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-Project Gutenberg's Die krankheiterregenden Bakterien, by Max Loehlein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die krankheiterregenden Bakterien
- Entstehung, Heilung und Bekämpfung der bakteriellen
- Infektionskrankheiten des Menschen
-
-Author: Max Loehlein
-
-Release Date: May 22, 2017 [EBook #54762]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEITERREGENDEN BAKTERIEN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so gekennzeichnet=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
-Die Sammlung
-
-»Aus Natur und Geisteswelt«
-
-
-nunmehr schon über 600 Bändchen umfassend, sucht seit ihrem
-Entstehen dem Gedanken zu dienen, der heute in das Wort: »_Freie
-Bahn dem Tüchtigen!_« geprägt ist. Sie will die Errungenschaften von
-Wissenschaft, Kunst und Technik _einem jeden zugänglich_ machen, ihn
-dabei zugleich unmittelbar im _Beruf fördern_, den _Gesichtskreis
-erweiternd_, die _Einsicht_ in die Bedingungen der Berufsarbeit
-_vertiefend_.
-
-Sie bietet wirkliche »_Einführungen_« in die Hauptwissensgebiete für
-den _Unterricht oder Selbstunterricht des Laien_, wie sie den heutigen
-methodischen Anforderungen entsprechen. So erfüllt sie ein Bedürfnis,
-dem Skizzen, die den Charakter von »Auszügen« aus großen Lehrbüchern
-tragen, nie entsprechen können; denn solche setzen vielmehr eine
-Vertrautheit mit dem Stoffe schon voraus.
-
-Sie bietet aber auch dem _Fachmann_ eine _rasche zuverlässige
-Übersicht_ über die sich heute von Tag zu Tag weitenden Gebiete des
-geistigen Lebens in weitestem Umfang und vermag so vor allem auch dem
-immer stärker werdenden Bedürfnis des _Forschern_ zu dienen, sich _auf
-den Nachbargebieten_ auf dem laufenden zu erhalten.
-
-In den Dienst dieser Aufgabe haben sich darum auch in dankenswerter
-Weise von Anfang an die besten Namen gestellt, gern die Gelegenheit
-benutzend, sich an weiteste Kreise zu wenden, an ihrem Teil bestrebt,
-der Gefahr der »Spezialisierung« unserer Kultur entgegenzuarbeiten.
-
-Damit sie stets auf die Höhe der Forschung gebracht werden können, sind
-die Bändchen nicht, wie die anderer Sammlungen, stereotypiert, sondern
-werden -- was freilich die Aufwendungen sehr wesentlich erhöht -- bei
-jeder Auflage durchaus neu bearbeitet und völlig neu gesetzt. So konnte
-der Sammlung auch der Erfolg nicht fehlen. Mehr als die Hälfte der
-Bändchen liegen bereits in 2. bis 6. Auflage vor, insgesamt hat sie bis
-jetzt eine Verbreitung von weit über 4 Millionen Exemplaren (bis 1.
-Aug. 1917) gefunden.
-
-Alles in allem sind die schmucken, gehaltvollen Bände, denen Professor
-_Tiemann_ ein neues künstlerisches Gewand gegeben, besonders geeignet,
-die Freude am Buche zu wecken und daran zu gewöhnen, einen kleinen
-Betrag, den man für Erfüllung körperlicher Bedürfnisse nicht anzusehen
-pflegt, auch für die Befriedigung geistiger anzuwenden. Durch den
-billigen Preis ermöglichen sie es tatsächlich jedem, auch dem wenig
-Begüterten, sich eine Bücherei zu schaffen, die das für ihn Wertvollste
-»Aus Natur und Geisteswelt« vereinigt.
-
- Jedes der meist reich illustrierten Bändchen
- ist in sich abgeschlossen und einzeln käuflich
-
- Jedes Bändchen geheftet M. 1.20, gebunden M. 1.50
- Werke, die mehrere Bändchen umfassen, auch in _einem_ Band gebunden
-
-
- =Leipzig=, im Januar 1918. =B. G. Teubner=
-
-
-
-
-Jedes Bändchen geheftet M. 1.20, gebunden M. 1.50
-
-Zur Gesundheitspflege und Heilkunde
-
-sind bisher erschienen:
-
-
-Bau und Leben des menschlichen Körpers im allgemeinen:
-
- =Bau und Tätigkeit des menschlichen Körpers.= Einführung in die
- Physiologie des Menschen. Von Prof. ~Dr.~ _H. Sachs_. 4. Auflage.
- Mit 34 Abbildungen. (Bd. 32.)
-
- =Die Anatomie des Menschen.= Von Prof. ~Dr.~ _K. v. Bardeleben_.
- 6 Bände. (Bd. 418–423.) ~I.~ Teil: Zellen- und Gewebelehre.
- Entwicklungsgeschichte. Der Körper als Ganzes. 2. Auflage.
- Mit 70 Abbildungen. ~II.~ Teil: Das Skelett. 2. Auflage. Mit
- 53 Abbildungen. ~III.~ Teil: Das Muskel- und Gefäßsystem. 3.
- Auflage. Mit 68 Abbildungen. ~IV.~ Teil: Die Eingeweide (Darm-,
- Atmungs-, Harn- und Geschlechtsorgane). 2. Auflage. Mit 39
- Abbildungen. ~V.~ Teil: Nervensystem und Sinnesorgane. Mit 50
- Abb. ~VI.~ Teil: Mechanik (Statik u. Kinetik) des menschlichen
- Körpern 2. Aufl. Mit Abb.
-
- =*Physiologie des Menschen.= Von Privatdozent ~Dr.~ _A. Lipschütz_.
- 4 Bände. (Bd. 527–530.) ~I.~ Allgemeine Physiologie ~II.~
- Physiologie des Stoffwechsels. ~III.~ Physiologie der Atmung, des
- Kreislaufs und der Ausscheidung. ~IV.~ Physiologie der Bewegungen
- und der Empfindungen.
-
- =Vom Nervensystem=, seinem Bau und seiner Bedeutung für Leib und
- Seele im gesunden und kranken Zustande. Von Prof. ~Dr.~ _R.
- Zander_. 3. Auflage. Mit Figuren. (Bd. 48.)
-
- =Die Arbeitsleistungen des Menschen.= Einführung in die
- Arbeitsphysiologie. Von Prof. ~Dr.~ _H. Boruttau_. Mit 14 Figuren
- im Text. (Bd. 539.)
-
- =Berufswahl, Begabung und Arbeitsleistung= in ihren gegenseitigen
- Beziehungen. Von _W. J. Ruttmann_. Mit 7 Abbildungen. (Bd. 522.)
-
-
-Einzelne Organe:
-
- =Herz, Blutgefäße und Blut und ihre Erkrankungen.= Von Prof. ~Dr.~
- _H. Rosin_. Mit 18 Abbildungen. (Bd. 312.)
-
- =Die Sinne des Menschen.= Sinnesorgane und Sinnesempfindungen. Von
- weil. Hofrat Prof. ~Dr.~ _J. K. Kreibig_. 3. verbesserte Auflage.
- Mit 30 Abbildungen. (Bd. 27.)
-
- =Das Auge und die Brille.= Von Professor ~Dr.~ _M. v. Rohr_. 2.
- Aufl. Mit Abbildungen (Bd. 372.)
-
- =*Entwicklung der Sprache= und Heilung ihrer Gebrechen bei
- Normalen, Schwachsinnigen und Schwerhörigen. Von Lehrer _K.
- Nickel_. (Bd. 586.)
-
- =Die menschliche Stimme und ihre Hygiene.= Von Professor ~Dr.~ _P.
- H. Gerber_. 2. Auflage. Mit 20 Abbildungen. (Bd. 136.)
-
- =Das menschliche Gebiß, seine Erkrankung und Pflege.= Von Zahnarzt
- _F. Jäger_. Mit 24 Abbildungen. (Bd. 229.)
-
-
-Vererbung und Fortpflanzung:
-
- =Experimentelle Abstammungs- und Vererbungslehre.= Von Professor
- ~Dr.~ _E. Lehmann_. Mit 26 Abbildungen. (Bd. 379.)
-
- =Abstammungslehre und Darwinismus.= Von Prof. ~Dr.~ _R. Hesse_. 5.
- Auflage. Mit 46 Figuren. (Bd. 39.)
-
- =Der Befruchtungsvorgang, sein Wesen und seine Bedeutung.= Von
- ~Dr.~ _E. Teichmann_. 2. Auflage. Mit 9 Textabbildungen und 4
- Doppeltafeln. (Bd. 70.)
-
- =Fortpflanzung und Geschlechtsunterschiede des Menschen.= Eine
- Einführung in die Sexualbiologie. Von Prof. ~Dr.~ _H. Boruttau_.
- Mit 39 Abbildungen. (Bd. 540.)
-
- =Geistige Veranlagung und Vererbung.= V. ~Dr. phil. et. med.~ _G.
- Sommer_. (Bd. 512.)
-
- =Sexualethik.= Von Prof. ~Dr.~ _H. E. Timerding_. (Bd. 592.)
-
-
-Die Ernährung des Menschen:
-
- =Ernährung und Nahrungsmittel.= Von Geh. Reg.-Rat Prof. ~Dr.~ _N.
- Zuntz_. Mit 6 Abbildungen und 1 Tafel. 3. Auflage. (Bd. 19.)
-
- =Die Milch und ihre Produkte.= Von ~Dr.~ _A. Reitz_. Mit 16
- Abbildungen. (Bd. 362.)
-
- =Die Pilze.= Von ~Dr.~ _A. Eichinger_. Mit 54 Abbildungen. (Bd.
- 334.)
-
- =Die Bakterien= im Haushalt der Natur und des Menschen. Von
- Professor ~Dr.~ _E. Gutzeit_. 2. Auflage. Mit 13 Abbildungen.
- (Bd. 242.)
-
-
-Allgemeine Gesundheitspflege:
-
- =Gesundheitslehre.= 4. Auflage bearbeitet von Obermedizinalrat
- Professor ~Dr.~ _M. v. Gruber_. Mit 26 Abb. (Bd. 1.)
-
- =Die Leibesübungen und ihre Bedeutung für die Gesundheit.= Von
- Professor ~Dr.~ _R. Zander_. 4. Auflage. Mit 27 Abbildungen. (Bd.
- 13.)
-
- =Turnen.= Von Oberlehrer _F. Eckardt_. Mit einem Bildnis Jahns.
- (Bd. 583.)
-
- =Gesundheitslehre für Frauen.= Von Prof. ~Dr.~ _K. Baisch_. Dir.
- d. geburtshilflich-gynäkol. Abteilung d. Katharinen-Hospitals zu
- Stuttgart. Mit 11 Abbildungen. (Bd. 538.)
-
- =Kosmetik.= Ein kurzer Abriß der ärztlichen Verschönerungskunde.
- Von ~Dr.~ _J. Saudek_. Mit 10 Abbildungen. (Bd. 489.)
-
- =Die Abwehrkräfte des Körpers.= Eine Einführung in die
- Immunitätslehre. Von Professor ~Dr. med.~ _H. Kämmerer_. Mit 52
- Abbildungen. (Bd. 479.)
-
-
-Gesundheitspflege des Kindes:
-
- =Säuglingspflege.= 2. Auflage von ~Dr.~ _E. Kobrak_. Mit
- Abbildungen. (Bd. 154.)
-
- =Körperliche Verbildungen im Kindesalter und ihre Verhütung.= Von
- ~Dr.~ _M. David_. Mit 26 Abbildungen. (Bd. 321.)
-
- =Schulhygiene.= Von Prof. ~Dr.~ _L. Burgerstein_. 3. Aufl. Mit 43
- Figuren. (Bd. 96.)
-
-
-Krankheiten:
-
- =Die krankheiterregenden Bakterien.= Von Privatdozent ~Dr.~ _M.
- Loehlein_. Mit 33 Abbildungen. (Bd. 307.)
-
- =Die Geschlechtskrankheiten=, ihr Wesen, ihre Verbreitung,
- Bekämpfung und Verhütung. Von Generalarzt Prof. ~Dr.~ _W.
- Schumburg_. 4. Aufl. Mit Abb. u. 1 Tafel. (Bd. 251.)
-
- =Die Tuberkulose=, ihr Wesen, ihre Verbreitung, Ursache, Verhütung
- und Heilung. Von Generalarzt Prof. ~Dr.~ _W. Schumburg_. 2. Aufl.
- Mit 1 Tafel u. 8 Figuren. (Bd. 47.)
-
- =Der Alkoholismus.= Von ~Dr.~ _G. B. Gruber_. Mit 7 Abbildungen.
- (Bd. 103.)
-
- =Geisteskrankheiten.= Von Geh.-Medizinalrat Oberstabsarzt ~Dr.~ _G.
- Ilberg_. 2. Auflage. (Bd. 151.)
-
-
-Arzt, Heilkunst und Krankenpflege:
-
- =Der Arzt.= Seine Stellung und Aufgaben im Kulturleben der
- Gegenwart. Ein Leitfaden der sozialen Medizin. Von ~Dr. med.~ _M.
- Fürst_. 2. Aufl. (Bd. 265.)
-
- =Die Chirurgie unserer Zeit.= Von Professor ~Dr.~ _J. Fehler_. Mit
- 52 Abb. (Bd. 339.)
-
- =Der Aberglaube in der Medizin= und seine Gefahr für Gesundheit und
- Leben. Von Professor ~Dr.~ _D. v. Hansemann_. 2. Auflage. (Bd.
- 83.)
-
- =*Krankenpflege in Haus und Beruf.= Von Chefarzt ~Dr.~ _M. Berg_.
- Mit Abb. (Bd. 533.)
-
-
-Heilmittel und Heilmethoden:
-
- =Arzneimittel und Genußmittel.= Von Professor ~Dr.~ _O.
- Schmiedeberg_. (Bd. 363.)
-
- =Die Röntgenstrahlen und ihre Anwendung.= Von ~Dr. med.~ _G.
- Bucky_. Mit Abbildungen. (Bd. 556.)
-
- =Hypnotismus und Suggestion.= Von ~Dr.~ _E. Trömner_. 3. Auflage.
- (Bd. 199.)
-
- =Desinfektion, Sterilisation, Konservierung.= Von Regierungs- und
- Medizinalrat ~Dr.~ _O. Solbrig_. Mit 20 Abbildungen. (Bd. 401.)
-
-
-Die mit * bezeichneten und weitere Bände befinden sich in Vorbereitung.
-
-
-
-
- Aus Natur und Geisteswelt
-
- Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen
-
- 307. Bändchen
-
-
- Die krankheiterregenden Bakterien
-
- Entstehung, Heilung und Bekämpfung der
- bakteriellen Infektionskrankheiten des Menschen
-
- gemeinverständlich dargestellt von
-
- ~Dr. med.~ M. Loehlein
-
- Privatdozent in Leipzig
-
- Mit 33 Abbildungen im Text
-
- [Illustration]
-
- Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig 1910
-
-
-
-
- ~Copyright 1910
- by B. G. Teubner in Leipzig.~
-
-
- Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Eine ganz kurze Behandlung der krankheiterregenden Bakterien findet
-sich im ersten Bändchen dieser Sammlung im letzten der »Acht Vorträge
-aus der Gesundheitslehre« von _H. Buchner_. -- Im 233. Bändchen hat
-ferner _E. Gutzeit_ die Lebensäußerungen der Spaltpilze und ihre Rolle
-im Haushalt der Natur _unter Ausschaltung der krankheiterregenden
-Arten_ übersichtlich dargestellt.
-
-Gerade das Sondergebiet der _pathogenen_ Bakterien, das im Laufe
-der letzten Jahrzehnte eine außerordentlich fruchtbare Bearbeitung
-erfahren hat, soll in dem vorliegenden Bändchen nach dem heutigen
-Stande des Wissens erörtert werden, soweit dies ohne die Voraussetzung
-medizinischer Vorkenntnisse möglich und rätlich ist. Nur die für ein
-Verständnis der Wirkung der Schutzimpfungen und der Heilserumbehandlung
-unumgänglich notwendigen Grundvorstellungen über den Verlauf und die
-Heilung von Infektionskrankheiten und über die Entstehung der Immunität
-gegen Krankheitserreger habe ich (in Kapitel II und III) eingehender,
-als dies in anderen volkstümlichen Schriften über den Gegenstand
-geschehen ist, behandelt. Man mag den Versuch, unsere Kenntnisse auf
-diesen noch heiß umstrittenen Gebieten der Forschung gemeinverständlich
-darzustellen, für gewagt halten. Ich habe mich aber bemüht, unter
-Ausschaltung aller Hypothesen nur diejenigen Tatsachen anzuführen,
-die mir einerseits gesichert, anderseits für den gebildeten Laien
-wissenswert erscheinen. Hoffentlich ist mir dies gelungen.
-
-Die Abbildungen sind, soweit sie nicht ausdrücklich als schematisch
-bezeichnet sind, von Herrn Maler _Kirchner_ möglichst naturgetreu nach
-Präparaten meiner Sammlung gezeichnet.
-
- _Leipzig_, im September 1909.
-
- ~Dr.~ M. Loehlein.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- _Einleitung_ 1–11
-
- Abriß der Geschichte der Erforschung der
- krankheiterregenden Spaltpilze. -- _Athanasius
- Kircher._ -- _Leeuwenhoek._ -- Der Streit
- um die »Urzeugung«. -- _Ferd. Cohn_ und
- _Naegeli_. -- _Pasteur_ und _Koch_.
- -- Die Konstanz der Bakterienarten; die »Spezifität«
- der Krankheiterreger. -- Die »Plattenmethode« und
- ihre Bedeutung 1–11
-
-
- Allgemeiner Teil.
-
- Allgemeines über das Wesen der pathogenen Bakterien,
- über Zustandekommen und Heilung bakterieller
- Infektionen, über Immunität und über Verhütung von
- Infektionskrankheiten.
-
- Kapitel I.
-
- Die wichtigsten Methoden der Bakterienbeobachtung. --
- Mikroskopische Beobachtung lebender Spaltpilze; ihre
- Größe, Gestalt, Beweglichkeit. -- Gefärbte
- Ausstrichpräparate; selektive Färbungen. -- Die
- Sporenbildung. -- Die Sterilisierungsmethoden. --
- Mannigfaltige Wachstumsbedingungen der verschiedenen
- Spaltpilzarten. Ansprüche an Temperatur, Sauerstoff,
- Reaktion und besondere Zusammensetzung der Nährböden.
- -- Das Tierexperiment als Mittel bakteriologischer
- Forschung 11–27
-
- Kapitel II.
-
- Pathogene und saprophytische Bakterien. -- Bedingungen
- der Krankheiterzeugung durch Bakterien. -- Die
- Einfallspforten infektiöser Keime. -- Die gesunden
- Bedeckungen als Schutzwehr des Körpers gegen
- bakterielle Infektionen. -- Angriffswaffen der
- Bakterien. -- Besondere Reaktionsvorgänge nach dem
- Eindringen pathogener Keime in die Gewebe. -- Die
- wichtigsten Bestandteile des Blutes und ihre
- Beteiligung an der Abwehr von Infektionen. -- Die
- »Entzündung«. -- Die weißen Blutkörperchen und die
- »Phagocytose«. -- Bakterienfeindliche Stoffe des
- Blutserums. -- Lokale und allgemeine Infektionen. --
- Verschiedener Verlauf der Infektionskrankheiten.
- -- Nachkrankheiten 27–40
-
- Kapitel III.
-
- Immunität. -- Natürliche Immunität durch Überstehen
- einer Infektionskrankheit. -- »Spezifität« des
- Zustandes. -- Künstliche Immunisierung gegen Pocken.
- -- Immunisierung mit Hilfe abgeschwächter lebender
- Krankheiterreger. -- Immunisierung mittels abgetöteter
- Reinkulturen von Krankheiterregern. -- _Behrings_
- Entdeckung der Antitoxine im Serum immunisierter Tiere.
- -- Antibakterielle Immunsubstanzen. -- Serodiagnostik.
- -- Immunreaktionen nach »parenteraler« Einverleibung
- von Fremdeiweiß 40–54
-
- Kapitel IV.
-
- Maßnahmen zur Bekämpfung der Infektionskrankheiten
- im allgemeinen. -- Die wichtigste Ansteckungsquelle
- ist der infektiös kranke Mensch. -- Keimträger. --
- Maßnahmen der allgemeinen Prophylaxe: Quarantäne und
- Kontrollsystem zur Aussperrung exotischer Seuchen. --
- Isolierung infektiös Kranker. -- Vernichtung der
- Ausscheidungen solcher Kranker. -- Verhütung der
- Verschleppung von Keimen. -- Verhütung des
- Eindringens von Keimen in den gesunden Körper 54–62
-
-
- Besonderer Teil.
-
- Die wichtigsten bakteriellen Infektionskrankheiten.
-
- _Vorbemerkung_ 63–65
-
- Kapitel V.
-
- Milzbrand; Rückfallfieber 65–70
-
- Kapitel VI.
-
- Die beiden wichtigsten exotischen Seuchen, Pest und
- asiatische Cholera, mit einer Vorbemerkung zu ihrer
- Geschichte und Epidemiologie 70–79
-
- Kapitel VII.
-
- Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas,
- die durch Stäbchenbakterien hervorgerufen werden:
- Diphtherie. -- Tetanus. -- Influenza. -- Keuchhusten.
- -- Unterleibstyphus (mit einer Anmerkung über
- Nahrungsmittelvergiftungen durch Bakterien) 79–89
-
- Kapitel VIII.
-
- Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas, die
- durch Kugelbakterien hervorgerufen werden:
- Staphylokokken als Krankheitserreger. -- Streptokokken
- als Krankheitserreger. -- Gonokokken und gonorrhoische
- Erkrankungen. -- Meningokokken und epidemische
- Genickstarre. -- Pneumokokken und ihre Bedeutung 89–102
-
- Kapitel IX.
-
- Die wichtigsten chronischen Infektionskrankheiten des
- Menschen: Tuberkulose. -- Syphilis. -- Lepra 102–117
-
- _Schlußwort._ Rückblick und Ausblick 117–120
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Einleitung.
-
- Kurzer Abriß der Geschichte der Erforschung der
- krankheiterregenden Spaltpilze. -- _Athanasius Kircher._
- -- _Leeuwenhoek._ -- Der Streit um die »Urzeugung«. --
- _Ferd. Cohn_ und _Naegeli_. -- _Pasteur_ und _Robert Koch_.
- -- Die Konstanz der Bakterienarten; die »Spezifität« der
- Krankheiterreger.
-
-
-Unter den Krankheiten, die das Menschengeschlecht bedrohen, sind
-eine ganze Anzahl durch die auffällige Eigenschaft ausgezeichnet,
-»_ansteckend_« zu sein, d. h. von einem kranken Individuum auf ein
-anderes bisher gesundes übertragen werden zu können, so wie eine
-Feuersbrunst durch den Funken verbreitet wird, der vom brennenden
-Hause auf das Dach des Nachbarhauses überspringt und es »ansteckt«.
-Die furchtbarsten Beispiele aus dieser Krankheitsgruppe stellen die
-eigentlichen _Volksseuchen_ dar, die -- wie Pest und Cholera -- seit
-Jahrtausenden der Menschheit unübersehbaren Jammer gebracht haben,
-die auch heute noch nicht endgültig besiegt sind, wohl aber -- dank
-den Fortschritten der Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten --
-für hochkultivierte Länder und Völker ihren Schrecken größtenteils
-eingebüßt haben. Die Menschheit hat Mittel kennen gelernt, diesen
-Gefahren mit Erfolg zu begegnen, seit als die _Ursache_ der Seuchen
-kleinste Lebewesen erkannt wurden, Lebewesen, die größtenteils zu dem
-auf der Erde außerordentlich verbreiteten Reiche der _Spaltpilze_ oder
-_Bakterien_ gehören.
-
-Schon lange vor der wissenschaftlichen Sicherstellung dieser wichtigen
-Tatsache hatten klar denkende Beobachter -- Naturforscher und Ärzte
-sowohl wie auch Laien -- die richtige Vorstellung gehabt, daß den
-Volksseuchen ein »belebter Ansteckungsstoff« (ein »~contagium
-animatum~«) zugrunde liege. Aber alle Versuche, dieses gefährliche
-Lebewesen zu finden und zu fassen, mußten an seiner Kleinheit
-scheitern: die Bakterien sind unsichtbar klein. Die größten unter ihnen
-haben Durchmesser von einigen Tausendsteln eines Millimeters (1/1000
-~mm~ wird als ein Mikron bezeichnet und 1 µ geschrieben), die kleineren
-einen solchen, der nur Bruchteile eines µ beträgt. Die ganze Welt der
-Spaltpilze von denen die _krankheiterregenden_ nur einen ganz kleinen
-Teil bilden, blieb der Menschheit deshalb unbekannt, solange man
-leistungsfähige Vergrößerungsgläser -- Mikroskope -- noch nicht besaß.
-Die Erforschung dieser kleinen Wesen aber war in ihren Fortschritten
-auch nach der Herstellung des ersten Mikroskops abhängig von der
-Entwicklung und Verbesserung dieses Instruments, und sie ist auch heute
-noch längst nicht an ihrem Ende angelangt.[1]
-
-Die ersten Beobachtungen von Bakterien sind gegen Mitte des 17.
-Jahrhunderts gemacht worden. Der gelehrte Jesuitenpater _Athanasius
-Kircher_, wohl der erste Mensch, der lebende Spaltpilze gesehen und
-beschrieben hat, besaß nur ein recht primitives Vergrößerungsglas, dem
-man den stolzen Namen Mikroskop heute kaum gönnen würde. Es soll eine
-32fache (lineare) Vergrößerung ermöglicht haben, hat also gerade eben
-nur gestattet, größere Spaltpilze zu _sehen_. So ist es denn nicht
-verwunderlich, daß der gelehrte Pater, der ganz richtige Vermutungen
-über die Existenz kleinster _krankheiterregender_ Lebewesen hegte, zu
-irrtümlichen Beobachtungen gelangte, da er außerstande war, Bakterien
-von anderen sehr kleinen Objekten zu unterscheiden. So fand _Kircher_
-bei einer im Jahre 1656 in Süditalien herrschenden »Pestseuche«
-mit Hilfe seines Vergrößerungsglases im Blute der Kranken kleine
-»Würmchen«, die er als die gesuchten krankheiterregenden Wesen ansprach
--- gewiß mit Unrecht, denn er hat wahrscheinlich nichts anderes gesehen
-als die sogenannten roten Blutkörperchen, kleine Scheibchen, die
-in unserem Blute immer vorhanden sind und einen seiner wichtigsten
-Bestandteile bilden. _Athanasius Kircher_ war eben ganz auf dem
-richtigen Wege zum Ziele, aber mit seinen mangelhaften Hilfsmitteln
-konnte er es nicht erreichen.
-
-Ein halbes Jahrhundert später erst gelang es den geschickten
-Händen _Antony van Leeuwenhoeks_, kleine Linsen so sorgfältig und
-gleichmäßig zu schleifen, daß sie alle bis dahin angefertigten an
-Vergrößerungskraft übertrafen; er vervollkommnete hierdurch und durch
-kleine anderweitige Kunstgriffe seine optische Ausrüstung in bisher
-noch nicht dagewesenem Maße und untersuchte nun -- von Haus aus ohne
-jede naturwissenschaftliche Ausbildung -- mit ihrer Hilfe allerhand
-Flüssigkeiten: Regenwasser, Pflanzenaufgüsse, Darminhalt von Tieren
-und Menschen, den eigenen Speichel u. a. m. mikroskopisch. Überall
-fand er -- bald reichlicher, bald spärlicher -- kleinste, vollkommen
-farblose »Tierchen«, die verschieden gestaltet, zum Teil lebhaft
-beweglich waren. Dank einer vorzüglichen Beobachtungsgabe und ebenso
-großer Zuverlässigkeit beschrieb _Leeuwenhoek_ diese »Tierchen« so
-genau, daß wir sie heute mit Sicherheit als Bakterien wiedererkennen
-können. Auch gab er durchaus naturgetreue Abbildungen von ihnen, die
-die drei Hauptformen der Spaltpilze vollkommen richtig darstellen: alle
-die unzähligen Bakterien, die seitdem beobachtet worden sind, lassen
-sich ihrer Gestalt nach in kugelförmige (Mikrokokken), stäbchenförmige
-(Bazillen) und schraubenförmige (Spirillen) scheiden (s. Abb. 1).
-Freilich wechseln sie nach Dimensionen und kleinen Einzelheiten ihres
-Baues, wie wir sehen werden, in mannigfaltigster Weise, aber alle
-lassen sich auf einen der drei schon von _Leeuwenhoek_ unterschiedenen
-Grundtypen zurückführen.
-
-[Illustration: Abb. 1.
-
-Die Hauptformen der Bakterien, schematisch. ~a~ Kugelbakterien
-(Kokken), ~b~ Stäbchenbakterien (Bazillen), ~c~ Schraubenbakterien
-(Spirillen).]
-
-Auf die Frage nach der Bedeutung der entdeckten Kleinlebewesen ging
-_Leeuwenhoek_, der aller Spekulation abhold war, gar nicht ein; er
-begnügte sich mit der Feststellung der Tatsachen, die die Existenz
-einer ganzen Welt kleinster Lebewesen bewiesen, von der man bislang
-kaum etwas geahnt hatte. Nur zu einer Frage nahm _Leeuwenhoek_
-Stellung: die Möglichkeit, daß die neu entdeckten »Tierchen« in das
-Blut eindringen und Krankheiten verursachen könnten, glaubte er -- auf
-Grund falscher Vorstellungen von dem feineren Bau des menschlichen
-Körpers -- ausschließen zu müssen. Darin hatte nun wiederum
-_Leeuwenhoek_ trotz aller Überlegenheit seiner Beobachtungen unrecht
-gegenüber _Kirchers_ richtigeren, aber falsch begründeten Anschauungen.
-Es hat aber ungefähr zwei Jahrhunderte langer wissenschaftlicher
-Forscherarbeit bedurft, bis die Rolle der Bakterien in der Natur und
-insbesondere ihre Bedeutung als Krankheitserreger in einwandfreier
-Weise klargestellt wurde.
-
-Seit _Leeuwenhoeks_ grundlegenden Beobachtungen hatte sich -- mit
-zunehmender Verbreitung und allmählicher Verbesserung des Mikroskopes
--- eine immer größere Zahl von Naturforschern mit dem Studium der
-Bakterien abgegeben. Allmählich hatte sich die Anschauung durchgesetzt,
-daß die kleinen Lebewesen, die man zunächst, hauptsächlich weil man an
-manchen von ihnen lebhafte Fortbewegung beobachtete, als »Tierchen«
-angesehen hatte, dem _Pflanzen_reiche zugehörten. Wieder und wieder
-erörterte man auch die Rolle, die sie im Haushalt der Natur wohl
-spielen möchten; die richtige Anschauung, daß sie _Fäulnis_- und
-_Gährungsvorgänge verursachten_, tauchte immer von neuem auf, um immer
-wieder bekämpft zu werden, ebenso auch die Ansicht, daß Bakterien
-krankheiterregend wirken könnten. Es ist hier nicht möglich, ein auch
-nur annähernd vollständiges Bild von dem Chaos der Meinungen zu geben,
-die von _Kircher_ bis _Pasteur_ und _Koch_ in dieser Frage zu Worte
-kamen.
-
-Das allem Streite in letzter Linie zugrunde liegende
-naturwissenschaftliche Problem, das gelöst werden mußte, war dies:
-_Sind die Bakterien_ ebenso wie höhere Pflanzen und Tiere _streng nach
-Arten gesondert_, so zwar, daß alle Bakterien, die wir finden, _von
-Individuen der gleichen Art abstammen_? Dürfen wir also annehmen, daß
-ein Kugelbakterium, dem wir begegnen, stets von Kugelbakterien der
-gleichen _Art_ abstammt, ein Stäbchenbakterium von Stäbchenbakterien
-der gleichen Art -- so wie wir es im höheren Tierreich und ebenso im
-Pflanzenreich gesetzmäßig finden? -- Oder liegen bei diesen kleinsten
-Pilzen die Verhältnisse anders?
-
-Sehr vieles sprach zugunsten der ersteren Anschauung; vor allem
-entsprach sie den Erfahrungen, die bei der Erforschung der lebenden
-Wesen unserer Erde bis dahin gesammelt waren. Der einwandfreie Nachweis
-ihrer Richtigkeit stieß aber auf eine sehr große Schwierigkeit:
-fast überall, wo wir in der Natur Bakterien in größeren Mengen
-begegnen, finden wir verschiedene, ja meist sogar sehr zahlreiche
-verschiedene Formen in buntem Durcheinander; z. B. treffen wir in einem
-Tröpfchen Zahnschleim regelmäßig kurze und lange, dünnere und dickere
-Stäbchen und Schrauben, daneben kleinere und größere Kugelbakterien
-miteinander vermengt (vgl. Abb. 2). Es war so gut wie unmöglich,
-an solchen Bakteriengemischen einwandfreie Beobachtungen über die
-Fortpflanzungsweise der Bakterien zu machen. So ist es verständlich,
-daß über diese Frage die Ansichten lange Zeit auseinandergingen.
-
-Eine große Anzahl klar denkender Naturforscher nahm von vornherein
-den richtigen Standpunkt ein, auch diese Kleinlebewesen seien
-gewiß in Arten gesondert, und sie versuchten, sie den Prinzipien
-der beschreibenden Naturwissenschaften entsprechend nach ihren
-Gestaltmerkmalen in die natürlichen Arten zu ordnen. Der erste
-wesentliche Anlauf dazu wurde von dem berühmten dänischen Botaniker O.
-Fr. _Müller_ genommen, ihm folgte der Deutsche _Ehrenberg_ und später,
-in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts besonders _Ferdinand Cohn_.
-
-[Illustration: Abb. 2.
-
-Ausstrichpräparat von menschlichem Zahnschleim, gefärbt, etwa 1000fach
-vergrößert. Mannigfaltige Bakterien in buntem Gemisch.]
-
-Eine ganze Anzahl angesehener Forscher bekämpfte aber diese Versuche
-grundsätzlich; sie leugneten die Abstammung der Spaltpilze von
-Individuen der gleichen Art, weil sie glaubten, Beweise für eine ganz
-andere, sehr merkwürdige Entstehungsart der Bakterien zu besitzen, die
-man als »Urzeugung« oder »~generatio spontanea~« bezeichnete.[2] Um
-diese Irrlehre entbrannte ein wissenschaftlicher Streit von größter
-Heftigkeit, an dem sich viele der angesehensten Naturforscher des 18.
-und 19. Jahrhunderts beteiligten.
-
-Ihre Anhänger stützten sich auf die zunächst gewiß verblüffende
-Beobachtung, daß man in einer Flüssigkeit, z. B. in Milch, einige
-Zeit, nachdem man sie in einem gut verschlossenen Gefäß aufgekocht
-hat, massenhafte Bakterien finden kann. Sie folgerten nun: Da durch
-das Aufkochen alles Lebendige getötet sein mußte, ein Eindringen von
-Keimen von außen aber sorgfältig verhütet war, müssen die vorgefundenen
-Bakterien sich »von selbst« aus dem toten Substrat entwickelt haben.
-
-Erst Anfangs der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts gelang es Pasteur,
-dem berühmten französischen Naturforscher, diese Irrlehre für die
-ernsthafte wissenschaftliche Welt endgültig zu beseitigen, indem
-er den Nachweis erbrachte, daß man durch _genügende_ Einwirkung
-von hohen Temperaturen _jede_ Flüssigkeit völlig keimfrei machen
-(»sterilisieren«) könne. »Von selbst« bildeten sich z. B. in wirklich
-»sterilisierter« Milch niemals Bakterien; brachte man aber absichtlich
-welche hinein, so gediehen sie angezeichnet. Alle gegenteiligen Angaben
-beruhten auf Irrtümern, die meisten darauf, daß man die vielfach
-erstaunlich große Widerstandsfähigkeit der Bakterien gegen Erhitzung
-noch nicht gekannt und daher unterschätzt hatte.
-
-Noch eine zweite Irrlehre machte den Anhängern der Lehre von der
-Konstanz der Bakterienarten viel zu schaffen. Ihr angesehenster
-Vertreter war der Botaniker _Naegeli_, der sicher festgestellt
-zu haben glaubte, daß aus Kugelbakterien Stäbchen, umgekehrt aus
-stäbchenförmigen Bakterien Kugelbakterien hervorgehen können, und der
-deshalb alle Versuche für verkehrt ansah, auf Grund der Größe und
-Gestalt verschiedene Bakterien_arten_ zu unterscheiden. Wir wissen
-heute, daß derartige Übergänge, wie sie _Naegeli_ beschrieb, in
-Wirklichkeit nie vorkommen, daß sie aber bei Anwendung unzureichender
-Beobachtungsmethoden leicht vorgetäuscht werden können. Die
-Fehlerquelle liegt in der vorhin schon erwähnten Tatsache, daß man in
-der Natur sehr häufig Bakterien_gemischen_ begegnet. Beobachtet man ein
-solches Bakteriengemisch längere Zeit hintereinander, so kann es leicht
-vorkommen, daß man anfänglich fast nur Kugelbakterien darin sieht,
-später nur Stäbchenbakterien. Derartige Erscheinungen erklären sich
-dadurch, daß Spaltpilze sich je nach den Bedingungen, unter denen sie
-leben, mehr oder weniger rasch vermehren. Wenn nun z. B. in der gerade
-beobachteten Flüssigkeit eine Stäbchenbakterienart besonders günstige
-Bedingungen für ihr Gedeihen findet, so kann es vorkommen, daß sie
-alle andern neben ihr vorhandenen Keime überwuchert, ganz ähnlich, wie
-das bei höheren Pflanzen vorkommt. Man denke z. B. an das Unkraut im
-Weizen. Durch solches Überwuchern kann dann eine »Umwandlung« der einen
-Form in eine andere _vorgetäuscht_ werden.
-
-Solange aber das Irrtümliche dieser Beobachtungen nicht erwiesen war,
-konnte auch die Ansicht von der Konstanz der Bakterienarten nicht
-zum Siege gelangen, obwohl ihr seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
-immer neue Stützen durch das Studium der _Lebensäußerungen_ der
-Kleinlebewesen erwuchsen. So zeigte _Pasteur_, daß man bei jeder
-besonderen Art der Gärung ganz regelmäßig _bestimmte_, unter sich
-übereinstimmende, von den bei anderen Gärungen nachweisbaren aber
-verschiedene Mikroorganismen antreffe. Er schloß mit vollem Recht
-daraus, daß eine bestimmte _Art_ von Gärungserregern notwendig sei, um
-gerade diesen oder jenen Gärungsvorgang zu bewirken.
-
-Ganz analoge Beobachtungen, denen analoge Schlußfolgerungen
-entsprachen, hatte man inzwischen bei einzelnen infektiösen Krankheiten
-gemacht, vor allem bei der als »Milzbrand« bezeichneten Viehseuche.
-
-Schon im Jahre 1849 hatte der deutsche Tierarzt _Pollender_ im Blute
-von Rindern, die dieser Krankheit erlegen waren, mikroskopisch kleine,
-schlanke, völlig unbewegliche Stäbchen gesehen, die sich niemals im
-Blute gesunder Tiere fanden. Andere Forscher berichteten über ganz
-gleichartige Beobachtungen, so _Rayer_ und _Davaine_, _Brauell_. Sie
-folgerten mit Recht daraus, daß diese Stäbchenbakterien, die sich nie
-im Blute gesunder, sondern _nur_ im Blute an Milzbrand gefallener
-Tiere, darin aber _regelmäßig_ fanden, die Ursache der Krankheit, deren
-»Erreger« seien.
-
-Forscher, die an die Artverschiedenheit der Bakterien nicht glaubten,
-ließen sich aber auch hiervon noch nicht überzeugen. Sie sagten: Da die
-Bakterien konstante Formen an sich überhaupt nicht besitzen, so ist das
-Auftreten bestimmter Formen _unter bestimmten Bedingungen_ nur so zu
-erklären, daß _infolge_ dieser Bedingungen die Spaltpilze eben gerade
-in dieser Form erscheinen, während sie unter anderen Bedingungen eine
-ganz andere zeigen.
-
-Das mochte unwahrscheinlich klingen, _widerlegen_ ließ sich aber
-der Einwand nicht, und er wurde in der Folgezeit auch gegen
-zahlreiche analoge Befunde geltend gemacht, die hauptsächlich von
-wissenschaftlichen Medizinern erhoben wurden. Unter diesen brach sich
-trotz aller Einwände immer mehr die Überzeugung Bahn, daß bestimmten
-Infektionskrankheiten bestimmte, nach Gestalt und Größe und anderen
-Eigenschaften wohl unterscheidbare Bakterien zugrunde liegen.
-Besonders waren es eine Reihe deutscher Pathologen -- _Rindfleisch_,
-_v. Recklinghausen_, _Klebs_ u. a. -- die in den Kriegsjahren 1870
-und 1871 zahlreiche Beobachtungen über das Vorkommen kugelförmiger
-Bakterien (Mikrokokken) im Wundeiter sammelten und deren ursächliche
-Bedeutung für die Wundkrankheiten vertraten.
-
-Ausschlaggebend wurden aber erst die Arbeiten des deutschen Gelehrten
-_Robert Koch_, vor allem seine entscheidenden Beobachtungen über die
-Milzbrandkrankheit.
-
-Schon _Rayer_ und _Davaine_ und _Brauell_ hatten sich bemüht, der
-Bedeutung der im Blute von milzbrandkranken Tieren gefundenen Stäbchen
-auf experimentellem Wege noch weiter auf den Grund zu kommen. Sie
-hatten festgestellt, daß die Übertragung solchen stäbchenhaltigen
-Blutes auf gesunde Tiere mit Sicherheit die charakteristischen
-Erscheinungen des Milzbrandes bei diesen zur Folge hatte. Auch diese
-Beobachtung hatte man aber in ihrer Beweiskraft angefochten, indem man
-einwandte, die Stäbchen seien ausschließlich die Begleiterscheinung der
-Erkrankung, deren eigentliche Ursache bilde ein Gift, das außer jenen
-noch im Blute vorhanden gewesen und mit ihm denn auch dem gesunden
-Versuchstier eingeimpft worden sei.
-
-Die Widerlegung dieses Einwandes, die die endgültige Wendung in den
-Anschauungen vom Wesen und Wirken der Bakterien überhaupt nach sich
-zog, gelang _Robert Koch_ auf folgende Weise: Er brachte kleine
-Mengen stäbchenhaltigen Blutes an Milzbrand gefallener Tiere in
-Reagensgläschen, die mit Fleischbrühe gefüllt waren, die durch
-ausgiebiges Erhitzen völlig keimfrei gemacht worden war. Diese Röhrchen
-wurden dann bei Körpertemperatur im Dunklen gehalten; nach einiger
-Zeit zeigte sich, daß die Stäbchen sich darin sehr stark vermehrt
-hatten. In welcher Weise diese Vermehrung zustande kommt, mag hier
-unerörtert bleiben. Man nennt ein solches mit Nährsubstrat gefülltes
-Röhrchen, in dem man künstlich eine Entwicklung von Bakterien veranlaßt
-hat, eine »Kultur«. Trug _Koch_ nun eine ganz kleine Menge dieser
-Fleischbrühe-»Kultur« in ein zweites steriles Fleischbrüheröhrchen
-ein, so wuchsen -- wieder unter den oben angegebenen Bedingungen --
-abermals gleichartige Stäbchen in reichen Mengen aus; von dem zweiten
-ließ sich ein drittes Röhrchen besäen, von diesem ein viertes und so
-fort; immer wieder entwickelten sich ausschließlich Keime von der
-charakteristischen Gestalt der ursprünglich zur Aussaat benutzten
-Bazillen, die sich im Blute befunden hatten. Die Stäbchen eines
-jeden Röhrchens repräsentierten gewissermaßen eine »Generation«
-der Bazillen. Und nun zeigte sich, daß auch die Stäbchen der 10.
-Kulturgeneration oder einer beliebigen noch späteren die Eigenschaft
-besaßen, »Milzbrand« zu verursachen, wenn man sie einem gesunden Rinde
-einimpfte.
-
-Damit war nun auch der letzte Einwand entkräftet: den Stäbchen der
-10. Kulturgeneration haftete sicherlich auch nicht die kleinste
-Spur von Blut mehr an, somit auch sicherlich keine Spur des von den
-Gegnern supponierten besonderen Krankheitsgiftes. Da sie ganz allein
-bei gesunden Tieren Milzbrand hervorriefen, so mußten sie eben als
-die Ursache der Krankheit anerkannt werden. Die Beweise dafür waren
-unwiderleglich.
-
-So war endlich -- zunächst für einen Spezialfall -- die für alle
-Zeiten unverlierbare Erkenntnis gewonnen, daß _Bakterien von ganz
-bestimmten und konstanten Gestaltmerkmalen auch eine ganz bestimmte
-Wirksamkeit entfalten, und daß sowohl die Gestaltmerkmale als auch
-die Lebensäußerungen sich von Generation zu Generation bei ihnen
-vererben_. Der letzte Einwand gegen die Lehre von der Konstanz der
-Bakterien_arten_ war damit beseitigt und der Sieg dieser Lehre ein für
-allemal errungen.
-
-Worin war die entscheidende Beweiskraft dieser _Koch_schen
-Beobachtungen begründet? Offenbar hierin, daß er einwandfrei hatte
-zeigen können, daß die _Milzbrandbazillen ganz allein_ für sich die
-Krankheit auszulösen imstande waren. Vorbedingung für das Gelingen
-dieses Beweises war, daß in dem ersten zur Aussaat benutzten
-Blutströpfchen _ausschließlich Milzbrandbazillen_, aber keinerlei
-andere Bakterien vorhanden waren. Wäre das letztere der Fall gewesen,
-so hätten sich in _Kochs_ Bouillonröhrchen auch diese andersartigen
-Keime vermehrt, er hätte weiterhin also wieder mit Bakterien_gemischen_
-zu tun gehabt, wie wir sie in der Natur auch sonst überall anzutreffen
-gewohnt sind. Damit wäre die Beweiskraft seiner Experimente verloren
-gewesen. Unter den hierfür besonders günstigen Bedingungen des
-speziellen Falles der Milzbrandkrankheit war es _Koch_ also gelungen,
-sofort _reine_ Kulturen (»_Reinkulturen_«) der krankheiterzeugenden
-Bakterienart zu erzielen.
-
-Es leuchtet ein, daß der weitere Ausbau der Lehre von den Spaltpilzen
-davon abhing, daß Methoden gefunden wurden, um die zahllosen Bakterien,
-denen man begegnete, nun ebenfalls an »Reinkulturen« zu studieren,
-oder, wie man zu sagen pflegt, sie zu »isolieren«. Dies Ziel hatten
-schon verschiedene Forscher auf mannigfaltige Weise und zum Teil auch
-mit einigem Erfolg angestrebt[3]; doch war z. B. ein von Lord _Lister_
-für diesen Zweck angegebenes Verfahren sehr umständlich und auch nicht
-immer von Erfolg gekrönt.
-
-[Illustration: Abb. 3.
-
-Doppelschälchen (Petrische Schale) zur Plattenkulturmethode.]
-
-_Robert Koch_ verdankt die Bakteriologie auch in dieser Hinsicht den
-entscheidenden Fortschritt durch die Einführung einer einfachen,
-aber höchst sinnreichen und zuverlässigen Methode. Nehmen wir an,
-in ein steriles Fleischbrüheröhrchen gelangen durch Impfung mit
-bakterienhaltigem Material auch nur zwei Keime verschiedener Art,
-so werden sich beide vermehren, und ihre Abkömmlinge müssen in der
-Flüssigkeit durcheinander geraten, indem sie teils dem Gesetze der
-Schwere folgend nach dem Boden sinken, teils bei Erschütterungen des
-Röhrchens durcheinander geschüttelt werden, teils auch indem sie
-infolge eigener selbständiger Bewegungen hierhin und dorthin gelangen;
-denn manche Bakterien sind, wie wir noch erörtern werden, beweglich. --
-Diese Vermischung der verschiedenen Keime wird aber vermieden werden
-können, wenn man die zur Aussaat benutzten Bakterien irgendwie zwingt,
-sich ausschließlich an _der_ Stelle zu vermehren, an der sie bei
-Beginn des Verfahrens lagen. Das erreichte _Koch_ durch Zusatz von 10%
-Gelatine zu der Kulturbouillon; er erhielt dadurch einen Nährboden, der
-bei leichter Erwärmung -- etwa auf Körpertemperatur -- flüssig ist, bei
-etwa 22° aber erstarrt. Impft man den erwärmten und in diesem Zustand
-flüssigen Nährboden mit einer ganz kleinen Menge bakterienhaltigen
-Materials, und breitet man ihn nun durch Ausgießen auf einer Glasplatte
-oder in einer flachen Schale (vgl. Abb. 3) in dünner Schicht aus,
-so daß die Flüssigkeit (bei geeigneter Temperatur) bald erstarrt,
-so bleiben die einzelnen Keime an der Stelle liegen, wo sie sich im
-Moment des Erstarrens gerade befanden. Wenn die nötigen Bedingungen
-zu ihrer Vermehrung erfüllt sind, werden sich aus jedem Keim nun an
-der ihm angewiesenen Stelle zahllose Abkömmlinge der gleichen Art
-entwickeln; so entstehen auf und in der Gelatineplatte sogenannte
-»Kolonien«, die aus unzähligen Spaltpilzen der gleichen Art gebildet
-sind. Es ist leicht einzusehen, daß man bei geeigneter Übertragung
-einer kleinen Menge Materials von einer solchen »isolierten« Kolonie in
-ein Bouillonröhrchen nunmehr wieder nur Entwicklung der Bakterien einer
-einzigen Art, also eine Reinkultur erhalten wird, obwohl zur Aussaat in
-dieser ganz »kleinen Menge« schon Tausende von Spaltpilzen gelangten.
-
-Während wir den einzelnen Spaltpilz nur mit Hilfe der besten
-Vergrößerungsinstrumente sehen können, sind »Kolonien«, die aus vielen
-Tausenden von Individuen bestehen, mit bloßem Auge wahrnehmbar, ja sie
-erreichen oft ganz beträchtlichen Umfang, etwa die Größe einer Linse,
-ja noch erheblichere Maße. Ebenso wie die Individuen einer Bakterienart
-sind nun auch deren Kolonien durch charakteristische Gestaltmerkmale
-abgezeichnet, die der geübte Beobachter mit bloßem Auge oder mit Hilfe
-schwacher Vergrößerungen erkennen kann (vgl. unten die Abb. 16 und 26).
-
-
-
-
-Allgemeiner Teil.
-
-
-
-
-Kapitel I.
-
- Die wichtigsten Methoden der modernen Bakterienbeobachtung.
- Mikroskopische Beobachtung lebender Spaltpilze; ihre Gestalt,
- Größe, Beweglichkeit. -- Gefärbte Ausstrichpräparate;
- elektive Färbungen. -- Die Sporenbildung und die
- Sterilisierungsmethoden. -- Mannigfaltige Wachstumsbedingungen
- der verschiedenen Spaltpilzarten. -- Ansprüche an Temperatur,
- Sauerstoff, Reaktion und besondere Zusammensetzung der
- Nährböden. -- Das Tierexperiment als Mittel bakteriologischer
- Forschung.
-
-
-Man kann den Beginn der modernen Ära der Bakteriologie geradezu
-von der Einführung der »Plattenmethode« durch _Robert Koch_
-datieren. Denn dieses Verfahren ermöglichte es weiten Kreisen der
-Naturforscher, Bakterienarten zu isolieren, jede einzelne von ihnen
-genau mikroskopisch zu untersuchen und auch ihre Lebensbedingungen und
-Lebensäußerungen zu studieren. Je nach dem einzelnen Falle geschieht
-dieses Studium mit immer wechselnden, immer neuen und im Laufe der Zeit
-immer mehr verfeinerten Methoden, von deren wichtigsten wir uns ein
-Bild verschaffen müssen, um die Forschungsergebnisse der medizinischen
-Bakteriologie verstehen zu können.
-
-Haben wir isolierte Kolonien von einer Bakterienart gewonnen, so
-untersuchen wir sie zunächst mit Hilfe des Mikroskops auf alle
-diejenigen Eigenschaften hin, die wir durch unmittelbare Beobachtung
-erkennen können. Wir verteilen zu diesem Zweck eine Spur von dem
-weichen feuchten Material einer über die Oberfläche des Nährbodens
-sich emporwölbenden Kolonie mit Hilfe eines Platindrahtes in einem
-Wassertröpfchen, das wir zuvor auf die Mitte eines sehr dünnen
-quadratischen Glasplättchens von etwa 18 ~mm~ Seitenlänge -- eines
-»Deckgläschens« -- gebracht haben. Dann legen wir dieses Deckgläschen,
-so wie die Abbildung 4 es zeigt, umgekehrt in der Weise über die
-Aushöhlung eines zweiten stärkeren und etwas größeren Glasplättchens,
-eines »hohlgeschliffenen Objektträgers«, daß das Tröpfchen in dessen
-Aushöhlung frei hineinragt. Rings um die Aushöhlung haben wir vorher
-ein wenig Vaseline verteilt, so daß das Deckgläschen etwas fester
-haftet, während gleichzeitig der kleine Hohlraum, in dem sich das
-Tröpfchen nunmehr befindet, abgeschlossen ist, wodurch eine rasche
-Verdunstung des Wassers verhütet wird.
-
-[Illustration: Abb. 4.
-
-Hohlgeschliffener Objektträger mit »hängendem Tropfen«.]
-
-Nun betrachten wir mit dem Mikroskop[4] bei sehr starker Vergrößerung
-dieses Tröpfchen. Das ist freilich nicht ganz so leicht auszuführen,
-wie es sich anhört; es setzt nicht nur eine genaue Kenntnis der
-Einrichtung unserer modernen, recht komplizierten Bakterienmikroskope,
-sondern außerdem noch einige Übung des Auges und der Hand voraus. Denn
-die lebenden Bakterienzellen sind, abgesehen von ihrer Kleinheit, auch
-deshalb nur schwer wahrnehmbar, weil sie, von verschwindenden Ausnahmen
-abgesehen, völlig _farblos_ sind und außerdem nur ein geringes
-Lichtbrechungsvermögen besitzen.
-
-Bei einiger Übung werden wir aber bald erkennen, daß wir ein
-Kugelbakterium, ein Stäbchen- oder ein Schraubenbakterium vor uns
-haben. Mit wachsender Übung vermögen wir -- unter Umständen auf den
-ersten Blick -- besonders charakteristische Bakterienarten zu erkennen.
-Anderseits können wir bei sorgfältiger Beobachtung feine Unterschiede
-der Formen unter den Angehörigen der drei Grundtypen bald auffinden: so
-weichen z. B. manche Mikrokokken ein klein wenig von der Kugelgestalt
-ab, sie sind ein wenig abgeplattet; eine andere Art ist ein klein wenig
-längsoval, usf. Zur Unterscheidung der Kugelbakterienarten, die im
-allgemeinen der Eigenbewegung ermangeln, kann uns auch die Art ihrer
-Lagebeziehungen im hängenden Tropfen wichtige Dienste leisten. Manche
-Arten bilden in einer Kultur regelmäßig perlschnurartige, kürzere oder
-längere, 3 bis 5, ja bis 30 und mehr einzelne Glieder aufweisende
-Ketten (Kettenkokken oder Streptokokken, vgl. Abb. 28, 29). Andere
-dagegen lagern sich zu weintraubenförmigen Häufchen zusammen und
-werden danach als Staphylokokken (ἡ σταφυλή die Weintraube) bezeichnet
-(vgl. Abb. 26). Zwischen den verschiedenen Arten der Stäbchen- und
-Schraubenbakterien bestehen ferner Unterschiede nach der Länge und
-Dicke und nach dem Verhältnis des Längen- zum Dickendurchmesser: so
-begegnen wir langen und schlanken, langen und plumpen, kurzen und
-schlanken, kurzen und plumpen Stäbchen- und Schraubenformen. Wenn wir
-sie genau betrachten, so können wir oft noch weitere feine Unterschiede
-zwischen den verschiedenen Arten erkennen: die einen besitzen
-abgerundete Enden, die anderen kantige, manche zeigen die Neigung,
-dadurch, daß mehrere Individuen aneinander haften, Fäden zu bilden,
-und so gibt es noch eine ganze Reihe feiner Gestaltmerkmale, die der
-sorgfältige Beobachter zu berücksichtigen hat.
-
-Von sehr großer Bedeutung für die Erkennung einer bestimmten
-Bakterienart ist eine sorgfältige Feststellung ihrer _Größe_; wie
-alle anderen Eigenschaften der Gestalt, so sind auch die Durchmesser
-im großen und ganzen bei den Individuen einer und derselben Art
-entweder genau übereinstimmend oder doch nur in ganz bestimmten Grenzen
-schwankend. Zur exakten Feststellung der Durchmesser von Spaltpilzen
-besitzt man in neuerer Zeit sehr feine Meßinstrumente, die bei genauer
-Berücksichtigung der jeweiligen mikroskopischen Vergrößerung sehr
-exakte Resultate liefern.
-
-Freilich ist die Konstanz der Größenmaße einer bestimmten Bakterienart
-wiederum keine absolute: gerade so wie höhere Pflanzen oder auch
-Tiere unter ungünstigen Bedingungen klein bleiben, unter günstigen
-Bedingungen sich üppig entwickeln, kann man auch bei Spaltpilzen je
-nach ihren Lebensbedingungen Unterschiede in der Größe innerhalb
-gewisser Grenzen feststellen; umgekehrt können auch im Absterben
-begriffene, degenerierende Bakterien sich durch Auftreibung ihrer
-Membran stark vergrößern, wobei sie meist auch unregelmäßige Formen
-annehmen.
-
-Niemals dagegen zeigen sich innerhalb der Individuen der gleichen
-Art Unterschiede in Eigenschaften, die auf wesentlichen Zügen der
-Organisation beruhen. Eine der wichtigsten derartigen Eigenschaften
-ist die der _Eigenbeweglichkeit_. Ihr Besitz oder Mangel spielt bei
-der Unterscheidung der Stäbchenbakterien eine sehr wesentliche Rolle:
-es gibt auf der einen Seite sehr lebhaft bewegliche Bakterienarten,
-auf der anderen gänzlich unbewegliche und endlich auch solche, die
-eine schwache Beweglichkeit besitzen; aber niemals trifft man in einer
-Reinkultur von unbeweglichen Bakterien, z. B. des Milzbrandbazillus,
-auch nur ein einziges Individuum, das im geringsten Grade selbständig
-seinen Platz wechselt. Die Fähigkeit, sich vorwärts zu bewegen,
-verdanken die beweglichen Bakterienarten dem Besitze sogenannter
-»_Geißeln_«, ganz außerordentlich feiner kontraktiler Fäden, die
-man an den lebenden Bakterienzellen nur ausnahmsweise unmittelbar
-unter dem Mikroskop erkennen kann, nämlich bei einigen der größten
-Bakterienarten, die existieren. Bei den allermeisten übrigen kann man
-die Geißeln nur mit Hilfe komplizierterer Methoden zur Darstellung
-bringen, von denen sogleich noch die Rede sein wird.
-
-Neben der Beobachtung im frischen Zustande bedienen wir
-uns in ausgedehntem Maße der Untersuchung von sogenannten
-»Ausstrichpräparaten«. Auch diese wichtige Beobachtungsmethode
-ist im wesentlichen von _Robert Koch_ ausgebildet worden. Auf
-einem Deckgläschen oder auf einer kleinen etwa 1 ~mm~ dicken
-Glasplatte (einem sogenannten Objektträger) verteilt man mit einem
-kleinen Flüssigkeitströpfchen eine Spur des zu untersuchenden
-Bakterienmaterials -- so viel wie an der Spitze einer Nadel haftet
--- und läßt es antrocknen. Man »fixiert« dann den Ausstrich, indem
-man ihn einige Male mäßig rasch durch die Flamme eines Bunsenbrenners
-zieht, oder indem man ihn mit bestimmten Fixierungsflüssigkeiten,
-z. B. absolutem Alkohol, behandelt; die gebräuchlichste Methode
-für Bakterienausstriche ist die Flammenfixierung. Durch die starke
-Erhitzung wird die Bakterienzelle in ihrer Form erhalten und
-gleichzeitig an der Stelle des Gläschens festgehalten, an der sie sich
-gerade befindet. Dann tropft man auf den Objektträger eine kleine
-Menge einer Farbstofflösung; meist verwendet man eine der sehr lebhaft
-färbenden Anilinfarben, Methylenblau, Genzianaviolett oder andere.
-Nach kurzer Zeit -- je nach der angewandten Farblösung nach einigen
-Sekunden oder einigen Minuten -- spült man den Objektträger mit reinem
-Wasser sorgfältig ab, trocknet ihn gründlich mit Fließpapier ab, bringt
-dann ein Tröpfchen Kanadabalsam auf den nun gefärbten Ausstrich,
-deckt darauf ein Deckgläschen und hat ein vorschriftsmäßiges
-Ausstrichpräparat vor sich, das nun mikroskopisch untersucht werden
-kann. Hier betrachtet man also nicht mehr die lebenden Bakterien,
-sondern die angetrockneten »Bakterienleichen«, die eine tiefe
-gleichmäßige Färbung angenommen haben und weit leichter ins Auge fallen
-als ungefärbt im hängenden Tropfen, während sie anderseits im großen
-und ganzen ihre charakteristischen Gestaltmerkmale behalten haben.
-
-Auch die Färbemethoden sind im Laufe der Zeit immer mehr ausgebildet
-worden und haben für die Unterscheidung von Bakterienarten sehr
-wichtige Hilfsmittel geliefert. Man hat nämlich gefunden -- die erste
-und wichtigste Feststellung dieser Art, die die färberische Eigenart
-des Tuberkelbazillus betrifft, stammt wiederum von _Robert Koch_
---, daß manche Bakterienarten bestimmte Farbstoffe leichter, andere
-schwerer annehmen, daß aber auch _gesetzmäßige_ Unterschiede bestehen
-hinsichtlich der Zähigkeit, mit der sie den einmal angenommenen
-Farbstoff unter bestimmten Bedingungen, z. B. unter der Einwirkung
-eines entfärbenden Mittels, festhalten bzw. wieder fahren lassen.
-Solche Unterschiede im »färberischen Verhalten« können auf Grund
-ihrer Gesetzmäßigkeit oft zur Unterscheidung zweier Bakterienarten
-dienen, die sich im übrigen sehr ähneln. Wenn man z. B. weiß, daß
-ein bestimmtes _krankheit_erregendes Bakterium nach einer gewissen
-Methode färbbar ist, ein anderes ihm sonst recht ähnliches unschuldiges
-Bakterium aber nicht, so kann man diese Färbemethode zu einer raschen
-Entscheidung darüber heranziehen, ob man es in einem gegebenen Falle
-mit dem betr. pathogenen Bakterium zu tun hat oder nicht. Man färbt
-ein Ausstrichpräparat von dem zu untersuchenden Material nach der
-entsprechenden Methode und untersucht es mikroskopisch; sind die
-verdächtigen Bakterien nun gefärbt, so gehören sie -- vorausgesetzt,
-daß sonst hinreichende Beweise dafür vorliegen -- zu der pathogenen[5]
-Art; sind sie nicht gefärbt, so gehören sie dieser sicher _nicht_
-an. Solche Entscheidungen können oft sehr wertvoll sein, besonders
-auch deshalb, weil sie meist selbst wenig Zeitaufwand erfordern, oft
-aber weitere schwierigere und zeitraubende Untersuchungen mit anderen
-Methoden entbehrlich machen.
-
-Die Verwendung komplizierter Färbemethoden hat verschiedene Forscher
-zu allerhand vorläufig noch nicht gut untereinander vereinbaren
-Anschauungen über den feineren Bau der einzelnen Bakterienzelle
-geführt. Wir müssen von deren Erörterung absehen und uns vorläufig
-damit begnügen, uns deren Bau als einfachster Art vorzustellen. Einen
-Kern, wie die einzelligen Tiere (Protozoen) z. B. die Amoeben, oder wie
-die Zellen aller höheren Tiere und Pflanzen besitzen die Spaltpilze
-danach nicht; sie bestehen aus dem Protoplasma und einer Membran, von
-der die _Geißeln_ bei den beweglichen Formen ausgehen.
-
-[Illustration: Abb. 5.
-
-Bakterien mit Geißeln; verschiedene Typen des Geißelapparates
-(schematisch) ~a~ eine Geißel an einem Ende der Zelle, ~b~ je eine
-Geißel an jedem Ende der Zelle, ~c~ Geißelbüschel an jedem Ende der
-Zelle, ~d~ zahlreiche Geißeln entspringen an allen Teilen der Membran
-der Zelle.]
-
-Mit Hilfe besonderer Färbeverfahren, deren erstes von _Löffler_, einem
-der ältesten Schüler _Robert Kochs_, angegeben worden ist, kann man
-diese _Geißelfäden_ der Bakterien zur Darstellung bringen. Auch diese
-feinsten Gebilde zeigen bei den _verschiedenen_ Bakterien_arten_ ein
-_verschiedenes_, bei den einzelnen _Individuen der gleichen Art_ aber
-stets _übereinstimmendes_ Verhalten hinsichtlich ihrer Zahl und ihrer
-Anordnung. So gibt es bewegliche Stäbchen, die nur an einem Ende
-eine einzige Geißel haben, andere tragen eine solche an jedem ihrer
-Enden, wieder andere besitzen eine große Anzahl von Geißeln, die von
-den verschiedensten Stellen ihrer Oberfläche nach allen Seiten hin
-ausstrahlen (vgl. Abb. 5). Auch Zahl und Anordnung der Geißeln kann,
-wenn sie für eine gegebene Bakterienart einmal genau studiert ist, als
-Unterscheidungsmerkmal dieser Art neben anderen Eigenschaften dienen.
-
- * * * * *
-
-Unter den _Lebensvorgängen_, die der unmittelbaren Beobachtung
-zugänglich sind, beansprucht vor allem die Art und Weise der
-_Fortpflanzung_ unser Interesse. Gerade ihre zuverlässige Beobachtung
-ist durch die _Koch_sche Isolierungsmethode außerordentlich erleichtert
-worden, wenn auch schon _vor Koch_ vielfach richtige Ansichten über
-die Art und Weise, wie die oft enorme Vermehrung von Bakterien im
-einzelnen zustande kommt, gewonnen worden sind. Die Vermehrung der
-Bakterien erfolgt auf eine sehr einfach erscheinende Weise durch
-_Spaltung_. Der Mikrokokkus, das Kugelbakterium, das sich zur Teilung
-anschickt, zeigt eine langsame Vergrößerung einer seiner Achsen, dann
-eine Einschnürung in der Mitte und endlich eine vollkommene Abschnürung
-von zwei neuen Tochterkugeln. Ganz analog ist der Teilungsvorgang bei
-Stäbchen- und Schraubenbakterien, die nach anfänglichem Längenwachstum
-durch Querteilung in zwei Tochterindividuen zerfallen (vgl. Abb. 6).
-
-[Illustration: Abb. 6.
-
-Teilung durch Spaltung. ~a~ Teilung eines Kokkus ~b~ eines Stäbchens.
-(Schematisch.)]
-
-Bei einer beschränkten Zahl von Bakterienarten dient noch ein anderer
-sehr merkwürdiger Vorgang der _Erhaltung der Art_ -- _nicht_ eigentlich
-der _Fortpflanzung_: es ist dies die bei manchen Stäbchenarten unter
-bestimmten Bedingungen vorkommende Bildung von sogenannten _Sporen_,
-eigentümlichen, durch ihr Aussehen und ihre besonderen Eigenschaften
-in gleicher Weise von den Bakterienzellen unterschiedenen Gebilden.
-Im ungefärbten Zustand, z. B. im hängenden Tropfen, fallen diese
-Sporen durch ihren starken Glanz auf: sie besitzen ein viel stärkeres
-Lichtbrechungsvermögen als die Bakterienzellen; ihre Anordnung ist
-bei verschiedenen Arten verschieden, aber bei jeder sporenbildenden
-Bakterienart charakteristisch. Bei einzelnen Arten bilden sie sich
-im Innern des Stäbchens (Endosporen), bei anderen Arten treten sie
-regelmäßig an den Enden auf (endständige Sporen; vgl. Abb. 7). Die
-Bildung dieser Sporen geht in der Weise vor sich, daß zunächst kleine
-stärker lichtbrechende Körnchen in dem Bakterienkörper auftreten,
-die dann an Größe zunehmen und schließlich die ganze Dicke der
-Bakterienzelle einnehmen, ja übertreffen können. Die Bakterienzelle
-selbst pflegt schließlich zu zerfallen, so daß nur die freie Spore
-übrig bleibt (vgl. Abb. 7~c~). Bei Färbung mit den gewöhnlichen
-Anilinfarben bleiben die Sporen im Gegensatz zu dem Bakterienkörper
-ungefärbt. Die hervorstechendste Eigentümlichkeit dieser Sporen ist
-ihre ganz außerordentlich große Widerstandsfähigkeit gegenüber allen
-möglichen physikalischen Einflüssen, denen die Bakterienzellen selbst
-erliegen. So vertragen sie viel höhere Grade der Austrocknung als jene,
-vor allem aber auch sehr viel stärkere Erhitzung, ohne abzusterben.
-Sie bleiben z. B. beim einmaligen Aufkochen einer Flüssigkeit am Leben
-und besitzen nun die weitere Fähigkeit, unter geeigneten Bedingungen
-wieder zu Bakterienzellen auszukeimen, die sich entweder durch Spaltung
-vermehren oder unter anderen Bedingungen wieder durch Sporenbildung
-gegen den Untergang schützen können. Sporenbildende Bakterien sind es
-z. B., die in der einmal kurz aufgekochten Milch nicht mit anderen
-zugrunde gehen, und sie sind denn auch die letzte Ursache der Irrlehre
-von der »~generatio spontanea~« gewesen (vgl. o.).
-
-[Illustration: Abb. 7. Sporenbildung. ~a~ mittelständige Sporen,
-Endosporen, ~b~ endständige Sporen, ~c~ freie Sporen.]
-
-In den Lebensbedingungen der Spaltpilze, soweit sie bisher erforscht
-sind, zeigt sich wenn möglich eine noch größere Mannigfaltigkeit als in
-deren Bau. Aber auch hier steht der Fülle der wechselnden Erscheinungen
-eine sich bis auf die kleinsten Einzelheiten erstreckende gesetzmäßige
-_Konstanz der Eigenschaften_ gegenüber, sobald wir eine _bestimmte_
-Bakterienart untersuchen.
-
-Gewisse Lebensbedingungen sind allen Spaltpilzen gemeinsam: alle sind
-in hohem Maße empfindlich gegen die Einwirkung des Lichts; im hellen
-Tageslichte gehen sie bald zugrunde. Unerläßliche Bedingung für ihre
-Fortpflanzung ist Dunkelheit. Alle Spaltpilze bedürfen weiterhin,
-wie alle lebenden Wesen, der Nahrung. Vor allem können sie das
-_Wasser_ nicht entbehren. Aber schon in diesem Punkte treten deutliche
-Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten hervor, insofern als
-die einen unvergleichlich viel empfindlicher gegen Eintrocknung sind
-als andere. Besonders widerstandsfähig gegen diese Schädigung sind
-natürlich, wie wir vorher schon kurz erwähnten, diejenigen Arten, die
-die Fähigkeit besitzen, resistente Dauerformen, Sporen, zu bilden.
-
-Gemeinsam ist allen Bakterien weiterhin, daß sie einer gewissen _Wärme_
-bedürfen, um sich zu vermehren; aber auch in dieser Beziehung sind
-die Bedürfnisse der einzelnen Arten ganz außerordentlich verschieden.
-Jede einzelne Art besitzt eine genau bestimmbare Temperaturbreite von
-sehr wechselndem Ausmaß, innerhalb deren sie zur Vermehrung befähigt
-ist, und für jede einzelne Art kann man innerhalb dieser Zone eine
-Temperatur finden, bei der das Wachstum am üppigsten vor sich geht, das
-sogenannte Temperaturoptimum des betreffenden Bakteriums. Alle dem
-Menschen als Infektionserreger gefährlichen Arten können, wie man von
-vornherein vermuten wird, bei der Temperatur des menschlichen Körpers,
-also etwa bei 37° ~C~, wachsen, die meisten haben ungefähr bei diesem
-Wärmegrade ihr Temperaturoptimum. Wir bedürfen deshalb zur Kultur der
-pathogenen Bakterien sogenannter Brütschränke, oder, wenn sehr große
-Mengen von Kulturen untergebracht werden müssen, eines Brützimmers,
-eines Raumes also, in dem durch geeignete Vorrichtungen (sogenannte
-Thermoregulatoren) ständig genau die Temperatur von 37° ~C~ erhalten
-wird.
-
-Unter den ungefährlichen Arten gibt es dagegen sehr viele, denen
-diese Temperatur schon zu hoch ist; aber auch unter den pathogenen
-Bakterien sind die Temperaturansprüche außerordentlich verschieden.
-Manche gehen schon sehr bald zugrunde, wenn sie nur kurze Zeit etwa
-auf Zimmertemperatur, also ungefähr 20° ~C~ abgekühlt werden, andere
-dagegen, wie z. B. der Pestbazillus, vermögen noch bei 8°, ja nach
-einzelnen Beobachtungen bei noch geringerer Wärme sich zu vermehren.
-Freilich liegt ihr Temperaturoptimum erheblich höher, nämlich etwa bei
-30°.
-
-Noch schärfer ausgeprägt ist die Verschiedenheit in dem Verhalten der
-einzelnen Bakterienarten zum _Sauerstoff_ der Luft; es gibt Spaltpilze,
-die ihn zum Leben so nötig haben wie die höheren Tiere (~aërophile~
-oder ~aërobe~, luftbedürftige Arten) und andere, die sich bei seiner
-Anwesenheit überhaupt nicht zu entwickeln vermögen (~anaërobe~,
-luftscheue Arten). Um die letzteren zu kultivieren, hat man sehr
-verschiedene Methoden angegeben; man kann z. B. die Kulturröhrchen
-oder Platten in einem gut verschlossenen Raume aufstellen, den man mit
-reinem Wasserstoffgas gefüllt hat.
-
-Sehr deutlich zeigt sich das verschiedene Sauerstoffbedürfnis, wenn
-man sogenannte hohe Stichkulturen von einem darauf zu prüfenden Keim
-anlegt. Man impft den in einem Reagenzgläschen befindlichen starren
-Nährboden, indem man einen langen Platindraht, an dessen Spitze eine
-kleine Menge der aus einer Reinkultur stammenden Aussaat haftet, tief
-in das Röhrchen einmal einsticht. Dabei bleiben längs des ganzen
-Stiches Keime haften; sauerstoffscheue Bakterienarten werden aber
-nach einiger Zeit ausschließlich an den tiefsten Stellen des Stiches,
-da, wo die Luft keinerlei Zutritt hat, Wachstum zeigen, das man mit
-bloßem Auge wahrnehmen kann. Sauerstoffbedürftige gedeihen nur an der
-Oberfläche und in der nächsten Nähe, eben soweit der Sauerstoff dringt.
-Manche Arten sind auch in dieser Hinsicht indifferent und vermögen
-annähernd gleich gut mit und ohne Sauerstoff zu existieren (vgl. Abb.
-8).
-
-Ganz besonders mannigfaltig sind aber die Ansprüche der verschiedenen
-Bakterienarten an die Beschaffenheit und Zusammensetzung der
-_Nährsubstrate_, in oder auf denen wir sie züchten. Zum Beispiel
-muß die _chemische Reaktion_ des Nährsubstrates sorgfältig in
-jedem Falle berücksichtigt werden, wenn auch _im allgemeinen_ die
-krankheiterregenden Keime neutrale oder ganz schwach alkalische
-Reaktion verlangen. Schon ganz geringe Unterschiede im Grade der
-Alkaleszenz können zur Folge haben, daß das Wachstum der einen Art
-überhaupt ausbleibt, das einer anderen Art dafür besonders üppig
-ausfällt. Ausnahmsweise wird auch bei pathogenen Bakterien die
-Bevorzugung einer leicht sauren Reaktion beobachtet.
-
-[Illustration: Abb. 8.
-
-Wachstum in hohen Stichkulturen. ~a~ aërobe, ~b~ anaërobe, ~c~
-indifferente Bakterien. (Schematisch.)]
-
-Alle die Nährsubstrate zu besprechen oder auch nur zu erwähnen, die
-zur Kultur von pathogenen Bakterien verwendet werden, würde uns
-viel zu weit führen. Jede einzelne krankheiterregende Art ist auf
-das Sorgfältigste auf ihre Bedürfnisse hin untersucht worden, und
-deren genaue Berücksichtigung ist zur Vermeidung von Mißerfolgen bei
-Kulturversuchen durchaus notwendig. Gerade auf diesem Gebiet war
-wiederum _Robert Koch_ der bahnbrechende Forscher, besonders durch die
-Überwindung der außerordentlich großen Schwierigkeiten, die sich der
-Kultur der Tuberkelbazillen entgegenstellten, die nur auf bestimmten
-Substraten ein noch dazu außerordentlich langsames Wachstum zeigen.
-
-Eine sehr große Zahl von pathogenen Keimen gedeiht unter sonst
-geeigneten Bedingungen in der gewöhnlichen _Nährbouillon_, die aus
-Fleischwasser mit Zusatz von Pepton und Kochsalz hergestellt wird, und
-Nährgelatine, die außer diesen Bestandteilen noch Gelatine enthält.
-Die Temperatur von etwa 20°, bei der wir die Gelatineplatten halten
-müssen, um die feste Konsistenz des Nährbodens zu gewährleisten, ist
-aber für viele Krankheitserreger zu niedrig. Sie gestattet ihnen
-entweder gar keine oder doch nur eine sehr langsame Vermehrung.
-Es war deshalb ein großer Fortschritt, als eine Dame, Frau ~Dr.~
-_Hesse_, den Gelatinezusatz durch einen solchen von _Agar-Agar_, eine
-indische Tangart, ersetzte, die den einmal durch Kochen verflüssigten
-Nährboden erst bei einer Abkühlung auf etwa 39° wieder erstarren
-läßt, bei Körpertemperatur also den festen Zustand bedingt. Durch
-Zusatz bestimmter Mengen von allerhand Substanzen, wie beispielsweise
-Traubenzucker, Glyzerin und anderen, kann man diese einfachen
-Nährböden für die Kultur der verschiedenen Bakterienarten nach deren
-mannigfaltigen Bedürfnissen geeigneter machen.
-
-Viele pathogene Bakterien gedeihen am besten, manche sogar
-ausschließlich, wenn ihnen tierisches Eiweiß in nicht koaguliertem
-Zustande zur Verfügung steht, also beispielsweise in der Form steril
-entnommenen Blutes, das dem Nährboden zugesetzt wird. Einzelne sind so
-kapriziös, ausschließlich nur auf menschenbluthaltigen Nährböden zu
-wachsen, andere bevorzugen das Blut irgendeiner bestimmten Tierart.
-
-Aus dem, was eben über die Nährsubstrate gesagt wurde, ergibt sich,
-daß wir die Erfüllung der Grundbedingungen für die Verwendbarkeit
-eines Nährbodens, nämlich seine völlige _Keimfreiheit_, auf sehr
-verschiedenem Wege anstreben müssen: unkoaguliertes Körpereiweiß
-können wir ausschließlich durch »sterile Entnahme« aus dem Körper
-eines höheren Tieres gewinnen; die meisten anderen Nährsubstrate
-»_sterilisieren_« wir durch Erhitzung.
-
-Wir müssen hier auf die verschiedenen Sterilisationsmethoden der
-Vollständigkeit halber kurz eingehen. Schon in der Einleitung
-war erwähnt, daß einmaliges Aufkochen einer Flüssigkeit zu
-deren Sterilisation nicht ausreicht. Wir sahen dann später die
-Ursache dieses merkwürdigen Phänomens in der Fähigkeit vieler
-Bakterienarten, hitzebeständige Dauerformen, Sporen, zu bilden.
-Alle unsere Sterilisationsmethoden müssen darauf abzielen, die
-Gefahr der Verunreinigung durch derartige zum Auskeimen befähigte
-Sporen zu vermeiden. Wir müssen dabei sehr verschieden verfahren.
-Trockene Glasgeräte erhitzen wir in sehr einfacher Weise in einem
-festverschlossenen Eisenblechkasten, unter dem eine große Gasschlange
-angebracht ist, auf 150–180° ~C~ und können nach einer Viertelstunde
-gewiß sein, daß alle Sporen abgetötet sind. Die meisten flüssigen
-Nährsubstrate können wir durch Kochen sterilisieren. Wir bringen
-sie in Glaskolben oder Röhrchen in einen sogenannten Kochschen
-Dampftopf, ein mit locker schließendem Deckel versehenes zylindrisches
-Blechgefäß, dessen unterer Teil etwas Wasser enthält, das wir durch
-eine Flamme zum Sieden bringen. Die Behälter mit den zu erhitzenden
-Flüssigkeiten stehen auf einem Rost über dem Wasserspiegel und werden
-durch den entwickelten Dampf bis nahezu zur Temperatur des siedenden
-Wassers erwärmt. Besonders widerstandsfähige Sporen überleben aber
-eine solche Erhitzung, selbst wenn sie eine Stunde lang fortgesetzt
-wird. Um auch ihrer Herr zu werden, kann man sich der »fraktionierten«
-Sterilisation bedienen: man erhitzt die betretende Flüssigkeit eine
-Stunde im Dampftopf, läßt sie dann sich wieder abkühlen, wiederholt
-die Erhitzung und die Abkühlung noch mehrmals und ist nun schließlich
-sicher, ein keimfreies Substrat zu haben: die nach der ersten Erhitzung
-übriggebliebenen Sporen sind in dem guten Nährboden nach der Abkühlung
-teilweise oder alle ausgekeimt. Die entstandenen Bakterienzellen werden
-bei der zweiten Erhitzung getötet. Sind etwa doch noch Sporen übrig
-geblieben, so fallen sie der dritten oder vierten Wiederholung der
-Prozedur zum Opfer.
-
-Rascher führt eine andere Methode zum Ziel, die freilich einen
-etwas kostspieligen Apparat erfordert: das Sieden unter Druck im
-festverschlossenen Gefäß, einem sogenannten Autoklaven. Mit dem Steigen
-des Druckes steigt die Temperatur, und man kann so einen Dampf von 120
-und mehr Grad Wärme auf die Nährböden wirken lassen, die bei diesem
-Vorgange schon nach einer Viertelstunde keimfähige Sporen nicht mehr
-enthalten. Die Verwendung sehr niedriger Temperaturen kommt für die
-Sterilisation nicht in Betracht, da die meisten Bakterienarten alle mit
-den gewöhnlichen Mitteln erreichbaren Abkühlungen vertragen können,
-genau ebensogut, wie die Samen der höheren Pflanzen.
-
-[Illustration: Abb. 9.
-
-Ein Röhrchen mit schräg erstarrtem Nähragar, auf dessen Oberfläche man
-Bakterien züchten kann. Verschluß durch Wattebausch. ½ der natürl.
-Größe.]
-
-Die einmal sterilisierten Nährböden müssen natürlich in gut
-verschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden, da sie sonst durch
-eindringende Keime verunreinigt und für unsere Zwecke unbrauchbar
-gemacht werden würden. Zum Verschluß der Gefäße (Kölbchen,
-Reagenzgläschen) verwendet man in der Regel einen Wattebausch, der sich
-als vollkommen sicherer Schutz gegen das Eindringen von Luftkeimen
-bewährt.
-
-Es bedarf kaum der Betonung, daß wir auch bei der Impfung eines solchen
-Kulturröhrchens sehr vorsichtig und rasch zu Werke gehen müssen,
-damit nicht in der Zeit, während deren wir das Aussaatmaterial in das
-geöffnete Gefäß einführen, Luftkeime hineindringen. Selbstverständlich
-muß auch das Instrument, mit dem wir die Überimpfung vornehmen, sicher
-steril sein. Wir verwenden dazu meist einen dünnen, zu einer Öse
-umgebogenen Platindraht, der an einem langen handlichen Stiel befestigt
-ist, und der vor dem Gebrauch in der Flamme des Bunsenbrenners bis
-zum Glühen erhitzt und dann rasch abgekühlt worden ist. Mit diesem
-streichen wir ein klein wenig von einer Bakterienkolonie auf der
-Oberfläche eines Nähragarröhrchens aus. Schon am folgenden Tage werden
-wir (bei geeigneter Temperatur) an der Stelle der Aussaat schon eine
-Kultur aufgehen sehen.
-
-Das Tempo und die geringere oder größere Üppigkeit des Wachstums,
-ferner auch das Aussehen des sich entwickelnden »Rasens« ist für die
-verschiedenen Arten oft wiederum charakteristisch. Namentlich aber die
-Kolonien auf den _Platten_ haben oft ein durchaus eigenartiges Gepräge,
-so daß man nach ihrem Aussehen mit bloßem Auge oder mit Hilfe eines
-schwachen Vergrößerungsglases oft schon mit großer Wahrscheinlichkeit
-feststellen kann, welcher Keimart sie angehören. So bilden manche
-Bakterien vollkommen scharf begrenzte und kreisrunde, andere wieder
-weinblattförmige, wieder andere Mikroorganismen unregelmäßig
-gestaltete, an den Rändern stark aufgefaserte Kolonien (vgl. Abb. 16 u.
-26).
-
-[Illustration: Abb. 10.
-
-Platinöse zum Impfen von Bakterienkulturen.]
-
-Unmittelbar wahrnehmbar ist bei vielen Bakterienarten auch die Bildung
-von _Pigment_ in den Kulturen, besonders häufig sind weiße und
-grauweiße Farbentöne, doch gibt es zahlreiche Arten, die Pigment von
-allen Farben zu bilden vermögen.
-
-Besonders zur Unterscheidung der Bakterienarten verwertbar sind
-weiterhin deren _chemische Leistungen_. Einige wenige Beispiele mögen
-dies veranschaulichen. Betrachten wir Gelatineplattenkulturen von
-Choleravibrionen z. B. am dritten Tage nach der Einsaat, so sehen
-wir, daß das Nährsubstrat in der Nachbarschaft der einzelnen Kolonien
-verflüssigt worden ist: die Choleravibrionen besitzen die Fähigkeit,
-Eiweiß zu peptonisieren. Das Vorhandensein oder Fehlen dieser Fähigkeit
-ist wiederum bei verschiedenen Arten eine konstante Eigenschaft und
-deshalb zu ihrer Charakteristik verwertbar. -- Ähnlich verhält es
-sich mit dem Nachweis von charakteristischen Stoffwechselvorgängen in
-den Reinkulturen mancher Bakterien; so bringen beispielsweise manche
-Spaltpilzarten unter Säureproduktion Milch zur Gerinnung, in der
-sie wachsen, während andere Arten dieser Fähigkeit stets ermangeln.
-Eine andere chemische Leistung, die für manche Bakterienarten
-charakteristisch ist, ist die Vergärung des Traubenzuckers. Impft
-man von einer Reinkultur eines solchen Mikroorganismus einen
-traubenzuckerhaltigen Nährboden (Bouillon oder Nähragar), so erkennt
-man sehr deutlich den Eintritt der Gärung an der Bildung von Gasblasen,
-die den festen Nährboden unter Umständen förmlich zerfetzen können.
-Die Erscheinung fehlt, wenn der untersuchte Spaltpilz der Fähigkeit
-ermangelt, Traubenzucker zu vergären.
-
-Zur vollständigen Untersuchung einer pathogenen Bakterienart gehört
-unter Umständen noch als letzte, der medizinischen Bakteriologie
-besonders eigene Aufgabe: die Prüfung der »Pathogenität« der Reinkultur
-im _Tierexperiment_. Gerade dieser Methode verdankt die Wissenschaft
-außerordentlich wertvolle Fortschritte, und ihre vernünftige sachgemäße
-Anwendung kann nur von Leuten angefeindet werden, die über Ziel und
-Wege der medizinischen Forschung mangelhafte Vorstellungen haben. Die
-Beurteilung des Ausfalls von Tierexperimenten ist übrigens eine weit
-schwierigere Aufgabe, als man häufig anzunehmen geneigt ist.
-
-Die ursprüngliche Absicht bei der künstlichen Infektion von Tieren
-mit Reinkulturen ging darauf hinaus, experimentell die gleiche
-Krankheit zu erzeugen, deren Erreger man in Händen zu haben
-glaubte. Man strebte dieses Ziel namentlich in der ersten Zeit der
-bakteriologischen Entdeckungen in jedem einzelnen Falle an, in dem
-man einen Krankheitserreger entdeckt zu haben glaubte. Ja, man hielt
-den Beweis dafür, daß ein aus Krankheitsprodukten isolierter Keim
-wirklich der Erreger der betreffenden Krankheit sei, erst dann für
-erbracht, wenn man mit seinen Reinkulturen das typische Krankheitsbild
-experimentell auslösen konnte. Es ergab sich nun aber bald, daß
-dies nicht in allen Fällen gelang; von großer Bedeutung zeigte sich
-zunächst die Auswahl der Versuchstiere nach ihrer Artzugehörigkeit.
-So war es leicht und sicher gelungen, bei _Rindern_ durch Impfung mit
-Reinkulturen das typische Bild der Milzbranderkrankung auszulösen.
-Versuche, die typischen Bilder _menschlicher_ Infektionskrankheiten
-bei Versuchstieren durch Impfung mit Reinkulturen auszulösen,
-gelangen dagegen nur in ganz bestimmten Fällen und auch für
-diese nur in gewissem Sinne: Man kann z. B. bei Versuchstieren
-das Bild der menschlichen Diphtherie nicht durch Einbringung von
-Reinkulturen in den Rachen hervorrufen. Man kann ferner bei den
-gebräuchlichen Versuchstieren auch durch Fütterung mit massenhaften
-Choleravibrionen im allgemeinen nicht das Bild der menschlichen Cholera
-reproduzieren. Versuchstiere, denen man Reinkulturen von Diphtherie-
-oder Cholerabazillen aus menschlichen Krankheitsfällen injiziert,
-sterben allerdings oft im Anschluß daran, aber unter ganz anderen
-Erscheinungen, als sie die betreffenden menschlichen Krankheiten
-darbieten. Daneben gibt es freilich auch einige Infektionskrankheiten,
-die, beim Tiere durch Impfung mit Reinkulturen des betreffenden
-Erregers künstlich erzeugt, einen ganz typischen Verlauf zeigen, der
-in hohem Grade mit dem der menschlichen Krankheit übereinstimmt. Ein
-Beispiel dieser Art bildet die _Pest_: wenn man mit ganz kleinen Mengen
-einer Reinkultur von Pestbazillen ein Meerschweinchen oder eine Ratte
-an einer oberflächlichen kleinsten Hautwunde impft, so entwickelt sich
-bei dem Tiere ein Krankheitsbild, das in vielen Einzelheiten mit dem
-der menschlichen Beulenpest übereinstimmt.
-
-Über die Ursache dieses verschiedenen Verhaltens unserer Versuchstiere
-gegenüber verschiedenen Krankheitserregern gewinnen wir Klarheit,
-wenn wir in Erwägung ziehen, daß kleine Nagetiere auch »_spontan_«
--- d. h. unter natürlichen Bedingungen, ohne unser absichtliches
-Eingreifen -- an Pest erkranken können, daß sie aber niemals spontan an
-Cholera oder an Diphtherie erkranken: jede einzelne Tierart erkrankt
-spontan nur an ganz bestimmten Infektionskrankheiten und so auch
-der Mensch. Man pflegt das auch so auszudrücken: Jede Tierart ist
-»empfänglich« nur für bestimmte Infektionserreger, gegen andere ist
-sie widerstandsfähig, oder, wie man mit dem lateinischen Ausdruck zu
-sagen pflegt, »resistent«. Wir müssen für unsere Versuchstiere dabei
-stets im Auge behalten, daß sie einem gegebenen Keime gegenüber oft
-zwar insofern »resistent« sind, als sie _spontan_ niemals seiner
-krankmachenden Wirkung erliegen, daß sie aber für eine künstliche
-Infektion (Injektion) mit großen Dosen »empfänglich« sind. Diese
-»Resistenz« kann sich sowohl gegenüber spontanen als auch gegenüber
-künstlichen Infektionen geltend machen, oder aber -- wie im Falle der
-Cholera, der Diphtherie -- _nur_ gegenüber der natürlichen (spontanen)
-Infektion bestehen. In diesem letzteren Falle kann man durch Injektion
-kleinerer oder größerer Dosen von Reinkulturen eines gegebenen Keimes
-Erkrankung und Tod des Versuchstieres herbeiführen. Man nennt einen
-Stamm einer pathogenen Bakterienart »virulent«, wenn _kleine_ Dosen
-bereits diese Wirksamkeit entfalten, »avirulent«, wenn große Dosen
-dazu nötig sind. Die »Virulenz« ist Schwankungen unterworfen. Von
-einer höchst »virulenten« Reinkultur von Pestbazillen genügt, soweit
-sich das feststellen läßt, ein einziger Keim, um z. B. bei einer Ratte
-eine tödliche Pestinfektion auszulösen. Wenn man aber eine Pestkultur
-im Laboratorium jahrelang auf künstlichen Nährböden immer weiter
-gezüchtet hat, so findet man sie in der Regel völlig »avirulent«, d. h.
-außerstande, auch bei empfänglichen Versuchstieren Pest hervorzurufen.
-Ähnlich verhalten sich auch Milzbrandkulturen nach häufigem Überimpfen
-auf künstlichen Nährsubstraten.
-
-So wie die Virulenz verloren gehen kann, kann sie unter Umständen,
-vorausgesetzt, daß sie noch nicht ganz erloschen war, wieder gesteigert
-werden, und zwar in der Regel durch die Methode der sogenannten
-Tierpassage. Infiziert man mit sehr reichlichen Mengen einer schwach
-virulenten Kultur, beispielsweise von Milzbrandbazillen, ein für
-Milzbrand empfängliches Versuchstier, so kann es unter Umständen
-zu einer Vermehrung der Milzbrandbazillen im Tierkörper und zur
-Erkrankung des Tieres kommen. Züchtet man nun aus dessen Blut wiederum
-die Milzbrandbazillen, und wiederholt man diese Maßnahme noch ein
-oder einige Male, so sieht man die Virulenz mehr und mehr zunehmen,
-so daß immer kleinere Dosen der Reinkulturen zur Erzeugung eines
-Impfmilzbrandes ausreichen. Dabei hat sich die merkwürdige Tatsache
-ergeben, daß die Steigerung der Virulenz sich geradezu spezifisch nur
-auf die zur Tierpassage verwandte Tierart beziehen kann, ja, man hat
-weiterhin sogar feststellen können, daß bei solchen Passageversuchen
-zuweilen mit der Zunahme der Virulenz für die Passagetierart eine
-Abnahme der Virulenz für eine andere an sich ebenfalls empfängliche
-Tierart einhergeht. Mit anderen Worten: ebenso wie Empfänglichkeit und
-Resistenz einer jeden Tierart gegenüber pathogenen Keimen verschiedener
-Art spezifisch bestimmt sind, ist auch der Grad der Virulenz
-eines pathogenen Bakteriums jeder einzelnen Tierspezies gegenüber
-spezifisch bestimmt, bzw. verschieden. Danach kann es denn auch nicht
-wundernehmen, daß zuweilen Mikroorganismen, die von besonders schweren
-Krankheitsfällen des Menschen isoliert worden sind, sich bei der
-Übertragung auf Versuchstiere als wenig virulent für diese erwiesen
-haben.
-
-Aus alledem ergibt sich eine sehr große Schwierigkeit in der
-Beurteilung der Resultate von experimentellen Infektionen von
-Versuchstieren. Nur unter genauester Berücksichtigung dieser
-Verhältnisse darf man aus den Beobachtungen am künstlich infizierten
-Tiere Rückschlüsse auf Vorgänge und Zustände beim Menschen ziehen, und
-nur in der Hand der kritischsten Beobachter vermag das Tierexperiment
-wertvolle Ergebnisse zu liefern. In der Tat verdanken wir ihm
-außerordentlich wichtige Aufschlüsse, nicht nur über das Zustandekommen
-von Infektionskrankheiten, sondern vor allen Dingen auch über die
-natürlichen Heilungsvorgänge und über Mittel, diese Heilungsvorgänge
-zu unterstützen, zu beschleunigen, ja, unter Umständen geradezu
-hervorzurufen.
-
-
-
-
-Kapitel II.
-
- Pathogene und saprophytische Bakterien. -- Bedingungen der
- Krankheitserzeugung durch Bakterien. -- Die Einfallspforten
- infektiöser Keime. -- Die gesunden Bedeckungen als Schutzwehr
- des Körpers gegen bakterielle Infektionen. -- Angriffswaffen
- der Bakterien. -- Besondere Reaktionsvorgänge nach dem
- Eindringen pathogener Keime in die Gewebe. -- Die wichtigsten
- Bestandteile des Blutes und ihre Beteiligung an der Abwehr
- von Infektionen. -- Die »Entzündung«. -- Die weißen
- Blutkörperchen und die Phagocytose. -- Bakterienfeindliche
- Stoffe des Blutserums. -- Lokale und allgemeine Infektionen.
