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-The Project Gutenberg EBook of Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen, by
-Sophus Ruge
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
-
-Author: Sophus Ruge
-
-Editor: Wilhelm Oncken
-
-Release Date: June 2, 2017 [EBook #54832]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DES ZEITALTERS ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1881 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
- und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden
- beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich
- waren oder im Text mehrfach auftreten.
-
- Namen werden im Originaltext meist gesperrt dargestellt, allerdings
- nicht durchgehend; Adelstitel werden nur teilweise in die Sperrung
- mit einbezogen. Es wurde diesbezüglich keinerlei Harmonisierung
- vorgenommen. Die Fußnotenanker [166] sowie [178] fehlen im
- Original; diese wurden vom Bearbeiter an der augenscheinlich am
- besten geeigneten Stelle eingefügt. Das Inhaltsverzeichnis wurde
- vom Bearbeiter an den Anfang des Buches verschoben.
-
- Abbildungen wurden zwischen die einzelnen Absätze verschoben. Die
- Seitenzahlen im Abbildungsverzeichnis wurden gegebenenfalls
- angepasst.
-
- Die Weltkarte (‚Mapamondi‘) zwischen den Seiten 78 und 79 besteht
- in der Buchfassung aus einer großen Ausklapptafel, zusammen mit
- einem ebenso großen ‚Schutzblatt‘, von denen die erstere die
- katalanische Originalkarte, das letztere die deutsche Übersetzung
- der Legenden darstellt. Die deutschen Texte konnten derart über
- die Weltkarte gelegt werden, dass diese über den entsprechenden
- katalanischen Passagen zu liegen kommen. In der vorliegenden
- elektronischen Fassung wurden die entsprechenden deutschsprachigen
- Legenden am Ende der Weltkarte angefügt.
-
- Caretsymbole (^) stehen normalerweise für nachfolgende
- hochgestellte Zeichen; mehrere Zeichen werden dabei durch
- geschweifte Klammern gruppiert. Es werden astrologische Symbole
- verwendet; daher sollte zur Betrachtung des Textes ein Zeichensatz
- installiert sein, der den Unicode-Block ‚Miscellaneous Symbols‘
- unterstützt.
-
- Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von
- der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der
- vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- kursiv: _Unterstriche_
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- Kapitälchen werden in GROSSBUCHSTABEN wiedergegeben.
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Allgemeine Geschichte
-
- in
-
- Einzeldarstellungen.
-
- Unter Mitwirkung von
-
- Felix Bamberg, Alex. Brückner, Felix Dahn, Joh. Dümichen, Bernh.
- Erdmannsdörffer, Theod. Flathe, Ludw. Geiger, Richard Gosche, Gust.
- Hertzberg, Ferd. Justi, Friedrich Kapp, B. Kugler, S. Lefmann,
- Wilhelm Oncken, M. Philippson, S. Ruge, Eberh. Schrader, Bernh.
- Stade, Alfr. Stern, Otto Waltz, Ed. Winkelmann, Adam Wolf
-
- herausgegeben
-
- von
-
- +Wilhelm Oncken+.
-
- Zweite Hauptabteilung.
-
- Neunter Theil.
-
- Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen.
-
- Von +Sophus Ruge+.
-
- [Illustration]
-
- Berlin,
- G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung.
- 1881.
-
-
-
-
- Geschichte
-
- des
-
- Zeitalters der Entdeckungen.
-
- Von
-
- ~Dr.~ Sophus Ruge,
-
- Professor am Königl. Polytechnicum zu Dresden.
-
- Mit Illustrationen und Karten.
-
- [Illustration]
-
- Berlin, G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung. 1881.
-
-
-
-
- [Illustration]
-
- Uebersetzungsrecht vorbehalten.
-
- Druck von +B. G. Teubner+ in Leipzig.
-
- Beginn des Satzes am 10. Juni 1881.
-
-
-
-
-Inhalts-Verzeichniß.
-
-
- Erstes Buch.
-
- Die Anfänge der Forschung.
-
- Seite
-
- +Erstes Capitel.+ Die Morgenseite der alten Welt 3
-
- +Zweites Capitel.+ Die Abendseite der alten Welt 12
-
-
- Zweites Buch.
-
- Die Vorhalle der großen Zeit.
-
- +Erstes Capitel.+ Die Morgenseite der alten Welt 35
-
- 1. Der Orient seit Beginn der Mongolenherrschaft 35
-
- 2. Der Presbyter Johannes 37
-
- 3. Die ersten christlichen Glaubensboten im Orient 40
-
- 4. Die Handelsreisen der Poli 51
-
- 5. Die späteren Missionsreisen und Handelszüge 71
-
- +Zweites Capitel.+ Die Abendseite der alten Welt 81
-
- Prinz Heinrich der Seefahrer 81
-
-
- Drittes Buch.
-
- Die Seewege nach Indien.
-
- +Erstes Capitel.+ Die Bahn der Portugiesen nach Südosten 103
-
- 1. Diogo Cão und seine Vorläufer 103
-
- 2. Bartolomeu Dias 107
-
- 3. Vasco da Gama’s erste Fahrt 109
-
- 4. Cabral und João da Nova 128
-
- 5. Vasco da Gama’s zweite Fahrt 135
-
- 6. Francisco d’Almeida, Vicekönig von Indien 147
-
- 7. Affonso d’Albuquerque, Generalcapitän und Governador von
- Indien 160
-
- 8. Die Nachfolger Albuquerque’s 185
-
- 9. Die Portugiesen auf den Molukken 199
-
- 10. Das Phantom der Gold- und Silberinseln 207
-
- 11. Der erste Besuch der Portugiesen in China und Japan 213
-
- +Zweites Capitel.+ Die Bahn der Spanier nach Westen und die
- Entdeckung der neuen Welt 217
-
- 1. Die Bedeutung der italienischen, namentlich genuesischen
- Nautik, und das frühere Leben des Christoph Columbus 217
-
- 2. Das allmähliche Reifen des Planes einer Westfahrt 221
-
- 3. Das Project Toscanelli’s 225
-
- 4. Columbus in Spanien 232
-
- 5. Die erste Fahrt des Columbus über den Ocean 241
-
- 6. Wo liegt Guanahani? 248
-
- 7. Die Fahrt durch das westindische Meer 253
-
- 8. Die Demarcationslinie 267
-
- 9. Die zweite Reise des Columbus 271
-
- 10. Die dritte Reise des Columbus und die Entdeckung
- Südamerika’s 281
-
- 11. Die Zustände auf Haiti und die Gefangennahme des Columbus 292
-
- 12. Die letzte Reise des Columbus 297
-
- 13. Die letzten Lebensjahre des Columbus 311
-
- 14. Zur Charakteristik des Columbus 314
-
- 15. Die kleinen Entdecker 322
-
- 16. Die Portugiesen in Südamerika 330
-
- 17. Die spanischen Niederlassungen auf dem Festlande von
- Mittelamerika und die Entdeckung der Südsee 340
-
- 18. Die Entdeckungen im Golf von Mexiko 355
-
- 19. Ferdinand Cortes geht nach Mexiko 359
-
- 20. Cortes in Mexiko 373
-
- 21. Cortes siegt über Panfilo de Narvaez 377
-
- 22. Der Kampf um Mexiko 379
-
- 23. Cortes als Statthalter von Neuspanien 387
-
- 24. Cortes’ Feldzug nach Honduras 394
-
- 25. Cortes’ spätere Unternehmungen und sein Tod 402
-
- 26. Die Unternehmungen gegen Florida und die Küste von
- Nordamerika 407
-
- 27. Coronado’s Feldzug nach Cibola und Quivira 415
-
- 28. Das Goldland Peru und seine alte Kultur 424
-
- 29. Pizarro versucht bis zum Lande der Inkas vorzudringen 434
-
- 30. Die Eroberung Peru’s 439
-
- 31. Almagro’s Zug nach Chile und sein Tod 447
-
- 32. Die Ermordung Pizarro’s und das Ende der peruanischen
- Parteikämpfe 451
-
- 33. Orellana entdeckt den Amazonenstrom 1541 455
-
- +Drittes Capitel.+ Die südwestliche Bahn nach Indien. Magalhães
- und die erste Erdumsegelung 458
-
- 1. Die Vorläufer Magalhães’ 458
-
- 2. Fernão Magalhães 462
-
- 3. Die Vollendung der ersten Erdumsegelung 478
-
- 4. Der Streit um die Molukken 483
-
- 5. Die spanischen Entdeckungsfahrten im großen Ocean 489
-
- +Viertes Capitel.+ Die Versuche, einen nordwestlichen Weg nach
- Indien zu finden 499
-
- 1. Giovanni und Sebastiano Cabotto 499
-
- 2. Portugiesen, Italiener und Franzosen auf dem Nordwestwege 504
-
- 3. Die Versuche der Engländer, eine Nordwestpassage zu finden 510
-
- +Fünftes Capitel.+ Die Nordostpassage 520
-
- 1. Die Engländer auf dem Nordostwege und die moskowitische
- Compagnie 520
-
- 2. Die Holländer auf dem Nordostwege und der Kampf um
- Spitzbergen 525
-
-
-
-
-Verzeichniß der Illustrationen und Karten.
-
-
-Abbildungen im Text.
-
- Seite 15: Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König
- Alfreds d. Gr. von Ohthere’s Reise; 9. Jahrh. In der
- Cottonian Bibliothek des British Museum zu London.
- (Bosworth, Joseph, ~A Description of Europe, and the
- Voyages of Ohthere and Wulfstan, written in Anglo-Saxon
- by King Alfred the Great~.)
-
- „ 49: Facsimile der drei ersten Zeilen des uigurisch
- geschriebenen Briefes von Argunchan an Philipp d.
- Schönen; 1289. Im Archive von Paris. (~The Book of Marco
- Polo the Venetian, concerning the Kingdoms and Marvels
- of the East. Newly translated and edited by Henry Yule.~)
-
- „ 53: Marco Polo. Nach einem Gemälde in der Gallerie Badia in
- Rom. (Ebd.)
-
- „ 65: Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.
-
- „ 74: Hand eines reichen Annamiten. (Photographische Aufnahme
- nach der Natur.)
-
- „ 83: Prinz Heinrich der Seefahrer. Miniature in der 1448-1453
- entstandenen Handschrift „~Chronica do descobrimento
- e conquista de Guiné etc.~“ In der Nationalbibliothek
- zu Paris. (Major, H., ~The Life of Prince Henry of
- Portugal~.)
-
- „ 97: Die Land- und Wasserkugel der Erde.
-
- „ 99: Facsimile einer alten Abbildung des Jakobstabes und
- seiner Anwendung. (~Cosmographia, siue Descriptio
- vniuersi Orbis, Petri Apiani et Gemmae Frisii,
- Mathematicorum insignium, iam demùm integritati suae
- restituta. Antuerpiae~, 1584.)
-
- „ 105: Martin Behaim. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers
- Ritter Martin Behaim.)
-
- „ 106: Astrolabium des Joh. Regiomontanus vom Jahre 1468. (Ebd.)
-
- „ 111: Vasco da Gama. Nach einem Gemälde im Besitze des Grafen
- von Lavradio. (Stanley, Henry, ~The three voyages of
- Vasco da Gama and his Viceroyalty. From the Lendas da
- India of Gaspar Correa.~ ~Hakluyt. Soc.~)
-
- „ 135: Vasco da Gama. Aus dem Manuscript von Pedro Baretto de
- Resenda. In der Sloane Bibliothek des British Museum,
- London. (~The Commentaries of the great Afonso
- Dalboquerque, second Viceroy of India. Translated from
- the Portuguese edition of 1774, with notes and an
- introduction, by Walter de Gray Birch.~ ~Hakluyt. Soc.~)
-
- „ 142: Alfons von Albuquerque. Nach dem Manuscript des Pedro
- Baretto de Resenda. In der Sloane Bibliothek des British
- Museum, London. (Ebd.)
-
- „ 154: Ostindisches Fahrzeug des 16. Jahrhunderts mit Rohrsegeln
- und am Stern aufgehängtem hölzernem Anker. (Linschoten,
- ~Itinerarium ofte Schipvaert naer Oost ofte Portugaels
- Indiën~. Amsterdam 1614.)
-
- „ 155: Ostindischer Schnellsegler des 16. Jahrhunderts, Fusta.
- (Ebd.)
-
- „ 188: Facsimile des Namenszuges von Vasco da Gama (und zwei
- Zeugen) in dem Dokument, in welchem er König Johann III.
- huldigte, als derselbe ihn zum Vicekönig von Indien
- ernannt hatte. -- Im Archiv von Lissabon. (Stanley,
- Henry, ~The three voyages of Vasco da Gama and his
- Viceroyalty. From the Lendas da India of Gaspar Correa.~)
-
- „ 189: Wappen von Vasco da Gama. (Ebd.)
-
- „ 191: Pero Mascarenhas in Ketten. (~Lendas da India por Gaspar
- Correa publicadas de ordem da classe de sciencias
- moraes, politicas e bellas lettras da academia real das
- sciencias de Lisboa. Livro terceiro que conta dos feitos
- de Pero Mascarenhas, e Lopo Vaz de Sampayo, e Nuna da
- Cunha.~)
-
- „ 197: Portrait von Nuno da Cunha. (Ebd.)
-
- „ 234: Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid,
- Marine-Ministerium. (Photographische Originalaufnahme.)
-
- „ 235: Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid,
- National-Bibliothek. (~Boletín de la Sociedad geográfica
- de Madrid. T. VI.~)
-
- „ 240: Der im Bau begriffene Rumpf eines großen Seeschiffes
- vom Ende des 15. Jahrh. (~Bernhardus de Breydenbach~,
- ~Peregrinationes in montem Syon ad venerandum Christi
- sepulcrum in Jerusalem~. Mainz, 1486.)
-
- „ 241: Seeschiff vom Ende des 15. Jahrh., halb vor dem Winde
- segelnd. (Ebd.)
-
- „ 245: Christoph Columbus’ Rüstung; Madrid, Waffen-Museum im
- königl. Palais. (Photographische Originalaufnahme.)
-
- „ 247: Titelholzschnitt einer zu Florenz im Jahre 1493
- gedruckten italienischen Flugschrift, darstellend die
- Landung des Columbus. (Getreue Nachbildung des Originals
- im British Museum zu London.)
-
- „ 262: Facsimile der ersten Flugschrift, welche die Kunde von
- der Entdeckung Amerika’s brachte. (Getreue Nachbildung
- des Originals im British Museum zu London.)
-
- „ 263/4: Titel, Anfangsseite und Schluß des ersten +deutschen+
- Flugblattes, welches die Entdeckung Amerika’s
- meldete. (Getreue Nachbildung des Originals in der
- Staatsbibliothek zu München.)
-
- „ 312: Haus zu Valladolid, in dem Christoph Columbus gestorben.
- (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
-
- „ 317: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Christoph
- Columbus, datirt Granada, 6. Februar 1502. (~Tre Lettere
- di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci, riprodotte in
- Fotolitografia.~)
-
- „ 333: Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes,
- welchen Amerigo Vespucci über seine dritte Reise an Pier
- Francesco de Medici schrieb. (Getreue Nachbildung des
- Originals in der königl. Bibliothek zu Dresden.)
-
- „ 334: Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes.
- (Ebd.)
-
- „ 337: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo
- Vespucci an den Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez
- de Cisneros); datirt Sevilla, 9. December 1508. (~Tre
- Lettere di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci
- riprodotte in Fotolitografia.~)
-
- „ 339: Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der Name
- „Amerika“ vorgeschlagen wird. (~Cosmographiae
- Introductio~ des ~Hylacomylus~ von 1507.)
-
- „ 357: Tempelruine zu Uxmal. (Gailhabaud, Jules, ~Monuments
- anciens et modernes. IV.~)
-
- „ 360: Medaillenbildniß von Ferdinand Cortes; Originalgröße.
- (Nach dem Original im königl. Münz-Cabinet zu Berlin.)
-
- „ 405: Rüstung von Ferdinand Cortes; im Waffenmuseum zu Madrid.
- (Photographische Originalaufnahme.)
-
- „ 427: Conti am Titicacasee: als Specimen der merkwürdigen
- Thorbauten. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
-
- „ 429: Altperuanisches Gobelingewebe aus dem Todtenfelde von
- Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in
- Peru.)
-
- „ 430: Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische
- Originalaufnahme.)
-
- „ 431: Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische
- Originalaufnahme.)
-
- „ 433: Durchschnitt eines altperuanischen Grabes mit Mumien.
- (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
-
- „ 443: Das Haus Atahuallpa’s bei Cajamarca, in welchem der Inka
- von Pizarro gefangen gehalten wurde. (Photographische
- Aufnahme nach der Natur.)
-
- „ 462: Facsimile des Namenszuges von Magalhães. Von einem
- Briefe, datirt 24. October 1518, im indischen Archiv zu
- Sevilla. (~The first voyage round the world by Magellan.
- Translated from the accounts of Pigafetta and other
- contemporary writers by Lord Stanley of Alderley.~)
-
- „ 463: Fernão de Magalhães. Verkleinertes Facsimile des
- Kupferstiches, 1788, von Ferd. Selma. (~Coleccion de
- los viages y descubrimientos que hicieron por mar los
- Españoles desde fines del Siglo XV., coordinada é
- illustrada por Martin Fernandez de Navarrete. Tomo IV.~)
-
- „ 467: Rumpf eines großen Seeschiffes um 1500; im Wappen des
- Johann Segker. Verkleinertes Facsimile eines
- Holzschnittes aus Albrecht Dürers Schule. (Kunsthalle zu
- Hamburg.)
-
-
-Vollbilder.
-
- Seite 70: Chinesisches Papiergeld aus der Ming-Dynastie
- (1368-1645). Original in Paris. Getreue Nachbildung in
- ¼ der natürlichen Größe. (~The Book of Marco Polo the
- Venetian, concerning the kingdoms and Marvels of the
- East. Newly translated and edited by Henry Yule.~)
-
- „ 356: Eine Seite aus der Mayahandschrift der königl. Bibliothek
- zu Dresden. Originalgröße. (Die Mayahandschrift der
- kgl. öffentlichen Bibliothek zu Dresden. 74 Tafeln in
- Chromolichtdruck.)
-
- „ 420: Ansicht des großen Colorado-Cañons. (Powell, J. W.,
- ~Exploration of the Colorado River of the West
- 1869-1872~.)
-
- „ 425: Das Inkathor bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach
- der Natur.)
-
- „ 426: Die Ruinen des Inkaschlosses am Titicacasee.
- (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
-
- „ 434: Altperuanische Mumien aus dem Todtenfelde von Ancon.
- (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
-
- „ 440: Krieger aus der Inkazeit: altperuanische Malerei auf
- dem unter Nr. 23 auf dem Doppelvollbilde „altperuanische
- Geräthschaften“ abgebildeten Kruge. (Ebd.)
-
- „ 446: Sacsahuaman: ein Theil der Ruinen der alten Inkafestung
- bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
-
-
-Doppelvollbilder.
-
- Seite 359: Sculpturen von Copán, Trachten der alten
- Mittel-Amerikaner darstellend. (Meye und Schmidt, die
- Steinbildwerke von Copán und Quirigua.)
-
- „ 432: Altperuanische Geräthschaften aus dem Todtenfelde von
- Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in
- Peru.)
-
-
-Karten im Text.
-
- Seite 25: Karte von Afrika in einem Portulano von 1351. In der
- Laurentinischen Bibliothek zu Florenz. (Major, H., ~The
- Life of Prince Henry of Portugal~.)
-
- „ 27: Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno, 1558.
- (Nach H. Kiepert.)
-
- „ 249: Die Entdeckungen des Columbus auf seiner ersten Reise.
- Ein Theil von Westindien; nach der englischen
- Admiralitätskarte Nr. 761 gezeichnet von C. Riemer.
-
- „ 318: Die Insel Guanahani nach der Karte Diego Ribero’s von
- 1529.
-
- „ 347: Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee. (Nach dem
- Entwurfe von Professor ~Dr.~ Sophus Ruge.)
-
- „ 363: Karte zu Cortes’ Eroberung von Mexiko. (Ebs.)
-
- „ 390: Karte zu den Feldzügen Alvarado’s nach Guatemala und des
- Cortes nach Honduras. (Ebs.)
-
- „ 417: Karte zu Coronado’s Expedition nach Cibola und Quivira.
- (Ebs.)
-
- „ 437: Karte zur Entdeckung von Peru durch Pizarro. (Ebs.)
-
- „ 461: Südamerika mit einer südlichen Meerenge auf dem von Joh.
- Schöner 1515 entworfenen Globus. (Ebs.)
-
-
-Karten-Beilagen.
-
- Seite 12: Weltkarte in der 1513 zu Straßburg gedruckten Ausgabe des
- Ptolemäus. Verkleinertes Facsimile.
-
- „ 37: Kartenskizze der Mongolenstaaten im XIII. Jahrhundert.
- Gezeichnet von ~Dr.~ Henry Lange.
-
- „ 78: Catalanische Erdkarte; für König Karl V. von Frankreich
- 1375 in Mallorca gezeichnet. Paris, Nationalbibliothek.
- Facsimile in ⅓ der Originalgröße. (Jomard, ~Monumens de
- la Géographie~.)
-
- „ 80: Fra Mauro’s Weltkarte von 1459; Venedig. 1/10 der
- Originalgröße. (Nach H. Kiepert.)
-
- „ 118: Die Westküste von Vorder-Indien und die von den
- Portugiesen berührten Handelsstädte. (Nach dem Entwurfe
- von Professor ~Dr.~ Sophus Ruge.)
-
- „ 230: Die Oceanische Seite des Behaim’schen Globus vom Jahre
- 1492. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers Ritter Martin
- Behaim.)
-
- „ 324: Aelteste Karte von Amerika; westlichster Theil der im
- Jahre 1500 von Juan de la Cosa gezeichneten Erdkarte.
- Facsimile in ⅓ der Höhe des Originals im Marine-Museum
- zu Madrid. (Jomard, ~Monumens de la Géographie~.)
-
- „ 438: Seekarte von Diego Ribero, 1529. (Nach dem Original in
- der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar.)
-
- „ 534: Facsimile der Molukken-Karte im Atlas des Diego Homen vom
- Jahre 1568. Originalgröße. (Dresden, königliche
- Bibliothek.)
-
-
-
-
-Erstes Buch.
-
-Die Anfänge der Forschung.
-
-
-
-
-Erstes Capitel.
-
-Die Morgenseite der alten Welt.
-
-
-In der Geschichte der geographischen Entdeckungen zeichnen sich
-gewisse Epochen ab, in denen die Betheiligung an den Arbeiten, die
-Erdenräume dem Blicke der Forschung zu enthüllen oder wenigstens mit
-fernen weniger bekannten Ländern in lebhafteren Verkehr zu treten,
-eine außergewöhnlich starke ist, in denen, durch energischen Vorgang
-einzelner ausgezeichneter Persönlichkeiten, nicht blos einzelne Stände
-und Berufsklassen mit hineingezogen werden in das Interesse für Reisen
-und Entdeckungsfahrten, sondern wo die Antheilnahme bis in die Masse
-des Volkes hinabdringt und ein Volk das andere benachbarte allmählich
-mit hineinzieht in eine allgemeine großartige Bewegung. Die Erweiterung
-des räumlichen Horizonts zieht unabweisbar auch die Erweiterung des
-geistigen Gesichtsfeldes nach sich und drückt dem Volk, welches ihn
-errungen hat, den Stempel geistiger Reife auf. Die Machtsphäre gewinnt
-ein größeres Gebiet und damit wächst auch die politische Bedeutung.
-Kein Wunder, daß darum zu Zeiten mehrere Völker neben einander auf dem
-Ringplatze erscheinen und in regem Wettbewerb nach gleichen Zielen
-einander die Palme streitig machen.
-
-Aber auf die hochgehenden Fluten folgen Zeiten der Ebbe, der
-Erschlaffung, Zeiten des Stillstandes, in denen, oft Jahrhunderte
-andauernd, die Erregung der Gemüther nachläßt, das Feuer der
-Begeisterung erlischt und die nach außen treibende Kraft sich von
-den Grenzen zurückzieht. Der Horizont verdunkelt sich wieder, die
-Schleier rücken eng und enger um die Mitte zusammen. Solche Zeiten der
-Stagnationen machen sich auch in der allgemeinen Geschichte fühlbar. Es
-sei dabei an die den Kreuzzügen vorangehenden Jahrhunderte erinnert.
-Auf die sich über beinahe 1000 Jahre ausdehnende Erschlaffung und
-Apathie folgt aber etwa vom 13. bis 17. Jahrhundert die Epoche der
-höchsten Anstrengung auf diesem Felde, folgt eine durch alle Völker
-Europas gehende tiefe Bewegung, welche nur der noch weiter, tiefer
-gehenden religiösen Erregung und Erhebung allmählich wich. Diese Zeit
-ist es aber, welche, als das +Zeitalter der großen Entdeckungen+
-bezeichnet, auch in der Darstellung allgemeiner Geschichte Beachtung
-fordert.
-
-Um die Ziele der Unternehmungen jenes großen Zeitraums verstehen
-zu lernen, müssen wir, zur Einleitung, weiter in die Vergangenheit
-zurückgreifen.
-
-Man sollte meinen, daß, wenn es sich um die Erweiterung der Kenntnisse
-von der Erdoberfläche handelt, man von dem Mittelpunkte, dem Schauplatz
-der Kulturvölker Europas, nach allen Richtungen der Windrose radial
-über die bisherige Grenze der bekannten Welt hinaus ins Unbekannte,
-Unerforschte schreiten werde oder schreiten könne. Doch dem ist nicht
-so.
-
-Die Gliederung und Gestaltung der wichtigsten Ländergebiete der alten
-Welt haben dabei einen bestimmenden Einfluß geübt, namentlich die
-Erstreckung des Mittelmeeres und des zusammenhängenden Hochlandes von
-Asien, deren Längsaxen sich beide in ost-westlicher Richtung hinziehen.
-An den Rändern und in den Ländern am Mittelmeer, wie auf dem westlichen
-Hochlande und an den südlichen Abhängen des östlichen Hochlandes von
-Asien in der weitgedehnten Zone von den Säulen des Herkules bis zu den
-Gestaden Chinas hatten sich einzelne Völker zu frühzeitiger Kultur
-erhoben. Die westliche Hälfte, nennen wir sie die europäische, hatte
-auf dem geräumigen Marktplatze des Mittelmeeres einen gemeinsamen
-Sammelpunkt gefunden, während die östliche, die asiatische Hälfte,
-vorwiegend auf den offenen indischen Ocean hingewiesen, eines
-solchen günstigen Vereinigungsplatzes entbehrte und im Streben nach
-gegenseitigem Verkehr größere Schwierigkeiten zu überwinden hatte.
-Eine Annäherung beider Gebiete boten der persische, und noch mehr der
-arabische Golf oder das rothe Meer. Südlich des ganzen Gürtels lagen
-im Westen die starken Schranken der großen afrikanischen Wüste, deren
-menschenfeindliche Oede den Satz verkündigte, daß die heiße Zone
-überhaupt unbewohnbar sei, während im Osten das unbezwungene indische
-Weltmeer, dem das Gegengestade fehlte, von wagehalsigem Vordringen
-abhielt.
-
-In gleicher Weise lagerte sich über dem Nordsaum des Gürtels ein
-kalter, unwirthlich rauher Erdstrich, der sich gegen Norden in dem
-geheimnißvollen „Lande der Dunkelheit“ verlor.
-
-Daher richteten sich von jeher die Blicke mehr nach Osten und
-Westen, als nach Norden und Süden. Die Gegensätze zwischen Osten und
-Westen sind zuerst am Mittelmeer schon in ältester Zeit schärfer ins
-Auge gefaßt und lassen sich auf die Fahrten seetüchtiger Phönizier
-zurückführen. Die Unterscheidung der Erdtheile Asien und Europa, wie
-sie zuerst an den gegenüberliegenden Küsten des schön gegliederten
-ägäischen Meeres haftete, besagt ursprünglich im Kern des Wortes ~açu~
-(Asien) ~ereb~ (Europa) wohl nichts anderes als Morgen und Abend,
-das Land im Morgen und das Land im Abend. Und diese Bezeichnungen
-wiederholen sich in verschiedenen Sprachen, so lautet bei den Griechen
-der Gegensatz: Anatolien (noch jetzt ist Kleinasien als Anadoli
-bekannt) und Hesperien, im Lateinischen mit erweitertem Begriff Orient
-und Occident, im Italienischen Levante (worunter man vorzugsweise
-die asiatischen Küsten des Mittelmeeres verstand und versteht) und
-Ponente (eine Gegenüberstellung, wie sie in kleinem Maßstabe an
-der Riviera von Genua noch gültig ist), und endlich im Deutschen:
-Morgenland und Abendland, Bezeichnungen, welche die beiden fraglichen
-Erdtheile so ziemlich decken. Ein solcher Reichthum der Benennungen
-hat sich naturgemäß für Norden und Süden, für die mitternächtliche
-und mittägige Seite nicht gebildet. Die Reisen und Entdeckungszüge
-nehmen thatsächlich vorwiegend auch die Richtung gegen Morgen und gegen
-Abend und wir sind daher wohlberechtigt, auch unsere Darstellung der
-Geschichte der Entdeckung in diesem Sinne zu gruppiren.
-
-Wir stellen die +Morgenseite+ voran. Daß diese Seite gegen
-Sonnenaufgang noch mehr Bedeutung hatte als die Abendseite, daß der
-Blick voll Verlangen, hier den Schleier zu lüften, sich mehr der Sonne
-zuwandte, lag in den natürlichen Verhältnissen, in der unermeßlichen
-Ausdehnung der Länder und in dem Reichthum an kostbaren Produkten
-begründet, die aus unbekannter Ferne selbst bis zu den Häfen des
-Mittelmeeres gelangten. Die alten Staaten und Länder Vorderasiens
-bis nach Persien hin, standen mit den classischen Völkern des
-Alterthums in directer Verbindung; aber noch weiter hinaus lagen weite
-herrliche Länder, die in den Schleier des Geheimnißvollen gehüllt,
-von der erregten Phantasie zu wahren Wunderländern umgewandelt
-wurden, und unter denen immer der Name +Indien+ vorklang. Wir dürfen
-nicht vergessen, daß im Alterthum Indien eigentlich das einzige
-bekannte Tropenland war, das unter dem Hauche des feuchten Monsun
-von wunderbarem Segen triefte. Indien war von jeher ein sehr weiter
-Begriff. Indien war das äußerste Land. So weit wir sichere Kunde haben,
-sagt Herodot (III. 98), sind die Menschen, die zunächst gegen Morgen
-und Sonnenaufgang in Asien wohnen, die Indier.
-
-Diesen äußersten Enden der Welt sind die kostbarsten Produkte eigen.
-(III. 106). Dieselbe Ansicht wiederholt Strabo (~p.~ 685): Indien ist
-das erste und größte Land im Osten. Ktesias hielt Indien für ebenso
-groß als das ganze übrige Asien, Onesikritos für den dritten Theil der
-bewohnten Erde. (Strabo, ~p.~ 689).
-
-Indien war und blieb ein sehr weiter Begriff, ohne bestimmte Grenzen,
-so daß Strabo auch die langlebenden Serer mit einrechnen konnte. Zwar
-scheidet Ptolemäus dieselben wieder aus und weist ihnen jenseit des
-Himalaya einen nach Norden und Osten ins dunkle Land sich verlierenden
-Wohnsitz an; doch beginnt bei diesem großen Geographen schon eine
-Gliederung Indiens in die beiden Theile: Indien diesseit und Indien
-jenseit des Ganges, welche etwa unserm Vorder- und Hinter-Indien
-entsprechen mögen. Doch dabei blieb es nicht. Der Begriff Indien dehnte
-sich im Mittelalter immer mehr und umfaßte schließlich fast alle
-Gestade am südlichen Meere von Habesch bis nach China. Ja es wurde
-sogar an die Stelle von Asien geschoben, wenn z. B. +Alcuin+ die ganze
-Welt in Europa, Afrika und Indien theilt. Für die beiden asiatischen
-Halbinseln wählte man die Bezeichnung: Groß- und Klein-Indien. Da man
-sich aber schon frühzeitig der Ansicht zuneigte, Abessinien zu Indien
-zu rechnen, wie auch bereits Procop von Cäsarea den Nil in Indien
-entspringen läßt, so entstand denn für jenes afrikanische Alpenland die
-verwirrende Benennung „das dritte Indien“ oder gar „Mittel-Indien“.
-
-Jordanus identificirte das dritte mit der Sansibar-Küste, Benjamin
-von Tudela nennt Aden am Ausgange des rothen Meeres als eine Stadt
-in Mittel-Indien und Marco Polo erklärt Habesch für das Hauptland
-davon, so daß also dieses dritte Indien asiatische und afrikanische
-Landschaften umfassen sollte, während endlich der 1562 in Venedig
-gedruckte Ptolemäus die indische Inselwelt als ~India tercera~
-vorführt. Nach Odorich von Pordenone liegt die persische Küste bei
-Ormuz in ~India, quae est infra terram~, und wird Südchina (Manzi)
-Ober-Indien genannt. Auf der andern Seite bezeichnete Nicolo Conti die
-Chinesen als „innere Indier“.
-
-Drei Indien erscheinen schon auf einer Karte vom Jahre 1118. Und so
-ging es fort bis ins 16. Jahrhundert (vgl. das beigegebene Weltbild
-aus dem Straßburger Ptolemäus, 1513). Kein Wunder, daß auch der beste
-Kartograph in solcher Verwirrung noch strauchelte, daß Mercator auf
-seinem ersten Globus von 1543 neben den beiden von Ptolemäus bereits
-angedeuteten Halbinseln Indiens noch eine weitere Halbinsel nach den
-Aufnahmen der portugiesischen Entdecker eintrug, so daß wir also
-auch hier noch mit der Monströsität von +drei+ indischen Halbinseln
-beschenkt werden.
-
-Aus diesem weiten Indien kamen seit den gemeinschaftlichen
-Handelsfahrten Salomos und Hirams nach +Ophir+, welches wir jedenfalls
-auf der Westküste Vorder-Indiens zu suchen haben, die kostbaren
-Produkte über das rothe Meer zu den Ländern am mittelländischen Meere.
-Griechen und Römer bezogen von dort Wohlgerüche und Gewürze, namentlich
-Pfeffer; ferner Perlen und Edelsteine, Elfenbein und Ebenholz. Der
-prächtige Pfau, den die Griechen zum Liebling der stolzen Hera erhoben,
-den die Soldaten Alexanders wild antrafen in indischem Waldgebiete,
-war nebst den buntfarbigen Papageien schon zu Salomos Zeit im Westen
-bekannt geworden. Feine baumwollene Gewänder und Zucker kamen aus
-demselben Gebiete. Den Umsatz in diesen Luxusartikeln gibt bereits
-Plinius auf etwa 16 Millionen Mark jährlich an.
-
-Aber aus noch weiter entlegenen Ländern kamen kostbare Stoffe unter
-dem Namen serischer Gewänder nach dem Westen, ohne daß man anfangs
-das Heimatland gekannt hätte. Daß, wenn auch durch Zwischenhandel,
-die Seidenstoffe (denn nur diese werden unter serischen Kleidern
-verstanden) aus China kamen, beweist der Name. Das chinesische Wort für
-Seide ist ~sz’~ oder ~sse~ mit dem in ~r~ verkürzten Suffix ~örr~, also
-~sser~ der Seidenstoff.[1] Nun ist merkwürdig, daß wenn auch am Ende
-des Alterthums die Kenntniß der griechisch-ägyptischen Kaufleute sich
-bis zu den chinesischen Strömen erstreckte, und auf dem Wasserwege der
-Name Thinai oder Sinai bekannt wurde, man dieses Land doch von dem der
-+Serer+ unterschied; denn die Kunde von diesem letzteren Volke war +zu
-Lande+ durch Mittelasien nach Westen gedrungen. Geographisch setzte man
-die große Stadt Sera und das Land der Serer, Serica, stets nördlicher
-an, als das Land Thinai oder Sinai. Diese Doppelgängernatur wiederholt
-sich noch einmal im 16. Jahrhundert, als die Portugiesen von ihren
-Seefahrten den Namen Tschina (China) mit heimbrachten, während schon
-durch venetianische Kaufleute im 13. Jahrhundert das Reich Kathay
-(China) bekannt geworden war. Daß beide Benennungen auf das nämliche
-Land wiesen, erkannten zwar schon im Beginn des 17. Jahrhunderts
-katholische Glaubensboten, allein man nahm die Thatsache nur zögernd
-an.[2]
-
-[Illustration:
-
- ~Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.~
-
- ~G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.~
-
- ~Aus der Ausgabe des Ptolemaeus, Strassburg 1513.~
-]
-
-Doch wenden wir uns noch einmal zurück, um die allmähliche Erweiterung
-der Kenntnisse von Süd- und Ostasien kurz zu skizziren.
-
-Vor Alexander dem Großen war kein Grieche nach Indien gelangt. Herodot,
-welcher +zuerst+ die Baumwolle nennt, berichtete nur nach Hörensagen.
-Erst die Zeitgenossen des makedonischen Königs schildern uns als
-Augenzeugen das Land. Megasthenes gab die erste klare Vorstellung
-von der Gestalt und Begrenzung Indiens. Die Halbinselform tritt klar
-hervor. Onesikritos kennt schon die wichtige Insel Taprobane (Ceylon).
-Beide berichten, daß im südlichen Indien das Gestirn des großen Bären
-allmählich unter dem Horizonte verschwinde, und daß der Schatten
-nach Süden falle. Verhängnißvoll war es für die kartographische
-Darstellung, daß der berühmte Eratosthenes, durch falsche Anwendung
-von Distanzentfernungen veranlaßt, die Gestalt Vorder-Indiens derart
-verzerrte, daß die Halbinselfigur fast gänzlich verwischt wurde. Und
-als seiner Autorität mehrere Jahrhunderte danach auch Ptolemäus folgte,
-blieb diese irrige Auffassung maßgebend bis ins 16. Jahrhundert.
-Außerdem verschuldete Eratosthenes auch, daß der Abstand von
-Alexandrien bis zur Indus-Mündung um mehr als 200 deutsche Meilen zu
-groß angenommen wurde und daß im weiteren Verlaufe später die äußersten
-bekannten Küsten Asiens viel zu weit nach Osten verlegt wurden: eine
-Verzerrung, die im späteren Mittelalter, als man die Reiserouten Marco
-Polos bis nach China kartographisch niederzulegen suchte, sich dermaßen
-ins Ungeheure steigerte, daß der Ostrand Asiens bis nahe vor die Küste
-von Californien und Cipango (Japan) in Mexiko hineinreichte. So nach
-der Darstellung auf dem Globus Martin Behaim’s 1492.
-
-Den Haupthandel nach dem Osten trieben die griechischen Kaufleute
-Aegytens schon seit der Ptolomäerzeit. Ihnen verdanken wir im 1. und
-2. Jahrhundert die Kenntniß der Insel Java und die erste directe
-Berührung mit China. Der äußerste Punkt, den der griechische Kauffahrer
-Alexandros im 1. Jahrhundert n. Chr. erreichte, war das vielbesprochene
-Cattigara, ein Handelshafen, der wahrscheinlich nicht fern von der
-Mündung des Jangtsekjang lag[3]. Das war die äußerste Grenze des
-Wissens im Alterthum und blieb’s, wenigstens bei den Europäern, auch
-bis zum Ende des Mittelalters, bis zum Ausgange des 13. Jahrhunderts.
-
-Der Name China oder Tschina, mit dem besonders der südliche Theil
-des Landes belegt wurde, ist uralt und höchst wahrscheinlich durch
-malaische Seefahrer den westlichen Schiffern mitgetheilt. Wir werden
-in dieser Annahme noch bestärkt durch die Wahrnehmung, daß uns auch
-jetzt noch die meisten Küstenlandschaften des südöstlichen Asien in
-malaischer Form geläufig sind, wie Birma, Pegu, Siam, Cambodja, Kotschi
-(Cochinchina), Maluka, Burnei (Borneo) u. a.
-
-+Ceylon+ bildete den Sammelplatz der Handelsschiffe, dort trafen
-chinesische Händler mit Persern, Arabern und selbst Byzantinern
-zusammen, welche letztere auf äthiopischen Schiffen Indien erreichten.
-Zur Zeit der Herrschaft der Ptolomäer in Aegypten war der Canal
-vollendet worden, welcher den Nil mit dem rothen Meere verband.
-Auch der Kaiser Hadrian hat im 15. Jahre seiner Regierung für die
-Wiederherstellung dieses wichtigen Wasserweges gesorgt, und der Hafen
-Klysma am rothen Meere trat an die Stelle der alten Emporien von
-Myos-Hormos und Berenike. Mindestens bis ins 6. Jahrhundert unserer
-Zeitrechnung war der Canal in brauchbarem Zustande, denn noch um 590
-n. Chr. berichtet Gregor von Tours davon, und erst nach der Mitte des
-8. Jahrhunderts wurde er, bereits versandet, zugeschüttet. Von Klysma
-gingen griechische Schiffe direct nach Indien, und auf ihnen besuchte
-der griechische Hafenbeamte jährlich das Heimatland der Gewürze.
-Justinian versuchte sogar, wenn auch vergebens, den Seidenhandel statt
-über Persien durchs rothe Meer nach Klysma zu ziehen. So erhielt sich
-die Beziehung zum fernen Morgenland bis zum 7. Jahrhundert, wenn
-auch die geographischen Kenntnisse keine Bereicherung erfuhren. Die
-Gründung des Islam und die Herrschaft der Araber in Aegypten änderte
-die Sachlage wesentlich, denn der unmittelbare Verkehr der Byzantiner
-und damit des Abendlandes mit Indien mußte seit jener Zeit eingestellt
-werden.
-
-Es blieb sonach nur der schwierige +Landweg+ übrig. Die Handelsrouten
-vom Mittelmeer nach Indien und China haben naturgemäß mit viel
-größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als der Seeverkehr. Nicht allein
-die bedeutende räumliche Entfernung der Länder und die durch den
-langwierigen Transport der Waaren gesteigerten Kosten schränkten
-die Handelsbewegung ein. Es wurden zwar bei der Unwegsamkeit
-der Hochgebirge, die zu übersteigen waren, bei der Wüstennatur
-weitgedehnter Landstriche, die zu überwinden war, verschiedene Wege
-eingeschlagen, bequemere Paßübergänge gesucht. Allein es spielten hier
-auch die politischen Ereignisse in Innerasien eine hervorragende Rolle,
-indem sie die Wegelinien entweder verschoben oder den Durchgang zu
-Kriegszeiten gänzlich sperrten. Trotzdem hat das kostbarste Produkt
-Chinas, die +Seide+, immer wieder ihren Weg nach dem Abendlande
-gefunden, seitdem ihre Vorzüge dort erkannt und geschätzt worden waren.
-Der Seide verdanken wir die frühesten Aufhellungen des asiatischen
-Hochlandskernes.
-
-Nachdem schon mehrere Jahrhunderte vor Christo die Seide in Syrien
-bekannt gewesen war, ohne daß wir den Weg nachzuweisen vermöchten, wie
-sie dahin gelangte, drangen chinesische Heere siegreich ins Tarimbecken
-ein. Ihnen folgte im Jahre 114 v. Chr. die erste chinesische
-Handelskarawane, überstieg die Pässe des Pamirplateaus und gelangte
-bis zu den turanischen Handelsstädten. Nachfolgende große Handelszüge
-überschwemmten die Märkte am Amu und Syr Darja derart mit Seidenzeugen,
-daß diese in ihrer Werthschätzung bedeutend sanken. Aber sie gelangten
-in Folge dessen weiter und weiter nach Westen, wo die Nachfrage nach
-den kostbaren Gewändern immer lebhafter wurde. Auf zwei Straßen zog man
-durch die Steppen und Sandwüsten des Tarimbecken, entweder nördlich vom
-Steppenflusse Tarim an dem Fuße des Himmelsgebirges, des Tienschan,
-entlang, eine Straße, die in unseren Tagen die belebtere und fast
-allein betretene ist, oder südlich vom Lopnor und dem Tarim hin, zur
-linken die Gehänge des sagenreichen Kwenlun, auf einem Wege, den noch
-Marco Polo im 13. Jahrhunderte verfolgte, und den der kühnste russische
-Reisende Prschewalsky erst vor wenig Jahren wieder erreicht hat. Der
-Terekdawanpaß, nordwestlich von Kaschgar, galt als der bequemste
-Uebergang über die westliche Umwallung des Tarimbeckens.
-
-Zur selben Zeit, als am Ende des ersten Jahrhunderts unserer
-Zeitrechnung das römische Reich seine weiteste Ausdehnung nach
-Osten gewann, drang ein chinesischer Feldherr im Jahre 95 bis ans
-kaspische Meer vor. Beide Staaten rückten fast bis zur Grenzberührung
-gegen einander; aber zu weiterer politischer Beziehung gedieh diese
-Annäherung nicht, weil kaum ein Menschenalter später die Chinesen aus
-ganz Turan zurückweichen mußten.[4] Der Name der seideproducirenden
-Serer wurde zwar bei Griechen und Römern immer geläufiger, aber die
-Heimat des Volkes selbst lernte man nicht kennen, und dachte sie sich
-anfänglich viel weiter im Westen, etwa in Turan oder im Tarimbecken.
-Schon damals waren die persisch redenden Tädjik die Zwischenträger
-des Seidenhandels bis ins römische Reich. Ueber den Verlauf der
-Seidenstraße besitzen wir nur einen einzigen, aus einem ausführlichen
-Bericht gemachten dürftigen Auszug, und wenn wir hinzufügen, daß jener
-Bericht von den Handelsagenten eines makedonischen Großhändlers Maës
-Titianus herrührt, und von dem berühmten Geographen Marinus von Tyros
-aus zweiter Hand empfangen und aufgezeichnet ist und daß Ptolemäus in
-seinen kurzen Excerpten wieder auf Marinus fußt, welcher ohnehin den
-von jenem Agenten gemachten Angaben über ihre weiten Reisen keinen
-rechten Glauben schenkte, weil er meinte, alle Kaufleute renommirten
-mit der Größe ihre Expeditionen und setzten für die Entfernung der
-einzelnen Stationen zu große Ziffern an -- so kann man aus alledem wohl
-erkennen, wie schwierig es jetzt ist, den Reiseweg ins Land der Seide
-zu fixiren.
-
-Glücklicherweise können wir Ausgang und Endziel dieses Itinerars mit
-ziemlicher Sicherheit bestimmen. Die Agenten des Maës brachen von
-Baktra auf und nennen als Endpunkt ~Sera metropolis~, die Hauptstadt
-des Serervolkes, worunter höchst wahrscheinlich nur die damalige
-Hauptstadt Chinas, Tschan-ngan-fu, jetzt Si-ngan-su, gemeint sein
-kann. Unerwiesen bleibt indeß, ob sie diese Stadt wirklich erreichten.
-Sie zogen durch das Reich der Issedonen, östlich vom Pamirplateau in
-Ost-Turkestan gelegen, auf der Südseite des Tarim gegen Osten nach
-der chinesischen Sandstadt Scha-tschou, wo die fremden Kaufleute
-vermuthlich ihren Bedarf an Seidenwaaren einhandelten.
-
-In der Mitte des 2. Jahrhunderts verloren die Chinesen ihre
-Machtstellung im Gebiet des Tarim und damit die Handelskarawanen ihren
-Schutz; nur die persischen Kaufleute verstanden es, den Seidenhandel
-in der Hand zu behalten. Die chinesischen Annalen haben uns zwar
-die Nachricht erhalten, daß der römische Kaiser Markus Aurelius
-Antoninus (~An-tun~ bei den Chinesen genannt) eine Gesandtschaft nach
-China geschickt habe, aus deren Mittheilung wohl auch Pausanias die
-bisherige irrige Vorstellung über die Gewinnung der Seide berichtigen
-konnte; allein eine klarere Auffassung der ostasiatischen Länder
-erfolgte dadurch nicht, denn Pausanias selbst nennt Seria eine Insel
-im erythräischen Meere. In den Zeiten der Völkerwanderung galt dem
-Historiker Ammianus Marcellinus Serica als eine persische Provinz,
-denn die Seide kam ja durch Vermittlung der Perser. Und als unter
-Justinian die Seidenzucht selbst in Europa eingebürgert wurde, verlor
-die continentale Seidenstraße allmählich vollends ihre Bedeutung und
-hüllten sich die centralen Landschaften Asiens mehr und mehr in Dunkel.
-Auch die nur kurze Zeit dauernden freundschaftlichen Beziehungen
-zwischen dem Türkenfürsten am Balchaschsee und dem Kaiser Justinian
-waren in geographischer Hinsicht von geringem Belang, denn schon im 7.
-Jahrhundert wurden die Türken von den wieder vordringenden Chinesen
-unterworfen. China erscheint in dieser Zeit bei den Byzantinern unter
-dem Namen Taugas.
-
-Eine völlige Umgestaltung der Verhältnisse führten nach der Gründung
-des Islam die Araber herbei. Wie sie sich bisher an dem asiatischen
-Landhandel nur im beschränkten Maße betheiligt hatten, so waren sie
-im 7. Jahrhundert auch zur See über Indien noch nicht hinausgekommen
-und lernten die Sundainseln mit ihren Produkten erst später kennen.
-In raschem Siegeszuge fiel ihnen ganz Westasien zu, und so schob sich
-ihr Weltreich seit dem Beginn des 8. Jahrhunderts zwischen China und
-das Abendland ein. Seitdem der Herrschersitz der Chalifen an den
-Tigris verlegt war, wurden die Pilgerkarawanen auch die Träger des
-Landhandels. Basra erhob sich als neuer Stapelplatz, in den die Waaren
-des Ostens einströmten. Mokadassi bezeichnet sehr charakteristisch den
-persischen Meerbusen als das chinesische Meer. Ueber die Handelsplätze
-auf der Halbinsel Malaka gelangten arabische Seefahrer schon im 8.
-Jahrhundert nach China. Während sie sonst mit ihren aus Kokosplanken
-ohne Eisennägel zusammengefügten Schiffen sich nicht von den Küsten
-zu entfernen gewagt hatten, entlehnten sie von den Chinesen manche
-nautische Verbesserung, bauten festere Schiffe und steuerten, auf den
-Compaß vertrauend, über das hohe Meer in geradem Cours auf ihr Ziel
-hin. Von den Vorhäfen Bagdads aus, zuerst von Siraf, sodann von der
-Insel Kisch und in den letzten Jahrhunderten von Ormuz aus, machten
-sie den Chinesen im Handel so bedeutende Concurrenz, daß diese immer
-mehr zurückwichen. Aus dem Berichte des Kaufmanns Soleiman in der Mitte
-des 9. Jahrhunderts lernen wir den Seeweg bis Chanfu (Hang-tschou-fu)
-in China kennen. Die gewöhnliche Route nahm von dem Hafen Siraf in
-Farsistan (etwa unter 70° ö. v. Ferro) ihren Anfang, berührte jenseits
-der Ormuzstraße Maskat, erreichte in grader Fahrt nach der Malabarküste
-den Hafenplatz Kollam (Quilon), etwa 9° N., und steuerte von hier um
-Ceylon herum direct nach Malaka und weiter nach China. Wenig Jahre
-später gab Abul Kasim Ibn Kordadbeh, der Postmeister des Chalifen
-Motamid, dieselbe Handelslinie bereits nach Stationen und Entfernungen
-an, ein Zeichen, daß dieser Weg stark frequentirt wurde. Jenseit Chinas
-hört die Kenntniß auf, nur die Berge von Korea (Sila) steigen noch in
-unsicheren Umrissen empor.
-
-Aber wie die Chinesen aus dem Westen, wurden die Araber noch im 9.
-Jahrhundert aus dem Osten, aus China wieder verdrängt und zogen sich
-nach der Halbinsel Malaka zurück, wo sich als Hauptstapelplatz für die
-Gewürze, Kampfer, feine Hölzer und Zinn von den Sundainseln der Ort
-Kalah erhob. Von hier aus drangen die arabischen Schiffe bis Java und
-weiter sogar bis zur Heimat der Gewürze, bis zu den Molukken vor. Die
-Beziehungen zu China blieben aber nicht für die Dauer unterbrochen;
-im 10. Jahrhundert besuchte einer der bedeutendsten arabischen
-Reisenden, Masudi von Ceylon aus wieder die chinesischen Häfen. China
-schildert er als ein entzückendes Land mit üppiger Vegetation und
-von unzähligen Canälen durchschnitten. Aber Palmen trifft man dort
-nicht. Die Einwohner dieses Reiches übertreffen alle andern Geschöpfe
-Gottes an Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit. -- Daß der Seeverkehr
-fortdauerte, läßt sich auch daraus schließen, daß um 1137 ein reicher
-Kaufmann aus dem persischen Hafen Siraf das Heiligthum in Mekka mit
-prächtigen Seidenstoffen schmücken ließ,[5] und daß noch im 13.
-Jahrhundert Ibn Batuta, der größte arabische Reisende, nach China
-gelangte.
-
-Der innerasiatische Handel wurde nicht gestört, weil die Araber bei
-ihren Siegeszügen mit den Chinesen nicht in Kriege verwickelt wurden.
-Als etwa ums Jahr Tausend n. Chr. die ersten Türkenstämme sich zum
-Islam bekehrten und selbständige Sultanate gründeten, welche erobernd
-auch in Indien eindrangen, schoben sie sich zwischen die arabische und
-chinesische Macht als Mittelglied ein.
-
-Alle diese Verhältnisse wickelten sich aber im Oriente ab, ohne
-directen Einfluß fürs Abendland zu gewinnen, ohne dem Westen
-unmittelbaren Vortheil zu gewähren. Die lange Zeit erlahmt gewesenen
-Beziehungen nahmen aber durch die Kreuzzüge einen unerwarteten
-Aufschwung. Indem die Christen die syrischen Küsten besetzten und die
-italienischen Handelsstädte aus den Erfolgen der Kreuzheere möglichsten
-Gewinn zogen, wurde der Waarenzug nach den Ostländern ungemein belebt,
-wenn auch ein persönliches Eindringen der Kaufleute in das Innere
-der islamitischen Länder nicht statt hatte. Um dies zu ermöglichen,
-bedurfte es eines ganz neuen, nicht durch religiösen Fanatismus
-aufgeregten Factors, der vom Hochlandskerne Asiens her dem Westen zu
-friedlichem Verkehre willig die Hand reichte. Das waren die Mongolen,
-deren Einfluß aber am Anfange einer neuen Epoche steht und zu eng mit
-der folgenden Zeit verbunden ist, so daß wir sie erst im zweiten Buche
-eingehender behandeln können.
-
-Von dem arabischen Wissen bezüglich der Erdkunde kam dem Abendlande
-wenig oder gar nichts zu gute; die Kenntnisse von der östlichen Welt
-blieben unsicher, bis neue christliche Berichterstatter als Augenzeugen
-wieder von jenen Gebieten erzählen konnten.
-
-Ebenso wenig erfuhr man in Europa von den Fortschritten, welche die
-Araber an der Ostküste Afrikas, südlich vom „dritten Indien“ machten.
-Während Ptolemäus in alter Zeit, sicher durch arabische Vermittelung,
-seine Kunde von den Nilseen und den sogenannten Mondbergen erhalten
-hatte, verlor man, seit Alexandrien in die Hand des Islam gefallen
-war, die Beziehungen zum Ostrande des Afrika-Continents, wo arabische
-Händler bis zum Goldlande Sofala gelangten, aber die Südspitze Afrikas
-nicht erreichten, weil das produktenarme Land die Gewinnlust nicht
-reizen konnte. Kostbare Erzeugnisse lockten allein in so entlegene
-Regionen und trugen allein zu ihrem Bekanntwerden bei.
-
-
-
-
-Zweites Capitel.
-
-Die Abendseite der alten Welt.
-
-
-Wir haben gesehen, wie weit hinaus die Morgenseite der Erde aufgesucht
-wurde. Man gelangte zur See und zu Lande durch unermeßliche Räume
-bis zum Ostrande der Landveste; aber in der weiten Entfernung vom
-Kulturgestade des Mittelmeerbeckens verschwammen die scharfen Contouren
-immer mehr. Seide und Gewürze waren die Lockmittel langwieriger,
-beschwerlicher Reisen.
-
-Die Abendseite bot ein beschränkteres Feld, da vom Ausgange des
-Mittelmeeres die Ufersäume sich bald sowohl rechts als links bei der
-Ausfahrt in den Ocean in nördlicher und südlicher Richtung weiter
-erstreckten. Die afrikanische Westseite bot mit ihrer zunehmenden Oede
-nur sehr geringen Anlaß, an dem schmachtenden, menschenleeren Strande
-weiter vorzudringen. Wichtiger wurde frühzeitig die oceanische Seite
-Europas durch das geschätzte Zinn und den räthselhaften Bernstein. Die
-Aufhellung der Küsten unseres Continents ist diesen Handelswaaren zu
-danken.
-
-Die kühnen phönizischen Seefahrer monopolisirten anfänglich die
-Weststraße. Von den spanischen Silbergruben drangen sie durch
-die Säulen des Herkules ins Weltmeer. Nur beiläufig gedenken wir
-der von Herodot, aber nicht ohne eignen Vorbehalt, mitgetheilten
-Entdeckungsreise, welche im Auftrage Nechos um 600 vor Chr. von
-phönizischen Schiffern rings um Afrika ausgeführt wurde. Wenn diese
-große nautische That wirklich geschehen ist, hat sie doch keinerlei
-nachhaltige Resultate erzielt oder in irgend einer Weise das
-erdkundliche Wissen befördert; denn sie ist spurlos vorübergegangen.
-Wichtiger jedoch war die Fahrt des Flottenführers Hanno, der von
-Carthago, in einer nicht sicher zu bestimmenden Zeit, mit einem
-Geschwader von 60 Schiffen und angeblich 30,000 Colonisten durch
-die Meerenge segelte, um an der atlantischen Seite Afrikas Colonien
-anzulegen und nach Vollendung dieser Aufgabe einen Entdeckungszug gegen
-+Süden+ zu unternehmen. Unzweifelhaft gelangte Hanno an der Mündung
-großer Ströme (Senegal und Gambia) vorüber bis dahin, wo sich über
-dem tropischen, von echten Negern bewohnten Flachlande bedeutende
-Berggipfel erhoben, deren einen er als den Götterwagen bezeichnete.
-Der Bericht über diese sehr merkwürdige Reise hat sich in griechischer
-Uebersetzung erhalten, leider die einzige größere nach Süden gerichtete
-Unternehmung der Carthager, von welcher wir Kunde erhalten. Das
-punische Monopol in diesen oceanischen Räumen wurde erst mit dem Fall
-Carthagos gebrochen; zwar drang auch Euthymenes, ein Landsmann des
-Pytheas, bis zum Senegal (Chremetes) vor, aber die Römer haben, wenn
-auch Polybios in Begleitung Scipios die mauretanischen Küsten besuchte,
-doch den Wüstensaum der Sahara nicht überschritten und blieben weit
-hinter den Erfolgen Hannos zurück. Daß auch die Canarischen Inseln von
-den Phöniziern aufgefunden sind, läßt sich aus ihrem ursprünglichen
-Namen, die Inseln des Malkart oder Makar beweisen, ein Name, der
-bei den Griechen ursprünglich in der Form Μακάρων νῆσοι auftritt,
-woraus zunächst μακάριαι νῆσοι und lat. ~Insulae fortunatae~ wurde,
-so daß dieselben dann als die glückseligen Inseln gepriesen wurden.
-Die Gewinnung des Seepurpur (Purpurschnecke) machte diese Inseln den
-tyrischen Färbern besonders werth.[6]
-
-Wichtiger und häufiger besucht wurde die +Nordseite+ des oceanischen
-Weges jenseit der gaditanischen Meerenge. Auch nach dieser Richtung
-waren die Phönizier zuerst vorgedrungen, auch hier ist uns die
-Ueberlieferung einer großen Fahrt, vielleicht mit der von Plinius
-erwähnten Expedition des +Himilco+ identisch, überliefert, die
-in mehrfachen Ueberarbeitungen und Uebersetzungen uns in der
-Küstenbeschreibung des spätlateinischen Avienus aus dem 4. Jahrh. n.
-Chr. erhalten ist. Wir lernen daraus die iberischen und gallischen
-Küsten bis zu den Zinninseln kennen.[7] Da bereits, und sicher nur
-aus punischen Quellen, Herodot die Fundstätte des Zinn erwähnt, ohne
-ihre Lage zu kennen, denn er zweifelt an der Existenz von Zinninseln
-(III. 115), so muß jene Fahrt schon längere Zeit vor Herodot gemacht
-sein. Der Vater der Geschichte nennt aber zu gleicher Zeit auch den
-Bernstein, was uns als Beweis gelten kann, daß zu seiner Zeit die
-Phönizier auch in die Nordsee eingedrungen waren. Britannien und
-Germanien, die Heimatsstätten von Zinn und Bernstein, waren für ihn
-die äußersten Länder. Darüber hinaus ist auch die Schifffahrt weder
-der Phönizier noch der Griechen gedrungen, und wie das äußerste Land
-im Osten nach seinem wichtigsten Erzeugniß das Seidenland hieß, so
-gab’s im äußersten Nordwesten Zinninseln und Bernsteinküsten. Der
-Zinnhandel scheint sich in älterer Zeit auf der Insel Wight concentrirt
-zu haben. Die granitenen Scilly-Inseln sind nur aus Unkenntniß der
-Berichterstatter zu der Ehre gekommen, als die Cassiteriden, d. h.
-Zinninseln angesehen zu werden. Einen sehr bedeutenden Fortschritt in
-der Erkenntniß führt die Reise des +Pytheas+[8] von Massilia herbei,
-welche in das letzte Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr. zu setzen ist.
-
-Pytheas reiste als Kaufmann und Gelehrter; es war eine Entdeckungsreise
-von hervorragender Bedeutung, welche zu derselben Zeit, als Alexander
-der Große bis Indien vordrang, den Griechen die ersten zuverlässigen
-Nachrichten über den äußersten Nordwesten der Erde brachten. Pytheas
-hat Großbritannien und Irland umsegelt und gelangte nordwärts
-bis zu den Hebriden, der später so oft genannten und in der Sage
-vielfach vorkommenden ~+ultima Thule+~. Die Ursachen der Ebbe und
-Flut und den Zusammenhang der Gezeiten mit der Stellung des Mondes
-hat er zuerst erkannt. Er allein hat im hohen Norden astronomische
-Breitenbestimmungen ausgeführt. Das Ziel, das er sich im Norden setzte,
-den Polarkreis, hat er zwar nicht erreicht; aber trotzdem hat er zu
-der Lösung des Problems, die Größe der Erde zu bestimmen, beigetragen.
-Seine astronomischen Leistungen wurden von den Fachgenossen
-Eratosthenes und Hipparch in vollem Maße gewürdigt, aber von Strabo
-und Plinius, welche die meisten, aber leider entstellte Nachrichten
-von ihm übermittelt haben, nicht verstanden. Pytheas berührt auch die
-Bernsteinküste an dem deutschen Nordseestrande, aber die Ostsee war zu
-seiner Zeit noch völlig unbekannt. Kein Grieche hatte eine Ahnung von
-der Existenz des baltischen Meeres. Erst mit dem Vordringen der Römer
-nach Deutschland erhalten wir Kunde von jenem größeren Binnenmeere,
-und durch Plinius, der zuerst die Fundstätte des samländischen
-Bernsteins nennt, wird auch ein Theil des Gegengestades, der großen
-scandinavischen Halbinsel, als Insel unter dem Namen Scandinavia (=
-Insel ~Skåne~) bekannt. Ihren continentalen Zusammenhang im Norden
-lernte das Alterthum nicht kennen; weder Ptolemäus, noch Procopius
-von Cäsarea wissen es, selbst noch der im 6. Jahrh. n. Chr. lebende
-gothische Historiker Jordanus spricht von der Insel Scandza. Und doch
-hatte Procopius durch sorgfältige Erkundigungen bei den aus dem Norden
-stammenden Herulern erfahren, daß in jener großen Insel Scandinavia,
-die er für Thule hielt, im höchsten Norden 40 Tage lang die Sonne im
-Sommer nicht untergehe und ebenso lange im Winter nicht zum Vorschein
-komme; auch kannte er die auf Schneeschuhen fahrenden Schrittfinnen.
-Seine Ermittlungen reichten also weit über das Nordende des bottnischen
-Meeres und über den Polarkreis hinaus; aber der Landzusammenhang mit
-dem nördlichen Europa blieb im Dunkeln und wurde erst durch die Fahrten
-der Normannen aufgeklärt.
-
-[Illustration: Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König
-Alfred d. Gr. von Ohtheres Reise. 9. Jahrh. (Cottonian Bibliothek des
-British Museum zu London)[9]]
-
-Das Nordende Europas umsegelte im 9. Jahrhundert zuerst ein
-normannischer Edelmann +Ohthere+[10], der an der norwegischen
-Küste, vielleicht noch jenseit des Polarkreises ansässig war.
-Alfred der Große von England hat die Geschichte dieser merkwürdigen
-Entdeckungsreise in seine angelsächsische Uebersetzung von Orosius
-aufgenommen und überliefert. Ohthere erzählte danach seinem Herrn,
-dem Könige Alfred, daß er in Halgoland nördlich von allen Normannen
-an der Westsee ansässig sei. Dieser atlantischen Seite der Halbinsel
-gegenüber war damals das baltische Meer auch schon unter dem Namen
-Ostsee bekannt. Der Hauptreichthum der normannischen Edeln bestand
-in Rennthierherden, woraus auf die hohe nördliche Lage des Besitzes
-geschlossen werden kann. Das felsige Land erstreckte sich weit nach
-Norden, war aber mit Ausnahme der wenigen Plätze, wo Finnen wohnten,
-ganz öde. Diese Finnas (Lappen) beschäftigten sich im Winter mit Jagd,
-im Sommer mit Fischfang. Ohthere wünschte nun, wie er dem König Alfred
-berichtet, einstmals zu wissen, wie weit sich das Land noch gegen
-Norden ausdehne, oder ob jemand noch nördlich von den Einöden wohne. Er
-begab sich also zu Schiff und steuerte nach Norden, behielt das Meer
-zur rechten und die See zur linken und segelte drei Tage lang, bis er
-an die Nordgrenze der Fischereireviere kam. Nach anderen drei Tagen bog
-das Land nach Osten um, mit günstigem Nordwestwinde schiffte er noch
-vier Tage bis da, wo die Küste nach Süden vorlief. Südwärts steuerte
-er fünf Tage, also um die Halbinsel Lappland herum in das weiße Meer
-und kam zur Mündung eines Flusses, wo die Küsten wieder bewohnt waren,
-während die nördlichsten Striche, an denen er vorüber gefahren, sich
-menschenarm zeigten, außer wo ärmliche finnische Fischer, Vogelsteller
-und Jäger ihr Leben fristeten. Hier an der Mündung eines Flusses,
-vielleicht des Mesen oder gar der Dwina, wohnten zahlreiche Beorma
-(Biarmier), dieselben schienen sprachlich mit den Finnen verwandt,
-ließen aber die Normannen nicht weiter ins Land eindringen, erzählten
-dagegen mancherlei über ihr eignes Gebiet und die Nachbarländer. Hier
-erfahren wir auch, daß den kühnen Seefahrer nicht blos Wißbegierde
-hinausgeführt, sondern daß er sein Absehen auf einen gesuchten Artikel,
-auf Walroßzähne, gerichtet hatte, die er auch reichlich vorfand. Das
-bewohnbare Land wird an der norwegischen Küste gegen Norden immer
-schmäler, dahinter erheben sich die wüsten Gebirge, durch welche man
-nach einer Wanderung von ein bis zwei Wochen bis nach Schweden gelangt,
-das im Norden wieder vom Kwenaland (Finnland) begrenzt wird, ein Land,
-das zwischen den Felswüsten von großen Süßwasserseen durchsetzt ist,
-welche von Einwohnern mit kleinen leichten Kähnen befahren werden.
-
-Aus dieser allgemeinen Schilderung des Nordens scheint nicht
-hervorzugehen, daß Ohthere den Land-Zusammenhang Scandinaviens mit dem
-Continente von Europa erkannte. Die Ostsee war in ihrem nördlichen
-Theile noch unerforscht. Der Normanne Wulfstan, dessen Erzählung sich
-gleichfalls in dem genannten Werke des Königs Alfred findet, kam auf
-seiner Reise nicht weiter als Elbing. Auch der deutsche Historiker
-Einhard sagt noch, daß die Länge der Ostsee unbekannt sei. Erst durch
-Adam von Bremen erfahren wir im 11. Jahrhundert, daß das baltische Meer
-im Norden geschlossen sei, und daß man zu Fuß von Schweden nach Rußland
-gelangen könnte, wenn der Verkehr nicht durch die Feindseligkeit der
-Bewohner gehemmt würde.
-
-Aber noch zu dieser Zeit gelten Fahrten nach dem bottnischen und
-finnischen Theil der Ostsee als gefährliche Wagnisse und wurden die
-Namen kühner Seefahrer, wie jener des Normannen Ganund Wolf, für würdig
-erachtet, der Nachwelt überliefert zu werden.
-
-Weitaus wichtiger indeß waren für die Erweiterung der Kenntnisse die
-wiederholten Streifzüge der Wickinger durch den nördlichen Ocean,
-über Schottland und Norwegen hinaus ins Dunkelmeer. Auf den Faröer
-und auf Island trafen sie irische Mönche und Einsiedler an, so daß
-es scheinen könnte, als ob britannische Anachoreten die Entdecker
-gewesen. Und doch muß es als wahrscheinlicher bezeichnet werden, daß
-die Geistlichen erst, nachdem die Kunde von der zufälligen Entdeckung
-durch normannische Seefahrer zu ihnen gelangte, sich in die Einsamkeit
-dahin begeben und später von den Seeräubern wieder verdrängt worden
-seien. So berichtet Dicuil, der um 825 schrieb,[11] daß vor hundert
-Jahren Eremiten von Irland aus die Felsklippen der Faröer aufgesucht,
-aber sich vor den Seeräubern wieder zurückgezogen hätten, so daß diese
-Inseln, die kein früherer Schriftsteller erwähne, nun menschenleer,
-aber von unzähligen Schafen und von schwärmenden Seevögeln allein
-belebt seien. Noch später, etwa in den letzten Jahren des 8.
-Jahrhunderts hatten Geistliche auch einen Sommer auf Island, (dem Thule
-Dicuils) zugebracht. Der erste skandinavische Pirat, der ihnen folgte,
-war Nadodd, der auf der Fahrt von den Faröer nach Norwegen durch Sturm
-nach Island verschlagen wurde. Da er in dem öden Lande keine Spur von
-Menschen fand, kehrte er nach den Faröer zurück. Und doch waren einige
-wenige Mönche dort ansässig gewesen. Nadodds Fahrt fällt wohl ins
-Jahr 867. Island wurde aber in der nächsten Zeit mehrfach aufgesucht,
-ja man darf wohl sagen, ein beliebtes Ziel für Auswanderer, so daß
-bald alles urbare Land seinen Herrn gefunden hatte. Aber die unsteten
-Gesellen fanden auch hier selten Ruhe. Wie sie vielfach nur aus Noth
-oder Zwang die Heimat aufgegeben hatten, trieb die innere Unruhe oder
-der Hang zu abenteuerlichen Fahrten weiter und machte sie zu Entdeckern
-Grönlands und damit zu den ersten Europäern, die amerikanischen Boden
-betraten. Der erste, welcher das Land sah und zwar wahrscheinlich im
-ersten Drittel des 10. Jahrhunderts, war Gunnbjörn; derselbe wurde auf
-der Fahrt nach Island zu weit westwärts getrieben und entdeckte die
-nach ihm benannten Gunnbjörn-Scheeren, hinter deren Klippen sich ein
-großes Land zeigte, Grönland. Etwa 50 Jahre später suchte Snaebjörn
-die Inselgruppe von neuem auf, und um 985 oder 986 ließ sich Eirik
-der Rothe zuerst dort nieder. Er hatte wegen Todtschlags aus Norwegen
-weichen müssen, ging nach Island, wurde auch dort ausgewiesen, wandte
-sich 982 nach Gunnbjörns Land und belegte es in den folgenden Jahren,
-um Ansiedler herüberzulocken, mit dem Namen „Grünes Land“, Grönland.
-Die Niederlassung erfolgte unter nicht unbedeutendem Zuzug von Island.
-Die neue Küste war bereits von Eskimos bewohnt gewesen, wie man aus
-den vorhandenen Erdwohnungen ersah. Infolge des lebhaften Verkehrs,
-der sich von Grönland aus bis nach Norwegen entwickelte, drang die
-Kunde der Entdeckungen auch bis zu den norddeutschen Seestädten. Adam
-von Bremen berichtet,[12] daß von der Weser aus friesische Männer eine
-Fahrt nach dem Norden, die erste deutsche Polarfahrt, unternahmen
-und daß sie über Island hinaus durch ein von den dichtesten Nebeln
-bedecktes Meer nach langer beängstigender Fahrt gegen eine Felsenküste
-geführt wurden, deren im Kreise sich erhebenden Felszinnen den
-Anblick einer wohlbefestigten Stadt zu bieten schienen. Dort trafen
-sie Menschen an, welche in Erdhöhlen wohnten. Als aber einer von der
-Mannschaft von einem riesigen Hunde vor den Augen der erschreckten
-Genossen überfallen und zerrissen wurde, flohen sie auf die Schiffe und
-wandten sich zur Heimkehr. Diese merkwürdige Expedition fällt in die
-erste Hälfte des 11. Jahrhunderts.
-
-Die Normannen hatten inzwischen noch weitere Entdeckungen gemacht. Ari
-Marsson wurde von Island nach Hvitramannaland (Weißmännerland) oder,
-wie man es später auch nannte, nach Groß-Irland verschlagen; ebendahin
-geriethen in gleicher Weise bald darauf Björn Breidvikingakappi und
-Guðleifr Guðlaugsson. Wir haben unter diesem Weißmännerlande irgend
-einen nicht näher zu bestimmenden Theil der nördlichsten Küsten
-Amerikas zu verstehen. Auch Bjarni entdeckte um 986 auf seiner Fahrt
-von Island nach Grönland neue Länder, welche bald darauf von Leif,
-dem Sohne Eiriks, weiter erforscht wurden. Zuerst gerieth er, etwa
-um 1001 oder 1002, an ein klippenreiches Gestade, dem er den Namen
-Helluland beilegte (von Häll, die Felsenplatte), dann fand er weiterhin
-bewaldetes Gebiet, welches er daher Markland nannte, zuletzt traf ein
-Deutscher, der die Fahrt mitmachte, Namens Tyrkir (Dietrich) sogar
-wilden Wein. Diesen Landstrich taufte man Weinland (Vinland); demnach
-muß Leif fast bis zu 41° n. Br., also bis an die vorspringende Küste
-des heutigen Massachusetts vorgedrungen sein. Diese wichtige Entdeckung
-rief sofort eine Reihe von Versuchen hervor, an jener günstigen Küste
-Niederlassungen zu gründen. Aber die Angriffe der Eingebornen und die
-Greuelthaten der wilden Normannen gegen einander vernichteten sehr
-bald den Keim der Colonisation, doch verbreitete sich die Kunde von
-jenem Lande bis nach Deutschland, wo auch Adam von Bremen die Insel
-Winland nennt. Gänzlich hörte indeß der Verkehr dahin auch in der
-Folgezeit nicht auf, wiewohl die Entdeckungen nun eine andere Richtung
-einschlugen und im 13. Jahrhundert die Westküste Grönlands enthüllten.
-Grönländische Geistliche segelten im Jahre 1266 die Baffinsbai
-hinauf und gelangten, wie man aus den Angaben, welche über den
-Sonnenstand am 25. Juli jenes Jahres gemacht wurden, schließen kann,
-vielleicht bis über den 75° n. Br. hinaus. Bald nach der Entdeckung
-der Polarländer gewann das Christenthum festen Boden. Seit dem Anfang
-des 12. Jahrhunderts erhielt Grönland seinen eignen Bischof; der
-letzte derselben, welcher sein Bisthum selbst verwaltete, war Alfr,
-von 1368 bis 1378.[13] Seit der Zeit gab’s nur noch Titularbischöfe,
-deren Reihe erst 1537 schließt, so daß also noch nach der Reformation
-der Name Grönland fortlebt, wenn auch das Land thatsächlich wieder
-verschollen war. Wie unklar und verschwommen die Vorstellung von
-jenem Lande geworden war, lehrt ein Blick auf die Weltkarte, welche
-in der berühmten Ausgabe des Ptolemäus, Straßburg 1513 erschien, und
-in welcher Grönland als eine langgestreckte Halbinsel dargestellt
-ist, die an Nordeuropa, etwa an die Halbinsel Lappland angesetzt ist
-und gegen S.-W. sich erstreckend über Scandinavien und Großbritannien
-hinaus in den Ocean hineinreicht.[14] Noch phantastischer ist im
-venetianischen Ptolemäus von 1562 auf der ~Carta marina nuova tabula~
-das nordische Ländergemälde ausgefallen. Auch hier ist Grönland in
-gleicher Weise mit Scandinavien verbunden, hängt aber auf der andern
-Seite des westlichen Oceans mit Montagna verde (Vermont) in Nordamerika
-zusammen, welches wiederum auf breitestem Raume in Ostasien übergeht,
-so daß man trocknen Fußes von China über Nordamerika nach Scandinavien
-wandern kann. Möglicherweise ist diese Verzerrung der Küstenumrisse
-daraus entstanden, daß man im Mittelalter schon von einem Manne zu
-erzählen wußte, der diesen Weg von Grönland nach Scandinavien wirklich
-zurückgelegt habe, indem er sich unterwegs von der Milch einer
-mitgenommenen Ziege nährte.
-
-Jedenfalls leuchtet aus diesen irrigen Auffassungen der Lage Grönlands
-hervor, daß man die normannischen Colonisationsgebiete im hohen Norden
-nicht als Theile eines transatlantischen Gegengestades ansah. Daher
-knüpften auch in späterer Zeit die Entdeckungsfahrten hier nicht an,
-um an den Küsten weiter tastend, etwa Länderstriche in heißer Zone zu
-gewinnen.
-
-Indessen belebte sich der atlantische Ocean immer mehr mit allerlei
-phantastischen Inselgebilden, die man zum Theil geneigt war als
-Stationen, je mehr gegen Westen desto mehr, zunehmender Glückseligkeit
-aufzufassen. Das Alterthum kannte nur die Canarischen Inseln als
-~insulae fortunatae~. Im Mittelalter bildeten sich aber immer
-lebhafter die Vorstellungen aus von friedlichen, paradiesischen
-Eilanden im fernen Westmeere, welche weltflüchtigen Anachoreten
-zum beneidenswerthen Asyle dienen sollten. Wir wissen bereits, daß
-irische Christen von der Welt abgeschieden auf den Faröer und auf
-Island lebten; und ist es kein zufälliges Zusammentreffen, daß die
-Inselparadiese im Westmeere der Sage nach sollen von Irland aus
-gefunden sein. Die geographischen Träumereien, welche sich an den erst
-durch Mißverständniß gebildeten Namen der ~insulae fortunatae~ (s. S.
-13) anlehnten, die man im Mittelalter als die Inseln der Seligen pries,
-belebten sich namentlich auf den britischen Inseln, von wo ja manche
-die Einsamkeit aufsuchende Geistliche sich nach entlegenen Inseln
-flüchteten und wo, wie das Beispiel des irischen Mönches Dicuil im 9.
-Jahrhundert zeigt, aus den Schriften eines Plinius und Solinus alle
-Andeutungen zusammengelesen wurden, welche auf die Existenz ferner
-atlantischer Inseln hinwiesen. Die thatsächlichen Irrfahrten jener
-frommen Asketen, von denen manche, wie wir gesehen haben, sich über die
-Faröer hinaus wagten, veranlaßten auch mancherlei mythische Berichte
-von Wunderreisen. Den Mittelpunkt dieser Sage bildet die Legende von
-den Schifffahrten des +heiligen Brandan+ oder Brandon, der gegen Ende
-des 6. Jahrhunderts mit vielen Genossen von Irland aus nach einem
-solchen wunderbaren Eilande ausfuhr. Der Glaube an seltsame Inseln
-taucht schon in Plutarch (Ueber den Verfall der Orakel) auf, welcher
-berichtet, daß um Britannien herum viel öde Inseln lägen, während
-die wenigen Bewohner auf andern Eilanden für heilig und unverletzbar
-gelten. An einer andern Stelle (Vom Gesicht im Monde) schildert er, daß
-fünf Tagereisen westwärts von Britannien einige Inseln und dahinter
-ein großes Festland liegen. Die Natur der Inseln und die Milde der sie
-umgebenden Luft sei wunderbar. -- Der heilige Brandan kam nun, wie
-die Sage berichtet, wirklich zu einer paradiesischen Insel und kehrte
-erst nach jahrelangen Irrfahrten wieder heim. Die weite Verbreitung
-dieser Geschichte läßt sich daraus erkennen, daß sie fast in allen
-Sprachen des Abendlandes auftaucht und daß die Kartenzeichner des
-Mittelalters sie mehrfach, man möchte sagen zur Ausschmückung des
-nur spärlich von Inseln belebten westlichen Oceans verwendeten; aber
-besonders beachtenswerth bleibt dabei, daß die heilige Brandans-Insel
-im Lauf der Jahrhunderte immer weiter nach Süden rückt. Während wir
-nach der Sage dieses Elysium der Westsee unter der Breite Irlands
-suchen müssen, verlegt die Karte des Venezianers Pizigano, von 1367,
-dieselbe nach Madeira, der Ritter Martin Behaim auf seinem Erdapfel
-von 1492 südwestlich von den Capverden in die Nähe des Aequators. Die
-Veranlassung dazu gab die seit dem Wiederauffinden der Canarien immer
-wieder auftretende Behauptung, daß man am westlichen Horizont von
-Zeit zu Zeit eine Gebirgsinsel stets in gleicher Gestalt und Lage in
-weiter Ferne auftauchen sehe. Das Trugbild mag durch eine Nebelbank
-entstanden sein, allein der Glaube an die Existenz der Insel war so
-fest, daß sich ein portugiesischer Ritter sogar mit diesem noch erst zu
-entdeckenden Besitze belehnen ließ und daß selbst bis 1750 immer noch
-Versuche gemacht worden sind, um sie aufzufinden.
-
-Die Geschichte der Brandans-Insel steht übrigens keineswegs vereinzelt
-da, wenn es sich um alte Sagen von einsamen, fruchtbaren atlantischen
-Inseln handelt. Schon Aristoteles und nach ihm Diodor von Sicilien noch
-ausführlicher wissen von Inseln jenseits der gaditanischen Meerenge,
-welche von Phöniziern entdeckt und später von den Carthagern ausersehen
-sein sollten, ihnen für Unglücksfälle, wenn etwa ein vernichtender
-Schlag ihre Vaterstadt träfe, eine Zufluchtsstätte zu gewähren.
-Diese Ueberlieferung aus dem Alterthum lebt in einer spanischen Sage
-wieder auf, wonach zur Zeit, als die Mauren durch den entscheidenden
-Sieg über die Gothen bei Jerez de la Frontera die Herrschaft über
-Spanien gewannen, ein Erzbischof nebst 6 Bischöfen sollten, um ihren
-Glauben zu retten, auf eine entlegene atlantische Insel geflohen
-sein. Dort gründeten sie sieben Städte, wonach die Zufluchtsstätte
-die Insel der sieben Städte (~sette cidades~) genannt wurde. Aber auf
-den Karten erscheint dieses Phantasiebild nicht vor dem Anfang des
-15. Jahrhunderts. Man warf es bald mit einem andern Eilande von noch
-räthselhafterer Benennung, mit der Insel Antillia zusammen, welche erst
-im Zeitalter des Columbus ihre Bedeutung gewann; daher hier vorläufig
-nur ihre Erwähnung genügt. Auch die Insel Brasil (Brazie) westlich von
-Irland kann unter diese wesenlosen Gebilde der Phantasie gerechnet
-werden, von andern unwichtigeren zu schweigen.
-
-Mochten auch mancherlei Fahrten ins Blaue auf der Jagd nach solchen
-oceanischen Paradiesen angestellt sein, greifbare Resultate mußten
-noch ausbleiben, so lange man eines sichern Führers im freien Meere
-entbehrte. Dieser bot sich aber erst im 13. Jahrhundert dar, seitdem
-man die +polare Richtkraft des Magneten+ entdeckt hatte. Ohne alle
-Frage haben die Chinesen diese Kraft viel früher erkannt als das
-Abendland; aber wir haben keinen Anhalt dafür, es fehlt uns jeder
-Nachweis, daß die Magnetnadel aus dem Osten Asiens zu uns gewandert
-wäre. Zwar liegt es nahe, an die vermittelnde Hand arabischer Seeleute
-zu denken, welche mit der chinesischen Handelsmarine auf dem indischen
-Ocean in häufige Berührung traten, manche Verbesserungen im Seewesen
-von jenen Ostasiaten entlehnten und selbst bis nach China ihren Verkehr
-ausdehnten. Allein dann dürften wir auch erwarten, daß in jenen
-europäischen Gewässern, wo die Araber wiederum mit den seetüchtigen
-Völkern des Abendlandes zusammentrafen, auf dem Becken des Mittelmeeres
-und in den an seinen Ufern gelegenen Seestädten ein für die Schifffahrt
-so wichtiges Instrument wie der Compaß zuerst erwähnt und gewürdigt
-worden wäre. Doch dem ist nicht so. Man dürfte auch wohl erwarten,
-daß der berühmte Marco Polo, der für alles, was den Handel betrifft,
-ein besonders scharfes Auge besaß, und der seine weiten Seereisen im
-chinesischen Meere und durch den indischen Ocean auf chinesischen
-Schiffen ausführte, die Magnetnadel erwähnt und beschrieben haben
-würde, wenn in den östlichen Gebieten der alten Welt die praktische
-Verwendung des Instruments bereits eine allgemeine gewesen wäre. Aber
-Polo gedenkt desselben mit keiner Silbe. Und in Europa treffen wir
-auf die früheste Erwähnung der magnetischen Kraft gerade in Gegenden,
-welche von arabischem Einfluß nie berührt sind, nämlich in England und
-Nordfrankreich. Sonach darf man die Vermuthung aussprechen, daß die
-Nordweisung der magnetischen Nadel wie am Ostrande der alten Welt,
-so auch am Westrande derselben selbständig entdeckt ist, gerade so
-gut, wie das Abendland den Bücherdruck und das Porzellan, auch zwei
-chinesische Erfindungen, für sich wieder erfunden hat. Die beiden
-ältesten Gewährsmänner, welche den Magnet erwähnen, sind der Engländer
-Alexander Neckam, welcher seit 1180 Professor in Paris war, und der
-nordfranzösische Dichter Guiot aus Provins. Es darf dabei nicht
-unerwähnt bleiben, daß gegen das Ende des 12. Jahrhunderts mit der
-Wiederaufnahme des Studiums der physischen Schriften des Aristoteles an
-der Universität zu Paris das Studium der Naturwissenschaften neu belebt
-wurde. Wie nahe liegt da der Gedanke, jene neue, wichtige Erfindung,
-welche wir gleichsam in der Nachbarschaft von Paris zuerst erwähnt
-finden, sei auch dort wirklich gemacht. Alexander Neckam schrieb seine
-Abhandlung: ~de Utensilibus~ und sein Werk: ~de Naturis rerum~ im
-letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts, das satirische Gedicht Guiots,
-~la Bible~, wurde im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts verfaßt.
-Die ursprünglichste, roheste Art der Anwendung des Magneten, denselben
-in einem Strohhalm auf dem Wasser schwimmen zu lassen, wich allmählich
-der verbesserten Methode, den Nordweiser auf eine Nadelspitze zu
-legen. Dabei muß es befremden, diese ursprüngliche Form noch 1258
-erwähnt zu sehen. In diesem Jahre besuchte Brunetto Latini, aus Florenz
-vertrieben, den berühmten Roger Bacon und schreibt, dieser habe ihm
-unter andern einen Magneten gezeigt, der die überraschende Eigenschaft
-besitze, das Eisen anzuziehen. Wenn man eine Nadel darauf reibt und
-diese nachher an einem Strohhalm befestigt und auf dem Wasser schwimmen
-läßt, dann dreht sich die Nadel mit der Spitze gegen den Polarstern.
-Aber wiewohl diese Entdeckung für alle Seereisende von so hohem Werthe
-zu sein scheint, so muß sie zur Zeit doch noch geheim gehalten werden,
-weil es kein Schiffscapitän wagen darf, sie anzuwenden, da er sonst
-sofort in den Verdacht der Zauberei verfiele; auch würde kein Matrose
-mit ihm gehen, wenn er ein solches Instrument mitnähme, das offenbar
-unter der Beihilfe höllischer Mächte entstanden.[15] Am Mittelmeere muß
-also zur Zeit Latinis die Erfindung noch unbekannt gewesen sein, und
-ans Mittelmeer müßte die Magnetnadel doch zuerst gekommen sein, falls
-sie uns durch die Vermittelung der Araber sollte aus China überbracht
-sein.
-
-Nach 1270 wird auch die Strich- oder Windrose mit der Nadel in
-Verbindung gebracht, und so sehen wir die Bussole (ein Wort
-holländischen Ursprungs) fertig vor uns. Was für Verbesserungen der
-so oft als Erfinder des Compasses genannte Flavio Gioja aus dem
-Herzogthum Amalfi, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts
-gelebt haben soll, angebracht haben kann, ist nirgends ersichtlich.
-Der Compaß war nachweisbar vor seiner Zeit auf den Schiffen allgemein
-in Gebrauch, was sich vor allem aus dem glänzenden Aufschwung der
-nautischen Kartographie ergibt, welche uns ganz bestimmt ins 13.
-Jahrhundert zurückführt. Denn die erste nur mit Hilfe der Bussole
-in solcher Treue mögliche Darstellung der Küstenumrisse des ganzen
-Mittelmeeres, welche uns Marino Sanudo um 1320 überliefert hat, setzt
-jahrzehntelange Specialaufnahmen voraus, aus denen Sanudos Bild
-zusammengesetzt ist. Und hier ist nicht zu leugnen, daß die Seeleute
-des Mittelmeeres sich die neue Erfindung am trefflichsten zu Nutze
-machten und ihren Werth allseitig erkannten. Die Umgestaltung, welche
-die Kartographie erfuhr, war eine fundamentale. Statt wie im früheren
-Mittelalter nach dem Paradiese im äußersten Osten, orientirte man sich
-nach dem Polarstern, auf den die Magnetnadel wies und entwarf danach
-die Karten. Der Schiffer gewann mit Compaß und Seekarten auf freiem
-Meere ein bisher nicht gekanntes Gefühl der Sicherheit und steuerte
-verwegener in die dunkle Salzflut hinaus. Dauernde, auch der Nachwelt
-in sicherer Begrenzung überlieferte Entdeckungen wurden erst seit dem
-13. Jahrhundert möglich; und schon der Ausgang dieses Jahrhunderts
-zeigt uns zwei Beispiele eines kühnen Seezuges. Denn im Jahre 1281
-machten die Gebrüder Vadino und Guido de Vivaldi von Genua aus den
-Versuch, um Afrika herum nach Indien zu segeln, ein Unternehmen, das
-1291 von Ugolini Vivaldi und Teodosio Doria wiederholt wurde. Allein
-resultatlos, denn diese Expeditionen sind verschollen.
-
-Wichtiger und folgenreicher, weil „das nächste mit dem nächsten klug
-verknüpfend“, waren die Fahrten der genuesischen und venetianischen
-Kauffahrer nach der atlantischen Seite Europas, nach den Niederlanden
-und Britannien. Erst unter der zuverlässigen Führung der Bussole
-erwachte der Seeverkehr auf dem Ocean. Dem Alterthume war die Westküste
-unseres Erdtheils im höchsten Grade unwirthlich erschienen. Zu Strabo’s
-Zeiten war die Nordseite Spaniens besonders verrufen. „Dieser Strich,“
-sagt er, „hat als Oceansküste die Zugabe empfangen ohne Verbindung
-und Verkehr mit andern zu sein, so daß er sich durch Mißlichkeit der
-Bewohnung auszeichnet.“ Und auch im Mittelalter tasteten zwar einzelne
-Pilgerschiffe, die das heilige Land aufsuchten, sich in langsamer Fahrt
-an den Küsten hin, bis sie in die Säulen des Herkules einliefen; aber
-von einem regen Verkehr war nicht die Rede.
-
-Da eröffneten, etwa gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts, die Italiener
-den directen Seeweg zu den niederländischen Städten. Sie liefen wohl
-auf halbem Wege in den günstig gelegenen Hafen von Lissabon ein und
-erregten dadurch den Eifer der Portugiesen, welche bald den Seeruhm
-ihrer Lehrmeister überstrahlen sollten. Der König Diniz war der erste,
-der sein Volk auf diesen neuen Pfad des Gewinnes und des Ruhmes mit
-Erfolg hinwies. Wenn uns berichtet wird, daß noch im Laufe des 14.
-Jahrhunderts im Hafen von Lissabon zu Zeiten 400 bis 500 Seeschiffe
-lagen, so kann man aus dieser Zahl allein schon auf den wachsenden
-Verkehr im Ocean schließen.
-
-Sicher wurden durch einzelne vom Wetter aus ihrem Cours gedrängte
-Schiffe die Canarischen Inseln wieder aufgefunden. Wiederholt tauchen
-in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Nachrichten von jenen
-Eilanden auf, ohne daß man den oder die Entdecker mit Gewißheit nennen
-könnte. Am wahrscheinlichsten waren es Genuesen, aber auch Portugiesen
-und Franzosen drangen fast gleichzeitig zu den glückseligen Inseln
-vor, deren Anblick ihren Erwartungen von paradiesischen Fluren nicht
-entsprach. Im Jahre 1341 schickte Alfons IV. mehrere Schiffe dahin
-ab unter dem Commando eines Genuesen und Florentiners. Nach einer
-günstigen Fahrt von 5 Tagen kam das Geschwader im Anfang Juli zu den
-Canarien, besuchte im Laufe des Sommers mehrere von den 14 größeren
-und kleineren aufgeführten Inseln, darunter namentlich Canaria und
-wahrscheinlich auch Ferro und Forteventura, beschrieben auch den Pik
-von Teneriffa und kehrten im November zurück. In einer päbstlichen
-Verleihungsurkunde von 1344 wurden Canaria, Vingaria, Pluviaria,
-Capraria, Junonia, Embronea, Atlantica, Hesperidum, Cernent, Gorgones
-und Galeta namhaft gemacht, doch gehören einige darunter nicht zu den
-Canarien, Galeta liegt gar an der Küste von Tunis. Zuerst setzten sich
-Genuesen auf den Canarien fest, der Ritter Lancelot aus dem adligen
-Geschlechte der Malocelli in Genua legte auf der einen Insel eine
-Burg an, dieselbe erscheint auf der catalanischen Karte von 1375 als
-Lanzeroto Maloxelo. Und wenn bereits auf dem mediceischen Portulan
-von 1351 neun Inseln mit neuen Namen uns begegnen, deren Form auf
-genuesischen Dialect hindeutet, so erkennen wir daraus, daß der ersten
-von Portugal ausgesandten Expedition bald genuesische Unternehmungen
-gefolgt waren.
-
-Dahin gehören Parme (~J. de li Parme~), Palma, die Insel der Palmen,
-Linferno, die Insel der Unterwelt, womit Teneriffa bezeichnet wird,
-wegen seines hohen Vulkans.
-
-Um dieselbe Zeit, vielleicht um das Jahr 1346, fällt auch die Fahrt
-des englischen Ritters Machim, der auf seiner Flucht von England nach
-Madeira verschlagen wurde.
-
-Auch diese letztere Inselgruppe treffen wir bereits auf dem Portulan
-von 1351.[16] Neben der kleinern Insel, die noch jetzt den Namen
-Porto santo trägt, erscheint die größere I. de lo legname, d. h.
-Holzinsel; offenbar ein italienischer Name, den die späteren Besitzer,
-die Portugiesen, in den bekannten Madeira, übersetzt haben. Sogar die
-ferner liegenden Açoren sind schon aufgefunden; die südöstliche Gruppe
-derselben trägt die Bezeichnung ~insula de Cabrera~ (Ziegeninsel).
-
-[Illustration: Karte von Afrika in einem Portulano (Seekarte) von 1351.
-(In der Laurentinischen Bibliothek zu Florenz.)]
-
-So hatte man also um die Mitte des 14. Jahrhunderts den Stand der
-Kenntniß des Alterthums mindestens wieder erreicht. Den Portugiesen war
-es im nächstfolgenden Zeitraume vorbehalten, die Grenzen der bekannten
-Welt weiter hinauszurücken und, nachdem die westlichen Gestadelinien
-der alten Welt vom südlichen Cap Afrikas bis zum Nordcap Europa im
-allgemeinen ans Licht getreten war, den Anstoß zu geben für die erste
-planmäßige Durchschiffung des westlichen Oceans.
-
-Am Schlusse dieses Abschnittes haben wir noch die Reisen der
-venetianischen Gebrüder +Nicolo+ und +Antonio Zeno+ zu untersuchen,
-welche in den Ausgang des 14. Jahrhunderts fallen, und sich auf dem
-Gebiete der normannischen Seezüge im nördlichen atlantischen Ocean
-zwischen Scandinavien und Grönland bewegten, aber der Deutung und
-Erklärung im einzelnen große Schwierigkeiten entgegensetzten, so daß
-die Untersuchungen zu ganz abweichenden Ergebnissen geführt haben.
-Die Schwierigkeiten entstanden vor allem bei dem Versuch, die Namen
-der Localitäten zu enträthseln, welche den Schauplatz der Erlebnisse
-bilden, und die den alten Bericht begleitende Karte einerseits mit
-dem Texte, andrerseits mit den gegenwärtig vollständig bekannten
-thatsächlichen Verhältnissen jenes Theiles der Erdoberfläche in
-Einklang zu bringen. Am meisten hat sich R. H. Major in London um das
-Verständniß verdient gemacht.[17] Daß dabei nicht von einer fingirten
-Reise und einer Fälschung die Rede sein kann -- denn auch diese Ansicht
-ist laut geworden -- beweist die thatsächliche Kenntniß nordischer
-Verhältnisse, welche nicht blos alles übertrifft, was das Mittelalter
-in Europa über jene Gegenden wußte, sondern auch die Kenntniß in der
-Mitte des 16. Jahrhunderts übertrifft, wo der merkwürdige Bericht
-zuerst veröffentlicht wurde.
-
-Der Thatbestand ist nun folgender: Am Ende des 14. Jahrhunderts,
-wahrscheinlich 1390, und nicht 1380, wie Text und Karte angibt, rüstete
-Nicolo Zeno, einer alten venetianischen Adelsfamilie entstammend,
-aus eigenen Mitteln ein Schiff aus, um, mehr aus Neugier als aus
-Drang zu neuen Entdeckungen, den Norden Europas zu besuchen. Seit
-einem Jahrhunderte bereits befuhren venetianische Handelsschiffe
-den atlantischen Ocean von den Säulen des Herkules bis Flandern und
-Süd-England. Zeno strebte noch weiter nach Norden. Ein Sturm trieb
-sein Schiff über Britannien hinaus und warf es an den Strand der Insel
-Friesland (Faröer). Aus den Händen der Strandräuber, welche sich des
-Strandguts bemächtigten, befreite die Schiffbrüchigen der Beherrscher
-eines Nachbargebietes, welchen Zeno Zichmni nannte. Aus Dankbarkeit
-trat der Venetianer in die Dienste seines Befreiers und lud nun seinen
-in Venedig weilenden Bruder Antonio brieflich ein, zu ihm zu kommen.
-Antonio folgte dieser Einladung. Vier Jahre nach seiner Ankunft auf
-den nordschottischen Inseln starb Nicolo in Friesland. Antonio blieb
-aber noch 10 Jahre und schrieb während dieser Zeit mehrere Briefe
-an seinen Bruder Carlo, der in Venedig eine hervorragende Rolle
-spielte. Die Briefe der venetianischen Nordlandsfahrer blieben im
-Familienarchive zu Venedig, bis ein späterer Nachkomme des Geschlechts,
-Nicolo Zeno der Jüngere, geb. 1515, als unverständiger Knabe diese
-Dokumente durch Zufall in die Hände bekam, und da er ihren Werth nicht
-kannte, zum Theil zerriß. Erst später, in reiferen Jahren, suchte
-er die Bruchstücke zusammen und entwarf danach die Geschichte jener
-abenteuerlichen Fahrten seiner Vorfahren. Auch copirte er eine alte,
-halb vermoderte Originalkarte und ergänzte sie nach seinem Verständniß
-und seiner Auffassung. Das Ganze veröffentlichte er dann 1558 unter dem
-Titel: ~Dello scoprimento dell’ Isole Frislanda, Eslanda, Engronelanda,
-Estotilanda, Icaria, fatto per due fratelli Zeni, M. Nicolo il
-Cavaliere et M. Antonio.~
-
-[Illustration: _Gailland, Berlin, phototyp._
-
-Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno. (Copie in ca. ¼ der
-Größe des Originals von 1558.)]
-
-Joh. Reinhold Forster wies 1784 in seiner Geschichte der Entdeckungen
-und Seefahrten im Norden (S. 217-250) zuerst auf die Glaubwürdigkeit
-und den Werth des Berichtes hin. Auch Al. v. Humboldt sprach sich
-in seinen kritischen Untersuchungen etc. (deutsch v. Ideler, Bd. I,
-337) dahin aus, daß, wenn man den Bericht ohne vorgefaßte Meinung
-untersuche, man in demselben Wahrheitsliebe und eine ins Einzelne
-gehende Beschreibung von Gegenständen finde, zu welcher nichts in
-Europa den ersten Gedanken an die Hand gegeben haben könnte. Dagegen
-erklärte der dänische Admiral Zahrtmann (~Journal Royal geogr. Soc.
-London. Vol. 5~) das Ganze für eine Erfindung des jüngeren Zeno.
-
-H. Major hat nun die Echtheit des Berichts zuerst an den Oertlichkeiten
-der Faröer nachgewiesen. Es handelt sich um einen Wikingerzug des
-Zichmni, des Herrn von Porlanda und Sorona.
-
-Die Namen sind sämmtlich nur nach dem Gehör, nach dem Klange der
-Aussprache aufgefaßt und dann dem Italienischen angepaßt und umgeformt.
-So hat bereits Forster gefunden, daß in dem räthselhaften Zichmni der
-schottische Häuptling Henry +Sinclair+ of Roslyn steckt, welcher von
-Hakon VI. von Norwegen die Herrschaft über die Orkneys und Caithneß
-erhielt. Der Pentland-Firth scheidet die beiden Besitzungen. Aus
-Pentland macht der Italiener Porlanda und die begleitende Karte
-entstellt diesen Namen, durch falsche Lesung, in Podanda (für ~rl~ ist
-~d~ gesetzt).
-
-Aus Caithneß wird Contanes und unter Sorona ist die kleine Insel
-Swona in dem Pentland-Firth zu verstehen. Zichmnis Geschwader wollte
-Friesland erobern. Im Altdänischen aber heißt die Faröergruppe
-Faeröisland, und in der Biographie des Columbus erzählt sein Sohn
-Ferdinand, daß sein Vater im Jahre 1477 von Bristol nach Frislanda
-gesegelt sei. Daraus wird die Identität von Faröer und Friesland
-ersichtlich. Daß aber der jüngere Zeno diesen Namen nicht aus der
-Biographie des Columbus entlehnen konnte, erhellt daraus, daß diese
-Lebensbeschreibung später, nämlich erst im Jahre 1571, also +nach+
-dem Reisebericht Zenos veröffentlicht wurde. Wenn die alte Karte
-Friesland als eine compakte große Insel darstellt, so fällt dieser
-Irrthum vorwiegend dem jungen Zeno zur Last. Zichmnis Flotte nahm ohne
-große Schwierigkeit die Inseln Ledovo und Ilofe (verschrieben für
-Slofe) und andere kleine Inseln im Golfe Sudero in Besitz. In diesem
-Golf erkennen wir den Suderoefjörd zwischen den beiden Inseln Suderoe
-und Sandoe. Dann ergibt sich für Ledovo die kleine fast unzugängliche
-Felseninsel Little Dimon und für Slofe das Nachbareiland Skuoe. Weiter
-ging das Geschwader nach dem Hafen Sanestol (d. h. Sandoe) und landete
-bei dem Orte Bondendon (wahrscheinlich Norderdahl auf Stromoe). Von
-hier zogen die Eroberer quer durch die Insel zur Hauptstadt Frislanda,
-welche an einer sehr fischreichen Bai lag, von wo sich Schiffe von
-Flandern, Britannien, Norwegen und Dänemark mit Fischen versorgten.
-
-Die Hauptstadt Thorshaven, welche hier gemeint ist, belegt der
-Venetianer mit dem Namen der Inselgruppe. Der Reichthum an Fischen ist
-hier seit alters berühmt. Später leitete Nicolo Zeno ein ähnliches
-Unternehmen gegen Estland (d. h. Shetland-Inseln), wobei mehrere
-Schiffe nach der Insel Grislanda südwärts verschlagen wurden. Das
-Hauptland der Orkneys heißt Hroß-ey, oder Groß-ey oder ~gross-island~,
-woraus sich die Form Grisland bildete.
-
-Der jüngere Zeno, welcher aus Unverstand Estland für Island nahm,
-verlegte auch Grislanda an die Küsten jener großen Insel, obwohl der
-Originaltext von „~le Islande~“, also von mehreren Inseln spricht;
-in Folge dieses Grundirrthums werden aber auch alle nach Shetland
-gehörigen Namen an das Gestade von Island verschoben, nämlich Talas (=
-Yelli), Broas (= Barras), Iscant (= Unst), Trans (= St. Ronans Isle),
-Mimant (= Mainland), Dambere (= Hamna) und Bras (= Bressay).
-
-Es lassen sich also alle Localitäten wieder erkennen und gehörigen
-Orts befestigen. Die durch Zeno den jüngeren in die Karte gebrachten
-groben Fehler sind von dem Originalberichte nicht verschuldet,
-bestärken aber die Glaubwürdigkeit der Erzählung; denn wenn das Ganze
-eine müßige Erfindung des 16. Jahrhunderts wäre, würde sie an solchen
-geographischen Verstößen gar bald entlarvt werden können. Jener erste
-Zug nach den Faröer geschah wahrscheinlich im Jahre 1390, der gegen
-Shetland 1391.[18]
-
-Im Juli des folgenden Jahres ging Nicolo mit 3 kleinen Schiffen auf
-Entdeckung aus nach Engroneland oder Grenland. Bei dieser Fahrt,
-welche uns über die Grenzen der den Süd-Europäern bekannten Nordwelt
-hinausführt, wurde Island und wohl auch Grönland berührt. Aber der
-Bericht wirft offenbar isländische Verhältnisse nach Grönland. Ob diese
-Versehen dem Originalberichte zur Last fallen, oder ob die Bruchstücke
-desselben durch den jüngeren Zeno falsch zusammengefügt sind, läßt
-sich nicht mehr erkennen; doch liegt die Verwechslung klar vor Augen,
-wenn wir dem Berichte folgen. Danach fand nämlich der ältere Nicolo in
-Grönland ein Kloster mit Predigermönchen und eine Kirche des heiligen
-Thomas am Fuße eines thätigen Vulkans. Die in der Nähe befindliche
-heiße Quelle hatten die Geistlichen zu ihrer Ansiedlung geleitet, um
-Kirche und Kloster damit zu heizen und das kochende Wasser selbst zur
-Bereitung der Speisen zu verwenden oder in erwärmten Beeten Früchte und
-Blumen zu erzielen, die nur in gemäßigteren Himmelsstrichen gedeihen.
-Neben dem Kloster leben Wilde (also Eskimos), welche Fischfang treiben
-und Böte in Gestalt eines Weberschiffchens besitzen. Sie befestigen
-über das Gerippe von Fischknochen Häute und nähen dieselben fest
-zusammen, so daß diese leichten Fahrzeuge allen Stürmen trotzen.
-Während die Art der Ansiedlung und die Benutzung der Thermen nur nach
-Island paßt,[19] denn in Grönland gibt und gab es auch damals keine
-thätigen Vulkane, ist das Seegewerbe der Eingeborenen charakteristisch
-für die grönländischen Eskimos. Eine genaue Kenntniß des südlichen
-Grönland verräth aber auch der Name der Südspitze Avorf, welche in der
-dem 14. Jahrhundert angehörigen Beschreibung Grönlands von Ivar Bardsen
-„Hvarf“ und in der Chorographie Björn Jansens Haf-hvarf heißt, wofür
-die Karte Zenos ~Af promontorium~ setzt.
-
-Nicolo Zeno erlag den für einen Südländer unerträglichen Wirkungen
-des polaren Klimas und starb bald nach seiner Rückkehr auf Frisland.
-In seine Stellung und seine Würden rückte sein Bruder Antonio, den
-Sinclair noch jahrelang bei sich festzuhalten wußte und sogar auf
-einer großartig geplanten Entdeckungsfahrt nach westlichen Ländern
-mitnahm. Sinclair hatte nämlich durch Fischer, die vor 25 Jahren über
-den atlantischen Ocean nach Westen verschlagen waren, von großen
-Inseln und weiten Festlandsstrichen Kunde erhalten und beschloß jene
-Länder aufzusuchen. Der Bericht der Verschlagenen, den ein Brief des
-Antonio an seinen Bruder Carlo in Venedig ausführlich wiedergibt,
-klingt zwar in manchen Einzelheiten befremdend, verräth aber in großen
-allgemeinen Zügen eine Kunde der nordamerikanischen Küsten bis nach
-Mexiko. Da nun erwiesenermaßen die Normannen bereits im 11. Jahrhundert
-Ansiedelungsversuche am Strande der Neuengland-Staaten gemacht hatten,
-so bleibt die Möglichkeit weiterer abenteuerlicher, durch Zufall
-veranlaßter Fahrten nach jenen Gegenden keineswegs ausgeschlossen.
-
-Jene Fischer nun hatten erzählt, daß sie 1000 Meilen westlich von
-Friesland durch den Sturm an die Insel Estotiland getrieben seien,
-welche kleiner als Island, aber viel fruchtbarer war und in der Mitte
-einen hohen Berg hatte. Die Einwohner zeigten sich intelligent,
-freundlich, besaßen eine eigne Sprache und Schrift, in des Königs
-Bibliothek fanden sich sogar lateinische Bücher. Sie verkehrten auf
-ihren Segelbooten sogar mit Grönland, kannten aber den Compaß nicht.
-Nachdem sie fünf Jahre im Lande geblieben waren, machten unsere Fischer
-eine Fahrt gegen Süden zum Lande Drogio. Dort wohnten rohe Canibalen,
-welche einen Theil der Mannschaft erschlugen und verzehrten. Sie
-besaßen kein Metall, ihre Lanzen bestanden nur aus Holz. Aber weiter
-südwärts wurden sie civilisirter, wohnten in Städten und opferten in
-ihren Götzentempeln Menschen, deren Fleisch dann verspeist wurde. Das
-Land war reich an Gold und Silber.
-
-Während wir in Estotiland Spuren normannischer Ansiedlung erkennen,
-wenn auch die Kulturverhältnisse in allzustarken Farben ausgemalt sind,
-lassen sich die Angaben über die südlichen Kulturländer mit ihrem
-Goldreichthum, ihren Götzentempeln und Menschenopfern ungezwungen auf
-Mexiko deuten. Doch sind Estotiland und Drogio nicht zu identificiren.
-
-Nur ein Fischer kehrte nach Jahren zurück und sollte auf Sinclairs
-Zuge als Führer dienen, aber leider starb derselbe kurz vor Aufbruch
-der Flotte. So verfehlte Sinclair auch bald den Weg und wurde durch
-Sturm gegen Südwesten nach der Insel Icaria verschlagen. Es ist wohl
-nur italienische Phantasterei, wenn der jüngere Zeno dazu bemerkt:
-Alle Könige hießen dort Icari, nach dem ersten Könige, der ein Sohn
-des Königs Dedalus von Schottland gewesen sei. Schon Forster hat in
-dem Icaria richtig die Landschaft Kerry in Irland erkannt, wozu alle
-geschilderten Verhältnisse, das feindselig abwehrende Verhalten der
-Bevölkerung u. a. paßt. Von hier gelangte die Flotte nach Grönland,
-kehrte aber nach kurzem Besuch wieder nach den Orkneys zurück.
-
-Wenn auch in dem ganzen Bericht noch manche Dunkelheiten ungelöst
-bleiben, so wird doch eine unbefangene Kritik den echten Kern
-anerkennen müssen und darf das Ganze nicht als leere Erfindung
-verwerfen. Von besonderem Interesse ist, daß Zeno uns als der letzte
-von den normannischen Ansiedlungen in Amerika berichtet. Die vom
-jüngeren Zeno entworfene Karte enthält trotz gewaltiger Irrthümer
-und Ungeheuerlichkeiten, welche indeß von den Kartographen des 16.
-Jahrhunderts vielfach getreu copirt wurden, manche zutreffende Züge und
-geographische Wahrheiten.
-
-
-
-
-Zweites Buch.
-
-Die Vorhalle der großen Zeit.
-
-
-
-
-Erstes Capitel.
-
-Die Morgenseite der alten Welt.
-
-1. Der Orient seit Beginn der Mongolenherrschaft.
-
-
-Beim Anbruch einer neuen Zeit richten wir unsern Blick wieder
-nach Osten, um eine längst verschollene Kunde, wie sie von fernen
-reichen Ländern in alter Zeit erklungen, aufs neue zu vernehmen. Die
-Herrschaft der Araber hatte anfangs den Kenntnissen im Abendlande von
-den Verhältnissen im Innern Asiens keine Förderung gewährt. Ums Jahr
-1000 n. Chr. kannte man thatsächlich von ganz Asien kaum mehr als die
-heiligen Walfahrtstätten in Palästina, und begnügte sich auch damit.
-Die Araber ließen die frommen Pilger aus dem Westen gewähren, deren
-Wißbegierde in dem Rahmen religiöser Traditionen beschränkt blieb.
-Anders gestalteten sich die Verhältnisse, als Türken und Seldschucken
-Herren jener heiligen Stätten wurden und in Folge der Bedrückung der
-christlichen Waller eine gewaltige Bewegung durch Europa ging, welche
-die Kreuzzüge veranlaßte. Zwar haben dieselben unsere Kenntniß von
-Westasien nicht über Mesopotamien hinaus bereichert, aber die Berührung
-mit der arabischen Bildung weckte den Geist der Forschung wieder im
-Abendlande und trug so wenigstens mittelbar dazu bei, das entschwundene
-geographische Interesse neu zu beleben. Durch die Araber lernte man
-wieder die griechischen Schriftsteller, namentlich Aristoteles, kennen
-und die größten Geister des Abendlandes, Albertus Magnus († 1280) und
-Roger Bacon († 1292 oder 1294) wandten sich wieder dem Studium der
-Naturwissenschaften zu.
-
-Den ersten directen Anstoß aber zu bedeutenden Reisen in bisher
-unbekannten Regionen gab die Bildung des mongolischen Weltreichs.
-Es war im Beginn des 13. Jahrhunderts, daß der kühne Häuptling
-+Temudschin+ zahlreiche mongolische und tatarische Stämme der
-asiatischen Steppe unter seinem Scepter vereinigte und den Namen
-eines Großfürsten, „+Tschingischan+“, annahm. Der Name Khan bedeutet
-einfach „der Herr“ und wird allen tatarischen Häuptlingen beigelegt,
-mögen sie souverän sein oder nicht. In Indien bildet er noch jetzt den
-gewöhnlichen Zusatz zu den Namen der Mohammedaner aller Klassen. ~Ḳaán~
-oder ~Châḳán~ (bei den byzantinischen Schriftstellern Χαγάνος) war
-dagegen der specielle Titel des höchsten mongolischen Fürsten; danach
-würde der Titel Temudschins richtiger als Tschingischagan bezeichnet
-werden müssen. In einem verheerenden Völkersturm, wie jener Erdtheil
-keinen zweiten gesehen und erlitten hat, lag binnen 20 Jahren fast
-ganz Asien zu seinen Füßen. Die Völkerflut nach Osten überschwemmte
-Tangut und Nordchina, die Kriegswoge nach Westen und Süden brach über
-Turan und Iran herein. Throne stürzten zusammen unter seiner unerhörten
-Wucht, volkreiche Städte verschwanden vom Erdboden, Millionen von
-Menschen verloren ihr Leben. Auch mit dem Tode Temudschins († 1227)
-kamen die aufgeregten Massen nicht zur Ruhe. Von den vier Söhnen des
-Großfürsten gelangte +Okkodai+ zur obersten Nachfolge. Nach Westen
-drangen seine Heere durch die Ebenen Rußlands bis nach Schlesien vor,
-Moskau wurde erobert, Kiew ging in Flammen auf. Erst an den Sudeten
-brach sich die Sturmflut; aber in Westasien wurden Armenien, Kleinasien
-und Syrien überrannt, in Ostasien wurde Südchina unter der Regierung
-des Chagan +Kublai+ eine Beute der Mongolen.
-
- +Genealogie des Hauses Temudschin.+
-
- I. +Temudschin+, Tschingis Kaan.
- |
- +-------------+--------------+--------------------------------+
- | | | |
- Tuli. II. +Okkodai Kaan.+ Tschagatai. Juji.
- | | | |
- | III. +Kuyuk+ | |
- | +Kaan.+ | |
- | +-------+--------+-------+------+ |
- | | | | | | |
- | Kadami. Sarban. 2. Yessu Muwa Juji. |
- | Mangku. Tukan. |
- | |
- | Chane von Tschagatai. |
- | |
- +--+--------------+--------------+ +----------+---+
- | | | | |
- 1. Hulaku. V. +Kublai+ IV. +Mangku+ 4. Barka. 1. Batu.
- | +Kaan.+ +Kaan.+ |
- | | +----------+
- | Tschingkim. | |
- | | 3. Ulagji. 2. Sartak.
- | |
- | VI. +Timur Kaan.+ Chane von Kiptschak.
- |
- +----------------+--------------+
- | | |
- 3. Tigubar-Ahmed. Tarakai 2. Abaka.
- | |
- | +------------+
- | | |
- 6. Baidu. 5. Kaichatu. 4. Argun.
- |
- +-----------+
- | |
- 8. Oljaitu. 7. Gasan.
-
- Chane von Persien.
-
-Die christlichen Kreuzfahrer, die mit immer weniger Aussicht auf
-Erfolg gegen die mohammedanischen Staaten in Kleinasien, Syrien und
-Aegypten um den Besitz des heiligen Landes gerungen hatten, sahen in
-den Mongolen einen willkommenen Helfer gegen den zähen Erzfeind ihres
-Glaubens. Sie nahmen aber auch mit besonderer Freude wahr, daß die
-neuen Weltstürmer aus Innerasien keineswegs den religiösen Fanatismus
-der Araber und Türken besaßen, sich vielmehr dem christlichen Glauben
-ebenso geneigt zeigten als der Lehre Mohammeds. Es liegt das schon in
-der wesentlich verschiedenen Rassenanlage der Mongolen und Semiten
-begründet.
-
-Man kann sich in religiösen Dingen kein nüchterneres Volk denken als
-die Chinesen, während dagegen der Semite Westasiens, der Begründer des
-Monotheismus und leider auch des religiösen Fanatismus, auf religiösen
-Fundamenten sein geistiges Leben aufbaut. Die Glaubensglut des
-Islam übertrug sich auch auf türkische Stämme; aber nicht auf die
-Mongolen. Diese sahen nicht jeden Christen als solchen für einen Feind
-an. Sie ließen jeden in seinem Glauben gewähren.
-
-[Illustration: _artist. Inst._, _Leipzig-Reudnitz._
-
-_G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin._]
-
-Es gab wirklich Christen unter ihnen in nicht geringer Anzahl. Nicht
-blos, daß einzelne Gläubige mit den großen Völkerwellen vom heimischen
-Boden weit hinweg gespült worden waren; -- trafen doch die Sendboten
-des Pabstes am Hofe der Chagane in Karakorum, südlich vom Baikal,
-Franzosen und Ungarn und begegnete dem Marco Polo sogar noch in
-China ein Deutscher; -- nein, ganze Stämme des großen vielsprachigen
-Reiches neigten zum Christenthum und es wird von manchen Städten im
-fernen Osten berichtet, daß nestorianische Christen bis dahin ihren
-Glauben verbreitet. Als Christen galten die Kerai in N.-W. von China;
-als Nestorianer bezeichnet Rubruck den Stamm der Naiman am obern
-Irtysch. Viele Christen hatten sich sogar in dem Dienst und Gefolge der
-mongolischen Fürsten eine geachtete und einflußreiche Stellung errungen
-und, was besonders betont werden muß, die Großfürsten des Weltreichs
-selbst waren in die directe Berührung mit dem Christenthum durch
-eingegangene Ehen gebracht. Die Mongolenkaiser +Kublai+ und sein Bruder
-+Hulaku+ stammen von christlichen Müttern ab, deren Einfluß nicht zu
-unterschätzen ist. Gesandtschaften und Briefe gingen hin und her, es
-entspann sich ein freundschaftlicher Verkehr zwischen den Häuptern
-der Christenheit und den Chaganen, und mehr als einmal wurde das
-Interesse des Pabstes lebhaft durch die Aussicht auf ein segensreiches
-Arbeitsfeld von unermeßlicher Weite im fernen Morgenlande angeregt.
-Darf man unter solchen Umständen den Plan einer systematischen
-Missionsarbeit unter den Mongolen absolut verwerfen oder auch nur als
-gar zu sanguinisch bezeichnen?
-
-
-2. Der Presbyter Johannes.
-
-Vor allem zog aber mächtig die geheimnißvolle, halb in sagenhafte Züge
-gehüllte Gestalt eines großen Königs an, der im Abendlande allgemein
-unter dem Namen des Priesterkönigs oder +Presbyter Johannes+ bekannt
-war, und der über ein durchaus christliches Volk herrschen sollte.
-Das eigenthümliche Dunkel, das über dieser Gestalt liegt, ist noch
-nicht völlig gelichtet; es scheint aber, als ob nach einander mehrere
-bedeutende historische Persönlichkeiten des Morgenlandes mit einander
-verschmolzen wären und nach einander für den Priesterkönig gegolten
-hätten.
-
-Die erste Nachricht über ihn bringt der deutsche Geschichtsschreiber
-Otto von Freising, der Stiefbruder Kaiser Konrads III. Derselbe
-erzählt, er habe im Jahre 1145 in Viterbo den Bischof von Gabula (Jibal
-im nördlichen Syrien) getroffen, der unter Thränen von den Gefahren
-erzählt, welche seit dem Falle von Edessa die christliche Kirche
-bedrohe. Vor wenigen Jahren, erzählte der Bischof, sei im fernen Osten
-jenseit Armenien und Persien ein gewisser Johannes, Priester und
-König zugleich über ein nestorianisches Volk, aufgetreten, habe erst
-die medische Hauptstadt Egbatana erobert und dann die Samiardischen
-Bruderkönige, die in Persien und Medien herrschten, in dreitägiger
-Schlacht besiegt und sei weiter nach Westen gerückt, um der bedrängten
-Kirche in Jerusalem beizustehen. Aber der Tigris habe seinem Zuge Halt
-geboten und ihn zur Umkehr genöthigt.
-
-Die hier erwähnten Ereignisse sind von Professor Bruun[20] auf Johann
-Orbelian (Ivané Orpel), den Großwürdenträger und siegreichen Feldherrn
-des georgischen Königs David gedeutet, der den Türken um 1123 oder 1124
-die Stadt Ani in Armenien abgewann. -- Das Geschlecht der Orbeliane
-besaß zwar in seinen außerordentlichen Privilegien fast königliche
-Macht und namentlich Johannes Orbelian war der Stolz der Georgier;
-allein seine Thaten sind doch nicht gewaltig und seine Stellung nicht
-unabhängig genug, um ihn kurzweg als Priesterkönig bezeichnen zu
-können, und der große blutige Sieg über die Samiardischen Brüder bleibt
-auch ohne entsprechenden Beleg. Die Identität des Priesters Johannes
-mit Johann Orbelian bleibt daher unerwiesen, wenn auch, abgesehen von
-dem zutreffenden Namen Johann und der Existenz eines christlichen
-Volkes und Fürsten, für diese Hypothese noch die Thatsachen sprechen,
-daß Groß-Armenien als der ferne Orient angesehen wurde und daß
-georgische Könige den Christen in Palästina mehrfach Hilfe zu bringen
-suchten.
-
-Auf der andern Seite muß aber darauf hingewiesen werden, daß die
-christlichen Sendboten und Kaufleute, welche in Asien eindrangen, seit
-dem 13. Jahrhundert den Priesterkönig viel weiter im Osten suchten und
-an Armenien nicht dachten. Und in der That leiten auch die Nachrichten
-Ottos von Freising über die Nachbarländer Syriens hinaus. Den Kern
-der Untersuchung muß die verhängnißvolle Schlacht bilden, in welcher
-der Beherrscher Persiens unterlag. Es wird sich dabei zwar ergeben,
-daß in Ottos Berichte Irrthümer mit unterlaufen und andere dunkle
-Punkte, namentlich die angebliche Eroberung von Ekbatana und der Zug
-an den Tigris, unerledigt bleiben; allein das Endresultat fällt doch
-befriedigender aus als bei der ersten Hypothese.
-
-Jene Niederlage nun der Perser, welche nach der Angabe des Bischofs
-von Gabula nur wenige Jahre vor 1145 erfolgte, fällt ins Jahr 1141.
-Etwa hundert Jahre früher hatten seldschuckische Sultane die Herrschaft
-in Persien gewonnen und ihre Macht bis Kleinasien und Aegypten
-ausgedehnt. Um 1105 theilte sich das große Reich in zwei Staaten unter
-den Brüdern +Mohammed+ und +Sandschar+. Das sind die Samiardischen
-(richtiger Saniardischen) Brüder, nach dem mächtigeren und weit länger
-regierenden Sandschar (Saniard) benannt; denn Mohammed starb bereits
-1118, Sandschar aber erst 1157. Sandschar behauptete als Sultan das
-Uebergewicht im Osten, während seine Neffen, die Söhne Mohammeds, von
-ihm abhängig wurden. Es ist demnach ungenau, wenn noch um 1145 Otto von
-Freising von Saniardischen +Brüdern+ spricht.
-
-Zu den von Persien abhängigen Staaten gehörte damals auch Chowaresmien
-am untern Amu-Darja; dieser Staat strebte nach Selbständigkeit. Der
-Sohn des dortigen Schahs Atsis war von Sandschar getödtet worden; aus
-Rache rief Atsis die sogenannten Karachitanen oder Khata zur Hilfe
-herbei.
-
-Der älteste arabische Schriftsteller, welcher über diese Ereignisse
-berichtet, ist Ibn-el-Athir (1160-1233). Derselbe erzählt, Atsis habe,
-aufgebracht über die Ermordung seines Sohnes, zu den Khata gesandt,
-welche in Ma-vera-el-nahr (Transoxanien) wohnten, und in ihnen die
-Hoffnung auf Landgewinn erregt. Indem er ihnen die Sache sehr leicht
-vorstellte, reizte er sie, in Sandschars Reich einzufallen. Demzufolge
-brachen sie mit 300,000 Reitern auf, Sandschar ging ihnen mit seiner
-Armee entgegen und erlitt in der Nähe von Samarkand eine blutige
-Niederlage, in welcher 100,000 fielen, darunter 12,000 Vornehme und
-4000 Weiber. Sandschar floh nach Balch.[21]
-
-Diese Khata werden auch als ungläubige Türken bezeichnet. Ihren
-Anführer nennt der arabische Historiker einen Chinesen, dessen Titel
-Ku-chan, richtiger Kur-chan, war.
-
-Mit zusammengerafften tatarischen und chinesischen Völkern war also
-dieser Heeresfürst im Westen erschienen und in die islamitischen Länder
-eingebrochen, wo er dem bisher stets siegreichen Sandschar den ersten
-empfindlichen Schlag versetzte.
-
-Welche Bewandtniß es mit dieser Völkerbewegung hatte, erfahren wir aus
-chinesischen Quellen.
-
-Ein wahrscheinlich zur Gruppe der Tungusen gehöriger Volksstamm
-in der Mandschurei, den die Chinesen +Chitanen+ benannten, hatte
-sich im Laufe der Jahrhunderte aus rohen Zuständen allmählich zu
-einer gewissen Kultur emporgearbeitet und so gekräftigt einen Staat
-gebildet, der, die Nachbargebiete beherrschend, im Jahre 907 bereits
-über Nordchina hin bis zum Lop-nor reichte und bald darauf Nordchina
-selbst unterwarf. Dieses Reich der Chitanen wurde weiter im Westen
-unter dem Namen +Khitai, Khathay+ bekannt und bestand bis zum Jahre
-1123. Dann wurde es aus dem chinesischen Besitze wieder verdrängt.
-Der Vetter und Oberfeldherr des letzten Kaisers der Chitanen,
-Yeliutasche, gründete im Westen vom Lop-nor ein neues Reich, das sich
-durch glückliche Eroberungen über das Pamirhochland hinaus bis an den
-Oxus in West-Turkistan erstreckte, wo der Sohn des ersten Fürsten,
-+Yeliuyliui+ († 1153) bei Samarkand den Sultan Sandschar im September
-1141 besiegte. So rückte dieses Reich fast bis ans kaspische Meer vor
-und erscholl sein Name auch in Europa. Die Fürsten trugen den Titel
-Korchan oder Gurchan (woraus allmählich durch Umgestaltung Johannes
-wurde) und ihr neugegründetes Reich hieß das Reich der Karachitanen
-oder schwarzen Chitanen. Dort im Osten des kaspischen Meeres suchten
-die abendländischen Reisenden zuerst den Priesterkönig, und als man
-ihn nicht mehr vorfand, denn das Reich war schon 1215 von Temudschin
-zerstört, floh es vor dem suchenden Blick immer weiter nach Osten, +bis
-man China selbst mit dem Namen Kithai oder Cathay, Cathaya belegte+,
-und an dieser Benennung Jahrhunderte lang festhielt.
-
-Rubruck und Marco Polo hielten den Fürsten „Ungchan“ der Keraiten in
-der östlichen Mongolei für den Johannes und verwechselten denselben mit
-Yeliutasche. Die Verwechselungen und Verschiebungen dieser mythischen
-Gestalt eines Priesterkönigs dauerten auch im 14. Jahrhundert weiter,
-wo man ihn in dem christlichen König von Habesch glaubte richtig
-entdeckt zu haben; im 15. Jahrhundert wurde er dort von Heinrich
-dem Seefahrer gesucht. Es gingen noch am Ende dieses und selbst im
-nächsten, im 16. Jahrhunderte, portugiesische Gesandte an den Priester
-Johannes ab. Im Abendlande hat man sich lange an dieser Erscheinung
-erbaut und fand etwas tröstliches darin, fern im Osten einen
-unbekannten, aber mächtigen Bundesgenossen sich vorzustellen, der den
-bedrängten Christen Hilfe bringen könne.
-
-
-3. Die ersten christlichen Glaubensboten im Orient.
-
-Der Plan, mit der mongolischen Welt direct in Verkehr zu treten, wurde
-zuerst vom Pabste Innocenz IV. auf dem Concil zu Lyon 1245 gefaßt. Er
-entschloß sich, zwei verschiedene geistliche Gesandtschaften nach dem
-Morgenlande abzuordnen. -- Werfen wir zur Orientirung zunächst einen
-Blick auf die politische Gestaltung der mongolischen Staaten.
-
-Nach Tschingischagans Tode verblieb die oberste Gewalt seinen Söhnen,
-einer unter ihnen empfing den Titel Kaan (Chagan), die andern hießen
-Chan. Das Weltreich zerfiel in vier Staaten.[22] +Ostasien+ umfaßte das
-Gebiet des Kaan. Dazu gehörte China, Tibet, die östliche Mongolei und
-die Mandschurei. Die Residenz war Kaanbaligh, d. h. die Stadt des Kaan,
-jetzt Peking. Der Name wurde im Abendlande bald in Cambalich, bald in
-Kambalu verändert.
-
-Westlich von diesem Staate lag auf beiden Seiten der Hochebene
-Pamir, also Theile von Ost- und West-Turkestan umfassend, das Reich
-+Dschagataï+ oder das Reich der Mitte. Dasselbe erstreckte sich vom
-Altai bis zum westlichen Himalaja und obern Indus, schloß Afghanistan
-ein und reichte bis zum Amu-Darja im Südwesten. Die Hauptstadt Almalik
-lag am obern Iliflusse, der sich in den Balchasch ergießt, in der
-Nähe der heutigen Stadt Kuldscha. Noch weiter gegen Südwesten lag
-das persisch-medische +Reich der Ilchane+. Dasselbe umfaßte Persien,
-Armenien, Mesopotamien und Theile von Kleinasien; seine Hauptstadt war
-Tebris. Dieser Staatencomplex zerfiel am schnellsten. Den äußersten
-Westen nahm das +Reich der goldnen Horde+ (Kiptschak) ein, welches sich
-über die Flachlandschaften Asiens und Europas ausbreitete und sich vom
-Westfluß des Altai durch die Kirgisensteppe über Südrußland bis an den
-Waldgürtel der Karpaten ausdehnte. Der Fürst residirte in Serai an der
-untern Wolga. Durch dieses Reich zogen die meisten abendländischen
-Gesandtschaften an den Hof der Mongolenkaane und gingen belebte
-Handelswege durch das Herz Asiens bis zum Ostrande der alten Welt.
-So bildete Kiptschak den willkommenen Vermittler zwischen Abend- und
-Morgenland.
-
-Es war um die Mitte des 13. Jahrhunderts, als verschiedene Umstände den
-wohl schon früher gehegten Gedanken verwirklichen halfen, von Seiten
-des Abendlandes direct mit dem Weltreich der Mongolen in Verbindung zu
-treten. Zunächst war die asiatische Steppenmacht 1241 am weitesten nach
-Westen, bis nach Schlesien, also ins Herz Europas vorgedrungen. Dann
-traten in den nächsten Jahren wiederum die schwersten Bedrängnisse für
-den christlichen Besitz im heiligen Lande ein, indem von Osten her aus
-Turan türkische Söldnerschaaren vor den Mongolen zurückweichen mußten,
-über Syrien hereinbrachen und Jerusalem im Jahre 1244 eroberten.
-
-In Folge dieser Ereignisse beschloß Pabst Innocenz IV. auf dem
-denkwürdigen Concil zu Lyon 1245 zwei Gesandtschaften auf verschiedenen
-Wegen ins Morgenland zu entsenden.
-
-Man bezeichnete damals die Mongolen allgemein mit dem Namen Tartaren
-(richtiger Tataren) nach einem ihrer tapfersten Stämme, den Tata;
-ursprünglich verstand man darunter eine kleine Horde, welche zwischen
-dem Kuku-nor und den Quellen des Hwangho ihren Sitz hatte, und in
-Europa als die Avantgarde des Mongolenschwarms sich durch Verwüstung
-und Brand einen gefürchteten Namen gemacht hatte. Sie galten als eine
-Ausgeburt der Hölle, als dem Tartarus entlaufene Teufel und wurden
-demnach in doppelter Beziehung Tartaren genannt. Aber indem man
-dann alle ins christliche Abendland eingebrochenen turanischen und
-mongolischen Stämme unter dem einen Namen zusammenfaßte, hat man auf
-lange Zeit die ethnologischen Verhältnisse Asiens verwischt und durch
-diese falsche Auffassung eine wahre Völkerverwirrung herbeigeführt.
-
-Zu diesen Tataren entsendete nun der Pabst zwei Botschaften, eine aus
-Dominikanern, die andere aus Franziskanern bestehend.
-
-Beide brachen in demselben Jahre auf, die Dominikaner zogen der
-Richtung entgegen, aus welcher die türkischen Söldner über Syrien
-hergefallen und Jerusalem geplündert hatten; die andern durch die
-Steppen Rußlands und durch jenes große Völkerthor, aus welchem seit
-alter Zeit die beweglichen innerasiatischen Steppenhorden über die
-Kulturlandschaften des Westens ausgebrochen waren.
-
-Beide Missionen zielten nach der Hauptstadt der Großchane, nach
-Karakorum, in der Nähe des Baikal. Die Dominikaner-Gesandtschaft
-bestand aus +Ascelin, Simon von St. Quentin+, +Alexander+ und +Albert+,
-mit denen sich auf der Reise noch +Andreas von Lonjumel+ und +Guichard
-von Cremona+ verbanden. Ascelin ging mit seinen Gefährten über See
-nach Syrien und drang durch Mesopotamien und Persien bis an die Grenze
-von Chowaresmien vor. Dort traf er mit dem Mongolengeneral +Batschu+
-zusammen und wandte sich dann zur Rückkehr, so daß die ganze Reise nur
-59 Tage währte. Alles was wir über diesen Zug wissen, beschränkt sich
-auf die Mittheilungen, welche der berühmte Vincentius von Beauvais,
-nach den Aussagen des Simon von St. Quentin, in sein ~Speculum
-historiale~ aufgenommen hat. Für die Erdkunde ist wenig Gewinn daraus
-geflossen.
-
-Nur das Eine wissen wir, daß Andreas von Lonjumel seine Wanderung
-weiter fortsetzte und um 1248 oder 1249 wirklich nach Karakorum gelangt
-ist.
-
-Die Franziskaner-Gesandtschaft bestand aus +Laurentius von Portugal,
-Benedict von Polen+ und +Giovanni Piano di Carpine+ (in französischer
-Form: Plan Carpin). Von letzterem rührt der ausführliche Reisebericht.
-Sie erhielten den Auftrag, durch Mitteleuropa zum +Batuchan+, dem
-Fürsten von Kiptschak zu gehen und auf ihrem Weiterzuge möglichst viel
-Erkundigung über die asiatischen Völker, namentlich über die Tataren
-einzuziehen. Ihr Creditiv war am 5. März 1245 in Lyon ausgestellt. Am
-Ostersonntage verließen sie diese Stadt und reisten in einem weiten
-nördlichen Bogen über Troyes, Lüttich, Cöln, Dresden nach Prag,
-besuchten den König Wenzel von Böhmen, der sich bei dem Herrannahen der
-Mongolen 1241 so außerordentlich thätig und umsichtig bewiesen und alle
-Nachbarfürsten rechtzeitig auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht
-hatte. Er konnte gewiß schon mancherlei Auskunft ertheilen. Von Prag
-wandten sie sich nach Breslau, wo Benedict sich mit ihnen vereinigte
-und gingen über Krakau nach Kijew.
-
-Von hier zogen sie sich den Dnjepr hinab nach Canove (Kaniew) und
-erreichten daselbst die Grenze des Tatarenreiches, durch welches sie
-zum Hauptquartier Batuchans nach der Wolga weiter zogen. Hierbei lernen
-wir von ihnen die modernen Namen jener großen Ströme Nepere (Dnjepr),
-Don, Wolga und Jaik (Ural) kennen.
-
-Batu versah sie mit sicherem Geleite nach der Hauptstadt Karakorum.
-Diese Reise nahm 3½ Monate in Anspruch und dauerte bis zum 22.
-Juli. Dabei machten sie die Bekanntschaft der Kangiten oder
-Kanglen (Petschenegen) östlich vom Uralflusse, ritten durch die
-Kirgisensteppen, berührten Omyl, eine von den Karachitanen gegründete
-Stadt, welche östlich vom Balchaschsee am Steppenflusse Emyl oder
-Jemil lag, der sich in den Alakul ergießt. Von hier wandten sie sich
-zum Kysylbasch oder Ulungursee, an dem zu jener Zeit die Naimanhorde
-ihre Weideplätze besaß, und erreichten Ende Juli die Residenz des
-Chagan, welcher damals ½ Tagereise von Karakorum weilte. Sie trafen zu
-einer sehr bewegten Zeit dort ein, +Kuyuk+, der Sohn Okkodais, war zum
-Großfürsten ausgerufen und aus ganz Asien trafen die Abgeordneten der
-dem Weltreich einverleibten Völker und Stämme, sowie der benachbarten
-Fürsten ein. Es waren an 4000 Gesandte zugegen, welche dem neuen Herrn
-ihre Huldigungen darbrachten und Tribut zahlten. Es war also für Piano
-di Carpine und seine Gefährten eine sehr günstige Gelegenheit, von
-allen Seiten Erkundigungen einzuziehen, aber Irrthum und Wahrheit
-mischen sich in seiner Darstellung ineinander; verwechselte er doch
-selbst das schwarze und kaspische Meer. Hier lernten die Missionare
-auch zuerst Chinesen kennen, welche ihnen ein mongolenähnliches Gesicht
-zeigten, wenn dasselbe auch nicht so breit war wie bei den Mongolen.
-Piano gedenkt in rühmlicher Erwähnung der guten Sitten der Chinesen und
-der Geschicklichkeit ihrer Handwerker.
-
-Im Frühling des nächsten Jahres kehrten sie ziemlich auf demselben Wege
-zurück, trafen im Mai wieder bei Batuchan ein und vollendeten über
-Kijew ihre Reise nach Lyon. Piano di Carpine erstattete ausführlichen
-Bericht über die Sitten und Lebensweise der Tataren, über ihren
-Cultus und Staatsorganismus. Seine Mittheilungen werden ergänzt und
-vervollständigt durch die Angaben, welche nach den Erzählungen seines
-Genossen Benedict von Polen niedergeschrieben wurden. Die ganze Reise
-hatte etwa zwei Jahre gedauert.
-
-Um dieselbe Zeit machten auch mehrere Mitglieder des königlichen
-Hauses von Armenien bedeutende Reisen nach dem innern Hochlande von
-Asien. Das damals noch selbständige Königreich von Klein-Armenien
-war, von den Seldschucken in Kleinasien und den ägyptischen Ehubiden
-eingeengt, auf den östlichen Theil der Südküste Kleinasiens beschränkt.
-Der König +Hayton+ oder +Hethum I.+ beschloß, um sich mit der immer
-näher drohenden mongolischen Macht friedlich abzufinden, seinen Bruder
-+Sempad+ oder Sinibald abzusenden, um den Großchan Kuyuk bei seiner
-Thronbesteigung ebenfalls zu begrüßen. Prinz Sempad war vier Jahre
-unterwegs. Ein Brief von ihm, wahrscheinlich von Samarkand aus an den
-König von Cypern gerichtet, ist uns erhalten. Darin wird erzählt, daß
-die mongolische Macht sich schon über fast ganz Asien ausgedehnt habe,
-und daß verschiedene Chane in Indien und China (Chata), in Kaschgar
-und Tauchat (Tangut) herrschen. Dieses letztere Land hielt Sempad für
-dasjenige, aus dem die drei Könige des Morgenlandes nach Bethlehem
-gekommen seien, um das Christkind anzubeten.
-
-Acht Jahre später, 1254, machte sich +König Hayton+ selbst auf den
-Weg, und brachte dem Nachfolger Kuyuks, +Mangkukaan+ zu seiner
-Thronbesteigung seine Glückwünsche dar, um sich auch ferner ein gutes
-Einvernehmen mit den Mongolen zu sichern. Hayton schlug den Weg durch
-Kleinasien und Armenien ein, besuchte erst den mongolischen Heerführer
-Batschu (Batschu Noian) in +Kars+, wandte sich dann zum kaspischen
-Meere, umging den Kaukasus durch den Paß von Derbend und traf mit
-Batu und seinem Sohne +Sartasch+ an der Wolga zusammen. Von hier nahm
-der König einen etwas nördlicheren Weg als Piano di Carpine und der
-Sendling Ludwig des Heiligen, Rubruck, der mit ihm in demselben Jahre
-die weite Steppenreise nach Karakorum vollendete. In der mongolischen
-Residenz, wohin er am 13. September gelangte, ward ihm eine ehrenvolle
-Aufnahme zu Theil; nach einem Aufenthalte von 6 Wochen nahm er am 1.
-Nov. Abschied und kehrte auf dem südlichen Wege durch die Dsungarei,
-über Otrar, Samarkand und Bochara und weiter durch Nordpersien und
-Armenien in seine Heimat zurück. Hayton weiß manches Interessante
-über die Völker Ostasiens zu berichten, natürlich stehen die Chinesen
-(Chataier) in erster Reihe. Von ihrem Cultus weiß er, daß sie ein
-Götzenbild, namens Schakemonia (Sakya-Muni), d. h. also Buddha anbeten.
-
-Endlich haben wir hier noch eines dritten Mitgliedes der königlichen
-Familie zu gedenken, des Prinzen +Hayton von Gorigos+, der auch durch
-politische und kriegerische Verhältnisse weit nach Osten geführt
-wurde, später nach einem bewegten Leben sich in ein Kloster auf Cypern
-zurückzog und von hier aus als Mönch dem Pabste Clemens V. in Avignon
-einen Besuch abstattete. Der Pabst verlieh ihm die Prämonstratenser
-Abtei in Poitiers. Dort dictirte er dem Nicolaus Salconi eine
-Geographie von Asien und eine Geschichte der Mongolenfürsten in
-französischer Sprache, worauf Salconi dieselbe 1307 ins Lateinische
-übersetzte. Es ist die erste systematische Geographie von Asien,
-die wir aus dem Mittelalter besitzen; und da dieselbe im Abendlande
-niedergeschrieben war, fand sie bald weitere Verbreitung, namentlich
-in den Klöstern, wo man sich für die Thaten der Ordensbrüder lebhaft
-interessirte. Der prinzliche Mönch beginnt mit China. Dieses erste
-Capitel darf als das wichtigste bezeichnet werden, wenn auch die Züge
-der Darstellung allgemein gehalten sind. Cathai ist danach das größte
-Reich der Welt, voll Volks und voll Reichthums und liegt am Gestade
-des Oceans, welcher mit unzähligen Inseln besäet ist. Die Chinesen
-sind überaus geschickt und verachten alle andern Nationen, welche an
-Kunstfertigkeit ihnen nachstehen. Darum behaupten sie auch, sie allein
-hätten zwei Augen, die Lateiner, das heißt die Völker des Abendlandes,
-besäßen nur +ein+ Auge und alle andern Nationen seien blind. Ihre
-Geschicklichkeit ist ganz erstaunlich und die Erzeugnisse ihres
-Gewerbfleißes sind bewunderungswürdig. Die Cathaier haben kleine Augen
-und von Natur keinen Bart. Ihre Schrift hat Hayton nicht verstanden,
-denn er meint, die chinesischen Buchstaben kämen an Schönheit der
-lateinischen Schrift gleich. Besser ist sein Urtheil über das religiöse
-Leben; treffend bemerkt er, die Chinesen hätten kein Verständniß für
-geistliche Dinge. Auch ihre Tapferkeit kann er nicht rühmen. Merkwürdig
-ist das Papiergeld, das mit dem rothen kaiserlichen Stempel versehen,
-überall im Lande cursirt und wenn es abgenutzt ist, in der Staatsbank
-gegen neues Papier eingewechselt wird.
-
-Westlich von China liegt das Reich Tarse. Da dasselbe als von Uiguren
-bewohnt bezeichnet wird, so läßt sich die Localität mit ziemlicher
-Gewißheit angeben, wenn der Name auch noch nicht befriedigend erklärt
-ist. Tarse liegt zwischen China und Turkestan, demnach im Gebiet des
-Tarim. Hayton kennt die eigenthümliche uigurische Schrift, welche
-bei den Chinesen bereits seit dem 6. Jahrhundert Erwähnung gefunden,
-bewundert die großen Tempel im Lande und rühmt die Städte und die Fülle
-des Getreides. Weiter westwärts folgt das Hirtenland Turkestan und die
-von Wüsten umgebene Oase Chorasmien (Chiwa); sodann wird das kaspische
-Meer für den größten Landsee der Welt erklärt und ausdrücklich
-hervorgehoben, daß dasselbe keine Verbindung mit dem Ocean habe. Das
-Hauptland im südlichen Asien ist Indien; die dazu gehörigen Inseln sind
-reich an Edelgestein, Gold, Perlen und Specereien, besonders reich ist
-die Insel Selan (Ceylon).
-
-Die Halbinselgestalt des Landes wird richtig angedeutet, auch ist dem
-Armenier bekannt, daß im südlichen Indien schwarze Menschen (Dravida)
-leben. Combaech (Cambaya) gilt als bedeutender Handelsplatz.
-
-Auf die westlichen Länder Asiens richten wir den Blick nicht weiter;
-es genügt, zu zeigen, daß sich der Osten der alten Welt wenigstens in
-allgemeinen Zügen wieder zu entschleiern begann.
-
-Bedeutender als alle bisher geschilderten Missionen war die Entsendung
-des Franziskaners +Wilhelm Rubruck+ nach Karakorum. Zwar wurden die
-bereits betretenen Gebiete wiederum durchstreift und somit räumlich
-keine namhafte Erweiterung der Erdkunde erzielt; allein der Werth
-liegt hier in dem vortrefflichen Reiseberichte, der an Schärfe der
-Beobachtung, Sicherheit des Urtheils und Treue der Darstellung,
-unbeirrt durch falsche Vorstellungen oder Vorurtheile, als die
-vollendetste Leistung mittelalterlicher Reiseberichte zu bezeichnen ist.
-
-Die Veranlassung zu dieser erneuten Botschaft an den Hof der
-Mongolenfürsten gab der Kreuzzug Ludwig des Heiligen 1248-1254.
-Nach dem verhängnißvollen Feldzuge gegen Aegypten hatte sich der
-französische König nach Palästina gewendet. Hier beschloß er zwei
-Gesandtschaften zum Großchan abzuordnen, die auf verschiedenen Wegen
-durch Armenien, Persien und Turan einerseits und durch Südrußland
-und die Kirgisensteppe andererseits demselben Ziele zusteuerten. Die
-erste Sendung führte der Ordensbruder Andreas, von dessen Reise sich
-leider kein Bericht erhalten hat, die zweite ging unter Rubruck und
-Bartholomäus von Cremona ab.
-
-Wilhelm von Rubruck (Ruysbruck, Rubruquis), gebürtig aus dem Dorfe
-Rubruck im Departement du Nord in Nordfrankreich, erhielt die Leitung
-und empfing die königlichen Briefe zu St. Jean d’Acre. Zunächst sollte
-er den tatarischen Fürsten +Sartasch+, der mit seiner Horde diesseits
-der Wolga lagerte, aufsuchen. In Palästina ging damals die Rede,
-Sartasch sei Christ. Ludwig der Heilige sprach in seinem Briefe den
-Wunsch aus, die Lehre Christi weiter in Asien verbreitet zu sehen.
-Rubruck schiffte sich im Frühling 1253 in St. Jean d’Acre ein nach
-Konstantinopel, segelte über das schwarze Meer und landete im Hafen
-Soldaia (jetzt Sudak) an der Südküste der Krim, südwestlich von Kaffa.
-Das war der gewöhnliche Ausgangspunkt abendländischer Kaufleute,
-welche mit den unter mongolischer Herrschaft stehenden Ländern
-verkehrten. Hier bot sich darum die beste Gelegenheit, die geeigneten
-Vorbereitungen zu einer längeren Steppenreise zu treffen. Auf Anrathen
-der Kaufleute kaufte sich Rubruck hier vier von Ochsen gezogene,
-gedeckte Reisewagen für sein Gepäck, für Vorräthe und Geschenke.
-Auf diese Weise, hieß es, sei er der Mühe überhoben, die Lastthiere
-alle Morgen beladen und alle Abend entlasten zu müssen. Allerdings
-erforderte auf diese Art die Reise die doppelte Zeit, um nach Sartasch
-zu kommen, nämlich zwei Monate statt eines.
-
-Am 1. Juni brach die Karawane auf, die Reisenden selbst mit ihren
-Dienern zu Pferde, unter den letzteren ein Turkomane als Dolmetscher.
-
-Eine Wahrnehmung, welche Rubruck noch an der Südküste der Krim machte,
-hat ethnologisches Interesse. Damals lebten an jenem malerischen
-Strande noch Gothen, welche auch ihre Sprache noch beibehalten hatten.
-Rubruck selbst, von der Grenze germanischer Zunge stammend, hat sicher
-ganz recht gehört, wenn er die Sprache jener Gothen teutonisch nennt.
-Der germanische Laut scheint erst im 18. Jahrhundert dort gänzlich
-verstummt zu sein. Ueber das wald- und wasserreiche Gebirge und eine
-weite Steppe kamen die Sendboten des heiligen Ludwig in 5 Tagen zur
-Landenge von Perekop. In der Steppe erschienen die ersten Tataren.
-Ihre Lebensweise, die Einrichtung der Zelte, die Theilung der Arbeit
-zwischen Männern und Frauen werden genau beschrieben. Wir lernen als
-Lieblingsgetränk der Nomaden den Reisbranntwein und Cosmos (Kumis)
-kennen. Trachten, Sitten und Gebräuche werden eingehend geschildert
-und geben ein gelungenes ethnologisches Gemälde. Die Fahrt ging weiter
-ums asowsche Meer herum über ein tafelgleiches Land, ohne Wald, ohne
-Berg, aber dicht begrünt. Der Don gilt unserm Gewährsmann noch als die
-Grenze zwischen Asien und Europa. Der Strom war an der Fähre etwa so
-breit, wie die Seine bei Paris. Von hier bis zur Wolga rechnete man
-10 starke Tagereisen. Am letzten Juli langten sie in der Residenz des
-Sartasch an. Weiter nach Norden war das Land waldreich und von Flüssen
-durchzogen. Dort wohnte in Holzhäusern das Volk der Moxel oder Maxel
-und noch weiter nordwärts die Merdas (Mordwinen).
-
-Das Lager des Sartasch lag damals nach drei Tagereisen diesseit der
-Wolga. Hier hörte Rubruck schon die Sage vom Priesterkönig Johannes,
-den er in der Gestalt des Bruders des Unkchan der Naimanhorde zu
-erkennen glaubt. Von Sartasch zogen sie weiter zur Wolga; dieselbe
-erschien 4mal so breit als die Seine bei Paris. Rubruck erfuhr, daß
-der Strom sich nicht in den Ocean, sondern in das Meer von Sirsan
-(Dschorschan) d. i. das kaspische Meer ergieße. Unter letzterem Namen,
-fügt Rubruck hinzu, kennt es Isidor von Sevilla. Isidor galt also im
-13. Jahrhundert noch als geographische Autorität.
-
-Es ist für die Geschichte der Erdkunde von Bedeutung, daß Rubruck mit
-großer Sicherheit einen Irrthum Isidors berichtet, wonach das kaspische
-Meer ein Meerbusen des nördlichen Eismeers sein solle, ein Irrthum,
-dem bekanntlich im Alterthum alle Geographen zwischen Aristoteles und
-Ptolemäus, also auch Strabo, verfallen waren. „Bruder Andreas hat zwei
-Seiten dieses Meeres umzogen, im Osten und Süden, und ich habe die
-beiden andern Ufer umwandert,“ setzt Rubruck hinzu, um seine Ansicht zu
-erhärten. Auch gibt er getreu die umwohnenden Völker an, erwähnt, daß
-man im O., S. und W. Gebirge finde, nur im Norden nicht; und trotzdem
-konnte der alte Wahn von der Meerbusengestalt dieses Sees sich noch bis
-in den Anfang des 18. Jahrhunderts wieder beleben.
-
-Der Hof und das Lager Batuchans machte auf die Reisenden den Eindruck
-einer großen Stadt, da sich die Zelte der Tataren einige Meilen weit
-hinzogen. Bei der Audienz, die ihnen Batu gewährte, verlangten die
-Hofleute, die Mönche sollten, wie es alle Gesandten zu thun pflegten,
-die Knie beugen. Trotzdem traten sie aufrechten Ganges ein und
-sangen das Miserere. Als man ihnen aber alles Ernstes bedeutete, sie
-hätten niederzuknien, folgten sie zwar dem Gebote, um weiter keine
-Schwierigkeiten zu bereiten, brauchten aber die List, statt mit einer
-Anrede an Batu mit einem Gebete zu beginnen, so daß sie sich einreden
-durften, sie hätten sich vor Gott, aber nicht vor Menschen gebeugt.
-Danach hieß der Mongole sie aufstehen, fragte nach dem Zwecke ihrer
-Reise und ließ ihnen zum Zeichen seiner besonderen Gunst Milch zu
-trinken reichen. Dann erhielten sie die Erlaubniß mitzuziehen, denn
-Batu brach sein Lager bald ab und zog nomadisirend 5 Wochen an der
-Wolga hin. Erst am 16. September erfolgte ihr neuer Aufbruch nach
-Osten. Ihre Priesterornate ließen sie zurück und kleideten sich für
-die winterliche Reise in die landesübliche Pelztracht. Auch die Wagen
-blieben zurück und die Weiterreise wurde zu Pferde gemacht. Nach zwölf
-Tagen kamen sie von der Wolga an den Fluß Jagat (Jaik, i. e. Ural),
-welcher im Norden, im Lande der Pascatir (Baschkiren) entspringt.
-Dieses Volk redete die nämliche Sprache wie die Ungarn. Diese und
-andere Mittheilungen erhielt Rubruck von Predigermönchen, die bis zu
-diesem Hirtenvolke vorgedrungen waren. Täglich wurde nun eine Strecke
-zurückgelegt, wie zwischen Paris und Orleans, zuweilen auch noch mehr;
-denn sie erhielten gute Pferde und wechselten dieselben wohl auch, wenn
-sie ein Lager trafen, zwei bis drei Mal. Dafür mußte der officielle
-Begleiter sorgen, den ihnen Batu mitgegeben hatte; für Rubruck
-suchte man stets das stärkste Reitthier aus, weil er sehr schwer und
-wohlbeleibt war. „Was wir da an Hunger und Durst, Kälte und Erschöpfung
-gelitten haben,“ ruft er aus, „läßt sich nicht beschreiben. Nur des
-Abends gab es eine ordentliche Mahlzeit, am Morgen dagegen nur Hirse
-und Milch.“ Und trotz alledem fasteten die beiden Geistlichen noch alle
-Freitage bis zur Nacht.
-
-Die Natur des Landes blieb sich lange Zeit gleich, immer derselbe
-Steppenboden, nur hie und da an den Flußrändern von kleinen Gehölzen
-unterbrochen.
-
-Am Tage vor Allerheiligen schlug man eine südliche Richtung und ritt 8
-Tage durch hohe Gebirge. Der Winter hatte schon seit Michaelis seinen
-Einzug gehalten, und sie reisten immer nur über Eis.
-
-Aus den allgemein gehaltenen Angaben der Reiseroute dürfen wir
-schließen, daß der Weg durch die Kirghisensteppe nach Südosten führte
-und daß man vom östlichen Ufer des Sir Darja, den man nicht zu Gesicht
-bekam, den Karatau überstieg und in das Thal des Talas gelangte. Hier
-lag in der gut bewässerten und gartenähnlich angebauten Ebene damals
-der mohammedanische Ort Kenschak, wo sie nach Landessitte von dem
-Haupte der Stadt als Abgesandte Batus empfangen wurden. Nach der Stadt
-Talas selbst kamen sie nicht, dieselbe lag weiter südlich und sollte,
-nach eingezogenen Erkundigungen, noch aus Deutschland fortgeschleppte
-Gefangene bergen.
-
-Jenseits Talas begann das Reich Mangkukaans. Nachdem noch ein Gebirge
-überstiegen war, kamen sie wieder in eine große Thalebene; über den
-Tschu mußten sie in Böten übersetzen und betraten darauf die von
-persisch redenden Mohammedanern (also von Tädschick) bewohnte Stadt
-Equius, welche dem heutigen Tokmak gegenüber gelegen haben wird. Dann
-wurden die Ausläufer der südlichen Hochgebirge, die Mainakkette,
-traversirt und es folgte das dritte Thalbecken, das des Ili-Flusses.
-Die von vielen Bächen durchzogene Ebene war im Norden von einem großen
-See (dem Balchaschsee) begrenzt. Hier in dieser fruchtbaren Ebene
-erhoben sich einst zahlreiche Ortschaften, aber sie waren durch die
-Mongolen größtentheils zerstört, welche die Triften nur als Weidegrund
-benutzten. In Cailac (Kayalik der mongolischen Schriftsteller,
-wahrscheinlich nahe bei Kopal, am Fuße des Dsungarischen Alatau)
-war den Reisenden endlich eine Rast von 12 Tagen gegönnt. Am St.
-Andreastage, 30. Nov., brachen sie wieder auf, wurden am Alakul von
-einem jener furchtbaren Winterstürme, welche über die Steppen fegen,
-überfallen, zogen wahrscheinlich über das Tarbagataigebirge weiter
-ins Thal des obern Irtysch und von da am Dsabgan aufwärts. Der Weg
-wurde öder, mühsamer, die Gegend steril, das Futter für die Thiere
-seltener. Die einzige Bevölkerung der mongolischen Hochebene bestand
-hier aus den an der großen Weglinie stationirten Leuten, welche für
-die Weiterbeförderung der Gesandten und fürstlichen Boten zu sorgen
-hatten. Am 26. December trafen sie in einer meergleichen Ebene auf das
-Lager Mangkukaans, am 4. Januar 1255 hatten sie die erste Audienz beim
-Großfürsten. Auch hier wieder begegneten sie noch einzelnen Europäern,
-die von der großen mongolischen Flut bis in diese entfernten Lande
-verschlagen waren: so einer aus Metz gebürtigen Frau, die aus Ungarn
-geraubt, sich hier mit einem russischen Handwerker verheiratet hatte,
-und einen geschickten Goldschmied, Wilhelm Buchier aus Paris.
-
-Am Sonntag vor Himmelfahrt kamen sie mit der Wanderhorde zur Residenz
-Karakorum. Dieselbe machte, mit Ausnahme des Palastes, nur einen
-unbedeutenden Eindruck; Ort und Kloster St. Denis bei Paris erschien
-im Vergleich mit Karakorum, weitaus bedeutender. Doch gab es 12
-Götzentempel, 2 Moscheen und eine Kirche, ein Zeichen der religiösen
-Indifferenz der Mongolen. Tataren, Sarazenen und Chinesen waren in der
-von einem Erdwall umgebenen Stadt ansässig.
-
-[Illustration: Facsimile der drei ersten Zeilen des uigurisch
-geschriebenen Briefes von Argunchan an Philipp den Schönen; 1289. (Im
-Archive von Paris.)
-
-(Die schraffirten Zeichen des chinesischen Siegels sind im Original von
-rother Farbe.)]
-
-Mangku übergab den Priestern ein Antwortschreiben an den König von
-Frankreich. Er bezeichnete sich darin als den Herrn der Erde an Gottes
-Statt und forderte die Franzosen auf, ihm zu huldigen, wenn sie vor ihm
-in Frieden leben wollten.
-
-Bartholomäus von Cremona mußte dort bleiben, es gab ja auch in
-Karakorum eine kleine christliche Gemeinde und die Franziskaner hatten
-Gelegenheit gehabt, sechs Seelen zu taufen, darunter befanden sich
-drei Kinder eines armen Deutschen.
-
-Im Sommer 1255 kehrte Rubruck mit dem Dolmetscher allein zurück.
-Sie schlugen diesmal einen etwas nördlicheren Weg ein, so daß der
-Balchaschsee ihnen zur rechten Hand blieb, berührten nicht eine einzige
-Stadt und vollendeten die Reise bis zu Batuchan in zwei Monaten und
-sechs Tagen. Einen ganzen Monat zogen sie dann mit der Wanderhorde
-Batus umher, ehe sie einen Führer erhielten, und konnten erst 14 Tage
-vor Allerheiligen, also in der Mitte des October nach Sarai aufbrechen.
-Zu Schiffe setzten sie dort über die Wolga und wandten sich dann
-nach Süden um das westliche Ufer des kaspischen Sees herum nach dem
-Gebirge der Alanen, d. h. nach dem Kaukasus. Durch das eiserne Thor
-von Derbend, das Hochgebirge zur Rechten lassend, kam Rubruck über
-Schemacha in die Mogansteppe, überschritt den Kur am Einflusse des Aras
-und zog an diesem Strome aufwärts nach Naxua (Nachitschewan) und am
-Ararat vorbei nach Etschmiadzin. Der durch die Sündflutsage ehrwürdige
-Berg mit seinem Doppelgipfel hat von jeher auf die christlichen
-Reisenden einen gewaltigen Eindruck gemacht. Auch Rubruck weiß den
-Legendenkranz um ein Blatt zu vermehren. Viele Reisende haben den Berg
-zu ersteigen gesucht, aber stets vergebens. Nun hatte auch ein Mönch
-in dem nahen Kloster ein heftiges Verlangen, den Gipfel zu erreichen,
-um womöglich die Arche Noah zu entdecken, welche nach dem allgemeinen
-Glauben noch auf der Höhe des Gebirges liegen sollte. Da aber ein
-menschlicher Fuß diese weihevolle Stätte nicht betreten durfte, so
-habe ein Engel dem frommen Mönche ein Stück von dem Holze der Arche
-herabgebracht. Dieses Holz sah Rubruck als besonders werthvolle
-Reliquie im Kloster aufbewahrt. Bekanntlich wird dasselbe gegenwärtig
-noch gezeigt.
-
-Von Etschmiadzin ging die Wanderung weiter über Ani, die alte, 1319
-durch ein Erdbeben zerstörte armenische Königsstadt am Arpatschai,
-einem Nebenflusse des Aras, und über Ersirum am Euphratthale hinab nach
-Ersingan und Kamach, einer von der Natur gebildeten Felsenburg, nach
-Sebaste (Siwas), Cäsarea (Kaisarie) und Iconium. Hier traf Rubruck
-einen genuesischen Kaufmann, in dessen Begleitung er nach Süden zur
-Küste wanderte und im kleinen Hafenorte Kurch, dem westlichsten Orte
-des Königreichs Armenien, das mittelländische Meer erreichte. Ueber
-Cypern, Antiochia und Tripolis vollendete Rubruck seine mühevolle
-mehrjährige Reise nach dem Kloster in Akkon, wo er um Pfingsten 1256
-anlangte.
-
-Vergleicht man die Reiselinie Rubrucks mit derjenigen Piano’s, so
-scheint der Gewinn für die Erdkunde nicht sehr wesentlich; allein wir
-müssen die Erkundigungen und Beobachtungen mit berücksichtigen, wenn
-wir dem Verdienst Rubrucks vollständig gerecht werden wollen. Zunächst
-die Erscheinungen der physischen Geographie. Von dem Augenblicke an,
-wo er den Uralfluß überschritten hatte, traf er auf keinen Fluß mehr,
-welcher, wie Don, Wolga, Ural die südliche Richtung einschlug. Seitdem
-der Karatau überstiegen war, folgten die Flußläufe in ununterbrochener
-Folge der Richtung nach Nordwest: Talas, Tschu, Ili, Irtysch u. s. w.
-bis nach Karakorum. Der Weg führte über eine Reihe von Gebirgsketten
-und dann wieder eine Zeitlang an den Flüssen aufwärts: aus alledem
-schloß Rubruck mit Recht, daß Asien nach Osten, oder genauer nach
-Südosten, sich zu einem mächtigen Hochlande erhebe. Es ist dies im
-Mittelalter die erste Andeutung der Erkenntniß des innerasiatischen
-Plateaus. Im Gegensatz zu den furchtbaren Schneestürmen in der
-niedrigen turanischen Steppe, verlief auf dem Hochlande von Karakorum
-der Winter ohne Stürme, aber der Frost, mit wenig Schnee, dauerte bis
-in den Mai.
-
-Durch sorgfältige Erkundigungen war Rubruck ferner in den Stand
-gesetzt, die Länder- und Völkergruppirungen in einem großen Theile
-Asiens in allgemeinen Zügen anzugeben. Nordwärts drang sein forschender
-Blick im europäischen Tieflande bis zu den Wohnsitzen der Russen,
-Wolgabulgaren und Baschkiren und weiter östlich in Sibirien bis zu den
-Kirghisen, die damals zwischen der oberen Tunguska und dem Jenisseï
-saßen. Er weiß von den polaren Völkern, daß sie mit Hundeschlitten und
-Schneeschuhen fahren, daß wegen der Kälte die mächtigen Schneemassen
-nicht mehr schmelzen; aber das Ende des Polarlandes im Norden, die
-Begrenzung Nordasiens durch ein Eismeer kennt er nicht. Dagegen gibt
-er mit Bestimmtheit an, daß Cathai gegen Osten an das Weltmeer reicht.
-Die Wohnsitze der Caule (Kaoli, Korea) und Manse (Mantschu) hält er
-aber noch für Inseln. Er spricht die Vermuthung aus, daß die Serer
-des Alterthums identisch seien mit den Cathaiern und charakterisirt
-ihre mit einem Pinsel gemalte Schrift unter allen Reisenden jener
-Zeit am treffendsten, wenn er sagt, ein einziges Schriftzeichen
-begreife mehrere Buchstaben in sich und drücke ein ganzes Wort
-aus, bei der Aussprache habe das Chinesische einen näselnden Ton.
-Auch die Schreibweise der Tibetaner, Tanguten, Uiguren faßt er in
-ihrem Unterschiede von der abendländischen Schrift richtig auf.
-Ueber den Glauben, die Sitten und Gebräuche dieser Völker fließen
-seine Beobachtungen mit ein, wie er auch der Zucht der Yakochsen
-ausführlich gedenkt; unverkennbar tritt das Bestreben hervor, die Fülle
-neuer Eindrücke ruhig zu prüfen und mit den Nachrichten der alten
-Schriftsteller zu vergleichen, beziehentlich dieselben zu verbessern.
-
-
-4. Die Handelsreisen der Poli.
-
-Einen noch größeren Erfolg als die Glaubensboten erzielten die
-Kaufleute in der Aufschließung des fernsten Orients. Daß hierbei
-vorherrschend Italiener thätig waren, erklärt sich aus der Entwickelung
-des Handels am Mittelmeer. Als nach dem Falle des weströmischen Reiches
-der Seeverkehr eine Zeit lang ganz darniedergelegen, traten die ersten
-Regungen in Beziehungen mit Byzanz unter dem Gothen Theodorich wieder
-hervor, der in der Hauptstadt des oströmischen Reiches erzogen war und
-die byzantinische Pracht und Kunst liebte. So entstanden von seiner
-Hauptstadt Ravenna aus die ersten Handelsverbindungen mit dem Osten,
-die aber in den Gothenkriegen unter den Nachfolgern Theodorichs wieder
-erstarben. Neue Keime bildeten sich bei dem völligen Zerfall einer
-einheitlichen Macht in Italien erst seit dem neunten Jahrhundert in
-einigen freien Städten und zwar zunächst in Amalfi am Golf von Salerno.
-Die Amalfitaner verfügten über eine ziemlich beträchtliche Flotte,
-besuchten Aegypten und Palästina, ja sie besaßen sogar ihre eignen
-Quartiere in Konstantinopel. Ihre Seegesetze (~Tabula Amalphitana~)
-erwarben sich allgemeine Geltung bei allen Schiffahrt treibenden
-Städten am Mittelmeer. Aber die Blüte Amalfis währte nur kurze Zeit;
-unfähig, auf den steilen Felsstufen sich auszudehnen und zu erstarken
-in Volkszahl, erlag die Stadt der mächtigen Rivalin Pisa. Pisa, Genua,
-Venedig rangen um die Wette, gewannen durch die Kreuzzüge einen
-ungeahnten Aufschwung und konnten sich so zuerst in den Ländern der
-Levante festsetzen. Im 12. Jahrhundert legten die Venetianer in den
-Häfen Syriens Factoreien an. Aber die Verbindung mit Indien, die bisher
-ihren natürlichen Weg übers rothe Meer und Aegypten gefunden hatte,
-erlitt seit der Eroberung des Nillandes durch Saladin um 1171 einen
-plötzlichen Abbruch. Die abendländischen Kaufleute suchten in Folge
-dessen einen andern Weg ins Morgenland, sie steuerten über das schwarze
-Meer zum Don, wo der Hafenplatz Tana aufblühte und reisten von hier zu
-Land nach Astrachan und durch die Steppen nach Inner-Asien. Auch der
-Hafenplatz +Sudak+ in der Krim (Soldaja, Saldachia, Sugdaia, Sodaja)
-blühte auf mit seiner fast ausschließlich christlichen Bevölkerung.
-Ibn Baluta bezeichnete diesen Hafen als einen der schönsten der Welt.
-Griechische und italienische Handelsfamilien waren hier ansässig.
-
-Ein anderer Weg nach dem Orient nahm seinen Anfang an der nordsyrischen
-Küste, in der Nachbarschaft des christlichen Königreiches von
-Kleinarmenien, welches den Abendländern sich stets gastfreundlich
-erwies. Vom Mittelmeer her landeten die Reisenden in Lajazzo (Layas),
-einem vortrefflichen Hafen, der neben den Trümmern des alten Aegae sich
-erhob und auf der Seeseite durch zwei Citadellen gedeckt war.
-
-Als durch den lateinischen Kreuzzug 1204 Byzanz in die Gewalt der
-Venetianer fiel, wußten diese den Handelsweg über das schwarze Meer
-zu monopolisiren und schlossen die Nebenbuhlerin Genua vom Markte
-aus. Aber diese Handelspolitik rächte sich, als 1261 die Genuesen dem
-Paläologen Michael III. wieder den Thron in Byzanz verschafften und
-zum Dank dafür die Vorstädte Pera und Galata erhielten, welche sich zu
-genuesischen Städten umgestalteten. Nun besaßen sie den Schlüssel zum
-schwarzen Meere und verdrängten die Venetianer, welche wieder auf den
-südlichen Weg über Lajazzo angewiesen waren.
-
-Dieser Herrschaftswechsel spricht sich auch in den verschiedenen
-Handelswegen aus, welche die venetianischen Kaufleute, die Gebrüder
-Poli einschlugen, um nach dem Innern Asiens zu gelangen. Die +Poli+
-gehörten zu den Patriziern, denn in Venedig nahm auch die Aristokratie
-an den Handelsunternehmungen Theil.
-
- +Stammbaum der Familie+:
-
- Andrea Polo von San Felice
- |
- +--------------------------+-------------------+
- | | |
- Marco der ältere Nicolo Maffeo (Matthäus)
- | |
- +---+---+ +-------+-------+
- | | | |
- Nicolo, Maroca +Marco+, der Reisende, Maffeo.
-
-Marco der ältere scheint eine Zeit lang in Konstantinopel etablirt
-gewesen zu sein und ein Haus in Soldaia besessen zu haben. Seine Brüder
-Nicolo und Maffeo unternahmen ihre erste Reise nach Konstantinopel
-im Jahre 1260, kauften hier byzantinisches Geschmeide ein, welches
-unter den Mongolen sehr geschätzt war und tauschten außerdem ihre
-venetianischen Waaren gegen Edelsteine um. Ihre Absicht war, zunächst
-den Fürsten von Kiptschack zu besuchen.
-
-Damals regierte von 1257-1265 +Barka+ (Berke, Berekeh), ein Enkel des
-Tschingiskaan, welcher theils in Sarai, theils in Bolgar residirte.
-Die nördliche Residenz lag bei dem jetzigen Dorfe Bolgari, südlich
-von Kasan an der Wolga; die südliche, Sarai, war von Batu, dem
-Bruder Barkas, an einem Arme der unteren Wolga, östlich von Zaritzyn
-gegründet, und wurde schon 1395 von Timur wieder zerstört.
-
-[Illustration: Marco Polo.
-
-Nach einem Gemälde in der Galerie Badia zu Rom mit der Unterschrift:
-~MARCUS POLUS VENETUS TOTIUS ORBIS ET INDIE PEREGRATOR PRIMUS.~]
-
-Als sie Bolgar verlassen wollten, brach ein Krieg zwischen Barka und
-seinem Vetter +Hulagu+ (+Hulaku, Alau+) von Persien aus. Dadurch
-wurde ihnen der Rückweg abgeschnitten, sie kamen an der Wolga abwärts
-nur bis Ucaca, südlich von Saratov, gingen hier über den Strom und
-nach Südosten durch die Steppen, setzten über den Uralfluß (bei Polo
-Tigris genannt) und gelangten wahrscheinlich über Urgendsch (Chiva)
-nach Bochara. Hier hielten sie sich des Handels wegen drei Jahre auf,
-machten sich mit den Sitten der Tataren bekannt, erlernten deren
-Sprache und beschlossen dann, mit einer tatarischen Gesandtschaft,
-welche von Persien nach China ging und sie zur Begleitung einlud, zum
-Mongolen-Kaan Kublai zu reisen. Der Großfürst nahm sie freundlich auf
-und gab ihnen dann bei der Heimkehr einen Gesandten an den Pabst mit,
-um sich für den Orient wissenschaftliche Lehrer der sieben freien
-Künste zu erbitten. Aber der kaiserliche Gesandte blieb auf der
-Reise krank zurück und die Gebrüder Poli kehrten 1269 allein in die
-Heimat und das Gestade des Mittelmeeres zurück, das sie bei Lajazzo
-erreichten. In Ptolemais (Acre) erfuhren sie, daß der Pabst Clemens
-IV. gestorben sei. Sie richteten ihren Auftrag daher zunächst an den
-päbstlichen Legaten Theobald (Tebaldo) von Piacenza aus.
-
-Die Vacanz in Rom dauerte über zwei Jahre; inzwischen gingen die Poli
-nach Venedig und rüsteten sich dann zur zweiten Reise nach Asien,
-auf welcher sie der Sohn Nicolos, +Marco Polo+, welcher 1254 geboren
-war, begleiten sollte. Da die Pabstwahl sich immer noch verzögerte,
-so schien es, als sollten sie ohne päbstliches Antwortschreiben ihre
-Wanderung antreten. Weil seit 1261 die Handelslinie über das schwarze
-Meer, welche sie auf der ersten Reise eingeschlagen, gesperrt war,
-kehrten sie zunächst nach Palästina zurück, und nahmen für den Kaan Oel
-aus der heiligen Lampe am heiligen Grabe in Jerusalem mit und fuhren
-von da nach Lajazzo. Hier erfuhren sie, daß der Legat Theobald am 1.
-September 1271 als +Gregor+ X. zum Pabste erwählt worden sei. Derselbe
-rief sie nach Acre zurück, übergab ihnen Briefe an den mongolischen
-Großfürsten und entsendete zwei Dominikaner, Nicolaus von Vicenza und
-Wilhelm von Tripolis (in Syrien) nach dem Wunsche Kublais. Da aber in
-Folge eines Krieges, welcher zwischen dem Könige von Armenien und dem
-Sultan von Babylon ausbrach, der Weg unsicher gemacht war, so blieben
-die beiden Predigermönche bereits in Armenien zurück. So zogen die
-Poli wiederum allein. Ihren Ausgang nahmen sie von Lajazzo, von wo sie
-im November 1271 ins Innere aufbrachen. Den Bericht über diese zweite
-große Reise, welche 24 Jahre währte, verdanken wir dem jüngeren, +Marco
-Polo+, welcher sich dadurch um die Erweiterung der geographischen
-Erkenntnisse des Orients unsterbliches Verdienst erworben und den Ruf
-des berühmtesten abendländischen Landreisenden im Mittelalter gewann.
-
-Die Feststellung des Reiseweges, den er mit Vater und Oheim und in
-China zu Zeiten allein eingeschlagen, wird in mancher Beziehung
-erschwert, theils in Folge zu allgemein gehaltener Angaben,
-theils weil sich die vielfach verstümmelten Ortsnamen nur schwer
-identificiren lassen. Doch ist gegenwärtig durch die vorzüglichen
-Arbeiten Pauthier’s[23] und Yule’s[24] über Marco Polo und die durch
-von Richthofen in Bezug auf China gegebene Ergänzung die Möglichkeit
-geboten, in den wesentlichen Momenten dem großen Reisenden folgen zu
-können.
-
-Von Lajazzo am issischen Golf ging die Route zunächst durch
-Klein-Armenien und Kleinasien wahrscheinlich über Kaisarie, Siwas,
-Arzingan und Musch, also denselben Weg, den Rubruck auf seiner
-Rückreise von Karakorum aus eingeschlagen hatte. Weiterhin erwähnt
-Polo den hohen mit ewigem Schnee bedeckten Berg, auf dem die unnahbare
-Arche Noahs ruhte; dann wandten sich die Reisenden südwärts nach Mardin
-und durch das Gebirge der räuberischen Kurden nach Mossul und Baudas
-(Bagdad). Den Fluß hinunter erreichte man in 18 Tagen Basra, von wo
-die Seefahrt begann, welche sie an Kisch (Kisi) vorüber nach Ormuz
-brachte. Die Insel und Hafenstadt Kisch (jetzt Ghes genannt) war lange
-Zeit ein Haupthandelsemporium, sie war gut bewaldet und mit frischem
-Wasser versehen. Polo scheint die Stadt nicht besucht zu haben, denn
-seine Angaben darüber klingen sehr dunkel. Die Ruinen der längst
-untergegangenen Stadt liegen an der Nordseite der Insel.
-
-Hier beginnen die Schwierigkeiten, den Weg Polos zu fixiren, sich zu
-mehren. Marco Polo beschreibt uns nämlich den +Ab+stieg vom Hochlande
-des inneren Iran zur Küste von Ormuz, während wir einen +Auf+stieg
-erwarten. Wir können nur annehmen, daß Polo uns einen zweiten Besuch
-des Hafens während der Heimkehr erzählt. Die Stadt lag damals noch
-auf dem festen Lande, wurde aber um 1300 durch feindliche Ueberfälle
-gezwungen, sich auf die Insel zurückzuziehen, wo dieses Emporium eine
-zweite Blüte erlebte. Die Ruinen von Alt-Ormuz liegen im District
-von Minao, wo auch Spuren eines langen Hafendammes gefunden sind.
-Die Landschaft selbst hieß Hormuzdia, woraus unser Reisender Formosa
-machte. Um eine Probe der Erzählungsweise Polos zu geben, schalte
-ich hier seine Wanderung nach Ormuz ein, welche ich, um ihr die
-alterthümliche Färbung zu bewahren, aus einer der ersten deutschen
-Uebersetzungen entlehne.[25]
-
-
-„+Von dem lustigen veld vnd von der statt Cormos.+“
-
-„Die eben do von yetzt gesagt ist, herstreckt sich jnn die funff
-tagreisen, vnd do sie ein end hat, do hebt der weg an vnder sich zu
-gohn, vnnd mus man bis jnn die zwentzig meilen stetzs vndersich gohn.
-Das ist ein vast böser weg, vnd vmb der rauber willen vnsicher. Zu
-letst kompt man zu eim vberaus hupschen veldt, das ist zwo tagreisen
-lang, vnd heisset das orth die schöne.“[26] „Jnn disem land seind vil
-wasser bäch, vnd palmen beum. Es seind auch mangerley vögel mit hauffen
-do, zuvor papageyen, die disseit des Meeres nicht funden werden. Von
-dannen kompt man zu dem meer Crean (verdruckt statt Ocean), do ligt am
-gestaden die statt Cormos, die hat ein guten port, do viel Kaufleut
-zusammen kommen, die bringen aus India specerey, berlin, edelgestein,
-gewant von seiden vnd gulden stucken, zeen von helffanten, sambt
-andern köstlichem ding. Dis ist ein königliche stadt, vnd hatt viel
-stett vnd schlösser vnder jr. Die landtschafft aber an jr selbs ist
-heis vnnd schwach. So ein frembder kauffman do stirbt, so nimbt der
-König als sein gut. Jnn disem landt macht man wein aus dateln vn̄ vō
-andern köstlichen specereiē, die sein aber nit gwont sind vn̄ erst
-anhebē zu trincken, den bewegt er dē bauchflus, aber die sein gewont
-sind, die werden seer feyst douō. Die jnwoner dises lands essen kein
-weitzen brot, auch kein fleisch, sunder datteln, ziblen vn̄ gesaltzen
-fisch. Sie haben schiff die sind nit vast sicher, dan̄ sie hefftens
-nit mit eisen neglen, sunder mit hültzen neglen vnd fedemen, die sind
-aus rinden gemacht der yndischen nus, die rinde bereit man wie leder,
-daraus schnidt man darnach fedem, vn̄ aus den fedemen macht man starke
-seyl, die den gewalt des wassers dulden mögen. Jedes schiff hat nit
-mehr dann einen mast, ein segel, ein leytruder, vnd ein Decke.“
-
-„Man schmiert sie auch nit mit Bech, sunder mit vischschmalz. So sie
-dan̄ jnn Jndiam farend vnnd pferd oder andere war mit jnen füren, so
-verlieren sie vil schiff, dan̄ das selb meer ist vast vngestüm, vnd
-sind die schiff nit mit eisen verwart. Die jnwoner dieses lands sind
-schwartz, vn̄ Machumets gsatz vnderworffen. Jm sommer so es vast heis
-wurt, so wonē sie nit in den stetten, sunder jn wol gewesserten gärten
-auswendig der stett, do leyten sie das wasser mit düncheln hin und her,
-doselbst wonen sie, vnd empfliehē der hitz ein wenig. Es geschieht
-auch etwan, das ein heisser brenner windt von einer wüsteney kompt, do
-nichts dann sandt ist, der wehet so stark, das so die leut nicht balde
-flühen, so hersteckte er sie alle mit der hitz.“
-
-„So bald sie prüfen, dz sich derselb wind erhebt so fliehen sie eilend
-zum wasser, darin erhalten sie sich, bis der windt vberget, also
-entwichen sie dem brunst den der sand bringt. Sie seehen jnn disem land
-jm Wintermonat, vn̄ jm Mertzen ernden sie, dan̄ sind auch andere frücht
-zeittig abzulesen, dan̄ nach dem Mertzen verdorren alle beum am laub
-vnd gras, vnd findt man den gantzen summer kein grien blat, es sey dan̄
-an den wassern. Es ist ein gewonheit jnn disem land, wan̄ ein hausvater
-stirbt, so beweint jn sein weib vier jar lang allen tag zu eyner
-bestimbten zeit. Es samlen sich auch des abgestorbenen, gesipte frund
-jnn sein haus, sambt allen seinen nachbauren, die heulen vnd weynen,
-vnd machen bittere klagen do.“
-
- * * * * *
-
-Das innere Persien war den Abendländern erst seit der Mongoleninvasion
-geöffnet. Polo hat es auf dem Hin- und Herwege durchkreuzt. Von Ormuz
-reitet man 17 Tage über das Gebirge nach Kerman. Der Weg, den die
-Reisenden machten, entspricht so ziemlich der Route des englischen
-Major Smith 1866. Von Kerman aus mußte man in nördlicher Richtung die
-Wüste Lut durchschneiden, in welcher man nur bitteres und salziges
-Wasser findet. Die von Polo weiterhin genannte Stadt Cobinan dürfte
-wohl mit der Landschaft Kuh-banan identisch sein. An den nordpersischen
-Gebirgen wandte er sich ostwärts nach Balch. Hier war damals die
-Ostgrenze des persischen Reichs.
-
-Diese Stadt war von den Mongolen zerstört, welche auch noch andere
-volkreiche Plätze im Gebiet des obern Oxus von der Erde vertilgt
-hatten. In Kunduz, der weiter östlich gelegenen Landschaft, betreten
-wir die Stufenländer des gewaltigsten aller Hochländer auf der Erde.
-Es werden noch die Orte Taican (d. h. Talikhan) und Casem (d. i.
-Kischm, jetzt südlich von der gewöhnlichen Karawanenroute) genannt, und
-wir gelangen weiter in das Hochgebirgsgebiet von Badachschan. Diese
-Landschaft lehnt sich im Süden an die Schneekette des Hindukusch,
-im Osten an den Steilrand der Pamir, der grasigen Hochthäler an den
-Quellenbächen des Oxus. Die Straße, welche Polo zog, um nach den
-tiefgelegenen Städten Yarkend und Kaschgar zu gelangen, ist in neuerer
-Zeit, was den westlichen Theil betrifft, zuerst von dem englischen
-Reisenden Wood 1838 wieder betreten, während die östlichen Hochpässe
-über die Pamirsteppen von einem Theil der von Indien nach Kaschgar
-beorderten englischen Mission unter Douglas Forsyth 1873 zum ersten
-Male in neuerer Zeit überschritten sind. Die Landschaft Badachschan
-war ehedem berühmt durch ihren Reichthum an Edelsteinen, namentlich
-Rubinen. Die Hauptfundgruben liegen am Panjah- oder Hamunflusse (d.
-i. Amu) in dem früher blühenden und volkreichen Districte von Gharan.
-Jetzt ist das Thal mit Dorfruinen besäet. Die 16 englische Meilen
-nördlich von dem kleinen Dorfe Barschar gelegenen Rubingruben, welche
-eine Quelle des Reichthums für die Herrscher von Badachschan abgaben,
-sind nahezu erschöpft. Im Jahre 1873 waren nur noch 30 Arbeiter dort
-beschäftigt. Im Süden Badachschans, am Fuß des Hindukusch, war die
-Fundstätte eines andern hochgeschätzten Steines, des Lasursteines oder
-Lapis Lazuli, welcher im Abendlande nach der Landschaft Badachschan
-oder Balakschan benannt wurde; Marco Polo schreibt Balaciam. Albertus
-Magnus kennt den Stein unter dem Namen Balagius, Dante als Balascio.
-Wood hat diese Fundstätten besucht. Polo rühmt hier zu Lande auch
-die berühmte Pferdezucht, welche noch gegenwärtig in Blüte steht.
-In der reinen Luft der Hochgebirgsthäler genas unser Reisender auch
-von dem Fieber, das er sich in Persien zugezogen und das ihn Jahre
-lang gepeinigt hatte. Die Schönheit der landschaftlichen Scenerien
-wird von ihm gepriesen. Von Faizabad zog Polo wahrscheinlich über den
-Aghirdapaß und durch die Schlucht, welche sich bei Barschar in der
-Nähe der Rubingruben öffnet, hinab ins Panjahthal und gelangte so
-ins Gebiet von Wakhan (Vocan), von wo der mühsame Uebergang über die
-Weidethäler der großen oder der kleinen Pamir erfolgte. Der District
-von Wakhan erstreckt sich von Westen nach Osten und besteht aus
-rauhen Hochthälern, welche beständig von heftigen und kalten Winden
-heimgesucht sind. Capitän Trotter, ein Mitglied der Gesandtschaft des
-erwähnten Sir Douglas Forsyth, hat denselben Weg, wie Polo, gemacht
-und ausführlich geschildert (~Journal R. Ggr. Soc. Vol.~ XLVIII,
-1878). Das am höchsten gelegene Dorf im Wakhan, Sarhadd, hat eine
-Seehöhe von 3350 Meter. Weiter aufwärts macht man im Winter die
-Reise auf dem gefrorenen Spiegel des Bergstroms und führt sie mit
-geringeren Schwierigkeiten aus, als im Hochsommer, weil dann bei der
-Schneeschmelze und der Hochfluth der Pfad im Thale vielfach versperrt
-ist. Dann geht es in beständiger Folge von steilen Auf- und Abstiegen
-am Gehänge hin; an einer Stelle muß man, wo der Weg abbricht, an
-einer Steilwand in kürzester Frist 1000 Fuß hinanklimmen. Das von
-den kirghisischen Hirten jetzt fast ganz verlassene Thal der kleinen
-Pamir liegt 4000 Meter hoch. Ein kalter Wind bläst so heftig durch das
-Thal, daß man kaum die Augen öffnen kann. Die verschneiten Paßhöhen,
-welche die Grenze zwischen Ost- und West-Turkestan bilden und zugleich
-die Wasserscheide zwischen den westlichen Abflüssen des Oxus und den
-östlichen des Tarim bezeichnen, liegen über 4500 Meter hoch. Dann
-beginnt die Wanderung über das eigentliche Plateau der Pamir, „des
-Daches der Welt“. Die kühnen, schroffen, himmelanstrebenden Bergformen
-verschwinden und flachwellige Thäler in einer Höhenlage von über 3000
-Meter treten an die Stelle, bewohnt von Kirghisen und belebt von ihren
-Herden. Ueber dem breiten Thale ragt das altberühmte Taschkurghan
-(„Steinschloß“) empor, der Sitz des Districtgouverneurs. Das Schloß
-ist uralt, und soll von Afrasiab, einem Könige von Turan, gebaut sein.
-Eine Zeit lang bestand hier eine blühende Tädschik-Colonie unter einem
-erblichen Herrscher, der an China Tribut zahlte. Von hier geht der
-Weg wieder zehn Tage lang durch wilde spärlich bevölkerte Gebirge
-und gefährliche Pässe. „Die Berge,“ schreibt Trotter, welcher von
-Kaschgar herüberkam, „sind kahl und unfruchtbar, der Weg ist schlecht
-und nach Uebersteigung des Toratpasses („Pferdeschweif“), 3400 Meter
-hoch, gradezu abscheulich. An einer Stelle führt er im Flußbette hin,
-der, voll großer Blöcke und tiefer Wasserlöcher, zwischen senkrechten
-Felswänden sich Bahn bricht. Ein paar entschlossene Leute können den
-Weg gegen eine ganze Armee vertheidigen. Fast ebenso schwierig ist der
-Abstieg ins Tiefland von Ost-Turkestan nach Yarkend.“
-
-Die Schilderung dieses überaus mühsamen Uebergangs über die Pamir
-bildet eins der interessantesten Capitel in dem Berichte unseres
-Venetianers. Möge darum seine Darstellung hier in der alten deutschen
-Uebertragung eingereiht werden.
-
-„So man von dannen (nämlich von Wakhan) gegen auffgang zeucht, so mus
-man drey gantz tag vbersich ziehen, bis man auff ein hohen berg kumbt,
-der kein höhern jn der welt hat. Daselbst findt man ein ebne zwischen
-zweyen bergen, darin fleußt ein schön lustig wasser, das gibt gute
-weyden darumb, also das ein mager pferdt oder rindt jn zehen tagen
-feyßt dauon wirt.“
-
-„Man findt auch vil wildbrets da, zuuor etlich wilde wider (~Ovis
-Poli~) oder castrone, die haben lange hörner, daraus macht man
-mangerley geschiir, dise ebne ist so lang, das man jr in zwelff tagen
-kein end finden kan und heyßt Pamer (andere Lesart Pamier). So man aber
-weyter zeucht, so wirt es wie eine wüsteney, vnd hat keins menschen
-wonung mer, auch kein grün gras mehr. Darumb müssen die leut mit jnen
-führen, was jnen von nötten ist zur erhaltung. Es ist auch kein vogel
-da, vmb der kelten willen, vnd grosser Höhe des erdtrichs, das dem vich
-kein futter tragen kan.“[27]
-
-„So man ein feur da anzündt, so ist es nicht so hell, vnnd so krefftig,
-als an anderen orten von wegen der vberschwencklichen kelten des
-lands.[28] Von dannen geth der weg durch die berg gen auffgang vnd
-mitnacht, da findt man berg vnd thal, vnd vil wasser da zwischen, aber
-keins menschen wonung, vnd kein kraut. Das landt heyßt Belor, das
-zeigt ein ewigen winter an. Derselb anblick weret viertzig tagreysen
-lang.[29] Fur so viel tag mus man auch prouiand bey sich haben, doch
-sicht man auff den allerhöchstn bergen, hin vnd her etlicher leut
-wonungen, die seind aber vberaus bös vnd grewlich, so seind sie auch
-abgöttisch, die geleben des weidwercks vnd bekleyden sich mit den
-heutten von den thieren.“
-
-Außer Wood haben das Hochland auf zum Theil verschiedenen Wegen
-durchkreuzt 1861 der britische Agent Abdul Medschid auf dem Wege
-nach Kokan, und Mirza 1868/9 über den Tschitschiklikpaß nordöstlich
-von Taschkurgan, welchen Trotter und wahrscheinlich auch schon Polo
-überstiegen. Den gewaltigen Unterschied zwischen den unwirthlichen,
-menschenleeren Höhen und den blühenden Oasen in Ost-Turkestan
-empfanden die venetianischen Kaufleute sofort und Marco Polo verleiht
-der Wahrnehmung Worte, wenn er mit Befriedigung von den herrlichen
-Weinbergen, Fruchtgärten und „anderen Ackergütern“ erzählt. Während
-auf der Pamir sich einzelne Gipfel bis zu 8000 Meter erheben, ist der
-tiefste Thalboden im Tarimbecken kaum 700 Meter über See gelegen. Nur
-an den von der Umwallung der alpinen Hochketten aus Norden, Westen
-und Süden ablaufenden Gewässern ist durch künstliche Befeuchtung des
-Bodens um feste Städte eine oasenartige Kultur entstanden, die sich
-an die Gebirge anlehnt. Das Tarimsystem wird im Norden und Süden
-von den Schneegebirgen des Tienschan und Kwenlun begleitet, welche,
-fast parallel, weit gegen Osten streichen. Daher haben sich, weil
-an der Rinne des Tarim selbst wenig anbaufähiges Land sich findet,
-zwei Städtereihen im Norden und Süden entwickelt, durch welche
-der Weg nach China führt. Während in unsern Tagen die belebteste
-Karawanenstraße durch die nördliche Städtereihe Kaschgar, Aksu, Turfan
-und Komul geht, lief zu Polo’s Zeit die Route durch die südlichen
-Plätze Yarkend, Iltschi (Choten), Tschertschen und an den Lopnor, das
-Sammelbecken aller Gewässer Ost-Turkestans. Den Weg der Venetianer
-hat kein europäischer Reisender wieder verfolgt, nur durchkreuzt hat
-ihn in jüngster Zeit der kühne russische Oberst Prschewalsky, welcher
-nach Polo auch zuerst den Lopsee erreichte. Im Gebiet von Choten
-oder Iltschi erwähnt unser Reisender den grünlichen Chalcedon, der
-dort unter dem Namen Jade bekannt ist. Die Chinesen schätzen ihn
-als Yu-stein, die Perser nennen ihn Yaschin, woraus unser „Jaspis“
-geworden ist. Ueber die Stadt Tschertschen (bei Polo Ciarcian, ein
-lange vergeblich gesuchter Ort), welche nach den Erkundigungen von
-Prschewalsky am Tschertschen-Darja liegt, wurde die Oase Lop erreicht,
-wo man sich von der beschwerlichen Wüstenreise eine Zeit lang erholen
-konnte und den Thieren Rast gönnte, ehe man die große Wüstenreise zu
-der ersten chinesischen Stadt antrat. Der Wüstensand liegt hier in
-beweglichen Massen, die vom Winde aufgewirbelt werden. Bei den Chinesen
-war dieser Wüstenstrich in früherer Zeit unter dem bezeichnenden Namen
-Lu-scha, d. h. fließender Sand, bekannt. Er bildet die westliche
-Fortsetzung der bekannten Scha-mo, d. h. Sandmeer.
-
-Die Bevölkerung der Oase[30] Lop (Polo bezeichnet diese als eine große
-Stadt) hat stets isolirt, wenn auch nicht völlig abgesondert von der
-übrigen Welt gelebt. Prschewalsky hält den Grundstamm für arisch,
-mit mongolischem und tatarischem Blute gemischt. Sie war schon zu
-Polo’s Zeit mohammedanisch. Auffällig ist, daß jetzt Kamele nicht
-mehr vorkommen, während unser Reisender ausdrücklich betont, daß man
-sich hier zur Weiterreise mit starken Kamelen versorge, denn die
-Wüstenwanderung währt einen ganzen Monat, und für diese Zeit muß man
-sich mit Lebensmitteln und Futter versehen. Trinkwasser findet sich an
-einigen Stellen, wenn auch nicht immer reichlich. Die größten Gefahren
-der Reise liegen aber nach der Ansicht unseres Berichterstatters in
-den Tücken böser Geister, die durch Namensruf und allerlei Geräusch
-die Reisenden in die Irre führen und ins Verderben locken. Bei
-Tage klingen diese Geisterstimmen wie „süß tönendes Saitenspiel,
-Pauken und Trommeln“. Chinesische und arabische Schriftsteller
-wissen gleicherweise von solchen geheimnißvollen Tönen in der Wüste
-zu erzählen; auch Capitän Wood vergleicht den Ton der Schritte im
-beweglichen Sande mit fernem Trommelwirbel und zarter Musik. Daß aber,
-abgesehen von den ungleich erwärmten in Bewegung gerathenen sogenannten
-klingenden Sandmassen andere eigenthümliche Sinnestäuschungen in den
-asiatischen Wüsten zu solchem Gespensterglauben veranlassen können,
-wie ihn der naive Bericht Polo’s kundgibt, dafür mögen hier die
-Beobachtungen des Botanikers A. v. Bunge eingeschaltet werden, welcher
-bei der Expedition Chanikoffs die auch von Polo durchschnittene Wüste
-Lut in Iran durchzog. „Der Tag war glühend heiß gewesen,“ schreibt
-Bunge, „die finstere Nacht -- die Gewitterwolken waren herangezogen,
-aber sie schwanden über der dürren Wüste, fast ohne daß ein Tropfen
-herabfiel -- war warm; beim gleichmäßigen Schaukeln auf dem Kamel
-ängstigte -- nicht mich allein -- eine eigenthümliche Sinnestäuschung,
-als ritte man in dichtem Walde zwischen hohen Bäumen und müsse sich
-fortwährend beugen, um den Zweigen auszuweichen. Schon ehe die Sonne
-aufging, traten die Erscheinungen der Luftspiegelung ein.“ (Petermann,
-Mitthl. 1860. 223.) Auch ~Dr.~ O. Lenz hat bei seiner ruhmvollen
-Wanderung durch die westliche Sahara von Marokko nach Timbuktu 1880,
-die Erscheinungen des tönenden Sandes beobachtet als langgezogene
-dumpfe Trompetentöne, welche, um das Unheimliche dieser Wüstenlaute
-zu steigern, bald hier, bald dort, immer aus einer andern Gegend
-herüberklingen. Lenz sucht die Ursache an der Friction der erhitzten
-Quarzkörner.
-
-Erst nach 30 Tagen gelangten die venetianischen Kaufleute zur ersten
-chinesischen Stadt Scha-tscheu (Saciu) d. h. Sand-ort, einem wichtigen
-Platze, weil alle Wege, welche von China aus nach Westen gerichtet
-sind, durch diese Stadt führen. Im Jahre 1292 ließ Kublaikaan, zur
-Zeit, als Polo sich zur Heimkehr nach Europa anschickte, die Einwohner
-ins Innere von China schaffen, und 1303 legte sein Nachfolger eine
-Besatzung von 10000 Mann dahin, um den Platz zu sichern. In weitern
-10 Tagen erreichte man Su-tscheu (Succiur, Sukchu), welches 1226 von
-Tschingiskaan zerstört worden war, und weiterhin in südlicher Richtung
-Kan-tscheu (Campichu), damals die Hauptstadt von Tangut, jetzt Provinz
-Kan-su, nördlich vom Kuku-nor. Dann folgten die Städte Liang-tscheu-fu
-(Eritschu), Sining-fu (Sinju), und Ninghia (Egrigaia)[31]. Nicht weit
-davon lag die Sommerresidenz der ehemaligen Tangutkönige am Fuß des
-Alaschan (Calaschan). Von Liang-tscheu folgte Polo einer Reiseroute,
-die den modernen Postweg zur rechten ließ. Die Straße, welche er zog,
-heißt seit der Zeit des Kaisers Kang-hi die Courierstraße. Nach Tenduc
-(jetzt Kuku-choto) verlegte Polo den Sitz des Priesters Johann, den er
-in dem Ung-chan zu erkennen glaubte. Ihm fielen dort die Mischlinge
-auf, deren Nachkommen wahrscheinlich in den heutigen Dunganen zu suchen
-sind. Auf diesem Theil der Reise mußte Polo die berühmte chinesische
-Mauer berühren, aber er erwähnt sie nicht. Man mußte denn, wie H. Yule
-(Marco Polo I, 283) meint, eine versteckte Anspielung darauf in den
-folgenden Worten des Reisenden finden: „Hier ist auch der Ort, den
-wir das Land Gog und Magog nennen, dort heißt es Unc und Mugul.“ Yule
-deutet diese Stelle dahin: hier sind wir an der großen Mauer, die als
-Wall von Gog und Magog bekannt sind. Dort zu Lande nennt man sie nach
-zwei Volkstämmen Ung[32] und Mongolen, welche mit der Vertheidigung der
-großen Mauer betraut waren.
-
-Sieben Tage weiter kommt man endlich in das große Land Cathay, welches
-überall von volkreichen Städten und Dörfern dicht besät ist. Ueber die
-kunstgewerbreiche Stadt Sindatschu[33], welche unter der Kin-Dynastie
-als Siwant-tschu bekannt war, und jetzt Siwan-hwa-fu heißt, fünf
-Meilen südlich von Kalgan, gelangten die Reisenden nach Tschagannor
-(Ciagannor), einem ums Jahr 1280 erbauten Palaste des Großfürsten,
-wo der Kaan sich gern aufhielt, um der Jagd auf Wasservögel am See
-obzuliegen. Tschagannor bedeutet „weißer See“, die Ruinen liegen etwa
-6 Meilen nördlich von Kalgan. Noch drei Tagereisen weiter gegen Norden
-lag die Stadt Tschan-du (Ciandu) oder Schang-tu, d. h. oberer Hof,
-obere Residenz, wo der Kaan gleichfalls einen prächtigen Marmorpalast
-hatte errichten lassen, dessen vergoldete Zimmer mit kunstvollen
-Gemälden geziert waren. ~Dr.~ S. W. Bushell hat den Platz 1872 besucht.
-Die Ruinen liegen etwa unter 40° 22′ n. Br., westlich vom Meridian
-von Peking. Der jetzt verödete, übergrünte Herrschersitz, den Polo
-mit besonderer Ausführlichkeit beschreibt, erhob sich am sumpfigen
-Ufer eines Flusses, der noch jetzt den Namen Schan-tu trägt. Bei den
-Mongolen heißen die Ruinen Djao-Naiman Sume Khotan, d. h. Stadt mit
-108 Tempeln. Marmorfragmente von Löwen, Drachen und anderen Bildwerken
-zeigen die Stätten der ehemaligen Tempel und des Palastes.
-
-Die bisher genannten Fürstensitze lagen jenseit der großen Mauer auf
-dem Gebiete der eigentlichen Mongolei. Seitdem China dem mongolischen
-Weltreiche einverleibt worden, war die erste und größte Residenz, in
-welcher der Kaiser die Wintermonate, December, Januar und Februar
-verlebt, hierher verlegt worden. Dieser „große Hof“, als Stadt
-Tatu oder Taidu genannt, bestand seit 1264. Sein Name Kaan-baligh,
-„Stadt des Kaan“, war in der abendländischen Form Cambaluc, Canbalu
-Jahrhunderte lang mit den Vorstellungen größter Fürstenpracht
-und größten Glanzes verbunden, ehe er dem modernen „Pe-king“
-(Nord-Residenz) weichen mußte.
-
-Der großartigen Hofhaltung des mongolischen Kaisers widmete Polo die
-eingehendste Beschreibung. Da die Venetianer von Kublai auch bei
-diesem ihren zweiten Besuche auf das Huldreichste aufgenommen wurden
-und sich seiner dauernden Gunst erfreuten, so war der jüngere Marco
-auch mehr als andere in der Lage, bei der Beschreibung des Hofstaates
-und tatarischen Regiments in China zahlreiche Einzelbeobachtungen
-und Wahrnehmungen mitzutheilen. Marco Polo gewann in dem Grade das
-Vertrauen des Großfürsten, daß dieser ihn in besonderer Sendung nach
-den südlichen Provinzen Chinas und bis an die Grenzen seines Reiches
-abordnete. Dadurch wurde dem Abendland zuerst der Blick in die
-Großartigkeit der chinesischen Welt eröffnet. Die Reise ging von Peking
-in südwestlicher Richtung durch die Provinzen Schansi, Schensi und
-Szytschuán bis nach Yün-nan und bog dann nach Osten gegen das Meer ab.
-Den ersten Theil des Weges hat v. Richthofen 1871 verfolgt und seinen
-Untersuchungen verdanken wir besonders das neue Licht, das auf die
-Weglinie des Venetianers gefallen ist. Wir begleiten den kaiserlichen
-Agenten über Tschou-tschou (Juju) zunächst nach T’aiyüan-fu (Taianfu)
-der Hauptstadt von Schansi, wo im 8. Jahrhundert die Tang- und später
-die Ming-Dynastie residirte und wo, bei dem sehr bedeutenden Reichthum
-an Kohlen und Eisen, seit alter Zeit die Eisenindustrie blühte, welche
-im 13. Jahrhundert namentlich Waffen fertigte. Sieben Tagereisen weiter
-folgte die in einem breiten Thal des nordchinesischen Lös gelegene
-Stadt Pingyang-fu (Pian-fu). Nach Ueberschreitung des Hwang-ho, den
-Polo unter dem mongolischen Namen Caramoran, d. h. schwarzer Fluß,
-kennt, gelangt man in 10 Tagen zu einer der merkwürdigsten Städte des
-Landes, nach Si-ngan-fu (Kenjanfu bei Polo, Kansan bei Odorich von
-Pordenone). Als die Hauptstadt vieler mächtiger Herrschergeschlechter,
-von deren Bedeutung auch unser Gewährsmann Kunde erhalten hat,
-vielleicht schon das Θιναι des Ptolemäus, und im 7. Jahrhundert der
-Sitz blühender Kirchen, kann man diese Stadt wohl als die berühmteste
-in der chinesischen Geschichte bezeichnen. Dann führt der Weg durch
-den von wilden Gebirgen erfüllten südlichen District der Provinz
-Schensi und jenseits Han-tschung durch das Tsinglinggebirge, wo seit
-alter Zeit die Straßen in Zickzack in den Felsen gehauen sind. Polo
-brauchte 20 Tage, um über diese Gebirge nach Tsching-tu-fu (Sindafu),
-der gegenwärtigen Hauptstadt von Szy-tschuan zu gelangen. Die herrliche
-Ebene, in welcher die Stadt liegt, die, von 800,000 Menschen bewohnt,
-jetzt zu den schönsten Städten Chinas zählt, breitet sich am Fuße des
-plötzlich abfallenden tibetanischen Plateaus aus und hatte damals
-„vil stett vnd schlösser vnd dörffer“. Die Ostgrenze Tibets war zu
-jener Zeit viel weiter nach Osten vorgeschoben als jetzt; die Stadt
-Ya-tschou-fu, welche man in weitern fünf Tagen erreicht, gehörte damals
-bereits zu Tibet und auch heutzutage liegt sie an der Westgrenze des
-nur von Chinesen bewohnten Gebietes. Sie bildet den Schlüssel zu dem
-westlichen Hochlande. Ueber 3000 Meter hohe Pässe ging’s weiter nach
-Süden, 20 Tage ritt Polo durch menschenleere Gebirge, so daß die
-Reisegesellschaft genöthigt war, alle Lebensmittel mitzuführen. Jetzt
-gibt es auch an dieser Straße einige Ansiedlungen und feste Plätze mit
-chinesischen Garnisonen, welche dem Wanderer gegen die unabhängigen
-Lolo Schutz gewähren. Kurz vor der Stadt Ning-juan-fu erreichte man
-wieder eine schöne, von einem Zufluß des Yang-tse-kjang bewässerte
-Thalebene, welche die Chinesen als eine Art irdisches Paradies preisen.
-Polo nennt die Stadt und Landschaft Caindu, ein Name, welcher der noch
-jetzt im Volke üblichen Bezeichnung Kian-tschang entspricht. Polo rühmt
-hier ein gewürztes Getränk, das aus Weizen, Reis und andern Spezereien
-bereitet werde. Dieser gewürzte Wein steht noch in gutem Ruf. Auch die
-Cassiablütenknospen, ein noch jetzt geschätztes Produkt des Thales,
-werden unter den Landesprodukten als „Gewürznelken“ aufgeführt.
-
-Nahe der südlichsten Biegung des Stromes wurde der obere Yang-tse-kjang
-(bei Polo Brius) überschritten und dann die Landschaft Carajang (d.
-h. schwarzes Jang, nach den schwarzen Bewohnern) erreicht. Es bildet
-den nördlichen Theil von Yün-nan, dessen Hauptstadt damals Ya-schi,
-jetzt Yün-nanfu heißt. Der weiter westlich gelegene Hauptort von
-Carajang trägt auch bei Polo diesen Namen, jetzt Talifu.[34] Auf den
-südwestlichen Gebirgen, welche die Grenze gegen den modernen Staat
-Birma bilden, erkennen wir in den Bewohnern, welche ihre Zähne zu
-vergolden pflegen, die Kakhyens oder Singpho, deren waldiges Bergland
-Polo unter der persischen Bezeichnung Zardandan, d. h. „Goldzahn“
-beschreibt. Jenseit dieser Gebirge, über die man mehrere Tage beständig
-abwärts reitet, öffnet sich das obere Thal des Irawadi. Polo nennt es
-Amien, bei den Chinesen heißt Birma oder Ava noch jetzt Mien. Durch das
-Thal des Schweli stieg der Reisende zum Iravadi hinab nach Alt-Pagan
-oder Tagoung (Tagong), wo über den Königsgräbern zwei fingerdick mit
-Gold und Silber belegte Thürme sich erhoben. Weiter scheint unser
-Reisender nicht vorgedrungen zu sein als bis nach Ta-gang, welches
-1283 auch der mongolischen Weltmacht unterthan gemacht war. Nur von
-Hörensagen berichtet er weiter von den Landschaften Bangala (d. i.
-Bengalen), Cangigu (d. i. Tung-king, chines. Kiaotschi-kwe), Anin im
-südlichen Yün-nan,[35] Coloman, d. h. Kolo-barbaren, an der Grenze von
-Kwei-tschou (Cuiju bei Polo). Von hier aus macht die Vortragsweise Polo
-wieder den Eindruck, als ob er auf seiner Rückreise aus Südwesten die
-Schilderung seiner eignen Route wieder aufnehme. Er zog wahrscheinlich
-von Yünnan-fu auf einem mehr östlich gelegnen Wege gegen Norden, setzte
-bei Siü-tschou über den blauen Strom und erreichte in Tsching-tu-fu
-seine frühere Straße wieder, um nun nach Cambalu seine Rückkehr zu
-vollenden.
-
-Drei Jahre stand Marco Polo dann als Gouverneur in der großen Stadt
-Yang-tschou nordöstlich von Nan-king, machte darauf mit seinem
-Onkel Maffeo längeren Aufenthalt in Kantschou in Tangut und hat
-wahrscheinlich auch Karakorum besucht. In diese Zeit fällt auch des
-Großfürsten vergeblicher Eroberungszug gegen das blühende Inselreich
-Zipangu (Japan), dessen Name Dschi-pen-kwe „Land des Sonnenaufgangs“
-zur Zeit des Columbus neben Indien und Cathay einen besonderen Lockreiz
-auf alle abenteuernden Entdecker ausübte.
-
-Die venetianischen Kaufleute weilten bereits über 20 Jahre in China,
-ehe sie eine günstige Gelegenheit fanden, ihre Heimat wieder zu sehen;
-denn der Kaan wollte sie ungern entlassen. Diesen günstigen Anlaß zur
-Abreise bot nun die Entsendung der Prinzessin Kokatschin nach Persien,
-wo sie mit Argunchan, dem Großneffen Kublais, vermählt werden sollte.
-Der Kaan gab ihnen 2 goldene Täfelchen als Geleitsbriefe und Empfehlung
-in allen seinen Landen und beauftragte sie auch noch mit einer
-Botschaft an die Könige von Frankreich, England und Spanien, sowie an
-andere Könige der Christenheit. Das Gefolge der Prinzessin bestand aus
-600 Personen. Von Cambalu ging die Reise bis zum Seehafen von Zayton zu
-Land und dann zur See. Auf dieser Landreise, welche Polo gleichfalls
-beschreibt, sah er die der Ostküste näher gelegenen Provinzen mit ihrem
-wimmelnden Völkerleben in den Riesenstädten, die alles übertrafen, was
-das Abendland bieten konnte, die mit ihrem Reichthum, Gewerbfleiß und
-überaus belebten Handel einen unverlöschlichen Eindruck zunächst auf
-den Reisenden und nach dessen Erzählungen bei allen Völkern Europas,
-namentlich den seefahrenden Nationen hervorbrachte, so daß an diesen
-glühenden Schilderungen sich die Reise- und Entdeckungslust entzündete.
-
-[Illustration: Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.
-
-(Das Original, in Ost-Sibirien gefunden, ist viermal so lang und
-breit.)]
-
-Von Peking ging die Landreise zuerst gerade nach Süden über Hokian-fu
-(Cacanfu), bei Tsinanfu (Chinangli) erreichte man damals, wie auch
-heute wieder, den großen Strom, den Hwangho, welcher später und bis
-vor 30 Jahren südlich um das Bergland von Schantung sich ins gelbe
-Meer ergoß. Größtentheils auf dem Kaisercanal führt der Weg gegen
-Südsüdosten durch Kiangsu bis zum Yang-tse-kjang und zur altberühmten
-Stadt Jangtschen (Yanju, auf der catalanischen Karte von 1375 als
-Jangio) wo M. Polo auf Befehl des Kaan drei volle Jahre, zwischen 1282
-und 1287 die Verwaltung geleitet hatte. In der Nähe dieser Stadt floß
-bei Tschin-tschou oder I-tschin-tschou (Sinju) der blaue Strom vorüber,
-auf dem Polo einmal 15,000 Schiffe vor der Stadt liegen sah. Nach den
-Angaben der dortigen Kaufherren liefen jährlich gegen 200,000 Schiffe
-den Fluß hinauf. Ueber die großen Plätze Tschang-tschen (Chinginju) und
-Su-tschen (Suju) zogen sie dann in Hang-tschen ein. Polo nennt diese
-größte aller Städte Kinsay oder Quinsai, nach dem chinesischen Namen
-King-sze, d. h. Hauptstadt; denn sie war seit 1127 die Residenz der
-Song-Dynastie gewesen. Keine Stadt der Welt hat unsern Reisenden mehr
-in Erstaunen gesetzt als diese, keine hat er so eingehend beschrieben;
-aber leider hat Polo, indem er das chinesische Wegmaß „Li“ einer Meile
-gleichsetzt, die Verhältnisse gewaltig übertrieben. Diese schönste
-Stadt der Welt mit ihren meilenlangen, gepflasterten Straßen sollte
-100 Meilen[36] im Umfange haben. Die ganze Stadt lag, von Wasser
-umgeben, von Canälen durchzogen, in der Niederung, nahe dem Meere;
-12,000 Steinbrücken führten über die Canäle. Es gab 1,600,000 Häuser
-und darunter viele stattliche Paläste. An jedem Hause war auf einer
-Tafel die Anzahl der Bewohner zu lesen. Die zwölf gewerbtreibenden
-Zünfte verfügten über 12,000 Häuser mit Arbeitern. In den Hauptstraßen
-wogte ein unaufhörlicher Verkehr, Wagen folgten auf Wagen. Die
-Einkünfte, welche der Kaan von hier bezog, sollten sich jährlich auf
-fast 200 Mill. Mark (!) belaufen. Und um die Größe der Bevölkerung zu
-veranschaulichen, hatte ein kaiserlicher Beamter erzählt, daß täglich
-fast 10,000 Pfd. Pfeffer consumirt würden. Der neben der Stadt gelegene
-Palast hatte 10 Meilen (Li) Umfang, umfaßte 20 in Gold gemalte, große
-Hallen, gegen 1000 auf das herrlichste geschmückte Zimmer und war
-von schönen Gärten mit Springbrunnen und Teichen umgeben. Die Stadt
-lag unfern des Meeres, an welchem +Ganfu+[37] einen ausgezeichneten
-Hafen der Stadt bildete. Das ganze Küstengebiet hat seit jener Zeit
-wesentliche Veränderungen erlitten. Die See ist näher an die Stadt
-gerückt, die Stätte des Hafens ist unter den Spiegel des Wassers
-gesunken, und die Metropole selbst hat gegenwärtig nur 35 Li Umfang.
-Auch nach Polo’s Zeit ist diese Weltstadt von abendländischen und
-arabischen Reisenden beschrieben, so von Odorich, welcher 1324-27 in
-China weilte, von Marignolli (1342-47), welcher sie Campsay nennt, von
-Wassaf, Ibn Batuta u. a.
-
-Von King-sze ging dann die Reise weiter durch die jetzigen Provinzen
-Tsche-kjang und Fu-kian nach dem Seehafen Fu-tschen (Fuju, aus der
-catal. Karte Fugio). Die leicht erregbare Bevölkerung dieser Capitale
-Südchinas mußte stets durch starke mongolische Besatzung niedergehalten
-werden, da sie zu Revolten geneigt war. Der weiter südlich gelegene
-berühmte Hafen Zayton (Caiton, Çaiton, auf der catalon. Karte Caxum)
-war der Sammelplatz der Indienfahrer und einer der größten Handelshäfen
-der Welt. Wir haben diesen später sprichwörtlich berühmten Hafen
-südlich von Fu-tschen in der Stadt Tsiuan-tschen zu suchen, doch
-mögen die Vorhäfen dieses Platzes sich noch bis an das wundervolle,
-geräumige Hafenbecken von Amoy erstreckt haben. Das östlich gelegene
-Meer ist das Meer von „Tschin“. Nur an dieser einzigen Stelle (~lib.
-III, cap.~ 4) nennt Polo den jetzt üblichen Landesnamen China, aber
-in persischer Form. Ein anderer Name dafür war das Meer von Manzi,
-d. h. Südchina. Nach Angabe der Seeleute, welche in diesen Gewässern
-verkehrten, gab es in jenem Meere 7459 Inseln.[38] Von dort kamen
-weißer und schwarzer Pfeffer und alle anderen geschätzten Spezereien.
-Jahreszeitliche, regelmäßig wechselnde Winde beförderten den Verkehr
-mit den Gewürz-Inseln.
-
-Von Zayton aus verließ Polo das Reich der Mitte. Die Namen King-sze
-und Zayton, Zipangu und Manzi behielten Jahrhunderte lang ihren
-zauberisch lockenden Klang für die handeltreibenden Völker des
-Abendlandes. Nachdem man für das Gefolge der Prinzessin, welche nach
-Persien geleitet werden sollte, im Hafen von Zayton 13 Schiffe, jedes
-mit vier Masten, ausgerüstet und auf zwei Jahre mit Lebensmitteln
-versehen hatte, stach man im Anfang des Jahres 1292 in See. Nach einer
-Fahrt von angeblich 1500 Meilen kam die Ostküste von Hinterindien
-in Sicht, dort lag das seit 1278 dem Großkaan tributäre Königreich
-Tschampa (Cyamba) zwischen Tongking und Cambodja. Bei den Arabern hieß
-es Sanf, und durch das Meer von Sanf führt nordwärts der Seeweg nach
-China. Um die altberühmte, den Seefahrern bekannte Landmarke der jetzt
-französischen Inselgruppe Pulo Condor bog der Weg westwärts nach dem
-an Elephanten, Gold und Farbholz reichen Locac (Siam) ab. Eigentlich
-bestanden zwei Königreiche dort, von denen das nördliche eigentliche
-Siam bei den Chinesen Sien-lo, das andere, näher der See gelegene
-Lo-hoh hieß. Nach der bei Polo mehrfach vorkommenden Vertauschung von
-h mit c oder k, wurde aus Lo-hoh Lokok und Lococ (d. h. das Königreich
-Lo). Bei der weiteren Küstenfahrt gewann die Gesandtschaftsflotte bei
-der Insel Pentam (Bintang, östl. v. Singapur) das Südende Asiens,
-„wo alle Wälder aus wohlriechendem Holze“ bestehen, und steuerte nun
-nach Sumatra. Polo nennt hier einen Staat Malaiur; nach der Deutung
-H. Yules haben wir darin Palembang auf Sumatra zu erkennen, welches
-auch im 16. Jahrhundert noch bei den Malaien unter dem Namen Malayo
-bekannt war. Die ganze Insel nennt unser Gewährsmann Klein-Java. An den
-gewürzreichen Gestaden dieser großen Insel wurde die Expedition längere
-Zeit aufgehalten, so daß sich Gelegenheit bot, die sechs Königreiche in
-dem nördlichen Theil der Insel zu besuchen. Eines darunter trägt den
-Namen Samara, vermuthlich Samatra (Sumatra). Um zu zeigen, wie weit
-die Gebiete nach Süden gelegen sind, fügt Polo hinzu, daß man hier den
-Polarstern oder die Sterne des Maestro (großer Bär?) kaum noch zu sehen
-vermöge. In einem andern Königreiche Fanfur, woher der beste Kampfer
-stammte, lernte er auch das wohlschmeckende Mehl der Sagopalme kennen.
-Durch die Malakastraße steuerte das Geschwader nordwestlich zu den von
-wilden schwarzen Menschen bewohnten Inseln Necuveran (Nikobaren) und
-Angamanain (Andamanen), deren Bewohner Hundsköpfe haben. Das stupide,
-prognathe Gesicht jener Negrito ist schon frühzeitig den Abendländern
-aufgefallen, bereits der Grieche Ktesias spricht davon.
-
-Von da segelte man mit südwestlichem Cours nach der durch ihre
-Edelsteine und Perlen berühmten Insel Seilan (Ceylon), aus deren
-Mitte sich über dem Waldlande die Felsenspitze des Adamspik als ein
-vielbesuchter Walfahrtsort erhob. Von da setzte man nach der Ostküste
-Vorderindiens über, wahrscheinlich nach Tandschur. Der ganze Landstrich
-hieß damals bei den Arabern Maabar oder Mabar, d. h. Ueberfahrt,
-(nämlich nach Ceylon); jetzt trägt die Küste den Namen Koromandel.
-Hier begegnen wir in der Gegend von Madras auch der sehr alten
-Ueberlieferung, daß der Apostel Thomas in Indien gepredigt habe und daß
-durch ihn die Gemeinde der Thomaschristen begründet sei. Dann wurde die
-zu jener Zeit blühende, jetzt verödete und zu einem Dorf herabgesunkene
-Handelsstadt Kail (bei Nicolo Conti im 15. Jahrhundert Kahila) besucht.
-Dieser Hafenplatz lag nahe der Mündung des Tamraparniflusses im
-District Tinnevelly. Die Südspitze Indiens bildete das Land Comari.[39]
-Im Reiche Melibar (Malabar) auf der Westküste, die besonders durch den
-Reichthum von Pfeffer und Ingwer gesegnet ist, war man schon bedeutend
-wieder nordwärts gerückt, „denn der Polarstern erhebt sich schon zwei
-Ellen über dem Wasser“. In Gozurat (Guzerat) steht er bereits sechs
-Ellen hoch. So wurde also eine Umfahrt fast um die ganze indische
-Halbinsel ausgeführt, ehe man an der öden Küste von Mekran entlang nach
-Ormuz steuerte. Bevor Polo das Schiff verläßt, wirft er noch einen
-Blick über die westlichen Regionen und Gestade des indischen Oceans.
-Hier beruhen seine Mittheilungen nur auf Erkundigungen und enthalten
-daher manches Irrige oder Falschverstandene. Bemerkenswerth sind seine
-Angaben über die Christen aus Socotra, welche bereits im 6. Jahrhundert
-dem Indienfahrer Kosmos bekannt waren, und sogar nach den Angaben des
-Carmelitermönches Vincenzo noch im 17. Jahrhundert existirt haben
-sollen. Auch die Insel Sansibar (Zanzhibar) tritt in den Gesichtskreis.
-Von allen Reisenden zuerst nannte Polo auch die große Insel Madagascar;
-da er sie aber irrthümlich von Elephanten und Kamelen belebt sein läßt,
-so liegt die Vermuthung nahe, daß er Nachrichten aus Magadascho auf der
-Ostküste Afrikas mit Berichten aus Madagascar zusammengeworfen habe.
-
-Weiter südlich über jene Insel hinaus aber kann man nicht ohne Gefahr
-in den Ocean vordringen, weil eine gewaltige Strömung die Fahrzeuge
-unwiderbringlich nach Süden reißt. Und wenn uns von 12,700 Inseln
-erzählt wird, welche im indischen Meere liegen sollen, so werden wohl
-die Korallen-Ringe der Lakkediven, d. h. 100,000 Inseln und der Titel
-des Sultans der Malediven, der sich Herr der 12,000 Inseln nannte,
-dabei besondere Berücksichtigung gefunden haben.
-
-Erst im Jahre 1294 kam die bedeutend an Mitgliederzahl
-zusammengeschmolzene Gesandschaft nach Persien, denn ein großer Theil
-des ursprünglich aus 600 Personen bestehenden Gefolges war während
-der Reise gestorben. Auch Argunchan, dem die Braut bestimmt war, war
-inzwischen (am 10. März 1291) aus dem Leben geschieden. Ihm war sein
-Bruder Kaichatu (Kiacatu) in der Herrschaft gefolgt; dessen Sohn, Gasan
-(Casan), trat an die Stelle seines verstorbenen Ohms und heiratete die
-Braut. Kaichatu selbst aber empfing die Poli in fürstlicher Weise und
-gab ihnen auf ihrer Weiterreise die umfassendsten Geleitsbriefe mit,
-so daß sie in unsicheren Gegenden zuweilen unter dem Schutze von 200
-bewaffneten Reitern dem Abendlande zueilten. Von Persien aus schlugen
-sie über Bagdad den nördlichen Weg ein über das armenische Hochland
-nach Trapezunt und gelangten von da zu Schiff über Konstantinopel und
-Negroponte im Jahre 1295, nach 25jähriger Abwesenheit wieder in ihre
-Vaterstadt Venedig.
-
-Fassen wir noch einmal die Resultate dieser epochemachenden Reise
-zusammen,[40] so war Marco Polo der erste Reisende, welcher ganz Asien
-der Länge nach durchzog und die einzelnen Länder beschrieb. Er sah
-die Wüsten Persiens und die grünen Hochflächen und wilden Schluchten
-Badachschans, die Jade-führenden Flüsse Ost-Turkistans und die Steppen
-der Mongolei, die glänzende Hofhaltung in Cambalu und das Volksgewimmel
-in China. Er erzählte von Japan mit seinen goldbedeckten Palästen, von
-Birma mit seinen goldenen Pagoden, schildert zuerst die paradiesischen
-Eilandfluren der Sundawelt mit ihren aromatischen Gewürzen, das ferne
-Java und Sumatra mit seinen vielen Königreichen, mit seinen geschätzten
-Erzeugnissen und seinen Menschenfressern; er sah Ceylon mit seinen
-heiligen Bergen, besuchte viele Häfen Indiens und lernte dieses im
-Abendlande noch immer von Sagen verhüllte Land in seiner Größe und
-seinem Reichthum kennen. Er gab zuerst im Mittelalter einen klaren
-Bericht von dem christlichen Reiche in Abessinien und drang mit seinem
-Blick einerseits bis nach Madagascar vor, andererseits zog er im Innern
-Asiens Erkundigungen über den höchsten Norden, über Sibirien ein, über
-das Land der Finsterniß, wo weder Sonne noch Mond noch Sterne scheinen
-und ein ewiges Zwielicht herrscht, wo man auf Hundeschlitten fährt oder
-auf Renthieren reitet, ein Land, hinter welchem endlich ein eisiger
-Ocean sich ausdehnt.
-
-Wissenschaftliche Bildung besaß Polo nicht. Er wundert sich darüber,
-daß Sumatra so weit im Süden liegt, daß der Polarstern aus dem Gesicht
-verschwindet und die Inseln im Eismeer auf der andern Seite so weit im
-hohen Norden sich befinden, daß man den Polarstern hinter sich läßt.
-Die Himmelsgegenden, nach denen der Weg führte, oder wohin Länder ihrer
-Lage nach angegeben werden, sind oft falsch bestimmt, seine Wegelängen
-erscheinen vielfach übertrieben.
-
-Vor allem aber ist zu beklagen, daß er nicht Chinesisch verstand,
-obwohl er so lange im Lande weilte und sogar officiell mit dem Volke
-verkehren mußte. Daher die falschen Uebersetzungen und Erklärungen
-chinesischer Namen, wie wenn er King-sze als Stadt des Himmels deutet;
-daher auch die Verstümmelung der Ortsnamen und seltsame Schreibweise
-derselben. Zwar berichtet er über mancherlei interessante Einrichtungen
-im Lande, von den wohlgepflegten, mit Bäumen bepflanzten Heerstraßen,
-den Posten und Läufern, den zur Bequemlichkeit der Reisenden an der
-Straße errichteten Gasthäusern und der polizeilichen Beaufsichtigung
-des Fremdenverkehrs in den großen Städten. Er erwähnt zwar die
-Einrichtung von Kornmagazinen, den Gebrauch der Steinkohlen, die
-weitverbreitete Anwendung des Papiergeldes; aber andere wesentliche
-Eigenthümlichkeiten und Erfindungen bleiben unbeachtet und nach dieser
-Richtung erscheint das Werk lückenhaft. Wir vermissen Mittheilungen
-über die Magnetnadel, über Pulver, über Bücherdruck, künstliches
-Eierausbrüten und Fischerei mit Kormoranen; auch des Thees geschieht
-keine Erwähnung. In der neuen Geschichte Asiens erscheint Polo ungenau.
-Allein man muß auch erwägen, unter welchen Verhältnissen sein Buch
-entstand. Kaum von seiner weiten Reise zurückgekehrt, nahm er an dem
-Kriege theil, in welchen Venedig mit seiner Rivalin verwickelt war,
-wurde noch im Jahre 1295 in der Seeschlacht bei Corzola, einer der
-dalmatischen Inseln, gefangen genommen und nach Genua gebracht, wo
-er in der Gefangenschaft einem Genossen, dem Pisaner Rusticiano oder
-Rustichello seinen Bericht dictirte. -- Trotzdem gehört Marco Polo zu
-den geographischen Classikern des Mittelalters.
