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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 08:46:41 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Dissolving Views - Romanfragmente von Leo Wolfram. - -Author: Ferdinand Prantner - -Release Date: May 21, 2017 [EBook #54754] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DISSOLVING VIEWS *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1861 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung - und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend - korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden - beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich - waren oder im Text mehrfach auftreten. - - Im Inhaltsverzeichnis wurde für ‚Der Prior von Sankt Martin‘ die - Seitenzahl von 139 zu 143 korrigiert. - - Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von - der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der - vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - fett: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Dissolving views. - - Erster Band. - - - - -Bei +Hoffmann und Campe+ in +Hamburg+ sind erschienen: - - Thlr. Sgr. - +Aston+, L., aus dem Leben einer Frau -- 22½ - - +Bernays+, Isaak, Schief Levinche mit seiner Kalle, oder - polnische Wirthschaft. Ein komischer Roman. 1 15 - - +Christen+, F. E., Diana. Wahrheit und Dichtung. 2 Theile 2 15 - - -- Malcolm. See-Gemälde aus der neuern Zeit. 1 15 - - +Clemens+, F., Der Excentrische. Roman 1 -- - - -- Das entschleierte Bild zu Sais 1 10 - - +Corbiere+, Ed., die Zöglinge der Marine. 2 Theile 2 -- - - +Douglaß+, Frederick, Sclaverei und Freiheit. Autobiographie. - Aus d. Engl., bearb. von Ottilie Assing 1 15 - - +Elpis Melena+, hundert und ein Tag auf meinem Pferde - und ein Ausflug nach der Insel Maddalena 1 15 - - -- Garibaldi’s Denkwürdigkeiten. 2 Bde. 2 -- - - +Falkson+, Ferd., Giordano Bruno 1 15 - - +Freese+, H., die Prinzessin von Ahlden 1 15 - - +Gathy+, A., Cavalcade, oder die Kunstreiterin 1 -- - - +Görner+, C. A., Almanach dramatischer Bühnenspiele. 8. - Jahrgang 1 15 - - +Gregorowitsch+, N., die Fischer. Ein Roman. Aus dem - Russischen. Nebst Einleitung von Alexander Herzen. - 2 Theile 2 15 - - +Gutzkow+, ~Dr.~ K., Novellen. 2 Bände 3 -- - - -- Seraphine. Ein Roman 1 20 - - -- öffentliche Charaktere 1 20 - - -- zur Philosophie der Geschichte 1 20 - - -- Börne’s Leben 1 15 - - +Halfern+, A. von, der Squire. Ein Bild aus den - Hinterwäldern Nordamerikas. 2 Theile 2 -- - - +Heine+, H., Reisebilder. 4 Theile 7 -- - - -- Der Salon. 4 Theile 6 20 - - -- Vermischte Schriften. 3 Bände 6 -- - - -- Die romantische Schule 2 -- - - -- Ueber Ludwig Börne 2 -- - - +Herzen+, Alexander, aus den Memoiren eines Russen. - Im Staatsgefängnisse und in Sibirien 1 -- - - -- -- Zweite Folge. Petersburg und Nowgorod. -- 20 - - -- -- Dritte Folge. Jugenderinnerungen 1 -- - - -- -- Vierte Folge. Gedachtes und Erlebtes 1 -- - - -- Briefe aus Italien und Frankreich 1 -- - - -- Rußlands sociale Zustände 1 -- - - -- Vom anderen Ufer 1 15 - - - - - Dissolving views. - - Romanfragmente - - von - - Leo Wolfram. - - Erster Band. - - Hamburg. - Hoffmann und Campe. - 1861. - - - - -Als Vorrede. - -Dialog im Censurdepartement des Polizeiministeriums im Lande der -~Dissolving views~ 1860. - - -+Erster Sekretär.+ Gut, daß Sie kommen! Ich bin kein Engländer, -und da ist unter den beanständeten Büchern eines mit einem englischen -Titel. Ich habe, da ich gestern sowol hier als zu Hause zu fragen -vergaß, im Flügel’schen Dikzionnär nachgesehen. ~Dissolve~, -auflösen, zertheilen. Und ~view~, Ansicht. Das schien mir gleich -auf zersetzende, destruktive Ansichten hinauszulaufen. - -+Zweiter.+ Ganz richtig; aber hier dürfte etwas Anderes gemeint -sein. Wenn Sie weiter unten sehen wollen, -- (schlägt das Dikzionnär -auf) da steht: - - ~Dissolving views~, -- analitische Prospekte; mittelst zweier - magischer Laternen dargestellte Bilder, deren eines durch Zuziehen - der einen und Aufziehen des entsprechenden Schiebers der andern - Laterne allmälig einem zweiten, dritten Bilde weicht. - -Wir haben ja solche hier im Theater gesehen. - -+Erster.+ Das muß man eben wissen. Man kann nicht von uns -prätendiren, daß wir auf alle erotischen Metafern der Romanschreiber -eingehen. Haben Sie das Buch durchgesehen? - -+Zweiter.+ Sehr flüchtig. - -+Erster.+ Auch ich. Da ich heute Etwas darüber sagen muß und sehr -überhäuft bin, so habe ich es, wie gewöhnlich, meiner Frau zu lesen -gegeben, die auf alle beanständeten Artikel erpicht ist. - -+Zweiter.+ Das pflege ich auch meinerseits häufig zu thun. Und was -sagt Ihre Frau Gemalin? - -+Erster.+ Sie sagt: der Roman sei Nebensache, bloße Emballage, um -die Ansichten über gewisse Zustände und Personen einzuschmuggeln. - -+Zweiter.+ Sonderbar. Meine behauptet, der Verfasser habe dieses -Element nur hineingemengt, um den Roman, der aber eigentlich keiner -sei, zu illustriren. - -+Erster.+ Am Ende kann uns das gleichgültig sein. Uns ginge die -Frage näher an, ob er viel gelesen würde? Und meine Frau leugnet das, -und sagt, der Autor verderbe es mit allen Parteien. - -+Zweiter.+ Das ist doch ganz eigen! Meine ist vom Gegentheil -überzeugt und findet, daß er es gerade mit der stärksten halte, überall -der sogenannten Intelligenz huldige. -- - -+Erster.+ Sie werden doch hoffentlich diese Partei nicht die -stärkste bei uns nennen wollen? - -+Zweiter.+ Ich erzähle Ihnen nur, was meine Frau sagt. Was -geschieht also mit dem Buche? - -+Erster.+ Meine erste Impression war, daß es bei uns durchaus -nicht aufliegen dürfe. Das Verbot läßt sich durch die Tendenz ganz -allein hinreichend motiviren. - -+Zweiter.+ Wir brauchen ja Gott sei Dank überhaupt Nichts zu -motiviren, was wir thun. - -+Erster.+ Ich meine auch nur dem Chef gegenüber. Aber die Sache -hat eben zwei Seiten. - -+Zweiter.+ So fand ich auch. -- Es ist eine fatale Geschichte. -Lassen wir’s durch, so wissen wir, was sich Jeder beim Lesen denkt und -am Ende glaubt man noch, wir haben’s nicht verstanden. - -+Erster.+ Und lassen wir’s nicht durch, so geben wir uns -eigentlich eine ungeheure Ohrfeige. - -+Zweiter.+ Wie so? - -+Erster.+ Weil wir, wenn wir auch auf der Tendenz herumreiten, -geradezu eingestehen, daß wir es auf uns beziehen, obgleich weder das -Land noch der -- -- Eine noch der Andere genannt ist. - -+Zweiter.+ Ja wen meinen Sie denn? - -+Erster.+ Und wen meinen denn +Sie+, daß ich gemeint habe? - - (Die beiden Sekretäre sehen einander lachend an.) - - - - -Inhalt des ersten Bandes. - - - Seite - - Vorrede v - - Goldnebel 1 - - Der Taschenteufel 44 - - Zimmerreise 67 - - ~Clair-obscur~ 102 - - Der Prior von Sankt Martin 143 - - Konkurrenz 175 - - Ein thätiger Freund 213 - - Im Hafen 251 - - Bewegte Nacht 297 - - Bescheerungen 341 - - Kirchenweihe 385 - - - - -Goldnebel. - - -Das Gewitter über dem Gebirgssee war vorüber. Fliehend zog das -Wolkenheer nach fernen Thälern, versprengte Reste in den Klüften -zurücklassend und das Banner der siegenden Abendsonne flammte auf den -Felsengipfeln. - -Manche Riesentanne lag auf der Höhe, wo die volle Gewalt der -entfesselten Geister des Gebirgs gewüthet, niedergerissen von den -Wirbeln des Wettersturms. Am Mittag war als erstes Schlachtsignal -ein langer dumpfer Donner über das Thal hingerollt und fast bis zum -Untergange der Sonne standen auf den Bergen die dunkeln Schaaren der -luftigen Streiter, deren Schatten den See in Nacht hüllten. - -So oft aber auch auf Erden der Kampf des Lichtes gegen die starre -Finsterniß ein vergeblicher sein mag, am Himmel ist der Sieg der -glänzenden Königin über die nächtigen Rebellen gewiß. Und als erst -die kleinste Lücke in die schwarzen Massen gerissen, die erste -Flammensalve der Sonne durch die Wolkenphalangen gebrochen war: da -drang es herein, das uralte, ewig neue, freundliche Wunder, das -Abendroth, unaufhaltsam die Felsenwände überströmend. Und nun brach -sich’s feurig brandend auf der Höhe an einem durchsichtigen Damme von -Tannen, welche wie flammende Christbäume in den Himmel hinausragten -- -floß wie Lava, nur verklärend statt zerstörend, über das Geröll und -die steilen Wiesenhänge herab -- drang waldeinwärts wie zur Verfolgung -der geflüchteten Nebel in ihre letzten Schlupfwinkel und legte tausend -Flämmchen an die dunkeln Baumstämme, als wäre der Hochwald erleuchtet -von einem Fackelzuge der Berggeister zur Feier jenes Dichters, der -da nicht geboren ward, sondern vom Anfange +war+. -- -- Und nun -senkt es sich in die Fluten des See’s, der noch hohe Wellen rollt und -zerstiebt auf ihren überschlagenden Gipfeln in Millionen Goldfunken. --- Längst ist oben reiner Gottesfriede, während es in der Tiefe noch -rauscht und brandet. - -Ein Schiffchen durchschneidet den vergoldeten Schaum. Die beiden -Männer, die es trägt, haben beim ersten Nachlassen des Gewitters die -Fahrt gewagt, und ihre glühenden Wangen bezeugen den Kraftaufwand, -welchen der Kampf gegen Sturm und Wellen erforderte. Während der -Aeltere, ein Bewohner der Gegend, mit der Ruhe der Gewohnheit den Krieg -so wie den Frieden der Elemente betrachtet, hat das treue, tiefe Auge -des Jüngern Beides lebendig zurückgespiegelt. - -Diese junge, kräftige Seele, die sich in diesem Augenblicke der -siegreichen Macht des Körpers freut, empfängt alle Eindrücke rein und -ganz, und gibt sie eben so wieder. Sie sieht noch nicht „ob jeder -Freude schweben den Geier schon, der sie bedroht.‟ Oder vielmehr der -junge Mann hält ein sicheres Auge, eine feste Hand, eine gute Waffe für -hinreichend, um den Räuber aus den Lüften herabzustürzen. - -Seine Erscheinung bietet Nichts von Allem, was die Uebersättigung -interessant nennt. Keine Künstlerlocken wallen um die Stirn, um beim -Aufzucken eines unverstandenen Schmerzes, am Klavier oder an der -Staffelei, geschüttelt zu werden: sein blondes Haar ist kurz und -schlicht. -- Keine Weltgedanken haben Furchen durch die glatte freie -Stirn gezogen, keine Geschichte von gefallenen Engeln und geknickten -Blumen ist auf seinen Wangen zu lesen, und jedes Weib, welches sich auf -das Fach des „Dämonischen‟ versteht, wird ein einziger Blick in die -geistig jungen und doch ernsten, schönen, offenen Züge überzeugen, daß -ihr in der lockenden Aufgabe, dieses Geschöpf Gottes zu verderben, -noch keine zuvorgekommen. - -Er hat während der Fahrt seine graue Lodenjacke zu dem im sogenannten -Kränzchen des Schiffes liegenden grünen Hut geworfen und die Hemdermel -hinaufgestreift; der Sprühregen, den der Wind von den Wellen -hinwegpeitscht, näßt seine Brust und die glänzenden, steinernen Muskeln -des Armes. Er freut sich, die volle Kraft ins Ruder pressend, der -Kühlung, während der alte Schiffer seinen warmen Kittel zugeknöpft hat -und über den heißen Uebermuth des jungen Reisenden lächelt, der ihm -kein Fremder, da er in dessen väterlichem Hause vor Jahren gedient. - -Das Bett des See’s, dessen ganze Länge der Nachen bei ruhigem glatten -Wasser in einer Stunde durchmessen würde, krümmt sich in seiner Hälfte -fast unter einem rechten Winkel. -- Das Ufer des schmäleren Theiles --- des sogenannten untern See’s -- in welchem sich unsere Schiffer -befinden, bilden nördlich die jäh abfallenden Wände des Wettersteines, --- südlich steile Waldhöhen. - -Dieses letztere Ufer bietet dem vom Sturme Ueberfallenen die rauhe, -aber freundlich rettende Hand, während an der Felsenbrust des andern -der sichere Untergang seiner harrt. - -An einer einzigen Stelle hat ein Bach, welcher durch eine Einklüftung -der Felsenwand in trockenen Monaten als Silberfaden herabrieselt, nach -Regengüssen und im Frühling aber donnernd in den See stürzt, so viel -Sand und Geröll herabgewälzt, daß sich ein etwa funfzig Schritte im -Umfange messendes Stück sanft abgedachten Ufers gebildet hat. - -Der Glückliche, welchen der Sturm gerade an diese Stelle treibt, hat -den großen Lebenstreffer aus der schäumenden Urne voll Todesloosen -gezogen und mag, von unersteiglichen Felsen umschlossen, hier harren -bis der Sturm sich legt und eines der vielen den See durcheilenden -Schiffchen ihn aufnimmt. - -Ein rothes Kreuz, mit verdorrten Kränzen und Votivbildchen geschmückt, -bezeichnet diese Stelle; unsere Schiffer richteten fast zugleich den -Blick dahin. - -Sie gewahrten zwei Gestalten, von Schiffbrüchigen oder vor dem Sturm -dahin Geflüchteten, deren Bewegungen zeigten, daß sie bereits den -Nachen entdeckt. Die Entfernung ließ an der weiblichen ein Gewölk -schwarzer Locken, ein graues Kleid, ein weißes Tuch, einen weißen Arm, -der dasselbe schwang, unterscheiden. Eine männliche neben ihr wirbelte -mit heftigen Gestikulazionen ein an einen Stock gebundenes gelbes -Sacktuch über dem Kopfe herum. - -Nachdem der junge Mann im Schiffchen die Zeichen erwiedert, stand die -Dame am Ufer ruhig, den Arm um das rothe Kreuz schlingend, während der -Herr seine Telegrafie noch einige Zeit fortsetzte. - -„Da sind wir gerade zurecht gekommen, Herr Arnold,‟ begann der -Schiffer, nach alter Gewohnheit den Vornamen des jungen Mannes -gebrauchend, den er einst auf seinen Armen getragen -- -- „das ist -die gnädige Frau, vom Freinhof. Das ist in dieser Woche das zweite -Malheur. Vorigen Montag war sie mit zwei Herren auf dem Wetterstein. -Es haben ihr Alle gesagt, daß der Nebel einfällt. Aber fort haben sie -müssen und wie sie über den Erzbach hinaus waren, war der Nebel da. --- Sie hat aber einmal hinauf wollen und über Ja und Nein waren sie -in den Leckerstauden[1] und der eine von den Herren, ein Professor -aus der Stadt, kegelt sich den Fuß aus. Zum Glück ist der Nebel nicht -liegen geblieben und da hat der große Herr Knorr, der dort auf dem -Fichtenkegel wohnt, den Professor ganz allein das Stück Weges über den -Kräuterkamm auf die Tannenbachalm getragen, nachher zu uns herunter, -dann haben wir ihn über den See auf den Freinhof geführt. Der Professor -wird sich den Wetterstein merken und der Herr dort beim rothen Kreuz -schaut mir auch darnach aus, als ob er vom See auf eine Weile genug -hätte.‟ - -Für Arnold, welcher die Gegend seit zwei Jahren nicht betreten hatte, -war der Name „Freinhof‟ ein fremder Klang. Der Alte gab die geforderte -Aufklärung: - -„Wenn wir die Herrenleute abgeholt haben, und um die Ecke kommen, in -den obern See, werden wir den Hof gleich sehen. Die Gebäude sind im -vorigen Sommer aus der Erde geschossen. Das Holz war da, denn der große -Fabrikant aus der Stadt, Herr von Kollmann schreibt er sich, hat den -ganzen Wald herum gekauft. Aber für die Ziegelfuhren haben sie eine -Straße über die Föhrleiten gemacht. Bis zum ersten Schnee haben sie’s -unter Dach gebracht, die gnädige Frau, der Herr Knorr heißt sie immer -nur die schöne Frau Julie, ist alle Wochen zweimal herausgekommen und -da hat die Arbeit fliegen müssen. Heuer im Frühjahr waren auch die -Maler und Tapezierer in vier Wochen fertig und jetzt stehen die Gebäude -da, daß einem das Herz lacht.‟ - -Arnold hatte aufmerksam zugehört, strengte aber sein Auge vergeblich -an, die Gruppe am Felsenufer, von welchem man doch nur etwa zehn -Minuten entfernt war, deutlicher zu unterscheiden, da sie ihm plötzlich -durch ein Phänomen verhüllt wurde, welches sicherlich Jedermann einmal -zu beobachten Gelegenheit hatte. - -Es fällt zuweilen, durch einen Riß in den Wolken, ein scharf begrenzter -Lichtstrom, eine strahlende Feuergarbe herein, welche alles hinter -ihr Liegende in einen blendenden Schleier hüllt. Ein solcher Streifen -von Glanznebel legte sich zwischen das Schiffchen und das Ufer und -erst als das leuchtende Hinderniß halb durchdrungen war, konnte Arnold -die Gestalt der Frau wieder unterscheiden, welche, wie von Rosen -übergossen, in Goldzindel gekleidet, wie das verkörperte Abendroth -dastand. - -Aber der glühendste Kuß der untergehenden Sonne war auch ihr letzter -gewesen; ein Augenblick, und der Glanznebel verschwand, die Wölkchen -an den Waldhängen, welche wie entzündete Baumwollflocken flammend -aufstiegen, erloschen zu grauer Asche; über den Höhen schwebte noch -eine warme Glorie, aber im Thalgrund über dem See lagen die blauen -kalten Töne des Abends. -- - -Auch die feenhafte Goldhülle der schönen Frau, deren Züge Arnold nun -deutlich unterschied, war wieder zum einfachen grauen Kleide geworden. -Sie stand vorgebeugt am Rande des Gerölls und hatte die Arme über -der Brust gekreuzt; ihre Blässe und das Zittern, welches die hohe -schlanke Gestalt durchlief, verriethen den ungleichen Kampf zwischen -der kleinen heißen Lebensflamme und dem kalten Hauche des Sees und des -triefenden Felsens. - -Arnold gewahrte dennoch ein freundliches Blinken der schwarzen Augen. -Die leichte Geisterbrücke zwischen diesem räthselvollen Augenpaar und -dem lichten offenen des jungen Schiffers war aufgebaut und ein froher -Gruß der Seelen flog auf ihr vom Nachen ans Felsenufer und zurück. - -Im nächsten Augenblicke fuhr das leichte Fahrzeug knarrend auf den Sand -und Arnold stand mit einem Sprunge am Ufer. - -Julie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte: „In solcher -Lage gibt es keine Fremden! Lassen Sie mich erst danken, wenn Ihr -Werk vollendet ist. Wir waren noch zur rechten Zeit hier gelandet, -und ich habe, als der Sturm nachließ, unsern Fährmann nach dem Hofe -hinübergeschickt, um unsere große Barke zu holen. Ich will sie aber -nicht erwarten, sondern bitte Sie, mich nur gleich von diesem treulosen -Zufluchtsorte wegzuführen, der das Leben mit eisigen Händen langsam -aus den Gliedern zieht,... der See verschlingt es wenigstens in einer -Minute.‟ -- „Vor Allem,‟ sagte Arnold, „nehmen Sie das Einzige, was ich -Ihnen zum Schutze bieten kann, meine Lodenjacke‟ -- er langte sie aus -dem Schiffchen und sie hüllte sich lachend darein mit zwei raschen -Bewegungen voll Weichheit und Grazie -- „und nun meinen weichen grünen -Hut‟ -- sie drückte denselben auf die dichten Locken -- „und nun einige -Tropfen Rum aus meiner Feldflasche‟ -- sie führte sie an die Lippen, -deren hohes Nelkenroth die Kälte nicht zu bleichen vermochte. - -Die zwei Tropfen mußten hingereicht haben, das unter Schnee wallende -Blut zu beflügeln: die Wangen färbten sich sanft und der Perlenschimmer -des Auges verwandelte sich in Brillantglanz. - -Sie beugte sich einen Augenblick über eine glatte ruhige Stelle des -Wassers zwischen den Steinblöcken und betrachtete ihr herauflächelndes -Spiegelbild mit dem grünen runden Hut und der grauen, grünverbrämten -Jacke. - -Arnold hatte noch kein schöneres Weib gesehen. - -„Das steht mir doch zehnmal hübscher als alle die albernen Coeffüren, -zu denen meine Haare die Französinnen der Residenz begeistert haben!‟ -rief Julie zurücktretend aus und wendete sich nun mit den Worten: -„Aber jetzt schnell ins Schiff, lieber Hofrath!‟ an den kleinen -Mann, der früher das gelbe Tuch geschwenkt hatte und auf dem Sande -herumtrippelnd, prüfend und kopfschüttelnd das Fahrzeug und die Wellen -betrachtete. - -Arnold hatte beim Landen seinen Gruß kaum erwiedert. Er war empört beim -Anblick des in einen dichten warmen Plaid gewickelten Mannes, während -die Frau in leichtem Kleide mit offenen Ermeln der kalten Seeluft -preisgegeben war. Er sagte: „Für den Fall, daß der Herr Hofrath länger -hier zu verweilen gedächte, könnte mein Fährmann seinen langen Rock zu -den Schutzmitteln fügen, womit ich ihn bereits ausgestattet sehe.‟ -- - -„Ich verstehe Sie ganz wohl, junger Mann, -- erwiederte der -Angegriffene -- und Sie haben anscheinend Recht. Diese Dame wird aber -selbst meine Rechtfertigung übernehmen. Vor der Hand erkläre ich nur, -daß ich diesem Nachen um keinen Preis die Last einer vierten Person -aufbürden werde, sondern das Schiff vom Freinhof abwarte, und bemerke, -daß Sie am besten thäten, meinem Beispiele zu folgen.‟ -- - -„Und wenn der ~Great Eastern~ selbst um jene Ecke gedampft käme, --- rief Arnold, etwas heftig, gegen Julie gewendet, -- so könnte er -Sie nicht sicherer hinüberbringen, als mein dem Herrn Hofrathe so -unheimliches Fahrzeug! Meinem heutigen Glück können Sie sich ruhig -anvertrauen!‟ -- Er setzte im Geiste dazu: „Lassen Sie doch diesen -Hasenfuß bleiben, wo er will.‟ - -Julie war von Arnolds Hand gestützt ins Schiffchen gestiegen und -rief dem Zurückbleibenden zu: „So leben Sie glücklich und zufrieden! -auf baldiges Wiedersehen beim Thee!‟ -- und als der Schiffer schon -abgestoßen hatte, wendete sie sich nochmals um, mit freundlich -bittender Stimme rufend: „Guter, lieber Blauhorn! Werden Sie mir denn -vergeben, daß ich durch meinen sträflichen Leichtsinn Ihr Leben in -Gefahr gebracht habe? Nochmals auf Wiedersehen ohne Groll!‟ - -Arnold, der keinen Blick von ihren Zügen verwendete, sah in -den schwarzen Augen, wie sie zu dem kleinen, bleichen Hofrath -hinüberlachten, ganz den gleichen Glanz, der darin geschimmert, als sie -ihm, Arnold, bei der ersten Begrüßung und dem Sprunge ans Ufer die Hand -geboten. -- Hatten diese Augen nur einen Glanz, diese Mienen, wenn man -so sagen darf, dieselbe weiche schmeichelnde Melodie für alle Menschen -und Lagen? - -„Sie haben -- begann Julie -- dem guten Hofrathe Unrecht gethan. Der -Mann ist in seiner dreifachen Eigenschaft als Gatte einer schönen bösen -Frau, als eingebildeter Kranker und als Mitglied der Kommission, welche -unsere Finanzen in Ordnung bringen soll, ein beklagenswerthes Geschöpf, -und wenn ich ihm meinen Plaid nicht aufgezwungen hätte, so lief ich -die dreifache Gefahr, ihn in eine wirkliche Krankheit zu stürzen, der -bösen Frau in der Untergrabung seines Lebens behülflich zu sein und den -Staat auf unbestimmte Zeit seiner unschätzbaren Leistungen zu berauben. -Ich stellte ihm also das Ultimatum, entweder den Plaid umzulegen -oder denselben von meiner Hand ins Wasser fliegen zu sehen.‟ -- „Das -entschuldigt allerdings den guten Hofrath -- entgegnete Arnold -- aber -nicht minder ungerecht als meine Anklage ist sicherlich der Vorwurf, -den Sie sich +selbst+ machten, als Sie von sträflichem Leichtsinn -gegen sein Leben sprachen... konnten Sie den Sturm vorhersehen?‟ -- - -„Der Vorwurf war nur gerecht. Ich bestand auf der Fahrt bei stark -umwölktem Himmel und allen Anzeichen des herannahenden Gewitters. Und -wenn mir -- sagte sie mit ernstem Tone -- die Folgen gleichgültig -waren, so hatte ich wahrlich kein Recht, dasselbe von meinem Gaste -vorauszusetzen.‟ - -Es lag Etwas in Juliens ganzem Wesen, was den Eindruck verhinderte, -den diese Worte unter andern Umständen, oder besser, aus anderem -Munde, auf Arnold gemacht hätten -- nämlich einen unangenehmen. Es war -ihm unmöglich, ihr jene affektirte Gleichgültigkeit gegen das Leben -zuzumuthen, in welcher sich manche in den glücklichsten Verhältnissen, -wofür er die ihrigen hielt, lebende Frauen gefallen, und welche bei -Gelegenheiten, wo es gilt, sich vorzüglich interessant zu machen, als -förmliche Sterbesehnsucht auftritt. - -Juliens Worte hatten aber das unverkennbare Gepräge des treuen -Ausdruckes ihres Innern, und vielleicht war es die plötzlich -auftauchende Besorgniß, sie falsch aufgefaßt zu sehen, was sie -bestimmte, in heiterm, fast scherzendem Tone fortzufahren: „Ich -nöthigte den unglücklichen Hofrath in den Nachen des Mannes, den -alle Forellen des Sees unter dem Namen Fischerhans als böses Prinzip -verabscheuen. Ich will nach dem Waldufer, es wird dunkel, der -Hofrath beschwört mich ihm sein Leben zu schenken und Hans beantragt -augenblickliche Umkehr. Ich lachte sie aus und bestehe darauf, -wenigstens quer über die Bucht nach dem Hofe zurückzufahren. -- Wenn -wir’s nicht durchsetzen, sagt Hans, so treibt es uns in den untern See -hinaus, und wenn der Wind gegen den Wetterstein umspringt, -- -- so -haben wir, erwiedere ich, das rothe Kreuz, -- wo wir landen. All das -Gerede war aber schon vergeblich, mit dem ersten Donnerschlag fiel der -Sturm ein, entführte meinen Strohhut, der Regen strömte herab, und nach -einer Viertelstunde, in welcher jeder Augenblick der letzte schien, -stießen wir so gerade und pünktlich auf den Sand am rothen Kreuz, daß -ich Hans vollkommen Recht gebe, wenn er behauptet, mein Schutzengel -allein habe das Schiff gelenkt. -- Als der Sturm nachließ, befahl ich -ihm nach dem Freinhof zu fahren, wo man nichts von unserer Fahrt wußte, -und das Herrenschiff herzuholen. In der Zwischenzeit kam das schöne -Abendroth, kam Ihr Nachen, dem ich mich nun anvertraut habe, obwol -er um nichts besser als der fortgeschickte, -- und ich freue mich, -daß meine Erlösung nicht auf dem geraden, langweiligen, legalen Wege, -sondern gerade +so+ gekommen, +wie+ sie eben gekommen.‟ - -Es schien Arnold bei Juliens letzten Worten, als ob die Augen doch -nicht nur +einen+ Glanz hätten. Es verstrichen ein Paar Minuten -und er vermochte nicht das Gespräch am Ende des so freundlich -dargebotenen Goldfadens anzuknüpfen. Nur eines Haares Breite lag -zwischen der glücklichsten Antwort und dem schmählichsten Gemeinplatz. - -„So viel ist gewiß, sagte er, daß Glück und Verdienst wieder einmal in -grellem Mißverhältnisse stehen. Mir wird die Freude zu Theil, Sie in -meinem Nachen zu führen, -- aber erst nachdem die Vorsehung Sie aus der -wirklichen Gefahr gerettet. Der schöne Traum einer +Rettung+ durch -mein Kommen läßt sich nun einmal nicht festhalten. Er ist verschwunden -wie die Goldstickerei, welche der Glanznebel für mein Auge auf Ihr -graues Kleid geworfen.‟ - -„Das ist hübsch gesagt, erwiederte sie, -- derselbe Goldnebel hat -auch über Sie, als ich Sie durch ihn herankommen sah, so etwas wie -einen Heiligenschein geworfen. -- Wir haben nun unsere beiderseitigen -Verklärungen abgestreift, so wie die Situazion alles Schauerliche. -- -Eine halberfrorne Frau, welche auf ihr Schiff wartete, hat vorgezogen, -in dem Nachen eines jungen Mannes, der ihr seine warme Jacke anbot, -nach Hause zu fahren. -- Das ist Alles, was hinter dem Goldgewölke -liegt.‟ - -Ein Schatten von tiefem Ernst, der über ihr Gesicht flog, wich eben so -schnell, als sie fortfuhr: „Wenigstens sehe ich, daß Sie ein echter -Deutscher sind: Sie reflektiren, Sie lassen keine Freude bei sich -einziehen, wenn sie sich nicht mit einem vom Verdienst gefertigten -Passe legitimirt, und suchen die Stelle, wo der Regenbogen auf der Erde -steht, zu ergründen, um sich zu überzeugen, ob er auch auf festem Boden -ruhe!‟ - -Der Vorwurf war ungerecht. Arnold reflektirte nicht, aber Juliens Worte -gaben ihm erst den Stoff dazu. - -Eine Antwort war nicht mehr möglich, denn in dem Augenblicke, wo nun -das Schiff um den Felsenvorsprung bog, welcher die Bucht, an welcher -der Freinhof liegt, bisher verdeckte, schmetterte durch das stille -Halbdunkel ein Ruf -- oder Ton -- oder Aufschrei -- wie ihn nur der -begreift, welcher jemals einen Urbewohner der Berge aus voller Kraft -der Lunge „jodeln‟ gehört --... ein Jodler, der das Echo am Ende -des Sees aus dem ersten Schlummer aufzuschreien zwang, -- das ferne -Waldufer nahm die Herausforderung an und nun scholl es zehnfach zurück -von Berg und Fels und verklang endlich in sanfteren Tonwellen, welche -von dem raschen Ruderschlage übertönt wurden, womit die stattliche, -fest und zierlich gebaute Barke vom Freinhof herankam. In einer Minute -hatte sie den Nachen Arnolds erreicht. -- - -Der Urheber des gewaltigen Jubelgrußes war aber kein Eingeborner der -Gegend, sondern der vom Schiffer erwähnte „große Herr Knorr,‟ welcher -auf der äußersten Spitze des Vordertheils, gerade über den goldnen -Buchstaben des Namens Julia stand, und mit einem braunen Sammtrock -bekleidet und einem grauen, weichen, vielgeprüften Filzhute bedeckt, -in ungeheurer Länge emporragte, wie der Rauchfang eines Dampfschiffes. -Auf dem mittleren Sitze saß ein Mann in eleganter Sommerkleidung, das -heißt, er war vom Hals bis zu den Kamaschen mit dem gleichen englischen -Stoff von unbestimmter Farbe überzogen und trug einen Panama-Hut mit -Sammtband. „Kannst du denn, -- rief er dem andern zu -- dein höllisches -Gejohle nicht lassen, wo du gar nicht weißt, ob es zur Situazion paßt!‟ --- Der Lange im Sammtrock lachte laut aus seinem struppigen Vollbart -und sagte: „Zu meiner Situazion jedenfalls, und für die deine hindere -ich dich nicht, jedes Geflöte und Gesäusel anzustimmen, welches dir -passend scheint.‟ - -Julie war beim ersten der vom Panama-Hut mißbilligten Töne rasch im -Schiffchen aufgestanden mit dem Ausrufe: „Da sind sie, die Retter nach -der Gefahr! -- der gute närrische Knorr, vielleicht der einzige Mensch, -der es ganz ehrlich mit mir meint -- und der ewig fein sein wollende -Reiland‟... (es schien Arnold, als ob vor dem Namen Reiland noch das -Wort „unausstehlich‟ halblaut eingeschlüpft wäre). - -„Willkommen, willkommen!‟ scholl es von den aneinanderliegenden -Schiffen. „Wir waren so fest überzeugt -- rief Knorr’s gewaltige -Baßstimme -- daß Sie der See verschlungen, schöne Frau Julie, daß Herr -Reiland bereits Trauer um seinen Hut gelegt, und ich einen meiner -Revolvers mitgenommen habe, um mich beim rothen Kreuz nach Erhebung des -Thatbestandes zu erschießen‟ -- er knallte dabei einen der Läufe gegen -die Felsenwand los -- „und nun eine Jubelfanfare für die glückliche -Rettung‟ -- -- er setzte ein chromatisches Posthorn an den Mund, und -ein Geschmetter, welches den vorigen Jodler zu Schanden machte, fiel -mit dem Wiederhall der Pistole zusammen. - -„Aber um Gotteswillen, lieber, lieber Knorr -- bat Julie mit -aufgehobenen Händen -- jetzt ein Ende mit Ihrem gräßlichen Unsinn! -Geschwind fort, zum rothen Kreuz, dort finden Sie den verzweifelnden -Blauhorn, den Sie auf der Heimfahrt mit Schießen und Blasen sein Elend -vergessen machen sollen.. Guten Abend, lieber Reiland! Adieu! In einer -Stunde im Schweizerhaus!‟ - -Der Genannte verbeugte sich mit einem Blick, in welchen er ehrerbietige -Zärtlichkeit, feines Bedauern über Knorr’s Auffassung der Situazion -und noch vielerlei Anderes zu legen gedachte. Knorr aber rief -den vier Ruderern ein Vorwärts! zu, und die Fahrzeuge flogen in -entgegengesetzter Richtung auseinander. - -Arnold hatte Welt genug, um manche auf seinen Lippen schwebende Frage -zu unterdrücken. -- Knorr’s vertrauliches „schöne Frau Julie‟ hatte ihn -eben so unangenehm berührt, als Reilands süßes albernes Augenspiel. --- -- Und wieder in Juliens Zügen das gleiche frohe Aufleuchten beim -Gruße. -- -- - -Mit einem ihm unerklärlichen Uebergange hatte sich nach der Begegnung -mit der Barke ihr ganzes Wesen verändert. Es war, als ob, wie auf den -Berggipfeln, auch in ihr der letzte Funke der Abendglut verlöscht wäre. - -Sie sagte: „Legen Sie Ihr Ruder weg und lassen Sie dem Fährmann allein -die Mühe. Setzen Sie sich zu mir, -- wir kommen doch noch vor den -Andern nach Hause.‟ - -Es läßt sich denken, daß Arnold schnell und freudig gehorchte. - -„Da haben Sie, fuhr sie fort, ein Bild meines Lebens: -- ein Ort, der -die Heimat des Friedens scheint, und aus dem doch alle Ruhe verbannt -ist. -- Wenn ein Augenblick einer ruhigen frohen Träumerei kommt, so -fährt ein greller Mißlaut dazwischen, wie jetzt der tolle Lärm dieses -guten Menschen, und doch verletzt dieser mich hundertmal weniger als -manches Lied mit oder ohne Worten, dessen Ton rein und dessen Sinn -falsch ist -- und das ich doch anhören muß.‟ - -Sie erschien Arnold mit jedem Augenblicke schöner, als sie, den -Lockenkopf senkend, mit schmerzlichem Lächeln vor sich hinsah. - -Er erwiederte: „Und doch ist nun auch dieser grelle Mißlaut verklungen, -und so muß es jeder andere, wenn Sie ihn nicht in Ihrer Seele -nachklingen lassen. Ich vermag nicht über frohe und schmerzliche -Bewegungen in Ihrem innern und äußern Leben zu urtheilen, aber daß -+Sie+ die Gabe besitzen müssen, jede Dissonanz in den Akkord zu -lösen, wenn Sie nur ruhig wollen, davon bin ich fest überzeugt.‟ - -„+Ruhig wollen?+‟ wiederholte sie -- „Ich kann mir nur ein -heftiges, heißes Wollen denken.... wer Ihr Mittel besitzt, der bedarf -seiner schon nicht mehr!‟ - -Sie schwieg einen Augenblick, wendete sich gegen ihn und sprach mit -leiser Stimme, aber jedes Wort betonend und langsam: „Könnten denn Sie -Jemanden -- -- so recht innig -- vom Grund des Herzens -- bis in den -Tod -- -- unversöhnlich hassen?‟ - -Mag man es einen Wahnsinn nennen, daß Arnolds Blut heiß aufwallte und -zum Herzen drang, als die Worte, so langsam einander folgend, jedes die -Erwartung des folgenden spannend, über die wunderbar reizenden Lippen -traten. - -Konnte er sich denn auch nur träumen lassen, daß statt „hassen‟ ein -anderes Wort schließen würde? -- Und +wenn+ es kam -- -- hätt’ -er sich dessen freuen können? -- War er der Mann, der ein Glück in -einem flüchtigen Abentheuer fand, wenn die Frage von der schlimmsten, -rasch auf ihr Ziel hinsteuernden Koketterie eingegeben war? -- und -welche Erklärung hätte es gegeben für eine +solche+ Frage an einen -jungen Mann, den die schöne Frau eine Stunde lang nicht +kannte+, -sondern +sah+? welche Erklärung, die nicht dem Paradiesvogel ihrer -Anmuth die schönsten Schwungfedern, dem Schmucke ihres Geistes die -glänzendsten Juwelen ausgebrochen hätte? - -Doch das +andere+ Wort kam eben +nicht+, und einen Augenblick -später freute er sich dessen. - -Seine Wangen waren aber mit einer im Abenddunkel freilich nicht -sichtbaren Glut übergossen, als er bei der Dissonanz, womit die -Frage schloß, erst klar fühlte, welchen Klang er erwartet... welche -Gedankensünde er gegen +sie+ begangen. - -Sie war ihm zu verzeihen. -- „Ich möchte -- sagte er, vor Allem -+Sie+ fragen, wie kann ein so harter, wie ein dreischneidiger -Dolch geschliffener Gedanke aus weichen Frauenlippen kommen?‟ - -„Vielleicht, entgegnete Julie, -- ist eben nur eine Frau in ihrer -Schwäche eines solchen fähig; ich habe die kräftigsten Charaktere -stets am versöhnlichsten gefunden, vielleicht mit Ausnahme eines -+Einzigen+.‟ - -„Der +Zweite+, rief Arnold, bin nicht +ich+! Ein dreifaches -Nein! Ein Haß, wie Sie ihn malen, ist ein Ungeheuer unter den -menschlichen Gefühlen, ist vielleicht die einzige, durch nichts zu -tilgende Schuld gegen die Menschennatur! Ob ich zu den kräftigen -Charakteren in Ihrem Sinne gehöre, vermag ich nicht zu entscheiden; -die Ziele und Hindernisse, an denen ich meine Kräfte zu messen habe, -liegen noch vor mir. Daß ich mir aber kein Verbrechen denken kann, das -nicht endlich gesühnt werden, -- und so auch keinen Haß, der nicht -endlich erlöschen könnte, das ist wahr -- so wahr, daß ich Sie -- -Vergebung meiner Offenheit! -- innig beklagen würde, wenn Sie das, was -Sie aussprachen, in seiner furchtbaren Bedeutung, in seiner ganzen -tödtlichen Kälte zu fassen, zu begreifen vermöchten!‟ - -War es doch das Nachzittern des nicht gesprochnen „andern‟ Wortes, das -ihn so heiß gegen den kalten Haß reden ließ? - -„Es wird eine Zeit kommen, entgegnete Julie ruhig, wo Sie meine Frage, -die Sie befremden muß, begreifen, -- wo Sie auch den Grund derselben -nicht hören, sondern so zu sagen mit erleben. Ich glaube, Sie werden -unserem Hause, werden mir nicht fremd bleiben. -- Daß Sie den Freinhof -heute nicht verlassen, sondern die Gastfreundschaft annehmen, welche -Ihnen dessen Besitzerin anbietet, versteht sich von selbst. Erst jetzt, -da ich Sie den Bekannten, die Sie treffen, vorzustellen wünsche, bitte -ich Sie mir zu sagen, welchen Namen ich nennen darf.‟ - -„Ich heiße Arnold Korbach und theile letzteren Namen mit der Besitzung -meines Vaters, dem Korbachthale, sechs Stunden von hier, wo unsere -Metallfabrik liegt. -- Ich habe mehr als ein Jahr auf der Reise -in Begleitung eines Freundes meines Vaters zugebracht und wollte, -nachdem ich nach der Rückkehr einige Tage bei den Meinigen verlebt, -mit dem heutigen Nachttrain nach der Residenz, wo ich noch ein Jahr -künstlerische und technische Studien betreiben werde, um dann die -Leitung unserer Werke zu übernehmen.‟ - --- „Ihr Name war für mich kein fremder Klang. Ich hörte Ihres Vaters -bei vielen Gelegenheiten auf eine solche Weise erwähnen, daß ich -mich nun doppelt freue, den Sohn eines von allen Rechtlichen so -hochgeachteten Mannes kennen zu lernen. Der schwere Schlag, welcher im -vorigen Jahre Ihr Haus durch den Tod Ihrer würdigen Mutter getroffen, -deren segensreiches Wirken in weiten Kreisen bekannt war, hat innige -Theilnahme auch bei denen erregt, welche sie nicht persönlich kannten.‟ - --- „Die Kreise, von denen diese mir wohlthuenden Worte gelten, sind -zwar höchst achtungswürdige, aber wohl kaum +weite+. Man kannte -meine Mutter als die Gründerin der protestantischen Kolonie in -Korbach, kennt meinen Vater als den Beschützer derselben, -- als -freisinnig, -- verzeiht ihm in gewissen Regionen nicht, daß er, selbst -Katholik, meine Schwester und mich im Glauben der Mutter erziehen ließ, -und -- ich werde mich nicht täuschen, wenn ich annehme, daß bei dem -hier zu Lande herrschenden Geiste die Zahl Derer, welchen ein Unglück -unseres Hauses Freude bereitet, größer ist als jene der freundlich -Theilnehmenden.‟ - --- „Ich hörte auch in +diesem+ Sinne sprechen, und Sie können auf -Ihre Feinde nur stolz sein. Glücklich, der in unabhängiger Lage sich -des Beifalls der Guten freuen kann, ohne den Haß der Schlechten zu -scheuen. +Sie+ athmen Freiheit! Ein Wort, das mir wie eine ferne -Kindheitserinnerung klingt. -- Der Schlag der Hämmer in Ihren schönen -Werken, deren blühenden Zustand Alle preisen, mag all’ dieß feindliche -Gerede übertönen. Es freut mich, Sie gerade dieser Bestimmung -entgegengehen zu sehen. Das Bild der Metallfabrik stimmt für mich zu -Ihrem Wesen. Ich konnte mir Sie nicht am Schreibtische als Beamten, -eben so wenig als künftigen Advokaten, Literaten, kurz als ein Mitglied -der schreibenden Welt denken. -- Nun sind wir im Augenblick zur Stelle --- -- in einiger Zeit wird Knorr auf Ihr Zimmer kommen, Sie ins -Schweizerhaus zu begleiten.. vergessen Sie einstweilen meine seltsame -Frage -- urtheilen Sie überhaupt heute nicht über mich, Sie würden es -vielleicht widerrufen müssen.