- -- Verschiedener Verlauf der Infektionskrankheiten. --
- Nachkrankheiten.
-
-
-Wie wir schon sahen, sind von den vielen Hunderten von Bakterienarten,
-die isoliert und wissenschaftlich untersucht worden sind, weitaus
-die meisten für den Menschen ganz ungefährlich. Ja, es hat sich
-herausgestellt, daß die mannigfaltigen Leistungen dieser Keime einen
-unentbehrlichen Faktor im Kreislauf des Stoffes auf unserer Erde
-darstellen, so daß das Leben der höheren Tiere und des Menschen
-geradezu unmöglich wäre, wenn die Lebenstätigkeit dieser kleinen Wesen
-aufhörte. Ihrer Tätigkeit allein verdanken wir, daß durch Fäulnis- und
-Verwesungsprozesse die toten Pflanzen- und Tierkörper abgebaut und
-nicht nur beseitigt, sondern zum Wiederaufbau neuer lebender Substanz
-nutzbar gemacht werden. Nichts ist also undankbarer und verkehrter
-als die in weiten Kreisen verbreitete übertriebene »Bazillenfurcht«,
-die zwar auf der einen Seite auf der richtigen Kenntnis der
-außerordentlichen Verbreitung von Spaltpilzen oder »Bazillen« in der
-Natur, auf der anderen Seite auf der ebenfalls richtigen Anschauung
-beruht, daß »Bazillen« als Krankheitserreger dem Menschen gefährlich
-werden _können_, aber eben die Tatsache nicht berücksichtigt, daß man
-bei den Bazillen genau ebenso zwischen nützlichen und schädlichen Arten
-unterscheiden muß, wie man bei den höheren Pflanzen zu tun gewöhnt ist.
-
-Man bezeichnet in der medizinischen Bakteriologie die
-krankheiterregenden Spaltpilze als »pathogene Bakterien« (von
-griechisch πάθος = das Leiden, die Krankheit, Stamm γεν = erzeugen)
-oder als Parasiten; alle übrigen, dem Menschen ungefährlichen Arten
-nennt man Saprophyten (von σαπρὸς = faul, φυτὸν = Gewächs, eigentlich
-also: Fäulnispilze).
-
-Ein gemeinschaftliches _Gestaltmerkmal_, an dem man sie alle erkennen
-könnte, besitzen die krankheiterregenden Spaltpilze übrigens
-ebensowenig wie die Giftpflanzen.
-
-Auch in ihren _Lebensbedingungen_ und _Lebensäußerungen_ zeigen sie
-die weitestgehenden Unterschiede, so daß bei Licht besehen nur der
-eine einzige Zug ihnen _allen_ gemeinsam ist, dem Menschen oder
-höheren Tieren schädlich werden zu können. Und auch in Hinsicht auf
-diese Eigenschaft unterscheiden sie sich untereinander wieder in
-mannigfaltiger Weise nach Art und Grad.
-
-Wir haben es hier mit äußerst verwickelten Verhältnissen zu tun, deren
-Aufklärung der Forschung der letzten Jahrzehnte durchaus noch nicht
-vollständig gelungen ist. Wir müssen uns deshalb vielfach mit der
-Feststellung einzelner Tatsachen begnügen, ohne vorläufig deren Gründe
-zu wissen.
-
-Fragen wir zunächst: Was gehört zum Zustandekommen eines
-Infektionsprozesses, so ist so viel gewiß, daß ein oder eine Anzahl
-infektionstüchtiger Keime und ein für deren Wirkung _empfänglicher_
-Körper vorhanden sein müssen. Das klingt höchst einfach, verbirgt aber
-eine durchaus rätselhafte Beziehung zwischen beiden Faktoren, die
-wir schon einmal streiften: Die Spezies »Mensch« muß gerade für die
-pathogene Wirkung des betreffenden Bakteriums empfänglich sein, sonst
-ist dieses dem Menschen gegenüber machtlos; das wußten wir schon. Wir
-wissen nun aber weiter aus Erfahrung auch, daß _verschiedene Menschen_,
-die -- beispielsweise während einer Epidemie -- der gleichen Infektion
-unter gleichen Bedingungen verfallen, in durchaus verschiedenem Grade
-unter der Schädigung leiden.
-
-Der eine von ihnen erliegt wie widerstandslos nach einem
-außerordentlich kurzen Krankheitsverlauf der Seuche, der andere kommt
-nach längerem Krankenlager mit dem Leben davon, der Dritte leidet gar
-nicht nennenswert; kaum, daß er einige eben charakteristische Symptome
-zeigte; nach kurzer Frist ist er vollkommen gesund wie zuvor.
-
-Wir sehen also: auch zwischen einzelnen _Individuen_ bestehen
-Unterschiede der »Resistenz« gegen infektiöse Keime. Solche
-Unterschiede können wir nun auch im Tierexperiment unter Umständen
-nachweisen. Wenn wir nämlich unter ganz gleichen Bedingungen mehrere
-Versuchstiere, die nach Art, Alter, Geschlecht, ja auch nach Gewicht
-und Ernährungszustand übereinstimmen, künstlich mit genau gleichen
-Mengen einer Reinkultur von pathogenen Mikroben infizieren, so
-beobachten wir häufig einen durchaus verschiedenen Ausgang des
-hervorgerufenen Krankheitsprozesses bei den verschiedenen Individuen.
-
-Diese individuellen Unterschiede zu erklären vermögen wir ebensowenig,
-wie wir die Empfänglichkeit oder Resistenz einer _Tierspezies_ für
-einen bestimmten Keim zu erklären wissen. Wir kennen freilich Mittel,
-um die Resistenz unter Umständen zu steigern, und kennen Faktoren,
-die sie herabsetzen: so wissen wir, daß durch Hunger, Entbehrungen
-aller Art, Überanstrengung, Erkältung, chronische Vergiftungen (z. B.
-Alkoholismus), die Widerstandsfähigkeit eines Individuums gegen manche
-Infektionen herabgemindert werden kann. Über die letzte Ursache dieser
-Schwächung wissen wir aber nichts Genaueres.
-
-Gewisse Fingerzeige freilich hat uns die Forschung gegeben, in welcher
-Richtung wir zu suchen haben: wir kennen einigermaßen die Waffen,
-deren sich der infizierte Organismus bedient, um den Eindringling zu
-bekämpfen, und wir lernen andererseits die Angriffswaffen des letzteren
-allmählich immer mehr kennen. Doch ist in Hinsicht beider Faktoren die
-Forschung von einem abschließenden Ergebnis noch weit entfernt.
-
-Jene Keime, die irgendwie von außen her auf unsere unverletzte
-Körperoberfläche gelangen, vermögen im allgemeinen durchaus nicht ohne
-weiteres uns schädlich zu werden; zur Körperoberfläche gehört in erster
-Linie die unverletzte Haut, die sichtbaren Schleimhäute, dann weiterhin
-auch die Schleimhaut des gesamten Verdauungstraktus -- Mund und Rachen,
-Speiseröhre, Magen, Darm -- und die der oberen Luftwege, also der Nase,
-des Kehlkopfes und der Luftröhre.
-
-Einige Keime bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Der Typhusbazillus
-und der Choleravibrio können vom Darmrohr aus, anscheinend ohne
-besondere unterstützende Momente, bei ursprünglich intakter
-Schleimhaut, ihre krankmachende Wirkung entfalten. Vor allem aber kann
-der _Diphtheriebazillus_, einmal in den Rachen eingedrungen, sich
-vermehren, durch seine eigenen Giftstoffe die oberflächlichen Schichten
-der Schleimhaut schädigen und nun einen immer fortschreitenden
-Krankheitsprozeß auslösen. Endlich soll noch als Ausnahme von der, wie
-wir sehen, durchaus nicht streng gültigen Regel der Gonokokkus erwähnt
-werden, der ebenfalls imstande ist, sich auf intakten Schleimhäuten --
-der des Urogenitaltraktus und auch derjenigen der Augenbindehaut --
-anzusiedeln und dort gefährliche Krankheiten zu verursachen.
-
-Nach so zahlreichen Ausnahmen bedarf die aufgestellte Regel geradezu
-einer besonderen Begründung: In der Tat finden sich auf der Haut
-des gesunden Menschen regelmäßig zahlreiche Bakterien, die beim
-Eindringen _in eine Wunde_ sehr unangenehme Wirkungen zu entfalten
-imstande wären, die gesunde Epidermis aber nicht zu passieren vermögen.
-Ferner beherbergt bekanntlich unser Darm eine Unmenge von Bakterien
-verschiedenster Art, deren Lebensäußerungen uns für gewöhnlich nicht
-nur nicht schädlich sind, sondern uns vielfach zugute kommen, da sie
-eine Rolle in der Darmverdauung spielen. Unter diesen zahlreichen
-Arten, die dort vorübergehend oder dauernd anzutreffen sind, sind
-auch solche vertreten, die, _in die Gewebe selbst eingedrungen_,
-als Krankheitserreger wirken würden. Als ein extremes Beispiel
-mag der Tetanusbazillus angeführt werden, der gefürchtete Erreger
-des Wundstarrkrampfes, einer sehr qualvollen und häufig tödlich
-verlaufenden Krankheit: im Darm, an der Körperoberfläche im Sinne
-unserer Besprechung, ist er ein häufiger unschädlicher Gast; dringen
-aber seine Sporen mit gröberen Verunreinigungen, mit Schmutz, zusammen
-in eine Wunde ein, so entfaltet er eine mörderische Tätigkeit.
-
-Aber wir brauchen diesen Sonderfall nicht heranzuziehen; eine sehr
-große Anzahl von Bakterienarten, die sich im Darm regelmäßig finden,
-werden in dem Augenblick zu bedenklichen Krankheitserregern, wo sie
-in das Körperinnere vordringen können, was freilich immer nur bei
-krankhaften Veränderungen, bei Verletzungen der Darmwand z. B.,
-geschehen kann. In die Bauchhöhle gelangt, werden diese Bakterien
-die Ursache einer oft tödlich verlaufenden Entzündung, so z. B.
-bei Unterleibsschüssen. Unter normalen Verhältnissen sind sie --
-von einigen praktisch nicht in Frage kommenden Ausnahmen abgesehen
--- außerstande, die Schranke zu übersteigen, die die intakte
-Darmschleimhaut ihnen bietet. Es mag hier kurz erwähnt werden, daß
-diese Schranke _nach dem Tode_ fällt, und daß nun einige Zeit später
-zahlreiche Bakterien die Darmwand durchwuchern und sich in den
-Nachbargeweben vermehren und verbreiten, indem sie sich von dem toten
-Substrat ernähren und seine Fäulnis und Verwesung bewirken.
-
-Auch im Rachen und in den oberen Luftwegen, besonders in der Nase,
-sind regelmäßig reichlich Bakterien anzutreffen und unter ihnen auch
-nahezu regelmäßig solche, die unter Umständen pathogen werden können,
-sehr häufig z. B. der Erreger der Lungenentzündung, der Pneumokokkus.
-Die Mehrzahl der Menschen beherbergt diesen Keim nahezu dauernd in den
-oberen Luftwegen. Zu der gefürchteten Lungenentzündung kommt es aber
-nur, wenn unter besonderen, noch durchaus nicht völlig aufgeklärten
-Bedingungen eine schrankenlose Wucherung der Pneumokokken innerhalb der
-Lunge zustande kommt. Ein anderer mit pathogenen Eigenschaften begabter
-Mikrokokkus, der Streptokokkus, ist ebenfalls ein sehr häufiger Gast
-im Rachen gesunder Menschen und kann gefährlich werden, indem er z. B.
-unter dem Einfluß von Erkältung zu Mandelentzündungen führt.
-
-Es ergibt sich aus alledem, daß die bloße _Anwesenheit_ von Keimen
-an der _Körperoberfläche_ zur Auslösung von Krankheitsprozessen im
-allgemeinen nicht genügt, oder anders ausgedrückt, daß für die meisten
-pathogenen Keime die gesunden Bedeckungen, Haut und Schleimhäute, ein
-unüberwindliches Hindernis der Entfaltung krankheiterregender Wirkungen
-darstellen.
-
-Die einfachste Art, wie diese Schranke durchbrochen wird, ist die
-_mechanische Verletzung_, das nächstliegende Beispiel dieser Art die
-Infektion einer _Wunde_ der Haut. Je nach der Art der in die tieferen
-Weichteile eingedrungenen Keime, werden die weiteren Vorgänge, die
-sich abspielen, verschieden sein: die pathogenen Bakterien besitzen
-je nach ihrer Art durchaus verschiedene Angriffswaffen, durch die sie
-dem Körper gefährlich werden, und auch die Verteidigung des letzteren
-spielt sich von Fall zu Fall in verschiedener Weise ab.
-
-Unter den Krankheitserregern sind einige durch die Fähigkeit
-angezeichnet, außerordentlich wirksame _Gifte_ abzusondern, die sich
-rasch im menschlichen Organismus verbreiten und unter Umständen, weit
-entfernt von der Ansiedelungsstelle der sie produzierenden Keime, eine
-tödliche Wirkung entfalten. Ein Beispiel dieser Art stellt der schon
-erwähnte Tetanusbazillus dar, dessen Giftstoffe das Zentralnervensystem
-angreifen und unter den Erscheinungen des Wundstarrkrampfes den
-Tod herbeiführen. Ähnliche Giftstoffe, die aber von ganz anderer
-Wirkung sind, sezerniert der Diphtheriebazillus. Man hat diese
-Giftstoffe dadurch bis zu einem gewissen Grade isolieren können,
-daß man Reinkulturen der betreffenden Bakterienarten in flüssigen
-Nährböden durch bakteriendichte Filter filtrierte. Nun prüfte man das
-vollkommen keimfreie Filtrat im Tierexperiment, und auf diese Weise
-ließ sich feststellen, daß minimale Mengen eines solchen Filtrats bei
-Versuchstieren die charakteristischen Erscheinungen, beispielsweise
-des Wundstarrkrampfes, auszulösen vermochten. Auf das Studium dieser
-gefährlichen Giftstoffe, die man als _Toxine_ bezeichnet hat, ist eine
-außerordentlich umfangreiche und mühevolle Arbeit schon verwendet
-worden. Die größte Schwierigkeit, die sich ihrer Erforschung in den Weg
-stellt, liegt darin, daß die heutigen Mittel der chemischen Forschung
-es noch nicht ermöglichen, die Toxine _rein_ darzustellen und ihre
-Konstitution aufzuklären. Man hat über diese letztere nur auf Umwegen
-mit Hilfe biologischer Methoden wertvolle Aufschlüsse erlangen können.
-
-Die Produktion echter Toxine ist bisher nur bei einer geringen Zahl
-pathogener Mikroben nachgewiesen worden, zu denen der Tetanus- und der
-Diphtheriebazillus gehören. Diesen beiden Krankheitserregern gemeinsam
-ist die Eigentümlichkeit, vorwiegend an der Invasionsstelle selbst sich
-zu vermehren und von da aus ihre löslichen Giftstoffe zu versenden,
-_ohne_ selbst _weit_ in die Gewebe des Körpers vorzudringen.
-
-Ein ganz anderes Verhalten zeigt eine große Anzahl von anderen
-pathogenen Keimen, die umgekehrt eine außerordentlich lebhafte Tendenz
-zur Vermehrung innerhalb des Körpers und zum Eindringen in die
-Körpergewebe zeigen, und die man deshalb auch vielfach als _invasive
-Parasiten_ charakterisiert hat. Ein Beispiel dieser Art ist der
-Milzbrandbazillus, auch der Pestbazillus gehört hierher, ferner die
-Erreger mancher Wundinfektionskrankheiten. In ausgesprochenen Fällen
-der Infektion mit solchen invasiven Keimen findet man die Gewebe und
-Säfte des Körpers, vor allem das Blut, geradezu überschwemmt mit den
-Mikroorganismen; es ist bis heute nicht gelungen, die schädliche
-Wirkungsweise aller solchen Keime befriedigend aufzuklären. Man hat
-namentlich am Beginn der bakteriologischen Ära vielfach geglaubt, rein
-mechanische Momente seien dabei von entscheidender Bedeutung. So hat
-man z. B. die Anschauung vertreten, die Milzbrandbazillen führten
-bei ihrer schrankenlosen Vermehrung den Tod dadurch herbei, daß sie
-die kleinsten Blutgefäße buchstäblich verstopften und dadurch die
-Blutversorgung und somit auch die Ernährung der lebenswichtigen Organe
-unmöglich machten. Tatsächlich kann man auf diesen Gedanken kommen,
-denn bei experimentell erzeugtem Milzbrand zumal findet man wirklich --
-bei Untersuchung feiner Gewebsschnitte -- oft die Kapillaren von den
-Bazillen ganz ausgefüllt. Der Erklärungsversuch ist aber doch nicht
-haltbar, denn gerade in schwer verlaufenden Fällen der Krankheit findet
-man oft _nicht_ die enorme Vermehrung der Bazillen mit Verlegung der
-Haargefäße. Der Tod an Milzbrand muß sich also anders erklären.
-
-Andere Forscher gelangten denn auch zu andern Hypothesen. So sprach
-man die Vermutung aus, die schrankenlos wuchernden Keime könnten dem
-Organismus irgendeinen Stoff oder irgendwelche Stoffe entziehen,
-deren er zum Leben notwendig bedürfe. Da man aber nicht genauer
-angeben kann resp. konnte, welche Stoffe das seien, so hat auch dieser
-Erklärungsversuch keinen Anspruch auf Anerkennung, und für eine ganze
-Reihe von invasiven Mikroben müssen wir heute noch zugestehen, daß wir
-nicht näher angeben können, worauf ihre tödliche Wirkung beruht. Durch
-neuere Forschungen wird es wahrscheinlich gemacht, daß in letzter Linie
-auch hierfür lösliche Giftstoffe in Betracht kommen.
-
-Zwischen den beiden Extremen der toxinproduzierenden Bakterien ohne
-alle invasive Tendenz und der angesprochen invasiven Parasiten finden
-sich alle Übergänge. Vor allem gibt es eine ganze Anzahl pathogener
-Bakterien, die wirksame Giftstoffe bei ihrem _Zerfall_ liefern,
-der sowohl in älteren Kulturen als auch im Tierkörper statthat.
-Man bezeichnet für gewöhnlich die im Inneren der Bakterienzellen
-eingeschlossenen Gifte, die erst bei deren Auflösung frei werden,
-als Endotoxine. Es leuchte ein, daß es in jedem Falle sehr schwer
-sein kann, festzustellen, ob eine Bakterienart Toxine produzieren
-kann oder nicht: Die Toxine weisen wir nach, indem wir die toxische
-Wirkung keimfreier Kulturfiltrate aufzeigen. In der Regel finden
-sich wirksame Toxine erst in etwas älteren Kulturen, und in einem
-umstrittenen Falle kann deshalb der Einwand erhoben werden, die
-Kultur enthalte Giftstoffe, die durch den _Zerfall_ von Keimen in
-dem betreffenden Nährsubstrat frei geworden seien. In der Tat können
-wir mit Bestimmtheit annehmen, daß in älteren Kulturen zahlreiche
-Bakterienzellen abgestorben und zerfallen sind.
-
-Wenn wir demnach sehen, daß selbst über die allergröbsten Begriffe, wie
-z. B. über die Todesursache bei der Infektion eines Menschen mit einem
-bestimmten krankheiterregenden Keim, noch keine Klarheit erzielt ist,
-so wird es uns nicht überraschen, daß über die feineren Einzelheiten
-unsere Kenntnisse noch so gut wie völlig mangelhaft sind.
-
-Etwas besser steht es um unser Wissen von den Abwehrvorrichtungen
-des Körpers. Freilich kann hier ohne die Voraussetzung medizinischer
-Schulung nur eine ganz grobe Skizze der wesentlichsten Vorgänge
-gegeben werden, die sich im infizierten Körper abspielen. Je nach
-dem eingedrungenen Infektionserreger, vielfach auch je nach dem Orte
-seines Eindringens, sind die Reaktionen sehr verschieden. Der Körper
-reagiert auf den Angriff eines spezifischen Krankheitserregers jeweils
-in charakteristischer, »spezifischer« Weise. Wir können uns am besten
-an einem Beispiel eine gewisse Anschauung über diese Reaktionen
-verschaffen und wählen am besten wiederum das einfache Beispiel des
-Eindringens pathogener Keime durch eine Wunde der Haut.
-
-[Illustration: Abb. 11.
-
-Gefärbtes Ausstrichpräparat von menschlichem Blut. ~E~ = rote
-Blutkörperchen. ~L~ = weiße Blutkörperchen.]
-
-Der Körper antwortet darauf mit einer »Entzündung«, die je nach
-Art und Menge der eingedrungenen Keime verschieden hochgradig und
-von verschiedener Ausdehnung sein kann: Die Blutgefäßchen in der
-Nachbarschaft der Invasionsstelle erweitern sich und füllen sich prall
-mit Blut, so daß die Umgebung der kleinen Hautwunde lebhaft gerötet
-erscheint; aus den Blutgefäßen treten teils flüssige Bestandteile
-des Blutes, teils bestimmte Blutzellen, die sogenannten weißen
-Blutkörperchen (vgl. Abb. 11) in die Gewebe aus; es kommt dadurch zu
-Schwellung, Spannungsgefühl, oft zu Schmerzen, die unter Umständen sehr
-heftig werden.[6]
-
-[Illustration: Abb. 12.
-
-Abstrich von Eiter, der Streptokokken enthält. Die Kokken sind sämtlich
-im Inneren von weißen Blutkörperchen gelegen.]
-
-Die weißen Blutkörperchen entwickeln nun bei entzündlichen Prozessen
-eine merkwürdige und oft sehr lebhafte Tätigkeit; durch kleine Lücken,
-die in der Wand der erweiterten Blutgefäße entstehen, zwängen sie sich
-hindurch, wandern aus, und in vielen Fällen kann man beobachten, wie
-sie die eingedrungenen Krankheitskeime in sich aufnehmen. Sehr kleine
-Bakterien, z. B. Mikrokokken, vermögen die Leukocyten in größerer Zahl
-»aufzufressen« (vgl. Abb. 12), größere Bakterien oder Verbände von
-Bakterienzellen umklammern sie nur, wobei sich oft mehrere Leukocyten
-vereinigen (Abb. 13). Diesen Vorgang, dessen Bedeutung für die
-Heilung von Infektionskrankheiten _Metschnikoff_ zuerst erkannt hat,
-bezeichnet man als _Phagocytose_ (Freßtätigkeit von Zellen). Die weißen
-Blutkörperchen verfügen nun weiterhin über verdauende Fähigkeiten und
-sind imstande, manche krankheiterregenden Keime nicht nur aufzufressen,
-sondern auch in ihrem Inneren zu zerstören. Doch erstreckt sich
-dieses Vermögen nicht auf alle Arten der pathogenen Mikroorganismen,
-es gibt vielmehr eine ganze Anzahl darunter, denen die Leukocyten
-nichts anhaben können. Auch sind die pathogenen Bakterien durchaus
-nicht wehrlos gegenüber den Leukocyten; manche werden zwar von diesen
-aufgenommen, man sieht aber bald danach, daß die weißen Blutkörperchen
-ihrerseits dabei Schaden gelitten haben und zugrunde gehen, während
-die Keime wieder frei werden. Diese Erscheinung beruht auf dem Gehalt
-solcher Keime an Stoffen, die auf die Leukocyten giftig wirken. Man
-kann hier also wirklich mit gutem Recht von einem _Kampf_ zwischen
-den Abwehrzellen und den Eindringlingen sprechen, einem Kampf, dessen
-Ausgänge sehr verschieden sind.
-
-[Illustration: Abb. 13.
-
-Aufnahme von Milzbrandbazillenfäden durch weiße Blutkörperchen.]
-
-Kommt es zu sehr massenhafter Auswanderung weißer Blutkörperchen,
-so entsteht das Bild der _Eiterung_. Die weißliche und gelbliche
-Flüssigkeit, die wir als Eiter bezeichnen, besteht zum allergrößten
-Teile aus diesen kleinen, eigenbeweglichen weißen Blutzellen.
-
-[Illustration: Abb. 14.
-
-~a~ Blut unmittelbar nach der Entnahme. ~b~ Abscheidung des Serums nach
-einigen Stunden, ~K~ = Blutkuchen, ~S~ = Serum.]
-
-Auch die _flüssigen_ Bestandteile des Blutes besitzen
-bakterienfeindliche Eigenschaften. Im einzelnen hat man diese
-Verhältnisse durch Versuche aufzuklären gestrebt, die man mit frisch
-dem Körper entnommenem Blute anstellte. Läßt man solches Blut nur
-kurze Zeit in einem Glasgefäße stehen, so gerinnt es; dabei bildet
-sich ein dunkelroter, festweicher »Blutkuchen«, der aus den zelligen
-Elementen und einem als Fibrin bezeichneten Faserstoffe besteht. Den
-Blutkuchen umgibt nach vollendeter Gerinnung eine für gewöhnlich
-klare, hellgelb gefärbte Flüssigkeit, das sogenannte _Blutserum_ (s.
-Abb. 14). Bringt man in ein Tröpfchen dieses Blutserums eine kleine
-Menge einer Reinkultur von krankheiterregenden Bakterien, so sieht
-man in geeigneten Fällen unter dem Mikroskop, daß die Spaltpilze
-bald Veränderungen ihrer Form zeigen und schließlich verschwinden,
-~aufgelöst~ werden.
-
-Man kann sich auch durch das Kulturverfahren davon überzeugen, daß
-die Keime vernichtet worden sind: sät man ein solches Tröpfchen mit
-Keimen beschickten Serums wieder auf einem geeigneten Nährboden aus,
-so entwickelt sich kein Bakterienwachstum, der Nährboden bleibt
-steril. Um das kleine Experiment noch beweiskräftiger zu gestalten,
-macht man einen sogenannten Kontrollversuch: man bringt eine möglichst
-genau gleich große Menge von Bakterien der gleichen Art unter sonst
-ganz gleichen Bedingungen in ein Tröpfchen des zum Versuch verwandten
-Serums, das aber zuvor eine kurze Zeit auf 60° erhitzt worden war;
-darin sieht man nichts von Zerfall der Bakterienzellen, und nach
-der Aussaat _dieses_ Tröpfchens erhält man eine Reinkultur des zum
-Versuche verwendeten Bakteriums. Nur das unerhitzte Serum hat also die
-Bakterien abgetötet, das erhitzte dagegen nicht. Diese bakterientötende
-(bakterizide) Fähigkeit des frischen Serums wurde zuerst von _Buchner_
-und seinen Schülern entdeckt und näher studiert. Dabei zeigte sich, daß
-sie auch bei gewöhnlicher Temperatur dem Serum schon nach einer Anzahl
-von Stunden, bei einer Erhitzung auf 55° schon nach etwa einer halben
-Stunde, verloren geht. _Buchner_ schrieb sie Serumstoffen zu, die er
-als »Alexine« (Abwehrstoffe) bezeichnete.
-
-Es ist lange und lebhaft darüber diskutiert worden, ob der Phagocytose
-durch ausgewanderte Leukocyten, oder ob der bakterienfeindlichen
-Wirkung löslicher Serumstoffe die Hauptrolle im Kampfe gegen
-eindringende Keime zukommt. Eine befriedigende Aufklärung
-der außerordentlich mannigfaltigen Ausgänge natürlicher und
-künstlicher bakterieller Infektion vermag weder die eine noch die
-andere Auffassung zu geben. Wie die Angriffswaffen der Bakterien
-verschieden und teilweise noch ganz unentdeckt sind, so sind eben
-auch die Schutzmaßnahmen des Körpers und seine Verteidigungsmittel
-mannigfaltiger Art. Gewiß ist, daß Zellen und lösliche Bestandteile des
-_Blutes_ bei der Heilung von infektiösen Prozessen eine wichtige Rolle
-spielen; daher ist denn auch das Bestreben der Ärzte in mannigfacher
-Weise auf deren Ausnutzung, auf die möglichste Steigerung ihrer
-Wirkung gerichtet. Ein besonders wichtiges Verfahren, das dieses Ziel
-(neben anderen) anstrebt, ist die von Prof. _Bier_ empfohlene Methode
-der künstlichen »Stauung« des Blutes in infizierten und entzündeten
-Körperteilen. Sie mag an dieser Stelle wenigstens erwähnt werden. Eine
-eingehende Erörterung der sehr schwierigen Probleme, die die Behandlung
-von infizierten Wunden bietet, kann hier natürlich gar nicht versucht
-werden.
-
-Noch schwieriger zu übersehen werden die an sich schon komplizierten
-Verhältnisse dadurch, daß im Laufe des Kampfes beide Parteien
-Veränderungen durchmachen, neue Eigenschaften gewinnen: die
-Bakterienzellen zeigen vielfach einige Zeit nach ihrem Eindringen
-in die Körpergewebe eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegenüber
-den Phagocyten und den bakterienfeindlichen Säften; sie haben sich
-»angepaßt«, wie man sagt. Z. B. werden Milzbrandbazillen kurz nach der
-Injektion in den empfänglichen Tierkörper -- bei Infektionsversuchen
--- rasch von Phagocyten aufgenommen; nach einiger Zeit bilden sie
-aber eine Art Kapsel (vgl. Abb. 15) und können nun von den weißen
-Blutkörperchen nicht mehr gefressen werden.
-
-[Illustration: Abb. 15.
-
-Milzbrandbazillen im Milzsaft einer der Infektion erlegenen Maus. Die
-Bazillen haben »Kapseln«; sie liegen alle außerhalb der tierischen
-Zellen.]
-
-Andererseits nehmen die Abwehrkräfte des Organismus höherer Tiere im
-Verlaufe einer Infektion oft in ganz erstaunlicher Weise zu, z. B.
-gewinnt in manchen Fällen die Blutflüssigkeit in sehr gesteigertem
-Grade die Fähigkeit, die Keime der dem Krankheitsprozeß zugrunde
-liegenden Bakterienart -- z. B. Typhusbazillen in einem Falle von
-Abdominaltyphus -- abzutöten. Diese Änderungen stehen in engem
-Zusammenhang mit dem Zustandekommen des eigentümlichen Zustandes, den
-wir als »Immunität« bezeichnen. Von ihnen wird in einem besonderen
-Abschnitt die Rede sein.
-
-Kurz: wir sehen sehr wechselnde und äußerst verwickelte Verhältnisse
-vor uns, die aufzuklären wir noch keineswegs völlig in der Lage
-sind. Wir müssen uns mit der Vorstellung begnügen, daß sich an der
-Invasionsstelle pathogener Keime ein Kampf entspinnt, dessen Ausgang
-von Faktoren abhängt, die wir heute erst teilweise kennen. Je nach
-den Verteidigungsmaßnahmen oder Heilungsbestrebungen des Körpers, je
-nach der Widerstandsfähigkeit, der Wachstumsenergie, der Giftigkeit der
-Krankheitserreger, wird der Angreifer oder der Angegriffene den Sieg
-davontragen.
-
-Wird der Körper mit Hilfe seiner Verteidigungswaffen der Eindringlinge
-Herr, so gehen die Entzündungserscheinungen zurück, und nach der
-Vernichtung aller Keime tritt Heilung ein. Bleiben die Keime Sieger, so
-können sie, je nach ihrer Art, in verschiedener Weise im Körper weiter
-vordringen, zunächst gewöhnlich auf dem Wege der Lymphbahnen, doch
-gelangen sie dann häufig auch in das Blut und damit in alle Teile des
-Körpers. Man spricht dann von einer _Allgemein_infektion im Gegensatz
-zu einem lokalen Krankheitsprozeß, der sich auf die Invasionsstelle und
-die nächste Nachbarschaft beschränkt.
-
-Während lokale Infektionsprozesse sich zuweilen ohne erhebliche
-subjektive Beschwerden und ohne größere Störungen des gesamten
-Gesundheitszustandes überhaupt abspielen können, sind
-_Allgemeininfektionen_ stets mit schweren objektiven und subjektiven
-Krankheitserscheinungen verbunden.
-
-Häufig wird der Eintritt von Krankheitserregern in die Blutbahn durch
-ein sehr alarmierendes Symptom angezeigt, den Schüttelfrost. Im
-Verlaufe von Allgemeininfektionen pflegt regelmäßig die Temperatur
-fieberhaft erhöht zu sein, im einzelnen ist der Fieberverlauf je nach
-der Art der Infektion mehr oder weniger typisch, je nach dem Einzelfall
-verschieden. Es ist unmöglich, hierüber Allgemeingültiges auszusagen.
-
-Es mag genügen, daß aus dem Fieberverlauf, den übrigen Symptomen, oft
-auch durch unmittelbaren Nachweis des Krankheitserregers, der erfahrene
-Arzt die Krankheitsfälle aufklärt und nach dem Stande unseres Wissens
-und Könnens beeinflußt.
-
-Gemeinsam ist _allen_ Infektionskrankheiten, daß vom Augenblick des
-Eindringens des pathogenen Keimes bis zum Auftreten der ersten Symptome
-der Infektion ein je nach der Art der Erkrankung verschieden langer
-Zeitraum verstreicht, den man als »Inkubationszeit« bezeichnet. So
-zeigen sich z. B. die ersten meist geringfügigen lokalen Erscheinungen
-an der Stelle des Eindringens der Syphiliserreger erst nach einigen
-Wochen. Die Tollwut hat sogar eine monatelange Inkubationszeit. Bei
-anderen Infektionskrankheiten ist dieser Zeitraum kürzer, bei Scharlach
-z. B. in der Regel 9 Tage.
-
-Wie unendlich verschieden der Verlauf bakterieller Infektionen ist,
-das bedarf des weiteren kaum der Darlegung. Wir können danach
-zunächst zwei große Gruppen unterscheiden: Krankheiten mit stürmischem
-Verlauf, sog. »akute Infektionskrankheiten« -- wie z. B. Scharlach,
-Masern, Lungenentzündung, Typhus -- und chronische, wie Tuberkulose
-oder Syphilis. Auch die akuten Infektionskrankheiten können übrigens
-nach ihrer Ausheilung noch zu sog. Nachkrankheiten führen, die unter
-Umständen von sehr trauriger Bedeutung werden können. Ein Beispiel
-dieser Art sind die Nierenentzündungen, die nach Überstehen des
-Scharlach zuweilen auftreten und in unglücklichen Fällen zu schweren
-chronischen Leiden, ja zum Tode führen können.
-
-So einfach die Erkennung von manchen, durch besondere charakteristische
-Erscheinungen ausgezeichneten Krankheiten ist, so schwierig ist die
-»Diagnostik« anderer.
-
-Und jeder verständige Mensch sollte sich bewußt sein, daß
-ausschließlich der wissenschaftlich gebildete Arzt an diese Aufgaben
-mit dem ganzen Rüstzeug unseres heutigen Wissens und darum auch mit
-gutem Gewissen herantreten kann, um zu helfen, zu lindern, wo möglich
-zu heilen. Der Unberufene, der »Kurpfuscher«, der ohne Sachkenntnis
-die schwierige und verantwortliche ärztliche Tätigkeit zu übernehmen
-sich erdreistet, gehört zu den schlimmsten Feinden der Menschheit, denn
-er schädigt seine Mitmenschen an ihrem höchsten irdischen Gut, der
-Gesundheit.
-
-
-
-
-Kapitel III.
-
- Immunität. -- Natürliche Immunität durch Überstehen einer
- Infektionskrankheit. -- »Spezifität« des Zustandes. --
- Künstliche Immunisierung gegen Pocken. -- Immunisierung
- mit Hilfe abgeschwächter lebender Krankheitserreger.
- -- Immunisierung mittels abgetöteter Reinkulturen von
- Krankheitserregern. -- Behrings Entdeckung der Antitoxine im
- Serum immunisierter Tiere. -- Antibakterielle Immunsubstanzen.
- -- Serodiagnostik. -- Immunreaktionen nach parenteraler
- Einverleibung von Fremdeiweiß.
-
-
-Es ist eine allgemein bekannte Erfahrungstatsache, daß das einmalige
-Überstehen _mancher_ ansteckenden Krankheiten gegen eine zweite
-gleichartige Infektion dauernd oder vorübergehend Schutz verleiht.
-Dieser Schutz, den man mit dem wissenschaftlichen Ausdruck als
-_Immunität_ bezeichnet, erstreckt sich _nur_ auf diese einzige
-Infektionskrankheit, durchaus nicht auf mehrere oder gar auf alle: die
-Immunität ist eine »spezifische«, nur gegen die überstandene Krankheit
-gerichtete. Auch ist es geboten, gleich an dieser Stelle zu betonen,
-daß durchaus nicht alle Infektionskrankheiten nach ihrer einmaligen
-Überwindung dauernd Immunität hinterlassen, und ferner, daß wir bei den
-chronischen Infektionsleiden (Tuberkulose, Syphilis) von vornherein auf
-ganz andere Verhältnisse rechnen müssen, als bei den akuten.
-
-Die rein empirische Kenntnis vom Zustandekommen von Immunität nach
-einzelnen, bestimmten Infektionen ist sehr alt, und wohl fast ebenso
-alt ist das Bestreben, die Vorteile dieses eigentümlichen Zustandes der
-Menschheit nutzbar zu machen, mit anderen Worten: auf allerlei Weise
-absichtlich, _künstlich_ zu »immunisieren«.
-
-Den Chinesen soll es schon im 11. und 12. Jahrhundert n. Chr. bekannt
-gewesen sein, daß das einmalige Überstehen der echten oder schwarzen
-Pocken sicheren Schutz gegen eine nochmalige Erkrankung an dieser so
-außerordentlich gefährlichen Krankheit verleiht. Im Anfange des 18.
-Jahrhunderts machten sich diese Erfahrungen westasiatische Völker
-zunutze, um ein allerdings höchst primitives Schutzimpfungsverfahren
-darauf zu gründen: sie übertrugen absichtlich etwas von dem
-Pustelinhalt Pockenkranker und damit die Krankheit selbst auf Gesunde,
-um ihnen so durch das Überstehen der Krankheit für ihr weiteres
-Leben Immunität dagegen zu verschaffen. Die Gefährlichkeit des
-Verfahrens stand nun freilich in einem peinlichen Mißverhältnis zu
-dem beabsichtigten Erfolge, denn die Gewißheit, bei einer späteren
-Epidemie verschont zu bleiben, war mit einer unter Umständen schweren
-Erkrankung, die selbst mit dem Tode endigen konnte, zu teuer bezahlt.
-
-Wenn man auch heute noch gelegentlich den Rat erteilen hört, Kinder
-beispielsweise während einer leichten Scharlachepidemie absichtlich
-der Ansteckungsgefahr auszusetzen, damit sie durch Überstehen des
-leichten Scharlachs vor einer Erkrankung gelegentlich einer etwaigen
-späteren schweren Epidemie gesichert werden, so ist dies ebenfalls
-nicht zu billigen. Denn auch für den Scharlach gilt, was für die Pocken
-gesagt wurde; man kann den Verlauf eines einzelnen Krankheitsfalles
-nicht sicher genug vorhersagen und soll deshalb solche gefährlichen
-Experimente vermeiden.
-
-Die erste selbstverständliche Anforderung, die an ein künstliches
-Immunisierungsverfahren eben gestellt werden muß, ist die, daß es
-möglichst ungefährlich für den Behandelten ist; das klassische Beispiel
-für ein solches Verfahren stellt die durch den englischen Arzt _Jenner_
-eingeführte Schutzpockenimpfung dar, die in den 100 Jahren seit
-ihrer Begründung die Kulturmenschheit vor unabsehbaren Verlusten an
-Menschenleben bewahrt hat.
-
-Schon vor _Jenner_ hatte man in England und auch in Deutschland[7]
-beobachtet, daß Menschen, die sich durch den Umgang mit
-kuhpockenkrankem Rindvieh die stets nur leicht verlaufenden »Kuhpocken«
-zugezogen hatten, später bei Epidemien der echten Pocken ebenso
-regelmäßig von der Krankheit verschont wurden wie diejenigen, die die
-echten Pocken schon einmal überstanden hatten. Auf diese Beobachtung
-gründete _Jenner_ sein Verfahren, das der heutigen Schutzimpfung im
-wesentlichen noch zugrunde liegt: er impfte absichtlich Gesunde mit
-dem Inhalt von Kuhpockenpusteln; an der Stelle der Impfung entstanden
-ähnliche Pusteln, die, ohne schwere Krankheitserscheinungen zu
-verursachen, wieder abheilten. Das Überstehen dieser harmlosen lokalen
-Erkrankung machte den Geimpften _immun_ gegen die Infektion mit echten
-Pocken. Man stellte später fest, daß nach Übertragung von Pustelinhalt
-eines echten Blatternfalles von Menschen auf Kälber bei den Tieren
-Pusteln entstanden, deren Inhalt, auf den Menschen übertragen, wiederum
-nur die harmlose Form der Erkrankung hervorrief. Die Erklärung, die
-wir nach unseren heutigen Kenntnissen über die Eigentümlichkeit der
-pathogenen Mikroorganismen für diese merkwürdige Tatsache geben können,
-ist folgende: Der Erreger der Pockenkrankheit besitzt für den Menschen
-eine sehr hochgradige Virulenz, büßt diese aber im Körper des Rindes
-größtenteils ein, so daß er, nach der »Passage« durch das Rind wieder
-auf den Menschen übertragen, nur noch eine harmlose lokale Erkrankung
-auszulösen vermag. _Das Überstehen dieser geringfügigen Krankheit
-hinterläßt Immunität gegen den Pockenerreger auch in seiner virulenten
-Form._
-
-Man kann einen eigentümlichen Zufall darin sehen, daß gerade der
-Erreger der Pockenkrankheit, den man seit 100 Jahren zu zähmen
-gelernt hat, noch heute nicht entdeckt ist, während gleich wirksame
-Schutzimpfungsverfahren wie das Jennersche gegen die Mehrzahl
-derjenigen bakteriellen Krankheitserreger, die wir schon seit
-Jahrzehnten in Reinkulturen besitzen, noch nicht gefunden worden sind.
-
-Alsbald nach den grundlegenden Entdeckungen der modernen Bakteriologie,
-insbesondere nach der Reinzüchtung der pathogenen Bakterienarten,
-bemühte sich die Forschung, Immunisierungsmethoden auszuarbeiten, die
-zunächst im wesentlichen darauf ausgingen, _Reinkulturen_, die man auf
-sehr verschiedene Weise in ihrer Virulenz _abgeschwächt_ hatte, als
-_Impfstoffe_ zu verwenden. Die ersten wichtigen Versuche in dieser
-Richtung stammen von dem berühmten Franzosen _Louis Pasteur_, der eine
-ganze Reihe von Methoden ersann, um Reinkulturen in ihrer Virulenz
-abzuschwächen. Das größte Aufsehen erregten seine gelungenen Versuche,
-Rinder und Schafe gegen die für sie so außerordentlich gefährliche
-Milzbrandseuche zu impfen. Als Impfstoff verwandte _Pasteur_ lebende
-Milzbrandkulturen, die ihrer Virulenz dadurch teilweise beraubt waren,
-daß sie unter bestimmten Bedingungen bei Temperaturen gezüchtet
-worden waren, die um einige Grade über der Körpertemperatur lagen. Es
-war _Pasteur_ gelungen, nachzuweisen, daß man durch dieses einfache
-Mittel Reinkulturen ihrer Virulenz nach und nach immer mehr berauben
-kann. Das wichtigste war aber, daß bei geeigneter Anwendung diese
-»avirulenten« Kulturen zur Schutzimpfung verwendbar waren. Der Erfolg
-derartiger Milzbrand-Schutzimpfungen nach _Pasteur_ ist zwar nicht ganz
-von der gleichen verblüffenden Sicherheit wie der der Pockenimpfung
-beim Menschen, aber das Verfahren hat ganz außerordentlich viel zur
-Eindämmung der Milzbrandseuche beigetragen und damit einerseits
-unmittelbar großen wirtschaftlichen Schaden verhütet, andererseits
-mittelbar segensreich gewirkt. Zunächst verringerte es in hohem Maße
-die Gefahr des _Menschen_, an Milzbrand zu erkranken. Des weiteren
-hatte aber der offenbare, großartige Erfolg _Pasteurs_ die wichtige
-Folge, daß das Interesse weiter Kreise auf die Immunitätsforschung
-gelenkt wurde.
-
-Noch ein anderes Beispiel eines Schutzverfahrens, das auf der
-Einbringung abgeschwächter Krankheitserreger beruht, mag erwähnt
-werden. Auch seine Erfindung verdankt die Menschheit _Pasteur_; es ist
-die _Wutschutzimpfung_, wohl die populärste unter den Entdeckungen des
-großen französischen Forschers. Wir besitzen heute ebensowenig wie
-zu _Pasteurs_ Zeiten Reinkulturen von dem Erreger der Lyssa, jener
-heute recht seltenen, durch den Biß von tollen Hunden oder anderen
-Tieren übertragbaren, fürchterlichen Krankheit. Man weiß aber, daß der
-Krankheitserreger in großen Mengen im Rückenmark der an Wut gestorbenen
-Tiere vorhanden ist, und so stellt denn ein solches, sogleich nach
-dem Tode unter Vermeidung jeder Verunreinigung entnommene Rückenmark
-eine Art von Reinkultur des Erregers dar. Die Abschwächung dieser
-»Reinkultur« der Keime erreichte _Pasteur_ in diesem Falle durch
-Eintrocknen -- nachdem er festgestellt hatte, daß die Abnahme der
-Virulenz mit dem Grade der Eintrocknung eine gewisse Übereinstimmung
-zeigt. Das noch heute gebräuchliche Schutzverfahren besteht darin, daß
-man Aufschwemmungen des Rückenmarks wutkranker Tiere den zu Schützenden
-unter die Haut spritzt und zwar beginnt man mit Injektionen sehr stark
-durch Eintrocknung abgeschwächten Materials und geht dann bei den
-weiteren, in bestimmten Abständen aufeinander folgenden Injektionen
-allmählich zu immer frischerem, d. h. also auch immer weniger
-abgeschwächtem Material über, bis schließlich Emulsionen vom Rückenmark
-eines vor ganz kurzem an Wut verstorbenen Tieres eingespritzt werden.
-Das ganze Verfahren nimmt Wochen in Anspruch und ist unter Umständen
-auch nicht unbeschwerlich, doch kommt das im Vergleich mit der
-drohenden Gefahr und den großen Erfolgen der Behandlung gar nicht in
-Betracht.
-
-Noch ein letztes Beispiel für die Verwendung lebender, aber
-»avirulenter« Krankheitskeime zur Immunisierung mag erwähnt werden.
-_Kolle_ und _Strong_ haben vor wenigen Jahren angegeben, daß man
-dem Menschen Immunität gegen die _Pest_ verleihen kann, indem man
-ihm kleine Mengen lebender Reinkulturen von Pestbakterien, die ihre
-Virulenz durch jahrelanges Fortzüchten im Laboratorium verloren haben,
-unter die Haut spritzt.
-
-Während allen bisher besprochenen Methoden die Einimpfung _lebender_,
-aber _abgeschwächter_ Krankheitserreger gemeinsam war, geht man bei
-anderen Verfahren von _abgetöteten_ Reinkulturen aus. Meistens erfolgt
-diese Abtötung durch Erhitzung auf etwa 60–70°; im einzelnen richtet
-sich das Verfahren nach den Eigenschaften des jeweils in Betracht
-kommenden Keimes. In großem Umfange sind Versuche mit derartigen
-Impfverfahren besonders von dem russischen Arzt _Haffkine_ in
-Vorderindien angestellt worden, und zwar handelt es sich hauptsächlich
-um Versuche, der Pest und der Cholera durch Schutzimpfungen
-entgegenzutreten.
-
-Daß das Haffkinesche und ähnliche andere Verfahren von recht
-beträchtlichem Erfolg begleitet sind, wenn sie auch keinen absoluten
-Schutz verleihen, geht aus einem großen Beobachtungsmaterial hervor. Ob
-sie zur Eindämmung der Pest als Seuche wesentlich beizutragen vermögen,
-das erscheint recht fraglich, daran sind aber nicht die Verfahren als
-solche, daran ist in erster Linie der niedrige Kulturzustand und die
-Indolenz und Unsauberkeit der eingeborenen indischen Bevölkerung schuld.
-
- * * * * *
-
-Bei allen den besprochenen Immunisierungs-Methoden geht man von der
-Absicht aus, eine _Reaktion_ seitens des Organismus auszulösen, deren
-Endziel seine Festigung gegen den betreffenden Krankheitserreger
-ist. Welcher Art aber diese Reaktion sei, davon hatte man keinerlei
-genaue Vorstellung vor den außerordentlich wichtigen Entdeckungen _von
-Behrings_ zu Beginn der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
-Mit diesen Entdeckungen beginnt die moderne wissenschaftliche
-Immunitätsforschung recht eigentlich erst, ein Sondergebiet der
-Forschung, das im Laufe von nur 20 Jahren eminent wertvolle Ergebnisse
-in theoretischer wie praktischer Beziehung gezeitigt hat. Um wenigstens
-die Grundbegriffe der Immunitätslehre zu verstehen, müssen wir auf die
-ersten Beobachtungen _von Behrings_ genauer eingehen.
-
-Vor allem müssen wir nachtragen, daß vollkommen analoge Zustände
-von Immunität, wie man sie nach dem Überstehen einer bestimmten
-Infektionskrankheit seit langem kennt, auch beobachtet werden nach
-Überstehen von _Vergiftungen_ bestimmter Art. Auch dies ist längst
-bekannt gewesen, ehe von einer wissenschaftlichen Immunitätsforschung
-die Rede war, und künstliche Immunisierungsmethoden sind beispielsweise
-von Schlangenbändigern auf Grund richtiger Beobachtungen und
-Erfahrungen schon lange geübt worden. Die ersten Grundlagen der
-Festigungsmethoden bestanden auch hier wohl in der Feststellung,
-daß das Überstehen eines Schlangenbisses gegen die Folgen späterer
-Bisse festige. Jedenfalls wird berichtet, daß sich Schlangenbändiger
-wiederholt absichtlich von Giftschlangen beißen lassen, um ihre
-Immunität gegen deren Gifte zu steigern resp. zu erhalten. Der Körper
-besitzt nun diese Fähigkeit, durch Überstehen einer Vergiftung gegen
-das betreffende Gift immun zu werden, keineswegs gegenüber allen
-Giften, sondern _nur gegenüber einer ganz bestimmten Gruppe von
-Giften_, zu denen außer den Schlangengiften noch einige tierische
-und pflanzliche Gifte und darunter, was in diesem Zusammenhange am
-wichtigsten ist, _auch die Bakterientoxine_ gehören. Allen diesen
-Substanzen gemeinsam ist eine sehr verwickelte, bisher noch nicht
-aufgeklärte chemische Konstitution.
-
-_Von Behring_ und _Wernicke_ gelang es nun zunächst, bei Versuchstieren
-durch subkutane Injektion von Diphtherietoxinen eine Immunität
-gegen deren giftige Wirkung zu erzielen, die sich bei geeignetem
-Vorgehen so sehr steigern ließ, daß die vorbehandelten Tiere die
-vielfachen Mengen der für unvorbehandelte (Kontrolltiere) sicher
-tödlich wirkenden Toxindosis ohne Nachteil ertragen konnten. _Von
-Behring_ und _Wernicke_ gelang es weiter, die grundlegende Tatsache
-festzustellen, daß das Blut, insbesondere das Blut_serum_ solcher
-giftfest gemachter (toxinimmuner) Tiere die merkwürdige Eigenschaft
-gewonnen hatte, die giftige Wirkung einer Toxinlösung, mit der es
-gemischt wird, aufzuheben, zu »neutralisieren«, eine Fähigkeit, die
-dem Serum normaler (unvorbehandelter) Tiere fehlt: Injiziert man
-einem empfänglichen Versuchstiere eine Toxindosis von bekannter
-hoher Wirksamkeit, einem anderen Tiere unter sonst ganz gleichen
-Bedingungen die gleiche Dosis, aber vermischt mit einer kleinen Menge
-des Blutserums _eines immunisierten Tieres_, so wird das erste Tier
-schwer erkranken oder gar sterben, das zweite dagegen den Eingriff ohne
-Schaden ertragen. Es zeigte sich bei der weiteren Verfolgung dieser
-außerordentlich bedeutsamen Tatsache, daß man unter Umständen ein
-unvorbehandeltes Tier durch Einspritzung von Serum eines Immuntieres
-auch gegen eine _nachfolgende_ Injektion von Toxinen schützen kann, und
-daß man umgekehrt auch ein unvorbehandeltes Tier, dem man eine tödliche
-Toxindosis allein injiziert hat, durch eine nachträgliche Einspritzung
-von Immunserum noch zu retten vermag. _Von Behring_ erklärte sich diese
-merkwürdigen Tatsachen durch die anfänglich viel umstrittene, bald
-aber in ihren wesentlichen Teilen allgemein anerkannte Annahme, daß
-in dem Blutserum der mit Toxinen in geeigneter Weise vorbehandelten
-Tiere besondere Substanzen auftreten, die die Toxine zu neutralisieren
-vermögen, Substanzen, die er als »_Antitoxine_« bezeichnete.
-
-In welcher Weise die Neutralisation der Toxine durch die Antitoxine
-vor sich geht, diese schwierige Frage ist Gegenstand scharfsinnigster
-Untersuchungen gewesen, und völlige Einigkeit darüber besteht auch
-heute noch nicht. Als durchaus gesichert kann nur die Anschauung
-gelten, daß die Neutralisation der Toxine durch die Antitoxine auf
-einer unmittelbaren Einwirkung beider Substanzen aufeinander, u. z. auf
-einer Bindung, beruht; welcher Art diese Bindung ist, darüber gehen
-die Meinungen auch heute noch auseinander. Es ist anzunehmen, daß in
-verschiedenen Fällen etwas verschiedene Vorgänge sich abspielen. In
-diese höchst verwickelten Verhältnisse einzudringen, können wir hier
-gar nicht versuchen; die große Schwierigkeit, die sich der Forschung
-vorläufig noch unüberwindlich in den Weg stellt, ist der Mangel exakter
-Kenntnisse über die chemische Konstitution der Toxine sowohl wie
-auch der Antitoxine. Daß es trotzdem gelungen ist, ziemlich genaue
-Vorstellungen über Bau, Wesen und Wirkungsweise dieser Substanzen zu
-gewinnen, ist in erster Linie biologischen Forschungsmethoden, d. h.
-vorwiegend Tierexperimenten, zu verdanken, um deren Ausgestaltung
-und Ausnutzung sich vor allen der deutsche Gelehrte _Paul Ehrlich_
-unvergängliche Verdienste erworben hat.
-
-Die genauere Erforschung der Antitoxine zeigte zunächst, daß diese
-Substanzen die Eigenschaft der _Spezifität_ in ausgesprochenem Maße
-besitzen: Diphtherie-Antitoxine vermögen ausschließlich nur die Toxine
-der Diphtheriebazillen, nicht aber diejenigen anderer Bakterien zu
-neutralisieren. Diese Tatsache kann uns nicht überraschen, steht sie
-doch im besten Einklang mit unserer Erfahrung von der Spezifität der
-Immunitätszustände überhaupt. Ja, wir werden umgekehrt uns darüber
-Rechenschaft ablegen müssen, daß die Anerkennung der Bedeutung der neu
-entdeckten Substanzen für die Immunität den Nachweis ihrer spezifischen
-Natur geradezu zur Voraussetzung hatte.
-
-Der Entdeckung der Antitoxine folgte bald Schlag auf Schlag diejenige
-anderer spezifischer »_Antikörper_« oder »Immunsubstanzen« im Serum von
-Tieren, die nicht gegen Toxine, sondern gegen pathogene Bakterien --
-durch Injektion abgeschwächter lebender Keime oder durch Einverleibung
-abgetöteter Reinkulturen -- immunisiert waren. Bei derartigen
-Immunisierungsprozessen gewinnt -- mit anderen Worten -- das Serum
-mannigfaltige, streng spezifisch nur gegen die zur Vorbehandlung
-verwandte Bakterienart gerichtete Eigenschaften bzw. Fähigkeiten, die
-man auf verschiedene Arten von »Antikörpern« oder »Immunsubstanzen«
-zurückführt. Voraussetzung für den Eintritt aller dieser spezifischen
-Reaktionen ist -- im allgemeinen --, daß das zum Zwecke der
-Immunisierung einverleibte Material durch Injektion direkt in die
-Gewebe des Körpers oder in die Blutbahn gelangt, nicht aber auf dem
-nächstliegenden Wege: durch Fütterung.[8] Durch den Verdauungsvorgang
-werden nämlich die einverleibten Toxine oder bakteriellen Substanzen
-anderer Art in einfachere Verbindungen zerlegt (abgebaut), und diesen
-einfacheren Körpern geht die Eigenschaft ab, die Antikörperproduktion
-zu verursachen.
-
-Die antibakteriellen Immunsubstanzen sind mannigfaltiger Art, und es
-ist heute noch keineswegs Einigkeit über ihre Bedeutung für die Heilung
-der Infektionskrankheiten erzielt.
-
-Der bekannte Münchener Hygieniker _Gruber_ entdeckte anfangs der
-90er Jahre die sogenannten »Agglutinine«, Serumsubstanzen, die die
-Eigentümlichkeit haben, auf Bakterien der zur Vorbehandlung verwandten
-Art zusammenballend zu wirken. Der Vorgang der Agglutination läßt sich
-sehr leicht unmittelbar beobachten, wenn man z. B. zu einer Reinkultur
-von Typhusbazillen in Nährbouillon eine Spur eines »Typhusimmunserum«,
-d. h. Serum eines gegen Typhusbazillen immunisierten Tieres, zusetzt:
-die Typhusbazillen, die vorher dank ihrer sehr lebhaften Beweglichkeit
-nach allen Richtungen hin durch die Flüssigkeit hin und her schossen
-und sich in ganz gleichmäßiger Weise darin verteilten, verlieren kurze
-Zeit nach dem Serumzusatz ihre Beweglichkeit und werden allmählich zu
-kleinen, dann zu immer größeren Häufchen miteinander verklebt. Man kann
-diesen Vorgang sehr gut unter dem Mikroskop beobachten, die Häufchen
-werden aber schließlich in manchen Fällen, so z. B. gerade in dem hier
-gewählten der Agglutination von Typhusbazillen, so groß, daß man sie
-ganz gut mit bloßem Auge wahrnehmen kann. Die Erscheinung ist, wie
-schon betont wurde, streng spezifischer Natur: setzen wir die gleiche
-kleine Menge Typhusimmunserum unter sonst ganz gleichen Bedingungen z.
-B. zu einer Cholerabazillenkultur, so bleibt das Agglutinationsphänomen
-aus.
-
-Typhusagglutinine finden sich nun nicht nur im Serum künstlich gegen
-Typhusbazillen immunisierter Versuchstiere, sondern auch im Blute
-von Menschen, die eine Typhuserkrankung durchgemacht haben oder
-noch durchmachen. Mit anderen Worten: wir beobachten das Auftreten
-von Antikörpern auch bei dem natürlichen Ablauf von bakteriellen
-Infektionskrankheiten, nach deren Überstehen Immunität zurückbleibt,
-und wir sehen hierin eine Stütze der Anschauung, daß das Auftreten
-dieser Substanzen im Serum in einem sehr nahen Zusammenhang mit der
-Entstehung der Immunität steht. Andererseits dürfen wir uns diesen
-Zusammenhang nun nicht gar zu eng und einfach vorstellen; vor allem
-müssen wir sogleich dem naheliegenden Irrtum entgegentreten, daß das
-Auftreten von Antikörpern im Blute nun in jedem Falle die _Heilung_ der
-Krankheit bedeute. Dies ist keineswegs der Fall. Ob die »Agglutinine«
-überhaupt irgendeine unmittelbare Bedeutung für die Heilung des Typhus
-oder einer anderen bakteriellen Infektion haben, das wissen wir nicht;
-es ist aber sehr unwahrscheinlich. Mittelbar sind sie von großer
-praktischer Bedeutung geworden, wie wir später noch genauer zu erörtern
-haben werden.
-
-Mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit kommt eine unmittelbare
-Bedeutung für Heilung und Immunität gewissen anderen antibakteriellen
-Immunsubstanzen zu, den sogenannten bakteriolytischen (d. h. Bakterien
-auflösenden) oder bakteriziden (d. h. Bakterien tötenden) Serumstoffen.
-
-Der deutsche Bakteriologe und Hygieniker _R. Pfeiffer_ entdeckte,
-daß das Blutserum von Tieren, die gegen gewisse pathogene Bakterien
--- vor allem z. B. gegen Choleravibrionen, oder gegen Typhusbazillen
--- immunisiert worden waren, in außerordentlich hohem Grade
-bakterienfeindliche Eigenschaften von strengster Spezifität gewonnen
-hatte. Eine gewisse bakterienfeindliche Wirksamkeit kommt, wie wir
-oben sahen, unter Umständen schon dem Serum normaler Tiere zu; aber
-die von _Pfeiffer_ entdeckten Immunsubstanzen sind so außerordentlich
-viel stärker wirksam als dieses, daß man selbst mit mehrhundertfach, ja
-gelegentlich mit mehrtausendfach verdünnten »Immunseris« noch Abtötung
-der zur Vorbehandlung der serumliefernden Tiere benutzten Bakterienart
-erzielen kann.
-
-Auf den komplizierten Mechanismus der Wirkung derartiger Antikörper,
-der durch die Forschungen _Pfeiffers_, _Ehrlichs_, _Bordets_ und
-anderer Gelehrter aufgeklärt wurde, kann hier nicht näher eingegangen
-werden.
-
-Mit wenigen Worten soll aber auf die Wirkungsweise und Bedeutung
-anderer Serumsubstanzen eingegangen werden, die in letzter Zeit nicht
-nur in Tagesblättern viel besprochen worden sind, sondern sogar den Weg
-auf die Bühne gefunden haben, die sog. »Opsonine« des englischen Arztes
-_A. E. Wright_:
-
-Wenn man im Reagenzglase eine Aufschwemmung pathogener Bakterien und
-eine solche von lebenden weißen Blutkörperchen -- diese letzteren kann
-man aus dem frisch entnommenen Blute gewinnen -- mischt, so beobachtet
-man entweder gar keine oder eine geringe, nur selten eine lebhafte
-Phagocytose (s. Kap. II) der Keime durch die tierischen Zellen. Setzt
-man aber dem Gemisch eine kleine Menge frischen Blutserums zu, so
-wird die Phagocytose lebhafter. Man hat nachweisen können, daß diese
-Steigerung der Phagocytose auf einer Veränderung der Bakterien durch
-gewisse Serumsubstanzen beruht, die _Wright_ als Opsonine bezeichnet
-hat. Der Gehalt verschiedener Sera an solchen Opsoninen ist nun
-verschieden; er läßt sich mit Hilfe komplizierter Methoden einigermaßen
-sicher bestimmen, und nach _Wright_ soll dieser Opsoningehalt des
-Serums eines Kranken von großer Wichtigkeit für den Krankheitsverlauf
-sein. Das Bestreben des Arztes muß deshalb nach seiner Ansicht dahin
-gehen, bei Infektion durch ein bestimmtes Bakterium den Gehalt
-des Blutserums des Patienten an Opsoninen für diese Bakterienart
-zu steigern. _Wright_ strebt dies Ziel durch Injektion kleinster
-Mengen abgetöteter Reinkulturen des Krankheitserregers an, also auf
-dem Wege der _aktiven_ Immunisierung oder, wie er sich ausdrückt,
-durch »Vakzination«. Er hat mit seinem Behandlungsverfahren auch bei
-einzelnen bakteriellen Infektionskrankheiten zweifellose Erfolge
-erzielt, doch steht man in Deutschland einer ausgedehnten Anwendung
-seiner Methode heute noch skeptischer gegenüber als in seiner Heimat.
-
-Die analoge, die Phagocytose fördernde Wirkung wie die Opsonine
-besitzen in besonders hohem Maße auch Immunsubstanzen, die im Serum
-vorbehandelter Tiere auftreten, sogenannte bakteriotrope Substanzen,
-die zuerst von _Denys_, später besonders von _Neufeld_ studiert worden
-sind. Ihre Bedeutung für die Wirkung spezifisch antibakterieller Sera
-ist noch etwas umstritten.
-
-Von praktischer Bedeutung ist es, daß auch »antibakterielle« Sera
--- ebenso wie antitoxische -- als Heilsera zu wirken vermögen. Wenn
-man z. B. gleichzeitig mit (oder vor) oder kurz nach der Injektion
-von Typhusbazillen in tödlicher Dosis einem Versuchstier eine
-geeignete, sehr kleine Menge spezifischen Antityphusserums (von
-einem immunisierten Tiere) einspritzt, so wird es durch die Wirkung
-der übertragenen Antikörper gerettet. Von größter Bedeutung für die
-Verwertbarkeit der Heilsera ist die Tatsache, daß diese sich unter
-geeigneten Bedingungen relativ lange Zeit aufheben (konservieren)
-lassen, ohne ihre Wirksamkeit einzubüßen. Die Aufbewahrung erfolgt
-entweder im ursprünglichen flüssigen Zustand -- meist nach Zusatz
-kleiner Mengen einer antiseptischen Substanz (z. B. Karbolsäure),
-der die Entwickelung von Keimen aller Art verhindert, oder auch in
-getrocknetem Zustand.
-
-Man könnte meinen, durch die Entdeckung der Serum-Antikörper sei
-den bakteriellen Infektionen der Stachel genommen: man brauche nur
-durch Injektion von abgetöteten oder abgeschwächten Reinkulturen
-eines Krankheitserregers eine spezifische Immunität bei Tieren zu
-erzeugen; dann habe man in deren Blutserum die »Antikörper«, deren
-Übertragung auf den Menschen Schutz oder Heilung bringen müsse. Diese
-Hoffnung konnte man in der Tat angesichts der vielversprechenden
-Ergebnisse der ganzen Immunitätswissenschaft wohl hegen; aber sie
-hat sich vorläufig nur zum kleinsten Teil erfüllt. Ein Heilserum von
-_unbedingt zuverlässiger hoher_ Wirksamkeit bei einer bakteriellen
-Infektionskrankheit des Menschen besitzen wir außer dem Diphtherieserum
-noch nicht, wohl aber eine ganze Reihe von antibakteriellen Heilseris,
-denen eine _gewisse_ spezifische Wirksamkeit bei verschiedenen
-Infektionen zukommt. Erfolgreicher ist man ferner bei der Gewinnung von
-Heilseris dieser Art gegen mehrere Tierseuchen gewesen.
-
-Wo liegen die Gründe dieser gewiß enttäuschenden -- wenn auch
-keineswegs entmutigenden -- geringen praktischen Erfolge? Sie sind
-mannigfacher Art. Einmal liegen insofern die Verhältnisse viel
-verwickelter, als es nach dem bisher Gesagten scheinen könnte, als
-bei verschiedenen Infektionskrankheiten der Organismus in sehr
-verschiedener Weise durch Antikörperbildung und anderweit reagiert.
-Daher gelingt die Immunisierung von Tieren gegen einen gegebenen
-bakteriellen Krankheitserreger auch durchaus nicht in allen Fällen
-leicht und vollkommen, im Gegenteil, sie versagt in einer großen
-Zahl von Fällen völlig. Gegen manche Infektionserreger hat man
-daher überhaupt vergebens versucht, wirksame Sera zu gewinnen.
-Außerordentlich verwickelte Verhältnisse liegen bei den angesprochen
-chronischen Infektionen, z. B. der Tuberkulose, vor. -- Eine große
-Schwierigkeit, die sich der passiven Immunisierungsmethode häufig in
-den Weg stellt, liegt ferner darin, daß in manchen Fällen die von
-einem immunisierten _Tiere_ -- meist vom Pferde -- stammenden, mit
-dessen Serum dem Menschen übertragenen Antikörper von dem menschlichen
-Organismus nicht oder nicht vollständig ausgenützt werden können.
-
-Diese Tatsache steht in einem gewissen Zusammenhang mit der allgemein
-gültigen Regel, daß auch die Körperflüssigkeiten der höheren Tiere
-»artspezifisch« unterschieden sind. Serum eines artfremden Tieres --
-und mit ihm u. U. die Antikörper, die es enthält -- wird vom Organismus
-des Menschen nach verhältnismäßig kurzer Zeit und unter eigentümlichen
-Vorgängen wieder ausgeschieden, eliminiert. In größeren Mengen
-eingeführt aber kann es, besonders bei wiederholten Injektionen, giftig
-wirken. Die günstigsten Chancen der Wirksamkeit wird deshalb immer ein
-antibakterielles Serum haben, das von _artgleichen_ Individuen gewonnen
-wird. Diese Forderung ist aber -- für den Menschen besonders -- meist
-unerfüllbar.
-
-Wir sehen nach alledem, daß die unmittelbaren Erfolge der
-Immunitätsforschung, soweit sie die Gewinnung wertvoller »Heilsera«
-für die den Menschen bedrohenden Infektionskrankheiten anlangen, noch
-verhältnismäßig bescheiden sind.
-
-Trotzdem hat die junge Wissenschaft mittelbar auch _praktisch_
-sehr bemerkenswerte Resultate ergeben, die auf einer Ausnutzung
-der Antikörperbildung zu Zwecken der Krankheits_erkennung_
-(Diagnostik) beruhen. Man bezeichnet die einschlägigen Methoden als
-»serodiagnostische«.
-
-Sie beruhen auf der wiederholt betonten strengen Spezifität der
-Antikörperreaktionen, die es einerseits ermöglicht, aus dem Nachweis
-eines gegen eine bestimmte Bakterienart gerichteten wirksamen Stoffes
-_im Serum_ eines Kranken zu schließen, daß eben _diese_ Bakterienart
-dem Krankheitsprozeß zugrunde liegt, die es anderseits gestattet, mit
-Hilfe eines spezifischen Antikörperhaltigen Serums eine fragliche
-Bakterien_art_ zu erkennen.
-
-Für beide Anwendungen der Serodiagnostik wollen wir je ein einfaches
-und praktisch wichtiges Beispiel besprechen. Der erste Fall -- die
-Feststellung eines bestimmten Krankheitsprozesses durch den Nachweis
-spezifischer Antikörper im Serum des Patienten -- wird vielfach
-ausgenutzt zur Sicherung der oft sehr schwierigen Diagnose des
-Unterleibstyphus. Im Verlaufe dieser Krankheit treten im Serum des
-Erkrankten, wie schon erwähnt wurde, spezifische Agglutinine für den
-Typhusbazillus auf. Beim Verdacht auf ~Typhus abdominalis~ prüft man
-daher das Blutserum des betreffenden Patienten auf seinen etwaigen
-Gehalt an Agglutininen, indem man ihm im Reagenzglase kleine Mengen
-von Typhusbazillen aus Reinkulturen zusetzt und nach einiger Zeit
-feststellt, ob Agglutination eingetreten ist. Der positive Ausfall der
-Reaktion -- der Nachweis spezifischer, gegen Typhusbazillen gerichteter
-Antikörper im Serum -- beweist eindeutig, daß der Patient, von dem die
-Blutprobe stammt, mit Typhusbazillen infiziert worden ist.
-
-Umgekehrt kann man z. B. Sera, die durch Immunisierung von Tieren gegen
-den Choleravibrio gewonnen sind, dazu verwenden, um festzustellen,
-ob ein Bakterium, von dem man Reinkulturen erzielt hat, zu den
-echten Choleravibrionen gehört oder nicht. Das kann von der größten
-praktischen Bedeutung in Zeiten der Choleragefahr werden: hat man aus
-dem Darminhalt eines verdächtigen Falles Bakterien gezüchtet, deren
-Identität oder Nichtidentität mit dem Choleraerreger festgestellt
-werden soll, so stellt man wiederum, dieses Mal mit einem vorrätig
-gehaltenen spezifischen Anti-Choleraserum und der gegebenen Reinkultur,
-die Agglutinationsreaktion an. Diese fällt nur dann positiv aus, wenn
-das spezifische Serum auf Choleravibrionen trifft. Ihr positives
-Resultat beweist also in diesem Falle, daß die untersuchte Reinkultur
-eine solche des echten Choleraerregers und somit auch, daß der
-betretende Krankheitsfall ein Fall von echter asiatischer Cholera war.
-Der negative Ausfall der Reaktion kann unter Umständen durch den Beweis
-des Gegenteils ebenfalls von der größten Bedeutung sein.
-
-Diese beiden Beispiele mögen genügen, um die wesentlichen Grundlagen
-der Serodiagnostik verständlich zu machen, doch mag erwähnt werden,
-daß auf diesen Prinzipien auch noch erheblich kompliziertere Methoden
-aufgebaut sind, von denen als die in der Öffentlichkeit dem Namen nach
-bekannteste die _Wassermannsche_ Seroreaktion auf Syphilis wenigstens
-genannt werden soll.
-
-Endlich mag auf die wichtige Tatsache hingewiesen werden, daß
-die Erscheinung der Antikörperbildung weit über das Gebiet der
-Infektionskrankheiten hinaus verbreitet und von großer und vielfältiger
-Bedeutung ist. Im Anschluß an die Beobachtungen bei der künstlichen
-Immunisierung von Tieren gegen Bakterien und deren Produkte stellte
-zuerst der bekannte belgische Forscher _Bordet_ fest, daß analoge
-»Antikörper« im Serum von Tieren nachweisbar werden, die parenteral mit
-Fremdeiweiß, d. h. mit Körperflüssigkeiten (vor allem Blutserum) oder
-Körperzellen _einer anderen Tierart_ vorbehandelt worden waren. Eine
-Fülle von theoretisch wichtigen und praktisch bedeutsamen Entdeckungen
-folgten dieser ersten. Da auch diese »Antikörper« gegen artfremde
-Eiweißsubstanzen sich als streng spezifisch erwiesen, so ließen sich
-ganz analoge serodiagnostische Methoden, wie wir sie vorher besprochen
-haben, auch zur Unterscheidung von tierischem Eiweiß, z. B. von Blut
-verschiedener Tierarten darauf gründen, Methoden, die inzwischen
-immer größere Bedeutung erlangt haben, in erster Linie auf Grund
-der außerordentlich großen Feinheit und Zuverlässigkeit, die diese
-Reaktionen besitzen.[9]
-
-Was den Mechanismus der Produktion der verschiedenen Antikörper
-anlangt, so gehört seine Erforschung zu den schwierigsten Aufgaben der
-Biologie. Von der größten Bedeutung für das Eindringen in diese sehr
-verwickelten Verhältnisse war eine von _Paul Ehrlich_ aufgestellte,
-unter dem Namen der »Seitenketten-Theorie« berühmt gewordene Hypothese,
-die hier aber nur erwähnt, nicht erörtert werden kann.
-
-Die Bildung der meisten Immunsubstanzen erfolgt, wie besonders
-durch Untersuchungen von _Wassermann_ festgestellt worden ist, in
-der Milz und im Knochenmark der höheren Tiere, also in Organen,
-die mit der Blutbereitung und Bluterneuerung zu tun haben. Auch
-durch diese Beziehung werden wir wieder an den nahen Zusammenhang
-der Immunitätsreaktionen mit den allgemeinen Abwehrreaktionen des
-Organismus höherer Tiere erinnert, bei denen ja Bestandteile des Blutes
-die entscheidende Rolle spielen. (Vgl. Kapitel II.)
-
-
-
-
-Kapitel IV.
-
- Maßnahmen zur Bekämpfung der Infektionskrankheiten im
- allgemeinen. -- Die wichtigste Ansteckungsquelle ist der
- infektiös kranke Mensch. -- Keimträger. -- Maßnahmen der
- allgemeinen Prophylaxe: Quarantäne und Kontrollsystem zur
- Aussperrung exotischer Seuchen. -- Isolierung infektiös
- Kranker. -- Vernichtung der Ausscheidungen solcher Kranker.
- -- Verhütung der Verschleppung von Keimen. -- Verhütung des
- Eindringens von Keimen in den gesunden Körper.
-
-
-Wenn wir als letztes Ziel des Kampfes gegen die Bakterien als
-Krankheitserreger die Befreiung der Menschheit von diesen gefährlichen
-kleinen Feinden ins Auge fassen, so müssen uns die bisher erreichten
-Erfolge dürftig erscheinen, verglichen mit dem gewaltigen Schaden, den
-fort und fort die Infektionskrankheiten der Menschheit zufügen.
-
-Anderseits können die wenigen großen Erfolge, die bisher erzielt worden
-sind, uns die Hoffnung auf weitere Fortschritte geben. Wir brauchen uns
-nur das Beispiel der Pockenkrankheit vor Augen zu halten, die durch
-die Einführung der Schutzpockenimpfung in denjenigen Kulturländern,
-die dieses Mittel mit voller Energie durchführten, praktisch beseitigt
-worden ist.
-
-Da wir über analoge Schutzimpfungen oder über andere vollkommen
-gleichwertige radikale Schutzmittel gegen das große Heer der uns
-bedrohenden bakteriellen Infektionen noch nicht verfügen, so sind wir
-darauf angewiesen, andere uns zu Gebote stehende Mittel auszunutzen, um
-die Verbreitung von Infektionen zu vermeiden.
-
-Die wichtigste Grundlage für alle Bestrebungen in diesem Sinne
-sind richtige Vorstellungen von den Bedingungen, unter denen
-Krankheitserreger in unseren Körper eindringen und uns gefährlich
-werden können. Die allgemeine Erfahrung lehrt uns für eine ganze
-Reihe von Krankheitsprozessen, daß wir der Infektionsgefahr ganz
-wesentlich durch den _Verkehr mit Erkrankten_ ausgesetzt werden, und
-auch die genaue Erforschung der Verbreitung der Bakterien in der
-Natur hat, von ganz verschwindenden Ausnahmen abgesehen, das Ergebnis
-gehabt, daß überall _der infektiös kranke Mensch die gefährlichste
-Ansteckungsquelle_ für seinen Nebenmenschen bildet. Suchen wir in der
-Außenwelt auch mit den feinsten Methoden der modernen Wissenschaft nach
-krankheiterregenden Bakterien, so finden wir die überwiegende Zahl von
-ihnen überhaupt niemals, andere ungemein selten. Nur ganz vereinzelte
-Arten, die sich alle dadurch auszeichnen, daß sie nur gelegentlich dem
-Menschen gefährlich werden können, für gewöhnlich aber als Saprophyten
-existieren, treffen wir häufiger an, so z. B. den Tetanusbazillus.
-Dessen Dauerformen (Sporen) können sich in der Außenwelt sehr lange
-lebensfähig und infektionstüchtig erhalten. Daß aber die Gefahr, die
-gerade von diesen besonders widerstandsfähigen Keimen den Menschen
-droht, nicht überschätzt werden darf, das kann man schon aus der
-relativen Seltenheit der Krankheit entnehmen.
-
-Die überwiegende Mehrzahl der für den Menschen in Betracht kommenden
-schädlichen Keime erliegt -- in die Außenwelt gelangt -- raschem
-Altern, dem Mangel an Nahrung, vor allem an Wasser, den zahlreichen
-physikalischen Schädlichkeiten, besonders der Einwirkung des Lichtes,
-das ja zu den gefährlichsten Feinden der Bakterien gehört. Von größter,
-für den Menschen vorteilhaftester Bedeutung ist in dieser Hinsicht die
-Tatsache, daß die allermeisten pathogenen Bakterien der Eigenschaft
-ermangeln, widerstandsfähige Dauerformen (Sporen) zu bilden, die
-imstande wären, sich in der Außenwelt länger zu erhalten.
-
-Daraus ergibt sich nun, daß die meisten Krankheitserreger nur
-ganz kurze Zeit nach dem Verlassen des erkrankten Körpers lebend
-und infektionstüchtig bleiben, somit weiterhin auch, daß wir
-ansteckungsfähige Keime im allgemeinen nur in der allernächsten
-Umgebung Kranker zu erwarten resp. zu vermeiden haben. Von großer
-Bedeutung ist es da, für jede Infektion und jeden pathogenen Keim
-genau zu wissen, in welcher Weise und auf welchem Wege er den Körper
-des Patienten verläßt. Das richtet sich naturgemäß vor allem nach den
-Organen, die von dem Krankheitsprozeß ergriffen sind; aber doch nicht
-nur danach; und gerade die Kenntnis der Ausnahmen ist oft wichtig.
-
-Daß der Lungenschwindsüchtige große Mengen virulenter Tuberkelbazillen
-mit den seinen Tröpfchen ausscheidet, die er beim Husten verspritzt,
-ist heute wohl allgemein bekannt. Das gleiche gilt für Diphtherie,
-Influenza, Keuchhusten. Große Mengen infektionstüchtiger Keime können
-im Eiter von Geschwürflächen, eiternden Wunden, im Sekret entzündeter
-Schleimhäute usw. vorhanden sein. Der Cholerakranke scheidet enorme
-Mengen von Cholerabakterien mit seinen Darmentleerungen aus, ebenso
-der Typhuskranke Typhusbazillen. Die letzteren finden sich aber auch
-oft in enormen Mengen im Harn der Patienten. -- Wir sehen, auf den
-verschiedensten Wegen gelangen die Krankheitskeime in die Außenwelt und
-werden zur Gefahr für die Nebenmenschen Erkrankter.
-
-Die neueste Zeit hat uns nun auf diesem Gebiete der Ansteckungsgefahr
-noch einige unangenehme Überraschungen gebracht, die nicht verschwiegen
-werden dürfen. Es hat sich nämlich die sehr merkwürdige Tatsache
-herausstellt, daß bei manchen Infektionskrankheiten noch lange Zeit,
-zuweilen Wochen, ja Monate und ausnahmsweise sogar Jahre nach dem
-Eintritt _völliger Heilung infektionstüchtige Krankheitserreger im
-Körper_ gefunden und von dem längst Genesenen ausgeschieden werden
-können. Besonders wichtig ist das relativ häufige Vorkommen dieser
-Erscheinung beim Unterleibstyphus. Auch bei der asiatischen Cholera und
-der Pest hat man Ähnliches festgestellt.
-
-Die große Gefährlichkeit solcher gesunder »Bazillenträger« liegt darin,
-daß man sich vor ihnen natürlich nicht in acht nimmt, da man ihnen
-nichts Böses anmerkt. Auch diese Gefahr ist aber zu bekämpfen; der
-Ansteckungsstoff findet sich ja ausschließlich in den Ausscheidungen
-solcher Menschen, sie müssen deshalb zur größten Sorgfalt bei deren
-Beseitigung erzogen werden.
-
-Auch bei Diphtherie hat man ähnliche Verhältnisse feststellen können.
-Bei systematischer Untersuchung sämtlicher Schulkinder einer Schule
-z. B. hat man mehrfach gefunden, daß ausnahmsweise sich im Rachen von
-Kindern, die weder zuvor an Diphtherie erkrankt waren noch später deren
-charakteristische Erscheinungen zeigten, echte Diphtheriebazillen
-durch das Kulturverfahren nachweisen ließen.
-
-Es mag sich wohl meistens in solchen Fällen um Kinder gehandelt haben,
-die an sehr leichter Diphtherie erkrankt gewesen waren. Wie dem
-auch sei, solche »Diphtheriebazillenträger« sind für ihre Umgebung
-gefährlich, da sie besonders leicht zur Verbreitung der Krankheit unter
-gesunden Kindern beitragen können.
-
-Was kann geschehen, um die pathogenen Keime, die im Körper des Kranken
-tätig sind und von ihm abgeschieden werden, an dem Angriff auf Gesunde
-zu hindern und damit diese wichtigste Quelle der Ansteckungen zu
-verstopfen?
-
-Wir wollen mit der radikalsten Maßnahme beginnen: sie besteht in
-der Vernichtung der pathogenen Keime _zusammen mit dem infizierten
-Individuum_. Daß sie auf menschliche Verhältnisse nicht anwendbar ist,
-bedarf keiner Erörterung. Zur Unterdrückung von Tierseuchen, z. B.
-Rotz, Milzbrand, vor allem der Wutkrankheit, die auch für den Menschen
-gefährlich sind, ist sie mehrfach angewandt worden. Man wird z. B.
-keinen Augenblick an der Berechtigung, ja an der Verpflichtung des
-Menschen zweifeln können, einen tollwutkranken Hund zu erschießen,
-um die Ausbreitung der ohne die Anwendung des langwierigen
-Schutzimpfungsverfahrens sicher zum Tode führenden Krankheit zu
-verhüten. Zur Vernichtung der Wutkeime aber wird man am besten den
-Leichnam verbrennen.
-
-Den infektiös kranken _Menschen_ können wir für seine Nebenmenschen
-wirklich ungefährlich nur dann machen, wenn wir ihn absperren,
-»isolieren«. In rigoroser Weise geschieht dies seit langem zur
-Eindämmung der Lepra, des »Aussatzes«, durch mehr oder weniger
-zwangsweise erfolgende Internierung der Erkrankten in Lepraspitälern,
-Leproserien, die streng gegen die Außenwelt abgeschlossen werden. Das
-heute nahezu vollständige Verschwinden der Lepra in Deutschland beweist
-am besten die Wirksamkeit dieser Maßnahmen.
-
-Besonders strenge _Aus_sperrungsmaßnahmen finden zur Abwehr der
-_exotischen Seuchen_ Anwendung. Diese eminent infektiösen Krankheiten
--- Pest und Cholera vor allem -- sind heute noch lebendig in
-Vorderasien, wo sie niemals ganz erlöschen, und bedrohen die
-Kulturländer Europas. Man schützt sich -- mit gutem Erfolge -- gegen
-ihr Eindringen durch eine strenge, nach internationalen Vereinbarungen
-geregelte _Kontrolle_ des Verkehrs, vor allem des _See_verkehrs, der
-in dieser Hinsicht günstigere Verhältnisse bietet, als derjenige
-zu Lande.[10] Das Ziel aller dieser Maßnahmen ist die radikale
-Verhütung der _Einschleppung_ der Seuche, d. h. des Eindringens eines
-von ihr befallenen Menschen oder Tieres, sowie der Einfuhr etwaiger
-infektiöser Keime, die mit den Ausscheidungen Kranker an irgendwelchen
-Gegenständen, Kleidern, Gepäck, Waren haften.
-
-Früher suchte man dies in den Häfen durch die sogenannten Quarantänen
-zu erreichen: Schiffe, die aus verseuchten Ländern kamen, mußten eine
-mehr oder weniger lange Zeit unter gesundheitspolizeilicher Kontrolle
-in einer Quarantänestation bleiben, bis ihnen die Erlaubnis zur
-Ausschiffung der Passagiere gegeben wurde. Etwa erkrankte Reisende
-wurden in das mit der Station verbundene Lazarett aufgenommen.
-Die Zeit der Beobachtung war auf Grund der Erfahrungen über die
-Inkubationszeit der jeweils gefürchteten Seuche festgesetzt und stets
-reichlich bemessen. Das ganze System war für die Reisenden natürlich
-außerordentlich lästig.
-
-Bei dem gewaltigen Umfang des internationalen Verkehrs von heute wäre
-das Quarantänewesen in dieser Form undurchführbar. An seine Stelle ist
-eben eine genaue, auf internationalen Abmachungen beruhende Kontrolle
-des Seeverkehrs getreten.
-
-Im einzelnen können wir hier nicht alle Bestimmungen und Maßnahmen
-besprechen, die dieser Kontrolle des Verkehrs dienen, sie bestehen
-im wesentlichen in ärztlichen Revisionen der Schiffe, die aus
-verseuchten Gegenden _abfahren_, und besonders sorgfältigen Revisionen
-im _Ankunfts_hafen; von Wichtigkeit ist auch die Bestimmung, daß an
-Bord der Schiffe, die dem überseeischen Personenverkehr dienen, ein
-Schiffsarzt sein _muß_, der verpflichtet ist, über etwaige verdächtige
-Krankheitsfälle, die während der Reise vorgekommen sind, Meldung zu
-erstatten.
-
-Auf diese Weise muß es -- bei pflicht- und sachgemäßer Durchführung
-der vorgeschriebenen Maßregeln -- gelingen, im Ankunftshafen etwaige
-infektiös Kranke sofort in ein besonderes »Isolier«-Spital zu bringen,
-und ebenso z. B. im Falle, daß während der Reise an Bord eines Schiffes
-Krankheits- und Todesfälle an einer bestimmten Seuche vorgekommen sind,
-alle diejenigen Personen ärztlich zu untersuchen und zu überwachen,
-eventuell auch zu isolieren, die der Gefahr der Ansteckung ausgesetzt
-waren. -- Anderseits kann in allen den überwiegend häufigeren Fällen,
-in denen auf Grund der ärztlichen Beobachtung die Gefahr einer
-Seuchen-Einschleppung verneint wird, alsbaldige Ausschiffung aller
-Reisenden erfolgen. Die Unannehmlichkeiten der alten Quarantäne fallen
-also fort, das Ziel: die _Aussperrung_ seuchenhaft Kranker, wird
-trotzdem erreicht.
-
-Das gleiche Ziel strebt man gegenüber der Seucheneinschleppung auf
-dem Landwege durch möglichste ärztliche Überwachung des Verkehrs,
-besonders des Eisenbahn- und des Flußverkehrs, an; die Schwierigkeit
-erfolgreicher Absperrung ist hier begreiflicherweise unvergleichlich
-viel größer als zur See.
-
-Kommt es trotz aller Vorkehrungen zur Einschleppung einer Seuche,
-beispielsweise eines Falles von Cholera, so ist die nächste Maßnahme
-wieder die sofortige Isolierung des Kranken in einem hierzu geeigneten
-Spital. Voraussetzung dafür ist die richtige Erkennung der Natur
-der Krankheit. Um diese zu ermöglichen, besitzen die Kulturländer
-bakteriologische Untersuchungsanstalten in den größeren Städten und
-Zentralen für derartige Untersuchungen, wie sie das Deutsche Reich
-im Reichsgesundheitsamt, das Königreich Preußen im Kgl. Institut für
-Infektionskrankheiten in Berlin unterhält. Für alle verdächtigen
-Fälle besteht die Anzeigepflicht der Ärzte an die Behörden, die dann
-für umgehende Einsendung des nötigen Materials an die zuständigen
-Untersuchungsanstalten sorgen. Kommt ein verdächtiger Todesfall vor,
-so wird die sachverständige Obduktion der Leiche unter Umständen am
-raschesten Aufschluß über die Natur der Erkrankung geben. -- Von nun
-an wird allenthalben die Aufmerksamkeit der Behörden und der Ärzte auf
-jeden verdächtigen Krankheitsfall gerichtet sein, und, wo ein solcher
-vorkommt, wird wieder seine tunlichst rasche »Isolierung« die nächste
-Aufgabe sein.
-
-Diese Isolierung der infektiös Kranken ist auch bei der Bekämpfung
-der einheimischen (endemischen) ansteckenden Krankheiten unsere
-vornehmlichste Waffe. Im einzelnen verfahren wir dabei freilich nicht
-mit der gleichen Strenge, die gegenüber den exotischen Seuchen geboten
-ist. Vor allem ist die Absonderung des Kranken in besonderen, für
-diesen Zweck bestimmten Spitälern nicht obligatorisch, so wünschenswert
-sie auch im Interesse der Allgemeinheit für viele Fälle wäre. Man
-begnügt sich statt ihrer oft mit der Isolierung des Kranken in seiner
-Wohnung, vorausgesetzt, daß diese dazu die notwendigen Bedingungen
-bietet.
-
-Was hat nun im einzelnen zu geschehen, um einen ansteckend Kranken
-in wirksamer Weise zu »isolieren«? Es bedarf kaum der Erörterung,
-daß mit seiner Unterbringung in einer Stube für sich oder in einer
-Isolierstation nicht das Ziel erreicht ist, ihn ungefährlich zu
-machen. Je nach Art seines Leidens kann er ja, wie wir sahen, in
-verschiedenster Weise -- oft enorme Mengen von Krankheitserregern
-_ausscheiden_. Zwar kann man den erwachsenen, verständigen Menschen zur
-größten Reinlichkeit und zu rascher Beseitigung seiner keimhaltigen
-Ausscheidungen veranlassen: den Schwindsüchtigen z. B. zur Vernichtung
-seines Auswurfs auf die eine oder andere Weise. Aber viele Schwerkranke
-sind bewußtlos und somit ganz außerstande zur Reinlichkeit und
-Vorsicht; man denke nur z. B. an einen benommenen Typhuskranken.
-
-Eine ganze Fülle von Maßnahmen müssen hier helfen, um der
-_Verschleppung_ von Keimen vorzubeugen; Maßnahmen verschiedenster
-Art, deren Durchführung im einzelnen nur durch den Arzt und durch
-geschultes Pflegepersonal möglich ist. Wir wollen einige der
-wichtigsten von ihnen erwähnen: der Transport infektiös Kranker darf
-nur in besonderen Krankenwagen, nicht in beliebigen Wagen erfolgen.
-(Für den Transport der Leichen an ansteckenden Krankheiten Gestorbener
-bestehen besondere Vorschriften.) -- Die sorgfältige Beseitigung und
-Vernichtung aller krankhaften Ausscheidungen selbst erfolgt wesentlich
-mit Hilfe von Desinfektionsmitteln. Die Wäsche, die Wohnung und alle
-Gebrauchsgegenstände des Erkrankten müssen desinfiziert werden.
-Soweit als möglich wird zu dem Zwecke der Keimabtötung die Hitze
-herangezogen werden, d. h. die Methoden der Sterilisation (s. o. S.
-21). Wertlose Gebrauchsgegenstände verbrennt man. Für viele andere
-Gegenstände kommen allein chemische Desinfektionsmittel in Frage, vor
-allem für die Wohnungsdesinfektion. Für die richtige Durchführung der
-geeigneten Maßnahmen sorgen die Behörden, die für den Gesundheitsdienst
-verantwortlich sind; ebenso für die Ausbildung sachverständig
-geschulter Desinfektoren.
-
-Auch die gewissenhafteste Handhabung aller dieser Maßnahmen kann nicht
-ausreichen, um in _jedem_ Falle den Transport von pathogenen Keimen
-völlig zu verhindern. Die Schwierigkeiten sind zu groß. Insbesondere
-wird es nicht zu vermeiden sein, daß Krankheitskeime aus der nächsten
-Umgebung des Patienten verschleppt werden -- durch Insekten, durch die
-Hände des Pflegepersonals, die bei Hilfeleistungen doch schließlich
-nicht dauernd von desinfizierenden Flüssigkeiten triefen können --,
-durch die Schuhsohlen und auf anderen Wegen. Vor allem sind wieder
-die feinsten bazillenhaltigen Tröpfchen, die vom Hustenden verstreut
-werden, gefährlich. Wie schützen wir uns gegen die verschleppten Keime,
-die bis auf unseren Körper, unsere Hände gelangen? Vor allem: wie
-schützen sich Arzt und Pflegepersonal?
-
-Wir haben bei der Erörterung des Zustandekommen von »Infektionen«
-gesehen, daß die meisten Keime einer bestimmten _Einfallspforte_
-bedürfen, um uns anfallen zu können. An dieser Stelle können wir den
-letzten Widerstand leisten. Die Maßregeln, die wir hier treffen können,
-gelten nicht nur für das Krankenzimmer allein, sie gelten allgemein
-für jede Situation, in der wir in besonderem Grade einer bestimmten
-Infektionsgefahr ausgesetzt sind, insbesondere also für den Fall
-epidemischen Auftretens einer Krankheit. -- Unsere Verteidigung wird
-sich verständigerweise nach den Eigenheiten des Feindes zu richten
-haben, der uns jeweils angreifen kann.
-
-Der Gefahr, die vom hustenden Schwindsüchtigen verspritzten feinsten
-Tröpfchen einzuatmen, entgehen wir fast instinktiv dadurch, daß wir uns
-ein wenig von ihm entfernt halten; ein Abstand von einem halben Meter
-genügt in der Regel schon, um uns zu schützen.
-
-Besteht die Gefahr einer Infektion vom Darme aus (Typhus, Cholera), so
-müssen wir peinlich darauf achten, daß wir keine Keime in unseren Mund
-bringen. Wer mit Typhus- oder Cholerakranken zu tun hat, wird auf das
-sorgfältigste für Reinigung und Desinfektion seiner Hände Sorge tragen,
-bevor er ißt oder trinkt. Der Aufnahme von Keimen mit der Nahrung beugt
-man weiterhin vor, indem man in Zeiten von Epidemien ausschließlich
-gründlich gekochte oder gebratene Nahrungsmittel von zuverlässig
-sauberem Eßgeschirr zu sich nimmt.
-
-Daß die Aufnahme des Verteidigungskampfes gegen die Mikroben auch an
-dieser _letzten_ Befestigungslinie sich noch verlohnt, ja daß sie in
-manchen Fällen sichere Aussicht auf den Sieg gewährt, das beweist am
-besten die Tatsache, daß während der letzten großen Choleraepidemie in
-Hamburg nicht ein einziger der zahlreichen Ärzte, die in angestrengter
-Berufsarbeit ständig mit den infektiös Kranken in Berührung waren, der
-Seuche zum Opfer gefallen ist.