-
-Ursprünglich war der Bericht, noch nicht in Bücher und Capitel
-abgetheilt, in altfranzösischer Sprache niedergeschrieben, wie man
-dies aus der grade hier am meisten bewahrten Naivität der Erzählung
-mit ihrer stereotypen Redeweise und ihrer Unbehilflichkeit im
-Ausdruck, aber auch aus der hier annähernd correctesten Schreibweise
-der Eigennamen erkannt hat. Dann wurde das Werk ins Lateinische,
-Italienische übersetzt und überarbeitet.
-
-Trotzdem hat sein Bericht nicht plötzlich gewirkt. Seine Zeitgenossen
-Dante und Sanudo erwähnen ihn noch nicht; wohl aber citirt ihn sein
-persönlicher Freund Pietro di Abano (geb. 1250 in Abano bei Padua,
-gest. 1316). Den ersten Einfluß auf die Ländergemälde verspürt man in
-der catalanischen Karte von 1375, wo Vorder-Indien als Halbinsel sich
-aus den von Ptolemäus gezogenen engen Schranken loslöst und manche
-Landschaften Indiens und Südchinas ganz richtig gezeichnet sind.
-
-[Illustration: ~Lith. Kunst-Anst. v. Aug. Kürth, Leipzig~
-
-~G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin~
-
-~CHINESISCHES PAPIERGELD AUS DER MING-DYNASTIE (1368-1645).~
-
-~Facsimile Reproduction in ¼ der natürl. Größe (Original in Paris).~]
-
-Die erste deutsche Uebersetzung erschien 1477 unter dem Titel: „Das
-ist der edel Ritter Marcho Polo von Venedig der große Landfahrer, der
-uns beschreibt die großen Wunder der Welt, die er selbr gesehenn hat.
-Von dem auffgang pis zu dem undergang der sunnen, dergleychen vor
-nicht meer gehort seyn. Diß hat gedruckt Friczs Creüßner zu Nurmberg
-nach cristi gepurdt 1477.“ Im 15. und 16. Jahrhundert wurde Polo’s
-Bericht von den Kartographen in ausgiebiger Weise gebraucht und auch
-misbraucht, indem man oft in unkritischer Methode seine Länder und
-Städte über die Erdräume vertheilte. Trotzdem bildete es das wichtigste
-Fundament für die Kenntniß des östlichen und südlichen Asien, bis
-seine unbestimmten Angaben durch bessere, auf mühsamen Landreisen
-gewonnene Resultate ersetzt werden konnten. Das schönste von allen
-Resultaten, meint Libri,[41] welches dem Einfluß Polo’s zu danken,
-sei dieses, daß Columbus durch seine Schilderungen zur Entdeckung der
-neuen Welt angeregt worden, und daß er, eifersüchtig auf Polo’s Ruhm,
-es für seine Lebensaufgabe gehalten, Zipangu zu erreichen, von dem der
-Italiener solche Wunderdinge berichtet habe.
-
-Allein H. Yule (a. a. O. I, 103) bemerkt mit Recht dagegen, daß
-Columbus die Berichte Polo’s nur aus zweiter Hand kenne und zwar
-aus einem Briefe Toscanelli’s. Polo’s Namen nennt der Entdecker der
-neuen Welt nicht. Seine feste Ueberzeugung von der Schmalheit des
-westlichen Oceans leitet sich nicht aus der Berechnung der Entfernungen
-asiatischer Länderräume nach Polo’s Angaben her, wonach Ostasien
-bis weit in den großen Ocean hinein sich erstrecken müßte, sondern
-stammt von seinem beliebten Gewährsmann, dem Cardinal d’Ailly, welcher
-seinerseits sich wieder auf Roger Bacon berief.
-
-Ob sich Karten, von Polo’s Hand entworfen, noch länger erhalten, bleibt
-zweifelhaft. Doch wird erzählt, daß der Prinz Pedro von Portugal 1426
-von der venetianischen Signoria eine Karte erhielt, welche entweder ein
-Original oder eine Copie von einer durch Polo selbst gefertigten Karte
-gewesen sein soll.
-
-
-5. Die späteren Missionsreisen und Handelszüge.
-
-Polo hatte in Asien eine Reihe von Nachfolgern, namentlich
-glaubenseifrige Mönche, welche zwar nicht so umfassende Reisen wie der
-venetianische Kaufmann machten, aber doch manche Ergänzungen seines
-Berichtes brachten und namentlich dazu beitrugen, daß noch längere Zeit
-das Interesse für die östliche Welt lebhaft erregt blieb.
-
-Der erste unter diesen Missionaren war der Franziskaner +Johann von
-Montecorvino+ in Süditalien, geb. 1247, gest. um 1328. Derselbe befand
-sich zu gleicher Zeit mit den Poli in Asien. Im Jahre 1289 vom Pabste
-entsendet, ging er in Begleitung des Kaufmanns Petrus de Lucalongo nach
-Persien und weiter nach Indien, hielt sich dort bei den Thomaschristen
-längere Zeit auf und konnte über Land und Leute manches neue erzählen.
-Seine Erlebnisse und Beobachtungen sind in einem Briefe niedergelegt,
-welchen er von Maabar in Ober-Indien 1292 oder 1293 nach dem Abendlande
-sendete. Indien heißt bei ihm Maebar. Die Bewohner der dekhanischen
-Halbinsel sind eigentlich nicht schwarz, sondern olivenfarben und von
-schöner Gestalt. Ihre tägliche Nahrung besteht in Reis und Milch;
-Brot und Wein kennen sie nicht. Unter den Produkten werden Pfeffer,
-Ingwer und Bersi (Brasilholz) besonders erwähnt. Montecorvino ist
-der erste abendländische Reisende, welcher Zimmt als ein wichtiges
-Erzeugniß Ceylons nennt. Auch kennt er die eigenthümliche Schrift
-auf Palmblätter. Die jahreszeitlichen Winde (die Monsune) regeln die
-Schifffahrt, auch die Regen sind an bestimmte Zeiten gebunden. Südlich
-vom indischen Meere gibt es kein Festland mehr, sondern nur Inseln, und
-zwar mehr als 12000,[42] von denen aber ein Theil unbewohnt ist.
-
-Von Indien wandte sich Montecorvino nach China an den Hof Kublais;
-diesen Fürsten, den Gönner Polo’s, fand er aber nicht mehr unter den
-Lebenden. Kublai starb 1294.
-
-Von Cambalu aus, wo 1305 eine Kirche gebaut und ein Kloster gegründet
-wurde und wo der Franziskaner das Oberhaupt der christlichen Gemeinde,
-im Range eines Erzbischofs[43] wurde, schrieb er noch zwei Briefe in
-die Heimat, im Januar 1305 und im Februar 1306. Ein dritter Brief, oder
-eigentlich der Schluß des zweiten Briefes, ist später von Menentillus
-von Spoleto mitgetheilt, woraus man früher die irrthümliche Folgerung
-zog, daß Menentillus selbst in China geweilt habe. Montecorvino scheint
-der erste und auch der letzte Erzbischof von Cambalu gewesen zu
-sein.[44]
-
-Zwischen 1316 und 1318 folgte seinen Spuren ein anderer Ordensbruder
-+Odorich von Pordenone+ in Friaul. Er nahm seinen Weg über
-Konstantinopel, Trapezunt und Armenien nach Tebris, wo zwischen 1284
-und 1291 bereits ein Pisaner Kaufmann, Jolus oder Ozolus ansässig
-gewesen war. Ueber Sultanieh und Kaschan ging er nach Jesd. Auf Kreuz-
-und Querzügen, abseits von dem gewöhnlichen Karawanenwege, scheint er
-an den persischen Golf gekommen zu sein. Er schildert die beweglichen
-Sandmassen der Wüsten im Innern Persiens, rühmt die ausgezeichneten
-Feigen und grünen Trauben von Jesd, besuchte die öden Palasttrümmer
-von Comerum (wahrscheinlich Persepolis) und ging über Schiras ins
-Tigristhal hinab nach Bagdad. Am babylonischen Thurme vorbei gelangte
-er ans persische Meer und nach Ormuz, stieg hier zu Schiff und fuhr auf
-einem gebrechlichen Fahrzeuge, dessen Planken ohne Eisennägel nur durch
-Kokosfäden zusammengenäht waren, ähnlich wie es Polo und Montecorvino
-bereits beschrieben hatten, in 28 Tagen nach Tana auf Salsette nördlich
-von Bombay und von da nach Malabar (Minibar), wo der beste Pfeffer
-gedeiht. Dort blühten damals die Plätze Flandrina (Pandarani), eine
-jetzt verschwundene Stadt, nördlich von Kalikut, und Cyngilin, d. i.
-Kranganor, südlich von Kalikut, damals der Sitz einer der ältesten
-Dynastien in Malabar.[45] Um die Südspitze Vorder-Indiens herum
-ging die Fahrt weiter nach Mobar (Koromandel), wo nach der Ansicht
-Odorichs der Leib des heiligen Thomas begraben liegt. Auch Ceylon wurde
-besucht, wo es Vögel mit 2 Köpfen (Tukan) gibt, und von hier auch
-Mailapur (Madras) erreicht. Eine Seereise von 50 Tagen brachte unsern
-Glaubensboten an den Nicobaren (Nicoveran) vorbei nach Lamori, einem
-Reiche von Sumatra.[46] Wegen der Hitze gehen die Einwohner nackt, es
-herrscht bei ihnen Weibergemeinschaft, wie auch auf der Insel Pagi
-oder Pagai westlich von Sumatra, und Landcommunismus, auch sind sie
-dem Canibalismus ergeben. Das Gebiet bringt Gold, Kampfer, Aloeholz,
-Reis und Weizen hervor. Weiter gegen Süden liegt das Reich Sumoltra.
-Hier begegnen wir zum ersten Male unverkennbar dem heutigen Namen der
-Insel, welcher von dem Königreiche auf das ganze Eiland übertragen ist.
-Nachdem Odorich noch verschiedene Häfen besucht hatte, wandte er sich
-nach der reichen Insel Java, welche nach seiner Vorstellung, eine arge
-Uebertreibung -- gut 3000 Meilen Umfang hat. An Produkten lieferte
-diese zweitschönste von allen Inseln Kampfer, Kubeben, Kardamom- und
-sogar Muskatnüsse. Mit Gold und Silber geschmückte Tempel verkündeten
-die Macht und den Reichthum der Fürsten. Von hier kehrte Odorich nach
-dem Norden zurück, berührte die Südküste Borneos, wie sich aus den von
-ihm erwähnten Produkten Sagomehl, Palmwein, Bambus u. s. w. ergibt,
-besuchte das Königreich Zampa (Tschampa), wo der König viele gezähmte
-Elephanten besitzt, und endete in Kanton, im Lande Manzi (Südchina),
-welches auch Ober-Indien genannt wurde, seine Seereise. Er bezeichnet
-diesen berühmten Seehafen mit dem Namen Censcalan.[47] Die Stadt liegt
-eine Tagereise vom Meere entfernt an einem großen Flusse und treibt
-den ausgedehntesten Seehandel. „Ganz Italien besitzt nicht so viele
-Schiffe als diese eine Stadt.“ Die betriebsame, dichte Bevölkerung
-Chinas und seine zahlreichen Städte machten einen gewaltigen Eindruck.
-Odorich greift wohl etwas zu hoch, wenn er meint, es gäbe in Manzi
-2000 Städte, welche größer als Vicenza oder Traviso seien. Allein eine
-annähernde Zahl von Städten besteht nach der Zusammenstellung Yules
-(Cathay I, 104) noch jetzt. Von Kanton wandte sich Odorich nach Zayton
-und von da nach dem Hafen Fuzo (Futscheu). Die weitere Landreise führte
-sodann durch manche Städte und über ein hohes Gebirge, in welchem
-zwei verschiedene Menschenrassen hausen, nordwärts zu einem großen
-Fluß, in welchem er zuerst die Kormoranfischerei kennen lernte, und
-dann nach Cansay, dem Quinsay Polo’s. In Bezug auf die Größe dieser
-Weltstadt übertreibt er noch mehr als sein Vorgänger. Die Stadt liegt
-in den Lagunen wie Venedig, hat 100 Meilen im Umfange und von den 12
-Hauptthoren aus erstrecken sich die Vorstädte noch meilenweit ins Land
-hinein.
-
-Von hier gelangte der Franziskaner nach Chilenfu (Nanking), wo zuerst
-die Könige von Manzi residirten. Damals hatten die Umfassungsmauern
-eine Länge von 40 Meilen,[48] jetzt nur die Hälfte. Auf dem großen
-Strome Talay (Ta kjang oder Yang tse kjang) ging die Fahrt an manchen
-Städten vorbei zum Schifffahrtscanal, und über den Hwangho endlich nach
-Cambalech (Peking), wo Odorich 3 Jahre verweilte und einer der von
-Montecorvino gegründeten Kirchen vorstand.
-
-Als neue Beobachtungen des chinesischen Lebens, welche Polo unerwähnt
-gelassen, erzählt Odorich, es sei ein Zeichen der Vornehmen, sich
-lange Nägel wachsen zu lassen, bei einigen werde der Daumennagel so
-lang, daß er rund um die Hand gehe. Bei Frauen gelte es als Schönheit,
-sehr kleine Füße zu haben. Daher pflegten die Mütter den neugeborenen
-Mädchen die Füße fest zu umwickeln, daß dieselben nicht wachsen
-könnten. Auch beschreibt er zuerst die weißen Hühner mit wollhaarigem
-Gefieder, welche nur in China heimisch sind.[49]
-
-Ueber den Weg, welchen Odorich auf seiner Heimreise einschlug, wissen
-wir nur soviel, daß er sich von Peking westwärts ins Binnenland, in
-das Land Tenduc, welches er für das Reich des Priesters Johann hielt,
-begab, vielleicht auch Singanfu besuchte und über die Hochgebirge nach
-Tibet und seiner Hauptstadt Lhasa vordrang. Hier verlieren sich alle
-Spuren; möglicherweise führte die Route durch Persien über Tebris
-wieder zurück. Um 1330 gelangte er wieder nach Venedig und starb im
-Januar 1331 in Udine. Auf einem Theile seiner Wanderung hatte er einen
-irischen Mönch Jakob zum Begleiter. Er war der erste Europäer, welcher
-Tibet sah.
-
-[Illustration: Hand eines reichen Annamiten.]
-
-Auch auf dem nördlichen Handelswege nach Centralasien fanden sich in
-der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eifrige Glaubensprediger ein,
-denn der Pabst hatte allen, welche im Dienste der Kirche sich den
-Mühen und Gefahren unterzogen, unter den Tataren das Christenthum
-zu verbreiten, denselben Ablaß „~a poena et a culpa~“ verheißen,
-wie denen, welche nach Jerusalem pilgerten. So zog 1338 auch der
-spanische Franziskaner +Pascal von Vittoria+ von Venedig aus, fuhr
-übers schwarze Meer nach der Krim (Gazaria) und Asow (Tana) und begab
-sich dann in Gesellschaft einiger griechischer Händler zu Wagen nach
-Sarai (Sarray), wo er, wahrscheinlich im Ordenskloster der Stadt,
-über ein Jahr lang verweilte, dann die Wolga (Tygris) hinab ins Meer
-von Baku (Vatuk), d. i. das kaspische Meer gelangte und nach 12 Tagen
-Saraitschik (d. h. kleiner Palast) am Uralflusse erreichte. Der Ort
-liegt gegenwärtig in Ruinen. Pascal war im Stande, mit den Tataren
-in ihrer Sprache zu verkehren, denn er hatte in Sarai die kumanische
-(chamanische) Sprache und die uigurische Schrift, welche bis nach
-China verstanden wurde, sich angeeignet. Vom Uralflusse verfolgte er,
-nachdem sein bisheriger Begleiter Fra Gonsalvo Transtorna umgekehrt
-war, seinen Weg allein, ritt zu Kamel durch die turanische Steppe nach
-Chiwa (Urganth) und predigte dort in der Landessprache. Von da aus
-drang er ins Reich Tschagatai (~Imperium Medium~ der Abendländer),
-wurde durch Kriegsunruhen zwar mehrfach aufgehalten, kam aber doch
-endlich nach Almalik (Armalec) der Hauptstadt von Tschagatai, in der
-Nähe des heutigen Kuldscha, und verkündigte trotz aller Verfolgung
-glaubensmuthig die christliche Lehre. Von hier aus sandte er einen
-Brief, den einzigen, nach Europa, in welchem er über seine Reisen
-berichtete. Leider ist er, wahrscheinlich schon im nächsten Jahre,
-1339 als Märtyrer gefallen.[50] In demselben Jahre erreichte auch ein
-Kaufmann, Wilhelm von Modena, die Stadt Almalik.
-
-Die letzte große Wanderung quer durch Asien führte der Franziskaner
-+Johann von Marignolli+, ein geborener Florentiner (geb. 1290) aus. Auf
-einen Brief des Großchans, vom Juli 1336, welcher 1338 nach Avignon
-gelangte, schickte der Pabst Benedikt XIII. eine Gesandtschaft, aus 32
-Personen bestehend, im December desselben Jahres von Avignon ab. Unter
-den Sendlingen befand sich auch Marignolli. Man kam auf dem bekannten
-Wege über Konstantinopel und Kaffa im Herbst 1339 nach Sarai, wo man
-überwinterte, und schlug dann die Handelsroute über Urgendsch nach
-Almalik (Armalec) ein. Hier blieb Marignolli bis 1341 und zog dann
-über Komul (Kamil) nach Peking, wo die Gesandtschaft bei dem Kaan
-eine Audienz hatte unter Vortragen des Kreuzes und unter dem Gesange:
-„~Credo in unum deum~.“ In Cambalu verweilten sie 3 bis 4 Jahre als
-Gesandte des Pabstes am kaiserlichen Hofe, dann ging die Wanderung
-weiter nach dem Hafen Zayton. Die Schilderung, welche Marignolli von
-China entwirft, ist etwas verworren. So hält er den Hwang ho und den
-Yang tse kjang für ein und denselben Strom. Von dem Lande Manzi, d.
-i. Südchina, welches früher unter dem Namen ~India maxima~ bekannt
-war, sagt er, es habe 30,000 große Städte, unter denen Campsay
-(Quinsay) die schönste, größte, reichste und wunderbarste sei mit
-zahlreichen Prachtgebäuden und Götzentempeln, in denen bisweilen 1000
-bis 2000 Mönche wohnten. Zu Ende des Jahres 1347 segelte Marignolli
-nach Indien. Unterwegs stattete er auch der Königin von Saba[51]
-einen Besuch ab und landete dann an der Küste Malabar in Indien in
-der Stadt Columbum (Quilon oder Kollam). Denn hier verkehrten auch
-chinesische Handelsschiffe. In Kollam existirte eine Gemeinde von
-Thomaschristen. Die Vorsteher derselben bewahrten in Folge eines alten
-Privilegiums das Normalgewicht (~statera~), mit welchem Pfeffer und
-andere Spezereien gewogen wurden. Daher nennt Marignolli sie auch „die
-Herren des Pfeffers“.[52] Bei dieser Stadt errichtete er auch eine
-Marmorsäule mit Kreuz und salbte es mit Oel. An der Säule befanden sich
-die Wappen des Pabstes und Marignolli’s mit indischer und lateinischer
-Schrift. „Ich weihete es,“ erzählt der Bote des Pabstes, „und segnete
-das Denkmal in Gegenwart einer unendlichen Menschenmenge und wurde
-auf den Schultern von Häuptlingen in einem Palankin getragen.“ Von
-da begab sich Marignolli nach Ceylon; aber das Paradies, welches
-nach Mittheilungen der Eingebornen im Innern liegen sollte, hat er
-selbst nicht gesehen. Nach der Ansicht des Johannes Scotus ist das
-Paradies auf dem höchsten Punkte der Erde gelegen und reicht bis in
-die Mondsphäre hinein. Daher muß das Wasser, welches aus dem Garten
-Eden entspringt und die Bäume tränkt, mit starkem Falle herabstürzen.
-Die Singhalesen fanden daher auch bei Marignolli Glauben, wenn sie ihm
-erzählten, man könne das Rauschen der Paradiesquelle 40 Meilen weit
-hören. Auf der höchsten Spitze des Berges ist noch der Fußstapfen Adams
-und das Haus zu sehen, das er selbst gebaut hat.
-
-Auf der Rückkehr von Ceylon nach der Koromandelküste fiel
-Marignolli mohammedanischen Seepiraten in die Hände und wurde aller
-Werthgegenstände, die er aus dem Osten mitgebracht, beraubt; aber
-man schonte seines Lebens und so konnte er über Ormuz, Bagdad, in
-dessen Nähe er die Ruinen des Thurmes zu Babel (d. h. den Mudschelibe)
-besuchte, über Mossul, wo er die Ruinen von Ninive gesehen, Haleb und
-Damaskus nach dem Abendlande heimkehren und 1353 dem Pabste in Avignon
-das Antwortschreiben des Großkaan überreichen.[53]
-
-Die oft wiederholten Handels- und Missionsreisen zu den Residenzen
-der tatarischen Großfürsten machen es erklärlich, daß, lediglich um
-den praktischen Bedürfnissen der Kaufleute zu genügen, Beschreibungen
-des Weges mit Angabe der Entfernung und Kosten entworfen wurden. Ein
-solcher +Reiseführer+ ist unter dem Titel „~Libro di divisamenti di
-Paesi~“ von dem Italiener +Pegolotti+ zusammengestellt, welcher im
-Dienste der Handelsgesellschaft Bardi in Florenz zwischen 1315 und 1317
-als Factor in Antwerpen und von 1324-27 in Cypern lebte. Daß Pegolotti
-die Reise nach China selbst gemacht habe, ist nicht erwiesen und auch
-nicht wahrscheinlich. Der damals übliche Weg ging über das schwarze
-Meer und durch Südrußland. Unter den allgemeinen Verhaltungsregeln
-ward als rathsam empfohlen, daß man sich zunächst einen langen Bart
-stehen lasse. Dann nehme man sich in Tana einen Dragoman und ein paar
-tüchtige Diener, welche kumanisch verstehen; auch empfiehlt es sich
-eine Frau mitzunehmen, welche womöglich gleichfalls kumanisch spricht.
-Dann versorge man sich mit Mehl und Salzfisch, denn Fleisch findet
-man allenthalben genug. Bewaffneten Schutz braucht man nicht, da die
-ganze Straße bis China, Dank der Fürsorge der tatarischen Herren,
-sicher ist. Hat man etwa (nach unserem Geld berechnet) für 240,000 Mark
-an Waaren, so wird die ganze Reise etwa 3000 bis 4000 Mark kosten.
-Ein vierräderiger Ochsenkarren mit Filzdach trägt eine Last von 10
-Centnern, ein Kamelwagen, zu dem drei Zugthiere gehören, gegen 30
-Centner, ein Pferd zieht etwa 6½ Centner.
-
-Was nun die Entfernung und Stationen betrifft, so rechnet man auf den
-Weg von Tana bis Astrachan (Gintarchan) mit Ochsenkarren 25 Tage,
-von da bis Sarai 1 Tag, von da bis Saraitschik (Saracanco) am Ural
-8 Tage. Von hier kann man zu Land oder zu Wasser weiter reisen. Auf
-dem Landwege braucht man bis Organci (Chiva) mit Kamelkarren 20 Tage,
-weiter bis Otrar (Oltrare) an einem Nebenflusse des Syr-Darja südlich
-der Stadt Turkestan, unter 43° n. B., wieder 35-40 Tage. Von Saracanco
-direct nach Otrar kürzt sich der Weg auf 50 Tage ab. In Otrar nimmt
-man Packesel und reiset 45 Tage bis Armalec (bei Kuldscha) und 70 Tage
-bis Kan-tschou (Camexu). Dann reitet man zu Pferde 45 Tage, bis man
-an einen chinesischen Fluß[54] gelangt, auf welchem man nach Cassai
-(Quinsay) kommt und von hier in 30 Tagen die ganze Reise bis Gamalec
-(Cambalec, Peking) vollendet.
-
-Leider war dieser aufblühende Verkehr mit dem Oriente nicht mehr von
-langer Dauer; denn als 1368 in China die mongolische Dynastie gestürzt
-worden war und eine einheimische Fürstenfamilie an die Spitze trat,
-wurde das Land gesperrt und der Handel völlig abgebrochen. Nur Indien
-blieb offen. Und hierher kam im 15. Jahrhundert noch ein venetianischer
-Kaufmann +Nicolo de’ Conti+, dessen Erzählung nur durch den seltenen
-Zufall sich erhalten hat, daß Conti auf der Heimreise nach Europa auf
-dem rothen Meere in die Hände von Piraten gefallen und aus Todesfurcht
-den Islam annahm, dann freigelassen, sich in seiner Gewissensangst
-um Ablaß an den Pabst Eugen IV. wandte, welcher von 1439-42 sich in
-Florenz aufhielt, und dessen Secretär Poggio (Poggius) die Erlebnisse
-des Reisenden niederschrieb.[55] Der ganze Bericht macht den Eindruck
-der Treue und Zuverlässigkeit, doch mag wohl Poggio manches auf eigne
-Hand hinzugefügt haben, so über die Insel Taprobane. Conti hatte sich
-in seiner Jugend in Aegypten aufgehalten, um Handel zu treiben, war
-dann flüchtig geworden, weil er das ihm von seinem Vater anvertraute
-Capital vergeudet hatte, und war mit einer großen Karawane von 600
-Köpfen durch das steinige Arabien und über Chaldäa an den Euphrat
-gereist. Während des Zuges durch die syrische Wüste hatten sie, ähnlich
-wie Polo, seltsame Erscheinungen, welche nach Angabe von erfahrenen
-Männern, die dergleichen schon früher erlebt hatten, für Dämonenspuk
-ausgegeben wurden. Es war, als ob Reiterschwärme vorübersausten. Man
-wird bei der Schilderung unwillkürlich an das bekannte Gedicht von
-Freiligrath: Das Gesicht des Reisenden erinnert. Dann kam er nach der
-Stadt Babilonia am Euphrat, „welche die heutigen Bewohner Baldachia
-(Bagdad) nennen“.[56] Dann ging es den Fluß hinunter nach Basra
-(Balsera) und übers Meer nach Ormuz (Ormesia), damals bereits auf der
-Insel gelegen. Unterwegs berührte er den Hafen Colchum (bei Diego
-Ribero 1529 Conga, jetzt Kongun, südlich von Schiras).
-
-In einem persischen Hafen, den er Calacatia[57] nennt, hielt er sich
-längere Zeit auf, um persisch zu lernen. Seine weitere Reise unternahm
-er dann in der Tracht eines Persers und fuhr in Gesellschaft seiner
-adoptirten Landsleute zu Schiff nach Cambaya (Cambahita), welches
-sie nach einer Fahrt von einem Monat erreichten. Cambaya war damals
-einer der bedeutendsten Hafenplätze Indiens. „Wenn die abendländische
-Welt zum Genuß hinterindischer und chinesischer Produkte gelangte, so
-verdankte sie dies zumeist den unternehmenden Kaufleuten und tüchtigen
-Seecapitänen von Cambaya und Kalikut.“[58] Eine Küstenfahrt führte
-Conti nach Süden in die Region, welche ausgezeichneten Ingwer liefert.
-
-[Illustration: ~=Mapamondi=, das heisst das Bild der Welt und der
-verschiedenen Staaten der Welt und der Gegenden, welche auf der Erde
-sind, der verschiedenen Arten von Völkern, welche auf derselben
-wohnen. (Und besagtes Bild oder Figur ist rund wie ein Spielball und
-ähnlich einem Ei, getheilt in vier Elemente. Denn wie das ganze Ei von
-aussen von seiner Schale umgeben ist, wie die Schale das Eiweiss, und
-dieses den Dotter umgibt, und darauf der Tropfen des Embryo gebildet
-ist: so ist diese Welt auf allen Seiten vom Himmel umgeben, wie von
-der Eierschale, der Himmel umgibt die reine Luft, wie die Schale das
-Eiweiss; die trübe Luft ist umgeben von der reinen Luft, wie der Dotter
-vom Eiweiss u. s. w.)~
-
-Die Bewohner von Norwegen leben mehr von Fischen und von der Jagd als
-von Brot. Diese Gegend ist sehr rauh und kalt und gebirgig, wild und
-voll von Gebüschen. Viel Wild gibt’s hier: als Hirsche, weisse Bären
-und Gerfalken. Es gibt Hafer, aber nur sehr wenig, wegen der grossen
-Kälte.
-
-In Irland gibt es viele merkwürdige Inseln, darunter ist eine kleine,
-wo die Menschen nicht sterben; aber wenn sie sehr alt sind, um zu
-sterben, trägt man sie von der Insel. Da gibt’s keine Schlange und
-keine Kröte und keine giftige Spinne; denn das ganze Land duldet kein
-giftiges Thier. (Da ist auch ein See und eine Insel. Noch mehr, es gibt
-dort Bäume, die tragen Vögel, wie andere Bäume reife Feigen tragen.)
-Desgleichen gibt es eine andere Insel in welcher die Frauen nicht
-niederkommen; wenn aber die Zeit der Entbindung kommt, schafft man sie,
-der Sitte gemäss, von der Insel fort.
-
-Die glückseligen Inseln liegen in dem grossen Meere linker Hand, an der
-Grenze des Occidents, aber nicht fern im Meere. (Isidor spricht also in
-seinem 15. Buche: Diese Inseln heissen Fortunatae.) Denn sie sind reich
-an allen Gütern, Korn, Früchten, Kräutern, Bäumen und die Einwohner
-glauben, es sei hier das Paradies, wegen der milden Sonnenwärme und
-der Fruchtbarkeit des Bodens. (Isidor sagt auch) Die Bäume wachsen
-hier wenigstens 140 Fuss hoch und tragen viele Früchte und Vögel. Man
-findet hier Honig und Milch, vorzüglich in der Insel Capria, die nach
-der Menge der Ziegen, die es hier gibt, benannt ist. Dann ist hier die
-Insel Canaria, benannt nach den grossen und starken Hunden, welche
-dort sind. (Plinius, dieser Meister der Geographie, sagt, dass es
-unter den Fortunaten eine gibt, wo alle Güter der Welt wachsen, ebenso
-alle Früchte, ohne dass man sie zu säen und zu pflanzen braucht. Auf
-der Höhe der Gebirge sind sehr wohlriechende Bäume, zu jeder Zeit mit
-Blättern und Früchten bedeckt. Die Einwohner essen davon einen Theil
-des Jahres. Die Bewohner Indiens glauben, dass ihre Seelen nach dem
-Tode diese Inseln bewohnen werden und dass sie dort ewig leben werden
-von dem Wohlgeruch dieser Früchte. Sie glauben, dass dies ihr Paradies
-sei, aber, offen gestanden, es ist dies eine Fabel.)
-
-Das Schiff des Jacob Ferrer ging in See nach dem Goldflusse am Tage des
-heil. Laurentius, am 10. August 1346.
-
-Die Orkney-Inseln, in denselben ist 6 Monate Tag, während die Nacht
-hell ist, und 6 Monate Nacht, während der Tag trübe ist.
-
-Cap Finisterre, das Westcap Afrikas, hier beginnt (Afrika) und endigt
-in Alexandrien und Babilonia (Stadt in Aegypten) und umfasst die
-ganze Küste der Berberei und reicht (bis Alexandrien) gegen Mittag u.
-Aethiopien (und Aegypten. Man findet in diesem Lande viel Elfenbein
-wegen der Menge von Elephanten, die hier geboren werden und welche hier
-an den Strand kommen.)
-
-Thal von Darha (Wadi Draa). Durch diesen Ort ziehen die Kaufleute,
-welche nach dem Lande der Neger von Guinea reisen.
-
-Dieses ganze Gebiet haben Leute inne, welche sich so einhüllen,
-dass man nichts als die Augen sieht (Tuarez mit dem Lithmen oder
-Gesichtsschleier), sie leben in Zelten und reiten auf Kamelen. (Es
-gibt hier auch Thiere, welche Lemp(?) heissen, aus deren Haut man gute
-Schilde macht.)
-
-Dieses ganze Gebirge wird in seiner Länge Carena von den Sarazenen
-genannt und von den Christen die Hellen Berge (vom Schnee) genannt,
-hat viele schöne Städte und Schlösser, die mit einander Krieg führen
-und hat Ueberfluss an Brot und an Wein und an Oel und an allen guten
-Früchten.
-
-Dieser Negerfürst heisst Mussemelly, Herr der Neger von Guinea. Dieser
-König ist der reichste u. vornehmste Herr dieses ganzen Landes, wegen
-der Menge Gold, die man in seinem Lande sammelt.
-
-Dieses Meer heisst das deutsche Meer und das Meer von Gotland und
-Schweden. Wisst, dass dieses Meer 6 Monate im Jahre gefroren ist,
-nämlich von Mitte October bis Mitte März, so dass man in dieser Zeit
-mit Ochsenwagen darüber fahren kann, wegen der Kälte des Nordens.
-
-Hier ist der mittlere Theil des Gebirges, über welches sarazenische
-Pilger ziehen, welche vom Abendlande aus nach Mekka walfahren.
-
-Hier herrscht der König Organa, ein Sarazene, welcher fortwährend mit
-den Sarazenen an der Küste und mit den andern Arabern Krieg führt.
-
-In diesem Sumpf leben Orions und andere seltsame Fische.
-
-Stadt Lemberg (Löwenberg); in diese Stadt kommen Kaufleute, welche aus
-dem Orient anlangen und sich durch das deutsche Meer nach Flandern
-begeben.
-
-Dieser König führt beständig Krieg mit den Christen in Nubien, welche
-dem Kaiser von Aethiopien im Lande des Priesters Johannes unterthänig
-sind.
-
-Dieser Sultan von Babilonia ist gross und mächtig unter den andern
-dieser Gegend.
-
-Durch diese Meerenge gingen die Kinder Israels, als sie aus Aegypten
-auszogen.
-
-In diese Stadt Chos (Kosser) bringt man die Spezereien, die von Indien
-kommen. (Man bringt sie dann nach Babylonia (Kairo) und Alexandrien.)
-
-Dieses Meer heisst das rothe Meer (hier zogen die zwölf Stämme Israels
-hindurch) und wisst, dass das Wasser nicht roth ist, sondern der
-Boden hat diese Farbe. Durch dieses Meer geht der grössere Theil der
-Spezereien, die von Indien (nach Alexandrien) kommen.
-
-Hier ist der Leib d. Jungfrau Katharina (Katharinenkloster). Der Berg
-Sinai, auf welchem Gott Moses das Gesetz gab.
-
-Hier regiert der Kaiser dieser nördlichen Gegend, dessen Bereich in
-der Provinz Bolgar (an der Wolgar) beginnt u. in der Stadt Urgendsch
-endigt. Dieser Fürst heisst Jambech (1342-1356) Herr von Sarai.
-
-Diese Stadt heisst das grosse Ninive, dieselbe wurde wegen ihrer Sünden
-zerstört.
-
-Hier lag das grosse Babylon, wo Nebukadnezar war.
-
-In dieser Stadt ist das Grab Mohammeds, des Propheten der Sarazenen,
-welche aus allen Ländern dahin pilgern u. sie sagen, dass nachdem sie
-etwas so kostbares gesehen, es nichts mehr gebe, was des Ansehens werth
-wäre. Dann lassen sie sich zur Ehre Mohammeds blenden.
-
-Es heisst jetzt Bagdad. Wisst, dass man in diese Stadt viele Spezereien
-und schöne Sachen bringt, die von Indien kommen u. die man dann ins
-Land Syrien und besonders nach Damaskus schafft.
-
-Vor der Mündung des Flusses von Bagdad das Meer von Indien und Persien.
-Hier sind Fischereien von Perlen, welche man dann in die Stadt Bagdad
-bringt. (Und die Fischer sprechen, ehe sie auf den Grund tauchen, ihre
-Zaubersprüche, um die Fische zu verjagen.)
-
-Wisst, dass diejenigen, welche die Wüste durchreisen wollen, hier
-anhalten und eine ganze Woche ausruhen in einer Stadt Namens Lop (wo
-sie und ihre Thiere sich erholen), und wo sie sich mit allem Nöthigen
-für 7 Monate versehen; denn in der Wüste kann ein Mensch einen Tag und
-eine Nacht wandern, ehe er gutes Trinkwasser findet; (aber nach dieser
-Zeit von einem Tag und einer Nacht findet man) so viel, dass es für
-50, für 100 Personen und noch mehr ausreicht. Und wenn es geschieht,
-dass ein Reisender bei Nacht auf dem Pferde einschläft, (oder aus einem
-andern Grunde seine Kameraden verlässt, so kommt es oft vor) dass er
-in der Luft zahlreiche Stimmen von Teufeln hört (die der Stimme seiner
-Gefährten gleichen); dann rufen sie ihn bei seinem Namen und endlich
-führen die Teufel ihn kreuz und quer durch die Wüste, dass er seine
-Gefährten nie wieder findet. -- Diese Karawane reist vom Kaiserthum
-Sarai nach China.
-
-Die Stadt Schiras, sonst Gracia genannt; hier wurde die Astronomie
-zuerst durch den sehr gelehrten Ptolemäus erfunden (?!)
-
-Arabia Saba ist die Provinz, welche die Königin von Saba besitzt.
-Jetzt gehört sie arabischen Sarazenen. Es gibt dort viele Wohlgerüche
-als Myrrhe und Weihrauch, sie hat Ueberfluss an Gold, an Silber und
-kostbaren Steinen, auch findet man hier, wie man sagt, den Vogel
-Phönix.
-
-(Diese Provinz heisst) Tarsia. Von hier zogen die drei weisen Könige
-aus, welche mit ihren Geschenken nach Bethlehem in Judäa kamen und
-Jesum Christum anbeteten; sie sind begraben in der Stadt Köln, zwei
-Tagereisen von Brügge.
-
-Diese Stadt heisst Ormus. Hier beginnt Indien. Wisst, dass in diese
-Stadt Fahrzeuge kommen, welche 8-10 Masten haben mit Segeln von Rohr.
-
-Diese Schiffe heissen Dschonken (und haben 60 Ellen Kiel und wenigstens
-34 Ellen Oberwerk.) Sie haben 4-10 Masten und ihre Segel sind aus Rohr
-und Palmblättern.
-
-In dem indischen Meere, wo die Fischereien sind, gibt es mehr reiche
-Inseln, aber die Fischer machen, ehe sie auf den Grund tauchen, ihren
-Zauber, wodurch sie die Fische vertreiben; und wenn die Fischer
-zufällig untertauchen, bevor sie ihren Zauber gemacht haben, werden sie
-von den Fischen gefressen. Das ist eine ausgemachte Sache.
-
-Der König von Dehli. Hier ist ein grosser, mächtiger u. sehr reicher
-Sultan; dieser Sultan hat 700 Elephanten und 100,000 Reiter unter
-seinem Befehl. Er hat auch zahllose Truppen zu Fuss. In dieser Gegend
-der Erde gibt es viel Gold u. kostbare Steine.
-
-Auf diesen Inseln gibt es viele gute Gerfalken und Falken, welche die
-Einwohner nur für den Bedarf des Gross-Chans zu fangen wagen, des Herrn
-und Kaisers von China.
-
-Wisst, die Männer und Weiber dieses Landes, wenn sie gestorben sind,
-mit Musik und Freudenbezeugung zum Scheiterhaufen getragen werden.
-(Während die Verwandten des Todten wehklagen) geschieht es bisweilen,
-dass die Witwen sich ins Feuer stürzen zugleich mit ihren Männern;
-dagegen die Männer nie mit ihren (gestorbenen) Frauen.
-
-Diese (Trompeten) sind von Metall. Alexander, der grosse mächtige
-König, liess sie machen. Die Gebirge von Badachschan. Diese Menschen
-sammeln Diamanten; aber da sie nicht in die Gebirge gelangen können, wo
-sich die Diamanten finden, so werfen sie sehr geschickt Fleischstücke
-dahin, wo die Edelsteine liegen und die Steine heften sich an das
-Fleisch und Vögel nehmen sie da weg. Dann fallen die (am Fleisch
-klebenden Steine) den Vögeln weg u. so werden sie gefunden, und so fand
-es Alexander.
-
-Der See Issyk-Kul. In diesem See ist ein Kloster von armenischen
-Mönchen, in welchen, wie man sagt, der Leib des Heil. Matthäus, des
-Apostels und Evangelisten ist.
-
-Viele Städte, welche Alexander der Grosse, König v. Macedonien, baute.
-
-Hier herrscht der König von Kollam, ein Christ. Provinz Kollam.
-
-Hier herrscht der König Chabech (Gabak oder Kapak, zwischen 1310 u.
-1320), welchen man den Herrn des medischen Reiches nennt. Er war in
-Emaleck (?)
-
-Hier herrschte der König Stephan. Hier ist der Leib des Heil. Thomas,
-des Apostels. (Blicke nach der Stadt Butifilis (Motupalla)).
-
-In der Insel Jana (?) findet man viele Bäume, Aloëholz, Kampfer,
-Sandel, feine Spezereien, Galanga (eine Wurzel), Muskatnüsse,
-Zimmtbäume, wovon das kostbarste Gewürz von ganz Indien kommt; auch
-findet man dort Macis und Blätter.
-
-Das kaspische Gebirge, in welchem Alexander so hohe Bäume sah, dass
-ihr Wipfel in die Wolken reichte. Und mit Hilfe seiner Kunst schloss
-er dort die Tartaren Gog und Magog ein (und für sie liess Alexander
-die eben beschriebenen Metallbilder machen.) Ebenso schloss er an
-diesem Orte auch verschiedene Arten von Menschen ein, die nicht rohes
-Fleisch essen sollten. Das ist das Menschengeschlecht, mit welchem der
-Antichrist kommen wird. (Sie werden endlich durch Feuer vernichtet,
-welches vom Himmel herabkommt, um sie zu vertilgen.)
-
-Hier werden kleine Menschen geboren, welche nur 5 Palmen hoch sind (und
-obwohl sie klein und unfähig sind, schwere Arbeit zu thun, so sind sie
-doch im Stande und fähig zu weben und Vieh zu hüten.) Und wisst, dass
-diese Menschen, wenn sie das 12. Jahr erreicht haben, heirathen und
-gewöhnlich bis zum 40. Jahr leben.... Und sie vertheidigen sich kräftig
-gegen die Kraniche und nehmen sie und essen sie. (Hier endigt das Land
-der Herren von China.)
-
-Die Insel der nackten Menschen, in welcher Männer u. Frauen vorn und
-hinten ein Blatt tragen.
-
-Der grosse Fürst von Gog oder Magog. Dieser wird zur Zeit des
-Antichrists mit grossem Volke kommen.
-
-Der grosse und mächtige König Alexander hätte hier sterben müssen, wenn
-ihn Satanas nicht durch seine Kunst gerettet hätte.
-
-Der grösste Fürst aller Tartaren heisst Ulu-beg, das bedeutet
-Gross-Chan. Dieser Kaiser ist viel reicher als alle anderen Kaiser
-der ganzen Welt. (Diesen Kaiser bewachen 12,000 Reiter.) Er hat 4
-Hauptleute, welche jeder 12,000 Pferde unter ihrem Befehl haben. Jeder
-Hauptmann begiebt sich an den Hof des Herrschers mit seiner Compagnie
-auf 3 Monate im Jahr und dann die andern der Reihe nach.
-
-In dem Meere von Indien sind 7548 Inseln, von denen wir hier nicht alle
-wunderbaren Reichthümer, die darin enthalten sind, von Gold, Silber und
-(kostbaren Steinen) aufzählen können.
-
-Meer der Inseln von Indien, wo die Spezereien sind. In diesem Meere
-fahren zahlreiche Schiffe verschiedener Völker.
-
-Man findet dort 2 Arten von Fischen, welche man Syrenen nennt, die eine
-ist halb Frau und halb Fisch, die andere halb Frau und halb Vogel.
-
-Wisst, dass neben der grossen Stadt Cambalech ehemals die grosse Stadt
-Garibalu lag. Und der grosse Chan fand durch Astronomie, dass diese
-Stadt sich gegen ihn empören würde. Er liess sie daher zerstören und
-die Stadt Cambalech bauen. Diese Stadt hat 24 Meilen Umfang und ist
-mit sehr starken Mauern umgeben. Sie bildet ein Viereck, jede Seite
-hat 6 Meilen und die Mauern sind 20 Schritt hoch und 10 Schritt dick.
-Es gibt 12 Thore und einen grossen Thurm, auf dem eine grosse Glocke
-angebracht ist, welche nach und vor dem Schlaf ertönt. Wenn sie ertönt,
-darf niemand mehr durch die Stadt gehen. An jedem Thor halten 1000 Mann
-Wache; nicht aus Furcht, sondern zur Ehre des Herrschers.
-
-Der Antichrist. Dieser wird in Corozaim in Galliläa aufwachsen. Und
-wenn er 30 Jahre alt ist, wird er in Jerusalem anfangen zu predigen,
-und gegen alle Wahrheit wird er sagen, er sei Christus, der Sohn
-Gottes, und man sagt, dass er den Tempel wieder aufbauen werde.
-
-Diese Menschen sind wild und leben von rohen Fischen und trinken
-Seewasser und gehen nackt.
-
-Die Insel Taprobana, diese wird von den Tataren Magno-Caulij genannt;
-es ist die letzte im Osten. (Auf dieser Insel gibts Menschen, welche
-von den andern ganz verschieden sind.) In einigen Gebirgen dieser
-Insel gibt es Menschen von grosser Gestalt, d. h. von 12 Ellen, wie
-Riesen, sehr schwarz und ohne Vernunft, sie fressen die fremden weissen
-Menschen, wenn sie dieselben fangen können. (Anklänge an Völker auf
-Sumatra und Neuguinea.)
-
-_Schutzblatt zur catalanischen Erdkarte mit der Uebersetzung der
-Legende des Originals. Die eingeklammerten Stellen des Textes sind
-des beschränkten Raumes wegen aus den Legenden der Karte weggelassen,
-werden aber hier der Vollständigkeit wegen in der Uebersetzung
-mitgetheilt. Eingeklammerte einzelne Worte dienen zur Erläuterung._
-
-(~Diese Reproduction ist mit Ausnahme der Schriftcharaktere dem
-Originale, welches auf vier Pergamenttafeln gezeichnet ist, in ⅓ der
-Länge demselben facsimile nachgebildet.)~
-
-Auf dieser Insel gibt es jedes Jahr 2 Sommer und 2 Winter. Die Bäume
-und Kräuter blühen hier jährlich zweimal (und es ist die letzte
-indische Insel und hat eine Fülle von Gold, Silber und kostbaren
-Steinen).]
-
-Von der Küste wandte sich der Venetianer ins Binnenland, er war der
-erste Europäer, welcher quer durch die Halbinsel Vorder-Indien zog, und
-der erste, der später den Ganges hinabfuhr,[59] und besuchte die Stadt
-Bizenegalia (Bisnagar oder jetzt Widjajanagara, 15° 19′ n. B.) eine
-damals berühmte, jetzt in Trümmern liegende Residenz, welche später, im
-16. Jahrhundert auch von dem Venetianer Cesare Federici erreicht und
-beschrieben ist. Nach dem Jahre 1567 verfiel die Stadt. Ueber Pelagonda
-(jetzt Pinakonda) und Cenderghiria (Tschandragiri) drang Conti dann
-quer durch das Plateau von Dekan vor und erreichte die Ostküste bei
-Pudifatania (Madras) und Malipuria (Milapur, unmittelbar südlich von
-Madras, auch St. Thoma genannt), wo der Leib des Apostels Thomas in
-einer prächtigen Basilica begraben lag. Die ganze Landschaft nennt er
-Malabar statt Maabar. Die letzte Stadt, welche er hier besuchte, war
-Cahila. M. Polo nennt sie Cael. Es ist das altindische Kayal und lag
-etwa zwei Kilometer oberhalb einer der Mündungen des Tamraparniflusses.
-Kayal war eine Tochterstadt des ptolomäischen Kolchoi, jetzt Kolka,
-ein Dorf, zwei bis drei engl. Meilen weiter landeinwärts auf der Höhe
-gelegen.[60] Die Stadt war berühmt durch ihre Perlenfischereien. Von
-da setzt der Reisende nach der Insel Seilana (Ceylon) über, welche
-durch ihre Edelsteine: Rubinen, Saphiren und Katzenaugen und durch
-den Zimmtbaum berühmt war. Mit günstigem Fahrwinde segelte er von da
-in 20 Tagen, wobei man die Andamanen (Andamaria) zur rechten Hand
-ließ, nach Sumatra (Sciamuthera bei Conti). Die wilden Bewohner
-tragen in ihren großen Ohren mit Edelsteinen besetzte Goldringe und
-kleiden sich in Seide und Leinen. Sie haben Pfeffer, Kampfer und
-Gold in Fülle. Conti erwähnt hier zuerst die merkwürdige Frucht des
-Durianbaumes (~fructum durianum~), welche grün von Farbe und so groß
-wie eine Gurke von verschiedenem Geschmack gleich geronnener Butter
-ist. Eine genaue Beschreibung dieser sehr geschätzten Frucht hat A. R.
-Wallace[61] gegeben. Die Verschiedenartigkeit des Geschmacks, welche
-Conti hervorhebt, definirt Wallace in folgender Weise: „Ein würziger,
-butteriger, stark nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt die beste
-allgemeine Idee davon, aber dazwischen kommen Duftwolken, die an
-Rahmkäse, Zwiebelsauce, braunen Jerezwein und anderes Unvergleichbare
-erinnern. Dann ist der Brei von einer würzigen, klebrigen Weichheit,
-die sonst keinem Dinge zukommt, die ihn aber noch delicater macht. Die
-Frucht ist weder sauer, noch süß, noch saftig und doch empfindet man
-nicht den Mangel einer dieser Eigenschaften.“ Auf Sumatra leben in der
-Landschaft Bathech Menschenfresser, welche die Köpfe der erschlagenen
-Feinde als Geld gebrauchen. Das Volk der Batta, welches gemeint ist,
-steht noch in dem übeln Rufe des Canibalismus.
-
-Auf der Rückkehr von dort wurde Conti durch Sturm an die Küste von
-Tenasserim verschlagen, wo es viele Elephanten und Färbeholz gibt. Von
-da gelangte er zum Ganges und fuhr den Strom 15 Tage weit hinauf. Der
-Reisebericht wird von hier ab dunkeler, namentlich auch, weil sich
-manche der angeführten Ortsnamen nicht deuten lassen. Wahrscheinlich
-besuchte er noch Arracan (Rachani), stieg über das Gebirge gegen Osten
-ins Thal des Irawadi hinab und fuhr stromauf nach der alten Hauptstadt
-Ava des Königreichs Birma. Man scheint dieses Land damals zu Süd- oder
-Großchina gerechnet zu haben, dessen Namen Conti in der Form Macinum
-(Ma-tschin) kennt. Von Ava kehrte Conti nach Sittang zurück (Xeython),
-wandte sich nach Bangkok (Pancovia), wo er vier Monate blieb und fuhr
-von da nach den Sundainseln. Den ganzen Archipel bezeichnet er mit dem
-Namen Inner-Indien. Längeren Aufenthalt nahm er in Borneo und Java
-(Groß- und Klein-Java), deren Bewohner ihm die unmenschlichsten und
-grausamsten von allen zu sein schienen. Als Beispiel dafür erwähnt
-er das auf Java übliche Amoklaufen. Conti erzählt auch zuerst von
-den wundervollen Paradiesvögeln, deren Bälge als Kopfschmuck dienen.
-Das noch in späteren Jahrhunderten von den Portugiesen vorgetragene
-Märchen, wonach dieser Schmuckvogel keine Füße haben sollte, hat
-auch Conti bereits vernommen; doch irrt er darin, daß er den Vogel
-auf Borneo leben läßt, während derselbe auf den Molukken die
-Westgrenze seiner Verbreitung findet. Bis zum Jahre 1760 war noch kein
-vollständiges Exemplar nach Europa gelangt.[62]
-
-Nach einer Fahrt von 14 Tagen erreichte unser Reisender mit seiner
-Familie, die ihn begleitete, die Gewürzinseln, wo die Muskatnüsse und
-Gewürznelken gedeihen. Conti nennt die beiden von ihm besuchten Inseln
-Sandai und Banda. Welche Eilande darunter zu verstehen sind, läßt
-sich nicht bestimmen; denn der Name Sandai ist jetzt völlig unbekannt
-und auf der heute Banda genannten Insel wuchsen die Gewürznelken
-damals nicht. Höchst wahrscheinlich verwechselte er den Gewürzmarkt
-mit dem Produktionsgebiet. Von da ging Conti nach dem oftbesuchten
-Tschampa (Ciampa), welches er als Seestadt bezeichnet, und kehrte
-nun nach Vorder-Indien, nach Kollam, zurück. Ueber Kotschin, Kalikut
-(Collicuthia) und Cambaya wandte er sich zur Heimkehr, landete
-unterwegs an der aloëreichen Insel Sokotra (Sochutera), berührte Aden
-und das an der afrikanischen Küste gegenüberliegende Berbera (Barbora),
-verweilte längere Zeit in Abessinien, schiffte darauf durchs rothe
-Meer nach Djidda und kam endlich nach Kairo (Carras), wo er außer
-sämmtlichen Dienern seine Frau und zwei Söhne an der Pest verlor.[63]
-Obwohl seiner Zeit die Erzählung Conti’s mehrfach auf Mißtrauen
-gestoßen ist, so wird doch eine gründliche Prüfung bestätigen müssen,
-daß ein großer Theil seiner Mittheilungen auf Autopsie beruht und
-daß sich manche Dunkelheiten aus der mangelhaften Beschaffenheit der
-erhaltenen Texte erklären lassen.
-
-Die Beziehungen der römischen Kirche zum Orient dauerten auch
-noch unter Calixt III. (1447-1458) und Pius II. (1458-1464) fort,
-äthiopische Gesandte kamen nach Rom, von denen schon Poggio
-Erkundigungen über Aethiopien und die Region der Nilquellen einzog
-und aufzeichnete, andere Boten gingen nach Persien und Indien, so daß
-die Kenntniß von diesen Ländern sich immer klarer gestaltete. Auch
-Kaufleute wagten sich immer häufiger in das Reich der Gewürze, und
-so konnte Toscanelli in seinem Briefe an den Canonicus Martinez in
-Lissabon 1474 genaue Schilderungen selbst Chinas nach dem Berichte von
-Augenzeugen geben, mit denen er selbst verkehrt hatte.
-
-[Illustration: ~Fra Mauro’s Weltkarte von 1459.~
-
-~(Original in Venedig).~
-
-~Längenmaassstab 1/10 des Originals.~]
-
-Was die Mitte des 15. Jahrhunderts vom Osten Afrikas wußte, läßt sich,
-wenn auch in unbeholfener Gruppirung dargestellt, auf der in Venedig
-1459 entworfenen +Weltkarte Fra Mauro’s+ erkennen. In Abessinien sind
-der Abai und Takazze als Tributäre des Nil verzeichnet, selbst der Djub
-(Hebe) findet sich in annähernd richtiger Lage. Vor allem wichtig muß
-es aber erscheinen, daß an der Ostküste, wo zwar die Insel Madagascar
-noch fehlt, doch die Erkundigungen über Makdischu (Mogodisco) und
-Sansibar (zweimal als Xengibar und Chancibar), vielleicht bis zu
-der Comoren-Insel Mohilla (Mahal) und nach Sofala (Soffala) reichen.
-Durch die sich weit nach Süden ziehenden afrikanischen Uferlinien
-wurden später die Hoffnungen, eine Umfahrt um Afrika zu ermöglichen,
-wesentlich bestärkt.
-
-[Illustration: _Die Orientirung des Originals ist umgekehrt, Norden
-unten; daher in dieser nach H. Kiepert gemachten Copie die Contouren
-genau reducirt, die Gebirge aber dem Charakter des Originals nur
-ähnlich und die Städte an Stelle der perspectivischen Zeichnungen des
-Originals durch Signaturen angegeben sind._]
-
-
-
-
-Zweites Capitel.
-
-Die Abendseite der alten Welt.
-
-
-Prinz Heinrich der Seefahrer.
-
-Wenden wir uns wieder der Westseite Afrikas zu, so ist unsere nächste
-Aufgabe, nachzuweisen, wie die Kenntniß hier, nachdem um die Mitte des
-14. Jahrhunderts die Grenze des Wissens alter Zeit wieder erreicht
-worden war, unter besonders günstigen Umständen rasch und planmäßig
-vorwärts rückte.
-
-Unter den damals bekannt gewordenen westafrikanischen Inselgruppen
-waren nur die Canarien bewohnt gefunden. Hier saß das Volk der
-Guanchen, wie die Spanier den Namen schreiben, ein starker kräftiger
-Menschenschlag von blondem Haar und heller Gesichtsfarbe, deren
-Nachkommen noch in jüngster Zeit einen deutschen Reisenden an den ächt
-sächsischen, westfälischen Typus erinnern konnten.[64] Und in der That
-hat Löher auch den Beweis angetreten, daß die Wandschen (Guanchen)
-germanischer Abkunft seien, und sich höchst wahrscheinlich ans den
-Trümmern der von Belisar niedergeworfenen Vandalen und durch Tarik bei
-Jerex besiegten Westgothen gebildet hätten. Unter den beigebrachten
-historischen Zeugnissen ist hier namentlich die Deutung hervorzuheben,
-welche die Sage von der Flucht eines Erzbischofs und mehrerer
-Bischöfe auf die Inseln des Westmeeres erhielt, von welcher oben (S.
-21) berichtet ist. Danach ist dann der Name Wandschen identisch mit
-Vandalen. Aber auch in Bezug auf den Nationalcharakter, die Sitten und
-Anschauungen, die Art der Ansiedlungen und der staatlichen Verfassungen
-bieten sich so manche Analogien mit altgermanischem Wesen, daß wir uns
-der überraschenden Beweisführung Löhers nicht verschließen können.
-Unverkennbar, aber auch ganz erklärlich, war die Sprache der Wandschen
-mit berberischen Elementen durchsetzt. Im Jahre 1384 machten zuerst
-spanische Mönche den Versuch, die Bewohner auf Groß-Canaria zum
-Christenthum zu bekehren, fanden aber thätigen Widerstand und büßten
-endlich 1391 alle ihren Glaubenseifer mit dem Tode. Planmäßiger begann
-1402 +Jean de Bethencourt+ aus Rochelle das Werk; er segelte von La
-Rochelle aus, landete auf Lanzarote mit einigen 50 Mann und baute eine
-kleine Citadelle. Aber sie vermochten sich bei ihrer geringen Anzahl
-doch nur mit Mühe zu halten. Daher suchte Bethencourt in Spanien Hilfe,
-welche ihm auch um den Preis der Lehnsabhängigkeit von Castilien
-gewährt ward. Nun begann ein mehrfach unterbrochener Kampf gegen
-die Selbständigkeit der einheimischen Dynasten, in welchem zunächst
-die Stämme auf Lanzarote, Fuertaventura und Ferro erlagen und das
-Christenthum annahmen. Die andern Inseln wurden erst gegen Ausgang des
-Jahrhunderts bezwungen. Gran-Canaria erlag nach 13jährigem Kampfe 1483,
-Palma beugte sich 1491 und erst 1496 wurde auch Teneriffa erobert. So
-kamen die Canarien unter spanische Botmäßigkeit und damit ging ein
-nicht unwichtiger Stützpunkt für die maritimen Unternehmungen den
-Portugiesen verloren, welche kurz nach dem Erscheinen Bethencourts ihre
-glänzende Entdeckerlaufbahn eröffneten, und zwar unter der Führung des
-+Prinzen Heinrich+, welcher am Cabo Vicente im südwestlichen Portugal
-seinen Sitz aufschlug und von hier aus die Seefahrten leitete, die den
-westlichen Saum Afrikas entschleiern sollten.
-
-Dort am Cabo de São Vicente, zugleich dem südwestlichsten Vorsprunge
-Europas, ist ihm auch in unserem Jahrhundert zum Ehrengedächtnisse
-ein Marmordenkmal über dem Hauptthore der kleinen Festung Sagres
-errichtet, welches in der Mitte das portugiesische Wappen, links
-ein Seeschiff mit vollen Segeln, rechts eine Armillarsphäre zeigt.
-Darunter ist folgende Inschrift in lateinischer und portugiesischer
-Sprache angebracht: „~Aeternum sacrum!~ An dieser Stelle hat der große
-Prinz Heinrich, Sohn Johanns I., Königs von Portugal unternommen,
-die vorher unbekannten Regionen von Westafrika zu erforschen und so
-durch Umschiffung Afrikas einen Weg bis zu den entlegenen Theilen des
-Ostens zu bahnen und hat auf eigne Kosten sein königliches Schloß,
-die berühmte Schule der Kosmographie, das astronomische Observatorium
-und das See-Arsenal errichtet und hat dasselbe bis an sein Lebensende
-mit bewunderungswürdiger Thatkraft und Ausdauer erhalten, gefördert
-und erweitert zum größten Segen für das Reich, für die Wissenschaft,
-für die Religion und für das ganze Menschengeschlecht. Als seine
-Expeditionen den 8. Grad nördlicher Breite erreicht hatten, als manche
-Insel im Ocean entdeckt und mit portugiesischen Colonien besetzt war,
-starb dieser große Prinz am 13. November 1460.“[65]
-
-Der Infant Dom Enrique, der später den Beinamen des Seefahrers erhielt,
-war das fünfte Kind des Königs Johann und am Aschermittwoch, am 4. März
-1394 in Oporto geboren. Im Kampfe gegen die Mauren vor Ceuta gewann er
-1415 die Rittersporen. Er hatte sich dabei in persönlicher Tapferkeit
-so hervorgethan, daß der Pabst, der deutsche Kaiser Sigismund, die
-Könige von Castilien und von England ihn zu gewinnen suchten und seinem
-Arm die Führung ihrer Truppen anvertrauen wollten. Der Pabst Martin
-V. wünschte das Schwert des Infanten gegen die Türken zu richten,
-der Kaiser ließ auf dem Concil zu Constanz durch den portugiesischen
-Gesandten dem tapferen Prinzen ähnliche Anträge stellen.
-
-Aber Heinrich hatte nach der Eroberung Ceutas seine Aufmerksamkeit
-auf das weiter südlich gelegene Afrika gerichtet, er wollte Guinea
-zu erreichen suchen. Allein Guanaja oder Ganaja war ein nur durch
-dunkle Gerüchte erkundetes Land; keines Europäers Auge hatte es bis
-dahin gesehen. Aber von dem Reichthum dieses Gebietes berichtet schon
-die catalanische Karte von 1375. Wir sehen hier im Lande ~GINVIA~ bei
-Tenbuch (Timbuktu) einen Negerfürsten mit Scepter und Reichsapfel
-thronen, neben welchem sich die Inschrift befindet: ~Aquest Senyor
-Negre es appellat Mussemelly, senyor de les Negres de Gineua, aquest
-rey es lo pus rich e pus noble senyor de tota esta partida per
-l’abundancia de l’or qual se recull en sua terra.~ (Dieser Negerherr
-ist Mussemelly [König von Melli] genannt, Herr der Neger von Guinea,
-dieser König ist der reichste und vornehmste Herr dieser ganzen Gegend
-durch die Fülle von Gold, welche man in seinem Lande sammelt.) Die
-Landstriche jenseits Cap Bojador hatte noch niemand besucht.[66] Es
-mußte für Portugal vortheilhaft erscheinen, +allein+ unter allen
-Europäern Handelsbeziehungen mit den Völkern Guineas anzuknüpfen, bei
-denen kein Mitbewerb drohte.
-
-[Illustration: Prinz Heinrich der Seefahrer.
-
-Nach dem Miniaturegemälde in der 1448-1453 entstandenen Handschrift
-„~Chronica do descobrimento e conquista de Guiné etc.~“
-
-(National-Bibliothek zu Paris.)]
-
-Prinz Heinrich hatte dabei noch einen andern Zweck im Auge. Er wollte
-die Ausdehnung der Macht seiner Landesfeinde, der Mauren kennen
-lernen. Man hatte nämlich in allen Berührungen und Conflicten mit
-diesem Gegner nie gesehen, daß ihnen aus weiter südlich gelegenen
-Gebieten ein Fürst zu Hilfe gekommen war. Er wollte darum erforschen,
-ob in diesen Ländern nicht christliche Mächte, vielleicht Nachbarn
-des bekannten Priesterkönigs Johann, säßen, welcher bereits nach der
-Vorstellung der catalanischen Karte ~Emperador de Etiopia~ war. Er
-wollte versuchen, ob man nicht von Süden her den Krieg gegen die Mauren
-erregen könne, um sie von zwei Seiten zu fassen; denn es schien ihm
-nicht unwahrscheinlich, den Beistand jener Fürsten um des Glaubens
-willen und aus Liebe zu Christo gewinnen zu können. Auch stand das
-Verlangen des Prinzen dahin, das Licht des Christenthums selbst in die
-dunkeln Erdstriche zu tragen. Und endlich trat noch ein wichtiges, in
-jenen Zeiten nicht angezweifeltes astrologisches Moment hinzu. Sein
-Horoskop wies den Infanten bestimmt auf die Entdeckungen hin. Azurara
-hat dasselbe mitgetheilt, es lautet danach: „Da sein Ascendent (d.
-h. das bei seiner Geburt aufsteigende Haus) der Widder war, welcher
-das Haus des Mars ist, wo die Sonne sich in Exaltation befindet (d.
-h. den größten Einfluß übt), und da sein Herr (Mars) im eilften Hause
-(d. h. nahe bei der Sonne) und im Wassermann steht, welcher das Haus
-des Saturns ist, so bedeutet es, daß er zu großen Eroberungen berufen
-war und ganz besonders zur Aufsuchung von Dingen, die andern Menschen
-verborgen waren, denn Saturn ist der Hüter der Geheimnisse. Und da sein
-Stern von der Sonne begleitet ist, die Sonne aber im Hause des Jupiter
-steht, so wird damit angedeutet, daß alle seine Thaten und Eroberungen
-durchaus loyal und zur Zufriedenheit seines königlichen Herrn geschehen
-sollten.“[67] (~Azurara, Chron. cap. VIII p. 48. 49.~)
-
-Und so legte er mit Genehmigung des Königs am Vorgebirge von
-Sagres in Algarve, dessen lebenslänglicher Gouverneur er war, das
-erste astronomische Observatorium in Portugal, das See-Arsenal,
-die Kosmographenschule und seine Residenz an, in welcher er alle
-wissenschaftlichen Kräfte seines Landes zu vereinigen strebte, während
-der nahgelegene Hafen von Lagos seine Flotten barg. Die Klippe von
-Sagres bildet eine etwa 200 Fuß hohe, kolbig in den Ocean vorspringende
-Felsenplatte, von der Länge einer Viertelmeile. Diese Felsenbank,
-von dem Salzschaum des Oceans übersprüht, bietet nur die spärlichste
-Vegetation, aber sie war wohl geeignet, den Blick von dem Festlande
-ab ganz allein aufs Meer hinauszulenken und von hier die Befehle zu
-ertheilen, wie der Schleier, der die Geheimnisse des Saturn bedeckte,
-sollte gelüftet werden. Zwar hat das furchtbare Erdbeben, welches
-im Jahre 1755 Lissabon zerstörte, auch die meisten damals noch
-existirenden Gebäude aus alter Zeit über den Haufen geworfen; allein
-es lassen sich doch die Umrisse und die wahrscheinliche Lage der
-wichtigsten Baulichkeiten aus den Zeiten des Seefahrers angeben. An der
-nördlichen schmalen Einschnürung der kleinen Halbinsel, gegenwärtig
-durch Befestigungen gedeckt, lag die Kirche, weiter südwärts erhebt
-sich über dem fundamentalen Rundbau des ehemaligen Observatoriums das
-Pulvermagazin der Citadelle. Auf der Nordostseite lag der Hafen.
-
-So erscheint uns noch in allgemeinen Zügen der ehemalige Sitz des
-Prinzen, die Villa do Iffante, wie sie genannt wurde. Hier herrschte
-der Mann, der eine neue Zeit für die wissenschaftliche Beherrschung der
-Erde heraufführen sollte, der ein Bahnbrecher wurde durch das pfadlose
-Weltmeer.
-
-Zeitgenossen haben uns sein Bild getreulich bewahrt. Man beschreibt
-ihn als einen Mann von hoher Gestalt, kräftigem und starkem Körperbau.
-Seine Miene war ruhig, seine Rede fest. Sein erster Blick hatte etwas
-Zurückschreckendes für diejenigen, welche ihn nicht kannten, und etwas
-Wildes, wenn er in Zorn gerieth, was ihm aber höchst selten widerfuhr.
-Ehrbarkeit herrschte in seinen Reden und Handlungen, Einfachheit in
-seiner Kleidung und Hofhaltung. Der Grund davon lag in der Reinheit
-seines Herzens und seiner Sitten. Asketisch streng enthielt er sich
-des Weines und des Umgangs mit Frauen. Er besaß viel Beharrlichkeit
-und Gewalt über seine Leidenschaften; im Glück wie im Unglück war er
-bescheiden und so geneigt, Fehler zu verzeihen, daß man ihn darüber
-nicht selten getadelt hat. Aber in wichtigen Unternehmungen zeigte er
-die größte Entschlossenheit und ein zähes Ausharren.
-
-Er fand großes Vergnügen daran, junge Leute für seine Zwecke
-heranzubilden und so wurde sein Hof eine Pflanzschule des jungen
-Adels. Gastfrei gegen Einheimische und Fremde, zog er tüchtige Männer
-aller Nationen heran und keiner nahm Abschied, ohne Beweise von dem
-Edelsinn des Prinzen empfangen zu haben. In strengen Anforderungen an
-sich selbst gab er allen ein leuchtendes Vorbild. Jeder Tag gehörte
-angestrengter Arbeit, unzählige Male hat er sich sogar den Schlaf
-geraubt. Die Mittel zu den jahrelang wiederholten Fahrten flossen ihm
-aus den Einkünften des Christusordens, dessen Großmeister er war. Der
-Zweck dieses reichen Ordens war die Bekehrung der Heiden, und so ließ
-er zunächst die Länder der Ungläubigen aufsuchen und zog Erkundigungen
-ein über das Sudan, erhielt Nachricht von den Karawanen, welche bis zum
-Senegal oder nach Timbuktu zogen und sendete so seine Schiffe hin, den
-großen Strom zu finden, den die Eingeborenen Owedesch, die Portugiesen
-nach dem Volksstamm der Sanaga, oder Azanaghen Sanaga, d. i. Senegal
-nannten.
-
-Aber die Schifffahrt lag damals bei den Portugiesen noch in der
-Wiege. Es waren kaum hundert Jahre verflossen, seit durch die ersten
-Fahrten der Venetianer nach England und Niederland Lissabon zu einer
-Haltestation auf halbem Wege von Italien nach den Häfen der Nordsee
-geworden und die Portugiesen durch den fremden Verkehr angeregt, die
-ersten Versuche auf dem flüssigen Elemente wagten. Aber noch zu den
-Tagen des Infanten, dem die Nachwelt den Namen des Seefahrers gegeben,
-hielt man sich bei allen Fahrten ängstlich an der Küste und fürchtete
-sich, das Land aus dem Gesichte zu verlieren. Zwar war bereits die
-Kraft und Tugend der Magnetnadel bekannt, ja man besaß sogar Boussolen;
-aber die Anwendung war noch gering, so lange das Instrument selbst noch
-unvollkommen und schwankend dem ängstlichen Schiffer kein Zutrauen
-erweckte.
-
-Der große Geschichtsschreiber der Portugiesen João de Barras schildert
-uns die Fahrweise seiner Landsleute in folgenden Worten: „Der Infant
-hatte schon mehremale Schiffe auf Entdeckungen ausgesendet, aber sie
-kamen nicht weiter als bis an das Cap Bojador (das „vorspringende“),
-welches ungefähr 60 Seemeilen jenseits des Cabo de Não liegt. Sie
-getrauten sich nicht, dieses Vorgebirge zu umsegeln, theils weil es
-sich gegen 40 Seemeilen westlicher hinaus erstreckte als die Küsten,
-die sie bisher befahren hatten, theils weil von dem Vorgebirge über
-6 Leguas in das Meer ein Riff hinauslaufen sollte, auf welchem die
-Brandung so gewaltig schäumte, daß es ihnen Schrecken verursachte,[68]
-denn da ihnen sonst auf ihren Reisen nach der Levante und zurück die
-Küste immer statt des Compasses gedient hatte, so verstanden sie noch
-nicht, so weit in die See hinauszustechen, daß sie das Riff vermieden
-hätten. Die Capitäne begnügten sich also damit, auf ihren Rückreisen
-hier und da an den Küsten zu landen, und mit den Mauren zu scharmützen,
-um mit ihren Siegen dem Infanten Vergnügen zu machen. Allein damit war
-sein Endzweck nicht erreicht.“
-
-Die physischen Schwierigkeiten, oder richtiger gesagt die technischen
-Schwierigkeiten waren es keineswegs allein, welche die Expeditionen
-zur Umkehr trieben. Wir werden noch andere kennen lernen; zunächst
-aber scheint es angemessen, die Westküste Afrikas, an der die
-Schiffer ängstlich südwärts schlichen, in ihren allgemeinen Zügen zu
-charakterisiren.
-
-Wie der ganze Gestadesaum des plumpen Erdtheils auffällig arm an
-markirten Contouren vorspringender Glieder oder ins Land eindringender
-Buchten ist, so vor allem und im höchsten Maße die Nordwestküste von
-den Säulen des Herkules bis zum grünen Vorgebirge. Auf dieser ganzen
-Strecke von 400 Meilen, mit geringer westlicher Ausweichung in der
-Richtung von N.-O. nach S.-W. verlaufend, mündet kein Fluß, in welchem
-ein Schiff ankern könnte, mit Ausnahme des Senegal, 20 Meilen nördlich
-vom grünen Vorgebirge. Das Aussehen des Landes bleibt sich fast überall
-gleich: ein flacher Küstensaum, meistens mit Dünen besetzt, zur Hälfte
-der großen Wüste, der Sahara angehörig, wird gegen Süden immer öder
-und grauenvoller. Vierzig bis fünfzig Seemeilen in das Meer hinaus
-lagerte über den allenthalben seichten Fluten eine trübe Atmosphäre.
-Die Ursache dieser Erscheinung, welche natürlich eine zaghafte Marine,
-die das dunstverhüllte Land aus den Augen zu verlieren fürchtet, mit
-steter Besorgniß erfüllte -- die Ursache hat man bisher nur den feinen
-Staub- und Sandtheilchen zugeschrieben, welche aus den Wüsteneien des
-Innern aufgewirbelt, und dann allmählich übers Wasser hinausgetrieben,
-hier die schweren Theilchen sinken lassen und das Meer mit Untiefen
-füllen, die leichteren in dem Luftraum schwebend erhalten, bis sie erst
-nach Hunderten von Meilen draußen im freien Ocean langsam sich zum
-Wasserspiegel senken. Indes darf eine zweite Ursache nicht unbeachtet
-bleiben, daß nämlich durch das Zusammentreffen ungleich erwärmter
-Luftschichten nebelartige Dunstbläschen sich bilden, die durch die
-daran haftenden feinsten Staubtheilchen den Horizont noch mehr
-umschleiern, trotz der Abwesenheit von schweren Wolkenschichten das
-Himmelsgewölbe niederzudrücken scheinen und mit eigenthümlich mattem
-Licht den Schiffer umgeben.
-
-Theobald Fischer[69] macht noch auf einen bisher übersehenen
-Factor aufmerksam, daß nämlich höchst wahrscheinlich ein kalter,
-unterseeischer Strom an der Westküste der hesperischen Halbinsel und
-Afrikas emporsteige, dem die häufigen Nebel von Galicien bis Marokko zu
-danken seien. Gerhardt Rohlfs fand in Agadir, daß die Sonne den Nebel
-selten vor Mittag besiegte und erfuhr von den Leuten, daß diese starken
-Nebel selbst im hohen Sommer bis zur Mittagszeit andauerten.
-
-Die Schrecken eines „Dunkelmeeres“, von dem die Geographie des
-Mittelalters manches Unheimliche zu erzählen weiß, finden in diesen
-Erscheinungen ihre Erklärung. Diese dichten Nebel treten namentlich im
-Winter auf und sind von einem kalten und trocknen Nordost begleitet,
-der wohl auch die Ursache ist, daß das Tageslicht einer Dämmerung
-weicht, in welcher noch jetzt Schiffe in der Nähe der Küsten gezwungen
-sind, vor Anker zu gehen, bis das Wetter sich wieder aufhellt.
-
-In der That, der Ocean schien der jugendlich aufstrebenden,
-portugiesischen Flotte einen zäheren Widerstand entgegenzusetzen als
-die Heere der Moriscos, und wohl gar vielen ein unüberwindlicher
-Gegner zu sein, nur nicht dem Infanten, der ihm mit einer Zähigkeit
-und Ausdauer entgegentrat, welche allen seinen Seeleuten bedenklich,
-wenn nicht geradezu tollkühn und wahnwitzig vorkam. Zwanzig Jahre hatte
-der Prinz, unbekümmert um das Murren seines Volkes, ohne Resultat des
-Vorwärtsdringens gerungen. Er mag wohl oft unter seinen Leuten die
-sprichwörtliche Warnung vernommen haben: Wer das Cabo de Nao umfährt,
-weiß nicht, ob er je wiederkehrt. „Die Furcht,“ sagt de Barros, „vor
-dieser Fahrt war so groß, daß es dem Infanten schwer ward, Leute in
-seinen Dienst zu bekommen; zumal da das Volk laut murrte, daß er dem
-vaterländischen Boden seine Bewohner entzöge, um sie auf den Meeren
-oder in entfernten wüsten Ländern umkommen zu lassen.“
-
-Unter diesen entfernten wüsten Ländern faßte man aber nichts geringeres
-zusammen als die ganze heiße Zone. Man weiß, daß das gesammte
-Mittelalter in seiner wissenschaftlichen Erkenntniß der Erdoberfläche
-lediglich sich noch von den Brosamen nährte, die von dem Tische der
-Reichen -- der Griechen und Römer des Alterthums -- gefallen waren.
-Seit den Zeiten des letzten großen Geographen von Alexandria bis zum
-Prinzen Heinrich waren mehr als tausend Jahre verflossen, ohne daß
-die Entwicklung der physischen Geographie einen Schritt vorwärts
-gethan hätte. Der Autoritätsglaube, so charakteristisch für das
-gesammte Mittelalter, hielt auch noch die Zeitgenossen des Infanten in
-beklemmende Schranken gebannt.
-
-Die Alten kannten die südlichen Grenzen der großen afrikanischen Wüste
-nicht, ihre Kunde reichte kaum über die nördliche Oasenreihe hinaus.
-Aber die zunehmende Verödung gegen Süden, das völlige Absterben aller
-Vegetation konnte die theoretisch allzeit schlagfertigen griechischen
-Philosophen leicht zu der Behauptung hinreißen, die ganze heiße Zone
-sei unbewohnbar. Schon Aristoteles hatte diesen Satz aufgestellt und
-wenn man weiß, daß Aristoteles sich im späten Mittelalter fast gleichen
-Ansehens mit der Bibel erfreute, dann darf man nicht erstaunen,
-daß auch das 14. Jahrhundert noch glaubte, was der große Weltweise
-von Stagira gesagt, was der letzte Meister der Erdkunde, Ptolemäus
-bestätigt, was die Wiedererwecker des Aristoteles, die arabischen
-Gelehrten anerkannt und selbst ein so vielseitig gebildeter Mann wie
-Albertus Magnus noch im 13. Jahrhundert nur dahin zu modificiren wagte,
-daß möglicherweise an den Küsten und Inseln der heißen Zone organisches
-Leben eine kümmerliche Existenz erzielen könne.
-
-Wenn nun der Infant seine Schiffe in diese unwirthlichen Regionen
-hinausschickte, wo sie allein auf sich angewiesen im Kampfe gegen
-die allmächtigen Naturgewalten, wo Land und Luft und Wasser in
-der feindlichsten Gestalt erschien, als todtenstarre Wüste, als
-trübverhüllter Luftraum, als zähe unter dem senkrechten Sonnenstande
-fast zu Leim verdickte See -- war es unter der Herrschaft solcher
-Vorstellungen nicht Menschenpflicht und Nächstenliebe, gegen die
-nutzlosen Menschenopfer einer unbegreiflichen Fürstenlaune sich zu
-erheben?
-
-Und doch blieb der Infant fest, doch blieb er seinem schönen
-Wahlspruche: ~talent de bien faire~ getreu. Die wichtigsten
-Expeditionen der ersten Decennien waren folgende: 1416 wurde +Gonzalo
-Velho+ über die Canarien hinausgesandt, 1419 geriethen +João Gonçalves
-Zarca+ und +Tristão Vaz Teyxeyra+ vom Sturm verschlagen nach Porto
-Santo und kehrten im nächsten Jahre mit dem Piloten Juan de Morales
-nach Madeira zurück, und 1431 wurden durch +Goncalo Velho Cabral+ die
-ersten Inseln der Açorengruppe gefunden.
-
-Dabei stand der Infant mit seinen Plänen und Zielen weit über seinen
-Gehilfen. Wir finden unter den Leitern der Expeditionen Leibpagen und
-Mundschenken des Prinzen, welche also wohl die Intentionen des Prinzen
-kennen mußten; aber sie kannten kein höheres Ziel als sich mit Mauren
-und Negern herumzubalgen und Menschen zu stehlen. Man kann von jeder
-Fahrt fast die Kopfzahl der Menschenbeute nachweisen, allein die
-wissenschaftlichen Erfolge ihrer Sendung, die nautischen Resultate
-bleiben vielfach unerwähnt. Die Portugiesen waren zu sehr ritterliche
-Raufbolde, als daß sich im Fluge Seeleute, geschweige denn gleich
-Seehelden aus ihnen gestaltet hätten.
-
-Als Beispiel ihres Verfahrens und Gebahrens sei hier die mit 14
-Schiffen ausgerüstete Expedition des Lanzarote erwähnt, der, als die
-durch Sturm verstreuten Fahrzeuge bei einer Insel an der Küste sich
-wieder zusammengefunden hatten, vor allem darauf bedacht war, die auf
-der Insel lebenden Mauren zu fangen. Allein diese waren bei Nachtzeit
-aufs Festland entwichen und höhnten von hier aus die hintergangenen
-Portugiesen. Zwei junge Edelleute an Bord des einen Schiffes sprangen,
-empört über das Hohngeschrei, mit ihren Waffen über Bord und schwammen
-ans Land, um die Mauren zu züchtigen. Wie diese sie kommen sahen,
-liefen sie ihnen mit Geschrei entgegen, wodurch auch das übrige
-Schiffsvolk in Bewegung kam. Alles, was schwimmen konnte, sprang ins
-Wasser, um die beiden Jünglinge zu unterstützen, und es kam am Ufer
-zu einem Gefechte, in welchem viele Mauren getödtet und 57 gefangen
-wurden. In der Nacht griffen die Portugiesen noch ein Dorf an, welches
-7 Meilen davon am Ufer lag und wohin, nach der Aussage der Gefangenen,
-die Mauren geflohen waren. Sie fanden aber ein leeres Nest, weil die
-Bewohner, gewarnt durch die Flüchtlinge, sich mit ihren Herden vom Ufer
-entfernt hatten. Wie sie des Morgens zurückkehrten, wurden jedoch noch
-ihrer fünf aufgegriffen.
-
-Und bei solchem Raubsystem waren die Portugiesen noch naiv genug, zum
-Zeichen ihrer Heldenthaten, den Wahlspruch ihres Herrn: ~talent de bien
-faire~ in die Bäume einzuschneiden.
-
-Zwar kommen nicht alle diese Heldenthaten auf Rechnung jener
-Geschwader, die der Prinz selbst aussendet, denn er gestattete
-gegen eine Abgabe vom Gewinn auch anderen, auf Entdeckungen und
-Abenteuer auszuziehen; ja er ermuthigte dazu. Allein er blieb doch
-der Mittelpunkt und oberste Leiter. Daß er aber, wie wohl behauptet
-ist, gleich anfangs einen Seeweg nach Indien habe suchen wollen, ist
-nirgends gesagt; ein solcher Plan, gleichsam die schönste Frucht aller
-Arbeiten Dom Enrique’s, entwickelte sich erst allmählich und reifte
-erst nach des Seefahrers Tode.
-
-Den ersten namhaften Fortschritt in den afrikanischen Fahrten
-verzeichnet das Jahr 1434. +Gil Eannes+, ein Page des Infanten, hatte
-gegen den Befehl seines Herrn Menschen geraubt. Um die Gunst des
-Fürsten wieder zu gewinnen, setzte er sein Leben daran, das berüchtigte
-Cap Bojador, das selbst nach 12jähriger Anstrengung nicht zu überwinden
-gewesen war, zu bezwingen. Das, wie man meinte, unmögliche Wagniß
-gelang ohne Unfall, und kühner und sicherer gemacht, erreichte sein
-Nachfolger +Affonso Gonçalez Baldaya+ den Goldfluß, Rio d’Ouro und
-damit den nördlichen Wendekreis, also die Grenze der heißen Zone. Am
-Strande gefundene Fischernetze wiesen darauf hin, daß auch hier das
-Land noch Menschen beherberge. Die alte Theorie von der Unbewohnbarkeit
-der heißen Zone begann zu wanken, ohne jedoch zusammenzubrechen, denn
-man befand sich ja erst am Saume des gefürchteten Erdstriches.
-
-Aber am Cap Bojador war das Thor der heißen Zone geöffnet und Schiff
-folgte nun auf Schiff; man erreichte unter +Nuño Tristão+ 1441 das
-Cap Branco und zwei Jahre später unter Leitung desselben Capitäns die
-Bucht von Arguim. Es ist zu beklagen, daß der Prinz anfänglich den
-Befehl ertheilt hatte, die Bevölkerung an der Bucht und auf den kleinen
-Inseln erst zu tödten oder gefangen zu nehmen, ehe man die Entdeckungen
-fortsetze. Er sah auch bald den großen Fehler, den er damit begangen
-ein, und verbesserte ihn, ehe es zu spät war. Die Bewohner des
-Wüstenrandes konnten, wenn man sie in ihren gewohnten Verhältnissen
-ungestört ließ, und sich mit ihnen in ein freundschaftliches
-Einvernehmen setzte, den Portugiesen bei ihren Erkundigungen über das
-Binnenland wesentliche Dienste leisten. Die Insel Arguim wurde für
-den Mittelpunkt dieses neuen Verkehrs erklärt und erhielt die erste
-bleibende Niederlassung der Portugiesen nebst einem Castell zum Schutze
-der Handeltreibenden. Der Tauschverkehr entwickelte sich mit den
-Azanaghen sehr bald, und wenig Jahre nach der Entdeckung schon sandte
-eine Handelsgesellschaft in Lagos, dem Hafen östlich von des Prinzen
-Villa, eine Flotte von sechs Schiffen aus.
-
-Später brachten die portugiesischen Schiffe nach Arguim farbige Tücher,
-allerart Leinwand, wollene Mäntel, Sättel, Steigbügel, Schüsseln,
-Honig, Silber, Gewürze, rothe Korallen und Getreide und tauschten
-dafür Negersklaven aus Guinea, Gold von Timbuktu, Büffelfelle, Gummi,
-Zibethkatzen, Straußeneier, Kameele, Kühe und Ziegen ein.[70] Die
-ersten Erfolge waren so verlockend, daß der Prinz Heinrich den Handel
-nach Arguim an eine Handelsgesellschaft verpachten konnte.
-
-Nun endlich schwiegen auch die Gegner der Seefahrten und das Interesse
-für die Unternehmungen, welche von Sagres aus geplant wurden, wuchs
-bald so mächtig, daß man die leicht erregten Portugiesen zügeln mußte.
-Man schränkte, indem man die Entwicklung einer tüchtigen Handelsflotte
-im Auge behielt, die Raub- und Abenteurerzüge durch Gesetze ein und
-monopolisirte sogar den afrikanischen Handel.
-
-Der zweite große Fortschritt in der weiteren Entdeckung geschah im
-Jahre 1445. Er knüpft sich an den Namen des kühnen +Diniz+ (Dionysius)
-+Dias+, eines Vorfahren des bekannteren Bartolomeu Dias, welcher 26
-Jahre nach dem Tode des Prinzen Heinrich das Cap der guten Hoffnung
-umsegelte. Diniz Dias hatte sich bereits im Dienste des Königs Johann
-I. (bis 1433) ausgezeichnet. Der Prinz rüstete ihm eine kleine Caravele
-aus und Diniz nahm sich vor, ganz den Plänen seines Herrn folgend,
-ohne sich auf Handelsverkehr mit den Küstenbewohnern einzulassen,
-weiter südwärts vorzudringen als alle seine Vorgänger und das Land
-der +schwarzen+ Mohren, wie man die Neger im Gegensatz zu den weißen
-Mohren, den Berbern und Mauren, zu nennen pflegte, zu erreichen. So
-fuhr er kühn an der Mündung des Senegal, welcher beide Menschenrassen
-trennt, vorüber bis zum grünen Vorgebirge. Seine Caravele erregte unter
-den schwarzen Bewohnern des Landes gewaltiges Erstaunen. Vier von den
-muthigsten, welche das große auf dem Wasser treibende Ding untersuchen
-wollten -- denn sie waren unter sich nicht einig, ob es ein Fisch,
-ein Vogel, oder ein Phantom sei -- näherten sich dem Schiffe in einem
-Canoe; als sie aber Menschen auf dem Ungeheuer gewahr wurden, flohen
-sie mit solcher Hast zurück, daß die Portugiesen sie nicht wieder
-einholen konnten.
-
-So war also das Negerland endlich wirklich erreicht; aber nicht allein
-darin liegt die Bedeutung dieser Fahrt, sondern vor allem in der am
-grünen Vorgebirge unerwartet auftretenden Ueppigkeit der tropischen
-Vegetation. Hier unter dem 15° N. befand man sich in der That in
-der heißen Zone, wo unter dem Einfluß tropischer Regen, welche mit
-gewaltigen Güssen das Land tränken, ein Reichthum der Flora sich
-entfaltete, welche zahlreichen und großen Thieren, sowie kräftigen,
-sogar schönen Menschenstämmen Nahrung in Fülle bot.
-
-Wie paßten zu solchen Beobachtungen und Thatsachen die Lehrsätze
-des Aristoteles und Ptolemäus von der Unbewohnbarkeit des heißen
-Erdgürtels? +Am grünen Vorgebirge ist diese alte mächtige Theorie
-zerschellt.+ Und wiederum sehen wir die Bestrebungen des Prinzen und
-seinen Wahlspruch auf das Herrlichste belohnt. Denn von hier aus,
-vom Cabo verde, eröffnet sich uns eine ganz neue Perspektive für die
-Entwicklung der Erdkunde. Man lernte seinen eignen Augen doch mehr
-trauen, als den Schriften griechischer Autoritäten.
-
-Es gibt wenig geographische Namen, die so trefflich gewählt sind und
-den Nagel so auf den Kopf treffen wie dieser des „grünen“ Vorgebirges,
-und auch wohl keinen, der so einfach sich von selbst bot und so auf der
-Hand lag wie dieser. Im Gegensatz zu den weißen Dünen des Cabo branco,
-des weißen Vorgebirges, nördlich von Arguim, am Ufer der Sahara,
-erhebt sich hier ein in den Ocean auffällig schlank hinausspringender
-Höhenrücken, über dem sich die gefiederten Wipfel tropischer Palmen
-wiegen. Unter ihrem Schatten liegt die Geographie des Mittelalters
-begraben.
-
-Wenige Jahre nach der Entdeckung kam ein intelligenter venetianischer
-Edelmann, +Ludwig da Mosto+, hieher. Auf ihrer Fahrt nach Flandern
-war die venetianische Flotte, die er begleitete, durch widrige Winde
-am Cap Vicente in Portugal aufgehalten. Als der Infant Heinrich
-dies erfuhr, schickte er seinen Secretär Antonio Gonsalvez und den
-venetianischen Consul Patricio de Conti mit Proben des neugepflanzten
-Zuckerrohrs von Madeira, mit Drachenblut und andern neuen Produkten
-Afrikas zu ihnen und ließ sie auffordern zu einem Zuge nach dem
-Senegal. Da Mosto wurde lebhaft von den Berichten angezogen, und
-erkundigte sich nach den üblichen Bedingungen. Da erfuhr er, daß jeder
-Schiffsrheder, der selbst sein Schiff ausrüste, nach vollendeter
-Fahrt dem Prinzen ¼ des Gewinnes zu geben habe, daß aber, wenn der
-Prinz selbst die Ausrüstung auf seine Kosten mache, er die Hälfte
-des Ertrags der Fahrt beanspruche. Da Mosto hatte darauf hin eine
-Unterredung mit dem Infanten und wurde für den Plan gewonnen. Die
-Venetianer fuhren nach Flandern weiter, für da Mosto aber stellte Prinz
-Heinrich unter Leitung des bewährten +Vicente Dias+ eine Caravele
-von 90 Tonnen zur Verfügung, welche die ganze Küste Afrikas entlang
-bis zum Gambia segelte. Da Mosto selbst hat über diese Reise einen
-ausführlichen Bericht gegeben, aus welchem hier die Schilderung des
-grünen Vorgebirges hervorgehoben sein mag und zwar nach der deutschen
-Uebersetzung von 1534. Da Mosto erzählt: „Das grien Haupt (d. i.
-Vorgebirge) hatt den Namen von den grienen Bäumen, die da sind vnd
-schier das gantz jar grünen. Das haben die Portugaleser am jar ehe ich
-dahin kam, funden, vnd habens von den grienen Bäumen genannt, wie das
-Weis Haupt (Cabo branco) von dem weißen sand. Aber das grien Haupt
-ist hoch vnd lustig zu sehen, das steht zwischen zweyen Bergen in der
-mitten vnd breitet sich in das Meer mit vil Hütten und wohnungen der
-Schwarzen Mooren umbgeben, zu vor gegen dem Meer.... Es ist auch zu
-wissen, das nach dem Grienen Haupt sammeln sich die gestaden und machen
-einen Busen, der rast lustig ist, und ist ein eben erdtrich mit vil
-hüpschen Bäumen;[71] denn die bletter bleiben bis andre wachsen; die
-grünen allweg. Und wie wohl sie vom Meer mehr denn mein armbrustschuß
-stehen, so scheinen sie von weitem an dem Meer zu stehen. Das ist
-überaus schön anzusehen (~chè una bellissima costa de vedere~). Ich bin
-weit gegen Aufgang und Niedergang der Sonnen gereiset zu manich land,
-aber ich hab kein schöneres gesehen. Es hat viel wasser.“[72]
-
-Das Entzücken über die Schönheit der Tropenlandschaft kommt allerdings
-in der Uebersetzung eines mäßigen, besonnenen Straßburger Bürgers aus
-dem 16. Jahrhundert nicht zur Geltung, aber das Original läßt es warm
-empfinden.
-
-Alexander von Humboldt hat in seinen kritischen Untersuchungen über
-die historische Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der
-neuen Welt (deutsch von J. L. Ideler, II. S. 11) auf mehre Stellen
-im Tagebuche der ersten Reise des Columbus hingewiesen, worin
-der Entdecker Amerikas dem Zauber der Natur an den Gestaden von
-Cuba beredte Worte leiht. Ludwig da Mosto hat die Schönheit einer
-Tropenlandschaft ebenso empfunden und ein Menschenalter früher
-geschildert. Daß seine Worte der Umgebung des grünen Vorgebirges
-gelten, erhöht in unsern Augen wesentlich die Bedeutung der Entdeckung
-des Cabo verde.
-
-Die Schilderungen dieser vollkommen anders gearteten Natur mußten
-dem Infanten nach der Fahrt der Dias bereits eine hohe Genugthuung
-gewähren. Die Nachrichten kamen ihm keineswegs unerwartet. Da in
-Sagres alles gesammelt wurde, was an Erkundigungen über die südlichen
-Länder sich gewinnen ließ -- hatte doch der Prinz inzwischen auch aus
-Italien ein Manuscript Marco Polos und eine Karte von Afrika erhalten,
-welche einen Abschluß der Landmassen, ähnlich wie wir ihn am südlichen
-Cap der guten Hoffnung kennen, zeigte -- und war er auch durch seine
-Agenten in Tunis schon davon unterrichtet, daß die großen Karawanen
-in 5 bis 6 Wochen die Wüste Sahara durchmessen könnten[73] und Gold
-und Negersklaven mitbrächten -- so lag auch der Schluß nahe, daß man
-bei fortgesetzten Fahrten gegen Süden endlich zu diesen Ländern kommen
-müsse.
-
-Umsichtig und thätig eingreifend nach allen Seiten, um seine Leute
-nicht einem blinden Ungefähr zu opfern, hatte er von Arguim aus nicht
-blos ein ordentliches System der Exploration während des Tauschhandels
-mit den maurischen Wüstenstämmen eröffnet und sich von ihren
-Karawanenstraßen und den auf der Straße nach Timbuktu zu berührenden
-Oasen berichten lassen, sondern er gewann mit Unterstützung kühner
-Männer ein immer klareres Bild vom Sudan. Bezeichnend für die Energie,
-mit welcher die Pläne, Guinea zu erreichen verfolgt wurden, ist die
-Sendung des +João Fernandez+, der sich am Strande der Sahara aussetzen
-ließ, um unter den Mauren lebend und ihre Sprache lernend, zuverlässige
-Nachrichten über die Negerstaaten, speziell über das Königreich Melli
-sammeln zu können. Fernandez blieb sieben Monate allein unter den
-wilden Stämmen im Innern und wurde dann von dem Schiffe des Antonio
-Gonsalvez wieder aufgenommen und zum Prinzen geführt. Dieser freute
-sich sehr, ihn wohlauf wieder zu sehen und ließ sich seine Schicksale
-erzählen. Fernandez berichtete nun, daß ihm die Eingeborenen zunächst,
-als er sich ohne Waffen und Hilfsmittel unter sie begeben, die Kleider
-genommen und ihm dafür einen Mantel gegeben, wie sie selbst trugen. Die
-Leute besaßen Schafe und lebten nomadisch. Aber die Weide war spärlich,
-das Land öde und sandig. Dornige Mimosen und Palmen waren selten. Diese
-berberischen Azanaghen waren Mohammedaner, die mit den Negern im Kampfe
-lebten, dabei Gefangene machten und diese als Sklaven nach Tunis und
-Marokko verkauften. Auch erhielten sie Gold vom Negerlande.
-
-Dann machte Fernandez mit den Beduinen einen mehrtägigen Kamelritt zu
-ihrem Häuptlinge. Der Weg ging durch die Wüste, drei Tage fehlte ihnen
-Wasser; in dem pfadlosen Sande richtete man sich nach den Sternen und
-dem Fluge der Vögel. Endlich kamen sie zu dem Häuptling und seinem
-Völkchen von 150 Köpfen. Fernandez wurde hier sehr gut aufgenommen
-und mit Milch verpflegt, so daß er, obwohl er von der Hitze und dem
-Wüstensande viel zu leiden hatte, doch ganz wohl aussah, als er nach
-sieben Monaten von seinen Landsleuten wieder aufgefunden wurde.
-
-Auch durch diesen abenteuerlichen Sendling erhielt der Infant wiederum
-Nachrichten von den reichen Negerländern. Die klareren Vorstellungen,
-welche der Leiter der Entdeckungen von der Natur der Tropenländer
-gewann, räumte auch bei seinen Seeleuten den Wust veralteter Theorien
-auf. Höchst beachtenswerth ist in dieser Beziehung eine Bemerkung
-des +Diogo Gomez+ über das Land der Dscholoffen am Cabo verde. Er
-sagt: „Das alles schreibe ich nur mit Verlaub Seiner Gnaden des
-Ptolemäus, welcher recht gute Sachen über die Eintheilung der Welt
-hat verlauten lassen, aber in einem Stücke sehr fehlerhaft dachte. Er
-zerlegt die ihm bekannte Welt in drei Theile, nämlich in den bewohnten
-mittleren, in den arktischen, welcher wegen seiner Kälte und in den
-tropischen, welcher wegen seiner Gluthhitze unbewohnbar ist. +Nun
-hat sich aber das Gegentheil bestätigt.+ Zahllos wohnen am Aequator
-schwarze Völkerschaften, und zu unglaublichem Wuchse erheben sich die
-Bäume, denn gerade im Süden steigert sich die Kraft und Fülle des
-Pflanzenwuchses, wenn auch die Formen fremdartig gestaltet sind.“[74]
-
-Die Entdeckungen wurden nach solchen glänzenden Resultaten nun eifrig
-weiter gefördert. Schon im nächsten Jahre nach der Fahrt des Diniz Dias
-erreichte +Nuño Tristão+ den Gambia und gelangte +Alvaro Fernandez+
-fast bis zur Sierra Leona. Aber der Verkehr mit den Völkern war
-schwierig. Zahlreicher, kühner, tapferer als die armen Wüstenstämme
-setzten sie, mit vergifteten Pfeilen bewaffnet, sich gegen die
-Landungen der Portugiesen häufig zur Wehr und tödteten ihnen manchen
-Mann. Wie schnell aber die Geschicklichkeit und das Vertrauen der
-Seeleute gewachsen war, lernen wir vor allem bei der Fahrt des +Nuño
-Tristão+ kennen. Dieser sah sich, als er in den kleinen Fluß Rio Nuñez,
-südlich vom Rio grande mit einem Boote eingedrungen war, plötzlich
-von bewaffneten Negerkähnen umringt. Fast die ganze Mannschaft erlag
-sammt dem tapferen Anführer den vergifteten Pfeilen, so daß nur der
-Notar und vier Schiffsjungen am Bord der Caravele übrig blieben. Aber
-sie steuerten getrost nach Norden durchs freie Meer und erreichten
-ihre Heimat glücklich nach zwei Monaten, ohne unterwegs Land gesehen
-zu haben. So machte man sich also bereits los von dem ängstlichen
-Anklammern an das Land und von den langsameren Küstenfahrten und
-vertraute sich dem unbegrenzten Ocean an. Von großer Bedeutung war auch
-die Wahrnehmung, daß die afrikanische Küste, die bis zum Cabo verde
-gegen Südwesten verlaufen war, von diesem Vorgebirge ab nach Südosten
-umlenkte.
-
-Daß der Prinz nun wirklich daran dachte, den Seeweg nach Indien zu
-öffnen, wird von dem Geschichtsschreiber Azurara bezeugt. Aber Indien
-umfaßte bekanntlich in jenen Tagen alle Länder am indischen Ocean,
-also auch die Ostküste Afrikas und das äthiopische Hochland, wohin
-man damals den Sitz des +Priesterkönigs Johann+ verlegte. Das war
-bestimmt ein christliches Land, dessen Volk mit den Arabern in Aegypten
-in beständiger Fehde lag, und dessen Bundesgenossenschaft gegen den
-gemeinsamen Glaubensfeind gewonnen werden konnte. Vielleicht konnte
-man sogar auf dem weitverzweigten Flußnetz, welches nach den damaligen
-hydrographischen Hypothesen alle bekannten großen afrikanischen Ströme
-verbinden sollte, dahin gelangen. Auch Fra Mauro huldigte in seinem
-Erdgemälde diesen Vorstellungen und noch de Barros bezeichnet den Issa
-(Niger) bei Timbuktu als den oberen Lauf des Senegal. Und doch hatte
-Diogo Gomez im Jahre 1457 auch in Erfahrung gebracht, daß im Innern
-Senegambiens große Ströme ihren Lauf nach Osten nähmen. Der Prinz
-hatte nämlich drei Caravelen ausgesandt unter +Gomez, João Gonsalvez
-Ribeiro+ und +Nuño Fernandez de Baya+ mit dem Auftrage, soweit als
-möglich vorzudringen. Am Rio grande vorbei kamen sie in eine starke
-Küstenströmung, in welcher kein Anker hielt, so daß die begleitenden
-Capitäne umzukehren wünschten. Die Expedition lief in den Gambia ein
-und fuhr den Strom bis zur großen Stadt Cantor hinauf. Hier erfuhr man,
-daß Karawanen aus Tunis und Cairo aus diesen Gegenden Gold holten,
-und daß jenseits der Gebirge der Sierra Leona große Ströme nach Osten
-liefen. Es befand sich auf dem einen Schiffe sogar ein Indier, d. h.
-ein Abessinier, welcher, wenn man nach Indien gelangte, als Dolmetscher
-dienen sollte.
-
-Es war die letzte bedeutende Fahrt, welche auf Befehl des Infanten
-unternommen war. Prinz Heinrich der Seefahrer starb am 13. November
-1460 in Sagres in seinem 67. Lebensjahre. In der eifrigen Verfolgung
-seines hohen Zieles hatte er seine Mittel vollständig erschöpft, ja er
-schuldete bereits 1449 seinem Verwandten Don Fernando von Braganza die
-enorme Summe von 19,394 Goldkronen. Aber diese Gelder waren nicht in
-der Jagd nach einem Phantom vergeudet. Portugal war dadurch zu einer
-Seemacht geworden, welche die Leitung der nautischen Entdeckungen in
-die Hand genommen hatte und welche zu glänzenden Erfolgen berechtigen
-mußte.
-
-Noch im Todesjahre Heinrichs entdeckte +Diogo Gomez+ die Capverden
-in Gemeinschaft mit +Antonio de Noli+ oder Nolle, einem Genuesen.
-Gomez landete zuerst und zwar auf Santiago, aber Noli kam ihm auf
-der Rückfahrt zuvor und meldete zuerst die Entdeckung in Portugal.
-Irrthümlich hat man das Verdienst der Auffindung der Inseln des grünen
-Vorgebirges da Mosto zugeschrieben; allein sein Reisebericht, der
-angeblich in das Jahr 1457 fällt, wird durch die innern Widersprüche
-unglaubhaft, so daß man daraus schließen muß, da Mosto habe sich
-fremden Ruhm angeeignet. Nach seiner Angabe will er vom Cap Branco
-in westnordwestlicher Richtung auf die Capverden gerathen sein und
-zwar schon am Sanct Jakobstage (1. Mai), während er erst im Anfang
-Mai aussegelte. Dann will er auf der Insel Flüsse gefunden haben,
-in welche er mit dem Schiffe einlaufen konnte, während ein solcher
-Wasserreichthum dort nicht existirt.[75]
-
-Ehe wir dem weiteren Gange der Entdeckungsfahrten folgen, müssen wir
-einen Blick auf die geographischen Auffassungen und die Karten aus
-jener Zeit werfen. Nach den Schwankungen des früheren Mittelalters war
-man seit dem 13. Jahrhundert allgemein zur Annahme der Kugelgestalt
-der Erde zurückgekehrt. Wenn trotzdem die Erdgemälde sich noch in
-Scheibenform präsentirten, als ob man noch an der Scheibengestalt der
-Erde festhielte, so hatte das seinen Grund in einer eigenthümlichen
-Theorie, welche von Dante’s Zeit bis in den Ausgang des 15.
-Jahrhunderts hinüberspielt. Man nahm nämlich an, daß die Centren der
-festen und flüssigen Erdsphäre verschieden seien und daß es außerdem
-noch ein Gravitationscentrum gebe.
-
-Die ~Margarita philosophica~ des Karthäuserpriors Gregorius Reisch,
-welche zuerst 1496 erschien und durch das 16. Jahrhundert hindurch in
-vielen Auflagen verbreitet war, trägt diese Lehre etwa in folgender
-Weise vor.[76] „Das Wasser umgab ursprünglich die ganze Erdoberfläche
-wie ein sehr feiner Nebel bis zu den höheren Regionen. Aber auf Geheiß
-des Schöpfers theilte das Firmament die oberen und unteren Wasser,
-welche letztere nun in den Vertiefungen der Erde sich an +einem+
-Orte sammelten, wodurch Landraum geschaffen wurde für die lebenden
-Wesen. Aus der ganzen Substanz der Erde und des Wassers wurde +ein+
-sphärischer Körper gebildet. Ihm schrieben die Gelehrten ein doppeltes
-Centrum der Schwere und der Größe zu. Es theilt nämlich das Centrum der
-Größe die Axe der ganzen Sphäre aus Erde und Wasser und das ist der
-Mittelpunkt der Welt. Aber das Centrum der Schwere liegt außerhalb,
-nämlich im Durchmesser der Erde, welcher nothwendigerweise größer ist
-als der halbe Durchmesser der aus Erde und Wasser gebildeten Sphäre,
-weil, wenn dies nicht der Fall wäre, der Mittelpunkt der Welt außerhalb
-der Erde fiele. Etwas abgeschmackteres als dieses könnte aber in
-Naturwissenschaft und Astronomie nicht behauptet werden.
-
-[Illustration]
-
-Zur Annahme verschiedener Centren wird man aber genöthigt, weil
-die von Wasser entblößte Erdoberfläche leichter ist, als die mit
-Wasser umhüllte. Die trockene Erde ist leichter als die mit Wasser
-durchtränkte, darum kann das Centrum der Schwere nicht dasselbe sein
-mit dem Centrum der Größe, sondern strebt im Durchmesser der Erde mehr
-nach der Peripherie und dem mit Wasser bedeckten Theil. Hierher werden
-sich die Wasser der Erde mehr sammeln, weil sie dem Centrum der Welt
-näher rücken.“
-
-Nach dieser Theorie sind also die Landmassen bei ~A~, die Wassermassen,
-das Weltmeer bei ~B~ vereinigt. Der Kugelabschnitt, welcher die
-Landmassen umfaßt, wird sich natürlich in Kreisform darstellen. Dieser
-Theil der Erdoberfläche verdiente allein, als Wohnstätte der Menschen,
-kartographisch gezeichnet zu werden. Daher bieten uns alle Weltkarten
-von Marino Sanudo (1320) bis auf Fra Mauro (1459) im Grunde dasselbe
-Weltbild: die von einem schmalen Ocean umfluteten Continente der alten
-Welt.
-
-Eine Darstellung der Wasserseite der Erde, der Weltmeere hatte noch
-niemand versucht und schien alles Reizes zu entbehren, bis etwa ums
-Jahr 1474 Toscanelli von Florenz den ersten Versuch wagte. Das war aber
-zu einer Zeit, als ein anderer wichtiger Factor die bisherigen Methoden
-und Theorien zu reformiren begann: das Studium des Ptolemäus. Wir
-finden den Geographen von Alexandrien zuerst um 1410 in dem Werk des
-Cardinal Pierre d’Ailly (geb. 1350) Bischof von Cambray erwähnt. Es ist
-in dem vielgenannten Werke ~de Imagine Mundi~, welches auch Columbus
-mit besonderer Vorliebe als seine Rüstkammer benutzte, um seinen Plan
-einer Westfahrt nach Indien mit Aussagen classischer Autoren belegen
-zu können. Seit 1470 wurden die Werke des Ptolemäus durch +Nicolaus
-Donis+ in lateinischer Uebersetzung und mit Karten veröffentlicht,
-nachdem durch den Cardinal Bessarion das griechische Original in die
-Hände unseres größten Astronomen jener Zeit, des berühmten Regiomontan
-(1436-76), gelangt war.
-
-Durch die Anwendung der Astronomie auf die Bestimmung geographischer
-Ortslagen, in den ersten Jahrhunderten allerdings nur der
-geographischen Breitenbestimmung, wurden für ein correctes Kartenbild
-die einzig sicheren Stützpunkte gewonnen. Regiomontan berechnete behufs
-dieser Fixirungen im Jahre 1473 die Ephemeriden auf 32 Jahre, so daß
-dieselben zunächst in der wichtigsten Zeit der Entdeckungen fast bis
-zum Todesjahr des Columbus genügten. Er erfand aber noch ein, auch
-auf Schiffen anwendbares, handliches Instrument, um die Polhöhe eines
-Sternes zu messen, den s. g. +Jakobstab+, welcher aus einem Stabe mit
-rechtwinklich daran befestigten, aber schiebbaren Querstabe bestand.
-Dieses Instrument wurde in der Folge durch seinen Schüler Martin Behaim
-in Portugal eingebürgert. Aber die Breitenmessungen der portugiesischen
-Seeleute ließen, gegenüber den Resultaten der Astronomen in Europa,
-noch viel zu wünschen, denn es steigerten sich die Beobachtungsfehler
-auf drei Grad. So lange man den nördlichen gestirnten Himmel über sich
-hatte, waren die Ephemeriden des Regiomontan stets anwendbar; aber
-als die portugiesischen Entdecker die äquatoriale Linie überschritten
-hatten und eine unerwartet andere Gruppirung der Sternbilder als
-auf der nördlichen Hemisphäre erblickten, war es nothwendig, andere
-astronomische Tafeln zu entwerfen. Zu dem Zwecke setzte König Johann
-IX. von Portugal (1481-95) eine +astronomische Commission+ (Junta)
-nieder, welche unter Leitung des Bischofs Diogo Ortiz und mit
-Hinzuziehung Behaims diese Lücke ausfüllen sollte und die Sonnenhöhe
-für südliche Breiten zu berechnen und in Tafeln zusammenzustellen hatte.
-
-[Illustration: Facsimile einer alten Abbildung des Jakobstabes und
-seiner Anwendung.[77]
-
-Aus der 1584 zu Antwerpen gedruckten ~Cosmographia Petri Apiani et
-Gemmae Frisii~.]
-
-Von solchen Hilfsmitteln unterstützt, konnte man die von den Schiffern
-befahrenen Küstensäume immer bestimmter zeichnen, daß sie ein der
-Wahrheit sich annäherndes Bild boten, während man für die noch
-nicht wieder erreichten Küsten Asiens vorläufig das von Ptolemäus
-überlieferte Gemälde Südasiens beibehielt und erst bei fortschreitender
-Erforschung behutsam abänderte. Die Karten jener Epoche bieten darum
-die interessante Verschmelzung neuer wissenschaftlicher Bestimmungen
-mit der Erbschaft aus classischer Zeit.
-
-Indien trat immer entschiedener als Ziel aller nautischen
-Unternehmungen hervor und was in den letzten Jahren des Prinzen noch
-ziemlich unklar den Wünschen vorgeschwebt hatte, ward immer bestimmter
-ins Auge gefaßt.
-
-Da die Erde als eine Kugel angesehen wurde, auf deren Oberfläche
-allerdings das Verhältniß zwischen der Größe der Wasserbedeckung und
-der der auftauchenden Landmassen noch verschieden beurtheilt wurde, und
-da jedenfalls das Weltmeer sich nach verschiedenen Richtungen ausdehnte
-und im Zusammenhange stand, so mußten auch allmählich Projecte
-auftauchen, über diesen einen Ocean nach verschiedenen Richtungen den
-Weg einzuschlagen, um Indien zu erreichen.
-
-Am einfachsten erschien das portugiesische Project, den
-altherkömmlichen Randocean, der die Feste der alten Welt umflutete,
-als Fahrbahn zu wählen und so gleichsam, wie es die Sicherheit
-mittelalterlicher Schifffahrt vorschrieb, in einer großen Küstenfahrt
-um Afrika herum zu dem gesegneten Osten zu gelangen. Eine Seefahrt
-quer über ein weites unbegrenztes Weltmeer blieb hierbei außerhalb des
-Planes.
-
- * * * * *
-
-Da der wichtigste Abschnitt der Geschichte der großen Entdeckungen
-die Versuche umfaßt, welche die europäischen See-Nationen in directe
-Verbindung mit den Gewürzländern und China setzen sollten, so werden
-wir zur Erleichterung der Uebersicht die einzelnen Richtungen der
-Fahrten im Zusammenhange darstellen und beginnen mit den Unternehmungen
-der Portugiesen, welche zuerst auf dem Schauplatze erschienen waren,
-und zuerst nach Indien gelangten.
-
-
-
-
-Drittes Buch.
-
-Die Seewege nach Indien.
-
-
-
-
-Erstes Capitel.
-
-Die Bahn der Portugiesen nach Südosten.
-
-
-1. Diogo Cão und seine Vorläufer.
-
-Nach dem Hinscheiden des großen Prinzen, seines Oheims, nahm König
-Affonso V. in den ersten Jahren noch ein lebhaftes Interesse an den
-weitern Fahrten. Pedro de Cintra befuhr von Rio Grande aus die Küste im
-Jahre 1461 oder 1462, erreichte zuerst das Cap Verga (10° 12′ n. Br.)
-und benannte weiterhin ein kühn vorspringendes Vorgebirge, wie man es
-von solcher Höhe an der Küste bisher noch nicht angetroffen hatte, zu
-Ehren des Infanten und der Stätte seines Wirkens das Cap Sagres. Die
-schwarzen Strandbewohner zeigten in ihrem Ohren- und Nasenschmuck einen
-Reichthum an Goldringen, schienen aber kein Eisen zu besitzen.
-
-Die Küste wurde felsig, hoch, bot aber geeignete Ankerplätze. Hier
-erhob sich ein Berg, in dessen Wolkengipfel beständige Gewitter zu
-zürnen schienen. Nach dem grollenden Donner erhielt derselbe den Namen
-Sierra Leona. Dahinter öffnete sich ein von Sandbänken erfüllter Golf,
-in welchem das Meer gewaltig brandete. Den jenseitigen Abschluß der
-Bucht bildete das Vorgebirge der heiligen Anna (Cabo de Sa. Anna),
-(7° 34′ n. Br.), am 26. Juli, als am Tage der Heiligen benannt. Dann
-folgte das Cap Mesurado[78] (6° 19′ n. Br.), wo die Bewohner das
-Nahen des Schiffes durch eine große Anzahl Feuer signalisirten, in
-ähnlicher Weise, wie es in dieser Gegend fast 2000 Jahre früher der
-carthaginiensische Admiral Hanno mochte gesehen haben.
-
-Wenige Meilen jenseit dieses Küstenvorsprungs, in der Nähe des
-heutigen Monrovia endigte die Fahrt. In der Folgezeit wurde der
-König von den Seeunternehmungen abgezogen durch die politischen
-Angelegenheiten des Heimatlandes und dadurch, daß er sich in den
-castilischen Erbschaftsstreit mischte. Indessen wurde, um den immer
-schwunghafter betriebenen Handel mit Sklaven und Gold zu decken, in
-Arguim ein Castell gebaut und das Handelsmonopol einem Portugiesen für
-den jährlichen Preis von 250 Ducaten (100,000 Realen) verliehen. Im
-Jahre 1469 wurde auch das Monopol des Handels an der Guineaküste für
-die doppelte Summe jährlich an +Fernão Gomez+ vergeben, und zwar auf
-fünf Jahre; doch mußte derselbe sich auch noch verpflichten, auf seine
-Kosten die Fahrten fortzusetzen zu weiteren Entdeckungen, und von der
-Sierra Leona an gerechnet, jährlich 100 Leguas weiter vordringen, sowie
-dem Könige alles Elfenbein für eine festgesetzte Summe, 1500 Realen für
-den Centner, überlassen.
-
-So konnte das Jahr 1471 einen bedeutenden Fortschritt verzeichnen,
-indem +João de Santarem+ und +Pedro de Escovar+ unter Beihilfe des
-damals ausgezeichnetsten aller portugiesischen Piloten +Alvaro Esteves+
-nicht nur die Goldküste entdeckten, an welcher später zur Ausbeutung
-des Edelmetalls König Johann im Jahre 1482 bei dem Dorfe Aldea das duas
-Partes eine Festung unter dem Namen S. Jorge da Mina anlegen ließ,
-sondern sie drangen über die Nigermündungen und den Aequator hinaus
-nach Süden bis zum Cap Sa. Catarina (1° 51′ s. Br.) vor.
-
-In dem nämlichen oder dem folgenden Jahre entdeckt Fernão do Po die
-Insel, welche jetzt seinen Namen trägt, von ihm aber Formosa getauft
-war. Auch die südlichen Guinea-Inseln wurden bald darauf gefunden.
-Martin Behaim verlegt dies Ereigniß ins Jahr 1484 und bemerkt auf
-seinem Globus, daß „eitel wildnus und keine Menschen“ dort gefunden
-seien und daß der König von Portugal jährlich Volk dahin sende, das
-sonst den Tod verschuldet habe, Männer und Frauen, und daß er ihnen
-gebe, damit sie das Feld bauen und sich nähren und damit dies Land von
-den Portugalesern bewohnt werde.
-
-Auf Alfons V. folgte 1481 sein Sohn Johann II. Auf ihn schien der
-Geist des Prinzen Heinrich übergegangen zu sein, er nahm regern
-Antheil an der weiteren Ausdehnung der afrikanischen Fahrten; aber
-er hatte auch ein unmittelbares Interesse daran. Denn seit 1473 war
-ihm bereits als Einkommen ein Theil der Erträgnisse des Guineahandels
-zugewiesen. Er wußte, welche Reichthümer Fernão Gomez sich durch das
-fünfjährige Monopol erworben hatte. Dazu kam noch ein neuer Impuls,
-als Pabst Sixtus IV. durch die Bulle vom 21. Juli 1481 Portugal den
-Besitz aller afrikanischen Entdeckungen bestätigte. Nachdem er im
-Mittelpunkte der Goldwäschereien von Mina seine Macht befestigt hatte,
-nahm er den Titel +Herr von Guinea+ an und führte auch die Sitte ein,
-statt der bis dahin üblichen vergänglichen Holzkreuze, welche die
-Entdecker an den hervorragendsten Küstenpunkten errichteten, um ihr
-Vorrecht zu dokumentiren, steinerne Wappenpfeiler, s. g. ~padrãos~,
-mit lateinischer und portugiesischer Inschrift zu setzen. Der erste,
-welcher solche Steinpfeiler mit an Bord nahm, war +Diogo Cão+ oder
-Cam, welcher 1484 mit seinen zwei Schiffen auslief. An Bord befand
-sich in der Function eines Kosmographen +Martin Behaim+, welcher um
-1459 geboren war und sich rühmen durfte, in der Zeit zwischen 1471 und
-1475, in welchen Jahren Regiomontan in Nürnberg weilte, dessen Schüler
-gewesen zu sein. Bald darauf hatte er sich als Kaufmann zuerst nach den
-Niederlanden und von da nach Portugal gewendet. Zwischen beiden Ländern
-bestand ein lebhafter Verkehr. Flandrische Colonisten gingen nach den
-Açoren. Unter ihnen hatte sich auch ein Edelmann aus Brügge, Jobst von
-Hurter befunden, welcher durch seine Verbindung mit einer vornehmen
-Portugiesin, einer Palastdame der Königin, als Statthalter in den
-erblichen Besitz der Inseln Fayal und Pico gelangte, von denen die
-erste vlaamische, die andere portugiesische Ansiedler erhalten hatte.
-Mit der Tochter dieses Hurter verheiratete sich Behaim nach seiner
-Heimkehr im Jahre 1486.
-
-[Illustration: Martin Behaim.]
-
-Die Expedition des Diogo Cão war für 3 Jahre verproviantirt, hatte
-allerlei Handelswaaren mitgenommen und außerdem als Geschenke an die
-Mohrenkönige 18 köstlich aufgezäumte Rosse an Bord. Südlich vom Cap
-der heiligen Catharina begannen die neuen Entdeckungen. Zuerst wurde
-der gewaltigste aller afrikanischen Ströme, der Congo, erreicht, an
-dessen Mündung der erste Wappenpfeiler,[79] und zwar auf der Südküste
-errichtet wurde. Danach hieß man anfänglich den Fluß Rio de padrão (bei
-Behaim Rio de patron). Die Pfeilerspitze liegt unter 6° 8′ s. Br.,
-auf dem Globus Behaims ward aber die Mündung des Flusses bereits vom
-südlichen Wendekreise durchschnitten. Später nannte man den Strom nach
-dem gleichnamigen Königreiche Congo, obwohl man von den Eingebornen den
-Namen Zaire gehört hatte. Den Entdeckern fiel bereits die Mächtigkeit
-des Stromes auf, der vor seiner Mündung meilenweit das Meer mit süßem
-Wasser bedeckte. Diogo Cão fuhr eine Strecke in den Unterlauf hinein
-und fand allenthalben viel schwarzes Volk. Von der ganzen Küste wurde
-im Namen des Königs von Portugal Besitz ergriffen. Hie und da wurden
-auch Eingeborene mitgenommen, um, nachdem sie etwas Portugiesisch
-gelernt hätten, als Dolmetscher zu dienen. Der König von Congo, mit
-dem Cão Verkehr anknüpfte, bat sogar um christliche Lehren, und sein
-Abgesandter, Kassuta, ließ sich in Portugal taufen. Man war erfreut
-über die Menge neuer Gewürze. Behaim wähnte sogar die echte Zimmtrinde
-gefunden zu haben. Vom Congo drang Cão noch über 200 Leguas nach
-Süden, errichtete den zweiten Wappenstein am Cap Agostinho nördlich
-von Cap Negro unter 13° 27′ s. Br. und den dritten am Cap Negro selbst
-unter 15° 40′ s. Br.[80] Dieser Berg ist auf Behaims Globus besonders
-ausgezeichnet als ein eigenthümlich schroffer Fels, der in seiner Form
-von der conventionellen Bergzeichnung abweicht und in rother Schrift
-den Namen Monte nigro trägt. Daneben lesen wir die Inschrift: „Hie
-wurden gesetzt die säulen des konigs von portugal anno domini 1485 d.
-18. jan.“ Irrthümlich hielt Behaim diese Spitze aber später für das Cap
-der guten Hoffnung, welches Dias im nächstfolgenden Jahre entdeckte.
-Das Datum des 18. Januar scheint zu gleicher Zeit den Zeitpunkt
-anzugeben, wo man auf dieser Reise den südlichsten Punkt erreichte. Die
-Dauer der ganzen Fahrt betrug 19 Monate.
-
-[Illustration: Astrolabium des Joh. Regiomontanus vom Jahre 1468.[81]]
-
-Man muß die Verdienste Behaims bei dieser Entdeckungsfahrt sehr hoch
-angerechnet haben, da er nach seiner Rückkehr vom Könige selbst
-zum Ritter des Christusordens, welcher aus dem Tempelherrnorden
-hervorgegangen war, geschlagen wurde, und zwar in Gegenwart des ganzen
-Hofes.
-
-Schon im nächsten Jahre ging ein neues Geschwader aus, aber nach den
-Maximen der Regierung unter einem andern Commando: man wollte nicht
-+einem+ Manne zu sehr verpflichtet sein. Es war ein staatskluger
-Grundsatz, dessen Vortheile erst recht ins Licht traten, als die
-spanische Regierung in Folge zu weitgehender Zugeständnisse gegen
-Columbus in mancherlei Verlegenheiten gerieth.
-
-
-2. Bartolomeu Dias.
-
-Im August 1486 segelte Bartolomeu Dias mit zwei kleinen Fahrzeugen von
-50 Tons Gehalt, von denen das eine unter dem Befehl des João Infante
-stand, und einem Proviantschiff unter dem Befehl seines Bruders Pero
-Dias aus, um die Küstenforschung Diogo +Cão’s+ fortzusetzen. Die
-Familie der Dias hatte sich seit dem Anfange der Unternehmungen des
-Infanten Don Enrique im Seedienst ausgezeichnet. João Dias, der Ahne
-des Geschlechts, war zuerst mit ums gefürchtete Cap Bojador gesegelt;
-Diniz Dias erreichte zuerst das grüne Vorgebirge.
-
-Bartolomeu sollte die rühmlichen Thaten der Vorfahren noch verdunkeln;
-und seinen Namen volksthümlich machen.
-
-An der Congoküste und bis über das südliche Cap der guten Hoffnung
-hinaus wurden während der Fahrt Negerinnen mit Geschenken ans Land
-gesetzt, um dasselbe zu erkunden und den Eingeborenen von der Macht und
-Pracht der Portugiesen zu erzählen, welche gekommen seien, das Land
-des Priesters Johannes aufzusuchen. Durch das sich weiter verbreitende
-Gerücht sollte der Priesterkönig veranlaßt werden, seinerseits Boten
-auszusenden, welche mit den Portugiesen eine Annäherung suchten.
-Den ersten Wappenstein setzte Dias bei der Serra parda nördlich von
-der Walfischbucht. Dann wurde er durch widrige Winde mehrere Tage
-aufgehalten und mußte mühsam laviren. Er nannte diese Bucht Angra das
-voltas. Der Name eines Cap Voltas haftet noch an der Küste, nahe der
-Mündung des Oranjestroms. Vom St. Helenagolf mußte er 13 Tage lang mit
-eingerafften Segeln sich von dem Sturm nach Südost treiben lassen.
-Dabei gerieth er in kältere Meeresströmungen und war von der schnellen
-Abnahme der Temperatur überrascht. Als der Sturm nachließ, steuerte
-er wieder gegen Osten, um die Küste zu gewinnen, welche nach seiner
-Vorstellung von Norden nach Süden vorlaufen mußte wie bisher. Als er
-aber nach mehreren Tagen noch kein Land in Sicht bekam, richtete er
-den Lauf der Schiffe nach Norden und erreichte so das Südende des
-Continents an einer Bucht, wo Hottentotten mit ihren Herden weideten
-und über den Anblick den Schiffe erschreckt ins Binnenland flohen. Die
-Bai erhielt den Namen der Kuhhirtenbai (~Angra dos Vaqueiros~); jetzt
-heißt sie Flesh-Bai.
-
-Weiter gegen Osten in der San Bras-Bai (Mosselbai) nahm er Wasser ein,
-wobei es zum Conflict mit den Eingeborenen kam; auf einer kleinen
-Insel Santa Cruz in der Algoabucht wurde der äußerste Wappenpfeiler
-gesetzt. Erschöpft durch die unerhörten Strapazen, welche sie erlitten,
-forderten die Schiffsleute den Capitän auf, umzukehren. Man wies auch
-darauf hin, daß der Proviant zu Ende gehe. Dias bedang sich noch eine
-Fahrt von zwei bis drei Tagen aus; wenn sich dann nicht ein Erfolg
-zeige (er erwartete wohl, daß die Küste wieder gegen Norden streiche)
-wolle er umkehren. Daß das Südende Afrikas umsegelt sei, sah er gewiß;
-daß das lang erstrebte Ziel sich nunmehr ohne große Schwierigkeiten
-werde gewinnen lassen, war seine feste Ueberzeugung. Nach einer
-Fahrt von zwei Tagen, in welchen die Schiffe noch 25 Meilen über den
-Wappenpfeiler hinaus bis zum großen Fischfluß vordrangen, welcher
-damals den Namen Rio do Infante erhielt, weil der zweite Capitän João
-Infante das Land zuerst betrat, sah sich Dias genöthigt, schmerzerfüllt
-den Heimweg anzutreten. Es wird uns erzählt, daß, als er zum zweiten
-Male die Insel Sa Cruz betrat, er den Wappenstein umklammert und nur
-mit schwerem Herzen Abschied von ihm genommen habe, wie wenn er einen
-geliebten Sohn scheiden sehe.
-
-Beim weiteren Verfolg erkannte er auch das imposante Felsencap am
-südwestlichen Ende des Festlandes, um welches ihn bei der Hinfahrt
-der Sturm herumgeführt. Er gab ihm den Namen des Sturmcaps (~Cabo
-tormentoso~). Aber der König änderte diesen ominösen Namen in den Glück
-verheißenden „Cap der guten Hoffnung“ (~Cabo da boa esperanza~), weil
-er der festen Zuversicht war, die Pforte zum indischen Ocean stehe
-offen und der Wasserweg zu den Gewürzländern werde endlich gefunden.
-Das Transportschiff, welches auf der Westküste Afrikas zurückgeblieben,
-zeigte sich in bedauerlichem Zustande, als die beiden Schiffe des
-Dias auf ihrer Heimkehr dasselbe trafen. Sechs Mann an Bord waren
-von den Negern erschlagen, drei nur noch am Leben, dazu das Schiff
-selbst, in Folge von Wurmfraß, nicht mehr seetüchtig. Es mußte daher
-in Brand gesteckt werden, ehe man sich zum letzten Theil der Rückreise
-anschickte. Im December 1487 langte Dias, nach einer Fahrt von 16
-Monaten und 17 Tagen, in Lissabon wieder an. Er hatte auf dieser Reise
-weitere 350 Leguas Küstenlinie entdeckt.
-
-Inzwischen hatte aber der König auch Leute ausgesendet, welche
-das Reich Habesch und die Verkehrsverhältnisse am indischen Meere
-ermitteln sollten. Der erste Versuch einer Sendung schlug allerdings
-fehl, denn der Pater Antonio de Lisboa und Pedro de Montorryo,
-welche nach Jerusalem geschickt wurden, um dort abessinische Mönche
-auszuforschen, die damals häufig zu der heiligen Stadt walfahrteten,
-kehrten unverrichteter Sache wieder zurück, weil sie ohne Kenntniß der
-arabischen Sprache sich nicht getrauten, mit den Abessiniern ins Land
-des Priesters Johannes zu reisen.
-
-So wurden denn, noch ehe Dias heimgekehrt war, zwei andere, bewährte
-Männer abgesandt. +Pero de Covilham+ und +Affonso de Paiva+[82] machten
-sich am 7. Mai 1487 nach dem Orient auf, erreichten über Rhodos und
-Alexandrien die Hauptstadt Aegyptens, Cairo, und fuhren auf dem rothen
-Meere nach Aden. Hier trennten sie sich, nachdem als Ort späterer
-Vereinigung Cairo bestimmt war. Covilham ging zu Schiff nach der
-indischen Malabarküste, besuchte Kananor, Kalikut, Goa und kehrte von
-da nach der Ostküste Afrikas zurück, besuchte die Häfen, erreichte als
-südlichsten Punkt das durch seinen Goldreichthum berühmte Sofala und
-zog über die Insel Madagascar Erkundigungen ein.
-
-Als er auf der Rückreise Cairo wieder erreicht, erfuhr er, daß sein
-Gefährte Paiva inzwischen gestorben sei. Doch traf er dort zwei andere
-Sendlinge des Königs Johann von Portugal, den Rabbi +Abraham+ aus
-+Beja+ und den Juden +Joseph+, einen Schuster aus Lamego. Der letztere
-ging mit den wichtigen Nachrichten, welche Covilham eingezogen, sofort
-nach Portugal zurück. Covilham schrieb in seinem Briefe, daß die
-portugiesischen Schiffe an der Küste Guineas nach Süden zu steuern
-hätten, bis sie das Ende Afrikas erreicht, und daß sie im indischen
-Meere ihren Cours nach Sofala und der Mondinsel oder Madagascar
-richten müßten. Covilham besuchte mit Rabbi Abraham sodann noch Ormuz
-und sandte seinen Gefährten mit einer Karawane auf dem üblichen
-Wege über Bagdad und Haleb nach Syrien und in die Heimat zurück,
-während er selbst Habesch aufzusuchen beschloß. Der König nahm ihn in
-seiner Hauptstadt Schoa sehr freundlich auf, wußte aber den ersten
-europäischen Besucher an sich zu fesseln, so daß Covilham im Lande
-blieb, sich dort verheiratete und noch ein Menschenalter später, als
-ein portugiesischer Gesandter 1525 unter Rodriguez de Lima in Habesch
-eintraf, lebte. Er wurde über den Besuch seiner Landsleute zu Thränen
-gerührt, blieb aber in Habesch und starb dort.
-
-
-3. Vasco da Gama’s erste Fahrt.
-
-Das waren die letzten wichtigen Unternehmungen, welche der
-Regierungszeit des Königs Johann noch angehören. Zwar noch bei
-Lebzeiten dieses Fürsten sollte von unerwarteter Seite der Impuls
-kommen, welcher die Portugiesen antreiben mußte, durch eine letzte
-kühne Seefahrt ihre fast ein Jahrhundert bereits andauernden Arbeiten
-zu krönen; aber Johann II. starb, ehe er an die Ausführung gehen
-konnte. Den angedeuteten Impuls gab aber Columbus dadurch, daß er,
-von seiner ersten Fahrt nach Westindien heimkehrend, durch Sturm
-genöthigt worden war, in den Hafen von Lissabon einzulaufen und dem
-portugiesischen Könige auf dessen Einladung von seinem vermeintlichen
-Besuch in Zipangu (Japan) Bericht erstatten konnte. Die mitgebrachten
-braunen Indianer ließen nun mit Recht vermuthen, daß der kühne Genuese,
-dessen Pläne in Portugal keinen Beifall gefunden hatten, wenigstens bis
-in die Nähe Asiens gelangt sei, da die vorgeführten fremden Menschen
-den wirklichen Indern ähnlich zu sein schienen. Auch war zu befürchten,
-daß Columbus auf einer zweiten Fahrt noch vor den Portugiesen die
-Gewürzländer erreichen und damit den Preis und Lohn so vieler Mühen
-vorweg nehmen könnte. Glücklicherweise konnten sich die Portugiesen
-darauf berufen, daß Pabst Nicolaus V. schon im Jahre 1454 durch eine
-Bulle ihnen das Privilegium über den Handel mit Indien verliehen hatte.
-Trotzdem beeilten sich nun doch die spanischen Monarchen Ferdinand und
-Isabella, sich die neuen Entdeckungen durch päbstliche Sanction zu
-sichern. Die Bulle des Pabstes Alexanders VI. vom 3. Mai 1493 spricht
-der spanischen Krone alle Inseln und Festländer, welche in der von
-Columbus eingeschlagenen Richtung gefunden sind und noch gefunden
-werden sollen, zu in Anerkennung der Verdienste um den christlichen
-Glauben, um die Vertreibung der Mauren aus Spanien, und hofft, daß
-auch in den neu entdeckten Gebieten die friedlichen nackten Bewohner,
-welche keine Canibalen sind und sogar an einen Schöpfer im Himmel
-glauben, durch spanische Missionäre bald bekehrt werden möchten. Auf
-die weiteren Eigenthümlichkeiten und Schwächen der päbstlichen Erlasse
-vom 3. und 4. Mai genauer einzugehen, ist hier nicht der Ort, wo wir
-die portugiesischen Entdeckungen allein im Auge haben. Allein es mag
-hier noch erwähnt werden, daß in Folge dieser päbstlichen Verleihungen
-am 7. Juni 1494 zwischen Spanien und Portugal ein Vertrag abgeschlossen
-wurde, welcher die Grenzlinie der maritimen Entdeckungen beider Mächte
-in Gestalt einer von Pol zu Pol gezogenen Meridianlinie festsetzte.
-
-Spanien erhielt den Westen der Erde, Portugal den Osten. Aber Spanien
-schien dem Ziel näher zu sein als sein älterer Nebenbuhler. Darum
-rüstete bereits Johann zu neuen Seefahrten; aber der Tod hemmte
-1495 den Fortgang. Ihm folgte der jugendlich kühne +Manuel+, dem
-die Nachwelt den Namen des Großen zuerkannt hat, weil unter ihm die
-portugiesische Macht zu größter Entfaltung gelangte. Manuel, Herzog von
-Beja, war 26 Jahr alt, als er den Thron bestieg. Er wollte sofort die
-Entdeckungsarbeiten wieder beginnen lassen, aber seine Räthe machten
-anfangs Schwierigkeiten. So verzögerte sich die Fertigstellung des
-Geschwaders bis zum Jahre 1497. Der erfahrene Bartolomeu Dias wurde
-damit betraut, diese kleine aus 3 Schiffen bestehende, zur Fahrt nach
-Indien bestimmte Flotte sorgfältig auszurüsten, aber selbst sollte
-er sie nur bis zur Factorei La Mina an der Goldküste begleiten. Den
-Oberbefehl erhielt +Vasca da Gama+[83], im zweiten Schiffe sein
-Bruder +Paulo da Gama+, im dritten +Nicolao Coelho+. Der Raumgehalt
-der Schiffe betrug 100 bis 120 Tons. Die Schiffe trugen die Namen S.
-Rafael, S. Gabriel und S. Michael.
-
-Die portugiesischen Historiker weichen in ihren Berichten über Gama’s
-Fahrt in vielen wesentlichen Punkten von einander ab. Gaspar Correa,
-dessen ~Lendas da India~ erst 1858-1861 von der Academie in Lissabon
-veröffentlicht worden sind, kam von allen Chronisten am frühesten,
-vielleicht schon 1512, nach Indien und konnte als Secretär des
-berühmten Affonso d’Albuquerque zum Theil das Tagebuch des Geistlichen
-João Figueira, welcher die erste Fahrt Vasco da Gama’s mitmachte,
-benutzen und zu Rathe ziehen. Castanheda (~Historia da India~) kam um
-1528 nach Indien, Damian de Goes (~Rey Emanuel~) gelangte nicht nach
-dem Orient, und Osorio (~de rebus Emanueli~) fußt vielfach auf Goes.
-João de Barros, dessen Decaden lange Zeit fast allein die Grundlage
-der Darstellung gebildet, schrieb viel später.[84] Correa’s Werk
-sollte bei seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht werden, vielleicht um
-manchen Lebenden nicht zu verletzen. So kam sein Manuscript erst nach
-seinem Tode nach Europa, erlebte dort zwar, wenigstens in dem ersten
-Theile, mehrere Abschriften, aber erst vor 20 Jahren eine sorgfältige
-Drucklegung. In manchen Punkten, wo Correa von den übrigen Historikern
-abweicht, spricht aber die innere Wahrheit und Wahrscheinlichkeit für
-ihn.
-
-[Illustration: Vasco da Gama.]
-
-Wie weit die Differenzen unter den einzelnen Berichten über Gama’s
-erste Fahrt gehen, erhellt schon daraus, daß sie nur in +einem+
-Tages-Datum, nämlich in der Ankunft am Flusse Dos Reis, am heiligen
-Dreikönigstage 1498 zusammen stimmen. Correa setzt die Abfahrt der
-Flotte von Lissabon auf den 25. März 1497, Barros auf den 8. Juli,
-Osorio auf den 9. Juli. Correa nennt die Schiffe S. Rafael (Capitän
-Vasco da Gama), S. Gabriel, (Paulo da Gama), S. Michael, (Nicol.
-Coelho). Barros versetzt den ersten Capitän auf den Gabriel, seinen
-Bruder Paulo auf den Rafael, und nennt das Schiff Coelho’s Berrio.
-
-Bei der Benennung neuentdeckter Küstenpunkte mußte dem Hauptschiffe,
-auf welchem Vasco da Gama befehligte, naturgemäß der Vorrang eingeräumt
-werden. Mustern wir nun einige der bedeutendsten Weltkarten des 16.
-Jahrhunderts, die Karten Cabots und des Königs Heinrich II. von
-Frankreich (+Jomard+, ~Monuments de la géographie~), so treffen wir
-die Namen Gabriel und Berrio gar nicht; Rafael erscheint auf Heinrichs
-II. Karte zweimal, ein Rio de S. Miguel bei Cabot. Ferner zeigt die
-Baseler Ausgabe des Ptolemäus, 1513, einen padrão de S. Rafael, und
-auch Ortelius (~Theatrum mundi~) bietet uns die Namen Rafaels und
-Michaels. Dadurch wird die Existenz dieser Schiffsnamen bestätigt, und
-wenn alle Autoren in der Angabe des Namens Gabriel übereinstimmen, muß
-wohl der Name „Berrio“, den Barros angibt, falsch sein. Stanley (~l. c.
-p. V.~) führt nach einem weiteren Beweis an, daß das Hauptschiff den
-Namen Rafael führte. Nach dem glänzenden Verlauf der ersten Reise wurde
-Vasco da Gama zum Grafen von Vidigueira in Alemtejo erhoben. Vor dieser
-kleinen Stadt befindet sich eine Capelle des heil. Rafael mit dem Bilde
-des Erzengels, dem das Schiff geweiht war.
-
-Der Oberbefehlshaber erhielt Empfehlungsschreiben an den Priester
-Johannes, an den Beherrscher von Kalikut und an andere Fürsten Indiens.
-Die ganze Bemannung zählte nach Barros 170 Köpfe, während Correa sagt,
-in jedem Schiffe seien 80 Personen gewesen. Nach Osorio und Goes zogen
-148 Mann aus und kehrten nur 55 wieder zurück. Ueber die Canarien
-gelangte das kleine Geschwader, nachdem es schon am Rio d’Ouro durch
-Sturm getrennt war, zu den Capverden und blieb einige Tage in St. Jago.
-Hier trennte sich Bartolomeu Dias, welcher sie bis dahin begleitet
-hatte, von ihnen und steuerte nach seinem Bestimmungsorte, nach La Mina
-an der Guineaküste. Gama richtete, das afrikanische Gestade verlassend,
-seinen Cours direct nach dem Caplande.
-
-Der Wind war sehr heftig, erzählt Correa, so daß die See einen
-furchtbaren Anblick gewährte; unter den rastlosen Arbeiten während
-dieser Stürme litt das Volk sehr. Nachdem sie so einen Monat gesegelt
-waren, wandten sie sich wieder der Küste zu, in der Hoffnung, das Cap
-zu erreichen. Aber viel zu zeitig. Es sollten noch Monate vergehen,
-ehe sie das Südende des Continents umfahren konnten. Alle Historiker
-stimmen darin überein, daß die Fahrt mindestens 4 Monate währte, Correa
-setzt sogar volle 6 Monate an. So ging’s also wieder in die offene See
-hinaus, obwohl schon damals die Mannschaft lieber wieder umgekehrt
-wäre. Gama selbst theilte mit ihnen alle Arbeiten und Mühen und gönnte
-sich keinen Schlaf. Die Tage wurden immer kürzer, denn man fuhr in den
-südlichen Winter hinein. Es schien fast immer Nacht zu sein. Die Leute
-wurden krank vor Furcht und Mühsal, sie konnten nicht einmal ihr Essen
-bereiten. Sie begannen zu murren und wollten umkehren; aber Gama wies
-sie, als ein leidenschaftlicher Mann, mit scharfen Worten zur Ruhe,
-obwohl er sah, daß man in beständiger Lebensgefahr schwebte. Und wenn
-auch die Mannschaft unter den kalten Regenschauern fast erstarrte, so
-schwur doch der Capitän, es möge kommen, was Gott wolle, umkehren werde
-er nicht.
-
-Erst in der Nähe des Landes wurde die See ruhiger. Um die Polhöhe am
-festen Lande zu bestimmen, ging das Geschwader in der St. Helenabai
-vor Anker. Da die Seeleute mit dem Gebrauche des Astrolabiums noch
-nicht lange vertraut waren, vermochten sie an Bord der kleinen Schiffe
-wegen der Schwankungen der Fahrzeuge noch keine sichern Bestimmungen zu
-machen. Das Beobachtungsinstrument hatte 3 Palmen im Durchmesser und
-ruhte auf einem dreifüßigen hölzernen Gestell. Wahrscheinlich war es
-hier, wo das begleitende (vierte) Proviantschiff entleert und in Brand
-gesteckt wurde, nachdem die Mannschaft auf die andern Schiffe vertheilt
-war.[85]
-
-In einem mehrtägigen Sturme dublirten sie endlich das gefürchtete
-Cap, Stürme verfolgten sie auch auf der weiteren Fahrt. Sturzseen
-brachen von oben herein, das Wasser im Schiffsraume stieg immer höher.
-Sie hatten keine Ruhe, weder bei Tage noch bei Nacht, weder für die
-Seele noch für den Leib. Aber Gama schwur hoch und theuer, er werde
-keinen Fuß breit zurückgehen, bis er Indien erreicht. Bei dieser
-verzweifelten Lage wuchs die Mißstimmung unter der Bemannung immer
-mehr und gestaltete sich zu einer Verschwörung: man wolle sich nicht
-blindlings ins Verderben jagen lassen, Er sei nur Einer, sie aber seien
-Viele. Durch einen Schiffsjungen verrathen, wurde der Plan, den Capitän
-zu beseitigen, vereitelt. Gama brachte die Verschworenen mit List in
-seine Gewalt und ließ sie in Ketten werfen. Vor Wuth soll er sogar alle
-nautischen Bücher über Bord geworfen und erklärt haben: nun möchten sie
-versuchen, ohne Steuermann und Pilot den Rückweg zu finden. Denn die
-Capitäne und Steuerleute hielten alle treu zum Führer.
-
-Erst im Anfang Januar 1498 näherten sie sich wieder dem Lande. Die
-Schiffe bedurften einer Reparatur, an Trinkwasser trat ein fühlbarer
-Mangel ein, manche Fässer waren in den unaufhörlichen Stürmen
-geborsten und ausgelaufen. Aber sie segelten noch mehrere Tage, ehe
-sie einen günstigen Ankerplatz fanden. Am 6. Januar liefen sie in
-die bequeme Mündung eines Flusses ein, der nach dem Tage Rio des
-Reyes, Drei-Königsfluß, genannt wurde. Der Wasserplatz, an welchem
-Gama fünf Tage verweilte, wurde wegen des friedlichen Benehmens der
-Bewohner Agua da boa Paz genannt. Beim Weitersegeln hatten sie vom
-Cap Corrientes (~Cabo das Corrientes~) tagelang mit der heftigen
-Mosambikströmung zu kämpfen und mußten darum weiter von der Küste
-abhalten, um nicht gegen gefährliche Klippen getrieben zu werden.
-In Folge dessen segelten sie an dem in der innern Bucht des Landes
-gelegenen Sofala vorüber und erreichten nur mühsam die Mündung des
-Sambesi. Dieser mächtigste Strom erhielt den Namen ~Rio dos bons
-Sinaes~ (Strom der guten Anzeichen), denn hier trafen sie zuerst mit
-hellfarbigen Mischlingen zusammen, die des Arabischen mächtig waren,
-und ihnen mittheilten, daß weiter nordwärts eine belebte Schifffahrt
-getrieben werde. Man hatte hier also die Sphäre des arabischen
-Handelsverkehrs erreicht und konnte hoffnungsvoll dem glücklichen
-Erfolg des kühnen Seezuges entgegensehen. Theils um die Schiffe
-auszubessern, theils um der erschöpften und am Scharbock leidenden
-Mannschaft Erholung und Erfrischung zu bieten, blieb Gama einen vollen
-Monat hier. Dort wurde ein Wappenstein errichtet mit der Inschrift: ~Do
-Senhorio de Portugal Reino de Christaõs~. Dann stach Gama wieder in
-See und erreichte bald die Insel und den Hafenplatz Mosambik. Mehrere
-Sambuken, mit arabisch gekleideten Leuten bemannt, kamen heran und
-erkundigten sich nach Herkunft und Ziel der fremdartigen Flotille.
-Gama ließ ihnen antworten, sie seien Portugiesen, welche im Auftrage
-ihres Königs nach Indien führen und, da sie den Weg noch nicht gemacht
-hätten, um einige Lotsen bäten.
-
-Anfänglich schien es, als ob der Verkehr sich ganz friedlich
-gestalten wolle. Der Scheich des Hafens stand unter der Botmäßigkeit
-des arabischen Fürsten von Kiloa. Die Araber hatten den sicheren
-Stapelplatz auf der Mosambik-Insel gewählt, um von hier aus lebhaften
-Handel mit den Negern zu treiben und Gold, Elfenbein, Wachs u. a.
-einzutauschen. Nachdem Gama dem Scheich mehre Geschenke gesendet,
-kam dieser selbst an Bord, in faltenreicher, farbiger Tracht, das
-dunkle Gesicht von einem mächtigen, buntseidenen Turban beschattet.
-Unter seinem Gefolge befanden sich viele Mischlinge. Nach einem
-ehrenvollen Empfange von Seiten der Capitäne nahm der Scheich alles
-neue auf den Schiffen in Augenschein und ließ sich vermittelst eines
-Dolmetschers von dem Flottenführer noch einmal erzählen, daß sie
-von dem mächtigsten Könige der Christenheit abgesandt, bereits zwei
-Jahre auf der stürmischen See umhergeworfen und von ihren Gefährten
-getrennt nunmehr dem Lande der Gewürze zusteuerten und, des Weges
-unkundig, um zuverlässige Piloten bäten. Bald nachdem der Scheich
-zurückgekehrt war und frische Lebensmittel für die Portugiesen
-gesandt hatte, erschienen auch drei Habessinier, mit denen aber die
-Verständigung nur unvollkommen gelang. Werthvoller war der Verkehr
-mit einem Mauren, Namens Davané, welcher sich bereit finden ließ, die
-Schiffe nach Indien zu begleiten. Inzwischen änderte sich aber die
-günstige Stimmung am Lande. Die Araber schöpften wegen der Herkunft
-und Zwecke der Fremdlinge Verdacht oder wurden wegen ihres Handels
-besorgt, für den ihnen so unerwartet eine Concurrenz zu drohen schien.
-Zwar erhielt Gama die gewünschten Lotsen, aber sie waren nicht
-zuverlässig; denn nachdem die Portugiesen als Christen erkannt und
-somit als die natürlichen Feinde des Islam erklärt worden, wurde auch
-der Scheich von den einheimischen Händlern gewonnen, die Hand zu einem
-geplanten Verrath und Ueberfall zu bieten. Und hierzu sollten die
-Lotsen behilflich sein. Eine Einladung des Scheich zu einem Besuche
-in der Stadt hatte Gama, durch Davané gewarnt, vorsichtig abgelehnt.
-Dagegen bat er, man möge ihm am festen Lande einen Platz anweisen, wo
-seine Böte Wasser holen könnten. Diese Gelegenheit sollte von Seiten
-der Moslemin zu einem Ueberfall benutzt werden; zu gleicher Zeit
-sollten andere mit Bewaffneten besetzte Fahrzeuge, wenn ein Theil der
-portugiesischen Matrosen beim Wassereinnehmen von den Schiffen fern
-sei, diese überrumpeln und das Geschwader zu erobern suchen. Allein
-dieser Plan wurde durch die Wachsamkeit und die Ueberlegenheit der
-portugiesischen Waffen vereitelt. Gama ließ das Wasserboot mit zwei
-Kanonen armiren und schickte zur Bedeckung der Matrosen bewaffnete
-Mannschaft mit unter Führung des Capitäns Coelho. Zur Nachtzeit sollte
-bei Hochflut Wasser eingenommen werden. Aber der begleitende Pilote
-führte sie bis zum anbrechenden Morgen, wo Ebbe eintrat, in der Irre
-herum und hoffte das Fahrzeug dann unversehens aufs Trockne zu setzen
-und dem geplanten Ueberfall leichter preiszugeben. Indeß kam ihm Coelho
-zuvor, indem er das Boot rechtzeitig wenden ließ und den Verräther, zum
-abschreckenden Beispiel, an den Mast aufknüpfen wollte. Der Lotse aber
-sprang über Bord, tauchte unter und kam erst in weiterer Entfernung
-wieder zum Vorschein. Bei seiner Verfolgung wurde nun das Boot vom
-Lande aus mit Pfeilen und Schleudersteinen angegriffen. Da man von den
-Schiffen aus diesen feindlichen Zusammenstoß sehen konnte, so ertheilte
-Gama dem Boote durch Flaggensignale den Befehl zur Umkehr. Auch ließ
-er, wie Correa betont, nicht gleich mit Kanonen unter die Verräther
-schießen, weil er sich in dem ersten arabischen Hafen nicht in
-schlechten Ruf bringen wollte und vielleicht noch auf ein friedliches
-Abkommen rechnete. Der Scheich, der wohl auch für seine wehrlose
-Stadt fürchten mochte, ließ über den unangenehmen Zwischenfall sein
-Bedauern ausdrücken und erbot sich andere Lotsen zu senden, die indeß
-wieder den Auftrag zu haben schienen, die portugiesischen Schiffe auf
-Korallenriffe zu führen.
-
-Vasco da Gama hatte mehrere Verbrecher an Bord, die ihm mitgegeben
-waren, um an gefährlichen Stellen ans Land geschickt zu werden.
-In der Ausführung eines lebensgefährlichen Auftrages bestand die
-eigenthümliche Art der Begnadigung. João Machado, so hieß der zu
-dieser Mission ausersehene Sträfling, wurde ans Land gesetzt, um
-dem Scheich die Botschaft zu übermitteln, daß, da man an seiner
-Ehrlichkeit zweifele, der weitere Verkehr mit ihm abgebrochen werde.
-Machado richtete seinen Auftrag aus und gelangte später unter allerlei
-Abenteuern über Kiloa und Mombas nach Indien. Gama aber hielt noch an
-einer unbewohnten Insel vor Mosambik an und ließ zu Ehren des heil.
-Georg den Wappenstein San Jorge setzen. Dann stach er wieder in See.
-Davané war an Bord geblieben und begann bereits etwas Portugiesisch
-zu lernen, so daß man sich mehr und mehr verständigen und manche
-werthvolle Mittheilungen über den Seehandel durch ihn gewinnen konnte.
-
-Der streng bewachte, aber treulose Lotse brachte bald darauf die
-Schiffe zwischen die Untiefen einer Inselgruppe und wurde, als man
-seine Verrätherei erkannte, dafür durchgepeitscht. Die Inseln erhielten
-aber zum Andenken daran den Namen ~Ilhas do Azoutado~, d. h. die
-Inseln des Durchgepeitschten. An der Küste entlang ging die Fahrt nun
-weiter auf Kiloa, welches als ein vielbesuchter Handelshafen galt,
-wohin sogar christliche Armenier gelangen sollten. Aber widrige Winde
-trieben die Schiffe ab. Das Schiff S. Rafael unter dem Commando des
-Vasco da Gama gerieth sogar auf eine Sandbank, wurde aber glücklich
-wieder losgebracht. So kamen sie in der letzten Woche des April[86]
-nach Mombas. Wieder erschien ein Fahrzeug der Einwohner, um sich nach
-den Zielen der Fremdlinge zu erkundigen. Gama erklärte, er komme,
-auf dem Wege nach Indien, sich in dem Hafen mit einigen Bedürfnissen
-zu versehen. Der Scheich, auch hier anfangs freundlich, mußte bald
-den falschen Einflüsterungen nachgegeben und schon von Mosambik
-Nachrichten erhalten haben, daß die Fremden Seeräuber seien und
-den Handel nur zum Vorwand nähmen. Als Gama in den Hafen einlaufen
-wollte, kamen viele kleine Schiffe heran, wie um die portugiesischen
-Fahrzeuge mit festlicher Musik an die Stadt zu geleiten. Aber man ließ
-höchstens 10 bis 12 Personen an Bord eines jeden Schiffes kommen.
-Vielleicht war es dabei auf eine Ueberrumpelung oder eine Verrätherei
-abgesehen, denn als das eine Schiff, rückwärts treibend, auf den Grund
-gerieth, da es dem Steuer nicht folgte, so gab der Capitän rasch
-Befehle, Anker auszuwerfen. Die dadurch hervorgerufene Unruhe machte
-die Araber auf den andern beiden Schiffen besorgt; sie fürchteten
-vielleicht, ihr Anschlag sei verrathen und sprangen eiligst wieder in
-ihre Schiffe. In einer hellen Mondnacht wurde der Hafen von Mombas
-verlassen und die Fahrt mit großer Vorsicht, weil man dem Lotsen
-nicht traute, fortgesetzt. Bald stießen sie auf zwei Sambuken, welche
-nach Mombas steuerten. Eine derselben wurde genöthigt, ihnen den Weg
-nach Melinde zu zeigen, wobei man die arabische Mannschaft auf die
-Schiffe vertheilte. Nach einer günstigen Fahrt von drei Nächten und
-zwei Tagen langten sie in den letzten Tagen des Monats April dort
-an und fanden hier endlich eine wohlgemeinte freundliche Aufnahme.
-Aber der Einladung des Fürsten, in dem Hafen anzulegen, folgte Gama,
-durch die Vorkommnisse in Mosambik und Mombas mißtrauisch gemacht,
-nicht sogleich, sondern schickte zunächst den Capitän Coelho und in
-seiner Begleitung den Davané ans Land. Am Ufer hatten sich so viele
-Menschen versammelt, daß die Beamten nur vermittelst ihrer Stöcke für
-die fremden Sendlinge Bahn schaffen konnten. Der Fürst ließ Coelho
-neben sich auf einem Stuhle niedersitzen, erkundigte sich vor allem
-nach europäischen Verhältnissen und ließ sich vom großen König Emanuel
-erzählen. Gegen Sonnenuntergang nahm der portugiesische Capitän
-Abschied und wurde, vom Herrscher von Melinde mit weißen und bunten
-Seidenkleidern und einem kostbaren Ringe beschenkt, an den Strand
-zurückgeleitet. Die von Gama auf einem Sambuk gewünschte Zusammenkunft
-fand in den nächsten Tagen statt. Der ganze Strand, die weißen Häuser
-und die Mauern der Stadt waren mit Schaulustigen dicht besetzt, als die
-beiden Flottenführer, Vasco und sein Bruder Paulo da Gama, im vollsten
-Schmucke, unter dem Donner der Salutschüsse in ihren beflaggten Böten
-von den Schiffen abstießen und sich dem Audienzschiffe näherten. Bei
-der herrschenden Rivalität zwischen Melinde und den anderen bereits
-besuchten Häfen war die Aufnahme eine sehr günstige. Dem arabischen
-Herrscher wurden ein kostbares Schwert, eine Lanze und ein Schild
-verehrt und beide Theile schieden in Freundschaft. Gama bat, die
-Piloten und übrigen Insassen des zur Mitfahrt gezwungenen Bootes sicher
-wieder in ihre Heimat befördern zu wollen, was auch zugesagt wurde. Die
-Portugiesen erhielten Lebensmittel und Wasser und konnten sich am Lande
-erholen, denn sie hatten an der ungesunden Ostküste Afrikas viel durch
-Krankheiten zu leiden gehabt und manchen Mann am Scharbock verloren.
-
-Später besuchte Gama den Scheich in seinem Schlosse und wurde von
-diesem am Thor empfangen. Im Verlaufe des Gespräches erklärte der
-Araber, daß der Gewürzhandel in Kalikut seinen Hauptstapel habe und daß
-er dem Geschwader einen zuverlässigen Piloten dahin mitgeben werde.
-Auch rieth er den Portugiesen, die gewünschten Waaren nicht zu hoch zu
-bezahlen, um dadurch nicht den Markt zu verderben.
-
-Davané erbot sich bis Indien mitzugehen. Vor dem Abschiede stattete der
-Fürst den Schiffen noch einen Besuch ab. Auf einer besonders angelegten
-Treppe leitete man ihn an Bord, wo eine festliche Tafel hergerichtet
-war. Dann ließ Gama mit Bewilligung des Herrschers einen marmornen
-Wappenpfeiler in Melinde setzen, segelte, von tüchtigen Lotsen
-geführt, am 24. April von der afrikanischen Küste ab und erreichte
-unter günstigem SW. Monsun in 22 Tagen die Gestade Indiens. Die Berge
-von Kananor traten hervor, die Häuser der Stadt zeigten sich bei dem
-Vorübersegeln. Fischerböte nahten sich und waren über die seltsam
-gebauten Schiffe und die weißen Menschen darin sehr verwundert. Am 20.
-Mai langte das Geschwader endlich im Hafen von Kalikut an.
-
-Indien zerfiel damals in eine große Anzahl selbständiger Reiche, Barros
-nennt darunter die Königreiche von Multan, Delhi, Cospetir, Bengalen,
-Orissa, Mando, Tschitor, Guzarat oder Cambaya, Dekhan, Bisnaga und
-viele andere kleinere. Am Westfuße der Ghats erstreckte sich vom
-Flusse Karnat, nahe beim Vorgebirge Komorin bis zu der weit übers
-Meer sichtbaren Landmarke des Berges d’Ely (~de Ly~) oder Delly unter
-12° n. Br., das Reich und die Landschaft Malabar mit der Hauptstadt
-Kalikut. Sechs bis zehn Leguas breit und 80 Leguas lang breitete sich
-dieser Landstrich aus, über welchen ein Kaiser die Oberherrschaft
-besaß. Der Titel dieses Oberherrn war eigentlich Samudrin, d. h. Herr
-der See, die Portugiesen nannten ihn Samorin. Zahlreiche Lehnsfürsten
-standen nominell unter ihm, wußten sich aber mehrfach seinem
-maßgebenden Einflusse zu entziehen oder fügten sich, wie die Fürsten
-von Kotschin und Kollam, nur widerstrebend. Das Uebergewicht Kalikuts
-beruhte in seinem Welthandel, in seinem Gewürzmarkte, welcher seit
-dem 14. Jahrhundert an Großartigkeit alle Hafenplätze der Westküste
-übertraf. Seine Blüte verdankte der Ort namentlich der Thätigkeit der
-mohammedanischen Kaufleute und Schiffer, welche bei den Portugiesen
-mit dem allgemeinen Namen der Mauren belegt wurden. Die Stadt zerfiel
-in zwei Abtheilungen; am Hafen gruppirten sich um die steinernen
-Wohnhäuser und Waarenlager der Mauren die mit Palmblättern gedeckten
-Holzhütten der eingeborenen Gewerbsleute, der Handwerker und des andern
-gemeinen Volks niedriger Kasten. Etwas entfernt lag in einem Palmenhain
-die Residenz des Samorin, umgeben von den Villen der vornehmsten
-Stände, der Brahmanen und der Kriegerkaste, der sog. Nair, die ihrem
-Oberherrn mit Leib und Seele ergeben, sich dem Handelsgewoge des
-Hafens entzogen, um ihren Standesvorurtheilen nichts zu vergeben durch
-zu enge Berührung mit den niederen Kasten. Diese hatten ihren Erwerb
-hauptsächlich durch die Mauren und waren, an deren Interesse gebunden,
-von denselben abhängig, oder wenigstens geneigt, auf ihre Seite zu
-treten. Denn den Vertrieb der geschätzten Waaren nach dem Abendlande
-hatten die mohammedanischen Kaufherren allein in der Hand; ihre Flotten
-kamen aus dem arabischen und persischen Golfe über Aden und Ormuz nach
-Indien und brachten namentlich über Aegypten die indischen Artikel ans
-Mittelmeer zu den christlichen Völkern. Aber nicht Araber und Aegypter
-im engern Sinne betheiligten sich allein an diesem indischen Handel.
-Mauren aus Tunis und Algerien, selbst Juden unternahmen die weite
-Reise ins Morgenland und wieder zurück in die Markthäfen Italiens und
-Spaniens. Die christlichen und mohammedanischen Staaten am Mittelmeer
-standen sich feindlich gegenüber; die Niederlagen des Islam und seine
-Verdrängung aus Spanien wurden bis Indien vernommen. Die Portugiesen
-waren politisch die Feinde der Araber und Mauren und sollten nun auch
-im indischen Handel als ihre Rivalen auf einem Gebiete erscheinen,
-wo die Moslemin Jahrhunderte lang allein sich des ungestörten
-Genusses und Gewinnes zu erfreuen gehabt hatten. Kein Wunder, daß
-das Erscheinen einer portugiesischen Flotte auf der Küste Malabar,
-vor dem Centralpunkte des Verkehrs, alle mohammedanischen Kaufleute
-in die größte Aufregung brachte. Daher der eigenthümliche Willkomm,
-den Gama vor Kalikut empfing. Schiffer im Hafen brachten nämlich zwei
-Mauren aus Tunis zu ihm, welche spanisch und italienisch sprachen und
-die Portugiesen mit den Worten begrüßten. „Schert Euch wieder zum
-Teufel, der Euch hergebracht hat.“
-
-[Illustration: ~Die WESTKÜSTE von VORDER-INDIEN
-
-und die von den Portugiesen berührten Handelsstädte. ~
-
- ~_Entworfen von S. Ruge._~ ~_G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung._~
-]
-
-Auch dem Samudrin war der Besuch sicher ungelegen. Der friedliche
-Verkehr und die Sicherheit der Einkünfte, auf denen seine Macht
-basirte, schienen in Frage gestellt durch das plötzliche Erscheinen
-der abendländischen Fremdlinge. Ließ sich der Friede und die Ordnung,
-welche eine ausgezeichnete Marktpolizei bisher aufrecht erhalten hatte,
-bei der Erregtheit der Concurrenten aufrecht erhalten?
-
-Und konnte nicht durch einbrechende Unsicherheit gedrängt, der ganze
-Waarenverkehr sich aus seinem Gebiet und aus seinem Hafen wegwenden?
-Daß unter solchen Umständen die Bekenner des Islam leichtes Spiel
-hatten, durch Einflüsterungen und Verläumdungen den Kaiser gegen die
-neuen Ankömmlinge einzunehmen, liegt auf der Hand. Vasco da Gama hatte
-von Anbeginn einen schweren Stand, und es ist ein nicht geringes
-Verdienst, daß er vorsichtig und seine leidenschaftlichen Aufwallungen
-beherrschend die Verhandlungen leitete, gewandt allen Gefahren auswich
-und seinen Auftrag glänzend löste.
-
-Die Handelssaison war bereits vorüber, die fremdasiatischen
-Handelsbarken hatten den Hafen schon seit Monatsfrist oder länger
-verlassen. Man war also am Lande nicht wenig erstaunt, zu so
-ungewohnter Zeit Schiffe ankommen zu sehen, die offenbar mit diesen
-Gewässern nicht vertraut waren. Aus Furcht vor einer sichtbaren starken
-Brandung war Gama in einiger Entfernung vom Hafen bei dem Ort Kapokate
-vor Anker gegangen. Hier näherten sich ihm zunächst Fischerböte, von
-denen man Fische gegen portugiesische kleine Silbermünzen einhandelte.
-Die Bootführer prüften die ihnen unbekannten Werthzeichen mit ihren
-Zähnen auf den muthmaßlichen Silbergehalt. Dann brachten sie Hühner,
-Kokosnüsse u. a. zum Verkauf. Durch diesen Verkehr erfuhr der Samorin,
-daß Gama von Melinde komme und nicht ohne Erlaubniß des Landesherrn
-das Ufer betreten wolle. Darauf erschien nach einigen Tagen ein Nair,
-nur mit weißem Lendentuch bekleidet, mit rundem Schild und nacktem,
-kurzem Schwert. Mit ihm ging dann einer der von der afrikanischen
-Küste mitgenommenen Lotsen ans Land, um ähnliches über die Herkunft
-und Schicksale des Geschwaders zu berichten, wie Gama selbst in
-Melinde erzählt hatte: nämlich, daß sie zu einer großen Flotte von 50
-Schiffen gehörten, die der mächtigste christliche König des Abendlandes
-abgesendet, um Pfeffer und Droguen einzuhandeln, daß sie aber durch
-Sturm zerstreut seien. Mit dem Lotsen ging auch wieder ein Sträfling
-ans Land, Namens João Nuñez (oder Martins). Als diese ihre Botschaft
-ausgerichtet hatten und wie es schien, nach günstiger Aufnahme wieder
-zum Hafen zurückkehrten, wurden sie von einem Manne in morgenländischer
-Tracht auf castilisch angeredet und eingeladen, bei ihm zu bleiben, da
-sie sich bei ihrer Sendung verspätet hatten und kein Boot mehr fanden,
-das sie zu den Schiffen zurückgebracht hätte. Dieser neue Gastfreund
-stammte aus Sevilla, war als Gefangener und Sklave durch viele Hände
-gekommen, hatte äußerlich den mohammedanischen Glauben angenommen und
-ging am nächsten Morgen mit den beiden Sendlingen an Bord, um den
-Flottencapitän über die Verhältnisse in der Stadt aufzuklären und
-namentlich vor den Ränken der arabischen Kaufherrn zu warnen.[87]
-
-Gama ging darum nicht zuerst selbst ans Land, sondern schickte Coelho
-mit mehreren Begleitern zum König, damit er ihm die Bitte um freien
-Handel und friedlichen Verkehr vortrage. Wenn das zugesichert werde,
-wolle der Admiral persönlich die Geschenke und Briefe des königlichen
-Herrn überreichen.
-
-Bei der Landung der Portugiesen lief das Volk zusammen, verhielt sich
-aber ruhig, als diese zum Palaste geleitet wurden. Da sich aber der
-Samorin inzwischen durch seine Beamten über das Erscheinen und Benehmen
-der Fremden genau berichten ließ, so verging darüber der Tag, ohne daß
-eine Audienz anberaumt wurde. Coelho blieb daher über Nacht im Hause
-eines Edelmanns.
-
-Am nächsten Morgen kam der Schatzmeister und erklärte, sein Herr sei
-unwohl und könne die Gesandtschaft nicht empfangen, Coelho möge ihm
-daher den Inhalt seiner Botschaft anvertrauen, er werde ihn dem Könige
-übermitteln. Coelho aber erwiderte, er habe directen Auftrag, und
-wenn der König krank sei, werde er bis zu günstiger Zeit wieder aufs
-Schiff zurückkehren. So bequemte man sich denn zur Audienz. Coelho
-begrüßte den Samorin ehrfurchtsvoll, blieb aber schweigend stehen,
-bis ihn der König aufforderte, seinen Auftrag auszurichten. Als dies
-geschehen, wollte der König die Audienz schließen mit dem Bemerken, die
-Antwort werde ihm später durch den Schatzmeister zugehen. Allein auch
-darauf ging Coelho nicht ein, sondern erbat sich directen Bescheid,
-den ihm der Samorin dann in wohlwollender Weise gewährte. Zum Zeichen
-des Friedens erhielt Coelho den königlichen Namenszug auf einem
-Palmenblatte und begab sich damit wieder an Bord. Sobald dort der
-Erfolg bekannt geworden war, wurden die Schiffe beflaggt, Trompeten
-erklangen und die Kanonen donnerten Salutschüsse über den Hafen hin.
-
-So war durch das feste Auftreten Coelho’s die schwankende Politik der
-königlichen Rathgeber bei Seite gedrängt. Das königliche Wort war eine
-Bürgschaft des Friedens.
-
-Dann rüstete sich Gama selbst, zu einer Audienz ans Land zu gehen;
-aber, gewarnt durch den indischen Castilier, that er es nicht eher,
-als bis er durch eine Anzahl vornehmer Geißeln aus dem Stande der
-Nair genügend gedeckt war. Dann erst betrat er in festlichem Aufzuge,
-in Weiß und Roth gekleidete Trompeter voraus, die Stadt und wurde in
-einem Palankin zum Palaste getragen. Hier wurde er vom Samorin in
-feierlicher Audienz empfangen. Correa gibt uns von dieser Scene ein
-genaues Bild. Der König saß auf einem Divan. Er war von sehr dunkler
-Hautfarbe, der Oberkörper nackt, von der Mitte des Leibes an bis zu den
-Knien in Weiß gekleidet. Eines seiner Kleidungsstücke endigte in einer
-langen Spitze, an welcher mehrere goldene Ringe mit großen, glänzenden
-Rubinen angereiht waren. Am linken Arme über dem Ellbogen trug er eine
-Spange, die aus drei Ringen zusammengesetzt schien und von Juwelen
-strotzte; namentlich trug der mittlere höchst werthvolle Steine, und
-von ihm hing noch ein Diamant von der Dicke eines Fingers herab. Um
-den dunkeln Hals trug er eine helle Perlenschnur, deren Glieder die
-Größe einer Haselnuß hatten. Zweimal umgeschlungen reichte diese Schnur
-vorn bis auf die Mitte der Brust herab, und darüber trug er eine feine
-Goldkette mit einem Schmuck in Gestalt eines Herzens, welches aus einem
-Geschmeide von Perlen und Rubinen bestand, dessen Mittelpunkt ein
-großer Smaragd bildete. Das lange schwarze Haar trug der Samorin auf
-dem Wirbel in einen Knoten geschürzt und mit Perlenschnüren umwunden;
-an den Ohren prangten zahlreiche Goldringe.
-
-Rechts und links vom Throne standen Leibpagen mit reichverzierten
-Waffen und mit einem goldenen Spucknapf. Der erste Brahmane reichte dem
-Fürsten von Zeit zu Zeit ein Blatt Betel, welches derselbe kaute und
-dann in den goldenen Napf ausspie.
-
-Nachdem sich Gama tief vor der indischen Majestät verbeugt hatte,
-reichte ihm dieselbe die rechte Hand entgegen und berührte mit den
-Fingerspitzen die rechte Hand des Admirals, und dieser entledigte sich
-dann zuerst mündlich seines Auftrags in portugiesischer Sprache. Sein
-Dolmetscher João Nuñez übertrug den Inhalt zunächst ins Arabische und
-wendete sich an den Sensal, dieser gab in der Landessprache das Wort
-weiter an den Brahmanen, durch welchen dann endlich die Botschaft
-an den König selbst gelangte. Darauf überreichte Gama knieend den
-Brief des Königs Manuel, nachdem er ihn geküßt, auf seine Augen und
-aufs Haupt gelegt hatte. Der Samorin nahm den Brief in die Hand,
-drückte ihn an die Brust mit beiden Händen, öffnete ihn und übergab
-ihn seinem Schatzmeister, um ihn sich übersetzen zu lassen; denn
-er war portugiesisch und arabisch abgefaßt. Es war darin, was Gama
-bereits mündlich ausgesprochen, der Wunsch ausgedrückt nach einem
-Freundschaftsbündnisse und friedlichen Handelsverkehr. Damit war die
-Audienz beendet, der Admiral kehrte unter Trompetenschall zur Factorei
-zurück, wo er zu Nacht blieb. Die bald darauf folgende briefliche
-Antwort des indischen Fürsten enthielt die Stelle: Vasco da Gama, ein
-Edelmann aus Eurem Hause, hat mein Reich besucht, worüber ich mich sehr
-gefreut habe. In meinem Lande gibt es Zimmt, Gewürznelken, Ingwer und
-Pfeffer in Fülle, ich habe Perlen und Edelgestein. Was ich von Euch
-wünsche, ist Gold, Silber, Korallen und Scharlach.
-
-Damit war die Genehmigung zur Eröffnung des Handels ertheilt.
-
-Am Lande wurden den Portugiesen Lagerhäuser eingeräumt und Diogo Dias
-zum Factor bestellt. Um nun den Handel einzuleiten, wurde zunächst das
-Marktgewicht festgestellt, dann der Preis der Waaren bestimmt. Gold und
-Silber galt nicht nach Gepräge, sondern nach Gewicht und Feingehalt;
-es stellte sich dabei der Silberpreis höher als in Portugal. Außer
-Edelmetallen gab der Factor auch Korallen, Quecksilber und Kupfer zum
-Tausch. Die eingehandelten Droguen wurden dann durch indische Böte zu
-den Schiffen gebracht. Die Portugiesen waren über den billigen Einkauf
-erfreut und der Schatzmeister konnte hinwieder seinem Herrn melden,
-die Christen zahlten doppelte Preise und nähmen auch die weniger guten
-Produkte, deren Annahme die Araber verweigerten. Durch die blinde
-Kauflust der Fremden verlockt, begannen die einheimischen Händler
-die Gewürze zu fälschen, mit fremden Körpern zu vermischen oder gar
-unbrauchbare Waaren, wie ungenießbaren Zimmt zu liefern. Der Factor
-gewahrte wohl den Betrug, nahm aber auch die schlechte Waare an, um
-vorläufig jeden Grund zu Mißhelligkeiten fernzuhalten.
-
-Inzwischen blieben die portugiesischen Boote stets in der Nähe auf der
-Hut, mit versteckten Waffen, scheinbar müßig, aber stets schlagfertig.
-
-Da die Mauren sahen, daß sich der Handel mit den Portugiesen, zu ihrem
-Nachtheile, so rasch entwickelte, verdächtigten sie die Fremdlinge
-als Spione, welche nur gekommen seien, den Reichthum des Landes zu
-erkunden, um demnächst mit bewaffneter Macht als Eroberer wieder zu
-erscheinen. Als rechte Kaufleute würden sie doch die schlechte Waare
-nicht um doppelten Preis kaufen. Der Handel diene nur als Folie, um
-böse Absichten zu verdecken.
-
-Die reichen Handelsherren in der Stadt gewannen nun zunächst den
-Katual, den mohammedanischen Gouverneur, oder, wie Correa ihn
-bezeichnet, den ersten Officier der königlichen Leibwache, für sich,
-daß er die Portugiesen am freien Verkehr hindern möge. Dies geschah
-auch. Man gestattete ihnen nicht, die Stadt zu besuchen, unter dem
-Vorgeben, als wolle man dadurch unliebsamen Begegnungen mit den Mauren
-vorbeugen, auch hoffte man, sich gelegentlich der Person des Admirals
-bemächtigen zu können. Vielleicht rechnete man auch bereits darauf,
-den unbequemen Besuch so lange hinzuhalten, bis die mohammedanischen
-Flotten mit dem neuen Monsun anlangten, um dann mit deren Hilfe die
-Portugiesen vollständig zu vernichten.
-
-Als Gama die Handelsverschleppung bemerkte, ließ er die Absicht
-durchblicken, lieber den Heimweg anzutreten, ohne seine Gewürzfracht
-zu vervollständigen, um wenigstens seinem Könige die Kunde von dem
-erfolgreichen Zuge nach Indien bringen zu können. Kam dieser Plan zur
-Ausführung, dann hatten zwar die Mauren für den Augenblick das Feld
-behauptet, mußten aber einer verstärkten Wiederkehr des Erbfeindes
-gewärtig sein und waren keineswegs von einer drohend aufsteigenden
-Gefahr für ihr Handelsmonopol befreit. Der Samorin ließ den Admiral
-noch einmal zu sich rufen, der Katual erschien mit zwei Palankinen und
-bat ihn, ihm zur Audienz zu folgen. Wie in Folge derselben der Conflict
-endlich zum Ausbruch kam, wird verschieden berichtet, es scheint indeß
-am wahrscheinlichsten, daß er durch Gama’s Erklärung vor dem Könige
-beschleunigt wurde.[88] Denn als dieser ihn aufforderte, sich von
-dem überall in der Stadt ausgesprochenen Verdachte zu reinigen, als
-seien die Portugiesen gemeine Seeräuber, und ihm, dem Samorin offen
-die Wahrheit zu sagen, entgegnete Gama: Es wundere ihn gar nicht, daß
-die Vasallen des Samorin solche Verleumdungen ausstreuten, da er so
-weiten, bisher noch nicht betretenen Weges daherkomme; aber sein Herr
-und Gebieter sei durch den Ruf von der Größe und Macht des Samorin
-bewogen, seine Schiffe so weithin zu senden, um freundschaftliche
-Beziehungen und Handelsverkehr in Spezereien anzuknüpfen, daneben aber
-auch sich die Verbreitung des Christenthums angelegen sein zu lassen.
-Die Mauren seien in Europa die natürlichen Feinde der Portugiesen und
-suchten ihnen auch hier zu schaden. Dann bat Gama den König, ihn gegen
-dergleichen Ränke und Verdächtigungen zu schützen, damit nicht Krieg
-dadurch angefacht würde. Zum Zeichen der Wahrheit wies er auf die
-ihm zugestoßenen Verräthereien in Mosambik und Mombas hin. Und wenn
-auch ihn und sein Geschwader das Verhängniß träfe, nicht wieder nach
-Portugal heimzukehren, so werde König Manuel doch fortfahren, neue
-Flotten auszusenden, bis er gewisse Nachricht aus Indien erhalten habe.
-Der Samorin möge darum dafür Sorge tragen, daß nicht durch die Mauren
-der Zwist eingeleitet würde, denn die Portugiesen seien nicht gewillt,
-sich ungestraft beleidigen zu lassen, am wenigsten von den Mauren,
-über welche sie schon manchen Sieg davon getragen. Der Samorin hatte
-den Worten Gama’s mit Spannung gelauscht und erkannte aus dem Feuer
-und der Festigkeit der Rede, daß der Admiral die Wahrheit gesagt. Dann
-wünschte er, Gama möge aufs Schiff zurückkehren, wohin ihm die Antwort
-nachgesendet werden sollte. Der Katual, welcher die Portugiesen zum
-Landungsplatze zurückzuleiten hatte, bemächtigte sich aber unterwegs
-ihrer Personen, trennte den Admiral von seinen Begleitern und hielt
-sie unter verschiedenen Vorwänden tagelang wie in Gefangenschaft,
-angeblich weil er für ihre Sicherheit verantwortlich sei. Er hoffte,
-die Portugiesen würden, erbittert über diese Beleidigung, losschlagen
-und so einen Streit beginnen, in welchem man die Fremden sämmtlich
-beseitigen könne. Aber Gama behielt trotzdem seine Fassung und blieb
-ruhig. Die Mauren forderten den Tod Gama’s, aber ohne Anlaß wagte der
-Katual diese That nicht. Indeß mußte sich der Admiral dazu bequemen,
-den Factor als Geißel zurückzulassen, wenn er selbst wieder an Bord
-gehen wollte. Er ließ nun zwar die für ihn gestellten Geißeln frei,
-weil er erwartete dadurch auch den Diogo Dias aus seiner Gefangenschaft
-lösen zu können. Allein er sah sich darin getäuscht. Als er dann seinen
-Handelsfactor nach Verabredung heimlich vom Strande durch seine Boote
-wollte abholen lassen, kamen ihm seine wachsamen Gegner zuvor und
-vereitelten die Flucht. Bei dem darüber entstandenen Tumult wurden
-auch die portugiesischen Lagerhäuser geplündert. Ergrimmt ließ Gama
-eine Anzahl Fischer auf der See aufgreifen und lichtete die Anker.
-Das Jammern und Wehklagen der zurückgelassenen Weiber bewog nun den
-Samorin, den Factor Dias zu entlassen und zugleich die Erklärung
-mitzusenden, daß er aufrichtig den Frieden wünsche, aber auch den
-Handel der Mohammedaner, die seit Alters in seinem Lande ansässig
-seien, schützen müsse. Gama gab darauf hin die meisten Indier wieder
-frei, drohte aber, er werde, wenn er in kurzer Zeit wiederkomme, die
-ihm angethane Schmach rächen. Die von ihm mitgenommenen Fischer,
-ließ er dem Könige melden, werde er zunächst nach Portugal führen,
-damit sein Herr sich von ihnen über Kalikut könne berichten lassen;
-dieselben würden aber auf der nächsten Flotte wieder zurückkehren,
-damit sie auch dem Samorin über Portugal Kunde bringen könnten. Dann
-brach er von Kalikut auf und segelte nach Norden. Als aber am nächsten
-Tage das Geschwader durch Windstille auf dem Wasser, kaum zwei Meilen
-von Kalikut gebannt war, machte sich eine bedeutende Anzahl kleiner
-Fahrzeuge, nach Barros etwa 60 Schiffe, auf, um die Portugiesen zu
-überfallen, aber sie wurden durch grobes Geschütz sehr rasch vertrieben.
-
-Daß Gama sodann noch den nördlich von Kalikut gelegenen Hafen von
-Kananor besucht, wird unter allen Schriftstellern nur von Correa
-erwähnt. Der Beherrscher von Kananor, welcher über die Vorgänge in
-Kalikut wohl unterrichtet war, ließ Gama einladen, in seinem Hafen
-anzulegen, dann erschienen mehrere Boote mit Wasser und Holz, Feigen,
-Hühnern, Kokosnüssen, gedörrten Fischen und andern Lebensmitteln und
-meldeten, wenn die Portugiesen nicht anlegen wollten, möchten sie diese
-Artikel als Geschenke annehmen. Aber sie könnten im Hafen auch Gewürze
-bekommen, um ihre Ladung zu vervollständigen, und zwar bessere Waare,
-als man ihnen in Kalikut geboten.
-
-Die Portugiesen schickten nun eine Liste aller Artikel, welche sie noch
-wünschten, ans Land und erhielten alles in Ueberfluß, was Gama ebenso
-reichlich in Korallen, Zinnober, Quecksilber, Kupfer und Messingschalen
-bezahlte. Es fand sodann auch eine Zusammenkunft mit dem Fürsten statt,
-indem am Ende einer vom Strande aus geschlagenen Brücke eine Art
-Pavillon über dem Wasser errichtet war, wo der Fürst die Befehlshaber
-der drei Schiffe empfing, mit ihnen Geschenke wechselte und ihnen im
-Auftrag des Samorin noch einmal dessen Bedauern über den feindlichen
-Abschied von Kalikut ausdrücken ließ.
-
-Nachdem noch auf einer kleinen Gestade-Insel (13° 20′ n. Br.) ein
-Wappenpfeiler Santa Maria errichtet worden, nach welchem dann später
-die Insel ihren Namen erhielt, ging Gama an der Küste weiter nordwärts
-bis zu der kleinen Gruppe der Andjediven (d. h. fünf Inseln), welche
-etwa 12 Leguas südlich von Goa (14° 45′ n. Br.) liegen, um dort Wasser
-einzunehmen und die Schiffe ausbessern zu lassen, ehe sie den Weg über
-den Ocean bis zur afrikanischen Küste anträten.
-
-Die Nachricht von dem Aufenthalt der Portugiesen auf Andjediva
-gelangte durch Fischerboote bis nach Goa. Diese Stadt gehörte zum
-Reiche Bidjapur und war Jussuf Adil Chan untergeben, der, weil er
-aus Sava im westlichen Persien, bei Hamadan, stammte, den Beinamen
-Sabai führte, woraus die portugiesischen Historiker den Namen Sabayo
-bildeten. Dessen Statthalter in Goa hoffte nun, da er gehört hatte,
-daß zwei der portugiesischen Schiffe behufs der Reparatur an den
-Strand gezogen seien, sich dieser Fahrzeuge bemächtigen zu können und
-übertrug dies Unternehmen seinem Hafencapitän, d. i. dem Schah-bender,
-einem spanischen Juden, der bei der Einnahme Granadas jung vertrieben,
-durch die Türkei über Mekka nach Indien verschlagen war. Dieser
-recognoscirte bei Nacht die portugiesischen Schiffe, um zu sehen, ob
-er sie nehmen oder verbrennen könne. Indische Fischer, die mit den
-Portugiesen verkehrten, hatten aber bemerkt, daß in der Nähe mehrere
-bewaffnete Fahrzeuge, s. g. Fusten versteckt und zum Ueberfall bereit
-lagen. Gama ließ, von ihnen unterrichtet, den Juden, der anderen Tages
-wie von ungefähr vorübersegelnd die Schiffe auf spanisch begrüßte,
-ungehindert herankommen und an Bord steigen, dann aber sofort binden
-und mit der Tortur bedrohen, wenn er seine Absichten nicht bekenne. So
-gezwungen, den Schlupfwinkel seiner Boote zu verrathen, mußte er die
-Portugiesen selbst dahin begleiten und zusehen, wie diese über seine
-Leute herfielen und sie tödteten oder gefangen nahmen, um sie an den
-Schiffspumpen arbeiten zu lassen. Barros fügt hinzu, der Jude habe sich
-dazu bequemt, Christ zu werden und habe den Namen Gaspar Gama erhalten.
-Da der Mißerfolg seines Planes ihm die Rückkehr nach Goa abschnitt,
-zog er es vor mit nach Europa zu gehen. Später zeigte er sich
-außerordentlich geschickt und nützlich bei den weiteren Fahrten und
-Unternehmungen in Indien. Er war es auch, der die Portugiesen auf die
-günstige Lage des Hafens von Goa hinwies, welcher bald der Stützpunkt
-der portugiesischen Macht werden sollte.
-
-Die endliche Abfahrt von den Gestaden des Gewürzlandes setzen Goes und
-Castanheda auf den 5. October, Correa dagegen auf den 10. December.
-Letzterer bemerkt ausdrücklich, die Piloten hätten dem Admiral
-gerathen, das Eintreten des Nordost-Monsun abzuwarten. Daher ging die
-Ueberfahrt dann bequem von statten und wurde der Hafen von Melinde
-am 8. Januar 1499 erreicht,[89] nachdem man schon am 2. Januar die
-afrikanische Küste bei Magadoschu gesehen hatte. Der Fürst von
-Melinde nahm sie wieder sehr freundlich auf und versorgte sie mit
-Lebensmitteln. Während des dortigen Aufenthalts, der von Einigen auf
-fünf Tage, von Andern auf elf Tage angegeben wird, starben noch mehrere
-Matrosen, so daß die Bemannung kaum noch zur Führung der Schiffe
-ausreichte. Beim Abschied erhielt Gama noch einen Brief an den König
-Manuel von dem Beherrscher Melindes, welcher dem Admiral zugleich
-versicherte, die Portugiesen würden ihm jederzeit willkommen sein, wenn
-sie auf der Fahrt nach Indien in seinen Hafen einliefen.
-
-Bald darauf ging eins der drei Schiffe verloren. Ueber die Veranlassung
-gehen die Berichte wieder bedeutend auseinander. Barros sagt, der San
-Rafael sei wieder auf dieselben Klippen aufgefahren, auf die er schon
-bei der Hinfahrt gestoßen; Osorio berichtet, Gama habe das Schiff
-seines Bruders vor Melinde verbrannt, weil es untauglich war; Goes
-verlegt diese Thatsache vor eine Stadt Tagata; Correa kennt dieses
-Ereigniß gar nicht, denn noch nach der Umsegelung des Caps der guten
-Hoffnung auf der Rückreise spricht er von dem Schiffe Paulo da Gama’s
-als noch unter dem Geschwader vorhanden.[90]
-
-Bei der weitern Fahrt wurden alle Details der Landmarken an der Küste
-sorgfältig aufgenommen, um den späteren Flotten mehr Sicherheit in der
-Fahrt zu geben. Am 2. Februar wurde auf einer Insel bei Mosambik noch
-der letzte, S. Georg getaufte, Wappenstein gesetzt und dann später ohne
-Schwierigkeit das gefürchtete Sturmcap dublirt. Hier in den kühleren
-Meeresregionen genasen die meisten Kranken. Aber als man sich wieder
-dem Aequator näherte und die fieberschwangeren Gewässer von Guinea
-erreichte, brachen die Seuchen von neuem aus. Weniger widerstandsfähig
-als früher, erlagen viele von der Mannschaft. Auch Paulo da Gama trug
-seit dem Aufenthalte im Golf von Guinea den Todeskeim in sich. Die
-Schiffe waren wieder sehr leck und hielten sich kaum noch über Wasser.
-So sah sich Gama genöthigt, auf der Açoren-Insel Terceira anzulaufen.
-Hier starb der edle Paulo da Gama in den Armen seines Bruders und
-wurde im Kloster des heiligen Franciscus zu Angra bestattet. Dadurch
-trat eine neue Verzögerung in dem Abschluß der Reise ein, so daß die
-Nachricht von der Rückkehr der indischen Flotte eher nach Lissabon
-gelangte, als Vasco da Gama selber dort einlaufen konnte.[91] Die erste
-Kunde von der Ankunft der indischen Schiffe brachte Arthur Rodriguez
-aus Terceira. Derselbe wollte grade mit seinem Schiffchen von den
-Açoren nach Algarbe segeln, als Gama mit seinem Schiffe anlangte,
-aber noch nicht bei Angra vor Anker gegangen war. Im Vorbeifahren
-fragte Rodriguez, woher das Schiff komme und als er hörte, aus Indien,
-steuerte er direct nach Lissabon und brachte schon nach vier Tagen dem
-Könige, welcher sich grade in Cintra befand, die erste Meldung von
-der Heimkehr Gama’s und wurde für diese erfreuliche Botschaft auf das
-freigebigste beschenkt.
-
-Als nun Vasco da Gama endlich selbst den Hafen der portugiesischen
-Hauptstadt erreichte -- Coelho soll durch Sturm von ihm getrennt,
-eher angelangt sein -- sandte ihm der König mehrere Würdenträger zur
-Begrüßung entgegen und verlieh dem glücklichen Seemanne den Adelsrang
-und Titel eines Admirals der indischen Meere. Ferner erhielt er das
-Recht, sich am indischen Gewürzhandel jährlich mit 200 Cruzados[92]
-zu betheiligen, ohne Fracht und Zoll zu zahlen. Endlich wurde ihm ein
-einmaliges Geschenk von 20,000 Cruzados und 10 Quintal Pfeffer zu theil.
-
-Nicolaus Coelho erhielt 3000 Cruzados monatlich für die Dauer der Reise
-und ein Quintal von allen Droguen, sowie die Capitänschaft auf einem
-Indienfahrer in allen Flotten, an denen er theil zu nehmen wünschte,
-oder das Recht, dieselbe zu vergeben oder zu verkaufen.
-
-Den Erben Paulo da Gama’s gab man die Hälfte von allem, was Vasco
-bekommen hatte.
-
-Jeder Steuermann und Bootsmann erhielt einen halben Quintal Gewürze,
-ausgenommen Zimmt und Mazis, weil von diesem Artikel wenig mitgebracht
-war[93].
-
-Auch Klöster und Kirchen wurden reichlich beschenkt, und die
-königlichen Majestäten wohnten allen feierlichen Processionen und
-Messen bei, die bei diesen Gelegenheiten in Lissabon celebrirt wurden.
-
-Man sprach durch alle diese Schenkungen und Stiftungen deutlich aus,
-welchen Werth man auf die glückliche Vollendung der indischen Seefahrt
-legte, welche unter dem Prinzen Heinrich begonnen, unter mehreren
-Königen fortgesetzt, doch noch am Ausgange desselben Jahrhunderts,
-welches den Keim gepflanzt, gelungen war. Es war für die Entwickelung
-der Seemacht Portugals und seines Handels ein großartiger Impuls
-gegeben. Der glänzende Erfolg rechtfertigte die zähe Ausdauer. Aber in
-der Kühnheit des Planes steht doch die Fahrt Gama’s hinter derjenigen
-eines Columbus und Magalhaens zurück, denn sie bildete nur den Abschluß
-einer ganzen Reihe von Unternehmungen, deren Leiter dem glücklichen
-Vollender tüchtig vorgearbeitet hatten, so daß nur ein Theil der
-Reise durch gänzlich unbekanntes Gebiet führte, während Columbus und
-Magalhaens vollständig neue Bahnen einschlugen. Beide durchschnitten,
-auf sich selbst angewiesen, breite, unbekannte Weltmeere, Gama’s Zug
-erscheint mehr als eine Küstenfahrt im großen Stil, und wo es galt, den
-indischen Ocean zu kreuzen, vertraute er die Führung seines Geschwaders
-zuverlässigen Lotsen an, die mit jenen Gewässern vollkommen vertraut
-waren.
-
-Dazu war Gama’s Stellung viel gesicherter, sowohl nach oben, gegen
-die Behörden, die ihn aussendeten, als auch nach unten, gegen seine
-Untergebenen. Gama erhielt den Auftrag von seinem Landesherrn, Columbus
-und Magalhaens waren Fremdlinge, welche ihre Dienste einem auswärtigen
-Fürsten anboten. Gama konnte sich seine Mannschaft aus den bewährten,
-eigenen Landsleuten auslesen, Columbus und Magalhaens dagegen geboten
-über Angehörige einer anderen Nation, die nur widerstrebend dem
-vorgesetzten Ausländer gehorchten.
-
-
-4. Cabral und João da Nova.
-
-Aus den Berichten Gama’s über seine Begegnisse in Indien war es
-ersichtlich geworden, daß man, falls man den indischen Handelsbetrieb
-fortsetzen wollte, sich auf ernste Kämpfe mit den Mauren gefaßt machen
-müsse, welche das Gewürzmonopol seit langer Zeit in Händen gehabt
-hatten, und daß die Glaubensfeindschaft den Streit um so erbitterter
-machen werde. Eine friedliche Lösung schien ausgeschlossen; man mußte
-einen bewaffneten und auch für Kriegsfälle gerüsteten Handel in
-Aussicht nehmen. Dazu bedurfte es vor allem einer imponirenden Flotte.
-Zum Befehlshaber wurde +Pedralvarez Cabral+, ein intimer Freund Gama’s,
-ausersehen. Während man in Spanien das Monopol des westindischen
-Verkehrs nebst einer lästigen Reihe der höchsten Auszeichnungen und
-Privilegien einem Einzigen, dem Columbus, übertragen hatte, behielten
-sich die portugiesischen Fürsten, da sie von Anfang an die Initiative
-dazu ergriffen hatten, alle Rechte freier Wahl vor, belohnten die
-Erfolge nach Gebühr, aber wechselten in der Wahl der Oberleitung der
-Expeditionen nach reiflichem Ermessen. Gama wurde nicht ganz bei Seite
-geschoben, aber er wurde nur als Rathgeber herangezogen. Er entwarf die
-Verhaltungsmaßregeln für den zweiten Zug nach Indien. Er überwachte die
-Ausrüstung und schrieb den einzuschlagenden Schiffscours vor. Er gab
-an, wie man sich in Kalikut gegenüber dem Samudrin zu verhalten habe
-und empfahl, um den von den Mauren ausgestreuten Verdacht, als ob die
-Portugiesen lediglich Seeräuber wären, zu beseitigen, man solle die
-Beamten des Samudrin einladen, an Bord zu kommen, um die mitgebrachten
-Tauschwaaren zu besichtigen. Vor allem wurde aber Cabral eindringlich
-gewarnt, nicht ohne Geißel sich an Land zu begeben. Als beste Zeit für
-die Abfahrt wurde der März bestimmt, weil man dann zu günstiger Zeit
-die Region der Monsune im indischen Meere erreiche. Die Flotte bestand
-aus zehn großen und drei kleinen Schiffen und hatte 1200 Mann an
-Bord. Unter den Schiffscapitänen befanden sich +Bartolomeu Dias+, der
-Entdecker des Sturmcaps und Nicolao Coelho, der Begleiter Gama’s. Auch
-Franziskanermönche und Weltpriester gingen mit, um den christlichen
-Glauben zu verbreiten. An der Ausrüstung der Flotte betheiligten sich
-auch reiche Florentiner Kaufleute. Es war die Absicht, in Malabar
-festen Fuß zu fassen.
-
-Am 9. März 1500 ging das Geschwader von Lissabon aus unter Segel. In
-der Nähe der Capverden wurde Luis Varez durch Sturm von den übrigen
-getrennt und kehrte nach Portugal zurück. Von der Guineaküste ab wurde
-gegen S.-W. gesteuert, um den Windstillen und widrigen Meeresströmungen
-auszuweichen. Vasco da Gama’s Segelvorschrift lautete, man solle in
-grade südlichem Cours bis zur Höhe des Caplandes segeln und dann mit
-günstigen Westwinden das gefürchtete Südende Afrikas zu umschiffen
-suchen. So kam es, daß die Schiffe durch den Aequatorialstrom weiter
-als beabsichtigt war, gegen Südwesten geführt wurden, wo sie am
-21. oder 24. April etwa unter dem 18° s. Br. unvermuthet auf eine
-gebirgige Küste stießen, welche nach der Schätzung der Steuerleute
-etwa 450 Leguas von der afrikanischen Küste entfernt lag. Es war das
-Gestade Brasiliens, wohin eine günstige Meeresströmung sie durch
-Zufall getragen hatte. Daß bereits drei Monate früher Vicente Yañez
-Pinzon, einer der Begleiter des Columbus auf seiner ersten Fahrt, etwa
-10 Grad weiter nördlich dieselbe Küste berührt hatte, war auf der
-portugiesischen Flotte noch nicht bekannt. Es wird aber aus den durch
-die Meeresverhältnisse geleiteten Fahrlinien der Portugiesen klar,
-daß die neue Welt von ihrem südlichen Halbcontinente aus über kurz
-oder lang von den Indienfahrern gefunden werden mußte, auch wenn der
-kühne Plan eines Columbus keine Unterstützung gefunden hätte und nicht
-zur Ausführung gelangt wäre. Der Gang der Ereignisse brachte diese
-Entdeckung von selbst mit sich.
-
-Cabral segelte mehrere Tage an dem Ufer des waldigen Landes hin,
-besuchte die Bucht des Porto-Seguro und verkehrte wiederholt mit den
-braunen Eingebornen, die fast unbekleidet, ohne Metallwaffen, unter
-leichten Strohdächern in Netzen aus Baumwollschnüren schliefen. Am 3.
-Mai, dem Tage der Kreuzes-Erfindung nahm Cabral von dem Lande Abschied,
-dem er den Namen Terra de Sa. Cruz beilegte, eine Benennung, die sich
-aber bald änderte, nachdem man den Reichthum an Farbeholz (Rothholz)
-entdeckt hatte. Dieses Holz nannten die Portugiesen Brazil (nach der
-Farbe glühender Kohlen) und daher bekam jene Küste bald den Namen
-Terra de Brazil, Brasilland, +Brasilien+.[94] Der Capitän Gaspar de
-Lemos erhielt den Auftrag, mit der Meldung der neuen Entdeckung nach
-Portugal zurückzukehren und unterwegs so viel als möglich von der
-weiter nördlich verlaufenden Küste aufzunehmen.[95] Cabral segelte quer
-über den südatlantischen Ocean nach dem Caplande zu. In einem schweren
-Unwetter, welches zwanzig Tage dauerte, wurden am 23. Mai in der Nähe
-des Cap der guten Hoffnung vier Schiffe gekentert und gingen zu Grunde,
-darunter auch das Schiff des Bartolomeu Dias. Als ein eigenthümliches
-Verhängniß, daß der Entdecker des Cap hier sein Grab in den stürmischen
-Wogen finden sollte, sieht es auch Camoēns an, der den Genius des
-Sturmcaps also reden läßt:
-
- Vernimm, daß so viel Schiff’ auf dieser Reise
- Dir kühnlich folgen hin zu deinem Ziel, --
- Die soll als Feinde hier in meinem Kreise
- Bedrohen jeder Sturm, der sie befiel;
- Die Flotte, welche unerlaubter Weise
- Zuerst hieher zu lenken wagt den Kiel,
- Die will ich gleich mit solcher Straf beladen,
- Daß größer als die Fährniß sei der Schaden.
-
- Hier will ich nehmen (wird kein Wahn mich trügen)
- Die schwerste Rach’ an dem, der mich entdeckt.
-
- (Lusiaden V. 43. 44, übersetzt von Wollheim.)
-
-Außerdem wurde auch das Schiff des Diogo Dias vollständig von den
-übrigen verschlagen und gelangte auf die Ostseite von Madagascar.
-Erst am Nordende bemerkte Dias, daß er eine Insel entdeckt habe. Von
-der stattlichen Flotte Cabrals waren somit nur noch sechs Fahrzeuge
-vorhanden, die sich auf der Rhede von Sofala am 16. Juli wieder
-zusammenfanden.
-
-Die Schiffe hatten furchtbar gelitten, mußten aber doch noch den
-Weg bis Mosambik zurücklegen, ehe man Gelegenheit fand, sie für
-die Fortsetzung der Reise wieder seetüchtig zu machen. Der ganze
-Küstenstrich von Sofala bis Sansibar stand unter der Botmäßigkeit
-des Scheich von Kiloa. Nach diesem Mittelpunkte der arabischen
-Niederlassungen gelangte Cabral von Mosambik mittelst einheimischer
-Lotsen, hatte aber dort wenig Erfolg, als er Handelsbeziehungen
-anknüpfen wollte; denn der Scheich erklärte ihm ziemlich unumwunden,
-er könne die ihm vorgelegten portugiesischen Waaren nicht gebrauchen.
-Auch die Bekehrungsversuche der Geistlichen an Bord trugen keine
-Früchte. Am 2. August erschien die Flotte vor Melinde. Mit dem dortigen
-Oberherrn wurden die Freundschaftsbezeugungen erneuert. Hier ließ man
-auch zwei portugiesische Sträflinge zurück, João Machado und Luis
-de Moira, mit dem Auftrage, bis ins Land des Priesterkönigs nach
-Abessinien vorzudringen; ein Unternehmen, das damals ebenso fehl
-schlug als im 17. Jahrhundert, wo mehremal portugiesische Missionare,
-unter ihnen Lobo, um 1626, sich abmühten, das Gebiet der Galla zu
-durchbrechen. Der Scheich von Melinde gab den Portugiesen wiederum zwei
-Steuerleute mit, welche die Schiffe glücklich in sechzehn Tagen nach
-Indien hinübergeleiteten. Schon am 23. August wurden die Andjediven
-wieder erreicht. Dort gönnte man sich vierzehn Tage Rast, die Schiffe
-wurden wieder kalfatert und mit Wasser versorgt, denn man mußte mit
-einer wohl in Stand gesetzten Flotte vor Kalikut auftreten. Wenn auch
-die Seemacht auf die Hälfte reducirt war, war sie immerhin doppelt so
-stark an Zahl der Schiffe, als das kleine Geschwader Gama’s und mußte
-wohl den Verdacht eines Korsarenwesens zurückdrängen. Der Samudrin
-bekundete seine friedliche Gesinnung dadurch, daß er die Fremden sofort
-nach ihrem Eintreffen durch zwei Nair und einen angesehenen Kaufmann
-aus Gudjerat begrüßen ließ. Cabral schickte die vier Indier, welche
-Gama mitgenommen, wieder ans Land und ließ den Fürsten ersuchen, ihm
-Geißeln als Bürgen eines friedlichen Geschäftsverkehrs zu senden. Der
-Brief des Königs Manuel enthielt denselben Wunsch, sprach aber daneben,
-unüberlegter Weise, viel von Bekehrungsplänen, wodurch die religiösen
-Gegensätze und Antipathien in Indien von neuem aufgeregt werden mußten.
-
-Sechs Geißeln wurden zwar gestellt, allein portugiesischerseits
-hatte man dabei nicht an die Schwierigkeiten gedacht, welche die
-brahminischen Religionssatzungen einem längeren Aufenthalte auf
-den Schiffen entgegenstellte, wo die Indier keine von fremder Hand
-zubereiteten Speisen zu sich nehmen durften. Man mußte wenigstens
-gestatten, daß sie von Zeit zu Zeit durch ein Sambuk nach der Stadt
-geholt wurden, um dort zu essen. Cabral begab sich indessen, durch
-die Bürgen gedeckt, in prächtigem Aufzug ans Ufer und hatte am
-Strande mit dem Samudrin die erste Zusammenkunft. Noch war er aber
-nicht zurückgekehrt, als ein Fahrzeug bei der portugiesischen Flotte
-erschien, um die Geißeln abzuholen. Da man an Bord die Auslieferung
-verweigerte, sprangen die Geißeln ins Meer und retteten sich zum
-Theil auf das befreundete Boot. Geißeln aus vornehmer indischer Kaste
-erwiesen sich danach als untauglich. Cabral begnügte sich darum
-fernerhin mit der Stellung von angesehenen mohammedanischen Kaufherrn.
-So kam denn auch eine zweite Audienz beim Samudrin zu Stande, in
-welchem ein friedliches Abkommen getroffen und die Preise der Gewürze
-festgestellt wurden. Dem Factor Aires Correa wurden mehrere Häuser
-am Hafen für den Handel eingeräumt und diese Waarenlager mit sechzig
-Mann Besatzung zur Deckung belegt. Auch die Geistlichen versuchten von
-ihr aus ihr Bekehrungswerk zu beginnen, aber ohne Erfolg, da sie die
-Sprache des Volks, das Malabarische, nicht verstanden. Cabral scheint
-auch, klugerweise, diesem Zweige seiner Sendung wenig Aufmerksamkeit
-geschenkt zu haben. Mit Betrübniß mußte er aber bemerken, daß auch
-der Handel sich gar nicht beleben wollte. Die Verschleppungspolitik
-der Mauren steckte offenbar dahinter. Im Laufe von drei Monaten
-hatten erst zwei seiner Schiffe eine hinlängliche Fracht an Pfeffer
-eingenommen. Aergerlich darüber ließ Cabral auf Antrieb des Factors
-ein im Hafen liegendes Schiff, das einem mohammedanischen Händler
-gehörte und angeblich mit Gewürzen beladen war, gewaltsam untersuchen,
-fand aber nur Lebensmittel an Bord. Das Gerücht dieses Gewaltstreichs
-brachte die Stadt in Aufregung. Von den Mauren aufgestachelt, rottete
-sich das Hafenvolk zusammen und stürmte die fremden Magazine. Aires
-Correa und ein Theil seiner Leute wurde erschlagen; doch wurde
-der zwölfjährige Sohn des Factor, Antonio Correa, auf wunderbare
-Weise gerettet und hat sich später im indischen Dienst besonders
-hervorgethan. Cabral schritt sofort zu einer energischen Züchtigung:
-er ließ fünfzehn im Hafen liegende Schiffe in Brand stecken und
-beschoß einen Tag lang die Stadt. Damit war jeder weitere Verkehr
-abgeschnitten, man befand sich dem Samudrin gegenüber auf feindlichem
-Fuß. Cabral begab sich dann nach dem südlicher gelegenen Kotschin,
-dessen Radscha ihm bereits aus Eifersucht gegen Kalikut eine
-freundliche Einladung gesandt hatte. Binnen drei Wochen wurden hier
-und in Kranganor (Cotunglur, Kadungulur nahe bei Kotschin) alle
-Schiffe mit Gewürz befrachtet. Auch der Fürst von Kollam, südlich von
-Kotschin, erbot sich, zu mäßigen Preisen die gewünschten Waaren zu
-liefern. Endlich lief die Flotte noch in Kananor an, welches bereits
-von Gama besucht war. Hier vervollständigten sie die Ladung noch
-durch Ingwer und Zimmt; von diesen Artikeln wurden aber solche Mengen
-angeboten, daß man nicht alles mitnehmen konnte. Der Radscha, im
-Glauben, den Portugiesen seien die Mittel zum Einkauf ausgegangen, bot
-ihnen daher an, sie möchten die Waaren nur nehmen und das nächste Mal
-bezahlen. Ein solches Zutrauen bewies er den handelsbegierigen Fremden.
-Nachdem er dann noch Gesandte mit nach Europa abgeordnet hatte, ging
-die Flotte am 16. Januar 1501 wieder unter Segel, verlor aber kurz
-vor Melinde im Sturm das Schiff des Sancho de Toar; doch wurde die
-Mannschaft gerettet. Dann ging’s weiter nach Mosambik, wo die Schiffe
-noch einmal wieder kalfatert wurden, ehe sie in die Sturmregion am
-Caplande einträten. Toar bekam hier in Mosambik noch den Auftrag,
-in einem kleinen Schiffe Sofala zu besuchen, eine Aufgabe, welche
-eigentlich die Gebrüder Dias hatten lösen sollen. Toar ging mit dem
-indischen Juden Gaspar da India oder da Gama als Dolmetsch und einem
-Piloten von Melinde nach Sofala, fand dort eine günstige Aufnahme und
-kehrte von allen Capitänen, die an dieser zweiten indischen Expedition
-theilgenommen hatten, am spätesten zurück, denn er erreichte Lissabon
-erst im September 1501. Toar berichtete später von dem Goldreichthum
-Sofalas, und daß die Eingebornen, von denen die Araber das Gold
-eintauschten, vier Augen hätten, zwei vorn und zwei hinten am Kopfe.
-Jedenfalls ein arabisches Handelsmärchen, das der Portugiese ebenso
-treuherzig glaubte, als Herodot in alter Zeit die phönizischen
-Schifferlügen erzählte.
-
-Die Rückfahrt Cabrals ging weiterhin ohne bedeutenden Unfall von
-statten. Doch wurde noch das Schiff des Pero de Taide von den übrigen
-getrennt, gelangte aber auch glücklich nach Portugal. Bei den Capverden
-stellte sich auch Diogo Dias wieder ein, der auf seiner einsamen Fahrt
-von Madagascar nach Magadoschu gerathen war und dort am afrikanischen
-Strande in einem Ueberfall, wahrscheinlich bei Barawa, seine ganze
-Mannschaft bis auf sieben Köpfe eingebüßt hatte und sich dadurch
-genöthigt sah, den Heimweg anzutreten, ohne Indien gesehen zu haben.
-Bei den Capverden fand noch eine zweite Begegnung statt, man fand
-nämlich die drei Schiffe, welche am 13. Mai von Lissabon abgegangen
-waren, um die Entdeckung Brasiliens weiter zu vervollständigen. An
-diesem Unternehmen betheiligte sich auch Amerigo Vespucci, welcher
-seine zweite Reise nach der neuen Welt antrat.
-
-Cabral hatte zwar fünf Schiffe vollständig verloren, und eins von
-Brasilien zurückgeschickt, während ein siebentes, dasjenige des Pero
-de Taide, Indien gar nicht erreicht hatte, trotzdem wog die kostbare
-Fracht an Gewürzen, Perlen und Edelsteinen die Verluste vollständig
-auf. Darum entschloß man sich auch in Portugal, da die Handelsvortheile
-bedeutend überwogen, die Indienfahrten fortzusetzen und mit verstärkter
-Waffenmacht die mohammedanischen Händler aus den indischen Gewässern zu
-vertreiben.
-
-Ehe Cabral zurückkam, schickte der König bereits am 5. März 1501 wieder
-ein kleines Geschwader von vier Schiffen unter Führung des Galiciers
-+João da Nova+ ab. Eins dieser Fahrzeuge, unter Diogo Barbosa, hatten
-portugiesische Kaufleute ausgerüstet, ein anderes hatte der Florentiner
-Bartolomeo Marchioni unter die Leitung des Francesco Vinetti gestellt;
-denn der portugiesische König gestattete den Kaufherren, welche auf
-ihre Kosten Schiffe ausrüsteten, auch den Capitän zu ernennen. Das
-vierte Schiff befehligte Francisco de Novaes.
-
-Auf der Fahrt durch den atlantischen Ocean entdeckte João da Nova,
-unter 8° s. Br., eine Insel, der er den Namen Ilha da Conceizão
-(Concepçao, Insel der Empfängniß) beilegte. Wir sehen daraus, welchen
-Cours die Schiffe einschlugen. Albuquerque taufte zwei Jahre später,
-wahrscheinlich weil ihm die frühere Entdeckung unbekannt geblieben
-war, die Insel um und nannte sie Ilha da Ascensão (Himmelfahrtsinsel),
-wie sie auch heute noch heißt. Am 7. Juli erreichte das Geschwader den
-Wasserplatz von San Braz an der Mosselbai, östlich vom Vorgebirge der
-guten Hoffnung. Hier fanden sie einen Brief, den Pero de Taide auf
-seiner Heimfahrt zurückgelassen hatte; João da Nova ersah daraus, wie
-die indischen Angelegenheiten standen und was unter Cabral vorgefallen
-war. Im August erreichte man Mosambik und weiter Kiloa, wo sich ein
-von der früheren Expedition zurückgelassener Verbrecher, Antonio
-Fernandez, bei ihnen einfand und den Inhalt des in der Mosselbai
-gefundenen Briefes bestätigte. Auf dem gewöhnlichen Wege über Melinde
-gelangte da Nova ohne Fährlichkeit nach Kananor. Hier bot ihm der
-Fürst die gewünschte Gewürzfracht an, aber da der Flottenführer die
-Weisung erhalten hatte, sich zuerst in Kotschin mit Hilfe des dortigen
-portugiesischen Factors zu versorgen, so lehnte er vorläufig das
-freundliche Anerbieten ab und stach wieder in See, obwohl ihm bereits
-Warnungen zugegangen waren, daß eine größere Flotte des feindlichen
-Samudrin ihm den Weg verlegen sollte. João da Nova baute aber auf
-die größere Gewandtheit seiner Schiffe und die Ueberlegenheit seiner
-Waffen, und bahnte, während der Fahrt beständig wachsam, mit Gewalt
-seinen Weg durch mehr als hundert feindliche Schiffe. Mit seinen
-Geschützen bohrte er neun kleinere und fünf größere Schiffe seiner
-Gegner in den Grund, wobei 417 Indier sollen ums Leben gekommen sein.
-Nach dieser Niederlage bemühte sich zwar der Samudrin wiederum, die
-Schuld auf die Hetzereien der Mauren zu schieben und die Portugiesen
-mit Freundschaftsversprechen anzulocken; aber diese würdigten ihn
-keiner Antwort.
-
-In Kotschin sah sich da Nova insofern getäuscht, als in der Factorei
-wenig Vorräthe hatten aufgespeichert werden können, da die Indier
-die gewünschten Waaren nur gegen Metall hatten liefern wollen. Der
-portugiesische Capitän hatte zwar unterwegs in Sofala Gold eintauschen
-wollen, hatte aber nicht landen können, und befand sich, gleichfalls
-ohne bedeutende Geldmittel, in einiger Verlegenheit. Indeß gelang es
-doch, theils hier, theils noch in Kananor, wohin er zurückging, seine
-Schiffsräume zu füllen. Auch wurden noch zwei maurische Gewürzschiffe
-unterwegs mit Gewalt ihrer Fracht beraubt. So mit Erfolg und Sieg
-gekrönt, sagt da Barros, hatte João da Nova auf der Heimfahrt noch das
-Glück eine Insel zu entdecken, der er den Namen St. Helena gab. Diese
-kleine Insel scheint Gott an dieser Stelle geschaffen zu haben, um
-allen, die von Indien kommen, neues Leben zu geben, denn man findet
-hier das vorzüglichste Trinkwasser und andere Erfrischungen in Fülle.
-Darum bestreben sich alle dieses Eiland zu erreichen und halten sich,
-hier angelangt, für gerettet und geborgen.
-
-Am 11. November 1502 warf João da Nova in dem Hafen von Lissabon die
-Anker aus und wurde vom König huldvoll empfangen, weil er durch sein
-gewandtes und kühnes Benehmen, ohne Verlust an Schiffen, den ihm
-gewordenen Auftrag glänzend durchgeführt hatte.
-
-Indeß war doch der materielle Gewinn, gegenüber den großen Gefahren,
-welchen die Indienfahrer unter einer feindlichen, zahlreichen
-Bevölkerung beständig ausgesetzt waren, nicht erheblich genug, um ohne
-sorgfältige Ueberlegung in gleicher Weise fortgeführt zu werden. Der
-afrikanische Handel mit den Negerstämmen an der Küste erschien dagegen
-weit bequemer, und wenn man auch sehnlichst wünschte, die bisherigen
-Erfolge möglichst auszubeuten, so machten sich doch gerechte Bedenken
-laut, woher die bedeutenden Mittel zu beschaffen sein würden. Denn ohne
-das Aufgebot einer großen imponirenden Seemacht, welche den indischen
-Handel erzwingen konnte, war an eine Fortführung der orientalischen
-Unternehmungen nicht zu denken. Der König berief daher mehrmals seine
-Räthe, um ihre Meinung zu hören. Trotz aller gegentheiligen Ansichten
-drang aber doch die Ueberzeugung durch, daß man mit Hilfe der in
-Indien schon gewonnenen Bundesgenossen und durch die überlegenen
-europäischen Schiffe und Waffen die Mohammedaner bezwingen werde und
-daß man im Gewürzlande festen Fuß fassen könne, um dann -- was als eine
-nicht geringe Pflicht angesehen wurde -- den Heiden das Christenthum zu
-bringen. So entschied sich der König zur Fortsetzung der Unternehmungen
-unter dem Aufgebot aller verfügbaren Mittel.
-
-
-5. Vasco da Gama’s zweite Fahrt.
-
-Ursprünglich war Cabral dazu ausersehen, diese große Expedition zu
-leiten, doch trat er noch vor ihrem Beginn zurück; sei es nun, daß, wie
-Correa erzählt, Gama beim König selbst Einwände dagegen erhoben und
-sich auf sein verbrieftes Recht berufen hatte, wonach ihm der König
-die Flottenführung zugesagt, um ihm Gelegenheit zu bieten, sich an dem
-Samudrin wegen seiner Gefangennahme zu rächen; sei es, daß Cabral, nach
-Barros’ Bericht, sich dadurch verletzt gefühlt, daß man dem Vicente
-Sodre eine fast selbständige Leitung der kleinen Schiffe zugesagt,
-welche zum Schutze der Factorei in Indien bleiben sollten, und daß er
-in Folge dessen das Obercommando abgelehnt habe.
-
-[Illustration: Vasco da Gama.
-
-Aus dem Manuscript von Pedro Barretto de Resenda. (In der Sloane
-Bibliothek des British Museum, London.)]
-
-Gama trat an die Spitze einer stattlichen Flotte von zwanzig Segeln,
-und unter ihm behielt Sodre den Befehl über die Kriegsabtheilung mit
-800 Soldaten. Doch lief das ganze Geschwader nicht auf einmal aus,
-Gama brach mit fünfzehn Schiffen am 10. Februar 1502 auf, worauf sein
-Neffe, Estevão da Gama mit fünf Schiffen erst am 1. April nachfolgte.
-Beide Abtheilungen erreichten indeß ziemlich zu gleicher Zeit das Ziel.
-Vasco da Gama landete zuerst in Porto Dale bei C. Verde und verweilte
-dort sechs Tage, um Wasser einzunehmen. An der Guineaküste hatten sie
-unter Windstillen zu leiden und verloren in der ungesunden Gegend
-manchen Mann.
-
-Nur Correa erwähnt, daß diese Flottenabtheilung die Küste von Brasilien
-berührt habe und bis zum C. Agostinho daran hingesegelt sei, ehe sie
-nach der Südspitze Afrikas hinübersteuerten. In jener Meeresgegend,
-wo Cabral durch Unwetter mehrere Schiffe verloren hatte, wurde auch
-Gama von einem Sturm überfallen, welcher sechs Tage währte und das
-Geschwader dermaßen zerstreute, daß nur zwei größere Schiffe und zwei
-Caravelen bei dem Admiral blieben. Am Cap Corrientes brach ein neuer
-Sturm los, welcher eins der Schiffe, die Sa. Elena auf die Sofalabank
-trieb, doch konnte die Mannschaft gerettet werden. Die meisten Schiffe
-fanden sich auf dem verabredeten Sammelplatz bei Mosambik wieder
-zusammen, wo aus dem baufertig mitgenommenen Material in zwölf Tagen
-eine Caravele zusammengesetzt wurde, welche den Namen Pomposa erhielt
-und in Mosambik zur Deckung der dort errichteten Factorei und zur
-Einleitung von Handelsverbindungen mit Sofala stationirt blieb.
-
-Gama blieb vier Tage dort und schloß mit dem Scheich von Mosambik einen
-Freundschaftsvertrag. Auch erhielt er von demselben -- es war nicht
-mehr der nämliche Herrscher, wie bei der ersten Reise -- Briefe von J.
-da Nova, welche ihm über die Zustände in Indien Mittheilungen machten,
-und ließ wiederum für seinen nachfolgenden Neffen und die beiden im
-Sturm am Cap Corrientes abgetriebenen Schiffe Instructionen zurück.
-
-Ueber den von Mosambik aus unternommenen Zug des Pero Affonso d’Aguiar
-nach Sofala unter Führung zweier einheimischer Lotsen gibt Correa
-interessante Einzelheiten, welche wegen ihrer originellen Färbung hier
-eingefügt werden mögen. Affonso hatte bei dem Scheich von Sofala, der
-über Mosambik bereits von den Portugiesen gehört hatte, eine Audienz
-und sagte ihm, er komme, um im Auftrage des portugiesischen Königs
-auf ewige Zeiten Friede und Freundschaft mit ihm zu schließen. Der
-schwarze Fürst erklärte darauf, er habe bereits früher den Portugiesen
-versichert, alle in friedlicher Absicht kommenden Kaufleute seien ihm
-willkommen. Als dann Pero Affonso noch einmal die Friedensliebe des
-portugiesischen Königs betont hatte, war der Negerkönig sichtlich davon
-befriedigt und schwur bei der Sonne und dem Himmel, bei seinem Haupte
-und seinem Bauche, daß er ihnen ihre Waare abkaufen wolle. Als ein
-Unterpfand seiner Treue zog er dann von seinem Daumen einen goldenen
-Ring, reichte ihn dem portugiesischen Capitän und verehrte ihm zugleich
-und dem Könige von Portugal mehre Schnüre von aufgereihten kleinen
-Goldperlen als Zeichen immerwährender Brüderschaft. Und zum Beweise
-seiner Aufrichtigkeit und Treue faßte er die Hände der Umstehenden,
-denn sie pflegten nicht zu schreiben. Pero Affonso aber ließ alles
-niederschreiben und unterzeichnete es mit sechs Leuten. Dann wurde
-das Schriftstück verlesen und von dem Dolmetscher erklärt, worüber
-der Scheich sammt seinem Volke höchlichst erstaunte, denn sie hatten
-noch nie schreiben sehen (!) und meinten, das Papier spräche durch
-Zauberkünste. Als dann der Portugiese zu seinem Schiffe zurückgekehrt
-war, sandte ihm der Herr des Landes Hühner, Eier, Yams und was es sonst
-an Nahrungsmitteln zu Lande gab.
-
-Pero Affonso wandte sich dann nach Mosambik zurück, traf aber den
-Admiral nicht mehr an, da derselbe bereits nach Melinde weiter
-gesteuert war. Gama wandte sich zunächst nach Kiloa. Diese Stadt
-lag auf einer Insel an der Küste, doch war das Wasser auf der
-Landseite nur knietief. Mit Mauern und Thürmen umgeben, zählte der
-Ort 12,000 Einwohner und besaß gute Steinhäuser mit Terrassen und
-aufgesetztem Holzbau. Sie lag in einem Hain von Citronen-, Limonen-
-und Orangenbäumen. Zuckerrohr, Feigen und Granatäpfel gediehen in den
-Gärten. Hier herrschte ein Araber, dem aber nur das Weichbild der Stadt
-unterthänig war.
-
-Da der Scheich sich bei der ersten Ankunft der Portugiesen
-verrätherisch benommen hatte, so rückte der Admiral mit seiner ganzen
-Flotte vor die Stadt, setzte dieselbe durch blinde Kanonensalven
-in Schrecken, umzingelte sie und erzwang so die Unterwerfung des
-Scheichs, der nach vielem Sträuben sich endlich darein ergeben mußte,
-einen jährlichen Tribut von 500 Mithikals in Gold (= 584 Cruzados)
-zu zahlen, wofür er dann ein Patent als Schutzbefohlener des Königs
-von Portugal zur Sicherheit für sich und die Kaufleute seiner Stadt
-erhielt. Auch mußte er zulassen, daß auf dem Thurme seines Palastes die
-portugiesische Flagge aufgehißt wurde. Später wurde zur Befestigung der
-portugiesischen Macht sogar eine Citadelle gebaut.
-
-Dann brach das Geschwader nach Melinde auf. Es mußte dem Admiral daran
-gelegen sein, dem Fürsten dieser Stadt, der sich ihm auf der ersten
-Fahrt nach Kalikut allein freundlich und fördernd erwiesen hatte, seine
-stattliche Flotte zu zeigen und durch die Entfaltung seiner Macht
-in der Freundschaft zu befestigen. Es erscheint danach nicht recht
-glaubhaft, daß Gama sich, wie Osorio und Barros erzählen, von dem
-Besuch durch widrige Winde habe abhalten lassen und mehre Meilen von
-der Stadt vor Anker gegangen sei, um Lebensmittel einzunehmen. Correa
-dagegen schildert eingehend den Aufenthalt in Melinde und beschreibt
-mit allen Einzelheiten das große Fest, welches die Portugiesen dem
-Scheich auf ihren Schiffen gaben. Auch Castanheda bestätigt diesen
-Besuch.
-
-Auf der Weiterfahrt trafen sie, im August, mit drei Schiffen Estevão da
-Gama’s zusammen, während die beiden übrigen sich erst an der Westküste
-Indiens bei den Andjediven wieder einfanden.
-
-Bei Dabul (17° 43′ n. Br.) erreichten sie das Gestade des Gewürzlandes
-und gingen in eine Bai nahe bei Goa vor Anker. Die Küstenstädte sollten
-dort bald erfahren, daß Gama nicht in friedlicher Absicht erschien,
-daß ihm vielmehr daran lag, die auf der ersten Reise erlittenen
-Demüthigungen zu rächen. Zur Gewaltthat geneigt, unverrückt sein
-Ziel im Auge behaltend, den Gewürzhandel für die Portugiesen zu
-monopolisiren, sah er alle Schiffe, auf die er stieß, als gute Beute an.
-
-Bei den Andjediven traf er dicht am Ufer drei Fusten. Diese flüchteten
-in den Fluß Onor (14° 13′ n. Br.). Estevão da Gama verfolgte sie bis
-ins Flußwasser hinein, stieß dort auf Verschanzungen, von denen aus er
-mit Kanonenkugeln und Pfeilen empfangen wurde, und steckte nun alle
-erreichbaren indischen Schiffe in Brand.
-
-Dann rückte die ganze Flotte weiter nach Baticala (13° 59′ n.
-Br.), welches zum Königreiche von Bisnaga gehörte. Gama verlangte
-Unterwerfung, begnügte sich dann aber auch mit einer Abgabe von Reis
-für seine Mannschaften.
-
-Auf dem weitern Wege nach Kananor fiel ihm ein großes Schiff in die
-Hände, das mit Waaren und Pilgern aus Mekka nach Indien zurückkehrte.
-Das Schiff wurde ohne Gegenwehr genommen, geplündert und in Brand
-gesteckt. Zu spät setzten sich die Asiaten zur Wehr, wurden dann aber
-bis auf wenige gerettete Frauen und Kinder niedergemetzelt. Noch im
-Wasser wurde an denen, die über Bord gesprungen waren, das Morden
-fortgesetzt. Wahrscheinlich gehörte das Schiff dem Sultan von Aegypten
-oder einem seiner Unterthanen, denn bald danach beschwerte sich jener
-beim Papst darüber, daß die Portugiesen in den indischen Meeren Seeraub
-trieben.
-
-Dann ging die Flotte im befreundeten Hafen Kananor vor Anker. Gama
-hatte bei dem Fürsten mit großem Gefolge eine feierliche Audienz
-und erklärte ihm, er werde in Zukunft keinen Handelsverkehr nach
-dem rothen Meere dulden. Auch verlangte er, die Stadt solle ihre
-Handelsbeziehungen mit Kalikut abbrechen. Nur die Schiffe von Kananor,
-Kotschin und Kollam wollte er schonen und durchlassen. Auch der Preis
-der Waaren wurde festgestellt, desgleichen, wie hoch die mitgebrachten
-portugiesischen Artikel berechnet werden sollten. Auch dies setzte der
-Admiral durch, obwohl man die fremden abendländischen Erzeugnisse in
-Kananor eigentlich nicht verwerthen konnte.
