziger Illustrierte Zeitung</b>: Von den vielen neueren Romanen, -die dieses Thema (die unverstandene Frau) ausführlich behandeln -oder doch streifen, erscheint mir „<em class="gesperrt">Eine irrende Seele</em>“, bei -weitem als der echteste und glücklichste, weil er bei der Feinheit -der psychologischen Zeichnung absolut keine Verteidigung dieses -unglücklichen Frauentypus darstellt, sondern im Titel wie in der -Handlung klar die tragische Schuld der Heldin in sich selbst legt. Es -ist ein trauriges Buch, aber eines, das man voll innerer Läuterung aus -der Hand legt. Ein Buch, das einen solche Frauen verstehen lehrt, uns -aber auch die Krankheit ihrer Seelen nicht beschönigt. (Inhalt.) Alles -in allem ist das Werk seiner ehrlichen Wahrhaftigkeit und des Erkennens -einer Zeitkrankheit wegen ein ungewöhnlich gutes und lobenswertes Buch.</p> - -<p class="s2 center mtop1">Das Witwenhaus</p> - -<p class="center">Roman. Preis: geh. M. 5,—; geb. M. 6,50</p> - -<p class="s5"><b>Frankfurter Zeitung</b>: Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit in -der Charakteristik führt uns die Schriftstellerin all diese Weiblein, -ihre Schicksale und Intrigen vor. Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit -schlingt sie alle Fäden ihrer Erzählung durch dies Haus, das wie ein -lebendiges Wesen wird. Dabei begegnen wir überall jener tüchtigen -Realistik in der Schilderung des Zuständlichen wie des Psychischen, wie -sie gerade schreibenden Frauen von epischem Talent eigen ist.</p> - -<p class="s2 center mtop1">Ehefrauen</p> - -<p class="center">Novellen. Preis: geh. M. 3,—; geb. M. 4,—</p> - -<p class="s5"><b>Saale-Zeitung</b>: Wenn doch dieses Buch Mode würde! Wieviel -künftiges Eheunglück könnte vermieden, wieviel gegenwärtiges geklärt -und so vielleicht gemildert oder ganz geheilt werden! Denn diese -Novellen zwingen jeden Leser zum Nachdenken. Gesetzgeber sollten -verpflichtet sein, Helene von Mühlaus „Ehefrauen“ eingehend zu -studieren, alle anderen Erwachsenen aber sollten wenigstens das -Bedürfnis haben, diese Novellen zu lesen. Sie nützen sich damit viel, -sehr viel.</p> - -<p class="center padtop5"><span class="bt"> <em class="gesperrt">F. E. -Haag</em>, Melle i. H. </span></p> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Der Kriegsfreiwillige, by Hedwig von Mühlenfels - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KRIEGSFREIWILLIGE *** - -***** This file should be named 54837-h.htm or 54837-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/8/3/54837/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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