‟ - -Arnold drückte die dargebotene Hand. Sie waren gelandet; Hausleute und -Diener des Freinhofes drängten sich unter Aeußerungen der Freude um -Julie, welche freundlich dankte, Arnolds Jacke abstreifte, die sie ihm -lachend über die Schulter hing und, von einem Mädchen gefolgt, nach der -Mitte der Gebäude zuschritt. -- Ein junger Diener in Jagdlivree hatte -Arnolds Reisetasche demselben vorgetragen und führte ihn nach links, -einige Stufen hinan, über einen hölzernen Gang, dessen geschnitzte -zierliche Säulen, von Schlinggewächsen umsponnen, das vorspringende -Dach trugen, in ein im bekannten Stile aller eleganten Chalets -gehaltenes Zimmer, wo ihn aller Comfort empfing, welchen Reichthum -und Geschmack vereinigt dem Gaste zu bieten vermögen. -- Der Erzähler -dieser Geschichte weiß, was er selbst und Tausende seiner Mitgeschöpfe -unter Lokalitäten-Beschreibungen gelitten. Dieses mitleidslose -Herumzerren durch Haupt- und Nebengebäude, das Inventarium sämmtlicher -Einrichtungsgegenstände, meistens nur zu dem Zwecke, die Begabung -des Autors als Dekorateur und seine Fachstudien im Tischler- und -Tapazierer-Handwerk zur Schau zu stellen -- -- dieses Alles bildet ein -dem Gesetze nicht erreichbares Vergehen gegen die Sicherheit des arglos -vertrauenden Lesers, welches als Mißbrauch der schriftstellerischen -Amtsgewalt zu bezeichnen wäre. - -Dieser Ansicht gemäß sei hier der reizende Freinhof mit der -rücksichtsvollsten Kürze gezeichnet. - -Auf der vom Seeufer sanft aufsteigenden Anhöhe, an den Waldhang -gelehnt, steht das Schweizerhaus, Juliens Wohnung, -- ein Stockwerk -hoch, von uralten Tannen überragt. - -Der feste steinerne Unterbau enthält zwei Dienerwohnungen, eine -Küche und Kammern; der obere Theil, aus röthlich braunem Holze, -zwei große Zimmer nach dem See hin, welche als Gesellschafts- und -Musiksalon dienen, und vier kleine Piecen nach der Waldseite: Juliens -Schlafgemach, ihr Boudoir, ein Bibliothekzimmer, ein Maler-Atelier. - -Offene Gänge mit schlanken hölzernen Säulen und leichtem Dache -verbinden das Schweizerhaus mit den beiden ebenerdigen Flügeln. An -den hohen Bogenfenstern dieser aus rothen Ziegeln aufgeführten, mit -grauem Schiefer gedeckten Gebäude läuft, in der Höhe von sechs Stufen, -eine Gallerie hin, über welche wir, und zwar im linken Flügel, der die -Fremdenzimmer enthält, bereits Arnold begleitet haben. -- Den rechten -Flügel bewohnt der Herr des Hauses bei seinen in den ungleichsten -Zwischenräumen stattfindenden Besuchen des Freinhofes. - -Etwa hundert Schritte von diesem Flügel, durch Baumgruppen von den -Wohngebäuden getrennt, durch eine schattige Zufahrt mit denselben -verbunden, liegen die Wirthschaftsgebäude. - --- -- -- Julie war vor ihrem Mädchen die Treppe hinaufgeflogen in ihr -Boudoir, hatte sich auf die Ottomane geworfen, und lag einige Minuten -regungslos, ein Marmorbild, mit geschlossenen Augen da. Das Mädchen -stand schweigend und betrachtete sie mit sanftem mitleidigen Blick; sie -sah dieses Bild wohl nicht zum erstenmale. Julie schien nach einiger -Zeit aus einem Mittelzustande zwischen Schlaf und Ohnmacht zu erwachen, -und sagte leise und freundlich: „Nimm die Lampe weg, Martha, und komm -in einer halben Stunde‟ -- und als sie im dunkeln Gemach allein war, -drückte sie das Gesicht in die Kissen und zog, von Fieberschauer -geschüttelt, einen Shawl fest um sich. Ob der zitternde Athem, der -fliegende Puls, -- ein Schmerzenslaut, der sich aus ihrer Brust rang, -von einem Leiden des schönen Körpers, ob von einer tieferen, nur in -einsamer Minute die Fesseln brechenden Seelenqual herrührten? -- -Vielleicht würde, hätte er sie belauschen können, derjenige die rechte -Antwort getroffen haben, der sie doch nur eine Stunde lang kannte, -- -Arnold, wenn anders der Wunsch zu errathen die Fähigkeit des Errathens -schärft. - -Seele und Sinne hatten in der kurzen Stunde einen tiefen Eindruck -empfangen. Er war aber gewohnt, keinen Eindruck in träumerischem -Halbdunkel zu lassen: er war vor Allem wahr gegen sich selbst. Mit -bestimmten Fragen beleuchtete er jedes nebelhafte Gebild in seinem -Innern, bis es Gestalt und klaren Umriß gewann, und dann ward es warm -im Herzen gehegt oder kalt abgestoßen. - -Er fragte sich: Kannst du dich einer Empfindung entsinnen wie die, -welche diese Frau in dir erregt? -- Nein. -- Kannst du dieses Gewoge -von Eindrücken, welche dich während dieser Spanne Zeit bald erfreuten -bald verletzten, Liebe nennen? -- Nein. -- Wie nennst du es also? -- Er -fand aber keine Antwort. - --- Nachdem er sich in seinem Zimmer eingerichtet und den Inhalt seiner -Reisetasche, -- Zeichenmappe, Tagebuch, -- geordnet auf dem Tische -lagen, trat er ans Fenster und sah nach dem stillen See hinaus. Die -Bilder des Abends begannen den dunkeln Raum vor seinen Augen zu füllen: -er duldete dießmal die Träumerei und stellte sich keine Fragen mehr. - -Alle glänzenden und bleichen Bilder verschwanden aber plötzlich, wie -Geister beim Hahnenrufe, bei den Tönen, welche die Ankunft Knorrs und -seiner Gefährten verkündeten. - -Er sah sie landen und sich nach dem Fremdenflügel wenden, -- trat vom -Fenster zurück und in der folgenden Minute wurde die Thür aufgerissen -und Knorr schritt herein. - -Seine Erscheinung war darnach angethan, um Arnold vollends aus seiner -Gedankenflut auf den festen Boden der Wirklichkeit zu heben. Knorr aber -mußte den festen Boden mit wirklichem Wasser vertauscht haben, denn -dasselbe triefte noch von seinen am Leibe hängenden Kleidern, rieselte -von den Haaren, perlte im Bart, und die damit gesättigte Hutkrempe hing -schlaff über die Stirne. Er warf das formlose Filzgebilde in einen -Winkel und sich selbst in ein Fauteuil, mit den Worten: „Ich schlage -vor, uns einander nicht vorzustellen, überhaupt unsere Bekanntschaft -gar nicht anzufangen, sondern bloß fortzusetzen. +Meinen+ Namen -hat Ihnen Frau Julie bereits gesagt und jedenfalls ein Beiwort -angefügt, welches näher oder ferner mit dem Begriffe von „verrückt‟ -verwandt ist. Ich dagegen sah Sie zum erstenmal, als Sie aufs -Aufopferndste bemüht waren, eine schöne Frau im Dunkeln über einen See -zu fahren.‟ - -„Welche aber, unterbrach ihn Arnold, Ihren Namen nicht bloß in -Begleitung des obigen Beiwortes, sondern auch mit einem Zusatze nannte, -welcher beweist, wie hoch Sie in ihrer Meinung stehen.‟ - -„So hoffe ich,‟ sagte Knorr, „und was nochmals das Beiwort betrifft, so -ist im Freinhof und im übrigen Europa die Grenze zwischen verrückt und -gescheidt noch nicht ausgemittelt worden.‟ -- - -„Jedenfalls, rief Arnold, müssen Sie vor Entscheidung dieser Grenzfrage -trockene Kleider anziehen und das sogleich, sonst müssen Sie krank -werden.‟ - -„Auch das wünscht’ ich der Neuheit wegen einmal zu versuchen, sagte -Knorr, und unserm Doktor zu Lieb, der bei dem Gesundheitszustand dieser -Gegend sein Dasein bloß durch Wilddiebstahl fristet. Mit mir hat es -aber keine Gefahr: ich werde trocknen, indem ich Ihnen erzähle, warum -ich naß bin. Die hölzerne Julia, weniger leicht gebaut und eben so -unberechenbar wie ihre lebendige Namensschwester, war nicht dicht ans -Ufer zu bringen. Wollte man alle Gewalt anwenden, so verrannte sich der -tiefe Kiel in den Sand, oder die Julia keilte sich zwischen die Steine -und nahm Schaden, und der Hofrath, Reiland, die Schiffsleute und ich -konnten als sieben linke Schächer über Nacht am rothen Kreuz hängen. Da -Herr von Blauhorn zu weinen anfing, that ich einen Satz ins Wasser, -nahm ihn auf die Schulter und schritt, wie der große Christof mit dem -Weltheiland, auf die Julia zu. Da geräth mein linker Stiefel auf einen -lockern Stein, die ganze Gruppe stürzt in sich zusammen und ich liege, -meiner vollständigen Länge nach, auf dem Rücken im hochaufspritzenden -Gewässer und habe die Selbstverleugnung, in dieser Verfassung meine -Bürde mit den Armen über meiner Brust in die Luft zu halten, bis die -Schiffsleute dieselbe übernehmen. Das Wasser, welches da von mir wie -von einem Regenschirm abtropft, war Zeuge dieser That.‟ -- - -Arnold fühlte sich von der ehrlichen Seele, die aus den großen, derben -Zügen des Erzählers leuchtete, angezogen, und sagte: „Sie haben -scherzend erzählt, und im Ernst sehr schön gehandelt.‟ - -„Ich denke wohl‟ -- erwiderte Knorr, seinen Filz ausdrückend und -schritt von dannen, da Arnold entschieden auf dem Kleiderwechsel -bestand und seine Begleitung in das Schweizerhaus ablehnte. - -Es verging eine halbe Stunde, bis sich die Fenster desselben erhellten. -Er sah nach und nach mehrere Gäste des Freinhofes von seinem Flügel -aus hinübergehen. Der Diener hatte erzählt, daß ein Theil der -Gesellschaft, auf einem anderweitigen Ausfluge gleichfalls vom Gewitter -überrascht, fast gleichzeitig mit Arnold angelangt war. -- Er folgte -nach einiger Zeit, und als er über die von außen auf die Gallerie des -Schweizerhauses führende Treppe an das erste offene Fenster des Salons -gelangte, wurde er, aus dem Dunkel kommend, von dem Glanz geblendet, -der ihm entgegenstrahlte. - -Die sechs Kristallkugeln der Hänglampe im Verein mit der großen Lampe -des Theetisches gossen fast überreiches Licht über den behaglichen -Raum. Die Geister Aladins schienen einen kleinen Salon der Residenz -mit seinem ganzen weichen, glänzenden, warmen, duftenden Inhalte -aufgehoben, über die Berge hingetragen und in die braunrothen Wände des -Schweizerhauses niedergesenkt zu haben. - -Er überblickte die Gesellschaft. Auf dem Ecksofa am Theetische war -Reiland um eine blonde junge Frau beflissen, welche ihm zerstreut -zuhörte und die lebhaften Augen klug und beobachtend von einem -Mitgliede der Gesellschaft zum andern fliegen und nur manchmal auf -ihrer Häckelarbeit ruhen ließ. Ihre Gestalt und Haltung machte den -Eindruck der Selbstständigkeit und Entschiedenheit, welcher durch -weiche, schöne Züge gemildert wurde. Das Fauteuil neben ihr besetzte -ein Herr, in dessen Zügen nebst der entschieden günstigsten Meinung -von sich selbst, auch die Kurse von Kredit und Nordbahn zu lesen -waren. Er demonstrirte irgend Etwas mit großer Lebhaftigkeit einem vor -ihm stehenden Husaren-Obersten und einem dürren, scharf und falsch -blickenden Geistlichen. An einem Seitentischchen im Journal lesend, -saß Knorr in einem, dem riesenhaften schwarzen Holofernes-Kopfe zur -besondern Folie dienenden weißen Drill-Anzuge --, das Höchste, was -er an „Staat‟ entwickelte, wenn es galt zu repräsentiren, wie bei -den seltenen Besuchen, womit er, und zwar erst in neuerer Zeit, den -Kollmann’schen Salon beehrte. Ihm gegenüber der Hofrath, blaß und in -sich zusammengeschrumpft, mit Bleistift in seine Tablettes schreibend. -Zwei schöne Mädchen von etwa sechszehn und achtzehn Jahren schwätzten -mit einigen jungen Leuten, deren Schablonengesichter durch die -Gebirgstracht, die sie zum Freinhofbesuch angelegt, noch unbedeutender -als gewöhnlich erschienen. - -Einen Augenblick fühlte sich Arnold von der ganzen fremden Welt, die -ihm durch die leichten Vorhänge entgegenglänzte, so abgestoßen, daß ihn -der Gedanke anwandelte, auf seine Zimmer zu gehen, einen Brief mit Dank -und Lebewohl an Julie zu schreiben, und dann -- die Reisetasche gepackt --- in die Nacht hinaus -- über die Föhrleiten zum Bahnhofe... Der Abend -sollte dann ein für sich bestehendes Bild, das mit seinem früheren und -späteren Leben nicht zusammenhing, sollte nur die letzte und schönste -seiner Reiseerinnerungen bleiben. - -Doch fühlte er schnell das Unpassende eines solchen Benehmens. Hätte -er sich mit gewohnter Gewissenhaftigkeit befragt, so hätte die Antwort -gelautet: du bleibst nicht weil das Gehen unpassend ist, sondern weil -du sie nochmals sehen willst. - -Er trat ein; die Gesellschaft ohne sie schien ihm ein -Wachsfigurenkabinet. -- Nach leichter Erwiederung seines leichten -allgemeinen Grußes kümmerte sich Niemand um ihn, außer Knorr, -welcher aufstand, ihn in ein Fenster zog und sagte: „Studiren Sie -sich die Gesichter und sagen Sie mir aufrichtig, welches Ihnen -das unausstehlichste wäre.‟ Arnold lächelte und entschied für den -Geistlichen. „Ins Schwarze getroffen! -- sagte Knorr. -- Uebrigens wird -noch der Herr des Hauses in der Nacht erwartet.‟ -- - -Jetzt flog die Thür des Boudoirs auf, und im hellblauen Kleide, rothe -Mohnblumen im Haar, trat Julie herein, mit leichtem elastischen -Schritte, ein strahlendes Lächeln um die frischen Lippen, Rosenflammen -auf den Wangen, Liebreiz und frohes Leben in jedem Zuge des Gesichtes, -jeder Wellenlinie der Gestalt, und das Siriusfeuer ihrer Augen -durchflog elektrisch den Kreis, der sich um sie zusammendrängte. - -In den ersten drei Minuten waren auf jeden der Anwesenden von der -Springflut ihrer Begrüßungsworte einige Tropfen gefallen: Jeder mochte -das Gefühl des Bevorzugtseins haben. Eine Umarmung der blonden Frau, -ein Handreichen an den Obersten, den Banquier und Knorr, eine für den -feineren Beobachter fast ironische Verbeugung vor dem Geistlichen, -zwei Küsse auf die beiden Mädchenstirnen -- -- das folgte einander -in leichtem Fluge, wie wenn der Wind die Blüten vom Baume weht. -- -Und nun klangen die Stimmen in jenen Chor zusammen, welchen manchmal -eine Gesellschaft in dem Moment anstimmt, wo ein Alle gleichmäßig -berührender Gegenstand wie das heutige Gewitter und die Wechselfälle -der Seefahrt sich darbietet, den nun Alle wie einen Ballon aus den -Raquettes des Gespräches umherfliegen lassen und dem Nachbar zuwerfen, -bis Jeder sein ~heureux mot~, seine Frase los geworden. - -Julie durchbrach den Kreis, ging auf Arnold zu und führte ihn an der -Hand zum Sofa mit den Worten: „Wir haben heute zusammen die Launen -eines treulosen Elementes getragen, nun bleiben Sie mein Nachbar und -ruhen Sie hier im Genusse, den jedes überstandene Leiden gewährt.‟ -- - -Arnold, der um die Welt gern wieder auf dem treulosen Elemente gewesen -wäre, entgegnete: „So erquicklich auch die jetzige Lage, so wüßte -ich doch nicht, daß sie vor jener, die Sie als überstandenes Leiden -betrachten, für mich einen andern Vorzug hätte, als den, Sie selbst in -schöner, behaglicher Sicherheit zu sehen.‟ - -„Nun müssen Sie noch dazusetzen -- sagte Julie, daß für den Mann der -Kampf mit den Fluten beglückender ist als der Frieden am Samovar, -und beidem ist genügt, sowohl der Galanterie, die Sie im Westen -gelernt, als dem Stückchen Nordlandsrecke und Junker Frithiof, das Sie -aus der Heimat mitgenommen und, in seiner besten Bedeutung, wieder -zurückgebracht haben.‟ -- - -„Wie kann man einen so traurigen Namen haben? wer heißt doch Friedhof!‟ -rief der Banquier Hr. v. Wörlitzer aus; und da gewisse Fragezeichen -auf der Stirn des Obersten und des Hofraths verriethen, daß auch -sie sich nicht in der Lage befanden, das Mißverständniß zu lösen, -so nahm Reiland das Wort und sagte: „Herr von Plomberg, der Mann -des Schwertes, ist durch seine Thaten auf dem Schlachtfelde der -Verpflichtung enthoben, die erdichteten der alten +Germanen+ zu -lesen, und sowohl der Herr Hofrath, als Herr von Wörlitzer, der Mann -des allbeherrschenden Goldes, dürften bei ihren reellen Geschäften -kaum Muße finden, sich mit den Nebelbildern altdeutscher Poesie zu -befassen.‟ - -„Gehorsamer Diener, rief der Oberst, meinen Sie vielleicht die Thaten -im letzten Feldzug, wo mein Regiment immer da stand, wo es kein Mensch -brauchte? In den Stunden unsers müßigen Zuschauens, wo wir uns nicht -rühren durften, wenn unsere Leute unter unsern Augen zusammengehauen -wurden, hätte ich den ganzen Junker Friedhof oder wie er heißt zehnmal -auswendig lernen können!‟ -- Das Gesicht, welches Knorr bei Reilands -vermittelnder Anrede aufgezogen hatte, läßt sich nicht beschreiben. „Da -haben wir das tägliche Brot, die Politik,‟ brummte er vor sich hin. - - * * * * * - -Und so kam es auch. In wenigen Minuten hatte sich das Gespräch der -Tagesfragen bemächtigt und trug den Charakter jener allgemeinen -Verstimmung und Gereiztheit an sich, welcher seit dem letzten -Friedensschlusse auch die konservativsten Elemente ergriffen hatte. -Der Oberst, der Geistliche, der Banquier, der Hofrath konnten als -Vertreter der Stände gelten, welche die Grundpfeiler des Bestehenden -vorstellen, aber Alle waren darüber einig, daß die öffentlichen -Zustände beklagenswerther geworden als je, mit dem Unterschiede, daß -der Soldat und der Geistliche das Heilmittel in einem entschiedenen -+Rückwärts+ erblickten, -- der Banquier in einem entschiedenen -+Vorwärts+, während der Hofrath zwischen den Kontrasten -durchlavirte. - -Besonders lebhaften Antheil nahm die blonde junge Frau, welche, als -dieses Thema auftauchte, in kurzen scharfen Sätzen die Meinungen -zusammenfaßte, und den beurtheilten Personen und Verhältnissen jene -schonungslosen Bezeichnungen gab, welche die Standeskonvenienz den -Männern verbot. Das Gespräch durchlief seine natürlichen Stadien der -Gährung und endigte, wie all’ die Tausende seinesgleichen, mit dem -Refrain: „So kann es nicht bleiben.‟ - -Bald nach Beginn desselben hatte Julie sich erhoben, Arnold gewinkt -ihr zu folgen und ging mit ihm in den Musiksalon, wo sie sich in eine -Causeuse in der Fensterecke setzte. - -„Wir sehen uns +nun+ erst eigentlich +wieder+, -- begann sie, -denn bei der Gesellschaft draußen waren Sie mir so ferne als in Ihrem -Zimmer im Fremdenflügel. Waren Sie denn nicht überrascht, fuhr sie -lächelnd mit Selbstironie fort, mich als Rose wiederzufinden, nachdem -Sie mich als Lilie verlassen hatten?‟ - -„Ich gestehe, daß entweder die natürlichen Umwandlungen Ihres Wesens -wunderbar rasch vor sich gehen, oder daß Sie eine, ich möchte sagen, -übermenschliche Kraft besitzen, um so zu scheinen -- -- denn was -kann eine Frau, welche angegriffen, leidend, nach einer bestandenen -Lebensgefahr zurückkehrt, bewegen, eine Stunde später eine solche Fülle -von geselliger Liebenswürdigkeit zu entwickeln, während ihr vielleicht -die Einsamkeit ein Labsal wäre, -- und einen Frohsinn -- verzeihen Sie -mir den Ausdruck, -- zur +Schau+ zu tragen, der Sie, wenn ich nach -dem Eindruck der kurzen Seefahrt über Ihr Wesen urtheilen dürfte, ein -Opfer kostet, -- -- das Diejenigen, denen es gebracht wird, kaum zu -erkennen scheinen?‟ - -Julie sah ihn überrascht, -- sinnend, -- erfreut an und sagte: - -„Genug, ich +besitze+ diese Kraft; was mich bewegt, sie -anzuwenden, wird Ihnen so wenig ein Räthsel bleiben, als meine -befremdende Frage auf der Heimfahrt.‟ - -„Ein Räthsel ist mir der ganze heutige Abend, von dem Augenblicke an, -wo ich Sie am Felsenufer begrüßte, bis zum jetzigen. Der Freinhof -selbst war ja wie ein Märchen vor mir aufgetaucht an einer Stelle, von -welcher mir, als ich sie vor Jahren betrat, nur das Bild der tiefsten -Einsamkeit und Abgeschiedenheit geblieben. Ihre Worte aber, aus der -Luft des freundlichen Scherzes in geheimen Tiefen tauchend, klingen -mir, wenn auch als +ungelöste+ Räthsel, in der Seele nach, und -werden mich begleiten, wohin mich das Leben auch führe. Eine Unwahrheit -wäre es aber, wenn ich sagte, daß der Eindruck, den ich mitnehme, ein -froher, glücklicher ist. Sie sind beides +nicht+.‟ - -„Arnold!‟ erwiederte sie, und ihre duftigen Locken berührten fast -seine Wange -- „ich spreche zu Ihnen, wie keine Frau vor mir zu Ihnen -gesprochen, vielleicht keine sprechen wird. Ich vertraue Ihnen, weil -die Wahrheit selbst ihre Gestalt der Lüge geborgt haben müßte, wenn aus -Ihren Augen ein falsches Gemüth blicken könnte. Ich sage Ihnen, ich -+weiß+, daß Sie den Freinhof, daß Sie mich nicht vergessen werden, --- weiß, daß wenn ich einen Beweis dieses Gedenkens, selbst ein Opfer -von Ihnen forderte, Sie mir Alles verheißen, Alles erfüllen würden.‟ - -Arnold war, wie ein im Blumenduft Schlummernder, betäubt: das war -wieder der tiefe in der Seele nachzitternde Ton der Stimme -- waren -wieder die langsam, in spannenden Zwischenräumen einander folgenden -Worte. - -Sie neigte sich im Sprechen zu ihm, und der reiche Flor der -wundervollen Formen lag warm mit mattem Glanze vor seinen verwirrten -Augen. -- -- - -Er fand keine Worte als die Bitte, jenen Beweis, jenes Opfer zu nennen! - -Sie erwiederte: „Die Zeit, wo Sie Ihr Wort erfüllen, wird kommen! -- --- Wenn ich Sie errathe, so kann Ihnen in der Gesellschaft, zu der wir -nun zurückkehren, nicht heimisch zu Muthe sein; wenn Sie sie verlassen, -nehmen Sie von Niemandem Abschied; es wird, wie es hier gehalten wird, -Keinem auffallen. Den Brief, den ich Ihnen hier gebe, sind Sie so -freundlich, in der Stadt an seine Adresse zu geben. Und nun, da Sie vor -Tagesanbruch über die Höhe wollen -- sagen wir uns hier Lebewohl, -- -auf Wiedersehen!‟ - -Ihre Hand hatte während des ganzen Gespräches in seiner geruht; sie zog -sie bei den letzten Worten zurück, stand schnell auf, und im nächsten -Augenblicke schlugen die Wellen der Gesellschaft über die Blumenauen -zusammen, welche für Arnold mit Zauberschnelle erblüht waren in der -tropischen Wärme des Gespräches im matt erleuchteten Musiksalon -- -- -in welchem wohl noch keine Melodie einen Hörer mächtiger ergriffen -haben mochte. -- -- -- - -Sie tönte fort durch die stille Nacht, als er in seinem Gemache am -Fenster stand und auf den dunkeln See hinaussah. - -Hell flammten die Lichter im Schweizerhause. Es war ihm peinlich, sich -diese Gesellschaft als Rahmen des Bildes zu denken, das ihn erfüllte. - -Er dachte sich’s am rothen Kreuze, mit einem Kranze von Alpenrosen. -- - -Ein rollender Wagen und Stimmen verkündeten die Ankunft des Besitzers -des Freinhofes. -- -- -- - -Erst lange nachdem jedes Licht verlöscht und jeder Laut verstummt war, -legte sich das Gewölk des Traumes um Seele und Sinne, die Bilder des -Abends mit weichem Schmelz verklärend, -- wie der Goldnebel am See die -Gestalt der -- Geliebten? -- - - -[1] Krummholz. - - - - -Der Taschenteufel. - - -Sechs Stunden nur liegen zwischen dem Augenblicke, wo Arnold von der -jäh aufsteigenden Bergstraße den letzten Blick nach dem Freinhof -geworfen, welchen der weiße über Thal und See liegende Morgennebel -nach wenigen Schritten seinen Augen verhüllte, -- und zwischen jenem, -wo er in der Hauptstadt aus der Halle des Bahnhofes tritt, um sich -in den nächsten Wagen zu werfen, da er in seiner Gebirgstracht auch -nicht die wenigen Straßen durchwandern will, die ihn von seiner in der -hochgelegenen Vorstadt nächst dem Bahnhofe befindlichen Wohnung trennen. - -Sein Diener kniet nun vor dem bereits seit einigen Tagen -vorausgeschickten Reisekoffer, reicht ihm Stück für Stück in die Hand -und nach einer Stunde ist Alles geordnet, jedes Ding an der Stelle, die -es einnehmen soll, und so lange er in dieser Wohnung bleibt, einnehmen -wird, und die ganze Einrichtung des kleinen Salons, des Schlafzimmers -und Arbeitskabinets gewährt ein wohlthuendes Bild der Nettigkeit, -Einfachheit, des Praktischen und Zweckmäßigen. - -Nun fährt er nach der Fabriksniederlage in der Stadt, wo er von alten -und jungen Bediensteten, vom Geschäftsführer bis zu den Knechten in -den Magazinen, mit achtungsvollen Freudenbezeigungen empfangen wird, -und sich mit Ersterem aufs Comptoir begiebt, wo er in Büchern und -Korrespondenzen arbeitet, -- Bestellung von Aufträgen seines Vaters an -Geschäftsfreunde, -- ein schnelles Mittagsmal in einem Hotel, Besuche -in zwei Maschinenfabriken, bei alten Bekannten seiner Familie und -bei Freunden, welche er mit Ausnahme dessen, nach welchem er sich am -meisten gesehnt, alle zu Hause trifft, haben die zweite Hälfte des -Tages in Anspruch genommen, und er kehrt in seine Wohnung zurück und -setzt sich ans Schreibpult, um dem Vater und der geliebten Schwester -Helene den ersten Gruß aus der Residenz zu senden. - -Und diese zwölf thätigen, wechselvollen Stunden hatten die Bilder des -vorigen Abends mit mehr Schleiern bedeckt, als eben so viele Tage eines -einförmigen unbeschäftigten Lebens vermocht hätten. - -Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, daß am zweiten oder dritten -Reisetage eine Woche zwischen diesem und dem Abschiede von der Heimat -zu liegen scheint, -- daß ebenso die Eindrücke der Reise von denen, -welche den Rückkehrenden umfangen, schnell in eine gewisse Ferne -gerückt werden? - -Mächtig hatte das eigenthümliche, wie mit magnetischen Strichen -bezaubernde Wesen der reizenden jungen Frau auf Arnold gewirkt. Aber -seine gesunde jugendliche Kraft kannte keine Schwelgerei in einem -Gefühle um des Gefühls willen: er goß in eine Flamme, die in ihm -aufzuckte, weder Oel noch Wasser. So viel natürliche Nahrung sie in -seinem Innern vorfand, so lange eben brannte sie und so helle. - -Schon auf dem drei Stunden langen Wege über das Gebirge in der -Morgenfrische milderte sich das schmerzliche Gefühl, womit er, aus -seinem Zimmer tretend, zur Gardine des Eckfensters im Schweizerhause -hinaufgeblickt hatte. - -Die Reise hatte seinen Blick erweitert, seine edelsten Kräfte -entwickelt und nun war der Augenblick gekommen, wo das Sistem sich -bewähren sollte, welches sein Begleiter, Sprenger, der treffliche, -kluge Freund seines Vaters, befolgt hatte, als er es sich zur Aufgabe -gemacht, der Mentor des jungen Mannes zu sein, ohne es zu scheinen. - -Er hatte keinen Sumpf und keine Giftblume vor ihm verhüllt; -- aber -den Sumpf durch kalte ruhige chemische Analise in seine ekelhaften -Bestandtheile aufgelöst, die Giftblume vor den Augen des Jünglings -botanisch zergliedert, medizinisch ihre zerstörende Kraft erwiesen, -ohne Duft und Farbenpracht wegleugnen zu wollen. - -Wohl wußte er, daß ein jugendlich heißes Blut weder durch Reflexionen -noch moralische Abschreckungstheorien zu kühlen sei; er eiferte nicht -gegen Weiber, nicht gegen Liebe, ja nicht einmal gegen +Sinnen+liebe, -sondern suchte vor Allem in seinem Telemach jenen Stolz zu entzünden, -der vor Wegwerfen seiner selbst und vor +Zersplitterung+ bewahrt. - -Mit klaren Worten gerade aufs Ziel losgehend, mochte er sagen: „Die -Gelegenheit, durch Handeln den höhern Platz, der deinen Kräften -gebührt, einzunehmen, dich +positiv+ auszuzeichnen, ist dir nicht -+immer+, ist dir +jetzt+ nicht geboten: aber +negativ+, durch -Unterlassen, dich vor den meisten deines Alters auszeichnen, das -kannst du immer; -- liebe, wenn dir die Rechte begegnet, mit ganzer -Seele und ganzem Sinne, aber niemals soll dich Eine haben können bloß -deswegen, weil sie dich haben will, und wäre sie die Reizendste ihres -Geschlechts. -- So wenig der Mann sich „heirathen lassen‟ soll, so -wenig soll er sich „verlieben lassen.‟ -- Kurz du darfst nicht Mittel -eines Weiberzweckes werden, sei dieser Zweck die Befriedigung einer -Seelenschwärmerei oder eines Sinnenverlangens. -- Liebe Eine, +welche+ -dich liebt, aber nicht, +weil+ sie dich liebt. -- Du wirst Derjenigen, -die dich erfüllen und fürs Leben beglücken kann, nicht begegnen, ohne -dich früher mehr als einmal getäuscht zu haben, das heißt du wirst -nicht heirathen, ohne vorher ein Paar Narrheiten zu begehen, aber es -seien wenigstens selbstständige, aktive Narrheiten, kein „halb zog sie -ihn, halb sank er hin‟ -- kein passives Aufgehen in einer begehrlichen -Laune einer Erfahrnen, welche an deinem frischen unverdorbenen -Wesen die überreizten Nerven kühlen will, wie eine von der -Mysterien-Literatur Uebersättigte sich plötzlich in „Dorfgeschichten‟ -und „Zwischen Himmel und Erde‟ stürzt.‟ - -Sicherlich gibt es keine Erziehungskunst, welche bloß durch aufgeführte -Dämme eine junge Saat vor Ueberflutungen zu schützen vermag. Ein -weiblicher Blumengarten mag auf solche Art eine Weile bewahrt werden: -das männliche Schlacht- und Erntefeld ist nur sicher durch seine -+Höhe+. Gelingt es nicht, das ganze Niveau des innern Menschen zu -heben, so sind alle Dämme, die bald da bald dort durchbrochen werden, -nutzlos. - -Arnolds inneres Terrain war keine flache Niederung. Die gefährlichen -Wasser, die ihn einige Monate hindurch in Paris und London umspülten, -reichten nicht hinan. Der vorhergegangene, Geist und Körper stärkende -Aufenthalt im Cockerill’schen Etablissement zu Seraing, wo Arnold, -wie viele andere junge Männer aus guten Häusern, in der Blouse des -Arbeiters in den Maschinenwerkstätten gehämmert und in den übrigen -Stunden Sprachen und wissenschaftliche Studien betrieben, -- hatte ihn -an Kraftentwicklung und an den Genuß des Schaffens gewöhnt. Sprenger -gab sich nie, am wenigsten in Paris, den Anschein ihn zu überwachen, -behielt ihn aber fortwährend im Auge, und hatte die Befriedigung, ihn -aus Versuchungen unbefleckt hervorgehen zu sehen. - -Er stellte sich aber die Frage: „Vielleicht +waren+ es für ihn -keine Versuchungen?‟ - -Wenn er sah, wie die Wange des jungen Mannes nicht nur beim Anblick -eines großen echten Kunstwerkes sich höher färbte, sondern auch in -der mit allem Sinnenreiz durchdufteten Atmosphäre der Oper, wie sein -Auge nicht nur vor Laroche’s Napoleon, sondern auch vor Winterhalter’s -Florinde aufflammte, so sicher er auch den innern Werth beider Bilder -zu beurtheilen vermochte, so mußte sich Sprenger sagen: „er scheint -nie anders als er +ist+, und wenn er das ganze hohe und niedere -Lorettenthum an sich vorübergehen läßt, ohne durch einen Blick zu -verrathen, daß es ihn reizt, so +hat+ es ihn eben nicht gereizt. --- Für dieses Wasser liegt er schon zu hoch. Ob nur für +dieses+?‟ - -Die Zukunft allein konnte es beantworten: Sprenger hatte seine Aufgabe -erfüllt und seinen geliebten Arnold so blühend und rein, so reizbar und -offen, nur ernster und kenntnißreich in das Korbachthal zurückgeführt -an das Herz des Vaters und konnte diesem sagen: „Laß ihn nun allein -gehen: führen können wir ihn nicht weiter.‟ - -Und nach drei im Schoße der Familie zugebrachten Tagen schlug Arnold, -die kurze Fußreise durch das langentbehrte Gebirge vorziehend, den Weg -ein, auf welchem wir ihm begegnet haben, und schritt im frohen Gefühle -einer thätigen, ein bestimmtes Lebensziel verfolgenden Jugendkraft -dahin. - -Sumpf und Giftblumen lagen wohl tief unter ihm. - -Aber ein kristallreiner Gebirgssee, -- und eine weiße Wasserlilie --? --- -- -- -- - --- -- Der Brief nach Korbach war geschlossen und abgesendet. Arnold -wollte spät am Abende seinen geliebten Freund Günther, den er verfehlt -hatte, nochmals aufsuchen, als dieser bei ihm eintrat. - -Ein gleiches Gefühl durchdrang beide bei der ersten innigen Umarmung --- ein sehr ungleiches, als sie einander beim hellen Lampenschimmer -betrachteten. Während Günther freudig ausrief: „Du bist ja ein ganz -prächtiger Junge geworden!‟ vermochte der Andere kaum den Schmerz zu -verbergen, womit er in Günthers lebhaften, ausdrucksvollen Zügen jene -Linien entdeckt hatte, welche gleichsam der Abdruck des Netzes sind, -das eine unerbittliche Macht über ihr auserkornes Opfer geworfen. Nur -die Stunde, wann es zusammengezogen wird, ist ungewiß; die Fäden sind -unzerreißbar. - -Reiseerzählungen und die Mittheilungen Günthers über Verhältnisse -und gemeinschaftliche Bekannte in der Residenz füllten ein Paar -Abendstunden. -- Die heitere, sprudelnde Laune des Letzteren hatte -gleichwol nichts von jener überreizten, verzweifelten Lustigkeit an -sich, welche manchmal einen dem Tode Geweihten, seines Zustandes -Bewußten, ergreift. Sie war ihm natürlich, und daß sie durch -Vorstellungen, welche sie in vielen Andern gebrochen hätte, nicht -einmal getrübt wurde, war das Ergebniß eines vollkommenen „mit sich -Fertigseins.‟ -- - -Das Band zwischen den Freunden war so fest geschlungen, -- sie -hatten sich mit ihren Eigenthümlichkeiten so vollständig in einander -aufgenommen, daß sie nach der Trennung von vierzehn Monaten, so zu -sagen im Buche ihrer Freundschaft ohne Nachblättern da weiterlesen -konnten, wo es aufgeschlagen liegen geblieben war. - -Arnold erzählte seine Reise zwar in natürlicher chronologischer Folge, -langte jedoch unverhältnismäßig schnell im Freinhofe an. Er malte so -ruhig und objektiv als möglich, nicht um vor dem Freunde ein halbes -Geheimniß zu bewahren, sondern weil er kein ganzes zu haben glaubte. -Nachdem er ihm die Aufschrift des Briefes, den ihm Julie gegeben -„an Freiherrn Edmund von Sembrick‟ gezeigt, welchen er heute nicht -bestellt hatte wegen des Beisatzes „von 9 bis 10 Morgens zu treffen‟ --- schloß er mit den Worten: „Nun hast du Alles!‟ -- worauf Günther -erwiederte: „Was habe ich? Nichts hab’ ich. Lieber Freund, den Abend im -Freinhof, über den du jetzt in Worten, die eine halbe Stunde dauerten, -+geschwiegen+, den mußt du mir erst erzählen.‟ - --- „Ich habe dir Alles gesagt.‟ - --- „Ja, Schifffahren, Stranden, Landen, Hutschwenken, Theetrinken, kurz -wo sie hingegangen sind, was sie gethan haben, etwa noch was die Welt -dazu gesagt hätte -- das habe ich Alles bekommen. Was dein +Herz+ -dazu gesagt hat, das hast du weggelassen. -- Ich bitte dich zu -bemerken, daß du in deiner Geschichte nur eine halbe Stunde gebraucht -hast, um über Brüssel, London und Paris in den Freinhof zu gelangen, -und dann gerade eben so lang vom rothen Kreuz bis in die Fensterecke -im Musikzimmer. Sei also so gut und rücke heraus, nach unserm alten -Gelöbniß, uns nie Etwas +nachträglich+ zu vertrauen!‟ - -Er war lachend aufgesprungen und hatte Arnold an beiden Schultern -gefaßt, ihn mit einem Gesicht ansehend, welches eine so unbeschreiblich -komische Mischung von Grimm, gutmüthigem Spott und Bedauern war, daß es -dem Freund, der diese Dekorazion wohl kannte, selten möglich war, auch -nur die Voranstalten dazu ohne Lachen anzusehen. Als ihm jetzt dieses -greuliche, hundert Erinnerungen gemeinschaftlicher Erlebnisse weckende -Gesicht, ein wahres Kunststück Günthers, angrinste, fiel er ihm um den -Hals und rief: „Du alter, guter, einziger Seelenbruder! wenn dir nicht -mit einer Lüge gedient ist, so frage mich nicht weiter, -- ich kann -dir nur die verbrauchten Worte sagen: Ich +weiß+ nicht wie mir -geschehen. Ich weiß nur, daß ich, wenn ich nicht arbeite, immer an sie -denke, und daß mir ist, als wenn ich eine vierzehnmonatliche Reise bloß -nach dem Freinhof gemacht hätte!‟ - -„Also hat doch der Teufel -- --!‟ rief Günther auf den Boden stampfend, -und unterbrach sich mit den Worten: „Verzeih’, Alter! ich bin -unverbesserlich, aber Gott sei Dank auch unveränderlich +darin+, -daß mir, seit ich meine Mutter verloren, nichts so nah geht als -was dich betrifft. -- Jetzt schreibe mir alle Namen auf, die du im -Freinhof gehört -- einige klingen mir bekannt; ich werde morgen bei dir -frühstücken und dich für deine Duft- und Nebelgeschichte in klingender -Münze bezahlen.‟ - -Arnold, dessen Gedächtniß jeden an seinen Gehirnwänden hingleitenden -Klang behielt, wußte fast alle Namen und gab den Zettel dem Freunde, -welcher rief: „Und nun leb’ wohl -- bet’ und schlafe, daß dir besser -werde!‟ -- und ging. -- -- -- -- -- - -Als Arnold allein, -- als die Lampe verlöscht war, trat ein altes -ewiges Naturgesetz in sein Recht: der Schleier des Tages war gefallen --- der vorige Abend allein stand mit allem Zauber vor Arnolds Lager. -Die duftenden Locken Juliens streiften wieder seine Wange. Er meinte, -er müsse das Fenster öffnen und nach dem Schweizerhause sehen. -- -- - -Günther las zu Hause den Zettel. -- Die Namen waren für ihn keine -todten Buchstaben, jeder rief ihm Menschen, Thatsachen, Erlebtes und -Gehörtes vor. - -Seine Freunde hatten oft von ihm gesagt, er habe einen ~spiritus -familiaris~, einen Taschenteufel, den er um Alles, was da -vorgehe, befrage und der ihn hinter Gardinen und Konferenztische, -in Geschäftsbücher und Liebesbriefe, durch den Schleier, den die -Demuth über gute, und das böse Gewissen über schlechte Thaten legt, -hindurchblicken lasse. - -Heimliche Kriegszustände öffentlich friedlicher Familien, verborgene -Krebsschäden scheinbar gesunder Vermögensverhältnisse, -- Ehen, an -deren im Dunkeln gebrochenen Ringe der gelöthete Sprung für die Welt -unsichtbar blieb -- Alles schien im Register des Taschenteufels -aufgezeichnet, der seinem Herrn in jedem Augenblicke das verlangte -Blatt hinhielt. -- Und doch lag ihm nichts ferner als alles Forschen -oder Eindrängen, aller an Weibern bemitleidenswerthe, an Männern -geradezu verächtliche Klatsch. -- - -„Ich suche nicht und frage um Nichts -- sagte er mit Recht -- die Dinge -kommen zu mir, sie fliegen mir an, wie Eisenfeile dem Magnet.‟ -- Der -Kreis seiner Freunde war klein, der seiner Bekannten unübersehbar. -- -Durch seine Stellung als Beamter der Bank und Mitglied der Verwaltung -einer der bedeutenderen industriellen Unternehmungen des Landes war er -mit der Finanzwelt, durch seine leidenschaftliche Liebe zur Malerei und -Musik mit allen Künstlerkreisen in Berührung. - -Der Talisman, welcher das Wunder wirkte, daß ein nicht unbedeutender -Mensch kaum einen einzigen Feind hatte, lag in einer Vereinigung von -fester Selbstständigkeit, die sich nie etwas vergab, mit der durch -keine Talente, durch keine sonstigen Vorzüge zu ersetzenden Gottesgabe -der +Liebenswürdigkeit+ -- jener Liebenswürdigkeit, die nicht nur -im ersten Augenblicke, sondern nachhaltend fesselte, weil sie auf dem -festen Unterbau eines streng rechtlichen Karakters ruhte. - --- Ueber das Ganze hin leuchtete eine heitere, oft geradezu tolle -Laune, welche seine schonungslosen Einfälle nur als Schaumperlen im -Champagner, nicht als verletzende Glassplitter erscheinen ließ. -- Er -besaß gewisse Privilegien in seinen Kreisen, von denen er bis an die -äußerste Grenze Gebrauch machte. Es war unter den Frauen ausgemacht, -daß „der Günther Alles sagen dürfe‟ -- -- es lag eben in dem +wie+ --- -- er machte seine Sprünge auf dem Glatteis anscheinend unmöglicher -Gespräche ohne auszugleiten. - -Dieses allgemeine Vertrauen war es, welches ihm in den verschiedensten -Kreisen jene „Eisenfeile‟ von Mittheilungen zufliegen ließ und dann -verband er, mit Menschenkenntniß und scharfem Verstande kombinirend, -ganz entlegene Daten und gelangte zu den überraschendsten Schlüssen. -- - -Dem Zustande seines Körpers, an dessen Zerstörung ein Brustübel langsam -aber unaufhaltbar arbeitete, machte er in seiner Lebensweise nicht das -mindeste Zugeständniß. Er war nun einmal entschlossen lieber drei -Monate zu leben als drei Jahre unter Medizinflaschen zu vegetiren. -- -Weder schön, noch eine imponirende Erscheinung, hatte er dennoch bei -Frauen entschieden mehr Glück als mancher weit glänzender Begabte, und -da er dem Grundsatze, lieber zu leben als zu vegetiren, leider auch -auf diesem Felde seine Geltung ließ, so hatte an den Linien in seinem -Gesichte, welche Arnold mit Schmerz entdeckte, manche schöne weiße Hand -als Verbündete des dunkeln Zerstörers mit gezeichnet. - -Er überdachte alle Mittheilungen Arnolds, citirte den Taschenteufel und -begab sich, nachdem er seinen Stoff geordnet, am nächsten Morgen zum -jungen Freunde, der ihn mit erklärlicher Ungeduld erwartete. - -Nach eingenommenem Frühstück zündete er wie in gesunden Tagen seine -Zigarre an und sagte: „Du siehst mit einem so rührenden Jammer meinem -Rauchen zu, daß ich dich vor Allem beruhigen muß. +Das+ schadet -mir nicht; ich bin überzeugt, daß es meinem armen Teufel von Vetter -mit seiner Sparkasse-Anstellung von 500 fl. nicht um ein halbes Jahr -früher zur Erbschaft verhilft. -- Daß ich heute noch lebe, ist mir ganz -angenehm, denn ich glaube dir Einiges leisten zu können. -- Nun frage -ich dich, bist du in einem Stadium, in welchem man dir die Wahrheit -noch ohne Streuzucker geben kann?‟ -- - -„Sprich und gib was du hast und wie du es hast, ich werde dich nicht -einmal unterbrechen.‟ - -„Gut! ich kenne, den Knorr ausgenommen, alle Uebrigen so weit, daß -ich ihnen einen kurzen Steckbrief in Frakturschrift voranschicken -kann. -- Zuerst die radikale Blondine; du hast sie Zeltner genannt. -Ihr Mann war im Kriegsministerium, ist weggejagt worden, unter die -Literaten gegangen und hat in Hamburg eine Brochüre drucken lassen, -in welcher der General-Adjutant Graf Greuth so zu sagen ~in -effigie~, moralisch gehangen wird. Zeltner wurde hierauf ~in -persona~, fisisch, eingesperrt, es wurde ihm ein Hochverrathsprozeß -wegen anderer vorgefundener Schriften angehängt, und er sollte sechs -Jahre in Königstadt sitzen. Eine Audienz aber, welche seine Frau beim -General-Adjutanten erwirkt, verbreitet plötzlich neues Licht über die -Sache, der Prozeß wird revidirt und die halbe Strafzeit erlassen. Die -Blonde schien immer noch mehr Licht auf die Sache werfen zu wollen, -denn sie hatte durch drei Monate einen ganzen Cyklus von Audienzen bei -Seiner Excellenz. Es wurde aber nichts weiter revidirt noch gemildert, -und sie soll jetzt bemüht sein, einer noch höheren Person die -Angelegenheit ihres Mannes zu beleuchten, und, wie es heißt mit Erfolg. --- Weiter. -- Wörlitzer macht alle Geldgeschäfte für den Minister -des Innern, Baron Thorn und für einige spekulirende Diplomaten. -Außerdem gehört er zu denen, welche, wie man zu sagen pflegt, Alles -mitnehmen. Er ist, wenn nicht Thorn’s rechte Hand, wenigstens seine -Wertheim’sche Kassa und hat freien Zutritt bei ihm, und was mehr werth -ist, eine schöne interessante Nichte. Der Baron Sembrick, an den dein -Brief lautet und den ich für ganz honett halte, soll sich für sie -interessiren. -- Ich würde aber an deiner Stelle den Brief doch nur -hinschicken und abwarten, was seinerseits geschieht. -- Nummer drei: --- der Geistliche, Pater Bernhard, kann kein anderer sein, als der -Prior und wahrscheinliche künftige Prälat von St. Martin und hat vielen -Einfluß auf unsern Erzbischof, der jeden Sommer mehrere Tage dort -zubringt. Ich habe bemerkt, daß immer zur Zeit dieser Besuche irgend -ein oberhirtlicher Wetterstrahl über die ungläubige Welt hinfährt. Der -Pater kommt auch oft hieher, und wohnt dann beim Erzbischof. -- Was den -Husaren-Obersten von Plomberg betrifft, so kannst du seinen Fiaker alle -Abende hinter dem Mersey’schen Palais stehen sehen. Plomberg ist der -Geliebte der alten Gräfin, der Schwester der Obersthofmeisterin unserer -Prinzessin Anna. Sie zahlt alle Jahre seine Schulden. -- Schließlich -Hofrath Blauhorn. Die Julie Kollmann hat dir von seiner bösen Frau -gesprochen. Er ist aber doch nur durch +sie+ vom Finanzminister -in die Kommission ernannt worden. -- Ich gebe dir noch als Vermuthung -gratis in den Kauf, daß die beiden schönen Mädchen, wenn sie wirklich -Leonore und Sidonie heißen, die Töchter des Vizepräsidenten Mildern -sind oder vielmehr des Fürsten Leuchtendorf, bei dessen Kassa der alte -Mildern unverschämt genug ist, die Pension seiner Frau persönlich -zu beheben. -- Knorr macht mir den Eindruck eines Menschen, dessen -eine Hälfte klug genug ist, um die andere, verrückte, als Mittel zu -benützen, sich im Freinhof gut füttern zu lassen. Ich will ihm nicht -Unrecht thun, habe aber solche Kerls gekannt, die sich für ihre grobe -Treuherzigkeit mit feiner Kost bezahlen ließen. -- So weit einstweilen -die Steckbriefe. -- Ganz unbekannt ist mir das alberne Subjekt Reiland.