-
-Als sich darauf Gama gegen Kalikut bewegte, schickte ihm der Samudrin
-zu wiederholten Malen Botschafter entgegen, um ihm einen friedlichen
-Ausgleich anzutragen. Aber der portugiesische Befehlshaber stellte
-seine Forderungen derart, daß der indische Fürst nicht darauf eingehen
-konnte. Gama forderte nämlich erstens das Eigenthum zurück, das vom
-Stadtvolk bei dem Morde des portugiesischen Handelsfactoren geraubt
-worden war, und zweitens, daß allen Mauren, die vom rothen Meere
-kämen, der Hafen verboten würde. Gegen die erste Forderung bemerkt der
-Samudrin, daß durch die Plünderung des Mekkaschiffes der Schaden in der
-Factorei mehr als gedeckt sei. Zum andern aber könne er unmöglich mehr
-als viertausend Familien von Arabern aus Kairo und Mekka (man ersieht
-daraus, wie stark die arabische Colonie und wie groß ihr Einfluß in
-Kalikut war), die in der Stadt ansässig seien, vertreiben, zumal da
-Stadt und Land aus diesem Handel bedeutenden Vortheil zögen.
-
-Gama hielt diese Gründe keiner Widerlegung werth. Er wollte die
-Antwort persönlich überbringen und rückte vor die Stadt. Den Versuch
-des Samudrin, sich wegen der Plünderung der Factorei durch eine
-bedeutende Geldsumme abzufinden, lehnte der Portugiese mit dem Bemerken
-ab: angethane Schmach lasse sich nicht mit Gold decken. In seiner
-Erbitterung scheute Gama keine Mittel, um seine Feinde einzuschüchtern.
-Wenn auch die Berichte über die einzelnen Acte einer barbarischen
-Kriegsführung von einander abweichen, so kehren doch die Angaben
-über die raffinirtesten Schlächtereien aufgegriffener malabarischer
-Schiffer, oder über scheußliche Verstümmlungen, die an den armen Opfern
-verübt wurden, immer wieder und müssen historisch begründet sein. Einen
-eigenthümlich sagenhaften Zug erwähnt Correa, und man erkennt daraus
-mit Befriedigung, daß diese ausgesuchten Grausamkeiten selbst unter
-den Portugiesen Bedenken erregten. Unter den unglücklichen Seeleuten,
-welche der Rache des Admirals zum Opfer fielen, befand sich eine Anzahl
-von der Coromandelküste, welche baten, man möge sie zu Thomaschristen
-machen, wie es solche in ihrem Lande gäbe. Gama erwiderte hart, taufen
-könnten sie sich lassen, aber gehängt würden sie doch. Sie fanden
-nur in sofern Gnade, als sie -- es waren ihrer drei -- nicht an den
-Beinen aufgehängt wurden, um dann den Bogenschützen zur Zielscheibe zu
-dienen, sondern am Halse gehängt wurden, so daß sie also die auf sie
-gerichteten Pfeilschüsse nicht mehr fühlten. Aber dabei geschah ein
-Wunder. Kein Schuß verletzte auch nur die Haut dieser Martyrer, welche
-durch die Taufe gefeiet waren. Gama ließ ihnen dann wenigstens noch ein
-christliches Begräbniß zu Theil werden und die eingesargten Leichen
-unter christlichen Gebeten ins Meer senken.
-
-Zweimal ließ der Admiral die Stadt Kalikut beschießen und einen Theil
-der Häuser vernichten. Er wollte keinen Frieden, sondern verlangte
-Unterwerfung. Nun aber rüstete man sich auch im ganzen Reiche Kalikut
-zu einem allgemeinen Rachekriege; an allen Flüssen wurden große und
-kleine Kriegsschiffe gebaut, um dem grausamen Feinde die Stirne zu
-bieten. Während Vicente Sodre an der Küste kreuzte, um alle indischen
-Fahrzeuge abzufangen, wandte sich Gama selbst mit einer Flotte von fünf
-großen und sechs kleinen Schiffen nach Kotschin, um mit dem Fürsten
-dieser wichtigen Handelsstadt einen Vertrag zu schließen. Man kam dahin
-überein, daß die Portugiesen Pfeffer, Gewürznelken und Benzoin mit Geld
-bezahlen sollten, während sie andere Artikel wie Zimmt, Weihrauch und
-dergl. gegen ihre europäischen Waaren eintauschen konnten.
-
-Kaum war dieses friedliche Abkommen getroffen, so erschien eine
-Gesandtschaft vor der Mutter des Radscha von Kollam, dessen Gebiet die
-Südspitze der indischen Halbinsel umfaßte und zu dessen Einkünften der
-reiche Pacht von den Perlenfischereien gehörte. Die Verhandlungen hier
-boten um deswillen Schwierigkeiten, weil Gama nur im Einverständnisse
-mit seinem ersten Bundesgenossen in Kotschin handeln wollte und
-diesem natürlich wenig daran liegen konnte, in Kollam einen neuen
-Concurrenten zu erhalten. Aber Gama löste diese Differenz mit großem
-Geschick und gutem Erfolge. Zwei seiner Schiffe nahmen in Kollam eine
-Fracht von Pfeffer ein und stellten dann den dortigen Handelsfahrzeugen
-Geleitsbriefe aus, wie denen von Kotschin und Kananor.
-
-Unterdessen waren die Rüstungen des Samudrin soweit gediehen, daß
-er unter Anwendung indischer List sich seines wüthenden Gegners
-mit einem Schlage zu entledigen hoffte. Ein Brahmine erschien als
-Abgesandter auf der Flotte und gab vor, er wolle nach Europa gehen, um
-das Christenthum kennen zu lernen und mit dem portugiesischen Könige
-selbst zu verhandeln, da man den jährlich wechselnden Schiffscapitänen
-nicht traue. Als nun Gama erwiderte, er habe Vollmacht, erklärte ihm
-der Brahmine, sein Fürst wünsche Frieden, und überredete nun den
-Admiral, mit ihm nach Kalikut zu gehen. Er segelte mit seinem Schiffe
-allein ab in der Erwartung, das Geschwader Sodre’s vor der Stadt zu
-finden. Aber dieser war durch Ausstreuung von allerlei Gerüchten nach
-Norden gelockt, sodaß Gama sich isolirt sah. In der Nacht wurde sein
-Schiff umzingelt und von allen Seiten angegriffen; aber die überlegene
-Seetüchtigkeit rettete ihn aus dieser drohenden Gefahr. Der Brahmine
-wurde zur Strafe für seinen Verrath mit dem Tode bestraft und an
-der Raae aufgeknüpft, oder es wurden ihm, wie Correa berichtet, die
-Lügenlippen abgeschnitten und statt der abgehaunen Ohren Hundsohren
-angenäht und er so verstümmelt ans Land geschickt.
-
-Nachdem dann ein großer Theil der Schiffe ihre Fracht in Kotschin
-eingenommen, segelte die ganze Flotte im Anfang Februar 1503 nach
-Kananor. Noch einmal wagten die Schiffe von Kalikut einen Angriff,
-wurden aber durch Kanonen zurückgetrieben. Doch fiel der Capitän
-Vasco Tinoco im Kampfe. In Kananor ließ Gama die Factorei mit Kanonen
-besetzen. Sodre blieb mit fünf größeren Schiffen und zwei Caravelen in
-den indischen Gewässern zurück, um den Samudrin in Schach zu halten und
-die Bundesgenossen zu schützen. Dann wandte sich Gama zur Heimkehr und
-ließ im September 1503 vor Lissabon den Anker fallen.
-
-Vicomte Sodre blieb als erster Capitão do mar in den indischen
-Gewässern mit einer kleinen Flotte von sieben oder acht Schiffen
-zurück. Der Samudrin beschloß diese Zeit, während die Hauptmacht der
-Portugiesen abwesend war, zu einem Kriegszuge gegen den Fürsten von
-Kotschin zu benutzen. Aber dieser glaubte nicht, daß die Rüstungen, die
-gegen ihn im Werke waren, in der stillen Zeit des Verkehrs beendigt
-werden könnten, und hatte dem portugiesischen Capitän, in zu großer
-Sorglosigkeit, freigestellt, inzwischen noch einen Auftrag auszuführen,
-welcher ihn an den Eingang des rothen Meeres führte, um den arabischen
-Handel zu sperren. So sah sich denn der Radscha von Kotschin plötzlich
-zu Lande von einem überlegenen Feinde angegriffen, dem er sogar seine
-Hauptstadt überlassen mußte. Er flüchtete sich nach einer kleinen Insel
-und brachte dort die Wintermonate in hartbedrängter Lage zu.
-
-Sodre war nordwärts nach Gudjerat gesegelt und von da nach der Küste
-Südarabiens hinübergegangen. Hier wurde er von einem furchtbaren Sturme
-überfallen und ging mit mehreren Schiffen bei den Kuria-Muria-Inseln
-sammt der Mannschaft zu Grunde, wahrscheinlich im Juli oder August des
-Jahres 1503.
-
-Der Rest des Geschwaders wandte sich nach Indien zurück und wartete
-bei den Andjediven auf neuen Zuzug aus der Heimat, da sie ohne
-denselben sich nicht stark genug fühlten, irgend etwas zum Schutz ihrer
-Bundesgenossen zu unternehmen. Die erwartete Hilfe ließ auch nicht
-lange auf sich warten, denn schon im April 1503 waren wieder sechs
-Schiffe segelfertig, um von Tejo auszulaufen und im Mai sollten noch
-andere folgen. Am 6. April brachen Alfons und sein Vetter Francisco
-d’Albuquerque mit je drei Schiffen auf. +Affonso d’Albuquerque+, den
-portugiesische Geschichtschreiber den „Großen“ nennen, unzweifelhaft
-der bedeutendere der beiden Verwandten, betrat hier zuerst den
-Schauplatz, auf dem er sich unsterblich machen sollte, denn in ihm
-haben wir den eigentlichen Begründer der portugiesischen Macht in
-Indien vor uns. Er war im Jahre 1453 in der kleinen Stadt Alhandra
-am Tejo sechs Leguas oberhalb Lissabon, als zweiter Sohn des Gonçalo
-d’Albuquerque, des Herrn von Villaverde und der Donna Leonor da Menezes
-geboren. Im königlichen Palaste erzogen, hatte er sich zuerst 1480 bei
-Otranto im Kampfe gegen die Türken ausgezeichnet.
-
-Affonso stand im fünfzigsten Lebensjahre, als er die erste kleine
-Flotille von drei Segeln nach Indien führte.
-
-Einer seiner Landsleute hat ihn folgendermaßen geschildert: „Affonso
-d’Albuquerque war von mittlerer Größe und von angenehmem Aeußern. Das
-längliche Gesicht von frischer Farbe und mit einer Adlernase zierte
-später ein mächtiger bis über den Gürtel reichender weißer Bart,
-der ihm ein sehr würdiges Ansehn gab. Er war mit dem Lateinischen
-vollkommen vertraut und ebenso vorsichtig in seinen Worten wie in
-seinen Schriften. Er war geliebt und gefürchtet, ohne daß sein
-Wohlwollen in Parteilichkeit, oder sein Tadel in Härte überging. Er
-war ein Mann von Wort, ein Feind der Lüge, ein gewissenhafter Richter.
-Zu Lande und zu Wasser hat er viele Wunden davon getragen und mit
-seinem Blute bezeugt, daß er keiner Gefahr aus dem Wege gehe. Er war
-verschwenderisch freigebig und überließ seinen Capitänen die ganze
-Siegesbeute, da er stets mehr auf Ruhm als auf Reichthum bedacht war.“
-
-[Illustration: Alfons von Albuquerque.
-
-Nach dem Manuscript des Pedro Barretto de Resenda. (In der Sloane
-Bibliothek des British Museum, London.)]
-
-Diesen Helden begleitete ein anderer kühner Capitän, +Duarte Pacheco
-Pereira+, dem später eine Aufgabe, ähnlich der des Spartanerköniges
-Leonidas, zufallen sollte. In dem Gefolge des Francisco d’Albuquerque
-befand sich Nicolao Coelho, welcher sich schon auf der ersten Fahrt
-Gama’s hervorgethan hatte. Am 6. April 1503 waren beide Abtheilungen
-von Lissabon abgesegelt. Im August erreichten sie die Küste von
-Malabar. Francisco langte zuerst an, hatte aber unterwegs ein Schiff
-eingebüßt. Dafür fand er die Schiffe von Sodre’s Geschwader vor und
-segelte damit südwärts nach Kananor und Kotschin. Als auch Affonso
-bald danach eintraf, hatten die Portugiesen wieder die Uebermacht,
-verdrängten ihre Gegner aus dem befreundeten Hafen und führten
-den Radscha von Kotschin in sein Gebiet zurück. Im Gefühl der
-Nothwendigkeit und Erkenntlichkeit willigte dieser sodann in die Anlage
-einer festen Citadelle. Die Capitäne stellten dem Fürsten vor, daß
-alle Drangsale seines Reiches nur daher rührten, daß sie aus Mangel
-an eigner Sicherheit ihren Bundesgenossen weniger helfen könnten. So
-entstand also in Kotschin die erste portugiesische Festung, welche
-bereits in Portugal geplant war und durch die Sendung der beiden
-Albuquerque ins Werk gesetzt werden sollte. Um die Citadelle rasch zu
-vollenden, theilten sich beide Capitäne in die Arbeit, und so entstand
-ein Holzbau mit Pallisaden. Bei der Besetzung der Commandantenstelle
-traten zwischen den portugiesischen Führern bereits Eifersüchteleien zu
-Tage. Jeder gab dem Bollwerk einen besonderen Namen; aber da Affonso
-nach dem Befehl seines Königs zuerst in Kollam Gewürzfracht einnehmen
-sollte, mußte er vorläufig seinem Vetter das Feld überlassen. In
-Kollam wurde Antonio de Sa als Factor eingesetzt. In den ersten Tagen
-des Jahres 1504 hatte Affonso seine Aufgabe gelöst und wollte, wie
-die Vorschrift lautete, gemeinschaftlich mit Francisco den Rückweg
-antreten. Aber dieser zögerte mit dem Einkauf der Frachten, sodaß
-Affonso Ende Januar sich veranlaßt sah, um die günstige Fahrzeit nicht
-zu versäumen, allein aufzubrechen. Mit einem geschickten Piloten
-steuerte er zum erstenmal, statt den Umweg über Melinde zu machen,
-direct auf Mosambik, umschiffte am 1. Mai bei schönem Wetter das Cap
-der guten Hoffnung, wurde zwar an der Guineaküste eine Zeitlang von
-verderblichen Windstillen aufgehalten, erreichte aber glücklich die
-Capverden, wo er in dem Hafen von Sa. Maria die Fahrzeuge ausbessern
-ließ, und langte am 3. September wohlbehalten vor Lissabon an. In
-seiner Begleitung befand sich ein Venetianer Bonavito d’Alban, der vor
-zweiundzwanzig Jahren über Aegypten nach Indien gegangen und sich lange
-Zeit in Malaka aufgehalten hatte. Von ihm erhielt Albuquerque manche
-wichtige Nachrichten über die entfernten Gewürzländer und über Malaka
-besonders, was für die späteren Unternehmungen von großem Einfluß war.
-
-Francisco d’Albuquerque war erst am 5. Februar von Indien aufgebrochen,
-wurde aber an der Ostküste Afrikas von Stürmen überfallen und ging
-sammt Nicolao Coelho unter. Von einem anderen Schiffe, welches früher
-zum Geschwader Sodre’s gehört hatte, rettete sich nur die Mannschaft.
-In Indien blieb vorläufig Duarte Pacheco mit einigen Schiffen zurück.
-
-Bald nach der Abfahrt der beiden Albuquerque von Lissabon war ihnen
-im Mai 1503 der Castilier Antonio de Saldanha mit drei Schiffen
-gefolgt, um an Stelle Sodre’s vor dem rothen Meere zu kreuzen. Schon
-im Golfe von Guinea wurden die drei Fahrzeuge von einander getrennt,
-das erste Schiff, welches sich verlor, segelte allein um Afrika und
-hielt sich länger bei der Insel Sokotra auf, welche die Portugiesen
-bei dieser Gelegenheit zuerst betraten. Ein zweites Schiff unter Ruy
-Lourenço Ravasco kam vor dem Sturmcap abhanden, ging ebenfalls auf die
-Ostküste Afrikas und trieb schamlose Piraterie; alle Kauffahrer, die
-man antraf, wurden geplündert. Bei Sansibar, dessen Herrscher im Namen
-des Königs Manuel auch besteuert wurde, ließ er in zwei Monaten mehr
-als 20 Sambuken anhalten. Nur das einzige Verdienstliche that Ravasco,
-daß er dem befreundeten Scheich von Melinde gegen seine eifersüchtigen
-Nachbarn in Mombas erfolgreichen Beistand leistete. Darüber verging
-der Sommer, ehe Saldanha sich einfand. Dieser war noch nördlich vom
-Sturmcap ans Land gegangen, in dem Glauben das gefährliche Cap bereits
-hinter sich zu haben und hatte dort eine Bucht und einen Wasserplatz,
-Aguada da Saldanha, entdeckt. Dann hatte er, nach Besteigung des
-Tafelberges (Meza da Cabo), sich wieder auf den Weg gemacht, hatte die
-Südspitze Afrikas glücklich überwunden, an der Ostküste ebenfalls dem
-Seeraub obgelegen und endlich vor Melinde seine Genossen gefunden.
-In der Nähe des rothen Meeres hatten sich alle drei Schiffe wieder
-vereinigt und waren nach der arabischen Küste herübergesteuert, um
-dort zu überwintern, hatten aber, bei der Feindseligkeit der Bewohner,
-Wassermangel gelitten und waren dann nach den Andjediven gesegelt, wo
-sie von der großen Flotte des Lopo Soarez eingeholt wurden, welcher
-fast ein Jahr später von Portugal aufgebrochen war, um mit dreizehn
-Segeln direct nach Indien zu fahren, wo er Ende August 1504 anlangte.
-Auf Vasco da Gama’s Rath hatte man die Kräfte nicht zersplittert,
-sondern eine imposante Armada mit vielem Kriegsgeräth und 1200 Mann
-Besatzung entsendet. Der Krieg mit den Moslemin sollte mit Nachdruck
-geführt werden. In Kananor erfuhr Soarez, wie in der Zwischenzeit, seit
-die Albuquerques zurückgekehrt, die Angelegenheiten verlaufen waren.
-
-Pacheco hatte alle Angriffe des Samudrin glänzend zurückgeschlagen.
-Der ganze Kampf, bei welchem der Beherrscher von Kalikut 60,000 Mann
-sollte aufgeboten haben, drehte sich hauptsächlich um die Vertheidigung
-einer Furt, über welche der Weg von Norden her nach Kotschin
-führte. Diese Furt hatte Pacheco mit Pallisaden verschanzen und mit
-Kanonen besetzen lassen. Nichts zeigte deutlicher die unentwickelte
-Kriegskunst der Eingebornen, als ihre vergeblichen Anstrengungen, diese
-Verschanzungen zu nehmen. Duarte Pacheco hatte seine kleine Schaar von
-hundertundsechzig Portugiesen auf seine Schiffe, auf die Citadelle in
-Kotschin und an der Furt vertheilt; es standen ihm also an jedem Orte
-nur etwa fünfzig Mann zur Verfügung, und doch schlug er, obwohl er sich
-auf seine indischen Bundesgenossen wenig verlassen konnte, mit geringen
-Verlusten alle Angriffe ab und machte selbst den abenteuerlichen Plan
-der Inder, seine Schiffe mit großen hölzernen, auf je zwei Prauen
-errichteten Holzthürmen zu erobern, gründlich zu schanden. Der Samudrin
-sah sich endlich genöthigt, nachdem auch seine Vasallen fahnenflüchtig
-geworden waren und da Krankheiten seine Mannschaft decimirten, seinen
-Feldzug aufzugeben und nach Kalikut zurückzugehen; denn die stille
-Jahreszeit ging vorüber und ein neues Geschwader feindlicher Schiffe
-war mit dem Eintreten des günstigen Fahrwindes von der afrikanischen
-Küste her zu erwarten.
-
-Soarez hatte den gewöhnlichen Weg an der Ostseite Afrikas
-eingeschlagen, in Melinde die wenigen aus dem Schiffbruche des
-Francisco d’Albuquerque geretteten Mannschaften an Bord genommen und
-war dann von den Andjediven aus gegen Kalikut vorgerückt, wo er Anfang
-September erschien. Hier forderte er die Auslieferung von zwei zu den
-Feinden übergelaufenen Geschützgießern (aus Mailand oder Slavonien) und
-beschoß, als dieselbe verweigert wurde, zwei Tage lang die Stadt, wobei
-ein Theil des königlichen Palastes zerstört wurde. Zur Vergeltung dafür
-wurden in der Stadt die portugiesischen Gefangenen getödtet.
-
-Soarez wandte sich dann nach Kotschin, wo er durch die Fürsorge
-Duarte Pacheco’s eine bedeutende Pfefferfracht aufgespeichert fand
-und einnehmen konnte. Nachdem er dann die wahrscheinlich unter dem
-Schutze der Citadelle von Trampatão (Dharmapatam) im Gebiete von
-Kananor versammelte mohammedanische Handelsflotte zum Theil erobert und
-verbrannt hatte, trat er zu Anfang des Jahres 1505 mit reicher Ladung
-den Rückweg an. Daß die Macht des Samudrin durch dieses rücksichtslose
-und immer siegreiche Auftreten der Portugiesen mehr und mehr
-erschüttert wurde, beweist auch der Abfall eines seiner Vasallen, des
-Radscha von Tanor, welcher zu seinen abendländischen Feinden überging.
-Im indischen Meere blieb der Capitän Manuel Tellez Barreto mit fünf
-Schiffen und 300 Mann zurück, um an der Küste zu kreuzen, während
-280 andere Soldaten als Besatzung in Kotschin, Kananor und Kollam
-stationirt wurden.
-
-Im Juli 1505 erreichte Soarez den Hafen von Lissabon, wo man vor allem
-die Verdienste Duarte Pacheco’s, welcher mit der Flotte zurückgekehrt
-war, würdigte. Als Belohnung erhielt dieser ausgezeichnete Mann die
-Verwaltung der Niederlassungen an der Guineaküste, er wurde aber bald
-in Folge von Verleumdungen angeklagt und in Ketten nach Portugal
-transportirt, wo er später, ohne wieder Anerkennung zu finden, in der
-bittersten Armuth starb. Camoens geißelt in seinen Lusiaden (X, 22-25)
-den Undank des Königs mit harten Worten. Indem er Duarte Pacheco mit
-Belisar vergleicht, wirft er dem Könige Ungerechtigkeit und Geiz vor.
-
- * * * * *
-
-Werfen wir, ehe wir die weiteren Unternehmungen der Portugiesen
-verfolgen, einen Blick auf die +Handelslinien+ und +großen Lagerplätze
-des indischen Gewürzhandels+. Im fernen Osten lag Malaka inmitten der
-reichsten Pfefferländer, zugleich ein Hauptstapel für die Gewürze der
-Molukken und der Droguen der Sundawelt. Mit diesem Handelsplatze stand
-Kalikut in unmittelbarer Verbindung. Von hier aus boten sich aber zwei
-Straßen nach dem persischen und nach dem rothen Meere. Dort galt als
-Mittelpunkt des Seeverkehrs die Inselstadt Ormuz, welche Albuquerque
-bald bezwingen sollte, und hier vor der Enge des rothen Meeres Aden.
-Von Ormuz führte der Weg über Basra durch Mesopotamien nordwärts. Die
-Karawanen gingen entweder über Armenien nach dem nördlichen Asien und
-Europa, oder wandten sich am Fuß des Hochlandes, auf welchem Euphrat
-und Tigris entspringen, gegen Westen nach Syrien und erreichten in
-Beirut das Gestade des mittelländischen Meeres. Die Schiffe, die nach
-Aden gegangen, steuerten dann durch das rothe Meer weiter nach Tor an
-der Südspitze der Halbinsel des Sinai und von da nach Sues. Von hier
-wurden die Waaren zu Lande über Kairo nach Alexandrien befördert.
-
-Damals beherrschte der Sultan von Aegypten auch die syrischen Häfen;
-es ging demnach fast der ganze indische Handel durch sein Gebiet und
-sicherte ihm namhafte Einkünfte. Jede Veränderung oder Störung dieser
-Handelslinien und Handelsbewegungen berührte die Macht des ägyptischen
-Sultans auf das empfindlichste; aber auch das Interesse für den Glauben
-spielte hinein.
-
-Mohammedanische Dynastien saßen auch auf der Westküste Vorder-Indiens.
-Sie alle hatten gleiches Interesse an dem Fortbestehen des
-Gewürzhandels auf den bisherigen Seewegen. Der Sultan von Aegypten
-empfand gar bald die Verluste in seinen Einnahmen, nachdem die
-portugiesischen Schiffe die Straße nach dem rothen Meere gesperrt
-hatten. Als aber die Kaufleute von Kalikut als seine Glaubensgenossen
-in ihrer Bedrängniß sich an ihn gleichsam als an ihren Schirmherrn
-wendeten, beschloß er sich vorerst bei dem Papst zu beschweren und
-von dem geistlichen Oberhaupte der Christenheit Abhilfe zu fordern,
-inzwischen aber sich auf einen entscheidenden Kampf vorzubereiten
-und eine Flotte auszurüsten, welche im Verein mit dem Geschwader der
-indischen Bundesgenossen den Portugiesen die Spitze bieten könne. Mit
-seiner Sendung an den Papst Julius II. betraute er den Pater Mauro,
-Prior des Klosters am Sinai. In seinem Briefe beschwerte sich der
-ägyptische Sultan über die Grausamkeiten, welche König Ferdinand von
-Aragonien gegen die Mauren in Spanien verübt hatte, sowie über die
-Schädigungen, welche König Manuel von Portugal seinen Glaubensgenossen
-und Unterthanen in Indien zufüge. Der Islam war seit zwanzig Jahren
-hart ins Gedränge gekommen und erlag im äußersten Westen und Osten
-den Schlägen der christlichen Fürsten. In Spanien waren die Mauren
-aus mehr als siebenhundertjährigem Besitze vollständig verdrängt; nun
-erschienen die Glaubensfeinde sogar in den indischen Meeren. Wenn die
-Fürsten der spanischen Halbinsel, erklärte der Sultan, von ihrem Wüthen
-gegen den Islam nicht abließen, werde er selbst zu ähnlichen Maßregeln
-gegen die Christen in seinen Landen sich genöthigt sehen. Er werde das
-heilige Grab vernichten und den christlichen Namen im Orient austilgen.
-Er werde aber auch mit seinen Flotten die Gestade des Mittelmeeres
-heimsuchen und den Christen gleiches mit gleichem vergelten, wenn der
-Papst nicht dem König Manuel verbiete, fernerhin seine Schiffe nach
-Indien zu senden.
-
-Mit Abschriften dieses Drohbriefes entsandte der heilige Vater den
-Prior Mauro an die Höfe nach Spanien und Portugal und erbat sich eine
-Antwort darauf für den Beherrscher Aegyptens. König Manuel erwiderte:
-Der Sultan drohe nur mit Worten, weil ihm die Mittel zu Thaten fehlten.
-„Als wir beschlossen,“ schreibt er, „mit unseren Flotten einen Weg
-nach Indien zu bahnen und die unseren Vorfahren unbekannten Länder zu
-erforschen, war unser Vorsatz, der mohammedanischen Sekte, von welcher
-mit Satans Hilfe so viele Leiden über den Erdkreis gebracht sind, das
-Haupt zu zertreten, und wo möglich das Grab Mohammeds vom Erdboden zu
-vertilgen. Wir bedauern, daß wir dies Ziel noch nicht erreicht haben.
-Der Sultan wird sich wohl hüten, die Christen in seinem Lande zu
-vertreiben, da er aus den Abgaben der Pilger, welche das heilige Grab
-besuchen, so bedeutende Einnahmen erzielt. Und sollte er je wagen,
-die Küsten des Mittelmeeres zu plündern, so würde die jetzt uneinige
-Christenheit sich alsobald zur Abwehr und zu gemeinsamem Angriff
-zusammenschaaren. Eine solche Gefahr für sich und sein Land wird aber
-der Sultan schwerlich heraufbeschwören.“ Der König Manuel meinte
-ferner, die beste Antwort auf die Drohungen des Aegypters bestehe
-darin, daß der Papst die gesammte Christenheit zu einem neuen Kreuzzuge
-aufrufe. Er wolle sich zwar nicht erkühnen, Sr. Heiligkeit und dem
-ehrwürdigen Cardinalscollegium die Antwort vorzuschreiben, welche dem
-Sultan zu ertheilen sei; aber seinen Willen und seine Meinung wolle
-er doch dahin aussprechen, daß er sich durch keine Drohung, keine
-Schwierigkeit von seinem Ziele abhalten lassen werde, den Uebermuth
-des Glaubensfeindes zu demüthigen und zu brechen.
-
-Damit ging Mauro zunächst nach Rom und dann nach Aegypten zurück. Ein
-friedlicher Ausgleich war unmöglich; die Waffen mußten entscheiden. In
-den indischen Gewässern hatte der Sultan Bundesgenossen und nur +einen+
-Feind; am Mittelmeer stand er fast allein und hatte die gesammte
-Christenheit gegen sich. Darum wählte er zum Kampfplatz den Orient und
-beschloß eine bedeutende Flotte nach Indien zu senden. Aber auch dieser
-Plan wurde schon im Entstehen theilweise vereitelt. Es war nämlich
-eine Flotte von fünfundzwanzig Schiffen nach der kleinasiatischen
-Küste geschickt, um von dort das Bauholz nach Aegypten und weiter ans
-rothe Meer zu schaffen. Dieses Transportgeschwader wurde aber von den
-Johannitern auf Rhodos angegriffen, welche elf Schiffe vernichteten,
-so daß, als noch vier andere im Sturme untergegangen waren, nur zehn
-Fahrzeuge mit Bauholz glücklich ihr Ziel erreichten. Somit konnten nur
-sechs größere und vier kleinere Schiffe erbaut werden, über welche dann
-der Kurde Hussein Almuschrif 1506 den Oberbefehl erhielt.
-
-Die Portugiesen hatten von diesen Vorfällen und Plänen aber bereits
-1505 Kunde erhalten und konnten danach ihre Maßregeln treffen. Die
-bisherige Kriegsführung, welcher eine einheitliche Leitung fehlte,
-mußte abgeändert werden. Es war vor allem nöthig, dem Oberbefehl eine
-größere Continuität zu geben und ihn auf mehrere Jahre auszudehnen. So
-entstand das Institut des Vicekönigthums, dem Portugal thatsächlich den
-indischen Besitz verdankt. Die Unternehmungen des Sultans von Aegypten
-trugen also wesentlich dazu bei, die portugiesische Macht im Orient zu
-befestigen.
-
-
-6. Francisco d’Almeida, Vicekönig von Indien.
-
-Zum ersten Vicekönig wurde +Francisco d’Almeida+ bestellt, ein Mann von
-ausgezeichneter Tapferkeit, welcher sich schon im Kampfe der Spanier
-gegen Granada ausgezeichnet hatte. Es wurde die Bestimmung getroffen,
-daß in Zukunft nur die Lastschiffe aus Indien zurückkehren sollten,
-während die Kriegsschiffe daselbst stationirt blieben. Eine stattliche
-Flotte sollte die neue Aera einleiten. Die Zahl der Schiffe steht
-nicht ganz fest, nach der geringsten Angabe waren es zwanzig. Auf
-den Kriegsschiffen wurden 1500 Mann Soldaten befördert, welche sich
-verpflichtet hatten, wenigstens drei Jahre im Orient zu dienen. Unter
-den Capitänen treffen wir João da Nova und João Serãro; auch Ferdinand
-Magalhães nahm an dem Zuge theil. Ein besonderes Interesse gewinnt aber
-gerade diese Expedition dadurch für uns, daß sich an dem indischen
-Handel zum ersten Male auch deutsche Kaufleute von Augsburg, namentlich
-die Welser, Vöhlin u. a. betheiligten; daneben aber auch Genuesen
-und Florentiner. Nur die Venetianer hielten sich grollend fern; denn
-es war ihnen, wie der Chronist E. Sender schreibt, „fast wider“, daß
-die Portugiesen den Seeweg zu den Gewürzländern mit wachsendem Erfolg
-betraten und ihnen so gefährliche Concurrenz machten.
-
-Die Welser hatten schon 1503 einen thätigen Agenten Namens Simon Seitz
-nach Lissabon entsendet, welcher mit König Manuel über die Gründung
-einer deutschen Handelsgesellschaft einen Vertrag abschloß, wonach die
-Augsburger Kaufherren in Portugal gebaute und mit Portugiesen bemannte
-Schiffe entsenden konnten, um Spezereien und Brasilholz einzuhandeln.
-Zu gleicher Zeit diente der deutsche Buchdrucker Valentin Ferdinand,
-welcher sich wahrscheinlich schon seit 1494 in Lissabon aufhielt, als
-Mäkler (~corretor~) und war seinen neuangekommenen unternehmenden
-Landsleuten durch seine Kenntniß der portugiesischen Sprache sehr
-nützlich.[96]
-
-Auf Simon Seitz folgte alsbald ein zweiter Vertreter der Welser
-+Lucas Rem+, welcher von 1503 bis 1508 in Portugal weilte.[97] Ihm
-lag die schwere Arbeit ob, drei Schiffe auszurüsten und ihre Ladung
-zu besorgen; denn die deutsche Handelscompagnie betheiligte sich mit
-21,000 Cruzados (à 2,75 Mark). „Die on mas enxtig mie, überflisig
-arbait, gros widerwertigkait mir damit gegnet, ist unerschreibenlich.“
-So lauten die Worte seines Tagebuches.
-
-Aber nicht blos deutsches Capital war bei dieser Fahrt eingesetzt; es
-machten auch zwei Deutsche im Auftrage der Compagnie die Reise nach
-Indien mit, und C. Peutinger schrieb voll Stolz und Freude darüber: „es
-ist uns Augsburgern ein großes Lob als für die +ersten+ Deutschen, die
-India suchen“. (B. Greif a. a. O. 85). Der eine von ihnen, +Balthasar
-Sprenger+, hat seine Reise beschrieben unter dem Titel: „Die Merfart
-von erfarung nüver Schiffung und Wege zu vile onerkanten Inseln vnd
-Kunigreichen, von dem großmechtigen Portugalischen Kunig Emanuel
-Erforscht, funden, bestritten vnnd Ingenomen, auch wunderbarliche
-Streyt, ordnung, leben wesen handlung und wunderwerke des volcks und
-Thyrer dar inne wonende, findestu in diessem buchlyn warhaftiglich
-beschryben vnn abkunterfeyt, wie ich Balthasar Sprenger sollichs selbs:
-in kurtz verschynn zeiten gesehen vnn erfaren habe etc. Gedruckt Anno
-MDIX.“ Der Berichterstatter nennt sich darin einen „der Geschickten
-des Großmechtigen Kunigs zu Portugal: Emanuel genannt: und der
-Furtreffen kaufherren der Fucker, Welszer, Hochstetter, Hyrßfogel,
-deren im Hofe (Imhof) und anderer yrer Gesellschaften.“[98] Der zweite,
-+Hans Mayr+, welcher sich Factoreischreiber auf dem Schiffe Raphael
-nennt, hat ebenfalls einen, noch handschriftlich erhaltenen Bericht
-überliefert.[99]
-
-Die drei auf Kosten der Deutschen ausgerüsteten Schiffe hießen: San
-Raffael, San Jeronimo und Lionarda.
-
-Das ganze Geschwader ging am 25. März 1505 von Lissabon ab. Eins der
-Schiffe sank unterwegs in Folge eines Leckes; die übrigen steuerten
-glücklich um das Cap der guten Hoffnung und langten größtentheils am
-18. Juli vor Mosambik an. Von hier wandte sich die Armada zunächst
-nach Kiloa und eroberte die Stadt. An Stelle des vertriebenen Scheich
-wurde ein den Portugiesen willfähriges Oberhaupt eingesetzt und zum
-Schutze der Handelsinteressen eine Citadelle St. Jago erbaut, in
-welcher man eine stärkere Besatzung nebst „Artegleria“ zurückließ.
-Vor Mombas wurde die Expedition am 13. August ebenfalls feindlich
-empfangen und aus den Kanonen beschossen, welche der Fürst der Stadt
-einem gescheiterten portugiesischen Schiffe entnommen hatte.[100]
-Darum mußte auch diese Hafenstadt mit Verlust von vier Todten und
-siebenzig Verwundeten am 15. August erstürmt werden. Dann wurde die
-Stadt geplündert und niedergebrannt. Von dem befreundeten Melinde, in
-dessen Hafen sich vierzehn der schnellsegelnden Fahrzeuge eingefunden
-hatten, steuerte man dann in sechzehn Tagen, resp. neunzehn Tagen
-nach den Andjediven hinüber. Diese Inseln, welche als günstiger
-Sammelplatz der Indienfahrer erkannt worden waren und daher von den
-Portugiesen besetzt wurden, erhielten, auf der größten der fünf
-Eilande, nach dem Befehle des Königs gleichfalls eine Citadelle nebst
-Besatzung. Panischer Schrecken ergriff das Handelsvolk von Kalikut,
-als sie die Ankunft Almeida’s vernahmen; denn die Portugiesen machten
-unverweilt auf alle Handelsschiffe Jagd. Im Hafen von Onor wurden alle
-Fahrzeuge, die vor Anker lagen, verbrannt und dabei ging ein Theil der
-leichtgebauten Stadt in Flammen auf. Bei seiner Ankunft in Kananor nahm
-gegen Ende October Almeida den Titel Vicekönig an, den ihm der König
-Manuel beigelegt hatte. In dieser Stadt wurde die dritte Citadelle,
-S. Angelo, angelegt und mit hundertundfünfzig Mann besetzt. Der Hafen
-hatte gleichfalls für die Portugiesen eine besondere Wichtigkeit, denn
-„do pflegen,“ wie Sprenger berichtet, „die Schiff allweg vor irem
-Abschied Speis und Wasser zu nehmen“. Inzwischen lief die traurige
-Nachricht ein, in Kollam sei der Factor Antonio de Sa sammt seinen
-Leuten ermordet und die Factorei geplündert. Es waren nämlich zwanzig
-maurische Schiffe dort eingelaufen und hatten den Kampf begonnen. Der
-Factor war mit sechzehn Portugiesen in eine Kirche geflüchtet; aber
-der Fürst von Kollam ließ dieselbe anzünden und die Fremden darin
-verbrennen. Der Sohn des Vicekönigs, Lourenço d’Almeida, erhielt den
-Auftrag, diese Unthat zu rächen, er rückte mit acht Schiffen vor den
-Hafen und zerstörte die ganze maurische Flotte.
-
-Francisco d’Almeida selbst begab sich nach Kotschin und krönte den
-dortigen Fürsten und Bundesgenossen im Namen des Königs Manuel mit
-einer goldenen Krone, welche als Geschenk mitgebracht war, und verehrte
-dem Königsvasallen zugleich einen goldenen Becher mit sechshundert
-Cruzados, eine gleiche Summe wurde für alle Jahre zugesagt. Dafür
-erzielte Almeida die Erlaubniß zum Bau einer Steinburg.
-
-Dann erhielten sechs Frachtschiffe ihre Ladung in Gewürz und gingen
-Ende December und Anfang Januar 1506 von Kananor zurück nach Portugal.
-Zwei andere Handelsschiffe folgten im Frühjahr nach. Einige von
-der ersten Abtheilung wurden auf der Rückfahrt über den indischen
-Ocean durch Sturm aus der gewohnten Bahn getrieben und segelten an
-der Ostseite Madagascars hin, darunter auch zwei von den deutschen
-Schiffen, und fanden so einen kürzeren Seeweg. Sie waren die ersten,
-welche den südlichen Theil jener größten afrikanischen Insel
-entdeckten, die damals S. Lourenço genannt wurde.
-
-Vier Schiffe, darunter auch San Raffael und San Jeronimo, ließen
-bereits am 22. Mai 1506 im Hafen von Lissabon die Anker fallen.
-Sprenger langte mit seinem Fahrzeuge erst im November daselbst an.
-Dies glückliche Ereigniß für die deutsche Unternehmung erwähnt auch
-Lucas Rem:[101] „~Adj.~ 22. May^o 1506 (Rem schreibt irrthümlich 1505)
-kamen Sct. Jeronimo, Sct. Raffael und ~adj.~ 24. Nof. die Lionarda. Da
-meret sich erst mie, anxt undt arbait. Sonder erhuben sich on mas fil
-große und schwere Recht, den Ich aus wartet ob 3 Jar“. Die berührten
-Rechtshändel beziehen sich wahrscheinlich darauf, daß die Deutschen
-einen Antheil an der bei der Erstürmung von Kiloa und Mombas gemachten
-Beute forderten, deren Werth auf 22,000 Cruzados geschätzt wurde. Aber
-auch ohne dies war der Reingewinn bedeutend. Zwar erhielt dem Vertrage
-gemäß die portugiesische Krone 40% vom Gewinn und hatten die fremden
-Kaufherren nicht direct, sondern durch Vermittelung der portugiesischen
-Factoren die Gewürze in Indien einkaufen müssen, theils um nicht etwa
-die Preise zu steigern, theils aber und vor allem, um das Monopol der
-Entdecker des Seewegs nicht in Frage zu stellen; trotz alledem betrug
-nach Rems Angabe die „nutzung dieser armazion bey 150 ~pro Cento~“.
-
-Darum betheiligten sich die Deutschen auch sofort bei der Ausrüstung
-der nächsten Handelsflotte, die unter Tristão da Cunha 1506 nach Indien
-segelte. Leider gingen zwei Schiffe dabei zu Grunde; da aber Geld und
-Gut gerettet wurden, war der Verlust gering. Doch wurde das Interesse
-geschwächt, weil man in Folge des Schiffbruches einen längeren
-Rechtsstreit mit dem König führen mußte. Als aber die Pfefferpreise von
-Jahr zu Jahr aufschlugen -- im Jahre 1505 kostete der Centner Pfeffer
-in Lissabon 20 Cruzados, 1520 dagegen schon 34¼ C., -- da verloren die
-Deutschen allmählich die Lust, sich an dem Handel direct zu betheiligen.
-
- * * * * *
-
-Nach der Abfahrt Almeida’s von Portugal waren wiederum acht Schiffe
-entsendet worden, welche unter Leitung Pero’s d’Anhaya die Ostküste
-Afrikas ansegeln und in Sofala eine Befestigung anlegen sollten. Aus
-Mangel an Steinmaterial wurde dieselbe aus Holz aufgeführt. Aber das
-höchst ungesunde Klima der Niederung raffte viel Mannschaft hin; auch
-der Capitän Pero d’Anhaya erlag demselben. Zu seinem Nachfolger wurde
-später Nuno Vaz Pereira bestimmt; bemerkenswerth ist, daß unter ihm
-der berühmte Fernão de Magalhães diente.
-
-In Indien war inzwischen, nach Abfertigung der ersten Lastschiffe,
-der Vicekönig seinem Auftrag gemäß zum Angriff auf die maurischen
-Flotten übergegangen. Sein Sohn Lourenço d’Almeida erfocht am 17.
-und 18. März 1506 einen glänzenden Sieg vor dem Hafen von Kananor
-über zweihundert Segel (Prauen), welche der Beherrscher von Kalikut
-ausgerüstet hatte. In Kananor, wo der Sieger einlief, kam der
-Venetianer Ludovico di Varthema zu ihm aufs Schiff. Derselbe war 1502
-von seiner Vaterstadt in den Orient gewandert, hatte Aegypten, Syrien,
-Arabien und Persien besucht, dann in den wichtigsten Hafenplätzen der
-westlichen Küste Vorder-Indiens geweilt, am bengalischen Meerbusen die
-Landschaften Bengalen und Pegu gesehen und endlich sogar Malaka und die
-Gewürzinseln erreicht. Von Java war er dann nach Kalikut und Kananor
-zurückgekehrt und hatte so, unter der Maske eines Mohammedaners,
-den ganzen Sunda-Archipel durchstreift.[102] Was er nun über die
-indischen Zustände und über den fernen Osten berichten konnte, war
-den Portugiesen von hohem Werthe und gab wahrscheinlich auch die
-Veranlassung, daß die Regierung in Portugal ihrem indischen Vicekönig
-den Auftrag ertheilte, einige Schiffe zur Erforschung des Gewürzmarktes
-von Malaka auszusenden. Allein Almeida konnte und wollte, da er in
-Vorder-Indien selbst vollauf beschäftigt war und seine Macht nicht
-zersplittern mochte, vor der Hand noch nicht darauf eingehen. Es war
-offenbar, daß die mohammedanischen Schiffe, um zu den Gewürzhäfen zu
-gelangen, andere Wege als bisher einschlugen. Statt die durch die
-Portugiesen unsicher gemachten malabarischen Plätze anzulaufen, gingen
-die Kauffahrer über die Malediven nach Ceylon, um dort die aus den
-östlichen Productionsländern herbeigeführten Waaren in Empfang zu
-nehmen.
-
-Als der Vicekönig dies in Erfahrung gebracht, schickte er seinen
-tapfern Sohn zum zweiten Male mit Schiffen aus, um bei den Malediven
-den Feinden auch diese Straße zu verlegen. Aber Lourenço verfehlte
-sein Ziel vollständig und gelangte schließlich, statt nach den
-Malediven, nach Ceylon. Es scheint, daß er sich hier durch eine List
-der Mauren täuschen ließ und unverrichteter Sache wieder zurückkehren
-mußte. Dem Oberbefehlshaber war es jedenfalls lieb, daß sein Sohn
-sich in Ceylon nicht auch in blutige Conflicte eingelassen hatte;
-denn die mohammedanische Stellung auf der großen Insel galt als
-bedeutend, und ein blutiger Zusammenstoß hätte die Schaar seiner Gegner
-unnöthigerweise vermehrt. Darum waren ihm auch die Unternehmungen
-Affonso’s d’Albuquerque in Arabien durchaus zuwider; selbst die
-kriegerischen Streifzüge an der Ostküste Afrikas hielt er für nutzlos,
-weil sie die für Indien nothwendigen Streitkräfte zersplitterten. Er
-wollte alle Macht und alle kriegerische Tapferkeit nur daran gesetzt
-sehen, den werthvollsten Theil der indischen Küste dem portugiesischen
-Handel und Staate tributpflichtig zu machen.
-
-Aber in Portugal dachte man anders und meinte, alle Küsten des
-indischen Oceans, soweit die Glaubensfeinde auftauchten, angreifen und
-auch bezwingen zu können.
-
-So gingen also im Frühjahr 1506 wieder fünfzehn Schiffe von Lissabon
-ab: die zehn Lastschiffe, von denen wieder einige durch Deutsche
-und Italiener ausgerüstet waren, sollten unter +Tristão da Cunha+
-direct nach Indien segeln, während Alfons d’Albuquerque mit fünf
-Kriegsschiffen und 1300 Mann Soldaten nach der arabischen Küste
-beordert wurde, um die Eingänge in das rothe Meer und den persischen
-Golf zu bewachen. In Sokotra sollte er überdies eine Festung anlegen,
-weil hier an dieser Insel die mohammedanischen Schiffe Wasser
-einzunehmen pflegten.
-
-Unterwegs entdeckte Tristão da Cunha, als er vom Cap Agostinho in
-Brasilien nach dem Caplande hinübersteuerte und seine Flotte durch
-Sturm zerstreut sah, die nach ihm genannte einsame Felseninsel im
-südlichen atlantischen Ocean unter 39° s. Br.; indeß fanden sich die
-meisten Fahrzeuge bei Mosambik wieder zusammen. Nur Ruy Pereira wurde
-auch noch im indischen Meere verschlagen und gerieth in den Hafen
-Matatane auf Madagascar. Dort, glaubte er aus den Mittheilungen der
-Eingebornen schließen zu dürfen, sei ein Reichthum an Silber, Pfeffer,
-Ingwer u. a. einzuernten, ohne auf solche Handelsschwierigkeiten zu
-stoßen wie in Indien.
-
-Auf diese Kunde hin machte sich Tristão da Cunha selbst nach dem
-vielversprechenden Lande auf und erreichte im December 1506 die Bai
-Angra da Concepção am nördlichen Ende der Insel. Aber hier traf er
-noch Mauren. Wenn auch nicht eben wohlwollend empfangen, hütete sich
-Tristão doch, sich in blutige Händel zu verwickeln, sondern er zog
-nur sorgfältige Erkundigungen ein, aus denen leider hervorging, daß
-die verlockenden Angaben Pereira’s auf Mißverständniß beruhten. Den
-Plan, die ganze Insel zu umschiffen, gab er auf, nachdem er bei diesem
-Versuch ein Schiff eingebüßt hatte, und kehrte an die afrikanische
-Küste zurück. Südlich von Magadoscho (Makdischu) lag die feindliche
-Stadt Brava (Barawa); dieselbe wurde nach heftiger Gegenwehr erstürmt
-und geplündert. Die Portugiesen sollen dabei in der Schatzkammer des
-Fürsten die reiche Beute von 2000 Centner (!) Silber gemacht haben.
-
-Dann steuerte die vereinigte Flotte nach Sokotra, wo Christen
-abessinischer Abkunft, von den Portugiesen Jakobiten genannt, ansäßig
-waren, aber seit 1480 in die Abhängigkeit von dem südarabischen Fürsten
-von Fartach gerathen waren, welcher bei dem Hafen Soko (Tamarida) eine
-Citadelle erbaute und mit hundert Mann besetzte. Diese Festung wurde
-natürlich alsbald mit Sturm genommen, wieder ausgebaut, St. Miguel
-getauft und mit portugiesischer Mannschaft belegt.
-
-Durch solche Nebenoperationen wurde viel Zeit vergeudet, ohne dem
-eigentlichen Zwecke wesentliche Förderung zu bieten; denn man
-verfeindete sich dadurch nur noch mehr mit dem Beherrscher Aegyptens
-und war gleichwohl nicht im Stande, von Sokotra aus den Handelsverkehr
-nach dem rothen Meere überwachen oder abschneiden zu können.
-
-Da Tristão da Cunha so lange ausblieb, gerieth Almeida in große
-Verlegenheit, weil er sich bei unzulänglichen Mitteln in seinen
-Unternehmungen gehemmt sah. Sein Sohn Lourenço verfolgte indessen im
-kleinen Kriege alle fremden Handelsschiffe, welche sich der indischen
-Küste näherten.
-
-Inzwischen starb aber auch der den Portugiesen befreundete Fürst in
-Kananor, und sein Nachfolger verbündete sich wieder mit dem Samudrin,
-weil der portugiesische Capitän Gonçalo Vaz da Goar ein kananorisches
-Schiff, trotz seines portugiesischen Geleitsbriefes, hatte versenken
-und die Mannschaft hatte ertränken lassen, angeblich, weil man es für
-ein kalikutisches Schiff gehalten habe.
-
-Die neuangelegte Festung in Kananor wurde vier Monate belagert und
-mehrere Male bestürmt; aber der tapfere Commandant Lourenço de Brito
-hielt sich, bis Tristão da Cunha endlich gegen Ende August erschien und
-ihn befreite. Die Festung wurde nun dauernder aus Stein erbaut. Da der
-Vicekönig bereits genug Waaren hatte aufspeichern lassen, so konnten
-Tristão’s Handelsschiffe rasch beladen und schon im December nach
-Europa zurückgeschickt werden.
-
-Dann begab sich Lourenço d’Almeida mit einer Anzahl von Schiffen
-nordwärts, um im Hafen von +Tschaul+, südlich von Bombay, Gewürze
-einzunehmen. Nisam Schah, der Fürst von Tschaul, hatte sein kleines
-Gebiet, welches gegen Norden an Gudjerat grenzte, von Dekhan unabhängig
-gemacht und sich den Portugiesen angeschlossen. Inzwischen rückte
-die ägyptische Macht unter Hussein heran. Der Admiral des Schahs von
-Gudjerat, Melek Aias oder Aß, (angeblich ein Russe von Geburt, dessen
-ursprünglicher Name Jakob, in der russischen Koseform Jascha, von den
-Orientalen in Eias oder Aß verwandelt wurde,) kam den Aegyptern mit
-vierzig +Fusten+ (s. Abbildung auf Seite 155) zu Hilfe. Als Statthalter
-von Diu hatte er diesen Hafen zu einer blühenden Handelsstadt erhoben
-und trat zunächst scheinbar für die Sache des Islam ein, wußte sich
-aber bald auf schlaue Weise seines Bundesgenossen wieder zu entledigen.
-Lourenço lag noch mit seinen Schiffen im Flusse vor Tschaul, als die
-vereinigte feindliche Flotte herannahte. Da er die ägyptischen Schiffe
-aber für das Geschwader des von Ormuz her erwarteten Albuquerque hielt,
-blieb er ruhig liegen. So sah er sich genöthigt, im Flusse den Kampf
-aufzunehmen.
-
-Am ersten Kampfestage erfolgte noch keine Entscheidung. Trotz der
-feindlichen Uebermacht wollte aber Lourenço nicht bei Nacht auf die See
-zurückweichen, weil er den Vorwurf seines spartanisch gesinnten Vaters
-fürchtete, der bei einer früheren Gelegenheit seine zu große Vorsicht
-getadelt hatte. So entspann sich am folgenden Morgen das Seegefecht von
-neuem. Das Schiff des portugiesischen Capitäns erhielt durch einen
-Kugelschuß einen bedenklichen Leck und mußte versuchen, sich durch ein
-anderes Schiff aus dem Flusse herausschleppen zu lassen. Dabei gerieth
-es in das von den Fischern behufs des Fischfanges angebrachte Pfahlwerk
-und blieb, indem ein Pfahl in den Leck eindrang, wie angespießt, darauf
-hängen. Das Bugsirtau riß und Lourenço war den feindlichen Angriffen
-wehrlos preisgegeben. Trotz der verzweifelten Lage blieb er standhaft.
-Seine Tapferkeit war für alle ein leuchtendes Vorbild. Hatte er
-doch noch bei dem Kampfe von Panane im Handgemenge einem maurischen
-Hauptmanne mit seinem Schlachtschwerte den Kopf bis auf die Brust von
-einander gespalten. Da verwundete ihn eine Stückkugel am Schenkel; er
-ließ sich verbinden, auf einen Stuhl neben den großen Mast setzen und
-commandirte weiter, bis ihn eine zweite Kugel tödtete. Erst nachdem
-fast die ganze Mannschaft gefallen oder verwundet auf Deck lag, wurde
-das Schiff genommen, sank aber auch alsbald unter und blieb nicht als
-Trophäe in den Händen der Sieger. Die übrigen Fahrzeuge kamen glücklich
-nach Kotschin zurück, wo damals der Vicekönig lag. Dieser empfing die
-Todesnachricht seines tapferen Sohnes ernst und gefaßt, aber er schwur
-an den Mohammedanern Rache zu nehmen, zumal da diese an den ersten Sieg
-große Hoffnungen knüpften.
-
-[Illustration: Ostindisches Fahrzeug des 16. Jahrh. mit Rohrsegeln und
-am Stern aufgehängtem hölzernen Anker.[103]]
-
-Alle Kriegsschiffe wurden zu diesem Rachezuge aufgeboten und in
-Stand gesetzt, besonders das größte, Flor de la mar, ein Schiff
-von vierhundert Tonnen; aber der Angriff verzögerte sich noch. Die
-ägyptische Flotte überwinterte indessen in Diu.
-
-Mittlerweile wurden auch von Portugal wiederum zwei Geschwader
-ausgerüstet. Das eine bestand aus dreizehn Schiffen und sollte unter
-dem Befehle des Jorge d’Aguiar zuerst an den ostafrikanischen und
-arabischen Küsten kreuzen und dann nach Indien gehen, um für acht bei
-dieser Abtheilung befindliche Frachtschiffe Ladung einzunehmen. Auf
-dem Hauptschiffe San João sollte der Vicekönig nach Ablauf seines
-Amtes am Schluß des Jahres 1508 in die Heimat zurückkehren. Die andere
-Abtheilung unter Lopez de Sequeira ging mit vier Schiffen im April 1508
-direct nach Indien. Aber die erste Flotte unter d’Aguiar wurde durch
-Sturm gänzlich zerstreut, die Schiffe fanden sich einzeln bei Mosambik
-wieder zusammen; nur das Hauptschiff blieb aus, es war mit Mann und
-Maus untergegangen, so daß außer dem Befehlshaber auch Tristão da Cunha
-sein Grab in den Wellen fand. Der Untergang dieses Schiffes sollte
-später die Rückkehr Francisco’s d’Almeida verzögern und ihm selbst
-verhängnißvoll werden.
-
-[Illustration: Ostindischer Schnellsegler des 16. Jahrhunderts, Fusta
-(s. Seite 153).]
-
-Ehe wir aber den Vicekönig auf seinem letzten siegreichen Kriegszuge
-in Indien begleiten, müssen wir unsern Blick auf die kühnen
-Unternehmungen +Albuquerque+’s richten. Am 20. August 1507 war derselbe
-mit sieben Segeln und vierhundert Mann von Sokotra aufgebrochen,
-um die Handelsplätze am Golf von Oman zu brandschatzen, und sich
-wenn möglich des wichtigsten Marktplatzes in jenem Gebiet, der Stadt
-Ormuz, zu bemächtigen. Auf der Ostküste Arabiens zwischen Ràs el Hadd
-und dem Ràs Mesandum erstreckt sich am Fuß des grünen Gebirges die
-Landschaft Oman. Gegen das Wüstengebiet des Binnenlandes durch das
-Gebirge gedeckt, mit vielen trefflichen Häfen und Ankerplätzen an der
-wichtigen Handelsstraße zwischen Indien und Mesopotamien gelegen, hatte
-dieses Gebiet seit Jahrhunderten sich an dem indischen Handel lebhaft
-betheiligt. Weniger eng an die Satzungen des Islam gebunden und im
-Verkehr mit Indien freiern Lebensanschauungen huldigend, hatten manche
-dieser Städte sich zu bedeutendem Handelsrufe und Wohlstand erhoben.
-Von Südosten gegen Nordosten waren die bemerkenswerthesten Hafenplätze
-Kuriat, Maskat, Burka, Sohar und Khorfakkan, an welche sich dann an
-der Meerenge des persischen Golfes die damals auf der kleinen, öden
-Felsinsel gelegene, aber durch den Reichthum der Bewohner in aller Welt
-bekannte Handelsstadt Ormuz anschloß.
-
-Albuquerque hatte die Absicht, diese Städte der Reihe nach
-rücksichtslos die Ueberlegenheit der europäischen Waffen fühlen
-zu lassen. Kuriat wurde erstürmt und verbrannt, Maskat ebenfalls
-erobert. Sohar unterwarf sich ohne Widerstand, wurde daher auch nicht
-der Plünderung preisgegeben, sondern nur zur Zahlung eines Tributs
-angehalten. Khorfakkan (Orfacao), ein Hauptplatz für die Ausfuhr
-arabischer Pferde nach Indien, war von den Einwohnern aus Furcht vor
-den schrecklichen Feinden verlassen und wurde daher ausgeplündert. So
-rückte der Verwüstungszug näher an Ormuz heran. Die Zeitgenossen haben
-über Albuquerque’s barbarische Kriegführung kein abfälliges Urtheil
-ausgesprochen. Daß er hart und herzlos Gefangene verstümmeln ließ und
-Städte vom Erdboden vertilgte, fand das Zeitalter ganz natürlich; es
-galt ja dem Feinde der Christenheit. Man kämpfte für den heiligen
-Glauben und hatte Gott auf seiner Seite.
-
-Ende September 1507 erschien die portugiesische Flotte vor Ormuz. Den
-Thron hatte damals ein zwölfjähriger Knabe, Seif-eddin (Seifadin) inne,
-der eigentliche Regent war Chodscheh Atar, von Geburt ein Bengale. Die
-Stadt lag, im Süden durch Felsen gedeckt, auf der flacheren Nordseite
-der Insel; zwischen ihr und der Felsenküste von Mogistan befand sich
-der Hafen. Die Besatzung bestand aus 30,000 Mann, darunter 4000
-persische Bogenschützen als Bundesgenossen. Albuquerque begrüßte bei
-seiner Ankunft die Stadt durch Kanonensalven und segelte dann kühn in
-den Hafen hinein. Kurzer Hand forderte er Unterwerfung und Anerkennung
-der portugiesischen Oberhoheit, andernfalls drohte er mit Vernichtung.
-Aber der Regent war nicht gewillt, sich bei seiner bedeutenden Macht
-ohne weiteres in fremde Botmäßigkeit zu begeben, er lehnte die
-Forderung des Portugiesen ab. Als Antwort darauf ließ Albuquerque
-die Handelsschiffe im Hafen in den Grund bohren. Dabei wurden seine
-Schiffe von zweihundert mit Bogenschützen bemannten Böten angegriffen;
-aber die höher gebauten europäischen Fahrzeuge und namentlich das
-europäische Geschütz behielt den Sieg. Dann erst bequemte sich
-Chodscheh Atar, die Oberhoheit des Königs Manuel anzuerkennen und einen
-jährlichen Tribut von 15,000 Scherafinen (etwa ~à~ 6 Mark) zu zahlen.
-Auch mußte er gestatten, daß die Portugiesen eine Festung anlegten.
-Schon im October begann der Bau, aber die portugiesischen Capitäne,
-welche unter Albuquerque dienten, halfen nur ungern; sie hätten lieber
-gewinnreiche Jagd auf Handelsschiffe gemacht oder wären nach Indien
-gesegelt, um Gewürze einzuhandeln. Sie vereinigten sich zu einem
-schriftlichen Protest, aber der Oberbefehlshaber zerriß denselben,
-ungelesen, unter dem Thor der neuen Citadelle. Dadurch gekränkt und
-beleidigt suchten die Capitäne nach einer Gelegenheit, sich von ihrem
-Führer zu trennen. Die Uneinigkeit unter seinen Feinden ermuthigte den
-Regenten der Stadt zu erneutem Widerstande. Die Gelegenheit dazu bot
-sich bald. Da fünf von der Flotte entlaufene und in die Stadt gelockte
-Portugiesen nicht sofort, wie Albuquerque verlangte, ausgeliefert
-wurden, so brach der Krieg von neuem aus. Derselbe mußte aber rasch
-abgebrochen werden, weil drei Capitäne mit ihren Schiffen auf eigene
-Verantwortung den Hafen verließen und nach Indien segelten, so daß
-Albuquerque, dadurch in seiner Macht geschwächt, allein den Kampf nicht
-fortführen konnte, sondern sich genöthigt sah, zur Ueberwinterung
-nach Sokotra zurückzuweichen. Doch schickte er den João da Nova den
-Flüchtigen nach, um sich beim Vicekönig über solche unerhörte Felonie
-zu beschweren.
-
-In Sokotra fand er die Besatzung der kleinen Citadelle durch Krankheit
-und Hunger erschöpft. Von Melinde mußten Lebensmittel herbeigeschafft
-werden; statt Unterstützung zu finden, mußte Albuquerque Hilfe
-schaffen. Sein Aufenthalt an der afrikanischen Insel verzögerte sich
-bis in den Hochsommer, dann kam unter Vasco Gomez d’Abreu Verstärkung
-von Lissabon. Mit dieser vereinigte er den Rest seiner Macht, sah sich
-also wieder an der Spitze von 300 Mann und war kühn genug, mit dieser
-kleinen Schaar zum zweiten Male vor Ormuz zu rücken. Chodscheh Atar
-hatte nach dem Abzuge der Portugiesen, deren Mißerfolge er sich als
-Sieg anrechnete, im Vertrauen auf seine neubefestigte Stellung und
-die eigne Truppenmacht, (die persischen Bundesgenossen waren durch
-seinen Uebermuth verscheucht,) klugerweise die von den Portugiesen
-begonnene Festung ausgebaut[104] und mit Geschützen armirt, welche
-er durch europäische Ueberläufer hatte gießen lassen. Er war, wenn
-auch auf sich allein angewiesen, doch nicht so wehrlos dem Gegner
-preisgegeben als das erste Mal. Daher mußte sich Albuquerque vorläufig,
-als er im September 1508 wieder vor der Stadt erschien, auf die
-Blokade beschränken. Inzwischen erhielt aber Atar eine wesentliche
-Hilfe und Ermuthigung zum Widerstande von einer Seite, woher er sie
-wohl am wenigsten erwartete, vom Vicekönig Almeida selbst. Dieser
-hatte nämlich auf die Klage der drei Capitäne, welche sich vor Ormuz
-von Albuquerque getrennt hatten, im Mai 1508 eine Untersuchung der
-Angelegenheit befohlen und Gonçalo Fernandez damit beauftragt. Im
-Verlauf derselben war Almeida immer mehr zur Ueberzeugung gekommen, daß
-Albuquerque durch seine Gewaltthaten die Interessen der portugiesischen
-Krone mehr schädige als fördere. Ein von den Portugiesen aufgebrachtes
-Schiff von Ormuz hatte Almeida wieder freigegeben und mit Briefen
-an den Regenten von Ormuz gesandt. Almeida’s Schreiben[105] athmete
-Freundschaft für die reiche Handelsstadt, wenn er auch wünschte, der
-Fürst möge seinem König jährlich ein Geschenk senden. Er sprach seinen
-Unwillen über die verderbliche Kriegführung Albuquerque’s aus und
-sicherte, indem er sieben Geleitsbriefe mitsandte, jedem Handelsschiffe
-von Ormuz seinen Schutz zu. „Ich will,“ schrieb er, „an dem König von
-Portugal zum Verräther werden, wenn ich dulde, daß ihnen auch nur ein
-Haar gekrümmt werde.“
-
-Eine Abschrift dieses Briefes ließ Chodscheh Atar an Albuquerque
-übermitteln. Albuquerque bestand aber auf der Zahlung des Tributs
-und erklärte die Briefe des Vicekönigs für untergeschoben, weil sie
-dessen Unterschrift nicht trügen. Atar erklärte dagegen, die Stadt
-werde bereit sein, in Friedenszeiten den auferlegten Tribut von
-15,000 Scherafinen zu zahlen; wenn aber ihr Handel gelähmt werde,
-könne sie die Summe unmöglich aufbringen. Die Briefe seien echt, des
-Königs Siegel und des Vicekönigs Unterschrift bürgten dafür. -- Man
-weiß, welche Achtung man im ganzen Orient dem Siegel und Namenszuge
-eines Mannes zollt. Albuquerque setzte darauf die Blokade noch eine
-zeitlang fort und beunruhigte die Stadt in kleinen Gefechten; da er
-aber die Gewißheit hatte, daß ihm von Indien her keine Unterstützung
-kommen werde, und da er sah, daß es seinen Schiffen immer schwieriger
-wurde, sich zu halten, weil sie leck geworden waren, so entschloß er
-sich endlich den Kampf abzubrechen und nach Indien zu gehen. Ohne
-Zwischenfälle erreichte er die Andjediven, machte dort drei Tage halt
-und segelte dann nach Kananor, wo er den Vicekönig fand (im Dec.
-1508). Leider mußte er hier erfahren, daß Almeida zwei von seinen
-rebellischen Capitänen in Freiheit gesetzt, und den dritten, um sich
-zu rechtfertigen, nach Portugal entsendet hatte. Da er zum Nachfolger
-im Commando ernannt worden war, so verlangte er die Uebergabe des
-Oberbefehls; aber Almeida, augenblicklich in der Ausrüstung seines
-Zuges gegen Goa begriffen und begierig, noch vor Ablauf seines
-Regiments die vor Tschaul den portugiesischen Waffen zugefügte
-Niederlage und den Tod seines Sohnes zu rächen, erklärte, er werde
-sein Amt nicht vor dem Schluß des laufenden Jahres niederlegen, auch
-sei das Schiff, auf dem er, der von Portugal ergangenen Weisung gemäß,
-zurückkehren solle, noch nicht angelangt. Dieses Schiff aber war, wie
-bereits berichtet ist, an der ostafrikanischen Küste gescheitert und
-untergegangen. Mißmuthig wartend zog sich Albuquerque nach Kotschin
-zurück.
-
-Kurz darauf, am 12. December 1508 brach Almeida mit neunzehn Segeln
-gegen Norden auf; später stießen noch vier Schiffe zu ihm, so daß seine
-Flotte nun dreiundzwanzig Schiffe mit 1600 Mann Truppen zählte. Noch
-vor Ablauf des Jahres wurde die Stadt Dabul erstürmt und entsetzlich
-verwüstet, so daß die Zerstörung dieser Stadt im Orient noch lange mit
-Schaudern erzählt und sprichwörtlich wurde als ein Beispiel unerhörter
-Vernichtung.
-
-Erst am 2. Februar 1509 kam das Geschwader vor Diu an. Im Hafen lagen
-die Flotten der Aegypter und des Statthalters von Diu, Melek Eias,
-vereinigt; auch der Samudrin hatte eine Anzahl bewaffneter Fusten
-zu Hilfe gesendet. Aber die drei Parteien trauten einander nicht,
-besonders Melek Eias spielte eine zweifelhafte Rolle. Am folgenden Tage
-drang Almeida in den Hafen ein und richtete seinen Angriff lediglich
-auf die ägyptischen Schiffe. Eins nach dem andern wurde geentert und
-versenkt, so daß der Flottenführer Hussein nur mit Noth dem allgemeinen
-Verderben entrinnen konnte. Er verließ heimlich sein Schiff, bestieg
-am Lande ein Pferd und jagte flüchtig nordwärts nach Kambaya. Als die
-Schiffe von Diu und Kalikut sahen, daß der Ausgang des Kampfes nicht
-mehr zweifelhaft blieb, und daß man sie vorläufig schonen wollte, zogen
-sie sich bei Zeiten zurück. Auch hatte sich Almeida dafür entschieden,
-Melek Eias vor Diu nicht anzugreifen, obwohl derselbe die Hauptursache
-gewesen, daß sein Sohn Lourenço gefallen war. Der Vicekönig mochte
-auch befürchten, durch einen Angriff auf Diu den Oberherrn des Landes,
-den König von Gudjerat, mit in den Krieg zu verwickeln. Ihm war vor
-allem darum zu thun, die mohammedanischen Aegypter aus den indischen
-Gewässern zu vertreiben; mit den einheimischen Fürsten hoffte er
-dann schon wieder in ein freundlicheres Verhältniß treten zu können.
-In diesem Bestreben kam ihm sogar das schlaue Verhalten Melek Eias
-entgegen, welcher sich nicht entblödete, den portugiesischen Sieger
-wegen seines Erfolges zu beglückwünschen und ihm seine Dienste
-anzubieten. Almeida begnügte sich daher auch, nur die Auslieferung
-der Portugiesen zu verlangen, die auf dem Schiffe seines Sohnes zu
-Gefangenen gemacht waren. Dieselben wurden auch alsbald durch Melek
-Eias zurückgesandt. Dann kehrte der Vicekönig nach Kotschin zurück.
-Hier erneuerte Albuquerque wiederum seine gerechte Forderung, ihm den
-Oberbefehl zu übergeben; aber Almeida zögerte immer wieder, weil das
-erwartete Schiff noch nicht angelangt sei. Erst als Fernão Coutinho im
-Oktober 1509 von Portugal mit vierzehn Schiffen in Kotschin einlief
-und bestimmten Befehl für den Wechsel des Obercommandos mitbrachte,
-trat Almeida von seinem Amte zurück und schiffte sich am 19. December
-ein. Aber er sollte die Heimat nicht wieder sehen. Das Schiff ging an
-der Westküste von Südafrika, in der Saldanhabai, vor Anker um Wasser
-einzunehmen. Dabei verwickelte sich die Mannschaft in einen Kampf mit
-den Hottentotten und 150 tapfere Streiter, darunter elf Hauptleute,
-welche in Indien Wunder der Tapferkeit gethan, wurden sammt dem
-Vicekönig von den nackten Wilden überwältigt und erschlagen. „Nie,“
-so klagt de Barros, „erlitten die portugiesischen Waffen ein größeres
-Unglück!“[106]
-
-Almeida war ein tüchtiger Soldat, ein uneigennütziger, sittlich reiner
-Charakter und daher auch bei jedermann beliebt und hochgeachtet.
-Er sorgte väterlich für die Soldaten, aber er stellte auch an ihre
-Leistungen hohe Ansprüche. Ihre materielle Lage suchte er zu heben,
-denn ihr Sold war gering, und daher kamen häufig Desertionen vor. Der
-König war nur darüber unzufrieden, daß Almeida mit seinen Belohnungen
-nicht geizte. Dieser aber sah sich vielfach durch die von Portugal
-ergangenen Befehle in seinen Unternehmungen gekreuzt. Namentlich
-tadelte er das Verfahren der portugiesischen Verwaltung, ihm Höflinge
-zu senden, die nichts leisteten, aber in Indien alsbald höhere Stellen
-beanspruchten, ohne sie verdient zu haben. Dem König schrieb er: „Ich
-rathe Euch, dem Vicekönig, den Ihr sendet, mehr Vertrauen zu schenken,
-als mir zu Theil geworden ist, und keine Befehle zu erlassen, ehe Ihr
-Eure Rathgeber in Indien gehört habt.“
-
-Er wollte alle Macht auf die Beherrschung des Meeres an der Westküste
-Indiens werfen und die Flotte nicht durch Operationen an der
-afrikanischen oder arabischen Küste zersplittert sehen. Daher seine
-Abneigung gegen Albuquerque, in welcher er durch die abtrünnigen
-Capitäne desselben bestärkt wurde. Als ihm der König befahl, Schiffe
-nach Malaka zu senden, erwiderte er, dazu habe er noch keine Zeit, in
-Indien gebe es noch genug zu thun.
-
-So handelte er stets nach einem festen Plane und ließ sich selbst
-durch directe Befehle, die von Portugal an ihn ergingen, nicht davon
-abbringen. Daß sein System mit ihm fallen würde, sah er voraus; denn
-sein Nachfolger schlug ganz andere Bahnen ein und erweiterte den
-Kampfplatz über die ganze Breite des indischen Oceans. In trüber
-Stimmung, erhöht durch die Erinnerung an den herben Verlust seines
-tapferen Sohnes, verließ der erste Vicekönig Indien und fand auf
-afrikanischem Boden ein tragisches Ende.
-
-
-7. Affonso d’Albuquerque, Generalcapitän und Governador von Indien.
-
-Nachdem Almeida Indien verlassen hatte, traf Albuquerque in
-Gemeinschaft mit dem Marschall Coutinho seine Vorbereitungen, Kalikut
-anzugreifen und den Samudrin zu züchtigen; denn König Manuel hatte
-diesen Angriff dringlich befohlen. Fernão Coutinho ergriff diese
-Gelegenheit, sich in Indien mit Kriegslorbeeren zu schmücken, mit
-unverhohlener Freude. So wurde er des lästigen Commandos über die
-Handelsflotte ledig. „Seine Vorfahren hätten sich nicht mit Handel
-abgegeben, und er selbst habe auch keine Neigung für solches Gewerbe.“
-Er war durch und durch Soldat und blickte mit Verachtung auf die
-Kriegsleistungen der Indier. Am Abend des 2. Januar 1510 erschien die
-vereinigte Flotte vor Kalikut, sie hatte, ungerechnet die indischen
-Hilfstruppen, gegen 2000 portugiesische Soldaten am Bord. Der Samudrin
-selbst war wahrscheinlich auf einem Feldzuge gegen einen benachbarten
-Fürsten von seiner Hauptstadt fern, als die drohende Macht vor seiner
-Residenz erschien. In der Nähe der Stadt, nicht fern vom Meere, lag auf
-einer Anhöhe das Schloß des Fürsten, welches in der Zwischenzeit durch
-Erdwälle verschanzt und in eine Festung umgewandelt war. Hieher mußte
-sich der erste Angriff richten, wenn die unbefestigte Stadt selbst
-dauernd gewonnen werden sollte.
-
-Coutinho forderte die Führung des ersten Treffens, er hoffte wohl
-allein mit der feindlichen Streitmacht fertig werden zu können.
-Albuquerque willigte nur ungern ein, weil er den Marschall als einen
-Hitzkopf kannte, der mit den indischen Kriegslisten noch zu wenig
-vertraut war und ohne viel Ueberlegung drauf los ging in der Erwartung,
-schon beim ersten Waffengange seine Gegner in alle Winde zu verjagen.
-
-Als aber am Morgen des 3. Januar die Ausschiffung der Truppen begann,
-zeigten sich die Nair doch so zäh im Widerstande und überschütteten
-ihre Feinde mit einem solchen Hagel von Geschossen, daß die Portugiesen
-bei ihrem Angriff sich zu theilen beschlossen. So kam es, daß indem
-beide Feldherren verschiedene Landungsplätze wählten, Albuquerque seine
-Leute eher ans Land geworfen hatte und zum Sturm überging als sein
-Waffengefährte. Nach einem erbitterten Kampf um den Wall, bei welchem
-schon viele Streiter fielen, drang der Generalcapitän zuerst in die
-Schanzen ein, ließ Feuer in die königlichen Häuser werfen und vertrieb
-die Indier aus der festen Stellung. Coutinho sah sich dadurch um den
-ersehnten Ruhm betrogen und nannte, vor Zorn und Schmerz glühend,
-jenen ein um das andere Mal einen wortbrüchigen Menschen, der anderen
-keine Ehre und Auszeichnung gönne. Albuquerque blieb bei diesen
-Schmähungen kaltblütig und wies darauf hin, daß man oft im Kriege gegen
-den vorgefaßten Plan handeln müsse, wenn der günstige Augenblick es
-fordere. Auch sei mit diesem ersten Erfolg der Sieg noch keineswegs
-entschieden. Der Gegner sei zwar zurückgewiesen, aber seine Macht noch
-nicht gebrochen. Allein Coutinho achtete nicht darauf, in blinder
-Aufregung gebot er sofort den Angriff auf die Stadt. Hier wollte er
-der erste sein und die Brandfackel in den großen königlichen Palast
-schleudern. In einem entfernten Stadttheile lagen auf einem freien
-Platze, von Mauern umgeben, die weitläufigen Gebäude des Fürstensitzes.
-Trotz des Widerstandes drangen Coutinho und seine Schaar durch Thor und
-Mauerlücken ein und legten Feuer an, worauf die Indier zurückwichen.
-Albuquerque folgte, nachdem er vorsorglich einen Theil seiner
-Mannschaft am Ufer zur Bewachung der Böte zurückgelassen hatte, durch
-Kampf in den Straßen der Stadt aufgehalten, langsam nach. Coutinho
-glaubte schon, im Besitze des Palastes, sich des vollständigen Sieges
-erfreuen zu können, und gestattete sorglos seinen Soldaten sich zu
-zerstreuen und die königlichen Schätze zu plündern. Darauf hatten aber
-die Indier gewartet; sie sammelten sich von neuem und gingen wieder
-zum Angriff über. Sie umzingelten in hellen Haufen den Palast und
-drangen endlich trotz der hartnäckigen Gegenwehr des portugiesischen
-Hauptmanns, dem die Bewachung des einen Thores übergeben war, wieder
-in den Hof ein und fielen über die zerstreuten Portugiesen her.
-Albuquerque konnte nur mit Mühe bis in die Nähe des Kampfplatzes
-vordringen und sandte Boten über Boten an den Marschall, um ihn zu
-eiligem Rückzuge aufzufordern. Dieser aber verachtete immer noch die
-drohende Gefahr und erwiderte, der Generalcapitän möge nur ruhig den
-Abmarsch antreten, er selbst werde folgen, wenn seine Mannschaft sich
-wieder gesammelt hätte.
-
-Selbst von allen Seiten umdrängt, wich Albuquerque langsam zurück.
-Der Rückzug ging durch einen Hohlweg, von dessen hohen Rändern aus
-die Indier mit Wurfspießen, Pfeilen und Steinen die Portugiesen
-überschütteten. Von Coutinho war er vollständig abgeschnitten und
-konnte nur auf sich selbst Bedacht nehmen, da seine Truppen sich
-weigerten, noch einmal den Versuch zu wagen, sich bis zu dem Marschall
-durchzuschlagen. Albuquerque wurde im Gewühl zuerst schwer am linken
-Arme verwundet, erhielt dann einen Pfeilschuß in den Nacken und mußte
-endlich, als ihn ein mächtiger Stein vor die Brust traf, besinnungslos
-fortgetragen werden. Der Marschall aber fiel mit 80 Kampfgefährten. So
-endigte, durch die Tollkühnheit Coutinho’s herbeiführt, dieser Angriff
-auf Kalikut als vollständige Niederlage; und hätte nicht Albuquerque
-am Ufer die Schiffe mit starker Mannschaft bewachen lassen und wäre
-die See nicht ruhig gewesen, so hätte der Ausgang des Tages für die
-Portugiesen dermaßen verhängnißvoll werden können, daß ihre ganze
-Machtstellung in Indien zweifelhaft geworden wäre.
-
-Nach dem Fall Coutinho’s erhielt Albuquerque auch das Commando über
-dessen Schiffe und begab sich nach Kotschin. Kaum war er von seinen
-Wunden genesen, so sann er auf neue Kriegspläne. Ende Januar 1510 waren
-21 Schiffe ausgerüstet und bemannt. Es schien, als wollte er, dem
-Befehl seines Königs gemäß, nach dem rothen Meere segeln, um dort einer
-neuen ägyptischen Flotte entgegenzutreten. Aber der Generalcapitän
-hatte seine wahren Absichten nur geheim gehalten, um desto
-erfolgreicher einen unerwarteten Schlag zu thun. Er hatte sein Absehen
-auf +Goa+ gerichtet, welches so ziemlich auf der Mitte der Westküste
-Vorder-Indiens und dazu in der Nähe der Andjediven gelegen, wohin die
-von Afrika herübersteuernden Schiffe meistens ihren Lauf richteten,
-besonders günstig erschien, um von hier aus das westliche Meer und die
-Straßen nach Ormuz und Aden zu beherrschen. Goa lag auf einer flachen,
-aber nicht feuchten Insel, welche durch die gemeinsame Arbeit mehrerer
-von den Westghats herabkommender Flüsse aus dem continentalen Ufersaume
-gleichsam herausgeschnitten war. Die Insel ist von Osten nach Westen
-ungefähr drei Meilen lang und von Norden nach Süden zwei Meilen breit.
-Das höhere, hügelige Land läuft gegen die See in eine Spitze aus. Die
-gegen das Meer bedeutend erweiterten Mündungen gestatteten den Zutritt
-der Flut um die ganze Insel. Die alte Stadt lag auf der Südseite, die
-neue Stadt war ungefähr vierzig Jahre vor der Ankunft der Portugiesen
-in Indien von Mohammedanern gegründet, die von der etwa 18 Meilen
-weiter südlich gelegenen Stadt Onor hieher geflüchtet und sich unter
-der Führung Melek Husseins hier angesiedelt hatten. Die Canäle, welche
-die Insel und Stadt umziehen, sind voll von Krokodilen und durften
-daher, wenn sie zur Ebbezeit durchwatbar werden, nur mit Vorsicht
-durchschritten werden. Alt-Goa ist jetzt fast ganz verlassen, nur
-Geistliche und Mönche wohnen noch dort zwischen den großartigen Ruinen
-zahlreicher Kirchen und Klöster. Der Hafen der neuen Stadt ist wegen
-seiner wunderbaren landschaftlichen Schönheit hoch gepriesen.
-
-Die Zeit zum Angriffe war von Albuquerque insofern sehr günstig
-gewählt, als der damalige Beherrscher Adil-Schah, der König von
-Bidjapur, nur wenig Truppen in der Stadt unterhielt. Die Bevölkerung
-des Hafenplatzes und die militärische Besatzung standen in ihren
-Interessen einander gegenüber. Als Albuquerque mit seiner Flotte
-vor der Einfahrt zum Hafen angelangt war, schickte er seinen Neffen
-Antonio de Noronha mit bewaffneten Böten voraus, um das Fahrwasser in
-den Canälen zu untersuchen. Bei einer Biegung des Flusses sahen sich
-die Portugiesen plötzlich der Citadelle von Pandjin gegenüber, welche
-nach der Seeseite die Stadt deckte. Unverweilt, ehe die Besatzung sich
-sammelte und die Kanonen bedienen konnte, gingen die Portugiesen zum
-Sturm über und drangen durch die Schießscharten und über den Wall in
-die Citadelle, welche, nachdem ihr Befehlshaber verwundet worden, von
-der Besatzung aufgegeben wurde. Der Generalcapitän hörte in der Ferne
-das Kampfgetöse und gab sofort Befehl, mit allen Truppen vorzugehen,
-fand aber bei seiner Ankunft den befestigten Platz bereits in den
-Händen der Seinigen. Die Truppen des Adil-Schah zogen sich auch aus der
-Stadt zurück, und ihr Anführer empfahl den Bürgern, sich ohne Gegenwehr
-zu ergeben, denn die abendländischen Feinde seien unwiderstehlich. So
-erschien schon am nächsten Tage eine Gesandtschaft von Bürgern vor
-Albuquerque und bot gegen Sicherheit des Lebens und Eigenthums die
-Unterwerfung an. Dieselbe wurde angenommen, doch wurde das vorhandene
-Kriegsmaterial als Beute erklärt, Albuquerque zog mit seinen Truppen in
-die Stadt und nahm den Palast des Statthalters in Besitz. Die eroberte
-Citadelle wurde verstärkt, und die Flotte ging im Hafen vor Anker. Die
-Schiffe wurden zum Theil sogar abgetakelt, damit während der Regenzeit
-das Tauwerk nicht zu sehr litte; denn Albuquerque gedachte längere Zeit
-in Goa zuzubringen.
-
-Inzwischen aber sammelte der Fürst des Landes ein größeres Heer und
-rückte zum Entsatz heran. Die Portugiesen konnten die unbefestigte
-Stadt nicht behaupten, und zogen sich auf die Schiffe zurück; aber
-gedeckt durch die Kanonen der Citadelle blieb die Flotte noch im Hafen
-liegen.
-
-Gegen Ende Mai trafen die Indier Vorkehrungen, dem Feinde den Rückzug
-abzuschneiden, sie versenkten Schiffe in dem unteren Theile des Canals,
-der zur See führte, und ließen brennende Flöße den Fluß hinabtreiben,
-um die portugiesischen Fahrzeuge in Brand zu setzen. Bei dieser
-drohender werdenden Gefahr mußte sich Albuquerque entschließen,
-vorläufig das Errungene wieder aufzugeben. Aber auch der Rückzug war
-mit bedeutenden Schwierigkeiten verknüpft. Einzeln mußten seine Schiffe
-zwischen den versenkten Fahrzeugen hindurch geführt werden und waren
-dabei unausgesetzt dem Feuer der Feinde preisgegeben, welche an beiden
-Seiten Schanzen aufgeworfen hatten. Diese mußten also erst erstürmt
-werden, um das Feuer der Gegner zum Schweigen zu bringen. Und selbst
-als dieses gelungen war, hemmte noch das seichte Wasser über der Barre
-das Auslaufen der Flotte in die See eine längere Zeit. Von allen
-Hilfsmitteln des Landes abgeschnitten, trat Mangel an Lebensmitteln
-und Wasser ein, der Mann bekam täglich nur noch vier Unzen Zwieback,
-und auf einigen Schiffen sah man sich sogar gezwungen, Jagd auf Ratten
-zu machen. Jeder Tropfen Wasser mußte mit Blut erkauft werden. Antonio
-de Noronha wurde durch einen Pfeilschuß verwundet und starb am dritten
-Tage, ein herber Verlust für Albuquerque, welcher seinen heldenmüthigen
-Verwandten sehr hoch schätzte. Zwar verrichteten noch manche Wunder
-der Tapferkeit und gewannen dadurch die Bewunderung ihrer Feinde; aber
-bei vielen griff Mißmuth und Verzagtheit dergestalt um sich, daß sie
-in ihrer Verzweiflung und von Durst und Hunger gequält, desertirten.
-Albuquerque bewies auch in dieser Noth seine Seelenstärke, feuerte
-seine Schaar durch Trostesworte immer von neuem an und theilte mit
-ihnen alle Entbehrungen und Gefahren. Erst im August gelang es ihm,
-über die Barre hinwegzukommen und die See zu gewinnen. Es war die
-zweite Niederlage, die er erlitten; aber sein Muth war nicht gebrochen
-und seine Absichten auf Goa behielt er im Auge. Vorläufig allerdings
-mußte er seinen Truppen Ruhe gönnen und wandte sich daher mit seiner
-Flotte südwärts zu dem befreundeten Hafen nach Kananor. Auf dem Wege
-dahin stießen vier Schiffe des Diogo Mendes de Vascogoncellos zu ihm,
-die von Portugal aus den Auftrag erhalten hatten, einen Streifzug
-nach dem berühmten Markte von Malaka zu unternehmen, weil man damals
-im Mutterlande noch nicht erfahren hatte, daß, wie wir später sehen
-werden, Lopez de Sequeira bereits jener Handelsstadt einen Besuch
-abgestattet hatte. In Kananor stieß dann noch ein zweites Geschwader
-zu ihm, welches unter der Führung des Capitän Gonçalo de Sequeira
-mit sieben Handelsschiffen und frischen Truppen im März von Lissabon
-ausgelaufen, aber ein Schiff an der afrikanischen Küste verloren hatte.
-
-Dieser Zuwachs an Macht bestärkte den Generalcapitän, einen neuen
-Angriff auf Goa zu machen. Vascogoncellos erklärte sich bereit, an
-diesem Zuge theilzunehmen, da der ihm gewordene Auftrag bereits
-erledigt sei. Gonçalo de Sequeira dagegen glaubte die Theilnahme
-ablehnen zu müssen, weil einerseits die meisten Schiffe Privatrhedern
-gehörten, welche nur, um Handel zu treiben, gekommen wären, und
-anderseits ihre nächste Hilfe dem Fürsten von Kotschin gehöre, welcher
-von einem Nebenbuhler, den der Samudrin mit Truppen unterstützte,
-hart bedrängt werde. Um diesen zweiten Grund sofort zu erledigen, ging
-Albuquerque mit einigen Schiffen und Mannschaften nach Kotschin und
-stellte die Ruhe und gesetzmäßige Regierung in kurzer Frist wieder
-her. Dann berief er in dieselbe Stadt einen Kriegsrath sämmtlicher
-Hauptleute, um sie für seinen Plan zu gewinnen.
-
-Dieser Rath trat am 12. October 1510 zusammen. Der Generalcapitän legte
-der Versammlung die Frage vor, ob sie nicht seinem Plane zustimmen
-wolle, während die Handelsschiffe in Kotschin ihre Gewürzfrucht
-einnähmen, alle verfügbare Mannschaft mit seinen Truppen zu vereinigen,
-um Goa von neuem zu erobern.
-
-Diese Berathung ist in der späteren Zeit von außerordentlichen Folgen
-gewesen. Hier war es, wo +Fernão de Magalhães+ sich entschieden für
-die Ansicht Sequeira’s aussprach und Albuquerque dadurch auf das
-empfindlichste verletzte: +Vor+ dem 8. November werde man bei den
-augenblicklich herrschenden Gegenwinden schwerlich mit der Flotte vor
-Goa erscheinen können (-- Albuquerque kam in der That erst am 24.
-November dahin --); dann werde aber die Rückfahrt der Handelsschiffe
-dermaßen verzögert, daß man entweder der am Kriegszuge betheiligten
-Mannschaft später keine Zeit lassen könne, ihre eigenen Angelegenheiten
-zu betreiben, um sich zur beschleunigten Abreise einzurichten, oder es
-werde der günstige Monsun verpaßt.
-
-Albuquerque erklärte dagegen aufs bestimmteste, er werde den nächsten
-Tag aufbrechen, er werde auch niemanden gegen seinen Wunsch zwingen
-mitzugehen, aber er wünsche deshalb diesen Zug so bald als möglich zu
-unternehmen, um mit der demnächst abzufertigenden Handelsflotte seinem
-Könige eine erfreuliche Botschaft aus Indien übersenden zu können.
-
-So blieben die +Ansichten+ getheilt und der Generalcapitän gewann nur
-einen Theil der Stimmen für sich. Der Widerspruch Magalhães legte
-den Grund zu dem ungünstigen Urtheile, welches Albuquerque in einem
-Berichte an den König über jenen fällte, und welches wohl die Ursache
-war -- denn wir kennen keine andere -- daß Manuel späterhin, als
-Magalhães um eine bescheidene Erhöhung seiner wohlverdienten Pension
-nachsuchte, die Gewährung dieser Bitte verweigerte, wodurch der
-Bittsteller sich so sehr verletzt und zurückgesetzt fühlte, daß er
-seinem Vaterlande den Rücken kehrte und auf spanischen Schiffen seine
-berühmte, ja die berühmteste aller Weltreisen unternahm. Magalhães
-scheint bald nach dem Conflicte mit Albuquerque Indien verlassen zu
-haben, denn hier sah er von da an sich aller Gelegenheit beraubt,
-Aufzeichnung und Ruhm zu gewinnen.
-
-Die portugiesische Flotte, 23 Segel stark, erschien mit 1600 Mann
-Soldaten am 20. November vor Goa. Gaspar de Paiva hatte, mit drei
-Schiffen vorausgesandt, schon einige Zeit vor dem Hafen gekreuzt und
-kein Schiff weder hinein, noch heraus gelassen. In der Stadt war man
-auf einen heißen Kampf gefaßt. Ohne Zeitverlust ging Albuquerque zum
-Angriff über, schon am 25. November wurde die Citadelle erstürmt und
-die Insel besetzt; aber gewarnt durch die schlimme Erfahrung von
-Kalikut duldete er nicht, daß die Soldaten sich zerstreuten. Dann wurde
-auch die Stadt selbst von zwei Seiten angegriffen und erobert. Viele
-Einwohner verließen die Stadt, aber bei ihrer hastigen Flucht sollen in
-den seichten Durchgängen der Canäle mehrere Tausende umgekommen sein.
-Alles was mohammedanisch war, wurde in dem eroberten Platze ohne Gnade
-niedergemacht: Männer, Weiber und Kinder. Eine Moschee, mit Gefangenen
-angefüllt, wurde den Flammen übergeben, so daß alle in dem Gotteshause
-Befindlichen ihren Tod fanden.
-
-Dann ließ Albuquerque ein starkes steinernes Kastell erbauen und
-gab ihm, dem König zu Ehren, den Namen Manuel. Im Vertrauen auf die
-dadurch gebotene Sicherheit ließen sich bald, neben den befreundeten
-Indiern, welche nach dem Sturm zurückkehrten, auch Portugiesen dauernd
-an diesem Platze nieder, welcher von den Siegern zum Mittelpunkte der
-portugiesischen Macht in Indien erhoben wurde.
-
-Der Fall Goa’s machte auf die Fürsten der Nachbarschaft einen
-bedeutenden Eindruck, weshalb sie sich beeilten, die Freundschaft der
-neuen Herren zu gewinnen. Der König von Kambaya gab den Neffen des
-Generalcapitäns Affonso de Noronha, der sich in seiner Gefangenschaft
-befand, nicht nur ohne Bedingung los, sondern erklärte sich auch
-bereit, den Bau einer Festung in Diu zu gestatten. Es erschienen
-Gesandtschaften von Gudjerat, von Kalikut, selbst aus dem Binnenlande
-von Bisnaga, alle bezeugten ihre Friedensliebe und wünschten bezüglich
-eines friedlichen Handelsverkehrs in Unterhandlung zu treten. Da indeß
-der Samudrin den geforderten Bau einer portugiesischen Citadelle nicht
-zugeben wollte, so zerschlug sich mit diesem Fürsten die Verhandlung.
-Emir Hussein, welcher damals in Kambaya sich befand, kehrte nach Kairo
-zurück, da er alle Hoffnung aufgegeben hatte, in Indien noch wieder zum
-Siege zu gelangen, und der Sultan von Aegypten ließ gleichfalls mit dem
-weiteren Bau einer Flotte innehalten.
-
-So war die Wirkung der Eroberung Goa’s nach allen Seiten eine
-tiefgehende. Goa hatte nicht blos eine dauernde Besatzung von 400 Mann
-in der Burg, sondern wurde eine portugiesische Stadt, sie war Eigenthum
-ihres Königs, und die Fürsten Indiens mußten diesen staatlichen Besitz
-anerkennen. Und daß die Portugiesen die neuen Verhältnisse in Goa in
-ähnlicher Weise auffaßten, beweist die Thatsache, daß bald darauf eine
-Münzstätte in der Stadt errichtet wurde, wo nicht blos neues Geld
-geprägt, sondern auch alles indische Geld, wenn es allgemein gültig
-sein sollte im Verkehr, mit einem portugiesischen Stempel versehen
-wurde. Aber der portugiesische Feldherr war nicht gewillt, von Goa
-aus die friedliche Entwicklung seiner Macht zu leiten. Seine Blicke
-schweiften bereits über Vorder-Indien hinaus nach Malaka, welches als
-bedeutendster Gewürzmarkt Hinter-Indiens galt, und ohne dessen Besitz
-die Portugiesen nie das Monopol erwarben; denn von Malaka aus gingen
-die Handelsschiffe direct, mit Umgehung Vorder-Indiens, nach dem rothen
-Meere. Sollte also Goa gehoben und zum Mittelpunkte des Verkehrs in
-Vorder-Indien gemacht werden, dann konnte dies nur erreicht werden,
-wenn Malaka gleichfalls in portugiesischen Besitz übergegangen war.
-
-Diogo Lopez de Sequeira war der erste gewesen, der jenen fernen
-Handelsplatz erreicht hatte. Er war 1508 von Portugal mit vier Schiffen
-abgegangen, hatte unterwegs Madagascar besucht und langte im Frühjahr
-1509 in Kotschin an. Der Vicekönig Almeida gab ihm noch ein fünftes
-Schiff, auf welchem Francisco Serrão, dessen abenteuerliche Reise nach
-den Molukken uns später beschäftigen wird, und Fernão de Magelhães
-dienten. Am 8. September desselben Jahres war Sequeira wieder von
-Kotschin aufgebrochen, war an Ceylon und den Nikobaren vorüber nach
-Nordsumatra gesteuert, wo er die Landschaft Pedir besuchte, denn
-Sumatra lieferte schon damals am meisten Pfeffer, und war endlich
-glücklich in Malaka angelaufen. Die Mauren gaben sich auch hier sofort
-alle erdenkliche Mühe, die Ankömmlinge zu verdächtigen, trotzdem wurden
-die Portugiesen wohlwollend aufgenommen, wenn auch der Sultan Mahmud
-durch seine Grausamkeit berüchtigt war und nicht blos seinen Bruder,
-sondern sogar seine Gemahlin hatte hinrichten lassen.
-
-Die Chinesen kamen den Portugiesen zuerst in freundlicher Weise
-entgegen. Es war das erstemal, daß man mit den Söhnen aus dem Reiche
-der Mitte zusammentraf. Die weiße Hautfarbe dieser Leute aus dem
-Osten, ihre unbefangene Art, sorglos zu den fremden Schiffen wie zu
-den asiatischen heranzurudern und den Kleinhandel zu eröffnen, selbst
-manche ihrer Sitten und ihre Tracht wollte mehr ans Abendland, als
-an den fernsten Osten gemahnen. Man darf nicht vergessen, daß die
-Chinesen damals noch keinen Zopf trugen. Damian de Goes (a. a. O.
-S. 300) fand eine Aehnlichkeit mit vlaamischen oder niederdeutschen
-Gewohnheiten, und ähnlich äußert sich auch Barros.[107] Man fand bei
-ihnen nicht den hemmenden Kastengeist, denn sie scheuten sich ja auch
-nicht, mit den Portugiesen aus +einer+ Schüssel zu essen. So war es
-natürlich, daß Europäer und Chinesen, beide in der Stadt Fremdlinge,
-sich einander freundschaftlich näherten, und daß diese ihren neuen
-Geschäftsfreunden die Warnung zukommen ließen, den Malayen nicht zu
-sehr zu trauen. Darum ging auch der portugiesische Capitän nicht
-selbst zur Audienz, sondern entsendete den Jeronimo Texeira, welcher
-indeß eine gute Aufnahme fand und vom Sultan ein Lagerhaus angewiesen
-erhielt, um von da aus den Handel mit den einheimischen Kaufleuten zu
-eröffnen. Die Portugiesen gingen dann ungehindert in der Stadt umher,
-waren aber leider unbedachtsam genug, sich auch nach der Kriegsflotte
-des Sultans umzusehen, was die Mohammedaner, und unter ihnen namentlich
-der abgefeimte Schatzmeister, sofort zu ihrem Vortheile ausbeuteten,
-um die Fremden als Spione zu verdächtigen. Mit Einverständniß des
-Sultans wurde ein Plan entworfen, die Portugiesen zu vernichten.
-Zuerst hoffte man den Anführer und einige der vornehmeren Offiziere
-bei einem Gastmahl überfallen und ermorden zu können, aber Sequeira
-lehnte die Einladung ab und entschuldigte sich mit Krankheit. Dann
-wollte man die portugiesische Mannschaft in der Stadt, an verschiedenen
-Orten, wohin man sie gelockt, um ihnen Lebensmittel zu verkaufen,
-einzeln überfallen, inzwischen aber auch eine Anzahl von kleineren
-Schiffen bereithalten, um das Geschwader der Fremden anzugreifen,
-wenn es von Mannschaft halb entblößt sei. Glücklicherweise gelang der
-Verrath nur zum Theil. Die Wache auf den Schiffen machte, als sie die
-Unruhe in der Stadt gewahrte, rechtzeitig Lärm, sodaß die Mannschaft
-an Bord augenblicklich zur Vertheidigung bereit war. Aber etwa 30
-Portugiesen, die sich am Hafen und in der Stadt befanden, wurden theils
-getödtet, theils gefangen. Francisco Serrão, welcher sich in der Nähe
-des Landungsplatzes aufhielt, konnte sich nur mit einigen Matrosen
-retten, die übrigen mußte man vorläufig ihrem Schicksale überlassen,
-denn Sequeira fühlte sich keineswegs stark genug, die volkreiche
-Stadt anzugreifen; er begnügte sich damit, einige feindliche Schiffe
-in den Grund zu bohren und kehrte dann nach Vorder-Indien zurück.
-Als das Gerücht von der zweiten Eroberung Goa’s auch bis nach Malaka
-gedrungen war, ließ der Hafenmeister (Schahbender) den neunzehn noch
-am Leben befindlichen gefangenen Portugiesen eine bessere Behandlung
-zutheilwerden; ihre Freiheit erhielten sie aber erst wieder, nachdem
-Albuquerque die Stadt erobert hatte.
-
-An seinen Plan, gegen Malaka zu ziehen, wurde der Generalcapitän bald
-nach der Besitzergreifung von Goa in unangenehmer Weise erinnert,
-als der Capitän Mendes de Vascogoncellos, dessen kleines Geschwader
-ursprünglich nach Malaka bestimmt war, von dem Oberfeldherrn sich
-Urlaub erbat, um seinen Auftrag auszurichten. Albuquerque zögerte
-mit der Abfertigung, weil er entweder der Ueberzeugung war, daß ein
-so kleines Geschwader nicht die genügende Sicherheit auf Erfolg
-biete, oder weil er selbst erst noch mehr Mittel aufbieten wollte.
-Vascogoncellos wollte daher heimlich entweichen, ging bei Nacht mit
-seinen Schiffen über die Barre von Goa in See, wurde aber von einigen
-nachgesandten Böten eingeholt und sah sich genöthigt, dem strengen
-Befehl Albuquerque’s, zurückzukehren, Folge zu leisten. Er selbst blieb
-längere Zeit in Goa in Gefangenschaft, ein Steuermann aber und der
-Lotse wurden zur Strafe für diese Flucht an der Rae aufgeknüpft.
-
-Der Generalcapitän wäre am liebsten selbst nach Malaka sofort
-aufgebrochen; allein dem stand ein Befehl Don Manuels entgegen, einen
-Zug nach dem rothen Meere zu unternehmen, um diesen Handelsweg endlich
-für die Mohammedaner zu schließen. Er lief auch wirklich mit 23
-Schiffen aus, sah sich aber durch widrigen Monsun zuerst aufgehalten
-und dann ganz an die Küste zurückgetrieben, so daß er wieder in Goa
-einlaufen mußte. Derselbe Monsun aber, welcher die Fahrt nach NW. nicht
-gestattete, begünstigte eine Expedition nach SO. und so entschloß
-sich Albuquerque kurzer Hand mit der schlagfertigen Flotte vor Malaka
-zu ziehen und sie für ihren Verrath an Sequeira zu strafen. Es war
-noch im Frühjahr 1511, als die Flotte von neunzehn Segeln, mit 800
-Portugiesen und 600 indischen Hilfstruppen von Kotschin nach Malaka
-abging. Den Feldherrn begleiteten Antonio d’Abreu und Francisco Serrão,
-die späteren Entdecker der Molukken und Fernão Peres d’Andrade, einer
-der ersten Chinafahrer.
-
-Das Gebiet von Malaka war ursprünglich von Siam abhängig gewesen; die
-in früherer Zeit berühmte Hafenstadt Singapur war aber hinter Malaka
-zurückgetreten, seitdem sich im 15. Jahrhundert der Islam in diesem
-Gebiete verbreitet hatte, denn in Malaka herrschte der Glaube Mohammeds
-vor. Aber die ehemaligen Statthalter hatten sich seit fast 100 Jahren
-zu selbstständigen Herren aufgeworfen. Durch geschickte Begünstigung
-und Ausbeutung des Handels zu großem Reichthum gelangt, verwandte
-Mahmud seine bedeutenden Mittel auf die Gründung einer Kriegsflotte,
-welche ihm den Besitz des Hafens und die Herrschaft über die See
-sichern mußte. Nun dehnten sich die Handelsbeziehungen noch weiter aus,
-denn die Hauptnationen waren in freier Weise durch Berufsbeamte im
-Handel gedeckt. Diese Schahbender (Hafenmeister) vertraten China, Java,
-Kambaya und Bengalen. Die Handelsverbindungen reichten bis nach Japan,
-und der Platz wurde von allen umwohnenden Völkern besucht, nur nicht
-von den Siamesen, die sich immer noch mit dem Sultan auf Kriegsfuß
-befanden und ihren frühern Verlust nicht verschmerzen konnten. Das
-Königreich Malaka erstreckte sich etwa 100 Meilen an der Küste hin,
-reichte aber nirgends über 10 Meilen weit ins Binnenland.
-
-Die Stadt liegt sehr günstig an der Grenze verschiedener Monsune,
-denn in den chinesischen Gewässern herrschen andere Winde als im
-bengalischen Meere, daher sich hier ein natürlicher Sammelplatz für
-Araber, Inder und Chinesen bot. Die Häuser des Handelsplatzes dehnten
-sich eine Meile am Wasser hin, -- es ist der Canal, welcher die
-hinter-indische Halbinsel von Sumatra scheidet. Ein Fluß trennte die
-Häusermenge in zwei Theile, aber eine Brücke verband wiederum beide
-Hälften. Albuquerque, welcher denselben Weg eingeschlagen hatte wie
-Sequeira, langte am 1. Juli vor Malaka an, bereits in Pedir auf Sumatra
-waren acht Portugiesen, die noch in Malaka gefangen gewesen waren und
-die Flucht ergriffen hatten, zu ihm aufs Schiff gekommen. Von ihnen
-erfuhr er auch, daß der Hauptanstifter des Verrathes, der javanische
-Hafenmeister, eine Intrigue gegen den Fürsten angesponnen und seine
-Verschwörung mit dem Leben bezahlt hatte; er erfuhr ferner, daß Sultan
-Mahmud 8000 Geschütze besitze, um die lange, dem Meere zugekehrte Seite
-kräftig vertheidigen zu können, daß er 30,000 Mann Soldaten und selbst
-Kriegselephanten zu seiner Verfügung habe. Albuquerque ließ sich durch
-die großen Zahlen nicht schrecken, sondern forderte ohne Umschweife
-die Auslieferung der noch zurückbehaltenen Gefangenen. Eine sofortige
-Erledigung würde im Orient als Feigheit angesehen sein; der Sultan
-weigerte sich also, ohne weiteres darauf einzugehen. Als Antwort darauf
-ließ der portugiesische Admiral die Häuser am Strande und die Schiffe
-im Hafen in Brand stecken. Dann gab man die Gefangenen frei und unter
-ihnen auch den Handelsfactor Ruy d’Araujo, einen Freund Albuquerque’s.
-
-Man war in der Stadt zu einem friedlichen Abkommen geneigt, aber
-die allzuhohen Forderungen der Portugiesen trieben zum Widerstande.
-Albuquerque verlangte nicht blos Schadenersatz für Sequeira, sondern
-auch noch 300,000 Cruzados Kriegskosten und überdies die Einwilligung
-in den Bau eines Kastelles.
-
-Im Rathe des Fürsten von Malaka, des alten Mohammed, waren, als diese
-Forderungen bekannt wurden, die Meinungen getheilt. Diejenigen,
-welche besonders den Handel nicht geschädigt sehen wollten, empfahlen
-Frieden und Geldzahlung, die andern, welche fürchteten, durch
-Zugeständnisse das Ansehen des Fürsten zu erniedrigen, forderten
-bewaffneten Widerstand. Mahmud überließ die Leitung seinem Sohne,
-und dieser hoffte, gestützt auf eine Heeresmacht von 30,000 Mann,
-auf das zahlreiche Geschütz und seine Kriegselephanten, den Angriff
-abschlagen zu können. Aber auf die fremden Kaufleute in der Stadt war
-kein Verlaß, selbst der javanischen Truppen war man nicht ganz sicher.
-Es war vorauszusehen, daß der feindliche Admiral, sobald er die Lage
-der Stadt und ihre Gruppirung richtig erkannt habe, seine Angriffe auf
-den gefährlichsten Punkt, auf die Brücke richten werde, welche die
-beiden Stadttheile mit einander verbindet. Denn wer sich der Brücke
-bemeisterte, war leicht auch Herr in der Stadt. Diese Verbindungsbrücke
-wurde darum verschanzt und stark mit Kanonen besetzt; aber trotzdem
-richtete, nach dem Rathe des Ruy d’Araujo, welcher bei seinem
-längeren unfreiwilligen Aufenthalt die Wichtigkeit dieses Punktes
-erkannt hatte, Albuquerque grade hieher seine ersten Angriffe. In der
-Morgendämmerung des St. Jacobstages, 25. Juli, gingen die Portugiesen
-in zwei Abtheilungen gegen die Stadt vor. Albuquerque mit seiner Schaar
-stieg in der Nähe der Brücke ans Land, João de Lima mit der zweiten
-Truppe weiter östlich bei einer steinernen Moschee, welche nicht fern
-vom fürstlichen Palaste lag. Wenn ihm der Angriff gelänge, sollte er
-sich auch gegen die Brücke wenden. An beiden Orten ward mit großer
-Hartnäckigkeit gekämpft. Die Malayen bewiesen sich tapfer, schossen
-vergiftete Pfeile und brauchten im Nahkampf den Kries. Sie fochten in
-einzelnen Haufen unter Anführung eines Hauptmannes. Albuquerque stürmte
-die Brücke und trieb die Malayen mit gefällten Lanzen nach der Vorstadt
-zu. João de Lima hatte einen schweren Stand und konnte nicht so rasch
-vordringen, er sah sich sogar genöthigt, persönlich am Kampfe gegen die
-Kriegselephanten theilzunehmen, welche dann auch, durch Lanzenstiche
-verwundet, auf die eigenen Truppen zurückgetrieben wurden. Dann erst
-erreichte er die Brücke und vereinigte sich mit dem Oberfeldherrn. Von
-den Dächern der nächsten Häuser wurde aber der Kampf noch fortgesetzt,
-bis man die umliegenden Gebäude in Brand gesteckt hatte und so die
-Feinde vertrieb. Allein von der Waffenarbeit erschöpft und fortwährend,
-bei dem Versuch, die Brücke durch Vertheidigungswerke zu sichern,
-durch erneute Angriffe der Malayen beunruhigt, sah Albuquerque bald
-die Unmöglichkeit, diesen wichtigen Platz auf die Dauer zu behaupten.
-Er gab also den Befehl zum Rückzug und zog sich auf die Flotte zurück.
-Einige seiner Hauptleute meinten nun zwar, nachdem der Sultan für
-die erste Verrätherei genügend gestraft sei, solle man mit günstigen
-Fahrwinden nach Vorder-Indien zurückkehren, denn an eine dauernde
-Besetzung dieses entfernten Platzes sei doch wohl nicht zu denken;
-allein sie wurden von der Mehrzahl überstimmt, welche sich für eine
-Fortsetzung des Kampfes entschied.
-
-Während der Vorbereitungen zum zweiten Angriffe hatte Mahmud allerorten
-neue Verschanzungen aufwerfen und mit Kanonen besetzen lassen, in den
-Straßen waren Minen und Fußangeln gelegt, um die Feinde bei ihrem
-Einbruche in die Stadt aufzuhalten oder zu vernichten. Am 10. August
-griff Albuquerque die Brücke zum zweitenmale an und obwohl man dieselbe
-hartnäckig vertheidigte, wurde sie doch endlich erobert und die
-malayischen Truppen gegen die steinerne Moschee hin vertrieben, wo sich
-in Gegenwart des Sultans das letzte verzweifelte Handgemenge entspann.
-Das Quartier der Kaufleute, darunter zuerst die Peguaner, begab sich
-alsbald unter den Schutz des Eroberers, aber die östliche, höher
-gelegene Stadt wurde nur langsam von den Malayen geräumt. Neun Tage
-dauerte der kleine Kampf in den Straßen noch fort, bis diese endlich
-von den eingeborenen Truppen aufgegeben wurden. Den Mauren wurde kein
-Pardon gegeben, denn die Mohammedaner waren auch hier die erbittertsten
-Gegner gewesen. Als Lohn für ihre Arbeit gestattete Albuquerque seinen
-Leuten, die Stadt drei Tage lang zu plündern. Dreitausend Kanonen
-fielen dem Sieger in die Hände. Zum Bau einer steinernen Burg wurden
-die Steine der im Kampf theilweise zerstörten Moschee verwendet, und
-weiteres Baumaterial aus den in der Nähe gelegenen alten Fürstengräbern
-genommen. In der Burg erhob sich ein fünf Stockwerke hoher, mit Blei
-gedeckter Thurm. Albuquerque gab ihr den Namen Famosa. Auch eine
-Kirche wurde errichtet und das Dach dazu von einem königlichen Grabmal
-genommen.
-
-Um den Handel wieder zu beleben und das Vertrauen in die neuen
-Verhältnisse zu wecken, wurden eingeborene Schahbender (Hafenmeister)
-ernannt, welche die handeltreibenden Nationen zu vertreten hatten.
-Um den Marktverkehr zu ordnen, ließ Albuquerque goldene und silberne
-Münzen prägen, denn unter den früheren Herrschern hatte es nur
-zinnerne Münzen gegeben. Die großen Silbermünzen hießen Malaquezes,
-die Goldmünzen, zu 1000 Realen, Catholicos. Durch diese zweckmäßigen
-Einrichtungen wurde der Handel bald wieder gehoben, und fremde
-Handelsschiffe liefen wieder in den Hafen ein.
-
-Mit den großen Staaten Ostasiens suchte Albuquerque in friedliche,
-freundschaftliche Beziehungen zu treten. Durch die Vertreibung des
-mohammedanischen Herrschers war er nur an die Stelle eines fremden
-Eindringlings getreten, welcher sich die Freundschaft der fürstlichen
-Nachbaren nicht erworben hatte; er hoffte also mit Recht, nicht als
-Feind der eingeborenen Dynastien betrachtet zu werden. Nach allen
-Seiten wurden Botschafter abgeordnet. Auf einer chinesischen Dschunke,
-welche nach Siam ging, segelte Duarte Fernandez, welcher mit Ruy
-Araujo gefangen gewesen war und in Malaka malayisch gelernt hatte,
-mit nach Siam. Er war der erste Portugiese, welcher diesen mächtigen
-hinter-indischen Staat betrat. Er sollte dem Könige von Siam die
-Eroberung von Malaka melden und zugleich die officielle Erklärung
-abgeben, daß die Kaufleute des Landes sich des besonderen Schutzes der
-Portugiesen erfreuen sollten und in Malaka’s Hafen willkommen sein
-würden. Fernandez wurde am siamesischen Fürstenhofe zu Ajuthia[108]
-wohlwollend aufgenommen, man zeigte ihm unter anderen Merkwürdigkeiten
-auch einen weißen Elephanten. Dann wurde er mit einem siamesischen
-Gesandten wieder zurückgeschickt, welcher außer Briefen an den König
-Manuel als Geschenke eine Krone, ein Schwert von Gold und einen
-kostbaren Rubinring überreichen sollte.
-
-Zur Erwiderung gingen mit demselben Gesandten reiche Geschenke wieder
-an den König von Siam zurück. Die Ueberbringer derselben, Antonio de
-Miranda d’Azevedo und Duarte Coelho, reisten zu Lande über Tenasserim
-nach Siam. Eine andere Gesandtschaft ging unter Ruy da Cunha nach
-Pegu, um auch mit diesem Reiche einen Vertrag zu schließen. Malayische
-Fürsten von Sumatra und Java beeilten sich ihre freundschaftliche
-Gesinnung für die Portugiesen ebenfalls durch Geschenke zu bethätigen.
-Nur mit Arakan, dessen Hafenstadt von João da Silveira angegriffen
-war, und mit dem Königreiche Atschin in Nord-Sumatra blieb man auf
-feindlichem Fuße. Das letztere Reich, in nächster Nachbarschaft von
-Malaka gelegen, unterstützte in der Folgezeit mehrfach die immer
-wiederholten Angriffe der vertriebenen Mauren auf die Stadt und suchte
-Jahrzehnte lang den Handel zu beeinträchtigen.
-
-Da die Chinesen schon bei dem ersten Besuche Sequeira’s in Malaka sich
-durchaus freundlichgesinnt bewiesen, so suchte Albuquerque auch mit
-China freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen. Doch unterblieb die
-Absendung einer Gesandtschaft noch in den nächsten Jahren. Dagegen
-ist gewiß, daß bereits 1515 das Reich der Mitte von portugiesischen
-Handelsschiffen aufgesucht wurde, welche zwar ihre Waaren absetzen
-durften, aber für ihre Mannschaft nicht die Erlaubniß erhielten, das
-Land zu betreten.
-
-Der Eindruck, den die Kunde von der Eroberung Malaka’s in Europa
-machte, war ein außerordentlicher. Derselbe wurde noch gesteigert
-durch eine pomphafte Gesandtschaft, welche König Manuel 1513 unter
-Tristão da Cunha mit großem Gefolge an den Papst Leo X. entsendete.
-Außer reichen mit Gold und Edelsteinen geschmückten kirchlichen Ornaten
-und schweren goldenen Gefäßen wurde bei dem prächtigen Einzuge der
-Gesandtschaft in Rom, am 12. März 1514, dem erstaunten Volke auch die
-gewaltige Thierwelt Indiens in Gestalt eines riesigen Elephanten, den
-man seit dem Alterthum in Italien nicht mehr gesehen hatte, eines
-Jagdleoparden, der auf einem reich aufgezäumten persischen Rosse saß
--- es war ein Geschenk des Königs von Ormuz -- vorgeführt. Ein Herold
-mit den portugiesischen Abzeichen schritt in dem festlichen Zuge, der
-eine Huldigung des Orients vor dem Haupte der Christenheit vorstellen
-sollte, dem Gesandten voraus. Die Menschenmenge, welche um dieses
-Schauspiel zu sehen, herbeigeströmt war, hatte Kopf an Kopf alle
-Straßen dermaßen besetzt, daß der Zug kaum hindurchdringen konnte.
-
-Als derselbe endlich die Engelsburg erreicht, wurde mit allen Kanonen
-geschossen, daß der Donner der Geschütze und dichter Pulverdampf
-weithin über die Stadt rollten. Dann erschien der Papst an einem
-Fenster und nahm den Zug in Augenschein. Der riesige Elephant mußte
-vor Seiner Heiligkeit dreimal die Knie beugen, zu nicht geringer
-Verwunderung der Zuschauer.[109] Am folgenden Tage wurden die Geschenke
-in feierlicher Audienz überreicht durch den portugiesischen Abgesandten
-Diogo Pacheco, welcher bei dieser Gelegenheit eine glänzende Rede über
-die Waffenthaten seiner Landsleute in Indien hielt und dabei einen
-Brief seines Königs überreichte, in welchem gleichfalls die Siege
-Albuquerque’s verherrlicht waren. Nach der deutschen Uebersetzung (Die
-New Welt der Landschafften u. s. w. Straßburg 1534. Fol. 57) lautet der
-Anfang dieses Briefes folgendermaßen:
-
-Ein sendbrieff des mechtigsten vnd vnuberwintlichsten Emanuels des
-Königs jnn Portugal, vnd Algarbien von den sygen, die er gehabt hat jnn
-India vnd Malacha, zu dem Heyligsten jnn Gott vatter, vnd vnserm Herrn,
-Herrn Leoni dem zehenden des namens Babst zu Rom.
-
-„Wie vast wir vns mit Gott dem Herrn vnd dir frewen sollen,
-Allerheyligster vatter das erscheynet aus der bottschaft, die
-vnser Indische schiffrüstung bracht hat. Dweyl vnder dir Römischem
-Bischoff, und presidenten der Römischen vnd Christlichen Kirchen so
-wunderbarliche Ding, zu lob vnd eher dem Allmechtigen nach wunsch
-ergangen seind, das man dir billich zum lob und eher rechnet. Darumb
-hat vns fur billich angesehen, was in India sich verloffen hat, mit
-der Hilff Gots, vnd vnsern waffen zu deiner Heyligkeyt als zu eym
-Haupt der gmeynen Christenheyt vnd richtschyt aller Christlichen
-Religion kurtz vnd summarien weys zubeschreyben, das alle Ding nach
-jhrem werd geschetzt werden, vnd Gott dem Herren darumb gedanckt. Auch
-dz wir hoffen mögen tägliche merung deines lobs sambt zunemung des
-Christlichen glaubens vnd leren.“
-
-Es wurden also auch die indischen Siege als Glaubenssiege aufgefaßt;
-aber der Schauplatz dieser Kreuzzüge lag viel weiter im Osten, „am
-güldenen Chersoneso, in den auswendigsten Morgenländern“, wo durch die
-portugiesischen Waffen auch das Christenthum verbreitet werden sollte.
-Albuquerque’s Verdienst wurde mit höchster Anerkennung gepriesen.
-Der Generalcapitän Indiens stand damals auf der Höhe seines Ruhmes.
-In Asien und Afrika erscholl sein Name mit Schrecken, in Europa mit
-Bewunderung.
-
-Noch von Malaka aus wurden drei Schiffe am Schluß des Jahres 1511
-abgesendet, um das letzte Ziel der Portugiesen, die +Gewürzinseln
-oder Molukken aufzusuchen+. Das kleine Geschwader stand unter der
-Führung des +Antonio d’Abreu+. Derselbe hatte sich beim zweiten Sturm
-auf Malaka ausgezeichnet, war dabei durch einen Schuß in die Backe,
-welcher ihm mehrere Zähne und einen Theil der Zunge nahm, verwundet,
-hatte aber trotzdem nach Anlegung eines Verbandes sich am Kampfe wieder
-betheiligt. Wie diese erste Kundschaft nach den Molukken verlief,
-werden wir später im Zusammenhange mit den folgenden Vorfällen auf den
-Gewürzinseln zu schildern haben.
-
-Die Angelegenheiten zu Malaka ordnete Albuquerque der Art, daß er
-Ruy d’Araujo zum Richter und Factor (~alcaide mór e feitor~), Ruy de
-Brito Patalim zum Commandanten der Festung einsetzte. Die Besatzung
-belief sich auf 300 Mann, ebenso stark war die Mannschaft auf der
-dort stationirten Flotte von zehn Segeln, welche unter dem Befehle
-des Fernão Peres d’Andrade zurückblieb. Diese beträchtliche Macht war
-erforderlich, um Malaka gegen Angriffe von der Land- und Seeseite
-vertheidigen zu können. Und solche Angriffe waren um so mehr zu
-erwarten, als die Macht des früheren Herrschers keineswegs gebrochen
-war; denn Mahmud hatte sich auf Bintang, südöstlich von der alten
-Residenz Singapur, und sein Sohn Alaeddin in Dschohor festgesetzt, so
-daß sie von da aus die Straße nach den Gewürzinseln und nach China
-nicht nur beherrschten, sondern die Portugiesen in Malaka beständig
-beunruhigen konnten.
-
-Im Januar 1512 ging Albuquerque mit drei Schiffen nach Indien zurück.
-Auch nahm er eine Anzahl (gegen 60) javanischer Zimmerleute sammt
-ihren Familien mit, welche ihm beim Schiffbau dienlich sein sollten.
-An der gefährlichen Küste von Sumatra ging Albuquerque’s Schiff, Flor
-de la mar, auf einer Sandbank zu Grunde. Er selbst verlor alle Beute
-und Siegeszeichen in diesem Schiffbruche sammt den Manuscripten, in
-denen er seine Thaten aufgezeichnet hatte. Die Mannschaft rettete sich
-zwar auf das folgende portugiesische Schiff, aber die malayischen
-Zimmerleute benutzten die Gelegenheit zu einer Meuterei, bemächtigten
-sich des Fahrzeuges, auf dem sie segelten, mit Gewalt und gingen an der
-Küste von Sumatra ans Land. Albuquerque selbst erreichte in den ersten
-Tagen des Februar den Hafen von Kotschin.
-
-In Goa waren unterdessen, während der Abwesenheit des
-Oberbefehlshabers, die Portugiesen belagert worden und arg bedrängt.
-Die verhältnißmäßig kleine Besatzung von 450 Portugiesen und 1250
-indischen Hilfstruppen wurde fortwährend beunruhigt und durch kleine
-Gefechte ermüdet. Sie verlor sogar zwei ihrer besten Hauptleute und
-sah sich genöthigt, den noch gefangen gehaltenen Diogo Mendes de
-Vascogoncellos seiner Bande zu entledigen und an die Spitze zu stellen.
-Die Feinde hatten der Stadt gegenüber eine starke Burg in Benestarim
-errichtet und drohten von da aus, die Fremdlinge zu vertreiben. Zum
-Glück kamen im Sommer 1512 nacheinander mehrere Schiffe mit Mannschaft
-und Lebensmitteln zu Hilfe, und als im August sogar eine größere Flotte
-von dreizehn Schiffen mit 1800 Soldaten einlief, gewann man allen Muth
-wieder und ging selbst zum Angriff über. Albuquerque durfte es daher
-wagen, seine Ankunft zu verzögern, um vorher die Handelsflotte nach
-Europa abzufertigen, und ging erst am 16. September mit sechzehn Segeln
-nach Goa.
-
-Sein Erscheinen änderte die Lage vollständig. Aus den bisher
-Bedrängten wurden wieder Bedränger und siegesgewisse Angreifer.
-Benestarim wurde erobert. Den portugiesischen Ueberläufern in der
-Festung hatte Albuquerque das Leben gesichert, aber er ließ ihnen zur
-Strafe, anderen zur Warnung, Ohren und Nase abschneiden, die rechte
-Hand, sowie den linken Daumen abhauen und schickte die Verstümmelten
-nach Portugal zurück. Benestarim wurde noch stärker befestigt und
-Goa bei dem folgenden Friedensschlusse an Portugal abgetreten. Der
-verhältnißmäßig leichte Sieg ist zum Theil auch der steten Eifersucht
-der dekhanischen Fürsten untereinander zuzuschreiben, die einerseits
-nie gemeinschaftliche Sache gegen die Abendländer machten, andererseits
-sich im Geheimen um die Freundschaft der Portugiesen bewarben. Dann
-wurde durch eine an der Küste kreuzende Flotte der Hafen von Kalikut
-gesperrt und dadurch der Fürst auch zur Nachgiebigkeit gezwungen.
-Dagegen begann Goa als Handelsplatz aufzublühen. Albuquerque hatte
-dafür gesorgt, daß nur nach Goa die Pferde aus Persien eingeführt
-werden durften. Die einheimischen Kriege wurden damals in Indien aber
-hauptsächlich durch Reiterei entschieden. Die indischen Fürsten waren
-also dadurch, daß Goa allein der Einfuhrhafen für Pferde wurde, auf den
-guten Willen und die Freundschaft der Portugiesen angewiesen, wenn sie
-ihre Reiterei verstärken wollten.
-
-In Portugal selbst erkannte man die Bedeutung Goa’s noch nicht, oder
-wurde durch falsche Berichte, die möglicherweise absichtlich von den
-Gegnern Albuquerque’s verbreitet wurden, über die wahre Sachlage
-getäuscht. Nur so erklärt es sich, daß Manuel in einem Schreiben an
-den Oberbefehlshaber anordnen konnte, Albuquerque möge mit seinen
-Hauptleuten wohl überlegen, ob Goa behauptet werden solle oder nicht.
-Goa sei ein ungesunder Ort und seine Behauptung koste unnützes
-Geld.[110] Man werde dadurch in immer erneute Kriege mit den nächsten
-Landesherren verwickelt und es werde sehr fraglich sein, ob jemals
-die Abgaben vom festen Lande eingezogen werden könnten, welche der
-Generalcapitän als nicht unbeträchtlich bezeichnet hatte. Albuquerque
-aber legte auf die Wiedereroberung Goa’s das größte Gewicht. Er
-schrieb dem Könige, daß dieser Sieg in Indien mehr gewirkt habe für
-die Macht des Königs, als alle Flotten, die seit fünfzehn Jahren dahin
-abgeschickt worden seien. Der Bund der feindlichen Fürsten sei dadurch
-gesprengt. Die Räthe des Königs wüßten die indischen Angelegenheiten
-nicht richtig zu beurtheilen. Ohne feste Stütze auf dem Lande sei
-in Indien die portugiesische Macht ohne Dauer. Alle Citadellen in
-Kotschin, Kananor und anderen Orten hielten in Werth und Bedeutung
-keinen Vergleich mit Goa aus. Er wisse wohl, daß er in Portugal Feinde
-habe; aber der König möge nicht auf sie hören; denn wenn Goa wieder
-aufgegeben würde, dürfte auch die portugiesische Herrschaft in Indien
-ihrem Ende nahe sein. Er verdiene mehr Dank vom Könige dafür, daß er
-Goa gegen Portugiesen vertheidige, als dafür, daß er es zweimal den
-Feinden abgenommen.[111]
-
-Osorio stellt bei dieser Gelegenheit folgenden interessanten Vergleich
-zwischen der Politik Almeida’s und Albuquerque’s an:[112] das Ziel
-beider Feldherrn ging auf die Verherrlichung und den Ruhm ihres
-Königs und der portugiesischen Waffen, sowie auf die Verbreitung des
-Christenthums in Indien; aber sie schlugen verschiedene Wege ein.
-Almeida wollte sich mit einem Stützpunkt am Lande begnügen und dagegen
-mit stets vereinigten Flotten die See beherrschen. Seine Truppen wollte
-er nicht in einzelnen Besatzungen zersplittern, welche von großen
-feindlichen Mächten leicht überwältigt werden könnten. Albuquerque
-aber strebte vor allem danach, Herr des Landes zu werden, in der
-festen Ueberzeugung, daß er dann auch über die See gebiete. Sein
-Blick ging dabei über das Nächstliegende hinaus. Er wollte nicht blos
-dafür sorgen, für die Gegenwart alljährlich kostbare Gewürzfrachten
-heimzusenden, er wollte diesen Handel auch für die Zukunft sichern.
-Dazu brauchte er eine imponirende Stellung auf dem Lande und damit
-verbunden eine vollkommene Beherrschung der wichtigsten Handelsplätze.
-Eine große Flotte, meinte er, könne in einem Sturme untergehen, eine
-feste Stellung auf indischem Boden sei sicherer. Ein solcher Platz
-sei aber nicht sicher, wenn er blos an sich fest sei, sondern erst
-dann, wenn man demselben auf verschiedenen Wegen Hilfe bringen könne.
-Solche Stützpunkte aber verminderten nicht, sondern stärkten auch die
-Machtstellung auf der See.
-
-Wie richtig Albuquerque’s Urtheil in Bezug auf Goa war, erwies sich
-in der Folgezeit, als Soliman von Aegypten Diu angriff und durch eine
-von Goa kommende Flotte zum Rückzug genöthigt wurde; ebenso als der
-Beherrscher von Kambaya mit türkischer Hilfe noch einmal Diu bedrohte.
-Der damalige Befehlshaber in Goa, João Castre, konnte seine Gegner
-um so leichter bezwingen, als er in Goa sofort neue Truppen ausheben
-und auf den Werften konnte Schiffe bauen lassen, und als er mit
-allem Kriegsmaterial wohl versehen war. Der Ausgang des Kampfes wäre
-zweifelhaft gewesen oder wenigstens verzögert worden, wenn man auf die
-entfernte Hilfe vom Mutterlande her hätte warten müssen. Dazu hatte
-Albuquerque aus Goa eine portugiesische Stadt zu machen verstanden, in
-welcher die Soldaten Heiraten mit Hindumädchen eingingen.
-
-Die große Bedeutung der Besetzung Goa’s hebt auch Barros[113]
-hervor. Dieses Jahr, sagt er, war eines der glücklichsten für die
-portugiesischen Angelegenheiten. Es kamen nicht blos reiche Flotten
-mit Spezereien nach Portugal, sondern auch die Nachrichten von der
-Eroberung Malaka’s und Goa’s, es kamen Gesandte vom Priester Johannes
-(dem Könige von Habesch), von Siam und Pegu, sogar der Samudrin
-bequemte sich in der Folgezeit endlich dazu, den Bau einer Citadelle
-in Kalikut zu gestatten. Viele andere malabarische Fürsten von
-Kambaya, von Narsinga u. a. wünschten Frieden und Freundschaft mit den
-Portugiesen zu schließen.
-
-In Indien war Portugals Macht thatsächlich befestigt, die einheimischen
-Fürsten erkannten, wenn auch widerstrebend, die Herrschaft der neuen
-Seemacht an; aber sie wurden von Aegypten aus immer wieder von
-neuem aufgeregt und mit Schiffen und Mannschaft zu neuen Erhebungen
-aufgemuntert. Aegypten verlor durch die völlige Verdrängung vom
-indischen Markte zu viel an Einkünften, als daß es sich nicht immer
-wieder veranlaßt fühlen sollte, mit Hilfe indischer Bundesgenossen die
-verhaßten Christen zu befehden. König Manuel drängte darum mit Recht
-wiederholt auf einen Zug nach dem rothen Meere, um womöglich diese
-wichtigste Straße des mohammedanisch-indischen Handels zu schließen.
-So rüstete sich Albuquerque denn im Beginn des Jahres 1513 zu einem
-Feldzuge nach jenen arabischen Gewässern. Es klingt fast wie eine
-Entschuldigung oder Ablehnung der Verantwortlichkeit für die Folgen
-dieses Unternehmens, wenn Albuquerque seinen Capitänen erklärte, der
-König habe schon zu wiederholten Malen ihm diesen Zug geboten und
-habe nun in seinem letzten Briefe ausdrücklich befohlen, unverzüglich
-aufzubrechen.[114]
-
-Am 18. Februar 1513 ging er mit 20 Schiffen, 1700 Portugiesen und
-800 indischen Soldaten nach dem rothen Meere ab. Im Hafen von Soko
-auf Sokotra wurde Wasser eingenommen; die Festung daselbst war im
-vorhergehenden Jahre bereits aufgehoben. Von hier aus mußte die Fahrt
-mit äußerster Vorsicht geschehen, da man das Fahrwasser nicht kannte.
-Seit dem Alterthum war kein den Europäern gehöriges Schiff auf diesen
-Gewässern erschienen. Albuquerque war wieder der erste, welcher in
-dieses zwei Erdtheile scheidende Binnenmeer eindrang. Glücklicherweise
-wurde ein Schiff, das von Tschaul kam, aufgebracht, der Lotse
-desselben wurde gezwungen, den Führer zu machen. Die nächste Aufgabe
-war, sich Adens zu bemächtigen. Es war schon damals wie noch heute der
-Schlüssel des rothen Meeres. Die Stadt blühte rasch auf, weil es in
-Folge der neuen Verhältnisse zum Stapel für die Gewürze geworden war;
-denn die arabischen Händler wagten sich aus Furcht vor den Portugiesen
-nicht mehr ins indische Meer, sondern nahmen in Aden die Waaren in
-Empfang, welche auf malabarischen Schiffen ihnen zugeführt werden
-durften. Aden liegt auf einer landfest gewordenen Insel, also auf einer
-Halbinsel, auf durchaus vulkanischem Boden, eigentlich im Innern eines
-erloschenen Kraters, dessen nackte Wände die Stadt in einem Halbkreise
-umgeben. Wasser fehlte damals und mußte von weit hergeleitet werden.
-Jetzt versorgen gewaltige Cisternen die Bewohner mit dem nöthigen
-Wasser. Die an sich schon feste Lage war durch starke Mauern und Thürme
-noch mehr gesichert. Albuquerque forderte die Uebergabe der Stadt,
-welche im Besitz des Amir Ibn-abd-el-wahhab war; aber dieselbe wurde
-abgelehnt. So entschloß sich der portugiesische Befehlshaber rasch
-zum Sturm, setzte 1400 Portugiesen und 400 Indier ans Land, um auf
-Sturmleitern die Mauern zu erklimmen. Voll Ehrgeiz und Kampfbegier
-drängten sich die Angreifer auf die allzubreiten Leitern, so daß die
-Stufen unter dem Gewicht von mehr als zwanzig Menschen, die zu gleicher
-Zeit hinaufstrebten, zusammenbrachen. Vierzig Portugiesen befanden
-sich schon auf der Mauer. Garcia de Sousa bemächtigte sich sogar eines
-Thores. Da er aber von den Arabern gedrängt, sich nicht an einem
-Stricke von der Mauer herablassen wollte, so stürzte er lieber mitten
-unter die Feinde und opferte sich, tapfer kämpfend, auf, um seinen
-Gefährten Zeit zu verschaffen, sich zu retten.
-
-Albuquerque mußte erkennen, daß seine Macht zu schwach sei und brach
-daher nach vier Stunden den Kampf ab. Einen späteren Angriff behielt
-er zwar im Auge, wollte aber vorher einige wichtige Inseln im rothen
-Meere besetzen. Mit äußerster Vorsicht mußte vorgegangen werden, weil
-überall Klippen und Korallenbänke ungeahnte Gefahr drohten. Dazu traute
-Albuquerque dem gezwungenen Lotsen nicht, suchte mit dem Senkblei in
-der Hand das Fahrwasser auf und ließ alle Abende beilegen. So gelangte
-er bis zur flachen, felsigen Insel +Kamaran+ (15° 51′ n. Br. 42° 32′
-ö. L. v. Greenwich). Dieselbe liegt hart an der arabischen Küste, in
-der Nähe der Stadt Lohaja. Obwohl sich die Höhen nur 16 Meter über den
-Meeresspiegel erheben, ist die Insel doch reich an Brunnen und besitzt
-einen sehr guten Hafen auf der Ostseite. Sie war den Küstenfahrern
-längst als guter Ankerplatz bekannt, wo man sich auch mit Wasser und
-Früchten, namentlich Datteln versorgen könnte. So erhielten denn auch
-die Europäer frühzeitig davon Kunde und lernten den Platz schätzen.
-Carsten Niebuhr hebt hervor: Fast alle Nachrichten der Europäer von dem
-arabischen Meerbusen erwähnen dieser Insel.[115] Ihrer wichtigen Lage
-wegen ist sie gegenwärtig im Besitze der britischen Macht, welche von
-der Insel Perim aus auch den Ausgang des rothen Meeres beherrscht. Es
-zeugt aber sicher von dem Scharfblicke Albuquerque’s, daß er sofort
-beim ersten Betreten dieses Meeres die Bedeutung jener wasserreichen
-Insel erkannte. Aber viel weiter sollte er nicht gelangen. Mehrere
-Versuche nordwärts zu dringen, wurden durch Unwetter abgeschlagen. Er
-sah sich längere Zeit an die Insel gefesselt, da die günstigen Monsune
-zur Rückfahrt nach Indien noch nicht eingesetzt hatten, er verlor in
-dem verrufenen heißen Klima viele Leute und konnte erst am 15. Juli
-nach Aden zurückkehren. Ohne diese Stadt noch einmal zu bedrohen,
-segelte er weiter und langte schon am 4. August wieder in Diu an. Hier
-zeigte sich nun Melek Eias so weit nachgiebig, daß er die Errichtung
-einer Factorei den Portugiesen gestattete, und als auch Kalikut sich
-endlich zu einem ähnlichen Zugeständniß bereit erklärte, wurden den
-mohammedanischen Schiffen Pässe ertheilt, und das Aufbringen der im
-Gewürzhandel beschäftigten Kauffahrteischiffe hörte an den Küsten
-Indiens auf. Der Handel begann sich wieder zu beleben und zu befestigen.
-
-Im nächsten Jahre wurde Pero d’Albuquerque, der Neffe des
-Generalcapitäns, mit einem Geschwader nach Ormuz entsandt, um den
-fälligen Tribut einzuziehen, während Jorge d’Albuquerque mit frischen
-Truppen nach Malaka steuerte, um hier die Vertheidigung der viel
-umstrittenen Stellung zu übernehmen.
-
-Die nächste Zeit war Albuquerque selbst mit den indischen
-Angelegenheiten: mit der Befestigung der Citadellen in den
-Handelsstädten und Abfertigung der Transportflotten beschäftigt,
-außerdem plante er einen neuen Zug gegen Aden. Während der Vorbereitung
-dazu erhielt er aber die königliche Weisung, zunächst womöglich nach
-Ormuz zu gehen. Albuquerque konnte um so mehr diesem Befehle zustimmen,
-als er inzwischen in Erfahrung gebracht, daß der Sultan von Aegypten
-nicht weiter rüste, daß also von Seiten dieses Gegners keine Gefahr
-drohe und das rothe Meer ruhig bleiben werde. Am 21. Februar 1515 ging
-der Generalcapitän von Goa aus mit 27 Schiffen (14 großen Schiffen, 7
-Karavelen und 6 Ruderschiffen) in See. Es sollte sein letzter Zug sein.
-Die Besatzung bestand aus 1500 Portugiesen und 700 Indiern (Kanaresen
-und Malabaren). In Ormuz führte damals Rais Ahmed, ein ehrgeiziger
-Perser, im Namen seines alten und schwachen Oheims das Regiment. Die
-Portugiesen hatten über ihn gehört, daß er mit dem Plane umgehe, sich
-unter die Oberhoheit des persischen Schah zu stellen, um sich der
-Verpflichtungen des lästigen Tributs an Portugal zu entledigen.
-
-Diese Absichten wurden durch die Ankunft Albuquerque’s vor Ormuz, am
-26. März, vereitelt. Der alte Fürst sah sich noch nicht in der Lage,
-der Forderung des Generalcapitäns, ihm die Citadelle zu übergeben,
-lange zu widerstehen. Das Wasserthor der Festung wurde schon am dritten
-Tage den Portugiesen geöffnet, und ohne Blutvergießen zogen dieselben
-ein. Das Thor gegen die Stadt wurde geschlossen und die Mauern mit
-Kanonen bepflanzt, um die Burg vor einem Ueberfalle zu sichern. Dann
-wurden die Festungswerke weiter ausgebaut und Pero d’Albuquerque
-als Commandant eingesetzt. Nun galt es, um den Frieden vollständig
-zu befestigen, den ehrgeizigen Rais Ahmed mit seinem Anhange zu
-beseitigen. Bei einer Zusammenkunft Albuquerque’s mit dem bejahrten
-Fürsten wagte Ahmed es, seinen Oheim von einer persönlichen Begrüßung
-zurückzuhalten und sich sogar an der Person des portugiesischen
-Befehlshabers zu vergreifen. Er rechnete nämlich auf fünfzig Leute
-seines Gefolges, die mit verborgenen Waffen vor dem Hause standen.
-Albuquerque war darauf vorbereitet und befahl seinen Hauptleuten, den
-Anführer der Verrätherei niederzumachen. Den alten Fürsten führte man
-aus dem Getümmel fort und das Gefolge des gefallenen Ahmed wurde von
-portugiesischen Soldaten zurückgetrieben. Vom Dache des Hauses mußte
-sich der alte Rais Nordin seinem Volke zeigen und dasselbe über seine
-Person beruhigen. Dem aufgeregten Anhange und den Verwandten Ahmeds,
-welche den Palast des Fürsten plündern wollten, ließ Albuquerque
-erklären, wenn sie sich nicht sofort beeilten, bis Sonnenuntergang die
-Stadt zu verlassen und auf persischen Boden zurückzukehren, so solle
-keiner von ihnen mit dem Leben davon kommen; denn die Portugiesen
-beherrschten mit der Flotte die See und von der Citadelle aus die Stadt
-und die Insel. So wanderten denn die 25 Familien der persischen Partei
-aus und Rais Nordin konnte unter dem Schutze und Geleite Albuquerque’s
-wieder als Herrscher in seinen Palast zurückkehren. Die Stadt war über
-den Zwischenfall bald beruhigt, und durch eine Gesandtschaft nach
-Persien, unter der Führung Fernão’s Gomez de Lemos, wurde auch das
-gute Einvernehmen mit Schah Ismail wieder hergestellt. Dieser leicht
-gewonnene Friede erklärte sich besonders aus dem religiösen Zwiespalt
-zwischen den schiitischen Persern und den sunnitischen Arabern.
-
-Albuquerque schickte einen Theil der Flotte unter seinem Neffen
-Garcia de Noronha nach Kotschin und blieb selbst noch einige Monate
-in Ormuz, um die Angelegenheiten vollständig zu ordnen, ehe er die
-Weiterführung der Geschäfte dem Commandanten der Citadelle überlassen
-konnte. Vielleicht wollte er auch noch Vorbereitungen zu einem
-zweiten Angriff auf Aden treffen. Doch dieser Wunsch sollte unerfüllt
-bleiben. Schon seit Anfang August litt er an der Ruhr, und da das
-Uebel sich verschlimmerte, mußte er endlich dem Anrathen seiner Aerzte
-nachgeben, vorläufig nach Indien zurückzukehren. Er begab sich an
-Bord des Schiffes, welches Diogo Fernandez da Beja befehligte und
-übergab sein eigenes Schiff seinem Neffen Vicente d’Albuquerque. Im
-Anfang November segelte er von Ormuz ab; bei Kalhât an der Küste von
-Oman traf man mit einem arabischen Schiffe zusammen, welches von Diu
-kam und die Nachricht mitbrachte, Lopo Soarez sei zum Nachfolger im
-Generalcapitanate ernannt worden.
-
-König Manuel hatte also endlich doch den feindlichen Einflüsterungen
-nachgegeben. Nach diesen Verläumdungen sollte Albuquerque bald
-wahnsinnig verwegen, bald von maßlosem Ehrgeize erfüllt sein. Man
-ersann sogar das Märchen: er strebe danach, sich zum unabhängigen
-Herrscher von ganz Indien zu machen. Dazu stütze er sich nur auf seine
-Verwandten und begünstige sie bei allen wichtigen Stellungen. -- Wenn
-dies als Vorwurf gelten kann (denn die Thatsache ist richtig, daß er
-die Vertheidigung von Ormuz und Malaka, unzweifelhaft die wichtigsten
-Positionen außerhalb Indiens, seinen Neffen übertrug), so darf doch
-nicht unberücksichtigt bleiben, daß er dadurch diese beiden Plätze am
-sichersten bewahrt glaubte, da er sich auf die Befehlshaber verlassen
-konnte. -- Selbst daß er mit den Fürsten in Indien Frieden schloß, galt
-als Zeichen des Verraths, denn diese neue Freundschaft, hieß es, sei
-nur ein weiterer Schritt zur Unabhängigkeit, nach der er strebe.[116]
-
-Albuquerque war gewarnt, er kannte solche Verdächtigungen, aber er
-hatte, gestützt auf seine Verdienste und die Makellosigkeit seines
-politischen Charakters, es für unnöthig gehalten, ihnen entgegen zu
-treten. Er antwortete nur durch seine Thaten. Aber er hatte in Portugal
-wenig Fürsprecher mehr; alle Edelleute, welche er wegen Vergehen und
-Ungehorsamkeit zurückschickte und dem König zur Bestrafung überwies,
-vermehrten die Zahl seiner Widersacher, und so glaubte Manuel endlich,
-indem er, statt eine Untersuchung über die wiederholt vorgebrachten
-Beschwerden anzuordnen und nach deren Ausfall zu entscheiden, sich
-mit einer halben Maßregel begnügte, den Generalcapitän wenigstens
-zurückrufen zu müssen. Und das war es eben, was diesen so tief
-kränkte. Als er vernahm, daß Lopo Soarez ihn ersetzen solle und daß
-andere Befehlshaber für die wichtigsten Positionen ernannt seien,
-rief er wehmüthig aus: „Lopo Soarez Generalcapitän?! Konnte es nicht
-ein anderer sein! Und solche Männer, wie Diogo Mendez und Diogo
-Pereira,[117] die ich wegen ihrer Vergehen als Gefangene nach Portugal
-heimgesandt, schickt mir der König als Capitäne und Secretäre wieder
-zu?! Um des Königs willen habe ich es mit diesen Leuten verdorben, und
-falle um der Leute willen bei dem Könige in Ungnade.“[118]
-
-Sein Lebensmuth und seine Lebenskraft waren gebrochen. Er wünschte nur
-noch Goa zu erreichen, denn hier hoffte er Briefe zu finden, welche ihm
-den plötzlichen Umschlag erklärten und ihn wenigstens durch Anerkennung
-seiner Verdienste trösten könnten.
-
-Auf Zureden seiner Freunde schrieb er mit zitternder Hand einen letzten
-Brief an den König: „Sire, dies sind die letzten Worte, welche ich
-an Ew. Majestät richte, schwergebeugt, nachdem ich so viele Berichte
-mit heiterem Lebensmuthe geschrieben. Ich hinterlasse hier einen
-Sohn,[119] Bras Albuquerque; ihm bitte meine Verdienste anrechnen zu
-wollen. Die Angelegenheiten in Indien werden für sich selbst und für
-mich sprechen.“ Im Angesicht des Hafens von Goa starb er am Bord des
-Schiffes, am 16. December 1515, 63 Jahre alt. Angethan mit dem weißen
-Gewande des St. Jago-Ordens, dessen Commandeur er war, und geschmückt
-mit den Ordenszeichen, um die Schultern den Sammetmantel gelegt und
-über dem Goldnetz, welches das Haar umschloß, mit einem Sammtbarett:
-so wurde seine Leiche auf einem mit Goldbrokat bedeckten Sessel ans
-Land getragen. Die Augen waren halb geöffnet, aber ohne die Häßlichkeit
-des Todes. Der lange, weiße Bart wallte bis auf die Brust herab, so
-daß er auch im Tode noch dieselbe Achtung und Ehrfurcht gebot, die man
-ihm im Leben zollte. Am Ufer wurde er von dem Commandanten und allen
-Edelleuten empfangen und in der Capelle beigesetzt, welche er selbst
-vor den Thoren der Stadt hatte erbauen lassen.
-
-Er hatte die Tugenden und Fehler eines Imperators. Er übte strenges
-Recht, aber den Treubruch bestrafte er hart. Er war zäh im Ausharren
-und Ertragen von Mühen. Er ging bei allen Kämpfen nicht mit Worten,
-sondern mit dem besten, eigenen Beispiel voran. Schmeichler und
-Ohrenbläser ließ er hart an und hielt sie von sich fern. Den gefaßten
-Plänen folgte schnellste Ausführung. Persönliche Beleidigungen
-ertrug er großmüthig, aber er litt es nicht, daß man seine Befehle
-überschritt oder seine Pläne durchkreuzte; dann schreckte er auch vor
-Gewaltmaßregeln nicht zurück. In seinen Todesurtheilen ist er mehrmals
-zu rasch gewesen, denn er war eine leicht erregbare Natur, die schwer
-zu befriedigen war; aber eine übereilte Handlung hat er alsbald bereut.
-
-Er forderte volle Hingebung an den Beruf und das Amt und verlangte
-die Anspannung aller Kräfte. Darin that er selbst es allen zuvor.
-Im Frieden war er Tag und Nacht thätig. G. Correa erzählt,[120]
-daß er gewöhnlich des Morgens in aller Frühe die Messe hörte und
-dann zu Pferde stieg, um, von seiner Leibwache umgeben, die Bauten,
-Werften, Magazine zu besichtigen. Im Staatsdienst duldete er keine
-Verschwendung und konnte über unnütze Verschleuderung des königlichen
-Gutes leidenschaftlich aufbrausen. Seine Entscheidungen traf er rasch;
-man hat mehrfach gesehen, daß er unterwegs, auf der Straße, Befehle
-und Dokumente auf den Knien unterzeichnete. Er war leutselig gegen
-jedermann und verstand die Hindus und Mohammedaner nach ihrer Art
-zu behandeln. Für alle war er bedacht, die friedliche Entwicklung
-des Handels zur Verbesserung der Lage und Vermehrung des Wohlstandes
-zu fördern. Jedermann hatte Zutritt zu ihm. Seine Thür war nie
-verschlossen, nur nach dem Mittagsessen gönnte er sich eine kurze
-Ruhe und diese wurde an den Wochentagen noch auf das geringste Maß
-beschränkt. Am Tage fast immer draußen beschäftigt, verwendete er die
-Stunden der Nacht dazu mit seinen Secretären zu arbeiten, um dem Könige
-von allem Rechenschaft zu geben bis ins Kleinste. An den König, die
-Königin, die königlichen Räthe entwarf er die Briefe selbst.
-
-Da er immer nur darauf bedacht war, die königliche Macht in Indien
-zu stärken, so lag es ihm ganz fern, für sich selbst Reichthümer zu
-erwerben. Alle Geschenke, welche ihm von den Fürsten und Herren in
-Indien verehrt wurden, übergab er dem König oder der Königin, oder
-vertheilte sie unter die Hauptleute und Ritter. Auch gegen die Armen
-erwies er sich hilfreich.
-
-Im Kriege und in der Schlacht stellte er sich den Soldaten gleich und
-achtete auf sein Leben ebensowenig als auf das Leben der andern, wenn
-es ein großes Ziel galt. Bei dem ersten unglücklichen Kampfe um den
-Palast in Kalikut gerieth er selbst mehrfach in Lebensgefahr. Sein
-Fahnenträger und einer seiner Pagen fielen an seiner Seite und er hielt
-aus, bis ihn ein Steinwurf besinnungslos niederwarf. Ebenso begab er
-sich beim ersten Sturm auf Malaka in Lebensgefahr, wurde dabei von den
-Feinden umstürmt und mußte von João Lemos herausgehauen werden. Dann
-ging er aber sofort wieder zum Angriff über. Er war ein vorsichtiger
-Feldherr und nie tollkühn; aber wenn er Großes erreichen wollte,
-setzte er alles daran. Vor dem zweiten Sturm auf Malaka erklärte er
-seinen schwankenden Capitänen, daß er seine Mannschaft nur darum aufs
-Spiel setzte, weil er die Position von Malaka für außerordentlich
-wichtig halte. So griff er auch zweimal Goa an und ließ sich durch
-einen ersten Mißerfolg nicht abschrecken, die blutige Entscheidung
-noch einmal zu wagen. Darum hielt er bei der ersten Belagerung in Goa
-auch so zäh bis zum äußersten aus. Als hier dem feindlichen Feldherrn
-durch portugiesische Ueberläufer mitgetheilt war, daß auf seiner im
-Flusse abgesperrten Flotte Mangel und Hungersnoth herrsche, und jener
-Heerführer des Adil Schah den Portugiesen großmüthig mehrere Böte mit
-Erfrischungen anbot, ließ Albuquerque seine letzten Vorräthe, einige
-Faß Wein und Schiffszwieback auf Deck bringen, zeigte dieselben den
-Abgesandten und erklärte: andere Leckerbissen als diese Speisen kennten
-die Portugiesen nicht und bedürften sie nicht. Sollten ihnen diese
-ausgehen, dann würden seine Soldaten sich schon ungebeten an der Tafel
-des Adil Schah melden. Jetzt leide er noch keine Noth.
-
-So bewahrte er auch in schwerer Bedrängniß seinen Gleichmuth. Trotz
-seiner großen Erfolge sah man ihn nie übermüthig werden, auch warnte er
-seine Capitäne vor jeder Ueberhebung. Als einige von seinen Hauptleuten
-meinten, die Mauern der neuen Festung in Ormuz seien nicht stark genug,
-erwiderte er: „Wenn diejenigen, denen die Burg anvertraut ist, sich
-nicht als Tyrannen geberden, werden sie stark genug sein. Lassen sie
-sich aber zum Uebermuth hinreißen, so ist auch die stärkste Mauer zu
-schwach.“
-
-Er suchte zwar die Rechte des Siegers voll und ganz zu vertreten,
-wünschte aber doch, aus politischen Rücksichten, eine Annäherung
-zwischen Portugiesen und Eingebornen. Darum begünstigte er die Heiraten
-der Portugiesen mit Hindumädchen. In Goa waren diese letzteren weniger
-schwierig als die Töchter der Brahminen und Nair weiter im Süden.
-Jedem neuvermählten Paare verehrte er 18 Milreis aus der königlichen
-Kasse und vertheilte unter die Ansiedler die Häuser und Aecker der
-vertriebenen Mohammedaner. Dadurch wollte er Goa zum Mittelpunkt der
-portugiesischen Herrschaft machen und seinen Besitz dauernd befestigen.
-
-Die indischen Gegner fürchtete er dabei weniger als den Sultan
-Aegyptens. Von dort schien ihm auch in Zukunft allein ernste Gefahr
-zu drohen. -- Das ganze Zeitalter war so reich an überkühnen,
-himmelstürmenden Gedanken und Plänen, daß wir uns nicht wundern dürfen,
-auch Albuquerque in eine solche Schwäche verfallen zu sehen. Wie man
-von Michel Angelo erzählt, daß er den Marmorgipfel des Monte Altissimo
-in den Bergen von Carrara zu einer einzigen Statue habe umgestalten
-wollen, und damit ein ganzes Gebirgsprofil verändert hätte, so hatte
-auch Albuquerque, indem er der Oberfläche der Erde durch Verlegung
-eines Stroms ein anderes Ansehen geben wollte, nichts geringeres im
-Sinne, als den Nil in seinem Oberlaufe nach Habesch abzuleiten, um den
-alten Kulturboden von Aegypten des segenspendenden Wassers zu berauben;
-denn nur so hoffte er die mohammedanischen Herren für immer aus dem
-Lande der Pyramiden vertreiben zu können.
-
-Verständiger klingt schon sein Vorschlag, einen großen Feldzug ins
-rothe Meer hinauf zu machen und nach Eroberung Medina’s die Gebeine
-Mohammeds zu entführen, um dafür das heilige Grab in Jerusalem von den
-Ungläubigen auszutauschen.
-
-So genial wie in seinen Plänen, so reich war er an treffenden
-Aussprüchen. Die zeitgenössischen Geschichtsschreiber haben uns manche
-davon überliefert, die offenbar von Mund zu Mund gegangen waren.
-Dadurch wußte er auch die Gemüther wieder zu besänftigen, die er durch
-sein leidenschaftliches Temperament verletzt hatte. Ein witziger
-Einfall machte eine scheinbare Ungerechtigkeit, die er begangen, bald
-vergessen. Man sah, er wollte nur die Pflichtvergessenen treffen.
-
-Als nach der Eroberung Malaka’s Albuquerque beim Bau der Citadelle
-auf einem Gedenkstein, der in der Mauer angebracht werden sollte, die
-Namen der Tapfersten hatte einmeißeln lassen, beschwerten seine Leute
-sich darüber, daß nur einige genannt seien, während sie doch alle ihre
-Schuldigkeit gethan hatten. Da befahl der Generalcapitän den Stein
-umzukehren, daß die +Schrift+ nach innen kam, und ließ ihn als
-Schlußstein über das Thor der Festung setzen mit der neuen Inschrift:
-Der Stein, den die Bauleute verworfen haben. (Psalm 118. 22).[121]
-
-Sicher war Albuquerque der bedeutendste unter den portugiesischen
-Heerführern in Indien. Er verdunkelte auch die Thaten seiner
-Nachfolger. Zu spät sah Manuel seinen Fehler ein, daß er durch seinen
-Undank dem Begründer seiner indischen Macht das Herz gebrochen. Dann
-wollte er ihn wieder an Stelle des Soarez einsetzen und ihm sogar den
-Rang eines Vicekönigs verleihen. Aber dieser reuige Beschluß kam zu
-spät, und der König selbst mußte es noch erleben, wie mühsam sich nach
-Albuquerque’s Tode die indischen Angelegenheiten in befriedigender
-Weise entwickelten.
-
-
-8. Die Nachfolger Albuquerque’s.
-
-+Lopo Soarez d’Albergaria+, welcher als nächster Nachfolger
-Albuquerque’s von 1515-1518 den Oberbefehl in Indien führte, war kein
-Neuling mehr im Orient; er hatte schon 1504 ein Commando gehabt.
-Nun war er am 7. April von Lissabon mit 13 Segeln abgegangen und
-erreichte am 8. September 1515 Goa. Als Capitäne der einzelnen Schiffe
-begleiteten ihn alle die Widersacher Albuquerque’s, wie Diogo Mendes de
-Vascogoncellos, Jorge de Brito u. a.
-
-Bei seiner Ankunft in Goa fand er allgemeine Niedergeschlagenheit über
-seine Ernennung und Betrübniß über die rücksichtslose Beseitigung
-seines verdienstvollen Vorgängers, der sich in der von ihm geschaffenen
-Stadt der ungetheiltesten Verehrung erfreute. Im October ging Soarez
-nach Kotschin und fand dort, wie überall, nur kühlen Empfang; selbst
-die indischen Fürsten außer dem von Kalikut theilten die allgemeine
-Stimmung. Um diese Zeit kehrte Albuquerque von Ormuz zurück und in
-Kotschin erfuhr Soarez durch Simão d’Andrade zuerst von dem Hinscheiden
-des bisherigen Generalgouverneurs. Nun hatte Soarez freie Hand, aber
-auch im folgenden Jahre geschah noch nichts Erhebliches, er rüstete zu
-einem großen Zuge nach dem rothen Meere und brachte eine stattliche
-Flotte von 37 Schiffen zusammen, mit welcher er im Februar aufbrach,
-um einem ägyptischen Geschwader entgegenzutreten, welches angeblich
-27 Segel stark, wiederum nach den indischen Gewässern bestimmt sein
-sollte. Die feindliche Macht hatte in der That noch vor Aufbruch des
-Soarez sich auf den Weg gemacht, die wichtige Insel Kamaran befestigt,
-damit dieselbe nicht wieder, wie unter Albuquerque, zum Stützpunkt
-der portugiesischen Unternehmungen dienen könnte, war dann vor Aden
-erschienen und hatte diese Festung vergeblich berannt. Dann war sie
-nach Dschidda, dem Hafen von Mekka zurückgekehrt, wo man in gesicherter
-Lage die Schiffe an den Strand gezogen hatte.
-
-Soarez erlitt zwar durch einen Sturm in der Babelmandeb-Enge einige
-Verluste, drang aber trotzdem bis nach Dschidda vor. Er kam also
-weiter als Albuquerque, allein damit hatten seine Erfolge ein Ende.
-Denn der Hafen von Dschidda ist, wie fast alle Häfen am rothen Meere,
-durch Korallenbänke gebildet und geschützt. Zwischen den Riffen
-wand sich das schmale Fahrwasser wohl eine Meile weit, ehe man den
-Landungsplatz erreichte, und diese gefährliche Straße war durch
-Batterien vertheidigt. Eine Ueberrumpelung des Platzes mit bewaffneten
-Böten mißlang, es konnten nur einige Schiffe in Brand gesteckt
-werden. Während Soarez den Hafen noch blokirte, erhielt er bestimmte
-Nachrichten über den Einbruch der Türken in Aegypten und die Niederlage
-des ägyptischen Sultans. Dadurch war vorläufig die Kriegslust desselben
-vernichtet, und da man vor der Hand von den Türken nichts für Indien zu
-befürchten hatte, so wollte auch Soarez seine Leute nicht unnützerweise
-in den ungesunden Gewässern opfern, sondern zog sich zurück. Die Insel
-Kamaran war bei ihrer Ankunft von der mohammedanischen Besatzung
-zwar verlassen; aber außer Trinkwasser bot die Insel nichts. Für
-Lebensmittel war auf der Flotte nicht hinreichend gesorgt; nur um
-solche zu gewinnen, wurde die Stadt Zeila, auf der afrikanischen
-Küste, erstürmt und geplündert. Viele Leute verschmachteten oder
-verhungerten, andere kamen in Krankheiten um, andere bei Schiffbrüchen.
-Barros schätzt die Zahl der also Hinweggerafften auf achthundert.
-Osorio[122] äußert sich in heftigem Unwillen über diese Mißerfolge:
-„Mit Verlust von Menschen und Schiffen, mit Schimpf und Schande ging
-Soarez nach Ormuz zurück. Weder besetzte er Aden, noch zerstörte er
-die Flotte des Sultans in Dschidda, ja er setzte nicht einmal den
-Gesandten des Königs Matthäus von Habesch, der sich an Bord befand,
-in seiner Heimat ans Land.“ Auf dem Rückwege wurde die Flotte durch
-Unwetter dermaßen auseinander gejagt, daß einige Schiffe sich bis nach
-Melinde und gar nach Mosambik verschlagen fanden. So kläglich endete
-dieses Unternehmen. Mehr Erfolg hatte Soarez 1513 mit seinem Zuge gegen
-+Ceylon+. Diese Insel war seit 1506 von Portugiesen besucht. Nach
-der Eroberung von Ormuz, Goa und Malaka, und nach der Besetzung der
-Haupthäfen auf der Westküste Vorder-Indiens durch Albuquerque, nahmen
-die arabischen Kauffahrer einen anderen Weg, um von den Gewürzinseln
-in ihre Heimat zurückzukehren. Sie vermieden das früher besuchte
-malabarische Küstenland, legten dafür in Ceylon, namentlich in Kolombo,
-an und steuerten dann über die Malediven nach Aden. Um ihnen nun
-diesen Weg gleichfalls zu verlegen, hatte Manuel den Befehl gesandt,
-in Kolombo sich festzusetzen. Der dortige Fürst bequemte sich erst
-nach einer Niederlage dazu, den Bau einer portugiesischen Citadelle zu
-gestatten, und mußte, indem er vollständig zinsbar wurde, jährlich 300
-Bahar Zimmt (~à~ 4 Centner), 12 Ringe mit Rubinen und Saphiren, und 6
-Elephanten als Tribut in die Factorei von Kotschin liefern.
-
-Nachdem dieser Zug geglückt war, übergab Soarez den Oberbefehl seinem
-Nachfolger und ging am 20. Januar 1519 mit neun beladenen Schiffen
-nach Portugal ab. „Sein ganzes Glück scheint darin bestanden zu haben,
-daß er seine Flotten und seine Ladungen wohlbehalten nach Hause
-brachte.“[123]
-
-Indem wir vorläufig die weiter östlich ausgeführten Entdeckungsfahrten
-übergehen, um sie später im Zusammenhange übersichtlich darzustellen,
-verweilen wir noch bei den Angelegenheiten, welche sich in
-Vorder-Indien und im westlichen Theile des indischen Oceans abspielen.
-Aber auch diese Ereignisse sollen nur summarisch geschildert werden, da
-wenige bedeutende Erfolge im nächsten Jahrzehnt zu verzeichnen sind.
-Auf Soarez folgte als Generalgouverneur +Diogo Lopez de Sequeira+ von
-1519-1521. Derselbe ist uns bereits bekannt durch seinen ersten Besuch
-in Malaka 1509. Er kam als oberster Befehlshaber wieder mit einer
-ansehnlichen Flotte und 1500 Mann im September 1518 nach Indien, und
-unternahm auch, auf königlichen Befehl, 1520 einen erfolglosen Zug
-nach dem rothen Meere, weil man in Portugal in Erfahrung gebracht, daß
-die Türken in Aegypten einen Zug nach Indien vorbereiteten. In der
-Nähe der Meerenge von Babelmandeb litt Sequeira selbst Schiffbruch;
-er rettete sich mit seinen Leuten auf ein anderes Fahrzeug, gelangte
-aber nicht einmal bis Dschidda, suchte dann den Hafen Massaua an der
-Küste von Habesch auf -- er war der erste Portugiese, der hier anlief
--- und brachte endlich den habessinischen Gesandten, den schon Soarez
-bei seinem Zuge an Bord gehabt, wieder in sein Vaterland. Dann begab
-er sich von da nach Ormuz und wurde mit neuen Befehlen von Portugal
-aus förmlich überschüttet, so daß er nicht wußte, was er zuerst
-vornehmen sollte. Danach sollte er auf den Molukken, auf Sumatra,
-auf den Malediven, in Tschaul (Vorder-Indien) Festungen anlegen,
-dann wieder nach dem rothen Meere gehen, Diu erobern, Schiffe nach
-China senden u. s. w. Aber von alledem hat er nur eins, die Anlegung
-eines Forts in Tschaul, ausgeführt. Denn sein großer Zug gegen Diu
-mit mehr als vierzig Schiffen mißlang und zu einem zweiten Zuge gegen
-Aegypten fehlte ihm die Zeit. Seine Amtszeit war abgelaufen. Bis an das
-nördliche Ende des rothen Meeres, bis nach Sues vorzudringen, war erst
-1541 dem Sohne Vasco’s, Estevan da Gama vergönnt.
-
-Schon ehe Sequeira vom Oberbefehl zurücktrat, starb König Manuel am 13.
-Januar 1521. Sein Sohn und Nachfolger Johann III. schickte 1522 den
-+Duarte de Menezes+ als Obergeneral nach Indien. Derselbe hatte sich im
-afrikanischen Kriege vor Tanger ausgezeichnet und galt als einer der
-vorzüglichsten Männer Portugals; aber auf indischem Boden grünte ihm
-kein Lorbeer, denn um diese Zeit wäre beinahe die wichtige Position
-von Ormuz verloren gegangen. Dort war nämlich gegen Ende des Jahres
-1521 ein Aufstand ausgebrochen, weil Portugiesen als Hafenmeister
-angestellt waren, welche die Hafeneinkünfte controlliren sollten.
-Darüber bildete sich eine Verschwörung, welche die Fremden vernichten
-sollte. In einer Nacht wurden 125 Portugiesen, welche sorglos in der
-Stadt wohnten, überfallen und niedergemacht. Glücklicherweise aber
-hielt sich die Festung. Der König von Ormuz begab sich daher, da der
-verrätherische Plan nicht vollständig geglückt war, mit allem Volk
-nach der weiter nördlich gelegenen Insel Kishm, nachdem er die Stadt
-den Flammen preisgegeben hatte. Der Bruder des Generalcapitäns, Luis
-de Menezes, welcher auf die Kunde von diesem Vorfall sofort dorthin
-gesendet wurde, stellte indeß den Frieden wieder her. Das Handelsvolk
-kehrte in die Stadt zurück und der König mußte sich zu einem jährlichen
-Tribut von 20,000 Scherafinen verpflichten. Dann erschien auch Duarte
-de Menezes in Ormuz, ordnete die Verhältnisse wieder und befestigte die
-portugiesische Stellung.
-
-Wenn als sein Nachfolger +Vasco da Gama+ noch einmal in Indien
-erscheint, so durfte man wohl erwarten, daß er mit fester,
-rücksichtsloser Hand die indischen Angelegenheiten leiten und das
-eintretende Gefühl einer Ermattung durch glänzende Thaten bannen würde.
-Leider sollte diese Erwartung nicht in Erfüllung gehen, da er nur ein
-Vierteljahr die Oberleitung besaß.
-
-[Illustration: Facsimile des Namenszuges von Vasco da Gama (und zwei
-Zeugen) in dem Dokument, in welchem er König Johann III. huldigte, als
-derselbe ihn zum Vicekönig von Indien ernannt hatte. -- Das Dokument
-befindet sich im Archiv von Lissabon. Die Unterschriften lauten: ~Ho
-conde do vymyoso. +Ho comde almirante.+ Bertolomeu de paiva.~]
-
-Es ist mit Recht aufgefallen, daß der Entdecker des Seeweges seit
-1502 keine Verwendung in indischen Diensten gefunden hatte. War Don
-Manuel nicht einverstanden gewesen mit dem schroffen Auftreten Gama’s?
-Erst unter König Johann III. begegnen wir ihm wieder und dann mit dem
-Range eines Vicekönigs, den seit Almeida kein Heerführer in Indien
-mehr erhalten hatte. Im Gefolge Gama’s befanden sich außer seinen
-Söhnen Estevan und Paulo die Capitäne Henrique de Menezes und Lopo
-Vaz de Sampayo, welche beide später als Generalcapitäne fungirten. Am
-23. September langte der neue Vicekönig in Goa an, und wandte seine
-Aufmerksamkeit und Thätigkeit zunächst einer sorgfältigen Prüfung
-der Verwaltung zu. Hier waren allerlei Mißbräuche eingerissen und
-Unterschleife vorgekommen, welche die Einkünfte des Königs schmälerten.
-Dabei handelte Gama im Interesse des Staates, denn, sagte er, er wolle
-lieber den König reich machen, da es das größte Glück für ein Volk sei,
-einen reichen König zu haben, als die Leute sich bereichern lassen,
-die arm von Portugal kämen, um, ohne für den Dienst besonders befähigt
-zu sein, in Indien Schätze zu sammeln. Darum verfuhr er gegen die
-reichen Beamten des Königs sehr streng und stellte niemanden an, ehe
-er seine Fähigkeiten geprüft hatte. Ohne Erlaubnißschein sollte kein
-portugiesischer Privatmann Handel treiben, bei Todesstrafe, und wenn
-gar ein Beamter sich an den Geschäften betheiligte, sollten Schiff und
-Ladung confiscirt werden.
-
-Da auch die portugiesischen Kauffahrteischiffe wegen der kriegerischen
-Verhältnisse in den indischen Gewässern mit Geschützen versehen waren
-und sich dieselben auf unerlaubte Weise vielfach aus den königlichen
-Arsenalen zu verschaffen gewußt hatten, so forderte Gama diese Waffen
-wieder zurück. Binnen einem Monate mußten sie an die Zeughäuser wieder
-abgeliefert werden. Waren die Händler auf diese Weise wieder wehrlos
-gemacht, dann war auch ihre Unternehmungslust dadurch gedämpft. Aber
-nicht blos Waffen waren, mit Genehmigung der königlichen Verwalter,
-aus den königlichen Magazinen abgegeben; manche höhere Beamte hatten
-sogar königliche Gelder zurückbehalten. Diese trieb, so weit sie
-ermittelt werden konnten, der Vicekönig ohne Ansehen der Person ein.
-So forderte er selbst von seinem Vorgänger im Amte, Duarte de Menezes
-Summen zurück, welche dieser sich aus den Einnahmen der Factoreien
-angeeignet hatte. Eine längere Dauer seines Regiments würde für die
-Verwaltung von heilsamer Wirkung gewesen sein. Aber diese letztere
-wurde bald verwischt, da Vasco da Gama schon am 24. December 1524
-in Kotschin starb. Die Leiche wurde, in seidenen Kleidern mit dem
-Mantel des Christusordens bedeckt, mit Schwert und goldenen Sporen,
-zuerst in einer Halle ausgestellt und dann in der Kapelle des
-Franziskanerklosters in Kotschin beigesetzt. Im Jahre 1538 wurden die
-Gebeine nach Portugal gebracht und in Vidigueira bestattet, wo das
-Grabmal 1840 vom Pöbel zerstört wurde.
-
-[Illustration: Wappen von Vasco da Gama.]
-
-Barros schildert ihn als einen Mann von mittler Größe, kühn und tapfer
-in seinen kriegerischen Unternehmungen, strenge in seinen Befehlen,
-furchtbar in seinem Zorn, unverdrossen in der Arbeit, beharrlich selbst
-in Gefahren, unbestechlich in der Handhabung der Gerechtigkeit. Und
-wenn Correa hinzufügt, daß er sich nur aus religiösem Eifer und zur
-Ehre Portugals so oft in Lebensgefahr begeben habe, so liegen auch bei
-Vasco da Gama als die treibenden Kräfte: ritterlicher Waffenruhm und
-die Verbreitung des heiligen Glaubens offen vor Augen; denn vielen,
-und darunter den Edleren, erschienen die indischen Kämpfe als heilige
-Kriege, als Kreuzzüge gegen den Erbfeind des Christenthums.
-
-Nach dem Tode des Vaters kehrten die Söhne Gama’s zunächst nach
-Portugal zurück.
-
-Gama’s Nachfolger wurde +Henrique de Menezes+, ein junger, tapferer
-Mann, welcher sich zuvor im marokkanischen Kriege ausgezeichnet hatte
-und zu jener Zeit Gouverneur von Goa war. Derselbe starb aber schon
-am 23. Februar 1526 in Folge eines Beinschadens. Zu seinem Nachfolger
-bestimmte eine königliche Verordnung den +Pero Mascarenhas+. Derselbe
-war aber damals Statthalter in Malaka, und weil man voraussah, daß
-eine geraume Zeit darüber vergehen werde, ehe er mit günstigem Monsun
-nach Vorder-Indien kommen könne, und weil man augenblicklich bei den
-fortwährenden Kämpfen an der Küste von Malabar schleunigst einer
-Oberleitung bedurfte, so entschieden sich die Hauptleute dahin,
-nach einer weitern königlichen Verfügung, welche bereits in Indien
-schriftlich vorlag, den +Lopo Vaz de Sampayo+ provisorisch als
-Generalgouverneur anzuerkennen, jedoch mit dem Vorbehalte, daß er
-bei Ankunft des Mascarenhas zurückzutreten habe. Lopo Vaz war damals
-Commandant in Kotschin und trat sofort sein Amt an. Noch in demselben
-Jahre traf von Europa eine neue Verfügung des Königs ein, welcher von
-den oben erwähnten Vorfällen und von dem Tode des Menezes noch keine
-Kunde hatte und nun neuerdings bestimmte, daß, falls Menezes stürbe,
-Lopo Vaz in seine Stelle treten solle. Daraus entstanden unliebsame
-Verwicklungen. Als Mascarenhas am 26. Februar 1527 vor Kotschin
-ankam, wurde ihm bedeutet, er dürfe sich nicht als Generalgouverneur
-betrachten und mit seinen bewaffneten Leuten landen. Wolle er ohne
-Waffen als Privatmann ans Land kommen, so solle das gestattet sein.
-Pero Mascarenhas hoffte durch sein persönliches Erscheinen seinen
-Anhang zu vermehren und dann doch anerkannt zu werden. Aber er fand
-am Ufer bewaffneten Widerstand und mußte, nachdem er zweimal am Arme
-verwundet war, sich auf sein Schiff zurückziehen. Er lieferte die von
-Malaka mitgebrachten Frachtschiffe und die Beute aus einem glücklichen
-Kriege mit dem Fürsten von Bintang ohne Weigerung ab und begab sich
-ohne Gefolge nach Goa, wo er durch friedliche Entscheidung zu seinem
-Rechte zu kommen gedachte. Vor der Barre von Goa wurde aber sein
-Fahrzeug auf Befehl des Lopo Vaz angehalten und er selbst in Ketten
-gelegt und nach Kananor gebracht. Die starke Partei des Mascarenhas
-ruhte aber nicht eher, als bis Lopo Vaz zu einem Vergleich sich
-herbeiließ und das Urtheil einem Schiedsgerichte anheimstellte. Als
-dieses sich für ihn entschieden hatte, kehrte Pero Mascarenhas nach
-Portugal zurück (December 1527). Vor seiner Ankunft hatte der König
-schon beschlossen, um die in Indien ausgebrochenen Parteistreitigkeiten
-zu beseitigen, einen neuen Generalgouverneur zu entsenden, dem beide
-Parteien gehorchen könnten. Es wurde +Nuno da Cunha+ ernannt, der
-schon mit seinem Vater Tristão in Indien gewesen war. Diese Wahl war
-sehr glücklich, denn seit Albuquerque’s Tode war nichts Bedeutendes
-mehr geleistet und die verfügbare Macht in fruchtlosen Unternehmungen
-zersplittert. Im April 1528 verließ da Cunha Lissabon mit 11 Schiffen
-und 2500 Mann. An der Küste von Madagascar verlor er sein Schiff,
-wandte sich an den Komoren vorbei nach Sansibar, eroberte im November
-Mombas fast ohne Blutvergießen und legte es in Asche, da der Scheich
-nur in der Erwartung, daß das höchst ungesunde Klima die Portugiesen
-bald vertreiben werde, den verlangten Tribut zu zahlen sich weigerte.
-Dann ging da Cunha, obwohl er von dem Streite über den Oberbefehl in
-Indien genauere briefliche Nachrichten erhalten hatte, zuerst nach
-Ormuz, um dort zu überwintern und zugleich die Angelegenheiten in der
-Stadt zu ordnen. Er traf zu Gunsten des Königs von Ormuz uneigennützige
-Verfügungen und übte strenges Gericht über hochgestellte einheimische
-Beamte, welche sich große Unterschlagungen königlichen Gutes hatten
-zu Schulden kommen lassen. Dadurch gewann er das Vertrauen des Herren
-der Stadt. Während seiner Anwesenheit daselbst kam Belchior de Sousa
-Tavaros von einem Kriegs- und Entdeckungszuge nach Basra in den Hafen
-zurück. Er war der erste Portugiese, welcher in den vereinigten
-Mündungsstrom des Euphrat und Tigris eindrang.
-
-[Illustration:
-
- +Pero Mascarenhas in Ketten.+
- Aus den „~Lendas da India~“
-]
-
-Am 15. September 1529 begab sich da Cunha nach Indien und erreichte
-Goa am 22. October. Sofort begann er seine Vorbereitungen zu einem
-energischen Angriff auf Diu, dem wichtigen und sehr festen Hafenplatz
-im Reiche Gudjerat. Schon Albuquerque hatte, in richtiger Würdigung der
-Wichtigkeit dieses Platzes, den Hafen von Diu ins Auge gefaßt, war aber
-durch andere Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen gewesen, um
-einen Anschlag darauf ausführen zu können. Unter seinen Nachfolgern war
-die Stadt, welche lange unter der Verwaltung des Melek Aias gestanden,
-mehrfach vergeblich bestürmt. Auch unter den Nachfolgern des genannten
-Statthalters, seinen Söhnen Melek Saka und Melek Toghan war sie eine
-gefährliche Nachbarin der Portugiesen geblieben, denn der Sultan
-Bahadur (Badur) von Gudjerat, zu dessen Gebiet sie gehörte, war einer
-der mächtigsten Fürsten Indiens.
-
-Inzwischen traf da Cunha mit seinem Vorgänger Lopo Vaz vor Kananor
-zusammen und übernahm aus dessen Hand die Oberleitung der indischen
-Angelegenheiten. Auf Befehl des Königs Johann III. mußte er sogar den
-bisherigen Generalcapitän verhaften lassen, weil von Ormuz und Kotschin
-aus Klagen gegen denselben eingelaufen waren. In Portugal aber wurde
-Lopo Vaz bald wieder in Freiheit gesetzt.
-
-Dem wankelmüthigen Samudrin, welcher den Frieden immer wieder brach,
-sowie sich die portugiesische Macht aus seiner Nähe entfernte, wurden
-die Häfen gesperrt und der einträgliche Handel gelähmt. Er wurde
-nämlich von den Mohammedanern, in deren Interesse er handelte, immer
-wieder heimlich unterstützt und aufgestachelt. Auch jetzt erbot er sich
-wieder zum Frieden, allein da er die ihm auferlegten Bedingungen nicht
-erfüllen wollte, zerschlugen sich die Verhandlungen, und der friedelose
-Zustand dauerte fort. Im Jahre 1531 gelang es aber doch durch
-geschickte Unterhandlungen dem Samudrin das Zugeständniß abzugewinnen,
-die Erlaubniß zu ertheilen für die Anlegung einer Festung in Chali,
-drei Meilen südlich von Kalikut, im Gebiet des untergebenen Radscha von
-Tanur. Da Cunha ließ den Bau sofort beginnen und belegte den festen
-Platz bereits im Februar 1532 mit 250 Mann. Trotzdem blieb der Samudrin
-offen oder versteckt ein Gegner der Portugiesen.
-
-Das Reich Gudjerat, gegen welches Nuno da Cunha seinen großen Zug
-richten wollte, erstreckte sich auf beiden Seiten des Golfs von Kambaya
-vom Golf von Katsch bis südlich von Bombay. Hier lagen an der Küste
-die reichen Handels- und Gewerbstädte Pattana, Diu, Kambaya, Barotsch,
-Sorâth, Damân und Bassein, alte, wohlhabende und berühmte Orte, theils
-von indischen, theils von mohammedanischen Kaufleuten bewohnt. Schon
-ehe der Generalcapitän mit seiner großen Flotte aufbrach, schickte er
-im Anfange des Jahres 1530 den Antonio da Silveira mit einer Anzahl von
-Schiffen ab und ließ mehrere dieser Städte angreifen und plündern.
-
-Dann folgte im nächsten Jahre da Cunha selbst von Bombay aus mit einem
-so gewaltigen Geschwader, wie es vorher von den Portugiesen noch nicht
-aufgebracht war. Es sollen gegen 400 große und kleine Schiffe gewesen
-sein mit 3600 Portugiesen und dazu eine bedeutende Schaar indischer
-Hilfstruppen. Statt aber geradenwegs auf Diu zu steuern, wandte sich
-der portugiesische Befehlshaber weiter ostwärts, wo in einer Entfernung
-von 8 Meilen nordöstlich von Diu eine kleine felsenumsäumte Insel,
-jetzt Searbett, damals Bete genannt, liegt. Dieselbe war in letzter
-Zeit mit Festungswerken versehen und hatte eine Besatzung von 800
-Mann. Nuno da Cunha glaubte diese feste Position, welche den genannten
-großen Handelsemporien näher lag, nicht im Rücken lassen zu dürfen
-und hoffte sie ohne großen Verlust wegnehmen zu können. Allein die
-mohammedanische Besatzung wehrte sich mit dem Muthe der Verzweiflung,
-bis sie vernichtet war. Dadurch büßte da Cunha nicht blos viele Leute
-und darunter hervorragende Führer ein, sondern er verlor auch viel
-Zeit, welche von seinen Gegnern in Diu trefflich benutzt wurde, um den
-ohnehin festen Platz noch mehr mit Vertheidigungswerken zu versehen.
-Diu liegt vor dem Südende der Halbinsel Gudjerat auf einer Insel hart
-an der Küste. Dieses Eiland erstreckt sich 1½ Meilen von Osten
-nach Westen und ist etwa ½ Meile breit. Am schmäleren Ostende liegt
-die Stadt, zwischen der Insel und dem nördlichen Festlande der gegen
-Osten geöffnete Hafen. Klippenreihen umsäumen die Insel gegen Süden
-und decken die Stadt. Auf und zwischen den Felsen waren Batterien
-errichtet, um einen Angriff von der Seeseite abzuwehren. Weiter
-ostwärts erstrecken sich Sandbänke vor der Einfahrt in die Bucht, und
-der Hafen selbst war mit eisernen Ketten versperrt.
-
-Hätten die Portugiesen es nur mit den einheimischen Truppen zu thun
-gehabt, so wäre der Angriff auf diese starke Position vielleicht
-von Erfolg gekrönt gewesen; allein der Sultan Bahadur hatte kurz
-vorher einen unschätzbaren Bundesgenossen bekommen in der Person des
-türkischen Generals Mustafa, der auf die Kunde von den drohenden
-Ereignissen vom rothen Meere her mit zwei Schiffen und 800 tüchtigen
-türkischen Soldaten der Stadt zu Hilfe geeilt war. Mustafa verstand
-die europäische Kriegführung und war namentlich als Artillerieoffizier
-berühmt. Er wurde der Leiter der ganzen Vertheidigung und die
-gutgezielten Schüsse seiner Batterien richteten unter den Portugiesen
-unerwartet großen Schaden an. Nuno da Cunha übersah bald die veränderte
-Lage und das Bedenkliche eines Sturmes auf die Festung; da aber sein
-König den Angriff befohlen, so wagte er ihn, um nicht als zaghaft
-gescholten zu werden. Sein Hauptsturm, am 16. August, wurde indeß durch
-die Vertheidiger der Stadt abgeschlagen, und die Portugiesen mußten
-sich zurückziehen. Mustafa erhielt in Anerkennung seiner rühmlichen
-Leistung den Titel eines Chan und wurde mit der Verwaltung des
-Districts von Barotsch belohnt. Nuno beschränkte sich auf eine Blokade
-und ging dann nach Tschaul, südlich von Bombay, zurück. Der kleine
-Krieg zur See, die Wegnahme von Handelsschiffen, die Verwüstung von
-Küstenhäfen wurde auch im folgenden Jahre noch fortgesetzt.
-
-Bahadur, welcher bald darauf mit dem Sultan Humajun von Dehli in einen
-Krieg verwickelt wurde und daher in den Küstenstädten nur wenige
-Truppen zurücklassen konnte, wünschte indeß mit den Portugiesen Frieden
-zu schließen und bot ihnen statt Diu die Stadt Bassein sammt der Insel
-Salsette und Bombay (Mombain) an; der portugiesische Gouverneur ging
-darauf bereitwillig ein und ließ schon im Januar 1535 ein Fort in
-Bassein anlegen. Im Verlauf desselben Jahres lief aber Bahadurs Feldzug
-gegen Dehli unglücklich ab, er wurde geschlagen und flüchtete, verfolgt
-von dem Sieger Humajun, welcher Kambaya besetzte, nach Diu. Dem
-Sultan war darum zu thun, in seiner Noth die Portugiesen als Freunde
-zu gewinnen. Er erbot sich daher noch im Herbst 1535, ihnen einen
-Platz bei Diu einzuräumen, um eine Festung anzulegen, die den Hafen
-beherrschen könne. Dagegen sicherte Nuno da Cunha freien Handel der
-Städte in der Richtung nach dem rothen Meere zu; alle Schiffe konnten
-frei passiren, nur die türkischen nicht. Auf diesen Grundlagen wurde
-ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen. Der Bau einer starken Burg
-wurde alsbald begonnen.
-
-Als aber Humajun nach anderen Theilen seines Reiches abgerufen wurde
-und Bahadur sich von diesem gefährlichen Feinde erlöst sah, wurde
-ihm die Burg der Portugiesen lästig. Er knüpfte daher mit anderen
-Fürsten in Dekhan Verbindungen an, bewahrte aber äußerlich noch ein
-gutes Einvernehmen. Nuno da Cunha erfuhr von dieser Sinnesänderung
-und ging im Januar 1537 nach Diu. Als der Sultan den Gouverneur auf
-seinem Schiffe besucht hatte und nach der Stadt zurückfuhr, kam es
-in Folge eines unglücklichen Mißverständnisses zu einem feindseligen
-Zusammenstoß mit einigen nachfolgenden portugiesischen Fahrzeugen.
-Daraus entwickelte sich ein blutiges Gefecht, in welchem Bahadur
-selbst getödtet wurde. Bei der allgemeinen Bestürzung, die darüber
-entstand, ward es den Portugiesen leicht, die Stadt zu besetzen. Als
-die Gudjeraten aber mit einem größeren Heere heranrückten, mußten
-die Portugiesen sich wieder in die Festung zurückziehen. Hier hatten
-sie bald eine sehr ernste Belagerung zu bestehen, denn im Jahre 1538
-rückte eine gewaltige türkische Flotte mit 7000 Soldaten vor Diu.
-Fünfundzwanzig Tage lang wurde die Festung aus schwerem Geschütz
-beschossen, aber der tapfere Commandant Antonio da Silveira hielt
-Stand, und das Beispiel edler Frauen, welche nach dem Bericht Barros’
-mit Hand anlegten, um die durch die türkischen Geschosse zertrümmerten
-Mauern wieder herzustellen, feuerte den Muth der kleinen Besatzung
-an. Ein Hauptangriff gegen die geschossene Bresche wurde glücklich
-abgeschlagen, die Türken mußten sich zurückziehen und die Belagerung
-aufheben, weil Nuno da Cunha einige Schiffe zum Entsatz gesandt hatte,
-welche von den Belagerern für einen Theil der großen erwarteten
-Flotten gehalten wurden.[124] Es war für die hartbedrängte Schaar
-auch die höchste Zeit für eine Erlösung, denn aller Kriegsvorrath war
-verbraucht, und nur noch 40 Mann waren gefechtstüchtig geblieben.
-Alle übrigen waren gefallen oder verwundet, oder lagen am Scorbut
-krank, welcher in Folge des schlechten Trinkwassers in der Festung
-ausgebrochen war.
-
-So war Diu gerettet, und die türkische Macht kehrte am 5. November nach
-dem rothen Meere zurück.
-
-Es war dies das letzte bedeutende Ereigniß unter der Regierungszeit
-Nunos. Sein Nachfolger war bereits angekommen. Garcia de Noronha, ein
-Neffe Albuquerque’s, kam am 11. September 1538 mit einer Flotte nach
-Goa und übernahm als Vicekönig die Leitung. Nuno da Cunha’s Stellung
-war in Portugal erschüttert, das konnte er aus dieser Ernennung zu
-deutlich erkennen. Statt einen kräftigen, energischen Mann, wie er
-gewünscht hatte, und wie er es selbst gewesen war, ehe das indische
-Klima seine Gesundheit untergraben hatte, schickte man einen Greis
-von 70 Jahren, der auch dann als Diu in höchster Gefahr schwebte, mit
-äußerster Bedächtigkeit seine Rüstungen vornahm. Statt geschulter
-Soldaten brachte er entlassene Sträflinge mit, die erst eingeübt
-werden mußten und so wenig Vertrauen erweckten, daß die portugiesischen
-Hauptleute in Indien lieber eingeborene Truppen nahmen.[125] In
-Portugal machte sich der Mangel an junger Mannschaft bereits so
-fühlbar, daß man zu einem so bedenklichen Ersatz gegriffen hatte. Aus
-Mißmuth darüber nahmen mehrere Hauptleute den Abschied und kehrten mit
-da Cunha nach Portugal zurück.
-
-Die letzten Tage seines Aufenthalts in Indien wurden dem bisherigen
-Gouverneur noch dadurch verbittert, daß der Vicekönig ihm ein Schiff
-zur Heimreise verweigerte, unter dem Vorwande, er könne keins
-entbehren. Dadurch wurde da Cunha noch bis zum Januar 1539 in Kananor
-zurückgehalten und mußte sich, nachdem er zehn Jahre die portugiesische
-Macht in rühmlicher Weise erweitert und seinem Könige die Festungen
-in Diu, Bassein und Chali gegründet hatte, welche, wie Barros meint,
-nicht weniger wichtig waren als Ormuz, Malaka und Goa, die Eroberungen
-Albuquerque’s, auf eigene Kosten ein Schiff miethen, um in die Heimat
-zurückkehren zu können. Den Keim einer tödtlichen Krankheit in sich
-tragend und niedergebeugt durch den Undank des Herrschers, dem er
-ebenso uneigennützig als erfolgreich sein Leben lang gedient, denn er
-war schon sehr früh nach Indien gekommen, stieg da Cunha zu Schiff.
-Als er den Tod nahen sah, erklärte er in seinem Testamente an Eides
-statt, daß er niemals königliches Eigenthum sich angeeignet habe, außer
-fünf goldenen Münzen aus dem Schatze des Sultans Bahadur, die er dem
-König habe zeigen wollen. Als man ihn fragte, ob er wünsche, daß, falls
-er sterbe, seine Leiche mit nach Portugal genommen würde, antwortete
-er: „Soll ich nach Gottes Rathschluß auf der See sterben, so mag auch
-die See mein Grab sein. Das Vaterland, das mich voll Undank von sich
-gestoßen, soll auch mein Gebein nicht decken.“
-
-Sieben Wochen nach der Abfahrt von Kananor starb er und wurde, nach
-seinem Willen mit dem Gewande des Christusordens bekleidet und mit dem
-Schwert umgürtet, ins Meer gesenkt. So ward er wenigstens vor noch
-tieferer Kränkung bewahrt; denn allzu leicht geneigt, den geheimen
-Anklagen und Verleumdungen ein williges Ohr zu leihen, hatte die
-portugiesische Regierung ihm bereits ein Schiff entgegengesandt mit dem
-ausdrücklichen Befehl, den heimkehrenden Generalgouverneur in Ketten zu
-legen.
-
-Vielleicht war Johann III. dem Nuno deshalb nicht wohl gesinnt, weil
-dieser sich zu wenig die Ausbreitung des Christenthums hatte angelegen
-sein lassen und aus politischem Interesse dem Sultan Bahadur zu große
-Zugeständnisse gemacht hatte. Denn gerade zu jener Zeit war die
-Geistlichkeit von maßgebendem Einfluß im Rathe Johanns III., welcher
-die Inquisition in Portugal eingeführt hatte.
-
-[Illustration: +Porträt von Nuno da Cunha.+
-
-Aus den „~Lendas da India~“]
-
-Mit Nuno da Cunha ging die ruhmreiche Zeit in Indien zu Ende. Noch
-lange nach seinem Tode, sagt Barros, erinnerte man sich der zehn Jahre
-seiner Regierung, so daß selbst diejenigen, die ihn ehedem befeindet
-hatten, seine Lobredner wurden.
-
-Man muß sich erstaunt fragen, wie es gekommen, daß gerade die
-verdienstvollsten Männer für ihre Thaten in Indien mit Undank
-belohnt wurden. Nicht sie selbst allein beklagen sich darüber, die
-Geschichtsschreiber fällen dasselbe Urtheil und stimmen ihnen bei. Ohne
-Zweifel lag der Grund zum Theil darin, daß man von Portugal aus, ohne
-die Sachlage aus so weiter Ferne genau beurtheilen zu können, zu viele
-Wünsche, Verhaltungsmaßregeln und Befehle sandte, welche unmöglich
-sofort ausgeführt werden konnten; daß man ein selbständiges Handeln,
-selbst gegen die ertheilten Vorschriften, als ein Auflehnen gegen die
-königliche Macht, als ein bedenkliches Trachten nach Unabhängigkeit
-ansah. Dazu kam noch, daß viele portugiesische Edelleute den Dienst in
-Indien als ein willkommenes Mittel ansahen, sich möglichst rasch zu
-bereichern, und sei es auch auf ungerechte Weise. Wie oft ist nicht
-über Unterschleife geklagt und Untersuchung angestellt worden! Oder es
-wollten sich die vornehmen Herren den Befehlen des Generalgouverneurs
-nicht fügen und lehnten sich dagegen auf. Wurden sie dann ihrer Stellen
-entsetzt und nach Portugal zurückgeschickt, dann traten sie natürlich
-mit bitteren Klagen über die Oberleitung in Indien auf, und von ihren
-Gönnern bei Hofe unterstützt, fanden sie auch den Weg bis zu dem Ohr
-des Herrschers, der fast nur die entstellten Berichte zu hören bekam
-und so gerade die energischesten Statthalter mit Mißtrauen beobachten
-lernte oder sich gegen dieselben gewinnen ließ.
-
-Ueberblicken wir noch einmal die politische Machtstellung der
-Portugiesen in Indien zur Zeit, als Nuno da Cunha starb, so lag
-der Mittelpunkt ihres Besitzes auf der Westküste jener asiatischen
-Halbinsel. Es wäre aber eine durchaus falsche Vorstellung, ihre
-Herrschaft sich über weite Ländereien auf dem Boden Indiens ausgedehnt
-zu denken. Der ursprüngliche Plan, den Weg zu den Gewürzländern
-zu finden und den Gewürzhandel ganz und allein in die Hand zu
-bekommen, blieb stets maßgebend und die einzige Richtschnur. Mit den
-einheimischen Fürsten wünschte man stets in Frieden zu leben; aber
-die Anhänger Mohammeds, diese Erzfeinde des christlichen Glaubens,
-und in den indischen Gewässern fast die alleinigen Zwischenhändler
-des Handels mit Europa, sei es über den persischen Golf oder durch
-den arabischen Meerbusen, mußten mit Waffengewalt verdrängt werden;
-ihre Kauffahrer sollten aus dem indischen Ocean verschwinden. Zu dem
-Zwecke mußten wachehaltende Kriegsschiffe auf dem Meere kreuzen, um die
-unter mohammedanischer Führung gehenden Gewürzfrachten abzufangen und
-ihnen alle Wege zu sperren, dazu dienten aber auch in den wichtigsten
-Handelsplätzen Indiens feste Citadellen zur Ueberwachung des Verkehrs.
-
-Verstanden sich die indischen Fürsten dazu, daß in ihrem Gebiet eine
-von Portugiesen besetzte steinerne Festung errichtet wurde, dann traten
-sie in das Verhältniß der Bundesgenossenschaft, andernfalls waren sie
-beständigen Belästigungen und Angriffen von der Seeseite ausgesetzt.
-
-Sonach besaßen zwar die Portugiesen eine größere Anzahl von Steinburgen
-in oder neben den Städten, aber die einheimischen Fürsten regierten im
-Lande. Nur an drei Punkten wurden den Portugiesen durch Verträge oder
-Eroberung Küstenstädte nebst dem umgebenden Lande abgetreten: Diu,
-Bassein mit Salsette und Goa. Und diese lagen sämmtlich an der Küste
-auf kleinen Inseln, welche von den Eroberern besser vertheidigt werden
-konnten. Hier waren die Portugiesen die alleinigen Herren und wußten
-im Laufe der Zeit sich, nach dem Vorgange Albuquerque’s in Goa, diese
-Positionen um so mehr zu sichern, als Europäer sich dort niederließen
-und die Städte ihren rein indischen Charakter verloren. Daher kommt es
-auch, daß noch jetzt die allerdings längst bedeutungslos gewordenen
-Städte Goa und Diu in portugiesischen Händen geblieben sind.
-
-Außerhalb Indiens gehörte ihnen noch das mit bewaffneter Hand genommene
-Malaka, das aber nur mühsam bis ins nächste Jahrhundert behauptet
-wurde. Auch in Ormuz waren sie, obwohl die einheimische Herrschaft
-in der Stadt belassen wurde, doch die gebietende Macht, während
-eine Reihe von arabischen Küstenplätzen und ost-afrikanischen Häfen
-tributpflichtig gemacht wurde.
-
-Die Verhältnisse auf den Molukken sollen im Folgenden noch eingehend
-betrachtet werden.
-
-Die historischen Ereignisse in Vorder-Indien werden wir nicht weiter
-verfolgen, sondern richten unsere Blicke auf die östlichen Länder und
-Inseln Asiens, um zu sehen, wie sie allmählich entschleiert wurden, bis
-die neugewonnene Kenntniß einerseits bis nach Japan, andererseits bis
-hart an den Continent Australien reichte.
-
-
-9. Die Portugiesen auf den Molukken.
-
-Im Südosten von Hinter-Indien breitet sich die große malayische
-Inselflur aus, welche aus der Sundawelt nebst Molukken und Philippinen
-besteht. Der Flächenraum, welchen die an tropischen Erzeugnissen
-überaus reich gesegneten und in malerischer Schönheit prangenden
-Inseln bedecken, ist so groß wie ganz Europa. Die Summe der Landmassen
-dieses Gebietes, welches in seiner ganzen Breite auf einer Strecke
-von 35 Meridianen oder 525 Meilen vom Aequator durchschnitten wird,
-beträgt etwa 36,000 Quadratmeilen; die Bevölkerung wird jetzt auf 35
-Millionen Menschen geschätzt, ist also größer als die Einwohnerschaft
-von ganz Südamerika. Die Sundainseln gehören zu den größten Inseln
-der Erde: Bórneo nimmt einen größern Flächenraum ein als das deutsche
-Reich sammt den angrenzenden Staaten Schweiz, Belgien, Niederlande
-und Dänemark; Sumátra ist so groß wie Preußen und Bayern zusammen,
-Celebes läßt sich mit Großbritannien vergleichen, und Java steht dem
-Staatencomplex von Süddeutschland nicht nach. Man macht sich von der
-Größe des ganzen Gebiets und der Ausdehnung dieser Inseln gewöhnlich
-eine zu geringe Vorstellung. „Der Reisende,“ sagt Wallace,[126] „segelt
-Tage, selbst Wochen längs den Ufern +einer+ dieser Inseln, die oft so
-groß sind, daß deren Bewohner sie für ein ausgedehntes Festland halten.
-Er erfährt, daß man Touren zwischen diesen Inseln meist nur nach Wochen
-und Monaten berechnet und daß ihre verschiedenen Einwohner oft so
-wenig unter einander bekannt sind, wie die Eingebornen des nördlichen
-Festlandes von Amerika denen des südlichen. Bald gelangt er dahin,
-diese Region als eine von der ganzen übrigen Welt gesonderte anzusehen,
-mit ihren eignen Menschenrassen und ihren eignen Ansichten der Natur,
-mit ihren eignen Ideen, Empfindungen, Sitten und Sprachweisen, mit
-einem Klima, einer Vegetation, einer Thierwelt, alles von durchaus ihr
-eigenthümlichem Charakter.“
-
-Nahe dem Ostrande dieses großen Gebietes, genau in einem Abstande
-von 25 Meridianen, von der Stadt Malaka aus gerechnet, liegen
-die eigentlichen Molukken oder Gewürzinseln an der Westküste der
-vielgegliederten Insel Halmahera oder Dschilolo zwischen dem ersten
-und zweiten Grade nördl. Br. Die wichtigsten darunter sind Ternate und
-Tidor. Zwei andere Gruppen von Eilanden, welche ebenfalls an Gewürz
-reich sind, liegen 60 bezüglich 80 Meilen südlich und südöstlich von
-der zuerst genannten Gruppe. Beide liegen im Süden der langgestreckten
-Insel Ceram, und zwar die Amboinen und Banda.
-
-Hier ist die Heimat der Gewürznelken und der Muskatnuß. Im Gegensatz
-zu der namhaften Ausdehnung der Sundainseln gehören die Molukken zu
-den kleinsten Eilanden, so daß die kostbarsten Güter der Pflanzenwelt
-nur auf einem sehr beschränkten Raum gedeihen. Tidor umfaßt kaum 1½,
-Ternate etwas mehr als 1 Quadratmeile, und die Bandagruppe ist auch
-nicht größer. Dagegen nehmen die Amboinen einen Flächenraum von 17
-Quadratmeilen ein. Gegenwärtig beträgt die Bevölkerung nicht ganz
-100,000 Seelen, sie entspricht also annähernd der mittleren Dichtigkeit
-der Bevölkerung im deutschen Reiche.
-
-Diese Inseln sind Glieder des großen vulkanischen Ringes, welcher von
-den Philippinen her gegen Süden über Banda hinaus und weiter gegen
-Westen und Nordwesten über Sumatra hin die größte aller in diesem
-Gebiete liegende Insel Borneo umfaßt. Sie sind sämmtlich vulkanisch
-und bestehen eigentlich nur aus 4- bis 5000 Fuß hohen Bergkegeln,
-in denen die eruptischen Gewalten des Erdinnern noch wach sind,
-und die theils durch verheerende Ausbrüche, theils durch heftige
-Erderschütterungen die Bewohner erschrecken. Aber die vulkanischen
-Aschen und die verwitterten Laven haben, von tropischem Regen getränkt,
-eine erstaunliche Fruchtbarkeit und eine üppige Baumvegetation
-erzeugt, welche die Gehänge der Vulkane vollständig umhüllt. Auf
-den eigentlichen Molukken hat Tidor den größten und vollkommen
-konisch gestalteten Berg, der Berg auf Ternate ist fast ebenso hoch
-aber mit einer gerundeten und unregelmäßigen Spitze. Hier erhebt
-sich unmittelbar hinter der Stadt der riesige Berg, anfangs langsam
-ansteigend und mit dichten Hainen von Fruchtbäumen bedeckt, bald
-aber steiler werdend und von tiefen Furchen durchzogen. Fast bis zum
-Gipfel, dessen Oeffnung stets schwache Rauchwolken entsteigen, ist er
-mit Pflanzenwuchs bekleidet und sieht so ruhig und schön aus, obgleich
-er ein Feuer birgt, das gelegentlich in Lavaströmen ausbricht, aber
-sich häufiger durch Erdbeben bemerkbar macht, welche oftmals die Stadt
-verwüstet haben.[127]
-
-Ueber den Fruchtbäumen erstreckt sich ein Gürtel von Lichtungen und
-bebautem Boden, welcher sich den Berg hinauf bis zu einer Höhe von
-zwei- bis dreitausend Fuß zieht, worauf Urwald folgt, der fast bis zum
-Gipfel reicht.
-
-Die Küsten dieser kleinen Inseln haben steile, schwarze Gestade aus
-vulkanischem Sande oder sind mit zerrissenen Massen von Lava und
-Basalt belegt.[128] Nur hier auf den beiden genannten Inselbergen und
-den südlich darauf folgenden Inseln, welche ähnlich gestaltet sind,
-auf Motir und Makkian, sowie auf der südlichsten und größten, Batjan,
-gedieh die geschätzte Gewürznelke. Der spanische Seefahrer Urdaneta,
-welcher von 1526 bis 1535 dort weilte, schätzte zu seiner Zeit den
-jährlichen Ertrag in guten Jahren auf 11,600 Centner (Quintal), in
-schlechten Jahren auf 5- bis 6000 Centner. Als Urdaneta auf die Inseln
-kam, kostete ein Bahar (d. h. mehr als 4 Centner) 2 Dukaten, und zur
-Zeit, als er das Gebiet verließ, bezahlte man in Indien für dasselbe
-Maß bereits 10 bis 14 Dukaten.[129]
-
-Die zweitwichtigste Gruppe bilden die drei kleinen Bandainseln.
-Barros[130] nennt sie einen Garten von Muskatbäumen, welche mit
-zahlreichen Pflanzen und Kräutern zu gleicher Zeit blühen und so die
-Luft mit einem unvergleichlichen Gemisch von Wohlgerüchen erfüllen.
-Wallace schildert sie mit gleichem Entzücken, als bedeckt mit einer
-ungewöhnlich dichten und brillianten grünen Vegetation. Banda ist ein
-lieblicher kleiner Fleck Erde; die drei Inseln schließen einen sichern
-Hafen ein, von dem kein Ausgang sichtbar ist, und der so durchsichtiges
-Wasser besitzt, daß lebende Korallen und selbst die kleinsten
-Gegenstände deutlich auf dem vulkanischen Sand und in einer Tiefe
-von 7 bis 8 Faden zu sehen sind. Der immer rauchende Vulkan thürmt
-seine nackte Spitze an einer Seite auf, während die zwei größeren
-Inseln mit Pflanzenwuchs bis an den Gipfel der Hügel bedeckt sind.
-Ungeachtet der Verluste, welche durch Erderschütterungen entstehen,
-und ungeachtet des geringen Umfanges und der isolirten Lage dieser
-kleinen Inseln sind sie noch der Haupt-Muskatnußgarten der Erde. Fast
-die ganze Oberfläche ist mit Muskatnüssen bepflanzt, welche unter dem
-Schatten der hohen Kanarienbäume (~Kanarium commune~) wachsen. Der
-vulkanische Boden, der Schatten und die außerordentliche Feuchtigkeit
-dieser Inseln, wo es mehr oder weniger jeden Monat im Jahre regnet,
-scheinen dem Muskatnußbaume gerade zuzusagen, welcher keinen Dünger
-und kaum der Pflege bedarf. Das ganze Jahr hindurch findet man Blumen
-und reife Früchte, und dazu sind wenige cultivirte Pflanzen schöner
-als Muskatnußbäume. Sie sind hübsch geformt und glattblättrig, 20 bis
-30 Fuß hoch und tragen kleine gelbliche Blumen. Die reife dunkelbraune
-Nuß ist von der carmoisinrothen Muskatblüthe oder Macis als Samenhülle
-umgeben und bietet so einen reizvollen Anblick dar.[131]
-
-Urdaneta schätzte zu seiner Zeit den Ertrag auf durchschnittlich 7000
-Centner Nüsse und 1000 Centner Macis (~macía~). Ein Bahar (hier gleich
-5 Centner) Nüsse kostete 5 Dukaten, Macis immer siebenmal soviel. Von
-beiden Gewürzen gelangten damals nur etwa 500 Centner Gewürznelken, 100
-Centner Macis und 200 Centner Muskatnüsse nach Portugal.[132]
-
-Die dritte und größte Gruppe endlich bilden die Amboinen südlich von
-Ceram, gegenwärtig dem Hauptpunkte der Molukken. Die Hauptinsel Amboina
-besteht aus zwei Halbinseln, die durch Seebuchten fast gänzlich von
-einander getrennt sind. Thätige Vulkane gibt es nicht mehr auf der
-Insel; früher kamen häufiger heftige Erdbeben vor. Seit 1824 ist der
-Vulkan auf der westlichen Seite der Insel still geworden. Der Seegrund,
-welcher die Insel umgibt, ist von einer wunderbaren Klarheit und von
-bezaubernder Schönheit der farbenprächtigen Korallenwelt, welche von
-zahlreichen blau, roth und gelb gefärbten Fischen und der Oberfläche
-näher von orangenen und rosigen, durchsichtigen Medusen belebt ist.
-Ueppiger Wald, von Kletterpflanzen durchwuchert, bedeckt das ganze
-Land, so weit es nicht für den Anbau gelichtet ist.[133]
-
-Schon im sechzehnten Jahrhundert gediehen hier die Gewürznelken, wenn
-auch nicht in demselben Maße wie auf den Molukken, aber die Insel war
-damals bekannt wegen der Seetüchtigkeit der Bewohner. Die Malayen,
-welche diese Inselwelt größtentheils bewohnen, sind recht eigentlich
-ein Seevolk, und durch die Zersplitterung des heimischen Grundes in
-zahllose Berginseln, deren Gipfel weit über See aus blauer Ferne
-einladend winken, zum Seeleben erzogen. Die nur in ihrem Gebiete
-vorkommenden Gewürze steigerten den Verkehr und die Neigung zu weiten
-Wasserfahrten. Vom Süd- und Ostgestade des benachbarten asiatischen
-Festlandes kamen die arabischen, indischen, chinesischen Fahrzeuge
-zu ihnen, um die Gewürze zu holen. Da diese nun allein am äußersten
-Ende des Gebiets gediehen, mußten alle Meere innerhalb der Inselzone
-durchstreift werden und kundige Piloten sich an allen wichtigeren
-Sammelplätzen bilden. Aber über den scharfbegrenzten Südrand, über
-die von Java und den kleinen Sundainseln gezogenen Barrieren ging die
-Schifffahrt ins offene indische Weltmeer nicht hinaus, ebensowenig aber
-auch weiter gegen Osten und Südosten, sodaß die Bewohner keine Kunde
-hatten von dem nahegelegenen australischen Festlande. Der Gewürzhandel
-führte nicht in jene ungastlichen Gewässer, und so sind auch die
-Portugiesen nach dieser Richtung nicht weiter vorgedrungen, als ihr
-einziges Ziel, die Gewürzinseln zu erreichen, sie führen konnte.
-
-Es ist bereits oben (S. 174) kurz angedeutet, daß der große
-Albuquerque, nachdem er sich des Hafens von Malaka bemächtigt hatte,
-drei Schiffe unter dem Oberbefehl +Antonio’s d’Abreu+ absandte, um
-die Molukken aufzusuchen. Es war das äußerste und letzte Ziel der
-portugiesischen Handelspolitik. Mit d’Abreu gingen als Capitäne der
-beiden anderen Schiffe Francisco Serrão und Simão Affonso Bisigudo. Im
-December 1511 stachen sie von Malaka aus in See, richteten ihren Cours
-zunächst nach der Nordküste von Java und gelangten von da nach Amboina.
-Serrão’s Schiff ging in einem Sturm unter, aber die Mannschaft konnte
-sich auf eines der anderen beiden Fahrzeuge retten. Auf Banda bot sich
-Gelegenheit, eine Dschunke zu erwerben als Ersatz für das verlorene
-Schiff; auch konnte man hier bereits eine Gewürzfracht eintauschen.
-Nach den eigentlichen Molukken kam d’Abreu nicht. Die Gewürzinseln
-im weiteren Sinne hatte er gefunden. Er begnügte sich mit dem ersten
-Erfolg, zumal da seine Schiffe sich in schlechtem Zustande befanden,
-und kehrte bald darauf zunächst nach Malaka und später mit Fernão Peres
-d’Andrade nach Portugal zurück. Aber bereits bald nach seiner Abreise
-von Banda verlor er die eben erst gekaufte Dschunke, denn Serrão hatte
-zum zweitenmale Unglück, indem sein Fahrzeug an den Korallenriffen
-von Nusa-Pinja (Luci-para), südlich von Amboina, strandete. Der
-portugiesische Capitän rettete sich nicht allein glücklich mit den
-Seinen ans Land, sondern wußte sogar mit List sich eines malayischen
-Raubschiffes zu bemächtigen, dessen Mannschaft ahnungsvoll ans Ufer
-gegangen war. Serrão hatte das Schiff ankommen sehen, lag mit seinen
-Leuten auf der Lauer im Versteck und bemeisterte sich ohne Mühe des
-fast unbewachten Fahrzeuges, einer sogen. Korra-korra. Wollten die
-Seeräuber nicht selbst gleichsam als Schiffbrüchige zurückbleiben,
-dann mußten sie sich bequemen, die Portugiesen wieder nach Amboina zu
-bringen. So gelangte Serrão zum zweiten Male dahin, und erfuhr hier,
-wo er freundliche Aufnahme fand, daß der Radscha oder Sultan von
-Ternate (denn die Gewürzinseln standen unter einzelnen Häuptlingen,
-unter denen der Herr auf Ternate der mächtigste war) bereits von dem
-unter d’Abreu nach seiner Insel beabsichtigten Zuge Kunde erhalten
-hatte und ihn zu sich einlud, um ihn mit seinen Leuten womöglich
-in seinen Dienst zu nehmen. Da sich auf diese Weise die sicherste
-Gelegenheit bot, die eigentlichen Gewürzinseln zu erreichen, so
-ging Serrão darauf ein, kam nach Ternate und wurde mit dem Sultan
-befreundet. Durch ein mit Gewürzfracht von dort abgehendes malayisches
-Schiff, welches nach Malaka bestimmt war, aber auf Java strandete,
-gelangte im Frühjahr 1513 die Nachricht von dem Schicksal Serrão’s
-nach jener hinter-indischen Hafenstadt. Um die so fern verschlagenen
-Landsleute abzuholen, wurde nun Antonio de Miranda d’Azevedo mit einem
-Geschwader nach den Molukken gesandt. Die Sultane von Ternate und dem
-benachbarten Tidor, eifersüchtig aufeinander, bewarben sich beide um
-die Freundschaft der zur See so mächtigen Fremdlinge, von deren Thaten
-in Indien man auch auf den Molukken natürlich längst gehört hatte, und
-erboten sich beide, den Portugiesen einen Platz zu ihrer Niederlassung
-anzuweisen, denn sie hofften beide, mit Hilfe dieser neuen Freunde den
-Rivalen überwältigen zu können. Vorläufig aber nahm Miranda seinem
-Auftrage gemäß nur die Mannschaft Serrão’s mit sich zurück, während
-dieser selbst auf Ternate blieb. Indeß gab Serrão dem abfahrenden
-Schiffe einige Briefe an seine Freunde in Indien mit, darunter
-einen an Fernão Magalhães, worin er ruhmredig die Entfernung der
-Gewürzinseln von Malaka noch übertrieb und von seinen Thaten in einer
-Weise berichtete, als ob er die Leistungen eines Vasco da Gama damit
-verdunkelt hätte. Dieser Brief ist deshalb von weittragender Bedeutung
-geworden, weil Magalhães, seinem Freunde trauend, aus den angegebenen
-Entfernungen den Schluß zog, die Molukken lägen nicht mehr auf der den
-Portugiesen zugewiesenen Erdhälfte, und weil er dann weiterhin daraus
-den Plan baute, auf westlichem Wege von Spanien aus die Gewürzinseln
-aufzusuchen, um sie für Kaiser Karl V. in Besitz zu nehmen.
-
-Einen weiteren Besuch stattete 1518 +Dom Tristão de Menezes+ den
-Molukken ab. Er kam nach Ternate, wo er Serrão fand und wo der Radschah
-sich sofort anheischig machte, den Portugiesen eine feste Factorei zu
-bauen. Darüber entstanden, durch Eifersucht erregt, Streitigkeiten mit
-den benachbarten Herren von Tidor und Batjan. Da nun Menezes fürchtete,
-in diesem Zwiste möchte ihm die Gelegenheit verloren gehen, eine volle
-Gewürzladung zu bekommen, so lehnte er die Einladung des Gebieters
-von Ternate zunächst ab und erklärte, der König habe ihn nur gesandt,
-um sich in den Productionsländern der Gewürze umsehen und eine Fracht
-einzukaufen. So gelang es ihm, außer seinem eigenen Schiffe auch noch
-vier Dschunken beladen zu können. Serrão und ein Abgesandter des
-Radschah begleiteten ihn, die Dschunken wurden von Serrão, Simão Correa
-und Duarte da Costa geführt, gingen aber, als sie bald nach der Abfahrt
-von Ternate in einem Sturme von dem Hauptschiffe getrennt wurden,
-nach den Molukken zurück, während Menezes sich nach Banda flüchtete.
-Von da kehrte dieser, weil er den Aufenthalt der verlorenen Schiffe
-richtig vermuthete, nach Batjan zurück, fand dort aber seine Landsleute
-in einen Streit mit den Eingeborenen verwickelt, in welchem alle
-Mannschaft von der Dschunke Correa’s bis auf einen Einzigen erschlagen
-wurde. Serrão war wieder nach Ternate gelangt. Menezes wandte sich, da
-er dem Correa nicht mehr helfen konnte, nach Amboina, vervollständigte
-dort seine Ladung und gelangte glücklich nach Malaka, starb aber bald
-darauf.
-
-Als diese Ereignisse in Portugal bekannt wurden, beschloß man ein
-größeres Geschwader nach den Gewürzinseln zu entsenden und übergab
-dem +Antonio de Brito+ die Leitung. Derselbe ging 1521 mit mehreren
-Schiffen ab, wandte sich zunächst, als er Indien erreicht hatte,
-nach Malaka, denn das war der natürliche Ausgangspunkt für alle
-weiteren Unternehmungen im fernen Osten, wo auch alle Nachrichten
-zusammenliefen, und steuerte dann nach Java. Hier gesellte sich noch
-Garcia Henriquez mit einem Schiffe und drei Dschunken zu ihm. Auf der
-weiteren Fahrt traf er ein von den Molukken kommendes javanisches
-Schiff, welches einen in +spanischer Sprache+ ihm ausgestellten Paß von
-dort mitbrachte.
-
-Da nun Brito wußte, daß Fernão de Magalhães in spanische Dienste
-gegangen war und von Kaiser Karl V. Schiffe bekommen hatte, um auf dem
-westlichen Wege um Südamerika herum die Molukken zu erreichen (vgl.
-weiter unten 3. Buch, 3. Capitel), so schloß Brito mit Recht, daß
-spanische Schiffe wirklich den Weg bis zu den Gewürzinseln gefunden
-hätten. Seine Flotte wurde zwar durch einen Sturm auseinander gejagt,
-fand sich aber auf Banda wieder zusammen (Februar 1522). Hier schloß
-er mit dem Fürsten einen Handelsvertrag ab, indeß erlaubte derselbe
-nicht, daß die Portugiesen auf seinem Gebiete einen Wappenstein
-errichteten. Im Mai setzte er die Fahrt nach den Molukken weiter fort,
-züchtigte die Bewohner von Batjan für die Ermordung der Portugiesen
-und traf, als er bei Tidor vorüberfuhr, einen spanischen Factor Juan
-de Campos, welcher in der Meinung, die Ankömmlinge seien Spanier,
-arglos zu ihm herangekommen war. Vom Geschwader Magalhães’ hatten zwei
-Schiffe die Molukken in der That erreicht und waren von dem Radscha
-auf Tidor freundlich aufgenommen, während der Fürst von Ternate zu den
-Portugiesen hielt.
-
-Nachdem die beiden spanischen Schiffe nach verschiedenen Richtungen
-hin die Gewürzinseln verlassen hatten, war Campos als Factor
-zurückgeblieben und nun aus Versehen in die Hände Brito’s gefallen, der
-ihn mit nach Ternate nahm. Serrão scheint damals nicht mehr am Leben
-gewesen zu sein. Auch der frühere Radscha war gestorben, und die Wittwe
-hatte für ihren minderjährigen Sohn, den Prinzen (Kaitjil) Taruwés
-(portugiesisch ~Cachil Daroës~), einen Verwandten, als Mitregenten
-angenommen.
-
-Der früher erhaltenen Zusage gemäß baute Brito eine Festung nahe der
-Stadt und nannte sie nach dem Tage der Grundsteinlegung am Johannistage
-S. João Bautista. Dann wurde ein weiterer Vertrag abgeschlossen
-über die Preise der Gewürze, wonach die Portugiesen für ein Bahar
-Gewürznelken 800 Reis in Geld, oder 1000 Reis (ein Milreis) in Waaren
-zu zahlen hatten. Indes gab dieser Vertrag bald zu allerlei Mißbrauch
-und Mißhelligkeiten Veranlassung. Andere Unruhen entstanden dadurch,
-daß Prinz Taruwés nach der Krone strebte und die Fürstin-Mutter
-verdächtigte, so daß diese sich genöthigt sah, nach Tidor zu
-entfliehen, während man ihren Sohn gefangen zurückbehielt. Daraus
-entstanden kriegerische Verwickelungen mit Tidor.
-
-Im nächsten Jahre 1523 sandte Brito seinen Neffen Simão d’Abreu nach
-Malaka zurück. Derselbe mußte einen neuen, bisher von den Europäern
-noch nicht betretenen Weg einschlagen und +nördlich+ um Borneo
-herumfahren, während die gewöhnliche Fahrbahn südlich an dieser Insel
-hinlief. Es sollte dadurch die Kenntniß in dem weiten Inselgebiet
-erweitert werden. d’Abreu stach im Juni in See und kam nach einer
-langen Fahrt von sechs Monaten glücklich nach Malaka.
-
-In umgekehrter Richtung machte denselben Weg drei Jahre später Dom
-Jorge de Menezes auf Befehl des damaligen Gouverneurs von Malaka, Pero
-de Mascarenhas, weil, wie Barros ausdrücklich betonte, diese Route noch
-zu wenig bekannt war. Menezes ging am 22. August 1526 von Malaka ab,
-landete auf Borneo in einem Hafen etwa unter 5° nördl. Br., segelte
-dann zwischen Sulu und Mindanao hindurch und wurde hier vom Westmonsun
-weit über sein Ziel hinaus ostwärts bis an die Nordküste von Guinea
-verschlagen. So wurde er der Entdecker der Insel der Papuas, jener
-dunkelfarbigen Bewohner, welche wegen ihres dichten Wollhaares von
-ihren westlichen Nachbarn, den Malayen, den Spottnamen Papuas, d. h.
-Krausköpfe erhalten haben. Mehr als zwei Jahrhunderte galt Neu-Guinea
-als ein vorspringender Theil des großen unbekannten Südlandes. Von dort
-kam Menezes erst gegen Ende Mai 1527 an das Ziel seiner Bestimmung,
-nach Ternate; er hatte also zu seiner Fahrt volle acht Monate
-gebraucht. Man erkennt aber aus diesen Beispielen, wie zeitraubend die
-Verbindung zwischen Malaka und den Molukken war.
-
-Im Jahre 1524 erhielt de Brito Verstärkungen, indem aus Indien die
-Schiffe des Martim Affonso de Mello Jusarte und des Martim Correa
-anlangten.
-
-Nicht weit westlich von den Molukken springt die schlanke Halbinsel von
-Celebes vor. Diese eigenthümlich gegliederte Insel wurde damals, weil
-man die seichten und tiefgehenden Buchten noch nicht untersucht hatte,
-noch für eine Insel+gruppe+ gehalten und Ilhos des Celebes genannt.
-Zu ihrer Erforschung, denn es wurde viel von ihrem Goldreichthume
-berichtet, ging von Ternate eine Fuste ab; aber dieselbe wurde an
-mehreren Stellen bei Versuchen zu landen von den Einwohnern feindlich
-empfangen und wollte darum nach Ternate zurückkehren. Auf dem Heimwege
-trieb der Monsun das Fahrzeug weit nach Nordosten ins offene Meer und
-führte es nach einer Fahrt von 200 Meilen an das Gestade einer der
-Marianen oder Ladronen, welche Magalhães schon entdeckt hatte. Vier
-Monate wurde die Fuste hier durch widrigen Wind festgehalten und kam
-erst im Januar 1526 nach den Molukken zurück.
-
-Um diese Zeit war Brito von seinem Posten abgerufen und wurde durch
-einen neuen Commandanten in der Person des Dom Garcia Henriquez
-ersetzt; dieser aber brachte durch seine falschen Maßnahmen die
-Portugiesen in mancherlei Ungelegenheit, weshalb an seine Stelle
-Menezes trat.
-
-Es wirft ein eigenthümliches Licht auf die Handlungsweise des
-Henriquez, wenn wir lesen, daß derselbe zuerst seinen Nachfolger
-Menezes dadurch zu beseitigen hoffte, daß er ihn auf falsche Aussagen
-hin gefangen nehmen ließ und dann, als er genöthigt wurde, ihn wieder
-frei zu geben und als Statthalter anzuerkennen, doch ehe er das Fort
-verließ, die Kanonen desselben zu vernageln befahl, weil er fürchtete,
-Menezes würde, wenn er in See gehe, die Kanonen auf ihn richten und
-sein Schiff in den Grund schießen!
-
-Ueber die weiteren Ereignisse auf den Molukken werden wir später
-zurückkommen, da sie ihr volles Verständniß erst im Zusammenhange mit
-von den Spaniern unternommenen Fahrten nach den Gewürzinseln erhalten
-(vgl. 3. Buch. 3. Capitel).
-
-
-10. Das Phantom der Gold- und Silberinseln.
-
-Zu allen Zeiten, wo durch weit ausgedehnte Eroberungszüge oder durch
-kühne Seefahrten große Strecken und Gebiete früher unbekannter Länder
-entdeckt worden sind, und dadurch der Gesichtskreis in kurzer Zeit
-bedeutend erweitert wurde, ist die Phantasie mächtig aufgeregt worden
-und hat neben den wahrheitsgetreuen Berichten von den fernen Ländern
-und Inseln auch den haltlosesten Gerüchten Glauben geschenkt, welche
-von unglaublichen Wunderwesen und Wunderlanden zu erzählen wußten. So
-ist es den Griechen nach dem Zuge Alexanders des Großen nach Indien
-gegangen, so erging es nun auch den Portugiesen in Indien und sollte
-es, wie wir später sehen werden, auch den Spaniern in Amerika ergehen.
-
-Ein besonders interessantes Beispiel dafür ist das lockende Gespenst
-der Gold- und Silberinseln, um so mehr als darin ein Wahn aus dem
-Alterthum neu belebt wurde, welcher das ganze Mittelalter hindurch ein
-bescheidenes Dasein gefristet hatte.
-
-Als unter den Nachfolgern Alexanders des Großen das vorderindische Land
-genauer bekannt wurde und einzelne Seefahrer auch den bengalischen Golf
-durchkreuzten bis zu den Gestaden Hinter-Indiens, wurde im Abendlande
-die Kunde von einer fern im Osten gelegenen Goldinsel (χρυσῆ νῆσος)
-verbreitet. Weiterhin belegte man die östlichsten asiatischen Länder
-nach ihren werthvollsten Erzeugnissen mit dem Namen des Goldlandes,
-des Silberlandes, des Kupferlandes.[134] Man hat darunter wohl die
-hinterindischen Staaten Birma und Siam zu verstehen. Ueber den
-Reichthum an edlen Metallen, wie er noch zu M. Polo’s Zeit von den
-Fürsten zur Schau getragen wurde, ist bereits (S. 64) berichtet. Auch
-die Halbinsel Malaka kannte das griechische Alterthum unter dem Namen
-des goldenen Chersoneses (χρυσῆ χερσόνησος); überdies nennt Ptolemäus
-auch noch eine goldene Insel. An der Fülle von Edelmetallen war also
-nicht zu zweifeln.
-
-Bei den römischen Schriftstellern ging die Vorstellung bereits ins
-Phantastische und Unbestimmte über; man hielt sich namentlich an den
-Begriff der Gold- und Silberinseln, wollte aber nicht entscheiden,
-ob die Inseln nur Fundstätten des Metalles besäßen oder ganz und gar
-daraus beständen. Auch begnügte man sich nur mit der ungefähren Angabe
-der Lage. Aus den Lateinern schöpfte dann weiter das ganze Mittelalter.
-
-Maßgebend war Plinius, denn die Griechen verstand man im Mittelalter
-bald nicht mehr. -- Die Angaben des römischen Compilatoren und seines
-späteren Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein
-Jahrtausend. Plinius schreibt: Jenseit der Mündung des Indus liegen,
-glaube ich, die Inseln Chryse und Argyre (die Namen wurden also aus dem
-Griechischen beibehalten), welche reich an Metallen sind. Denn wenn
-einige berichtet haben, sie beständen ganz aus Gold und Silber, so
-dürfte das schwerlich zu glauben sein.