-
-Eine gesonderte Besprechung erfordern in diesem Zusammenhang noch
-die Maßnahmen, die zum Schutze von _Wunden_ gegen das Eindringen von
-Infektionserregern getroffen werden sollen. Die Behandlung von Wunden,
-die durch Verletzungen der verschiedensten Art entstehen, ist Sache
-des Arztes. Je nach der Schwere, der Größe, der Entstehungsart, der
-Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit einer bei der Entstehung der Wunde
-gleichzeitig gesetzten Infektion, wird dieser die Maßnahmen zu treffen
-haben, um Schaden zu verhüten.
-
-Zum Schutze gegen Eindringen von Krankheitskeimen sollte der Laie
-eine Wunde ausschließlich (nach Entfernung sichtbarer gröberer
-Verunreinigungen) mit sterilem Verbandzeug, das in jeder Apotheke
-erhältlich ist, verbinden, dem Arzt aber alle weiteren Anordnungen
-überlassen.
-
-Auch jede Wunde, die das Messer des Chirurgen setzt, ist bei der
-Verbreitung infektionsfähiger Keime auf der Haut und den Schleimhäuten
-als eine mögliche Einfallspforte für pathogene Bakterien zu betrachten.
-Die moderne operative Medizin hat, seit einmal diese Erkenntnis
-zum Siege gelangt ist, immer bessere und zuverlässigere Methoden
-ausgebildet, um durch Keimfreimachen des Operationsgebietes, der Hände
-des Operateurs und aller Instrumente und Geräte, die Gefahr einer
-Wundinfektion auszuschließen. Auf der Einführung dieser Methoden --
-mittelbar also auf den Ergebnissen der bakteriologischen Forschung
--- basiert der gewaltige Aufschwung der Chirurgie in den letzten
-Jahrzehnten.
-
-Fassen wir kurz das Erörterte zusammen: Gelingt es uns nicht, die
-Infektions_quelle_ zuzuschütten -- durch Aussperrung bei epidemischen
-Krankheiten, durch Isolierung der Leprösen z. B. -- so suchen wir
-die Keime _auf dem Wege_ zum Gesunden zu fassen und zu vernichten;
-gelangen sie doch bis zu diesem hin, so versperren wir ihnen die
-_Einfallspforte_. An welcher Stelle oder an welchen Stellen wir
-den Kampf mit den Mikroben aufnehmen, das wird am besten für jeden
-Einzelfall -- oder doch für eine Reihe von Einzelfällen -- gesondert
-besprochen. Es richtet sich für jeden pathogenen Keim nach der
-Art seiner Ausscheidung aus dem Körper des Erkrankten, nach den
-Krankheitserscheinungen, ihrer Art und ihrer Schwere, nach unseren
-Kenntnissen von dem Zustandekommen der einzelnen Infektionen.
-
-Auf dem Gebiete der Prophylaxe können die Medizinalbehörden und die
-Ärzte viel leisten, und daß beide besonders in Deutschland auf der Höhe
-der Zeit sind, ist allgemein anerkannt. Kommt es aber trotzdem zum
-Ausbruch einer Seuche, so hängt deren Verlauf und Verbreitung mehr noch
-als von ihrer Tüchtigkeit von der Sorgfalt und dem Verständnis ab, mit
-denen die Bevölkerung ihren Vorschriften nachkommt.
-
-
-
-
-Besonderer Teil.
-
-
-
-
-Vorbemerkung.
-
-
-Der Absicht und dem Umfang dieses kleinen Werkes würde eine eingehende
-Besprechung aller bisher bekannten bakteriellen Infektionskrankheiten
-nicht entsprechen. Doch schien es geboten, nicht nur einige,
-sondern eine größere Anzahl von Beispielen aus dem Gesamtgebiete
-vorzuführen. Eine Anordnung in Gruppen schien der Übersichtlichkeit
-halber wünschenswert; andererseits war die strenge Durchführung eines
-bestimmten Ordnungsprinzips schwierig; und so sind denn einigermaßen
-willkürlich -- aus verschiedenen Gesichtspunkten -- die einzelnen
-Gruppen von Krankheiten gebildet worden, die je in einem Kapitel
-zusammengefaßt worden sind.
-
-In dem ersten Kapitel des speziellen Teils (Kap. V) sollen --
-wesentlich aus historischen Gründen -- zwei seltene und untereinander
-ganz verschiedene bakterielle Infektionskrankheiten des Menschen
-behandelt werden: das Rückfallfieber als diejenige _menschliche_
-übertragbare Krankheit, deren Erreger zuerst entdeckt, d. h. gesehen
-wurde, und die Milzbrandkrankheit, jene selten den Menschen befallende
-Tierseuche, deren vollständige ätiologische Aufklärung durch _Robert
-Koch_ den ersten großen Erfolg der modernen Bakteriologie bedeutete
-(vgl. Einleitung).
-
-In einem weiteren Kapitel (VI.) sind _Pest_ und _Cholera_, die
-beiden gefährlichsten _exotischen_ Seuchen, die gelegentlich auch
-unsere europäischen Kulturländer bedrohen, behandelt. Es folgen als
-Beispiele inländischer epidemisch auftretender Krankheiten, die durch
-_Stäbchen_bakterien hervorgerufen werden, in dem folgenden (VII.)
-Kapitel: Diphtherie, Tetanus, Influenza, Keuchhusten, Unterleibstyphus.
--- Das folgende Kapitel (IX.) ist den wichtigsten krankheiterregenden
-Kugelbakterien (Mikrokokken) eingeräumt, den sogenannten
-»Eitererregern« im engeren Sinne (Streptokokken und Staphylokokken),
-ferner den Erregern der Gonorrhoe (Gonokokken), den Meningokokken und
-der epidemischen Genickstarre, und endlich den Pneumokokken, die als
-Ursache mannigfaltiger Entzündungen, besonders der Lungenentzündung,
-gefürchtet sind. -- Ein besonderes (X.) Kapitel ist einer kurzen
-Besprechung der chronischen Infektionskrankheiten, der Tuberkulose,
-unserer schlimmsten Volksseuche, der Syphilis und der Lepra gewidmet.
-
-Man wird in dieser kurzen Übersicht die Namen einer Anzahl
-zweifellos ansteckender Krankheiten vermissen. Das liegt nicht
-an einer ungeschickten Auswahl der Beispiele, sondern an der
-Lückenhaftigkeit unseres Wissens: eine Anzahl teilweise gerade ganz
-besonders infektiöser Krankheiten ist bisher ätiologisch noch nicht
-aufgeklärt; die bekanntesten unter ihnen mögen hier kurz erwähnt
-werden. Freilich sei darauf verwiesen, daß es durchaus nicht sicher
-ist, daß sie durch _Bakterien_ verursacht werden. Es ist ebensogut
-möglich, daß niederste tierische Lebewesen (Protozoen) ihnen zugrunde
-liegen, ebenso wie bekanntlich die verbreitetste Infektionskrankheit
-überhaupt, die Malaria (das Sumpffieber) durch Protozoen verursacht
-wird, wie ferner auch die neuerdings viel besprochene Schlafkrankheit
-Afrikas eine Protozoenkrankheit ist. In erster Linie sind der akute
-Gelenkrheumatismus und die gefürchteten Kinderkrankheiten Scharlach und
-Masern zu erwähnen, deren belebte Ursache bisher trotz allen möglichen
-Versuchen noch unbekannt ist, weiterhin die Wutkrankheit (Lyssa).
-Ferner gehören hierher die Erreger der Blattern oder echten Pocken,
-die nach jüngst eingelaufenen Nachrichten freilich möglicherweise
-inzwischen bereits entlarvt sind. Vor den Blattern ist die
-Kulturmenschheit ja seit _Jenners_ Entdeckung der Schutzpockenimpfung
-geschützt; auch gegen die Folgen der Bisse wutkranker Tiere haben wir
-in der Pasteurschen Wutschutzimpfung ein wirksames Mittel in der Hand.
-Auch läßt sich durch das naheliegende Mittel des »Maulkorbzwanges«
-nachweislich viel gegen die Verbreitung der Lyssa tun. Scharlach
-und Masern aber setzen vorläufig allen unseren Bestrebungen einen
-fast unüberwindlichen Widerstand entgegen; wir sind ihnen gegenüber
-ausschließlich auf die Maßnahmen der Isolierung angewiesen. --
-Daß verschiedene zweifellos infektiöse Krankheiten heißer Länder
-ätiologisch noch nicht aufgeklärt sind, mag wenigstens erwähnt werden.
-
-Eine außerordentlich ansteckende Krankheit der Augen soll endlich
-noch genannt werden, es ist die sogenannte ägyptische Augenkrankheit,
-das »Trachom«, ein Leiden, das mit Entzündung der Augenbindehäute
-beginnt, der Behandlung große Schwierigkeiten macht und oft mit dem
-Verlust des Sehvermögens auf einem oder gar beiden Augen endigt. Nach
-Deutschland wird diese Krankheit hauptsächlich von unseren östlichen
-und südöstlichen Nachbarländern aus durch Arbeiter eingeschleppt, und
-nur den unausgesetzten Bemühungen unserer Medizinalbehörden ist es
-zu danken, daß sie nicht nur keine Fortschritte gemacht hat, sondern
-allmählich zurückgedrängt wird. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die
-Ansteckung durch Übertragung keimhaltigen Sekrets von Person zu Person
-verbreitet wird, und daß die wirksamste Bekämpfung einerseits in der
-persönlichen Reinlichkeit aller derer besteht, die mit Trachomkranken
-in Berührung kommen, anderseits in der möglichst frühzeitigen und
-energischen Behandlung der Erkrankten. Der Erreger dieses Leidens
-scheint in letzter Zeit durch _v. Provaczek_ entdeckt worden zu sein,
-doch steht die Entscheidung darüber, ob es sich um ein Bakterium
-handelt oder um ein niederstes tierisches Lebewesen, vorläufig noch
-aus. Kulturen des Mikroorganismus sind bisher noch nicht gewonnen
-worden.
-
-
-
-
-Kapitel V.
-
- Milzbrand. -- Rückfallfieber.
-
-
-Wie wir in der Einleitung erfahren haben, brachte die einwandfreie
-Aufklärung der bakteriellen Ätiologie der _Milzbrand_krankheit des
-Rindes durch _Robert Koch_ den entscheidenden Sieg der für die moderne
-Bakteriologie grundlegenden Anschauungen mit sich. Deshalb mag es
-angezeigt erscheinen, gerade diese Infektionskrankheit, die dem
-Menschen vergleichsweise nur selten gefährlich wird, an schädlicher
-Bedeutung also weit hinter anderen zurückbleibt, hier an erster Stelle
-zu besprechen. -- Der Milzbrand ist aber nicht die erste dem Menschen
-drohende ansteckende Krankheit, deren Erreger von einem menschlichen
-Forscherauge erblickt und als solcher erkannt worden ist, das ist
-vielmehr das heute in unserem Klima seltene Rückfallfieber, dessen
-belebte Ursache schon im Jahre 1873 von _Obermeier_ aufgefunden wurde.
-Es soll an zweiter Stelle behandelt werden.
-
-
-Milzbrand.
-
-Der Milzbrand gehört zu einer kleinen Anzahl ansteckender Krankheiten,
-die für gewöhnlich bestimmte Tierarten heimsuchen, aber auch dem
-Menschen gefährlich werden können und auf ihn übertragbar sind.
-Eigentliche Milzbrandseuchen kamen besonders früher bei Schafen
-und Rindern in großer Ausdehnung vor und verursachten enormen
-wirtschaftlichen Schaden. Auch heute sind sie zwar erheblich
-eingedämmt, aber noch keineswegs verschwunden. Der Milzbrand kann
-außerdem auch Pferde, Schweine, Ziegen und verschiedene Arten wilder
-Tiere und endlich auch den Menschen befallen. -- Bei den Tieren
-verläuft die Erkrankung unter den schwersten Allgemeinerscheinungen
-gewöhnlich als _Darmmilzbrand_, der sehr rasch zum Tode zu führen
-pflegt. Mit den dünnen, blutigen Darmentleerungen werden große Massen
-von Bazillen ausgeschieden, die dann im Freien nicht selten Gelegenheit
-finden, Sporen zu bilden. Diese Sporen können verschleppt werden und
-können bei ihrer großen Haltbarkeit noch nach langer Zeit zu neuen
-Infektionen und damit unter Umständen auch zum Ausbruch einer neuen
-Milzbrandseuche führen.
-
-Beim Menschen tritt die Milzbrandinfektion in der überwiegenden
-Zahl der Fälle in der Gestalt eines Milzbrandkarbunkels der Haut
-zuerst in Erscheinung. Dieser bildet sich in der Umgebung kleiner,
-mit Milzbrandbazillen oder Sporen infizierter Wunden und stellt im
-wesentlichen eine oft recht umfangreiche eitrige Pustel der Haut
-dar, in deren Umgebung sich gewöhnlich eine sehr starke ödematöse
-Durchtränkung und Schwellung des Unterhautgewebes ausbildet. Die
-Infektion erfolgt entweder direkt beim Umgang mit erkranktem Vieh,
-besonders beim Schlachten, beim Abhäuten und Verscharren, oder --
-seltener -- durch Sporen, die in letzter Linie wieder von irgendeinem
-Milzbrandfall herstammen. Es ist nicht immer ganz aufzuklären, auf
-welchem Wege im einzelnen Falle die infektiösen Keime an den Menschen
-herangelangt sind, aber es zeigt sich, wenn man die Berufsarten
-der an Milzbrand Verstorbenen beachtet, daß es sich fast immer um
-Menschen handelt, die mit Tierfellen oder Tierhaaren zu tun haben,
-also um Arbeiter in Gerbereien, Roßhaarspinnereien, Bürsten- und
-Pinselfabriken. Eine besonders gefährliche Form des menschlichen
-Milzbrandes ist der durch _Einatmung_ von Sporen entstehende
-_Lungen_milzbrand (die »Hadernkrankheit«), die am häufigsten Arbeiter
-befällt, die in Papierfabriken mit dem Sortieren von Lumpen beschäftigt
-sind. Dieser »Lungenmilzbrand« verläuft in der überwiegenden Mehrzahl
-der Fälle tödlich.
-
-[Illustration: Abb. 16.
-
-Milzbrandbazillen mit Sporen.]
-
-Der Milzbrand_bazillus_ ist ein verhältnismäßig großes
-Stäbchenbakterium, das der Geißeln ermangelt und daher völlig
-unbeweglich ist. Die Länge der einzelnen Individuen wechselt je nach
-den Bedingungen; in Kulturen werden lange Fäden gebildet. Sporenbildung
-findet -- bei geeigneter Temperatur -- bei Sauerstoffzutritt statt; die
-Sporen bilden sich im Innern der Stäbchen (s. Abb. 16) als kleine stark
-lichtbrechende Körnchen, die bald die Dicke des Stäbchens erreichen
-und schließlich frei werden, während die Reste des Stäbchens selbst
-verschwinden. -- Wachstum und Sporenbildung finden am besten bei 37°
-statt. -- Sehr charakteristisch sind die oberflächlichen Kolonien des
-Bazillus auf der Platte (s. Abb. 17 und 18).
-
-[Illustration: Abb. 17.
-
-16 Stunden alte Kolonie von Milzbrandbazillen auf der Agarplatte. ~a~
-natürliche Größe, ~b~ etwa 15mal vergrößert.]
-
-Bei den gebräuchlichen Versuchstieren wird durch Impfung mit kleinsten
-Mengen einer Reinkultur von Milzbrandbakterien eine rasch zum Tode
-führende Infektion ausgelöst. Die im Tierkörper gewachsenen Bazillen
-zeigen eine eigentümliche Veränderung, die in Kulturen auf den
-gewöhnlichen Nährboden nicht zur Beobachtung kommt: sie besitzen eine
-breite Hülle oder »Kapsel« (vgl. Abb. 19).
-
-[Illustration: Abb. 18.
-
-Klatschpräparat vom Rande einer oberflächlichen Kolonie von
-Milzbrandbazillen (S. Abb. 17). Aufbau der Kolonie aus einzelnen, zu
-regelmäßigen Fäden vereinigten Stäbchen. Stark vergrößert.]
-
-In der Bekämpfung der Milzbrandseuche beim Vieh sind ausgezeichnete
-Erfolge teils mit dem _Pasteur_schen Impfverfahren (s. o. Seite 43),
-teils mit anderen ähnlichen Methoden erzielt worden, und ohne Frage
-kommt diese Eindämmung der Krankheit beim Vieh indirekt auch dem
-Menschen zugute. Von wichtigen Maßnahmen, die die Verbreitung der
-Krankheit verhüten, sind vor allen Dingen solche zur rationellen
-Beseitigung der Tierkadaver zu nennen, ferner aber besonders
-Vorsichtsmaßregeln, die die Arbeiter in den obengenannten Industrien
-vor der Infektion schützen sollen. Im wesentlichen handelt es sich
-dabei um Vorschriften, die sich auf eine möglichst zuverlässige
-Desinfektion der Rohmaterialien erstrecken.
-
-[Illustration: Abb. 19.
-
-Milzbrandbazillen im Gewebsaft (Milz) einer der Infektion erlegenen
-Maus. ~B~ = Bazillen mit »Kapseln«; ~Z~ = drei tierische Zellen.]
-
-Von verschiedenen Forschern sind endlich auch spezifische Sera gegen
-Milzbrand hergestellt worden, so in Deutschland durch _Sobernheim_.
-Diese Sera haben sich bei Tieren sowohl zu Schutz- als auch zu
-Heilzwecken gut bewährt. Dagegen sind die Erfahrungen über ihren
-Wert für die Behandlung des menschlichen Milzbrandes noch nicht
-völlig geklärt, z. T. deshalb, weil die an sich seltene Krankheit
-beim Menschen, wie erwähnt, auch ohne spezifische Behandlung sehr
-häufig gutartig verläuft. Man ist aus diesem Grunde im einzelnen
-Falle außerstande, bestimmt zu sagen, ob ein günstiger Ausfall auf
-Rechnung des Heilserums zu setzen ist oder nicht. Man müßte zur
-Beantwortung der Frage also ein größeres Material mit Serum behandelter
-und unbehandelter Fälle statistisch vergleichen. Einzelne derartige
-Statistiken sprechen für die Wirksamkeit des Serums.
-
-
-Rückfallfieber.
-
-Das Rückfallfieber ist bei uns in Deutschland heutzutage eine im ganzen
-recht selten gewordene Erkrankung, die aber neuerdings besonders
-dadurch an Interesse gewonnen hat, daß sie als relativ häufige
-Krankheit unserer afrikanischen Schutzgebiete erkannt worden ist. Noch
-vor wenigen Jahrzehnten kamen übrigens auch bei uns in Deutschland
-größere Epidemien der Krankheit vor.
-
-Das Krankheitsbild ist in erster Linie charakterisiert durch
-einen sehr eigentümlichen Fieberverlauf. Gewöhnlich beginnt die
-Krankheit plötzlich mit Schüttelfrost und schwerem Krankheitsgefühl,
-Gliederschmerzen und anderen etwas wechselnden Erscheinungen. Die
-Temperatur steigt bald sehr hoch an, meist über 40°, und fällt erst
-nach einer 5–7tägigen Fieberperiode zur normalen Temperatur, meist
-noch erheblich tiefer, ab. Gleichzeitig pflegt starker Schweißausbruch
-zu erfolgen, die Krankheitserscheinungen gehen zurück, der Patient
-scheint sich zu erholen und bleibt eine ganze Reihe von Tagen
-fieberfrei, bis plötzlich ein ganz ähnlicher Anfall wie der erste,
-der meist nur etwas kürzer ist, beginnt. Auch dieser endigt mit
-»kritischem« Abfall der Temperatur, die meist wiederum eine Reihe von
-Tagen normal bleibt, bis der dritte, meist letzte Anfall erfolgt,
-nach dessen Überwindung dann die Rekonvaleszenz eintritt. In seltenen
-Fällen ist die Anzahl der Anfälle noch größer, oft werden auch nur zwei
-Anfälle beobachtet. Im allgemeinen pflegt der Ausgang günstig zu sein;
-nur vorher geschwächte Individuen erliegen gelegentlich der Krankheit.
-
-Im Blute von Rückfallfieberkranken während des Anfalles entdeckte
-bereits im Jahre 1873 der deutsche Arzt _Obermeier_ feinste,
-Eigenbewegungen zeigende, flach schraubenförmig gewundene Fäden (Abb.
-20), die er mit vollem Recht, wie wir heute wissen, als die Ursache der
-Krankheit ansprach. _Metschnikoff_ zeigte, indem er sich selbst mit dem
-Blute eines Rekurrenskranken impfte, die Übertragbarkeit der Krankheit
-mit dem spirillenhaltigen Blute auf den Menschen: er erkrankte an
-typischem Rückfallfieber. _Robert Koch_ gelang die Übertragung der
-Krankheit in gleicher Weise auf Affen. In jüngster Zeit wiesen endlich
-dann _Novy_ und _Knapp_ nach, daß man sie auch auf Ratten und Mäuse
-überimpfen könne, was jahrzehntelang für unmöglich galt. Erst durch
-diese Feststellung wurde ein genaueres Studium der Spirillen weiteren
-Kreisen der Forscher möglich, denn eine _Kultur_ der Spirillen ist
-bisher _nicht_ gelungen. Auch besteht übrigens bisher noch keine
-Einigkeit darüber, ob sie zu den Bakterien oder zu den niedersten
-tierischen Lebewesen gehören.
-
-[Illustration: Abb. 20.
-
-Spirillen des Rückfallfiebers im Blute einer künstlich infizierten
-Maus. ~E~ = rote Blutkörperchen; ~W~ = weiße Blutkörperchen; ~Sp~ =
-Spirillen.]
-
-Im erkrankten Körper finden sich die Spirillen ganz _ausschließlich
-im Blute_ und in den blutbildenden Organen. Daraus ergibt sich, daß
-sie in keinerlei Ausscheidung der Kranken in die Außenwelt gelangen,
-und es ergibt sich weiter die Frage, wie denn unter diesen Umständen
-die Verbreitung der Krankheit zustande komme. Man hatte darüber schon
-längst richtige Vermutungen. Es lag nämlich sehr nahe, anzunehmen, daß
-blutsaugende Insekten die Überimpfung vom kranken auf den gesunden
-Menschen vermitteln, die wir bei experimenteller Übertragung auf Tiere
-absichtlich vornehmen. Damit war die Beobachtung auch gut vereinbar,
-daß die Krankheit ganz vorwiegend die niederen Volksklassen befällt
-und hier wieder vor allem die untersten Schichten, Vagabunden z.
-B., heimsucht, die im allgemeinen besonders viel mit Ungeziefer in
-Berührung kommen. Zwar ist für das europäische Rückfallfieber die
-Ungezieferart, die speziell für diese Übertragungen verantwortlich
-gemacht werden muß, noch nicht mit unbestrittener Sicherheit
-festgestellt, wohl aber ist diese Feststellung _Robert Koch_ für die
-Spirille des afrikanischen Rückfallfiebers gelungen, das mit dem
-europäischen sehr weitgehende Übereinstimmung zeigt und auch von
-Spirillen von durchaus ähnlichen Eigenschaften ausgelöst wird. Das
-afrikanische Rückfallfieber wird nach Kochs Feststellungen durch eine
-bestimmte Zeckenart verbreitet, die nachts den Menschen befällt und
-Blut saugt. Dabei hat sich die sehr merkwürdige Tatsache gefunden, daß
-die Spirillen, die mit dem Blute eines rekurrenskranken Menschen in den
-Körper der Zecken gelangen, mit den Eiern, die das Tier legt, in die
-Außenwelt gelangt, nicht zugrunde gehen. Es finden sich vielmehr später
-in einzelnen Eiern wieder lebende Mikroorganismen, und die Zecken, die
-sich aus solchen Eiern entwickeln, sind nachweislich wieder imstande,
-Spirillen und Rekurrensfieber auf gesunde Tiere (und also auch auf den
-Menschen) zu übertragen. Europäer erkranken auch in Afrika deshalb
-selten an Rekurrens, weil sie dem Biß der gefährlichen Zeckenart
-weniger ausgesetzt sind als die Neger.
-
-
-
-
-Kapitel VI.
-
- Die beiden wichtigsten exotischen Seuchen, Pest und Cholera,
- mit einer Vorbemerkung zu ihrer Geschichte und Epidemiologie.
-
-
-Pest und Cholera.
-
-Historische und epidemiologische Vorbemerkung.
-
-Pest und Cholera, die beiden mörderischsten Seuchen, die die
-Menschheit heimsuchen, haben neben vielen unterscheidenden auch einige
-gemeinsame Züge: beider Heimat ist Asien, beide sind zu verschiedenen
-Zeiten von dort mit dem Verkehr zu Lande und zu Wasser zur Levante
-und nach Rußland und -- auf verschiedenen Wegen -- nach West- und
-Mitteleuropa vorgedrungen in großen Seuchenzügen, die gewaltige Opfer
-an Menschenleben gefordert haben. Die heute in Mitteleuropa lebende
-erwachsene Generation steht noch unter dem Eindruck des letzten
-größeren Angriffs der Cholera -- der Hamburger Epidemie von 1892. Die
-Tatsache, daß bei unseren östlichen Nachbarn auch augenblicklich die
-gefürchtete Seuche haust und trotz der Fortschritte unserer Kenntnisse
-nicht gebändigt werden kann, vor allem aber die Tatsache, daß hier und
-da trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ein oder einige Cholerafälle in die
-Kulturländer Westeuropas eingeschleppt werden, erinnert uns beständig
-daran, daß dieser Feind vor der Tür steht, und daß wir stets zu seiner
-Abwehr gerüstet sein müssen.
-
-Während aber die Cholera bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts völlig
-unbekannt war, stellt die _Pest_ die eigentlich gefährlichste,
-mörderischste Krankheit des mittelalterlichen Europas dar. Die beiden
-großen Seuchen haben sich -- in ihrer Rolle in Europa -- gewissermaßen
-abgelöst.
-
-So ist denn auch die Erinnerung an die Pest im Volksbewußtsein fast
-erloschen, die Furcht vor einem Einbruch dieses Feindes -- man kann
-sagen, mit Recht -- verschwunden.
-
-Die fürchterlichste Pestepidemie, die Mitteleuropa überzog, war
-diejenige der Mitte des 14. Jahrhunderts. Man hat berechnet, daß damals
-ein Viertel der Bewohner Europas oder etwa 25 Millionen Menschen dem
-»schwarzen Tod« erlegen sind. Erhebliche Opfer forderten weitere
-Pestepidemien des 15. und 16. Jahrhunderts, erst im 17. Jahrhundert
-ließen diese nach, und erst mit dem 18. Jahrhundert verschwand die
-Seuche aus Westeuropa, von einzelnen kleinen Einfällen abgesehen,
-völlig, während sie aus dem Osten und Südosten Europas erst seit der
-zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so gut wie verschwunden ist.
-
-Von all dem unabsehbaren Unheil ist heute kaum etwas in unserem
-Volksbewußtsein geblieben, als der Name der Krankheit, der sich noch in
-einigen Ausdrücken erhalten hat.[11]
-
-Der erste große Einbruch der _Cholera_ nach Europa fand im Jahre
-1826 statt, und zwar gelangte die Seuche auf dem Landwege über die
-Türkei und Rußland nach Deutschland, kam mit dem Seeverkehr nach
-England, wurde von dort aus auch nach Amerika geschleppt und gelangte
-gleichzeitig auch anderseits nach China und Japan.
-
-Weitere gewaltige Seuchenzüge überzogen in der zweiten Hälfte des
-19. Jahrhunderts alle bewohnten Länder der Erde, die am Weltverkehr
-beteiligt sind. Im Königreich Preußen allein erlagen im Jahre 1866
-nicht weniger als 114000 Menschen der Cholera. Die letzte große
-Ausbreitung der Seuche, die auch Westeuropa vorübergehend ernstlich
-bedrohte, begann im Jahre 1883; zu Anfang der 90er Jahre kam die
-Krankheit nach Rußland, wo sie in den Jahren 1892 bis 1894 etwa 800000
-Menschenleben vernichtet haben soll.
-
-Von da aus wurde der Ansteckungsstoff nach fast allen größeren
-Hafenplätzen Europas verschleppt; zu einer größeren Epidemie kam es
-aber nur in Hamburg. Es gelang, der weiteren Verbreitung der Gefahr
-vorzubeugen -- dank den Fortschritten der Kenntnisse über ihre Ursache,
-vor allem Dank der Entdeckung und Erforschung der Cholera-Erreger durch
-_Robert Koch_.
-
-Unmöglich dagegen ist und bleibt bis auf weiteres die vollständige
-_Beseitigung_ der _beiden_ Seuchen, denn beide haben ihre vorläufig
-unangreifbaren Schlupfwinkel, entlegene Landstriche, in denen sie
-endemisch hausen, und aus denen sie nicht eher verschwinden werden,
-als durchgreifende hygienische Maßnahmen in großem Stil zur Anwendung
-gelangen werden. Solcher »Pestherde« sind mehrere im Innern Asiens
-vorhanden, ein weiterer ist in Innerafrika (Uganda) festgestellt
-worden. Bis zu ihrer Beseitigung wird die Gefahr eines immer neuen
-Aufflammens von Pestepidemien in Asien und Afrika und damit auch einer
-Bedrohung Europas nicht schwinden.
-
-Ähnlich steht es mit der asiatischen Cholera, die ihre Hochburg im
-Gangesdelta hat, unter dessen armer Eingeborenenbevölkerung sie
-vorläufig unausrottbar endemisch ist. Für ihre Verbreitung sind von
-verhängnisvoller Bedeutung die religiösen Bräuche der Mohammedaner,
-die in Gestalt der Pilgerfahrten zu den heiligen Stätten des Islam wie
-geschaffen sind, um den Tausenden, die aus allen Himmelsrichtungen
-zusammenströmen, den Ansteckungsstoff zu vermitteln, den sie dann auf
-der Heimfahrt mit sich schleppen. Gegen die Choleraeinschleppung durch
-Pilger nach Ägypten hat man bisher ohne vollen Erfolg einen mühsamen
-Kampf geführt, und es verdient alle Achtung, daß es den europäischen
-Sanitätsbehörden bisher gelungen ist, im wesentlichen das Vordringen
-der Seuche von da aus auf dem Seewege nach Europa hintanzuhalten.
-
-Freilich ist das ein geringer Trost Angesichts der Tatsache, daß die
-Cholera auf dem _Landwege_ bis in die Hauptstädte Rußlands vorgedrungen
-ist und, damit in die nächste Nähe unserer östlichen Grenze gerückt,
-unsere Medizinalbehörden zu ständiger gespannter Aufmerksamkeit und
-schärfster Kontrolle der Grenze zwingt. Daß auch die westeuropäischen
-Häfen erheblich gefährdet sind, seit der unheimliche Gast in Rußland
-festen Fuß gefaßt hat, bedarf kaum der Erwähnung.
-
-
-Die Pest.
-
-Aus den Beschreibungen der verschiedenen Krankheitsbilder, unter
-denen »der schwarze Tod« in den großen Epidemien des 14. Jahrhunderts
-die Menschen dahinraffte, geht hervor, daß während jener Epidemien
-viele Fälle von _Lungenpest_ beobachtet wurden. Im allgemeinen
-tritt diese Form der Krankheit an Häufigkeit zurück hinter der als
-_Beulen_pest oder Bubonenpest bezeichneten gewöhnlichen Form. Bei
-dieser letzteren zeigt sich als charakteristisches Krankheitssymptom
-eine starke, außerordentlich druckempfindliche, entzündliche Schwellung
-von Lymphdrüsen, meist einer solchen am Oberschenkel oder in der
-Leistengegend, zuweilen in der Achselhöhle, seltener am Halse oder am
-Kiefer. Die Krankheitskeime sind dahin von irgendeiner ganz winzigen
-benachbarten Hautwunde aus gelangt. Gleichzeitig mit dem Auftreten
-der »Pestbubonen« (geschwollenen Drüsen) setzt hohes Fieber ein.
-Die Kranken zeigen Bewußtseinstrübung, ihre Sprache wird lallend,
-und innerhalb 3–4 Tagen sterben 70–80% der Befallenen meist
-unter Bewußtlosigkeit. In ganz besonders schweren Fällen kann der
-Krankheitsverlauf noch kürzer sein.
-
-Die _Lungen_pest kann sich entweder aus einem Falle von Beulenpest
-nachträglich entwickeln, oder es kann -- in seltenen Fällen -- gleich
-von Anbeginn der Erkrankung an die Lunge befallen sein. Dann verläuft
-die Krankheit unter dem Bilde einer Lungenentzündung, und zwar führt
-sie fast ausnahmslos und meist sehr rasch zum Tode.
-
-Der Erreger der Seuche, der Pestbazillus (Abb. 21 u. 22), wurde im
-Winter 1893/94 gelegentlich einer in Hongkong herrschenden Epidemie
-gleichzeitig von einem Schüler _Pasteurs_, _Yersin_, und einem Schüler
-_Kochs_, _Kitasato_, entdeckt. Es ist ein kleines, kurzes, ziemlich
-plumpes Stäbchen mit abgerundeten Enden, das keine Eigenbewegungen
-besitzt, keine Sporen bildet, aber in mancher Beziehung vergleichsweise
-widerstandsfähig gegen physikalische Einflüsse ist; namentlich ist es
-im Gegensatze zu den meisten anderen krankheiterregenden Bakterien
-auffallend unempfindlich gegen Kälte. In Kulturen vermag es sich
-selbst bei + 4,5° ~C~, wenn auch sehr langsam, zu vermehren, während
-die meisten pathogenen Bakterien ja erheblich höhere Temperaturen
-beanspruchen, und viele geradezu auf Körpertemperatur angewiesen sind.
-
-[Illustration: Abb. 21.
-
-Pestbazillen aus einer Reinkultur auf Nähragar.]
-
-Dieses Pestbakterium findet sich bei der Beulenpest in den entzündeten
-Lymphdrüsen in kolossalen Mengen, in späteren Stadien auch im Blute und
-wird in solchen Fällen auf den Körper des Erkrankten streng beschränkt
-bleiben, also nicht in die Außenwelt gelangen, es sei denn, daß nach
-Vereiterung einer Lymphdrüse ein Durchbruch von eitrigem Material
-nach außen eintritt. In diesem letzteren Falle werden mit dem Eiter
-natürlich auch Pestbakterien, und zwar in großer Menge, ausgeschieden.
-In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle von Beulenpest kommt es aber
-nicht hierzu, und daraus ergibt sich schon, daß solche Kranke selbst
-für ihre nächste Umgebung keine erhebliche Gefahr darstellen. Ganz
-anders bei der Lungenpest: der Kranke, der an dieser Form der Seuche
-leidet, scheidet mit seinem Auswurf massenhafte virulente Pestkeime
-aus und wird dadurch für seine Umgebung außerordentlich gefährlich.
-Auch von dieser Gefahr macht man sich aber zuweilen ganz übertriebene
-Vorstellungen: wer sie genau kennt, vermag ihr vorzubeugen. Das beweist
-am besten eine Angabe von _Schottelius_: danach erkrankten von den 99
-englischen Diakonissinnen, die von 1894–1900 ausschließlich zur Pflege
-Pestkranker nach Bombay gekommen sind, im ganzen nur 3 an Pest, von
-denen zwei genasen. Überhaupt werden Europäer, auch in den Gegenden, in
-denen die Pest niemals erlischt, vergleichsweise nur äußerst selten von
-der Seuche befallen; in erster Linie deshalb, weil sie für Reinlichkeit
-des Körpers, der Kleidung und Wohnung Sorge tragen. -- Anderseits wird
-die Gefahr der Pestverbreitung durch den Auswurf dadurch vergrößert,
-daß, wie _Gotschlich_ zuerst feststellte, noch wochenlang nach der
-Abheilung einer Pestlungenentzündung im Auswurf des Rekonvaleszenten
-bzw. Genesenen Pestbazillen nachzuweisen sind.
-
-[Illustration: Abb. 22.
-
-Pestbazillen im Abstrich von einer vereiterten Lymphdrüse (Bubo) bei
-Bubonenpest.]
-
-Von größter Bedeutung für die Entstehung und Verbreitung von
-Pestepidemien ist die Tatsache, daß der Pestbazillus ebenso wie
-für den Menschen für eine Reihe von kleineren Nagetieren höchst
-gefährlich ist, insbesondere für Ratten. Man hat beobachtet, daß dem
-ersten Auftreten von gehäuften Pestfällen unter den Menschen oft ein
-massenhaftes Rattensterben vorausgeht. Dies gilt vor allen Dingen für
-die sogenannten Pestherde, jene Gegenden, in denen die Krankheit nie
-vollständig erlischt. Die natürliche Verbreitung der Seuche unter
-diesen Tieren soll hauptsächlich dadurch erfolgen, daß die Überlebenden
-die Leichen der an Pest gestorbenen Tiere aufzufressen pflegen. Die
-Pestbazillen dringen dann in kleine Verletzungen des Rachens ein, und
-die ersten »Pestbeulen« finden sich dann auch häufig am Halse; d.
-h. mit andern Worten: in den der infizierten Wunde nächstgelegenen
-Halslymphdrüsen.
-
-Durch neueste Untersuchungen ist es wahrscheinlich gemacht, daß
-von Ratten die Seuche auf den Menschen hauptsächlich durch _Flöhe_
-übertragen wird; dafür sprechen manche Erfahrungstatsachen; vereinbar
-damit ist z. B. die schon erwähnte Seltenheit der Erkrankung bei
-Europäern, die in reinlichen Wohnungen leben und sich vor Ungeziefer
-überhaupt schützen, ferner auch die sicherstehende Tatsache, daß
-einen relativen Schutz gegen die Seuche auch die unter günstigen
-hygienischen Bedingungen lebenden vornehmen Kasten der indischen
-Bevölkerung genießen, endlich die Feststellung, daß weitaus die meisten
-Pestbubonen an den Oberschenkeln sitzen und dadurch auf Eindringen der
-Krankheitskeime an den Beinen hindeuten: es ist ja einleuchtend, daß
-Flöhe, die von den verendeten Ratten auf den Menschen übergehen, meist
-zunächst auf die unbekleideten Beine gelangen und daher am häufigsten
-auch hier zuerst stechen werden.
-
-Die Bekämpfung der Pest bei der armen eingeborenen Bevölkerung Indiens
-muß vorläufig auf die größten Schwierigkeiten stoßen, da sie nach dem
-eben Gesagten wesentlich in der Hebung der hygienischen Verhältnisse im
-allgemeinen beruhen müßte. In dieser Hinsicht ist aber von der näheren
-Zukunft wohl noch nicht viel Gutes zu erwarten.
-
-Zur Verhütung der Gefahr einer _Einschleppung_ der Seuche nach Europa
-dienen strenge Maßnahmen, die sich namentlich auf eine scharfe
-Kontrolle aller aus pestverdächtigen Gegenden kommenden Schiffe
-erstrecken. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Möglichkeit einer
-Verbreitung der Seuche durch pestkranke Ratten gerichtet. Hier kommen
-als Schutzmaßregeln zunächst wieder Vorkehrungen in Betracht, die das
-Eindringen von Ratten an Bord von Schiffen in pestverseuchten Häfen
-unmöglich machen sollen. Weiterhin hat man als radikalste und beste
-Methode die Vernichtung sämtlicher in den Schiffsräumen befindlichen
-Ratten durch Entwickelung giftiger Gase mit Erfolg versucht.
-
-Sollte trotz aller Vorsicht einmal ein Pestfall nach Deutschland
-eingeschleppt werden, so wird der Umfang der dadurch entstehenden
-Gefahr in erster Linie von der Schnelligkeit abhängen, mit der die
-Krankheit erkannt wird. Gelingt es, den betreffenden Patienten zu
-isolieren, bevor er seine Umgebung angesteckt hat, so wird die Gefahr
-unterdrückt werden können. In erster Linie dienen diesem Zwecke
-sogenannte Pestlaboratorien, die im Anschluß an größere hygienische
-und andere staatliche Institute, die sich mit der Erforschung der
-Infektionskrankheiten beschäftigen, in über 20 deutschen Städten
-vorhanden sind. Für die Einrichtung und den Betrieb dieser Laboratorien
-bestehen besonders strenge und genaue Vorschriften, denn bei der
-Gefährlichkeit des Pestbazillus ist selbst das wissenschaftliche
-Arbeiten mit dem Keim mit vergleichsweise großen Gefahren verknüpft;
-man braucht z. B. nur an die Möglichkeit zu denken, daß eine zu
-diagnostischen Zwecken mit Pestmaterial geimpfte Ratte aus ihrem Käfig
-entwischte; dies könnte den Anlaß zu einer Pestseuche zunächst unter
-den Ratten geben, die dann aber unter unglücklichen Bedingungen auch
-auf die Menschen überspringen könnte. Auch sind einige sehr traurige
-Fälle, in denen Ärzte sich beim Arbeiten mit Pestbazillen eine tödliche
-Infektion zuzogen, ja allgemein bekannt geworden und noch in lebhafter
-Erinnerung.
-
-In Gegenden, in denen die Pest heimisch, »endemisch« ist, hat man mit
-Erfolg, besonders bei Soldaten, Schutzimpfungsverfahren angewendet,
-die meist in der Injektion kleiner Mengen abgetöteter Reinkulturen
-des Pestbazillus bestanden und sich nach den Berichten bewährt
-haben. Neuerdings sollen auch günstige Erfolge durch Schutzimpfung
-von Menschen mit lebenden, avirulenten Pestkulturen erzielt sein.
-Erwähnt sei noch, daß vom Institut _Pasteur_ in Paris mittels eines
-langwierigen Vorbehandlungsverfahrens von Pferden ein Antipestserum
-hergestellt wird. Bei dem letzten unliebsamen Besuche, den die Pest vor
-wenigen Jahren in Europa machte -- es handelte sich um eine in Oporto
-im Jahre 1899 ausgebrochene Epidemie --, hat sich dieses Serum, wenn
-auch nicht als ein sicheres Rettungsmittel, so doch als ein wertvolles
-Hilfsmittel erwiesen: die Sterblichkeit der mit dem Serum behandelten
-an Pest Erkrankten betrug nur 14,8% gegenüber einer solchen von 63,7%
-bei den unbehandelten.
-
-
-Die asiatische Cholera.
-
-Das Krankheitsbild der asiatischen Cholera ist je nach der Schwere
-der Erkrankung wechselnd. Im Vordergrunde der Erscheinungen stehen
-Durchfall und Erbrechen, häufig sind Wadenschmerzen. Die Stimme wird
-heiser, hoch, klanglos, die Haut blaß, kühl. Die Körpertemperatur sinkt
--- im Gegensatz zu den meisten anderen Infektionskrankheiten, die mit
-Temperatursteigerungen zu verlaufen pflegen --, der Tod kann in wenigen
-Stunden eintreten. Er tritt in schweren Fällen regelmäßig innerhalb
-zwei Tagen ein. Eine schreckliche Eigentümlichkeit der Krankheit ist
-es, daß das Bewußtsein bis in das letzte Stadium hinein erhalten zu
-bleiben pflegt. In leichteren Fällen sind alle diese Erscheinungen nur
-in geringerem Grade vorhanden, und es tritt Genesung ein.
-
-Im Jahre 1883 ging _Robert Koch_ als Führer einer vom Deutschen Reiche
-ausgerüsteten Expedition nach Ägypten, um an der dort herrschenden
-Epidemie womöglich die Ursache der Krankheit aufzuklären. Der Erfolg
-der Expedition war glänzend: _Koch_ wies in dem Choleravibrio oder
-Kommabazillus den Erreger der furchtbaren Seuche nach. Es handelt sich
-um ein kleines, leicht gekrümmtes, lebhaft bewegliches Bakterium, das
-seiner Form nach zu der Klasse der Vibrionen gehört, und das sich in
-enormen Mengen im Darm Cholerakranker findet. Die Reinkulturen dieses
-kleinen Lebewesens sind von denen ungefährlicher ähnlicher Arten mit
-Sicherheit zu unterscheiden.
-
-Die Verbreitung der Keime erfolgt, wie sich nach dem Gesagten
-schon ergibt, ganz wesentlich durch Vermittlung der diarrhöischen
-Darmentleerungen der Erkrankten. Gelangen diese ohne besondere
-Vorsichtsmaßregeln in Flußläufe, so können darin die Choleravibrionen
-einige Zeit am Leben bleiben und unter ungenügenden hygienischen
-Bedingungen, besonders also in unkultivierten Ländern, wieder zu neuen
-Infektionen führen, vor allem dann, wenn das infizierte Wasser ohne
-Vorsichtsmaßnahmen als Trinkwasser verwendet wird. -- In zivilisierten
-Ländern wird man zunächst jeden Cholerakranken zu isolieren trachten,
-sodann vor allem für die Vernichtung aller (mit den Darmentleerungen
-und dem Erbrochenen) ausgeschiedenen Keime durch Desinfektion der
-Entleerungen und der Wäsche der Kranken sorgen.
-
-[Illustration: Abb. 23.
-
-Cholera-Vibrio, Reinkultur, Abstrichpräparat. »Kommaförmige« Bakterien.]
-
-In der jüngsten Zeit hat sich herausgestellt, daß auch bei der ~Cholera
-asiatica~, ähnlich wie beim Typhus, die Gefahr der Ausbreitung
-dadurch erhöht wird, daß in seltenen Fällen Individuen, die keine
-Cholerasymptome zeigen oder gezeigt haben, Choleravibrionen in ihrem
-Darminhalt beherbergen und mit demselben ausscheiden können. Es ist
-einleuchtend, daß ein solcher »Cholerabazillenträger« besonders
-gefährlich für die Verschleppung der Seuche sein kann, weil man nur
-durch umständliche Untersuchungsverfahren, die sich unmöglich auf
-eine größere Zahl von Menschen ausdehnen lassen, die Bazillenträger
-feststellen kann. Auch bei einer sorgfältigen Kontrolle des Eisenbahn-
-und Flußverkehrs wird man beispielsweise immer nur die wirklich
-_Kranken_ an der Überschreitung der Grenze und Verschleppung der Seuche
-hindern können. »Bazillenträger« sollen übrigens nach den amtlichen
-Berichten bei der zurzeit (1909) in Petersburg herrschenden Epidemie
-ungemein häufig angetroffen worden sein und sollen wesentlich dazu
-beigetragen haben, daß die Unterdrückung der Seuche nicht gelingen will.
-
-Ein wirksames _Heil_serum gegen die asiatische Cholera besitzen
-wir vorläufig nicht, dagegen haben Versuche, den Menschen durch
-Impfung mit abgetöteten oder auch avirulenten lebenden Reinkulturen
-vor der Infektionsgefahr zu schützen, ermutigende Erfolge gehabt.
-Sie kommen natürlich ausschließlich für Cholerazeiten in Betracht
-und werden besonders große Bedeutung z. B. für den Schutz größerer
-Truppenabteilungen in verseuchten Ländern besitzen, unter Umständen
-also, unter denen die Maßnahmen der Hygiene nicht durchführbar sind.
-Immerhin kann das Schutzimpfungsverfahren auch für weitere Kreise
-praktische Bedeutung gewinnen, wenn wider Erwarten trotz aller
-Schutzmaßnahmen unserer Behörden die Seuche auch bei uns noch einmal
-einfallen sollte.
-
-Weitaus am einfachsten und nach unseren Erfahrungen durchaus sicher
-ist diejenige Schutzmaßnahme, die jeder Einzelne in Zeiten einer
-Choleraepidemie zu treffen hat, um der Krankheit zu entgehen: Er
-hat sorgfältig zu vermeiden, daß Choleravibrionen in seinen _Mund_
-und von da aus in den Darmkanal geraten; abgesehen von allgemeiner
-großer Reinlichkeit wird man dazu in solchen Zeiten ausschließlich
-nötig haben, alle irgendwie verdächtigen Speisen zu vermeiden. Am
-zweckmäßigsten wird man also in Cholerazeiten den Genuß von rohem Obst
-und ungekochtem Wasser ganz unterlassen und überhaupt ausschließlich
-gekochte oder gründlich gebratene Speisen zu sich nehmen. Daß diese
-einfachen und naheliegenden Mittel sehr wirksamen Schutz gewähren,
-beweist die schon erwähnte Tatsache, daß die Ärzte, die während der
-Hamburger Epidemie der Infektion ständig ausgesetzt waren, allein durch
-ihre Anwendung von der Seuche so gut wie verschont geblieben sind.
-
-
-
-
-Kapitel VII.
-
- Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas, die durch
- Stäbchenbakterien hervorgerufen werden: Diphtherie. -- Tetanus.
- -- Influenza. -- Keuchhusten. -- Unterleibstyphus. (Mit einer
- Anmerkung über Nahrungsmittelvergiftungen durch Bakterien.)
-
-
-Diphtherie.
-
-Die Diphtherie war nach der Unterdrückung der Pocken in unserem Lande
-wohl mit Recht eine der am meisten gefürchteten Krankheiten des
-kindlichen Alters, bis sie dank dem Diphtherie-Heilserum viel von ihrem
-Schrecken verlor. Die Krankheit beginnt nach einer gewöhnlich nur 2–5
-Tage dauernden Inkubationszeit mit Fieber, Kopf- und Halsschmerzen
-und Schluckbeschwerden. Diese letzteren beruhen auf der wichtigsten
-krankhaften Veränderung, die der Diphtheriebazillus verursacht, nämlich
-auf der Bildung von eigentümlichen bräunlichgrauen Auflagerungen
-(Pseudomembranen) auf den entzündeten Schleimhäuten des Rachens und
-der oberen Luftwege, der Mandeln, des Kehlkopfes, seltener der Nase.
-Diese Pseudomembranen können, wenn sie sehr umfangreich werden, selbst
-die Atmung erschweren, ja vollständig unterdrücken und dadurch zu
-Erstickungsgefahr führen, der der Arzt in besonders schweren Fällen
-nur durch einen Luftröhrenschnitt begegnen kann. Aber auch nach dem
-Überstehen der ersten lokalen Krankheitserscheinungen können später
-noch nach Wochen von diesen ganz verschiedene und zuweilen sehr ernste
-Komplikationen sich einstellen, die in Lähmungen bestimmter Nerven
-bestehen.
-
-[Illustration: Abb. 24.
-
-Reinkultur von Diphtheriebazillen. Abstrichpräparat.]
-
-Die Ursache der schlimmen Krankheit wurde im Jahre 1887 von _Loeffler_,
-einem Schüler _Kochs_, entdeckt:
-
-Der Erreger der Diphtherie ist ein kleines unbewegliches
-Stäbchenbakterium, das eine eigentümliche Form und in größeren
-Verbänden eine charakteristische Anordnung zeigt (Abb. 24) und das
-sich in den erwähnten Pseudomembranen in sehr großen Mengen vorfindet.
-Die einzelnen Bazillen sind sehr schlank, häufig ein wenig gekrümmt,
-und besitzen leichte kolbige oder knopfförmige Anschwellungen an
-einem oder an beiden Enden, die sich schon bei der Färbung mit den
-gebräuchlichen Anilinfarben, besonders aber bei Anwendung besonderer
-Methoden, intensiver färben als die Mitte. Dieses Stäbchen vermag
-hochwirksame _Toxine_ abzusondern, die sowohl für die lokalen
-Erscheinungen als auch für die späteren, schon erwähnten sogenannten
-postdiphtherischen Lähmungen die Ursache abgeben.
-
-Die Ansteckung erfolgt in der Regel durch direkte Übertragung
-vom Kranken auf den Gesunden; doch wird auch in diesem Falle die
-Sachlage dadurch kompliziert, daß Diphtherie-Rekonvaleszenten
-noch wochen-, ja monatelang nach der Überstehung der Krankheit
-lebende und infektionstüchtige Diphtheriebazillen in ihrem Rachen
-beherbergen und dadurch zur Verbreitung der Krankheit beitragen
-können. Bei systematischen Untersuchungen, z. B. bei der Untersuchung
-sämtlicher eine Schule besuchenden Kinder, hat man mehrfach echte
-Diphtheriebazillen auch im Rachen von Kindern nachgewiesen, die
-an der Krankheit weder im Augenblick litten, noch nachweislich
-gelitten hatten. Diese Freistellungen lassen den Versuch, durch
-allgemeine prophylaktische Maßnahmen die Verbreitung der Krankheit zu
-unterdrücken, als ungemein schwierig erscheinen; trotzdem lehrt die
-Erfahrung, daß diesen Vorbeugungsmaßregeln, wie z. B. rechtzeitigem
-Schluß der Schulen bei Ausbruch von Epidemien, eine große Bedeutung
-zukommt, wenn sie in sachgemäßer Weise gehandhabt werden.
-
-Auch heute noch ist die Diphtherie mit Recht eine gefürchtete
-Krankheit, aber sie hat doch ihren schlimmsten Schrecken verloren,
-seit _v. Behring_ in dem Diphtherie-Heilserum ein wirksames und
-zuverlässiges Heilmittel für die Krankheit entdeckt hat.
-
-Die Wirkung des Heilserums beruht auf dessen Gehalt an spezifischen
-Antitoxinen (vgl. Kap. III), die imstande sind, die Wirkung der Toxine
-des Diphtheriebazillus aufzuheben. Man kann dieses Heilserum auch mit
-Erfolg zum _Schutze_ eines noch gesunden, aber der Ansteckungsgefahr
-ausgesetzten Menschen verwenden, und _v. Behring_ selbst hat solche
-Verwendung in ausgedehntem Maße auch früher befürwortet. Dagegen
-spricht aber der Umstand, daß eine solche Schutzwirkung einer
-Heilseruminjektion nur eine auf wenige Wochen beschränkte Dauer
-hat, weil nach dieser Zeit die Antitoxine aus dem Körper des so
-vorbehandelten Menschen wieder verschwunden sind. Man würde also
-sehr häufiger Wiederholungen der Seruminjektionen bedürfen, wenn
-man einen dauernden Schutz erzielen wollte, und, abgesehen von der
-Umständlichkeit eines solchen Verfahrens, verbietet sich dies auch noch
-aus gewichtigen anderen Gründen, deren vornehmster in der Schädlichkeit
-wiederholter Einspritzungen artfremden Serums für den menschlichen
-Körper besteht.
-
-Die Anwendung des Diphtherieserums wird deshalb in erster Linie zu
-Heilzwecken, nur in besonderen Fällen zu Schutzzwecken erfolgen
-dürfen. Die Heilwirkung des Mittels aber tritt um so sicherer und
-ergiebiger ein, je rascher nach dem Beginn der Erkrankung die Injektion
-erfolgte. Die frühzeitige Erkennung des Charakters einer diphtherischen
-Erkrankung ist also von der größten Bedeutung. In sehr frühen Stadien,
-in denen es zur Bildung deutlich sichtbarer Pseudomembranen noch nicht
-gekommen ist, vermag oft der Nachweis der echten Diphtheriebazillen
-im Rachen des verdächtig Erkrankten die Diagnose der Diphtherie zu
-sichern. Dieser Nachweis kann zuweilen schon durch die mikroskopische
-Untersuchung eines Ausstrichpräparates vom Rachenschleim erbracht
-werden. Meist erfordert er aber die Anlegung von Kulturen, die auf
-einem von _Löffler_ angegebenen, besonders geeigneten Nährboden schon
-nach etwa 6 Stunden bei Brüttemperatur auskeimen. Die Kürze der Zeit,
-die der Diphtheriebazillus zu seiner Vermehrung auf diesem Nährboden
-braucht, ist für die frühzeitige Erkennung von Krankheitsfällen
-von sehr günstigem Einfluß. Freilich kommen die Vorteile dieser
-Methode vorläufig nur den Bewohnern größerer Städte zugute, die gut
-eingerichtete bakteriologische Untersuchungsanstalten besitzen.
-
-
-Der Tetanus oder Wundstarrkrampf.
-
-Der Wundstarrkrampf ist eine in verschiedenen Fällen sehr verschieden
-schwer verlaufende Erkrankung, die zustande kommt, wenn -- gewöhnlich
-bei schweren Verletzungen, Knochenbrüchen mit Weichteilzerreißung,
-Quetschungen usw. -- zusammen mit gröberen Verunreinigungen, Schmutz,
-Gartenerde, Staub, auch Tetanusbazillen in die Tiefe der Gewebe
-gelangen, diese so sehr verbreiteten Keime, von denen wir oben (S.
-30 u. 32) schon gesprochen haben. In seltenen Fällen kann eine
-Tetanusinfektion auch im Anschluß an eine Geburt -- von den Wunden
-der Geburtswege aus -- erfolgen, aber immer nur dann, wenn grobe
-Unreinlichkeit vorgelegen hat. Charakteristisch für das Krankheitsbild
-sind Krampfzustände von zunehmender Häufigkeit, Ausdehnung und Schwere.
-
-Der Tetanusbazillus, der zuerst von _Kitasato_ rein gezüchtet wurde,
-ist ein sehr verbreiteter, anaërober Bazillus, der Eigenbewegungen
-besitzt und endständige Sporen bildet. Seine krankmachenden
-Eigenschaften beruhen auf der Bildung von Toxinen, die er auch in
-Kulturen produziert. Diese Toxine vermögen auch im Tierversuch Tetanus
-auszulösen und sind ganz außerordentlich wirksam, so daß minimale
-Mengen von Tetanus-Kulturfiltraten den Tod empfänglicher Versuchstiere
-unter den charakteristischen Erscheinungen des Wundstarrkrampfes
-herbeiführen.
-
-Es ist gelungen, ein dem Diphtherieserum in seiner Wirkungsweise
-ähnliches Tetanusserum zu gewinnen, doch ist leider dessen Wirksamkeit
-nicht ausreichend, um den einmal ausgebrochenen Starrkrampf noch
-sicher zu heilen. Dagegen wird neuerdings berichtet, daß die Injektion
-verhältnismäßig kleiner Mengen des spezifischen Serums einen sicheren
-Schutz gegen den Ausbruch des Tetanus bei Leuten gewährt, die durch
-verunreinigte schwere Verletzungen in erheblichem Grade der Gefahr der
-Erkrankung an Wundstarrkrampf ausgesetzt sind.
-
-
-Influenza.
-
-Man bezeichnet in Laienkreisen und freilich vielfach auch in ärztlichen
-Kreisen mit »Influenza« oder »Grippe« häufig allerhand leichtere
-oder schwerere Erkrankungen, die mit Katarrhen der oberen Luftwege
-einhergehen. Man sollte im engeren Sinne aber diesen Namen nur auf eine
-ganz bestimmte, durch ihre enorme Ausbreitungstendenz charakterisierte,
-ausgesprochen epidemische Krankheit beschränken. Nur für diese gelten
-die folgenden Angaben. Die Krankheitserscheinungen bestehen in starken
-Kopfschmerzen und Kreuzschmerzen, großer Mattigkeit, Erscheinungen,
-die alle auffallend plötzlich einsetzen und sofort ein starkes
-Krankheitsgefühl auslösen. Dazu kommen in den leichteren Fällen
-Katarrhe der oberen Luftwege, die aber in schwereren Fällen, namentlich
-bei älteren Leuten, zu gefährlichen, ja tödlichen Lungenentzündungen
-führen können.
-
-Die Ursache der Influenza wurde von _R. Pfeiffer_ im Jahre 1892 in
-einem ganz außerordentlich kleinen Stäbchenbakterium entdeckt, dessen
-Reinzüchtung nur bei Körpertemperatur und ausschließlich auf Nährböden
-gelang, die entweder Blut oder anderes, nichtkoaguliertes Körpereiweiß
-enthielten. Der Influenzabazillus erliegt außerhalb des Körpers rasch
-der Eintrocknung und wird ohne Zweifel ganz wesentlich durch direkte
-Übertragung von Mensch zu Mensch gefährlich.
-
-Diese Übertragung erfolgt in erster Linie durch die beim Husten
-verstreuten feinsten bazillenhaltigen Tröpfchen unmittelbar, oder,
-wohl seltener, mittelbar, durch sogenannte Kontaktinfektion (Kontakt
-= lateinisch Berührung), wenn nämlich bazillenhaltiger Auswurf auf
-irgendeine Weise durch Unreinlichkeit verschleppt wird, und so rasch,
-daß zur Eintrocknung keine Zeit ist, in die oberen Luftwege, vor allem
-in den Mund, eines gesunden Individuums gelangt.
-
-Dieser direkten Übertragung von Mensch zu Mensch entspricht die
-außerordentlich rasche Verbreitung der Seuche in den Kulturländern, die
-genau den großen Verkehrswegen, speziell den großen Eisenbahnlinien,
-folgt und vorläufig wohl allen Schutzmaßnahmen trotzt. An ein Absperren
-der Grenzen gerade gegen diese Krankheit ist kaum zu denken, vor
-allem mit Rücksicht auf relativ leichte Fälle, die nicht erkannt
-werden, und so kann man gerade gegenüber der echten Influenza nach
-dem heutigen Stande unseres Wissens in der Tat eine sicher wirksame
-Schutzmaßnahme nicht angeben. Man kann nur für den Fall neuen
-Auftretens einer Epidemie besonders allen weniger widerstandsfähigen
-älteren und kränklichen Leuten empfehlen, den Verkehr mit allen
-irgendwie der Infektion Verdächtigen zu vermeiden, wobei dann freilich
-die Entscheidung, wer der Infektion verdächtig ist, so schwer ist, daß
-man sich am besten vollständig gegen die Außenwelt abschlösse, ein
-Verhalten, das nur den wenigsten Menschen möglich ist. Daß eine solche
-Vorsicht von Erfolg begleitet sein kann, ergibt sich beispielsweise aus
-der Beobachtung, daß bei Epidemien, die so gut wie niemand verschonten,
-sogenannten Pandemien, z. B. einzelne Klöster vollständig frei von
-Fällen der Seuche blieben.
-
-
-Keuchhusten.
-
-Jedermann in unserem Klima kennt die für kleine Kinder so
-außerordentlich ansteckende quälende Krankheit, die wegen der ungemein
-heftigen Hustenanfälle den Namen Keuchhusten trägt, und die, wenn
-auch im allgemeinen nicht gerade das Leben bedrohend, doch durch
-ihre lange Dauer außerordentlich schädlich und namentlich für ganz
-kleine Kinder nicht unbedenklich ist. Die große Ansteckungsgefahr bei
-dieser Krankheit ist ja allgemein bekannt. Die Verbreitung erfolgt
-entweder durch direkte Berührung, etwa beim Küssen, oder auch durch
-die beim Husten verspritzten Tröpfchen, die ihrerseits wieder entweder
-eingeatmet werden können oder auf Umwegen in den Mund und in die oberen
-Luftwege gesunder Kinder gelangen. Der Verbreitung der Krankheit läßt
-sich ausschließlich durch die möglichst frühzeitige Isolierung der
-erkrankten Kinder bis zu einem gewissen Grade vorbeugen.
-
-Während mehrfache Versuche, den Krankheitserreger zu finden, zu
-unbestrittenen Ergebnissen nicht geführt hatten, scheint es jetzt,
-daß es den belgischen Forschern _Bordet_ und _Gengou_ vor zwei Jahren
-endlich gelungen ist, den Keuchhustenerreger in einem sehr kleinen und
-nur schwer in Kulturen zu gewinnenden Stäbchenbakterium zu entdecken.
-Eine erhebliche Stütze für die Ansicht, daß dieses Bakterium der
-spezifische Krankheitskeim ist, liegt in der Feststellung, daß das
-Serum von Rekonvaleszenten häufig spezifische Antikörper gerade
-gegen diesen Bazillus aufweist. Wie weit man danach zu der Hoffnung
-berechtigt ist, daß es in absehbarer Zeit gelingen wird, auch ein
-Heilserum für die Krankheit zu gewinnen, das ist vorderhand nicht
-abzusehen.
-
-
-Typhus.
-
-Wegen der Schwere der Krankheitserscheinungen und der Zahl der Opfer,
-auch wegen der großen Schwierigkeiten, die seine Bekämpfung auch heute
-noch der ärztlichen Wissenschaft bereitet, gehört der Unterleibstyphus
-zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten unseres Klimas.
-
-Das Krankheitsbild ist in den schwereren Fällen meist sehr
-charakteristisch. Nach erfolgter Übertragung des Ansteckungsstoffes
-pflegt eine Inkubationszeit von etwa 2 Wochen Dauer zu verstreichen,
-gegen deren Ende sich unbestimmte und zunächst geringfügige
-Krankheitserscheinungen einstellen, vor allem Mattigkeit, Unlust zur
-Arbeit, Appetitlosigkeit, leichte Kopfschmerzen. Ganz allmählich
-pflegen die Erscheinungen schwerer zu werden, die Temperatur steigt
-mehr und mehr an. Erscheinungen von seiten des Darmkanals, zunächst
-gewöhnlich Stuhlverhaltung, dann Durchfälle, stellen sich ein, dazu
-kommt neben gänzlicher Appetitlosigkeit quälender Durst und im weiteren
-Krankheitsverlauf bei besonders schweren Fällen kürzere oder längere
-Bewußtseinsstörungen mit allen ihren peinlichen Folgezuständen. Meist
-erst nach mehrwöchiger Krankheit gehen die Erscheinungen langsam
-zurück, das Fieber läßt nach, und endlich tritt die Rekonvaleszenz
-ein, die nicht selten noch durch Rückfälle unterbrochen wird. Nicht
-ganz selten führen aber diese schweren Fälle, trotz aller ärztlichen
-Bemühung, zum Tode.
-
-Um so merkwürdiger mag es auf den ersten Blick erscheinen, daß neben
-schweren auch leichtere, ja, wie man seit kurzem weiß, gar nicht
-selten auch allerleichteste Formen von Typhuserkrankung vorkommen, die
-sehr oft von dem Betroffenen selbst gar nicht als Krankheit, geschweige
-denn als Typhuserkrankung im besonderen erkannt werden.
-
-Die Ursache des Prozesses ist der Typhusbazillus, der zuerst von
-_Eberth_ im Jahre 1880 gesehen, dann im Jahre 1884 von _Gaffky_ zuerst
-gezüchtet und genauer in seinen Eigenschaften erforscht wurde. Es
-handelt sich um ein kleines, sehr lebhaft bewegliches Stäbchen, das
-diese Beweglichkeit einer größeren Anzahl von Geißeln verdankt, und
-das die Eigenschaft der Sporenbildung nicht besitzt. Dieses Stäbchen
-findet sich in allen Typhusfällen in großen Mengen im Darminhalt und
-in der krankhaft veränderten Darmwand, ferner aber auch im Blute der
-Kranken und in deren Organen. Anfänglich machte seine sichere Erkennung
-große Schwierigkeiten, da sich im Darm regelmäßig normalerweise
-Bazillen finden, die den Typhusbazillen, äußerlich wenigstens, ähnlich
-sehen, die sog. Kolibazillen. Man lernte aber bald auf Grund der
-chemischen Leistungen die beiden Bakterienarten sicher und rasch
-zu unterscheiden, noch leichter und schneller gelingt heute die
-Unterscheidung auf Grund der spezifischen Seroreaktion, die im Kapitel
-III besprochen wurde. -- Zur Feststellung des typhösen Charakters
-eines verdächtigen Krankheitsfalles wird neuerdings als einfachstes
-Mittel der Nachweis der Typhusbazillen im Blute herangezogen. Einige
-Kubikzentimeter des einer Armvene entnommenen Blutes werden mit Agar
-vermischt zu Plattenkulturen verarbeitet. Schon vor Ablauf eines
-Tages entwickeln sich dann bei Brüttemperatur nahezu regelmäßig große
-Kolonien des Typhusbazillus mit sehr charakteristischen Eigenschaften,
--- vorausgesetzt, daß man es mit einem Falle von echtem Typhus zu tun
-hatte.
-
-[Illustration: Abb. 25.
-
-Typhusbazillen; Abstrich von einer Reinkultur.]
-
-Da die erste und wesentlichste Ansiedelung der Typhusbazillen im
-Darm erfolgt, ist es wahrscheinlich, daß sie immer vom Mund aus
-in den Körper eindringen. Vereinzelte Typhusfälle, die hier oder
-da auftreten, beispielsweise Erkrankung des Pflegepersonals in
-großen Krankenhäusern, sind ohne Zweifel darauf zurückzuführen, daß
-Typhusbazillen aus den Ausscheidungen eines Kranken auf irgendeinem
-Wege mit den Nahrungsmitteln oder mit der Hand in den Mund des Gesunden
-gelangt sind. Nicht nur die Darmentleerungen, sondern in sehr vielen
-Fällen auch der Harn der Kranken enthält enorme Mengen der infektiösen
-Keime, und es ist nur zu erklärlich, daß, namentlich in der Umgebung
-benommener Kranker, tausend Möglichkeiten der Kontakt-Infektion gegeben
-sind.
-
-Neuerdings ist z. B. von Geheimrat _Curschmann_, einem der erfahrensten
-Typhuskenner, besonders auf die Rolle der Fliegen bei der Verschleppung
-von Keimen hingewiesen worden; daß diese Tiere mit kleinsten
-Partikelchen der Entleerungen eines Kranken Keime verschleppen können,
-ist von vornherein einleuchtend; man hat es aber auch unmittelbar
-nachweisen können, indem man Fliegen aus dem Krankenzimmer eines
-Typhösen über eine Nähragarfläche kriechen ließ und nach einiger Zeit
-neben anderen Kolonien auch solche des Typhuserregers aufgehen sah.
-
-Die wichtigste Maßnahme, die zur Eindämmung der Typhuserkrankungen
-führen kann, ist deshalb wiederum die absolute oder doch tunlichste
-Isolierung des erkrankten Menschen. Schwerkranke sollten immer
-in Krankenhäusern untergebracht werden, die über besondere
-Isolierstationen verfügen. Von den ganz leichten Fällen ist dies
-selbstverständlich nicht zu verlangen. Unbedingte Erfordernis ist
-aber, daß sämtliche typhusbazillenhaltigen Ausscheidungen sofort in
-besonderen Gefäßen desinfiziert werden. Die neuere Zeit hat uns nun
-gelehrt, daß diese Aufgabe erheblich größer und damit schwieriger ist,
-als man früher wohl annahm, insofern, als sowohl die Rekonvaleszenten
-von schweren Typhusfällen als auch die schon erwähnten ganz leicht
-Erkrankten oft viele Monate hindurch die gefährlichen Keime beherbergen
-und ausscheiden. Bei gutem Willen kann nun zwar ein einigermaßen
-intelligenter Mensch für die Vernichtung dieser ausgeschiedenen
-Bazillen hinreichend sorgen, die erste Voraussetzung hierfür ist
-aber die Erkenntnis seiner Krankheit resp. seiner Gefährlichkeit. Um
-diese bemühen sich besonders die Medizinalbeamten und Ärzte und an
-vielen hervorragend gefährdeten Stellen besondere zur Typhusbekämpfung
-begründete Institute.
-
-Hin und wieder kommt es zu explosionsartig auftretenden Typhusepidemien
-hier oder da. In solchen Fällen hat sich in der Regel nachweisen
-lassen, daß irgendwo durch typhöse Ausscheidungen Verunreinigungen
-einer Trinkwasserquelle erfolgt waren, die dann direkt oder nicht
-selten auch auf einem Umwege zu einer sehr erheblichen Verbreitung
-der Krankheit beigetragen haben. Mehrfach hat sich gezeigt, daß
-die gemeinschaftliche Ansteckungsquelle für eine große Zahl von
-Typhusfällen in der Milch zu suchen war; die Typhusbazillen stammten
-dann wiederum aus infiziertem Wasser, das entweder zur Reinigung der
-Gefäße oder aber in betrügerischer Absicht zur Verdünnung der Milch
-verwendet worden war. Die Anstrengungen der Medizinalbehörden sind
-deshalb in neuerer Zeit auch besonders auf die Bekämpfung des Typhus in
-den Dörfern gerichtet, in denen bisher die Wasserversorgung vielfach
-noch nicht mit der gleichen Schärfe überwacht werden kann als in den
-Städten.
-
- * * * * *
-
-Einige Ähnlichkeit mit dem Unterleibstyphus haben manche Fälle
-von Vergiftungen durch Nahrungsmittel, die mit bestimmten, dem
-Typhusbazillus nahestehenden Bakterien infiziert waren. Es mag deshalb
-hier eine kurze Erörterung dieser und ähnlicher Erkrankungen und ihrer
-Entstehung angeschlossen werden.
-
-Nach dem Genuß _verdorbener_, d. h. in Fäulnis übergegangener
-Nahrungsmittel treten oft sehr erhebliche Krankheitserscheinungen,
-in erster Linie heftige Verdauungsstörungen, auf. Die Ursache
-dieser Erkrankungen liegt in der Giftigkeit mancher der bei der
-Fäulnis entstehenden Abbau- oder Zersetzungsprodukte der organischen
-Substanzen, vor allem der Eiweißabbauprodukte. Da die Zersetzung auf
-der Lebenstätigkeit von Bakterien beruht, so kann man in gewissem Sinne
-auch diese Erkrankungen den Spaltpilzen auf die Rechnung setzen. Es ist
-aber einleuchtend, daß es sich dabei um etwas ganz anderes handelt als
-um eine Infektionskrankheit. -- Man vermeidet diese Schädlichkeit in
-der Regel leicht dadurch, daß man sich vor dem Genuß aller verdorbenen
-Nahrungsmittel, die durch Aussehen, Geruch und Geschmack ja meist
-leicht erkennbar sind, hütet.
-
-Man hat aber anderseits nach dem Genuß von Nahrungsmitteln, die
-im gewöhnlichen Sinne durchaus nicht verdorben waren, mehr oder
-weniger heftige Erkrankungen auftreten sehen, die zuweilen geradezu
-epidemieartig erschienen, indem sie gleichzeitig eine große Anzahl
-von Personen befielen, die von irgendeiner Speise genossen hatten.
-Dabei handelte es sich teils um Fleischkonserven, Wurst, teils auch
-um Gemüsekonserven, aber auch um andere Speisen verschiedener Art.
-In solchen Fällen ist es bereits mehrfach gelungen, die Ursache der
-Erkrankung in bestimmten Bakterienarten nachzuweisen, die sowohl in
-dem betreffenden Nahrungsmittel als auch in den Darmentleerungen
-der Erkrankten nachgewiesen werden konnten. Bei einzelnen solcher
-Erkrankungen gelang es, die gleichen Bakterien auch im Blute der
-Patienten zu finden. In diesen Fällen haben wir es also mit einem
-echten infektiösen Prozeß zu tun.
-
-Es ist ganz ausgeschlossen, die verschiedenen Krankheitsformen und die
-dabei bisher gefundenen Krankheitserreger hier zu erörtern oder auch
-nur aufzuzählen. Glücklicherweise gehören derartige Erkrankungen und
-besonders derartige Epidemien zu den seltenen Vorkommnissen. Da sie
-aber unter Umständen große Ähnlichkeit einerseits mit der asiatischen
-Cholera, anderseits, wie erwähnt, mit dem Typhus aufweisen, so kann
-ihre richtige Erkennung besonders in Zeiten, wo die eine oder andere
-dieser beiden Krankheiten uns bedroht, von großer Wichtigkeit sein.
-So ist es vorgekommen, daß gerade während des Auftretens einzelner
-Cholerafälle in unsern östlichen Provinzen, zu einer Zeit also,
-in der man eine epidemische Verbreitung der Cholera zu befürchten
-hatte, »explosionsartig« eine große Anzahl von Erkrankungen an
-Brechdurchfall in einer Stadt der Provinz Brandenburg auftraten, die
-einige Beunruhigung verursachten, bis die bakteriologische Untersuchung
-ergab, daß es sich um Nahrungsmittelvergiftung durch eine bekannte
-Bakterienart, vor allem also _nicht_ um Cholera handelte.
-
-
-
-
-Kapitel VIII.
-
- Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas,
- die durch Kugelbakterien hervorgerufen werden: 1. Die
- Wundinfektionskrankheiten im engeren Sinne und die
- »Eitererreger«: Staphylokokken als Krankheitserreger. --
- Streptokokken als Krankheitserreger. -- 2. Gonokokken und
- gonorrhoische Erkrankungen. -- 3. Meningokokken und epidemische
- Genickstarre. -- 4. Die Pneumokokken und die Lungenentzündung.
-
-
-1. Die Wundinfektionskrankheiten im engeren Sinne und die
-»Eitererreger«.
-
-Man kann sich heute kaum eine Vorstellung davon machen, welche
-gewaltige Bedeutung für die Gesundheit unzähliger Menschen die
-Entdeckung einer kleinen Gruppe von Mikroorganismen hatte, die man
-zuweilen als »_Eitererreger_« im engeren Sinne bezeichnet. Bevor man
-diese kleinen tückischen Feinde kannte, und namentlich bevor man durch
-genaue Erforschung ihrer Eigenschaften und ihrer Verbreitung auch
-Mittel fand, sie zu bekämpfen, drangen Eitererreger fast regelmäßig
-in Wunden ein, die durch kleinste Verletzungen oder durch Schuß oder
-Hieb, außerordentlich oft aber auch in solche, die durch das Messer
-des Chirurgen entstanden waren. Es kam dann zur Wundeiterung, die die
-Heilung verzögerte, oft aber auch aus einer lokalen zu einer schweren
-Allgemeinerkrankung wurde und nicht selten zum Tode führte.
-
-Als Einfallspforte diente den Keimen sehr häufig auch die große
-Wundfläche, die bei der _Geburt_ regelmäßig entsteht, und das
-gefürchtete Wochenbettfieber ist nichts anderes als eine Infektion
-der Gebärmutterwunde mit Eitererregern. Es ist eines der traurigsten
-Erinnerungsbilder aus der Geschichte der ärztlichen Bestrebungen, das
-uns vor Augen tritt, wenn wir die für jene Zeit leider allgemeiner
-gültigen Schilderungen des bekannten ungarischen Arztes _Philipp
-Ignatius Semmelweiß_ aus den öffentlichen Gebäranstalten Wiens um
-die Mitte des vorigen Jahrhunderts lesen. Die Sterblichkeit an
-Wochenbettfieber war dort eine ganz kolossale, sie betrug bis zu 40%,
-und jede Frau, die dies irgend konnte, vermied es, ihre schwere Stunde
-gerade in einer der Anstalten zuzubringen, in denen am besten für sie
-gesorgt sein sollte. Die Ursache der hohen Sterblichkeit waren eben die
-Wundinfektionen, deren Keime durch die Hände der Ärzte und Studierenden
-bei ihren Hilfeleistungen selbst von Fall zu Fall übertragen wurden.
-Die Einführung einer einfachen Händedesinfektion durch _Semmelweiß_,
-der im übrigen von den richtigen Vorstellungen über das Wesen der
-Krankheitserreger noch weit entfernt war, brachte alsbald eine ganz
-erhebliche Verringerung der Sterblichkeit mit sich.
-
-Die ersten umfangreichen Beobachtungen über Mikrokokken im
-Wundeiter stammen von deutschen Ärzten, die während des Krieges
-1870/71 reichliches Beobachtungsmaterial sammeln konnten. _Klebs_,
-_Rindfleisch_, _v. Recklinghausen_ u. a. fanden in allen möglichen
-eiternden Wunden kleine Kugelbakterien, die entweder eine kettenförmige
-oder eine weintraubenförmige Anordnung zeigten. In der Folgezeit
-gelang es dann _Robert Koch_, den Beweis zu erbringen, daß es sich
-dabei um verschiedene Arten von Mikroorganismen handle; es gelang
-ihm weiterhin, Reinkulturen von ihnen zu gewinnen, und es zeigte
-sich, daß im wesentlichen die kettenförmigen oder Streptokokken
-eine Art bilden, während die traubenförmigen oder Staphylokokken
-eine andere Art darstellen. Die weitere Forschung ergab dann, daß
-sowohl die Streptokokken als auch die Staphylokokken die Ursache
-von Allgemeininfektionen werden können, daß beide Mikroorganismen
-Herzklappenerkrankungen verursachen können, und daß sie auch die
-Ursache von Krankheiten sind, die entweder nachweislich _nicht_ oder
-wenigstens nicht _nachweislich_ durch Wundinfektion zuerst entstehen.
-
-
-Staphylokokken.
-
-Staphylokokken finden sich auf den Schleimhäuten und auf der
-Hautoberfläche Gesunder in großer Zahl, doch sind unter ihnen
-verschiedene Unterarten zu unterscheiden, von denen nur einzelne
-krankheiterregende Eigenschaften besitzen. Nur diese letzteren
-interessieren uns hier; sie finden sich bei einer ganzen Reihe teils
-harmloser, teils ernsterer, teils auch schwerster menschlicher
-Krankheiten.
-
-Zu den harmlosen, durch Staphylokokken verursachten Krankheiten gehört
-der sogenannte Furunkel, eine in Eiterung ausgehende Entzündung eines
-Haarbalgs, die meist unter geeigneter Behandlung, in leichtesten Fällen
-auch ohne solche, zur Heilung kommt, ohne dem Erkrankten Schlimmeres
-als kleine Unannehmlichkeiten bereitet zu haben. Ausgebreitete
-Furunkulose, die durch Infektion benachbarter Haarbälge entstehen
-kann, kann immerhin schon äußerst lästig werden. Wichtiger ist zu
-wissen, daß in seltenen Fällen von einem ursprünglich anscheinend
-harmlosen Furunkel ein Einbruch der pathogenen Keime in kleine
-Blutgefäße erfolgen und eine Allgemeininfektion hervorrufen kann, die
-der Laie gewöhnlich als Blutvergiftung bezeichnet. Bekanntlich ist
-dies ein das Leben in höchstem Maße bedrohender Zustand. Es sollte
-deshalb jeder wissen, daß Furunkel unter allen Umständen ärztlicher
-Behandlung bedürfen, ganz besonders bei älteren Leuten. Besonders
-große und gefährliche Furunkel, die sich vorwiegend gerade bei älteren
-Individuen, manchmal aber auch bei jüngeren, entwickeln, bezeichnet man
-oft als Karbunkel.
-
-Die Staphylokokken können in seltenen Fällen die Ursache schwerer,
-ja tödlicher Wochenbettinfektionen werden, sehr häufig verursachen
-sie dann nach dem Eindringen in die Blutbahn Herzklappenerkrankungen.
-Gerade auf den ergriffenen Herzklappen finden sich in diesen Fällen
-dann ganz kolossale Mengen der gefährlichen Mikroben, und es kommt
-gewöhnlich von dort aus zu einer Einschwemmung der Kokken mit dem
-Blutstrom in die verschiedensten Organe; überall, wo sie hingelangen,
-werden sie die Ursache von Eiterungen und damit von mehr oder weniger
-schweren Störungen der Organfunktion.
-
-[Illustration: Abb. 26.
-
-Staphylokokken; Ausstrichpräparat von einer Reinkultur auf Nähragar;
-weintraubenförmige Anordnung der Kokken.]
-
-Staphylokokken sind auch die Ursache einer sehr gefürchteten
-Krankheit des jugendlichen Alters, nämlich der akuten Osteomyelitis
-(Knochenmarkentzündung), die glücklicherweise nur selten auftritt und
-auch nicht immer den schlimmsten Ausgang nimmt.
-
-Charakteristisch für den Staphylokokkus ist nicht sowohl seine Gestalt
--- es handelt sich um ein sehr kleines, unbewegliches Kugelbakterium
--- als vielmehr die Anordnung der Individuen, die sowohl im erkrankten
-Körper als auch in Kulturen zu kleinen und größeren Häufchen vereinigt
-sind, die oft in ganz ausgesprochener Weise weintraubenartige Verbände
-bilden. Die Kulturen sind durch Bildung von schönen Farbstoffen
-ausgezeichnet, die bei verschiedenen Unterarten verschieden sind; die
-wichtigsten Unterarten sind nach dieser Farbstoffbildung als »weiße«
-und »goldgelbe« Staphylokokken bezeichnet.
-
-[Illustration: Abb. 27.
-
-16 Stunden alte Kolonien von Staphylokokken auf der Nähragarplatte; ~a~
-natürliche Größe, ~b~ etwa 15fach vergrößert. Oberflächliche Kolonien
-groß, kreisrund, tiefe Kolonien klein, wetzsteinförmig.]
-
-Ein Heilserum gegen Staphylokokkeninfektion besitzen wir noch nicht;
-in neuerer Zeit hat man sich -- besonders in England -- vielfach
-bemüht, gerade gegen diesen Mikroorganismus eine »spezifische Therapie«
-anzuwenden, die nach dem Prinzip der aktiven Immunisation in der
-Einverleibung kleinster Mengen abgetöteter Reinkulturen (von den
-englischen Ärzten als »~Vaccines~« bezeichnet) besteht.
-
-[Illustration: Abb. 28.
-
-Streptokokken; Ausstrichpräparat von einer Reinkultur in Nährboullion.]
-
-Gegen die Infektion mit Staphylokokken läßt sich ein allgemeines
-Schutzmittel nicht angeben. Es versteht sich von selbst, daß
-derjenige, der an einem Furunkel leidet, die Übertragung der mit dem
-eitrigen Sekret ausgeschiedenen Staphylokokken auf die Nachbarschaft
-durch größte Reinlichkeit, unter Umständen durch Schutzverbände
-vermeiden muß. Im übrigen bedarf jede nicht völlig harmlose
-Staphylokokkeninfektion der Behandlung durch den erfahrenen _Arzt_,
-der allein über die Größe der Gefahr und über die Mittel zu ihrer
-Bekämpfung urteilen kann. Von der größten Bedeutung für die Eindämmung
-der Staphylokokkenerkrankungen des Menschen ist die Tatsache, daß
-Operationswunden heutzutage, dank den Methoden der modernen Chirurgie,
-vor dem Eindringen der Keime geschützt bleiben.
-
-
-Streptokokken.
-
-Größere Schädlinge noch als die Staphylokokken sind die Streptokokken
-oder Kettenkokken, so genannt wegen ihrer großen Neigung, in
-künstlichen Kulturen und im Gewebe des Körpers sich zu kettenförmigen
-Verbänden anzuordnen (vgl. Abb. 28 u. 29).
-
-In erster Linie ist der Streptokokkus ein Wundinfektionserreger, und
-zwar der schlimmsten einer, sei es, daß er in kleine Verletzungen der
-Haut, sei es, daß er in die Wunde der Gebärmutter, sei es, daß er in
-die Operationswunde, die der Chirurg gesetzt hat, eindringt.
-
-[Illustration: Abb. 29.
-
-Streptokokken im Eiter; Kokkenketten im Körper von weißen Blutzellen
-eingeschlossen.]
-
-Sind Streptokokken in eine kleine oberflächliche Hautwunde gelangt, so
-tritt eine Entzündung der Wunde ein, die Keime wandern häufig mit dem
-Lymphestrom in den Lymphbahnen weiter und gelangen in die zugehörigen
-Lymphdrüsen (z. B. die Axeldrüsen bei Entzündungen an der Hand), die
-nun ebenfalls entzündet werden, anschwellen, druckempfindlich werden,
-in schweren Fällen auch vereitern können. Besonders ernst wird der
-Krankheitszustand, wenn die Kokken in die Blutbahn einbrechen, wozu
-gerade die Streptokokken große Neigung haben. Es entsteht dann das
-schwere Symptomenbild der »Blutvergiftung«, die mit hohem Fieber unter
-sehr verschiedenen Erscheinungen verläuft und nicht selten zum Tode
-führt.
-
-Dies ist der glücklicherweise seltenste Ausgang der
-Streptokokkeninfektion einer kleinen Hautwunde. In den meisten Fällen
-bleibt es bei lokalen Entzündungsprozessen in der Nähe der Wunde oder
-wenigstens bei einer mehr oder weniger ausgedehnten Erkrankung der
-zugehörigen Lymphbahnen. Eine solche Entzündung von Lymphbahnen, und
-zwar speziell von ganz oberflächlich gelegenen Lymphbahnen, ist die
-sogenannte »Wundrose« (der »Rotlauf«, mit dem griechischen Namen als
-»Erysipel« bezeichnet), die zunächst nur die nächste Umgebung einer
-kleinen infizierten Wunde befällt: bei Erysipel findet man massenhafte
-Streptokokken in den entzündeten oberflächlichen Lymphgefäßen. In der
-Mehrzahl der Fälle läuft unter geeigneter Behandlung die »Rose« gut ab;
-nur selten schreitet sie dieser zum Trotz immer weiter fort und kann
-dann freilich auch das Leben bedrohen.
-
-Ein ganz anderes Bild entsteht, wenn die Streptokokkeninfektion die
-tieferen Weichteile befällt und zu einer sogenannten »Phlegmone« oder
-Zellgewebsentzündung führt. In diesen Fällen sind massenhafte Keime in
-die tiefen Lymphwege und Gewebe eingedrungen, es kommt zu ausgedehnter
-eiteriger Infiltration und meist auch zu ausgedehntem Gewebszerfall
-(»Abszedierung«). Betrifft die Zerstörung funktionell wichtige
-Gewebsteile -- z. B. wichtige Muskeln -- so kann hier auch nach der
-Abheilung des akuten Prozesses unter Bildung einer Narbe eine dauernde
-Schädigung zurückbleiben.
-
-Die besonders gefährlichen und besonders traurigen
-Streptokokkeninfektionen der _Gebärmutter_ führen teils auf dem
-Lymphwege zu einer Ansteckung des Bauchfelles (Peritonitis), die unter
-allen Umständen sehr ernst anzusehen ist, oder -- in anderen Fällen --
-zu Einbrüchen in die Blutbahn, damit zu »Blutvergiftung« (Sepsis).
-
-Im Verlaufe von Blutvergiftung durch Streptokokken werden nun mit
-Vorliebe die Herzklappen ergriffen, auf denen es zu ganz enormen
-Wucherungen der kleinen Keime kommen kann. Dadurch entsteht dann
-wieder weiterhin die sehr drohende Gefahr, daß kleine Partikel der
-Klappenauflagerungen, Partikel, die aber wiederum schon Hunderte,
-ja Tausende der Mikroben enthalten können, mit dem Blutstrom in die
-verschiedenen lebenswichtigen Organe verschleppt werden und dort
--- zunächst in den kleinsten Blutgefäßen, den sog. Haargefäßchen
-(Capillaren) stecken bleiben. Überall, wo sie sich ansiedeln, rufen die
-Streptokokken nun aber wieder Entzündung und Eiterung, Einschmelzung
-des Gewebes und damit auch -- je nach der Art des Organs, seinem Bau,
-seinen Funktionen -- schwere Störungen hervor.
-
-Selbst derartige ungemein schwere Krankheitsprozesse können aber
-ausheilen, freilich nur in der Weise, daß überall da, wo Einschmelzung
-des Gewebes stattgehabt hat, ein Ersatz des Verlorenen durch
-Narbengewebe statthat.
-
-Die Herzklappenerkrankung selbst kann häufig zu dauernden Störungen der
-Funktion dieser für die Blutzirkulation so sehr wichtigen Gebilde --
-zur Ausbildung eines Herzfehlers -- führen.
-
-Aber auch damit ist die gefährliche Rolle der Streptokokken noch lange
-nicht erschöpft. Vor allem muß noch erwähnt werden, daß im Verlauf der
-Infektion mit diesen Mikroorganismen auch nicht selten Erkrankungen
-der Nieren auftreten, die auf lösliche Gifte des Streptokokkus
-zurückzuführen sind, und die nicht selten zu schwerem Siechtum und
-schließlich zum Tode führen.
-
-Noch rätselhaft in vieler Beziehung sind weiter
-Streptokokken-Erkrankungen, die nicht wie die bisher erörterten auf
-Wundinfektion zurückzuführen sind. So z. B. Halsentzündungen (Anginen),
-die durch die kleinen Keime -- oft allem Anschein nach im Anschluß
-an »Erkältungen« -- hervorgerufen werden, die weiterhin teils zu
-phlegmonösen Prozessen, teils (selten) zu Blutvergiftung führen können,
-die aber auch Nierenentzündungen der erwähnten Art im Gefolge haben
-können.
-
-Endlich ist zu erwähnen, daß Streptokokken sich nicht selten in
-Krankheitsherden anderer Herkunft nachträglich (»sekundär«) ansiedeln
-können, so z. B. bei Lungentuberkulose, wo sie häufig eine sehr
-verderbliche Rolle spielen.
-
-Mit dem hier Angeführten sollte keineswegs der Versuch gemacht sein,
-die Rolle der Streptokokken als Feinde des Menschen zu erschöpfen; es
-sollte nur ungefähr ein Bild von der Vielseitigkeit ihrer pathogenen
-Fähigkeiten gegeben werden. Diese außerordentlich große Buntheit
-der Krankheitsbilder hat auf die ätiologische Erforschung der
-Streptokokkenerkrankungen Einfluß gehabt: bei all den verschiedenen
-Krankheiten fand man durchaus ähnliche, durch die Bildung von Ketten
-und gewisse färberische Eigentümlichkeiten abgezeichnete Mikrokokken.
-Man konnte sich lange Zeit auch in den Kreisen der wissenschaftlich
-forschenden Ärzte nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß diese
-alle der gleichen _Art_ von Bakterien angehören könnten. Nach den
-Erfahrungen bei anderen Infektionskrankheiten (Cholera, Typhus,
-Diphtherie z. B.) erwartete man, für jedes wohl charakterisierte
-Krankheitsbild auch einen spezifischen Erreger annehmen zu müssen. Und
-so sind denn zahlreiche Anstrengungen gemacht worden, Artunterschiede
-zwischen dem Erreger der Wundrose und dem von eiterigen Prozessen,
-von Herzklappenerkrankungen usw. aufzudecken. Im wesentlichen haben
-alle diese Versuche zu negativen Ergebnissen geführt, und mit einer
-Einschränkung, die hier nicht näher erörtert werden kann, müssen
-wir heute die _Arteinheit_ aller Streptokokken, die dem Menschen
-gefährlich werden -- wenigstem vorläufig, d. h. bis zum Beweis des
-Gegenteils -- annehmen. Warum die Infektion einer Wunde einmal zur
-Wundrose, ein anderes Mal zur Phlegmone führt, warum sie einmal in
-kurzer Zeit zur Blutvergiftung überführt, ein andermal nach kurzer
-harmloser Erkrankung abheilt, das sind vorläufig ungelöste Rätsel. Wir
-müssen uns damit begnügen, die Verschiedenheit des Verlaufes einer
-Streptokokkeninfektion auf die Unterschiede der Bedingungen, die der
-Keim in verschiedenen Organismen vorfindet, und auf die Verschiedenheit
-der Reaktion letzterer auf den Eindringling zurückzuführen. Das wird
-uns weniger dunkel und wertlos erscheinen, wenn wir an dieser Stelle
-einmal wieder auf den schon mehrfach eingeführten Vergleich der beiden
-kriegführenden Heere zurückgreifen. Nicht nur der letzte Ausgang,
-sondern jede Phase des Verlaufes des Kampfes wird hier abhängig sein
-von zahlreichen Faktoren, von der Einfallspforte, die der Angreifer
-vorfindet, von ihrer Verteidigung durch den Angegriffenen, von den
-Kämpfen, die sich weiter im Innern des Invasionsgebietes abspielen,
-den Festungen, die der Angegriffene zu seinem Schutze besitzt, ihrer
-Besatzung und Ausrüstung usf.
-
-Wichtiger als eine in letzter Linie fruchtlose Verfolgung dieser
-vorläufig wohl in exakter Weise nicht lösbaren Probleme ist für uns
-die Frage, was die ärztliche Wissenschaft gegenüber diesen Feinden des
-Menschengeschlechtes vermag.
-
-Da muß zunächst zugegeben werden, daß ein durchaus zuverlässig
-wirksames Heilserum für Streptokokkeninfektionen trotz aller darauf
-verwandten Mühe noch nicht existiert. Doch werden andererseits Sera
-hergestellt, die in der Hand des erfahrenen Arztes und namentlich
-bei frühzeitiger Anwendung schon ermutigende Erfolge geben. -- Auch
-die aktive Immunisierung durch Injektion kleiner Dosen abgetöteter
-Reinkulturen zu Schutz- und Heilzwecken hat man mit Erfolg versucht.
-
-Wichtiger ist, daß die moderne Chirurgie große Fortschritte in der
-_Behandlung_ der Wundinfektion durch Stauungs- und Saugbehandlung
-und andere Methoden gemacht hat, und daß der Arzt heute diesen
-Krankheitsprozessen viel besser gerüstet gegenübersteht als noch vor
-einem Jahrzehnt, geschweige denn vor 30 Jahren.
-
-Jede Wundinfektion aber bedarf der sachverständigen ärztlichen
-Behandlung, die freilich desto mehr Aussicht auf Erfolg hat, je eher
-sie einsetzt.
-
-Besser noch, als der best behandelte Kranke trifft es derjenige,
-der die Infektion selbst vermeidet. Dazu kann in erster Linie
-wieder sachgemäße Behandlung jeder der Infektion ausgesetzten Wunde
-dienen. Keine Wunde aber ist in so hohem Grade der Infektionsgefahr
-preisgegeben, als die vergleichsweise gewaltig große Wundfläche, die
-durch die Geburt entsteht, und so ist denn auch die unendliche Mühe
-vollauf gerechtfertigt, die die Ärzte sich um den Schutz gerade dieser
-Wunde seit Jahrzehnten gegeben haben. Der Lohn aller dieser Mühe
-liegt in dem unbestreitbaren Erfolge, in der vergleichsweise großen
-Seltenheit schwerer Wochenbettfieber nach sorgfältig geleiteter Geburt.