‟ - -In steigender Aufregung hatte Arnold zugehört. Er gedachte des -Augenblickes, wo er durchs Fenster ins Theezimmer gesehen hatte. Es war -ihm als betrachte er einen Hogarth’schen Kupferstich nach gelesener -Erklärung. -- Die Leuchtkugeln Günthers waren doch noch ganz anders -wirksam als die acht Lampenkugeln. Derselbe fuhr fort: - -„Wenn du nun Alles zusammenfassest, so wirst du mir erlauben die -Behauptung aufzustellen, daß die ganze Gesellschaft im Freinhof, wie -sie vor Erscheinung der Frau vom Hause beisammen saß, dasjenige ist, -was wir, denen soziale Stellungen nun einmal nie so weit imponiren, -um ein Kind nicht bei seinem Namen zu nennen, ein +Gesindel+ -heißen; von jener Gattung Gesindel, die im Salonwasser nicht nur -gleichberechtigt mitschwimmt, sondern, wegen ihrer Leichtigkeit, sogar -meistens obenauf.‟ - -Arnold hatte gegen den kräftigen Schlußsatz nichts einzuwenden; es -hatte ihm ja selbst weh gethan, sich +ihr+ Bild in +diesem+ -Rahmen zu denken. - -„Meine Bezeichnung, sagte Günther, ist hart, aber du weißt, daß ich -gewisse Unterscheidungen von ganz, halb und drei Viertel honett nicht -acceptire. Frage dich, ob dieser oder jener Mann, diese oder jene Frau -die volle Achtung deines Vaters und deiner Schwester verdienen -- das -ist der Probierstein -- und Alle, bei denen du +Ja+ sagen kannst, -gehören +herüber+ und alle Andern +hinüber+. -- Nun aber eine -andere, wichtigere Wahrnehmung. -- Es muß dir auffallen, daß alle diese -Elemente im Freinhof ein Gemeinsames haben, noch außer der gebrauchten -Bezeichnung, nämlich: jede dieser Figuren bildet eine Hintertreppe in -eine höhere Region. Du siehst da Telegrafendrähte zusammenlaufen, durch -welche auf die Prinzessin, zwei Minister, den Erzbischof, den alten -Fürsten Leuchtendorf u. s. w. gewirkt werden kann -- alles indirekt -und durch Seitenthüren, nichts gerad und honett, aber vielleicht um so -sicherer. -- -- Ob dieses Zusammentreffen bloß die Folge der chemischen -Verwandtschaft, womit sich dieses Volk überall erkennt und anzieht, -- -ob es ein geleitetes, beabsichtigtes ist, dazu habe ich vor der Hand -keinen Schlüssel.‟ -- - -„Alles was du sagst, nahm Arnold das Wort, hat das Gepräge der -frappantesten Richtigkeit. Es mag sein, daß du in deiner letzten -Hipothese zu weit gehst. Doch hat dieß Alles keine Beziehung auf das, -was +mir+ jener Ort geworden ist. Was gehen mich die übrigen -Besucher dort an? wenn nicht in dem Sinne, daß ich sie auf den Boden -des Sees wünsche, und daß sie Julien vielleicht eben so unleidlich -sind. Wer kann sagen, was sie zwingt, mit allen diesen Gesichtern -freundlich zu sein?‟ - --- „Weder du noch ich. Aber das Folgende geht +dich+ an: wenn -der Freinhof ein Punkt ist, wo die besagten Fäden mit Absicht -zusammengezogen sind, so bist +du+ zu einem solchen Faden bestimmt -so gut wie die Andern.‟ - --- „Und welcher Prinz oder Minister soll durch +mich+ in Bewegung -gesetzt werden, durch einen unbedeutenden jungen Menschen ohne Rang -und Verbindungen?‟ - --- „Keiner; sondern du selbst.‟ -- Günther sprach mit jenem Ernst, der -eben an ihm, im Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Laune, um so tiefern -Eindruck zu machen pflegte. -- „Täusche dich nicht hierüber. Gott -erhalte dir deinen Vater lange Jahre, vergiß aber nicht, daß, wenn -er die Augen schließt, du der Herr eines Besitzthums bist, welches -ungefähr eine Million repräsentirt, eine Million in den reellsten -Werthen die sich denken lassen, du bist überdieß -- verzeih die -Impertinenz unter Männern -- ein entschieden schöner Bursche. Weißt du -was das sagen will? Und wenn du albern und häßlich wärst, so ist dein -Vermögen ganz allein hinreichend, um in dir entweder einen Zweck oder -ein Mittel zu sehen.‟ -- - --- „Ich gehe noch immer auf Alles ein. Aber alle Namen und alle -Verhältnisse der Personen und deren etwaige Zwecke haben nur dadurch -Interesse für mich, daß sie auf diese Frau Bezug haben; -- welche Rolle -willst du denn +ihr+, die mir nur den Eindruck eines lächelnden -geschmückten Opfers machte, in dieser Gesellschaft, oder diesen -Zwecken gegenüber, anweisen? +Sie+ soll doch nicht die Seele von -Intriguen oder ihre Hand die bewegende Kraft irgend eines unlautern -Getriebes sein? Ich würde dir übrigens Alles vergeben, so lang du sie -nicht gesehen. Weißt du mir denn, nachdem du alle Schattenparthien -beleuchtet, gerade über den hellen, schönen Lichtpunkt nichts zu sagen?‟ - -„Thatsächliches, über den Lichtpunkt -- Nichts! Daß Kollmann vor -ungefähr dritthalb Jahren hieher gekommen, den Winter über ein großes -Haus gemacht, daß die Frau von allen Frauen verlästert, von allen -Männern gefeiert wurde, daß sie im zweiten Winter verreisten und durch -den Bau des Freinhofes nach der Rückkunft wieder ins Gerede kamen, -- -um das zu erfahren, brauchst du +mich+ nicht zu fragen.‟ - -„Lieber Günther, gestern hast du gesagt, ich hätte dir Nichts erzählt, --- gabst dich nicht zufrieden, bis ich dich auf den Grund meiner Seele -blicken ließ, und heute hältst +du+ zurück. Deine Meinung über -+sie+ ist es, die ich von dir erwartete.‟ - -Günther stand auf, stellte sich ihm gegenüber, sah ihm einen Moment -schweigend in die Augen und sagte: „Nun denn --! deine ganze Julie -Kollmann ist eine mit ungewöhnlichen Mitteln begabte +Kokette+! -und wären nicht in dir selbst Zweifel an ihr aufgestiegen, so wäre -dir nicht eingefallen, überhaupt um irgend eines Menschen Meinung zu -fragen. Ich sehe in der affektirten Frase wegen des unversöhnlichen -Hasses, in dem Wechsel von blassen und rothen Dekorazionen, in dem -ganzen geheimnißathmenden Gespräche von Vertrauen und zu gewärtigenden -Opfern, in dem Hinausgehen über alle Grenzen, welche weibliche -Zurückhaltung gegen einen Fremden einzuhalten befiehlt, -- nur eben so -viele Beweise mindestens jener Koketterie, die auch ohne bestimmten -Zweck ihr Feuerwerk vor Jedem spielen läßt, weil sich später ein Zweck -finden kann. -- Auch hat sie gesagt, daß ihr +dein+ Name nicht -+fremd+ sei! Und nun sag ich dir mein Letztes: Ich habe diese -Frau einmal gesehen -- über ihre Schönheit kann nur Eine Stimme sein. -Bist du bloß +verliebt+ in sie -- du kennst die tadelnswerthe -Dehnbarkeit meiner Moral in diesem Punkte, -- so magst du dich, -wenn sie dich erhört, eines der reizendsten Abentheuer auf deiner -Lebensreise freuen. Hast du aber das Unglück sie zu +lieben+, wie -der Franzose sagt ~de la prendre au sérieux~, so ist Alles, was -gut und trefflich an dir, in Gefahr; Alles -- von deinem Herzens- und -Lebensglück angefangen bis -- das getraue ich mir zu behaupten -- bis -zu deinen +Metallfabriken+ herunter. Leb wohl und antworte mir -jetzt nicht.‟ - -Er bot Arnold die Hand, der sie tief ergriffen faßte und schweigend -drückte; -- seine Augen waren feucht. - -So tief er auch vom Anfange der letzten Rede Günthers verletzt war --- -- in dem Augenblicke fühlte er nicht den Schmerz der Wunde, -sondern nur den Balsam der innigen Liebe, welche in Günthers tiefem -seelenvollen Blicke lag, und in dem schmerzlichen Zuge, welcher über -die sonst so bleichen, nun hochgerötheten Wangen lief. - -In heftiger Erregung ging er nach dessen Weggehen einigemale im Zimmer -auf und nieder. Da fiel ihm der Brief an Baron Sembrick in die Augen. - -Der mußte denn doch persönlich abgegeben werden. - - - - -Zimmerreise. - - -Edmund von Sembrick wohnte in der Jägerstraße, am entgegengesetzten -Ende der Stadt. Ein Diener in einfacher brauner Livree öffnete das -eiserne Gitter im ersten Stockwerke und fast im selben Augenblicke trat -aus der gegenüber befindlichen Thür ein Mann in schwarzer Kleidung, -mit weißen Haaren und einem klugen Gesichte, welcher Arnold bat einen -Augenblick im Salon zu warten, dessen dunkelbraune hohe Flügelthüre er -öffnete. - -Arnold befand sich in einem jener Räume, die durch eigenthümlichen, -individuellen Karakter angenehm berühren, deren Einrichtung kein -Gemeinplatz, keine Zusammenstellung der in den betreffenden Magazinen -von Möbeln und Luxusartikeln vorgefundenen Gegenstände ist, sondern der -Ausdruck des persönlichen Geschmackes, die Ausführung der eigenen Ideen -des Bewohners. -- Die dunkelrothen, mit alten werthvollen Gemälden, -größtentheils Niederländern, bedeckten Tapeten, die hohen, in den -reinsten Renaissance-Formen gearbeiteten Lehnstühle, die Marmorplatte -des Tisches mit acht abgerundeten Ecken, der grüne langwollige, wie -Moos dem Tritte nachgebende Teppich, -- die kunstvolle Zeichnung der -Holzmosaik des Plafonds -- Alles war volle Harmonie in Farbe und Form, -und wo auch der Blick sich hinwendete, fand er einen wohlthuenden -Ruhepunkt und ward durch schöne vermittelnde Linien weitergeleitet. - -Der Kammerdiener öffnete nach einigen Augenblicken die schweren -Vorhänge der Thür zu Sembrick’s Kabinet und Arnold stand einer von -jenen Erscheinungen gegenüber, welche nimmer vergessen noch verwechselt -werden können. - -Die Natur gräbt zum Ausprägen einiger Gestalten einen +eigenen+ -Stempel, den sie dann zerbricht, während die Massen nach gewissen -vorräthigen, ein Paar Tausend verschiedene Typen darstellenden Formen -gegossen scheinen, denen man mit gewissen Varianten immer wieder -begegnet. - -Edmund von Sembrick mahnte an ein einziges, -- nur +einmal+ -über die Erde gegangenes Vorbild: -- -- der Stempel, nach welchem -+seine+ Züge ausgeprägt schienen, ist vor achtzehn Jahrhunderten -zerbrochen worden. -- -- - -Es glänzte aber in den Augen dieses Christuskopfes nicht der sanfte -Schimmer der versöhnenden Liebe, sondern das Feuer, vor dem die Käufer -und Verkäufer aus dem Tempel flohen. -- - -Auch in der Umgebung des Mannes grünten keine Palmen- und Olivenzweige: --- alte, breite Schwerter, gekreuzte Pistolen, Pulverhörner, -Schrotbeutel, bildeten an der Wand ein von einem geschlossenen Helm -gekröntes Tableau, dessen Devise eben nicht lautete „der Friede sei mit -Euch.‟ - -Mit stummer Verbeugung erwiederte er Arnold’s Worte: „Ich erfülle -den Auftrag einer Dame, indem ich diesen Brief persönlich übergebe‟ --- erbrach das Siegel, durchflog die Zeilen, und wie groß auch seine -Herrschaft über jedes Zeichen seiner Empfindungen war, verrieth doch -der Schatten, der über die Stirn flog, daß die runden Schriftzüge -verwundende Spitzen für ihn hatten. -- - -Wenn Arnold, welchem trotz seiner Jugend eine bloße äußere Erscheinung -nicht leicht imponirte, von jener des Barons einen Augenblick -beherrscht war, als ihm dieser im ganzen Nimbus entgegentrat, welchen -die zufällige Aehnlichkeit mit dem alles Erhabenste verkörpernden -Urbilde über seine hohe Gestalt verbreitete, so fand er bei dessen -Kälte, und namentlich beim Anblicke des Waffentableaus, seine ganze -Haltung wieder, und fühlte sich eben als Mann einem Manne gegenüber. -- - -Sembrick setzte sich, den Brief weglegend, in seinen Lehnstuhl, -wies Arnold einen nebenstehenden und begann: „Die gemeinschaftliche -Bekannte, welche ich meinerseits eine theure, hochverehrte Freundin -nennen darf, spricht den Wunsch aus, daß wir einander kennen lernen, -und es kann mir nur zum Vergnügen gereichen, ihn zu verwirklichen. -Es könnten, wie ich ihre Lage kenne, Verhältnisse eintreten, die ein -Zusammenwirken ihrer wahren Freunde erwünscht machen, und sie scheint -in diesem Sinne auf Sie zu zählen.‟ - -„Ich halte es für meine Pflicht, zu bemerken, -- sagte Arnold -- -daß ich bisher nicht in der Lage war, das Vertrauen dieser Dame zu -rechtfertigen, daß aber, wenn der feste Entschluß hierzu die Grundlage -der von ihr gewünschten Bekanntschaft sein kann, ich mit Freude die -Hand dazu biete.‟ - -Es war gut, daß Arnold das Handbieten nicht wörtlich gemeint und die -seinige nicht bewegt hatte, denn die Rechte des Barons blieb in der -Brusttasche stecken, als er sagte: „Das Schicksal dieser Frau ist -allerdings ein solches, welches jeden Mann von Herz und Ehre zur -Theilnahme bewegen muß. Es fragt sich eben, ob Ihr Entschluß aus der -Kenntniß der Verhältnisse, was ich bezweifle, oder aus der ihrer -Person hervorgegangen.‟ -- - -„Mag bei Ihnen das Eine, bei mir das Andere der Fall sein, -- war -Arnold’s Antwort -- so wird das Ergebniß dasselbe sein, sobald wir uns -+offen+ über Dasjenige verständigen, was gethan werden soll, um in -unglückliche Verhältnisse helfend einzugreifen.‟ -- - -„Es handelt sich hier um +etwas mehr+. Ich brauche nicht zu -sagen, daß der Eindruck Ihrer Persönlichkeit auf mich vollkommen dem -Sinn dieser Zeilen entspricht. Allein, -- Sie werden einem Manne, -durch dessen Hände in einem bewegten Leben viele Angelegenheiten der -schwierigsten und vertrautesten Art gegangen sind, zu Gute halten, wenn -sein Gang ein wenig rascher ist als der einer jungen Frau. Ich verreise -heute für einige Tage und behalte mir vor, Sie nach Beseitigung einiger -Hindernisse mit Dingen bekannt zu machen, für welche wohl der Rahmen -unseres ersten Gespräches zu eng wäre. Ich werde auf Sie als einen -Gentleman im vollen Sinne zählen können.‟ - -Arnold konnte durch sein rasches Aufstehen kaum dem des Barons -zuvorkommen; er richtete sich vor diesem mit allem Stolz, der ihm zu -Gebote stand, auf, und sagte: „Ich +hoffe+, mich des Gleichen -zu Ihnen versehen zu dürfen, Herr Baron, und in dieser Voraussetzung -werde ich Vorschläge zur Mitwirkung für eine gute Sache bereitwillig -empfangen.‟ - -Der Baron neigte den Christuskopf schweigend mit einem kalten Lächeln -und abermals war, wie am rothen Kreuze, eine Geisterbrücke zwischen -zwei Augenpaaren aufgebaut, -- aber die beiden Seelen am Ende derselben -standen einander gegenüber, wie zwei mit gezogenen Kanonen bespickte -Brückenköpfe. - -Als die schweren Thürvorhänge wieder zwischen ihnen lagen, nahm -Sembrick Juliens Brief wieder zur Hand und ein innerer Vulkan schien -die künstlichen Eisfelder auf den ausdrucksvollen Zügen zu schmelzen, -als er die Zeilen wiederholt überlas. Sie lauteten: „Ich wünsche, daß -Sie mit dem Ueberbringer, Arnold, dem Sohne des Besitzers von Korbach, -bekannt werden. Ich darf nach dem, was ich durchlebt, auch mit meinen -einundzwanzig Jahren von Menschenkenntniß reden, und sage Ihnen, daß -er ein Mann ist, auf den Sie zählen können. Wenn Sie des letzten -Gespräches zwischen uns gedenken, wo Sie ausriefen: „Nur noch Eine -treue, verläßliche Hand!‟ ohne sich näher über das, was Sie für mich -ersonnen, zu erklären, so werden Sie meine Zeilen vollkommen begreifen. -Man sieht auf den Grund eines tiefen Wassers, wenn es rein ist. -Das seichte gilt oft für tief, wenn es trübe. Wozu ich eine Stunde -gebraucht, dazu wird Ihrem Blick eine Minute genügen.‟ -- - -„Grenzenlose Unbesonnenheit! rief Sembrick aus, -- -- und eben diesen! --- Wohl hast du ihn recht gesehen, Julie -- aber dieser Verbündete wäre -schlimmer als ein Feind! -- ein tiefes, reines Wasser nennst du ihn -- -du hast hineingeschaut bis auf den Grund -- dein Bild darin gesehen -- -genug um das Auge hineinzutauchen, bis die Seele nachsinkt.‟ -- - -Er wurde in dem Nachsinnen, das diesen Worten folgte, durch den -Eintritt des Kammerdieners unterbrochen, welcher meldete, Herr Reiland -wünsche seine Aufwartung zu machen. -- - -„Soll sogleich hereinkommen.‟ -- - -Er nahm wieder seinen Platz ein, und grüßte den Eintretenden mit einer -Handbewegung und den Worten: „Sie kommen wie gerufen.‟ - -„Ich bin sehr glücklich, Herr Baron,‟ -- - -„Das freut mich, und ich werde noch mehr dazu beitragen, wenn Sie -schnell und treu berichten.‟ - -„Ergebenst zu dienen. Am Montag hat die ganze Gesellschaft, von der -ich geschrieben, den Freinhof verlassen. Auch der fremde junge Mann, -Herr Korbach; Frau von Kollmann hatte eine Unterredung mit ihm allein. -In der Nacht war Herr von Kollmann eingetroffen, -- die Frau war eine -Stunde bei ihm, und sie ist in sehr leidendem Zustande auf ihr Zimmer -gekommen.‟ - -„Wollen Sie mir gefälligst Nachmittags Alles berichten, was Sie über -die Verhältnisse dieses Korbach bis dahin erfahren können. Ich reise -Abends weg. -- Was machen die Ehrenschulden?‟ - -„Ich gestehe, daß meine Posizion in der Gesellschaft gefährdet ist, -wenn nicht ein wohlwollender Freund‟ -- -- - -„In Ermangelung eines Freundes -- sagte der Baron mit verächtlichem -Lächeln, wird auch ein einfacher Darleiher auf Nichtwiederzahlen -genügen‟ -- und reichte ihm eine Banknote aus dem Portefeuille. -- „Was -für eine ostensible Rolle spielen Sie denn eigentlich im Freinhofe?‟ - -„Ach, Herr Baron, man gilt eben durch seine Persönlichkeit; -- wenn -man einmal vorgestellt ist, handelt es sich darum, den Damen angenehm -zu sein, sich mit den Männern auf guten Fuß zu setzen. Auch mit dem -sonderbaren Knorr ist mirs gelungen. Er hat mir angetragen Du zu sagen, -aber auf so eigenthümliche Weise, -- er meinte, ich meinerseits könne -Sie zu ihm sagen, wenn ich wolle, es sei ihm sogar lieber, -- nur -+er+ bringe es nicht über die Lippen; man darf aber an diesen -Menschen nicht unsern Maßstab anlegen.‟ -- - -„+Unsern+ Maßstab?‟ wiederholte der Baron, seinen Kopf langsam an -der Stuhllehne gegen Reiland wendend -- „wenn ich mich recht entsinne, -so sind Sie bei einer frühern Gelegenheit von Knorr durchgeprügelt -worden? Das ist vermuthlich mit +Ihrem+ Maßstabe geschehen.‟ -- - -„Es ist wahr, sagte Reiland, dessen Gesicht mit einer rothen -Brühe übergossen war, -- daß dieser Mensch sich in einem seiner -ungeschliffenen Scherze an mir vergriffen, allein die Sache wurde -schnell ausgeglichen -- die Frau vom Hause wußte Alles in ein so -humoristisches Licht zu setzen.....‟ - -„Ich weiß, ich weiß -- doch genug für jetzt. Leben Sie wohl, Reiland, -und geben Sie sich Mühe!‟ - -„Ich werde die Ehre haben, nach dem Speisen aufzuwarten.‟ - -„Wenn Sie nirgends geladen sind, speisen Sie mit Weinrotter.‟ - -So hieß der alte Kammerdiener des Barons und Reiland nahm die Einladung -mit Vergnügen an. Es gibt eben geborne Bedientenseelen und im -Verhältnisse zu ihrer Gesammtzahl stecken wenige in Livree. Das Kleid -verändert sie auch nicht. Man ziehe ihnen Staatsuniformen über, stelle -sie auf jeden Platz, wo es gilt „Herr‟ zu sein -- und wenn sie vor -Tausenden aufrecht dastehen, +Einer+ wird einmal vorüberfahren, -dem sie den Kutschenschlag zu öffnen, den Mantel nachzutragen bereit -sind, -- wenigstens in moralischem Sinne. -- Reiland wird in einem -fremden Lande, wo ihn Niemand kennt, ohne Bedenken seinen Panama-Hut -mit einem Cilinder mit silberner Borte vertauschen, um den Preis einer -Löhnung, welche das Einkommen übersteigt, das er von Sembrick bezieht. -Vielleicht auch von Andern. -- Er ist noch kein eigentlicher Schurke, --- er wird noch roth, wie wir gesehen. Die Natur hat eben vergessen -in seinen Teig den Gährstoff zu mischen, und ihm gerade so viel Scham -gelassen, um +vor einem Andern+ zu fühlen, was er Ehrloses gethan. -+Allein+ wohl niemals. - --- -- Sembrick aber überließ sich nun ganz dem Eindrucke des Briefes. -Sein edles Antlitz war ein Kampfplatz von Zorn und Schmerz -- in seiner -Seele kämpfte vielleicht der Engel mit dem Teufel -- Sankt Georg mit -dem Drachen -- der Genius des höheren Menschen mit dem durch Grundsätze -gezähmten Raubthiere der Leidenschaft. -- Wie war es möglich, daß diese -Hand, welche für das breite Ritterschwert geschaffen schien, sich eines -Gewürmes wie Reiland bediente? -- Vielleicht dachte der Christuskopf, -daß die Nachfolger seines Urbildes sich ja auch der Inquisizion -bedienten? - -Er schien endlich mit einem Entschlusse im Reinen; abzureisen hatte er -wirklich vorgehabt, nur das Ziel wurde verändert. - -In nicht geringerer Aufregung, als in welcher Sembrick zurückgeblieben, -war Arnold die Treppe hinabgegangen. -- Der Baron hatte ihn nicht nur -in der Sache, sondern auch in der Form in einer solchen Entfernung -gehalten, daß ihn neben der breiten Wunde des beleidigten Stolzes auch -der feine tiefe Stich der verletzten Eitelkeit brannte, so wenig er -auch von letzterer in sich hatte. - -Sembrick hatte Julie eine theure hochverehrte Freundin genannt. Julie -hatte gesagt, sie habe einen einzigen +starken+ Karakter gekannt, -der jenes „unversöhnlichen Hasses‟ fähig. Das war Sembrick! -- trotz -aller der ewigen Liebe abgeborgten Linien seines Gesichtes. -- Dann -überdachte er seine eigenen Worte, und war wenigstens mit seiner -Haltung gegen den Baron am Ende des Gespräches zufrieden. Aber Alles -war ja Nebensache gegen die wahrhaft brennende Frage: in welcher -Beziehung steht dieser Mann zu +ihr+? - -Er hing, wie der Taucher, im Wirbelwasser der Zweifel, von Haifischen -und Molchen der Eifersucht umringt, aber aus der Tiefe ragte das -Felsenriff des Glaubens -- an den einzigen langen tiefen Blick, -der den Worten: „Ich vertraue Ihnen‟ -- auf ihrem Wege über dunkle -Rosen geleuchtet.. und er hielt es fest. -- -- Doch fühlte er, daß -er +kämpfe+, daß er den Schatz dieses Vertrauens gegen Etwas -+vertheidige+. -- - -Seine Natur ließ ihn nicht lange in der Tiefe der Charibde hangen -- -an den spitzen Korallen. Den Becher der Hoffnung, daß +sie+ aus -Allem rein hervorgehen müsse, in der Hand, tauchte er kräftig auf in -die ihn rufende Welt der Wirklichkeit, der unerbittlichen materiellen -Beschäftigung. - -Wer ihn eine Stunde später im Comptoir sah, und hörte, wie er die neuen -Bestellungen des Marine-Kommando’s mit dem Geschäftsführer besprach und -nach allen Gesichtspunkten erörterte, der konnte in den ruhigen, in die -Rechnungen vertieften Augen nichts von dem lesen, was seit dem Morgen -durch die Seele gegangen war. - -Und er selbst ahnte noch weniger, was der Abend bringe. - -Er suchte an demselben Günther auf. Dieser lachte ihn aus und sagte: -„Ich habe mir von der persönlichen Uebergabe nichts Erquickliches -versprochen; übrigens hast du deine Sache, nach den Umständen, gut -gemacht, -- Rückzug mit etwas dünnen, kriegerischen Ehren, wenigstens -todesmuthig, wenn nicht siegesmuthig. Ich bin aber, trotz der Meinung, -die ich so unverhohlen und, ich gestehe es, rücksichtslos über die -Kollmann aussprach, überzeugt, daß sie +diese+ Wendung nicht -beabsichtigte. Sie glaubt offenbar mehr über ihn zu vermögen, als der -Fall ist.‟ - -„Das Schlimmste ist nur,‟ rief Arnold mit einem Aerger, in dem einmal -seine ganze Jugendlichkeit zum Vorschein kam, „daß nun alle Wege, alle -Brücken zwischen mir und dem Freinhofe abgerissen sind! Ich war ja nur -hingegangen, um mir einen Verkehr mit +dort+ zu erhalten! Jetzt -stehe ich vor der chinesischen Mauer!‟ -- - -„Armer Kalaf! sei ruhig und glaube mir, die Turandot wird +selbst+ -den Schleier zurückschlagen. Und wenn du +nicht+ ihr Kalaf bist, --- bedenke die Möglichkeit -- wenn Sembrick es wäre, so wird es dir -nicht schaden, wenn du deinen Kopf noch ein Paar Tage herumträgst.‟ - -„Und +wenn+ er es ist,‟ sagte Arnold entschieden, „so werd’ -ich, weiß Gott, meinen Kopf behalten; das Herz hat damit nichts zu -schaffen. Halte mich auch nicht für so blind und taub, daß ich das -Richtige in deinen Urtheilen nicht unterscheide. Ich gestehe dir ja, -daß ich mir selbst Fragen über Julie stellen muß, die ich noch nicht -lösen kann, wie es mein Herz verlangt.‟ -- - -„Vielleicht sind wir der Lösung in einer halben Stunde näher: damit -du siehst, daß ich keine Schadenfreude über die abgebrochnen Brücken -habe, baue +ich+ dir selbst eine. Mittags erhielt ich einen Zettel -von meinem alten Freund und deinem ehemaligen Meister, dem gar zu -vortrefflichen Harkeboom -- sagte Günther, den Namen eine Elle lang -ausziehend im norddeutschen Accent. -- Harkeboom hat die Ferientage zu -einem Ausfluge benützt, von dem er mit verletztem Fuße zurückgebracht -worden, und da ich nicht glaube, daß alle Professoren der Akademie sich -in das Gebirg geworfen und die Beine gebrochen haben, so ist +er+ -es, von dem dein Schiffer erzählte, -- das unglückliche Opfer, welches -Julie auf den Wetterstein geführt. Er bittet mich, ihn zu besuchen, -wird sich jedenfalls ungemein freuen dich wiederzusehen, und wenn du -willst, so gehen wir gleich.‟ - -Günther handelte nicht ohne eine kleine Perfidie. Als Arnold ihn rasch -umarmte und nach dem Hute griff, dachte er: freue dich nicht zu sehr! -Er rechnete auf das ruhige, nicht leicht zu bestechende Urtheil des -im reifsten Mannesalter stehenden, gebildeten und liebenswürdigen -Künstlers. - -Es war ziemlich spät am Abende, als sie bei ihm eintraten. Der -Professor saß aufrecht im Bette, ein Buch lag auf der rothen -Seidendecke. - -„Wer kommt?‟ rief er mit seinem vollen schönen Organe. -- - -„Gute Freunde!‟ erwiederten die Beiden, welche erst die Staffelei -umgehen mußten, welche mitten stehend das Kabinet in zwei Hälften -theilte. - -„Ach das ist doch gar zu schön, Ihr lieben, vortrefflichen Menschen, -daß Ihr des alten Harkeboom nicht vergeßt, und nu gar mein treuer guter -Korbach!!‟ Und so klang es fort in gemüthlicher Breite und mit einem -gewissen wohltönenden Pomp aus der breiten Brust des Professors, dessen -kahler Vorderkopf und wasserblaue freundliche Augen sich zu Sembricks -Erscheinung verhielten, wie ein Albrecht Dürer zu einem Salvator Rosa. - -Schwerlich konnte Günthers Kreuzzug zur Bekehrung des Freundes mit -einem unglücklicheren Manöver beginnen als mit dem, freilich durch -die Terrainverhältnisse gebotenen, Flankenmarsche um die Staffelei, -auf welcher ein fertiger Freinhof mit angefangenem Wetterstein auf -schwarzem Wolkengrunde wie eine maskirte Batterie lauerte. -- Ein Blick -Arnolds hatte Günther über die Wirkung ihres Feuers belehrt. - -Der Professor hatte seine Erzählung des Ausfluges begonnen und -seinen Unfall beschrieben „und wie dann der Herr Knorre, ein gar zu -köstlicher, origineller Mensch, ihn mit seiner Riesenstärke eine volle -Stunde weit geschleppt, und die liebenswürd’ge Frau Kollman, ein -wahrer Schatz von einem Frauchen, neben ihnen hergegangen, und daß er -über ihrem herzlichen Geplauder fast seines Schmerzes, und einer ganz -unbeschreiblich ergreifenden Szene vergessen;‟ -- -- -- - -„Aber wie haben Sie denn eigentlich, -- Sie unverbesserlicher alter -Sünder -- unterbrach ihn Günther, diesen Schatz von einem Frauchen -kennen gelernt?‟ - -„Sehr einfach, sagte der brave Mann nach einem Gelächter „wie Orgelton -und Glockenklang,‟ sie ist im Frühlinge in mein Atelier gekommen und -hat zwei Bilder bestellt, -- es war eben ganz kurze Zeit nachdem ich -den Unterricht der Prinzessin Marie übernommen hatte.‟ - -Arnold erhielt einen nicht sehr leichten Tritt auf seinen Fuß, womit -Günther den Zuwachs einer neuen Hintertreppe bezeichnete. - -„Dann erhielt ich, fuhr Harkeboom fort, eine gar freundliche Einladung -nach der schönen Besitzung, wo ich die Feiertage zubrachte, und in der -Frau des Hauses eine ganz treffliche Dilettantin fand. -- Da habe ich -den ganzen Tag Studien gemacht -- unter andern die Ansicht, die ich -dort auszuführen angefangen -- das ist der Wetterstein; aber was meine -Gedanken am meisten beschäftigt, das konnte ich nicht hineinmalen. -Diese Frau hatte die Parthie nach diesem Berge projektirt, und als -sie widerrathen wurde, so ernst und entschieden erklärt, sie gehe -allein, daß ich mich denn doch schämte. Herr Knorre sagte, sie wäre vor -einem Jahre an demselben Tage hinaufgegangen. Nun hatten wir die Höhe -erstiegen, welche ganz senkrecht nach dem See zu abfällt, -- da macht -sie uns ein Zeichen, zu bleiben, und steigt auf einen etwa ein Paar -hundert Schritte höheren etwas überhängenden Vorsprung des Felsens, -sieht einen Augenblick hinunter, dann kniet sie nieder; Knorre sagt: -„Lassen wir sie mit ihrem Herrgott allein, sie ist ihm doch dort um -zweihundert Klafter näher als unten am See.‟ -- Nach einiger Zeit -kommt sie vom Gipfel herunter; -- ich habe in meinem Leben kein so -ergreifendes Bild gesehen... die Spuren der Thränen auf den Wangen, -die Locken im Winde fliegend, ein Zucken um die Lippen und eine Flamme -in den Augen, wie von der ungeheuersten schmerzlichsten Erregung; -- -wenn die Frau da oben gebetet, so wars kein Herr dein Wille geschehe, -sondern ein Gebet um einen Wetterstrahl aus den rings aufsteigenden -schwarzen Wolken, ob auf ihr eigenes Haupt oder ein anderes, das weiß -der, an den’s gerichtet war! Das Bild möcht ich malen können: ich habe -denn doch eine Skizze versucht -- -- es ist eben nicht ganz mißlungen --- ach wollten Sie wohl, lieber Korbach, sich die Mühe nehmen den -grünen Karton dort am Fenster zu öffnen -- da liegt’s ganz oben!‟ -- - -Im nächsten Augenblicke hielt Arnold mit zitternder Hand das Blatt -gegen das Licht; es zeigte einen mit kühnen Strichen meisterhaft -hingeworfenen Umriß. - -„Obgleich nun, erzählte der Künstler weiter, die Frau sich keine -Mühe gab, die Zeichen ihres Gemüthszustandes zu verbergen, so lag -in den ersten Worten, die sie an uns richtete, ein so entschiedenes -Ablehnen jeder Frage oder Theilnahme, daß von einem Besprechen dieser -Szene keine Rede sein konnte, und nach kurzer Zeit war sie in den -gewöhnlichen Ton übergegangen. -- Wir sind doch einverstanden, meine -Freunde, daß der Moment der Skizze, von der sich Arnold heute nicht -mehr trennen zu wollen scheint, unter uns bleibt? Es muß da ein -psychologisches Geheimniß dahinterstecken, das wir ehren wollen. -- Da -seht Ihr immer das Bild an! Gallait hätt’s freilich anders gemacht; ich -konnt’ es noch nicht herausbringen, -- aber Etwas habe ich mir doch -mitgenommen -- ihre herrliche Hand, die ich in Gyps modellirt habe -- --- reine Antike! -- ach lieber Günther, ziehen Sie doch gefälligst den -Vorhang von jener Etagère weg!‟ -- -- - -Ehe er aufstehen konnte, hatte Arnold das weiße Modell auf rothem -Marmorsockel enthüllt, -- und während Harkeboom seinem vormaligen -Schüler begreiflich machte, daß man ein Modell nicht mittelst Anfühlen -und Wärmen in der Hand, sondern mit dem Auge studiere, hatte Günther -Zeit, die Resultate des kurzen Feldzuges zu betrachten. -- - -Das Freinhofgemälde, die Erzählung, die Hand, die Aquarell-Skizze -- -das war Montebello, Palestro, Magenta, -- Solferino. Er trat einen -Augenblick vor den Spiegel und sagte ganz leise zu seinem Bild: O König -Wiswamitra, was für ein Ochs bist du! -- oder warst du heute... Doch -- -früher oder später +mußt’+ es so kommen. - --- -- -- Die Freunde gingen schweigend nebeneinander. Endlich begann -Arnold: - -„Ist das auch Koketterie?‟ - -„Nein. -- Um so schlimmer; was soll werden?‟ - -„Gehandelt muß werden!‟ - -„Wie das? Da du unter Handeln schwerlich ein Beseitigen Kollmanns -verstehen wirst, von einem einfachen Abenteuer aber, wie ich nun -erkenne, keine Rede sein kann, so sehe ich nur das selige Elend eines -ziel- und endlosen Verhältnisses, welches entweder ins Materielle -herabsinkt, oder in welchem, wenn es oben schweben bleibt, deine ganze -selbstständige Existenz aufgeht.‟ - -„Ich handle nicht +um+ sie, sondern +für+ sie. Unter Handeln -verstehe ich das Aufbieten aller meiner inneren und äußeren Mittel, -um den Schleier zu zerreißen und, was Feindliches für sie dahinter, -zu bekämpfen. Halte mich aber nicht für so blond-gemüthlich und -germanisch-treuherzig, daß ich ohne Bienenkappe in das Wespennest -steche. Ich bin durch dich vor dieser Umgebung gewarnt. Wenn ich noch -heute früh fragte, was sie mit einem unbedeutenden jungen Menschen -vorhaben können, fühle ich mich nun bedeutend genug, für meine erste, -einzige, herzinnige Liebe ihnen Allen den Handschuh hinzuwerfen. -- Und -wenn du mich meine Geschäfte mit lässiger Hand führen siehst, wenn ich -träume, statt zu arbeiten, wenn ich über dem Pochen meines Herzens die -Hämmer in Korbach vergesse, dann, und nicht früher, erlaube ich dir zu -sagen, daß meine Selbstständigkeit in einem seligen Elend aufgegangen. -Dich aber bitte ich, mir mit deinem scharfen Auge zur Seite zu stehen, -welches eben nur dort irrte, wo es nicht +selbst+ gesehen.‟ - --- Günther wußte, was er für heute von seinem scharfen Auge zu halten -habe, erwiederte aber -- der vollendeten Thatsache gegenüberstehend -- -mit Nachdruck und Herzlichkeit: „So lange ich zu leben habe, rechne auf -mich, -- Gott mit dir!‟ -- -- -- -- -- - -Arnold war am nächsten Morgen in froherer, selbst ruhigerer Stimmung -erwacht, als an beiden vorigen Tagen. Er war vollkommen klar über -sein Gefühl geworden. Aber bald empfand er, daß nichts eine bestimmte -Gestalt gewonnen, als eben nur sein eigenes Gefühl. Er stand gerüstet -da, das Silberschild der jugendlichen Zuversicht am Arm, das Schwert -des festen, von Liebe entflammten Willens in der Hand, -- es fehlte -nichts als nur der Feind. Nicht einmal der Schleier, hinter dem er -lauern sollte, war zu fassen. - -Günther suchte er nicht auf. Er scheute sich, nach dem erlassenen -Manifeste: „Gehandelt muß werden!‟ in seiner dermaligen Rathlosigkeit -vor ihn zu treten, und fürchtete ein gewisses lächerliches Streiflicht -von Don Quixote, -- Prinzessinnen befreien, -- Riesen erlegen. -- Desto -lebhafter interessirte er sich für den Zustand des wackern Professors, -den er in drei Tagen zweimal besuchte. Allein der Deckel des Kartons -lag plump und dumm auf der Skizze und die Hand auf dem rothen Sockel -rührte keinen Finger, um den Vorhang wegzuschieben. Harkeboom sagte -ihm mit dem herrlichsten Organ gar zu gute und herzliche Dinge, war -aber, mit leichten Wendungen, nicht wieder auf den Wetterstein zu -bringen, und einen Satz, welcher ungefähr gesagt hätte: Herr, ich bin -da, um Etwas von Julie Kollmann zu sehen und zu hören, -- brachte er -nicht über die Lippen. -- Da die Hand und das Bild unsichtbar blieben, -überließ er das Bein Harkebooms dem natürlichen Heilungsprozesse und -ging nicht weiter hin. -- - -Tag auf Tag verging: er mußte Schwert und Schild an die Wand hängen. -Kaum vermochte das Eiswasser der Arbeit seinen heißen Aerger zu kühlen. - --- -- Ereignisse von eingreifender Bedeutung fliegen selten einzeln, -meistens in Schaaren, wie Zugvögel am Himmel unseres Lebens auf, -- -seien es Schwalben, die einen Frühling bringen, oder Krähen, die eine -Leiche wittern. Nachdem eine Woche lang an Arnolds Firmamente nichts -aufgeflogen, als das Sperlingsgewimmel der täglichen Geschäfte, trat -ihm eines Abends der Comptoirdiener mit zwei Vögeln von unbekanntem -Gefieder, -- zwei Briefen von fremder Hand entgegen. - -Der eine lautete: „Ich bitte Euer Wohlgeboren, mich wo möglich morgen -zwischen drei und vier Uhr mit einem Besuche zu beehren, zum Zwecke -einer, wie ich annehmen darf, für Sie interessanten und erfreulichen -Mittheilung. Mit größter Hochachtung u. s. w. -- Blauhorn, Hofrath.‟ -- - -Der zweite enthielt eine Visitenkarte: ~P. Bernardus, Prior Conventus -Sti. Martini~, -- und die darunter geschriebenen Worte „ersucht -~p. t.~ Herrn Korbach ~jun.~ sich morgen vier Uhr gefälligst -zu ihm in das Erzbischöfliche Palais zu bemühen.‟ - -Die gegebenen Stunden trafen so aufeinander, daß eben Zeit bleiben -mochte für den Weg vom Staat zur Kirche. -- Arnold gab sich keine -vergebliche Mühe zu errathen, was die Brieftauben brächten. Was an -ihrem Halse hing, war allerdings nicht vom Freinhofe, aber die Hand, -die sie fliegen ließ, konnte nur dort zu finden sein. -- - --- -- -- Der Hofrath wohnte dem Finanzministerium gegenüber. Der -Minister, Graf Breuneck, konnte in seine Fenster sehen und that es -auch; ein Umstand, den Herr von Blauhorn nicht versäumte gegen jeden -Besuchenden hervorzuheben. - -Als Arnold dem Diener seine Karte gab, sagte dieser, der Herr habe -befohlen ihn sogleich in sein Kabinet zu führen. - -„Ich kann nicht umhin, Herr Hofrath, begann Arnold, Ihnen vor Allem -ein Wort des Bedauerns über meine, wie ich mich baldigst überzeugte, -ungegründete, jedenfalls voreilige Bemerkung am rothen Kreuze zu -sagen, und bitte, dieselbe der Vergessenheit zu übergeben.‟ - -„Sie wäre mir nie wieder eingefallen, wenn Sie mich nicht daran -erinnerten. Uebrigens war der Schein zu sehr gegen mich. Ein -ritterlicher junger Mann konnte kaum anders sprechen. -- Doch nun -zum Gegenstande unserer Unterredung. -- Wir haben, wie Sie wissen, -eine Kommission gebildet, deren Aufgabe es ist, zu ermitteln, auf -welche Weise unsere Finanzlage verbessert werden könne. Dieselbe -hat ihre Arbeit nahezu vollendet, welche nun einer Prüfung in der -höchsten Region unterzogen werden soll. -- Es sollen zu diesem Zwecke -von der höchsten Behörde, dem Reichssenate, zeitweilige berathende -Mitglieder aus den verschiedenen Ständen zugezogen werden, von denen -eine gediegene Ansicht in ihrer Sfäre zu erwarten. Es ist mit größter -Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß den Mitgliedern des auf solche -Weise vielleicht um die doppelte Anzahl der bisherigen vermehrten -Senates eine Anzahl anderer hochwichtiger Gegenstände zur Berathung -vorgelegt werde, nach jenem, welcher ursprünglich seine Neugestaltung -motivirte. -- Sie begreifen die ganze Wichtigkeit eines solchen -Postens. Der Name Ihres geehrten Herrn Vaters hat in den industriellen -Kreisen einen Klang wie wenige; seine Erfahrungen, vielseitigen -Kenntnisse und erprobte Gesinnung sind allgemein anerkannt, und es -dürfte sich die ehrenvollste Gelegenheit finden, sie zur Geltung zu -bringen. Se. Excellenz werden auf die Wahl der erwähnten zeitweiligen -Senatsmitglieder -- denen übrigens ein bleibendes Zeichen der -Anerkennung nicht fehlen dürfte -- einen gewissen Einfluß nehmen, --- und es ist mir die Andeutung gemacht worden, daß die Zuziehung -Ihres Herrn Vaters den Absichten Sr. Excellenz entsprechen würde. Ich -habe, von Ihrer Anwesenheit zufällig in Kenntniß, nicht gesäumt, die -Ermächtigung des Ministers zu meiner heutigen Mittheilung vertraulich -einzuholen, und ersuche Sie, als das natürliche Organ, über dieselbe -mit Ihrem Vater zu sprechen. Es könnte, so wenig eine Ablehnung -denkbar, ein Hinderniß seinerseits obwalten, und ein etwaiger direkter -Antrag Sr. Excellenz muß gegen jedes Nichteingehen gesichert werden.‟ - -„Ich danke für die mich ehrende Wahl zur Vermittlung‟ -- - -„Es handelt sich um keine Vermittlung, sondern um ein indirektes -Sondiren, ob Ihr Vater die ihn vor allen Standesgenossen ehrende -Auszeichnung auch in diesem Sinne auffasse.‟ - -„Ich glaube nun meinen Auftrag‟ -- - -„Verzeihen Sie, lieber Herr Korbach, es ist auch kein Auftrag, sondern -eine vertrauliche Insinuazion von mir.‟ -- - -„Ich werde meinen Vater fragen, ob er zeitweiliges Mitglied des -+Reichssenats+ zur Prüfung der Kommissionsarbeit werden will -- sagte -Arnold mit offenem Lächeln, das Spinnengewebe der Unterscheidungen -durchreißend -- ich werde Ihnen dann die +Antwort+ sagen, und Sie, -verehrter Herr Hofrath, werden das +Weitere+ machen.