-
-Solinus, welcher stets geneigt ist, das Wunderbare noch zu übertreiben,
-änderte den Bericht dahin, daß er schrieb, die Inseln seien so reich,
-daß wie die meisten (?) berichteten, der Boden ganz aus Gold und Silber
-bestehe. Viel vorsichtiger hatte sich Pomponius Mela ausgedrückt. Aber
-Plinius und Solinus blieben die maßgebenden Quellen für die Gelehrten
-des Mittelalters. Im 6. Jahrhundert schrieb Isidor von Sevilla: Chryse
-und Argyre sind reich an Gold und Silber. Dort (nämlich in Indien
-überhaupt) gibt es goldene Berge, die aber von Drachen und Greifen
-und menschlichen Ungeheuern bewacht werden, so daß man nicht zu ihnen
-gelangen kann.
-
-Kurz erwähnt die Inseln weiterhin der Geograph von Ravenna im 7.
-Jahrhundert, ebenso Hrabanus Maurus im 8., sodann Hugo von St. Victor
-im 13. Jahrhundert und Petrus de Alliaco (Pierre d’Ailly), Cardinal von
-Cambray im Anfang des 15. Jahrhunderts.[135]
-
-Der Glaube an diese Inseln war also allgemein verbreitet; sogar eine
-gereimte Geographie aus dem dreizehnten Jahrhundert verherrlicht
-dieselben.[136] Die Weltbilder jener Zeit durften diese allgemein
-angenommenen Thatsachen nicht verschweigen. Bereits die Catalanische
-Weltkarte zeigt östlich von Indien die Inschrift: „In dem Meere von
-Indien sind 7548 Inseln, von denen wir hier nicht alle wunderbaren
-Reichthümer, die darin enthalten sind, von +Gold, Silber+ und kostbaren
-Steinen aufzählen können.“ Der Globus von Laon, welcher im Jahre 1493
-entstanden ist, (vgl. ~Bulletin soc. geogr. Paris.~ 1860, 2) gibt
-östlich vom Ganges wenigstens eine ~Argentea R(egio)~ und ~Aurea
-R(egio)~ an.
-
-Es ist daher durchaus erklärlich, wenn auch die Portugiesen, sobald sie
-in jene Regionen kamen, nach den kostbaren Inseln suchten.
-
-Der erste, welcher danach ausging, war Diogo Pacheco. Kaum war er
-1519 mit seinem Bruder nach Malaka gekommen, als er, durch lockende
-Erzählungen von der Goldinsel, welche südlich von Sumatra liegen
-sollte, angespornt, sich erbot, eine Fahrt dahin zu wagen. Der
-Gouverneur von Malaka, Diogo Lopez de Sequeira, gab ihm zwei Schiffe,
-aber das eine ging schon an der Nordwestküste von Sumatra unter.
-Mit dem andern gelangte Pacheco bis zum Hafen von Baros, welches
-auf der Westseite jener Insel ungefähr unter gleicher Breite mit
-Malaka liegt. Dort erfuhr er, die Goldinseln lägen wenigstens noch
-hundert Meilen weiter[137] gegen Süden in der See; es seien niedrige
-von Korallenriffen umsäumte Eilande mit Palmenhainen und schwarzer
-Bevölkerung.
-
-Pacheco kehrte für diesmal wieder um, um noch Beistand zu holen, stach
-aber im nächsten Jahre wieder in See in Begleitung einer Brigantine.
-Das Einlaufen in Baros wurde ihm durch mehrere feindliche Schiffe
-von Kambaja und von Sumatra verwehrt, und ein Sturm trennte seine
-beiden Schiffe von einander. Pacheco selbst ging wahrscheinlich
-unter. So kostete also der Versuch dem ersten Abenteurer, der das
-Geheimniß lüften wollte, das Leben. Aber damit waren die Unternehmungen
-keineswegs abgeschlossen. Als König Manuel davon hörte, gab er dem
-Gouverneur von Indien, Diogo Lopez, welcher die königlichen Briefe in
-Kalahat (Kalhat), an den Küsten Arabiens erhielt, den Auftrag, ein
-Geschwader von drei Schiffen zur Aufsuchung auszuschicken. Zuerst
-sollte Christovão de Menezes die Führung übernehmen, dann wurde Pedro
-Eanes damit betraut. Die drei Schiffe bildeten aber einen Theil der
-Flotte, welche unter Jorge Albuquerque nach Malaka bestimmt waren. Als
-man jedoch zu diesem vielumstrittenen Hafen kam, konnte man dort die
-Schiffe nicht entbehren, weil der kleine Seekrieg mit den Nachbaren
-fast ununterbrochen fortging, und so unterblieb noch bei Lebzeiten
-Manuels eine weitere Expedition.
-
-Dagegen gingen 1527 unter Leitung eines portugiesischen Piloten
-drei Schiffe von Dieppe aus, um als Freibeuter das indische Meer zu
-durchstreifen. Zwei Schiffe kamen nach Diu, ein drittes, welches schon
-am Cap der guten Hoffnung von den anderen getrennt war, segelte aufs
-Gerathewohl, ohne den Weg zu kennen, weiter und gerieth an die Küste
-von Sumatra. Von hier aus forschte er nach der Goldinsel, wo der ganze
-Strand, Kies und Sand, aus purem Golde bestehen sollte. Dieselbe
-wurde als ein üppiges Land geschildert, mit schönen Bäumen und klaren
-Wasserbächen und mit vielerlei wohlschmeckenden Früchten. Das nackte,
-wilde Volk kleidete sich nur mit Baumblättern, zeigte sich aber den
-Fremden gegenüber freundlich. Händler aus Sumatra erzählten später in
-Malaka, das Schiff habe die Goldinsel wirklich gefunden, sich mit Gold
-beladen und sei dann wieder abgesegelt, habe aber, der Meere unkundig,
-vielfach umhergeworfen, an der Küste von Sumatra Schiffbruch gelitten
-und alle Mannschaft verloren. Die dortigen Fischer hätten das Gold an
-sich genommen.[138] Dadurch schien also die Existenz dieser Inseln
-außer Frage gestellt. Und so schickte denn der Generalgouverneur Martim
-Affonso de Sousa im Jahre 1543 wieder eine Galee mit zwei Fusten
-aus, im Meere westlich von Sumatra nach der Goldinsel auszuspähen.
-Jeronimo de Figueiredo wollte zu dem Zweck von Goa ausgehen, aber das
-Unternehmen scheiterte bereits vor Beginn, infolge einer Intrigue.[139]
-Die Lage der Insel glaubte man ziemlich sicher ansetzen zu können. Man
-wird darum auch nicht vergebens suchen, wenn man auf den älteren Karten
-nach der Lage der Goldinsel forscht. Ortelius führt in seinem Theatrum
-Orbis[140] westlich von Sumatra sowohl ~Isole d’or~, als ~isolas
-d’oure~ an. Im Atlas Mercators, 1613, lesen wir in derselben Gegend
-~Andramania id est aurea insula~. Und Willem Blaeu führt in seinem
-Kartenwerke 1634, ebenso wie Hend. Hondius die Insel „~de Ouro~“ an
-drei verschiedenen Stellen westlich von Sumatra an. Wenn man nun später
-auch etwas mehr Zweifel hegen mochte, so haben sich diese Fabelinseln
-doch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten. Eine von Homanns
-Erben 1748 veröffentlichte Karte unter dem Titel ~Cartes des Indes
-orientales~ führt auf der Linie von den Malediven nach Nord-Sumatra
-wiederum noch an drei Stellen die Inseln auf mit den Inschriften: 1)
-~Ouro, juxta Anglos, positionis et existentiae incertae~ (südlich von
-Ceylon); 2) ~I^{ae} ouro s. auri, juxta Batavos, pariter incertae~; 3)
-~Ouro, juxta Batavos~.
-
-Man erkennt auch hier wieder, daß Fabelwesen ein außerordentlich zähes
-Leben haben.
-
-Daß man sich aber nicht blos unter den seefahrenden Nationen lebhaft
-mit diesen Inseln beschäftigte, beweist ein Brief, welcher (ohne Datum)
-an den Kurfürsten August von Sachsen gerichtet ist und folgendermaßen
-lautet: Es sind wahrhaftige (?) Zeitungen gekommen in kurzen Tagen aus
-Spania, wie daß der König habe eine neue Insel gefunden, Serieff, darin
-liegt nichts als lauter gediegen Gold, man hat zwei Gefangene aus den
-Königen allenthalben umhergeschickt, wer mit ihnen reden könnte, aber
-keinen gefunden, der sie hat verstehen können, vermeinend, man wolle
-viel erfahren durch sie, wie es um ihre Insel stehe. Sie sind aber bald
-gestorben. Der König hat wieder drei Schiffe verordnet, wie sie zu
-der Insel hinzufahren und zu besichtigen, wie sie zu gewinnen und zu
-erobern sei, nachfolgends will er erst ein Volk darauf verordnen. Er
-ist entschlossen, sie alle todt schlagen zu lassen, denn er könnte die
-Insel sonst vor ihnen nicht behalten, denn es ist ein rauhes, hartes
-und fahriges Volk.[141]
-
-Wie alle solche Phantome, so wechselten auch diese Inseln ihre Stelle.
-Sie flackerten wie Irrlichter durch den großen Inselarchipel, tauchten
-einmal südlich von Timor auf und verloren sich schließlich in dem
-weiten fast insellosen Raum des nördlichen großen Oceans.
-
-Es war am Ende des 16. Jahrhunderts, als Schiffer von der Insel Solor,
-nordwestlich von der Insel Timor, ins südliche Meer verschlagen
-wurden, und nun erzählten, sie hätten die Goldinsel gefunden. Als
-man dann zum zweitenmale die Entdeckung ausbeuten wollte, war das
-goldene Eiland nicht wieder zu finden. Aber die Kunde davon kam nach
-Malaka, wo damals Manoel Godinho de Eredia weilte, ein portugiesischer
-Mestize, welcher 1563 in Malaka geboren war und, nachdem er eine
-kurze Zeit dem Jesuitenorden angehört hatte, sich mit Kosmographie
-beschäftigte. Zuerst im Jahre 1594 schlug er vor, eine Expedition nach
-den langgesuchten Inseln auszurüsten und schrieb zu dem Zweck auch
-eine besondere Abhandlung.[142] Aber leider wurde der Plan zerstört,
-da zwei Jahre später Cornelis Houtman mit einer holländischen Flotte
-bei Sumatra erschien. Als dann nach Beseitigung dieser Gefahr für
-Malaka Godinho wieder Zurüstungen machte, wurde seine Vaterstadt 1601
-zum zweitenmale von dem Holländer Jacob van Heemskerk angegriffen und
-Godinho wieder abgehalten, die Schätze der Goldinsel zu heben. Somit
-unterblieb der Zug überhaupt.[143]
-
-Als dann kurz darauf die Holländer sich auf den Molukken und auf
-Java festsetzten, traten sie auch die Erbschaft bezüglich der
-Goldinseln an. Es war im Jahre 1635, als ein Beamter der holländischen
-Handelscompagnie, Willem Verstegen, dem holländischen Generalgouverneur
-Henricq Brouwer, dem Vorgänger des berühmten Antonio van Diemen, eine
-Schrift überreichte, worin er den Vorschlag machte, die Gold- und
-Silberinsel, welche östlich von Japan im großen Ocean unter 37½° nördl.
-Breite liegen sollte, für Holland in Besitz nehmen zu lassen. Brouwer
-mußte, da er 1636 abberufen wurde, die Ausführung seinem Nachfolger
-überlassen. Dieser war aber in den ersten Jahren durch wichtigere
-Angelegenheiten gegen seinen Willen (~tegen ons gemoet~) abgehalten,
-obwohl er die Wichtigkeit eines solchen Zuges nicht unterschätzte,
-und konnte erst 1639 zwei Schiffe unter dem Commandeur Matthys Quast
-aussenden mit dem Befehl, unter dem angegebenen Breitenparallel
-vierhundert Meilen nach Osten zu steuern, um die reichen Inseln
-aufzusuchen. Aber die ziemlich unglückliche Fahrt blieb resultatlos,
-da die Schiffe nur bis zu den Bonininseln kamen, welche südöstlich
-von Japan zwischen dem 20. und 30. Breitengrade liegen. Darum mußte
-der Versuch 1643 wiederholt werden. Wiederum sandte van Diemen zwei
-Fahrzeuge unter Martin de Vries aus, welcher zuversichtlich die so oft
-vergeblich gesuchten Inseln zu finden hoffte, da man sichere Kunde
-von ihrer Existenz in der bezeichneten Gegend zu haben meinte; denn
-die spanischen Schiffe, welche seit Jahren zwischen Manila und Mexiko
-verkehrten, hatten seit 1610 oder 1611 die Inseln schon gesehen. Es
-sollten hohe Gebirgsinseln sein, welche über die Maßen gold- und
-silberreich und von einem hellfarbigen, freundlichen, civilisirten
-Volke bewohnt wären. Unzweifelhaft liegt diesen Mittheilungen eine
-dunkle Nachricht von den hohen Sandwichinseln zu Grunde, deren Lage
-aber erst durch J. Cook, auf seiner dritten Reise, 1778, bestimmt wurde.
-
-Die beiden Schiffe des Capitän Vries wurden an der Küste von Japan
-von einander getrennt; beide unternahmen daher selbständig die
-Forschungsreise. Vries wußte genau, wohin er zu steuern hatte, denn
-er besaß sogar eine japanische Karte, auf welcher an der Ostseite der
-Goldinsel ein Fluß verzeichnet war, in dem er ankern konnte. Vries
-drang 460 Meilen weit von Japan gegen Osten vor, das andere Schiff kam
-sogar 500 Meilen weit, aber das gesuchte Land blieb verborgen, denn
-die Sandwichinseln liegen nicht in der Nähe des 37. Parallelkreises,
-sondern nahe dem nördlichen Wendekreise.[144]
-
-So blieb also der gehoffte Erfolg aus und man gab weitere
-Unternehmungen auf; aber zur Erweiterung der Kenntniß von den östlichen
-Meeren hatten auch diese fruchtlosen Fahrten beigetragen.
-
-
-11. Der erste Besuch der Portugiesen in China und Japan.
-
-Mit den Söhnen aus dem Reiche der Mitte waren die Portugiesen zuerst
-in Malaka zusammengetroffen; es war eine durchaus friedliche Begegnung
-gewesen. Die Chinesen waren ohne Scheu, lediglich im Handelsinteresse,
-an die fremden Schiffe herangekommen, denn sie hatten sofort die
-nautische Ueberlegenheit der Portugiesen erkannt, und ebenso war es für
-diese wohlthuend gewesen, gegenüber dem schleichenden, unzuverlässigen
-Wesen der Malayen, in den Chinesen eine Klasse von Händlern zu finden,
-mit denen man auf gleichem Fuße verkehren konnte, und die auch
-nicht durch irgendwelche religiöse Satzungen an einem ungezwungenen
-Geschäftsleben gehindert wurden.
-
-Es stand sicher zu erwarten, daß, sowie die Verhältnisse in Malaka
-etwas geregelter sich gestalteten, man zu weiterer Bekanntschaft gern
-die Hand bieten würde, um dadurch den begonnenen Handelsverkehr noch
-mehr zu beleben. Leider sollte man bald die Erfahrung machen, daß der
-Chinese in der Fremde weit zugänglicher ist als in seinem Heimatlande.
-
-Im Juli 1514 war Jorge d’Albuquerque Befehlshaber in Malaka geworden,
-im folgenden Jahre sandte er den Rafael Perestrello mit zehn Leuten in
-einer chinesischen Dschunke nach China, um das Land zu erkunden, von
-da kehrte er in einer Brigantine, die er auf seine Kosten ausgerüstet
-hatte, mit reicher Ladung nach Kotschin zurück.[145]
-
-Kurz vorher langte der neue Generalstatthalter Lopo Soarez aus Portugal
-an; in seiner Begleitung kam Fernão Perez d’Andrade, um auf Befehl der
-portugiesischen Regierung eine Flotte nach China zu führen.
-
-Andrade begab sich zunächst nach Sumatra, um eine Ladung Pfeffer
-einzunehmen, welche man in China gegen andere Waaren vertauschen
-wollte. Leider wurde er durch den Verlust seines besten Schiffes,
-welches durch Feuer zerstört wurde, genöthigt, sich nach Malaka zu
-begeben, und brach von hier am 12. August 1516 von neuem auf, obwohl
-die beste Jahreszeit ihrem Ende entgegen ging; denn es lag dem
-neuen Statthalter von Malaka, de Brito, daran, zu erfahren, was aus
-Perestrello geworden sei, von dem man damals noch nichts gehört hatte.
-Andrade kam aber nur bis zur Küste von Kotschinschina, nahm auf der
-wichtigen Insel (Pulo) Kondor, welche vor der Mündung des Mechong liegt
-und gegenwärtig im Besitz der Franzosen ist, Wasser ein, und kehrte,
-durch Stürme genöthigt, über den Hafen Patani, an der Ostküste der
-Halbinsel Malaka, nach dem Hafen von Malaka zurück. Nur das Schiff des
-Duarte Coelho blieb aus; dasselbe lief in die Mündung des Menam in Siam
-ein, blieb dort während der schlechten Jahreszeit und ging dann von
-hier aus allein nach China, wo Andrade wieder mit ihm zusammentraf. In
-der Zwischenzeit war Perestrello hier eingelaufen und dann weiter nach
-Kotschin gegangen. Der merkantile Erfolg seiner Reise spornte Andrade
-an, im Juli 1517 zum zweiten Male seine Fahrt nach China anzutreten.
-Ohne Zwischenfälle erreichte er am 15. August die Küste von Süd-China
-und ließ an der Insel Tamão (Tamong) die Anker fallen.[146]
-
-Andrade’s Flotte bestand aus vier portugiesischen und vier malayischen
-Schiffen. An der Küste fand er chinesische Schiffswachten gegen die
-Piraten postirt. Auch bestand die Einrichtung, daß die Schiffe,
-welche in den Fluß einlaufen wollten, von den chinesischen Behörden
-mit Pässen versehen werden mußten. Nach mancherlei Verzögerungen und
-Plackereien von Seiten der chinesischen Beamten erhielt Andrade Lotsen,
-welche ihn nach Kanton brachten. Die Absendung einer Gesandtschaft,
-welche im Namen des Königs von Portugal dem Kaiser von China Geschenke
-überreichen sollte, zog sich aber in die Länge, weil der Statthalter
-von Kanton erst am kaiserlichen Hofe um die Genehmigung zur Abfertigung
-der Gesandtschaft nachsuchen mußte. In dem ungesunden Klima von Kanton
-starben viele Portugiesen, so daß Andrade es gerathen fand, nach der
-Insel Tamao zurückzugehen. Von hier sandte er den Duarte Coelho nach
-Malaka zurück, um über den günstigen Verlauf seines Unternehmens
-Bericht zu erstatten. Ein anderes Schiff unter Jorge Mascarenhas wurde
-auf Kundschaft weiter nach Norden geschickt, um Nachrichten über das
-Land der Lequios einzuziehen. Mascarenhas kam bis nach Tsiuan-tschau
-an der Fukianstraße, der Insel Formosa gegenüber, und fand in diesem
-weniger besuchten Hafen viel vortheilhaftere Handelsverhältnisse,
-da man die chinesischen Artikel viel billiger eintauschen und die
-mitgebrachten Waaren viel höher verwerthen konnte. Auch erfuhr
-Mascarenhas dort, daß das Land Lequia, worunter in engerem Sinne die
-zu Japan gehörigen Liukiu-Inseln und im weiteren Sinne das japanische
-Reich selbst zu verstehen ist, noch über hundert Meilen weiter
-nordwärts liege.
-
-Nach einem Aufenthalte von vierzehn Monaten entschloß sich Andrade,
-China wieder zu verlassen. Dazu nöthigte ihn besonders die Nachricht,
-daß Malaka wieder von den malayischen Fürsten der Nachbarschaft
-ernstlich bedroht sei. Ehe er wieder in See ging, ließ er in Kanton
-und im Hafen von Tamao ausrufen, daß, wenn irgend ein Chinese von
-den Portugiesen geschädigt sei, derselbe sich melden und seine
-Entschädigung erhalten solle. Dieses Verfahren wurde von den
-Chinesen ihm hoch angerechnet und gab ihnen einen Begriff von der
-Gerechtigkeitsliebe der Fremden.[147] Der portugiesische Gesandte
-Thomas Perez blieb auf Tamao zurück, bis er endlich, nach dreimaliger
-Anfrage, die Erlaubniß erhielt, an dem kaiserlichen Hofe zu erscheinen.
-So konnte er erst im Januar 1520 seine Reise antreten. Inzwischen war
-aber im August 1519 Simão d’Andrade, der Bruder des Fernão Perez, mit
-einem zweiten Geschwader vor Tamao erschienen. Thomas Perez fuhr zuerst
-zu Schiffe bis an die südliche Grenze der Provinz Fukian und begab
-sich dann zu Lande nach Nanking und von da weiter nach Peking. Da der
-Kaiser sich aber zu jener Zeit noch in den nördlichen Grenzländern
-aufhielt, so erfolgte die Audienz erst im Jahre 1521. Während dieser
-Zeit waren aber über das Benehmen der Portugiesen höchst ungünstige
-Nachrichten eingelaufen, welche mit der von dem Fernão Perez d’Andrade
-laut verkündigten Ehrlichkeit und Gerechtigkeit in grellem Widerspruche
-standen. Simão d’Andrade, unvorsichtig und rücksichtslos, hatte die
-Zeit benutzt, um sich, ohne dazu von den chinesischen Behörden die
-Erlaubniß zu haben, auf Tamao zu befestigen, angeblich, um sich dadurch
-gegen die Angriffe von Seeräubern zu decken. Sodann wurde gemeldet, daß
-Simão d’Andrade vor seiner Abreise einige Kinder angesehener Eltern,
-allerdings ohne zu wissen, daß dieselben ihrer Familie gestohlen
-waren, aufgekauft und mit nach Indien genommen hatte. Endlich waren
-auch Abgesandte des Fürsten der Insel Bintang bei Malaka erschienen,
-welche ihren Herren als einen Lehnsmann des Kaisers bezeichneten,
-welcher ein Recht auf die Hilfe der Chinesen habe, da die Portugiesen
-ihm einen Theil seines Reiches genommen hätten, und welche erklärten,
-daß die letzteren nur zum Zweck der Eroberung ihre Fahrten bis China
-ausdehnten. Die Folge dieser Nachrichten war, daß der Kaiser Befehl
-gab, den portugiesischen Gesandten nach Kanton zurückzuschaffen und
-dort als Gefangenen zurückzuhalten, bis die Portugiesen in allen
-Stücken Ersatz geleistet hätten. Ihre Schiffe wurden gleichfalls mit
-Beschlag belegt und kein Portugiese mehr in einen Hafen zugelassen,
-denn der Kaiser wollte solche eigenmächtige, streitsüchtige und
-habgierige Leute in seinen Landen nicht dulden.[148]
-
-Darum wurde Duarte Coelho, als er im Juni 1521 wieder mit zwei Schiffen
-vor Tamao erschien, von den Chinesen angegriffen. Er wies zwar mit
-seinen Kanonen den feindlichen Angriff zurück und befreite noch eins
-der portugiesischen Schiffe, aber Perez und sein Gefolge blieben
-als Gefangene zurück und wurden nicht freigegeben. Der abenteuernde
-Reisende Mendez Pinto wollte sogar im Jahre 1550 noch einige davon
-am Leben getroffen haben. Dagegen behauptet Barros, Thomas Perez
-sei mit allen seinen Mitgefangenen etwa ums Jahr 1523 hingerichtet.
-Ebenso schlug ein erneuter Versuch, welchen Martin Affonso de Mello
-Coutinho 1522 wagte, vollständig fehl, die Beziehungen zu China wieder
-anzuknüpfen. Die Chinesen griffen sein Geschwader von fünf Schiffen
-an, eroberten eins derselben und sprengten ein zweites in die Luft, so
-daß Coutinho die übrigen mit Mühe nach Malaka zurück rettete. So hatte
-also das unüberlegte Verfahren Simãos d’Andrade auf längere Zeit die
-nachtheiligsten Folgen.
-
-Einzelne Schiffe wagten sich später wieder in die chinesischen
-Gewässer, wandten sich aber weiter nordwärts nach Ningpo, wo sie sich
-anfänglich vorsichtiger benahmen, um an dem lebhaften Handel der
-Stadt theilnehmen zu können. Aber mit den wachsenden Erfolgen stieg
-auch wieder der Uebermuth der Portugiesen; in Folge dessen sie in den
-vierziger Jahren wieder vertrieben wurden. Ningpo besaß aber eine
-lebhafte Verbindung mit Japan, und so gelangten die Portugiesen von
-hier nach jenem Inselreiche. In der Mitte des Jahrhunderts war China
-ihnen wieder verschlossen, nur auf +Macao+ wußten sie sich zu behaupten
-und haben den kleinen Besitz auf der Halbinsel bis heute zu erhalten
-vermocht, von dem aus sie auch mit Kanton weiterhin in geschäftlicher
-Verbindung blieben, nachdem sie sich zur Zahlung einer Geldsumme
-bequemt hatten.
-
-Die erste Bekanntschaft mit +Japan+ machten die Portugiesen im Jahre
-1542. Leider fließt hier die wichtigste historische Quelle so trübe,
-daß Wahrheit und Dichtung schwer zu unterscheiden ist. Es ist der
-Reisebericht des Fernão Mendez Pinto,[149] welcher 1539 nach Malaka
-kam, und nachdem er mehrere abenteuerliche Streifzüge nach Sumatra
-ausgeführt hatte, sich im folgenden Jahre mit Antonio de Faria nach
-China begab.
-
-Der Piratenzug, an welchem sich Pinto betheiligte, scheint ihn mehrere
-Jahre in der Nähe und an den Küsten Chinas beschäftigt zu haben. So
-mochte er vielleicht vernommen haben, daß von der Mannschaft des Diogo
-de Freitas, welcher sich im Jahre 1542 in der alten Residenz von Siam,
-in Ayuthia befand, mehrere Leute desertirten und auf einer chinesischen
-Dschunke versteckt, dem „himmlischen Reiche“ zusteuerten, aber von
-einem Sturme nordwärts geführt unter dem 32° nördl. Br. bis an die
-Inseln der Japaner geführt wurden, wo sie auf Nipongi freundliche
-Aufnahme fanden. Sie waren die ersten Europäer, durch welche die
-Japaner mit Feuerwaffen bekannt gemacht wurden.
-
-Pinto, dessen Erzählung von Richthofen als „ein Meer von Lügen“
-bezeichnet, „in welchem man einzelne Inseln der Wahrheit findet“,[150]
-eignete sich selbst den Ruhm der Entdeckung zu und behauptete, einer
-von jenen Matrosen gewesen zu sein, aber er verlegte das Ereigniß
-um zwei Jahre zu spät. Da aber seine Darstellung und die Angabe von
-Ortsnamen wirkliche Kenntniß von Japan verräth, so ist es nicht
-unmöglich, daß er selbst, nachdem er vielleicht in Ningpo die Nachricht
-von jener ersten Entdeckung erhalten hatte, den südlichen japanischen
-Inseln, Tamga-sima und Kiusiu einen Besuch abgestattet hat. Eine
-klarere Vorstellung von jenem Inselreiche gewann man bald, seit Franz
-Xaver als erster Glaubensbote 1549 das Land betrat und bis 1551 mit
-großem Erfolge wirkte. Aber über Nippon hinaus nordwärts blieb Meer und
-Land in Dunkel gehüllt.
-
-Auch China wurde noch in demselben Jahrhundert durch Augustiner- und
-Franziskanermönche genauer bekannt, welche von den Philippinen her
-1577 zuerst in das große Reich eindrangen und ihr Bekehrungswerk
-begannen. So verdanken wir den Portugiesen nur die Kenntniß der Küsten,
-den spanischen Geistlichen die Kenntniß des Binnenlandes.
-
-Die Thätigkeit der Portugiesen, welche in den ersten Decennien sowohl
-in Vorder-Indien als auch im Gebiet der Sunda-Inseln, einen so
-glänzenden Aufschwung genommen hatte, erlahmte sehr bald. Das kleine
-Reich hatte sich an Mitteln und Menschen erschöpft, es behauptete den
-errungenen Besitz nur noch mühsam, bis nach der Vereinigung Portugals
-mit Spanien im Jahre 1580 und nach der Vernichtung der spanischen
-Suprematie zur See die Holländer und Engländer in den indischen
-Gewässern erschienen und die ersten Entdecker der Gewürzländer aus
-ihrer Domäne verdrängten. Die Holländer übernahmen dann im folgenden
-Jahrhundert die Weiterführung der Entdeckungsfahrten, einerseits gegen
-Südosten nach Australien, andererseits gegen Nordosten über Japan
-hinaus bis an das ochotskische Meer und bis zu den Kurilen.
-
-
-
-
-Zweites Capitel.
-
-Die Bahn der Spanier nach Westen und die Entdeckung der neuen Welt.
-
-
-1. Die Bedeutung der italienischen, namentlich genuesischen Nautik und
-das frühere Leben des Christoph Columbus.
-
-Noch ehe die Portugiesen das Ziel ihrer langjährigen Anstrengungen zur
-See, Indien, zu erreichen vermochten, ja noch ehe sie das ihnen in den
-Weg geworfene Hinderniß, die plumpe Masse des ungegliederten Erdtheils
-Afrika, durch glückliche Umschiffung endlich überwunden hatten, tauchte
-ein anderes Project auf, das durch seine Kühnheit alle Welt stutzig
-machte und deshalb naturgemäß überall auf Widerspruch stieß, ein
-Project, das in seinem Kern von ganz richtigen Grundsätzen ausging und
-unter der damals nicht mehr bestrittenen Annahme von der Kugelgestalt
-der Erde den geraden Weg nach Westen über das völlig unbekannte
-Weltmeer als den nächsten und bequemsten Weg nach Indien oder überhaupt
-nach dem Ostrande der alten Welt vorschlug, deren Gestade, wie man aus
-den Erzählungen Marco Polos und seiner Nachfolger wußte, gleichfalls
-von einem unendlich scheinenden Ocean bespült wurden. Der Träger
-dieses Projects, wenn auch keinesweges der Schöpfer desselben, war ein
-Italiener Christofero Colombo oder, wie er mit der latinisirten Form
-seines Namens allgemein genannt wird, +Columbus+.
-
-Italienern verdanken wir im Mittelalter den ersten folgenreichen
-Aufschwung der Nautik, Italiener waren die Lehrmeister der
-Portugiesen gewesen, ein Italiener entwarf zuerst den kühnen Plan
-einer Westfahrt nach Indien, ein Italiener führte den Gedanken aus,
-nach einem Italiener erhielt die neue Welt ihren Namen; Italiener
-waren zur selben Zeit auch die Leiter der Seeunternehmungen, welche
-von Frankreich und von England aus im westlichen Meere Entdeckungen
-machen sollten. Aber daß sie niemals in der Heimat eine hochherzige
-Unterstützung für ihre Pläne fanden, und ihre Ideen nur im Auslande
-verwerthen konnten, wo sie, nur von Fremden umgeben, und von nationaler
-Eifersucht bewacht, vielfach auf Widerstand stießen, hat mannigfache
-Verwicklungen und manche Wechselfälle in dem Leben der leitenden
-Persönlichkeiten veranlaßt; vor allem in dem tragischen Ausgange des
-berühmtesten von allen, des Columbus selbst.
-
-Werfen wir zunächst einen Blick auf das +frühere Leben+ dieses
-merkwürdigen Mannes, auf die Zeit, in welcher er das Schicksal so
-mancher seiner Zeitgenossen und Landsleute, die sich dem Seegewerbe
-widmeten, theilte.
-
-Auf die Ehre, die Geburtsstätte des Columbus gewesen zu sein, haben
-viele Orte Italiens Anspruch erhoben: Albisola, Bogliasco, Chiavara,
-Cogoleto, Nervi, Oneglia, Pradello, Quinto, Savona, Genua; aber
-Columbus selbst bezeugt in seinem Testamente zweimal, daß er in der
-Stadt (~ciudad de Genova~) geboren sei, so daß damit die rechtmäßige
-Entscheidung gegeben ist.
-
-Er stammte also aus derjenigen Seestadt, welche den weitgehendsten
-Einfluß auf die Entwicklung des Seewesens in Westeuropa bereits seit
-mehreren Jahrhunderten gehabt hatte. Denn schon in den Jahren 1116 und
-1120 waren genuesische Schiffsbaumeister und Seeleute nach Spanien
-gerufen, um die Küsten des Landes vor den maurischen Seeräubern zu
-schützen, und im 13. und 14. Jahrhundert wurden Genuesen zum Range
-castilischer Admirale erhoben.
-
-Genuesen hatten bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts (s. o. S.
-23) den Versuch gewagt, einen Seeweg nach Indien, um Afrika herum,
-aufzufinden, und hatten vielleicht um dieselbe Zeit schon die
-canarischen Inseln wieder aufgefunden. Der König Diniz III. von
-Portugal stellte 1307 einen Genuesen an die Spitze der Flotte und noch
-unter Heinrich dem Seefahrer zeichneten sich die Söhne Genuas bei den
-Entdeckungsfahrten aus: Perestrello, ein Vorfahr des Schwiegervaters
-des Columbus, wird als der Wiederentdecker von Porto Santo genannt,
-Antonio de Noli fand 1460 die capverdischen Inseln (s. o. S. 96).
-
-Auch in Frankreich und England nahmen seit dem 13. und 14. Jahrhundert
-die Könige genuesische Seeleute in ihren Dienst und vertrauten ihnen
-die Führung von Seegeschwadern an.[151] Diesem selben Zuge der
-genuesischen Jugend, in den westlichen Ländern am Ocean und auf dem
-Ocean selbst ihr Glück zu suchen, folgte auch Columbus.
-
-Ueber +sein Geburtsjahr+ ist viel gestritten worden. Man hat dafür die
-Jahre 1436, 1446 und 1456 angenommen. Die Ursache dieser auffälligen
-Schwankungen liegt in den einander widerstreitenden Angaben, wobei,
-je nach der Berechnung der Zeiträume, auch noch die geringeren
-Abweichungen bezüglich der Jahre 1435 bis 1437 oder 1445 bis 47
-vorkommen. Der Beweis für das Jahr 1436 stützt sich vornehmlich auf die
-Aussage eines zeitgenössischen Geschichtschreibers, welcher persönlich
-mit Columbus bekannt war, auf Andres Bernaldez (~Historia de los Reyes
-catolicos D. Fernando y Da. Isabel, Sevilla 1870~), welcher von 1488
-bis 1513 Geistlicher im Städtchen Los Palacios bei Sevilla war, und den
-Entdecker der neuen Welt bei seiner glücklichen Heimkehr von seiner
-zweiten Reise als Gast bei sich sah. Bernaldez schreibt, daß Columbus
-in gutem Greisenalter, im Alter von 70 Jahren etwa gestorben sei.
-(~Murió in senectute bona de edad de setenta años poco mas o menos.~)
-Nach dieser Angabe wäre Columbus also etwa 32 Jahre älter gewesen als
-sein jüngster Bruder Diego, welcher bestimmt im Jahre 1468 geboren ist.
-Aber Bernaldez hat sich durch das graue Haar des Entdeckers täuschen
-lassen und wußte nicht, daß Columbus schon mit 30 Jahren ganz weiß
-geworden war.
-
-Nach einer zweiten Ansicht, welche besonders von Peschel vertreten
-wurde,[152] soll Columbus 1456 geboren sein. Columbus schreibt nämlich
-am 7. Juli 1493, er sei in einem Alter von 28 Jahren in den Dienst
-der spanischen Krone getreten,[153] und erwähnt am 14. Jan. 1493,
-daß er den kommenden 20. Januar den katholischen Majestäten gerade 7
-Jahre gedient habe.[154] Sein Eintritt erfolgte demnach 1486 und sein
-Geburtsjahr würde um 1458 zu setzen sein. Andererseits sagt aber der
-Entdecker am 21. Dec. 1492, er sei fast ohne Unterbrechung 23 Jahre
-auf See gewesen,[155] also seit 1470. Nimmt man dazu die Angabe der
-„~vida del Almirante~“, welche selbst behauptet[156] von seinem Sohne
-Ferdinand geschrieben zu sein, daß der Vater schon in seinem 14. Jahre
-auf die See gegangen sei, so mußte Christoph Columbus 1456 geboren sein.
-
-Allein dagegen ist mit Recht eingewendet, daß Columbus von 1483 bis
-1492 fast gar keine Seereisen mehr gemacht hat und seit 1486 sich
-beständig in Spanien aufhielt, daß demnach der Ausgangspunkt, von dem
-die 23 Jahre ununterbrochener Seefahrten an rückwärts zu zählen sei,
-in das Jahr 1483 zu setzen sei, so daß also Columbus seit 1460 etwa
-das Seegewerbe betrieben habe. Dazu stimmt ferner, daß Columbus 1501
-erklärt, er befahre nun bereits seit mehr als 40 Jahren das Meer. Kam
-er nun sehr jung, im 14. Jahre, aufs Schiff, so müßte er 1446 geboren
-sein.
-
-Diese Ansicht vertheidigt besonders d’Avezac.[157] Den Widerstreit
-gegen die eigene Angabe des Columbus, er sei in seinem 28. Jahre in
-spanische Dienste getreten, löst d’Avezac scheinbar gewaltsam, indem
-er, wie vor ihm bereits Navarrete, die Zahl 28 für einen Schreibfehler
-erklärt und behauptet, Columbus hätte schreiben müssen, im 38.
-Jahre.[158]
-
-Aber d’Avezac verstärkt seine Hypothese durch den Hinweis auf eine
-gerichtliche Urkunde vom Jahre 1472, in welcher Columbus zweimal
-als Zeuge vor dem Gericht in Savona, wo sein Vater damals wohnte,
-aufgeführt wird als: ~Christopherus Columbus, lanarius de Janua,
-annos Laetoriae legis egressus~. Da nun das Lätorische Gesetz sich
-auf das 25. Lebensjahr bezieht und Columbus 1472 dieses Jahr bereits
-überschritten hatte, so kann er unmöglich 1456, wohl aber 1446
-geboren sein. Auch in den Jahren 1473 und 1476 wird Columbus zusammen
-mit seinem Bruder noch in den Gerichtsacten Genuas genannt. Es ist
-immerhin möglich, daß er, wenn er auch zeitweilig das Handwerk seines
-Vaters, die Wollweberei betrieb, doch daneben auch kleinere Seereisen
-unternahm, von denen er nach seiner Vaterstadt zurückkehrte.
-
-Ueber seine Jugendzeit wissen wir wenig, die Angabe der „~Vida~“,
-welche sogar seinen Sohn Fernando als Verfasser nennt, aber
-sicherlich nicht von ihm geschrieben ist, sind theils legendenhaft,
-theils geradezu unglaublich, so daß sie vor der historischen Kritik
-beanstandet worden sind.[159] Man hat ohne Bedenken danach angenommen,
-daß Columbus die Universität Pavia besucht habe, aber seine Jugend und
-die für diese Studien verfügbare Zeit sprechen dagegen, da er bereits
-mit dem 14. Lebensjahre auf die See ging.[160]
-
-Den Ocean scheint er erst im 30. Jahre kennen gelernt zu haben. Es wird
-nämlich erzählt, daß er im Jahre 1477 und zwar bereits im Februar,
-wahrscheinlich von Bristol aus, hundert spanische Meilen über Tyle
-(Thule) hinaus gesegelt sei (vgl. oben S. 28). Thule identificirte man
-mit den Faröern, welche damals unter dem Namen Friesland bekannt waren.
-Columbus suchte also, wie auch andere seiner Landsleute, sein Glück im
-Auslande zu machen. Von England begab er sich später nach Portugal,
-wahrscheinlich zu Ende der Regierung Alfons V., welcher 1481 starb, und
-machte von hier aus eine Fahrt nach der Küste von Guinea. Da er bei
-dieser Gelegenheit die portugiesische Niederlassung von St. Jorge de la
-Mina besuchte, so kann diese Fahrt nicht vor 1482 fallen, in welchem
-Jahre das genannte Fort an der Goldküste erst angelegt wurde. In
-Lissabon verheirathete er sich mit der Donna Felipa Muñiz-Perestrello,
-und zog mit ihr nach dem Besitzthum ihres Vaters auf der Insel Porto
-Santo. Dort lernte er auch die auf das Seewesen bezüglichen Karten
-und hinterlassenen Papiere seines bereits verstorbenen Schwiegervaters
-Perestrello kennen. Aus ihnen schöpfte er wohl auch die ersten dunklen
-Nachrichten von Inseln und Ländern, welche im westlichen Meere liegen
-sollten, von denen er dann selbst mit Eifer neue Kunde sammelte.
-
-
-2. Das allmähliche Reifen des Planes einer Westfahrt.
-
-Es lag im Glauben der Zeit, hinter jeder am Horizonte auftauchenden
-Nebelbank im Ocean ein noch unbekanntes, reiches und gesegnetes
-Land zu vermuthen. Die Canarien, Açoren und Capverden waren in den
-letzten Jahrzehnten genauer bekannt geworden, die Fortschritte der
-portugiesischen Entdeckungen wirkten auf die Seeleute geradezu
-fieberhaft. Die Matrosen erzählten einander von den Geheimnissen
-des westlichen Weltmeeres, und Columbus lauschte aufmerksam auf
-solche Berichte. Die ~Vida del Almirante~ führt (Cap. 8) eine Reihe
-solcher Schiffernachrichten auf, welche gerade durch das Nebelhafte
-ihrer Umrisse die Phantasie aufzuregen vermochten. Danach hörte
-Columbus über die Nähe der den westlichen Gestaden der bekannten Welt
-gegenüberliegen sollenden Küsten mancherlei von solchen Seeleuten,
-welche häufig die Meere jenseit Madeira und der Açoren befahren hatten.
-Der portugiesische Pilot Martin Vicente erzählte ihm, er habe 450
-Leguas (spanische Meilen) westlich vom Cap S. Vicente ein geschnitztes
-Holz aufgefischt, welches unter dem mehrere Tage anhaltenden Westwinde
-herangetrieben sei. Es müsse also in nicht zu großer Entfernung im
-Westen Inseln oder größeres Land geben. Sein Schwager Pedro Correo
-theilte ihm mit, daß ein ähnlich bearbeitetes Holz auch in Porto Santo
-angeschwommen sei. Auf den Açoren waren Stämme von Fichten, wie sie
-dort nicht wachsen, angetrieben. Auch ein mächtiges Schilfrohr, wie
-es nur in Indien wachsen konnte, und welches von Knoten zu Knoten 9
-Karaffen Wein fassen sollte, war aufgefunden. Auf der açorischen Insel
-Flores hatten die Bewohner zwei Leichen einer unbekannten Menschenrasse
-gefunden. Die Ansiedler in der Nähe des Cap de la Virga wollten sogar
-gedeckte Barken, s. g. Almadias mit fremdartigen Menschen besetzt
-gesehen haben.
-
-Antonio Leme von Madeira erzählte dem Columbus ferner, er habe 100
-Meilen weit gegen Abend drei Inseln gesehen. Dieselben Inseln wurden
-1484 wiederum von einem Schiffscapitän aus Madeira gesehen, der sich
-in Folge dessen nach Portugal begab, um sich von der Regierung eine
-Caravele zu erbitten, mit welcher er jene Inseln entdecken wollte.
-
-Ein anderer Pilot erzählte ihm in Puerto de Sta. Maria, daß er auf
-der Reise nach Irland Land gesehen, welches er für den Theil der
-Tatarei gehalten; schlechtes Wetter habe ihn aber abgehalten daselbst
-zu landen. Ebenso wollte auch ein Galicier, Pedro Velasques (oder
-Velasco), westlich von Irland Anzeichen von Land bemerkt haben. Und
-endlich kam auch der Portugiese Vicente Dias aus der Stadt Tavira in
-Algarbien mit der Nachricht heim, er habe auf der Rückfahrt von Guinea
-nach Madeira im Westen unbekanntes Land gesehen. Mit Unterstützung
-eines reichen Genuesen, Lucas de Cazzana, wurden in Folge dessen
-mehrere vergebliche Versuche gemacht, dieses Land aufzufinden.
-
-Ob Columbus von der Fahrt des +Johann von Kolno+[161] gehört hatte,
-welcher 1476 von dem König Christian I. von Dänemark abgesandt worden,
-um die Verbindung mit Grönland wieder herzustellen, und welcher
-wahrscheinlich Labrador und den Eingang der später sogenannten
-Hudsonstraße sah, ist sehr fraglich, wenn sich auch später die
-Nachricht von dieser Entdeckung bis nach Spanien und Portugal
-verbreitete, wie daraus zu ersehen ist, daß Gomara in seiner Geschichte
-von Indien (Zaragoza 1553, S. 20) dieselbe erwähnt.[162]
-
-Alle diese und ähnliche Mittheilungen über Inseln, welche im fernen
-westlichen Meere liegen sollten, gehörten aber nicht allein dem
-Zeitalter des Columbus an, sondern lassen sich bis ins classische
-Alterthum rückwärts verfolgen, wie bereits oben S. 22 angedeutet ist.
-
-Wichtiger noch war es, daß solche Angaben auch von den Verfertigern
-der Seekarten im 14. und 15. Jahrhundert mit verwendet wurden. Vor
-allem waren es die Italiener, welche, wie sie den Fortschritt der
-portugiesischen Entdeckungen mit größter Aufmerksamkeit verfolgten,
-auch die von ihren Landsleuten zuerst gesehenen Canarien und Açoren
-in die Karten einzeichneten (oben S. 24). Gradezu überraschend wirkt
-die Wahrnehmung, daß Andrea Bianco schon 1448 auf seiner Karte eine
-Andeutung von den Capverden machte, noch ehe dieselben, nachweisbar,
-von den Portugiesen betreten waren.[163] Aber daneben erscheinen
-auch andere Gebilde von Inseln, welche nur einer Sinnestäuschung
-der Seefahrer ihre Existenz verdankten. Zu diesen gehört namentlich
-die Insel +Antilia+, welche seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts
-auftauchte und uns zuerst auf einer im Jahre 1424 gezeichneten und
-in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar aufbewahrten Karte
-entgegentritt.[164] Ebenso findet sich diese Insel auf den Karten
-des Battista Beccario vom Jahre 1426 (in München) und vom Jahre 1435
-(in Parma). Westlich von den Açoren und etwa 15° vom Cap Finisterre
-in Galicien erstreckt sich auf der letztern (vom Jahre 1435) eine
-Inselkette von Norden nach Süden, vom Parallel der Gironde bis zu dem
-von Gibraltar, und führt die Inschrift: ~Insule de novo reperte~. Von
-den zwei größeren Inseln ist die südliche Antilia genannt.[165] Auch
-Andrea Bianco wiederholt 1436 das Bild von Antilia (~ya de antillia~)
-und fügt hinzu, daß nach der Inselgruppe spanische Schiffe gelangt
-seien (~questoxe mar de spagna~). Ihm folgt 1476 Andrea Benincasa von
-Ancona und zeichnet das Bild der Insel wie Bianco, während Martin
-Behaim dieselbe auf seinem Globus (siehe Beilage) weiter südlich hart
-an die Grenzlinie der heißen Zone versetzt.
-
-Diese Insel hat eine gewisse Bedeutung in dem Plane des Columbus gehabt
-und hat, wenn auch nicht ihre damals bereits ziemlich unbestimmte
-Existenz, so doch wenigstens ihren Namen gerettet und auf die
-westindische Inselflur vererbt.
-
-Verfolgen wir nun weiter die verschiedenen Anregungen, welche Columbus
-in sich aufnahm, so müssen wir neben den Schifferberichten und den
-dieselben beglaubigenden Seekarten auch eines damals verbreiteten
-geographischen Werkes gedenken, welches der Genuese schon während
-seines Aufenthaltes in Portugal sehr fleißig las und auch später auf
-seinen Reisen mit sich führte. Es ist die ~Imago mundi~ (Weltbild)
-des Cardinal von Cambray, Pierre d’Ailly (Petrus de Alliaco), welche
-um 1410 geschrieben ist. Dieses Werk stellt sich als eine ziemlich
-mittelmäßige Compilation aus früheren scholastischen Arbeiten heraus,
-~ex pluribus auctoribus recollecta~, wie der Titel der ältesten
-Ausgabe besagt. d’Ailly bemühte sich, das Wissen der Vergangenheit
-zusammenzufassen und citirte sowohl Lateiner und Griechen als auch
-Araber, von jenen den Seneca, Plinius, Solinus, Osorius, Augustin,
-Isidor und Beda, ferner den Aristoteles, Ptolemäus, Hegesippus,
-Johannes Damascenus, von diesen den Alfragani und Albategna. Aber er
-schreibt ziemlich ohne eignes Urtheil und stellt die Ansichten der
-classischen Autoren höher, als die Resultate neuerer Forschung. Den
-Namen Marco Polos erwähnt er nirgend. Aus ihm aber schöpfte Columbus
-den ganzen Vorrath seiner kosmographischen Vorstellungen, namentlich
-seine Auffassung von der Größe der Erde, von der Schmalheit des Oceans,
-von der Lage und Natur des Paradieses und von dem bevorstehenden
-Weltuntergange.[166]
-
-Vor allem auffällig ist die Abhängigkeit des Columbus zu erkennen, wenn
-wir das 8. Capitel der Imago, über die Größe der bewohnbaren Erde,
-prüfen. Aus diesem Abschnitte entlehnte der Genuese in seinem Briefe
-aus Haiti, auf seiner dritten Reise (1498), einen längeren Abschnitt.
-d’Aillys Darstellung ist etwa folgende.[167] Wenn man wissen will,
-wie viel von der Oberfläche der Erde bewohnbar ist, so hat man theils
-das Klima, theils das Wasser zu berücksichtigen. Ptolemäus meinte,
-etwa ein Sechstel der Erde sei Land, das übrige mit Wasser bedeckt.
-Im Almagest (~lib. II.~) modificirte er seine Ansicht, und hielt ¼
-der Erdoberfläche für bewohnbar. Aristoteles nahm einen noch größeren
-Länderraum an und lehrte, daß zwischen der Westküste Spaniens und der
-Ostküste Indiens das Meer (unser atlantischer Ocean) nur schmal sei.
-Ueberdies sagt Seneca im 5. Buche der Naturgeschichte, daß man bei
-günstigem Winde in wenig Tagen über dieses Meer segeln könne. Aehnlich
-spricht sich auch Plinius aus, so daß man daraus folgern darf, daß das
-Meer unmöglich ¾ der Erdoberfläche bedecken kann.
-
-Dazu kommt noch der gewichtige Ausspruch Esra’s (Esdra) im 4. Buche,
-welcher behauptet, es sei nur 1/7 der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt.
-
-Im 49. Capitel, welches von der Verschiedenheit der Gewässer und
-namentlich vom Ocean handelt, kommt d’Ailly noch einmal auf dieses
-Thema zurück und betont, daß sowohl Aristoteles als auch sein
-Commentator Averroes darauf aufmerksam gemacht, daß der Abstand
-zwischen der Westküste Afrikas und der Ostküste Indiens (d. h. Asiens)
-nicht sehr groß sein könne, weil man in beiden Ländern Elephanten
-finde. Wie groß aber der Abstand ist, weiß man noch nicht, denn er ist
-weder in unseren Zeiten gemessen, noch finden wir darüber bei den alten
-Schriftstellern genauere Angaben. Aber, fügt er im 51. Capitel hinzu,
-soviel ist gewiß, daß die Ausdehnung der bewohnten Erde von Spanien
-ostwärts bis Indien viel größer ist als der halbe Umfang der Erde.
-
-Mit diesen und ähnlichen Gründen wollte Columbus später die leichte
-Ausführbarkeit seines Planes einer Westfahrt erhärten. Mit Recht
-bemerkt Humboldt (Kosmos II, 281) dazu: „Sonderbares Zeitalter, in
-welchem ein Gemisch von Zeugnissen des Aristoteles und Averroes, des
-Esra und Seneca über die geringe Ausdehnung der Meere im Vergleich mit
-der der Continentalmasse den (spanischen) Monarchen die Ueberzeugung
-von der Sicherheit eines kostspieligen Unternehmens geben konnte.“
-
-Außer diesen Hauptstellen hatte Columbus auch noch andere Vorstellungen
-aus den Lehren d’Ailly’s sich angeeignet. Dahin gehört die Behauptung
-des Cardinals (Cap. 12), daß, wie schon Augustin gelehrt habe, die
-heiße Zone von menschlichen Ungeheuern belebt sei. Es geht dies hervor
-aus einer Aeußerung aus dem Tagebuch der ersten Reise des Entdeckers,
-wo derselbe verwundert bemerkt, die erwarteten Ungeheuer habe er noch
-nicht gefunden. Ferner die Auffassung von der Lage des irdischen
-+Paradieses+. Dasselbe liegt, schreibt d’Ailly Cap. 55, nach der
-Angabe des Isidor, Johannes Damascenus, Beda u. a. in der lieblichsten
-Gegend des Ostens, weit von unserm bewohnten Gebiet entfernt auf einem
-erhabenen Ort, so daß es fast bis in die Mondsphäre reicht und von den
-Wassern der Sündflut nicht bedeckt werden konnte. Von diesem hohen
-Berge stürzen nun die Gewässer mit gewaltigem Brausen herab und bilden
-einen großen See. Eine ebenfalls von Columbus benutzte Ansicht und eine
-Ergänzung des obigen über die Natur des Paradieses finden wir bereits
-im 7. Capitel, wo gelehrt wird, daß das im Osten gelegene Paradies,
-auch wenn es in der Nähe des Aequators liege, doch wegen seiner
-bergehohen Lage ein sehr mildes Klima besitze.
-
-Endlich gehört hieher noch ein Ausspruch d’Ailly’s, in seinem
-~Vigintiloquium de concordia astronomicae veritatis cum theologia, p.
-181~, worin er die Dauer der Erde von der Schöpfung bis auf die Geburt
-Christi, nach Ermittlung Bedas, auf 5199 Jahre berechnet, so daß also
-bis 1501 nach Christi 6700 Jahre verflossen seien. Da aber das jüngste
-Gericht 7000 Jahre nach Christi eintreten wird, ist der Weltuntergang
-nahe bevorstehend. Obwohl Columbus in den Zahlen etwas abweicht, so hat
-er den Grundgedanken doch in seinen Plan verwebt.
-
-
-3. Das Project Toscanelli’s.
-
-Wenn nun auch alle diese Meinungen und Lehrsätze d’Ailly’s einen großen
-Einfluß auf die Gestaltung des Planes gehabt haben, so waren sie,
-weil im allgemeinen zu verschwommen, nicht kräftig genug, um einen
-wirklichen Impuls auszuüben, die Fahrt zu unternehmen. Denn welcher
-Seemann konnte nach solchen allgemeinen, vagen Vorstellungen seinen
-Cours einschlagen, welcher Fürst und welcher Staat würde zu einem
-solchen Zuge ins Blaue die Mittel verschwendet haben? Darum kann ich
-Humboldt darin nicht beistimmen, daß die Imago Mundi mehr Einfluß auf
-die Entdeckung von Amerika geübt, als der Briefwechsel Toscanelli’s
-(Kosmos II, 286). Grade die ganz bestimmte Direction, welche dieser
-ausgezeichnete Astronom und Physiker den Ideen seines Landsmannes gab,
-man kann sagen, die von ihm ganz genau vorgeschriebene Segelroute war
-es, welche einerseits den noch unklaren Vorstellungen des Columbus
-den richtigen Stützpunkt gab und andererseits auch die Monarchen
-ermuthigte, die Kosten zu wagen.
-
-In dieser Hinsicht muß man entschieden der Ansicht d’Avezacs
-beipflichten: „Die Ideen des Columbus entstanden aus einer Summe von
-Notizen, welche er allmählich aus verschiedenen Quellen geschöpft; aber
-ein bestimmtes Project kam erst durch den Brief Toscanelli’s zur Reife.
-Dieser +monumentale+ Brief sichert dem Toscanelli das unzweifelhafte
-Verdienst, die transatlantischen Entdeckungen angeregt zu haben.“[168]
-
-Diesen Brief lernte Columbus wahrscheinlich erst im Anfange der
-achtziger Jahre kennen. Bis dahin war er einfach ein Seefahrer
-gewesen, von da an wurde er Entdecker. Danach ist auch die von Las
-Casas gemachte Zeitangabe zu verbessern,[169] wonach sich Columbus 14
-Jahre bemüht haben soll, den König von Portugal für seine Pläne zu
-gewinnen. Da wir wissen, daß Columbus noch um 1476 in Genua war, und
-1484 nach Spanien ging, so ist die Angabe des Bischofs bestimmt falsch.
-Avezac (~l. c. p. 43~) stellt die Vermuthung auf, es könne statt 14
-Jahre recht wohl 14 Monate heißen und Columbus habe seinen Vorschlag
-zuerst im September oder October 1483 gethan, und sei dann gegen
-Ende des nächsten Jahres nach Spanien übergesiedelt. -- Doch wenden
-wir zunächst unsere Aufmerksamkeit dem Briefe Toscanelli’s zu. Paolo
-Toscanelli, auch, weil er Arzt war, ~Paolo fisico~ genannt (geb. 1397
-in Florenz, gestorben 1482), gehörte zu den ausgezeichnetsten Gelehrten
-seiner Vaterstadt und beschäftigte sich namentlich mit Kosmographie.
-Durch lebhaften Verkehr stets in Verbindung mit berühmten Reisenden,
-Seefahrern und Kartenzeichnern, hat er wohl zuerst bei dem Studium
-des Marco Polo und angesichts der durch persönlichen Verkehr mit
-Nicolo de Conti (s. oben S. 77) weiter bestätigten großen Entfernung
-Ostasiens von Europa, sowie neuer Beglaubigungen der Berichte von den
-kostbarsten Produkten, den menschenwimmelnden prachtvollen Städten
-und großartigen Reichen den Gedanken gefaßt, daß von Portugal oder
-Italien aus +ostwärts+ die Entfernung bis Quinsay und Zaiton weit
-mehr als den halben Erdumfang betragen müsse, und weiterhin daraus
-gefolgert, daß dann der Weg über das Westmeer der nähere sein müsse.
-Zur Veranschaulichung dieser Idee bedurfte es einer Karte, welche
-die, wie es scheint, vor ihm noch nie entworfene Wasserseite der Erde
-darstellte. Denn die Seekarten dienten praktischen Zwecken und stellten
-daher nur die in der Nähe der großen Handelslinien befindlichen Küsten
-und Länder dar. Da nun Toscanelli sah, wie sich bereits seit einem
-halben Jahrhundert die Portugiesen abmühten, die Umfahrt um Afrika zu
-vollenden, so richtete er 1474 einen Brief an den Canonicus Fernam
-Martinz in Lissabon, um den König unter Beigabe einer von ihm selbst
-entworfenen Karte auf seine Idee, das Morgenland durch eine Westfahrt
-zu erreichen, aufmerksam zu machen. Allein die Portugiesen hatten
-1471 glücklich die Goldküste entdeckt (s. oben S. 104) und beuteten
-dieses Gebiet aus, ohne Neigung, sich in unbestimmte kostspielige
-Unternehmungen einzulassen. Toscanelli’s Aufforderung fand also
-keinen Anklang; sein Brief galt wohl mehr als Curiosum, denn daß man
-ein Staatsgeheimniß daraus machte, von dem nichts verlauten dürfe,
-um nicht andere Unternehmer in dieselben Bahnen zu lenken. So konnte
-auch Columbus nach Jahren davon Kunde erhalten und sich eine Abschrift
-dieses Briefes verschaffen, indem er sich direct an Toscanelli
-wandte. Wir kennen die Briefe des Columbus nicht, sondern nur die
-Antworten des Florentiner Gelehrten und auch diese in einer sicher
-nicht authentischen Fassung, da sie nur in der Vida del Almirante sich
-finden, welche den Wortlaut nicht nur nicht getreu wiedergegeben hat,
-sondern durch offenbare Einschiebsel den Zeitpunkt des Schreibens zu
-verrücken sucht, um Columbus zu glorificiren, indem man die Bedeutung
-des Briefes als maßgebend für den Impuls zu der Westfahrt verminderte
-und die Initiative allein dem Entdecker beimaß.
-
-Nach der jetzt vorliegenden Fassung des Briefes schrieb nämlich
-Toscanelli folgendermaßen:
-
-„Ich sehe Eurer edles und großes Verlangen, dahin zu reisen, wo die
-Spezereien wachsen. Daher sende ich Euch zur Beantwortung Eures
-Briefes die Abschrift eines andern, den ich +vor einigen Tagen+ an
-einen meiner Freunde, im Dienste Sr. Maj. des Königs von Portugal,
-+vor den castilischen Kriegen+, in Beantwortung eines andern schrieb,
-welchen er im Auftrage des Königs über die betreffende Angelegenheit
-an mich richtete, und ich schicke Euch eine andere Seekarte (~carta da
-marear~), die mit derjenigen übereinstimmt, welche ich ihm sandte.“
-
-Der castilische Erbfolgekrieg fällt in die Zeit von 1474-1479. Es liegt
-auf der Hand, daß man den Ausdruck „+vor+ den castilischen Kriegen“
-nur gebrauchen kann, wenn der Krieg vollständig beendigt ist, aber
-weder im Beginn noch im Verlauf desselben. Der Brief Toscanelli’s
-muß also an Columbus +nach+ 1479 geschrieben sein, der Originalbrief
-an Martinz +vor+ oder um 1474. Das Datum dieses Briefes lautet auch:
-Florenz, 25. Juni 1474. Steht dieses fest, dann kann Toscanelli aber
-nicht an Columbus schreiben, er habe erst „vor einigen Tagen“ den Brief
-an Martinz verfaßt, denn es lag ein Zeitraum von mindestens 5 Jahren
-dazwischen. Eine der beiden Zeitangaben ist falsch, die Entscheidung
-fällt unbedingt +gegen+ den Ausdruck „vor einigen Tagen“. Es soll
-einerseits durch diesen Zusatz der Plan als geistiges Eigenthum des
-Columbus hingestellt und der Einfluß Toscanelli’s verdeckt werden;
-denn wenn der florentinische Gelehrte erst „vor einigen Tagen“ den
-ersten Brief nach Portugal geschickt hat, kann Columbus noch keine
-Mittheilung von demselben haben, selbst wenn der Brief direct an
-ihn selbst gerichtet wäre. Es soll dem Entdecker die Priorität des
-Gedankens gerettet worden. Andererseits wird der Zeitpunkt, in welchem
-dem Genuesen der Plan reifte, um wenigstens fünf Jahre zurückgerückt,
-aber leider in eine Zeit verlegt, welche mit dem angeblich früheren,
-ständigen Aufenthalte des Columbus in Portugal sich nur schwer
-vereinigen läßt, da sein Name in den Acten Genuas 1472, 1473 und 1476
-erscheint. Wenn dadurch auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist,
-daß Columbus 1474 sich zu Lissabon aufgehalten, so doch sicher nur als
-Seemann vorübergehend, und es bleibt die Frage unerledigt, warum er
-sich nicht direct von Italien aus an den Physiker in Florenz gewandt.
-Zudem ist auffällig, daß, nach dem zweiten Briefe Toscanelli’s zu
-urtheilen, dieser Gelehrte nicht zu wissen scheint, daß Columbus ein
-Italiener ist. Er hält ihn vielmehr für einen Portugiesen, wie aus der
-Anspielung auf diese Nation hervorgeht. Wenn Columbus nun nach dieser
-Seite sich nicht deutlich ausgesprochen hat, ist der Schluß nicht
-unberechtigt, daß er bereits in Portugal seit mehreren Jahren ansässig
-gewesen und sich also gleichsam als Portugiese gefühlt habe, wie er ja
-auch in Spanien später seinen ganzen Namen umänderte. Dann aber fällt
-die Correspondenz mit Toscanelli bereits in den Anfang der achtziger
-Jahre,[170] was auch am besten zu dem ganzen Verlauf der Angelegenheit
-in Portugal stimmt.
-
-Glücklicherweise ist von dem ausgezeichneten Forscher der ältesten
-amerikanischen Literatur, von Harrisse, eine von Columbus selbst
-geschriebene Copie des Toscanelli’schen Briefes an Martinz in der
-Colombinischen Bibliothek zu Sevilla aufgefunden und veröffentlicht.
-Ein Vergleich dieses lateinisch geschriebenen Briefes mit dem in der
-~Vida del Almirante~ gegebenen Texte zeigt deutlich, daß auch dieses
-wichtige Document durch die Hand des Biographen des Entdeckers nicht
-unwesentliche Veränderungen erfahren hat.
-
-Wegen seiner großen Bedeutung theilen wir den Brief vollständig
-mit.[171]
-
-„Dem Canonicus Ferdinand Martinz zu Lissabon sendet der Physiker Paul
-(Toscanelli) seinen Gruß. Von deinem vertrauten Umgange mit Sr. Maj.
-dem Könige ist es mir um so angenehmer gewesen Kenntniß zu erhalten,
-als ich mit dir schon früher gesprochen habe über einen kürzeren Seeweg
-zu den Gewürzländern, als derjenige ist, welcher über Guinea führt.
-Der König wünscht nun von mir eine noch mehr durch den Augenschein
-überzeugende Erläuterung, so daß auch der minder Bewanderte diesen
-Weg begreifen und verstehen kann. Obgleich ich nun weiß, daß man dies
-an einer Kugel, welche die Erde vorstellt, zeigen könnte, so habe
-ich mich doch des leichteren Verständnisses und der geringen Mühe
-wegen, entschlossen, diesen Weg auf einer Seekarte zu erläutern.
-Ich sende also Sr. Majestät eine eigenhändig entworfene Karte, auf
-welcher eure Küsten und Inseln eingezeichnet sind, von denen der Weg,
-immer gegen Abend, beginnt, und die Orte, zu denen man gelangen muß,
-und wie weit man vom Pol oder vom Aequator abweichen muß, und durch
-einen wie großen Abstand, d. h. nach wie viel Meilen, man zu jenen
-Orten kommen muß, welche die größte Fülle von allen Gewürzen und
-Edelsteinen besitzen. Und wundert euch nicht darüber, daß ich +das+
-„+westliches+“ Gebiet nenne, wo die Gewürze sind, während es gewöhnlich
-als östliches bezeichnet wird, weil durch Seefahrten immer nach Westen
-jene Gegenden durch unterirdische (~subterraneas~) Fahrten gefunden
-werden, während sie zu Lande und auf dem +oberen+ Wege immer nach
-Osten aufgesucht werden. Demnach zeigen die geraden in der Länge der
-Karte eingetragenen Linien den Abstand von Osten nach Westen, dagegen
-die transversalen Linien die Abstände von Süden nach Norden. Ich habe
-aber in der Karte verschiedene Orte eingetragen, zu denen ihr nach den
-genauern Nachrichten der Schifffahrten kommen könntet; sei es nun,
-daß man durch (widrige) Winde oder durch irgend einen andern Umstand
-anderswohin gelangte, als man erwartete, theils aber auch, um den
-Einwohnern zu zeigen, daß sie (die Seefahrer) bereits eine Kenntniß
-jenes Landes haben, was um so angenehmer sein muß. Es wohnen aber auf
-den Inseln nur Kaufleute. Es wird nämlich behauptet, daß dort eine so
-große Menge von Kauffahrteischiffern, wie sie auf der ganzen übrigen
-Welt nicht sind, sich in dem einen berühmtesten Hafen, Namens Zaiton
-finden. Man behauptet nämlich, daß in jenem Hafen jährlich 100 große
-Schiffe mit Pfeffer abgehen, ungerechnet die anderen Schiffe, welche
-andere Gewürze laden. Jenes Land ist sehr volkreich und sehr reich
-an Provinzen, Staaten und zahllosen Städten und steht unter +einem+
-Fürsten, welcher der +Groß-Kan+ genannt wird, was so viel als König
-der Könige bedeutet. Sein Sitz und seine Residenz ist meistens in der
-Provinz +Katay+. Seine Vorfahren wünschten mit den Christen in Verkehr
-zu treten. Schon vor 200 Jahren schickten sie zum Papste und baten
-um mehrere Gelehrte, damit sie im Glauben unterrichtet würden; aber
-dieselben stießen unterwegs auf Hindernisse und kehrten wieder um. Auch
-zur Zeit des Papstes Eugen kam einer zu Eugen[172] und bestätigte das
-große Wohlwollen gegen die Christen; und ich habe selbst ein langes
-Gespräch mit ihm gehabt über vielerlei, über die Größe der königlichen
-Paläste und über die Größe der Flüsse in der Breite und wunderbaren
-Länge und über die Menge der Städte an den Ufern der Flüsse, daß an
-einem Flusse gegen 200 Städte erbaut sind und marmorne Brücken von
-großer Breite und Länge, welche allenthalben mit Säulen geziert sind.
-Dieses Land ist werth, von den Lateinern aufgesucht zu werden, nicht
-allein weil ungeheure Schätze von Gold, Silber und Edelsteinen aller
-Art von dort gewonnen werden können und von Gewürz, welches nie zu uns
-gebracht wird, sondern auch wegen der gelehrten Männer, Philosophen und
-erfahrenen Astrologen, und um zu erfahren, mit welchem Geschick und
-Geist dieses so mächtige und große Land regiert wird und auch Kriege
-geführt werden. Florenz, 25. Juni 1474.“
-
-„Von Lissabon nach Westen in gerader Linie sind 26 Spatien in die
-Karte eingetragen, von denen jedes 250 Milliarien umfaßt, bis zu der
-sehr prächtigen und großen Stadt Quinsay. Dieselbe hat einen Umfang
-von 100 Milliarien und hat 10 Brücken und der Name bedeutet Stadt des
-Himmels,[173] und viel Wunderbares wird darüber berichtet von der Menge
-der Künstler und der Einkünfte. Dieser Abstand beträgt fast den dritten
-Theil der ganzen Erde. Jene Stadt liegt in der Provinz +Mangi+, in
-der Nachbarschaft der Provinz +Katay+, in welcher die Hauptstadt des
-Landesherrn liegt. Aber von der auch bekannten Insel +Antilia+ zu der
-sehr berühmten Insel +Cippangu+ sind 10 Spatien. Jene Insel nämlich ist
-sehr reich an Gold, Perlen und Edelsteinen, und mit purem Golde deckt
-man Tempel und Paläste. Und so muß man auf unbekannten aber +nicht
-weiten+ Wegen den Raum des Meeres durchschneiden.“
-
-[Illustration: ~DIE OCEANISCHE SEITE DES BEHAIM’SCHEN GLOBUS VOM JAHRE
-1492.~
-
-~Das Original, im Durchmesser einen pariser Fuß und acht Zoll groß,
-befindet sich im Familienarchive der Freiherrn von Behaim in Nürnberg.
-Über die Geschichte der Entstehung des Globus siehe die Inschrift unter
-dem Circulus antarcticus, über dem nürnberger Wappen.~]
-
-Leider ist die Karte Toscanelli’s, welche Columbus auf seiner Reise
-bei sich hatte und welche später Las Casas in seinem Besitze hatte,
-nicht bis auf unsere Zeit erhalten. Um ein Bild von derselben zu
-gewinnen, muß man vor allem die von Toscanelli fixirten Abschnitte
-oder Spatien prüfen. Es ist besonders wichtig zu betonen, daß der
-florentinische Astronom nur +ein+ Längenmaß, Milliarien, gebraucht und
-von diesen römischen Millien 250 auf ein Spatium rechnet. Humboldt[174]
-und Peschel[175] sind deshalb zu irrigen Resultaten gelangt, weil
-sie den lateinischen Originaltext des Toscanelli’schen Briefes noch
-nicht kannten und durch die in den spanischen und italienischen
-Uebersetzungen jenes Documents eingeschobenen und zum Theil wieder
-verschriebenen und entstellten Uebertragungen von Millien in Leguas zu
-falschen Schlüssen verleitet worden.
-
-Die Angaben und Vorschriften Toscanelli’s für eine westliche Fahrt zu
-den Gewürzländern waren so bestimmt und zuversichtlich gegeben, daß
-Columbus dieselben nur zu adoptiren brauchte. Und daß er sich in diesem
-Sinne ausgesprochen hat, läßt sich aus der darauf folgenden Antwort
-Toscanelli’s erkennen. Da sind keine Zweifel zu beseitigen, keine
-dunklen Punkte mehr aufzuhellen, keine Fragen zu beantworten. Columbus
-hat sich bereit erklärt, die Idee Toscanelli’s zu verwirklichen und
-dieser versichert noch einmal, der Weg sei ganz sicher und führe zum
-Ziel: „Ich lobe eure Absicht,“ schreibt der Physiker, „nach Westen zu
-fahren und ich bin überzeugt, wie ihr auf meiner Karte bereits gesehen
-habt, daß der Weg, den ihr nehmen wollt, nicht so schwierig ist, als
-man denkt; im Gegentheil der Weg nach jenen Gegenden, welche ich
-eingezeichnet habe, ist ganz sicher. Ihr würdet keine Bedenken haben,
-wenn ihr, wie ich, mit vielen Personen verkehrt hättet, welche in jenen
-Ländern gewesen sind, und seid gewiß, mächtige Könige anzutreffen,
-viele volkreiche wohlhabende Städte und Provinzen zu finden, welche
-an jeder Art Edelsteinen Ueberfluß haben; und es wird die Könige und
-Fürsten, welche in jenen entfernten Ländern herrschen, hoch erfreuen,
-wenn man ihnen einen Weg bahnt, um mit den Christen in Verbindung zu
-treten und sich von denselben in der katholischen Religion und in allen
-Wissenschaften, welche wir besitzen, unterrichten zu lassen. Deshalb
-und wegen vieler anderen Ursachen wundere ich mich nicht, daß ihr so
-viel Muth zeigt wie auch die ganze portugiesische Nation, in welcher es
-immer Männer gegeben hat, die sich in allen Unternehmungen auszeichnen.“
-
-Zwei Momente sind in diesem Schreiben noch beachtenswerth, einmal die
-besondere Bedeutung der Fahrt für die Verbreitung des Glaubens, auf
-welche Columbus selbst möglicherweise in seinem Brief angespielt hatte
-und sodann die Anerkennung des portugiesischen Unternehmungsgeistes.
-Toscanelli weiß offenbar nicht, daß Columbus Italiener ist, er hält ihn
-vielmehr für einen Portugiesen, und dieser hat über seine Heimat und
-sein Vaterland keine Mittheilung gemacht.
-
- * * * * *
-
-Wahrscheinlich im Jahre 1483 trat Columbus zuerst mit seinem Plane
-hervor. Der König Johann II. forderte darüber das Gutachten einer
-Commission ein, welche aus den bedeutendsten Gelehrten, Diego Ortiz,
-Bischof von Ceuta und Beichtvater des Königs, so wie aus den beiden
-königlichen Aerzten Rodrigo und Joseph bestand. Aber diese Räthe
-nahmen, wie Barros erzählt[176] die Reden des Genuesen für eitle
-Prahlerei und erklärten das ganze Project für Träumerei, welche nur
-in den Berichten Marco Polo’s ihren Grund habe. Und da auch der König
-sah, daß Columbus ein höchst fantastischer Schwätzer sei, so schenkte
-er ihm keinen Glauben. Und als bald darauf seine Gemahlin starb,
-verließ Columbus 1484 Portugal für immer, um in Spanien sein Glück zu
-versuchen. Man hat das Urtheil der Commission scharf getadelt wegen der
-rücksichtslosen Abweisung eines Unternehmens, welches noch im Laufe
-des nächsten Decenniums mit Erfolg gekrönt zu sein schien. Allein man
-darf nicht vergessen, daß die portugiesischen Ziele bestimmt nach einer
-andern Richtung wiesen und daß, wenn auch das Südende Afrikas noch
-nicht entdeckt war, doch die Erforschungen des Weges nach Indien nicht
-wieder auf einem ganz andern Wege begonnen werden konnten, nachdem man
-bereits so manchen Erfolg zu verzeichnen gehabt hatte. Es würde die
-Mittel des Reiches zersplittert haben. Dazu hatten die portugiesischen
-Räthe im Grunde Recht, den geringen Abstand der Westküste Europas von
-der Ostküste Asiens zu leugnen; und es ist nicht abzusehen, was aus dem
-Geschwader des Columbus geworden wäre, wenn er die wirkliche Breite des
-Weltmeers bis zu den Gestaden Chinas hätte durchmessen müssen.
-
-Das später ausgesprengte Gerücht, der König Johann habe heimlich ein
-Schiff zur Westfahrt abgesendet, um den Plan des Columbus auszuführen,
-entbehrt jedes historischen Glaubens.
-
-Auch in Spanien fand Columbus anfangs keinen günstigen Boden, aber
-er harrte, da sich allmählich die Aussichten günstiger zu gestalten
-schienen, jahrelang aus, bis die Zeitverhältnisse die Erfüllung seiner
-heißesten Wünsche, denen er von nun an sein ganzes Leben widmete,
-gestatteten.
-
-
-4. Columbus in Spanien.
-
-Es ist ein beachtenswerther Umstand, daß wir kein Porträt von Columbus
-besitzen, welches erwiesenermaßen als getreu bezeichnet werden darf.
-Daher weichen die Bildnisse, welche es von dem Entdecker der neuen
-Welt gibt, so außerordentlich von einander ab. Vielleicht liegt die
-Ursache darin, daß Columbus nur wenige Jahre sich der höchsten Gunst
-erfreute und bei seinem Tode unter seinen Zeitgenossen fast vergessen
-schien. Wenn man indeß die Schilderungen der Mitlebenden prüft,
-werden die beigegebenen Porträts wohl als die annähernd getreuesten
-zu erachten sein. Columbus war von hoher und kräftiger Gestalt, aber
-nach der Eigenthümlichkeit seines Kopfes und seiner Farbe hätte man
-ihn eher für einen Nordländer als für einen Italiener halten sollen.
-In dem länglichen, gerötheten, mit Sommersprossen bedeckten Gesichte
-leuchteten ein Paar hellblaue Augen; auch sein Kopfhaar war röthlich,
-ergraute aber frühzeitig, weshalb man ihn in der Regel für älter
-hielt, als er wirklich war. Die älteste Charakteristik verdanken wir
-dem Italiener Angelo Trivigiano,[177] welcher 1507 die Reiseberichte
-veröffentlichte. In der deutschen Uebersetzung des Jobst Ruchhamer
-vom Jahre 1508 lautet diese Darstellung, welche uns zugleich in die
-Unternehmung des Columbus einführen soll, folgendermaßen:
-
-Hie anhebet das vierde Buch, Vnd ist von der schieffarthe des
-kuniges von Castilia, von Inseln vnd landen in kurtze erfunden. Das
-lxxxiiij Capitel, wie der kunige von Hispania rüstet, oder beraythe
-zway schieffe, dem Christoffel Dawber[178] von Jenua zu faren gegem
-nidergang.
-
-DIser Christoffel Dawber von Jenua was ein man̄e lang vnd gerade, was
-grosser vernunfft, hette ein lang angesicht, nachuolgte vnd anhienge
-lange zeythe den Allerdurchleuchtigsten kunigen von Hispania, an alle
-orthe vnd ende so sie hin raysten, begerthe, das sie ime solten helffen
-zurüsten vnd belastigen etwan ein Schieffe, erbothe sich, er wölte
-finden gegen dem nidergange Inseln, anstossende an India, daselbstdann̄
-die mennge der Edlen gestaynen, vnd Spezereyen, vnd auch des goldes,
-welches man leychtlich möchte vberkummen, der Kunig vnd Kunigin, vnd
-auch alle die vorgeensten in Hispania, hetten lange zeyte ein spyle,
-oder kurtzweyl an diesem furnemen dises Christoffels, vnd zu letzste
-nach siben jaren oder vber siben jare, vnd nach seynem manigualtigen
-begeren, bitten, vnd anlangen, wurden sie zu gefallen seynem willen,
-vnd rusten ime ein Naue, das ist, ein großses schieffe, vnd zway
-Grauele, mit welcher er hinweg fure von Hispania, vnd also anfienge
-sein rayse oder schieffarthe, vmb die ersten tage des Septeēber, das
-ist, des Herbstmondes, im MCCCCxCij Jare. --[179]
-
-Am Schluß der originellen Uebersetzung steht: Also hat ein endte dieses
-Büchlein, welches auß wellischer sprach in die dewtschen gebrachte
-vnd gemachte ist worden, durch den wirdigē vnd hochgelarthen Herrn̄
-Jobsten Ruchamer der freyen Künste, vnd artzenneien Doctorn̄ etc. Vnd
-durch mich Georgen Stüchßen zu Nüreinbergk, Gedrückte vnd volendte
-nach Christi vnsers lieben Herren geburdte. M.ccccc.viij Jare, am
-Mittwoch sancthi Mathei, des heiligen apostels abenthe, der do was der
-zweyntzigiste Tage des Monadts Septembris.
-
-Columbus ging nach Südspanien. Hier gelang es ihm, einflußreiche
-Gönner zu finden, unter denen namentlich der Herzog von Medinaceli
-sich seiner annahm und ihn fast zwei Jahre lang als Gast in seinem
-Hause beherbergte, damit derselbe nicht, wie er beabsichtigte, nach
-Frankreich gehe, um dort dem Könige sein Project anzubieten.[180]
-
-[Illustration: Angebliches Porträt von Christoph Columbus.
-
-(Madrid, Marine Ministerium.)]
-
-Im Januar des Jahres 1486 erhielt er durch die Vermittlung des
-Cardinalbischofs Mendoza von Toledo bei der Königin Isabella Audienz,
-wurde, nachdem er seinen Plan vorgelegt, in das königliche Gefolge
-aufgenommen und erhielt dessen Freiheiten und Auslösung. Er war damit
-in den Dienst der spanischen Krone getreten. Aus den Jahren 1487 und
-1488 haben sich mehrere Belege der kleinen Unterstützungen erhalten,
-welche Columbus aus der königlichen Kasse erhielt, und welche in den
-einzelnen Posten höchstens 10 Ducaten betrugen.[181]
-
-Man hatte zwar von dem Vorhaben des Columbus im allgemeinen eine
-günstige Meinung, wollte aber zuvor das Urtheil der Gelehrten hören
-und wies ihn daher an die Universität von Salamanca. Hier hatte
-Columbus einen schlimmen Stand; denn er berief sich nicht blos auf
-seine kosmographischen Autoritäten, sondern glaubte vor dem Rath der
-gelehrten Geistlichen auch mit falschverstandenen Bibelsprüchen kämpfen
-zu können und legte von sich und seinem Beruf eine so eigenthümliche
-schwärmerische Meinung an den Tag, daß die Mehrzahl der Richter sich
-nicht für ihn erklären konnte.
-
-[Illustration: Angebliches Porträt von Christoph Columbus.
-
-(Madrid, National-Bibliothek.)]
-
-Die Art seines Auftretens läßt sich am besten aus den brieflichen
-Mittheilungen erkennen, welche Columbus später bei verschiedenen
-Gelegenheiten selbst gegeben hat.
-
-„Ich habe mit wissenschaftlichen Männern, Geistlichen und Weltlichen,
-Lateinern und Griechen, Juden und Mauren und vielen anderen
-verkehrt. Dazu gab mir der Herr den Geist der Erkenntniß. In der
-Schifffahrtskunde gab er reiche Fülle; von der Sternkunde gab er mir,
-was ich brauchte und auch von der Geometrie und Arithmetik. In dieser
-Zeit habe ich alle Arten von Schriften studirt: Geschichtswerke,
-Chroniken, Philosophie und andere Wissenschaften.“[182]
-
-„Die heilige Trinität,“ schreibt Columbus bei einer andern
-Gelegenheit,[183] „bewog Ew. Maj. zu dem Unternehmen nach Indien
-und durch ihre unendliche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu
-verkündigen. Deshalb kam ich als ihr (der Trinität) Botschafter zu Ew.
-Maj., wie zu den mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche sich im
-Glauben übten und so viel für seine Verbreitung thaten. Trotz alles
-Ungemachs, welches mir widerfuhr, war ich gewiß, daß meine Unternehmung
-gelingen werde, und beharrte bei dieser Ansicht, weil alles vergehen
-wird, ausgenommen das Wort Gottes. Und in der That, Gott spricht so
-klar von diesen Gegenden durch den Mund des Jesaias an mehreren Stellen
-der heiligen Schrift, wenn er versichert, daß von Spanien aus sein
-heiliger Name solle verbreitet werden.“[184]
-
-In der Colombinischen Bibliothek zu Sevilla wird noch die
-handschriftliche Correspondenz des Columbus mit dem Pater Gorricio,
-einem Karthäuser aus dem Kloster Sa. Maria de las Cuevas zu Sevilla
-aufbewahrt, welche eine Menge Texte des alten und neuen Testamentes
-enthält, die sich auf die Entdeckung der neuen Welt beziehen sollen,
-sowie verschiedene Aussprüche der Kirchenväter und Classiker. Diese
-letzteren sind aus Aristoteles, Plinius, Seneca u. a. von Gorricio
-excerpirt in der besondern Absicht, von Columbus verwendet zu
-werden.[185] Unter diesen ist besonders berühmt und viel genannt worden
-die prophetische Stelle aus der Tragödie Medea von Seneca:
-
- ~Venient annis saecula seris,
- Quibus Oceanus vincula rerum
- Laxet et ingens pateat tellus,
- Thetysque novos detegat orbes,
- Nec sit terris ultima Thule.~[186]
-
-Mit diesen Prophezeiungen, welche Columbus auf sich bezog und durch
-welche er um so fester von seiner göttlichen Sendung sich überzeugt
-hielt, ging Hand in Hand die von ihm gefaßte Idee, durch die schon von
-Toscanelli in Aussicht gestellten Schätze das heilige Grab zu erobern
-und den Erzfeind aus dem Besitz der heiligen Stätten zu verdrängen.
-Diesen Gedanken legt er in dem Tagebuch seiner ersten Reise (vom 26.
-December 1492) nieder und wiederholt ihn in einem Briefe von 1503.
-
-Aber er fühlt auch den Beruf in sich, alle Heiden vor dem nahen
-Weltuntergange zum Christenthume zu bekehren. „Der heilige Augustin
-lehrt uns,“ schreibt er 1503, „daß das Ende der Welt 7000 Jahre nach
-der Schöpfung stattfinden werde. Das ist auch die Meinung der heiligen
-Theologen und des Cardinals Pedro de Aliaco. Da nun nach der Berechnung
-des Königs Alfons von Portugal bereits 6845 Jahre verflossen sind, so
-ist die Frist bis zum Untergange nur noch eine sehr kurze.“
-
-Man darf sich nicht wundern, daß selbst die Theologen von Salamanca
-sich mit diesen mystischen Combinationen, mit dieser wunderlichen
-Mischung einerseits von astronomisch-kosmographischen Berechnungen und
-Schlüssen, anderseits von classischen und biblischen Prophezeiungen und
-falschen Deutungen nicht einverstanden erklären konnten.
-
-Man muß dazu auch die politische Lage der beiden verbundenen spanischen
-Monarchien erwägen, und daß Ferdinand und Isabella nicht blos schwere
-Kämpfe zur Befestigung der königlichen Autorität, sondern auch
-langwierige Kriege mit den Mauren zu führen hatten und durch diese
-Projecte leicht auch in neue Verwickelungen mit dem Nachbarstaate
-Portugal gebracht werden konnten.
-
-„Glücklicherweise aber,“ sagt Humboldt,[187] „begünstigten die
-vorhandenen Irrthümer die Ausführung des Planes und flößten einen Muth
-ein, welchen genauere Kenntniß von den Dimensionen des Erdkörpers, der
-geographischen Länge von Catigara, Cathai und Zipangu, der bedeutenden
-Ausdehnung des zwischen liegenden Oceans und der geringen Masse des
-Festlandes wahrscheinlich erschüttert haben würden.“
-
-Man hat das Urtheil der wissenschaftlichen Prüfung in Salamanca ebenso
-verdächtigt und verleumdet, als jenes abfällige Urtheil der Junta in
-Portugal. Aber alle die Gegengründe, welche vorgebracht sein sollen,
-klingen so lächerlich, daß sie als platte Erfindung erscheinen, welche
-später, nachdem der Erfolg sich für Columbus ausgesprochen, zu seiner
-Verherrlichung erdacht sind.
-
-Im Collegium zu Salamanca fand sich nur Einer, Diego de Deza, der
-Lehrer des Prinzen Don Juan, später Erzbischof von Sevilla, welcher
-sich des kühnen Planes annahm; aber da sich Talavera, damals Prior von
-Prado und später Erzbischof von Granada entschieden dagegen erklärte,
-so wurde vorläufig die Entscheidung ausgesetzt und Columbus auf eine
-günstigere Zeit vertröstet. So lebte er, von Jahr zu Jahr auf Erfüllung
-hoffend, bald in Sevilla, bald in Cordoba, gleichsam von königlichem
-Gnadenbrote, wenig gekannt und wenig Freunde gewinnend.
-
-Die ganze Angelegenheit rückte nicht vorwärts. Und als selbst noch
-im Jahre 1491 die entscheidende Commission erklärte, sie könne
-erst nach Beendigung des Krieges gegen Granada die Sache in genaue
-Erwägung ziehen und damit gleichsam in einer höflichen Form das
-Project ablehnte, so entschloß sich Columbus endlich, doch das Land zu
-verlassen, das ihn seit sieben Jahren in peinlicher Muße hingehalten
-hatte.
-
-Auf seinem Wege nach Huelva, wo er sich einschiffen wollte, kam
-er, mit seinem Sohne Diego an der Hand, von Palos, am breiten Rio
-Tinto abwärts wandernd, zu Fuß nach dem alten Franziskanerkloster
-+la Rabida+. Dasselbe liegt nahe dem Meere auf einem dürren Hügel,
-dessen Anbau den Fleiß der Bearbeiter nur spärlich lohnt. Zwischen
-verfallenen Mauern und Dornhecken von Nopal und Aloë steigt man jetzt
-auf die beherrschende Höhe. Auf einer kleinen Plattform hinter den
-Klostergebäuden bezeichnet ein steineres Kreuz die Stelle, wo Columbus
-von Kummer gebeugt und von Hunger erschöpft niedersank[188] und für
-seinen Knaben und sich die Mönche um Brot und Wasser bat. Aber hier,
-wo er mit tiefem Seelenleiden seine Hoffnungen bereits zu Grabe
-getragen hatte, sollten sie neu belebt werden. Der seltsame Anblick
-der Bittenden, der fremde Dialect des Mannes erregten die Neugierde
-der barmherzigen Brüder, besonders des Juan Perez de Marchena, der den
-Titel eines Beichtvaters der Königin führte. Columbus wurde ins Kloster
-eingelassen und in die Wohnung des Priors geleitet. In dem hohen Saal,
-aus dessen Fenstern man einen prachtvollen Blick auf das Meer genießt
-und wo Columbus neugestärkt und belebt, im Angesicht des Oceans von
-seinen Plänen und Enttäuschungen erzählte, sind jetzt zur Erinnerung
-an diese denkwürdigen Stunden mehrere Gemälde zu sehen, welche die
-Geschichte dieser Ereignisse darstellen. Der Pater Juan Perez, welcher
-sich bald von der schwärmerischen Glut des Erzählers angezogen fühlte,
-ließ einen in der Astronomie und Kosmographie kundigen Physiker, Garcia
-Hernandez, aus dem nahen Orte Palos zu sich bitten, um mit ihm den
-Gehalt des vernommenen Berichts zu prüfen, denn er kannte den Genuesen
-zweifelsohne nicht einmal dem Namen nach. Auch mochte er anfänglich
-keine große Meinung von dem ärmlich und schlecht gekleideten Fremdlinge
-haben. Columbus war eben noch eine Persönlichkeit, welche kein Mensch
-kannte (~por que ninguna persona conoscia el dicho almirante~.[189])
-Aber auch der junge Physiker aus Palos, welcher damals kaum das 30.
-Lebensjahr überschritten hatte,[190] horchte mit demselben Interesse
-wie der Pater Marchena. Beide glaubten der Königin einen großen Dienst
-zu leisten, wenn sie den merkwürdigen Mann zurückhielten. Juan Perez
-schrieb an die Königin Isabella einen Brief und sandte ihn durch die
-Hand des Piloten Sebastian Rodriguez an den spanischen Hof von Granada.
-Einstweilen blieb Columbus als Gast bei den Klosterbrüdern. Nach 14
-Tagen kam ein Dankschreiben der Königin zurück, worin der Pater zur
-Königin berufen wurde. Derselbe reiste noch in derselben Nacht ab und
-erhielt von der Königin die Zusage, daß Columbus für seine Unternehmung
-drei Schiffe erhalten solle. Dann gab die Fürstin ihm noch 53 Ducaten
-mit für Columbus, damit derselbe sich besser kleiden und in anständiger
-Form zu Hofe reiten könnte.
-
-So war also in Rabida endlich die günstige Wendung des Geschickes
-eingetreten und wenn auch noch manche Schwierigkeiten zu überwinden
-sein mochten, so war es doch nun entschieden, daß der kühne Gedanke,
-den Orient im Westen auszusuchen, seiner Verwirklichung nahe war.
-
-Im Lager zu Santafé vor Granada erwartete man die baldige Uebergabe
-dieser letzten maurischen Stadt. Als dieselbe im Januar 1492 erfolgte,
-schien der Weg für Columbus geebnet, denn der maurische Krieg war
-beendigt. Aber zum letztenmale schien das ganze Unternehmen doch
-noch sich zerschlagen zu wollen, weil Columbus allzuhohe Forderungen
-stellte, Forderungen, welche weder mit seiner hilfsbedürftigen Lage,
-noch mit der Würde der Krone vereinbar schienen; denn er verlangte
-die höchsten Würden in Spanien und fast königliche Gewalt in den zu
-entdeckenden Ländern. Seine Bedingungen stellte er dahin, daß er Rang
-und Würde eines Admirals oder eines spanischen Almiranten für sich und
-seine Nachfolger erhalte, daß er und seine Familie in den Adelstand
-erhoben würden, daß er in den neuentdeckten Ländern zum Vicekönig
-ernannt werde mit dem Rechte, für alle hohen Verwaltungsstellen in
-jeder Insel, in jeder Provinz drei Männer vorzuschlagen, daß ihm
-ein Zehntel der königlichen Einkünfte aus dem Gewinn von Perlen,
-Edelsteinen, Gold, Silber, Spezereien und anderen Handelswaaren
-zufalle, daß er der einzige Richter sei in allen Processen, welche
-aus dem Verkehr zwischen jenen Ländern und Spanien entstehen könnten
-und daß er, wenn er den achten Theil der Ausrüstung von Schiffen
-bestreite, auch den achten Theil aus dem Gewinn erhalte. Diese
-Forderungen klangen geradezu unerhört. Eine Reihe von Conflicten war
-vorauszusehen, wenn man einem Fremden zugestand, was man nie einem
-Spanier von Geburt zugestanden haben würde. Die Königin, so willig
-sie sich gezeigt hatte, das Unternehmen doch noch zu fördern trotz
-aller Widerreden und Zweifel, schreckte vor solchen Forderungen
-zurück. Und Columbus wich in keinem Punkte von seinen Ansprüchen; so
-fest glaubte er selbst sowohl an seine Bestimmung, als auch an den
-großen materiellen Erfolg für Spanien. So zerschlug sich auch noch
-im Januar die Verhandlung, und Columbus wandte sich zum zweiten Male
-vom Hofe ab, um über Cordoba nordwärts nach Frankreich zu gehen, wo,
-wie er selbst behauptete, man ihm glänzende, sichere Versprechungen
-gemacht. Da versuchten noch einmal seine Gönner bei Hofe, namentlich
-der Cardinal Mendoza und der Schatzmeister Luis de Sant-Angel,
-die Königin zu dem Vertrage zu überreden. Sie stellten ihr vor,
-welche unermeßlichen Reichthümer nach erfolgreicher Fahrt durch die
-Unternehmung des Genuesen nach Spanien fließen müßten, wie sie durch
-Zuwachs an Colonialbesitz und durch Ausbreitung des christlichen
-Glaubens an Ruhm gewinnen würde, und erreichten es, daß Isabella den
-Befehl ertheilte, Columbus zurückzurufen. Ein Eilbote traf ihn bereits
-unterwegs in Pinos Puente, eine Stunde von Santafé und rief ihn unter
-der Versicherung, daß die Königin auf seine Forderungen eingehe,
-zurück. Der Vertrag wurde am 17. April vollzogen; aber der Besitz der
-unerhörten Gewalt, die dem Entdecker verliehen, die plötzliche Erhebung
-in den höchsten Stand führten nur zu bald den Sturz des Mannes herbei,
-weil er nicht im Stande war, allen Ansprüchen seiner neuen Stellung
-zu entsprechen. Man kann Columbus nicht frei sprechen von der Schuld,
-die vielfachen bitteren Kränkungen und schweren Demüthigungen seiner
-letzten Lebensjahre sich durch das Uebermaß seiner Forderungen selbst
-heraufbeschworen zu haben.
-
-[Illustration: Der im Bau begriffene Rumpf eines großen Seeschiffes vom
-Ende des 15. Jahrh.]
-
-Augenblicklich dachte er nur an die Ausrüstung seiner Schiffe. Der
-Staatsschatz war leer, Luis de Sant-Angel schoß der Königin 5300
-Ducaten zur Fertigstellung der kleinen Flotte vor und Columbus begab
-sich sofort nach Palos, nahe bei dem ihm günstigen Kloster la Rabida,
-um hier seine Abfahrt mit allen Mitteln zu betreiben. Es war ein sehr
-günstiger Umstand, daß er in dem kleinen Hafenplatz am untern Lauf
-des Rio Tinto lebhafte Unterstützung durch die einflußreiche und
-wohlhabende Schifferfamilie der Pinzone fand, welche sich selbst in
-ihren Hauptträgern erbot, die kühne Fahrt mitzumachen. Ganz besonders
-machte sich Martin Alonso Pinzon um das Zustandekommen der Expedition
-verdient und trug sogar zur Bestreitung der Kosten bei. Es wurden
-drei kleine Schiffe ausgerüstet; nur das größere war vollständig
-gedeckt, die beiden andern hatten nur am Vorder- und Hintertheil
-erhöhte Verdecke, waren aber in der Mitte offen. Die Schiffsmannschaft
-recrutirte sich meist aus den umliegenden Hafenplätzen, aus Moguer,
-Huelva und aus Palos selbst. Das größte Schiff, die Santa Maria, stand
-unter dem Befehl des Columbus, auf der Pinta commandirte Martin Alonso
-Pinzon und außer ihm sein Bruder Francisco Martin als Steuermann, auf
-der Niña führte Vicente Yañez Pinzon das Commando. Die Mannschaft
-belief sich im Ganzen auf 120 Köpfe.
-
-
-5. Die erste Fahrt des Columbus über den Ocean.
-
-Es war ein denkwürdiger Tag, als am 3. August 1492, nachdem die
-Mannschaft vorher gebeichtet und das Abendmahl genommen hatte, die drei
-Schiffe den Hafen von Palos verließen und dem unbekannten Weltmeere
-zusteuerten. Columbus führte von Anfang an ein ausführliches Tagebuch,
-von welchem uns Las Casas den größten Theil, vielfach in wörtlichen
-Auszügen, erhalten hat. Die Einleitung erörtert die Beweggründe und
-Ziele der Fahrt und läßt einerseits die Abhängigkeit des Führers von
-den Angaben des Toscanelli, andererseits seine religiösen Empfindungen
-deutlich erkennen.
-
-[Illustration: Seeschiff vom Ende des 15. Jahrh., halb vor dem Winde
-segelnd.]
-
-„Nachdem Ew. Majestäten in dem gegenwärtigen Jahre 1492 den maurischen
-Krieg beendigt haben in der sehr großen Stadt Granada, in welcher
-ich, am 2. Januar dieses Jahres, durch die Gewalt der Waffen die
-königlichen Banner auf den Thürmen der Alhambra aufpflanzen und den
-maurischen König sich ans Thor begeben und Ew. Maj. die Hände küssen
-sah, und nach den Erklärungen, welche ich Ew. Hoheiten von den Ländern
-Indiens und von einem Fürsten, welcher der Großchan, d. h. König der
-Könige genannt wird, gegeben habe, sowie darüber, daß derselbe wie
-auch seine Vorgänger nach Rom gesendet hatten, um sich Lehrer unseres
-heiligen Glaubens zu erbitten, und daß so viele Völker im Unglauben und
-Götzendienst verloren gingen, beschlossen Ew. Hoheiten als christliche
-Fürsten und Verbreiter des heiligen christlichen Glaubens und Feinde
-der Sekte Mohammeds und aller Ketzerei mich, Cristóbal Colon[191] zu
-den erwähnten Ländern Indiens auszusenden, um die erwähnten Fürsten
-und Völker und Länder, ihre Lage und ihren Zustand und die Art und
-Weise zu erforschen, wie man sie zu unserm heiligen Glauben bekehren
-könne. Sie befahlen mir, nicht zu Lande nach dem Osten zu gehen,
-wie man gewöhnlich gethan hat, sondern vielmehr den Weg nach Westen
-einzuschlagen, von dem wir bis jetzt nicht bestimmt wissen, ob er schon
-von jemand eingeschlagen ist.“ Weiter fügt Columbus hinzu, daß er
-beschlossen, ein genaues Tagebuch zu führen, genaue Segelanweisungen
-zu geben und dazu eine Reihe von gemalten Karten zu entwerfen in einem
-Netz von Breiten- und Längenlinien.
-
-Dieses letztere Vorhaben hat aber der Admiral nicht ausgeführt, er
-war dazu auch kaum im Stande. Der Admiral steuerte gradenwegs nach
-den Canarischen Inseln, um unter dem Parallelkreis dieser spanischen
-Eilande westwärts über Antilia und Cipangu nach Indien zu segeln. Da
-aber bereits am vierten Tage das Steuer der Pinta beschädigt wurde,
-mußte man den Hafen in Gomera aufsuchen und sah sich dadurch vier
-Wochen auf den Canarischen Inseln festgehalten. Erst am 6. September
-setzte Columbus die Fahrt wieder fort und steuerte mit Nordostpassat
-nach Westen. Schon am dritten Tage, am 9. September entschloß er sich,
-eine zwiefache Berechnung der täglich zurückgelegten Meilenzahl zu
-führen, und in dem jedermann zugänglichen Schiffsjournal kleinere
-Ziffern aufzuführen, als er selbst die Entfernungen schätzte, um,
-wie er sagt, die Mannschaft nicht durch die Größe der zurückgelegten
-Meilenzahl zu erschrecken. Es ist dies wohl der einzige Fall, daß
-bei einer großen Entdeckungsfahrt ein solches Mittel der Täuschung
-zur Anwendung gekommen ist: „Am 10. September segelte er 60 Leguas,
-berechnete aber nur 48, um die Mannschaft nicht zu entmuthigen, wenn
-die Reise lange dauern sollte.“[192]
-
-Am 13. September, bei Einbruch der Nacht, beobachtete Columbus zuerst
-die +Declination der Magnetnadel+, „ein denkwürdiger Zeitpunkt in
-den Jahrbüchern der nautischen Astronomie“.[193] Die Abweichung gegen
-NW. nahm am folgenden Tage noch zu. Drei Tage später machte er die
-Wahrnehmung, daß ein rascher Wechsel des Klimas eintrat.
-
-Schon vom 16. September an, wo die Schiffe zuerst in das Sargassomeer
-eintraten, glaubte er Anzeichen von der Nähe eines Landes oder von
-Inseln zu bemerken. Das Schiffstagebuch enthält darüber eine Reihe von
-Bemerkungen. Am 18. galt ein dunkler Horizont als Zeichen von großer
-Nähe des Landes; am 19. bildete sich ein Nebel ohne Wind, eine sichere
-Andeutung von Land. Auch die schwimmenden Tangmassen, welche häufig
-angetroffen wurden, galten als Beweis dafür. Dieses Tangmeer liegt
-zwischen 20° und 35° n. Br. und reicht gegen Westen bis an den Rand
-des Golfstroms. Das Kraut bedeckt die Oberfläche nicht in gleichmäßig
-dichten Massen, sondern treibt in langen Streifen in der Richtung
-des herrschenden Windes. Diese Streifen bestehen aus mehreren Reihen
-von Krautbüscheln, jedes einzelne höchstens einen Fuß lang; es sind
-vom Strande losgerissene Fragmente, welche absterben und allmählich
-untersinken, so daß von einer Behinderung der Fahrt eines Schiffes
-nicht die Rede sein kann.[194]
-
-Der beständig günstige Fahrwind erregte in den Matrosen die
-Befürchtung, es werde wegen des herrschenden Ostwindes die Rückfahrt
-sehr erschwert, wo nicht unmöglich gemacht werden. Als am 23. September
-die Krautmassen wieder dichter die Oberfläche des Wassers bedeckten
-und das Meer so ruhig und glatt blieb, äußerte sich die Besorgniß des
-Schiffsvolkes laut: man werde in dieser Gegend niemals einen günstigen
-Wind zur Rückkehr nach Spanien treffen. Als dann aber das Meer sich
-erhob, ohne daß ein Wind wehte, und eine rauhe See entstand, waren alle
-höchlich erstaunt. Bei dieser Gelegenheit bemerkt Columbus: „Diese
-hoch gehende See war mir ebenso nothwendig als den Juden zur Zeit da
-die Aegypter auszogen, um Moses zu verfolgen, welcher die Hebräer aus
-der Knechtschaft befreite.“ Am 25. September besprach sich der Admiral
-mit Martin Alonso Pinzon über eine Karte, welche er ihm vor 3 Tagen
-geschickt, und auf welcher in dieser Gegend einige Inseln eingetragen
-waren. Offenbar handelte es sich dabei um die Karte Toscanelli’s und
-die etwas südlich vom Schiffscours vermuthete Insel Antilia (vgl. den
-Globus Behaims). Martin Alonso glaubte diese Insel sogar zu sehen; auch
-Columbus theilte diese Ansicht und schätzte die Entfernung auf etwa 25
-Meilen. In Folge dessen ließ der Admiral gegen West steuern, aber am
-folgenden Tage klärte sich der Irrthum auf, man war durch das dunkle
-Aussehen des Horizonts getäuscht worden. Daß aber die Insel Antilia
-in der Nähe liegen müsse, bezweifelte Columbus nicht. Am 3. October
-glaubte er diese Insel bereits hinter sich haben, denn Anzeichen von
-Land hatte er genug gehabt; aber er wollte seine Zeit nicht mit dem
-Aufsuchen verlieren, weil Indien sein Ziel war.
-
-Es unterliegt keinem Zweifel, daß, je länger die Fahrt dauerte, die
-Mannschaft immer lauter ihre Besorgniß aussprach, vielleicht auch sogar
-allerlei Drohungen gegen den fremden Führer, gegen den Liguren laut
-werden ließ, wenn auch die dramatische Ausschmückung dieser Stimmung,
-welche in der Erzählung von einem Vertrage gipfelt, den Columbus
-sollte eingegangen sein, einer späteren Zeit angehört. Dennoch sollte
-der Admiral sich dazu verstanden haben, nach drei Tagen umzukehren,
-wenn bis dahin das gesuchte Land noch nicht aufgefunden sei. Die
-Zeugnisse Peter Martyrs und des Columbus selbst sprechen zu deutlich
-von der schwierigen Haltung der Matrosen. „Die spanischen Begleiter,“
-erzählt Martyr, „fingen erst heimlich an zu murren und traten dann
-offen zusammen. Sie drohten ihren Führer ins Meer werfen zu wollen;
-sie seien von dem ligurischen Menschen betrogen und ins Verderben
-gebracht.“[195] Diese Angaben über die bedenkliche Stimmung unter dem
-Schiffsvolke bestätigt Columbus in seinem Tagebuche, wenn er, am 14.
-Februar 1493, also auf dem Heimwege, berichtet, daß er schon auf der
-Hinfahrt viel von den Leuten zu leiden gehabt, weil alle einstimmig
-erklärt hätten, umkehren zu wollen, und daß sie sich zu Drohungen gegen
-ihn hätten hinreißen lassen.[196] Vom 7. October an beschloß Columbus,
-einen südwestlichen Cours beizubehalten. Er wurde dazu durch den Flug
-zahlreicher Vögel veranlaßt, welche nach dieser Richtung zogen; denn
-er wußte, daß die Portugiesen der Beobachtung des Flugs der Vögel die
-Entdeckung mancher Inseln verdankten. Auch am 10. October beklagten
-sich seine Leute wieder über die lange Dauer der Reise, aber der
-Admiral belebte ihre Hoffnung auf reichen Gewinn, der in sicherer
-Aussicht stehe. Uebrigens fügte er hinzu, ihre Klagen nützten nichts,
-da er unter allen Umständen mit Gottes Hilfe seinen Weg fortsetzen
-werde, bis er Indien erreicht habe.
-
-So hätte er nicht sprechen können, wenn es wirklich zu einem Vertrage
-gekommen wäre, der ihn verpflichtet hätte, nach drei Tagen umzukehren.
-
-Columbus war zu fest überzeugt, dem Ziel seiner Wünsche nahe zu sein
-und fand in den Pinzonen eine kräftige Stütze. Ohne Schwankung war er
-in den ersten Wochen westwärts gesteuert und wich nur in den letzten
-Tagen mit bewußter Absicht von dieser Richtung ab.
-
-Sie waren bereits mehr als 750 Meilen von den Canarien entfernt.[197]
-Das Schiffsvolk spähte immer eifriger nach Land aus, denn dem
-Glücklichen, welcher zuerst dasselbe erblicken sollte, waren reiche
-Geschenke und eine jährliche Pension von 10,000 Maravedis (etwa 25
-Ducaten) verheißen. Da in Folge dessen zu wiederholten Malen der Ruf:
-Land! erscholl, ohne daß die daran geknüpfte Erwartung sich erfüllte,
-so wurde bestimmt, daß derjenige, welcher die Gemüther auf solche Weise
-vergeblich in Aufregung versetzte, in Zukunft keinen Anspruch auf die
-ausgesetzte Belohnung haben solle.
-
-[Illustration: Christoph Columbus’ Rüstung.
-
-(Madrid, Waffen-Museum im kgl. Palais.)]
-
-Aber trotzdem blieben aller Augen mit gespannter Aufmerksamkeit auf den
-fernen Horizont im Westen geheftet, zumal sich die echten Anzeichen von
-Land zu mehren schienen. Am Morgen des 7. October gab die Niña, welche
-vorausgesegelt war, durch einen Kanonenschuß das Signal, daß man Land
-sehe, aber man mußte wiederum eingestehen, daß man sich getäuscht habe.
-Die nun folgende Niedergeschlagenheit wurde aber bald wieder gehoben,
-am 9. October spürte man einen frischen Hauch der Luft, wie wenn er
-von fernen Blütenbäumen herüberwehe. Am 11. October fischte man bei
-dem Admiralschiffe einen frischgrünen Zweig, bei der Pinta einen mit
-Feuer bearbeiteten Stab und einen Zweig mit rothen Beeren aus dem
-Wasser. Am späten Abend sah Columbus vom hohen Hintercastell seines
-Schiffes aus einen Lichtschein, der sich vorwärts zu bewegen schien,
-als ob jemand eine Fackel trage; auch andere, die er herbei rief,
-glaubten dasselbe zu erkennen. Man befand sich in der That in der Nähe
-des Landes. Wenige Stunden später, am 12. October, Morgens 2 Uhr, sah
-der Matrose Rodrigo von Triana auf der Pinta einen flachen, sandigen
-Strand im Mondschein leuchten; denn man hatte sich dem Lande von der
-Seite bereits bis auf 2 Seemeilen genähert.
-
-Ein Kanonenschuß verkündete die glückliche Entdeckung den beiden
-nachfolgenden Schiffen, und so wie es Tag wurde, sahen sie eine
-anmuthig grüne Insel vor sich liegen. Die Ueberfahrt von den
-Canarischen Inseln hatte 32 Tage gedauert. Entzückt und mit
-Freudenthränen im Auge stimmte Columbus den Lobgesang ~Te deum
-laudamus~ an, und alle seine Gefährten stimmten mit ein. Man umringte
-den noch vor kurzem geschmähten Führer und brachte dem Helden seine
-Huldigung dar. Leider gönnte der glückliche Entdecker dem Matrosen
-Rodrigo den verheißenen königlichen Lohn nicht; er erhob selbst
-Anspruch auf die ausgesetzte Jahresrente, weil er in der Nacht zuvor
-das Licht in der Ferne gesehen hatte und erhielt wirklich später das
-Geld ausgezahlt. War es Geiz oder Ehrgeiz? Fast muß man fürchten, daß
-der schlechtere Beweggrund ihn verleitete.
-
-Die Befehlshaber der Schiffe landeten nun mit bewaffneten Böten. Unter
-fliegenden Fahnen, welche außer dem grünen Kreuz die Anfangsbuchstaben
-der katholischen Könige F. und I. zeigten, stiegen sie ans Land und
-warfen sich nieder, um den Boden zu küssen. Dieses erste Eiland,
-welches die Entdecker betraten, nannte Columbus San Salvador und
-weihete es dadurch zu einem Erstlingsopfer dem Heiland der Welt. Bei
-den Eingebornen hieß es Guanaham oder +Guanahani+.[198]
-
-Die braunen Insulaner schaarten sich harmlos um die fremden, dem
-Meere entstiegenen Männer, und Columbus theilte, um sie zutraulich zu
-machen, kleine Geschenke unter sie aus: Glasperlen, Nadeln und kleine
-Schellen. Die Leute gingen vollständig nackt, nur einige Weiber trugen
-eine Art Schürze von Blättern oder Gras oder zu dem Zweck bearbeiteter
-Baumwolle. Metall war ihnen unbekannt, Waffen trugen sie nicht. Daß
-sie in der Hautfarbe den Bewohnern der Canarischen Inseln glichen,
-fand Columbus ganz natürlich, denn die entdeckte Insel lag unter
-derselben Breite mit Ferro. Und unter denselben Breiteparallelen, so
-lautete damals ein allgemein gültiger Lehrsatz, haben die Menschen
-gleiche Farbe, und zwar um so dunkler, je näher dem Aequator. Einige
-der Insulaner erschienen auch bemalt, schwarz, roth oder mit weißen
-Streifen im Gesicht oder am ganzen Leibe. Ihr Haar war schwarz und
-straff.
-
-[Illustration: Facsimile des Titelholzschnittes einer zu Florenz im
-Jahre 1493 gedruckten italienischen Flugschrift, darstellend die
-Landung des Columbus. (London, British Museum.)]
-
-Bald eröffnete sich ein gewinnbringender Tauschhandel, denn man sah
-hie und da goldenen Nasenschmuck, den die Spanier für Kleinigkeiten
-einzuhandeln verstanden. Auf die Frage, woher das Gold stamme, wiesen
-die Indianer (Indios nannte Columbus sie bereits am vierten Tage)
-nach Südosten, woraus man also auf das Vorhandensein anderer Länder
-in der Nachbarschaft schließen konnte; denn wenn die Eingebornen
-auch Ruderkähne, aus einem Stamme gearbeitet, besaßen, mit denen sie
-erstaunlich schnell fuhren, so taugten diese Fahrzeuge doch nur zu
-einem Verkehr zwischen nahegelegenen Inseln oder größeren Landmassen,
-aber keineswegs zu weiteren Fahrten über den Ocean.
-
-Die Vermuthung, daß noch andere Inseln in der Nähe lägen, wurde durch
-den weiteren Verkehr mit den Wilden bestätigt, woraus man mittelst
-der Gebärdensprache soviel verstehen konnte, daß manche unter ihnen
-im Kampfe mit den über See kommenden feindlichen Stämmen Wunden
-davongetragen hatten, deren Narben die Spanier an den Insulanern
-bemerkten.
-
-
-6. Wo liegt Guanahani?
-
-Bevor wir den weiteren Verlauf der Entdeckungsfahrt schildern,
-müssen wir die Insel nachzuweisen suchen, welche Columbus zuerst
-betrat. Sicherlich umwebt ein historischer Glanz jene Stätte, wo die
-Menschheit der alten und neuen Welt sich zuerst einander entgegen
-trat, und doch muß man fast mit Beschämung gestehen, daß mit bindender
-Beweiskraft jene Insel nicht nachzuweisen ist. Nur eine größere
-oder geringere Wahrscheinlichkeit fällt ins Gewicht und läßt die
-Schale der Entscheidung sinken. Daß das Geschwader auf eine der
-flachen Koralleneilande gestoßen, welche als die dritte Gruppe der
-westindischen Inseln unter dem Namen der Bahama-Inseln am meisten
-bekannt ist, unterliegt keinem Zweifel; aber welche unter diesen den
-Ehrennamen S. Salvador verdient, ist streitig.
-
-[Illustration: Die ENTDECKUNGEN des COLUMBUS
-
-auf seiner ersten Reise.
-
-_Karte eine Theiles von Westindien, nach der englischen
-Admiralitätskarte N^o 761._
-
-Gez. v. C. Riemer.
-
-G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung.]
-
-Die Gruppe der Bahama besteht aus 12 größeren Inseln und über 600
-Inselchen, ungerechnet die nach Tausenden zu zählenden Seeklippen.
-Dieselben sind auf einer Strecke von 150 deutschen Meilen in der
-Richtung von Südost nach Nordwest den großen Antillen vorgelagert und
-erstrecken sich von dem Norden Haitis bis gegen die Halbinsel Florida.
-Obwohl über einen so weiten Raum ausgedehnt, umfassen die meist in
-der Richtung des ganzen Zuges sich hinlagernden schmalen Inseln doch
-nur einen Flächenraum, welcher nicht ganz die Größe des Königreichs
-Sachsen erreicht. Sämmtliche Inseln bestehen aus Korallenbauten,
-welche sich auf submarinen Plateaus von Sandbänken oder Korallenkalk
-aufgesetzt haben. Ihre Höhe übersteigt nirgend 60 ~m~. Es sind also
-flache Eilande, meistens auch noch von Korallenriffen umschlossen und
-mit untiefen Korallenbänken untermischt, zwischen denen die Schifffahrt
-mit größter Vorsicht betrieben werden muß. Hie und da erheben sich
-am Strande niedere Kalkklippen. Viele der Inseln sind frisch grün,
-sogar bewaldet, aber es fehlt an frischen Quellen; die Teiche und
-Lagunen auf manchen dieser Eilande haben salziges oder brakisches
-Wasser, weil sie unterirdisch mit der See in Verbindung stehen. Wenn
-nun auch der Reichthum an Nutzhölzern immerhin erwähnenswerth ist,
-so konnte doch das Verlangen der Spanier nach Gold und Gewürzen auf
-den der See entstiegenen flachen Eilanden nicht befriedigt werden.
-Columbus hielt sich darum auch nur einige Tage an jeder der größeren
-Inseln auf und tastete an den Korallenbänken und Riffen hin, seinen
-Weg nach Südwesten, wohin ihn alle Indianer auf seine Fragen nach
-Gold wiesen. Denn alles Sinnen und Trachten des Entdeckers war auf
-das edle Metall gerichtet, sein Schiffstagebuch schreibt davon am 15.
-16. 19. 22. und 27. October, am 4. 5. 6. 12. u. s. w. November; und
-grade diesem Verlangen konnten die Bahama-Inseln nicht entsprechen.
-Darum sind auch die späteren Entdeckungsfahrten nie wieder auf diese
-Korallengebilde gerichtet, dieselben wurden als gefährlich gemieden
-und höchstens aufgesucht, um Menschen zu fangen. Hierin haben wir
-auch einen Grund zu suchen, daß S. Salvador eigentlich verschollen
-ist. Der Hauptgrund aber, warum man die Insel nicht wieder findet,
-liegt in der mangelhaften astronomischen Bildung des Admirals. Er
-hatte sich zwar beim Beginn der Fahrt vorgenommen, neben einer
-genauen Segelanweisung auch eine Karte von den entdeckten Gebieten
-zu entwerfen, aber von einer Ausführung dieses Vorhabens ist nirgend
-mehr die Rede. „Im Tagebuche des Columbus findet sich während der
-ganzen Fahrt über den Ocean auch nicht eine einzige Breitenbestimmung,
-und die, welche er in Westindien angestellt haben will, sind so
-ungeheuerlich, daß sie schon seinerzeit Verdacht erregten; er gibt zum
-Beispiel an der Küste von Cuba eine Breite von 42° statt 21°. Es läßt
-sich nun einmal nicht abstreiten, daß Columbus einen sehr geringen
-Grad wissenschaftlich-nautischer Kenntnisse besaß.“[199] Und allein
-von diesen Thatsachen ausgehend, darf man behaupten, daß die von der
-~Vida del Almirante~ zuerst verbreitete Nachricht, Columbus habe in
-Pavia studirt (s. oben S. 220) auf Unwahrheit beruht; denn auf einer
-Universität wird man schwerlich gelehrt haben, was die roheste Empirie
-verräth, daß man die geographische Breite eines Ortes aus der Dauer des
-Tages abzuleiten habe. Und doch scheint aus dem Tagebuch hervorzugehen,
-daß Columbus auf diese Weise am 13. December 1492 rechnete. Es fehlt
-also in Beziehung auf die Lage von San Salvador jedweder Anhalt einer
-astronomischen Bestimmung; daher konnten die späteren Historiker bei
-ihren Vermuthungen drei volle Breitengrade von einander abweichen.
-
-Man muß also auf anderem Wege die Lage der zuerst entdeckten Insel
-zu ermitteln suchen. Es liegt nahe, vor allem die ältesten Karten
-jener Inselwelt zu Rathe zu ziehen. Allein wir vermissen auf allen
-Darstellungen bis weit ins 17. Jahrhundert den Namen Salvador, sowie
-die folgenden von Columbus weiterhin ertheilten neuen Inselbenennungen.
-Schon die erste, von einem Begleiter des Entdeckers, um 1500 von dem
-Basken Juan de la Cosa entworfene Karte Amerikas (siehe die Beilage)
-führt nur die einheimischen Inselnamen und darunter auch Guanahani
-auf. Aber diese Karte ist hier so ungenau, daß Capitän Becher sie
-als ein altes Document bezeichnet, das den Namen einer „Karte“ nicht
-verdiene.[200] In gleichem Sinne haben auch die späteren Kartographen
-die Bahama-Inseln sehr ungenau dargestellt, weil man sie für ziemlich
-werthlos hielt. War doch auch Peter Martyr der Ansicht, nachdem er die
-Antillen genau beschrieben, es sei überflüssig, diese Koralleninseln
-einer eingehenden Darstellung zu würdigen, weil die Spanier diese armen
-Inseln, wo man höchstens Fischfang und etwas Landbau treiben könne,
-aufgegeben hätten.[201]
-
-Es scheint zwar noch einen andern Ausweg zu geben, das fragliche
-Guanahani zu ermitteln, indem man unter den Bewohnern des Archipels
-selbst sich erkundigte; denn da der Name von den Eingebornen ertheilt
-ist und die Sprache der Insulaner vermuthlich wenig Aenderung
-erlitten haben könnte, so müßte, sollte man meinen, auch der Name
-der Insel entweder sich noch erhalten haben oder doch noch in
-Erinnerung geblieben sein. Allein auch dieser Ausweg ist seit mehr als
-drittehalbhundert Jahren vollständig versperrt: die Urbevölkerung ist
-ausgestorben oder deutlicher gesagt, durch die Spanier vernichtet, und
-man darf nicht verhehlen, daß Columbus selbst den Anlaß dazu gegeben.
-Schon am 13. October schreibt er: „Diese gutartigen Menschen müssen
-ganz brauchbare Sklaven abgeben.“ Bei seiner Abfahrt entführt er von
-Salvador mehrere Insulaner mit Gewalt, „damit sie unsere Sprache lernen
-und uns Auskunft geben können über ihr Gebiet“. Als nun die Königin
-Isabella durch ein Edikt vom 30. October 1503[202] gestattete, die dem
-Christenthum und ihren neuen Unterthanen in Westindien feindlichen
-Canibalen wegzufangen und zu verkaufen, war damit dem Sklavenfang der
-Stempel der Berechtigung aufgedrückt; und fünf Jahre später erhielt
-eine spanische Gesellschaft die Erlaubniß, auch die Bahama-Insulaner
-einzufangen, angeblich um sie so leichter zum Christenthum bekehren zu
-können. Die ohnehin spärlich bewohnten Inseln waren bereits um 1525
-dermaßen entvölkert, daß der fromme Pedro de Isla die letzten Bewohner,
-nur noch 11 Personen, zusammensuchen und nach Haiti bringen ließ, um
-sie vor seinen Landsleuten zu retten.[203] Damit war der Urstamm der
-dortigen Insulaner erloschen, und folglich aus ihrem Munde auch die
-Lage von Guanahani nicht mehr zu ermitteln.
-
-Die neuern Historiker haben darum den einzigen noch möglichen Weg
-eingeschlagen, indem sie der von Columbus in seinem Tagebuche gegebenen
-Beschreibung seiner Fahrt, der Coursrichtung, den abgeschätzten
-Entfernungen von einer Insel zur andern, und der Schilderung einzelner
-Oertlichkeiten nachgingen. Die mancherlei Lücken des Berichts, die
-offenbaren Ungenauigkeiten, die aus falscher Schätzung der Verhältnisse
-entstanden, die Unklarheiten im Ausdruck haben diese kritische
-Spürarbeit erschwert und die abweichenden Ansichten verursacht.
-Die hauptsächlichen Meinungsverschiedenheiten sind auf der, einer
-englischen Admiralitätskarte entlehnten Darstellung jenes Inselgebiets,
-welche unserem Werke beigegeben ist (S. 249), zu ersehen.
-
-Wenn wir diese Ansichten nicht historisch, sondern geographisch ordnen,
-so sehen wir, daß muthmaßlich der Schiffscours auf vier verschiedene
-Inseln gerichtet ist, welche von Nordwest nach Südost in folgender
-Ordnung sich aneinanderreihen: Cat Island, Watling Island, Mariguana
-(oder Mayaguana), Turk Islands.
-
-Nach Cat Island führen den Entdecker W. Irving[204] und Alex.
-v. Humboldt,[205] nach Watling der treffliche spanische
-Geschichtsschreiber Muñoz[206] und Capitän Becher,[207] nach Mariguana
-läßt ihn Varnhagen[208] gelangen, nach den Turk-Inseln Navarrete.[209]
-Von diesen Erklärungsversuchen ist derjenige Navarretes mit Recht von
-den Neueren ganz aufgegeben, weil er dem Texte des Reiseberichtes
-weder nach der Beschreibung der zuerst betretenen Insel, noch in
-Bezug auf die später eingeschlagenen Course entspricht. Gegen Irving
-und Humboldt ist in erster Linie beizuwenden, daß Columbus nach dem
-Wortlaut seines Tagebuches die Insel Guanahani thatsächlich auf der
-Nordseite umsegelt hat, während nach der Vorstellung der beiden
-genannten Forscher San Salvador nur an seinem Südende berührt wurde.
-Ferner aber hat auch die im weitern Verlauf der Fahrt bis zur Nordküste
-Cubas gedachte Courslinie ihre großen Bedenken, weil dieselbe auf
-der Westküste von Long Island durch die ganze Breite der Bahamabank
-führen müßte, wo an manchen Stellen die Wassertiefe wenig über einen
-Faden mißt. Da Muñoz weiterhin bei der Erzählung der Fahrt zu den
-andern Inseln in der Bahamagruppe nur allgemein gehaltene Vermuthungen
-ausspricht über die Identität der von Columbus berührten Inseln, ohne
-sich eingehend mit der Prüfung der eingeschlagenen Richtungen und
-der berührten Oertlichkeiten einzulassen, so bleiben nur noch die
-Hypothesen Bechers und Varnhagens zu vergleichen. Beide haben auf das
-sorgsamste das Tagebuch des Columbus zu Rathe gezogen und alle darin
-enthaltenen Angaben für ihre Idee zu verwerthen gesucht. Es läßt sich
-nicht leugnen, daß für Varnhagen manche wichtige Momente sprechen, daß
-namentlich die fast rathlos erscheinenden Kreuzfahrten zwischen den
-nächst San Salvador besuchten Koralleninseln nach den Aufzeichnungen
-sehr geschickt erklärt sind und zu den angegebenen Courslinien der
-Schiffe passen. Allein zwei Momente von Bedeutung gestatten nicht,
-daß wir uns für Varnhagen erklären. Varnhagen hält nämlich Mariguana
-oder Mayaguana für San Salvador, und grade Mayaguana ist auf allen
-älteren Karten, von Juan de la Cosa an, +neben+, d. h. südöstlich von
-Guanahani eingetragen. Mögen nun auch die früheren Kartographen die
-Umrisse der einzelnen Inseln noch so ungenau und falsch gezeichnet
-haben, so ist doch bei allen die klare Ueberzeugung zu erkennen,
-daß sie Guanahani und Mayaguana als zwei verschiedene Inseln wollen
-betrachtet wissen. Sodann paßt auch die von Columbus gegebene
-Beschreibung der Insel nicht recht auf Mariguana. Und in dieser
-Beziehung trägt Bechers Ansicht entschieden den Sieg davon. Man muß
-dem englischen Capitän beipflichten, wenn er sagt: „Beides, Lage und
-Beschreibung dieser Insel (Watling Island) entspricht in jeder Weise
-dem Journal“ (des Columbus).[210] Man kann sogar behaupten, daß nur
-Watling auf die Beschreibung paßt, welche der Entdecker gegeben hat.
-„Diese Insel,“ sagt er, „ist ziemlich groß und ganz flach und hat sehr
-viel Bäume und viel Wasser und in der Mitte eine sehr große Lagune,
-aber keine Gebirge.“ Daß die Insel Süßwasserquellen besitzt, ist nicht
-gesagt.[211] Wir werden uns im Folgenden an die Auffassung von Becher
-halten, ohne indeß der Ansicht zu sein, daß die Untersuchung schon
-vollständig abgeschlossen sei.
-
-
-7. Die Fahrt durch das westindische Meer.
-
-Von S. Salvador steuerte Columbus nach Südwesten, berührte die
-kleine Insel +Rum Cay+ und wandte sich von da nach dem Nordende von
-+Long Island+, welche er S. Maria de la Concepcion nannte. Westlich
-davon fand er die dritte Insel, +Groß Exuma+ und gab ihr den Namen
-Fernandina, zu Ehren des Königs. Widrige Winde hinderten ihn, dieses
-Eiland zu umsegeln, er kehrte nach Concepcion zurück und segelte, weil
-die Indianer Samaot oder Saomet als eine Localität nannten, wo man Gold
-finde, an der Ostseite von Long Island südwärts bis zum Cap Verde und
-suchte von hier aus, wobei die Schiffe getrennt ihren eigenen Cours
-gingen, ostwärts das Land Saomet auf. Nach drei Stunden Fahrt tauchte
-eine neue Insel auf: es war das gesuchte Saomet, jetzt +Crooked Insel+,
-an deren Nordwestende die Schiffe sich wieder vereinigten. Sie erhielt
-den Namen Isabella, nach der Königin. Im Charakter glich dieselbe den
-übrigen, war schön bewaldet und etwas hügelig. Während die Schiffe
-an dieser Insel kreuzten, erhielt Columbus bestimmte Nachrichten von
-einer großen Insel gegen Süden. Die Indianer nannten sie Colba (Cuba),
-Columbus vermuthete, es sei Cipangu. So ging er am 24. October dahin
-unter Segel und wollte von da direct nach Quinsay fahren, um dem
-Großkaan die königlichen Briefe zu überreichen. Er war um so mehr
-überzeugt, daß er die Wunderinsel Cipangu vor sich habe, weil dieselbe
-auf den Globen, die er gesehen, und auf den Weltkarten in dieser Gegend
-angegeben war.[212]
-
-Zuerst ging die Fahrt nach Südwesten und dann, nachdem man am Abend
-des 26. October auf den Untiefen der Columbusbank vor Anker gegangen
-war, am folgenden Morgen südwärts. Bei Einbruch der Nacht wurde Land
-gesehen; da aber der Regen in Strömen fiel, konnte man sich demselben
-nur mit Vorsicht nähern. Am 28. October liefen die Schiffe in einen
-prachtvollen Fluß an der Nordküste +Cubas+ ein, wahrscheinlich in
-Port Nipe. Columbus strebte unaufhaltsam vorwärts; und wenn er auch
-in begeisterten Worten die Pracht der entdeckten Inseln schildert, er
-will doch nicht eher anhalten, als bis er in genügender Menge Gold und
-Gewürze findet, um seine Schiffe damit zu befrachten, denn das ist
-der einzige Zweck seiner Unternehmung. Auf Cuba entzückten ihn die
-majestätischen Palmen, welche er von den afrikanischen verschieden
-fand. Von den Indianern wurde ihm gesagt, man brauche zwanzig Tage,
-um Cuba zu umschiffen. Es mußte demnach eine Insel sein. Als aber
-der Capitän der Pinta die abweichende Ansicht äußerte, unter Cuba
-müsse man eine Stadt verstehen, das vor ihnen liegende Land gehöre
-zu Asien und das weiter westlich gelegene Gebiet gehöre bereits zum
-Reiche des Großkaan, da ließ sich auch Columbus willig zu dieser
-Auffassung, welche seinen Wünschen und Zielen so sehr entgegen kam,
-bekehren und erklärte im Tagebuch bereits am 1. November: Cuba ist
-das feste Land von Asien, wir befinden uns vor Quinsay und Zaiton in
-einem Abstande von etwa 100 spanischen Meilen.[213] Martin Alonso, der
-Führer der Pinta, war aber zu seiner irrigen Annahme durch ein Wort
-der mitgenommenen Indianer verleitet, welche, als sie wiederholt die
-Fundstätten von Gold nachweisen sollten, den Ausdruck ~Cuba-nacān~
-gebrauchten, was in ihrer Sprache soviel als die Mitte von Cuba
-bedeuten sollte, während die Spanier das Wort als „Kaan oder Can von
-Cuba“ deuteten. Später brachte Columbus auch den Ausdruck Caniba,
-mit dem die furchtsamen Stämme der kleinen Inseln ihre gefährlichen
-Nachbarn, welche die erschlagenen Feinde verzehrten, mehrfach
-bezeichneten, mit dem „Kaan“ in Zusammenhang und meinte, unter
-Canibalen seien die Unterthanen des Großkaan zu verstehen.
-
-In welchem Theile des indischen Meeres er damals sich zu befinden
-glaubte, wird auch noch durch die befremdende Bemerkung des Tagebuches
-genauer bestimmt, daß er noch keine +Sirenen+ gefunden habe. Es findet
-sich nämlich auf dem Behaim’schen Globus zwischen den Inseln, welche
-westlich von Cipangu gezeichnet sind, die Inschrift: „Hie findt man vil
-merwunder von +serenen+ und anderen Fischen.“ Man darf wohl annehmen,
-daß Behaim manche seiner Inschriften von anderen Karten, die ihm in
-Portugal bekannt geworden waren, entlehnt hat, und daß dergleichen
-Bemerkungen auf den Weltkarten zu lesen waren, welche der Entdecker
-eingesehen hatte oder bei sich führte.
-
-Nach allen diesen merkwürdigen Trugschlüssen scheint es nun ganz
-natürlich, daß Columbus danach strebte, sich möglichst bald mit dem
-Großkaan in Verbindung zu setzen. Daher schickte er bereits am 2.
-November zwei Spanier ans Land: Rodrigo de Jerez und den gelehrten
-Juden Louis de Torres, der Hebräisch, Chaldäisch und sogar etwas
-Arabisch verstand. Zugleich sandte er mit ihnen zwei Indianer;
-gemeinschaftlich sollten sie das Land ausforschen, dem König die Briefe
-aus Spanien überreichen, und sich unterwegs nach Gewürzen erkundigen,
-zu welchem Zwecke ihnen sogar Proben der verschiedensten Spezereien
-mitgegeben wurden. An Stelle des Geldes erhielten sie Perlenschnüre, um
-sich Lebensmittel dafür einzutauschen.
-
-Am vierten Tage kamen diese Abgesandten wieder zurück und erzählten,
-sie seien 12 Meilen zu einem Orte von 50 Häusern und etwa 1000
-Einwohnern gekommen. Man hatte sie nach Landessitte feierlich empfangen
-und in den besten Häusern untergebracht. Die Indianer küßten ihnen
-Hände und Füße, weil sie die Fremdlinge für Sendboten des Himmels
-hielten. Die Vornehmsten des Dorfes trugen sie auf ihren Armen zu dem
-größten Gebäude und ließen sie niedersitzen; auch die Frauen erschienen
-sodann und erwiesen ihnen gleiche Verehrung wie die Männer. Auf die
-Frage nach Gewürzen, von denen man den Eingebornen die Proben vorlegte,
-zeigten diese nach Süden, wo dergleichen Produkte gedeihen sollten. Bei
-ihrer Wanderung durch das Land lernten die beiden Spanier auch zuerst
-die Sitte des Rauchens kennen. Man nannte nicht das Kraut, sondern die
-daraus gefertigten Rollen, welche man anzündete und deren Rauch man
-einsog, ~tabaco~. Der Admiral fügte diesem Berichte die Hoffnung hinzu,
-daß die spanischen Majestäten bald Geistliche herübersenden würden, um
-die zahlreichen Völker zum rechten Glauben zu bekehren.
-
-Am 12. November lichtete er die Anker, um seine Entdeckungsfahrt weiter
-fortzusetzen. Mit günstigem Fahrwind steuerte er an der Nordküste Cubas
-weiter gegen Nordwesten. Mit Entzücken spricht er von dem Reichthum an
-Gold, Perlen und Spezereien und hofft bald die großen Städte des Kaans
-zu erreichen. Da sich aber die Küste immer weiter gegen Nordwesten
-zog, und Columbus fürchtete, in den Winter hineinzukommen (denn nach
-einer ganz fehlerhaften Beobachtung glaubte er schon bis zur Breite
-von Spanien, bis zum 42° n. Br. vorgedrungen zu sein), und da ferner
-seine indianischen Begleiter wiederholt die Insel Babeque als besonders
-goldreich nannten und behaupteten, dieselbe liege weiter nach Osten, so
-ließ Columbus am 13. November die Schiffe wenden und wieder nach Osten
-steuern. Er war etwa bis zum 77½° westlich von Greenwich gelangt.[214]
-
-Am folgenden Tage (am 14. Nov.) glaubte er in der Nähe der zahllosen
-Inseln sich zu befinden, welche auf den Weltkarten im äußersten Osten,
-Asien vorgelagert, gezeichnet sind. Diese phantastische Inselwelt fand
-sich also wahrscheinlich bei Toscanelli in ähnlicher Weise dargestellt,
-wie auf dem Globus Behaims. Von diesen Vorstellungen war Columbus ganz
-erfüllt und wie in einem Banne gefangen. Nie hat er sich von diesen
-Anschauungen losmachen können und schloß dann später daraus, daß, da er
-nach seiner Schätzung nicht so weit von den Canarien entfernt war, als
-man nach der Darstellung der ihm vorliegenden Karten erwarten konnte,
-die Erde einen geringeren Umfang besitze, als die Kosmographen auf die
-Autorität der Alten hin allgemein annahmen.
-
-Mit widrigen Winden kämpfend ging Columbus an der Nordseite Cubas
-wieder zurück nach Osten. Als er am 21. November, nahe der östlichen
-Spitze der Insel, sich genöthigt sah, die Küste zu verlassen und gegen
-Nordosten weit ins Meer hinauszusteuern, so daß er bereits den halben
-Weg nach der Bahama-Insel Isabella zurückgelegt hatte, entfernte sich
-am Abend die Pinta heimlich von den andern Schiffen, um auf eigene Hand
-das goldreiche Babeque aufzusuchen. Der Admiral selbst wandte sich
-wieder nach Cuba zurück. Entzückt von der Schönheit dieses Theils der
-Insel schrieb er am 27. November, tausend Zeugen genügten nicht, alle
-die Herrlichkeiten zu preisen, und seine Hand sei nicht im Stand, die
-Wunder, die ihn umgäben, zu beschreiben. In dem milden, lieblichen
-Klima, welches von demjenigen an der Guineaküste durchaus verschieden
-sei, befände sich die ganze Mannschaft wohl, nicht ein Einziger sei
-krank. Aber, setzt er hinzu, die spanischen Majestäten dürften keinen
-Menschen, der nicht gut katholisch sei, gestatten, dies Paradies zu
-betreten. „Denn das ist das Ziel der Entdeckungen gewesen, die ich
-auf Befehl Ew. Maj. gemacht habe, und die nur unternommen sind, den
-christlichen Glauben zu verbreiten und zu verherrlichen.“
-
-Am 5. December steuerte er von der Ostspitze Cubas, dem C. Maysi,
-dem er den Namen Alpha und Omega gab, weil er dasselbe für den
-äußersten Vorsprung Asiens hielt, nach Haiti hinüber und erreichte
-die Nordwestspitze dieser Insel am folgenden Tage. Wegen der
-Aehnlichkeit mit südspanischen Landschaften benannte der Entdecker
-sie Espagnola.[215] Sie schien noch herrlicher als Cuba. „Ihre Berge
-und Ebenen, ihre Auen und Fluren sind so schön und üppig. Hier könnte
-man alle Feldfrüchte bauen, alle Arten Vieh züchten, Städte und
-Dörfer gründen. Die Küste ist reich an Häfen; die Menge und Größe der
-Flüsse, von denen die meisten Gold in ihrem Sande mit sich führen,
-übertrifft alles.“ Acht Tage später glaubte er ganz nahe jener Gegend
-zu sein, wo die Erde die größten Reichthümer birgt, und er hoffte,
-daß Gott ihn bald in die ergiebigsten Goldfelder führen werde. Dieser
-lebhafte Wunsch wird zum täglichen Gebet und Stoßseufzer. Möge der
-Herr nach seiner Barmherzigkeit mich die Goldminen finden lassen! Die
-letzten Tage der Fahrt waren sehr mühevoll gewesen, Columbus hatte
-zwei Tage lang kein Auge zugethan. Da die See ruhig geworden, begab
-er sich am Abend des 24. December, erschöpft von Anstrengungen, in
-seine Cajüte, um auszuruhen. Er wußte das Steuer in sicherer Hand;
-aber auch der Pilot hatte das Bedürfniß nach Ruhe empfunden und
-unverantwortlicher Weise die Leitung des Fahrzeuges einem Schiffsjungen
-überlassen. So kam es, daß kurz vor Mitternacht die Santa Maria auf
-eine Untiefe gerieth und auf eine Sandbank stieß. Auf das Geschrei
-des unerfahrenen Steuermanns eilte der Admiral sofort herbei, allein
-das Schiff war nicht mehr zu retten. Die bestürzte Mannschaft wollte
-sich zum Theil auf die nicht weit entfernte Niña retten, fand aber,
-als sie mit dem Bote dort anlangte, mit Recht keine Aufnahme, denn
-das Meer war vollkommen ruhig. Als nun aber bei zunehmender Ebbe das
-Hauptschiff sich stark auf die Seite zu neigen begann, ließ Columbus
-den Hauptmast kappen, um das Fahrzeug zu erleichtern; aber umsonst,
-das Schiff neigte sich immer mehr und füllte sich mit Wasser. Da die
-Windstille glücklicherweise anhielt, wurde mit Hilfe des Capitäns der
-Niña, Vicente Yañez Pinzon, nicht nur die Mannschaft des gescheiterten
-Schiffes gerettet, sondern am nächsten Tage ein großer Theil der Ladung
-geborgen. Hierbei halfen auch zahlreiche Indianer, mit denen Columbus
-bereits in freundschaftlichen Verkehr getreten war, und deren Häuptling
-Guacanagari die geretteten Sachen bewachen ließ.
-
-Der Admiral hielt den Schiffbruch für eine unmittelbare Fügung Gottes,
-der ihn dadurch gleichsam auf die in der Nähe befindlichen, sehr
-goldreichen Gebiete hinführen wolle.[216] In diesem Glauben wurde er
-noch besonders durch den Namen einer Landschaft in Haiti bestärkt,
-welche die Indianer Cibao nannten und welche Columbus, durch die
-Aehnlichkeit des Klanges getäuscht, für Cipangu hielt. Da nun das
-Volk sehr gutmüthig schien und viel Gold in der Nähe zu finden sein
-sollte -- hatte man doch den Spaniern schon mancherlei goldenen
-Zierat und dünne Goldblättchen gegeben --, da ferner der Boden des
-Küstenlandes eine üppige Fruchtbarkeit zeigte, so beschloß Columbus
-hier eine Colonie anzulegen, um so mehr, als in dem einzigen kleinen
-Fahrzeuge, welches ihm noch geblieben war, die ganze Mannschaft nicht
-untergebracht und nach Spanien zurückgeführt werden konnte. In diesem
-Plane wurde er noch dadurch unterstützt, daß sich viele Matrosen
-freiwillig erboten, zurückzubleiben, die sich schmeichelten, durch
-einträglichen Tauschhandel ihre Goldgier in kurzer Frist befriedigen
-zu können. So wurde auch der Admiral über den Verlust seines Schiffes
-bald beruhigt und schrieb am zweiten Weihnachtstage: „Ich hoffe zu
-Gott, daß ich bei meiner Zurückkunft von Castilien hieher eine Tonne
-Goldes finden werde, welche die Hierbleibenden eingetauscht haben, und
-daß diese inzwischen die Goldminen selbst und die Spezereien in solcher
-Fülle entdeckt haben, daß, ehe drei Jahre vergehen, der König und die
-Königin die Eroberung Jerusalems in Angriff nehmen können. Denn das
-war -- ich bezeugte es vor Ew. Maj. -- mein Verlangen, durch meine
-Unternehmung die Mittel zur Eroberung Jerusalems zu schaffen. Ew. Maj.
-lachten darüber und sagten, daß ihnen das gefalle, daß sie aber auch
-ohne dies bereit seien, die Entdeckungsfahrt zu unterstützen.“ Dies
-sind, fügt Las Casas hinzu, die eigenen Worte des Columbus.[217]
-
-In der neuen Colonie, welche den Namen Navidad (Weihnachten) erhielt,
-blieben 39 Spanier zurück. Am 4. Januar 1493 nahm Columbus Abschied
-und steuerte der Heimat zu. Zwei Tage darauf traf er zufällig wieder
-mit der Pinta zusammen, welche seit jener Zeit, wo sie im November
-sich getrennt, zuerst die Insel Groß-Inagua (nördl. von dem Canal,
-welcher Cuba von Haiti trennt) und dann die östlichen Theile von Haiti
-besucht hatte. Hier war sie dem Admiral zuvorgekommen und hatte viel
-Gold eingetauscht, für ein Stück Schnur hatte Pinzon schöne, zwei
-Finger lange, selbst handgroße Goldstufen erhalten.[218] Martin Alonso
-kam zum Admiral an Bord der Niña und entschuldigte sich wegen seiner
-Sonderfahrt, welche nur durch die ungünstigen Verhältnisse veranlaßt
-und gegen seinen Willen geschehen sei. Columbus glaubte ihm zwar nicht,
-aber er zeigte sich mit der Erklärung zufriedengestellt, „um den
-Lockungen des Satans nicht nachzugeben, welcher diese Reise von Anfang
-an zu hindern gesucht hatte“.
-
-Von nun blieben beide Schiffe zusammen. Am 13. Januar fand der erste
-blutige Zusammenstoß mit Indianern statt, bei welchem zwei derselben
-schwer verwundet wurden. Am 16 Januar verließen sie bei dem Cap Samana
-(19° 18′ n. Br., 69° 8′ w. L. Gr.) die Insel Haiti und steuerten über
-den Ocean zurück. Die Fahrt ging bis zum 12. Februar ohne Unfall von
-statten, aber in den folgenden Tagen überfiel sie ein heftiger Sturm.
-Auf der Niña gelobte Columbus eine Walfahrt nach Loreto und Guadelupe,
-je nachdem das Los einen von der Mannschaft dazu bestimmte; auch
-verpflichteten sich alle, am nächsten Lande, wohin sie sich retten
-würden, im Bußgewande eine Procession zu machen und der heiligen Mutter
-ihr Dankgebet darzubringen. Als in der Nacht vom 13. zum 14. Februar
-die Gefahr aufs höchste stieg, und die kleinen Fahrzeuge sich unter
-der Wuth der Elemente kaum noch über Wasser hielten, so daß Columbus
-das schlimmste fürchtete, traf er Vorkehrung, um womöglich wenigstens
-eine Kunde seiner Entdeckungen nach Europa gelangen zu lassen und
-ließ den auf Pergament geschriebenen Bericht seiner Reise sorgfältig
-in Segeltuch einpacken und in einem wasserdichten Kistchen verwahrt
-über Bord werfen, in der Hoffnung, daß die Wellen und die Strömung
-die Botschaft irgendwohin ans Gestade tragen möchten. Am 15. Februar
-kam die südöstlichste der Açoren, Sa. Maria, in Sicht, aber erst am
-17. konnten sie landen. Die Hälfte der Mannschaft zog in Procession
-zur Kapelle der Mutter Gottes, aber der portugiesische Gouverneur der
-Insel Juan da Castañeda ließ sie während der Andacht überfallen und
-gefangen nehmen. Erst nach Verlauf mehrerer Tage, während welcher das
-Unwetter von neuem losbrach und auf der unsichern Rhede die Schiffe von
-den Ankern riß, erhielt Columbus seine Leute zurück, nachdem er den
-Abgesandten des Statthalters seine königlichen Vollmachten vorgezeigt
-hatte, welche ihn zu seiner Reise autorisirten. Um sich weiteren
-Unannehmlichkeiten zu entziehen, ging der Admiral am 24. wieder unter
-Segel; aber am 3. März Abends brach ein so wüthender Orkan los, daß die
-Schiffe von einander getrennt und der Segel beraubt ein willenloser
-Spielball der aufgeregten Elemente wurden. Glücklicherweise beruhigte
-sich die See am andern Morgen, je näher sie dem Lande kamen und zu
-ihrem großen Entzücken erkannte die Mannschaft in der hochaufsteigenden
-Küste das Cintragebirge an der Mündung des Tajo. Das Schiff des
-Columbus gelangte glücklich in den Hafen von Lissabon, wo sich die
-Kunde von der staunenswerthen Reise, welche durch das Erscheinen
-der mitgenommenen Indianer beglaubigt wurde, rasch verbreitete und
-gewaltiges Aufsehen machte. Das portugiesische Wachtschiff verlangte,
-Columbus solle an Bord kommen und über sein Unternehmen Auskunft geben;
-dieser aber, im Bewußtsein seines hohen Ranges als castilischer Admiral
-lehnte die Forderung ab und sandte nur seine königlichen Vollmachten.
-Sofort wurde dem Könige Johann II., welcher sich in Valdeparaiso bei
-Santarem, oberhalb Lissabon am Tajo aufhielt, die Nachricht von dem
-großen Ereigniß überbracht, und dieser lud den glücklichen Entdecker
-ein, an den Hof zu kommen. In der am 9. März stattfindenden Audienz
-wurde Columbus freundlich empfangen, wenn auch der König äußerte, daß
-nach den wiederholten Schenkungen der Päpste und den Verträgen mit
-Castilien die neuentdeckten Länder von Rechtswegen ihm gehören müßten.
-Aus solchen Aeußerungen glaubten einige Hofleute entnehmen zu dürfen,
-daß sie ihrem Könige einen großen Gefallen erwiesen, wenn sie den
-Genuesen beseitigten. Sie erboten sich, mit demselben wie von ungefähr
-Händel anzufangen und ihn zu tödten, um so die Entdeckung für immer zu
-vernichten. Aber der König wies solches Ansinnen entschieden zurück
-und entließ seinen Gast unter Gnadenbezeugungen. -- Columbus segelte
-am 13. März von Lissabon ab und langte nach zwei Tagen glücklich an
-der Barre von Saltes vor Palos an. An demselben Tage kam auch Alonso
-Pinzon mit seinem Schiffe dahin zurück. Er war nach der Nordwestküste
-Spaniens, nach Galicien verschlagen worden, hatte von dort aus die
-erste Kunde der glücklichen Heimkehr an den König von Spanien gelangen
-lassen und um Audienz gebeten, war aber dahin bedeutet worden, daß er
-nur im Gefolge seines Admirals zu erscheinen habe. Diese Zurücksetzung
-kränkte ihn so tief, daß er bald darauf starb. Unzweifelhaft war er
-der bedeutendste unter den Begleitern des Columbus, was schon daraus
-hervorgeht, daß er auf eigne Hand auf Entdeckungen ausging, indem er
-sich von Columbus trennte, wenn auch nicht geleugnet werden darf,
-daß er durch dieses eigenmächtige Verfahren den Erfolg der kühnen
-Unternehmung im ganzen in Frage stellte. Erst später hat die spanische
-Krone diese Verdienste anerkannt, indem sie die Nachkommen Alonso’s in
-den Adelsstand erhob.
-
-Unter dem Jubel des Volkes zog Columbus in Palos ein und ging von da
-nach Sevilla. Durch Eilboten wurden die kgl. Majestäten, welche zu
-jener Zeit in Barcelona Hof hielten, von der glücklichen Heimkehr und
-dem glänzenden Erfolg der Expedition in Kenntniß gesetzt. Durch ein
-königliches Schreiben vom 30. März wurde der Entdecker eingeladen
-nach Barcelona zu kommen; zugleich wurde die Ausrüstung einer großen
-Flotte nach dem Wunsche des Admirals angeordnet und ihm selbst die
-Ertheilung der verheißenen Titel und Würden zugesagt. Mit allen
-Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten Indiens, welche er auf seiner
-Fahrt gesammelt hatte, und mit einigen der entführten Indier brach
-Columbus von Sevilla auf und zog wie im Triumphzuge durch ganz Spanien.
-Die Kunde von den unerhörten Entdeckungen flog durchs Land, überall
-strömte das Volk zusammen, um den Bezwinger des Oceans zu sehen und
-seine Wunderdinge anzustaunen. So zog er in der Mitte des April in
-Barcelona ein.[219] Bei Hofe wurden ihm die höchsten Ehren zu Theil,
-in öffentlicher Audienz lud man ihn ein sich zu setzen, was als die
-höchste königliche Gnadenbezeugung galt,[220] und von seiner Fahrt
-zu erzählen. Da Columbus gegen Ausgang und zum Schluß seiner Reise
-zwei ziemlich gleichlautende Berichte in Briefform über den Erfolg
-seiner Entdeckungsfahrt abgefaßt und dieselben, den einen „auf der
-Höhe der Canarischen Inseln,“ am 15. Februar 1493 unter der Adresse
-des Geheimsecretärs Luis de Sant-Angel[221] an den König und die
-Königin gerichtet und den andern von Lissabon aus am 14. März an den
-königlichen Schatzmeister Rafael Sanchez[222] gesandt hatte, und da in
-diesen Schreiben der Gesammtgewinn der Unternehmung zusammengestellt
-ist, so darf man wohl annehmen, daß der mündliche Bericht an die
-Majestäten in ähnlicher Weise, wenn vielleicht auch in glühenderen
-Farben und in wärmeren Worten erfolgt ist. Jedenfalls lernen wir aus
-jenen Schreiben die Anschauungen und Hoffnungen des Admirals deutlich
-erkennen. Daß er wirklich im indischen Meere gewesen, bezweifelt er
-keinen Augenblick. Wenn auch die volkreichen Städte und Seeplätze
-mit ihren Gewürzfrachten, die im äußersten Asien liegen, noch nicht
-gefunden sind, so haben doch die großen neuentdeckten Inseln so viele
-werthvolle Produkte, und verheißen in ihren goldführenden Flüssen eine
-so reiche Ernte des edelsten Metalles, daß das zweite Ziel und die
-zweite Aufgabe, welche der Entdecker sich gestellt hat, das heilige
-Land wieder zu gewinnen, bald wird in Angriff genommen werden können.
-So viel steht fest, daß die Zweifler und Spötter verstummen werden
-„denn Gott hat auf so wunderbare Weise alles bestätigt, was ich
-behauptet habe gegenüber den Meinungen hochgestellter, einflußreicher
-Persönlichkeiten, welche meinen Plan für Träumerei und mein Vorhaben
-für ein Hirngespinnst hielten“. „Aber daß dieses große Unternehmen
-so glänzend verlaufen, ist nicht mein Verdienst, sondern dasselbe
-gebührt dem heiligen katholischen Glauben und der Frömmigkeit unserer
-Monarchen, weil, was der menschliche Geist nicht zu fassen vermag,
-doch der göttliche Geist den Menschen gibt. Denn es erhört Gott die
-Gebete seiner Diener, welche seine Gebote befolgen, auch dann, wenn
-sie, wie in diesem Falle, Unmögliches zu bitten scheinen. So habe
-auch ich Erfolg gehabt in meinem Unternehmen, welches bis jetzt
-menschliche Kraft überstieg; denn wenn bisher einige über diese Inseln
-geschrieben oder gesprochen haben, so geschah es doch nur in der Form
-von Muthmaßungen, da noch niemand dieselben gesehen hatte, so daß das
-ganze fast für Fabel gehalten wurde. Deshalb mögen nun der König und
-die Königin, die Fürsten und ihre glücklichen Staaten, so wie alle
-anderen Länder der Christenheit, wir alle, dem Erlöser unserm Herrn
-Jesu Christo danken, daß er uns einen solchen Sieg verliehen hat. Es
-mögen Processionen begangen und heilige Feste gefeiert, die Tempel mit
-grünen Zweigen geschmückt werden. Christus mögen auf Erden jubeln,
-wie im Himmel, wenn er so vieler Völker bis hieher verlorene Seelen
-gerettet sieht. Auch wir wollen uns freuen über die Erhöhung unseres
-Glaubens, über den Zuwachs an weltlichen Gütern, an denen in Zukunft
-nicht blos Spanien, sondern die ganze Christenheit theilhaben wird.“
-
-[Illustration: +Die erste Flugschrift, welche die Kunde von der
-Entdeckung Amerikas brachte.+
-
-Original im brit. Museum.
-
-Ein Brief des Christoforus Colonus, dem unsere Zeit viel verdankt:
-Von den neulich entdeckten Indischen Inseln jenseit des Ganges.
-Um dieselben aufzusuchen war er acht Monate früher unter den
-Auspicien und auf Kosten des unüberwindlichsten Königs Ferdinand von
-Spanien ausgesendet. Der Brief ist an den Schatzmeister desselben
-durchlauchtigsten Königs, an Raphael Sanxis gerichtet, und durch
-den edlen und gelehrten Aliander de Cosco aus dem Spanischen ins
-Lateinische übersetzt: am 29. April 1493 im ersten Jahre des Papstes
-Alexander VI. (Gedruckt in Rom.)]
-
-[Illustration: Titel des ersten deutschen Flugblattes, welches die
-Entdeckung Amerikas meldet.]
-
-[Illustration: Schluß des deutschen Flugblattes.
-
-Nach dem Original in der Staatsbibliothek in München.]
-
-[Illustration: Anfang des Berichts über die ersten Entdeckungen, nach
-dem ersten deutschen Flugblatte.
-
-Nach dem Original in der Staatsbibliothek in München.
-
-Dieser Bericht enthält eine freie Uebersetzung des lateinischen
-Briefes, dessen Anfang Seite 262 gegeben ist. Ein merkwürdiger
-Uebersetzungsfehler ist bei der Wiedergabe des Namens der vierten Insel
-begangen, indem man statt Hysabella oder Isabella Isla bella las und
-durch „schöne Insel“ übersetzte.]
-
-Seine schwärmerische Begeisterung, welche der Admiral auch bei dieser
-Gelegenheit zur Schau trug, mochte recht wohl zu dem eignen Entzücken
-über die herrliche Natur der neuentdeckten Welt passen und dem beredten
-Munde des heimgekehrten Helden Ohr und Herz aller Hörer zuwenden. Aber
-wenn dann die praktischen, nüchternen Fragen herantraten: wo auf der
-Erde liegt das neue Indien, wie groß sind die bedeutendsten Inseln,
-dann mußte doch manchem kritischen Geiste hie und da ein Bedenken über
-die Zuverlässigkeit der Angaben und die Sicherheit der Behauptungen
-des Columbus auftauchen, zumal derselbe nicht im Stande gewesen war,
-eine Karte der entdeckten Gebiete zu entwerfen. An der Küste von Cuba
-war er nach seiner Meinung 107 Leguas in gerader Linie von Osten nach
-Westen entlang gefahren, ohne das westliche Ende erreicht zu haben;
-und doch liegt sein Cours nur zwischen 78 n. 74 w. v. Gr. Die Länge
-der Nordküste Haitis schätzte er gar auf 138 Leguas, während die von
-ihm besegelte Nordseite der Insel in der That in grader Richtung
-nur 60 geogr. Meilen lang ist. Aus diesen Irrthümern erwuchsen die
-Ueberschätzungen der Größe jener Inseln. Cuba war demnach größer als
-England und Schottland zusammen, Haiti größer im Umfange als ganz
-Spanien von Catalonien herum bis nach Fuentarabia in Biscaya. Cuba
-galt ihm, trotz der bestimmten Erklärung der befragten Insulaner,
-für das Festland von Catayo, Haiti für Cipangu, oder, wie P. Martyr
-angibt, auch wohl für das Salomonische Ophir. Dazu kommen noch die ganz
-unbegründeten Breitenangaben dieser Inseln, die Nordküste Cubas soll
-unter 42° n. Br., der Westen Haitis unter 34°,[223] der Osten unter 26°
-n. Br. liegen, wenn er die letzte Bestimmung auch nur als Vermuthung
-gibt.[224] Vor allem aber konnte ihm mit Recht eingewendet werden, daß
-er nicht gehalten, was er versprochen, daß er Katai nicht erreicht,
-daß er die eigentlichen Gewürzländer nicht gefunden habe und daß die
-geringen Goldproben und die zweifelhaften Gewürze die rege gemachten
-Erwartungen nicht befriedigen könnten.
-
-Darum schreibt auch Peter Martyr kaum einen Monat nach jenem
-großartigen Aufzuge und Empfang in Barcelona an den Grafen Boromeo
-ziemlich nüchtern: „Bald darauf (nämlich nach dem Mordanfall gegen den
-König Ferdinand im December 1492) kehrte von den westlichen Antipoden
-ein gewisser Cristóbal Cólon zurück, ein Ligure, welcher von meinen
-Monarchen nur mit Mühe zur Reise nach jener Gegend drei Fahrzeuge
-erhalten hatte, weil, was er behauptete, als Fabel erschien. Er kam mit
-vielen werthvollen Dingen heim und brachte namentlich Proben von Gold
-mit, welches jene Länder von Natur liefern. Doch lassen wir so fern
-liegende Dinge bei Seite.“[225]
-
-In einem späteren Briefe vom 1. October 1493 an den Erzbischof
-von Braga bemerkt derselbe fleißige Schriftsteller, Colon habe
-mehrere Inseln entdeckt an einem Gestade, das er für das indische
-halte. Angeblich seien es dieselben, welche nach den Kosmographen
-(Toscanelli?) in dem Ostmeere von Indien liegen sollten. „Ich will das
-nicht ganz in Abrede stellen; allein die Größe des Umkreises der Erde
-scheint zu einer andern Annahme führen zu müssen. Doch gibt es Leute,
-welche meinen, daß die Entfernung zwischen der spanischen Seeküste und
-dem Gestade Indiens nur gering sei.“[226]
-
-Manche Irrthümer des Columbus wurden auch bald von der Kritik
-berichtigt oder zu berichtigen gesucht. So sagt Martyr, daß wenn man
-die Karten genau prüfe, Haiti in der Gegend der Antillen, aber nicht
-bei Asien liegen müsse,[227] und daß der Admiral die Größe dieser Insel
-übertrieben habe.[228]
-
-Zunächst aber stand Columbus in der Gunst der Monarchen so fest und
-wurde so mit Ehren überhäuft, daß auch die kühleren Herzen sich mit
-ihm zu befreunden beflissen waren. So stand auch Peter Martyr bald mit
-dem berühmten Entdecker, dem Granden Spaniens, in Briefwechsel und
-bezeichnete ihn nicht ohne Eitelkeit als seinen intimen Freund.
-
-Am 28. Mai 1493 erhielt Columbus eine neue Bestätigung seiner
-ausbedungenen Privilegien und Gerechtsame als Admiral und Vicekönig
-und ein Wappen verliehen, in welchem außer seinem Familienwappen die
-Wappen von Castilien und Leon und goldene Inseln in blauen Meereswogen
-enthalten waren. Fünf Anker waren das Abzeichen seiner Admiralswürde
-und die Umschrift lautete: ~A Castilla y a Leon Nuevo Mondo dió Colon~.
-(Columbus gab Castilien und Leon eine neue Welt.)
-
-
-8. Die Demarcationslinie.
-
-Dann beeilte man sich, den Papst Alexander VI. für die Pläne
-weiterer Entdeckungen und der damit zu verbindenden Ausbreitung des
-Christenthums zu gewinnen. Man mußte vor allem gesichert sein vor
-den Ansprüchen der Portugiesen, denen bereits zu wiederholten Malen
-durch päpstliche Erlasse alle neuen Erwerbungen in Afrika und Indien
-sanctionirt und monopolisirt waren. So gelang es auch schon im Mai
-1493, die gewünschte Concession von Seiten des Papstes zu erhalten.
-Die darauf bezüglichen Decrete sind vom 3. und 4. Mai datirt, in denen
-natürlich die Verkündigung der christlichen Lehre unter den Indianern
-als ein Gott wohlgefälliges Werk vorangestellt wurde. „Da nun,“ heißt
-es weiter, „Columbus gewisse weit entlegene Inseln und Festländer
-(~terras firmas~ mit Anspielung auf Cuba), welche bisher noch nicht
-gefunden waren, entdeckt hat, so geben wir aus freier Bewegung, ohne
-Euren (d. h. der spanischen Monarchen) oder irgend jemandes Antrieb,
-und aus apostolischer Machtvollkommenheit, Euch alle diese neu
-entdeckten und neu zu entdeckenden Inseln und Länder, so weit sie noch
-keinem christlichen König gehören, Euch und Euren Erben und verbieten
-allen anderen, bei Strafe der Excommunication, dahin zu fahren und
-ohne Eure Erlaubniß Handel zu treiben.“ Da aber bei der zu allgemein
-gehaltenen Erklärung doch Verwicklungen und Streitigkeiten mit der
-portugiesischen Krone entstehen konnten, wenn die Entdeckungsbereiche
-beider Mächte nicht genauer abgegrenzt wurden, so wurde in einem
-Decret vom folgenden Tage, vom 4. Mai, noch eine +Demarcationslinie+
-eingefügt und bestimmt, daß eine meridional gezogene Linie, welche
-hundert Leguas westlich jenseits der Açoren und Caboverdischen Inseln
-vom Nordpol zum Südpol laufe, beide Nationen in ihren Unternehmungen
-von einander halten solle.[229] Die westliche Erdhälfte solle spanisch,
-die östliche dagegen portugiesisch sein. Es sollte also der Erdball wie
-ein Apfel halbirt, und jedem Staate eine Hemisphäre zugewiesen werden.
-Warum man die Scheidelinie hundert Meilen westlich von den bisher
-bekannten westlichen Inseln verlegte, darf wohl auf die Ansichten
-und Beobachtungen des Columbus zurückgeführt werden, welcher an der
-genannten Linie glaubte ein wesentlich anderes Klima, und den Anfang
-eines neuen Himmels und einer neuen Erde gefunden zu haben.
-
-„Ich erinnere mich,“ schreibt der Entdecker 1498, „daß, so oft ich nach
-Indien segelte, 100 Leguas westlich von den Açoren sich die Temperatur
-änderte, und daß dies überall von Norden nach Süden stattfand.“ An
-einer späteren Stelle desselben Berichtes kommt Columbus noch einmal
-auf dasselbe Thema zurück. „Wenn ich von Spanien nach Indien segelte,
-fand ich, sobald ich hundert Meilen (Leguas) westlich von den Açoren
-zurückgelegt hatte, eine sehr große Veränderung am Himmel und den
-Gestirnen, in der Temperatur der Luft, in dem Wasser des Meeres, und
-ich habe diese Erscheinungen mit großer Sorgfalt beobachtet. Ich
-bemerkte, daß wenn man die genannten 100 Leguas vor den genannten
-Inseln passirt, von Norden nach Süden, die Compaßnadeln, welche bisher
-nach Nordosten abwichen, sich nun einen vollen Viertelwind[230] nach
-Nordwesten wandten, und daß dies stattfand von der Zeit an, wo ich jene
-Linie erreichte. Und zur selben Zeit trat eine Erscheinung ein, als
-wenn eine Erhöhung der Erde sich hier fände; denn ich fand die See ganz
-mit einem Kraut überdeckt, welches Tannenzweigen glich und Früchte wie
-vom Mastixbaum trug und zwar so dicht, daß ich auf meiner ersten Reise
-meinte, es sei eine Untiefe, und die Schiffe müßten auflaufen. Sobald
-wir jenen Strich erreicht hatten, fand sich nicht ein Zweig mehr. Auch
-bemerkte ich, daß an diesem Punkte das Meer ruhig und glatt und fast
-nie von einem Winde bewegt war. Desgleichen fand ich, daß von derselben
-Linie an, gegen Westen, die Temperatur immer milde war, und daß Sommer
-und Winter sich wenig unterschieden.“[231]
-
-„Diese Stelle,“ bemerkt A. v. Humboldt,[232] „enthält Ansichten der
-physischen Erdkunde, Bemerkungen über den Einfluß der geographischen
-Länge auf die Abweichung der Magnetnadel, über die Inflexion der
-isothermen Linien zwischen den Westküsten des alten und den Ostküsten
-des neuen Continents, über die Lage der großen Sargasso-Bank in dem
-Becken des atlantischen Meeres, und die Beziehungen, in welchen dieser
-Meeresstrich zu dem über ihm liegenden Theile der Atmosphäre steht.
-Irrige Beobachtungen der Bewegung des Polarsternes in der Nähe der
-açorischen Inseln hatten Columbus schon auf der ersten Reise, +bei
-der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse+, zu dem Glauben an
-eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde verführt. In der
-westlichen Hemisphäre ist nach ihm die Erde „angeschwollener“, die
-Schiffe gelangen allmählich in größere Nähe des Himmels, wenn sie an
-den Meeresstrich kommen, wo die Magnetnadel nach dem wahren Norden
-weist; eine solche Erhöhung ist die Ursache der kühleren Temperatur.
-Wenn man dazu erwägt, daß Columbus gleich nach seiner Rückkehr von der
-ersten Entdeckungsreise die Absicht hatte, selbst nach Rom zu gehen,
-um, wie er sagt, dem Papste über alles, was er entdeckt, Bericht
-abzustatten; wenn man der Wichtigkeit gedenkt, welche die Zeitgenossen
-des Columbus auf die Auffindung der +magnetischen Curve ohne
-Abweichung+ legten, so kann man wohl eine von mir zuerst aufgestellte
-historische Behauptung gerechtfertigt finden, die Behauptung, daß
-der Admiral in dem Augenblick der höchsten Hofgunst daran gearbeitet
-hat, +die physische Abgrenzungslinie in eine politische verwandeln zu
-lassen+.“
-
-Es ist klar, daß die von Columbus auf einer Meridianlinie
-zusammengelegten großen Unterscheidungsmerkmale der östlichen und
-westlichen Welt einen ungeheuren Eindruck auf den Entdecker machen
-mußten, und daß er die Hemisphäre jenseit der 100 Seemeilen, von
-den Açoren ab, für die in den alten Weissagungen genannte und durch
-ihn zuerst betretene „neue Erde“ ansah, von welcher er auch keinen
-Fußbreit abtreten möchte. Die Merkmale schienen ja auch zahlreich
-und sicher genug zu sein, um eine erkennbare Scheidelinie zu bilden.
-Der entschiedene Ausspruch des Entdeckers, daß eine so auffällige
-Veränderung am Himmel und auf der Erde hundert Leguas westlich von den
-Açoren sich zeige, konnte dem Papste genügen. Wenn es in dem Erlasse
-auffälligerweise heißt, die Linie soll 100 Meilen westlich von jeder
-beliebigen (~qualibet~) Insel der Açoren +oder+ Capverden gelegt
-werden, so wird auch dabei unentschieden gelassen, welche Gruppe und
-welche Insel die westlichste ist. Gegenwärtig wissen wir, daß die
-westliche der Capverden beinahe 6 Meridiangrade weiter östlich liegt
-als die äußerste der Açoren; in jenen Tagen, wo bekanntlich noch alle
-Mittel fehlten zu einer exacten Längenbestimmung, war diese Frage noch
-nicht entschieden. Und eben bei der Unmöglichkeit, die nach den Angaben
-des Columbus postulirte Demarcationslinie wirklich ermitteln zu können,
-sahen sich die beiden Seemächte bald in die Lage versetzt, mit einander
-in Unterhandlungen zu treten, um diesen Unklarheiten, als möglicher
-Ursache unendlicher Streitigkeiten, baldigst eine Grenze zu setzen.
-Denn wie sehr der portugiesische Monarch über seine vermeintlichen
-Rechte in Bezug auf den Ocean wachte, sieht man daraus, daß er, kurz
-nachdem er Columbus entlassen hatte, dem Hof in Spanien seine vom Papst
-sanctionirten Entdeckungsräume nachweisen ließ und sogar mit dem Plane
-umging, eine Flotte nach der neuen Welt zu entsenden. Seine Gesandten
-Pedro Dias und Ruy de Pina verlangten in Spanien den Parallelkreis
-der Canarischen Inseln als Grenze oder Demarcationslinie. Die Spanier
-sollten nur nördlich von dieser Inselgruppe über den westlichen Ocean
-segeln und also nur außerhalb der Tropen sich auch in den neuentdeckten
-Gewässern bewegen dürfen. Man wünschte sie von allem Eindringen in
-die heiße Zone fern zu halten. Lope de Herrera ging wiederum als
-Gesandter Spaniens nach Lissabon. So schienen sich durch das Hin- und
-Wiedersenden der Botschafter die Verhandlungen verschleppen zu wollen,
-als durch ein anderweites Ereigniß der politische Einfluß Spaniens
-bedeutend hervortrat und dadurch ein Druck auf Portugal ausgeübt
-wurde, welcher es zu unerwartetem Nachgeben geneigt machte. Spanien
-hatte nämlich von Frankreich die Rückgabe der Grafschaften Roussillon
-und Cerdaigne erlangt. Damit war eine wichtige Streitfrage erledigt,
-Spanien hatte keinen äußeren Feind mehr zu fürchten und konnte, falls
-Portugal noch länger gerechten Anforderungen widerstreben sollte, wenn
-es sein mußte, die Entscheidung der wichtigen maritimen Frage dem
-Schwerte anvertrauen.
-
-So kam denn am 7. Juni 1494 der berühmte Vertrag von Tordesillas (in
-Altcastilien am Duero, südwestlich von Valladolid, wo Columbus 12 Jahre
-später starb) zustande, in welchem die Monarchen Spaniens zunächst die
-Gerechtsame des Nachbarstaats auf Guinea u. s. w. in vollem Umfange
-anerkannten und ferner zugaben, daß die Demarcationslinie 270 Leguas
-über die anfänglich vom Papste genehmigte Grenze hinaus, nämlich auf
-370 Leguas westlich von den Capverden verlegt wurde. Nach unserer
-jetzigen Kenntniß von dem Unterschiede der Lage der westlichen Açoren
-und westlichsten Capverden können wir hinzufügen, daß der von Spanien
-noch eingeräumte Meridiangürtel von 270 Leguas sich noch weiter um
-mindestens 90 Leguas verminderte, weil man nach dem neusten Vertrage
-nur von den Capverden ausging und die Açoren nicht weiter in die
-Streitfrage hineinzog.
-
-Da nun der von Columbus über den Ocean zurückgelegte Weg von den
-Canarien aus mindestens 600 Leguas bis zu den neuen Inseln betrug, so
-konnte man unbedenklich den mittleren Strich des atlantischen Ocean
-preisgeben. Was man auf dieser Seite aufgab, erhielt man natürlich,
-da die Theilungslinie auch über die andere noch unbekannte Erdhälfte
-hinweglief, auf jener Seite, im Westen wieder. Und gerade hier sollte
-sich später den Spaniern ein ganz unerwarteter Gewinn zeigen, als
-es nach Entdeckung der eigentlichen Gewürzinseln fraglich wurde, ob
-dieselben auf spanischer oder portugiesischer Hemisphäre lägen. Wir
-werden darüber noch im Verfolg der Weltreise Magalhães’ zu berichten
-haben. Vorläufig war in dem Vertrag auch noch die Frage offen
-gelassen, auf welche Weise die Demarcationslinie festzulegen sei, ob
-durch eine Gradbestimmung oder auf eine andere Weise, „wie es sich
-am genauesten werde berechnen lassen“. Innerhalb der nächsten zehn
-Monate nach Ratification des Vertrages sollten von beiden Parteien
-eine oder zwei Caravelen oder auch noch mehr, je nach Uebereinkommen,
-auf Gran Canaria zusammenkommen, um durch Piloten und Astronomen,
-von beiden Seiten gleich viel Personen, die Grenzlinie zu fixiren.
-Diese Commission sollte von Canaria sich nach den Capverden begeben
-und von da 370 Leguas weit westwärts segeln, um dann die Entfernung
-entweder durch Schiffstagereisen oder sonst wie zu bestimmen. Diese
-von beiden Parteien gemeinschaftlich bestimmte Linie sollte dann
-für alle Zeiten gültig bleiben.[233] Allein diese Expedition kam
-nie zustande, vielleicht weil beiderseits keine Autoritäten sich
-fanden, welche mit Sicherheit die gewünschte Demarcation anzugeben
-wagten. Ueber diese Linie war man auch noch 20 Jahre später ebenso
-im Unklaren. Peter Martyr erzählt,[234] wie er in Burgos die Karten
-der neuen Entdeckungen, nach den Aufnahmen des Amerigo Vespucci,
-Bartolomeo Colon, Juan de la Cosa, Morales und anderer Castilier, auch
-auf einem Globus die Entfernungen geprüft und mittelst eines Zirkels
-den Abstand von der Westspitze Portugals und von den Capverden bis
-zur Theilungslinie und weiter bis zu den Küsten Brasiliens gemessen
-habe; aber die Karten stimmten nicht genau überein und nahmen die
-Küstenabstände der alten und neuen Welt verschieden an, so daß also ein
-entscheidendes Urtheil nicht gefällt werden konnte.
-
-Wenn auch im atlantischen Ocean kein streitiges Object lag, so mußte
-doch die Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit der Demarcationslinie
-nothwendigerweise in Südamerika noch wieder zu Differenzen führen.
-
-
-9. Die zweite Reise des Columbus.
-
-Inzwischen war aber bereits der Admiral des indischen Meeres mit einer
-stattlichen Flotte zum zweiten Male über den Ocean gesegelt, ohne
-den Abschluß der Verhandlungen abwarten zu können. Juan Rodriguez
-de Fonseca erhielt die Leitung der indischen Angelegenheiten und
-mußte, wenn auch widerstrebend, allen Forderungen des Columbus
-bezüglich der Ausrüstung einer großen und theuren Flotte nachgeben,
-welche aus 14 Caravelen und drei großen Lastschiffen bestand und
-1200 Bewaffnete und Reiter mit an Bord nahm. Es waren Vorkehrungen
-getroffen, die europäischen Hausthiere in genügender Anzahl nach
-Westindien zu verpflanzen, sowie Getreide, Gemüse und Weinreben
-anbauen zu können. Es war nicht mehr ein bloßes Entdeckungsgeschwader,
-sondern eine Flotte mit Auswanderern; denn es galt die thatsächliche
-Besitzergreifung der neuen Welt. Columbus wollte nicht allein Admiral
-des Meeres sein, sondern auch den andern Theil seines neuen Titels
-„Vicekönig“ durch Gründung von Colonien verwirklichen. Ein großes
-Gefolge von Beamten und Soldaten mußte diesen Plan unterstützen. Als
-Geistlicher wurde Fray Bernardo Boïl, ein Benediktiner von Monserrat
-in Catalonien, mitgegeben, welcher von Rom aus zum apostolischen Vicar
-in den neuen Ländern ernannt worden war. Auch war der spanische Adel
-in diesem Seezuge vertreten: Alonso de Hojeda, Juan Ponce de Leon,
-der Entdecker Floridas, sowie die späteren Statthalter von Cuba und
-Jamaica, Diego Velasquez und Juan de Esquivel nahmen an dem Zuge
-theil, welcher ebensowohl glänzenden Gewinn als die mannigfachsten
-Abenteuer in Aussicht stellte. War dann an geeignetem Platze die
-erste Niederlassung, in größerem Maßstabe als bei der ersten Fahrt
-in Navidad, begründet, dann wollte Columbus seine an der Küste Cubas
-abgebrochenen Entdeckungen wieder aufnehmen und nicht blos bis nach
-Cipangu und Katai zu den Weltmärkten Ostasiens vordringen, sondern wo
-möglich von da aus, in derselben Richtung weiter steuernd, den Erdball
-umkreisen. Es war also auch eine Erdumsegelung geplant, welche der
-Admiral um so eher auszuführen hoffte, weil er nach den auf der ersten
-Reise gemachten Beobachtungen überzeugt war, die Erde sei nicht so
-groß, als die Astronomen und Kosmographen behaupteten.
-
-Am 25. September 1493 brach die Flotte von der Bucht von Cadix auf
-und steuerte zunächst nach den Canarischen Inseln. Wir besitzen über
-diese Expedition den Bericht eines Augenzeugen, des Doctor Chanca aus
-Sevilla, welcher als Arzt die Fahrt mitmachte und in objectiver Weise
-seine Beobachtungen aufgezeichnet hat.[235]
-
-Am 2. October erreichte die Flotte Gran Canaria und mußte hier und
-später auch in Gomera einlaufen, weil eines der Schiffe leck geworden
-war und ausgebessert werden mußte. Erst am 13. October stach man von
-Ferro aus in See, durchschnitt in 20 Tagen den atlantischen Ocean,
-wobei Columbus einen südlicheren Weg einschlug, als auf der ersten
-Fahrt.
-
-Am 3. November, am ersten Sonntage nach Allerheiligen, entdeckte man,
-unter dem allgemeinen Jubel des Schiffsvolks, das erste Land. Die
-Piloten schätzten die Entfernung von Ferro auf 780 bis 800 Leguas.
-Rechts neben der ersten Insel wurde noch eine andere sichtbar. Jene
-war hoch und gebirgig, diese flach, aber dicht bewaldet. Als es
-heller Tag wurde, erschienen auf beiden Seiten noch andere Inseln.
-Die zuerst gesehene erhielt den Namen +Dominica+. Dieselbe liegt in
-der Mitte der Reihe der kleinen Antillen, zwischen 15 und 16° n. Br.
-Columbus erreichte also auf dieser Fahrt die westindischen Inseln an
-einem Punkte, welcher 8 bis 9 Breitengrade südlicher lag, als bei
-seiner ersten Unternehmung. Dominica bot aber keinen Hafen, und so
-steuerte die Flotte nach der zweiten nördlicheren Insel, welche nach
-dem Admiralschiffe den Namen +Maria galante+ erhielt. Hier stieg
-der Flottenführer ans Land und nahm, mit dem spanischen Banner in
-der Hand, von der Insel Besitz. Dieselbe schien aber unbewohnt. Der
-nächste Tag führte die Entdecker nach der Doppelinsel +Guadalupe+.
-Einem Versprechen zufolge, welches Columbus den Mönchen des Klosters
-von Guadalupe in Estremadura gegeben, erhielt die Insel den neuen
-Namen. Von der See aus bot sie einen großartigen Anblick dar: vom
-hohen Gebirge stürzte sich ein prachtvoller Wasserfall ins Thal herab.
-Die Landung erfolgte bei mehreren verlassenen Hütten, in denen man
-Lebensmittel und viel, zum Theil verarbeitete Baumwolle fand, aber
-auch Menschenknochen. Die Insel war also von Menschenfressern bewohnt.
-„Menschenfleisch ist ihr bestes Essen, Knaben werden verschnitten und
-zu Festmahlen aufgemästet.“ Von einzelnen gefangenen Insulanern erfuhr
-man, daß die Bewohner Cariben hießen. Man deutete den Namen auf Canib
-und dachte sich die Leute als Unterthanen des Großchanes, nach dessen
-Lande man suchte. So entstand durch Misverständniß und falsche Deutung
-bald die Bezeichnung der Canibalen für die wilden Stämme, welche ihre
-Mitmenschen verzehrten. Bei dem Verkehr mit den Indianern leisteten
-die auf der ersten Entdeckungsreise entführten Bahama-Insulaner
-als Dolmetscher wesentliche Dienste. Leider waren von den sieben
-Mitgenommenen nur noch zwei am Leben geblieben. Die Canibalen zeigten
-offenbar eine höhere Entwicklung als die an Hilfsmitteln armen
-Bahama-Indianer und verstanden auch bessere Häuser zu bauen. Die
-einheimischen Freien und die von andern Inseln weggefangenen und zu
-Sklavinnen gemachten Weiber unterschieden sich durch Bänder von
-gewebter Baumwolle, welche am Knie und Fußgelenke getragen wurden. Die
-Sklavinnen ließen sich von den Fremdlingen leicht gefangen nehmen, oder
-kamen auch wohl aus freien Stücken zu den Schiffen. Von ihnen erfuhr
-man auch, daß die weiterhin entdeckte Insel +Monserrat+ durch die
-Cariben erst entvölkert worden sei. Sodann gelangte man zu den Inseln
-+Sa. Maria la Redonda, Sa. Maria la Antigua, San Martin+. Sie erhielten
-ihre Namen nach den spanischen Kirchen, in denen man besondere Gelübde
-gethan hatte. Dann folgte am 15. November die Entdeckung von +Sa. Cruz,
-Sa. Ursula+ und +der 11,000 Jungfrauen+, und endlich tauchte die schöne
-und fruchtbare Insel +Puerto rico+, die östlichste der großen Antillen,
-vor den Augen der Entdecker auf. Die Eingebornen nannten sie Burequen
-oder Burenquen,[236] der von Columbus zuerst gegebene Name „San Juan
-Bautista“ fand nicht lange Verbreitung. Hier lebten keine Cariben mehr.
-
-Von dieser Insel aus erreichte das Geschwader am 22. Nov. die Insel
-Hispaniola; derjenige Theil der Küste, wo man zuerst landete, hieß
-Haiti. Aber man verweilte nicht lange, sondern strebte der Ansiedlung
-Navidad zu, welche man nach der Meinung des Admirals in blühendem
-Zustande und vielleicht auch schon im Besitz reichlichen Goldes,
-welches von den Indianern so leicht zu erlangen war, anzutreffen
-wähnte. Aber es sollte bald eine furchtbare Enttäuschung eintreten.
-Das Vorspiel dazu bot sich ihnen im Hafen von Monte Christi, 12 Meilen
-von Navidad, dar. Zuerst fand man zwei Leichen nicht weit vom Strande
-im hohen Grase, unbekleidet und bereits unkenntlich geworden; von
-denen trug die eine noch einen Strick um den Hals, die andere um die
-Füße. Am zweiten Tage wurden noch zwei Leichen entdeckt, von denen
-eine durch ihren großen Bart auffiel; ein sehr verdächtiges Zeichen,
-weil die Insulaner sämmtlich bartlos waren. Am Abend des 27. November,
-kurz vor Mitternacht, kam die Flotte vor Navidad an, aber wegen den
-Klippen blieb man die Nacht auf See und landete erst am folgenden
-Morgen. Der Admiral ließ zwei Kanonen lösen, um seine Ankunft zu melden
-und wartete in höchster Spannung auf Antwort. Aber alles blieb still.
-Statt, wie man gehofft hatte, eine fröhliche, jubelnde Menge sich am
-Strande versammeln zu sehen, ließ sich in der Nähe des Hafens nur
-ein einsamer, indianischer Nachen sehen. Bange Ahnung erfüllte das
-Schiffsvolk. Endlich kam das Boot näher und fragte nach dem Admiral.
-Die Indianer brachten zwei goldene Masken als Geschenk ihres Königs
-mit und erwiderten auf die Fragen nach den zurückgebliebenen Spaniern
-in zurückhaltender, dunkler Weise: diejenigen, welche im Kastelle
-geblieben seien, befänden sich wohl. Einige seien an Krankheiten
-gestorben, andere in einem unter ihnen ausgebrochenen Streite
-erschlagen worden. Ihr Land, berichteten die Indianer ferner, sei von
-zwei Fürsten, Caonabo und Mayreni überfallen und verheert, die Hütten
-niedergebrannt. Ihr König Guacamari[237] sei im Kampfe verwundet und
-habe daher nicht kommen können.
-
-Das hölzerne Kastell in Navidad war bis auf den Grund niedergebrannt,
-man sollte danach wohl annehmen, es sei von feindlicher Hand
-vernichtet. Aber auffällig blieb, daß die Indianer in der Nähe sich
-gegen früher sehr scheu zeigten. Nur mit Mühe wußte man einige zu
-bewegen, an Bord zu kommen. Hier gestanden sie nun, daß die Spanier
-sämmtlich todt seien. Aber man fand in der nächsten Umgebung von
-Navidad keine Leiche. Man durchstreifte nun weiterhin das Land und
-entdeckte zunächst in einem kleinen aus 7 oder 8 Hütten bestehenden
-Dorfe, deren Insassen geflohen waren, mancherlei Gegenstände,
-namentlich Kleidungsstücke, welche den Spaniern gehört hatten. Nach
-der Stätte der Festung zurückgekehrt, zeigten die inzwischen bereits
-dreister gewordenen Indianer die Stellen, wo man von hohem Grase
-überwuchert, die Leichen von eilf Spaniern fand. Dann suchte der
-Admiral in stärkerer Begleitung den anscheinend kranken Guacanagari
-auf. Derselbe lag, mit verbundenem Bein, ausgestreckt auf einem Lager,
-das nach Landesart aus einem von starken Baumwollfäden gefertigten
-Netzwerk bestand, welches an beiden Enden an die Pfosten der Hütte
-befestigt war. Es ist die erste Erwähnung der Hängematte. Der König
-beklagte thränenden Auges den Tod der Spanier. Einige seien an
-Krankheiten gestorben, andere auf einem beabsichtigten Beutezuge nach
-den Goldminen im Gebiete Caonabos erschlagen, der Rest in der Citadelle
-angegriffen und bei der Vertheidigung gefallen. Der begleitende Arzt,
-Doktor Chanca, welcher über diese Vorfälle ausführlich berichtet
-hat,[238] erbot sich, den Verwundeten zu heilen. Dieser schien gerne
-dazu bereit; da es aber in der Hütte zu dunkel war, um die Wunde
-untersuchen zu können, so mußte er seine Lagerstelle verlassen. Mehr
-aus Furcht vor den Spaniern, als aus Neigung begab er sich, auf
-den Admiral gestützt, ins Freie. Er wollte durch einen Steinwurf
-empfindlich getroffen sein. Als der Verband entfernt war, war keine
-Verletzung zu bemerken, trotzdem klagte der Indianer über heftigen
-Schmerz. Unbekannt mit dem wahren Verlauf der betrübenden Katastrophe,
-konnte Columbus nicht zu einem entscheidenden Schritte bewogen werden.
-Mehrere seiner Begleiter glaubten entschieden an die Mitschuld
-Guacanagari und riethen deshalb dem Admiral, den Fürsten gefangen zu
-nehmen. Aber Columbus lehnte dieses trotz mancherlei Verdachtsgründe
-ab. Er suchte so lange wie möglich mit den Eingebornen in Frieden
-zu leben. Auf seinen Plan, die niedergebrannte Festung wieder zu
-errichten, wollte Guacanagari keine zustimmende Meinung äußern, er
-wies vielmehr, und wohl auch mit Recht, auf die ungesunde Lage des
-Platzes hin. So entschloß sich denn Columbus, eine geeignetere Stelle
-auszusuchen; aber man suchte lange vergeblich nach einer günstigen
-Oertlichkeit. Man steuerte an der Küste zurück und kämpfte dabei
-mühsam gegen Wind und Wetter. So vergingen drei Monate, ehe man 10
-Leguas östlich von Monte Christi den Fuß ans Land setzte und hier sich
-zu befestigen beschloß. Die neue Burg erhielt den Namen Isabella.
-Daneben wurde der Plan zu einer Stadt entworfen, in welcher die
-Hauptgebäude aus Stein errichtet werden sollten. Jetzt finden sich nur
-noch einige Trümmer dieser Anlagen, alles ist mit Wald bedeckt; denn
-es zeigte sich bald, daß auch dieser Platz ein ungesundes Klima hatte,
-welches den dritten Theil der neuen Ankömmlinge aufs Krankenlager warf.
-Selbst der Admiral blieb nicht verschont und konnte in Folge dessen ein
-Vierteljahr lang sein Tagebuch nicht fortführen.
-
-Von der Willfährigkeit der Indianer äußerte Chanca:[239] „Ich glaube,
-wenn wir mit dem Volke sprechen könnten, würde man es leicht bekehren
-können, denn sie machen alles nach, beugen die Knie vor den Altären
-und machen bei dem Ave Maria sowie bei den anderen Ceremonien das
-Zeichen des Kreuzes. Sie sind zwar Götzendiener, denn man findet in
-allen Hütten Götzenbilder; aber sie wünschen Christen zu werden.“ Die
-Gegend schien reich an werthvollen Produkten, man glaubte mancherlei
-Gewürze, Zimmt und Muskatnüsse entdeckt zu haben und sammelte Wachs
-und Baumwolle. Besonders aber lockte die Kunde von Goldfeldern, welche
-im Innern der Insel, 25 bis 30 Leguas von der Küste entfernt, in einer
-Landschaft, Namens Cibao, liegen sollten. Im Januar 1494 machte sich
-der muthige Alonso Hojeda mit 15 Begleitern auf den Weg, kam nach 7
-Tagen ans Ziel und brachte als besten Beleg für den Erfolg seines
-Streifzuges aus den Bächen gesammelten Goldsand mit.
-
-Nachdem Columbus am 2. Februar sodann 12 Schiffe unter Antonio de
-Torres nach Spanien zurückgeschickt hatte, theils um die Kranken
-heimzubringen, welche bei dem zunehmenden Mangel an guten Lebensmitteln
-sich nicht erholen konnten und der Colonie zur Last fielen, theils um
-den spanischen Majestäten einen Bericht über den Verlauf seiner Reise
-zu überreichen, brach er selbst mit einer größeren Schar nach dem
-Goldlande auf. Mit kriegerischer Musik und mit fliegenden Fahnen zog
-er durch die Dörfer, erreichte am 16. März das Bergland von Cibao und
-ließ dort zum Schutze für die Goldgräber aus Holz und Erde ein festes
-Haus anlegen, in welchem eine Besatzung von 56 Mann unter dem Befehle
-des Pedro Margarita zurückblieb. Columbus kehrte dann wieder nach
-Isabella zurück. Er war der Ueberzeugung, das Ophir Salomos gefunden zu
-haben.[240] Den unerwartet reichen Goldfund bestätigt auch Chanca am
-Ende seines Berichtes. „Seit Anfang der Welt ist kein solches Wunder
-gesehen oder davon gelesen. Man wird Gold in solcher Menge mitbringen,
-daß man staunen soll. Man mag mich vielleicht für einen Schwärmer
-halten; aber Gott ist mein Zeuge, daß ich auch nicht im mindesten
-übertreibe.“
-
-Dann schickte sich Columbus an, nachdem er von den wiederholten
-Fieberanfällen genesen war, den Plan seiner ersten Reise wieder
-aufzunehmen und den Weg nach Katai zu vollenden. In der Niederlassung
-ließ er seinen Bruder Diego als Statthalter zurück und lichtete am 24.
-April die Anker, um zunächst nach Cuba zu segeln. Am folgenden Tage
-erreichte er mit seinen drei Schiffen Niña, S. Juan und Cardera die
-Insel Tortuga und steuerte am 29. April von der Nordwestspitze Haitis,
-von dem Cap S. Nicolas, nach der Südküste Cubas hinüber.
-
-Während Columbus an dieser Küste entlang fuhr, näherten sich ihm
-die Indianer zutraulich in ihren Böten und brachten Früchte,
-Fische, Wasser, oder luden ihn ein ans Gestade zu kommen und ihre
-Gastfreundschaft anzunehmen. Wenn sie nach Gold befragt wurden, wiesen
-sie in der Regel nach Süden. Ihrem Fingerzeige folgte der Admiral,
-verließ am 3. Mai das Gestade von Cuba und steuerte nach Südwesten.
-Am 2. Tage erreichte er die Mitte der Nordküste +Jamaicas+, deren
-landschaftliche Schönheit ihn über alles entzückte, so daß er sie nur
-mit den Wohnungen der Seligen vergleichen zu können meinte, und nannte
-die Gegend daher Santa Gloria und den zuerst gefundenen Hafen Santa
-Anna. Da er aber zur Ausbesserung seines leck gewordenen Hauptschiffes
-einen günstigeren Ankerplatz wählen wollte, richtete er den Lauf
-seiner Schiffe wieder nach Westen bis zum Hafen, der noch heute
-Puerto bueno heißt. Die Insulaner zeigten sich weit kriegerischer als
-auf Cuba, umschwärmten in ihren Kähnen unter wildem Geschrei seine
-Schiffe, schossen ihre Pfeile ab und schienen eine beabsichtigte
-Landung ernstlich hindern zu wollen. Aber man vertrieb die Indianer
-leicht durch einige Schüsse, ganz besonders aber dadurch, daß man
-große Bluthunde auf sie hetzte. Als die Einwohner, welche vor solchen
-unbekannten Angriffswaffen zurückwichen, in den folgenden Tagen
-sich wieder ermannten und allmählich näherten, zeigten sie sich in
-ihrer Haltung wesentlich verändert, sie begannen sogar den üblichen
-Tauschhandel mit den Spaniern. Man bemerkte mit Vergnügen, daß sie
-in manchen Dingen sich weiter entwickelt zeigten als auf Cuba, ihre
-großen, bis zu 96 Fuß langen und 8 Fuß breiten, aus einem Stamm
-gefertigten Kriegsböte waren an beiden Enden mit Schnitzwerk hübsch
-verziert; aber, was man vor allem bei ihnen suchte, Gold, war nirgends
-zu finden. Darum verließ Columbus, nachdem sein Schiff wieder in Stand
-gesetzt war, die Insel, der er den Namen Santiago gab, und kehrte,
-nordwärts steuernd, wieder nach Cuba zurück. Vom Cap Santa Cruz, wo
-das Gebirge an der Südostküste jener Insel endigt, drang er in das
-Labyrinth von Klippen und kleinen zum Theil grünbewachsenen Inseln
-ein, welche den größten Theil der Südküste Cubas umsäumen. In diesem
-„+Garten der Königin+“, wie Columbus diesen Theil Westindiens nannte,
-hatte er, unter täglich wiederkehrenden Gewittern mit tausend Gefahren
-zu kämpfen und mußte die äußerste Wachsamkeit üben, um seine Fahrzeuge
-sicher hindurchzuführen. Die unzähligen kahlen Korallenbänke und grünen
-Eilande, die er um sich sah, hielt er für jenen Archipel, welcher nach
-Marco Polos Erkundigungen östlich von Cim (China) liegen und über 7000
-Inseln umfassen sollte.[241] Von diesem wunderbaren Inselgarten erzählt
-auch eine Inschrift auf dem Globus Behaims, westlich von Cipango, also
-in jener Weltgegend, wo sich Columbus bereits zu befinden glaubte. Er
-athmete ja auch die Wohlgerüche, die von den mancherlei Gewürzbäumen
-und prächtigen Blumen übers Wasser zu ihm herüberwehten.
-
-In Kreuz- und Querfahrten, bald nach Norden, bald nach Westen steuernd,
-tastete der Admiral in dem gefährlichen Wundergarten weiter, ohne die
-Küste von Cuba aus dem Gesicht zu verlieren. Unzählige buntfarbige
-Fische tummelten sich in den klaren Gewässern, die Muscheln umschlossen
-kostbare Perlen, das Meer wimmelte von großen Schildkröten.[242] In
-seiner Meinung, in Cuba bereits das Festland von Asien erreicht zu
-haben, wurde er von neuem durch die falsche Deutung eines Namens
-bestärkt, als er von den Eingeborenen erfuhr, daß weiter im Westen
-ein großer Fürst namens Magon wohne. Magon und Mango waren identisch,
-und Mango war der König von Mangî (China). Er gelangte endlich zu der
-größern Insel de Pinos, nahe dem Westende Cubas. Auf Befragen hatten
-die Cubaner erklärt, daß man die Grenzen ihres Landes nicht kenne,
-er könne wohl noch 20 Tage weiter fahren, ehe er das Ende erreiche.
-Nach seiner Berechnung war er bereits 335 Leguas an diesem großen
-Lande entlang gesegelt,[243] welches er mit größter Bestimmtheit für
-den Anfang Indiens erklärte. Er wähnte, nur noch 2 Sonnenstunden
-(also 30 Meridiangrade) von dem goldenen Chersones -- mit diesem
-Namen bezeichnete man seit dem Alterthum die Halbinsel Malaka in
-Hinter-Indien -- entfernt zu sein.[244] So schmal dachte er sich
-den noch völlig unbekannten, noch nie betretenen Abschnitt auf dem
-Erdball. Als er dann der Insel de Pinos gegenüber die Küste Cubas
-sich nach Süden wenden sah, war auch der letzte Zweifel gehoben: denn
-die asiatische Küste lief nun, nach seiner Meinung, in südöstlicher
-Richtung bis zum goldenen Chersones weiter. Bei der Insel Evangelista,
-denn so nannte er die Isla de Pinos, nahm er neue Vorräthe an Wasser
-und Lebensmitteln ein. Wäre er nur noch einen oder höchstens zwei Tage
-weiter gesegelt, so hätte er das Ende des vermeintlichen Continentes
-erreicht. Schon von der Höhe des Mastes aus hätte man das freie Meer
-westlich vom Cap S. Antonio sehen können. Leider nöthigte ihn der
-üble Zustand seiner Schiffe zur Umkehr, so daß er die eigentlich
-beabsichtigte Fahrt um Indien, wodurch er eine erstmalige Erdumsegelung
-zu beschließen hoffte, aufgeben mußte. Aber er nöthigte auch noch
-die gesammte Mannschaft, ein von dem Schreiber Fernan Perez de Luna
-aufgesetztes Protokoll zu unterzeichnen, in welchem sie sich alle bei
-schwerer Ahndung zu der verkehrten Ansicht ihres Admirals bekennen
-mußten, daß man die Provinz Mango vor sich habe.[245] Das geschah am
-12. Juni 1494.
-
-Dann wandte sich Columbus wieder nach Osten. Bei ungünstigem Wetter
-legten die Schiffe den gefährlichen Weg noch einmal unter steten
-Sorgen zurück. Am 6. Juli gerieth die Niña auf den Strand, wurde
-zwar mit großer Anstrengung wieder flott gemacht, war aber dabei
-dermaßen beschädigt, daß man, behufs der Ausbesserung, in der Bucht
-bei Cap S. Cruz landen mußte. Erst nach 10 Tagen konnte die Fahrt
-weiter fortgesetzt werden. Am 8. Juli wurde das Cap S. Cruz dublirt
-und am 20. Juli ging Columbus nach Jamaica hinüber, um diese Insel
-auch auf der Südseite zu erforschen. Das Land entzückte durch seine
-Schönheit und Fruchtbarkeit. Von der Menge seiner Bewohner zeugten
-die zahlreichen Dörfer an der Küste. Auch hier mit widrigen Winden
-kämpfend, gelangten die Schiffe erst am 19. August an die Ostspitze
-Jamaicas (das heutige Cap Morante). Am folgenden Tage sah man eine neue
-Küste vor sich aufsteigen. Das nächste Vorgebirge erhielt den Namen S.
-Michael (jetzt Cap Tiburon); es war die Westspitze von Haiti erreicht.
-Gewißheit darüber, daß man die Insel ihrer Niederlassung glücklich
-wieder gefunden, gewann man erst am zweiten Tage, als einige Indianer
-am Strande den Seefahrern außer einigen spanischen Ausdrücken auch das
-Wort „Almirante“ zuriefen.
-
-Bald darauf jagte ein Sturm das kleine Geschwader auseinander, doch
-fanden sich die Fahrzeuge nach sechs Tagen glücklich wieder zusammen,
-segelten nach der kleinen Insel Beata weiter, welche mitten vor der
-Südseite Haitis liegt, entdeckten die reizende Bucht an der Mündung des
-Neivaflusses und empfingen hier von den Eingebornen die frohe Kunde,
-daß neue Schiffe von Spanien bei der Colonie angelangt seien. Um seine
-bevorstehende Ankunft zu melden, sandte Columbus neun Mann mitten durch
-die Insel nach seinem Blockhause S. Thomas und setzte dann seine Fahrt
-weiter fort. Die Schiffe wurden durch Sturm und Unwetter von einander
-getrennt. Der Admiral selbst, der aus gewissen Anzeichen den Ausbruch
-desselben vorhergesehen, brachte sein gebrechliches Fahrzeug noch bei
-Zeiten in den geschützten Canal, welcher von der Insel Saona (nahe
-der Südostecke Haitis) und der Hauptinsel gebildet wird. Aus einer
-Mondfinsterniß, welche er hier beobachten konnte (14./15. September),
-berechnete er den Abstand von Cadiz bis Saona auf fünf Stunden 23
-Minuten[246] (oder 80° 45′). Nach Ablauf einer bangen Woche konnten
-sich die drei Schiffe wieder vereinigen. Zwar beabsichtigte der
-Admiral noch weiter nach Osten zu gehen, Puertorico und die kleinen
-Antillen vollständig zu entdecken und zugleich die unbändigen Cariben
-zu züchtigen, allein als er die kleine zwischen Haiti und Puertorico
-gelegene Insel Mona am 24. September erreicht hatte, brach seine Kraft
-zusammen. Die übermenschlichen Anstrengungen, die steten Aufregungen
-der gefahrvollen Reise, (er hatte 32 Nächte nicht geschlafen) hatten
-seine Energie übermannt. Er brach zusammen und verfiel in eine
-tiefe, einer Ohnmacht ähnliche Schlafsucht. Alle weiteren Pläne
-wurden aufgegeben und noch zweifelnd, ob sie ihren Admiral am Leben
-erhalten könnten, richteten die Piloten den Lauf der Schiffe gegen
-Nordwesten und segelten nach Isabella, wo sie am 29. September
-anlangten. Hier erholte sich Columbus bald wieder unter entsprechender
-Pflege und konnte nun mit Befriedigung die Resultate seiner zweiten
-Entdeckungsfahrt überblicken, auf welcher ein Gesammtbild von den vier
-großen Antillen gewonnen war, von denen Haiti und Jamaica vollständig,
-Cuba fast ganz umsegelt worden war. Wäre er hier nicht durch seine
-kosmographischen Autoritäten irregeleitet und wie in einem Zauberbanne
-gefangen, welcher ihn die Inselnatur Cubas nicht erkennen ließ; so
-hätte er seine weiteren Entdeckungen an jenem Westende der Insel wieder
-aufnehmen müssen, und wäre vielleicht schon nach dem Goldlande Mexiko
-gelangt. So aber traute er den Angaben der Indianer zu sehr, welche ihn
-bei allen Fragen nach Gold immer nach Süden wiesen, und suchte darum
-auf seiner dritten Reise einen südlichern Weg schon über den Ocean
-einzuschlagen.
-
-In seiner Colonie fand Columbus eine unerwartete, aber sehr willkommene
-Stütze an seinem Bruder Bartholomäus. Derselbe war schon vor Beginn
-der ersten Reise in seines Bruders Auftrage nach England gegangen, um
-dem britischen Könige Vorschläge behufs einer Fahrt nach Indien zu
-machen, und war 1493, ehe ihm selbst sichere Kunde von dem Erfolge
-seines Bruders zugekommen war, von dem Könige Heinrich, welcher directe
-Nachricht von der Entdeckung der neuen Welt erhalten hatte, mit dem
-Versprechen entlassen, die Pläne des Christoph Columbus unterstützen
-zu wollen. Bartholomäus eilte über Frankreich nach Spanien, wo er, für
-den ihm in England gewordenen Auftrag allerdings zu spät, eintraf, aber
-doch bei Hofe sehr wohlwollend aufgenommen wurde und durch sein festes
-männliches Auftreten, durch seine gewandte Rede und seine nautischen
-Fertigkeiten sich bald einen günstigen Boden bereitete. Man ertheilte
-ihm den Titel eines „Don“ und übergab ihm die Führung dreier Schiffe,
-welche, mit den von dem Admiral erbetenen Vorräthen und Hilfsmitteln
-versehen, nach Haiti abgehen sollten. Columbus erhielt zugleich
-Nachricht von dem mit Portugal abgeschlossenen Theilungsvertrage und
-fand in dem Briefe der Monarchen vollständige Zustimmung zu den bisher
-von ihm getroffenen Maßnahmen. Auch noch andere in demselben Jahre 1494
-einlaufende Briefe ließen in schmeichelhafter Weise die ungeminderte
-Gunst des Hofes erkennen. Aber neben diesen erfreulichen Zeichen seiner
-wachsenden Macht fand der Vicekönig von Indien unter den Spaniern
-Mißstimmung, Unzufriedenheit, Aufruhr. Der Geistliche Boïl, dem man
-das Seelenheil der Indianer anvertraut, war seines mühevollen Amtes
-überdrüssig geworden, der Anführer der Truppen, Margarit, der sich den
-Anordnungen des vom Admiral eingesetzten Statthalters nicht gefügt
-hatte: beide verließen auf den Schiffen, mit denen Don Bartolome Colon
-gekommen war, die Ansiedlung und kehrten nach Spanien zurück. Unter den
-spanischen Truppen war die Manneszucht in bedenklicher Weise gelockert.
-„Margarit,“ sagt Muñoz,[247] „brachte unter unsere Leute die Pest der
-Zwietracht und veranlaßte bei den Indianern einen tödtlichen Abscheu
-gegen den spanischen Namen. Er hielt das Kriegsvolk beständig in der
-angebautesten und wohlversehensten Gegend der Vega-Real (Königsgau), wo
-es schwelgen und sich alle Freiheit erlauben durfte.“ Dieser Uebermuth
-der Soldateska trieb die Indianer aus ihrer Schlaffheit auf, die
-bedeutendsten und mächtigsten Häuptlinge der Insel traten zu einem
-Bunde zusammen, um die fremden Eindringlinge zu vernichten. An der
-Spitze der Verschwörung stand Caonabo. Diesen gefährlichsten Gegner zu
-beseitigen, übernahm der verwegene Alonso Hojeda, welcher mit einer
-Handvoll unternehmender Gesellen den feindlichen Caziken aufsuchte
-und unter der Vorspiegelung besonderer Auszeichnung zu bereden wußte,
-sich mit glänzenden Handfesseln schmücken zu lassen, an denen kleine
-Glöckchen, woran die Indianer ganz besonders Gefallen fanden, befestigt
-waren. Der auf solche Weise bereits halbgefangene Häuptling mußte
-sich dann zu Hojeda auf sein Roß setzen, um dergestalt, mit den neuen
-Abzeichen eines hohen Ranges geschmückt, in der Mitte seines Volkes zu
-erscheinen. Statt aber in das Dorf, wie versprochen war, einzureiten,
-jagte Hojeda mit seinem Gefangenen der Küste zu; die Indianer aber
-wurden durch das kühne Auftreten des spanischen Ritters und durch
-das ihnen unbekannte Roß so in Schrecken gesetzt, daß sie zu spät an
-die Befreiung ihres Herren dachten. Hojeda kam glücklich, wenn auch
-erschöpft und halbverhungert, mit seinem Gefangenen in Isabella an, wo
-er den Caziken in die Burg ablieferte. Caonabo blieb hier, sorgfältig
-bewacht, bis er von Columbus selbst auf seiner Rückreise mit nach
-Spanien genommen wurde; aber er starb auf der See.
-
-Der Admiral sah sich aus verschiedenen Ursachen bewogen, im Frühjahr
-1496 nach Spanien zurückzukehren. Zwar war von Seiten der Regierung
-ein strenges Verbot ergangen, welches allen privaten Handel mit der
-neuen Colonie untersagte, daneben war es aber jedem Spanier gestattet,
-dahin auszuwandern, und überdies durften Handelsschiffe zur Aufsuchung
-neuer Länder über den Ocean und überall, ausgenommen in Haiti, Handel
-treiben. Dadurch wurde offenbar das dem Entdecker der neuen Welt
-gegebene Privilegium verletzt. Columbus wollte daher seine Gerechtsame
-persönlich wieder in Erinnerung bringen, außerdem aber den Anfeindungen
-und Verleumdungen, welche bereits gegen ihn und seine Verwaltung laut
-wurden, entgegen treten. Bei dieser Gelegenheit sollten auch mehr als
-200 Colonisten, welche dem Lande zur Last lagen und auf Staatskosten
-erhalten werden mußten, zurück gebracht werden. So verließ denn der
-Admiral, nachdem er die Verwaltung der Insel seinem Bruder Bartolome
-als Adelantado übertragen hatte, am 10. März 1496 mit zwei Schiffen,
-225 Spaniern und 30 Indianern Haiti, steuerte durch die Reihe der
-kleinen Antillen, berührte Guadalupe und langte am 11. Juni in Cadiz an.
-
-
-10. Die dritte Reise des Columbus und die Entdeckung Südamerikas.
-
-Wiederum zog der Entdecker, wie bei seiner Rückkehr von der ersten
-Fahrt, mit prunkendem Gefolge durch Spanien an den Königshof. Die
-vornehmsten Indianer wurden mit goldenem Schmuck behängt, den sie
-recht augenfällig zur Schau tragen mußten. Andere zeigten Gewürze und
-feine Hölzer. Dadurch sollte der Glaube an den Reichthum der neuen
-Länder wieder aufgefrischt und beim Volke verbreitet werden. Durch
-die Sicherheit seines Auftretens wußte er selbst seiner Behauptung,
-in Haiti das Ophir Salomos gefunden zu haben, Eingang zu verschaffen.
-Zwar waren die Zeitverhältnisse seinen weiteren Plänen wenig günstig,
-denn einerseits war Aragonien mit Frankreich in Krieg verwickelt und
-alle verfügbaren Mittel und Kräfte des Landes wurden gesammelt, um
-das Königreich Neapel den Franzosen wieder zu entreißen, andererseits
-war die große Gönnerin des Columbus, die Königin Isabella, durch
-Familienangelegenheiten, durch die bevorstehende Vermählung ihrer
-Kinder, des Infanten Don Juan und der Infantin Dona Juana mit den
-Kindern des Kaisers Maximilian, dem Erzherzog Philipp und der
-Prinzessin Margarethe von Oesterreich, vollständig in Anspruch
-genommen. Trotzdem fanden die spanischen Monarchen noch Gelegenheit,
-den Bericht des Admirals anzuhören und ihm die wiederholte Versicherung
-ihrer Gunst auszusprechen. Wenn somit auch nicht sofort zur Ausrüstung
-eines neuen Geschwaders verschritten werden konnte, so fand Columbus
-doch Gelegenheit, sich seine Privilegien von neuem bestätigen und die
-Rechte eines Admirals neu verbriefen zu lassen. Auch die eigenmächtig
-vorgenommene Ernennung seines Bruders Bartolome zum Statthalter
-(~adelantado~) wurde nachträglich bestätigt. Eine neue Verzögerung
-erlitt die Vorbereitung zur dritten Reise durch den unerwarteten Tod
-des spanischen Thronerben Don Juan, am 4. October 1497. Die bereits
-für die indischen Unternehmungen bewilligten Gelder mußten für den
-französischen Krieg verausgabt werden, so daß erst im Januar 1498
-zwei Schiffe mit Vorräthen nach Haiti, zur Versorgung der Colonie,
-vorausgesendet werden konnten. Die fortdauernden Störungen seines
-Planes, die in einflußreichen Kreisen offen zu Tage tretende Misgunst
-gegen seine kostspieligen Unternehmungen lasteten schwer auf dem
-ungeduldig harrenden Admiral und verstimmten ihn tief. Da für eine
-neue, auf der Südseite der Insel anzulegende Colonie sich nur mit Mühe
-eine hinlängliche Anzahl von Auswanderern freiwillig aufbringen ließ,
-so verfiel Columbus auf den gefährlichen Gedanken, sein indisches
-Reich mit Sträflingen zu bevölkern. Die spanischen Gerichte erhielten
-die Anweisung, alle Verbrecher, welche mit Verbannung bestraft
-werden mußten, nach Indien zu verweisen. Auch die portugiesische
-Regierung hatte bei den Fahrten Gamas und seiner Nachfolger zu dem
-Mittel gegriffen, einige Verbrecher zur Ausführung lebensgefährlicher
-Unternehmungen, Kundschaften und dergleichen mit an Bord zu senden;
-Columbus ging aber in seinem Plane weiter, und machte die Verbrecher zu
-Colonisten, welche in der jungen, nur mühsam zu erhaltenden Ansiedlung
-die Elemente der Unzufriedenheit und Gährung verstärkten. Dazu kam der
-immer mehr zu Tage tretende Zwiespalt des Admirals mit dem Bischof
-Fonseca als dem Leiter des indischen Amts, welcher sich den zu hohen
-Anforderungen des Columbus überall widersetzte. In Folge dieser
-Misstände und des Miskredits, dem die indischen Angelegenheiten bereits
-unterlagen, konnte Columbus erst am 30. Mai 1498 die Rhede von San
-Lucar de Barrameda an der Mündung des Guadalquivir mit sechs Schiffen
-verlassen und in See gehen.
-
-Um französischen Kaperschiffen, welche ihm vom Cap S. Vicente aus
-den Weg verlegen wollten, auszuweichen, steuerte der Admiral auf
-einem Umwege nach Madeira, wo er sich sechs Tage aufhielt, und dann
-weiter nach den Canarien. Auf der Höhe der Insel Ferro entsandte
-er drei Schiffe direct nach Haiti und gebot ihnen denselben Cours
-einzuschlagen, welchen er 1493 genommen hatte, und an der Küste
-Hispaniolas entlang zu seiner Colonie zu segeln, um derselben neue
-Hilfsmittel zuzuführen. Er selbst ging weiter gegen Südwesten nach den
-Capverden, indem er ein größeres Schiff und zwei Caravelen bei sich
-behielt. Seine Absicht war, die heiße Zone aufzusuchen und in der Nähe
-des Aequator über das Weltmeer nach Westen zu steuern, denn hier hoffte
-er die kostbarsten Produkte zu finden. In dem allgemeinen Glauben der
-Zeit, daß nur die heiße Zone neben den schwarzhäutigen Bewohnern auch
-die edelsten Erzeugnisse hervorbringe, wurde er durch die Mittheilungen
-eines angesehenen Seemanns bestärkt, welcher auf Anregung der Monarchen
-ihm seine Gedanken darüber in einem schmeichelhaften Briefe[248]
-mittheilte. Moisen Jaime Ferrer aus Blanes, einem catalonischen
-Hafenorte nordöstlich von Barcelona, huldigte in seinem Schreiben
-den überschwenglichen Vorstellungen, welche der Admiral von seiner
-Sendung selbst hatte. Er nannte die Entdeckungsfahrt mehr göttlich
-als menschlich, bezeichnete den Führer als einen Abgesandten Gottes,
-welcher ausersehen sei, in den unbekannten Westen das Christenthum
-zu tragen, wie einst der heilige Apostel Thomas nach dem Osten,
-nach Indien gezogen sei. Er sprach dabei die Hoffnung aus, daß sein
-Unternehmen zur Ehre Gottes und zu Nutz und Frommen der ganzen
-Christenheit, besonders Spaniens gedeihen werde und behauptete, daß
-nach allen seinen Erkundigungen, welche er in Syrien und Aegypten bei
-den Händlern über die Herkunft der werthvollsten Produkte eingezogen
-habe, Edelsteine, Gold, Gewürze und Droguen größtentheils aus der
-heißen Zone stammten, und daß Columbus diese Dinge nur dort erst in
-Ueberfluß antreffen werde, wo die Menschen schwarz oder dunkelhäutig
-wären.
-
-Diese Ideen waren für den Admiral maßgebend, und er machte sie sich
-dergestalt zu eigen, daß er aus ihnen wiederum als aus unanfechtbaren
-Lehrsätzen seine seltsamen kosmographischen Folgerungen zog. Wir
-besitzen von Columbus selbst einen ausführlichen Bericht über den
-Verlauf seiner dritten Reise,[249] in welchem diese merkwürdigen
-Ansichten niedergelegt sind. Die eigenthümliche Gemüthsstimmung, welche
-diese Erzählung durchweht, und welche die Behauptung Ferrers, daß
-auch er den Columbus für das unmittelbare Werkzeug Gottes halte, noch
-verstärkte, lernen wir am besten aus den eigenen Worten des Entdeckers
-kennen, mit denen er den Verlauf seiner ersten Fahrten und die später
-lautwerdende Misgunst berührt. „Ich zog aus,“ schreibt der Admiral,
-„im Namen der heiligen Trinität und kehrte bald wieder heim, mit dem
-Beweis in der Hand von alle dem, was ich gesagt hatte. Ew. Hoheiten
-schickten mich zum zweitenmale und ich entdeckte in kurzer Zeit durch
-Gottes Gnade das Festland im äußersten Osten auf einer Strecke von 330
-Leguas,[250] und dazu noch 700 Inseln. (!) Ich umsegelte die Insel
-Hispaniola, welche größer als Spanien ist.“ Diese arge Uebertreibung
-erklärt sich nur daraus, daß Columbus, ohne eigne Berechnung einfach
-die auf den Karten (man vergleiche den Globus Behaims) niedergelegte
-Größe Cipangus (denn dafür hielt er die Insel Haiti), mit jener von
-Spanien verglich und beide Länder ziemlich gleichgroß gezeichnet
-fand; denn in Wahrheit ist Spanien mindestens sechsmal und die ganze
-pyreneische Halbinsel, welche Columbus wahrscheinlich im Auge hatte,
-sogar mehr als siebenmal so groß wie Haiti. „Dann,“ fährt der Admiral
-fort, „erhoben sich Klagen und Verdächtigungen, um meine Unternehmungen
-zu verkleinern, weil ich nicht gleich mit goldbeladenen Schiffen
-heimkehrte. Die Kürze der Zeit und andere Hemmnisse wurden dabei nicht
-in Rechnung gebracht. Daher fiel ich, entweder wegen meiner Sünden
-oder zu meinem Heile, wie ich glaube, in Misgunst und fand bei allem,
-was ich sagte und wünschte, Widerstand.“ Weiter zeigt er dann mit
-ausführlichen historischen Belegen, daß er für Spanien das Goldland
-Ophir wiedergefunden und in Besitz genommen habe. „Von den Capverden
-segelte ich 480 ~millas~ oder 120 Leguas gegen Südwesten (Anfang
-Juli), wo ich fand, daß der Polarstern 5 Grad hoch stand. Da trat
-Windstille ein,[251] die Hitze war so groß, daß ich fürchtete, Schiffe
-und Mannschaften würden versengt. Kein Mann wagte sich unter Deck,
-um auf Wasser- und Mundvorräthe zu achten.[252] Diese Hitze dauerte
-acht Tage; am ersten Tage war der Himmel klar, am zweiten wurde es
-nebelig und regnete es; aber wir fanden keine Erleichterung, so daß
-ich glaube, wir wären alle umgekommen, wenn die Sonne wie am ersten
-Tage geschienen hätte. Nach acht Tagen sandte mir Gott einen günstigen
-Wind und ich steuerte nun nach Westen.“ Columbus gab also den weitern
-Cours gegen Südwesten auf, weil er sich von seinen frühern Fahrten
-erinnerte, daß er jenseits von 100 Leguas westlich von den Açoren stets
-eine merkliche Abnahme der Hitze beobachtet hatte und daher auch jetzt
-die Region der milderen Temperatur aufzusuchen beschloß. Unter der
-Breite von Serra Leona, wie er meinte, steuerte der Admiral 17 Tage
-mit günstigem Winde nach Westen und fand am Morgen des 31. Juli Land.
-Es war eine in drei Bergen aufsteigende Inselküste. Unter dem Gesange
-des ~Salve regina~ näherte man sich in freudiger Erregung dem Strande.
-Die Insel erhielt den Namen +Trinidad+, das zuerst berührte Vorgebirge
-wurde Cabo de la Galea (jetzt Cap Galeota) benannt. Man hatte also die
-südlichste der kleinen Antillen erreicht, welche nahe an der Küste des
-südamerikanischen Continentes liegt. Dieser zunächst gelegene flache
-Streifen des Festlandes erhielt den Namen Gracia. Auf Trinidad bemerkte
-man Häuser, von gutgepflegten Gärten umgeben und zahlreiche Menschen.
-Auch Böte ließen sich blicken, aber scheu vermieden die Schiffer jede
-Annäherung an die fremdartigen großen Fahrzeuge. Man suchte sie durch
-Lockmittel, auch durch Musik, die vom Verdeck ertönte, zu bewegen,
-näher zu kommen; aber vergebens. Man sah nur aus der Ferne, daß sie mit
-Bogen und Pfeilen und hölzernen Schilden bewaffnet waren, und bemerkte
-mit Staunen, daß diese Indianer eine viel hellere Hautfarbe hatten,
-als die früher gesehenen. Ihre Haare waren nach spanischer Art vor
-der Stirn abgeschnitten.[253] Als Bekleidung trugen sie nur einen aus
-buntfarbigen Baumwollfäden gefertigten Schamgürtel.
-
-An der Südküste Trinidads segelte der Entdecker gegen Westen, erreichte
-am 1. August die westliche „Sandspitze“ der Insel, welche sich auf
-zwei Leguas dem gegenüberliegenden Orinocodelta nähert. Trichterartig
-verengt sich gegen Westen der Ocean zwischen Insel und Festland und
-drängt die gewaltigen Massen süßen Wassers, welche sich aus den
-Deltaarmen des Orinoco ergießen, unter der Wucht des nordwestlich
-flutenden Aequatorialstromes zu der immer enger werdenden Straße nach
-dem Pariagolfe. Das Wasser strömte mit solcher Gewalt in den Golf
-hinein, wie der Guadalquibir bei Hochwasser, also ungefähr 2½ Meilen
-in einer Stunde. „Wenn man weiter nach Norden fahren will,“ schreibt
-Columbus, „so trifft man auf eine Reihe von Stromschnellen, welche
-den Canal durchsetzen und einen furchtbaren Lärm machen. Ich glaubte,
-dies komme von Felsen und Riffen, welche den Eingang sperren. Dahinter
-zeigten sich zahlreiche tosende Strudel, wie wenn die Wogen sich über
-Felsen brechen.“ Außerhalb des Canals gingen die Schiffe vor Anker,
-denn Columbus fürchtete wegen der Strömung nicht zurückkehren und wegen
-der vor ihm liegenden Untiefen nicht vorwärts kommen zu können. „Tief
-in der Nacht vernahm ich vom Decke des Schiffes aus ein furchtbares
-Getöse, welches von Süden her gegen das Schiff kam.“ Die wirbelnden
-schiffshohen Wasserberge, welche heranrollten, drohten die Schiffe zu
-kentern. Columbus war von Jugend auf mit den mannigfachsten Gefahren
-der See vertraut, aber niemals war er durch die übermächtigen Gewalten
-des Ocean so in Angst und Schrecken versetzt, als hier.[254]
-
-„Am folgenden Tage,“ erzählt Columbus weiter, „sandte ich unsere Böte
-aus, um die Straße zu sondiren. Man fand 6 bis 7 Faden Tiefe, aber in
-heftigen Gegenströmungen flutete das Wasser hier in den Golf hinein und
-dort wieder aus demselben heraus. Doch gefiel es Gott, uns günstigen
-Fahrwind zu geben, und so passirte ich diese Straße glücklich und kam
-bald in ruhiges Wasser. Zum Erstaunen der ganzen Mannschaft war das
-Wasser im ganzen Golfe, wo man es auch schöpfte, süß und trinkbar.
-Columbus steuerte nordwärts über das Becken des Golfs auf die gebirgige
-Halbinsel +Paria+ zu, welche die Bucht im Norden abschließt. Hier
-zeigte sich ein zweiter, noch engerer und gefährlicherer Schlund,
-wo sich thurmartig einzelne dunkele Klippen aus der brandenden Flut
-erhoben. Die Küste der Pariahalbinsel zog sich gegen Südwesten, und da
-Columbus in dieser Richtung eine ruhige Fahrt hoffte, wendete er sich
-nach Westen. Je weiter man kam, desto frischer und gesunder zeigte
-sich das Wasser. Das Land schien angebaut, das Geschwader ging vor
-Anker, Böte wurden zur Kundschaft ans Gestade geschickt, aber die
-Hütten waren verlassen. Weiter im Westen, wo das Land flacher wurde,
-hoffte man mehr Menschen zu finden und wünschte mit ihnen in Verkehr
-zu treten. Wiederum wurden an der Mündung eines Flusses die Anker
-ausgeworfen. Dort waren die Eingeborenen zutraulicher, näherten sich
-den Fremden und gaben an, daß ihr Land Paria heiße, und daß dasselbe
-weiter gegen Westen noch mehr bewohnt sei. Dies bestätigte sich auch
-bald, als man noch weiter an dem Lande entlang segelte. Reizende,
-dicht bewohnte Gegenden luden zum Verkehr ein. Die Eingeborenen kamen
-an Bord und baten den Admiral, im Namen ihres Königs, ans Land zu
-kommen. Sie trugen Goldschmuck auf der Brust und mit Perlen besetzte
-Armbänder. Auf die Nachfrage, wo die Perlen gefunden würden, wiesen
-sie nach Norden und bemerkten, die Fundstätten lägen nicht allzufern.
-Am Lande zeigten sich die Indianer sehr höflich, die Häuptlinge an
-ihrer Spitze empfingen sie, führten sie zu großen, geräumigen Häusern,
-wo man die Gäste zum Niedersitzen nöthigte und mit Brod, Früchten und
-verschiedenen Arten von rothem und weißem Wein bewirthete, welcher
-nicht aus Trauben, sondern aus anderen Früchten bereitet war. Leider
-konnte man sich nur wenig verständigen, weil man keine Dolmetscher
-hatte. Von dem Mais, welchen sie anbauten, nahm Columbus später mit
-nach Spanien, um dieses amerikanische Getreide auch nach der alten
-Welt zu verpflanzen. Das Gold, womit sie sich schmückten, stammte
-aus den Bergen an der Grenze des Landes, doch warnte man die Spanier
-durch Zeichen, sich nicht dahin zu wagen, weil dort Menschenfresser
-wohnten.[255]
-
-Aber Columbus hatte nicht die Absicht, sich dahin zu wenden, noch auch
-die Perlenbänke zu besuchen, denn die Mundvorräthe drohten bei der
-längeren Dauer der Reise zu verderben, auch waren die Schiffe für eine
-schwierige Entdeckungsfahrt nicht mehr geeignet, und endlich litt er
-selbst an den Augen und fürchtete, wie es auf einer der früheren Reisen
-schon geschehen war, zeitweilig des freien Gebrauchs des Augenlichts
-beraubt zu werden. Da er Paria noch für eine Insel hielt, so hoffte
-er sie westlich umsegeln zu können, um sich dann nordwärts zu wenden.
-Ein Caravele wurde zur Prüfung des Fahrwassers vorausgesendet, man
-fand aber leider, daß sich der Golf westwärts immer mehr verengte,
-daß unter dem Einströmen zahlreicher Flüsse das Wasser der Bucht
-vollständig Süßwasser werde, daß demnach nach dieser Richtung kein
-Ausgang zu finden sei. Man mußte also umkehren, konnte aber der
-Strömung wegen nicht an dem bisher besuchten und bevölkerten Gestade
-von Paria wieder entlang gehen, sondern mußte, der Wirbelbewegung des
-Wassers im Golfe folgend, an den flachen Ufern der Orinocoinseln hin
-fast bis zum südlichen Eingang zurücksegeln und dann nordwärts den
-einzigen Ausweg durch den gefürchteten Drachenschlund zwischen Trinidad
-und Paria wählen. Die Erscheinung der stürmischen Wirbel an den
-beiden Ausgängen aus der Pariabucht erkannte der Admiral richtig als
-die Folge des Zusammenstoßes der gewaltigen Wassermassen, welche der
-Orinoco ergoß, mit der Strömung des Meeres und bezeichnete die Insel
-Trinidad als ein durch die abspülende Kraft der Gewässer losgetrenntes
-Stück des Continents. Am 13. August gelang es dem Geschwader glücklich
-die gefürchtete Straße des Drachenschlundes zu passiren und in das
-caribische Meer zu kommen. „Als ich den Drachenschlund verließ,“
-berichtet der Admiral weiter, „strömte das Meer so mächtig westwärts,
-daß ich in einem Tage 65 Leguas zurücklegen konnte; und dabei blies
-nicht etwa ein starker Wind, sondern es wehte ganz gelinde, was mich zu
-dem Schlusse führte, daß das Meer gegen Süden beständig ansteigt und
-dem entsprechend gegen Norden abfällt. Ich halte es für sicher, daß das
-Meerwasser sich mit dem Himmel von Osten nach Westen bewegt und daß es,
-weil es in diesem Striche reißender fließt, so viel Land abgespült hat,
-woher die große Zahl von Inseln -- Columbus hat die Reihe der kleinen
-Antillen im Auge -- entstanden ist. Und in der That bieten diese Inseln
-einen weiteren Beweis dafür, da einerseits alle diejenigen Eilande,
-welche sich von Osten nach Westen oder genauer von Nordwesten nach
-Südosten erstrecken, breit sind, andererseits diejenigen, die sich von
-Norden nach Süden oder von Nordosten nach Südwesten ausdehnen, schmal
-und kleiner sind. Allerdings scheinen die Wasser in einigen Strichen
-nicht dieselbe Strömungsrichtung zu haben; aber man trifft dies nur an
-vereinzelten Stellen, wo sie, durch Land aufgehalten, in eine andere
-Richtung gedrängt werden.