-
-Von analoger, vielleicht noch größerer Bedeutung für die Menschheit
-ist die _Vermeidung_ der Streptokokkeninfektionen durch die moderne
-Chirurgie. Denn der gefährlichste Feind des Chirurgen ist eben der
-heimtückische Wundinfektionskeim, der Streptokokkus, der heute -- dank
-den Methoden moderner Chirurgie -- unendlich viel schwerer und seltener
-einmal in eine Wunde eindringt, die zu Zwecken der Heilung gesetzt
-ward, als früher.
-
-
-2. Gonokokken und Gonorrhoe.
-
-Eine in ihrer traurigen Bedeutung für die Menschheit früher bei weitem
-unterschätzte Infektionskrankheit stellt die in der wissenschaftlichen
-Medizin als Gonorrhoe bezeichnete Krankheit dar, die ganz
-wesentlich die Harnwege und die Schleimhäute der Generationsorgane
-befällt und deshalb auch zu den »venerischen« Krankheiten gerechnet
-wird. Es handelt sich in den Anfangsstadien um akut einsetzende
-eitrige Entzündungen dieser Schleimhäute, die aber namentlich bei
-unzureichender Behandlung in chronische Prozesse von außerordentlicher
-Langwierigkeit übergehen können. Die chronische Gonorrhoe des Mannes
-ist die Quelle unendlich vielen menschlichen Elends, vor allem als
-Ursache der Kinderlosigkeit (Sterilität) vieler Ehen: die gonorrhoische
-Erkrankung kann einerseits unmittelbar völlige Zeugungsunfähigkeit des
-Mannes und somit Sterilität der Ehe zur Folge haben, andererseits,
-wenn eine Eheschließung erfolgt, bevor der Mann völlig geheilt ist,
-langdauerndes Siechtum und entweder völlige Sterilität der Frau
-oder deren Sterilität nach dem ersten Wochenbett verursachen. Ganz
-besonders traurig war endlich noch, besonders in früherer Zeit,
-die außerordentlich häufige Übertragung des Krankheitsprozesses
-auf die Augenbindehaut schon während der Geburt des Kindes einer
-gonorrhoisch infizierten Frau. Schwere eitrige Augenentzündungen,
-die häufig zum Verluste des Augenlichtes führten, waren die
-häufige Folge dieser Übertragungsweise, der man erst seit wenigen
-Jahrzehnten systematisch dadurch vorbeugt, daß man ein Tröpfchen
-einer antiseptischen Silbersalzlösung in den Augenbindehautsack des
-Neugeborenen einträufelt. Die gonorrhoische Augenentzündung in den
-ersten Lebenstagen ist seit der Einführung dieser Maßnahmen durch
-_Credé_ so gut wie ausgetilgt, und unendlich viel Elend ist dadurch der
-Menschheit erspart worden. Immerhin kommt auch heute noch, wenn auch
-viel seltener, gonorrhoische Infektion der Augenbindehaut zustande,
-gelegentlich auch durch unreinliches Verhalten bei gonorrhoisch
-erkrankten erwachsenen Individuen. Wenn man nun ferner noch erfährt,
-daß, freilich in seltenen Fällen, die gonorrhoische Infektion auch mit
-Gelenkrheumatismus und Herzklappenerkrankung einhergehen und so das
-Leben unmittelbar bedrohen kann, so wird man nicht mehr an dem großen
-Ernst der Krankheit zweifeln können.
-
-Als Erreger der gonorrhoischen Krankheitsprozesse wurde im Jahre
-1879 von _Neißer_ ein durch seine eigentümliche Semmelform und durch
-seine Lagerung in bestimmten Körperzellen wohl charakterisierter
-Mikrokokkus entdeckt (vgl. Abb. 30), dessen Reinkultur, die anfänglich
-auf Schwierigkeiten stieß, wenige Jahre später _Bumm_ gelang. Der
-Gonokokkus gehört zu den sehr anspruchsvollen Mikroorganismen: er
-geht durch Abkühlung und durch Eintrocknung außerhalb des Körpers
-außerordentlich rasch zugrunde und wird daher ausschließlich durch
-Übertragung von Mensch zu Mensch oder doch auf allerkürzesten Umwegen
-gefährlich.
-
-Der Kampf gegen die Gonorrhoe hat daher in erster Linie die Vermeidung
-der Weiterverbreitung durch direkte Ansteckung ins Auge zu fassen und
-zu diesem Zweck vor allem in gründlicher und sachgemäßer Behandlung
-jedes erkrankten Individuums bis zu seiner völligen Heilung zu
-bestehen. Wichtig ist auch, daß jeder Kranke über die außerordentlich
-große Gefahr, die eine gonorrhoische Augenentzündung mit sich bringt,
-unterrichtet und deshalb zu besonderer Reinlichkeit ermahnt wird.
-
-Die Behandlung des Erkrankten ist ausschließlich Sache des Arztes,
-dem heute eine ganze Anzahl von wirksamen Arzneimitteln für diesen
-speziellen Zweck zur Verfügung stehen, durch deren sachgemäße Anwendung
-in Verbindung mit einer geeigneten Diät die meisten Krankheitsfälle
-geheilt werden können.
-
-[Illustration: Abb. 30.
-
-Gonokokken im Eiter bei akuter Gonorrhoe. Semmelförmige Doppelkokken im
-Körper von Eiterzellen (weißen Blutzellen).]
-
-Unbedingte Pflicht eines jeden, der einmal gonorrhoisch infiziert
-war, ist, daß er eine Ehe unter allen Umständen erst dann eingeht,
-wenn ärztlicherseits seine Heilung festgestellt und ihm daraufhin die
-Erlaubnis zum Heiraten gegeben worden ist.
-
-
-3. Meningokokken und epidemische Genickstarre.
-
-»Genickstarre« ist der volkstümliche Ausdruck für ein Krankheitsbild,
-dem eine entzündliche Erkrankung der Hirnhäute zugrunde liegt. Das
-namentlich für den Laien auffälligste Symptom einer solchen Erkrankung
-ist die Nackensteifigkeit, die sich schon gleich bei Beginn der
-Erkrankung zeigt und später bis zur Starre zu steigern pflegt.
-Hirnhautentzündungen können nun auf sehr verschiedene Weise zustande
-kommen und auch durch verschiedene bakterielle Krankheitserreger
-bedingt sein. Zum Beispiel kommt es nicht selten im Anschluß an
-Mittelohreiterungen zu einem Übergreifen der eitrigen Entzündung
-auf das Schädelinnere und die Hirnhäute, andererseits können
-eitrige Prozesse, die im Gehirn entstanden sind, auf die Hirnhäute
-übergreifen, endlich können bei penetrierenden Schädelwunden die
-Hirnhäute infiziert werden. Bei allen diesen entzündlichen Prozessen
-können die verschiedensten Bakterien als Entzündungs- und Eitererreger
-wirksam sein; in erster Linie kommen die Wundinfektionserreger, die
-Streptokokken und Staphylokokken in Betracht (s. u.).
-
-Im engeren Sinne pflegt man als Genickstarre oder epidemische
-Genickstarre nur Krankheitsfälle zu bezeichnen, die durch einen
-besonderen, wohl charakterisierten Krankheitserreger verursacht
-werden, den sogenannten Meningokokkus, der zu den Hirnhäuten vom
-Nasenrachenraum aus auf dem Wege der Lymphbahn vordringt. Der
-Meningokokkus, der von _Weichselbaum_ entdeckt wurde, ist ein dem
-Gonokokkus (s. o.) ziemlich ähnlicher Diplokokkus, der sich in dem
-eitrigen Exsudat in den Maschen der Hirnhäute, meist vorwiegend im
-Innern von Leukocyten vorfindet, von denen er aufgenommen wird (s. über
-Phagocytose oben im Kap. II).
-
-Die Genickstarre tritt besonders oft epidemieartig, ja ausgesprochen
-epidemisch auf und befällt besonders jugendliche Individuen,
-Schulkinder, Soldaten. Die verschiedenen Epidemien sind in
-verschiedenem Grade bösartig und mit Recht sehr gefürchtet.
-
-Die Übertragung der Keime vom Kranken auf den Gesunden erfolgt nach
-dem heutigen Stande unserer Kenntnisse wohl wesentlich durch den
-meningokokkenhaltigen Speichel. Zu ihrer Vermeidung sind also alle die
-Maßnahmen notwendig, die eine Verbreitung des ansteckenden Speichels
-hintanhalten, vor allem möglichste Isolierung aller Erkrankten und
-Desinfektion ihres Auswurfs und ihrer Wäsche.
-
-In den letzten Jahren hat man günstige Erfolge bei der Behandlung der
-Genickstarre mit einem Heilserum (Meningokokkenserum) erzielt.
-
-
-4. Pneumokokken und die Lungenentzündung.
-
-Lungenentzündungen können sich im Verlaufe der verschiedensten
-Infektionen beim Menschen entwickeln. Wir erinnern uns beispielsweise
-der Lungenentzündung im Verlaufe der Pesterkrankung oder derjenigen
-bei Influenza. Die Erkrankungen sind nach Ausdehnung und nach Verlauf
-recht verschieden, und es ist hier ganz unmöglich, sie im einzelnen
-näher zu besprechen. _Im engeren Sinne_ versteht man unter einer
-Lungenentzündung oder »_Pneumonie_« aber in unserem Klima speziell
-eine durch ganz bestimmte Krankheitserscheinungen und einen sehr
-charakteristischen Verlauf ausgezeichnete akute Infektionskrankheit.
-
-Die Krankheit beginnt meist ganz plötzlich, ohne daß irgendwelche
-leichteren Krankheitserscheinungen vorangegangen wären, mit einem
-Schüttelfrost, an den sich ein hohes Ansteigen der Temperatur
-anschließt, während gleichzeitig auch den kräftigsten Erkrankten
-das Gefühl schweren Krankseins erfaßt. Bald stellen sich dann
-sehr starke Schmerzen beim Atmen, gewöhnlich vorwiegend auf einer
-Seite der Brust ein, allmählich kommt etwas Hustenreiz hinzu, der
-zunächst spärliche, später reichlichere Auswurf ist rötlichbräunlich
-infolge von Blutbeimengungen. Mehrere Tage halten die schweren
-Krankheitserscheinungen an, das Fieber ist hoch, oft tritt auch
-Benommenheit hinzu. Das ganze Bild ist ein sehr ernstes. Gewöhnlich
-am 7. Tage kommt es dann zur »Krisis«. In der überwiegenden Mehrzahl
-der Fälle tritt ein rascher Abfall der Temperatur zur Norm ein, und
-gleichzeitig beginnt das Allgemeinbefinden sich wesentlich zu heben:
-die Gefahr ist überwunden. In nicht ganz seltenen Fällen bleibt aber
-dieser günstige Umschlag aus, und namentlich durch Alter oder durch
-Alkoholismus oder Herzkrankheiten geschwächte Individuen, zuweilen aber
-auch kräftige junge Menschen können der Krankheit zum Opfer fallen.
-
-[Illustration: Abb. 31.
-
-Abstrich vom Auswurf bei Lungenentzündung. ~E~ = Eiterzellen, ~P~ =
-Pneumokokken (mit deutlichen »Kapseln«).]
-
-Als Ursache dieser häufigen und unter allen Umständen ernsten
-Erkrankung wurde von _A. Fränkel_ im Jahre 1886 ein Mikrokokkus
-entdeckt, der gewöhnlich als Pneumokokkus oder Diplokokkus ~pneumoniae~
-bezeichnet wird. In Abstrichen vom Auswurf eines Pneumonikers findet
-man reichliche, in der Regel zu zweien angeordnete Kugelbakterien,
-die meist eine sehr deutliche Kapsel besitzen und gewöhnlich ein
-wenig längsoval gestaltet sind (vgl. Abb. 31). In Kulturen auf den
-gewöhnlichen Nährböden besitzen sie diese Kapsel nicht.
-
-Diese Pneumokokken finden sich nicht selten auch bei _anderen_
-infektiösen Krankheitsprozessen beim Menschen, verhältnismäßig häufig
-z. B. bei gewissen entzündlichen _Ohren_erkrankungen, vor allem aber
-auch bei sehr verschiedenen leichteren und schwereren Erkrankungen
-der Atmungsorgane; eine Pneumokokkenerkrankung stellen auch gewisse
-geschwürige Prozesse der Hornhaut des menschlichen Auges dar. Sie
-finden sich endlich aber auch, wenn auch in spärlicher Zahl, nahezu
-regelmäßig im Speichel gesunder Menschen. Da die Pneumokokken für
-manche Versuchstiere, besonders für Mäuse, außerordentlich große
-Virulenz besitzen, so kann man häufig eine Maus dadurch tödlich
-infizieren, daß man ihr eine ganz kleine Menge menschlichen
-Mundspeichels unter die Haut bringt. Enthält das Speicheltröpfchen
-Pneumokokken, was annähernd in 70 % aller Fälle zutreffen soll, so
-entwickelt sich alsbald eine meist sehr rasch zum Tode führende
-Pneumokokkensepsis d. h. eine Überschwemmung der ganzen Blutbahn mit
-den Mikroorganismen.
-
-Versuche, ein Heilserum gegen Pneumokokkeninfektionen des Menschen,
-ganz besonders auch gegen Augenerkrankungen herzustellen, sind in
-großem Umfange und mit vielversprechenden anfänglichen Erfolgen
-unternommen worden. Die Wirksamkeit der betreffenden Sera ist aber
-noch nicht völlig unbestritten, soweit wenigstens ihr Heilerfolg beim
-Menschen in Frage kommt. Dagegen ist unzweifelhaft sichergestellt, daß
-das gebräuchlichste der in Frage kommenden Heilsera bei empfänglichen
-Tieren, insbesondere bei Mäusen, eine ausgesprochene schützende und
-heilende Wirkung besitzt. Es steht zu hoffen, daß auch beim Menschen,
-insbesondere bei der croupösen Pneumonie in Zukunft noch günstigere
-Ergebnisse mit einer Serumtherapie erreicht werden.
-
-
-
-
-Kapitel IX.
-
- Die wichtigsten chronischen Infektionskrankheiten des Menschen:
- Tuberkulose. -- Syphilis. -- Lepra.
-
-
-Tuberkulose.[12]
-
-Die Tuberkulose ist insofern die verbreitetste Krankheit, die auf der
-Erde vorkommt, als sie abgesehen vom Menschengeschlecht auch nahezu
-sämtliche Säugetiere und Vögel und eine große Anzahl von Kaltblütern
-befallen kann. Die häufigste Form der tuberkulösen Erkrankung des
-Menschen ist die gewöhnlich als Lungenschwindsucht bezeichnete
-Krankheit, doch kommen tuberkulöse Erkrankungen der verschiedensten
-Organe, man kann geradezu sagen, aller Organe, daneben vor, die dann je
-nach dem Krankheitsherde, je nach dem Organ, dessen Funktionen durch
-die tuberkulösen Zerstörungen teilweise oder ganz aufgehoben werden, zu
-sehr mannigfaltigen Krankheitsbildern führen.
-
-Die Verschiedenheit der Krankheitsbilder und auch der ihnen zugrunde
-liegenden (anatomischen) Veränderungen ist so außerordentlich groß,
-daß tatsächlich nur die Entdeckung der gemeinschaftlichen bakteriellen
-Ursache aller dieser Prozesse durch _Koch_ die wissenschaftliche Welt
-von ihrer Zusammengehörigkeit überzeugen konnte. Die Anschauung, daß
-die Tuberkulose überhaupt und die Lungenschwindsucht im besonderen ein
-ansteckendes Leiden sei, eine Anschauung, die heute den weitesten,
-selbst ungebildeten Kreisen geläufig ist, war in der Medizin vor
-der _Koch_schen Entdeckung durchaus strittig, ja, die Mehrzahl der
-ärztlichen Autoritäten bekämpfte sie, obwohl schon seit Jahrhunderten
-klar blickende Ärzte zu mehr oder weniger bestimmten, richtigen
-Vorstellungen von einer belebten Ursache der Phthise gekommen waren.
-
-Vor allem eine Erfahrungstatsache war es, die mit der Annahme einer
-belebten Krankheitsursache der Lungenschwindsucht vielen unvereinbar
-schien: die scheinbar unbestreitbare Erblichkeit der Krankheit, die
-in manchen Familien von einer Generation zur anderen übergehend immer
-wieder verderbenbringend sich zeigte. Warum sollte ein Krankheitskeim,
-der _von außen_ in den Körper des Menschen eindringt, gerade die
-Mitglieder bestimmter Familien bevorzugen? Viel wahrscheinlicher
-erschien dem gegenüber die Annahme einer freilich völlig unbekannten
-_inneren_ Ursache des Leidens, die vererbbar war in der Weise, wie
-Charaktereigenschaften es sind.
-
-Auch der gewaltige Aufschwung, den von der Mitte des 19. Jahrhunderts
-an die wissenschaftliche Medizin vorwiegend durch _Virchows_
-bahnbrechende Leistungen auf dem Gebiete der mikroskopischen
-Erforschung der krankhaften Veränderungen der Zellen und Gewebe des
-menschlichen Körpers nahm, brachte zwar wichtige Erweiterungen unserer
-Kenntnisse von der Entstehung, dem Bau und den Schicksalen tuberkulöser
-Organveränderungen, aber die wichtigste Frage, die nach der Ursache der
-Prozesse, ließ er unbeantwortet.
-
-Dieser Frage suchte auf ganz anderem Wege zu gleicher Zeit (in den
-60er Jahren des 19. Jahrhunderts) der französische Forscher _Villemin_
-durch Tierexperimente auf den Grund zu kommen. Schon vor seinen
-Arbeiten waren mehrfach Versuche unternommen worden, durch Impfung
-von Tieren mit tuberkulösen Krankheitsprodukten künstlich Tuberkulose
-hervorzurufen; aber erst _Villemins_ Bericht über positive Ergebnisse,
-die er bei zahlreichen derartigen Experimenten erzielt hatte, machte
-erheblichen Eindruck auf die wissenschaftliche Welt. Freilich ward
-zunächst von sehr angesehenen Forschern, die die Versuche _Villemins_
-wiederholten und modifizierten, ihre Beweiskraft bestritten, aber
-bald überzeugte man sich mehr und mehr von ihrer Richtigkeit, und die
-Tatsache, daß die Tuberkulose mit den tuberkulösen Krankheitsprodukten
-auf Versuchstiere übertragbar ist, fand bald allgemeine Anerkennung.
-
-Damit war denn auch ein Zweifel an der Existenz eines tuberkulösen
-_Virus_ nicht mehr möglich, und die besten Mikroskopiker bemühten sich
-um seine Entdeckung. Ungewöhnlich große Schwierigkeiten stellten sich
-gerade dieser Entdeckung in den Weg, und es bedurfte des genialen
-Scharfblickes und der zähen Energie _Robert Kochs_, um sie zu
-überwinden.
-
-Im Jahre 1882? berichtete _Robert Koch_ in einer als klassisch
-berühmten Arbeit über die von ihm aufgeklärte Ursache der tuberkulösen
-Prozesse, die er in dem »Tuberkelbazillus« gefunden hatte. Es war
-ihm gelungen, diesen durch sein besonderes Verhalten gegenüber
-Färbemitteln ausgezeichneten Mikroorganismus in allen Fällen von
-menschlicher und tierischer Tuberkulose, die darauf untersucht wurden,
-in den Krankheitsherden nachzuweisen und festzustellen, daß er dort
-ausschließlich, niemals aber in den Organen gesunder oder anderweitig
-erkrankter Individuen vorkommt. Es war ihm weiterhin gelungen,
-Reinkulturen des Tuberkelbazillus mit Hilfe besonderer Kulturverfahren,
-die eigens für diesen Zweck von ihm gefunden worden waren, zu gewinnen
-und mit kleinsten Mengen von solchen Reinkulturen die Krankheit wieder
-bei Tieren hervorzurufen. Damit war die Beweiskette geschlossen,
-der seit Jahrzehnten tobende wissenschaftliche Streit war endgültig
-entschieden, die Tuberkulose war als Infektionskrankheit erkannt, ihr
-Erreger entdeckt.
-
-Der Tuberkelbazillus ist ein sehr schlankes, zuweilen ein wenig
-gekrümmtes Stäbchen, das der Geißeln und damit der Eigenbeweglichkeit
-ebenso wie der Fähigkeit Sporen zu bilden entbehrt, und das zu seiner
-Entwickelung in Kulturen der Körpertemperatur, des Sauerstoffs und
-bestimmter Nährböden bedarf. An die Zusammensetzung der Nährböden
-stellt der Bazillus ganz besondere Anforderungen; aber auch wenn diese
-erfüllt sind, entwickeln sich seine Kulturen ganz erheblich langsamer
-als die der bekannten anderen pathogenen Bakterien; sie bedürfen
-wochenlangen Wachstums zu ihrer vollen Entwickelung.
-
-Außerordentlich große Hoffnungen knüpften sich an die Entdeckung des
-Tuberkelbazillus, sie wurden auf das höchste gesteigert, als Koch
-wenige Jahre später in dem _Tuberkulin_ den Ärzten ein Mittel in die
-Hand gab, das zur Behandlung der menschlichen Tuberkulose geeignet
-sein sollte. Es ist allgemein bekannt, wie auf den ersten gewaltigen
-Enthusiasmus, mit dem das neue Mittel begrüßt wurde, die Enttäuschung
-folgte, als es die übertriebenen Hoffnungen, die man darauf setzte,
-nicht erfüllen konnte.
-
-[Illustration: Abb. 32.
-
-Tuberkelbazillen im Ausstrichpräparat vom Inhalt einer tuberkulösen
-Zerfallshöhle der Lunge (bei Phthisis).]
-
-Es kann hier nicht erörtert werden, wie weit wir zu der Hoffnung
-berechtigt sind, daß das Tuberkulin bei der Behandlung des einzelnen
-Krankheitsfalles oder einzelner Kranker segensreich wirksam sein
-kann, es mag aber wenigstens erwähnt werden, daß einzelne Ärzte auf
-Grund besonders vorsichtiger Dosierung des Mittels günstige Resultate
-damit erzielt haben, und daß insbesondere in England und Amerika,
-in den letzten Jahren die Tuberkulinbehandlung in einer besonderen
-Form (»~opsonic treatment~«) große Fortschritte gemacht hat und nach
-zahlreichen vorliegenden Angaben günstige Erfolge erzielt hat.
-
-Nach der Entdeckung des Diphtherieheilserums hat es begreiflicherweise
-nicht an zahlreichen Versuchen und Anstrengungen gefehlt, ein
-_Heilserum_ gegen die Tuberkulose, unsere schlimmste Volksseuche,
-herzustellen. Aber wenn auch hie und da über günstige Erfolge mit
-solchen Seris berichtet wurde, so ist heute noch keines gewonnen, das
-vor der wissenschaftlichen Medizin volle Anerkennung gefunden hätte.
-Wir müssen auch heute noch uns mit der Hoffnung begnügen, daß es einmal
-gelingen wird, ein solches Radikalmittel herzustellen; vorläufig
-ist der Arzt im Wesentlichen dem tuberkulös Kranken gegenüber --
-von der Tuberkulin-Therapie abgesehen -- auf _nicht_ spezifische
-Behandlungsmethoden angewiesen, und die tröstliche Erfahrung ist ja
-allgemein verbreitet, daß viele tuberkulöse Erkrankungsfälle auch mit
-Hilfe dieser Behandlungsmethoden, die hier selbstverständlich nicht
-erörtert werden können, zur Ausheilung gelangen. An dieser Stelle
-sei denn auch auf die Bedeutung der Heil- und Heimstätten für die
-_Behandlung_ tuberkulös Erkrankter nur kurz verwiesen.
-
-Eine große Rolle kommt den Heilstätten unter den Maßnahmen zur
-_Eindämmung_ der Tuberkulose als Volkskrankheit zu. Jeder, der
-dieses kleine Buch bis hierher aufmerksam gelesen hat, wird sich von
-vornherein klar sein: Ein unbedingtes Erfordernis ist die Vermeidung
-der Verbreitung der Krankheitskeime durch die Ausscheidungen
-Tuberkulöser, vor allem also die Vernichtung der Tuberkelbazillen
-im Auswurf Schwindsüchtiger. (_Flügge._) Nirgends kann hierfür
-in so gründlicher Weise gesorgt werden, als in den Heilstätten,
-Krankenanstalten, in denen Tuberkulöse _isoliert_ sind. Dort vor allen
-Dingen werden die Kranken auch wirklich zu geeigneter Behandlung
-des Auswurfs erzogen. Sie tragen dann später -- neben öffentlichen
-Belehrungen -- zur Verbreitung der Kenntnisse von der Gefährlichkeit
-des Auswurfs und von den Mitteln zu seiner Vernichtung bei.
-
-Es ist einleuchtend, daß, wenn die wichtigste Infektionsquelle
-für die Entstehung der Schwindsucht in der _Einatmung_ von
-Tuberkelbazillen besteht, die Vernichtung der Bazillen im Auswurf
-und damit die Verhütung der Möglichkeit der Bazilleneinatmung die
-Schwindsuchtverbreitung aufhalten müßte. Es darf hier aber nicht
-übergangen werden, daß trotz einer ganz außerordentlich großen Zahl
-von Einzelbeobachtungen und trotz gewaltiger Arbeit, die mit allen
-Methoden der modernen wissenschaftlichen Forschung geleistet worden
-ist, die Anschauungen über die _Entstehung_ der Lungenschwindsucht
-noch keineswegs endgültig aufgeklärt sind. Eine große Anzahl von
-Forschern, unter denen z. B. _v. Behring_ genannt werden muß, nehmen
-an, daß die erste Ansiedelung der Tuberkelbazillen im menschlichen
-Körper nicht durch deren Einatmung und somit unmittelbar in den oberen
-Luftwegen oder in den Lungen erfolgt, sondern auf anderem Wege. _v.
-Behring_ insbesondere vertritt die Meinung, daß die häufigste Quelle
-der Infektion in dem Genuß von tuberkelbazillenhaltiger _Milch_ im
-frühesten Kindesalter zu suchen ist. Die Bazillen müßten danach zuerst
-in den Darm und von dort aus erst auf Umwegen in die Lungen gelangen.
-
-Die Möglichkeit, daß lebende Tuberkelbazillen mit der _Kuhmilch_
-aufgenommen werden, ist erwiesen: die Tuberkulose ist bei unserem
-Rindvieh sehr verbreitet. Die Milch und die Molkereiprodukte,
-insbesondere die Butter, die zum Verkauf gelangen, enthalten
-gelegentlich, ja, man kann auf Grund sorgfältiger statistischer
-Erhebungen sagen, geradezu _häufig_ echte Tuberkelbazillen, gegen
-deren Eindringen in den Darmkanal wir uns nur schützen können, wenn
-wir regelmäßig eine gründliche Sterilisation durch längeres Kochen
-herbeiführen.
-
-Ist diese Infektionsgefahr nun wirklich von Bedeutung? Vor allem
-ist sie von ausschlaggebender Bedeutung im Sinne _v. Behrings_? --
-Der zweite Teil der Frage läßt sich auf Grund von Erfahrungen mit
-nein beantworten: man hat festgestellt, daß in Japan, wo unter der
-Bevölkerung die Tuberkulose, insbesondere die Schwindsucht, sehr
-verbreitet ist, die Tuberkulose des Rindviehs bis vor kurzem so gut wie
-unbekannt war. Es war also mit vollkommener Sicherheit auszuschließen,
-daß für die dortige Bevölkerung _Behrings_ Anschauungen zutrafen.
--- Weit schwieriger ist eine kurze und klare Antwort auf den ersten
-Teil der Frage zu geben. Von der größten Bedeutung ist hierfür die
-endgültige Klärung eines augenblicklich noch umstrittenen Punktes:
-_Robert Koch_ selbst hat nämlich vor einer Reihe von Jahren die
-zunächst gerade aus seinem Munde besonders überraschend klingende
-Behauptung aufgestellt, der Tuberkelbazillus, der die Tuberkulose des
-Menschen verursache, und der Erreger der Rindertuberkulose bildeten
-zwei vollkommen voneinander verschiedene _Arten_, die zwar in einer
-sehr großen Anzahl von Eigenschaften übereinstimmten, in einigen
-Punkten aber differierten und vor allen Dingen den ganz außerordentlich
-bedeutsamen Unterschied aufwiesen, daß der Rinder-Tuberkelbazillus
-nur für das Rind, der Menschen-Tuberkelbazillus nur für den Menschen
-gefährlich werden könne. War diese Ansicht richtig, so wären auch die
-Konsequenzen, die _Robert Koch_ zog, unangreifbar: Maßnahmen gegen die
-Infektion mit Tuberkelbazillen, die vom Rinde stammten, wären zwecklos
-und überflüssig.
-
-Bei der einschneidenden Bedeutung dieser Behauptung ist es begreiflich,
-daß eine außerordentlich lebhafte Diskussion darüber entstand.
-Es war mit Sicherheit festgestellt, daß verschiedene Arten von
-Tuberkelbazillen existierten: die Erreger der Tuberkulose von manchen
-Kaltblütern z. B. unterschieden sich konstant und durch auffällige
-Merkmale von den Menschen-Tuberkelbazillen. Es war auch bereits
-bekannt, daß sich konstante oder nahezu konstante Unterschiede zwischen
-Tuberkelbazillen, die vom Rind, und solchen, die vom Menschen stammten,
-nachweisen ließen, insbesondere wußte man, daß Tuberkelbazillen aus
-menschlichen Krankheitsprodukten im Tierexperiment für Rinder, aber
-auch für Kaninchen gewöhnlich nur geringe Virulenz zeigten, während
-Rinder-Tuberkelbazillen eine viel höhere Virulenz gegenüber diesen
-Tieren besaßen.
-
-Die Frage, die für das Menschengeschlecht allein beantwortet
-werden muß, ist aber die, _ob dem Menschen_ außer dem menschlichen
-Tuberkelbazillus nicht auch der _Rinder_-Tuberkelbazillus gefährlich
-werden kann. Diese Frage war naturgemäß auf experimentellem Wege
-nicht zu beantworten, und man hat sich bemüht, sie dadurch zu
-entscheiden, daß man in möglichst großem Umfange die aus menschlichen
-Krankheitsfällen gezüchteten Tuberkelbazillen daraufhin untersuchte,
-ob sie zum »~Typus humanus~« oder zum »~Typus bovinus~« gehörten. Über
-diese Frage sind gerade augenblicklich noch umfassende Erhebungen
-im Gange, deren Resultat abgewartet werden muß. Aus einer Reihe von
-einschlägigen Untersuchungen geht aber immerhin jetzt schon hervor,
-daß auch aus menschlichen tuberkulösen Krankheitsprodukten, wenn auch
-vergleichsweise selten, Tuberkelbazillen isoliert werden können, die
-die Eigenschaften des ~Typus bovinus~ aufweisen und daß vom Menschen
-stammende Tuberkelpilze (vom ~Typus humanus~) im Körper des Rindes
-(bei künstlicher Infektion) rasch eine hochgradige Virulenz auch für
-_Rinder_ erwerben. (Prof. _Eber_.) Und so sieht es denn vorläufig so
-aus, als ob die _Koch_sche Anschauung mit ihren Konsequenzen den Sieg
-nicht behalten könne. Dadurch würde die Notwendigkeit energischer
-Bekämpfung der Tuberkulose des Rindviehs dann wieder außer Frage
-gestellt werden.
-
-Bekanntlich hat _von Behring_ vor wenigen Jahren ein Verfahren
-angegeben, um Kälber durch Impfung mit lebenden _menschlichen_
-Tuberkelbazillen gegen Infektion mit _Rinder_tuberkulose immun zu
-machen. Noch ist der Wert dieses Verfahrens aber lebhaft umstritten.
-
-Beim Menschen ist an analoge Versuche noch nicht zu denken.
-
-Und so bleibt denn vorläufig die wichtigste Waffe im Kampfe gegen
-die Tuberkulose die Verhütung der Ansteckung durch Vernichtung des
-Auswurfes Schwindsüchtiger einerseits, durch Bekämpfung der Tuberkulose
-des Rindviehs andererseits.
-
-Mit wenigen Worten müssen wir am Schlusse dieser kleinen und durchaus
-unvollständigen Skizze des heutigen Standes der wissenschaftlichen
-Tuberkuloseforschung noch auf eine Frage zurückkommen, die wir eingangs
-flüchtig streiften, die Frage nach der »Vererbung« der Tuberkulose.
-Es ist in den letzten Jahren in einigen wenigen Fällen der Nachweis
-gelungen, daß -- man kann wohl sagen: ausnahmsweise -- selten ein
-Übergang von Tuberkelbazillen auf das Kind im Mutterleibe vorkommt. Bei
-den spärlichen einschlägigen Beobachtungen handelte es sich stets um
-_sehr schwere_ tuberkulöse Erkrankung der Mutter.
-
-Für die überwiegende Mehrzahl aller Fälle von sogenannter »Vererbung«
-der Tuberkulose müssen wir nach dem heutigen Stande unserer Kenntnisse
-diesen Vorgang, die direkte Übertragung von Keimen vom mütterlichen
-auf den kindlichen Organismus, _ausschließen_ (-- bis zum Beweis des
-Gegenteils!).
-
-Wie erklärt sich dann aber die oft so augenfällige »Erblichkeit«
-der Krankheit? Diese Frage wird unendlich oft dem Arzte gestellt
-werden und je nach dessen Anschauungen und Erfahrungen verschieden
-beantwortet werden. Wir wollen versuchen, festzustellen, wie weit sie
-exakt beantwortet werden kann: Es steht außer Zweifel, daß Kinder, die
-in der nächsten Umgebung eines an Schwindsucht Leidenden aufwachsen,
-der Infektionsgefahr in höherem Maße ausgesetzt sind, als Kinder aus
-gesunder Familie. Wir haben in dieser Tatsache also eine gewisse
-Erklärung für ihre relativ häufigere frühere oder spätere Erkrankung an
-Tuberkulose.
-
-Im naturwissenschaftlichen Sinne kann dabei von »Vererbung« keine Rede
-sein; vererbbar sind nur Eigenschaften, die an der väterlichen oder
-mütterlichen Keimzelle haften und bei deren Verschmelzung (der Zeugung)
-dem neu entstehenden Organismus übertragen werden. -- Jede spätere
-Infektion des Kindes durch die Eltern hat mit »Vererbung« nichts zu tun.
-
-Nun wird aber mit einem gewissen Recht von vielen Forschern geltend
-gemacht werden, daß man bestimmte Merkmale im Körperbau (große
-Schlankheit, Zartheit des Skeletts, schmaler flacher Brustkorb u.
-a. m.) bei Schwindsüchtigen außerordentlich häufig findet. Dieser
-sogenannte »phthisische Habitus« sei der äußerliche Beweis für
-die Vererbung einer besonderen Neigung oder »_Disposition_« zur
-Lungentuberkulose.
-
-Man kann darauf nur erwidern: Es ist möglich, aber es ist _nicht
-notwendig_, daß diese Annahme richtig ist. Man kann das Vorkommen
-dieser Eigentümlichkeiten in naheliegender Weise mit der Tuberkulose
-in ursächliche Beziehung bringen, ohne den immerhin unklaren Begriff
-der Disposition in Betracht ziehen zu müssen: wenn durch viele
-Generationen hindurch in einer Familie Lungenschwindsucht bestanden
-hat, die immer wieder durch Infektion der Kinder mit den Bazillen aus
-dem Auswurf der Eltern entstand -- so erklärt sich darauf als ein ganz
-allmählich erworbener _Folgezustand_ die Flachheit und Schmalheit wie
-auch die allgemeine Schwächlichkeit des Körperbaus. -- Es ist aber
-umgekehrt nicht nötig, die _Ursache_ der tuberkulösen Erkrankung vieler
-Generationen derselben Familie in einer dieser eignenden Disposition zu
-suchen.
-
-Praktisch wichtig ist an dieser Überlegung, daß man die Bedeutung der
-»Disposition« nicht überschätzen soll, wie das zuweilen geschieht. Die
-Schlußfolgerung pflegt ungefähr diese zu sein: Die Gefahr der Infektion
-mit Tuberkelbazillen ist angesichts der großen Verbreitung der Keime
-in unserer Umgebung enorm; entscheidend für das Zustandekommen der
-Schwindsucht ist aber die »Disposition« dazu. Wir haben in erster Linie
-deshalb alles zu tun, um durch allgemeine hygienische und diätetische
-Maßregeln dieser Disposition entgegenzuarbeiten.
-
-Wir sagen dagegen: Es kann gewiß gar nicht genug geschehen, um
-Gesundheitszustand und Widerstandsfähigkeit jedes Einzelnen zu heben;
-zur Bekämpfung der Tuberkulose gehört aber vor allem die Vernichtung
-der Tuberkelbazillen im Auswurf des Schwindsüchtigen und die Vermeidung
-aller der Gefahren, die dem Menschen durch die Verbreitung der
-Rindertuberkulose erwachsen (Milchhygiene); denn während die Bedeutung
-der »Disposition« für die Tuberkulose schwer abschätzbar ist, steht die
-Bedeutung des Tuberkelbazillus als Ursache der Krankheit außer jedem
-Zweifel.
-
-
-Syphilis.
-
-Viele Gründe sprechen für die von vermiedenen Forschern nachdrücklich
-vertretene Anschauung, daß die Syphilis bis zur Entdeckung Amerikas
-in Europa nicht vorgekommen ist; eine Reihe von Tatsachen macht ihre
-Einschleppung durch die Leute des Columbus im Jahre 1493 zudem äußerst
-wahrscheinlich. Sicher ist, daß im folgenden Jahre im Heere Karls VIII.
-von Frankreich während der Belagerung Neapels die Krankheit verbreitet
-war, vermutlich durch spanische Soldaten vermittelt. Sicher ist weiter
-auch, daß die Syphilis sich im unmittelbaren zeitlichen Anschluß an
-diesen Feldzug in Europa mit einer außerordentlichen Schnelligkeit
-verbreitete, die ihre nächstliegende Erklärung in einer Verschleppung
-des Krankheitskeimes durch die nach Hause -- d. h. in aller Herren
-Länder -- zurückströmenden Truppen findet. Während der folgenden
-Jahrzehnte wütete die Seuche in ganz Europa in schrecklicher Weise. Der
-Krankheitsverlauf war meist außerordentlich schwer, die Erscheinungen
-pflegten sehr heftig aufzutreten und sehr rasch aufeinander zu folgen.
-Auch diese durch zahlreiche Zeugnisse der Ärzte jener Zeit gesicherte
-Tatsache ist mit der Annahme gut vereinbar, daß die Krankheit eine
-bisher völlig syphilisfreie Bevölkerung überfiel.
-
-Immerhin halten trotz dieser und anderer Argumente einzelne Forscher
-die Herkunft der Seuche aus Amerika nicht für bewiesen. Ihre Ansicht,
-daß schon vor Columbus' Zeiten die Syphilis in Europa vorgekommen
-ist, kann sich vorderhand aber auf wirklich einwandfreie Gründe nicht
-stützen. Sie wird nur Anerkennung finden können, wenn der sichere
-Nachweis unzweifelhafter syphilitischer Veränderungen an Skeletten
-erbracht werden kann, die zweifellos aus der Zeit vor 1493 herrühren.
-Allenfalls könnten auch Abbildungen sicher syphilitischer Veränderungen
-aus einer nachweislich vor der Entdeckung Amerikas gelegenen Zeit als
-Beweis im gleichen Sinne herangezogen werden.
-
-Bis zum Beweis des Gegenteils scheint aber die Ansicht mehr Aussicht
-auf den endgültigen Sieg zu haben, nach der die Einschleppung der
-Krankheit aus Amerika erfolgt ist.
-
-Die Syphilis ist eine ausgesprochen chronisch verlaufende, in ihren
-frühen Stadien sehr ansteckende Krankheit, die, von verschwindend
-seltenen Ausnahmen abgesehen, nur bei direkter Berührung von Mensch zu
-Mensch übertragen wird. An der Infektionsstelle entsteht nach einer
-Inkubationszeit von meist etwa drei Wochen ein Geschwür, das sehr
-langsam heilt und dessen Ränder und Grund sich allmählich verhärten.
-Nach einer zweiten Inkubationszeit von mehreren Wochen zeigen sich
-dann im einzelnen Falle sehr verschiedene »Sekundär«-Erscheinungen,
-die in Hautausschlägen, Katarrhen, Schleimhautgeschwüren, allgemeinen
-Lymphdrüsenschwellungen und gewissen Störungen des Gesamtbefindens
-bestehen. Zuweilen sind diese Sekundärerscheinungen sehr geringfügig,
-so daß sie selbst vom Arzte, der nicht beständig den Patienten
-vor Augen hat, kaum festgestellt werden können. Unter geeigneter
-Behandlung gehen sie meist bald zurück. Meist erst nach Jahren
-können dann besonders schwere Erscheinungen, die für die dritte
-Periode der Krankheit charakteristisch sind (Tertiärerscheinungen)
-auftreten; sie bestehen in erster Linie in der Bildung knotiger,
-sogenannter gummöser Herde, die sich in sämtlichen Organen und Geweben
-des Körpers entwickeln können und so zu den allerverschiedensten
-Krankheitserscheinungen Anlaß geben können. Durch Zerfall solcher
-Knoten kann es zu umfangreichen Zerstörungen und Geschwürsbildungen,
-z. B. im Gaumen, kommen, verhältnismäßig häufig sind die schweren
-Zerstörungen der Nase durch gleichartige Prozesse, die das Einsinken
-des Nasenrückens, die Entstehung der Sattelnase zur Folge haben.
-Von den inneren Organen sind besonders häufig die Leber und das
-Zentralnervensystem von diesen tertiären Prozessen befallen. Ferner
-sind dieser Periode der Syphilis noch schwere Krankheitsveränderungen
-in den Schlagadern, besonders in der großen Schlagader eigen, die den
-Tod durch Störung der Blutzirkulation zur Folge haben können. Auch
-die Krankheitsprozesse der dritten Periode sind, wenn sie rechtzeitig
-erkannt werden, in weitem Umfange durch die ärztliche Behandlung
-beeinflußbar, vielfach sogar heilbar. Andererseits wird die traurige
-Bedeutung der sehr verbreiteten Krankheit noch durch die Tatsache
-erhöht, daß dem einmal syphilitisch Infizierten, auch wenn die
-Krankheit sonst anscheinend milde verlaufen ist, noch Jahre nach ihrer
-Erwerbung bestimmte Rückenmarks- und Gehirnleiden drohen; mit ihr im
-Zusammenhang stehen die sogenannte Rückenmarksschwindsucht (~Tabes~)
-und die Gehirnerweichung (progressive Paralyse).
-
-Wohl die traurigste Eigenschaft der Syphilis aber beruht darin, daß
-die syphilitisch erkrankte Frau dem eigenen Kinde schon im Mutterleibe
-den Krankheitskeim mitteilen kann: Es kommt dann zur Geburt toter oder
-syphilitisch kranker und lebensunfähiger Kinder.
-
-Als Erreger der Syphilis wurde vor wenigen Jahren von dem kurz
-darauf in noch jugendlichem Alter verstorbenen deutschen Zoologen
-_Schaudinn_ ein außerordentlich zarter und kleiner schraubenförmiger
-Mikroorganismus, die sogenannte ~Spirochaete pallida~ entdeckt (vgl.
-Abb. 33); die ursächliche Bedeutung dieses Mikroorganismus ist heute
-durch zahlreiche Untersuchungen von verschiedenster Seite außer
-Zweifel gestellt; noch ist es aber nicht gelungen, die Spirochaete zu
-kultivieren. Noch sind auch die Ansichten darüber geteilt, ob dieser
-Mikroorganismus zu den Spaltpilzen oder zu den niedersten tierischen
-Kleinlebewesen gehört.
-
-Der Nachweis der Spirochaeten gelingt leicht in den primären und
-sekundären Krankheitsprodukten der Syphilis; in denen der tertiären
-Syphilis sind sie äußerst selten zu finden. Da diese letzteren
-besonders häufig in inneren Organen lokalisiert sind, so ist der
-Versuch des Nachweises der Erreger während des Lebens meist überhaupt
-ausgeschlossen.
-
-Für die sichere Aufklärung der spezifischen Natur solcher Erkrankungen
-ist, wie überhaupt für die Diagnostik der Syphilis von sehr großer
-Bedeutung eine von _Wassermann_ gefundene charakteristische Reaktion
-des Blutserums syphilitischer Individuen. Der Mechanismus dieser
-Reaktion ist zu kompliziert, als daß ein Versuch seiner Erklärung
-hier angebracht wäre. Auch ist es nicht an der Zeit, ihre Bedeutung
-im Einzelnen zu erörtern, da diese noch unter den Fachleuten lebhaft
-diskutiert wird. An dem großen diagnostischen Wert der Wassermannschen
-Entdeckung ist aber kein Zweifel.
-
-[Illustration: Abb. 33.
-
-Spirochaeten in der Darmwand eines syphilitisch kranken neugeborenen
-Kindes. Schnittpräparat.]
-
-Versuche, gegen die Syphilis zu immunisieren, sei es auf »aktivem«,
-sei es auf »passivem« Wege, haben bisher noch keinen Erfolg gehabt; es
-ist möglich, daß die Zukunft uns ein wirksames Verfahren bringt. Die
-ersten Schritte auf diesem Wege sind insofern getan worden, als durch
-den Nachweis der Übertragbarkeit von Syphilis auf Affen, der zuerst
-von _Metschnikoff_ und _Roux_ erbracht wurde, der experimentellen
-Syphilisforschung vor einigen Jahren die Wege geebnet wurden.
-
-Wenn auch ein _spezifisches_ Heilmittel im Sinne der
-Immunitätsforschung für diese Krankheit noch nicht existiert, so hat
-der Arzt doch anderseits gerade ihr gegenüber sehr wirksame Medikamente
-in der Hand, durch deren sachgemäße Anwendung die Krankheit in
-außerordentlich hohem Maße beeinflußt, ja geheilt werden kann. Die
-Wirksamkeit dieser Mittel -- besonders des Quecksilbers und des
-Jodkaliums -- zeigt sich in ihrem außerordentlich energischen Einfluß
-auf einzelne Erscheinungen der Krankheit, der nur in ungewöhnlich
-schweren Fällen versagt. Sie zeigt sich weiterhin auch in einer
-statistisch nachweisbaren günstigen Beeinflussung des späteren
-Verlaufes der Krankheit nach ausgiebiger Behandlung, wenn man zum
-Vergleich unbehandelte Fälle heranzieht. Der bekannte französische
-Syphilidologe _Fournier_ kommt auf Grund sehr großer Erfahrungen zu
-dem Schluß, daß die Syphilis heilbar sei, nicht nur in ihren Folgen
-für das Individuum allein, sondern auch in Hinsicht auf die Gefahr der
-Infektion der Nachkommenschaft -- freilich nur unter der Voraussetzung,
-daß ausreichende sachgemäße Behandlung stattfindet.
-
-Da nur das syphilitische Individuum mit manifesten
-Krankheitserscheinungen zur Verbreitung der Seuche fähig ist, so ergibt
-sich als wichtigste Maßnahme zu deren Eindämmung die gründliche,
-rasche, sachgemäße Behandlung jedes syphilitisch Kranken einerseits,
-die Vermeidung der Krankheitsübertragung durch ansteckend Kranke
-anderseits. Da im allgemeinen die Infizierten nur in den ersten Jahren
-ihrer Erkrankung wieder ansteckungsfähig sind, so kann die Belehrung
-über die Gefahr, die sie für gesunde Menschen darstellen, ein weiteres
-Mittel zur Verhütung von Neuinfektionen bilden. Vor allem aber wird das
-Urteil des Arztes darüber zu entscheiden haben, ob und wann ein einmal
-syphilitisch infiziert Gewesener eine Ehe eingehen darf. Wird die
-Erlaubnis hierzu zu früh gegeben, so kann durch Infektion der Frau und
-durch die Schädigung der Nachkommenschaft nicht wieder gut zu machendes
-Unheil gestiftet werden.
-
-In einzelnen Staaten sind daher gesetzgeberische Bestimmungen
-getroffen, die z. B. die Genehmigung einer Eheschließung von der
-Beibringung eines Gesundheitsattestes abhängig machen; es kann keinem
-Zweifel unterliegen, daß solche Bestimmungen segensreich wirken können.
-
-Es könnte nach dem Gesagten scheinen, als müßte die Ausrottung der
-Syphilis in einem Kulturlande ein leichtes sein: Es müßte genügen,
-von einem gegebenen Augenblick an alle von der Krankheit Befallenen
-dahin zu bringen, daß sie jede Verbreitung der Infektion so lange
-auf das ängstlichste vermeiden, bis sie durch gründliche Behandlung
-geheilt sind. Bisher hat man trotz aller Bemühungen auf diesem Wege der
-Ausbreitung der Syphilis noch nicht steuern können. Der Hauptgrund für
-diese betrübende Erscheinung liegt in sozialen Verhältnissen, vor allem
-in der Prostitution, über deren Duldung oder Unterdrückung hier nicht
-geredet werden soll.
-
-
-Lepra.
-
-Die Lepra oder der »Aussatz« ist eine Krankheit von ganz ausgesprochen
-langwierigem Verlauf, die im einzelnen außerordentlich verschiedene
-Erscheinungen zeigt, in ihren Endstadien aber in der Regel ihre
-bedauernswerten Opfer in grauenerregender Weise entstellt. Ihre
-gewöhnliche Form ist die Knotenlepra, die durch die Ausbildung von
-kleineren und größeren Knoten in der Haut und den Schleimhäuten
-ausgezeichnet ist, aber auch die inneren Organe befällt. Diese knotige
-Lepra kann durch Zerfall von Knoten zu Geschwürsbildungen und,
-namentlich im Gesicht, dadurch auch zu erheblichen Zerstörungen und
-Entstellungen führen. Besonders grauenerregend sind aber die Ausgänge
-der anderen Form der Krankheit, der sogenannten Nervenlepra, die mit
-schweren Störungen der Ernährung der Weichteile und Knochen einhergeht
-und in ihren Endstadien ausgedehnte Verstümmelungen der Gliedmaßen,
-besonders der Hände und Füße und des Gesichts, herbeiführt.
-
-Ob die Lepra mit dem Aussatz der Bibel identisch ist, das wissen wir
-nicht, es ist aber unwahrscheinlich. In den heutigen Kulturländern
-Europas war sie im Mittelalter außerordentlich verbreitet, und zwar
-scheint sie hauptsächlich während der Kreuzzüge große Fortschritte
-gemacht zu haben. Schon im 9. und 10. Jahrhundert werden einzelne
-Leprahäuser auf deutschem Boden erwähnt, auch erfahren wir von
-gesetzlichen Bestimmungen, z. B. Heiratsverboten, die gegen die
-Verbreitung der Krankheit gerichtet waren, schon unter Pipin und
-Karl dem Großen. Am Anfange des 13. Jahrhunderts aber bereits
-gab es in Frankreich 2000 Leprahäuser. Die Überzeugung von der
-Ansteckungsfähigkeit der Krankheit führte zu sehr strengen
-Bestimmungen; der als leprös Erkannte mußte sich in ein Leprahaus
-aufnehmen lassen. Bekannt ist ja die Vorschrift, die den Leprösen
-zwang, sich durch Klingeln mit einer Schelle bemerkbar zu machen,
-wenn er sich menschlichen Wohnungen, in erster Linie zum Zwecke des
-Bettelns, nähern wollte. Heute ist die Lepra in Deutschland so gut
-wie unbekannt, nur im äußersten Nordosten von Preußen gibt es einige
-wenige Lepröse, die ihre Ansteckung zweifellos aus den russischen
-Ostseeprovinzen bekommen haben, in denen die Krankheit noch heimisch
-ist. Ein kleiner Lepraherd findet sich weiter in Frankreich, in
-der Bretagne, ein weiterer in Norwegen. Die südeuropäischen Länder
-sind ebenfalls nicht ganz frei von der Krankheit, so die Türkei und
-Rußland. Sehr zahlreiche Leprafälle trifft man vor allem in Vorder- und
-Hinter-Indien und auf den malayischen Inseln. In Amerika sind einzelne
-Staaten an der Nordküste von Südamerika stärker von der Krankheit
-befallen, die sonst selten ist, auch Afrika besitzt einige Lepraherde.
-
-Die Ursache der Krankheit ist der von dem norwegischen Forscher
-_Hansen_ 1868 zuerst beobachtete Leprabazillus, ein schlankes, dem
-Tuberkelbazillus in mancher Hinsicht ähnliches, unbewegliches Stäbchen,
-das sich in ganz kolossalen Mengen in den Lepraknoten der Haut und
-Schleimhäute, besonders häufig auch im Nasensekret bei geschwürigen
-Prozessen der Nase, bei der Nervenlepra endlich im Zwischengewebe der
-Nerven findet. Die Kultur dieses Stäbchens ist trotz sehr zahlreicher
-Bemühungen nicht gelungen, auch sind bisher noch alle Versuche,
-die Krankheit auf Tiere der verschiedensten Arten überzuimpfen,
-fehlgeschlagen. Unsere Anschauungen von der Verbreitungsweise der
-Krankheit und somit auch die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung, gründen
-sich also ganz ausschließlich auf die Beobachtungen am Menschen.
-
-Es steht unzweifelhaft fest, daß die Krankheit ausschließlich
-bei Individuen auftritt, die einmal in ihrem Leben mit Leprösen
-in Berührung gekommen sind, freilich ist die Inkubationszeit
-außerordentlich lang, allem Anschein nach erstreckt sie sich über
-Jahre. Die Art und Weise der Übertragung der Keime ist noch nicht
-völlig aufgeklärt; besonders gefährlich scheint das bazillenhaltige
-Nasensekret zu sein, das sich in einem großen Teil der Fälle findet.
-Jedenfalls aber findet die Übertragung nur bei intimer Berührung resp.
-bei mangelnder Reinlichkeit statt; das wird auf das schlagendste
-bewiesen durch die Tatsache, daß _Hansen_ selbst in jahrzehntelanger
-Tätigkeit auch nicht einen einzigen Fall von Übertragung der Krankheit
-auf das _Pflegepersonal_ gesehen hat. Daß die Lepra allein durch die
-Isolierungsmethode auf das wirksamste bekämpft werden kann, zeigt das
-Beispiel Norwegens, wo die Zahl der Leprösen von 2870 im Jahre 1856 auf
-577 im Jahre 1900 herabgegangen ist. Seit dem Jahre 1885 besteht dort
-der gesetzliche Zwang zur Aufnahme in ein Leprahaus für jeden von der
-Krankheit Befallenen, der nicht die Möglichkeit nachweist, in seiner
-eigenen Wohnung bestimmten, der Isolierung dienenden Vorschriften
-strengstens nachzukommen. In manchen Staaten ist Leprösen das Eingehen
-einer Ehe nicht gestattet; diese Bestimmung erscheint durchaus
-gerechtfertigt, solange die Krankheit, wenn sie einmal ausgebrochen,
-als unheilbar zu gelten hat.
-
-In neuester Zeit berichteten die Zeitungen über günstige Erfolge, die
-der deutsche Forscher _Deycke_ mit einem Impfstoff gegen die Lepra
-erzielt haben soll. Vor der genauen Veröffentlichung der Resultate, die
-bisher noch aussteht, wird man sich jedes Urteils über den Wert des
-neuen Mittels enthalten müssen.
-
-
-
-
-Schlußwort.
-
-Rückblick und Ausblick.
-
-
-Man hört zuweilen in Laienkreisen ungeduldige und abfällige Urteile
-über die Bakterienforscher und ihre Erfolge: »Wozu hilft uns die
-Entdeckung immer neuer Krankheitserreger, wenn man nicht gleichzeitig
-Mittel findet, um die Menschheit von ihnen zu befreien!« In der
-Tat, für unsere Wünsche und Hoffnungen geht der Fortschritt der
-Wissenschaft im Kampfe mit diesen tückischen kleinen Feinden immer
-zu langsam. Wir müssen mit Bedauern eingestehen, daß trotz aller
-geleisteten Arbeit noch immer unübersehbares Elend durch die pathogenen
-Bakterien entsteht. Das gilt auch, wenn wir von den außerordentlich
-großen Verlusten an Menschenleben ganz absehen, die auf Rechnung der
-_exotischen Seuchen_ zu setzen sind, wenn wir also nur unser Klima und
-die Verhältnisse in Europa betrachten.
-
-Ein Versuch, ein zuverlässiges Urteil darüber zu gewinnen, welchen
-Schaden der Kulturmenschheit die bakteriellen Infektionskrankheiten
-heute noch zufügen, stößt auf große Schwierigkeiten. Wir müßten
-etwa festzustellen trachten, wie viele Menschen in einem bestimmten
-Zeitabschnitte in unserem Klima an bakteriellen Infektionen
-_erkranken_, wie lange Zeit sie arbeits- und genußunfähig werden, ob
-und welchen dauernden Schaden die »Geheilten« etwa behalten, wobei
-besonders auch an die Folgen bestimmter Krankheiten für Ehe und
-Nachkommenschaft zu denken wäre, endlich: wie viele den Krankheiten
-erliegen.
-
-Die Beantwortung aller dieser Fragen stößt auf außerordentlich große
-Schwierigkeiten; am ehesten können wir noch die letzte von ihnen in
-präziser Weise beantworten -- auf Grund von Statistiken über die
-_Todesursachen_, die uns freilich nur einen gewissen gröbsten Maßstab
-für die Größe des Schadens geben. Anspruch auf völlige Zuverlässigkeit
-haben solche Zusammenstellungen streng genommen nur dann, wenn sie sich
-auf Sektionsbefunde stützen.
-
-Als Beispiel einer solchen Zusammenstellung mag eine von Geheimrat
-_Marchand_ veröffentlichte Todesursachenstatistik dienen, die sich auf
-die im Leipziger Pathologischen Institut in den Jahren 1900 bis 1905
-vorgenommenen Leichenöffnungen stützt:
-
-Von 7140 Todesfällen waren allein 1652 (= 23%) auf Tuberkulose
-zurückzuführen; 687 (= 9,6%) weitere auf andere ansteckende
-Krankheiten, während z. B. auf äußere Einwirkungen aller Art
-(Unglücksfälle, Verbrennungen, Verletzungen) im ganzen 561 (= 7,8%) der
-Todesfälle zurückgingen. Auf Rechnung von pathogenen Bakterien sind
-nun aber weiterhin noch eine sehr beträchtliche Zahl von Todesfällen
-zu setzen, die durch Erkrankung lebenswichtiger Organe _im Anschluß_
-an eine vorangegangene bakterielle Infektion entstanden sind.
-(»Nachkrankheiten«, s. o. in Kapitel II.) Die genaue Aussonderung
-dieser Fälle stößt auf gewisse Schwierigkeiten. Mit einiger Sicherheit
-kann man in dem hier herangezogenen Material noch mindestens 833 =
-11,7% der Fälle in diese Rubrik einordnen. Die Gesamtzahl der sicher
-durch pathogene Bakterien verursachten Todesfälle beträgt demnach für
-unser Material 3172 = 44,4% der Gesamttodesfälle.
-
-Nur _eine_ Krankheitsgruppe kann sich an trauriger Bedeutung für die
-Menschheit mit den Infektionskrankheiten messen: die »bösartigen
-Geschwülste«, die »Krebskrankheit« im weiteren Sinne, die in unserer
-Statistik mit 799 = 11,2% der Todesfälle vertreten ist.[13]
-
-Wir müssen also ohne weiteres einräumen, daß auch heute noch -- trotz
-der gepriesenen Großtaten der Wissenschaft -- unendlich großes Elend
-durch pathogene Bakterien der Menschheit bereitet wird. Haben wir
-deshalb Grund zu verzagen, die Hände in den Schoß zu legen? Gewiß
-nicht; im Gegenteil, wir haben allen Grund, hoffnungsvoll in die
-Zukunft zu sehen. Dazu berechtigen uns die wirklich erreichten Erfolge.
-Freilich ist es noch außerordentlich viel schwieriger, von ihrem
-Umfang eine annähernd richtige Vorstellung zu gewinnen, als von den
-Verwüstungen, die die Infektionskrankheiten anrichten.
-
-Die einfachsten und deshalb durchsichtigsten Verhältnisse finden wir
-bei den beiden Krankheiten, die wir am wirksamsten bekämpfen gelernt
-haben, bei den »Pocken« und bei der »Diphtherie«. Man kann wohl
-annehmen, daß im 18. Jahrhundert in Europa im allgemeinen 1/14 bis 1/12
-aller Todesfälle durch Blattern verursacht waren. (_Kübler_, Geschichte
-der Pocken und der Impfung S. 101.) Heute ist _diese_ Krankheit in
-Deutschland so gut wie unbekannt, in den andern Kulturländern ebenfalls
-um so seltener, je allgemeiner die Schutzpockenimpfung durchgeführt
-ist. Hier dürfen wir mit Recht also von einem vollständigen Sieg der
-Kulturmenschheit über einen Infektionskeim sprechen.
-
-Nicht ganz so günstig liegen die Erfolge gegenüber der Diphtherie,
-die auch nach der Einführung des _Behring_schen Heilserums immer noch
-Opfer fordert; darüber aber sind Ärzte und Laien sich einig, daß auch
-diese gefürchtete Krankheit seit der Entdeckung dieses Mittels ihren
-Schrecken größtenteils verloren hat. Das beweisen vor allem auch die
-statistischen Feststellungen, die von jenem Augenblick an einen ganz
-erheblichen Abfall der Diphtherie-Sterblichkeit zeigen.
-
-Auch die Wutschutzimpfung mit ihren segensreichen Folgen gehört zu den
-unmittelbaren Erfolgen der Wissenschaft; ebenso ist hier die siegreiche
-Bekämpfung bakterieller Tierseuchen noch einmal zu erwähnen.
-
-Aber -- kommt der ungeduldige Leser wieder zum Worte -- gegen alle
-die vielen anderen Krankheitserreger, die entdeckt und bis auf alle
-Einzelheiten ihrer Lebensbedingungen und Lebensäußerungen untersucht
-worden sind, hat man immer noch kein Radikalmittel von zweifellosem
-Wert? Die Antwort lautet: Nein; aber man hat vielversprechende Anfänge
-an verschiedenen Punkten, und wir dürfen hoffen, daß manche der
-Heilsera und manche Schutzimpfungsmethoden sich noch bewähren werden,
-oder aber, daß bessere Mittel an ihre Stelle treten werden.
-
-Wir dürfen also _hoffen_, wird der Leser erwidern -- mit anderen
-Worten: Zukunftsmusik! -- Doch nicht ganz; denn man vergißt in seiner
-Ungeduld über dem Wunsche nach radikalen Heil- und Schutzmitteln, die
-ja freilich als letztes praktische Ziel aller Forschung über pathogene
-Bakterien vorschweben, den großen _mittelbaren_ Nutzen, den die
-bisherigen Ergebnisse der Wissenschaft schon gehabt haben.
-
-Es ist hier schlechterdings nicht möglich, im einzelnen auszuführen,
-welchen Umschwung in den ärztlichen Anschauungen, in der Erkennung,
-Behandlung und vor allem in der _Verhütung_ von Krankheiten die
-Bakteriologie herbeigeführt hat. Hier muß vor allem auf den schwer
-schätzbaren, aber sicher gewaltigen Fortschritt hingewiesen werden,
-den die _Verhütung der Seuchen_ gemacht hat. Aber nicht nur exotischen
-Krankheiten stehen wir bei weitem besser gerüstet gegenüber als vor den
-Erfolgen _Robert Kochs_; auch den endemischen Infektionskrankheiten
-können wir wirksamer als zuvor entgegentreten.
-
-Von unabsehbarer Bedeutung für die Menschheit ist aber ferner der
-gewaltige Aufschwung, den die _operative Medizin_ -- in erster Linie
-dank den Errungenschaften der Bakteriologie -- genommen hat. Die
-Voraussetzung für die erstaunliche Entwickelung der Chirurgie im
-Verlauf der drei letzten Jahrzehnte war die Entdeckung der Ursachen der
-Wundkrankheiten und die Ausbildung der Methoden zu ihrer Verhütung.
-Wer vermag zahlenmäßig zu belegen, wieviele Menschenleben um Jahre,
-ja Jahrzehnte, verlängert worden sind durch chirurgische Eingriffe,
-die früher gar nicht gewagt werden konnten, weil sie sicheren Tod
-des Operierten zur Folge gehabt hätten! Gerade auch der gefürchteten
-Krebskrankheit gegenüber hat so -- auf Umwegen -- die Entdeckung der
-pathogenen Bakterien zu großen Erfolgen geführt, indem sie operative
-Eingriffe ermöglichte, an die sich vor der Einführung von Antisepsis
-und Asepsis in die Chirurgie auch der kühnste Operateur mit Recht nicht
-heranwagte.
-
-Kurz: die mittelbaren und unmittelbaren praktischen Ergebnisse der
-Wissenschaft für den Kampf gegen die Infektionskrankheiten sind heute
-schon gewaltig große, und mit Recht verehrt die Menschheit unter ihren
-Wohltätern _Jenner_, _Pasteur_, _Koch_, _Behring_. Mit Recht dürfen wir
-aber auch hoffen, daß der unaufhaltsame Fortschritt der Wissenschaft
-der Menschheit immer neue Mittel in die Hand geben wird, der pathogenen
-Bakterien Herr zu werden, ja, daß einmal der Tag kommen wird, an dem
-man, wenn nicht alle, so doch manche oder viele Arten dieser Schädlinge
-ebenso unschädlich gemacht hat, wie den Pockenkeim, der Tag, an dem
-man von Cholera und Pest, ja von Syphilis und Tuberkulose nur noch
-aus den Büchern der Geschichte erfahren wird, der Tag, an dem man
-die Abbildungen von diesen Krankheiten mit dem gleichen Interesse
-betrachten wird, mit dem wir heute vor den Skeletten der gewaltigen
-Tierarten stehen, die unseren Vorfahren nach dem Leben trachteten.
-
-
- Druck von B. G. Teubner in Dresden.
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
-[1] Zur Geschichte der bakteriologischen Wissenschaft vgl. besonders:
-_Loeffler_, Vorlesungen über die geschichtliche Entwicklung der Lehre
-von den Bakterien. Leipzig 1887.
-
-[2] Näheres über die Urzeugung s. bei _Gutzeit_, ~l. c.~, S. 16 ff.
-
-[3] Näheres siehe bei _Gutzeit_, S. 22 ff.
-
-[4] Die Einrichtung unserer modernen Mikroskope ist recht kompliziert
-und mit wenigen Worten nicht zu erörtern. Eine Einführung in die
-Konstruktion und Verwendung des Mikroskopes findet sich in Bd. 36
-dieser Sammlung: Scheffer, Das Mikroskop.
-
-[5] pathogen = krankheiterregend von griechisch πάθος = die Krankheit,
-Stamm γεν = erzeugen.
-
-[6] Wir müssen hier mit einigen Worten die Zusammensetzung des Blutes
-und die wichtigsten Eigenschaften seiner Bestandteile besprechen.
-Das Blut besteht aus einem flüssigen Bestandteile, dem Plasma, und
-sehr zahlreichen kleinsten runden Scheibchen, den sogenannten roten
-Blutkörperchen, die das Hämoglobin enthalten, den roten Farbstoff,
-der die schöne rote Farbe frischen Blutes bewirkt. Diese Scheibchen
-sind außerordentlich klein: 1 ~cbmm~, also ein Bluttröpfchen, das kaum
-größer ist als ein Stecknadelkopf, enthält 4–5000000 davon. Mit Hilfe
-sehr feiner Meßapparate hat man den Durchmesser eines solchen roten
-Blutkörperchens des Menschen gleich ungefähr 7 µ bestimmt. Außer den
-roten enthält das Blut in viel geringerer Zahl noch andere zellige
-Elemente von etwas verschiedenem Charakter, die im Gegensatz zu jenen
-farblos sind und als weiße Blutkörperchen (Leukocyten) bezeichnet
-werden. Sie sind zum Teil ein wenig größer als die roten Blutkörperchen
-und besitzen ebenso wie niederste tierische Lebewesen, z. B. die
-Amöben, die Eigenschaft selbständig ihre Gestalt zu verändern und
-besonders auch kleine körperliche Elemente, die in ihr Bereich kommen,
-in ihren Zelleib aufzunehmen.
-
-[7] _Kübler_, Geschichte der Pocken und der Impfung. Bibliothek von
-Coler. Bd. 1.
-
-[8] Der technische Ausdruck für diese Einverleibungsmethoden lautet:
-parenteral, was aus dem Griechischen etwa zu übersetzen wäre: unter
-Vermeidung des Darmweges.
-
-[9] Eine eingehendere gemeinverständliche Darstellung dieser höchst
-interessanten Phänomene von Prof. _Duerck_ wird demnächst in dieser
-Sammlung erscheinen.
-
-[10] Eine Landgrenze vollständig zu sperren gilt als nahezu unmöglich
--- selbst bei der Anwendung der strengsten Maßnahmen. -- Der Ausbau
-der Eisenbahnen, die Europa mit dem Orient verbinden, wird unsere
-Seuchen-Prophylaxe daher erschweren.
-
-[11] Merkwürdigerweise hat sich zusammen mit dem Ausdruck: »die
-Luft verpesten« auch in weiten Kreisen ein Irrtum erhalten, der den
-unklaren und falschen mittelalterlichen Vorstellungen vom Wesen und
-der Entstehung von Seuchen entspricht und selbst in den Kreisen der
-Journalisten bedauerlicherweise noch lebendig ist: Als am Ende des
-Jahres 1908 die furchtbare Erdbebenkatastrophe Messina vernichtet
-hatte, brachten die Tageszeitungen wiederholt die Meldung, man
-befürchte, die verwesenden Leichen könnten zur Entstehung von
-Seuchen Anlaß geben. Ja, ein sehr verbreitetes Blatt ließ sich
-sogar telegraphieren, man beabsichtige, durch ein Bombardement der
-Trümmerstätte dem Ausbruch der _Pest_ vorzubeugen. Dies Bombardement
-ist mit Recht unterblieben, denn die italienischen Behörden wußten
-über Seuchenentstehung besser Bescheid als jener Korrespondent. Sie
-wußten, daß eine Pestepidemie durchaus nur im Anschluß an Pestfälle --
-bei Menschen oder Tieren -- entstehen kann. Da nun vor dem Erdbeben
-sicher kein Pestfall in Messina vorhanden war, konnte sich auch aus
-den Leichen kein solcher »entwickeln«, denn die Pesterreger entwickeln
-sich ebensowenig durch »Urzeugung« wie andere Bakterien. (Vgl. die
-Einleitung zu diesem Bändchen.)
-
-[12] In Band 47 dieser Sammlung findet sich eine Behandlung der
-Tuberkulose von Schumburg. Ich beschränke mich deshalb hier auf eine
-ganz kurze Besprechung der wichtigsten Punkte.
-
-[13] Für die hier und da verteidigte Ansicht, daß auch die
-»Krebskrankheit« durch eine _belebte_ Krankheitsursache, ein pathogenes
-Kleinlebewesen, hervorgerufen werde, fehlt bisher jeder Beweis. Alle
-bisher entdeckten »Krebserreger« haben der Kritik nicht standhalten
-können.
-
-
-
-
-Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin.
-
-
-Einführung in die Physiologie der Einzelligen (Protozoen).
-
-Von Dr. =S. v. Prowazek=. Zoolog. Assistent am Seemanns-Krankenhaus und
-Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten in Hamburg. Mit 51 Abbild.
-[IV u. 172 S.] gr. 8. 1910. In Leinw. geb. _M_ 6.--.
-
-In dem Buch wird der Versuch gemacht, die wichtigsten, in vielen
-heterogenen Zeitschriften medizinischen und biologischen Inhalts
-zerstreuten Tatsachen, die sich auf die Physiologie der Protozoen,
-die jetzt gerade im Vordergrunde des medizinischen und biologischen
-Interesses stehen, beziehen, in übersichtlicher Weise zu sammeln und
-unter einheitlichen Gesichtspunkten darzustellen. Leider wurde bis
-jetzt die Physiologie der Einzelligen mit wenigen Ausnahmen selten
-von einheitlichen Gesichtspunkten bearbeitet, und so mußte sich die
-Darstellung manches Kapitels nur mit Anregungen für eine weitere
-Bearbeitung in diesem Sinne begnügen. Es ist aber in diesem Buche
-gleichzeitig der Versuch gemacht worden, die neuesten Ergebnisse der
-Morphologie der Protozoen mit der Physiologie in Einklang zu bringen
-und die letzten Gestaltprinzipien der Einzelligen -- ihre Morphe --
-unter den Gesichtswinkel einer physiologischen Betrachtungsart zu
-stellen. In diesem Sinne stellt manches Kapitel dieser Schrift ein
-Programm für eine physiologische Promorphologie der Einzelligen,
-die nicht die einfachst organisierten Zellen, sondern die höchst
-differenzierten einzelligen Organismen sind. Natürlicherweise
-mußten wiederholt die Probleme des neueren Vitalismus gestreift
-werden -- doch ist diese Stellungnahme mehr subjektiver Natur, und
-es soll in diesem Sinne überhaupt nicht das letzte Wort gesprochen
-werden. In erster Linie soll aber das Buch nur eine Einführung in
-eine Protistenphysiologie sein, ein Nachschlagebuch, das für den
-Mediziner und den Biologen die wichtigsten Tatsachen aus dem Gebiete
-der Protistenphysiologie in kurzer Form mit den entsprechenden
-Literaturnachweisen bringt. Die Hauptkapitel sind aber derart abgefaßt
-worden, daß der der Protozoenbiologie Fernerstehende sich über die
-wichtigsten Probleme der Kern- und Protoplasmaphysiologie, über
-Befruchtung, Vermehrung, Ernährung und die verschiedenen Tropismen der
-Protozoen orientieren kann.
-
-
-Planktonkunde.
-
-Von Dr. =A. Steuer=. Privatdozent an der Universität Innsbruck. Mit 365
-Abbild. und einer farb. Tafel. [XV u. 723 S.] gr 8. 1910. In Leinw.
-geb. _M_ 26.--.
-
-Bei dem ungeahnten Aufschwung, den die Planktonkunde in den letzten
-Jahren genommen, dürfte eine zusammenfassende Darstellung der gesamten
-Planktologie, wie sie hier zum ersten Male geboten wird, nicht
-unerwünscht sein: dem Geographen, Zoologen und Botaniker und nicht in
-letzter Linie dem praktischen Fischer als übersichtliches Handbuch, dem
-Lehrer und Lernenden als Grundlage für den Unterricht sowohl wie für
-selbständige wissenschaftliche Arbeit auf den einschlägigen Gebieten.
-
-
-Lehrbuch der Paläozoologie.
-
-Von Dr. =E. Stromer von Reichenbach=. Privatdozent an der Universität
-München. 2 Teile. Mit zahlr. Abbild. gr. 8. In Leinw. geb. I. Teil:
-Wirbellose Tiere. Mit 398 Abbild. [X u. 342 S.] 1909. _M_ 10.--. II.
-Teil: Wirbeltiere. (Erscheint im Herbst 1910.)
-
-Verfasser legt im engsten Anschlusse an die Resultate der Zoologie die
-Organisation der Tiere klar, erörtert ihre Lebensweise, während die
-Systematik nur in ihren Prinzipien und bis zu den Ordnungen genauere
-Berücksichtigung findet. Der allgemeinen Paläozoologie wird ein
-größerer Raum gewährt. So folgen im ersten Bande der kurzen Definition
-und Vorgeschichte der Wissenschaft eine ausführliche Darstellung
-der Erhaltungsbedingungen von Tierresten, eine Abhandlung über
-Skelettbildung und eine Klarlegung des Verhältnisses der Paläozoologie
-zu den anderen beschreibenden Naturwissenschaften. Im speziellen Teile
-werden dann die Stämme der Wirbellosen nach Bau, Einteilung, räumlicher
-und zeitlicher Verbreitung sowie in bezug auf die Stammesgeschichte
-besprochen. In dem zweiten Bande werden die Wirbeltiere ebenso
-behandelt und zum Schlusse soll eine Ergänzung der einleitenden
-allgemeinen Paläozoologie folgen, nämlich eine Darstellung der Rolle
-der gesamten Tierwelt in den früheren Zeiten, ihrer Gesamtentwicklung
-und der dabei geltenden Gesetze und damit eine Klarlegung der Bedeutung
-der Paläozoologie für die Tiergeographie und die Abstammungslehre.
-
-
-Anleitung zur Kultur der Mikroorganismen.
-
-Für den Gebrauch in zoologischen, botanischen, medizinischen und
-landwirtschaftlichen Laboratorien
-
-Von Dr. =Ernst Küster=
-
-Professor am Botanischen Institut in Kiel.
-
-Mit 16 Abbildungen. In Leinwand geb. _M_ 7.--.
-
-Das Buch gibt eine Anleitung zum Kultivieren aller Arten von
-Mikroorganismen (Protozoen, Flagellaten, Myzetozoen, Algen, Pilzen,
-Bakterien), bringt eine Übersicht über die wichtigsten Methoden
-zu ihrer Gewinnung und Isolierung, behandelt ihre Physiologie,
-insbesondere die Ernährungsphysiologie, soweit ihre Kenntnis für
-Anlegen und Behandeln der Kulturen unerläßlich ist, und versucht zu
-zeigen, in wie mannigfaltiger Weise die Kulturen von Mikroben für
-das Studium ihrer Entwicklungsgeschichte, Physiologie und Biologie
-verwertet werden können und schon verwertet worden sind.
-
- »Das Küstersche Buch gibt in knapp 200 Seiten eine
- übersichtliche und doch reiche Darstellung der Kulturmethoden
- der Mikroorganismen. Ein allgemeiner Teil, der gerade dem
- Mediziner viel Anregung bietet, beschäftigt sich mit den
- Nährböden, ihrer Herstellung und ihrer Wirkung auf die
- Organismen, mit den Behältern der Nährböden und mit der
- Herstellung der Kulturen, im besonderen der Reinkulturen.
- Wertvoll ist die Zusammenstellung bisher zerstreuter und schwer
- zugänglicher Angaben und Rezepte.«
-
- (=Deutsche Medizinische Wochenschrift.=)
-
-
-Das Verhalten der niederen Organismen unter natürlichen und
-experimentellen Bedingungen.
-
-Von =H. S. Jennings=
-
-Professor der experimentellen Zoologie an der Johns Hopkins University
-in Baltimore.
-
-Übersetzt von Dr. med. et phil. =E. Mangold=
-
-Privatdozent an der Universität Greifswald.
-
-[ca. 580 S.] gr. 8. In Leinwand geb. [Erscheint Ostern 1910.]
-
-Der bekannte amerikanische Biologe gibt eine äußerst klare und
-ansprechende, von zahlreichen Abbildungen begleitete Darstellung des
-physiologischen Verhaltens und der auf die verschiedenen Reize der
-Außenwelt erfolgenden allgemeinen Körperbewegungen der einzelligen
-Organismen und der niederen Tiere. Der objektiv beschreibende und der
-theoretisch analysierende Teil des Buches bilden die Grundzüge einer
-vergleichenden Physiologie, welche es verdienen, weiteren Kreisen
-zugänglich gemacht zu werden.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Der Katalog »Aus Natur und Geisteswelt« wurde als eigenes Projekt
- PG54614 auf gutenberg.org veröffentlicht und hier entfernt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 29: Menschen → Mengen
- mit genau gleichen {Mengen} einer Reinkultur
-
- S. 122: Psychologie → Physiologie
- Grundzüge einer vergleichenden {Physiologie}
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die krankheiterregenden Bakterien, by Max Loehlein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEITERREGENDEN BAKTERIEN ***
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- The Project Gutenberg eBook of Die krankheiterregenden Bakterien, by Max Loehlein.
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-/* Transcriber's notes */
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Die krankheiterregenden Bakterien, by Max Loehlein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die krankheiterregenden Bakterien
- Entstehung, Heilung und Bekämpfung der bakteriellen
- Infektionskrankheiten des Menschen
-
-Author: Max Loehlein
-
-Release Date: May 22, 2017 [EBook #54762]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEITERREGENDEN BAKTERIEN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches.</a></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2"><span class="smaller">Die Sammlung</span><br />
-»Aus Natur und Geisteswelt«</p>
-</div>
-
-<p class="noind">nunmehr schon über 600 Bändchen umfassend, sucht seit ihrem Entstehen dem
-Gedanken zu dienen, der heute in das Wort: »<em class="gesperrt">Freie Bahn dem Tüchtigen!</em>«
-geprägt ist. Sie will die Errungenschaften von Wissenschaft, Kunst
-und Technik <em class="gesperrt">einem jeden zugänglich</em> machen, ihn dabei zugleich unmittelbar
-im <em class="gesperrt">Beruf fördern</em>, den <em class="gesperrt">Gesichtskreis erweiternd</em>, die <em class="gesperrt">Einsicht</em>
-in die Bedingungen der Berufsarbeit <em class="gesperrt">vertiefend</em>.</p>
-
-<p>Sie bietet wirkliche »<em class="gesperrt">Einführungen</em>« in die Hauptwissensgebiete für
-den <em class="gesperrt">Unterricht oder Selbstunterricht des Laien</em>, wie sie den heutigen
-methodischen Anforderungen entsprechen. So erfüllt sie ein Bedürfnis, dem
-Skizzen, die den Charakter von »Auszügen« aus großen Lehrbüchern tragen,
-nie entsprechen können; denn solche setzen vielmehr eine Vertrautheit mit dem
-Stoffe schon voraus.</p>
-
-<p>Sie bietet aber auch dem <em class="gesperrt">Fachmann</em> eine <em class="gesperrt">rasche zuverlässige Übersicht</em>
-über die sich heute von Tag zu Tag weitenden Gebiete des geistigen
-Lebens in weitestem Umfang und vermag so vor allem auch dem immer
-stärker werdenden Bedürfnis des <em class="gesperrt">Forschern</em> zu dienen, sich <em class="gesperrt">auf den
-Nachbargebieten</em> auf dem laufenden zu erhalten.</p>
-
-<p>In den Dienst dieser Aufgabe haben sich darum auch in dankenswerter
-Weise von Anfang an die besten Namen gestellt, gern die Gelegenheit
-benutzend, sich an weiteste Kreise zu wenden, an ihrem Teil bestrebt, der
-Gefahr der »Spezialisierung« unserer Kultur entgegenzuarbeiten.</p>
-
-<p>Damit sie stets auf die Höhe der Forschung gebracht werden können, sind
-die Bändchen nicht, wie die anderer Sammlungen, stereotypiert, sondern
-werden &ndash; was freilich die Aufwendungen sehr wesentlich erhöht &ndash; bei jeder
-Auflage durchaus neu bearbeitet und völlig neu gesetzt. So konnte der
-Sammlung auch der Erfolg nicht fehlen. Mehr als die Hälfte der Bändchen
-liegen bereits in 2. bis 6. Auflage vor, insgesamt hat sie bis jetzt eine Verbreitung
-von weit über 4 Millionen Exemplaren (bis 1. Aug. 1917) gefunden.</p>
-
-<p>Alles in allem sind die schmucken, gehaltvollen Bände, denen Professor
-<em class="gesperrt">Tiemann</em> ein neues künstlerisches Gewand gegeben, besonders geeignet, die
-Freude am Buche zu wecken und daran zu gewöhnen, einen kleinen Betrag,
-den man für Erfüllung körperlicher Bedürfnisse nicht anzusehen pflegt, auch
-für die Befriedigung geistiger anzuwenden. Durch den billigen Preis ermöglichen
-sie es tatsächlich jedem, auch dem wenig Begüterten, sich eine Bücherei
-zu schaffen, die das für ihn Wertvollste »Aus Natur und Geisteswelt« vereinigt.</p>
-
-<p class="center">
-Jedes der meist reich illustrierten Bändchen<br />
-ist in sich abgeschlossen und einzeln käuflich</p>
-
-<p class="center">
-Jedes Bändchen geheftet M. 1.20, gebunden M. 1.50<br />
-Werke, die mehrere Bändchen umfassen, auch in <em class="gesperrt">einem</em> Band gebunden
-</p>
-
-<p class="center">
-<b>Leipzig</b>, im Januar 1918.<span class="space">&nbsp;</span><b class="larger">B. G. Teubner</b>
-</p>
-<hr class="chap" />
-
-<p class="center">Jedes Bändchen geheftet M. 1.20, gebunden M. 1.50</p>
-
-<p class="h2">Zur Gesundheitspflege und Heilkunde</p>
-
-<p class="center">sind bisher erschienen:</p>
-
-<p class="h3">Bau und Leben des menschlichen Körpers im allgemeinen:</p>
-
-<div class="adv">
-
-<p><b>Bau und Tätigkeit des menschlichen Körpers.</b> Einführung in die Physiologie des
-Menschen. Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">H. Sachs</em>. 4. Auflage. Mit 34 Abbildungen. (Bd. 32.)</p>
-
-<p><b>Die Anatomie des Menschen.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">K. v. Bardeleben</em>. 6 Bände.
-(Bd. 418&ndash;423.) <em class="antiqua">I.</em> Teil: Zellen- und Gewebelehre. Entwicklungsgeschichte. Der Körper
-als Ganzes. 2. Auflage. Mit 70 Abbildungen. <em class="antiqua">II.</em> Teil: Das Skelett. 2. Auflage.
-Mit 53 Abbildungen. <em class="antiqua">III.</em> Teil: Das Muskel- und Gefäßsystem. 3. Auflage. Mit
-68 Abbildungen. <em class="antiqua">IV.</em> Teil: Die Eingeweide (Darm-, Atmungs-, Harn- und Geschlechtsorgane).
-2. Auflage. Mit 39 Abbildungen. <em class="antiqua">V.</em> Teil: Nervensystem und Sinnesorgane. Mit
-50 Abb. <em class="antiqua">VI.</em> Teil: Mechanik (Statik u. Kinetik) des menschlichen Körpern 2. Aufl. Mit Abb.</p>
-
-<p><b>*Physiologie des Menschen.</b> Von Privatdozent <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">A. Lipschütz</em>. 4 Bände.
-(Bd. 527&ndash;530.) <em class="antiqua">I.</em> Allgemeine Physiologie <em class="antiqua">II.</em> Physiologie des Stoffwechsels. <em class="antiqua">III.</em> Physiologie
-der Atmung, des Kreislaufs und der Ausscheidung. <em class="antiqua">IV.</em> Physiologie der Bewegungen
-und der Empfindungen.</p>
-
-<p><b>Vom Nervensystem</b>, seinem Bau und seiner Bedeutung für Leib und Seele im gesunden
-und kranken Zustande. Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">R. Zander</em>. 3. Auflage. Mit Figuren. (Bd. 48.)</p>
-
-<p><b>Die Arbeitsleistungen des Menschen.</b> Einführung in die Arbeitsphysiologie. Von
-Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">H. Boruttau</em>. Mit 14 Figuren im Text. (Bd. 539.)</p>
-
-<p><b>Berufswahl, Begabung und Arbeitsleistung</b> in ihren gegenseitigen Beziehungen.
-Von <em class="gesperrt">W. J. Ruttmann</em>. Mit 7 Abbildungen. (Bd. 522.)</p></div>
-
-<p class="h3">Einzelne Organe:</p>
-
-<div class="adv">
-
-<p><b>Herz, Blutgefäße und Blut und ihre Erkrankungen.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">H. Rosin</em>.
-Mit 18 Abbildungen. (Bd. 312.)</p>
-
-<p><b>Die Sinne des Menschen.</b> Sinnesorgane und Sinnesempfindungen. Von weil. Hofrat
-Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">J. K. Kreibig</em>. 3. verbesserte Auflage. Mit 30 Abbildungen. (Bd. 27.)</p>
-
-<p><b>Das Auge und die Brille.</b> Von Professor <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">M. v. Rohr</em>. 2. Aufl. Mit Abbildungen
-(Bd. 372.)</p>
-
-<p><b>*Entwicklung der Sprache</b> und Heilung ihrer Gebrechen bei Normalen, Schwachsinnigen
-und Schwerhörigen. Von Lehrer <em class="gesperrt">K. Nickel</em>. (Bd. 586.)</p>
-
-<p><b>Die menschliche Stimme und ihre Hygiene.</b> Von Professor <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">P. H. Gerber</em>.
-2. Auflage. Mit 20 Abbildungen. (Bd. 136.)</p>
-
-<p><b>Das menschliche Gebiß, seine Erkrankung und Pflege.</b> Von Zahnarzt <em class="gesperrt">F. Jäger</em>.
-Mit 24 Abbildungen. (Bd. 229.)</p></div>
-
-<p class="h3">Vererbung und Fortpflanzung:</p>
-
-<div class="adv">
-
-<p><b>Experimentelle Abstammungs- und Vererbungslehre.</b> Von Professor <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">E.
-Lehmann</em>. Mit 26 Abbildungen. (Bd. 379.)</p>
-
-<p><b>Abstammungslehre und Darwinismus.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">R. Hesse</em>. 5. Auflage.
-Mit 46 Figuren. (Bd. 39.)</p>
-
-<p><b>Der Befruchtungsvorgang, sein Wesen und seine Bedeutung.</b> Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">E.
-Teichmann</em>. 2. Auflage. Mit 9 Textabbildungen und 4 Doppeltafeln. (Bd. 70.)</p>
-
-<p><b>Fortpflanzung und Geschlechtsunterschiede des Menschen.</b> Eine Einführung in
-die Sexualbiologie. Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">H. Boruttau</em>. Mit 39 Abbildungen. (Bd. 540.)</p>
-
-<p><b>Geistige Veranlagung und Vererbung.</b> V. <em class="antiqua">Dr. phil. et. med.</em> <em class="gesperrt">G. Sommer</em>. (Bd. 512.)</p>
-
-<p><b>Sexualethik.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">H. E. Timerding</em>. (Bd. 592.)</p></div>
-
-<p class="h3">Die Ernährung des Menschen:</p>
-
-<div class="adv">
-
-<p><b>Ernährung und Nahrungsmittel.</b> Von Geh. Reg.-Rat Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">N. Zuntz</em>. Mit
-6 Abbildungen und 1 Tafel. 3. Auflage. (Bd. 19.)</p>
-
-<p><b>Die Milch und ihre Produkte.</b> Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">A. Reitz</em>. Mit 16 Abbildungen. (Bd. 362.)</p>
-
-<p><b>Die Pilze.</b> Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">A. Eichinger</em>. Mit 54 Abbildungen. (Bd. 334.)</p>
-
-<p><b>Die Bakterien</b> im Haushalt der Natur und des Menschen. Von Professor <em class="antiqua">Dr.</em>
-<em class="gesperrt">E. Gutzeit</em>. 2. Auflage. Mit 13 Abbildungen. (Bd. 242.)</p></div>
-
-<p class="h3">Allgemeine Gesundheitspflege:</p>
-
-<div class="adv">
-
-<p><b>Gesundheitslehre.</b> 4. Auflage bearbeitet von Obermedizinalrat Professor <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">M. v. Gruber</em>.
-Mit 26 Abb. (Bd. 1.)</p>
-
-<p><b>Die Leibesübungen und ihre Bedeutung für die Gesundheit.</b> Von Professor
-<em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">R. Zander</em>. 4. Auflage. Mit 27 Abbildungen. (Bd. 13.)</p>
-
-<p><b>Turnen.</b> Von Oberlehrer <em class="gesperrt">F. Eckardt</em>. Mit einem Bildnis Jahns. (Bd. 583.)</p>
-
-<p><b>Gesundheitslehre für Frauen.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">K. Baisch</em>. Dir. d. geburtshilflich-gynäkol.
-Abteilung d. Katharinen-Hospitals zu Stuttgart. Mit 11 Abbildungen. (Bd. 538.)</p>
-
-<p><b>Kosmetik.</b> Ein kurzer Abriß der ärztlichen Verschönerungskunde. Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">J. Saudek</em>.
-Mit 10 Abbildungen. (Bd. 489.)</p>
-
-<p><b>Die Abwehrkräfte des Körpers.</b> Eine Einführung in die Immunitätslehre. Von
-Professor <em class="antiqua">Dr. med.</em> <em class="gesperrt">H. Kämmerer</em>. Mit 52 Abbildungen. (Bd. 479.)</p></div>
-
-<p class="h3">Gesundheitspflege des Kindes:</p>
-
-<div class="adv">
-
-<p><b>Säuglingspflege.</b> 2. Auflage von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">E. Kobrak</em>. Mit Abbildungen. (Bd. 154.)</p>
-
-<p><b>Körperliche Verbildungen im Kindesalter und ihre Verhütung.</b> Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">M.
-David</em>. Mit 26 Abbildungen. (Bd. 321.)</p>
-
-<p><b>Schulhygiene.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">L. Burgerstein</em>. 3. Aufl. Mit 43 Figuren. (Bd. 96.)</p></div>
-
-<p class="h3">Krankheiten:</p>
-
-<div class="adv">
-
-<p><b>Die krankheiterregenden Bakterien.</b> Von Privatdozent <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">M. Loehlein</em>. Mit
-33 Abbildungen. (Bd. 307.)</p>
-
-<p><b>Die Geschlechtskrankheiten</b>, ihr Wesen, ihre Verbreitung, Bekämpfung und Verhütung.
-Von Generalarzt Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">W. Schumburg</em>. 4. Aufl. Mit Abb. u. 1 Tafel. (Bd. 251.)</p>
-
-<p><b>Die Tuberkulose</b>, ihr Wesen, ihre Verbreitung, Ursache, Verhütung und Heilung. Von
-Generalarzt Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">W. Schumburg</em>. 2. Aufl. Mit 1 Tafel u. 8 Figuren. (Bd. 47.)</p>
-
-<p><b>Der Alkoholismus.</b> Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">G. B. Gruber</em>. Mit 7 Abbildungen. (Bd. 103.)</p>
-
-<p><b>Geisteskrankheiten.</b> Von Geh.-Medizinalrat Oberstabsarzt <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">G. Ilberg</em>. 2. Auflage.
-(Bd. 151.)</p></div>
-
-<p class="h3">Arzt, Heilkunst und Krankenpflege:</p>
-
-<div class="adv">
-
-<p><b>Der Arzt.</b> Seine Stellung und Aufgaben im Kulturleben der Gegenwart. Ein Leitfaden
-der sozialen Medizin. Von <em class="antiqua">Dr. med.</em> <em class="gesperrt">M. Fürst</em>. 2. Aufl. (Bd. 265.)</p>
-
-<p><b>Die Chirurgie unserer Zeit.</b> Von Professor <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">J. Fehler</em>. Mit 52 Abb. (Bd. 339.)</p>
-
-<p><b>Der Aberglaube in der Medizin</b> und seine Gefahr für Gesundheit und Leben. Von
-Professor <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">D. v. Hansemann</em>. 2. Auflage. (Bd. 83.)</p>
-
-<p><b>*Krankenpflege in Haus und Beruf.</b> Von Chefarzt <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">M. Berg</em>. Mit Abb. (Bd. 533.)</p></div>
-
-<p class="h3">Heilmittel und Heilmethoden:</p>
-
-<div class="adv">
-
-<p><b>Arzneimittel und Genußmittel.</b> Von Professor <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">O. Schmiedeberg</em>. (Bd. 363.)</p>
-
-<p><b>Die Röntgenstrahlen und ihre Anwendung.</b> Von <em class="antiqua">Dr. med.</em> <em class="gesperrt">G. Bucky</em>. Mit
-Abbildungen. (Bd. 556.)</p>
-
-<p><b>Hypnotismus und Suggestion.</b> Von <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">E. Trömner</em>. 3. Auflage. (Bd. 199.)</p>
-
-<p><b>Desinfektion, Sterilisation, Konservierung.</b> Von Regierungs- und Medizinalrat
-<em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">O. Solbrig</em>. Mit 20 Abbildungen. (Bd. 401.)</p></div>
-
-<p class="center p2">Die mit * bezeichneten und weitere Bände befinden sich in Vorbereitung.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center larger">Aus Natur und Geisteswelt</p>
-<p class="center">Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen<br />
-307. Bändchen</p>
-
-<h1>Die krankheiterregenden Bakterien</h1>
-
-<p class="center">Entstehung, Heilung und Bekämpfung der<br />
-bakteriellen Infektionskrankheiten des Menschen</p>
-
-<p class="center smaller">gemeinverständlich dargestellt von</p>
-
-<p class="h2">
-<em class="antiqua">Dr. med.</em> M. Loehlein</p>
-<p class="center smaller">
-Privatdozent in Leipzig</p>
-<p class="center">
-Mit 33 Abbildungen im Text</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig 1910</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">
-<em class="antiqua">Copyright 1910<br />
-by B. G. Teubner in Leipzig.</em></p>
-
-<p class="center p2">
-Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.<br />
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iii">[iii]</a></span></p>
-
-<h2 id="Vorwort">Vorwort.</h2>
-</div>
-
-<p>Eine ganz kurze Behandlung der krankheiterregenden Bakterien
-findet sich im ersten Bändchen dieser Sammlung im letzten der »Acht
-Vorträge aus der Gesundheitslehre« von <em class="gesperrt">H. Buchner</em>. &ndash; Im
-233. Bändchen hat ferner <em class="gesperrt">E. Gutzeit</em> die Lebensäußerungen der
-Spaltpilze und ihre Rolle im Haushalt der Natur <em class="gesperrt">unter Ausschaltung
-der krankheiterregenden Arten</em> übersichtlich dargestellt.</p>
-
-<p>Gerade das Sondergebiet der <em class="gesperrt">pathogenen</em> Bakterien, das im
-Laufe der letzten Jahrzehnte eine außerordentlich fruchtbare Bearbeitung
-erfahren hat, soll in dem vorliegenden Bändchen nach dem
-heutigen Stande des Wissens erörtert werden, soweit dies ohne die
-Voraussetzung medizinischer Vorkenntnisse möglich und rätlich ist.