‟ - -„Ich glaube wenigstens, die Meinung Sr. Excellenz richtig aufgefaßt -- --- da sehen Sie, der Herr Minister sieht eben herüber -- mein ganzes -Haus liegt offen vor meinem Chef -- -- was wollte ich doch sagen‟ -- --- Graf Breuneck hatte sich wirklich drüben gezeigt und einen Blick -herübergeworfen, aber die Schußlinie desselben schien Arnold nicht in -das Fenster des Kabinets, sondern in ein anderes einzufallen. -- - -Da der Hofrath den verlornen Faden nicht wiederfand, so empfahl sich -Arnold und schritt, von ihm begleitet, durch das anstoßende Zimmer, -wo die schöne böse Frau, deren Julie erwähnt hatte, im Fenster stand. -Sie wendete sich um, erwiederte seine Verbeugung mit freundlich -würdevollem Kopfneigen und ließ einen Blick von Schutz und Gnade an ihm -hinabgleiten. - --- -- Er hatte gestern zu Günther gesagt: „Ich werfe ihnen Allen den -Handschuh hin!‟ Das schienen eben keine +Feinde+. +Waren+ es aber -Feinde, so mochten sie sich wohl -- das fühlte er -- nicht bedenken, -den Handschuh aufzuheben. - -Es war ihm keine Zeit gegeben, für jetzt über Blauhorn’s Mittheilung -nachzudenken, denn nur eine Entfernung von wenigen Minuten trennte ihn -vom erzbischöflichen Palais. - --- -- Er wurde in die Wohnung des Pater Bernhard, und, da dieser eben -beim Erzbischof, über lange Gänge in einen großen Saal geführt, wo er -sich in ein mit rothem Sammet gepolstertes Sofa mit weißem Gestell und -Goldleisten setzte und lange wartete. - -Der Eindruck der jetzigen Umgebung überwog den der eben erhaltenen -Mittheilung. -- Der Auftrag Blauhorn’s hatte seine Gedanken bereits zum -Vater, in die Heimat geleitet: in dem erzbischöflichen Saale gedachte -er nun des Pfarrgartens in Korbach, -- wie da die Rosen dufteten und -Weinranken die Fenstergitter umspannen. Wie da Alles grünte und blühte, -als wären Worte Gottes vom Abendwinde aus der Kirche herübergetragen -worden und befruchtend auf das Gartenland gefallen, zum Dank für die -Lindenblüthen, die durch das offene Fenster auf die Kanzel geweht -wurden. Wie war da Alles frohes Leben und thätige Liebe! Er gedachte -auch des Klosters Sankt Martin, wo der Kreuzgang den kleinen Garten -voll Blumenpracht und Sonnenglanz umschloß, und die nickenden Schatten -der jungen Birken auf den Gesichtern der alten Aebte spielten, deren -Bilder in langer Reihe die Wand bedecken. Der Ruß von Jahrhunderten -liegt auf diesen weingrünen Fässern des heiligen Geistes, aber die -Augen blicken noch glänzend und heiter, voll Glaubenskraft.... In -allen Erinnerungen seiner Kindheit tönt der Lerchentriller mit dem -Glockenklang zusammen. -- Er hatte das heilige Wort nur aus dem Munde -des würdigen, freundlichen Pfarrers vernommen, der von der Kanzel -herabstieg, um das zu vollbringen, was er oben gesprochen. - -Die Kirche war klein und eng, die Klosterhallen dumpf, und doch hatte -er so frei darin geathmet, doch flogen Gefühl und Gedanke so hoch über -das goldne Thurmkreuz hinaus! - -Und hier in dem hohen, weiten Saale fällt es ihm so schwer auf die -Brust, drückt ihn eine schwüle, den Geist narkotisirende Luft. - -Es ist nicht die gewöhnliche, allbekannte geistliche Atmosfäre, die -sich analisiren, materiell erklären läßt: dieselbe besteht einfach -aus etwas Weihrauch, der von der Kirche herüberdringt, gewissen -Exhalazionen der Gewänder, alten Schränke und Bücher, -- Weinduft, und -dem Abgang jener wahren, vollkommenen Sauberkeit, welche nur das Werk -einer sorgenden Hausfrau. - -Was +hier+ drückt, ist nichts Materielles, sondern etwas -rein Geistiges. -- Es ist eine Gespensterfurcht, die eben nur den -ungläubig Eintretenden zur Strafe befällt. Er sieht den Geist des -geheimen Staatsministeriums des +Dogma+, -- den Gegensatz zur -lebendigen Kraft der christlichen +Liebe+; -- das Gespenst des -Torquemada, wie es am hellen Tage in den modernsten Gestalten durch -die parkettirten Säle zieht. -- Das ist eben Vision des Unglaubens! -Der Fromme ist gefeit dagegen und weiß, daß unsere Kirchenfürsten sich -nicht träumen lassen jene Zeit heraufzubeschwören! -- -- +Wozu+ -auch? - -Arnold war nicht gegen die Gespenster gefeit: er glaubte jeden -Augenblick eines aus der hohen Flügelthür treten zu sehen. -- Es trat -endlich der Dünnste unter den „Dünnen‟ des Anastasius Grün heraus, --- das Gesicht, dem er im Freinhofe die Palme der Unausstehlichkeit -gereicht, und das ihm heute weniger so erschien, weil es ernst war, -- -nicht so liebreich! so schelmisch! -- - -„Ich habe Sie lange warten lassen, werther Herr Korbach, da ich eben -mit Sr. Erzbischöflichen Durchlaucht die Angelegenheit besprochen, -um deretwillen ich Sie bitten ließ. -- Ihr Vater hat durch seine -glänzende Munificenz in Betreff der Erbauung der, wie wir vernehmen nun -vollendeten neuen Kirche in Korbach den schmerzlichen Eindruck mehr -als verlöscht, welchen seine Haltung dem Protestantismus gegenüber, -oder leider vielmehr diesem zur Seite, auf das Herz unseres Oberhirten -gemacht hat.‟ - -Arnold machte eine ablehnende Bewegung -- - -„Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht. Es fehlt nicht an -naheliegenden Beweisen, oder vielmehr an nahestehenden -- sagte -Bernhard, über sein nicht sehr gelungenes Wortspiel lächelnd. Auch -wurde der Bau des protestantischen Bethauses +vor+ jenem der -Kirche unternommen.‟ - -„Ich muß mir die Bemerkung erlauben, -- warf Arnold ein -- daß -unsere Protestanten, dermalen über dreihundert, eines Gotteshauses -gänzlich entbehrten, während der Gottesdienst der Katholiken niemals -unterbrochen wurde.‟ - -„Ich habe Sie nicht zu mir bitten lassen, werthester Herr, um Ihnen -irgend Etwas zu sagen, was wie ein Vorwurf klingt. Im Gegentheile bin -ich beauftragt, Ihnen vorläufig, bis es auf solennere Weise geschehen -wird, zu sagen, daß die Kirche Ihrem Vater für den jüngsten Beweis -seiner Treue dankt, und ich, -- der ich während der Krankheit unseres -Prälaten dem Kloster Sankt Martin vorstehe, erfreue mich insbesondere -solcher Gesinnung, da, wie Sie wissen, diese Pfarre von uns aus besetzt -wird.‟ - -„Mein Vater kann nicht genug danken für die Wahl des Priesters, der nun -seit drei Jahren zum Segen der ganzen Gegend dieses Amt bekleidet.‟ - -„Hierbei habe ich kein Verdienst; unser Prälat hat damals -- freilich -schon bei geschwächtem Gesundheitszustand -- diese Wahl getroffen. --- Doch zur Hauptsache. Die Einweihung der auf Kosten Ihres Vaters -erbauten Kirche wird in einigen Wochen stattfinden. -- Ich kann Ihnen -mittheilen, daß Se. Erzbischöfliche Durchlaucht die Absicht haben, -diese Feierlichkeit in eigener Person vorzunehmen, um ihr, zur Erbauung -der in jener Gegend besonders der Stärkung bedürftigen Gläubigen, den -größten Glanz zu verleihen. -- Es würde jedoch sehr guten Eindruck -machen, wenn Ihr Vater in dieser Beziehung ein +Bittschreiben+ -an den Herrn Erzbischof richten würde. Es bietet sich hierdurch Ihrem -Vater eine ihm gewiß erwünschte Gelegenheit, seine +Gesinnungen+ -in einer so +bestimmten+ Weise auszusprechen, daß in Betreff des -Schutzes, welchen das katholische Element in Korbach gegen das weitere -Umsichgreifen der Irrlehre von ihm zu erwarten berechtigt ist, nie mehr -einem Zweifel oder einer Besorgniß Raum gegeben werden kann. -- Sie -verstehen mich. Ich habe von den wohlwollenden Intenzionen des Herrn -Erzbischofs erst vor wenigen Minuten einen Beweis erhalten, indem Se. -Durchlaucht angedeutet, daß sie die Freigebigkeit Ihres Vaters zur -Kenntniß des päpstlichen Nunzius zu bringen vorhaben, -- -- worauf -vielleicht von Seite des heiligen Vaters ein ehrendes und beglückendes -Zeichen der Befriedigung erfolgen dürfte, welche seinem apostolischen -Herzen solche Handlungen der Pietät gewähren.‟ - -Pater Bernhard hielt inne und schien die Wirkung dieser Rede abwarten -zu wollen. Als Arnold ruhig, bescheiden, ernst und schweigend stehen -blieb ohne eine Miene zu verändern, fuhr er mit schlecht verhehlter -Gereiztheit fort: „Ich ersuche Sie, werthester Herr, diese Mittheilung -ganz vertraulich Ihrem Vater zu machen, welcher, ich bin davon -überzeugt, ihre Bedeutung zu würdigen wissen wird.‟ - -„Ich werde mich beeilen, den Auftrag Ew. Hochwürden zu erfüllen.‟ - --- -- Arnold empfand beim Weggehen keine drückende Gespensterfurcht -mehr. Es war ihm, als ob der gefürchtete Geist ein Mensch geworden und -vor ihm gestanden, und den fürchtete er nicht. - - * * - * - -Er fühlte die Nothwendigkeit mündlicher Besprechung mit seinem Vater. --- Der nächste Morgen trifft ihn im Bahnhofe. - -Durch die Fläche, das glänzende Meer von Licht und Widerschein, fliegt -der Train den blauen Bergen zu. -- Nach zwei Stunden umrauschen -ihn statt der Kornfelder die Zwergföhren, womit die steinige Ebene -bepflanzt ist, -- der Vortrab des gewaltigen hohen Waldheeres auf den -Zinnen der ewigen Stadt Gottes, des Hochgebirges: schon unterscheidet -man ihre Felsenmauern und schneebedeckten Thürme, und bald umschließt -sie die Reisenden in den sonnedurchglühten Waggons, und labt sie mit -Harzduft und Wasserrauschen. - -In Pottenbach ist längerer Halt. Der aus Süden kommende Train begegnet -hier jenem Arnold’s. Sein Blick ist nach einem hohen fernen Felsen -gerichtet, auf der Höhe der Föhrleiten.. der zackige Stein ist auch -jenseits vom Freinhofe sichtbar; -- so nahe!! -- -- Hoch über die -Gruppe der den andern Train abwartenden Reisenden wegsehend, gewahrt -er nicht den Baron, der, abseits an eine Säule der Halle gelehnt, ihn -einen Moment anblickt und sich langsam abwendet. - -Die Dampfpfeife schrillt durch Arnold’s Gedankenmelodie -- wie damals -Knorr’s Stimme durch das erste Gespräch mit Julie, -- die Lokomotive -stößt den zischenden Athem aus der ehernen Lunge -- in einer Minute -fliegen er und Sembrick auseinander, -- leiblich wie es bereits geistig -geschehen. -- In Frauenwang verläßt Arnold die Bahn; ein leichter, -offener Wagen mit kräftigen Pferden wird im Orte gemiethet und führt -ihn dem Korbachthale zu. - -Er erreicht es am späten Abende. Noch durch eine Waldschlucht, -einen Felsenpaß und weit und offen liegt es vor ihm. Die Glocke des -Hochofens, das Pochen der Hämmer, das Brausen der gewaltigen Wehre -begrüßen ihn, durch den blauen Schleier, welchen Abendduft und Rauch -der Schmieden über den Thalgrund breiten. Nun fliegt der Wagen vorüber -am mächtigen Bau, wo die Walzen den Begriff der Härte verneinen und das -Metall unter ihrer Gewalt die Rolle des Wachses spielt, -- am Drahtzuge -mit den hundert schnurrenden Spulen, am Hammerwerke, aus dessen offenen -Thüren der Feuerschein bis auf die Brücke fällt -- die von der Straße -abseits zum Wohngebäude führt.... nun durch die alten Linden und -Tannen des Parks -- und das Ziel ist erreicht. - --- -- Das Abendessen stand noch auf dem Tische. Ein heller, vierfacher -Klang tönte durch das Zimmer, als Arnold eintrat. - -Das mußte ein +freier+, +lichter+ Gedanke, ein -+gottgefälliger+ Wunsch sein, -- auf dessen Erfüllung diese -vier Männer ihre Gläser zusammenstießen: -- -- Arnold’s Vater -- ihm -gegenüber Sprenger, -- neben ihm der katholische Pfarrer und der -Pastor. - - - - -~Clair-obscur.~ - - -Die beiden Geistlichen zogen sich bald zurück, da sie annahmen, daß -nur eine wichtige Ursache Arnold’s schneller Rückkehr nach Korbach zum -Grunde liegen könne. -- Dieser, wissend daß sein Vater kein Geheimniß -für Sprenger habe, erzählte, und nahm so viel vom Freinhofe in seinen -Bericht auf, als eben hinreichte, um den Zusammenhang nicht sowol zu -erklären als zu verwirren. - -„Wo der Wind hinweht, ist klar‟ -- meinte Sprenger. - -„Viel wichtiger ist, wo er herkommt, erwiderte der alte Korbach. -Sie wissen oben, daß ich das Promemoria vom vorigen Jahre verfaßt -habe, und nun soll ich umsatteln, mich hinten auf’s Steckenpferd des -Ministers setzen und seine Freihandels-Experimente unterstützen, die -uns ruiniren. Wäre eine hübsche Bresche in der Opposizion unserer -Eisen-Industrie u. s. w. Was ich ihnen im Senat zu sagen hätte, -können sie aus unserer Eingabe herauslesen. Sie werden Theorienreiter -genug finden, ich sitze nicht auf. Von der Supplik an den Erzbischof -kann ohnedem keine Rede sein. Die neue Kirche habe ich ihnen bauen -lassen, und damit Basta. Will der Erzbischof herauskommen, so ist es -mir eine Ehre, wenn auch kein Vergnügen, aber mich hinstellen lassen -als verlaufenes Schaf, das zur Herde zukückkehrt, -- darauf können sie -warten.‟ - -Sprenger war nicht einverstanden. Seine Meinung lautete: „Setze dich -auf sechs Wochen in den Senat und sage ihnen Wahrheiten, welche sie -von keinem Andern hören. Schreibe dem Erzbischofe und bleibe der Herr -vom Hause, indem du ihn ladest. Du kannst mehr in deinem Sinne wirken, -wenn du auf gutem Fuße bleibst. Brichst du offen, -- und die Ablehnung -des Schreibens ist ein direkter Bruch, -- so ist das erste Opfer unser -braver, biederer Pfarrer, und eines schönen Morgens hetzen sie dir die -Arbeiter gegeneinander.‟ - -Sprenger stand vielleicht auf einer freieren Höhe, als der alte -Korbach. Ihm ging die Erhaltung der Sache stets über Konzessionen in -der Form; er stand +wirklich über+ den Parteien, während sein -Freund dem Namen nach zur einen, mit seinem Herzen zur andern gehörte. -Sprenger hatte die Ueberzeugung, daß ein Kampf mit der herrschenden -katholischen Gewalt nur zum Nachtheile des Herausfordernden ausschlagen -könne. Er sah übrigens ein, daß die gelegte Falle keinen andern -Zweck haben könne, als, entweder diesen Kampf herbeizuführen, oder -ein in seinen Folgen unberechenbares „Korbacher‟ Konkordat. -- Es -lag allerdings die Möglichkeit vor, letzterem in der Ausführung die -schärfsten Spitzen abzubrechen: vielleicht ließ sich durch einige -Form-Zugeständnisse das Verbleiben des Pfarrers erkaufen; vielleicht -war es der kirchlichen Autorität mehr um eine lautklingende, weithin -leuchtende Wahrung des Prinzipes als um die Thatsache zu thun, mehr -um einen breiten goldnen Rahmen für ihr Gnadenbild: war es nur hoch -und glänzend genug hingestellt, so mochte sie dann nicht so genau -nachrechnen, wie viele Kniee im Korbacher Thale sich davor beugten. -Freilich lauter „Vielleicht!‟ -- Auf den Senat legte er weniger Werth --- es schien ihm höchstens ein entgangener Gewinn: sein Freund mochte -mit sich ausmachen, wie hoch er ihn anschlage, und ihn zurückweisen, -aber im Kampf mit der Kirche sah er nur gewisses Unheil. - -Arnold hatte, gleich nach Beendigung seines Berichtes, da er dachte, -sein Vater wolle die Sache mit Sprenger allein besprechen, sich -zur Schwester begeben, welche sich gewöhnlich nach dem Abendessen -zurückzog, während die Männer noch zusammen blieben. - -Sprenger hatte seine reichliche Munizion von Gründen des schwersten -Kalibers verschossen: der alte Freund hielt Stand, wich kein Haar -breit. -- Er sah sich nach Verbündeten um. - -Die Eine, auf welche er einstens nie vergebens gezählt -- Arnolds -Mutter -- ruhte nun auf der grünen Anhöhe, welche sich am Ende des -Marktes erhebt, in geringer Entfernung von der netten Häusergruppe -der protestantischen Arbeiter -- jener Häuser, in welchen ihr Name -in das tägliche Gebet geflochten wurde, als der Wohlthäterin von -hundert Familien. Aber die letzten Tage ihres segensreichen thätigen -Lebens an der Seite des Gatten, der ihr Werk mit Kraft und Liebe -beschützte, waren durch Sorgen getrübt, welche ihrem hellblickenden -Geiste die allmälig auftauchenden feindlichen Bestrebungen der -ringsum herrschenden Intoleranz erregten. Sie schloß die Augen mit -dem schmerzlichen Gefühle, durch ihre Schöpfung den Frieden der -alten Tage ihres Gatten gefährdet zu haben. An ihr hätte Sprenger -eine Fürsprecherin gefunden bei jedem Schritte, welcher begütigend, -ausgleichend wirken konnte. - -Aber nur mit geringer Hoffnung begab er sich zu Helene, welche bei -manchen wichtigen Veranlassungen mehr über den Vater vermocht hatte, -als er und ihr Bruder. Er erzählte ihr Alles. - -Das Mädchen hatte eine eigene, reizende Art, zuzuhören. Es war nicht -ein einfaches Merken auf das, was gesprochen wurde, -- sie sah mit -ihren dunkelblauen Augen dem Quell des Gedankens auf den Grund, und der -Erzähler hatte das wohlthuende Gefühl, sie ganz in seinen Gegenstand -versunken, denselben in ihrer Antwort oft vollständiger wiedergegeben -zu sehen. -- In ihr war die Festigkeit und Entschiedenheit des Vaters -in die weichste, reizendste Form gehüllt, -- -- als wäre ein Diamant -in eine offene Rosenknospe gefallen; die Blätter mochten jedem Drucke -nachgeben, durch den leichtesten Nadelstich verwundet werden, -- der -Diamant des Karakters schnitt durch das bunte Glas der Schmeichelei, -durch das falsche Gold der Eitelkeit, durch allen Schein und alles -Unwahre, das sich in ihrer Nähe unbehaglich fühlte. - -Die reichen blonden Haare hatten jene so seltenen, nicht durch Flechten -und Brennen entstandenen, natürlichen kleinen Wellen, welche das reine -Oval des geistvollen Gesichtes in lebhaft bewegten Linien umspielten, -nicht mit einer glatten, kalten Spiegelfläche einrahmten. Wie war das -blühende Mädchen so blond und weiß -- -- und doch nicht +ein+ -schmachtender Zug! -- Alles so lebendig, kräftig und warm! -- Die -Natur hatte da ein Schneeglöckchen mit Nelkenduft geschaffen. -- - -Als die Erzählung des väterlichen Freundes geendet war, sagte sie nach -kurzem Nachsinnen: „Das ist verlorne Mühe, lieber Sprenger, ich habe -oft Etwas beim Vater erreicht, wenn ich vorangeschickt wurde, selten, -wenn ich nachkam, niemals, wenn etwas schon Verweigertes nur durch -meinen Mund wiederholt wurde. Er sagte mir einmal: Helene, wenn du -mich in fremdem Auftrag küssest, ists gar nicht dein Mund. Ich kenne -auch seine Ansicht. +Meine+ Meinung ist, daß der Vater den Senat -annehmen, dem stolzen Geistlichen aber, der um Etwas gebeten sein will, -was er für sein Leben gern selbst thun wird, +nicht+ schreiben -soll. Ich bin Protestantin, wie meine Mutter, und darum‟ -- - -„Doch nicht empfindlicher gegen den katholischen Stolz als +ich+?‟ --- unterbrach sie Sprenger. - -„Gewiß nicht, auch ehre ich Ihre Klugheitsrücksichten, aber der Vater -hat +doch+ Recht! Unser Korbach wird es aushalten, wie Deutschland -den dreißigjährigen Krieg,‟ schloß sie lächelnd und mit jenem Zuge um -die Lippen, der, wie Sprenger wußte, ein anmuthiges, aber entschiedenes -Nein ausdrückte. -- - -„Das ist schlimm,‟ sagte er, „Sie waren meine letzte Hoffnung. Ich sehe -nichts Gutes kommen; fürchte selbst Verwicklungen und Gefahren für die -Zukunft Arnolds.‟ - -„Ich fürchte nichts. Er sprach auch kein Wort mit mir darüber.‟ - -„Er hielt sich nicht für berechtigt, von der Angelegenheit des Vaters -zu sprechen, bevor dieser sich entschieden, aber ich durfte es mir -erlauben.‟ - -Sprenger war nun fertig; auch die Beziehung auf Arnold hatte -fehlgeschlagen. -- - -Der Vater gab diesem folgende Instrukzion: „Sag’ dem Hofrath, daß -ich die Ehre, im Senat zu sitzen, annehme, +wenn+ der Minister -keine Freihandelschimären von mir vertreten sehen will. -- Sie wollen -nur Leute, welche sagen, was man Oben gerne hört, und wer anders -spricht, wird seine Rolle bald ausgespielt haben.‟ -- Er theilte -hierin eine damals allgemein verbreitete, zum Theil später widerlegte -Meinung über die Haltung, welche man vom Reichssenate erwartete. -„Dem Erzbischof aber -- fuhr er fort -- wollen wir weiße Mädeln -entgegenschicken, trommeln und pfeifen und läuten, daß die Glocken -bersten, aber geschrieben wird +nicht+. Und nun mache, daß du -fortkommst, damit sie nicht glauben, ich habe zwei Tage gebraucht, um -mich zu bedenken.‟ Arnold konnte eben noch eine Viertelstunde für -seine Schwester gewinnen. Sie theilten jeden Gedanken, ohne einander -eine Ueberzeugung zu opfern, kaum eine Meinung; -- sie spiegelten im -innigsten Verständniß Eines des Andern Farbe zurück, ohne die eigene -darüber zu verlieren. Er hatte ihr im ersten Briefe aus der Stadt einen -Umriß der Freinhof-Begebenheiten gesendet, und theilte ihr nun auch -das Gespräch mit Günther, und dessen Ansicht mit. Wie sie einander so -gegenüberstanden, sich an beiden Händen hielten, das Mädchen ihm gerade -in die Augen sah, unterbrach sich Arnold mit den Worten: „Deine Augen -werden immer dunkler! Vor der Reise waren es Kornblumen, jetzt sind es -schon Genzianen!‟ - -„Und am Ende werden sie noch schwarz, und dann siehst du noch lieber -hinein,‟ rief sie lachend. -- -- „Nun aber genug, -- der Vater wird -ungeduldig, -- ich schreibe dir, was etwa noch vorgeht, heute durch die -Fabriksgelegenheit. Sei klug, und grüße mir deinen Günther, -- auch er -hat nicht Recht, -- heute bin ich mit Euch Allen im Krieg.‟ -- -- - -Ein frischer, herzlicher Kuß, eine Umarmung, -- und Arnold sprang auf -den Wagen, und hatte nun Zeit genug, auf eine für die büreaukratischen -und hierarchischen Ohren annehmbare Form der väterlichen Ablehnungen -zu sinnen, welche ganz nach seinem Herzen waren. - -Sicherlich wird es sein Erstes nach der Ankunft in der Stadt sein, sich -der Mission zu entledigen: wir erwarten ihn im Kabinette Blauhorns, -wohin wir ihm voraneilen, und finden uns leider im Gegensatze zu dem -noch friedlichen Korbacher Thal auf dem Schauplatze der bedauerlichsten -Anarchie. - -Die Gattin geht mit raschen, sehr hörbaren Schritten auf und nieder, --- der kleine gelbe Hofrath sitzt zusammengekauert im Lehnstuhl, -auf irgend ein Aeußerstes gebracht, wie ein Igel zur Stachelkugel -eingerollt. Es ist keine Emeute, kein „beklagenswerther Versuch einer -Handvoll Unzufriedener‟, -- der Hofrath hat sich nicht wie gewöhnlich -zusammengerottet, um durch einen Gensdarmenblick seiner Gemahlin -auseinandergetrieben zu werden: -- es ist offene Empörung. - -Es mußte ein großer Mißgriff von Seite der obersten Behörde des -Hauses geschehen sein, denn Blauhorn gehörte zu den am leichtesten -zu regierenden Provinzen. Man mußte ihm nur einen Schein von -Volksvertretung lassen. Er sagte gerne Ja, wollte aber gefragt werden; --- gehorchte willig, wollte aber wissen, wozu seine Steuer von Gehorsam -verwendet werde. Er hatte im Freinhof von Julie den Auftrag erhalten, -seine Frau dringend dahin zu laden, und diese war der Einladung -gefolgt. Nach ihrer Rückkehr lauerte er auf eine Mittheilung, aber -vergebens. Zwei Tage später erhielt er vom Minister den Auftrag an -Arnold, errieth einen Zusammenhang, und schwieg nun ebenso hartnäckig. --- An den Gedanken einer Wechselwirkung zwischen dem Grafen Breuneck -und seiner Frau hatte er sich gewöhnt; er fing an, sich für einen -Intriganten zu halten und sagte sich vor, er werde, -- da er nun einmal -auf die Süßigkeiten des häuslichen Glückes verzichtet, vom Teufel des -Ehrgeizes geritten, und beherrsche durch seine Frau den Minister; -- er -war ein Tender, der die fixe Idee hat, die Lokomotive zu schieben. -- - -Nun fühlte er sich als einen hinten angehängten Lastwagen. -- Seine -Frau ihrerseits wollte sehen, wie weit die rebellische Verstocktheit, -dieses Schweigen über den ihr nur zu wohl bekannten gräflichen Auftrag -gehe, und gab ihm achtundvierzigstündige Frist. Als diese verstrichen, -trat sie am Morgen in sein Kabinet mit der Kernschuß-Frage: „Wann -bekommst du Antwort von Korbach?‟ - -Blauhorn fuhr los: „Er werde dem Minister die Augen über +Alles+ -öffnen!‟ Die Frau konnte nicht wohl begreifen, worin dieses +noch+ -bestehen solle -- und es entwickelte sich nun das Feuer auf der -ganzen Linie mit solcher Lebhaftigkeit, daß Arnold und der ihm -voranschreitende anmeldende Diener das schwere Posizionsgeschütz der -Hofräthin und das dünne Kleingewehr-Geknatter aus dem Lehnstuhle -deutlich durch die Thür unterscheiden konnten. -- Als dieselbe aufging, -war unter den schnell geordneten Falten der Empfangsgesichter die -Pulverschwärze noch wahrnehmbar, aber der Kampf war bereits entschieden. - -„Sie werden, bester Herr Korbach, -- sprach die Hofräthin -- so gütig -sein, mir das Ergebniß Ihrer Anfrage mitzutheilen, da mein Mann an -einer so fürchterlichen Migraine leidet, daß ich ihn nicht sprechen -lasse.‟ - -„Mein Vater, -- erwiederte Arnold auf einen schweigend zustimmenden -Wink Blauhorns -- wird eine Ehre und ein Glück in der bewußten -Eventualität sehen und hofft dem in ihn gesetzten Vertrauen um so -leichter zu entsprechen, da er überzeugt ist, daß er in keine Kollision -mit gewissen von ihm seiner Zeit ausgesprochenen Ansichten kommen -werde, welche er allerdings nicht aufzugeben vermöchte.‟ - -Arnold wußte, was ihm die Zusammensetzung dieser hölzernen Frase -gekostet. Er fühlte sich keinen ganzen, aber ein gutes Stück Talleyrand. - -„Ich bedauere vorzüglich im Interesse Ihres Herrn Vaters dessen -Auffassung einer Sache, welche wir nunmehr als abgethan betrachten -müssen,‟ -- sagte Blauhorn gemessen und spitzig. - -„Herr Korbach hat ja angenommen?‟ rief die Hofräthin. - -„Abgelehnt!‟ sagte der Gatte, schneller begreifend. -- - -Arnolds Schweigen war die beste Politik. Das Gespräch hatte -geringe Lebensfähigkeit und gefror zu zwei oder drei Eisblöcken -von Redensarten, welche dießmal von keinem Gnadenblicke der Dame -geschmolzen wurden. -- -- - -Als das Paar allein war, wehte auf Blauhorns Stuhllehne die -Siegesfahne. Jetzt dankte er Gott, nicht die Lokomotive zu sein. -„Marianne, sagte er, laß dir dieß zur Warnung sein, keine Intriguen -ohne mich einzufädeln! Zu so etwas muß man geboren sein.‟ Sie -verließ das Zimmer ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Sie fürchtete -sich allerdings, beim Grafen kompromittirt zu sein, doch hatte sie -keine Wahl gehabt -- oder vielmehr nur die Wahl, auf andere Weise -kompromittirt zu werden, -- wie sich später zeigen wird. - -In Pater Bernhards Wohnung wurde Arnold von der Mittheilung überrascht, -daß derselbe nach St. Martin abgereist, und den Auftrag hinterlassen -habe, ihn zum Sekretär des Erzbischofs zu führen. Dieser empfing ihn -mit den noch überraschenderen Worten, Se. Erzbischöfliche Durchlaucht -habe befohlen, ihn zu melden. - -Nach einigen Minuten stand er vor dem höchst ehrwürdig aussehenden -greisen Priester, welcher mit freundlichem, mildem Blicke und leichtem -Neigen des Kopfes seine Verbeugung erwiederte und mit sanfter Stimme -sagte: „Ich habe Ihnen, werther Herr Korbach, bereits im Allgemeinen -durch den Herrn Prior von St. Martin mittheilen lassen, daß ich die -Einweihung der Kirche in Korbach vornehmen werde, und kann Ihnen nun -sagen, daß ich am Mittwoch über vierzehn Tage daselbst eintreffen -werde. Ich weiß, daß hierdurch auch ein frommer Wunsch Ihres Vaters -erfüllt wird, welchen er wohl, Angesichts einiger früherer unliebsamer -Vorgänge, Bedenken getragen haben dürfte auszusprechen. Ich komme -demselben mit Freuden zuvor, da die Dinge in Korbach eine gute -Wendung nehmen. Es soll der Gesinnung Ihres Vaters an einer kräftigen -Unterstützung von Oben nicht fehlen, ich gedenke dieß bei meiner -Anwesenheit zu beweisen. -- Sollte Sie in Zukunft ein Anliegen zu mir -führen, so werde ich für Sie immer zugänglich sein.‟ - -Ein Schritt zurück und eine freundlich entlassende Bewegung mit Hand -und Kopf schnitten jede Gegenrede Arnolds ab, selbst wenn er eine -solche bereit gehabt hätte. -- Die Audienz war zu Ende. Nach der -Abschiedsgebehrde konnte er nur bleiben, wenn er ein Schreiben des -Vaters aus der Tasche zu ziehen hatte. Daß er +keines+ habe, -hatte der kluge Kirchenfürst beim ersten Blicke vermuthet und war nach -den ersten zehn Worten davon überzeugt, da er keine Anstalt sah, ein -Derlei zu Tage zu fördern. -- Und +eigentlich+ hatte er auch kein -Schreiben erwartet, sondern -- den alten Korbach selbst. -- -- Ein -sehr bezeichnender Unterschied zwischen der geistlichen und weltlichen -Gewalt lag in der Weise, wie Beide die Ablehnung behandelten. Der -Erzbischof läßt es gar nicht zum Aussprechen des +Nein+ kommen, -nicht einmal gegen Pater Bernhard. Er weiß was +ist+, er hat -ins Herz geschaut, und das genügt. Die weltliche Gewalt begnügt sich -nicht mit faktischem Wissen und Handeln, sie hat noch menschliche -Leidenschaften, keine Rancünen, sie zeigt Gereiztheit. Die Kirche -läßt es nicht auf den Punkt kommen, daß sie beleidigt sein muß, bevor -sie es angezeigt findet. -- Arnold erschien sein Vater wie das arme -Volk in der offiziellen Zeitung bei der Durchreise eines allgeliebten -Herrschers; haben zehn Menschen gerufen, so ist es tausendstimmiger -begeisterter Jubel. Hat sich kein Mund geöffnet, so ist die Rührung -keine lärmend ausbrechende, aber eine um so tiefere. -- Sein Vater -+mußte+ sich nach dem Erzbischof sehnen, laut oder stumm. -- -- -- - -Nächsten Morgen begrüßte ihn, da er eben die trübe Sündflut des ganzen -unerklärlichen ihm widerlichen Getriebes überschaute ohne Land zu -entdecken, eine Taube mit einem Oelzweig, -- ein Brief Helenens. - -Sie schrieb: - -„Nach deiner Abreise abermalige Conferenz, zu der ich gerufen wurde. -Ich sagte von Günthers Ansicht über ein Freinhof-Komplott Alles, -was ich sagen konnte ohne deinen mir anvertrauten Herzensschatz zu -enthüllen. -- Niemand findet eine Erklärung. -- Günther, Sprenger und -ich haben verschiedene Meinungen. - -Günther hält nach deiner Erzählung den Freinhof für ein Gewebe, wo -mitten die Spinne sitzt, welche auch Julien umklammert, und nach allen -Seiten hin ihre misteriosen Fäden nach den Fliegen ausspannt. - -Unser Mentor sagt: Gerade umgekehrt. Im Freinhof sitzt die Fliege, -die Person, welche von all’ den Spinnen in den obern Regionen zu -verschiedenen Zwecken benützt wird. - -Ich sage: Beide haben Recht, Beide Unrecht. Es ist da ein Mensch, der -von Einigen zu ihren Zwecken gebraucht wird, und selbst seine eigenen -mit Andern verfolgt. - -Ihr sucht überhaupt zu tief -- Ihr wollt eine Freimaurerloge, -Vehmgericht, Falschmünzerbande, kurz irgend eine prächtige -Roman-Teufelei mit einem vielgestaltigen Anführer und Verschwornen in -allen Ständen herausfinden. All das +könnte+ sein, -- aber es -+ist+ eben nicht! Ich sehe das so klar, mit diesen meinen Augen, -die trotz deines Vergleiches kein anderes Blau haben als eine frisch -abgesottene Forelle. Glaub’ mir, hinter der ganzen Geschichte steckt -Nichts als Ein schlechter Mensch, dessen Opfer auch die arme schöne -Frau. Der Vater sagt, von seinen Freunden würde keiner so handeln, und -entsinnt sich keines Feindes. Den Herrn des Freinhofes kennt er gar -nicht. -- Was bei uns vorfällt, erfährst du gleich.‟ -- -- - --- -- -- Wer sah am Richtigsten? Der Taschenteufel, -- der vielgereiste -Mentor oder die achtzehnjährigen Genzianen-Augen? -- - - * - * * - -Ein Streiflicht fällt, wenn nicht auf das Gewebe, doch auf die Spinne, -wenn wir Sembrick folgen, der am Nachmittage nach Arnolds Besuch -abgereist, Abends im Freinhofe eingetroffen war. - -Mit einem Gewitter hatte drei Tage früher unsere Erzählung begonnen -- -es folgte ihm die Abendfeier am Himmel, die zugleich das Morgenroth -einer erwachenden Liebe. -- -- Das heutige war auf den Raum eines -Menschenherzens eingeengt -- es folgt ihm aber kein Abendroth. -- - -Als Edmund ankam, war Julie auf ihrem Zimmer. -- Er faßte mit ruhiger -Hand ihre dargebotene zitternde. Tiefer Ernst, -- gebändigter Schmerz -lag auf seinem Gesichte -- -- das ihre war eine weiße Rose im Sturm. - -„Edmund, ich wußte, daß Sie kommen würden!‟ - -„Und Sie sind so bewegt, als wäre das Unerwartetste erschienen.‟ - -„Ich bin’s, weil ich Sie erwartete! Sie erhielten meinen Brief‟ -- - -„Ich erhielt ihn aus Korbachs Händen heute Morgen, und bin gekommen, -ihn nach seinem ganzen Inhalte zu beantworten.‟ - -„Ach Gott, Sie sprechen so gemessen, in einem so feierlichen Tone‟ -- - -„Wie es eine Stunde fordert, in welcher klar werden muß, Julie, was wir -einander sind, und fortan sein können.‟ - -„Und war denn nicht Alles so klar, wie es sein soll und kann und mag, -sein +wird+, wenn Sie es nicht unklar machen wollen? Edmund, ich -leide genug, -- können denn +Sie+ mich quälen?‟ - -„Leid von Ihnen fern zu halten war mein Ziel, seit ich Sie gefunden. -Wenn ich es nicht erreicht, noch lange nicht erreichen werde, so liegt -die Schuld nicht im Mangel des Willens, noch der Kraft. Jedes Handeln -ist für jetzt unmöglich!‟ - -„Unwürdig ist unser jedes Wort, das den Gedanken verschleiert! Sie -wollen mir +nicht+ sagen, daß Sie nicht handeln können, Sie wollen -sagen, daß Sie dabei +allein+ stehen wollen. Was Sie unklar -zwischen uns nennen, das ist der Brief, mit dem ich Arnold sandte! Und -Sie vergessen Ihre Worte: „Noch Eine sichere Hand, eine treue Seele, -auf die Sie zählen können!‟‟ - -„Ich habe sie nicht vergessen, -- und statt Sie zu fragen, wie Sie in -Korbach den Mann erkannt, auf den ich zählen könne, sage ich Ihnen -geradezu, Sie haben recht gesehen, -- er +ist+ es. Aber die -Zeit ist noch nicht gekommen, -- und wenn sie kommt, so bedürfen Sie -+meiner+ dann nicht mehr.‟ - -„Edmund, glauben Sie nicht, mich durch Ihre Härte dahin zu bringen, -daß ich etwas sage, was Sie mit Recht verletzte, damit Sie ein hartes -Wort von mir als Schild gegen Ihr eignes Gefühl halten könnten, das -Ihnen sagt: sie bedarf meiner! -- +Was+ ist +anders+ geworden -seit dem Tage, wo Sie von diesem Fenster auf den Berg hinüberblickten -und sagten: So wahr der Geist Gottes über den Wassern und jener Höhe -schwebt, der in das Dunkel, in dem Sie wandeln, hineinrufen wird, es -werde Licht! so lange weiche ich nimmer von Ihnen, bis mit seiner -Hülfe die Fessel gelöst ist! -- Was ist anders geworden? -- nicht ich, -Edmund, aber Sie!‟ - -„Ich bin, der ich war und sein werde. Ich stand aber nie auf jener -Höhe, wohin mich Ihr Gedanke stellte. Ich habe Nichts gethan, was Sie -berechtigt, mich für ein übermenschliches Wesen zu halten, und das -mußte ich sein, wenn mit dem Entschlusse für Sie zu kämpfen, nicht -der Gedanke erwachen, mich mit Allgewalt durchdringen sollte, es ist -+um+ Sie!‟ - -(-- -- -- Wenn ein allgegenwärtiger Schutzgeist der Liebe die Worte -hört und wiegt, welche als Bitte oder Schwur von Menschenlippen zu ihm -hinaufgesendet werden, so vernahm er fast zur +selben Minute+ -das Wort, das Arnold zu seinem Freunde Günther sprach: Ich handle -+für+ sie, nicht +um+ sie -- -- -- und tief mochte sich unter -dem reinen Gold die Wagschale auf Arnolds Seite neigen. -- -- --) - -„So war es nicht immer, sagte Julie mit Innigkeit -- Sie +waren+ -wie ich Sie +sah+! Sie standen wirklich auf jener Höhe, nicht -+ich+ habe Sie hinaufgehoben -- -- -- jetzt hinweg mit den -Schranken, welche eine alberne Wortprüderie um uns Frauen ziehen -will: ich selbst will Ihr Inneres vor Ihnen aufdecken. Ich habe Ihre -Liebe zu mir zur Klarheit geführt, bis Sie selbst sagten: „Ich habe -überwunden, und bin im Stande, ohne Wunsch und Verlangen der Freund -eines unglücklichen Weibes zu sein,‟ -- ich lasse Sie auch jetzt nicht -im Dunkel und sage Ihnen, der Gedanke an +Arnold+ ist es, der -Sie zurückgeworfen in eine Tiefe, aus der Sie sich emporgerungen... -Sie sind noch der, als den ich Sie kennen lernte, -- Edmund, -- in -Frauenwang! -- wo Sie jenes Kind gerettet -- wo ich Sie zum ersten -Male sah, als Sie den Sprung des de Lorges, aber nicht zwischen Tiger -und Leu’n thaten -- -- die +konnten+ sich erbarmen, -- sondern an -den feuersprühenden Rachen der Lokomotive hin, -- im letzten Moment, --- wo es +keiner+ mehr wagte -- und das Mädchen emporrissen! -- --- ich höre noch den Schrei der Umstehenden -- der meine erstickte in -der Brust -- es war ja eines Haares Breite zwischen Tod und Leben! -- -und wie Sie das Kind dann ruhig an die Säule hinstellten, aber ohne es -auch nur einmal zu küssen -- -- -- Sie hätten es am nächsten Tage, -vielleicht in der nächsten Stunde nicht wiedererkannt... Da zuckte -mir’s durch die Seele, +der kann+ dein Retter sein! -- Dann -gedacht’ ich der Kälte, mit der sie das dem Tod entrissene liebliche -Geschöpf hingestellt -- als wär’s ein Waarenbündel, -- den nun der -Eigenthümer wegtragen soll! Und eben +darum+, meint’ ich, konnten -+Sie+ es sein! Wie dann die Mutter, die ihr Kind in guter Obhut -geglaubt, herbeistürzte, -- sich zu Ihren Füßen warf, wendeten Sie sich -mit zornigem Auge ab und sagten: Sie sind nicht werth eine Mutter zu -sein! Dann fiel Ihr Blick, als Sie eben den Wagen bestiegen, auf mich --- Sie sahen, wie ich den meinigen fest und lange auf Sie richtete, -voll Bewunderung Ihrer Entschlossenheit, -- mit dem Gedanken, +dieser -Mann wäre im Stande, auch dich von deinen Eisenschienen aufzuheben+‟ --- - -„Und dann kalt und ruhig wegzugehen -- -- der Weihrauch der -Bewunderung, die Mirrhe des Dankes, das Gold der echten, reinen -Freundschaft -- -- das sind die Gaben, die selbst der Welterlöser -erhielt, -- sollte ich unzufrieden sein? ich, der ich nichts gethan, -als vielleicht Ihre Geduld, Ihre Hoffnung auf ein gelobtes Land der -Zukunft gestärkt?‟ - -„Und ist das +Nichts+? -- ist’s denn nicht tausendmal mehr, -als +ich+ bieten konnte? Lebt’ ich nicht ohne Glauben an einen -Menschen, ohne einen Funken Hoffnung eines Glückes, -- und hab’ ich -Ihnen nicht Beides zu danken?‟ - -„Der Glaube an den Menschen mußte zerfallen, eben als Sie ihn in seiner -ganzen Menschlichkeit vor sich sahen -- -- die Hoffnung eines Glückes -aber sollen Sie so entschieden festhalten, als ich Sie nun verloren -habe.‟ - -„Und an +welches konnten+ Sie glauben -- --? Edmund, dürfen -+Sie+, die Hand auf Ihr Herz, von Täuschung, -- von Enttäuschung -sprechen? Als Kollmann, der in Frauenwang kein Auge von Ihnen -verwandte, Sie hier vorstellte, als er, -- mir unerklärlich, Ihnen -Alles mittheilte -- -- was Sie von mir nie erfahren hätten, als Sie -dann mit mir darüber sprachen und sagten, ich ruhe nun nicht eher, -als ich in meiner Waffensammlung den Dolch gefunden, der eine Kette -zerschneidet, von welcher kein göttliches und kein menschliches Gesetz -weiß -- da sah ich mit dem Blicke des Weibes in der ersten Stunde, -daß Sie +mich+ nicht -- -- wie jenes Kind hinstellen würden. Ich -bat Kollmann, Sie nicht wiederzubringen, -- vergebens. Ich erhielt -den Befehl mit Ihnen so liebenswürdig zu sein, wie mit allen Jenen, --- -- deren er bedarf. Auch das sagte ich Ihnen, auf jede Gefahr von -seiner Seite hin. Und als der Augenblick kam, den ich fürchtete, als -Ihr Gefühl, -- wie ein heißer Quell aus Island, der das Felsenstück -wegschleudert, um sich zu befreien, in das lang unterdrückte Wort -ausbrach -- -- habe ich die Augen mit den Händen bedeckt --? habe -ich Sie mit Entsetzen über ein Unerhörtes verlassen? -- haben Sie -eine jener Frasen der fliehenden Koketterie vernommen -- ein „Mein -Herr, was berechtigt Sie --? Ich habe mich in Ihnen getäuscht --?‟ -Oder ein ähnliches Nichts? -- -- Hat auch nur ein gepreßter Athemzug, -ein verwirrter Blick Ihnen etwas Anderes gesagt als das heilig wahre -Wort, das ich ruhig sprach: Wenn ich Sie liebte, so würd’ ich so -freudig Ja sagen, als ich mit Schmerz um Ihretwillen Nein sage -- -- -so würde ich nicht einmal fragen, ob Sie mich wieder lieben! -- -- -Ich wäre darum doch nicht ein Haarbreit von jener Linie gewichen, -die ich mir selbst gezogen, und Sie wären, wenn ich Sie liebte, ganz -so unglücklich gewesen, als Sie jetzt zu sein glauben. Es ist einmal -in den Sternen geschrieben, daß ein Mann keinen andern Preis seines -Handelns und Strebens für eine Frau kennt, als +sie selbst+. Wenn -von Enttäuschung die Rede sein kann, so bin ich es, Edmund, die das -Recht hat zu sagen, Sie haben verheißen und nicht gehalten.