-
-Neben diesen großartigen Anschauungen über physische Erdkunde begegnen
-wir auch den wunderlichsten Vorstellungen über die Gestaltung der Erde,
-die jemals ein Seefahrer ausgesprochen. Aus falschen Voraussetzungen,
-ungenauen astronomischen Beobachtungen und irrigen Verknüpfungen der
-Naturerscheinungen mit ein für allemal bei dem Entdecker feststehenden
-Lehrsätzen, die er aus seiner mittelalterlichen Kosmographie geschöpft
-hatte, baute er sich ein System von Schlüssen auf, welches in der
-ungeheuerlichen Behauptung gipfelte, +die Erde habe nicht Kugelgestalt,
-sondern sei wie eine Birne+ geformt.
-
-„Irrige Beobachtungen der Bewegungen des Polarsternes in der Nähe
-der açorischen Inseln hatten Columbus schon auf seiner ersten Reise
-bei der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse zu dem Glauben an
-eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde geführt.“ Dieser
-Ausspruch Humboldts[256] findet seine Erklärung in den Bemerkungen des
-Columbus über seine dritte Reise. „Ich bemerkte,“ sagt er, „daß ich den
-Polarstern während der Nacht in einer Höhe von 5 Grad hatte und seine
-Geleitsterne (die Sterne β und γ des kleinen Bären) grade über dem
-Kopfe; dann um Mitternacht befand sich der Stern in 10 Grad Höhe und
-bei Anbruch des Tages waren die Begleiter zu Füßen, in 5 Grad Höhe. Ich
-sah das mit Staunen, beobachtete die Sterne mehrere Nächte hindurch auf
-das sorgfältigste und mußte, da ich meine erste Wahrnehmung bestätigt
-fand, es für etwas ganz +neues+ ansehen, daß auf einem so kleinen
-Raume eine so große Differenz am Himmel vor sich gehen könne.“[257]
-Zur Erklärung dieser „neuen“ Thatsache verfiel nun Columbus auf die
-Birnengestalt der Erde. Man wird den Trugschlüssen, welche zu diesem
-Resultate führten, um so leichter folgen können, wenn wir auch im
-Folgenden die eigenen Worte des Admirals wiedergeben, und dadurch
-zugleicherzeit die historische Localfarbe des Gemäldes bewahren.
-
-„Ich habe stets gelesen, daß die Welt, Land und Wasser zusammen,
-sphärisch sei, und die von Ptolemäus gemachten Beobachtungen, so
-wie diejenigen der anderen Gelehrten, welche über diesen Gegenstand
-geschrieben, haben durch die Mondfinsternisse und andere Erscheinungen
-oder Beweise, welche in der Richtung nach Osten und Westen beobachtet
-sind, so wie durch die Erhebung des Poles über den Horizont von Süden
-nach Norden, dasselbe dargethan.“
-
-„Ich sah aber eine so große Unregelmäßigkeit (~disformidad~,
-Unterschied in der Elevation des Polarsternes), daß ich mir eine
-andere Vorstellung von der Welt machte, und daß ich daraus schloß,
-sie sei nicht rund, wie man es bisher beschrieben hat, sondern wie
-eine Birne gestaltet (~de la forma de una pera~), welche vollkommen
-rund ist, mit Ausnahme der Stelle, wo der Stil ansetzt, oder auch wie
-ein ganz runder Ball, an dem auf irgend einem Punkte eine Art Warze,
-wie die Brustwarze einer Frau, aufgesetzt ist, und daß dieser Punkt
-der Warze höher und dem Himmel näher liegt und im äußersten Osten im
-Ocean sich unter dem Aequator befindet. Ich nenne den äußersten Osten
-jene Gegend, in welcher alles Land und alle Inseln endigen.[258] Zur
-Unterstützung dieser Ansicht verweise ich auf die Linie 100 Meilen
-westlich von den Açoren,[259] von wo gegen Westen sich die Schiffe
-sanft gegen den Himmel erheben und man sich einer milderen Temperatur
-erfreut. Die Magnetnadel verändert in Folge dieser Milde ihre Richtung
-um einen Viertelswind, und je mehr man westwärts kommt und sich (zu
-der Anschwellung der Birnenform) erhebt, um so mehr weist die Nadel
-nach Nordwesten. Und diese Erhebung bewirkt die Abweichung des Kreises,
-welchen der Polarstern mit seinen Begleitern beschreibt. Je mehr man
-sich dem Aequator nähert, desto höher erheben sich die Gestirne über
-den Horizont und desto größer wird der Unterschied in den Kreisen sein,
-welche die Begleitsterne beschreiben. Ptolemäus und andere Gelehrte,
-welche von dieser Welt geschrieben haben, betrachten die Erde als
-kugelförmig und meinen, daß sie es überall ebenso sein müsse wie an
-jenen Orten, wo sie sich befanden; namentlich auf jener Hemisphäre,
-deren Mittelpunkt mit der Insel Arin zusammenfällt,[260] welche unter
-dem Aequator (!) zwischen dem arabischen und persischen Meerbusen
-liegt. Die Grenzen dieser Hemisphäre laufen im Westen durch das Cap
-S. Vincente in Portugal, im Osten durch Cangara (Cattigara) und das
-Land der Serer (vgl. oben S. 6. und 7.); und so findet sich keine
-Schwierigkeit anzunehmen, daß die Erde auf dieser Hälfte kugelförmig
-sei. Aber die westliche Erdhälfte gleicht einer halben Birne mit der
-Anschwellung am Stiel. Ptolemäus und die übrigen, welche über die Welt
-geschrieben haben, kannten diesen Theil der Erde nicht, der damals
-unbekannt war, und so urtheilten sie nur nach der sphärischen Gestalt
-auf der ihnen bekannten Seite.“
-
-„Allein auf der von mir entdeckten Erdseite,“ meint Columbus, „liegen
-die Verhältnisse anders und nöthigen zu anderen Schlußfolgerungen.
-Denn an der Küste Afrikas, unter dem Parallel von Arguin (vgl. oben S.
-91) fand ich die Bewohner dunkel und die Erde wie ausgeglüht. Unter
-der Breite der Capverden waren die Eingebornen noch schwärzer[261]
-und je weiter nach Süden, desto schwärzer dergestalt, daß unter dem
-Parallel von Serra Leona, wo der Polarstern sich 5 Grad erhebt, auch
-die allerschwärzesten Menschen wohnen.“
-
-„Bei meiner Fahrt von hier gegen Westen stieg anfangs die Hitze noch
-aufs höchste; so bald ich aber die Grenzlinie (100 Meilen westlich
-von den Açoren) überschritten hatte, fühlte ich, wie die Temperatur
-milder wurde, so daß mir bei der Insel Trinidad und dem Lande Gracia,
-welche gleichfalls unter dem 5. Grad n. Br. liegen,[262] das Klima so
-milde erschien, und Felder und Bäume so schön grün waren, wie im Monat
-April in den Gärten von Valencia. Dazu waren die Eingebornen nicht
-so dunkel, als ich sie früher in Indien gesehen hatte. Die liebliche
-Temperatur rührt nur von der Höhe dieses Theils der Erdoberfläche her.
-Folglich kann die Erde hier nicht sphärisch gestaltet sein.“
-
-Wenn schon zu diesen mit großer Zuversicht ausgesprochenen neuen
-Lehrsätzen Alexander von Humboldt bemerkt,[263] daß die Hypothese
-von der Unregelmäßigkeit der Figur der Erdkugel einen Mangel an
-mathematischen Vorkenntnissen und eine Verirrung der Einbildungskraft
-verrathe, die uns mit Recht überraschen müsse; so wächst unser
-Erstaunen und unsere Verwunderung noch mehr, wenn wir aus dem Munde des
-Columbus vernehmen, daß er sich in Bezug auf astronomische Vorgänge
-auf den naivsten Standpunkt des Kinderglaubens der Naturvölker stellt.
-Um nämlich zu beweisen, daß auf jener birnenförmigen Anschwellung das
-irdische Paradies liege, und daß er selbst so glücklich gewesen sei,
-in dessen Nähe zu kommen, fährt er in seiner Deduction also fort: „Was
-aber noch besonders zur Unterstützung meiner Ansicht beiträgt, ist
-dieses: Als der Herr die Sonne schuf, geschah es am +ersten Punkte des
-Orients+, wo +das erste Licht erschien+ (!)[264] und wo die höchste
-Erhebung der Erde ist. Obwohl nun Aristoteles der Ansicht gewesen, daß
-der antarktische Pol oder das Land unter ihm der höchste Theil der
-Erde und dem Himmel am nächsten sei,[265] haben doch andere Gelehrte
-sich dagegen erklärt und sich für den arktischen Pol ausgesprochen.
-Demnach scheint also die Annahme gerechtfertigt, daß +ein+ Theil der
-Erde dem Himmel näher sei als der andere. An die äquatoriale Zone
-dachten sie nicht, und das ist keineswegs zu verwundern, denn über
-diese Region fehlte es an einer genauen Kenntniß, da vor mir noch
-niemand zur Entdeckung ausgesendet worden.“ „Dort nun,“ führt Columbus
-aus, „in der Nähe des Drachenschlundes rasen die Wasser des Oceans
-und kämpfen mit den Ergüssen des Orinoco, welche mit ungeheurer Wucht
-nach den Ausgängen des Golfes von Paria drängen.“ Diese gewaltigen
-Strömungen lassen sich nach seiner Meinung nicht anders deuten, als daß
-die Süßwasserströme aus einer bedeutenden Höhe (von der birnenförmigen
-Anschwellung) herabrauschen, auf welcher das irdische Paradies gelegen
-ist.
-
-„Die heilige Schrift bezeugt, daß unser Herr das irdische Paradies
-schuf, und daß dort vier Flüsse aus einer Quelle entspringen. Ich finde
-nicht und habe noch nie gefunden irgend eine Schrift der Griechen oder
-Lateiner, welche genau die Lage des Paradieses angebe und habe es noch
-auf keiner Karte gefunden, welche nach zuverlässigen Angaben gemacht
-ist. Einige verlegen es nach Aethiopien an die Quellen des Nil; aber
-andere, welche diese Länder durchzogen, fanden weder die Temperatur,
-noch die Sonnenhöhe ihren Ideen entsprechend. Andere wieder haben das
-Paradies auf den Canarischen Inseln gesucht.“
-
-„St. Isidor, Beda, Strabon (Walafried Strabo, der Verfasser der
-scholastischen Geschichte) und St. Ambrosius, Scotus und alle gelehrten
-Theologen stimmen darin überein, daß das Paradies im Osten lag. Ich
-nehme nicht an, daß das irdische Paradies auf einem steilen Berge
-liege, wie man es uns gelehrt hat, sondern daß dasselbe auf der Höhe
-der angedeuteten Anschwellung der Erde gelegen sei, welche sich aus
-weiter Ferne in unmerklichem Ansteigen erhebt, und daß niemand auf
-den Gipfel kommen kann; daß aber alle die Wasser, welche hier die See
-bedecken (am Golfe von Paria), von dort herabkommen. Auch glaube ich
-nicht, daß dieser erhabene Ort schiffbar ist oder daß dort Wasser sich
-findet, vielmehr halte ich es für unmöglich, dahinanzusteigen, weil
-ich überzeugt bin, daß ohne den Willen Gottes niemand zu dem Orte des
-irdischen Paradieses gelangen kann.“
-
-„Es sind hier also gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses,
-und die Ansichten der heiligen und gelehrten Theologen stimmen mit
-meinen Beobachtungen überein. Und wenn die Wasser (des Orinoco) nicht
-aus dem irdischen Paradiese kommen, so scheint das ein noch größeres
-Wunder zu sein, weil ich nicht glaube, daß man auf der ganzen Welt
-einen so mächtigen und tiefen Fluß findet. Und ich glaube,“ fügt
-Columbus an einer andern Stelle hinzu, „daß, wenn der erwähnte Fluß
-nicht aus dem irdischen Paradiese käme, derselbe in einem ausgedehnten
-Lande im Süden entspringen müßte, von welchem wir bisher noch keine
-Kunde gehabt haben.“
-
-Las Casas läßt den Entdecker sogar die Worte gebrauchen: „Sollte
-es doch ein Festland sein, so wird die gelehrte Welt tief darüber
-erstaunen.“[266] Der Verfasser der ~vida del Almirante~ berichtet dazu
-noch bestimmter, daß Columbus, nachdem er mehrere Inseln entdeckt
-hatte, überzeugt gewesen sei, in Paria das Festland erreicht zu haben,
-weil er darin einen mächtigen Strom gefunden, und weil er die Angabe
-der Bewohner auf den kleinen Antillen bestätigt gesehen, welche von
-einem großen Lande im Süden gesprochen. Um so befremdender erscheint
-das Benehmen des Admirals, der schon am zweiten Tage, nachdem er
-den Drachenschlund glücklich durchsegelt hatte, mit der Strömung
-gegen Nordwesten zwischen den Testigos und der Insel Margarita
-hindurchsteuernd, die kaum als continental erkannten Küsten wieder
-verließ und, indem er die begonnene Entdeckung kurz abbrach, nach Haiti
-segelte.
-
-War der Eindruck seiner Paradies-Hypothese so mächtig, daß er sein
-Auge gegen die ermittelte Existenz einer großen Landmasse verschloß,
-oder beherrschten seine Autoritäten, welche in diesen Erdstrichen
-von einem Festlande nichts wußten und nichts berichteten, auch jetzt
-noch seine Ansichten so sehr, daß er ihnen gegenüber und ihnen
-entgegengesetzt nicht auszusprechen wagte, was der Augenschein lehrte?
-Das Räthsel wird nicht gelöst durch die vorgebrachte Entschuldigung,
-es habe seinen Schiffen bereits an Lebensmitteln gefehlt und er selbst
-sei von einem Augenleiden befallen gewesen, so daß er sich von den
-Piloten habe berichten lassen müssen. Denn wenn er wirklich zu einer
-längeren Erforschungsreise ausgerüstet war, konnten doch die Vorräthe
-nach Verlauf von 14 Tagen (denn länger weilte er nicht an der Küste
-Südamerikas) nicht schon erschöpft sein. Auch auf den früheren Reisen
-war er wochenlang durch Krankheiten an der persönlichen Leitung
-der Schiffe behindert, ohne seine Unternehmungen deshalb sofort
-abzubrechen. Vielleicht war es, wie Peschel angibt,[267] innere Unruhe
-über das Schicksal der Colonie, die er seit 29 Monaten verlassen;
-weniger wohl Besorgniß, daß die Lebensmittel, welche er zuführte,
-verderben möchten, denn der größere Theil seiner Flotte war bereits von
-den Canarien aus direct nach Hispaniola gegangen.
-
-Daß er selbst den rein geographischen Werth seiner neuen Entdeckung
-weniger würdigte, darf man wohl aus den wunderlichen Theorien
-schließen, welche er darauf aufbaute, und daß er gegen die
-Weiterführung der Küstenaufnahmen ziemlich gleichgültig geworden war,
-spricht auch Humboldt aus:[268] „Columbus legte bei seiner dritten
-Reise mehr Werth auf die Perlen der Insel Margarita und Cubagua als auf
-die Entdeckung der Terra firma, da er bis zu seinem Tode fest überzeugt
-war, schon im November 1492 auf seiner ersten Reise in Cuba einen Theil
-des festen Landes von Asien berührt zu haben.“
-
-Möglicherweise wollte er auch den immer lauter werdenden Widersachern
-in Spanien nicht neue Veranlassung zu dem schon oft gehörten Vorwurf
-geben, daß er in nutzlosen Fahrten viel Geld vergeude, sondern wollte
-sich ganz der Pflege und Ausbeutung seiner Colonie widmen, um sie
-so bald wie möglich von den Unterstützungen durch das Mutterland
-unabhängig zu machen.
-
-In fünf Tagen segelte das Geschwader von der Küste des Continents
-über das caribische Meer nach Haiti. Die westliche Abdrift führte
-die Schiffe über ihr Ziel hinaus, so daß, als Columbus das Ufer
-seines Coloniallandes erreicht hatte, der Cours, nach Osten zurück,
-eingeschlagen werden mußte, um den Platz der neuen von Bartolomé Colon
-gegründeten Stadt San Domingo zu erreichen, welche an der Mündung des
-Ozamáflusses lag.
-
-
-11. Die Zustände auf Haiti und die Gefangennahme des Columbus.
-
-Während der Abwesenheit des Vicekönigs hatte sein Bruder Bartolomé als
-Adelantado oder Statthalter die Colonie verwaltet, die Zahl der festen
-Häuser auf der Insel vermehrt und die Häuptlinge zur Anerkennung der
-spanischen Oberhoheit gebracht. Der ihnen auferlegte Tribut bestand
-entweder in Gold oder in anderen den Spaniern willkommenen Erzeugnissen
-des Landes. Unter dem thätigen Hieronymiten Fray Ramon Pane, welcher
-innerhalb eines Jahres die Sprache der Eingeborenen erlernte, und unter
-dem Franziskaner Fray Juan Borgoñon hatte das Bekehrungswerk unter den
-Indianern begonnen. Nach dieser Richtung war also die Befestigung der
-Colonie in günstiger Entwicklung begriffen. Anders verhielt es sich
-mit den eingewanderten Spaniern, den Soldaten und Colonisten. Hier
-trat der tiefe Gegensatz der Nationalitäten immer greller zu Tage. Daß
-sie genuesischen Fremdlingen gehorchen mußten, ertrug ihr Stolz mit
-Widerwillen. Der Adelantado forderte strenge Manneszucht; statt des
-erträumten glückseligen Lebens, dessen Vorspiegelungen sie über das
-Meer gelockt hatten, warteten ihrer angestrengte Arbeiten, sollten sie
-mit Entbehrungen aller Art, selbst mit Hungersnoth kämpfen und wurden
-in unablässigen Märschen nach allen Theilen des Landes ermüdet.
-
-Während der Abwesenheit des Statthalters brach in der Stadt Isabella
-der Aufstand aus. Der Commandant Diego Colon, dem es überhaupt an
-Energie zu fehlen schien, gerieth in eine mißliche Lage, um so
-mehr, als der Oberrichter +Francisco Roldan+ sich an die Spitze der
-Unzufriedenen stellte. Bei der Rückkehr des Adelantado mußte Roldan
-mit seinem Anhange aus der Stadt weichen, fuhr aber fort, die Familie
-des Columbus zu verdächtigen und zu schmähen als Feinde des spanischen
-Blutes. Auch das wurde besonders den Genuesen zum Vorwurf gemacht, daß
-sie die Goldminen als Familienmonopol behandelten. Um die Indianer
-für sich zu gewinnen, erklärte Roldan ihnen, er wolle sie gegen die
-Bedrückungen des Statthalters schützen. In Folge dessen verweigerten
-jene den Tribut und lieferten keine Nahrungsmittel mehr. Selbst
-die treugebliebenen Spanier wurden durch die nun eintretende Noth
-entmuthigt und begannen zu desertiren, und wenn nicht im Anfange des
-Jahres 1498 zwei Schiffe von Spanien neue Lebensmittel und Mannschaften
-gebracht, so hätte schon damals die Colonie sich vielleicht
-aufgelöst. Durch diese Zufuhr gewann Bartolomé Colon neue Kräfte,
-die aufrührerischen Caziken zu bändigen und Roldan in den entfernten
-Gau von Jaragua zu verdrängen, wo derselbe sich einem üppigen Leben
-hingab und seinem Gefolge Zügellosigkeiten und Bedrückungen aller Art
-gestattete. Ende Juli kamen die drei von Columbus vorausgesendeten
-Schiffe an die Südseite von Haiti, wo Roldan Gelegenheit fand, sofort
-einen Theil der neuen Ankömmlinge auf seine Seite zu ziehen, und grade
-einen Monat später traf auch der Admiral selbst bei der neugegründeten
-Stadt San Domingo ein. Vor allem war ihm daran gelegen, den Unfrieden
-unter den Spaniern, durch welchen die Entwicklung der Colonisation
-vollständig gelähmt wurde, zu beseitigen. Da er sah und hörte, daß
-viele des unerquicklichen Lebens und Treibens auf der Insel überdrüssig
-geworden waren, denn man vernahm oft den auffälligen Schwur: „So
-wahr mich Gott wieder nach Castilien bringe“, so erließ Columbus
-eine Bekanntmachung, in welcher er jedem Spanier gestattete, auf
-einem der fünf zur Abfahrt nach Spanien vorbereiteten Schiffe in die
-Heimat zurückzukehren. Er hoffte dadurch besonders die Zahl seiner
-Widersacher und der Misvergnügten zu lichten. Aber Roldan und seine
-Partei gingen darauf nicht ein; sie hielten sich für mächtig genug,
-dem Vicekönige zu trotzen. Dieser ließ sich dann sogar dazu herbei,
-einen freundlichen Brief an den Oberrichter zu schreiben und eine
-Versöhnung anzutragen, fand aber auch dafür kein Gehör; denn seine
-Gegner erkannten seine hilflose Lage, daß er ohne Geld gekommen und
-seinen Soldaten den rückständigen Sold nicht bezahlen, sich bei einem
-ausbrechenden Kampfe also auch nicht auf sie verlassen konnte.
-
-Die Flotte, auf welcher Columbus gekommen war, mußte, nach dem Vertrage
-mit den Rhedern, binnen Monatsfrist wieder abgefertigt werden, und
-wenn er sie auch bis über sechs Wochen zurückbehielt, so mußte er
-sie doch endlich am 18. October entlassen, ohne, wie er gewünscht
-hatte, den spanischen Monarchen von dem wiedergewonnenen Frieden in
-der Colonie berichten zu können. Er schilderte in seinem Briefe seine
-Gegner als Diebe, Schurken, Räuber und Landstreicher und erklärte in
-seiner Aufregung, er werde sich noch genöthigt sehen, die äußersten
-Gewaltmaßregeln anzuwenden, um diese Friedensstörer zu vernichten.
-
-Natürlich hatte auch die Gegenpartei Gelegenheit gefunden, in einem
-Schreiben an die Regierung ihr Verhalten zu begründen und über
-den Admiral und seine Verwandten die ärgsten Beschuldigungen von
-Willkürherrschaft und Grausamkeit vorzubringen, wodurch die Feindschaft
-gegen die Genuesen am spanischen Hof neue Nahrung gewann. Das konnte
-freilich nicht ohne bedenkliche Folgen auf die Anschauung der Monarchen
-bleiben.
-
-Columbus sah sich wieder zu neuen Verhandlungen getrieben und mußte
-schließlich, wenn auch widerstrebend, unter schimpflichen Bedingungen
-mit den Meuterern Frieden machen. Dieselben erhielten demgemäß zwei
-Schiffe mit Proviant, um nach Spanien zurückkehren zu können. Auch
-mußte ihnen der Vicekönig einen Schein ausstellen, wonach ihnen der
-rückständige Sold in Spanien bezahlt werden sollte und ertheilte ihnen
-schließlich sogar noch das Zeugniß, daß sie sich in Indien um den König
-wohl verdient gemacht hätten. Alle, welche in Indien bleiben wollten,
-erhielten freie Geleitsbriefe.
-
-Weil aber Columbus die versprochenen Schiffe zur gesetzten Frist nicht
-ausrüsten konnte, erklärten seine Gegner auch diesen Vertrag für
-nichtig. So dauerte die Zwietracht bis zum September 1499. Endlich
-bequemte sich Columbus sogar dazu, Roldan wieder als Oberrichter
-einzusetzen, dessen Parteigenossen mit Ländereien zu beschenken und
-zu gestatten, daß, wenn der rückständige Sold nicht voll ausgezahlt
-werde, die Meuterer das Recht haben sollten, diese Zusagen mit Gewalt
-zu erzwingen.
-
-Tiefer konnte sich ein Statthalter nicht erniedrigen, als in solcher
-Weise den Aufruhr durch Belohnung auszuzeichnen. Zwar hatte Columbus
-gar nicht die Absicht, diese Versprechungen zu halten, und darum den
-Vertrag an Bord eines Schiffes unterzeichnet, wo er, wie er sich selbst
-und auch seinem königlichen Herrn zu bereden suchte, nur in seiner
-Stellung als +Admiral+ rechtskräftige Urkunden unterzeichnen konnte,
-während der Ausgleich mit den Meuterern hätte von ihm auf dem Lande in
-seiner Eigenschaft als +Vicekönig+ vollzogen werden müssen.[269] Aber
-zeigte er durch solche Handlungs- und Denkweise nicht auf das klarste,
-daß ihm zu einer höchsten Verwaltungsstelle alle Befähigung abging?
-
-In Spanien hörten die Klagen gegen ihn nicht auf. Daß er den Antheil
-der Krone an der Ausbeute aus den Goldminen nicht rechtzeitig
-einsandte, nannte man bereits Unterschlagung; und daß er den
-Oberrichter Roldan, den er selbst gleichsam als seinen Liebling
-großgezogen und zu der hohen Stellung vorgeschlagen hatte, jetzt als
-seinen gefährlichsten Feind bezeichnete, mußte Bedenken erregen. Die
-Königin war erzürnt, daß Columbus mit dem letzten Geschwader wiederum,
-um dem Fiscus Geld zuzuführen, eine Fracht von Sklaven gesendet hatte,
-statt der so oft in Aussicht gestellten Schätze von edlem Metall und
-Gewürzen.
-
-Man sah wohl, daß die Colonie unter den beständigen Wirren ihrer
-Auflösung entgegenging. Ein Mittel, die Ordnung wieder herzustellen,
-bot sich in dem Wunsche des Vicekönigs, welcher um einen tüchtigen
-Richter bat, um die Streitigkeiten auf der Insel zu untersuchen und
-Recht zu sprechen. Aber die königliche Vollmacht, welche dem neuen
-Richter auch die ganze Verwaltung der Insel übertrug und von Columbus
-sogar die Uebergabe der höchsten militärischen Gewalt verlangte, ging
-wiederum zu weit, weil sie die wiederholt bestätigten Rechte des
-Genuesen als Vicekönig ohne weiteres bei Seite schob.[270] +Francisco
-de Bobadilla+, dem so weitgehende Befugnisse durch Decret vom Mai 1499
-ertheilt wurden, erhielt sogar das Recht, jeden, der ihm für das Wohl
-der Colonie gefährlich schien, mit Gewalt aus der Insel zu entfernen.
-Seine Entsendung nach Haiti erfolgte aber erst im Sommer 1500, seine
-Ankunft vor San Domingo am 23. August. In der Woche zuvor hatte
-Columbus noch sieben Spanier mit dem Tode am Galgen bestraft, weil
-sie Unruhen anstifteten; und doch schrieb er an die Amme des Prinzen
-Juan: „als Bobadilla nach S. Domingo kam, war +die Insel ruhig+“.
-Bobadilla sah die Leichen der Erhängten noch am Galgen beiderseits
-der Einfahrt in den Hafen, und sah diese Art der Justiz als einen
-Beleg für die Grausamkeit des Genuesen an, welcher er entgegentreten
-müßte. Weder der Admiral noch sein Bruder Bartolomé waren um diese
-Zeit in der Stadt anwesend. Bobadilla landete am nächsten Morgen mit
-seiner Schar, und ließ, nachdem er in der Kirche der Messe beigewohnt,
-seine Beglaubigungsschreiben der versammelten Menge vorlesen. Als er
-dann noch zum Schluß das königliche Mandat verkündigte, daß allen in
-königlichen Diensten Stehenden der rückständige Gehalt ausgezahlt
-werden solle, hatte er bereits einen großen Theil der Spanier
-gewonnen. Dann drang er mit Gewalt, aber ohne Blutvergießen in die
-Festung ein und ließ sich die Gefangenen ausliefern, um seinem Amte
-gemäß ihre Vergehen zu untersuchen. Seine Wohnung nahm er im Hause des
-Columbus, dessen Eigenthum und Papiere er mit Beschlag belegte, als
-sei er nur abgesendet, dem Vicekönig den Proceß zu machen, nicht aber,
-die Rechtsansprüche +beider+ Parteien zu prüfen. Das ganze Volk zog
-er aber dadurch auf seine Seite, daß er am nächsten Tage verkündigen
-ließ, in den nächsten 20 Jahren könne jedermann ungehindert sich mit
-Goldgewinnung befassen, falls nur der eilfte Theil des Ertrages an die
-Krone abgeliefert würde. So entfremdete er mit Ausnahme der wenigen
-Getreuen dem Vicekönig die Gemüther aller Spanier und konnte es auch
-wagen, indem er den ihm gewordenen königlichen Auftrag verkannte
-und überschritt, Hand an den Admiral und seine Verwandten zu legen.
-Gebieterisch fordert er diesen auf, vor ihm zu erscheinen, und Columbus
-leistete, als er die königlichen Befehle gesehen, Folge, indem er
-ohne Begleitung nach San Domingo reiste. Mittlerweile hatte Bobadilla
-den Bruder des Vicekönigs, Don Diego, in Ketten an Bord eines seiner
-Schiffe bringen lassen. Gleiches Schicksal widerfuhr kurz darauf dem
-Admiral selbst. Bobadilla erreichte von dem Gefangenen sogar, daß
-dieser seinem energischen Bruder Bartolomé schrieb, er möge sich
-gleichfalls der königlichen Entscheidung unterwerfen. So wurde auch
-der dritte von den genuesischen Brüdern gefesselt. Bobadilla scheute
-sich, persönlich mit den Gefangenen zu verkehren. „Ich habe nie mit
-ihm gesprochen,“ klagte Columbus in seinem Briefe an die Amme des
-Prinzen, „auch hat er keinem anderen erlaubt, mit mir zu sprechen. Ein
-Gouverneur, der z. B. nach Sicilien geschickt wird und das Land nach
-bestehenden Gesetzen friedlich regiert, hat eine ganz andere Stellung
-als ich in einem ganz fremden, neu unterworfenen Lande mit fremden
-Menschen und Sitten. Wenn ich geirrt habe, so geschah es ohne Schuld
-oder unter dem Zwange der Verhältnisse. Was mich am meisten kränkt, ist
-die Wegnahme meiner Papiere, die ich nie wieder sammeln kann, und die
-meine Unschuld am besten beweisen würden.“[271]
-
-Columbus war durch die ihm widerfahrene Schmach so vollständig
-gebrochen, daß er selbst für sein Leben fürchtete. Als der Hidalgo
-Alonso de Villejo, ein Verwandter Fonsecas, mit der Wache bei ihm
-erschien, um ihn aufs Schiff zu bringen, fragte Columbus, in dem
-Glauben, man führe ihn zum Tode: „Villejo, wohin führt Ihr mich?“ „Aufs
-Schiff um abzusegeln,“ lautete die Antwort. „Abzusegeln?“ wiederholte
-der Admiral fast ungläubig. „Villejo, redet Ihr die Wahrheit?“ Erst bei
-der wiederholten Versicherung, daß man ihn nicht täusche, fühlte sich
-Columbus beruhigt. Auch fand er sowohl bei dem Schiffscapitän Andreas
-Martin als bei Villejo Ehrerbietung und Theilnahme. Man wollte ihm
-die Ketten abnehmen; aber er lehnte es ab: Spanien sollte die Schmach
-sehen, die ihm, angeblich auf königliches Geheiß, als Lohn für seine
-hohen Verdienste angethan war. Eine kurze und glückliche Ueberfahrt
-ließ ihn schon in der letzten Woche des November 1500 in Cadiz landen.
-
-Der Hof befand sich in Granada. Der Capitän Andreas Martin hatte
-gestattet, daß Columbus einen Brief an die Amme des Prinzen richten
-dürfe, welche, wie er wußte, bei der Königin bedeutenden Einfluß besaß.
-So gelangte die Darstellung der Verhältnisse nach seiner Auffassung
-eher zu Ohren des Königpaars, als der bestimmt feindselige Bericht
-Bobadilla’s.
-
-Wie es schon in Cadiz und Sevilla, soweit die Kunde gedrungen war, das
-größte Aufsehen erregte, daß man den Entdecker der neuen Welt in Ketten
-nach Spanien zurückbefördert hatte, so fühlten auch die Monarchen, daß
-die gleichsam in ihren Namen dem Vicekönig angethane Schmach ihren
-Schatten auf die eigne Majestät werfe, und gaben daher sofort ihr
-höchstes Misfallen darüber zu erkennen. Columbus sollte sogleich seiner
-Fesseln entledigt und mit aller ihm gebührenden Auszeichnung behandelt
-werden. Zu gleicher Zeit ließen sie ihm eine bedeutende Summe (2000
-Ducaten) zustellen, damit er seinem Range gemäß reisen und bei Hofe
-erscheinen könne. Daß er in seinen Ketten vor dem Thron erschienen,
-darf wohl als romantische Ausschmückung bezeichnet werden; eher aber
-dürfen wir dem Zeugniß Herreras[272] glauben, daß Columbus, als er vor
-den Majestäten am 17. December erschien, und dem Königspaar knieend
-seine Huldigung darbrachte, vor innerer Bewegung nicht sprechen konnte.
-
-Wenn ihm auch bei dieser Gelegenheit und in Zukunft stets mit
-Auszeichnung begegnet wurde, und er darin eine Vergeltung für das ihm
-zugefügte bittere Unrecht erblicken konnte, so sah er sich in dem
-Einen, was er vor allem wünschte, getäuscht, daß er nicht wieder in
-seine Hoheitsrechte über die neue Welt eingesetzt wurde.
-
-
-12. Die letzte Reise des Columbus.
-
-Es scheint, als ob König Ferdinand vor der Hand nicht daran dachte,
-den einmal vollendeten Eingriff in die Rechte des Columbus wieder
-rückgängig zu machen. Die Verwaltung der indischen Colonien mußte
-vor allem in einen geregelten Gang gebracht werden. Bobadilla hatte
-sich durchaus untauglich gezeigt durch die übereilte Parteinahme
-gegen den rechtmäßigen Statthalter, den er, ohne ihn nur zu sehen und
-zu hören, von der Insel entfernte. Seine Anordnungen lockerten alle
-Bande, Zügellosigkeit und Gesetzwidrigkeiten traten an die Stelle
-der straffen Zucht Bartolomé’s, so daß die bessern Elemente sich von
-dem neuen Regimente abwandten. Auch war man auf der Insel selbst dem
-beseitigten Befehlshaber eine entschiedene Genugthuung schuldig. Daher
-wurde im königlichen Rathe beschlossen, Bobadilla durch den gerechten
-und unparteiischen Don Nicolas de +Ovando+ zu ersetzen; denn es galt
-zu gleicher Zeit auch, den nutzlosen Bedrückungen und Grausamkeiten,
-welche sich die spanischen Herren über ihre indischen Unterthanen
-erlaubten, ein Ziel zu setzen. Ovando erhielt von der Königin Isabella
-den ausdrücklichen Befehl, den Caziken und andern Indianern die
-bestimmte Versicherung zu geben, daß sie selbst ihre neuen Unterthanen
-in jeder Beziehung zu beschützen gesonnen sei. Nur für den königlichen
-Dienst sollten die Indianer zu Arbeiten herangezogen werden dürfen.
-Dieses letzte Recht bot aber in der Folgezeit wieder die Handhabe für
-fortdauernde neue Quälereien. Auch sollte es gestattet sein, gewiß
-in der guten Absicht, die Indianer zu entlasten, Negersklaven nach
-Haiti einzuführen entweder von Spanien oder von der Westküste Afrikas,
-wo der Menschenhandel schon seit langer Zeit bestand. Damit war der
-erste Anlaß zu dem für Amerika so verhängnißvoll gewordenen schwarzen
-Sklaventhum gegeben, welches in den folgenden Jahrhunderten so oft zu
-blutigen Conflicten und staatserschütternden Kämpfen führen und -- ein
-eignes Verhängniß -- nach 300 Jahren grade die erste spanische Colonie,
-Haiti, ganz in die Hände der Schwarzen und Farbigen liefern sollte.
-
-Das von Bobadilla confiscirte Vermögen des Statthalters sollte
-Ovando zurückfordern, die dem Vicekönig zustehenden Einkünfte ihm
-ungeschmälert überweisen, die von Bobadilla erlassene Verfügung
-bezüglich des freien Bergbaus auf Gold wieder aufheben.
-
-Das Vertrauen, welches man in Spanien auf die Tüchtigkeit Ovando’s
-setzte und die Hoffnung, mit seinem Eintreffen in Haiti die Colonie
-geordneten Verhältnissen wieder zugeführt zu sehen, ermuthigte eine
-große Zahl von Auswanderungslustigen, ihr Heil in der neuen Welt zu
-suchen. So segelte er mit 30 Schiffen und 2500 Personen am 13. Februar
-1502 von San Lucar de Barrameda ab. Ein Schiff ging leider im Sturm
-unter, die übrigen erreichten indeß am 15. April ihr Ziel. Ovando wurde
-ohne Schwierigkeit, nachdem er die königlichen Befehle vorgelegt, als
-Statthalter anerkannt. Gegen Bobadilla, dessen Ansehen mit einem Male
-verschwand, wurde keine Untersuchung eingeleitet, doch mußte er nach
-Spanien zurückkehren. Roldan dagegen und seine eifrigsten Parteigänger
-wurden in Haft genommen und zur Verurtheilung auf die Flotte gebracht,
-welche den neuen Befehlshaber herübergeführt hatte. Nachdem dieselbe
-befrachtet war, sollte sie in die Heimat zurückkehren.
-
-Columbus hatte inzwischen, da er sah, daß er nicht sofort in seine
-westindische Herrschaft wieder eingesetzt werde, sich zu einer neuen
-großen Entdeckungsfahrt gegen Westen erboten. Man darf annehmen, daß
-die Erfolge der Portugiesen einen wesentlichen Einfluß auf seine
-neuen Pläne ausübten. Vasco da Gama war im September 1499 aus dem
-indischen Gewürzlande zurückgekehrt, zu einer Zeit also, wo Columbus
-noch in heftigem Kampfe gegen Roldan lag. In Spanien hatte er weitere
-Nachrichten über Indien eingezogen, und da er sich überzeugt hielt,
-das Ostgestade des asiatischen Continents bereits in Cuba und Paria
-berührt zu haben, da ferner durch die Entdeckungsfahrten spanischer
-Privatunternehmer, der Hojeda, Vespucci, Pinzon noch weitere
-Küsten des Festlandes, zu welchem Paria gehörte, besucht waren, so
-schloß er daraus, eine Fahrt zwischen Cuba und Paria gegen Westen
-werde ihn nach dem portugiesischen Indien bringen. Die gewaltige
-Meeresströmung, welche an der Küste Südamerikas ungestüm nach Westen
-drängte, mußte nach seiner Vorstellung durch eine noch unerforschte
-Meerenge führen, hinter welcher er das indische Meer „jenseits des
-Ganges“, wie es seit dem Alterthum genannt wurde, zu finden meinte.
-Durch diese Vorstellungen war die Richtung der neuen von ihm ins Auge
-gefaßten Unternehmung bestimmt. Sein Plan wurde von den spanischen
-Souveränen gern genehmigt, und so konnte er bereits im Herbste 1501
-an die Vorbereitungen zur Ausrüstung der bewilligten Schiffe gehen.
-Er scheint selbst sein Leben daran setzen zu wollen, um einen großen
-Erfolg zu erzielen; aber als ein vorsichtiger Mann wollte er dabei die
-Zukunft seiner Familie möglichst sicher stellen. Darum ließ er von den
-wichtigsten Dokumenten beglaubigte Abschriften nehmen und dieselben
-in der Bank von Genua niederlegen. Darunter befand sich auch die am
-14. März 1502 von der Krone gegebene erneuerte Versicherung, daß ihm
-und seinen Kindern alle seine verbrieften Rechte unverkürzt erhalten
-bleiben sollten. Er hatte vier kleine Caravelen, von 70 resp. 50 Tons
-ausgerüstet und mit 150 Leuten bemannt. Sein Bruder Bartolomé, der ihm
-überall die kräftigste Stütze gewesen war, sowie sein jüngerer, damals
-erst 13jähriger Sohn Ferdinand begleiteten ihn.
-
-Am 9. Mai 1502 ging er von Cadiz aus in See. Beseelt von frommer
-Hoffnung, daß seine Unternehmung gelingen werde, schrieb er von den
-Canarien aus an seinen Freund und Rathgeber, der Karthäusermönch
-Gaspar Gorricio in Sevilla. „Ich reise im Namen der heiligen Trinität
-und hoffe auf Sieg“.[273] Eine rasche Fahrt von 19 Tagen brachte das
-Geschwader von den Canarischen Inseln über den Ocean nach Martinique
-(Matinino) und von hier an den kleinen Antillen und der Südküste
-von Puertorico entlang nach San Domingo. So lange seine Schiffe im
-Stande waren, wollte er seine Reise beeilen, aber da eins derselben
-zur Forschungsreise untauglich war und schlecht segelte, so wollte er
-dasselbe gegen ein besseres vertauschen und dieses auf seine Kosten
-ausrüsten lassen. Im Haupthafen von San Domingo lag die große Flotte
-noch vor Anker, als er am 29. Juni vor der Stadt erschien. Aber
-Ovando gestattete dem Admiral nicht, ans Land zu kommen und Columbus
-hinwieder hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, sein gesunkenes
-Ansehen in seiner Colonie wieder zu heben, wenn er als Befehlshaber
-eines Geschwaders einlaufe. Nur die von ihm aus Spanien mitgebrachten
-Briefe konnten abgegeben werden, Ovando lehnte jede weitere Annäherung
-ab. Auch darin fand Columbus kein Gehör, daß er aus astrologischen
-Ursachen[274] den nahebevorstehenden Ausbruch eines furchtbaren Sturmes
-verkündete und daher den Statthalter Ovando warnte, vor Ablauf einer
-Woche die im Hafen segelbereite Flotte, auf welcher sich Bobadilla,
-Roldan u. a. befanden, nicht abfertigen zu wollen.
-
-Wenn nun bald darauf, als die Flotte wirklich ausgelaufen war, der
-Orkan losbrach, gegen 20 Schiffe mit Mann und Maus verschlang und
-dabei auch Bobadilla und Roldan vernichtete; wenn von allen Fahrzeugen
-nur ein einziges, und dazu ziemlich gebrechliches, welches aber das
-wieder ausgelieferte Vermögen des Admirals an Bord hatte, endlich nach
-Spanien die Reise fortsetzen konnte: mußte Columbus in allem nicht die
-unmittelbare Hand Gottes und sein Strafgericht erkennen? Er selbst
-hatte sich mit seinen vier Schiffen in die Nähe der Küste geflüchtet
-und dort das verderbliche Unwetter glücklich überstanden, wenn auch
-der schlechte Segler, den sein Bruder befehligte, aufs Meer getrieben
-und seiner Böte beraubt wurde. „Der Sturm war furchtbar,“ schreibt
-Columbus, „die Schiffe wurden getrennt und ich fürchtete, daß die
-übrigen untergegangen. Wie schmerzlich ist es bei solcher Gefahr und in
-Angst um den Sohn, den Bruder, die Freunde, nicht ans Land oder in den
-Hafen flüchten zu dürfen, an einer Küste, welche ich unter so vielen
-Mühseligkeiten für Spanien selbst gewonnen habe.“
-
-Am 14. Juli segelte Columbus von Haiti ab und steuerte, indem er
-die Inseln Jamaica und Cuba zur Rechten ließ, grade gegen Westen.
-Jenseits Jamaica trieb ihn aber eine heftige Strömung gegen Nordwesten
-bis zu der Region, wo die „Gärten der Königin“ lagen, doch sah er
-das Land nicht. Von hier steuerte er nach der ~terra firma~ hinüber
-und erreichte am 30. Juli die im äußeren Golf von Honduras gelegene
-Insel Guanaja,[275] welche er nach dem prächtigen Fichtenwalde Isla
-de Pinos nannte. Dort traf er mit yukatanischen Händlern zusammen,
-welche in ihren großen, aus einem Stamm gefertigte Barken allerlei
-Handelswaren hatten, als messingene Schellen, Messer und Beile von
-hellem, durchscheinenden Stein, hölzerne Schwerter, deren Schneiden
-aus scharfen Steinen bestanden, welche beiderseits in Rinnen eingefügt
-waren, schön geschnitzte hölzerne und marmorne Gefäße, baumwollene, in
-verschiedenen Farben gewebte Decken u. a. Columbus erkundigte sich bei
-den Insassen der Böte nach dem Lande im Westen. Man nannte das Land der
-Maya (Yukatan). Da die Handelswaren eine höhere Kultur verriethen,
-als die Spanier bisher im westindischen Gebiete angetroffen, so wäre
-Columbus, wenn er die Heimat der einheimischen Händler aufgesucht
-hätte, zu den Städten in Yukatan, vielleicht gar an das Gestade von
-Mexiko gelangt. Aber von der Vorstellung einer Meerenge beherrscht,
-welche ihn weiter südlich um die vermeintliche hinterindische
-Halbinsel, in deren Nähe er sich zu befinden glaubte, in den Golf
-von Bengalen führen sollte, blieb der Admiral seinem Plane treu und
-segelte statt nach Westen, nach Osten, und sah sich dadurch auch bei
-der letzten Fahrt auf die Erforschung innerhalb des caribischen Meeres
-beschränkt. Zunächst ging der Admiral nach dem im Süden gelegenen
-festen Lande hinüber und landete in der Nähe des Cap Honduras, um
-von dem neu entdeckten Gebiete für Spanien Besitz zu ergreifen. Es
-scheint, daß er bei dem fortdauernd schlechten Wetter hier gegen 14
-Tage verweilte, dann steuerte er an der Küste gegen Osten. Aber die
-heftigen Stürme und die furchtbare Gegenströmung ließen ihn kaum einen
-Schritt vorwärts gewinnen. In einem Zeitraum von vier Wochen, vom 14.
-August bis zum 12. September (Columbus gibt irrthümlich 60 Tage, Peter
-Martyr richtiger 40 Tage, den Aufenthalt bei Guanaja eingerechnet),
-legte er, unter stetem Laviren, nur einen Abstand von drei Meridianen
-zurück. „Es regnete, donnerte und blitzte unaufhörlich, es sah aus,
-als ob die Welt untergehen sollte. In der ganzen Zeit sah ich weder
-Sonne noch Sterne. Meine Schiffe hatten furchtbar gelitten, die Segel
-waren zerrissen. Wir hatten Anker, Takelwerk, Böte und eine große Menge
-Vorräthe eingebüßt. Das Schiffsvolk war krank und niedergedrückt.
-Manche gelobten ein religiöses Leben zu führen und alle verpflichteten
-sich zu Walfahrt und Beichte. Wir haben manche Stürme erlebt, aber nie
-einen von solcher Heftigkeit.“[276] Am meisten war Columbus um seinen
-13jährigen Sohn besorgt; aber er fand einen Trost darin, daß dieser
-sich auf der See bewährte. Dann machte er sich Vorwürfe darüber, daß er
-seinen Bruder Bartolomé, den er gegen dessen Willen mitgenommen, stets
-der äußersten Gefahr ausgesetzt sah, weil er sich auf dem schlechtesten
-Fahrzeuge befand. Der Admiral selbst lag fieberkrank danieder, leitete
-aber trotzdem von einer kleinen Cabine aus, die auf Deck errichtet
-worden war, den Lauf des Schiffes. Krankheit und Sorgen preßten ihm die
-Klage aus, daß er nun in 20 Dienstjahren voll Mühen und Gefahren noch
-nichts gewonnen habe und bis jetzt in Castilien noch keinen Dachziegel
-erworben habe, daß er in Spanien beständig auf das Wirthshausleben
-angewiesen gewesen sei und meistens kaum die Mittel besessen habe, um
-seine Rechnungen bezahlen zu können.
-
-So erreichte er endlich am 12. September das östlichste Vorgebirge von
-Honduras, von wo die Küste nach Süden lief und ihm besseres Wetter und
-günstiger Fahrwind in Aussicht stand.
-
-Zum Dank für die Errettung Aller nannte er jenes Vorgebirge ~Gracias
-à Dios~ (Gott sei Dank), wie es noch heute heißt. Die Küste, welche
-sich von da ab, zwischen dem 15° und 10° n. Br. nach Süden zog,
-bewahrte zwar noch denselben Charakter, aber die Fahrt ging leichter
-von statten. Hinter dem flachen, sandigen Strande breiten sich
-zahlreiche Lagunen hin. Der Boden ist, bisweilen bis dicht ans Meer,
-mit Pechtannen bewachsen oder mit üppigem Platanenwald bedeckt. Große
-Savannenflächen breiten sich dazwischen aus. Die ganze Gegend gilt als
-gesund. Erzgänge kennt man hier nicht; aber manche Flüsse, wie der Rio
-Tinto gegen Norden, und der Rio Pataca scheinen reich an goldführendem
-Sande zu sein.
-
-Am 25. September gelangte das Geschwader zu einer reizenden
-Gestadeinsel, welche Columbus den Garten (la Huerta) benannte.
-Am festen Lande lag, in der Nähe der Mündung eines Flusses, das
-Indianerdorf Cariai.[277] Hier gönnte er (vielleicht in der Nähe der
-heutigen Stadt Greytown) seiner Mannschaft eine längere Ruhe, ließ
-die Schiffe ausbessern und Vorräthe einnehmen. Aus den Erkundigungen,
-welche Bartolomé Colon am Lande einzog, ging hervor, daß weiter gegen
-Südosten reiche Goldgestade ihrer warteten. So steuerten denn die
-Schiffe am 5. October dieser verheißenden Küste zu und kamen nach zwei
-Tagen in die heutige inselreiche Bai von Chiriqui. Die Indianer nannten
-diese Gegend Cerabaró oder Carabaro. „Ich selbst,“ schreibt Columbus,
-„erhielt Mittheilung über die gesuchten +Goldbergwerke in der Provinz
-Ciamba+ und zwei Indianer führten mich nach Carambaru, wo das nackte
-Volk Goldschmuck am Halse trug.“
-
-Die Provinz Ciamba, welche Columbus nennt, ist das schon von Polo
-erwähnte Königreich Tschampa in Hinter-Indien. Der Irrthum des Admirals
-erklärt sich aber, sowie wir einen Blick auf den Globus Behaims werfen.
-Westlich von Cipangu (Haiti, nach Ansicht des Columbus) erstreckt sich
-die Ostküste Asiens zwischen dem 20° und 10° n. Br. von Norden nach
-Süden. An dieser Küste glaubte der Admiral angelangt zu sein, und eben
-hier sehen wir auf Behaims Globus das Königreich Ciamba eingezeichnet.
-So fest war auch hier wieder Columbus von seinen Ideen eingenommen,
-daß er ohne weitere Erklärung und mit der größten Sicherheit von der
-„Provinz Ciamba“ spricht.
-
-Wo südlich von der Mündung des Rio San Juan die Küste des
-mittelamerikanischen Isthmus in den Staaten Costarica und Panama
-sich im allgemeinen mehr nach Osten zieht, ändert sich die Natur des
-Gestades. Dicht bewaldete Berge treten bis an die See; größere und
-kleinere, zum Theil mit Berginseln malerisch besetzte Buchten öffnen
-sich und bieten guten Ankergrund. Gegenüber von Carabaró lag auf den
-anderen Seiten der herrlichen, fischreichen Bucht von Chiriqui die
-Landschaft +Aburéma+, beide reich an Gold in allen Flüssen. Hier
-war es, wo Columbus die erste dunkle Kunde von dem großen Ocean
-erhielt, diese Nachricht aber auf das indische Meer jenseits des
-Ganges bezog. Neun Tagereisen quer durch das Land nach Westen lag
-nach den Angaben der Indianer, denen man Glauben schenken durfte,
-das goldreiche Land +Ciguara+, dessen Bewohner Korallenschmuck im
-Haar und große Korallenarmbänder trugen. Auch sollte dort der Pfeffer
-bekannt sein. Columbus erfuhr weiter, daß in jenem Lande Messen
-und Märkte abgehalten würden, daß die Leute kunstreich gearbeitete
-Kleidung trügen, mit Schwertern, Bogen und Pfeilen bewaffnet, sogar mit
-Harnischen gerüstet seien. Auch glaubte der Admiral aus den weiteren
-Mittheilungen zu verstehen, daß das Volk auf seinen Schiffen Kanonen
-führe und Streitrosse besitze. Die goldreiche Küste jenseits der Bai
-von Chiriqui wurde nach einem Indianerorte +Veragua+ genannt. Eine
-höhere, der Küste parallel laufende Gebirgskette war fast immer in
-Wolken gehüllt. Ihre Gipfel schätzte Columbus auf 50,000 Fuß Höhe.
-Am Fuß der Gebirge, sagte er, öffne sich ein Pfad zu dem asiatischen
-Ostmeere, so daß Veragua und Ciguara einander gegenüber liegen wie
-Tortosa und Fuentarabia in Spanien, oder Venedig und Pisa in Italien.
-Er hoffte also, da er sich die mittelamerikanischen Landschaften
-auf den einander gegenüberliegenden Küsten einer Halbinsel, wie
-Spanien und Italien vorstellte, bei einer Weiterfahrt das Ende des
-Landes umsegeln zu können und eine Meerenge zu finden in ähnlicher
-Lage, wie südlich von Italien oder Spanien. Darum fügt er hinzu: Die
-See umgibt Ciguara und in 10 Tagen kommt man von da zum Ganges. Er
-glaubte also nahe dem südlichen Ende der hinterindischen Halbinsel zu
-sein, wo nach der Vorstellung des Ptolemäus der Hafen Catigara lag.
-Bestärkt wurde Columbus noch durch die Angaben der Kosmographie des
-Aeneas Sylvius[278] (Papst Pius II.), welche er auf seinem Schiffe
-mit sich führte. Hier fand er bei der Beschreibung Ostasiens, Katais
-und Matschins (Großchinas) Mittheilungen über das Tätowiren, über
-den Sonnenkultus u. a., was er an der Küste von Mittelamerika auch
-beobachtet hatte, so daß er daraus folgerte, er sei in die Nähe des
-alten Handelshafens von Catigara angelangt, die Halbinsel sei nur noch
-9 Tagereisen breit und jenseits derselben erreiche man bei günstiger
-Fahrt in 10 Tagen den Ganges.
-
-War diese Berechnung richtig und hatte er damit, auf die Autorität
-des Ptolemäus bauend, welcher Catigara 180 Meridiane östlich von den
-Canarischen Inseln ansetzt, gegen Westen segelnd, die Hälfte des
-Erdballs umfahren, dann konnte auch der Umfang der Erde nicht so groß
-sein, wie seit der Berechnung des Alterthums allgemein angenommen
-wurde; denn er war sich wohl bewußt, daß er in geradem Abstande von
-Osten nach Westen noch nicht eine so große Strecke durchmessen hatte,
-welche der Hälfte des Erdumfanges entspräche. Aber auch vor dieser
-Consequenz schreckte er nicht zurück und erklärte darum in seinem
-Briefe aus Jamaica: +Die Welt ist nicht so groß, als man gewöhnlich
-annimmt+, denn ein Aequatorialgrad beträgt nicht 60 sondern nur 56⅔
-Meilen (~millas~).[279]
-
-Unter diesen Vorstellungen und in der sicheren Erwartung, die
-Meerenge bald zu erreichen, segelte er weiter, ohne das Goldland
-von Veragua genauer zu untersuchen. Am Abend vor Simon und Judä
-wurde er widerstandslos vom Sturme fortgetrieben und fand erst nach
-mehreren angstvollen Tagen Schutz vor der wilden See und dem rasenden
-Sturme in einem prächtigen Hafen, dem er den Namen Puerto bello gab.
-Hier blieb er vom 2. bis 9. November liegen, bis das Unwetter sich
-ausgetobt zu haben schien. Nach den Goldminen von Veragua wollte er
-nicht zurückkehren; er sah sie schon als spanisches Eigenthum an.
-Unter heftigen Regengüssen segelte er weiter, wurde aber schon nach
-kurzer Fahrt genöthigt, wider seinen Willen, an der schützenden Küste
-eine Zuflucht gegen die von neuem losbrechenden Wetter zu suchen. Die
-Umgebung des Hafenplatzes war wohl angebaut und bot eine willkommene
-Fülle von Nahrungsmitteln, daher erhielt die Bucht den Namen ~Puerto
-de los bastimentos~ (Hafen der Vorräthe). Sturm und Ungewitter hielten
-ihn hier bis zum 23. November fest. Als er sich ohne günstiges Wetter
-von neuem wieder hinauswagte, konnte er unter großer Anstrengung nur 15
-Meilen zurücklegen; denn Wind und Strömung waren ihm dermaßen entgegen,
-daß er nach dem verlassenen Hafen zurückweichen mußte. Unterwegs fand
-er einen andern Hafen, den er Retrete nannte. Es war ein ganz kleiner,
-unbequemer Hafen, der von Sandbänken und Felsen umsäumt war. Hier ward
-er von neuem auf die Dauer von 14 Tagen festgehalten. Am 5. December,
-als er die Zufluchtsstätte verlassen und nur vier Meilen weit gekommen
-war, brach der Sturm mit gesteigerter Wuth wieder los und machte ihn
-völlig rathlos. Die schaumbedeckte See erhob sich zu furchtbarer Höhe,
-wie er noch nie erlebt hatte. „Der Wind war uns grade entgegen,“ so
-beschreibt Columbus diese Unwetter, „und machte es uns unmöglich, nach
-einer vor uns liegenden Landspitze zu steuern. Die See kochte wie ein
-Kessel über starkem Feuer. Tag und Nacht flammte der Himmel von den
-zuckenden Blitzen, welche von so entsetzlichem Donner begleitet waren,
-daß wir alle fürchteten, die Schiffe müßten untergehen.“ Neun Tage
-schwebte er so in Lebensgefahr und während dieser ganzen Zeit strömte
-das Wasser vom Himmel nicht wie Regen, sondern wie eine neue Sündflut.
-Die Mannschaft wurde so muthlos, daß sie den Tod als eine Erlösung aus
-diesem Jammer ansah. Zweimal hatten die Schiffe bereits Verluste an
-Böten, Ankern und Tauwerk erlitten und lagen nun ohne Segel bei.
-
-In der Nähe der eigentlichen Landenge von Panama wurde Columbus zur
-Umkehr genöthigt. Seine Schiffe waren in dem erbärmlichsten Zustande
-und hielten sich, von Bohrwürmern angegriffen, kaum noch über Wasser.
-Aber auch auf dem Rückwege nach Veragua tobte das Wetter und hielten
-widrige Winde ihn beständig auf, so daß er wiederholt sich in den
-Schutz der Küste flüchten mußte; so auch am Weihnachtsabend, wo er aus
-der bevorstehenden Opposition des Saturns mit der Sonne auf ein neues
-Ausbrechen der Wuth der feindlichen Elemente sich glaubte gefaßt machen
-zu müssen. Erst mit dem Beginn des neuen Jahres 1503 trat günstigeres
-Wetter ein und so erreichte er, im Zustande höchster Erschöpfung, denn
-die Mannschaft lag größtentheils krank darnieder, die Küste von Veragua
-am Epiphaniastage und lief in den Fluß Belen oder Yebra ein, über
-dessen Barre er zwar mit großer Schwierigkeit, aber doch glücklich in
-stilles Fahrwasser gelangte. Am folgenden Tage brach der Sturm wieder
-los und hätte es ihm unmöglich gemacht über die Barre zu kommen, wenn
-er von dem Unwetter noch auf der See überrascht worden wäre. Der Regen
-hielt bis zum 14. Februar an, so daß man anfangs nicht im Stande war
-die Schiffe zu verlassen. Am 24. Januar schwoll der Fluß plötzlich so
-gewaltig an, daß er die Schiffe von ihren Kabeln losriß und beinahe
-wieder auf das Meer hinausgetrieben hätte.
-
-Erst am 6. Februar konnte der Admiral es wagen, seinen Bruder Bartolomé
-mit 68 Mann auf Kundschaft nach dem Veraguafluß zu senden. Der
-Adelantado erreichte in seinen Böten bald das Dorf des Quibian oder
-Caziken von Veragua. Der Häuptling, nach Landessitte bemalt, aber
-nackt, kam den Fremden mit großem Gefolge, aber unbewaffnet entgegen.
-Bei der Zusammenkunft holten seine Begleiter aus der Nähe einen großen
-Stein herbei, wuschen denselben in dem Flusse sorgsam ab, rieben ihn
-trocken und legten ihn vor ihrem Fürsten nieder, damit er, seiner
-Würde gemäß, sitzend die Unterhaltung beginnen könne.[280] Auf den
-Wunsch der Spanier, zu den Fundstätten des Goldes geführt zu werden,
-zeigte sich der Quibian sofort bereit und bestellte drei Führer, um die
-Fremden dahin zu geleiten. Bartolomé Colon sandte einen Theil seiner
-Mannschaft zum Schutz der Böte zurück und brach mit den übrigen nach
-den Minen auf. In allen Gewässern konnte man mit leichter Mühe zwischen
-den Wurzeln der Bäume, unter dem Flußgeröll und im Sande Goldblättchen
-auflesen. Weiter brachten die Indianer den Adelantado mit seinem
-Gefolge auf einen hohen Berg, von wo aus man das Land weit und breit
-übersehen konnte und erklärten, daß überall, namentlich gegen Westen
-auf 20 Tagereisen weit sich Gold sammeln lasse und nannten Städte und
-Dörfer, welche in jenem Goldgebiete lägen. Nachher erfuhr man, daß
-der schlaue Quibian den Spaniern die ergiebigen Gebiete eines ihm
-feindlichen Nachbarfürsten hatte zeigen lassen, um die Fremdlinge mit
-seinem Feinde in Streit zu bringen, daß er aber die besten Goldfelder
-im eignen Lande verheimlicht hatte.
-
-Am 16. Februar setzte Bartolomé die Erforschung des Landes weiter fort,
-fand überall reichliche Spuren von Gold, besuchte mehrere Caziken, bei
-denen er freundliche Aufnahme fand, erkannte aber, daß das Gebiet von
-Veragua von allen am reichsten sei. Auch wiederholte sich hier wieder
-die Kunde von einem mächtigen Kulturvolke, das an dem andern Meere
-wohnen sollte.
-
-Es schien klar, daß man sich hier in der Nähe der reichsten Gebiete
-Asiens befand, und daher beschloß Columbus hier eine Niederlassung zu
-gründen. Veragua war der goldene Chersones. (Siehe oben S. 207.)[281]
-
-Am Flusse Belen wurden Häuser errichtet, der Adelantado entschloß
-sich in der Colonie die Leitung zu übernehmen und mit einem Fahrzeuge
-zurückzubleiben, indeß Columbus nach Spanien zurückkehren und von da
-neue Verstärkungen herüberführen wollte. Der Quibian, den der Admiral
-durch Geschenke für seinen Plan gewonnen glaubte, sah die Versuche
-seiner Gäste, sich häuslich niederzulassen, mit schelem Blick und
-wachsendem Unbehagen. Das gute Einvernehmen zwischen Spaniern und
-Indianern wurde allmählich getrübt, denn die Eingeborenen hatten
-von der Anmaßung der Fremden zu leiden. Der Quibian benutzte die
-entstehende Zwietracht zu einer allgemeinen Verschwörung, man wollte
-die neuen Häuser der Colonie in Brand stecken und die Insassen
-tödten. Diego Mendez, ein dem Columbus treu ergebener Mann, erhielt
-zuerst von diesem Plan Kenntniß; er bewachte die Bewegungen der
-bewaffneten indianischen Scharen, so daß sie im geheimen ihre Absicht
-nicht ausführen konnten, ja er drang sogar bis zu dem Mittelpunkte
-der feindlichen Macht, bis zur Behausung der Caziken vor, indem er
-sich für einen Wundarzt ausgab, welcher dem verwundeten Häuptling
-Linderung bringen wolle. Nachdem er sich dabei noch einmal vergewissert
-hatte, daß in der That ein Angriff auf die spanische Niederlassung
-bevorstehe, kehrte er nach dem Belen zurück. Bartolomé Colon wählte
-sofort gegen 50 tüchtige Leute aus, rückte vor das Haus des Quibian
-und nahm denselben sammt seiner zahlreichen Familie gefangen. Leider
-entkam der Häuptling in der darauf folgenden dunkeln Nacht wieder und
-gab nun das Signal zum Angriff auf die Ansiedlung. Inzwischen hatte der
-Admiral im Anfang April drei Schiffe aus dem Flusse wieder über die
-Barre aufs Meer gebracht, um nach Spanien zurückzukehren, während sein
-Bruder nebst einem Schiffe in Veragua zurückbleiben sollte. Als aber
-durch den erbitterten Angriff der Indianer die am Lande befindlichen
-Spanier aus ihren Hütten vertrieben wurden, und als vollends der
-Capitän Diego Tristan mit seiner Bootsmannschaft, welche den Fluß Belen
-hinaufgegangen war, um Wasser zu holen, von den Feinden erschlagen
-worden, war das Schicksal der Colonie besiegelt. Es galt nur noch, den
-Adelantado mit seinen Leuten, die sich am Strande verschanzt hatten,
-zu retten. Der Admiral, selbst in heftigem Fieber liegend, und fast
-aller seiner Böte beraubt, nicht fähig seinem Bruder Hilfe zu bringen,
-gerieth in die höchste Aufregung. „Ich war allein draußen,“ erzählte
-er später, „an der gefährlichen Küste, von schwerem Fieber befallen
-und todesmatt. Alle Hoffnung, zu entkommen, war dahin. Ich arbeitete
-mich mühsam auf den höchsten Theil des Schiffes und rief mit zitternder
-Stimme unter heißen Thränen die Hauptleute mir zu Hilfe zu kommen, aber
-es kam keine Antwort.“ In seinen Fieberphantasien glaubte Columbus nun,
-als er völlig erschöpft eingeschlafen war, eine mitleidige, tröstende
-Stimme zu vernehmen, welche zu ihm sprach: „Warum verzagst du in deinem
-Glauben an Gott? Was that er mehr für Moses oder für seine Knechte,
-als er für dich gethan? Seit deiner Geburt hat er die größte Sorge
-um dich gehabt. Als er dich zu den von ihm bestimmten Jahren kommen
-sah, hat er deinen Namen in der ganzen Welt ertönen lassen. +Er gab
-dir Indien+, den reichsten Erdtheil, du vertheiltest es nach deinem
-Belieben. Du empfingst von ihm die Schlüssel zum Ocean, der bisher
-mit starken Ketten verschlossen war. Man gehorchte deinen Befehlen
-in den unermeßlichen Ländern, und du hast unsterblichen Ruhm unter
-den Christen erworben. Was that er mehr für das Volk Israel, als er
-es aus +Aegypten+ führte, und für David, den er aus dem Hirtenstand
-zum Throne Judas erhob? Kehre zurück zu deinem Gott, erkenne endlich
-deinen Irrthum; sein Mitleid ist ohne Grenzen. Dein Alter (~ta vejez~)
-wird dich nicht hindern, große Thaten zu thun. Er hält in seiner Hand
-die glänzendste Erbschaft... Sprich, wer hat dich so tief und so oft
-gebeugt, Gott oder die Welt? Gott hält stets, was er verspricht.
-Fürchte nichts, fasse Muth!“
-
-Die peinliche Ungewißheit über die am Lande Zurückgelassenen währte
-tagelang, denn wegen der starken Brandung war aller Verkehr mit der
-Küste abgeschnitten. Endlich erbot sich der Pilot Pedro Ledesma, durch
-die Brandung zu schwimmen, wenn man ihn mit dem letzten verfügbaren
-Bote bis an die Grenze derselben bringe. Diese kühne That gelang, und
-so erhielt Columbus Nachricht, daß sein Bruder sich noch an der Küste
-vertheidige. Trotz seiner gefahrvollen Lage -- denn die von Würmern
-zerfressenen Schiffe hielten sich kaum noch über Wasser -- mußte er
-noch längere Zeit ausharren, bis das Wetter sich günstiger gestaltete
-und es ermöglichte, die am Lande befindliche Mannschaft, wenn auch mit
-Zurücklassung ihrer Caravele, wieder einzuschiffen und die Gründung
-einer Colonie einer späteren Zeit vorzubehalten. So gelang es denn
-Ende April, die gefährliche Goldküste von Veragua mit drei Schiffen
-zu verlassen. Das Geschwader ging nach Osten an der Küste entlang,
-mußte bei Puerto bello noch ein Schiff zurücklassen, welches zu einer
-Fahrt über das Meer völlig untauglich geworden war, und drang bis an
-den Golf von Darien vor. Von hier steuerten die beiden letzten Schiffe
-grade nach Norden, um womöglich Jamaica zu erreichen; aber Wind und
-Strömung trieben sie von ihrem Cours ab und zu weit nach Westen, so daß
-sie statt nach Jamaica an die kleine Cayman-Insel und von da nordwärts
-zu der Inselwolke kamen, welche Columbus bei seiner Erforschung der
-Südküste Cubas bereits besucht und mit dem Namen „Gärten der Königin“
-belegt hatte. „Die See war sehr stürmisch und ich wurde rückwärts
-getrieben vor Top und Takel (~volver atras sin velas~). Das eine Schiff
-verlor drei Anker. Um Mitternacht brach ein Wetter los, als sollte die
-Welt untergehen, so daß auch die Kabel des andern Schiffes rissen und
-dasselbe mit solcher Gewalt auf uns zutrieb, daß alles in Stücke zu
-gehen drohte. Nur +ein+ Anker hielt noch, und war nächst Gott unsere
-einzige Rettung.“[282] Erst nach sechs Tagen, als das Wetter ruhiger
-geworden war, konnte man weiter segeln. Es war eine verzweifelte
-Fahrt. Die Schiffe waren von den Würmern wie Honigwaben durchlöchert.
-Die Mannschaft war völlig verzagt und muthlos. Als Columbus die
-Südwestspitze Cubas, Cap de la Cruz erreicht hatte, hoffte er an der
-Küste entlang ostwärts nach Haiti zu kommen; aber Wind und Strömung
-waren ihm dermaßen entgegen, daß er mit seinen kaum noch haltbaren
-Schiffen nicht dagegen ankämpfen konnte und sich genöthigt sah, sich
-nach Jamaica zu wenden. Das Wasser drang unaufhaltsam in die Fahrzeuge
-ein und konnte, trotzdem man mit drei Pumpen, mit Töpfen und Kesseln
-am Ausschöpfen arbeitete, nicht bewältigt werden, sondern stieg im
-Schiffsraum immer höher. Man war froh, mit den sinkenden Schiffen
-bis nach Jamaica hinübergekommen und wenigstens das Leben gerettet
-zu haben. So ließ denn der Admiral beide Schiffe an einer günstigen
-Stelle an den Strand laufen. Es war am 25. Juni 1503, daß die Schiffe
-sich im Hafen Santa Gloria, jetzt Christovals-Bucht genannt, nahe
-am Lande auf seichtem Grunde mit Wasser füllten, so daß sie bis ans
-Verdeck sanken. Das Verdeck selbst blieb über Wasser, und hier wurde
-in gedeckten Cajüten die Mannschaft untergebracht. So konnten die
-Wracks noch als Holzfestungen gegenüber unerwarteten Angriffen von
-Seiten der Bewohner dienen, auch wurden die Mannschaften abgehalten, am
-Lande herumzuschweifen und den Indianern Anlaß zu Conflicten zu geben,
-welche bei der hilflosen Lage der Spanier allen den Untergang bereiten
-konnten, wenn ihnen vom Lande her die erforderlichen Lebensmittel
-versagt wurden, denn die Schiffsvorräthe waren natürlich sämmtlich
-verloren gegangen.
-
-Glücklicherweise zeigten sich die Indianer, welche bald scharenweise
-am Strande erscheinen, geneigt, zum Tausch gegen europäische Artikel
-Lebensmittel herzuzuschaffen. Aber diese Art der Verproviantirung
-konnte bei ihrer Unregelmäßigkeit auf die Dauer die Spanier nicht vor
-Hungersnoth schützen. Es mußte das Gebiet der Bezugsquellen weiter
-ausgedehnt, es mußten mit den entfernteren Dörfern gewissermaßen
-Lieferungsverträge abgeschlossen werden.
-
-Zu dem Ende erbot sich Diego Mendez, mit drei Leuten auf Kundschaft
-auszuziehen. Ueberall fand er freundliche Aufnahme; Cassavebrod und
-Fische wurden ihm in Fülle gereicht. So zog er von einem Dorf zum
-andern und gelangte endlich bis an den äußersten Osten der Insel, wo
-er sogar mit dem Caziken Blutsfreundschaft schloß und seinen Namen
-eintauschte. Hier kaufte Mendez ein Boot, belud es mit Nahrungsmitteln
-und brachte es nach der Hafenbucht von Santa Gloria.
-
-War damit und mit dem in Folge des Uebereinkommens reichlich
-zugeführten Lebensbedarf die Noth der Schiffbrüchigen gehoben, so blieb
-doch ihre Lage eine absolut hoffnungslose, wenn es nicht gelang, nach
-Haiti zum Statthalter Ovando eine Mittheilung von ihrem Aufenthalte
-und ihrem Schicksal zu befördern. Auch zu diesem Wagniß erbot sich
-Mendez. Zwar schlug der erste Versuch fehl, da er mit seinen Genossen
-am östlichen Strande von Jamaica gefangen genommen wurde und nur mit
-Noth den Eingeborenen entrinnen konnte. Aber er war auch zum zweiten
-Male bereit, sein Leben für die Rettung des von ihm verehrten Admirals
-und seiner Begleiter zu wagen. Diese zweite Unternehmung wurde besser
-vorbereitet. Es gingen nämlich zwei Böte, indianische Canoes, welche
-für die Seefahrt besonders hergerichtet waren, unter Mendez und
-Bartolomeo Fiesco ab. In jedem Bote befanden sich sechs Spanier und
-zehn indianische Ruderer; es fand nämlich ein Verkehr über See zwischen
-den großen Inseln statt und die Indianer konnten dabei den Spaniern
-die Segelrichtung angeben. Damit aber die beiden Böte, welche erst vom
-Ostende Jamaicas sich nordwärts über das Meer wagen sollten, nicht
-wieder von Indianern überfallen werden könnten -- denn es konnte der
-Fall eintreten, daß wegen widriger oder hochgehender See die Böte nicht
-sofort vom Strande ablaufen durften, sondern mehrere Tage auf günstiges
-Wetter zu warten hatten; -- so begleitete sie der Adelantado mit 50
-Bewaffneten, die am Strande hinzogen und denselben so lange schützten,
-bis ihre Genossen sich mit den Canoes aufs Meer hinaus wagen durften.
-Diese kühne Bootfahrt fällt in den August 1503. Fünf Tage und vier
-Nächte wurde unablässig gerudert, Mendez saß ohne Unterbrechung am
-Steuer. So erreichten sie das Cap St. Miguel (jetzt Cap Tiburon), die
-Westspitze Haitis, wo sie, erschöpft von der großen Anstrengung, zwei
-Tage rasteten. Dann setzten sie ihre Fahrt längst der Südküste weiter
-fort. In der Landschaft Jaragua traf Mendez den Statthalter Ovando,
-welcher ihn zwar freundlich empfing, aber doch seinem Bericht über die
-trostlose Lage der Schiffbrüchigen auf Jamaica nicht trauete, vielmehr
-argwöhnte, Columbus wolle durch eine plumpe List ihn täuschen, um
-wieder den Boden seiner Colonie betreten zu dürfen.
-
-Monate vergingen, ehe der Statthalter von Haiti dem Drängen des Mendez
-nachgab und ein Schiff unter Diego de Escobar auf Kundschaft nach
-Jamaica entsendete. Die Wahl dieses Sendboten war als eine für Columbus
-nicht günstige aufzufassen, denn Escobar hatte zu den Parteigängern
-Roldans gezählt, war aber später begnadigt worden. Er kürzte auch
-seinen Besuch in Jamaica möglichst ab, nahm Briefe des Columbus mit und
-ging bald wieder in See mit dem Versprechen, ein größeres Schiff zu
-senden, um den Admiral aus seiner gefährlichen Lage zu befreien; das
-Fahrzeug, auf welchem er gekommen, sei zu klein, um die Schiffbrüchigen
-alle aufzunehmen.
-
-Mendez hatte sich indessen bemüht, mit dem Gelde des Columbus in Haiti
-ein Schiff zu miethen, konnte aber seine Absicht erst im Frühling 1504
-erreichen, weil nicht eher Schiffe von Spanien angekommen waren. Er
-belud dann ein Fahrzeug mit Vorräthen aller Art und sandte es nach
-Jamaica, während er selbst nach Spanien ging, um dem Könige von dem
-Schicksal des Columbus Mittheilung zu machen. So kam es, daß der
-Admiral sich ein ganzes Jahr unter wachsender Gefahr und aufreibenden
-Sorgen auf Jamaica festgehalten sah.
-
-Bald nach der Abfahrt des Mendez hatten die Indianer die weiteren
-Lieferungen von Lebensmitteln verweigert und konnten nur durch eine
-auf ihre Einfalt und ihren Aberglauben berechnete List bewogen werden,
-die weitere Verpflegung der fremden Gäste zu übernehmen. Columbus
-wußte, daß am 29. Februar 1504 eine Mondfinsterniß eintreten werde.
-Er drohte daher den Indianern mit dem Zorn der himmlischen Gottheit,
-welche ihr leuchtendes Angesicht von ihnen abwenden werde, wenn man den
-Spaniern den nöthigen Nahrungsbedarf entzöge. Die kindlichen Gemüther
-der Eingebornen wurden durch das rasche Eintreffen der drohenden
-Prophezeihung so erschreckt, daß sie, um den Zorn des Lichtgottes zu
-besänftigen, sich alsbald bereit erklärten, die Spanier mit Vorräthen
-zu versehen.
-
-Weit gefährlicher und langwieriger gestaltete sich die Meuterei
-der beiden Brüder Francisco und Diego Porras, welche mit 48
-Gesinnungsgenossen unter Drohungen, denen sich der muthige Adelantado
-vergebens zu widersetzen suchte, die Schiffe verließen und auf
-demselben Wege wie Mendez und Fiesco ihr Heil versuchen und nach Haiti
-segeln wollten, weil sie meinten, Columbus habe gar nicht die Absicht,
-Jamaica wieder zu verlassen, sondern wolle sie zwingen, mit ihm dort
-eine dauernde Colonie zu gründen. Ihr Versuch, auf indianischen Böten
-ihre Flucht auszuführen, scheiterte an der Ungunst des Wetters, sie
-waren nach kurzem Kampf mit dem feindlichen Elemente genöthigt, nach
-Jamaica zurückzukehren. Columbus suchte vergebens eine Verständigung
-herbeizuführen, aber diese zerschlug sich an den unbilligen Forderungen
-der Meuterer. Und als diese vollends sich anschickten, einen geeigneten
-Hafenplatz, wo man die Landung der verheißenen rettenden Fahrzeuge
-erwartete, zu besetzen, und sich dadurch zu Herren der Rettungsschiffe
-zu machen, blieb der dem Columbus treu gebliebenen Mannschaft, an
-deren Spitze der Adelantado trat, nichts übrig, als die Entscheidung
-der Waffen anzurufen. So kam es am 19. Mai 1504 zu einem blutigen
-Zusammenstoß, in welchem mehrere Meuterer erschossen und Francisco
-Porras gefangen genommen wurde. Die Besiegten baten um Gnade und mußten
-unter feierlichem Eidschwur von neuem Treue geloben. Nur unter dieser
-Bedingung wurden sie in dem Schiffe mit aufgenommen, welches, von Diego
-Mendez gesendet, am 28. Juni vor der Bucht von Santa Gloria eintraf und
-alle Spanier nach Haiti hinüberbrachte, wo sie am 13. August den Hafen
-von San Domingo erreichten. Ovando nahm den Admiral mit seinen Leuten
-ehrerbietig auf, zeigte ihm aber auch seine höhere Amtsgewalt, indem
-er dem gefangenen Francisco Porras seine Fesseln abnehmen ließ. Am 12.
-September trat Columbus seine letzte Heimreise aus der neuen Welt an
-und erreichte im Anfang November nach einer stürmischen Ueberfahrt den
-spanischen Boden in Cadiz.
-
-
-13. Die letzten Lebensjahre des Columbus.
-
-Gekränkt und in seiner Ehre verletzt, niedergedrückt durch den Verlust
-aller Schiffe, mit denen er von Spanien ausgezogen, siech an Körper
-und Geist kam er von dieser seiner letzten Fahrt zurück. Niemand
-kümmerte sich um die Heimkehr des armen Schiffbrüchigen. Der Jubel, der
-ihn sonst empfangen, war verstummt. Peter Martyr, welcher in seinen
-Briefen ehedem sich der intimen Freundschaft des Admirals gerühmt
-hatte, schweigt in seinen gleichzeitigen Briefen über die Resultate
-dieser Reise. Columbus ist ihm ein gefallener Mann, den man nicht
-mehr nennen darf, ohne sich zu compromittiren. Man darf wohl daran
-erinnern, daß Martyr auch in seinen Decaden (~Dec.~ I. ~lib.~ 10) am
-gehörigen Orte nur ganz kurz diese letzte Fahrt des Columbus erwähnt;
-und erst viel später, in den 1515 geschriebenen Abschnitten seines
-Werkes (~Dec.~ III. ~lib.~ 1-4) wo er die Ereignisse von 1513 auf
-dem mittelamerikanischen Isthmus erzählt, erinnert er sich seines an
-Columbus begangenen Unrechts und holt die Geschichte der letzten Fahrt
-nach.
-
-Gewiß, Columbus hatte, als er wieder in Spanien eintraf, nur noch wenig
-Freunde und sollte bald nach seiner Ankunft auch noch die treueste
-Freundin, die Königin, verlieren. Isabella starb am 26. November 1504,
-also nur wenige Wochen, seitdem Columbus in Cadiz angekommen war. Daher
-fand dieser keine Gelegenheit, seine hohe Beschützerin noch einmal zu
-sehen.
-
-Der Admiral brachte den folgenden Winter in Sevilla zu. Er erwartete,
-den schriftlichen Zusagen der Krone gemäß, baldigst in seine Rechte
-und Würden wieder eingesetzt zu werden, er rechnete darauf, daß ihm
-die versprochenen Einkünfte und der Antheil an den Erträgnissen der
-Colonie, welche er seit mehreren Jahren nicht erhalten, ausbezahlt
-würden. Wiederholt richtete er Briefe an seinen Sohn Diego, um seine
-Angelegenheiten bei Hofe nachdrücklicher zu betreiben. So schrieb er
-am 1. December 1504: „Mein Leiden gestattet mir nur des Nachts zu
-schreiben, denn bei Tage habe ich keine Kraft dazu in den Händen“.
-Er brannte vor Verlangen, von seinem Sohne zu hören, wie es bei Hofe
-zugehe und wie seine Sachen stünden. Er ermahnt ihn, so oft als irgend
-möglich zu schreiben.
-
-Auch an den König Ferdinand richtete er einen langen Brief, in welchem
-er die Misstände der Colonialverwaltung ausführlich darlegte, und
-forderte, es solle ein Vertrauensmann zur Untersuchung hinübergesandt
-werden. Aber er erhielt keine Antwort darauf. Er beklagte sich bitter,
-daß ihm kein Mensch mehr schreibe.
-
-Man liest diese Briefe des Verlassenen nicht ohne Mitleid; die steten
-Wiederholungen seiner Wünsche, die drängende Ungeduld, die wehmüthigen
-Klagen -- alles zeigt uns den gebrochenen Mann.
-
-[Illustration: Haus zu Valladolid, in dem Christoph Columbus gestorben.]
-
-Der König Ferdinand behandelte die ganze Angelegenheit ohne Wärme
-und persönliche Theilnahme und überließ die Ordnung derselben einem
-Tribunal, welches die testamentarischen Verfügungen der Königin ordnen
-sollte. Daher vermochte selbst Bartolomé Colon, der sich mit seinem
-Neffen Ferdinand ebenfalls an den Hof begab, nichts ausrichten. Endlich
-machte sich der Admiral im Mai 1505 selbst auf die beschwerliche Reise
-nach Segovia, wo sich damals der König aufhielt. Zwar erwies man ihm
-hier die seinem Range gebührende Achtung, aber eine von Herzen kommende
-Werthschätzung seiner Verdienste mußte er schmerzlich vermissen.
-Offenbar waren nach dem Tode der Königin die Stimmen der Gegner noch
-lauter aufgetreten und hatten den König Ferdinand gewonnen, so daß auch
-der edle Las Casas gestehen muß, er habe von manchen dem Monarchen nahe
-stehenden Personen zu seinem Bedauern Aeußerungen vernehmen müssen,
-welche diese Abneigung und den Mangel des königlichen Wohlwollens
-bestätigten.[283] Das einberufene Tribunal, die Junta de Descargos,
-hielt zwar mehrere Sitzungen, traf aber keine Entscheidung. Man
-behandelte die ganze Frage als eine rein castilische Angelegenheit. Als
-dann nach längerem Zögern dem Entdecker der neuen Welt der Vorschlag
-gemacht wurde, seine Rechte auf das Vicekönigthum gegen Besitzungen und
-Titel in Castilien zu vertauschen, wies Columbus diesen Antrag zurück,
-weil er darin einen Bruch des gegebenen königlichen Wortes erblickte
-und seine höchste Ehre darein setzte, den Ruhm seines mühevollen Lebens
-seiner Familie in vollem Maße zu erhalten. Auch als er sich bereit
-erklärte, zu Gunsten seines Sohnes Diego auf seine indischen Würden zu
-verzichten, ging man nicht darauf ein und zog es vor, die Entscheidung
-noch weiter hinauszuziehen. Man gewöhnte sich daran, die Verdienste
-eines Mannes zu unterschätzen, „welcher lästig zu werden anfing, als
-er zu nützen aufgehört hatte“.[284] Ein letzter Hoffnungsstrahl schien
-dem Verlassenen noch zu winken, als die neuen Monarchen Castiliens,
-Philipp und Johanna am 28. April 1506 von Flandern nach Spanien
-kamen. Selbst krank und leidend, sandte er seinen Bruder Bartolomé
-dem jungen Königspaar entgegen, um demselben in seinem Namen zu
-huldigen. Er erhoffte von der Tochter der Isabella dieselbe Güte und
-Gunst, welche ihm die Mutter stets bewiesen. Es war natürlich, daß
-die neuangekommenen Regenten nicht sofort eine Entscheidung treffen,
-sondern nur freundliche Zusagen machen konnten. Aber auch davon sollte
-Columbus nichts mehr vernehmen, er starb am Himmelfahrtstage, den 21.
-Mai 1506 zu Valladolid, nachdem er zwei Tage vorher, im Vorgefühl
-des Todes sein bereits 1505 verfaßtes Testament gerichtlich hatte
-bestätigen lassen. Er setzte seinen älteren Sohn Diego zum Haupterben
-ein, da dieser allein aus einer rechtmäßigen Ehe entsprossen war.
-Seine letzten Worte waren: ~In manus tuas, Domine, commendo spiritum
-meum~. Er starb in den Armen der Franziskaner und wurde auch im
-Franciskanerkloster beigesetzt. Die Welt hatte ihn bereits vergessen;
-sein Tod machte keinen Eindruck mehr. Das ~Cronicon de Valladolid~,
-welches sonst die kleinsten Vorfälle in der Stadt bespricht, erwähnt
-des Todesfalls mit keiner Silbe. Selbst Peter Martyr, der sich 10 Jahre
-früher gerühmt hatte, mit dem Genuesen im Briefwechsel zu stehen,
-schweigt in seinen Briefen darüber, und erwähnt auch in den Decaden nur
-einmal ganz nebenbei, daß Columbus gestorben; und doch befand er sich
-vom 10. Februar bis zum 26. April 1506 zu Valladolid, also zu einer
-Zeit, wo Columbus schon den Keim des Todes in sich fühlte. Ruchhamer
-hatte bis zum 20. September 1508, wo er sein Werk (Unbekanthe landte)
-vollendete, noch nichts vom Tode des Columbus gehört, sondern schreibt
-vielmehr, daß er „noch auf den gegenwertigen Tage“ mit seinem Bruder
-Bartolomé am spanischen Hofe lebe.
-
-Wahrscheinlich im Jahre 1513 wurde die Leiche nach Sevilla ins Kloster
-~Santa Maria de las Cuevas~ übergeführt und vermuthlich erst hier
-erhielt der Sarg die Inschrift: ~A Castilla y à Leon Nuevo Mondo dió
-Colón~, welche sich auch in dem Wappen des Vicekönigs befand. Der
-Admiral hatte den Wunsch ausgesprochen, in San Domingo auf Haiti
-beigesetzt zu werden. Dorthin wurden die sterblichen Ueberreste in der
-Zeit zwischen 1540 und 1559 gebracht und in dem Dome bestattet, in
-welchem später auch sein Sohn Diego und wahrscheinlich auch sein Bruder
-der Adelantado Bartolomé und seine Enkel Don Luis und Christoval ihre
-Ruhestätte fanden.
-
-Als 1795 Domingo an Frankreich abgetreten wurde, ließ der Admiral
-Don Gabriel d’Artizabel die Gewölbe der Kathedrale in der Hauptstadt
-öffnen, die wenigen Reste des Entdeckers der neuen Welt auf dem Schiffe
-San Lorenzo nach Habana hinüberführen und dort im Dome am 19. Januar
-1796 feierlich wieder beisetzen; denn es vertrug sich nicht mit der
-spanischen Ehre, die Asche des Mannes, welcher für Spanien so große
-Verdienste hatte, den Fremden zu überlassen. Wie Columbus in seinem
-Leben ruhelos umhergetrieben war, so sollten auch seine Gebeine erst
-nach Jahrhunderten Ruhe finden.[285]
-
-
-14. Zur Charakteristik des Columbus.
-
-Vor der welthistorischen Größe des Columbus stehen wir mit getheilten
-Gefühlen. Wir bewundern die Kühnheit, die aus der felsenfesten
-Ueberzeugung von der Richtigkeit seiner Theorien und Combinationen
-entsprang, wir fühlen uns vielseitig angeregt durch seine treffenden
-Naturbeobachtungen, in denen wir die ersten Keime einer physischen
-Erdkunde erblicken dürfen;[286] aber auf der andern Seite fühlen wir
-uns abgestoßen durch seinen blinden Autoritätsglauben, durch die
-Zuversichtlichkeit, mit der er seine aus falsch oder ungenügend
-angestellten Beobachtungen in seinem eignen Fache, der Nautik,
-abgeleiteten abenteuerlichen Lehrsätze verkündet, durch die
-schwärmerische Anmaßung, mit der er sich so oft als Abgesandten Gottes
-einführt, durch die kleinliche Habsucht, mit welcher er die einem armen
-Matrosen gebührende Belohnung sich selbst aneignet, durch die in der
-Verschwörung Roldan zu Tage tretende Charakterschwäche. Wenn Humboldt
-gemeint hat (a. a. O. II, 5), die großartige Gestalt des Columbus
-beherrsche das Jahrhundert, so muß dagegen daran erinnert werden,
-daß man den Entdecker der neuen Welt schon bei seinen Lebzeiten fast
-vergessen hatte, und daß das Gesammtgebiet seiner Entdeckung kurz nach
-seinem Tode nach einem seiner Nachfolger, nach Amerigo Vespucci benannt
-wurde, und daß erst im 7. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts mit dem
-Erscheinen der ~vida del Almirante~ die Aufmerksamkeit der Welt wieder
-in erhöhtem Maße auf Columbus gelenkt wurde. Die weiteren Folgen seiner
-Entdeckungszüge, die Eroberung der neuen Welt, die Erdumsegelungen,
-die Enthüllung der allgemeinen Züge des ganzen Erdballs beherrschten
-allerdings das Interesse aller seefahrenden Nationen des Abendlandes,
-aber die Person des Entdeckers trat dabei ganz zurück. Seine Stärke
-lag in dem scharfen Blick, mit dem er die Erscheinungen in der Natur
-auffaßte, nicht blos in den Schilderungen, welche er mit poetischer
-Begeisterung von den entdeckten Tropenländern gab, sondern in der
-Aufstellung allgemeiner Gesetze, zu denen er, ohne wissenschaftliche
-Bildung, in einzelnen Fällen das Richtige treffend, die wahrgenommenen
-Erscheinungen combinirte. „Dieses Bestreben, die Resultate der
-Beobachtung zu verallgemeinern, verdient um so größere Aufmerksamkeit,
-als kein ähnlicher Versuch vor dem Schlusse des 15. Jahrhunderts,
-fast hätte ich gesagt, vor den Tagen des Pater Acosta hervorgetreten
-war. Bei den Urtheilen, welche Columbus über Gegenstände der
-physischen Geographie fällte, ließ er sich ganz gegen seine sonstige
-Gewohnheit +nicht+ von Erinnerungen aus der scholastischen Philosophie
-leiten.[287] Dahin gehören seine Beobachtungen über die Vertheilung der
-Wärme, die Variation des Erdmagnetismus, die äquatoriale Meeresströmung
-und die durch diese Strömung bedingte Gestaltung +Trinidads+ und
-der übrigen kleinen Antillen. „Columbus hat Fragen angeregt aus dem
-Gebiete der physischen Geographie und Anthropologie, die damals die
-aufgeklärten Geister Spaniens und Italiens beschäftigt: die Frage nach
-der Vertheilung der Menschenrassen, die Configuration der Ländermassen.
-Colon hat dem menschlichen Geschlechte wesentliche Dienste geleistet,
-indem er so viel neue Gegenstände auf einmal dem Nachdenken darbot;
-er hat die Masse der Ideen vergrößert; durch ihn hat ein wahrhafter
-Fortschritt des menschlichen Denkens stattgefunden. Das Zeitalter
-des Columbus war auch die Zeit des Copernicus, Ariosto, Dürer und
-Rafael.“[288]
-
-Aber neben diesen persönlichen und sachlichen Verdiensten, neben
-den richtigen Beobachtungen und daraus abgeleiteten Lehrsätzen
-erscheint eine so breite Phalanx von veralteten Theorien und
-unverzeihlichen Verirrungen, wie sie nur in einem aller objectiven
-Beurtheilung unfähigen Kopfe entstehen und von einem dem blindesten
-Autoritätsglauben unterworfenen Geiste verkündigt werden konnten.
-
-Wir brauchen hier nur auf die Abhängigkeit hinzuweisen, in welcher
-Columbus bei den Fragen über die Größe oder Kleinheit der Erde, über
-die Schmalheit des Oceans und den geringen Antheil, welcher der
-Wasserdecke gegenüber der Landhülle des Erdballs zugewiesen wird,
-ferner über die Theorien von der Lage des irdischen Paradieses und
-den Weltuntergang sich von den Schriften des Cardinal d’Ailly befand,
-auf seine Abhängigkeit von Toscanelli in Bezug auf Richtung und Ziel
-seiner Fahrten, um dieses Verzichtleisten auf eigne Kritik zu erkennen.
-Und wenn er in den erforschten Regionen Ophir und Cipangu, Katai und
-den goldenen Chersones wiedergefunden zu haben glaubte, so liegt eine
-Hauptursache in der Unfähigkeit des Admirals, annähernd richtige
-astronomische Bestimmungen zu machen, in Folge dessen nicht einmal sein
-Landungspunkt in der neuen Welt mit Sicherheit nachzuweisen ist. Weil
-er den Karten Toscanelli’s u. a. bezüglich der Größe Cipangus mehr
-traute, als seinen eignen Erfahrungen, hielt er die Insel Haiti für
-eben so groß als ganz Spanien und verlegte die Nordküste der großen
-Antillen bis unter den 40. Breitengrad.
-
-Aber nicht blos, daß ihm thatsächlich in dieser Beziehung die
-wissenschaftliche Kenntniß in seinem eigentlichsten Fache abging,[289]
-er verschmähte sogar die Wissenschaft selbst, wenn er in seinem
-~Libro de la profecias~[290] behauptet: „Zur Ausführung einer
-Fahrt nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten
-mir zu nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der
-Prophet Jesaias vorhergesagt hat.“
-
-Man erkennt darin den mächtigen Einfluß, den die Geistlichkeit auf
-das gläubige Gemüth des Genuesen ausübte. Wie er das Zustandekommen
-seiner Unternehmung nur der Unterstützung und Befürwortung durch
-die Geistlichkeit verdankte, und diese ihm auch behilflich war bei
-der Sammlung und Erklärung der Stellen der heiligen Schrift, welche
-er in zuversichtlichem Glauben auf sich bezog, wie er sich für den
-Abgesandten Gottes erklärte, um die heiligen Prophezeiungen zu
-erfüllen, so trug er auch äußerlich diese schwärmerisch-religiöse
-Richtung zur Schau. „Da der Admiral,“ erzählt Las Casas (~lib.~ I.
-~Cap.~ 102), „den Lehren des heiligen Franziskus sehr ergeben war, so
-liebte er vorzugsweise die braungraue Farbe; wir haben ihn zu Sevilla
-in einer Kleidung gesehen, welche mit der der Franziskanermönche fast
-vollkommen übereinstimmte.“
-
-Dahin rechnen wir auch die pedantische Gruppirung, in welcher Columbus
-bei dem mystischen Bau seiner Namensunterschrift die seinem Eigennamen
-vorangestellten sieben Buchstaben, unter denen wieder das A größer
-als die übrigen sein mußte, theilweise nur mit Punkten versah. Diese
-Unterschrift (d. h. die einzelnen Buchstaben)
-
- S.
- S. A. S.
- Χ Μ Υ
- ΧΡΟ FERENS.
-
-malte er mit peinlicher Genauigkeit unter alle seine Briefe, selbst
-an seine Söhne, und verlangte die sorgfältige Nachahmung ausdrücklich
-auch von den Erben seines Majorats. Diese Unterschrift ist verschieden
-gedeutet. Margry[292] erklärt sie: ~Supplex Servus Altissimi
-Servatoris. Christus Maria Joseph Christoferens~. Becher[293] liest:
-~Servidor Sus Altezas Sacras Jesus Maria Ysabel Christoferens~. W.
-Irving macht zwar dabei darauf aufmerksam, daß es früher in Spanien
-Sitte gewesen, seinem Namen irgend eine abgekürzte Sentenz beizusetzen,
-welche, gegenüber den Juden und Mauren, den Schreiber als +Christen+
-auswies;[294] aber Columbus hatte bei dieser langen Unterschrift,
-welche auch Humboldts gerechten Widerwillen erregte,[295] die Absicht,
-seinen Eigennamen Christoph, Christoferens in nicht mißzuverstehender
-Weise mit der heiligen Familie in Verbindung zu bringen und sich als
-den Christbringer zu erklären, welcher, dem ihm gewordenen göttlichen
-Auftrage gemäß, das Christenthum über den Ocean tragen sollte.
-
-[Illustration: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Christoph
-Columbus, datirt Granada, 6. Februar 1502 „~à los Reyes Católicos
-exponiendo algunas observaciones sobre el arte de naveger~“.[291]]
-
-Diesem Gedanken, den Admiral als den Christusträger zu verherrlichen,
-hat auch Juan de la Cosa auf seiner Karte von Amerika vom Jahre 1500
-bildlichen Ausdruck gegeben, indem er auf dem damals noch nicht
-enthüllten mittelamerikanischen Isthmus, wo Columbus 1503 eine Meerenge
-suchte, den heiligen Christopherus darstellt, welcher das Christkind
-durch den Ocean trägt. Einen erhöhten Reiz gewönne dies Bild, wenn die
-oben bereits (S. 233) mitgetheilte Vermuthung das Richtige träfe, daß
-der Kopf des Christopherus das Porträt des Entdeckers sei.
-
-[Illustration: Die Insel Guanahani nach der Karte Diego Ribero’s von
-1529.]
-
-Dieselbe Karte enthält noch ein zweites bedeutsames Bild in der
-künstlerisch ausgeführten Strichrose, unter welcher der Wendekreis des
-Krebses hinläuft. Inmitten der nautischen Rose thront Maria mit dem
-Kinde, umgeben von anbetenden Engeln. Daß auch spätere Kartographen
-noch dem Glauben an die göttliche Sendung des Columbus huldigten,
-erkennt man aus der naiven Weise, in welcher Diego Ribero auf seiner
-1529 entworfenen Weltkarte der zuerst von Columbus entdeckten Insel
-+San Salvador+ eine geradezu symbolische Gestalt gab. Er zeichnet sie
-nämlich in Gestalt eines Kreuzes und gruppirt die Korallenbänke ringsum
-als eilf rundliche Inseln. Wir sehen also den Erlöser (San Salvador)
-von seinen eilf Aposteln umgeben.
-
-Endlich ist hieher noch das merkwürdige Titelbild zu rechnen, mit
-welchem die erste deutsche Ausgabe des Berichtes über die erste
-Entdeckungsfahrt des Columbus geziert ist, von welchem Anfang und
-Schluß bereits (S. 263) in Facsimiledruck mitgetheilt ist. Hier
-erscheint Christus vor dem Könige von Spanien und weist bedeutsam auf
-das Wundmal seiner Hand; ebendahin zeigte auch die rechte Hand des
-Königs. Ist es nicht eine deutliche Anspielung auf den Unglauben des
-Apostel Thomas, und ist der ungläubige spanische Monarch, welcher
-jahrelang der Versicherung des Columbus mistraute, nicht durch den
-Erfolg der ersten Reise bekehrt worden?
-
-Den Glauben, daß der Genuese profane und heilige Prophezeihungen
-aus alter Zeit erfüllt habe, theilten die Zeitgenossen mehrfach. So
-schrieb der gelehrte Sohn des Columbus, Ferdinand in die Tragödien des
-Seneca zu der (S. 236) mitgetheilten Stelle aus der Medea: ~Venient
-etc.~ „Diese Prophezeihung hat mein Vater erfüllt.“ So machte Agostino
-Giustiniani (geb. 1470 in Genua, seit 1514 Bischof in Mebbio auf
-Corsica) in seinem polyglotten Psalter[296] zu der bekannten Stelle
-im 19. Psalm: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ die Bemerkung,
-Columbus habe oft gesagt, daß er von Gott berufen sei, den Gedanken
-des fünften Verses: „Durch alle Lande gehet ihr Klang, bis ans Ende
-der Welt ihr Ruf“ zu verwirklichen. Und dabei benutzt der Verfasser
-die Gelegenheit, an dieser Stelle seinem Commentare eine längere
-Lebensbeschreibung des Columbus einzuverleiben.[297]
-
-Alle diese verschiedenen Aeußerungen des Glaubens und Vertrauens auf
-die Berufung des Columbus hatten ihren Ursprung in der felsenfesten
-Zuversicht des Genuesen zu seiner von Gott bestimmten Lebensaufgabe,
-welche von ihm selbst auf seine Umgebung überging. Im allgemeinen
-repräsentirt sich in ihm der unverwüstliche Drang der Zeit zu großen
-Entdeckungen, aber seine unerschütterliche Ausdauer entsprang nur
-seinem schwärmerischen Glauben. Dieser gab ihm den Muth, auf seinen
-ungemessenen Forderungen zu verharren, ehe noch die Unternehmung
-gesichert war, dieser verlieh ihm auch die unvergleichliche Energie,
-welche er sowohl auf der ersten, als auch auf der letzten Reise
-bewiesen. In dieser unerschütterlichen Ueberzeugung, in diesem Glauben
-an sich selbst lag eine Größe, welche seine Genossen zuweilen mit
-fortriß.
-
-Den Eindruck, welchen die Kunde von den ersten Entdeckungen machte,
-fühlen wir am besten aus den Briefen Peter Martyrs.
-
-Auf die erste Mittheilung vom 15. Mai 1493, worin er schreibt: „Von
-den westlichen Antipoden ist ein gewisser Christopherus Colon, ein
-Ligure, zurückgekehrt mit Proben von kostbaren Produkten, namentlich
-von Gold“[298] folgt im September desselben Jahres (13. Sept.) schon
-der Ausdruck wärmerer Theilnahme. „Merket auf und vernehmet die neue
-Entdeckung,“[299] worauf ein ausführlicher Bericht über die erste
-Fahrt des Columbus folgt. Ein anderer Brief[300] von demselben Tage
-bezeichnet die Entdeckung als ein wunderbares Ereigniß, als eine
-gesegnete That. Kurz darauf (1. Oct. 1493) spricht er seine Freude
-darüber aus, daß die bisher noch unbekannte Erdhälfte durch den
-Wetteifer der Spanier und Portugiesen, welche immer weiter südwärts
-vordringen, nun immer mehr enthüllt werde.[301] Er bezeichnet
-Columbus als den Entdecker der „neuen Welt“ (~novi orbis repertor~)
-und jubelt, daß Tag für Tag neue Wunder aus jenen Regionen gemeldet
-werden, und daß der Admiral fast schon den goldenen Chersones erreicht
-habe.[302] Er nimmt sich vor, diese ewig denkwürdigen Ereignisse mit
-gespannter Aufmerksamkeit zu verfolgen, zu sammeln und den Gelehrten
-mitzutheilen. Sein Freund Pomponius Laetus, der ausgezeichnete
-Förderer der classischen römischen Literatur, war bei der Kunde von
-den wunderbaren Erfolgen der Westfahrten vor Entzücken aufgesprungen
-und hatte sich kaum der Freudenthränen erwehren können. „Ich ersehe,“
-schreibt ihm Martyr, „aus deinem Briefe, was du empfunden hast und
-wie du die Bedeutung dieser Entdeckungen zu würdigen weißt. Welche
-Nahrung kann für erhabene Geister willkommener sein? Ich fühle es
-an mir selbst. Ich bin freudig erregt, wenn ich verständige Männer
-spreche, welche aus jenen Gegenden zurückkommen. Wer mag heute noch
-staunen über die Entdeckungen, welche Saturn, Ceres und Triptolemos
-gemacht haben sollen? Selbst die Phönizier müssen mit ihren Leistungen
-zurücktreten.“[303] Ganz ähnlich spricht er sich in den Decaden (I.
-~lib. X. p.~ 119) aus: „Weder dem Saturn, noch dem Herkules, noch
-irgend einem der Alten, welche neue Küsten aufgesucht haben, stehen die
-Spanier unserer Zeit nach. Wie weit wird die Nachwelt das Christenthum
-ausgebreitet sehen, ein wie weiter Raum ist der Ausbreitung der
-Menschen angewiesen? Was ich darüber empfinde, vermag ich weder mit
-Worten noch mit der Feder wiederzugeben.“
-
-Aber diese hohe Begeisterung schien nur kurze Zeit zu dauern. Als das
-Ansehen des Columbus nach seiner dritten Reise sank, als er selbst
-in Ketten nach Europa geschafft wurde, wurde die Aufmerksamkeit
-der Handelsvölker vielmehr nach dem von den Portugiesen +wirklich
-erreichten Indien+ gelenkt. Hier war das lang erstrebte Ziel
-thatsächlich gefunden, hier waren die Gewürzländer selbst erreicht,
-und gewinnbringende Frachten kehrten nach Lissabon zurück. An den
-Fahrten nach der neuen Welt betheiligten sich nur spanische Fahrzeuge,
-zum indischen Handel drängten sich deutsche und italienische
-Handelshäuser und unterstützten den wachsenden Verkehr mit Schiffen
-und Geld. Daher erklärt sich die merkwürdige Erscheinung, daß sich die
-Geschichtsschreiber in England, Frankreich und Portugal gar nicht um
-die Entdeckungen des Columbus bekümmerten, daß alle durch Flugblätter
-verbreiteten Berichte nur in lateinischen, deutschen oder italienischen
-Uebersetzungen vorhanden sind, und daß von den vier Reisen des Admirals
-nur eine einzige, und zwar die erste, in spanischer Sprache vorliegt.
-Daran ist aber der Entdecker selbst schuld, insofern er in ängstlicher
-Sorge um sein Monopol die große Angelegenheit als sorgfältig zu
-hütendes Geheimniß behandelte und von seinen Gefährten sogar die von
-ihnen entworfenen Karten abforderte, damit niemand ohne seine Erlaubniß
-sein privilegirtes Gebiete beträte. Selbst in seinen Mittheilungen an
-die Monarchen Spaniens war er in dieser Beziehung zurückhaltend.
-
-Nur zwei Briefe des Columbus drangen in die Oeffentlichkeit -- und
-zwar über die erste und vierte Reise. Der Inhalt des ersten an den
-Schatzmeister Raphael Sanchez gerichteten Briefes wurde in der +ersten
-Flugschrift über Amerika+ 1493 in Rom veröffentlicht. Wir haben
-bereits oben (S. 262) das Facsimile des Anfangs dieses interessanten
-Blattes mitgetheilt. Von dieser lateinischen Ausgabe erschienen gleich
-im ersten Jahre sechs verschiedene Auflagen, dann folgten spanische
-und italienische Texte und endlich 1497 eine deutsche Bearbeitung
-unter dem Titel: Eyn schön hübsch lesen von etlichen inßlen u. s. w.
-Endlich folgte 1505 die ~lettera rarissima~, ein Brief über die vierte
-Reise, welcher gleichfalls in Italien bekannt gemacht wurde.[304]
-Damit erlosch die speciell columbische Literatur; aber bereits seit
-1503 beherrschten Amerigo Vespucci’s ausführliche Reiseberichte den
-buchhändlerischen Markt, und so erntete dieser den Ruhm, welcher dem
-Entdecker gebührte, so daß endlich sogar die ganze neue Welt seinen
-Namen erhielt. Columbus selbst hatte leider bis an seinen Tod nicht die
-Ueberzeugung gewinnen können, daß er einen neuen Erdtheil entdeckt habe.
-
-Wir fügen diesem Abschnitt eine kurze Uebersicht über die Familie des
-Columbus an.
-
-+Bartolomeus Columbus+, spanisch Don Bartolomé Colon, war der
-erste Vertraute und auf seinen späteren Reisen eine wesentliche Stütze
-seines Bruders. In dessen Auftrage war er schon 1488, ehe der Vertrag
-mit Spanien zum Abschluß gekommen, nach England gegangen, um dem
-Könige Heinrich VII. den Plan seines Bruders vorzulegen. Möglicher
-Weise entstanden aus den dabei gegebenen Anregungen die Pläne zu den
-Fahrten der Cabots. Bartolomé machte dann die zweite Entdeckungsreise
-mit, gründete als Adelantado die erste Stadt der neuen Welt, San
-Domingo, 1496 und machte sich namentlich auf der letzten Reise 1502
-sehr verdient. Nach dem Tode des Admirals ging er mit seinem Neffen
-Diego wieder nach Westindien und war 1511 in Besitz der kleinen Insel
-Mona zwischen Haiti und Puertorico. Er starb am 12. August 1514 auf
-Haiti. Las Casas rühmt seine Tüchtigkeit als Kosmograph und Kartograph.
-Unzweifelhaft besaß er in der ganzen Familie am meisten Thatkraft und
-Charakterstärke.
-
-Weniger bedeutend ist der zweite Bruder +Diego+, der als Befehlshaber
-in Isabella und in der Stadt San Domingo auftritt, aber ohne diese
-schwierige Stelle befriedigend behaupten zu können. Auch er starb auf
-Haiti.
-
-Der einzige rechtmäßige Sohn des Admirals und Vicekönigs war
-gleichfalls +Diego+ benannt. Er hatte von Kind auf den Vater während
-der langen peinlichen Zeit des Hoffens und Harrens in Spanien auf
-seinen Wanderungen begleitet, war ihm zur Seite, als in dem Kloster
-la Rabida endlich die günstige Wendung des Geschickes eintrat, wurde
-später, als der Vater seine Fahrten begann, unter die Pagen der
-Königin aufgenommen und kam erst 1509 nach Haiti. Er hatte dann den
-langwierigen fiscalischen Proceß wegen der Würden und Privilegien, die
-dem Vater zugesichert waren, zu führen, und erbte endlich den Titel
-eines Admirals von Indien. Er starb am 23. Februar 1526.
-
-+Ferdinand+ Columbus, der natürliche Sohn des Entdeckers, erhielt
-eine wissenschaftliche Bildung und wurde später Geistlicher. Nachdem
-er Amerika besucht hatte, ließ er sich in Sevilla nieder, wo er eine
-für jene Zeit bedeutende Bibliothek von 20,000 Bänden sammelte,
-welche noch unter dem Namen ~Biblioteca Colombina~ vorhanden ist.
-Es zeugt von seiner wissenschaftlichen Bedeutung, daß Cabot ihn
-einst als Schiedsrichter anrief. Er galt bisher als Verfasser der
-Lebensgeschichte seines Vaters, der s. g. ~vida del almirante (Historie
-et vera relatione della vita é de’ fatti dell Ammiraglio D. Christofero
-Colombo)~, welche 1571 erschien; allein dieses Werk enthält so viel
-gradezu legendenhaften Stoff und dazu anekdotenhafte Züge, welche nicht
-blos thatsächlich Unmögliches berichten, sondern auch aus der Feder
-des in der Nautik wohlerfahrenen Sohnes unmöglich stammen können,[305]
-so daß die Authenticität der „~vida~“ mit vollem Rechte bestritten
-ist.[306]
-
-+Don Luis+, der Sohn Diego’s, führte den fiscalischen Proceß zu Ende
-und gab seine Ansprüche auf das Vicekönigthum auf gegen den Titel
-Herzog von Veragua, Marquis von Jamaica, Admiral von Indien und für
-eine Pension von 1000 Dublonen Gold. Er starb 1572 und es folgte ihm
-der Sohn seines Bruders Christobal, +Don Diego+ II., als vierter
-Admiral von Indien. Mit ihm erlosch 1576 die directe männliche Linie
-des Columbus.
-
-
-15. Die kleinen Entdecker.
-
-Es war eine natürliche Folge des Misgeschicks, welches den Entdecker
-Amerikas auf seiner dritten Reise während seines Aufenthalts auf
-Haiti traf, daß, da sein Ansehen in dem unerquicklichen Streite
-mit der Partei Roldans im Sinken begriffen war, eine Anzahl von
-kühnen Unternehmern von der bereits 1495 gegebenen Erlaubniß, auf
-Entdeckungsfahrten ausziehen zu dürfen, Gebrauch machte und die
-Untersuchung des Festlandes von Paria, welches Columbus auf seiner
-dritten Reise aufgefunden hatte, weiter fortsetzte. „Do aber Admirans
-(Admiral) jnn das vngluck kam, das man in acht als wer er jn vngnaden
-der könig, do vndernamen sich vil der seinen, die vast wol kundten
-auff dem Meer faren, und vnderstunden vestigklich sich jn das gluck zu
-begeben, und vnerfaren ort der welt zu ersuchen“.[307]
-
-Der erste, welcher diese günstigen Zeitumstände benutzte, war
-der jugendliche Ritter +Alonso de Hojeda+. Derselbe war ums Jahr
-1470 in der Stadt Cuenca in Neu-Castilien aus einer angesehenen
-Familie geboren[308] und trat als Page in den Dienst eines der
-einflußreichsten, mächtigsten Granden Spaniens, des Don Luis de
-Cerda, Herzog von Medina Celi. Dieser ist uns bereits als einer der
-frühesten Gönner des Columbus bekannt, und in seinem Hause hatte Hojeda
-jedenfalls schon den Genuesen kennen gelernt und sich für dessen
-Pläne begeistert; denn wir haben schon oben (S. 280) mitgetheilt,
-daß Hojeda die zweite Reise des Columbus mitmachte und sich durch
-die Gefangennahme des Caziken Caonabo auszeichnete. Dann verweilte
-er einige Jahre in Spanien und wurde durch die Vermittlung seines
-Vetters, des Dominikanermönches Alonso de Hojeda, welcher als einer
-der ersten Inquisitoren Spaniens bei den Monarchen in Gunst stand,
-mit dem Bischof Fonseca, dem Leiter der indischen Angelegenheiten
-bekannt und erhielt durch diesen Einsicht in die Briefe und die Karte,
-welche Columbus über den Verlauf seiner dritten Reise und namentlich
-über die Entdeckung der Küsten von Südamerika eingesandt hatte. Diese
-Nachricht lief etwa um Weihnachten 1498 in Spanien ein. Wahrscheinlich
-ward bald nach dieser Zeit schon der Beschluß gefaßt, den Admiral von
-seiner Statthalterschaft in Haiti zu beseitigen; Fonseca förderte
-deshalb bereitwillig den Plan Hojeda’s, die perlenreiche Küste von
-Paria auszubeuten und stellte ihm einen Erlaubnißschein zur Ausrüstung
-von Schiffen aus; doch durfte Hojeda weder portugiesisches Gebiet
-berühren, noch jene Regionen besuchen, welche Columbus bis zum Jahre
-1495 entdeckt hatte. Als Piloten für seine Expedition gewann der junge
-Ritter den Basken +Juan de la Cosa+, welcher nach Abschluß dieser
-Fahrt seine Karte, die erste von der neuen Welt, entwarf. Außerdem
-nahm an dem abenteuerlichen Zuge der Florentiner +Amerigo Vespucci+
-theil, welcher es verstand, durch die lebendigen Schilderungen seiner
-Erlebnisse und Beobachtungen sich bald einen weltbekannten Namen zu
-machen.
-
-In welcher Stellung Vespucci mitging, läßt sich nicht mehr ermitteln.
-Er war am 9. März 1451 in Florenz geboren, also nur wenige Jahre jünger
-als sein Landsmann Columbus. Er war der Sohn eines öffentlichen Notars
-und von seinem Oheim, einem gebildeten Geistlichen, unterrichtet worden
-und zwar in Gemeinschaft mit Pietro Soderini, dem späteren Gonfaloniere
-von Florenz. An diesen hat Vespucci im Jahre 1501 den Bericht seiner
-zweiten Reise gesandt. Seit dem Jahre 1493 finden wir Vespucci in
-Spanien, wohin sich damals viele unternehmende Italiener wandten. Dort
-trat er in den Dienst des seit 1486 in Spanien ansäßigen italienischen
-Handelshauses Berardi, welches für das indische Amt die Geschäfte
-besorgte und die Ausrüstung der nach Westindien gehenden Schiffe
-übernommen hatte. Hierbei war auch Vespucci thätig und wird 1495 und
-1496 erwähnt.[309]
-
-In der Zeit vom April 1497 bis zum Mai 1498 finden wir ihn fast immer
-unterwegs zwischen Sevilla, dem Sitze des indischen Amts, und dem Hafen
-von San Lucar, von wo Columbus aussegeln wollte.
-
-[Illustration: _Alfr. Runge, Geogr. artist. Inst., Leipzig-Reudnitz_.
-
-_G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin._
-
-]
-
-Das kleine Geschwader Hojeda’s ging am 18. Mai 1499 von Cadix ab,
-steuerte zuerst nach den Canarischen Inseln hinüber und nahm von
-Gomera ab dieselbe Richtung, welche Columbus auf seiner dritten Reise
-eingeschlagen hatte. In 27 Tagen gelangten sie über den Ocean an die
-Gestade von Surinam etwa unter 6° n. Br. Sie folgten der flachen Küste
-nach Nordwesten, entdeckten die Mündung des Essequibo, den sie Rio
-dulce nannten, und das Delta des Orinoco und verfolgten von hier aus,
-nachdem sie 200 spanische Meilen Küstenlinien entdeckt hatten, den
-Spuren des Columbus. Auf Trinidad fanden sie Zeichen von der früheren
-Anwesenheit des Admirals und gingen durch den Golf von Paria und den
-Drachenschlund auf die Nordseite des Continents. Sie folgten der Küste,
-besuchten auch die Perleninsel (Margarita) und Curaçao, wo, wie aus
-dem Berichte Vespucci’s hervorgeht, die Seefahrer überrascht waren
-durch den großen indianischen Menschenschlag, den sie dort antrafen,
-infolge dessen man sie die Insel der Giganten nannte. Am 9. August
-erreichten sie das Cap S. Roman (nach dem Heiligen des Tages benannt)
-und entdeckten weiterhin den Golf von Venezuela, welcher seinen Namen
-daher erhält, weil man an der Ostküste des Golfes viel Volk antraf,
-welches an der Küste in auf Pfahlrosten errichteten Hütten über
-dem Wasser wohnte. Durch diese kunstreichen Pfahlbauten wurden die
-Entdecker an die Anlage Venedigs erinnert und nannten daher zunächst
-das Dorf, dessen einheimischer Name Coquibacoa war, Klein-Venedig, also
-Venezuela und demnach weiterhin auch den ganzen Golf. Bekanntlich
-hat späterhin die ganze Küste und neuerdings die spanisch-amerikanische
-Republik den Namen Venezuela erhalten.
-
-[Illustration: ~Aelteste Karte von
-
-AMERIKA.~
-
-_Westlichster Theil der im Jahre 1500 von Juan de la Cosa gezeichneten
-Erdkarte. Original (auf Pergament) im Marine-Museum zu Madrid.
-Facsimile-Reproduktion in ½ der Höhe des Originals._]
-
-[Illustration: _Die englischen Entdeckungen unter Cabot in Nordamerika
-und die spanischen Entdeckungen in Mittel- und Südamerika sind durch
-Wappenfähnlein kenntlich gemacht. -- Die über das ganze Kartenblatt
-laufenden, von den Strichrosen ausgehenden Linien sind nur an ihren
-Durchschnittspunkten markiert. Die weissen Stellen im Festland von
-Amerika bezeichnen im Original befindliche Löcher._]
-
-Von dem Golf aus drangen die Schiffe am 24. August durch den engen Hals
-in die innere Bucht, in den See von Maracaibo ein, an dessen Eingange
-sie den Hafen San Bartolomé benannten. Langsam vorrückend, besuchten
-sie darauf die westlich vom Golf gelegene Halbinsel Guajira. Bis hieher
-ist auf der Karte Juans de la Cosa der Verlauf der Küste recht wohl zu
-erkennen; an dieser Halbinsel endete die Entdeckung am 16. September
-bei dem Cabo de la vela. In der Ferne sah man noch einen hohen Berg,
-welcher bei Cosa Monte de Santa Eufemia heißt, wahrscheinlich die
-Sierra nevada von Santa Marta. Dann brach man die Untersuchung des
-Continentes ab und steuerte in sieben Tagen nach Haiti hinüber und
-lief am 23. September in die Bucht von Yaquimo ein. Dem Vicekönig,
-welcher damals mitten in dem unerquicklichen Streit mit Roldan lag,
-war der Besuch Hojeda’s höchst unbequem, so daß er noch nach Jahren
-in dem Briefe an die Amme des Prinzen Juan darauf zurückkommt mit den
-Worten: „Dann kam Hojeda, in der Absicht, diese Unordnungen auf Haiti
-zu besiegeln.“
-
-Nach dem Bericht Vespucci’s nahm das Geschwader von Haiti aus den Weg
-durch die Bahama-Inseln, wo man, um einen Theil der Ausrüstungskosten
-decken zu können, 232 Menschen raubte, um sie in Spanien als Sklaven zu
-verkaufen, und kehrte endlich, auf der Fahrt von den Açoren nach den
-Canarien verschlagen, in Mitte Juni 1500 nach Cadix zurück.
-
-Wenn man auf Cosa’s Karte die Insel Cuba bereits als Insel dargestellt
-sieht, obwohl dieser Kartograph wenige Jahre früher eidlich seine
-Ueberzeugung hatte zu Protokoll geben müssen, daß er Cuba für das
-Festland von Asien halte (s. S. 278), so sollte man vermuthen, daß
-vielleicht auch auf dieser Expedition Hojeda’s schon das Westende Cubas
-aufgefunden sei. Darauf weist auch eine etwas unbestimmt gehaltene
-Bemerkung Peter Martyrs, daß von gewisser Seite behauptet sei, man habe
-Cuba umfahren.[310]
-
-Der Gewinn der Unternehmung war gering. Nach Abzug der Kosten blieben
-nur 500 Ducaten, welche unter 55 Personen zu vertheilen waren.
-
-Daher kam es auch, daß die geographischen Erfolge weniger Beachtung
-fanden, als sie verdienten, und daß die zwei Monate früher vollendete
-Expedition des +Per Alonso Niño+ mehr Eindruck machte, weil der
-materielle Gewinn ein größerer war.
-
-Palos und das benachbarte Moguer[311] waren durch die Unternehmung
-des Columbus mächtig angeregt. Wie die dortigen Seeleute sich der
-ersten Fahrt angeschlossen, so versuchten sie späterhin mehrfach in
-selbständigen Expeditionen nach der neuen Welt ihr Glück.
-
-Der erste war +Per+ (Pedro) +Alonso Niño+ aus Moguer, welcher
-unter Columbus die erste und dritte Reise mitgemacht hatte[312] und von
-dem Banquier Luis Guerra in Sevilla die Mittel zur Ausrüstung eines
-Schiffes unter der Bedingung erhielt, daß dessen Bruder Cristobal
-Guerra nominell die Leitung erhalte. Das kleine Fahrzeug von fünfzig
-Tons segelte mit 33 Mann im Juni 1499, einige Tage nach der Abfahrt
-Hojeda’s, von Palos ab. Fonseca hatte dazu die königliche Erlaubniß
-erwirkt, aber unter der Bedingung, daß sie sich wenigstens 50 Leguas
-von denjenigen Plätzen entfernt hielten, welche Columbus berührt
-hatte.[313]
-
-Mit günstigem Fahrwinde erreichten Niño und Guerra die Küste von
-Paria etwas südlicher als Columbus und gingen, nachdem sie am Golfe
-Brasilholz geschlagen, durch den Drachenschlund nach der Perlenküste
-(~Costa de perlas~ auf Cosa’s Karte) mit der Absicht, dort Perlen
-einzutauschen. An der Küste von Cumana und la Guaira machten sie den
-reichsten Eintausch, denn sie langten 14 Tage eher dahin als Hojeda.
-Westwärts gingen sie nur bis zu der Landschaft Cauchieto, wo nach
-Angabe der Indianer viel Gold zu finden war. Allein darin fanden sie
-sich getäuscht. In Folge dessen gingen sie im Anfang November noch
-einmal nach Cumana und der Insel Margarita zurück, welche Columbus
-nicht betreten hatte, und traten dann die Heimreise an, nachdem sie
-die feste Ueberzeugung gewonnen hatten, daß das entdeckte Land ein
-Continent und keine Insel sei, da sie Hirsche, Eber und anderes Wild
-angetroffen, wie man es auf Inseln nicht findet, und da sie eine
-bedeutende Strecke an der Küste hingefahren waren.[314] Im Februar
-(nach Andern im April) erreichten sie die Nordwestküste von Spanien
-wieder und liefen in den galicischen Hafen von Bagona ein. Die gesammte
-Ausbeute belief sich auf 96 Mark (~libras octunciales~) Perlen, von
-denen ein Fünftel an den königlichen Fiscus abgegeben wurde. Der
-glückliche Verlauf und der reiche Gewinn reizte zu neuen Fahrten.
-
-Am Schlusse desselben Jahres 1499 brach von Palos ein zweites
-Geschwader auf. Die reiche Familie der Pinzone hatte es auf ihre
-Kosten ausgerüstet. An der Spitze standen +Vicente Yañez Pinzon+ und
-seine Neffen Diego Fernandez und Perez Arias. Am 18. November gingen
-4 Caravelen unter Segel und steuerten von der capverdischen Insel St.
-Jago am 13. Januar 1500 gegen Südwesten trotz Stürme und großer Gefahr
-über den Aequator. Jenseit des fünften Grades südl. Br. stießen sie am
-26. Januar südlich von dem Cap S. Roque auf die brasilianische Küste
-und nannten den ersten Landvorsprung das schöne Vorgebirge, Rostro
-Hermoso. Die Portugiesen nannten dasselbe später Cap Sa. Cruz oder S.
-Agostinho. Juan de la Cosa bezeichnet diese Stelle mit der Inschrift:
-„Dieses Cap wurde im Jahre 1499 (irrthümlich statt 1500) für Castilien
-entdeckt, der Entdecker war Vicentians.“[315] Der Führer der Expedition
-stieg mit mehreren königlichen Notaren ans Land und nahm für den König
-von Spanien Besitz von demselben, indem er Zweige von den Bäumen
-abhieb, von dem Wasser des Landes trank und Kreuze errichtete. Ein
-Versuch, mit den Eingebornen in friedlichen Tauschverkehr zu treten,
-wurde durch das feindselige Benehmen derselben vereitelt. Man steuerte
-darauf an der Küste des Landes gegen WNW. So wurde also auch, wie
-Peter Martyr triumphirend schreibt, hier, jenseit des Oceans die alte
-Streitfrage, an welcher sich Philosophen, Dichter und Kosmographen
-lebhaft betheiligt hatten, ob nämlich der heiße Aequatorialgürtel für
-Menschen bewohnbar sei, endgiltig durch den Augenschein gelöst.[316]
-Auf der Weiterfahrt geriethen sie mit den Indianern in blutigen
-Streit, welcher mehreren Matrosen das Leben kostete. Sie hielten daher
-etwas von der Küste ab und gelangten vor die Mündung des mächtigen
-Amazonenstroms; sie waren nicht wenig erstaunt, als sie in einer
-Entfernung von 40 spanischen Meilen vom Lande trinkbares Wasser von
-der Meeresfläche schöpfen konnten. Daß solche gewaltige Massen von
-süßem Wasser, welche den Ocean bedeckten, nur von einem Riesenstrome
-herrühren konnten, wurde klar, jemehr sie sich nun dem Gestade
-näherten, an welchem sie mehrere Inseln entdeckten. Auf einer derselben
-nahmen sie 36 Eingeborene gefangen und führten sie als Sklaven mit sich
-fort. An der Mündung des Marañon, wo sie zuerst den Polarstern wieder
-zu Gesicht bekamen, beobachteten sie eine Springflut und glaubten aus
-den Angaben der Indianer zu verstehen, daß weiter aufwärts am Fluß
-viel Gold zu finden sei. Offenbar hatte man ein bedeutendes Festland
-vor sich, dem man unmöglich die kleine Bezeichnung „Insel“ ertheilen
-konnte, man müßte denn, wie Martyr bemerkt, die ganze bewohnte Erde
-(~universum terrae orbem~) als Insel ansehen. Wegen der ungeheuren
-Breite des Amazonenstroms, welche die Entdecker auf 30 spanische Meilen
-schätzten, hielt Martyr die Erzählung anfangs für eine Fabel. Als er
-sie dann aber weiter fragte, ob sie nicht etwa eine Meerenge für einen
-Fluß angesehen hätten, bemerkten ihm jene, daß, je weiter man in den
-Strom hinauf fahre, das Wasser um so süßer werde. Durch diese Erklärung
-beruhigt, ruft der Verfasser der Decaden aus: „Wer will es der Natur
-nehmen, daß sie nicht noch größeres selbst als diesen Fluß schaffen
-könne!“ Die Entdeckung des gewaltigsten Stroms der Erde erregte mit
-Recht die staunende Bewunderung der Zeitgenossen. So verschwommen aber
-waren damals noch die Vorstellungen, welche man über diese Gebiete in
-Spanien hatte, daß Peter Martyr glaubte, der Marañon sei derselbe Fluß,
-den Columbus auf seiner dritten Reise gefunden; der Amazonenstrom und
-Orinoco schienen ihm also identisch. Daß beide neben einander existiren
-könnten, schien unglaublich.
-
-Aus den prachtvollen Urwäldern nördlich vom Strome, wo sie Riesenstämme
-antrafen, welche 16 Männer kaum zu umspannen vermochten, nahmen sie
-eine Ladung von Brasilholz[317] mit und gingen dann am Orinocodelta
-vorüber durch den Drachenschlund, entdeckten jenseit Trinidad die
-Insel Tabago, berührten mehrere der kleinen Antillen und trafen am
-23. Juni 1500 in Haiti ein. Von hier aus wandte sich das Geschwader,
-welches weder Gold noch Perlen gewonnen hatte, zur Menschenjagd
-nach den Bahama-Inseln, verlor aber in einem furchtbaren Sturm zwei
-Schiffe. Die beiden andern Fahrzeuge erreichten am 30. September 1500
-den heimatlichen Hafen. Der geographische Erfolg dieser Reise war ein
-bedeutender, aber der materielle Gewinn fehlte vollständig. Die Droguen
-und Hölzer, welche man für Ingwer und Zimmet gehalten, waren werthlos.
-Es blieb nur die Sklavenfracht und das Brasilholz; dazu stürzte der
-Verlust zweier Schiffe die Familie der Unternehmer in Schulden und ließ
-den Gedanken an eine Fortführung der Pläne nicht aufkommen, obwohl
-man dem Ziele weit näher gekommen zu sein meinte, als Columbus; denn
-man war überzeugt, über Catai hinaus das indische Gestade jenseit des
-Ganges erreicht zu haben.[318]
-
-Kaum einen Monat später, als die Pinzone, brach ebenfalls von Palos,
-etwa in der Mitte des December 1499 +Diego de Lepe+ mit zwei Schiffen
-auf und segelte von der capverdischen Insel Fuego 500 Leguas gegen
-Südwesten, bis er in der Nähe von Cap Agostinho auf die Küste des
-Festlandes stieß. Der Verlauf der Expedition am Marañon vorüber nach
-dem Parialande ist ziemlich derselbe wie bei der Fahrt der Pinzone;
-doch würde Lepe’s Reise noch ein besonderes Interesse gewinnen, wenn,
-wie vermuthet ist, Amerigo Vespucci daran theilgenommen hätte und der
-Bericht von der zweiten Schifffahrt des Florentiners sich auf Diego
-de Lepe’s Unternehmung bezöge.[319] Vespucci, welcher zweimal am Cap
-Agostinho war, bestimmte die südliche Breite desselben zu 8 Grad, nach
-den Aussagen Sebastian Cabots, Juan Vespucio’s u. a. (Navarrete III,
-319. 320). Andreas Morales entwarf nach den Angaben der Entdecker und
-der nachfolgenden Expeditionen eine Karte für den Bischof Fonseca,
-auf welcher auch die Lage des Cap Agostinho nach Rücksprache mit
-Lepe angegeben war. Diego de Lepe’s Karte wurde später auch von Juan
-Diaz de Solis geprüft. Das Cap Agostinho gewann aber deshalb eine so
-große Wichtigkeit, weil man durch seine Fixirung den ersten festeren
-Anhalt für die Bestimmung der Demarcationslinie zu finden glaubte.
-Lepe’s Karte wurde dabei zu Rathe gezogen und Vespucci hat, nach der
-Aussage namhafter Zeugen, seine Lage bestimmt (Navarrete III, 319). Die
-Beziehungen zwischen Diego de Lepe und Amerigo Vespucci treten dadurch
-so deutlich hervor, daß die Vermuthung, Vespucci habe mit Lepe seine
-zweite Reise gemacht, dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt. Ueber
-Haiti kehrten die Schiffe wieder heim und langten vor dem November 1500
-in Spanien an, denn schon am 9. November desselben Jahres ist ein Erlaß
-der spanischen Majestäten, Diego Lepe betreffend, ergangen (Navarrete
-III, 80).
-
-Um die Küsten des caribischen Meeres weiter zu erforschen, zog
-+Rodrigo de Bastidas+ im October 1500 mit zwei Schiffen von Cadiz
-aus, besuchte den Golf von Venezuela, sowie die Länder im Süden und
-Westen der Landschaft Coquibacoa. Von Cabo de la vela begann er seine
-Entdeckungen, berührte die Küste der Sierra nevada de Sa. Marta und
-drang über die Mündung des Magdalenenstroms in das Innere des Golfes
-von Darien (oder Urabá). Von hier wandte er sich nach Nordwesten und
-verfolgte den Saum der darischen Landenge bis zur Punta San Blas oder
-dem nahegelegenen Puerto de Escribanos.[320] Er erreichte also den
-Isthmus von Panama vor Columbus, welcher erst am 26. November 1502
-hieher gelangte. Durch diese Reise des Bastidas wurde die Aufnahme der
-Nordküste Südamerikas vollendet.
-
-Im Januar 1502 machte sich +Hojeda+ zum zweitenmale auf, nachdem er zur
-Beschaffung der Mittel sich mit Juan de Vergara und Garcia de Ocampo
-oder del Campo verbunden und mit der Krone durch Vermittlung Fonseca’s
-einen Vertrag geschlossen hatte, wonach ihm die Umgebung des Golfes
-von Maracaibo unter dem Namen einer Statthalterschaft von Coquibacoa
-oder Cichibacoa überlassen wurde. Er ging mit vier Schiffen über die
-Capverden nach der Küste von Venezuela, entdeckte den Golf von Coro,
-den östlichen Theil des Golfs von Venezuela und beschloß dort eine
-Niederlassung zu gründen; aber die Eingeborenen vertheidigten ihr Land
-mit den Waffen und tödteten in einem Gefechte zwanzig Spanier. Mangel
-an Lebensmitteln riefen unter der Mannschaft einen Aufruhr hervor, in
-welchem Hojeda gefangen genommen und in Ketten geworfen wurde. Dann
-gaben die Meuterer die Ansiedlung auf und gingen nach Haiti, wo Hojeda
-dem Gericht überliefert und nach Spanien gebracht, im Jahre 1503 aber
-völlig freigesprochen wurde.
-
-Noch unglücklicher verliefen die beiden Expeditionen, welche 1504
-nach jenen Gegenden auszogen. Das eine Geschwader unter +Cristobal
-Guerra+ und +Luis Guerra+ bestand aus vier Schiffen, das andere
-unter +Juan de la Cosa+ aus drei oder vier Schiffen. Nachdem sie
-die Gestade Venezuelas gebrandschatzt und Menschenraub getrieben
-hatten, scheiterten mehrere der Fahrzeuge am Golf von Darien. Man
-sah sich gezwungen, dreiviertel Jahr unter Hunger und Mühsal an der
-Küste auszuharren, wobei mehr als die Hälfte der Mannschaft dem
-Fieber erlag. Von den 200 Abenteurern beider Geschwader retteten sich
-schließlich nur etwa vierzig über Jamaica und Haiti nach Spanien. Trotz
-aller Mißerfolge fand +Alonso de Hojeda+ im nächsten Jahre wieder
-Gelegenheit, mit drei Schiffen den Versuch, seine Statthalterschaft in
-Coquibacoa zu begründen, zu wiederholen. Nähere Umstände über diese
-1505 ausgeführte Unternehmung sind aber nicht bekannt geworden.
-
-
-16. Die Portugiesen in Südamerika.
-
-Es ist bereits oben (S. 129) berichtet, unter welchen Umständen bei
-der zweiten portugiesischen Expedition nach Indien unter Pedralvarez
-Cabral im April 1500 die Küste Brasiliens zufällig berührt wurde. Da
-die Portugiesen von der fast gleichzeitig erfolgten Auffindung der
-nördlicheren Gestade des südamerikanischen Continents durch die Spanier
-noch keine Nachricht erhalten hatten, so hielt Cabral das entdeckte
-Land für eine große Insel, welcher er den Namen Santa Cruz beilegte,
-und schickte den Capitän Gaspar de Lemos mit der Kunde von dieser
-Entdeckung nach Portugal zurück, während er selbst seinen Weg nach
-Indien fortsetzte.
-
-In Lissabon erkannte man sofort den Vortheil, welchen die neue Insel
-den Indienfahrern gewähren könne, da sie sehr günstig gelegen sei,
-um Schiffe auszubessern und Wasser einzunehmen.[321] Es wurde daher
-beschlossen, durch ein zu diesem Zweck entsendetes Geschwader den von
-Cabral gemachten Fund weiter untersuchen zu lassen. Um diese Zeit war
-Amerigo Vespucci von seiner zweiten Fahrt, auf welcher er bis zum
-8. Grad s. Br. gekommen war, zurückgekehrt und weilte in Sevilla.
-Da nun Amerigo auch eine von Fachleuten anerkannte Geschicklichkeit
-besaß, mittelst Quadranten die geographische Breite zu bestimmen, so
-suchte König Manuel ihn zu gewinnen, die beabsichtigte Fahrt nach
-dem Sa. Cruzlande mitzumachen und sandte daher einen Florentiner,
-Giuliano di Bartolomeo del Giocondo von Lissabon nach Sevilla. Erst
-auf wiederholte Bitte erklärte Vespucci sich bereit und reiste nach
-Portugal. Im Mai 1501 liefen drei Schiffe von Lissabon aus, an Bord des
-einen befand sich Vespucci, wahrscheinlich als Astronom. Der Name des
-Capitäns ist unbekannt, da Vespucci, dessen Briefe die einzige Quelle
-über die Fahrt sind, uns denselben verschweigt. Das Geschwader ging
-an der afrikanischen Küste bis über das grüne Vorgebirge hinaus, nahm
-dort bei den Bissagos Lebensmittel, Holz und Wasser ein und steuerte
-dann mehr westlich haltend über den Ocean. In der Region der Calmen,
-in der Nähe des Aequators, brachen furchtbare Unwetter los, welche
-sie lange dort festbannten.[322] Erst am 16. August kam die Küste
-von Südamerika in Sicht in der Nähe von Cap S. Roque, unter 5° s.
-Br. Man nahm für den König von Portugal in üblicher Weise Besitz vom
-Lande und versuchte mit den Eingeborenen einen kleinen Tauschhandel
-zu eröffnen. Es entstand aber auch hier bald Mißhelligkeit und Streit
-und die Europäer mußten es erleben, daß einer ihrer jungen Matrosen am
-Strande erschlagen und verzehrt wurde. Man folgte nun der Küste weiter
-nach Südwesten und ertheilte, wie es scheint, einzelnen Punkten den
-Namen der Kalenderheiligen des Tages. Der Atlas des Vaz Dourado[323]
-läßt in solcher Weise den Fortschritt der Entdeckung klar erkennen.
-Demgemäß war man am 16. August, am Tage des heil. Rochus zuerst auf
-den Continent am Cap San Roque, gestoßen, hatte das Cap des heil.
-Augustin (8° südl. Br.) am 28. August erreicht, den Rio de San Miquel
-(10° südl. Br.) am Michaelistage berührt, den Rio de San Franciso am
-4. October gefunden. Weiterhin streifte man die von Cabral entdeckte
-Küste und erkannte daraus, daß die von demselben als Ilha de Sa. Cruz
-bezeichneten Gestade einem gewaltigen Continente angehörten, und lief
-nun weiter über den Rio de Sa. Luzia, wahrscheinlich den heutigen Rio
-Doce, zu welchem man nach der Bestimmung des Tages am 13. December
-gelangte, zum Cabo de San Thomé (21. December). Das Sternbild des
-kleinen Bären war ihnen bereits entschwunden[324] und auch der große
-Bär stand nur noch sehr niedrig.[325] Vermuthlich entdeckte man den
-Eingang der prachtvollen Bucht am Rio de Janeiro am 1. Januar 1502
-und westlich davon die Angra dos Reis am heiligen Dreikönigstage, also
-am 6. Januar, Porto de San Vicente am 22. Januar und gleich darauf
-Cananea (25° s. Br.), fälschlich auf den damaligen Karten als Cananor
-bezeichnet. Mit diesem Punkte hören auf den Karten, welche bis 1510
-erschienen, die Küstenbenennungen auf, obwohl Vespucci berichtet, das
-Geschwader habe bis zum 32° südl. Br. das Land in Sicht behalten.
-
-Bis hieher läßt sich der Verlauf der Entdeckungen also bestimmt
-verfolgen. Vespucci erzählt aber, man habe von da an ihm persönlich die
-weitere Leitung übertragen und er sei nun vom Lande ab gegen Süden bis
-zum 50° oder 52° s. Br. in das südliche Meer vorgedrungen, wo man am
-2. April eine von Klippen umsäumte, unbewohnte, öde Küste entdeckt, an
-der man 20 Seemeilen entlang gesegelt; und weil man in den südlichen
-Winter hineingerieth, habe man nun die weitere Fahrt aufgegeben und
-sei über den Ocean nach der Serra Leona zugesteuert. Welche Küste er
-gesehen haben will, läßt sich nicht bestimmen.[326] Man hat an die
-Falkland-Inseln und die patagonische Küste gedacht.
-
-An der Küste der Serra Leona wurde eins von den drei Schiffen, welches
-untauglich geworden war, verbrannt, die beiden andern langten über die
-Açoren am 7. September 1502 in Lissabon an, so daß also die ganze Reise
-16 Monate gewährt hatte.
-
-Der Erfolg dieser auf Staatskosten unternommenen Erforschungsreise war
-in geographischer Beziehung ein sehr bedeutender, und Vespucci verstand
-es, durch seine Briefe und Berichte sich dabei als den Hauptträger
-und wissenschaftlichen Leiter hinzustellen. Die ausführlichen
-Schilderungen der entzückend schönen, tropischen Küstenlandschaften
-des südamerikanischen Continents, dessen gewaltige Ausdehnung nach
-Süden durch diese Fahrt zuerst erkannt wurde, die Schönheit des
-südlichen Himmels, von dessen Sternbildern Vespucci einige unförmliche
-Zeichnungen entwarf, und endlich die sichere Behauptung, daß er mit
-seinen Schiffen wenigstens bis zum 50° s. Br. gekommen sei, alles
-dies trug ohne Zweifel dazu bei, gerade diese dritte Reise Vespucci’s
-berühmter als alle anderen zu machen; denn es war eine Seefahrt
-gewesen, welche sich von Lissabon, also etwa von 40° n. Br. an, in
-der Richtung der Meridiane über den vierten Theil des Erdumfanges
-ausdehnte. In der deutschen Uebersetzung eines Briefes des Florentiner
-Kosmographen an seinen Freund Lorenzo di Pierfrancesco de Medici wird
-dieses Resultat mit den Worten zusammengefaßt. „So ist küntlich vnnd
-offenbar das wir den vierdenteyl der welt durchschyffet haben.“ In
-demselben Sinne gibt Ruchamer[327] diesem Abschnitt seines Werkes den
-Titel: „Wie Alberich den vierten Theil der Welt entdeckt hat.“ Der
-Brief Vespucci’s machte ungeheures Aufsehen, wurde 1503 zuerst durch
-Jean Lambert zu Paris in lateinischer Uebersetzung und weiter in
-Augsburg und Straßburg in deutscher Sprache gedruckt.
-
-[Illustration: Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes,
-welchen Am. Vespucci über seine dritte Reise an Pierfrancesco de Medici
-schrieb.
-
-(Königl. Bibliothek zu Dresden.)]
-
-[Illustration: Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes.
-
-(Königliche Bibliothek zu Dresden.[328])]
-
-Und wenn schon auf dem Titel, auf dem der König von Portugal in
-herausfordernder Weise sich spreizt und mit den Errungenschaften zu
-brüsten scheint, die neu entdeckten Länder als eine +Welt+ bezeichnet
-werden, so spricht Vespucci selbst es in der Einleitung seines Briefes
-noch deutlicher aus, daß man die großen Länderräume, welche er im
-Auftrage des Königs von Portugal aufgefunden, die +neue Welt+ nennen
-könne, zumal da man früher gar keine Kunde davon gehabt, vielmehr der
-Ansicht gewesen sei, daß südlich vom Aequator sich nur Wasser über die
-ganze Hemisphäre erstrecke. Nun seien aber zahlreiche Völker und eine
-eben so reiche Thierwelt aufgefunden, wie sie in der alten Welt bekannt
-sei.
-
-Durch die Erzählungen von einer neuen Welt, welche Vespucci mit
-bewußtem Stolze Asien, Afrika und Europa gegenüberstellte, verdunkelte
-er das niedergehende Gestirn seines Landsmannes Columbus vollständig
-und gab wenige Jahre später die Veranlassung, daß der neu entdeckte
-Erdtheil seinen Namen erhielt. Der Florentiner war aber mit seinen
-Erfolgen noch nicht zufrieden, er wollte, wie er an Lorenzo de
-Pierfrancesco schreibt, noch einen ausführlicheren Bericht über
-seine Beobachtungen und Entdeckungen liefern, „damit mein gedechtnuß
-bei vnßern nachfaren, löblich beleib, Vnd des almechtigen gots so
-groß köstlich, künstliche werk bekant werde.“ Zugleich kündigte er
-auch seine Absicht an, noch eine vierte Reise zu unternehmen, zu
-welcher bereits zwei Schiffe ausgerüstet seien. Er plante dabei nicht
-geringeres, als durch den Süden nach dem Orient zu segeln,[329] oder
-wie der Text der Dresdner Flugschrift noch bestimmter sagt „durch den
-wyndt, genant Affricus“, also gegen Südwesten.
-
-Es ist also zuerst von Vespucci der Vorsatz klar ausgesprochen,
-auf südwestlichem Wege Indien zu erreichen und dabei vor allem den
-Gewürzmarkt von Malakka aufzusuchen -- ein Gedanke, welchen Magalhães
-16 Jahre später verwirklichte. Die Expedition, an welcher Vespucci
-Theil nahm, stand unter dem Befehle des Gonzalo Coelho; sie zählte
-sechs Schiffe und ging am 10. Juni 1503 von Lissabon ab. Von der
-Serra Leona steuerte sie nach Südwesten, nach der Küste Brasiliens
-hinüber; unter 4° s. B. scheiterte das größte Schiff an einer Klippe
-vor der öden Felseninsel Fernando Noronha. Getrennt von einander
-gingen die Fahrzeuge weiter nach dem verabredeten Sammelplatze der
-Allerheiligenbai (Bahia). Als Vespucci mit seinem Begleitschiff
-hier über zwei Monate vergebens gewartet hatte, folgte er der schon
-bekannten Küste weiter nach Süden und legte unter 18° s. B. die erste
-Niederlassung in Brasilien an, in welcher 24 Mann von dem gestrandeten
-Schiffe als Colonisten blieben, nahm darauf eine Ladung Rothholz mit
-und kehrte am 2. April nach Europa zurück. Am 18. Juni 1504 erreichte
-er den Hafen von Lissabon. Nach und nach kamen auch die übrigen Schiffe
-zurück. Das Unternehmen war vollständig misglückt, die der Expedition
-vom König von Portugal gestellte Aufgabe, auf jeden Fall nach Indien
-zu segeln, blieb ungelöst. Vespucci gab der Unerfahrenheit und dem
-Hochmuth Coelho’s alle Schuld und meinte, da derselbe noch nicht
-zurückgekehrt war, als Vespucci seinen Bericht entwarf, Gott werde ihn
-wegen seines Stolzes auf dem Meere vernichtet haben.[330] Er schwebte
-in Ungewißheit, was der König weiter über ihn selbst beschließen
-werde. Er sehnte sich nach so vielen Anstrengungen nach Ruhe; aber auf
-Belohnung für seine Dienste konnte er nicht rechnen, da die letzte
-Unternehmung fehlgeschlagen war. Er nahm daher gern die Gelegenheit
-wahr, mit einem Schreiben des portugiesischen Königs sich nach Sevilla
-zu begeben. Hier traf er im Februar 1505 mit Columbus zusammen, der
-ihn wie einen Leidensgenossen behandelte, welcher gleichfalls von dem
-Undanke der Könige betroffen sei. „Vespucci,“ so schrieb der Admiral an
-seinen Sohn Diego, „hat sich mir gefälllg erwiesen. Dem ehrenwerthen
-Manne ist das Glück abhold gewesen, wie so vielen andern. Auch er hat
-den gebührenden Lohn für seine Leistungen nicht empfangen.“[331] Der
-König Ferdinand benutzte die dargebotene Gelegenheit, den tüchtigen und
-kenntnißreichen Florentiner wieder für sich zu gewinnen; am 11. April
-ehrte er ihn durch ein königliches Geschenk, und vierzehn Tage später
-verlieh ihm sein Schwiegersohn, König Philipp, das Bürgerrecht in
-Spanien.
-
-Von da an blieb Vespucci in spanischen Diensten.
-
-Neuerdings sind noch einige venetiansche Gesandtschaftsberichte bekannt
-geworden,[332] aus denen hervorgeht, daß Vespucci noch eine fünfte
-Reise unternommen und wiederum die Terra Firma berührt hat, aber ohne
-neue bedeutende Entdeckungen zu machen.
-
-Amerigo hatte von 1505 sich wieder in den Dienst Spaniens begeben und
-blieb demselben bis zu seinem Tode treu. Im Jahre 1508 wurde er mit
-200 Ducaten Gehalt als Reichspilot angestellt und hatte das Amt, die
-Befähigung der Piloten zu prüfen und als Kartograph thätig zu sein. Daß
-er Seekarten entworfen hat, finden wir mehrfach bestätigt; aber leider
-hat sich kein Originalblatt erhalten. Dagegen darf mit Sicherheit
-angenommen werden, daß die in der Straßburger Ausgabe des Ptolemäus von
-1513 enthaltene Karte der neuen Welt (~tabula terre nove~) von Vespucci
-stammt. Er starb am 22. Februar 1512 zu Sevilla und erhielt den Juan
-Diaz de Solis zum Nachfolger.
-
-Während Columbus schon bei Lebzeiten seinen Ruhm vollständig erbleichen
-sah, widerfuhr dem Vespucci die unverdiente Ehre, daß bereits im Jahre
-1507 der Vorschlag gemacht wurde, die neuentdeckten großen Landmassen
-Amerika zu nennen.
-
-Die +Entstehung des Namens Amerika+ ist beachtenswerth genug, um hier
-ausführlicher dargelegt zu werden. Es ist bereits mehrfach darauf
-hingewiesen, daß Amerigo ein fleißiger Briefsteller war, und indem er
-mit einer frischen Beobachtung auch die Gabe verband, namentlich das
-Völkerleben der neuen Welt in pikanter Weise zu schildern, so wurden
-seine Berichte außerordentlich gern gelesen und waren in vielfachen
-Ausgaben und Uebersetzungen verbreitet. Außer den einzelnen Briefen
-erschien seit 1507 eine zusammenfassende Darstellung seiner vier ersten
-Reisen nach der Fassung, welche der Reisende selbst in den Berichten an
-seinen florentinischen Freund Soderini gegeben hatte. Diese „~Quatuor
-navigationes~“ (Vier Schifffahrten) erlebten wiederum eine Reihe von
-lateinischen Auflagen, während weder von Magalhães’ noch von Vespucci’s
-Reisen gleichzeitige spanische oder portugiesische Ausgaben bekannt
-sind.
-
-[Illustration: Lies: ~De vuestra reverendisima señoria hymylmente beso
-las manos~.
-
- _Amerrigo Vespucci_,
- ~piloto mayor~.
-
-Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo Vespucci an den
-Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez de Cisneros); datirt Sevilla, 9.
-December 1508.]
-
-Unverkennbar macht sich in ihnen ein eitles Haschen nach Gelehrsamkeit
-bemerklich, denn Amerigo citirt den Plinius, Virgil und Aristoteles,
-auch ist der Verfasser, wie die meisten Reisenden seines Zeitalters
-zu Uebertreibungen geneigt und weiß sich auch als praktischer
-Astronom einen gewissen Nimbus zu verschaffen. Alexander von Humboldt
-hat es ganz treffend als ein Uebermaß astronomischer Ruhmredigkeit
-bezeichnet,[333] wenn Vespucci in Bezug auf die Längenbestimmungen
-zur See sich folgendermaßen äußert: Längenbestimmungen zu machen ist
-eine sehr schwierige Sache, und nur diejenigen Personen verstehen es,
-welche sich den Schlaf versagen können. Ich habe die nächtliche Ruhe
-so oft gemieden, daß ich mein Leben dadurch um zehn Jahre verkürzt
-habe, ein Opfer, welches ich keineswegs bedaure, weil ich hoffe dadurch
-in späteren Jahrhunderten mir noch Nachruhm zu erwerben. Und da er
-selbst nun von seiner dritten Fahrt berichtete, er habe seine Reise
-über den vierten Theil des Erdumfanges ausgedehnt und die von ihm
-berührten Länder könne man wohl füglich eine Welt für sich nennen und
-den Erdtheilen der alten Welt gegenüber stellen, so verbreitete sich
-nun sehr rasch die Meinung, +Amerigo sei der Entdecker+, und
-um so mehr wurde diese Ansicht widerspruchslos weitergetragen, weil
-über die Reisen des Columbus nach dem Lande Paria und dem Goldlande
-Veragua kaum ein Laut in die Oeffentlichkeit drang und weil man den
-Genuesen nur für den Entdecker von „etlichen Inseln“ hielt. Man staunt
-über die lange Reihe von Schriften und Verfassern, welche sämmtlich
-dem Amerigo das Verdienst der Entdeckung des Festlands von Amerika
-zuschreiben.[334] Daher erklärt sich auch, daß als einmal der Vorschlag
-aufgetaucht war, das neue Land „Amerika“ zu nennen, man ohne Zögern den
-Gedanken als einen glücklichen, treffenden bezeichnete und auch für die
-weitere Verbreitung des Ausdrucks sorgte.
-
-Anfänglich waren die Bezeichnungen für die neuen Entdeckungen noch
-ziemlich unsicher und schüchtern aufgetreten, so lange man noch
-keine klare Vorstellung von der großen Ausdehnung zusammenhängender
-Landmassen besaß. Columbus hatte von einem neuen Himmel und einer neuen
-Erde gesprochen, in lateinischer Form lautete danach die Bezeichnung
-~mundus novus~ oder ~novus orbis~, was dann wieder in „neue Welt“
-verdeutscht wurde. Während man in den wenigen von Columbus bekannten
-Mittheilungen nur von Inseln erzählen hörte, erklärte Vespucci mit
-großer Sicherheit, er habe einen neuen Erdtheil entdeckt. Kein Wunder,
-daß dann die jungen Gelehrten, welche sich in der lothringischen Stadt
-St. Dié mit Geographie befaßten und die vier Schifffahrten des Vespucci
-in lateinischer Uebersetzung verbreiteten, auch die Ueberzeugung
-gewannen, man müsse dann auch dem Florentiner zu Ehren jene Länder
-nennen. Der Urheber des Namens Amerika ist +Martin Waltzemüller+.[335]
-In seiner 1507 zuerst veröffentlichten Einleitung zur Kosmographie
-(~Cosmographiae introductio~) gibt er im 9. Capitel eine ganz kurze
-Charakteristik der Erdtheile Europa, Afrika und Asia und bemerkt dazu,
-daß in der neusten Zeit diese Erdtheile nicht nur genauer bekannt
-geworden, sondern daß durch Amerigo Vespucci auch noch ein vierter
-Erdtheil entdeckt worden sei, welchem man mit gutem Fug und Recht den
-Namen Amerige, gleichsam Amerigo’s Land oder +Amerika+ geben könne, da
-sowohl Europa als auch Asia nach Frauen benannt worden seien. Ueber
-Land und Leute dieses neuen Erdtheils sollen dann die der Kosmographie
-angehängten vier Schifffahrten des Vespucci genaueres berichten. Da an
-dieser Stelle der Name „Amerika“ zuerst in der Literatur erscheint,
-so geben wir hier vorstehend eine getreue Copie dieser interessanten
-Stelle.
-
-[Illustration: Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der
-Name „Amerika“ vorgeschlagen wird. Aus ~Cosmographiae Introductio~ des
-~Hylacomylus~ von 1507.]
-
-Der Vorschlag Waltzemüllers fand zunächst unter den deutschen Gelehrten
-Anklang. So erschien denn der Name Amerika zuerst in dem kleinen anonym
-veröffentlichten Werke ~Globus mundi~ (Straßburg 1509) und in demselben
-Jahre auf einer in Wien befindlichen Karte. Zwei Jahre später lesen wir
-die neue Benennung in einem englischen Schauspiel (~A new interlude~).
-Weiterhin begegnen wir derselben in einem 1512 von Joachim Vadianus an
-Rudolf Agricola gerichteten Briefe, welcher in der 1518 erschienenen
-Ausgabe des Pomponius Mela abgedruckt wurde. Im Jahre 1515 schrieb
-Johannes Schöner in Bamberg den Namen Amerika auf seinen Globus.
-Dann folgte die wahrscheinlich 1516 entworfene merkwürdige Weltkarte
-Leonardo da Vinci’s, 1520 Peter Apian, welcher für die von Camers
-(Giov. Rienzi Vellini aus Camerino in Umbrien) besorgte Ausgabe des
-Solinus eine Weltkarte zeichnete, und sodann das von dem französischen
-Kosmographen Oronce Fine (Orontius Finaeus) 1531 gefertigte Weltbild.
-Aber allgemein befestigt war die Benennung damit noch nicht, denn
-durch das ganze 16. Jahrhundert begegnen wir für Südamerika auch den
-Bezeichnungen Peruana (Peru) oder Brasilia. Erst im 17. Jahrhundert
-erlangte der Name allgemeine Gültigkeit.
-
-
-17. Die spanischen Niederlassungen auf dem Festlande von Mittelamerika
-und die Entdeckung der Südsee.
-
-Alonso Hojeda hatte bereits drei Fahrten nach der Nordküste Südamerikas
-gemacht (vgl. oben S. 325 und 329), aber seine Versuche, sich in der
-ihm zuertheilten Statthalterschaft von Coquibacoa am Maracaibosee
-mit Waffengewalt festzusetzen, waren an dem zähen Widerstande der
-kriegerischen Cariben gescheitert. Trotzdem gab der unbeugsame
-spanische Ritter seine Pläne nicht auf, er ließ sich 1508 mit der
-ganzen Küste, welche nun den Namen Nueva Andalusia erhielt, von neuem
-belehnen und verpflichtete sich, daselbst zwei feste Plätze anzulegen.
-Zu gleicher Zeit wurde einem anderen Bewerber, +Diego de Nicuesa+, der
-Küstenstrich des mittelamerikanischen Isthmus von Honduras bis Darien
-überwiesen; die Grenze sollte der Atrato bilden, welcher sich in den
-Golf von Darien ergießt. Gegen Osten, auf dem Gebiet Hojeda’s, trug
-die Landschaft den indianischen Namen Uraba, gegen Westen erstreckte
-sich weiterhin das goldreiche Veragua. Hojeda ging im Herbst 1509
-mit vier Schiffen und 300 Mann nach seinem Gebiete unter Segel. In
-seiner Begleitung befanden sich der Pilot Juan de la Cosa, als sein
-Stellvertreter, und Francisco Pizarro. Kurz darauf folgte Nicuesa,
-welcher über bedeutendere Mittel verfügte, mit sieben Segeln und 700
-Mann und steuerte nach Veragua.
-
-Hojeda landete in der Gegend von Cartagena und beschloß die Dörfer der
-Cariben zu überfallen, um die Einwohner zu Sklaven zu machen. Mit dem
-Erlös der Beute hoffte er einen Theil der Ausrüstungskosten decken zu
-können. Vergebens warnte Juan de la Cosa vor den vergifteten Geschossen
-der kriegerischen Küstenstämme, deren Gefährlichkeit er auf früheren
-Fahrten hatte kennen lernen, und empfahl weiter westlich zu landen;
-allein Hojeda verschmähte den wohlgemeinten Rath. Mit einer Schar von
-70 Mann rückte er in der Morgendämmerung aus, überwältigte das erste
-Dorf, machte alles nieder, was Widerstand leistete, und brachte die
-Ueberlebenden als Menschenbeute auf seine Schiffe. Nach diesem ersten
-Erfolge aber überließen sich die Spanier in der heißen Mittagszeit
-sorglos der Ruhe und wurden nun von den benachbarten Indianern,
-deren Ortschaft gleichfalls bedroht war, vollständig überrumpelt.
-Unter den Giftpfeilen der Cariben fielen alle Spanier, zuletzt auch
-Juan de la Cosa; nur Hojeda, der sich hinter seinem großen Schilde
-vollständig decken konnte, schlug sich durch und rannte der Küste zu,
-aber ohne die Schiffe erreichen zu können. Zum Glück kam zur selben
-Zeit Nicuesa mit seinem Geschwader in dieselbe Gegend, fand Hojeda’s
-Schiffe und beschloß, mit dem Reste der Mannschaft desselben die
-Gegend zu durchstreifen, um das Schicksal der Expedition gegen die
-Indianer aufzuklären. Zuerst fand man Hojeda, tief im Mangrovegebüsch
-versteckt, wohin er sich geflüchtet hatte, entkräftet durch Hunger,
-sprachlos vor Erschöpfung, aber den Degen in der Faust und am Arme
-den Schild, auf welchem gegen 300 Pfeilschüsse zu zählen waren. Dann
-kam man zur Stätte des unheilvollen Ueberfalls und stieß auf die
-Leiche Cosa’s; dieselbe war an einen Baum gebunden und von zahllosen
-Geschossen durchbohrt, „ein Igel von Pfeilen“. Von dem todbringenden
-Gift gräßlich aufgedunsen, bot die Leiche ein so grauenvolles Bild,
-daß keiner der Spanier, aus Furcht, von einem ähnlichen Schicksal
-betroffen zu werden, auch nur noch eine Nacht an dem Orte zu bleiben
-wagte. Alle kehrten zu den Schiffen zurück: Nicuesa steuerte nach
-Veragua, Hojeda lief an dem Gestade westwärts und gründete im Anfange
-des folgenden Jahres 1510 am Golf von Uraba, hart an der Grenze seines
-Gebiets eine Niederlassung, welche er San Sebastian nannte und durch
-ein festes Blockhaus sicherte. Aber da die Indianer der Nachbarschaft
-ebenso kriegerisch und feindselig waren als bei Cartagena, so sahen
-sich die Ansiedler fast ganz auf ihr Blockhaus beschränkt und durften
-es einzeln nicht verlassen, aus Furcht, von den lauernden Cariben
-aus dem Hinterhalte erlegt zu werden. So stellte sich bald Mangel an
-Lebensmitteln ein und in seinem Gefolge Unmuth und Mißstimmung, welche
-zu Meutereien ausartete; und wenn auch Hojeda strenge Mannszucht zu
-halten verstand, so war er doch nicht im Stande, der immer drohender
-nahenden Hungersnoth vorzubeugen. Um Verstärkungen an Abenteurern
-heran zu ziehen, sandte er ein Schiff mit Sklaven und Gold nach Haiti.
-Durch die vielverheißenden Berichte ließ sich ein spanischer Colonist
-von Haiti, namens Talavera, welcher, weil er in Schulden steckte, die
-Insel zu verlassen wünschte, mit einer Anzahl verwegner Leute gleicher
-Lage verleiten, ein mit Lebensmitteln beladenes Schiff, welches an der
-äußersten Südwestspitze von Haiti vor Anker lag, zu überfallen und
-in Besitz zu nehmen, um mit diesem Raube dem Goldlande zuzusteuern.
-Die Ankunft der Räuberbande mußte der bedrängten Colonie Hojeda’s
-willkommen sein; sie brachte eine namhafte Verstärkung an Mannschaft
-und -- Brot. Nach dem rechtlichen Erwerb des Schiffes und der Fracht
-durfte der Leiter der kleinen Ansiedlung nicht fragen. Mit neubelebtem
-Muthe trat man den Indianern entgegen; aber schon bei einem der
-nächsten Ausfälle aus dem Blockhause erhielt Hojeda einen vergifteten
-Pfeilschuß in den Schenkel. Um den bekannten, unausbleiblichen
-Wirkungen der gefährlichen Verletzung zuvorzukommen, ließ der kühne
-Hidalgo sich die Wunde mit einem glühenden Eisen ausbrennen und einen
-in Essig getauchten Verband darumlegen. Und nur durch solche unerhörte
-Energie rettete er sein Leben.
-
-Kaum war er genesen, so ging er auf Talavera’s Schiffe selbst nach
-Haiti, um neue Zufuhr herbeizuschaffen, da sich ohne dieselbe seine
-Colonie nicht aufrecht erhalten ließ. Als seinen Stellvertreter ließ
-er den Francisco Pizarro[336] zurück und setzte fest, daß, wenn er
-binnen 50 Tagen nicht wieder erschienen sei, Pizarro die Niederlassung
-ausheben und mit dem Reste der Leute Veragua aufsuchen könne.
-
-Hojeda landete mit dem Piratenschiff an der Südküste Cuba’s. Unter
-unsäglichen Beschwerden wanderte er dreißig Meilen weit durch die
-menschenleeren Strandsümpfe und Lagunen ostwärts. Tagtäglich betete
-er zu seiner Patronin, der Jungfrau Maria, deren Bildniß, in Flandern
-gemalt und ein Geschenk seines Gönners Fonseca, er am Halse trug.
-In dem ersten Indianerdorfe, welches er antreffen würde, gelobte
-er dem Madonnenbilde eine Capelle zu bauen. Und als er mit seinen
-Leidensgefährten, halb verhungert und verschmachtet, dasselbe
-erreichte, führte er sein Gelübde aus. Denn er fand freundliche
-Aufnahme und die Indianer gaben ihm sogar Führer und ein Boot, um ihn
-nach Haiti hinüberzubringen. Talavera mit seinen Raubgesellen fiel
-hier in den Arm der Gerechtigkeit und erlitt für seine Verbrechen
-den Tod am Galgen. Hojeda wurde freigesprochen; aber auch sein Muth
-war gebrochen, er starb, von allen Freunden verlassen, in tiefster
-Armuth, wahrscheinlich 1515. Ein tragisches Geschick hatte alle seine
-hochfliegenden Pläne vereitelt. Die anmuthige Rittergestalt war ein
-Schreckbild für alle Glücksjäger geworden. Er selbst fühlte dies in
-tiefster Seele und verfügte in seinem letzten Willen, man solle ihn an
-der Schwelle der Klosterkirche des heiligen Franciscus in San Domingo
-begraben, damit jeder, welcher das Gotteshaus besuche, den Fuß auf
-seinen Grabstein setzen müsse. So wollte er selbst noch im Grabe für
-seinen Stolz büßen und sich demüthigen.
-
-Nachdem die verabredeten fünfzig Tage verflossen waren, ohne daß von
-Hojeda irgend welche Kunde einlief, entschloß sich Pizarro im Sommer
-1510 mit den letzten sechzig Mann, die ihm noch geblieben waren, die
-unglückliche Niederlassung von San Sebastian in Uraba aufzulösen
-und mit seinen zwei Schiffen den Weg nach San Domingo (Haiti)
-einzuschlagen. Aber das Misgeschick verfolgte sie auch aufs Wasser.
-Das eine Fahrzeug ging im Sturme unter, das andere stieß unerwartet
-auf ein Schiff des Rechtsgelehrten (Baccalaureus) Martin Fernandez
-de Enciso, welcher auch an der Küste der Tierra firme als Entdecker
-und Colonisator sein Glück versuchen wollte. Aber auch Enciso verlor
-an der Ostspitze des Golfs von Darien, an der Punta Caribana, sein
-Schiff, und die Mannschaft sah sich genöthigt, am Strande hin nach der
-nahe gelegenen Niederlassung von San Sebastian zu gehen. Da man aber
-die kaum verlassenen Hütten bereits durch die Indianer zerstört und
-verbrannt antraf, entschloß sich der ganze Haufe der unglücklichen
-Abenteurer, auf die andere Seite des Golfs hinüber zu ziehen und sich
-dort festzusetzen, ohne sich viel darum zu kümmern, daß dieser Theil
-der Küste bereits zu Veragua, also unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s
-gehörte. Die Anregung zu diesem Schritte gab Vasco Nuñez +Balboa+,
-ein armer Edelmann aus Jerez de los Caballeros in Estremadura, südlich
-von Badajoz. Derselbe zählte damals etwa 38 Jahre, war aber schon vor
-fast zehn Jahren mit Bastidas in dieser Gegend gewesen und hoffte dort
-einen günstigern Boden für eine Ansiedlung zu finden, als in Uraba.
-Jahre lang hatte er dann auf Domingo, wo er Ländereien erhalten,
-Feldbau getrieben. Aber des einförmigen Landlebens überdrüssig und
-von Schulden gedrückt, suchte er eine Gelegenheit, sich seinen
-Verpflichtungen zu entziehen. Als Enciso im Hafen von Domingo seine
-Ausrüstung betrieb, nahm Balboa diese Gelegenheit wahr, ließ sich, da
-nach dem Gesetz kein Schuldner ohne Wissen seiner Gläubiger die Insel
-verlassen durfte, von seinem Landgute aus in einer Proviantkiste an
-Bord schaffen und kam erst auf offner See, als er sich sicher glaubte,
-aus seinem Versteck hervor. Enciso hatte zwar anfangs die Absicht, um
-nicht selbst durch Balboa’s Erscheinen in Ungelegenheit zu kommen, den
-Eindringling an der ersten wüsten Insel auszusetzen, ließ sich dann
-aber bewegen, den Flüchtling als guten Kriegsmann zu behalten.
-
-In der neuen Niederlassung am Flusse Darien, welche den Namen Santa
-Maria del Antigua erhielt, wollte Enciso, der sich für den einzigen
-rechtmäßigen Leiter ansah, alles nach seinen gelehrten Rechtsbegriffen
-ordnen und leiten, fand aber dabei in der Schar der zügellosen
-Abenteurer den heftigsten Widerstand. Militärischem Commando entzogen
-sie sich nicht, aber die Fesseln einer papiernen Rechtspflege ertrugen
-sie nicht. Balboa trat an die Spitze der Widersacher und erklärte den
-Baccalaureus für abgesetzt und gefangen; doch ließ man ihn später
-wieder los. Enciso durfte nach Spanien zurückkehren. Die Erbitterung
-Balboa’s gegen diesen Rechtsgelehrten war so groß, daß er noch im
-Anfange des Jahres 1513 an den König von Spanien schrieb und bat,
-er möge allen Juristen und studirten Leuten, außer den Medicinern
-verbieten, die Tierra firme zu betreten, denn sie hätten alle den
-Teufel im Leibe und stifteten mit ihren tausenderlei Rechtshändeln und
-Niederträchtigkeiten nur Unheil an.[337]
-
-Doch in Santa Maria del Antigua erschien bald wieder die Noth und
-der Mangel an Lebensmitteln, welcher namentlich in den ersten
-Stadien der Bildung einer neuen Colonie verhängnißvoll geworden ist.
-Glücklicherweise brachten im November 1510 zwei Schiffe unter Rodrigo
-Enriquez de Colmenares unerwartete Hilfe. Dieselben waren für Rechnung
-Nicuesa’s mit Lebensmitteln befrachtet und liefen an der Küste hin, um
-dessen Niederlassung aufzusuchen. Colmenares ließ sich bewegen, einen
-Theil seiner Vorräthe an Balboa und seine Leute abzugeben und setzte
-dann seine Reise fort, um +Nicuesa+ aufzufinden.
-
-Dieser war im November 1509, also ein Jahr vorher, von Cartagena
-nach Darien gegangen und steuerte von da nach Veragua. Einer Karte
-des Bartolomé Colon folgend, war er irrthümlich über das Ziel
-hinausgerathen. Der Sturm trieb die Schiffe auseinander, einige
-gingen unter, mit dem letzten lief er nothgedrungen in die Mündung
-eines Flusses ein, wo dasselbe auf den Grund gerieth und durch den
-heftigen Wogenschwall zerschlagen wurde. Die Mannschaft rettete sich
-ans Land. In der Nähe des von Columbus entdeckten Vorrathshafens
-(~puerto de bastimentos~) legte er nothgedrungen seine Niederlassung
-an und gab ihr den Namen Nombre de Dios. Von Lebensmitteln entblößt,
-an einer fieberschwangern Küste zwischen Sümpfen und dichten Wäldern
-festgehalten erlag die Schar der Colonisten größtentheils den vereinten
-Angriffen von Krankheit und Hunger. Colmenares fand nur noch die
-bleichen Trümmer einer stattlichen Ausrüstung. Als Nicuesa durch
-ihn von der Unternehmung Balboa’s hörte, der sich auf seinem Gebiet
-an einem günstigen Platze festgesetzt hatte, beschloß er mit den
-Ueberlebenden, -- er zählte nicht mehr als sechzig Mann -- sich dorthin
-zu wenden und Nombre de Dios aufzugeben. Als einige Jahre später
-(1515) Gonzalo de Badajoz mit achtzig Mann hier ans Land ging, um in
-das Innere des Isthmus einzudringen, fand er in der Nähe von Nicuesa’s
-Blockhaus nur noch zahlreiche Steinhaufen, mit rohen Holzkreuzen
-versehen, unter denen die Leichen der Verhungerten bestattet waren.
-
-Balboa’s Colonie hatte sich indessen, dank der ihr durch Colmenares
-gewordenen Unterstützung, fester organisirt und die erste schwerste
-Prüfungszeit glücklich überwunden; aber sie war nicht gewillt, sich
-unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s zu begeben. Man war gefaßt darauf, daß
-der nominelle Herr von Veragua seine Ansprüche werde geltend machen
-und hatte darum auf den Höhen an der See Wachtposten ausgestellt,
-um nicht durch einen unerwarteten Besuch Nicuesa’s überrascht zu
-werden. Als dieser nun mit seiner sehr gelichteten Schar auf dem
-Schiffe des Colmenares erschien, rotteten sich die Ansiedler von
-Santa Maria zusammen und der „~procurador de la ciudad~“ rief
-ihm vom Strande mit lauter Stimme entgegen, bei Todesstrafe keinen
-Fuß ans Land zu setzen. Zurück in seine unheilvolle Colonie konnte
-Nicuesa nicht; ließ man ihn nicht in Santa Maria ans Land, so war er
-unabwendbar dem Verhängniß verfallen. Trotz aller Verhandlungen und
-Vorstellungen beharrte das Volk auf seinem Willen, und drohte zu den
-Waffen zu greifen. Erst am nächsten Morgen ließ man den unglücklichen
-Mann ans Land kommen, aber nur, um ihm einen Theil seiner Gefährten
-zu entfremden und ihm selbst dann hinterlistiger Weise einen Eid
-abzunehmen, der ihn verpflichtete, unverzüglich wieder in See zu gehen
-und an keinem Punkte in der neuen Welt anzulaufen, sondern direct nach
-Spanien zu segeln. Vergebens wies Nicuesa auf die gefährlichen Folgen
-eines solchen verrätherischen Verfahrens hin (auf Balboa’s Haupt sollte
-das gleiche Geschick fallen), man ließ ihm nur die schlechteste und
-am wenigsten seetüchtige Brigantine und stieß ihn im März 1511 mit 17
-Leidensgefährten aufs Meer hinaus. Es ist ungewiß, ob Balboa oder sein
-Genosse Zamudio der Hauptanstifter dieses Verraths gewesen. Nicuesa ist
-verschollen, nirgends ist eine Spur von ihm aufgefunden. Die Reste von
-drei verunglückten Colonisationsversuchen waren von da ab, in einer
-Stärke von 300 Mann, unter Balboa’s energischer Leitung in Santa Maria
-del Antigua vereinigt.
-
-Aus der ganzen Reihe der Abenteurer traten nur zwei Männer von
-bekanntem Namen hervor, Balboa und Pizarro. Pizarro, damals noch in
-untergeordneter Stellung, wurde von Balboa herangezogen und erhielt zu
-kleinen Unternehmungen das Commando. So kam er empor und sollte später
-an Balboa die Hand legen, um dessen Laufbahn ein plötzliches Ende zu
-bereiten. Aehnlich war dieser mit Enciso und Nicuesa verfahren.
-
-+Balboa+ drang auf glücklichen Streif- und Beutezügen ins freiere
-Binnenland von Darien und bis ins Quellgebiet des Chucunaque vor,
-der sich in den großen Ocean, in den Golf von San Miguel ergießt.
-Als ein eingeborner Fürst, Panciaco, die Goldgier der Spanier sah,
-wies er sie nach dem südlichen Meere, welches man in sechs Tagereisen
-übers Waldgebirge erreichen, aber auf dem näheren Gebirgskamme
-bereits sehen könne. Schon Columbus hatte dunkle Kunde von jenem
-anderen Meere erhalten, jetzt trat die Nachricht bestimmter auf. Um
-aber in jene völlig unbekannten Räume vordringen zu können und das
-Gestade des gegenüberliegenden Meeres zu erreichen, bedurfte man
-bedeutenderer Kräfte, als sie augenblicklich der in Noth befindlichen
-Colonie zur Verfügung standen. Dem Admiral Don Diego Colon sollte
-ein Schiff die wichtige Entdeckung nach Haiti melden und die Bitte um
-Zusendung von Waffen und Lebensmitteln vortragen; aber das Fahrzeug,
-welches zugleich den königlichen Fünften an Gold überbringen sollte,
-scheiterte an der Küste von Yukatan. Die Mannschaft rettete sich zwar
-anfänglich ans Land, fiel dort aber dem Stamm der Maya in die Hände,
-welche die Gefangenen zum Theil in ihren Tempeln opferten, zum Theil
-als Sklaven behielten. Einer dieser letzteren, der Pater Jeronimo
-de Aguilar wurde 1519 durch Cortes befreit. Als der Erfolg dieser
-Schiffssendung ausblieb, schickte Balboa das letzte verfügbare Schiff
-1512 direct nach Spanien, zufällig kamen vom Admiral im folgenden
-Jahre zwei Fahrzeuge mit Lebensmitteln nach Darien und befreiten die
-hungerleidenden Ansiedler aus äußerster Noth. Noch günstiger war, daß
-eine Schar von 150 Mann die bereits zusammengeschmolzene Zahl der
-Colonisten verstärkte und daß der Statthalter von Haiti dem Balboa
-die Oberleitung übertrug. Aber trotz dieser Anerkennung fürchtete
-Balboa mit Recht, daß man ihn in Spanien als Empörer gegen Enciso und
-Nicuesa nicht so glimpflich behandeln und ihm einen Nachfolger senden
-werde, denn Enciso war nach Spanien gegangen und hatte beim indischen
-Rathe Klage gegen ihn erhoben und seinen Verrath gegen Nicuesa
-gebrandmarkt. Balboa war daher entschlossen, durch eine große That den
-übeln Eindruck seines Verrathes abzuschwächen. Er faßte den Plan, das
-südliche Meer auszusuchen und die daran grenzenden reichen Gebiete
-der spanischen Krone zu unterwerfen. So brach er am 1. September 1513
-mit 190 Spaniern, 600 einheimischen Lastträgern und einer Meute von
-Bluthunden von seiner Niederlassung auf und ging mit einer Brigantine
-und neun großen Canoes an der Küste entlang nordwestlich nach Careta’s
-Dorf. Der Häuptling gab ihm von hier Wegweiser mit ins Innere. Diese
-Richtung des Marsches zeigt, daß Balboa über die Lage der Südsee wohl
-unterrichtet war, denn von dem Punkte aus, wo er landete, beträgt die
-Luftlinie zu dem gegenüberliegenden Gestade nur neun Meilen, und die
-Waldgebirge auf dieser Landenge erheben sich nur 700 Meter hoch. Aber
-dicht verschlungener Urwald umhüllt den mittelamerikanischen Isthmus
-dergestalt, daß kaum ein Sonnenstrahl das Blätterdach durchdringt und
-den Boden erreicht. Selbst noch in unserem Jahrhundert ist ein Marsch
-über die Landenge mit den größten Schwierigkeiten verbunden. So hat
-im Jahre 1853 der bekannte Reisende Carl v. Scherzer sich vergebens
-bemüht, weiter im Westen, im Staate Costarica, unter dem 10° n. Br. von
-Angostura aus, den Hafen von Limon zu erreichen. In Begleitung von 30
-Trägern, unterstützt von Ingenieuren mußte man nach vergeblicher Arbeit
-von 16 Tagen davon abstehen, die Küste des nur 10 Meilen entfernten
-caribischen Meeres zu erreichen. Der Wald war überall so dicht, daß
-nur ein fahler Schein, der durch die Blätternacht brach, die Tageszeit
-verkündete.[338]
-
-[Illustration: Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee.]
-
-Auf versteckten Waldwegen, auf denen die Indianerstämme sich zu
-nächtlichem Ueberfall und Raub beschleichen, drang Balboa’s Schar
-ins Gebirge hinein, welches hier, der Ostküste näher, sich am Golfe
-von Darien hinzieht. Dahinter erstreckt sich, von zahlreichen Bächen
-durchschnitten, das Waldland bis ans südliche Meer. Der Uebergang über
-die Cordillere, ohnehin durch die natürlichen Verhältnisse erschwert,
-wurde überdies den Spaniern durch die Häuptlinge, in deren Gebiet
-Balboa eindrang, streitig gemacht. Erst am 25. September konnten die
-eingebornen Wegweiser dem spanischen Anführer die langersehnte Meldung
-machen, daß er auf dem nächsten, vor ihnen liegenden Bergrücken das
-neue Meer sehen werde. Balboa ließ den ganzen Zug halten, er wollte
-+zuerst+ sich an dem Anblick der Südsee erfreuen. Allein schritt
-er voran und erreichte den Gipfel. Er fällt auf die Kniee, hebt die
-Hände zum Himmel empor, grüßt den Süden und dankt Gott und allen
-Himmlischen auf das innigste, daß ihm als einem Manne von nicht
-hervorragenden Gaben, nicht vornehmer Geburt ein solcher Ruhm zu
-theil geworden. Dann winkt er den Gefährten mit der Hand und zeigt
-ihnen das ersehnte Meer. Alle sinken auf die Kniee, und Balboa fleht
-zum Himmel, namentlich zur Jungfrau Maria, daß das Unternehmen einen
-glücklichen Ausgang finden möge. Jubelnd stimmen alle den Lobgesang
-an und blicken auf das Land hinunter. Kühner als Hannibal, der seinen
-Soldaten von den Alpenhöhen herab das italische Land zeigte, verheißt
-er den Genossen unermeßliche Schätze. Zum Zeichen der Besitznahme wird
-von rohen Steinen ein Altar aufgethürmt. Dann werden beim Hinabsteigen
-rechts und links die Namen des Königs in die Bäume geschnitten, damit
-die Nachwelt die kühnen Entdecker nicht der Lüge zeihen könne, daß die
-große That nicht wirklich ausgeführt sei.[339] Der begleitende Notar
-Andres de Valderrabano nahm über das wichtige Ereigniß der Entdeckung
-und Besitzergreifung ein Protokoll auf, in welchem alle 67 anwesenden
-Spanier aufgezählt wurden, an zweiter Stelle nennt er den Geistlichen
-Andres de Vera, als dritten Francisco Pizarro. Noch ein siegreicher
-Kampf mußte ausgefochten werden, um die Häuptlinge zum Frieden und
-zum Bündniß zu bewegen, dann erreichte Balboa am 29. September mit 26
-Begleitern die Mündung des Sabanas, der sich in den innern Golf von
-San Miguel ergießt, welcher nach dem Tage der wichtigen Entdeckung
-seinen noch jetzt gültigen Namen erhielt. Bei eintretender Flut schritt
-Balboa mit Schwert und Fahne bis an die Kniee ins Wasser der See und
-nahm von allen Ländern, Gestaden und Inseln dieses Meeres „vom Nordpol
-bis zum Südpol“ im Namen seines königlichen Herrn feierlich Besitz.
-Wochenlang blieb er dann an der Küste des Golfes, befuhr auf den Böten
-der Eingeborenen die Südsee und machte die anwohnenden Häuptlinge
-tributpflichtig. Vor den Augen der Spanier wurden im Golf von S. Miguel
-Perlen gefischt, doch wurde der weiter draußen gelegene Archipel der
-Perleninseln, wegen der stürmischen Jahreszeit, noch nicht aufgesucht.
-Der Anführer selbst zog auch hier wieder möglichst genaue Erkundigungen
-über die näheren und ferneren Landschaften ein und ließ sich von dem
-Caziken Tumaco über eine mächtige Nation im Süden berichten, welche
-unermeßlich reich sein, Schiffe und Lastthiere besitzen sollte, wie sie
-in der Nähe von Darien nicht bekannt waren. Eine Figur aus Thon, welche
-Tumaco von diesem Hausthiere fertigte, sah fast wie ein Kamel aus. Die
-Spanier erhielten so die erste Kunde von dem Goldlande Peru und von dem
-dort in Herden gezüchteten Lama. Auf keinen der Zuhörer machten diese
-Erzählungen einen tieferen Eindruck als auf Pizarro, der den lockenden
-Berichten mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte.
-
-Am 3. November trat Balboa den Rückmarsch an, er schlug einen anderen
-Weg ein und zog das Thal des Chucunaque, welches damals noch gut
-bevölkert war, bis zu den Quellen des Flusses hinauf. Trotz der
-mühevollen Märsche fanden die Spanier Gelegenheit den einheimischen
-Fürsten ihre Schätze an Gold abzupressen und für jedes kleine
-Vergehen die grausamste Justiz an denselben auszuüben. So wurde der
-Cazike Poncoa, nachdem er sein Gold hingegeben, nebst drei anderen
-Häuptlingen, schmachvoll den Bluthunden geopfert und von diesen
-zerrissen. Unter der täglich schwerer werdenden Last von Gold sanken
-die erschöpften Träger nieder; aber erst als auch den Spaniern die
-Kräfte zum Weiterzuge versagten, machte Balboa eine längere Rast in dem
-Dorfe Pocorosa’s und kehrte von da nach Careta zurück. Am 19. Januar
-1514 erreichte er endlich seine Niederlassung in Sa. Maria del Antigua
-wieder, ohne einen Spanier verloren zu haben. Im darauffolgenden
-März sandte der glückliche Entdecker ein Schiff nach Spanien mit dem
-Berichte über seinen kühnen Zug und wußte den Werth seiner Eroberung
-durch Beifügung eines ansehnlichen Schatzes von 20,000 Castellanos an
-Gold und 200 der besten Perlen als königlichen Antheil an der Beute in
-das beste Licht zu setzen. Die Kunde von der Entdeckung eines neuen
-Oceans machte natürlich das größte Aufsehen. Von nun an konnte erst
-mit Recht die Frage aufgeworfen werden, ob die neue Welt wirklich, wie
-man bisher angenommen, einen Theil von Ostasien bilde, oder ob, was
-immer wahrscheinlicher wurde, das von Columbus erreichte Indien, einen
-Welttheil für sich bilde. Die Folgen der Entdeckung waren unermeßlich,
-sie gaben den ersten Anstoß zu der Weltumsegelung Magalhães’ und zu der
-Eroberung Peru’s durch Pizarro.
-
-Aber Balboa sollte die Früchte seiner glänzenden That nicht ernten.
-Sein Schicksal war bereits besiegelt, als seine Sendung in Spanien
-eintraf. Bereits am 11. April 1514 war sein Nachfolger, der 60jährige
-+Pedrarias de Avila+ mit einer ansehnlichen Flotte von ca. 20 Schiffen
-und 1500 Mann nach Darien unter Segel gegangen. Hätte Balboa sich
-mit der Absendung des Schiffes mehr beeilen können, und wäre seine
-Botschaft um vier Wochen früher nach Spanien gelangt, so hätte sein
-Geschick und das der ganzen Colonie von Darien gewiß eine andere
-Wendung genommen. Allein der Leiter der indischen Angelegenheiten, der
-Bischof Fonseca, war über den an seinem Günstlinge Nicuesa verübten
-Verrath empört und daher entschlossen, gegen Balboa auf das strengste
-zu verfahren. Die Nachricht von Balboa’s Entdeckung würde seine
-Maßnahmen unfehlbar gemildert oder ganz verändert haben, aber bis zur
-Absendung Pedrarias’ hatte Balboa keinen Fürsprecher in Spanien.
-
-Der neue Statthalter des Landes Castilla aurifia, denn so hatte der
-König befohlen, solle das Gebiet der Eroberung Balboa’s in Zukunft
-heißen,[340] landete am 30. Juni 1514 in Sa. Maria del Antigua. Er
-brachte ein so glänzendes Gefolge von Rittern und gelehrten Männern
-mit, wie es die neue Welt noch nicht beisammen gesehen. Viele von ihnen
-haben sich in der Folgezeit hervorgethan und in der Geschichte der
-Eroberung einen dauernden Namen erworben. Vier unter diesen Männern
-haben uns werthvolle historische und geographische Arbeiten über die
-neue Welt hinterlassen: +Bernal Diaz del Castillo+, der Waffengefährte
-des Cortes, schrieb eine Geschichte der Eroberung Mexiko’s, Gonzalo
-Fernandez de +Oviedo+, welcher als Inspector (~veedor~) eingesetzt
-wurde, schrieb die ~historia general de las Indias~, der Baccalaureus
-+Enciso+, welcher das Amt eines Alguacil mayor (Gerichtsbeamter)
-bekleidete, verfaßte eine ~Summa de geografia~, und +Pascual de
-Andagoya+ aus Cuartango in der Provinz Alava, der Mitentdecker von
-Nicaragua, entwarf eine Schilderung der Thaten der Spanier unter der
-Herrschaft des Pedrarias de Avila.[341] Außerdem betraten den Boden
-Amerika’s Diego +Almagro+, der Eroberer von Chile, +Benalcazar+, der
-Eroberer von Quito und Bogota, Fernando de +Soto+, der Waffengefährte
-Pizarro’s und Entdecker des mittleren Mississippithals, und Francisco
-Vasquez +Coronado+, der Eroberer von Cibola und Quivira. Als erster
-Pilot der Flotte wird Juan +Serrano+ genannt, welcher mit Magalhães
-die erste Reise um die Erde unternahm und zugleich mit diesem auf den
-Philippinen getödtet wurde.
-
-Die große Schar der neuen Ankömmlinge sah sich bei der Landung sehr
-enttäuscht, da für die Urbarmachung des Landes und für Gewinnung von
-Feldfrüchten fast noch nichts geschehen war. Die Umgebung von Sa. Maria
-war mit Wald und Sümpfen bedeckt, der Landbau war völlig vernachlässigt
-und wurde erst nach Balboa’s Rückkehr von der Südsee in Angriff
-genommen. Auch Pedrarias de Avila war nicht der Mann, um hier energisch
-einzugreifen und Hilfe zu schaffen. In kurzer Zeit erlagen gegen 500
-der Neuangekommenen dem Fieber und Hungertode, andere wurden von
-Indianern getödtet. Der neue Statthalter war zu alt für einen solchen
-gefährlichen und verantwortlichen Posten; mißtrauisch und eifersüchtig
-auf Balboa’s Ruhm, überwachte er seinen Nebenbuhler mit argwöhnischem
-Auge. Hart gegen die Indianer und auf gewaltsame Eroberungen bedacht,
-ward er mehr zum Verwüster als zum Begründer eines Colonialgebiets. Las
-Casas verurtheilt ihn, ohne seinen Namen zu nennen, aufs schärfste,
-wenn er schreibt: „Im Jahre 1514 kam ein unseliger Statthalter nach der
-Terra firme, der grausamste Tyrann, ohne Erbarmen und ohne Klugheit,
-ein Werkzeug des göttlichen Zorns.“[342]
-
-Zunächst wurde +Ayora+ mit 400 Mann ausgesandt, um eine Reihe
-von Stationen von einem Meere zum andern anzulegen. Es war ein
-Vernichtungszug gegen die eingeborenen Häuptlinge, die der grausame
-Spanier verbrennen, hängen oder von Hunden zerreißen ließ. Aber seine
-Gründungen wurden von den erbitterten Indianern wieder zerstört. Im
-November 1515 sollte Antonio Tello de +Guzman+ die Pläne Ayora’s wieder
-aufnehmen. Ebenso grausam wie dieser drang er gegen Westen über die
-Landenge und erreichte zuerst +Panama+. Von hier aus plünderte er die
-Landschaft Chagre, wurde auf dem Rückwege von Indianern angegriffen,
-kam indeß glücklich nach Maria del Antigua zurück.
-
-Im Juni 1515 machten Balboa und der von Pedrarias ernannte Befehlshaber
-Luis +Cavillo+ einen Zug nach +Dabaiba+ am Atrato gegen Süden, um die
-dortigen, angeblich von Gold strotzenden Tempel aufzusuchen. Aber die
-Indianer griffen die spanischen Böte auf dem Flusse an und stürzten
-dieselben um, wobei Cavillo das Leben einbüßte. Der Rest kehrte
-unverrichteter Sache nach der Colonie zurück. Als in der Folgezeit noch
-drei andere Expeditionen nach dem goldenen Tempel fehl schlugen, gab
-man die Eroberung nach dieser Richtung auf.
-
-Inzwischen kam im Juli 1515 aus Spanien eine Anerkennung für Balboa’s
-Leistungen; er wurde, allerdings unter dem Oberbefehl des Pedrarias,
-zum Adelantado der Südsee ernannt und bekam dadurch einen eignen
-Verwaltungs- oder Vergewaltigungsbezirk. Aber diese Gestade an der
-Südsee waren das einzige kostbare Land in der Terra firme, ohne
-welches die Ostseite, wo Pedrarias hauste, völlig werthlos war. Dazu
-war es gesünder und für Europäer zuträglicher. Sollte Pedrarias es
-seinem Rivalen überlassen? Er schickte seinen Neffen Gaspar de Morales
-und Pizarro mit 60 Mann an den Michaelsgolf, um die Perleninseln zu
-erobern. Mit 30 Mann gingen sie auf Böten nach der Isla rica, wie
-Balboa die größte Insel im Perlenarchipel genannt hatte, hinüber, vor
-dessen Häuptling selbst die Fürsten des Festlandes zu zittern schienen.
-Nach einem erbitterten Kampfe unterwarf sich der Inselfürst und bot
-den Fremden einen Korb voll kostbarer Perlen an. Dann führte er seine
-Gäste auf den Thurm seines Hauses, zeigte ihnen alle Inseln, die unter
-seiner Botmäßigkeit standen und sämmtlich ergiebige Perlenfischerei
-besaßen, und berichtete von der mächtigen Nation im fernen Süden,
-deren Schiffe er oft gesehen habe. Während Pizarro’s Phantasie aufs
-neue lebhaft dadurch angeregt wurde und mit kühnen Plänen ins Weite
-schweifte, hielt sich Morales an das vor Augen Liegende und dachte nur
-an die Ausbeutung der besetzten Inselgruppe. Zu dem Zweck legte er dem
-unterworfenen Fürsten einen jährlichen Tribut von 100 Mark Perlen auf.
-Dann kehrten die Spanier nach dem festen Lande und nach der Ostseite
-des Continents zurück, wobei wiederum unerhörte Schandthaten gegen die
-Eingebornen verübt wurden. Bei einer zu freundschaftlichem Gespräch
-berufenen Versammlung hetzte man die Bluthunde unter die Häuptlinge
-und ließ achtzehn Caziken zerreißen; zu Hunderten wurden die Indianer
-hingemordet und als die gefühllosen Räuber dann von dem ergrimmten
-Volke verfolgt wurden, schlugen sie hundert gefesselten Eingebornen,
-Weibern und Kindern, welche sie als Sklaven vor sich her getrieben
-hatten, die Köpfe ab oder skalpirten sie, nur um die Verfolger von
-weiterem Nachdringen abzuschrecken. Selbst Balboa berichtete mit
-höchstem Unwillen über solche Greuel; aber der Neffe des Gouverneurs
-ging ohne Strafe aus.
-
-Um eine Versöhnung zwischen den beiden Rivalen Pedrarias und Balboa
-herbeizuführen, regte Quevedo, Bischof von Darien, eine Heirath
-zwischen der ältesten Tochter des Statthalters und dem Entdecker der
-Südsee an; beide Parteien schienen dazu geneigt, aber Pedrarias lauerte
-nur auf eine Gelegenheit, den ihm lästigen Eidam unschädlich zu machen.
-Diese Gelegenheit bot sich, sobald Balboa seine Machtstellung am
-großen Ocean erweitern wollte. Um den Befehl des Königs, eine sichere
-Verbindungslinie zwischen beiden Meeren herzustellen, in Ausführung
-zu bringen, wurde jenseit Careta der Hafenplatz Acla angelegt und
-auf trocknem Grund ein festes Blockhaus errichtet. Von diesem Punkte
-aus sollte dann Balboa das Material zum Bau mehrerer Schiffe über
-den Isthmus schaffen und am Strande der Südsee zu seetüchtigen
-Fahrzeugen zusammenzimmern lassen. Als Balboa aber nach Acla kam,
-fand er den Platz bereits durch die Indianer wieder zerstört, die
-spanische Besatzung todt. Es war also seine Aufgabe, zunächst das
-Blockhaus wieder herzustellen und die Indianer zu unterwerfen. Geraume
-Zeit verstrich, ehe das Baumaterial für die kleine Flotille mühsam
-auf dem Rücken indianischer Lastträger über die Landenge geschafft
-werden konnte, wo es am Rio Balsa, dem untern Laufe des Chucunaque,
-zusammengesetzt werden sollte. Aber hier zeigte sich, daß es zu lange
-am Strande von Acla der Witterung und zerstörendem Insektenfraß
-ausgesetzt gewesen war, so daß man aus den durchbohrten und morschen
-Planken kein seetüchtiges Fahrzeug bauen konnte. Und doch hatte der
-nutzlose Transport von Holz und Eisen über den Isthmus an 500 Indianern
-das Leben gekostet. Las Casas gibt den Verlust an Menschenleben sogar
-auf 2000 an. Man mußte also von neuem an die Arbeit gehen, um das
-Baumaterial herbeizuschaffen.
-
-Inzwischen war König Ferdinand, 1516, gestorben und es hieß, Pedrarias
-werde in der Person des bisherigen Gouverneurs auf den Canarien, Lope
-de Sosa, einen Nachfolger erhalten. Um durch diesen nicht in seinen
-Unternehmungen an der Südsee gehemmt zu werden, beeilte sich Balboa,
-seine Schiffsausrüstung zu vollenden. Aber dieser Eifer wurde ihm
-falsch ausgelegt. Die Freunde des Pedrarias behaupteten, er wolle
-sich vom Statthalter von Darien unabhängig machen und direct mit der
-spanischen Krone in Verbindung treten. Das sah Pedrarias als Verrath
-an, denn Balboa hatte seinen Auftrag binnen 18 Monaten ausführen sollen
-und diese Zeit war unter den mühsamen Vorbereitungen verstrichen,
-ehe er hatte in See gehen können. Als nun Balboa zum letztenmal auf
-Einladung des Pedrarias nach Acla zurückkehrte, um durch persönliches
-Eingreifen die Ausrüstung zu beschleunigen, und mit dem Statthalter die
-Ziele seines Unternehmens zu besprechen, ließ dieser ihn durch Pizarro
-gefangen nehmen und nach kurzem Proceß, den Espinosa als Alcalde mayor
-zu führen hatte, nebst vier Anhängern enthaupten; wahrscheinlich im
-Jahre 1517. Balboa war etwa 42 Jahre alt geworden. Sein Tod war ein
-Unglück für die Entwicklung der spanischen Herrschaft. Rohe Abenteurer
-zertraten in kurzer Zeit Land und Volk und machten das Gebiet fast
-menschenleer. Sicher hatte Balboa sich gegen den unglücklichen Nicuesa
-schwer vergangen, aber das Urtheil des Pedrarias war ein ungerechtes.
-Nachdem die Krone seine Verdienste durch Ernennung zum Adelantado
-anerkannt hatte, war damit zugleich Verzeihung für sein früheres
-Benehmen ausgesprochen. Leider ist die ganze Geschichte der spanischen
-Eroberungen in der neuen Welt eine unausgesetzte Reihe von Treubruch
-und Verrath, und diesem Verhängniß erlag auch Balboa. Aber kühn in
-seinen Unternehmungen, fest im Entschluß, als Staatsmann und Krieger
-zum Befehlen geboren, gebildet und von reifem Urtheil, hätte unter
-seiner Leitung die Colonie einen ungeahnten Aufschwung nehmen können.
-Zwar hatte auch unter Balboa das Land gelitten, aber weit schlimmer
-wurden die Verhältnisse unter Pedrarias und die Verödung der einst
-volkreichen Landstriche nahm dermaßen zu, daß es im Anfange des 17.
-Jahrhunderts in der Provinz Panama mehr Neger als Indianer gab.
-
-An der Südsee wurde Espinosa Balboa’s Nachfolger. Mit Hilfe der von
-Balboa erbauten Flotte von vier Brigantinen und der verfügbaren
-Mannschaft gründete er 1519 die Colonie von Panama, welcher Karl V.
-im Jahre 1521 Stadtrecht verlieh. Aber in dem ungesunden Klima gingen
-in den ersten 28 Jahren 40,000 Menschen dort zu Grunde. Daher befahl
-Philipp II. später den Ort zwei Meilen weiter westwärts an einer
-gesünderen Stelle anzulegen und bestimmte als Ausgangspunkt für die
-Isthmusstraße +Puerto Bello+, nordöstlich von Aspinwall oder
-Colon, von wo jetzt die Eisenbahn nach Panama hinüberführt.
-
-Espinosa unterwarf die Stämme und Landschaften auf dem Isthmus und
-Bartolomé Hurtado befuhr die Küste der Südsee bis zum Golfe von
-Nicoya (unter 10° n. Br.), und in den folgenden Jahren gingen alle
-von Pedrarias angeordneten Entdeckungsfahrten nach Nordwesten, im
-ausgesprochenen Gegensatz zu den Plänen Balboa’s, der sein Augenmerk
-stets nach dem Süden gerichtet hatte. Möglicherweise ließ auch schon
-Pedrarias nach einer mittelamerikanischen Meerenge forschen, wie sie
-später so eifrig von Cortes gesucht wurde.
-
-Noch weiter als Espinosa gelangte +Gil Gonzalez de Avila+. Derselbe
-hatte zwar im Jahre 1519 durch königlichen Befehl das Commando über
-die Flotte Balboa’s erhalten, mußte aber, da Pedrarias über dieselbe
-bereits verfügt hatte, auf den Perleninseln 4 andere kleine Fahrzeuge
-bauen und segelte damit im Jahre 1521 zunächst nach dem Dorfe Nicoya’s,
-wo der Häuptling sich willig mit sammt seinem Volke taufen ließ,
-und entdeckte dann weiter das fruchtbare, offene, volkreiche Land,
-das nach seinem damaligen Fürsten noch den Namen +Nicaragua+ trägt.
-Die Kultur zeigte sich bei den Indianern, je weiter man nach Norden
-kam, immer mehr entwickelt, denn die Landschaften von Nicaragua und
-Honduras standen bereits unter dem Einfluß der von Mexiko und Yukatan
-her verbreiteten höheren materiellen und geistigen Bildung. Gonzalez
-verließ seine Schiffe und zog friedlich zu dem Fürsten Nicaragua, der
-an dem See gleichen Namens hauste und von dessen Macht ihm bereits
-Nicoya erzählt hatte. Auch Nicaragua ließ sich mit 9000 Mann auf einmal
-taufen und ließ es ruhig geschehen, daß der Spanier mit seinem Pferde
-in den See hineinritt, von dem Wasser trank und durch diese Ceremonie
-von dem umgebenden Lande Besitz ergriff. Auch bei diesem Zuge sollen
-100,000 Pesos in Gold erbeutet sein.[343]
-
-Auf dem Rückwege an die Küste wurde Gonzalez zwar von den Eingebornen
-angegriffen, aber seine Schar behauptete den Sieg und erreichte
-glücklich den Strand der Südsee. Inzwischen hatte der Steuermann Andres
-+Niño+ die Entdeckungsfahrt weiter bis zur Fonsecabai und darüber
-hinaus bis auf „die Rückseite von Yukatan“ fortgesetzt.[344]
-
-Am 25. Juni 1523 kam die ganze Expedition nach Panama zurück. Die alte
-Niederlassung Santa Maria del Darien (Antigua) begann schon 1521 zu
-veröden und wurde 1524 ganz aufgegeben. An ihre Stelle trat Panama.
-
-Zur weiteren Ausbeutung seiner Entdeckungen, die ihm Pedrarias nur
-unter +seinem+ Namen gestatten wollte, begab sich Gil Gonzalez nach
-S. Domingo, warb Schiffe und Mannschaften und segelte damit im
-Frühling 1524 nach der Ostküste von Nicaragua und Honduras und wollte
-an der Mündung des Rio Ulea landen. Er benannte den Hafen Puerto de
-Caballos, weil er gezwungen wurde, im Sturme mehrere Pferde über Bord
-zu werfen, um das Schiff zu retten. Dann ging er weiter nach Osten zum
-Cap Honduras und drang von hier aus gegen Süden in der Richtung zum
-Nicaraguasee vor. Dort stieß er auf eine Abtheilung der spanischen
-Schar, welche um dieselbe Zeit von Süden her unter dem Commando des
-Hernandez de Cordova dasselbe Gebiet zu erobern suchte. Gewissenlos
-fiel er über seine Landsleute her und nahm ihnen ihre Beute an Gold
-und ihre Waffen ab. Als er aber nach Puerto Caballos zurückkam, wurde
-ihm wiederum von Cristoval d’Olid, welchen Cortes entsendet, das Land
-streitig gemacht. Ueber den Ausgang dieser Unternehmungen werden wir im
-Verlauf der Eroberung Mexiko’s (Cap. 2. 24) weiter zu berichten haben.
-
-Auch Francisco Hernandez de Cordova war von Pedrarias zur Eroberung
-Nicaragua’s ausgesendet. Er legte den Grund zu den Städten Granada,
-am nordwestlichen Ende des Sees und Leon, in der Nähe des Golfes von
-Fonseca. Eine Brigantine, am Gestade der Südsee auseinander genommen
-und im Nicaraguasee wieder zusammengesetzt, diente zur Befahrung
-des Binnensees und entdeckte den Abfluß desselben, den Rio S. Juan,
-den man aber wegen der Klippen und Stromschnellen nicht bis zum
-caribischen Meere verfolgen konnte. Wie fast alle Conquistadoren, wenn
-sie einigen Erfolg gehabt, strebte auch Cordova nach Unabhängigkeit
-von dem Statthalter Pedrarias. Seine Hauptleute Hernando de Soto und
-Compañon, welche den Verrath misbilligten, sagten sich von ihm los und
-kehrten nach Panama zurück. Da raffte sich Pedrarias zum letztenmal
-auf, erschien mit seinen Truppen unerwartet in Nicaragua, nahm den
-rebellischen Hauptmann gefangen und ließ ihn in Leon 1526 enthaupten.
-Als er im Februar 1527 nach Panama zurückkam, war sein Nachfolger
-Pedro de los Rios bereits auf dem Isthmus gelandet. Pedrarias zog
-sich nach Leon zurück und starb 1530. Dreizehn Jahre hatte das Land
-unter seiner Verwaltung geseufzt, er war nicht mehr fähig gewesen,
-seine Unterbefehlshaber zu zügeln, welche unter einander und gegen den
-Statthalter selbst zu den Waffen griffen. Die dissoluten Verhältnisse,
-welche seine schlechte Leitung über die herrlichen Landschaften von
-Mittelamerika gebracht, machten sich auf immer fühlbar. Sein Name war
-mit Recht verrufen.
-
-
-18. Die Entdeckungen im Golf von Mexiko.
-
-Bisher hatten sich fast alle Unternehmungen im Umkreis des caribischen
-Meeres bewegt. Columbus selbst hatte dazu die Richtung angegeben. Seit
-dem ersten Zusammentreffen mit den Bewohnern der neuen Welt waren
-die Spanier bei ihren unermüdlichen Fragen nach den Goldländern auf
-den Südwesten gewiesen, und diese Richtung war selbst dann maßgebend
-geblieben, als Columbus an der Küste von Yukatan zuerst mit der Kultur
-der Mayastämme in Berührung kam. Daher blieb das Meer im Nordosten
-von Cuba zwanzig Jahre unbesucht. Der erste kühne Versuch in diesen
-unbekannten Norden einzudringen, ging merkwürdiger Weise von dem
-Statthalter von Puertorico, +Juan Ponçe de Leon+ aus. Die Bewohner der
-Bahamainseln hatten von einem Wunderlande im Nordwesten berichtet, in
-dessen Heilquellen das Alter sich verjüngen könne.[345] Ponçe de Leon
-betrat dieses Land am Ostertage, 27. März, 1513 und nannte es nach dem
-Tage der Entdeckung Pascua +Florida+. Er fuhr dann an der Ostküste
-von Florida bis zum 10° n. Br., ließ es aber noch unentschieden, ob
-es eine Insel oder ein Theil des Festlandes sei.[346] Von hier kehrte
-er zur Südspitze der Halbinsel zurück und ging eine Strecke weit an
-der Westküste nach Norden, wo zwischen 25° und 26° n. Br. die Bahia
-de Ponçe de Leon noch den Namen des Entdeckers trägt. Die erste
-Karte von Florida lieferte sein Pilot Antonio de Alaminos.[347] Die
-feindselige Haltung der kriegerischen Einwohner hatte jeden Versuch
-einer Besiedelung vereitelt. Mehr als Puertorico schien Cuba schon
-durch seine Lage berufen der Ausgangspunkt aller Unternehmungen zu
-werden, welche gegen die Länder im Westen gerichtet wurden. Die „Perle
-der Antillen“ war mit leichter Mühe von +Diego Velasquez+ unterjocht,
-welcher seit dem Jahre 1511 daselbst als Statthalter eingesetzt
-war. Die ganze Insel wurde sammt den Indianern unter die Eroberer
-vertheilt, und bei der großen Ausdehnung des Landes strömten immer
-mehr Abenteurer dahin. Aber zum friedlichen Landbau nicht geneigt,
-unternehmungslustig, unstät, durch jede neue Kunde von goldreichen
-Ländern aufgereizt, scharten sich die jüngeren Leute bald zusammen,
-um auf eigene Entdeckung und Eroberung auszuziehen. Sie rüsteten zwei
-Schiffe aus, wählten Hernandez de Cordova zu ihrem Hauptmann, gewannen
-Antonio de Alaminos aus Palos als Piloten und erhielten zur Ausrüstung
-eines dritten Schiffes von Velasquez das Geld vorgestreckt.[348] Am
-8. Februar 1517 gingen die Schiffe unter Segel und steuerten von Cuba
-nach Westen. Beim Cap Catoche erreichten sie die Küste von Yukatan.
-Diese Entdeckung war von höchster Bedeutung, denn hier trafen die
-Spanier zuerst auf ein Kulturvolk, das prächtige Steinhäuser besaß,
-sich in baumwollene Gewänder kleidete und in Tempeln von behauenen
-Steinen, welche auf abgestumpften Pyramiden errichtet waren, ihren
-Götzen Menschenopfer darbrachten. Ueberrascht waren die Entdecker, hier
-mehrfach das Zeichen des Kreuzes in Stein gehauen zu finden, welches,
-wie sie später erfuhren, ein Symbol des regenbringenden Gottes war.
-Das Volk der Maya, welches das Land bewohnte, bediente sich sogar
-einer eigenartigen Bilderschrift, welche noch nicht entziffert ist.
-Abgesehen von der Verwendung derselben auf den monumentalen Bauwerken,
-welche sich, im Urwald begraben, zum Theil noch erhalten haben und
-das lebhafteste Interesse der europäischen Forscher auf sich gezogen
-haben,[349] sind nur drei oder vier Manuscripte der +Maya-Sprache+
-mit farbigen Bildern erhalten. Die werthvollste und umfangreichste
-dieser Mayahandschriften bewahrt die königliche Bibliothek in Dresden.
-Das Material dieser Handschriften besteht aus einzelnen Blättern, die
-aus den Fasern der mexikanischen Agave gefertigt und mit einer feinen
-Gypsschicht überzogen sind.[350] Neben den merkwürdigen Ruinen, deren
-bedeutendste Ueberreste sich im Süden des Landes bei Uxmal und Palenque
-finden, sind noch hohe Steinbilder, aus Monolithen geschaffen, vor der
-Zerstörung durch die Spanier, welche bei der fanatischen Verbreitung
-des Christenthums alle Erinnerungen an das Heidenthum der Eingeborenen
-zu vernichten strebten, sowohl in Yukatan als in den Nachbargebieten
-von Mexiko, Guatemala und Honduras erhalten. Diese Steinbilder stellen
-vielfach vergötterte Könige und Fürsten dar, denen, nach Weise
-des Heroencultus, Opfer gebracht wurden,[351] oder erschienen als
-Frauengestalten in der eigenthümlichen Landestracht, erstere mit kurzem
-Baumwollpanzer, letztere in gesticktem Rock mit Perlen und Fransen.
-
-[Illustration: Eine Seite aus der Mayahandschrift der kgl. Bibliothek
-zu Dresden; (Originalgröße).]
-
-[Illustration: Tempelruine zu Uxmal.]
-
-Die Spanier unter Cordova versuchten an mehreren Punkten der Küste
-zu landen, wurden aber von den kriegerischen Bewohnern blutig
-zurückgewiesen. Alaminos segelte an der Nord- und Westseite der
-Halbinsel bis Champoton, südlich von Campeche; aber als hier in einem
-Gefechte der Anführer lebensgefährlich verwundet wurde, stand man von
-der Fortführung des Kampfes ab, da man sich zu einer Eroberung zu
-schwach fühlte, und ging wieder in See. In dem Irrthum befangen, daß
-der nächste Weg nach Cuba über die Halbinsel Florida führe, steuerte
-Alaminos zuerst nach diesem Lande, welches er von der ersten Fahrt Juan
-Ponçe’s kannte, sah sich aber auch hier von den Indianern feindlich
-empfangen und segelte nach Cuba, wo Cordova 10 Tage nach der Landung
-seinen Wunden erlag. Der Statthalter Velasquez berichtete über den
-Verlauf der Expedition nach Spanien und rühmte sich der Entdeckung,
-sowie der darauf verwendeten Kosten.[352] „Von uns aber,“ fügt Bernal
-Diaz bitter hinzu, „die wir das Land gefunden hatten, wurde keiner
-genannt.“[353] Im nächsten Jahre rüstete Velasquez eine neue Flotte
-aus und sandte im April oder Mai 1518 vier Schiffe unter seinem Neffen
-Juan +de Grijalva+ nach Yukatan ab. Als Pilot fungirte wiederum Antonio
-de Alaminos; außerdem begleitete ihn der tapfere Pedro de Alvarado,
-welcher sich später unter Cortes bei der Eroberung Mexiko’s hervorthat.
-Südlich vom Cap Catoche erreichten sie bei der Insel Cozumel, welche
-damals ein berühmtes Heiligthum besaß, gegenwärtig aber dicht bewaldet
-und unbewohnt ist, die Küste Yukatans und umfuhren die ganze Halbinsel
-bis zur Laguna de Terminos und bis Tabasco. Die zahlreichen gut
-gebauten Ortschaften, welche man mit ihren weißen Steinhäusern am
-Strande schimmern sah, erinnerten die Seefahrer an ihre Heimat, weshalb
-man das Land „Neuspanien“ zu nennen anfing. Auf der Halbinsel zeigten
-sich die Bewohner ebenso feindlich als bei der ersten Expedition und
-erst am Rio Tabasco, welchen man den Grijalvafluß nannte, gelang
-es einen friedlichen Verkehr mit dem Volke und seinen Häuptlingen
-zu eröffnen. Dann ging die Fahrt nach Westen an dem gefährlichen
-Gestade[354] weiter bis in die Nähe der heutigen Hafenstadt von Vera
-Cruz. Hier liegen mehrere kleine Inseln am Strande, wo man landete.
-Die erste erhielt den Namen Opferinsel (~Isla de Sacrificios~), weil
-im Tempel kurz zuvor fünf Indianer geopfert waren. Auch auf der näher
-an Vera Cruz gelegenen Insel S. Juan de Ulua waren zwei Knaben unter
-dem Opfermesser der schwarzgekleideten Priester verblutet. Mit den
-wachsenden Anzeichen einer höheren Kultur mehrten sich, zum
-Entsetzen der Spanier, auch die Spuren des gräßlichen Opfercultus
-der Mexikaner. Nichts desto weniger landete Grijalva hier mit seiner
-ganzen Macht und verstand es, mit den Caziken in freundlicher Weise
-Geschenke zu wechseln und die Schätze des Landes, Gold, Edelsteine
-und Gefäße von wunderbarer Form im Werthe von 15 bis 20,000 Goldpesos
-gegen Glasperlen, Nadeln und Scheeren auszutauschen. Hier war also
-ein wirkliches Goldland gefunden, welches eine unermeßliche Beute
-verhieß. Alvarado wurde mit dem ersten Gewinn und mit der Botschaft der
-wichtigen Entdeckung nach Cuba zurückgesandt, während Grijalva seine
-Küstenfahrt noch bis zur Landschaft Panuco, bis nach Tampico, unter
-22° n. Br., weiter ausdehnte und erst an einem stürmischen Vorgebirge
-abbrach, um dann über Yukatan nach Cuba zurückzukehren, wo er am 15.
-November 1518 in St. Jago landete. Die bedeutsamen Nachrichten, welche
-Grijalva mitbrachte, regten die Unternehmungslust des Statthalters von
-Cuba mächtig an und drängten ihn zu raschen Entschließungen, um sich
-den Gewinn dieser Entdeckung zu sichern. Während er einerseits Boten
-mit reichen Geschenken nach Spanien sendete, um die Krone zu bewegen,
-die entdeckten Gebiete seiner Statthalterschaft unterzuordnen, rüstete
-er andererseits eine größere Flotte, um jene Länder zu erobern, und
-ernannte Ferdinand Cortes zum Befehlshaber der Expedition.
-
-[Illustration]
-
-
-Sculpturen von Copán.
-
-Am Fuße einer Pyramide an einem Altar stehende männliche Figur. Ueber
-derselben ein baldachinartiger Aufbau von Ornamenten mit mehreren
-sitzenden menschlichen Figürchen. Die Figur trägt auf dem Haupte
-einen Helm in der Form eines phantastischen Thierkopfes; von ihm
-hängen Zierrathen aus Goldblechstreifen, mit Perlen besetzt, zu beiden
-Seiten herab. Die übermäßig großen Ohren scheinen Symbole der Würde
-des Dargestellten zu sein. Die Brust bedeckt ein Panzer, der oben aus
-Kugeln, unten aus gewebten Stoffen in Form von Rollen zusammengesetzt
-ist. Letztere umschließt ein breiter Gürtel mit Masken und verzierten
-Goldblechtafeln zwischen ihnen. Vorn hängt der Gürtel bis auf den
-Boden herab. Um den Hals trägt die Figur an einem Bande eine Zierrath.
-Die Arme sind mit dreifachen Armbändern, die Beine mit Kniebändern,
-aus Masken und Perlen gebildet, und über den Knöcheln mit Ringen
-geschmückt. Die Sculptur ist in +einem+ Steine ausgehauen und mißt in
-der Höhe 364, in der Breite 133, in der Dicke 91 Centimeter.
-
-Weibliche Figur, an einem Opfersteine stehend. Das kurze Gewand
-ist mit netzartigen Ornamenten und am Saume mit Perlen und Fransen
-geschmückt. Ein in derselben Weise verzierter Gürtel umschließt den
-Leib; derselbe hat einen Thierkopf als Mittelpunkt und ist an den
-Seiten, über den Hüften der Figur mit menschlichen Masken besetzt. Ein
-breiter mit Goldblech und Perlen besetzter Streifen fällt vom Gürtel
-auf den Boden herab. Die Figur trägt einen prächtigen Kopfschmuck,
-dessen Kern ein phantastisches Thierhaupt ist, in welchem die Zähne
-durch mit Perlen besetzte Fransen dargestellt werden. Von demselben
-gehen nach beiden Seiten und oben viele Federn aus, deren größere
-Ringe tragen und die auch sonst mit Rosetten, Perlen und Quasten reich
-geschmückt sind. Eine kleine menschliche Figur krönt den Federschmuck;
-unter ihm hängen vor den Ohren lange dünne Locken herab. Die nackten
-Arme sind von Armbändern aus kleinen Platten, Perlen und Fransen
-umschlossen. Die Brust wird von einem aus viereckigen, plattenartigen
-Stücken zusammengesetzten Gewand bekleidet. Auf demselben liegt ein
-Geschmeide, welches bis zu den Schultern reicht und daselbst in Masken
-und Arabesken endigt. Die Füße sind von Halbschuhen, welche die vordere
-Fußhälfte freilassen, bedeckt. Maaße: Höhe 345, Breite 98, Dicke 101
-Centimeter.
-
-[Illustration: Sculpturen von Copán: als Trachtenbilder.]
-
-
-19. Ferdinand Cortes geht nach Mexiko.
-
-Für die erfolgreichste Ausdehnung der spanischen Macht in der neuen,
-indischen Welt war die auf Cortes gefallene Wahl eine überaus
-glückliche, wenn sie auch für Velasquez selbst eine Reihe bitterer
-Enttäuschungen brachte und ihm den gehofften Lohn gänzlich aus den
-Händen riß. Unter den wenigen wahren Heldengestalten der spanischen
-Conquistadoren, welche jenes Zeitalter gebar, ragt Cortes vor allen
-hervor. Sein edler, großer Charakter, seine kühnen Thaten erfüllen uns
-mit Bewunderung. Cortes war 1485 in Medellin in Estremadura geboren,
-hatte in Salamanca zwei Jahre studirt und sich dort, wenn er auch
-keine ausgesprochene Neigung zu den Wissenschaften zeigte, doch einen
-Grad allgemeiner Bildung erworben, wie er unter den Heerführern in den
-Colonialländern selten war. Der Reiz des Wunderbaren, welches die neue
-Welt belebte, die Lockung zu romantischen Abenteuern, welche jenseits
-des Oceans goldene Berge verhieß, erfüllte, wie die ganze spanische
-Jugend, so auch ihn. Und so ging er schon 1504 zum Statthalter Ovando
-nach San Domingo. Sieben Jahre später nahm er an der Eroberung Cuba’s
-theil und erwarb sich dadurch Landbesitz. Seine literarische Bildung
-beförderte ihn zum Secretair des Velasquez und später zum Alcalden
-von St. Jago, so daß er bereits eine der ersten Beamtenstellen
-auf der Insel einnahm. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen
-übermittelgroßen, schönen Mann mit breiter männlicher Brust und
-großen, dunkeln Augen in dem blassen Gesichte. In allen ritterlichen
-Uebungen gewandt, muthig und fest in seinen Entschlüssen, wie klar und
-überlegend in seinen Plänen; durch rasche Auffassung und klaren Geist,
-wie durch gewandte und feurige Rede seine Umgebung beherrschend, war
-er zum Anführer wie selten ein Mann in der neuen Welt geschaffen. Als
-Velasquez ihm das Commando übertrug, zählte er 33 Jahre. Es war dem
-Statthalter willkommen, daß Cortes aus eignen Mitteln einen Theil der
-Ausrüstung bestreiten konnte, welche mit 11 Schiffen den kühnen Angriff
-auf einen mächtigen Staat ausführen sollte.[355]
-
-Aber noch ehe Cortes seine Vorbereitungen getroffen hatte, erwachte
-bereits die Eifersucht des Statthalters, welcher, durch seine Getreuen
-gewarnt, bereits fürchtete, dem gewählten Führer zu viele Machtmittel
-anvertraut zu haben, mit denen er sich womöglich eine unabhängige
-Stellung schaffen könnte. Er schien entschlossen zu sein, die Ernennung
-des Cortes zum General wieder zurückzunehmen; aber dieser brach, noch
-ehe der zögernde Velasquez sich entschied, mit seiner Flotte von
-St. Jago auf, bevor die Ausrüstung und Verproviantirung vollendet
-war, und ging zunächst nach der ebenfalls auf der Südseite von Cuba
-gelegenen Stadt Trinidad und, nachdem er hier noch 100 Mann von der
-zurückgekehrten Expedition Grijalva’s angeworben hatte, weiter nach
-Habana. Hieher sandte Velasquez an die Behörden des Orts den Befehl,
-Cortes zu verhaften, und gebot diesem in einem Briefe, er solle
-nicht eher absegeln, als bis er selbst nach Habana gekommen sei.
-Aber Cortes ließ sich an der Spitze seiner bedeutenden Macht weder
-als ein einzelner Edelmann gefangen setzen, noch befolgte er das
-unglaublich ungeschickt vorgebrachte Gebot des Velasquez, auf ihn zu
-warten; vielmehr begab er sich am 10. Febr. 1519 nach dem Sammelpunkt
-seiner Flotte am Cap S. Antonio, der Westspitze von Cuba, und ging
-von hier aus acht Tage später mit seinen eilf Schiffen unter Segel.
-Der erfahrene Steuermann Alaminos, der nun zum viertenmale nach
-Yukatan steuerte, denn er hatte bereits die letzte Fahrt des Columbus
-mitgemacht und dann die Expedition Cordova’s und Grijalva’s geleitet,
-war sein Hauptpilot. Seine bewaffnete Macht bestand aus 400 spanischen
-Soldaten, darunter 13 Büchsenschützen und 32 Armbrustschützen, und
-200 Indianern, ferner aus 16 Reitern, 10 schweren Bronzegeschützen
-und 4 leichten Feldschlangen. Auch begleiteten zwei Geistliche den
-Zug, um den Götzendienst zu vernichten und die Indianer zu taufen.
-Das Geschwader steuerte nach der Insel Cozumel. Die Einwohner flohen
-bei der Landung zwar anfangs aus Furcht ins Innere, kamen dann,
-durch Dolmetscher beschwichtigt, zurück, ließen es geschehen, daß
-ihre blutigen Altäre gestürzt und daß in ihren Tempeln christlicher
-Gottesdienst gefeiert wurde, ja sie bequemten sich sogar zur
-äußerlichen Annahme des Christenthums.
-
-[Illustration: Medaillenbildniß von Ferdinand Cortes; Originalgröße.
-
-(Berlin, kgl. Münzcabinet.)]
-
-Schon auf der Expedition Cordova’s hatte Alaminos mehrfach das Wort
-Castillan gehört, ohne sich dasselbe in dem Munde der Indianer erklären
-zu können. Cortes vermuthete sofort richtig, es müßten Spanier bereits
-früher hieher gelangt sein. Diese Vermuthung wurde durch die Angabe
-eines Häuptlings bestätigt, daß noch zwei Spanier als Gefangene im
-Lande lebten. Unter ihnen befand sich Fray Jeronimo de Aguilar (s.
-o. S. 346), den Cortes befreite und der ihm als Dolmetscher wichtige
-Dienste leistete. Dann ging die Fahrt in gewohnter Weise um Yukatan
-herum nach dem Rio de Tabasco oder Grijalva. Die Einfahrt in den
-Fluß war so seicht, daß keins der größeren Schiffe einlaufen konnte;
-Cortes befuhr ihn daher in den kleinen Brigantinen und mit bewaffneten
-Böten, um die Stadt Tabasco selbst zu besuchen. Seine Erklärung, er
-komme in friedlicher Absicht, wurde mit Drohungen und Kriegsgeschrei
-beantwortet. Aber die Spanier ließen sich dadurch nicht abschrecken.
-Der Kampf begann schon in den Böten, dann im Wasser am Strande, das den
-Angreifenden bis an den Gürtel ging, und setzte sich am Lande fort, wo
-am 25. März mit Geschütz und Reiterei eine förmliche Schlacht geliefert
-wurde, in welcher die tapferen Tabascaner, deren Heer nach der eigenen
-Angabe des Cortes[356] aus 40,000 Mann bestand, durch die ungewohnte
-Kriegsmacht einer Reiterei in die Flucht geschlagen wurden und 220
-Todte auf dem Schlachtfelde zurückließen.
-
-Am nächsten Tage unterwarfen sich die Caziken und brachten unter
-anderen Geschenken 20 Sklavinnen, deren eine, eine geborene
-Mexikanerin, von den Spaniern den Namen +Donna Marina+ erhielt und sich
-den Eroberern anschloß, denen sie als Dolmetscherin die wesentlichsten
-Dienste leistete. In Tabasco vernahm man auch die Worte Culhua, womit
-die gewerbreiche Stadt Cholula[357] westlich von Mexiko bezeichnet
-wurde, und den Namen Mexiko selbst. Nachdem am Palmsonntag noch in
-feierlicher Messe die Häuptlinge die Taufe empfangen hatten, segelte
-Cortes weiter und landete am Charfreitag, 21. April 1519, mit seiner
-ganzen Macht an der Stelle der heutigen Stadt Vera Cruz; zwei Tage
-später stattete ihm bereits der aztekische Statthalter einen Besuch ab
-und erhielt die Mittheilung, daß Cortes von einem mächtigen Herrscher
-jenseits des Meeres mit Geschenken und einer persönlichen Botschaft an
-den Fürsten des Landes abgesendet sei und freien Durchmarsch begehre.
-Die Mexikaner waren geschickte Maler; um seinen Bericht an den Kaiser
-möglichst anschaulich zu machen über die seltsamen, weißen, dem
-Meere entstiegenen Fremdlinge, ließ der Gouverneur des Küstenlandes
-die Spanier abzeichnen. Cortes ließ dies gern geschehen und, um den
-Eindruck, den sein Erscheinen offenbar hervorrief, noch zu verstärken,
-mußte die Reiterei und die Artillerie kriegerische Uebungen ausführen,
-damit auch diese mit abgebildet würden. Dann richtete er sich hinter
-den Dünen ein festes Lager ein und erwartete die Antwort auf seine
-Botschaft.
-
-Ehe wir den Verlauf der Verhandlungen weiter verfolgen, werfen wir
-zunächst einen Blick auf die Natur des Landes und die Geschichte der
-Bevölkerung.
-
-[Illustration: KARTE ZU CORTES’ EROBERUNG von MEXICO.]
-
-Hinter einem mehrere Meilen breiten, flachen Küstenstriche, der durch
-seine Fieber verrufen ist, und an dem es keinen einzigen guten,
-natürlichen Hafen gibt, erhebt sich das mittlere Land zu einem
-mächtigen Plateau von durchschnittlich 2000 Meter Höhe. Der östliche
-Steilrand des Hochlands wird von einzelnen Bergriesen, die über 5000
-Meter emporsteigen, überragt. Hier besitzt Mexiko keinen schiffbaren
-Strom; von der Küste führen nur schwierige Landwege und Gebirgspässe
-auf das innere Hochland von Anahuac, das Centrum des alten Reichs,
-welches sich nordwärts etwa bis zum Wendekreise erstreckte. Das
-Hochthal von Mexiko, der Hauptstadt, erhebt sich bis über 2200 Meter
-und erscheint als ein Oval von 73 Kil. Länge und 35 Kil. Breite. Von
-einem thurmartigen Walle von Porphyrfelsen umschlossen, war dieses Thal
-früher grün und dicht mit Bäumen bewachsen, erscheint aber gegenwärtig
-an manchen Stellen weißlich von den Salzefflorescenzen und macht von
-den Höhen aus fast den Eindruck einer Steppe in folge der Abnahme des
-Sees, welcher ehedem, die Stadt umgebend, eine weit größere Ausdehnung
-hatte. Trotzdem ist die ganze Landschaft von großer, eigenartigen
-Schönheit, erhöht durch den Kranz von Bergen, über welche die beiden
-Schneegipfel, der Popocatepetl (5400 Meter) und der Ixtaccihuatl (5200
-Meter) mit breitem Rücken mächtig emporragen.