-Nur die für ein Verständnis der Wirkung der Schutzimpfungen
-und der Heilserumbehandlung unumgänglich notwendigen Grundvorstellungen
-über den Verlauf und die Heilung von Infektionskrankheiten
-und über die Entstehung der Immunität gegen Krankheitserreger
-habe ich (in Kapitel II und III) eingehender, als dies
-in anderen volkstümlichen Schriften über den Gegenstand geschehen
-ist, behandelt. Man mag den Versuch, unsere Kenntnisse auf diesen
-noch heiß umstrittenen Gebieten der Forschung gemeinverständlich
-darzustellen, für gewagt halten. Ich habe mich aber bemüht, unter
-Ausschaltung aller Hypothesen nur diejenigen Tatsachen anzuführen,
-die mir einerseits gesichert, anderseits für den gebildeten Laien
-wissenswert erscheinen. Hoffentlich ist mir dies gelungen.</p>
-
-<p>Die Abbildungen sind, soweit sie nicht ausdrücklich als schematisch
-bezeichnet sind, von Herrn Maler <em class="gesperrt">Kirchner</em> möglichst naturgetreu
-nach Präparaten meiner Sammlung gezeichnet.</p>
-
-<p>
-<em class="gesperrt">Leipzig</em>, im September 1909.</p>
-<p class="right">
-<em class="antiqua">Dr.</em> M. Loehlein.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iv">[iv]</a></span></p>
-
-<h2 id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><em class="gesperrt">Einleitung</em></td>
- <td class="tdr"><a href="#Einleitung">1&ndash;11</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdh">Abriß der Geschichte der Erforschung der
-krankheiterregenden Spaltpilze. &ndash; <em class="gesperrt">Athanasius
-Kircher.</em> &ndash; <em class="gesperrt">Leeuwenhoek.</em> &ndash; Der Streit
-um die »Urzeugung«. &ndash; <em class="gesperrt">Ferd. Cohn</em> und
-<em class="gesperrt">Naegeli</em>. &ndash; <em class="gesperrt">Pasteur</em> und <em class="gesperrt">Koch</em>.
-&ndash; Die Konstanz der Bakterienarten; die »Spezifität«
-der Krankheiterreger. &ndash; Die »Plattenmethode« und
-ihre Bedeutung</td><td class="tdr"><a href="#Einleitung">1&ndash;11</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc larger">Allgemeiner Teil.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">
-Allgemeines über das Wesen der pathogenen Bakterien,
-über Zustandekommen und Heilung bakterieller
-Infektionen, über Immunität und über Verhütung von
-Infektionskrankheiten.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Kapitel I.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdh">Die wichtigsten Methoden der Bakterienbeobachtung. &ndash;
-Mikroskopische Beobachtung lebender Spaltpilze; ihre
-Größe, Gestalt, Beweglichkeit. &ndash; Gefärbte
-Ausstrichpräparate; selektive Färbungen. &ndash; Die
-Sporenbildung. &ndash; Die Sterilisierungsmethoden. &ndash;
-Mannigfaltige Wachstumsbedingungen der verschiedenen
-Spaltpilzarten. Ansprüche an Temperatur, Sauerstoff,
-Reaktion und besondere Zusammensetzung der Nährböden.
-&ndash; Das Tierexperiment als Mittel bakteriologischer
-Forschung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Kapitel_I">11&ndash;27</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Kapitel II.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdh">Pathogene und saprophytische Bakterien. &ndash; Bedingungen
-der Krankheiterzeugung durch Bakterien. &ndash; Die
-Einfallspforten infektiöser Keime. &ndash; Die gesunden
-Bedeckungen als Schutzwehr des Körpers gegen
-bakterielle Infektionen. &ndash; Angriffswaffen der
-Bakterien. &ndash; Besondere Reaktionsvorgänge nach dem
-Eindringen pathogener Keime in die Gewebe. &ndash; Die
-wichtigsten Bestandteile des<span class="pagenum"><a id="Seite_v">[v]</a></span> Blutes und ihre
-Beteiligung an der Abwehr von Infektionen. &ndash; Die
-»Entzündung«. &ndash; Die weißen Blutkörperchen und die
-»Phagocytose«. &ndash; Bakterienfeindliche Stoffe des
-Blutserums. &ndash; Lokale und allgemeine Infektionen. &ndash;
-Verschiedener Verlauf der Infektionskrankheiten.
-&ndash; Nachkrankheiten</td>
- <td class="tdr"><a href="#Kapitel_II">27&ndash;40</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Kapitel III.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdh">Immunität. &ndash; Natürliche Immunität durch Überstehen
-einer Infektionskrankheit. &ndash; »Spezifität« des
-Zustandes. &ndash; Künstliche Immunisierung gegen Pocken.
-&ndash; Immunisierung mit Hilfe abgeschwächter lebender
-Krankheiterreger. &ndash; Immunisierung mittels abgetöteter
-Reinkulturen von Krankheiterregern. &ndash; <em class="gesperrt">Behrings</em>
-Entdeckung der Antitoxine im Serum immunisierter Tiere.
-&ndash; Antibakterielle Immunsubstanzen. &ndash; Serodiagnostik.
-&ndash; Immunreaktionen nach »parenteraler« Einverleibung
-von Fremdeiweiß</td>
- <td class="tdr"><a href="#Kapitel_III">40&ndash;54</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Kapitel IV.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdh">Maßnahmen zur Bekämpfung der Infektionskrankheiten
-im allgemeinen. &ndash; Die wichtigste Ansteckungsquelle
-ist der infektiös kranke Mensch. &ndash; Keimträger. &ndash;
-Maßnahmen der allgemeinen Prophylaxe: Quarantäne und
-Kontrollsystem zur Aussperrung exotischer Seuchen. &ndash;
-Isolierung infektiös Kranker. &ndash; Vernichtung der
-Ausscheidungen solcher Kranker. &ndash; Verhütung der
-Verschleppung von Keimen. &ndash; Verhütung des
-Eindringens von Keimen in den gesunden Körper</td>
- <td class="tdr"><a href="#Kapitel_IV">54&ndash;62</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc larger">Besonderer Teil.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">Die wichtigsten bakteriellen Infektionskrankheiten.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="gesperrt">Vorbemerkung</em></td>
- <td class="tdr"><a href="#Vorbemerkung">63&ndash;65</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Kapitel V.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdh">Milzbrand; Rückfallfieber</td>
- <td class="tdr"><a href="#Kapitel_V">65&ndash;70</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Kapitel VI.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdh">Die beiden wichtigsten exotischen Seuchen, Pest und
-asiatische Cholera, mit einer Vorbemerkung zu ihrer
-Geschichte und Epidemiologie</td>
- <td class="tdr"><a href="#Kapitel_VI">70&ndash;79</a><span class="pagenum"><a id="Seite_vi">[vi]</a></span></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Kapitel VII.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdh">Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas,
-die durch Stäbchenbakterien hervorgerufen werden:
-Diphtherie. &ndash; Tetanus. &ndash; Influenza. &ndash; Keuchhusten.
-&ndash; Unterleibstyphus (mit einer Anmerkung über
-Nahrungsmittelvergiftungen durch Bakterien)</td>
- <td class="tdr"><a href="#Kapitel_VII">79&ndash;89</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Kapitel VIII.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdh">Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas, die
-durch Kugelbakterien hervorgerufen werden:
-Staphylokokken als Krankheitserreger. &ndash; Streptokokken
-als Krankheitserreger. &ndash; Gonokokken und gonorrhoische
-Erkrankungen. &ndash; Meningokokken und epidemische
-Genickstarre. &ndash; Pneumokokken und ihre Bedeutung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Kapitel_VIII">89&ndash;102</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">Kapitel IX.</td><td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdh">Die wichtigsten chronischen Infektionskrankheiten des
-Menschen: Tuberkulose. &ndash; Syphilis. &ndash; Lepra</td>
- <td class="tdr"><a href="#Kapitel_IX">102&ndash;117</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl"><em class="gesperrt">Schlußwort.</em> Rückblick und Ausblick</td>
- <td class="tdr"><a href="#Schlusswort">117&ndash;120</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-vi.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<h2 id="Einleitung">Einleitung.</h2>
-
-<div class="h2desc">
-
-<p>Kurzer Abriß der Geschichte der Erforschung der krankheiterregenden
-Spaltpilze. &ndash; <em class="gesperrt">Athanasius Kircher.</em> &ndash; <em class="gesperrt">Leeuwenhoek.</em> &ndash; Der
-Streit um die »Urzeugung«. &ndash; <em class="gesperrt">Ferd. Cohn</em> und <em class="gesperrt">Naegeli</em>. &ndash; <em class="gesperrt">Pasteur</em>
-und <em class="gesperrt">Robert Koch</em>. &ndash; Die Konstanz der Bakterienarten; die »Spezifität«
-der Krankheiterreger.</p></div>
-</div>
-
-<p>Unter den Krankheiten, die das Menschengeschlecht bedrohen,
-sind eine ganze Anzahl durch die auffällige Eigenschaft ausgezeichnet,
-»<em class="gesperrt">ansteckend</em>« zu sein, d. h. von einem kranken Individuum auf
-ein anderes bisher gesundes übertragen werden zu können, so wie
-eine Feuersbrunst durch den Funken verbreitet wird, der vom
-brennenden Hause auf das Dach des Nachbarhauses überspringt
-und es »ansteckt«. Die furchtbarsten Beispiele aus dieser Krankheitsgruppe
-stellen die eigentlichen <em class="gesperrt">Volksseuchen</em> dar, die &ndash; wie
-Pest und Cholera &ndash; seit Jahrtausenden der Menschheit unübersehbaren
-Jammer gebracht haben, die auch heute noch nicht endgültig
-besiegt sind, wohl aber &ndash; dank den Fortschritten der Wissenschaft
-in den letzten Jahrzehnten &ndash; für hochkultivierte Länder und Völker
-ihren Schrecken größtenteils eingebüßt haben. Die Menschheit hat
-Mittel kennen gelernt, diesen Gefahren mit Erfolg zu begegnen, seit
-als die <em class="gesperrt">Ursache</em> der Seuchen kleinste Lebewesen erkannt wurden,
-Lebewesen, die größtenteils zu dem auf der Erde außerordentlich
-verbreiteten Reiche der <em class="gesperrt">Spaltpilze</em> oder <em class="gesperrt">Bakterien</em> gehören.</p>
-
-<p>Schon lange vor der wissenschaftlichen Sicherstellung dieser wichtigen
-Tatsache hatten klar denkende Beobachter &ndash; Naturforscher
-und Ärzte sowohl wie auch Laien &ndash; die richtige Vorstellung gehabt,
-daß den Volksseuchen ein »belebter Ansteckungsstoff« (ein »<em class="antiqua">contagium
-animatum</em>«) zugrunde liege. Aber alle Versuche, dieses
-gefährliche Lebewesen zu finden und zu fassen, mußten an seiner
-Kleinheit scheitern: die Bakterien sind unsichtbar klein. Die größten
-unter ihnen haben Durchmesser von einigen Tausendsteln eines
-Millimeters (1/1000 <em class="antiqua">mm</em> wird als ein Mikron bezeichnet und 1 µ geschrieben),
-die kleineren einen solchen, der nur Bruchteile eines µ
-beträgt. Die ganze Welt der Spaltpilze von denen die <em class="gesperrt">krankheiterregenden</em><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span>
-nur einen ganz kleinen Teil bilden, blieb der Menschheit
-deshalb unbekannt, solange man leistungsfähige Vergrößerungsgläser
-&ndash; Mikroskope &ndash; noch nicht besaß. Die Erforschung dieser
-kleinen Wesen aber war in ihren Fortschritten auch nach der Herstellung
-des ersten Mikroskops abhängig von der Entwicklung und
-Verbesserung dieses Instruments, und sie ist auch heute noch längst
-nicht an ihrem Ende angelangt.<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">1</a></p>
-
-<p>Die ersten Beobachtungen von Bakterien sind gegen Mitte des
-17. Jahrhunderts gemacht worden. Der gelehrte Jesuitenpater
-<em class="gesperrt">Athanasius Kircher</em>, wohl der erste Mensch, der lebende Spaltpilze
-gesehen und beschrieben hat, besaß nur ein recht primitives
-Vergrößerungsglas, dem man den stolzen Namen Mikroskop heute
-kaum gönnen würde. Es soll eine 32fache (lineare) Vergrößerung
-ermöglicht haben, hat also gerade eben nur gestattet, größere Spaltpilze
-zu <em class="gesperrt">sehen</em>. So ist es denn nicht verwunderlich, daß der gelehrte
-Pater, der ganz richtige Vermutungen über die Existenz
-kleinster <em class="gesperrt">krankheiterregender</em> Lebewesen hegte, zu irrtümlichen
-Beobachtungen gelangte, da er außerstande war, Bakterien von
-anderen sehr kleinen Objekten zu unterscheiden. So fand <em class="gesperrt">Kircher</em>
-bei einer im Jahre 1656 in Süditalien herrschenden »Pestseuche«
-mit Hilfe seines Vergrößerungsglases im Blute der Kranken kleine
-»Würmchen«, die er als die gesuchten krankheiterregenden Wesen
-ansprach &ndash; gewiß mit Unrecht, denn er hat wahrscheinlich nichts
-anderes gesehen als die sogenannten roten Blutkörperchen, kleine
-Scheibchen, die in unserem Blute immer vorhanden sind und einen
-seiner wichtigsten Bestandteile bilden. <em class="gesperrt">Athanasius Kircher</em> war
-eben ganz auf dem richtigen Wege zum Ziele, aber mit seinen
-mangelhaften Hilfsmitteln konnte er es nicht erreichen.</p>
-
-<p>Ein halbes Jahrhundert später erst gelang es den geschickten Händen
-<em class="gesperrt">Antony van Leeuwenhoeks</em>, kleine Linsen so sorgfältig und gleichmäßig
-zu schleifen, daß sie alle bis dahin angefertigten an Vergrößerungskraft
-übertrafen; er vervollkommnete hierdurch und durch
-kleine anderweitige Kunstgriffe seine optische Ausrüstung in bisher
-noch nicht dagewesenem Maße und untersuchte nun &ndash; von Haus aus
-ohne jede naturwissenschaftliche Ausbildung &ndash; mit ihrer Hilfe allerhand
-Flüssigkeiten: Regenwasser, Pflanzenaufgüsse, Darminhalt
-von Tieren und Menschen, den eigenen Speichel u. a. m. mikroskopisch.<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span>
-Überall fand er &ndash; bald reichlicher, bald spärlicher &ndash; kleinste, vollkommen
-farblose »Tierchen«, die verschieden gestaltet, zum Teil
-lebhaft beweglich waren. Dank einer vorzüglichen Beobachtungsgabe
-und ebenso großer Zuverlässigkeit beschrieb <em class="gesperrt">Leeuwenhoek</em> diese
-»Tierchen« so genau, daß wir sie heute mit Sicherheit als Bakterien
-wiedererkennen können. Auch gab er durchaus naturgetreue Abbildungen
-von ihnen, die die drei Hauptformen der Spaltpilze
-vollkommen richtig darstellen:
-alle die unzähligen Bakterien,
-die seitdem beobachtet worden
-sind, lassen sich ihrer Gestalt
-nach in kugelförmige (Mikrokokken),
-stäbchenförmige (Bazillen)
-und schraubenförmige
-(Spirillen) scheiden (s. <a href="#abb01">Abb. 1</a>).
-Freilich wechseln sie nach Dimensionen
-und kleinen Einzelheiten
-ihres Baues, wie wir
-sehen werden, in mannigfaltigster
-Weise, aber alle lassen
-sich auf einen der drei schon
-von <em class="gesperrt">Leeuwenhoek</em> unterschiedenen
-Grundtypen zurückführen.</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb01">
-<img src="images/abb-01.png" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 1.<br />
-Die Hauptformen der Bakterien, schematisch.
-<em class="antiqua">a</em> Kugelbakterien (Kokken), <em class="antiqua">b</em> Stäbchenbakterien
-(Bazillen), <em class="antiqua">c</em> Schraubenbakterien
-(Spirillen).</div>
-</div>
-
-<p>Auf die Frage nach der Bedeutung
-der entdeckten Kleinlebewesen
-ging <em class="gesperrt">Leeuwenhoek</em>,
-der aller Spekulation
-abhold war, gar nicht ein; er
-begnügte sich mit der Feststellung
-der Tatsachen, die die
-Existenz einer ganzen Welt kleinster Lebewesen bewiesen, von der
-man bislang kaum etwas geahnt hatte. Nur zu einer Frage nahm
-<em class="gesperrt">Leeuwenhoek</em> Stellung: die Möglichkeit, daß die neu entdeckten
-»Tierchen« in das Blut eindringen und Krankheiten verursachen
-könnten, glaubte er &ndash; auf Grund falscher Vorstellungen von dem
-feineren Bau des menschlichen Körpers &ndash; ausschließen zu müssen.
-Darin hatte nun wiederum <em class="gesperrt">Leeuwenhoek</em> trotz aller Überlegenheit
-seiner Beobachtungen unrecht gegenüber <em class="gesperrt">Kirchers</em> richtigeren,
-aber falsch begründeten Anschauungen. Es hat aber ungefähr zwei<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-Jahrhunderte langer wissenschaftlicher Forscherarbeit bedurft, bis
-die Rolle der Bakterien in der Natur und insbesondere ihre Bedeutung
-als Krankheitserreger in einwandfreier Weise klargestellt
-wurde.</p>
-
-<p>Seit <em class="gesperrt">Leeuwenhoeks</em> grundlegenden Beobachtungen hatte sich
-&ndash; mit zunehmender Verbreitung und allmählicher Verbesserung
-des Mikroskopes &ndash; eine immer größere Zahl von Naturforschern
-mit dem Studium der Bakterien abgegeben. Allmählich hatte sich
-die Anschauung durchgesetzt, daß die kleinen Lebewesen, die man
-zunächst, hauptsächlich weil man an manchen von ihnen lebhafte
-Fortbewegung beobachtete, als »Tierchen« angesehen hatte, dem
-<em class="gesperrt">Pflanzen</em>reiche zugehörten. Wieder und wieder erörterte man auch
-die Rolle, die sie im Haushalt der Natur wohl spielen möchten;
-die richtige Anschauung, daß sie <em class="gesperrt">Fäulnis</em>- und <em class="gesperrt">Gährungsvorgänge
-verursachten</em>, tauchte immer von neuem auf, um
-immer wieder bekämpft zu werden, ebenso auch die Ansicht, daß
-Bakterien krankheiterregend wirken könnten. Es ist hier nicht möglich,
-ein auch nur annähernd vollständiges Bild von dem Chaos der
-Meinungen zu geben, die von <em class="gesperrt">Kircher</em> bis <em class="gesperrt">Pasteur</em> und <em class="gesperrt">Koch</em> in
-dieser Frage zu Worte kamen.</p>
-
-<p>Das allem Streite in letzter Linie zugrunde liegende naturwissenschaftliche
-Problem, das gelöst werden mußte, war dies:
-<em class="gesperrt">Sind die Bakterien</em> ebenso wie höhere Pflanzen und Tiere
-<em class="gesperrt">streng nach Arten gesondert</em>, so zwar, daß alle Bakterien, die
-wir finden, <em class="gesperrt">von Individuen der gleichen Art abstammen</em>?
-Dürfen wir also annehmen, daß ein Kugelbakterium, dem wir
-begegnen, stets von Kugelbakterien der gleichen <em class="gesperrt">Art</em> abstammt,
-ein Stäbchenbakterium von Stäbchenbakterien der gleichen Art
-&ndash; so wie wir es im höheren Tierreich und ebenso im Pflanzenreich
-gesetzmäßig finden? &ndash; Oder liegen bei diesen kleinsten Pilzen die
-Verhältnisse anders?</p>
-
-<p>Sehr vieles sprach zugunsten der ersteren Anschauung; vor allem
-entsprach sie den Erfahrungen, die bei der Erforschung der lebenden
-Wesen unserer Erde bis dahin gesammelt waren. Der einwandfreie
-Nachweis ihrer Richtigkeit stieß aber auf eine sehr große Schwierigkeit:
-fast überall, wo wir in der Natur Bakterien in größeren Mengen
-begegnen, finden wir verschiedene, ja meist sogar sehr zahlreiche
-verschiedene Formen in buntem Durcheinander; z. B. treffen wir in
-einem Tröpfchen Zahnschleim regelmäßig kurze und lange, dünnere
-und dickere Stäbchen und Schrauben, daneben kleinere und größere<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-Kugelbakterien miteinander vermengt (vgl. <a href="#abb02">Abb. 2</a>). Es war so gut
-wie unmöglich, an solchen Bakteriengemischen einwandfreie Beobachtungen
-über die Fortpflanzungsweise der Bakterien zu machen.
-So ist es verständlich, daß über diese Frage die Ansichten lange
-Zeit auseinandergingen.</p>
-
-<p>Eine große Anzahl klar denkender Naturforscher nahm von vornherein
-den richtigen Standpunkt ein, auch diese Kleinlebewesen
-seien gewiß in Arten gesondert, und sie versuchten, sie den Prinzipien
-der beschreibenden Naturwissenschaften entsprechend nach ihren
-Gestaltmerkmalen in die
-natürlichen Arten zu ordnen.
-Der erste wesentliche
-Anlauf dazu wurde von
-dem berühmten dänischen
-Botaniker O. Fr. <em class="gesperrt">Müller</em>
-genommen, ihm folgte
-der Deutsche <em class="gesperrt">Ehrenberg</em>
-und später, in den 50er
-Jahren des 19. Jahrhunderts
-besonders <em class="gesperrt">Ferdinand
-Cohn</em>.</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb02">
-<img src="images/abb-02.png" alt="Abb. 2" />
-<div class="caption">Abb. 2.<br />
-Ausstrichpräparat von menschlichem Zahnschleim,
-gefärbt, etwa 1000fach vergrößert. Mannigfaltige
-Bakterien in buntem Gemisch.</div>
-</div>
-
-<p>Eine ganze Anzahl
-angesehener Forscher bekämpfte
-aber diese Versuche
-grundsätzlich; sie
-leugneten die Abstammung
-der Spaltpilze von
-Individuen der gleichen Art, weil sie glaubten, Beweise für
-eine ganz andere, sehr merkwürdige Entstehungsart der Bakterien
-zu besitzen, die man als »Urzeugung« oder »<em class="antiqua">generatio spontanea</em>«
-bezeichnete.<a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">2</a> Um diese Irrlehre entbrannte ein wissenschaftlicher
-Streit von größter Heftigkeit, an dem sich viele der angesehensten
-Naturforscher des 18. und 19. Jahrhunderts beteiligten.</p>
-
-<p>Ihre Anhänger stützten sich auf die zunächst gewiß verblüffende
-Beobachtung, daß man in einer Flüssigkeit, z. B. in Milch, einige
-Zeit, nachdem man sie in einem gut verschlossenen Gefäß aufgekocht
-hat, massenhafte Bakterien finden kann. Sie folgerten nun: Da durch
-das Aufkochen alles Lebendige getötet sein mußte, ein Eindringen<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-von Keimen von außen aber sorgfältig verhütet war, müssen die vorgefundenen
-Bakterien sich »von selbst« aus dem toten Substrat
-entwickelt haben.</p>
-
-<p>Erst Anfangs der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts gelang es
-Pasteur, dem berühmten französischen Naturforscher, diese Irrlehre
-für die ernsthafte wissenschaftliche Welt endgültig zu beseitigen,
-indem er den Nachweis erbrachte, daß man durch <em class="gesperrt">genügende</em>
-Einwirkung von hohen Temperaturen <em class="gesperrt">jede</em> Flüssigkeit völlig keimfrei
-machen (»sterilisieren«) könne. »Von selbst« bildeten sich z. B.
-in wirklich »sterilisierter« Milch niemals Bakterien; brachte man aber
-absichtlich welche hinein, so gediehen sie angezeichnet. Alle gegenteiligen
-Angaben beruhten auf Irrtümern, die meisten darauf,
-daß man die vielfach erstaunlich große Widerstandsfähigkeit der
-Bakterien gegen Erhitzung noch nicht gekannt und daher unterschätzt
-hatte.</p>
-
-<p>Noch eine zweite Irrlehre machte den Anhängern der Lehre von
-der Konstanz der Bakterienarten viel zu schaffen. Ihr angesehenster
-Vertreter war der Botaniker <em class="gesperrt">Naegeli</em>, der sicher festgestellt zu
-haben glaubte, daß aus Kugelbakterien Stäbchen, umgekehrt aus
-stäbchenförmigen Bakterien Kugelbakterien hervorgehen können,
-und der deshalb alle Versuche für verkehrt ansah, auf Grund der
-Größe und Gestalt verschiedene Bakterien<em class="gesperrt">arten</em> zu unterscheiden.
-Wir wissen heute, daß derartige Übergänge, wie sie <em class="gesperrt">Naegeli</em> beschrieb,
-in Wirklichkeit nie vorkommen, daß sie aber bei Anwendung
-unzureichender Beobachtungsmethoden leicht vorgetäuscht werden
-können. Die Fehlerquelle liegt in der vorhin schon erwähnten
-Tatsache, daß man in der Natur sehr häufig Bakterien<em class="gesperrt">gemischen</em>
-begegnet. Beobachtet man ein solches Bakteriengemisch längere
-Zeit hintereinander, so kann es leicht vorkommen, daß man anfänglich
-fast nur Kugelbakterien darin sieht, später nur Stäbchenbakterien.
-Derartige Erscheinungen erklären sich dadurch, daß Spaltpilze sich
-je nach den Bedingungen, unter denen sie leben, mehr oder weniger
-rasch vermehren. Wenn nun z. B. in der gerade beobachteten Flüssigkeit
-eine Stäbchenbakterienart besonders günstige Bedingungen
-für ihr Gedeihen findet, so kann es vorkommen, daß sie alle andern
-neben ihr vorhandenen Keime überwuchert, ganz ähnlich, wie das
-bei höheren Pflanzen vorkommt. Man denke z. B. an das Unkraut
-im Weizen. Durch solches Überwuchern kann dann eine
-»Umwandlung« der einen Form in eine andere <em class="gesperrt">vorgetäuscht</em>
-werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<p>Solange aber das Irrtümliche dieser Beobachtungen nicht erwiesen
-war, konnte auch die Ansicht von der Konstanz der Bakterienarten
-nicht zum Siege gelangen, obwohl ihr seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
-immer neue Stützen durch das Studium der <em class="gesperrt">Lebensäußerungen</em>
-der Kleinlebewesen erwuchsen. So zeigte <em class="gesperrt">Pasteur</em>,
-daß man bei jeder besonderen Art der Gärung ganz regelmäßig
-<em class="gesperrt">bestimmte</em>, unter sich übereinstimmende, von den bei anderen
-Gärungen nachweisbaren aber verschiedene Mikroorganismen
-antreffe. Er schloß mit vollem Recht daraus, daß eine bestimmte
-<em class="gesperrt">Art</em> von Gärungserregern notwendig sei, um gerade diesen oder
-jenen Gärungsvorgang zu bewirken.</p>
-
-<p>Ganz analoge Beobachtungen, denen analoge Schlußfolgerungen
-entsprachen, hatte man inzwischen bei einzelnen infektiösen Krankheiten
-gemacht, vor allem bei der als »Milzbrand« bezeichneten
-Viehseuche.</p>
-
-<p>Schon im Jahre 1849 hatte der deutsche Tierarzt <em class="gesperrt">Pollender</em>
-im Blute von Rindern, die dieser Krankheit erlegen waren, mikroskopisch
-kleine, schlanke, völlig unbewegliche Stäbchen gesehen,
-die sich niemals im Blute gesunder Tiere fanden. Andere Forscher
-berichteten über ganz gleichartige Beobachtungen, so <em class="gesperrt">Rayer</em> und
-<em class="gesperrt">Davaine</em>, <em class="gesperrt">Brauell</em>. Sie folgerten mit Recht daraus, daß diese
-Stäbchenbakterien, die sich nie im Blute gesunder, sondern <em class="gesperrt">nur</em>
-im Blute an Milzbrand gefallener Tiere, darin aber <em class="gesperrt">regelmäßig</em>
-fanden, die Ursache der Krankheit, deren »Erreger« seien.</p>
-
-<p>Forscher, die an die Artverschiedenheit der Bakterien nicht glaubten,
-ließen sich aber auch hiervon noch nicht überzeugen. Sie sagten:
-Da die Bakterien konstante Formen an sich überhaupt nicht besitzen,
-so ist das Auftreten bestimmter Formen <em class="gesperrt">unter bestimmten Bedingungen</em>
-nur so zu erklären, daß <em class="gesperrt">infolge</em> dieser Bedingungen
-die Spaltpilze eben gerade in dieser Form erscheinen, während sie
-unter anderen Bedingungen eine ganz andere zeigen.</p>
-
-<p>Das mochte unwahrscheinlich klingen, <em class="gesperrt">widerlegen</em> ließ sich
-aber der Einwand nicht, und er wurde in der Folgezeit auch gegen
-zahlreiche analoge Befunde geltend gemacht, die hauptsächlich von
-wissenschaftlichen Medizinern erhoben wurden. Unter diesen brach
-sich trotz aller Einwände immer mehr die Überzeugung Bahn, daß
-bestimmten Infektionskrankheiten bestimmte, nach Gestalt und
-Größe und anderen Eigenschaften wohl unterscheidbare Bakterien
-zugrunde liegen. Besonders waren es eine Reihe deutscher Pathologen
-&ndash; <em class="gesperrt">Rindfleisch</em>, <em class="gesperrt">v. Recklinghausen</em>, <em class="gesperrt">Klebs</em> u. a. &ndash; die<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-in den Kriegsjahren 1870 und 1871 zahlreiche Beobachtungen
-über das Vorkommen kugelförmiger Bakterien (Mikrokokken) im
-Wundeiter sammelten und deren ursächliche Bedeutung für die
-Wundkrankheiten vertraten.</p>
-
-<p>Ausschlaggebend wurden aber erst die Arbeiten des deutschen
-Gelehrten <em class="gesperrt">Robert Koch</em>, vor allem seine entscheidenden Beobachtungen
-über die Milzbrandkrankheit.</p>
-
-<p>Schon <em class="gesperrt">Rayer</em> und <em class="gesperrt">Davaine</em> und <em class="gesperrt">Brauell</em> hatten sich bemüht,
-der Bedeutung der im Blute von milzbrandkranken Tieren gefundenen
-Stäbchen auf experimentellem Wege noch weiter auf den Grund
-zu kommen. Sie hatten festgestellt, daß die Übertragung solchen
-stäbchenhaltigen Blutes auf gesunde Tiere mit Sicherheit die charakteristischen
-Erscheinungen des Milzbrandes bei diesen zur Folge hatte.
-Auch diese Beobachtung hatte man aber in ihrer Beweiskraft angefochten,
-indem man einwandte, die Stäbchen seien ausschließlich
-die Begleiterscheinung der Erkrankung, deren eigentliche Ursache
-bilde ein Gift, das außer jenen noch im Blute vorhanden gewesen
-und mit ihm denn auch dem gesunden Versuchstier eingeimpft
-worden sei.</p>
-
-<p>Die Widerlegung dieses Einwandes, die die endgültige Wendung
-in den Anschauungen vom Wesen und Wirken der Bakterien überhaupt
-nach sich zog, gelang <em class="gesperrt">Robert Koch</em> auf folgende Weise: Er
-brachte kleine Mengen stäbchenhaltigen Blutes an Milzbrand gefallener
-Tiere in Reagensgläschen, die mit Fleischbrühe gefüllt
-waren, die durch ausgiebiges Erhitzen völlig keimfrei gemacht worden
-war. Diese Röhrchen wurden dann bei Körpertemperatur im
-Dunklen gehalten; nach einiger Zeit zeigte sich, daß die Stäbchen
-sich darin sehr stark vermehrt hatten. In welcher Weise diese Vermehrung
-zustande kommt, mag hier unerörtert bleiben. Man nennt
-ein solches mit Nährsubstrat gefülltes Röhrchen, in dem man künstlich
-eine Entwicklung von Bakterien veranlaßt hat, eine »Kultur«.
-Trug <em class="gesperrt">Koch</em> nun eine ganz kleine Menge dieser Fleischbrühe-»Kultur«
-in ein zweites steriles Fleischbrüheröhrchen ein, so wuchsen &ndash; wieder
-unter den oben angegebenen Bedingungen &ndash; abermals gleichartige
-Stäbchen in reichen Mengen aus; von dem zweiten ließ sich ein
-drittes Röhrchen besäen, von diesem ein viertes und so fort; immer
-wieder entwickelten sich ausschließlich Keime von der charakteristischen
-Gestalt der ursprünglich zur Aussaat benutzten Bazillen, die sich im
-Blute befunden hatten. Die Stäbchen eines jeden Röhrchens
-repräsentierten gewissermaßen eine »Generation« der Bazillen.<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-Und nun zeigte sich, daß auch die Stäbchen der 10. Kulturgeneration
-oder einer beliebigen noch späteren die Eigenschaft besaßen, »Milzbrand«
-zu verursachen, wenn man sie einem gesunden Rinde einimpfte.</p>
-
-<p>Damit war nun auch der letzte Einwand entkräftet: den Stäbchen
-der 10. Kulturgeneration haftete sicherlich auch nicht die kleinste
-Spur von Blut mehr an, somit auch sicherlich keine Spur des von
-den Gegnern supponierten besonderen Krankheitsgiftes. Da sie
-ganz allein bei gesunden Tieren Milzbrand hervorriefen, so mußten
-sie eben als die Ursache der Krankheit anerkannt werden. Die Beweise
-dafür waren unwiderleglich.</p>
-
-<p>So war endlich &ndash; zunächst für einen Spezialfall &ndash; die für alle
-Zeiten unverlierbare Erkenntnis gewonnen, daß <em class="gesperrt">Bakterien von
-ganz bestimmten und konstanten Gestaltmerkmalen auch
-eine ganz bestimmte Wirksamkeit entfalten, und daß sowohl
-die Gestaltmerkmale als auch die Lebensäußerungen
-sich von Generation zu Generation bei ihnen vererben</em>.
-Der letzte Einwand gegen die Lehre von der Konstanz der Bakterien<em class="gesperrt">arten</em>
-war damit beseitigt und der Sieg dieser Lehre ein für allemal
-errungen.</p>
-
-<p>Worin war die entscheidende Beweiskraft dieser <em class="gesperrt">Koch</em>schen Beobachtungen
-begründet? Offenbar hierin, daß er einwandfrei hatte
-zeigen können, daß die <em class="gesperrt">Milzbrandbazillen ganz allein</em> für
-sich die Krankheit auszulösen imstande waren. Vorbedingung für
-das Gelingen dieses Beweises war, daß in dem ersten zur Aussaat
-benutzten Blutströpfchen <em class="gesperrt">ausschließlich Milzbrandbazillen</em>,
-aber keinerlei andere Bakterien vorhanden waren. Wäre das letztere
-der Fall gewesen, so hätten sich in <em class="gesperrt">Kochs</em> Bouillonröhrchen auch
-diese andersartigen Keime vermehrt, er hätte weiterhin also wieder
-mit Bakterien<em class="gesperrt">gemischen</em> zu tun gehabt, wie wir sie in der Natur
-auch sonst überall anzutreffen gewohnt sind. Damit wäre die Beweiskraft
-seiner Experimente verloren gewesen. Unter den hierfür
-besonders günstigen Bedingungen des speziellen Falles der Milzbrandkrankheit
-war es <em class="gesperrt">Koch</em> also gelungen, sofort <em class="gesperrt">reine</em> Kulturen
-(»<em class="gesperrt">Reinkulturen</em>«) der krankheiterzeugenden Bakterienart zu
-erzielen.</p>
-
-<p>Es leuchtet ein, daß der weitere Ausbau der Lehre von den Spaltpilzen
-davon abhing, daß Methoden gefunden wurden, um die zahllosen
-Bakterien, denen man begegnete, nun ebenfalls an »Reinkulturen«
-zu studieren, oder, wie man zu sagen pflegt, sie zu »isolieren«.<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-Dies Ziel hatten schon verschiedene Forscher auf mannigfaltige
-Weise und zum Teil auch mit einigem Erfolg angestrebt<a id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">3</a>;
-doch war z. B. ein von Lord <em class="gesperrt">Lister</em> für diesen Zweck angegebenes
-Verfahren sehr umständlich und auch nicht immer von Erfolg gekrönt.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb03">
-<img src="images/abb-03.png" alt="Abb. 3" />
-<div class="caption">Abb. 3.<br />
-Doppelschälchen (Petrische Schale)
-zur Plattenkulturmethode.</div>
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Robert Koch</em> verdankt die Bakteriologie auch in dieser Hinsicht
-den entscheidenden Fortschritt durch die Einführung einer einfachen,
-aber höchst sinnreichen und zuverlässigen Methode. Nehmen
-wir an, in ein steriles Fleischbrüheröhrchen gelangen durch Impfung
-mit bakterienhaltigem Material auch nur zwei Keime verschiedener
-Art, so werden sich beide vermehren, und ihre Abkömmlinge müssen
-in der Flüssigkeit durcheinander geraten, indem sie teils dem Gesetze
-der Schwere folgend nach dem Boden sinken, teils bei Erschütterungen
-des Röhrchens durcheinander geschüttelt werden, teils auch indem
-sie infolge eigener selbständiger Bewegungen hierhin und dorthin
-gelangen; denn manche Bakterien sind, wie wir noch erörtern werden,
-beweglich. &ndash; Diese Vermischung der verschiedenen Keime wird
-aber vermieden werden können,
-wenn man die zur Aussaat benutzten
-Bakterien irgendwie
-zwingt, sich ausschließlich an <em class="gesperrt">der</em>
-Stelle zu vermehren, an der
-sie bei Beginn des Verfahrens
-lagen. Das erreichte <em class="gesperrt">Koch</em> durch
-Zusatz von 10% Gelatine zu
-der Kulturbouillon; er erhielt dadurch einen Nährboden, der bei
-leichter Erwärmung &ndash; etwa auf Körpertemperatur &ndash; flüssig ist,
-bei etwa 22° aber erstarrt. Impft man den erwärmten und in diesem
-Zustand flüssigen Nährboden mit einer ganz kleinen Menge bakterienhaltigen
-Materials, und breitet man ihn nun durch Ausgießen auf
-einer Glasplatte oder in einer flachen Schale (vgl. <a href="#abb03">Abb. 3</a>) in dünner
-Schicht aus, so daß die Flüssigkeit (bei geeigneter Temperatur)
-bald erstarrt, so bleiben die einzelnen Keime an der Stelle liegen,
-wo sie sich im Moment des Erstarrens gerade befanden. Wenn
-die nötigen Bedingungen zu ihrer Vermehrung erfüllt sind, werden
-sich aus jedem Keim nun an der ihm angewiesenen Stelle zahllose
-Abkömmlinge der gleichen Art entwickeln; so entstehen auf und
-in der Gelatineplatte sogenannte »Kolonien«, die aus unzähligen
-Spaltpilzen der gleichen Art gebildet sind. Es ist leicht einzusehen, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-man bei geeigneter Übertragung einer kleinen Menge Materials von
-einer solchen »isolierten« Kolonie in ein Bouillonröhrchen nunmehr
-wieder nur Entwicklung der Bakterien einer einzigen Art, also eine
-Reinkultur erhalten wird, obwohl zur Aussaat in dieser ganz
-»kleinen Menge« schon Tausende von Spaltpilzen gelangten.</p>
-
-<p>Während wir den einzelnen Spaltpilz nur mit Hilfe der besten
-Vergrößerungsinstrumente sehen können, sind »Kolonien«, die aus
-vielen Tausenden von Individuen bestehen, mit bloßem Auge
-wahrnehmbar, ja sie erreichen oft ganz beträchtlichen Umfang,
-etwa die Größe einer Linse, ja noch erheblichere Maße. Ebenso wie
-die Individuen einer Bakterienart sind nun auch deren Kolonien
-durch charakteristische Gestaltmerkmale abgezeichnet, die der geübte
-Beobachter mit bloßem Auge oder mit Hilfe schwacher Vergrößerungen
-erkennen kann (vgl. unten die <a href="#abb16">Abb. 16</a> und <a href="#abb26">26</a>).</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Allgemeiner Teil.</p>
-
-<h2 id="Kapitel_I">Kapitel I.</h2>
-
-<div class="h2desc">
-<p>Die wichtigsten Methoden der modernen Bakterienbeobachtung.
-Mikroskopische Beobachtung lebender Spaltpilze; ihre Gestalt, Größe,
-Beweglichkeit. &ndash; Gefärbte Ausstrichpräparate; elektive Färbungen.
-&ndash; Die Sporenbildung und die Sterilisierungsmethoden. &ndash; Mannigfaltige
-Wachstumsbedingungen der verschiedenen Spaltpilzarten. &ndash;
-Ansprüche an Temperatur, Sauerstoff, Reaktion und besondere Zusammensetzung
-der Nährböden. &ndash; Das Tierexperiment als Mittel
-bakteriologischer Forschung.</p></div>
-</div>
-
-<p>Man kann den Beginn der modernen Ära der Bakteriologie
-geradezu von der Einführung der »Plattenmethode« durch <em class="gesperrt">Robert
-Koch</em> datieren. Denn dieses Verfahren ermöglichte es weiten
-Kreisen der Naturforscher, Bakterienarten zu isolieren, jede einzelne
-von ihnen genau mikroskopisch zu untersuchen und auch ihre Lebensbedingungen
-und Lebensäußerungen zu studieren. Je nach dem
-einzelnen Falle geschieht dieses Studium mit immer wechselnden,
-immer neuen und im Laufe der Zeit immer mehr verfeinerten
-Methoden, von deren wichtigsten wir uns ein Bild verschaffen müssen,
-um die Forschungsergebnisse der medizinischen Bakteriologie verstehen
-zu können.</p>
-
-<p>Haben wir isolierte Kolonien von einer Bakterienart gewonnen,
-so untersuchen wir sie zunächst mit Hilfe des Mikroskops auf alle
-diejenigen Eigenschaften hin, die wir durch unmittelbare Beobachtung<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-erkennen können. Wir verteilen zu diesem Zweck eine Spur von
-dem weichen feuchten Material einer über die Oberfläche des Nährbodens
-sich emporwölbenden Kolonie mit Hilfe eines Platindrahtes
-in einem Wassertröpfchen, das wir zuvor auf die Mitte eines sehr
-dünnen quadratischen Glasplättchens von etwa 18 <em class="antiqua">mm</em> Seitenlänge
-&ndash; eines »Deckgläschens« &ndash; gebracht haben. Dann legen
-wir dieses Deckgläschen, so wie die <a href="#abb04">Abbildung 4</a> es zeigt, umgekehrt
-in der Weise über die Aushöhlung eines zweiten stärkeren und
-etwas größeren Glasplättchens, eines »hohlgeschliffenen Objektträgers«,
-daß das Tröpfchen in dessen Aushöhlung frei hineinragt.
-Rings um die Aushöhlung haben wir vorher ein wenig Vaseline
-verteilt, so daß das Deckgläschen etwas fester haftet, während gleichzeitig
-der kleine Hohlraum, in dem sich das Tröpfchen nunmehr
-befindet, abgeschlossen ist, wodurch eine
-rasche Verdunstung des Wassers verhütet wird.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb04">
-<img src="images/abb-04.png" alt="Abb. 4" />
-<div class="caption">Abb. 4.<br />
-Hohlgeschliffener Objektträger
-mit »hängendem Tropfen«.</div>
-</div>
-
-<p>Nun betrachten wir mit dem Mikroskop<a id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">4</a>
-bei sehr starker Vergrößerung
-dieses Tröpfchen. Das ist freilich nicht ganz so leicht auszuführen,
-wie es sich anhört; es setzt nicht nur eine genaue Kenntnis
-der Einrichtung unserer modernen, recht komplizierten Bakterienmikroskope,
-sondern außerdem noch einige Übung des Auges und
-der Hand voraus. Denn die lebenden Bakterienzellen sind, abgesehen
-von ihrer Kleinheit, auch deshalb nur schwer wahrnehmbar,
-weil sie, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, völlig <em class="gesperrt">farblos</em>
-sind und außerdem nur ein geringes Lichtbrechungsvermögen
-besitzen.</p>
-
-<p>Bei einiger Übung werden wir aber bald erkennen, daß wir ein
-Kugelbakterium, ein Stäbchen- oder ein Schraubenbakterium vor
-uns haben. Mit wachsender Übung vermögen wir &ndash; unter Umständen
-auf den ersten Blick &ndash; besonders charakteristische Bakterienarten
-zu erkennen. Anderseits können wir bei sorgfältiger Beobachtung
-feine Unterschiede der Formen unter den Angehörigen
-der drei Grundtypen bald auffinden: so weichen z. B. manche Mikrokokken
-ein klein wenig von der Kugelgestalt ab, sie sind ein wenig
-abgeplattet; eine andere Art ist ein klein wenig längsoval, usf. Zur<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-Unterscheidung der Kugelbakterienarten, die im allgemeinen der
-Eigenbewegung ermangeln, kann uns auch die Art ihrer Lagebeziehungen
-im hängenden Tropfen wichtige Dienste leisten. Manche
-Arten bilden in einer Kultur regelmäßig perlschnurartige, kürzere
-oder längere, 3 bis 5, ja bis 30 und mehr einzelne Glieder aufweisende
-Ketten (Kettenkokken oder Streptokokken, vgl. <a href="#abb28">Abb. 28</a>, <a href="#abb29">29</a>).
-Andere dagegen lagern sich zu weintraubenförmigen Häufchen
-zusammen und werden danach als Staphylokokken (ἡ σταφυλή
-die Weintraube) bezeichnet (vgl. <a href="#abb26">Abb. 26</a>). Zwischen den verschiedenen
-Arten der Stäbchen- und Schraubenbakterien bestehen
-ferner Unterschiede nach der Länge und Dicke und nach dem Verhältnis
-des Längen- zum Dickendurchmesser: so begegnen wir
-langen und schlanken, langen und plumpen, kurzen und schlanken,
-kurzen und plumpen Stäbchen- und Schraubenformen. Wenn wir
-sie genau betrachten, so können wir oft noch weitere feine Unterschiede
-zwischen den verschiedenen Arten erkennen: die einen besitzen
-abgerundete Enden, die anderen kantige, manche zeigen die Neigung,
-dadurch, daß mehrere Individuen aneinander haften, Fäden zu
-bilden, und so gibt es noch eine ganze Reihe feiner Gestaltmerkmale,
-die der sorgfältige Beobachter zu berücksichtigen hat.</p>
-
-<p>Von sehr großer Bedeutung für die Erkennung einer bestimmten
-Bakterienart ist eine sorgfältige Feststellung ihrer <em class="gesperrt">Größe</em>; wie
-alle anderen Eigenschaften der Gestalt, so sind auch die Durchmesser
-im großen und ganzen bei den Individuen einer und derselben
-Art entweder genau übereinstimmend oder doch nur in ganz bestimmten
-Grenzen schwankend. Zur exakten Feststellung der Durchmesser
-von Spaltpilzen besitzt man in neuerer Zeit sehr feine Meßinstrumente,
-die bei genauer Berücksichtigung der jeweiligen mikroskopischen
-Vergrößerung sehr exakte Resultate liefern.</p>
-
-<p>Freilich ist die Konstanz der Größenmaße einer bestimmten
-Bakterienart wiederum keine absolute: gerade so wie höhere Pflanzen
-oder auch Tiere unter ungünstigen Bedingungen klein bleiben,
-unter günstigen Bedingungen sich üppig entwickeln, kann man
-auch bei Spaltpilzen je nach ihren Lebensbedingungen Unterschiede
-in der Größe innerhalb gewisser Grenzen feststellen; umgekehrt
-können auch im Absterben begriffene, degenerierende Bakterien
-sich durch Auftreibung ihrer Membran stark vergrößern, wobei
-sie meist auch unregelmäßige Formen annehmen.</p>
-
-<p>Niemals dagegen zeigen sich innerhalb der Individuen der gleichen
-Art Unterschiede in Eigenschaften, die auf wesentlichen Zügen<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-der Organisation beruhen. Eine der wichtigsten derartigen Eigenschaften
-ist die der <em class="gesperrt">Eigenbeweglichkeit</em>. Ihr Besitz oder Mangel
-spielt bei der Unterscheidung der Stäbchenbakterien eine sehr wesentliche
-Rolle: es gibt auf der einen Seite sehr lebhaft bewegliche
-Bakterienarten, auf der anderen gänzlich unbewegliche und endlich
-auch solche, die eine schwache Beweglichkeit besitzen; aber niemals
-trifft man in einer Reinkultur von unbeweglichen Bakterien, z. B.
-des Milzbrandbazillus, auch nur ein einziges Individuum, das
-im geringsten Grade selbständig seinen Platz wechselt. Die Fähigkeit,
-sich vorwärts zu bewegen, verdanken die beweglichen Bakterienarten
-dem Besitze sogenannter »<em class="gesperrt">Geißeln</em>«, ganz außerordentlich
-feiner kontraktiler Fäden, die man an den lebenden Bakterienzellen
-nur ausnahmsweise unmittelbar unter dem Mikroskop erkennen
-kann, nämlich bei einigen der größten Bakterienarten, die
-existieren. Bei den allermeisten übrigen kann man die Geißeln nur
-mit Hilfe komplizierterer Methoden zur Darstellung bringen, von
-denen sogleich noch die Rede sein wird.</p>
-
-<p>Neben der Beobachtung im frischen Zustande bedienen wir uns
-in ausgedehntem Maße der Untersuchung von sogenannten »Ausstrichpräparaten«.
-Auch diese wichtige Beobachtungsmethode ist im
-wesentlichen von <em class="gesperrt">Robert Koch</em> ausgebildet worden. Auf einem Deckgläschen
-oder auf einer kleinen etwa 1 <em class="antiqua">mm</em> dicken Glasplatte (einem
-sogenannten Objektträger) verteilt man mit einem kleinen Flüssigkeitströpfchen
-eine Spur des zu untersuchenden Bakterienmaterials
-&ndash; so viel wie an der Spitze einer Nadel haftet &ndash; und läßt es antrocknen.
-Man »fixiert« dann den Ausstrich, indem man ihn einige
-Male mäßig rasch durch die Flamme eines Bunsenbrenners zieht,
-oder indem man ihn mit bestimmten Fixierungsflüssigkeiten, z. B.
-absolutem Alkohol, behandelt; die gebräuchlichste Methode für
-Bakterienausstriche ist die Flammenfixierung. Durch die starke
-Erhitzung wird die Bakterienzelle in ihrer Form erhalten und gleichzeitig
-an der Stelle des Gläschens festgehalten, an der sie sich gerade
-befindet. Dann tropft man auf den Objektträger eine kleine
-Menge einer Farbstofflösung; meist verwendet man eine der sehr
-lebhaft färbenden Anilinfarben, Methylenblau, Genzianaviolett
-oder andere. Nach kurzer Zeit &ndash; je nach der angewandten Farblösung
-nach einigen Sekunden oder einigen Minuten &ndash; spült man
-den Objektträger mit reinem Wasser sorgfältig ab, trocknet ihn
-gründlich mit Fließpapier ab, bringt dann ein Tröpfchen Kanadabalsam
-auf den nun gefärbten Ausstrich, deckt darauf ein Deckgläschen<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-und hat ein vorschriftsmäßiges Ausstrichpräparat vor sich,
-das nun mikroskopisch untersucht werden kann. Hier betrachtet
-man also nicht mehr die lebenden Bakterien, sondern die angetrockneten
-»Bakterienleichen«, die eine tiefe gleichmäßige Färbung
-angenommen haben und weit leichter ins Auge fallen als ungefärbt
-im hängenden Tropfen, während sie anderseits im großen und
-ganzen ihre charakteristischen Gestaltmerkmale behalten haben.</p>
-
-<p>Auch die Färbemethoden sind im Laufe der Zeit immer mehr
-ausgebildet worden und haben für die Unterscheidung von Bakterienarten
-sehr wichtige Hilfsmittel geliefert. Man hat nämlich gefunden
-&ndash; die erste und wichtigste Feststellung dieser Art, die die färberische
-Eigenart des Tuberkelbazillus betrifft, stammt wiederum von
-<em class="gesperrt">Robert Koch</em> &ndash;, daß manche Bakterienarten bestimmte Farbstoffe
-leichter, andere schwerer annehmen, daß aber auch <em class="gesperrt">gesetzmäßige</em>
-Unterschiede bestehen hinsichtlich der Zähigkeit, mit der
-sie den einmal angenommenen Farbstoff unter bestimmten Bedingungen,
-z. B. unter der Einwirkung eines entfärbenden Mittels,
-festhalten bzw. wieder fahren lassen. Solche Unterschiede im »färberischen
-Verhalten« können auf Grund ihrer Gesetzmäßigkeit oft
-zur Unterscheidung zweier Bakterienarten dienen, die sich im übrigen
-sehr ähneln. Wenn man z. B. weiß, daß ein bestimmtes <em class="gesperrt">krankheit</em>erregendes
-Bakterium nach einer gewissen Methode färbbar ist,
-ein anderes ihm sonst recht ähnliches unschuldiges Bakterium aber
-nicht, so kann man diese Färbemethode zu einer raschen Entscheidung
-darüber heranziehen, ob man es in einem gegebenen Falle mit dem
-betr. pathogenen Bakterium zu tun hat oder nicht. Man färbt ein
-Ausstrichpräparat von dem zu untersuchenden Material nach der
-entsprechenden Methode und untersucht es mikroskopisch; sind die
-verdächtigen Bakterien nun gefärbt, so gehören sie &ndash; vorausgesetzt,
-daß sonst hinreichende Beweise dafür vorliegen &ndash; zu der pathogenen<a id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">5</a>
-Art; sind sie nicht gefärbt, so gehören sie dieser sicher <em class="gesperrt">nicht</em> an.
-Solche Entscheidungen können oft sehr wertvoll sein, besonders
-auch deshalb, weil sie meist selbst wenig Zeitaufwand erfordern,
-oft aber weitere schwierigere und zeitraubende Untersuchungen mit
-anderen Methoden entbehrlich machen.</p>
-
-<p>Die Verwendung komplizierter Färbemethoden hat verschiedene
-Forscher zu allerhand vorläufig noch nicht gut untereinander vereinbaren<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-Anschauungen über den feineren Bau der einzelnen Bakterienzelle
-geführt. Wir müssen von deren Erörterung absehen und
-uns vorläufig damit begnügen, uns deren Bau als einfachster Art
-vorzustellen. Einen Kern, wie die einzelligen Tiere (Protozoen)
-z. B. die Amoeben, oder wie die Zellen aller höheren Tiere und
-Pflanzen besitzen die Spaltpilze danach nicht; sie bestehen aus dem
-Protoplasma und einer Membran, von der die <em class="gesperrt">Geißeln</em> bei den
-beweglichen Formen ausgehen.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb05">
-<img src="images/abb-05.png" alt="Abb. 5" />
-<div class="caption">Abb. 5.<br />
-Bakterien mit Geißeln; verschiedene Typen des Geißelapparates (schematisch)
-<em class="antiqua">a</em> eine Geißel an einem Ende der Zelle, <em class="antiqua">b</em> je eine Geißel an jedem Ende der
-Zelle, <em class="antiqua">c</em> Geißelbüschel an jedem Ende der Zelle, <em class="antiqua">d</em> zahlreiche Geißeln entspringen
-an allen Teilen der Membran der Zelle.</div>
-</div>
-
-<p>Mit Hilfe besonderer Färbeverfahren, deren erstes von <em class="gesperrt">Löffler</em>,
-einem der ältesten Schüler <em class="gesperrt">Robert Kochs</em>, angegeben worden ist,
-kann man diese <em class="gesperrt">Geißelfäden</em> der Bakterien zur Darstellung
-bringen. Auch diese feinsten Gebilde zeigen bei den <em class="gesperrt">verschiedenen</em>
-Bakterien<em class="gesperrt">arten</em> ein <em class="gesperrt">verschiedenes</em>, bei den einzelnen <em class="gesperrt">Individuen
-der gleichen Art</em> aber stets <em class="gesperrt">übereinstimmendes</em> Verhalten
-hinsichtlich ihrer Zahl und ihrer Anordnung. So gibt es bewegliche
-Stäbchen, die nur an einem Ende eine einzige Geißel haben, andere
-tragen eine solche an jedem ihrer Enden, wieder andere besitzen
-eine große Anzahl von Geißeln, die von den verschiedensten Stellen
-ihrer Oberfläche nach allen Seiten hin ausstrahlen (vgl. <a href="#abb05">Abb. 5</a>).
-Auch Zahl und Anordnung der Geißeln kann, wenn sie für eine
-gegebene Bakterienart einmal genau studiert ist, als Unterscheidungsmerkmal
-dieser Art neben anderen Eigenschaften dienen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unter den <em class="gesperrt">Lebensvorgängen</em>, die der unmittelbaren Beobachtung
-zugänglich sind, beansprucht vor allem die Art und Weise
-der <em class="gesperrt">Fortpflanzung</em> unser Interesse. Gerade ihre zuverlässige
-Beobachtung ist durch die <em class="gesperrt">Koch</em>sche Isolierungsmethode außerordentlich
-erleichtert worden, wenn auch schon <em class="gesperrt">vor Koch</em> vielfach richtige
-Ansichten über die Art und Weise, wie die oft enorme Vermehrung<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-von Bakterien im einzelnen zustande kommt, gewonnen worden sind.
-Die Vermehrung der Bakterien erfolgt auf eine sehr einfach erscheinende
-Weise durch <em class="gesperrt">Spaltung</em>. Der
-Mikrokokkus, das Kugelbakterium, das sich
-zur Teilung anschickt, zeigt eine langsame
-Vergrößerung einer seiner Achsen, dann eine
-Einschnürung in der Mitte und endlich eine
-vollkommene Abschnürung von zwei neuen
-Tochterkugeln. Ganz analog ist der Teilungsvorgang
-bei Stäbchen- und Schraubenbakterien,
-die nach anfänglichem Längenwachstum
-durch Querteilung in zwei Tochterindividuen
-zerfallen (vgl. <a href="#abb06">Abb. 6</a>).</p>
-
-<div class="figright p30" id="abb06">
-<img src="images/abb-06.png" alt="Abb. 6" />
-<div class="caption">Abb. 6.<br />
-Teilung durch Spaltung.
-<em class="antiqua">a</em> Teilung eines Kokkus
-<em class="antiqua">b</em> eines Stäbchens.
-(Schematisch.)</div>
-</div>
-
-<p>Bei einer beschränkten Zahl von Bakterienarten
-dient noch ein anderer sehr merkwürdiger Vorgang der <em class="gesperrt">Erhaltung
-der Art</em> &ndash; <em class="gesperrt">nicht</em> eigentlich der <em class="gesperrt">Fortpflanzung</em>: es ist dies
-die bei manchen Stäbchenarten unter bestimmten Bedingungen vorkommende
-Bildung von sogenannten <em class="gesperrt">Sporen</em>, eigentümlichen,
-durch ihr Aussehen und ihre besonderen Eigenschaften
-in gleicher Weise von den Bakterienzellen
-unterschiedenen Gebilden. Im ungefärbten Zustand,
-z. B. im hängenden Tropfen, fallen diese
-Sporen durch ihren starken Glanz auf: sie besitzen
-ein viel stärkeres Lichtbrechungsvermögen
-als die Bakterienzellen; ihre Anordnung ist bei
-verschiedenen Arten verschieden, aber bei jeder
-sporenbildenden Bakterienart charakteristisch. Bei
-einzelnen Arten bilden sie sich im Innern des Stäbchens
-(Endosporen), bei anderen Arten treten sie
-regelmäßig an den Enden auf (endständige
-Sporen; vgl. <a href="#abb07">Abb. 7</a>). Die Bildung dieser Sporen
-geht in der Weise vor sich, daß zunächst kleine
-stärker lichtbrechende Körnchen in dem Bakterienkörper
-auftreten, die dann an Größe zunehmen
-und schließlich die ganze Dicke der Bakterienzelle
-einnehmen, ja übertreffen können. Die Bakterienzelle
-selbst pflegt schließlich zu zerfallen, so daß
-nur die freie Spore übrig bleibt (vgl. <a href="#abb07">Abb. 7&nbsp;<em class="antiqua">c</em></a>).
-Bei Färbung mit den gewöhnlichen Anilinfarben
-bleiben die Sporen im Gegensatz zu dem Bakterienkörper<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-ungefärbt. Die hervorstechendste Eigentümlichkeit dieser
-Sporen ist ihre ganz außerordentlich große Widerstandsfähigkeit
-gegenüber allen möglichen physikalischen Einflüssen, denen die
-Bakterienzellen selbst erliegen. So vertragen sie viel höhere
-Grade der Austrocknung als jene, vor allem aber auch sehr viel
-stärkere Erhitzung, ohne abzusterben. Sie bleiben z. B. beim einmaligen
-Aufkochen einer Flüssigkeit am Leben und besitzen nun
-die weitere Fähigkeit, unter geeigneten Bedingungen wieder zu
-Bakterienzellen auszukeimen, die sich entweder durch Spaltung
-vermehren oder unter anderen Bedingungen wieder durch Sporenbildung
-gegen den Untergang schützen können. Sporenbildende
-Bakterien sind es z. B., die in der einmal kurz aufgekochten Milch
-nicht mit anderen zugrunde gehen, und sie sind denn auch die letzte
-Ursache der Irrlehre von der »<em class="antiqua">generatio spontanea</em>« gewesen (vgl. o.).</p>
-
-<div class="figright p30" id="abb07">
-<img src="images/abb-07.png" alt="Abb. 7" />
-<div class="caption">Abb. 7.<br />
-Sporenbildung.
-<em class="antiqua">a</em> mittelständige
-Sporen, Endosporen,
-<em class="antiqua">b</em> endständige Sporen,
-<em class="antiqua">c</em> freie Sporen.</div>
-</div>
-
-<p>In den Lebensbedingungen der Spaltpilze, soweit sie bisher
-erforscht sind, zeigt sich wenn möglich eine noch größere Mannigfaltigkeit
-als in deren Bau. Aber auch hier steht der Fülle der wechselnden
-Erscheinungen eine sich bis auf die kleinsten Einzelheiten erstreckende
-gesetzmäßige <em class="gesperrt">Konstanz der Eigenschaften</em> gegenüber, sobald
-wir eine <em class="gesperrt">bestimmte</em> Bakterienart untersuchen.</p>
-
-<p>Gewisse Lebensbedingungen sind allen Spaltpilzen gemeinsam:
-alle sind in hohem Maße empfindlich gegen die Einwirkung des Lichts;
-im hellen Tageslichte gehen sie bald zugrunde. Unerläßliche Bedingung
-für ihre Fortpflanzung ist Dunkelheit. Alle Spaltpilze
-bedürfen weiterhin, wie alle lebenden Wesen, der Nahrung. Vor
-allem können sie das <em class="gesperrt">Wasser</em> nicht entbehren. Aber schon in diesem
-Punkte treten deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen
-Arten hervor, insofern als die einen unvergleichlich viel empfindlicher
-gegen Eintrocknung sind als andere. Besonders widerstandsfähig
-gegen diese Schädigung sind natürlich, wie wir vorher schon
-kurz erwähnten, diejenigen Arten, die die Fähigkeit besitzen, resistente
-Dauerformen, Sporen, zu bilden.</p>
-
-<p>Gemeinsam ist allen Bakterien weiterhin, daß sie einer gewissen
-<em class="gesperrt">Wärme</em> bedürfen, um sich zu vermehren; aber auch in dieser Beziehung
-sind die Bedürfnisse der einzelnen Arten ganz außerordentlich verschieden.
-Jede einzelne Art besitzt eine genau bestimmbare Temperaturbreite
-von sehr wechselndem Ausmaß, innerhalb deren sie zur
-Vermehrung befähigt ist, und für jede einzelne Art kann man innerhalb
-dieser Zone eine Temperatur finden, bei der das Wachstum
-am üppigsten vor sich geht, das sogenannte Temperaturoptimum<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-des betreffenden Bakteriums. Alle dem Menschen als Infektionserreger
-gefährlichen Arten können, wie man von vornherein vermuten
-wird, bei der Temperatur des menschlichen Körpers, also
-etwa bei 37° <em class="antiqua">C</em>, wachsen, die meisten haben ungefähr bei diesem
-Wärmegrade ihr Temperaturoptimum. Wir bedürfen deshalb zur
-Kultur der pathogenen Bakterien sogenannter Brütschränke, oder,
-wenn sehr große Mengen von Kulturen untergebracht werden
-müssen, eines Brützimmers, eines Raumes also, in dem durch
-geeignete Vorrichtungen (sogenannte Thermoregulatoren) ständig
-genau die Temperatur von 37° <em class="antiqua">C</em> erhalten wird.</p>
-
-<p>Unter den ungefährlichen Arten gibt es dagegen sehr viele, denen
-diese Temperatur schon zu hoch ist; aber auch unter den pathogenen
-Bakterien sind die Temperaturansprüche außerordentlich verschieden.
-Manche gehen schon sehr bald zugrunde, wenn sie nur kurze Zeit
-etwa auf Zimmertemperatur, also ungefähr 20° <em class="antiqua">C</em> abgekühlt werden,
-andere dagegen, wie z. B. der Pestbazillus, vermögen noch bei 8°,
-ja nach einzelnen Beobachtungen bei noch geringerer Wärme sich
-zu vermehren. Freilich liegt ihr Temperaturoptimum erheblich
-höher, nämlich etwa bei 30°.</p>
-
-<p>Noch schärfer ausgeprägt ist die Verschiedenheit in dem Verhalten
-der einzelnen Bakterienarten zum <em class="gesperrt">Sauerstoff</em> der Luft; es gibt
-Spaltpilze, die ihn zum Leben so nötig haben wie die höheren Tiere
-(<em class="antiqua">aërophile</em> oder <em class="antiqua">aërobe</em>, luftbedürftige Arten) und andere, die sich bei
-seiner Anwesenheit überhaupt nicht zu entwickeln vermögen (<em class="antiqua">anaërobe</em>,
-luftscheue Arten). Um die letzteren zu kultivieren, hat man sehr verschiedene
-Methoden angegeben; man kann z. B. die Kulturröhrchen
-oder Platten in einem gut verschlossenen Raume aufstellen, den man
-mit reinem Wasserstoffgas gefüllt hat.</p>
-
-<p>Sehr deutlich zeigt sich das verschiedene Sauerstoffbedürfnis,
-wenn man sogenannte hohe Stichkulturen von einem darauf zu
-prüfenden Keim anlegt. Man impft den in einem Reagenzgläschen
-befindlichen starren Nährboden, indem man einen langen Platindraht,
-an dessen Spitze eine kleine Menge der aus einer Reinkultur
-stammenden Aussaat haftet, tief in das Röhrchen einmal einsticht.
-Dabei bleiben längs des ganzen Stiches Keime haften; sauerstoffscheue
-Bakterienarten werden aber nach einiger Zeit ausschließlich
-an den tiefsten Stellen des Stiches, da, wo die Luft keinerlei Zutritt
-hat, Wachstum zeigen, das man mit bloßem Auge wahrnehmen
-kann. Sauerstoffbedürftige gedeihen nur an der Oberfläche und in
-der nächsten Nähe, eben soweit der Sauerstoff dringt. Manche Arten<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-sind auch in dieser Hinsicht indifferent und vermögen annähernd
-gleich gut mit und ohne Sauerstoff zu existieren (vgl. <a href="#abb08">Abb. 8</a>).</p>
-
-<p>Ganz besonders mannigfaltig sind aber die Ansprüche der verschiedenen
-Bakterienarten an die Beschaffenheit und Zusammensetzung
-der <em class="gesperrt">Nährsubstrate</em>, in oder auf denen wir sie züchten. Zum
-Beispiel muß die <em class="gesperrt">chemische Reaktion</em> des Nährsubstrates sorgfältig
-in jedem Falle berücksichtigt werden, wenn auch <em class="gesperrt">im allgemeinen</em>
-die krankheiterregenden Keime neutrale oder ganz schwach alkalische
-Reaktion verlangen. Schon ganz geringe Unterschiede im Grade
-der Alkaleszenz können zur Folge
-haben, daß das Wachstum der einen
-Art überhaupt ausbleibt, das einer
-anderen Art dafür besonders üppig
-ausfällt. Ausnahmsweise wird auch
-bei pathogenen Bakterien die Bevorzugung
-einer leicht sauren Reaktion
-beobachtet.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb08">
-<img src="images/abb-08.png" alt="Abb. 8" />
-<div class="caption">Abb. 8.<br />
-Wachstum in hohen Stichkulturen.
-<em class="antiqua">a</em> aërobe, <em class="antiqua">b</em> anaërobe, <em class="antiqua">c</em> indifferente
-Bakterien. (Schematisch.)</div>
-</div>
-
-<p>Alle die Nährsubstrate zu besprechen
-oder auch nur zu erwähnen,
-die zur Kultur von pathogenen Bakterien
-verwendet werden, würde uns
-viel zu weit führen. Jede einzelne
-krankheiterregende Art ist auf das
-Sorgfältigste auf ihre Bedürfnisse
-hin untersucht worden, und deren
-genaue Berücksichtigung ist zur Vermeidung
-von Mißerfolgen bei Kulturversuchen
-durchaus notwendig. Gerade
-auf diesem Gebiet war wiederum <em class="gesperrt">Robert Koch</em> der bahnbrechende
-Forscher, besonders durch die Überwindung der außerordentlich
-großen Schwierigkeiten, die sich der Kultur der Tuberkelbazillen
-entgegenstellten, die nur auf bestimmten Substraten ein
-noch dazu außerordentlich langsames Wachstum zeigen.</p>
-
-<p>Eine sehr große Zahl von pathogenen Keimen gedeiht unter
-sonst geeigneten Bedingungen in der gewöhnlichen <em class="gesperrt">Nährbouillon</em>,
-die aus Fleischwasser mit Zusatz von Pepton und Kochsalz hergestellt
-wird, und Nährgelatine, die außer diesen Bestandteilen noch Gelatine
-enthält. Die Temperatur von etwa 20°, bei der wir die Gelatineplatten
-halten müssen, um die feste Konsistenz des Nährbodens zu
-gewährleisten, ist aber für viele Krankheitserreger zu niedrig. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-gestattet ihnen entweder gar keine oder doch nur eine sehr langsame
-Vermehrung. Es war deshalb ein großer Fortschritt, als eine Dame,
-Frau <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Hesse</em>, den Gelatinezusatz durch einen solchen von <em class="gesperrt">Agar-Agar</em>,
-eine indische Tangart, ersetzte, die den einmal durch Kochen
-verflüssigten Nährboden erst bei einer Abkühlung auf etwa 39°
-wieder erstarren läßt, bei Körpertemperatur also den festen Zustand
-bedingt. Durch Zusatz bestimmter Mengen von allerhand Substanzen,
-wie beispielsweise Traubenzucker, Glyzerin und anderen,
-kann man diese einfachen Nährböden für die Kultur der verschiedenen
-Bakterienarten nach deren mannigfaltigen Bedürfnissen geeigneter
-machen.</p>
-
-<p>Viele pathogene Bakterien gedeihen am besten, manche sogar
-ausschließlich, wenn ihnen tierisches Eiweiß in nicht koaguliertem
-Zustande zur Verfügung steht, also beispielsweise in der Form
-steril entnommenen Blutes, das dem Nährboden zugesetzt wird.
-Einzelne sind so kapriziös, ausschließlich nur auf menschenbluthaltigen
-Nährböden zu wachsen, andere bevorzugen das Blut irgendeiner
-bestimmten Tierart.</p>
-
-<p>Aus dem, was eben über die Nährsubstrate gesagt wurde, ergibt
-sich, daß wir die Erfüllung der Grundbedingungen für die Verwendbarkeit
-eines Nährbodens, nämlich seine völlige <em class="gesperrt">Keimfreiheit</em>,
-auf sehr verschiedenem Wege anstreben müssen: unkoaguliertes
-Körpereiweiß können wir ausschließlich durch »sterile Entnahme«
-aus dem Körper eines höheren Tieres gewinnen; die meisten anderen
-Nährsubstrate »<em class="gesperrt">sterilisieren</em>« wir durch Erhitzung.</p>
-
-<p>Wir müssen hier auf die verschiedenen Sterilisationsmethoden
-der Vollständigkeit halber kurz eingehen. Schon in der Einleitung
-war erwähnt, daß einmaliges Aufkochen einer Flüssigkeit zu deren
-Sterilisation nicht ausreicht. Wir sahen dann später die Ursache
-dieses merkwürdigen Phänomens in der Fähigkeit vieler Bakterienarten,
-hitzebeständige Dauerformen, Sporen, zu bilden. Alle unsere
-Sterilisationsmethoden müssen darauf abzielen, die Gefahr der
-Verunreinigung durch derartige zum Auskeimen befähigte Sporen
-zu vermeiden. Wir müssen dabei sehr verschieden verfahren. Trockene
-Glasgeräte erhitzen wir in sehr einfacher Weise in einem festverschlossenen
-Eisenblechkasten, unter dem eine große Gasschlange
-angebracht ist, auf 150&ndash;180°&nbsp;<em class="antiqua">C</em> und können nach einer Viertelstunde
-gewiß sein, daß alle Sporen abgetötet sind. Die meisten flüssigen
-Nährsubstrate können wir durch Kochen sterilisieren. Wir bringen
-sie in Glaskolben oder Röhrchen in einen sogenannten Kochschen<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-Dampftopf, ein mit locker schließendem Deckel versehenes zylindrisches
-Blechgefäß, dessen unterer Teil etwas Wasser enthält, das wir durch
-eine Flamme zum Sieden bringen. Die Behälter mit den zu erhitzenden
-Flüssigkeiten stehen auf einem Rost über dem Wasserspiegel und
-werden durch den entwickelten Dampf bis nahezu zur Temperatur
-des siedenden Wassers erwärmt. Besonders widerstandsfähige
-Sporen überleben aber eine solche Erhitzung, selbst wenn sie
-eine Stunde lang fortgesetzt wird. Um auch ihrer Herr zu
-werden, kann man sich der »fraktionierten« Sterilisation
-bedienen: man erhitzt die betretende Flüssigkeit eine
-Stunde im Dampftopf, läßt sie dann sich wieder abkühlen,
-wiederholt die Erhitzung und die Abkühlung noch mehrmals
-und ist nun schließlich sicher, ein keimfreies Substrat
-zu haben: die nach der ersten Erhitzung übriggebliebenen
-Sporen sind in dem guten Nährboden nach der Abkühlung
-teilweise oder alle ausgekeimt. Die entstandenen Bakterienzellen
-werden bei der zweiten Erhitzung getötet. Sind
-etwa doch noch Sporen übrig geblieben, so fallen sie der
-dritten oder vierten Wiederholung der Prozedur zum Opfer.</p>
-
-<p>Rascher führt eine andere Methode zum Ziel, die freilich
-einen etwas kostspieligen Apparat erfordert: das Sieden
-unter Druck im festverschlossenen Gefäß, einem sogenannten
-Autoklaven. Mit dem Steigen des Druckes steigt die Temperatur,
-und man kann so einen Dampf von 120 und mehr
-Grad Wärme auf die Nährböden wirken lassen, die bei
-diesem Vorgange schon nach einer Viertelstunde keimfähige
-Sporen nicht mehr enthalten. Die Verwendung sehr
-niedriger Temperaturen kommt für die Sterilisation nicht
-in Betracht, da die meisten Bakterienarten alle mit den
-gewöhnlichen Mitteln erreichbaren Abkühlungen vertragen
-können, genau ebensogut, wie die Samen der höheren
-Pflanzen.</p>
-
-<div class="figleft p25" id="abb09">
-<img src="images/abb-09.png" alt="Abb. 9" />
-<div class="caption">Abb. 9.<br />
-Ein Röhrchen
-mit
-schräg erstarrtem
-Nähragar,
-auf dessen
-Oberfläche
-man Bakterien
-züchten
-kann.
-Verschluß
-durch
-Wattebausch.
-der natürl.
-Größe.</div>
-</div>
-
-<p>Die einmal sterilisierten Nährböden müssen natürlich in
-gut verschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden, da sie
-sonst durch eindringende Keime verunreinigt und für unsere
-Zwecke unbrauchbar gemacht werden würden. Zum Verschluß
-der Gefäße (Kölbchen, Reagenzgläschen) verwendet
-man in der Regel einen Wattebausch, der sich als vollkommen
-sicherer Schutz gegen das Eindringen von Luftkeimen
-bewährt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p>
-
-<p>Es bedarf kaum der Betonung, daß wir auch bei der Impfung
-eines solchen Kulturröhrchens sehr vorsichtig und rasch zu Werke
-gehen müssen, damit nicht in der Zeit, während deren wir das
-Aussaatmaterial in das geöffnete Gefäß einführen, Luftkeime
-hineindringen. Selbstverständlich muß auch das Instrument, mit
-dem wir die Überimpfung vornehmen, sicher steril sein. Wir verwenden
-dazu meist einen dünnen, zu einer Öse umgebogenen
-Platindraht, der an einem langen handlichen Stiel befestigt
-ist, und der vor dem Gebrauch in der Flamme des Bunsenbrenners
-bis zum Glühen erhitzt und dann rasch abgekühlt
-worden ist. Mit diesem streichen wir ein klein wenig von
-einer Bakterienkolonie auf der Oberfläche eines Nähragarröhrchens
-aus. Schon am folgenden Tage werden wir (bei
-geeigneter Temperatur) an der Stelle der Aussaat schon
-eine Kultur aufgehen sehen.</p>
-
-<p>Das Tempo und die geringere oder größere Üppigkeit des
-Wachstums, ferner auch das Aussehen des sich entwickelnden
-»Rasens« ist für die verschiedenen Arten oft wiederum charakteristisch.
-Namentlich aber die Kolonien auf den <em class="gesperrt">Platten</em>
-haben oft ein durchaus eigenartiges Gepräge, so daß man
-nach ihrem Aussehen mit bloßem Auge oder mit Hilfe eines
-schwachen Vergrößerungsglases oft schon mit großer Wahrscheinlichkeit
-feststellen kann, welcher Keimart sie angehören.
-So bilden manche Bakterien vollkommen scharf begrenzte
-und kreisrunde, andere wieder weinblattförmige, wieder andere
-Mikroorganismen unregelmäßig gestaltete, an den Rändern
-stark aufgefaserte Kolonien (vgl. <a href="#abb16">Abb. 16</a> u. <a href="#abb26">26</a>).</p>
-
-<div class="figright p25" id="abb10">
-<img src="images/abb-10.png" alt="Abb. 10" />
-<div class="caption">Abb. 10.<br />
-Platinöse
-zum
-Impfen
-von Bakterienkulturen.</div>
-</div>
-
-<p>Unmittelbar wahrnehmbar ist bei vielen Bakterienarten
-auch die Bildung von <em class="gesperrt">Pigment</em> in den Kulturen, besonders
-häufig sind weiße und grauweiße Farbentöne, doch
-gibt es zahlreiche Arten, die Pigment von allen Farben zu bilden
-vermögen.</p>
-
-<p>Besonders zur Unterscheidung der Bakterienarten verwertbar
-sind weiterhin deren <em class="gesperrt">chemische Leistungen</em>. Einige wenige
-Beispiele mögen dies veranschaulichen. Betrachten wir Gelatineplattenkulturen
-von Choleravibrionen z. B. am dritten Tage nach
-der Einsaat, so sehen wir, daß das Nährsubstrat in der Nachbarschaft
-der einzelnen Kolonien verflüssigt worden ist: die Choleravibrionen
-besitzen die Fähigkeit, Eiweiß zu peptonisieren. Das Vorhandensein
-oder Fehlen dieser Fähigkeit ist wiederum bei verschiedenen Arten<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-eine konstante Eigenschaft und deshalb zu ihrer Charakteristik verwertbar.
-&ndash; Ähnlich verhält es sich mit dem Nachweis von charakteristischen
-Stoffwechselvorgängen in den Reinkulturen mancher Bakterien;
-so bringen beispielsweise manche Spaltpilzarten unter Säureproduktion
-Milch zur Gerinnung, in der sie wachsen, während andere
-Arten dieser Fähigkeit stets ermangeln. Eine andere chemische
-Leistung, die für manche Bakterienarten charakteristisch ist, ist die
-Vergärung des Traubenzuckers. Impft man von einer Reinkultur
-eines solchen Mikroorganismus einen traubenzuckerhaltigen Nährboden
-(Bouillon oder Nähragar), so erkennt man sehr deutlich den
-Eintritt der Gärung an der Bildung von Gasblasen, die den festen
-Nährboden unter Umständen förmlich zerfetzen können. Die Erscheinung
-fehlt, wenn der untersuchte Spaltpilz der Fähigkeit ermangelt,
-Traubenzucker zu vergären.</p>
-
-<p>Zur vollständigen Untersuchung einer pathogenen Bakterienart
-gehört unter Umständen noch als letzte, der medizinischen Bakteriologie
-besonders eigene Aufgabe: die Prüfung der »Pathogenität«
-der Reinkultur im <em class="gesperrt">Tierexperiment</em>. Gerade dieser Methode
-verdankt die Wissenschaft außerordentlich wertvolle Fortschritte,
-und ihre vernünftige sachgemäße Anwendung kann nur von Leuten
-angefeindet werden, die über Ziel und Wege der medizinischen
-Forschung mangelhafte Vorstellungen haben. Die Beurteilung
-des Ausfalls von Tierexperimenten ist übrigens eine weit schwierigere
-Aufgabe, als man häufig anzunehmen geneigt ist.</p>
-
-<p>Die ursprüngliche Absicht bei der künstlichen Infektion von Tieren
-mit Reinkulturen ging darauf hinaus, experimentell die gleiche
-Krankheit zu erzeugen, deren Erreger man in Händen zu haben
-glaubte. Man strebte dieses Ziel namentlich in der ersten Zeit der
-bakteriologischen Entdeckungen in jedem einzelnen Falle an, in dem
-man einen Krankheitserreger entdeckt zu haben glaubte. Ja, man hielt
-den Beweis dafür, daß ein aus Krankheitsprodukten isolierter Keim
-wirklich der Erreger der betreffenden Krankheit sei, erst dann für
-erbracht, wenn man mit seinen Reinkulturen das typische Krankheitsbild
-experimentell auslösen konnte. Es ergab sich nun aber bald,
-daß dies nicht in allen Fällen gelang; von großer Bedeutung zeigte
-sich zunächst die Auswahl der Versuchstiere nach ihrer Artzugehörigkeit.
-So war es leicht und sicher gelungen, bei <em class="gesperrt">Rindern</em> durch
-Impfung mit Reinkulturen das typische Bild der Milzbranderkrankung
-auszulösen. Versuche, die typischen Bilder <em class="gesperrt">menschlicher</em>
-Infektionskrankheiten bei Versuchstieren durch Impfung mit<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-Reinkulturen auszulösen, gelangen dagegen nur in ganz bestimmten
-Fällen und auch für diese nur in gewissem Sinne: Man kann z. B.
-bei Versuchstieren das Bild der menschlichen Diphtherie nicht durch
-Einbringung von Reinkulturen in den Rachen hervorrufen. Man
-kann ferner bei den gebräuchlichen Versuchstieren auch durch Fütterung
-mit massenhaften Choleravibrionen im allgemeinen nicht das
-Bild der menschlichen Cholera reproduzieren. Versuchstiere, denen
-man Reinkulturen von Diphtherie- oder Cholerabazillen aus menschlichen
-Krankheitsfällen injiziert, sterben allerdings oft im Anschluß
-daran, aber unter ganz anderen Erscheinungen, als sie die betreffenden
-menschlichen Krankheiten darbieten. Daneben gibt es freilich
-auch einige Infektionskrankheiten, die, beim Tiere durch Impfung
-mit Reinkulturen des betreffenden Erregers künstlich erzeugt,
-einen ganz typischen Verlauf zeigen, der in hohem Grade mit dem
-der menschlichen Krankheit übereinstimmt. Ein Beispiel dieser Art
-bildet die <em class="gesperrt">Pest</em>: wenn man mit ganz kleinen Mengen einer Reinkultur
-von Pestbazillen ein Meerschweinchen oder eine Ratte an
-einer oberflächlichen kleinsten Hautwunde impft, so entwickelt sich
-bei dem Tiere ein Krankheitsbild, das in vielen Einzelheiten mit
-dem der menschlichen Beulenpest übereinstimmt.</p>
-
-<p>Über die Ursache dieses verschiedenen Verhaltens unserer Versuchstiere
-gegenüber verschiedenen Krankheitserregern gewinnen
-wir Klarheit, wenn wir in Erwägung ziehen, daß kleine Nagetiere
-auch »<em class="gesperrt">spontan</em>« &ndash; d. h. unter natürlichen Bedingungen, ohne unser
-absichtliches Eingreifen &ndash; an Pest erkranken können, daß sie aber
-niemals spontan an Cholera oder an Diphtherie erkranken: jede
-einzelne Tierart erkrankt spontan nur an ganz bestimmten Infektionskrankheiten
-und so auch der Mensch. Man pflegt das auch so
-auszudrücken: Jede Tierart ist »empfänglich« nur für bestimmte
-Infektionserreger, gegen andere ist sie widerstandsfähig, oder,
-wie man mit dem lateinischen Ausdruck zu sagen pflegt, »resistent«.
-Wir müssen für unsere Versuchstiere dabei stets im Auge behalten,
-daß sie einem gegebenen Keime gegenüber oft zwar insofern »resistent«
-sind, als sie <em class="gesperrt">spontan</em> niemals seiner krankmachenden Wirkung
-erliegen, daß sie aber für eine künstliche Infektion (Injektion)
-mit großen Dosen »empfänglich« sind. Diese »Resistenz« kann
-sich sowohl gegenüber spontanen als auch gegenüber künstlichen
-Infektionen geltend machen, oder aber &ndash; wie im Falle der Cholera,
-der Diphtherie &ndash; <em class="gesperrt">nur</em> gegenüber der natürlichen (spontanen) Infektion
-bestehen. In diesem letzteren Falle kann man durch Injektion<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-kleinerer oder größerer Dosen von Reinkulturen eines gegebenen
-Keimes Erkrankung und Tod des Versuchstieres herbeiführen.
-Man nennt einen Stamm einer pathogenen Bakterienart
-»virulent«, wenn <em class="gesperrt">kleine</em> Dosen bereits diese Wirksamkeit entfalten,
-»avirulent«, wenn große Dosen dazu nötig sind. Die
-»Virulenz« ist Schwankungen unterworfen. Von einer höchst
-»virulenten« Reinkultur von Pestbazillen genügt, soweit sich das
-feststellen läßt, ein einziger Keim, um z. B. bei einer Ratte eine
-tödliche Pestinfektion auszulösen. Wenn man aber eine Pestkultur
-im Laboratorium jahrelang auf künstlichen Nährböden
-immer weiter gezüchtet hat, so findet man sie in der Regel
-völlig »avirulent«, d. h. außerstande, auch bei empfänglichen
-Versuchstieren Pest hervorzurufen. Ähnlich verhalten sich auch
-Milzbrandkulturen nach häufigem Überimpfen auf künstlichen Nährsubstraten.</p>
-
-<p>So wie die Virulenz verloren gehen kann, kann sie unter Umständen,
-vorausgesetzt, daß sie noch nicht ganz erloschen war, wieder gesteigert
-werden, und zwar in der Regel durch die Methode der sogenannten
-Tierpassage. Infiziert man mit sehr reichlichen Mengen einer schwach
-virulenten Kultur, beispielsweise von Milzbrandbazillen, ein für
-Milzbrand empfängliches Versuchstier, so kann es unter Umständen
-zu einer Vermehrung der Milzbrandbazillen im Tierkörper und zur
-Erkrankung des Tieres kommen. Züchtet man nun aus dessen Blut
-wiederum die Milzbrandbazillen, und wiederholt man diese Maßnahme
-noch ein oder einige Male, so sieht man die Virulenz mehr
-und mehr zunehmen, so daß immer kleinere Dosen der Reinkulturen
-zur Erzeugung eines Impfmilzbrandes ausreichen. Dabei hat sich
-die merkwürdige Tatsache ergeben, daß die Steigerung der Virulenz
-sich geradezu spezifisch nur auf die zur Tierpassage verwandte
-Tierart beziehen kann, ja, man hat weiterhin sogar feststellen können,
-daß bei solchen Passageversuchen zuweilen mit der Zunahme der
-Virulenz für die Passagetierart eine Abnahme der Virulenz für
-eine andere an sich ebenfalls empfängliche Tierart einhergeht.
-Mit anderen Worten: ebenso wie Empfänglichkeit und Resistenz
-einer jeden Tierart gegenüber pathogenen Keimen verschiedener
-Art spezifisch bestimmt sind, ist auch der Grad der Virulenz eines
-pathogenen Bakteriums jeder einzelnen Tierspezies gegenüber
-spezifisch bestimmt, bzw. verschieden. Danach kann es denn auch nicht
-wundernehmen, daß zuweilen Mikroorganismen, die von besonders
-schweren Krankheitsfällen des Menschen isoliert worden sind, sich<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-bei der Übertragung auf Versuchstiere als wenig virulent für diese
-erwiesen haben.</p>
-
-<p>Aus alledem ergibt sich eine sehr große Schwierigkeit in der Beurteilung
-der Resultate von experimentellen Infektionen von Versuchstieren.
-Nur unter genauester Berücksichtigung dieser Verhältnisse
-darf man aus den Beobachtungen am künstlich infizierten Tiere
-Rückschlüsse auf Vorgänge und Zustände beim Menschen ziehen,
-und nur in der Hand der kritischsten Beobachter vermag das Tierexperiment
-wertvolle Ergebnisse zu liefern. In der Tat verdanken
-wir ihm außerordentlich wichtige Aufschlüsse, nicht nur über das
-Zustandekommen von Infektionskrankheiten, sondern vor allen
-Dingen auch über die natürlichen Heilungsvorgänge und über
-Mittel, diese Heilungsvorgänge zu unterstützen, zu beschleunigen,
-ja, unter Umständen geradezu hervorzurufen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="Kapitel_II">Kapitel II.</h2>
-
-<div class="h2desc">
-<p>Pathogene und saprophytische Bakterien. &ndash; Bedingungen der Krankheitserzeugung
-durch Bakterien. &ndash; Die Einfallspforten infektiöser
-Keime. &ndash; Die gesunden Bedeckungen als Schutzwehr des Körpers
-gegen bakterielle Infektionen. &ndash; Angriffswaffen der Bakterien. &ndash;
-Besondere Reaktionsvorgänge nach dem Eindringen pathogener
-Keime in die Gewebe. &ndash; Die wichtigsten Bestandteile des Blutes
-und ihre Beteiligung an der Abwehr von Infektionen. &ndash; Die »Entzündung«.
-&ndash; Die weißen Blutkörperchen und die Phagocytose. &ndash;
-Bakterienfeindliche Stoffe des Blutserums. &ndash; Lokale und allgemeine
-Infektionen. &ndash; Verschiedener Verlauf der Infektionskrankheiten. &ndash;
-Nachkrankheiten.</p></div>
-</div>
-
-<p>Wie wir schon sahen, sind von den vielen Hunderten von Bakterienarten,
-die isoliert und wissenschaftlich untersucht worden sind,
-weitaus die meisten für den Menschen ganz ungefährlich. Ja, es
-hat sich herausgestellt, daß die mannigfaltigen Leistungen dieser
-Keime einen unentbehrlichen Faktor im Kreislauf des Stoffes auf
-unserer Erde darstellen, so daß das Leben der höheren Tiere und des
-Menschen geradezu unmöglich wäre, wenn die Lebenstätigkeit
-dieser kleinen Wesen aufhörte. Ihrer Tätigkeit allein verdanken
-wir, daß durch Fäulnis- und Verwesungsprozesse die toten Pflanzen-
-und Tierkörper abgebaut und nicht nur beseitigt, sondern zum
-Wiederaufbau neuer lebender Substanz nutzbar gemacht werden.
-Nichts ist also undankbarer und verkehrter als die in weiten Kreisen
-verbreitete übertriebene »Bazillenfurcht«, die zwar auf der einen
-Seite auf der richtigen Kenntnis der außerordentlichen Verbreitung<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-von Spaltpilzen oder »Bazillen« in der Natur, auf der anderen
-Seite auf der ebenfalls richtigen Anschauung beruht, daß »Bazillen«
-als Krankheitserreger dem Menschen gefährlich werden <em class="gesperrt">können</em>,
-aber eben die Tatsache nicht berücksichtigt, daß man bei den Bazillen
-genau ebenso zwischen nützlichen und schädlichen Arten unterscheiden
-muß, wie man bei den höheren Pflanzen zu tun gewöhnt ist.</p>
-
-<p>Man bezeichnet in der medizinischen Bakteriologie die krankheiterregenden
-Spaltpilze als »pathogene Bakterien« (von griechisch
-πάθος = das Leiden, die Krankheit, Stamm γεν = erzeugen) oder
-als Parasiten; alle übrigen, dem Menschen ungefährlichen Arten
-nennt man Saprophyten (von σαπρὸς = faul, φυτὸν = Gewächs,
-eigentlich also: Fäulnispilze).</p>
-
-<p>Ein gemeinschaftliches <em class="gesperrt">Gestaltmerkmal</em>, an dem man sie alle
-erkennen könnte, besitzen die krankheiterregenden Spaltpilze übrigens
-ebensowenig wie die Giftpflanzen.</p>
-
-<p>Auch in ihren <em class="gesperrt">Lebensbedingungen</em> und <em class="gesperrt">Lebensäußerungen</em>
-zeigen sie die weitestgehenden Unterschiede, so daß bei Licht besehen
-nur der eine einzige Zug ihnen <em class="gesperrt">allen</em> gemeinsam ist, dem Menschen
-oder höheren Tieren schädlich werden zu können. Und auch in Hinsicht
-auf diese Eigenschaft unterscheiden sie sich untereinander wieder
-in mannigfaltiger Weise nach Art und Grad.</p>
-
-<p>Wir haben es hier mit äußerst verwickelten Verhältnissen zu tun,
-deren Aufklärung der Forschung der letzten Jahrzehnte durchaus
-noch nicht vollständig gelungen ist. Wir müssen uns deshalb vielfach
-mit der Feststellung einzelner Tatsachen begnügen, ohne vorläufig
-deren Gründe zu wissen.</p>
-
-<p>Fragen wir zunächst: Was gehört zum Zustandekommen eines
-Infektionsprozesses, so ist so viel gewiß, daß ein oder eine Anzahl
-infektionstüchtiger Keime und ein für deren Wirkung <em class="gesperrt">empfänglicher</em>
-Körper vorhanden sein müssen. Das klingt höchst einfach, verbirgt
-aber eine durchaus rätselhafte Beziehung zwischen beiden Faktoren,
-die wir schon einmal streiften: Die Spezies »Mensch« muß gerade
-für die pathogene Wirkung des betreffenden Bakteriums empfänglich
-sein, sonst ist dieses dem Menschen gegenüber machtlos; das
-wußten wir schon. Wir wissen nun aber weiter aus Erfahrung auch,
-daß <em class="gesperrt">verschiedene Menschen</em>, die &ndash; beispielsweise während einer
-Epidemie &ndash; der gleichen Infektion unter gleichen Bedingungen verfallen,
-in durchaus verschiedenem Grade unter der Schädigung leiden.</p>
-
-<p>Der eine von ihnen erliegt wie widerstandslos nach einem außerordentlich
-kurzen Krankheitsverlauf der Seuche, der andere kommt<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-nach längerem Krankenlager mit dem Leben davon, der Dritte leidet
-gar nicht nennenswert; kaum, daß er einige eben charakteristische
-Symptome zeigte; nach kurzer Frist ist er vollkommen gesund wie
-zuvor.</p>
-
-<p>Wir sehen also: auch zwischen einzelnen <em class="gesperrt">Individuen</em> bestehen
-Unterschiede der »Resistenz« gegen infektiöse Keime. Solche Unterschiede
-können wir nun auch im Tierexperiment unter Umständen
-nachweisen. Wenn wir nämlich unter ganz gleichen Bedingungen
-mehrere Versuchstiere, die nach Art, Alter, Geschlecht, ja auch nach
-Gewicht und Ernährungszustand übereinstimmen, künstlich mit
-genau gleichen <span id="corr029">Mengen</span> einer Reinkultur von pathogenen Mikroben
-infizieren, so beobachten wir häufig einen durchaus verschiedenen
-Ausgang des hervorgerufenen Krankheitsprozesses bei den verschiedenen
-Individuen.</p>
-
-<p>Diese individuellen Unterschiede zu erklären vermögen wir ebensowenig,
-wie wir die Empfänglichkeit oder Resistenz einer <em class="gesperrt">Tierspezies</em>
-für einen bestimmten Keim zu erklären wissen. Wir kennen freilich
-Mittel, um die Resistenz unter Umständen zu steigern, und kennen
-Faktoren, die sie herabsetzen: so wissen wir, daß durch Hunger,
-Entbehrungen aller Art, Überanstrengung, Erkältung, chronische
-Vergiftungen (z. B. Alkoholismus), die Widerstandsfähigkeit eines
-Individuums gegen manche Infektionen herabgemindert werden
-kann. Über die letzte Ursache dieser Schwächung wissen wir aber
-nichts Genaueres.</p>
-
-<p>Gewisse Fingerzeige freilich hat uns die Forschung gegeben,
-in welcher Richtung wir zu suchen haben: wir kennen einigermaßen
-die Waffen, deren sich der infizierte Organismus bedient, um den
-Eindringling zu bekämpfen, und wir lernen andererseits die Angriffswaffen
-des letzteren allmählich immer mehr kennen. Doch
-ist in Hinsicht beider Faktoren die Forschung von einem abschließenden
-Ergebnis noch weit entfernt.</p>
-
-<p>Jene Keime, die irgendwie von außen her auf unsere unverletzte
-Körperoberfläche gelangen, vermögen im allgemeinen durchaus nicht
-ohne weiteres uns schädlich zu werden; zur Körperoberfläche gehört
-in erster Linie die unverletzte Haut, die sichtbaren Schleimhäute,
-dann weiterhin auch die Schleimhaut des gesamten Verdauungstraktus
-&ndash; Mund und Rachen, Speiseröhre, Magen, Darm &ndash; und die
-der oberen Luftwege, also der Nase, des Kehlkopfes und der Luftröhre.</p>
-
-<p>Einige Keime bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Der
-Typhusbazillus und der Choleravibrio können vom Darmrohr<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-aus, anscheinend ohne besondere unterstützende Momente, bei
-ursprünglich intakter Schleimhaut, ihre krankmachende Wirkung
-entfalten. Vor allem aber kann der <em class="gesperrt">Diphtheriebazillus</em>, einmal
-in den Rachen eingedrungen, sich vermehren, durch seine eigenen
-Giftstoffe die oberflächlichen Schichten der Schleimhaut schädigen
-und nun einen immer fortschreitenden Krankheitsprozeß auslösen.