‟ - --- -- Wenn ich sagte, ich habe überwunden -- erwiederte Edmund mit -sanftem aber festem Tone, so sagte ich damit, -- um Ihr eignes Bild zu -gebrauchen, das Felsstück ist auf den heißen Quell gedrückt -- preßt -ihn in’s Innerste zurück, -- -- Sie haben kein Ueberwallen mehr zu -fürchten. Meine Worte aber, es müsse klar werden, was wir einander -fortan sein können, sollen sagen: Bin +ich+ fortan derjenige, -in dessen Hand Sie die Lösung Ihres Schicksales +allein+ mit -unbedingtem Vertrauen legen wollen? -- Bin ich es, so sollen Sie die -Frau sein, für welche ein Mann, der sie unbegrenzt liebt, +so+ -handelt, um jenes höllische Gewebe zu zerreißen, als wäre er ihr Freund -in +dem+ Sinne, den sie verlangt -- -- ohne irgend eine andere -Hoffnung. Bestehen Sie darauf, Ihr Geheimniß mit Korbach zu theilen, so -gebe ich ihm alle Mittel in die Hand, die sich mir, wie ich die Sache -verfolge, bieten werden, und behalte Nichts als das Bewußtsein, bis zum -jetzigen Augenblicke Ihr Vertrauen ungetheilt genossen zu haben. -- Mit -Korbach Hand in Hand gehe ich nicht. -- Unsere Wege führen auseinander. -Der meinige ins Weite zurück, nachdem ich einen hellen, leuchtenden -Mittelpunkt meines Lebens gefunden, der seine Kometenbahn in eine -abgeschlossene Sfäre verwandeln konnte, -- und den ich wieder verloren. -Wohin der seine? -- Ich kann den Lauf des tiefen, reinen Wassers nach -dem Meere nicht hemmen, Julie, aber ich grabe ihm auch nicht das Bette -dahin. -- Das verlangen Sie von Sembrick nicht. -- Verlangen Sie es um -Korbach’s willen nicht! -- Vergessen Sie nicht, daß er, um mit mir zu -wirken, Alles wissen muß, und wer verbürgt Ihnen, daß Korbach den Kampf -zwischen der Pflicht, für Sie zu schweigen, und jener, zu entdecken, -+so+ trägt wie ich?‟ - -„Daran habe ich nie gedacht -- Edmund, Sie glauben unmöglich, daß -Arnold einen Augenblick uneins mit sich sein kann‟ -- - -„Wie er +handeln+ werde, gewiß nicht; aber täuschen Sie sich -nicht über sein Pflichtgefühl. Er ist mit allen Banden, durch eine -hoffnungsreiche Zukunft an dieses Land gebunden, und kann über -das Bestehende, über die Forderung des Gesetzes nicht so leicht -hinwegsehen! Seine Ansicht, wenn ich ihn in den wenigen Minuten -durchschaut, -- dürfte jener nachgebildet sein, welche das Ideal -jedes jungen Mannes sein soll, -- er wird nicht wie +Max+ seinen -Friedland, seine Liebe opfern, -- aber er wird +empfinden+ wie -dieser, und in den schmerzlichsten Zwiespalt mit sich gerathen.‟ - -Julie schwieg betroffen -- sie legte die Hand auf’s Herz -- und sagte -nach einigen Minuten leise aber heftig: „Das entscheidet! -- das -allein. Sagen Sie nichts mehr davon -- -- Sie haben mir die Augen über -etwas geöffnet, was ich nicht geahnt. -- -- Und Sie! -- Sie haben von -der Last die sie trugen, geschwiegen, bis Sie dieselbe theilen sollten! -Das ist groß -- das ist wieder +der+ Edmund, zu dem ich wie zum -unbeweglichen Polarstern hinaufgeschaut! Sie geben sich mehr Mühe, -klein zu scheinen, als Andere groß!‟ - -„Und so bleibe ich denn am hohen kalten Himmel stehen, Julie, und wir -lassen Korbach auf der warmen Erde wandeln, ohne ihn mit der Kette -Ihres Geheimnisses zu umschlingen?‟ - -„Es soll so sein -- -- ich werde seinen Frieden nicht brechen!‟ - -„Und wie werden Sie gegen ihn widerrufen, was Sie im Briefe -aussprachen?‟ - -„Das überlassen Sie mir -- ich werde leicht Hände lösen, die sich nicht -berührt haben -- -- und die Ihre wird die eines treuen Freundes bleiben -wie zuvor?‟ -- - -„Ich werde wie ein solcher handeln. Und nun, Julie, -- da mir -Alles -- +Alles+ klar, sagen Sie mir, was Sie denn eigentlich -gedacht, beabsichtigt welchen Plan Sie im Aug’ gehabt, als Sie mir -+diesen+ Verbündeten sandten?‟ - -„Gedacht? -- Plan? -- Was ist denn, -- das Eine ausgenommen, daß ich -mir selbst treu bin und dem, was ich gut nenne, -- was +ist+ -denn in mir, was nicht Eingebung des Moments wäre? Was berechne ich? -Eine Stunde lang sah ich Arnold, -- es fiel mir nicht ein, zu denken, -+wie+ er Ihnen beistehen könne -- ich mußte ihn senden, -- fassen -Sie denn nicht, daß ich diesen Augen vertrauen +mußte+? -- Ich -fragte mich ja selbst, warum, und da ich’s nicht weiß, ist es eben ein -Gegebenes, ein Gottgesendetes, wie alles Unerklärliche, das uns hebt -und besser macht! Ich konnte, nachdem ich mit ihm gesprochen, mir einen -Augenblick denken, daß es Nichts in der Welt gebe, was nicht vergeben -und gesühnt werden könne, und das hat mir wohlgethan. Sie sagten, wer -von ganzer Seele liebe, der könne auch von ganzer Seele hassen -- -vielleicht bin ich des Ersteren nicht fähig -- denn ich kann mir nun -keinen Haß denken, selbst gegen den, der Alles gethan ihn zu verdienen, -welcher nicht in ein „Gott verzeih dir wie ich!‟ hinschmelzen würde, -wenn er mir auf dem Sterbebette, -- auf meinem oder seinem, die Hand -reichte. Und noch vor wenig Tagen hatte ich -- +Sie+ erschrecken -nicht vor dem Gedanken, aber +ich+ -- hatte ich zu Gott um Rache -gerufen, -- da oben -- an der Stelle selbst! -- Vor Arnold könnte ich -ein solches Gebet nicht laut aussprechen!‟ - -„Ich hoffe, Sie hatten in der letzten Zeit weniger zu leiden, da -Kollmann, wie ich weiß, selten hier war.‟ - -„Sie wußten --?‟ - -„Ich behalte den Freinhof stets im Auge, wenn Sie auch nicht von mir -hören.‟ - -„Thun Sie, was Sie um meinetwillen für gut finden. Kollmann war -vorgestern hier, eben als Arnold gekommen war. Er ließ mich rufen, -nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen. -- Er lag im Bett, -rauchte seine Zigarre, -- ich saß neben dem Bette, im Nachtkleid, --- das Fieber schüttelte mich. Er schwieg einige Zeit, -- hatte -die Augenlider gesenkt -- da sah ich wenigstens nicht, was mir das -Fürchterlichste ist. -- -- Sembrick -- haben Sie denn je einen -Menschen mit so weißen Augen gesehen? Es ist gräßlich, wenn er sie -aufschlägt und ich diese Augäpfel -- wie die eines Blinden -- nur -mit zwei schwarzen Punkten mitten, auf mich gerichtet sehe -- -- er -sieht Sie durch und durch, -- aber Sie können ihm nicht hineinsehen, -nicht durch die äußerste Hülle der Seele. -- Die schmalen, eiskalten -Züge, der lippenlose Mund -- das ist Alles nichts gegen diese Augen! --- Endlich fragt’ er mich, wer im Freinhof -- ich nannte Alle, auch -Arnold -- er sagte: Ich erwartete seine Rückkehr von der Reise und -hätte ihn aufgesucht -- nun kommt er selbst, um so besser, -- so kann -Alles durch dich gehen. -- Ich fragte: Was hast du mit dem vor? -- Nur -Gutes, erwiederte er -- so freundlich lächelnd -- daß ich alle Mächte -des Himmels um Schutz für Arnold anrief. -- Und doch +hat+ er auch -schon Gutes durch mich gethan. Ich fragte, ob ich gehen dürfe, -- er -befahl mir, die Blauhorn durch ihren Mann dringend nach dem Freinhof zu -laden und entließ mich. Am Morgen hatte er noch eine Unterredung mit -Pater Bernhard und reiste ab. -- Ich konnte den ganzen Tag das Bett -nicht verlassen.‟ - -„Und so wird und muß ein Moment kommen, rief Sembrick mit Schmerz aus, -wo Ihre Kraft zusammenbricht, -- ich fürchte, früher, als ich oder wen -die Vorsehung erwählen wird, Hülfe bringen kann.‟ - -„Fürchten Sie das nicht, erwiederte Julie lebhaft, fast heiter. -- -Sehen Sie meinen Arm an, ist er weniger rund? ist das übertriebene -Korallenroth meines Mundes verschwunden? Ich bin in einzelnen Stunden -viel elender, und Tage und Wochen viel weniger unglücklich als Sie -glauben. Oft fühl’ ich’s gar nicht.‟ - -„Ihre Abhängigkeit vom Momente, wie Sie’s nannten, ist in Ihrer Lage -ein Gottesgeschenk. Ich gedachte aber des Nervenfiebers, von dem Sie -mir erzählten.‟ -- - -„Das war bald nach dem ersten Sturme, und gerade damals war die -Sklavenkette leichter. Kollmann sagte: „Ich verlange von dir, daß du so -liebenswürdig, so reizend, so unwiderstehlich sein sollst, als du sein -kannst, gegen Alle, die ich dir bezeichne, dafür magst du es auch gegen -Jeden sein, den du selbst wählest, ich ziehe dir keine Schranken.‟ -- --- Ich bedurfte auch keiner; sie hätten Nichts verhindert, wenn ich von -Gott nicht so geschaffen wäre, daß ich nicht untergehen kann. Meine -Natur stößt nun einmal das Schlechte zurück.‟ -- - -„Das ist’s, was Ihnen die alleinseligmachende Clique nicht verzeiht --- hörten Sie’s doch selbst, wie Einer davon zum Andern sagte: Sie -muß doch untergehen, -- sie hat keinen +Halt+, -- wenn sie noch -rein ist, so ist’s nicht die Tugend der Grundsätze, sondern jene -anmaßende, auf sich ruhende! -- -- und diese ist ihnen weit verhaßter -als selbst die Sünde. Diesen Menschen ist eine Frau welche fällt, dann -an dem Blumenstabe des Entsündigungs-Apparates hinaufkriecht und auf -den positiven Krücken weiterhinkt bis zum nächsten Falle, hundertmal -lieber, als eine, die das in ihren Augen unverzeihlichste Verbrechen -begeht, ihrer nicht zu bedürfen, und gut zu bleiben, weil sie eben -nicht anders kann und will!‟ - -„Ich war gefeiert, und das war ein zweites Vergehen. Ich konnte mich -dessen +freuen+; auch Sie waren in dem Irrthum, daß die Feuerräder -und farbigen Raketen, die ich in der Gesellschaft spielen ließ, nur -am Höllenfeuer des Schmerzes angezündet seien, welche eine heroische -Willenskraft in sprühende Bouquets verwandelte, ich +war+ aber -hundertmal das als was ich +erschien+, ein gefeiertes junges Weib, -das sich des Augenblickes freut.‟ - -„Für mich war immer Alles rein, Julie, wo die Welt trübe sah -- wenn -ich aber alles Willkürliche, alles Unberechenbare an Ihnen begreife, so -fasse ich das +Eine+ nicht, wie Sie hier -- so nahe jener Stelle, -nach welcher Kollmann drohend den Arm ausstreckt wie ein Wegweiser zur -Hölle, -- wohnen, -- auch nur eine Stunde frei athmen können; und doch -war der Freinhof +Ihr+ Gedanke!‟ - -„Und das glaubten Sie? weil Sie hörten, daß ich den Plan angegeben, -das Werk gefördert? +Er+ hat es gewollt, -- ein Nein gibt es -ja nicht. Er mochte denken, dieser Ort hält das Bild lebendig, vor -welchem wie vor dem Medusenschilde jeder Gedanke des Widerstandes -erstarrt. -- Vielleicht will er ihn auch überwachen. -- Und neben der -großen teuflischen Idee das kleine Gewimmel von klugen Berechnungen und -Vorahnungen, wie der Freinhof so herrlich allen Zwecken entsprechen -werde, wie da ganz anders auf Jeden gewirkt werden könne, jedes Wort -einen andern Klang habe, wenn es die Weiber beim Ton der Zither, die -Männer beim Male nach der Jagd vernehmen! -- daß ich hier frei athme? -wenn ich den Nächten der +ersten+ Woche nicht erlegen, so war es -gewiß, daß ich in der zweiten Ruhe fand, in der dritten die Besuchenden -empfing, wie Kollmann gebot. -- Ich bin eines stillen Hinliegens in -ewigem Schmerze nicht fähig. Daß aber die Thränen jener Stunden, wo ich -verzweifeln möchte, hinreichen werden, um das frohe Lachen der andern -zu verlöschen, wenn es als Sünde in mein Schuldbuch geschrieben wird, -das hoffe ich so gewiß, als ich mit Arnold an endliche Sühnung jeder -Schuld glaube.‟ - -„Vielleicht würde auch er fühlen, wenn ihm Ihr Schicksal enthüllt wäre, -daß es Lagen gibt, wo der Mensch erst dann vergibt, wenn Gottes Gericht -über den Schuldigen hereingebrochen, -- so wie Gott vergeben mag, wo -die Menschen gerichtet --!‟ - -„Edmund --!‟ rief Julie -- -- es war ein Aufschrei des Entsetzens -- -ihr Blick eine Bitte um Erbarmen -- -- - -Er faßte ihre Hand und sprach bedeutungsvoll: „Vergebung! Julie! -- -- -Noch sehe ich keinen Ausweg, kein Licht. -- Ich verlasse Sie, um nach -dem Ort zu reisen, wohin Sie nicht denken sollen ohne sich zu erinnern, -daß ich in einem +schwereren+ Kampfe gesiegt als der, dem ich -entgegengehe!‟ - -„Ich habe Gott darum gebeten, und er hat mich erhört‟ -- - -„Er wird auch Ihr zweites Gebet hören! -- in wenig Tagen bringe ich -Ihnen Nachricht.‟ - --- -- Er schied, und Julie las in seinem letzten Blick voll Schmerz und -Liebe, daß Gott ihr Gebet nicht erhört habe. Das war noch nicht die -hohe, ruhige Flamme, die aus dem Auge des Siegers leuchtet -- es war -nur Ergebung, -- nicht Erhebung. - - * * - * - -Sembrick kehrte von der Reise, welche zum Zweck hatte gewisse -Verhältnisse an einem Orte, wohin wir ihm später folgen werden, zu -erkunden, am vierten Tage seiner Verheißung gemäß, zurück. - -Mit sichtlicher Betroffenheit vernahm er, daß Kollmann mit Julie den -Tag zuvor den Freinhof verlassen. Es war einiges leichte Reisegepäcke -mitgenommen worden. -- Das Wohin wußte Niemand. - -Vergeblich sann Edmund nach. Was Kollmann begann, wurde selten klar, -ehe es durchgeführt war. Er fragte nach Knorr; es war möglich, daß -dieser mehr wußte als die Diener. - -Man wies ihm dessen Wohnung, welche übrigens vom ganzen Thalgrunde -aus sichtbar war. Hart am Ende des Parks, der den Hof umgibt, erhebt -sich eine steile, kegelförmige Anhöhe, mit Fichten rings bewachsen, -auf deren Gipfel altes Gemäuer steht: die Ruine einer Kapelle und -eines Gebäudes, welches einige Mönche vor Jahrhunderten bewohnt haben -mögen. Kurze Zeit vor Erbauung des Freinhofes hatte Knorr, auf dessen -Vergangenheit wir später zurückkommen werden, den Waldkegel sammt -der Ruine von der Grundherrschaft, dem Kloster St. Martin angekauft, -das Gebäude so weit herstellen lassen, daß es nun einige freundliche -Wohnzimmer und eine Küche enthielt, und sich mit einer alten Bäuerin, -welche seinen Haushalt besorgte, darin festgesetzt und gegen Alles -behauptet, was, wie wir sogleich hören werden, aufgeboten wurde, um ihn -zu vertreiben. Der übrige Theil der Ruine blieb in dem Zustande, worin -er sie gefunden. - -Als Sembrick den Waldpfad hinanstieg, hörte er Schüsse in kurzen -regelmäßigen Zwischenräumen und fand Knorr auf dem kleinen Plateau -vor seiner Wohnung beschäftigt, aus einem achtläufigen Revolver nach -einem, die Spuren zahlloser Kugeln weisenden, Baumstamme zu feuern, auf -welchem mit Kreide Buchstaben, Kreise und sonstige Figuren gezeichnet -waren. Auf der Bank vor der Hausthüre lag ein ganzes Arsenal von vier-, -sechs- und achtläufigen Revolvers nebst Kugeln u. s. w. - -„Gegen wen, lieber Knorr -- rief der Baron -- vertheidigen Sie denn Ihr -Raubnest mit einem so mörderischen Feuer?‟ - -„Gott zum Gruß, verehrter Baron, man muß sich auf dieser Welt voll -ewigen Friedens stets in der Verfassung erhalten, nöthigenfalls ein -Licht auszuschießen, brenne es auf einer Millykerze oder in einem -Kopfe!‟ - -„Lassen Sie einmal sehen!‟ erwiderte Edmund, dem es darum zu thun war, -Knorr näher kennen zu lernen, den er bis dahin wenig beachtet hatte, -aber nach Reilands Mittheilungen nun nicht für unbedeutend hielt. „Ich -bin auch keiner der schlechtesten Schützen!‟ - -„Ich bitte anzufangen! Alle sind geladen.‟ Sembrick versandte mit -Meisterhand Kugel auf Kugel nach den Zielen, Knorr aber schoß fast -jedesmal in das Loch, welches jene des Barons gebohrt, welcher sich -endlich für überwunden erklären mußte. - -„Nun den letzten Schuß!‟ sagte Knorr. -- „Sehen Sie, der geht auf den -schwarzen Stummel da unten, mit den zwei weißen Augen von Kreide, da -rufe ich immer hinab: Gute Nacht, Nachbar Kollmann, und jage ihm eine -Kugel in die Rinde.‟ - -„Eine schöne freundnachbarliche Gesinnung! -- rief lachend der Baron, --- Sie machten ein Gesicht dazu, daß ich kaum bezweifle, Sie möchten -alles Ernstes den Abendgruß hinabsenden, wenn’s gut anginge.‟ - -„Von Herzen gern! aber es würde vor der Hand zu Nichts führen. -Uebrigens sind Sie herausgekommen, um zu fragen, wohin die Nachbarn -gereist, und ich bedaure nicht mehr zu wissen, als der Stummel dort. -Sie könnten mich aber wenigstens über einiges Andere ausholen!‟ - -Sembrick ging in Knorrs Stil und Idee ein und entgegnete: „Das hatte -ich vor, und nun möchte ich Ihnen vor Allem auf den Zahn fühlen, warum -Sie Ihren Nachbar, in dessen Hause ich Sie doch traf, ~in effigie~ -erschießen, mit dem frommen Hintergedanken, es wirklich zu thun?‟ - -Statt der Antwort führte Knorr den Baron um das Haus herum in die -Ruine, die hölzerne Stiege hinan, welche die vorige steinerne -im Innern des zur Hälfte eingestürzten Thürmchens ersetzte, von -dessen Höhe man die Rundsicht über das Thal genoß, und sagte, über -die Gegend hinzeigend: „Länderdurst, Herr Baron, das Fantom der -Universalmonarchie, welches meinen Nachbar hetzt, ist jener Grund -unseres Haders, von dem sich sprechen läßt. Ein anderer, triftigerer -liegt freilich vor, davon habe ich aber nicht vor, zu reden. Sehen Sie -um sich! Alles ist sein Gebiet. Bloß mein Fichtenkegel und meine Burg -stecken ihm wie ein Pfahl im Fleisch, daß er sich nicht arrondiren -kann. Zuerst bot er mir den dreifachen, dann den sechsfachen Preis für -den alten Steinhaufen und die Paar Stämme. Ich bin aber kein Fürst -Hohenzollern und trete meine Souverainität um keine preußischen, noch -andere Thaler ab. Da sich aber in der Gegend die Ansicht herausgebildet -hatte, ich sei halb oder dreiviertels verrückt, so überreichte er -dem Landesgericht eine gediegene Abhandlung über meine Narrheit, um -mich unter Kuratel zu bringen und dem Kurator mein Land abzukaufen. -Ich wurde von den Gerichtsräthen und einem Doktor scharf auf meinen -Verstand inquirirt, und es fand sich gerade so viel vor, daß der -Nachbar abgewiesen wurde. Nun bot er mir einen Friedenstraktat, den -Frau Julie unterhandelte. Seitdem sind wir die besten Freunde, wie -Oesterreich und Piemont.‟ - -„Aber was bewog Sie denn, um dieses höchst romantischen, aber eben so -uncomfortablen Aufenthalts willen einen solchen Vernichtungskampf zu -bestehen?‟ - -„Es ist sonst kein Platz im Thale, da Alles ihm gehört, und ich muß die -Gegend bewachen, wie ein Bulldog, denn es liegt irgendwo ein Schatz -darin, der gehoben werden muß.‟ - -Es schien Sembrick, daß nun wirklich eine Saite klinge, welche nicht -nach der Stimmgabel des gesunden Menschenverstandes gestimmt sei. Er -erwiderte: „Da haben Sie vollkommen Recht, und Sie werden ihn auch -finden und heben, wenn Sie genug Geduld und Ausdauer besitzen.‟ - -„Sie gehen geschickt auf meine fixe Idee ein, Herr Baron, aber es ist -bloß bildlich zu nehmen. -- Sie finden es hier nicht comfortable, aber -glauben Sie mir, es ist auf meinem Thurm gemüthlicher, als da unten im -Freinhof.‟ - -„Wenigstens gegen einen Handstreich sind Sie mit Ihrer Artillerie und -diesen zwei ungeheuren Hunden gesichert.‟ - -„Hinter dem Hause sind noch zwei. Es sind drei hohe Tenore und ein -Sopran. Wir fünf zusammen bringen manchmal dem Freund und Nachbar unten -ein Ständchen. Wenn der Vollmond über dem Wetterstein steht und die -leichten Nebel auf- und abkriechen, da fangen meine vier Neufoundländer -alle zu heulen an, und ich begleite sie mit dem Posthorn und knattere -mit den Revolvers dazwischen. Herr Baron, -- -- dem Nachbar klingt das -Geheul meiner Hunde, als ob vier Teufel ein langgezogenes: Du -- -- -Schuft -- --! hinausbrüllten! Ich weiß das. Die rechten Teufelsnächte -sind bei uns nicht die schwarzen, sondern eine oder die andere helle, -die die ganze weiße zarte Nebelsippschaft aus den Felsenkammern da -drüben in den Mondschein herauslockt. Wir Beide sind aufgeklärte Männer -und glauben an keine Geister. Aber meine Hunde sind anderer Ansicht. -Nun hat mir das Bezirksamt das Schießen und Hornblasen nach neun Uhr -verboten, und seitdem arbeitet bloß das Vokalquartett.‟ - -„Sie werden mir glauben, daß mir die Erscheinung Kollmanns so wenig -simpathisch ist, wie Ihnen, allein auf die zwei Worte des Textes, den -Sie der Melodie Ihrer Hunde unterlegen, ließe sich schwer ein Verfahren -gründen; somit muß man eben durch freundschaftliche Theilnahme das, -wie es scheint, nicht immer heitere, Loos dieser Frau zu erleichtern -suchen.‟ - -Das Gesicht Knorrs nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. „Herr Baron,‟ -sagte er, „ich habe das Vorhandensein meines Verstandes vor Gericht -erwiesen und ein günstiges Gutachten in meinem Kasten. Auf Grundlage -desselben erkläre ich Ihnen, daß Sie mich jetzt über Etwas sondiren, -wovon Sie mehr wissen, als ich. Wenn ich aber einmal mehr weiß, als -Sie, so werde ich nicht erst warten, bis Sie heraufkommen.‟ - -Sembrick wollte mit Knorr, über dessen Farbe und Gesinnung er nun im -Reinen war, auf gutem Fuße bleiben, und sagte, dessen geänderten Ton -nicht beachtend: „Wir verstehen uns, -- man muß eben Alles der Zukunft -überlassen, ich bitte Sie nur, der Frau Julie bei ihrer Rückkehr zu -sagen, daß ich +dort+ war, das Terrain geprüft habe und nicht ohne -Hoffnung zurückgekommen; mehr könnte ich auch ihr selbst nicht sagen; -für +jetzt+ sei es aber unmöglich, Etwas zu thun.‟ - --- -- Vielleicht war im tiefsten Grunde der Seele des „Siegers über -sich selbst‟ ein Atom von Befriedigung über diese Unmöglichkeit. Er -hatte als Kavalier, als Mann von Ehre die Stellung angenommen, in -welche ihn die letzte Unterredung mit Julie zurückdrängte. Aber -durch die Bande, die das Wort trug, war das Gefühl nicht gebunden. -Er war keineswegs über die Jahre hinaus, wo Gefühle ihre volle -Herrschaft behaupten, -- wenn es überhaupt Jahre gibt, die ein solches -Hinaussein bedingen, -- aber sicher über jene, wo man sich über ihre -Namen täuscht. Wenn er jedoch klar genug über sich selbst war, eine -+Leidenschaft+ nicht +Liebe+ zu nennen, so war dieß zwar -hinreichend, seine edle Natur zum Kampfe gegen dieselbe aufzufordern, --- aber noch nicht, ihn heute als Sieger vom Freinhofe scheiden zu -lassen. - -Mit einem Ausdrucke, welcher der Abglanz der innern Fehde war, sah er -Arnold nach, als er diesen, wie wir erzählt, auf seiner Fahrt nach -Korbach im Bahnhofe zu Pottenbach traf, wo er den Blick nach dem Felsen -auf der Höhe, den Herzensgruß nach dem Freinhofe sandte. - -Sembrick war zu ernst gestimmt, um darüber zu lächeln, daß der Gruß -nach dem leeren Schweizerhause hinüberflog. - - - - -Der Prior von Sankt Martin. - - -Aber freundlich mochte der alte Berggeist, wenn er etwa in jener Stunde -von dem die Straße hoch überragenden Felsengipfel der Föhrleiten -sein Gebiet überschaute, gelächelt haben bei jenem Blicke Arnolds. -+Ihm+ hat er Kühlung in labenden Lüften nachgesendet auf seiner -heißen Fahrt. -- Und sicherlich eine Hagelwolke einem +Andern+, -der fast zur selben Stunde nach der Höhe hinaufsieht -- und +auch+ -des Freinhofs gedenkt, -- und auch einen Gruß hinübersendet, -- aber -nicht aus treuem Herzen und +blauen+ Augen an die reizende Julie, -sondern aus einer falschen Seele und +pechschwarzen+ Augen an -den Gebieter derselben, den ihm gleichgesinnten und geistesverwandten -Kollmann. - -Es ist Pater Bernhard, der Prior von Sankt Martin, den sein Weg nach -dem Stifte, wohin er sich von der Residenz begibt, nahe am Freinhofe -vorüberführt. Wir eilen ihm nach dem Schauplatze seiner gegenwärtigen -Thätigkeit voran, um seine vergangene zu beleuchten. - -Das Stift liegt im Gebirge, fünf bis sechs Stunden von Korbach, etwa -halb so weit vom Freinhofe, ein Dreieck mit diesen beiden Punkten -bildend. Es gehört einem Orden, welcher grundsätzlich seine Wohnungen -in Thälern baute, so wie andere auf beherrschenden Höhen. - -In seiner abgeschiedenen Lage in einem weiten, tiefen Thale zwischen -den Ausläufern des Hochgebirges, bisher nicht berührt von den Tendenzen -der Zeit, hatte sich das Kloster bis zu den Tagen unserer Begebenheit -begnügt, seine geistliche und weltliche Mission von der realistischen, -soliden Seite aufzufassen, ohne sich in Spekulazion, weder in -transzendentem noch pekuniärem Sinne, einzulassen. - -In weltlicher Beziehung kehrten seine Kühe, Ochsen und Schweine mit -Medaillen behangen von den Viehausstellungen zurück, die Stämme seiner -Waldungen wurden zu den profansten Bauwerken der gottlosen Industrie um -schweres Geld gekauft, auf seinen Feldern schienen die sieben fetten -Jahre Egiptens in Permanenz erklärt. - -Der Prälat hatte, während Viele seiner Standesgenossen sich an -Akziengesellschaften betheiligten, ja selbst durch vertraute Hände -in Fonds zu operiren versuchten, die bedeutenden Geldkräfte seines -Klosters auf Bodenkultur verwendet, jede Verbesserung und praktisch -bewährte Neuerung auf seinem Gebiete durchgeführt, ohne Opfer zu -scheuen, aber auch ohne den Zweck zu erreichen, den er nächst dem -Gedeihen des Klosters im Auge hatte, nämlich die Bauern zur Nachfolge -zu bewegen. -- Sie schrieben in bequemer Verstocktheit den Wohlstand -der Klosterwirthschaft, im Gegensatze zu ihren eignen magern Kühen -und Feldern, lieber einem besondern Schutze des Himmels zu, als ihrer -eigenen Faulheit und Indolenz. - -In geistlicher Hinsicht beschränkte sich das Kloster St. Martin -auf die unteren, sinnenfälligen Funkzionen, die grobe Arbeit an -der Kultusmaschine. Es hatte ein gut organisirtes, lebhaftes -Wallfahrtswesen, führte ein reiches Lager von Rosenkränzen und -Heiligenporträts auf Hausenblase und auf Spitzenpapier und Goldgrund, --- worunter namentlich ein St. Martin, seines aufsteigenden Schimmels -und carminrothen Mantels halber, starken Absatz fand, -- und besaß ein -in diskreten Zwischenräumen wirksames Mirakelbild. - -Die jungen Kleriker wurden zu tüchtigen Oekonomen, und, in Betreff der -Seelsorge, zu Leuten herangebildet, welche zwar nicht mit dem feinen -hochkirchlichen Fleuret zu fechten, aber mit den Schwefelstangen und -Pechkränzen, welche die alte theologische Rüstkammer darbot, umzugehen -wußten. -- Die Männer, mit welchen das Kloster die vielen von ihm -abhängigen Pfarren besetzte, gehörten fast Alle zu jenem zähen, rothen, -kräftigen Schlage von Landgeistlichen, welche mit nie ermüdendem -Pflichtgefühl die Speise des Trostes in der Nacht Stunden weit durch -den Schnee in die Hütte des Holzknechtes tragen, -- dafür aber auch -keine „Narren ihr Lebelang‟ sind. Sondern -- sie halten Weib, Wein -und Gesang -- statt des letzteren häufig Blas- und Streichinstrumente --- für Gottesgaben, deren letztere die Kirche überhaupt gestattet, -die erstere aber, so zu sagen, nur auf erlaubtem Wege verboten, auf -verbotenem aber stillschweigend erlaubt habe, -- in welcher Beziehung -auch das natürliche, gesunde Urtheil der Gemeinde stets ziemlich -nachsichtig gefunden wird, wenn der Geistliche sonst seine Pflicht -gegen sie erfüllt. - -Ein einziger Posten erforderte in neuerer Zeit einen höher gebildeten, -taktvollen, aufgeklärten Priester, einen Mann von anderer Befähigung, -als welche für die Bauerndörfer ausreichte. Dieß war das Korbachthal. -Der kluge und wohldenkende Prälat hatte den einzigen hiezu vollkommen -Geeigneten in der Person des bereits erwähnten Pfarrers Namens -+Valentin+ ausersehen. - -Die Stürme, welche im Jahre 1848 in den Ebenen wütheten, brachen -sich an den Bergen, und der einzige Windstoß, welcher nach St. -Martin hinüberwehte, war eine halbe Kompagnie Studenten, welche -auf requirirten Wagen angefahren kamen, das Kloster für aufgehoben -erklärten, an die Thore „Nazionaleigenthum‟ anschrieben, und wieder -abfuhren, nachdem sie von den Geistlichen gut bewirthet und von den -Bauern mit Erschlagen bedroht worden waren. -- - -Der Prälat begriff seine Zeit, und fürchtete für den materiellen -Bestand seines Stiftes Nichts von den Ideen des Fortschrittes, gegen -deren geistige Wirkungen der Zustand der Bewohner und Umwohner -hinreichende Bürgschaft bot, und deren etwaigen gewaltsamen -Kundgebungen die Regierung mit dem Bajonette und der Bauer -mit dem Dreschflegel entgegentrat. Er fürchtete die Ideen des -+Rückschrittes+. Sie schienen ihm +allein+ gefährlich für die -Ruhe, das Bestehen und Gedeihen dieses behaglichen, gesunden Körpers, -der ein überlebtes Prinzip mit einer noch für ein halbes Jahrhundert -ausreichenden Lebenskraft repräsentiren konnte, wenn er in seinem -Organismus nicht gestört wurde. -- - -Er las das von der Regierung abgeschlossene Konkordat gleich so vielen -Helldenkenden seines Standes mit dem Vorgefühle der schlimmsten -Folgen, und die höchste kirchliche Gewalt machte ihm den Eindruck jenes -Verstorbenen zu Edimburg, auf dessen Grabstein die Worte stehen: „Ich -war gesund, wollte noch gesünder sein, nahm Medizin und starb.‟ -- - -„Wir wollen es besser haben als gut, -- sagte er, und werden es -schlechter haben.‟ -- - -Als einige Zeit hierauf ein Besuch des Erzbischofs, mit welchem er -bisher auf freundlichem Fuße gestanden, erfolgte und dieser nach -vielen Fragen über die Zustände des Klosters die Wiedereinführung -der alten, strengen, seit einem Jahrhundert außer Uebung gekommenen -Ordensregel verkündigte, trat er ihm mit Energie entgegen und setzte -das Unangemessene und Nachtheilige einer solchen Maßregel zuerst -mündlich, und später in einer schriftlichen Eingabe auseinander. -Nach wenigen Tagen erschien eine im gregorianischen Stile gehaltene, -niederschmetternde Zurechtweisung, welche das Gefühl des biedern -Prälaten, der durch fünfundzwanzig Jahre dem Stifte zur Zufriedenheit -seiner Untergebenen vorgestanden, so verletzte, daß er in eine schwere -Krankheit verfiel, von welcher er sich nicht wieder erholte. - -Pater Bernhard übernahm nun als Prior die faktische Leitung und stellte -sich an die Spitze der sehr kleinen Partei im Kloster, welche sich -dem Konkordat mit allen seinen Konsequenzen anschloß, und aus den -wenigen Ehrgeizigen bestand, die durch ihre, mit jener der Mehrheit -kontrastirende Haltung die Gunst des Erzbischofs zu gewinnen suchten, -dessen Vertrauen der Prior nun in hohem Grade besaß. - -Dieser war vor Jahren mit Bewilligung des Prälaten aus dem Kloster, -und als Erzieher in das Haus des Fürsten Leuchtendorf getreten, dessen -Günther bei Aufzählung der Freinhof-Gesellschaft erwähnt hatte, als er -zwei dort auf Besuch anwesende Fräulein als seine Töchter bezeichnete. -Er eignete sich einen Grad von wissenschaftlicher und Weltbildung -an, welche ihn vor seinen Mitbrüdern auszeichnete, die von seinen -vielversprechenden Mittheilungen bestochen, ihn zum Prior wählten, als -dessen Stelle erledigt worden. - -Pater Bernhard kehrte als solcher ins Kloster zurück und sein nächstes -Ziel war nun der Krummstab des infulirten Prälaten. - -Seine Stellung war eine schwierige. Starb der Prälat, so wurde seine -Stelle durch Wahl besetzt und diese Wahl fand durch Stimmenmehrheit -statt. Durch sein Auftreten für den Erzbischof hatte er aber alle -Popularität verloren. - -Er segelte mit vieler Geschicklichkeit durch die Klippen. Nachdem -er sich zuerst die Gunst seines Beschützers gesichert, indem er -in kräftigen, beredten Worten den Geistlichen die Nothwendigkeit -auseinandersetzte, sich den Bestimmungen desselben zu fügen, -bearbeitete er Jeden einzeln und machte ihm begreiflich, daß in der -+Ausführung+ dieser Bestimmungen alle erdenklichen Erleichterungen -eintreten könnten, wenn ein Mann auf dem Prälatenstuhle säße, der ein -Auge zudrücke. Allerdings hatten die Brüder dieses Augezudrücken von -Jedem aus ihnen so sicher und sicherer zu erwarten als von ihm; wählten -sie aber einen Andern, so blieb seine Feindschaft und jeden Augenblick -Denunziazion beim Erzbischofe zu fürchten. - -Er brachte es auf diesem Wege durch Furcht und Hoffnungen dahin, daß -er gegenwärtig mit Sicherheit auf eine Majorität von drei Viertheilen -rechnen konnte. - -Sein nächstes Ziel schien erreicht und er dachte bereits über dasselbe -hinaus. - -Dieser Mann baute die Schlösser seiner Zukunft so, daß wenn das -Nächste unter Dach gebracht, ein zweites in halber Höhe dastand und -zu einem dritten bereits die Grundfesten gelegt wurden. Er war in -seinem fünfunddreißigsten Jahre und hatte keineswegs vor, weitere -fünfunddreißig Jahre als Muster-Oekonom und behaglich friedlicher -Oberhirt des Waldklosters zu verleben. Wenn er jetzt schon in -seinen Gedanken über den noch von einem Andern besetzten, erst zu -besteigenden Prälatenstuhl hinausflog nach einem erzbischöflichen, so -ist es natürlich, daß er gegen die Abendsonne seines Lebens keinen -andern Schutz träumte, als den Schatten der breiten Krempe eines -Kardinalshutes. - -Der Erzbischof, ein Menschenkenner wie wenige, wußte den Mann nach -seiner Brauchbarkeit zu würdigen, ohne ihn zu überschätzen. Er hielt -ihn für fähig, auf dem Schlachtfelde der streitenden Kirche ein -Armeekorps kühn und klug zu kommandiren, nicht aber in den geheimen -Berathungen am grünen Tische des hohen kirchlichen Generalstabes -mitzustimmen. Er durchschaute seine Pläne, vielleicht seinen -Gedankenflug bis zum runden Hute, er sah aber auch das Bleigewicht, -welches nach seiner Ansicht diesen Flug hemmte. - -Dieß Gewicht war die +Eitelkeit+ des Priors, die ihn hinderte -+vollständig+ im +Prinzip aufzugehen+. Er konnte sich die -kleine Befriedigung nicht versagen, seinen inneren freieren Standpunkt -bei gewissen Gelegenheiten gegen Solche zur Schau zu tragen, welche er -auf dem gleichen vermuthete, um intelligenten Männern gegenüber das -~prestige~ der eignen Intelligenz zu wahren. In keinem Stande ist -aber so unbedingt wie in dem seinigen ein gegenseitiges Zugeben des -Unglaubens an gewisse Satzungen verboten: der Aspirant auf eine hohe -Stufe in der Hierarchie darf mit sich allein, in seinen vier Wänden, -vor seinem Spiegel nicht anders sprechen und erscheinen als vor dem -Fremden. Zwei Kirchenfürsten mögen ihren beiderseitigen Standpunkt noch -so klar erkennen: sie werden nie, nicht im vertraulichsten Gespräche, -die Form der Ueberzeugung ablegen. -- Pater Bernhard ließ so gern ein -„wir verstehen uns‟ durchblicken, -- er war Parvenü, indem er sich -gern als Eingeweihten gab, der vor einem andern Eingeweihten die Maske -lüften dürfe. - -Vielleicht würde der Prior diese Schwäche ablegen, wenn er erst die -rechte, wirkliche Höhe erklommen. Jedenfalls mußte dem Erzbischof, -der die Zügel in seiner Diözese straff anzuziehen beschlossen hatte, -ein Kopf und eine Hand wie die des Pater Bernhard in einem Zeitpunkte -erwünscht sein, wo das Kloster St. Martin durch die Verhältnisse in -Korbach besondere Bedeutung gewann. - -Die protestantische Kolonie war von einer kleinen Niederlassung von -sechs oder acht Familien im Lauf eines Jahres durch Einwanderung auf -mehr als 300 Seelen angewachsen. Zwischen den Arbeitern der beiden -Konfessionen bestand ein ungetrübt freundliches Einvernehmen. Die Wahl -der ins Land gezogenen Protestanten war durchgehends auf sittliche, -fleißige, verträgliche Leute gefallen, welche sich gegen die Katholiken -so zuvorkommend benahmen, daß die beiden Seelsorger in ihrem Bestreben, -die Eintracht zu erhalten, das leichteste Spiel hatten. - -Dieses Hand in Hand Gehen konnte nach der Ueberzeugung des Erzbischofs -nur zum Nachtheile des Katholizismus ausschlagen. - -Der sogenannte „aufgeklärte Katholik‟ der gebildeten Stände -- eine -Sekte, welche die Kirche nun einmal dulden muß, und welche, wenn nicht -mit+wiegt+, wenigstens mit+zählt+ -- wird sich im Verkehr -mit dem gebildeten Protestanten vor dem „Ansteckungsstoffe‟ bewahren: -es ist wenigstens so leicht keine Abtrünnigkeit zu fürchten, da die -Anschauung nahezu die gleiche ist, und, Ausnahmsfälle abgerechnet, -Jeder aus Gefühls- oder Konvenienzgründen seine Form beibehält. - -Nicht so der gemeine Mann, -- der Arbeiter. Ist er einmal in -beständigem Verkehre mit den Bekennern der andern Konfession auf den -Punkt der Reflexion gelangt, wo er mehr als +einen+ Weg nach jenem -Himmel für möglich hält, der ihn für die zehn täglichen Arbeitsstunden -seines Erdenlebens entschädigen soll, so wird es nur eines lockenden -materiellen Anstoßes bedürfen und der Schritt hinüber ist geschehen. - -Und an eine solche Mehrheit der Wege lernten die katholischen Arbeiter -glauben, wenn sie das Wort der Duldung aus dem Munde des eigenen -Priesters vernahmen, und an ihren Kameraden jene Redlichkeit und -Zufriedenheit im Leben, jenes ruhige Gottvertrauen im Sterben sahen, -welches eben die Wirkung des echten der drei Ringe Nathans. - -Als die Nachricht von dem abgeschlossenen Konkordate nach Korbach kam, -wurde sie von den Protestanten mit großer Bestürzung aufgenommen. Der -alte Korbach erklärte ihnen, daß sie nichts zu besorgen hätten, -- er -werde sie kräftiger unterstützen als bisher, -- ihr Bethaus könne man -nicht sperren, ihren eigenen Friedhof hätten sie ohnedem, und was die -gemischten Ehen betreffe, so müsse nun einmal in Zukunft ein Theil -dem andern nachgeben, -- sie würden sammt ihren Kindern selig werden, -ob sie vom Pfarrer oder vom Pastor getraut seien. Schwerer waren die -Katholiken zu beschwichtigen. Als sie von Beichtzwang, Kirchenstrafen -u. drgl. hörten, erklärte eine große Anzahl, daß sie beim ersten -Versuche einer gewaltsamen Durchführung augenblicklich zum Pastor gehen -und sich „lutherisch machen lassen‟ wollten. Pfarrer Valentin beruhigte -sie mit der auf eigene Gefahr gegebenen Versicherung, es seien dieß -Uebertreibungen von Solchen, die es schlecht mit der Kirche meinten. --- Die Gemüther beruhigten sich, die schlimmsten Befürchtungen trafen -nicht ein, da mehrere der aufreizendsten Verfügungen des Konkordats auf -dem Papiere blieben. -- - -Man hatte in der Hauptstadt davon zu sprechen angefangen. Die frommen -Zirkel, deren Mittelpunkt Prinzessin Marie, hatten bereits einen -Kreuzzug gegen Korbach gepredigt, die Oberhofmeisterin Gräfin Merfey -Bernhard im Leuchtendorf’schen Salon gefragt, ob denn sein Prälat -~les bras croisés~ dem Unwesen zusehen werde -- und er hatte -geantwortet, der kranke Herr sei unzurechnungsfähig, ein energischer -Hirt würde die Herde bald von räudigen Schafen reinigen. - -Nun kam die glänzende Gabe zum Kirchenbau; die Prinzessin hielt sich an -die Thatsache in der offiziellen Zeitung und hielt den alten Korbach -für einen Bekehrten. - -In diesem unentschiedenen Zustande waren die Dinge bei Bernhard’s -Wiedereintritt ins Kloster, und er fand ihn für seine Pläne höchst -ungelegen. - -An seiner Wahl zum Abte nicht mehr zweifelnd hatte er vor, den Antritt -des hohen Amtes durch einen großen, weithin glänzenden ~coup -d’état~ zu bezeichnen. -- Der Thron von St. Martin sollte jetzt -erst aufgerichtet werden, eine neue Aera für das Stift beginnen. -Nicht mehr die grobe Arbeit an der Kultusmaschine, das Segnen der -Wallfahrter, und ebensowenig die Oekonomie, die Anwendung der neuesten -Mästungs- und Düngungsmethoden sollte die Mission des Prälaten des -Waldklosters sein, sondern er mußte Sitz und Stimme in der Konferenz -der hohen kirchlichen Diplomatie haben, -- römisch-katholischer -Staatsmann werden. - -Und hierzu war ein konkordatgemäßer Eclat erforderlich, und ein -schöneres Feld nicht denkbar als die Korbacher Frage. -- Mit der Mine, -welche dort den Protestantismus in die Luft sprengte, flog Pater -Bernhard zugleich in die Sonnennähe der zufriedengestellten höchsten -Hierarchie. Nun herrschte aber dort tiefer Friede, und um ihn zu -brechen, bedurfte es eines ~casus belli~. - -Inzwischen verschlimmerte sich der Zustand des Prälaten, die Aerzte -gaben ihm nur noch Tage. Die Zeit drängte, einen Operazionsplan zu -fassen. Es fehlte dem Prior noch immer das gewisse +Etwas+, die -+Handhabe+. - -Er kannte einen einzigen Mann, mit dem er sich zu berathen gedachte: -- -Kollmann. - -Als dieser seinen Grundbesitz am See, mit Ausnahme des von Knorr -vorweg okkupirten Fichtenkegels, vom Stifte ankaufte, war Bernhard -während der betreffenden Unterhandlung mit ihm öfter in Berührung -gekommen. Sie hatten einander beobachtet und insofern ein verwandtes -Element gefunden, als jeder in dem Andern einen Mann erkannte, der weit -aussehende Pläne verfolgte. - -Während aber Kollmann durch die glänzenden schwarzen Granaten, die -unter den dichten Brauen des Priors saßen, diesen bis auf den Grund -durchblickte, sah Bernhard durch das trübe Milchglas der sogenannten -weißen Augen nicht tiefer als jeder Andere. Kollmann, der jedes Wort, -das er für nothwendig hielt, um seinen Gedanken zu verbergen, in einer -Weise sprach, als kehre er das Innerste der Seele heraus, hatte das -Vertrauen Bernhard’s gewonnen, indem er ihm sagte: „Ich kann keine -schönen Frasen machen, und sage Ihnen geradezu, daß es unverzeihlich -und unverantwortlich ist, daß ein Mann, in dem ich den künftigen -Fürst-Erzbischof sehe, aus Lauheit und Mangel an Selbstvertrauen die -Hände in den Schoß legt, statt die Zügel zu ergreifen.