-
-Nördlich von dem Thale von Mexiko liegt +Tula+, die erste Ansiedlung
-der Tolteken, jenes räthselhaften Kulturvolkes, welches aus dem
-unbekannten Norden zu unbekannter Zeit (man nennt in der Regel das 7.
-Jahrh. n. Chr.) hier einzog. Sie führten den Anbau von Mais, Baumwolle
-und des sog. spanischen Pfeffers als unentbehrliches Gewürz ein.
-Sie bearbeiteten die edlen Metalle und entfalteten eine originelle
-Baukunst. Sie liebten es, ihre Steinhäuser und Tempel auf Anhöhen
-anzulegen, die verschiedenen Wohnräume lagen in verschiedener Höhe
-und waren durch kleine Treppen und enge Corridore verbunden.[358]
-Eigenartig waren auch die Stufenthürme oder Tempelpyramiden.
-
-Nach einem Aufenthalte von mehreren Jahrhunderten verschwanden die
-Tolteken wieder, wahrscheinlich zogen sie weiter nach Süden und
-verbreiteten ihre Kultur über Yukatan und Honduras.
-
-Nach ihnen rückten von Nordwesten die +Chichimeken+ ein und wählten
-die Ostseite des Sees von Mexiko zu ihrer Hauptansiedlung, wo sie
-die Stadt Tezcuco gründeten. Dort verschmolzen sie mit den Acolhuern
-oder Acolhuas. Ihre Herrschaft unterlag wieder unter den Angriffen
-eines verwandten kriegerischen Stammes, der +Tepaneken+, bis sie sich
-mit Hilfe der Azteken in Mexiko wieder befreiten und sich mit diesen
-verbanden. Als letzter Zug der Einwanderer treten die +Azteken+ auf,
-welche wahrscheinlich erst im Anfang des 14. Jahrhunderts die Stadt
-Tenochtitlan (Mexiko) auf einer Insel im See gründeten. Allmählich
-erst gelangten sie zu bedeutenderer Macht, hatten aber zur Zeit der
-Ankunft der Spanier durch ihre Kriegstüchtigkeit ihre Herrschaft von
-einem Meere zum andern ausgebreitet, und dabei zahlreiche fremde, nicht
-verwandte Stämme unterworfen, ohne aber in der verhältnißmäßig kurzen
-Zeit trotz ihres Gewaltregiments die verschiedenartigen Volkselemente
-mit einander verschmelzen zu können. Eine blutige Schreckensherrschaft
-lastete auf dem weiten Länderraume zwischen dem Golf von Mexiko und
-der Südsee, denn die Azteken verlangten für ihre Götzenaltäre zahllose
-Menschenleben von den unterworfenen Stämmen. Man gibt die Zahl der
-Menschenopfer auf jährlich 20,000 an. Die Schädel der Geschlachteten
-wurden zu Pyramiden aufgethürmt; Spanier aus dem Gefolge des Cortes
-wollten an +einem+ Orte 136,000 Schädel gezählt haben.
-
-Nur Furcht und Schrecken hielt das große Reich zusammen; ein Angriff
-von außen mußte viele nach Befreiung seufzende Völkerstämme in das
-Lager der Feinde treiben. So fiel nach diesem Gesichtspunkte die
-Ankunft des Cortes in eine ihm günstige Zeit, und es stand zu erwarten,
-daß er nach den ersten bedeutenden Waffenerfolgen den aztekischen
-Staatsverband lockern und manche der unterworfenen Völker auf seine
-Seite ziehen werde.
-
-Aus einer ursprünglich aristokratischen Regierung hatte sich bei den
-Azteken ein fast unumschränktes Königthum entwickelt. Wenn die Könige
-auch nur durch Wahl, welche von den vier vornehmsten Adligen vollzogen
-wurde, auf den Thron gelangten, so blieb doch die höchste Würde stets
-in derselben Familie. Bei Hofe war ein ängstliches Ceremoniell und
-morgenländisches Gepränge eingeführt, den unmittelbaren Dienst bei der
-Person des Monarchen versah der zahlreiche Lehnsadel.
-
-Der Nationalgott der Azteken (man zählte an 2000 Localgötter),
-Huitzilopochtli[359], war der zur Gottheit erhobene erste Anführer
-gewesen, der das Volk nach Anahuac geführt. Er verlangte die meisten
-Menschenopfer. Dagegen war Quetzalcoatl, ursprünglich ein Priester
-und Reformator der Tolteken in Tula, aus dem Lande vertrieben, weil
-er die Menschenopfer abschaffen wollte, und sollte der Sage nach an
-der östlichen Meeresküste im niedrigen Waldlande am Goatzocoalco
-verschwunden sein. Später verehrte man ihn als einen Gott der Luft,
-als den Wohlthäter des Volkes, welches ihm die Kunst des Landbaues
-und der Metallbearbeitung verdankte. Man dachte ihn sich von hoher
-Gestalt, mit +weißer+ Hautfarbe und wallendem Barte. An das östliche
-Meer vertrieben, schiffte er sich dort auf einem aus Schlangenhaut
-gefertigten Zauberschiffe ein, nachdem er feierlich erklärt, er werde
-dereinst zurückkehren und sein Reich wieder in Besitz nehmen. An seine
-baldige Wiederkunft glaubte das ganze Volk. Die Unterdrückten und
-selbst der König sahen in Cortes die Prophezeihung verwirklicht.
-
-Die von den Tolteken geschaffene materielle Kultur hatten die Azteken
-weiter entwickelt. Der Landbau stand in hoher Blüte; außer Mais,
-Baumwolle und Pfeffer baute man die Aloe (Magnay) an, deren Blattfasern
-Papier, deren Saft den berauschenden Pulquewein lieferte, erntete
-Cacao, deren Bohnen als kleinste Münze cursirten, oder zur Bereitung
-des Chocolatl (Chokolade) verwendet wurden, und Vanille. Bananen boten
-die beliebteste Frucht, den Tabak rauchte man aus Pfeifen oder in Form
-von Cigarren. Der Bergbau wurde eifrig betrieben, doch verstand man die
-Gewinnung des Eisens nicht und bediente sich zu Messern und Schwertern
-der scharfen Splitter des glasartigen Obsidians. Die Töpferei war
-allgemein verbreitet, Trinkschalen schnitzte man aus Holz, bemalte sie
-und überzog sie mit Firniß. Sehr geschickt waren die Handwerker in der
-Herstellung buntfarbig gestickter Baumwollgewänder, wie in den zum
-Schmuck dienenden prächtigen Federarbeiten. Ein lebhafter Marktverkehr
-fand zu bestimmten Zeiten in den Städten statt, und durch das ganze
-Land zog sich ein Netz von mit Posthäusern besetzten Straßen. Eilboten
-beförderten die Befehle der Regierung. Die militärische Einrichtung
-war durch Bildung von Kriegerorden und Abzeichen am Kleide darauf
-berechnet, den Ehrgeiz anzustacheln. Die Soldaten trugen ein dichtes
-Baumwollkleid, welches die leichten Wurfgeschosse nicht durchdringen
-ließ. Die Brust der Führer war außerdem durch goldene oder silberne
-Platten gedeckt. Man trug hölzerne, zuweilen mit Silber belegte und mit
-Federn geschmückte Helme, außerdem auch Arm- und Beinschienen. Das Heer
-war in Armeecorps von 8000 Mann und diese wieder in Compagnien zu 3-400
-Mann abgetheilt. Die Waffen bestanden aus Schwertern, Lanzen, Keulen,
-Bogen und Pfeilen und Schleudern. Wenn es zur Schlacht ging, trug der
-Feldherr die Standarte. Im Kampfe war man vor allem darauf bedacht,
-Gefangene zu machen, um sie den Götzen zu opfern.
-
-Unter den Wissenschaften, welche von den Priestern gepflegt wurden,
-hatte die Eintheilung des Sonnenjahres in 18 Monate zu 20 Tagen, wozu
-am Ende des Jahres noch fünf Ergänzungstage kamen, religiöse Bedeutung,
-weil danach die Opfer- und Feiertage geregelt wurden. Eine farbige
-Bilderschrift wurde auf die Faserstoffe der Agave, auf baumwollene
-Tücher oder sorgfältig bereitete Häute aufgetragen. Auch verstand
-man auf dem gleichen Material große Karten des Reichs, der Provinzen
-und der Küsten zu zeichnen. Cortes zog eine solche Karte auf seinem
-Feldzuge nach Honduras zu Rathe.
-
-Seit 1502 regierte der König Montezuma (Cortes schrieb Muteczuma).
-Ehrgeizig, wie alle aztekischen Fürsten auf die Ausbreitung ihres
-Reiches und ihres Cultus bedacht, denn er hatte die Stelle eines
-Oberpriesters bekleidet, hatte er, allzueifrig und unbesonnen, den
-Krieg in zu entfernte Landstriche getragen, bevor er alle seine
-Feinde in der Nähe vollständig bezwungen hatte. So war er mit seinem
-Heere bis Guatemala und Honduras (Vera-Paz), vielleicht sogar bis
-Nicaragua vorgedrungen und hatte doch die Tlascalaner, in der
-östlichen Nachbarschaft seiner Hauptstadt, nicht unterworfen. Ernst,
-zurückhaltend, stolz, hatte er sich die Gemüther des Volkes entfremdet
-und schlich mistrauisch, wie man es ähnlich von Harun al Raschid
-erzählt, des Nachts vermummt durch die Gassen seiner Residenz, um
-die Stimmung zu belauschen, angeblich um den ihm etwa verheimlichten
-Misbräuchen in der Verwaltung auf die Spur zu kommen. Aus Mistrauen
-hatte er seine Verwandten beseitigt, um des Thrones sicherer zu sein
-und ließ sich den Spaniern gegenüber dann doch durch seinen Aberglauben
-entwaffnen.[360]
-
-Dieser Aberglaube bezog sich auf die bereits berührte Sage von der
-Wiederkunft des Quetzalcoatl. Allerlei Zeichen deutete das Volk auf die
-baldige Erfüllung dieser Prophezeihung. Der Thurm des Haupttempels war
-abgebrannt, im Osten war ein seltsames Licht aufgegangen, drei Kometen
-waren am Himmel erschienen u. dgl. mehr.
-
-Im Jahre 1516 starb der Fürst von Tezcuco; in dem nun ausbrechenden
-Thronstreite begünstigte Montezuma den +Cacama+ und wußte ihm das
-Haupterbtheil nebst der Hauptstadt zuzuwenden, während die nördliche
-Hälfte an den zweiten Sohn +Ixtlixochitl+ fiel, den sich der aztekische
-König dadurch zum Feinde machte.
-
-Unter diesen Ereignissen kam die Kunde von der Landung der Spanier.
-Das Volk sah in ihnen die Erben des vertriebenen Gottes. Montezuma
-berief seine Räthe. Die muthigen verlangten energischen Kampf, die
-bedächtigen riethen zum Frieden. Montezuma wollte selbständig scheinen
-und schlug einen gefährlichen Mittelweg ein. Auf die Botschaft des
-Cortes antwortete er mit reichen Geschenken und mit der Bitte, den
-beabsichtigten Besuch in der Hauptstadt zu unterlassen. Aber diese
-wunderbaren Geschenke reizten die Spanier nur noch mehr.[361]
-
-Den Wunsch Montezuma’s, die Spanier möchten mit diesen reichen
-Geschenken heimkehren, befolgte Cortes nicht, er erwiderte vielmehr: er
-habe den Auftrag erhalten, den König selbst zu sprechen. Eine zweite
-mexikanische Gesandtschaft erschien mit neuen Gaben und wiederholte
-das frühere Gesuch. Umsonst. Die Spanier blieben, aber sie mußten bald
-empfinden, daß die Beziehungen zu dem aztekischen Fürstenhofe kühler
-wurden. Die Indianer verließen die Nähe des spanischen Lagers, sie
-lieferten keine Lebensmittel mehr und brachten dadurch die Fremden in
-eine schwierige Lage. Da erschienen glücklicherweise mehrere Totomaken,
-ein von den Azteken physisch und sprachlich verschiedener Volksstamm,
-welcher nördlich von Vera Cruz an der Küste wohnte und erst kürzlich
-von Montezuma unterworfen war, und luden Cortes zu einem Besuch in
-ihrer Stadt Cempoalla ein. Der spanische Heerführer erkannte daraus,
-daß das Reich Montezuma’s manche widerstrebende Elemente umfaßte,
-welche er für sich gewinnen konnte. Ehe er aber diese Einladung annahm,
-wurde in Vera Cruz eine förmliche Stadt mit spanischen Einrichtungen
-gegründet. Dieselbe erhielt in glücklicher Verbindung der beiden
-Hauptziele der Spanier: Gold und Christenthum, den Namen „Die reiche
-Stadt des wahren Kreuzes“ (~Villa rica de la vera cruz~). Vor dem aus
-seinen Getreuen zusammengesetzten Rathe der neuen Stadt legte Cortes
-dann, indem er sich erlaubte, eine kleine Komödie aufzuführen, das
-ihm von Velasquez anvertraute Amt feierlich nieder. Der Rath ernannte
-ihn natürlich sofort „im Namen der spanischen Majestät“ zum obersten
-Feldherrn und Richter und damit war das Abhängigkeitsverhältniß von
-der Statthalterschaft Cuba als gelöst zu betrachten. Die neue Colonie
-stellte sich unmittelbar unter die spanische Krone. Die Anhänger
-des Velasquez, welche sich dadurch überrumpelt sahen, rotteten sich
-zusammen; aber Cortes ließ die Rädelsführer in Ketten werfen und
-beugte einem Aufstande vor. Dann marschirte er nach Cempoalla. Damals
-zählte der Ort wenigstens 20-30,000 Einwohner, jetzt ist er verfallen.
-Die Spanier wurden festlich empfangen und die Totomaken begaben sich
-unter die spanische Botmäßigkeit. An Stelle der Götzentempel wurden
-christliche Altäre errichtet und die Einwohner ließen sich taufen. Hier
-erfuhr Cortes auch genauere Nachrichten von der feindlichen Stellung
-des tlascalanischen Staats zu den Azteken.
-
-Das Zerwürfniß, welches zwischen beiden Stämmen herrschte, bestärkte
-den kühnen Spanier in seinen Eroberungsplänen. Aber ehe er ins Innere
-des Landes hineindrang, mußten an der Küste die Verhältnisse geordnet
-und befestigt werden. Mit Zustimmung der Soldaten wurde der ganze
-bisher erworbene Schatz an Gold und Schmuck an den König von Spanien
-gesendet; auch mußte der Rath von Villa rica denselben ersuchen,
-Cortes als Oberfeldherrn zu bestätigen. Am 26. Juli 1519 ging Alaminos
-mit einem Schiffe nach Spanien; er hatte zwar die strengste Weisung
-erhalten, direct nach der Heimat zu steuern, trotzdem lief er in Cuba
-an, und so erhielt Velasquez die ersten zuverlässigen Nachrichten über
-den Abfall der Truppen und beschloß die Empörer zu züchtigen. Seine
-Partei im Heere des Cortes erhob sich von neuem, sie wollten sich von
-Cortes trennen und heimlich nach Cuba zurückkehren. Dadurch wäre dessen
-Macht zersplittert, sein großer Plan erschwert. Die Hauptanstifter
-wurden mit dem Tode bestraft, und um ähnlichen Verschwörungen für alle
-Zeiten ein Ende zu machen, griff der Feldherr zu dem verzweifelten
-Mittel und ließ die Flotte, mit Ausnahme eines einzigen kleinen
-Schiffes, auf den Strand laufen, nachdem ein ihm willkommenes Gutachten
-dieselbe für nicht mehr seetüchtig erklärt hatte. Alles brauchbare
-Geräth, alles Eisen wurde ans Land geschafft. Bernal Diaz (I, 52),
-indem er die Erzählung des Historikers Gomara corrigirt, welcher
-behauptete, Cortes habe die Fahrzeuge +heimlich+ versenken
-lassen, schreibt dagegen: „Es ist weltkundig, daß Cortes die Schiffe
-mit +Zustimmung der ganzen Mannschaft+ und vor aller Augen auf
-den Strand laufen ließ, damit auch die Seeleute an unserem Feldzuge
-theilnehmen könnten.“ So war also der Rückzug abgeschnitten; es gab
-fortan nur noch ein Ziel: die feindliche Hauptstadt zu erobern, zu
-siegen oder zu fallen.
-
-Nachdem in Villa rica 150 Mann und 2 Reiter als Besatzung
-zurückgelassen waren, brach Cortes am 16. August mit 300 Spaniern,
-1300 totomakischen Kriegern, 1000 Trägern, 15 Reitern und 7 Geschützen
-auf und marschirte ins Bergland nach Westen. Durch das tropische
-Küstenland kam der Zug in zwei Tagen nach Jalapa, wo in einer Höhe
-von 1300 Metern die Palmen verschwinden. Je höher man stieg, desto
-kühler wurde das Klima; die Pflanzenwelt änderte sich, und ehe man die
-Gebirgspässe erreichte, hatte man auch die Region der Eichenwälder
-bereits hinter sich gelassen. Drei Tage marschirten sie durch rauhes,
-unbewohntes Land, wo mehrere von den cubanischen Indianern der Kälte
-erlagen. Dann erreichten sie, an dem mehr als 4000 Meter hohen Cofre
-de Perote vorbei, der südlich von ihnen lag, das Plateau von Anahuac.
-Als Cortes hier einen Dorfhäuptling fragte, ob er auch ein Unterthan
-Montezuma’s sei, antwortete dieser: „Wer wäre es denn nicht? Er ist
-der Herr der Welt.“[362] Obwohl das Landvolk sich friedlich verhielt,
-zog Cortes doch stets in fester Schlachtordnung weiter auf Tlascala.
-Auf der Hochebene wurde bedeutender Maisbau getrieben, Tlascala
-bedeutet „Brotland“. Das Volk der Tlascalaner war im 12. Jahrhundert
-eingewandert und hatte sich nach mancherlei Kämpfen in dem Gebiete
-niedergelassen. Sie standen nicht unter einem Könige, sondern sie
-bildeten eine Art Bundesstaat, dessen vier Fürsten sämmtlich in
-der Hauptstadt wohnten. In heftigen Kämpfen mit den Azteken hatten
-sie sich auf ihrem Gebiet behauptet und ihre Freiheit bewahrt.
-Den eindringenden Spaniern setzten sie den heftigsten Widerstand
-entgegen. Die Anzahl ihrer Krieger schätzte Cortes auf 100,000.
-Nach mehrtägigem, verzweifeltem Ringen, in welchem auch zwei Pferde
-getödtet wurden, gewannen die Spanier, besonders durch ihre Kanonen,
-am 5. September einen entscheidenden Sieg. Als dann auch noch der
-Versuch eines nächtlichen Ueberfalls durch die Wachsamkeit des Cortes
-vereitelt worden, welcher das Geständniß von der beabsichtigten
-Ueberrumpelung von einem gefangenen Indianer herausgelockt hatte,
-nahmen die Tlascalaner das Freundschaftsanerbieten des Siegers an und
-schlossen Frieden. Der tapfere Fürst Xicotencatl erschien persönlich
-im Lager der Spanier. Zum Abschluß eines Bündnisses trug besonders die
-Erklärung der Leute von Cempoalla bei, daß die Fremden +Feinde+ des
-Montezuma seien. Ohne den Bund mit Tlascala wäre das Unternehmen des
-Cortes schwerlich gelungen. Sehr richtig befolgte dieser überall das
-Princip sich Freunde zu erwerben und Frieden zu schließen. Der römische
-Wahlspruch: ~Divide et impera~ verhalf auch ihm zum endlichen Siege.
-
-Als die Nachricht von den wiederholten Siegen über die Tlascalaner zu
-Montezuma drang, welcher trotz seiner großen Machtmittel den kleinen
-Freistaat nicht hatte bezwingen können, befestigte sich in ihm der
-Glaube immer mehr, die Spanier seien jene längst erwarteten Erben
-Quetzalcoatls. Seine Boten suchten unter Ueberreichung wiederholter
-Geschenke dem Heerführer der Weißen den Marsch in die Hauptstadt
-des mexikanischen Reiches als ein höchst gefährliches Unterfangen
-hinzustellen. Montezuma erklärte sich sogar zu einem Tribut an den
-König Karl von Spanien bereit und ließ Cortes ersuchen, die Höhe
-und den Umfang an Gold, Silber, edlen Steinen, Sklaven und bunten
-Baumwolltüchern nach seinem Gutdünken zu bestimmen;[363] allein dieser
-beharrte um so mehr bei seiner einmal abgegebenen Erklärung: er habe
-von seinem königlichen Herrn den ganz bestimmten Befehl erhalten,
-Mexiko selbst zu besuchen.
-
-Am 23. September 1519 zog Cortes in Tlascala ein, die Stadt schien ihm
-größer als Granada zu sein.[364] Vor einer großen Zahl von neugierigen
-Zuschauern wurde täglich Messe gelesen. Mehrere vornehme Indianerinnen,
-darunter die Tochter Xicotencatls ließen sich taufen und gingen mit
-spanischen Officieren ein Ehebündniß ein.
-
-In Tlascala erfuhr Cortes Genaueres über die Streitkräfte des
-Beherrschers von Mexiko. Montezuma, so erzählten die Tlascalaner, habe
-eine so große Kriegsmacht, daß er, wenn er einen großen Ort erobern,
-oder in eine Provinz einfallen wolle, jedesmal 100,000 Mann ins Feld
-rücken lasse. Die Mexikaner seien aber in allen Provinzen und bei
-allen Völkerschaften, welche Montezuma ausgeplündert und unterjocht
-habe, äußerst verhaßt und die mit Gewalt ausgehobenen Truppen schlügen
-sich nur mit Widerwillen und ohne Tapferkeit. Dann berichteten sie
-weiter von der Bewaffnung und Kriegsführung der Mexikaner und brachten
-zur Erklärung alles dessen große Stücke Nequen herbei, worauf ihre
-Schlachten abgebildet waren.[365] Es war also eine Militärherrschaft,
-welche nur aus Furcht vor einem noch schlimmeren Regiment ertragen
-wurde.
-
-Nach einer Rast von drei Wochen rückte Cortes weiter nach Cholula,
-einer der größten Städte, welche unter mexikanischer Botmäßigkeit
-stand, denn sie zählte 20,000 Häuser, war ein Haupthandelsplatz und
-besaß ein blühendes Gewerbe. Hier hatte Quetzalcoatl auf seinem
-Marsch an die Küste 20 Jahre geweilt. Ihm war ein gewaltiger Tempelbau
-geweiht, dessen Stufenabsätze im ganzen 177 Fuß hoch sich erhoben.
-Oben in dem Tempel befand sich das riesige Bild des Gottes. Außerdem
-gab es noch 400 andere Opferthürme in der Stadt. Die Scheußlichkeit
-der Menschenopfer trat immer greller hervor, jemehr man sich der
-Hauptstadt näherte. Aus mächtigen Balken waren große Käfige gezimmert,
-in welchen Männer und Knaben zum Opfer gemästet wurden. Diese
-Menschenställe wurden von den Spaniern zerstört und die Gefangenen
-in ihre Heimat entlassen. Schon in Tlascala hatte man Cortes vor dem
-hinterlistigen, heuchlerischen Charakter der Cholulaner gewarnt; aber
-6000 tlascalanische Krieger, welche mit ihm zogen, um an dem Feldzuge
-gegen Montezuma theilzunehmen, meldeten ihm alles, was auf eine gegen
-ihn geplante Verrätherei hindeutete. So erfuhr er denn, daß ein Theil
-der Stadt verbarrikadirt sei, und daß viele Einwohner den Ort bereits
-verlassen hätten. Donna Marina erfuhr ferner, daß man die Spanier
-bei ihrem Abzuge aus der Stadt überfallen wolle. Deshalb kam Cortes
-ihnen zuvor und ließ einen Theil der versammelten Caziken und Soldaten
-niederhauen. Dann drangen auch die tlascalanischen Hilfstruppen aus
-ihrem Lager vor der Stadt ein und setzten, aus Haß gegen Cholula, das
-Plündern und Morden fort, bis Cortes ihnen Einhalt gebot. In diesem
-Straßenkampfe kamen gegen 3000 Menschen um. Der große Tempel wurde
-erstürmt und verbrannt. Diese rasche Züchtigung eines Verrathes,
-welcher, wie sich nachher herausstellte, auf Montezuma’s Befehl geplant
-war, übte einen gewaltigen Eindruck, so daß die Nachbarstädte sich, um
-einem ähnlichen Geschick zu entgehen, schleunig unterwarfen.
-
-Dann ging der Marsch weiter nach Mexiko, dessen Thalbecken von Cholula
-durch eine kurze von Süden nach Norden streichende Gebirgskette,
-über welche einige Vulkankegel emporsteigen, getrennt wird. Der
-Gebirgspaß, welchen die Spanier überschritten, führt zwischen den
-beiden Hochgipfeln des Popocatépetl („rauchender Berg“) und dem
-nördlich davon gelegenen Iztaccihuatl („weiße Frau“) hindurch. Von
-der Höhe des Passes aus ließ Cortes durch den spanischen Hauptmann
-Diego Ordaz eine Besteigung des Popocatépetl versuchen; aber es war
-wegen der Menge Schnee, der großen Kälte und der Wirbelstürme in der
-Höhe nicht möglich, den höchsten Gipfel zu erreichen. Von der Höhe
-des Gebirgskammes genoß man eine herrliche Ansicht des schönen Thals
-von Mexiko mit der Hauptstadt, welche, gleich Venedig, in einem See
-erbaut war. Der See war damals größer als jetzt und verlängerte sich
-gegen Südosten in das schmale Wasserbecken von Xochimilco und weiter
-gegen Osten in den rundlichen See von Chalco, welcher von den ersteren
-durch einen künstlichen Damm getrennt war. Nach der Hauptstadt selbst
-führten von verschiedenen Seiten drei Dammstraßen, jede mit mehreren
-Durchschnitten, über welche Holzbrücken gelegt waren. Unter denselben
-konnten die Kähne von einem See-Abschnitt in den andern gelangen.
-Wurden aber die Brücken abgenommen, so bestand die Dammstraße aus
-mehreren inselartig von Wasser umgebenen Stücken, und es war nicht
-möglich in die Stadt einzudringen. Diese war auch im Innern von
-zahlreichen Canälen durchschnitten, über welche Zugbrücken führten. Die
-Häuser waren mit einer Art von Brustwehr versehen und dienten jedes als
-eine kleine Festung für sich.
-
-Außer der Hauptstadt lagen noch zahlreiche Städte und Dörfer am See,
-welcher zum Theil auch noch schwimmende Gärten trug, die den Reiz der
-eigenthümlichen Scenerie erhöhten. Derartige Gärten haben sich noch
-bis in die Gegenwart erhalten. Die Stadt Mexiko selbst zählte damals
-wenigstens 60,000 Häuser, woraus man auf eine Bevölkerung von über
-300,000 Einwohnern schließen kann, besaß aber auch große Marktplätze,
-von denen einer so groß wie die Stadt Salamanca gewesen sein soll; der
-große Opfertempel, von dessen hoher Plattform, zu welcher 114 Stufen
-hinanführten, man die ganze Stadt überschauen konnte, ragte mächtig
-über alle Gebäude empor. Der Haupttempel hatte 40 Thürme, alle sehr
-stark von behauenen Steinen gebaut, das Gebälk wohl zusammengefügt und
-bemalt. Die vornehmsten Herren in der Stadt hatten in diesen Thürmen
-ihre Götzen und Familiengrüfte. Auf der Höhe der Plattform befanden
-sich in einer Tempelhalle zwei Götzenbilder, welche von Gold und
-Edelgestein strotzten. Hier war die Hauptopferstätte, wo die Gefangenen
-auf einem Jaspisblocke geschlachtet wurden. Boden und Wände der Halle
-waren schwarz von Menschenblut. Die Köpfe der Schlachtopfer wurden auf
-Gerüsten aufbewahrt. An einem dieser Schädelberge wollte ein Spanier
-136,000 Köpfe gezählt haben.
-
-Trotzdem Montezuma immer wieder durch Botschafter seinen schon mehrfach
-ausgesprochenen Wunsch erneuern ließ, marschirte doch Cortes gerade
-auf die Stadt zu. Den Eindruck, welchen die Capitale der Azteken auf
-die Europäer machte, malt Bernal Diaz in einzelnen charakteristischen
-Zügen aus. „Wir gelangten,“ erzählt er, „auf die breite Heerstraße
-von Iztallapan, wo uns zu erstenmale die Menge von Städten und
-Dörfern, welche mitten in den See gebaut waren, die noch größere
-Zahl von bedeutenden Ortschaften am Ufer und die schöne schnurgrade
-Straße, welche nach Mexiko führte, ins Auge fiel. Unsere Verwunderung
-stieg in der That auf das höchste, und wir sprachen unter einander,
-daß hier alles den Zauberpalästen in Amadis’ Ritterbuche gleiche:
-so hoch und stolz stiegen Thürme, Tempel und Häuser mitten aus dem
-Wasser hervor. Ja manche unserer Leute behaupteten gradezu, daß
-alles, was sie sähen, nur ein Traumgesicht sei. In Iztallapan selbst
-stiegen unsere Vorstellungen von der Macht und dem Reichthum dieses
-Landes immer höher. Wir wurden in wahre Paläste einquartirt, die von
-ansehnlichem Umfange, mit großen Höfen umgeben, aus schön behauenen
-Quadersteinen, aus Cedern- und anderm wohlriechenden Holze aufgeführt
-waren. Sämmtliche Gemächer waren mit Tapeten von baumwollenen Zeugen
-behangen.“
-
-„Am nächsten Morgen zogen wir nach Mexiko. Die Dammstraße war acht
-Schritt breit, aber gegenwärtig für die Menge von Menschen, welche in
-die Stadt hineinwollten und aus derselben herausströmten, um uns zu
-sehen, viel zu enge, so daß wir uns kaum bewegen konnten. Alle Thürme
-und Opfertempel waren mit Zuschauern bedeckt, der ganze See lag voll
-von Fahrzeugen, die mit Neugierigen angefüllt waren. Wer wollte sich
-auch darüber wundern, da man Leute unserer Art und Pferde noch nie hier
-gesehen hatte. Von Strecke zu Strecke hatten wir eine neue Brücke zu
-passiren und vor uns dehnte sich die große Stadt Mexiko in all ihrer
-Herrlichkeit aus. Und wir, die wir durch die zahllosen Menschenmassen
-hinzogen, waren ein Häufchen von 450 Mann und hatten den Kopf noch voll
-von den Warnungen der Bewohner von Tlascala und anderer Städte, und von
-den Vorsichtsmaßregeln, die sie uns empfohlen, um unser Leben gegen
-die Mexikaner sicher zu stellen. Wenn man unsere Lage erwägt, darf man
-wohl fragen, ob es je Männer gegeben, welche ein so kühnes Wagestück
-unternommen haben.“[366]
-
-
-20. Cortes in Mexiko.
-
-Dieser denkwürdige Einzug in Mexiko geschah am 8. Nov. 1519. In der
-Hauptstraße der Stadt kam der König dem einrückenden spanischen
-Feldherrn mit einem glänzenden Gefolge von 200 Personen entgegen,
-sämmtlich barfuß, mit Ausnahme des Herrschers, welcher von Edelleuten
-in einem goldverzierten Sessel getragen wurde, über dem sich eine
-Art Thronhimmel, mit grünen Federn, Gold, Silber und edeln Steinen
-geschmückt, erhob. Als die Spanier nahten, verließ Montezuma seinen
-Sitz und schritt über ausgebreitete Decken den Fremden entgegen,
-angethan mit einer reichen, malerischen Kleidung, auf dem Kopf den
-Federbusch von grüner Farbe. Grün galt als die königliche Farbe. Seine
-mit Juwelen besetzten Halbstiefel hatten goldene Sohlen. Wie er durch
-die Menge daher schritt, durfte keiner zu ihm aufschauen; alle senkten
-demüthig den Blick. Cortes stieg, als er des Königs ansichtig wurde,
-vom Pferde, ging dem aztekischen Herrscher entgegen und hing ihm als
-Geschenk eine Kette von funkelndem Kristallglas um den Hals, er wollte
-ihn sogar umarmen, wurde daran aber durch die beiden begleitenden
-Fürsten, welche dem Kaiser zunächst standen, verhindert, damit die
-Person des Landesherrn nicht entweiht würde. Nachdem dieser dann für
-Cortes noch ein reiches Geschenk zurückgelassen, zog er sich mit seinem
-Gefolge zurück.
-
-Mit Musik und fliegenden Fahnen hielten die Spanier ihren Einzug.
-Sechstausend Tlascalaner folgten ihnen. Inmitten der Stadt lagen an
-einem geräumigen Marktplatze der hohe Tempel des Kriegsgottes, da wo
-jetzt die Stiftskirche in Mexiko steht, und die weitläufigen Gebäude
-des Palastes, welchen der Vater Montezuma’s gebaut. Diesen wies
-Montezuma seinen Gästen als Wohnung an. Die besten Zimmer waren auch
-hier mit bunten baumwollenen Vorhängen bedeckt und der Fußboden mit
-Matten belegt. Cortes ließ den ganzen Gebäudecomplex, der durch die
-umgebende dicke Mauer und die Mauerthürme an sich schon einer Festung
-glich, mit Wachen besetzen und vor die Eingänge Kanonen aufpflanzen. Am
-Abend erschien Montezuma zum Besuch, erzählte dem Cortes ausführlich
-die Sage von Quetzalcoatl und erklärte schließlich: nach allem, was
-er bisher von den Spaniern über ihr Land und über ihren König gehört,
-glaube er ganz fest, dieser sei der rechtmäßige Herr von Mexiko.[367]
-Cortes möge daher über ihn und über sein Land verfügen.
-
-Am nächsten Morgen erwiderte Cortes in Begleitung von vier Hauptleuten,
-Pedro de Alvarado, Juan Velasquez de Leon, Diego de Ordaz und Gonzalo
-de Sandoval, den Besuch. Der königliche Palast umschloß mehrere Höfe,
-in einem derselben spielte ein Springbrunnen. Der ganze Bau war
-aus behauenen Steinen ausgeführt. Die Wände der Gemächer waren mit
-Marmor, Jaspis und Porphyr belegt, in dessen glattpolirten Flächen man
-sich spiegeln konnte, oder sie waren mit kostbaren Webstoffen oder
-Federteppichen behängt, auf denen Vögel und Blumen eingestickt waren.
-Im Laufe des Gesprächs ließ Cortes durch den Dolmetscher erklären, er
-habe von seinem Herrn den Auftrag erhalten, Montezuma zum Christenthum
-zu bekehren und begann daher ihm die Grundlehren des Glaubens
-auseinanderzusetzen. Allein der König, welcher früher selbst das Amt
-eines Oberpriesters bekleidet hatte, wich einer weiteren Erörterung
-über die Vorzüge der beiden Religionen aus; doch wiederholte er auch
-hier seine Bereitwilligkeit, dem spanischen Könige als seinem Oberherrn
-Tribut zu bezahlen. Bernal Diaz, welcher im Gefolge des Cortes dieser
-Audienz beiwohnte, gibt bei dieser Gelegenheit folgende Beschreibung
-von der Person Montezuma’s.[368]
-
-„Der große Montezuma mochte um diese Zeit in seinem vierzigsten Jahre
-stehen. Er hatte eine ansehnliche Statur, war von schlankem Wuchs,
-etwas mager von Gliedern, aber in den besten Verhältnissen gebaut.
-Seine Farbe fiel nicht sehr ins Braune, sondern streifte blos an das
-Colorit der Indianer. Die Haare trug er nur über den Ohren stark,
-welche ganz von den Locken bedeckt wurden. Er hatte einen schwachen,
-aber wohlaussehenden, schwarzen Bart. Sein Gesicht war länglich und
-heiter, und seine wohlgeformten Augen drückten, je nachdem es paßte,
-Liebe und Ernst aus.“
-
-Die Spanier richteten sich dann, mit Genehmigung des Königs, in ihrem
-Palaste eine christliche Kapelle ein, entdeckten dabei eine vermauerte
-Thür und dahinter den verborgenen Privatschatz des Königs. Nachdem
-eine Woche verstrichen war, entschloß sich Cortes, den aztekischen
-Herrscher gefangen zu nehmen. Den Vorwand dazu boten die Ereignisse
-in seiner Station an der Küste, wo Juan de Escalante mit 150 Mann
-als Besatzung zurückgeblieben war. Ein benachbarter Cazike hatte
-dieselbe verrätherisch überfallen, mehrere Spanier getödtet und den
-Befehlshaber tödtlich verwundet. Mit mehreren zuverlässigen Leuten
-ging Cortes zu Montezuma, sowie er von diesen Vorfällen benachrichtigt
-war, und beschuldigte denselben als geheimen Urheber des Verraths,
-auch verlangte er die Bestrafung des Caziken. Montezuma sagte dieses
-bereitwillig zu und ließ den Frevler sofort nach der Hauptstadt zur
-Verantwortung rufen. Damit noch nicht zufrieden, forderte Cortes, der
-König solle solange, bis die Sache entschieden sei, in dem Palaste
-der Spanier seine Wohnung nehmen. Montezuma bot seinen Sohn und seine
-Töchter als Geißeln an; aber Cortes ging nicht darauf ein, sondern
-bestand darauf, daß nur die eigne Person des Königs den Spaniern in
-der Hauptstadt die nöthige Sicherheit gewähren könne. Als dieser
-Wortwechsel schon eine gute halbe Stunde gedauert hatte, verloren die
-Officiere des Cortes die Geduld und Velasquez de Leon rief erregt:
-„Wozu noch viele Worte! Entweder geht er freiwillig mit uns, oder wir
-stoßen ihn nieder. Denn hier kömmt es darauf an, unser eignes Leben zu
-retten; und geschieht es nicht auf diese Weise, so sind wir unfehlbar
-verloren.“[369]
-
-Durch diese Drohung erschreckt, gab Montezuma nach und ging mit.
-Dem Volke, das sich zusammenrottete, gab er die Erklärung, er
-gehe freiwillig. Man behandelte ihn ehrfurchtsvoll, wie den Herrn
-eines großen Reichs und ließ ihm seinen ganzen Hofstaat sammt dem
-ceremoniellen Gepränge. Er ertheilte in gewohnter Weise Audienzen und
-stand mit seinem Volke ununterbrochen in Verkehr.[370] Es +schien+ fast
-keine Veränderung eingetreten, aber Montezuma selbst empfand sie tief.
-
-Als der aztekische Statthalter Quauhpopoca (Cortes schreibt
-Qualpopoca), welcher die Spanier an der Küste überfallen hatte,
-auf Befehl Montezuma’s mit seinem Sohne und 15 Hauptleuten in der
-Hauptstadt erschien, wurde er Cortes zur Verurtheilung übergeben. Sie
-gestanden alle, daß Montezuma sie zu dem Ueberfall veranlaßt habe, und
-wurden dann auf dem großen Platze vor dem Palaste verbrannt. Während
-der Hinrichtung ließ Cortes den König als Urheber des Verraths in
-Fesseln legen. Wenn es nun auch nach dieser Demüthigung Montezuma
-freigestellt wurde, in seinen eignen Palast zurückzukehren, so wagte
-er es doch nicht mehr aus Furcht, die Azteken möchten sich dann gegen
-die Fremden erheben und er könne dem Ingrimm seines Volks keinen
-Einhalt gebieten. Er zog es also vor, unter dem Schutze der Spanier zu
-bleiben. Da beschloß der Neffe des Königs, Cacama, Fürst von Tezcuco,
-einer großen Stadt am östlichen Seeufer, welche etwa 150,000 Einwohner
-zählte, der unwürdigen Behandlung des Landesherrn mit Gewalt ein
-Ende zu machen. Aber da der Adel ohne Zustimmung Montezuma’s nichts
-unternehmen wollte, so erfuhr auch Cortes von dem Plan, ließ Cacama
-mit Hilfe von tezcucanischen Edelleuten, die im Dienste Montezuma’s
-standen, gefangen nehmen und durch seinen Oberherrn für abgesetzt
-erklären. Auch die übrigen Verschworenen wurden auf Montezuma’s Befehl
-verhaftet. Dann leistete dieser in öffentlicher Versammlung der Caziken
-und Vornehmen den Huldigungseid dem Könige von Spanien, wobei er darauf
-hinwies, daß die Prophezeihung Quetzalcoatl’s nun in Erfüllung gegangen
-sei. Er schloß seine Ansprache an die Häuptlinge des Landes mit den
-Worten: „Gehorchet also von nun an dem großen König Karl als eurem
-natürlichen Oberherrn, und dem General, der ihn vertritt. Bezahlt ihm
-die Abgaben, die ihr mir entrichtet habt und dienet ihm, wie ihr mir
-gedient habt.“[371] Montezuma sprach unter Thränen und Seufzern, er
-fügte sich fatalistisch ergeben in sein Geschick. Cortes ließ die Akte
-der Unterwerfung von einem Notar aufsetzen und von beiden Parteien
-unterzeichnen.
-
-Von eingebornen Beamten begleitet, zogen dann die Spanier weit und
-breit durchs Land, um Steuern zu erheben und den Tribut für den König
-von Spanien in Empfang zu nehmen. Sie drangen bis zu 100 Meilen
-Entfernung von der Hauptstadt ohne Schwierigkeit vor und kehrten
-mit Gold und Silber beladen zurück. Montezuma fügte dem aus seinem
-Privatschatze noch andere Kostbarkeiten hinzu. „Die Kleinodien,“
-schrieb Cortes, „sind, abgesehen von ihrem Metallwerth, wegen ihrer
-Neuheit und eigenartigen Form unschätzbar. Kein Fürst der Welt kann
-dergleichen haben. Alles, was Montezuma auf der Erde gesehen, oder
-aus der Tiefe des Meeres gezogen, wurde auf seinen Befehl in Gold,
-Silber, Edelsteinen und bunten Federn aufs vollkommenste nachgebildet.
-Er hat auch nach meinen Zeichnungen Crucifixe, Medaillen, Kleinodien
-und Halsbänder nach europäischem Geschmack anfertigen lassen.
-Außerdem hat mir Montezuma eine große Menge baumwollner Stoffe von
-der größten Schönheit, sowohl wegen der Farbe als der Arbeit, ferner
-Tapeten für Kirchen und Wohnhäuser, baumwollne und aus Kaninchenwolle
-gefertigte Decken, sowie zwölf prächtig verzierte und gemalte Blasrohre
-geschenkt.“[372] Ungerechnet die feinern Kunstarbeiten, die nicht
-eingeschmolzen wurden, betrug von den übrigen Tributen und Geschenken
-der königliche Quint 32,400 ~pesos d’oro~.
-
-Um eine genauere Vorstellung von der Größe des Landes und seiner Küsten
-zu bekommen, namentlich, um die Ankerplätze ausfindig zu machen, ließ
-sich Cortes vom Kaiser eine auf Nequenstoff gemalte Karte geben.[373]
-Durch die dadurch gewonnene Kenntniß wuchs der Einfluß der Spanier
-im Lande immer mehr, und es schien, als ob sich der Uebergang der
-Herrschaft allmählich und auf friedlichem Wege vollziehen sollte. Da
-trat aber ein Ereigniß ein, durch welches Cortes genöthigt wurde, die
-Hauptstadt zu verlassen und die bereits gewonnene Machtstellung gegen
-die eignen Landsleute zu vertheidigen.
-
-
-21. Cortes siegt über Panfilo de Narvaez.
-
-Der Statthalter von Cuba, Velasquez, hatte, nachdem sich Cortes mit
-seinem Heere von ihm losgesagt, die Hoffnung noch nicht aufgegeben,
-den abtrünnigen Befehlshaber zu bezwingen und das Goldland Mexiko für
-sich zu gewinnen. Seine in Spanien angebrachte Beschwerde hatte bei
-Fonseca Gehör gefunden, welcher in folge dessen die Abgesandten des
-Cortes nicht, wie sie erwartet hatten, empfing, sondern ihr Anliegen
-verschob. Velasquez rüstete inzwischen ein neues Heer in der Stärke von
-wenigstens 800 Mann, darunter 80 Musketiere und 120 Armbrustschützen,
-ferner 80 Reiter und 17 bis 18 Kanonen und übergab das Commando dem
-+Panfilo de Narvaez+, mit dem Befehl, Cortes abzusetzen und gefangen
-nach Cuba abzuführen. Sobald der Vicekönig von Haiti, Diego Colon, von
-diesen Rüstungen hörte, sandte er einen gewandten Mann, den Licentiaten
-Lucas Vasquez de Ayllon nach Cuba, um dem dortigen Statthalter zu
-bedeuten, daß er unter keinen Umständen gegen Cortes feindlich
-auftreten dürfe, um den Erfolg des so glänzend begonnenen Unternehmens
-nicht in Frage zu stellen. Als Velasquez auf diese Vorstellungen nicht
-eingehen wollte, hielt sich Ayllon für verpflichtet, die bereits
-segelfertige Flotte von 18 Schiffen nach Mexiko zu begleiten. Narvaez
-kam am 23. April 1520 an dieselbe Stelle der mexikanischen Küste, bei
-der heutigen Stadt Vera Cruz, wo auch Cortes gelandet war. Als auch
-hier Ayllon seinen Protest gegen ein feindliches Vorgehen wiederholte,
-ließ Narvaez ihn auf ein Schiff bringen und nach Haiti zurückschaffen,
-wo er dem Vicekönige über die Verhältnisse Bericht erstattete. Da
-dieser sich durch die seinem Gesandten angethane Beleidigung in seiner
-Autorität verletzt sah, führte er beim königlichen Gerichtshof in
-Spanien gegen Velasquez und Narvaez Beschwerde. Er nahm also für Cortes
-Partei, was für diesen in der Folgezeit von Wichtigkeit wurde und eine
-ihm selbst günstige Entscheidung herbeiführte.
-
-Nachdem Narvaez mit seinem Heere gelandet war, forderte er den
-Befehlshaber von Villa Rica, Gonzalo de Sandoval, auf, sich ihm
-zu ergeben und den Platz zu überliefern. Dieser aber schickte die
-Gesandten, den Priester Guevara und fünf andere Spanier, gebunden
-auf dem Rücken indianischer Lastträger direct nach Mexiko, welches
-sie in vier Tagen erreichten, um ihren Auftrag persönlich an Cortes
-auszurichten. Dieser ließ die unfreiwilligen Gesandten vor der Stadt
-beritten machen, damit sie würdig einziehen könnten, und empfing sie
-sehr höflich. Nachdem er ihnen die Verhältnisse in der Hauptstadt
-auseinandergesetzt hatte, gewann er sie bald alle für sich und schöpfte
-auch aus den Mittheilungen der Gesandten die Hoffnung, das gegen ihn
-ausgeschickte Heer zu gewinnen. Man fürchte, sagte man ihm, nur den
-Feldherrn Narvaez; allein sein Einfluß sei nicht groß, da er sich durch
-seine Anmaßung und seinen Geiz viele entfremdet habe.
-
-Cortes entsandte darauf den klugen Pater Olmedo mit einem versöhnlichen
-Briefe an Narvaez, in welchem er ihm Waffenbrüderschaft und Theilung
-der Macht anbot. Außerdem waren für die Officiere des gelandeten Heeres
-reichliche Goldgeschenke beigelegt. Die Erzählungen und Berichte
-Guevara’s und Olmedo’s gewannen die Soldaten bald für Cortes, aber
-Narvaez wollte von einem Vergleiche nichts wissen. Ohne die Antwort
-abzuwarten, deren Inhalt ihm nicht zweifelhaft sein konnte, beschloß
-Cortes, seinem Rivalen entgegenzurücken, ehe er Zeit gewinnen könne,
-ins Innere vorzudringen. Nachdem er den König Montezuma unter der
-Obhut des tapferen und zuverlässigen Pedro de Alvarado mit 140 Mann
-und allem Geschütz zurückgelassen hatte, brach er selbst mit nur 70
-seiner tapfersten Leute und 2000 Indianern, welche gegen die Reiter
-des Narvaez mit langen Lanzen bewaffnet waren, im Mai 1520 von der
-Hauptstadt auf, traf in Cholula mit einer Abtheilung seines Heeres,
-welche, 120 Mann stark, unter Velasquez de Leon südlich von Vera Cruz
-einen Hafen hatte aufsuchen sollen, aber auf die Nachricht von der
-Landung des Narvaez zurückgerufen war, zusammen, begegnete in der Nähe
-von Tlascala seinem zurückkehrenden Gesandten Olmedo und verfügte
-nun, nachdem in der Nähe des Pico de Perote noch Sandoval von Villa
-rica mit 60 Mann zu ihm gestoßen war, über eine Streitmacht von etwa
-260 Spaniern. Mit diesen rückte er dem Narvaez, welcher bei Cempoalla
-lagerte, kühn entgegen. In einer regnerischen, dunkeln Nacht, am Abend
-vor Pfingsten, überfiel er seinen Gegner, dessen Stellung er genau
-ausgekundschaftet hatte. Er benutzte die Nacht, damit seine Gegner
-nicht durch die geringe Zahl seiner Mannschaft zu stärkerem Widerstande
-gereizt würden. „Als wir eindrangen,“ erzählt Bernal Diaz, „war es
-stockfinster und es regnete stark, und erst später ging der Mond
-auf; aber auch die Finsterniß war uns von großem Nutzen, denn in der
-dunklen Nacht flogen eine Menge Leuchtkäfer umher, die von Narvaez’
-Leuten für Lunten zum Losbrennen der Musketen gehalten wurden und
-ihnen daher einen ganz besonderen Begriff von der großen Zahl unserer
-Feuergewehre beibrachten.“[374] Cortes wußte genau das Quartier des
-feindlichen Heerführers und kam unbemerkt bis in den Hof des Hauses,
-wo erst die Gegner allarmirt wurden. Sandoval drang in das Thurmzimmer
-ein, wo Narvaez wohnte. Im nächtlichen Getümmel verlor dieser durch
-einen Lanzenstich ein Auge und wurde gefangen genommen. Der Kampf
-gegen seine Truppen dauerte nur kurze Zeit, ihr Widerstand hörte mit
-der Gefangennahme des Feldherrn auf. Nur zwei Spanier waren gefallen.
-Die Soldaten huldigten Cortes, welcher den verwundeten Gegner und
-seine entschiedensten Anhänger nach Villa rica bringen ließ. Erst am
-nächsten Morgen kamen die 2000 indianischen Hilfstruppen an, welche
-Cortes am Kampfe gegen seine Landsleute nicht hatte theilnehmen lassen,
-damit sie sich nicht eines Sieges über die Weißen rühmen könnten. Es
-war ein leicht errungener Erfolg gewesen. „Ich kann Euch versichern,“
-hatte Cortes zu dem gefangenen Narvaez gesagt, „daß dieser Sieg eine
-der geringsten Waffenthaten ist, die wir in Neu-Spanien verrichtet.“
-Aber der Sieg war trotzdem von höchster Bedeutung, weil ohne ihn die
-begonnene Unterwerfung des aztekischen Reichs unmöglich gewesen wäre.
-
-Kurze Zeit darauf erhielt Cortes eine Nachricht, welche ihn veranlaßte,
-so rasch als möglich nach Mexiko zu eilen. Alvarado hatte bei einem
-großen Opferfeste in der Stadt, welches angeblich von den Mexikanern
-hatte benutzt werden sollen, um ihren König wieder zu befreien,
-allzurasch zu Gewaltmaßregeln sich hinreißen lassen, auf die
-versammelte Menge einzuhauen befohlen und ein Blutbad angerichtet,
-wobei viele vom aztekischen Adel niedergestoßen waren. In folge
-dessen erhob sich die ganze Stadt und griff die spanische Besatzung
-in ihrem Palaste so energisch an, daß Alvarado Boten entsenden und
-den Oberfeldherrn um schleunige Hilfe bitten mußte. Die Kranken und
-Verwundeten in Cempoalla zurücklassend, eilte Cortes mit seiner ganzen
-Macht auf das Tafelland zurück. In Tlascala hielt er kurze Rast und
-musterte sein Heer. Er verfügte wieder über eine Streitmacht von
-1300 Mann, darunter 90 Reiter, 80 Armbrustschützen und ebensoviel
-Musketiere. Je näher er der Hauptstadt kam, um so kühler wurde der
-Empfang von seiten der Bewohner. Alvarado war seit vierzehn Tagen
-in seiner Festung belagert. Als Cortes am Johannistage 1520 wieder
-in die Hauptstadt einrückte, empfing ihn nicht mehr eine neugierige
-Volksmenge, wie das erste Mal. Alle Bewohner hielten sich scheu zurück.
-Die Stadt schien wie verödet.
-
-
-22. Der Kampf um Mexiko.
-
-Bald nachdem Cortes sich mit Alvarado vereinigt hatte, erfolgte ein
-wüthender Angriff auf die Festung, der bis zur Nacht andauerte, aber
-durch die Kanonen abgeschlagen wurde. Die Brustwehren und Hauswände
-waren mit Pfeilen dermaßen bedeckt, daß man kaum gehen konnte.
-Die Menge der Schleudersteine verdeckte fast den ganzen Boden der
-Palasthöfe. Am nächsten Morgen machten die Spanier einen Ausfall und
-begannen einen erbitterten Kampf gegen die dichten Massen der Indianer.
-Sie feuerten Schuß auf Schuß gegen sie, sie rückten dicht an sie heran
-und stießen in jedem Anlauf 30 bis 40 Indianer nieder; umsonst, die
-Feinde behaupteten ihre Stelle und ihre Kraft schien eher zu wachsen
-als abzunehmen. Von den Dächern der Häuser warf man große Steine auf
-die Weißen. Cortes ließ zwar, um seine Gegner zu vertreiben, die
-nächsten Häuser anzünden; allein da dieselben durch Wassergräben von
-einander getrennt waren, so verbreitete sich das Feuer nicht weiter.
-
-Da ein fortgesetzter Kampf aus dem Innern der Stadt für die Spanier
-völlig nutzlos war, so forderte Cortes den König auf, sich seinem Volk
-zu zeigen und demselben zu erklären, daß die Fremden bereit seien, die
-Stadt zu verlassen, wenn man ihnen unbelästigten Abzug gestatte. Nach
-einigem Zögern erschien Montezuma in vollem königlichen Schmucke auf
-der Plattform des Thurmes. So wie das Volk seiner ansichtig wurde,
-trat eine ehrfurchtsvolle Stille ein. Er erklärte laut: er sei kein
-Gefangener und die Spanier wollten abziehen. Aber das erzürnte Volk
-nahm die Worte des Herrschers für ein Zeichen von Feigheit und rief
-ihm zu, sie hätten seinen Vetter, den Fürsten von Iztapalapan, auf den
-Thron gehoben und geschworen, die Waffen nicht eher niederzulegen, als
-bis alle Spanier getödtet seien. Ein Hagel von Steinen und Geschossen
-begleitete diese Worte. Ehe die neben dem Könige stehenden Spanier ihn
-mit ihren Schilden decken konnten, erhielt er mehrere Wunden und wurde
-durch einen Steinwurf an den Kopf besinnungslos niedergeworfen.[375]
-Diese Demüthigung durch sein eignes Volk empfand Montezuma so tief,
-daß er, als er aus seiner Betäubung erwacht war, alle ärztliche
-Hilfeleistung von sich wies, den Verband abriß und am dritten Tage
-starb, am 30. Juni 1520. Mit seinem Tode hörte auch der letzte Rest
-von Rücksicht auf, welche die Azteken um ihres Königs willen noch an
-den Tag gelegt. Ihr Ziel war auf die vollständige Vernichtung ihrer
-gefährlichen Feinde gerichtet, und zu dem Zwecke hatte man auch die
-Dammbrücken beseitigt, um den Spaniern den Rückzug abzuschneiden. Dazu
-gingen die Lebensmittel aus. Cortes mußte den Abmarsch vorbereiten
-und ließ zu dem Vorhaben eine tragbare Brücke zimmern, um damit die
-Dammbrücken, eine nach der andern, überschreiten zu können. Bei dunkler
-Nacht, am 1. Juli 1520, brach Cortes mit seinem Heere auf und schlug
-den Weg über den westlichen Damm ein. Die Töchter des Montezuma und
-den Fürsten Cacama nahm er als Gefangene mit. Da die Goldschätze wegen
-ihres bedeutenden Gewichtes nicht auf einmal zu transportiren waren, so
-ließ er nur den königlichen Antheil aufpacken; von dem übrigen Vorrathe
-konnte sich jeder Soldat nehmen. Doch warnte der Feldherr, sich nicht
-zu sehr zu beladen. Mancher wurde durch seine Habgier ins Verderben
-gezogen, wenn er in dem Gedränge des nächtlichen Kampfes durch seine
-Goldlast in der Führung seiner Waffen gehemmt wurde. Ebenso kamen alle
-Tlascalaner ums Leben, denen der Kronschatz anvertraut war.
-
-Die erste Dammlücke wurde mittelst der tragbaren Brücke glücklich
-überschritten, obwohl die Azteken zu Lande lebhaft nachdrängten
-und von zahlreichen Kähnen aus die Abziehenden mit Wurfgeschossen
-überschütteten. Schon bei der zweiten Lücke wurde die Lage der Spanier
-höchst bedenklich. Da es regnete, waren die Brückenbalken glatt
-geworden; zwei Pferde glitten aus, wurden scheu, überschlugen sich in
-den See und auch die Brücke schlug um. Nun entstand ein verzweifeltes
-Gedränge, die vorderen Reihen wurden ins Wasser gestoßen, wo sich
-Kampf und Gemetzel fortsetzte. Wer sich durch Schwimmen zu retten
-suchte, wurde von den Kähnen eingeholt und gefangen fortgeschleppt.
-Die Dammlücke füllte sich mit todten Rossen und Menschenleibern, mit
-Kanonen und Karren und darüber ging der Strom der dichten, wogenden,
-kämpfenden Menschenmenge. Jeder war nur noch auf die Rettung des eignen
-Lebens bedacht, es galt kein Commando, es gab keinen Zusammenhalt mehr.
-Alles drängte nach dem festen Lande hinüber. Von den 1300 Soldaten,
-welche mit Cortes in die Stadt gezogen waren, kamen nicht mehr als
-440 mit dem Leben davon, und auch sie waren alle verwundet. Ueber 860
-Mann wurden getödtet oder fielen den Azteken in die Hände, welche sie
-ihren Göttern opferten.[376] Verloren gingen ferner alle Kanonen,
-aller Schießbedarf, alle Büchsen und 46 Pferde, so daß die Reiterei
-nur noch aus 23 Mann bestand. Dieser Rückzug ist unter dem Namen der
-traurigen Nacht (~la noche triste~) bekannt. In Popotla zeigt man noch
-den Cederbaum, um welchen Cortes mit dem Reste seiner Truppen in jener
-Nacht lagerte.[377] Am nächsten Morgen zog der Feldherr der Spanier
-nordwärts und um den See herum gegen Osten, unter steter Verfolgung
-des Feindes die Schwerverwundeten in der Mitte führend und mit seiner
-Reiterschar die Flanken deckend. Am 7. Juli gelangte er zu den noch
-vorhandenen, vielleicht ältesten Baudenkmälern des Landes, den beiden
-Pyramiden von Teotihuacan (d. h. „Wohnung der Götter“), von denen die
-größere an der Basis 208 Meter lang ist und eine senkrechte Höhe von
-55 Metern hat. Beide waren genau nach den Himmelsgegenden orientirt.
-Oestlich davon in der Ebene von Otumba suchte ihnen ein mexikanisches
-Heer den Rückzug zu verlegen. Die große Uebermacht -- ihre Zahl wird
-auf 200,000 angegeben -- schloß die kleine spanische Schar völlig ein.
-Sie stand da wie eine Insel in stürmisch brandender See[378], aber
-Cortes wußte seine Leute durch ermunternden Zuspruch zu beleben: „Heute
-ist noch nicht der Tag, an dem wir besiegt werden sollen.“ Trotzdem
-erkannte er den ganzen Umfang der Gefahr. Er schrieb später an den
-König: „Wir fochten, so zu sagen, unter einander gemischt, und wir
-hielten dies für unser letztes Gefecht in unserem Leben: so schwach
-waren wir, so mächtig und stark waren hingegen die Feinde.“[379]
-Cortes wurde durch zwei Steinwürfe empfindlich am Kopfe verwundet und
-mußte sich verbinden lassen. Da rettete der Ritter Juan Salamanca
-seine Genossen durch eine kühne That. Er sah mitten im Getümmel den
-feindlichen Anführer, der das Feldzeichen trug, drang mit wenig Reitern
-auf ihn ein, indem er alles vor sich niederritt, tödtete den Gegner
-und nahm die Standarte.[380] Der Fall des Führers gab das Signal
-zur Flucht. Nachdem die erschöpften Truppen drei Tage in der Stadt
-Huejotlipan gerastet, zogen sie nach Tlascala, wo sie freundlich
-empfangen wurden und in Ruhe die Heilung ihrer Wunden abwarten konnten.
-Cortes selbst bedurfte vor allem der Pflege. Seine Kopfwunden hatten
-sich verschlimmert, er hatte außerdem zwei Finger der linken Hand
-eingebüßt und war durch die gewaltige Aufregung und Ueberanstrengung
-nicht unbedenklich erkrankt. Kein Wunder, daß unter solchen
-Verhältnissen auch den Soldaten der Muth sank, und daß ein großer Theil
-nach der Küste zurückzukehren wünschte. Dazu wurde ihre Lage höchst
-unsicher, weil eine Gesandtschaft der Mexikaner die Tlascalaner zum
-Bündniß gegen die Spanier aufforderte und der Häuptling Xicotencatl
-nicht abgeneigt schien, sich auf die Seite der Azteken zu stellen.
-Glücklicherweise hielt sein eigner Vater fest an dem Bunde mit Cortes.
-
-Nachdem sich das Heer genügend erholt hatte, und Cortes wieder genesen
-war, kehrte auch der alte Unternehmungsgeist der Truppen wieder zurück.
-In glücklichen Kämpfen unterwarfen sie mit Hilfe der Tlascalaner das
-Land zwischen dem Popocatépetl und dem Citlaltépetl. Neue Scharen,
-welche Velasquez gesendet, in dem Glauben, Narvaez sei Herr des Landes,
-traten sofort zu Cortes über. Dann schrieb dieser von der Stadt Tepeaca
-aus, welche er Segura de la frontera nannte, seinen berühmten Brief,
-vom 30. October 1520 datirt, an den König von Spanien, in welchem er
-über die bisherigen Vorgänge genau Bericht erstattete, und schloß mit
-den Worten: „Wegen aller Aehnlichkeiten, welche ich zwischen diesen
-Ländern (Mexiko und Spanien) gefunden, in Bezug auf Fruchtbarkeit,
-Größe, Klima u. a. habe ich für passend gehalten, ihnen den Namen
-„+Neuspanien des Oceans+“ (~la nueva España del Mar Oceano~) zu geben
-und wage, Ew. Maj. zu ersuchen, diese Benennung zu bestätigen.[381]
-Aus diesem Berichte ersah man zuerst in Spanien, daß Cortes im Begriff
-stand, ein mächtiges Reich, das eine Fülle der geschätztesten Produkte
-besaß, der spanischen Krone zu unterwerfen, und Peter Martyr beeilte
-sich seinen Gönnern und Freunden die Pracht der Hauptstadt „Tenustitan
-~alias~ Mexiko“ und die Reichthümer des Landes zu schildern.[382]
-
-Cortes hatte beschlossen, die feindliche Hauptstadt von neuem
-anzugreifen. Aber um von dem See aus nicht wieder durch die Kriegsböte
-der Azteken belästigt zu werden, wollte er sich vor allem zum Herrn
-der die Stadt umgebenden Gewässer machen, um derselben die Verbindung
-mit dem Lande abzuschneiden. Zu dem Zwecke ließ er eine Anzahl von
-Brigantinen bauen, wozu er das Takelwerk und Eisen von Vera Cruz
-heraufschaffen ließ. Die Schiffstheile wurden in Tlascala angefertigt
-und von da an den See geschafft, wo sie zusammengesetzt wurden. Als
-er in der Mitte des December von Tepeaca aufbrach, bestand sein Heer
-aus 550 Mann zu Fuß, 40 Reitern und 8 oder 9 Kanonen. Das Heer der mit
-ihm verbündeten Indianer, welche mit der Eroberung der aztekischen
-Hauptstadt ihre Unabhängigkeit von dem drückenden Joche zu gewinnen
-hofften, zählte über 100,000 Mann.
-
-Auf einem schwierigen Gebirgspasse nördlich vom Iztaccihuatl zog er
-nach Tezcuco, dessen Bewohner sich theils zu Boot über den See, theils
-zu Fuß über das Gebirge geflüchtet hatten.
-
-In Mexiko war der Bruder und Nachfolger Montezuma’s nach viermonatiger
-Regierung gestorben und an seine Stelle der Neffe der beiden letzten
-Regenten, der 25jährige Quauhtemotzin[383] oder Guatemotzin gewählt
-worden. Dieser ließ die Stadt gegen den beabsichtigten Angriff
-der Spanier von allen Seiten befestigen. Nachdem Cortes sich in
-Tezcuco festgesetzt hatte, ließ er einen Graben, welcher zu dem eine
-halbe Legua entfernten See führte, so weit vertiefen, daß seine 13
-neuerbauten Schiffe in den See einlaufen konnten. Dann unternahm
-er einen Recognoscirungszug rings um den See, um die Zugänge zur
-Hauptstadt kennen zu lernen, unterwarf die Städte, welche am Seeufer
-lagen und griff, nachdem er von Haiti noch eine erbetene Verstärkung
-an Truppen, 200 Mann zu Fuß und 70 bis 80 Pferde, erhalten hatte, die
-Stadt Xochimilco (d. h. Blumenfeld, nach den schwimmenden Gärten so
-genannt) an, welche theilweise im See lag. Bei der Erstürmung wäre
-Cortes fast in Gefangenschaft gerathen. Im Getümmel des Kampfes that
-sein Roß einen Fehltritt und stürzte nieder. Augenblicklich war er
-von Feinden umringt, gegen die er sich mit seiner Lanze vertheidigte.
-Er wäre fortgeschleppt worden, wenn nicht ein treuer Diener und ein
-Tlascalaner ihn aus der drohenden Gefahr befreit hätten. Kurz darauf
-hatte er einen Angriff Guatemotzins abzuschlagen, der mit 2000 Kähnen
-und 12,000 Mann der Stadt zu Hilfe eilte.
-
-Die Anhänger des Velasquez, deren es noch manche in dem spanischen
-Heere gab, und denen die gewaltigen Anstrengungen, welche Cortes ihnen
-auferlegte, nur eine nutzlose Vergeudung von Menschenleben schienen,
-ohne Aussicht, endlich in den Besitz der gehofften Schätze zu gelangen,
-stifteten wieder eine Verschwörung an und beabsichtigten, den Feldherrn
-sammt seinen treusten Officieren zu ermorden und dann nach der Heimat
-zurückzukehren. Aber auch von diesem Verrath erhielt Cortes rechtzeitig
-Kunde, ließ den Anstifter hinrichten und zerriß die Liste aller
-Verschworenen, die er bereits in Händen hatte. Doch umgab er sich von
-da an mit einer zuverlässigen Leibwache.
-
-Endlich war nach einer Arbeit von 50 Tagen der 12 Fuß tiefe Graben
-durch 8000 Arbeiter am 28. April 1521 vollendet und die Schiffe liefen
-vor den Augen des versammelten Heeres in den See. Nun erst konnte man
-den unaufhörlichen Belästigungen durch die feindlichen Böte, welche
-jeden Vormarsch auf die Seedämme erschwerten, ein Ende machen. Jedes
-Schiff erhielt eine Kanone und 25 Mann Besatzung. Dann wurde das
-Heer, welches wieder auf mehr als 800 Mann angewachsen war, in drei
-Haufen getheilt und diese unter den Befehl von Alvarado, Olid und
-Sandoval gestellt. Durch einen glänzenden Sieg über die feindliche
-Flotille machte sich Cortes zum Meister des Sees. Anfänglich war es
-seine Absicht gewesen, die aztekischen Böte, die in einer Anzahl
-von 500 gegen ihn auf Kundschaft ausgeschickt waren, unbehelligt
-herankommen zu lassen, um sie dann mit Kanonenschüssen zu empfangen
-und so bei dem ersten Zusammentreffen eine für den ganzen Krieg
-wichtige Entscheidung durch die Ueberlegenheit der europäischen
-Schifffahrtskunst herbeizuführen. Da erhob sich aber plötzlich ein
-günstiger Wind vom Lande her. Sofort ließ Cortes die Brigantinen mit
-vollen Segeln gegen die Böte steuern und gab Befehl, die feindlichen
-Fahrzeuge bis an die Stadt zu verfolgen. Zahllose Kähne wurden
-übersegelt und die Mannschaft in den See gestürzt und getödtet. Drei
-Meilen weit wurde die Verfolgung fortgesetzt und ein Sieg errungen,
-herrlicher als man gehofft hatte.[384] Dann wurde den Mexikanern das
-Trinkwasser der Röhrenleitung abgeschnitten und die südlichen Dämme
-besetzt, welche von den Vertheidigern der Stadt verschanzt waren,
-aber, sobald die Brigantinen vorgingen, verlassen worden waren. Die
-drei Heerführer der Truppentheile erhielten zu ihrer Unterstützung
-mehrere Brigantinen, Alvarado und Olid besetzten die südlichen
-Dammstraßen, Sandoval die nördlichen. So war die ganze Stadt cernirt.
-Die Dammlücken wurden unter heftigen Kämpfen zugeschüttet, aber näher
-der Stadt warfen die Belagerten immer neue Gräben aus und erwiesen
-sich trotz der Einschließung unerschüttert und todesmuthig. Ueberall
-zu Lande und zu Wasser ertönte ihr wildes Kriegsgeschrei, als ob das
-Weltall einstürzen sollte.[385] Endlich gelang es den Spaniern, bis
-an die Stadt vorzudringen. Die in den Straßen aufgeworfenen Bollwerke
-wurden von den Kanonen zusammengeschossen und über dieselben hinweg
-gelangten die Sieger bis zu dem großen Tempel, dessen erneuertes
-Götzenbild sie zertrümmerten. In einem wüthenden Angriff der Indianer
-wurde das spanische Fußvolk zurückgetrieben, aber durch einen kühnen
-Reiterangriff aus der Bedrängniß gerettet. Die Stadt schon jetzt
-zu behaupten war unmöglich, weil man bei Tag und Nacht von allen
-Seiten bedroht war. Aber unter dem Eindruck der spanischen Erfolge
-lockerte sich der Lehnsverband im aztekischen Reiche immer mehr; der
-Fürst von Tezcuco, der lange zweifelhaft gestanden, ging mit 50,000
-Mann zu den Eroberern über; andere Städte folgten seinem Beispiel
-und begaben sich in die spanische Botmäßigkeit. Täglich wurden die
-Angriffe auf die Stadt wiederholt und einzelne Gebäude niedergebrannt,
-Hungersnoth stellte sich ein, aber die Mexikaner wiesen alle
-Friedensbedingungen zurück. „Wir waren,“ berichtet Cortes, „mehrere
-Tage nacheinander in der Stadt gewesen, viermal schon hatte sich das
-Gemetzel wiederholt. Ein Theil der Stadt war abgebrannt, die meisten
-Terrassen waren zerstört, die natürlichen und künstlichen Hindernisse
-wurden überwunden; immer siegreich hatten wir den Feind mit Kanonen
-und Musketen niedergeschmettert. Ich erwartete daher täglich, sie
-würden um Frieden bitten und mein Herz wünschte sehnlich, daß sie den
-nothwendigen Schritt thun würden. Erbittert über den zähen Widerstand
-glaubte ich sie zum äußersten zwingen zu müssen.“[386] So wurde,
-nachdem der Kampf bereits drei Wochen gedauert hatte, ein allgemeiner
-Angriff befohlen und zwar von Süden und Westen her. Beim Vorrücken
-war der Hauptmann Alderete zu eilig gewesen und drang, ohne eine
-Dammlücke gehörig ausfüllen zu lassen, unvorsichtig bis auf den großen
-Marktplatz vor. Von dort wurde er durch die Azteken zurückgetrieben
-und mit seiner Schar ins Wasser gedrängt. Cortes wollte ihnen mit
-einer Handvoll Soldaten zu Hilfe kommen, wurde im Gewühl am Bein
-verwundet und niedergeworfen. Schon legten mehrere Mexikaner Hand an
-ihn und hätten ihn unfehlbar gefangen genommen, wenn ihm Antonio de
-Quiñones nicht beigesprungen und ein anderer junger Spanier sich für
-ihn geopfert hätte. Trotzdem wollte Cortes noch nicht zurückweichen und
-mußte von mehreren Officieren mit Gewalt aus dem Getümmel fortgetragen
-werden. In diesem unglücklichen Gefechte kamen gegen 40 Spanier um und
-62 wurden nebst vielen Verbündeten lebendig fortgeschleppt, um den
-Göttern geopfert zu werden. Am Abend hörte man die große Trommel in
-dem Tempel des Kriegsgottes, und ein langer Zug von Kriegern bewegte
-sich die hohe Treppenflucht hinauf zum Tempel. Da die Entfernung nicht
-sehr groß war und man die Plattform des Tempels ganz deutlich sehen
-konnte, so mußten die Spanier mit Entsetzen gewahren, wie die Mexikaner
-ihren unglücklichen Kameraden die Köpfe mit Federn schmückten und sie
-zwangen, vor dem Götzenbilde zu tanzen, und wie sie dieselben dann
-auf dem Opfersteine niederstreckten, ihnen mit Feuersteinmessern die
-Brust aufschlitzten, die zuckenden Herzen herausrissen und sie ihren
-Götzen darbrachten. Cortes spricht mit Entsetzen von dem Anblick dieser
-Gräuel, der das Herz seiner Soldaten erstarren machte.
-
-Nach einer Ruhe von 8 Tagen wurde der Angriff erneuert und wurde
-beschlossen, weil kein anderes Mittel von Erfolg war, die Stadt,
-so weit man sie besetzt hatte, Haus für Haus niederzureißen; denn
-jedes diente den Vertheidigern als Festung. So dauerte nun Kampf und
-Zerstörung tagelang fort, auch Guatemotzins Palast ging in Flammen
-auf, die Hungersnoth wuchs, die Einwohner verzehrten Wurzeln, Kraut
-und selbst Holz; aber an Unterwerfung dachten die Azteken nicht. Sie
-wollten unter den Trümmern ihrer Hauptstadt begraben sein und den Fall
-des Reiches nicht überleben.
-
-Die Belagerung währte vom 30. Mai bis zum 13. August, 75 Tage lang,
-und erreichte erst ihr Ende, als Guatemotzin bei seinem Versuch, in
-einem Boote über den See zu flüchten, von den Brigantinen eingeholt und
-gefangen genommen wurde. Die auswärtigen Krieger ließ Cortes auf Bitten
-des gefangenen Königs aus der Stadt abziehen. Drei Tage und Nächte
-waren die Dammstraßen mit großen Zügen von Männern, Weibern und Kindern
-bedeckt, die sich vor Entkräftung nur noch mühsam fortschleppten. Der
-Zustand der Stadt, welche nun allen Widerstand aufgab, war entsetzlich.
-Alle Häuser in dem Stadttheile, den Guatemotzin bis zuletzt behauptet
-hatte, waren mit Todten angefüllt, und was noch am Leben war, hatte
-kaum noch Kraft sich zu erheben. Der Verlust an Menschenleben wird
-auf 120,000 bis 240,000 angegeben. Dem Fall Mexiko’s folgte rasch die
-Unterwerfung aller Nachbarstaaten. Die Menge des erbeuteten Goldes
-belief sich auf 130,000 Goldcastellanos. Die goldenen Schilde und
-die kostbaren Federschmuckarbeiten als einzig in ihrer Art wurden
-mit allgemeiner Zustimmung an den König nach Spanien gesendet. Dann
-schritt Cortes zum Wiederaufbau der Stadt und zeigte darin sein
-organisatorisches Geschick. Viele Gräben wurden zugeschüttet, die
-Straßen breiter angelegt, aber die Hauptstraße der alten Stadt in
-ihrer Anlage erhalten. An Stelle des Tempels des Kriegsgottes erhob
-sich eine Kirche des heiligen Franciscus, welche seit 1573 durch eine
-prachtvolle Kirche, die Kathedrale der heiligen Maria de la Asuncion,
-ersetzt wurde. Eine starke Festung auf dem heutigen Matadoroplatze
-hatte auch den Zweck, die Brigantinen zu decken, welche im Falle eines
-Aufstandes wichtig waren für die Beherrschung des Sees. In wenigen
-Jahren waren bereits 2000 spanische Familien ansässig, denn der Zuzug
-von den Antillen und vom Mutterlande her wurde nach der Eroberung von
-Mexiko immer lebhafter. Im Jahre 1524 konnte Cortes die Größe der
-Einwohnerschaft schon zu 30,000 Seelen angeben. Die Zerstörung der
-alten Kultur, mit welcher zugleich das Gewerbe der Eingebornen zu
-Grunde ging, ist zwar zu beklagen, da mit dem Fall des Adels und der
-Priesterschaft alle höheren Bildungselemente verloren gingen; allein
-die Beseitigung der gräßlichen Menschenopfer und des Canibalismus ist
-höher anzuschlagen. Leider riß mit der Vernichtung der bisherigen
-staatlichen und socialen Ordnung eine beklagenswerthe Demoralisation
-des Volkes ein. Land und Leute wurden den Conquistadoren zugetheilt
-und die Eingeborenen geriethen in drückende Knechtschaft.[387] Doch
-nahm sich die spanische Geistlichkeit ihrer nach Kräften an und daher
-schlossen sich die Indianer leicht an die Priester an und ließen sich
-taufen.
-
-
-23. Cortes als Statthalter von Neuspanien.
-
-Unter den einheimischen Fürsten, welche sich dem siegreichen Spanier
-unterwarfen, befand sich auch der Beherrscher von Michoacan. Durch
-seine Abgesandten erhielt man zuerst zuverlässige Nachrichten über die
-Nähe der Südsee. Cortes sandte vier Spanier dahin, mit der bestimmten
-Weisung, nicht eher zurückzukehren, als bis sie für den König von
-Spanien von diesem Meere Besitz genommen. Zwei der Abgesandten
-führten den Befehl vollständig aus. Sandoval und Alvarado drangen mit
-Heeresabtheilungen in die südlichen Länder, namentlich nach dem reichen
-Thal von Oaxaca, welches später zur Hälfte dem Eroberer Mexiko’s als
-Privateigenthum zufiel und wovon er den Titel Marques de Valle erhielt.
-Dann wurden die Landschaften Colima im Westen und Tabasco im Südosten
-dem spanischen Gebiet einverleibt, selbst der Fürst von Guatemala
-zeigte seine Unterwerfung an. Cortes bezwang nach hartnäckigem
-Widerstand das Gebiet von Panuco und erweiterte damit den Küstenbesitz
-am Golf von Mexiko. Das westliche Weltmeer aber hatte für ihn eine
-besondere Anziehung, weil er hier, der Anschauung der Zeit huldigend,
-mit Gold und Spezereien gesegnete Inseln zu finden hoffte. Sowie die
-Landschaft Michoacan ihn als Oberherrn anerkannt hatte, befahl er
-in dem Hafen von Zacatula vier Schiffe zu bauen, um die Südsee zu
-erforschen. Leider brach noch während des Baues auf der Werfte Feuer
-aus und zerstörte die Fahrzeuge, sodaß der Plan einer Entdeckungsreise
-noch verschoben werden mußte.
-
-Noch hatte Cortes von der spanischen Regierung kein Schreiben, keine
-Anerkennung seiner Verdienste erhalten. Fonseca war vielmehr immer
-noch der Ansicht, man müsse den Usurpator und Empörer absetzen. Ja,
-er unterzeichnete sogar am 11. April 1521 einen Verhaftsbefehl gegen
-Cortes und übertrug die Ausführung desselben dem Cristoval de Tapia.
-Als dieser in Vera Cruz ans Land stieg, ließ man nicht zu, daß er ins
-Innere zur Hauptstadt reise; er verstand sich dann auch dazu, seine
-Ausrüstung und Waffen gegen Bezahlung zurückzulassen und ging nach Cuba.
-
-Erst im Jahre 1522, als Karl V. nach Spanien kam, und die Abgesandten
-des Cortes nebst den ausführlichen Berichten des glücklichen Eroberers
-auch die Kostbarkeiten und kunstreichen mexikanischen Arbeiten ihrem
-Könige vorlegen konnten, übertrug derselbe die Entscheidung der
-wichtigen Streitfrage einem besonderem Rathe, und dieser erklärte sich
-für Cortes. So wurde derselbe durch königliches Dekret vom 15. October
-1522 als Statthalter und Oberbefehlshaber von Neuspanien bestätigt.
-
-Von dem Augenblicke an fühlte sich Cortes erst sicher in dem
-errungenen Besitz und entwarf weitschauenden Blickes eine Reihe kühner
-Pläne zur festen Begründung der spanischen Macht in Mexiko und den
-Nachbargebieten und zur Erweiterung der Kenntniß von unbekannten
-Regionen, mit denen und durch welche eine Verbindung und ein Verkehr
-ihm für die Erweiterung seiner politischen Machtstellung in Neuspanien
-von großer Bedeutung schien. Aus den kleineren Streifzügen wurden
-unter diesen Gesichtspunkten bedeutende Entdeckungsfahrten und kühne
-Eroberungszüge, theils um die Ausdehnung der Südsee kennen zu lernen,
-theils um eine Verbindung des östlichen und westlichen Oceans, also
-eine +mittelamerikanische Meerenge+ ausfindig zu machen, theils um die
-Grenzen seiner Herrschaft nach Südosten bis zur Statthalterschaft des
-Pedrarias auszudehnen.
-
-Die Idee einer Meerenge hat Cortes beschäftigt, seitdem ihm
-Montezuma eine Küstenkarte seines Reiches übergab. Alle Land- und
-Wasserexpeditionen, welche er in den ersten Jahren nach Bezwingung der
-Hauptstadt aussandte, hatten den Auftrag danach zu forschen. Von beiden
-Oceanen, von den gegenüberliegenden Küsten wurde zu gleicher Zeit nach
-dieser Meerenge gesucht.[388] Anfänglich glaubte er, sie in der Nähe
-des Goatzacoalcoflusses zu treffen, weil auf der mexikanischen Karte
-in dieser Gegend eine große Hafenbucht zwischen Gebirgen angegeben
-war. Der genannte Fluß ist an der Mündung ein Kilometer breit, weitet
-sich oft seenartig aus und hat selbst noch oberhalb der neuen Stadt
-Amatitlan einen Durchmesser, wie der Rhein bei Cöln.[389]
-
-Als sich hier am Isthmus von Tehuantepec die gewünschte Durchfahrt
-nicht fand, richtete er seinen Blick auf die zweite Verengung des
-centroamerikanischen Landes, auf den Golf von Honduras, und sandte
-+Cristoval d’Olid+ (Dolid) dahin, um das Gebiet zu besetzen, weil, wie
-er an den König von Spanien schrieb, nach der Ansicht vieler Piloten
-dort eine Wasserstraße zum andern Meere führe, und es sein sehnlichster
-Wunsch sei, dieselbe zu entdecken, da eine solche Wasserverbindung für
-die Entwicklung der spanischen Macht von großer Bedeutung sei.[390]
-Mit der Expedition d’Olid’s sandte er zugleich seinen Vetter Hurtado
-de Mendoza mit drei kleinen Schiffen aus, welche, während Olid am Golf
-von Honduras eine Colonie gründete, die Küsten des caribischen Meeres
-bis nach Darien hin auf das Vorhandensein eines natürlichen Canals
-untersuchen sollten.
-
-Später suchte Cortes die Straße weiter nordwärts. Nachdem Magalhães
-durch das Südmeer den Weg bis zu den Molukken gebahnt hatte, wuchs
-die Bedeutung einer solchen Straße in hohem Maße. Wie leicht konnte,
-wenn eine solche Meerenge in Mittelamerika vorhanden war, der Weg von
-Spanien nach den Gewürzinseln zurückgelegt werden. Es war nicht mehr
-ein auf haltlose Hypothesen gebautes nautisches Problem, wie zur Zeit
-des Columbus, welches den Eroberer Mexiko’s zu diesen Unternehmungen
-trieb, sondern ein weiter, staatsmännischer Blick; denn wenn sein
-neuspanisches Reich an die Hauptfahrbahn des Weltmeers gerückt wurde,
-mußte seinem Pflanzlande an einer solchen Weltstraße zwischen Europa
-und dem gewürzreichen Indien eine glänzende Entwicklung zu theil werden.
-
-All sein Sinnen und Trachten ging nur darauf aus, diese höchstwichtige
-Straße zu finden.[391] Er suchte sie entweder zwischen Mexiko und
-Florida, oder zwischen Florida und Neufundland. Die Fahrt durch diese
-Straße würde den Weg zu den Gewürzländern bedeutend abkürzen und ganz
-sicher sein, weil er stets durch spanisches Gebiet führe.
-
-An Stelle der beiden ersten auf der Werft von Zacatula verbrannten
-Caravelen wurden neue Schiffe gebaut und in den Jahren 1523 und 1524
-von beiden Gestaden Mexiko’s aus die Untersuchungen nach einer Passage
-fortgesetzt, aber umsonst. Und der Plan, die Schiffe an der Westseite
-bis zur Magalhãesstraße auszusenden, unterblieb, seitdem er selbst
-sich durch seinen (im nächsten Capitel zu schildernden) Feldzug von
-Honduras überzeugt hatte, daß bis dorthin keine Verbindung zwischen den
-beiden Meeren vorhanden sei. Dazu waren die weiter südlich gelegenen
-Striche in der Statthalterschaft von Darien bereits genauer bekannt,
-und kurz darauf nahmen die von Pizarro begonnenen Unternehmungen gegen
-Peru ihm nach dieser Seite die Arbeit ab. Um so lebhafter wurden die
-Forschungen in den nordwestlichen Gewässern, aber erst zehn Jahre
-später aufgenommen. Ehe er dazu vorschreiten konnte, mußte das weite
-Gebiet Neuspaniens am großen Ocean erst völlig unter die Verwaltung
-der neuen Herren gebracht und die Communication nach den Küstenplätzen
-geregelt sein.
-
-Zunächst war Cortes noch mit der Organisation des eigentlichen,
-engeren Gebiets von Mexiko beschäftigt. Ueber die Zahl der Städte,
-Dörfer und Bewohner wurden statistische Erhebungen veranstaltet. Der
-Landbau wurde durch Einfuhr von neuen Kulturgewächsen: Wein, Oliven,
-Orangen, Mandeln, Pfirsichen und Zuckerrohr bereichert, und für die
-Auffindung von Kupfer, welches zur Herstellung von Waffen von großer
-Wichtigkeit war, wurden Prämien ausgesetzt. So wurden im Lande selbst
-kupferne Feldschlangen gegossen, und da sich Salpeter und Schwefel in
-reichlicher Menge vorfand, auch das für den Kriegsbedarf erforderliche
-Pulver fabricirt.
-
-Dann wurden nacheinander zwei größere Expeditionen gegen Südosten
-ausgeschickt. Die eine unter Alvarado wendete sich zu Lande nach der
-Küste der Südsee und drang durch den heutigen Staat Guatemala bis in
-das Gebiet von S. Salvador vor, die andere unter +Olid+ nahm den
-Weg zur See nach Honduras.
-
-+Alvarado+ brach zuerst auf, angeregt durch das Gerücht von einem
-Kulturvolke, welches in den Landstrichen südlich von Tabasco wohnen
-sollte. Da der Fürst von Tehuantepec sich bereits den neuen Herrn
-von Mexiko unterworfen hatte, und dem Alvarado bei seinem Erscheinen
-auch Soconusco huldigte, so waren damit die Thore des Hochlandes von
-Guatemala, wo jenes gesuchte Kulturvolk seinen Sitz hatte, geöffnet.
-Ansteckende Krankheiten hatten dort kurz vorher die Hälfte der Bewohner
-hinweggerafft und ihre Widerstandsfähigkeit gebrochen; daher wurden
-die Abgesandten Alvarado’s freundlich aufgenommen und reich beschenkt
-entlassen. Diese Geschenke reizten aber den spanischen Heerführer nur
-noch mehr, das Land zu unterwerfen. Den Grundstock der Bevölkerung
-bildeten Mayastämme: die Quiché, die Kakchiquel, zur Zeit der Eroberung
-der mächtigste Stamm, und die Zutugil. Seit 1500 war Guatemala dem
-Aztekenreiche einverleibt gewesen; aber mit dem Fall von Mexiko hatte
-sich der Verband gelockert. Aztekische Ortsnamen reichten durch
-Guatemala bis nach Honduras; doch verdankte das alte Quichéreich
-den Tolteken seine Kultur. Unter der Anregung und Leitung dieser
-altamerikanischen Baumeister waren auch hier prächtige Steinbauten,
-Terrassentempel und mit reichen, buntbemalten Stuckaturen versehene
-Paläste entstanden, deren dicht überwachsene Ruinen nur theilweise erst
-wieder ans Licht gezogen und bekannt geworden sind.[392] Ihre Waffen
-bestanden in Schwertern mit Steinschneiden, Bogen, Pfeilen, zum Theil
-vergiftet, Lanzen und Schleudern; die Krieger trugen dicke, bis auf die
-Füße reichende und daher schwerfällige Baumwollpanzer. Der religiöse
-Cultus war ähnlich, wie in Mexiko.
-
-[Illustration: Karte zu den Feldzügen Alvarado’s nach Guatemala und des
-Cortes nach Honduras.]
-
-Am Ende des Jahres 1523 hatte Alvarado ein Heer von 120 Reitern und
-300 Mann spanischen Fußvolks, sowie 20,000 einheimische Krieger um
-sich versammelt und brach damit im Februar 1524 von der Südküste her,
-von Soconusco, in Guatemala ein. Unter großen Schwierigkeiten stieg
-er durch die Bergschluchten ins Hochland hinauf, wo sich ihm ein
-Heer von 60,000 Mann entgegenstellte. Aber diese Scharen wurden in
-mehreren Gefechten besiegt und die schwerfällig gepanzerten Krieger
-von den spanischen Reitern niedergeritten. Alvarado gründete die Stadt
-Quetzaltenango, welche nach dem prächtigen Vogel Quejal oder Quetzal
-(Trogon) benannt wurde, dessen lange, glänzend grüne Federn ein
-schmückendes Abzeichen des Adels waren. Oestlich von der Stadt wurde
-der Kampf erneuert. Der König Tecum Umam griff selbst die Spanier an,
-brachte das Pferd Alvarado’s zu Fall, wurde aber von der Lanze seines
-Gegners durchbohrt. Utatlan, die alte Hauptstadt der Quiché, stand in
-der Nähe des heutigen Sa. Cruz del Quiché. Der königliche Palast galt
-als eines der schönsten Gebäude in ganz Mittelamerika. Hieher lud der
-neue König, indem er sich scheinbar den Siegern unterwarf, die Spanier
-zu einem Besuche ein. Allein schon beim Einrücken in die Stadt wurde
-ihr Verdacht rege. Die Einwohner waren sämmtlich in Waffen, die Gassen
-der Stadt zeigten sich so schmal, daß die Rosse sich kaum bewegen
-konnten. In den Wohnungen waren Holz und Reißig in Menge aufgehäuft.
-Die indianischen Verbündeten Alvarado’s brachten bald bestimmtere
-Nachrichten von dem Plane des Feindes, die ganze Stadt sammt den
-Spaniern zu verbrennen, nachdem man die zu dem Orte führenden Brücken
-abgebrochen. Alvarado ritt scheinbar unbefangen in die Versammlung des
-Adels der Quiché und zog sich dann, unter dem Vorwande, erst für die
-Unterkunft der Pferde Sorge tragen zu wollen, zurück. Als dann der
-König mit seinen Edlen den Besuch im Lager der Spanier erwiderte, wurde
-er mit seinem Gefolge gefangen genommen. Man machte ihm zwar Hoffnung
-auf Befreiung, wenn er ein hohes Lösegeld an Gold zahle; aber ohne
-dieses abzuwarten, wurde sein Gefolge theils gehängt, theils lebendig
-verbrannt; dem Könige erwies man die Gnade der christlichen Taufe, ehe
-er ebenfalls mit dem Strange gerichtet wurde.[393] Die Burg der Quiché
-wurde zerstört und das Land unterworfen. Im April 1524 rückte Alvarado
-weiter nach Patinamit (Guatemala), der Hauptstadt der Kakchiquel. Der
-alte König kam den Spaniern in feierlichem Zuge friedlich entgegen und
-ersparte seinem Lande, indem er sich unterwarf, die Gräuel des Kriegs
-und der Verwüstung.
-
-Dann wurde auch der Fürst von Amatitlan aufgefordert, sich unter die
-Botmäßigkeit der Spanier zu begeben, aber trotzig ließ dieser die
-Abgesandten der Eroberer tödten und zwang Alvarado ihn zu züchtigen.
-Die Hauptburg des Landes lag im See von +Atitlan+, einem gegen 1000
-Meter hoch gelegenen Gebirgssee, der in malerischer Landschaft von drei
-Vulkanen überragt wird. Ein mehrfach durch Holzbrücken unterbrochener
-Damm führte zu dem Inselfelsen. Nach einem siegreichen Kampfe am
-Gestade des Sees drangen die Spanier zugleich mit den flüchtigen
-Indianern über die Brücken und bemeisterten die Burg. Mit ihrem Fall
-war der Widerstand des Volkes gebrochen.
-
-Von hier marschirte Alvarado ins Küstenland hinab nach Escuintla
-(Itzcuintlan); durch dichte, unwegsame Urwaldterrassen stieg er in drei
-Tagen ins Land hinunter, wo angebaute Felder und Sümpfe abwechselten.
-Nachdem die Hauptstadt überrumpelt und gestürmt war, unterwarf sich das
-Volk. Bei seinem weiteren Vorrücken gegen Südosten fand aber Alvarado
-das ganze Land unter Waffen, dazu wurden in der beginnenden Regenzeit
-die Wege immer schwieriger. Trotzdem drang er durch eine Reihe von
-Küstenstädten bis in das Gebiet des heutigen Staates S. Salvador.
-Vor der Küstenstadt Acayutla widersetzte sich ihm in fester Stellung
-ein großes Heer. Durch einen scheinbaren Rückzug wurde dasselbe
-aus seiner gut gewählten Position herausgelockt, und dann machten
-die Spanier Kehrt, die Reiter holten die Indianer, welche in ihren
-Panzern nicht entfliehen konnten, ein und ritten sie nieder. Alvarado,
-der durch mehrere empfangene Wunden über den Widerstand erbittert
-war, ließ es geschehen, daß die meisten am Boden liegenden Feinde
-abgeschlachtet wurden. Verheerend rückte er weiter bis Cuscatlan (S.
-Salvador). Dort aber zwang ihn der Regen zur Umkehr nach Guatemala.
-Mit neuen, von Mexiko kommenden Truppen wurden weitere Aufstände der
-Indianer unterdrückt, 1525 die Stadt S. Salvador gegründet und damit
-die Unterwerfung des Gebiets vollendet, in welchem eine ähnliche
-Besitzergreifung des Landes und Vertheilung der Bewohner an die
-Conquistadoren durchgeführt wurde, wie in Mexiko. Zwar wurden auch hier
-1529 Gesetze zum Schutz der Indianer erlassen und suchten seit 1538
-die Dominikaner sich der Unterworfenen anzunehmen, aber mit geringem
-Erfolg. Die alte Kultur wurde zertreten, das Volk geknechtet und
-decimirt und so das herrliche Land in die traurigste Lage gebracht, aus
-welcher es sich, auch nach Befreiung von der spanischen Herrschaft,
-nicht hat erheben können.
-
-Bald nachdem Alvarado seinen Eroberungszug begonnen, ging auch
-+Cristoval d’Olid+, ein Edelmann aus Baeza oder Linares, auf Cortes’
-Befehl, am 11. Januar 1524 von Vera Cruz unter Segel. Er sollte
-jenseits der Halbinsel Yukatan, an der Küste von Honduras eine
-Niederlassung gründen, um das Reich von Neuspanien möglichst weit gegen
-Südosten zu erweitern. Ein Geschwader von vier großen Schiffen und
-einer Brigantine, mit 400 Soldaten bemannt, sollte zunächst in Cuba
-anlaufen und sich dort mit Vorräthen versehen. Zu gleicher Zeit bekam
-(wie bereits oben S. 388 erwähnt ist) der Vetter des Cortes, Hurtado
-de Mendoza, den Auftrag, nach einer mittelamerikanischen Meerenge zu
-forschen, allein derselbe konnte wegen der eigenthümlichen Stellung,
-welche Olid bald einnahm, nicht ausgeführt werden. Cortes wirft nämlich
-seinem Unterfeldherrn vor, er habe sich von seinem alten Widersacher,
-Velasquez, dem Statthalter von Cuba, bei seiner Anwesenheit auf der
-Insel zum Abfall von seinem Oberfeldherrn verleiten lassen und, durch
-Velasquez beredet, den Plan gefaßt, seine Colonie von Neuspanien
-unabhängig zu gestalten. Wenn dieses Gerücht sich bestätigen sollte,
-schrieb Cortes bald darauf an den König, werde er mit Truppen nach
-Cuba gehen, den Velasquez gefangen nehmen und gefesselt nach Spanien
-dem Gericht überliefern. Olid sollte von Velasquez sogar die Zusage
-kräftiger Unterstützung bei seinen verrätherischen Plänen erhalten
-haben. Er ging von Cuba zunächst nach dem Golf von Higueras, wie man
-damals den inneren Theil des Golfs von Honduras nannte.[394] Vierzehn
-Meilen östlich vom Hafen Caballos[395] ging er am 3. Mai 1524 ans Land
-und nahm dasselbe zunächst noch im Namen des Cortes in Besitz. Die
-Stadt, welche er anlegte, erhielt nach dem Tage der Landung den Namen
-Triumfo de la Cruz. Das Land war weit und breit friedlich, die Indianer
-widersetzten sich den Fremden nirgends. Einzelne Spanier konnten ohne
-Belästigung die Gegend nach Gefallen durchstreifen.[396]
-
-Bald aber trat Olid mit seinen Plänen hervor und fand bei den meisten
-seiner Leute Zustimmung. Als die erste Kunde davon nach Mexiko
-gelangte, und zwar über Cuba, entsandte Cortes seinen Schwager
-+Francisco de las Casas+ mit vier Schiffen und 150 Mann nach
-Honduras,[397] wo Olid ihm die Landung verwehren wollte. Casas nahm
-die beiden Schiffe Olid’s mit Gewalt, während die Mannschaft ans Ufer
-entfloh. Unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur Uebergabe der
-Colonie zu treffen, bat Olid um Waffenstillstand, benutzte aber die
-Zeit, um seinen im Innern befindlichen Hauptmann Pedro de Briones mit
-seiner Schar herbeizurufen. Dieser erhielt aber zu gleicher Zeit eine
-Warnung durch Las Casas und zog es vor, dem Befehl seines Vorgesetzten
-nicht zu folgen und ihn im Stich zu lassen. So zog sich eine Kette
-des Verraths von S. Domingo, der Hauptstadt Indiens, über Mexiko
-bis zu den Wildnissen Centroamerika’s: Velasquez empört sich gegen
-Diego Colon, Cortes gegen Velasquez, Olid gegen Cortes, Briones gegen
-Olid.[398] In der nächsten Nacht warf ein Sturm die ganze Flotille
-des Las Casas an den Strand, 40 Mann ertranken dabei und der Capitän
-selbst gerieth in Olid’s Gefangenschaft. Dann nahm dieser auch den von
-Süden hergekommenen Gil Gonzalez, der mit seiner zusammengeschmolzenen
-Mannschaft ziellos umherschweifte, gefangen, behandelte aber beide
-Gegner mit äußerster Milde, zog sie ins Haus und an seinen Tisch,
-als ob er sie dadurch gewinnen wollte, gab ihnen aber dadurch die
-bequemste Gelegenheit, sich zu verständigen, wie man sich am sichersten
-des Usurpators entledigen könne. Sie fielen eines Mittags über Olid
-her, welcher, da er unbewaffnet war und sich nicht vertheidigen
-konnte, flüchten mußte, um das Leben zu retten, und sich im nahen
-Walde verbarg. Sein Versteck wurde durch einen Geistlichen verrathen.
-Seine Leute hatten ebenso leicht seine Partei verlassen, wie früher
-ergriffen; den Verschworenen der königlichen Partei wurde es dadurch
-leicht gemacht, sich seiner Person zu bemächtigen und ihm den Proceß zu
-machen. Er büßte seinen Verrath mit dem Leben. Dann gründete Las Casas
-die Stadt Trujillo[399] und entließ sämmtliche Spanier, welche sich der
-neuen Niederlassung nicht anschließen wollten, nach Mexiko oder Spanien.
-
-
-24. Cortes’ Feldzug nach Honduras.
-
-Dem Statthalter von Neuspanien lag seine Colonie in Honduras sehr am
-Herzen; mit großer Sorge hatte er die Nachricht von dem Verrathe seines
-Waffengefährten Olid erhalten, mit Spannung erwartete er günstigere
-Kunde über den Verlauf der Sendung seines Schwagers. Da aber jede
-Botschaft ausblieb, weil derselbe seine Schiffe verloren und selbst
-in Gefangenschaft gerathen war, so fürchtete er schon, sein Rivale
-Velasquez möchte in Gemeinschaft mit Olid in Honduras festen Fuß
-gefaßt haben und könnte ihn von dieser Seite her bedrohen oder seinem
-Pflanzlande Schwierigkeiten bereiten. Ehe er also von dem für ihn
-glücklichen Ausgang der Sendung des Las Casas vernommen, beschloß
-er selbst zu Lande nach Honduras zu ziehen und seinen ungehorsamen
-Vasallen zu bändigen.
-
-Nachdem er den Schatzmeister Alonso de Estrada zu seinem Stellvertreter
-in der Statthalterei ernannt hatte, verließ er mit seinen Truppen im
-October 1524 die Hauptstadt Mexiko. Um etwaigen Aufständen und Unruhen
-während seiner Abwesenheit vorzubeugen, veranlaßte er den letzten
-aztekischen Kaiser Guatemotzin und andere mexikanische Fürsten, ihn
-zu begleiten. Als Dolmetscherin folgte ihm wieder die bewährte Donna
-Marina. Wenn er den schwierigsten Weg zu Lande wählte, so wurde er
-dazu zum Theil durch den Besitz einer aztekischen Karte veranlaßt,
-welche ihm in der ersten Hälfte seines Marsches durch Angabe der
-hauptsächlichsten Oertlichkeiten wesentliche Dienste leistete; dann
-trieb ihn aber auch der Drang zu neuen Entdeckungen. Sollte zwischen
-Mexiko und Honduras eine Meerenge existiren, so mußte sie auf diese
-Weise sicher gefunden werden. Cortes sagt selbst, er sei mehrere Jahre
-bereits unthätig gewesen; der Abfall Olid’s bot ihm also die beste
-Gelegenheit, nicht nur diesen wieder zu unterwerfen, sondern auch sich
-zu neuen Thaten auszumachen und neue Länder zu entdecken. Niemand
-hat diesen Feuergeist treffender gezeichnet als sein Waffengefährte
-Bernal Diaz, wenn er schreibt: „Wie denn Cortes’ Gedanken immer sehr
-hoch gingen, so gedachte er in allen Dingen den König Alexander von
-Macedonien nachzuahmen.“[400]
-
-Seine Schar bestand aus 140 Arkebusieren und Armbrustschützen und aus
-93 Reitern, dazu kamen noch 3000 Mann indianischer Hilfstruppen. So
-lang der Weg von dem Plateau von Anahuac nach der Landschaft Tabasco
-führte, fand er gebahnte Straßen und konnte sich auf der mitgenommenen
-Karte orientiren. Vom Isthmus von Tehuantepec bis an die Wurzel
-der Halbinsel Yukatan ist aber das Küstenland von einem Gewirre
-wasserreicher Flußadern durchzogen. Die Kulturen der Indianer bilden
-nur Oasen in dem Waldlande und zwischen den ausgedehnten Sümpfen. Der
-Verkehr der Eingeborenen ist fast ganz auf die zahlreichen Wasserwege
-angewiesen, und ein Marsch mit Truppen und Heerestroß wird ebenso
-häufig durch die von Wald umschlossenen Wasserläufe, welche meist
-erst überbrückt werden mußten, aufgehalten, als die Verpflegung einer
-größeren Menschenmenge in den Urwaldwildnissen immer mehr erschwert
-wird.
-
-In Tabasco versanken die Pferde zwischen Chilapan und Tepetitan fast
-im Sumpfe[401]. Die indianischen Ortschaften waren beinahe alle
-niedergebrannt und verlassen, man fand nur noch wenig Getreide vor
-und mußte sich mit unreifen, von den Feldern gepflückten Maiskolben
-behelfen. Ehe man das ganze Heer der Gefahr aussetzte, in den
-Wüsteneien zu verhungern, mußte man einige Abtheilungen auf Kundschaft
-voraussenden. „In Tepetitan,“ berichtet Cortes, „fanden wir +einen+
-Indianer. Der Mann kannte den Weg nach Iztapan, dem nächsten Ort auf
-meiner Karte, nicht. Es gäbe dahin keinen Landweg, doch unternahm er
-uns zu führen. Mit diesem Indianer sandte ich 30 Reiter und 30 Mann
-zu Fuß voraus mit dem Befehl Iztapan aufzusuchen und mir dann eine
-genaue Beschreibung ihres Weges zu machen, der ich folgen könnte. Ich
-beschloß so lange Rast zu machen, bis ich von ihnen eine Nachricht
-bekäme. Nach zwei Tagen, als weder ein Brief noch eine Meldung eintraf,
-beschloß ich, da die Truppen bereits Mangel litten, ihnen zu folgen,
-ohne Führer, ohne andere Anzeichen als die Spuren der Vorausgesandten
-in den Schlammsümpfen, welche das ganze Land bedeckten, und ich kann
-Ew. Majestät versichern, daß selbst auf den höheren Stellen unsere
-Pferde, die wir am Zügel führten, bis an den Gurt in den Morast
-sanken. So marschirten wir zwei Tage ohne irgend eine Nachricht zu
-erhalten, so daß ich fast rathlos wurde. Ich konnte nicht zurück, und
-vorwärts zu gehen ohne Gewißheit von der Richtung des einzuschlagenden
-Weges, war eben so gefährlich. In dieser Noth, als wir erschöpft
-und niedergeschlagen schon fürchteten verhungern zu müssen, kamen
-zwei Indianer mit Briefen von der vorausgeschickten Schar.“ Dieselbe
-hatte Iztapan erreicht. Der Ort lag, von Sümpfen umgeben, an einem
-großen Flusse und war voll Indianer, welche sich durch die Natur der
-Oertlichkeit sicher glaubten. Als sie aber sahen, daß die spanischen
-Reiter durch den Fluß schwammen, wollten sie das Dorf in Brand stecken.
-Hieran wurden sie zwar durch die Spanier gehindert; doch begann eine
-allgemeine Flucht auf Böten, oder schwimmend, wobei viele ertranken.
-In Iztapan fand man ausreichende Lebensmittel, und die Truppen konnten
-sich erholen, auch gelang es ihnen die Einwohner zu beruhigen und
-zur Rückkehr ins Dorf zu bewegen. Der Beschreibung nach lag dasselbe
-am Usumaçinta, dem größten Flusse Mittelamerika’s, dessen Gebiet den
-ganzen Norden der gegenwärtigen Republik Guatemala umfaßt, und der sich
-nach einem Lauf von über 100 Meilen in die Laguna de Terminos ergießt.
-
-Beim Weitermarsch gegen Südosten gerieth das Heer in den dichtesten
-Urwald, wo die indianischen Führer den Weg verloren. Der Wald war
-undurchdringlich und hemmte jeden weitern Blick, selbst von dem Gipfel
-der mächtigen Bäume, zu welchen die Späher hinaufkletterten, konnte
-man höchstens einen Steinwurf weit sehen. Man mußte umkehren, um
-den Pferden, die seit 18 Stunden nichts zu fressen bekommen hatten,
-Futter zu verschaffen. Die Menschen waren vor Erschöpfung und Hunger
-halb todt. Da ließ sich Cortes seinen Schiffscompaß bringen, welcher
-ihm schon oft große Dienste geleistet hatte, aber nie mehr als in
-dieser gefährlichen Lage,[402] er erkundigte sich bei den begleitenden
-Eingebornen nach der Lage des Dorfes, wohin sie sie hatten führen
-wollen, und schloß daraus, daß ein Marsch in nordöstlicher Richtung sie
-dahin bringen werde. Der Weg wurde nach der angegebenen Himmelsgegend
-gebahnt und das Dorf glücklich gefunden. Die freudige Aufregung über
-die Entdeckung des Ortes war so groß, daß die meisten Leute, ohne auf
-die weiten Sümpfe vor ihnen zu achten, gerade auf die in der Ferne
-sichtbare Ansiedlung zueilten, wobei manche Pferde so tief in den
-Morast einsanken, daß man sie erst am nächsten Tage herausbringen
-konnte, denn in ihrem Hunger hatten die Reiter sie im Stich gelassen.
-Glücklicherweise ging kein Thier dabei verloren. Auch dieser, am
-Usumaçinta gelegene Ort war niedergebrannt und verlassen, bot aber für
-alle Mannschaften genug Vorräthe, so daß man sich eine Rast von acht
-Tagen gönnte. Der directe Weg nach Honduras hatte sich als unmöglich
-erwiesen, Cortes mußte in einem nördlichen Bogen ausweichend, durch
-Yukatan sein Ziel zu erreichen suchen. Er setzte über den Fluß und zog
-nach der Landschaft Acalan, welche an die Laguna de Terminos stößt.
-Nach einem dreitägigen Marsch durch die Bergwälder wurde der Zug durch
-einen weiten Sumpfsee aufgehalten. Die Führer meinten, man brauche 20
-Tage, um ihn zu umgehen. Mittelst eines kleinen Kahns, den man fand,
-wurde das Wasser untersucht, es war vier Klafter tief und an den
-zusammengebundenen Speeren, die man hinabsenkte, zeigte es sich, daß
-eine zwei Klafter dicke Schlammschicht den Boden bedeckte. Der Sumpf
-war nicht zu durchwaten und wegen der vielen Bäume und verschlungenen
-Wurzeln in demselben konnten auch die Pferde nicht hindurchschwimmen.
-Da die Lagune nur etwa 500 Schritt breit schien, entschloß sich Cortes,
-eine Brücke zu bauen. Man fertigte mehrere Flöße an und trieb von
-ihnen aus eine Reihe von 9 bis 10 Klafter langen Pfosten senkrecht
-in den Boden. Die schwere Arbeit erschöpfte die Kräfte der Spanier,
-die zu ihrer Nahrung nur wildwachsende Kräuter und Wurzeln hatten,
-derart, daß sie sich weigerten, sie weiter zu führen. Da erklärte
-Cortes, dann werde er mit seinen Indianern, denen er bei seiner
-Rückkehr nach Mexiko reichliche Belohnung versprach, den Bau allein
-vollenden. Jenseit des Sumpfes läge das fruchtbare Acalan; man müsse
-über das Wasser, oder davor verhungern, denn hinter ihnen seien durch
-die vom Regen angeschwellten Bäche alle ihre Brücken weggerissen.
-Diese Erwägungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Spanier legten
-mit Hand an und in vier Tagen wurde die Brücke fertig, zu der man
-gegen 1000 Stämme gefällt und eingerammt hatte. Aber nachdem der
-See glücklich überwunden war, gerieth man wieder in Sümpfe, wo die
-Pferde tief einsanken; man mußte ihnen, da sie, unruhig geworden,
-immer tiefer zu versinken drohten, Reißigbündel und Buschwerk unter
-den Bauch schieben, um sie zu erhalten. Glücklicherweise kamen einige
-vorausgesandte Spanier mit 80 Indianern zurück, welche von Acalan
-Lebensmittel brachten. Die Hauptstadt Çancanar (Izancanas) lag am Ufer
-einer Seebucht, die sich bis zur Laguna de Terminos erstreckte. Der
-Fürst von Acalan unterstützte die Spanier nach Kräften und zeigte ihrem
-Heerführer auf einer Karte, welchen Weg er einzuschlagen habe.[403]
-Acalan ist fast ganz von Seen und Sümpfen umgeben, die mit der Bai
-von Terminos in Verbindung stehen, und da das Land gut bevölkert und
-reich an Produkten war, so trieben die Bewohner einen lebhaften Handel
-nach Tabasco. Ob, wie man damals im Lande behauptete, das nordöstlich
-gelegene Yukatan eine Insel sei, wollte Cortes auf seinem weiteren
-Zuge zunächst ermitteln. Am ersten Sonntag in den Fasten des Jahres
-1525 zog er mit indianischen Führern weiter. Während dieses Marsches
-durch Acalan erfolgte die +Hinrichtung Guatemotzins+ und des Fürsten
-von Tacuba, weil sie die Absicht gehabt haben sollten, alle Spanier
-sammt Cortes niederzumachen, Mexiko zur Befreiung aufzurufen und das
-Joch der Fremden abzuschütteln. Ob eine solche Verschwörung wirklich
-stattgefunden, ist nicht erwiesen. Befremdlich bleibt die Eile, mit
-welcher Cortes, sobald ihm von dem Plan der aztekischen Fürsten eine
-Mittheilung geworden, Verhör, Verurtheilung und Vollstreckung des
-Urtheils aufeinander folgen ließ. Aber die rasche Entscheidung war
-wohl durch die schwierige Lage geboten, in welcher sich die ganze
-Unternehmung befand. Da Cortes niemals leichtfertige und unnütze
-Bluturtheile gefällt hat, so müssen auch bei dieser wichtigen
-Entscheidung die Verdachtsgründe schwerwiegend gewesen sein. „Als
-ich mich überzeugt hatte,“ schreibt er an Karl V., „daß diese beiden
-(Guatemotzin und Tacuba) die Hauptschuldigen seien, gab ich Befehl, sie
-zu hängen, und so wurden sie gehängt.“[404] Sich rasch zu entschließen
-und ungesäumt zu handeln, lag in seiner Art; aber in diesem Falle kam
-selbst den begleitenden Spaniern der Verlauf des Processes binnen 24
-Stunden so unerwartet und plötzlich, daß sie an der Rechtmäßigkeit
-des Spruches zweifelten. Bernal Diaz erklärt unumwunden, daß der Tod
-der aztekischen Fürsten ihn aufs tiefste geschmerzt und daß derselbe
-in den Augen aller, die den Zug mitmachten, eine Ungerechtigkeit
-gewesen sei.[405] Jedenfalls verfehlte das summarische Verfahren auf
-die übrigen Mitwisser des Planes seine Wirkung nicht; sie schrieben
-dem spanischen Heerführer Zauberkräfte zu und meinten, er bringe alle
-Geheimnisse durch seine Seekarte und seinen Compaß (~carte de marear
-y un ahuja~) heraus. Cortes ließ sie bei dem Wahn, welcher ihn seinen
-Gegnern so furchtbar machte.
-
-Von Acalan zog er gegen Südosten zum Peténsee in der Landschaft Taiza,
-welcher auf allen Seiten von 60 bis 150 Meter hohen, waldbedeckten
-Kalksteinketten umgeben ist und keinen oberirdischen Abfluß hat. Die
-Halbinsel, welche von Osten her in den See hineinragt und denselben in
-ein nördliches und südliches Becken theilt, ist noch mit künstlichen
-Hügeln bedeckt, auf denen die Spuren alter Gebäude zu sehen sind.[406]
-Zu Cortes’ Zeit lag die Hauptstadt des Gebiets auf einer Insel am Ende
-dieser Landzunge und umfaßte eine Menge Tempel und Steinbilder. Von
-menschenleeren Wildnissen umgeben, behauptete sich hier ein kleiner
-selbstständiger Staat, welcher erst 1697 von den Spaniern zertrümmert
-wurde.[407] Denn wenn sich auch bei Cortes’ Ankunft der Fürst des
-Landes der spanischen Oberhoheit unterwarf und Geschenke brachte, so
-hatte doch diese Herrschaft nur bis zum Abzuge der Spanier Bestand.
-
-Weiter ging der Zug zuerst über ebenes, nur hier und da waldiges Land;
-dann gelangte man aber an mehrere Reihen niedriger, sehr steiler
-Bergzüge, welche dem Vorrücken die größten Schwierigkeiten bereiteten.
-Ueber die erste Kette konnte man die Pferde am Zügel noch sicher
-hinüberführen, auf der zweiten verloren die Reitthiere fast alle
-die Hufeisen, so daß man einen Rasttag machen mußte, um dieselben
-wieder zu beschlagen. Dann folgte aber der beschwerlichste von allen
-Paßübergängen. Das Gebirge war von unbeschreiblicher Wildheit[408].
-Man brauchte 12 Tage zu einem Wege von 8 Meilen und verlor eine Anzahl
-von Rossen durch Sturz von jähen Felsen, oder durch Erschöpfung. Alle
-Thiere waren beschädigt und blieben drei Monate zum Reiten untauglich.
-Dabei regnete es Tag und Nacht unaufhörlich und trotzdem litten Roß
-und Mann Durst, weil zwischen den schneidigen Felskämmen sich nirgend
-Wasser ansammelte und das, was man in Gefäßen zur Nachtzeit auffing,
-für das Heer nur auf kurze Zeit ausreichte. Ein Neffe des Cortes erlitt
-durch den Sturz seines Pferdes mehrfachen Beinbruch in schwerer Rüstung
-und konnte nur mit Mühe fortgebracht werden. Am Fuß dieses Gebirges,
-dem die Spanier den Namen Feuersteingebirge beilegten, mußten wieder
-gegen 20 Bergschluchten, in denen das Regenwasser über Klippen brauste,
-überbrückt werden. Erst am 15. April, am Tage vor Ostern, waren die
-bedeutendsten Schwierigkeiten überwunden und erfuhr Cortes hoch
-erfreut, daß er nur noch einige Tagereisen von der durch Gil Gonzalez
-in Nito gegründeten Niederlassung entfernt sei. Man war also endlich
-bis in die Nähe des Golfs von Honduras vorgedrungen und hatte den
-Polochic erreicht, der sich in den Golfo dulce ergießt und aus diesem,
-nach einer zweiten seenartigen Erweiterung als Rio dulce in die Bucht
-von Amatique, den innern Theil des Golfes von Honduras, fällt. Die
-spanische Colonie konnte allerdings den heranziehenden Truppen keine
-Unterstützung gewähren, denn fast alle Ansiedler lagen fieberkrank
-darnieder und litten Mangel, so daß ohne Cortes’ Dazwischenkunft ihr
-Schicksal besiegelt schien. Statt also mit dem Reste seiner noch
-kriegstüchtigen Mannschaft sofort weiter auf Olid’s Niederlassung
-marschiren zu können, mußten zunächst für die Truppen und Colonisten
-neue Vorräthe vom Golfo dulce herbeigeschafft werden. Uebrigens hoffte
-Cortes bei dieser Gelegenheit mancherlei nützliche Entdeckungen im
-Binnenlande machen zu können. Er unternahm diese Fahrt mit einer
-Brigantine, zwei Böten und vier Canoes. In dem tiefen Fahrwasser des
-Rio dulce, der zwischen 100 Meter hohen malerischen Felswänden in den
-See mündet, gelangte die kleine Flotille, gegen den Strom rudernd,
-in einer anstrengenden Fahrt von zwei Nächten und einem Tage zu der
-ersten nur zwei Leguas vom Meere entfernten Flußerweiterung, einem
-von sumpfigen Ufern umgebenen Flußsee, und von hier nach 24 stündiger
-Arbeit durch die zweite Flußenge in den Golfo dulce oder den See von
-Izabal, wie er nach einem neuerdings an der Südseite angelegten Orte
-benannt wird. Dieser See, welcher etwa 30 engl. Meilen lang und 12
-Meilen breit ist, wird von hohen Bergketten umrahmt. Am südlichen Ufer
-ging Cortes ans Land, fand aber das erste Dorf verlassen; denn offenbar
-hatten die Indianer die Fahrzeuge ankommen sehen und sich geflüchtet.
-Nur ein einziger rauher Bergpfad führte südlich vom See an den
-Micobergen entlang nach Westen. Unter Führung von zwei eingefangenen
-Indianern folgte man dem Pfade, mußte auf dem Steilgehänge theilweise
-auf Händen und Füßen weiter klettern, mehrere Bergströme durchwaten
-und endlich, von Moskitos gepeinigt, unter Sturm und Regen die Nacht
-zubringen. In der Morgendämmerung wurde das nächste Dorf überfallen;
-da es aber wenig Lebensmittel bot, erkundigte sich Cortes nach
-größeren Ortschaften und gelangte endlich nach Chacujal.[409] Eine
-Stadt von dieser Ausdehnung mit Tempeln, Steingebäuden und großem
-Platze hatte man seit Acalan nicht mehr angetroffen. Es schien daher
-zweifelhaft, ob man mit der geringen Mannschaft den volkreichen Ort
-werde bezwingen können. Einige riethen zur Umkehr, aber Cortes hoffte
-durch Verwegenheit die Einwohner zu entwaffnen. Er überfiel den Ort
-bei Nacht, vertrieb die Bewohner und bemächtigte sich der reichen
-Vorräthe an trocknem Mais, Cacao, Bohnen, Pfeffer, Salz, Hühnern und
-einer Art Fasanen, die man in Käfigen hielt; außerdem fand man hübsche
-Webstoffe und rohe Baumwolle. Hier blieb die kleine Schar 18 Tage, ging
-dann nordwärts ins Thal des Polochic hinab und holte, da sich der Fluß
-schiffbar erwies, ein Boot und ein Canoe vom Golfo dulce herauf, um bei
-dem Transporte von Lebensmitteln Hilfe zu leisten. Cortes ließ dann
-vier Flöße bauen, um die Lebensmittel, namentlich Mais, auf dem Fluß
-herunter zu schaffen. Da man während der Fahrt auf dem Wasser erwartete
-von den Indianern angegriffen zu werden, so wurde die Mannschaft
-getheilt und begleitete entweder die Schiffsfracht oder ging zu Lande
-an den See (Golfo dulce) hinunter, wo ein Sammelplatz bestimmt war.
-Cortes selbst überwachte die Beförderung der Vorräthe auf den Flößen.
-Das Canoe wurde vorausgesandt, um nach etwaigen Hinterhalten der
-Indianer auszuspähen, dann folgten die Flöße und zuletzt das Boot,
-in welchem Cortes mit zwei Armbrustschützen sich befand, um, wenn
-nöthig, den Flößen beispringen zu können. Die Flußfahrt war gefährlich,
-sowohl wegen der bedeutenden Strömung, als auch wegen der Angriffe der
-Indianer. Gegen Abend stieß ein Floß so heftig gegen einen im Flußbett
-festsitzenden Baumstamm, daß es ganz untertauchte und die Hälfte der
-Ladung verlor. Bei einer Wendung des Stroms, wo die Fahrzeuge durch den
-Strudel hart an den einen Uferrand getrieben wurden, erwarteten sie
-die Indianer und überschütteten sie mit einem Hagel von Geschossen, so
-daß fast alle Spanier verwundet wurden. Cortes selbst, der seinen Helm
-abgenommen, erhielt einen Steinwurf an den Kopf. Glücklicherweise war
-das Wasser an jener Stelle tief, die Ufer hoch, so daß die Fahrzeuge
-in wenigen Minuten an dem Hinterhalte vorbeigetrieben wurden. Auch
-war die Nacht zu dunkel, um den Angreifern deutliche Zielpunkte
-für ihre Geschosse zu zeigen. Am nächsten Tage erreichte man den
-Golfo dulce und fand die Brigantine zur Stelle. Die von den Flößen
-hinübergeschafften Vorräthe wurden aus den Maisfeldern am See, wo
-inzwischen das Getreide zur Reife gelangt war, noch vervollständigt,
-und als die von Chacujal zu Lande kommende Schar ebenfalls eingetroffen
-war, kehrte die Expedition, nach Verlauf von 25 Tagen, befriedigt zur
-Niederlassung an der Bai St. Andres zurück. Der Platz der bisherigen
-Ansiedlung wurde wegen seiner ungesunden Lage aufgegeben und weiter
-ostwärts eine neue Stadt gegründet, welche den Namen Natividad de
-nuestra señora erhielt. Dann erst brach Cortes nach dem letzten Ziel
-seines mühevollen Zuges, nach Triumfo de la Cruz, der Niederlassung
-Olid’s, auf. Hier erfuhr er den Tod seines ungetreuen Vasallen; das
-ganze Unternehmen erwies sich somit eigentlich als unnöthig. Aber
-unermüdlich, und trotz aller Strapazen immer noch mit weiter gehenden
-Plänen beschäftigt, hoffte er die Küste von Honduras zum Ausgangspunkt
-weiterer Eroberungen zu machen. Die Indianer der Umgebung von Trujillo,
-dessen Hafen sich besonders günstig erwies, wußte er zu beruhigen,
-so daß sie den Platz wieder mit Lebensmitteln versorgten, und befuhr
-die weiter nach Osten streichenden Küsten, um auch Nicaragua seinem
-Colonialreiche einzuverleiben. Allein diese Unternehmung fand einen
-vorzeitigen Abschluß, weil in Mexiko Unruhen ausgebrochen waren, da
-sich das Gerücht verbreitet hatte, Cortes sei in den Sümpfen von
-Chiapas, südlich von Tabasco, mit seinem ganzen Heere umgekommen. Er
-wollte rasch zu Schiffe die Rhede von Vera Cruz zu erreichen suchen,
-aber zweimal trieb der Sturm das Fahrzeug mit gebrochenem Maste an die
-Küste zurück. Cortes lag am Fieber schwer krank darnieder. Erst am 25.
-April 1526 konnte er Honduras verlassen, erreichte Ende Mai Vera Cruz
-und hielt im Juni seinen festlichen Einzug in Mexiko.
-
-Vier Wochen später langte Luis Ponçe de Leon als Bevollmächtigter der
-spanischen Regierung dort an, um die von den Widersachern des Cortes
-vorgebrachten Klagen über Verschwendung der Staatsgelder zu unnützen
-Unternehmungen zu untersuchen und die Civilverwaltung von Neuspanien
-zu übernehmen. Man hatte in Europa sogar das verleumderische Gerücht
-verbreitet, Cortes wolle sich ganz unabhängig machen. Da aber Ponçe de
-Leon, dessen trefflicher, unparteiischer Charakter gerühmt wird, leider
-bald starb, so folgte ihm zuerst Marcos de Aguilar und nach dessen
-Tode der Schatzmeister Estrada, welcher, voll feindlicher Gesinnung,
-danach trachtete, den Eroberer von Mexiko zu demüthigen; er verbannte
-ihn aus der Hauptstadt, und wenn er auch bald darauf diesen Befehl
-zurücknahm und sich mit Cortes zu versöhnen suchte, so vermied dieser
-doch absichtlich, die Stadt Mexiko zu betreten.[410]
-
-
-25. Cortes’ spätere Unternehmungen und sein Tod.
-
-Um den unaufhörlichen Verleumdungen und Beschuldigungen, welche seine
-Feinde in Spanien gegen ihn erhoben und welche darin gipfelten, daß er
-den Tod der kaiserlichen Statthalter durch Gift veranlaßt habe, auf das
-kräftigste entgegentreten zu können, beschloß Cortes, sich persönlich
-nach Spanien zu begeben, um mündlich seine Sache zu führen und sich zu
-rechtfertigen. In seinem Gefolge befanden sich mehrere treuergebene
-Ritter, namentlich Sandoval, sodann die Söhne der Fürsten von Tlascala,
-eine Anzahl Gaukler, indianische Tänzer und Zwerge, von denen einige
-später dem Papste verehrt wurden, und endlich Proben von verschiedenen
-merkwürdigen Landesprodukten, dazu kam noch eine reiche Sammlung von
-Edelsteinen, 200,000 ~pesos d’oro~ und 1500 Mark Silber. Die Fahrt ging
-rasch von statten und in 41 Tagen segelte er, ohne irgendwo anzuhalten,
-über den Ocean und landete im December 1527 bei dem Kloster La Rabida
-vor Palos. Dort traf er mit Franz Pizarro zusammen, welcher ebenfalls
-in die Heimat geeilt war, um für seine kühnen Eroberungspläne sich die
-Unterstützung der Regierung zu sichern und die Geldmittel aufzutreiben.
-Cortes erlitt kurz nach seiner Landung einen schmerzlichen Verlust,
-denn es starb sein treuer Waffenbruder Gonzalo de Sandoval, welcher
-bereits krank ans Land gebracht war, kurze Zeit darauf in Palos, im
-kräftigsten Mannesalter, erst 31 Jahre alt. Er war der ausgezeichnetste
-unter den Gefährten des Cortes; in seinem 22. Jahre kam er nach Mexiko
-und erwies sich überaus tapfer und entschlossen. Sein grades, offnes
-Wesen, sein schlichtes Aeußere, seine ritterliche Freigebigkeit bei
-der Austheilung der Beute, seine Besonnenheit und Ruhe in der Gefahr,
-machten ihn zum Liebling aller Soldaten. Und wenn man auch hie und da
-seine Art zu sprechen -- er stieß nämlich mit der Zunge an -- im Lager
-nachahmte; seine Befehle wurden befolgt, sein Vorbild riß die Lässigen
-mit fort. Cortes verlor in ihm seine zuverlässigste Stütze.
-
-In Toledo empfing ihn Karl V. in glänzender Audienz und ließ ihm auch
-die Urkunde[411] über seine bereits 1522 erfolgte Ernennung zum Marques
-de Valle (nämlich Oaxaca) aushändigen, wobei ihm in diesem schönsten
-Theile Neuspaniens große Ländereien als Eigenthum überwiesen wurden.
-Aber die Regierung von Mexiko erhielt er nicht zurück, sondern nur das
-Commando über die Militärmacht. Im Frühjahr 1530 kehrte er, vor seinen
-Feinden allerdings gerechtfertigt, aber doch unbefriedigt, weil ihm
-die Civilverwaltung entzogen war, nach Mexiko zurück und beschäftigte
-sich einige Jahre auf seinen Gütern, namentlich in Cuernavaca, südlich
-von der Hauptstadt, mit dem Landbau, bis er im Jahre 1532 seine
-Entdeckungen in dem westlichen Ocean wieder ausnahm.
-
-Die erste von ihm ausgerüstete Expedition ging unter seinem Vetter
-+Diego Hurtado de Mendoza+ am 30. Juni 1532 mit zwei Schiffen von
-Acapulco aus, ging an der Westküste nach Norden, entdeckte die kleine
-Inselgruppe der „drei Marien“ (~las tres Marias~) zwischen 21 und 22°
-n. Br., erreichte weiterhin Culiacan in Sonora, welches in späteren
-Zeiten der Ausgangspunkt merkwürdiger Entdeckungszüge wurde und segelte
-von da nach der Küste der Halbinsel Californien hinüber. Dort brach
-unter dem Schiffsvolk eine Meuterei aus, der Capitän Mendoza wurde
-erschlagen, die beiden Schiffe trennten sich, das Hauptschiff mit den
-Meuterern blieb verschollen, das andere kehrte nach Jalisco zurück.
-
-Auch die zweite Expedition, welche bereits im October 1533 segelfertig
-war, wurde von Misgeschick verfolgt. Die beiden Schiffe, welche am
-30. October von St. Jago (19° n. Br.) ausgingen, wurden schon am
-nächsten Tage durch Sturm getrennt und vereinigten sich nicht wieder.
-Der Capitän des Hauptschiffes, +Diego Bezerra+, wurde von seinem
-Lotsen Fortun Ximenes im Schlaf überfallen und getödtet. Dann steuerte
-dieser nach Californien hinüber, wurde aber bei seiner Landung in
-der Bai von Sa. Cruz (jetzt Bahia de la Paz) mit etwa zwanzig seiner
-Leute von Indianern erschlagen. Die übrige Mannschaft kehrte darauf
-nach dem Hafen von Chamatla, südlich von Mazatlan, zurück. Das andere
-Schiff unter Hernando de Grijalva und dem Portugiesen Martin de Acosta
-als Pilot suchte zuerst nach dem Sturm das Hauptschiff in südlicher
-Richtung, angeblich bis 13½° n. Br.,[412] wandte sich am 9. November
-wieder nordwärts, kam aber, von Windstillen aufgehalten, nur langsam
-vorwärts, ging am 7. December über den Wendekreis und entdeckte, sich
-wiederum nach S.-W. wendend, am 28. December die Revilla-Gigedo-Gruppe,
-deren Hauptinsel San Tomas (jetzt Socorro) genannt wurde. Nachdem man
-durch Errichtung eines Kreuzes von der Entdeckung Besitz genommen, ging
-man an die Küste Neuspaniens zurück und lief im Januar 1534 in den
-Hafen von Zacatula (18° n. Br.) ein.
-
-Da die bisherigen Resultate den Erwartungen, welche +Cortes+ von
-diesen Fahrten gehegt hatte, zu wenig entsprachen, so machte er sich
-im Jahre 1535 selbst auf mit drei Schiffen, welche er in Tehuantepec
-hatte bauen lassen und nach Chamatla (Chiametlan, 23° n. Br.) schickte,
-wo er sich an Bord begab und am 15. April 1535 unter Segel ging. Am
-3. Mai erreichte er die Friedensbucht an der Halbinsel Californien
-und fand dort den Tod des Lotsen Ximenes bestätigt. Seine Versuche,
-sich dort festzusetzen, schlugen, bei der Unfruchtbarkeit des Landes,
-fehl. Von hier ging er noch 50 Meilen in den Golf von Californien
-nordwärts, lief auf der Rückkehr noch einmal in der Friedensbucht an,
-verlor aber, da die Lebensmittel ausgingen, viel Mannschaft; denn die
-wenigen Eingebornen, welche man antraf, nährten sich kärglich nur vom
-Fischfange. Man hatte ihn in Mexiko bereits aufgegeben, als er im
-Anfang des Jahres 1537 nach Acapulco zurückkam. Trotz aller Miserfolge
-schickte Cortes im nächsten Jahre noch einmal den +Francisco Ulloa+
-von Acapulco ab. Eins von den drei Schiffen ging kurz nach der Abfahrt
-(8. Juli 1538) unter, die beiden andern steuerten nach der Halbinsel
-Californien und erreichten an der Westseite die Punta del Engaño[413]
-(Cabo bajo), unter 21½° n. B. Da das eine der beiden Schiffe stark
-beschädigt war, so ging es nach der Westküste von Mexiko zurück, wo
-es glücklich anlangte. Ulloa setzte in der „Trinidad“ allein seine
-Entdeckungsfahrt fort und kehrte nicht zurück.
-
-Cortes blieb trotz aller Unglücksfälle unerschütterlich. Das Glück
-versagte ihm beharrlich auf dem Meere die Ruhmestitel, womit es seine
-Unternehmungen zu Lande ausgezeichnet hatte. Wenn daher der Vicekönig
-von Neuspanien, Mendoza, ihm nicht gestatten wollte, dem westlichen
-Ocean weitere Opfer zu bringen, so fühlte sich Cortes dadurch in seinem
-eigentlichen Amte als Oberfeldherr und Befehlshaber an der Küste der
-Südsee beeinträchtigt. Sein Geist war viel zu lebhaft, um sich in
-müßiger Ruhe dem Genusse des Errungenen hinzugeben. Um die Entscheidung
-über seine Differenz mit dem Vicekönig dem König vorzulegen, ging er
-1540 zum zweitenmale nach Spanien. Aber Karl V. empfing ihn ziemlich
-kühl, und so blieb Cortes, nachdem er 1541 an Karls Feldzug gegen
-Algier theilgenommen hatte, jahrelang auf günstigen Bescheid hoffend in
-Spanien, bis er am 2. December 1547 in Castilleja de la Cuesta, einem
-Dorfe bei Sevilla, starb. Er war 63 Jahre alt geworden. Sein Schicksal
-erinnert an das des Columbus. In den späteren Jahren war sein Name
-schon halb vergessen und durch den Glanz des peruanischen Goldes auch
-sein Ruhm verdunkelt. Er starb wie Columbus, in beständiger Erwartung,
-wieder in seine Rechte eingesetzt zu werden. Die Sonne, die im Zenith
-gestrahlt und am Abend hinter Wolken untergeht, ist ein treffendes
-Bild, welches auf beide Entdecker paßt. Aber Cortes war ein reicher
-Mann geworden, Columbus starb in Dürftigkeit. Seine Gebeine wurden 1562
-nach Neuspanien und zwar nach Tezcuco gebracht, dann 1629 in der Kirche
-des heiligen Francisco in Mexiko beigesetzt und 1794 in das von ihm
-gegründete Hospital Jesus von Nazareth übergeführt. Von hier wurden
-die irdischen Überreste 1823 während des Aufstandes entfernt, man weiß
-nicht, wohin? Seine männlichen Nachkommen starben im vierten Gliede aus.
-
-[Illustration: Rüstung von Ferdinand Cortes (Madrid, Waffenmuseum).]
-
-Cortes war von hoher kräftiger Gestalt, der Ausdruck seines bleichen
-Gesichtes war gewöhnlich ernst; er trug einen dünnen, schwarzen Bart,
-den er in späteren Jahren, als er ergraute, zu färben liebte. Er
-war ein vorzüglicher Reiter und in jeder Kampfesart, zu Fuß oder zu
-Roß, sehr gewandt. Als junger Mann soll er auf Hispaniola manchen
-Liebeshandel mit Frauen und manchen Degenkampf mit Männern bestanden
-haben. Bei einer solchen Gelegenheit war er im Gesicht verwundet und
-trug davon am Kinn eine Narbe, welche der Bart nicht ganz verdeckte.
-Karten- und Würfelspiel liebte er auch noch im Lager, aber er
-blieb dabei stets, auch wenn er verlor, guter Laune. Seine äußere
-Erscheinung, seine Haltung, sein Gang, sein Benehmen verriethen den
-Mann von hohem Stande. Er kleidete sich einfach und trug als einzigen
-Schmuck immer dieselbe zierliche Goldkette mit dem Bilde der Mutter
-Gottes. Auf der Universität hatte er sich den Grad eines Baccalaureus
-der Rechte erworben, und durch diese seine wissenschaftliche Bildung
-überragte er alle seine Kriegsgenossen und sämmtliche Conquistadoren,
-welche sich in der neuen Welt als Heerführer einen Namen erwarben. Mit
-gelehrten Leuten verstand er Lateinisch zu reden. Er schrieb fließend
-und gewandt und pflegte seine Briefe mit lateinischen Citaten zu
-schmücken. Seine ausführlichen Berichte an den König Karl, in denen
-er eine klare Darstellung seiner Kriegsthaten gegeben, gehören zu den
-werthvollsten Urkunden der Geschichte der spanischen Eroberungen, sie
-fesseln durch die Schlichtheit und Natürlichkeit, welche den Stempel
-der Wahrheit an sich trägt. Sie zeigen uns den ganzen Mann, klar und
-entschieden in seinem Wollen, umsichtig in seinen Plänen, rastlos
-thätig, immer bemüht zu schaffen, zu ordnen. Denn er war Feldherr und
-Staatsmann zugleich und besaß einen weiten politischen Blick.
-
-Als Heerführer im Kampfe war er kühn, fast tollkühn. In der Schlacht
-zeigte er sich stets allen voran und gerieth dabei mehrfach in
-höchste Lebensgefahr. Bei seinen kriegerischen Unternehmungen war er
-unbeugsam, es mochte kosten was es wollte, und er ließ trotz aller
-gutgemeinten, aber ängstlichen Rathschläge nicht ab, bis er sein Ziel
-erreicht. Manches Beispiel seiner treffenden Reden, mit denen er in
-gefährlicher Lage sein Kriegsvolk zu ermuntern pflegte, hat uns Bernal
-Diaz aufbewahrt. Wenn seine Soldaten unruhig und mismuthig wurden und
-ihn durch ihre Reden in Zorn brachten, dann schwoll ihm eine Ader am
-Hals und an der Stirn, er warf wohl auch in der Aufregung den Mantel
-von sich, aber nie ließ er ein Schimpfwort hören. Redete ihn jemand
-ungebührlich an, so rief er, ohne heftig zu werden. „Schweigt!“ oder
-„Geht in Gottes Namen und besinnt Euch eines Besseren, daß Eure Rede
-Euch nicht bösen Lohn bringt.“ Sein gewöhnlicher Schwur war: „Auf
-mein Gewissen!“ Schlagfertig in seinen Antworten, setzte er unter
-die Spottverse, welche man nach der Eroberung Mexiko’s, enttäuscht
-über die geringe Beute an Gold, in der Nähe von Cortes’ Wohnung an die
-Wand geschrieben hatte, sofort seine Erwiderung in Versen und brachte
-dadurch die Murrenden zum Schweigen. Im Dienste war er sehr pünktlich
-und inspicirte die Wachen selbst bei Nacht persönlich. Wo er Unordnung
-fand, nannte er die Leute räudige Schafe, denen die eigne Wolle zur
-Last sei.
-
-Im Beginn seines Feldzuges gegen Mexiko war es ein staatskluger
-Schritt von der höchsten Wichtigkeit, daß er nach mehreren Siegen das
-tapfere Volk der Tlascalaner für seine Partei zu gewinnen wußte. Aber
-der romantische Zug, welcher der ganzen spanische Ritterschaft jener
-Zeit im hohen Grade eigen war, ließ ihn auch nach der Eroberung des
-aztekischen Reiches noch nicht zur Ruhe kommen. Der Gedanke einer
-mittelamerikanischen Meerenge, welche sein Neuspanien unmittelbar an
-die Hauptstraße des beginnenden Weltverkehrs verlegen sollte, trieb
-ihn nach Honduras und Californien. Und erst als ihm die Weiterführung
-dieser, wie wir jetzt erkennen, fruchtlosen Unternehmungen versagt
-wurde, zog er sich von dem Schauplatze seiner Thätigkeit zurück. Die
-Anerkennung aber seiner Verdienste um die spanische Krone findet ihren
-charakteristischen Ausdruck in dem Wappen, welches ihm Kaiser Karl am
-7. März 1525 verlieh. Das Wappenschild (~escudo de armas~) des Marques
-de Valle umfaßt vier Mittelfelder, rechts oben den kaiserlichen,
-doppelköpfigen schwarzen Adler, darunter rechts unten einen goldenen
-Löwen in rothem Felde, um den Löwenmuth des Cortes anzudeuten.
-Links oben zeigten sich drei goldene Kronen auf schwarzem Grunde,
-sie stellten die drei mexikanischen Könige vor. Im letzten Felde,
-links unten, erschien die Stadt Mexiko. Rings um den vierfeldigen
-Mittelschild standen die Köpfe der sieben bezwungenen Fürsten im
-goldenen Felde, durch eine goldene Fessel an einander gekettet. So
-waren seine Thaten auf dem Wappenschild verherrlicht. Wenn ihm in
-späteren Jahren die Verwaltung von Neuspanien entzogen wurde und nur
-das Heer untergeben blieb, so liegt die Ursache dieser für Cortes
-demüthigenden Maßregel der Regierung wohl weniger in dem Einfluß der
-Verleumdungen und Intriguen seiner Feinde, als in der Erwägung, daß
-Cortes sich durch einen ungesetzmäßigen Schritt von dem Statthalter
-von Cuba losgerissen hatte, und daß man für die Folgezeit den Act der
-Felonie nicht sanctioniren wollte. Dessen ungeachtet bleibt Cortes
-eine der anziehendsten Gestalten in der Geschichte der spanischen
-Eroberungen.
-
-
-26. Die Unternehmungen gegen Florida und die Küsten von Nordamerika.
-
-Im weiten Umkreise des mexikanischen Golfes hatten die nördlichen
-Gestade längere Zeit weniger Beachtung gefunden und die Eroberungslust
-der Spanier nicht gereizt. Nach dem ersten Versuche Juan Ponçe’s
-(s. S. 355) im Jahre 1513 war die Aufmerksamkeit der Eroberer mehr
-nach den im Südwesten der Antillen gelegenen Regionen gerichtet, als
-nach Nordosten und Norden, bis in den Jahren 1519 und 1520 kurz nach
-einander mehrere Expeditionen ausliefen, um in jenen Gebieten festen
-Fuß zu fassen oder Menschenjagden anzustellen. +Juan Ponçe+ versuchte
-1520 noch einmal mit 200 Mann sich auf Florida festzusetzen, wurde aber
-von den kriegerischen Einwohnern, welche ausgezeichnete Bogenschützen
-waren, so energisch abgewiesen, daß er, selbst schwer verwundet, seinen
-Plan aufgeben und nach Cuba zurückweichen mußte, wo er seinen Wunden
-erlag.
-
-Fast um dieselbe Zeit schickte der Licentiat +Lucas Vasquez Ayllon+
-von Haiti aus zwei Schiffe an die Ostküste von Florida, um Indianer
-einzufangen, welche auf den Antillen als Arbeiter verwendet werden
-sollten. Der Küstenstrich am atlantischen Ocean etwa zwischen 32
-und 34° n. Br. hieß bei den Eingebornen Chicora und Gualdape. Man
-benannte dort die S. Helenabai[414] und den Jordanfluß, welcher,
-nach Vergleich der älteren Seekarten, mit dem Flusse von Charleston
-identisch zu sein scheint. Das Land machte einen so günstigen Eindruck,
-daß Ayllon, dem Bericht seines ausgesandten Piloten trauend, sich in
-dem Land festzusetzen beschloß und sich mit dem indischen Amte in
-Spanien in Verbindung setzte, worauf er von diesem unter dem Titel
-eines Adelantado die Ermächtigung erhielt, jene Länder zu erobern. Er
-verpflichtete sich zu gleicher Zeit, die Küsten weiterhin zu erforschen
-und namentlich nach einer Meeresstraße auszuspähen, welche den
-östlichen und westlichen Ocean verbinden sollte.
-
-Im Jahre 1526 segelte er mit sechs Schiffen und 500 Mann nach dem
-Jordanflusse; bei der Einfahrt in denselben ging sein Hauptschiff sammt
-allen Vorräthen unter. Die indianischen Dolmetscher, welche man zur
-Verständigung mit den Eingeborenen mitgebracht hatte, entflohen und
-ließen die Spanier rathlos am Strande, dessen niedriger, unfruchtbarer
-Boden ihren Erwartungen keineswegs entsprach. Man versuchte etwa 40
-Meilen weiter nordwärts bessere, günstigere Verhältnisse zu finden,
-ging dahin unter Segel und lief in einen seichten Fluß ein, dessen
-Barre nur mittelst der Flut zu passiren war. Das Land war fruchtbarer,
-aber auch ungesund. Viele der neuen Ankömmlinge starben noch in
-demselben Sommer; im Herbst (18. October) 1526 erlag auch Ayllon, und
-nun hielt sich die auf 150 Mann zusammengeschmolzene Schar nicht weiter
-verpflichtet, sondern verließ den ungastlichen Strand und kehrte nach
-Westindien zurück. Lange Zeit noch heißt diese Gegend auf den Karten
-Ayllon’s Land, aber weitere Colonisationsversuche wurden nicht gemacht.
-
-Die Nordküste des mexikanischen Golfes enthüllt zu haben, ist das
-Verdienst des Statthalters von Jamaica, +Francisco de Garay+, welcher
-bereits die zweite Fahrt des Columbus mitgemacht hatte und nun
-von dessen Sohne mit der Verwaltung von Jamaica betraut war. Garay
-entsandte den tüchtigen Capitän +Alonso Alvarez de Pineda+ mit vier
-Schiffen, um einen größeren Golf oder eine Meeresstraße in dem
-Festlande zu entdecken.[415] Pineda begann seine Küstenaufnahme am
-Nordende der Halbinsel Florida bei der Apallacheebucht und verwendete,
-alle Krümmen der Küste genau vermessend, 8 bis 9 Monate darauf, ehe er
-an die Grenzdistrikte von Mexiko gelangte. Das Land war anmuthig, die
-Indianer, welche mit den Seefahrern friedlich verkehrten, nannten es
-Amichel. Man berührte eine größere Anzahl indianischer Ortschaften,
-glaubte auch in den Flüssen Spuren von Gold zu entdecken, war entzückt,
-dieses Metall bei den Eingeborenen vielfach als Schmuck verwendet zu
-finden und lief auch mehrere Meilen weit in einen mächtigen Strom
-hinein, dem der Name Rio del Espiritu santo ertheilt wurde. Ohne
-Zweifel haben wir in diesem „Heiligengeist-Flusse“ den Mississippi vor
-uns. Dort blieb die Flotille 40 Tage. Daß die Entdecker in der Freude
-über ihren Fund die Natur des Landes zu günstig beurtheilten, oder in
-Bezug auf das Vorkommen von Gold sich angenehmen Selbsttäuschungen
-hingaben, hat sich zu oft wiederholt, um besonders aufzufallen; allein
-wenn sogar auch die einheimischen Menschenstämme in Giganten und Zwerge
-zerfallen sollten, so wären solche Berichte wohl geeignet gewesen,
-besonneneres Urtheil und ruhige Erwägung zu veranlassen, sofern es sich
-um weitere Ausdehnung der Eroberungspläne handelte; allein grade das
-Wunderbare in diesen Berichten lockte an und reizte die Habgier der
-Spanier.
-
-Pineda fuhr vom Mississippi bis in die Gegend von Vera Cruz, wo bei
-einer Landung ein Theil seiner Leute dem Cortes in die Hände fiel.
-Hier mußte bald eine bestimmte Grenze zwischen dem Garay-Lande und
-Cortes-Lande (Mexiko) gezogen werden. Die Krone Spaniens entschied,
-daß der Rio Panuco (Tampico) die Gebiete der beiden Eroberer scheiden
-solle. Im Jahre 1523 ging nun Garay selbst mit elf Schiffen und
-bedeutender Mannschaft nach dem Palmenflusse, nördlich von Panuco, um
-dort eine Niederlassung in der Nähe von Mexiko zu gründen. Aber kaum
-waren die Truppen gelandet, so lief bereits ein Theil zu Cortes über,
-unter dessen Fahnen mehr Beute in Aussicht stand. Garay selbst mußte
-sich seinem glücklichen Rivalen ebenfalls ergeben, blieb im Lande und
-starb in Mexiko. Nach seinem Tode verlieh der König von Spanien die
-nördliche Golfküste an Narvaez.
-
-+Pamfilo de Narvaez+ faßte 1528 die Eroberung dieses Gebietes von neuem
-ins Auge. Cortes gegenüber hatte er zwar eine empfindliche Schlappe
-erlitten und in dem nächtlichen Kampf ein Auge verloren; allein sein
-Unternehmungsgeist erwachte wieder. Sein Name hatte immer noch Klang
-genug, um Mannschaften, welche das Abenteurerleben nach der neuen
-Welt hinübergeführt hatte, unter seiner Fahne zu sammeln. Er ging mit
-400 Mann und 80 Pferden in vier Schiffen nach dem Hafen Sa. Cruz in
-Florida, wahrscheinlich an der Tampa-Bai, 28° n. Br., hinüber, landete
-mit 300 Mann und zog, während die Schiffe an der Küste folgen sollten,
-parallel dem Meeresstrande nordwärts und ins Innere. Am 26. Juni
-erreichte er die Indianerstadt Apalachee (der Name haftet vielleicht
-noch an der Apalacheebai im Norden von Florida), rastete dort fast vier
-Wochen und zog von da weiter nach +Aute+. Nachdem sie von hier aus
-mehrere Tagereisen weite Streifzüge nach Westen unternommen hatten,
-ohne dabei Gold oder Anzeichen dieses begierig gesuchten Metalles
-entdeckt zu haben, wandten sie sich der See zu, in der Hoffnung,
-ihre Schiffe zu finden; aber diese hatten fast ein ganzes Jahr lang
-an der Küste weiter westlich nach dem ins Binnenland eingedrungenen
-Heere gesucht und waren dann unverrichteter Sache zum Theil nach Cuba
-zurückgekehrt. Einige Schiffe gingen unter. Nach langem, vergeblichem
-Harren, von Krankheiten und Noth bedrängt, mußte man sich entschließen,
-fünf Böte zu bauen, auf denen man, gegen Westen am Land hinschiffend,
-endlich zu spanischen Niederlassungen zu kommen hoffte. Die Schar war
-bereits auf 250 Mann zusammengeschmolzen. Sieben Tage ging die Fahrt am
-Gestade hin, man kam an der Mündung eines bedeutenden Flusses vorbei.
-Dann wurden vier Böte bei heftig bewegter See ans Land geworfen,
-während das fünfte, in dem sich der Capitän Narvaez befand, aufs Meer
-hinausgetrieben wurde und dort für immer verschwand. Nur ein Theil der
-Gestrandeten entrann dem Tode im Meer, rettete zwar augenblicklich
-das Leben, gerieth aber, von einander getrennt und den feindlichen
-Indianern gegenüber hilflos geworden, in Gefangenschaft, aus welcher
-nach jahrelanger Drangsal nur vereinzelte befreit wurden. Das
-merkwürdigste Schicksal hatte Alvar Nuñez Cabeça de Vaca, dessen Boot
-zunächst an eine flache Küsteninsel trieb, welche den Namen Malhado
-(Unglücksinsel) erhielt. Von hier rettete er sich aufs Festland, verlor
-noch mehrere von seinen Begleitern, bis ihm nur noch drei Genossen:
-Andres Dorantes, Alonso del Castillo Maldonado und ein Mohr, Namens
-Estebanico erhalten blieben. Es gelang ihnen durch einige glückliche
-Krankenheilungen das Vertrauen der Indianer zu gewinnen, so daß sie
-von der Küste sich ins Binnenland retten konnten, wahrscheinlich nach
-dem Norden Alabama’s. Von da zogen sie gegen Westen, setzten über
-einen großen Fluß,[416] den Mississippi, gingen über den Arkansas,
-überschritten den Canadian oberhalb des großen Cañon (vielleicht in
-derselben Gegend, wo später die Expedition Coronado’s auf dem Marsche
-nach Quivira ihn berührte) und kam endlich nach langem Umherirren
-durch das heutige Neumexiko und Arizona nach Culiacan, in der Nähe des
-californischen Golfes, wo sie endlich im Jahre 1536 anlangten, von
-Melchior Diaz, welcher in dem seit 1532 von den Spaniern besetzten
-Gebiete als Befehlshaber stand, aufgenommen wurden und sich unter dem
-Schutz und der Pflege ihrer Landsleute von ihrer mühseligen Wanderung
-erholen konnten.
-
-So unglücklich auch der ganze Zug des Narvaez verlaufen war, so fand er
-doch wenige Jahre, nachdem die geringen Trümmer seiner Schar den Boden
-Neuspaniens erreicht hatten, einen Nachfolger, der seinen Plan wieder
-aufnahm, und zwar in +Hernando de Soto+ aus Barcarroto in Estremadura,
-südlich von Badajoz. Dieser ausgezeichnete Ritter hatte sich in
-Goldcastilien und Nicaragua hervorgethan, war dann mit Pizarro (s.
-unten, Cap. 29) nach Peru gezogen, war von diesem zum Generallieutenant
-(~Teniente de Capitan general~) erhoben, hatte dann aber, in folge
-des unerquicklichen Streits zwischen Pizarro und Almagro, das
-südamerikanische Goldland verlassen und war nach Spanien zurückgekehrt.
-
-Sobald er dort mit dem Plane hervortrat, eine Expedition nach Florida
-zu unternehmen, lockte der glänzende Ruf seines ritterlichen Charakters
-so viele tüchtige Kräfte, selbst zahlreiche Hijosdalgo und Priester
-herbei, daß er sich bald an der Spitze eines Heeres von tausend Mann
-sah. Mit ihnen ging er am 6. April 1538 auf zehn Schiffen von San
-Lucar nach Cuba ab, vervollständigte in Habana seine Ausrüstung und
-landete am 31. Mai 1539 mit 900 Soldaten und 350 Pferden in der Bai
-von Espiritu santo auf Florida. Zufällig trafen seine Begleiter einen
-Landsmann, Juan Ortiz, welcher, durch die Frau des Caziken gerettet,
-allein von dem Heere des Narvaez noch am Leben war. Aber über das Land
-vermochte er nur wenig Auskunft zu geben, er hatte nur gehört, daß das
-Binnenland wegen seiner Fruchtbarkeit sehr gerühmt werde. Indes konnte
-Ortiz doch als Dolmetscher sehr nützlich werden.
-
-Nachdem Soto zur Bewachung der Schiffe 40 Mann zu Pferde und 80
-Mann zu Fuß zurückgelassen hatte, zog er mit seinen Truppen gegen
-Nordnordwesten ins Innere des Landes. Man stieß auf Ortschaften mit
-mehr als 600 Hütten, mußte auf rasch geschlagenen Brücken sich den
-Weg über Flüsse und Sümpfe bahnen und hatte mehrfach feindselige
-Begegnungen mit den Indianern, welche verpallisadirte Hügel besetzt
-hielten. An die Flotte ging der Befehl zurück, zunächst nach Apalachee
-zu segeln und von da aus 100 Meilen gegen Westen alle Buchten und
-Häfen sorgfältig aufzunehmen. Soto bezog seine Winterquartiere in der
-Landschaft Apalachee, wo man Lebensmittel genug fand. Im Frühjahr 1540
-rückte er gegen Norden; seinen Truppen schickte er stets gewandte
-Botschafter voraus, welche von den Eingebornen nur friedlichen Durchzug
-zu fordern hatten. Einer der Häuptlinge, durch dessen Gebiet man zog,
-der Cazike von Cofachi (Cofaqui), führte als Waffe ein mächtiges,
-zweihändiges Holzschwert. Wiederum ging es über große und kleine
-Flüsse nordwärts und nordostwärts. Als man an den Xuala gelangte,
-hielten die Seeleute, welche an dem Zuge theilnahmen, denselben für
-den nämlichen, dessen Mündung an der Ostküste Ayllon mit dem Namen
-Santa Elena belegt hatte,[417] weiter nordwärts kam man in die Nähe von
-Kupferminen.[418] Dann scheint der Marsch mitten durch Alabama nach
-Westen gegangen zu sein. In der dichtbewohnten, fruchtbaren Landschaft
-Coça (Cossa) machten sie eine zwölftägige Rast und rückten weiter nach
-dem befestigten Talisse im Gebiete des Tascaluço. Dieser Häuptling war
-ein Riese von Gestalt. Er erbot sich, das spanische Heer eine Zeitlang
-zu begleiten, und bat deshalb um ein Pferd. Soto gab ihm eines von
-seinen Lastpferden. Als er darauf saß, reichten seine Füße fast bis
-auf die Erde.[419] Tascaluço führte seine Gäste verrätherischer Weise
-zu einer starken indianischen Festung, Mavila (Mobile), um sie dort zu
-überfallen. In den 80 casernenartig großen Häusern der Festung sollen
-sich je 1000 Krieger befunden haben. Die Spanier waren arglos in den
-Ort eingerückt, zogen sich aber, als sie die drohende Gefahr bemerkten,
-zurück und griffen von außen die Pallisadenverschanzung an, schlugen
-die Holzpforten mit Beilen ein und legten Feuer an die Häuser. Soto
-wurde im Kampfe verwundet, blieb aber im Gefecht, um seine Leute nicht
-zu entmuthigen. Selbst die indianischen Weiber nahmen am Kampfe theil;
-als aber das Feuer mehr um sich griff, sprangen die Vertheidiger von
-den Wällen herab und suchten sich durch die Flucht zu retten. Der Kampf
-dauerte neun Stunden. Die Spanier verloren 83 Mann, theils im Gefecht,
-theils an den Wunden, da es an jeglicher Pflege fehlte. Dazu büßte
-man 45 Pferde ein. Der Verlust, den die Indianer erlitten, wird auf
-11,000 Mann angegeben. Mehr als 3000 Todte zählte man in den Straßen
-der Festung, über 4000 sollen im Feuer umgekommen sein. Den Körper des
-Verräthers Tascaluço fand man nicht, man nahm für gewiß an, daß er den
-verdienten Tod in den Flammen gefunden habe und mit verbrannt sei.
-
-Der bedeutende Verlust, den die Spanier erlitten hatten, machte sie
-muthlos. Da man kein Gold fand und überall von einer feindseligen
-Bevölkerung bedroht war, wollte man lieber heimkehren. Soto aber wollte
-seinen Feldzugsplan noch nicht aufgeben, er gönnte seinen Truppen
-eine vierzehntägige Rast und zog dann weiter ins Land der Chikasa. Am
-Grenzflusse wehrten ihm die Indianer den Uebergang, aber Soto ließ
-zwei große Böte bauen, bemannte sie mit je 40 Schützen und 10 Reitern,
-ging in der Morgendämmerung über das Wasser und vertrieb die Gegner,
-so daß der Haupttheil seines Heeres unbelästigt folgen konnte. In dem
-Hauptorte der Landschaft, welchen man in vier Tagen erreichte und
-welcher in günstiger Lage, reichlich mit Vorräthen versehen, sich für
-einen längern Aufenthalt eignete, schlugen die Spanier wieder ihre
-Winterquartiere auf; aber allzu sorglos hatten sie versäumt, Wachen
-auszustellen. So wurden sie im Spätherbste von den Indianern bei
-Nacht überrumpelt, welche ihnen die Strohdächer der Hütten über dem
-Kopfe anzündeten. Soto, welcher stets in Waffen schlief, war zuerst
-auf dem Platze; aber er verlor in dem nächtlichen Kampfe wiederum
-40 Soldaten und büßte 50 Pferde ein, von denen 20 verbrannten. Man
-mußte die Quartiere eine Meile weiter nach dem auch für die Pferde
-sichereren Orte Chicacolla verlegen. Wenn auch hier unablässig von
-den Eingebornen beunruhigt, behauptete sich Soto doch bis Ende März.
-Unter steten Kämpfen zog er weiter, bald nach Südwesten, bald nach
-Westen. Sein Marsch ging, wie es scheint, über den oberen Alabama und
-am mittleren Tennessee hinab, welcher an Größe dem Guadalquibir bei
-Sevilla glich, und führte ihn endlich an den Mississippi. In Verbindung
-mit einem Caziken machte das Heer, welches bereits auf die Hälfte
-zusammengeschmolzen war, einen Kriegszug auf 80 Canoes den Strom
-hinab gegen einen feindlichen Nachbarn, dessen Hauptstadt erobert und
-vernichtet wurde. In diesen Kämpfen wird auch zuerst der blutigen Sitte
-der Indianer, Skalpe zu erbeuten, Erwähnung gethan. Dann ging Soto über
-den Strom, fand auch jenseits noch fruchtbares Land und zahlreiche
-Ortschaften. Aber in der Landschaft Quigualtangui wurde der Feldherr,
-welcher bisher unermüdlich ausgeharrt hatte, vom Fieber ergriffen und
-starb am 21. Mai 1541 in seinem 42. Jahre. Auf seinem Sterbelager
-hatte er in Gegenwart sämmtlicher Hauptleute den +Luis de Moscoso de
-Alvarado+ zu seinem Nachfolger ernannt.
-
-Soto war sehr beliebt gewesen bei seinen Soldaten, mit denen er alle
-Mühseligkeiten ertragen hatte. Er wurde bei Nacht bestattet, damit die
-Kunde seines Todes sich unter den Indianern nicht verbreite. Der Sarg
-wurde in einen 19 Ellen tiefen Seitencanal des Stromes versenkt.
-
-Am 5. Juli rückten die Truppen in großen Tagemärschen nach Westen,
-100 Meilen weit durch unfruchtbares Steppenland, dann durch
-Wüsteneien, in denen sich selbst die indianischen Führer verirrten.
-Da die Lebensmittel ausgingen und der neue Heerführer die ermatteten
-Soldaten nicht der äußersten Gefahr in den menschenleeren Wildnissen
-aussetzen wollte, so ordnete er im Angesicht der hohen Gebirge (man
-hatte also den östlichen Fuß der Felsengebirge erreicht) den Rückzug
-an, um den großen Strom wieder zu erreichen. Viele Soldaten fielen
-auf dem Marsche, der Winter kam heran, die Lebensmittel mußten mit
-Blut erkämpft werden. In den Niederungen des Mississippi mußten sie
-mehreremale, weil sie nachts keine geeigneten Lagerplätze fanden, die
-Reiter zu Pferde bleibend, die übrigen Soldaten, bis an die Knie im
-Wasser stehend, den Morgen erwarten. Barfuß und in Thierfelle gehüllt,
--- denn die europäische Kleidung war zerfetzt und zerfallen, --
-erreichten die Trümmer des Heeres im Winter, Ende November, den großen
-Strom wieder, etwa 16 Meilen oberhalb der Stelle, wo sie ihn im Sommer
-überschritten hatten. Man setzte sich an einem von tiefen Wassergräben
-umzogenen Orte mit Gewalt fest und behauptete sich dort für den Winter.
-Eine Musterung ergab nur noch 320 Mann Infanterie und 70 Pferde; aber
-in folge der entsetzlichen Strapazen starben während des Winters
-noch manche, unter ihnen auch Juan Ortiz, dem es nicht vergönnt sein
-sollte, nachdem er so vielen Gefahren und jahrelangen Mühen entronnen
-war, die Heimat wieder zu sehen. Von einem benachbarten Häuptlinge
-mit Lebensmitteln und Decken versorgt, brachte man so den letzten
-traurigen Winter zu, nur noch belebt durch die Hoffnung, auf dem
-Wasserwege ans Meer und wieder zu spanischen Colonien zurückgelangen
-zu können. Im März und April bauten sie sieben feste Böte, welche
-vorn und hinten gedeckt waren. Aber die gewaltigen Frühjahrsfluten
-des Riesenstromes verzögerten noch wochenlang die Abfahrt. Das Wasser
-begann am 10. März zu steigen und überschwemmte vom 20. April an das
-ganze, weite Flußthal, so daß noch am 20. Mai die Straßen des Ortes
-nicht gangbar waren. Erst am Johannistage waren die Böte mit Vorräthen
-hinlänglich versorgt, und in den letzten Tagen des Juni konnte man
-sich einschiffen. In jedem Boote befanden sich etwa fünfzig Spanier
-und vier Indianer (Männer und Weiber), welche freiwillig die Fahrt
-mitmachten. Die Vorbereitungen waren den südlichen Anwohnern des
-Stromes nicht entgangen, sie beschlossen den Fremden den Durchzug zu
-wehren. Mit 1000 Kriegscanoes, darunter manche mit 25 Rudern an jeder
-Seite, versperrten sie den Spaniern die Wasserstraße. Die Krieger waren
-meist schwarz und blau bemalt, und die Canoes trugen die entsprechende
-Farbe. Die spanischen Böte mußten sich mitten durch die übermächtige
-feindliche Flotte den Weg bahnen, Verfolgung und Kampf dauerte zehn
-Tage lang, wobei mancher Spanier noch das Leben einbüßte. Dann erst
-konnten sie ungehemmt weiter segeln. Der Strom wurde so breit, daß man
-von der Mitte aus kaum die niedrigen Ufer sehen konnte. Am 19. Tage
-der Fahrt erreichten sie das Meer und beschlossen nun, ohne Compaß
-und ohne Karten, am Gestade nach Westen steuernd, zu versuchen, ob
-sie Neuspanien fänden. Einen Tag lang war das Meer von den Fluten
-des Mississippi noch mit süßem Wasser bedeckt. Dreiundfünfzig Tage
-segelten sie am Lande hin, ergänzten ihre Vorräthe durch ergiebigen
-Fischfang und nahmen von Zeit zu Zeit an der Küste frisches Wasser
-ein. Gegen das Ende der im allgemeinen äußerst günstigen Fahrt wurde
-die Flottille von Sturm und heftigen Regengüssen überfallen, welche
-die Böte zu füllen und zu versenken drohten. Ohne Schlaf und Speise
-mußten die Seefahrer 26 Stunden bei ununterbrochner Arbeit ausharren,
-ehe es ihnen gelang, einen Landungsplatz zu finden. Da sie hofften, nun
-endlich bald in das Gebiet von Neuspanien zu gelangen, so verließen
-sie ihre Schiffe und marschirten am Strande gegen Süden. Nach einer
-Wanderung von 13 oder 14 Meilen war die ganze Schar von Entbehrungen
-und Hunger so erschöpft, daß man sich lagern mußte. Fast am Ziel und
-doch, wie es schien, noch dem Untergange geweiht. Da erbot sich Gonzalo
-Quadrado Xaramillo mit noch einem Genossen, nur mit Schwert und Schild
-bewaffnet, barfuß, nachts die Gegend zu durchstreifen, während die
-übrigen sich der Ruhe hingaben. Bald traf er Indianer an, von denen er
-erfuhr, daß sie nicht fern von Panuco, also bereits auf neuspanischem
-Boden sich befänden. Der Gouverneur nahm die halbnackten, in Thierfelle
-gekleideten Landsleute, welche mit ihren verwilderten Bärten mehr den
-Wilden als civilisirten Menschen glichen, freundlich auf und schickte
-eine Botschaft an den Vicekönig Mendoza, welcher sie sofort mit allem
-Bedarf an Kleidung, Lebensmitteln und Arznei versehen ließ.
-
-Manche von den Abenteurern kehrten nach Spanien zurück, für immer von
-ihrem Entdeckungsfieber geheilt, andere blieben in Mexiko, wieder
-andere ließen sich für Peru anwerben, einzelne traten in einen
-geistlichen Orden ein. So lösten sich die Trümmer des stattlichen
-Heeres, welches Soto einst hinausgeführt hatte, wieder auf und trugen
-durch ihre abschreckenden Berichte dazu bei, daß das Mississippigebiet
-nicht wieder zum Ziel spanischer Eroberungsgelüste ausersehen wurde.
-
-
-27. Coronado’s Feldzug nach Cibola und Quivira.
-
-Nach der Eroberung Mexiko’s blieben die Blicke noch jahrzehntelang
-auf das unbekannte Gebirgsland im Norden gerichtet. Die Fahrten,
-welche im westlichen Meere schon von Cortes selbst angeregt waren,
-hatten eine unendlich weite Erstreckung des Festlandes mit bedeutenden
-Gebirgszügen im Norden nachgewiesen. Im Binnenlande rückte man in die
-öderen Striche des neuspanischen Vicekönigreichs nur langsam nach
-Norden vor. Es bedurfte besonderer, lockender Aussichten, um die dort
-beginnenden Wüsteneien zu durchbrechen. Der Präsident des königlichen
-Gerichtshofes in Mexiko, welcher von 1528-31 die Civilverwaltung des
-reichen Pflanzlandes leitete, Nuño de Guzman, hatte schon im Jahre 1530
-von einem Indianer Mittheilungen erhalten über ein im Norden liegendes
-Land Tejos (Texas?), wo er sieben Städte wollte besucht haben, jede
-so groß wie Mexiko, in denen ganze Straßen mit Juwelierläden besetzt
-seien. Der Weg dahin führe 40 Tage durch eine Wüste. Guzman beschloß
-mit 400 Spaniern und 2000 Indianern sich dahin einen Weg zu bahnen;
-aber er fand, indem er sich vornehmlich an den westlichen Terrassen
-des Hochlandes nordwärts bewegte, schon in Culiacan, südlich von 25°
-n. Br., so bedeutende Schwierigkeiten, daß er von seiner Unternehmung
-abstand und sich dabei begnügte, +Culiacan+ zu colonisiren. Dieser Ort
-bildete in der Folgezeit den Ausgangspunkt mehrerer Expeditionen in
-die nördlichen Regionen. Die Fabel von den goldreichen Städten tauchte
-1536 von neuem auf, als die letzten Ueberbleibsel der Expedition des
-verunglückten Narvaez, Nuñez Cabeça, Dorantes, Maldonado und der Mohr
-Estebanico sich nach Neuspanien zurückgefunden hatten. Sie behaupteten,
-es gäbe im Norden Städte, deren Häuser sechs bis sieben Stockwerke
-hätten, und die Thürgewände seien mit kostbaren Steinen geschmückt.
-
-Im Auftrage des Vicekönigs Antonio Mendoza (1535-57) schickte Coronado,
-welcher damals Commandant in Culiacan war, den Priester +Marcos de
-Niza+ nebst einem Franciskaner Fray Onorato und Estebanico im Frühling
-1539 nach Norden.[420] Onorato blieb schon in Sonora wegen Krankheit
-zurück. Die andern zogen mit einigen Indianern weiter. Der Mohr wurde
-auf Kundschaft vorausgeschickt. Je weiter man nach Norden durch die
-sporadischen Ansiedlungen der Indianer vorwärts drang, um so bestimmter
-lauteten die Angaben über eine große Stadt Cibola. Bald aber erhielt
-Marcos de Niza die Trauerbotschaft, Estebanico sei bei seinem Eintritt
-in die Stadt getödtet worden; wie sich später herausstellte, war er als
-ein Opfer seiner Lüsternheit und Habgier gefallen. Marcos konnte seine
-indianische Begleitung nur durch Geschenke bewegen, ihm so weit zu
-folgen, bis er die Wunderstadt mit eignen Augen, wenn auch nur aus der
-Ferne, sähe.
-
-Es gelang ihm in der That, so weit vorzudringen. Er sah die Stadt in
-einer Ebene, am Abhange eines runden Hügels. Ob er sich selbst täuschte
-oder ob der Eindruck aus der Ferne ein größerer wurde: Marcos hielt
-die Stadt für ansehnlicher und größer als Mexiko. Gern hätte er die
-Stadt selbst besucht, allein bedenkend, daß, wenn er getödtet werde,
-alle Kunde seiner Entdeckung verloren ginge, stand er davon ab. Auf der
-Höhe, wo er stand, thürmte er einen Steinhaufen auf, errichtete darüber
-ein kleines Kreuz und nahm im Namen des Vicekönigs von dem Lande
-Besitz. Dann kehrte er zurück und stattete noch im September desselben
-Jahres dem Vicekönig in Mexiko Bericht ab. Coronado, mit welchem Marcos
-in Guadalajara zusammengetroffen war, schickte noch im Herbst den
-Capitän Melchior Diaz ab, weil ihm die Erzählung des Priesters nicht
-hinreichend beglaubigt schien. Aber Diaz konnte wegen der eintretenden
-Winterkälte in den wenig bewohnten Regionen nicht ans Ziel gelangen,
-sondern mußte sich in seinem Bericht, den er am 20. März 1540 an
-Coronado abgehen ließ, auf die unterwegs gemachten Erkundigungen
-stützen. Wenn nun auch dadurch die überschwenglichen Schilderungen des
-Pater Marcos etwas gedämpft wurden, so mußte er doch die Existenz von
-sieben merkwürdigen Städten, deren vornehmste Cibola war, bestätigen.
-
-[Illustration: ~KARTE zu CORONADOS EXPEDITION nach CIBOLA und QUIVIRA~]
-
-Diese Thatsachen bestimmten sodann den Vicekönig, ein ansehnliches
-Heer unter +Coronado+[421] zur Erweiterung seiner Herrschaft nach
-Norden zu entsenden. Dieser brach im Frühjahr 1540 mit einem Heere,
-welches an Spaniern und Indianern über 1000 Mann zählte, von Mexiko
-auf und ging über Compostella nach Culiacan. Da von hier aus der Weg
-beschwerlicher wurde, so mußte eine kleine Schar immer vorausgesandt
-werden, um die Gegend zu erforschen. Auch begleiteten zwei Schiffe
-unter +Pedro de Alarcon+ die Expedition, indem sie möglichst nahe sich
-an der Küste hielten. Der Marsch ging von Culiacan im allgemeinen
-nach Nordwesten bis etwa zum 30° n. Br. und richtete sich dann nach
-Norden und später nach Nordosten. Man durchschnitt das Thal von Sonora
-und wandte sich vom Rio de S. Ignacio nordöstlich ins Gebirge, um den
-oberen Lauf des Rio Sa. Cruz (Nexpa) zu erreichen, an dessen Ufer
-man zwei Tage abwärts und später über die öden Flächen zum Rio Gila
-gelangte, welcher, weil man auf Flößen übersetzte, den Namen Rio de
-las balsas erhielt. Dem südwestlichen Steilabfall des Coloradoplateaus
-ausweichend, führte der Weg in östlicher Richtung über einen mit
-Fichten bestandenen Berg. Ueber grasige Ebenen, Schluchten und ödes
-Bergland ging es weiter nach Nordosten, bis man Cibola erreichte.
-Die Truppen hatten den Weg sämmtlich zu Fuß gemacht, jeder Mann trug
-seinen Bedarf an Lebensmitteln selbst, auch die Pferde waren beladen.
-Vierzehn Tage nach Ankunft der Vortruppen langte auch das Hauptcorps
-an; aber das erreichte Ziel, Cibola, brachte große Enttäuschungen,
-man verwünschte die übertriebenen, lockenden Schilderungen des Marcos
-de Niza und erklärte spöttisch, manche Farm in Neuspanien mache einen
-stattlicheren Eindruck als dieser Ort, der aus Stein und Lehm auf einen
-Felsen gebaut, höchstens 200 Krieger bergen könne. Mit leichter Mühe
-wurde der Ort gestürmt und die Indianer verjagt. Das Land war kalt
-und hoch gelegen, der Boden sandig und nur spärlich mit Grün bedeckt.
-Die Indianer waren in baumwollne Tücher oder in Thierfelle ärmlich
-gekleidet. Schätze durfte man hier nicht erwarten und die herrlichen
-sieben Städte, von denen gefabelt war, bestanden in kleinen Ortschaften
-(~pueblozuelos~), die in einem Umkreise von etwa sechs Meilen den
-Hauptplatz umgaben.
-
-Wo lag Cibola, dessen Namen wir auf modernen Karten vergeblich suchen?
-Zahlreiche nordamerikanische Gelehrte und Reisende haben sich mit der
-Frage beschäftigt.[422] Cibola ist das heutige Zuñi am Zuñiriver,
-welcher sich durch den kleinen Colorado in den Colorado del Occidente
-ergießt. Es liegt im Territorium von Neu-Mexiko nahe der Grenze von
-Arizona unter 35° n. Br. Nach der Angabe von Simpson (~p.~ 324)
-erscheint Zuñi aus einer Entfernung von drei Meilen als ein niedriger
-brauner Felsrücken in baumloser Umgebung. Das Flußbette ist 150 Yards
-breit, aber das Wasser nur sechs Fuß breit und einige Zoll tief. Die
-Stadt ist terrassenartig gebaut, jedes Stockwerk der Häuser -- in
-der Regel sind es drei -- tritt nach oben weiter zurück und läßt für
-eine Plattform Raum. Die aufsteigenden Gassen sind sehr enge. In der
-Umgebung von Zuñi finden sich noch, am Rio Vermejo, die Ruinen von
-sechs Pueblos, alle dicht zusammen. Daß Zuñi und Cibola identisch sind,
-geht auch aus dem Ausspruche Antonio’s de Espejo hervor, welcher 1583
-das Gebiet besuchte und erklärt, die Spanier unter Coronado hätten dem
-von den Indianern Zuñi benannten Orte den Namen Cibola gegeben.[423]
-
-Während das Hauptheer nach Cibola marschirte, hatte Coronado schon
-vom Sonoraflusse aus den Capitän +Melchior Diaz+ mit 25 Mann ans Meer
-hinabgesandt, um die Schiffe Alarcon’s aufzusuchen und ihm, womöglich,
-Verhaltungsmaßregeln für seine weitere Fahrt zu geben. Diaz zog an
-dem östlichen Strande des californischen Meerbusens gegen Norden, bis
-er an das Ende des Golfes kam. Da er aber von den Schiffen nirgends
-eine Spur fand, ging er an dem dort mündenden Strom weiter, bis er
-einen mächtigen Baum fand, in dessen Rinde die Nachricht eingegraben
-war, daß Alarcon bis dahin mit seinen Schiffen gekommen sei und am Fuß
-des Baumes einen Brief niedergelegt habe. Der Inhalt des Schreibens
-ergab, daß Alarcon hier längere Zeit gewartet und dann, da er mit
-seinen Schiffen nicht weiter vordringen, also nicht mehr in der Nähe
-Coronado’s bleiben konnte, den Rückweg angetreten habe. +Alarcon+ war
-am 9. Mai 1540 vom Hafen Natividad ausgesegelt, hatte von Jalisco aus
-noch einen Transport mit Vorräthen für die Truppen mitgenommen und
-war im August an das Nordende des Meerbusens gelangt. Mit Böten war
-er noch 85 Meilen weit den Colorado, welchen er Rio de buena guia
-nannte, hinaufgegangen und hatte alles versucht, um sich mit Coronado
-in Verbindung zu setzen, aber vergeblich. Er sah sich zur Umkehr
-genöthigt. Sein Pilot Domingo del Castillo entwarf eine Karte[424]
-von den Küsten des Golfes und bewies damit, daß das westliche Land,
-Niedercalifornien, eine Halbinsel sei. Später hat allerdings lange
-und bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinaus die falsche
-Vorstellung geherrscht, als sei Californien eine Insel.
-
-In der Nähe des Colorado kam Diaz durch einen unglücklichen Zufall ums
-Leben und seine Mannschaft kehrte nach Mexiko zurück.
-
-Inzwischen hatte Coronado von Cibola aus, wo er vorläufig sein
-Standquartier nahm, zunächst die umliegenden Ortschaften unterwerfen
-lassen und dann nach verschiedenen Richtungen einzelne Truppentheile
-in entfernte Regionen zur Erforschung der Länder entsendet. In der
-Landschaft Tuzan oder Tuçaya hörten die Spanier von einem großen Flusse
-im Norden. Diesen Strom aufzusuchen zog +Garcia Lopez de Cardenas+
-aus. Er ging mit seiner kleinen Schar über das Coloradoplateau und
-trat dann, bestürzt über den wilden Abgrund, an den Rand des großen
-Colorado-Cañons. Eine Welt in Trümmern, ein von klaffenden Spalten
-zerrissener Felsboden, auf dessen Grunde allein das spülende und
-grabende Wasser arbeitet, zeigte sich hier den erstaunten Blicken, wie
-sie in solcher Großartigkeit in keinem Erdtheil wieder auftritt.[425]
-Die Spanier unter Cardenas meinten, die Stromschluchten seien drei bis
-vier Meilen tief, neuere Messungen haben die Tiefe des großen Cañons
-auf etwa 100 Meter bestimmt. Drei Tage lang irrten sie am Plateaurande
-umher, nach einem Passe ausspähend, der sie zum Wasser hinunterführe,
-umsonst. Einige Wagehälse versuchten zwischen dem zerklüfteten Gestein
-hinabzuklettern, mußten aber unverrichteter Sache zurücksteigen. Sie
-versicherten, daß einige Felsen, die von oben gesehen etwa Mannesgröße
-gezeigt hätten, in der That höher als die Cathedrale von Sevilla
-gewesen seien. Cardenas trat vor dieser unbezwinglichen Naturschranke
-den Rückweg an. Er hatte zuerst den großartigsten Theil des mittleren
-Colorado gesehen.
-
-[Illustration: Ansicht des großen Colorado-Cañon.]
-
-Eine andere Schar ging unter +Hernando d’Alvarado+ von Cibola nach
-Osten; jenseits der Zuñigebirge trafen sie wieder auf mehrere
-indianische Ortschaften, welche in ähnlicher Weise, wie Cibola angelegt
-waren. Unter diesen war namentlich Acuco (jetzt Acoma)[426] durch
-seine Lage auf einem zerklüfteten Sandsteinfelsen merkwürdig. Auf
-der Nordseite hat der Wind den Sand so hoch angehäuft, daß man auf
-demselben fast bis zur Höhe hinaufsteigen kann. Dann bleibt aber noch
-der nackte Fels zu erklimmen; in einer engen Spalte windet sich der
-Pfad hinauf, den die Indianer durch eingezwängte Holzstufen bequemer
-gemacht haben. Alvarado mußte mit seinen Leuten auf Händen und Füßen
-den Felsen erklettern. Diese Felsendörfer lagen in der Nähe eines
-Flusses, der gegen Südosten floß und sich bald mit einem größeren
-nach Süden ziehenden Strome vereinigte. Bis nach Cibola hin hatten
-alle Stromrinnen vorwiegend eine westliche Richtung gezeigt. Die
-Bedeutung dieser hydrographischen Verhältnisse entging dem Scharfblick
-des Capitän Jaramillo nicht. Treffend bemerkt er in seinem Bericht:
-„Alle Gewässer, Flüsse und Bäche, welche wir bis Cibola oder noch
-ein paar Tagereisen weiter antrafen, laufen zum Südmeere (d. h. zum
-großen Ocean), von da ab aber zum Nordmeere (d. h. zum mexikanischen
-Golfe).“[427] Mit der größten Sicherheit erkennen wir daraus, daß
-die Expedition die Wasserscheide zwischen dem Colorado del Occidente
-und dem Rio grande del Norte überschritten hatte und sich nun im
-Gebiet des letzteren befand. Auch dieser Strom wurde überschritten
-und in der Landschaft Tiguex vereinigte sich Coronado wieder mit dem
-vorausgegangenen Alvarado. Weiterhin wurde der östliche Nebenfluß des
-Rio grande, der Rio Pecos, erreicht; denn der Häuptling, welcher hier
-in einer festen Stadt, Namens Cicuyé, hauste, sollte begehrenswerthe
-Schätze besitzen. Auf diesen waren die Spanier durch einen Indianer
-aufmerksam gemacht, welcher viel von gold- und silberreichen Städten zu
-erzählen wußte. Dort, berichtete er, halte ein Fürst seine Siesta unter
-einem mächtigen, großen Baume, dessen Zweige mit goldenen Glöckchen
-behängt seien, damit sie, wenn er entschlummere, im Luftzuge leise
-erklängen. Er selbst habe einige von diesen Schellen besessen, aber
-der Fürst von Cicuyé[428] habe sie ihm abgenommen. Alvarado rückte
-nach Cicuyé, um die Glocken zu holen, fand aber keine Spur von Gold,
-und die Einwohner erklärten jenen Indianer für einen unverschämten
-Lügner. Dann nahm er zwar den Häuptling gefangen und brachte ihn zu
-Coronado, der ihn sechs Monate in Haft hielt, aber damit nur erzielte,
-daß die Indianer allenthalben sich gegen die Spanier erhoben, welche
-sich unter steter Unruhe den Winter über in Tiguex behaupteten. Im
-Mai des Jahres 1541 sollte das vielversprechende Quivira aufgesucht
-werden; über den Pecosfluß nach Nordosten, und am Gebirge hin über die
-Steppen ziehend, traf man hier mit Jagdindianern zusammen, welche ohne
-feste Wohnsitze (~sin casas~) in Lederzelten lebten und alle wichtigen
-Lebensbedürfnisse von der Beute an erlegten Büffeln bestritten,
-Nahrung, Kleidung und Schuhwerk.[429] Weiterhin begegnete man einem
-Indianer, welcher durch Zeichen zu verstehen gab, daß er schon Spanier
-gesehen habe. Offenbar bezog sich diese Andeutung auf Cabeça de Vaca
-und seine Genossen.
-
-Nachdem man, wenn auch in kurzen Tagemärschen, einen Monat lang nach
-Nordosten gezogen war, erreichte man einen großen Fluß, dem man
-nach dem Tage der Entdeckung den Namen Rio de San Pedro y San Pablo
-(Arkansas) beilegte. Jenseits desselben stieß man wieder auf jagende
-Indianer, deren Wohnungen drei oder vier Tagereisen weiter hinab
-ins Land gegen Osten lagen. Diese Ortschaften gehörten bereits zu
-Quivira. Ziemlich einstimmig erklären die ältern Geschichtsschreiber,
-Coronado sei etwa bis zum 40° n. Br. vorgedrungen. Wenn nun Theilnehmer
-des Zuges, wie Jaramillo, erfreut über das frischgrüne Ansehen der
-Landschaft, Quivira ein prachtvolles Land nennen, wie es nicht besser
-in Spanien, Frankreich oder Italien zu finden, und meinen, es sei für
-alle Arten von Kulturen geeignet, denn man finde an einigen Bächen
-sogar Trauben von ziemlich gutem Geschmack, und wenn ferner dieses Land
-nicht mehr als gebirgig, sondern nur als hügelig und eben, von Strömen
-getränkt, geschildert wird, und wenn der Zug über den Peter-Paulsfluß
-hinaus zu einem noch größeren Strome gelangte, an welchem die
-Ortschaften sich mehrten und die einheimische, in Strohhütten lebende
-Bevölkerung wuchs; so darf aus allen diesen Angaben mit ziemlicher
-Sicherheit geschlossen werden, daß Coronado im nordöstlichen Kansas bis
-an den Missouri gelangte. Den Marsch noch weiter auszudehnen, versprach
-wenig Erfolg, denn von den edlen Metallen hatten die Indianer gar
-keine Kenntniß; selbst die Häuptlinge trugen nur Kupfer als Schmuck.
-Man nannte zwar den nachforschenden Fremdlingen noch eine fernere
-Landschaft Harahey; aber auch diese bot nichts Verlockendes. Dazu war
-bereits der Augustmonat herangekommen, man sah sich also, um nicht
-etwa von dem einbrechenden Winter auf den öden Hochsteppen überrascht
-zu werden, genöthigt, den Rückmarsch anzutreten.[430] Zum Zeichen,
-wie weit man gekommen sei, errichteten die Soldaten ein Kreuz und
-schnitten den Namen ihres Feldherrn Francisco Vasquez de Coronado in
-das Holz des Stammes. Den Rückweg nahm man in mehr südlicher Richtung
-und gerieth in noch sterilere Regionen, in denen auf den Salzsümpfen
-4-5 Zoll starke Salzplatten schwammen. Nachdem man den nördlichen Theil
-des Llano estacado passirt, erreichte man den Pecosfluß etwa 30 Meilen
-südlich von der Stelle, wo man ihn auf dem Hinwege überschritten hatte.
-Während Coronado in Quivira weilte, waren von der Landschaft Tiguex aus
-Streifzüge nach Norden und Süden, flußauf und flußab gemacht. Immer
-traf man wieder auf die nämliche Form der Oasendörfer. Am weitesten
-drang man am Rio grande abwärts und fand, nachdem man vier größere
-Ortschaften entdeckt, schließlich eine Stelle, wo der Strom im Boden
-zu verschwinden schien. Vermuthlich ist damit die Gegend bezeichnet,
-wo unter 31° 39′ n. Br. der „große Fluß“ in seinen tiefen und
-unpassirbaren Cañon eintritt. Hier entzog sich derselbe ihren Blicken;
-doch sollte er, nach Angabe der Indianer, weiter unten im Lande noch
-wasserreicher wieder hervorbrechen.
-
-Coronado hatte die Absicht, nach der Ueberwinterung in Tiguex
-im nächsten Frühling zeitiger einen zweiten Zug nach Quivira zu
-unternehmen, um womöglich noch weiter in das fruchtbare Land
-vorzudringen. Allein ein Unfall, welcher ihn im Turnier mit Pedro
-Maldonado traf -- er wurde im Ringrennen aus dem Sattel geworfen und
-schwer verletzt -- nöthigte ihn, von weiteren Plänen abzustehen.
-So brach er im April 1542 auf und kehrte über Cibola nach Culiacan
-zurück. Die theure Expedition war ohne Gewinn verlaufen, ohne Schuld
-Coronado’s; aber der Vicekönig empfing den berichterstattenden
-Heerführer in der Hauptstadt sehr ungnädig und nahm ihm die Oberleitung
-in dem nördlichen Theil seines Vicekönigreichs, welches man mit dem
-Namen Neu-Galicien bezeichnete.
-
-Die weite, scheinbar unbegrenzte Erstreckung der Landschaften, welche
-man betreten hatte, gegen Norden, der Abschluß des californischen
-Golfes, hinter welchem das Land ins Unendliche nach Nordwesten verlief,
-gab zu eigenthümlichen Vorstellungen von der Vertheilung und Gruppirung
-der Landmassen, sowie zu seltsamen Vermuthungen über die Bewohner
-Anlaß. So vermuthete der Capitän Castañeda, die Indianer von Quivira
-müßten aus Großindien stammen, weil ihre Sitten und Lebensformen so
-gänzlich von den bisher beobachteten Erscheinungen indianischen Lebens
-abwichen. Nach Uebersteigung der Gebirge, meinte er, seien sie dem
-Laufe der Flüsse, wie z. B. des Rio grande, nach Süden gefolgt. Es
-müsse in dem Lande, von wo die Indianer eingewandert seien, große
-Reichthümer geben; dieses Land müsse theils im äußersten Gebiete von
-Ostindien liegen, theils in jenem weiten Binnenlande zu suchen sein,
-welches sich fast von China bis Norwegen erstrecke.
-
-Nach diesen Vorstellungen setzte sich also die Westküste Amerika’s
-mit Asien in Verbindung, während der Ostrand der neuen Welt über
-Florida und Grönland nach Norwegen liefe. Uebrigens waren derartige
-Anschauungen nicht etwa dem müssigen Kopfe eines ungebildeten
-Kriegsmannes entsprungen, sie wurden auch in Europa getheilt, und so
-findet sich ein klares Bild dieser tellurischen Träume auch in der 1562
-zu Venedig erschienenen ~Geographia Claudii Ptolemaei~ auf der ~Carta
-marina nuova tavola~.
-
-Wie lange solche trügerische Vorstellungen selbst unter den Gebildeten
-sich noch erhalten konnten, dafür gibt den sichersten Beleg ein
-Ausspruch Lorenzana’s, des Erzbischofs von Mexiko, welcher noch
-1770 darüber im Dunkeln ist, ob nicht Mexiko einerseits mit China,
-andererseits mit Grönland zusammenhänge.[431]
-
- * * * * *
-
-Ueber die Beziehungen zur asiatischen Küste brachte auch die Expedition
-+Juan Rodriguez Cabrillo+’s keine weitere Aufklärung. Derselbe wurde
-bald nach der Rückkehr Coronado’s mit mehreren Schiffen auf die
-Westseite der Halbinsel Californien gesendet, und kam im Sommer 1542
-an der Cedros-Insel (28° n. Br.) vorbei, wahrscheinlich bis zu den
-südlichen Ausläufern der Sierra nevada, denn er sah, angeblich unter
-40° n. Br., hohe schneebedeckte Gebirge. Nachdem Cabrillo während
-der Ueberwinterung im Hafen bei der Insel Posesion an den Folgen
-eines unglücklichen Sturzes das Leben verloren hatte, versuchte sein
-Nachfolger, der Pilot mayor Bartolomé Ferrel, noch einige Breitengrade
-weiter vorzudringen und behauptete, bis zum 43° n. Br. gekommen zu
-sein. Doch sind diese Angaben sehr zweifelhaft und die Configuration
-der Festlandsküste blieb in jenen Breiten durchaus unklar.
-
-Man suchte hier im Norden nach einer Straße, welche zum atlantischen
-Ocean hinüberführen und etwa bei Neufundland ausmünden sollte.
-Denn es war eine weitverbreitete Ansicht, daß, der eingebildeten
-Gleichförmigkeit wegen, im Norden eine ähnliche Wasserverbindung
-bestehen müsse, wie sie im Süden durch Magalhães aufgefunden sei.
-Dieser postulirten Straße, welche zwischen 1560 und 1570 den Namen
-+Anianstraße+ erhielt, schrieb man militärische Wichtigkeit für
-Spanien zu und noch im Jahre 1602 schickte Philipp III. von Spanien
-Schiffe aus, um dieselbe zu besetzen, damit nicht ungebetene Gäste,
-Engländer oder Franzosen, auf diesem Wege den Westküsten der neuen
-Welt unliebsame Besuche abstatten könnten; aber die Straße wurde
-nicht gefunden und der spanische Entdeckungseifer erlahmte an den
-Küsten Californiens etwa unter dem 43° n. Br. Den weitern Verlauf der
-Küsten aufzuhellen, blieb einer späteren Zeit und anderen Seemächten
-überlassen, denn die allgemeine Aufmerksamkeit hatte sich schon nach
-dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts fast ausschließlich den
-Entdeckungen und Vorgängen in Südamerika zugewandt.
-
-
-28. Das Goldland Peru und seine alte Kultur.
-
-Der Name Peru wurde zum erstenmale vernommen, als unter der
-Verwaltung des Pedrarias de Avila der Generalaufseher der Indier
-Andagoya im Jahre 1522 vom Michaelsgolfe aus an der Landenge von
-Panama einen Entdeckungszug an den Küsten nach Süden unternahm und
-dabei in eine kleine Landschaft Biru gelangte, von welcher das
-weiter südlich gelegene mächtige Inkareich seinen Namen Peru bei den
-Europäern erhielt.[432] Er traf in dem dicht bewohnten Lande eine
-kriegerische Bevölkerung, drang aber doch in das Land ein und konnte
-manche werthvolle Nachricht über den weitern Süden und den dortigen
-mächtigen Staat sammeln. Ein Fall aus dem Boot ins Meer, wobei er fast
-ertrunken wäre, machte ihn unfähig, seine Entdeckungen weiter südwärts
-auszudehnen. Er legte daher die Fortführung der Unternehmung in die
-Hände Pizarro’s; allein es verging noch ein Jahr, ehe dieser die Mittel
-fand, seine Pläne ins Werk zu setzen. Aber seit dieser Zeit bezeichnete
-man alle Fahrten nach Süden mit dem Ausdruck „Expeditionen nach Biru“,
-und je weiter sich vor den unermüdlichen Entdeckern die Küste nach
-Süden erstreckte, um so größere Ländermassen faßte man unter dem Namen
-„Peru“ zusammen.
-
-[Illustration: Das Inkathor bei Cuzco.]
-
-Werfen wir zunächst einen Blick auf den mächtigen und ausgedehnten
-Staat, welchen der spanische Abenteurer, nur von wenigen Genossen
-unterstützt, zu zertrümmern und zu unterwerfen trachtete.
-
-Auf dem Rücken der Cordilleren, des längsten Kettengebirges der Erde,
-im Westen von den Fluten der Südsee bespült und nach Osten sich in
-den Schatten unermeßlicher Urwälder verlierend, dehnte sich der Staat
-der Peruaner von Neu-Granada oder Columbia bis nach Chile aus. Die
-herrschenden Stämme waren die Quechuá und Aymará. Die Küste der Südsee
-zeigt wenig Gliederung, besonders in den südlicheren Theilen, aber
-während sie im Norden, von Panama bis über den Aequator hinaus, unter
-der Wirkung reichlicher Regengüsse mit feuchten Urwäldern bedeckt ist,
-über welchen in weiterer Ferne die majestätischen Ketten der Anden
-sichtbar werden, nimmt an der Nordgrenze des heutigen Staates Peru
-das Gestade einen andern Charakter an und verläuft mit zunehmender
-Dürre ungegliedert gegen Südosten. „Dürftig und düster ist die Natur,
-die den Reisenden bei dem Anblick des Landes der Sonne und dem Reiche
-der Inka’s empfängt, des Landes abschreckende Unfruchtbarkeit scheint
-sich schon aus dem einförmigen zwischen Braun und Grau liegenden
-Colorit zu ergeben. Ein flaches Land, das nur langsam nach dem Innern
-zu sich erhebt, wird durch einen weißlichen Sandstreifen des Gestades
-begrenzt. So weit das Auge trägt, ergrünt kein Baum auf den öden,
-steinigen Flächen. In größerer Entfernung erheben sich in dem Gewande
-einer Dürre, welche diejenige des Vordergrundes noch übertrifft,
-die niedrigen Felsberge, welche die ehemalige Grenze des Oceans
-bezeichnen.“[433] Eine trübe, schwere Wolkenbank hängt fast beständig
-über dem Lande, so daß man selten den Anblick der Cordilleren genießt.
-Zerreißt der Flor, dann haben diese Berge, in Stufen einer hinter dem
-andern aufsteigend, durch die Oeffnungen der Wolken gesehen, ein sehr
-großartiges Ansehen.[434]
-
-Im Küstenlande, zwischen den Cordilleren und dem Ocean, wo der Regen
-fast völlig unbekannt ist, ziehen sich, durch sandige Einöden von
-einander geschieden, fruchtbare Thäler an den kurzen Gebirgsbächen
-von den Höhenkämmen bis an die See hernieder. Das Land zwischen den
-parallelen Hochgebirgsketten bezeichnet der Spanier mit dem Namen
-Sierra; dasselbe besteht aus weitgedehnten Hochebenen und Weideländern,
-welche von reichen, warmen Thälern und Schluchten durchzogen sind,
-deren wasserreiche Ströme sämmtlich zum Gebiet des Amazonas gehören.
-Inmitten dieses großartigen Gebirgslandes lag die alte nationale
-Hauptstadt Cuzco, für die Inkaperuaner der „Nabel“, d. h. der
-Mittelpunkt der Welt. Noch weiter im Süden lagert sich in malerischer
-Gliederung und im Osten von den Riesen des Hochgebirges überragt,
-in einer Höhe von mehr als 3800 Meter der sagenreiche Titicacasee,
-welcher an Ausdehnung fast die Größe des Königreichs Sachsen erreicht.
-Uebersteigt man von diesen Hochebenen aus die östlichen Ketten der
-Anden, dann gelangt man in die Region der tropischen Urwälder, die bis
-auf unsere Tage noch wenig erforscht und fast unbekannt geblieben sind.
-
-Das peruanische Reich war durch stete Kriege vergrößert und umfaßte
-zahlreiche und verschiedene einheimische Stämme. Die +Aymará+, deren
-Sitze sich um den Titicacasee gruppirten, waren wohl das ältere
-Kulturvolk, wie die Tolteken in Mexiko. Daher lag auch das alte
-nationale Heiligthum auf einer Insel im See. Die merkwürdigsten
-Bauwerke der älteren Kulturepoche erhoben sich in der Nähe des Sees.
-Die Fürsten der Quechua führten den Titel Inka, als Begründer ihrer
-Dynastie gilt Manco Capac, um 1000 n. Chr. Cuzco machte er zu seiner
-Residenz, aber auch am heiligen Titicaca erhob sich ein fürstliches
-Schloß, Tiahuanaco.
-
-Die frühere Geschichte des Inkareichs ist sagenhaft, ein helleres Licht
-fällt erst auf das letzte Jahrhundert vor der Eroberung. Der große
-Eroberer Huayna-Capac regirte von 1475 bis 1525, unter ihm erweiterte
-sich das Reich besonders nach Norden. Aber gerade von hier, wo die neu
-erworbenen Gebietstheile noch nicht fest mit dem Hauptlande verbunden
-waren, erfolgte der Angriff der Spanier. Die Zustände waren ähnlich
-wie in Mexiko bei dem Einmarsche des Cortes; aber Pizarro gewann um
-so leichter das Feld, weil er zu einer Zeit erschien, in welcher die
-Söhne Huayna-Capacs, von denen +Huascar+ in Cuzco und +Atahuallpa+
-in Quito residirte, mit einander in einen Bruderkrieg verwickelt
-waren. Atahuallpa war der Sohn der früheren Fürstin von Quito, welches
-von Huayna-Capac unterworfen worden, und mußte daher dem legitimen
-Thronfolger Huascar nachstehen. Er hatte trotzdem eine Partei für sich
-gewonnen, war gegen seinen Bruder im Felde siegreich gewesen und befand
-sich auf der Heimkehr, als die Spanier ihn in Cajamarca erreichten.
-Seinen Bruder hatte er gefangen genommen und behauptete augenblicklich
-die unumschränkte Obergewalt.
-
-[Illustration: Die Ruinen des Inkaschlosses am Titicacasee.]
-
-[Illustration: Conti am Titicacasee: als Specimen der merkwürdigen
-Thorbauten.]
-
-Die Inkas wurden als die Söhne der Sonne bezeichnet, sie rühmten sich
-göttlicher Herkunft und genossen einer fast göttlichen Verehrung. Im
-ganzen Lande besaßen sie viele Paläste und Residenzen außer in den
-beiden Hauptstädten Cuzco und Quito, wie Huanuco, Jauja, Tacanga;
-ein Lieblingssitz war Yucay bei Cuzco. Der Palast in der Hauptstadt
-war 350 Schritt lang und ganz mit goldenen Ziegeln gedeckt, reich
-geschmückt und von großen Gärten umgeben. Die Inkas erschienen in einem
-prächtigen, farbenreichen Kostüm, dessen Stoff aus der feinsten Wolle
-gewebt und mit Gold und Edelsteinen verziert war. Ein Federstutz am
-buntfarbigen Kopftuche war das Abzeichen des höchsten Würdenträgers.
-Der religiöse Cultus, von den Aymará bereits ausgebildet, gipfelte in
-der Verehrung der Sonne. Daher gab es viele reich mit Gold verzierte
-Sonnentempel, in denen auch goldene Götzenbilder errichtet wurden.
-Daneben fanden auch die Gestirne und Naturerscheinungen, selbst
-Berge und Felsen, Quellen und Ströme eine religiöse Verehrung.
-Nach ihrem Tode wurden auch die Inkas unter die Götter versetzt.
-Die Priesterschaft nahm den höchsten Rang nächst dem Könige ein,
-die Oberpriester stammten aus fürstlichem Geblüt. Eine strenge
-Regel ordnete ihr Leben, welches in Zurückgezogenheit auch Fasten
-und Bußübungen auferlegte. Die Sonnenjungfrauen, welche gleich den
-Vestalinnen das heilige Feuer zu bewachen hatten, lebten klösterlich
-in strenger Zucht. Der Opferdienst unterschied sich vortheilhaft von
-dem mexikanischen, wenn auch hier in einzelnen Fällen Knaben getödtet
-wurden, denen man, wie bei den Azteken, die Brust mit einem Steinmesser
-öffnete, um das Herz herauszureißen.
-
-Eine zweite bevorzugte Classe des Volks bildete der Adel, zu welchem
-einerseits alle Mitglieder der zahlreichen königlichen Familie und
-Verwandtschaft zählten, denen neben einer sie allein auszeichnenden
-Tracht auch besondere Vorrechte eingeräumt wurden und die allein auf
-die höchsten Staatsämter, als Oberpriester, königliche Räthe und
-Befehlshaber im Heere Anspruch hatten; andererseits rechnete man zu
-dem Adel die Curacas oder Häuptlinge der unterworfenen und dem Staate
-einverleibten Volksstämme, sowie die Nachkommen dieser Caziken.
-
-Die große Menge des gemeinen Volkes entbehrte jeder freien Bewegung,
-jeder Selbstbestimmung. Die Berufsthätigkeit erbte in den Familien
-stets vom Vater auf den Sohn. Lebensweise und Tracht waren gesetzlich
-geregelt. Niemand konnte reich, aber auch niemand arm werden, denn das
-ganze Land, welches in Tempelgut, Königsgut und Staatsgut zerfiel,
-mußte vom Volke vorschriftmäßig bebaut werden. Die Staatsländereien
-wurden jährlich nach der Größe der Familien und Gemeinden neu
-ausgetheilt, und aus den Erträgnissen erhielt jede Familie ihren
-Lebensbedarf zugewiesen. Darin waren die Peruaner den Azteken in
-Bezug auf materielle Kultur voraus, daß sie ein werthvolles Haus-
-und Lastthier, das Lama, besaßen; allein die Lamaherden waren
-ausschließlich königliches Eigenthum, und von der Wollernte erhielt
-jede Familie für die Anfertigung der Kleider ihren Antheil zugemessen.
-In gleicher Weise war alles Gold und Silber als Staatsgut erklärt und
-fand seine Verwendung fast nur in der Ausschmückung der Tempel und
-Paläste. Außer Wolle dienten auch Baumwolle und andere Faserpflanzen
-zur Herstellung der Gewänder. Die Männer trugen kurze Röcke, in jeder
-Provinz nach vorgeschriebenen Farben; die Frauen lange, hemdenartige
-Gewänder, dazu Kopfbinden und Sandalen.
-
-Der Landbau war hoch entwickelt. Man verwendete den Guano als Dünger,
-legte die Felder an den Berggehängen terrassenartig an und bewässerte
-sie künstlich durch Herbeileitung der Gebirgsbäche. Man baute
-Quinoahirse und Mais, Kartoffeln, Bananen und Agaven. Das Blatt des
-Cocastrauches wurde, zur Anregung der Nerventhätigkeit, gekaut, Tabak
-wurde nur geschnupft, nicht geraucht und diente als Heilmittel. Der
-Baumwollenbau wurde namentlich in den warmen Thälern betrieben.
-
-[Illustration: Altperuanisches Gobelingewebe aus dem Todtenfelde von
-Ancon.
-
-Das Ornament des Gewebes, aus dessen ganzer Fläche das hier abgebildete
-Stück herausgenommen ist, zeichnet in energisch stilisirender Weise
-einen mit hohem Schmucke versehenen menschlichen Kopf. Der Grund des
-Gewebes ist ein gesättigtes Roth. Das Gesicht ist in der Ansicht von
-vorn gezeichnet und in blaßrother Farbe ausgeführt; es wird von einer
-grün und gelb gemusterten Borte umgeben, erst außerhalb derselben
-stehen die großen Ohren. Die mützenartige Kopfbedeckung ist von
-einer blau grundirten Borte umsäumt; über derselben erhebt sich der
-schirmartige bunte Kopfschmuck mit sehr mannigfaltig gemusterten
-Borten. Die Innenseite der Kopfbedeckung ist in quadratische Felder
-getheilt, auf deren dunklem Grund kleine stilisirte Vögel gezeichnet
-sind. -- Neben dem Gesichte in der rothen Grundfläche verbliebene
-kleinere Räume enthalten kleinere menschliche Figuren und andere
-Ornamente. -- Dieses Gewebe ist eins der beachtenswerthesten aller in
-Ancon ausgegrabenen: es zeichnet sich durch eine gewisse Großartigkeit
-und einheitlichen Charakter der Ornamentirung aus und ist auch in
-allen Details sorgfältig und fein ausgeführt. -- Die Kette besteht aus
-starken Baumwollenfäden, der Durchschlag aus feinster Wolle.]
-
-Die Gewerbthätigkeit lieferte beachtenswerthe Erzeugnisse. Ohne das
-Eisen zu kennen -- denn die Werkzeuge waren aus Kupfer, Bronze oder
-Stein -- verstand man doch vorzügliche Metallarbeiten herzustellen,
-lieferte lebensgroße Figuren aus Gold, Spiegel von polirtem Metall,
-selbst Brennspiegel; die in den schönsten Mustern ausgeführten Gewebe
-bekunden den ausgebildeten Farbensinn. Daß man sich sogar auf eine
-Art Gobelinweberei verstand, haben die Ausgrabungen von Stübel und
-Reiß auf dem Todtenfelde von Ancon, an der Küste nördlich von Lima,
-bewiesen.[435]
-
-[Illustration: Sculptur am Inkathor bei Cuzco.]
-
-Der Hausbau richtete sich nach der Verschiedenartigkeit des Klimas.
-Im regenlosen Littoral baute man mit Luftziegeln (Adoba) und setzte
-auf die Mauern ein flaches Dach. Im Gebirge bestand die Wohnung aus
-Steinwand mit Strohdach. Licht fiel nur durch die Thür in den innern
-Raum; die Gebäude waren in der Regel nur ein Stockwerk hoch. Größere
-Ortschaften und Städte waren von mehreren Mauern umgeben, deren Thore
-nachts geschlossen wurden. Die große Festung Sacsahuaman, welche
-älteren Bauwerken von Tiahuanaco nachgebildet zu sein scheint, war von
-drei, winkelartig vorspringenden, cyklopischen Mauern umschlossen. Die
-Prachtbauten zeigen einen ernsten, einförmigen Stil, dem der Schmuck
-der Säulen fehlt. Der Drang nach bildnerischem Schaffen fand nur in
-strengen Formen typischer Reliefs einen rohen Ausdruck.
-
-[Illustration: Sculptur am Inkathor bei Cuzco.]
-
-Weit wichtiger müssen die gewaltigen Wasserleitungen und großartigen
-Kunststraßen gelten, die das ganze Reich der Länge nach durchzogen
-und nach der Hauptstadt zusammenliefen. Die längste dieser Straßen
-von Cuzco nach Quito und Pastos, in grader Linie eine Entfernung
-von 225 Meilen, war 15 bis 25 Fuß breit, war mit behauenen Quadern
-gepflastert und zum Theil von Baumreihen beschattet. Dabei waren
-Schluchten ausgefüllt, Felsen weggesprengt und lange Treppenfluchten
-angelegt. Denn da Wagen nicht im Gebrauch waren, und Lamas allein zum
-Lasttragen verwendet wurden, bildeten solche Treppen für den Verkehr
-keine Schwierigkeit, während die spanische Reiterei dieselben nur mit
-Mühe überwand. Die Bergströme und Schluchten wurden auf steinernen
-und hölzernen oder auf Seilbrücken überschritten. Meilensteine gaben
-oft die Entfernungen in gleichen Abständen an. Alle drei oder vier
-Meilen waren Herbergen (Tambos) für die Unterkunft der Inkas und ihres
-Gefolges errichtet. Sarmiento, der die Inkastraßen noch in ihrer ganzen
-Erhaltung sah, bemerkt, Kaiser Karl würde mit aller seiner Macht nicht
-einen Theil dessen schaffen, was das wohl eingerichtete Regiment der
-Inkas über die gehorchenden Stämme vermochte. Hernando Pizarro, der
-gebildetste der drei Brüder, ruft aus: „In der ganzen Christenheit
-sind so herrliche Wege nirgends zu sehen.“ Und Alexander von Humboldt
-setzt hinzu: „Was ich von römischen Kunststraßen in Italien, dem
-südlichen Frankreich und Spanien gesehen, war nicht imposanter als
-diese Werke der alten Peruaner; dazu finden sich letztere nach meinen
-Barometermessungen in der Höhe von 12440 Fuß.“[436] Auf diesen Straßen
-besorgten Schnellläufer (~Chasquis~), ähnlich wie in Mexiko, den
-Postdienst und setzten den Inka von allen Vorfällen in seinem weiten
-Reiche auf das schleunigste in Kenntniß.
-
-Eine Schrift besaß das Volk nicht; aber einen Ersatz dafür hatte
-man in den „Quipos“ (d. h. Knoten) gefunden, welche aus künstlich
-verschlungenen und verknüpften Schnurenbündeln aus gedrehter Wolle
-von verschiedener Farbe bestanden, sich in Haupt- und Nebenstränge
-gliederten und in mannigfachster Weise verknotet waren, so daß diese
-Quipo-Bündel das Gewicht eines halben Centner erreichen konnten.
-Die Stärke und Länge der Schnüre, die Weise der Verknüpfung, die
-Zusammensetzung der Farben erhielten einen conventionellen Sinn und
-Bedeutung. Weiß bedeutete Frieden oder Silber, Roth den Krieg oder
-Soldaten, Gelb entsprach dem Gold, Grün dem Mais. So konnte man aus den
-Quipos Tributregister (ähnlich den noch in türkischen Ländern üblichen
-Kerbhölzern) oder Soldatenlisten u. s. w. ablesen.
-
-
-Altperuanische Geräthschaften aus dem Todtenfelde zu Ancon.
-
- 1. Umhängetasche aus Wollenstoff, deren Oeffnung durch ein
- eingezogenes Band zusammenzuschnüren ist; 18 ~cm~ breit.
-
- 2. Aus Riedgras geflochtenes Arbeitskörbchen, wie es zur
- Aufbewahrung der Spinngeräthe und anderer täglich gebrauchter
- Gegenstände diente. Oben auf liegen blau und roth bemalte Spindeln,
- darunter konische Bündel fein ausgekämmter Baumwolle, eine Spindel
- mit aufgesponnenem Garn und in der Ecke der Kopf einer Thonfigur.
- Das Körbchen ist ca. 38 ~cm~ lang.
-
- 3. Perlmutterhalsband. Die Verzierungen sind aus dünnen
- Perlmutterstückchen geschnitten und auf ein Stück Baumwollenzeug zu
- regelmäßigen Figuren aufgesetzt. 33 ~cm~ lang.
-
- 4. Ein großer aus rothen, blauen, grünen und gelben Federn
- gebildeter Kopfschmuck. Jede einzelne Feder ist mit Fäden an ein
- geflochtenes Band befestigt und alle Bänder vereinigen sich zu
- einem knollenartigen Stile des Federbusches.
-
- 5. Aus Stroh gefertigte, durch Wollfäden zusammengehaltene
- Kopfbedeckung (Tendema). In derselben wurden die Federbüsche
- getragen, oder auch in ihren Rand einzelne Federn eingesteckt;
- oberer Durchmesser 15 ~cm~.
-
- 6. Standartenartiges Ehrenzeichen mit schwarz-rothem Wollbüschel
- und dem Tuche, in welches das Ganze gegen den Staub des Grabes
- geschützt eingeschlagen war; 94 ~cm~ lang.
-
- 7. Kleine Kürbisschale; den Rand bildet eine Vogelborde und auch
- die sonstige Ornamentik der Schale besteht aus Vogelfiguren; oberer
- Durchmesser 9-10 ~cm~.
-
- 8. Kleiner Flaschenkürbis mit eingeritzten roth gefärbten
- Ornamenten; 7 ~cm~ hoch.
-
- 9. Birnförmiger Kürbis; der obere Theil dient als Deckel des
- unteren, von letzterem greifen zwei Vorsprünge in entsprechende
- Ausschnitte des Deckels ein, demselben Halt gewährend; 12½ ~cm~
- hoch.
-
- 10. Eine Grabtafel. Es ist dies eine aus Rohrstäben gefertigte
- Tafel, überspannt mit weißem Baumwollenzeug, dessen Ränder auf der
- Rückseite zusammengenäht sind, und an einen oben weniger, unten
- mehr hervorragenden Stab gesteckt. Auf der Tafel befindet sich
- die in rothen und schwarzen Linien ausgeführte Andeutung einer
- menschlichen Gestalt. In den gleichen Farben sind die Ränder der
- Tafel mit einem höchst einfachen Ornament bemalt und zwischen
- diesem Rande und der Figur stehen, zumeist in symmetrischer
- Anordnung, einige Zeichen. Auf dem abgebildeten Exemplar ist die
- Gestalt verhältnißmäßig gut gezeichnet: An dem Kopfe ist ein großer
- Ohren- und Federschmuck erkennbar; Arme und Hände sind dreifingerig
- angedeutet; die rechte Hand hält irgend einen Gegenstand. Der Zweck
- der Tafeln ist vorläufig noch unverständlich: ob nur Grabesschmuck,
- ob Zauberformeln, ob Hindeutung auf die Lebensverhältnisse der
- Verstorbenen? 32 ~cm~ hoch.
-
- 11. Lanze aus festem Holze mit rautenförmiger, in der Mitte wulstig
- verdickter Spitze; der Schaft ist gewaltsam geknickt und umgebogen;
- 148 ~cm~ lang.
-
- 12. Morgensternartige Waffe: ein sechszackiger Stern von Stein
- mittelst Baumwollenzeug an einem langen Holzschaft befestigt; 115
- ~cm~ lang.
-
- 13. Keulenartiger Stab; 105 ~cm~ lang.
-
- 14. Schleuder mit einem zur Unterlage des zu werfenden Steines
- dienenden Geflecht; am linken Ende die Fingerschleife. Die
- Schleudern wurden meist aus den Fasern der Agave, und aus Wolle und
- Baumwolle gemacht, doch auch aus Menschenhaaren; 192 ~cm~ lang.
-
- 15. Schleuder, zum Theil aus Menschenhaaren gefertigt, mit steifem
- Mittelstück, zur Aufnahme des Steines; 140 ~cm~ lang. (Die
- Schleudern wurden häufig auch als Kopfbinden benutzt.)
-
- 16. Bruchstück eines Trinkkruges, aus feinem Thone gefertigt
- (schwarz), eine wassertragende Indianerin darstellend. Dieselbe
- trägt als Schutz gegen die Sonne ein Tuch über dem Kopf; größte
- Höhe 21 ~cm~.
-
- 17. Krug aus Thon mit konischem Boden, tief angesetzten Henkeln und
- oben zum Durchziehen von Schnuren eingebohrten Löchern; 21 ~cm~
- hoch.
-
- 18. Rothes kannenartiges Thongefäß mit weißer Bemalung; 145 ~mm~
- Durchmesser.
-
- 19. Flasche aus rothem Thon. Am Halse nach beiden Seiten hin ein
- menschliches Gesicht; auf der Wandung ein katzenartiges Thier, über
- ihm ein ausgezacktes Bogenornament; 165 ~mm~ hoch.
-
- 20. Hellfarbiges Thongefäß den Körper eines sitzenden Indianers
- nachbildend; die Arme und die im Knie stark gebogenen Beine sind
- roh angedeutet. Der Kopf bildet den Hals des Gefäßes. Der Indianer
- trägt auf dem Rücken ein Lama, dessen Kopf in unserer Ansicht über
- der Schulter sichtbar ist; 225 ~mm~ hoch.
-
- 21. Gefäß aus röthlichem Thone. Die Oberfläche ist mit einer dünnen
- Lage gelblichen Thones überzogen und darauf die Verzierungen in
- violetter Farbe aufgetragen; 25½ ~cm~ hoch.
-
- 22. Gesichtsurne. Fast kugelrundes Gefäß, auf welches als Hals ein
- menschlicher Kopf aufgesetzt ist, dessen Gesicht einen lachenden
- Ausdruck hat und von roh gearbeiteten, als Henkel dienenden Armen
- gestützt wird; 18 ~cm~ Durchmesser.
-
- 23. Thongefäß mit Abbildungen altperuanischer Krieger (+nicht+ aus
- Ancon, sondern aus der Gegend von Trujillo); in Besitz des ~Dr.~
- Macedo in Lima. Eine der vollkommensten Leistungen altperuanischer
- Keramik. Höhe vom Becken bis zum Helmschmuck der Deckelfigur 28
- ~cm~.
-
-[Illustration: Altperuanische Geräthschaften aus dem Todtenfelde zu
-Ancon.
-
-
-Das Kriegswesen war ebenso fest und streng geregelt, wie das
-bürgerliche Leben. Die Bewaffnung bestand aus Kupferkeulen und
-bronzenen Streitäxten, Spieße und Pfeile waren mit Kupferspitzen
-versehen. Auch Schleuder und Stein gehörten einer besondern
-Waffengattung an. Als Schutzwaffen bediente man sich baumwollner Panzer
-und mit Baumwolle gefütterter hölzerner Helme, welche mit Metall und
-Edelsteinen bei den Vornehmen geziert waren, während die gemeinen
-Soldaten eine Art Turban trugen. Trommeln und Hörner bildeten die
-Kriegsmusik. Im Felde lagerten die Truppen unter baumwollenen
-Zelten. Die Schleuderer bildeten das Vortreffen, die Keulenmänner und
-Axtträger standen im Mitteltreffen. Die Heere waren nach der Kopfzahl
-in bestimmte Abtheilungen gegliedert und zählten in großen Kriegen bis
-zu 200,000 Mann.
-
-[Illustration: Durchschnitt eines altperuanischen Grabes mit Mumien; im
-Todtenfelde von Ancon.]
-
-In keinem Lande der neuen Welt haben die spanischen Eroberer die alte
-Kultur in so rücksichtsloser Weise von dem Erdboden vertilgt, wie in
-Peru. Fast nur dasjenige, was die Altperuaner zu ihren Todten unter
-die Erde gebettet haben, ist uns erhalten, um uns von den gewerblichen
-Leistungen und dem Kulturgrade derselben Zeugniß zu geben. Aber das
-Kostbarste ist auch hier schon längst durch die habgierigen Hände
-der nach Schätzen suchenden und grabenden Conquistadoren vernichtet.
-Die Mumien der Könige, welche im Sonnentempel zu Cuzco auf goldenen
-Stühlen saßen, sind ihres Schmucks beraubt und zerstört, die steinernen
-Erbbegräbnisse der Vornehmen, deren Leichen ebenfalls balsamirt
-waren, sind erbrochen und ausgeplündert. Um so willkommner ist die in
-vierteljähriger Arbeit durchgeführte Aufdeckung des Todtenfeldes von
-Ancon durch Reiß und Stübel, welche uns am besten das bürgerliche Leben
-in alter Zeit vergegenwärtigt. Wenn der spanische Historiker Gomara uns
-berichtet, daß schon in dem ersten Decennium nach der Eroberung gegen
-anderthalb Millionen Indianer ums Leben gekommen seien, dann darf man
-wohl mit Recht auf eine früher viel dichtere Bevölkerung des Landes
-schließen. Darauf weist auch die ausgedehnte Nekropole von Ancon hin,
-welche ein Quadratkilometer Flächenraum an dem völlig öden Strande
-besetzt und trotz dieser Ausdehnung -- sie war mit einer Steinmauer
-abgeschlossen -- auch außerhalb dieser Umfriedigung stundenweit
-noch von Grabreihen umgeben war. In den bis zu sechs Meter tiefen
-Grabstätten waren bisweilen mehrere Todte in eine gemeinschaftliche
-Gruft gebettet. Der Leichnam wurde in hockender oder kauernder Lage
-eng zusammengeschnürt und in einen Sack von grobem Webstoff fest
-eingenäht, die Vornehmen waren in farbenprächtige Gewandstücke oder
-Tücher und Decken eingehüllt, welche von der Kunst und dem Geschmack
-der Bewohner zeugen und ihre Leistungen weit über den Begriff einfacher
-Naturvölker erheben. Allerlei Hausrath, wie er täglich in Gebrauch kam,
-wurde den Todten mitgegeben, seien es Waffen, Hals- und Arm-Schmuck,
-verzierte und bemalte Thongefäße, oder seien es die verschiedensten
-zum Spinnen und Weben erforderlichen Geräthschaften und Stoffe, wie
-buntfarbige Spindeln und gesponnene Wolle oder Baumwolle oder endlich
-allerlei Kinderspielzeuge; alles dieses läßt uns die Anschauung und
-Begabung des alten Inkavolkes erkennen; und um so tiefer ist es zu
-beklagen, daß diese vielversprechenden Keime einer höheren Gesittung in
-schonungsloser Weise zertreten wurden.
-
-
-29. Pizarro versucht bis zum Lande der Inkas vorzudringen.
-
-+Francisco Pizarro+, welcher wie (S. 424) erwähnt ist, die Pläne
-Andagoya’s aufnahm, suchte, da es ihm selbst an Mitteln fehlte,
-Genossen, welche ihn einerseits durch Geldmittel, andererseits durch
-ihren kräftigen Arm unterstützten. Erstere fand er durch Vermittlung
-eines klugen und gewandten Geistlichen, +Fernando de Luque+ in Panama,
-welcher ihm auch die Bewilligung des Statthalters für seine Pläne
-erwirkte, letzteren bot ihm +Diego de Almagro+, ein Mann von dunkler
-Herkunft, der als Kind an einer Kirchenthür ausgesetzt gefunden
-worden sein soll.[437] In der Heimat hatte er nichts zu erwarten, in
-der neuen Welt hoffte er sich eine Stellung zu erringen. Er war ein
-vortrefflicher Soldat und ein so ausgezeichneter Fußgänger, daß er im
-dichtesten Bergwalde die Spur eines Indianers verfolgen und denselben
-einholen konnte, wenn derselbe auch eine Meile Vorsprung hatte.[438]
-Tapfer und graden Herzens war er ein Feind aller Schleichwege und
-Intriguen, doch wußte er seine Leidenschaftlichkeit nicht immer zu
-beherrschen. Pizarro rüstete zwei Schiffe zu 40 und 70 Tonnen Gehalt
-nebst einer kleinen Brigantine aus, und Almagro warb als Mannschaft
-112 Spanier. Es war die Verabredung getroffen, daß Pizarro vorausgehen
-und Almagro ihm folgen solle, während de Luque durch sein Amt an der
-Kirche (~clerigo presbitero, vicario de la santa iglesia~) in Panama
-zurückgehalten wurde und von hier aus die Unternehmung zu fördern hatte.
-
-
-Altperuanische Mumien, aus dem Todtenfelde zu Ancon.
-
- 1. =Mit einem reichen Prachtgewande bekleidete Mumie.= Allem
- Anscheine nach ist dies die Mumie eines in hohem Range
- Verstorbenen, denn sie zeichnet sich durch die Bestattung selbst,
- wie auch durch die reiche Bekleidung des Mumienballens aus. Der
- letztere enthält nämlich nicht, wie sonst, den vollständigen
- Körper, sondern nur die zu einem Bündelchen zusammengeschnürten
- Knochen desselben. Der Mumienballen, dessen +Vorder+ansicht unsere
- Abbildung zeigt, ist mit grobem Baumwollenzeug überspannt und
- seine Form ist so, daß sie dem darüber gezogenen Prachtgewand
- völlig entspricht. Dasselbe ist von seinem Wollenstoff und in zwei
- Stücken gewebt; die Farbe der beiden breiten helleren Streifen
- ist goldgelb, das übrige purpurroth. Die Streifen sind mit vielen
- Figuren, die ein farbenprächtiges Muster bilden, reich verziert.
- Der Kopf ist imitirt und mit einem blau-, roth- und goldfarbigen
- Tuche umwunden. Unter letzterem befindet sich eine Tendema (s.
- Abbildung dieser Kopfbedeckung auf der Tafel „Altperuanische
- Geräthschaften“). Unter derselben dringen die langen, in viele
- Zöpfe geflochtenen Haare einer dem falschen Kopfe aufgesetzten
- Perrücke hervor. Diese Mumie befand sich in einem Grabe mit
- noch zwei anderen, aber ärmlich ausgestatteten und umgeben von
- mancherlei Geräthen, von denen ein Arbeitskörbchen auf unserer
- Abbildung sichtbar ist. Die größte Breite dieser Mumie ist 1 Meter;
- ihre größte Höhe 76 Centimeter.
-
- 2. =Seitenansicht einer Mumie in gewöhnlicher Ausstattung.= Die
- mehrfache Umhüllung birgt die Leiche eines Erwachsenen in hockender
- Stellung und auf deren Kopfe ein kleines mit Tüchern umwickeltes
- Kind. Der hier als Kopf sichtbare Aufsatz umschließt nicht den
- wirklichen Kopf, sondern ist ein Gebilde aus Kissen, einer Perrücke
- und einer rohen roth bemalten Gesichtsform. Der Mumienballen
- ist mit Stricken fest umwunden: die vier starken aus Riedgras
- geflochtenen Seile haben zum vorsichtigen Versenken der Mumie
- gedient. Größte Höhe 142 Centimeter; Schulterbreite 1 Meter, Umfang
- 280 Centimeter.
-
- 3. =Durchschnitt einer einfachen Mumie.= Diese Abbildung zeigt,
- wie der im Innersten des Mumienballens sitzende Todte mit den
- verschiedenen Hüllen umgeben worden ist.
-
- In den meisten der Mumien finden sich Armspangen, Halsbänder,
- Fingerringe und schöner Kopfputz, mit welchen der Todte geschmückt
- worden ist.
-
-[Illustration: Altperuanische Mumien aus dem Todtenfelde zu Ancon.]
-
-
-Am 14. November 1524 segelte Pizarro mit zwei Schiffen ab und landete
-an der mit Sumpfwald bedeckten Küste am Flüßchen Biru. Von Sturm und
-Ungewitter wurden die Schiffe auf der See hart betroffen. Das eine
-Fahrzeug unter Montenegro ging nach Panama zurück, während Pizarro
-mit einem Theil der Mannschaft zurückblieb und allem Ungemach Trotz
-bot; denn er fühlte recht wohl, daß mit seiner erfolglosen Rückkehr
-das Unternehmen für immer begraben werde. Siebenundvierzig Tage harrte
-er in einem Hafen aus, welcher, da die Spanier in ihrer Noth sogar
-gegerbtes Leder kochen und verspeisen mußten, den Namen Hungerhafen
-erhielt. Mehrere Soldaten waren bereits gestorben, als man in der
-Nähe der Küste ein indianisches Dorf entdeckte, wo man etwas Mais und
-Cacao fand. Als dann das nach Panama entsendete Schiff neue Zufuhr
-brachte, ging Pizarro weiter nach Süden, überfiel dort eine auf einem
-Hügel gelegene und mit Pfahlwerk befestigte Stadt, fand dieselbe aber
-von ihren Einwohnern bereits verlassen. Bei einem weitern Streifzuge
-in der Umgebung wurde er von den Indianern überfallen, verlor fünf
-Leute im Gefecht und wurde selbst mehrfach verwundet. Da er sich zu
-schwach fühlte, den Kampf fortzusetzen, so kehrte er nun nach Panama
-zurück, um Almagro sich zur Hilfe zu holen. Dieser war indessen, ohne
-Pizarro anzutreffen oder Zeichen seiner Anwesenheit (Einschnitte an
-den Bäumen) zu finden, bis zum 4° n. Br. vorgedrungen, bis zum Rio de
-San Juan. Obwohl er in der Nähe des Orts, wo bereits Pizarro einen
-Kampf bestanden, gleichfalls von den Indianern angegriffen wurde und in
-folge einer im Gefecht erlittenen Kopfwunde ein Auge verloren hatte,
-ließ er sich doch nicht abhalten noch weiter zu steuern, bis er immer
-deutlichere Beweise von der Nähe eines großen und goldreichen Staates
-vor sich sah. Dann trat auch er den Rückweg an, weil er über das
-Schicksal seiner Genossen völlig in Ungewißheit war.