-Endlich soll noch als Ausnahme von der, wie wir sehen, durchaus
-nicht streng gültigen Regel der Gonokokkus erwähnt werden, der
-ebenfalls imstande ist, sich auf intakten Schleimhäuten &ndash; der des
-Urogenitaltraktus und auch derjenigen der Augenbindehaut &ndash;
-anzusiedeln und dort gefährliche Krankheiten zu verursachen.</p>
-
-<p>Nach so zahlreichen Ausnahmen bedarf die aufgestellte Regel
-geradezu einer besonderen Begründung: In der Tat finden sich
-auf der Haut des gesunden Menschen regelmäßig zahlreiche Bakterien,
-die beim Eindringen <em class="gesperrt">in eine Wunde</em> sehr unangenehme Wirkungen
-zu entfalten imstande wären, die gesunde Epidermis aber nicht zu
-passieren vermögen. Ferner beherbergt bekanntlich unser Darm
-eine Unmenge von Bakterien verschiedenster Art, deren Lebensäußerungen
-uns für gewöhnlich nicht nur nicht schädlich sind, sondern
-uns vielfach zugute kommen, da sie eine Rolle in der Darmverdauung
-spielen. Unter diesen zahlreichen Arten, die dort vorübergehend
-oder dauernd anzutreffen sind, sind auch solche vertreten, die, <em class="gesperrt">in
-die Gewebe selbst eingedrungen</em>, als Krankheitserreger wirken
-würden. Als ein extremes Beispiel mag der Tetanusbazillus angeführt
-werden, der gefürchtete Erreger des Wundstarrkrampfes,
-einer sehr qualvollen und häufig tödlich verlaufenden Krankheit: im
-Darm, an der Körperoberfläche im Sinne unserer Besprechung,
-ist er ein häufiger unschädlicher Gast; dringen aber seine Sporen
-mit gröberen Verunreinigungen, mit Schmutz, zusammen in eine
-Wunde ein, so entfaltet er eine mörderische Tätigkeit.</p>
-
-<p>Aber wir brauchen diesen Sonderfall nicht heranzuziehen; eine
-sehr große Anzahl von Bakterienarten, die sich im Darm regelmäßig
-finden, werden in dem Augenblick zu bedenklichen Krankheitserregern,
-wo sie in das Körperinnere vordringen können, was freilich immer
-nur bei krankhaften Veränderungen, bei Verletzungen der Darmwand
-z. B., geschehen kann. In die Bauchhöhle gelangt, werden
-diese Bakterien die Ursache einer oft tödlich verlaufenden Entzündung,
-so z. B. bei Unterleibsschüssen. Unter normalen Verhältnissen
-sind sie &ndash; von einigen praktisch nicht in Frage kommenden Ausnahmen
-abgesehen &ndash; außerstande, die Schranke zu übersteigen,<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-die die intakte Darmschleimhaut ihnen bietet. Es mag hier kurz
-erwähnt werden, daß diese Schranke <em class="gesperrt">nach dem Tode</em> fällt, und
-daß nun einige Zeit später zahlreiche Bakterien die Darmwand
-durchwuchern und sich in den Nachbargeweben vermehren und verbreiten,
-indem sie sich von dem toten Substrat ernähren und seine
-Fäulnis und Verwesung bewirken.</p>
-
-<p>Auch im Rachen und in den oberen Luftwegen, besonders in der
-Nase, sind regelmäßig reichlich Bakterien anzutreffen und unter
-ihnen auch nahezu regelmäßig solche, die unter Umständen pathogen
-werden können, sehr häufig z. B. der Erreger der Lungenentzündung,
-der Pneumokokkus. Die Mehrzahl der Menschen beherbergt diesen
-Keim nahezu dauernd in den oberen Luftwegen. Zu der gefürchteten
-Lungenentzündung kommt es aber nur, wenn unter besonderen,
-noch durchaus nicht völlig aufgeklärten Bedingungen eine schrankenlose
-Wucherung der Pneumokokken innerhalb der Lunge zustande
-kommt. Ein anderer mit pathogenen Eigenschaften begabter Mikrokokkus,
-der Streptokokkus, ist ebenfalls ein sehr häufiger Gast im
-Rachen gesunder Menschen und kann gefährlich werden, indem er
-z. B. unter dem Einfluß von Erkältung zu Mandelentzündungen
-führt.</p>
-
-<p>Es ergibt sich aus alledem, daß die bloße <em class="gesperrt">Anwesenheit</em> von
-Keimen an der <em class="gesperrt">Körperoberfläche</em> zur Auslösung von Krankheitsprozessen
-im allgemeinen nicht genügt, oder anders ausgedrückt,
-daß für die meisten pathogenen Keime die gesunden Bedeckungen,
-Haut und Schleimhäute, ein unüberwindliches Hindernis der Entfaltung
-krankheiterregender Wirkungen darstellen.</p>
-
-<p>Die einfachste Art, wie diese Schranke durchbrochen wird, ist die
-<em class="gesperrt">mechanische Verletzung</em>, das nächstliegende Beispiel dieser Art
-die Infektion einer <em class="gesperrt">Wunde</em> der Haut. Je nach der Art der in die
-tieferen Weichteile eingedrungenen Keime, werden die weiteren
-Vorgänge, die sich abspielen, verschieden sein: die pathogenen Bakterien
-besitzen je nach ihrer Art durchaus verschiedene Angriffswaffen,
-durch die sie dem Körper gefährlich werden, und auch die
-Verteidigung des letzteren spielt sich von Fall zu Fall in verschiedener
-Weise ab.</p>
-
-<p>Unter den Krankheitserregern sind einige durch die Fähigkeit
-angezeichnet, außerordentlich wirksame <em class="gesperrt">Gifte</em> abzusondern, die
-sich rasch im menschlichen Organismus verbreiten und unter Umständen,
-weit entfernt von der Ansiedelungsstelle der sie produzierenden
-Keime, eine tödliche Wirkung entfalten. Ein Beispiel dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-Art stellt der schon erwähnte Tetanusbazillus dar, dessen Giftstoffe
-das Zentralnervensystem angreifen und unter den Erscheinungen
-des Wundstarrkrampfes den Tod herbeiführen. Ähnliche Giftstoffe,
-die aber von ganz anderer Wirkung sind, sezerniert der Diphtheriebazillus.
-Man hat diese Giftstoffe dadurch bis zu einem gewissen
-Grade isolieren können, daß man Reinkulturen der betreffenden
-Bakterienarten in flüssigen Nährböden durch bakteriendichte Filter
-filtrierte. Nun prüfte man das vollkommen keimfreie Filtrat im
-Tierexperiment, und auf diese Weise ließ sich feststellen, daß minimale
-Mengen eines solchen Filtrats bei Versuchstieren die charakteristischen
-Erscheinungen, beispielsweise des Wundstarrkrampfes, auszulösen
-vermochten. Auf das Studium dieser gefährlichen Giftstoffe, die
-man als <em class="gesperrt">Toxine</em> bezeichnet hat, ist eine außerordentlich umfangreiche
-und mühevolle Arbeit schon verwendet worden. Die größte Schwierigkeit,
-die sich ihrer Erforschung in den Weg stellt, liegt darin, daß die
-heutigen Mittel der chemischen Forschung es noch nicht ermöglichen,
-die Toxine <em class="gesperrt">rein</em> darzustellen und ihre Konstitution aufzuklären.
-Man hat über diese letztere nur auf Umwegen mit Hilfe biologischer
-Methoden wertvolle Aufschlüsse erlangen können.</p>
-
-<p>Die Produktion echter Toxine ist bisher nur bei einer geringen
-Zahl pathogener Mikroben nachgewiesen worden, zu denen der
-Tetanus- und der Diphtheriebazillus gehören. Diesen beiden Krankheitserregern
-gemeinsam ist die Eigentümlichkeit, vorwiegend an
-der Invasionsstelle selbst sich zu vermehren und von da aus ihre
-löslichen Giftstoffe zu versenden, <em class="gesperrt">ohne</em> selbst <em class="gesperrt">weit</em> in die Gewebe
-des Körpers vorzudringen.</p>
-
-<p>Ein ganz anderes Verhalten zeigt eine große Anzahl von
-anderen pathogenen Keimen, die umgekehrt eine außerordentlich
-lebhafte Tendenz zur Vermehrung innerhalb des Körpers und
-zum Eindringen in die Körpergewebe zeigen, und die man
-deshalb auch vielfach als <em class="gesperrt">invasive Parasiten</em> charakterisiert hat.
-Ein Beispiel dieser Art ist der Milzbrandbazillus, auch der Pestbazillus
-gehört hierher, ferner die Erreger mancher Wundinfektionskrankheiten.
-In ausgesprochenen Fällen der Infektion mit solchen
-invasiven Keimen findet man die Gewebe und Säfte des Körpers,
-vor allem das Blut, geradezu überschwemmt mit den Mikroorganismen;
-es ist bis heute nicht gelungen, die schädliche Wirkungsweise
-aller solchen Keime befriedigend aufzuklären. Man hat namentlich
-am Beginn der bakteriologischen Ära vielfach geglaubt, rein mechanische
-Momente seien dabei von entscheidender Bedeutung.<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-So hat man z. B. die Anschauung vertreten, die Milzbrandbazillen
-führten bei ihrer schrankenlosen Vermehrung den Tod dadurch
-herbei, daß sie die kleinsten Blutgefäße buchstäblich verstopften
-und dadurch die Blutversorgung und somit auch die Ernährung
-der lebenswichtigen Organe unmöglich machten. Tatsächlich kann
-man auf diesen Gedanken kommen, denn bei experimentell erzeugtem
-Milzbrand zumal findet man wirklich &ndash; bei Untersuchung feiner
-Gewebsschnitte &ndash; oft die Kapillaren von den Bazillen ganz ausgefüllt.
-Der Erklärungsversuch ist aber doch nicht haltbar, denn gerade
-in schwer verlaufenden Fällen der Krankheit findet man oft <em class="gesperrt">nicht</em>
-die enorme Vermehrung der Bazillen mit Verlegung der Haargefäße.
-Der Tod an Milzbrand muß sich also anders erklären.</p>
-
-<p>Andere Forscher gelangten denn auch zu andern Hypothesen.
-So sprach man die Vermutung aus, die schrankenlos wuchernden
-Keime könnten dem Organismus irgendeinen Stoff oder
-irgendwelche Stoffe entziehen, deren er zum Leben notwendig
-bedürfe. Da man aber nicht genauer angeben kann resp. konnte,
-welche Stoffe das seien, so hat auch dieser Erklärungsversuch keinen
-Anspruch auf Anerkennung, und für eine ganze Reihe von invasiven
-Mikroben müssen wir heute noch zugestehen, daß wir nicht näher
-angeben können, worauf ihre tödliche Wirkung beruht. Durch neuere
-Forschungen wird es wahrscheinlich gemacht, daß in letzter Linie
-auch hierfür lösliche Giftstoffe in Betracht kommen.</p>
-
-<p>Zwischen den beiden Extremen der toxinproduzierenden Bakterien
-ohne alle invasive Tendenz und der angesprochen invasiven
-Parasiten finden sich alle Übergänge. Vor allem gibt es eine ganze
-Anzahl pathogener Bakterien, die wirksame Giftstoffe bei ihrem
-<em class="gesperrt">Zerfall</em> liefern, der sowohl in älteren Kulturen als auch im Tierkörper
-statthat. Man bezeichnet für gewöhnlich die im Inneren der
-Bakterienzellen eingeschlossenen Gifte, die erst bei deren Auflösung
-frei werden, als Endotoxine. Es leuchte ein, daß es in jedem Falle
-sehr schwer sein kann, festzustellen, ob eine Bakterienart Toxine
-produzieren kann oder nicht: Die Toxine weisen wir nach, indem
-wir die toxische Wirkung keimfreier Kulturfiltrate aufzeigen. In der
-Regel finden sich wirksame Toxine erst in etwas älteren Kulturen,
-und in einem umstrittenen Falle kann deshalb der Einwand erhoben
-werden, die Kultur enthalte Giftstoffe, die durch den <em class="gesperrt">Zerfall</em> von
-Keimen in dem betreffenden Nährsubstrat frei geworden seien.
-In der Tat können wir mit Bestimmtheit annehmen, daß in älteren
-Kulturen zahlreiche Bakterienzellen abgestorben und zerfallen sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p>
-
-<p>Wenn wir demnach sehen, daß selbst über die allergröbsten Begriffe,
-wie z. B. über die Todesursache bei der Infektion eines Menschen
-mit einem bestimmten krankheiterregenden Keim, noch keine Klarheit
-erzielt ist, so wird es uns nicht überraschen, daß über die feineren
-Einzelheiten unsere Kenntnisse noch so gut wie völlig mangelhaft sind.</p>
-
-<p>Etwas besser steht es um unser Wissen von den Abwehrvorrichtungen
-des Körpers. Freilich kann hier ohne die Voraussetzung medizinischer
-Schulung nur eine ganz grobe Skizze der wesentlichsten Vorgänge
-gegeben werden, die sich im infizierten Körper abspielen. Je nach
-dem eingedrungenen Infektionserreger, vielfach auch je nach dem
-Orte seines Eindringens, sind die Reaktionen sehr verschieden.
-Der Körper reagiert auf
-den Angriff eines spezifischen
-Krankheitserregers jeweils in
-charakteristischer, »spezifischer«
-Weise. Wir können uns am
-besten an einem Beispiel eine
-gewisse Anschauung über diese
-Reaktionen verschaffen und
-wählen am besten wiederum
-das einfache Beispiel des Eindringens
-pathogener Keime
-durch eine Wunde der Haut.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb11">
-<img src="images/abb-11.jpg" alt="Abb. 11" />
-<div class="caption">Abb. 11.<br />
-Gefärbtes Ausstrichpräparat von menschlichem
-Blut. <em class="antiqua">E</em> = rote Blutkörperchen. <em class="antiqua">L</em> = weiße
-Blutkörperchen.</div>
-</div>
-
-<p>Der Körper antwortet darauf
-mit einer »Entzündung«,
-die je nach Art und Menge
-der eingedrungenen Keime
-verschieden hochgradig und von verschiedener Ausdehnung sein
-kann: Die Blutgefäßchen in der Nachbarschaft der Invasionsstelle
-erweitern sich und füllen sich prall mit Blut, so daß die Umgebung
-der kleinen Hautwunde lebhaft gerötet erscheint; aus den Blutgefäßen
-treten teils flüssige Bestandteile des Blutes, teils bestimmte
-Blutzellen, die sogenannten weißen Blutkörperchen (vgl. <a href="#abb11">Abb. 11</a>) in
-die Gewebe aus; es kommt dadurch zu Schwellung, Spannungsgefühl,
-oft zu Schmerzen, die unter Umständen sehr heftig werden.<a id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">6</a></p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb12">
-<img src="images/abb-12.jpg" alt="Abb. 12" />
-<div class="caption">Abb. 12.<br />
-Abstrich von Eiter, der Streptokokken enthält.
-Die Kokken sind sämtlich im Inneren
-von weißen Blutkörperchen gelegen.</div>
-</div>
-
-<p>Die weißen Blutkörperchen entwickeln nun bei entzündlichen
-Prozessen eine merkwürdige und oft sehr lebhafte Tätigkeit; durch
-kleine Lücken, die in der Wand der erweiterten Blutgefäße entstehen,
-zwängen sie sich hindurch, wandern aus, und in vielen Fällen
-kann man beobachten, wie sie die eingedrungenen Krankheitskeime
-in sich aufnehmen. Sehr kleine Bakterien, z. B. Mikrokokken, vermögen
-die Leukocyten in größerer Zahl »aufzufressen« (vgl. <a href="#abb12">Abb. 12</a>),
-größere Bakterien oder Verbände von Bakterienzellen umklammern
-sie nur, wobei sich oft mehrere Leukocyten vereinigen (<a href="#abb13">Abb. 13</a>).
-Diesen Vorgang, dessen Bedeutung für die Heilung von Infektionskrankheiten
-<em class="gesperrt">Metschnikoff</em> zuerst erkannt hat, bezeichnet man als
-<em class="gesperrt">Phagocytose</em> (Freßtätigkeit von Zellen). Die weißen Blutkörperchen<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-verfügen nun weiterhin über verdauende Fähigkeiten
-und sind imstande, manche krankheiterregenden Keime nicht nur
-aufzufressen, sondern auch in ihrem Inneren zu zerstören. Doch
-erstreckt sich dieses Vermögen nicht auf alle Arten der pathogenen
-Mikroorganismen, es gibt vielmehr eine ganze Anzahl darunter,
-denen die Leukocyten nichts anhaben können. Auch sind die pathogenen
-Bakterien durchaus nicht wehrlos gegenüber den Leukocyten;
-manche werden zwar von diesen aufgenommen, man sieht aber
-bald danach, daß die weißen Blutkörperchen ihrerseits dabei
-Schaden gelitten haben und zugrunde
-gehen, während die Keime
-wieder frei werden. Diese Erscheinung
-beruht auf dem Gehalt
-solcher Keime an Stoffen, die
-auf die Leukocyten giftig wirken.
-Man kann hier also wirklich mit
-gutem Recht von einem <em class="gesperrt">Kampf</em>
-zwischen den Abwehrzellen und
-den Eindringlingen sprechen, einem
-Kampf, dessen Ausgänge sehr verschieden
-sind.</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb13">
-<img src="images/abb-13.jpg" alt="Abb. 13" />
-<div class="caption">Abb. 13.<br />
-Aufnahme von Milzbrandbazillenfäden
-durch weiße Blutkörperchen.</div>
-</div>
-
-<p>Kommt es zu sehr massenhafter
-Auswanderung weißer Blutkörperchen,
-so entsteht das Bild der <em class="gesperrt">Eiterung</em>.
-Die weißliche und gelbliche
-Flüssigkeit, die wir als Eiter bezeichnen,
-besteht zum allergrößten
-Teile aus diesen kleinen, eigenbeweglichen
-weißen Blutzellen.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb14">
-<img src="images/abb-14.jpg" alt="Abb. 14" />
-<div class="caption">Abb. 14.<br />
-<em class="antiqua">a</em> Blut unmittelbar nach der Entnahme.
-<em class="antiqua">b</em> Abscheidung des Serums nach einigen
-Stunden, <em class="antiqua">K</em> = Blutkuchen, <em class="antiqua">S</em> = Serum.</div>
-</div>
-
-<p>Auch die <em class="gesperrt">flüssigen</em> Bestandteile
-des Blutes besitzen bakterienfeindliche Eigenschaften. Im einzelnen
-hat man diese Verhältnisse durch Versuche aufzuklären gestrebt,
-die man mit frisch dem Körper entnommenem Blute anstellte.
-Läßt man solches Blut nur kurze Zeit in einem Glasgefäße stehen,
-so gerinnt es; dabei bildet sich ein dunkelroter, festweicher »Blutkuchen«,
-der aus den zelligen Elementen und einem als Fibrin bezeichneten
-Faserstoffe besteht. Den Blutkuchen umgibt nach
-vollendeter Gerinnung eine für gewöhnlich klare, hellgelb gefärbte
-Flüssigkeit, das sogenannte <em class="gesperrt">Blutserum</em> (s. <a href="#abb14">Abb. 14</a>). Bringt
-man in ein Tröpfchen dieses Blutserums eine kleine Menge einer<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-Reinkultur von krankheiterregenden Bakterien, so sieht man in
-geeigneten Fällen unter dem Mikroskop, daß die Spaltpilze bald
-Veränderungen ihrer Form zeigen und schließlich verschwinden,
-<em class="antiqua">aufgelöst</em> werden.</p>
-
-<p>Man kann sich auch durch das Kulturverfahren davon überzeugen,
-daß die Keime vernichtet worden sind: sät man ein solches Tröpfchen
-mit Keimen beschickten Serums wieder auf einem geeigneten Nährboden
-aus, so entwickelt sich kein Bakterienwachstum, der Nährboden
-bleibt steril. Um das kleine Experiment noch beweiskräftiger
-zu gestalten, macht man einen sogenannten Kontrollversuch: man
-bringt eine möglichst genau gleich große Menge von Bakterien der
-gleichen Art unter sonst ganz gleichen Bedingungen in ein Tröpfchen
-des zum Versuch verwandten Serums, das aber zuvor eine kurze
-Zeit auf 60° erhitzt worden war; darin sieht man nichts von Zerfall
-der Bakterienzellen, und nach der Aussaat <em class="gesperrt">dieses</em> Tröpfchens
-erhält man eine Reinkultur des zum Versuche verwendeten Bakteriums.
-Nur das unerhitzte Serum hat also die Bakterien abgetötet,
-das erhitzte dagegen nicht. Diese bakterientötende (bakterizide)
-Fähigkeit des frischen Serums wurde zuerst von <em class="gesperrt">Buchner</em> und
-seinen Schülern entdeckt und näher studiert. Dabei zeigte sich, daß
-sie auch bei gewöhnlicher Temperatur dem Serum schon nach einer
-Anzahl von Stunden, bei einer Erhitzung auf 55° schon nach etwa
-einer halben Stunde, verloren geht. <em class="gesperrt">Buchner</em> schrieb sie Serumstoffen
-zu, die er als »Alexine« (Abwehrstoffe) bezeichnete.</p>
-
-<p>Es ist lange und lebhaft darüber diskutiert worden, ob der Phagocytose
-durch ausgewanderte Leukocyten, oder ob der bakterienfeindlichen
-Wirkung löslicher Serumstoffe die Hauptrolle im Kampfe
-gegen eindringende Keime zukommt. Eine befriedigende Aufklärung
-der außerordentlich mannigfaltigen Ausgänge natürlicher und
-künstlicher bakterieller Infektion vermag weder die eine noch die
-andere Auffassung zu geben. Wie die Angriffswaffen der Bakterien
-verschieden und teilweise noch ganz unentdeckt sind, so sind eben
-auch die Schutzmaßnahmen des Körpers und seine Verteidigungsmittel
-mannigfaltiger Art. Gewiß ist, daß Zellen und lösliche Bestandteile
-des <em class="gesperrt">Blutes</em> bei der Heilung von infektiösen Prozessen
-eine wichtige Rolle spielen; daher ist denn auch das Bestreben der
-Ärzte in mannigfacher Weise auf deren Ausnutzung, auf die möglichste
-Steigerung ihrer Wirkung gerichtet. Ein besonders wichtiges
-Verfahren, das dieses Ziel (neben anderen) anstrebt, ist die von
-Prof. <em class="gesperrt">Bier</em> empfohlene Methode der künstlichen »Stauung« des<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-Blutes in infizierten und entzündeten Körperteilen. Sie mag an
-dieser Stelle wenigstens erwähnt werden. Eine eingehende Erörterung
-der sehr schwierigen Probleme, die die Behandlung von
-infizierten Wunden bietet, kann hier natürlich gar nicht versucht
-werden.</p>
-
-<p>Noch schwieriger zu übersehen werden die an sich schon komplizierten
-Verhältnisse dadurch, daß im Laufe des Kampfes beide
-Parteien Veränderungen durchmachen, neue Eigenschaften gewinnen:
-die Bakterienzellen zeigen vielfach einige Zeit nach ihrem Eindringen
-in die Körpergewebe eine erhöhte Widerstandsfähigkeit
-gegenüber den Phagocyten und den bakterienfeindlichen Säften;
-sie haben sich »angepaßt«, wie
-man sagt. Z. B. werden Milzbrandbazillen
-kurz nach der
-Injektion in den empfänglichen
-Tierkörper &ndash; bei Infektionsversuchen
-&ndash; rasch von Phagocyten
-aufgenommen; nach
-einiger Zeit bilden sie aber
-eine Art Kapsel (vgl. <a href="#abb15">Abb. 15</a>)
-und können nun von den
-weißen Blutkörperchen nicht
-mehr gefressen werden.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb15">
-<img src="images/abb-15.jpg" alt="Abb. 15" />
-<div class="caption">Abb. 15.<br />
-Milzbrandbazillen im Milzsaft einer der Infektion
-erlegenen Maus. Die Bazillen haben »Kapseln«;
-sie liegen alle außerhalb der tierischen Zellen.</div>
-</div>
-
-<p>Andererseits nehmen die
-Abwehrkräfte des Organismus
-höherer Tiere im Verlaufe
-einer Infektion oft in
-ganz erstaunlicher Weise zu, z. B. gewinnt in manchen Fällen die
-Blutflüssigkeit in sehr gesteigertem Grade die Fähigkeit, die Keime
-der dem Krankheitsprozeß zugrunde liegenden Bakterienart &ndash; z. B.
-Typhusbazillen in einem Falle von Abdominaltyphus &ndash; abzutöten.
-Diese Änderungen stehen in engem Zusammenhang mit dem Zustandekommen
-des eigentümlichen Zustandes, den wir als »Immunität«
-bezeichnen. Von ihnen wird in einem besonderen Abschnitt
-die Rede sein.</p>
-
-<p>Kurz: wir sehen sehr wechselnde und äußerst verwickelte Verhältnisse
-vor uns, die aufzuklären wir noch keineswegs völlig in der Lage
-sind. Wir müssen uns mit der Vorstellung begnügen, daß sich an
-der Invasionsstelle pathogener Keime ein Kampf entspinnt, dessen
-Ausgang von Faktoren abhängt, die wir heute erst teilweise kennen.<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-Je nach den Verteidigungsmaßnahmen oder Heilungsbestrebungen
-des Körpers, je nach der Widerstandsfähigkeit, der Wachstumsenergie,
-der Giftigkeit der Krankheitserreger, wird der Angreifer oder
-der Angegriffene den Sieg davontragen.</p>
-
-<p>Wird der Körper mit Hilfe seiner Verteidigungswaffen der Eindringlinge
-Herr, so gehen die Entzündungserscheinungen zurück, und
-nach der Vernichtung aller Keime tritt Heilung ein. Bleiben die
-Keime Sieger, so können sie, je nach ihrer Art, in verschiedener Weise
-im Körper weiter vordringen, zunächst gewöhnlich auf dem Wege der
-Lymphbahnen, doch gelangen sie dann häufig auch in das Blut und
-damit in alle Teile des Körpers. Man spricht dann von einer <em class="gesperrt">Allgemein</em>infektion
-im Gegensatz zu einem lokalen Krankheitsprozeß, der
-sich auf die Invasionsstelle und die nächste Nachbarschaft beschränkt.</p>
-
-<p>Während lokale Infektionsprozesse sich zuweilen ohne erhebliche
-subjektive Beschwerden und ohne größere Störungen des gesamten
-Gesundheitszustandes überhaupt abspielen können, sind <em class="gesperrt">Allgemeininfektionen</em>
-stets mit schweren objektiven und subjektiven Krankheitserscheinungen
-verbunden.</p>
-
-<p>Häufig wird der Eintritt von Krankheitserregern in die Blutbahn
-durch ein sehr alarmierendes Symptom angezeigt, den
-Schüttelfrost. Im Verlaufe von Allgemeininfektionen pflegt regelmäßig
-die Temperatur fieberhaft erhöht zu sein, im einzelnen ist
-der Fieberverlauf je nach der Art der Infektion mehr oder weniger
-typisch, je nach dem Einzelfall verschieden. Es ist unmöglich, hierüber
-Allgemeingültiges auszusagen.</p>
-
-<p>Es mag genügen, daß aus dem Fieberverlauf, den übrigen
-Symptomen, oft auch durch unmittelbaren Nachweis des Krankheitserregers,
-der erfahrene Arzt die Krankheitsfälle aufklärt und
-nach dem Stande unseres Wissens und Könnens beeinflußt.</p>
-
-<p>Gemeinsam ist <em class="gesperrt">allen</em> Infektionskrankheiten, daß vom Augenblick
-des Eindringens des pathogenen Keimes bis zum Auftreten der
-ersten Symptome der Infektion ein je nach der Art der Erkrankung
-verschieden langer Zeitraum verstreicht, den man als »Inkubationszeit«
-bezeichnet. So zeigen sich z. B. die ersten meist geringfügigen
-lokalen Erscheinungen an der Stelle des Eindringens der Syphiliserreger
-erst nach einigen Wochen. Die Tollwut hat sogar eine
-monatelange Inkubationszeit. Bei anderen Infektionskrankheiten
-ist dieser Zeitraum kürzer, bei Scharlach z. B. in der Regel 9 Tage.</p>
-
-<p>Wie unendlich verschieden der Verlauf bakterieller Infektionen
-ist, das bedarf des weiteren kaum der Darlegung. Wir können<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-danach zunächst zwei große Gruppen unterscheiden: Krankheiten
-mit stürmischem Verlauf, sog. »akute Infektionskrankheiten« &ndash;
-wie z. B. Scharlach, Masern, Lungenentzündung, Typhus &ndash;
-und chronische, wie Tuberkulose oder Syphilis. Auch die akuten
-Infektionskrankheiten können übrigens nach ihrer Ausheilung noch
-zu sog. Nachkrankheiten führen, die unter Umständen von sehr
-trauriger Bedeutung werden können. Ein Beispiel dieser Art sind
-die Nierenentzündungen, die nach Überstehen des Scharlach zuweilen
-auftreten und in unglücklichen Fällen zu schweren chronischen
-Leiden, ja zum Tode führen können.</p>
-
-<p>So einfach die Erkennung von manchen, durch besondere charakteristische
-Erscheinungen ausgezeichneten Krankheiten ist, so schwierig
-ist die »Diagnostik« anderer.</p>
-
-<p>Und jeder verständige Mensch sollte sich bewußt sein, daß ausschließlich
-der wissenschaftlich gebildete Arzt an diese Aufgaben
-mit dem ganzen Rüstzeug unseres heutigen Wissens und darum
-auch mit gutem Gewissen herantreten kann, um zu helfen, zu lindern,
-wo möglich zu heilen. Der Unberufene, der »Kurpfuscher«, der ohne
-Sachkenntnis die schwierige und verantwortliche ärztliche Tätigkeit
-zu übernehmen sich erdreistet, gehört zu den schlimmsten Feinden
-der Menschheit, denn er schädigt seine Mitmenschen an ihrem höchsten
-irdischen Gut, der Gesundheit.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="Kapitel_III">Kapitel III.</h2>
-
-<div class="h2desc">
-
-<p>Immunität. &ndash; Natürliche Immunität durch Überstehen einer Infektionskrankheit.
-&ndash; »Spezifität« des Zustandes. &ndash; Künstliche Immunisierung
-gegen Pocken. &ndash; Immunisierung mit Hilfe abgeschwächter
-lebender Krankheitserreger. &ndash; Immunisierung mittels abgetöteter
-Reinkulturen von Krankheitserregern. &ndash; Behrings Entdeckung der
-Antitoxine im Serum immunisierter Tiere. &ndash; Antibakterielle Immunsubstanzen.
-&ndash; Serodiagnostik. &ndash; Immunreaktionen nach parenteraler
-Einverleibung von Fremdeiweiß.</p></div>
-</div>
-
-<p>Es ist eine allgemein bekannte Erfahrungstatsache, daß das einmalige
-Überstehen <em class="gesperrt">mancher</em> ansteckenden Krankheiten gegen eine
-zweite gleichartige Infektion dauernd oder vorübergehend Schutz
-verleiht. Dieser Schutz, den man mit dem wissenschaftlichen Ausdruck
-als <em class="gesperrt">Immunität</em> bezeichnet, erstreckt sich <em class="gesperrt">nur</em> auf diese einzige
-Infektionskrankheit, durchaus nicht auf mehrere oder gar auf alle:
-die Immunität ist eine »spezifische«, nur gegen die überstandene
-Krankheit gerichtete. Auch ist es geboten, gleich an dieser Stelle<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-zu betonen, daß durchaus nicht alle Infektionskrankheiten nach
-ihrer einmaligen Überwindung dauernd Immunität hinterlassen,
-und ferner, daß wir bei den chronischen Infektionsleiden (Tuberkulose,
-Syphilis) von vornherein auf ganz andere Verhältnisse
-rechnen müssen, als bei den akuten.</p>
-
-<p>Die rein empirische Kenntnis vom Zustandekommen von Immunität
-nach einzelnen, bestimmten Infektionen ist sehr alt, und wohl
-fast ebenso alt ist das Bestreben, die Vorteile dieses eigentümlichen
-Zustandes der Menschheit nutzbar zu machen, mit anderen Worten:
-auf allerlei Weise absichtlich, <em class="gesperrt">künstlich</em> zu »immunisieren«.</p>
-
-<p>Den Chinesen soll es schon im 11. und 12. Jahrhundert n. Chr.
-bekannt gewesen sein, daß das einmalige Überstehen der echten
-oder schwarzen Pocken sicheren Schutz gegen eine nochmalige Erkrankung
-an dieser so außerordentlich gefährlichen Krankheit verleiht.
-Im Anfange des 18. Jahrhunderts machten sich diese Erfahrungen
-westasiatische Völker zunutze, um ein allerdings höchst
-primitives Schutzimpfungsverfahren darauf zu gründen: sie
-übertrugen absichtlich etwas von dem Pustelinhalt Pockenkranker
-und damit die Krankheit selbst auf Gesunde, um ihnen so durch das
-Überstehen der Krankheit für ihr weiteres Leben Immunität dagegen
-zu verschaffen. Die Gefährlichkeit des Verfahrens stand
-nun freilich in einem peinlichen Mißverhältnis zu dem beabsichtigten
-Erfolge, denn die Gewißheit, bei einer späteren Epidemie
-verschont zu bleiben, war mit einer unter Umständen schweren
-Erkrankung, die selbst mit dem Tode endigen konnte, zu teuer
-bezahlt.</p>
-
-<p>Wenn man auch heute noch gelegentlich den Rat erteilen hört,
-Kinder beispielsweise während einer leichten Scharlachepidemie
-absichtlich der Ansteckungsgefahr auszusetzen, damit sie durch Überstehen
-des leichten Scharlachs vor einer Erkrankung gelegentlich
-einer etwaigen späteren schweren Epidemie gesichert werden, so
-ist dies ebenfalls nicht zu billigen. Denn auch für den Scharlach
-gilt, was für die Pocken gesagt wurde; man kann den Verlauf eines
-einzelnen Krankheitsfalles nicht sicher genug vorhersagen und soll
-deshalb solche gefährlichen Experimente vermeiden.</p>
-
-<p>Die erste selbstverständliche Anforderung, die an ein künstliches
-Immunisierungsverfahren eben gestellt werden muß, ist die, daß
-es möglichst ungefährlich für den Behandelten ist; das klassische
-Beispiel für ein solches Verfahren stellt die durch den englischen
-Arzt <em class="gesperrt">Jenner</em> eingeführte Schutzpockenimpfung dar, die in den<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-100 Jahren seit ihrer Begründung die Kulturmenschheit vor unabsehbaren
-Verlusten an Menschenleben bewahrt hat.</p>
-
-<p>Schon vor <em class="gesperrt">Jenner</em> hatte man in England und auch in Deutschland<a id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">7</a>
-beobachtet, daß Menschen, die sich durch den Umgang mit
-kuhpockenkrankem Rindvieh die stets nur leicht verlaufenden »Kuhpocken«
-zugezogen hatten, später bei Epidemien der echten Pocken
-ebenso regelmäßig von der Krankheit verschont wurden wie diejenigen,
-die die echten Pocken schon einmal überstanden hatten.
-Auf diese Beobachtung gründete <em class="gesperrt">Jenner</em> sein Verfahren, das der
-heutigen Schutzimpfung im wesentlichen noch zugrunde liegt: er
-impfte absichtlich Gesunde mit dem Inhalt von Kuhpockenpusteln;
-an der Stelle der Impfung entstanden ähnliche Pusteln, die, ohne
-schwere Krankheitserscheinungen zu verursachen, wieder abheilten.
-Das Überstehen dieser harmlosen lokalen Erkrankung machte den
-Geimpften <em class="gesperrt">immun</em> gegen die Infektion mit echten Pocken. Man
-stellte später fest, daß nach Übertragung von Pustelinhalt eines echten
-Blatternfalles von Menschen auf Kälber bei den Tieren Pusteln
-entstanden, deren Inhalt, auf den Menschen übertragen, wiederum
-nur die harmlose Form der Erkrankung hervorrief. Die Erklärung,
-die wir nach unseren heutigen Kenntnissen über die Eigentümlichkeit
-der pathogenen Mikroorganismen für diese merkwürdige
-Tatsache geben können, ist folgende: Der Erreger der Pockenkrankheit
-besitzt für den Menschen eine sehr hochgradige Virulenz, büßt diese
-aber im Körper des Rindes größtenteils ein, so daß er, nach der
-»Passage« durch das Rind wieder auf den Menschen übertragen,
-nur noch eine harmlose lokale Erkrankung auszulösen vermag.
-<em class="gesperrt">Das Überstehen dieser geringfügigen Krankheit hinterläßt
-Immunität gegen den Pockenerreger auch in seiner
-virulenten Form.</em></p>
-
-<p>Man kann einen eigentümlichen Zufall darin sehen, daß gerade
-der Erreger der Pockenkrankheit, den man seit 100 Jahren zu zähmen
-gelernt hat, noch heute nicht entdeckt ist, während gleich wirksame
-Schutzimpfungsverfahren wie das Jennersche gegen die Mehrzahl
-derjenigen bakteriellen Krankheitserreger, die wir schon seit Jahrzehnten
-in Reinkulturen besitzen, noch nicht gefunden worden sind.</p>
-
-<p>Alsbald nach den grundlegenden Entdeckungen der modernen
-Bakteriologie, insbesondere nach der Reinzüchtung der pathogenen<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-Bakterienarten, bemühte sich die Forschung, Immunisierungsmethoden
-auszuarbeiten, die zunächst im wesentlichen darauf ausgingen,
-<em class="gesperrt">Reinkulturen</em>, die man auf sehr verschiedene Weise in
-ihrer Virulenz <em class="gesperrt">abgeschwächt</em> hatte, als <em class="gesperrt">Impfstoffe</em> zu verwenden.
-Die ersten wichtigen Versuche in dieser Richtung stammen von dem
-berühmten Franzosen <em class="gesperrt">Louis Pasteur</em>, der eine ganze Reihe von
-Methoden ersann, um Reinkulturen in ihrer Virulenz abzuschwächen.
-Das größte Aufsehen erregten seine gelungenen Versuche, Rinder
-und Schafe gegen die für sie so außerordentlich gefährliche Milzbrandseuche
-zu impfen. Als Impfstoff verwandte <em class="gesperrt">Pasteur</em> lebende
-Milzbrandkulturen, die ihrer Virulenz dadurch teilweise beraubt
-waren, daß sie unter bestimmten Bedingungen bei Temperaturen
-gezüchtet worden waren, die um einige Grade über der Körpertemperatur
-lagen. Es war <em class="gesperrt">Pasteur</em> gelungen, nachzuweisen, daß
-man durch dieses einfache Mittel Reinkulturen ihrer Virulenz nach
-und nach immer mehr berauben kann. Das wichtigste war aber,
-daß bei geeigneter Anwendung diese »avirulenten« Kulturen zur
-Schutzimpfung verwendbar waren. Der Erfolg derartiger Milzbrand-Schutzimpfungen
-nach <em class="gesperrt">Pasteur</em> ist zwar nicht ganz von der
-gleichen verblüffenden Sicherheit wie der der Pockenimpfung beim
-Menschen, aber das Verfahren hat ganz außerordentlich viel zur
-Eindämmung der Milzbrandseuche beigetragen und damit einerseits
-unmittelbar großen wirtschaftlichen Schaden verhütet, andererseits
-mittelbar segensreich gewirkt. Zunächst verringerte es in
-hohem Maße die Gefahr des <em class="gesperrt">Menschen</em>, an Milzbrand zu erkranken.
-Des weiteren hatte aber der offenbare, großartige Erfolg
-<em class="gesperrt">Pasteurs</em> die wichtige Folge, daß das Interesse weiter Kreise
-auf die Immunitätsforschung gelenkt wurde.</p>
-
-<p>Noch ein anderes Beispiel eines Schutzverfahrens, das auf der
-Einbringung abgeschwächter Krankheitserreger beruht, mag erwähnt
-werden. Auch seine Erfindung verdankt die Menschheit <em class="gesperrt">Pasteur</em>;
-es ist die <em class="gesperrt">Wutschutzimpfung</em>, wohl die populärste unter den
-Entdeckungen des großen französischen Forschers. Wir besitzen heute
-ebensowenig wie zu <em class="gesperrt">Pasteurs</em> Zeiten Reinkulturen von dem
-Erreger der Lyssa, jener heute recht seltenen, durch den Biß von tollen
-Hunden oder anderen Tieren übertragbaren, fürchterlichen Krankheit.
-Man weiß aber, daß der Krankheitserreger in großen Mengen
-im Rückenmark der an Wut gestorbenen Tiere vorhanden ist, und
-so stellt denn ein solches, sogleich nach dem Tode unter Vermeidung
-jeder Verunreinigung entnommene Rückenmark eine Art von<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-Reinkultur des Erregers dar. Die Abschwächung dieser »Reinkultur«
-der Keime erreichte <em class="gesperrt">Pasteur</em> in diesem Falle durch Eintrocknen &ndash;
-nachdem er festgestellt hatte, daß die Abnahme der Virulenz mit
-dem Grade der Eintrocknung eine gewisse Übereinstimmung zeigt.
-Das noch heute gebräuchliche Schutzverfahren besteht darin, daß
-man Aufschwemmungen des Rückenmarks wutkranker Tiere den zu
-Schützenden unter die Haut spritzt und zwar beginnt man mit
-Injektionen sehr stark durch Eintrocknung abgeschwächten Materials
-und geht dann bei den weiteren, in bestimmten Abständen aufeinander
-folgenden Injektionen allmählich zu immer frischerem,
-d. h. also auch immer weniger abgeschwächtem Material über, bis
-schließlich Emulsionen vom Rückenmark eines vor ganz kurzem an
-Wut verstorbenen Tieres eingespritzt werden. Das ganze Verfahren
-nimmt Wochen in Anspruch und ist unter Umständen auch nicht
-unbeschwerlich, doch kommt das im Vergleich mit der drohenden
-Gefahr und den großen Erfolgen der Behandlung gar nicht in
-Betracht.</p>
-
-<p>Noch ein letztes Beispiel für die Verwendung lebender, aber
-»avirulenter« Krankheitskeime zur Immunisierung mag erwähnt
-werden. <em class="gesperrt">Kolle</em> und <em class="gesperrt">Strong</em> haben vor wenigen Jahren angegeben,
-daß man dem Menschen Immunität gegen die <em class="gesperrt">Pest</em> verleihen kann,
-indem man ihm kleine Mengen lebender Reinkulturen von Pestbakterien,
-die ihre Virulenz durch jahrelanges Fortzüchten im
-Laboratorium verloren haben, unter die Haut spritzt.</p>
-
-<p>Während allen bisher besprochenen Methoden die Einimpfung
-<em class="gesperrt">lebender</em>, aber <em class="gesperrt">abgeschwächter</em> Krankheitserreger gemeinsam
-war, geht man bei anderen Verfahren von <em class="gesperrt">abgetöteten</em> Reinkulturen
-aus. Meistens erfolgt diese Abtötung durch Erhitzung auf
-etwa 60&ndash;70°; im einzelnen richtet sich das Verfahren nach den
-Eigenschaften des jeweils in Betracht kommenden Keimes. In
-großem Umfange sind Versuche mit derartigen Impfverfahren
-besonders von dem russischen Arzt <em class="gesperrt">Haffkine</em> in Vorderindien angestellt
-worden, und zwar handelt es sich hauptsächlich um Versuche,
-der Pest und der Cholera durch Schutzimpfungen entgegenzutreten.</p>
-
-<p>Daß das Haffkinesche und ähnliche andere Verfahren von recht
-beträchtlichem Erfolg begleitet sind, wenn sie auch keinen absoluten
-Schutz verleihen, geht aus einem großen Beobachtungsmaterial
-hervor. Ob sie zur Eindämmung der Pest als Seuche wesentlich
-beizutragen vermögen, das erscheint recht fraglich, daran sind aber
-nicht die Verfahren als solche, daran ist in erster Linie der niedrige<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-Kulturzustand und die Indolenz und Unsauberkeit der eingeborenen
-indischen Bevölkerung schuld.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Bei allen den besprochenen Immunisierungs-Methoden geht
-man von der Absicht aus, eine <em class="gesperrt">Reaktion</em> seitens des Organismus
-auszulösen, deren Endziel seine Festigung gegen den betreffenden
-Krankheitserreger ist. Welcher Art aber diese Reaktion sei, davon
-hatte man keinerlei genaue Vorstellung vor den außerordentlich
-wichtigen Entdeckungen <em class="gesperrt">von Behrings</em> zu Beginn der neunziger
-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Mit diesen Entdeckungen
-beginnt die moderne wissenschaftliche Immunitätsforschung recht
-eigentlich erst, ein Sondergebiet der Forschung, das im Laufe von
-nur 20 Jahren eminent wertvolle Ergebnisse in theoretischer wie
-praktischer Beziehung gezeitigt hat. Um wenigstens die Grundbegriffe
-der Immunitätslehre zu verstehen, müssen wir auf die
-ersten Beobachtungen <em class="gesperrt">von Behrings</em> genauer eingehen.</p>
-
-<p>Vor allem müssen wir nachtragen, daß vollkommen analoge
-Zustände von Immunität, wie man sie nach dem Überstehen einer
-bestimmten Infektionskrankheit seit langem kennt, auch beobachtet
-werden nach Überstehen von <em class="gesperrt">Vergiftungen</em> bestimmter Art.
-Auch dies ist längst bekannt gewesen, ehe von einer wissenschaftlichen
-Immunitätsforschung die Rede war, und künstliche Immunisierungsmethoden
-sind beispielsweise von Schlangenbändigern auf Grund
-richtiger Beobachtungen und Erfahrungen schon lange geübt worden.
-Die ersten Grundlagen der Festigungsmethoden bestanden auch
-hier wohl in der Feststellung, daß das Überstehen eines Schlangenbisses
-gegen die Folgen späterer Bisse festige. Jedenfalls wird berichtet,
-daß sich Schlangenbändiger wiederholt absichtlich von Giftschlangen
-beißen lassen, um ihre Immunität gegen deren Gifte zu
-steigern resp. zu erhalten. Der Körper besitzt nun diese Fähigkeit,
-durch Überstehen einer Vergiftung gegen das betreffende Gift
-immun zu werden, keineswegs gegenüber allen Giften, sondern
-<em class="gesperrt">nur gegenüber einer ganz bestimmten Gruppe von Giften</em>,
-zu denen außer den Schlangengiften noch einige tierische und pflanzliche
-Gifte und darunter, was in diesem Zusammenhange am
-wichtigsten ist, <em class="gesperrt">auch die Bakterientoxine</em> gehören. Allen diesen
-Substanzen gemeinsam ist eine sehr verwickelte, bisher noch nicht
-aufgeklärte chemische Konstitution.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Von Behring</em> und <em class="gesperrt">Wernicke</em> gelang es nun zunächst, bei Versuchstieren
-durch subkutane Injektion von Diphtherietoxinen eine<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-Immunität gegen deren giftige Wirkung zu erzielen, die sich bei
-geeignetem Vorgehen so sehr steigern ließ, daß die vorbehandelten
-Tiere die vielfachen Mengen der für unvorbehandelte (Kontrolltiere)
-sicher tödlich wirkenden Toxindosis ohne Nachteil ertragen konnten.
-<em class="gesperrt">Von Behring</em> und <em class="gesperrt">Wernicke</em> gelang es weiter, die grundlegende
-Tatsache festzustellen, daß das Blut, insbesondere das Blut<em class="gesperrt">serum</em>
-solcher giftfest gemachter (toxinimmuner) Tiere die merkwürdige
-Eigenschaft gewonnen hatte, die giftige Wirkung einer Toxinlösung,
-mit der es gemischt wird, aufzuheben, zu »neutralisieren«, eine
-Fähigkeit, die dem Serum normaler (unvorbehandelter) Tiere fehlt:
-Injiziert man einem empfänglichen Versuchstiere eine Toxindosis
-von bekannter hoher Wirksamkeit, einem anderen Tiere unter sonst
-ganz gleichen Bedingungen die gleiche Dosis, aber vermischt mit
-einer kleinen Menge des Blutserums <em class="gesperrt">eines immunisierten
-Tieres</em>, so wird das erste Tier schwer erkranken oder gar sterben,
-das zweite dagegen den Eingriff ohne Schaden ertragen. Es zeigte
-sich bei der weiteren Verfolgung dieser außerordentlich bedeutsamen
-Tatsache, daß man unter Umständen ein unvorbehandeltes Tier
-durch Einspritzung von Serum eines Immuntieres auch gegen eine
-<em class="gesperrt">nachfolgende</em> Injektion von Toxinen schützen kann, und daß man
-umgekehrt auch ein unvorbehandeltes Tier, dem man eine tödliche
-Toxindosis allein injiziert hat, durch eine nachträgliche Einspritzung
-von Immunserum noch zu retten vermag. <em class="gesperrt">Von Behring</em> erklärte
-sich diese merkwürdigen Tatsachen durch die anfänglich viel umstrittene,
-bald aber in ihren wesentlichen Teilen allgemein anerkannte
-Annahme, daß in dem Blutserum der mit Toxinen in geeigneter
-Weise vorbehandelten Tiere besondere Substanzen auftreten, die
-die Toxine zu neutralisieren vermögen, Substanzen, die er als
-»<em class="gesperrt">Antitoxine</em>« bezeichnete.</p>
-
-<p>In welcher Weise die Neutralisation der Toxine durch die Antitoxine
-vor sich geht, diese schwierige Frage ist Gegenstand scharfsinnigster
-Untersuchungen gewesen, und völlige Einigkeit darüber
-besteht auch heute noch nicht. Als durchaus gesichert kann nur die
-Anschauung gelten, daß die Neutralisation der Toxine durch die
-Antitoxine auf einer unmittelbaren Einwirkung beider Substanzen
-aufeinander, u. z. auf einer Bindung, beruht; welcher Art diese
-Bindung ist, darüber gehen die Meinungen auch heute noch auseinander.
-Es ist anzunehmen, daß in verschiedenen Fällen etwas
-verschiedene Vorgänge sich abspielen. In diese höchst verwickelten
-Verhältnisse einzudringen, können wir hier gar nicht versuchen;<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-die große Schwierigkeit, die sich der Forschung vorläufig noch unüberwindlich
-in den Weg stellt, ist der Mangel exakter Kenntnisse über
-die chemische Konstitution der Toxine sowohl wie auch der Antitoxine.
-Daß es trotzdem gelungen ist, ziemlich genaue Vorstellungen
-über Bau, Wesen und Wirkungsweise dieser Substanzen zu gewinnen,
-ist in erster Linie biologischen Forschungsmethoden, d. h. vorwiegend
-Tierexperimenten, zu verdanken, um deren Ausgestaltung
-und Ausnutzung sich vor allen der deutsche Gelehrte <em class="gesperrt">Paul Ehrlich</em>
-unvergängliche Verdienste erworben hat.</p>
-
-<p>Die genauere Erforschung der Antitoxine zeigte zunächst, daß
-diese Substanzen die Eigenschaft der <em class="gesperrt">Spezifität</em> in ausgesprochenem
-Maße besitzen: Diphtherie-Antitoxine vermögen ausschließlich nur
-die Toxine der Diphtheriebazillen, nicht aber diejenigen anderer
-Bakterien zu neutralisieren. Diese Tatsache kann uns nicht überraschen,
-steht sie doch im besten Einklang mit unserer Erfahrung
-von der Spezifität der Immunitätszustände überhaupt. Ja, wir
-werden umgekehrt uns darüber Rechenschaft ablegen müssen, daß
-die Anerkennung der Bedeutung der neu entdeckten Substanzen
-für die Immunität den Nachweis ihrer spezifischen Natur geradezu
-zur Voraussetzung hatte.</p>
-
-<p>Der Entdeckung der Antitoxine folgte bald Schlag auf Schlag
-diejenige anderer spezifischer »<em class="gesperrt">Antikörper</em>« oder »Immunsubstanzen«
-im Serum von Tieren, die nicht gegen Toxine, sondern
-gegen pathogene Bakterien &ndash; durch Injektion abgeschwächter
-lebender Keime oder durch Einverleibung abgetöteter Reinkulturen
-&ndash; immunisiert waren. Bei derartigen Immunisierungsprozessen
-gewinnt &ndash; mit anderen Worten &ndash; das Serum mannigfaltige,
-streng spezifisch nur gegen die zur Vorbehandlung verwandte
-Bakterienart gerichtete Eigenschaften bzw. Fähigkeiten, die man
-auf verschiedene Arten von »Antikörpern« oder »Immunsubstanzen«
-zurückführt. Voraussetzung für den Eintritt aller dieser spezifischen
-Reaktionen ist &ndash; im allgemeinen &ndash;, daß das zum Zwecke der Immunisierung
-einverleibte Material durch Injektion direkt in die
-Gewebe des Körpers oder in die Blutbahn gelangt, nicht aber auf
-dem nächstliegenden Wege: durch Fütterung.<a id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">8</a> Durch den Verdauungsvorgang
-werden nämlich die einverleibten Toxine oder
-bakteriellen Substanzen anderer Art in einfachere Verbindungen<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-zerlegt (abgebaut), und diesen einfacheren Körpern geht die Eigenschaft
-ab, die Antikörperproduktion zu verursachen.</p>
-
-<p>Die antibakteriellen Immunsubstanzen sind mannigfaltiger Art,
-und es ist heute noch keineswegs Einigkeit über ihre Bedeutung
-für die Heilung der Infektionskrankheiten erzielt.</p>
-
-<p>Der bekannte Münchener Hygieniker <em class="gesperrt">Gruber</em> entdeckte anfangs
-der 90er Jahre die sogenannten »Agglutinine«, Serumsubstanzen,
-die die Eigentümlichkeit haben, auf Bakterien der zur Vorbehandlung
-verwandten Art zusammenballend zu wirken. Der Vorgang der
-Agglutination läßt sich sehr leicht unmittelbar beobachten, wenn man
-z. B. zu einer Reinkultur von Typhusbazillen in Nährbouillon eine
-Spur eines »Typhusimmunserum«, d. h. Serum eines gegen
-Typhusbazillen immunisierten Tieres, zusetzt: die Typhusbazillen,
-die vorher dank ihrer sehr lebhaften Beweglichkeit nach allen Richtungen
-hin durch die Flüssigkeit hin und her schossen und sich in ganz
-gleichmäßiger Weise darin verteilten, verlieren kurze Zeit nach dem
-Serumzusatz ihre Beweglichkeit und werden allmählich zu kleinen,
-dann zu immer größeren Häufchen miteinander verklebt. Man
-kann diesen Vorgang sehr gut unter dem Mikroskop beobachten,
-die Häufchen werden aber schließlich in manchen Fällen, so z. B.
-gerade in dem hier gewählten der Agglutination von Typhusbazillen,
-so groß, daß man sie ganz gut mit bloßem Auge wahrnehmen kann.
-Die Erscheinung ist, wie schon betont wurde, streng spezifischer Natur:
-setzen wir die gleiche kleine Menge Typhusimmunserum unter sonst
-ganz gleichen Bedingungen z. B. zu einer Cholerabazillenkultur, so
-bleibt das Agglutinationsphänomen aus.</p>
-
-<p>Typhusagglutinine finden sich nun nicht nur im Serum künstlich
-gegen Typhusbazillen immunisierter Versuchstiere, sondern auch
-im Blute von Menschen, die eine Typhuserkrankung durchgemacht
-haben oder noch durchmachen. Mit anderen Worten: wir beobachten
-das Auftreten von Antikörpern auch bei dem natürlichen Ablauf
-von bakteriellen Infektionskrankheiten, nach deren Überstehen
-Immunität zurückbleibt, und wir sehen hierin eine Stütze der Anschauung,
-daß das Auftreten dieser Substanzen im Serum in einem
-sehr nahen Zusammenhang mit der Entstehung der Immunität
-steht. Andererseits dürfen wir uns diesen Zusammenhang nun
-nicht gar zu eng und einfach vorstellen; vor allem müssen wir sogleich
-dem naheliegenden Irrtum entgegentreten, daß das Auftreten von
-Antikörpern im Blute nun in jedem Falle die <em class="gesperrt">Heilung</em> der Krankheit
-bedeute. Dies ist keineswegs der Fall. Ob die »Agglutinine«<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-überhaupt irgendeine unmittelbare Bedeutung für die Heilung des
-Typhus oder einer anderen bakteriellen Infektion haben, das wissen
-wir nicht; es ist aber sehr unwahrscheinlich. Mittelbar sind sie von
-großer praktischer Bedeutung geworden, wie wir später noch genauer
-zu erörtern haben werden.</p>
-
-<p>Mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit kommt eine unmittelbare
-Bedeutung für Heilung und Immunität gewissen anderen antibakteriellen
-Immunsubstanzen zu, den sogenannten bakteriolytischen
-(d. h. Bakterien auflösenden) oder bakteriziden (d. h. Bakterien
-tötenden) Serumstoffen.</p>
-
-<p>Der deutsche Bakteriologe und Hygieniker <em class="gesperrt">R. Pfeiffer</em> entdeckte,
-daß das Blutserum von Tieren, die gegen gewisse pathogene Bakterien
-&ndash; vor allem z. B. gegen Choleravibrionen, oder gegen
-Typhusbazillen &ndash; immunisiert worden waren, in außerordentlich
-hohem Grade bakterienfeindliche Eigenschaften von strengster
-Spezifität gewonnen hatte. Eine gewisse bakterienfeindliche Wirksamkeit
-kommt, wie wir oben sahen, unter Umständen schon dem
-Serum normaler Tiere zu; aber die von <em class="gesperrt">Pfeiffer</em> entdeckten
-Immunsubstanzen sind so außerordentlich viel stärker wirksam als
-dieses, daß man selbst mit mehrhundertfach, ja gelegentlich mit
-mehrtausendfach verdünnten »Immunseris« noch Abtötung der zur
-Vorbehandlung der serumliefernden Tiere benutzten Bakterienart
-erzielen kann.</p>
-
-<p>Auf den komplizierten Mechanismus der Wirkung derartiger
-Antikörper, der durch die Forschungen <em class="gesperrt">Pfeiffers</em>, <em class="gesperrt">Ehrlichs</em>,
-<em class="gesperrt">Bordets</em> und anderer Gelehrter aufgeklärt wurde, kann hier nicht
-näher eingegangen werden.</p>
-
-<p>Mit wenigen Worten soll aber auf die Wirkungsweise und Bedeutung
-anderer Serumsubstanzen eingegangen werden, die in
-letzter Zeit nicht nur in Tagesblättern viel besprochen worden sind,
-sondern sogar den Weg auf die Bühne gefunden haben, die sog.
-»Opsonine« des englischen Arztes <em class="gesperrt">A. E. Wright</em>:</p>
-
-<p>Wenn man im Reagenzglase eine Aufschwemmung pathogener
-Bakterien und eine solche von lebenden weißen Blutkörperchen &ndash;
-diese letzteren kann man aus dem frisch entnommenen Blute gewinnen
-&ndash; mischt, so beobachtet man entweder gar keine oder eine
-geringe, nur selten eine lebhafte Phagocytose (s. Kap. II) der Keime
-durch die tierischen Zellen. Setzt man aber dem Gemisch eine kleine
-Menge frischen Blutserums zu, so wird die Phagocytose lebhafter.
-Man hat nachweisen können, daß diese Steigerung der Phagocytose<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-auf einer Veränderung der Bakterien durch gewisse Serumsubstanzen
-beruht, die <em class="gesperrt">Wright</em> als Opsonine bezeichnet hat. Der
-Gehalt verschiedener Sera an solchen Opsoninen ist nun verschieden;
-er läßt sich mit Hilfe komplizierter Methoden einigermaßen sicher
-bestimmen, und nach <em class="gesperrt">Wright</em> soll dieser Opsoningehalt des Serums
-eines Kranken von großer Wichtigkeit für den Krankheitsverlauf
-sein. Das Bestreben des Arztes muß deshalb nach seiner Ansicht
-dahin gehen, bei Infektion durch ein bestimmtes Bakterium den
-Gehalt des Blutserums des Patienten an Opsoninen für diese
-Bakterienart zu steigern. <em class="gesperrt">Wright</em> strebt dies Ziel durch Injektion
-kleinster Mengen abgetöteter Reinkulturen des Krankheitserregers
-an, also auf dem Wege der <em class="gesperrt">aktiven</em> Immunisierung oder, wie er
-sich ausdrückt, durch »Vakzination«. Er hat mit seinem Behandlungsverfahren
-auch bei einzelnen bakteriellen Infektionskrankheiten
-zweifellose Erfolge erzielt, doch steht man in Deutschland einer
-ausgedehnten Anwendung seiner Methode heute noch skeptischer
-gegenüber als in seiner Heimat.</p>
-
-<p>Die analoge, die Phagocytose fördernde Wirkung wie die Opsonine
-besitzen in besonders hohem Maße auch Immunsubstanzen, die im
-Serum vorbehandelter Tiere auftreten, sogenannte bakteriotrope
-Substanzen, die zuerst von <em class="gesperrt">Denys</em>, später besonders von <em class="gesperrt">Neufeld</em>
-studiert worden sind. Ihre Bedeutung für die Wirkung spezifisch
-antibakterieller Sera ist noch etwas umstritten.</p>
-
-<p>Von praktischer Bedeutung ist es, daß auch »antibakterielle«
-Sera &ndash; ebenso wie antitoxische &ndash; als Heilsera zu wirken vermögen.
-Wenn man z. B. gleichzeitig mit (oder vor) oder kurz nach
-der Injektion von Typhusbazillen in tödlicher Dosis einem Versuchstier
-eine geeignete, sehr kleine Menge spezifischen Antityphusserums
-(von einem immunisierten Tiere) einspritzt, so wird es durch
-die Wirkung der übertragenen Antikörper gerettet. Von größter
-Bedeutung für die Verwertbarkeit der Heilsera ist die Tatsache,
-daß diese sich unter geeigneten Bedingungen relativ lange Zeit
-aufheben (konservieren) lassen, ohne ihre Wirksamkeit einzubüßen.
-Die Aufbewahrung erfolgt entweder im ursprünglichen flüssigen
-Zustand &ndash; meist nach Zusatz kleiner Mengen einer antiseptischen
-Substanz (z. B. Karbolsäure), der die Entwickelung von Keimen
-aller Art verhindert, oder auch in getrocknetem Zustand.</p>
-
-<p>Man könnte meinen, durch die Entdeckung der Serum-Antikörper
-sei den bakteriellen Infektionen der Stachel genommen: man
-brauche nur durch Injektion von abgetöteten oder abgeschwächten<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-Reinkulturen eines Krankheitserregers eine spezifische Immunität
-bei Tieren zu erzeugen; dann habe man in deren Blutserum die
-»Antikörper«, deren Übertragung auf den Menschen Schutz oder
-Heilung bringen müsse. Diese Hoffnung konnte man in der Tat
-angesichts der vielversprechenden Ergebnisse der ganzen Immunitätswissenschaft
-wohl hegen; aber sie hat sich vorläufig nur zum
-kleinsten Teil erfüllt. Ein Heilserum von <em class="gesperrt">unbedingt zuverlässiger
-hoher</em> Wirksamkeit bei einer bakteriellen Infektionskrankheit des
-Menschen besitzen wir außer dem Diphtherieserum noch nicht, wohl
-aber eine ganze Reihe von antibakteriellen Heilseris, denen eine
-<em class="gesperrt">gewisse</em> spezifische Wirksamkeit bei verschiedenen Infektionen zukommt.
-Erfolgreicher ist man ferner bei der Gewinnung von Heilseris
-dieser Art gegen mehrere Tierseuchen gewesen.</p>
-
-<p>Wo liegen die Gründe dieser gewiß enttäuschenden &ndash; wenn
-auch keineswegs entmutigenden &ndash; geringen praktischen Erfolge?
-Sie sind mannigfacher Art. Einmal liegen insofern die Verhältnisse
-viel verwickelter, als es nach dem bisher Gesagten scheinen könnte,
-als bei verschiedenen Infektionskrankheiten der Organismus in sehr
-verschiedener Weise durch Antikörperbildung und anderweit reagiert.
-Daher gelingt die Immunisierung von Tieren gegen einen gegebenen
-bakteriellen Krankheitserreger auch durchaus nicht in allen Fällen
-leicht und vollkommen, im Gegenteil, sie versagt in einer großen
-Zahl von Fällen völlig. Gegen manche Infektionserreger hat
-man daher überhaupt vergebens versucht, wirksame Sera zu gewinnen.
-Außerordentlich verwickelte Verhältnisse liegen bei den
-angesprochen chronischen Infektionen, z. B. der Tuberkulose, vor.
-&ndash; Eine große Schwierigkeit, die sich der passiven Immunisierungsmethode
-häufig in den Weg stellt, liegt ferner darin, daß in manchen
-Fällen die von einem immunisierten <em class="gesperrt">Tiere</em> &ndash; meist vom Pferde &ndash;
-stammenden, mit dessen Serum dem Menschen übertragenen Antikörper
-von dem menschlichen Organismus nicht oder nicht vollständig
-ausgenützt werden können.</p>
-
-<p>Diese Tatsache steht in einem gewissen Zusammenhang mit der
-allgemein gültigen Regel, daß auch die Körperflüssigkeiten der
-höheren Tiere »artspezifisch« unterschieden sind. Serum eines artfremden
-Tieres &ndash; und mit ihm u. U. die Antikörper, die es enthält
-&ndash; wird vom Organismus des Menschen nach verhältnismäßig
-kurzer Zeit und unter eigentümlichen Vorgängen wieder ausgeschieden,
-eliminiert. In größeren Mengen eingeführt aber kann es,
-besonders bei wiederholten Injektionen, giftig wirken. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-günstigsten Chancen der Wirksamkeit wird deshalb immer ein antibakterielles
-Serum haben, das von <em class="gesperrt">artgleichen</em> Individuen gewonnen
-wird. Diese Forderung ist aber &ndash; für den Menschen besonders
-&ndash; meist unerfüllbar.</p>
-
-<p>Wir sehen nach alledem, daß die unmittelbaren Erfolge der
-Immunitätsforschung, soweit sie die Gewinnung wertvoller »Heilsera«
-für die den Menschen bedrohenden Infektionskrankheiten
-anlangen, noch verhältnismäßig bescheiden sind.</p>
-
-<p>Trotzdem hat die junge Wissenschaft mittelbar auch <em class="gesperrt">praktisch</em>
-sehr bemerkenswerte Resultate ergeben, die auf einer Ausnutzung
-der Antikörperbildung zu Zwecken der Krankheits<em class="gesperrt">erkennung</em>
-(Diagnostik) beruhen. Man bezeichnet die einschlägigen Methoden
-als »serodiagnostische«.</p>
-
-<p>Sie beruhen auf der wiederholt betonten strengen Spezifität
-der Antikörperreaktionen, die es einerseits ermöglicht, aus dem
-Nachweis eines gegen eine bestimmte Bakterienart gerichteten
-wirksamen Stoffes <em class="gesperrt">im Serum</em> eines Kranken zu schließen, daß
-eben <em class="gesperrt">diese</em> Bakterienart dem Krankheitsprozeß zugrunde liegt,
-die es anderseits gestattet, mit Hilfe eines spezifischen Antikörperhaltigen
-Serums eine fragliche Bakterien<em class="gesperrt">art</em> zu erkennen.</p>
-
-<p>Für beide Anwendungen der Serodiagnostik wollen wir je ein
-einfaches und praktisch wichtiges Beispiel besprechen. Der erste
-Fall &ndash; die Feststellung eines bestimmten Krankheitsprozesses durch
-den Nachweis spezifischer Antikörper im Serum des Patienten &ndash;
-wird vielfach ausgenutzt zur Sicherung der oft sehr schwierigen
-Diagnose des Unterleibstyphus. Im Verlaufe dieser Krankheit
-treten im Serum des Erkrankten, wie schon erwähnt wurde,
-spezifische Agglutinine für den Typhusbazillus auf. Beim Verdacht
-auf <em class="antiqua">Typhus abdominalis</em> prüft man daher das Blutserum des
-betreffenden Patienten auf seinen etwaigen Gehalt an Agglutininen,
-indem man ihm im Reagenzglase kleine Mengen von Typhusbazillen
-aus Reinkulturen zusetzt und nach einiger Zeit feststellt,
-ob Agglutination eingetreten ist. Der positive Ausfall der Reaktion
-&ndash; der Nachweis spezifischer, gegen Typhusbazillen gerichteter Antikörper
-im Serum &ndash; beweist eindeutig, daß der Patient, von dem
-die Blutprobe stammt, mit Typhusbazillen infiziert worden ist.</p>
-
-<p>Umgekehrt kann man z. B. Sera, die durch Immunisierung von
-Tieren gegen den Choleravibrio gewonnen sind, dazu verwenden,
-um festzustellen, ob ein Bakterium, von dem man Reinkulturen
-erzielt hat, zu den echten Choleravibrionen gehört oder nicht. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-kann von der größten praktischen Bedeutung in Zeiten der Choleragefahr
-werden: hat man aus dem Darminhalt eines verdächtigen
-Falles Bakterien gezüchtet, deren Identität oder Nichtidentität
-mit dem Choleraerreger festgestellt werden soll, so stellt man wiederum,
-dieses Mal mit einem vorrätig gehaltenen spezifischen Anti-Choleraserum
-und der gegebenen Reinkultur, die Agglutinationsreaktion an.
-Diese fällt nur dann positiv aus, wenn das spezifische Serum auf
-Choleravibrionen trifft. Ihr positives Resultat beweist also in
-diesem Falle, daß die untersuchte Reinkultur eine solche des echten
-Choleraerregers und somit auch, daß der betretende Krankheitsfall
-ein Fall von echter asiatischer Cholera war. Der negative Ausfall
-der Reaktion kann unter Umständen durch den Beweis des Gegenteils
-ebenfalls von der größten Bedeutung sein.</p>
-
-<p>Diese beiden Beispiele mögen genügen, um die wesentlichen
-Grundlagen der Serodiagnostik verständlich zu machen, doch mag
-erwähnt werden, daß auf diesen Prinzipien auch noch erheblich
-kompliziertere Methoden aufgebaut sind, von denen als die in der
-Öffentlichkeit dem Namen nach bekannteste die <em class="gesperrt">Wassermannsche</em>
-Seroreaktion auf Syphilis wenigstens genannt werden soll.</p>
-
-<p>Endlich mag auf die wichtige Tatsache hingewiesen werden, daß
-die Erscheinung der Antikörperbildung weit über das Gebiet der
-Infektionskrankheiten hinaus verbreitet und von großer und vielfältiger
-Bedeutung ist. Im Anschluß an die Beobachtungen bei der
-künstlichen Immunisierung von Tieren gegen Bakterien und deren
-Produkte stellte zuerst der bekannte belgische Forscher <em class="gesperrt">Bordet</em> fest,
-daß analoge »Antikörper« im Serum von Tieren nachweisbar
-werden, die parenteral mit Fremdeiweiß, d. h. mit Körperflüssigkeiten
-(vor allem Blutserum) oder Körperzellen <em class="gesperrt">einer anderen
-Tierart</em> vorbehandelt worden waren. Eine Fülle von theoretisch
-wichtigen und praktisch bedeutsamen Entdeckungen folgten dieser
-ersten. Da auch diese »Antikörper« gegen artfremde Eiweißsubstanzen
-sich als streng spezifisch erwiesen, so ließen sich ganz analoge
-serodiagnostische Methoden, wie wir sie vorher besprochen haben, auch
-zur Unterscheidung von tierischem Eiweiß, z. B. von Blut verschiedener
-Tierarten darauf gründen, Methoden, die inzwischen immer größere
-Bedeutung erlangt haben, in erster Linie auf Grund der außerordentlich
-großen Feinheit und Zuverlässigkeit, die diese Reaktionen besitzen.<a id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">9</a></p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p>
-<p>Was den Mechanismus der Produktion der verschiedenen Antikörper
-anlangt, so gehört seine Erforschung zu den schwierigsten
-Aufgaben der Biologie. Von der größten Bedeutung für das Eindringen
-in diese sehr verwickelten Verhältnisse war eine von <em class="gesperrt">Paul
-Ehrlich</em> aufgestellte, unter dem Namen der »Seitenketten-Theorie«
-berühmt gewordene Hypothese, die hier aber nur erwähnt, nicht
-erörtert werden kann.</p>
-
-<p>Die Bildung der meisten Immunsubstanzen erfolgt, wie besonders
-durch Untersuchungen von <em class="gesperrt">Wassermann</em> festgestellt worden ist,
-in der Milz und im Knochenmark der höheren Tiere, also in Organen,
-die mit der Blutbereitung und Bluterneuerung zu tun haben. Auch
-durch diese Beziehung werden wir wieder an den nahen Zusammenhang
-der Immunitätsreaktionen mit den allgemeinen Abwehrreaktionen
-des Organismus höherer Tiere erinnert, bei denen ja
-Bestandteile des Blutes die entscheidende Rolle spielen. (Vgl.
-Kapitel II.)</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="Kapitel_IV">Kapitel IV.</h2>
-
-<div class="h2desc">
-
-<p>Maßnahmen zur Bekämpfung der Infektionskrankheiten im allgemeinen.
-&ndash; Die wichtigste Ansteckungsquelle ist der infektiös kranke Mensch. &ndash;
-Keimträger. &ndash; Maßnahmen der allgemeinen Prophylaxe: Quarantäne
-und Kontrollsystem zur Aussperrung exotischer Seuchen. &ndash;
-Isolierung infektiös Kranker. &ndash; Vernichtung der Ausscheidungen
-solcher Kranker. &ndash; Verhütung der Verschleppung von Keimen. &ndash;
-Verhütung des Eindringens von Keimen in den gesunden Körper.</p></div>
-</div>
-
-<p>Wenn wir als letztes Ziel des Kampfes gegen die Bakterien als
-Krankheitserreger die Befreiung der Menschheit von diesen gefährlichen
-kleinen Feinden ins Auge fassen, so müssen uns die bisher
-erreichten Erfolge dürftig erscheinen, verglichen mit dem gewaltigen
-Schaden, den fort und fort die Infektionskrankheiten der Menschheit
-zufügen.</p>
-
-<p>Anderseits können die wenigen großen Erfolge, die bisher
-erzielt worden sind, uns die Hoffnung auf weitere Fortschritte geben.
-Wir brauchen uns nur das Beispiel der Pockenkrankheit vor Augen
-zu halten, die durch die Einführung der Schutzpockenimpfung in
-denjenigen Kulturländern, die dieses Mittel mit voller Energie
-durchführten, praktisch beseitigt worden ist.</p>
-
-<p>Da wir über analoge Schutzimpfungen oder über andere vollkommen
-gleichwertige radikale Schutzmittel gegen das große Heer
-der uns bedrohenden bakteriellen Infektionen noch nicht verfügen,<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-so sind wir darauf angewiesen, andere uns zu Gebote stehende Mittel
-auszunutzen, um die Verbreitung von Infektionen zu vermeiden.</p>
-
-<p>Die wichtigste Grundlage für alle Bestrebungen in diesem Sinne
-sind richtige Vorstellungen von den Bedingungen, unter denen
-Krankheitserreger in unseren Körper eindringen und uns gefährlich
-werden können. Die allgemeine Erfahrung lehrt uns für eine ganze
-Reihe von Krankheitsprozessen, daß wir der Infektionsgefahr ganz
-wesentlich durch den <em class="gesperrt">Verkehr mit Erkrankten</em> ausgesetzt werden,
-und auch die genaue Erforschung der Verbreitung der Bakterien
-in der Natur hat, von ganz verschwindenden Ausnahmen abgesehen,
-das Ergebnis gehabt, daß überall <em class="gesperrt">der infektiös kranke Mensch
-die gefährlichste Ansteckungsquelle</em> für seinen Nebenmenschen
-bildet. Suchen wir in der Außenwelt auch mit den feinsten Methoden
-der modernen Wissenschaft nach krankheiterregenden Bakterien,
-so finden wir die überwiegende Zahl von ihnen überhaupt niemals,
-andere ungemein selten. Nur ganz vereinzelte Arten, die sich alle
-dadurch auszeichnen, daß sie nur gelegentlich dem Menschen gefährlich
-werden können, für gewöhnlich aber als Saprophyten existieren,
-treffen wir häufiger an, so z. B. den Tetanusbazillus. Dessen Dauerformen
-(Sporen) können sich in der Außenwelt sehr lange lebensfähig
-und infektionstüchtig erhalten. Daß aber die Gefahr, die gerade
-von diesen besonders widerstandsfähigen Keimen den Menschen
-droht, nicht überschätzt werden darf, das kann man schon aus der
-relativen Seltenheit der Krankheit entnehmen.</p>
-
-<p>Die überwiegende Mehrzahl der für den Menschen in Betracht
-kommenden schädlichen Keime erliegt &ndash; in die Außenwelt gelangt &ndash;
-raschem Altern, dem Mangel an Nahrung, vor allem an Wasser,
-den zahlreichen physikalischen Schädlichkeiten, besonders der Einwirkung
-des Lichtes, das ja zu den gefährlichsten Feinden der Bakterien
-gehört. Von größter, für den Menschen vorteilhaftester Bedeutung
-ist in dieser Hinsicht die Tatsache, daß die allermeisten
-pathogenen Bakterien der Eigenschaft ermangeln, widerstandsfähige
-Dauerformen (Sporen) zu bilden, die imstande wären, sich
-in der Außenwelt länger zu erhalten.</p>
-
-<p>Daraus ergibt sich nun, daß die meisten Krankheitserreger nur
-ganz kurze Zeit nach dem Verlassen des erkrankten Körpers lebend
-und infektionstüchtig bleiben, somit weiterhin auch, daß wir ansteckungsfähige
-Keime im allgemeinen nur in der allernächsten Umgebung
-Kranker zu erwarten resp. zu vermeiden haben. Von großer Bedeutung
-ist es da, für jede Infektion und jeden pathogenen Keim<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-genau zu wissen, in welcher Weise und auf welchem Wege er den
-Körper des Patienten verläßt. Das richtet sich naturgemäß vor allem
-nach den Organen, die von dem Krankheitsprozeß ergriffen sind;
-aber doch nicht nur danach; und gerade die Kenntnis der Ausnahmen
-ist oft wichtig.</p>
-
-<p>Daß der Lungenschwindsüchtige große Mengen virulenter Tuberkelbazillen
-mit den seinen Tröpfchen ausscheidet, die er beim
-Husten verspritzt, ist heute wohl allgemein bekannt. Das gleiche gilt
-für Diphtherie, Influenza, Keuchhusten. Große Mengen infektionstüchtiger
-Keime können im Eiter von Geschwürflächen,
-eiternden Wunden, im Sekret entzündeter Schleimhäute usw. vorhanden
-sein. Der Cholerakranke scheidet enorme Mengen von
-Cholerabakterien mit seinen Darmentleerungen aus, ebenso der
-Typhuskranke Typhusbazillen. Die letzteren finden sich aber auch
-oft in enormen Mengen im Harn der Patienten. &ndash; Wir sehen, auf
-den verschiedensten Wegen gelangen die Krankheitskeime in die
-Außenwelt und werden zur Gefahr für die Nebenmenschen Erkrankter.</p>
-
-<p>Die neueste Zeit hat uns nun auf diesem Gebiete der Ansteckungsgefahr
-noch einige unangenehme Überraschungen gebracht, die
-nicht verschwiegen werden dürfen. Es hat sich nämlich die sehr merkwürdige
-Tatsache herausstellt, daß bei manchen Infektionskrankheiten
-noch lange Zeit, zuweilen Wochen, ja Monate und ausnahmsweise
-sogar Jahre nach dem Eintritt <em class="gesperrt">völliger Heilung infektionstüchtige
-Krankheitserreger im Körper</em> gefunden und von
-dem längst Genesenen ausgeschieden werden können. Besonders
-wichtig ist das relativ häufige Vorkommen dieser Erscheinung beim
-Unterleibstyphus. Auch bei der asiatischen Cholera und der Pest
-hat man Ähnliches festgestellt.</p>
-
-<p>Die große Gefährlichkeit solcher gesunder »Bazillenträger« liegt
-darin, daß man sich vor ihnen natürlich nicht in acht nimmt, da
-man ihnen nichts Böses anmerkt. Auch diese Gefahr ist aber zu
-bekämpfen; der Ansteckungsstoff findet sich ja ausschließlich in den
-Ausscheidungen solcher Menschen, sie müssen deshalb zur größten
-Sorgfalt bei deren Beseitigung erzogen werden.</p>
-
-<p>Auch bei Diphtherie hat man ähnliche Verhältnisse feststellen
-können. Bei systematischer Untersuchung sämtlicher Schulkinder
-einer Schule z. B. hat man mehrfach gefunden, daß ausnahmsweise
-sich im Rachen von Kindern, die weder zuvor an Diphtherie
-erkrankt waren noch später deren charakteristische Erscheinungen<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-zeigten, echte Diphtheriebazillen durch das Kulturverfahren nachweisen
-ließen.</p>
-
-<p>Es mag sich wohl meistens in solchen Fällen um Kinder gehandelt
-haben, die an sehr leichter Diphtherie erkrankt gewesen waren.
-Wie dem auch sei, solche »Diphtheriebazillenträger« sind für ihre
-Umgebung gefährlich, da sie besonders leicht zur Verbreitung der
-Krankheit unter gesunden Kindern beitragen können.</p>
-
-<p>Was kann geschehen, um die pathogenen Keime, die im Körper
-des Kranken tätig sind und von ihm abgeschieden werden, an dem
-Angriff auf Gesunde zu hindern und damit diese wichtigste Quelle
-der Ansteckungen zu verstopfen?</p>
-
-<p>Wir wollen mit der radikalsten Maßnahme beginnen: sie besteht
-in der Vernichtung der pathogenen Keime <em class="gesperrt">zusammen mit dem
-infizierten Individuum</em>. Daß sie auf menschliche Verhältnisse
-nicht anwendbar ist, bedarf keiner Erörterung. Zur Unterdrückung
-von Tierseuchen, z. B. Rotz, Milzbrand, vor allem der Wutkrankheit,
-die auch für den Menschen gefährlich sind, ist sie mehrfach angewandt
-worden. Man wird z. B. keinen Augenblick an der Berechtigung,
-ja an der Verpflichtung des Menschen zweifeln können, einen tollwutkranken
-Hund zu erschießen, um die Ausbreitung der ohne die
-Anwendung des langwierigen Schutzimpfungsverfahrens sicher zum
-Tode führenden Krankheit zu verhüten. Zur Vernichtung der
-Wutkeime aber wird man am besten den Leichnam verbrennen.</p>
-
-<p>Den infektiös kranken <em class="gesperrt">Menschen</em> können wir für seine Nebenmenschen
-wirklich ungefährlich nur dann machen, wenn wir ihn
-absperren, »isolieren«. In rigoroser Weise geschieht dies seit langem
-zur Eindämmung der Lepra, des »Aussatzes«, durch mehr oder
-weniger zwangsweise erfolgende Internierung der Erkrankten in
-Lepraspitälern, Leproserien, die streng gegen die Außenwelt abgeschlossen
-werden. Das heute nahezu vollständige Verschwinden
-der Lepra in Deutschland beweist am besten die Wirksamkeit dieser
-Maßnahmen.</p>
-
-<p>Besonders strenge <em class="gesperrt">Aus</em>sperrungsmaßnahmen finden zur Abwehr
-der <em class="gesperrt">exotischen Seuchen</em> Anwendung. Diese eminent infektiösen
-Krankheiten &ndash; Pest und Cholera vor allem &ndash; sind heute noch lebendig
-in Vorderasien, wo sie niemals ganz erlöschen, und bedrohen die
-Kulturländer Europas. Man schützt sich &ndash; mit gutem Erfolge &ndash;
-gegen ihr Eindringen durch eine strenge, nach internationalen Vereinbarungen
-geregelte <em class="gesperrt">Kontrolle</em> des Verkehrs, vor allem des <em class="gesperrt">See</em>verkehrs,
-der in dieser Hinsicht günstigere Verhältnisse bietet, als<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-derjenige zu Lande.<a id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">10</a> Das Ziel aller dieser Maßnahmen ist die radikale
-Verhütung der <em class="gesperrt">Einschleppung</em> der Seuche, d. h. des Eindringens
-eines von ihr befallenen Menschen oder Tieres, sowie
-der Einfuhr etwaiger infektiöser Keime, die mit den Ausscheidungen
-Kranker an irgendwelchen Gegenständen, Kleidern, Gepäck, Waren
-haften.</p>
-
-<p>Früher suchte man dies in den Häfen durch die sogenannten
-Quarantänen zu erreichen: Schiffe, die aus verseuchten Ländern
-kamen, mußten eine mehr oder weniger lange Zeit unter gesundheitspolizeilicher
-Kontrolle in einer Quarantänestation bleiben, bis
-ihnen die Erlaubnis zur Ausschiffung der Passagiere gegeben wurde.
-Etwa erkrankte Reisende wurden in das mit der Station verbundene
-Lazarett aufgenommen. Die Zeit der Beobachtung war auf Grund
-der Erfahrungen über die Inkubationszeit der jeweils gefürchteten
-Seuche festgesetzt und stets reichlich bemessen. Das ganze System
-war für die Reisenden natürlich außerordentlich lästig.</p>
-
-<p>Bei dem gewaltigen Umfang des internationalen Verkehrs von
-heute wäre das Quarantänewesen in dieser Form undurchführbar.
-An seine Stelle ist eben eine genaue, auf internationalen Abmachungen
-beruhende Kontrolle des Seeverkehrs getreten.</p>
-
-<p>Im einzelnen können wir hier nicht alle Bestimmungen und
-Maßnahmen besprechen, die dieser Kontrolle des Verkehrs dienen,
-sie bestehen im wesentlichen in ärztlichen Revisionen der Schiffe,
-die aus verseuchten Gegenden <em class="gesperrt">abfahren</em>, und besonders sorgfältigen
-Revisionen im <em class="gesperrt">Ankunfts</em>hafen; von Wichtigkeit ist auch die Bestimmung,
-daß an Bord der Schiffe, die dem überseeischen Personenverkehr
-dienen, ein Schiffsarzt sein <em class="gesperrt">muß</em>, der verpflichtet ist,
-über etwaige verdächtige Krankheitsfälle, die während der Reise
-vorgekommen sind, Meldung zu erstatten.</p>
-
-<p>Auf diese Weise muß es &ndash; bei pflicht- und sachgemäßer Durchführung
-der vorgeschriebenen Maßregeln &ndash; gelingen, im Ankunftshafen
-etwaige infektiös Kranke sofort in ein besonderes »Isolier«-Spital
-zu bringen, und ebenso z. B. im Falle, daß während der Reise
-an Bord eines Schiffes Krankheits- und Todesfälle an einer bestimmten
-Seuche vorgekommen sind, alle diejenigen Personen ärztlich
-zu untersuchen und zu überwachen, eventuell auch zu isolieren,<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-die der Gefahr der Ansteckung ausgesetzt waren. &ndash; Anderseits kann
-in allen den überwiegend häufigeren Fällen, in denen auf Grund
-der ärztlichen Beobachtung die Gefahr einer Seuchen-Einschleppung
-verneint wird, alsbaldige Ausschiffung aller Reisenden erfolgen.
-Die Unannehmlichkeiten der alten Quarantäne fallen also fort, das
-Ziel: die <em class="gesperrt">Aussperrung</em> seuchenhaft Kranker, wird trotzdem erreicht.</p>
-
-<p>Das gleiche Ziel strebt man gegenüber der Seucheneinschleppung
-auf dem Landwege durch möglichste ärztliche Überwachung des
-Verkehrs, besonders des Eisenbahn- und des Flußverkehrs, an; die
-Schwierigkeit erfolgreicher Absperrung ist hier begreiflicherweise
-unvergleichlich viel größer als zur See.</p>
-
-<p>Kommt es trotz aller Vorkehrungen zur Einschleppung einer
-Seuche, beispielsweise eines Falles von Cholera, so ist die nächste
-Maßnahme wieder die sofortige Isolierung des Kranken in einem
-hierzu geeigneten Spital. Voraussetzung dafür ist die richtige Erkennung
-der Natur der Krankheit. Um diese zu ermöglichen, besitzen
-die Kulturländer bakteriologische Untersuchungsanstalten in den
-größeren Städten und Zentralen für derartige Untersuchungen,
-wie sie das Deutsche Reich im Reichsgesundheitsamt, das Königreich
-Preußen im Kgl. Institut für Infektionskrankheiten in Berlin
-unterhält. Für alle verdächtigen Fälle besteht die Anzeigepflicht
-der Ärzte an die Behörden, die dann für umgehende Einsendung des
-nötigen Materials an die zuständigen Untersuchungsanstalten sorgen.
-Kommt ein verdächtiger Todesfall vor, so wird die sachverständige
-Obduktion der Leiche unter Umständen am raschesten Aufschluß
-über die Natur der Erkrankung geben. &ndash; Von nun an wird allenthalben
-die Aufmerksamkeit der Behörden und der Ärzte auf jeden
-verdächtigen Krankheitsfall gerichtet sein, und, wo ein solcher vorkommt,
-wird wieder seine tunlichst rasche »Isolierung« die nächste
-Aufgabe sein.</p>
-
-<p>Diese Isolierung der infektiös Kranken ist auch bei der Bekämpfung
-der einheimischen (endemischen) ansteckenden Krankheiten
-unsere vornehmlichste Waffe. Im einzelnen verfahren wir dabei
-freilich nicht mit der gleichen Strenge, die gegenüber den exotischen
-Seuchen geboten ist. Vor allem ist die Absonderung des Kranken
-in besonderen, für diesen Zweck bestimmten Spitälern nicht obligatorisch,
-so wünschenswert sie auch im Interesse der Allgemeinheit
-für viele Fälle wäre. Man begnügt sich statt ihrer oft mit der Isolierung
-des Kranken in seiner Wohnung, vorausgesetzt, daß diese
-dazu die notwendigen Bedingungen bietet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>Was hat nun im einzelnen zu geschehen, um einen ansteckend
-Kranken in wirksamer Weise zu »isolieren«? Es bedarf kaum der
-Erörterung, daß mit seiner Unterbringung in einer Stube für sich
-oder in einer Isolierstation nicht das Ziel erreicht ist, ihn ungefährlich
-zu machen. Je nach Art seines Leidens kann er ja, wie wir sahen,
-in verschiedenster Weise &ndash; oft enorme Mengen von Krankheitserregern
-<em class="gesperrt">ausscheiden</em>. Zwar kann man den erwachsenen, verständigen
-Menschen zur größten Reinlichkeit und zu rascher Beseitigung
-seiner keimhaltigen Ausscheidungen veranlassen: den Schwindsüchtigen
-z. B. zur Vernichtung seines Auswurfs auf die eine oder
-andere Weise. Aber viele Schwerkranke sind bewußtlos und somit
-ganz außerstande zur Reinlichkeit und Vorsicht; man denke nur z. B.
-an einen benommenen Typhuskranken.</p>
-
-<p>Eine ganze Fülle von Maßnahmen müssen hier helfen, um der
-<em class="gesperrt">Verschleppung</em> von Keimen vorzubeugen; Maßnahmen verschiedenster
-Art, deren Durchführung im einzelnen nur durch den
-Arzt und durch geschultes Pflegepersonal möglich ist. Wir wollen
-einige der wichtigsten von ihnen erwähnen: der Transport infektiös
-Kranker darf nur in besonderen Krankenwagen, nicht in beliebigen
-Wagen erfolgen. (Für den Transport der Leichen an ansteckenden
-Krankheiten Gestorbener bestehen besondere Vorschriften.) &ndash;
-Die sorgfältige Beseitigung und Vernichtung aller krankhaften
-Ausscheidungen selbst erfolgt wesentlich mit Hilfe von Desinfektionsmitteln.
-Die Wäsche, die Wohnung und alle Gebrauchsgegenstände
-des Erkrankten müssen desinfiziert werden. Soweit als möglich
-wird zu dem Zwecke der Keimabtötung die Hitze herangezogen
-werden, d. h. die Methoden der Sterilisation (s. o. S. 21). Wertlose
-Gebrauchsgegenstände verbrennt man. Für viele andere Gegenstände
-kommen allein chemische Desinfektionsmittel in Frage, vor allem
-für die Wohnungsdesinfektion. Für die richtige Durchführung der
-geeigneten Maßnahmen sorgen die Behörden, die für den Gesundheitsdienst
-verantwortlich sind; ebenso für die Ausbildung sachverständig
-geschulter Desinfektoren.</p>
-
-<p>Auch die gewissenhafteste Handhabung aller dieser Maßnahmen
-kann nicht ausreichen, um in <em class="gesperrt">jedem</em> Falle den Transport von pathogenen
-Keimen völlig zu verhindern. Die Schwierigkeiten sind zu
-groß. Insbesondere wird es nicht zu vermeiden sein, daß Krankheitskeime
-aus der nächsten Umgebung des Patienten verschleppt
-werden &ndash; durch Insekten, durch die Hände des Pflegepersonals,
-die bei Hilfeleistungen doch schließlich nicht dauernd von desinfizierenden<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-Flüssigkeiten triefen können &ndash;, durch die Schuhsohlen und
-auf anderen Wegen. Vor allem sind wieder die feinsten bazillenhaltigen
-Tröpfchen, die vom Hustenden verstreut werden, gefährlich.