‟ - -Eine feine Schmeichelei hätte den Prior vielleicht stutzig gemacht. -Die ganz plumpe hielt er für keine. Nachdem er sich ziemlich weit -gegen ihn entwickelt, trat Kollmann in sein Schweigen und seine -Unsichtbarkeit zurück. Bernhard gedachte nun seiner Worte: „Sie werden -lange suchen, bis Sie einen Mann finden, der Sie versteht; wenn Sie des -Suchens satt, werden Sie zu mir kommen und finden, was Sie brauchen.‟ - -Nun suchte er ihn auf, -- sprach Anfangs reservirt, im Tone des -Ueberzeugten, von Umtrieben der Feinde des Glaubens in Korbach, -- -innerem Berufe, kräftig einzugreifen. Kollmann erwiederte: „Sie führen -die Sprache eines Missionärs, nicht eines künftigen Kirchenhauptes.‟ -- -Der Prior rückte weiter heraus, bis Jener merkte, daß es sich um den -Mechanismus handle, den man in Korbach spielen lassen wollte, und über -welchen er offenbar nicht im Reinen war. Endlich sagte er: „Ich werde -Ihre Sache machen. Sie fällt mit einer der meinigen zusammen. Beehren -Sie mich in drei Tagen im Freinhofe.‟ - -Der Prior schied mit dem unangenehmen Gefühle einer verlornen -Schachpartie, wenn man sich für den Meister hält. „Beehren Sie mich -in drei Tagen,‟ war eben nicht die Sprache eines „+Werkzeuges+.‟ --- Auch hatte er gegen Kollmann auf eine Weise gesprochen, die -seinem hohen Gönner sehr mißfallen haben dürfte, und fühlte sich -gewissermaßen der Diskrezion seines Alliirten anheimgegeben. - -Dennoch kam er wieder, an jenem Abende, wo Arnold im Freinhofe eintraf, -den er, als ihn Julie vorstellte, beobachtete, ohne sich ihm zu -nähern, um keinem etwaigen Plane des noch nicht anwesenden Kollmann -vorzugreifen. Dieser ließ ihn, wie wir wissen, am nächsten Morgen zu -sich bitten. Er könnte auch auf mein Zimmer kommen, dachte der Prior, -ging aber hinüber. - -„Sie brauchen einen Krieg, begann Kollmann -- ich liefere Ihnen den -Kriegsfall. -- Den Krieg führen Sie auf Ihrem Gebiete, ich unterstütze -Sie auf einem andern. In dieser Angelegenheit ist rasches Handeln -nöthig. Wir dürfen nicht vergessen, daß, wenn dem Protestantismus dort -das Genick gebrochen werden soll, dieß nur geschehen kann, so lange -der alte Korbach Herr ist. Man kann ihm als Katholiken in anderer -Weise beikommen als dem jungen. Nach meiner Ansicht muß die Sache so -angegriffen werden, daß den Gegnern die reichen Mittel zur Durchführung -ihres Prinzipes etwas verkürzt werden. Folglich handelt es sich darum, -sie auf dem industriellen Felde anzugreifen. -- Die Korbacher Fabrik -verdankt aber ihren Wohlstand vor Allem den Staatsbestellungen. -- -Es wird somit eine weitere Aufgabe sein, sie mit den Behörden zu -überwerfen. -- -- Leichter wäre dieß Alles vor der Ankunft des jungen -Korbach gegangen, doch zweifle ich auch jetzt nicht am Gelingen. -- Wir -wollen übrigens als die besten Freunde des Alten auftreten.‟ - -Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Bernhard hierauf den Plan in -Betreff des Schreibens an den Erzbischof entwickeln. -- Er begriff -nicht, welche weittragende Wirkung die kleinliche Intrigue mit dem -Briefe haben solle. Kollmann fuhr fort: „Der Erzbischof ist jetzt mild -gegen Korbach, und Sie brauchen ihn hart. Zweifeln Sie nicht, daß er, -so wenig Gereiztheit er zeigt, mit dem vollen apostolischen Grimm -bewaffnet nach Korbach kommen wird. Zweifeln Sie ebensowenig, daß der -Alte eine Haltung bei der Feierlichkeit annimmt, welche diesen Grimm -steigert. Indessen werden Sie Prälat. Ihr Erstes ist, daß Sie den -Pfarrer abberufen. Der Erzbischof wird einen Hirtenbrief erlassen, mit -dem der Nachfolger Valentin’s auftritt. Es wird zu einem Konflikt, zu -einem +Exzeß+ in Korbach kommen -- ein Paar zerschlagene Räder -und Drahtspulen -- vielleicht auch ein Paar Knochen. Sie fliegen nach -der Residenz -- die Prinzessin, die ganze Partei gibt Ihnen allen -~appui~; -- es kann der Fall eintreten, daß Sie die weltliche -Gewalt requiriren: in vier Wochen können Sie als der Bezwinger des -Protestantismus in Korbach dastehen.‟ Der Prior hatte nun die Wahl, -entweder zu antworten: Herr, Ihr ganzer Plan ist eine reine Infamie, -eine Niederträchtigkeit -- oder einfach und schlecht auf Alles -einzugehen. - -Und +viel zu viele Minuten+ hatte er mit der Antwort gezögert, -um noch als Priester mit einem Donnerworte der gerechten Entrüstung -loszubrechen -- -- mit diesem Schweigen hatte er den +Priester+ -abgelegt -- den +Pfaffen+ angezogen. -- Es war ein historischer -Moment in seinem Leben. -- - -Er begab sich nach der Hauptstadt und es gelang ihm nicht ohne -Mühe, den Erzbischof für die Idee mit dem Briefe zu gewinnen, und -dieß nur dadurch, daß er sie weniger als einen +Prüfstein+ der -anscheinend gebesserten Gesinnungen Korbach’s, als vielmehr als eine -diesem dargebotene Gelegenheit, sie auf solenne Weise auszusprechen, -darstellte. Während er Arnold’s Rückkehr erwartete, wurde er durch die -Nachricht, daß der Prälat nur noch Stunden zu leben habe, nach St. -Martin gerufen. - -Er fand ihn bereits in der Todtenkapelle. Wahrer, tiefer Schmerz lag -auf den Gesichtern der Geistlichen, die um ihn beteten. Als der Prior -mit offizieller Trauermiene an den Sarg trat, niederkniete, ein Gebet -sprach, den Todten mit Weihwasser besprengte, erschienen ihnen die -Tropfen auf dem biedern Antlitz des geliebten Herrn wie Thränen um die -gute alte Zeit des Waldklosters. - -Der Prior begab sich auf sein Zimmer, berief Einen seiner Vertrauten -und ließ sich über die letzten Tage und Stunden des Verstorbenen -berichten. Er vernahm, daß derselbe meistens in halbbewußtlosem -Zustande gelegen, in der letzten Nacht aber plötzlich zu voller -Besinnung erwacht sei. Er habe Papier und Bleistift verlangt, und mit -einer Allen unbegreiflichen Kraft längere Zeit geschrieben, das Papier -zusammengefaltet, von einem seiner Lieblinge, dem jungen Pater Leo, -siegeln lassen, und die Adresse geschrieben, die Niemand gesehen. -Hierauf habe er den Jäger Schellhammer rufen lassen, -- als dieser -eintrat, alle Anwesenden in das Nebenzimmer geschickt, und einige -Minuten mit ihm gesprochen. Der Jäger, der ihm viele Jahre gedient, sei -weinend weggegangen. Der Prälat habe nach Mitternacht alle Geistlichen -zusammenrufen lassen, sie gebeten, sein Andenken in Liebe zu bewahren, -ihm zu vergeben, wenn er einen von ihnen beleidigt, sie gesegnet, -- -dann still gebetet, und sich hinübergelegt. Sie hätten lange Zeit -geglaubt, er schlummere nur. -- Unbegreiflich sei ihnen Allen seine -Geistesklarheit, nach so langem Siechthum, in den letzten Momenten -gewesen. - -Pater Bernhard sandte sogleich in die Wohnung des Jägers. Es erschien -dessen Frau, welche erzählte, daß ihr Mann, als er vom Prälaten -gekommen, schweigend seine Jagdtasche, deren er sich auch auf Reisen -und Botengängen bediente, umgehängt, den Stock in die Hand genommen -und mitten in der Nacht fortgegangen sei; auf ihre Frage: wohin? habe -er nur geantwortet, er komme nächsten Abend zurück. -- Der Prior -überzeugte sich bald, daß die Frau wirklich nicht mehr wisse, und -entließ sie. - -Am frühen Morgen traf ein Schreiben des erzbischöflichen Sekretärs an -ihn ein, welches lautete wie folgt: „Ich habe die Ehre, im Auftrage -Seiner Durchlaucht Hochderen Wunsch zu melden, daß Hochdieselben, -wenn es Gott gefallen sollte, den Herrn Prälaten, wie die Aerzte -vermuthen, in Bälde abzuberufen, das Kapitel zur Erwählung seines -Nachfolgers ungesäumt, ja selbst vor der Bestattung des Verewigten, -zusammenberufen, da bekannte Verhältnisse die Wiederbesetzung des -Stuhles von St. Martin dringend nöthig erscheinen lassen. Es ist ein -neuer Beweggrund, welcher als Ew. Hochwürden bekannt vorausgesetzt -wird, unmittelbar nach Ihrer Abreise hinzugetreten. Womit ich die Ehre -habe u. s. w.‟ - -Der Prior wußte, daß mit letzterem nur die Antwort des alten Korbach -gemeint sein könnte, und gedachte Kollmanns, und dessen richtiger -Berechnung. -- Er ließ Vormittags sämmtliche Geistliche zu sich -berufen, verkündete den Zusammentritt des Wahlkapitels für nächsten -Morgen und versäumte nicht, ihnen in einigen Worten seine Beziehungen -zum Erzbischofe, so wie Alles, wodurch er bereits früher auf sie -gewirkt, zu Gemüthe zu führen. - -Im Laufe des Tages kamen zahlreiche Besuche von Bekannten und Freunden -des Verstorbenen, und Schaaren von Landleuten drängten sich in die -Kapelle, um den allgemein geliebten Herrn nochmals zu sehen. Unter den -Besuchern war auch der Bischof von Rothenau, welches Städtchen eine -halbe Tagereise von St. Martin liegt. Pater Bernhard, der seinen Besuch -erwartet hatte, empfing ihn mit allem Ceremoniell, führte ihn in die -Kapelle, und hatte hierauf eine lange Unterredung mit ihm, worin er die -Grundzüge der in der Verwaltung des Klosters nothwendigen Veränderungen -entwickelte, und ihn um seinen kräftigen Beistand in den bevorstehenden -schwierigen Tagen bat. Der Bischof, wohl wissend, daß der Prior nicht -ohne seine Gründe zu haben, eine solche Sprache führe, betrachtete -und behandelte ihn als künftigen Kollegen, und Pater Bernhard genoß -den Vorgeschmack der Würde mit der ganzen Befriedigung, welche die -Erstlingsfrüchte jedes Strebens gewähren, und welche durch den Genuß -der späteren, wenn gleich reicheren, nicht übertroffen wird. - -Als der Bischof sich zur Abreise anschickte, erbat sich der Prior die -Ehre, ihn bis nach einem, ungefähr zwei Stunden entfernten Orte zu -begleiten, nahm im Wagen des Gastes neben diesem Platz, und ließ den -eigenen, zu seiner Rückfahrt, leer nachfolgen. - --- -- -- Der Tag neigte sich zu Ende. Der vergoldete Thurmknopf -spiegelte die letzten Sonnenstrahlen zurück, und die letzten -Glockenklänge zerrannen im Schweigen des Abends. - -Gruppen der Landleute standen unter den Linden im Klosterhofe. Sie -sprachen über den verstorbenen Prälaten, machten ihre Bemerkungen über -den Prior, von dem sie wenig Gutes erwarteten, -- und wie sie eben mit -traurigen Gesichtern und Manche mit nassen Augen andächtig und scheu -durch die Todtenkapelle am Paradebett vorübergezogen, -- gingen sie -nun, zuerst Einige, dann Alle, in das dem Klosterthor gegenüberliegende -Wirthshaus. - -Der Bauer hält in dieser Gegend den Leichenschmaus, auch wenn ihm Weib -oder Kind stirbt. Er faßt das Sterben überhaupt anders auf, als der -Gebildete: er kennt kein lirisches Raffinement des Sterbens, keine -jener Reflexionen, welche wie Schallgewölbe jeden Schmerzenslaut -zehnfach verstärken. Der Verstorbene „hat es überstanden, -- der -Herrgott hat ihn zu sich genommen.‟ -- Die Arbeit geht fort. -- - --- Nun wendeten die traurigen Zecher die Blicke nach der Bergstraße, -welche von der Waldhöhe über einen Wiesenhang herab nach dem Thore -des äußeren, mit einer niedrigen Mauer umfangenen Hofes führt. Der -klingende Ton des Radschuhes hatte sie aufmerksam gemacht auf die -grüne Kalesche, welche, mit zwei starken schönen Eisenschimmeln -bespannt, nach wenigen Minuten durch den Thorbogen rollte, und vor dem -Klostergebäude hielt. - -Neben dem Kutscher saß der Jäger Schellhammer, welcher absprang und -den Schlag öffnete. Ein junges Mädchen im braunen Reisekleide mit -rundem Strohhut und blonden Wellenscheiteln war mit leichtem Sprunge am -Boden, ohne seiner Hülfe zu bedürfen, und bot nun die Hand dem Vater. --- Einige der Landleute waren aufgestanden und umgaben -- den alten -Korbach, der sie freundlich grüßte. Er kam zwar nur ein- oder zweimal -im Jahre nach St. Martin, aber Viele aus der Gegend kannten ihn und -nannten den Uebrigen den Namen des Mannes, der seines Karakters und -Reichthums wegen in allgemeinem Ansehen stand. - -Die Angekommenen schritten zuerst nach der Kirche, wohin sich Helene -begab, da ihr nach dem Klostergesetze der Eintritt in die sogenannte -Klausur, innerhalb welcher die Wohnungen der Geistlichen liegen, -untersagt ist. Sie wartete daselbst, bis sie der Vater nach der -Todtenkapelle abholen würde. - -Dieser ging durch den Kreuzgang nach dem Refektorium, wo die -Geistlichen um diese Stunde zum Abendessen versammelt waren. - -Die Tafel nahm nur die Hälfte des langen schmalen Saales ein, dessen -andere im Halbdunkel lag. Der alte Korbach trat ein und schritt bis -nahe an den beleuchteten Tisch, bevor ihn Jemand erkannte, -- nun aber -erhoben sich Alle mit dem herzlichsten, freudigsten Gruße, drückten -seine Hand, nöthigten ihn zum Mahle. -- Er nahm seinen Platz neben Leo, -den er als Freund des Prälaten kannte, und sprach: „Ich bin zu mancher -Zeit gekommen, meine hochwürdigen Herren, um Ihre Gastfreundschaft -zu genießen, heute aber komme ich, um die letzte Pflicht gegen Ihren -Prälaten zu erfüllen, mit dem ich zwar selten, aber immer nur in -freundschaftlicher Weise im Leben zusammengetroffen. Ich kann seiner -Bestattung nicht beiwohnen, da ich morgen in Korbach sein muß und noch -in der Nacht zurückfahre. Wenn Sie Ihr Mahl geendet, werden Sie mich zu -ihm führen; ich habe meine Tochter mitgebracht, deren Gebet Sie nicht -für weniger fromm und gottgefällig halten werden, weil sie nicht der -katholischen Gemeinde angehört.‟ - -„Wir halten dafür, sagte Leo, daß jedes Gebet Gott gefällt, das aus -reinem Herzen kommt!‟ - -„So ist es!‟ riefen Andere. -- -- Der Prior war ja mit dem Bischof -weggefahren. -- - -Während der wenigen Minuten, welche die Abendtafel noch währte, sagte -Korbach leise zu Leo: „Ich möchte die Todtenkapelle am liebsten in -Gesellschaft von lauter wahren Freunden des Verstorbenen betreten; ich -höre, daß nicht +Alle+ so denken, wie Sie und Gott sei Dank! die -Meisten.‟ - -„Die vier hier Fehlenden, welche jetzt bei ihm beten, denken wie wir -über ihn, erwiderte Leo, -- die Andern, die Sie begleiten werden, waren -ihm gleichfalls theuer, die es nicht gut mit ihm meinten, gehen nicht -nach der Kapelle, wenn sie nicht die Ordnung des Gebetes trifft.‟ - -Man erhob sich. Korbach ging, von Leo begleitet, nach der Kirche, um -Helene zu holen, von dort durch den dunkeln Gang nach der Kapelle, -wohin außer den das Stundengebet verrichtenden, noch drei andere -Priester gekommen waren. - -Die Flammen von dreißig Kerzen durchstrahlten den heilig stillen Raum. --- Die Wände waren mit schwarzem Tuche bekleidet; mitten erhob sich -auf drei Stufen der Katafalk mit der Leiche in vollem Ornate. Auf den -Zügen des Todten lag der volle Gottesfrieden, mit dem der Gerechte -entschlummert. - -Helene trat an den Sarg, faltete die Hände und sah mit den tiefblauen -feuchten Augen nach den festgeschlossenen des Verstorbenen, dann kniete -sie an den Stufen nieder und betete. - -Die acht Geistlichen standen um sie und den Vater, der gleichfalls -einige Minuten in stiller Andacht das Bild des Friedens und der -Verklärung betrachtete. - -Dann stieg er mit langsamem, festem Schritte die Stufen hinan, stellte -sich dicht neben den Sarg, seine Rechte auf die zusammengefalteten -Hände des Todten legend, und sprach laut und mit feierlicher Betonung: - -„In diesem Raume, meine hochwürdigen Herren, hat wohl nur der geweihte -Priester das Recht, sein Wort vernehmen zu lassen‟ -- die Geistlichen -näherten sich aufmerksam und schweigend. -- „Wenn ich spreche, so ist -es, weil der Mund dessen, für den ich spreche, für immer geschlossen -ist.‟ - -„Was ich Ihnen mittheile, ist so heilig, wie irgend ein Gebet, es ist -das letzte Wort, das der Verblichene an Ihren würdigen Bruder, den -Pfarrer von Korbach gerichtet hat, -- mit welchem er ihm und Ihnen -Allen sein letztes Lebewohl sagt. - -„Es sind die Zeilen, die er auf seinem Sterbebette geschrieben, in -der Nacht seines Todes abgesendet, eine Stunde ehe dieses von echter -Christentugend erfüllte Herz stillgestanden. Ich bin, Sie wissen es, -Keiner von denen, welche vor manchen strengen Augen Gnade finden, -- -man nennt mich einen Freigeist, aber, daß Gott dem Manne, der durch -Monate so selten sein volles Bewußtsein hatte, in der letzten Stunde -die Kraft verlieh, seine Gedanken, sein Gebet für Sie in so herrlichen -Worten niederzuschreiben, das ist nach meinem Gefühl und Glauben ein -+Wunder+ im wahren Sinne und ein Zeichen, daß ihm diese Gedanken -+wohlgefällig+ waren. - -„Vernehmen Sie den Inhalt dieses Schreibens, das ich Ihnen gegen den -Willen des Empfängers -- aber im Geist und Sinne dessen mittheile, den -Sie mit mir beweinen!‟ - -Kein Athemzug war vernehmbar. Alle Blicke hingen an den Zügen des -Mannes, dessen imponirende Gestalt höher, dessen Stimme bewegter wurde, -als er das Papier entfaltete und las: - -„Mein theurer, innigst geliebter Bruder! Nach wenigen Stunden werde ich -Rechenschaft ablegen über mein Amt, vor dem Throne dessen, der es mir -verliehen. Durch Sie bitte ich Alle, die meiner Obhut vertraut waren, -mir ihre Liebe zu bewahren. Ich scheide mit dem innigsten, heißesten -Danke für ihre Treue, und wenn mich Gott aufnimmt in die Wohnung des -Lichtes, so werde ich ihn um Beistand bitten in den schweren Zeiten, -die ihnen bevorstehen. Meine Brüder werden den ersten Kampf zu bestehen -haben bei der Wahl meines Nachfolgers. Mögen sie muthig an ihrer -Ueberzeugung festhalten, unbekümmert um Menschengunst und Drohung. -- -Sie, mein geliebter Valentin, werden vielleicht von den meisten Brüdern -als der Würdigste erkannt werden, wie +ich+ Sie dafür erkenne und vor -dem Allmächtigen nennen würde, wenn er mich von seinem Throne fragte, -wer soll Hirt meiner Herde sein. -- Und somit werden Sie wenigstens -+Eine+ Stimme für sich haben, die aber auf Erden nicht zählt! Wenn aber -unter den Brüdern, was ich zu meiner Beruhigung im Sterben glaube, -Mancher ist, der so denkt wie ich, so werden sie +muthig+ und +treu+ im -+Tode+ zu +mir+ halten, wie es Alle im +Leben+ gethan!‟ - -Mit flammendem Auge, kraftvoller und doch vor Erregung zitternder -Stimme hatte Korbach die letzten Worte gesprochen. - -Nun legte er den Brief auf die Brust der Leiche und schloß: „Ich habe -Ihnen, meine hochwürdigen Freunde, hiemit die letzte Bitte Ihres in den -Frieden vorangegangenen Herrn und Vaters vorgetragen, meine Pflicht -gegen ihn ist erfüllt.‟ -- - -Dann stieg er die Stufen herab, faßte die Hand der Tochter, die -bewundernd und ergriffen den Vater unverwandt angeblickt, den sie nie -mit so hinreißender Begeisterung sprechen gehört, -- und wollte die -Kapelle verlassen; da trat Leo vor ihn hin und sagte: „Nehmen Sie die -Ueberzeugung mit, daß +mehr+ als Einer treu und muthig zu dem -Verklärten hält!‟ „Wir, wir Alle halten zu ihm!‟ tönte es durch den -Raum -- ein achtfacher Widerhall der Einen Stimme, -- die auf Erden -nicht zählte. -- -- -- -- -- -- - -Der grüne Wagen rollte wieder durch das Klosterthor, den Wiesenhang -hinan, -- in den Tannenwald, -- fort durch die sternenhelle Nacht. - -Helene hatte den Arm um den Vater geschlungen und küßte ihn mit -Innigkeit. -- „Ich habe gesprochen, wie es vom Herzen kam, sagte er, -und ich hoffe, es ist zum Herzen gegangen; das sind aber +acht+, --- und im Kapitel werden +vierundzwanzig+ stimmen.‟ -- - -Im Augenblicke, wo dieß gesprochen wurde, waren es nicht mehr acht. -- - -Die in der Kapelle anwesenden Geistlichen hatten als unwiderstehliche -Waffen ihre Ueberzeugung und den Brief des geliebten Herrn, der die -Kraft eines +letzten Willens+ für sie hatte, und den sie Andern -mittheilten. Nur über einfache, schlichte Gemüther konnte die Stimme -des Todten diese Gewalt haben, +mußte+ sie aber auch haben: ein -Abfall von ihm erschien ihnen als eine so feige Sünde, als ein so -schändlicher Hochverrath an der heiligsten, durch viele Jahre mit -Liebe erfüllten Pflicht, daß sie lieber allen zeitlichen Gefahren und -Bedrängnissen ins Auge sehen wollten. -- - --- Etwa eine Stunde nach Korbachs Abreise kehrte der Prior ins Kloster -zurück. -- Er erfuhr, daß derselbe angekommen, in der Todtenkapelle -gewesen und wieder abgereist sei -- mehr nicht. -- Die acht Priester -mußten keine Unwürdigen ins Vertrauen gezogen haben. - -Bernhard sah in der dem Verewigten dargebrachten Huldigung nur einen -neuen Beweis jener Gesinnung, die er wünschte. Er begab sich nach -seiner Wohnung, wollte ruhen, doch heftige Aufregung verbannte den -Schlaf von seinem Lager. -- - -Er trat ans Fenster und sah mit klopfendem Herzen in die ruhige klare -Nacht hinaus. Unter ihm glänzten im aufgehenden Mond die Dächer des -Meierhofes, die Wiesen und Felder... „Dieß Alles soll +dein+ sein --- hatte der Satan zu ihm gesagt, -- wenn du niederkniest und mich -anbetest‟ -- Er +hatte+ ihn angebetet, -- und ehe der Mond wieder -heraufstieg, mußte dieß Alles sein werden! -- - -Es gibt keinen größeren Sprung von Nichts zu Allem, von Unterwürfigkeit -zur Herrschaft, von Beschränkung zu unermeßlichem Reichthume, von -dunklem, unbeachteten Dasein zu glänzender hoher Würde, als in dem -Augenblicke geschieht, wo die Stimmzettel eröffnet werden und aus der -Mitte der Brüder der Eine, der bisher ihresgleichen, als ihrer Aller -Herr hervortritt, vor dem sie sich beugen bis an das Ende seines Lebens. - -Der Prior begrüßte die Sonne noch wach. Nur eine kurze Stunde -fieberhaften Schlummers ließ ihn in wirren Bildern das nächste goldne -Ziel, -- ließ ihn auch ein fernes träumen, zu dem nun die erste Stufe -erklommen. -- - --- -- Am Abende desselben Tages aber stand vor dem Pfarrhofe in Korbach -das schäumende, schweißbedeckte Pferd des Boten, welcher Valentin -einen Brief von Leo überbrachte. Er trug die Aufschrift: „An den -hochwürdigsten Abt des Klosters Sankt Martin.‟ - -Neun Priester hatten für den Prior gestimmt und fünfzehn mit dem Todten -für Valentin. - - - - -Konkurrenz. - - -Der Fehdehandschuh, welchen Arnold’s Vater der Konkordatpartei -hingeworfen, war kein Glacéhandschuh, sondern einer von dickem -Elennsleder mit Eisenschienen und Platten, dessen Klirren durch die -teppichverhangenen Kabinetsthüren der geistlichen und weltlichen -Minister, in die Boudoirs der frommen Damen, ja bis in den Vatikan -drang, da dem Korbacher Metallfabrikanten die Ehre widerfuhr, zum -Gegenstand einer, am Tage nach der Wahl abgegangenen, telegrafischen -Chiffredepesche des Nunzius zu werden. -- Doch nicht die oberen Lüfte -wurden von dem unerhörten Ereignisse aufgewirbelt, auch die unteren -geriethen in Bewegung, natürlich in entgegengesetzter Richtung. -- - -So dicht der Schleier war, welchen die verschwiegene Treue der für -Valentin stimmenden Geistlichen bis zum Momente der Wahl über den -Vorgang gezogen, so wurde er doch unmittelbar darnach gelüftet, und -es hätte nicht des Schreibens Helenens bedurft, welche Arnold in -glühenden Farben das Geschehene erzählte, um ihn von den Einzelnheiten -zu unterrichten. - -Er vernahm sie mit wahrem Entzücken und eilte zu Günther, natürlich -zu spät, um demselben eine Neuigkeit zu bringen, da ihm dieser nebst -einigen Arnold unbekannten Details erzählte, daß der Hofarzt Doktor -Siebenberg nach St. Martin telegrafirt worden sei, um den Prior, -welcher nach Eröffnung der Stimmzettel aus dem Kapitelsaale getragen -werden mußte, der Menschheit zu erhalten. -- - -Günther goß einige kalte Ströme in Arnold’s Freudenfeuer. „Ihr Herren -von Korbach‟, sagte er, „seid umgekehrte Don Quixotes. Dieser hielt die -Windmühlen für Riesen, und Ihr schlagt mit Euern Messingstangen auf -Riesen los und haltet sie für Windmühlen. Fürs Erste müßten sie mit -ihrem kanonischen Recht, welches nach Umständen bald von Gußeisen und -bald von Kautschuk ist, schlecht umzuspringen wissen, wenn sie nicht -den ganzen neuen Prälaten, sammt allen seinen Stimmen aus der andern -Welt, über den Haufen würfen. Fürs Zweite könnt Ihr nun warten, bis -Ihr von einer landesfürstlichen Behörde eine jener großen Bestellungen -bekommt, welche Euch eigentlich zu Millionären gemacht haben. Endlich --- und das ist das Wichtigste von Allem, und ich hätte dich jedenfalls -noch heute aufgesucht um es dir mitzutheilen -- ist Etwas vorgefallen, -was nun wenigstens auf einen Theil der gegen Euch spielenden Maschine -helles Licht wirft. -- Ich war gestern mit dem Notar Reichl zusammen, -und brachte das Gespräch auf das Korbachthal. Du kennst das Altenberger -Metallwerk, welches -- merke wohl, um +fünf+ Stunden näher an der -Südbahn liegt als Ihr. Dieses Altenberg mit seiner halbverfallenen -Fabrik ist verkauft worden, Reichl hat den bereits unterzeichneten -Kontrakt gemacht, und der Käufer ist -- Kollmann.‟ - -Nach einigen Augenblicken, die er Arnold gönnte, um sich von einer -Ueberraschung, die ziemlich nahe an Bestürzung grenzte, zu erholen, -fuhr Günther fort: „Der bisherige Besitzer von Altenberg, Richtmeyer, -bis über die Ohren verschuldet, hat Euch keine Konkurrenz gemacht; -nun laß aber einen dort sitzen, der die Sache angreift, der bauen und -Maschinen aufstellen kann, und zugleich in den obern Regionen gut -genug angeschrieben ist, um die Staatsbestellungen wegzuschnappen, -so könnt Ihr in zwei Jahren auf Euren englischen Walzen Tannenzapfen -auswalken und im Drahtzug Prälaten strecken -- Ihr habt bisher das -Terrain behauptet nicht weil Ihr besser und wohlfeiler arbeitet, -sondern zufolge des büreaukratischen Schlendrians, weil es nun einmal -seit zwanzig Jahren herkömmlich, in Korbach zu bestellen. Einmal -aus dem Sattel gehoben, kommt Ihr zufolge desselben Schlendrians -nicht wieder hinein, -- und die höchst rühmliche, in den Augen jedes -honetten Mannes bewunderungswürdige Handlung deines Vaters ist für -den Besitzer von Altenberg, wenn er anders dem technischen Theile -gewachsen, gleichbedeutend mit einer feierlichen Uebertragung der -Regierungskundschaft von Euch auf ihn!‟ - -Arnold war hinlänglich besonnener praktischer Geschäftsmann, um das -volle Gewicht der Wahrheit in Günther’s Worten zu würdigen. Er übersah -mit einem Blick die Bedeutung der Lage. - --- -- Er gedachte jenes Abends, wo er vom Professor Harkeboom nach -Berührung der kalten Marmorhand in so heißer Kampflust weggegangen und -die grüne Kriegsfahne des Profeten gegen unsichtbare Gegner entfaltet. -Vergebens hatte er geharrt und gehofft, daß sich irgend ein feindlicher -Helmbusch durch den Nebel zeige, hatte zehn Pläne gefaßt und verworfen --- alle liefen mehr auf ein Zerhauen, als Lösen des Knotens hinaus; -seine Natur trieb zu offenem Handeln auf geradem Wege. Bald wollte er -nach dem Freinhof, Julie geradezu fragen, wo das Ende der Kette, die -sie umschlinge, -- bald Sembrick aufsuchen, dessen kaltes Ablehnen ihn -umsomehr verletzte, je länger die eigene Spannung währte. Er sah jedoch -den gelinden Wahnsinn ein, das Geheimniß aus dem Christuskopf mit -Schwert und Feuerschlund heraustreiben zu wollen. Als dann die beiden -Briefe vom Prior und Blauhorn kamen, war er Anfangs uneins, ob das -Schwungrad dieser Maschine von einer Engelshand oder einer Teufelsklaue -in Bewegung gesetzt werde. - -Eine Einladung in den Reichssenat und das eventuelle Versprechen -eines päpstlichen Ordens unter einer Bedingung, die Jedem, der seinen -Vater nicht genau kannte, ganz annehmbar erscheinen mochte, waren -doch wahrlich an sich keine +feindseligen+ Handlungen. -- Als -die Teufelsklaue erkennbar wurde, als gewiß war, daß zwar Alles vom -Freinhofe, aber eben so gewiß, daß es nicht von Julie ausgehe, stieg -ihm auch der Gedanke auf, gerade vor Kollmann hinzutreten, ihn zu -fragen, welche Schurkerei hinter den seinem Vater zugedachten Würden -und Ehren stecke -- -- ihn einfach zu fordern.... Allerdings durchschoß -die Kugel, welche Kollmann hinstreckte, auch jedes Band mit Julie, --- aber war dies nicht das +alleruneigennützigste+ Handeln für -sie, -- Befreiung ohne Hoffnung eines Lohnes? -- da er immer von der -Meinung ausging, daß Nichts als eben eine sehr „unglückliche Ehe‟ im -gewöhnlichen Sinne ihr Los, obgleich Sembrick im Gespräche mit ihm -gesagt, es handle sich um „etwas mehr.‟ -- -- -- - -+Nun+ war die +Ungeduld befriedigt+! - -Er war bei aller Entschlossenheit von der plötzlich demaskirten -feindlichen Aufstellung überrascht... Nicht eine romantisch kostümierte -Banditenschar, die durch den raschen Angriff eines Husarenpiquets -zersprengt oder gefangen wird: eine mit allem Bedarf ausgerüstete -Armee, deren Kriegszweck in weitester Ferne der +Ruin+ seines +Hauses+, -die +Vernichtung+ seiner materiellen +Existenz+, stand ihm entgegen. - -Mehr als einmal hatte Sprenger zum Ankaufe Altenbergs gerathen. -Sein Vater hatte eingeworfen, Richtmeyer könne keine neue Maschine -aufstellen, mit den alten nichts Großes unternehmen und wenn er jetzt -für die verschuldete Besitzung 60,000 Gulden verlange, werde noch ein -Moment kommen, wo er froh sein werde, die Hälfte zu erhalten. -- In -der letzten Zeit hatte das Werk völlig stillgestanden. Man sprach vom -Konkurse. Der alte Korbach hielt nun den Zeitpunkt für passend, ließ -sich nach den Disposizionen des Besitzers erkundigen, und hörte, daß -Richtmeyer rangirt werde, -- die Fabrik als solche aufgeben, das kleine -Gut aber bewohnen und bewirthschaften wolle. Damit schien alle Gefahr -beseitigt. - -+Noch+ war wenig zu besorgen, wenn nicht die Fehde mit Kirche und -Staat dazwischenkam. -- - -Der alte Korbach hatte Minister- und Sistemwechsel, Revoluzion und -Reakzion erlebt, und dem alten festgegründeten Bau seines Kredits war -kein Stein ausgebrochen, an seinen Verbindungen mit den bei den großen -Lieferungen maßgebenden Behörden nichts gelockert worden. -- Er war bei -vielen Gelegenheiten entschieden, ja schroff aufgetreten, aber sein -Karakter und die Solidität seiner geschäftlichen Gebahrung hatten das -alte Monopol der Korbacher Werke trotz kleiner persönlicher Reibungen -und trotz der ihm seit Jahren feindlichen Gesinnung der ultramontanen -Partei aufrecht erhalten. Als er selbst nach einem Konflikte mit dem -Minister, aus Anlaß der erwähnten Eingabe über den Freihandel, im -Besitze aller Aufträge blieb, stieg seine Zuversicht noch höher. - -Das Alter wird den Mann entweder zu mißtrauisch gegen seine Kraft und -sein Glück machen, oder allzu zuversichtlich, je nachdem er auf mehr -zur Frucht gereifte, oder auf mehr in der Blüte geknickte Hoffnungen -von der Warte seiner sechzig Lebensjahre herabsieht. -- - -Die lange Reihe von erfolggekrönten Bestrebungen ließen ihn keinen -Gegner mehr fürchten. Fast hätte er sich mit seinem ältesten, treuesten -Freunde überworfen, als dieser mit der höchsten Entschiedenheit gegen -die protestantische Einwanderung auftrat. „Das ist der Anfang vom -Ende,‟ hatte Sprenger gesagt -- „ist dein russischer Feldzug. Die -Kirche ist wie Rußland, -- verbrennt ihr eignes Moskau, wenn sie den -Gegner nicht anders bezwingen kann.‟ - --- -- Arnold schrieb die wichtige Nachricht sogleich nach Korbach. Die -kurze Antwort lautete dahin: „die Altenberger könnten vor einem Jahre -ohnedem nicht arbeiten; der bis dahin wahrscheinlich fertige Flügel der -Westbahn nach Korbach paralisire den Vortheil, den jenen die Südbahn -gewähre. Die Fabrik habe andere Zeiten und Konkurrenten ausgehalten.‟ - -Dieser Auffassung gegenüber war Arnold’s Weg klar vorgezeichnet. Er -konnte über seine Aufgabe nicht in Zweifel sein: nach Kräften in jenen -Richtungen ausgleichend zu wirken, wo das Naturell und die unbeugsame -Haltung seines Vaters Verwicklungen herbeigeführt. -- So sprach er zu -sich als Sohn. Ein Fremder würde es rücksichtsloser so ausgedrückt -haben: der junge Korbach fühlte, daß er +gut machen+ sollte, was -der Alte +verdarb+, -- den Schaden abwenden, den die übrigens -respektable Hartnäckigkeit desselben zu verursachen drohte. - -Dieß war leicht begriffen und schwer ausgeführt. - -Er kannte außer Günther Niemanden, mit dem er sich berathen wollte. -Den sehr gewandten und treuen Geschäftsführer, der den kommerziellen -Theil aufs Gründlichste verstand, glaubte er so wenig als irgend einen -Andern in die neuentstandene Situazion zu früh einweihen zu sollen: -es war dieß einer jener Gegenstände, welche zu einer Macht werden in -dem Augenblicke, wo man sie bespricht und anerkennt. Sprach Korbach -eine Besorgniß aus, so war sie für den Zweiten Furcht, für den Dritten -Eingeständniß, der Konkurrenz nicht gewachsen zu sein. - -Mit seinem Freunde hatte er desto häufigere Unterredungen. Sie kamen -fast täglich in dessen Wohnung zusammen. - -Günther hatte ein mit echten, alten, durch viele Jahre mit Kennerblick -gesammelten Stücken eingerichtetes Zimmer. Den Raum an den Wänden, -welchen die geschnitzten Kasten und Kästchen frei ließen, deren -Oberfläche mit lauter antiken Seltenheiten bedeckt war, nahmen Gemälde -ein, und durch alle Zwischenräume in den Ecken, an den Fenstern, -schlängelte sich üppiger Efeu empor. -- +Einiges+ mahnte an -Sembrick’s Salon -- aber ins Wohnliche, Traute, Gemüthliche übersetzt. --- - -Die Freunde saßen auf einem mit Rohr ausgeflochtenen hochlehnigen -Sofa, das sich in rechtem Winkel um den massiven Tisch von natürlicher -Holzfarbe bog -- -- und entwarfen Schritt für Schritt ihre -Operazionspläne. - --- „Wie stehts mit dem Marine-Kommando?‟ begann Günther. - --- „Ich habe heute mit Bianchi gesprochen, der das hiesige Haus der -Franchini führt, durch welches das Kommando Alles verhandelt. Bianchi -stellt viele weitere Aufträge in Aussicht. Die jetzigen betreffen die -breiten Messingplatten.‟ - --- „Mit denen können die Altenberger mit ihren dermaligen Maschinen -nicht aufwarten. Aber wenn dein Vater sich mit der gesammten -Geistlichkeit und Staatsgewalt überwirft, so wird die Letztere, da kaum -eine Fabrik außer Eurer darauf eingerichtet ist, mit dem Auftrag nach -England gehen.‟ - --- „Das geschieht nicht, so lange Prinz August Ernst das -Marine-Kommando führt, der entschieden darauf besteht, die einheimische -Industrie nicht zu übergehen. Aber die weiteren Aufträge sind solche, -die jedes gewöhnliche Walzwerk ausführen kann, und für diese fürchte -ich. Ich bin entschlossen, nach -- (wir nennen nicht die südliche -Hafenstadt, wo das Marine-Kommando seinen Sitz hat) zu gehen, und habe -dem Vater um Erlaubniß geschrieben.‟ - --- „Ich verschaffe dir Briefe, die dich gleich auf den rechten -Boden stellen. Du darfst nicht als Ansuchender kommen, sondern -an einem Draht von oben herabgelassen. Von +oben+ heißt für -Franchini von Rothschild. Bis übermorgen hast du das zärtlichste -Empfehlungsschreiben, worin dieses Haus jemals eine Anweisung auf seine -Liebe ausgestellt hat.‟ -- - --- „Vielen Dank. Ich gedenke aber zum Prinzen selbst vorzudringen, kurz -zu sagen, daß wir jeden Auftrag als gute Patrioten billiger als jeder -Andere vollziehen, daß das Vermögen meines Vaters ihm erlaube, nicht -auf Gewinn, sondern auf die Ehre zu sehen u. dgl.‟ - --- „Das wird dir Alles nichts nützen, wenn du nicht den festen Kontrakt -schneller in die Hand bekommst, als man von hier aus operirt. Ihr seid -jetzt die ~bête noire~ der ganzen Coterie -- seid plötzlich so -berühmt, daß selbst die Prinzessin, die Mersey, Plomberg‟ -- -- - --- „Plomberg? wie kommt der dazu?‟ - --- „Der Husarenoberst ist der Vetter des Baron Heidenbrunn, und dieser -der Adjutant des Prinzen Ernst August. Plomberg hat jedenfalls Einfluß -dort. Uebernimm auf ein halbes Jahr die Rolle der alten Mersey und -zahle seine Schulden, so hast du ihn mit Haut und Haar!‟ - --- „Nicht, wenn ich ihn um einen Gulden haben könnte. Das ist kein Weg -für einen Korbach.‟ - --- „Lieber Arnold, mein Gewissen ist um nichts elastischer als deines! -Das ist reine Geschäftssache. Wenn ein solcher Kerl ~licitando~ -zu haben, so lizitire ich mit, wenn ich weiß, daß er sich sonst der -Gegenpartei verkauft. Wenn ich mit einer Handvoll Banknoten vielleicht -eine niederträchtige Intrigue vereiteln kann, so ist das ein Weg, -welchen Die von Korbach so gut wandeln können, als Der von Günther!‟ - --- „Nenne es Caprice, aber wir überlassen einmal, eben als gute -Bürgerliche, den geschlossenen Helm dem Adel und fechten nur mit -offenem Visir. Mit Plomberg habe ich Nichts zu thun.‟ - --- „Auch gut. Aber bei Wörlitzer kannst du dich mit offenem Visir -vorstellen; die Westbahn, von welcher er Direktor ist, kann für Euch -höchst wichtig werden. Mich hat er im kaufmännischen Verein zehnmal -geladen, und ich lasse mir jedesmal wieder seine Adresse geben. Nun -gehe ich hin, und nach deiner Rückkehr stelle ich dich vor.‟ - --- „Auch dieser ist mir höchst antipathisch.‟ - --- „Vielleicht, weil du dort mit Sembrick zusammentreffen wirst?‟ - --- „Das vergaß ich. Jetzt gehe ich jedenfalls hin. Ich +muß+ ihn -treffen, damit wir wenigstens ordentlich auseinander kommen. Die Art, -wie wir uns verlassen haben, kann wohl nicht füglich ein letztes Wort -vorstellen.‟ - --- „Wenn du vielleicht bloß zu Wörlitzer gehen willst, um den Salon -des Banquiers als Turnierplatz mit Sembrick zu benutzen, so laß dich -gefälligst von Jemand Anderem vorstellen.‟ - --- „Besorge Nichts! Ich weiß nur nicht, was es nützen soll, -- der -Minister des Innern ist das personifizirte Konkordat, und jedenfalls -schon prävenirt.‟ - --- „Was ihn nicht verhindert, seine Fonds durch einen Juden verdoppeln -zu lassen, der viel zu klug ist, um sich nicht wärmer für Euer -gegenwärtiges Korbach, als für die Altenberger Zukunftsmusik zu -interessiren. Wenn du die ganze Geschäftswelt auf deiner Goldwage wägen -und dich mit Niemandem einlassen willst, der nicht in +unserm+ -Sinne korrekt, so nimm lieber heute als morgen die Tafel von Eurer -Niederlage ab!‟ - -Arnold war bei aller Korrektheit praktisch genug, um sein Prinzip nicht -auf die Spitze zu treiben. - --- „Mit den Geistlichen, fuhr Günther fort, ist jetzt nichts zu thun; -du kannst deinen Vater nicht desavouiren.‟ - --- „Um so weniger, als ich ihm vollkommen Recht geben muß.‟ - --- „Wann willst du reisen?‟ - --- „Sobald die Antwort von Korbach eintrifft.‟ - --- „Lasse mich’s wissen, ich hole dich dann ab, und begleite dich die -zwei Stunden bis Treustadt, wo ich ein Geschäft habe, das an keinen Tag -gebunden ist. Und nun noch ein Wort in alter Aufrichtigkeit: Sprichst -du von dem, was dir bei der ganzen Sache am +tiefsten+ zu Herzen -geht, seit drei Tagen keine Silbe, weil du mich nicht für fähig hältst, -dich zu begreifen?‟ - --- „Ich spreche nicht davon, sagte Arnold, indem er die Farbe wechselte -und Günthers Händedruck mit krampfhafter Heftigkeit erwiderte, weil ich -dir kein Bild aufrollen will, das dir zeigen würde, wie diese ganze -geschäftliche Besonnenheit eine eiserne Maske ist, hinter der mir, ich -schäme mich nicht, dir’s zu sagen, oft blutige Thränen herabrollen. Es -wird eine Zeit kommen, wo ich wieder sprechen kann, jetzt bin ich nicht -falsch gegen dich, sondern gegen mich selbst. Ich belüge mich den Tag -über, und lasse die Wahrheit für die Nacht.