-
-In Panama wurde nun am 10. März 1526 zwischen den drei Unternehmern
-Pizarro, Almagro und Luque ein förmlicher Vertrag über die Eroberung
-Peru’s aufgesetzt. De Luque schoß dazu wieder eine bedeutende Geldsumme
-(20,000 Pesos in Gold) vor, und erhielt dafür Anspruch auf ein Drittel
-des erbeuteten Goldes und eroberten Landes. Für Almagro und Pizarro,
-welche nicht einmal ihren Namen schreiben konnten, beglaubigten zwei
-spanische Ansiedler in Panama und ein Notar den Vertrag.
-
-So konnte im Frühjahr 1526 auf zwei Schiffen unter der Führung des
-Piloten +Bartolomeo Ruiz+ aus Moguer bei Palos und mit 160 Mann ein
-zweiter Zug unternommen werden. In einem Indianerdorfe an der Mündung
-des San-Juanflusses wurde etwas Gold erbeutet. Um noch mehr Leute zu
-werben, mußte Almagro mit diesem Lockmittel noch einmal nach Panama
-zurückkehren, während Pizarro in der Nähe des Flusses blieb.
-
-Ruiz kundschaftete indessen die weiter südlich gelegenen Küsten aus;
-berührte die Insel Gallo in der Bucht von Tumaco (2° n. Br.), die
-Bai von S. Mateo (1° 30′ n. Br.) und erreichte endlich den Aequator.
-Jenseit des Cap Passado (1° s. Br.) traf er mit einer peruanischen
-Balsa (einem Floß mit Segeln) aus der Stadt Tumbez (3½° s. Br.)
-zusammen. Sein Erstaunen wuchs, als er bei dieser Gelegenheit die
-schön gewebten Stoffe, die farbigen Muster prüfen konnte und genauere
-Nachrichten von dem Inkareiche erhielt. Mit dieser günstigen Kunde
-ging der Pilot zu Pizarro zurück, und als sich auch Almagro mit 80 neu
-angeworbenen Leuten einfand, rückte die ganze Schar bis zur Insel Gallo
-vor. Die Spuren zunehmender Kultur traten, je weiter gegen Süden, um
-so deutlicher hervor. An einer Stelle der Küste, wo man landen wollte,
-sammelte sich alsbald ein Heer von 10,000 Kriegern, mit denen man den
-Kampf nicht aufzunehmen wagte. Auf Gallo, wohin man zurückging, theilte
-sich die Expedition. Almagro segelte mit dem einen Schiffe nach Panama,
-das andere blieb vorläufig bei Pizarro zurück. Doch da dieser sah, daß
-sich unter seinen Gefährten noch mancher Zaghafte befand, welcher die
-Kühneren hätte entmuthigen und zum Abfall bestimmen können, so beschloß
-der verwegene Capitän, auch das letzte Schiff mit der unzuverlässigen
-Mannschaft nach der Landenge zurückzusenden, und blieb, auf bessere
-Tage hoffend und seinem Stern vertrauend, auf der kleinen Küsteninsel
-zurück.
-
-Sobald der Statthalter von Panama von diesem verzweifelten Entschluß
-benachrichtigt worden war, sandte er zwei Schiffe ab unter Tafur, mit
-dem bestimmten Befehl an Pizarro, zurückzukehren, da das aussichtslose
-Unternehmen nur vergebliche Opfer an Menschenleben forderte. Pedrarias
-war zu diesem Befehl durch einen Brief bestimmt worden, welchen einer
-der bei Pizarro zurückgebliebenen Leute in einem auf das letzte Schiff
-verladenen Baumwollenballen versteckt hatte, und in welchem die
-traurige Lage der Abenteurer auf Gallo drastisch beleuchtet war.
-
-Mit den Schiffen Tafur’s hatten aber Almagro und de Luque ermuthigende
-Briefe an Pizarro gesandt, welche diesen aufforderten, auszuharren, da
-sie ihm bald Hilfe senden würden. Pizarro und sein Pilot Ruiz weigerten
-sich daher, nach Panama zurückzukehren. Der Capitän rief, als Tafur
-den Befehl des Statthalters verkündigt hatte, seine Leute zusammen
-und zog mit dem Schwert eine Linie in den Sand von Osten nach Westen:
-„Hier,“ sprach er, nach Süden weisend, „liegt Peru mit seinen Schätzen,
-dort Panama mit seiner Armuth. Wählt! Ich gehe nach Süden.“ Und damit
-überschritt er die gezogene Linie. Außer dem treuen Piloten folgten ihm
-noch 12 andere entschlossene Männer. Ihre Namen haben die spanischen
-Geschichtsschreiber uns aufbewahrt; denn ihre Entscheidung bestimmte
-das Loos Pizarro’s und Peru’s. Nur bis zu der 15 Meilen nördlicheren
-und etwas größeren Insel Gorgona, welche in Wald und Wasser
-Nahrungsmittel bot, wich Pizarro vorläufig zurück und hielt sich dort
-sechs bis sieben Monate, bis Almagro ihm in einem kleinen Schiff wenig
-neue Mannschaft zuführen konnte. Somit fand Pizarro wieder Gelegenheit,
-noch einmal weiter nach Süden vorzugehen, bis sie am südlichen Gestade
-der Bai von Guayaquil die peruanische Stadt Tumbez erreichten. Die
-Natur der Küste änderte sich hier, statt der fieberschwangeren
-Sumpfwälder lag hier ein trockner, gesunder Sandstrand vor ihnen.
-Die Stadt, von drei Mauerringen umgeben, war der bedeutendste Ort
-im Norden des peruanischen Reiches. Der Tempel war mit goldenen und
-silbernen Platten belegt. Der Verkehr mit den Eingeborenen gestaltete
-sich friedlich. Der Spanier Molina und der griechische Ritter Pedro
-de Candia, in voller Rüstung, begaben sich ans Land auf Kundschaft,
-und letzterer zeigte den erschreckten Eingeborenen, indem er mit einer
-Hakenbüchse nach einem gesteckten Ziele schoß, die Wirkung europäischer
-Waffen. Dann wurde die Fahrt nach Süden weiter fortgesetzt, am Cap
-Blanco (4° 17′ s. Br.), welches nur wenige Meilen nördlich von dem
-äußersten, westlichen Vorsprunge von Südamerika, der 16 Meter hohen
-Punta Pariña, gelegen ist, begann die Küste höher zu werden; aber
-sie bot keinen Hafen bis Santa (9° s. Br.), wo der größte unter den
-Bergströmen Peru’s mündet. Bis hieher kam Pizarro. Er hatte genug
-von dem großen Reiche gesehen, um zu wissen, von welcher Bedeutung
-sein Besitz für Spanien werden könne, aber auch, um zu erkennen, daß
-die Eroberung nur ausführbar sei, wenn die Krone ihn zu derselben
-autorisire und ihn unterstütze.
-
-[Illustration: ~Zur Entdeckung von PERU durch Pizarro~]
-
-Kaum war er darum nach Panama zurückgekehrt, als er sich schon auf den
-Weg machte nach Spanien, denn der Statthalter von Panama versagte ihm
-die erforderlichen Mittel. Er nahm die von Ruiz gezeichneten Karten,
-deren Inhalt sich auf der +Weltkarte Ribero’s+ vom Jahre 1529 zum
-erstenmale wiedergegeben findet, mit sich, um dem Könige die große
-Ausdehnung Peru’s zeigen zu können.
-
-Bei seiner Landung in Sevilla wurde er zwar auf Antrag des Baccalaureus
-Enciso, welcher von der Ansiedlung an der Küste von Darien her noch
-Geldansprüche an ihn zu erheben hatte, gefangen gesetzt, allein auf
-Befehl der Regierung, welche bereits von dem Zweck seiner Botschaft
-wußte, in Freiheit gesetzt.
-
-Pizarro traf den König Karl in Toledo, dort legte er ihm die
-Erzeugnisse des peruanischen Gewerbfleißes und goldenen Schmuck vor und
-erregte namentlich durch das mitgebrachte Lama Aufsehen.
-
-Karl empfahl die Angelegenheit dem indischen Rathe, und so konnte
-Pizarro am 26. Juli 1529 mit der Krone (die Königin unterzeichnete
-im Namen des abwesenden Monarchen) zugleich im Namen Almagro’s und
-de Luque’s, einen Vertrag abschließen, wonach Pizarro selbst zum
-Adelantado von Peru, sein Waffengefährte zum Commandanten von Tumbez
-und der Pfarrer von Panama zum Bischof dieser nördlichsten Stadt
-Peru’s ernannt wurde. Ruiz wurde zum Oberpiloten der Südsee erhoben.
-Zugleich erhielten alle einen ihrem Range entsprechenden Gehalt aus den
-Einkünften von Peru angewiesen. Die zwölf treuen Genossen von der Insel
-Gorgona wurden zu Edelleuten (~hijosdalgo~) erklärt. Die materielle
-Unterstützung, welche die Regierung dem Unternehmen angedeihen ließ,
-bestand nur in Geschütz und anderem Kriegsbedarf, sowie in Pferden,
-welche von Jamaica entnommen werden sollten.
-
-[Illustration: _G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin._
-
-_Geogr.-artist. Inst. v. Runge u. Glöckner, Leipzig._]
-
-Im Januar 1530 ging Pizarro von San Lucar aus mit drei Schiffen
-und mit Truppen in See nach Nombre de Dios. Da seine Expedition nun
-unter die staatlich autorisirten zählte, fehlte es weder an Mitteln
-noch an Mannschaft. Seine drei Brüder, Hernando, Juan und Gonzalo
-begleiteten ihn.[439] Almagro fühlte sich zurückgesetzt, daß Pizarro
-in dem Vertrage mit der Regierung ihn nicht, wie verabredet worden,
-zu seinem Stellvertreter, sondern nur zum Befehlshaber in einer Stadt
-hatte ernennen lassen; aber Pizarro suchte ihn durch die Erklärung
-zu beruhigen, daß die Regierung so entschieden habe. Damit gab sich
-zwar Almagro zufrieden, allein es war doch in diesem bedeutenden
-Rangunterschiede der Keim der Eifersucht gepflanzt, welcher für beide
-Theile zu einem tragischen Ausgange führte.
-
-
-30. Die Eroberung Peru’s.
-
-Mit drei Schiffen, 180 Mann und 37 Pferden stach Pizarro im Januar 1531
-von Panama aus in See. Widrige Winde ließen ihn das beabsichtigte Ziel,
-Tumbez, nicht sofort erreichen. Das Geschwader lief in die Bai von
-San Mateo (nahe der Nordgrenze des heutigen Staats Ecuador) ein, ein
-Theil der Mannschaft ging ans Land und machte in der Stadt Coaque eine
-ansehnliche Beute an Gold, Silber und Smaragden. Ein Fünftel des Raubes
-wurde als Kronantheil zurückgelegt, das übrige nach Verhältniß des
-Ranges unter die Leute vertheilt. Auch schickte Pizarro eine namhafte
-Summe nach Panama, um noch mehr Mannschaft anzulocken.[440] Während sie
-sich noch in der Nähe des Golfes von Guayaquil befanden, stieß auch
-bereits Sebastian de Benalcazar mit 30 angeworbenen Soldaten zu dem
-Hauptcorps. Dann gings weiter nach der Insel Puna (damals S. Jago),
-wo man freundliche Aufnahme fand, die Regenzeit vorübergehen ließ und
-weiteren Nachschub an Truppen erwartete. Die Inselbewohner lebten in
-Feindschaft mit den Peruanern von Tumbez. Die Städter verdächtigten
-ihre Feinde bei dem spanischen Heerführer und theilten ihm mit, die
-Punenser hätten den verrätherischen Plan gefaßt, alle Fremden zu
-vernichten. Pizarro glaubte an die Verschwörung, ließ die Häuptlinge
-der Insel gefangen nehmen und hinrichten. Dem Volk, welches in folge
-dieser Grausamkeit zu den Waffen griff, brachte er eine Niederlage bei.
-Sein Heer wurde nochmals durch 100 Mann verstärkt, welche ihm +Hernando
-de Soto+, bestochen durch die Smaragden- und Goldsendungen, welche nach
-Panama geschickt waren, auf zwei Schiffen zuführte. Dann ging Pizarro
-nach Tumbez und erfuhr hier die für ihn sehr wichtige Nachricht,
-daß zwischen den Söhnen des letzten Inka Huayna-Capac ein blutiger
-Bürgerkrieg ausgebrochen sei. Atahuallpa und Huascar hatten von
-1525-1530 friedlich neben einander regiert, jener in Quito, dieser in
-Cuzco, bis der ehrgeizige und kriegerisch gesinnte Atahuallpa, welcher
-sein Reich zu vergrößern strebte, auf das an der Bai von Guayaquil
-gelegene Gebiet von Tumibamba (jetzt Cuenza, 3° s. Br.) Anspruch erhob
-und dasselbe besetzte. Dann war er siegreich nach Süden gedrungen,
-hatte seinen Bruder in dem entscheidenden Kampfe bei Chontacaxas,
-nahe vor der Hauptstadt Cuzco, besiegt und gefangen genommen, worauf
-seine beiden tüchtigsten Feldherren Quizquiz und Chalcuchima sich
-der alten Residenz bemächtigten. Das war im Frühling 1532, kurz vor
-Ankunft Pizarro’s, geschehen. Die Familie des gefangenen Inka war auf
-Befehl des Quizquiz fast gänzlich ausgerottet, nur wenige waren dem
-Blutbade entronnen. Der Inka Atahuallpa stand mit seinem Heere bei
-Cajamarca, etwa 50 Meilen südlich von Tumbez. Diese Stadt hatte in
-dem Bürgerkriege sehr gelitten. Pizarro fand die Einwohner ängstlich
-und mistrauisch. Er zog daher, nachdem er seine Truppen ausgeschifft
-hatte, weiter gegen Süden, überall die Oberherrschaft des spanischen
-Königs proklamirend, was die Bewohner des Landes ohne Anstand geschehen
-ließen, weil sie den Sinn solcher Formalitäten nicht verstanden.
-
-Im Thale von Tangarara (5° s. Br.) wurde die Niederlassung San Miguel
-gegründet; da sich aber der Ort bald als ungesund erwies, wurde die
-junge Stadt später nach Piura verlegt. Von San Miguel rückte Pizarro am
-24. September 1532 weiter in der Richtung nach dem Lager Atahuallpa’s.
-Seine Schar bestand aus 110 Mann zu Fuß, 67 Reitern und einigen
-wenigen Büchsenschützen. Weil aber unter dieser Anzahl sich noch
-einige Misvergnügte und Feiglinge befanden, so schickte er noch fünf
-Fußgänger und vier Reiter nach San Miguel zurück und besaß, als er sich
-anschickte, ein Reich von 400 Meilen Länge zu erobern, im ganzen 168
-Mann. Ein Abgesandter des Inka lud ihn zum Besuch nach Cajamarca ein.
-Zwei Indianer, welche bereits mit Pizarro in Spanien gewesen waren,
-Philipp und Martin, dienten als Dolmetscher. Der spanische Heerführer
-stieg mit seiner kleinen Schar kühn über die Cordilleren ins Hochland
-hinauf, wo er die große Reichsstraße fand, welche er gegen Süden
-verfolgte. Mehrfach kamen ihm noch Boten des peruanischen Oberherrn mit
-Geschenken entgegen, welche den geheimen Auftrag hatten, sich genau
-über Zahl, Waffen u. s. w. der Fremdlinge zu unterrichten.
-
-[Illustration: Krieger aus der Inca-Zeit: Malerei auf einem
-altperuanischen Thongefäß. (½ der natürlichen Größe.)
-
-Die Bewaffnung aller fünf Figuren ist lediglich die Lanze, an
-den Schäften mit großen kreuzförmigen Aufsätzen versehen, welche
-vielleicht als streitkolbenartige schwere Keulen zu betrachten sind.
-Als Schutzwaffen tragen die Krieger hohe, spitze, unter dem Kinn mit
-Bändern befestigte Helme mit einem halbmondförmigen aufgesetzten
-Zierrath und einem über den Nacken herabhängenden Tuche. Einen Schild
-führt nur die äußerste Figur rechts. Mit Ausnahme des mittleren tragen
-die Krieger alle große Taschen. Die Körperbekleidung besteht aus einem
-bis fast auf die Knie herabfallenden Untergewand mit verziertem Rande
-und darüber eine bis zur Hüfte reichende Jacke aus verschiedenartig
-ornamentirtem Gewebe. Die Gewänder sind ganz in der Form des Ponchos
-der heutigen Südamerikaner gearbeitet und lassen die Arme unbekleidet.
-Auch die Beine sind nackt, auf unserem Vasenbilde aber, wie auch die
-Gesichter und Hände, bemalt. Die mittlere Figur trägt einen Nasenring,
-die beiden neben ihr ansehnliche Pflöcke in den Ohren. Vier von den
-Kriegern haben auf der linken Schulter eine Schleife, der fünfte trägt
-den Kopf eines phantastischen Thieres als Helmschmuck. Die Gesichter
-sind von dem charakteristischen Indianer-Typus. -- Die Form des Gefäßes
-ist durchaus ungewöhnlich und deshalb auf der Tafel „Altperuanische
-Geräthschaften“ mit abgebildet (s. d.). Das Gefäß befindet sich in
-Privatbesitz zu Lima und soll aus der Gegend von Trujillo stammen.]
-
-Nach einem Marsche von sieben Tagen langte Pizarro in dem
-wohlangebauten Thale von Cajamarca an, welches sich bei einer Höhenlage
-von 2860 Meter eines angenehmen, kühlen Klimas erfreut. Fruchtbare
-Ackerfelder und blühende Gärten zogen sich das Thal entlang. In
-der Ferne sah man die Dampfsäulen der warmen Bäder von Pultamarca,
-Schwefelquellen von 55° R., aufsteigen, welche noch heute den Namen der
-Inkabäder führen und wo Atahuallpa zu baden pflegte. Am Bergabhange
-davor breitete sich die Zeltstadt des peruanischen Lagers, welches
-40,000 Mann zählte, aus. Pizarro zog in die kleine, menschenleere
-Stadt ein, welche mit einer festen und hohen Mauer umschlossen war,
-und besetzte am 15. November den Marktplatz. Dann untersuchte er die
-Verhältnisse der Stadt, um eine feste Stellung für sein Lager zu
-ermitteln, damit er nicht unerwartet überfallen werden könnte. Soto,
-welcher schon vorher einen kühnen Kundschafterritt ausgeführt hatte,
-ritt darauf mit 20 andern Reitern als Gesandtschaft in das Lager des
-Inka hinüber und jagte die letzte Strecke bis an den Bach, welcher sie
-noch vom Lagerplatze trennte, im Galopp vor, um seine Reiterkünste zu
-zeigen und die Indianer durch die Erscheinung der schnaubenden Rosse
-zu erschrecken. Der Inka befand sich im Hofe des Palastes, von seinem
-Gefolge umgeben. Von einem Thronsessel aus sah er hinter einem zarten
-durchsichtigen Schleier, den zwei Frauen vor ihm hielten, damit er
-nach Landessitte nicht von jedem unberufenen Auge beobachtet werde,
-die Spanier sich nähern. Als Soto heransprengte, befahl Atahuallpa den
-Schleier zu senken.[441] Dann trat Hernando Pizarro vor und hielt durch
-den Mund des Dolmetschers eine Ansprache an den König, worin er sich
-als Abgesandten eines mächtigen Monarchen bezeichnete und sich erbot,
-die Peruaner im wahren Glauben zu unterrichten.
-
-Der Inka schwieg auf diese Worte, nur einer seiner ersten Beamten
-erwiderte: „Es ist gut.“ Pizarro begann von neuem und bat den
-Fürsten, die Spanier in ihrem Lager zu besuchen. Atahuallpa sagte
-für den nächsten Tag, nach Beendigung der Fastenzeit, den Besuch zu.
-Inzwischen möchten die Spanier sich in den Staatsgebäuden von Cajamarca
-einrichten. Dann verabschiedete er die fremden Gäste.
-
-Die glänzende Erscheinung des Inka mit seinem Hofstaat, die fast
-göttliche Verehrung, die seine Umgebung dem Herrscher zollte, der
-Eindruck der Machtfülle und unumschränkten Gewalt über bedeutende
-Heereskräfte, die den Spaniern bei dieser Audienz fühlbar wurden --
-alles das ließ die Absichten derselben höchst gewagt erscheinen. Man
-konnte sich unmöglich auf einen vorbereiteten, regelrechten Kampf
-mit dem peruanischen Heere einlassen, welches die kleine Schar der
-verwegenen Abenteurer mühelos schien erdrücken zu können. Das einzige
-Mittel, sich der höchsten Gewalt zu bemächtigen und den Widerstand zu
-lähmen, schien sich in der unerwarteten Gefangennehmung des Inka zu
-bieten. Und zu diesem Handstreich erklärte sich auf Pizarro’s Vorschlag
-der zusammenberufene Rath seiner Officiere bereit. Am nächsten Abend
-erschien Atahuallpa, von Edelleuten auf einem Sessel getragen, mit
-großem Gefolge und 5000 Mann erlesener Truppen vor der Stadt, wo er
-sein Lager aufschlagen wollte. Auf die Einladung Pizarro’s, daß alles
-zu seinem Empfang bereit sei, rückte er arglos und auf seine Macht
-vertrauend bis auf den großen Platz von Cajamarca. Kein Spanier war zu
-sehen, man wollte den Muth der Indianer nicht durch den Anblick der
-kleinen Anzahl der Fremdlinge steigern. Aber im Geheimen war jeder auf
-den Schlag vorbereitet und in Waffen, die Pferde standen gesattelt in
-den Höfen; die beiden Feldgeschütze waren auf den Platz gerichtet.
-Zwanzig entschlossene Soldaten hatten den Auftrag, den Inka im Auge zu
-behalten und sich seiner Person zu bemächtigen.
-
-Als der Inka auf dem Platze hielt, trat zuerst der Dominicaner Vincente
-de Valverde (später Bischof von Cuzco) mit Kreuz und Brevier hervor
-und trug in kurzen Worten dem Könige den Inhalt der christlichen
-Glaubenslehre vor, von der Schöpfung und dem Sündenfall bis auf
-Christus, welcher alle Macht auf Erden seinem Apostel Petrus und dessen
-Nachfolgern, den Päpsten übergeben habe. Der Papst in Rom habe alle
-Länder unter die christlichen Fürsten vertheilt und dem Könige Karl
-die neue Welt überwiesen, damit alle Völker zum christlichen Glauben
-bekehrt und getauft würden. Atahuallpa verstand, daß in diesen letzten
-Aeußerungen ein bestimmter Angriff auf seine Hoheitsrechte enthalten
-sei und erklärte ruhig: Er wisse von Christus und Sanct Peter nichts,
-die Sonne gelte als höchste Gottheit, und er habe sein Land von seinen
-Vätern ererbt. Als der Geistliche darauf erwiderte: alles, was er
-gesagt, sei in der Heiligen Schrift von Gott selbst verkündet, nahm
-der Inka das Buch, blätterte darin und warf es mit den Worten: „Das
-Buch sagt nichts“, verächtlich auf den Boden. Ob, durch diese Schändung
-des göttlichen Wortes empört, der Geistliche die Spanier mit dem Rufe:
-„Auf sie!“ zum Losbrechen ermuntert und ihnen für den Verrath sogar
-Absolution ertheilt habe, ist nicht sicher festzustellen, da die
-Augenzeugen und ältesten Geschichtsschreiber über den raschen Verlauf
-des Gesprächs verschieden berichten. Doch gab Pizarro, da der Ueberfall
-geplant war, unmittelbar darauf das Signal zum Angriff, welcher durch
-die verächtliche Behandlung des Priesters und der Heiligen Schrift am
-einfachsten sich entschuldigen ließ. So wie die Trompeten erklangen und
-die Geschütze von der Festung erdröhnten, brachen die Spanier, Fußvolk
-und Reiter, aus dem Versteck hervor und fielen über die Indianer her.
-Ein heftiger Kampf entbrannte um den Inka, welcher von seinem Sessel zu
-Boden gestürzt und gefangen genommen wurde. 2000 Peruaner wurden auf
-dem Platze niedergehauen, die übrigen flüchteten.
-
-Am nächsten Tage wurde das große Heer des Königs ohne Mühe zerstreut,
-da sie keinen Widerstand leisteten; viele Vornehme wurden zu Gefangenen
-gemacht und die Inkabäder geplündert. Dann schickte Pizarro Eilboten
-nach San Miguel, um Verstärkungen heranzuziehen, denn ohne dieselben
-wagte er doch nicht gegen die Hauptstadt aufzubrechen. Um seine
-Freiheit wieder zu erlangen und um zu verhindern, daß nicht Huascar von
-den Spaniern wieder auf den Thron gehoben würde, erbot sich Atahuallpa
-zu einem hohen Lösegelde. Er wollte das Zimmer, in welchem er gefangen
-gehalten wurde -- dasselbe war 22 Fuß lang und 17 Fuß breit -- mit
-Gold füllen lassen, so hoch ein Mann mit der Hand reichen könne.
-Pizarro nahm dieses Gebot begierig an, der weiße Strich wurde 9 Fuß
-hoch an der Wand ringsum gezogen. Der Inka verlangte zur Erfüllung
-seines Versprechens eine Frist von zwei Monaten.
-
-[Illustration: Das Haus Atahuallpa’s bei Cajamarca, in welchem der Inka
-von Pizarro gefangen gehalten wurde.]
-
-Die Schätze der Sonnentempel von Cuzco, Huaylas (9° s. Br.), Huamachuco
-(östlich von Trujillo) und Pachacamac (südöstlich von Lima) wurden zu
-dem Zwecke herbeigetragen. Der Inka wurde indessen bewacht, aber nicht
-gefesselt, er war von seinem Gefolge umgeben und bedient und konnte mit
-dem Volke verkehren. Er erfuhr, daß sein Bruder Huascar sich ebenfalls
-an Pizarro gewendet, und daß dieser eine Zusammenkunft mit demselben
-beabsichtigte, um dessen Ansprüche kennen zu lernen und danach den
-Thronstreit zu entscheiden. Da gab Atahuallpa den Befehl, seinen Bruder
-zu beseitigen. Derselbe wurde entweder im Fluß von Andramarca ertränkt
-oder erst erdrosselt und der Leichnam dann ins Wasser geworfen. Wenn
-nun auch der gefangene Inka die Schuld an dem Brudermorde ableugnete,
-so wurde ihm derselbe doch zur Last gelegt und bildete ein wichtiges
-Motiv für seine spätere Hinrichtung.
-
-Der Widerstand des Volks war vorläufig ganz gebrochen, so daß die
-Spanier ohne Schwierigkeit das Land bereisen konnten. So zog Hernando
-Pizarro mit Fußvolk und Reitern nach dem Tempel von Pachacamac. Der
-Marsch ging anfangs auf der Reichsstraße und dann von Pachicoto ab nach
-der Küste hinunter. Das Fußvolk setzte auf Balsas über die Flüsse, die
-Pferde schwammen hinüber. Die Indianer waren ihnen dabei behülflich.
-Dann marschirten sie weiter über die Stätte von Ancon und von dem
-später erbauten Lima, überall gastlich aufgenommen, bis sie im Februar
-1533 nach Pachacamac[442] kamen, wo Pizarro mit Gewalt in den Tempel
-drang, das Götzenbild zerstörte und ein Kreuz an seine Stelle setzte.
-Dann ging Hernando Pizarro im Anfang März auf demselben Wege bis Huara
-zurück, wandte sich von hier ins Innere, erreichte in Cajatambo die
-große Straße und marschirte über Tarma nach Janja (östlich von Lima),
-wo damals Chalcuchima mit ansehnlicher Truppenmacht stand. Dem Beispiel
-seines Bruders folgend, faßte er den Plan, den peruanischen Feldherrn
-inmitten seines Heeres gefangen zu nehmen und gab dazu den beiden
-Hauptleuten Soto und Pedro del Barco den Befehl; aber der Peruaner ging
-freiwillig mit nach Cajamarca.
-
-Noch weiter nach Süden drangen die beiden Spanier Martin Bueno und
-Pedro Martin de Moguer, die mit Geleitsbriefen des Inka und unter der
-Führung eines peruanischen Edelmanns, von indianischen Trägern auf
-das bequemste befördert, nach Cuzco reisten. Nach ihrer Rückkehr, im
-Sommer 1533, berichteten sie von dem buchstäblich mit Goldplatten
-belegten Sonnentempel, einem quadratischen Gebäude, dessen Seiten je
-350 Schritt lang waren. Siebenhundert Goldplatten, dazu Gefäße und
-Schmuck in den verschiedensten Formen nahmen die Spanier mit sich fort
-und erschienen, indem sie auch auf dem Rückweg die zum Lösegeld für
-den gefangenen Fürsten dienende Beute noch vermehrten, endlich mit 200
-Ladungen Gold, 25 Ladungen Silber und 60 Ladungen geringeren Goldes in
-Cajamarca. Hier wurde der unermeßliche Schatz, wie er bisher in den
-neuen Ländern noch nicht gesehen war, getheilt, der königliche Antheil
-(ein Fünftel), darunter die kostbarsten Goldarbeiten, ausgesondert
-und durch Hernando Pizarro persönlich nach Spanien überbracht. Der
-königliche Quint betrug 262,259 Pesos in Gold und 10,121 Mark Silber.
-Jeder Reiter erhielt 8880 Pesos in Gold und 262 Mark Silber.[443] Etwa
-fünf Wochen nach der Gefangennahme Atahuallpa’s kamen Boten von San
-Miguel mit der erfreulichen Meldung an Pizarro, daß sechs Schiffe mit
-Mannschaften angelangt seien und zwar drei große Schiffe unter Almagro
-und Ruiz mit 120 Mann und drei kleine Caravelen von Nicaragua mit 30
-Mann und dazu mit 84 Pferden. Am Abend vor Ostern, am 14. April 1533,
-rückten diese Truppen, welche die Macht Pizarro’s verdoppelten, unter
-der Führung Almagro’s in Cajamarca ein. Der Inka forderte nun, nachdem
-das Lösegeld gezahlt und angenommen war, seine Freiheit; aber Pizarro
-gab sie nicht, angeblich, weil allerlei dunkle Gerüchte von Erhebungen
-und Heeresansammlungen der peruanischen Partei einliefen. De Soto wurde
-auf Kundschaft ausgeschickt, fand aber das ganze Volk ruhig. Trotzdem
-sollte Atahuallpa als Verräther gerichtet werden. Umsonst protestirten
-Soto und zwölf andere Spanier gegen die Verurtheilung des Inka, nur
-der König von Spanien könne über einen Fürsten zu Gericht sitzen,
-alles Gerede von Aufständen der Indianer sei falsch und grundlos.
-Trotzdem setzte Pizarro das Bluturtheil durch. Am 29. August 1533 wurde
-Atahuallpa gefesselt auf den Marktplatz geführt, um als Thronräuber,
-Brudermörder, Gotteslästerer verbrannt zu werden. Da er sich vorher
-zur Annahme der Taufe bequemte, wurde er zum Erdrosseln begnadigt und
-dann auf dem Friedhofe der Stadt beerdigt. Dieser Schandfleck in der
-Geschichte der Eroberung Peru’s, der sich nur aus der unersättlichen
-Goldgier erklären läßt, bildete den Anfang des großen Räuberdramas, in
-welchem alle Hauptpersonen gewaltsam ums Leben kamen. Atahuallpa war
-ein schöner stattlicher Mann; aber aus seinen feurigen Augen leuchtete
-eine Wildheit, vor welcher die Seinen erbebten. Als der Häuptling
-von Guailas ihn in seiner Gefangenschaft besuchte, um ihm Geschenke
-darzubringen, zitterte derselbe, wie Pedro Pizarro berichtet, der dabei
-stand, am ganzen Leib so gewaltig, daß er sich kaum auf den Beinen
-halten konnte. Der Inka hob den Kopf ein wenig, lächelte und gab dem
-Häuptling ein Zeichen, daß er sich entfernen könne. „Ich habe in ganz
-Peru,“ schließt Pizarro seine Schilderung des Fürsten, „keinen Indianer
-gesehen, der dem Atahuallpa an Wildheit und Ansehen gleich käme.“[444]
-
-Francisco Pizarro ernannte nun einen Nachfolger des Inka in der Person
-des Toparca (oder Tubalipa), eines Bruders des Huascar, um in dessen
-Namen bequemer die Indianer beherrschen zu können; aber derselbe starb
-schon nach einigen Monaten, vielleicht, wie von einem Historiker
-berichtet wird, von Chalcuchima vergiftet.
-
-Im September brach Pizarro mit einem Heere von 500 Mann nach Cuzco
-auf. Die nach dem Tode Atahuallpa’s unruhig gewordenen Peruaner
-hatten die Dörfer an der Straße verbrannt, die Brücken zerstört und
-schienen entschlossen, den fremden Eindringlingen den Weg zu ihrer
-Hauptstadt versperren zu wollen. Soto ging wieder mit 60 Reitern
-voraus, wurde aber in einem Gebirgspasse in einen ungleichen Kampf
-verwickelt, aus welchem ihn der nacheilende Almagro befreien mußte. Der
-Feldherr Chalcuchima, den man des Einverständnisses mit den Feinden
-beschuldigte, wurde vor Cuzco verbrannt. Dann hielt Pizarro im November
-seinen Einzug in die Hauptstadt, welche damals 200,000 Einwohner
-zählte und viele herrliche Gebäude umfaßte. Indes wurden die alten
-Paläste und Tempel bald zerstört und aus ihren Trümmern neue Gebäude
-in europäischer Art aufgeführt. Auf den Grundmauern des Tempels der
-Sonnenjungfrauen steht jetzt das Kloster Santa Catalina. Was sich an
-Gold und Edelsteinen noch vorfand, wurde unter die Eroberer getheilt,
-selbst die Inkamumien wurden ihres Schmuckes und ihrer Juwelen beraubt.
-
-Ein neuer Inka aus königlichem Stamme, Namens Manco, wurde gewählt und
-erhielt die königliche Kopfbinde aus der Hand Pizarro’s, er erkannte
-damit die Oberherrlichkeit Spaniens an. Manche der Gefährten Pizarro’s
-ließen sich in Cuzco nieder und wurden mit Häusern und Staatsländereien
-beschenkt.
-
-Während Pizarro sich in Cuzco aufhielt, hatte sich im Norden ein Rivale
-eingefunden, +Pedro de Alvarado+, der Eroberer Guatemala’s, welcher,
-nachdem er von den Erfolgen Pizarro’s gehört, das Königreich Quito zu
-erobern beschloß in dem Glauben, dasselbe gehöre nicht zum peruanischen
-Staate, also auch nicht zu dem Pizarro überwiesenen Bereiche. Eine
-nach den Molukken bestimmte Flotte brachte ihn im März 1534 mit 500
-Mann nach der Bucht von Caracas, westlich von Quito. Von der Küste
-marschirte er über die beschneiten Hochpässe, verlor aber dabei viel
-Mannschaft, ehe er Riobamba erreichte. Hier mußte er leider aus
-deutlich sichtbaren Pferdespuren schließen, daß ihm ein anderer Spanier
-in der Besetzung des Landes zuvorgekommen war. Es war +Benalcazar+,
-welchen Pizarro zum Commandanten von San Miguel eingesetzt hatte. Als
-man ihm von den vermeintlichen Schätzen Quito’s erzählte, brach er
-auf eigne Verantwortung mit 140 Mann dahin auf und erreichte, weil er
-bequemere Wege fand als Alvarado, auf der Straße über Riobamba eher das
-Ziel.
-
-Unterdessen war aber die Kunde von dem Einbruche Alvarado’s auch
-nach Cuzco gedrungen, und Almagro machte sich sofort mit Truppen
-auf den Marsch, um den Eindringling zurückzuweisen. Nachdem er sich
-mit Benalcazar vereinigt hatte, stellte er sich bei Riobamba dem
-Statthalter von Guatemala entgegen, welcher sich, um dem unerwarteten
-Kampfe auszuweichen, zu einem Vertrage herbeiließ, für eine Summe von
-100,000 Pesos Flotte und Heer sammt allen Vorräthen und Kriegsmaterial
-seinen Gegnern überließ und nach Guatemala zurückkehrte, während seine
-Truppen bereitwillig unter die Fahnen Almagro’s traten.
-
-[Illustration: Sacsahuaman: Ruinen der alten Inkafestung bei Cuzco.]
-
-Im Januar 1535 gründete Pizarro die neue Hauptstadt Ciudad de los
-Reyes (heilige Dreikönigsstadt, nach dem Tage der Gründung) am Ufer
-des Rimac; aber sie wurde bald allgemein Lima (verstümmelt aus Rimac)
-genannt.
-
-
-31. Almagro’s Zug nach Chile und sein Tod.
-
-Nachdem das Hauptland von Peru bezwungen worden war, beschloß
-Almagro auch die südlichen Länder zu unterwerfen. Es war der
-schwerste und kühnste Heereszug, welcher je durch die Wüsteneien der
-südamerikanischen Hochgebirge ausgeführt wurde. Zwei indianische
-Edelleute, der Bruder des Inka, Paulo Topa, und der Oberpriester
-Vilehoma, wurden in Begleitung dreier Spanier vorausgesendet, um den
-Weg zu zeigen, die Indianer über die Absichten des Zuges zu beruhigen
-und Quartiere zu schaffen. Dann brach Almagro am 3. Juli 1535 von
-Cuzco auf[445] und zog durch das Gebiet der Conchas, nordwestlich
-vom Titicacasee, und am westlichen Ufer des Gebirgssees durch die
-Landschaft Collao, ging dann auf der Ostseite des Aullagassees
-südöstlich über das Hochland von Potosi nach Tupiza, an der Südgrenze
-Boliviens, wo er, nachdem er bereits einen Marsch von wenigstens 200
-Meilen gemacht hatte, seinen Truppen zwei Monate Rast gönnte. Während
-des Aufenthaltes entfloh der Oberpriester Vilehoma sammt seinem Gefolge
-bei Nacht und kehrte nach dem Norden, nach der Landschaft Collao zurück.
-
-Almagro stand hier an der Grenze des Inkareiches, weiter hinaus
-hatte er unabhängige Bergstämme vor sich, durch deren Gebiet er sich
-mit Gewalt den Weg bahnen mußte. Es standen ihm, um nach Chile zu
-gelangen, dessen Schätze ihn lockten, zwei in gleichem Maße schwierige
-Wege offen. Entweder mußte er von Tupiza aus sich westwärts über die
-unwirthlichen Einöden und den Hauptkamm der Anden übersteigend nach
-der Küste wenden und die wasserlose Atacamawüste durchschneiden, oder
-den mühsamen Gebirgsmarsch nach Süden fortsetzen und ausgedehnte
-Schneeregionen durchziehen, wo für die Mannschaften weder Vieh noch
-Getreide zu beschaffen war. Almagro wählte den letzteren Weg, weil er
-kürzer schien. Da von den Eingeborenen in Jujuy drei Spanier, welche
-vorausgeschickt waren, getödtet worden, so wurde der Capitän Salcedo
-mit 50 Reitern und Fußgängern ausgesandt, die Indianer zu züchtigen.
-Diese hatten sich in eine Festung zurückgezogen, welche Salcedo erst
-anzugreifen wagte, als ihm Francisco de Chaves Unterstützung brachte.
-Darauf flohen die Indianer ins Gebirge und ließen den Paß frei. Nun
-rückte das Heer weiter durch Jujuy in die Landschaft Chicoana, südlich
-von der modernen Stadt Salta. Das fruchtbare Thal war verödet, wilde
-Bergstämme waren von Norden her eingebrochen, hatten die Kulturen
-zerstört und die Ortschaften in Trümmerhaufen verwandelt. Doch gelang
-es Almagro noch, seine Truppen mit einigen Vorräthen von Vieh und Mais
-zu versorgen; allein beim Uebergang über einen reißenden Bergstrom
-ging ein großer Theil der Thiere verloren, ein empfindlicher Verlust,
-der nicht wieder ersetzt werden konnte, wenn auch hie und da in den
-Hochthälern noch einige wenige kleine Ortschaften angetroffen wurden.
-Von Chicoana (Salta) ging der Zug in südwestlicher Richtung über das
-Campo del Arenal westlich von der Sierra Aconquija durch das Thal von
-Arroyo nach dem Hauptrücken der nördlichen chilenischen Anden, um diese
-zu übersteigen. Hier stand den Truppen noch die schwerste Arbeit bevor.
-Als sie aus einer Gebirgsschlucht (Quebrada) heraustraten, sahen sie
-hohe, schneebedeckte Gebirge in unabsehlicher Ausdehnung vor sich.
-Nachdem sie eine Zeit lang daran hingezogen, sahen sie sich genöthigt,
-dieselben zu übersteigen, ohne ihre Breite zu kennen. Aber muthig
-wagten sie sich hinein, mit den Elementen und mit dem Hunger kämpfend,
-mit wenig Lebensmitteln, mit Waffen und allerlei Geräth, um Brücken
-oder Flöße zu bauen, beladen.
-
-Almagro zog mit 20 Reitern vorauf, um Wege und Pässe ausfindig zu
-machen, und womöglich dem nachfolgenden Heere Lebensmittel zu schaffen.
-Sieben Tage lang ging’s über Salzboden und wieder über beschneite
-Pässe, wo die Augen von dem blendenden Schnee entzündet wurden. Sturm
-und Kälte erschwerte jeden Tritt. Am dritten Tage der schwersten
-Leiden öffnete sich gegen Osten das Thal von Copiapo, wo Almagro’s
-kleine Schar sich erholen und den nachfolgenden Truppen Lebensmittel
-entgegensenden konnte. Ohne diese Hilfe wäre das ganze Heer in den
-schrecklichen Wüsteneien umgekommen. Die indianischen Lastträger,
-welche den Zug mitmachen mußten, litten noch mehr als die Spanier.[446]
-Manche sanken vor Erschöpfung nieder; die Luft war so kalt, daß man
-kaum athmen konnte. Dazu nachts kein Feuer, um sich zu erwärmen, kein
-Schutz vor den rasenden Winden, keine ausreichende Nahrung, um den
-Körper widerstandsfähiger zu machen. Der Hunger war so arg, daß die
-lebenden Indianer das Fleisch ihrer gefallenen Kameraden verzehrten
-und die Spanier mit Begier das sonst verschmähte Fleisch gefallener
-Pferde unter sich theilten. Das Heer verlor bei diesem Uebergange 150
-Mann und 30 Pferde. Erst im Thal von Copiapo konnten die Soldaten bei
-längerer Rast sich erholen und stärken. Rodrigo Orgoñez, welcher dem
-Almagro später von Cuzco her neue Truppen zuführte und denselben Weg
-über die Anden einschlug, hatte noch mehr Verluste als der Adelantado.
-Die Schneemassen begruben manchen Mann und manches Roß. Dann marschirte
-Almagro im chilenischen Küstenlande weiter nach Süden, nach Coquimbo.
-Hier traf er unerwartet einen Spanier, welcher, vor einer angedrohten
-Strafe flüchtig, aus Peru 600 Meilen weit nach Chile gelaufen war,
-ohne Schaden zu erleiden. (Oviedo, ~historia~ 47, 4). Von Coquimbo aus
-ließ Almagro dann das Land im Süden bis zum Rio Maule (35° s. Br.)
-erforschen und trat dann, da die erträumten Schätze sich nirgends
-zeigen wollten, enttäuscht den Rückweg an. Um das Heer nicht noch
-einmal den Gefahren des Hochgebirgs auszusetzen, wählte er diesmal den
-Küstenweg, welchen ihm die Indianer in Jujuy bereits empfohlen hatten.
-Zwar mußte er hier die Atacama passiren und verlor durch Mangel an
-Wasser und Futter mehr als 30 Pferde, aber keinen Mann. Sein Heer war
-in kleine Abtheilungen vertheilt, Almagro bildete mit seinem Gefolge
-den Schluß. So überwand er glücklich diese Wüste und stieg dann von
-Arequipa nach dem Hochland von Cuzco hinauf, wo er im Frühling 1537
-wieder anlangte. Es war ein überaus verwegener, aber erfolgloser
-Entdeckungszug gewesen.
-
-Während Almagro auf dem Marsche nach Chile war, suchte die nationale
-Partei unter ihrem Inka Manco die Gelegenheit, das spanische Joch
-abzuschütteln, zu benutzen, so lange ein ansehnlicher Theil des
-feindlichen Heeres aus dem Lande abwesend war. Manco entwich aus Cuzco
-und rief das Volk zu den Waffen. Die Hauptstadt wurde belagert und
-durch brennende Pfeile leicht in Brand geschossen, da die meisten
-Häuser mit Stroh gedeckt waren. Die halbe Stadt wurde zerstört, die
-Festung fiel in die Hände der Peruaner. Juan Pizarro eroberte zwar
-einen Theil derselben wieder, wurde aber dabei durch einen Steinwurf
-so gefährlich verletzt, daß er bald darauf starb. Erst nach seinem
-Tode konnten die Spanier die Festung wieder gewinnen; dann wurden sie
-aber Monate lang von einem großen indianischen Heere in Cuzco belagert
-und ihre Verbindungen mit Lima abgeschnitten, so daß Francisco Pizarro
-vergebens, da die Indianer die Bergpässe besetzt hielten, versuchte,
-der bedrohten Hauptstadt Ersatz zu bringen. Erst als in der Zeit
-der Feldbestellung das peruanische Belagerungsheer sich theilweise
-auflöste, wich die äußerste Noth, in welcher sich die Besatzung
-befunden hatte. Man machte in dieser Zeit sogar den, wenn auch
-verfehlten Versuch, sich durch einen Handstreich der Person des Inka
-zu bemächtigen. Francisco Pizarro fühlte, daß der ganze Besitz seiner
-Eroberung durch den allgemeinen Aufstand auf dem Spiel stehe, wenn
-nicht rasche Hilfe komme. Er entsandte Schiffe nach Mittelamerika und
-forderte die dortigen Statthalter unter lockenden Verheißungen auf, ihn
-mit Truppen zu unterstützen.
-
-Unter solchen Verhältnissen erschien Almagro wieder in Peru. Die schon
-lange im Stillen glimmende Eifersucht zwischen ihm und Pizarro hatte
-zwar schon vor seinem Abmarsch nach Chile eine scheinbare Versöhnung
-gefunden, da sich beide Rivalen durch schriftlichen Vertrag und
-Eidschwur auf die Hostie am 12. Juni 1535 zur Beilegung des Streites
-bereit erklärt hatten; allein da nun nach seiner Rückkehr Almagro
-erfuhr, daß eine königliche Vollmacht ihn zum selbständigen Statthalter
-über alle Länder ernenne, welche 270 Leguas (17½ Leguas = 1 Breitengrad
-von 15 Meilen) südlich vom Santiagoflusse[447] beginnend, sich gegen
-Süden ausdehnten, so glaubte er Anspruch auf den Besitz von Cuzco zu
-haben. Bei der Unsicherheit genauer astronomischer Bestimmungen konnte
-zu jener Zeit allerdings die Entscheidung dieser Frage zweifelhaft
-sein, wenn wir jetzt auch mit Bestimmtheit sagen können, daß die alte
-Hauptstadt noch zum Gebiete Pizarro’s gehört. Ehe Almagro noch in
-die Nähe von Cuzco gelangt war, suchte er mit dem Fürsten Manco, mit
-welchem er früher befreundet gewesen, eine Zusammenkunft, wurde von
-diesem aber überfallen. Nachdem er den Angriff siegreich abgewiesen
-hatte, rückte er mit seinem Heere vor Cuzco und forderte von Gonzalo
-und Hernando Pizarro, welche in derselben befehligten, die Uebergabe
-der Stadt. Da dieselbe unter verschiedenen Vorwänden verzögert wurde,
-so drang er in einer finstern Nacht am 8. April 1537 in Cuzco ein und
-nahm beide Brüder nach kurzem Kampfe in ihrem Hause, welches dabei in
-Flammen aufging, gefangen.
-
-Inzwischen war Alvarado, von Francisco Pizarro zu Hilfe gerufen, zum
-zweitenmale in Peru erschienen und stand, im Begriff mit 500 Mann auf
-Cuzco zu marschiren, 13 Meilen von der Hauptstadt entfernt in Jauja.
-Almagro ließ ihm die erfolgte Besetzung seiner Hauptstadt melden, aber
-Alvarado befahl, die Boten in Ketten zu werfen. Erbittert über solchen
-Verrath fiel Almagro rasch über ihn her, besiegte ihn bei der Brücke
-von Abancay, am 12. Juli 1537, und kehrte dann nach Cuzco zurück. Der
-Inka wurde mit dem Rest seiner Scharen ins Gebirge getrieben und das
-Land von den Aufständischen gesäubert. Es kam nun vor allem darauf
-an, eine directe Verbindung mit dem Mutterlande zu schaffen und einen
-Seehafen im südlichen Peru ausfindig zu machen. Deshalb zog Almagro
-ins Küstenland hinunter, um dort einen befestigten Landungsplatz zu
-gründen. Sein Augenmerk war auf das fruchtbare Chinchathal gerichtet;
-Hernando Pizarro mußte als Gefangener folgen, während es dem andern
-Bruder Gonzalo gelang, aus der Haft zu entfliehen und Lima zu erreichen.
-
-Francisco Pizarro, welchem vor allem daran gelegen war, seinen noch
-gefangenen Bruder dem siegreichen Gegner zu entreißen, zeigte sich
-sehr friedlich gesinnt und knüpfte Unterhandlungen an. Beide Parteien
-kamen am 13. November in Mala, südlich von Lima, zusammen und Almagro
-verstand sich dazu, gegen die vorläufige Anerkennung seiner Ansprüche
-auf Cuzco, Hernando Pizarro freizugeben. Die endgiltige Entscheidung
-des Streits wurde der spanischen Regierung überlassen.
-
-Kaum war Hernando frei, so erklärte bereits Francisco Pizarro den
-Vertrag für ungiltig, und der Streit begann von neuem. Almagro ging
-nach Cuzco zurück, wohin ihm sein erbitterter Gegner Hernando im
-Frühling des nächsten Jahres folgte. Am 26. April 1538 kam es zum
-Kampfe bei Las Salinas, eine kleine Meile von der Hauptstadt. Keine
-der beiden Parteien verfügte über mehr als 700 oder 800 Mann, aber das
-Gefecht war sehr heftig und dauerte den ganzen Tag. Almagro konnte,
-weil er krank war, nicht unmittelbar in den Streit eingreifen, aber
-er befand sich ganz in der Nähe. Während des Gefechtes fielen nur
-15 bis 20 Mann, aber bei der Verfolgung der geschlagenen Truppen
-Almagro’s, welcher selbst gefangen genommen wurde, sollen noch 150 Mann
-niedergemacht worden sein. Hernando hatte für den überwundenen Gegner,
-den frühern Waffengefährten, der ihm großmüthig die Freiheit geschenkt,
-kein Mitgefühl, kein Erbarmen; er sann auf Rache für die angethane
-Schmach. Almagro wurde nach Cuzco gebracht und ihm dort der Proceß
-gemacht. Unter Aufbietung einer ansehnlichen Truppenmacht wurde ihm
-öffentlich am 8. Juli der Urtheilsspruch verkündet. Dann ließ Hernando
-ihn im Gefängniß erdrosseln.
-
-Almagro war eine offne, rohe Natur, welche sich nie mit heuchlerischen
-Hintergedanken oder mit Racheplänen trug. Er besaß einen empfindlichen
-Ehrgeiz und liebte es, durch verschwenderische Geschenke seine Truppen
-zu belohnen. Tapfer und in allen Strapazen ausharrend, machte ihn seine
-durch und durch soldatische Natur bei seinem Heere beliebt. Seine
-Verbindung mit dem herz- und gewissenlosen Pizarro stürzte ihn ins
-Verderben.
-
-
-32. Die Ermordung Pizarro’s und das Ende der peruanischen Parteikämpfe.
-
-Der junge Diego Almagro befand sich inzwischen in Lima, aber die
-Statthalterschaft seines Vaters erhielt er nicht; auch wurden seine
-Anhänger, die „Chilenen“, durch Verachtung gekränkt. Man wandte sich
-um Recht nach Spanien. Um diesen Bemühungen der Partei Almagro’s,
-besonders des eifrigen Diego de Alvarado entgegenzuwirken, ging
-Hernando Pizarro 1539 selbst nach dem Mutterlande. Kurz nach seiner
-Ankunft in Valladolid am Hofe starb dort Alvarado ganz plötzlich,
-man sagte: durch Gift, welches Pizarro ihm beigebracht. Der Henker
-Almagro’s fand keinen freundlichen Empfang, man beschuldigte ihn mit
-Recht, daß er einen von der Krone eingesetzten Statthalter -- ob
-aus eignem Antriebe oder durch seinen Bruder bestimmt, blieb dabei
-unerörtert -- habe hinrichten lassen. Er wurde daher gefangen genommen
-und blieb auf der Festung Medina del Campo bis 1560 eingesperrt, so daß
-er alle seine Verwandten und auch -- seinen Ruhm überlebte.
-
-Um die verwirrten und unerquicklichen Verhältnisse in Peru zu ordnen,
-wurde der Rechtsgelehrte +Vaca de Castro+ entsendet als „königlicher
-Richter“, oder, für den Fall, daß Francisco Pizarro bereits gestorben,
-als königlicher Statthalter. Im Sommer 1541, während er noch auf der
-Reise begriffen war und sich in Popoyan, nördlich von Quito (2½° n.
-Br.), aufhielt, erreichte ihn schon die Nachricht, Francisco Pizarro
-sei von seinen Gegnern ermordet. Die chilenische Partei hatte unter
-Anführung des Juan de Herrada mit einer Anzahl von Verschworenen am
-Sonntage den 26. Juni 1541, da Pizarro nicht zur Messe gegangen, den
-Zugang zu seinem Palaste in Lima erzwungen und, wie der junge Almagro
-behauptete, den Statthalter gefangen nehmen wollen, weil dieser in
-gleicher Weise wie seinem Vater, auch ihm, nach dem Leben getrachtet
-habe. Bei seiner Vertheidigung wurde Pizarro sammt seinem Bruder
-Francisco Martin und seinem Pagen Tordoya getödtet, während das übrige
-Gefolge floh. Er war 63 Jahre alt, als er zur Sühne für den an seinem
-Genossen Almagro verübten Mord unter den Streichen der Verschworenen
-fiel.[448] Wenn er auch Jahre lang sein Ziel, Peru zu erobern, kühn
-und unbeugsam im Auge behielt und dabei eine erstaunliche Thatkraft
-entfaltete, so läßt sich seinem Charakter doch keine sympathische
-Seite abgewinnen. Ungebildet und gefühllos trat er Freund und Feind
-nieder. Er hatte Cortes mehrfach als Vorbild genommen, so namentlich in
-der Gefangennahme des Fürsten; auch war ihm die Eroberung des Landes
-leichter geworden, als jenem, welcher zuerst mit einem amerikanischen
-Kulturvolke rang, die Besiegung von Mexiko. Aber verglichen mit einem
-Feldherrn und gebildeten Staatsmann wie Cortes erscheint Pizarro nur
-als ein gemeiner Abenteurer, und zwar als der grausamste von allen,
-welcher das eroberte Land ausplünderte und mit Blut überschwemmte und
-den spanischen Namen für immer in Südamerika verhaßt machte.
-
-Als Cristoval Vaca de Castro in Popayan das Schicksal Pizarro’s erfuhr,
-nahm er, seiner Instruction gemäß, den Titel eines Statthalters an.
-Zwar suchte der junge Almagro einen Vergleich herbeizuführen, wonach
-ihm die seinem Vater zugewiesene südliche Hälfte des eroberten Reiches
-überlassen werde; allein Vaca de Castro konnte, nach den Vorfällen in
-Lima, darauf nicht eingehen. Er verlangte vielmehr, daß Almagro sich
-unterwerfe, das Heer, welches er um sich gesammelt hatte, entlasse und
-ihm, dem rechtmäßigen Statthalter, alle am Morde Pizarro’s betheiligten
-Personen zur Bestrafung ausliefere. Almagro weigerte sich, und so
-kam es am 16. September 1542 auf der Ebene von Chupas bei Guamango
-(jetzt Ayacucho) zwischen Lima und Cuzco zum Entscheidungskampfe.
-Castro’s Heer zählte 328 Reiter und 420 Fußgänger, Almagro stellte
-dagegen 220 Reiter und 280 Fußgänger ins Feld.[449] Die chilenische
-Partei wurde aufs Haupt geschlagen, Almagro floh nach Cuzco, wurde
-aber bald ausgeliefert und enthauptet. Damit war auch das Loos seiner
-Anhänger entschieden. Der Widerstand hörte auf, und die Parteigänger
-Almagro’s unterwarfen sich. Der königlichen Autorität stand, als
-Castro im Jahre 1544 durch den Vicekönig +Blasco Nuñez Vela+ ersetzt
-wurde, nur noch der +letzte Bruder Pizarro’s, Gonzalo+, gegenüber,
-welcher sich im nördlichen Theil des Reichs festgesetzt hatte und
-sich nicht beugen wollte. Er war schon im Jahre 1540 zum Statthalter
-von Quito gemacht und hatte mit einem Heere von 350 Spaniern und
-4000 Indianern das Land besetzt. Von hier war er dann, angelockt von
-dem fabelhaften Goldreichthum, welcher sich nach den Erzählungen
-der Indianer in den östlichen Waldgebieten finden sollte, in der
-Nähe des Aequators über die östlichen Anden gestiegen und an dem
-Rio Napo abwärts vielleicht bis zu dem Katarakt del Cando in die
-Urwälder eingedrungen, wo ihn die unwegsame Wildniß und Mangel an
-Lebensmitteln in die äußerste Noth brachten. Hier beschloß er ein
-Fahrzeug zu bauen, um die Truppen, wenigstens zum Theil, namentlich
-die Kranken, und außerdem das Geschütz, zu Wasser weiter stromabwärts
-befördern zu können. Zum Schiffscapitän wurde +Francisco de Orellana+
-aus Trujillo gemacht. Landheer und Schiff rückten noch eine Zeitlang
-neben einander den Strom hinunter, bis die zu Lande marschirenden
-Soldaten durch den verschlungenen Urwald nicht mehr weiter konnten.
-Dazu trat die Regenzeit ein, die Vorräthe waren erschöpft, alle
-Pferde mußten geschlachtet werden. Das Heer machte Halt, Orellana
-erhielt den Auftrag, mit dem Schiffe allein weiter zu gehen, um
-Lebensmittel aufzutreiben; aber er kehrte nicht wieder zurück. Ueber
-sein Schicksal wird das nächste Capitel berichten. Nachdem Pizarro
-wochenlang vergebens gewartet hatte, mußte er endlich erfahren, daß
-Orellana ihn im Stich gelassen und weiter gesegelt sei. Er mußte sich
-daher entschließen, den Rückmarsch nach Quito anzutreten. Hunger und
-Fieber hatten seine Mannschaft bereits decimirt. Unter den beständigen
-Regengüssen war der Waldboden in Sümpfe verwandelt. Mit zerrissenen
-Kleidern, abgezehrt, zum Tode erschöpft erreichten nur 80 Spanier das
-Hochthal von Quito. Hier erfuhr Gonzalo, daß sein Bruder Francisco vor
-Jahresfrist von Mörderhand gefallen und der junge Almagro die Gewalt an
-sich gerissen hatte, daß aber Vaca de Castro bereits über Quito nach
-dem Süden gezogen sei. Aus Haß gegen Almagro bot er dem königlichen
-Statthalter seine Unterstützung gegen den Mörder seines Bruders an;
-aber Castro lehnte dieselbe ab, um sich nicht, wenn die chilenische
-Partei von der Anwesenheit eines Pizarro in seinem Lager erfahre,
-jede Aussicht auf einen friedlichen Ausgleich mit den Almagristen zu
-versperren. Aber diese Ablehnung seiner Hilfe verletzte Gonzalo aufs
-tiefste, trotzdem begab er sich später, nach der Hinrichtung des jungen
-Almagro mit einer Reiterschar zuerst nach Lima und dann auf den Befehl
-Castro’s nach Cuzco, wo sich der königliche Statthalter befand. Er
-hoffte noch, daß ihm, nach dem Tode seines Bruders und der Bewältigung
-des Aufstandes der chilenischen Partei, die Statthalterwürde zufallen
-werde. Das kluge Benehmen Castro’s bei dieser Zusammenkunft raubte ihm
-aber jeden Grund zu einer Schilderhebung, und da dieser ihm empfahl,
-seine Besitzungen im Charcasgebiete[450] in Frieden auszubeuten, so
-begab er sich nach dem Süden, wo er die schon den Inkas bekannten
-Silberminen mit großem Erfolg abbaute. Erst als Castro in der
-Person des +Blasco Nuñez+ einen Nachfolger empfing, und dieser die
-vermeintlichen Rechte der Spanier über die Indianer, welche sie als
-ihre Hörigen behandelten, antastete, ging Gonzalo nach Cuzco, wo man
-ihn an die Spitze der gegen den neuen Vicekönig gerichteten Bewegung
-stellte und ihn ermächtigte, Truppen zusammenzuziehen. Dann rückte
-er mit seiner Schar gegen Lima, wo Vasco Nuñez, der sich nirgend
-Freunde zu gewinnen verstand, in einer Revolte der Stadtbevölkerung
-mit seinen wenigen Getreuen ohne Blutvergießen gefangen genommen und
-von den gegen ihn gesinnten königlichen Richtern bald darauf nach
-Panama zurückgeschafft wurde. Am 28. October 1544 zog Gonzalo in Lima
-ein und wurde zum Statthalter von Peru proclamirt. Der Vicekönig war
-indes nicht nach Panama gelangt, sondern hatte Mittel gefunden, in
-Tumbez wieder ans Land zu gehen, von wo er sich nach Quito begab, um
-von hier aus sich mit Gewalt wieder in Besitz der ihm durch königliches
-Mandat übertragenen Macht zu setzen. Gonzalo Pizarro verfolgte ihn bis
-über Pastos hinaus, ohne ihn zu erreichen, wußte ihn dann aber durch
-eine List bis in die Nähe von Quito zu locken, wo er ihn bei Añaquito
-am 18. Januar 1546 besiegte. Vasco Nuñez fiel selbst im Kampfe. Dann
-kehrte Pizarro nach Lima zurück und führte die unbestrittene Obergewalt
-in Peru, bis König Karl den Geistlichen +Pedro de Gasca+ mit den
-weitgehendsten Vollmachten nach Peru sandte. Ohne Heer und großes
-Gefolge, in einfachem Priestergewande wußte sich der gewandte Mann
-zunächst die Landung im Nombre de Dios und dann den Eintritt in Panama
-zu ermöglichen, obwohl Pizarro beide Plätze durch seine Untergebenen
-besetzt hielt und eine starke Flotte von mehr als 20 Schiffen im Hafen
-von Panama lag. Er bezeichnete seine Sendung als eine friedliche und
-richtete auch in diesem Sinne ein Schreiben an Pizarro, um ihn zu
-bewegen, die Befehle seines Königs anzuerkennen. Dann gelang es ihm,
-den Befehlshaber der Flotte, Hinojosa, einen eifrigen Parteigänger
-Pizarro’s, zu gewinnen, die königliche Vollmacht anzuerkennen und
-sich seinem Befehl zu unterwerfen. Im Besitz der Flotte begann de
-Gasca nun Truppen auszuheben, um mit bewaffneter Macht in Peru zu
-erscheinen. Vier Schiffe wurden voraufgeschickt, um allen Spaniern
-in Peru, die zu ihrer Pflicht zurückkehrten, volle Verzeihung und
-Sicherheit ihres Besitzes anzukündigen. Diese Proclamation lichtete die
-Reihen der Anhänger Pizarro’s rasch, die Bewohner von Cuzco erklärten
-sich für den König, und die wichtige Provinz Charcas ging gleichfalls
-verloren. Gasca ging mit der Flotte nach Tumbez, während die vier
-vorausgesendeten Schiffe in dem Hafen von Lima landeten und, da Pizarro
-gegen Cuzco gezogen war, auch die neue Hauptstadt ohne Schwierigkeit
-besetzten.
-
-Zwar leuchtete dem letzten Pizarro noch einmal das Glück, da er in dem
-blutigen Gefecht bei Huarina am Titicacasee am 26. October 1547 über
-seine Gegner den Sieg gewann und noch einmal in Cuzco einzog, wo er
-sich zum Entscheidungskampf rüstete, denn das Hauptheer Gasca’s befand
-sich zu jener Zeit in Jauja und rückte erst im Frühjahr 1548, 2000 Mann
-stark, gegen die altnationale Hauptstadt vor.
-
-Vier Meilen von Cuzco in dem Thale von Xaquixaguana standen sich
-beide Heere kampfbereit am 9. April 1548 gegenüber. Gasca hatte bis
-zuletzt den Gegner aufgefordert, sich zu unterwerfen und die Gnade des
-Königs anzunehmen; aber Pizarro hatte auf sein Glück bauend, das ihn
-aus allen Kämpfen und Gefahren siegreich hatte hervorgehen lassen, den
-Frieden abgewiesen, obwohl die Heeresmacht Gasca’s stärker war. Allein
-in diesen Tagen verließ ihn das Glück, verließen ihn seine Freunde.
-Vor Beginn der Schlacht gab der Anführer seines Fußvolks das Zeichen
-zum Abfall, indem er zur königlichen Partei hinüberjagte. Ihm folgten
-die Truppen zu Fuß und zu Roß, so daß Pizarro sich gefangen geben
-mußte. Ihm und seinen entschiedensten Anhängern Francisco de Caravajal
-und Juan de Costa wurde der Proceß gemacht, und sie büßten alle ihre
-Rebellion mit dem Tode.[451] Gasca ordnete die Verhältnisse des Landes
-einsichtsvoll und kehrte 1550 nach Spanien zurück.
-
-
-33. Orellana entdeckt den Amazonenstrom 1541.
-
-Es ist bereits im vorigen Capitel erwähnt, daß Francisco Orellana von
-Gonzalo Pizarro auf seinem abenteuerlichen Zuge in das Waldland des
-Amazonengebiets am Rio Napo mit einem Schiffe entsendet worden war, um
-für das bedürftige Heer nach Lebensmitteln zu suchen. Orellana hatte
-50 Mann an Bord und 2 Geistliche.[452] In der Strömung des mächtig
-flutenden Wassers legte Orellana täglich 20 bis 25 Meilen zurück,
-ohne Ansiedlungen am Ufer anzutreffen. Statt für das zurückgelassene
-Heer sorgen zu können, wurden sie selbst vom Gespenst des Hungers
-verfolgt und verspeisten das Leder der Sättel. Erst in der Nähe des
-Amazonenstroms, wohin man am 8. Januar 1541 gelangte, stieß man auf
-ein Indianerdorf. Umzukehren war nicht möglich, denn zu Lande gab’s
-keinen Weg und zu Wasser würde man bei aller Anstrengung, gegen den
-im untern Laufe allerdings langsam dahinziehenden Strom zu rudern,
-Monate gebraucht haben. Es blieb ihnen also keine andere Wahl, als der
-Strömung des Wassers zu folgen und sich bis ans Meer tragen zu lassen,
-ungewiß wo man es erreichen werde. Da man aber von den Indianern in
-Erfahrung gebracht, daß man nicht fern von einem sehr großen Strome
-sei, so beschloß Orellana, um den unbekannten Gefahren auf dem Wasser
-besser begegnen zu können, noch eine feste Brigantine zu bauen. Am
-Abend des 1. Februar schifften sie sich wieder ein, nachdem sie durch
-die Indianer mit allerlei Vorräthen an Schildkröten, Hühnern und
-Fischen versorgt waren. Die Brigantine besetzten 30 Mann, die Barke
-20. Zehn Tage später erreichten sie eine Stelle, wo sich drei Flüsse
-vereinigten; der von rechts kommende Strom schien sich von Ufer zu
-Ufer wie ein weites Meer auszudehnen (~una amplissima mar.~ Oviedo
-~l. c. p.~ 548). Man hatte damit den oberen Marañon selbst erreicht.
-Am 26. Februar wurde wieder angelegt, um die Schiffe auszubessern.
-Man blieb bei den freundlich gesinnten Einwohnern bis nach Ostern,
-nur, wie der die Expedition begleitende Geistliche, Carvajal,
-klagt, von der „ägyptischen Plage“ der Moskitos belästigt. Weiter
-stromab stieß man auf kriegerische Stämme, welche die Spanier auch
-auf dem Wasser mittelst ihrer Canoes angriffen. In der beständigen
-Feuchtigkeit des Stromthals war aber das Pulver naß geworden, und die
-Sehnen der Armbrüste hatten ihre Spannkraft verloren; ihre besten,
-fernhintragenden Waffen waren also unbrauchbar geworden. Die beiden
-Schiffe hielten sich womöglich in der Mitte des großen Stromes, wo sie
-am wenigsten belästigt wurden, und erreichten am Abend vor Trinitatis
-einen von links mündenden Zufluß, dessen Wasser schwarz wie Tinte
-erschien. Man gab ihm den Namen Rio Negro; es ist der bedeutendste
-aller linken Zuflüsse des Amazonas. Unterhalb desselben wuchs die
-Bevölkerung am Ufer ganz bedeutend, man segelte an vielen großen
-Ortschaften vorbei,[453] von denen die eine sich mit ihren Hütten eine
-ganze Meile am Strande hinzog. Hier konnte man überall Mais und Hühner
-erlangen. Am 24. Juni trafen sie ein Dorf, das nur von Frauen bewohnt
-war, welche keinen Verkehr mit Männern pflegten (~sin conversaçion
-de varones~). Diese Weiber erschienen, nach Carvajals Angabe groß
-und von starken Gliedmaßen, waren von heller Hautfarbe und trugen
-lange Haarflechten. Mit Bogen und Pfeil griffen sie die Spanier an,
-verloren aber sieben bis acht Kämpfende. Von dieser Begegnung mit
-bewaffneten Frauenvölkern, eine selbst in dem Wunderlande der neuen
-Welt den Spaniern unerwartete Erscheinung, hat der Strom seinen Name
-Rio das Amazonas (Strom der Amazonen) erhalten.[454] Weiter abwärts
-zum Meere wohnten Cariben, verabscheuungswürdig, weil sie das Fleisch
-der Erschlagenen verzehren, aber geschickt in allen Waffen und in
-Verfertigung schöner Gefäße, die sie verzieren und bemalen.
-
-Trotz häufiger Kämpfe verloren die Spanier doch nur drei Genossen an
-Wunden, dagegen acht an Krankheiten.
-
-Ehe man ins Meer hinaussteuerte, wurden beide Schiffe mit einem festen
-Verdeck versehen, die Segel setzte man aus mitgenommenen peruanischen
-Mänteln zusammen. Mit diesen Vorbereitungen beschäftigt, blieb Orellana
-24 Tage in der Nähe der Mündung und steuerte dann am 26. August kühn
-ins Meer hinaus; ohne Piloten, ohne Compaß wußte er kaum, wohin er
-steuern sollte. Aber alle sahen es als eine besondere Gnade des Himmels
-an, daß in der ganzen Zeit, seit sie den großen Strom verlassen und am
-Lande hin nordwärts segelten, kein Regen fiel und das schönste Wetter
-sie begleitete. Sonst hätten wohl kaum die gebrechlichen Fahrzeuge die
-See behaupten können. Zwar wurden sie bei Nacht durch die Strömung
-des Meeres getrennt, gingen einzeln durch den Pariagolf und durch den
-stürmischen Drachenschlund, langten aber beide doch glücklich am 11.
-September auf der Insel Cubagua neben der Perleninsel Margarita an und
-wurden von ihren Landsleuten freundlich aufgenommen.
-
-Die größte, schiffbare Stromrinne des südamerikanischen Continentes
-war so mit einem Schlage aufgefunden. Orellana’s romantische Fahrt
-läßt sich nur mit Stanley’s staunenerregender Congofahrt in dem jüngst
-verflossenen Jahrzehnt vergleichen.
-
-Von Cubagua sandte der glückliche Entdecker des Riesenstroms einen
-Bericht an den König und begab sich dann mit seinen Gefährten nach dem
-Mittelpunkte der westindischen Welt, nach Haiti, wo er am 20. December
-1541 ans Land ging.
-
-Orellana’s Pläne waren aber auf eine Besiedlung des entdeckten
-Gebietes gerichtet; darum kehrte er im nächsten Jahre nach Spanien
-zurück und schloß mit der Regierung eine Capitulation, wonach er
-zur Eroberung des Landes autorisirt wurde. Sehr treffend erhielt
-es den Namen Neu-Andalusien. Denn wie das spanische Andalusien von
-dem wasserreichsten „großen Strome“, d. i. dem Guadalquibir, dem
-größten der ganzen Halbinsel, bespült wird, so Neu-Andalusien von dem
-mächtigsten Wasser der neuen Welt. Es gelang Orellana für sein Project
-Theilnahme und Unterstützung zu finden, und so segelte er am 11. Mai
-1544 mit vier Schiffen und 400 Mann von San Lucar de Barrameda ab;
-aber diese Expedition hatte beständig mit Misgeschick zu kämpfen.
-Drei Monate wurde das kleine Geschwader bei Teneriffa, zwei Monate am
-grünen Vorgebirge aufgehalten und verlor durch den Tod 98 Personen,
-während 50 andere davonliefen. Bei der Ueberfahrt über den Ocean jagte
-der Sturm die Schiffe auseinander, zwei derselben, auf deren einem
-sich Orellana befand, wurden bis zur Ostspitze Brasiliens getrieben.
-Von hier gingen sie dann an der Küste des Festlandes nach Nordwesten
-bis zum ~mar dolce~ und fanden endlich die Mündung des großen Stromes
-wieder, welchem Orellana seinen Namen beilegte. Aber dort wurde der
-größte Theil der Mannschaft an der ungesunden Küste bald von Fiebern
-hinweggerafft; und als auch Orellana ins Grab sank, löste sich die
-Unternehmung auf, und die Ueberlebenden wandten sich nach San Domingo.
-
-Alle Eroberungszüge der Spanier in der neuen Welt, so weit sie durch
-die Entdeckungsfahrten des Columbus angeregt waren, bewegten sich
-fast ausschließlich in den Grenzen des heißen Erdgürtels und nahmen
-von der Inselflur Westindiens als der natürlichen Eingangspforte zu
-diesen Regionen ihren Ausgang. Der Reiz der Neuheit der sie umgebenden
-Naturprodukte, die Romantik der wunderbarsten Abenteuer, welche das
-Leben zu einem Roman gestalteten, die Befriedigung, welche die Einen
-in der Aufspürung und Erbeutung edler Metalle und die Andern in der
-Bekehrung unzähliger Menschenstämme zum Christenthum fanden, rief unter
-den Spaniern ein wahres Auswanderungsfieber und einen unglaublichen
-Entdeckungs-Schwindel hervor, welcher das Mutterland zu entvölkern
-drohte. Fand doch der venetianische Gesandte Andrea Navagiero, welcher
-1525 Spanien bereiste, in Sevilla, dem Sitze des indischen Amtes, so
-wenig Männer vor, daß er meinte, die Stadt sei fast ganz den Weibern
-überlassen.
-
-Die großartige Erweiterung des Horizontes und der Umschwung der ganzen
-Weltanschauung, welche Europa’s Kultur dadurch gewann, wurde leider
-durch den Untergang origineller Bildungselemente in der neuen Welt und
-durch die Vernichtung unzähliger Menschenleben erkauft, welche unter
-der harten Hand der Eroberer trotz aller Bemühungen der Geistlichkeit
-und aller Gesetze der Regierung zu Grunde gingen.
-
-
-
-
-Drittes Capitel.
-
-Die südwestliche Bahn nach Indien und die erste Erdumsegelung
-Magalhães’.
-
-
-1. Die Vorläufer Magalhães’.
-
-Nachdem Amerigo +Vespucci+ im Jahre 1501 auf seiner Entdeckungsfahrt
-an den Küsten Brasiliens bis zum 25° s. Br. vorgedrungen war (s. oben
-S. 332), faßte er 1503 bereits den Plan auf südwestlichem Wege bis
-zu den Gewürzländern zu segeln (s. oben S. 335), aber das Ungeschick
-des Capitäns Coelho vereitelte die Ausführung. Er kam nicht so weit
-nach Süden als zwei Jahre früher. Sicher war aber Vespucci der erste,
-welcher auf diesen neuen Weg hinwies. Als er im Jahre 1505 ganz nach
-Spanien übersiedelte, suchte er auch hier seinem Plane Geltung zu
-verschaffen. Schon im nächsten Jahre hören wir von der Absicht der
-spanischen Regierung, Schiffe nach den Gewürzländern zu schicken (~para
-descobir la especeria~), wobei das Gutachten der beiden erfahrensten
-Männer, Vicente Yañez Pinzon und Amerigo Vespucci, eingeholt werden
-solle.[455] Doch scheint die Absendung sich verzögert zu haben,
-wenigstens ist über eine Fahrt in der angegebenen Richtung und in dem
-genannten Jahre nichts bekannt. Erst 1508 liefen am 29. Juni zwei
-Schiffe unter +Pinzon+ und +Juan Dias de Solis+ von San Lucar aus,
-gingen über die Capverden nach dem Cap Augustin hinüber und kamen bis
-etwa zum 40° s. Br. Aber die Eifersucht und Uneinigkeit zwischen den
-beiden Leitern der Expedition vereitelte den Erfolg, die Schiffe kamen
-Ende October 1509 wieder nach Spanien zurück.
-
-Wenn nun auch dieser erste Versuch resultatlos verlief, so traten
-doch bald in dem Fortschritt der mittelamerikanischen Entdeckungen so
-wichtige Momente hervor, daß dadurch ein erneuerter Anstoß gegeben
-wurde, das Project eines südwestlichen Weges wieder aufzunehmen.
-Dies war die Entdeckung der Südsee durch Balboa im Jahre 1513 (s.
-oben S. 347). Nun erkannte man, daß sich im Rücken der neuen Welt
-ein unermeßliches Meer ausdehnte, welches das westliche Indien von
-dem östlichen Asien trennte. Mit der Entdeckung dieser „Südsee“ trat
-zugleich der sehnliche Wunsch hervor, einen Wasserweg vom atlantischen
-Ocean in das neu gefundene Weltmeer aufzuspüren. Da nun die Küste
-Südamerika’s bis zum 40. Grade nach Südwesten lief, so stand zu
-erwarten, daß man in dieser Richtung entweder die Continentalmasse in
-ähnlicher Weise, wie es den Portugiesen um Süd-Afrika herum gelungen
-war, werde umsegeln können, oder daß man eine Straße finden werde,
-welche beide Oceane mit einander verbinde.
-
-Der Glaube an das Vorhandensein einer Meerenge fand um so leichter
-Annahme, als schon Columbus auf seiner vierten Fahrt zwischen den
-Inseltheilen Westindiens eine offene Wasserbahn nach Westen gesucht
-hatte. Die Vorstellung fand weitere Nahrung in Schifferberichten,
-welche wenigstens schon seit 1508 einliefen und sogar bestimmt von der
-erfolgten Auffindung der Straße erzählten, welche genau in derselben
-Richtung von O. nach W. laufe und die Landmassen theile, wie die
-Meerenge von Gibraltar Europa von Afrika scheidet.[456] Möglicherweise
-datiren derartige Gerüchte noch um mehrere Jahre zurück. Es wird
-nämlich von glaubhafter Seite versichert, Magalhães habe bei seiner
-berühmten Fahrt sich auf eine von Martin Behaim (Martin de Boemia)
-gezeichnete Karte, im Besitz des Königs von Portugal, berufen, auf
-welcher etwa unter 40° s. Br. eine Straße, wenn auch sehr versteckt
-(~multo occulto~) angegeben sei.[457] Da nun Behaim schon 1506 oder
-1507 starb, müßte die Straße bereits vor diesen Jahren aufgefunden
-sein. Daß seine Zeichnung, welche +vor+ der Entdeckung der Südsee
-durch Balboa entworfen war, anders ausfallen mußte, als ein Jahrzehent
-später, liegt auf der Hand. Weder in Spanien noch in Portugal hat sich
-aus dieser Zeit eine Karte mit einer südlichen Meerenge erhalten,
-wohl aber sind uns derartige Entwürfe aus Italien und Deutschland
-überliefert, deren Entstehung annähernd gleichzeitig, nämlich in das
-Jahr 1515 bezüglich 1516 zu setzen ist. Beide Bilder geben die Umrisse
-der südamerikanischen Insel in fast gleicher Gestalt. Die italienische
-stammt von der Hand des berühmten Lionardo da Vinci,[458] die deutsche
-von Johannes Schöner.[459] Die Zeitung aus Presillg Landt war, wie
-bereits erwähnt ist, von Italien nach Deutschland gekommen, die beiden
-Darstellungen von Südamerika passen auffällig zu der dort berichteten
-Fahrt. Es wäre also möglich, daß mit dem Bericht über die dunkle Reise
-auch eine flüchtige Skizze aus Portugal zuerst nach Italien gelangt
-und dann ihren Weg nach Deutschland gefunden hätte, denn da Vinci’s
-Zeichnung bietet nur rasch hingeworfene allgemeine Umrisse, gleichsam
-um die neuerworbenen Vorstellungen von der Ländervertheilung zu
-fixiren. Daß aber beide Zeichnungen beeinflußt sind durch den Bericht
-der „newen Zeytung“, geht mit Gewißheit daraus hervor, daß Joh. Schöner
-seinem Globus eine kleine geographische Abhandlung beigab, in welcher
-er mehrere Stellen aus der „Zeitung“ wörtlich aufnahm.
-
-Die Auffindung der Straße war angeblich durch Portugiesen erfolgt;
-wollten die Spanier nun durch dieselbe sich einen Zugang zur Westseite
-Amerika’s bahnen, mußten sie selbständig die Meerenge zu entdecken
-suchen. Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß in demselben
-Jahre, als Schöner seinen Globus veröffentlichte, auch einer der
-ersten Seeleute Spaniens im Begriff stand, das erwähnte Problem
-zu lösen und praktisch zu verwerthen. +Juan Dias de Solis+ schloß
-nämlich im November 1514 mit der Krone einen Vertrag ab, wonach er
-sich verpflichtete, die nach der Südsee führende Straße zu entdecken
-und auf die Rückseite des Landes (~á las espaldas de la tierra~) zu
-gehen, um sich mit Pedrarias de Avila, dem Statthalter von Darien, in
-Verbindung zu setzen. Von hier aus wollte er dann noch 1700 spanische
-Meilen, von der Demarcationslinie an gerechnet, in der Richtung nach
-den Gewürzinseln vorzudringen suchen, ohne dabei, was bei Todesstrafe
-verboten wurde, portugiesisches Gebiet zu berühren.[460]
-
-[Illustration: ~SÜDAMERICA mit einer südlichen Meerenge, nach dem von
-=Joh. Schöner= 1515 entworfenen Globus.~
-
-~_Die punktirten Conturen zeigen die richtigen Umrisse des Landes._~]
-
-Solis stand wegen seiner Leistungen im Seewesen in hohem Ansehen, er
-bekleidete, nach dem Tode Vespucci’s, das Amt eines Reichspiloten.
-Er erhielt für seine Expedition drei Schiffe und lief am 8. October
-1515 von dem Hafen von Huelva aus, erreichte bei Cap S. Roque die
-südamerikanische Küste, segelte von da nach Südwesten und drang jenseit
-des Cabo de Sa. Maria (34° 39′ s. Br.) in die weite Oeffnung des
-Laplatastromes hinein, welcher damals Rio de Solis genannt wurde, und
-wagte sich, unvorsichtig, mit einer Caravele, während die beiden andern
-Fahrzeuge zurückblieben, ans Land. Hier wurde er nebst acht andern
-Genossen bei der Landung durch versteckte indianische Bogenschützen
-getödtet und verzehrt.
-
-Nach dem traurigen Fall des Führers brach sein Schwager Francisco de
-Torres die Entdeckungsfahrt ab und kehrte nach Spanien zurück.
-
-
-2. Fernão de Magalhães.
-
-Die bisherigen Versuche eines Vespucci, Pinzon und Solis, auf
-südwestlicher Bahn die Molukken zu erreichen, waren fehlgeschlagen,
-sie hatten gezeigt, daß selbst die Begabung dieser Seefahrer nicht
-ausreichte, eine so wichtige Aufgabe zu lösen. Es lag, wenn auch nicht
-direct ausgesprochen, ja vielleicht nicht einmal klar erkannt, in
-dieser Aufgabe das höchste nautische Problem: die +Umschiffung des
-Erdballs+, und ein solches Problem verlangte auch den größten Mann
-seiner Zeit, welcher mit der Tüchtigkeit des Seemanns Besonnenheit
-und Willensstärke verband und seinen Befehlen unbedingte Geltung zu
-verschaffen wußte; denn Rivalität und Zwiespalt über die Führung des
-Geschwaders hatten mehrere Expeditionen seiner Vorgänger vereitelt.
-Wir rechnen den kühnen Bahnbrecher in der Umkreisung des Erdballs, den
-Portugiesen +Ferdinand Magalhães+[461], unter die hervorragendsten
-Seefahrer aller Zeiten, wenn er nicht der bedeutendste von allen ist.
-
-Magalhães stammte aus vornehmer Familie. Daß er nicht in Oporto,
-sondern in Saborosa, im District von Villa real der Provinz Tras
-os Montes geboren ist, geht aus seinem Testamente hervor, welches
-er wenige Monate, bevor er zum erstenmale nach Indien ging,
-aufsetzte.[462] Um 1480 mag er geboren sein.
-
-[Illustration: Facsimile des Namenszuges von Magalhães.]
-
-[Illustration: +Fernão de Magalhães.+
-
-Verkleinertes Facsimile des Kupferstiches von Ferd. Selma.]
-
-Mit Francisco d’Almeida ging er 1505 nach den indischen Gewässern,
-focht in Quiloa, kehrte 1508 auf kurze Zeit in die Heimat zurück,
-betheiligte sich aber im nächsten Jahre schon an der bekannten
-Expedition nach Malaka, rettete 1510 zwei Schiffe, welche bei den
-Malediven gestrandet waren, und zeichnete sich derart aus, daß er in
-demselben Jahre zu dem Kriegsrathe mit herangezogen wurde, welchen
-Albuquerque berief, um ihn für seinen Plan, Goa anzugreifen, zu
-gewinnen. Magalhães sprach bei dieser Gelegenheit offen gegen den Plan
-des Generalcapitäns und verlor dadurch die Gunst desselben, so daß
-er sich von selbständiger Leitung wichtiger Unternehmungen in Indien
-ausgeschlossen sah (s. oben S. 165). Während sein Freund Francisco
-Serrão bis nach den Molukken seine Entdeckungsfahrt ausdehnte, kehrte
-Magalhães in die Heimat zurück und versuchte sich einen seinen
-Fähigkeiten angemessenen Platz in Afrika zu erringen. Er nahm daher
-an den Feldzügen gegen Marokko theil, erhielt aber 1514 eine schwere
-Verwundung am Bein, in folge deren er zeitlebens hinkte. Da man ihn
-vollends beschuldigte, sich mit dem Feinde ins Vernehmen gesetzt
-zu haben, so ging er, ohne von seinem Vorgesetzten Pedro de Sousa
-Urlaub zu nehmen, nach Lissabon, um sich beim Könige zu beschweren.
-Dieser aber weigerte sich ihn zu empfangen und befahl ihm, zum Heere
-nach Azamor zurückzukehren und sich dort zu rechtfertigen. In der
-nun angestellten Untersuchung erwies sich zwar seine Schuldlosigkeit
-und wurde er freigesprochen; allein der weitere Kriegsdienst war ihm
-dadurch so verleidet, daß er seinen Abschied nahm und sich wieder
-nach Portugal begab. Er erhielt wie alle, welche dem Könige gedient
-hatten, eine kleine Pension. Das Ansehen seiner gesellschaftlichen
-Stellung richtete sich nun nach der Höhe des Gnadengehalts. Magalhães
-glaubte Anspruch auf eine Erhöhung der Pension zu haben und bat um
-eine monatliche Zulage von einem halben Ducaten; aber auch dieses
-Gesuch schlug der König ihm ab. So an der Ehre verletzt, in dem Range
-zurückgesetzt und nach allen Richtungen in seinem Verlangen, sich
-auszuzeichnen, gehemmt, zog sich Magalhães verstimmt und erbittert
-vom Hofe zurück und beschäftigte sich mit Kosmographie und Nautik,
-wozu ihn besonders ein Brief Serrão’s über seine abenteuerliche Fahrt
-nach den Molukken (s. oben S. 204) anregte; denn es stieg dabei in ihm
-der Gedanke auf, ob nicht die Gewürzinseln bereits auf der spanischen
-Erdhälfte lägen, da er die Entfernung derselben von Malaka weit größer
-angegeben fand, als sie in der That war. In seinem Verkehr mit dem
-Astronomen Ruy Faleiro reifte so allmählich der Plan, um Südamerika
-herum den Seeweg nach den Molukken aufzusuchen. In Portugal konnte
-der Gedanke aber nicht zur Ausführung gelangen, denn der Weg führte
-über die Demarcationslinie auf die spanische Seite und war ohne die
-Genehmigung von Seiten Spaniens nicht möglich. Aber Don Manuel war
-nicht blos dem Plane, sondern auch dem Träger desselben persönlich
-abgeneigt. Das stolze Bewußtsein seines eignen Werthes und das
-bittere Gefühl, minder fähigen Männern nachgesetzt zu werden, dazu
-die Erkenntniß, in seiner Heimat seine Ideen nicht verwirklichen
-zu können, trieben den nach Thaten dürstenden Mann endlich zu dem
-Entschluß, sein Vaterland zu verlassen und offen auf seine Nationalität
-zu verzichten. Er war kein gemeiner Ueberläufer, wie ihn sogar Peter
-Martyr bezeichnet,[463] sondern trat in aller Form, wie es seinem
-Stande entsprach, aus dem portugiesischen Unterthanenverbande aus[464]
-und begab sich mit Ruy Faleiro, der sich in Portugal ebenfalls
-vergeblich um eine Anstellung beworben hatte, und mit Christoval de
-Haro nach Spanien. Am 20. October 1517 langte er in Sevilla, dem
-Mittelpunkte der indischen Unternehmungen und dem Sitze des indischen
-Amtes an. Dort fand er in dem Hause seines Landsmannes Diogo Barbosa,
-welcher 1501 unter João da Nova eine Fahrt nach Indien mitgemacht
-hatte und damals ein hohes Amt in der Stadt (~alcaide del alcaçar
-de Sevilla~) bekleidete, die freundlichste Aufnahme und wesentliche
-Förderung seines Planes, namentlich seitdem er die Tochter Barbosa’s,
-Beatriz, geheirathet hatte. Auch der einflußreiche Factor des indischen
-Amtes, Juan de Aranda, war bald für die Idee gewonnen und erfaßte den
-Gedanken, die Molukken zu erreichen und für Spanien zu reclamiren, mit
-Begeisterung.
-
-Im Anfang des Jahres 1518 begab sich Magalhães mit Faleiro und Aranda
-an den spanischen Hof nach Valladolid, und wenn auch noch Bedenken
-tellurischer Art gegen das Unternehmen laut wurden, indem man die
-berechtigte Frage aufwarf, ob die Natur nicht selbst den Osten und
-Westen der Erde derart von einander getrennt hätte, daß man zu Wasser
-nicht aus dem einen Gebiet ins andere kommen könne, so erkannte man
-doch zu gleicher Zeit die große Bedeutung, welche nach Ueberwindung
-aller Schwierigkeiten eine erfolgreiche Fahrt für Spanien und seine
-weiteren Ansprüche haben müsse.[465]
-
-So kam schon am 22. März 1518 ein Vertrag zwischen der Krone Spaniens
-und Magalhães nebst Faleiro zustande, wonach die Unternehmer sich
-verpflichteten, sich innerhalb der spanischen Hemisphäre (~dentro
-de nuestros limites é demarcacion~) zu bewegen, wogegen ihnen das
-Privilegium ertheilt wurde, innerhalb der nächsten zehn Jahre allein
-diesen Weg zu befahren, ausgenommen wenn der König selbst Personen auf
-den Südwest-Weg aussendet. Weiter wurde festgesetzt: Magalhães wird
-die Route dahin durch eine Meeresstraße im Süden von Amerika suchen
-und erhält von den Einkünften aus den neuen Inseln ein Zwanzigstel des
-Reingewinnes. Er erhält für sich und seine Söhne den Titel und Rang
-eines Adelantado und Gobernador und kann sich bei jeder nach den neuen
-Regionen entsendeten Expedition mit 1000 Ducaten in Waaren betheiligen.
-Wenn mehr als sechs Inseln entdeckt werden, bekommt er von zweien
-derselben, welche er auswählen kann, ein Fünfzehntel des Ertrags. Von
-dem Reingewinn der ersten Reise wird ihm ein Fünftel überwiesen werden.
-Fünf Schiffe wird die Regierung ihm zur Verfügung stellen, darunter
-zwei von je 130 Tonnen, zwei von je 90 Tonnen und eins von 60 Tonnen
-Gehalt. Dieselben sind auf zwei Jahre mit Proviant versehen für 234
-Personen. Magalhães erhält ferner das Recht, auf den Schiffen die
-höchste Gewalt, auch über Leben und Tod, zu üben, den Capitänen und
-Mannschaften wird vom König ausdrücklich die Verpflichtung auferlegt,
-dem Generalcapitän unbedingt zu gehorchen. Als Hauptziel und
-Hauptaufgabe wird die Erreichung der Gewürzinseln bezeichnet.[466] Ein
-Fünftel der Kosten der Ausrüstung, nämlich 4000 Ducaten, gab Haro.
-
-Sobald der Inhalt des Vertrags bekannt wurde, suchte man
-portugiesischer Seits das Unternehmen zu hintertreiben, weil, wenn
-Magalhães sein Ziel wirklich erreichte, die Frage nach dem berechtigten
-Eigenthümer der Molukken erhoben werden konnte und ein schwer zu
-lösender Streit um die werthvollen Inseln daraus entstehen mußte.
-Vergebens suchte der portugiesische Gesandte Alvaro de Costa auf den
-König Karl persönlich einzuwirken; in gleicher Weise verhandelte der
-Factor König Manuels in Sevilla Sebastian Alvarez direct mit Magalhães
-und machte ihm glänzende Anerbietungen, wenn er in den Dienst seines
-Vaterlandes zurückkehre. Aber Magalhães beharrte bei seinem Plan und
-erklärte die Unternehmung, nachdem er sie so weit eingeleitet, für eine
-Ehrensache. Dann suchte man die ganze Angelegenheit zu verdächtigen und
-den Mannschaften die Theilnahme zu verleiden, indem man aussprengte,
-die Schiffe seien so alt und morsch, daß sie kaum bis zu den Canarien
-kommen würden, man beschuldigte den Leiter sogar des Verraths, denn
-er habe die Absicht, das ganze Geschwader den Portugiesen in die
-Hände zu liefern und habe zu dem Zweck viele Matrosen fremder Nation
-angeworben.[467] Alvarez bemühte sich auch um Ruy Faleiro, meinte dann
-aber, als er auch bei diesem kein Gehör fand, wenn man nur Magalhães
-gewönne, würde der Astronom schon folgen. Aber alle diese Bemühungen
-scheiterten an der Festigkeit des Leiters und der spanischen Regierung,
-welcher man das Recht einer solchen Expedition auf ihrem Gebiete
-nicht absprechen konnte. Man erreichte nur, daß die Ausrüstung und
-Abfertigung des Geschwaders etwas verzögert wurde. Ruy Faleiro trat
-zurück, da er fühlte, daß ihm nur eine untergeordnete Stelle in der
-ganzen Unternehmung angewiesen werden könne, dafür schlossen sich
-Duarte Barbosa, eine Neffe Diogo’s, und der Ritter Antonio Pigafetta
-aus Vicenza der Expedition an. Den definitiven Befehl, alles zur
-Abreise vorzubereiten, ertheilte Karl von Barcelona aus am 19. April
-1519, aber die Abfahrt selbst erfolgte erst fünf Monate später. Das
-Geschwader bestand aus folgenden fünf Schiffen:
-
- Trinidad, Commodor Magalhães
- San Antonio, Capitän Juan de Cartagena
- Concepcion, „ Gaspar de Quesada
- Victoria, „ Luis de Mendoza
- Santiago, „ Juan Serrano.
-
-Am 20. September lichtete Magalhães in San Lucar de Barrameda die
-Anker. Vor der Abfahrt gab er strengsten Befehl, daß die Schiffe sich
-nicht trennen sollten. Er selbst werde stets voransegeln. Darum führte
-er Nachts eine Fackel von Spartgras oder ein Bündel brennenden Holzes,
-ein sogenanntes Farol am Hintertheil des Hauptschiffes, nach welchem
-sich die andern zu richten hatten. Wenn er wegen Wind und Wetter den
-Cours änderte oder langsamer fahren wollte, gab er ein Signal mit
-zwei Lichtern; mit drei oder vier Lichtern gab er bestimmte Zeichen
-über die Anzahl der beizusetzenden Segel. Verschiedene Feuer oder ein
-Kanonenschuß dienten als Warnungszeichen bei Untiefen.
-
-[Illustration: +Rumpf eines großen Seeschiffes um+ 1500.
-
-Aus dem Wappen von Johann Segker. Verkleinertes Facsimile eines
-Holzschnittes aus Albrecht Dürers Schule.]
-
-Magalhães steuerte über Teneriffa nach den Capverden, um von hier aus
-nach der Küste Brasiliens hinüberzugehen. Daß er sich anfangs ganz in
-der Nähe der afrikanischen Küste hielt, veranlaßte bereits Differenzen
-mit seinen Capitänen, von denen besonders Cartagena als zweiter
-Befehlshaber (~veedor general de la armada~) den Anspruch erhob, bei
-der einzuschlagenden Coursrichtung um seine Meinung gefragt zu werden.
-Magalhães wies ihn gebührend zurück, indem er sich darauf berief, daß
-nach dem Willen des Königs er selbst allein den Oberbefehl führe und
-alle ohne Ausnahme ihm zu gehorchen hätten. In den Windstillen an der
-Küste von Guinea begrüßte ihn dann Cartagena mit dem einfachen Titel
-„Capitän“, wogegen Magalhães die Anrede „Generalcapitän“ verlangte.
-Cartagena gab darauf eine verletzende Antwort und grüßte die folgenden
-drei Tage gar nicht. Versteckte Angriffe auf seine Autorität duldete
-Magalhães nicht, er berief die Capitäne zusammen, ließ Cartagena
-verhaften und absetzen und ernannte an seiner Stelle den Antonio de
-Coca zum Befehlshaber des Schiffes.[468] Dann ging das Geschwader unter
-veränderlichen und widrigen Winden nach dem Cap Augustin hinüber und
-segelte an der brasilianischen Küste bis zur Bucht von Rio de Janeiro,
-wo es vom 13. bis 26. December blieb, um Lebensmittel einzutauschen und
-Wasser einzunehmen, zugleich aber auch um die innere Bucht genau zu
-untersuchen, ob nicht hier schon sich eine Straße nach dem westlichen
-Meere öffne. Als man sich überzeugt hatte, daß bei Rio kein Durchgang
-existire, steuerte man an der Küste weiter und erreichte am 10. Januar
-1520 bei Cap Sa. Maria das Aestuar des Laplatastroms. Ein Hügel an
-der Küste, der die Gestalt eines Hutes hatte, erhielt den Namen Monte
-Vidi (Montevideo).[469] Daß Dias de Solis bis hieher vorgedrungen, war
-bekannt; aber die weite Bucht des Laplata gab wieder die Möglichkeit,
-eine Straße zu finden. Das Schiff Santiago wurde abgeschickt die Bai
-zu untersuchen, während die übrigen Fahrzeuge vor Anker gingen, kehrte
-aber nach 15 Tagen mit der Nachricht zurück, daß zwar mehrere große
-Ströme einmündeten, aber eine Straße nicht vorhanden sei. So brach
-denn die Flotille in den ersten Tagen des Februar nach dem noch völlig
-unbekannten Süden auf. Die niedrige patagonische Küstenterrasse bildet
-auf der Ostseite mehrere bedeutende Einbuchtungen, wie den Golf von S.
-Matias oder S. Antonio, und den Golf S. Jorge, hinter denen man einen
-Eingang in die gesuchte Straße vermuthen konnte. Es war also nöthig,
-mit steter Wachsamkeit den Verlauf des Gestades zu prüfen und allen
-Bewegungen der Küstenlinie nachzugehen, um die Passage, welche ganz
-versteckt liegen sollte, nicht zu übersehen. Dadurch verlor Magalhães
-noch die letzten Wochen des scheidenden antarktischen Sommers und sah
-sich schließlich genöthigt, an der südlichen patagonischen Küste zu
-überwintern.
-
-Vom Laplata aus berührte Magalhães zunächst das Cap S. Antonio,
-dann die Klippen am Cap Corrientes (38° s. Br.), verlor im Unwetter
-das Land mehrere Tage aus dem Gesicht, suchte dann einen ganzen Tag
-lang in der Bai San Matias, bis er sich von allen Seiten von Land
-umschlossen sah, ging, abwechselnd mit Sturm und Strömung kämpfend,
-weiter, mußte sich mehreremal in geschütztere Buchten hineinflüchten,
-von denen die eine den Namen die Bai der Mühseligkeit (~bahia de
-los trabalhos~) erhielt[470] und erreichte endlich am 31. März den
-Julianshafen (Puerto San Julian), wo er unter 49° 15′ s. Br. in
-trauriger, öder Umgebung eine leidliche Zuflucht für den Winter fand
-und den Anbruch der günstigern Jahreszeit abzuwarten beschloß. Aber
-sein Beschluß, Hütten am Lande zu errichten und die Rationen zu
-kürzen, um die Schiffsvorräthe zu schonen, rief unter den Capitänen
-und der Mannschaft lebhaften Widerspruch hervor. Sie forderten ihn
-auf, umzukehren und sie nicht bei seiner vergeblichen Jagd nach
-einem Phantom alle in den Tod zu führen, sie seien bereits weiter
-vorgedrungen, als irgend ein Spanier. Magalhães dagegen bezeichnete
-es als die größte Schande, umzukehren, ehe sie die Straße oder das
-Ende des Landes aufgefunden hätten. Die kalte Jahreszeit werde rasch
-vorübergehen, und dem gefürchteten Hunger werde man leicht durch die
-Erträgnisse der Jagd und des Fischfanges begegnen. Mit eigenthümlicher
-List erklärte er, er müsse wenigstens so weit kommen, wie schon Amerigo
-Vespucci gekommen sei, und würde erst umkehren, wenn er bis zum 75.
-Grade keine Straße gefunden hätte. Ueber das fortgesetzte Seufzen und
-Klagen wurde er schließlich so zornig, daß er einige Rädelsführer
-festnehmen und strafen ließ. Darüber entstanden Unruhen und man
-rief: „Dieser Portugiese überliefert uns dem Verderben, um sich mit
-seinem Könige wieder aussöhnen zu können.“[471] Magalhães berief sich
-auf den Befehl des Kaisers. Bis jetzt hätten sie noch nichts Großes
-geleistet, was ihre Umkehr nur irgend wie entschuldigen könne. Die
-Portugiesen führen alle Jahre so weit nach Süden, wenn sie das Cap der
-guten Hoffnung umsegelten.[472] Trotz alledem wurde die Mannschaft
-nicht beruhigt und die offene Empörung brach alsbald aus. In der Nacht
-vom ersten April drangen Juan de Cartagena, welcher an der Spitze
-der Verschwörung stand und von Capitän Quesada freigegeben war, mit
-diesem und einer Anzahl bewaffneter Meuterer in das Schiff des dem
-Generalcapitän getreuen Mezquita und legten ihm Fesseln an. Der Master
-und Contremaster desselben Schiffes, des San Antonio, ergriffen aber
-für ihren gefangen gesetzten Capitän Partei. Sofort stach Quesada
-den Master Hurriaga (Elloriaga), einen Basken, nieder und ließ den
-Contremaster in Ketten werfen und nach der Concepcion als Gefangenen
-abführen. Da auch Luis de Mendoza auf der Victoria zu den Verschwornen
-zählte, so besaßen diese am andern Morgen drei Schiffe, während dem
-Magalhães außer seinem Schiffe nur der Santiago treu blieb. Die
-Meuterer hatten die Uebermacht und nahmen danach eine herausfordernde
-Stellung ein; den verrätherischen Ueberfall erklärten sie als einen Akt
-der Nothwehr gegen die fortgesetzt erduldeten Mishandlungen von Seiten
-des Oberbefehlhabers. Sie würden ihm alle Ehre erweisen, wenn er thue,
-was der Dienst Sr. Majestät verlange. Magalhães forderte sie auf, zu
-ihm auf sein Schiff zu kommen, dort werde er ihre Klagen anhören und
-nach Recht verfahren. Dagegen ließen sie ihm wieder sagen, sie trauten
-ihm nicht, er möge zu ihnen kommen, sie seien sämmtlich auf dem S.
-Antonio vereinigt. Magalhães benutzte das an ihn abgesandte Boot, um
-auf demselben den Alguacil Espinosa mit fünf oder sechs Mann heimlich
-an Mendoza, den Capitän der Victoria, abzufertigen und ihn scheinbar
-zu einer Unterredung auf dem Hauptschiffe aufzufordern, während er
-in Wahrheit den Auftrag gab, den abtrünnigen Capitän unschädlich zu
-machen. Espinosa führte die Weisung pünktlich aus, er fand während der
-Unterredung mit Mendoza Gelegenheit, denselben mit einem Dolchstich in
-den Hals zu tödten, worauf das Schiff, nachdem auch Duarte Barbosa noch
-mit 15 Bewaffneten hinzugekommen war, zum Gehorsam zurückgebracht wurde.
-
-Magalhães legte sich mit seinen Schiffen vor den Ausgang des Hafens,
-um das Entfliehen der Meuterer zu verhindern. Zufällig löste sich der
-Antonio in der Nacht von seinem Anker und trieb mit der Ebbe an das
-Schiff des Magalhães heran.[473] Hier wurde es mit grobem Geschütz
-und Gewehrfeuer empfangen, und die Mannschaft des Generalcapitän
-bemächtigte sich des feindlichen Schiffes. Die Rädelsführer Cartagena,
-Quesada und de Coca wurden gefangen; der Leichnam Mendoza’s wurde am
-nächsten Tage geviertheilt als Verräther, und Quesada enthauptet,
-auch wurden vor der Abfahrt Cartagena und ein Caplan, der das
-Complot begünstigt hatte, am Strande ausgesetzt und ihrem Schicksal
-überlassen.[474] Aber der Pilot Gomez, welcher den Generalcapitän mit
-seinem Schiffe später verließ, nahm beide Verlassenen wieder auf und
-brachte sie nach Spanien.
-
-Der Aufenthalt im Julianshafen währte fast 5 Monate (4 Monate und 24
-Tage), in dieser Zeit trafen die Spanier mehrfach mit kleinen Horden
-der Eingeborenen zusammen, welche von Magalhães wegen ihrer großen
-Füße (spanisch ~patagon~ = Großfuß) Patagonen genannt wurden. Die
-übertriebenen Schilderungen von ihrer Größe, welche Pigafetta’s viel
-gelesener Reisebericht verbreitete,[475] veranlaßten in Europa die
-Vorstellung, daß alle Patagonen Riesen seien, eine Fabel, welche erst
-nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts durch genaue Messungen der
-Körpergröße widerlegt wurde.[476]
-
-Ehe Magalhães selbst aus seinem Winterquartier aufbrach, ließ er
-durch Juan de Serrano auf dem Santiago die Küste weiter gegen Süden
-untersuchen, um sich mit seiner Flotte nicht durch jede Ausbuchtung
-des Landes aufhalten zu lassen. Aber Serrano litt in der Nähe des
-Puerto de Santa Cruz (50° s. B.) Schiffbruch und mußte sich mit
-seiner Mannschaft mühsam zum Julianshafen, an der Küste entlang,
-zurückwenden, wo die Leute auf die übrigen vier Schiffe vertheilt
-wurden. Magalhães selbst brach am 24. August auf und nahm am Heiligen
-Kreuzhafen noch einige von den gestrandeten Gütern des Santiago
-auf; von hier steuerte er dann aber erst am 18. October weiter, da
-zwei seiner Schiffe beschädigt waren und erst ausgebessert werden
-mußten. Unerschütterlich, als ein Mann von Muth und Ehre, ließ er
-sich durch keine Gegenvorstellungen von seinem Plane abbringen; erst
-wenn seine Schiffe im Sturm zweimal ihre Takelage verloren hätten,
-würde er sich dazu verstehen, den Weg um Afrika und an Madagascar
-vorüber einzuschlagen. Am 21. October erreichte sein Geschwader das
-Cap Virgenes (~Cabo de las Virgenes~) und damit den Eingang der
-berühmten Straße. Die fjordartige Zersplitterung des südamerikanischen
-Continents, welche an der Westseite vom Feuerlande bis zum 42° s.
-Br. reicht, hat die letzten Ausläufer des Gebirgslandes durch einen
-vielfach gegliederten Canal vollständig vom Rumpf der Landmassen
-abgetrennt. Die Straße, welche noch jetzt den Namen des kühnen
-Entdeckers trägt, hat eine Länge von 600 Kilometer (80 deutsche
-Meilen) und erstreckt sich in der östlichen Hälfte nach Südwest, in
-der westlichen Hälfte mit scharfer Wendung nach Nordwest. Nach der
-Gliederung und Gestaltung der Küstenlandschaften zerfällt sie in drei
-Abschnitte, in einen östlichen, mittleren und westlichen. Der östliche
-Abschnitt ist charakteristisch durch die Bildung zweier Engen, zwischen
-denen das Wasser sich seenartig ausweitet, durch das Fehlen der
-tieferen Seitenbuchten und Sackgassen, durch das Auftreten niedriger
-gleichmäßiger Höhenrücken jüngerer Formation und durch den gänzlichen
-Mangel an Baumwuchs. Der mittlere und westliche Abschnitt zeigt eine
-gleichartige geologische Struktur, hier herrschen Granit und Grünstein
-vor, und nach der Mitte zu Schiefer. Die schroffen, wilden Bergmassen
-erheben sich bis über 1000 Meter, im Sarmiento sogar über 2000 Meter.
-Der breite mittlere Abschnitt, mit mehreren tiefen Sunden und Canälen
-an der Feuerlandsküste, verläuft in der Richtung von Norden nach Süden
-und ist vollkommen inselfrei, der westliche Abschnitt dagegen, der
-sich nach Nordwesten zieht, verengt sich zwischen zahlreichen Klippen
-und tiefen Fjorden immer mehr und erweitert sich erst wieder gegen den
-Ausgang zum großen Ocean. In der Mitte und im Westen ist die Straße,
-wo die Berge nicht zu jäh in die Flut tauchen, mit üppigem Laubwald
-umsäumt.[477]
-
-„Die landschaftliche Scenerie der von düsteren Sagen umwobenen
-Meeresenge ist ein seltsames Gemisch von Monotonie und Großartigkeit
-der Naturgebilde jener Zone. Ringsum starren dem Schiffe Eisberge
-entgegen mit tiefen, undurchdringlichen Felsenspalten, mit zu
-Gletschern erstarrten Wasserfällen, die wie gefrorene Niagaras, wie
-ungeheure Klippen von blaugrünem, durchsichtigem Glas, die Seiten
-der Gebirge und finstern Thäler überhängen. Dagegen dehnt sich das
-schwarze, dunkle Fahrwasser an hohen Felsen in zahllosen Windungen
-hin. Zuweilen führen diese Windungen in eine Bucht, die scheinbar ohne
-Ausgang, von einer Mauer schroffer Felsen eingeschlossen ist, bis sich
-plötzlich verschiedene Canäle zeigen, die den Seefahrer noch mehr in
-Verlegenheit setzen, da er, falls er fehl geht, wochenlang zwischen
-Klippen und Canälen umherirren kann. In diesem Theile der Straße wüthet
-ein beinahe ununterbrochener Sturm, und der Himmel ist stets von
-dichten Wolken umhüllt, die Atmosphäre ist trüb und beständig nebelig,
-die Gewässer sind von pechschwarzer Farbe, wegen ihrer Tiefe und der
-finstern Bergschatten. In der Regel weht der Wind aus Westen, der Strom
-rauscht dann wie ein Sturzbach, und die Durchfahrt ist mitunter so eng,
-daß das Laviren schwierig wird. Von den nackten kahlen Felsspitzen
-aber fährt der Orkan in die Wassertiefe hinab und erzeugt daselbst
-jene kurzen, brechenden Wellen, die unter dem Namen der Teufelswellen
-bekannt und die namentlich Segelschiffen so unheilbringend sind.“[478]
-
-Bei der Einfahrt in die Straße schickte Magalhães zuerst die beiden
-Schiffe San Antonio und Concepcion voraus, um das Fahrwasser zu
-untersuchen, während er selbst mit der Trinidad und Victoria
-zurückblieb. Das eine Schiff kam bald mit der Meldung wieder, man habe
-nur eine Bucht mit tiefem Einschnitt gefunden, während das andere sich
-weiter wagte, durch eine Enge in eine zweite offene Bucht kam und
-hinter einer zweiten Enge, welche anfangs von Land umschlossen schien,
-wieder eine größere Wasserfläche fand. Da der Grund nicht seicht war,
-wie an der patagonischen Küste, in folge dessen man nur in der Nähe
-des Ufers, aber nicht mitten in der Straße ankern konnte, und da der
-Canal immer weiter führte, so schien die gesuchte Meerenge wirklich
-gefunden; und mit dieser freudigen Nachricht kehrte das zweite Schiff
-am dritten Tage nach dem Eingange zu Magalhães zurück, welcher, die
-hohe Wichtigkeit dieser Entdeckung erkennend, die Capitäne und Piloten
-zur Berathung zusammenrief, um sich über die weiteren Maßnahmen zu
-besprechen. Da sich nun herausstellte, daß der Proviant nur noch für
-drei Monate ausreichte, so meinte der Portugiese Esteban Gomez, Pilot
-auf dem S. Antonio, es werde, nachdem man die Straße gefunden habe,
-besser sein, einstweilen nach Spanien zurückzukehren und mit einer
-besser ausgerüsteten und versehenen Flotte die Unternehmung zu Ende zu
-führen. Allein Magalhães war nicht gewillt, umzukehren, nachdem der
-schwierigste Theil der Aufgabe die Auffindung der Straße, gelöst sei.
-Er wolle, so äußerte er sich, dem Kaiser sein Wort halten, und sollte
-ihn der Hunger zwingen, hartes Leder zu kauen. Um die Zaghaftigkeit
-des Schiffsvolks, welches leicht geneigt war, sich auf den Ausspruch
-einer Autorität wie Gomez zu berufen, nicht um sich greifen zu
-lassen, erklärte Magalhães: alle Schiffe sollten sich zur Weiterfahrt
-den nächsten Tag bereit halten; niemand solle bei Todesstrafe sich
-unterstehen, von Umkehr zu reden. So drang er muthig in den Felsensund
-ein. Auf der Südseite sah man häufig Feuer am Lande aufleuchten,
-welche die wilden Einwohner in dem rauhen Klima unterhielten. Das
-Land erhielt davon den noch giltigen Namen Feuerland (~tierra del
-fuego~). Nachdem er 50 Meilen gesegelt war, ließ er, da verschiedene
-Canäle sich nach verschiedenen Richtungen abzweigten, dieselben von
-zwei Schiffen wieder untersuchen, während die Zurückbleibenden durch
-Fischfang den Vorrath an Lebensmitteln zu bereichern suchten. Man
-befand sich damals in der Nähe der Südspitze des festen Landes. Der San
-Antonio ging mit vollen Segeln ab, ohne auf die Concepcion zu warten,
-und steuerte in einen nach SO. verlaufenden Canal, in der Absicht,
-nach Spanien zurückzukehren. Die Concepcion kreuzte unterdessen in
-demselben Canal und wartete auf das Wiedererscheinen des Antonio,
-aber vergebens. Magalhães war unterdessen in den Sund nach SW. mit
-den beiden andern Schiffen eingedrungen und wartete dort vier Tage,
-während dessen ein großes Boot den Canal, der nach NW. verlief, zu
-untersuchen hatte. Nach drei Tagen brachte dieses die Mittheilung,
-es sei bis an den Ausgang der Straße in das westliche Meer gelangt.
-Dieser günstigen Meldung gegenüber machte den Generalcapitän das
-Ausbleiben des S. Antonio, eines vorzüglichen Fahrzeuges, besorgt,
-da er selbst vielleicht an dem Verluste schuld war, insofern er den
-Ankerplatz gewechselt und das zurückkehrende Schiff irregeleitet hatte.
-Die Victoria mußte noch einmal bis an den Anfang des Canals segeln,
-in welchen der Antonio eingelaufen war, und dort an hervorragender
-Stelle eine Flagge aufhissen, an deren Fuß die briefliche Nachricht
-niedergelegt war, wohin das Geschwader seinen Weg genommen. Aber das
-vermißte Schiff kehrte nicht zurück. Das Schiffsvolk revoltirte gegen
-den Capitän Mezquita, und der Pilot Gomez unterstützte dasselbe. Er
-hatte früher von dem spanischen Könige zu einem ähnlichen Plane wie
-Magalhães Schiffe gefordert; da man nun aber den Antrag seines Rivalen
-angenommen, den seinigen aber abgelehnt hatte, so hegte er geheimen
-Groll gegen denselben und benutzte diese Gelegenheit, sich zu rächen.
-Mezquita wurde angeklagt, die grausame Behandlung der Meuterer im
-Julianshafen dem Generalcapitän angerathen zu haben, und wurde darum
-in Fesseln nach Spanien gebracht, wo man außerdem den obersten Leiter
-des Geschwaders für einen Wahnsinnigen erklärte, welcher Se. Majestät
-belogen und keine Ahnung davon habe, wo Banda oder die Molukken lägen.
-
-So ging dem Magalhães auch das zweite Schiff verloren und damit auch
-der getreue Mezquita. Außer seinem Verwandten Duarte Barbosa hatte er
-nur noch wenige Leute, auf die er sich ganz und voll verlassen konnte.
-Hätte er die Officiere zu einer Berathung zusammen berufen, so wäre
-er vielleicht überstimmt worden. Er zog es daher vor, an die Capitäne
-und Piloten ein freundlich gehaltenes Rundschreiben[479] abgehen zu
-lassen, in welchem er sie um +schriftliche+ Meinungsäußerung ersuchte,
-ob es gerathener sei, umzukehren oder vorwärts zu gehen. Doch sollte
-vor allem ins Auge gefaßt werden, was der Dienst Sr. Majestät und die
-Sicherheit der Schiffe verlange. Dieser Brief, vom 21. November, war
-„gegeben im Canal Allerheiligen“, ~canal de todos los Santos~ (denn so
-hatte Magalhães die Straße benannt) im 53. Grade s. Br. Das Geschwader
-befand sich damals also am östlichen Anfange des dritten Abschnittes
-der Meerenge, wo mehrere Straßen nach NW., N. und S. ausliefen und
-das Fahrwasser zwischen den Felsenmassen sich verengte. Am nächsten
-Tage traf die Antwort vom Astronomen Martin ein, welche den bekannten
-Absichten des Führers nicht direct widersprach, aber doch auf den
-Mangel an Lebensmitteln und bezüglich des Schiffes Victoria auch auf
-den erschöpften Vorrath an Tauwerk hinwies, ein Vordringen bis zum
-60. oder gar 70. Grade bei dem Zustande der Schiffe und Mannschaften
-entschieden widerrieth, aber doch dem Gedanken nicht abgeneigt war,
-die schönen Frühlingstage zu benutzen, um einen Ausweg unter mildern
-Breiten zu suchen. Darauf gab Magalhães am nächsten Tage den Befehl
-zur Weiterfahrt. Das Land zu ihrer Rechten war unzweifelhaft ~tierra
-firme~, d. h. Festland, dagegen zur Linken glaubte man Inseln vor sich
-zu haben, weil man mehrfach aus der Ferne das Geräusch der Brandung
-eines offnen Meeres an Felsenküsten vernommen hatte.[480] Man mußte
-also, wie auch bereits gemeldet war, nach dieser Seite hin bald den
-offenen Ocean erreichen. Vorsichtig fuhr Magalhães in der engen
-Felsengasse und, der Klippen wegen, nur bei Tage weiter und ankerte bei
-Nacht. Sondirende Böte gingen vorauf. Endlich traf am fünften Tage die
-Freudenbotschaft ein, der Ausgang sei erreicht. Auf diese Kunde ließ
-der Generalcapitän mit allen Kanonen Freudenschüsse thun und erreichte
-am 28. November beim ~Cabo Deseado~[481] („ersehntes Vorgebirge“)
-das Meer. Die Durchfahrt hatte drei Wochen in Anspruch genommen, und
-rechnet man die Tage ab, wo er auf die abgesandten Schiffe warten
-mußte, so waren nur 12 Tage erforderlich gewesen.[482]
-
-Von dem Ausgange der Meerenge richtete Magalhães seinen Cours grade
-nach Norden, so daß er noch unter dem 47. Grade die patagonischen
-Berge zur Rechten sehen konnte und wandte sich erst vom 37. Grade nach
-Nordwesten. Die Begrenzung des amerikanischen Festlandes war damit
-gegen Westen angezeigt. Ohne die Juan Fernandez Inseln, westlich von
-Chile, zu berühren, steuerte er nordwestlich zwischen der Inselwolke
-der Paumotu und den gebirgigen Markesas hindurch, immer mit günstigem
-Winde, weshalb er das Meer mit dem Namen ~Mar pacifico~ „stiller
-Ocean“ belegte, aber auch ohne 40 Tage lang etwas anderes als Himmel
-und Wasser zu sehen. Am 24. Januar 1521 stieß er auf ein einsames,
-unbewohntes Eiland, unter 16° 15′ s. Br., dem er den Namen San
-Pablo gab, und 11 Tage später, am 4. Februar auf ein zweites wüstes
-Inselchen, welches Haifischinsel (~los tiburones~) genannt wurde und
-unter 10° 40′ s. Br. lag.[483] Hier wurde zwei Tage Rast gemacht, um
-die Mannschaft sich erholen zu lassen und um zu fischen, denn die
-Nahrungsmittel gingen auf die Neige. Dann segelten sie weiter, wie
-Transilvanus berichtet, über ein ungeheures Meer, das größer ist,
-als man fassen kann. Nun aber trat das Schreckbild des Hungers immer
-drohender auf. „Wir fuhren, erzählt Pigafetta, 3 Monate und 20 Tage,
-ohne Erfrischungen einzunehmen. Der Zwieback war in Staub zerfallen,
-voll Maden und stank nach dem Unrath der Ratten, das Trinkwasser
-war trübe und übelriechend. Wir aßen auch Rindsleder, wie es unter
-der großen Marsraa angebracht ist, damit das Tauwerk sich nicht
-durchscheuert. Das Leder war sehr hart, weil es beständig der Sonne,
-dem Wind und Regen ausgesetzt war, und mußte erst tagelang im Seewasser
-eingeweicht werden, um es, in glühender Asche geröstet, genießbar zu
-machen. Ratten bildeten einen Leckerbissen und wurden, das Stück, mit
-½ Krone bezahlt. Zu all dem Unglück trat noch der Scorbut auf, welchem
-19 Personen erlagen. Wenn Gott und seine heilige Mutter uns auf der
-langen Fahrt nicht gutes Wetter gegeben hätten, so wären wir alle in
-dem weiten Meere verhungert, und ich glaube, daß kein Mensch jemals
-eine solche Reise wieder unternehmen wird.“ Pigafetta wagte also auf
-den Versuch einer Weltumsegelung einen ähnlichen Bann zu legen, wie
-Cook auf seiner zweiten Reise bezüglich der Unternehmungen gegen den
-Südpol. Beide erreichten nur, daß ihre kühnen Fahrten 50 Jahre lang
-ohne Nachfolger blieben.
-
-Treffend und gleichsam mit prophetischem Blicke fügte Pigafetta hinzu:
-„Wenn wir von dem Ausgange aus der Meerenge immer westwärts gesteuert
-wären, wir hätten, ohne auf irgend ein Land zu stoßen, wieder an das
-Cap der Jungfrauen zurückkommen können.“ Dieser Ausspruch erklärt
-sich mit der größten Bestimmtheit gegen die Existenz eines weit nach
-Norden reichenden Südlandes, wie es später von den Kartographen des
-16. Jahrhunderts als ~terra australis incognita~ gedacht und bis tief
-ins 18. Jahrhundert, bis auf die epochemachenden Reisen Cook’s die
-Vorstellungen der Geographen beeinflußt hat.
-
-Am 13. Februar überschritt Magalhães den Aequator, etwa unter 175° w.
-v. Gr., steuerte 11 Tage nordwestlich bis zum 12° n. Br., so daß er
-zuerst zwischen dem Gilbert- und Marshall-Archipel und dann zwischen
-diesen und den östlichen Carolinen hindurch segelte; dann richtete er
-den Cours wieder nach Westen, bis er am 6. März auf die Ladronen stieß.
-Magalhães wußte zwar, daß sein Ziel, die Molukken, unter dem Aequator
-lägen; allein, da er fürchtete, sich wegen der Nähe der Portugiesen
-dort nur schwierig verproviantiren zu können, so ging er weiter
-nordwärts, wo er auf Inseln oder am Festlande, die von seinen Gegnern
-noch nicht berührt waren, ungestört ausruhen, seine Schiffe bessern und
-seiner Mannschaft Erquickung verschaffen könne. Die beiden Inseln, auf
-die man zuerst stieß, waren Guam und S. Rosa. Daß sie bewohnt waren,
-bewiesen alsbald die zahlreichen hurtigen Segelböte, die mit gleicher
-Geschicklichkeit vor- und rückwärts steuerten und pfeilschnell über
-das Wasser hinjagten, als ob sie flögen.[484] Wegen der dreieckigen
-Mattensegel, deren sich die Insulaner bedienten, wurden die Inseln
-~Islas de las velas~ (Segel) genannt. Zutraulich und zudringlich kamen
-diese Schiffer an Bord und stahlen, was sie brauchbares fanden. Als
-sie aber gar ein größeres Boot entführt und an den Strand geschleppt
-hatten, wurden sie empfindlich gezüchtigt, ihr Dorf zerstört, die
-Pflanzungen vernichtet und sieben Menschen getödtet. Von diesem
-Diebstahl hieß man die Inselgruppe die Diebsinseln oder Ladronen,
-welchen Namen sie noch führen. Nach einem Aufenthalt von drei Tagen
-ging das Geschwader weiter nach Westen und gelangte so zu dem Archipel
-des San Lazaro, oder, wie er später benannt wurde, Philippinen. An der
-kleinen Insel Suluan, südlich von Samar, wurde zuerst gelandet, um
-frisches Wasser einzunehmen und besonders den Kranken einige Ruhe zu
-gewähren. Mit den Eingebornen wurde ein friedlicher Verkehr eröffnet.
-Der Häuptling von Suluan erschien in malaiischer Tracht, den Kopf mit
-einen seidenen Tuch umwunden und einen golddurchwirkten Sarong um den
-Leib. Von Suluan gegen SW. steuernd, berührte das Geschwader zwischen
-Mindanao und Leyte die kleine Insel Limasagua (~Maçaguoa~), wo eine
-Messe celebrirt wurde. Der dortige Radscha brachte sie zu der gegen
-Nordwesten gelegenen Insel Zebu, deren Kaufleute schon mit Portugiesen
-zusammengetroffen waren. Der Häuptling erwies sich den Seefahrern
-sehr geneigt und ließ sich schon nach acht Tagen mit mehreren hundert
-Insulanern taufen. Zwar wollte hier ein arabischer Kaufmann den Fürsten
-der Insel vor den Fremdlingen warnen, weil sie zu derselben Nation
-gehörten, welche Calicut und Malaka erobert hätten; aber Magalhães
-erklärte, ihr König sei noch weit mächtiger als der portugiesische, und
-werde sie in seinen Schutz nehmen und ihre Macht erhöhen. Der Christ
-gewordene Fürst von Zebu sollte nach seinem Plane der Oberherr über
-die umliegenden Inseln werden und als solcher dem Könige von Spanien
-huldigen. Die Ortschaften, welche sich nicht unterwerfen wollten,
-wurden zerstört, entfernteren legte man Tribut auf. Mitten vor der
-Ostküste von Zebu, nur durch einen schmalen Meeresarm getrennt, liegt
-die Insel Matan oder Mactan. Diese weigerte sich, die geforderten
-Abgaben an Lebensmitteln zu entrichten; daher beschloß Magalhães, sie
-die Ueberlegenheit seiner Waffen fühlen zu lassen. Die Hilfstruppen
-des Fürsten von Zebu lehnte er ab, da er die Stärke und Kriegsführung
-seiner Gegner unterschätzte, und ging am 27. April nur mit 50 bis
-60 Mann in drei Böten nach der Insel hinüber, während er seinen
-eingebornen Freunden die Rolle von Zuschauern anwies; auch seine
-Schiffe blieben in der Ferne. Am Lande sahen sich die Spanier bald
-einem an Zahl überlegenen Feinde gegenüber.[485] Gegen die Schüsse der
-Europäer boten die festen Schilde der Insulaner einigen Schutz und
-bald gingen die Matanesen zum Angriff über. Sie schleuderten Wolken
-von Pfeilen und Steinen. Magalhães wurde durch einen vergifteten Pfeil
-am Schenkel verwundet und mußte Befehl zum Rückzuge geben; aber der
-Rückmarsch artete, indem die Insulaner um so kühner nachdrängten,
-bald in Flucht aus, so daß nur sieben oder acht Getreue bei ihrem
-verwundeten Feldherrn ausharrten. Alle Angriffe der wüthenden Feinde
-richteten sich auf Magalhães, welchem in dem Handgemenge zweimal der
-Helm vom Kopfe gerissen wurde. Aber er wollte nicht weichen und focht
-als ein tapferer Ritter, die Seinigen zum Widerstande ermunternd.
-Einen Insulaner, der ihn im Gesicht verwundete, stach er mit der Lanze
-nieder. Als er dann seinen Degen ziehen wollte, brachte er denselben,
-in folge einer Speerwunde am Arm nur halb aus der Scheide, und erhielt,
-für einige Augenblicke ungedeckt, einen Schwertstreich, der ihn aufs
-Gesicht niederwarf, worauf alle über ihn herfielen und ihn vollends
-tödteten. „Als die Indier, erzählt Pigafetta, welcher Zeuge des
-Heldentodes war, ihn überwältigten, wandte er, schon am Boden liegend,
-den Blick noch mehrmals nach uns zurück, um sich zu überzeugen, ob wir
-uns gerettet hätten, als ob er nur so hartnäckig standgehalten hätte,
-um seine Leute in Sicherheit zu bringen. So fiel unser Vorbild, unsere
-Leuchte, unser Trost und treuer Führer!“ So klagt der italienische
-Ritter über den Fall des großen Mannes; aber da er selbst verwundet
-war, wie die meisten Gefährten, blieb ihnen nur die Flucht nach den
-nahen Böten. Mit Magalhães fielen acht Spanier und vier getaufte
-Indier. Die Herausgabe der Leiche, selbst gegen große Geschenke, wurde
-von den Siegern entschieden verweigert.
-
-Magalhães stand wohl im 41. Lebensjahre, als er auf Matan seinen Tod
-fand. Hatte er auch das Ziel, die Gewürzinseln, nicht völlig erreicht,
-so hatte er den schwierigsten Theil seiner Aufgabe auf das glänzendste
-gelöst. Er hatte die südamerikanische Meerenge gefunden und das
-größte Meer des Erdballs in seiner vollen Breite durchschnitten. Es
-war die größte nautische That aller Jahrhunderte. Seine größte Tugend
-bestand in der Ausdauer, selbst in der schlimmsten Lage, und er ertrug
-Hunger und Entbehrung auf den monatelangen Fahrten über das Weltmeer
-besser als andere. Er war nicht blos ein tapferer Soldat, sondern
-bewies auch seine Tüchtigkeit als Seemann, indem er alle Steuerleute
-anwies, daß sie, um den richtigen Cours nach den Molukken einzuhalten,
-auch die Abweichung der Magnetnadel in Rechnung zu bringen hätten.
-Der beste Beweis seiner Unerschrockenheit und Genialität liegt aber
-darin, daß er zuerst eine Erdumsegelung wagte und den schwierigsten
-Theil vollendete. Die Bedeutung seines Unternehmens ist leider durch
-die Eifersucht der Spanier und Portugiesen verdunkelt, in Portugal,
-weil er einer rivalisirenden Macht diente, in Spanien, weil er ein
-Fremder war. Magalhães selbst hat natürlich den Verlauf seiner kühnen
-Weltfahrt nicht ausführlich schildern können, das beste, was wir
-darüber besitzen, stammt von zwei Italienern. Es wirft ein merkwürdiges
-Schlaglicht auf die damaligen Zeitverhältnisse, daß die Heldenthat
-eines +Portugiesen+ in +spanischen+ Diensten von +Italienern+
-beschrieben ist.
-
-Die +wissenschaftliche+ Bedeutung dieser Fahrt charakterisirt
-Humboldt (Kosmos II, 306) in folgenden Worten: „Die Entdeckung und
-Beschiffung der Südsee bezeichnen für die Erkenntniß großer kosmischer
-Verhältnisse eine um so wichtigere Epoche, als durch dieselbe zuerst
-die numerische Größenvergleichung der Areale des Festen und Flüssigen
-auf der Oberfläche unseres Planeten nun endlich von den irrigsten
-Ansichten befreit zu werden anfing. Durch die Größe dieser Areale,
-durch die relative Vertheilung des Festen und Flüssigen werden aber
-der Feuchtigkeitsgehalt der Atmosphäre, der wechselnde Luftdruck,
-die Vegetationskraft der Pflanzendecke, die größere oder geringere
-Verbreitung gewisser Thiergeschlechter und so viele andere allgemeine
-Erscheinungen und Processe mächtig bedingt. Der größere Flächenraum,
-welcher dem Flüssigen als dem das Feste bedeckenden Elemente eingeräumt
-ist (im Verhältniß von 2⅘:1) vermindert allerdings das bewohnbare Feld
-für die Ansiedelung des Menschengeschlechts, die nährende Fläche für
-den größeren Theil der Säugethiere, Vögel und Reptilien; er ist aber
-nach den jetzt herrschenden Gesetzen des Organismus ein nothwendiges
-Bedingniß der Erhaltung, eine wohlthätige Natureinrichtung für alles,
-was die Continente belebt.“ Der +materielle+ Vortheil, welchen die
-spanische Krone, durch die Expedition Magalhães’ gewann, wird uns in
-den folgenden Blättern noch weiter beschäftigen.
-
-
-3. Die Vollendung der ersten Erdumsegelung.
-
-Mit dem Tode Magalhães’ trat eine völlige Wandelung in der Gesinnung
-der Eingebornen ein. Der Glaube an die Unüberwindlichkeit der Fremden
-war gewichen, und mit malaiischer Tücke trachtete der getaufte Fürst
-von Zebu nach einer Gelegenheit, seine neuen Freunde mit List aus dem
-Wege zu schaffen. Er lud die Spanier zu einem Gastmahle ein, um ihnen
-bei der Gelegenheit angeblich ein für den König von Spanien bestimmtes
-Geschenk an edlen Steinen vorzulegen. Vierundzwanzig Spanier, darunter
-die beiden neugewählten Capitäne, Duarte Barbosa und Juan Serrano
-sowie der Astronom San Martin folgten der lockenden Einladung, indem
-der erwachende Argwohn durch die Bemerkung unterdrückt wurde, eine
-ablehnende Antwort könne als Feigheit ausgelegt werden. Pigafetta
-litt noch an seinen Wunden und blieb darum zurück, ebenso Lopes de
-Carvalho, welcher mit Recht Verrath fürchtete. Beim Gastmahl wurden
-sie überfallen und bis auf Serrano, den man lebendig gefangen behielt,
-getödtet. Carvalho ließ auf die Nachricht von dem hinterlistigen
-Ueberfall die Anker lichten und, mochte ihn der ans Ufer geführte,
-verwundete und gefesselte Serrano auch noch so dringend beschwören, ihn
-loszukaufen, man wagte sich nicht wieder an den Strand, aus Furcht,
-die Schiffe preiszugeben. Serrano blieb einem unbekannten Schicksal
-überlassen. Da die Mannschaft für den Dienst auf drei Schiffen
-nicht mehr ausreichte, so wurde die Concepcion als das am wenigsten
-seetüchtige Fahrzeug bei der Insel Bohol, östlich von Zebu, verbrannt.
-Trinidad und Victoria segelten unter der Führung von Carvalho und
-Gonzalo Vaz d’Espinosa südwärts nach Mindanao und von da nach der
-kleinen, nordöstlich von +Borneo+ gelegenen Insel +Cagayan+, wo man
-nur einige von Borneo vertriebene Mohammedaner (Mauren) fand. Von
-hier aus steuerten sie in nordwestlicher Richtung nach Palawan, wo
-sie freundliche Aufnahme fanden und Lebensmittel eintauschen konnten.
-Dort trafen sie einen Mohren, namens Bastiam, der etwas portugiesisch
-verstand und auf den Molukken gewesen war. Dieser erbot sich zwar, sie
-nach Borneo, nach dem Staate Brunei an der Nordwestküste der Insel
-zu führen, erschien aber nicht wieder, und so hätten die Spanier den
-Weg ohne Hilfe suchen müssen, wenn nicht am nächsten Tage eine Praue
-an die Schiffe herangekommen wäre und die Führung übernommen hätte.
-So gelangten sie nach der Stadt Brunei, deren Häuser, auf Pfahlrosten
-gebaut, bis ins Meer standen, und deren Einwohnerschaft Pigafetta auf
-25,000 Familien schätzte. Mit dem Könige des Landes wurden Geschenke
-ausgetauscht, die spanischen Abgesandten ritten auf zwei Elephanten
-zum Palaste, wo der König ihnen Audienz ertheilte, aber nur durch
-Mittelspersonen mit ihnen sprach. Man befand sich hier bereits in
-der Kulturregion der malaiischen Sundawelt. Die spanischen Gesandten
-wurden in einem vornehmen Hause gastlich untergebracht und schliefen
-auf seidenen mit Baumwolle gefüllten Matratzen. Der Radscha gab
-Erlaubniß, Handel zu treiben; allein das gute Verhältniß trübte sich
-nach wenigen Tagen, denn als eine große Anzahl von Prauen und kleinen
-Böten die Schiffe umschwärmte und sich vor dem Hafen versammelte,
-fürchteten die Spanier Verrath, griffen die Dschunken an, bohrten
-mehrere in den Grund und bahnten sich einen Weg in freies Fahrwasser.
-Der Radscha ließ ihnen zwar durch Boten melden, der Kampf sei durch ein
-Misverständniß entstanden, denn der vorbereitete Krieg gelte nicht den
-Spaniern, sondern den Heiden. Leider befand sich noch ein Theil der
-Schiffsmannschaft, darunter der Sohn Carvalho’s am Lande und gerieth
-in die Gefangenschaft der Malaien. Er wurde nicht ausgeliefert, obwohl
-der Capitän eine Auswechselung der Gefangenen (denn es waren mehrere
-vornehme Häuptlinge nebst ihren Frauen auf den eroberten Dschunken
-angetroffen) vorschlug.
-
-Um Nordborneo herum zogen die beiden Schiffe wieder nach der Südküste
-Mindanao’s und von dort südwärts nach den Molukken, welche sie endlich
-am 8. November 1521 durch Freudenschüsse begrüßten. Seit ihrer Abfahrt
-von Sevilla waren sie bereits 2¼ Jahr unterwegs gewesen, ehe sie
-den Hafen von Tidor erreichten. Wenn die Portugiesen das Gerücht
-ausgesprengt hatten, die Molukken lägen zwischen Untiefen in einem von
-trüber, nebliger Atmosphäre bedeckten See, so daß man die Inseln nur
-mit großer Gefahr erreichen könnte, so erinnert uns dies an die von
-den Griechen wiedererzählten, altphönizischen Schifferlügen, wodurch
-man von den Fahrten nach solchen Gegenden abschrecken wollte, woher
-geschätzte Handelsprodukte geholt wurden. Man fand vielmehr das Wasser
-überall wenigstens 100 Faden tief.
-
-Der Radscha von Tidor empfing die Spanier mit offnen Armen[486] und
-schloß mit ihnen bereitwilligst einen günstigen Handelsvertrag,
-denn die Spanier zahlten für die Gewürze viel höhere Preise als
-die Portugiesen[487]. Diese ihre Rivalen hatten in Ternate sich
-festgesetzt. Als die Spanier dies erfuhren, schickten sie eine
-Botschaft hinüber, um eine friedliche Zusammenkunft zu veranlassen.
-Aber die Portugiesen entschuldigten sich mit dem ausdrücklichen Verbote
-der Regierung des Landes. Die Erlaubniß wurde aber vom Radscha von
-Ternate gegeben, und so kam der portugiesische Factor Affonso de
-Lourosa, welcher schon mit den ersten Schiffen vor 10 Jahren von Indien
-hierhergelangt war, zu ihnen und war nicht wenig über die hohen Preise
-erstaunt, welche die unkundigen Spanier bezahlt hatten. Auch erfuhren
-diese, daß der König von Portugal dem Geschwader Magalhães’ sowohl
-am Cap der guten Hoffnung als am Laplatastrom durch Schiffe habe den
-Weg verlegen lassen wollen. Dann sei auch an den Oberbefehlshaber in
-Indien, Lopez de Sequeira der Befehl ergangen, sechs Kriegsschiffe nach
-den Molukken zu senden, um Magalhães mit Gewalt abzuweisen; aber in
-folge des Krieges mit den Türken in Aegypten seien die Schiffe nach dem
-Rothen Meere abcommandirt. Lourosa zeigte sich sogar geneigt, an Bord
-des spanischen Schiffes mit in die Heimat zu segeln.
-
-Bis zur Mitte December hatten beide Schiffe eine volle Gewürzfracht
-eingenommen, dann wurden am 16. December neue Segel mit dem Kreuz des
-heiligen Jacobus von Galicien und der Inschrift: „Das ist das Bild
-unseres Glückes“ (~questa e la figura della nostra buena ventura~)
-aufgesetzt und die Abfahrt für die nächsten Tage bestimmt. Da bekam das
-Flaggschiff Trinidad unerwartet einen großen Leck, den auch die vom
-Radscha zu Hilfe gesendeten Taucher nicht zu verstopfen vermochten.
-Man mußte sich entschließen, die Victoria allein abgehen zu lassen
-und das andere auszuladen, um es gründlich ausbessern zu können. Am
-21. December stach die Victoria endlich in See, nachdem vorher 60
-Centner Gewürznelken wieder ausgeladen waren, weil man fürchtete,
-das Schiff sei zu schwer befrachtet. Unter Kanonensalven nahmen die
-beiden Schiffe von einander Abschied. Die Victoria unter dem Commando
-Sebastian del Cano’s (d’Elcano) hatte 47 Europäer und 13 Indier an
-Bord. Man berührte zuerst Buru, sodann die Nordseite von Timor, um
-Lebensmittel einzunehmen, und steuerte von da in den von den Javanen
-Lautchidol, d. h. Südmeer, benannten indischen Ocean hinein, erreichte
-am 18. März 1522 die einsame hohe Insel Amsterdam, stieß am 8. Mai in
-der Nähe des großen Fischflusses (Rio del Infante) auf die afrikanische
-Küste, wo man Erfrischung zu finden hoffte und umsegelte am 18. und
-19. Mai das Cap unter heftigen Stürmen, welche das Schiff wochenlang
-an dem gefürchteten Vorgebirge umherjagten und bis zum 42° s. Br.
-hinaustrieben. Infolge der Anstrengungen und Entbehrungen, man hatte
-nur noch Reis und Wasser an Bord, starben 21 Personen, ehe am 9. Juli
-die Capverden in Sicht kamen. Man landete nothgedrungen an der Insel
-St. Jago, obwohl man sie in portugiesischem Besitz wußte; man hoffte
-unbelästigt zu bleiben, wenn man erklärte, das Schiff käme von Amerika.
-Eine unerwartete Ueberraschung wurde den Weltumseglern hier, als sie
-sich in dem portugiesischen Hafenplatze erkundigten, was für ein
-Wochentag es sei. Man wollte prüfen, ob man an Bord richtige Rechnung
-geführt. Die Portugiesen antworteten, es sei Donnerstag. „Das setzte
-uns sehr in Erstaunen,“ erzählt Pigafetta, „weil bei uns erst Mittwoch
-war. Und ich hatte doch, da ich stets gesund gewesen, Tag für Tag mein
-Tagebuch geführt. Erst später erfuhren wir, daß wir keinen Fehler
-gemacht und keinen Tag übersprungen hatten, und daß der Unterschied
-entsteht, wenn man von Osten nach Westen die Erde umschifft. Man wird
-dann im ganzen einen Tag weniger haben, als diejenigen, welche an
-derselben Stelle geblieben sind.“
-
-Als die Schaluppe zum drittenmale ans Land ging, wurden 13 Matrosen
-zurückgehalten, weil bekannt geworden war, daß das portugiesische
-Schiff zu dem Geschwader Magalhães’ gehöre. Unverzüglich lichtete del
-Cano die Anker und kam am 6. September 1522 in den Hafen von S. Lucar.
-Achtzehn Personen, und auch diese zum großen Theil krank, waren allein
-von der ansehnlichen Schar übrig geblieben.[488] Nachdem sie am 8.
-September in Sevilla angelangt waren, machten sie am nächsten Tage
-sämmtlich eine feierliche Procession nach der Kirche der heiligen
-Maria del Antigua und begaben sich dann an den königlichen Hof nach
-Valladolid, wo der Capitän und die beiden Officiere sehr gnädig
-empfangen und mit einer Leibrente bedacht wurden. Del Cano erhielt
-außerdem ein neues auf die Entdeckung der Gewürzinseln bezügliches
-Wappen und als Helmzier einen Globus mit der Umschrift: ~Primus
-circumdedisti me~ (du hast mich zuerst umsegelt). Pigafetta überreichte
-bei dieser Gelegenheit dem Könige sein eigenhändig geführtes Tagebuch
-der ganzen Fahrt. Die Anerkennung und die Bewunderung, welche allgemein
-den Theilnehmern der ersten Erdumsegelung gezollt wurde, drückt
-Transilvanus mit den Worten aus: „Wahrlich unsere Seeleute sind des
-ewigen Ruhmes würdiger als die Argonauten, die mit Jason nach Colchis
-segelten, und ihr Schiff (nämlich die Victoria) verdient mehr unter die
-Sternbilder versetzt zu werden als die Argo.“
-
-Zu dem Ruhm trat aber auch noch der materielle Gewinn hinzu; denn
-die Fracht des einen heimgekehrten Schiffes, welche aus 533 Centnern
-Gewürznelken bestand, deckte die Kosten des ganzen Geschwaders
-vollauf.[489]
-
-Wie bereits oben (S. 481) erzählt ist, mußte die +Trinidad+ auf Tidor
-zurückbleiben, weil sie einen bedeutenden Leck bekommen hatte. Erst
-am 6. April 1522 stach sie mit 50 Europäern und zwei einheimischen
-Lotsen an Bord in See. Der Capitän Gonzalo Gomez de Espinosa beschloß
-den Rückweg über den großen Ocean zu versuchen und steuerte von Tidor
-aus nach Norden und Nordosten. Durch ungünstige Winde aus der Bahn
-getrieben, kam das Schiff bis zum 42° n. Br. Monatelang umhergeworfen,
-litt es durch Kälte und Mangel an Lebensmitteln so entsetzlich, daß
-viele von der Mannschaft erlagen. Als endlich in einem fünftägigen
-Sturm das Vordercastell und der Hauptmast verloren gingen, sah man
-sich zur Umkehr nach den Molukken gezwungen, wo man erfuhr, daß
-die Portugiesen inzwischen nach Ternate gekommen seien und dort
-eine Festung bauten (s. oben S. 205). Die Noth zwang die Spanier,
-an der Küste von Halmahera Zuflucht zu suchen und von hier aus den
-portugiesischen Anführer Antonio de Brito zu bitten, sie mit einem
-Schiffe aus ihrer traurigen Lage zu befreien; denn ein Theil der
-Mannschaft war todt, der andere krank und zu hilflos, um das eigne
-Fahrzeug leiten zu können. So ließ denn Brito die noch lebenden 17
-Spanier nach Ternate hinüberführen, wo sie bis Ende Februar 1523,
-vier Monate lang, festgehalten wurden. Dann wurden sie nach Banda
-gebracht; Juan de Campos, den man bei der ersten Abfahrt von Tidor
-dort als Factor zurückgelassen (s. oben S. 205), versuchte von Banda
-mit drei andern Spaniern auf einer Dschunke sich durchzuschlagen,
-ist aber mit seinen Gefährten verschollen. Die übrigen ließ man vier
-Monate in Banda, dann wieder fünf Monate in Malaka, dann noch ein
-Jahr in Kotschin warten, ehe man ihnen Gelegenheit bot, sich nach dem
-Vaterlande einzuschiffen. Absichtlich hielt man sie an ungesunden
-Plätzen zurück, um ihre Reihe zu lichten, denn es war den Portugiesen
-höchst ungelegen, ihre Nebenbuhler von den Molukken in die Heimat zu
-befördern. So kam es denn, daß nach mehreren Jahren nur drei Seeleute
-Europa wieder erreichten und auch nach ihrer Landung in Lissabon noch
-sieben Monate in Haft bleiben mußten, bis der Befehl des Königs ihnen
-die Freiheit gab. Es kehrten demnach von den 239 Personen, welche sich
-mit Magalhães eingeschifft hatten, im ganzen nur 21 wieder zurück, die
-letzten nach jahrelangen Leiden.
-
-Erst nach 50 Jahren erhielt Magalhães in Drake und Oliver de Noort
-Nachfolger, welche in derselben Richtung wie er, eine Erdumsegelung
-ausführten: ein sicherer Beweis, wie viel gewaltiger und schwieriger
-ein solches Unternehmen den Zeitgenossen erschien als die Fahrten
-Gama’s oder Columbus’, die sich nach dem ersten Entdeckungszuge
-alljährlich wiederholten.
-
-
-4. Der Streit um die Molukken.
-
-Eine große That trägt immer den Keim zu andern Thaten in sich. Die
-für praktische Ziele unternommene Weltumsegelung erwies sich als
-äußerst fruchtbringend, sowohl für wissenschaftliche Anschauungen
-als auch für materiellen Gewinn. Wenn auf der einen Seite durch ein
-augenfälliges Beispiel der Beweis von der Kugelgestalt der Erde
-erbracht war und der Blick zum erstenmale auf einer bestimmt gegebenen
-Linie das ganze Erdenrund umschweifen konnte, wenn gelehrte und
-gebildete Männer wie Transilvanus, durch die Weite des neugewonnenen
-Forschungsfeldes ermuthigt, sich von den Theorien und Phantasien des
-Alterthums loszulösen und die überlieferten kosmographischen und
-geographischen Lehren auf Grund der neuen Anschauungen mit kritischen
-Augen zu betrachten wagten, oder sich sogar ein Herz faßten, die
-länger als ein Jahrtausend durch alle Lehrbücher urtheilslos weiter
-geschleppten Erzählungen von den menschlichen Ungeheuern, den
-Schattenfüßlern, Langohren, Einäugigen, Pygmäen u. a. einfach unter die
-Ammenmärchen zu verweisen, weil weder Spanier noch Portugiesen irgend
-wo auf dem Erdenball auch nur annähernd Aehnliches gefunden hatten;
-so gewann auf der andern Seite auch der Staatsmann, der Politiker
-einen bedeutend erweiterten Gesichtskreis für seine Combinationen.
-Die Interessen des Verkehrs verließen die engen Schranken des alten
-Europa, kühne Pläne einer rivalisirenden Colonialpolitik flogen über
-die weiten Meere und scheuten nicht zurück vor einem diametral auf
-der anderen Seite des Erdballes auszufechtenden Streite. Denn da nun
-nach entgegengesetzten Richtungen zwei Wege zu dem Lande der Gewürze
-gefunden waren -- und diese gesegneten Regionen waren ja das alleinige
-Ziel aller Seefahrten seit mehr als einem Menschenalter gewesen
---, so mußte nothwendig auch die Frage entstehen, wem eigentlich
-nach der durch päpstliche Sanction erfolgten Theilung der Erde die
-Molukken gehören sollten, den Portugiesen oder den Spaniern. Aber
-diese letzteren beschäftigte nicht blos die Frage nach dem Besitz,
-sondern auch die Aufsuchung eines bequemeren Weges, als der, welchen
-Magalhães durch die Felsenengen am Feuerlande aufgefunden hatte. Man
-richtete dabei selbstverständlich den Blick auf die lockere Gliederung
-der mittelamerikanischen Gelände. Kaum ein Jahr nach der Heimkehr
-Sebastian del Cano’s ließ Karl V. schon, nach dem Gutachten seines
-Kosmographen den Eroberer Mexiko’s auffordern, seine Versuche, eine
-mittelamerikanische Durchfahrt zu entdecken, eifrig fortzusetzen,
-weil dadurch der Weg zu den Gewürzländern erheblich abgekürzt werden
-könne. Auch gestattete er, allen Kaufleuten und Unternehmungslustigen
-in Spanien, sich an Expeditionen nach den Molukken zu betheiligen. Um
-den Streit mit Portugal, wenn irgend möglich, auf friedlichem Wege
-zu schlichten, entschlossen sich beide Nachbarstaaten, einem aus
-Vertretern beider Mächte gebildeten Congresse die Entscheidung der
-schwierigen Frage zu übertragen. Diese „Junta“, welche beiderseits
-aus drei Juristen, drei Astronomen und drei Piloten zusammengesetzt
-war, kam zum erstenmal auf der Brücke, welche zwischen den Städten
-Badajoz und Elvas über den kleinen Grenzfluß Caya führt, am 11. April
-1524 zusammen und setzte dann ihre Verhandlungen abwechselnd in den
-beiden Städten bis zum 31. Mai fort; aber resultatlos. Da nicht
-einmal der Ausgangspunkt jener oft erwähnten Demarcationslinie (die
-westlichste der Capverden) sicher festgesetzt war, von hier aus 370
-spanische Meilen westwärts die Theilungslinie gezogen werden sollte
-und ihre Verlängerung über die andere Erdhälfte berechnet werden
-mußte, so hätte vor allem die Möglichkeit gegeben sein müssen, die
-Länge eines Meridiangrades genau zu bestimmen. Ja noch mehr, es stand
-nicht einmal die Größe des Erdumfanges fest. Man hatte als Unterlagen
-aus dem Alterthum eine Berechnung (zuerst von Eratosthenes) und eine
-davon etwas abweichende Messung der arabischen Astronomen aus dem 9.
-Jahrhundert. Wie unzuverlässig neuere Messungsversuche und Schätzungen
-ausfielen, lehren die Angaben von Columbus und von S. Martin, dem
-Astronomen der Magalhães’schen Expedition. Während jener aus einer
-Mondfinsterniß einen Abstand von Jamaica und Spanien berechnete, der
-einen Fehler von 34 Meridianen enthielt, nahm dieser nach der Schätzung
-des Schiffscourses den westlichen Abstand der Magalhães’schen Enge von
-Sevilla um 51½ Grad zu gering an.
-
-Man war noch nicht einmal darüber einig, wie viel spanische Meilen
-(Leguas) auf einen Aequatorialgrad zu rechnen seien, denn die Ansichten
-der Junta gingen auseinander: die Spanier nahmen 14⅙, die Portugiesen
-17½ Leguas an. Nach der letzten Bestimmung mußten die Molukken den
-Portugiesen zufallen. Die Spanier behaupteten, die Gewürzinseln seien
-von den Capverden 183 Grade entfernt, die andern dagegen nahmen nur 137
-Grade an. Die unausgleichbare Differenz betrug demnach 46 Meridiane
-(etwa die Entfernung von Berlin bis zum Uralgebirge). Dabei gaben die
-Spanier den Abstand um 30½ Grade zu groß, die Portugiesen um 15½ Grad
-zu klein an.[490]
-
-Der Pilotencongreß mußte ohne Resultat verlaufen, da keine der
-streitenden Parteien die Mittel dazu besaß, der andern ihre Fehler
-beweisen zu können, und löste sich am 31. Mai 1524 auf.
-
-Beide Nebenbuhler rüsteten sich, wetteifernd auf den Molukken Boden zu
-gewinnen und waren entschlossen, sich auf den einmal besetzten Inseln
-Tidor und Ternate mit Gewalt zu behaupten.
-
-Spanien entsandte ein Geschwader von sieben Schiffen mit 450 Mann unter
-dem Befehl des +Garcia Jofre de Loaysa+, während del Cano als Oberpilot
-mitging[491]. Am 24. Juli 1525 lief dasselbe von Coruña aus, denn nach
-diesem tiefen und sicheren Hafen in Galicien hatte man das indische
-Haus von Sevilla verlegt, einerseits um für die zu den Weltreisen
-erforderlichen größeren Schiffe einen ihrem größern Tiefgange
-entsprechenden Hafen zu besitzen, andererseits um für die Gewürze,
-welche, wie man hoffte, nun bald in vollen Frachten auf dem Westwege
-einlaufen würden, einen Stapelplatz zu schaffen, welcher den großen
-Märkten von Nordwest-Europa, namentlich den flandrischen und englischen
-Häfen näher liege als Lissabon. Coruña sollte zu einer Rivalin der
-portugiesischen Hauptstadt gemacht werden. +Loaysa’s+ Flotte wurde
-beständig von Misgeschick heimgesucht. In der Region der Calmen an der
-Küste von Guinea monatelang aufgehalten, gelangten die Schiffe erst
-am 22. November in die Nähe des Cap S. Augustin, am 5. December nach
-Cap Frio und am 14. Januar 1526 zum Julianshafen. Am nächsten Tage
-zerschellte das Schiff del Cano’s in einem Sturm, welcher auch die
-anderen Schiffe arg mitnahm, an der Küste; die Mannschaft rettete sich.
-Wieder verging ein Monat, ehe man den Eingang der berühmten Straße
-wiederfand. Der Sommer ging zur Neige, die Stürme wurden immer heftiger
-und jagten am 12. Februar die Flotte vollständig auseinander.
-
-Zwei Schiffe, die +Anunciada+ unter Pedro de Vera und der +Gabriel+
-unter Rodrigo de Acuña trafen weit nördlich von der Magalhãesenge
-zusammen. Keiner der Capitäne zeigte eine Neigung, die gefährliche
-Fahrt in der beabsichtigten Richtung fortzusetzen; aber über den Weg,
-den sie selber einschlagen wollten, konnten sie sich nicht einigen.
-Während die Anunciada ohne Steuermann (derselbe war bereits gestorben)
-tollkühn ums Cap der guten Hoffnung nach den Molukken ging und auf
-dem Ocean verschollen ist, steuerte der Gabriel nach Brasilien, nahm
-in der Allerheiligen-Bai eine Ladung Brasilholz ein, bestand eine
-feindliche Begegnung mit drei französischen Freibeutern, in folge deren
-der Capitän und ein Theil der Mannschaft am Lande zurückbleiben mußte,
-und erreichte am 28. Mai 1527 den Hafen Bayona in Galicien, südwestlich
-von Vigo. Rodrigo de Acuña konnte erst im nächsten Jahre auf einem
-portugiesischen Schiffe heimkehren.
-
-Derselbe Sturm vom 12. Februar trieb aber auch den Capitän +Francisco
-de Hóces+ mit seinem Schiff +S. Lesmes+ bis zum 55° s. Br., sodaß
-er das Ende des Landes sah, vermuthlich die südöstliche Spitze des
-Feuerlandes an der Le Maire-Straße. Auf den Werth dieser Entdeckung,
-durch welche das zeitraubende und gefährliche Einlaufen in den
-Feuerlandssund hätte umgangen werden können, achtete man damals zu
-wenig, und dem Entdecker Hóces war bald auch die Möglichkeit geraubt,
-in späterer Zeit seinen Fund, welcher eine bequemere Einfahrt in den
-großen Ocean in sichere Aussicht stellte, weiter auszubeuten, denn wenn
-er sich auch zum Geschwader Loaysa’s zurückfand und mit diesem durch
-die Magalhãesstraße zog, so wurde er doch wieder am 1. Juni 1526 durch
-Sturm von den übriggebliebenen Schiffen getrennt, suchte allein seinen
-Weg nach den Molukken und ist wahrscheinlich an der Paumotu-Insel
-Anäa gescheitert und untergegangen.[492] Loaysa konnte mit den
-vier Schiffen, welche ihm geblieben waren, erst am 6. April in die
-Magalhãesstraße einsegeln und erreichte am 25. Mai den großen Ocean.
-Am 1. Juni brach wieder ein wüthender Sturm los und riß das bereits
-aus vier Schiffe zusammengeschmolzene Geschwader vollends auseinander,
-sodaß von da an jedes Schiff sich seinen Weg allein suchen mußte.
-
-Das kleinste Fahrzeug, der +St. Jago+, ein Schiff von nur 50 Tonnen,
-sah sich unter seinem Capitän +Guevara+ außer Stande, den andern
-über den großen Ocean zu folgen, denn es fehlte ihm an Proviant, von
-welchem sich der größte Theil an Bord des Flaggschiffes befand. Guevara
-suchte die nächsten Ansiedelungen der Spanier zu erreichen und schlug
-daher den Weg nach Norden ein, in der Hoffnung, das jüngst von Cortes
-eroberte Mexiko zu finden. Die Westküsten Südamerika’s waren damals vom
-Feuerlande bis zum Aequator noch völlig unbekannt. Doch da Magalhães
-bereits nach seinem Eintritt in den stillen Ocean einen nördlichen
-Cours eingeschlagen und dabei gefunden hatte, daß die Küsten der
-neuen Welt sich nordwärts erstreckten, so beschloß Guevara in dieser
-Richtung weiter zu segeln. So gelang es ihm ohne Unfall, vielmehr
-durch die nordwärts ziehende antarktische, sog. Humboldtströmung
-begünstigt, am 25. Juli 1526 den Hafen von Tehuantepec zu gewinnen und
-dabei die höchst wichtige Entdeckung über die westliche Begrenzung des
-südamerikanischen Continents zu machen, eine Entdeckung, welche auf die
-bald darauf ausgeführten Expeditionen von Pizarro und Almagro nicht
-ohne Einfluß blieb.
-
-Nur zwei Schiffe Loaysa’s scheinen den großen Ocean vollständig
-durchsegelt zu haben, das Hauptschiff, die Sa. Maria de la Victoria
-und die +Sa. Maria del Parral+ unter Jorge Manrique de Najera. Daß die
-letztere bis zum Gestade von Sangir, südlich von Mindanao, gelangt sei,
-erfuhr man erst, als das Hauptschiff die Molukken erreicht hatte, aus
-dem Munde der wenigen Schiffbrüchigen, welche dem Untergange entronnen
-waren.[493]
-
-Aber auch das Flaggschiff wurde von schweren Schlägen betroffen. Loaysa
-starb in folge der Aufregungen über den Verlust seiner Flotte am 30.
-Juli 1526 während der Fahrt über das stille Weltmeer. Sein Nachfolger
-Sebastian del Cano erlag gleichfalls am 4. August; denn der Tod hielt
-unter der durch Hunger und Arbeit erschöpften Mannschaft täglich seine
-Ernte. Toribio Alonso +de Salazar+, den man nun zum Capitän wählte,
-brachte das Schiff zwar bis zu den Ladronen, wo man sich 11 Tage
-Ruhe und Erholung gönnte, aber auch er starb bald nach der Abfahrt
-am 13. September. Ihm folgte im Commando der Baske Martin Irriguiez
-de Carquisano und brachte das Schiff endlich auf dem Wege über die
-Philippinen und die Talaut-Insel nach Halmahera (Djilolo) auf dessen
-Ostseite man in den Hafen von Samafo vor Anker ging. Das Schiff hatte
-fast die Hälfte seiner Mannschaft eingebüßt, von 105 Personen waren 40
-gestorben.
-
-Auf Tidor, wohin man erst am 1. Januar 1527 kam, wurden die Spanier
-als Befreier von dem portugiesischen Uebermuth mit offnen Armen
-empfangen und fingen sofort an, sich zu befestigen. Einen Versuch
-der Portugiesen, sie zu überrumpeln, schlugen sie glücklich ab; aber
-das Schiff war nicht mehr seetüchtig, und an eine Heimkehr war nicht
-zu denken. Nachdem auch Irriguiez gestorben, wurde Fernando de la
-Torre zum Capitän gewählt. Unter ihm behaupteten sich die Spanier,
-bis Saavedra ihnen zu Hilfe kam. +Alvaro de Saavedra+[494] war gegen
-Ende des Jahres 1527 von Cortes mit drei Schiffen und 110 Mann von
-Mexiko über den großen Ocean entsendet, um eine Verbindung zwischen
-Neuspanien und den Gewürzinseln herzustellen, aber er verlor auf der
-Ueberfahrt (er kam in zwei Monaten bis zu den Ladronen) zwei Schiffe,
-befreite auf den Philippinen noch mehrere von den ehemaligen Begleitern
-Magalhães’ und Loaysa’s (von dem Schiffe Sa. Maria del Parral) aus der
-Gefangenschaft und kam am 30. März 1528 nach Tidor. Leider war seine
-Mannschaft schon auf 30 Köpfe zusammengeschmolzen, sodaß er seinen
-bedrängten Landsleuten keine wesentliche Verstärkung bringen konnte;
-es schien daher gerathener, noch einmal nach Mexiko zurückzukehren,
-und in Anbetracht der großen Wichtigkeit, welche die Behauptung von
-Tidor für Spanien hatte, von Cortes Hilfe zu verlangen. Daher ging
-Saavedra am 3. Juni 1528 wieder unter Segel, berührte mehrere von
-Papuas bewohnte Inseln, vermuthlich auch die Nordküste von Neu-Guinea,
-streifte in nordöstlichem Cours unter 7° n. Br. die Gruppe der
-Carolinen,[495] konnte aber in folge der beständigen Gegenwinde nicht
-über die Ladronen hinaus in den Ocean vordringen und kam im October
-wieder nach Tidor zurück. Im Mai des folgenden Jahres wiederholte
-Saavedra seinen Versuch, gelangte zwar bis zu den Marshalls-Inseln
-und steuerte nordöstlich bis zum 27° n. Br.; aber hier starb er.
-Sein Schiff versuchte noch eine Zeitlang die eingeschlagene Route zu
-verfolgen, mußte aber unter 30° n. Br. ebenfalls vor den ungünstigen
-Winden umdrehen, erreichte nur mühsam im December 1529 (oder Ende
-October) die Nordküste von Halmahera und fiel hier den Portugiesen in
-die Hände, welche die Mannschaft nach Malaka brachten. Aus Tidor wurden
-die Spanier vertrieben und wichen nach Halmahera zurück. Aber ihre
-glücklichen Nebenbuhler kamen damit nicht blos ~de facto~ in den Besitz
-der Molukken, sondern sie erwarben dieselben auch durch Vertrag. Karl
-V. trat nämlich am 22. April 1529 seine Ansprüche für 350,000 Ducaten
-an die Krone von Portugal ab und war damit einverstanden, daß man die
-Theilungslinie 17 Grade östlich von den Molukken verlegte. Auch diese
-bedeutende Abfindungssumme, welche an Spanien bezahlt wurde, ist unter
-die Erfolge der ersten Erdumsegelung zu rechnen. Und wenn dem Vertrage
-auch die Clausel angehängt war, daß die ganze Summe zurückzuzahlen
-sei, falls es sich herausstelle, daß Portugal schon durch die erste
-Bestimmung der Demarcationslinie rechtmäßigen Anspruch auf die
-Gewürzinseln besitze, so wurde doch dieser Zusatz nie zur Ausführung
-gebracht.
-
-Endlich wurde noch zu Gunsten der Spanier festgesetzt, daß, wenn
-ihre Schiffe bei Fahrten über den großen Ocean, welcher unbestritten
-innerhalb der spanischen Erdhälfte lag, sich in die molukkischen
-Gewässer aus Unkenntniß verlören, diese Schiffe von Seiten der
-Portugiesen nicht feindlich behandelt werden sollten. Denn es ist
-bemerkenswerth, daß die spanischen Fahrten von Mexiko nach den
-Philippinen fortgesetzt wurden, obwohl diese Inselgruppe nordwestlich
-von den Molukken liegt und nach dem Vertrag von 1529 in den
-Machtbereich der Portugiesen gezogen war.
-
-Die letzten Spanier unter de la Torre, 16 Mann, welche sich in jenem
-Gebiet behauptet hatten, konnten erst 1534 nach Europa den Rückweg
-antreten, aber kaum die Hälfte erreichte 1536 den heimatlichen Boden.
-Unter ihnen Torre und der berühmte Pilot Andres Urdaneta, welcher nach
-seiner Rückkehr einen wichtigen Beitrag zur Kenntniß der Gewürzländer
-gab und seinen Bericht im Februar 1537 dem Könige in Valladolid
-überreichte.[496]
-
-Von nun an blieb Portugal im unbestrittenen Besitz des Gewürzhandels,
-bis die Niederländer im Anfange des 17. Jahrhunderts sie
-verdrängten.[497]
-
-
-5. Die spanischen Entdeckungsfahrten im großen Ocean.
-
-Wenn durch den Vertrag von Saragossa 1529 die Fahrten nach den Molukken
-für die Spanier aufhören mußten, so blieb ihnen doch unbenommen die
-weite Wasserfläche des stillen Oceans, über welche bisher nur einige
-wenige Recognoscirungslinien gezogen waren, weiter zu erforschen; denn
-der Glaube an das Vorhandensein reicher Inseln beherrschte noch die
-Vorstellung und trieb zu neuen Streifzügen.
-
-Als Ferdinand Cortes im Jahre 1536 dem Pizarro in zwei Schiffen
-Hilfstruppen nach Peru schickte, gab er dem +Hernando Grijalva+
-zugleich den Befehl, nach Erfüllung des genannten Auftrags von der
-Westküste Südamerika’s aus nach Asien hinüberzusteuern. Sie wählten
-die Route in der Nähe des Aequators, gingen weit ins Meer hinaus,
-ohne irgend ein Land zu entdecken, so daß Grijalva schon willens war,
-nach Mexiko zu steuern; allein daran wurde er durch die beständigen
-Gegenwinde gehindert. So wurde denn die Fahrt bis in die Nähe von
-Neu-Guinea fortgesetzt, wo an einer von Melanesiern bewohnten Insel
-die Schiffe zu Grunde gingen und die Mannschaft bis auf wenige
-Personen erschlagen wurde. Die letzten Ueberlebenden befreite der
-portugiesische Gouverneur auf den Molukken. Einige Jahre später
-ließ der Vicekönig von Mexiko, Antonio de Mendoza, eine größere
-Flotte von sechs Schiffen ausrüsten und sandte sie im November 1542
-von Neuspanien nach dem Westen. +Ruy Lopez de Villalobos+ berührte
-zunächst die Revillagigedogruppe und stieß dann, an den Marshallsinseln
-vorbeisegelnd, auf die mittleren Carolinen, und zwar auf die
-Hallinseln und auf Namonuito, flache, dichtgrüne Eilande, von tiefem
-Meere umschlossen und von einer armen, rohen Bevölkerung bewohnt.
-Villalobos gab ihnen den Namen Coralleninseln und ~los Jardines~ (die
-Gärten).[498] Am 23. Januar 1543 stieß er auf Inseln, deren Bewohner
-schon früher Besuch von Spaniern erhalten hatten, denn sie riefen
-den neuen Ankömmlingen zu ihrer Verwunderung den spanischen Gruß:
-~buenos dias matalotes!~ zu und machten das Zeichen des Kreuzes.
-Daher erhielten die Inseln den Namen Matalotes (Schiffer).[499]
-Fünfunddreißig Meilen weiter westlich tauchte eine größere, von
-Corallenriffen umgebene Insel auf, welcher man den treffenden
-Namen Riffinseln (~Islas de arrecifes~) gab; es war die Gruppe der
-Palauinseln. Von hier nach Westen steuernd kam das Geschwader am 29.
-Januar in Sicht der Philippinen. Vor ihnen lag die Insel Mindanao;
-hier landete Villalobos am 2. Februar und blieb einen Monat, in der
-Absicht, dort eine Niederlassung zu gründen. Zu Ehren des Kaisers
-nannte er das Land Cäsarea Caroli. Da aber sich das Klima ungesund
-erwies und die Einwohner sich weigerten, den Spaniern Lebensmittel zu
-liefern, so mußte er sich weiter nach Süden wenden, bemühte sich aber
-auch auf den kleinern Inseln zwischen Mindanao und Celebes vergebens um
-Proviant, weil ihm die Insulaner überall feindselig entgegentraten und
-jeden friedlichen Verkehr vermieden. Nachdem darüber Monate vergangen
-waren, beschloß Villalobos ein kleineres Schiff nach den Carolinen
-zurückzuschicken, um dort Lebensmittel einzutauschen, und sandte
-zugleich den Capitän +Bernardo de la Torre+ mit seinem Schiff San Juan
-am 26. August nach Mexiko, um dem Vicekönige Nachrichten über den
-Verlauf seiner Expedition zu überbringen. In dem officiellen Berichte,
-welchen la Torre mitnahm, wurden die großen Inseln zuerst unter dem
-Namen Felipinas (Philippinen, zu Ehren des spanischen Kronprinzen)
-aufgeführt. La Torre ging von der Insel Samar, nördlich von Mindanao,
-nach Nordosten, entdeckte unter dem 25. Grad n. Br. die vulkanischen
-Inselchen südlich von der Boningruppe, welche Volcanos genannt wurden,
-drang dann noch bis zum 30. Parallelkreise vor, mußte hier aber wegen
-Wassermangel umkehren, ging durch die Philippinen zurück, wo er erfuhr,
-daß Villalobos sich nach den Molukken gewendet, und traf hier mit
-seinem Befehlshaber wieder zusammen.
-
-Inzwischen hatte der portugiesische Gouverneur in Ternate, Jorge
-de Castro, Kunde von der Anwesenheit eines spanischen Geschwaders
-erhalten. Er sandte zwei Böte ab, um Villalobos auf den Vertrag
-von 1529 hinzuweisen, wonach alle Inseln bis zu den Ladronen den
-Portugiesen zuerkannt waren. Wären die Spanier nicht in der Absicht
-Eroberungen zu machen in jene Regionen gerathen, dann werde er sie
-gern mit Lebensmitteln unterstützen. Sonst müsse er aber ihren Rückzug
-fordern.
-
-Villalobos erwiderte darauf, er habe den Auftrag erhalten, sich auf
-den Philippinen festzusetzen, denn diese lägen weit genug von den
-portugiesischen Molukken entfernt, um keinen Anlaß zu Zwistigkeiten zu
-bieten. Aber auch gegen diese Absichten legte de Castro im Namen seines
-Königs Protest ein.
-
-Da nun aber die Noth auf den spanischen Schiffen wuchs und viele
-Matrosen starben, mußte Villalobos gegen seinen Willen die Molukken
-aufsuchen. Er vermied es, mit den Portugiesen in Streit zu gerathen,
-und machte noch einmal den Versuch, sich mit Mexiko in Verbindung zu
-setzen und von dort Hilfe zu erbitten. Zu dem Zwecke wurde im Mai 1545
-der San Juan unter dem Capitän +Iñigo Ortiz de Retes+ ausgesandt;
-dieser schlug um Halmahera herum den Weg nach Südosten ein und traf so
-auf die Nordküste von Neu-Guinea, welche Menezes schon 1526 gefunden
-hatte (s. oben S. 206). Zwei Monate lang kämpfte er gegen das Unwetter
-an, welches ihn vom 15. Juni bis 16. August an den Gestaden der
-Papuainsel und der vorliegenden Inseln[500] festhielt. Retes landete
-an mehreren Punkten, um Wasser und Holz einzunehmen. An der Küste
-breiteten sich weite Ebenen aus, aber dahinter hoben sich im Innern
-mächtige Gebirge empor. Zu wiederholten Malen wurden die Spanier von
-den Kriegsböten der schwarzen Bewohner angegriffen. Diese Kähne hatten
-einen Aufbau, eine Art Kastell, welches dem Hintertheil der spanischen
-Schiffe an Höhe fast gleich kam. Oben standen die Krieger, unten
-befanden sich die Bänke für die Ruderer. Retes nahm trotzdem an einer
-günstigen Stelle, wo er länger verweilte, für Spanien von dem Lande
-Besitz und gab ihm den noch giltigen Namen +Neu-Guinea+. Gegen Osten
-drang er bis zu den Vulkan- und Dampierinseln (4° 40′ s. Br., 146° ö.
-v. Gr.) vor. Zwei Meridiane weiter wäre er auf den Neubritannischen
-Archipel gestoßen; aber er entschloß sich nach der langen,
-vergeblichen Arbeit, gegen den Willen der Piloten, einen nördlichen
-Cours einzuschlagen, mußte aber bald dem dringenden Verlangen der
-Mannschaft, welche den Anstrengungen zu erliegen drohte, nachgeben und
-den Befehl zur Umkehr ertheilen. Am 3. October traf er wieder in Tidor
-ein. Villalobos sah somit keine Möglichkeit, über den stillen Ocean
-sich Unterstützung zu verschaffen. Die vergeblichen Bemühungen eines
-tüchtigen Schiffes, welches zweimal nach verschiedenen Richtungen den
-Ocean zu kreuzen versucht hatte, bewiesen ihm, daß er mit seiner ganzen
-Flotille unrettbar den Portugiesen in die Hände fallen müsse, denn den
-Rückweg durch den indischen Ocean und um Afrika herum durfte er nach
-den Verträgen zwischen beiden Mächten nicht einschlagen.
-
-Als nun kurz nach der Rückkehr des San Juan unter Retes im October
-1544 ein neuer Statthalter auf den Molukken erschien, Fernão de Sousa,
-kündigte dieser den Spaniern die lange gewährte Gastfreundschaft und
-forderte dieselben ohne Umschweife auf, die Gewürzinseln zu verlassen.
-So mußte Villalobos seine Schiffe den Portugiesen überliefern, da er
-bei der Schwäche seiner Mannschaft es nicht auf eine Entscheidung
-durch Kampf konnte ankommen lassen. Er erreichte nur, daß seine
-Leute ihr Privateigenthum behielten und in kleinen Abtheilungen
-auf portugiesischen Frachtschiffen nach Europa zurücktransportirt
-wurden. Villalobos starb kurz vor Ostern 1546 auf Ambon, 144 Personen
-gelangten, die letzten allerdings erst 1548, nach Europa zurück.
-
-Trotz dieser Miserfolge wurde der Plan, die Philippinen zu colonisiren
-noch nicht aufgegeben, aber die Ausführung wurde während der letzten
-Jahre der Regierung Karls V. noch hinausgeschoben. Sein Nachfolger
-Philipp II. faßte sie bald bestimmter ins Auge. Um die Rechtsansprüche
-der Portugiesen kümmerte man sich weniger, da man wußte, daß der
-kleine Nachbarstaat bei zunehmender Erschöpfung seiner Kräfte
-nicht daran denken konnte, von den Molukken seine Macht noch weiter
-auszudehnen. Außerdem ließ sich das Gewissen auch leicht durch den
-Gedanken beschwichtigen, daß man bei einer Colonisirung der Philippinen
-doch vor allem das Seelenheil der dortigen Bewohner im Auge habe.
-So erhielt schon 1559 der Vicekönig von Mexiko Luis de Velasco den
-Auftrag, eine Flotte auszurüsten. Die Regierung rechnete dabei in
-erster Linie auf die Unterstützung Urdaneta’s, welcher die Expedition
-Loaysa’s mitgemacht hatte und aus langjähriger Erfahrung die Sundawelt
-kannte, dazu aber auch als erfahrener Seemann in gutem Andenken stand.
-Zwar hatte derselbe 1552 das Ordenskleid der Augustiner genommen und
-lebte zurückgezogen in einem Kloster in Mexiko. Als nun der Ruf zur
-Theilnahme an ihn erging, war er alsbald bereit, zumal er bei dieser
-Gelegenheit einen Lieblingsgedanken, das große unbekannte Südland
-zu entdecken, hoffte verwirklichen zu können. Zur Verkündigung des
-Christenthums wurden außer ihm noch vier andere Mönche seines Ordens
-gewonnen. Die Vorbereitungen währten mehrere Jahre, erst im November
-1564 waren vier Schiffe segelfertig und steuerten von Navidad aus
-über das stille Weltmeer. Zum Leiter war +Miguel Lopez de Legaspi+,
-ein ruhiger, besonnener und tüchtiger Mann erkoren. Derselbe hatte
-den bestimmten Befehl erhalten, sich genau an die von Villalobos
-eingeschlagene Route zu halten; es war also entschieden nicht auf
-zeitraubende Versuche, neue Länder im Ocean zu entdecken abgesehen,
-vielmehr so schnell als möglich die Philippinen zu erreichen.
-Trotzdem hatte Legaspi das Unglück, unterwegs eines von den kleinen
-Schiffen einzubüßen. Dasselbe trennte sich in folge verschiedener
-Segelgeschwindigkeit von den übrigen, fuhr allein über den Ocean,
-berührte auch die Philippinen und kehrte dann, durch Stürme weit nach
-Norden geführt, jenseit des 40. Grades nördl. Br. über den Ocean nach
-Mexiko zurück. Es fand also zufällig den Weg, den Loaysa, de la Torre
-und Retes vergebens gesucht hatten.
-
-Legaspi langte am 3. Februar 1561 bei dem Archipel der Philippinen an,
-fand aber überall kühlen oder selbst feindseligen Empfang, bis es ihm
-auf Bohol gelang, durch Vermittelung eines Malaien für seine Mannschaft
-hinreichende Lebensmittel einzutauschen. Nach einer Recognoscirung
-der nächsten Inseln beschloß er, Ende April, sich mit Gewalt auf Zebu
-festzusetzen. Man sah diese Insel als spanisches Eigenthum an, seit die
-Häuptlinge bei Anwesenheit Magalhães’ der spanischen Krone gehuldigt
-hatten. Durch geschickte Unterhandlung erreichte Legaspi sein Ziel; die
-Bewohner von Zebu huldigten von neuem und begaben sich unter seinen
-Schutz, wofür er sie gegen ihre Feinde zu vertheidigen versprach.
-
-Nachdem so die Anfänge der Besiedelung geglückt, kehrte Urdaneta
-nach Mexiko zurück, um über die Resultate der Fahrt zu berichten.
-Er schloß mit Recht, daß man ähnlich wie im atlantischen Ocean, in
-höheren Breiten, außerhalb des tropischen Gürtels mit seinen constanten
-Passatwinden werde auf westliche Winde rechnen können, welche eine
-Fahrt von Asien nach Amerika über den Ocean ermöglichten. So ging er
-mit seinem Schiffe getrost von den Philippinen nach Nordosten bis
-zum 43° n. Br. und landete nach einer Fahrt von vier Monaten am 30.
-October 1565 wohlbehalten in Acapulco. Diese nicht aufs Gerathewohl
-unternommene, sondern auf wissenschaftlichen Erwägungen beruhende
-Segelrichtung zeigte für alle folgende Zeit den Spaniern die Bahn, auf
-welcher man von den Philippinen den Rückweg nach Mexiko einzuschlagen
-habe. Die Verbindung der Philippinen mit der neuen Welt war von da an
-nicht mehr dem Zufall preisgegeben, sie wurde eine durchaus geregelte
-und knüpfte naturgemäß diese asiatische Inselgruppe an die Verwaltung
-Neuspaniens. Urdaneta ging von Mexiko mit seinen Berichten nach
-Spanien, kehrte dann wieder in sein Kloster zurück und starb daselbst
-am 3. Juni 1568.
-
-Legaspi erhielt unterdessen schon im August 1567 auf zwei Schiffen
-neue Truppen von Mexiko und wurde dadurch in Stand gesetzt, gegenüber
-dem Ansinnen der Portugiesen, von den Philippinen zu weichen, sich
-behaupten zu können. Gonzalo Pereira, der Statthalter auf den
-Molukken, suchte die spanische Niederlassung mit Heeresmacht zu
-überrumpeln, konnte aber seinem wachsamen Gegner nichts anhaben
-und mußte unverrichteter Sache wieder abziehen. Legaspi ersah eben
-daraus, daß seine Niederlassung auf Zebu doch in zu gefährlicher
-Nähe der Molukken läge und daß es gerathener sei, einen entfernteren
-Platz zum Ausgangspunkt seiner Colonisation zu wählen, wo er sich vor
-unerwarteten feindlichen Besuchen sicherer fühlen könne.
-
-Im Jahre 1570 wurde der erste Angriff auf die Insel Luçon gemacht und
-dabei das Dorf Manila erobert. Im nächsten Jahre erschien Legaspi mit
-einer größeren Flotte an der Bai von Manila, -- denn er hatte wiederum
-von Mexiko neue Schiffe und Mannschaften erhalten und war vom König
-Philipp II. in Anerkennung seiner Leistungen zum Adelantado ernannt
--- und brachte nach einem glücklichen Gefecht gegen die feindliche
-mohammedanische Partei eine Anzahl von Häuptlingen zur Anerkennung der
-spanischen Oberhoheit. An der Mündung des Pasigflusses, an welchem
-jetzt sich die bedeutendste Stadt der Inselgruppe, Manila, erhebt,
-baute er eine Festung und legte damit den Grund zur Hauptstadt der
-Philippinen. Legaspi starb im August 1572, aber seine Nachfolger wußten
-sich zu behaupten, so daß die Colonie dauernd im Besitze Spaniens
-verblieb. --
-
-Alle Fahrten über den großen Ocean boten bis auf Legaspi und die
-ihm in den nächsten Jahren zur Hilfe nachgesandten Schiffe für die
-Bereicherung der Erdkunde durch Entdeckungen wenig Gewinn, da der
-vorgeschriebene Cours durch den an Inseln ärmsten Theil des Meeres
-führte. Das wichtigste war, abgesehen von der Erforschung und
-Besitzergreifung der Philippinen, die Entdeckung der Nordküste von
-Neu-Guinea durch Retes. Durch diese Entdeckung wurde aber der Glaube an
-ein großes unbekanntes Südland, dessen Vorstellung aus dem Alterthum
-herübergenommen und weiter ausgebildet wurde, neu belebt. Man setzte
-die nach Südosten verlaufende Küstenlinie des Landes der Papuas mit
-dem Feuerlande in Verbindung und erwartete von der Auffindung und
-Ausbeutung dieses großen Landes unberechenbaren Gewinn.
-
-Die Lösung dieser Aufgabe fiel naturgemäß dem Vicekönig von Peru zu,
-während Mexiko seine Thätigkeit auf die Kräftigung der Colonisation der
-Philippinen zu richten hatte. Als ein Vorläufer der ersten größeren
-Expedition kann die kühne Fahrt des +Juan Fernandez+ bezeichnet werden,
-von welcher wir leider nur sehr verschwommene Nachrichten besitzen.
-Fernandez fand nämlich, indem er der an der Westseite Südamerika’s
-nordwärts gehenden Küstenströmung auswich und, um von Peru nach Chile
-zu gelangen, einen weiteren Bogen durch den Ocean machte, die westlich
-von Valparaiso gelegenen Felseninseln, welche noch seinen Namen tragen
-und im Anfange des 18. Jahrhunderts der Schauplatz und unfreiwillige
-Aufenthalt eines englischen Matrosen Alexander Selkirk wurden, aus
-dessen Erlebnissen Daniel Defoe seinen weltberühmten „Robinson“ schuf.
-Juan Fernandez sah aber, wahrscheinlich auf einer andern Fahrt,
-weiter gegen Südwesten die Küsten eines hohen Berglandes, vermuthlich
-Neuseeland, welches in der folgenden Zeit aber wieder zu einem Theil
-des gesuchten Südlandes gestempelt wurde.
-
-Pedro Sarmiento erbot sich zuerst, 1567, durch einen Streifzug in den
-Ocean über die Lage des Südlandes Klarheit zu schaffen; aber wenn
-er auch die Idee angeregt hatte, so übergab doch nicht ihm, sondern
-dem General +Alvaro de Mendaña+ der Vicekönig von Peru das Commando
-über die beiden zu der Expedition bestimmten Schiffe. Sarmiento ging
-indes auch als Capitän des Hauptschiffes mit[501] und unter ihm Hernan
-Gallego als Pilotmayor. Wie sicher man das große unbekannte Land zu
-finden hoffte, erhellt daraus, daß zur Verkündigung des Christenthums
-vier Geistliche an der Fahrt theilnahmen. Mendaña segelte am 20.
-November 1567 von Callao, dem Hafen Lima’s, gegen Südwesten; nach
-Zurücklegung von 170 Leguas verlor, wie es scheint, der General den
-Muth, noch weiter südwärts vorzudringen. Mit seiner Genehmigung
-steuerte Gallego trotz der Proteste Sarmiento’s, welcher sich auf ihre
-Instruction berief, wieder nach Norden. Acht Tage später, als man
-sich schon unter der geringen Breite von 14° s. Br. befand, forderte
-Sarmiento noch einmal, den südwestlichen Cours wieder aufzunehmen.
-Mendaña lehnte es ab und segelte in der Richtung nach den Philippinen
-weiter. Erst als man unter 5° s. Br. noch auf kein Land gestoßen war,
--- man folgte offenbar dem Pfade Magalhães’ -- gab der General in
-sofern dem wiederholten Drängen Sarmiento’s nach, daß er West ¼ zu Süd
-steuern ließ. So wurde am 15. Januar 1568 eine kleine bewohnte, mit
-Palmen bedeckte Coralleninsel gefunden, welche den Namen Jesus erhielt.
-Dieselbe hatte auf der Nordseite ein Riff, welches eine Viertelmeile
-in die See hinausging, auch die Südseite war mit einem kleineren Riff
-besetzt und nur im Osten zeigten sich in demselben Lücken, durch welche
-man an den Strand gelangen konnte.[502] Von hier aus ging die Fahrt
-etwa auf dem 6° s. Br. gegen Westen, und so entdeckte man am 7. Februar
-die mittlere der hohen Salomonsinseln, auf welcher sich die Berge bis
-1200 Meter erheben. Man taufte sie +Santa Isabel de la Estrella+, weil
-man am Tage der heiligen Isabella von Peru abgefahren war und fügte
-„estrella“ hinzu, weil man bei der Landung am hellen Tage einen Stern
-zu sehen meinte. In der Sternbai (~bahia de la estrella~) gingen die
-Schiffe vor Anker. Die dunkelhäutigen Einwohner[503] sahen zu, wie
-die Spanier in üblicher Form von der Insel Besitz nahmen, es wurde
-sogar notariell bescheinigt, daß die Häuptlinge dem Könige von Spanien
-gehuldigt hätten. Das Land war reich an Lebensmitteln, es gab Schweine
-und Hühner; man fand vortreffliches Schiffbauholz und vermeinte auch
-alsbald geschätzte Gewürze und Droguen als Ingwer und Zimmt, Aloe
-und Sarsaparille entdeckt zu haben. Vor allem war man aber entzückt,
-sichere Anzeichen von Gold zu finden (~grande disposicion de oro~)
-und belegte daher später in dem kühnen Wahn, hier das langgesuchte,
-goldreiche Ophir des Königs Salomo gefunden zu haben, die ganze Gruppe
-mit dem Namen +Salomonsinseln+. Anfänglich hielt man das entdeckte
-Land für einen Theil des Südlandes, als aber Pedro de Ortega die ganze
-Insel umfahren hatte, mußte man sich von der Inselnatur überzeugen.
-Die Schiffe blieben bis zum 8. Mai im Sternhafen und wandten sich
-dann nach Südosten, um die von Ortega bereits gemachten Entdeckungen
-weiter zu verfolgen. So wurden dann auch die südlichern großen Inseln,
-welche zum Salomonsarchipel gehören, bis zu San Cristoval entdeckt;
-aber der Wunsch Sarmiento’s, noch weiter nach Süden vorzudringen,
-blieb unerfüllt. Man trat den Rückweg an, ging am 4. September über
-den Aequator und steuerte nach Neuspanien, wurde dort aber noch
-mehrere Monate durch Sturm umhergeworfen und verlor durch Hunger und
-Entbehrungen viele Leute, ehe man in dem mexikanischen Hafen von
-Santiago (19° n. Br.) am 22. Januar 1569 Zuflucht fand, nachdem das
-Schiff Mast und Böte verloren hatte. Erst im März konnte die Fahrt
-nach Peru fortgesetzt werden, wo am 22. Juli die höchst beschwerliche
-Reise beendigt wurde.[504]
-
-Fast ein Menschenalter blieben die Entdeckungen liegen; erst unter
-dem Vicekönig Garcia Hurtado de Mendoza, Marques de Cañete wurden sie
-wieder aufgenommen. Mendaña erhielt zum zweitenmale die Leitung und
-unter ihm als Pilotmayor der Portugiese Pedro Fernandez +de Quiros+.
-Eine Flotte von vier Schiffen ging am 9. April 1595 von Callao, und
-nachdem sie in Paita ihre Ausrüstung vollendet hatte, von diesem Hafen
-am 16. Juni ab. Das Ziel bildeten die Salomonsinseln. Auf dem Wege
-dahin entdeckte man zuerst die südliche Gruppe der hohen Gebirgsinseln,
-welche nach dem Vicekönig den Namen Marquesas de Mendoza erhielten.
-Es wurden nacheinander die Inseln Magdalena, S. Pedro, S. Cristina
-und Dominica besucht. Die kriegerischen Polynesier trieben etwas
-Ackerbau und besaßen Hühner und Schweine. Die Spanier lernten hier den
-geschätzten Brotfruchtbaum kennen, nahmen von den Inseln in üblicher
-Weise Besitz und segelten am 5. August nach Westen. Weiterhin wurden
-San Bernardo (jetzt Pukapuka) und Solitaria (Olosenga) gefunden, zwei
-flache, grüne Coralleneilande. Die weiter südlich gelegenen Samoa- und
-Vitiinseln wurden nicht gesehen.
-
-Schon fing die Mannschaft an zu murren, daß man die Salomonsinseln
-nicht finden könne, und als das Geschwader am 8. September an dem steil
-aus der Meeresflut in Gestalt eines Zuckerhutes auftauchenden Kegel
-eines Vulkans, der den Namen Volcano erhielt, vorüberging, trennte sich
-das zweite Schiff, die Almirante, und verschwand für immer. Gleich
-darauf kam gegen SO. die hohe Insel +Sa. Cruz+ in Sicht und belebte
-den sinkenden Muth. Die dunkle Bevölkerung zeigte sich anfänglich für
-friedlichen Verkehr geneigt, allein bald sahen die Spanier sich bei der
-Landung von mehreren hundert Insulanern angegriffen. An der schönen
-Hafenbai im NW. der Insel, an der ~Bahia graciosa~, wollte Mendaña eine
-Niederlassung gründen, er hatte zu dem Zwecke 280 Soldaten mit an Bord;
-allein die Truppen revoltirten, wollten an dem ungastlichen Gestade
-sich nicht verbannen lassen, sondern sehnten sich nach Peru zurück. Zum
-Unglück starb während dieser Zeit Mendaña nebst zwei Geistlichen; sein
-Nachfolger Quiros hielt es für gerathen, den Plan einer Besiedelung
-aufzugeben und das Land zu verlassen. Am 18. November stach er wieder
-in See, um die Salomonsinseln zu suchen; da ihm aber die Lage nicht
-genau bekannt war, steuerte er statt nach W., nach NW. und bekam daher
-die vielversprechenden Inseln nicht zu Gesicht. Bei dem schlechten
-Zustande seiner Fahrzeuge und den traurigen Gesundheitsverhältnissen an
-Bord (er hatte in einem Monat 47 Leute verloren) sah sich Quiros nicht
-in der Lage, weitere Entdeckungen zu versuchen; er richtete vielmehr
-seinen Cours nach den Philippinen, wenn er auch keine Karten von jenen
-Inseln bei sich hatte, und erreichte glücklich Manila, nachdem auch
-noch ein zweites Schiff im Stich gelassen war, weil es wegen eines
-Leckes schlecht segelte.
-
-Auf dem bekannten Wege trat er dann seine Rückreise über den Ocean nach
-Mexiko an, erreichte am 11. December 1597 Acapulco und im Mai 1598
-Paita in Peru.
-
-Als Grund, weshalb man die Salomonsinseln nicht wiedergefunden, giebt
-Quiros vor allem die falschen Berechnungen des Piloten Gallego auf der
-ersten Fahrt Mendana’s an, welcher die Entfernung zu kurz geschätzt
-habe.
-
-Man findet nämlich in dieser Zeit statt der Längenbestimmungen nur
-nach der Fahrgeschwindigkeit gemachte Schätzungen der Entfernung der
-Inseln von der Westküste Peru’s angegeben. Gallego hatte den Abstand
-von Lima bis zu den Salomonsinseln zu 1450 spanischen Meilen (Leguas)
-angenommen, während Quiros behauptete, schon bis Sa. Cruz betrage
-die Entfernung 400 Meilen mehr. Wenn demnach (und die Berechnungen,
-welche Quiros anstellte, waren sicher richtiger als jene Gallego’s)
-die Salomonsinseln eher im Osten als im Westen von Sa. Cruz vermuthet
-wurden, so ahnte Quiros doch ganz richtig, beide Inselgruppen könnten
-nicht zu fern von einander liegen und dürften sich gegen Nordwesten
-an die Landmassen und Inseln anlehnen, welche bis Neu-Guinea und
-selbst bis zu den Philippinen reichten; denn dafür spreche außer
-der gleichartigen Erscheinung der Gebirgsinseln die nämliche dunkle
-Bevölkerung, welche wir jetzt als Melanesier bezeichnen, mit denselben
-Hausthieren (Hühnern und Schweinen), gleichen Waffen und manchen
-verwandten Formen der Sitte.[505]
-
-Die Salomonsinseln blieben noch durch das ganze folgende Jahrhundert
-in Dunkel gehüllt, und erst Bougainville fand sie 1768 wieder.
-Quiros erbot sich zwar, sofort noch einen Versuch zu wagen; doch da
-der Vicekönig Bedenken trug, ohne besonderen Befehl des Königs die
-Mittel zur Ausrüstung einer neuen Flotte zu geben, so wandte er sich
-persönlich an den Papst Clemens VIII. und durch dessen Empfehlung an
-Philipp III. von Spanien und erlangte so, daß ihm endlich 1605 einige
-Schiffe für seine Unternehmung zur Verfügung gestellt wurden. Er hatte
-wissenschaftliche Probleme zu lösen in Aussicht gestellt: er behauptete
-nämlich eine leichtere und sicherere Bestimmung der geogr. Breite zu
-kennen, und wollte seine Reise um die ganze Erde ausdehnen, um überall
-die Abweichung der Magnetnadel zu beobachten. Sein Hauptaugenmerk
-war auf die australischen Länder von Sa. Cruz und die Salomonsinseln
-bis nach Neu-Guinea und Java gerichtet. Aber er verstand auch die
-Geistlichkeit durch seinen auffällig an den Tag gelegten Eifer für die
-Verbreitung des Glaubens zu gewinnen. Seit Columbus war kein Entdecker
-wieder so devot erschienen; aber bei Quiros scheint der Glaubenseifer
-nur Mittel zum Zweck gewesen zu sein. Der König Philipp III.
-bezeichnete es indes als ein gottwohlgefälliges Werk, das Australland
-entdecken und die Bewohner bekehren zu lassen.
-
-Am 21. December 1605 ging Quiros von Callao mit drei Schiffen ab,
-welche auf ein Jahr Lebensmittel an Bord hatten. Sechs Franziskaner
-und vier Johannisbrüder zur Krankenpflege begleiteten ihn. +Luis Vaez
-de Torres+ befehligte unter ihm das zweite Schiff. Kühn steuerte er
-gegen Südwesten bis über den 26° s. Breite; als aber dort stürmisches
-Wetter die Fahrt unbequem machte, wich er nach dem tropischen Gürtel
-zurück, streifte die südlichsten Inseln der Paumotu und betrat zuerst
-das reizende Tahiti, von ihm Sagitaria genannt, und kam am 7. April
-in die Nähe von Sa. Cruz zu der Insel Taumaco, deren Häuptling ihm
-die Namen von etwa 70 Inseln gab und ihre Lage und Größe andeutete.
-Dadurch geleitet wandte sich Quiros nach Süden und entdeckte so am
-1. Mai die Hauptinsel der neuen Hebriden, welche er, in merkwürdiger
-Selbsttäuschung befangen, für das gesuchte continentale Australland
-ausgab und Espiritu Santo nannte. In pomphafter Weise nahm er im
-Namen der heiligen Dreieinigkeit, der katholischen Kirche, des heil.
-Franciskus und seines Ordens, des Juan de Dios und seines Ordens und
-im Namen des Königs von dem Lande Besitz, beschloß auf der fruchtbaren
-Insel eine Stadt „Neu-Jerusalem“ am Fluße „Jordan“ zu gründen, und
-behauptete, dieser kaum vier Meilen lange Bach sei so breit als der
-Guadalquivir bei Sevilla. Bei der feindseligen Haltung der Insulaner
-mußte er aber bald von seinen phantastischen Plänen abstehen. Tagelang
-dauernde Stürme nöthigten ihn aus der Bucht an dem heiligen Geistlande
-aufs offene Meer zu flüchten, wo er von den beiden andern Schiffen
-getrennt wurde und am 20. Juni seinen Rückweg allein fortsetzte. Am
-3. Juli erreichte er den Aequator, steuerte bis zum 1. September in
-nordöstlicher Richtung bis zum 38° n. Br., wandte sich dann nach Osten
-und gelangte am 20. October in den mexikanischen Hafen von Navidad.
-
-In arger Uebertreibung schilderte er in seinen Berichten das entdeckte
-Land, die ~Australia del espiritu santo~, als reich gesegnet mit allen
-tropischen Produkten und behauptete, das Land sei so groß als ganz
-Europa und Kleinasien bis ans kaspische Meer.[506] Unermüdlich suchte
-er in einer Reihe von Schriften, welche er an den König richtete, die
-Wichtigkeit und Nothwendigkeit einer Colonisation des schönen Landes
-darzuthun, aber ohne Erfolg. Und schon im Jahre 1613 bezeichnete Diego
-de Prado in einem Briefe an den König die ganze Erzählung als Täuschung
-und Lüge.[507]
-
-Quiros beschloß die Reihe der spanischen Entdeckungszüge in dem südl.
-Theil des großen Oceans.
-
-Einen größeren und namhafteren Erfolg als er selbst trug sein Capitän
-+Torres+ davon, welcher, als er sich von dem Hauptschiffe getrennt sah,
-mit seinem kleinen Fahrzeuge kühn den geraden Weg nach den Philippinen
-einschlug. Am Louisiadenarchipel glaubte er bereits die Küste von
-Neu-Guinea erreicht zu haben, bahnte sich dann innerhalb zweier Monate
-an der Südseite dieser größten Erdinsel durch zahllose Klippen, Riffe,
-Eilande und Corallenbarrieren einen Weg nach Westen und Nordwesten,
-bis er endlich die Molukken erreichte, von wo aus er sich nach Manila
-begab. So wurde er der Entdecker der später mit Recht nach ihm
-benannten „Torresstraße“, welche den australischen Continent von dem
-Lande der Papuas scheidet; aber seine Entdeckung blieb bis zur Mitte
-des vorigen Jahrhunderts ein in den spanischen Archiven von Manila
-begrabenes Geheimniß, und James Cook war erst 1770 der erste Nachfolger
-des Torres durch jene Straße. Torres berührte das Australland an der
-Nordspitze, aber die Enthüllung der Küsten des Continents fiel im 17.
-Jahrhundert den Holländern, im 18. den Engländern zu.
-
-Zum Schluß müssen wir noch einer wichtigen Entdeckung auf dem
-südwestlichen Wege nach Indien gedenken, welche die beiden
-holländischen Capitäne +Le Maire+ und +Schouten+ 1616 machten.
-Sie fanden nämlich das Südende des Feuerlandes und gingen mit
-Vermeidung der gefürchteten Magalhãesstraße um das Cap Hoorn, welches
-Schouten nach seiner Vaterstadt am Zuyderzee benannte, direct aus
-dem atlantischen in den großen Ocean und wiesen damit allen ihren
-Nachfolgern einen bequemeren Eingang in das stille Meer.
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-Viertes Capitel.
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-Die Versuche, einen nordwestlichen Weg nach Indien zu finden.
-
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-1. Giovanni und Sebastiano Cabotto.
-
-Der Gedanke, von den Küsten Europa’s auf nordwestlicher Fahrt einen
-Weg nach China und Indien aufzusuchen, fand zuerst in England, als
-in dem für eine solche Unternehmung am günstigsten gelegenen Lande,
-eine thatkräftige Förderung. Auch hier ging die Anregung von einem
-Italiener, und zwar von einem Landsmanne des Columbus aus. Wenn er
-auch seine ersten Versuche vielleicht noch vor der ersten Fahrt des
-Entdeckers der neuen Welt gemacht hat, so darf doch bezweifelt werden,
-ob ihm die Priorität des Planes gebührt, denn man weiß, wie lange sich
-Columbus mit der Idee beschäftigt hatte, ehe es ihm vergönnt war, mit
-seinem ersten kleinen Geschwader von Palos aus in See zu stechen.
-
-Der Träger des Gedankens einer nordwestlichen Bahn nach Asien
-ist +Giovanni Cabotto+, oder wie ihn die Engländer nennen, John
-Cabot.[508] Seine Zeitgenossen bezeichnen ihn allgemein als einen
-Genuesen, dessen Wiege am ligurischen Strande in Castiglione oder
-Savona stand.[509] Im Jahre 1461 wandte er sich nach Venedig, wo er am
-28. März 1476 das Bürgerrecht erhielt, nachdem er, wie es das Gesetz
-vorschrieb, 15 Jahre in der Stadt ansässig gewesen war. Er erhielt das
-Privilegium civilitatis nach innen und außen, d. h. er konnte nun seine
-bürgerlichen Rechte nicht blos in der Stadt ausüben, sondern er genoß
-alle Handelsvorrechte auch in der Fremde und durfte unter der Flagge
-des heiligen Markus segeln.
-
-Wahrscheinlich um 1490 begab sich Cabotto mit seinen drei Söhnen
-Ludovico, Sebastiano und Sancto nach England, wo er sich in Bristol
-niederließ, um von hier seine Entdeckungsfahrten zu betreiben,
-denn Bristol stand als Handelsplatz damals London zunächst. Und es
-scheint, daß auf seine Anregung die Kaufleute der Stadt alljährlich
-seit 1491 bereits Schiffe aussandten, um die auf den alten Seekarten
-verzeichneten Inseln im westlichen Meere aufzusuchen. So schrieb
-der spanische Gesandte Pedro de Ayala am 25. Juli 1498 an den König
-Ferdinand: „Die Leute von Bristol haben seit sieben Jahren alljährlich
-zwei, drei und vier Caravelen ausgesendet, um die Insel Brasil und die
-sieben Städte zu suchen, nach den Angaben dieses Genuesen.“[510]
-
-In wie weit diese Unternehmung von Erfolg gekrönt gewesen, ist nicht
-gesagt. Doch mag hierbei erwähnt werden, daß schon ums Jahr 1480 Thomas
-Llyde oder Lloyd ins westliche Meer hinaussteuerte, um die genannten
-Inseln zu suchen, aber vergebens.
-
-Bis zum Jahre 1496 waren die Kosten zu den Westfahrten lediglich aus
-Privatmitteln bestritten, dann aber stellte Heinrich VII. dem Giovanni
-Cabotto am 5. März 1496 ein königliches Patent aus, das ihn und seine
-drei Söhne zu den Entdeckungsfahrten autorisirte.[511] Auch rüstete der
-König nebst den Bristoler Kaufleuten mehrere Schiffe für Cabotto aus.
-
-Es war im Anfang Mai 1497, daß Cabotto zu seiner ersten erfolgreichen
-Expedition über den Ocean ging. Die Kunde von den Erfolgen des
-Columbus war auch nach England gedrungen, unter ihrem Einfluß wagten
-die englischen Kaufleute und selbst der König den nicht bedeutenden
-Einsatz für das zeitgemäße Glücksspiel, und Giovanni Cabotto selbst
-drang kühner in die Weite, seitdem man mit Sicherheit auf die nicht
-allzugroße Entfernung der asiatischen Küste rechnen durfte. Es darf als
-erwiesen gelten, daß die Entdeckung Cabotto’s ins Jahr 1497 und nicht
-schon 1494 fällt.[512]
-
-Am Johannistage fand er Land, vermuthlich Labrador, und ging an der
-Küste nach Nordosten, bis er durch das entgegenflutende Treibeis
-zur Umkehr genöthigt wurde. Da er im Anfang August schon wieder
-nach Bristol zurückgekehrt war, kann er unmöglich an der Küste des
-amerikanischen Continents bis zur Breite von Florida gelangt sein,
-wie von manchen Schriftstellern behauptet ist, auch bezeichnet
-die Karte Ribeiro’s von 1529 ganz bestimmt Labrador als englische
-Entdeckung,[513] während auf Neufundland (~tierra de los bacalhaos~)
-der Name Cortereals eingetragen ist und an der Küste von Neu-Schottland
-und der Insel Cap Breton „Land der Bretonen“ (~terra de los bretones~)
-sich findet. Daß Cabotto den nordwestlichen Weg nach Asien einschlug
-und nicht nach Südwesten segelte, wird von mehreren Zeitgenossen
-bestätigt.[514] Erst 47 Jahre später hatte Cabotto auf seiner Weltkarte
-den Namen „~prima tierra vista~“ hinter Neufundland am Lorenzgolf
-eingetragen, zu einer Zeit, als jene Gegenden durch die Reisen
-Cartier’s wichtig zu werden schienen, gleichsam als wollte er durch
-diese Fälschung das frühere Anrecht der Engländer an jene Regionen
-betonen. Wäre er bereits 1497 in den Lorenzgolf eingedrungen, so müßte
-er auch die Inselnatur Neufundlands erkannt haben, während dieses
-Land noch bis 1540 auf allen Karten als Continentalküste gezeichnet
-ist. Auch verrathen die Namen, welche Cabotto 1544 am Lorenzstrom auf
-seine Karte schrieb, daß er die Resultate der letzten französischen
-Entdeckungen dabei zu Rathe zog.
-
-Vielleicht entdeckte er aber auf seinem Rückwege schon die reichen
-Fischgründe auf der Neufundlandsbank, denn seit dem Anfange des 16.
-Jahrhunderts fanden sich hier schon häufig normannische, baskische und
-portugiesische Fischer ein, und erhielt von letzteren die dahinter
-liegende Küste den Namen „Kabeljau-Land“ (~tierra de bacalhaos~).
-Unzweifelhaft hat er den Continent der neuen Welt +zuerst+ erblickt.
-
-Cabotto wurde in England wegen seiner Entdeckung glänzend aufgenommen
-und ging, durch königliches Patent ermächtigt, im nächsten Jahre mit
-fünf oder sechs Schiffen wieder in See, doch gab der König selbst nur
-die geringe Beisteuer von 110 £.
-
-Die Resultate sind nicht bekannt, doch läßt sich vielleicht aus der
-Stellung der englischen Wimpel auf Cosa’s Karte von 1500 vermuthen, daß
-die Fahrt gegen SW. bis etwa zum Cap Hatteras führte.
-
-Es war die letzte Reise des älteren Cabotto. Von da an trat sein Sohn
-Sebastian in seine Fußtapfen; aber unruhigen Geistes und nicht so zäh
-wie der Vater +ein+ Ziel im Auge behaltend, versuchte er sich nach
-verschiedenen Richtungen und bot seine Dienste in allen Ländern und
-Staaten an, von denen er eine Unterstützung seiner Pläne hoffte.
-
-Nach Nordwesten steuerte er nur noch einmal, wahrscheinlich 1503. Aber
-über diese Fahrt hat sich nur eine einzige Bemerkung in Robert Fabians
-Chronik erhalten, wonach Sebastian Cabotto von den neugefundenen Inseln
-mehrere in Felle gekleidete Wilde mitbrachte, welche rohes Fleisch aßen
-und deren Sprache niemand verstand.[515]
-
-Nach dem Tode Heinrichs VII. (1509) ging der Venetianer, vermuthlich
-1512, nach Spanien, wo er mit einem Gehalt von 50,000 Maravedis
-als Capitän angestellt wurde. Ob er im indischen Rathe Sitz und
-Stimme erhalten, ist zweifelhaft; denn sein Name findet sich in den
-betreffenden Listen nicht. Doch wurde er später unter den Kosmographen
-mit zu Rathe gezogen, welche die Anrechte Spaniens an die Molukken
-erweisen sollten. Für das Jahr 1516 war eine Nordwestfahrt unter seiner
-Leitung geplant; da aber König Ferdinand schon im Anfange dieses Jahres
-starb, so unterblieb diese Expedition.
-
-Sebastian Cabotto ging wieder nach England, suchte hier seine Idee
-zu verwirklichen, doch scheiterte auch diese Expedition an der
-Zaghaftigkeit des Viceadmirals Thomas Pert (1517).
-
-Sobald daher Cabotto vernahm, daß der junge König Karl nach Spanien
-gekommen sei, beeilte er sich, diesem seine Dienste anzubieten, und
-erhielt als Pilot mayor ein Gehalt von 125,000 Maravedis (= 300
-Ducaten). Trotzdem finden wir ihn 1519 auf kurze Zeit in England.
-
-Aus den Berichten des venetianischen Gesandten Contarini geht hervor,
-daß Cabotto sich um 1522 sogar der Republik Venedig heimlich zur
-Verfügung stellte, um seiner Vaterstadt den Nordwestweg nach China zu
-zeigen. Denn nachdem die erste Erdumsegelung die große Ausdehnung der
-Meere im Westen der neuen Welt nachgewiesen hatte, schien es nicht mehr
-zweifelhaft, daß man auch im Nordwesten von Amerika einen Durchgang
-zum großen Ocean finden müsse. Aber diese perfiden Anerbietungen des
-in spanischen Diensten stehenden Piloten wurden vom Rathe in Venedig
-vorsichtig verschoben und blieben unerledigt,[516] da Cabotto bald
-darauf die Leitung einer größeren Expedition erhielt, welche dem
-Pfade Magalhães’ folgend in den stillen Ocean eindringen und nach den
-Molukken segeln sollte. Aber diese Unternehmung, welche von 1526-30
-dauerte, scheiterte vollständig, denn Cabotto kam nur bis zum Laplata.
-Da man dem Leiter alle Schuld an dem Miserfolge beimaß, so wurde er
-nach seiner Rückkehr zuerst gefangen gesetzt und dann (1532) auf zwei
-Jahre an die afrikanische Küste nach Oran verbannt. Doch ließ König
-Karl schon im nächsten Jahre Begnadigung eintreten.
-
-Gegen Ende 1547 verließ er Spanien, ohne seine Titel und seine Pension
-aufzugeben, und ging wieder nach England, wo er ebenfalls als Pilot
-mayor einen Gehalt von 166 £ bezog. Der König von Spanien rief ihn
-mehrmals zurück, aber der englische Kronrath erklärte, Cabotto sei
-Unterthan des Königs von England, und kein Recht, kein Grund könne ihn
-zwingen, das Land zu verlassen. Und während er so Englands Schutz und
-Gnadengeschenke annahm, hielt er es doch für erlaubt, noch im August
-1551, zum letztenmale, seiner Vaterstadt das Anerbieten zu erneuern,
-eine venetianische Flotte auf dem nur ihm bekannten geheimnißvollen
-Wege nach China zu führen. Ob er damals noch den nordwestlichen Weg
-im Auge hatte, muß bezweifelt werden, wenn man bedenkt, daß er gleich
-darauf die Ausrüstung der Schiffe zu überwachen hatte, welche zum
-erstenmal die nordöstliche Straße um Europa und Nordasien nach China
-einschlagen sollten. Sebastian Cabotto starb wahrscheinlich bald nach
-dem Jahre 1557, Ort und Zeit sind unbekannt.
-
-Wenn auch die letzte Hälfte seines sehr bewegten Lebens nur in
-Projecten verlief, die der in drei Staaten eingebürgerte und doch
-heimatlose Mann mit fieberhafter Unruhe, unbeirrt um Gewissensfragen,
-allenthalben ins Werk zu setzen suchte, so hat er doch das eine
-unleugbare, große Verdienst gehabt, daß er die englische Nation für
-große Unternehmungen zur See begeisterte und so gleichsam der Begründer
-der englischen Seeherrschaft wurde. Auf die Anregungen und Fahrten der
-beiden Cabots sind alle späteren Versuche, in polaren Regionen einen
-Weg nach China und Indien zu bahnen, zurückzuführen. Auf die unter den
-Auspicien der Königin Elisabeth besonders regen Expeditionen nach dem
-Westen und Nordwesten gründen sich die britischen Ansprüche auf den
-ausgebreiteten Besitz in der neuen Welt.
-
-
-2. Portugiesen, Italiener und Franzosen auf dem Nordwestwege.
-
-Fast zur selben Zeit mit Giovanni Cabotto wurden auch von Portugal aus
-mehrere Versuche gemacht, nach Nordwesten vorzudringen. Die Träger
-dieser Idee waren die beiden Brüder +Gaspar+ und +Miguel Cortereal+;
-aber leider sind uns über ihre kühnen Fahrten nur verschwommene
-Mittheilungen überliefert. Es scheint, als ob der erste Vorstoß gegen
-Nordwesten über den atlantischen Ocean von Gaspar Cortereal schon vor
-dem Jahre 1500 ausgeführt, aber ohne Erfolg verlaufen ist. Auf der
-zweiten Expedition, 1500, welche mit mehreren Schiffen unternommen
-wurde, gelangte er an die Küste von Labrador, welche man als einen
-Theil des Continents (nach damaliger Auffassung natürlich Asiens)
-erkannte und wich vor dem Eise bis an die Klippen von Neufundland
-zurück. Alte Karten verlegen das Corterealland unter 50° bis 53° n. Br.
-
-Frühzeitig im nächsten Jahre brach Gaspar von neuem mit mehreren
-Schiffen auf, um seine Entdeckungen weiter zu verfolgen. Vielleicht
-war es an den bewaldeten Gebirgsküsten von Neu-Schottland oder an dem
-Gestade Neu-Englands, wo Cortereal landete und eine Anzahl Indianer
-raubte. Dann sandte er zwei Schiffe nach Europa vorauf, welche am 8.
-und 11. October in Lissabon einliefen; aber er selbst kehrte nicht
-zurück. Darum zog sein Bruder Miguel im nächsten Jahre (1502) ebenfalls
-mit drei Schiffen aus, um seinen Bruder aufzusuchen, erreichte zwar die
-Nordwestgestade, kehrte aber auch nicht wieder heim. Danach entsandte
-Manuel von Portugal 1503 zwei Schiffe, um das Schicksal der Cortereals
-aufzuhellen; aber umsonst. Man hat nie wieder von ihnen gehört, und mit
-ihrem Tode ist die Reihe der von Portugal ausgehenden Unternehmungen,
-im Nordwesten einen Durchgang zu finden, für immer abgeschlossen.
-
-Zwanzig Jahre vergingen, ehe wir von neuen Versuchen hören. Es
-war die Zeit, wo nach Vollendung der ersten Fahrt um die Erde die
-Selbständigkeit der amerikanischen Continentalmassen erkannt worden
-war, und die spanische Regierung vor allem durch Cortes nach einer
-die beiden Oceane im Osten und Westen der neuen Welt verbindenden
-Meeresstraße suchen ließ; als der politische Nebenbuhler Kaiser
-Karls, Franz I. von Frankreich, auch bei der Lösung dieser wichtigen
-maritimen Frage sich zu betheiligen beschloß, sobald sich eine
-günstige, Erfolg versprechende Gelegenheit bot. Fischer aus der
-Bretagne hatten zwar schon seit 1504 sich nach den reichen Fangplätzen
-auf der Neufundlandsbank begeben; aber zu einer, wissenschaftlichen
-Zwecken, wie der Aufnahme neu entdeckter Küstenstriche, dienenden
-Unternehmung waren sie nicht befähigt. Dazu bedurfte es auch in
-Frankreich geschulter Kräfte. Wie in Spanien Columbus, in England
-Giovanni Cabotto, so erbot sich in Frankreich ebenfalls ein Italiener,
-+Giovanni di Verrazzano+ aus Florenz, die Leitung zu übernehmen. So
-traten also in den westlichen Ländern Europa’s nach einander Angehörige
-der bedeutendsten Plätze Italiens, Genuesen, Venetianer, Florentiner
-als die Bahnbrecher über den Ocean auf. Verrazzano erbot sich, den
-Franzosen den Weg nach China zu zeigen.[517] König Franz ließ vier
-Schiffe zu dem Zwecke ausrüsten; mit ihnen brach Verrazzano gegen
-Ende des Jahres 1523 von Dieppe auf. Aber zwei Fahrzeuge zerschellten
-im Sturm an der Küste der Bretagne, ein drittes ging im Kampf mit
-Spaniern bei Madeira verloren, so daß nur noch der „Delphin“ übrig
-blieb, mit welchen der florentinische Capitän am 17. Januar 1524 von
-einer einsamen Klippe bei Madeira über den Ocean steuerte und nach
-einer im allgemeinen günstigen Fahrt unter dem 34° n. Br. auf die
-Küste des nordamerikanischen Festlandes in der Gegend der heutigen
-Stadt Wilmington stieß. Zuerst ging er an dem flachen, hafenlosen
-Strande 50 Seemeilen (20 = 1°) nach Süden, kehrte dann nach Norden
-zurück und segelte an der ganzen Küste entlang bis zum 50° n. Br. Aus
-der Region der Palmen, welche er im Süden noch antraf, gelangte er,
-vielfach mit den Eingeborenen friedlichen Verkehr pflegend, an den im
-Wechsel der Laubfärbung reizend erscheinenden Wäldern des mittleren
-Gestades vorüber, endlich zu den Nadelwäldern des Nordens. Um die
-Küstengestaltung genau aufnehmen zu können, segelte er nur bei Tage und
-ankerte bei Nacht. Er entdeckte die Mündung des Hudsonstromes, dessen
-tiefes Fahrwasser schwer beladenen Schiffen das Einlaufen gestattete,
-ging eine Strecke zu Boot den herrlichen Fluß hinauf, steuerte an dem
-höher, gebirgiger und kälter werdenden Lande weiter gegen Nordosten,
-entdeckte Rhode-Island, welche er mit Rhodus vergleicht, und traf
-weiterhin mit Jagdindianern zusammen, welche größer als die Europäer
-und von hellerer Hautfarbe als ihre südlichen Nachbarn waren, und
-Kupfer, aber nicht Gold als Zierat und Schmuck verwendeten. In der
-Narrangasetbai, welche er ganz deutlich beschreibt, ging er vor Anker
-und verkehrte längere Zeit mit den Eingebornen. Ziemlich richtig
-verlegte er diese ausgezeichnete Hafenbai unter dieselbe Breite wie
-Rom, bemerkt aber treffend, das Klima sei dort viel kälter als in
-Italien. Weiter nördlich, wo das Land rauher und bergiger wurde, und
-die Bewohner sich wilder, unfreundlicher bewiesen, drang er mit einer
-bewaffneten Schar einige Meilen ins Land, um dasselbe zu besichtigen.
-Die mit klippigen Inseln besetzten und von fjordartigen Einschnitten
-durchfurchten Küsten verglich er mit den dalmatischen Gestadeformen.
-Erst über dem 50° n. Br., also an den Küsten Neufundlands brach er,
-weil die Lebensmittel auszugehen drohten, seine Untersuchungen ab,
-kehrte nach Frankreich zurück und berichtete in einem ausführlichen
-Briefe, vom 8. Juli 1524 aus Dieppe datirt, über den Verlauf seiner
-Expedition an den König. Dieser Bericht enthält die älteste zutreffende
-Beschreibung der Küsten der Vereinigten Staaten. Verrazzano erweist
-sich darin als ein vortrefflicher Beobachter und Darsteller und als ein
-gebildeter Mann, der die Classiker kennt und den Aristoteles citirt.
-In gewandter Darstellung waren die Italiener damals allen andern
-Seefahrern überlegen.[518]
-
-Die politischen Verwicklungen in Europa, die Kriege zwischen Franz I.
-und Karl V. zogen das Interesse Frankreichs für die nächste Zeit von
-der weitern Verfolgung der gemachten Entdeckungen ab. Erst ums Jahr
-1562 faßte Coligny den Plan, an der Südgrenze von Süd-Carolina eine
-Hugenottencolonie anzulegen. Von dem zu Ehren Karls IX. benannten Fort
-Carolina erhielt hundert Jahre später das Land den noch giltigen Namen.
-Aber Coligny’s Ansiedler gaben schon im nächsten Jahre ihren Plan
-wieder auf, und wenn auch bald darauf der Versuch einer Niederlassung
-erneuert wurde, so wurde derselbe doch 1565 durch den Spanier Pedro
-Melendez im Blute aller protestantischen Colonisten erstickt und damit
-den französischen Plänen in jener Gegend für immer ein Ende gemacht.
-
-Etwa ein Jahr später als Verrazzano befuhr der Portugiese +Esteban
-Gomez+ gleichfalls die Ostküste Nordamerika’s, und es würde seine
-Leistung hier nicht erwähnt werden, wenn sie die Arbeiten Verrazzano’s
-nicht in passendster Weise ergänzte. Wir verdanken ihm nämlich
-eine Küstenkarte; und wenn auch das Original verloren gegangen, so
-wissen wir doch, daß, von Diego Ribeiro an, spätere Kartographen
-die Darstellung des Gomez für den Gestadestreifen von Maryland bis
-Rhode-Island benutzt und copirt haben. Gomez stammte aus Porto und
-kam wahrscheinlich mit Magalhães nach Spanien, wo er der Regierung
-einen ähnlichen Plan vorlegte, wie sein Landsmann. Als aber dieser
-vorgezogen wurde, entschloß sich jener zwar, an der Magalhães’schen
-Expedition theil zu nehmen, spielte dann aber eine zweideutige Rolle
-und kehrte von der Feuerlandsenge mit dem Schiffe Antonio nach Spanien
-zurück.[519] Als ausgezeichneter Pilot und Kartograph wurde er zu der
-Junta von Badajoz 1524 hinzugezogen und trat dann mit dem zeitgemäßen
-Plane hervor, im Nordwesten, zwischen Florida und Bacalhaos, d. h.
-zwischen dem Nordgestade des mexikanischen Golfes und Neufundland
-eine Straße nach China (Katai) zu suchen. Es ist dieselbe Region, wo
-auch Cortes eine Durchfahrt zu finden hoffte. (Siehe oben S. 389).
-Wie im Süden, ehe Magalhães die nach ihm benannte Straße auffand,
-eine Meerenge bereits auf einzelnen Karten gezeichnet worden ist, so
-beeilten sich die Geographen, auch im Norden Amerika’s solche Sunde,
-die von einem Ocean zum andern führten, nach dem allgemeinen Glauben
-der Zeitgenossen auf ihren Weltbildern zur Anschauung zu bringen. So
-findet sich in dem von unserm deutschen Kosmographen Sebastian Münster
-1542 herausgegebenen lateinischen Ptolemäus vom Lorenzgolfe aus eine
-Durchfahrt angedeutet mit der Inschrift: Durch diese Straße führt
-der Weg zu den Molukken (~per hoc fretum iter patet ad Molucas~).
-Gomez erhielt für sein Project nur eine Caravele von fünfzig Tons zur
-Verfügung, wurde am 10. Febr. 1525 zum königlichen Piloten ernannt
-und ging gleich darauf von Coruña ab unter Segel. Nachdem er den
-Ostrand der neuen Welt im Gebiet der Neu-England-Staaten erreicht
-hatte, lief er an der Küste nach Süden bis über die Chesapeakbai und
-kehrte dann mit einer Fracht gefangener Indianer, durch deren Verkauf
-die Kosten der Ausrüstung gedeckt werden sollten, nach Spanien,
-wahrscheinlich Ende November 1525, zurück. Das Land, dessen Küsten er
-sorgfältig aufnahm, so daß z. B. der Hudsonstrom deutlich erkennbar
-ist, hieß längere Zeit das Gomezland (~tierra de Esteban Gomez~) und
-Ribeiro fügt, jedenfalls nach den Mittheilungen des Piloten, einige
-kurze Angaben über die Natur des entdeckten Landes hinzu, aus denen
-hervorgeht, daß das wald- und fruchtreiche Land in seinen Flüssen
-an Fischen gesegnet war und daß, wie es auch Verrazzano bereits
-beobachtet hatte, die Indianer im Norden von höherer Statur seien als
-auf den westindischen Inseln, und daß sie sich von Mais, Fischen und
-ergiebiger Jagd nährten und in Wolfs- und Fuchsfelle kleideten.[520]
-
-Nach diesen nördlicheren Regionen richtete der kühne französische
-Seefahrer +Jacques Cartier+[521] von St. Malo im nächsten Jahrzehnt
-seine erfolgreichen Unternehmungen und wurde durch dieselben der
-Urheber der spätern französischen Niederlassung in Canada. Er unternahm
-drei Reisen. Das erstemal ging er am 20. April 1534 von seiner
-Vaterstadt mit zwei Schiffen aus, erreichte am 10. Mai Neufundland und
-drang durch die Enge der Belle-islestraße in den Lorenzgolf ein. Am
-Westufer Neufundlands gegen Süden steuernd, gelangte er an den Inseln
-Cap Breton und Prinz Eduard vorüber, welche er noch für Theile des
-Festlandes ansah, nach der +Chaleurbai+, welche ihren Namen erhielt,
-weil dem Entdecker die Temperatur dort viel wärmer als in Spanien
-vorkam. Er hoffte hier einen Durchgang ins westliche Meer zu finden;
-als sich aber bei weiterem Vordringen ergab, daß die Bucht ganz von
-hohem Lande umschlossen sei, kehrte Cartier zurück und segelte an der
-Südküste von Anticosti gegen Nordosten wieder zur Belle-islestraße.
-Er hatte fast ganz Neufundland umkreist und den St. Lorenzgolf
-aufgenommen. Am 5. September erreichte er glücklich den Hafen von St.
-Malo. Im nächsten Jahre brach er am 19. Mai mit drei Schiffen auf, um
-seine Entdeckungen in „Nova Francia“ weiter zu verfolgen. Wiederum
-drang er durch die Belle-islestraße ein, ging diesmal aber an der
-Labradorküste westwärts, wo er nördlich von Anticosti im Nicolaushafen
-vor Anker ging und bis Anfang August verweilte. Eine größere, weiter
-westlich gelegene Einbuchtung des Landes erhielt damals den Namen
-+Sanct-Lorenzbucht+. Erst später wurde diese Bezeichnung auf die ganze
-durch Neufundland vom Ocean abgeschlossene Meeresbucht ausgedehnt.
-Die beiden auf der ersten Reise mitgenommenen Indianer, welche nun
-als Dolmetscher dienten, erklärten, daß westlich von dem Lorenzhafen
-der große Strom von Hochelaga beginne und ins Land Canada führe.
-Cartier drang nun in den großen Lorenzstrom ein und ging zunächst
-unterhalb Quebec an der Bacchusinsel (wegen des vielen wildrankenden
-Weines benannt) vor Anker. Dort hatte er eine freundschaftliche
-Zusammenkunft mit dem Häuptling von Canada, vom Stamme der Algonkins,
-welcher ihn zu bereden suchte, nicht weiter flußaufwärts bis zu dem
-Indianerorte Hochelaga zu fahren, vermuthlich um allein die aus dem
-Verkehr mit den Fremdlingen erwachsenden Handelsvortheile zu genießen.
-Aber die Vorstellungen des Häuptlings machten den Franzosen nur um so
-neugieriger, jenen oft genannten Ort kennen zu lernen. Am 2. October
-langte Cartier auf Böten vor Hochelaga an, wo gegen tausend Indianer
-ihn am Gestade empfingen und in die von dreifachem Pallisadenringe
-umschlossene Stadt führten. Von hier aus bestieg er einen niedrigen
-Berg am Strom, von dessen Gipfel er den Anblick des schönen, von
-mächtigen Wasseradern durchzogenen Waldlandes genoß. Der Berg erhielt
-den Namen Montroyal; wir erkennen darin den Namen der größten Stadt
-Canada’s, Montreal. Unterhalb der Stadt suchte Cartier sich einen
-bequemen Hafen und überwinterte dort mit seinen Schiffen bis zum 6. Mai
-1536. Von Mitte November bis Mitte März waren die Fahrzeuge von zwei
-Faden dickem Eise gefesselt, und der im Winter ausbrechende Scorbut
-forderte manches Opfer. Aus den Mittheilungen der Indianer entnahm man,
-daß oberhalb der Stadt mehrere große Seen lägen. Es war die erste Kunde
-von der canadischen Seenkette, deren Abfluß der Lorenzstrom bildet.
-
-Der Rückweg ging ohne Unfall und rasch von statten. Am 6. Juli lief
-Cartier wieder in den Hafen von St. Malo ein;[522] aber die Leiden
-während der Ueberwinterung in dem strengen Klima und der Mangel an
-Edelmetallen, die man in der neuen Welt allerorten zu finden hoffte,
-kühlten doch den Eifer für die Colonisation jener Gegenden auf einige
-Jahre merklich ab, so daß Cartier erst 1541 wieder Mittel fand, eine
-neue Fahrt zu unternehmen.