-Wie schützen wir uns gegen die verschleppten Keime, die bis
-auf unseren Körper, unsere Hände gelangen? Vor allem: wie
-schützen sich Arzt und Pflegepersonal?</p>
-
-<p>Wir haben bei der Erörterung des Zustandekommen von »Infektionen«
-gesehen, daß die meisten Keime einer bestimmten <em class="gesperrt">Einfallspforte</em>
-bedürfen, um uns anfallen zu können. An dieser
-Stelle können wir den letzten Widerstand leisten. Die Maßregeln,
-die wir hier treffen können, gelten nicht nur für das Krankenzimmer
-allein, sie gelten allgemein für jede Situation, in der wir in besonderem
-Grade einer bestimmten Infektionsgefahr ausgesetzt sind, insbesondere
-also für den Fall epidemischen Auftretens einer Krankheit. &ndash;
-Unsere Verteidigung wird sich verständigerweise nach den Eigenheiten
-des Feindes zu richten haben, der uns jeweils angreifen kann.</p>
-
-<p>Der Gefahr, die vom hustenden Schwindsüchtigen verspritzten
-feinsten Tröpfchen einzuatmen, entgehen wir fast instinktiv dadurch,
-daß wir uns ein wenig von ihm entfernt halten; ein Abstand von
-einem halben Meter genügt in der Regel schon, um uns zu schützen.</p>
-
-<p>Besteht die Gefahr einer Infektion vom Darme aus (Typhus,
-Cholera), so müssen wir peinlich darauf achten, daß wir keine Keime
-in unseren Mund bringen. Wer mit Typhus- oder Cholerakranken
-zu tun hat, wird auf das sorgfältigste für Reinigung und Desinfektion
-seiner Hände Sorge tragen, bevor er ißt oder trinkt. Der
-Aufnahme von Keimen mit der Nahrung beugt man weiterhin vor,
-indem man in Zeiten von Epidemien ausschließlich gründlich gekochte
-oder gebratene Nahrungsmittel von zuverlässig sauberem
-Eßgeschirr zu sich nimmt.</p>
-
-<p>Daß die Aufnahme des Verteidigungskampfes gegen die Mikroben
-auch an dieser <em class="gesperrt">letzten</em> Befestigungslinie sich noch verlohnt, ja daß
-sie in manchen Fällen sichere Aussicht auf den Sieg gewährt, das
-beweist am besten die Tatsache, daß während der letzten großen
-Choleraepidemie in Hamburg nicht ein einziger der zahlreichen
-Ärzte, die in angestrengter Berufsarbeit ständig mit den infektiös
-Kranken in Berührung waren, der Seuche zum Opfer gefallen ist.</p>
-
-<p>Eine gesonderte Besprechung erfordern in diesem Zusammenhang
-noch die Maßnahmen, die zum Schutze von <em class="gesperrt">Wunden</em> gegen
-das Eindringen von Infektionserregern getroffen werden sollen. Die
-Behandlung von Wunden, die durch Verletzungen der verschiedensten<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-Art entstehen, ist Sache des Arztes. Je nach der Schwere, der Größe,
-der Entstehungsart, der Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit einer bei
-der Entstehung der Wunde gleichzeitig gesetzten Infektion, wird
-dieser die Maßnahmen zu treffen haben, um Schaden zu verhüten.</p>
-
-<p>Zum Schutze gegen Eindringen von Krankheitskeimen sollte der
-Laie eine Wunde ausschließlich (nach Entfernung sichtbarer gröberer
-Verunreinigungen) mit sterilem Verbandzeug, das in jeder Apotheke
-erhältlich ist, verbinden, dem Arzt aber alle weiteren Anordnungen
-überlassen.</p>
-
-<p>Auch jede Wunde, die das Messer des Chirurgen setzt, ist bei der
-Verbreitung infektionsfähiger Keime auf der Haut und den Schleimhäuten
-als eine mögliche Einfallspforte für pathogene Bakterien
-zu betrachten. Die moderne operative Medizin hat, seit einmal diese
-Erkenntnis zum Siege gelangt ist, immer bessere und zuverlässigere
-Methoden ausgebildet, um durch Keimfreimachen des Operationsgebietes,
-der Hände des Operateurs und aller Instrumente und
-Geräte, die Gefahr einer Wundinfektion auszuschließen. Auf der
-Einführung dieser Methoden &ndash; mittelbar also auf den Ergebnissen
-der bakteriologischen Forschung &ndash; basiert der gewaltige Aufschwung
-der Chirurgie in den letzten Jahrzehnten.</p>
-
-<p>Fassen wir kurz das Erörterte zusammen: Gelingt es uns nicht,
-die Infektions<em class="gesperrt">quelle</em> zuzuschütten &ndash; durch Aussperrung bei epidemischen
-Krankheiten, durch Isolierung der Leprösen z. B. &ndash;
-so suchen wir die Keime <em class="gesperrt">auf dem Wege</em> zum Gesunden zu fassen
-und zu vernichten; gelangen sie doch bis zu diesem hin, so versperren
-wir ihnen die <em class="gesperrt">Einfallspforte</em>. An welcher Stelle oder an welchen
-Stellen wir den Kampf mit den Mikroben aufnehmen, das wird am
-besten für jeden Einzelfall &ndash; oder doch für eine Reihe von Einzelfällen
-&ndash; gesondert besprochen. Es richtet sich für jeden pathogenen
-Keim nach der Art seiner Ausscheidung aus dem Körper des Erkrankten,
-nach den Krankheitserscheinungen, ihrer Art und ihrer
-Schwere, nach unseren Kenntnissen von dem Zustandekommen der
-einzelnen Infektionen.</p>
-
-<p>Auf dem Gebiete der Prophylaxe können die Medizinalbehörden
-und die Ärzte viel leisten, und daß beide besonders in Deutschland
-auf der Höhe der Zeit sind, ist allgemein anerkannt. Kommt es
-aber trotzdem zum Ausbruch einer Seuche, so hängt deren Verlauf
-und Verbreitung mehr noch als von ihrer Tüchtigkeit von der Sorgfalt
-und dem Verständnis ab, mit denen die Bevölkerung ihren
-Vorschriften nachkommt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p>
-
-<p class="h2">Besonderer Teil.</p>
-
-<h2 id="Vorbemerkung">Vorbemerkung.</h2>
-</div>
-
-<p>Der Absicht und dem Umfang dieses kleinen Werkes würde eine
-eingehende Besprechung aller bisher bekannten bakteriellen Infektionskrankheiten
-nicht entsprechen. Doch schien es geboten, nicht
-nur einige, sondern eine größere Anzahl von Beispielen aus dem
-Gesamtgebiete vorzuführen. Eine Anordnung in Gruppen schien
-der Übersichtlichkeit halber wünschenswert; andererseits war die
-strenge Durchführung eines bestimmten Ordnungsprinzips schwierig;
-und so sind denn einigermaßen willkürlich &ndash; aus verschiedenen
-Gesichtspunkten &ndash; die einzelnen Gruppen von Krankheiten gebildet
-worden, die je in einem Kapitel zusammengefaßt worden sind.</p>
-
-<p>In dem ersten Kapitel des speziellen Teils (Kap. V) sollen &ndash;
-wesentlich aus historischen Gründen &ndash; zwei seltene und untereinander
-ganz verschiedene bakterielle Infektionskrankheiten des
-Menschen behandelt werden: das Rückfallfieber als diejenige <em class="gesperrt">menschliche</em>
-übertragbare Krankheit, deren Erreger zuerst entdeckt, d. h.
-gesehen wurde, und die Milzbrandkrankheit, jene selten den Menschen
-befallende Tierseuche, deren vollständige ätiologische Aufklärung
-durch <em class="gesperrt">Robert Koch</em> den ersten großen Erfolg der modernen Bakteriologie
-bedeutete (vgl. Einleitung).</p>
-
-<p>In einem weiteren Kapitel (VI.) sind <em class="gesperrt">Pest</em> und <em class="gesperrt">Cholera</em>, die
-beiden gefährlichsten <em class="gesperrt">exotischen</em> Seuchen, die gelegentlich auch
-unsere europäischen Kulturländer bedrohen, behandelt. Es folgen
-als Beispiele inländischer epidemisch auftretender Krankheiten,
-die durch <em class="gesperrt">Stäbchen</em>bakterien hervorgerufen werden, in dem folgenden
-(VII.) Kapitel: Diphtherie, Tetanus, Influenza, Keuchhusten,
-Unterleibstyphus. &ndash; Das folgende Kapitel (IX.) ist den
-wichtigsten krankheiterregenden Kugelbakterien (Mikrokokken) eingeräumt,
-den sogenannten »Eitererregern« im engeren Sinne
-(Streptokokken und Staphylokokken), ferner den Erregern der Gonorrhoe
-(Gonokokken), den Meningokokken und der epidemischen
-Genickstarre, und endlich den Pneumokokken, die als Ursache mannigfaltiger
-Entzündungen, besonders der Lungenentzündung, gefürchtet
-sind. &ndash; Ein besonderes (X.) Kapitel ist einer kurzen Besprechung
-der chronischen Infektionskrankheiten, der Tuberkulose,
-unserer schlimmsten Volksseuche, der Syphilis und der Lepra
-gewidmet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p>
-
-<p>Man wird in dieser kurzen Übersicht die Namen einer Anzahl
-zweifellos ansteckender Krankheiten vermissen. Das liegt nicht
-an einer ungeschickten Auswahl der Beispiele, sondern an der Lückenhaftigkeit
-unseres Wissens: eine Anzahl teilweise gerade ganz besonders
-infektiöser Krankheiten ist bisher ätiologisch noch nicht aufgeklärt;
-die bekanntesten unter ihnen mögen hier kurz erwähnt
-werden. Freilich sei darauf verwiesen, daß es durchaus nicht sicher
-ist, daß sie durch <em class="gesperrt">Bakterien</em> verursacht werden. Es ist ebensogut
-möglich, daß niederste tierische Lebewesen (Protozoen) ihnen zugrunde
-liegen, ebenso wie bekanntlich die verbreitetste Infektionskrankheit
-überhaupt, die Malaria (das Sumpffieber) durch Protozoen
-verursacht wird, wie ferner auch die neuerdings viel besprochene
-Schlafkrankheit Afrikas eine Protozoenkrankheit ist. In erster Linie
-sind der akute Gelenkrheumatismus und die gefürchteten Kinderkrankheiten
-Scharlach und Masern zu erwähnen, deren belebte Ursache
-bisher trotz allen möglichen Versuchen noch unbekannt ist,
-weiterhin die Wutkrankheit (Lyssa). Ferner gehören hierher die
-Erreger der Blattern oder echten Pocken, die nach jüngst eingelaufenen
-Nachrichten freilich möglicherweise inzwischen bereits entlarvt sind.
-Vor den Blattern ist die Kulturmenschheit ja seit <em class="gesperrt">Jenners</em> Entdeckung
-der Schutzpockenimpfung geschützt; auch gegen die Folgen der
-Bisse wutkranker Tiere haben wir in der Pasteurschen Wutschutzimpfung
-ein wirksames Mittel in der Hand. Auch läßt sich durch
-das naheliegende Mittel des »Maulkorbzwanges« nachweislich viel
-gegen die Verbreitung der Lyssa tun. Scharlach und Masern aber
-setzen vorläufig allen unseren Bestrebungen einen fast unüberwindlichen
-Widerstand entgegen; wir sind ihnen gegenüber ausschließlich
-auf die Maßnahmen der Isolierung angewiesen. &ndash; Daß
-verschiedene zweifellos infektiöse Krankheiten heißer Länder ätiologisch
-noch nicht aufgeklärt sind, mag wenigstens erwähnt werden.</p>
-
-<p>Eine außerordentlich ansteckende Krankheit der Augen soll endlich
-noch genannt werden, es ist die sogenannte ägyptische Augenkrankheit,
-das »Trachom«, ein Leiden, das mit Entzündung der Augenbindehäute
-beginnt, der Behandlung große Schwierigkeiten macht
-und oft mit dem Verlust des Sehvermögens auf einem oder gar
-beiden Augen endigt. Nach Deutschland wird diese Krankheit hauptsächlich
-von unseren östlichen und südöstlichen Nachbarländern aus
-durch Arbeiter eingeschleppt, und nur den unausgesetzten Bemühungen
-unserer Medizinalbehörden ist es zu danken, daß sie nicht nur keine
-Fortschritte gemacht hat, sondern allmählich zurückgedrängt wird.<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Ansteckung durch Übertragung
-keimhaltigen Sekrets von Person zu Person verbreitet wird, und
-daß die wirksamste Bekämpfung einerseits in der persönlichen Reinlichkeit
-aller derer besteht, die mit Trachomkranken in Berührung
-kommen, anderseits in der möglichst frühzeitigen und energischen
-Behandlung der Erkrankten. Der Erreger dieses Leidens scheint
-in letzter Zeit durch <em class="gesperrt">v. Provaczek</em> entdeckt worden zu sein, doch
-steht die Entscheidung darüber, ob es sich um ein Bakterium handelt
-oder um ein niederstes tierisches Lebewesen, vorläufig noch aus.
-Kulturen des Mikroorganismus sind bisher noch nicht gewonnen
-worden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="Kapitel_V">Kapitel V.</h2>
-
-<div class="h2desc">
-
-<p>Milzbrand. &ndash; Rückfallfieber.</p></div>
-</div>
-
-<p>Wie wir in der Einleitung erfahren haben, brachte die einwandfreie
-Aufklärung der bakteriellen Ätiologie der <em class="gesperrt">Milzbrand</em>krankheit
-des Rindes durch <em class="gesperrt">Robert Koch</em> den entscheidenden Sieg der für die
-moderne Bakteriologie grundlegenden Anschauungen mit sich.
-Deshalb mag es angezeigt erscheinen, gerade diese Infektionskrankheit,
-die dem Menschen vergleichsweise nur selten gefährlich
-wird, an schädlicher Bedeutung also weit hinter anderen zurückbleibt,
-hier an erster Stelle zu besprechen. &ndash; Der Milzbrand ist aber nicht
-die erste dem Menschen drohende ansteckende Krankheit, deren
-Erreger von einem menschlichen Forscherauge erblickt und als solcher
-erkannt worden ist, das ist vielmehr das heute in unserem Klima
-seltene Rückfallfieber, dessen belebte Ursache schon im Jahre 1873
-von <em class="gesperrt">Obermeier</em> aufgefunden wurde. Es soll an zweiter Stelle
-behandelt werden.</p>
-
-<h3>Milzbrand.</h3>
-
-<p>Der Milzbrand gehört zu einer kleinen Anzahl ansteckender Krankheiten,
-die für gewöhnlich bestimmte Tierarten heimsuchen, aber
-auch dem Menschen gefährlich werden können und auf ihn übertragbar
-sind. Eigentliche Milzbrandseuchen kamen besonders früher
-bei Schafen und Rindern in großer Ausdehnung vor und verursachten
-enormen wirtschaftlichen Schaden. Auch heute sind sie zwar erheblich
-eingedämmt, aber noch keineswegs verschwunden. Der Milzbrand
-kann außerdem auch Pferde, Schweine, Ziegen und verschiedene
-Arten wilder Tiere und endlich auch den Menschen befallen. &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-Bei den Tieren verläuft die Erkrankung unter den schwersten Allgemeinerscheinungen
-gewöhnlich als <em class="gesperrt">Darmmilzbrand</em>, der sehr
-rasch zum Tode zu führen pflegt. Mit den dünnen, blutigen Darmentleerungen
-werden große Massen von Bazillen ausgeschieden,
-die dann im Freien nicht selten Gelegenheit finden, Sporen zu
-bilden. Diese Sporen können verschleppt werden und können bei
-ihrer großen Haltbarkeit noch nach langer Zeit zu neuen Infektionen
-und damit unter Umständen auch zum Ausbruch einer neuen Milzbrandseuche
-führen.</p>
-
-<p>Beim Menschen tritt die Milzbrandinfektion in der überwiegenden
-Zahl der Fälle in der Gestalt eines Milzbrandkarbunkels der Haut
-zuerst in Erscheinung. Dieser bildet sich in der Umgebung kleiner,
-mit Milzbrandbazillen oder Sporen infizierter Wunden und stellt
-im wesentlichen eine oft recht umfangreiche eitrige Pustel der
-Haut dar, in deren Umgebung sich gewöhnlich eine sehr starke ödematöse
-Durchtränkung und Schwellung des Unterhautgewebes
-ausbildet. Die Infektion erfolgt entweder direkt beim Umgang
-mit erkranktem Vieh, besonders beim Schlachten, beim Abhäuten
-und Verscharren, oder &ndash; seltener &ndash; durch Sporen, die in letzter
-Linie wieder von irgendeinem Milzbrandfall herstammen. Es ist
-nicht immer ganz aufzuklären, auf welchem Wege im einzelnen Falle
-die infektiösen Keime an den Menschen herangelangt sind, aber es
-zeigt sich, wenn man die Berufsarten der an Milzbrand Verstorbenen
-beachtet, daß es sich fast immer um Menschen handelt, die mit Tierfellen
-oder Tierhaaren zu tun haben, also um Arbeiter in Gerbereien,
-Roßhaarspinnereien, Bürsten- und Pinselfabriken. Eine besonders
-gefährliche Form des menschlichen Milzbrandes ist der durch <em class="gesperrt">Einatmung</em>
-von Sporen entstehende <em class="gesperrt">Lungen</em>milzbrand (die »Hadernkrankheit«),
-die am häufigsten Arbeiter befällt, die in Papierfabriken
-mit dem Sortieren von Lumpen beschäftigt sind. Dieser »Lungenmilzbrand«
-verläuft in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle
-tödlich.</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb16">
-<img src="images/abb-16.png" alt="Abb. 16" />
-<div class="caption">Abb. 16.<br />
-Milzbrandbazillen mit Sporen.</div>
-</div>
-
-<p>Der Milzbrand<em class="gesperrt">bazillus</em> ist ein verhältnismäßig großes Stäbchenbakterium,
-das der Geißeln ermangelt und daher völlig unbeweglich
-ist. Die Länge der einzelnen Individuen wechselt je nach den Bedingungen;
-in Kulturen werden lange Fäden gebildet. Sporenbildung
-findet &ndash; bei geeigneter Temperatur &ndash; bei Sauerstoffzutritt
-statt; die Sporen bilden sich im Innern der Stäbchen (s.
-<a href="#abb16">Abb. 16</a>) als kleine stark lichtbrechende Körnchen, die bald die Dicke
-des Stäbchens erreichen und schließlich frei werden, während die<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-Reste des Stäbchens selbst verschwinden. &ndash; Wachstum und Sporenbildung
-finden am besten bei 37° statt. &ndash; Sehr charakteristisch sind
-die oberflächlichen Kolonien des Bazillus
-auf der Platte (s. <a href="#abb17">Abb. 17</a> und <a href="#abb18">18</a>).</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb17">
-<img src="images/abb-17.jpg" alt="Abb. 17" />
-<div class="caption">Abb. 17.<br />
-16 Stunden alte Kolonie
-von Milzbrandbazillen auf
-der Agarplatte. <em class="antiqua">a</em> natürliche
-Größe, <em class="antiqua">b</em> etwa 15mal
-vergrößert.</div>
-</div>
-
-<p>Bei den gebräuchlichen Versuchstieren
-wird durch Impfung mit kleinsten
-Mengen einer Reinkultur von Milzbrandbakterien
-eine rasch zum Tode
-führende Infektion ausgelöst. Die im
-Tierkörper gewachsenen Bazillen zeigen
-eine eigentümliche Veränderung, die in
-Kulturen auf den gewöhnlichen Nährboden
-nicht zur Beobachtung kommt:
-sie besitzen eine breite Hülle oder
-»Kapsel« (vgl. <a href="#abb19">Abb. 19</a>).</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb18">
-<img src="images/abb-18.png" alt="Abb. 18" />
-<div class="caption">Abb. 18.<br />
-Klatschpräparat vom Rande einer oberflächlichen
-Kolonie von Milzbrandbazillen
-(S. <a href="#abb17">Abb. 17</a>). Aufbau der
-Kolonie aus einzelnen, zu regelmäßigen
-Fäden vereinigten Stäbchen.
-Stark vergrößert.</div>
-</div>
-
-<p>In der Bekämpfung der Milzbrandseuche beim Vieh sind ausgezeichnete
-Erfolge teils mit dem <em class="gesperrt">Pasteur</em>schen Impfverfahren (s. o.
-Seite 43), teils mit anderen ähnlichen Methoden erzielt worden, und
-ohne Frage kommt diese Eindämmung der Krankheit beim Vieh indirekt
-auch dem Menschen zugute. Von wichtigen Maßnahmen, die die
-Verbreitung der Krankheit verhüten, sind vor allen Dingen solche
-zur rationellen Beseitigung der Tierkadaver zu nennen, ferner
-aber besonders Vorsichtsmaßregeln, die
-die Arbeiter in den obengenannten
-Industrien
-vor der Infektion
-schützen
-sollen. Im
-wesentlichen
-handelt es sich
-dabei um Vorschriften,
-die
-sich auf eine
-möglichst zuverlässige
-Desinfektion
-der
-Rohmaterialien
-erstrecken.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb19">
-<img src="images/abb-19.jpg" alt="Abb. 19" />
-<div class="caption">Abb. 19.<br />
-Milzbrandbazillen im Gewebsaft (Milz)
-einer der Infektion erlegenen Maus.
-<em class="antiqua">B</em> = Bazillen mit »Kapseln«; <em class="antiqua">Z</em> = drei
-tierische Zellen.</div>
-</div>
-
-<p>Von verschiedenen<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-Forschern sind endlich auch spezifische Sera gegen Milzbrand
-hergestellt worden, so in Deutschland durch <em class="gesperrt">Sobernheim</em>.
-Diese Sera haben sich bei Tieren sowohl zu Schutz- als auch
-zu Heilzwecken gut bewährt. Dagegen sind die Erfahrungen über
-ihren Wert für die Behandlung des menschlichen Milzbrandes noch
-nicht völlig geklärt, z. T. deshalb, weil die an sich seltene Krankheit
-beim Menschen, wie erwähnt, auch ohne spezifische Behandlung
-sehr häufig gutartig verläuft. Man ist aus diesem Grunde im einzelnen
-Falle außerstande, bestimmt zu sagen, ob ein günstiger Ausfall
-auf Rechnung des Heilserums
-zu setzen ist oder nicht. Man müßte
-zur Beantwortung der Frage also
-ein größeres Material mit Serum
-behandelter und unbehandelter
-Fälle statistisch vergleichen. Einzelne
-derartige Statistiken sprechen
-für die Wirksamkeit des Serums.</p>
-
-<h3>Rückfallfieber.</h3>
-
-<p>Das Rückfallfieber ist bei uns in
-Deutschland heutzutage eine im
-ganzen recht selten gewordene
-Erkrankung, die aber neuerdings
-besonders dadurch an Interesse gewonnen
-hat, daß sie als relativ
-häufige Krankheit unserer afrikanischen
-Schutzgebiete erkannt worden ist. Noch vor wenigen Jahrzehnten
-kamen übrigens auch bei uns in Deutschland größere
-Epidemien der Krankheit vor.</p>
-
-<p>Das Krankheitsbild ist in erster Linie charakterisiert durch einen
-sehr eigentümlichen Fieberverlauf. Gewöhnlich beginnt die Krankheit
-plötzlich mit Schüttelfrost und schwerem Krankheitsgefühl,
-Gliederschmerzen und anderen etwas wechselnden Erscheinungen.
-Die Temperatur steigt bald sehr hoch an, meist über 40°,
-und fällt erst nach einer 5&ndash;7tägigen Fieberperiode zur normalen
-Temperatur, meist noch erheblich tiefer, ab. Gleichzeitig pflegt
-starker Schweißausbruch zu erfolgen, die Krankheitserscheinungen
-gehen zurück, der Patient scheint sich zu erholen und bleibt eine ganze
-Reihe von Tagen fieberfrei, bis plötzlich ein ganz ähnlicher Anfall<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-wie der erste, der meist nur etwas kürzer ist, beginnt. Auch dieser
-endigt mit »kritischem« Abfall der Temperatur, die meist wiederum
-eine Reihe von Tagen normal bleibt, bis der dritte, meist letzte
-Anfall erfolgt, nach dessen Überwindung dann die Rekonvaleszenz
-eintritt. In seltenen Fällen ist die Anzahl der Anfälle noch größer,
-oft werden auch nur zwei Anfälle beobachtet. Im allgemeinen
-pflegt der Ausgang günstig zu sein; nur vorher geschwächte Individuen
-erliegen gelegentlich der Krankheit.</p>
-
-<p>Im Blute von Rückfallfieberkranken während des Anfalles entdeckte
-bereits im Jahre 1873
-der deutsche Arzt <em class="gesperrt">Obermeier</em>
-feinste, Eigenbewegungen
-zeigende, flach
-schraubenförmig gewundene
-Fäden (<a href="#abb20">Abb. 20</a>), die
-er mit vollem Recht, wie
-wir heute wissen, als die
-Ursache der Krankheit ansprach.
-<em class="gesperrt">Metschnikoff</em>
-zeigte, indem er sich selbst
-mit dem Blute eines Rekurrenskranken
-impfte, die
-Übertragbarkeit der Krankheit
-mit dem spirillenhaltigen
-Blute auf den
-Menschen: er erkrankte an
-typischem Rückfallfieber.
-<em class="gesperrt">Robert Koch</em> gelang die
-Übertragung der Krankheit in gleicher Weise auf Affen. In
-jüngster Zeit wiesen endlich dann <em class="gesperrt">Novy</em> und <em class="gesperrt">Knapp</em> nach, daß
-man sie auch auf Ratten und Mäuse überimpfen könne, was jahrzehntelang
-für unmöglich galt. Erst durch diese Feststellung wurde
-ein genaueres Studium der Spirillen weiteren Kreisen der
-Forscher möglich, denn eine <em class="gesperrt">Kultur</em> der Spirillen ist bisher
-<em class="gesperrt">nicht</em> gelungen. Auch besteht übrigens bisher noch keine Einigkeit
-darüber, ob sie zu den Bakterien oder zu den niedersten tierischen
-Lebewesen gehören.</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb20">
-<img src="images/abb-20.jpg" alt="Abb. 20" />
-<div class="caption">Abb. 20.<br />
-Spirillen des Rückfallfiebers im Blute einer
-künstlich infizierten Maus. <em class="antiqua">E</em> = rote Blutkörperchen;
-<em class="antiqua">W</em> = weiße Blutkörperchen; <em class="antiqua">Sp</em> =
-Spirillen.</div>
-</div>
-
-<p>Im erkrankten Körper finden sich die Spirillen ganz <em class="gesperrt">ausschließlich
-im Blute</em> und in den blutbildenden Organen. Daraus ergibt
-sich, daß sie in keinerlei Ausscheidung der Kranken in die Außenwelt<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-gelangen, und es ergibt sich weiter die Frage, wie denn unter
-diesen Umständen die Verbreitung der Krankheit zustande komme.
-Man hatte darüber schon längst richtige Vermutungen. Es lag
-nämlich sehr nahe, anzunehmen, daß blutsaugende Insekten die
-Überimpfung vom kranken auf den gesunden Menschen vermitteln,
-die wir bei experimenteller Übertragung auf Tiere absichtlich vornehmen.
-Damit war die Beobachtung auch gut vereinbar, daß die
-Krankheit ganz vorwiegend die niederen Volksklassen befällt und hier
-wieder vor allem die untersten Schichten, Vagabunden z. B., heimsucht,
-die im allgemeinen besonders viel mit Ungeziefer in Berührung
-kommen. Zwar ist für das europäische Rückfallfieber die
-Ungezieferart, die speziell für diese Übertragungen verantwortlich
-gemacht werden muß, noch nicht mit unbestrittener Sicherheit
-festgestellt, wohl aber ist diese Feststellung <em class="gesperrt">Robert Koch</em> für die
-Spirille des afrikanischen Rückfallfiebers gelungen, das mit dem
-europäischen sehr weitgehende Übereinstimmung zeigt und auch
-von Spirillen von durchaus ähnlichen Eigenschaften ausgelöst wird.
-Das afrikanische Rückfallfieber wird nach Kochs Feststellungen
-durch eine bestimmte Zeckenart verbreitet, die nachts den Menschen
-befällt und Blut saugt. Dabei hat sich die sehr merkwürdige Tatsache
-gefunden, daß die Spirillen, die mit dem Blute eines rekurrenskranken
-Menschen in den Körper der Zecken gelangen, mit den Eiern,
-die das Tier legt, in die Außenwelt gelangt, nicht zugrunde gehen.
-Es finden sich vielmehr später in einzelnen Eiern wieder lebende
-Mikroorganismen, und die Zecken, die sich aus solchen Eiern entwickeln,
-sind nachweislich wieder imstande, Spirillen und Rekurrensfieber
-auf gesunde Tiere (und also auch auf den Menschen) zu übertragen.
-Europäer erkranken auch in Afrika deshalb selten an Rekurrens,
-weil sie dem Biß der gefährlichen Zeckenart weniger ausgesetzt sind
-als die Neger.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="Kapitel_VI">Kapitel VI.</h2>
-
-<div class="h2desc">
-
-<p>Die beiden wichtigsten exotischen Seuchen, Pest und Cholera, mit einer
-Vorbemerkung zu ihrer Geschichte und Epidemiologie.</p></div>
-</div>
-
-<h3>Pest und Cholera.</h3>
-
-<p class="center">Historische und epidemiologische Vorbemerkung.</p>
-
-<p>Pest und Cholera, die beiden mörderischsten Seuchen, die die
-Menschheit heimsuchen, haben neben vielen unterscheidenden auch
-einige gemeinsame Züge: beider Heimat ist Asien, beide sind zu<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-verschiedenen Zeiten von dort mit dem Verkehr zu Lande und
-zu Wasser zur Levante und nach Rußland und &ndash; auf verschiedenen
-Wegen &ndash; nach West- und Mitteleuropa vorgedrungen in großen
-Seuchenzügen, die gewaltige Opfer an Menschenleben gefordert
-haben. Die heute in Mitteleuropa lebende erwachsene Generation
-steht noch unter dem Eindruck des letzten größeren Angriffs der
-Cholera &ndash; der Hamburger Epidemie von 1892. Die Tatsache, daß bei
-unseren östlichen Nachbarn auch augenblicklich die gefürchtete Seuche
-haust und trotz der Fortschritte unserer Kenntnisse nicht gebändigt
-werden kann, vor allem aber die Tatsache, daß hier und da trotz aller
-Vorsichtsmaßnahmen ein oder einige Cholerafälle in die Kulturländer
-Westeuropas eingeschleppt werden, erinnert uns beständig
-daran, daß dieser Feind vor der Tür steht, und daß wir stets zu seiner
-Abwehr gerüstet sein müssen.</p>
-
-<p>Während aber die Cholera bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts
-völlig unbekannt war, stellt die <em class="gesperrt">Pest</em> die eigentlich gefährlichste,
-mörderischste Krankheit des mittelalterlichen Europas dar. Die
-beiden großen Seuchen haben sich &ndash; in ihrer Rolle in Europa &ndash;
-gewissermaßen abgelöst.</p>
-
-<p>So ist denn auch die Erinnerung an die Pest im Volksbewußtsein
-fast erloschen, die Furcht vor einem Einbruch dieses Feindes &ndash; man
-kann sagen, mit Recht &ndash; verschwunden.</p>
-
-<p>Die fürchterlichste Pestepidemie, die Mitteleuropa überzog, war
-diejenige der Mitte des 14. Jahrhunderts. Man hat berechnet,
-daß damals ein Viertel der Bewohner Europas oder etwa 25 Millionen
-Menschen dem »schwarzen Tod« erlegen sind. Erhebliche
-Opfer forderten weitere Pestepidemien des 15. und 16. Jahrhunderts,
-erst im 17. Jahrhundert ließen diese nach, und erst mit dem 18. Jahrhundert
-verschwand die Seuche aus Westeuropa, von einzelnen
-kleinen Einfällen abgesehen, völlig, während sie aus dem Osten
-und Südosten Europas erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
-so gut wie verschwunden ist.</p>
-
-<p>Von all dem unabsehbaren Unheil ist heute kaum etwas in unserem
-Volksbewußtsein geblieben, als der Name der Krankheit, der sich
-noch in einigen Ausdrücken erhalten hat.<a id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">11</a></p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span></p>
-<p>Der erste große Einbruch der <em class="gesperrt">Cholera</em> nach Europa fand im Jahre
-1826 statt, und zwar gelangte die Seuche auf dem Landwege über
-die Türkei und Rußland nach Deutschland, kam mit dem Seeverkehr
-nach England, wurde von dort aus auch nach Amerika geschleppt
-und gelangte gleichzeitig auch anderseits nach China und Japan.</p>
-
-<p>Weitere gewaltige Seuchenzüge überzogen in der zweiten Hälfte
-des 19. Jahrhunderts alle bewohnten Länder der Erde, die am
-Weltverkehr beteiligt sind. Im Königreich Preußen allein erlagen
-im Jahre 1866 nicht weniger als 114000 Menschen der Cholera.
-Die letzte große Ausbreitung der Seuche, die auch Westeuropa
-vorübergehend ernstlich bedrohte, begann im Jahre 1883; zu Anfang
-der 90er Jahre kam die Krankheit nach Rußland, wo sie in den
-Jahren 1892 bis 1894 etwa 800000 Menschenleben vernichtet
-haben soll.</p>
-
-<p>Von da aus wurde der Ansteckungsstoff nach fast allen größeren
-Hafenplätzen Europas verschleppt; zu einer größeren Epidemie
-kam es aber nur in Hamburg. Es gelang, der weiteren Verbreitung
-der Gefahr vorzubeugen &ndash; dank den Fortschritten der Kenntnisse
-über ihre Ursache, vor allem Dank der Entdeckung und Erforschung
-der Cholera-Erreger durch <em class="gesperrt">Robert Koch</em>.</p>
-
-<p>Unmöglich dagegen ist und bleibt bis auf weiteres die vollständige
-<em class="gesperrt">Beseitigung</em> der <em class="gesperrt">beiden</em> Seuchen, denn beide haben ihre vorläufig
-unangreifbaren Schlupfwinkel, entlegene Landstriche, in
-denen sie endemisch hausen, und aus denen sie nicht eher verschwinden
-werden, als durchgreifende hygienische Maßnahmen in großem Stil
-zur Anwendung gelangen werden. Solcher »Pestherde« sind mehrere
-im Innern Asiens vorhanden, ein weiterer ist in Innerafrika (Uganda)
-festgestellt worden. Bis zu ihrer Beseitigung wird die Gefahr eines<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-immer neuen Aufflammens von Pestepidemien in Asien und Afrika
-und damit auch einer Bedrohung Europas nicht schwinden.</p>
-
-<p>Ähnlich steht es mit der asiatischen Cholera, die ihre Hochburg
-im Gangesdelta hat, unter dessen armer Eingeborenenbevölkerung
-sie vorläufig unausrottbar endemisch ist. Für ihre Verbreitung
-sind von verhängnisvoller Bedeutung die religiösen Bräuche der Mohammedaner,
-die in Gestalt der Pilgerfahrten zu den heiligen Stätten
-des Islam wie geschaffen sind, um den Tausenden, die aus allen
-Himmelsrichtungen zusammenströmen, den Ansteckungsstoff zu
-vermitteln, den sie dann auf der Heimfahrt mit sich schleppen. Gegen
-die Choleraeinschleppung durch Pilger nach Ägypten hat man
-bisher ohne vollen Erfolg einen mühsamen Kampf geführt, und es
-verdient alle Achtung, daß es den europäischen Sanitätsbehörden
-bisher gelungen ist, im wesentlichen das Vordringen der Seuche
-von da aus auf dem Seewege nach Europa hintanzuhalten.</p>
-
-<p>Freilich ist das ein geringer Trost Angesichts der Tatsache, daß die
-Cholera auf dem <em class="gesperrt">Landwege</em> bis in die Hauptstädte Rußlands
-vorgedrungen ist und, damit in die nächste Nähe unserer östlichen
-Grenze gerückt, unsere Medizinalbehörden zu ständiger gespannter
-Aufmerksamkeit und schärfster Kontrolle der Grenze zwingt. Daß
-auch die westeuropäischen Häfen erheblich gefährdet sind, seit der
-unheimliche Gast in Rußland festen Fuß gefaßt hat, bedarf kaum
-der Erwähnung.</p>
-
-<h3>Die Pest.</h3>
-
-<p>Aus den Beschreibungen der verschiedenen Krankheitsbilder,
-unter denen »der schwarze Tod« in den großen Epidemien des
-14. Jahrhunderts die Menschen dahinraffte, geht hervor, daß während
-jener Epidemien viele Fälle von <em class="gesperrt">Lungenpest</em> beobachtet wurden.
-Im allgemeinen tritt diese Form der Krankheit an Häufigkeit zurück
-hinter der als <em class="gesperrt">Beulen</em>pest oder Bubonenpest bezeichneten gewöhnlichen
-Form. Bei dieser letzteren zeigt sich als charakteristisches
-Krankheitssymptom eine starke, außerordentlich druckempfindliche,
-entzündliche Schwellung von Lymphdrüsen, meist einer solchen
-am Oberschenkel oder in der Leistengegend, zuweilen in der Achselhöhle,
-seltener am Halse oder am Kiefer. Die Krankheitskeime sind
-dahin von irgendeiner ganz winzigen benachbarten Hautwunde
-aus gelangt. Gleichzeitig mit dem Auftreten der »Pestbubonen«
-(geschwollenen Drüsen) setzt hohes Fieber ein. Die Kranken zeigen<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-Bewußtseinstrübung, ihre Sprache wird lallend, und innerhalb
-3&ndash;4 Tagen sterben 70&ndash;80% der Befallenen meist unter Bewußtlosigkeit.
-In ganz besonders schweren Fällen kann der Krankheitsverlauf
-noch kürzer sein.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Lungen</em>pest kann sich entweder aus einem Falle von Beulenpest
-nachträglich entwickeln, oder es kann &ndash; in seltenen Fällen &ndash;
-gleich von Anbeginn der Erkrankung an die Lunge befallen sein.
-Dann verläuft die Krankheit unter dem Bilde einer Lungenentzündung,
-und zwar führt sie fast ausnahmslos und meist sehr rasch zum Tode.</p>
-
-<p>Der Erreger der Seuche, der Pestbazillus (<a href="#abb21">Abb. 21</a> u. <a href="#abb22">22</a>), wurde
-im Winter 1893/94 gelegentlich einer in Hongkong herrschenden
-Epidemie gleichzeitig von einem Schüler
-<em class="gesperrt">Pasteurs</em>, <em class="gesperrt">Yersin</em>, und einem Schüler
-<em class="gesperrt">Kochs</em>, <em class="gesperrt">Kitasato</em>, entdeckt. Es ist ein
-kleines, kurzes, ziemlich plumpes Stäbchen
-mit abgerundeten Enden, das keine
-Eigenbewegungen besitzt, keine Sporen
-bildet, aber in mancher Beziehung vergleichsweise
-widerstandsfähig gegen
-physikalische Einflüsse ist; namentlich ist
-es im Gegensatze zu den meisten anderen
-krankheiterregenden Bakterien auffallend
-unempfindlich gegen Kälte. In Kulturen
-vermag es sich selbst bei + 4,5°&nbsp;<em class="antiqua">C</em>, wenn
-auch sehr langsam, zu vermehren, während
-die meisten pathogenen Bakterien ja erheblich
-höhere Temperaturen beanspruchen, und viele geradezu
-auf Körpertemperatur angewiesen sind.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb21">
-<img src="images/abb-21.png" alt="Abb. 21" />
-<div class="caption">Abb. 21.<br />
-Pestbazillen aus einer Reinkultur
-auf Nähragar.</div>
-</div>
-
-<p>Dieses Pestbakterium findet sich bei der Beulenpest in den entzündeten
-Lymphdrüsen in kolossalen Mengen, in späteren Stadien
-auch im Blute und wird in solchen Fällen auf den Körper des Erkrankten
-streng beschränkt bleiben, also nicht in die Außenwelt gelangen,
-es sei denn, daß nach Vereiterung einer Lymphdrüse ein
-Durchbruch von eitrigem Material nach außen eintritt. In diesem
-letzteren Falle werden mit dem Eiter natürlich auch Pestbakterien,
-und zwar in großer Menge, ausgeschieden. In der überwiegenden
-Mehrzahl der Fälle von Beulenpest kommt es aber nicht hierzu, und
-daraus ergibt sich schon, daß solche Kranke selbst für ihre nächste
-Umgebung keine erhebliche Gefahr darstellen. Ganz anders bei der
-Lungenpest: der Kranke, der an dieser Form der Seuche leidet, scheidet<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-mit seinem Auswurf massenhafte virulente Pestkeime aus und wird
-dadurch für seine Umgebung außerordentlich gefährlich. Auch von
-dieser Gefahr macht man sich aber zuweilen ganz übertriebene Vorstellungen:
-wer sie genau kennt, vermag ihr vorzubeugen. Das beweist
-am besten eine Angabe von <em class="gesperrt">Schottelius</em>: danach erkrankten von
-den 99 englischen Diakonissinnen, die von 1894&ndash;1900 ausschließlich
-zur Pflege Pestkranker nach Bombay gekommen sind, im ganzen nur
-3 an Pest, von denen zwei genasen. Überhaupt werden Europäer,
-auch in den Gegenden, in denen die Pest niemals erlischt, vergleichsweise
-nur äußerst selten von der Seuche befallen; in erster Linie
-deshalb, weil sie für Reinlichkeit des Körpers, der Kleidung und
-Wohnung Sorge tragen. &ndash; Anderseits
-wird die Gefahr der Pestverbreitung
-durch den Auswurf dadurch vergrößert,
-daß, wie <em class="gesperrt">Gotschlich</em> zuerst feststellte,
-noch wochenlang nach der Abheilung
-einer Pestlungenentzündung im Auswurf
-des Rekonvaleszenten bzw. Genesenen
-Pestbazillen nachzuweisen sind.</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb22">
-<img src="images/abb-22.jpg" alt="Abb. 22" />
-<div class="caption">Abb. 22.<br />
-Pestbazillen im Abstrich von einer
-vereiterten Lymphdrüse (Bubo)
-bei Bubonenpest.</div>
-</div>
-
-<p>Von größter Bedeutung für die Entstehung
-und Verbreitung von Pestepidemien
-ist die Tatsache, daß der
-Pestbazillus ebenso wie für den Menschen
-für eine Reihe von kleineren Nagetieren
-höchst gefährlich ist, insbesondere für
-Ratten. Man hat beobachtet, daß dem
-ersten Auftreten von gehäuften Pestfällen unter den Menschen
-oft ein massenhaftes Rattensterben vorausgeht. Dies gilt vor allen
-Dingen für die sogenannten Pestherde, jene Gegenden, in denen die
-Krankheit nie vollständig erlischt. Die natürliche Verbreitung der
-Seuche unter diesen Tieren soll hauptsächlich dadurch erfolgen,
-daß die Überlebenden die Leichen der an Pest gestorbenen Tiere
-aufzufressen pflegen. Die Pestbazillen dringen dann in kleine Verletzungen
-des Rachens ein, und die ersten »Pestbeulen« finden sich
-dann auch häufig am Halse; d. h. mit andern Worten: in den der
-infizierten Wunde nächstgelegenen Halslymphdrüsen.</p>
-
-<p>Durch neueste Untersuchungen ist es wahrscheinlich gemacht,
-daß von Ratten die Seuche auf den Menschen hauptsächlich durch
-<em class="gesperrt">Flöhe</em> übertragen wird; dafür sprechen manche Erfahrungstatsachen;
-vereinbar damit ist z. B. die schon erwähnte Seltenheit der Erkrankung<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-bei Europäern, die in reinlichen Wohnungen leben und sich
-vor Ungeziefer überhaupt schützen, ferner auch die sicherstehende
-Tatsache, daß einen relativen Schutz gegen die Seuche auch die
-unter günstigen hygienischen Bedingungen lebenden vornehmen
-Kasten der indischen Bevölkerung genießen, endlich die Feststellung,
-daß weitaus die meisten Pestbubonen an den Oberschenkeln sitzen
-und dadurch auf Eindringen der Krankheitskeime an den Beinen
-hindeuten: es ist ja einleuchtend, daß Flöhe, die von den verendeten
-Ratten auf den Menschen übergehen, meist zunächst auf die unbekleideten
-Beine gelangen und daher am häufigsten auch hier zuerst
-stechen werden.</p>
-
-<p>Die Bekämpfung der Pest bei der armen eingeborenen Bevölkerung
-Indiens muß vorläufig auf die größten Schwierigkeiten stoßen,
-da sie nach dem eben Gesagten wesentlich in der Hebung der hygienischen
-Verhältnisse im allgemeinen beruhen müßte. In dieser Hinsicht
-ist aber von der näheren Zukunft wohl noch nicht viel Gutes zu
-erwarten.</p>
-
-<p>Zur Verhütung der Gefahr einer <em class="gesperrt">Einschleppung</em> der Seuche
-nach Europa dienen strenge Maßnahmen, die sich namentlich auf eine
-scharfe Kontrolle aller aus pestverdächtigen Gegenden kommenden
-Schiffe erstrecken. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Möglichkeit
-einer Verbreitung der Seuche durch pestkranke Ratten gerichtet.
-Hier kommen als Schutzmaßregeln zunächst wieder Vorkehrungen
-in Betracht, die das Eindringen von Ratten an Bord
-von Schiffen in pestverseuchten Häfen unmöglich machen sollen.
-Weiterhin hat man als radikalste und beste Methode die Vernichtung
-sämtlicher in den Schiffsräumen befindlichen Ratten durch Entwickelung
-giftiger Gase mit Erfolg versucht.</p>
-
-<p>Sollte trotz aller Vorsicht einmal ein Pestfall nach Deutschland
-eingeschleppt werden, so wird der Umfang der dadurch entstehenden
-Gefahr in erster Linie von der Schnelligkeit abhängen, mit der die
-Krankheit erkannt wird. Gelingt es, den betreffenden Patienten
-zu isolieren, bevor er seine Umgebung angesteckt hat, so wird die
-Gefahr unterdrückt werden können. In erster Linie dienen diesem
-Zwecke sogenannte Pestlaboratorien, die im Anschluß an größere
-hygienische und andere staatliche Institute, die sich mit der Erforschung
-der Infektionskrankheiten beschäftigen, in über 20 deutschen Städten
-vorhanden sind. Für die Einrichtung und den Betrieb dieser Laboratorien
-bestehen besonders strenge und genaue Vorschriften, denn
-bei der Gefährlichkeit des Pestbazillus ist selbst das wissenschaftliche<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-Arbeiten mit dem Keim mit vergleichsweise großen Gefahren verknüpft;
-man braucht z. B. nur an die Möglichkeit zu denken, daß
-eine zu diagnostischen Zwecken mit Pestmaterial geimpfte Ratte
-aus ihrem Käfig entwischte; dies könnte den Anlaß zu einer Pestseuche
-zunächst unter den Ratten geben, die dann aber unter unglücklichen
-Bedingungen auch auf die Menschen überspringen könnte. Auch sind
-einige sehr traurige Fälle, in denen Ärzte sich beim Arbeiten mit
-Pestbazillen eine tödliche Infektion zuzogen, ja allgemein bekannt
-geworden und noch in lebhafter Erinnerung.</p>
-
-<p>In Gegenden, in denen die Pest heimisch, »endemisch« ist, hat
-man mit Erfolg, besonders bei Soldaten, Schutzimpfungsverfahren
-angewendet, die meist in der Injektion kleiner Mengen abgetöteter
-Reinkulturen des Pestbazillus bestanden und sich nach den Berichten
-bewährt haben. Neuerdings sollen auch günstige Erfolge durch
-Schutzimpfung von Menschen mit lebenden, avirulenten Pestkulturen
-erzielt sein. Erwähnt sei noch, daß vom Institut <em class="gesperrt">Pasteur</em>
-in Paris mittels eines langwierigen Vorbehandlungsverfahrens
-von Pferden ein Antipestserum hergestellt wird. Bei dem letzten
-unliebsamen Besuche, den die Pest vor wenigen Jahren in Europa
-machte &ndash; es handelte sich um eine in Oporto im Jahre 1899 ausgebrochene
-Epidemie &ndash;, hat sich dieses Serum, wenn auch nicht als
-ein sicheres Rettungsmittel, so doch als ein wertvolles Hilfsmittel
-erwiesen: die Sterblichkeit der mit dem Serum behandelten an
-Pest Erkrankten betrug nur 14,8% gegenüber einer solchen von
-63,7% bei den unbehandelten.</p>
-
-<h3>Die asiatische Cholera.</h3>
-
-<p>Das Krankheitsbild der asiatischen Cholera ist je nach der Schwere
-der Erkrankung wechselnd. Im Vordergrunde der Erscheinungen
-stehen Durchfall und Erbrechen, häufig sind Wadenschmerzen. Die
-Stimme wird heiser, hoch, klanglos, die Haut blaß, kühl. Die Körpertemperatur
-sinkt &ndash; im Gegensatz zu den meisten anderen Infektionskrankheiten,
-die mit Temperatursteigerungen zu verlaufen pflegen &ndash;,
-der Tod kann in wenigen Stunden eintreten. Er tritt in schweren
-Fällen regelmäßig innerhalb zwei Tagen ein. Eine schreckliche Eigentümlichkeit
-der Krankheit ist es, daß das Bewußtsein bis in das letzte
-Stadium hinein erhalten zu bleiben pflegt. In leichteren Fällen sind
-alle diese Erscheinungen nur in geringerem Grade vorhanden, und
-es tritt Genesung ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p>
-
-<p>Im Jahre 1883 ging <em class="gesperrt">Robert Koch</em> als Führer einer vom Deutschen
-Reiche ausgerüsteten Expedition nach Ägypten, um an der dort
-herrschenden Epidemie womöglich die Ursache der Krankheit aufzuklären.
-Der Erfolg der Expedition war glänzend: <em class="gesperrt">Koch</em> wies in
-dem Choleravibrio oder Kommabazillus den Erreger der furchtbaren
-Seuche nach. Es handelt sich um ein kleines, leicht gekrümmtes,
-lebhaft bewegliches Bakterium, das seiner Form nach zu der Klasse der
-Vibrionen gehört, und das sich in enormen Mengen im Darm Cholerakranker
-findet. Die Reinkulturen dieses kleinen Lebewesens sind von
-denen ungefährlicher ähnlicher Arten mit Sicherheit zu unterscheiden.</p>
-
-<p>Die Verbreitung der Keime erfolgt, wie sich nach dem Gesagten
-schon ergibt, ganz wesentlich durch
-Vermittlung der diarrhöischen Darmentleerungen
-der Erkrankten. Gelangen
-diese ohne besondere Vorsichtsmaßregeln
-in Flußläufe, so können darin die Choleravibrionen
-einige Zeit am Leben bleiben
-und unter ungenügenden hygienischen
-Bedingungen, besonders also in unkultivierten
-Ländern, wieder zu neuen Infektionen
-führen, vor allem dann, wenn
-das infizierte Wasser ohne Vorsichtsmaßnahmen
-als Trinkwasser verwendet
-wird. &ndash; In zivilisierten Ländern wird
-man zunächst jeden Cholerakranken zu
-isolieren trachten, sodann vor allem für
-die Vernichtung aller (mit den Darmentleerungen und dem Erbrochenen)
-ausgeschiedenen Keime durch Desinfektion der Entleerungen
-und der Wäsche der Kranken sorgen.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb23">
-<img src="images/abb-23.jpg" alt="Abb. 23" />
-<div class="caption">Abb. 23.<br />
-Cholera-Vibrio, Reinkultur, Abstrichpräparat.
-»Kommaförmige«
-Bakterien.</div>
-</div>
-
-<p>In der jüngsten Zeit hat sich herausgestellt, daß auch bei der
-<em class="antiqua">Cholera asiatica</em>, ähnlich wie beim Typhus, die Gefahr der Ausbreitung
-dadurch erhöht wird, daß in seltenen Fällen Individuen,
-die keine Cholerasymptome zeigen oder gezeigt haben, Choleravibrionen
-in ihrem Darminhalt beherbergen und mit demselben
-ausscheiden können. Es ist einleuchtend, daß ein solcher »Cholerabazillenträger«
-besonders gefährlich für die Verschleppung der
-Seuche sein kann, weil man nur durch umständliche Untersuchungsverfahren,
-die sich unmöglich auf eine größere Zahl von Menschen
-ausdehnen lassen, die Bazillenträger feststellen kann. Auch bei
-einer sorgfältigen Kontrolle des Eisenbahn- und Flußverkehrs wird<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-man beispielsweise immer nur die wirklich <em class="gesperrt">Kranken</em> an der Überschreitung
-der Grenze und Verschleppung der Seuche hindern können.
-»Bazillenträger« sollen übrigens nach den amtlichen Berichten bei
-der zurzeit (1909) in Petersburg herrschenden Epidemie ungemein
-häufig angetroffen worden sein und sollen wesentlich dazu beigetragen
-haben, daß die Unterdrückung der Seuche nicht gelingen will.</p>
-
-<p>Ein wirksames <em class="gesperrt">Heil</em>serum gegen die asiatische Cholera besitzen
-wir vorläufig nicht, dagegen haben Versuche, den Menschen durch
-Impfung mit abgetöteten oder auch avirulenten lebenden Reinkulturen
-vor der Infektionsgefahr zu schützen, ermutigende Erfolge
-gehabt. Sie kommen natürlich ausschließlich für Cholerazeiten
-in Betracht und werden besonders große Bedeutung z. B. für den
-Schutz größerer Truppenabteilungen in verseuchten Ländern besitzen,
-unter Umständen also, unter denen die Maßnahmen der
-Hygiene nicht durchführbar sind. Immerhin kann das Schutzimpfungsverfahren
-auch für weitere Kreise praktische Bedeutung
-gewinnen, wenn wider Erwarten trotz aller Schutzmaßnahmen unserer
-Behörden die Seuche auch bei uns noch einmal einfallen sollte.</p>
-
-<p>Weitaus am einfachsten und nach unseren Erfahrungen durchaus
-sicher ist diejenige Schutzmaßnahme, die jeder Einzelne in Zeiten einer
-Choleraepidemie zu treffen hat, um der Krankheit zu entgehen:
-Er hat sorgfältig zu vermeiden, daß Choleravibrionen in seinen
-<em class="gesperrt">Mund</em> und von da aus in den Darmkanal geraten; abgesehen von
-allgemeiner großer Reinlichkeit wird man dazu in solchen Zeiten
-ausschließlich nötig haben, alle irgendwie verdächtigen Speisen zu
-vermeiden. Am zweckmäßigsten wird man also in Cholerazeiten
-den Genuß von rohem Obst und ungekochtem Wasser ganz unterlassen
-und überhaupt ausschließlich gekochte oder gründlich gebratene
-Speisen zu sich nehmen. Daß diese einfachen und naheliegenden
-Mittel sehr wirksamen Schutz gewähren, beweist die schon
-erwähnte Tatsache, daß die Ärzte, die während der Hamburger
-Epidemie der Infektion ständig ausgesetzt waren, allein durch ihre
-Anwendung von der Seuche so gut wie verschont geblieben sind.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span></p>
-
-<h2 id="Kapitel_VII">Kapitel VII.</h2>
-
-<div class="h2desc">
-
-<p>Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas, die durch Stäbchenbakterien
-hervorgerufen werden: Diphtherie. &ndash; Tetanus. &ndash; Influenza.
-&ndash; Keuchhusten. &ndash; Unterleibstyphus. (Mit einer Anmerkung
-über Nahrungsmittelvergiftungen durch Bakterien.)</p></div>
-</div>
-
-<h3>Diphtherie.</h3>
-
-<p>Die Diphtherie war nach der Unterdrückung der Pocken in unserem
-Lande wohl mit Recht eine der am meisten gefürchteten Krankheiten
-des kindlichen Alters, bis sie dank dem Diphtherie-Heilserum viel
-von ihrem Schrecken verlor. Die Krankheit beginnt nach einer
-gewöhnlich nur 2&ndash;5 Tage dauernden Inkubationszeit mit Fieber,
-Kopf- und Halsschmerzen und Schluckbeschwerden. Diese letzteren
-beruhen auf der wichtigsten krankhaften
-Veränderung, die der Diphtheriebazillus
-verursacht, nämlich auf der Bildung von
-eigentümlichen bräunlichgrauen Auflagerungen
-(Pseudomembranen) auf den entzündeten
-Schleimhäuten des Rachens und
-der oberen Luftwege, der Mandeln, des
-Kehlkopfes, seltener der Nase. Diese
-Pseudomembranen können, wenn sie
-sehr umfangreich werden, selbst die Atmung
-erschweren, ja vollständig unterdrücken
-und dadurch zu Erstickungsgefahr
-führen, der der Arzt in besonders schweren
-Fällen nur durch einen Luftröhrenschnitt
-begegnen kann. Aber auch nach dem
-Überstehen der ersten lokalen Krankheitserscheinungen können später
-noch nach Wochen von diesen ganz verschiedene und zuweilen sehr
-ernste Komplikationen sich einstellen, die in Lähmungen bestimmter
-Nerven bestehen.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb24">
-<img src="images/abb-24.jpg" alt="Abb. 24" />
-<div class="caption">Abb. 24.<br />
-Reinkultur von Diphtheriebazillen.
-Abstrichpräparat.</div>
-</div>
-
-<p>Die Ursache der schlimmen Krankheit wurde im Jahre 1887
-von <em class="gesperrt">Loeffler</em>, einem Schüler <em class="gesperrt">Kochs</em>, entdeckt:</p>
-
-<p>Der Erreger der Diphtherie ist ein kleines unbewegliches
-Stäbchenbakterium, das eine eigentümliche Form und in größeren
-Verbänden eine charakteristische Anordnung zeigt (<a href="#abb24">Abb. 24</a>) und
-das sich in den erwähnten Pseudomembranen in sehr großen
-Mengen vorfindet. Die einzelnen Bazillen sind sehr schlank,
-häufig ein wenig gekrümmt, und besitzen leichte kolbige oder<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-knopfförmige Anschwellungen an einem oder an beiden Enden,
-die sich schon bei der Färbung mit den gebräuchlichen Anilinfarben,
-besonders aber bei Anwendung besonderer Methoden, intensiver
-färben als die Mitte. Dieses Stäbchen vermag hochwirksame
-<em class="gesperrt">Toxine</em> abzusondern, die sowohl für die lokalen Erscheinungen
-als auch für die späteren, schon erwähnten sogenannten postdiphtherischen
-Lähmungen die Ursache abgeben.</p>
-
-<p>Die Ansteckung erfolgt in der Regel durch direkte Übertragung
-vom Kranken auf den Gesunden; doch wird auch in diesem Falle
-die Sachlage dadurch kompliziert, daß Diphtherie-Rekonvaleszenten
-noch wochen-, ja monatelang nach der Überstehung der Krankheit
-lebende und infektionstüchtige Diphtheriebazillen in ihrem Rachen
-beherbergen und dadurch zur Verbreitung der Krankheit beitragen
-können. Bei systematischen Untersuchungen, z. B. bei der Untersuchung
-sämtlicher eine Schule besuchenden Kinder, hat man mehrfach
-echte Diphtheriebazillen auch im Rachen von Kindern nachgewiesen,
-die an der Krankheit weder im Augenblick litten, noch
-nachweislich gelitten hatten. Diese Freistellungen lassen den Versuch,
-durch allgemeine prophylaktische Maßnahmen die Verbreitung der
-Krankheit zu unterdrücken, als ungemein schwierig erscheinen;
-trotzdem lehrt die Erfahrung, daß diesen Vorbeugungsmaßregeln,
-wie z. B. rechtzeitigem Schluß der Schulen bei Ausbruch von
-Epidemien, eine große Bedeutung zukommt, wenn sie in sachgemäßer
-Weise gehandhabt werden.</p>
-
-<p>Auch heute noch ist die Diphtherie mit Recht eine gefürchtete
-Krankheit, aber sie hat doch ihren schlimmsten Schrecken verloren,
-seit <em class="gesperrt">v. Behring</em> in dem Diphtherie-Heilserum ein wirksames und
-zuverlässiges Heilmittel für die Krankheit entdeckt hat.</p>
-
-<p>Die Wirkung des Heilserums beruht auf dessen Gehalt an spezifischen
-Antitoxinen (vgl. Kap. III), die imstande sind, die Wirkung
-der Toxine des Diphtheriebazillus aufzuheben. Man kann dieses
-Heilserum auch mit Erfolg zum <em class="gesperrt">Schutze</em> eines noch gesunden, aber
-der Ansteckungsgefahr ausgesetzten Menschen verwenden, und
-<em class="gesperrt">v. Behring</em> selbst hat solche Verwendung in ausgedehntem Maße
-auch früher befürwortet. Dagegen spricht aber der Umstand, daß
-eine solche Schutzwirkung einer Heilseruminjektion nur eine auf
-wenige Wochen beschränkte Dauer hat, weil nach dieser Zeit die
-Antitoxine aus dem Körper des so vorbehandelten Menschen wieder
-verschwunden sind. Man würde also sehr häufiger Wiederholungen
-der Seruminjektionen bedürfen, wenn man einen dauernden Schutz<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-erzielen wollte, und, abgesehen von der Umständlichkeit eines solchen
-Verfahrens, verbietet sich dies auch noch aus gewichtigen anderen
-Gründen, deren vornehmster in der Schädlichkeit wiederholter Einspritzungen
-artfremden Serums für den menschlichen Körper besteht.</p>
-
-<p>Die Anwendung des Diphtherieserums wird deshalb in erster Linie
-zu Heilzwecken, nur in besonderen Fällen zu Schutzzwecken erfolgen
-dürfen. Die Heilwirkung des Mittels aber tritt um so sicherer und
-ergiebiger ein, je rascher nach dem Beginn der Erkrankung die Injektion
-erfolgte. Die frühzeitige Erkennung des Charakters einer diphtherischen
-Erkrankung ist also von der größten Bedeutung. In sehr frühen
-Stadien, in denen es zur Bildung deutlich sichtbarer Pseudomembranen
-noch nicht gekommen ist, vermag oft der Nachweis der
-echten Diphtheriebazillen im Rachen des verdächtig Erkrankten
-die Diagnose der Diphtherie zu sichern. Dieser Nachweis kann
-zuweilen schon durch die mikroskopische Untersuchung eines Ausstrichpräparates
-vom Rachenschleim erbracht werden. Meist erfordert
-er aber die Anlegung von Kulturen, die auf einem von <em class="gesperrt">Löffler</em>
-angegebenen, besonders geeigneten Nährboden schon nach etwa
-6 Stunden bei Brüttemperatur auskeimen. Die Kürze der Zeit,
-die der Diphtheriebazillus zu seiner Vermehrung auf diesem Nährboden
-braucht, ist für die frühzeitige Erkennung von Krankheitsfällen
-von sehr günstigem Einfluß. Freilich kommen die Vorteile
-dieser Methode vorläufig nur den Bewohnern größerer Städte zugute,
-die gut eingerichtete bakteriologische Untersuchungsanstalten besitzen.</p>
-
-<h3>Der Tetanus oder Wundstarrkrampf.</h3>
-
-<p>Der Wundstarrkrampf ist eine in verschiedenen Fällen sehr verschieden
-schwer verlaufende Erkrankung, die zustande kommt, wenn
-&ndash; gewöhnlich bei schweren Verletzungen, Knochenbrüchen mit
-Weichteilzerreißung, Quetschungen usw. &ndash; zusammen mit gröberen
-Verunreinigungen, Schmutz, Gartenerde, Staub, auch Tetanusbazillen
-in die Tiefe der Gewebe gelangen, diese so sehr verbreiteten
-Keime, von denen wir oben (S. 30 u. 32) schon gesprochen haben. In
-seltenen Fällen kann eine Tetanusinfektion auch im Anschluß an
-eine Geburt &ndash; von den Wunden der Geburtswege aus &ndash; erfolgen,
-aber immer nur dann, wenn grobe Unreinlichkeit vorgelegen hat.
-Charakteristisch für das Krankheitsbild sind Krampfzustände von
-zunehmender Häufigkeit, Ausdehnung und Schwere.</p>
-
-<p>Der Tetanusbazillus, der zuerst von <em class="gesperrt">Kitasato</em> rein gezüchtet
-wurde, ist ein sehr verbreiteter, anaërober Bazillus, der Eigenbewegungen<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-besitzt und endständige Sporen bildet. Seine krankmachenden
-Eigenschaften beruhen auf der Bildung von Toxinen,
-die er auch in Kulturen produziert. Diese Toxine vermögen auch
-im Tierversuch Tetanus auszulösen und sind ganz außerordentlich
-wirksam, so daß minimale Mengen von Tetanus-Kulturfiltraten
-den Tod empfänglicher Versuchstiere unter den charakteristischen
-Erscheinungen des Wundstarrkrampfes herbeiführen.</p>
-
-<p>Es ist gelungen, ein dem Diphtherieserum in seiner Wirkungsweise
-ähnliches Tetanusserum zu gewinnen, doch ist leider dessen
-Wirksamkeit nicht ausreichend, um den einmal ausgebrochenen
-Starrkrampf noch sicher zu heilen. Dagegen wird neuerdings berichtet,
-daß die Injektion verhältnismäßig kleiner Mengen des
-spezifischen Serums einen sicheren Schutz gegen den Ausbruch des
-Tetanus bei Leuten gewährt, die durch verunreinigte schwere Verletzungen
-in erheblichem Grade der Gefahr der Erkrankung an Wundstarrkrampf
-ausgesetzt sind.</p>
-
-<h3>Influenza.</h3>
-
-<p>Man bezeichnet in Laienkreisen und freilich vielfach auch in ärztlichen
-Kreisen mit »Influenza« oder »Grippe« häufig allerhand
-leichtere oder schwerere Erkrankungen, die mit Katarrhen der oberen
-Luftwege einhergehen. Man sollte im engeren Sinne aber diesen
-Namen nur auf eine ganz bestimmte, durch ihre enorme Ausbreitungstendenz
-charakterisierte, ausgesprochen epidemische Krankheit beschränken.
-Nur für diese gelten die folgenden Angaben. Die Krankheitserscheinungen
-bestehen in starken Kopfschmerzen und Kreuzschmerzen,
-großer Mattigkeit, Erscheinungen, die alle auffallend
-plötzlich einsetzen und sofort ein starkes Krankheitsgefühl auslösen.
-Dazu kommen in den leichteren Fällen Katarrhe der oberen Luftwege,
-die aber in schwereren Fällen, namentlich bei älteren Leuten,
-zu gefährlichen, ja tödlichen Lungenentzündungen führen können.</p>
-
-<p>Die Ursache der Influenza wurde von <em class="gesperrt">R. Pfeiffer</em> im Jahre 1892
-in einem ganz außerordentlich kleinen Stäbchenbakterium entdeckt,
-dessen Reinzüchtung nur bei Körpertemperatur und ausschließlich auf
-Nährböden gelang, die entweder Blut oder anderes, nichtkoaguliertes
-Körpereiweiß enthielten. Der Influenzabazillus erliegt außerhalb
-des Körpers rasch der Eintrocknung und wird ohne Zweifel ganz
-wesentlich durch direkte Übertragung von Mensch zu Mensch gefährlich.</p>
-
-<p>Diese Übertragung erfolgt in erster Linie durch die beim Husten
-verstreuten feinsten bazillenhaltigen Tröpfchen unmittelbar, oder,<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-wohl seltener, mittelbar, durch sogenannte Kontaktinfektion (Kontakt
-= lateinisch Berührung), wenn nämlich bazillenhaltiger Auswurf
-auf irgendeine Weise durch Unreinlichkeit verschleppt wird,
-und so rasch, daß zur Eintrocknung keine Zeit ist, in die oberen Luftwege,
-vor allem in den Mund, eines gesunden Individuums gelangt.</p>
-
-<p>Dieser direkten Übertragung von Mensch zu Mensch entspricht
-die außerordentlich rasche Verbreitung der Seuche in den Kulturländern,
-die genau den großen Verkehrswegen, speziell den großen
-Eisenbahnlinien, folgt und vorläufig wohl allen Schutzmaßnahmen
-trotzt. An ein Absperren der Grenzen gerade gegen diese Krankheit
-ist kaum zu denken, vor allem mit Rücksicht auf relativ leichte Fälle,
-die nicht erkannt werden, und so kann man gerade gegenüber der
-echten Influenza nach dem heutigen Stande unseres Wissens in
-der Tat eine sicher wirksame Schutzmaßnahme nicht angeben. Man
-kann nur für den Fall neuen Auftretens einer Epidemie besonders
-allen weniger widerstandsfähigen älteren und kränklichen Leuten
-empfehlen, den Verkehr mit allen irgendwie der Infektion Verdächtigen
-zu vermeiden, wobei dann freilich die Entscheidung, wer
-der Infektion verdächtig ist, so schwer ist, daß man sich am besten
-vollständig gegen die Außenwelt abschlösse, ein Verhalten, das nur
-den wenigsten Menschen möglich ist. Daß eine solche Vorsicht von
-Erfolg begleitet sein kann, ergibt sich beispielsweise aus der Beobachtung,
-daß bei Epidemien, die so gut wie niemand verschonten,
-sogenannten Pandemien, z. B. einzelne Klöster vollständig frei
-von Fällen der Seuche blieben.</p>
-
-<h3>Keuchhusten.</h3>
-
-<p>Jedermann in unserem Klima kennt die für kleine Kinder so
-außerordentlich ansteckende quälende Krankheit, die wegen der
-ungemein heftigen Hustenanfälle den Namen Keuchhusten trägt, und
-die, wenn auch im allgemeinen nicht gerade das Leben bedrohend,
-doch durch ihre lange Dauer außerordentlich schädlich und namentlich
-für ganz kleine Kinder nicht unbedenklich ist. Die große Ansteckungsgefahr
-bei dieser Krankheit ist ja allgemein bekannt. Die Verbreitung
-erfolgt entweder durch direkte Berührung, etwa beim
-Küssen, oder auch durch die beim Husten verspritzten Tröpfchen,
-die ihrerseits wieder entweder eingeatmet werden können oder
-auf Umwegen in den Mund und in die oberen Luftwege gesunder
-Kinder gelangen. Der Verbreitung der Krankheit läßt sich ausschließlich<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-durch die möglichst frühzeitige Isolierung der erkrankten
-Kinder bis zu einem gewissen Grade vorbeugen.</p>
-
-<p>Während mehrfache Versuche, den Krankheitserreger zu finden,
-zu unbestrittenen Ergebnissen nicht geführt hatten, scheint es jetzt,
-daß es den belgischen Forschern <em class="gesperrt">Bordet</em> und <em class="gesperrt">Gengou</em> vor zwei
-Jahren endlich gelungen ist, den Keuchhustenerreger in einem sehr
-kleinen und nur schwer in Kulturen zu gewinnenden Stäbchenbakterium
-zu entdecken. Eine erhebliche Stütze für die Ansicht,
-daß dieses Bakterium der spezifische Krankheitskeim ist, liegt in der
-Feststellung, daß das Serum von Rekonvaleszenten häufig spezifische
-Antikörper gerade gegen diesen Bazillus aufweist. Wie weit man
-danach zu der Hoffnung berechtigt ist, daß es in absehbarer Zeit
-gelingen wird, auch ein Heilserum für die Krankheit zu gewinnen,
-das ist vorderhand nicht abzusehen.</p>
-
-<h3>Typhus.</h3>
-
-<p>Wegen der Schwere der Krankheitserscheinungen und der Zahl
-der Opfer, auch wegen der großen Schwierigkeiten, die seine Bekämpfung
-auch heute noch der ärztlichen Wissenschaft bereitet,
-gehört der Unterleibstyphus zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten
-unseres Klimas.</p>
-
-<p>Das Krankheitsbild ist in den schwereren Fällen meist sehr charakteristisch.
-Nach erfolgter Übertragung des Ansteckungsstoffes pflegt
-eine Inkubationszeit von etwa 2 Wochen Dauer zu verstreichen,
-gegen deren Ende sich unbestimmte und zunächst geringfügige
-Krankheitserscheinungen einstellen, vor allem Mattigkeit, Unlust zur
-Arbeit, Appetitlosigkeit, leichte Kopfschmerzen. Ganz allmählich
-pflegen die Erscheinungen schwerer zu werden, die Temperatur
-steigt mehr und mehr an. Erscheinungen von seiten des Darmkanals,
-zunächst gewöhnlich Stuhlverhaltung, dann Durchfälle,
-stellen sich ein, dazu kommt neben gänzlicher Appetitlosigkeit quälender
-Durst und im weiteren Krankheitsverlauf bei besonders schweren
-Fällen kürzere oder längere Bewußtseinsstörungen mit allen ihren
-peinlichen Folgezuständen. Meist erst nach mehrwöchiger Krankheit
-gehen die Erscheinungen langsam zurück, das Fieber läßt nach,
-und endlich tritt die Rekonvaleszenz ein, die nicht selten noch durch
-Rückfälle unterbrochen wird. Nicht ganz selten führen aber diese
-schweren Fälle, trotz aller ärztlichen Bemühung, zum Tode.</p>
-
-<p>Um so merkwürdiger mag es auf den ersten Blick erscheinen,
-daß neben schweren auch leichtere, ja, wie man seit kurzem weiß,<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-gar nicht selten auch allerleichteste Formen von Typhuserkrankung
-vorkommen, die sehr oft von dem Betroffenen selbst gar nicht als
-Krankheit, geschweige denn als Typhuserkrankung im besonderen
-erkannt werden.</p>
-
-<p>Die Ursache des Prozesses ist der Typhusbazillus, der zuerst von
-<em class="gesperrt">Eberth</em> im Jahre 1880 gesehen, dann im Jahre 1884 von <em class="gesperrt">Gaffky</em>
-zuerst gezüchtet und genauer in seinen Eigenschaften erforscht wurde.
-Es handelt sich um ein kleines, sehr lebhaft bewegliches Stäbchen,
-das diese Beweglichkeit einer größeren Anzahl von Geißeln verdankt,
-und das die Eigenschaft der Sporenbildung nicht besitzt.
-Dieses Stäbchen findet sich in allen Typhusfällen in großen Mengen
-im Darminhalt und in der krankhaft veränderten Darmwand,
-ferner aber auch im Blute der Kranken
-und in deren Organen. Anfänglich
-machte seine sichere Erkennung große
-Schwierigkeiten, da sich im Darm regelmäßig
-normalerweise Bazillen finden, die
-den Typhusbazillen, äußerlich wenigstens,
-ähnlich sehen, die sog. Kolibazillen. Man
-lernte aber bald auf Grund der chemischen
-Leistungen die beiden Bakterienarten sicher
-und rasch zu unterscheiden, noch leichter
-und schneller gelingt heute die Unterscheidung
-auf Grund der spezifischen Seroreaktion,
-die im Kapitel III besprochen
-wurde. &ndash; Zur Feststellung des typhösen Charakters eines verdächtigen
-Krankheitsfalles wird neuerdings als einfachstes Mittel
-der Nachweis der Typhusbazillen im Blute herangezogen. Einige
-Kubikzentimeter des einer Armvene entnommenen Blutes werden
-mit Agar vermischt zu Plattenkulturen verarbeitet. Schon vor
-Ablauf eines Tages entwickeln sich dann bei Brüttemperatur nahezu
-regelmäßig große Kolonien des Typhusbazillus mit sehr charakteristischen
-Eigenschaften, &ndash; vorausgesetzt, daß man es mit einem
-Falle von echtem Typhus zu tun hatte.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb25">
-<img src="images/abb-25.png" alt="Abb. 25" />
-<div class="caption">Abb. 25.<br />
-Typhusbazillen; Abstrich von
-einer Reinkultur.</div>
-</div>
-
-<p>Da die erste und wesentlichste Ansiedelung der Typhusbazillen
-im Darm erfolgt, ist es wahrscheinlich, daß sie immer vom Mund
-aus in den Körper eindringen. Vereinzelte Typhusfälle, die hier
-oder da auftreten, beispielsweise Erkrankung des Pflegepersonals
-in großen Krankenhäusern, sind ohne Zweifel darauf zurückzuführen,
-daß Typhusbazillen aus den Ausscheidungen eines Kranken<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-auf irgendeinem Wege mit den Nahrungsmitteln oder mit der
-Hand in den Mund des Gesunden gelangt sind. Nicht nur die Darmentleerungen,
-sondern in sehr vielen Fällen auch der Harn der
-Kranken enthält enorme Mengen der infektiösen Keime, und es
-ist nur zu erklärlich, daß, namentlich in der Umgebung benommener
-Kranker, tausend Möglichkeiten der Kontakt-Infektion gegeben sind.</p>
-
-<p>Neuerdings ist z. B. von Geheimrat <em class="gesperrt">Curschmann</em>, einem der
-erfahrensten Typhuskenner, besonders auf die Rolle der Fliegen
-bei der Verschleppung von Keimen hingewiesen worden; daß diese
-Tiere mit kleinsten Partikelchen der Entleerungen eines Kranken
-Keime verschleppen können, ist von vornherein einleuchtend; man
-hat es aber auch unmittelbar nachweisen können, indem man Fliegen
-aus dem Krankenzimmer eines Typhösen über eine Nähragarfläche
-kriechen ließ und nach einiger Zeit neben anderen Kolonien auch
-solche des Typhuserregers aufgehen sah.</p>
-
-<p>Die wichtigste Maßnahme, die zur Eindämmung der Typhuserkrankungen
-führen kann, ist deshalb wiederum die absolute oder
-doch tunlichste Isolierung des erkrankten Menschen. Schwerkranke
-sollten immer in Krankenhäusern untergebracht werden, die über
-besondere Isolierstationen verfügen. Von den ganz leichten Fällen
-ist dies selbstverständlich nicht zu verlangen. Unbedingte Erfordernis
-ist aber, daß sämtliche typhusbazillenhaltigen Ausscheidungen sofort
-in besonderen Gefäßen desinfiziert werden. Die neuere Zeit hat
-uns nun gelehrt, daß diese Aufgabe erheblich größer und damit
-schwieriger ist, als man früher wohl annahm, insofern, als sowohl
-die Rekonvaleszenten von schweren Typhusfällen als auch die
-schon erwähnten ganz leicht Erkrankten oft viele Monate hindurch
-die gefährlichen Keime beherbergen und ausscheiden. Bei gutem
-Willen kann nun zwar ein einigermaßen intelligenter Mensch für
-die Vernichtung dieser ausgeschiedenen Bazillen hinreichend sorgen,
-die erste Voraussetzung hierfür ist aber die Erkenntnis seiner Krankheit
-resp. seiner Gefährlichkeit. Um diese bemühen sich besonders die
-Medizinalbeamten und Ärzte und an vielen hervorragend gefährdeten
-Stellen besondere zur Typhusbekämpfung begründete Institute.</p>
-
-<p>Hin und wieder kommt es zu explosionsartig auftretenden Typhusepidemien
-hier oder da. In solchen Fällen hat sich in der Regel
-nachweisen lassen, daß irgendwo durch typhöse Ausscheidungen
-Verunreinigungen einer Trinkwasserquelle erfolgt waren, die dann
-direkt oder nicht selten auch auf einem Umwege zu einer sehr erheblichen
-Verbreitung der Krankheit beigetragen haben. Mehrfach<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-hat sich gezeigt, daß die gemeinschaftliche Ansteckungsquelle für eine
-große Zahl von Typhusfällen in der Milch zu suchen war; die
-Typhusbazillen stammten dann wiederum aus infiziertem Wasser,
-das entweder zur Reinigung der Gefäße oder aber in betrügerischer
-Absicht zur Verdünnung der Milch verwendet worden war. Die
-Anstrengungen der Medizinalbehörden sind deshalb in neuerer
-Zeit auch besonders auf die Bekämpfung des Typhus in den Dörfern
-gerichtet, in denen bisher die Wasserversorgung vielfach noch nicht
-mit der gleichen Schärfe überwacht werden kann als in den Städten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Einige Ähnlichkeit mit dem Unterleibstyphus haben manche
-Fälle von Vergiftungen durch Nahrungsmittel, die mit bestimmten,
-dem Typhusbazillus nahestehenden Bakterien infiziert waren. Es
-mag deshalb hier eine kurze Erörterung dieser und ähnlicher Erkrankungen
-und ihrer Entstehung angeschlossen werden.</p>
-
-<p>Nach dem Genuß <em class="gesperrt">verdorbener</em>, d. h. in Fäulnis übergegangener
-Nahrungsmittel treten oft sehr erhebliche Krankheitserscheinungen,
-in erster Linie heftige Verdauungsstörungen, auf. Die Ursache
-dieser Erkrankungen liegt in der Giftigkeit mancher der bei der
-Fäulnis entstehenden Abbau- oder Zersetzungsprodukte der organischen
-Substanzen, vor allem der Eiweißabbauprodukte. Da die
-Zersetzung auf der Lebenstätigkeit von Bakterien beruht, so kann
-man in gewissem Sinne auch diese Erkrankungen den Spaltpilzen
-auf die Rechnung setzen. Es ist aber einleuchtend, daß es sich dabei
-um etwas ganz anderes handelt als um eine Infektionskrankheit.
-&ndash; Man vermeidet diese Schädlichkeit in der Regel leicht dadurch,
-daß man sich vor dem Genuß aller verdorbenen Nahrungsmittel,
-die durch Aussehen, Geruch und Geschmack ja meist leicht erkennbar
-sind, hütet.</p>
-
-<p>Man hat aber anderseits nach dem Genuß von Nahrungsmitteln,
-die im gewöhnlichen Sinne durchaus nicht verdorben
-waren, mehr oder weniger heftige Erkrankungen auftreten sehen,
-die zuweilen geradezu epidemieartig erschienen, indem sie gleichzeitig
-eine große Anzahl von Personen befielen, die von irgendeiner
-Speise genossen hatten. Dabei handelte es sich teils um Fleischkonserven,
-Wurst, teils auch um Gemüsekonserven, aber auch um
-andere Speisen verschiedener Art. In solchen Fällen ist es bereits
-mehrfach gelungen, die Ursache der Erkrankung in bestimmten
-Bakterienarten nachzuweisen, die sowohl in dem betreffenden
-Nahrungsmittel als auch in den Darmentleerungen der Erkrankten<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-nachgewiesen werden konnten. Bei einzelnen solcher Erkrankungen
-gelang es, die gleichen Bakterien auch im Blute der Patienten
-zu finden. In diesen Fällen haben wir es also mit einem echten
-infektiösen Prozeß zu tun.</p>
-
-<p>Es ist ganz ausgeschlossen, die verschiedenen Krankheitsformen
-und die dabei bisher gefundenen Krankheitserreger hier zu erörtern
-oder auch nur aufzuzählen. Glücklicherweise gehören derartige
-Erkrankungen und besonders derartige Epidemien zu den seltenen
-Vorkommnissen. Da sie aber unter Umständen große Ähnlichkeit
-einerseits mit der asiatischen Cholera, anderseits, wie erwähnt,
-mit dem Typhus aufweisen, so kann ihre richtige Erkennung besonders
-in Zeiten, wo die eine oder andere dieser beiden Krankheiten
-uns bedroht, von großer Wichtigkeit sein. So ist es vorgekommen,
-daß gerade während des Auftretens einzelner Cholerafälle in unsern
-östlichen Provinzen, zu einer Zeit also, in der man eine epidemische
-Verbreitung der Cholera zu befürchten hatte, »explosionsartig«
-eine große Anzahl von Erkrankungen an Brechdurchfall in einer
-Stadt der Provinz Brandenburg auftraten, die einige Beunruhigung
-verursachten, bis die bakteriologische Untersuchung ergab, daß es
-sich um Nahrungsmittelvergiftung durch eine bekannte Bakterienart,
-vor allem also <em class="gesperrt">nicht</em> um Cholera handelte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="Kapitel_VIII">Kapitel VIII.</h2>
-
-<div class="h2desc">
-<p>Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas, die durch Kugelbakterien
-hervorgerufen werden: 1. Die Wundinfektionskrankheiten
-im engeren Sinne und die »Eitererreger«: Staphylokokken als Krankheitserreger.
-&ndash; Streptokokken als Krankheitserreger. &ndash; 2. Gonokokken
-und gonorrhoische Erkrankungen. &ndash; 3. Meningokokken und
-epidemische Genickstarre. &ndash; 4. Die Pneumokokken und die Lungenentzündung.</p></div>
-</div>
-
-<h3>1. Die Wundinfektionskrankheiten im engeren
-Sinne und die »Eitererreger«.</h3>
-
-<p>Man kann sich heute kaum eine Vorstellung davon machen, welche
-gewaltige Bedeutung für die Gesundheit unzähliger Menschen die
-Entdeckung einer kleinen Gruppe von Mikroorganismen hatte, die
-man zuweilen als »<em class="gesperrt">Eitererreger</em>« im engeren Sinne bezeichnet.
-Bevor man diese kleinen tückischen Feinde kannte, und namentlich
-bevor man durch genaue Erforschung ihrer Eigenschaften und ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-Verbreitung auch Mittel fand, sie zu bekämpfen, drangen Eitererreger
-fast regelmäßig in Wunden ein, die durch kleinste Verletzungen
-oder durch Schuß oder Hieb, außerordentlich oft aber
-auch in solche, die durch das Messer des Chirurgen entstanden waren.
-Es kam dann zur Wundeiterung, die die Heilung verzögerte, oft aber
-auch aus einer lokalen zu einer schweren Allgemeinerkrankung wurde
-und nicht selten zum Tode führte.</p>
-
-<p>Als Einfallspforte diente den Keimen sehr häufig auch die große
-Wundfläche, die bei der <em class="gesperrt">Geburt</em> regelmäßig entsteht, und das gefürchtete
-Wochenbettfieber ist nichts anderes als eine Infektion
-der Gebärmutterwunde mit Eitererregern. Es ist eines der
-traurigsten Erinnerungsbilder aus der Geschichte der ärztlichen Bestrebungen,
-das uns vor Augen tritt, wenn wir die für jene
-Zeit leider allgemeiner gültigen Schilderungen des bekannten
-ungarischen Arztes <em class="gesperrt">Philipp Ignatius Semmelweiß</em> aus den
-öffentlichen Gebäranstalten Wiens um die Mitte des vorigen
-Jahrhunderts lesen. Die Sterblichkeit an Wochenbettfieber war
-dort eine ganz kolossale, sie betrug bis zu 40%, und jede Frau,
-die dies irgend konnte, vermied es, ihre schwere Stunde gerade
-in einer der Anstalten zuzubringen, in denen am besten für sie
-gesorgt sein sollte. Die Ursache der hohen Sterblichkeit waren
-eben die Wundinfektionen, deren Keime durch die Hände der
-Ärzte und Studierenden bei ihren Hilfeleistungen selbst von Fall
-zu Fall übertragen wurden. Die Einführung einer einfachen Händedesinfektion
-durch <em class="gesperrt">Semmelweiß</em>, der im übrigen von den richtigen
-Vorstellungen über das Wesen der Krankheitserreger noch weit
-entfernt war, brachte alsbald eine ganz erhebliche Verringerung
-der Sterblichkeit mit sich.</p>
-
-<p>Die ersten umfangreichen Beobachtungen über Mikrokokken im
-Wundeiter stammen von deutschen Ärzten, die während des Krieges
-1870/71 reichliches Beobachtungsmaterial sammeln konnten. <em class="gesperrt">Klebs</em>,
-<em class="gesperrt">Rindfleisch</em>, <em class="gesperrt">v. Recklinghausen</em> u. a. fanden in allen möglichen
-eiternden Wunden kleine Kugelbakterien, die entweder eine kettenförmige
-oder eine weintraubenförmige Anordnung zeigten. In
-der Folgezeit gelang es dann <em class="gesperrt">Robert Koch</em>, den Beweis zu erbringen,
-daß es sich dabei um verschiedene Arten von Mikroorganismen
-handle; es gelang ihm weiterhin, Reinkulturen von ihnen zu gewinnen,
-und es zeigte sich, daß im wesentlichen die kettenförmigen
-oder Streptokokken eine Art bilden, während die traubenförmigen
-oder Staphylokokken eine andere Art darstellen. Die weitere Forschung<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-ergab dann, daß sowohl die Streptokokken als auch die Staphylokokken
-die Ursache von Allgemeininfektionen werden können,
-daß beide Mikroorganismen Herzklappenerkrankungen verursachen
-können, und daß sie auch die Ursache von Krankheiten sind, die entweder
-nachweislich <em class="gesperrt">nicht</em> oder wenigstens nicht <em class="gesperrt">nachweislich</em>
-durch Wundinfektion zuerst entstehen.</p>
-
-<h4>Staphylokokken.</h4>
-
-<p>Staphylokokken finden sich auf den Schleimhäuten und auf der
-Hautoberfläche Gesunder in großer Zahl, doch sind unter ihnen
-verschiedene Unterarten zu unterscheiden, von denen nur einzelne
-krankheiterregende Eigenschaften besitzen. Nur diese letzteren
-interessieren uns hier; sie finden sich bei einer ganzen Reihe teils
-harmloser, teils ernsterer, teils auch schwerster menschlicher Krankheiten.</p>
-
-<p>Zu den harmlosen, durch Staphylokokken verursachten Krankheiten
-gehört der sogenannte Furunkel, eine in Eiterung ausgehende
-Entzündung eines Haarbalgs, die meist unter geeigneter Behandlung,
-in leichtesten Fällen auch ohne solche, zur Heilung kommt,
-ohne dem Erkrankten Schlimmeres als kleine Unannehmlichkeiten
-bereitet zu haben. Ausgebreitete Furunkulose, die durch Infektion
-benachbarter Haarbälge entstehen kann, kann immerhin schon äußerst
-lästig werden. Wichtiger ist zu wissen, daß in seltenen Fällen von einem
-ursprünglich anscheinend harmlosen Furunkel ein Einbruch der
-pathogenen Keime in kleine Blutgefäße erfolgen und eine Allgemeininfektion
-hervorrufen kann, die der Laie gewöhnlich als Blutvergiftung
-bezeichnet. Bekanntlich ist dies ein das Leben in höchstem
-Maße bedrohender Zustand. Es sollte deshalb jeder wissen, daß
-Furunkel unter allen Umständen ärztlicher Behandlung bedürfen,
-ganz besonders bei älteren Leuten. Besonders große und gefährliche
-Furunkel, die sich vorwiegend gerade bei älteren Individuen,
-manchmal aber auch bei jüngeren, entwickeln, bezeichnet man oft
-als Karbunkel.</p>
-
-<p>Die Staphylokokken können in seltenen Fällen die Ursache schwerer,
-ja tödlicher Wochenbettinfektionen werden, sehr häufig verursachen
-sie dann nach dem Eindringen in die Blutbahn Herzklappenerkrankungen.
-Gerade auf den ergriffenen Herzklappen finden sich
-in diesen Fällen dann ganz kolossale Mengen der gefährlichen
-Mikroben, und es kommt gewöhnlich von dort aus zu einer Einschwemmung<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-der Kokken mit dem Blutstrom in die verschiedensten
-Organe; überall, wo sie hingelangen, werden sie die Ursache von
-Eiterungen und damit von mehr
-oder weniger schweren Störungen der
-Organfunktion.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb26">
-<img src="images/abb-26.png" alt="Abb. 26" />
-<div class="caption">Abb. 26.<br />
-Staphylokokken; Ausstrichpräparat
-von einer Reinkultur auf Nähragar;
-weintraubenförmige Anordnung der
-Kokken.</div>
-</div>
-
-<p>Staphylokokken sind auch die Ursache
-einer sehr gefürchteten Krankheit des
-jugendlichen Alters, nämlich der akuten
-Osteomyelitis (Knochenmarkentzündung),
-die glücklicherweise nur selten
-auftritt und auch nicht immer den
-schlimmsten Ausgang nimmt.</p>
-
-<p>Charakteristisch für den Staphylokokkus
-ist nicht sowohl seine Gestalt &ndash;
-es handelt sich um ein sehr kleines,
-unbewegliches Kugelbakterium &ndash; als
-vielmehr die Anordnung der Individuen,
-die sowohl im erkrankten Körper als auch in Kulturen zu
-kleinen und größeren Häufchen vereinigt sind, die oft in ganz
-ausgesprochener Weise weintraubenartige Verbände bilden. Die
-Kulturen sind durch Bildung von
-schönen Farbstoffen ausgezeichnet, die
-bei verschiedenen Unterarten verschieden
-sind; die wichtigsten Unterarten
-sind nach dieser Farbstoffbildung als
-»weiße« und »goldgelbe« Staphylokokken
-bezeichnet.</p>
-
-<div class="figleft p50" id="abb27">
-<img src="images/abb-27.jpg" alt="Abb. 27" />
-<div class="caption">Abb. 27.<br />
-16 Stunden alte Kolonien von
-Staphylokokken auf der Nähragarplatte;
-<em class="antiqua">a</em> natürliche Größe, <em class="antiqua">b</em> etwa
-15fach vergrößert. Oberflächliche Kolonien
-groß, kreisrund, tiefe Kolonien
-klein, wetzsteinförmig.</div>
-</div>
-
-<p>Ein Heilserum gegen Staphylokokkeninfektion
-besitzen wir noch nicht;
-in neuerer Zeit hat man sich &ndash; besonders
-in England &ndash; vielfach bemüht,
-gerade gegen diesen Mikroorganismus
-eine »spezifische Therapie« anzuwenden,
-die nach dem Prinzip der aktiven
-Immunisation in der Einverleibung
-kleinster Mengen abgetöteter Reinkulturen
-(von den englischen Ärzten
-als »<em class="antiqua">Vaccines</em>« bezeichnet) besteht.</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb28">
-<img src="images/abb-28.png" alt="Abb. 28" />
-<div class="caption">Abb. 28.<br />
-Streptokokken; Ausstrichpräparat
-von einer Reinkultur in Nährboullion.</div>
-</div>
-
-<p>Gegen die Infektion mit Staphylokokken
-läßt sich ein allgemeines Schutzmittel<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-nicht angeben. Es versteht sich von selbst, daß derjenige, der
-an einem Furunkel leidet, die Übertragung der mit dem eitrigen
-Sekret ausgeschiedenen Staphylokokken
-auf die Nachbarschaft durch größte Reinlichkeit,
-unter Umständen durch Schutzverbände
-vermeiden muß. Im übrigen
-bedarf jede nicht völlig harmlose Staphylokokkeninfektion
-der Behandlung
-durch den erfahrenen <em class="gesperrt">Arzt</em>, der allein
-über die Größe der Gefahr und über
-die Mittel zu ihrer Bekämpfung urteilen
-kann. Von der größten Bedeutung für
-die Eindämmung der Staphylokokkenerkrankungen
-des Menschen ist die
-Tatsache, daß Operationswunden heutzutage,
-dank den Methoden der modernen
-Chirurgie, vor dem Eindringen der Keime geschützt bleiben.</p>
-
-<h4>Streptokokken.</h4>
-
-<p>Größere Schädlinge noch als die Staphylokokken sind die
-Streptokokken oder Kettenkokken, so genannt wegen ihrer großen
-Neigung, in künstlichen Kulturen und im Gewebe des Körpers
-sich zu kettenförmigen Verbänden anzuordnen (vgl. <a href="#abb28">Abb. 28</a> u. <a href="#abb29">29</a>).</p>
-
-<p>In erster Linie ist der Streptokokkus
-ein Wundinfektionserreger,
-und zwar der schlimmsten einer,
-sei es, daß er in kleine Verletzungen
-der Haut, sei es, daß er in
-die Wunde der Gebärmutter, sei
-es, daß er in die Operationswunde,
-die der Chirurg gesetzt
-hat, eindringt.</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb29">
-<img src="images/abb-29.jpg" alt="Abb. 29" />
-<div class="caption">Abb. 29.<br />
-Streptokokken im Eiter; Kokkenketten im
-Körper von weißen Blutzellen eingeschlossen.</div>
-</div>
-
-<p>Sind Streptokokken in eine
-kleine oberflächliche Hautwunde
-gelangt, so tritt eine Entzündung
-der Wunde ein, die Keime wandern
-häufig mit dem Lymphestrom
-in den Lymphbahnen weiter
-und gelangen in die zugehörigen
-Lymphdrüsen (z. B. die Axeldrüsen<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-bei Entzündungen an der Hand), die nun ebenfalls entzündet werden,
-anschwellen, druckempfindlich werden, in schweren Fällen auch
-vereitern können. Besonders ernst wird der Krankheitszustand,
-wenn die Kokken in die Blutbahn einbrechen, wozu gerade die
-Streptokokken große Neigung haben. Es entsteht dann das schwere
-Symptomenbild der »Blutvergiftung«, die mit hohem Fieber
-unter sehr verschiedenen Erscheinungen verläuft und nicht selten
-zum Tode führt.</p>
-
-<p>Dies ist der glücklicherweise seltenste Ausgang der Streptokokkeninfektion
-einer kleinen Hautwunde. In den meisten Fällen bleibt
-es bei lokalen Entzündungsprozessen in der Nähe der Wunde oder
-wenigstens bei einer mehr oder weniger ausgedehnten Erkrankung
-der zugehörigen Lymphbahnen. Eine solche Entzündung von Lymphbahnen,
-und zwar speziell von ganz oberflächlich gelegenen Lymphbahnen,
-ist die sogenannte »Wundrose« (der »Rotlauf«, mit dem
-griechischen Namen als »Erysipel« bezeichnet), die zunächst nur die
-nächste Umgebung einer kleinen infizierten Wunde befällt: bei
-Erysipel findet man massenhafte Streptokokken in den entzündeten
-oberflächlichen Lymphgefäßen. In der Mehrzahl der Fälle läuft
-unter geeigneter Behandlung die »Rose« gut ab; nur selten schreitet
-sie dieser zum Trotz immer weiter fort und kann dann freilich auch
-das Leben bedrohen.</p>
-
-<p>Ein ganz anderes Bild entsteht, wenn die Streptokokkeninfektion
-die tieferen Weichteile befällt und zu einer sogenannten »Phlegmone«
-oder Zellgewebsentzündung führt. In diesen Fällen sind massenhafte
-Keime in die tiefen Lymphwege und Gewebe eingedrungen,
-es kommt zu ausgedehnter eiteriger Infiltration und meist auch zu
-ausgedehntem Gewebszerfall (»Abszedierung«). Betrifft die
-Zerstörung funktionell wichtige Gewebsteile &ndash; z. B. wichtige
-Muskeln &ndash; so kann hier auch nach der Abheilung des akuten Prozesses
-unter Bildung einer Narbe eine dauernde Schädigung zurückbleiben.</p>
-
-<p>Die besonders gefährlichen und besonders traurigen Streptokokkeninfektionen
-der <em class="gesperrt">Gebärmutter</em> führen teils auf dem Lymphwege
-zu einer Ansteckung des Bauchfelles (Peritonitis), die unter
-allen Umständen sehr ernst anzusehen ist, oder &ndash; in anderen Fällen
-&ndash; zu Einbrüchen in die Blutbahn, damit zu »Blutvergiftung«
-(Sepsis).</p>
-
-<p>Im Verlaufe von Blutvergiftung durch Streptokokken werden
-nun mit Vorliebe die Herzklappen ergriffen, auf denen es zu ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-enormen Wucherungen der kleinen Keime kommen kann. Dadurch
-entsteht dann wieder weiterhin die sehr drohende Gefahr, daß kleine
-Partikel der Klappenauflagerungen, Partikel, die aber wiederum
-schon Hunderte, ja Tausende der Mikroben enthalten können, mit
-dem Blutstrom in die verschiedenen lebenswichtigen Organe verschleppt
-werden und dort &ndash; zunächst in den kleinsten Blutgefäßen,
-den sog. Haargefäßchen (Capillaren) stecken bleiben. Überall, wo
-sie sich ansiedeln, rufen die Streptokokken nun aber wieder Entzündung
-und Eiterung, Einschmelzung des Gewebes und damit
-auch &ndash; je nach der Art des Organs, seinem Bau, seinen Funktionen
-&ndash; schwere Störungen hervor.</p>
-
-<p>Selbst derartige ungemein schwere Krankheitsprozesse können
-aber ausheilen, freilich nur in der Weise, daß überall da, wo Einschmelzung
-des Gewebes stattgehabt hat, ein Ersatz des Verlorenen
-durch Narbengewebe statthat.</p>
-
-<p>Die Herzklappenerkrankung selbst kann häufig zu dauernden
-Störungen der Funktion dieser für die Blutzirkulation so sehr wichtigen
-Gebilde &ndash; zur Ausbildung eines Herzfehlers &ndash; führen.</p>
-
-<p>Aber auch damit ist die gefährliche Rolle der Streptokokken noch
-lange nicht erschöpft. Vor allem muß noch erwähnt werden, daß
-im Verlauf der Infektion mit diesen Mikroorganismen auch nicht
-selten Erkrankungen der Nieren auftreten, die auf lösliche Gifte
-des Streptokokkus zurückzuführen sind, und die nicht selten zu
-schwerem Siechtum und schließlich zum Tode führen.</p>
-
-<p>Noch rätselhaft in vieler Beziehung sind weiter Streptokokken-Erkrankungen,
-die nicht wie die bisher erörterten auf Wundinfektion
-zurückzuführen sind. So z. B. Halsentzündungen (Anginen), die
-durch die kleinen Keime &ndash; oft allem Anschein nach im Anschluß an
-»Erkältungen« &ndash; hervorgerufen werden, die weiterhin teils zu
-phlegmonösen Prozessen, teils (selten) zu Blutvergiftung führen
-können, die aber auch Nierenentzündungen der erwähnten Art im
-Gefolge haben können.</p>
-
-<p>Endlich ist zu erwähnen, daß Streptokokken sich nicht selten in
-Krankheitsherden anderer Herkunft nachträglich (»sekundär«) ansiedeln
-können, so z. B. bei Lungentuberkulose, wo sie häufig eine
-sehr verderbliche Rolle spielen.</p>
-
-<p>Mit dem hier Angeführten sollte keineswegs der Versuch gemacht
-sein, die Rolle der Streptokokken als Feinde des Menschen zu erschöpfen;
-es sollte nur ungefähr ein Bild von der Vielseitigkeit ihrer
-pathogenen Fähigkeiten gegeben werden. Diese außerordentlich<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-große Buntheit der Krankheitsbilder hat auf die ätiologische Erforschung
-der Streptokokkenerkrankungen Einfluß gehabt: bei all
-den verschiedenen Krankheiten fand man durchaus ähnliche, durch
-die Bildung von Ketten und gewisse färberische Eigentümlichkeiten
-abgezeichnete Mikrokokken. Man konnte sich lange Zeit auch in den
-Kreisen der wissenschaftlich forschenden Ärzte nicht mit dem Gedanken
-vertraut machen, daß diese alle der gleichen <em class="gesperrt">Art</em> von Bakterien
-angehören könnten. Nach den Erfahrungen bei anderen
-Infektionskrankheiten (Cholera, Typhus, Diphtherie z. B.) erwartete
-man, für jedes wohl charakterisierte Krankheitsbild auch
-einen spezifischen Erreger annehmen zu müssen. Und so sind denn
-zahlreiche Anstrengungen gemacht worden, Artunterschiede zwischen
-dem Erreger der Wundrose und dem von eiterigen Prozessen, von
-Herzklappenerkrankungen usw. aufzudecken. Im wesentlichen haben
-alle diese Versuche zu negativen Ergebnissen geführt, und mit einer
-Einschränkung, die hier nicht näher erörtert werden kann, müssen
-wir heute die <em class="gesperrt">Arteinheit</em> aller Streptokokken, die dem Menschen
-gefährlich werden &ndash; wenigstem vorläufig, d. h. bis zum Beweis
-des Gegenteils &ndash; annehmen. Warum die Infektion einer Wunde
-einmal zur Wundrose, ein anderes Mal zur Phlegmone führt,
-warum sie einmal in kurzer Zeit zur Blutvergiftung überführt,
-ein andermal nach kurzer harmloser Erkrankung abheilt, das sind
-vorläufig ungelöste Rätsel. Wir müssen uns damit begnügen, die
-Verschiedenheit des Verlaufes einer Streptokokkeninfektion auf die
-Unterschiede der Bedingungen, die der Keim in verschiedenen
-Organismen vorfindet, und auf die Verschiedenheit der Reaktion
-letzterer auf den Eindringling zurückzuführen. Das wird uns weniger
-dunkel und wertlos erscheinen, wenn wir an dieser Stelle einmal
-wieder auf den schon mehrfach eingeführten Vergleich der beiden
-kriegführenden Heere zurückgreifen. Nicht nur der letzte Ausgang,
-sondern jede Phase des Verlaufes des Kampfes wird hier abhängig
-sein von zahlreichen Faktoren, von der Einfallspforte, die der Angreifer
-vorfindet, von ihrer Verteidigung durch den Angegriffenen,
-von den Kämpfen, die sich weiter im Innern des Invasionsgebietes
-abspielen, den Festungen, die der Angegriffene zu seinem Schutze
-besitzt, ihrer Besatzung und Ausrüstung usf.</p>
-
-<p>Wichtiger als eine in letzter Linie fruchtlose Verfolgung dieser
-vorläufig wohl in exakter Weise nicht lösbaren Probleme ist für
-uns die Frage, was die ärztliche Wissenschaft gegenüber diesen
-Feinden des Menschengeschlechtes vermag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p>
-
-<p>Da muß zunächst zugegeben werden, daß ein durchaus zuverlässig
-wirksames Heilserum für Streptokokkeninfektionen trotz aller darauf
-verwandten Mühe noch nicht existiert. Doch werden andererseits
-Sera hergestellt, die in der Hand des erfahrenen Arztes und namentlich
-bei frühzeitiger Anwendung schon ermutigende Erfolge geben.