‟ - --- -- Und die Nacht war Zeuge, wie unter all’ den grellen Mißtönen, -die von allen Seiten auf Arnold eindrangen, das Herz nicht verstummt -war, -- seine Stimme war keine weichliche Wehklage, aber ein -Schmerzensschrei, der, keinem Andern vernehmbar, in ihm doch Alles -übertönte! -- - --- In welcher lichten verklärenden Höhe hatten die ersten Lerchen -dieser Liebe gesungen! -- Julie, das räthselhafte, reizende Weib, so -+ganz anders+ als Alle, denen er begegnet, -- die mit einem ihrer -tiefen innigen Blicke größere Seligkeit schenkte, als Andere mit dem -glühendsten Kuß, -- und deren Händedruck doch +weniger+ Rechte zu -gewähren schien, als ein freundliches Lächeln einer Andern! -- Julie, -die auf dem Felsengipfel unter den Wetterwolken gebetet, -- und dann -unter den rothen Mohnblumen hervorgelächelt und durch Scherz und frohe -Anmuth entzückt! Wie lagen für ihn Alle so tief in der Fläche der -Alltäglichkeit, neben +ihr+, die ein dunkles Geschick mit allem -Zauber des Geheimnißvollen umhüllte, -- und die es zu tragen schien -vor den Augen der Andern, als drückten nur Rosen auf das weiche dichte -Haar, -- und nur in einsamer Stunde hinsank, sich windend unter den -scharfen Dornen. - -Und +was+ war nun aus dem Goldnebel am See hervorgegangen! - --- Arnold war keiner von denen, die „wild auffahren,‟ -- knirschen, --- im Selbstgespräche an die Stirn schlagen, -- -- er saß nach -vollbrachtem Tagewerke schweigend, in Schmerz versunken, an dem Platze, -wo er Günther den Abend im Schweizerhause erzählt. +Jedes+ Ausdrucks -war sein Mund eher fähig, als jenes des +Hohnes+, aber mit bitterem -Spotte lächelte er, -- -- als er +der+ Julie gedachte in Verona, und -Romeo’s! des großen Kampfes der alten Häuser um Macht und Ehre! -- -Wie edel die Waffen! das Schwert, -- selbst der Dolch, -- selbst das -Gift, -- -- +Alles+ noch +groß+ und +edel+!.... Und nun auch hier zwei -Häuser: -- -- -- „Kollmann und Kompagnie‟, -- „Korbach und Sohn‟. -- -- -Statt Schwert und Dolch: Messingstangen und Kupferplatten... Nie hat -die plumpe Tatze des gemeinsten Materiellen in kaum erschlossene Blüten -roher hineingegriffen. -- - -Wie oft hatte er gelacht über das „Ich und Nicht-Ich‟ der Gott und -Welt zerdenkenden Schule. Nun gewann es +ihm+ einen Sinn. Nun begriff -er die Trennung, den Abgrund zwischen dem +Ich+ und jener +zweiten+ -selbstständigen, unbezwinglichen Macht in uns, welche Gedanken schafft, -von denen das Ich nichts hören, -- Bilder aufsteigen läßt, welche -der Wille zertrümmern möchte -- vergebens! Wie jener Fromme der -Legende vom bösen Geiste gezwungen war, Gott zu lästern, und dabei -das sündige Wort im Herzen verfluchte, das seine Lippen gegen seinen -Willen sprachen, -- so rang Arnold gegen +Gedanken+, welche +Wolke+ -auf +Wolke+ um +Juliens Bild+ legten, -- er konnte das seelenvolle -Feuerauge nicht mehr +klar+ schauen -- sie stand nicht mehr vor ihm, -so fleckenlos wie die frisch erblühte Blume, kristallrein wie der -Bergquell. - -Und doch sagt’ ihm das treue +alte+ „Ich‟: Entweder einen reinen Himmel -mußt du glauben, oder eine Hölle. Sie kann nur um +Alles+ wissen, oder -+Nichts+. - --- -- In solcher Stimmung, welche dießmal auch der helle schöne Morgen -nicht zerstreute, traf ihn Günther, als er ihn, nachdem die Genehmigung -des alten Korbach angelangt, zwei Tage später abholte, um ihn bis -Treustadt zu begleiten. Ein Blick auf die verstörten Züge des Freundes -verrieth ihm dessen Gemüthszustand. - -„Ich bringe den Brief an Franchini und noch zwei andere,‟ -- begann -er, „und damit du nicht die Energie verlierst, deren du bedarfst, nimm -dich zusammen und hänge nicht Gedanken nach, welche entschieden keinen -Grund haben. Du weißt doch, daß +ich+ Anfangs keine Kränze für diese -vielbesungenen schwarzen Locken geflochten, die leider Gottes deine -ganze Existenz umspinnen, ich sage dir aber eben so, daß, wenn diese -Frau mit +Kenntniß+ der +Sache ihre+ Hand in dieser Intrigue hat, ich -mir die meine abhauen lasse! Du kannst in dem Ganzen höchstens einen -Sporn für deine Thätigkeit finden. Hoffentlich wirst du doch kein -Bedenken tragen, gegen Kollmann, weil er ihr Gatte, ein geschäftliches -Duell zu bestehen, da dir gewiß ein anderes ein Vergnügen wäre? Frisch -ans Werk! und nochmals: Zweifel an dieser Frau in dem Sinne, wie ich -jetzt bei dir vermuthe, sind geradezu wahnsinnig.‟ - -Der Ton der Ueberzeugung verfehlt seine Wirkung gewiß nicht, wenn das -Gesagte mit dem Herzenswunsche des Zuhörers zusammenfällt. - -Arnold erwiederte: „Es ist nicht der eine und nicht der andere Gedanke, -sondern der gesammte Karakter der Fehde, der mich durch den Kontrast -des Gemeinsten mit dem Edelsten peinigt -- lieber als dieses elende -Gebalge mit einem im Trüben fischenden Fabrikskonkurrenten wäre mir -wahrlich gewesen, wenn ich einen Kampf zu bestehen gehabt, um einem -+wirklichen+, schwarzen +Verbrecher+ die Maske abzureißen!‟ - --- „Aber lieber Freund, man muß immer das Beste hoffen! Wer weiß, ob -nicht die Konkurrenzschleicherei zu Kollmanns läßlichen Sünden gehört? -Ich habe immer die Idee, daß in der Geschichte dieses Menschen ein -Blättchen ist, das er nicht gern vor dem Kriminalgericht herablesen -möchte.‟ - --- -- Arnold hatte der heitern Stimmung, in welcher sein Freund -gekommen, nicht ganz widerstanden. -- Sie waren nun zur Abreise fertig. --- - -Wir finden sie eine Viertelstunde später im Waggon, wo sie kaum -Platz genommen, als Günther sagte: „Deine Reise beginnt unter guten -Auspicien, der Wind weht vom Freinhof her! Da unten, ganz am Ende des -Wagens, sitzt die Zeltner! Die fährt jedenfalls wieder irgendwohin, um -die Angelegenheiten ihres Mannes revidiren zu lassen. Aber ein hübsches -Weib, -- das muß man ihr und dem Grafen Greuth lassen. Dieses röthliche -Blond! dieses prachtvolle Weiß!‟ - -Arnold erkannte die Blondine vom Freinhof. Sie reiste ohne Begleitung. -Einiges Handgepäck, der blaue Schleier, die Reisetoilette ließen auf -ein weiteres Ziel der Fahrt schließen. -- - -„Willst du wetten,‟ sagte Günther nach einigem Nachdenken, „daß die -Blonde mit dir reist, bis an den Ort deiner Bestimmung? +Ihre+ -Bestimmung aber ist der Prinz August Ernst. Ich habe den Spektakel -im Theater mit angesehen, als er zwei Monate lang hier war. -- Sie -hatte einen Sperrsitz unter der Hofloge, und die Augen des Prinzen -gebrauchten förmlich russische Bäder: von den feurigen Haaren in die -Schneeflächen, die sich von Oben ganz prachtvoll ausnehmen mußten, -und vom Schnee wieder ins Feuer. Sie führte mit der Spitzenmantille -ganze Schicksalsdramen auf, mit glänzender Beleuchtung ihres äußern -Schauplatzes. Und das wallte und wogte so fort acht Tage lang, bis -endlich der Adjutant des Prinzen, der Baron von Heidenbrunn, am Ausgang -wartete, bis die Zeltner in einen Wagen stieg, worauf er sich in den -zweiten warf und nachfuhr. Seit diesem Abende habe ich sie nicht mehr -im Theater gesehen. Der Krieg scheint lokalisirt. Wahrscheinlich reist -sie, da vom Grafen Greuth keine Strafermäßigung Zeltners mehr zu -erwarten, dem Prinzen nach, wird aber gegen das südliche Element schwer -aufkommen.‟ - -Die Besprochene machte auf jeder Stazion mit ihren Augen die Ronde -durch den Waggon, um den Zuwachs der Gesellschaft zu kontrolliren, -und begegnete einem jener ruhigen, hellen Blicke Günthers, welche -so oft den feurigen oder schmachtenden Pantomimen Anderer ans -Ziel vorausgeflogen waren. Sie erwiederte ihn einen Moment, -sah dann anscheinend gleichgültig weg, -- allein die Begegnung -wiederholte sich, da zwei Augenpaare im Raum eines Waggons entweder -+stillsitzen+, oder auf ihrer Promenade +zusammentreffen+ -müssen. - -Arnold war nicht aufgelegt, dem Geplänkel eine besondere Theilnahme -zu schenken, mußte aber doch lachen, als er Günther plötzlich einen -wirklich beredten, ganz ernsthaft zärtlichen Blick absenden und darauf -die Augen wie verwirrt senken sah, -- worauf er sich gegen Arnold -herumwandte und hinter dem abgenommenen Hut das bekannte gemüthliche --- Teufelsgesicht schnitt und sagte: „Die Zeltner hat mich vor der -Hand bloß bezaubert, wie die Klapperschlange, bis Treustadt hoffe ich -umstrickt zu werden.‟ - --- „Hast du alles Ernstes vor, da Etwas anzuknüpfen?‟ - --- „Angeknüpft ist bereits; ich möchte nur wissen, was sie immer im -Abgrund des Raumes sucht und findet und wieder versteckt? Ein Flacon! -sie leidet; nach der ungewöhnlichen Blässe könnte es sogar wahr sein.‟ - -Frau Klotilde Zeltner hatte in der That mit der ihr gegenübersitzenden, -wie es schien fremden alten Frau einige Worte gesprochen, sich dann -zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Die Stirnfalte und das -Eindrücken der schönen Zähne in die Unterlippe verriethen einen -heftigen Schmerz. -- Ihre bei aller Fülle schlanke und ebenmäßige -Gestalt beseitigte die Vermuthung, welche sich Günther bei den -ersten Simptomen des Unwohlseins aufdrang. Er sah, daß keine jener -Katastrofen drohte, welche manchmal auf Eisenbahnen und Dampfschiffen -eine Ungleichheit in der Zahl der ursprünglich eingestiegenen und der -aussteigenden Passagiere veranlassen. -- Vielleicht wenn die Fahrt -sechs Monate gedauert hätte..... Vor der Hand war es eben nur eine -vorübergehende „Störung des Organismus.‟ - -Auf der nächsten Stazion rief Günther nach einem Glas Wasser, -präsentirte es ihr mit ernster, theilnehmender Miene, und zog sich ohne -ein Wort zu sprechen zurück, nachdem sie ihm mit schmachtendem, trüben -Lächeln gedankt. - -Als der Train wieder in Bewegung war, sagte er: „Lieber Freund, reise -glücklich und nimm hier mein Lebewohl! -- ich werde zwar neben dir -stehen bleiben, -- weiß aber nicht wie lange --, jeder Augenblick kann -uns trennen, wenn die Pflicht ruft.‟ - -Arnold sah, daß sein Freund heute unter besonders heitern Sternen -aufgestanden, und erwiederte das Lebewohl. Er beneidete ihn zwar nicht -um die Weise, wie sein glückliches Temperament zur Geltung kam, aber -doch um dieses selbst, und sah der Entwicklung der Dinge zu. - -Günther winkte den Kondukteur zu sich und sagte: „Diese Dame dort ist -sehr unwohl; halten Sie sich etwas in ihrer Nähe auf, und wenn Sie -bemerken, daß es sich wieder verschlimmert, so sagen Sie, daß ein -Doktor im Waggon ist. Ich will mich nicht selbst anbieten und möchte -doch gern helfen... Sie verstehen das schon.‟ - -Der Kondukteur verstand jedenfalls den Gulden, der ihm in die Hand -gedrückt wurde. Nach einigen Minuten sah man ihn mit der Frau sprechen -und Günther wurde, unmittelbar nach seiner Promovirung zum praktischen -Arzte, zu seiner ersten Patientin gerufen. - --- „Ich vernehme, daß Sie Arzt sind?‟ sagte Klotilde Zeltner. - --- „Ich bin, -- erwiderte Günther leise -- ein solcher, dessen -Spezialität eben ausschließlich die Behandlung von Frauenzuständen ist, -und werde das größte Vergnügen finden, meine Berufspflicht an Ihnen -nach meinem besten Wissen auszuüben.‟ - --- „Darf ich wohl um Ihren Namen bitten?‟ - --- „Ich heiße Günther, -- nicht zu verwechseln mit einem hochberühmten -Arzte unserer Residenz, mit welchem ich mich jedoch, ohne -Ruhmredigkeit, gerade in +meinem+ Fache messen darf. Da uns -Niemand als diese freundliche Frau uns gegenüber hören kann, so bitte -ich, meinem kurzen Examen mit vollster Unumwundenheit zu folgen.‟ - -Arnold sah aus seiner Ferne Pulsfühlen und ernstes Kopfschütteln, ein -schnelles Vorzeigen der Zungenspitze, -- sah Günther mit bekümmerter -Miene einen Augenblick zwei Finger auf die Stirn der Leidenden legen, -um deren Temperatur zu erforschen, konnte aber natürlich nicht hören, -daß das Examen mit der kategorischen Erklärung schloß, daß von -Weiterfahren über Treustadt hinaus durchaus keine Rede sein könne, -sondern daselbst abgestiegen, ein Pulver genommen, geruht, und der -Abendtrain abgewartet werden müsse, bei Vermeidung unberechenbarer -Folgen. - -Frau Zeltner machte viele Einwendungen; sie hatte Gepäckstücke -aufgegeben, welche nach der Hafenstadt adressirt waren. Günther -erklärte ihr, daß sie dieselben dort im Magazine finden werde, -unterwegs aber derselben nicht bedürfe. Er werde in Treustadt für -Unterkunft und Medikamente sorgen, sie wieder zum Train begleiten, -kurz Alles leisten, was einem Arzte obliegt, dem es nicht nur mit dem -wissenschaftlichen, sondern auch mit dem humanistischen Theile seines -Berufes Ernst ist. - -Als der Train in Treustadt anlangte, schien Klotilde volles Vertrauen -zu dem Heilplane Günther’s gefaßt zu haben. Sie verließ, auf seinen -Arm gestützt, den Waggon, und Arnold sah sie zusammen eine der -bereitstehenden Lohnkutschen besteigen, welche durch die, nach dem -nahen Stadtthore führende Allee hinabrollte und in letzterm verschwand. --- - -So bedenklich es scheinen mag, wollen wir ungescheut unserem ärztlichen -Freunde folgen, und lassen Arnold jeden beliebigen Vorsprung nach -dem Hafen, wohin wir ihm auf dem, Dampf und Elektrizität hinter sich -lassenden Zauberteppich, den jeder Autor besitzt, leicht zur rechten -Stunde nachfolgen. - -Die drei Gaben der Prinzen Ali, Achmed und Hussein scheinen nach -deren Ableben in Hunderttausenden von Exemplaren auf die gesammte -Autorenwelt übergegangen zu sein. Ein Verfasser bittet seinen Leser, -einen Augenblick neben ihm auf dem überall hin versetzenden Teppich -Platz zu nehmen und führt ihn, zwischen Ende und Anfang zweier Zeilen, -ohne Erschütterung und Paßplackerei von Moskau nach Lissabon. -- Er -hält ihm das Sehrohr vor’s Auge, und der leichte Bettvorhang wie die -eisenbeschlagene Kerkerthür werden zu Solinglas. -- Er vermag aber auch -mit dem Alles heilenden Apfel jede Wunde zu schließen, die er nicht -selbst als tödtlich bezeichnet, jede Krankheit zu heilen, so lange ein -Funken Leben glimmt. -- Um so leichter, wenn das Uebel so wenig wie -das Klotildens ein solches ist, welches die Aerzte einen „schönen Fall‟ -nennen. - -Günther sah noch während der Fahrt ihre Besserung auf’s Bedenklichste -fortschreiten, und fürchtete bis zum letzten Augenblick, seine -Anstellung gekündigt und sie weiterreisen zu sehen. - -Doch fügte sie sich, wie gesagt, seinen Gründen, und wir sehen Beide -die Treppe des einzigen eleganten Hotels der Stadt hinaufsteigen -und in ein Zimmer treten. Klotilde ertheilte dem sie begleitenden -Stubenmädchen den Befehl, das Zimmer nicht zu verlassen, -- auch -nicht einen Augenblick, -- warf sich auf das Ruhebett, beseitigte ein -Paar allzu lästige Paragrafe im Preßgesetz ihrer Toilette und bat den -Doktor, sein freundliches Versprechen zu erfüllen und das Pulver zu -holen. -- - -Günther empfahl sich somit, besorgte das Geschäft, um dessenwillen er -eigentlich nach Treustadt gefahren, ließ sich auf dem Rückwege ein -Katarrhpulver geben, und präsentirte es Klotilden, welche ihn mit der -lebhaftesten Freundlichkeit und allen Zeichen des wiedergekehrten -Wohlbefindens empfing. - -Sie wußte das über hundert Dinge hingleitende Gespräch auf die -ungezwungenste Weise so zu leiten, daß Günther dem, was er unter dem -humanistischen Theil der Praxis verstand, in einer Stunde nicht näher -gerückt war als im Waggon. - -Dazu das unvermeidliche Mädchen! Er hatte die Zollschranken ihrer Ohren -zu umfahren versucht, indem er französisch zu sprechen begann: Klotilde -gab, im besten Französisch, den Bescheid, daß die Unterhaltung deutsch -weitergeführt werde. - -Er mußte für den Augenblick die Segel streichen. Es lag bis zum -Abendtrain noch manche Stunde vor ihm. Wenn sich die Situazion bis -Mittag nicht klärte, war er entschlossen, sich zu einem Patienten rufen -zu lassen und zurückzureisen. Doch hatte er nebst dem Abenteuer etwas -Anderes im Auge; -- es war nicht unmöglich, dasselbe mit Arnold’s -Angelegenheit in Zusammenhang zu bringen. -- - -Nun sprach Klotilde abseits mit dem Mädchen, welches sich zwar -entfernte, aber sogleich wiederkam, und bald darauf erschien -ein elegantes Gabelfrühstück, und sie lud mit allem Aplomb der -anständigsten Frau vom Hause den freundlichen Arzt ein, ihr Gast zu -sein. Günther machte einige medizinische Einwendungen, sie erklärte -sich jedoch für ganz hergestellt. -- Er nahm die Einladung an, überließ -sich seiner ganzen natürlichen Laune, und Klotilde ging während -des Dejeuners auf manche Wendungen ein, denen sie früher mit jener -Sicherheit ausgewichen, welche nur die Vertrautheit mit dem Ziele -aller Wendungen verleiht. Kaum war aber das Konfekt verzehrt und der -letzte Tropfen des schäumenden Weines geleert, so sprang sie auf, -befahl dem Aufwärter, Jemanden mit der Handtasche um die Stunde des -Abendtrains nach dem Bahnhof zu schicken, und ersuchte Günther, sie -nach dem -- +Park+ zu begleiten. -- - -Es war nun hohe Zeit, an die Lösung des Komödienknotens zu denken; -Günther war, indem er ihn geschürzt, einer jener tollen Impressionen -gefolgt, denen er sich in dem Bewußtsein überließ, jederzeit im -rechten Moment den Rückzug zu finden. Er konnte jeden Augenblick mit -Klotilde in der Residenz zusammentreffen, und seine Usurpazion des -Doktorhutes wurde, wenn er die Sache auf sich beruhen ließ, zu einer -mit seinem Karakter so wenig als mit seiner Stellung zu vereinbarenden -Polissonnerie. Er hatte die Sache so weit getrieben, daß Klotilde -empört sein, oder scheinen mußte, wenn sie sich aller Dinge erinnerte, -die sie dem Frauenarzte mitgetheilt. Er mußte +ihr+ also einen -Rückzug lassen, und zweifelte nach den Proben von Verstand, die sie -gezeigt, nicht, daß sie ihn benützen werde. - -Im Park angelangt, bog er in die nächste beste Kastanienallee ein und -begann: „Nachdem ich Ihnen so wahrhaft vergnügte Stunden verdanke, -erlauben Sie mir nun eine sehr ernste Frage, zu der mich die wahrste -Theilnahme drängt. Haben Sie Hoffnung, daß das Schicksal Ihres -geliebten, unglücklichen Gatten bald eine andere Wendung nehme?‟ - -Klotilde trat einen Schritt zurück und sah ihn sprachlos an. - -„Sie stellen sich erstaunt, daß ich Sie kenne. Allein so geistreich, -so liebenswürdig, so unnachahmlich Sie auch vom ersten Moment an Ihr -Spiel gespielt haben, so hat mir doch +Ein+ unbewachter Moment -verrathen, daß Sie mich so gut gekannt, als ich Sie. Sie haben mein -Pulver nicht genommen, und von da an wußte ich, daß Sie meine Intrigue, -zu der mich +Etwas+ bewog, was ich Ihnen nun nicht gestehen darf, -durchschaut. -- Als eine Persönlichkeit, welche die halbe Residenz -kennt, hätte ich auch nicht auf ein Inkognito rechnen sollen. Sie aber -haben die Rolle, mich wirklich für das zu halten was ich sagte, mit der -vollendetsten Grazie gespielt!‟ - -Die Sortie war nicht viel feiner, oder noch viel +weniger+ fein -als der Knoten. Aber Klotilde erwiderte das Einfachste und Beste: - -„Alle Täuschungen zugegeben, so ist ja noch die +Frage, wer+ -von uns Beiden heute +unangenehmer getäuscht+ wurde, ich oder -+Sie+?‟ -- - -Entscheidend für Klotilde waren Günther’s Worte gewesen: „Eine -Persönlichkeit, welche die halbe Residenz kennt.‟ -- Wer war der Mann? -Eine Celebrität jedenfalls; genug für sie, um nachsichtig zu sein. -Der größte Milderungsgrund lag aber jedenfalls darin, -- daß er ihr -ausnehmend gut gefallen hatte. - -Die Versöhnung war wider Erwarten schnell und vollständig. Er brachte -nun, nachdem sie unter vielen Seufzern von ihrem Manne erzählt, das -Gespräch auf Kollmann und erfuhr, daß sie diesen bei dem Advokaten, der -Zeltner vertheidigte, kennen gelernt, und von ihm nach seiner Besitzung -geladen worden. Julie nannte sie das liebenswürdigste Geschöpf unter -der Sonne, und ließ durchschimmern, daß sie sie für unglücklich halte. - -„Ich habe von Kollmann eine schlechte Meinung, sagte Günther. -- -Vielleicht wäre das Paar glücklicher, wenn sie Kinder hätten?‟ - --- „Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Uebrigens werden sie nie welche -haben, wie ich die Verhältnisse im Freinhof kenne.‟ - --- „Im Freinhof? sagte Günther mit einem seiner schändlichsten -Gesichter -- also lokale Ursachen? Sollen da eigenthümliche -geognostische Verhältnisse einwirken?‟ - --- „Können Sie denn nicht einen Augenblick honett und ordentlich -sprechen?‟ - --- „Ich will es versuchen, auf die Gefahr hin Ihnen dadurch zu -mißfallen. Haben Sie für Ihre Vermuthung des Aussterbens der Dinastie -Kollmann kein faßlicheres Gewand?‟ - --- „Wenn Sie nicht den abscheulichen Betrug gespielt hätten, und -wirklich das wären, wofür Sie sich ausgaben, so würde ich Ihnen -+mehr+ sagen. Es genüge Ihnen, daß ich als Frau meine Vermuthungen -habe. Ich glaube, daß keine bestehenden Verhältnisse, sondern eben -+nicht+ bestehende Verhältnisse daran Schuld sind, und jetzt -halten Sie Ihren gottlosen Mund.‟ - --- „Nur Einen Versuch erlauben Sie mir, Sie zu übertreffen! Sollte -Kollmann, den ich vor der Welt für ein schlechtes Subjekt halte, im -Geheimen ein so edler Mensch sein, +daß+ er‟ -- - -Klotilde schlug ihn nun wirklich mit ihrer hübschen weißen Hand auf den -Mund und rief: „Was zu viel, ist zu viel!‟ - --- „Verzeihung! ich wußte nicht, daß Sie über Kollmann nichts -Unangenehmes hören wollen!‟ - --- „So viel Sie wollen; +ich+ habe mich nicht über ihn zu -beklagen, aber ich glaube, er handelt gegen Julie ganz schlecht.‟ - --- „Das glauben Viele; wenn er schlecht ist, ist er aber gewiß eben so -klug.‟ - --- „Nach dem, was er schon durchgesetzt, gewiß. Vor drei Jahren hat er -als kleiner Fabrikant angefangen, jetzt kauft er eine Besitzung nach -der andern, hat ein Paar fremde Orden, und vor einigen Tagen erst wurde -er zum Konsul ernannt, ich weiß nicht, von welchem Großherzog.‟ - --- „Er hat jedenfalls hohe Verbindungen. Man sagt, sein Hauptprotektor -sei der Prinz Ernst August.‟ - --- „Das ist mir neu, und ich bezweifle es, da ich zufällig viele -Details vom Prinzen weiß.‟ - --- „Ich sage nur, was die niederträchtige Welt behauptet. Es heißt, -Kollmann habe Schritte gethan, um zu gewissen Zwecken die Gunst des -Prinzen zu gewinnen; sie seien nicht ohne Erfolg gewesen, und er -erwarte den Haupteffekt von der reizenden Persönlichkeit +seiner -Frau+. Sie kennen wahrscheinlich die Empfänglichkeit des Prinzen -für das rein Schöne, und wenn dieser Coup gelingt, hat Kollmann seine -Schäfchen im Trocknen.‟ - -Klotilde schwieg. Ein ganzes wildes Heer von Gedanken jagte durch ihren -Sinn. „Dieses hübsche Projekt, sagte sie endlich, würde jedenfalls -an dem Umstande scheitern, daß diese Frau nie, nicht um die Welt, in -irgend etwas willigt, was gegen ihre Begriffe von Ehre ist!‟ - --- „Das liegt vielleicht gar nicht in Kollmanns Absicht. Die Wirkung -einer einzigen Entrevue in allen Ehren, die gehobene Stimmung des -Prinzen, wenn er ein Paar Minuten mit einer reizenden Frau spricht, -werden wohl hinreichen, einem Anliegen den Weg zu ebnen.‟ - -Klotilde war nachdenklich und ernst geworden. Günther sah, daß der -Funke fortglimmte und warf gleichgültig hin: „Das sind lauter ~on -dit~, Vermuthungen, -- aber daß Kollmann nicht versäumen wird -diese Mine springen zu lassen, sobald er nur einmal den +Weg+ -zum Prinzen gefunden, bezweifle ich nicht. Und den kann man ihm nicht -versperren!‟ - --- „Und doch wäre dieß eigentlich eine Pflicht gegen die arme Frau, die -allein darunter zu leiden haben wird.‟ - --- „Ja wohl, aber wer kann das! Wer vermöchte dem Prinzen die Augen -darüber zu öffnen, was dieser Kollmann für ein Subjekt, wenn die Augen -einmal geblendet sind? -- vielleicht +vorher+!‟ - --- -- Günther lenkte nun das Gespräch auf andere Gegenstände. Er hatte -mit Klotilde in einem kleinen Kiosk Platz genommen -- die Sonne ging -unter, die Stunde des Abendtrains war nahe. - -Sie gingen durch die dunkle Allee zurück, -- zu dunkel, um sammt -unserem Sehrohre entscheiden zu können, ob der Händedruck, mit dem sie -später im beleuchteten Bahnhofe Abschied nahmen, das +einzige+ -Pfand des Wiedersehens gewesen. -- - --- -- Günther verglich auf der Rückfahrt unwillkürlich seine heutigen -Erlebnisse mit dem Besuch beim Professor, wo er mit aller Berechnung -zu Werke gegangen und eine völlige Niederlage erlitten. Heute war -er, kaum mit einer Ahnung die Angelegenheit Arnolds hineinflechten -zu können, auf ein improvisirtes Abenteuer ausgegangen, und hatte -+vielleicht+ Etwas für ihn gewirkt. - -Er versprach sich jedoch nicht viel von Klotildens Dazwischenkunft, da -er von einer irrigen Voraussetzung ausging. - -Er glaubte sie reise nach der Hafenstadt, um ein verlornes Kronland -+wieder+ zu erobern. Sie reiste aber hin, um sich, nach gehörigem -Widerstand, erst erobern zu lassen. - -Wie der Zufall Günther immer zu den prägnanten Momenten führte, -- zu -einer Feuersbrunst, wenn sie ausbrach, -- während Andere regelmäßig -mit der landesfürstlichen Spritze, das heißt zum Verlöschen eintreffen, --- so war er allerdings in dem Augenblicke aus dem Theater getreten, -wo der Adjutant des Prinzen dem Wagen Klotildens nachfuhr. -- Aber der -Prinz hatte sich von der Loge herab in derselben Weise verrechnet, wie -Günther im Waggon. Sie war größer in ihrem genre, als die Leichtigkeit -der +ersten+ Annäherung vermuthen ließ. -- Beide erriethen -sogleich die Serie, irrten sich aber in der Nummer. -- - -Sie hatte, früh verwaist, durch den Vormund in einer Pension -untergebracht, diese verlassen, um in ein gräfliches Haus zu treten, -als Gesellschafterin der beiden Komtessen, nicht aber des jungen -Grafen, was dieser zu glauben schien. Das Ende der alten, immer neuen -Geschichte, die dießmal kein Herz entzwei brach, sondern nur ein -Paar Schwüre und ehrgeizige Hoffnungen, war, daß Klotilde den jungen -Korrepetitor des Grafen, Zeltner, heiratete, welcher von der Familie im -Kriegsministerium untergebracht wurde. - -Dieß war der auf losem Wellsande aufgeführte Unterbau ihrer -moralischen und materiellen Existenz. Letztere ward durch Zeltners -Prozeß untergraben, durch die Erbschaft eines „Onkels in Köln‟ wieder -aufgebaut. -- Als aber ihre späteren Beziehungen zum Grafen Greuth -bekannt wurden, fand sie sich von der guten Gesellschaft, worin sie -früher gelebt, ausgeschlossen, und somit isolirt. Mit der eigentlichen -~demi-monde~ ging sie nicht um. Sie ging ihren eignen Weg, -- -stand und fiel für sich allein. - -In Folge des politischen Prozesses Zeltners und der zweimal -erfahrnen gräflichen Treulosigkeit hatte sich ein Gewirr von -roth-republikanischen Ideen in ihr gebildet: prinzipiell guillotinirte -sie Alles vom Baron aufwärts, trennte aber wie ein Staatsmann das -+Prinzip+ von den +Personen+. Ein praktischeres Resultat für sie war -die Besonnenheit, mit der sie nun die angeborne Leidenschaftlichkeit zu -bändigen verstand, -- in Folge welcher Besonnenheit sich das Verhältniß -zum Prinzen noch in einem zukunftsreichen ersten Stadium befand. - - * * - * - -Günther konnte sich zwar nicht sagen, daß seine heutige Thätigkeit für -den Freund, wenn sie ersprießlich war, mit großer +Aufopferung+ -verbunden gewesen, fand aber darin keine Ursache unzufrieden zu sein. - -Es freut uns, ihn auf seiner Rohrbank sitzen und einmal einen Abend -+ruhen+ zu sehen. Er hat in den letzten Tagen nicht gelebt wie -Einer, bei dem erst vor drei Wochen der Tod, zwar nur mit einem ganz -leichten, unscheinbaren Hustenanfalle angeklopft, aber dabei, wie schon -mehrere Male, eine mit blutiger Frakturschrift geschriebene Visitkarte -abgegeben hatte. - -Die Fensterläden schließen glücklicherweise fest genug gegen die -Steine, welche eine höchst achtbare fromme Schar durch das Efeugewinde -auf ihn schleudern möchte, weil ihm die herübergewehten präludirenden -Töne der Weltgerichtsposaune nicht wie ein ~Memento mori~ klingen, -sondern wie ein ~Memento vivere~! -- Und schlügen sie auch durchs -Fenster, so prallen sie am breiten festen Schirm eines Gewissens ab, in -welches dreiunddreißig Jahre nicht Eine Handlung gegraben, welche der -unverfälschte Urtext des Gesetzbuches der Pflicht und Ehre verurtheilt -hätte. - -Wenn in der Gallerie seiner Erinnerungen viele reizende, vor den Augen -der Moralisten nicht Gnade findende Bilder hingen, so war dieß immer -besser als die Gallerie der meisten Moralisten selbst, in deren dem -Publikum geöffneten Sälen zwar lauter Kreuzigungen und Himmelfahrten -hängen, -- in einem Kabinet zum Privatgebrauch aber meistens +Ein+ -Stück -- -- worüber das Pergament der daneben liegenden Bibel erröthet. - -Vielleicht war aber, +ganz+ abgesehen von der sündhaft angenehmen -Perspektive, welche das Abenteuer mit Klotilde eröffnete, der Weg, auf -dem er für Arnold wirken wollte, ein solcher, von dem dieser gesagt -hätte „daß ihn kein Korbach geht?‟ - -Wir antworten: nicht vielleicht, sondern +gewiß+! - -Aber die zehn Jahre, um die er länger in die Welt gesehen, haben -ihm die Illusion genommen, daß die Zwecke der Schlechten mit lauter -turniergemäßen Waffen bekämpft werden können. -- Und wenn der alte, -große Mephisto ins Proscenium tritt und „zu dem jüngern Parterre das -nicht applaudirt,‟ sagt: „Bedenkt, der Teufel der ist alt, so werdet -+alt+, ihn zu +verstehen+!‟ -- so darf wohl unser guter -Taschenteufel, der nur das Beste will, seinem jungen Freunde zurufen: -„Werde um zehn Jahre älter, und du wirst verstehen, daß man einen -Marder, Iltis, oder Kollmann nicht mit Edelfalken jagt, sondern in -Fallen fängt, -- wenn man kann.‟ - - - - -Ein thätiger Freund. - - -Wer ist es, der an dem Schicksale eines Menschen theilzunehmen vermag, -ohne durch Bande des Blutes oder der Freundschaft an ihn gefesselt -zu sein? ohne Wohlthaten von ihm empfangen, ohne ihm welche erwiesen -zu haben? -- der mit inniger Sorgfalt der Quelle seiner Freuden und -Schmerzen nachforscht, bis er sie aufgefunden, -- seinen Gedanken -folgt und ihrer Entwicklung bis zur That? -- unermüdet lauscht auf -jede Regung seiner Wünsche -- auf seinen Schritt in Licht und Dunkel, --- und, ohne Dank oder Lohn von ihm zu hoffen, das treue Auge auf ihn -heftet, das ihn begleitet über Land und Meer -- --? - -Wir können es Niemandem verdenken, wenn er meint, es sei die Vorsehung -oder etwas Aehnliches. -- Es ist aber die +Polizei+. -- - -Wenn es uns gelungen sein sollte, einen Leser für die Persönlichkeit -Kollmann’s zu interessiren, -- wenn die Familie Korbach -- Günther --- Baron Sembrick und noch eine Anzahl Männer und Frauen, im -verschiedensten Sinne an ihm Antheil nehmen, so können wir versichern, -daß er, wenn gleich in anderer Richtung, in eben so hohem Grade das -Interesse eines Mannes erregt hat, welcher weder sein Freund noch -Feind, noch Verwandter ist, und dennoch nicht ablassen kann, seiner zu -gedenken. - -Es ist dieses der Polizeikommissär Lipprecht, -- dessen Erscheinung -alle herkömmlichen, eingeteufelten Polizei-Schablonen vollkommen Lügen -straft. -- Es läßt sich kaum etwas Gemüthlicheres denken als das -dicke, glänzende, tadellos rasirte Gesicht dieses Mannes, an welchem -Alles lacht -- von der gespannten spiegelglatten Stirnhaut bis zu den -Grübchen in den Wangen und dem fetten Kinn, -- ja bis zu den runden, -schneeweißen kurzfingerigen Händen. -- - -Merkwürdigerweise weicht dieses wohlwollende Lächeln gerade im Dienste -nie von ihm. -- Er ist da am heitersten; -- wie ein Kavalleriepferd, -das die Trompete hört, ganz Feuer und Leben, mit dem +Herzen+ -Polizeimann. -- In guter Gesellschaft spielt er sich häufig auf -den Mann hinaus, der das Gehässige seines Berufes fühlt und wird -manchmal fast wehmüthig über die schmerzliche Pflicht, einigen seiner -Mitgeschöpfe zu schaden. -- - -Seine außerordentlichen Leistungen bei Entdeckung zweier geheimer -Etablissements, deren eines sich mit Vervielfältigung von Banknoten, -das andere mit Vorarbeiten zur gewaltsamen Umgestaltung der -Regierungsform beschäftigte, hatten seinen Ruf festgestellt. Wenn man -einen Zeitungsbericht über eine „schauderhafte That‟ las, der mit den -Worten schloß: „Leider ist es den Bemühungen der Behörden noch nicht -gelungen, den Schuldigen u. s. w.‟ -- so sagte Jeder: „Hätten sie es -lieber gleich dem Lipprecht gegeben.‟ - -Er war für sein Fach geboren; -- Natur-Polizeikommissär. -- Sein -politisches Prinzip betreffend, würde er der Republik ganz so gern -und gut gegen dinastische Umtriebe gedient haben, als er der Dinastie -gegen demokratische diente. Näher lag ihm die Idee vom Schutze der -Gesellschaft, aber die +eigentliche+ Triebfeder war reines -Jagdvergnügen, und mit dem Augenblicke, wo er des Wildes habhaft, war -auch sein Interesse dafür erloschen. Solche, die ihn genau kannten, -behaupteten, er wäre der Mann, der -- wenn er vor Entdeckung sicher -wäre -- allenfalls einen Spitzbuben entspringen und ihm einen Vorsprung -bis Hamburg ließe, um wieder von vorn anzufangen. - -Da er so oft von den peinlichen Pflichten seines Standes gesprochen -hatte, gerieth er in einige Verlegenheit, als er eine sehr bedeutende -Erbschaft machte, und nun gefragt wurde, ob er denn nicht den -unangenehmen Dienst quittire? Er fand jedoch, daß sich in seiner -Stellung so zahllose Gelegenheiten darboten, Gutes zu wirken, -- -humane Zwecke zu verfolgen, daß es Pflicht sei zu bleiben. Seine -Uneigennützigkeit ging so weit, daß er in wichtigen Fällen, wo ihm -die knickernde Behörde nicht die nach seiner Ansicht ausreichenden -Mittel zur Verfügung stellte, wohl auch eine Reise oder die Belohnungen -selbstgewählter Organe aus seinem Eigenen bestritt. - -Seine Chefs schätzten seine Leistungen, ohne ihn zu lieben. Wenn man -schon, mit einer wirklich unverschämten Ironie, irgend ein Gefühl im -büreaukratischen Verkehre mit dem Ausdruck „lieben‟ bezeichnen will, so -hatte er sich dasselbe durch seine Selbstständigkeit und Unlenksamkeit -verscherzt. -- Immer freundlich und immer lächelnd, that er Nichts -als was er für zweckmäßig hielt, kümmerte sich um keine Instrukzion -und pflegte nachträglich in Form einer Entschuldigung auf eine für -die höhere und folglich unfehlbare Instanz höchst unverdauliche Art -nachzuweisen, daß, +wenn+ er nach der Instrukzion gehandelt hätte, -die ganze Sache fehlschlagen mußte. Auch mißbilligte man seinen losen -Mund über die siechen öffentlichen Zustände und über die Taubheit -gegen Reformvorschläge an maßgebender Stelle. -- Er schimpfte wie ein -~agent-provocateur~, ohne es jemals zu sein. Solche polizeiliche -Schülerarbeit lag tief unter ihm. -- - -Eben hatte er eine glänzende Aufgabe gelöst und zur Verzweiflung der -hohen Gesellschaft einen ihr angehörenden bisher undurchdringlichen -Schurken aus dem Salon ins Zuchthaus befördert. Es war eine schwere und -lange Arbeit gewesen, er glaubte der Erholung und einiger Zerstreuung -zu bedürfen und folgte um so lieber einer Einladung Günthers zu einem -Champagner-Souper ~tête-à-tête~, von welchem er eben in der -rosenfarbensten Laune nach Hause kommt. - -Allein die Gedanken an Ruhe sind bereits verflogen. Günther hat ihm -den, übrigens nie von ihm vergessenen Namen Kollmann frisch ins -Gedächtniß gerufen.. der Name raucht und leuchtet wie Fosfor in seinem -Kopf! - -Er hat seine Lampe angezündet, läuft oder rollt vielmehr pfeifend in -seinem Zimmer auf und nieder, -- bleibt vor seinem Sekretär stehen, --- zieht ein Lädchen und aus diesem ein Packet Schriften heraus -und blättert darin mit einem Behagen, wie ein Don Juan in alten -Liebesbriefen. -- - -Das erste Dokument ist fast drei Jahre alt. -- - -Damals war es buchstäblich nichts als das +Gesicht+ Kollmanns, -welches seine Aufmerksamkeit erweckt hatte. Was ihn eigentlich, -abgesehen von den wirklich unheimlichen Augen, so polizeilich -simpathisch berührte, darüber vermochte er sich nicht Rechenschaft zu -geben. Eine hohe Stirn mit einer tiefen Falte, -- der Mund, der nichts -als ein farbloser, feiner Querschnitt im bleichen langen Gesichte war, -das durch den spitzen Kinnbart noch um zwei Zoll verlängert wurde, -- -alles das kam an Tausenden vor. Allein er hatte bei seinem Anblick -Etwas in sich „rege werden‟ gefühlt, ein gewisses prickelndes Behagen, -welches ihn niemals getäuscht. - -Er erkundigte sich auf eigene Hand, da die Behörde sich auf -fisiognomische Inzichten und seine Impressionen nicht einließ, und -schrieb, nachdem er erfahren, daß Kollmanns Paß von Trautenfeld -datire, an einen dortigen Unterbeamten. Von diesem erhielt er den oben -erwähnten Brief, den er zwar auswendig wußte, aber nun aufmerksam -überlas. Derselbe lautete: - -„Euer W. geehrtem Auftrage gehorsamst entsprechend, habe die Ehre zu -berichten, daß Jakob Kollmann, Civil-Ingenieur und Chemiker, 35 Jahre -alt, dessen Person-Beschreibung mit der von Ew. W. gegebenen genau -übereinstimmt, sich auf hiesiger Herrschaft vier Monate hindurch -aufgehalten und im Auftrage des Besitzers, Bankiers Freiherrn von -Sieberg beschäftiget war, Vermessungen, geognostische Untersuchungen -und Erz-Analysen vorzunehmen. - -„Derselbe hat einen ruhigen, arbeitsamen Lebenswandel geführt und in -keiner Weise Anlaß zu Bedenken gegeben. In Betreff seiner politischen -Ansichten wäre hervorzuheben, daß er sich im besten Sinne sowol -gegen die Arbeiter als anderwärts geäußert, auch nach der Euer W. -bekannten Verhaftung des Oberingenieurs Alberti, mit welchem er auf -freundschaftlichem Fuße gestanden, sich gegen dessen demokratische -Umtriebe mit Entrüstung ausgesprochen. - -„Kollmann hat hier im Hause eines gewissen Grünschenk, vormaligen -Besitzers einer Gipsstampfe, gewohnt, welcher, während eines der -häufigen tagelangen dienstlichen Ausflüge Kollmanns, starb, und -demselben ein kleines Legat von 1500 Gulden, sein übriges bedeutendes -Vermögen aber der Gemeinde vermachte. -- - -„Während seines hiesigen Aufenthalts ist er trotz seiner höheren -Bildung nicht mit den Honorazioren, sondern meist mit gemeinen Leuten -umgegangen. Im Ganzen war er ernst und schweigsam und äußerte nur -lebhafte Freude über das Legat, das ihm seinen Lieblingswunsch erfülle, -reisen zu können, wie er denn auch kurze Zeit nach dem Ableben des -Grünschenk Trautenberg verlassen hat. Womit ich die Ehre habe u. s. w.‟ - -Ein zweites Schreiben, aus +Genf+, bestätigt, „daß Kollmann -daselbst, bald nach seiner Ankunft, die Bekanntschaft eines Fräuleins -Julie Brito gemacht, welche, väterlicherseits verwaist, mit ihrer -Mutter daselbst trotz ihrer notorisch sehr günstigen Vermögensumstände -einfach und zurückgezogen lebte. Bei Kollmanns Ankunft sei die Mutter -bereits auf den Tod erkrankt gewesen und habe die Trauung ihrer Tochter -mit ihm nur um zwei Tage überlebt. Das Vermögen sei wahrscheinlich in -seine Hände übergegangen.‟ -- - -Der Aufwand Kollmanns bei seiner Ankunft mit der jungen Frau in der -Residenz, so wie der Ankauf einer Chemischen-Produkten-Fabrik war -hierdurch allerdings erklärt. Das dritte Schriftstück jedoch ist es, -welches dem gemüthlichen Kommissär bisher das meiste Behagen und -zugleich das größte Herzeleid bereitete. -- - -Er hatte die Orte in Erfahrung gebracht, welche Kollmann auf seiner -Reise berührt, und aus +Mannheim+ die Nachricht erhalten, „daß -er daselbst einige Tage in einem Hotel gewohnt und mit einem Fremden -lange Unterredungen gehabt, welchen man seines als gefälscht erkannten -Passes halber verhaften wollte, jedoch um einige Stunden zu spät kam. -Die Behörde habe die Ueberzeugung, daß der Fremde kein Anderer gewesen -als Wangerode, das bekannte Haupt der deutschen Emigrazion in London.‟ - -Der Chef, welchem Lipprecht, mit seinen frühern Bedenken gegen Kollmann -abgefertigt, dieses Schreiben mit vieler Befriedigung vorgehalten, war -aufmerksam geworden, und hatte die Korrespondenz, welche dieser zu -seinem Privatvergnügen eröffnet hatte, offiziell fortsetzen lassen. Es -ergab sich jedoch, daß man Kollmann so wenig verpflichten konnte, den -Fremden als +Wangerode+ gekannt zu haben, als ihn die Mannheimer -Polizei als solchen, wenigstens zur rechten Zeit, erkannt hatte; und da -derselbe inzwischen festen Fuß im Lande gefaßt und hohe Protekzionen -gewonnen hatte, so war Lipprecht angedeutet worden, daß man es -anerkennen werde, wenn es ihm gelinge, in demselben einen Konspirator -zu fangen, daß aber die Polizei keinen Grund sehe, auf ihn als solchen -Jagd zu machen. -- - -Lipprecht zog sich nun zurück, keineswegs gekränkt, sondern lachend -über die Bornirtheit, welche da nicht einmal Keime sah, wo nach seinem -Gefühle schon eine reife Frucht abzuschütteln war, und bedauerte, daß -man diesem Gefühl nicht mehr traute, als den gedankenlosen Zuschriften -von Agenten, welche nur mit den äußern Sinnen wahrnehmen. - -Sein polizeiliches Herz hatte einmal laut gesprochen und sagte: -die ganze industrielle Thätigkeit und die ehrgeizigen Bestrebungen -Kollmanns sind der Deckmantel seiner politischen Rolle. Irgend ein -kleines ordinäres Kriminalstückchen mochte mit im Spiele sein, aber für -ihn war der Mann vor Allem +Emissär+ im +großen Stile+, und -davon brachte ihn kein Verkehr desselben mit hochgestellten Leuten, -kein Orden, kein Konsulsposten ab. -- - -+Sein+ Standpunkt bei Beurtheilung eines Revoluzionärs, +seine -Auffassung+ dieses Wortes verdienen ein näheres Eingehen. - -Sie waren von jener des Polizeichefs verschieden. Dieser erkannte -in Kollmanns Handlungen durchaus keine umstürzende Tendenz, keines -von jenen Elementen, welche das Dikzionnär der Sicherheitsbehörde -als staatsgefährliche Umtriebe bezeichnet. Auf einer gewissen Höhe, -verbunden mit einer gewissen Beschränktheit der Ansicht, unterscheidet -das Auge nur +einen+ Feind des herrschenden Prinzips, nämlich den -der es angreift, der ihm +gegenübersteht+. - -Wenn aber ein reicher Mann durch gewisse Leidenschaften, seien es -theure Raritäten, Rennpferde der Tänzerinnen u. s. w. in seinen -Vermögensumständen zerrüttet worden, so ist nicht der Dieb, der den -Rest seiner Kasse stiehlt, oder der Räuber, der sie ihm mit der -Pistole abfordert, +allein+ der „Umsturzmann‟ seines Vermögens, -sondern auch +Jener+, der ihm die mit frischen Transporten -englischer Pferde ankommenden Händler, die Raritäten-Trödler ins Haus -schickt, oder ihn hinter die Kulissen führt, und die Reize der theuern -Lieblingsobjekte anpreist. -- Der arme reiche Mann wird ihn nicht als -seinen Feind erkennen, wohl aber sein Kammerdiener, -- Stallknecht, -- -+Jeder+ außer ihm. -- - -So auch im Staate. -- - -Ist das gesunde Gleichgewicht gestört, thront ein falsches schädliches -Prinzip auf der herrschenden Höhe, sei es die Diktatur des Säbels, -- -des Krummstabes, -- der Feder -- oder des Geldsackes, so ist Derjenige, -der das Prinzip bestärkt, reizt, auf seine äußerste Spitze treibt, ein -so entschiedener Feind des Bestehenden, -- nur der herrschenden Gewalt -nicht erkennbar, -- als der Barrikadenerbauer. -- Der Teufel ruft -„nur zugestoßen! ich parire.