-
-Ein reicher französischer Edelmann, François de la Roque, Herr von
-Roberval, hatte nämlich beschlossen, an dem von Cartier entdeckten
-Strome auf seine Kosten eine Colonie anzulegen und ließ sich daher
-mit jenem Gebiete von der Krone förmlich belehnen. Selbstverständlich
-konnte er der Führung Cartier’s nicht entbehren; aber es herrschte
-zwischen beiden kein rechtes Einvernehmen, kein fester Plan. Es
-befremdet schon zu sehen, daß, als Cartier am 23. Mai 1541 in St. Malo
-die Anker lichtete, Roberval mit seinen Vorbereitungen noch nicht
-fertig geworden war, vielmehr noch bis in den Hochsommer 1542 sich
-vor Honfleur aufhielt, um Kanonen und Munition an Bord zu nehmen,
-so daß also die Geschwader für Colonisation und Entdeckung getrennt
-über den Ocean gingen, ohne bestimmte Verabredungen über die Punkte
-einer Wiedervereinigung getroffen zu haben. Cartier gründete in der
-Gegend von Quebec eine Niederlassung und benutzte noch die günstige
-Jahreszeit, um auf Böten die oberhalb Montreal gelegenen Stromschnellen
-untersuchen zu lassen. Dann überwinterte er und wartete vielleicht
-bis zum Juli 1542 auf die Ankunft Roberval’s. Als dieselbe sich aber
-immer noch verzögerte und die Lebensmittel auf die Neige gingen, trat
-er den Rückweg an, traf zwar seinen Genossen bei Neufundland, zeigte
-aber keine Neigung, noch einmal nach der bereits verlassenen Colonie
-zurückzukehren, sondern schlich sich aus Roberval’s Nähe fort und
-wandte sich der Heimat zu. Offenbar versprach er sich wenig Erfolg von
-den ungeschickten Maßnahmen de la Roque’s. Dieser wählte mit seinen
-200 Colonisten dieselbe Stelle, welche Cartier verlassen, als ersten
-Stützpunkt seiner Niederlassungen und errichtete daselbst das Fort
-Franceroy. „Man hatte Vorrathskammern, aber keine Vorräthe, Mühlen,
-aber kein Korn, einen großen Ofen, aber kein Brot.“[523] Ein Drittel
-der Colonisten erlag im ersten Winter. Auch das nächste Jahr brachte
-keine Erleichterung, so daß König Franz sich veranlaßt sah, den Leiter
-des verfehlten Unternehmens zurückzurufen und den Rest der Ansiedler
-durch Cartier 1544 wieder nach Frankreich zurückzuschaffen. Erst im
-Anfange des 17. Jahrhunderts wurde der rastlos thätige und umsichtige
-+Samuel de Champlain+ der Begründer dauernder französischer Colonien in
-Canada, auch drang er zuerst bis zu den canadischen Seen vor. Champlain
-starb 1635. Der weitere Verlauf seiner Arbeiten gehört der Geschichte
-der nordamerikanischen Colonien an.
-
-
-3. Die Versuche der Engländer, eine Nordwestpassage zu finden.
-
-In England hatten seit den Nordwestfahrten Sebastian Cabot’s die
-Unternehmungen nach dieser Richtung geruht. Da trat 1527 +Robert
-Thorne+, der Sohn eines der ältesten Begleiter Cabot’s mit dem Project
-auf, direct über den Pol den Weg nach China zu suchen, und wies darauf
-hin, daß England durch seine Lage vor allen anderen Mächten Europa’s
-berufen sei, das Problem einer Nordwestpassage zu lösen. Heinrich VIII.
-bewilligte einen Theil der Kosten, und so ging Thorne im Mai 1527 mit
-zwei Schiffen von England ab, kehrte aber ohne irgend einen Erfolg
-zurück.
-
-Wiederum trat eine Pause von 50 Jahren ein, bis unter der Königin
-Elisabeth der Unternehmungsgeist mächtig erwachte und sich in einer
-Reihe von Expeditionen bethätigte, welche über 50 Jahre lang, von
-1576-1632 fortgesetzt wurden. Und wenn sie auch ihr Ziel nicht
-erreichten, so haben sie doch einerseits zur Aufhellung der polaren
-Küstensäume Nordamerika’s Erhebliches geleistet, andererseits die
-englische Marine in den schwierigsten Fahrten geschult und den
-Aufschwung des Seewesens bedeutend gefördert. So wurden diese
-Nordwestfahrten durch die Gunst des Volkes getragen; wohlhabende,
-patriotisch gesinnte Männer traten zusammen, um die Kosten zu
-bestreiten. Der Schauplatz dieser Unternehmungen liegt im Westen
-Grönlands, wo die Gewässer der Frobisherbai, Davisstraße und
-Baffinsbai, der Hudsonsstraße und Hudsonsbai die Namen der Seehelden
-jener Tage verewigen. Die Schifffahrt in jenen arktischen Regionen
-wird durch die häufig auftretenden starken Nebel, welche das Erkennen
-der Küstenlandschaften unmöglich machen, noch mehr aber durch das Eis
-erschwert, welches einerseits die zahlreichen engen Sunde versperrt und
-die Küsten bis zum Hochsommer besetzt hält, andererseits aber in der
-warmen Jahreszeit theils in Form von dicken Schollen, theils in Gestalt
-phantastisch aussehender Eisberge, an der See abgebrochener riesiger
-Trümmer mächtiger Küstengletscher, durch die breiteren Meeresgassen
-der Hudsonsstraße, des Lancaster- und Smithsundes dem Ocean zutreibt;
-denn in allen diesen Canälen vertieft sich der Meeresgrund nach dem
-atlantischen Meere zu immer mehr und befördert in natürlichster
-Weise das Abtreiben der Eismassen, welche in der mittleren Bahn
-der Baffinsbai und Davisstraße sich zu dichtgedrängten Massen als
-Packeis zusammenschieben, und von den Schiffen nur selten mit Erfolg
-durchbrochen werden können. Daraus erklären sich die eigenthümlichen
-Course der Schiffe, welche oft in scheinbarer Rathlosigkeit hier vor
-den andringenden Eismassen zurückweichen, dort in eine sich zufällig
-öffnende Gasse freien Fahrwassers einlenken, bis das Eis ihnen wieder
-Halt gebietet.
-
-Zuerst erschien in jenen Gewässern +Martin Frobisher+, welcher von
-1576-78 drei Fahrten unternahm. Aber nur die erste verfolgte den
-Zweck geographischer Entdeckungen, die beiden folgenden sollten die
-bereits gewonnenen Erfolge ausbeuten. Als er im Anfang Juni 1576 mit
-seinen beiden kleinen Barkschiffen von 35 und 30 Tons die Themse
-hinuntersegelte, winkte ihm die Königin mit der Hand Abschiedsgrüße
-zu und bezeugte dadurch die hohe Theilnahme an den patriotischen
-Forschungen. Wenn man erwägt, daß Frobisher für den hohen Norden, nach
-welchem er steuerte, keine andere Karte, als die Zeno’sche besaß,[524]
-wo zwar Island und Grönland in schicklicher Lage sich finden, die
-Faröer aber zu einer an Größe mit Island wetteifernden vielgliederigen
-Insel aufgebauscht sind und weiter hinaus die Fabelgestalten von Icaria
-und Estotiland sich zeigen: so darf man sich nicht wundern, wenn der
-englische Seefahrer über die im Eismeere auftauchenden Küsten eine
-irrige Meinung faßte. Als er am 11. Juli unter 61° n. Br. auf die
-Ostseite von Grönland stieß, erklärte er dieses Land für Friesland,
-verlegte das „grüne Land“ noch weiter hinaus und steuerte darum von
-der Südspitze Grönlands westlich. So stieß er am 26. Juli auf die
-Labradorküste am Eingange der Hudsonsstraße, fand alle Sunde noch
-mit Eis besetzt und ging an der Resolutioninsel vorüber zum Eingange
-der Bai, welche noch jetzt seinen Namen trägt. Hier glaubte er, am
-8. August, die gesuchte Straße, welche den Weg nach den Molukken
-gestatte, gefunden zu haben, nahm eine Ladung von Kupferkies, welchen
-man für Golderz hielt, an Bord und segelte nach Europa zurück.
-
-Der vielversprechende Anfang der Nordwestfahrten heischte rasche
-Förderung. Mit einem königlichen Schiffe und zwei Barken konnte
-Frobisher am 26. Mai 1577 wieder in See gehen, um die Durchfahrt noch
-weiter zu erforschen (~for the further discovering of the passage to
-Cathay~. Hakluyt, ~Voyages~, III, 32). Am 16. Juli war er mit seinen
-Schiffen an der vermeintlichen Straße, nannte die südliche Küste „~The
-Queenesforeland~“ (Königin-Vorland), und die Insel auf der Nordseite
-nach dem Steuermann des Hauptschiffes „Hall-Insel“. Diese liege,
-so meinte er, neben Asien; denn er war in der irrigen Vorstellung
-befangen, einen Paß an der Grenze der alten und neuen Welt gefunden zu
-haben. Das Land an der Nordseite der Frobisherbai galt ihm bereits als
-asiatische Küste. Am 19. Juli lief er in die „Straße“ ein und ließ an
-der Nordseite, am Warwicksunde (nach der Gräfin Anna Warwick benannt)
-wieder sog. „Nordwesterz“ laden, in welchem der italienische Alchymist
-Agnello durch eine geschickte Täuschung Spuren von Gold nachzuweisen
-verstanden hatte. Eine weiter nach Nordwesten gehende Untersuchung
-der Bai unterblieb; trotzdem nannte Master George Best, welcher die
-Reise mitmachte, den vermeintlichen Sund emphatisch „die nördliche
-Magalhãesstraße“.[525] Am 24. August kehrte Frobisher zurück und
-erreichte am 17. September Landsend, die Südwestspitze Englands.
-
-Da man in London die Ansicht des Entdeckers theilte, daß die Straße
-zwischen Amerika und Asien gefunden sei, so galt es vor allem, die
-Vortheile eines kürzeren Weges nach China für England allein zu
-sichern. Der Eingang der Nordwestpassage mußte militärisch befestigt
-werden, um fremden Schiffen das Einlaufen verwehren zu können. Das
-Land auf der Südseite taufte die Königin ~Meta incognita~ („das
-unbekannte Ziel“). Zur förmlichen Besitzergreifung des wichtigen
-Passagelandes zog Frobisher 1578 zum drittenmale mit einer stattlichen
-Flotte von 15 Segeln aus. Zwölf Schiffe sollten wieder Erz laden
-und dann zurückgehen, die drei anderen dort stationirt bleiben und
-Befestigungen anlegen. Da Frobisher diesmal einen zu südlichen
-Cours eingehalten hatte, so gerieth er zuerst in den Eingang der
-Hudsonsstraße, erkannte aber die Wichtigkeit derselben nicht, oder war
-so sehr von der Ueberzeugung erfüllt, in der schon zweimal besuchten
-Bucht die einzige Straße gefunden zu haben, daß man eine genauere
-Untersuchung des südlichen Wassers für unnütze Zeitvergeudung hielt.
-Als bei dieser Fahrt eins der größeren Schiffe sich einen Weg durchs
-Eis bahnen wollte, wurde es zwischen den Schollen zerdrückt und
-ging unter. Die Mannschaft wurde zwar gerettet, aber leider befand
-sich in dem versunkenen Fahrzeuge das Bauholz für das Fort und das
-Winterhaus. Der Plan einer Befestigung mußte also aufgegeben werden,
-man nahm wieder Nordwesterz ein und kehrte Ende August nach Europa
-zurück. Daß die mitgebrachten Erze werthlos waren, mußte eine genauere
-Untersuchung bald ergeben; aber man verschwieg die Resultate, um sich
-nicht öffentlichem Spotte auszusetzen. Doch sah man bei den späteren
-Expeditionen davon ab, unnützen Ballast nach Europa zu verfrachten.
-
-Daß Frobisher keine Straße gefunden, sondern nur in eine Bucht gerathen
-war, ist erst in unserem Jahrhundert, 1862, durch Francis Hall
-nachgewiesen. Bis dahin, also bis vor 20 Jahren, figurirte auf allen
-Karten noch eine „Frobisherstraße“.
-
-Trotz der nicht erheblichen Resultate dieser Fahrten trat wenige Jahre
-später eine Gesellschaft Londoner Kaufleute unter der Leitung William
-Sanderson’s zusammen, um die Entdeckungen weiter zu verfolgen. +John
-Davis+,[526] ein wissenschaftlich gebildeter und praktisch tüchtiger
-Seemann wurde mit der Führung der Expedition betraut und ging mit
-seinen beiden kleinen Schiffen „Sonnenschein“ und „Mondschein“, von
-50 und 30 Tonnen Gehalt, am 7. Juni 1585 von Dartmouth ab. Am 20.
-Juli traf er, wahrscheinlich bei Cap Discord, auf die Südostküste von
-Grönland. Weil er sich aber durch die noch immer maßgebende Karte
-Zeno’s irreleiten ließ, erkannte er das Land nicht als Grönland,
-sondern gab ihm den Namen ~Land of Desolation~, da es mit seinen
-mächtigen, schneebedeckten Bergen und dem vegetationslosen Strande,
-den ein zwei Meilen breiter Eissaum umschloß, in starrer Oede sich aus
-den Fluten erhob. Dann drang er um die Südspitze des Landes herum nach
-Norden, ging unter 64° 15′ n. Br. über die nach ihm benannte Straße an
-das westliche Gegengestade und verfolgte die Fjordküste von Cumberland
-bis 66° 40′ n. Br., verewigte die Namen seiner Freunde an den Sunden
-und Vorgebirgen, wandte sich zur Umkehr, ging am 12. August über den
-Ausgang der Cumberlandbai, deren kahle Felsenküste er nicht weit genug
-verfolgte, um das Wasser als eine abgeschlossene Bucht zu erkennen, und
-langte am 30. September wieder in England an.
-
-Nach mehreren Richtungen schien das arktische Meer noch weiteres
-Vordringen zu gestatten. Darum stellten die Kaufleute dem kühnen
-Polarfahrer, welcher schon bei dem ersten Versuche bedeutend weiter
-nach Norden gekommen war als Frobisher, im nächsten Jahre vier Schiffe
-von 120, 60, 35 und 10 Tonnen Gehalt zur Verfügung, um die entdeckte
-Straße weiter zu verfolgen. Um die günstige Jahreszeit des Hochsommers
-mehr ausbeuten zu können, stach er einen Monat eher in See, war schon
-am 15. Juni an der Südspitze Grönlands, erreichte aber, weil er
-durch dichte Nebel und Eisbarrieren aufgehalten wurde, die gleiche
-Polhöhe wie im vorigen Jahre nicht (er kam am 1. August bis 66° 33′
-n. Br.) und hoffte auf dem Rückwege in die Cumberlandbai eindringen
-zu können, weil er fest überzeugt war, hier eine Passage zu finden,
-sah aber noch am 15. August den Eingang durch Eis versperrt. So lief
-er bis zum 28. August an der Küste weiter gegen Süden und brach die
-weiteren Nachforschungen erst ab, als er an der Labradorküste bis zum
-57° n. Br. entlang gesegelt war. Dann wandte er sich der Heimat zu
-und langte am 6. October in der Themse an. Außer der Entdeckung von
-gewinnversprechenden Fischgründen bot diese zweite Forschungsreise
-geringere Erfolge als die erste; doch sprach Davis in einem Briefe
-an seinen Freund William Sanderson die Hoffnung aus, an vier Stellen
-(Davisstraße, Cumberland, Frobisherbai und Hudsonsstraße) bei günstiger
-Jahreszeit den Durchgang erzwingen zu können. Auch äußerte er später
-die treffende Vermuthung, daß ganz Amerika sich im Norden in Inseln
-auflöse.[527]
-
-Unter diesen Auspicien wurden zum drittenmale die Mittel beschafft, um
-Davis nach dem Nordwesten zu senden. Am 19. Mai 1587 lief er mit zwei
-größeren und einem kleineren Schiffe von Dartmouth aus und erreichte
-am 16. Juni den Gilbertsund an der Westseite Grönlands (64° n. Br.),
-in welchen er schon bei seinen früheren Fahrten eingelaufen war.
-Am Eingange desselben liegt gegenwärtig die dänische Niederlassung
-Godthaab. Von hier aus ging Davis am 21. Juni mit dem kleinen Schiffe,
-einem „Clincher“ oder einer Pinasse, allein weiter auf Entdeckung
-nach Norden, während die beiden größeren Fahrzeuge dem Fischfang
-oblagen und sechszehn Tage auf seine Rückkehr warten sollten. Allein
-dieselben hielten nicht Wort und ließen ihren Capitän im Stich. Dieser
-segelte in offenem Fahrwasser an der grönländischen Küste nordwärts
-über den Polarkreis, an der Disko-Insel vorüber, bis zur Polhöhe
-von 72° 12′ n. Br.[528] Auch hier fand er im Norden und Westen noch
-freies Wasser. Den nördlichsten Punkt, den er erreichte, nannte er
-Hope Sanderson, südlich von Upernivik. Bei seinem Versuche, nun
-westwärts quer über den Meerbusen zu segeln, stieß er am 2. Juli auf
-das sogenannte Mittel-Packeis und war mehrere Tage im Eise besetzt;
-doch gelangte er glücklich an die westlichen Küsten, passirte am 31.
-Juli einen sehr großen Golf,[529] den Eingang der Hudsonsstraße und
-ließ am 15. September im Hafen von Dartmouth die Anker fallen. Er war
-der festen Ueberzeugung, daß die Nordwestpassage möglich sei. Schon
-am nächsten Tage schrieb er an Sanderson: „Die Passage ist höchst
-wahrscheinlich, deren Ausführung leicht.“ Dieselbe Ansicht verfocht
-er auch später in einem besonderen Werke,[530] in welchem er auch
-die Gründe angiebt, weshalb mit dieser dritten Fahrt die weiteren
-Versuche abgebrochen wurden; denn einerseits wurde England von der
-spanischen Armada bedroht, andrerseits fehlte, nachdem Walsingham, der
-Secretär Elisabeths, gestorben war, ein mächtiger Fürsprecher bei der
-Königin.[531]
-
-Erst unter ihrem Nachfolger Jacob I. belebte sich das Interesse für die
-Polarfahrten aufs neue und konnten wichtige Erfolge verzeichnet werden.
-Hier glänzen vor allen die Namen Hudson und Baffin.
-
-+Henry Hudson+[532] hat vier Reisen nach dem Norden gemacht, davon
-gehören die beiden letzten in den Rahmen der Nordwestfahrten. Im Jahre
-1609 sollte er im Auftrage der niederländisch-ostindischen Compagnie
-(gegründet 1602) in der Yacht „Der Halbmond“ einen wiederholten Versuch
-machen, die Eisschranken der Nordostpassage, welche um Nordasien herum
-nach Indien führen sollte, zu brechen. Da er aber für dieses Vorhaben
-viel zu zeitig, am 27. März alten Stils, von Texel in See gegangen
-war, so stieß er im Anfang Mai jenseits des skandinavischen Nordcaps
-bereits auf dichtes Eis, verlor dadurch die Aussicht, weiter als in den
-früheren Jahren kommen zu können, und entschloß sich rasch, umzukehren
-und an den Küsten Nordamerika’s nach einer Passage zu suchen. So
-ging er Ende Mai von den Lofoten über die Faröer nach Neufundland
-hinüber und begann, vom 35° 41′ n. Br. an, alle Buchten des Continents
-in langsamer Fahrt gegen Nordosten zu mustern. Dabei verwendete er
-die meiste Zeit, einen vollen Monat, auf die Erforschung des tiefen
-Stromes, welcher nach ihm der Hudson benannt ist, und welchen er bis in
-die Nähe von Albany aufnahm. Die große Wichtigkeit dieser Stromrinne
-wurde durch ihn so entschieden betont, daß die Niederländer bald darauf
-an der Mündung desselben eine Colonie, Neu-Amsterdam, anlegten, aus
-welcher später, nachdem sie von Engländern besetzt und in Neu-York
-umgetauft worden war, die größte und mächtigste Stadt der neuen Welt
-erwuchs.
-
-Im folgenden Jahre 1610 wurde ihm die Gelegenheit gegeben, im Auftrage
-der englischen moskowitischen Gesellschaft dasselbe Ziel weiter
-nordwärts zu verfolgen. Er richtete dabei sein Augenmerk auf die von
-seinen Vorgängern Frobisher und Davis bereits gesehene große Bucht,
-südlich von der ~Meta incognita~, hinter welcher Davis eine Straße
-zum großen Ocean vermuthete und in welche 1602 Georg Weymouth, dessen
-Logbuch Hudson durch Vermittlung des holländischen Gelehrten Peter
-Plancius hatte einsehen können, bereits eingesegelt war. Unter den
-großen Patronen der englischen Seeunternehmungen jener Zeit, Männern
-wie Sir Thomas Smith, Sir Francis Jones, Sir Dudley Digges, Sir John
-Wolstenholm, Sir James Lancaster, hat sich besonders Smith durch seine
-patriotische Opferwilligkeit, durch seinen selbstlosen Eifer und
-durch die Kühnheit seiner Pläne nicht blos um die rasche Ausdehnung
-des englischen Handels, sondern auch um die maritimen Entdeckungen
-hohe Verdienste erworben. Er gehörte nicht nur zu den thätigsten
-Mitgliedern der moskowitischen Handelsgesellschaft, deren Bestrebungen
-wir im nächstfolgenden Capitel kennen lernen werden, sondern war
-auch einer der Begründer der ostindischen Compagnie (1600) und rief
-später (1615) die Gesellschaft Londoner Kaufleute zur Entdeckung der
-Nordwestpassage (~the Company of merchants of London, discoverers of
-the Northwestpassage~) ins Leben.
-
-Noch ehe diese letzte Gesellschaft bestand, trat er mit den genannten
-Freunden zusammen, um Henry Hudson auf dem Schiffe „Discovery“ nach
-dem Nordwesten zu senden. Man billigte dessen Plan, südlich von der
-Meta incognita in die von Weymouth zuletzt besuchte Bucht weiter
-vorzudringen.
-
-Am 24. Juni kam das Schiff vor die Einfahrt in die Hudsonsstraße,
-mußte sich aber vor den herausflutenden Eisschollen in die Ungavabucht
-flüchten und arbeitete sich mühsam im Eise weiter, so daß die
-Mannschaft umzukehren wünschte, weil sie der harten Arbeit überdrüssig
-geworden. Erst gegen Ende Juli hatte er bis zur Insel Salisbury am
-westlichen Ausgange der Straße vorrücken können und wandte sich nun,
-da die Labradorküste nach Süden verlief und ein weiteres Meer sich vor
-ihnen ausbreitete, nach Südwesten. Im nördlichen Theile von Labrador
-setzte Hudson in den Namen Cap Wolstenholm, Diggesinseln und Cap Smith
-den Förderern der Expedition ein bleibendes Denkmal. Hier bricht leider
-Hudsons Tagebuch ab und wir sind für den weitern Verlauf und das
-tragische Ende des Entdeckers auf die Aufzeichnungen beschränkt, welche
-Abacuk Prickett, ein Diener Sir Digges’, hinterlassen hat. Hudson ging
-mit seinem Schiffe an der die Festlandsküste in ziemlicher Entfernung
-begleitenden Inselreihe der Nord- und Süd-Schläfer entlang bis zur
-südwestlichen Einbuchtung der Jamesbai, wo er am 1. November vor Anker
-ging und in einer Breite von 52 Graden zu überwintern beschloß. Den
-meuterischen Steuermann und Hochbootsmann hatte er absetzen müssen
-und ihre Stellen an Robert Bylot und William Wilson übertragen. Schon
-am 10. November fror das Schiff ein und wurde erst im Juni wieder
-frei. Die strenge Winterkälte steigerte den Mismuth der Mannschaft
-gegen den harten Capitän, der mit eiserner Hand seine Autorität wahren
-wollte.[533] Als er im Juni 1611 auf dem Rückweg nach Cap Wolstenholm
-sich befand, brach die Empörung aus, weil Hudson gedroht hatte, er
-werde die Widerspenstigen an dem unwirthlichen Gestade aussetzen. Zu
-den Haupträdelsführern gehörte auch Henry Green, den Hudson in seinem
-Hause in London aufgenommen und erzogen hatte. Er gehörte nicht zu
-der besoldeten Mannschaft, sondern war von Hudson auf seine Kosten
-mitgenommen, „weil er gut schreiben konnte“. Das Schicksal, das den
-Meuterern angedroht war, bereiteten sie dem Capitän. Hudson wurde
-bei Nacht von ihnen überfallen, gebunden und sammt seinem jungen
-Sohne und acht Leidensgefährten in einer Schaluppe ausgesetzt und
-dem unvermeidlichen Untergang preisgegeben. Zwar ereilte auch den
-undankbaren Green und einige seiner Genossen das Verhängniß; denn sie
-wurden am 29. Juli bei den Diggesinseln von Eingeborenen erschlagen.
-Das Schiff kehrte dann nach England zurück.
-
-Die Hudsonsbai wurde Hudsons Grab. Um den Verschollenen aufzusuchen,
-wurden 1612 zwei Schiffe, auf welchen auch Robert Bylot und Abacuk
-Prickett mitgingen, nach dem Schauplatz des Verraths ausgesendet unter
-+Thomas Button+ und +Ingram+, aber sie fanden von den Verlorenen keine
-Spur. Sie umkreisten den nördlichen und westlichen Rand der großen
-Bai bis zum Nelsonflusse, wo sie überwinterten, und da der Winter
-ausnahmsweise milde verlief, nur vom 16. Februar bis zum 5. April vom
-Eise besetzt waren. Weil man in Port Nelson eine Fluthöhe von 15 bis 18
-Fuß beobachtet hatte, so folgerte man in England daraus, die Hudsonsbai
-müsse im Südwesten mit dem großen Ocean in Verbindung stehen, denn
-in einem geschlossenen Binnenmeere könnten die Gezeiten eine solche
-Höhe nicht erreichen. Von Westen kommende Fluten galten mit Recht als
-Anzeichen einer weitern Wasserverbindung nach jener Himmelsgegend.
-Button war von der Existenz der Passage westlich von der Hudsonsbai aus
-fest überzeugt.
-
-So lief denn dasselbe Schiff, die „Discovery“, welches Hudson und
-Button befehligt hatten und welches auch noch im Jahre 1614 mit Capitän
-Gibbons an der Labradorküste gewesen war, im folgenden Jahre zu neuen
-Entdeckungen aus, diesmal unter Robert Bylot und +William Baffin+.[534]
-Baffin war in den arktischen Gewässern kein Neuling mehr. Im Jahre
-1612 war er als Steuermann mit James Hall nach der Westküste Grönlands
-gegangen, um nach den Trümmern der alten normannischen Niederlassungen
-zu forschen, hatte dann im Dienste der moskowitischen Compagnie in den
-beiden nächsten Jahren größere Flotten nach Spitzbergen begleitet und
-ließ sich nun für die Unternehmungen der Nordwestcompagnie gewinnen.
-Der Uebergang aus dem Dienste der einen Gesellschaft in den der andern
-vollzog sich um so leichter, weil beide von Thomas Smith geleitet
-wurden. Baffin war einer der gebildetsten Seeleute seiner Zeit, der mit
-der einem Polarfahrer nöthigen Kühnheit und Entschlossenheit das Talent
-und die Liebe zu wissenschaftlichen Beobachtungen verband. Er war in
-dieser Hinsicht dem Capitän Bylot bedeutend überlegen, ordnete sich
-demselben aber im Interesse der Sache unter und ging als Pilot mit.
-
-Am 27. Mai drang die „Discovery“ in die Hudsonsstraße ein, wo Baffin
-bald darauf den ersten Versuch auf der See machte, die Längen nach
-Monddistanzen zu bestimmen, eine Methode, welche schon 1514 von dem
-Nürnberger Astronomen Johann Werner gelehrt, aber bisher von den
-Seefahrern noch nicht ausgeführt war. Am 3. Juli befand sich das Schiff
-bei der Millsinsel, am nordwestlichen Ausgange der Straße und versuchte
-nun, sich nordwärts durch den Foxcanal einen Weg zu bahnen. Man sah
-auch hier noch mit Betrübniß, daß die Flutwelle von Osten, also aus
-dem atlantischen Ocean kam. Zwar belebte sich die Hoffnung noch einmal
-auf kurze Zeit, als man an der westlich vom Foxcanal gelegenen großen
-Southamptoninsel eine von Norden kommende Flut beobachtete und gab den
-freudigen Erwartungen dadurch Ausdruck, daß man daselbst ein Vorgebirge
-Cap Comfort (Trost) benannte (75° n. Br.); allein schon am nächsten
-Tage zerrann die Hoffnung wieder, denn man sah vom Westen bis herum
-nach Nordosten ringsum mit Eis umschlossenes Land und beobachtete nur
-eine schwache Flut. Hier konnte also die Passage nicht erwartet werden.
-
-Das Schiff kehrte dann nach der Südostspitze von Southampton zurück,
-wo man in offner See ankerte, um die Richtung der Flutbewegung
-besser beobachten zu können. Das Hochwasser kam ganz sichtlich aus
-Südosten, die Ebbe von Nordwesten. Schärfer war die Strömung noch
-nicht wahrgenommen; aber sie vernichtete jede Hoffnung, im Umkreise
-der Hudsonsbai die Durchfahrt zu finden.[535] Also wandte man sich zur
-Heimkehr und landete am 6. September in Plymouth, ohne während der
-ganzen Fahrt einen Mann eingebüßt zu haben.
-
-Baffin sprach nunmehr seine Ansicht dahin aus, daß die Hauptpassage nur
-in der Verlängerung der Davisstraße zu suchen sei. Um dieselbe weiter
-aufzuhellen, wurden Bylot und Baffin in demselben Schiffe 1616 noch
-einmal ausgeschickt. Diesmal steuerten sie direct nach der Davisstraße
-und erreichten am 30. Mai Hope Sanderson (72° 42′ n. Br.). Von hier
-aus also begannen die neuen Entdeckungen. Das Schiff ging bis zum 10.
-Juni an der grönländischen Küste nordwärts und versuchte dann einen
-Vorstoß in die westlichen, in der Mitte der Bai treibenden Eismassen,
-um weiter von der Küste abkommen zu können. Aber dieser Versuch, das
-sogenannte Mittelpackeis zu durchbrechen, schlug fehl[536], und man
-war gezwungen, das Küstenfahrwasser wieder aufzusuchen. In diesem
-fuhr man nordwärts bis zum Whalesunde (77° 30′ n. Br.), der nach
-der großen Anzahl dort gesehener Walfische benannt wurde, und bis
-zum Eingange des Smithsundes, wo das Schiff zwei Tage lang in Sturm
-und Nebel umhergejagt wurde. Auf der andern Seite der großen Bai
-gelangte das Schiff am 10. Juli zur Oeffnung des Jonessundes, am 12.
-Juli zum Lancastersunde. Hier befand man sich thatsächlich an der
-Pforte der nordwestlichen Durchfahrt, aber man erkannte sie nicht;
-denn die Bezeichnung „Sund“ berechtigte noch nicht zur Annahme eines
-Durchgangscanals. „Vom Lancastersunde an,“ schreibt Baffin, „begann
-unsere Hoffnung auf eine Passage geringer zu werden. Denn von nun an
-hatten wir eine geschlossene Eisbank zwischen uns und der Küste. Wir
-hielten uns bis zum 14. Juli dicht an der Eisbarriere und sahen das
-Land sich noch bis zum 70° 30′ n. Br. erstrecken. Bei dem Versuche,
-durch das Eis nach Osten ins grönländische Küstenwasser zu kommen,
-wurden wir in dem Schollenmeere festgehalten und trieben bis 65° 40′ n.
-Br. südwärts.“ Nun erst gab man, da auch viele Leute an Bord erkrankt
-waren, die Untersuchung der Westküste auf und kehrte nach England
-zurück, wo man am 30. August in Dover landete.
-
-In einem Briefe an John Wolstenholm spricht sich Baffin ganz
-entschieden dahin aus, daß das große Wasser nördlich von der
-Davisstraße, die Baffinsbai, nur eine geschlossene Bai sei und daß
-dort keine Passage existire. Ehe er sich mit eignen Augen davon
-überzeugte, sei er noch anderer Ansicht gewesen. Er schließt seinen
-Brief mit den Worten: „Ich darf kühn und ohne Prahlerei behaupten, daß
-in kürzerer Zeit bessere Entdeckungen nicht gemacht sind, wenn man die
-Eismassen und die Schwierigkeit einer Segelfahrt so nahe am Pol und
-dazu die fabelhafte Abweichung der Magnetnadel in Rechnung zieht, so
-daß ohne die größte Sorgfalt gar keine richtige Karte entworfen werden
-kann.“[537]
-
-Volle zweihundert Jahre, bis 1818, ruhten die Versuche, durch
-den nördlichen Theil der Baffinsbai weiter vorzudringen. Doch
-wurden jene Gewässer für den Walfischfang in ergiebigster Weise
-ausgebeutet. Erst in unserm Jahrhundert nahm man die Frage der
-Nordwestpassage in England wieder auf. Nach einer Reihe glänzender,
-heldenmüthiger Forschungsreisen ist 1850 durch Mac Clure die Existenz
-einer Wasserstraße von der Baffinsbai aus durch den Lancastersund
-um Nordamerika sowie durch die Beringsstraße zum großen Ocean
-nachgewiesen, aber eine Umsegelung der neuen Welt im Norden wegen
-der höchst schwierigen Eisverhältnisse noch nicht ausgeführt. Der
-materielle Gewinn, welchen der britische Handel aus den Nordwestfahrten
-erzielte, ergab sich noch im Laufe des 17. Jahrhunderts, nachdem im
-Jahre 1631 noch zwei verschiedene Expeditionen unter den Capitänen
-+Fox+ den Norden und +James+ den Süden der Hudsonsbai erforscht hatten,
-und sich dann 1670 auf Anregung des Prinzen Rupert eine Gesellschaft
-bildete (~Company of adventurers of England trading into Hudsonsbai~),
-um von den Küsten dieses nordamerikanischen Binnenmeeres aus besonders
-Pelzhandel zu treiben. Die Hudsonsbai-Compagnie beherrschte sodann in
-ihrer weiteren Entwicklung den ganzen Norden Amerika’s und legte so
-den Grund zu der Ausdehnung der britischen Herrschaft über die ganze
-nördliche Hälfte jenes Continents.
-
-
-
-
-Fünftes Capitel.
-
-Die Nordostpassage.
-
-
-1. Die Engländer auf dem Nordostwege und die moskowitische Compagnie.
-
-Sebastian Cabot, den wir zuerst, in Gemeinschaft mit seinem Vater, von
-England aus die nordwestliche Bahn nach Indien betreten sehen, ist auch
-der Urheber des Gedankens, den letzten noch möglichen Weg nach den
-reichsten Ländern Asiens einzuschlagen: von England aus nach Nordosten
-um Nordeuropa und Nordasien. Zwar hat Sebastian Cabot nicht selbst mehr
-Schiffe nach dem Nordosten geführt, denn er war bereits hochbetagt,
-wenigstens 80 Jahre alt, als er mit seinem Vorschlage hervortrat; aber
-er lieh dem Unternehmen die Unterstützung seiner reichen Erfahrungen im
-Seewesen und wirkte dadurch fördernd und anregend.
-
-Es könnte befremden, daß der Nordostweg so spät, erst 1553 versucht
-wurde, wenn uns nicht ein Blick auf die Karten jener Zeit belehrte,
-daß man die Küstenumrisse Afrika’s und Südamerika’s besser kannte
-und richtiger darstellte als die Meeressäume in Nordeuropa; denn bis
-nach Skandinavien erstreckte sich der Handel der Italiener, folglich
-auch ihre Kunst der Seekarten nicht, und die Hanseaten, zu deren
-Handelsgebiet der ganze Norden, wenigstens bis Bergen und Drontheim
-gehörte, verwendeten statt der gemalten Compaßkarten geschriebene
-Segelanweisungen, Seebücher. So blieb der Norden Europa’s in seiner
-kartographischen Entwicklung lange hinter dem Süden, namentlich den
-Gestaden des Mittelmeeres, zurück. Wie die Karten des Nicolaus Donis
-von 1482,[538] die Weltkarte von 1513 (vorliegendem Werke beigegeben)
-und Jacob Zieglers Karte[539] (Straßburg) von 1532 zeigen, hielt
-man noch an der Vorstellung fest, daß vom Norden Europa’s eine
-Landverbindung nach Grönland existire. Entsprach eine solche Auffassung
-der Wirklichkeit, dann war selbstverständlich an eine nordöstliche
-Durchfahrt nicht zu denken. Und doch bestand, wenigstens schon seit dem
-15. Jahrhundert, ein Schifffahrtsverkehr zwischen dem weißen Meere und
-den Westgestaden Skandinaviens, von dem man im Süden eigentlich nichts
-wußte. Noch mehr: die leichtgebauten russischen Fahrzeuge wagten sich
-schon bis nach Nowaja Semlja und bis an die Eingänge des karischen
-Meeres; denn im Laufe des 16. Jahrhunderts fanden englische Schiffe
-an der Westseite des „Neuen Landes“ die Einfahrt in einen sichern
-Hafen bereits durch Kreuze markirt. Sigismund von Herberstein, welcher
-zweimal, 1517 und 1526 als Gesandter des deutschen Kaisers nach Moskau
-ging, berichtet uns[540] über die im Jahre 1496 von dem russischen
-Botschafter David ausgeführte Seefahrt von der Dwina nach Drontheim.
-Wir erfahren aus dem Munde eines Mitgliedes dieser Gesandtschaft,
-Gregory Istoma, daß zu jener Zeit schon das norwegische Grenzfort
-Vardöhuus am Varangerfjord jenseit des Nordcaps bestand, wodurch die
-Grenzen der norwegischen Besitzungen bewacht wurden. Und wenn die
-von da aus nach Südost verlaufende Küste der Halbinsel Kola noch
-jetzt den Namen murmanische d. h. normannische Küste führt, so müssen
-skandinavische Seefahrer sie besucht haben. Ihnen war also das äußerste
-Nordgestade unseres Continents längst bekannt; aber in Südeuropa
-vernehmen wir nur vereinzelte kundige Stimmen. So erzählt Gomara, in
-Bologna habe ihm der landesflüchtige, schwedische Bischof Olaus Magnus
-erzählt, daß man um Nordeuropa bis nach China segeln könne.[541] Aber
-Olaus Magnus rückt irrthümlich auf seiner Karte[542] die Nordspitze
-Skandinaviens bis zum 84° n. Br. hinauf, während doch der Florentiner
-Verrazzano schon im Jahre 1525 richtig die geographische Breite des
-Nordcaps auf 71° verlegte.[543]
-
-Genaueres über die Polarküsten Europa’s erfuhr man erst aus den
-Darstellungen Herbersteins, und es ist sehr wahrscheinlich, daß erst
-durch das Erscheinen seines Werkes, in welchem auch die sibirischen
-Flüsse Ob und Irtysch erwähnt werden, ein möglicherweise schon älteres
-Project Cabot’s neu belebt wurde und auf Grund der neu erworbenen
-Anschauungen mehr Aussicht auf Verwirklichung gewann. Allerdings
-lief auch ein folgenreicher Irrthum mit unter, wie so oft in diesem
-Zeitalter durch falsche Combinationen die kühnsten Unternehmungen
-getragen wurden. Nach Herbersteins Erkundigungen sollte nämlich der
-Ob aus einem See Kitaisk abfließen. Dieser kitaische See mußte --
-so schloß man vorschnell -- in der Nähe von Kitai oder Cathay, also
-China liegen. Konnte man zu Schiffe an den Ob gelangen, dann mußte
-auch der Rest des Weges nach Ostasien sich ohne große Schwierigkeit
-ausführen lassen. Zwar legten die Kartographen der Vollendung dieser
-nordöstlichen Schifffahrt noch ein selbstgeschaffenes Hinderniß in den
-Weg, indem sie nach einer misverstandenen Angabe des Plinius (~lib.
-VI~, 20) ein Vorgebirge Tabin als äußerste Spitze des polaren Asien
-ansetzten, welches wenigstens bis zum 75° n. Br. reichen sollte. Allein
-Tabin galt doch nicht als unüberwindliche Schranke.
-
-Daß Asien sich so weit in die polare Zone hinein erstrecken solle, war
-durch keine Wahrnehmung oder Kunde irgend welcher Art zu beweisen,
-und doch hat sich, wie die Forschungen des 18. Jahrhunderts ermittelt
-haben, die Lage des hypothetischen „~Promontorium Tabin~“ bestätigt,
-wenn wir dafür das Cap Tscheljuskin, welches unter 77° 36′ n. Br.
-liegt,[544] gelten lassen.
-
-Es ist merkwürdig, wie oft die kartographischen Phantasiegemälde,
-welche die Kosmographen des 16. Jahrhunderts in ruhelosem
-Schaffensdrange entwarfen, das richtige getroffen haben und gerade
-bei den für die räumliche Vertheilung der Landmassen wichtigen
-Momenten. Dahin gehören die bereits vier Jahre vor der Entdeckung
-durch Magalhães von Schöner gezeichnete südamerikanische Meerenge,
-ferner das Cap Tabin als äußerster nördlicher Punkt des Continents der
-alten Welt und die schon im 16. Jahrhundert vermuthete und gezeichnete
-+Anianstraße+, welche die alte und neue Welt von einander scheidet,
-unsere Beringstraße.
-
-Als Cabot daran ging, den Plan einer Nordostfahrt ins Werk zu setzen,
-bedurfte er zunächst bedeutender Mittel und diese zu schaffen, galt
-es besonders den Patriotismus der englischen Kaufherren aufzurufen.
-Es gelang ihm, im Jahre 1553 (vier Jahre nach dem Erscheinen des
-Herberstein’schen Werkes) eine Handelsgesellschaft ins Leben zu rufen,
-welche der auch in England mit wichtigen Privilegien ausgestatteten
-und den Seehandel beherrschenden Hansa entgegen arbeiten sollte. Diese
-Gesellschaft, zu deren lebenslänglichem Präsidenten Cabot ernannt
-wurde, trat unter dem Namen: „~Mystery, Company and fellowship of
-merchant adventurers for discovery of unknown lands~“ ins Leben. Es lag
-in diesem Titel die Absicht ausgesprochen, dem englischen Seeverkehr
-Länder zu erschließen, wohin der Einfluß der Hansa nicht reichte.
-
-Das erste Geschwader, welches die neugegründete Compagnie 1553
-aussendete, bestand aus drei Schiffen von 160, 120 und 90 Tonnen
-Gehalt. An die Spitze wurde Sir +Hugh Willoughby+ gestellt, weil er „im
-Kriegswesen wohl bewandert war“. Ihn begleiteten Richard Chancellor und
-Stephen Burrough.[545] Am 10. Mai (alten Stils) liefen die Schiffe von
-der Themse aus, unter dem Jubelzurufe des versammelten Volks, am 27.
-Juli ankerten sie bei den Lofoten und gingen dann weiter nordwärts.
-In der Mitte des August trieb ein Sturm die Schiffe auseinander.
-Willoughby gerieth nebst dem kleinsten Fahrzeuge weit jenseit des
-Nordcaps, welches für die westeuropäische Schifffahrt bei dieser
-Gelegenheit gleichsam entdeckt wurde, an eine von Eis umstarrte flache
-Küste, vielleicht die Insel Kolgujew,[546] wandte sich von da wieder
-zurück und erreichte am 18. September die lappländische Küste, wo er
-am Flüßchen Arzina (jetzt Varsina) unter 68° 20′ n. Br. zu überwintern
-beschloß. Aber unbekannt mit den Gefahren eines arktischen Winters und
-mit den Mitteln, demselben Widerstand zu leisten, erlag die gesammte
-Mannschaft beider Schiffe, sammt ihrem Befehlshaber. Russische Fischer
-fanden später das verhängnißvolle Winterlager und brachten beide
-Schiffe mit Willoughby’s Leiche 1555 nach England.
-
-Das dritte Fahrzeug unter Richard Chancellor ging, als es sich nach dem
-Auguststurme allein sah, nach Vardöhuus, wartete dort eine Woche lang
-auf Willoughby und setzte dann auf eigene Hand seine Entdeckungsfahrt
-weiter fort, bis es am weißen Meere nahe der Mündung der Dwina ein
-kleines Kloster erreichte, da, wo jetzt die Stadt Archangelsk liegt.
-Hier fand Chancellor gastliche Aufnahme, wurde, nachdem Eilboten
-dem Zaren die Ankunft eines englischen Schiffes gemeldet hatten,
-eingeladen, nach Moskau an den Hof zu kommen und verbrachte dort einen
-Theil des Winters mit seinen Leuten. Dann kehrte er 1554 mit seinem
-Schiff nach England zurück. So war ein Theil des Programms der von
-Cabot gegründeten Handelsgesellschaft: unbekannte Länder aufzusuchen,
-um mit ihnen in Verkehr zu treten, erfüllt. Rußland ergriff mit Freuden
-die Gelegenheit, sich über das einzige Meer, dessen Küsten unter
-seiner Botmäßigkeit standen, mit Westeuropa in Verbindung zu setzen.
-Es entwickelte sich ein lebhafter Handel, die englische Gesellschaft
-erhielt 1555 von der Königin Maria Corporationsrechte unter dem Namen
-einer ~Company of merchant adventurers~. Man nannte sie aber gewöhnlich
-die moskowitische Gesellschaft (~Muscovy Company~).
-
-Die Gesellschaft besteht noch als ~fellowship of English merchants
-for discovery of new trades~. Ihr Archiv ist leider in dem großen
-Brande 1666 untergegangen und damit manches werthvolle Blatt für
-die Entwicklungsgeschichte des englischen Seehandels verloren.
-Chancellor wurde 1556 wieder nach dem Kloster Cholmogory (Archangelsk)
-abgeschickt, verlor aber auf dem Heimwege von der Dwina bei Aberdeen im
-Schiffbruch am 10. November das Leben.
-
-In England ließ man, trotz des ersten Erfolges, das große Ziel, auf dem
-eingeschlagenen Wege bis nach Indien vorzudringen, nicht aus den Augen.
-Zu gleicher Zeit mit Chancellor wurde auch +Stephen Burrough+[547]
-wieder entsendet, aber mit dem weitergehenden Auftrage, die Mündung des
-Ob aufzusuchen, als nächsten Schritt zur Auffindung der Nordostpassage
-(~intending the discovery of the north-east passage~). Cabot überwachte
-persönlich die Ausrüstung und nahm auf dem Schiffe von Burrough
-Abschied, welcher am 27. April von Gravesend in See ging.
-
-Am 11. Juni traf dieser jenseit des Nordcaps an der lappländischen
-Küste mit russischen Lotjen (kleine Ruder- und Segelböte) zusammen
-und ließ sich von ihnen den Weg zur Petschora zeigen. Da aber die
-Lotjen schneller segelten als das englische Schiff, so mußten sie
-oft die Segel einziehen, um Burrough nachkommen zu lassen. Diese
-Fahrgeschwindigkeit der russischen Böte bestätigt die Annahme, daß jene
-nordischen Seeleute weithin mit den Küsten des Eismeers bekannt sein
-konnten. Am 15. Juli lief Burrough in die Mündung der Petschora ein
-und ging von da fünf Tage später grade nordwärts nach dem südlichen
-Rande von Nowaja Semlja. Unter diesem Namen kannten die Russen
-bereits jene langgestreckte Doppelinsel, welche das karische Meer
-gegen Westen abschließt. Statt nach Osten sich zu wenden, verfolgte
-Burrough die Küste nach Westen, wo ihn eine russische Lotje belehrte,
-daß er, um nach dem Ob zu gelangen, eine entgegengesetzte Richtung
-einschlagen müsse. Auch gab der russische Schiffer den Engländern
-weitere Andeutungen über die einzuhaltende Route. Burrough kam bis
-zur Waigatschinsel, lag dort einige Zeit vor Anker, wurde, als er ins
-karische Meer einzusegeln versuchte, am 23. August von einem schweren
-Sturm betroffen, der ihn zur Umkehr zwang. Er hatte die Absicht, an der
-Dwina zu überwintern und im nächsten Jahre die Fahrt nach dem Ob zu
-vollenden, aber führte den Plan nicht aus, sondern ging nach England
-zurück.
-
-Die moskowitische Handelsgesellschaft ließ vorläufig die Pläne, nach
-dem Ob und weiter die Route zu entdecken, fallen und beutete die neu
-eröffneten Handelsbeziehungen an der Dwina aus. An dem Stillstande der
-Entdeckungen war wohl auch der 1557 erfolgte Tod Cabot’s schuld. Erst
-als Frobisher (s. oben S. 511-514) sich in den Jahren 1575-77 vergebens
-abgemüht hatte, eine Nordwestpassage zu finden, kehrte man zu Cabot’s
-Idee zurück und schickte 1580 noch einmal zwei Schiffe nach dem Ob und
-nach Cathai.[548] +Arthur Pet+, welcher schon die erste Fahrt unter
-Chancellor als Matrose mitgemacht, und +Charles Jakman+ befehligten die
-Schiffe, welche am 30. Mai von Harwich abgingen. Jenseit des Nordcaps
-trennten sich die beiden Schiffe, um sich später bei der Waigatschinsel
-wieder zu treffen. Pet ging allein nördlich um diese Insel herum durch
-die karische Straße, und nach Südosten am Lande hin zwischen der
-Küste und einem ausgedehnten Eisfelde, bis er nothgedrungen in einem
-Hafen auf der Ostseite von Waigatsch Zuflucht suchen mußte. Dort traf
-er wieder mit Jakman zusammen. Da beide Schiffe vom Eise beschädigt
-waren, so beschlossen sie umzukehren und das karische Meer, welches sie
-zuerst betreten, wieder zu verlassen. Pet kam am 26. October wieder
-nach England, Jakman überwinterte an der Küste Norwegens und ging im
-nächsten Jahre auf einem dänischen Schiffe nach Island. Dort ist er
-verschollen.
-
-„Pet und Jakman waren die ersten Nordostfahrer, welche sich ernstlich
-in das Treibeis wagten. Sie benahmen sich dort mit Entschlossenheit und
-Umsicht, und in der Geschichte der Schifffahrt kommt ihnen die Ehre zu,
-die ersten Fahrzeuge geführt zu haben, welche vom westlichen Europa in
-das karische Meer eingedrungen sind.“[549] Mit Unrecht erklärt Barrow
-sie für unbedeutende Seeleute;[550] denn ihre Leistung ist in diesem
-Gebiete von keinem englischen Schiffer mehr übertroffen, und mit dieser
-Expedition hörten die englischen Expeditionen zur Nordostpassage fast
-ganz auf, nachdem die Holländer in ihre Fußtapfen getreten waren.
-
-
-2. Die Holländer auf dem Nordostwege und der Kampf um Spitzbergen.
-
-Die Holländer folgten den Engländern auf dem nordöstlichen Wege sehr
-bald nach. Als Stephen Burrough 1557 nach seiner Ueberwinterung in
-Archangelsk zurückging, traf er jenseits Vardöhuus Holländer an, welche
-nach Lappland Handel trieben und sich in Kola niederließen. Von hier
-gingen 1566 zwei Antwerper Kaufleute Simon von Salingen und Cornelis
-de Meijer an der Küste entlang zu Schiff nach dem Onegafluß, von wo
-sie als Russen verkleidet zu Lande nach Moskau reisten. Noch wichtiger
-und für die Entwicklung des holländischen Handels nach dem weißen
-Meer von bestimmendem Einfluß war das Auftreten des niederländischen
-Kaufmanns +Oliver Brunel+ aus Brüssel. Derselbe war 1565 mit einem
-Enkhuizer Schiffe nach Kola gekommen und wagte sich dann auf einer
-russischen Lotje nach Cholmogory. Auf Veranlassung der eifersüchtigen
-Engländer als Spion erklärt, wurde Brunel in Jaroslawl an der obern
-Wolga gefangen gesetzt, bis er durch Vermittlung der russischen
-Kaufleute, der Gebrüder Anikiew, die Freiheit wieder erhielt, und in
-den folgenden Jahren in dem Interesse seiner Befreier Handelsreisen
-bis zur Petschora machte und so den ganzen Norden Rußlands kennen
-lernte. Da er aber auch im Westen den russischen Waaren Absatz zu
-verschaffen wünschte, so begab er sich mit Verwandten der Anikiews
-zu der holländischen Niederlassung in Kola und miethete hier ein
-niederländisches Schiff nach Dordrecht. Der Erfolg war günstig, und so
-wurde über Kola eine regelmäßige Verbindung mit Holland angeknüpft.
-Brunel diente zwischen den Handelsplätzen als Agent.[551] Im Jahre 1577
-ging er mit Jan van de Walle, dem Agenten des Handelshauses Gillis van
-Eychelberg, genannt Hoofman, zu Lande nach Moskau und bewog dieses Haus
-noch in demselben Jahre das erste holländische Schiff nach der Dwina
-zu entsenden. Andere niederländische Schiffe folgten und ankerten
-in der Pudoschemsko-Mündung der Dwina. Als dann auch Melchior de
-Moucheron als Agent seines Bruders, des reichen Handelsherrn Balthasar
-de Moucheron, sich an der Dwina niederließ und 1584 den Capitän
-Adrian Krijt veranlaßte, einen bessern Ankerplatz bei dem Kloster des
-Erzengel Michael zu suchen, so entstand dort rasch Neu-Cholmogory
-oder Archangelsk und entwickelte sich so günstig, daß 1591 auch die
-Engländer ihre Factorei hierher verlegen mußten.
-
-Inzwischen war 1581 Brunel zum zweitenmale in den Niederlanden gewesen,
-um für die von schwedischen Schiffbauern auf Kosten der Anikiews
-erbauten besseren Fahrzeuge holländische Matrosen anzuwerben, denn
-die Schiffe sollten den Handelsweg nach dem Ob eröffnen. Seinen Weg
-nach den Niederlanden hatte Brunel über die Ostsee genommen und bei
-dieser Gelegenheit den Kosmographen Johann Balak in Arensberg auf der
-Insel Oesel besucht, welcher ihm Empfehlungen an den berühmtesten
-Kartographen seiner Zeit, Gerhard Mercator, mitgab und, nach den
-Angaben Brunels in einem Brief an den großen Gelehrten, seine
-Erkundigungen über die Polarregion der alten Welt mittheilte. Wir
-finden darin die Petschora, Waigatsch, das karische Meer mit den
-einmündenden Flüssen ganz richtig beschrieben. Jenseit des Ob werden
-allerdings die Vorstellungen unklar. Der berüchtigte Kataisee, dessen
-Abfluß der Ob sein sollte, wird nach dieser Auffassung von Karakalmaken
-umwohnt, die ganz nahe an China grenzen oder bereits diesem Lande
-angehören (~non alia certe quam Cathaya~).[552] Pet und Jakman waren
-im Jahr vorher in das karische Meer eingedrungen, die Angaben Brunels
-fanden dadurch eine weitere Bestätigung. Dieser scheint nun die Ehre
-des großen Unternehmens, den Handelsweg nach dem Ob zu eröffnen, aus
-Patriotismus seinem Vaterlande haben zuwenden zu wollen; denn er trat
-nicht mehr als russischer Agent in den Niederlanden auf, sondern
-brachte mit Hilfe seiner Landsleute eine Expedition zustande, an deren
-Spitze er 1584 das karische Meer zu erreichen suchte. Die Geschichte
-dieser Fahrt ist dunkel, wir erfahren nur, daß er sein Schiff auf dem
-Rückwege an der Petschora einbüßte. Brunel kehrte nicht nach Holland
-zurück; er begab sich vielmehr, da er durch seine Handlungsweise seine
-Stellung auch in Rußland verloren hatte, in dänische Dienste und erbot
-sich zu Fahrten nach Grönland. Dann verschwindet er aus der Geschichte,
-jedenfalls erlebte er die ersten großen holländischen Entdeckungszüge
-nach dem Nordosten nicht mehr.
-
-Den directen Anstoß dazu gab Balthasar de Moucheron. Ende 1593 legte
-er dem Statthalter Moritz von Oranien und Oldenbarneveldt seinen Plan
-vor, durch die karische See nach China zu segeln („~in wat manieren
-en by wat middelen de noordsche zee omtrent Waygats tot China toe
-bevaarbaar zijn zou~“).[553] Den vierten Theil der Kosten wollte er
-selbst tragen. Aber nach längerer Berathung nahmen durch Beschluß
-vom 16. Mai 1594 die Generalstaaten die Sache selbst in die Hand und
-machten sie zu einer Staatsangelegenheit. Zwei Schiffe wurden von der
-Admiralität in Seeland und Nordholland gestellt, das dritte Schiff
-und eine Yacht fügte, auf Anregung des Kosmographen Peter Plancius,
-die Regierung von Amsterdam hinzu. Beide Abtheilungen standen unter
-dem Oberbefehl des Capitän Cornelis Cornelisz. Nay aus Enkhuizen,
-so lange sie vereinigt bis zur Insel Kildin an der lappländischen
-Küste gingen. Von hier aus mußten sich die Wege trennen, denn den
-von den Generalstaaten gestellten Schiffen war der Weg durch die
-Waigatschstraße ins karische Meer vorgeschrieben, von wo sie dann
-weiter nach Cap Tabin und der Anianstraße steuern sollten, während die
-andere Abtheilung des Geschwaders Nowaja Semlja umsegeln sollte, um
-die karische See zu vermeiden, von der man noch nicht wußte, ob sie
-mit dem nördlichen Weltmeer zusammenhänge oder nicht. Eine Fahrt um
-Nowaja Semlja hielt man deshalb für keineswegs schwierig, weil nach
-der Ansicht Mercators, welcher auch sein Schüler Plancius folgte, das
-Eismeer wegen des raschen Flutwechsels nicht fest zugefroren sein
-könne.[554] Cornelisz. Nay kannte jene nordischen Gewässer, da er
-im Auftrage des Hauses Moucheron bereits mehreremale das weiße Meer
-besucht hatte. Das zweite Schiff stand unter dem Commando des Capitäns
-Brandt Ijsbrandtsz. Tetgales ebenfalls aus Enkhuizen. Die Amsterdamer
-Schiffe befehligte Willem Barendsz. Alle Schiffe gingen am 5. Juni 1594
-von Texel ab und langten am 23. Juni zusammen vor Kildin an. Nay ging
-mit Tetgales am 2. Juli nach der Waigatschstraße, kam am 5. des Monats
-ins Eis, erreichte aber doch am 18. die Mündung der Petschora und
-ankerte am 21. vor Waigatsch. Nach mancherlei Aufenthalte segelte er am
-1. August durch die jugorische (ugrische) Straße, von den Holländern
-die Nassaustraße genannt, und gelangte bis in die karische See, wo er
-zwar anfangs auch noch mit dem Eise zu kämpfen hatte, dann aber unter
-71° n. Br., am 11. August, in offenes Wasser kam. Da man die Durchfahrt
-nach Indien in der „neuen Nordsee“, wie man das karische Meer nannte,
-meinte gefunden zu haben, so beschloß man, sich mit diesem Erfolg zu
-begnügen und den Heimweg anzutreten; denn man war überzeugt, an der
-Mündung des Ob vorbei -- die Karabucht wurde dafür gehalten -- bis zur
-Höhe des Vorgebirges Tabin vorgedrungen zu sein.
-
-Auf dem Rückwege traf Nay am 16. August mit den Amsterdamer Schiffen
-zusammen, welche unter Capitän +Willem Barendsz.+ von Kildin nach
-Nordosten gesegelt waren. Am 4. Juli sah dieser unter 73° 25′ n. Br.
-die Westküste von Nowaja Semlja und ging an derselben bis zum 78°
-n. Br., wo am Eiscap ein mächtiges Eisfeld ihn zur Umkehr nöthigte.
-Daß +vor+ ihm Russen schon so weit die Küsten des „neuen Landes“
-kannten, bewiesen die unter 77° 55′ n. Br. auf einer Insel an der Küste
-errichteten Kreuze.
-
-Die Schiffe traten gemeinschaftlich den Rückweg an und langten am 16.
-September wieder in Holland an.
-
-Die Resultate dieses ersten Versuches erschienen den Unternehmern
-keineswegs entmuthigend. Namentlich hielt man die Beobachtung Nay’s,
-daß er ein offnes Meer bis Tabin entdeckt habe, für so günstig, daß
-man sofort in dieser Richtung weiter zu gehen beschloß; aber man
-wollte sich den Eingang sichern und faßte schon den Plan ins Auge,
-die Nassaustraße durch Befestigungen zu sperren, damit man nicht mit
-fremden Nationen den Gewinn theilen müßte.
-
-So wurde ein zweites, noch größeres Geschwader, auf Staatskosten
-ausgerüstet „zur nördlichen Schifffahrt nach den Königreichen China
-und Japan“ (~opte navigatie benoorden om, naeden Coninckrycken van
-China ende Japan~).[555] Man war diesmal so fest überzeugt, das Ziel zu
-erreichen, daß man nicht blos die ansehnliche Zahl von sieben Segeln
-(je zwei von Amsterdam, Seeland und Enkhuizen und eins von Rotterdam)
-entsendete und theilweise mit Kaufmannsgütern für den Handel mit China
-befrachtete, sondern auch zwei kleineren Schiffen der Flotte den
-Auftrag ertheilte, die Nachricht von der erfolgten Umschiffung Tabins
-sofort nach den Niederlanden zurückzubringen. Cornelis Nay wurde wieder
-zum Oberbefehlshaber, Tetgales als zweiter Capitän und Barendsz. zum
-Obersteuermann ernannt. Linschoten, der bekannte Geschichtsschreiber
-dieser Nordostfahrten,[556] sowie Hermskerck und Rijp nahmen als
-Commissarien an dem Schiffszuge theil, dessen Ziel der von Polo’s
-Zeiten her bekannte Seehafen Quinsay (~haeven ende stadt van Guinsay~)
-war. Aber man hatte mit der Ausrüstung der großen Flotte so viel Zeit
-verloren, daß man erst am 2. Juli von Texel in See gehen konnte. Am
-10. August war man am Nordcap, am 17. stieß man schon auf Treibeis.
-Zwar gelang es noch am 24., durch die Nassaustraße ins karische Meer zu
-kommen; aber das dichte Eis trieb die Schiffe nach der Waigatschinsel
-zurück. Vergebens machte Barendsz. noch mehrere Versuche, den Eisgürtel
-zu durchbrechen, aber die Jahreszeit wurde immer ungünstiger und am 15.
-September mußte man schweren Herzens die Hoffnung aufgeben, vorwärts zu
-kommen. Man erfuhr zwar, daß die Russen noch über den Ob hinaus nach
-einem Flusse namens Gillissy (Jenissei) Handel trieben, aber man konnte
-ihnen wegen der vorgerückten Jahreszeit nicht mehr folgen.[557]
-
-Erst im November kamen die Schiffe nach Holland zurück. Aber die
-Unternehmungslust der Kaufleute war durch diesen Miserfolg keineswegs
-gedämpft. Namentlich Linschoten forderte zu neuen Anstrengungen auf
-und wies darauf hin, wie lange sich die Portugiesen abgemüht hatten,
-bis sie das Südende Afrika’s erreichten. Ihre Ausdauer sei glänzend
-belohnt. Eine nordöstliche Durchfahrt nach China und Indien bestehe
-ganz sicher, als Beweis führte er die Fahrten der Russen nach dem Ob
-und Jenissei an. Aber man kenne die Temperatur- und vor allem die
-Eisverhältnisse des Nordens noch nicht genügend, um die richtige
-Jahreszeit zu treffen. Er rieth daher, zeitig im Frühjahr zwei kleine
-Schiffe nach Waigatsch zu senden, welche dort das Aufbrechen des Eises
-abwarten sollten und dann den Spuren der russischen Lotjen nach dem
-Ob folgen könnten. Am Jenissei sollten dann die Schiffe überwintern,
-von den Anwohnern Erkundigungen einziehen und im nächsten Jahre ihre
-Reise fortsetzen. Die Generalstaaten freilich wollten neue Mittel für
-Schiffe nicht bewilligen; um jedoch die Unternehmungen nicht ganz
-fallen zu lassen, setzten sie eine Prämie von 25,000 Gulden auf die
-erste glückliche Vollendung der Fahrt nach China.[558] Dagegen faßte
-der Rath der Stadt Amsterdam den Beschluß, aus den Mitteln der Stadt
-zwei Schiffe von 50 bis 60 und 30 Lasten auszurüsten und darauf bis
-zu 12,000 Gulden zu verwenden.[559] Jan +Cornelis Rijp+ und Jacob
-Hendrichsz. +Heemskerck+ führten die Schiffe, +Barendsz.+ ging wieder
-als Steuermann mit. Am 18. Mai (neuen Stils) liefen sie von Vlieland
-aus, Rijp steuerte von den Lofoten nach Nordnordost, da er den Nowaja
-Semlja umlagernden Eismassen auszuweichen wünschte und fand so zunächst
-am 9. Juni die +Bäreninsel+,[560] so genannt, weil dort ein großer Bär
-erlegt wurde, und entdeckte am 17. Juni (nach Barendsz.’s Journal),
-indem er einen dermaßen nördlichen Cours einhielt, als ob er über den
-Pol segeln wollte, die Inselgruppe von Spitzbergen. Aber seine Versuche
-von hier aus, um die Westküsten nach der Nordseite vorzudringen,
-scheiterten an den unbezwinglichen Eismassen. Die Schiffe kehrten also
-nach dem Süden zurück und trafen am 1. Juli wieder an der Bäreninsel
-ein.[561] Hier trennten sich die beiden Schiffe: Barendsz. ging nach
-Nowaja Semlja, Rijp nördlicher, in der Absicht, auf der Ostseite von
-Spitzbergen von neuem den Weg über den Pol zu suchen. Aber er fand auch
-hier eine feste Eismauer, ging an deren Rande nach Westen und kam so
-zum zweitenmal nach Spitzbergen. Nun erst gab er seinen Plan auf und
-wandte sich auch nach Nowaja Semlja. Aber da der Sommer zu Ende ging,
-so gab er, ohne nach dieser Richtung noch etwas erreicht zu haben, den
-Kampf gegen das Eis verloren und kehrte über Kola nach Hause zurück.
-
-Barendsz. hatte inzwischen am 17. Juli Nowaja Semlja erreicht und war
-nach langer Arbeit im Eise endlich am 15. August so glücklich, über
-das Eiscap hinaus zu kommen und am folgenden Tage die nördlichste
-Spitze des Landes zu umsegeln. Aber im Nordosten wurde das Schiff vom
-Eise besetzt und mußte im „Eishafen“ überwintern unter 76° 7′ n. Br.
-Der Aufenthalt währte vom 26. August 1596 bis zum 14. Juni 1597. Man
-fand am Strande viel Treibholz, baute ein geräumiges Wohnhaus und
-verbrachte darin unter Leiden und Entbehrungen den Winter. Der Muth und
-die Ausdauer, mit welcher die Leute eine bis dahin unerhört strenge
-Ueberwinterung überstanden, erregte die allgemeinste Theilnahme. Die
-Reiseberichte wurden in alle Sprachen übersetzt, und so wurde diese
-letzte große holländische Polarfahrt zugleich die populärste. Als im
-Sommer 1597 die Schiffe aus ihrem Eisgefängniß nicht frei wurden,
-mußte man sie preisgeben und ging in offnen Böten um Nowaja Semlja
-herum zur Petschora. Fünf von der aus 17 Köpfen bestehenden Mannschaft
-starben; auch der edle Willem Barendsz. erlag während der Bootfahrt
-und fand auf dem neuen Lande sein Grab. Barendsz. war nicht blos ein
-liebenswürdiger, allgemein geachteter Charakter, er war auch ein
-gebildeter, ja ein gelehrter, der lateinischen Sprache sogar kundiger
-Seemann, der von Kindesbeinen an (~von sijne kintsche daghen aen~)
-eifrigst bemüht gewesen war, von allen Ländern, die er durchwanderte
-oder befuhr, Karten zu entwerfen.[562] Mit ihm sank gleichsam die
-Seele der Polarfahrten ins Grab. Sein Wahlspruch war gewesen: ~Niet
-zonder God~ (nichts ohne Gott). Mit dieser dritten Reise Barendsz.’s
-und mit seinem Tode hörten die energischen Versuche der Holländer,
-den Nordostweg nach China zu finden, auf.[563] Man mußte zugeben, daß
-die Lehren der Kosmographen von einem stets befahrbaren Polarmeere
-sich als irrig erwiesen hatten. Aber die Anstrengungen und Opfer waren
-doch nicht vergeblich gewesen, denn einerseits stand in dem Eismeere
-ein ergiebiger Walfang in Aussicht, andererseits -- und dies war weit
-höher anzuschlagen --, war das Nationalbewußtsein mächtig gehoben. Man
-verglich in Holland diese arktischen Reisen mit dem Argonautenzuge,
-oder gar mit Hannibals Uebersteigung der Alpen und mit Alexander des
-Großen Feldzügen.[564]
-
-Daß man die Nordfahrten vorläufig aufgab, hatte noch einen andern
-Grund. In demselben Jahre, als Heemskerck mit dem Rest seiner
-Mannschaft von Nowaja Semlja zurückkehrte, kam Cornelis Houtman mit
-der ersten Flotte von Indien zurück. Der alte Weg ums Cap der guten
-Hoffnung war sicher und brachte Gewinn, der Versuch, einen neuen Weg
-zu finden, hatte nur Opfer gefordert. Nachdem Spanien seit 1580 auch
-die Hand auf Portugal und seine Besitzungen gelegt, seitdem mit dem
-Untergange der berühmten Armada die spanische Oberherrschaft zur See
-erschüttert war, achteten weder England noch Holland mehr auf das alte,
-vom Pabst verliehene Monopol des indischen Handels, und nach Houtmans
-erfolgreichem Zuge blühte der Handel nach Indien dermaßen auf, daß
-bereits 1602 die holländisch-ostindische Compagnie ins Leben gerufen
-wurde. Man wandte also in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts
-sein Interesse dieser neuen Richtung zu; aber gerade in der Gründung
-dieser Handelsgesellschaft lag auch wieder der Keim und Anstoß, die
-Nordostfahrten wieder aufzunehmen; denn die niederländische Regierung
-hatte dieser ostindischen Gesellschaft ausschließlich das Recht
-ertheilt, ums Cap oder durch die Magalhãesstraße mit Indien Handel
-zu treiben. Alle nicht der Compagnie angehörenden Kaufherren waren
-ausgeschlossen, und diese eben suchten nun wieder „um den Norden herum“
-nach Ostasien zu gelangen.
-
-Fünf Jahre später nahm aber auch die moskowitische Handelsgesellschaft
-ihre seit 1580 abgebrochenen Entdeckungen wieder auf und entsandte
-1607 +Henry Hudson+ mit einem kleinen Fahrzeuge, um über den Nordpol
-den Weg nach Japan und China in nordöstlicher Richtung zu eröffnen.
-Hudson steuerte am ersten Mai von der Themse aus nach Nordwesten
-und stieß unter 67° n. Br. auf die Ostküste Grönlands. Von hier aus
-wollte er sich mehr und mehr nach Nordosten hinüberwenden. Die Küste
-des hohen Schneelandes lief anfänglich von Westen nach Osten, später
-von Süden nach Norden. Dieser Theil der grönländischen Küste ist auch
-gegenwärtig noch nur ungenügend bekannt. Er befuhr die Küste bis
-zum 70° und wandte sich dann nordöstlich nach Spitzbergen hinüber.
-Mit Sturm, Regen und mit dichten Nebeln kämpfend, welche in einem
-Zeitraum von drei Wochen (vom 2. bis 21. Juni) nur einmal der Sonne
-gestatteten, den Dunstschleier zu durchbrechen, kam er unerwartet
-am 22. Juni noch einmal, unter 72° 38′ n. Br. in die Nähe der hier
-nicht überall mit Schnee bedeckten, aber hochgebirgigen Küste von
-Grönland, bis er auf die Eisbarriere stieß, welche in der Regel das
-Meer zwischen Grönland und Spitzbergen überbrückt. Da er sah, daß
-sich das amerikanische Land viel weiter nach Osten erstreckte, als
-er nach seiner (auf Zeno basirenden) Karte annehmen durfte,[565] so
-ging er nun am Rande der Eismauer nach Spitzbergen hinüber, dessen
-Küste er am 27. Juni erreichte. Bis zum 13. Juli kreuzte er in dem
-Eise hin und her, wobei er die Höhe von 80° 23′ n. Br. erreichte.
-Dann drang er bis auf die Nordseite der Inselgruppe vor, vermuthlich
-bis zu den „Siebeninseln“, wo das Eis seiner Weiterfahrt ein Ziel
-setzte. Es gelang ihm also ebensowenig wie früher dem Holländer Rijp,
-Spitzbergen im Norden zu umsegeln. Er versuchte es dann noch auf der
-Südseite, mußte aber auch hier des Eises wegen am 27. Juli von seinem
-Vorhaben abstehen und kehrte nach England zurück. Wichtig wurde für
-die Folgezeit die Entdeckung zahlreicher Walfische, welche sich damals
-noch in dem friedlichen Meere von Spitzbergen tummelten. Im folgenden
-Jahre schickte die moskowitische Compagnie ihn zum zweitenmale aus,
-den Weg zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja einzuschlagen. Auch
-diese Reise blieb resultatlos, wahrscheinlich weil sie wieder zu früh
-im Jahre begonnen war. Hudson ging nämlich schon am 22. April die
-Themse hinunter zur See und erreichte Ende Mai die Höhe des Nordcaps.
-Unter 75° 29′ n. Br. gerieth er am 9. Juni ins Eis und mußte sich
-mühsam, nach Südosten zurückweichend, bis zur Küste von Nowaja Semlja
-durcharbeiten, welche er unter 72½° zu Gesicht bekam. Da er die Insel
-im Norden nicht umsegeln konnte, wandte er sich zur Waigatschstraße,
-aber wegen der in heftiger Strömung bewegten Eismassen wagte er sich
-nicht hinein und kehrte um. Am 26. August ließ er in Gravesend die
-Anker fallen. Es galt als eine besonders wichtige Wahrnehmung, daß
-das Klima von Spitzbergen unter 80° milder war, als bei Nowaja Semlja
-unter 76°, denn dadurch wurde die Theorie von dem offnen Polarmeere neu
-bekräftigt.
-
-Die niederländisch-ostindische Compagnie, welche, wie sie für den
-Handel ums Cap und durch die Magalhãesstraße bereits privilegirt
-war, auch noch die Nordoststraße für sich zu monopolisiren hoffte,
-gewann darum für 1609 den kühnen englischen Polarfahrer, um in ihrem
-Interesse den nordöstlichen Weg nach China zu finden. Daß diese dritte
-Reise Hudsons aber eine ganz andere Richtung nahm, ist bereits (S.
-515) berichtet. Trotzdem beschloß die ostindische Gesellschaft die
-Versuche fortzusetzen. Abgesehen von der durch Plancius vertretenen
-und verbreiteten Lehre, daß in der hohen Polarregion unter der
-monatelang ununterbrochen andauernden Bestrahlung durch die Sonne
-das Eis schmelzen und die Luft erwärmt werden, daher ein offenes
-Polarmeer entstehen müsse, erhielt die niederländisch-ostindische
-Handelsgesellschaft einen neuen Anstoß, den Weg über den Pol zu
-versuchen, durch ein merkwürdiges Werkchen eines deutschen Gelehrten
-Helisäus (Elisée) Röslin, Leibarzt des Grafen von Hanau, zu Buchsweiler
-im Elsaß, welcher in seinem „künstlichen, philosophischen Tractat:
-Mitternächtige Schiffarth“ nicht nur den Ansichten Plancius’
-beipflichtete, sondern sich auch bemühte, mit astrologischen Gründen
-zu beweisen, daß Gott die Entdeckung des Nordpols wolle. Dieses
-Werkchen sandte Röslin 1610 an die holländischen Generalstaaten.
-Dadurch angeregt, beschloß die Admiralität von Amsterdam 1611 zwei
-Schiffe auszusenden unter +Jan Cornelisz. May+ und Simon Willemsz. Cat,
-um über den Nordpol durch die Anianstraße nach China zu segeln. Sie
-versuchten zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja durchzubrechen, kamen
-aber des Eises wegen nicht über den 76° hinaus, und wandten sich daher
-nach der Ostseite von Amerika, dessen Küsten sie zwischen 47 und 42½°
-n. Br. befuhren. Im Februar des folgenden Jahres kehrte ein Schiff nach
-Amsterdam zurück. May machte in diesem Jahre noch einen Versuch, Nowaja
-Semlja zu umsegeln, aber er traf unter 77° wieder den unbezwinglichen
-Eiswall.[566] Es war also weder Engländern noch Holländern möglich,
-„um den Norden herum“ nach China zu kommen. Erst in den letzten Jahren
-1878 und 1879 ist diese ruhmreiche That auf dem schwedischen Schiffe
-Vega unter der Führung des kühnen Polarforschers Nordenskiöld und
-des tüchtigen Capitäns Palander gelungen, und Asien auch im Norden
-umschifft worden.
-
-Engländer und Holländer hatten sich nun schon über ein Menschenalter
-abgemüht, die starren Eismauern des Polarmeeres zu durchbrechen,
-ohne daß mehr als ein scheinbarer Erfolg in Bezug auf das erstrebte
-Endziel errungen wäre. Dagegen fanden sie theilweise Ersatz für
-den nicht unbedeutenden Kostenaufwand in der Jagd auf die großen
-Fischsäugethiere, Wale, Walrosse und Robben, welche namentlich bei
-Spitzbergen in großer Anzahl angetroffen wurden. Beide Nationen
-beanspruchten die alleinige Ausbeutung jener Jagdgründe und so
-entwickelte sich in den ersten Decennien des 17. Jahrhunderts ein
-lebhafter +Kampf um Spitzbergen+.
-
-Die Engländer erschienen zuerst auf dem Plan und schickten ihre Schiffe
-seit 1597 bereits nach dem hohen Norden, aber sie verstanden noch
-nicht, die Walthiere zu erlegen. Die Basken mußten ihre Lehrmeister
-werden, baskische Harpuniere wurden in Dienst genommen und gingen auf
-englischen Schiffen nach Spitzbergen. Der biskaische Wal (~Balaena
-Biscayensis~) ist zwar ausgestorben; aber daß die Basken schon seit
-langen Jahren den Walfang betrieben hatten, läßt sich wohl daraus
-schließen, daß Städte wie Guipuzcoa, Fuentarrabia u. a. einen Walfisch
-im Wappen führten.
-
-Häufiger wurden die Besuche der Engländer in der spitzbergischen See,
-seitdem 1608 Hudson auf den Reichthum an Walen in jenen Gewässern
-wieder aufmerksam gemacht. In den Jahren 1609 und 1610 erforschte
-Jonas Pool die ganze Westküste Spitzbergens. Im folgenden Jahre
-ertheilte König Jacob I. der moskowitischen Compagnie ein Privilegium,
-welches alle übrigen Seefahrer, einheimische sowohl als fremde von der
-Fischerei daselbst ausschloß. Trotzdem erschienen seit 1612 auch die
-Holländer an jener arktischen Inselgruppe, welche von ihren Landsleuten
-entdeckt war, um unter Anleitung baskischer Fangmänner (im Jahre 1613
-hatten sie zwölf derselben angeworben) an der Walfischerei sich zu
-betheiligen. Neben ihnen fanden sich auch baskische und französische
-Schiffe ein. Aber die Engländer waren entschlossen, die fremden
-Eindringlinge nicht zu dulden. Die moskowitische Gesellschaft schickte
-1613 sieben große Schiffe unter Capitän Benjamin Joseph und Baffin
-als Oberpilot nach Spitzbergen, welche rücksichtslos die fremden
-Fischer überfielen, ihnen den gemachten Fang wieder abnahmen oder sie
-verjagten, so daß nur ein holländisches Schiff mit seiner Beute entkam.
-Damit war der Krieg im Eismeere erklärt, welchen die Niederländer
-indes muthig aufnahmen. Die betheiligten Unternehmer vereinigten
-sich, um mit geschlossener Macht energischer auftreten zu können,
-1614 zu einer Handelsgesellschaft unter dem Namen der „+nordischen
-Compagnie+“ und erhielten von den Generalstaaten das Handelsprivilegium
-für den ganzen Norden, von der Davisstraße bis nach Nowaja Semlja.
-So standen die moskowitische und die nordische Compagnie kampfbereit
-einander gegenüber. Die Holländer blieben zwar im ersten Jahre, 1614,
-unbehelligt, denn ihre stattliche Flotte von 14 großen Schiffen war
-durch drei von den Generalstaaten zum Schutz beigegebene Kriegsschiffe
-gedeckt, so daß die Engländer, welche mit 13 Schiffen und zwei Pinassen
-erschienen waren, nicht wieder zu Gewaltthätigkeiten zu schreiten
-wagten. Aber die Briten hatten in den nächsten Jahren doch wieder die
-Oberhand. Indes ließen sich die Mitglieder der nordischen Compagnie
-nicht völlig verjagen. Um nun den unsicheren Zuständen, welche
-den Handel beider Parteien schädigten, abzuhelfen, versuchten die
-Holländer ein friedliches Abkommen zu treffen, welches nach jahrelangen
-Verhandlungen erst unter Karl I. 1627 zustande kam, wonach man die
-Fischereibezirke unter den Rivalen theilte: die Engländer fischten
-seitdem im Südwesten, die Holländer im Nordwesten von Spitzbergen.
-
- * * * * *
-
-Ueberblicken wir das Gesammtresultat aller Unternehmungen, welche
-von den europäischen Seemächten ins Werk gesetzt wurden, um das
-gemeinsame Ziel, Indien und die Gewürzländer, auf verschiedenen
-Wegen zur See zu erreichen; so sehen wir nur die beiden romanischen
-Völker, die Portugiesen und Spanier, jene ums Cap der guten Hoffnung,
-diese durch die Magalhãesstraße ans Ziel gelangen. Es waren also
-nur der südöstliche und der südwestliche Weg nach Indien offen
-gefunden. Die Spanier hatten außerdem auf dem Westwege in den reichen
-Bergländern des tropischen Amerika ein neues Indien entdeckt. Als
-die beiden Nebenbuhler, nach Umschiffung der halben Welt, an den
-beiden Gewürzinseln auf einander stießen, geriethen sie um den Besitz
-derselben in einen lebhaft geführten Streit, welcher 1529 durch einen
-Vertrag geschlichtet wurde, nach welchem die Portugiesen einstweilen
-die Molukken und den Gewürzhandel behaupteten.
-
-[Illustration: ~Facsimile der Molukken-Karte im Atlas des Diego Homen
-vom Jahre 1568. (Dresden, Königl. Bibliothek.)]
-
-Einen ganz andern Verlauf nahmen die Versuche der germanischen
-Seefahrer, der Engländer und Niederländer, im Nordwesten und Nordosten
-eine fahrbare Straße nach den asiatischen Tropenländern zu finden.
-Länger als ein halbes Jahrhundert setzten sie den Kampf mit dem Eise
-der Polarmeere fort, um schließlich, auf der Grenze zwischen den beiden
-hauptsächlich eingeschlagenen Bahnen, sich um den Besitz der
-Fischereien an den unwirthlichen Klippen von Spitzbergen zu befehden,
-bis auch hier, hundert Jahre nach dem Vertrage von Tordesillas, Friede
-geschlossen wurde. Welch ein Gegensatz! Dort unter den Romanen der
-Streit um die Gewürzinseln am Aequator, hier unter den Germanen der
-Kampf um die Eisfelder von Spitzbergen nahe am Pol. Aber die Gefahren
-im arktischen Meere, die stets erforderliche Wachsamkeit bei der
-Führung der gebrechlichen Fahrzeuge durch die Eislabyrinthe des hohen
-Nordens hatten die Kraft der germanischen Schiffer gestählt und ihr
-Selbstbewußtsein mächtig gehoben. Sie fühlten sich stark genug, um
-auch um den Besitz Indiens mit den Romanen zu ringen. Die Gründung der
-englischen und der holländischen ostindischen Handelsgesellschaften
-im Beginn des 17. Jahrhunderts eröffnete eine neue Aera des Kampfes
-um das alte vielumworbene Ziel Indien. Die Germanen blieben Sieger
-und theilten die Beute: England setzte sich in dem folgenden Zeitraum
-auf der Halbinsel von Vorderindien fest, die Niederländer gewannen
-die Sundawelt sammt den Molukken und haben bis heute diesen Besitz
-behauptet. --
-
-Um ein Bild von der Kenntniß jenes merkwürdigen und wichtigen
-Inselgebietes zu geben, so weit es gegen das Ende der portugiesischen
-Herrschaft in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bereits
-erforscht war, geben wir zum Schluß eine getreue Copie der Karte eines
-ausgezeichneten portugiesischen Kosmographen +Diego Homen+ vom Jahre
-1568. Das Blatt ist einem auf Pergament gezeichneten Atlas entlehnt,
-welcher sich im Besitz der königlichen Bibliothek zu Dresden befindet
-und noch nicht veröffentlicht ist. Es zeigt uns die hohe Entwicklung
-und die Eigenthümlichkeit der kartographischen Kunst in der letzten
-Hälfte des Zeitalters der Entdeckungen.
-
-
-
-
-FUSSNOTEN:
-
-
-[1] Vgl. +v. Richthofen+, China. I, 443.
-
-[2] Eine Ahnung davon verräth schon der merkwürdige Brief des
-Maximilian Transsilvanus über die Molukken und die Fahrt des Magalhaes,
-Oktob. 1522. Vgl. +Fr. Wieser+, Magalhaesstraße und Austral-Continent.
-Innsbruck 1881. S. 113.
-
-[3] +H. Kiepert+, Lehrbuch der alten Geographie. Berlin 1878. S. 44.
-
-[4] +F. v. Richthofen+, China. I, 469 ff.
-
-[5] +W. Heyd+, Geschichte des Levantehandels im Mittelalter. Stuttgart
-1879. I, 182.
-
-[6] +H. Kiepert+, Lehrbuch der alten Geographie. S. 222.
-
-[7] +K. Müllenhoff+, Deutsche Alterthumskunde. Berlin 1870. I, 73 ff.
-
-[8] Ebd. I, 211 ff.
-
-[9] Transscription und Uebersetzung zu dem Facsimile:
-
-~3. „Ohthere sæde his hlaforde, Ælfrede [cyninge], þæt he ealra
-Norðmanna norðmest bude. He cwæð þæt he bude on þæm lande norðeweardum
-wið ða west sæ^. He sæde ðeah þæt þæt land sy swyðe lang norð þanon;
-ac hit is eall weste, buton on feawum stowum, sticcemælum wiciað
-Finnas,--on huntaðe on wintra, and on sumera on fiscoðe be ðære sæ^: He
-sæde þæt he, æt sumum cyrre, wolde fandian hû lange þæt land norðrihte
-læge; oððe hwæþer ænig man be norðan þæm westene bude.“~
-
-Ohthere erzählte seinem Herrn, König Alfred, daß er nördlicher als
-alle Normannen wohnte. Er sagte, daß er wohnte in dem Lande im Norden
-an der Westsee. Er sagte ferner, daß das Land sich weit nach Norden
-erstrecke, aber es ist alles wüste, außer an wenigen Stellen, hie und
-da, wo Finnen sitzen, um im Winter zu jagen und im Sommer zu fischen
-in der See. Er sagte, daß er zu einer gewissen Zeit wissen wollte, wie
-weit das Land nordwärts läge, oder ob noch jemand nördlich von dem
-Wüstengebiet wohne.
-
-[10] +Jos. Bosworth+, ~A description of Europe and the voyages of
-Ohthere and Wulfstan, written in anglo-saxon by King Alfred the
-great. London MDCCCLV.~ Vergl. auf Seite 15 die Probe des angelsächs.
-Originals.
-
-[11] +A. Letronne+, ~Recherches geogr. et critiques sur le livre de
-Mensura Orbis Terrae par Dicuil.~ Paris 1814. Zweite Abtheilung. S. 38.
-39.
-
-[12] +Adam+, ~Hist. eccles. IV. cp.~ 39. Vgl. auch +J. G. Kohl+, die
-erste deutsche Entdeckungsreise zum Nordpol, in Bremisches Jahrbuch V,
-174-191.
-
-[13] +H. Major+, ~The voyages of Nic. & Antonio Zeno~ (~Hakluyt Soc.~
-1873) ~p. LXV.~ gibt 1406 als letztes Jahr an.
-
-[14] Vgl. die Kartenbeilage. Dieselben Länderumrisse erschienen schon
-auf Weltgemälden aus dem Ende des 15. Jahrhunderts und wurden von hier
-getreu in die genannte Ausgabe des Ptolemäus hinübergenommen.
-
-[Footnote 15: +H. Major+, ~Henry the Navigator, pp.~ 58. 59.
-
-[16] Abweichend von allen andern Seekarten jener Zeit ist Südafrika
-hier dargestellt, aber leider nur ein Phantasiegemälde, wie die
-charakterlosen Contouren beweisen.
-
-[17] ~The voyages of the Venetian brothers Nicolo & Antonio Zeno.~
-Ausgabe der Hakluyt Soc. London 1873. Man vgl. auch den Aufsatz von
-Prof. ~Dr.~ Hermann Vogelsang: Die Insel Friesland und die Reisen der
-Gebrüder Zeno im Ausland. 1872. S. 1162 bis 1168.
-
-[18] +H. Major+, ~l. c. Introd. p. 1. IX~.
-
-[19] Admiral Irminger, welcher im ~Journ. R. Geogr. Soc. 1879 p.
-398 sq.~ zu beweisen sucht, daß Zenos Frislanda Island sei, gibt
-zur Bestätigung obiger Thatsachen die nachstehenden Beobachtungen
-von seinem zweimaligen Besuche Islands in den Jahren 1826 und 1834.
-Irminger schildert die ehemalige Wohnung des berühmten Historikers
-Snorre Sturleson in Reikholt (1178-1241), welcher neben seinem Hause
-sich ein großes Badebassin erbaut hatte, zu dem das heiße Wasser
-einer nahen Quelle geleitet war. Die Anlage war so dauerhaft gemacht,
-daß man noch nach 600 Jahren dieselben hätte benutzen können. Auch
-erwähnt Irminger noch andere Vorkehrungen in Reikjadal, welche darauf
-abzielten, heißes Quellwasser zum Kochen zu benutzen. Der alte Bericht
-Zenos findet durch diese Wahrnehmung seine Bestätigung.
-
-[20] Ztschr. der Ges. f. Erdkunde. Berlin. Bd. IX, 279-314.
-
-[21] +Fr. Zarncke+, der Priester Johannes, in d. Abhdl. d. kgl. sächs.
-Ges. d. Wiss. phil.-hist. Cl. VII, 852.
-
-[22] Vgl. die beifolgende Karte.
-
-[23] +Pauthier+, ~Le livre de Marco Polo. 2 vol. Paris 1865~.
-
-[24] +H. Yule+, ~The book of Ser Marco Polo. 2 vol. 2. edit. London
-1875~.
-
-[25] Die New Welt der Landschaften vnnd Insvln etc. Straßburg 1534.
-Fol. 107.
-
-[26] Der Uebersetzer hat also auch Formosa wieder verdeutscht, wie man
-zur selben Zeit auch den Namen Christoph Columbus in Christoffel Dawber
-übertrug und seinen Titel „~admirante del mar~“ mit „Wunderer des
-Meeres“ übersetzte.
-
-[27] Die Abwesenheit der Vögel ist aber nur zeitweilig. Im Sommer sind
-vielmehr die Gewässer sehr belebt, wie es bereits um 644 p. C. der
-berühmte chinesische Reisende Hwen Thsang schildert.
-
-[28] „Auch kann es die Speisen nicht so weich kochen,“ fügen andere
-Handschriften von Polo’s Reise hinzu.
-
-[29] d. h. der ganze Uebergang über das Plateau.
-
-[30] M. Polo erwähnt den See Lop (Lopnor) nicht. Auch heute noch heißt
-der ganze +Landstrich+ Lopnor. Charakteristisch ist folgende Bemerkung
-Prschewalskys (Russ. Revue, XV, 568) Als wir in das erste am Tarim
-gelegene Dorf kamen, antwortete der Dorfälteste auf meine Frage: Ist
-es noch weit bis zum Lopnor? indem er mit dem Finger auf sich zeigte.
-„+Ich bin Lop-Nor+“.
-
-[31] Noch jetzt nennen die Eleuten des Alaschangebirges der Stadt
-Ning-Nia Yargai, was an Polo’s Egrigaia erinnert. Damals war der
-District wegen des Anbaus von Safflor (~carthamus tinctorius~) berühmt.
-
-[32] Ein türkischer Stamm.
-
-[33] Bei +Pauthier+, ~le livre de Marco Polo~. I, 220, +Sugdatu+, und
-unter dieser entstellten Form nicht identificirt.
-
-[34] Folgende Sitte des dortigen Volks mongolischen Stammes, welche
-Polo erwähnt, mag hier verzeichnet werden: „Dis Volck yßt roh fleisch,
-das bereyten sie vor also. Sie zertreybens vor klein, darnach thund
-sie öll vnd gute specerey dran, vnd essens dann also.“ Also ein echtes
-Beefsteak ~à la tatare~!
-
-[35] +H. Yule+ (II, 104) sucht Anin in dem Stamm des Volkes und in
-der Stadt Hon-hi oder Ngoming, jetzt Homi-tscheu. Andere Lesearten
-für dieses, den Geographen früherer Jahrhunderte unfindbare Länder
-sind Amu, Aniu, Ania, Anian. Aus Verlegenheit schoben die Kartographen
-diesen Namen nebst andern immer weiter nordwärts, bis in der Mitte des
-16. Jahrhunderts ein ~Fretum Anian~ die postulirte Meerenge zwischen
-der alten und neuen Welt im Nordosten Asiens bildete.
-
-[36] 60 = 1 Aequatorialgrad, 3-4 Li = 1 solche Meile.
-
-[37] Von den Arabern des Mittelalters vielbesuchter Hafen, den sie
-Kan-pu oder Khan-fu nennen.
-
-[38] Alle spätern Karten, welche auf Polo’s Angaben Bezug nehmen, haben
-das südchinesische Meer nach Kräften mit zahlreichen Inseln besäet.
-
-[39] Das Cap Comorin hat seinen Namen von skr. ~kumari~, d.
-h. Jungfrau, nämlich die Göttin Durga. Schon der Periplus des
-erythräischen Meeres und nach ihm Ptolomäus nennt das Κομαρια ακρον.
-
-[40] Vgl. +H. Yule+, Marco Polo. I, 103. Introd.
-
-[41] ~Hist. des Sc. Math. II~, 150.
-
-[42] Siehe S. 68.
-
-[43] Auch in Zayton entstanden christliche Kirchen. Dort waren um
-1326 als Bischöfe die Franziskaner Gerardus, Peregrinus und Andreas.
-Zu derselben Zeit trieben dort Genuesen Handel. +W. Heyd+, Gesch. d.
-Levantehandels. II, 221.
-
-[44] +H. Yule+, Cathay. I, 172.
-
-[45] +H. Yule+, Cathay. I, 75.
-
-[46] Lamori, bei Polo Lambri, ebenso bei malaiischen Schriftstellern,
-bei den Arabern Al-Rami, Ramin, Ramni, lag wahrscheinlich im
-nordwestlichen Theile der Insel Sumatra, zwischen Daya und Atschin. +H.
-Yule+, Cathay. I, 84.
-
-[47] Auf der catalan. Karte Cincalan, bei Marignolli Cynkalan, d. h.
-Großtschin oder Großchina.
-
-[48] 60 Meilen auf einen Aequatorialgrad gerechnet.
-
-[49] +v. Richthofen+, China. I, 617.
-
-[50] +H. Yule+, Cathay. I, 231-237.
-
-[51] Bei Ptolomäus Zaba und Zabae, möglicherweise Sanf oder Tschampa an
-der Ostküste Hinterindiens. +H. Yule+, M. Polo. II, 250.
-
-[52] +W. Heyd+, Geschichte des Levantehandels im Mittelalter. Stuttgart
-1879. II, 149.
-
-[53] +H. Yule+, Cathay. I, 311-394.
-
-[54] Nach +Richthofen+, China I, 614, ist der Tan-ho, ein Zufluß des
-Han gemeint, aber nicht, wie Yule noch annahm, der große Canal.
-
-[55] +Frdr. Kunstmann+, die Kenntniß Indiens im 15. Jahrhundert.
-München 1863. 13. 14. 39.
-
-[56] Nach dem Glauben jener Zeit war Babylon und Bagdad identisch;
-auch auf der catalanischen Karte lesen wir: ~Ciudad de Baldach, aci fu
-Babilonia la gran.~
-
-[57] Vielleicht das in Aman liegende Calhat.
-
-[58] +W. Heyd+, Gesch. d. Levantehandels. II, 360.
-
-[59] +W. Heyd+, der Reisende Niccolo de’ Conti. Ausland 1881, Nr. 25.
-+H. Yule+, M. Polo. II, 375.
-
-[60] +H. Yule+, M. Polo. II, 360.
-
-[61] Der malayische Archipel, deutsch von A. B. +Meyer+. Braunschweig
-1869. I, 104-107.
-
-[62] A. R. +Wallace+, der malayische Archipel. II, 360.
-
-[63] Conti ist der erste und einzige mittelalterliche Reisende, der auf
-der Rückkehr von Indien her seinen Weg durchs rothe Meer statt durch
-den persischen Golf nahm.
-
-[64] +Fr. v. Löher+, Canarische Reisetage, in der Allg. Zeitung 1876.
-Nr. 57 u. f.
-
-[65] R. H. +Major+, ~The life of Prince Henry of Portugal. London 1868.
-p. 314.~
-
-[66] Möglicherweise war der arabische Seefahrer Ibn Fatima einmal bis
-zum Cap Branco verschlagen, welches er als „glänzendes Vorgebirge“
-bezeichnet. (O. +Peschel+, Gesch. d. Erdkunde. 2. Aufl. S. 130). Auch
-hatte Bethencourt 1405 die Küste von Bojador (~port de Bugeder~),
-südlich neben dem Vorgebirge gelegen, erreicht. R. H. +Major+, ~The
-conquest and conversion of the Canarians by J. de Bethencourt (Hakluyt
-Soc. 1872) p. 180~.
-
-[67] Zur Erklärung dieses Horoskops diene folgendes: Die Astrologen
-bezeichneten mit dem Ausdruck „Haus“ ein sphärisches Zweieck (Winkel)
-am Himmelsgewölbe, im Thierkreise. Die zwölf Zeichen des Thierkreises
-waren aber als „Häuser“ derart an die sieben Planeten vertheilt, daß
-jeder Wandelstern zwei Häuser hatte, außer Sonne und Mond, denen nur
-eins zugewiesen war.
-
-
- Fig. 1.
-
- +------------------------------+ ♒ Wassermann
- | +--------------------------+ ♓ Fische
- | | +----------------------+ ♈ Widder
- | | | +------------------+ ♉ Stier
- | | | | +--------------+ ♊ Zwillinge
- ♄ ♃ ♂ ♀ ☿
- Saturn | | Merkur
- | Jupiter Venus |
- | | Mars | |
- | | | | | ☽ Mond -------+ ♋ Krebs
- | | | | | ☉ Sonne ------+ ♌ Löwe
- | | | | +---------------+ ♍ Jungfrau
- | | | +-------------------+ ♎ Wage
- | | +-----------------------+ ♏ Scorpion
- | +---------------------------+ ♐ Schütze
- +-------------------------------+ ♑ Steinbock
-
-Danach herrschte also die Sonne im Hause des Löwen, der Mond im Krebs,
-Merkur in den Zwillingen und in der Jungfrau, Venus im Stier und in der
-Wage, Mars im Widder und im Scorpion, Jupiter in den Fischen und im
-Schützen, und endlich Saturn im Wassermann und im Steinbock.
-
-Die Exaltation war anders vertheilt, und zwar:
-
-Fig. 2
-
- Thierkreiszeichen Herr des Hauses Exaltation
- bei Tage: bei Nacht: (größter Einfluß)
-
- ♈ ♂ -- ☉
- ♉ -- ♀ ☽
- ♊ ☿ -- ♌
- ♋ ☽ -- ♃
- ♌ ☉ -- --
- ♍ -- ☿ ☿
- ♎ ♀ -- ♄
- ♏ -- ♂ --
- ♐ ♃ -- ♌
- ♑ -- ♄ ♂
- ♒ ♄ -- --
- ♓ -- ♃ ♀
-
-Das ~Speculum astrologicum~ oder die Stellung der Gestirne war demnach
-bei der Geburt des Prinzen:
-
-Fig. 3.
-
- +-----------------+---+---+----+---+---+---+----+----+---+--+---+---+
- |Reihe der Häuser:| I | II| III| IV| V | VI| VII|VIII| IX| X| XI|XII|
- +-----------------+---+---+----+---+---+---+----+----+---+--+---+---+
- |Thierkreis: | ♈| ♉ | ♊ | ♋| ♌| ♍ | ♎ | ♏ | ♐| ♑| ♒| ♓|
- +-----------------+---+---+----+---+---+---+----+----+---+--+---+---+
- |Ascendente: | | | | | | | | | | | ♂ | |
- +-----------------+---+---+----+---+---+---+----+----+---+--+---+---+
- |Exaltation: | | | | | | | | | | | | ☉|
- +-----------------+---+---+----+---+---+---+----+----+---+--+---+---+
-
-Der Mars stand im Wassermann, der Wassermann ist das Haus des Saturn
-(siehe Figur 1) und ist das eilfte Haus, im zwölften steht die Sonne
-in Exaltation (vgl. Figur 2 erste Zeile). Das sind die Elemente dieses
-einfachen Horoskops, auf das man so großes Gewicht legte.
-
-[68] In der That ist es nur eine flache Sandzunge, welche ins
-Meer vortritt und von einem Riffe umgürtet ist, welches kaum eine
-deutsche Meile lang ist. Nur ungeschickte Küstenfahrer konnten davon
-zurückgeschreckt werden.
-
-[69] Studien über das Klima der Mittelmeerländer. Gotha 1879. S. 25 im
-Ergänzungsheft Nr. 58 der „Mittheilungen“.
-
-[70] +Fr. Kunstmann+, Die Handelsverbindungen der Portugiesen mit
-Timbuktu im XV. Jahrh. d. Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. VI., I.
-Abthl. 178.
-
-[71] ~e la costa è tutta terra bassa, copiosa di bellissimi e
-grandissimi arbori verde.~
-
-[72] ~tutta bagnata di molte riviere e fiumi piccoli.~
-
-[73] Ein Italiener war sogar bis Timbuktu vorgedrungen (+Peschel+,
-Geschichte der Erdkunde. 2. Auflage. 190).
-
-[74] +Peschel+, Zeitalter der Entdeckungen. 2. Auflage. S. 55.
-
-[75] H. +Major+, ~Prince Henry. 277 et seq.~
-
-[76] ~Margarita phil. Basil. 1508. Lib. VII. Cap. XLII.~
-
-[77] Der von Regiomontan erfundene Jakobsstab oder Kreuzstab bestand
-aus einem längeren graduirten Ellenstabe mit verschiebbarem kürzerem
-Querholz. Das Ende des Ellenstabes brachte man beim Visiren möglichst
-nahe vors Auge und schob dann das Querholz so weit, bis das eine,
-untere Ende den Horizont, das obere den Stern, dessen Höhe man messen
-wollte, berührte. In ähnlicher Weise konnte man auch den Abstand eines
-Sternes vom Monde messen. Wollte man Sonnenhöhen messen, so brachte man
-farbige Gläser an dem Querholze an, um das Auge zu schützen. Dieses
-Instrument bürgerte sich bald bei allen seefahrenden Nationen ein
-und hieß bei den Portugiesen ~balestilha~, bei den Spaniern ~baculo
-de Santiago~ (Jakobsstab), bei den Engländern ~cross-staff~, bei den
-Holländern ~graedboog~. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts war er
-noch allgemein in Gebrauch.
-
-[78] Auf unseren Karten gewöhnlich C. Montserrado.
-
-[79] In der neuesten Zeit hat die portugiesische Regierung die Pfeiler
-wieder aufsuchen und ihre Stätte fixiren lassen.
-
-[80] Die Karten Juans de la Cosa (1500) und S. Cabots (ca. 1525)
-verlegen die Manga das Areas, den äußersten Punkt der Fahrt, nördl. v.
-C. Negro.
-
-[81] Die +Astrolabien+ dienten bereits bei den Griechen des Alterthums
-und bei den Arabern des Mittelalters zur Messung der Sternhöhen, d.
-h. des Winkels vom Horizont bis zur momentanen Stellung des Gestirnes
-(der Sonne, des Mondes). Einer unter den arabischen Astronomen, Ali
-ben Isa (um 833), erhielt sogar den Beinamen ~al astralabi~, der
-Astrolabienmacher, weil seine Instrumente besonders geschätzt und
-über das ganze mohammedan. Reich verbreitet waren. Die europäischen
-Gelehrten entlehnten bereits seit dem 11. Jahrhundert das Instrument
-von den Arabern. Dasselbe bestand in seiner einfachen Form aus einem
-großen Kreisbogen von Holz, in dessen Mitte um einen Zapfen sich ein
-Winkelzeiger (arab. Alidad) drehte, welcher an beiden Enden mit feinen
-Visirlöchern versehen war. Wenn das Instrument aufgehängt war, zeigte
-der eine Durchmesser des Kreises die horizontale Linie an, während der
-andere Durchmesser die verticale Richtung erhielt. Da der Holzkreis in
-Grade abgetheilt war, ließ sich durch die genaue Richtung des Alidad
-auf den Stern der Höhenwinkel auf dem graduirten Kreise ablesen.
-Regiomontan ließ in seiner Werkstatt in Nürnberg diese Instrumente
-verbessern und aus Metall herstellen und wahrscheinlich machte Martin
-Behaim die Portugiesen mit denselben bekannt. Gewiß ist, daß alle
-großen Seefahrer: Columbus, Gama, Magalhães sich der von den Deutschen
-verbesserten Instrumente bedienten.
-
-[82] Gaspar Correa, Lendas da India. I, 5 (Lisboa 1858) nennt ihn
-Gonçalo de Pavia und bezeichnet ihn als eingeborenen Canarier.
-
-[83] geboren um 1469 in Sines.
-
-[84] +Henry E. J. Stanley+, ~The three voyages of Vasco da Gama and his
-Viceroyalty. From the Lendas da India of Gaspar Correa. London (Hakluyt
-Soc. MDCCCLXIX. p. VI.)~ Bei der folgenden Darstellung ist dieses Werk
-vielfach benutzt.
-
-[85] +Osorio+ gibt an, die Helenabai und der Jacobusfluß seien nach
-dem Heiligentag benannt, St. Helena fällt auf den 18. August, Jacobus
-noch früher. Wenn nach Barros die ganze Fahrt bis dahin etwa 5 Monate
-gedauert, dann fällt die Ausfahrt auf die von Correa angegebene Zeit,
-in den März. Die Landung im August stimmt auch mit den Angaben der
-Winterzeit und den kurzen, dunklen Tagen. Die Dublirung des Caps müßte
-danach vor dem 20. Nov. (Castanheda) oder 22. Nov. (Barros) fallen.
-
-[86] Barros gibt irrthümlich den 7. April an, vgl. +H. E. J. Stanley+,
-~Vasco da Gama. p. 111. Note 1~.
-
-[87] Diese Darstellung nach Correa scheint der Wahrheit mehr zu
-entsprechen als die Angabe Barros, der Mann sei ein Araber aus Tunis
-gewesen, der in Oran mit den Portugiesen verkehrt habe. Denn es klingt
-nicht wahrscheinlich, daß ein geborner Mohammedaner sollte seine
-Glaubensgenossen verrathen und, wie von allen Seiten berichtet wird,
-später den christlichen Glauben angenommen haben.
-
-[88] Namentlich stehen sich Barros und Correa gegenüber. Wenn man
-jedoch die (von Correa +vor+ die Audienz verlegte) Gefangennahme Gama’s
-als eine Folge der offenen Aussprache des Capitäns in Gegenwart des
-Samorin auffaßt, und sie +nach+ der Audienz als eine eigenmächtige
-Maßnahme der mohammedanischen Partei annimmt, lassen sich die Berichte
-bis auf einen gewissen Punkt vereinigen.
-
-[89] Barros läßt die Fahrt vor Eintreten des Monsuns beginnen, in Folge
-dessen die Schiffe, durch Windstille und Gegenwinde aufgehalten, viel
-Mannschaft verloren, da bei der langen Dauer der Fahrt Mangel an Wasser
-und frischen Lebensmitteln eintrat. Allein es ist wahrscheinlicher, daß
-Gama, da er einmal von Kalikut vor der Monsun-Zeit aufbrechen mußte,
-nordwärts segelnd, den günstigen Fahrwind bei den Andjediven abwartete,
-als daß er gegen den Rath der Piloten sich zu früh über den Ocean
-gewagt.
-
-[90] Correa’s Bericht erscheint auch hier in sich correct. Wie er die
-Flotte erst nach dem Auftreten des Monsun von der indischen Küste
-Abschied nehmen und mit günstiger Fahrt rasch nach Afrika gelangen
-läßt, ungehemmt durch Gegenwinde und Windstille, deren drückende
-Schwüle nach den Angaben der anderen Historiker die Ursache der
-zahlreichen Todesfälle unter dem Schiffsvolk gewesen sein soll, so
-daß in Folge dessen die Mannschaft zur Bedienung dreier Schiffe nicht
-mehr ausreichte, so weiß er auch nichts von dem nothwendig gewordenen
-Aufgeben des dritten Schiffes. Und dabei beruft er sich grade hier,
-wo er die Rückfahrt schildert, auf die authentischen Berichte des
-Geistlichen João Figueira, welcher als Augenzeuge seine Erlebnisse
-niederschrieb.
-
-[91] Als Tag der Ankunft nennen Barros und Goes den 29. September,
-Correa den 18. September. Den Monat September gibt, ohne Tagesangabe,
-auch Castanheda an.
-
-[92] Cruzado = 2,75 Mark.
-
-[93] Der Quintal Pfeffer galt damals in Lissabon 80 Cruzados, Zimmt
-180, Näglein 200, Ingwer 120, Muskatnuß 100, Mazis 300 Cruzados.
-
-[94] +P. A. Thiele+, ~De vestiging der Portugeezen in Indië, (zie de
-Gids 1873. no. 8)~ Bl. 15. Anm. 1. führt das Auftauchen des Namens
-Brasilien bis ins Jahr 1504 zurück.
-
-[95] +G. Correa+, Lendas I, 152 nennt den Capitän +André Gonsalvez+,
-der in der Liste des Barros unter den Führern der dreizehn Schiffe
-nicht mit aufgeführt ist. Werthvoll ist aber die Angabe Correa’s, weil
-er hinzufügt, derselbe Gonsalvez sei von König Manuel sofort mit einer
-zweiten Fahrt nach Brasilien beauftragt. Dies würde die Expedition
-sein, an welcher Vespucci theilnahm, und von der man bisher den Namen
-des Capitäns nicht kannte.
-
-[96] +F. Kunstmann+, die Fahrt der ersten Deutschen nach dem
-portugiesischen Indien. München 1861. S. 2.
-
-[97] +B. Greiff+, Tagebuch des Lucas Rem aus den Jahren 1494-1541.
-Augsburg 1861, mitgetheilt im 26. Jahresberichte des Histor.
-Kreisvereins im Regierungsbezirk von Schwaben und Neuburg.
-
-[98] +Kunstmann+, a. a. O. S. 6.
-
-[99] Ebenda. S. 8.
-
-[100] Es war das Schiff des Sancho de Toar, von der Flotte Cabrals,
-welches 1501 hier gescheitert war.
-
-[101] Tagebuch S. 8.
-
-[102] ~The travels of Ludovico di Varthema, translated from the
-original edition of 1510 and edited by G. P. Badger (London, Hakluyt
-Soc. 1863).~ Eine deutsche Uebersetzung findet sich bereits in: „Die
-New Welt der Landschaften vnnd Insvln, etc.“, Straßburg 1534, Fol. 58 u.
-f. Eine lateinische Uebersetzung gab vorher Grynäus in seinem „~Novus
-orbis regionum ac insularum~“, ~Basil. 1532, fol. 189~ u. f.
-
-[103] Diese und die Abbildung auf nächster Seite ist entnommen
-(Facsimile in ⅓ der Breite des Originals) aus: +Linschoten, Itinerarium
-ofte Schipvaert naer Oostofte Portugaels Indiën. Amsterdam 1614.+
-
-[104] +N. de Gray Birch+, ~The Commentaries of the great Afonso
-d’Alboquerque. London, (Hakluyt Soc.) 1875. Vol. I. 225.~
-
-[105] Vollständig wiedergegeben in den ~Commentaries of the great A.
-d’Alboquerque~. I, 227. 228.
-
-[106] ~Dec. II. liv. III. cap. 9.~
-
-[107] ~Dec. II, 4. 3. que usam vestir panno et outras cousas a nosso
-modo.~
-
-[108] Ajuthia liegt nördlich von Bangkok am Menam. Sie war damals nicht
-blos die prächtige Residenz der Könige, sondern auch eine belebte
-Handelsstadt, in deren Hafen sich Schiffe aller ost-asiatischen
-Nationen, selbst der Japaner einfanden. Sie wurde 1555 zuerst vom
-Könige von Pegu zerstört und nach ihrem Wiederaufbau zum zweitenmale
-vom Könige von Birma 1767 vernichtet, so daß nur jene Ruinen übrig
-blieben, „die in einer Wildniß wuchernden Gestrüppes noch jetzt von der
-einst berühmten und glänzenden Residenz zeugen und in ihren gebrochenen
-Pagoden, von dichtem Epheu umflort, über die verwaiste Stadt zu klagen
-scheinen, die später wieder neben ihnen aufgebaut wurde, aber ihren
-Herrschersitz verlor“. +A. Bastian+, die Geschichte der Indochinesen.
-Leipzig 1866. S. 369. 371. 382.
-
-[109] +Osorio+, ~de rebus Emmanuelis. Colon. 1586 p. 264^b. Elephantus
-accessit et ter genibus flexis et demisso corporis habitu venerabundus
-illum salutavit, quod non mediocrem admirationem spectantibus incussit.~
-
-[110] Dagegen rühmt Osorio das milde Klima und die herrliche Gegend.
-~Coeli temperies et regionis amoenitas.~ A. a. O. S. 191.
-
-[111] Die Commentarien Albuquerques. ~Hakluyt Soc. 1875. III. 259. 264.~
-
-[112] +Osorio+, ~de rebus Emmanuelis. Colon.~ 1586. S. 205^b.
-
-[113] +de Barros+, ~Asia. Dec. II. 7. 6.~
-
-[114] +de Barros+, ~Asia. Dec. II. 7. 7. Como El Rey D. Manuel per
-+muitas vezes+ lhe tinha escrito que trabalhasse por entrar no mar
-Roxo, e que pelas cartas da quelle anno lhe mandava +estreitamente+ que
-o fizesse, se o já não tinha feito.~
-
-[115] Beschreibung von Arabien. Kopenhagen 1772. S. 230.
-
-[116] +Osorio+ a. a. O. S. 285^b.
-
-[117] Der Geheimsecretär Pereira hatte vor allem verlangt, Goa wieder
-aufzugeben und war deshalb mit Albuquerque zerfallen. Nach Portugal
-zurückgeschickt, hatte er auch dort fortwährend die falsche Ansicht
-verbreitet, Albuquerque gebe die Herrschaft auf der See auf, um die
-Portugiesen hinter ungesunden Mauern sterben zu lassen. +Osorio+, S.
-252.
-
-[118] ~Pois estou mal ante elle (El Rey) por amor dos homens, e mal com
-os homens por amor d’elle.~ +G. Correa+, Lendas II, 458.
-
-[119] Es war ein natürlicher Sohn, Albuquerque war nie vermählt. Manuel
-befahl später, daß er den Vornamen seines Vaters, Alfons, annehmen
-solle. +G. Correa+, Lendas II, 461.
-
-[120] Lendas II, 460.
-
-[121] Commentarien III, 137. Aehnlich auch de Barros.
-
-[122] ~De rebus Emmanuelis p. 306^b.~
-
-[123] +Barros+, ~Asia. Dec. III, lib. 3. cap. 1. Parece que toda a
-fortuna delle Lopo Soares estava em ir, e vir com sua frota, e boa
-carga de especiaria.~
-
-[124] Der Grund, weshalb Nuno nicht mehr Hilfe gesendet, lag darin,
-daß bereits im September Garcia de Noronha als sein Nachfolger im
-Amte eingetroffen war. Dieser aber brauchte zu viel Zeit für seine
-Vorbereitungen, so daß dieselben schließlich überflüssig wurden.
-
-[125] +P. A. Tiele+, ~Nuno da Cunha in het Oosten (overgedrukt uit „de
-Gids“ 1879, No. 8)~ S. 48.
-
-[126] +A. R. Wallace+, der malayische Archipel, deutsch von +A. B.
-Meyer+. I, 2. Braunschweig 1869.
-
-[127] A. R. +Wallace+, a. a. O. II, 1 u. 2.
-
-[128] +Wallace+, a. a. O. II, 4 u. 24.
-
-[129] +Navarrete+, ~Coleccion de los viajes y descubr. tom V. p.~ 435.
-Madrid 1837.
-
-[130] +Barros+, ~Asia. Dec. III., lv. V. p.~ 6.
-
-[131] +A. R. Wallace+ a. a. O. I, 408 ff.
-
-[132] +Navarrete+, ~l. c. V~, 435. 437. 438.
-
-[133] +Wallace+ a. a. O. I, 417 ff.
-
-[134] +H. Kiepert+, Lehrbuch der alten Geographie. S. 42.
-
-[135] +Plinius+, ~hist. nat. VI. Extra ostium Indi Chryse et Argyre
-fertiles metallis, ut credo. Nam quod aliqui tradidere, aureum
-argenteumque iis solum esse, haud facile crediderim.~ -- +Pomp. Mela+,
-~de situ orbis VII, 7~. ~Ad Tamum~ (ein unbestimmbares Vorgebirge)
-~insula est Chryse, ad Gangen Argyre, altera aurei soli (ita veteres
-tradidere), altera argentei; atque ut maxime videtur aut ex re nomen,
-aut ex vocabulo fabula est~. -- ~+Solinus+, ed. Mommsen, p. 266, 11.~
-~Extra Indi ostium sunt insulae duae Chryse et Argyre adeo fecundae
-copia metallorum, ut plerique eas aurea sola habere prodiderint et
-argentea.~ -- +Isidor+, ~Etymolog. XIV, cap. 3. Chryse et Argyre auro
-et argento fecundae. Hi sunt et montes aurei, quas adire propter
-dracones et gryphos et immensorum hominum monstra impossibile est.~ --
-~+Ravennatis+ Cosmogr. ed. Pinder et Parthey p. 419. 420. In Oceano
-vero Indio sunt diversae insulae: Argire... Item est insula in eandem
-partem in eodem Oceano, quae dicitur Chrisi, id est aurosa.~ --
-+Hrabanus Maurus+, ~De Universo XII, 5~. ~Crysae et Argyrae insulae in
-Indico oceano dictae.~ -- +Hugo von St. Victor+, ~Excerpt. prior. III,
-cap. 7. Argyria, Chrysa.~ -- +Petrus de Alliaco+, ~Imago mundi, cap.
-XV~. ~Crisa et Argire auro et argento fecundae.~
-
-[136] +J. V. Zingerle+, Eine Geographie aus dem 13. Jahrh. Wien 1865.
-
- S. 10. ~Agyrâ und Agyrê,
- die zwô grôzen inseln rîch,
- die ligent ouch dâ wunniklîch.
- si sint nâch alles wunsches kraft
- zu allen zîten berehaft,
- dâ naht und tag und alle frist
- daz lant ungebûwen grüen ist,
- und der erden blüende fruht,
- mit grôzer rîlîcher genuht
- gebernt die insel alliu zil
- goldes unde silbers vil,
- des ist mit grôzer rîcheit dâ,
- vil mêr, dann iender anderswâ.~
-
-
-[137] +Barros+, ~Dec. III. C. 3. 3. cento et tantas leguas.~
-
-[138] +G. Correa+, ~Lendas III~, 240.
-
-[139] +G. Correa+, ~Lendas IV~, 306.
-
-[140] Dritte Auflage. 1571.
-
-[141] +K. v. Weber+, Anna Kurfürstin von Sachsen. Leipzig 1861. S. 332.
-
-[142] ~Informação da aurea Chersoneso ou Peninsula e las ilhas
-Auriferas etc.~
-
-[143] +P. A. Tiele+, ~de voorgewende ontdekking von Australie (Nieuw
-Holland) door de Portugeezen in 1601, overgedruckt uit de Nederlandsche
-Spectator 1875.~ -- +E. T. Hamy+, ~Le descobridor Godinho de Eredia, im
-Bulletin soc. geogr. Paris. Juin 1878. p. 311-442.~
-
-[144] +P. A. Leupe+, ~Reize von Maarten Gerritss. Vries in 1643.~
-Amsterdam 1858. Einleitung. S. 1-5. 24. 27.
-
-[145] +Barros+, ~Asia, Dec. III. liv. I, 8~.
-
-[146] Diese Insel, welche bei den Portugiesen Tamao oder Sancian
-genannt wird, heißt chinesisch San-tschuën, auf den europäischen
-Seekarten St. John und liegt südwestlich von der Mündung des Si-kiang,
-in dessen Gebiet die bekannte Handelsstadt Kanton gelegen ist.
-
-[147] +Barros+, ~Asia, Dec. III, liv. 2. 8~.
-
-[148] +Barros+, ~Asia, Dec. III, liv. 6. 1~.
-
-[149] ~Peregrinaçam de Fernam Mendez Pinto. Lissabon 1614.~
-
-[150] v. +Richthofen+, China. I, 647.
-
-[151] +Theobald Fischer+, Ueber italienische Seekarten und Kartographen
-des Mittelalters, in Zeitschr. d. Gs. f. Erdk. zu Berlin. Bd. XVII. S.
-5 u. folg.
-
-[152] Ueber das Geburtsjahr des Entdeckers von Amerika, im „Ausland“
-1866. S. 1177-81.
-
-[153] +M. F. de Navarrete+, ~Coleccion de los viajes y descubrimientos.
-tom. I. p. 311~.
-
-[154] +Navarrete+ I, 285.
-
-[155] +Navarrete+ I, 101.
-
-[156] Daß hier eine litterarische Fälschung vorliegt, wird jetzt
-allgemein angenommen.
-
-[157] ~Année veritable de la naissance de Christophe Columbe, im Bull.
-de la Soc. d. Geogr. Paris 1872. Juillet.~
-
-[158] +Navarrete+, welcher der Ansicht war, Columbus sei 1436 geboren,
-substituirte die Zahl 48. ~Colleccion de los viajes y déscabr. I, LXXX.~
-
-[159] +Harrisse+, ~D. Fernando Colon, historiador de sa padre.~ Sevilla
-1871. +Schumacher+, Peter Martyr S. 94.
-
-[160] +d’Avezac+ ~l. c. p. 32~. Möglicher Weise beruht auch die
-Angabe Pavia auf einem Druckfehler der „~Vida~“, wie solche mehrfach
-vorkommen, und man müßte statt dessen lesen ~patria~, wonach Col. seine
-Studien in seiner Vaterstadt gemacht.
-
-[161] Kolno, ein kleiner Marktflecken im nördl. Polen, in Masovien,
-nahe der preußischen Grenze, südlich von Johannisburg. In latinisirter
-Form wird der Entdecker Johannes Scolnus (~i. e. zKolna~, von Kolno)
-genannt.
-
-[162] +J. Lelewel+, ~Géographie du moyen age. Tom. III. et IV. No. IV.
-p. 106.~
-
-[163] +Th. Fischer+, Ueber italienische Seekarten und Kartographen des
-Mittelalters. S. 42.
-
-[164] +Humboldt+, Kritische Untersuchungen. I, 415. +Th. Fischer+ (a.
-a. O. S. 34) vermuthet B. Beccario als Verfasser.
-
-[165] +Th. Fischer+ S. 34.
-
-[166] Doch irrt Humboldt (krit. Untersuchungen I, 82) wenn er meint,
-d’Ailly kenne den Namen Catthay nicht. Derselbe findet sich neben
-andern modernen Ländernamen Asiens in der Imago Mundi Cap. XXIIII.
-
-[167] d’Ailly nahm die folgende Zusammenstellung fast wörtlich aus
-+Roger Bacon+, ~opus majus p. 183~.
-
-[168] +d’Avezac+, ~Année veritable de la naissance de Christophe
-Colombe. p. 50~.
-
-[169] +Navarrete+ ~l. c. p. lxxix~. Hierbei mag erwähnt werden, daß
-vielleicht auch Leonardo da Vinci schon vor Toscanelli mit Columbus
-in Verbindung getreten und zu dem Plane, Indien im Westen zu suchen,
-angeregt hat. Leonardo da Vinci, ebensowohl ausgezeichnet als Physiker,
-Ingenieur, Architekt und Musiker, wie als Maler, soll 1473 einen Brief
-an Columbus gerichtet haben, worin er sich über die Wahrscheinlichkeit
-ausspricht, Orient-Indien auf dem intendirten Wege zu erreichen. (~Dr.~
-+H. Grothe+, Leonardo da Vinci. Berlin 1874. S. 20.) Daß wir von
-Leonardo auch eine sehr interessante Erdkarte aus den Jahren 1514-16
-besitzen, wird später besprochen werden.
-
-[170] Toscanelli starb im Mai 1482.
-
-[171] ~Bibliotheca Americana vetustissima, Additions. Paris 1872.
-Introduction p. XVI-XVIII.~
-
-[172] Wahrscheinlich ist Nicolo de Conti gemeint (S. 77).
-
-[173] Nach der falschen Erklärung Marco Polos. Vgl. oben S. 65.
-
-[174] Kritische Untersuchungen I, 205 ff.
-
-[175] Zeitalter der Entdeckungen. 2. Aufl. S. 101 ff. Peschel rechnete
-folgendermaßen. Da 60 oder 62½ Milliarien 1 Aequatorialgrad betragen,
-so nahm Toscanelli für die Breite von Lissabon rund 50 Millien an.
-Folglich ist ein Spatium von 250 Millien = 5 Meridiangrade. Allein
-diese Rechnung ist zu unsicher. Denn nehmen wir die Lage Lissabon, nach
-den alfonsinischen Tafeln von 1483 zu 41° n. Br. an, so beträgt der
-Abstand von einem Meridian zum andern 45⅓ resp. 48⅓ Millien, je nachdem
-man 60 oder 62½ Millien einsetzt. Ein Spatium von 5 Graden würde
-demnach entweder 226⅔ oder 241⅔ Millien ausmachen. Da aber Toscanelli
-keinesweges behauptet, daß unter der Breite von Lissabon ein Spatium =
-250 Mill. sei, sondern nur sagt, daß das Kartenblatt von Lissabon bis
-Quinsey in 26 Spatien eingetheilt sei, davon jedes auf 250 Mill. zu
-berechnen sei, so kann er ebensogut den Aequatorialwerth des Spatiums
-eingesetzt haben, ohne sich auf eine genaue Berechnung der Werthe für
-bestimmte geographische Breiten einzulassen. Nun begegnen wir um die
-Wende des 15. und im Anfange des 16. Jahrhunderts noch mehrfachen
-Schwankungen in den Angaben des Erdumfanges. Man hielt zwar an der
-Autorität des Ptolemäus fest, welche 180,000 Stadien für die Länge
-des Aequators angibt; allein die Bestimmung der Länge des Stadiums
-wurde verschieden versucht, bald nahm man 8, bald 8⅓ Stadien für eine
-römische oder italienische Millie. Neben der verbreiteten Angabe
-von 21,600 ital. Milliarien für die Länge des Aequators finden wir
-mehrfach auch die etwas größere Ziffer 22,500 röm. Mill. (G. +Reisch+,
-~Margarita, lib. VII, tract. I. cp. 44~ und +P. de Mexia+, ~Silva
-de varia leccion, pars III. cp. XVIII, p. 118. verso~). Nach dieser
-Annahme ist ein Spatium von 250 Mill. genau 4 Grad. Nach der Ansicht
-Toscanelli’s betrug also der Abstand von Europa nach Asien 26 Spatien
-zu 4 Grad, d. h. 104 Grad. Es ist, fügt er in seinem Briefe hinzu,
-ungefähr ein Drittel des Erdumfangs, und gleichsam um dieses Maß noch
-etwas abzumindern, setzt er zum Schluß die Bemerkung, daß der Weg durch
-das unbekannte Meer nicht gar zu groß sei, so daß man daraus abnehmen
-darf, daß er den Weg eher geringer als ⅓ des Umfangs der Erde schätzt.
-Wenn Toscanelli ferner angibt, daß der Abstand von Antilia nach Zipangu
-10 Spatien betrage, also nach unserer Rechnung 40 Grade, so stimmt
-das mit dem Globus Behaims sehr gut überein. Wie überhaupt die ganze
-Darstellung Ostasiens und der davor gelagerten Inseln auf dem Globus
-gewiß den Anschauungen Toscanelli’s entlehnt ist, denn Behaim konnte
-bei seiner einflußreichen Stellung in Portugal sicher Gelegenheit
-gefunden haben, die Karte Toscanelli’s und sein Project genau zu
-prüfen, und adoptirte dessen Darstellung. Auch noch eine andere
-Karte, welche sich in der römischen Ausgabe des Ptolemäus von 1508
-befindet und von Ruysch entworfen ist, zeigt die nämliche Configuration
-Ostasiens und der Inseln, so daß beide Darstellungen unzweifelhaft auf
-Toscanelli zurückzuführen sind. Daß man auf der Behaim’schen Karte die
-Route des Columbus und dessen Ideen über die Localitäten, zu denen er
-gekommen zu sein meinte, recht gut verfolgen kann, werden wir später
-zeigen.
-
-[176] ~Dec. I. liv. III. cp. XI.~ Anders und weitaus günstiger stellt
-+Muñoz+ (Geschichte der neuen Welt, II, 19) die Auffassung des Königs
-dar. Er habe, gegenüber dem abfälligen Bescheid der Commission, die
-Gründe des Columbus leidenschaftslos gewürdigt und würde einen Vertrag
-mit demselben abgeschlossen haben, wenn dieser nicht so übermäßig hohe,
-in Portugal ganz unerhörte Forderungen, ähnlich wie später in Spanien,
-gestellt hätte. Und nur hieran sei die Ausführung gescheitert. Man
-muß in der That die Kühnheit und Festigkeit des Genuesen bewundern,
-der obwohl arm und mittellos, doch nur um den höchsten Preis sich zu
-der Ausführung eines Unternehmens erbot, von dessen Gelingen er in
-innerster Seele überzeugt war. Der König Johann von Portugal war nach
-den bisher bei den Entdeckungsfahrten befolgten Grundsätzen nicht in
-der Lage, vollends einem Fremdlinge gegenüber, solche Forderungen zu
-befriedigen, und mußte die Verhandlung abbrechen, so daß dem Urheber
-des Planes jede Aussicht auf Erfolg benommen wurde. Daß der König
-Johann von Columbus eine günstige Meinung behielt, scheint daraus
-hervorzugehen, daß er denselben in einem Briefe vom 20. März 1488 noch
-mit der Bezeichnung: ~noso especial amigo~ beehrte. +Navarrete+ ~II,
-No. III. Carta del Rey de Portugal à Cristóbal Colon~.
-
-[177] ~Paesi novamente ritrovate. Vicenza 1507.~
-
-[178] +R. H. Major+, ~Select. Lettres of Columbus. Introd. p. lxxxix~,
-vermuthet, daß der Kopf des Christopherus auf der Karte Juan de la
-Cosas von 1500 ein Porträt des Columbus sei (siehe die Kartenbeilage).
-
-[179] Vnbekanthe landte vnd ein Newe weldt in kurtz verganger zeythe
-erfunden. o. O. u. J.
-
-[180] +Navarrete+ ~II, No. XIV. Carta del Duque de Medinaceli al Gran
-Cardenal de España.~
-
-[181] +Navarrete+ ~II, No. II. Relacion de varias cantidades de
-maravedis, dadas de orden de los Señores Reyes à Cristóbal Colon.~
-
-[182] +Navarrete+ II, 289. 2. ~edit.~
-
-[183] Ebenda I, 391.
-
-[184] Col. meint Jes. 24, 16. Von den Enden der Erde hören wir Gesänge.
-(Col. deutet die Enden der Erde auf Spanien.) Ferner Jes. 60, 9 u. 65,
-17. Ich schaffe einen neuen Himmel und eine +neue Erde+ (die +neue+
-Welt). Auf diese Stelle kommt Columbus in seinem Briefe an die Donna
-Juana de la Torre (+Navarrete+ II, 413) mit den Worten zurück: Gott
-machte mich zum Gesandten eines neuen Himmels und einer neuen Erde.
-Und daß er es mit seiner Glaubenssendung ernst meint, spricht er in
-einem Brief von seiner dritten Reise aus. „In allen Ländern, welche
-ich besucht habe, ließ ich ein hohes Kreuz aufrichten. Ich erzähle
-den Einwohnern, was ich kann, von unserm heiligen Glauben und von dem
-Glauben an unsere heilige Mutter, die Kirche, welche ihre Glieder in
-aller Welt hat.“
-
-[185] +Harrisse+, ~Bibl. Americana vetust. Introduction p. xlvi.~
-
-[186] Es wird dereinst die Zeit kommen, wo der Ocean seine Fesseln
-sprengt, und der Erdkreis weit und breit sich aufthut, und das Meer
-neue Länder entschleiert, und Thule nicht mehr das äußerste Land sein
-wird.
-
-[187] Krit. Untersuchungen I, 91.
-
-[188] +G. de Lavigne+, ~Itineraire de l’Espagne.~ Paris 1866. S. 694.
-
-[189] +Navarrete+ III, 578.
-
-[190] Ebenda III, 540.
-
-[191] Diese spanische Form seines Namens hat Columbus von nun stets
-beibehalten.
-
-[192] +Navarrete+ I, 160. 2. ~edit.~
-
-[193] +Humboldt+, Krit. Untersuchungen II, 20.
-
-[194] +O. Kuntze+ in Engler, botan. Jahrbücher. 1880. S. 191-239.
-
-[195] +P. Martyr+, ~de rebus Oceanicis. Dec. I. lib. I. Colon. 1574. p.
-3~.
-
-[196] +Navarrete+ I, 299. ~Los cuales todos á una voz estaban
-determinados de se volver y alzarse contra el haciendo protestaciones.~
-
-[197] Schon am 1. Oct. schätzte Columbus die Entfernung von Ferro auf
-707 Meilen, während er in dem öffentlichen Schiffstagebuch nur 584
-Seemeilen angab. Uebrigens weichen die Berechnungen der Piloten auf
-den drei Schiffen bedeutend von einander ab. Auf der Niña zählte man
-650, auf der Pinta 634 Meilen, während der Pilot des Hauptschiffes 578
-Meilen angab.
-
-[198] ~Gua est apud eos articulus.~ +P. Martyr+, ~Dec. III. lib. 7. p.
-285~.
-
-[199] +A. Breusing+, Zur Geschichte der Kartographie, in J. J. Kettlers
-Zeitschr. f. wiss. Geogr. II, 193.
-
-[200] +A. B. Becher+, ~The Landfall of Columbus. Introduction p. XII.~
-London 1856.
-
-[201] ~De rebus oceanicis. Dec. III. lib. 9. p. 308. De insulis autem,
-quae Hispaniolae latus septentrionale custodiunt, mentionem praetereo,
-quia licet piscationibus et culturis aptae sint, relictae tamen sunt a
-nostris tanquam pauperes.~
-
-[202] +Navarrete+, ~vol. II. 2. ed. p. 460~.
-
-[203] +R. Pietschmann+, Beiträge zur Guanahani-Frage, in Zeitschr. für
-wissenschaftliche Geographie. Band I. S. 7 u. 8.
-
-[204] +Wash. Irving+, ~History of the life and voyages of Christopher
-Columbus. tom. 4. No. XVI~.
-
-[205] Kritische Untersuchungen II, 130.
-
-[206] +J. B. Muñoz+, Gesch. der neuen Welt. Weimar 1795. S. 139.
-
-[207] +A. B. Becher+, ~The Landfall of Columbus. p. 103~.
-
-[208] +F. A. v. Varnhagen+, ~La verdadera Guanahani~. St. Jago de
-Chile. 1864. -- Ders. Das wahre Guanahani des Columbus. Wien. 1869.
-
-[209] +Navarrete+ ~I. Introd. p. 107. 2. ed.~
-
-[210] +Becher+, ~The Landfall. p. 103.~
-
-[211] +Becher.+ ~l. c. p. 103. As to the abundance of water: Columbus
-has been supposed to have meant that it was fresh, for he does not say,
-that it was so in his journal.~
-
-[212] ~es la isla de Cipango de que se cuentan cosas maravillosas, y en
-las esperas que yo vi y en las pinturas de mapamundos es ella en esta
-comarca.~ Tagebuch vom 24. October. +Navarrete+ I, 190. 2. ~ed.~
-
-[213] +Las Casas+ bemerkt dazu: „Ich verstehe dies Gerede nicht.“ Wenn
-aber Columbus überzeugt war, daß er Cipangu bereits hinter sich habe,
-so wird auch sein Ausspruch verständlich und durch einen Blick auf die
-Zeichnung Martin Behaims erklärt; denn er schätzte die Entfernung von
-100 Meilen nach der Karte Toscanelli’s.
-
-[214] Nach seiner Berechnung befand sich der Admiral am 2. November
-1142 Leguas westlich von Ferro. 1 Legua = 4 ital. Seemeilen. (~Volunt
-lequam Hispani millia passuum quattuor continere, mari praesertim;
-terra vero tria.~ +P. Martyr+, ~Dec. II. lib. X. p. 200~). Rechnet man
-auf dem Parallel der Canarien 50 ital. Meilen auf 1 Grad, so betrug
-nach der Annahme des Columbus seine Entfernung von Ferro volle 91 Grad.
-Auf der Behaim’schen Karte liegt dieser Punkt zwischen Cipangu und der
-Küste Asiens in der Region der „zahllosen“ Inseln. In Wahrheit beträgt
-aber die Entfernung von seinem Standpunkte bis Ferro nur 60 Grad.
-
-[215] ~Haiti dicitur asperitas, eorum vetere lingua.~ +P. Martyr+, Dec.
-~III. lib. 7. p. 279~.
-
-[216] „So erkannte ich, daß unser Herr wunderbarerweise
-(~milagrosamente~) unser Schiff gerade hier stranden ließ, weil
-es der beste Platz auf der ganzen Insel ist, und damit wir unsere
-Niederlassung möglichst nahe den Goldminen anlegen könnten.“ Tagebuch
-vom 6. Jan. 1493. +Navarrete+ I, 275. 2. ~ed.~
-
-[217] Daß die Ausbreitung des christlichen Glaubens die spanischen
-Majestäten lebhaft beschäftigte, bezeugt auch +Peter Martyr+: ~Dec.
-I. lib. 1. ep. 1. 10. 9. Rex et regina, quorum omnes cogitatus vel
-dormientium, in religionis nostrae augmento sunt siti, sperantes ad
-Christi legem tot nationes et simplices gentes facile trahi posse.~
-
-[218] +P. Martyr+ erwähnt mehrfach den Goldreichthum von Haiti
-und Cuba. ~Ex sola Hispaniola vehitur in Hispaniam quotannis
-quadringentorum et quingentorum, interdum millium ducatorum auri summa.
-Id ex quinta regia intelligitur, quae ad fiscum venit: octoginta,
-nonaginta et centum millium castellanorum auri et aliquando maior. Dec.
-III. lib. 8. p. 297. Hac hora, qua haec scribo, coacta esse in Cuba
-referunt castellanorum auri centum octoginta milia conflanda, magnum
-opulentiae argumentum. ibid. p. 306.~
-
-[219] Es ist sehr auffällig, daß in einer im Archive der Stadt
-befindlichen Chronik Barcelonas, welche vom Jahre 1411 bis auf die
-Gegenwart geführt ist und alle kleinen Vorfälle innerhalb der Stadt
-verzeichnet hat, der Anwesenheit des Columbus im April 1493 mit keiner
-Silbe Erwähnung geschieht. +Harrisse+, ~Bibl. Amer. vet. Additions. p.
-IX.~
-
-[220] +Peter Martyr+ ~Dec. I. lib. 1. p. 10~. Jobst Ruchhamer in
-seinem oben (S. 233) angeführten Werke gibt im Cap. 41 den Empfang des
-Columbus bei Hofe mit folgenden Worten: „Der Kunige vnd die Kunigin
-entpfingen disen Christoffel Dawber mit dem allerangenemsten angesicht,
-vnd thaten jme die allergrösten Eere, vnd liessen jne öffentlich sitzen
-vor Jnen, welches bey jnen ist von den ersten vnd grösten eeren.
-Vnd wolten, das er genant wurde +Ein wunderer des Meres Occeani+.“
-Mit diesen letzten Worten überträgt Ruchhamer den Titel Almirante.
-Aehnliche confuse Verdeutschungen finden sich noch mehr. Aus Alonso
-Niño wird ihm ein Alonsus Schwartze, aus Lorenzo di Pier Francesco de
-Medici Laurentius petri artzte zu Florentia. Uebrigens wurde auch in
-der Sammlung von Reiseberichten, welche 1534 in Straßburg unter dem
-Titel: „Die New Welt der Landschaften vnnd Jnsvln“ herauskam, Admirans
-mit „verwunderer des Meers“ übersetzt.
-
-[221] +Navarrete+, I, 314-321.
-
-[222] ~Ibid. p. 327-343.~
-
-[223] Tagebuch vom 13. Dec. 1492.
-
-[224] Brief an Luis de Sant-Angel. +Navarrete+, I, 338 ~ob
-aequinoctiali linea distat (ut videtur) gradus sex et viginti~.
-
-[225] ~Opus epistul. Ep. CXXXI ed. Compluti (Alcala) 1530 (ed.
-Amstelod. 1670: Ep. 130.)~
-
-[226] ~Opus epistol. Ep. 136 (ed. Complu.) Ep. 135 (ed. Amstelod.).~
-Man vergleiche damit Martyrs Ansicht in der ~Dec. I. lib. I. p. 8.
-Haec volui de psittacis recitasse: quamvis huius Christophori Coloni
-opinio, magnitudini sphaerae et opinioni veterum de subnavigabili
-orbe videatur adversari, psittaci tamen inde absportari atque alia
-multa, vel propinquitate, vel natura solum Indicum has insulas sapere
-indicant.~ „Mußte doch jeder Gebildete einsehen, daß die von dem
-Genuesen hartnäckig wiederholte Behauptung, Asien reiche ziemlich nahe
-an den Westen Europas hinan, aller geographischen Kenntniß entgegen
-war.“ +Schumacher+, Peter Martyr. S. 24.
-
-[227] ~Dec. I. lib. I. p. 4.~
-
-[228] ~Dec. III. lib. 7. p. 282.~
-
-[229] ~quae linea distet a qualibet insularum, quae vulgariter
-nuncupantur de los Azores et Cabo Verde, centum leucis versus
-occidentem et meridiem.~ +Navarrete+ ~II.~ Nr. 18. ~p.~ 83.
-
-[230] So viel als 11¼ Grad. Der Compaß zerfiel in 8 Winde oder 32
-Viertelwinde (~quarte di vento~) oder 360 Grad, also ein Viertelwind
-gleich 11¼°. Vgl. +Breusing+, Zur Gesch. der Kartographie, in Kettler,
-Zeitschr. für wiss. Geogr. II, 132. 133.
-
-[231] +Navarrete+ I, 395 und 402.
-
-[232] Kosmos II, 317.
-
-[233] +Navarrete+ ~II. No.~ LXXIV u. LXXV.
-
-[234] ~Dec. II. X. p. 200.~
-
-[235] +Navarrete+ I, 347-372.
-
-[236] Bei +P. Martyr+, ~Dec. I. p. 19. Burichena.~
-
-[237] Richtiger Guacanagari.
-
-[238] +Navarrete+ I, 347-372.
-
-[239] Siehe seinen Bericht bei +Navarrete+ I, 369.
-
-[240] +P. Martyr+, ~Opus Epist. Alcala 1530. Ep. 165. Ex Hispaniola,
-quam admirantus ipse Colonus... Offiram Salomonis aurifodinam putat.~
-Im weiteren Verlauf des Briefes bezieht sich Martyr darauf, daß
-Columbus selbst ihm geschrieben (~ad me scripsit~).
-
-[241] +M. G. Pauthier+, ~Le livre de Marco Polo~. Paris 1865. II, 550.
-~Et si vous di que en ceste mer de Cim qui est au levant, si comme
-dient les pescheurs et les saiges mariniers de ceste contrée, il ya vii
-mille quatre cens. lix (7459) isles, là où lesdis mariniers vont... Et
-si vous di, qu’il n’y a nulle de ces isles où il n’ait arbres moult
-bons et +de grant oudour+.~ Die Wunderberichte des Ritters Mandeville,
-welcher die Reisebeobachtungen des Odorich von Pordenone (siehe oben S.
-72) in frecher Weise ausbeutet, schienen diese Angaben zu bestätigen.
-Wahrscheinlich fußte Columbus auf Mandeville, dessen Buch er mit sich
-führte.
-
-[242] +P. Martyr+, ~Opus epist. 1530. No. 164: A laeva innumeras se
-vidisse insulas narrabat. Huius magnae telluris litoribus in mare
-advertit cadere flumina multiformia. In plerisque piscium ingentem
-copiam, alibi multa conchylia, ex quibus uniones abraduntur, invenit.
-Per maria se transisse inquit, testudinibus puta majoribus fere
-condensata.~
-
-[243] Von der Ostspitze Cubas bis zur Isla de Pinos beträgt die
-Entfernung nur 8 Meridiane.
-
-[244] +P. Martyr.+ ~Opus Epist. Ep. 164. Decad. I. 3. p. 35.~
-
-[245] +Navarrete+ II, 162. Nr. LXXVI. ~Informacion y testimonio de
-cómo el Almirante fue á reconocer la isla de Cuba quedando persuadido
-de que era tierra-firme.~ Danach gab der Pilot der Caravele Niña
-Francisco Niño auf seinen Eid die Erklärung ab, daß es keine Insel
-geben könne, welche in ostwestlicher Erstreckung 335 Leguas lang sei.
-Seiner Erklärung schlossen sich auch die anderen kundigen Seeleute
-an, unter ihnen auch +Johan de la Cosa+, „~vicino de Puerto de Santa
-Maria, Maestro de hacer Cartas, Marinero de la carabela Niña~“. Es ist
-derselbe Juan de la Cosa, dem wir die erste noch erhaltene Karte der
-neuen Welt verdanken, auf welcher er, trotz seines Schwurs, sechs Jahre
-später, Cuba als Insel darstellte.
-
-[246]
-
- Cadiz liegt 6° 17′ W. v. Greenwich,
- Saona, Ostspitze 68° 35′ „ „
- -------------------------------------------
- Differenz 62° 18′, so daß Columbus sich also in seiner
- Längenbestimmung um 18° 27′ verrechnete.
-
-
-[247] +Muñoz+, Geschichte der neuen Welt. V, 25. S. 293.
-
-[248] +Navarrete+ II, 118-120.
-
-[249] +Navarrete+ I, 391-412.
-
-[250] Die Insel Cuba, welche Columbus für das Gestade Asiens hielt.
-
-[251] Columbus gerieth in die Region der Calmen.
-
-[252] ~Ibi malaciis et ardoribus adeo (ut ait) oppressus fuit, ut fere
-navigia illa incenderentur.~ +P. Martyr+, ~Dec. I. VI, 70~.
-
-[253] +P. Martyr+, ~Dec. I. VI, 71 capillis quasi more Hispano scissis
-in fronte~.
-
-[254] ~Ibi se, ex quo navigare a teneris coepit, nusquam tantum
-formidasse fatetur.~ +P. Martyr+, ~Dec. I. VI, 73~.
-
-[255] +P. Martyr+ (~Dec. I. VI, 75~) berichtet fast wörtlich dasselbe.
-
-[256] Vgl. +Humboldt+, Kosmos II, 317.
-
-[257] ~que en poco espacio haga tanta diferencia en cielo.~ +Navarrete+
-I, 404. +P. Martyr+, ~I. VI. p. 76/7. De poli varietate quaedam refert,
-quae quoniam +contra omnium astronomorum sententiam+ prolata mihi
-videntur, sicco pertingam pede. Compertum est, polarem illam stellam,
-quam nautae nostri Tramontanam vocant, non esse arctici poli punctum
-etc.~ Aber wie der Stern Abends 5 Grad und Morgens 15 Grad hoch stehen
-kann, fasse ich nicht, sagt P. Martyr, auch die Gründe billige ich
-nicht, welche Columbus für seine Ansicht von der Birnengestalt der Erde
-anführt. Er schließt dann mit den Worten: ~De his satis, cum +fabulosa
-mihi videntur+.~
-
-[258] Da man nur die Continentalmasse der alten Welt kannte, lag also
-jene Gegend am östlichen Gestade Asiens, in dessen Nähe Columbus schon
-auf der ersten Reise gekommen zu sein wähnte. Vgl. den Behaim’schen
-Globus.
-
-[259] Dort fand Col. die Rechtweisung der Magnetnadel, von dort begann
-sich die Temperatur gegen Westen zu auffällig zu mildern.
-
-[260] Udjen oder Udjein in der Landschaft Malwa in Vorder-Indien,
-mitten zwischen Dehli und Bombay gelegen, in der Nähe des Wendekreises,
-eine heilige Stadt der Inder, nicht eine Insel, wie spätere
-Kosmographen annahmen. Von hier zählten die indischen Astronomen den
-ersten Meridian. Wie der indische Laut ~dj~ arabisch ~z~, also aus
-Udjein, Uzein, Ozein, Ozin wurde, und wie diese Form dann von den
-Copisten noch in Arin verstümmelt wurde, darüber vgl. +Reinaud+,
-~Memoire sur l’Inde. p. 373.~
-
-[261] Hier erst beginnt das Gebiet der eigentlichen Neger.
-
-[262] Beide liegen nahe dem 10. Grad n. Br., so daß Columbus in seinen
-Beobachtungen oder Schätzungen sich um 5 Breitengrade irrte.
-
-[263] Krit. Untersuchungen II, 76.
-
-[264] Col. denkt an den schon erwähnten äußersten Ostrand Asiens,
-diesem Punkte gegenüber schuf Gott die Sonne. (!)
-
-[265] Daß Col. den Aristoteles nicht selbst gelesen, ist gewiß. Seine
-Gewährsmänner, welche sich auf Aristoteles beziehen, haben aber
-denselben offenbar misverstanden. (~Arist. Meteorol. II. 1, 15.~)
-
-[266] +Peschel+, Zeitalter der Entdeckungen. 2. Aufl. S. 228.
-
-[267] Zeitalter der Entdeckungen. 2. Aufl. S. 230.
-
-[268] Kosmos II, 304.
-
-[269] +Las Casas+ I, ~cp.~ 160 ~ms.~ bei Peschel. ~l. c.~ S. 238.
-
-[270] In den königlichen Briefen vom 21. und 26. Mai 1499 (+Navarrete+
-II, No. 127 und 128. +Las Casas+ I, ~cp.~ 179. ~ms.~) wurde Columbus
-nur als „Admiral des Weltmeers“, nicht mehr als Vicekönig bezeichnet.
-
-[271] +Peter Martyr+ urtheilt über das Verfahren gegen Columbus wie ein
-vorsichtiger Diplomat, wenn er schreibt: ~Quid in praefectum et ejus
-fratrem, quidve in illos qui eis adversati sunt, fuerit perquisitum,
-non bene percipio. Hoc unum scio: capitur uterque frater in vincula,
-omnibus bonis spoliatus, conjectus ducitur. (Dec. I. VII. p. 86.)~
-
-[272] ~Dec. I. IV. c.~ 10.
-
-[273] ~Agora será mi viage en nombre de la Santa Trinidad, y espero
-della la vitoria.~ +Navarrete+ I, 479.
-
-[274] Opposition des Jupiter und des Mondes, Conjunction des Merkur mit
-der Sonne. Ausführliches bei +Peschel+, Zeitalter. S. 288. Anmerkung 3.
-
-[275] +P. Martyr+ schreibt Guanassa.
-
-[276] +Columbus+, Brief aus Jamaica. +Navarrete+ I, 446.
-
-[277] +P. Martyr+, ~Dec III. 4. p. 242. Regio Quicuri, in qua portus
-est +Cariai+, ab ipso Almiranto Myrobalanus appellatus.~ Columbus
-schreibt Cariay und nannte den Ort Myrobale, weil er eine Baumfrucht
-für die indische Myrobalane hielt. Er zweifelte nicht mehr, an der
-Küste Indiens zu sein, wie auch aus dem folgenden hervorgeht.
-
-[278] ~Asia, cp. XII. Opera geogr. Francof. et Lips. 1707. p. 22.~
-
-[279] Diese Berechnung der Größe eines Aequatorialgrades zu 56⅔
-arabischen Meilen stammt von der Erdmessung arabischer Astronomen unter
-dem Chalifen Almamun. Columbus entlehnte dieselbe aus seinem beliebten
-Gewährsmanne Pierre d’Ailly (~Comp. Cosmogr.~ ~cap.~ 4).
-
-[280] +P. Martyr+, ~Dec.~ III. IV, 247.
-
-[281] Col. schreibt darüber in seinem Briefe aus Jamaica: „Man
-versichert, daß beim Tode der Fürsten von Veragua mit ihren Leichen
-all ihr Gold beerdigt werde. Man brachte zu Salomo von +einer+ Reise
-660 Centner Gold, außer dem, was die Kaufleute und Seeleute besaßen
-und außer dem, was man in Arabien kaufte. Er machte aus diesem Golde
-200 Lanzen und 300 Schilde und andern Schmuck, sowie eine große Zahl
-mit Edelsteinen besetzter großer Gefäße. Josephus erzählt davon in der
-Chronik de Antiquitatibus und meint, daß dieses Gold von dem goldenen
-Chersonese (~en la Aurea~) stamme. Wenn dem so ist, so behaupte ich,
-daß diese Minen der Aurea absolut dieselben sind, wie in Veragua.
-Salomo kaufte all dies: Gold, Silber und kostbare Steine, und hier hat
-man es nur suchen zu lassen, wenn man will. David hinterließ in seinem
-Testamente 3000 Ctnr. indisches Gold dem Salomo zum Tempelbau, und nach
-Josephus kam es aus diesen Ländern.“ Columbus hatte zwar die Meerenge
-nicht gefunden; daß seine Zeitgenossen aber an ihrer Existenz auch noch
-Jahre lang nach dem Tode des Entdeckers nicht zweifelten, läßt sich aus
-mehreren Karten jener Zeit erkennen. Die Meerenge ist gezeichnet auf
-dem Globus der Lenoxbibliothek in New-York etwa vom Jahre 1507, ferner
-auf zwei Globen in der Sammlung des Feldzeugmeisters Fr. R. v. Hauslab
-in Wien, deren Entstehungszeit nach F. A. de Varnhagen in die Jahre
-1509 u. 1513 fallen mag, sodann auf den beiden Globen von Johannes
-Schöner von 1515 (in Frankfurt a. M. und in Weimar) und vom Jahre 1520
-(in Nürnberg), weiterhin auf der handschriftlichen Globuszeichnung von
-Leonardo da Vinci (etwa 1515-1516) und endlich auf der Weltkarte des P.
-Apianus (in Camers’ Ausgabe des Solinus, Wien 1520). Vgl. darüber Fr.
-+Wieser+, Magalhâes-Straße, Innspruck 1881. S. 15, 27, 42. Anm. 3.
-
-[282] Brief aus Jamaica. 1503.
-
-[283] +Las Casas+, ~hist. Ind. II~, 37.
-
-[284] +W. Irving+, Christoph Columbus, Buch 18, Cap. 3.
-
-[285] Die Angaben, man habe 1877 in Domingo die wahren Ueberreste des
-Columbus aufgefunden, sind falsch; man fand Gebeine von den Verwandten.
-
-[286] +Humboldt+, Krit. Untersuchungen I, 91.
-
-[287] +Humboldt+, Krit. Untersuchungen II, 17.
-
-[288] +Humboldt+, Krit. Untersuchungen II, 107. 108.
-
-[289] Vergleiche Breusings Urtheil in der Zeitschrift für
-wissenschaftl. Geographie II, 193. 194.
-
-[290] +Navarrete+ II, 289 u. folg.
-
-[291] ~La Sancta Trenydad guarde à Vuestras Alteças como deseo y
-menester habemos, con todos sus grandes estades y senorios. De Granada
-à seys de hebrero de mill y quinientos y dos años.~ (Die heilige
-Trinität bewahre Eure Hoheiten, wie ich bitte und wie wir es bedürfen,
-mit allen ihren Staaten und Herrschaften. In Granada am 6. Febr.
-1502.) Man vergleiche mit diesem frommen Briefschlusse die nüchterne
-geschäftsmäßige Form, mit welcher Vespucci unterzeichnet. Χρο Abkürzung
-für Χριστος = der Haupttheil von Columbus’ Vornamen, ~ferens~ die
-letzte Hälfte = Christus-Träger.
-
-[292] +V. Margry+, ~Les navigations françaises~. ~p.~ 362. Paris 1867.
-
-[293] ~The Landfall of Columbus p.~ 283.
-
-[294] Leben des Columbus, Anhang Nr. XXXV.
-
-[295] Krit. Untersuchungen II, 284.
-
-[296] ~Psalterium Hebreum, Grecum, Arabicum et Chaldeum cum tribus
-interpretationibus et glossis~ 1511.
-
-[297] +Harrisse+, ~Bibl. Am. Vetust. p.~ 154.
-
-[298] ~Opus Epistol. Compluti (Alcalá)~ 1530. ~Ep.~ CXXXI.
-
-[299] ~ibid. Ep.~ CXXXIIII.
-
-[300] ~Ep.~ CXXXV.
-
-[301] ~Ep.~ CXXXVI.
-
-[302] ~Ep. CXXXXIII.~
-
-[303] ~Epist. CLIII.~
-
-[304] ~Copia de la lettera per Columbo mandata ali Sere^{me} Re et
-Regina di Spagna: de le insule et luoghi per lui trouate. Stampata in
-Venetia (a nome de Constantio Bayuera citadino di Bressa) per Simone
-de Louere. a di~ 7 ~di Mazo~ 1505. Dieser Brief ist im höchsten Grade
-selten geworden. Im Jahre 1810 wurde er in Venedig wieder abgedruckt
-unter dem seit der Zeit allgemein üblichen Titel ~lettera rarissima~.
-
-[305] Vergleiche +Breusing+, Zur Geschichte der Kartographie in
-Zeitschrift für wissenschaftl. Geogr. II, 185. Daß Columbus bei einem
-Seezuge im Mittelmeer die grobe List gebraucht habe, der Rose über
-der Magnetnadel Abends die entgegengesetzte Richtung zu geben, um die
-Matrosen über die Richtung der Fahrt zu täuschen, wird als ungeschickte
-Erfindung bezeichnet, weil auf nichts an Bord so genau acht gegeben
-wird als auf die Richtung des Windes und schon aus der Vergleichung der
-Windrichtung mit dem herrschenden Seegange sich die Täuschung ergeben
-hätte.
-
-[306] +Harrisse+, ~D. Fernando Colon, Historiador de su padre~. Sevilla
-1871. 4^o. Dagegen schrieb d’+Avezac+: ~Le livre de Fernan Colomb.~
-Paris 1873.
-
-[307] Die New Welt der Landtschaften und Inseln. Straßburg 1534. Fol.
-37.
-
-[308] Von dieser anmuthigsten aller spanischen Rittergestalten entwirft
-Las Casas ein mit Vorliebe gezeichnetes Bild (+Navarrete+ III, 163).
-Hojeda war von kleiner Gestalt, aber von vollendetem Ebenmaß und von
-angenehmer Erscheinung, in dem schönen Gesicht ein Paar große Augen.
-Er war in allen Leibesübungen außerordentlich gewandt und sicher. Als
-einst die Königin Isabella auf den Thurm der Kathedrale zu Sevilla
-stieg, um von da aus die klein erscheinenden Menschen, welche unten
-standen, zu betrachten, stieg er auf einen Balken, welcher zwanzig
-Fuß aus dem Thurme herausragte und schritt auf demselben hin bis zum
-Ende, drehte sich hier auf einem Fuße herum und schritt mit derselben
-Schnelligkeit wieder zum Thurm zurück. Es war einer der verwegensten
-Streiche, die man ausführen konnte; alle, die es mit ansahen, zitterten
-vor Aufregung. Dann stellte er sich an den Fuß des Thurmes und warf
-eine Pommeranze bis zur Thurmspitze hinauf, um die außergewöhnliche
-Kraft seines Armes zu zeigen. Er war unserer lieben Frauen ergeben und
-schwur stets bei der Jungfrau Maria.
-
-[309] +Navarrete+ III, 317. Juanoto Berardi starb 1495.
-
-[310] ~Neque enim desunt, qui se circuisse Cubam audeant dicere. Dec.
-I. cp. VI, p.~ 78.
-
-[311] W. Irving besuchte 1828 diese Plätze und hat davon eine
-eingehende Schilderung gegeben, welche als ~A visit to Palos~ seinem
-Werke „~Voyages and Discoveries of the Companions of Columbus~“
-beigegeben ist. Palos ist ein armes Dorf, eine viertel englische Meile
-vom Fluß entfernt, in einer Bodensenkung. Es hat nur einige hundert
-Einwohner, welche sich lediglich von Feld- und Weinbau nähren. Die
-besseren Familien, darunter die noch blühende, angesehene Familie der
-Pinzone, sind alle in Moguer ansässig. In Palos gibt’s weder Schiffer
-noch Kaufleute. Kein Schiff gehört dem Platze, am Ufer finden sich
-keinerlei Hafenbauten. Das Volk ist ganz unwissend, und vermuthlich
-kennen die wenigsten den Namen Amerika.
-
-[312] +Navarrete+ III, 542.
-
-[313] +P. Martyr+, ~Dec. I. lib. VIII, p.~ 87 ~et seq.~
-
-[314] +P. Martyr+, ~Dec. I. lib. VIII, p.~ 90. 91.
-
-[315] ~este cabo se descubrio en ano de mil y CCCC CIX por Castilla,
-syendo descobridor vincentians (Vicente Yañez).~ Trotz der beiden, auf
-der beigegebenen Karte bezeichneten Defecte im Original können wir auf
-Cosa’s Karte den Verlauf der Entdeckung recht wohl verfolgen.
-
-[316] Nach ihrer Heimkehr richtete P. Martyr an die Entdecker die
-Frage, ob es auch einen antarktischen Polarstern gäbe, was verneint
-wurde. ~Dec. I. lib. IX. p.~ 96.
-
-[317] ~Verzinum mercatores Itali, Hispani brasilum appellant.~ +P.
-Martyr+, ~Dec. I. lib. IX. p. 99~.
-
-[318] ~ut ipsi putant, ultra urbem Cataii et littus Indicum, ultra
-Gangem percurrerant.~ +P. Martyr+, ~l. c. p. 101~.
-
-[319] ~Quatuor Americi Vesputii navigationes. Urbs Deodate (St. Dié)
-1507.~ Diese „Vier Schifffahrten“ des Vespucci wurden zusammen mit der
-~Cosmographiae Introductio~ von Martin Waltzemüller veröffentlicht,
-in welcher zuerst der Name „Amerika“ für die neue Welt vorgeschlagen
-wurde. Amerigo nennt in seiner zweiten Schifffahrt den leitenden
-Capitän nicht, nennt den Mai 1499 als Abfahrtszeit und den September
-1499 als Zeit der Rückkunft, und doch sagt er, die Schiffe seien
-ein ganzes Jahr unterwegs gewesen. Die Zeitbestimmungen sind
-offenbar falsch. Die Gründe für die Annahme, daß Vespucci auf Lepe’s
-Schiffen mitfuhr, liegen in dem Verlauf der Fahrt. +Humboldt+ (Krit.
-Untersuchungen II, 428 u. f.) hat versucht, Vespucci’s zweite Fahrt mit
-der ersten Reise des Vicente Yanez Pinzon zu identificiren, d’Avezac
-weist, wohl richtiger, auf Lepe hin. (~Bull. Soc. géogr. Paris 1857.
-Avril et Mai.~)
-
-[320] Bastidas war ~escribano~ (Notar) ~de Sevilla~. +Navarrete+ III,
-25.
-
-[321] +Navarrete+ III, 95.
-
-[322] In der deutschen Uebersetzung des Briefes an Lorenzo
-Pierfrancesco de Medici (auf der königl. öffentl. Bibl. zu Dresden)
-lautet die Schilderung folgendermaßen: Vnd das ich mit einē wort alle
-ding begriffe solt du wissen, das in Sechtzig tagen vn̄ siben tagen die
-wir schiffeten vier vn̄ viertzig tag an vnderlaß an einander gehebt
-habē mit kegen tonnern vn̄ plitzen so gar finster das wir weder Sonnen
-im tag noch liechtē hymel in der nacht nie gesehen haben, Da von so
-geschach das vns solicher grosser schrecke einfiel das wir gar nach
-alle hoffnuug vnsers lebens hinwurffen, In solichen angsten dennoch
-vn̄ so wütungen des mers vn̄ des himels gefiel dem hochstē gott vns ze
-zeygen ingewont ertrich vn̄ new lantschafften vn̄ ein vnbekante welt.
-
-[323] Vgl. Kunstmann und Thomas, Atlas zur Entdeckung Amerikas, München
-1859.
-
-[324] Nach +Humboldt+, Kritische Untersuchungen III, 10 sinkt dasselbe
-in der südl. Breite von 16° 24′ unter den Horizont.
-
-[325] Der Stern η des großen Bären verschwindet unter 18° 10′ s. Br.
-(+Humboldt+ a. a. O.)
-
-[326] „In der Geschichte der Geographie ist es, wie in allen übrigen
-Fällen, oft der Klugheit angemessen, nicht alles erklären zu wollen.“
-+Humboldt+, Krit. Untersuchungen III, 14. Ob Vespucci so weit nach
-Süden vorgedrungen, bleibt immerhin fraglich. Er würde dann sicher
-darauf aufmerksam gemacht haben, daß ihm das Sternbild des großen
-+Bären ganz+ aus dem Gesichtskreise entschwunden sei.
-
-[327] Vnbekanthe landte vnd eine Newe welt. Cap. CXXI.
-
-[328] Die Dresdener Ausgabe ist in +Harrisse+, ~Bibl. Am. Vet.~ nicht
-beschrieben, das Exemplar zu Dresden weicht von der unter Nr. 38 (S.
-81) beschriebenen Ausgabe im Druck etwas ab. Die letzten Zeilen der
-letzten Seite lauten im Dresdner Exemplar: Auß lateyn ist dyß missiue
-in Teusch ‖ gezogen auß dem Exemplar das von Paryß kam im meyen mo-|net
-Nach Christi geburt. xv. hundert vnd funff jar. Das von +Harrisse+
-beschriebene Exemplar liest: „diß missiue in Teutsch“ und weiter „XV.
-hundert vnd funff jar“.
-
-[329] ~Dum igitur proficiscar in orientem, iter agens per meridiem,
-Noto vehar vento. Grynaeus, Novus Orbis. Basil. 1532. p. 130.~
-
-[330] ~Quo superbiam modo iustus omnium censor Deus compensat.~
-(~Quarta Navigatio. Urbs Deodate. Anno supra sesquimilesimum. vij.~)
-
-[331] +Navarrete+ I, 351.
-
-[332] Zuerst veröffentlicht von +Harrisse+ in ~Bibl. Am. Vet.
-Additions~. Paris 1872, S. XXVII. Man vergleiche +Humboldt+, Krit.
-Untersuchgn. III, 111 u. ff.
-
-[333] Krit. Untersuchungen III, 24.
-
-[334] +Martin Waltzemüller+, ~Cosmographiae Introductio~. St. Dié
-1507. ~Globus Mundi declaratio.~ Straßburg 1509. (auf d. Titel).
-~Opusculum de mirabilibus.~ Rom 1510. ~fol. 101.~ -- +Joh. Schöner+,
-~Luculentissima quaedam terrae totius descriptio. Noribergae 1515.
-cp. XI. fol. 60~. -- +Montalboddo+, ~Paesi novamente retrouati & Nouo
-Mondo da Alberico Vesputio florentino intitulato. Milano 1519. --
-+Stobnicza+, ~Introductio in Ptolemaei cosmographiam. 1519. fol. 5~.
--- ~Albertus +Pighius+ Campensis de æquinoctiorum solstitiorumque
-inventione. Parisiis 1520. p. 28~. -- +Vadianus+, ~Pomponii Melae de
-orbis situ~. Basel 1522. Das Werk beginnt mit einem 1512 geschriebenen
-Briefe Vadians an Rudolf Agricola, worin steht: ~America a Vespuccio
-reperta~ u. s. w.
-
-[335] +Martin Waltzemüller+ aus Freiburg im Breisgau, ist etwa um
-1480 oder 1481 geboren. Er war befreundet mit dem Elsasser Matthias
-Ringmann, dem Schüler des berühmten Philologen Jakob Wimpfeling. Nach
-der Sitte der Zeit nahmen beide in späterer Zeit latinisirte Namen an:
-Waltzemüller nannte sich Hylacomylus oder Ilacomilus (eigentlich eine
-Uebertragung aus Wald(see)müller), Ringmann dagegen Philesius mit dem
-Zusatze ~vogesigena~, weil er aus den Vogesen stammte. Als nun ums
-Jahr 1507 auf Anregung des reichen Canonicus Walther Lud und unter den
-Ausspicien des Herzogs René von Lothringen in der Stadt St. Dié an der
-Meurthe ein Gymnasium und eine Druckerei errichtet worden, berief man
-Ringmann und Waltzemüller an die neue Schule. Ringmann hatte in Italien
-den berühmten Mathematiker und Architekten Fra Giovanni del Giocondo,
-einen Dominikaner, kennen gelernt, welcher, mit Vespucci befreundet,
-den Brief dieses Reisenden über seine dritte Entdeckungsfahrt ins
-Lateinische übertragen hatte. So wurde er mit den glänzenden Erfolgen
-des Florentiner Reisenden bekannt und gehörte bald zu seinen Verehrern,
-so daß er die lateinische Uebersetzung Giocondo’s noch einmal in
-Straßburg 1505 durch den Druck veröffentlichte. In St. Dié gab dann
-Waltzemüller mit seiner ~Cosmographiae introductio~ zugleich alle vier
-Schifffahrten des Vespucci heraus. Daneben entwarf man den Plan, eine
-neue Ausgabe des Ptolemäus zu veranstalten, für deren bedeutende Kosten
-Walther Lud eintrat. Diese berühmte Ausgabe erschien aber erst zwei
-Jahre nach Ringmanns Tode († 1511) in Straßburg und wurde hauptsächlich
-durch Waltzemüller besorgt. Die berühmte Weltkarte dieser Ausgabe,
-~Orbis typus universalis iuxta hydrographorum traditionem~ haben wir
-bereits in verkleinerter Copie der 36. Abtheilung der „allgemeinen
-Geschichte in Einzeldarstellungen“ beigegeben. Man vermuthet, daß
-diese Karte die Copie einer Originalzeichnung des Vespucci sei. Wie
-unklar die Vorstellungen des lotharingischen Gelehrten waren, erhellt
-daraus, daß er in der Vorrede zu dem Supplement seines Ptolemäus von
-einem gewissen Admiral des +portugiesischen+ (!) Königs Ferdinand
-spricht (~Admiralem quendam serenissimi Portugaliae regis Ferdinandi~),
-während die der Weltkarte folgende „~tabula terre nove~“, auf welcher
-die Küsten der neuen Welt in größerem Maßstabe dargestellt sind, in
-dem nördlichen Theile des südamerikanischen Continentes die Inschrift
-trägt: „Dieses Land sammt den angrenzenden Inseln ist auf Befehl des
-Königs von Castilien durch den Genuesen Columbus entdeckt worden.„(~Hec
-terra cum adiacentibus insulis inuenta est per Columbum Januensem ex
-mandato Regis Castelle~). Und trotzdem schlug Waltzemüller vor, dem
-„Entdecker“ zu Ehren das neue Land Amerika zu nennen.
-
-[336] Pizarro ist der natürliche Sohn eines spanischen Hauptmanns und
-in Trujillo geboren. In seiner Jugend soll er die Schweine gehütet
-haben und ohne Unterricht aufgewachsen sein. Gewiß ist, daß der spätere
-Eroberer Peru’s des Schreibens unkundig war. Sein Geburtsjahr ist
-unbekannt. Das Jahr 1471, welches in der Regel angegeben wird, paßt
-nicht zu der Mittheilung, daß Pizarro, um einer Züchtigung von seiten
-seines Vaters zu entgehen, entlaufen sei und sich nach Westindien habe
-anwerben lassen. Denn wenn wir auch annehmen, daß er schon ums Jahr
-1500 den Boden der neuen Welt betreten habe, so mußte er doch in seinem
-29. Jahre längst der väterlichen Ruthe entwachsen sein. Mehr Glauben
-verdient die Angabe Herrera’s (~Hist. gen. dec. VI. lib. X. cap. 6~),
-daß Pizarro 63 Jahre alt geworden sei. Da er 1541 ermordet wurde, fällt
-demnach das Geburtsjahr auf 1478.
-
-[337] +Navarette+ III, 374. ~porque ningund bachiller acá pasa que so
-sea diablo y tienen vida de diablos, é no solamente ellos son malos,
-mas aun fasen y tienen forma por donde haya mil pleitos y maldades.~
-
-[338] +M. Wagner+ und +C. v. Scherzer+, die Republik Costa Rica.
-Leipzig 1857. S. 359-392.
-
-[339] +P. Martyr+, ~Dec. III. lib. I. Col.~ 1574 ~p.~ 210.
-
-[340] +Navarrete+ III, 343.
-
-[341] +Navarrete+ III, 393-456. +Cl. R. Markham+, ~The narrative of
-Pascual de Andagoya. Hakluyt Soc. for 1865. vol. 34.~
-
-[342] ~El anno de mil e quinientos e catorze: passo a la terra firme
-un infelice gouernador; crudelissimo tirano: sin alguna piedad ni
-aun prudencia: como un instrumento del furor divino.~ +Las Casas+,
-~Brevissima relacion de la destruycion de las Indas~. Sevilla 1552.
-~fol. b iiii.~
-
-[343] +Andagoya+ in Navarrete, ~Col.~ III, 413.
-
-[344] +J. G. Kohl+, (die beiden ältesten Generalkarten von Amerika.
-Weimar 1860, S. 169) vermuthet, daß die auf den Karten von 1527 und
-1529 angegebenen Sierras de Gil Gonzalez de Avila mit den Bergen
-südlich von Soconusco, in der mexikan. Landschaft Chiapas, zwischen 15
-und 16° n. Br. identisch seien.
-
-[345] Ueber den sog. Jungbrunnen vgl. +Martyr+. ~Dec. II. lib. X. p.~
-202.
-
-[346] Der Reisebericht desselben ist von +Herrera+ (~Dec. I. lib. X.
-cp. 16~) benutzt.
-
-[347] Schon frühzeitig ist behauptet worden, Sebastian Cabot habe das
-Land vor Ponçe gesehen. +De Thou+, ~historia sui temporis~. 1609. ~lib.
-X. c. 4.~
-
-[348] +Bernal Diaz del Castillo+, Entdeckung und Eroberung von
-Neu-Spanien. Deutsch v. Rehfues. Bonn 1838. I. S. 4. Ferdinand Cortes
-stellt die Sache so dar, als ob Cordova, Lope Ochoa und Cristoval
-Morante sich zum Unternehmen vereinigt und die Mannschaft geworben
-hätten. ~Colecion de doc. inedit. para la historia de España. I, 422.~
-
-[349] Viele von den alten kunstreichen Steinbauten waren schon zur
-Zeit, als die Spanier eindrangen, verfallen und gehörten einer früheren
-Kulturepoche an. Einer der spanischen Mönche, welche bald nach der 1540
-und 1547 vollendeten Eroberung Yukatan’s ins Land kamen, Fray Lorenzo
-de Bienvenido, schreibt darüber am 10. Februar 1548 an König Philipp,
-daß die Gebäude in Merida aus behauenen Steinen kunstvoll erbaut, aber
-vielleicht schon vor Christi Geburt errichtet seien, weil auf ihnen
-der Wald sich eben so mächtig erhöbe, als unten im Lande (~porque tan
-grande estava el monte ençima dellos como en lo baxo de la tierra~.)
-Auch fügt der Geistliche hinzu, daß die Eingeborenen damals nur in
-Hütten von Holz und Stroh wohnten (~ni hazen casa sino de paja y
-madera~.) ~Cartas de Indias. Madrid 1877. p. 71.~
-
-[350] +Die Mayahandschrift d. kgl. öff. Bibliothek+ zu Dresden. 74
-Tafeln in Chromo-Lichtdruck. Leipzig 1880. 4^o.
-
-[351] +H. Meye+ u. +J. Schmidt+, Die Steinbildwerke von Copán und
-Quirigua. Berlin 1883. Fol.
-
-[352] Cortes gibt die von Velasquez aufgewendeten auf ¼ der
-Gesammtsumme an. ~Colecion d. doc. ined. para la historia d’España. I,
-423.~
-
-[353] +B. Diaz+, Entdeckung u. s. w. von Neuspanien I. S. 23.
-
-[354] Die Küste von der Mündung des Goatzacoalto (westlich vom Tabasco)
-bis nach Vera Cruz ist voller Riffe, daher Schiffbruch und Strandung
-häufig vorkommen. Eine kurze Strecke südlich von Vera Cruz sieht man
-zahlreiche Trümmer untergegangener Schiffe aus den Wellen oder dem
-Sande ragen. Fr. Ratzel, Aus Mexiko. S. 162.
-
-[355] Die Instruction des Velasquez für Cortes findet sich in ~Col. d.
-doc. ined. p. l. hist. de España~ I, 385.
-
-[356] Wir besitzen von Cortes’ Hand fünf ausführliche Berichte über den
-Verlauf seiner großen Unternehmungen, in welchen er in sehr eingehender
-Weise dem Könige von Spanien über seine Feldzüge Bericht erstattet.
-Man hat sie nicht unpassend mit den bekannten Commentarien Cäsars
-verglichen. I. Der +erste Bericht+ aus Villa rica de la Vera Cruz vom
-10. Juli 1519, von den Behörden der Stadt im Namen des Heerführers und
-wohl auch von ihm selbst verfaßt, ging am 16. Juli mit einem Schiffe
-nach Spanien ab. Er ist veröffentlicht in der ~Colecion de documentos
-inedit. para la historia de España I, p.~ 421-461. II. Der +zweite
-Brief+ ist aus Segura de la Frontera (Tepeaca, östl. v. La Puebla) vom
-30. October 1520 datirt und wurde bereits 1522 in Sevilla gedruckt.
-Später erschien er in +Barcia+, ~Historiadores primitivos de las
-Indias orientales, 1743, vol. I, p.~ 1-62, u. in Don Francisco Antonio
-+Lorenzana+, ~Historia de nueva España~, Mexiko 1770, ~p.~ 38-170. III.
-Der +dritte Brief+, von Cuyocan (2½ span. Meilen südl. v. Mexiko) aus
-am 15. Mai 1522 geschrieben, wurde zuerst 1523 in Sevilla gedruckt,
-dann in Barcia I,~ p.~ 63-123, u. in Lorenzana, ~p.~ 178-320. IV. Der
-+vierte Brief+, von Temixtitan (Mexiko), vom 15. October 1524, wurde
-1525 in Spanien gedruckt und später in Lorenzana, ~p.~ 330-399. V.
-Der +fünfte Brief+, welcher seinen Feldzug nach Honduras schildert,
-erschien in ~Colecion de doc. ined. p. l. hist. de Esp.~, Madrid 1844,
-~Tom. IV, p.~ 8-167, als ~Relacion hacha al emperador Carlos V por
-Hernan Cortes sobre la expedicion de Honduras~, datirt von Temixtitan,
-3. September 1526.
-
-[357] +B. Diaz+ erzählt, sie hätten schon vor der Fahrt des Cortes in
-Tabasco den Namen +Culba+ gehört. Columbus vernahm bei Cuba das Wort
-Colba und deutete es auf die Insel, aber es wäre nicht unmöglich, daß
-der Name der alten berühmten Stadt bis zu den Antillen gedrungen wäre.
-Daß Verbindungen zwischen den Inseln und dem Festlande stattfinden,
-läßt sich daraus schließen, daß Columbus an der Küste von Yukatan
-auf mexikanische Handelsbarken stieß und daß Cortes ebendaselbst von
-Jamaica herüber verschlagene Indianer fand.
-
-[358] +D. Charnay+, Ansichten über d. Alter u. d. Ursprung der
-Baudenkmäler u. s. w. in Mexiko und Central-Amerika, in Zeitschr. f.
-Ethnologie. Berlin 1882. S. 10 ff.
-
-[359] D. h. Colibri links, weil der Gott am linken Fuß mit
-Colibrifedern geschmückt war.
-
-[360] +Th. Weitz+, Anthropologie IV, 4 erklärt sein unsicheres Benehmen
-aus seinem bösen Gewissen.
-
-[361] +Bernal Diaz+ I, 121 beschreibt diese Geschenke genau: „Das erste
-war eine Scheibe von der Größe eines Wagenrades, welche die Sonne
-vorstellte, ganz von feinem Golde und von der schönsten Arbeit, ein
-überaus merkwürdiges Kunstwerk, das nach der Aussage derer, die es
-gewogen, über 20,000 Gold-Piaster Werth gehabt haben soll. Das zweite,
-eine Scheibe, größer noch als die erste, schwer von Silber, von großem
-Werth, und den Mond vorstellend mit vielen Strahlen und andern Figuren
-darauf. Das dritte war die Sturmhaube, ganz mit gediegenen Gold-Körnern
-angefüllt, wie sie aus den Bergwerken kommen, an 3000 Piaster Werth,
-für uns aber von weit höherem Werth, weil es uns die Gewißheit gab, daß
-es reiche Goldgruben im Lande gab. Dazu kamen noch 20 goldene Enten,
-vollkommen nach der Natur und sehr zierlich gearbeitet; ferner Figuren
-von Hunden, Tigern, Löwen, Affen, 10 Halsketten von Gold, in Silber und
-Gold gefaßte Fächer und Büsche von den schönsten grünen Federn, ferner
-über 30 Pakete mit bunten Federn durchwirkter Baumwollstoffe u. a. m.
-Aehnlich beschreibt auch +Torquemada+, ~Mon. Ind. lib. IV. c.~ 17 diese
-Gaben. Einzeln sind die für den König von Spanien bestimmten Geschenke
-aufgeführt in ~Colec. de doc. inedit. p. l. hist. de España. I~,
-462-471. Darnach hatte die goldene Scheibe (~una rueda de oro grande
-con una figura de monstruos en ella~) nur ein Gewicht von 3800 ~pesos
-de oro~, aber nicht 20,000 P. wie Diaz angibt. Dem König Karl wurden
-diese Geschenke im April 1520 zu Valladolid vorgelegt.
-
-[362] +Lorenzana+, S. 47.
-
-[363] +Lorenzana+, S. 66.
-
-[364] +Lorenzana+, S. 58, bemerkt dazu, aus den noch vorhandenen Ruinen
-von Tlascala könne man erkennen, daß Cortes nicht übertrieben habe.
-
-[365] +B. Diaz+ Bd. I, 248 ff.
-
-[366] B. Diaz II, 51 ff.
-
-[367] ~Creemos y tenemos por cierto el ser nuestro Señor natural.~
-+Lorenzana+ S. 81.
-
-[368] +B. Diaz+ II, 65.
-
-[369] B. Diaz II, 101.
-
-[370] Die Lebensweise des Monarchen hat Cortes genau geschildert.
-Lorenzana, S. 113.
-
-[371] +Lorenzana+, S. 97.
-
-[372] Ebd. S. 99.
-
-[373] Ebd. S. 91. ~Figurada en un paño toda la costa.~
-
-[374] +Bernal Diaz+ II, 208.
-
-[375] ~Le dieron una pedrada los suyos en la cabeza tan grande que de
-alli á tres días murió.~ +Lorenzana+, S. 136.
-
-[376] +B. Diaz+ I, 53.
-
-[377] Fr. +Ratzel+, Aus Mexiko. S. 134.
-
-[378] +Sahagun+, ~hist. d. nueva España~. XII, 27.
-
-[379] +Lorenzana+, S. 148.
-
-[380] Daß Cortes selbst den feindlichen General getödtet, ist höchst
-unwahrscheinlich, weil er durch seine Wunden behindert wurde. Seine
-eignen Worte schließen diese Annahme aus: ~E con este trabajo fuimos
-mucha parte de el dia, hasta que quiso dios, que murio una persona de
-ellas, que debía ser tan principal, que con su muerte cesó toda aquella
-guerra.~ Lorenzana, S. 148.
-
-[381] +Lorenzana+, S. 169.
-
-[382] ~Opus epistolarum, Compluti~. 1530. ~Ep.~ 717. ~Sunt
-incredibilia, quae de huius urbis et circumvicinarum aedificiis,
-commerciis et hominum frequentia referuntur.... De templorum
-magnitudine cultuque ac ornatu mira referuntur.~ In einem späteren
-Briefe (~Compluti~ Nr. 774; ~Amstelodami~ Nr. 771) vom 20. November
-1522 zählte er die Menge des nach Spanien gebrachten Goldes auf. Nach
-dreißigjährigen Bemühungen seit der ersten Fahrt des Columbus schien
-nun das goldreiche Indien wirklich gefunden zu sein.
-
-[383] Die Endung -tzin wird den Namen der Vornehmsten angehängt, so daß
-der Name des neuen Königs eigentlich Quauhtemo war; in ähnlicher Weise
-nennen mehrere Historiker den mehrfach erwähnten Cacama auch Cacamatzin.
-
-[384] +Lorenzana+, S. 242.
-
-[385] ~Por el agua y por la tierra daban tantas gritas y alaridos que
-parecia que se hundia el mundo.~ +Lorenzana+, S. 245.
-
-[386] +Lorenzana+ S. 260.
-
-[387] Nur die Tlascalaner blieben von dieser Hörigkeit befreit.
-
-[388] In demselben Jahre, als Cortes den Boden von Mexiko betrat,
-ließ auch der Statthalter von Jamaica, Francisco de Garay, nach einer
-Meerenge suchen. Siehe unten Cap. 26.
-
-[389] +Ratzel+, aus Mexiko. S. 181.
-
-[390] +Lorenzana+, S. 351. Vgl. auch ~Colecc. d. doc. ined. relat. al.
-descubr. XII, p. 62~.
-
-[391] +Lorenzana+, S. 382. ~Como tengo continuo cuydado, y siempre
-me occupo en pensar todas las maneras, que se pudan tener para poner
-en execucion, y efectuar el deseo que yo al real servicio de Vuestra
-Magestad tengo, viendo que otra cosa no me quedaba para esto, sino
-saber el secreto de la costa, que esta por descubrir entre el rio de
-Panuco y la Florida;... y de allí por la parte de el norte hasta llegar
-a los Bacallaos, porque se tiene cierto, que en aquella costa hay
-estrecho, que pasa á la mar del Sur.~ Er beruft sich sogar auf eine
-Karte, welche eine Meeresstraße in diesen Gegenden darstellt (~segun
-cierta figura, que yo tengo del paraje~) und betont die Wichtigkeit
-dieses Weges als des schnellsten und kürzesten zu den Molukken: ~seria
-la navegacion desde la especeria para essos reynos de Vuestra Magestad
-muy buena, y muy breve y tanto que seria las dos tercias partes menos,
-que por donde ayora se navega, y sin ningun riesgo, ni peligro de los
-navios, que fuesen y viniessen, porque irian siempre y vernian por
-reynos y Señorios de V. M.~
-
-[392] Ueber die neusten Forschungen in diesem Gebiet vergleiche Desiré
-Charnay in ~Comptes rendus de soc. de géogr. Paris 1882. p. 546 et
-suiv.~ und +A. P. Maudslay+, ~Exploration in Guatemala and Examination
-of the newly-discovered Indian Ruins of Quirigua, Tikal and the
-Usumacinta~, in ~Proceedings of the royal geogr. soc.~ London 1883.
-April.
-
-[393] +Las Casas+, ~Brevissima relacion~. Sevilla 1552. ~De la
-provincia e reyno de Guatimala: Mando los luego quemar bivos sin otra
-culpa ni otro processo ni sentencia.~
-
-[394] ~Relacion e informacion del viage, que hizo á las Higueras el
-Bachillar Pedro Moreno~ (~in Colecc. d. doc. ined. rel. al descubr.
-XIV, p. 236-264~) enthält die gerichtlichen Aussagen von Augenzeugen.
-
-[395] Vgl. oben S. 354.
-
-[396] ~Relacion p. 237.~
-
-[397] +Cortes+, ~Relacion al Emperador Carlos de Temixtitan à~ 3 ~de
-Septiembre de 1525~, in ~Colecc. d. doc. ined. para la historia de
-España. IV, p. 113~.
-
-[398] +H. H. Bancroft+, ~History of the pacific. States. I, 530~.
-London 1883.
-
-[399] Die Gründungsurkunde ist vom 18. Mai 1525 datirt. (~Colecc. d.
-doc. ined. rel. al descubr. Vol. XIV, p. 44.~)
-
-[400] +B. Diaz+ III, 251.
-
-[401] ~Relacion, hecha al Emperador Carlos V por Hernan Cortes p. 23.~
-
-[402] ~Relacion hecha al Emperador Carlos V. p.~ 35: ~hice sacar una
-ahuja de marear, que traia conmigo, por donde muches veces me guiaba,
-aunque nunca nos habiemos visto en tan extrema necessidad~.
-
-[403] ~Relacion. p.~ 50. ~hizome una figura pintada en un paño del
-camino, que habia de llevar.~
-
-[404] ~Relacion. p.~ 54.
-
-[405] +B. Diaz.+ Band 4. S. 77.
-
-[406] ~Dr.~ C. H. Berendt erforschte das wenig besuchte Gebiet 1865-67.
-~cf. Smithsonian Instit. Report for~ 1867, ~p.~ 420.
-
-[407] In neuester Zeit hat Desiré Charnay ziemlich dieselbe Route
-wie Cortes verfolgt. „~Il y avait autrefois des villes le long de ce
-sentier; j’aperçois sur la droite des esplanades, dont les arêtes en
-pierres taillées sont encore intactes et le guide m’annonce que sur
-la gauche, du côte de la vallée du San Pedro se trouvent aussi des
-monuments.~“ ~Comptes rendus des séances d. l. soc. d. géogr.~ Paris
-1882. S. 546.
-
-[408] ~Relacion, p.~ 74. ~la cosa del mundo mas maravillosa de ver y
-pasar.~
-
-[409] +Maudslay+ (~Proceedings of the royal geogr. Soc.~ London 1883.
-S. 189) glaubt diesen Ort am Rio pueblo viejo, einem Zufluß des
-Polochic, wiedergefunden zu haben.
-
-[410] +B. Diaz.+ IV. 179.
-
-[411] ~Coleccion de doc. ined. p. l. hist. de España. I. p.~ 105.
-
-[412] Die gemachten Breitenbestimmungen sind ungenau; es ist
-wahrscheinlich, daß das Schiff bis in den Golf von Tehuantepec gelangte
-und dann umkehrte.
-
-[413] Der auf Pergament gemalte Atlas des Diego Homem von 1568 (königl.
-öffentl. Bibl. in Dresden) verlegt das ~C. del engañho~ ganz bestimmt
-nördlich von der gegenwärtig so benannten Punta S. Eugenia, und zwar
-unter 31° n. Br., was mit der 1542 erfolgten Aufnahme der Küste durch
-Cabrillo übereinstimmt.
-
-[414] Nach +J. G. Kohl+, die beiden ältesten Generalkarten, S. 70,
-nicht der jetzt noch so genannten ~St. Helena sound~, sondern der
-südlichere ~Port royal~.
-
-[415] ~algund golfo ó estrecho en la tierra firme.~ +Navarrete+,
-~Colec. III~, 147.
-
-[416] +Herrera+, ~Dec. VI. lib. I. cp.~ 4. ~haviendo pasado un rio
-+bien grande+.~
-
-[417] Vielleicht der Altamaha in Georgia, oder der Savannah an der
-Grenze von Süd-Carolina.
-
-[418] Kupferbergbau findet sich noch im Norden des Staates Georgia.
-
-[419] +Herrera+, ~Dec. VII. lib. I. c.~ 1.
-
-[420] Marcos Bericht in ~Colecc. d. doc. ined. relat. al descubr. III~,
-329-50. Madrid 1865.
-
-[421] Coronado’s Bericht in ~Doc. ined. rel. al descubr. III~, 363.
-Sein Brief an den Kaiser, ~ibid.~ XIII, ~p.~ 261. Außerdem die Berichte
-seiner Capitäne Jaramillo, ~ibid.~ XIV, 304, und Castañeda in +Ternaux
-Compans+, ~Voyages, relations et memoires etc.~ Paris 1838.
-
-[422] Vgl. General +J. H. Simpsons+ kritische Arbeit über Cibola in
-~Smithsonian Rapport~, 1869 ~p.~ 309-40. Simpson kennt die Gegend aus
-eigner Anschauung und stützt sich ferner auf die Ansicht des Ingenieur
-N. H. Hutton, welcher mit Whipple und Parke 1853-56 Neu-Mexiko und
-Arizona erforschte.
-
-[423] +R. Hakluyt+, ~Voyages. Vol. III.~ ~p.~ 394. London 1600.
-
-[424] Eine Copie dieser Karte findet sich in +Lorenzana+, ~Historia de
-nueva España~. S. 328. Mexiko 1770.
-
-[425] „Leutnant Ives, welcher den unteren Colorado erforschte, machte
-einen kleinen Abstecher zu Lande von einem Punkte unterhalb des großen
-Cañon nach Südwesten herum und erklomm das Plateau von San Francisco.
-Von einer Höhe konnte er weit nach Nordosten schauen und das Gebiet
-übersehen. Die Ausdehnung und Großartigkeit der Cañons, sagt er, ist
-in dieser Richtung staunenerregend. Das ganze Hochland ist durch
-riesige Klüfte in Fetzen zerrissen und gleicht einer ungeheuren Ruine.
-In meilenweiten Landstrichen sind die oberen Schichten hinweggefegt
-und nur isolirte Berge stehen geblieben. Klüfte, so tief, daß das
-Auge nicht bis auf den Grund hinunterzudringen vermag, werden durch
-Wände getrennt, deren Dicke man beinahe umspannen kann, und schlanke
-Spitzsäulen, welche auf ihrem Grunde zu schwanken scheinen, schießen
-tausend Fuß hoch aus den unterirdischen Höhlen empor.“ (J. W. Powell),
-~Exploration of the Colorado river of the west~. Washington. 1875. ~p.~
-195.
-
-[426] In der Zuñisprache noch jetzt Hak-ku-kiah genannt.
-(+Schoolcroft+, ~History of the Indian Tribes~. IV, 220.)
-
-[427] +Jaramillo+, ~Relacion l. c. p.~ 308. ~Todas cuantas aguas
-hallamos, y rios é arroyos, hasta este de Cibola, y aun, no sé si una
-jornada, ú dos mas, corren á la mar del Sur, y los dende aqui adelanto,
-a la mar del Norte.~
-
-[428] Auf dem amerikan. Atlas von Thomas Jeffreys, 1775, findet sich
-der Ort Sayaqué, welcher vielleicht dem Cicuyé entspricht. (Simpson,
-~l. c. p.~ 336).
-
-[429] Jaramillo, ~l. c. p.~ 310. ~porque dellas comen y visten y
-calzan.~
-
-[430] Auf dem Rückmarsche wird auch das Vorkommen der Hundmurmelthiere
-erwähnt, als kleiner Geschöpfe, die den Eichhörnchen gleichen und in
-Erdlöchern leben.
-
-[431] ~Historia de nueva España: Mexico 1770, p. 38: y aun se ignora
-si confina con la Tartaria, y Groelandia; por las Californias con la
-Tartaria, y por el Nuevo Mexico con la Groelandia~.
-
-[432] Andagoya sagt in seiner ~Relacion~ (+Navarrete+ III, 420): ~una
-provincia que se dice Biru, donde corrompido el nombre se llamó Pirú~.
-Aehnlich auch +Augustin de Çarate+, ~Historia del descubrimiento y
-conquista de las Provincias del Peru. Sevilla~ 1577, ~p.~ 1: ~una
-pequeña y pobre provincia cincuenta leguas de Panama, que se llama
-Peru, de donde despues +impropriamente+ toda la tierra... por espacio
-demas de mil y dozientas leguas por luengo de costa se llamo Peru~.
-
-[433] +E. Pöppig+, Reise in Chili, Peru und auf dem Amazonenstrom.
-Leipzig 1836. II, 10 und 7.
-
-[434] +Ch. Darwin+, Reise eines Naturforschers um die Welt. Stuttgart
-1874. S. 419.
-
-[435] +W. Reiß+ und +A. Stübel+, das Todtenfeld von Ancon. Berlin
-1881-83. Tafel 13-16, 45-48 u. a.
-
-[436] Ansichten der Natur II 326, 322 u. 324. Stuttgart u. Tübingen
-1849.
-
-[437] +Aug. de Çarate+, ~Historia del descubrimiento~. Sevilla 1577, S.
-1. ~Almagro, cuyo linaje nunca se pudo bien averiguar, por que algunos
-dizen que fue achado a la puerta de la yglesia.~
-
-[438] Pedro Pizarro, ~Relacion del descubrimiento y conquista etc.~ in
-+Navarrete+, ~Colecion de doc. inedit. para la historia de España~.
-Madrid, 1844 ~Tom V, p. 203~.
-
-[439] Nicht zu der Verwandtschaft gehört Pedro Pizarro aus Toledo,
-welcher mit 15 Jahren in den Dienst Francisco Pizarro’s trat und seit
-dem 18. Jahre die Feldzüge mitmachte. Er schrieb eine ~Relacion del
-descubrimiento y conquista de los reinos del Peru etc.~ Abgedruckt in
-+Navarrete+, ~Colecion de doc. inedit. para la historia de España~.
-Madrid 1844. ~Tom. V, p.~ 201-388.
-
-[440] +P. Pizarro+, ~Relacion. p.~ 211.
-
-[441] +P. Pizarro+, S. 224.
-
-[442] Pachacamac ist jetzt meist unter Sand begraben und bei dem
-Umblick von den auf den Hügel gebauten Terassen des Tempels sieht
-man im weiten Umkreis die Reste der frühern Klöster, sowie der
-Befestigungen hervorragen. A. Bastian. Die Kulturländer des alten
-Amerika. I, 51. Berlin 1878.
-
-[443] +Cl. Markham+ hat (~Reports on the discovery of Peru. Hakluyt
-Society.~ London 1872, ~p.~ 97) nach dem Verhältnisse von 100 Pesos
-Gold = 144 Ducaten, 120 Pesos Silber = 144 Ducaten den Geldwerth
-berechnet, der auf jeden Antheil entfiel. Doch weichen die Angaben von
-einander ab.
-
- Pizarro erhielt 312,000 Ducaten,
- 3 Capitäne der Cavallerie 165,000 „
- 4 „ „ Infanterie 165,000 „
- 60 Reiter 1,166,000 „
- 100 Mann zu Fuß 1,458,000 „
- Almagro 55,200 „
- Die Truppen Almagro’s 331,200 „
- Der königliche Quint 931,500 „
- Zuschlag von feinem Silber 38,170 „
- -----------------
- In Summa 4,605,670 Ducaten,
-
-d. h. nach dem Geldwerth unserer Tage etwa 70 Millionen Reichsmark. Die
-ausführliche Liste über die Vertheilung der Beute gibt der spanische
-Notar Pedro Sancho (cf. Markham, ~l. c. p.~ 133-142). In folge dieser
-Reichthümer stiegen die Preise für europäische Waaren bedeutend: Ein
-Pferd kostete 2500-3300 Pesos, ein Paar Schuh oder Stiefel 30-40 Pesos,
-ein Mantel 100-120 Pesos, ein Buch Papier 10 Pesos u. s. w. -- De Luque
-war inzwischen gestorben, also fiel sein Antheil hinweg.
-
-[444] +P. Pizarro+, ~Relacion. p.~ 247.
-
-[445] Nach +Aug. de Çarate+ ~lib. III, cp.~ 1, ~p.~ 23 zählte sein Heer
-570 Mann.
-
-[446] Auf dem ganzen Zuge sollen 10,000 Indianer gefallen sein.
-
-[447] Der Santiagofluß entspringt am Catacachi, nördlich vom Aequator,
-und fließt in die Bai von Panguapi (Bai von S. Mateo) nahe der
-Nordgrenze des Staates Ecuador, 1° 20′ n. Br.
-
-[448] Vgl. den Brief des Bischofs von Cuzco in ~Colecion de doc.
-inedit. relat. al descubrim. III~, 221 und den Brief Martins de Arauco,
-ebd. III, 213. Madrid 1865. Ferner P. Pizarro S. 353 ff.
-
-[449] Castro’s Bericht in ~Cartas de India. p.~ 480. Madrid 1877.
-
-[450] Die Charcas-Indianer wurden 1539 durch Pedro de Anzures besiegt,
-welcher in dem silberreichen Gebiete die Stadt la Plata anlegte
-(Chuquisaca in Bolivia). Francisco Pizarro hieß nach diesem Gebiete
-Marques de los Charcas.
-
-[451] Der officielle Bericht über den Ausgang Pizarro’s findet sich in
-~Colecion de doc. ined. para la historia de España~. ~Vol. XXVI, p.~
-177.
-
-[452] Die Liste der Spanier, welche die Fahrt mitmachten, gibt Oviedo,
-~historia general~. Madrid 1845. ~Tom. IV.~ ~lib.~ 49. ~cp.~ 2.
-
-[453] +Oviedo+, ~Tom IV. lib.~ 50. ~cp.~ 24. ~p.~ 557.
-
-[454] +Carvajal+ (Oviedo ~p.~ 562) spricht von den Amazonen als
-einer ~gran novedad; que aquestas mugeres que alli peleaban +como
-amaçonas+, son aquellas de quien en muchas é diversas relaçiones mucho
-tiempo há que anda una fama extendida en estas Indias ó partes de
-muchas formas discontada, del hecho destas belicosas mugeres~. Und
-auch +Herrera+ (~Dec. VI. lib. IX. cp.~ 4) gibt die Erzählung nur
-mit Vorbehalt, beruft sich aber auf die Wahrheitsliebe des muthigen
-Carvajal. Die Thatsache ist lange bezweifelt, und der Bericht unter
-die zahlreichen spanischen Erfindungen gerechnet, hat indes noch in
-der neuesten Zeit ihre Bestätigung durch den französischen Reisenden
-Crevaux gefunden, welcher am 31. October 1878 an dem Paru, einem aus
-dem Hochlande der Guayana herabkommenden Zuflusse, ein Dorf antraf,
-welches +ausschließlich+ von geschiedenen Frauen bewohnt war. (~Bull.
-d. l. soc. géogr.~ Paris 1882, ~p.~ 672). Das Geschlecht der Amazonen
-ist also noch nicht ausgestorben. Die Angabe Crevaux’ läßt uns auch
-annähernd den Punkt bestimmen, wo Orellana diese kriegerischen Weiber
-antraf, nämlich wahrscheinlich an der Mündung des Jamunda.
-
-[455] +Navarrete+ III, 294. Nr. V.
-
-[456] Ein solcher, allerdings noch nicht genügend enträthselter Bericht
-hat sich in der „~Copia~ der Newen Zeytung aus Presillg Landt“, einem
-Flugblatt, erhalten, welches um 1508 oder 1509 in Augsburg gedruckt und
-offenbar aus dem Italienischen ins Deutsche übertragen ist. Die Zeitung
-erzählt von einer Fahrt zweier portugiesischer Schiffe nach Brasilien
-(Presillg Landt) und von der Auffindung einer Straße etwa unter
-dem 40. Grade s. Br. Wann die Fahrt gemacht und wer die Expedition
-geleitet, ist nicht gesagt. Sie hat sich bisher auch mit keiner
-bekannten Unternehmung identificiren lassen, so daß arge Entstellung
-des Thatbestandes und selbst Fiction nicht ausgeschlossen ist. Aber
-Thatsache ist, daß die Zeitung um 1509 in Deutschland und Italien
-bekannt war und daß sie aus Portugal stammte. Daß sie zum Entwurf von
-Weltbildern benutzt wurde, werden wir weiterhin zeigen.
-
-[457] +Pigafetta+ in ~Ramusio Navigationi et Viaggi I~, 354^b
-und +Herrera+, ~Decad. II. lib. II. cp.~ 19. Vgl. auch +Wieser+,
-Magalhãesstraße. Innsbruck 1881. S. 49.
-
-[458] Veröffentlicht von +R. H. Major+ in der ~Archaeologia, Vol. XL~.
-London 1865. +Wieser+, Magalhãesstraße S. 19 ff.
-
-[459] Auf zwei Globen aus dem Jahre 1515, welche sich in Frankfurt und
-Weimar befinden. +Wieser+, Magalhãesstraße S. 19 ff.
-
-[460] +Navarrete+ III, 134.
-
-[461] Die verstümmelte Namensform Magellan ist eine französische
-Abkürzung der spanischen Umformung des portugiesischen Namens und daher
-zu verwerfen.
-
-[462] ~Vida e viagens de Fernão de Magalhães por Diego de Barros Arana,
-traducção de Hespanhol de Fernando de Magalhães-Villas-Boas. Lisboa~
-1881, ~p.~ 11, 145, 178.
-
-[463] +Martyr+, ~Epist.~ 630, ~duobus transfugis Portugalensibus a suo
-rege discedentibus~.
-
-[464] +Faria e Sousa+, ~Comentarios a la Lusiada de Camoens II, coment.
-á octava 140 do canto X~. -- Barbosa, ~Bibl. Lusitana II, p.~ 31 citirt
-in ~Barros Arana, Vida e viagens de F. Magalh. p.~ 23.
-
-[465] +P. Martyr.+ ~Epist.~ 630. ~Si fauste res successerit,
-Orientalibus et Portugallo regi commercia intercipiemus.~
-
-[466] +Navarrete+ IV, 116-122. +Magalhães+ berechnete die Entfernungen
-in folgender Weise: Die Insel S. Antonio unter den Capverden 22° östl.
-von der Demarcationslinie, Cabo S. Augustin 20° östl., C. Sa. Maria am
-Laplata 5° östl. Malaka 17½° westlich der andern Demarcationslinie,
-welche durch den großen Ocean lief, und die Molukken theils 2½°, theils
-4° östlich jener Grenzlinie. (Navarrete IV, 188.)
-
-[467] Nach der von +Navarrete+ IV, 12 ff. gegebenen Liste befanden sich
-unter der Mannschaft 20 Portugiesen, 23 Italiener, meist Genuesen, 10
-Franzosen, 4 Flamländer, 1 Deutscher, 1 Engländer.
-
-[468] +Navarrete+ IV, 202. 203. An der Küste von Brasilien trat Alvaro
-de la Mezquita an seine Stelle als Capitän.
-
-[469] ~Diario ó derrotero del viage de Magallanes, escrito por
-Francisco Albo~ in +Navarrete+ IV, 209-247. ~Una montaña hecha un
-sombrero p.~ 211.
-
-[470] Vielleicht der Puerto deseado nahe am 48° s. Br.
-
-[471] +Gomara+, ~la historia general de las Indias~. Anvers 1554. ~p.~
-127-128.
-
-[472] Brief des Secretärs Maximilian Transilvanus an den Cardinal von
-Salzburg. In der spanischen Ueberarbeitung bei +Navarrete+ IV, 260. 261.
-
-[473] +G. Correa+, ~Lendas II ep XIV p.~ 625 behauptet, Magalhães habe
-das Kabeltau des Antonio heimlich durchschneiden lassen, um das Schiff
-zum Abtreiben zu bringen.
-
-[474] ~Carta del Contador Juan Lopez de Recalde al Obispo de Burgos~ in
-+Navarrete+ IV, 201-208.
-
-[475] Eines Tages, erzählt Pigafetta, kam ein Riese zu uns an den
-Strand, der so groß war, daß wir mit dem Kopf ihm nur bis an den Gürtel
-reichten. (Anton Pigafetta’s Reise um die Welt. Gotha 1801. S. 30.)
-
-[476] Louis de Bougainville, welcher von 1766-1769 die erste
-französische Erdumsegelung ausführte, gibt die Größe der Patagonen zu 5
-Fuß 5 Zoll bis 5 Fuß 10 Zoll an. ~Vogaye autour du monde.~ Paris 1771.
-Cap. 4.
-
-[477] Nach P. P. King’s Schilderung in ~Journal of the royal geogr.
-soc. vol. I p.~ 165.
-
-[478] Die Reisen der deutschen Kriegsflotte im Jahre 1878, in der
-Allgemeinen Zeitung. 1879. S. 818. 819.
-
-[479] Dasselbe hat sich abschriftlich in dem Tagebuch des Astronomen
-Andres de San Martin, welcher während der Fahrt starb, erhalten und
-ist von João de Barros ~Dec. III. lib. V.~ ~cp.~ 9 mitgetheilt. Vgl.
-+Navarrete+ IV, ~p.~ 45-49.
-
-[480] +Max. Transilvanus+ § 9. +Navarrete+ III, ~p.~ 266.
-
-[481] Jetzt Cap Pillar, Pfeilercap nach seiner Gestaltung genannt.
-
-[482] Loaysa brauchte 1526 zur Fahrt durch die Straße vier Monate,
-Drake 1577 nur 17 Tage. Von den Holländern und Engländern, welche
-am Schluß des 16. Jahrhunderts die Durchfahrt versuchten, kehrte
-die Hälfte wieder um. Byron brauchte 1765 51 Tage, Wallis 1767 116
-Tage, Bougainville 1768 60 Tage. Alle diese Seefahrer besaßen Karten,
-Magalhães nicht.
-
-[483] Nach den Untersuchungen von +C. Meinicke+ (Petermann’s
-Mittheilungen 1868. S. 376) ist S. Pablo identisch mit Pukapuka (138°
-48′ w. v. Gr.), und die Haifischinsel die Insel Flint (151° 48′ w. v.
-Gr.).
-
-[484] +Francisco Albo+ in +Navarrete+ IV, 219.
-
-[485] Die Angaben schwanken zwischen 1800 und 4000 Kriegern.
-
-[486] Pigafetta schreibt diese rasche Freundschaft der Eingebung eines
-Traumes, Transilvanus der Sternkunde des Fürsten zu. Im Grunde war es
-nur die Handelseifersucht gegen Ternate.
-
-[487] Pigafetta gibt folgende Preisliste. Für ein Bahar (40 Pfund)
-Nelken gab man, je nach Wahl, einen Posten der folgenden Waaren: 10
-Ellen feines, oder 15 Ellen mittelfeines rothes Tuch, 15 Beile, 35
-Glasschalen, 25 Ellen feine Leinwand, 150 Messer, 50 Scheeren, 40
-Mützen, 1 Ctr. Bronze. Der genuesische Pilot bemerkt, daß der Werth des
-Tuches, welches man für 1 Bahar gab, in Spanien 14 Ducaten betragen
-habe.
-
-[488] +Navarrete+ IV, 96 zählt sie sämmtlich mit Namen auf.
-
-[489] Die Berechnung, welche +Peschel+ (Zeitalter der Entdeckungen
-S. 645, zweite Auflage S. 507) aufstellt, wonach man für 533 Centner
-auf den Molukken etwa 213 Ducaten bezahlt und auf dem Markte von
-London mehr als 100,000 Ducaten erhielt, ist nach +P. A. Tiele+ (~De
-Europeërs in den maleischen Archipel~ Bl. 60) unrichtig, weil 1) der
-Einkaufspreis höher war als 213 Ducaten, 2) der Preis in Spanien viel
-niedriger stand als in England und 3) auch der für England angenommene
-Marktwerth viel zu hoch gegriffen ist.
-
-[490] +San Antonio+, die westlichste der Capverden liegt etwa 25° w. v.
-Gr. und Tidor 127½° ö. v. Gr. Der Abstand beträgt in Wirklichkeit 152½
-Grad.
-
-[491] +Navarrete+ V, 1-439, besonders wichtig ist die Relacion
-Urdaneta’s, ~p.~ 401-439.
-
-[492] +Navarrete+ V, 103.
-
-[493] +Navarrete+ V, 183.
-
-[494] +Navarrete+ V, 95-114. 440-498, ~Colec. d. doc. inedit. rel. al
-descubr. V~, 68-97.
-
-[495] Wahrscheinlich die in der westl. Gruppe gelegenen Inseln Fais und
-Ulithi, vgl. +Meinicke+, Die Inseln des stillen Oceans II, 359.
-
-[496] +Navarrete+ V, 401-429.
-
-[497] Wie ängstlich die Portugiesen darauf bedacht waren, den Weg
-zu den Gewürzländern geheim zu halten, geht auch daraus hervor, daß
-noch 1531 der Italiener Leone Pancaldo, welcher auf dem Flaggschiffe
-Magalhães’ als Matrose die Reise mitgemacht und glücklich zurückgekehrt
-war, in seiner Vaterstadt Savona vor einem öffentlichen Notar und einem
-Agenten des Königs von Portugal gegen eine Summe von 2000 Ducaten sich
-verpflichtete, keinem Menschen den Weg nach den Molukken zu zeigen
-und keine Karte davon zu zeichnen. +C. B. Belloro+, ~Elogio di Leone
-Pancaldo~, citirt in +Harrisse+, ~Jean et Sebastian Cabot p. 73~.
-
-[498] ~Col. d. doc. ined. relat. al descubr. V~, 117-209.
-
-[499] Lamaliork in den westlichen Carolinen, zuerst 1526 von Diego de
-Rocha gesehen und Sequeira genannt.
-
-[500] Vermuthlich ging in diesen Gegenden Grijalva mit seinem Schiff
-zu Grunde. ~En estas islas se perdió un navio del Marquis de Valle
-(Cortes), en que venia por Capitan Grijalva, el cual mataron los
-marineros. Col. d. doc. inedit. rel. al descubr. V, p.~ 154. ~Herrera.
-Dec. III. lib. IX. cp.~ 10.
-
-[501] Ueber diese wichtige Reise finden sich zwei Originalberichte
-in der ~Colec. d. doc. ined. rel. al descubr. V~, ~p.~ 210-211 und
-~p.~ 221-286. Der letztere, leider ohne Schluß, ist, wie auf ~p.~ 240
-ersichtlich ist, von Mendaña selbst verfaßt. Außerdem ein Bericht
-des Piloten Gallego in Justo Zaragoza, ~historia del descubr. de
-las regiones Austriales hecho por el general Fernandez de Quiros.
-Tom. I. p.~ 1-22. Madrid 1876, besonders werthvoll, weil er genauere
-Mittheilungen über den Abschluß der Expedition giebt.
-
-[502] +C. Meinicke+, Die Inseln des stillen Oceans, Leipzig 1876. Bd.
-II. S. 425 u. 133 vermuthet, es sei die Insel Nui in der Ellicegruppe
-(7° 15′ s. Br.) gemeint.
-
-[503] Mendaña nennt sie sogar heller als die Indianer Peru’s. ~Colec.
-d. doc. l. c. p.~ 244.
-
-[504] +J. Zaragoza+, ~Historia del descubr. de las regiones Austriales
-hecho por el general Pedro Fernandez de Quiros~. ~T. I. p.~ 19-22.
-Madrid 1876.
-
-[505] +J. Zaragoza+ ~l. c. I~, 190 ff.
-
-[506] +J. Zaragoza+ ~l. c. II~, 218 und ~Colec. d. doc. ined. rel. al
-descubr. V~, 497-506.
-
-[507] +J. Zaragoza+ II, 190 u. ~Colec. de doc. V, 517 todo le que dice
-Pero Fernandez de Quiros, es mentiva y falsedad~.
-
-[508] +H. Harrisse+, ~Jean et Sebastien Cabot~. Paris 1882. Ein
-grundlegendes Werk, welchem wir in diesem Abschnitte folgen.
-
-[509] +P. Amat di S. Filippo+, ~Studi biografici e bibliografici sulla
-storia della geografia in Italia. Vol. I~, 200. ~Roma~ 1882.
-
-[510] ~Los de Bristol ha siete annos que cada anno un armado dos,
-tres, cuatro caravelas para ir a buscar la isla del Brasil y las siete
-ciudades con la fantasia deste Genoves.~ Der Brief ist vollständig
-abgedruckt bei Harrisse ~l. c. p.~ 329. Ueber die Lage der Insel der
-sieben Städte und über Brasil vgl. oben S. 21.
-
-[511] Da alle drei Söhne in dem Patent mit aufgeführt sind, müssen sie
-1496 bereits volljährig, d. h. nach engl. Rechte wenigstens 21 Jahre
-alt gewesen sein. Danach darf das Geburtsjahr des jüngsten, Sancto,
-nicht nach 1474 gesetzt werden; Sebastian, der bedeutendste der drei
-Söhne, welcher später die Pläne des Vaters weiter verfolgte, war älter,
-vielleicht 1472 geboren. Zu dieser Zeit muß der Vater bereits in
-Venedig ansässig gewesen sein. Sebastian Cabotto ist seiner Geburt nach
-Venetianer.
-
-[512] Die letztere Annahme (1494) wird scheinbar durch eine Inschrift
-Sebastian Cabotto’s auf seiner 1544 entworfenen Weltkarte zur allein
-giltigen erhoben, wonach die Entdeckung 1494 stattgefunden haben
-soll. Allein es wird gezeigt werden, daß in der Jahreszahl selbst ein
-Fehler liegt. Die Inschrift, welche auf jener Weltkarte italienisch
-und lateinisch eingetragen ist, lautet in deutscher Uebersetzung:
-Dieses Land (nämlich Labrador) wurde von dem Venetianer Jean Caboto
-und seinem Sohne Sebastian Caboto entdeckt im Jahr der Geburt unseres
-Heilandes Jesu Christi ~M.CCCC XCIIII~ den 24. Juni morgens; sie gaben
-ihm den Namen „~prima terra vista~“ und einer großen Insel in der
-Nähe des erwähnten Landes den Namen St. Johannes, weil das Land am
-St. Johannistage entdeckt wurde. Harrisse (S. 52-60) weist mit Recht
-darauf hin, daß die Zahl 1494 auf einem Irrthum beruhe, daß die Ziffern
-vielmehr ~M.CCCC XCVII~ lauten sollten. Zunächst enthält schon die
-latein. Inschrift einen Druckfehler, insofern als Tag der Entdeckung
-der 24. +Julii+, statt +Junii+ genannt ist. Es kann sich also auch
-in der Angabe der Jahreszahl ein Fehler eingeschlichen haben. Von
-der Weltkarte scheint es mehrere Ausgaben gegeben zu haben. Richard
-Hakluyt citirt dieselbe im dritten Bande seiner Voyages (London 1600)
-S. 6 und bemerkt, indem er die Inschrift mittheilt: ein Exemplar
-finde sich in der Privatgallerie der Königin zu Westminster, andere
-Exemplare seien noch in alten Handelshäusern zu sehen. Er sah also
-mehrere Exemplare und liest auf denselben: „Ano Domini 1497.“ Innere
-Gründe treten hinzu, um diese Zahl für die allein richtige zu halten.
--- Zunächst meldete Ruy Gonzales de Puebla am 21. Januar 1496 nach
-Spanien, daß jemand dem englischen Könige ein ähnliches Unternehmen
-wie Columbus bezüglich einer Fahrt nach Indien vorgeschlagen habe.
-Bereits neun Wochen darauf ließen Ferdinand und Isabella dem König
-Heinrich von England mittheilen, daß die von England beabsichtigten
-Fahrten gegen die Privilegien der spanischen und portugiesischen Krone
-verstießen, wie sie durch den Theilungsvertrag von 1494 sanctionirt
-waren. Aus der Sprache dieses Briefes geht hervor, daß das berührte
-Project etwas Neues war, dessen Ausführung man hoffte, noch hindern
-zu können, ähnlich wie später der König von Portugal bezüglich der
-Expedition Magalhães’ in Spanien Vorstellungen machte. Wenn nun Cabotto
-schon zwei Jahre vorher seine Entdeckung ausgeführt hätte, würde eine
-nachfolgende Schiffsausrüstung kaum von solchem Belang erschienen
-sein, um daran einen diplomatischen Schriftenwechsel zu knüpfen. Aber
-schon ehe der Brief der spanischen Majestäten einlief, hatte Heinrich
-VII. durch Erlaß vom 5. März 1496 den Plan Cabotto’s angenommen und
-genehmigt, daß er nach Westen, Osten und Norden mit fünf Schiffen unter
-englischer Flagge Inseln und Länder der Heiden aufsuchen könne. („~ad
-inveniendum, discooperiendum et investigandum quascunque insulas,
-patrias, regiones sive provincias gentilium et infidelium in quacunque
-parte mundi positas, quae christianis omnibus ante haec tempora fuerunt
-incognitae.~“) Die Fassung des Patents deutet sicher nur auf geplante,
-aber nicht auf schon gemachte Entdeckungen hin. -- Ferner ist erst seit
-der zweiten Hälfte des Jahres 1497 überhaupt von bereits erfolgten
-Entdeckungen die Rede. Am 10. August 1497 erhielt Cabotto nach seiner
-Rückkehr von der Küste Amerika’s eine königliche Belohnung von zehn
-Pfund Sterling. Am 3. Febr. 1498 schreibt der Kanzler des Königs an
-Cabotto, daß dieser ermächtigt werde, nach dem Lande und den Inseln,
-die er kürzlich entdeckt, („~the Londe and Iles of late founde by
-the seid John~“, Harrisse, ~p.~ 317) Schiffe zu führen. Und endlich
-berichtet auch Pedro de Ayala am 25. Juli 1498, daß im vorhergehenden
-Jahre, also 1497, die Leute von Bristol Land im Westen aufgefunden
-hätten. So weist alles auf das Jahr 1497 hin. Nur von diesem Jahre
-kennen wir auch die Resultate.
-
-[513] Die Inschrift lautet: ~Tierra del labrador. Esta tierra
-descubrieron los Ingleses.~
-
-[514] Vgl. Harrisse, S. 325.
-
-[515] +R. Hakluyt+, ~Voyages III, p.~ 9.
-
-[516] Die darüber geführte Correspondenz findet sich in Harrisse, S.
-344-54.
-
-[517] ~Mia intenzione era di pervenire in questa navigazione al
-Cathaj allo estremo oriente dell’ Asia.~ (+Asher+, ~Henry Hudson the
-navigator, London~ 1860. ~p.~ 224).
-
-[518] Verrazzano’s Originalbericht, in italienischer Sprache, ist
-zuerst vollständig veröffentlicht in +Asher+, ~Henry Hudson, the
-navigator, London~ 1860. ~p.~ 199-288. (Hakluyt Soc.).
-
-[519] Vgl. S. 472. 473.
-
-[520] Die betreffenden Inschriften auf der Karte Diego Ribeiro’s
-lauten: ~Tierra de Estebã Gomez: la qual descubrio por mandado de
-su magt. el añ de 1525. ay en ella muchos arboles y fructos de los
-de España y muchos rodovallos (?) y salmones y sollos~ (Hechte).
-~no han alla lo oro. En toda esta costa del norte son los Indios de
-mayor estatura que no los de sancto Domingo, ni de las otras islas,
-mantienen se de mais y pescado, que ay en mucha abundancia y caça de
-muchos venados y de otras animalias. vistense de pelijas de lobos y de
-rapossos y zorras~ (Füchse).
-
-[521] ~Navigation par le Capitaine Jacques Cartier aux iles de Canada,
-ed. par d’Avezac.~ Paris 1863.
-
-[522] Die Resultate der beiden ersten Entdeckungsfahrten sind
-auf einer Karte niedergelegt, welche +Jomard+ in seiner Sammlung
-mittelalterlicher Karten (~Monuments de la géogr.~) unter dem Titel:
-Karte eines Piloten Heinrichs II. von Frankreich veröffentlicht hat. Es
-kann aber gegenwärtig als erwiesen betrachtet werden (vgl. ~Bull. de
-l’acad. d. inscript. et belles lettres. Août~ 1867), daß die Karte noch
-unter Franz I. im Jahre 1542 entworfen ist.
-
-[523] +Francis Parkman+, Die Pionniere Frankreich’s in der neuen Welt.
-Deutsch v. Fr. Kapp. S. 30. Stuttgart 1875.
-
-[524] Auf S. 27 befindet sich eine verkleinerte Copie derselben.
-
-[525] +Hakluyt+, ~Voyages III~, 58.
-
-[526] +A. H. Markham+, ~The Voyages and workes of John Davis the
-navigator~. London, 1880. (Hakluyt ~Soc. Vol.~ 59.)
-
-[527] +A. H. Markham+, ~John Davis p.~ 208.
-
-[528] Nach Davis’ Bestimmung; Hope Sanderson liegt aber 72° 42′ n. Br.
-
-[529] ~L. c. p. 47 this day and night we passed by a very great gulfe.~
-
-[530] ~The Worldes hydrographical discription.~ London 1595, wieder
-abgedruckt in +A. H. Markham+, ~John Davis~ ~p.~ 192-238.
-
-[531] Davis machte 1591 bis 1593 unter Thomas Cavendish die Expedition
-nach der Magalhãesstraße und in der Zeit von 1598 bis 1604 mehrere
-Reisen nach Indien. Während der letzten Fahrt wurde er an der Ostküste
-von Malaka von asiatischen Piraten meuchlings überfallen und am 29.
-oder 30. December 1605 erschlagen.
-
-[532] +G. M. Asher+, ~Henry Hudson, the navigator~. London 1860
-(Hakluyt ~Soc. Vol.~ 27).
-
-[533] Prickett schreibt in seinem Tagebuche (+Asher+, ~Hudson. p.~
-111): ~About the middle of the moneth of November dyed John Williams,
-our gunner: +God pardon the masters uncharitable dealing with this
-man+~.
-
-[534] +Clements R. Markham+, ~The voyages of William Baffin~. London
-1881 (Hakluyt ~Soc.~).
-
-[535] Im Jahre 1821 hat Edward Parry dieselben Gebiete erforscht;
-seine Beobachtungen über die Flut stimmen mit Baffin überein, die
-Breitenbestimmungen Baffins fand er nahezu richtig. (~Second voyage~,
-London 1824, ~p.~ 33.)
-
-[536] Nur Parry, 1819, und Nares, 1875, haben es mit Erfolg ausgeführt.
-
-[537] Es scheint, als ob Baffin später an der Westseite, also von Asien
-her durch den großen Ocean, den Ausgang der Nordwestpassage zu finden
-hoffte. Um nach dieser Richtung seinem Lieblingsplan noch einmal näher
-treten zu können, ging er in den Dienst der ostindischen Compagnie,
-mit deren Unterstützung er sein Vorhaben ausführen zu können hoffte.
-Nachdem er schon eine Fahrt nach Indien gemacht, wurde ihm der Auftrag
-ertheilt, in Verbindung mit dem Schah Abbas von Persien die Portugiesen
-aus Ormuz zu vertreiben. Hier wurde er während der Belagerung der
-portugiesischen Citadelle am 23. Januar 1622 durch einen Kanonenschuß
-getödtet.
-
-[538] Im Ptolemäus, Ulm 1482. Die Karte von Nordeuropa ist in getreuer
-Copie veröffentlicht in Nordenskiöld, Die Umsegelung Asiens und
-Europa’s auf der Vega. I, S. 48.
-
-[539] Ebenda.
-
-[540] ~Rerum Moscoviticarum commentarii.~ Abtheil. II. ~Fol. XXVIII.~
-Wien 1549. ~Navigatio per mare glaciale.~
-
-[541] +Gomara+, ~Historia general. Anvers~ 1554. ~Fol.~ 16 ~verso.
-Agora ay mucha noticia y esperiencia, como se nauega de Noruega hasta
-passar por debaxo el mesmo Norte.~ -- ~Fol.~ 10. ~Y continuar la costa
-hazia el Sur la buelta de la China. Olao Godo me contaua muchas cosas
-de aquella tierra y navegacion.~
-
-[542] In ~Historia de gentium septentrionalium variis conditionibus~.
-Basel 1567.
-
-[543] +Verrazzano+ schreibt in seinem (oben S. 506) erwähnten Brief an
-Franz I. von Frankreich: ~Lo estremo della Europa, che sono i limiti di
-Norvegia, che stanno in gradi 71~. (+Asher+, ~Hudson the navigator. p.~
-226.)
-
-[544] +Nordenskiöld+, Die Umsegelung Asiens und Europa’s. I, 317.
-
-[545] Der Reisebericht in +Hakluyt+, ~Principal Navigations.~ London
-1598. ~p.~ 234 ff.
-
-[546] +Nordenskiöld+, Die Umsegelung Asiens und Europa’s. I, 58.
-
-[547] +Hakluyt+, ~Principal Navigations~. London 1598. ~p.~ 274.
-
-[548] +Hakluyt+, ~Principal Navigations~. London 1598. ~p.~ 445.
-
-[549] +Nordenskiöld+, Die Umsegelung Asiens und Europa’s. I, 203.
-
-[550] ~A chronological history of the voyages into the arctic regions.~
-London 1818. ~p.~ 99.
-
-[551] +J. K. J. de Jonge+, ~De opkomst van het Nederlandsch Gezag in
-Oost-Indie~. s’Gravenhage 1862. ~p.~ 10. ~S. Müller, Geschiedenis der
-noordsche compagnie~. Utrecht 1874. ~p.~ 27.
-
-[552] John Balaks Brief ist veröffentlicht in +Hakluyt+. I, 509. London
-1598.
-
-[553] +De Jonge+, ~De opkomst. p.~ 167.
-
-[554] Mercator hatte auf seine Polarkarte die Inschrift gesetzt:
-~Euripus ob celerem fluxum nunquam congelatur~.
-
-[555] +S. Müller+, ~Geschiedenis. p.~ 39. ~Resolutien der
-Staten-Generaal. 9. mei 1595~. ebenda ~p.~ 358-60.
-
-[556] +Linschoten+, ~Voyasie ofte schip-vaert by Noorden om. Amsterdam
-1598~. Derselbe, ~Navigatio in orientalem sive Lusitanorum Indiam.
-Hagae Comitis~ 1599. Die Reisen Barendszons sind beschrieben in Gerrit
-de Veer, ~Vraye description de trois Voyages des mers tres admirables
-etc.~ Amsterdam 1598. Von diesem Werke existiren auch holländische und
-latein. Ausgaben.
-
-[557] +Nordenskiöld+ I, 217, ist der Ansicht, daß den Holländern auf
-ihrer ersten und zweiten Reise der Weg nach dem Ob und Jenissei offen
-gestanden. Wenn sie die Fahrt fortgesetzt hätten, bis sie an einem der
-beiden Flüsse zu bewohnten Gegenden gekommen wären, so wäre ganz sicher
-schon im Anfang des 17. Jahrhunderts auf diesem Wege ein bedeutender
-Handel zwischen Nordasien und Europa entstanden.
-
-[558] Die Resolution ist wieder veröffentlicht in +Nordenskiöld+ I, 218.
-
-[559] +Müller+, ~Geschiedenis. Bijlage V. p. 362 dat von stads wege
-twee schepen... datelyk zullen werden toegemaect~. Die Expedition
-wurde also nicht, wie Nordenskiöld I, 218 schreibt, von Kaufleuten in
-Amsterdam, sondern von der Stadt ausgerüstet.
-
-[560] An dieser Insel, welche 1603 auch von den Engländern aufgefunden
-wurde, trieben diese in den folgenden Jahren eine ergiebige Walroßjagd,
-bis man, seit 1610, als bei der Bäreninsel der Fang geringer wurde,
-sich nach Spitzbergen wandte.
-
-[561] Daß Rijp nicht um Spitzbergen herum gesegelt ist, beweist P. A.
-Tiele in ~Aardrijksk. Genotsch. Deel. III, p.~ 136. Amsterdam, 1878.
-Vgl. auch S. Müller, ~Geschiedenis, p.~ 43, Anmerkung 3.
-
-[562] +Barentzoen+, ~Nieuwe Beschr. ende Caertboeck van de
-niedlandtsche Zee~, citirt in +Müller+, ~Geschiedenis~, ~p.~ 38.
-
-[563] Das Winterlager Barendsz.’s ist erst 1871 durch den norwegischen
-Polarfahrer Carlsen wieder aufgefunden; bis dahin hatte kein Schiff den
-Nordosten Nowaja Semlja’s wieder erreicht.
-
-[564] +Blavius+, ~Atlas major~, lat. Ausgabe. 1665. I. ~Fol.~ 24 und 31.
-
-[565] Die von Pontanus 1611 entworfene Karte (wiedergegeben im
-Nordenskiöld I, 220) rückt Hudsons äußersten Punkt an der Küste
-Grönlands, ~Hold with hope~, um 20 Meridiane zu weit nach Osten, bis
-unter den Meridian von Edinburgh, aber vermuthlich nach den Angaben
-Hudsons selbst, welcher keine Längenbestimmung in seinem Tagebuche
-angesetzt hat.
-
-[566] +De Jonge+, ~Opkomst I. p.~ 28-30. +S. Müller+, ~Geschiedenis.
-p.~ 60-66.
-
-
-
-
-
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-Entdeckungen, by Sophus Ruge
-
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