-&ndash; Auch die aktive Immunisierung durch Injektion kleiner Dosen
-abgetöteter Reinkulturen zu Schutz- und Heilzwecken hat man mit
-Erfolg versucht.</p>
-
-<p>Wichtiger ist, daß die moderne Chirurgie große Fortschritte in der
-<em class="gesperrt">Behandlung</em> der Wundinfektion durch Stauungs- und Saugbehandlung
-und andere Methoden gemacht hat, und daß der Arzt
-heute diesen Krankheitsprozessen viel besser gerüstet gegenübersteht
-als noch vor einem Jahrzehnt, geschweige denn vor 30 Jahren.</p>
-
-<p>Jede Wundinfektion aber bedarf der sachverständigen ärztlichen
-Behandlung, die freilich desto mehr Aussicht auf Erfolg hat, je eher
-sie einsetzt.</p>
-
-<p>Besser noch, als der best behandelte Kranke trifft es derjenige,
-der die Infektion selbst vermeidet. Dazu kann in erster Linie wieder
-sachgemäße Behandlung jeder der Infektion ausgesetzten Wunde
-dienen. Keine Wunde aber ist in so hohem Grade der Infektionsgefahr
-preisgegeben, als die vergleichsweise gewaltig große Wundfläche,
-die durch die Geburt entsteht, und so ist denn auch die unendliche
-Mühe vollauf gerechtfertigt, die die Ärzte sich um den Schutz
-gerade dieser Wunde seit Jahrzehnten gegeben haben. Der Lohn
-aller dieser Mühe liegt in dem unbestreitbaren Erfolge, in der vergleichsweise
-großen Seltenheit schwerer Wochenbettfieber nach sorgfältig
-geleiteter Geburt.</p>
-
-<p>Von analoger, vielleicht noch größerer Bedeutung für die Menschheit
-ist die <em class="gesperrt">Vermeidung</em> der Streptokokkeninfektionen durch die
-moderne Chirurgie. Denn der gefährlichste Feind des Chirurgen ist
-eben der heimtückische Wundinfektionskeim, der Streptokokkus,
-der heute &ndash; dank den Methoden moderner Chirurgie &ndash; unendlich
-viel schwerer und seltener einmal in eine Wunde eindringt, die zu
-Zwecken der Heilung gesetzt ward, als früher.</p>
-
-<h3>2. Gonokokken und Gonorrhoe.</h3>
-
-<p>Eine in ihrer traurigen Bedeutung für die Menschheit früher
-bei weitem unterschätzte Infektionskrankheit stellt die in der wissenschaftlichen
-Medizin als Gonorrhoe bezeichnete Krankheit dar, die<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-ganz wesentlich die Harnwege und die Schleimhäute der Generationsorgane
-befällt und deshalb auch zu den »venerischen« Krankheiten
-gerechnet wird. Es handelt sich in den Anfangsstadien um akut
-einsetzende eitrige Entzündungen dieser Schleimhäute, die aber
-namentlich bei unzureichender Behandlung in chronische Prozesse
-von außerordentlicher Langwierigkeit übergehen können. Die
-chronische Gonorrhoe des Mannes ist die Quelle unendlich vielen
-menschlichen Elends, vor allem als Ursache der Kinderlosigkeit
-(Sterilität) vieler Ehen: die gonorrhoische Erkrankung kann einerseits
-unmittelbar völlige Zeugungsunfähigkeit des Mannes und
-somit Sterilität der Ehe zur Folge haben, andererseits, wenn eine
-Eheschließung erfolgt, bevor der Mann völlig geheilt ist, langdauerndes
-Siechtum und entweder völlige Sterilität der Frau oder
-deren Sterilität nach dem ersten Wochenbett verursachen. Ganz
-besonders traurig war endlich noch, besonders in früherer Zeit,
-die außerordentlich häufige Übertragung des Krankheitsprozesses
-auf die Augenbindehaut schon während der Geburt des Kindes
-einer gonorrhoisch infizierten Frau. Schwere eitrige Augenentzündungen,
-die häufig zum Verluste des Augenlichtes führten,
-waren die häufige Folge dieser Übertragungsweise, der man erst
-seit wenigen Jahrzehnten systematisch dadurch vorbeugt, daß man
-ein Tröpfchen einer antiseptischen Silbersalzlösung in den Augenbindehautsack
-des Neugeborenen einträufelt. Die gonorrhoische
-Augenentzündung in den ersten Lebenstagen ist seit der Einführung
-dieser Maßnahmen durch <em class="gesperrt">Credé</em> so gut wie ausgetilgt, und unendlich
-viel Elend ist dadurch der Menschheit erspart worden. Immerhin
-kommt auch heute noch, wenn auch viel seltener, gonorrhoische
-Infektion der Augenbindehaut zustande, gelegentlich auch durch unreinliches
-Verhalten bei gonorrhoisch erkrankten erwachsenen Individuen.
-Wenn man nun ferner noch erfährt, daß, freilich in seltenen
-Fällen, die gonorrhoische Infektion auch mit Gelenkrheumatismus
-und Herzklappenerkrankung einhergehen und so das Leben unmittelbar
-bedrohen kann, so wird man nicht mehr an dem großen Ernst der
-Krankheit zweifeln können.</p>
-
-<p>Als Erreger der gonorrhoischen Krankheitsprozesse wurde im
-Jahre 1879 von <em class="gesperrt">Neißer</em> ein durch seine eigentümliche Semmelform
-und durch seine Lagerung in bestimmten Körperzellen wohl charakterisierter
-Mikrokokkus entdeckt (vgl. <a href="#abb30">Abb. 30</a>), dessen Reinkultur,
-die anfänglich auf Schwierigkeiten stieß, wenige Jahre später <em class="gesperrt">Bumm</em>
-gelang. Der Gonokokkus gehört zu den sehr anspruchsvollen Mikroorganismen:<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-er geht durch Abkühlung und durch Eintrocknung
-außerhalb des Körpers außerordentlich rasch zugrunde und wird
-daher ausschließlich durch Übertragung von Mensch zu Mensch
-oder doch auf allerkürzesten Umwegen gefährlich.</p>
-
-<p>Der Kampf gegen die Gonorrhoe hat daher in erster Linie die
-Vermeidung der Weiterverbreitung durch direkte Ansteckung ins
-Auge zu fassen und zu diesem Zweck vor allem in gründlicher und
-sachgemäßer Behandlung jedes erkrankten Individuums bis zu
-seiner völligen Heilung zu bestehen. Wichtig ist auch, daß jeder
-Kranke über die außerordentlich große
-Gefahr, die eine gonorrhoische Augenentzündung
-mit sich bringt, unterrichtet
-und deshalb zu besonderer
-Reinlichkeit ermahnt wird.</p>
-
-<p>Die Behandlung des Erkrankten
-ist ausschließlich Sache des Arztes,
-dem heute eine ganze Anzahl von
-wirksamen Arzneimitteln für diesen
-speziellen Zweck zur Verfügung
-stehen, durch deren sachgemäße Anwendung
-in Verbindung mit einer
-geeigneten Diät die meisten Krankheitsfälle
-geheilt werden können.</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb30">
-<img src="images/abb-30.jpg" alt="Abb. 30" />
-<div class="caption">Abb. 30.<br />
-Gonokokken im Eiter bei akuter
-Gonorrhoe. Semmelförmige Doppelkokken
-im Körper von Eiterzellen
-(weißen Blutzellen).</div>
-</div>
-
-<p>Unbedingte Pflicht eines jeden, der
-einmal gonorrhoisch infiziert war, ist,
-daß er eine Ehe unter allen Umständen erst dann eingeht, wenn
-ärztlicherseits seine Heilung festgestellt und ihm daraufhin die
-Erlaubnis zum Heiraten gegeben worden ist.</p>
-
-<h3>3. Meningokokken und epidemische Genickstarre.</h3>
-
-<p>»Genickstarre« ist der volkstümliche Ausdruck für ein Krankheitsbild,
-dem eine entzündliche Erkrankung der Hirnhäute zugrunde
-liegt. Das namentlich für den Laien auffälligste Symptom einer
-solchen Erkrankung ist die Nackensteifigkeit, die sich schon gleich bei
-Beginn der Erkrankung zeigt und später bis zur Starre zu steigern
-pflegt. Hirnhautentzündungen können nun auf sehr verschiedene
-Weise zustande kommen und auch durch verschiedene bakterielle
-Krankheitserreger bedingt sein. Zum Beispiel kommt es nicht selten
-im Anschluß an Mittelohreiterungen zu einem Übergreifen der<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-eitrigen Entzündung auf das Schädelinnere und die Hirnhäute,
-andererseits können eitrige Prozesse, die im Gehirn entstanden sind,
-auf die Hirnhäute übergreifen, endlich können bei penetrierenden
-Schädelwunden die Hirnhäute infiziert werden. Bei allen diesen
-entzündlichen Prozessen können die verschiedensten Bakterien als
-Entzündungs- und Eitererreger wirksam sein; in erster Linie kommen
-die Wundinfektionserreger, die Streptokokken und Staphylokokken
-in Betracht (s. u.).</p>
-
-<p>Im engeren Sinne pflegt man als Genickstarre oder epidemische
-Genickstarre nur Krankheitsfälle zu bezeichnen, die durch einen
-besonderen, wohl charakterisierten Krankheitserreger verursacht
-werden, den sogenannten Meningokokkus, der zu den Hirnhäuten
-vom Nasenrachenraum aus auf dem Wege der Lymphbahn vordringt.
-Der Meningokokkus, der von <em class="gesperrt">Weichselbaum</em> entdeckt wurde,
-ist ein dem Gonokokkus (s. o.) ziemlich ähnlicher Diplokokkus, der sich
-in dem eitrigen Exsudat in den Maschen der Hirnhäute, meist vorwiegend
-im Innern von Leukocyten vorfindet, von denen er aufgenommen
-wird (s. über Phagocytose oben im Kap. II).</p>
-
-<p>Die Genickstarre tritt besonders oft epidemieartig, ja ausgesprochen
-epidemisch auf und befällt besonders jugendliche Individuen, Schulkinder,
-Soldaten. Die verschiedenen Epidemien sind in verschiedenem
-Grade bösartig und mit Recht sehr gefürchtet.</p>
-
-<p>Die Übertragung der Keime vom Kranken auf den Gesunden
-erfolgt nach dem heutigen Stande unserer Kenntnisse wohl wesentlich
-durch den meningokokkenhaltigen Speichel. Zu ihrer Vermeidung
-sind also alle die Maßnahmen notwendig, die eine Verbreitung
-des ansteckenden Speichels hintanhalten, vor allem möglichste
-Isolierung aller Erkrankten und Desinfektion ihres Auswurfs
-und ihrer Wäsche.</p>
-
-<p>In den letzten Jahren hat man günstige Erfolge bei der Behandlung
-der Genickstarre mit einem Heilserum (Meningokokkenserum) erzielt.</p>
-
-<h3>4. Pneumokokken und die Lungenentzündung.</h3>
-
-<p>Lungenentzündungen können sich im Verlaufe der verschiedensten
-Infektionen beim Menschen entwickeln. Wir erinnern uns beispielsweise
-der Lungenentzündung im Verlaufe der Pesterkrankung
-oder derjenigen bei Influenza. Die Erkrankungen sind nach Ausdehnung
-und nach Verlauf recht verschieden, und es ist hier ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-unmöglich, sie im einzelnen näher zu besprechen. <em class="gesperrt">Im engeren
-Sinne</em> versteht man unter einer Lungenentzündung oder »<em class="gesperrt">Pneumonie</em>«
-aber in unserem Klima speziell eine durch ganz bestimmte
-Krankheitserscheinungen und einen sehr charakteristischen Verlauf
-ausgezeichnete akute Infektionskrankheit.</p>
-
-<p>Die Krankheit beginnt meist ganz plötzlich, ohne daß irgendwelche
-leichteren Krankheitserscheinungen vorangegangen wären, mit
-einem Schüttelfrost, an den sich ein hohes Ansteigen der Temperatur
-anschließt, während gleichzeitig auch den kräftigsten Erkrankten
-das Gefühl schweren Krankseins erfaßt. Bald
-stellen sich dann sehr starke Schmerzen beim
-Atmen, gewöhnlich vorwiegend auf
-einer Seite der Brust ein, allmählich
-kommt etwas Hustenreiz hinzu, der
-zunächst spärliche, später reichlichere
-Auswurf ist rötlichbräunlich infolge
-von Blutbeimengungen.
-Mehrere Tage halten die
-schweren Krankheitserscheinungen
-an, das Fieber ist hoch,
-oft tritt auch Benommenheit
-hinzu. Das ganze Bild ist ein
-sehr ernstes. Gewöhnlich am
-7. Tage kommt es dann zur
-»Krisis«. In der überwiegenden
-Mehrzahl der Fälle tritt
-ein rascher Abfall der Temperatur zur Norm ein, und gleichzeitig
-beginnt das Allgemeinbefinden sich wesentlich zu heben: die Gefahr
-ist überwunden. In nicht ganz seltenen Fällen bleibt aber dieser
-günstige Umschlag aus, und namentlich durch Alter oder durch Alkoholismus
-oder Herzkrankheiten geschwächte Individuen, zuweilen aber
-auch kräftige junge Menschen können der Krankheit zum Opfer fallen.</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb31">
-<img src="images/abb-31.jpg" alt="Abb. 31" />
-<div class="caption">Abb. 31.<br />
-Abstrich vom Auswurf bei Lungenentzündung.
-<em class="antiqua">E</em> = Eiterzellen, <em class="antiqua">P</em> = Pneumokokken (mit deutlichen
-»Kapseln«).</div>
-</div>
-
-<p>Als Ursache dieser häufigen und unter allen Umständen ernsten
-Erkrankung wurde von <em class="gesperrt">A. Fränkel</em> im Jahre 1886 ein Mikrokokkus
-entdeckt, der gewöhnlich als Pneumokokkus oder Diplokokkus <em class="antiqua">pneumoniae</em>
-bezeichnet wird. In Abstrichen vom Auswurf eines Pneumonikers
-findet man reichliche, in der Regel zu zweien angeordnete
-Kugelbakterien, die meist eine sehr deutliche Kapsel besitzen und
-gewöhnlich ein wenig längsoval gestaltet sind (vgl. <a href="#abb31">Abb. 31</a>). In Kulturen
-auf den gewöhnlichen Nährböden besitzen sie diese Kapsel nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p>
-
-<p>Diese Pneumokokken finden sich nicht selten auch bei <em class="gesperrt">anderen</em>
-infektiösen Krankheitsprozessen beim Menschen, verhältnismäßig
-häufig z. B. bei gewissen entzündlichen <em class="gesperrt">Ohren</em>erkrankungen, vor
-allem aber auch bei sehr verschiedenen leichteren und schwereren
-Erkrankungen der Atmungsorgane; eine Pneumokokkenerkrankung
-stellen auch gewisse geschwürige Prozesse der Hornhaut des menschlichen
-Auges dar. Sie finden sich endlich aber auch, wenn auch in
-spärlicher Zahl, nahezu regelmäßig im Speichel gesunder Menschen.
-Da die Pneumokokken für manche Versuchstiere, besonders für
-Mäuse, außerordentlich große Virulenz besitzen, so kann man häufig
-eine Maus dadurch tödlich infizieren, daß man ihr eine ganz kleine
-Menge menschlichen Mundspeichels unter die Haut bringt. Enthält
-das Speicheltröpfchen Pneumokokken, was annähernd in 70 %
-aller Fälle zutreffen soll, so entwickelt sich alsbald eine meist sehr
-rasch zum Tode führende Pneumokokkensepsis d. h. eine Überschwemmung
-der ganzen Blutbahn mit den Mikroorganismen.</p>
-
-<p>Versuche, ein Heilserum gegen Pneumokokkeninfektionen des
-Menschen, ganz besonders auch gegen Augenerkrankungen herzustellen,
-sind in großem Umfange und mit vielversprechenden anfänglichen
-Erfolgen unternommen worden. Die Wirksamkeit der betreffenden
-Sera ist aber noch nicht völlig unbestritten, soweit wenigstens ihr
-Heilerfolg beim Menschen in Frage kommt. Dagegen ist unzweifelhaft
-sichergestellt, daß das gebräuchlichste der in Frage kommenden
-Heilsera bei empfänglichen Tieren, insbesondere bei Mäusen, eine
-ausgesprochene schützende und heilende Wirkung besitzt. Es steht zu
-hoffen, daß auch beim Menschen, insbesondere bei der croupösen Pneumonie
-in Zukunft noch günstigere Ergebnisse mit einer Serumtherapie
-erreicht werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="Kapitel_IX">Kapitel IX.</h2>
-
-<div class="h2desc">
-
-<p>Die wichtigsten chronischen Infektionskrankheiten des Menschen:
-Tuberkulose. &ndash; Syphilis. &ndash; Lepra.</p></div>
-</div>
-
-<h3>Tuberkulose.<a id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">12</a></h3>
-
-<p>Die Tuberkulose ist insofern die verbreitetste Krankheit, die auf
-der Erde vorkommt, als sie abgesehen vom Menschengeschlecht auch<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-nahezu sämtliche Säugetiere und Vögel und eine große Anzahl von
-Kaltblütern befallen kann. Die häufigste Form der tuberkulösen
-Erkrankung des Menschen ist die gewöhnlich als Lungenschwindsucht
-bezeichnete Krankheit, doch kommen tuberkulöse Erkrankungen der
-verschiedensten Organe, man kann geradezu sagen, aller Organe,
-daneben vor, die dann je nach dem Krankheitsherde, je nach dem
-Organ, dessen Funktionen durch die tuberkulösen Zerstörungen
-teilweise oder ganz aufgehoben werden, zu sehr mannigfaltigen
-Krankheitsbildern führen.</p>
-
-<p>Die Verschiedenheit der Krankheitsbilder und auch der ihnen zugrunde
-liegenden (anatomischen) Veränderungen ist so außerordentlich
-groß, daß tatsächlich nur die Entdeckung der gemeinschaftlichen
-bakteriellen Ursache aller dieser Prozesse durch <em class="gesperrt">Koch</em> die wissenschaftliche
-Welt von ihrer Zusammengehörigkeit überzeugen konnte.
-Die Anschauung, daß die Tuberkulose überhaupt und die Lungenschwindsucht
-im besonderen ein ansteckendes Leiden sei, eine Anschauung,
-die heute den weitesten, selbst ungebildeten Kreisen geläufig
-ist, war in der Medizin vor der <em class="gesperrt">Koch</em>schen Entdeckung durchaus
-strittig, ja, die Mehrzahl der ärztlichen Autoritäten bekämpfte
-sie, obwohl schon seit Jahrhunderten klar blickende Ärzte zu mehr
-oder weniger bestimmten, richtigen Vorstellungen von einer belebten
-Ursache der Phthise gekommen waren.</p>
-
-<p>Vor allem eine Erfahrungstatsache war es, die mit der Annahme
-einer belebten Krankheitsursache der Lungenschwindsucht vielen
-unvereinbar schien: die scheinbar unbestreitbare Erblichkeit der Krankheit,
-die in manchen Familien von einer Generation zur anderen
-übergehend immer wieder verderbenbringend sich zeigte. Warum
-sollte ein Krankheitskeim, der <em class="gesperrt">von außen</em> in den Körper des Menschen
-eindringt, gerade die Mitglieder bestimmter Familien bevorzugen?
-Viel wahrscheinlicher erschien dem gegenüber die Annahme einer
-freilich völlig unbekannten <em class="gesperrt">inneren</em> Ursache des Leidens, die vererbbar
-war in der Weise, wie Charaktereigenschaften es sind.</p>
-
-<p>Auch der gewaltige Aufschwung, den von der Mitte des 19. Jahrhunderts
-an die wissenschaftliche Medizin vorwiegend durch <em class="gesperrt">Virchows</em>
-bahnbrechende Leistungen auf dem Gebiete der mikroskopischen
-Erforschung der krankhaften Veränderungen der Zellen und Gewebe
-des menschlichen Körpers nahm, brachte zwar wichtige Erweiterungen
-unserer Kenntnisse von der Entstehung, dem Bau und den Schicksalen
-tuberkulöser Organveränderungen, aber die wichtigste Frage, die
-nach der Ursache der Prozesse, ließ er unbeantwortet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span></p>
-
-<p>Dieser Frage suchte auf ganz anderem Wege zu gleicher Zeit
-(in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts) der französische Forscher
-<em class="gesperrt">Villemin</em> durch Tierexperimente auf den Grund zu kommen.
-Schon vor seinen Arbeiten waren mehrfach Versuche unternommen
-worden, durch Impfung von Tieren mit tuberkulösen Krankheitsprodukten
-künstlich Tuberkulose hervorzurufen; aber erst <em class="gesperrt">Villemins</em>
-Bericht über positive Ergebnisse, die er bei zahlreichen derartigen
-Experimenten erzielt hatte, machte erheblichen Eindruck auf die
-wissenschaftliche Welt. Freilich ward zunächst von sehr angesehenen
-Forschern, die die Versuche <em class="gesperrt">Villemins</em> wiederholten und modifizierten,
-ihre Beweiskraft bestritten, aber bald überzeugte man sich
-mehr und mehr von ihrer Richtigkeit, und die Tatsache, daß die
-Tuberkulose mit den tuberkulösen Krankheitsprodukten auf Versuchstiere
-übertragbar ist, fand bald allgemeine Anerkennung.</p>
-
-<p>Damit war denn auch ein Zweifel an der Existenz eines tuberkulösen
-<em class="gesperrt">Virus</em> nicht mehr möglich, und die besten Mikroskopiker
-bemühten sich um seine Entdeckung. Ungewöhnlich große Schwierigkeiten
-stellten sich gerade dieser Entdeckung in den Weg, und es bedurfte
-des genialen Scharfblickes und der zähen Energie <em class="gesperrt">Robert
-Kochs</em>, um sie zu überwinden.</p>
-
-<p>Im Jahre 1882? berichtete <em class="gesperrt">Robert Koch</em> in einer als klassisch
-berühmten Arbeit über die von ihm aufgeklärte Ursache der tuberkulösen
-Prozesse, die er in dem »Tuberkelbazillus« gefunden hatte. Es
-war ihm gelungen, diesen durch sein besonderes Verhalten gegenüber
-Färbemitteln ausgezeichneten Mikroorganismus in allen Fällen von
-menschlicher und tierischer Tuberkulose, die darauf untersucht wurden,
-in den Krankheitsherden nachzuweisen und festzustellen, daß er dort
-ausschließlich, niemals aber in den Organen gesunder oder anderweitig
-erkrankter Individuen vorkommt. Es war ihm weiterhin gelungen,
-Reinkulturen des Tuberkelbazillus mit Hilfe besonderer Kulturverfahren,
-die eigens für diesen Zweck von ihm gefunden worden
-waren, zu gewinnen und mit kleinsten Mengen von solchen Reinkulturen
-die Krankheit wieder bei Tieren hervorzurufen. Damit
-war die Beweiskette geschlossen, der seit Jahrzehnten tobende
-wissenschaftliche Streit war endgültig entschieden, die Tuberkulose
-war als Infektionskrankheit erkannt, ihr Erreger entdeckt.</p>
-
-<p>Der Tuberkelbazillus ist ein sehr schlankes, zuweilen ein wenig
-gekrümmtes Stäbchen, das der Geißeln und damit der Eigenbeweglichkeit
-ebenso wie der Fähigkeit Sporen zu bilden entbehrt, und das
-zu seiner Entwickelung in Kulturen der Körpertemperatur, des<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-Sauerstoffs und bestimmter Nährböden bedarf. An die Zusammensetzung
-der Nährböden stellt der Bazillus ganz besondere Anforderungen;
-aber auch wenn diese erfüllt sind, entwickeln sich seine Kulturen
-ganz erheblich langsamer als die der bekannten anderen pathogenen
-Bakterien; sie bedürfen wochenlangen Wachstums zu ihrer
-vollen Entwickelung.</p>
-
-<p>Außerordentlich große Hoffnungen knüpften sich an die Entdeckung
-des Tuberkelbazillus, sie wurden auf das höchste gesteigert,
-als Koch wenige Jahre später in dem <em class="gesperrt">Tuberkulin</em> den Ärzten
-ein Mittel in die Hand gab, das zur Behandlung der menschlichen
-Tuberkulose geeignet sein sollte. Es
-ist allgemein bekannt, wie auf den
-ersten gewaltigen Enthusiasmus, mit
-dem das neue Mittel begrüßt wurde,
-die Enttäuschung folgte, als es die
-übertriebenen Hoffnungen, die man
-darauf setzte, nicht erfüllen konnte.</p>
-
-<div class="figright p50" id="abb32">
-<img src="images/abb-32.jpg" alt="Abb. 32" />
-<div class="caption">Abb. 32.<br />
-Tuberkelbazillen im Ausstrichpräparat
-vom Inhalt einer tuberkulösen Zerfallshöhle
-der Lunge (bei Phthisis).</div>
-</div>
-
-<p>Es kann hier nicht erörtert werden,
-wie weit wir zu der Hoffnung berechtigt
-sind, daß das Tuberkulin
-bei der Behandlung des einzelnen
-Krankheitsfalles oder einzelner
-Kranker segensreich wirksam sein
-kann, es mag aber wenigstens erwähnt
-werden, daß einzelne Ärzte
-auf Grund besonders vorsichtiger
-Dosierung des Mittels günstige Resultate damit erzielt haben, und
-daß insbesondere in England und Amerika, in den letzten Jahren
-die Tuberkulinbehandlung in einer besonderen Form (»<em class="antiqua">opsonic
-treatment</em>«) große Fortschritte gemacht hat und nach zahlreichen
-vorliegenden Angaben günstige Erfolge erzielt hat.</p>
-
-<p>Nach der Entdeckung des Diphtherieheilserums hat es begreiflicherweise
-nicht an zahlreichen Versuchen und Anstrengungen gefehlt,
-ein <em class="gesperrt">Heilserum</em> gegen die Tuberkulose, unsere schlimmste Volksseuche,
-herzustellen. Aber wenn auch hie und da über günstige Erfolge mit
-solchen Seris berichtet wurde, so ist heute noch keines gewonnen,
-das vor der wissenschaftlichen Medizin volle Anerkennung gefunden
-hätte. Wir müssen auch heute noch uns mit der Hoffnung begnügen,
-daß es einmal gelingen wird, ein solches Radikalmittel herzustellen;
-vorläufig ist der Arzt im Wesentlichen dem tuberkulös Kranken<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-gegenüber &ndash; von der Tuberkulin-Therapie abgesehen &ndash; auf <em class="gesperrt">nicht</em>
-spezifische Behandlungsmethoden angewiesen, und die tröstliche
-Erfahrung ist ja allgemein verbreitet, daß viele tuberkulöse Erkrankungsfälle
-auch mit Hilfe dieser Behandlungsmethoden, die hier
-selbstverständlich nicht erörtert werden können, zur Ausheilung gelangen.
-An dieser Stelle sei denn auch auf die Bedeutung der Heil-
-und Heimstätten für die <em class="gesperrt">Behandlung</em> tuberkulös Erkrankter nur
-kurz verwiesen.</p>
-
-<p>Eine große Rolle kommt den Heilstätten unter den Maßnahmen
-zur <em class="gesperrt">Eindämmung</em> der Tuberkulose als Volkskrankheit zu. Jeder,
-der dieses kleine Buch bis hierher aufmerksam gelesen hat, wird sich
-von vornherein klar sein: Ein unbedingtes Erfordernis ist die Vermeidung
-der Verbreitung der Krankheitskeime durch die Ausscheidungen
-Tuberkulöser, vor allem also die Vernichtung der Tuberkelbazillen
-im Auswurf Schwindsüchtiger. (<em class="gesperrt">Flügge.</em>) Nirgends kann
-hierfür in so gründlicher Weise gesorgt werden, als in den Heilstätten,
-Krankenanstalten, in denen Tuberkulöse <em class="gesperrt">isoliert</em> sind.
-Dort vor allen Dingen werden die Kranken auch wirklich zu geeigneter
-Behandlung des Auswurfs erzogen. Sie tragen dann später &ndash; neben
-öffentlichen Belehrungen &ndash; zur Verbreitung der Kenntnisse von
-der Gefährlichkeit des Auswurfs und von den Mitteln zu seiner
-Vernichtung bei.</p>
-
-<p>Es ist einleuchtend, daß, wenn die wichtigste Infektionsquelle
-für die Entstehung der Schwindsucht in der <em class="gesperrt">Einatmung</em> von
-Tuberkelbazillen besteht, die Vernichtung der Bazillen im Auswurf
-und damit die Verhütung der Möglichkeit der Bazilleneinatmung
-die Schwindsuchtverbreitung aufhalten müßte. Es darf hier aber
-nicht übergangen werden, daß trotz einer ganz außerordentlich
-großen Zahl von Einzelbeobachtungen und trotz gewaltiger Arbeit,
-die mit allen Methoden der modernen wissenschaftlichen Forschung
-geleistet worden ist, die Anschauungen über die <em class="gesperrt">Entstehung</em> der
-Lungenschwindsucht noch keineswegs endgültig aufgeklärt sind.
-Eine große Anzahl von Forschern, unter denen z. B. <em class="gesperrt">v. Behring</em>
-genannt werden muß, nehmen an, daß die erste Ansiedelung der
-Tuberkelbazillen im menschlichen Körper nicht durch deren Einatmung
-und somit unmittelbar in den oberen Luftwegen oder in
-den Lungen erfolgt, sondern auf anderem Wege. <em class="gesperrt">v. Behring</em>
-insbesondere vertritt die Meinung, daß die häufigste Quelle der
-Infektion in dem Genuß von tuberkelbazillenhaltiger <em class="gesperrt">Milch</em> im
-frühesten Kindesalter zu suchen ist. Die Bazillen müßten danach<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-zuerst in den Darm und von dort aus erst auf Umwegen in die
-Lungen gelangen.</p>
-
-<p>Die Möglichkeit, daß lebende Tuberkelbazillen mit der <em class="gesperrt">Kuhmilch</em>
-aufgenommen werden, ist erwiesen: die Tuberkulose ist bei unserem
-Rindvieh sehr verbreitet. Die Milch und die Molkereiprodukte,
-insbesondere die Butter, die zum Verkauf gelangen, enthalten
-gelegentlich, ja, man kann auf Grund sorgfältiger statistischer Erhebungen
-sagen, geradezu <em class="gesperrt">häufig</em> echte Tuberkelbazillen, gegen
-deren Eindringen in den Darmkanal wir uns nur schützen können,
-wenn wir regelmäßig eine gründliche Sterilisation durch längeres
-Kochen herbeiführen.</p>
-
-<p>Ist diese Infektionsgefahr nun wirklich von Bedeutung? Vor
-allem ist sie von ausschlaggebender Bedeutung im Sinne <em class="gesperrt">v. Behrings</em>?
-&ndash; Der zweite Teil der Frage läßt sich auf Grund von Erfahrungen
-mit nein beantworten: man hat festgestellt, daß in Japan,
-wo unter der Bevölkerung die Tuberkulose, insbesondere die Schwindsucht,
-sehr verbreitet ist, die Tuberkulose des Rindviehs bis vor kurzem
-so gut wie unbekannt war. Es war also mit vollkommener Sicherheit
-auszuschließen, daß für die dortige Bevölkerung <em class="gesperrt">Behrings</em> Anschauungen
-zutrafen. &ndash; Weit schwieriger ist eine kurze und klare
-Antwort auf den ersten Teil der Frage zu geben. Von der größten
-Bedeutung ist hierfür die endgültige Klärung eines augenblicklich
-noch umstrittenen Punktes: <em class="gesperrt">Robert Koch</em> selbst hat nämlich vor
-einer Reihe von Jahren die zunächst gerade aus seinem Munde
-besonders überraschend klingende Behauptung aufgestellt, der
-Tuberkelbazillus, der die Tuberkulose des Menschen verursache,
-und der Erreger der Rindertuberkulose bildeten zwei vollkommen
-voneinander verschiedene <em class="gesperrt">Arten</em>, die zwar in einer sehr großen
-Anzahl von Eigenschaften übereinstimmten, in einigen Punkten
-aber differierten und vor allen Dingen den ganz außerordentlich
-bedeutsamen Unterschied aufwiesen, daß der Rinder-Tuberkelbazillus
-nur für das Rind, der Menschen-Tuberkelbazillus nur für den Menschen
-gefährlich werden könne. War diese Ansicht richtig, so wären
-auch die Konsequenzen, die <em class="gesperrt">Robert Koch</em> zog, unangreifbar: Maßnahmen
-gegen die Infektion mit Tuberkelbazillen, die vom Rinde
-stammten, wären zwecklos und überflüssig.</p>
-
-<p>Bei der einschneidenden Bedeutung dieser Behauptung ist es
-begreiflich, daß eine außerordentlich lebhafte Diskussion darüber
-entstand. Es war mit Sicherheit festgestellt, daß verschiedene Arten
-von Tuberkelbazillen existierten: die Erreger der Tuberkulose<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-von manchen Kaltblütern z. B. unterschieden sich konstant und durch
-auffällige Merkmale von den Menschen-Tuberkelbazillen. Es war
-auch bereits bekannt, daß sich konstante oder nahezu konstante Unterschiede
-zwischen Tuberkelbazillen, die vom Rind, und solchen, die
-vom Menschen stammten, nachweisen ließen, insbesondere wußte
-man, daß Tuberkelbazillen aus menschlichen Krankheitsprodukten
-im Tierexperiment für Rinder, aber auch für Kaninchen gewöhnlich
-nur geringe Virulenz zeigten, während Rinder-Tuberkelbazillen eine
-viel höhere Virulenz gegenüber diesen Tieren besaßen.</p>
-
-<p>Die Frage, die für das Menschengeschlecht allein beantwortet
-werden muß, ist aber die, <em class="gesperrt">ob dem Menschen</em> außer dem menschlichen
-Tuberkelbazillus nicht auch der <em class="gesperrt">Rinder</em>-Tuberkelbazillus
-gefährlich werden kann. Diese Frage war naturgemäß auf experimentellem
-Wege nicht zu beantworten, und man hat sich bemüht,
-sie dadurch zu entscheiden, daß man in möglichst großem Umfange
-die aus menschlichen Krankheitsfällen gezüchteten Tuberkelbazillen
-daraufhin untersuchte, ob sie zum »<em class="antiqua">Typus humanus</em>« oder zum
-»<em class="antiqua">Typus bovinus</em>« gehörten. Über diese Frage sind gerade augenblicklich
-noch umfassende Erhebungen im Gange, deren Resultat abgewartet
-werden muß. Aus einer Reihe von einschlägigen Untersuchungen
-geht aber immerhin jetzt schon hervor, daß auch aus menschlichen
-tuberkulösen Krankheitsprodukten, wenn auch vergleichsweise
-selten, Tuberkelbazillen isoliert werden können, die die Eigenschaften
-des <em class="antiqua">Typus bovinus</em> aufweisen und daß vom Menschen stammende
-Tuberkelpilze (vom <em class="antiqua">Typus humanus</em>) im Körper des Rindes (bei
-künstlicher Infektion) rasch eine hochgradige Virulenz auch für <em class="gesperrt">Rinder</em>
-erwerben. (Prof. <em class="gesperrt">Eber</em>.) Und so sieht es denn vorläufig so
-aus, als ob die <em class="gesperrt">Koch</em>sche Anschauung mit ihren Konsequenzen den
-Sieg nicht behalten könne. Dadurch würde die Notwendigkeit
-energischer Bekämpfung der Tuberkulose des Rindviehs dann wieder
-außer Frage gestellt werden.</p>
-
-<p>Bekanntlich hat <em class="gesperrt">von Behring</em> vor wenigen Jahren ein Verfahren
-angegeben, um Kälber durch Impfung mit lebenden <em class="gesperrt">menschlichen</em>
-Tuberkelbazillen gegen Infektion mit <em class="gesperrt">Rinder</em>tuberkulose immun zu
-machen. Noch ist der Wert dieses Verfahrens aber lebhaft umstritten.</p>
-
-<p>Beim Menschen ist an analoge Versuche noch nicht zu denken.</p>
-
-<p>Und so bleibt denn vorläufig die wichtigste Waffe im Kampfe
-gegen die Tuberkulose die Verhütung der Ansteckung durch Vernichtung
-des Auswurfes Schwindsüchtiger einerseits, durch Bekämpfung
-der Tuberkulose des Rindviehs andererseits.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span></p>
-
-<p>Mit wenigen Worten müssen wir am Schlusse dieser kleinen
-und durchaus unvollständigen Skizze des heutigen Standes der
-wissenschaftlichen Tuberkuloseforschung noch auf eine Frage zurückkommen,
-die wir eingangs flüchtig streiften, die Frage nach der
-»Vererbung« der Tuberkulose. Es ist in den letzten Jahren in einigen
-wenigen Fällen der Nachweis gelungen, daß &ndash; man kann wohl
-sagen: ausnahmsweise &ndash; selten ein Übergang von Tuberkelbazillen
-auf das Kind im Mutterleibe vorkommt. Bei den spärlichen einschlägigen
-Beobachtungen handelte es sich stets um <em class="gesperrt">sehr schwere</em>
-tuberkulöse Erkrankung der Mutter.</p>
-
-<p>Für die überwiegende Mehrzahl aller Fälle von sogenannter
-»Vererbung« der Tuberkulose müssen wir nach dem heutigen Stande
-unserer Kenntnisse diesen Vorgang, die direkte Übertragung von
-Keimen vom mütterlichen auf den kindlichen Organismus, <em class="gesperrt">ausschließen</em>
-(&ndash;&nbsp;bis zum Beweis des Gegenteils!).</p>
-
-<p>Wie erklärt sich dann aber die oft so augenfällige »Erblichkeit«
-der Krankheit? Diese Frage wird unendlich oft dem Arzte gestellt
-werden und je nach dessen Anschauungen und Erfahrungen verschieden
-beantwortet werden. Wir wollen versuchen, festzustellen, wie weit
-sie exakt beantwortet werden kann: Es steht außer Zweifel, daß
-Kinder, die in der nächsten Umgebung eines an Schwindsucht Leidenden
-aufwachsen, der Infektionsgefahr in höherem Maße ausgesetzt
-sind, als Kinder aus gesunder Familie. Wir haben in dieser
-Tatsache also eine gewisse Erklärung für ihre relativ häufigere frühere
-oder spätere Erkrankung an Tuberkulose.</p>
-
-<p>Im naturwissenschaftlichen Sinne kann dabei von »Vererbung«
-keine Rede sein; vererbbar sind nur Eigenschaften, die an der
-väterlichen oder mütterlichen Keimzelle haften und bei deren
-Verschmelzung (der Zeugung) dem neu entstehenden Organismus
-übertragen werden. &ndash; Jede spätere Infektion des Kindes
-durch die Eltern hat mit »Vererbung« nichts zu tun.</p>
-
-<p>Nun wird aber mit einem gewissen Recht von vielen Forschern
-geltend gemacht werden, daß man bestimmte Merkmale im Körperbau
-(große Schlankheit, Zartheit des Skeletts, schmaler flacher Brustkorb
-u. a. m.) bei Schwindsüchtigen außerordentlich häufig findet.
-Dieser sogenannte »phthisische Habitus« sei der äußerliche Beweis
-für die Vererbung einer besonderen Neigung oder »<em class="gesperrt">Disposition</em>«
-zur Lungentuberkulose.</p>
-
-<p>Man kann darauf nur erwidern: Es ist möglich, aber es ist
-<em class="gesperrt">nicht notwendig</em>, daß diese Annahme richtig ist. Man kann<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-das Vorkommen dieser Eigentümlichkeiten in naheliegender Weise
-mit der Tuberkulose in ursächliche Beziehung bringen, ohne den
-immerhin unklaren Begriff der Disposition in Betracht ziehen zu
-müssen: wenn durch viele Generationen hindurch in einer Familie
-Lungenschwindsucht bestanden hat, die immer wieder durch Infektion
-der Kinder mit den Bazillen aus dem Auswurf der Eltern
-entstand &ndash; so erklärt sich darauf als ein ganz allmählich erworbener
-<em class="gesperrt">Folgezustand</em> die Flachheit und Schmalheit wie auch die allgemeine
-Schwächlichkeit des Körperbaus. &ndash; Es ist aber umgekehrt nicht nötig,
-die <em class="gesperrt">Ursache</em> der tuberkulösen Erkrankung vieler Generationen derselben
-Familie in einer dieser eignenden Disposition zu suchen.</p>
-
-<p>Praktisch wichtig ist an dieser Überlegung, daß man die Bedeutung
-der »Disposition« nicht überschätzen soll, wie das zuweilen geschieht.
-Die Schlußfolgerung pflegt ungefähr diese zu sein: Die Gefahr der
-Infektion mit Tuberkelbazillen ist angesichts der großen Verbreitung
-der Keime in unserer Umgebung enorm; entscheidend für das Zustandekommen
-der Schwindsucht ist aber die »Disposition« dazu.
-Wir haben in erster Linie deshalb alles zu tun, um durch allgemeine
-hygienische und diätetische Maßregeln dieser Disposition entgegenzuarbeiten.</p>
-
-<p>Wir sagen dagegen: Es kann gewiß gar nicht genug geschehen,
-um Gesundheitszustand und Widerstandsfähigkeit jedes Einzelnen zu
-heben; zur Bekämpfung der Tuberkulose gehört aber vor allem die
-Vernichtung der Tuberkelbazillen im Auswurf des Schwindsüchtigen
-und die Vermeidung aller der Gefahren, die dem
-Menschen durch die Verbreitung der Rindertuberkulose erwachsen
-(Milchhygiene); denn während die Bedeutung der »Disposition«
-für die Tuberkulose schwer abschätzbar ist, steht die Bedeutung des
-Tuberkelbazillus als Ursache der Krankheit außer jedem Zweifel.</p>
-
-<h3>Syphilis.</h3>
-
-<p>Viele Gründe sprechen für die von vermiedenen Forschern nachdrücklich
-vertretene Anschauung, daß die Syphilis bis zur Entdeckung
-Amerikas in Europa nicht vorgekommen ist; eine Reihe von Tatsachen
-macht ihre Einschleppung durch die Leute des Columbus im
-Jahre 1493 zudem äußerst wahrscheinlich. Sicher ist, daß im folgenden
-Jahre im Heere Karls VIII. von Frankreich während der
-Belagerung Neapels die Krankheit verbreitet war, vermutlich durch
-spanische Soldaten vermittelt. Sicher ist weiter auch, daß die Syphilis<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-sich im unmittelbaren zeitlichen Anschluß an diesen Feldzug in
-Europa mit einer außerordentlichen Schnelligkeit verbreitete, die
-ihre nächstliegende Erklärung in einer Verschleppung des Krankheitskeimes
-durch die nach Hause &ndash; d. h. in aller Herren Länder &ndash;
-zurückströmenden Truppen findet. Während der folgenden Jahrzehnte
-wütete die Seuche in ganz Europa in schrecklicher Weise.
-Der Krankheitsverlauf war meist außerordentlich schwer, die Erscheinungen
-pflegten sehr heftig aufzutreten und sehr rasch aufeinander
-zu folgen. Auch diese durch zahlreiche Zeugnisse der Ärzte jener Zeit
-gesicherte Tatsache ist mit der Annahme gut vereinbar, daß die Krankheit
-eine bisher völlig syphilisfreie Bevölkerung überfiel.</p>
-
-<p>Immerhin halten trotz dieser und anderer Argumente einzelne
-Forscher die Herkunft der Seuche aus Amerika nicht für bewiesen.
-Ihre Ansicht, daß schon vor Columbus' Zeiten die Syphilis in Europa
-vorgekommen ist, kann sich vorderhand aber auf wirklich einwandfreie
-Gründe nicht stützen. Sie wird nur Anerkennung finden können,
-wenn der sichere Nachweis unzweifelhafter syphilitischer Veränderungen
-an Skeletten erbracht werden kann, die zweifellos aus
-der Zeit vor 1493 herrühren. Allenfalls könnten auch Abbildungen
-sicher syphilitischer Veränderungen aus einer nachweislich vor der
-Entdeckung Amerikas gelegenen Zeit als Beweis im gleichen Sinne
-herangezogen werden.</p>
-
-<p>Bis zum Beweis des Gegenteils scheint aber die Ansicht mehr
-Aussicht auf den endgültigen Sieg zu haben, nach der die Einschleppung
-der Krankheit aus Amerika erfolgt ist.</p>
-
-<p>Die Syphilis ist eine ausgesprochen chronisch verlaufende, in
-ihren frühen Stadien sehr ansteckende Krankheit, die, von verschwindend
-seltenen Ausnahmen abgesehen, nur bei direkter Berührung
-von Mensch zu Mensch übertragen wird. An der Infektionsstelle
-entsteht nach einer Inkubationszeit von meist etwa drei Wochen
-ein Geschwür, das sehr langsam heilt und dessen Ränder und Grund
-sich allmählich verhärten. Nach einer zweiten Inkubationszeit
-von mehreren Wochen zeigen sich dann im einzelnen Falle sehr
-verschiedene »Sekundär«-Erscheinungen, die in Hautausschlägen,
-Katarrhen, Schleimhautgeschwüren, allgemeinen Lymphdrüsenschwellungen
-und gewissen Störungen des Gesamtbefindens bestehen.
-Zuweilen sind diese Sekundärerscheinungen sehr geringfügig,
-so daß sie selbst vom Arzte, der nicht beständig den Patienten
-vor Augen hat, kaum festgestellt werden können. Unter geeigneter
-Behandlung gehen sie meist bald zurück. Meist erst nach Jahren können<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-dann besonders schwere Erscheinungen, die für die dritte Periode
-der Krankheit charakteristisch sind (Tertiärerscheinungen) auftreten;
-sie bestehen in erster Linie in der Bildung knotiger, sogenannter
-gummöser Herde, die sich in sämtlichen Organen und Geweben
-des Körpers entwickeln können und so zu den allerverschiedensten
-Krankheitserscheinungen Anlaß geben können. Durch Zerfall solcher
-Knoten kann es zu umfangreichen Zerstörungen und Geschwürsbildungen,
-z. B. im Gaumen, kommen, verhältnismäßig häufig
-sind die schweren Zerstörungen der Nase durch gleichartige Prozesse,
-die das Einsinken des Nasenrückens, die Entstehung der Sattelnase
-zur Folge haben. Von den inneren Organen sind besonders häufig
-die Leber und das Zentralnervensystem von diesen tertiären Prozessen
-befallen. Ferner sind dieser Periode der Syphilis noch schwere
-Krankheitsveränderungen in den Schlagadern, besonders in der
-großen Schlagader eigen, die den Tod durch Störung der Blutzirkulation
-zur Folge haben können. Auch die Krankheitsprozesse
-der dritten Periode sind, wenn sie rechtzeitig erkannt werden, in
-weitem Umfange durch die ärztliche Behandlung beeinflußbar,
-vielfach sogar heilbar. Andererseits wird die traurige Bedeutung
-der sehr verbreiteten Krankheit noch durch die Tatsache erhöht,
-daß dem einmal syphilitisch Infizierten, auch wenn die Krankheit
-sonst anscheinend milde verlaufen ist, noch Jahre nach ihrer
-Erwerbung bestimmte Rückenmarks- und Gehirnleiden drohen; mit
-ihr im Zusammenhang stehen die sogenannte Rückenmarksschwindsucht
-(<em class="antiqua">Tabes</em>) und die Gehirnerweichung (progressive Paralyse).</p>
-
-<p>Wohl die traurigste Eigenschaft der Syphilis aber beruht darin,
-daß die syphilitisch erkrankte Frau dem eigenen Kinde schon im
-Mutterleibe den Krankheitskeim mitteilen kann: Es kommt dann
-zur Geburt toter oder syphilitisch kranker und lebensunfähiger
-Kinder.</p>
-
-<p>Als Erreger der Syphilis wurde vor wenigen Jahren von dem
-kurz darauf in noch jugendlichem Alter verstorbenen deutschen
-Zoologen <em class="gesperrt">Schaudinn</em> ein außerordentlich zarter und kleiner schraubenförmiger
-Mikroorganismus, die sogenannte <em class="antiqua">Spirochaete pallida</em>
-entdeckt (vgl. <a href="#abb33">Abb. 33</a>); die ursächliche Bedeutung dieses Mikroorganismus
-ist heute durch zahlreiche Untersuchungen von verschiedenster
-Seite außer Zweifel gestellt; noch ist es aber nicht gelungen, die
-Spirochaete zu kultivieren. Noch sind auch die Ansichten darüber
-geteilt, ob dieser Mikroorganismus zu den Spaltpilzen oder zu den
-niedersten tierischen Kleinlebewesen gehört.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p>
-
-<p>Der Nachweis der Spirochaeten gelingt leicht in den primären
-und sekundären Krankheitsprodukten der Syphilis; in denen der
-tertiären Syphilis sind sie äußerst selten zu finden. Da diese letzteren
-besonders häufig in inneren Organen lokalisiert sind, so ist der Versuch
-des Nachweises der Erreger während des Lebens meist überhaupt ausgeschlossen.</p>
-
-<p>Für die sichere Aufklärung der spezifischen Natur solcher Erkrankungen
-ist, wie überhaupt für die Diagnostik der Syphilis
-von sehr großer Bedeutung eine von <em class="gesperrt">Wassermann</em> gefundene
-charakteristische Reaktion des Blutserums syphilitischer Individuen.
-Der Mechanismus dieser Reaktion ist zu
-kompliziert, als daß ein Versuch seiner
-Erklärung hier angebracht wäre.
-Auch ist es nicht an der Zeit,
-ihre Bedeutung im Einzelnen
-zu erörtern, da diese
-noch unter den Fachleuten
-lebhaft diskutiert
-wird. An
-dem großen diagnostischen Wert
-der Wassermannschen
-Entdeckung ist aber
-kein Zweifel.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb33">
-<img src="images/abb-33.jpg" alt="Abb. 33" />
-<div class="caption">Abb. 33.<br />
-Spirochaeten in der
-Darmwand eines syphilitisch
-kranken neugeborenen
-Kindes.
-Schnittpräparat.</div>
-</div>
-
-<p>Versuche, gegen
-die Syphilis zu immunisieren,
-sei es auf
-»aktivem«, sei es auf
-»passivem« Wege, haben bisher noch keinen Erfolg gehabt; es ist
-möglich, daß die Zukunft uns ein wirksames Verfahren bringt. Die
-ersten Schritte auf diesem Wege sind insofern getan worden, als
-durch den Nachweis der Übertragbarkeit von Syphilis auf Affen,
-der zuerst von <em class="gesperrt">Metschnikoff</em> und <em class="gesperrt">Roux</em> erbracht wurde, der experimentellen
-Syphilisforschung vor einigen Jahren die Wege geebnet
-wurden.</p>
-
-<p>Wenn auch ein <em class="gesperrt">spezifisches</em> Heilmittel im Sinne der Immunitätsforschung
-für diese Krankheit noch nicht existiert, so hat der Arzt
-doch anderseits gerade ihr gegenüber sehr wirksame Medikamente
-in der Hand, durch deren sachgemäße Anwendung die Krankheit<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-in außerordentlich hohem Maße beeinflußt, ja geheilt werden kann.
-Die Wirksamkeit dieser Mittel &ndash; besonders des Quecksilbers und des
-Jodkaliums &ndash; zeigt sich in ihrem außerordentlich energischen
-Einfluß auf einzelne Erscheinungen der Krankheit, der nur in ungewöhnlich
-schweren Fällen versagt. Sie zeigt sich weiterhin auch in
-einer statistisch nachweisbaren günstigen Beeinflussung des späteren
-Verlaufes der Krankheit nach ausgiebiger Behandlung, wenn man
-zum Vergleich unbehandelte Fälle heranzieht. Der bekannte französische
-Syphilidologe <em class="gesperrt">Fournier</em> kommt auf Grund sehr großer
-Erfahrungen zu dem Schluß, daß die Syphilis heilbar sei, nicht nur
-in ihren Folgen für das Individuum allein, sondern auch in Hinsicht
-auf die Gefahr der Infektion der Nachkommenschaft &ndash; freilich
-nur unter der Voraussetzung, daß ausreichende sachgemäße Behandlung
-stattfindet.</p>
-
-<p>Da nur das syphilitische Individuum mit manifesten Krankheitserscheinungen
-zur Verbreitung der Seuche fähig ist, so ergibt sich als
-wichtigste Maßnahme zu deren Eindämmung die gründliche, rasche,
-sachgemäße Behandlung jedes syphilitisch Kranken einerseits, die
-Vermeidung der Krankheitsübertragung durch ansteckend Kranke
-anderseits. Da im allgemeinen die Infizierten nur in den ersten
-Jahren ihrer Erkrankung wieder ansteckungsfähig sind, so kann die
-Belehrung über die Gefahr, die sie für gesunde Menschen darstellen,
-ein weiteres Mittel zur Verhütung von Neuinfektionen bilden.
-Vor allem aber wird das Urteil des Arztes darüber zu entscheiden
-haben, ob und wann ein einmal syphilitisch infiziert Gewesener
-eine Ehe eingehen darf. Wird die Erlaubnis hierzu zu früh gegeben,
-so kann durch Infektion der Frau und durch die Schädigung der Nachkommenschaft
-nicht wieder gut zu machendes Unheil gestiftet werden.</p>
-
-<p>In einzelnen Staaten sind daher gesetzgeberische Bestimmungen
-getroffen, die z. B. die Genehmigung einer Eheschließung von der
-Beibringung eines Gesundheitsattestes abhängig machen; es kann
-keinem Zweifel unterliegen, daß solche Bestimmungen segensreich
-wirken können.</p>
-
-<p>Es könnte nach dem Gesagten scheinen, als müßte die Ausrottung
-der Syphilis in einem Kulturlande ein leichtes sein: Es müßte
-genügen, von einem gegebenen Augenblick an alle von der Krankheit
-Befallenen dahin zu bringen, daß sie jede Verbreitung der Infektion
-so lange auf das ängstlichste vermeiden, bis sie durch gründliche
-Behandlung geheilt sind. Bisher hat man trotz aller Bemühungen
-auf diesem Wege der Ausbreitung der Syphilis noch nicht steuern<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-können. Der Hauptgrund für diese betrübende Erscheinung liegt in
-sozialen Verhältnissen, vor allem in der Prostitution, über deren
-Duldung oder Unterdrückung hier nicht geredet werden soll.</p>
-
-<h3>Lepra.</h3>
-
-<p>Die Lepra oder der »Aussatz« ist eine Krankheit von ganz ausgesprochen
-langwierigem Verlauf, die im einzelnen außerordentlich
-verschiedene Erscheinungen zeigt, in ihren Endstadien aber in der Regel
-ihre bedauernswerten Opfer in grauenerregender Weise entstellt.
-Ihre gewöhnliche Form ist die Knotenlepra, die durch die Ausbildung
-von kleineren und größeren Knoten in der Haut und den
-Schleimhäuten ausgezeichnet ist, aber auch die inneren Organe befällt.
-Diese knotige Lepra kann durch Zerfall von Knoten zu Geschwürsbildungen
-und, namentlich im Gesicht, dadurch auch zu
-erheblichen Zerstörungen und Entstellungen führen. Besonders
-grauenerregend sind aber die Ausgänge der anderen Form der
-Krankheit, der sogenannten Nervenlepra, die mit schweren Störungen
-der Ernährung der Weichteile und Knochen einhergeht und in ihren
-Endstadien ausgedehnte Verstümmelungen der Gliedmaßen, besonders
-der Hände und Füße und des Gesichts, herbeiführt.</p>
-
-<p>Ob die Lepra mit dem Aussatz der Bibel identisch ist, das wissen
-wir nicht, es ist aber unwahrscheinlich. In den heutigen Kulturländern
-Europas war sie im Mittelalter außerordentlich verbreitet,
-und zwar scheint sie hauptsächlich während der Kreuzzüge große
-Fortschritte gemacht zu haben. Schon im 9. und 10. Jahrhundert
-werden einzelne Leprahäuser auf deutschem Boden erwähnt, auch
-erfahren wir von gesetzlichen Bestimmungen, z. B. Heiratsverboten,
-die gegen die Verbreitung der Krankheit gerichtet waren, schon unter
-Pipin und Karl dem Großen. Am Anfange des 13. Jahrhunderts aber
-bereits gab es in Frankreich 2000 Leprahäuser. Die Überzeugung
-von der Ansteckungsfähigkeit der Krankheit führte zu sehr strengen
-Bestimmungen; der als leprös Erkannte mußte sich in ein Leprahaus
-aufnehmen lassen. Bekannt ist ja die Vorschrift, die den Leprösen
-zwang, sich durch Klingeln mit einer Schelle bemerkbar zu machen,
-wenn er sich menschlichen Wohnungen, in erster Linie zum Zwecke
-des Bettelns, nähern wollte. Heute ist die Lepra in Deutschland
-so gut wie unbekannt, nur im äußersten Nordosten von Preußen
-gibt es einige wenige Lepröse, die ihre Ansteckung zweifellos aus den
-russischen Ostseeprovinzen bekommen haben, in denen die Krankheit
-noch heimisch ist. Ein kleiner Lepraherd findet sich weiter in Frankreich,<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-in der Bretagne, ein weiterer in Norwegen. Die südeuropäischen
-Länder sind ebenfalls nicht ganz frei von der Krankheit,
-so die Türkei und Rußland. Sehr zahlreiche Leprafälle trifft man
-vor allem in Vorder- und Hinter-Indien und auf den malayischen
-Inseln. In Amerika sind einzelne Staaten an der Nordküste von
-Südamerika stärker von der Krankheit befallen, die sonst selten ist,
-auch Afrika besitzt einige Lepraherde.</p>
-
-<p>Die Ursache der Krankheit ist der von dem norwegischen Forscher
-<em class="gesperrt">Hansen</em> 1868 zuerst beobachtete Leprabazillus, ein schlankes, dem
-Tuberkelbazillus in mancher Hinsicht ähnliches, unbewegliches
-Stäbchen, das sich in ganz kolossalen Mengen in den Lepraknoten
-der Haut und Schleimhäute, besonders häufig auch im Nasensekret
-bei geschwürigen Prozessen der Nase, bei der Nervenlepra endlich
-im Zwischengewebe der Nerven findet. Die Kultur dieses Stäbchens
-ist trotz sehr zahlreicher Bemühungen nicht gelungen, auch sind bisher
-noch alle Versuche, die Krankheit auf Tiere der verschiedensten
-Arten überzuimpfen, fehlgeschlagen. Unsere Anschauungen von
-der Verbreitungsweise der Krankheit und somit auch die Maßnahmen
-zu ihrer Eindämmung, gründen sich also ganz ausschließlich auf die
-Beobachtungen am Menschen.</p>
-
-<p>Es steht unzweifelhaft fest, daß die Krankheit ausschließlich bei
-Individuen auftritt, die einmal in ihrem Leben mit Leprösen in
-Berührung gekommen sind, freilich ist die Inkubationszeit außerordentlich
-lang, allem Anschein nach erstreckt sie sich über Jahre.
-Die Art und Weise der Übertragung der Keime ist noch nicht völlig
-aufgeklärt; besonders gefährlich scheint das bazillenhaltige Nasensekret
-zu sein, das sich in einem großen Teil der Fälle findet. Jedenfalls
-aber findet die Übertragung nur bei intimer Berührung resp.
-bei mangelnder Reinlichkeit statt; das wird auf das schlagendste
-bewiesen durch die Tatsache, daß <em class="gesperrt">Hansen</em> selbst in jahrzehntelanger
-Tätigkeit auch nicht einen einzigen Fall von Übertragung der Krankheit
-auf das <em class="gesperrt">Pflegepersonal</em> gesehen hat. Daß die Lepra allein
-durch die Isolierungsmethode auf das wirksamste bekämpft werden
-kann, zeigt das Beispiel Norwegens, wo die Zahl der Leprösen
-von 2870 im Jahre 1856 auf 577 im Jahre 1900 herabgegangen
-ist. Seit dem Jahre 1885 besteht dort der gesetzliche Zwang zur
-Aufnahme in ein Leprahaus für jeden von der Krankheit Befallenen,
-der nicht die Möglichkeit nachweist, in seiner eigenen Wohnung
-bestimmten, der Isolierung dienenden Vorschriften strengstens
-nachzukommen. In manchen Staaten ist Leprösen das Eingehen<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-einer Ehe nicht gestattet; diese Bestimmung erscheint durchaus
-gerechtfertigt, solange die Krankheit, wenn sie einmal ausgebrochen,
-als unheilbar zu gelten hat.</p>
-
-<p>In neuester Zeit berichteten die Zeitungen über günstige Erfolge,
-die der deutsche Forscher <em class="gesperrt">Deycke</em> mit einem Impfstoff gegen
-die Lepra erzielt haben soll. Vor der genauen Veröffentlichung der
-Resultate, die bisher noch aussteht, wird man sich jedes Urteils über
-den Wert des neuen Mittels enthalten müssen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="Schlusswort">Schlußwort.</h2>
-
-<p class="center">Rückblick und Ausblick.</p>
-</div>
-
-<p>Man hört zuweilen in Laienkreisen ungeduldige und abfällige
-Urteile über die Bakterienforscher und ihre Erfolge: »Wozu hilft
-uns die Entdeckung immer neuer Krankheitserreger, wenn man
-nicht gleichzeitig Mittel findet, um die Menschheit von ihnen zu
-befreien!« In der Tat, für unsere Wünsche und Hoffnungen geht
-der Fortschritt der Wissenschaft im Kampfe mit diesen tückischen
-kleinen Feinden immer zu langsam. Wir müssen mit Bedauern
-eingestehen, daß trotz aller geleisteten Arbeit noch immer unübersehbares
-Elend durch die pathogenen Bakterien entsteht. Das gilt
-auch, wenn wir von den außerordentlich großen Verlusten an Menschenleben
-ganz absehen, die auf Rechnung der <em class="gesperrt">exotischen Seuchen</em>
-zu setzen sind, wenn wir also nur unser Klima und die Verhältnisse
-in Europa betrachten.</p>
-
-<p>Ein Versuch, ein zuverlässiges Urteil darüber zu gewinnen, welchen
-Schaden der Kulturmenschheit die bakteriellen Infektionskrankheiten
-heute noch zufügen, stößt auf große Schwierigkeiten. Wir müßten
-etwa festzustellen trachten, wie viele Menschen in einem bestimmten
-Zeitabschnitte in unserem Klima an bakteriellen Infektionen <em class="gesperrt">erkranken</em>,
-wie lange Zeit sie arbeits- und genußunfähig werden,
-ob und welchen dauernden Schaden die »Geheilten« etwa behalten,
-wobei besonders auch an die Folgen bestimmter Krankheiten für
-Ehe und Nachkommenschaft zu denken wäre, endlich: wie viele
-den Krankheiten erliegen.</p>
-
-<p>Die Beantwortung aller dieser Fragen stößt auf außerordentlich
-große Schwierigkeiten; am ehesten können wir noch die letzte von
-ihnen in präziser Weise beantworten &ndash; auf Grund von Statistiken
-über die <em class="gesperrt">Todesursachen</em>, die uns freilich nur einen gewissen
-gröbsten Maßstab für die Größe des Schadens geben. Anspruch<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-auf völlige Zuverlässigkeit haben solche Zusammenstellungen streng
-genommen nur dann, wenn sie sich auf Sektionsbefunde stützen.</p>
-
-<p>Als Beispiel einer solchen Zusammenstellung mag eine von Geheimrat
-<em class="gesperrt">Marchand</em> veröffentlichte Todesursachenstatistik dienen,
-die sich auf die im Leipziger Pathologischen Institut in den Jahren
-1900 bis 1905 vorgenommenen Leichenöffnungen stützt:</p>
-
-<p>Von 7140 Todesfällen waren allein 1652 (= 23%) auf Tuberkulose
-zurückzuführen; 687 (= 9,6%) weitere auf andere ansteckende
-Krankheiten, während z. B. auf äußere Einwirkungen aller Art
-(Unglücksfälle, Verbrennungen, Verletzungen) im ganzen 561
-(= 7,8%) der Todesfälle zurückgingen. Auf Rechnung von pathogenen
-Bakterien sind nun aber weiterhin noch eine sehr beträchtliche
-Zahl von Todesfällen zu setzen, die durch Erkrankung lebenswichtiger
-Organe <em class="gesperrt">im Anschluß</em> an eine vorangegangene bakterielle Infektion
-entstanden sind. (»Nachkrankheiten«, s. o. in Kapitel II.)
-Die genaue Aussonderung dieser Fälle stößt auf gewisse Schwierigkeiten.
-Mit einiger Sicherheit kann man in dem hier herangezogenen
-Material noch mindestens 833 = 11,7% der Fälle in
-diese Rubrik einordnen. Die Gesamtzahl der sicher durch pathogene
-Bakterien verursachten Todesfälle beträgt demnach für unser
-Material 3172 = 44,4% der Gesamttodesfälle.</p>
-
-<p>Nur <em class="gesperrt">eine</em> Krankheitsgruppe kann sich an trauriger Bedeutung
-für die Menschheit mit den Infektionskrankheiten messen: die »bösartigen
-Geschwülste«, die »Krebskrankheit« im weiteren Sinne, die
-in unserer Statistik mit 799 = 11,2% der Todesfälle vertreten ist.<a id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">13</a></p>
-
-<p>Wir müssen also ohne weiteres einräumen, daß auch heute noch
-&ndash; trotz der gepriesenen Großtaten der Wissenschaft &ndash; unendlich
-großes Elend durch pathogene Bakterien der Menschheit bereitet
-wird. Haben wir deshalb Grund zu verzagen, die Hände in den
-Schoß zu legen? Gewiß nicht; im Gegenteil, wir haben allen Grund,
-hoffnungsvoll in die Zukunft zu sehen. Dazu berechtigen uns die
-wirklich erreichten Erfolge. Freilich ist es noch außerordentlich viel
-schwieriger, von ihrem Umfang eine annähernd richtige Vorstellung
-zu gewinnen, als von den Verwüstungen, die die Infektionskrankheiten
-anrichten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p>
-
-<p>Die einfachsten und deshalb durchsichtigsten Verhältnisse finden
-wir bei den beiden Krankheiten, die wir am wirksamsten bekämpfen
-gelernt haben, bei den »Pocken« und bei der »Diphtherie«. Man
-kann wohl annehmen, daß im 18. Jahrhundert in Europa im allgemeinen
-1/14 bis 1/12 aller Todesfälle durch Blattern verursacht
-waren. (<em class="gesperrt">Kübler</em>, Geschichte der Pocken und der Impfung S. 101.)
-Heute ist <em class="gesperrt">diese</em> Krankheit in Deutschland so gut wie unbekannt,
-in den andern Kulturländern ebenfalls um so seltener, je allgemeiner
-die Schutzpockenimpfung durchgeführt ist. Hier dürfen wir mit
-Recht also von einem vollständigen Sieg der Kulturmenschheit
-über einen Infektionskeim sprechen.</p>
-
-<p>Nicht ganz so günstig liegen die Erfolge gegenüber der Diphtherie,
-die auch nach der Einführung des <em class="gesperrt">Behring</em>schen Heilserums immer
-noch Opfer fordert; darüber aber sind Ärzte und Laien sich einig, daß
-auch diese gefürchtete Krankheit seit der Entdeckung dieses Mittels
-ihren Schrecken größtenteils verloren hat. Das beweisen vor allem
-auch die statistischen Feststellungen, die von jenem Augenblick an
-einen ganz erheblichen Abfall der Diphtherie-Sterblichkeit zeigen.</p>
-
-<p>Auch die Wutschutzimpfung mit ihren segensreichen Folgen gehört
-zu den unmittelbaren Erfolgen der Wissenschaft; ebenso ist hier die
-siegreiche Bekämpfung bakterieller Tierseuchen noch einmal zu
-erwähnen.</p>
-
-<p>Aber &ndash; kommt der ungeduldige Leser wieder zum Worte &ndash;
-gegen alle die vielen anderen Krankheitserreger, die entdeckt und
-bis auf alle Einzelheiten ihrer Lebensbedingungen und Lebensäußerungen
-untersucht worden sind, hat man immer noch kein
-Radikalmittel von zweifellosem Wert? Die Antwort lautet: Nein;
-aber man hat vielversprechende Anfänge an verschiedenen Punkten,
-und wir dürfen hoffen, daß manche der Heilsera und manche Schutzimpfungsmethoden
-sich noch bewähren werden, oder aber, daß
-bessere Mittel an ihre Stelle treten werden.</p>
-
-<p>Wir dürfen also <em class="gesperrt">hoffen</em>, wird der Leser erwidern &ndash; mit anderen
-Worten: Zukunftsmusik! &ndash; Doch nicht ganz; denn man vergißt in
-seiner Ungeduld über dem Wunsche nach radikalen Heil- und Schutzmitteln,
-die ja freilich als letztes praktische Ziel aller Forschung über
-pathogene Bakterien vorschweben, den großen <em class="gesperrt">mittelbaren</em> Nutzen,
-den die bisherigen Ergebnisse der Wissenschaft schon gehabt haben.</p>
-
-<p>Es ist hier schlechterdings nicht möglich, im einzelnen auszuführen,
-welchen Umschwung in den ärztlichen Anschauungen, in der Erkennung,
-Behandlung und vor allem in der <em class="gesperrt">Verhütung</em> von<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-Krankheiten die Bakteriologie herbeigeführt hat. Hier muß vor
-allem auf den schwer schätzbaren, aber sicher gewaltigen Fortschritt
-hingewiesen werden, den die <em class="gesperrt">Verhütung der Seuchen</em> gemacht
-hat. Aber nicht nur exotischen Krankheiten stehen wir bei weitem
-besser gerüstet gegenüber als vor den Erfolgen <em class="gesperrt">Robert Kochs</em>;
-auch den endemischen Infektionskrankheiten können wir wirksamer
-als zuvor entgegentreten.</p>
-
-<p>Von unabsehbarer Bedeutung für die Menschheit ist aber ferner der
-gewaltige Aufschwung, den die <em class="gesperrt">operative Medizin</em> &ndash; in erster
-Linie dank den Errungenschaften der Bakteriologie &ndash; genommen
-hat. Die Voraussetzung für die erstaunliche Entwickelung der
-Chirurgie im Verlauf der drei letzten Jahrzehnte war die Entdeckung
-der Ursachen der Wundkrankheiten und die Ausbildung der Methoden
-zu ihrer Verhütung. Wer vermag zahlenmäßig zu belegen, wieviele
-Menschenleben um Jahre, ja Jahrzehnte, verlängert worden sind
-durch chirurgische Eingriffe, die früher gar nicht gewagt werden
-konnten, weil sie sicheren Tod des Operierten zur Folge gehabt
-hätten! Gerade auch der gefürchteten Krebskrankheit gegenüber
-hat so &ndash; auf Umwegen &ndash; die Entdeckung der pathogenen Bakterien
-zu großen Erfolgen geführt, indem sie operative Eingriffe ermöglichte,
-an die sich vor der Einführung von Antisepsis und Asepsis in die
-Chirurgie auch der kühnste Operateur mit Recht nicht heranwagte.</p>
-
-<p>Kurz: die mittelbaren und unmittelbaren praktischen Ergebnisse
-der Wissenschaft für den Kampf gegen die Infektionskrankheiten
-sind heute schon gewaltig große, und mit Recht verehrt die Menschheit
-unter ihren Wohltätern <em class="gesperrt">Jenner</em>, <em class="gesperrt">Pasteur</em>, <em class="gesperrt">Koch</em>, <em class="gesperrt">Behring</em>.
-Mit Recht dürfen wir aber auch hoffen, daß der unaufhaltsame
-Fortschritt der Wissenschaft der Menschheit immer neue Mittel in
-die Hand geben wird, der pathogenen Bakterien Herr zu werden,
-ja, daß einmal der Tag kommen wird, an dem man, wenn nicht
-alle, so doch manche oder viele Arten dieser Schädlinge ebenso unschädlich
-gemacht hat, wie den Pockenkeim, der Tag, an dem man
-von Cholera und Pest, ja von Syphilis und Tuberkulose nur noch
-aus den Büchern der Geschichte erfahren wird, der Tag, an dem
-man die Abbildungen von diesen Krankheiten mit dem gleichen
-Interesse betrachten wird, mit dem wir heute vor den Skeletten der
-gewaltigen Tierarten stehen, die unseren Vorfahren nach dem
-Leben trachteten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="center">Druck von B. G. Teubner in Dresden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="FOOTNOTES">Fußnoten</h2>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">1</span></a> Zur Geschichte der bakteriologischen Wissenschaft vgl. besonders:
-<em class="gesperrt">Loeffler</em>, Vorlesungen über die geschichtliche Entwicklung der
-Lehre von den Bakterien. Leipzig 1887.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">2</span></a> Näheres über die Urzeugung s. bei <em class="gesperrt">Gutzeit</em>, <em class="antiqua">l. c.</em>, S. 16 ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">3</span></a> Näheres siehe bei <em class="gesperrt">Gutzeit</em>, S. 22 ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">4</span></a> Die Einrichtung unserer modernen Mikroskope ist recht kompliziert
-und mit wenigen Worten nicht zu erörtern. Eine Einführung
-in die Konstruktion und Verwendung des Mikroskopes findet sich in
-Bd. 36 dieser Sammlung: Scheffer, Das Mikroskop.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">5</span></a> pathogen = krankheiterregend von griechisch πάθος = die Krankheit,
-Stamm γεν = erzeugen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">6</span></a> Wir müssen hier mit einigen Worten die Zusammensetzung des
-Blutes und die wichtigsten Eigenschaften seiner Bestandteile besprechen.
-Das Blut besteht aus einem flüssigen Bestandteile, dem
-Plasma, und sehr zahlreichen kleinsten runden Scheibchen, den
-sogenannten roten Blutkörperchen, die das Hämoglobin enthalten,
-den roten Farbstoff, der die schöne rote Farbe frischen Blutes bewirkt.
-Diese Scheibchen sind außerordentlich klein: 1 <em class="antiqua">cbmm</em>, also ein Bluttröpfchen,
-das kaum größer ist als ein Stecknadelkopf, enthält
-4&ndash;5000000 davon. Mit Hilfe sehr feiner Meßapparate hat man den
-Durchmesser eines solchen roten Blutkörperchens des Menschen gleich
-ungefähr 7 µ bestimmt. Außer den roten enthält das Blut in viel geringerer
-Zahl noch andere zellige Elemente von etwas verschiedenem
-Charakter, die im Gegensatz zu jenen farblos sind und als weiße Blutkörperchen
-(Leukocyten) bezeichnet werden. Sie sind zum Teil ein
-wenig größer als die roten Blutkörperchen und besitzen ebenso wie
-niederste tierische Lebewesen, z. B. die Amöben, die Eigenschaft selbständig
-ihre Gestalt zu verändern und besonders auch kleine körperliche
-Elemente, die in ihr Bereich kommen, in ihren Zelleib aufzunehmen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">7</span></a> <em class="gesperrt">Kübler</em>, Geschichte der Pocken und der Impfung. Bibliothek
-von Coler. Bd. 1.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">8</span></a> Der technische Ausdruck für diese Einverleibungsmethoden
-lautet: parenteral, was aus dem Griechischen etwa zu übersetzen
-wäre: unter Vermeidung des Darmweges.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">9</span></a> Eine eingehendere gemeinverständliche Darstellung dieser höchst
-interessanten Phänomene von Prof. <em class="gesperrt">Duerck</em> wird demnächst in dieser
-Sammlung erscheinen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">10</span></a> Eine Landgrenze vollständig zu sperren gilt als nahezu unmöglich
-&ndash; selbst bei der Anwendung der strengsten Maßnahmen. &ndash; Der
-Ausbau der Eisenbahnen, die Europa mit dem Orient verbinden,
-wird unsere Seuchen-Prophylaxe daher erschweren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">11</span></a> Merkwürdigerweise hat sich zusammen mit dem Ausdruck: »die
-Luft verpesten« auch in weiten Kreisen ein Irrtum erhalten, der den
-unklaren und falschen mittelalterlichen Vorstellungen vom Wesen und
-der Entstehung von Seuchen entspricht und selbst in den Kreisen der
-Journalisten bedauerlicherweise noch lebendig ist: Als am Ende des
-Jahres 1908 die furchtbare Erdbebenkatastrophe Messina vernichtet
-hatte, brachten die Tageszeitungen wiederholt die Meldung, man befürchte,
-die verwesenden Leichen könnten zur Entstehung von Seuchen
-Anlaß geben. Ja, ein sehr verbreitetes Blatt ließ sich sogar telegraphieren,
-man beabsichtige, durch ein Bombardement der Trümmerstätte
-dem Ausbruch der <em class="gesperrt">Pest</em> vorzubeugen. Dies Bombardement
-ist mit Recht unterblieben, denn die italienischen Behörden wußten
-über Seuchenentstehung besser Bescheid als jener Korrespondent.
-Sie wußten, daß eine Pestepidemie durchaus nur im Anschluß an
-Pestfälle &ndash; bei Menschen oder Tieren &ndash; entstehen kann. Da nun
-vor dem Erdbeben sicher kein Pestfall in Messina vorhanden war,
-konnte sich auch aus den Leichen kein solcher »entwickeln«, denn die
-Pesterreger entwickeln sich ebensowenig durch »Urzeugung« wie andere
-Bakterien. (Vgl. die Einleitung zu diesem Bändchen.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">12</span></a> In Band 47 dieser Sammlung findet sich eine Behandlung
-der Tuberkulose von Schumburg. Ich beschränke mich deshalb hier
-auf eine ganz kurze Besprechung der wichtigsten Punkte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">13</span></a> Für die hier und da verteidigte Ansicht, daß auch die »Krebskrankheit«
-durch eine <em class="gesperrt">belebte</em> Krankheitsursache, ein pathogenes
-Kleinlebewesen, hervorgerufen werde, fehlt bisher jeder Beweis.
-Alle bisher entdeckten »Krebserreger« haben der Kritik nicht standhalten
-können.</p></div>
-</div>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin.</p>
-</div>
-
-<p class="h2">Einführung in die Physiologie der Einzelligen
-(Protozoen).</p>
-
-<p class="center">Von Dr. <b>S. v. Prowazek</b>. Zoolog. Assistent am Seemanns-Krankenhaus
-und Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten
-in Hamburg. Mit 51 Abbild. [IV u. 172 S.] gr. 8. 1910. In Leinw.
-geb. <i>M</i> 6.&ndash;.</p>
-
-<p>In dem Buch wird der Versuch gemacht, die wichtigsten, in vielen
-heterogenen Zeitschriften medizinischen und biologischen Inhalts zerstreuten
-Tatsachen, die sich auf die Physiologie der Protozoen, die jetzt gerade im Vordergrunde
-des medizinischen und biologischen Interesses stehen, beziehen, in übersichtlicher
-Weise zu sammeln und unter einheitlichen Gesichtspunkten darzustellen.
-Leider wurde bis jetzt die Physiologie der Einzelligen mit wenigen
-Ausnahmen selten von einheitlichen Gesichtspunkten bearbeitet, und so mußte
-sich die Darstellung manches Kapitels nur mit Anregungen für eine weitere
-Bearbeitung in diesem Sinne begnügen. Es ist aber in diesem Buche gleichzeitig
-der Versuch gemacht worden, die neuesten Ergebnisse der Morphologie
-der Protozoen mit der Physiologie in Einklang zu bringen und die letzten Gestaltprinzipien
-der Einzelligen &ndash; ihre Morphe &ndash; unter den Gesichtswinkel einer
-physiologischen Betrachtungsart zu stellen. In diesem Sinne stellt manches
-Kapitel dieser Schrift ein Programm für eine physiologische Promorphologie der
-Einzelligen, die nicht die einfachst organisierten Zellen, sondern die höchst
-differenzierten einzelligen Organismen sind. Natürlicherweise mußten wiederholt
-die Probleme des neueren Vitalismus gestreift werden &ndash; doch ist diese Stellungnahme
-mehr subjektiver Natur, und es soll in diesem Sinne überhaupt nicht das
-letzte Wort gesprochen werden. In erster Linie soll aber das Buch nur eine
-Einführung in eine Protistenphysiologie sein, ein Nachschlagebuch, das für den
-Mediziner und den Biologen die wichtigsten Tatsachen aus dem Gebiete der
-Protistenphysiologie in kurzer Form mit den entsprechenden Literaturnachweisen
-bringt. Die Hauptkapitel sind aber derart abgefaßt worden, daß der der Protozoenbiologie
-Fernerstehende sich über die wichtigsten Probleme der Kern- und
-Protoplasmaphysiologie, über Befruchtung, Vermehrung, Ernährung und die
-verschiedenen Tropismen der Protozoen orientieren kann.</p>
-
-<p class="h2">Planktonkunde.</p>
-
-<p class="center">Von Dr. <b>A. Steuer</b>. Privatdozent an der Universität
-Innsbruck. Mit 365 Abbild. und einer farb. Tafel.
-[XV u. 723 S.] gr 8. 1910. In Leinw. geb. <i>M</i> 26.&ndash;.</p>
-
-<p>Bei dem ungeahnten Aufschwung, den die Planktonkunde in den letzten
-Jahren genommen, dürfte eine zusammenfassende Darstellung der gesamten
-Planktologie, wie sie hier zum ersten Male geboten wird, nicht unerwünscht
-sein: dem Geographen, Zoologen und Botaniker und nicht in letzter Linie dem
-praktischen Fischer als übersichtliches Handbuch, dem Lehrer und Lernenden
-als Grundlage für den Unterricht sowohl wie für selbständige wissenschaftliche
-Arbeit auf den einschlägigen Gebieten.</p>
-
-<p class="h2">Lehrbuch der Paläozoologie.</p>
-
-<p class="center">Von Dr. <b>E. Stromer von Reichenbach</b>.
-Privatdozent an der Universität
-München. 2 Teile. Mit zahlr. Abbild. gr. 8. In Leinw. geb. I. Teil:
-Wirbellose Tiere. Mit 398 Abbild. [X u. 342 S.] 1909. <i>M</i> 10.&ndash;. II. Teil:
-Wirbeltiere. (Erscheint im Herbst 1910.)</p>
-
-<p>Verfasser legt im engsten Anschlusse an die Resultate der Zoologie die
-Organisation der Tiere klar, erörtert ihre Lebensweise, während die Systematik
-nur in ihren Prinzipien und bis zu den Ordnungen genauere Berücksichtigung
-findet. Der allgemeinen Paläozoologie wird ein größerer Raum gewährt. So
-folgen im ersten Bande der kurzen Definition und Vorgeschichte der Wissenschaft
-eine ausführliche Darstellung der Erhaltungsbedingungen von Tierresten, eine
-Abhandlung über Skelettbildung und eine Klarlegung des Verhältnisses der
-Paläozoologie zu den anderen beschreibenden Naturwissenschaften. Im speziellen
-Teile werden dann die Stämme der Wirbellosen nach Bau, Einteilung, räumlicher
-und zeitlicher Verbreitung sowie in bezug auf die Stammesgeschichte besprochen.
-In dem zweiten Bande werden die Wirbeltiere ebenso behandelt und zum Schlusse soll
-eine Ergänzung der einleitenden allgemeinen Paläozoologie folgen, nämlich eine
-Darstellung der Rolle der gesamten Tierwelt in den früheren Zeiten, ihrer Gesamtentwicklung
-und der dabei geltenden Gesetze und damit eine Klarlegung der
-Bedeutung der Paläozoologie für die Tiergeographie und die Abstammungslehre.</p>
-
-<p class="h2">Anleitung
-zur Kultur der Mikroorganismen.</p>
-
-<p class="center">Für den Gebrauch in zoologischen, botanischen, medizinischen
-und landwirtschaftlichen Laboratorien</p>
-
-<p class="center">Von Dr. <b>Ernst Küster</b></p>
-
-<p class="center smaller">Professor am Botanischen Institut in Kiel.</p>
-
-<p class="center">Mit 16 Abbildungen. In Leinwand geb. <i>M</i> 7.&ndash;.</p>
-
-<p>Das Buch gibt eine Anleitung zum Kultivieren aller Arten
-von Mikroorganismen (Protozoen, Flagellaten, Myzetozoen, Algen,
-Pilzen, Bakterien), bringt eine Übersicht über die wichtigsten
-Methoden zu ihrer Gewinnung und Isolierung, behandelt ihre
-Physiologie, insbesondere die Ernährungsphysiologie, soweit ihre
-Kenntnis für Anlegen und Behandeln der Kulturen unerläßlich ist,
-und versucht zu zeigen, in wie mannigfaltiger Weise die Kulturen
-von Mikroben für das Studium ihrer Entwicklungsgeschichte,
-Physiologie und Biologie verwertet werden können und schon
-verwertet worden sind.</p>
-
-<p class="smaller">»Das Küstersche Buch gibt in knapp 200 Seiten eine übersichtliche und doch
-reiche Darstellung der Kulturmethoden der Mikroorganismen. Ein allgemeiner
-Teil, der gerade dem Mediziner viel Anregung bietet, beschäftigt sich mit den
-Nährböden, ihrer Herstellung und ihrer Wirkung auf die Organismen, mit den
-Behältern der Nährböden und mit der Herstellung der Kulturen, im besonderen
-der Reinkulturen. Wertvoll ist die Zusammenstellung bisher zerstreuter und
-schwer zugänglicher Angaben und Rezepte.«</p>
-
-<p class="right smaller">
-(<b>Deutsche Medizinische Wochenschrift.</b>)
-</p>
-
-<p class="h2">Das Verhalten der niederen Organismen
-unter natürlichen und
-experimentellen Bedingungen.</p>
-
-<p class="center">Von <b>H. S. Jennings</b></p>
-
-<p class="center smaller">Professor der experimentellen Zoologie an der Johns Hopkins University in Baltimore.</p>
-
-<p class="center">Übersetzt von Dr. med. et phil. <b>E. Mangold</b></p>
-
-<p class="center smaller">Privatdozent an der Universität Greifswald.</p>
-
-<p class="center">[ca. 580 S.] gr. 8. In Leinwand geb. [Erscheint Ostern 1910.]</p>
-
-<p>Der bekannte amerikanische Biologe gibt eine äußerst klare
-und ansprechende, von zahlreichen Abbildungen begleitete Darstellung
-des physiologischen Verhaltens und der auf die verschiedenen
-Reize der Außenwelt erfolgenden allgemeinen Körperbewegungen
-der einzelligen Organismen und der niederen Tiere. Der objektiv
-beschreibende und der theoretisch analysierende Teil des Buches
-bilden die Grundzüge einer vergleichenden <span id="corr122">Physiologie</span>, welche
-es verdienen, weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Der Katalog »Aus Natur und Geisteswelt« wurde als eigenes Projekt
-PG53614 auf gutenberg.org veröffentlicht und hier entfernt.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 29: Menschen → Mengen<br />
-mit genau gleichen <a href="#corr029">Mengen</a> einer Reinkultur</p>
-<p>
-S. 122: Psychologie → Physiologie<br />
-Grundzüge einer vergleichenden <a href="#corr122">Physiologie</a></p>
-</div></div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die krankheiterregenden Bakterien, by Max Loehlein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KRANKHEITERREGENDEN BAKTERIEN ***
-
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-</body>
-</html>
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deleted file mode 100644
index 07621af..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-13.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-14.jpg b/old/54762-h/images/abb-14.jpg
deleted file mode 100644
index 3ddaeca..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-14.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-15.jpg b/old/54762-h/images/abb-15.jpg
deleted file mode 100644
index a3039f6..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-15.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-16.png b/old/54762-h/images/abb-16.png
deleted file mode 100644
index eb4bcb8..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-16.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-17.jpg b/old/54762-h/images/abb-17.jpg
deleted file mode 100644
index 1efcb73..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-17.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-18.png b/old/54762-h/images/abb-18.png
deleted file mode 100644
index 1a4ad40..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-18.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-19.jpg b/old/54762-h/images/abb-19.jpg
deleted file mode 100644
index 5a1ac04..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-19.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-20.jpg b/old/54762-h/images/abb-20.jpg
deleted file mode 100644
index 5b526b2..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-20.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-21.png b/old/54762-h/images/abb-21.png
deleted file mode 100644
index f6f74cb..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-21.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-22.jpg b/old/54762-h/images/abb-22.jpg
deleted file mode 100644
index 647e5a7..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-22.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-23.jpg b/old/54762-h/images/abb-23.jpg
deleted file mode 100644
index da22575..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-23.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-24.jpg b/old/54762-h/images/abb-24.jpg
deleted file mode 100644
index c89da2c..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-24.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-25.png b/old/54762-h/images/abb-25.png
deleted file mode 100644
index 816dfee..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-25.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-26.png b/old/54762-h/images/abb-26.png
deleted file mode 100644
index 1ac7937..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-26.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-27.jpg b/old/54762-h/images/abb-27.jpg
deleted file mode 100644
index 4881ee1..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-27.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-28.png b/old/54762-h/images/abb-28.png
deleted file mode 100644
index a87749b..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-28.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-29.jpg b/old/54762-h/images/abb-29.jpg
deleted file mode 100644
index f8af92e..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-29.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-30.jpg b/old/54762-h/images/abb-30.jpg
deleted file mode 100644
index 5d73d8e..0000000
--- a/old/54762-h/images/abb-30.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-31.jpg b/old/54762-h/images/abb-31.jpg
deleted file mode 100644
index a9284e2..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-32.jpg b/old/54762-h/images/abb-32.jpg
deleted file mode 100644
index 6c9f514..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/abb-33.jpg b/old/54762-h/images/abb-33.jpg
deleted file mode 100644
index 962306f..0000000
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Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/cover.jpg b/old/54762-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 3223e72..0000000
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Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/illu-vi.png b/old/54762-h/images/illu-vi.png
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index 5011516..0000000
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Binary files differ
diff --git a/old/54762-h/images/signet.png b/old/54762-h/images/signet.png
deleted file mode 100644
index e6ee37a..0000000
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Binary files differ