‟ Und die Staatsgewalt freut sich eines -hingestreckten Gegners -- es fällt ihr nicht im Schlafe ein, daß der -Teufel gerufen: sie hält es für die Stimme des Landespatrons. -- - -Lipprecht nannte dieß die Partei des „+Nur so fort!+‟ - -+Wer+ soll sie erkennen? der General? dem sie zurufen: „Dein Säbel -hat den Thron gerettet! Dein Stand ist der erste, der einzige, -- alle -andern sind daneben nur Professionen!‟ -- Oder der Geistliche? dem -sie zuflüstern von der Kanzel herab zu predigen: „Ihr habt im letzten -Feldzuge nicht gesiegt, weil Ketzer in Euern Reihen fochten!‟ -- Soll -+er+ es fühlen, daß er die Sache der jubelnden Partei des „Nur -so fort‟ so warm und kräftig fördert, wie es kaum einer derselben -vermöchte, wenn er +selbst+ die Kanzel bestiege? -- Und so Jeder -der Andern! -- -- - -Wer vor Lipprechts Ohren, oder vor den noch so viele Meilen entfernten -seiner Getreuen, mit Leidenschaft für den Bestand der Militärherrschaft -sprach, für Durchführung der übergreifenden kirchlichen Tendenzen, --- für eiserne Gewalt den Forderungen der Zeit gegenüber, -- für -Centralisazion den berechtigten provinziellen Wünschen zum Trotz, der -war ihm, ohne Unterschied der Stellung, sofort verdächtig als Einer von -jener Partei, -- vorausgesetzt, daß er ihn als intelligent, als begabt -erkannt hatte. - -Kollmann war für ihn ein Revoluzionär in dieser Bedeutung. Während -Günther in dessen künstlichem Hineinziehen der kirchlichen Gewalten -nur einen tiefdurchdachten industriellen Plan sah, hielt der Kommissär -+alle+ ihm bekannten Beziehungen Kollmann’s zusammen und fand ihn -in +lauter+ Richtungen thätig, wo es galt, einem verwerflichen -Bestehenden zu schmeicheln, womöglich einen Uebergriff herbeizuführen, --- zu Extremen zu treiben. - -Daß in einer kleinen, beschränkten, bürgerlichen Sfäre eine solche -Thätigkeit ein in seinem Verfalle noch immer gewaltiges, über -unermeßliche Hülfsquellen verfügendes Sistem nicht umstürzen, kaum -erschüttern werde, war allerdings klar; aber eben so gewiß, daß -wenn das langsam und sicher tödtende Gift von Vielen, von Hunderten -ausgestreut wird, der Erfolg kaum ausbleiben könne. -- - -Dieses „zum Selbstmorde Treiben durch Ueberreizung des Genusses‟ konnte -nach Lipprecht’s Meinung die Devise einer geschlossenen, organisirten -+Gesellschaft+ sein, wie es nach den Erfahrungen der Polizei -seines Landes zwischen den Jahren 1824 und 1830 der Fall gewesen. - --- Er fragte sich, welches Interesse Kollmann, der Industrielle, -der Besitzende, -- überhaupt an einem Umsturze haben könnte? Allein -nach seiner Ansicht war der plötzlich reich Gewordene überhaupt kein -Repräsentant jener Klasse, welche subversiven Tendenzen unzugänglich -ist, und dann war für Lipprecht nicht erwiesen, +was+ dem Manne -eigentlich gehöre. Der große Besitz, dessen Mittelpunkt der Freinhof, -ließ allerdings auf die Absicht schließen, sich an das Land zu -fesseln; allein diese Partei wirft im Moment der Krise die Maske ab, -fraternisirt mit den übrigen Gesinnungsgenossen, und schnappt häufig -die besten Posten weg. -- Bleibt alles ruhig, so bleiben auch sie im -unangefochtenen Besitz und produziren fort, wie die Konservativen vom -reinsten Wasser. - -Lipprecht stand mit seiner Auffassung allein. Sein Chef z. B. hätte -keinen für einen Umsturzmann gehalten, der ihm rieth, die kaum -aufathmende Presse fester zu knebeln, während der Kommissär sagte: -„Gerade +die+ sind die Rechten! entweder unbewußte Revoluzionärs -aus Bornirtheit, oder bewußte vom +Nur so fort!+‟ - -Allein wenn das +Erkennen+ schwer, war das +Beweisen+ noch -weit schwerer. - -Die Hoffnung Lipprecht’s war auf +Einen+ Umstand gegründet. - -Da diese Partei verstellten Deserteuren gleicht, welche sich unter eine -Garnison mischen, sie durch falsche Berichte zu ungeschickten Ausfällen -reizen, und schließlich dem Feind die Thore öffnen, so muß sie mit -+diesem+ in +Verbindung+ bleiben, -- wäre es auch nur, um -nicht schließlich, da sie die Uniform der Garnison trägt, mit dieser -zusammengehauen zu werden. - -Der Kommissär nahm mit Recht an, daß +seine+ Revoluzionärs mit -der demokratischen +Emigrazion+, mit jener thatbereiten Schar, in -+Verbindung+ stehen müssen, welche in dem Momente hervorbricht, -wo die Bewegung aus den Hörsälen, Lesevereinen, Salons und Gaststuben -auf die Straße tritt und das schnell zu erbauende und eben so schnell -umgeworfene Monument der Volkssouveränität aus Pflastersteinen -errichtet. - -Diese Annahme gab Lipprecht die Hoffnung, einen Beweis einer solchen -Verbindung in die Hand zu bekommen, und wenn die Zusammenkunft -Kollmann’s mit dem Demokraten Wangerode nicht genügend befunden worden, -so mochte der Zufall bei verdoppelter Aufmerksamkeit Etwas darbieten, -was seinen Chef überzeugen konnte, daß bei gewissen Zuständen des -Staates nicht der, der „schimpft‟, ein Verräther, sondern der sich -Allem anschließt, was die intelligente +Majorität+ aller Stände -+laut+ und +entschieden+ verdammt hat. - -Und +dieß+ war der Zustand des Landes unserer Begebenheiten. -- -+Ingrimm+ im Herzen von Tausenden seiner tapfern Söhne, die den -Fahnen gefolgt, über welchen trauernd der verklärte Geist eines großen -Feldherrn schwebte, -- gefolgt mit unbegrenzter Hingebung, -- und mit -blutenden, verstümmelten Gliedern heimkehrten, die Todten beneidend, -die nicht bis zum Ende mit angesehen, wie der Stolz und die Kraft des -Landes wie ein elendes Spielzeug zum Zerbrechen hingeworfen wurde, -von der Hand der beispiellosen Unfähigkeit! -- Männer, die, wenn sie -tausend Leben hätten, sie freudig hinopferten für ihren Kriegsherrn, -die kein höheres, schöneres Ziel kennen außer dem Siege, als den Tod -auf dem Schlacht+felde+, aber nicht auf der Schlacht+bank+, -auf welche sie mit gebundenen Händen gelegt wurden von den Trägern des -Sistems, oder besser von Denen, die +vom+ Sistem emporgetragen -worden! -- von Jenen, welche wissen, daß die Treue unerschütterlich, -- -daß sie ein Menschenherz +so+ zu stählen vermag, daß man mit dem -Hammer der Willkür darauf einhauen kann!... eher wird der +Hammer+ -zerspringen, -- als die +Treue+! - -+Enttäuschung+ im Herzen der Diener, oder besser, der Herren der -Kirche, welche mit Palmen und Tedeumklängen einzuziehen gedachten -in das gelobte Land, das ihnen ein unterzeichnetes Blatt eröffnete, -wodurch der Monarch seiner Krone einen Stein ausgebrochen um die Tiara -zu schmücken, -- im frommen Glauben, der Fels, auf welchen Petrus seine -Kirche baute, könne kein Loreleyfelsen sein, an dem das Staatsschiff -scheitere! -- Schmerz in den Gemüthern der eigentlichen +Diener+ -der Religion, die nun schutzlos anheimgegeben der Willkür der Herren. - -+Unmuth+ in der Brust des Bürgers, der sein Kleid zurückgesetzt -sieht, die Last wachsen fühlt, und dennoch eine größere trüge, und -gern trüge, wenn auf die alte, ewige Frage: +wozu+? auch nur -+Eine+ klare Silbe einer Antwort heraufklänge aus dem Abgrunde, -der seine Steuer verschlingt. - -+Erbitterung+ und +Sorge+ im Gemüthe des Beamten, welcher -unter Organisazion und Reorganisazion und Desorganisazion mit jedem -Mondeswechsel Grundsätze bekennen und wieder abschwören soll, wie man -einen Rock wechselt! - -Und so fort durch alle Stände, bis hinunter -- -- wohin? -- - -Was heißt +hinunter+? Wer steht „+unten+?‟ - -Der +Bauer+? -- Gott bewahre! -- er liefert den Kern der -Wehrkraft! -- - -Aber der +Proletarier+? -- auch das ist kein rechtes -„+Unten+‟ -- allenfalls der Crinoline und dem Glacéhandschuh -gegenüber; aber nicht im politischen Sinne! Da genießt das Proletariat -doch die scheue Anerkennung seiner Existenz als hungerige, -zähnefletschende Masse! - -Es gibt noch ein anderes „Hinunter!‟ - --- Wir sagen noch einmal -- „Und so fort durch alle Stände, bis -hinunter zum -- -- +Künstler+!‟ - --- -- -- Und das war der Punkt, wo selbst Lipprecht +offener+ -Revoluzionär war! -- - -Nicht als ob der Mann jenen echten, wahren Kunstsinn, jenen -hochgebildeten Geschmack gehabt hätte, welcher Günther, der selbst -nur mittelmäßig musizirte und zeichnete, zu einer Autorität machte, -von welcher die bedeutendsten Künstler der Residenz gern Winke über -entworfene oder halb vollendete Werke annahmen. Allein dieser, der -stets einige arme Maler protegirte und seine reichen Bekannten zu -Bilderankäufen veranlaßte, hatte in dem Kommissär eine Art Kennerschaft -und Mäcenatenthum hineingeredet, so daß er allen Ernstes seine eigenen -Ansichten auszusprechen glaubte, wenn er behaglich schmunzelnd jene -Günther’s vor einem Bilde wiederholte. - --- So hatte er auch dessen Ansicht über die Stellung des Künstlers -im Vaterlande in sich aufgenommen, oder es bedurfte vielmehr nur des -Hinlenkens seines hellen Blickes nach dieser Richtung, um ihn mit der -tiefsten Indignazion zu erfüllen. Er sah, wie nicht nur die ~haute -finance~, sondern auch die Aristokratie Tausende für das Handwerk -hinauswarfen, das ihre Salons schmückte, während die Kunst, in den -Ateliers und den Magazinen der Bilderhändler, vergebens eines Käufers -harrte, und er schrieb die trostlose Dürre auf diesem Felde dem Mangel -der belebenden Sonne, des befruchtenden Regens zu, die von +Oben+ -herabstrahlen und strömen sollen, -- und im Nachbarlande einen so -reichen Flor hervorgezaubert; mit einem Worte dem gänzlichen Mangel an -+Kunstsinn+ in der +höchsten+ Region. - -Dies war die Anschauung eines wirklichen, aktiven -+Polizei+kommissärs vom Zustande des Landes, und sogar eines der -besten und brauchbarsten, -- oder vielmehr eben darum. - -Heute war er in der frohen Champagnerlaune von dem Steckenpferde seiner -+politischen+ Ansicht über Kollmann abgestiegen, und hatte den -Gegenstand seiner Vorliebe von einer +andern+ Seite ins Auge -gefaßt. Günther glaubte den Schleier von dem Gemälde Harkeboom’s -unter den nun geänderten Verhältnissen etwas lüften zu sollen; der -+Wetterstein+ war erwähnt worden. -- - -Aus den ~billets-doux~, welche der Kommissär nun wieder in ihr -Behältniß legte, schoß heute ein Gewimmel alter und neuer Fragen, über -Kollmanns Promenaden im Gebirge, die Zeit, die er nach Grünschenk’s -Ableben noch in Trautenfeld zugebracht, -- des letzteren Testament, -Leben und Sterben -- -- ein ganzes Album von ungelösten Rebus, die der -Auflösung warteten. - -Der Gegenstand verdiente und belohnte eine Kunstreise. Er bedurfte, -wie gesagt, der Erholung, und schwerlich ließ sich ein genußreicherer -Ausflug ersinnen, als nach Trautenfeld. Hierzu entschlossen, schlief -er zufrieden ein mit dem Vorsatz, nächsten Tag einen jener häufigen -Urlaube zu verlangen, welche ihm nie versagt wurden, am wenigsten seit -er täglich in seinem eleganten Wagen mit zwei schönen Rappen ins Büreau -gefahren kam und seine Chefs gegen seine Selbstständigkeit milder -gestimmt waren, welche nun eine ihnen einleuchtende Basis hatte. - -Eine eigene Ansicht haben und durchführen wollen, wenn man von seinem -Gehalte lebt, war denn doch eine Marotte, welche kaum einer Spezialität -wie Lipprecht zu verzeihen war. Nun war es anders. -- Der Mann gab auch -vortreffliche Garçon-Diners. - -Sein Vorhaben war, einige Tage an dem reizend gelegenen Orte -zuzubringen, Lokalitäten und Verhältnisse zu studiren, so viele -Personen als möglich gesprächsweise auszuholen, -- das Uebrige mußte -seiner Kombinazion und dem Zufall überlassen bleiben. - -Er reiste, da keine Eisenbahn dahin führt, in seinem Wagen. -- Der -Morgen, an dem er wegfuhr, war nicht glänzender und heiterer als er -selbst; er fühlte sich von einer so frohen Sehnsucht nach den Bergen -durchweht, wie er, nach seinem Geständnisse gegen Günther, gewöhnlich -vor Gauermanns Bären und Geiern empfunden. - -Wie ein Globus im Holzgestell saß der kleine dicke Mann in dem -leichten Wagen, dessen zierliche Form nicht verrieth, daß in ihm Alles -angebracht war, was auf einige Tage die ganze Außenwelt entbehrlich -machte. Ein Flaschenkeller, ein Viktualienmagazin, Gebäckbehältnisse, -Pistolenkassette, dieß Alles vermochte nicht, der Kalesche ihre -Schlankheit zu benehmen, in welcher der Besitzer, mit nichts beladen -als seinem quadrillirten Reiseanzuge und der braunen englischen Kappe, -etwas mehr als zwei Dritttheile des Sitzes ausfüllte. - --- -- Gegen Mittag umwölkte sich der Himmel, und Abends fuhr der -Kommissär im Markte Trautenfeld unter einem jener Regengüsse ein, -welche die in die Hälfte der Straße vorstehenden Dachrinnen in speiende -Delfine verwandeln, aus deren Maule das Wasser auf Wagendach und -Spritzleder mit trommelndem Getöse niederstürzt. - -In langen Strahlen fällt es von den vier ungeheuern Linden in der Mitte -des Platzes in die von ihnen umschlossene Pferdeschwemme, -- zugleich -Kaltbadeanstalt sämmtlicher Enten und Gänse -- -- eine Gruppe der -letzteren steht heraußen im Freien, mit emporgerichtetem Schnabel den -Himmelssegen auffangend und von Zeit zu Zeit der innern Freudigkeit -in einem scharfen, kurzen Trompetenstoß Luft machend. Wirkliches Naß -rinnt über den steinernen Wasserfall, der an der Gießkanne des heiligen -Florian hängt, -- vor welchem eben der Pfarrer den Hut lüftet, der -unter dem rothen Parapluie mit hochbestiefelten Beinen und halbe -Klafter langen Schritten durch den improvisirten See sticht. Heller -glänzt der Zeiger an der schwarzdurchnäßten Thurmuhr, heller die runden -Ziegel der Giebeldächer, über welche hinweg die nahen Berge nur als -dunklere Flecken in dem tief hereinhängenden Nebel erscheinen. Es -sieht aus wie einer jener Gebirgsregen, die sich zur Verzweiflung des -Touristen wochenlang aus sich selbst gebären, niederfallen, verdünsten, -sich zu Nachtgewölken verdichten, und abermals herabträufeln, -- wie -ein Kind, das, einmal ins Weinen gebracht, immer von Neuem losbricht, --- bis endlich ein neues Spielzeug -- hier ein wohlthätiger Windstoß -- -dem langweiligen Unwesen ein Ende macht. - -Die Kalesche nähert sich dem Gasthause und der große braungelbe nasse -Hund tritt vor und salutirt mit schief heraushängender Zunge und -aufgerichteten Ohren. Er ist selbst Sicherheitsorgan und es scheint ihn -etwas Kollegialisches anzuwehen. Der Kommissär, durch den Regen nicht -einen Augenblick aus seiner Laune gebracht, begrüßt aufs freundlichste -den Wirth, in welchem er auf den ersten Blick einen jener biedern -Patriarchen erkennt, welche das Bild ländlicher Einfalt sind bis zum -Momente der Rechnung, und die sich in allen geschäftlichen Beziehungen, -schlicht gesagt, als abgefeimte Hallunken bewähren. - -Lipprecht setzte sich mit ihm auf den besten Fuß, richtete sich in -einem hübschen Zimmer ein, und begab sich zum Abendessen in die -Gaststube, wo die Markt-Honorazioren beisammen saßen. Sie behandelten -ihn Anfangs mit jener klotzigen Exklusivität, welche den geschlossenen -Bier- und Tabakkränzchen der herrschaftlichen Beamten u. dgl. meistens -eigen, allein der Kommissär kannte seine Leute, brachte nach einem -bescheidenen, ruhigen Eingange einige politische Neuigkeiten, -- sodann -ein Dutzend derber Anekdoten, und nach einer halben Stunde war er der -„charmanteste, jovialste (nach Trautenfelder Aussprache: schovialste) -Mann‟ und erhielt, da er sich als Jagdfreund, Kegelschieber und -Tarokspieler ankündigte, vielseitige Einladungen. -- Der nächsten Tag -noch fortdauernde Regen sperrte die Gesellschaft noch früher und länger -zusammen als sonst. -- - -Er brachte mit Leichtigkeit das Gespräch auf Kollmann, den die Meisten -gekannt. Alle schilderten ihn als einen unermüdet thätigen, geschickten -Menschen, der, wenn er von seinen Gängen nach Hause gekommen, beständig -gelesen und studirt habe. Sie hatten sein Zurückziehen Anfangs für -albernen Stolz gehalten, aber dann gesehen, „daß er nun einmal keinen -schovialen Karakter habe, und einen solchen Menschen müsse man gehen -lassen und bedauern.‟ - -Den Tag über hatte er den Markt und die beiden außerhalb desselben -gelegenen, durch einen Garten getrennten Häuser des Grünschenk -besichtigt. Das größere gehörte nun der Gemeinde, das kleine war von -der vormaligen Haushälterin Grünschenk’s bewohnt, einer, nach dem -Verdikt der Stammgäste, höchst achtbaren alten Frau Namens Fellinger. --- Bei dieser schien ihm der Schwerpunkt seiner Erhebungen für den -Augenblick zu liegen. - -Er schenkte der kleinen Nichte derselben, welche für sie Verschiedenes -aus dem Gasthause holte, eine silberne Münze an rothem Band, und die -alte Frau kam nach einer Stunde in halbstädtischem Anzuge zu ihm, und -dankte in gewählteren Worten, als er erwartet. Zugleich lud sie ihn -ein, im Vorübergehen ihre kleine Wirthschaft zu besehen. - -Lipprecht begab sich am selben Nachmittage zu ihr; es gelang ihm bald -sie gesprächig zu machen, und Einzelnheiten zu erfahren, durch welche -der oben erwähnte alte Brief des Unterbeamten vervollständigt, und ein -Faktum in den Vordergrund gestellt wurde, welches seinen Gedanken eine -neue Richtung gab. - -Am 27. August vor drei Jahren war Grünschenk, seit Langem leidend, -plötzlich Nachmittags sehr übel geworden und in der Nacht gegen zwei -Uhr verschieden. - -Kollmann, der im Hause gewohnt, war Tags zuvor auf eine Vermessung -ausgegangen und erst bei dessen Beerdigung zurückgekehrt. - -Bei Grünschenk’s Tode waren anwesend: der Pfarrer, der Ortschirurg, die -Ober-Ingenieure Wimmer und Alberti, deren freundschaftlicher Bemühungen -die Fellinger dankbar erwähnte, und Holzschreiber +Walcher+, -welcher zwei Tage später in den Wald gegangen und nicht wiedergekommen. - --- -- Das klang ja in den Ohren des Kommissärs wie der erste Takt eines -Triumfmarsches! -- -- +Einer, der „nicht wiedergekommen‟+ --!? - -Er erbat sich eine Karakteristik des Holzschreibers. - -Walcher war ein stiller, schwächlicher, gutmüthiger Mensch, -- ledig, --- ein armer Teufel, die Ehrlichkeit selbst, und war von Grünschenk -seiner guten Handschrift wegen zu Schreibereien, und außerdem zu Gängen -verwendet worden. Man hatte ihn, als er zwei Tage nicht zurückkehrte, -allenthalben in den Waldungen gesucht. „Es war alles umsonst, sagte die -alte Frau, -- im Wald hätten ihn die Hunde wohl gefunden, aber er muß -sich gegen das Hochgebirg gewendet haben, das dahinter aufsteigt und -wenn er sich da verstiegen oder vom Nebel überrascht worden, so liegt -er vielleicht bis zum jüngsten Tag in einer Schlucht am Jaitstein, oder -am Reifeneck oder Wetterstein‟ -- -- - -Wetterstein! -- -- wieder ein Klang für Lipprecht, -- wie wenn die -Norma ans kupferne Becken schlägt, um die Gallier zur Rache zu rufen... - -Er hatte bereits zum Entzücken der Frau die dritte Tasse Kaffee -getrunken. Nun besah er wehmüthig lächelnd alle Möbeln und sonstigen -Reliquien Grünschenk’s, ließ sich sogar ein Autograf von dem alten -Herrn geben, las mit Rührung die Abschrift von dessen Testament, und -erbat sich endlich ein Blatt von der Handschrift des verschollenen -Walcher. Die alte Frau, vollständig mit ihren Erinnerungen -beschäftigt, wußte von manchen Einzelnheiten selbst die Stunde -anzugeben. -- Bedeutend schien, daß Kollmann zur Zeit von Walcher’s -Verschwinden von Trautenfeld abwesend und erst am zweiten Tage darnach -zurückgekehrt war; seine Thätigkeit bei den Nachforschungen, von -der alten Frau sehr hervorgehoben, war für den Kommissär nur ein -erschwerender Umstand. - -Das leuchtete Alles ganz anders als der elende Brief des Unterbeamten. - -Allerdings hingen die drei Namen Kollmann, Grünschenk und Walcher -vor der Hand nur in Gott und dem Kommissär zusammen, kriminalistisch -betrachtet; allein wir wissen aus dem Abc der Geometrie, daß je -drei Punkte, die nicht in einer geraden Linie liegen, ein Dreieck -bilden: der Holzschreiber lag nun einmal nicht in der +rechten+, -+geraden+ Linie, und Lipprecht legte ein Dreieck hindurch, welches -mit einigem Biegen und Wenden ganz leidlich die Form eines Galgens -darstellte. - -Man würde ihm himmelschreiendes Unrecht thun, wollte man ihm eine -diabolische Freude an diesem im Winde wankenden Resultate zuschreiben! --- so wenig als der Jäger sich der Zuckungen und verglasten Augen des -verendenden Hirsches +freut+! -- -- Er war nicht nur überhaupt -gegen die Todesstrafe, sondern hätte, wie wir bereits gesagt, unter -Dreien Zwei laufen lassen, wenn es ohne Gefahr für die Gesellschaft -geschehen könnte... aber das Jagdvergnügen...! - -Das Trautenfelder Terrain war nun so ziemlich abgeweidet, sein -Notizenbuch angefüllt. Ein Herumstreifen in den nassen Wäldern schien -vollkommen nutzlos. Aber ein Ausflug nach dem acht Stunden entfernten -Wetterstein sollte die Unternehmung beschließen. Es stand für ihn fest, -daß die übrige hohe Berg-Aristokratie, Jaitstein u. s. w. so unschuldig -und rein wie ihr Schnee, und der Genannte der allein Anrüchige sei. --- Was er eigentlich dort wollte? Er fühlte nur das Bedürfniß zu -+sehen+, da seine Augen schon oft anders gesehen als die der -Uebrigen. -- Und dann war ja das Ganze nur eine Lustreise! -- - --- -- Terrassenförmig steigt das Mittelgebirge hinan; auf einer -Strecke von vier Stunden konnte er seinen Wagen benützen, der dann -zurückgesendet wurde. Von da an winden sich Fußpfade durch die -Nadelwälder, bis an den nördlichen Abhang des Wettersteines selbst. Er -ist von dieser Seite leicht zugänglich, während auf der südlichen nur -von der Bucht des Freinhofes einige Wege hinaufführen, die Wände an -der Seeseite aber, wie bereits gesagt, senkrecht abfallen. -- - -Eine Stunde bevor der Kommissär mit dem ihn begleitenden Trautenfelder -Jäger an den Berg kam, gelangten sie zu einer Holzknechthütte, und es -ward beschlossen, daselbst zu übernachten, wenn man vom Wetterstein -zurückkäme, welchen Lipprecht, bis es dunkel würde, nach allen -Richtungen +abschreiten+ wollte, -- wozu der Jäger lächelte. - -Nun waren sie an der Felsenwand, die den Gipfel krönt, angelangt und -ruhten. -- - -Unermeßlich ist die Aussicht über die Bergwellen hinaus, nach der -endlosen Ebene -- klar und durchsichtig die Luft nach den Regentagen. -Der Kommissär gönnt sich keine lange Rast. Die +Südseite+ ist erst -der Ort, wo sich, nach der Angabe des Jägers, leicht „Jemand verlieren‟ -kann. - -Steil ging es die Schneide hinan, -- nun war sie erreicht. Der Jäger -faßt ihn am Arm und mahnt zur Vorsicht, und sie ist nöthig, denn im -nächsten Augenblick stehen sie am Rande, -- jäh fällt es zu den Füßen -ab -- unabsehbar, unendlich liegt die blaue Bergwildniß der südlichen -Fernsicht vor ihnen. -- - -Sanft waren die Linien und Töne der Ferne. -- Aber die Nähe! -- der -Wetterstein +selbst+, dessen gewaltige Steinmasse ausgebreitet -unter ihnen lag! -- nicht über weichgeschwungene Wellen glitt hier -der Blick: wie die Gemse sprang er von Zinke zu Zinke. Drüben Alles -heiter und mild, hier der tiefe Ernst, die eiserne, starre Kraft.. das -Auge glaubt die Ruinen einer zerschmetterten Titanenburg zu schauen -- --- ein granitnes Palmyra, -- zerworfene Tempeltrümmer und Säulen und -Quadern -- ein mitten im Orkane versteinertes Meer. - -Das Opfer der See kann ans Ufer geworfen werden, lebend oder als -Leiche, aber nimmermehr Jener, der in den Abgründen dieser steinernen -Wogen zerschellte. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Der Anblick war -- aus dem Standpunkte einer „Haussuchung‟ -- nicht -tröstlich. - -Erhitzt und müde setzte sich der Kommissar auf einen Vorsprung nieder, -hing seinen leichten Staubmantel über, ließ die runden Beine über den -Felsen hinabhängen und betrachtete die einzelnen Parthien. - -Gerade unter ihm lag, nach allen Richtungen von Schluchten -durchschnitten, das Hochplateau, welches weiterhin sich wieder hebt -bis zu jenem Felsen, der nach dem See abfällt. Letzterer ist durch das -Plateau selbst verdeckt. -- - -Die Schwierigkeit schien hier mehr darin zu liegen, eine Stelle -aufzufinden, wo Jemand +nicht+ verunglückt sein könne, als wo dieß -der Fall war. -- Lipprecht pfiff Melodien aus allen Opern, trommelte -mit beiden Händen auf beiden Knien und gelangte zur Ueberzeugung, daß, -wenn der Holzschreiber Walcher auf diesem Terrain sein Ende gefunden, -die polizeilichen Kräfte des Gesammtstaates sich an Leitern und -Stricken in die Eingeweide des Wettersteines hinablassen könnten, ohne -etwas Anderes heraufzubringen, als zerschlagene Knochen, aber nicht -die gesuchten fremden, sondern eigene. Ein Zufall, der sie eben auf -+jene+ stoßen ließ, war so wahrscheinlich, als das Zusammentreffen -zweier Kanonenkugeln in der Luft. - -Starr und stumm ragten die riesigen grotesken Grabsteine aus den -schwarzen Grüften empor.. Mehrere, in die er von seinem Sitze aus -hineinsah, endigten in eine Höhle -- wie tief in den Berg? Darüber -fehlten vor der Hand offizielle Angaben, -- so wie über die hundert -andern Felsenlöcher, von denen einige zum Theil mit Wasser gefüllt -waren. - -Dennoch beschloß Lipprecht auf das Plateau hinabzusteigen -- da er -die Partie nicht zu wiederholen gedachte, wollte er wenigstens als -Naturmerkwürdigkeit besehen, was zu sehen war -- und für den Hauptzweck -konnte es mindestens nicht schaden. - -Er stieg den beschwerlichen Pfad hinab, und jeder Schritt über die -Steinblöcke überzeugte ihn, daß keine weitere Ausbeute zu holen, als -landschaftliche, -- diese aber reichlich. Als er auf den bekannten -Vorsprung der Seewand heraustrat, war die Sonne im Sinken; wie ein -dunkler Smaragd lag der See in der Tiefe, zur Linken die Bucht mit dem -Freinhof, gegenüber die schwärzlichgrünen Waldhöhen und über ihnen der -Kranz von fernen Gipfeln, auf denen die ewige Trikolore des Abends -wehte, aus rothem Sonnengold, blauen Schatten und glänzendem Schnee -gewebt. - -Lipprecht ist in dem Augenblicke +wirklich+ gemüthlich. Es fällt -ihm auch ein, daß Günther, wenn er hinter ihm stünde, sagen würde: -„Machen Sie doch einmal Ihre runden Maikäferaugen auf, und versuchen -Sie zu +sehen+, so wie ein Mensch die +Natur+ sehen muß, wenn -er von Kunstsinn reden will!‟ -- Es steht jedoch nur der Jäger hinter -ihm, der, nicht ohne Besorgniß für den Rückweg, zum Aufbruch drängt. -- -Er erhebt sich mühsam und sendet einen Scheideblick nach dem Freinhofe, -dessen ferner Besitzer sicherlich gerührt wäre, wenn er sähe, mit -welcher Aufopferung der wildfremde dicke Mann Berge um seinetwillen -ersteigt, und wie es ihn schmerzt, so ganz ohne Aufklärung über die -innersten Angelegenheiten seines erwählten Schützlings abzuziehen. - -Der Kommissär hatte noch einen bösen Moment, wo er die ganze Kunstreise -zum Teufel wünschte, als er nämlich auf dem Rückwege über das Plateau -ausglitt, aber glücklicher als Harkeboom. - -Im Augenblick wo er am Boden lag, tauchte hinter dem nächsten -Steinblock ein Kopf hervor, aus dessen Munde die Worte erschollen: -„Bedaure unendlich, werther Herr! bleiben Sie aber gefälligst liegen, -ich helfe gleich!‟ Damit war er auch schon an Lipprechts Seite, und -hob ihn, ohne Hülfe des etwas vorangegangenen Jägers, mit einer -Leichtigkeit empor, als wäre der Kommissär ein Kautschukballon. Dieser -dankte dem gefälligen Riesen, den wir wohl nicht zu nennen brauchen, -aufs Verbindlichste und sagte: „Sie scheinen mit diesem Terrain -vertrauter als ich, der ich meine Naturbewunderung mit einigen Beulen -bezahle. Der Wetterstein scheint die Dilettanten zu kennen‟ -- - -„Besser als diese ihn; der zweite Fall in wenig Wochen‟ -- erwiederte -Knorr. -- „Ich gehe oft herauf, bin aber selbst neulich über die kleine -Wand dort abgefahren, daß mich meine eigenen Hunde apportiren wollten. -Aber wo wünschen Sie denn eigentlich Ihr Nachtquartier aufzuschlagen? -hoffentlich nicht da oben?‟ fragte er, als er sah, welche Richtung -Lipprecht einschlug. -- - -Dieser setzte ihm seinen Plan auseinander. -- „So wahr ich Knorr heiße -und auch übrigens ein ehrlicher Kerl bin, gebe ich das nicht zu! Sie -gehen mit mir den bequemen Weg ins Thal hinunter, schlafen in meiner -Einsiedelei und gehen morgen wohin Sie wollen oder müssen. Ehe Sie über -den Steig da hinauf kämen, wäre es finster. Sie wären ein zu fetter -Bissen für einen dieser Höllenrachen, als daß er nicht nach Ihnen -schnappte! Im vorigen Jahr hat er einen dürren Engländer eingeschluckt, -den sie aber theilweise wieder herausfischten, und vor drei Jahren -einen noch dürreren Holzschreiber von Trautenfeld‟ -- - -Lipprecht zog rasch ein Blatt und Bleistift heraus, schrieb eine Ordre -an den Wirth, seinen Wagen nach der Stadt zurückzuschicken, gab den -Zettel dem Jäger und schickte diesen fort. Knorr’s Einladung nahm er -zu dessen herzlicher Freude an, und sagte: „Ich habe drüben von einem -Verschollenen, Namens Walcher gehört, aber Niemand wußte Näheres.‟ - -„Ich war selbst neugierig, da ich den armen Teufel gekannt. Vielleicht -liegt er zehn Schritte von uns! Aber wer kanns sagen? Die Holzknechte -fanden Nichts. Die Polizei hat sich nicht damit befaßt, und meine -Hunde, die jedenfalls weit klüger sind, haben nicht einmal im ersten -Jahre Etwas entdeckt, -- geschweige jetzt, wo der Holzschreiber schon -ein ganz appetitliches, sauberes Skelett sein muß.‟ - -Lipprecht hielt es passender, mit einer humoristischen Wendung -seinen Karakter zu enthüllen, als weitere Ansichten Knorr’s über die -Sicherheitsbehörde abzuwarten, -- und die Männer setzten lachend ihren -Weg fort. - -„Ich habe, begann Knorr wieder, meinen Nachbar im Freinhof, einen -gewissen oder ungewissen Kollmann, wenigstens zwanzigmal gefragt, ob er -denn, als Grundherrschaft, nicht wisse, wo der Holzschreiber liegt? Die -ersten Male wurde er grob, aber jetzt lacht er dazu. -- Es ist so ein -fixer Spaß unter uns.‟ - -„Aber warum werfen Sie Ihre Vermuthung eben auf den Wetterstein, -während jene der Trautenfelder auf dem ganzen Gebirgszuge herumirrt?‟ - -„Herr! -- wenn Kollmann seine Besitzung am Jaitsteine hätte, so würde -ich nach diesem fragen. Es ist nur wegen des fixen Spaßes.‟ Nun -veränderte sich aber plötzlich der Ausdruck seines Gesichts, und er -sagte mit jenem Ernst, den er auch im Gespräch mit Sembrick mit einem -Mal gezeigt: „Mein sehr lieber und werther Gast, ich sage Ihnen, nicht -als solchem, sondern als Polizeikommissär, daß ich leider Gottes das -+Rechte+ nicht weiß. Sehen Sie, ich rede immer von meinen Hunden; -diese haben von meinem Verstande nichts angenommen, ich aber von ihrem -+Instinkt+. -- Das ist +Alles+!‟ - -Wenigstens war es Alles, was Lipprecht erfuhr, welcher durchaus nicht -allzu inquisitorisch auftreten wollte, den aber Knorr bedeutend zu -interessiren begann. - -In tiefem Dunkel waren sie in den Thalgrund herabgekommen, -- -am stillen, leeren Freinhof vorübergegangen, den Fichtenkegel -hinangestiegen. -- - -Eine Stunde später hatte Knorr’s einfache, treffliche Küche und der, -ganz unerwartete Sorten liefernde, Keller alle Ermüdung vollständig -beseitigt. -- - -Es wurde Mitternacht und noch drang durch die Spitzbogenfenster -Gläserklingen und Lachen in den Wald hinaus, und die Stimmfülle, womit -das Gespräch geführt wurde, war ein glänzendes Zeugniß für die Organe -der beiden Herren. - -Während aber Knorr, mit der Tragweite seiner Flaschenbatterie -vollkommen vertraut, eben so vollkommen Herr seines gerichtlich -nachgewiesenen Verstandes blieb, hatte der sonst so umsichtige -Kommissär einer ihm trotz seiner Kennerschaft fremden Weingattung auf -die Bürgschaft seines Wirthes zu sehr vertraut und ein Paar Fragen -gethan, die er besser unterdrückt hätte. - -Als er, nach den Mühseligkeiten des Tages und der eben so angreifenden, -die halbe Nacht währenden Erholung auf Knorr’s Ruhebett einschlief, -stand dieser mit verschränkten Armen vor ihm, betrachtete ihn, in -seinen Bart lachend, und sagte vor sich hin: „Da liegt die wirkliche -Polizei und schläft wieder, -- nachdem sie früher so lange geschlafen. -Wer sie denn jetzt mag aufgeweckt haben?‟ - --- -- Lipprecht that am Morgen noch einen Gang durchs Thal, um den Hof -herum, nahm in seinem Gehirn einen förmlichen Wachsabdruck sämmtlicher -Lokalitäten mit, begab sich auf dem uns bekannten Wege nach Pottenbach -zur Bahn, und brachte als Ergebniß seiner Vergnügungsreise nebst -zahllosen kleinen Notizen folgende Hauptartikel zurück: - - der Holzschreiber Walcher liegt in einer Schlucht des Wettersteins; - -- - - Kollmann ist in irgend einer Weise an dessen Verschwinden - betheiligt; -- - - ein Motiv, warum der arme Teufel aus dem Wege geschafft worden, ist - nicht aufzufinden; - - eben so wenig ein Zusammenhang der Begebenheit mit dem alten - Grünschenk zu ermitteln; -- - - der Trautenfelder Unterbeamte, der in seinem alten Berichte - Walchers nicht erwähnte, war ein Dummkopf; -- - - die Oberbehörde, welche in Kollmann keinen Gegen stand ihrer - Beobachtung findet, ist um nichts klüger. -- - -Doch zweifelte der Kommissär keinen Augenblick an einer künftigen -Lösung der Aufgabe, die sich seine polizeiliche Privatindustrie -gestellt, obgleich im Lande der ~dissolving views~ ein Beamter, -welcher seine Pflicht nicht als Maschine, sondern razionell vollziehen -will, darauf gefaßt sein muß, nicht nur durch die Steine, die der -Gegner in das Geleise wirft, sondern auch durch den Radschuh, welchen -das Sistem auf dem ebensten Wege, und selbst bergauf, anlegt -- gehemmt -zu werden. - - - - -Im Hafen. - - -Welches ist aber das Land unserer Begebenheit? -- - -Es gibt Fragen, welche der Einzelne, an den sie gerichtet sind, nicht -zu beantworten vermag, -- so wie an Völker Jahrhunderte hindurch Fragen -gerichtet wurden, die sie nicht zu lösen vermochten. - -Das treue, felsenfeste Herz des Sängers, der die Frage hinausgesungen: -„Was ist des Deutschen Vaterland?‟ hat aufgehört zu schlagen, ehe sie -gelöst. -- Wird sie gelöst? -- Vierzig Millionen sangen und singen -noch: „+Das+ soll es sein!‟ -- Und immer noch +soll+ es! -+Wen+ kann der kräftige Jubelchor froher stimmen, die Sänger oder -die Zuhörer rings im europäischen Konzertsaal, -- die Russen, Britten, -Franzosen? -- denen niemals +eingefallen+ zu fragen, +was+ -ihr Vaterland sein solle. - -~Écoutez! Encore ces Allemands à la recherche de leur patrie!~ -- -lacht es über den Rhein herüber. -- Ueber den Kanal tönt nicht einmal -eine Persiflage, nur ernst und groß, wie das alte Meer, der Hymnus -~Rule Britannia~! -- -- Der Russe hat es am Leichtesten. Er darf -nicht fragen und wird nicht gefragt, aber er +weiß+ es, -- und -ein Anderer hat längst für ihn gesagt: das ganze Rußland +muß+ es -sein! Und so ists auch. -- - -Und dennoch wird auch unser Sollen zum Haben, wenn es nur erst zum -rechten Wollen geworden. Jahr für Jahr wälzen die singenden Millionen -den Sisifusstein ihrer Einheit den Berg hinan, und immer geräth er auf -eine Stelle, wo er abgleitet, -- meist ein Stück glattes Parkett eines -Konferenzsaales, -- und rollt wieder in die Tiefe. -- Vielleicht sind -wir dem Gipfel näher als wir selbst glauben! - --- -- Der Strom des großen Gedankens hat unser leichtes Fahrzeug -fortgerissen. Wir begannen mit der Frage nach dem Lande dieser -Erzählung. Bekannte Thurmspitzen und Berggipfel ragen aus der -Fata-Morgana-Landschaft, worin sie spielt, empor; der Klang der -Namen lenkt unwillkürlich den Finger nach einer bestimmten Stelle -der Landkarte, -- und dann wird Alles wieder fremd, -- wie man wohl -manchmal hört: „Ich träumte, -- es war in unserm Garten, -- und dann -war es doch wieder nicht unserer.‟ - -„Ein Monarch, hat man zu uns gesagt, wie er des Landes der -~dissolving views~, -- ein Graf Breuneck und Andere, die dort, -wo der Finger hingewiesen, nicht existiren, und alle übrigen daselbst -+nicht+ aufzufindenden Menschen und Orte vermögen doch nicht das -klar gezeichnete +Wirkliche+ zu verdecken! All dieß ist eine an -den Arm gebundene Larve bei unverhülltem Gesicht.‟ -- Aber so verlangte -es einst das Gesetz der Maskenbälle, eben in unserer Residenz: wer -nicht maskirt war, mußte wenigstens das Zeichen tragen, eine kleine -Wachslarve am Arm. Wir nehmen sie, um wo möglich keine Szene mit dem -Ballkommissär zu haben. -- - -So bleiben wir denn auch bei der Bezeichnung „Hafenstadt‟ für den Ort, -welchem Arnold zufliegt, und zwar nicht allein, denn in Frauenwang ist -ein Passagier von Korbach kommend zu ihm gestoßen, den er mit freudigem -Aufschrei begrüßt. Es ist Sprenger, welcher vom alten Freunde gebeten -worden, seinen Sohn zu begleiten, der des Aelteren, Erfahrneren bei -seiner Sendung bedürfen könnte. - -Reich genug war der Stoff ihrer Mittheilungen. Sprenger gab ein Gemälde -von den Korbacher Zuständen, welches von einer Sicherheit, -- ja -Siegestrunkenheit Zeugniß gab, die er nicht theilen konnte. - -Pater Valentin war nach St. Martin gegangen, um die Leitung des -Klosters zu übernehmen, der Prior, sobald es sein Zustand erlaubte, von -dort nach der Residenz gereist und der junge Geistliche Leo hatte den -Pfarrhof in Korbach bezogen. -- - -Abschieds- und Begrüßungsfeste für die beiden Letzteren, eine große -Demonstrazion der katholischen Arbeiter, welche sich mit Fahne, -Musik und Blumenkränzen vor Korbach’s Hause aufgestellt und ihm für -seine allgemein bekannt gewordene Thätigkeit, für die Erhebung ihres -geliebten Pfarrers durch eine Deputazion dankten, -- ein riesenhaftes -Bouquet in Begleitung eines goldgeränderten Gedichtes, das die Mädchen -Helenen überreichten, -- Tags darauf ein Ständchen der Protestanten, -welche nicht zurückbleiben wollten, da sie in dem Vorgange nur einen -Sieg des Toleranzprinzipes sahen. Dieß Alles machte unstreitig einen -ganz erfreulichen optischen und akustischen Effekt... -- Der alte -Korbach, sonst ein Feind alles lärmenden Gepränges, war dießmal der -Demonstrazion auf halbem Wege entgegengekommen, und hatte einige kurze, -kräftige Reden gehalten, des Sinnes daß, so lange er Herr in Korbach, -dafür gesorgt sein werde, daß +Recht+ und +Gesetz+ des Staates und der -Kirche gelten, nicht aber deren +Verdrehungen+. - -Als aber Sprenger an der Altenberger Fabrik vorübergekommen war, hatte -er über hundert Arbeiter mit Herstellung des Gebäudes beschäftigt -gesehen, welches noch vor acht Tagen mit geschlossenen Thüren und -Fenstern dagestanden war und keineswegs einen Konkurrenzbesorgnisse -erregenden Anblick gewährt hatte. -- - -Arnold theilte ihm nun Alles mit, was er in den letzten Tagen in -Erfahrung gebracht, und Sprenger war sowol von seiner Auffassung als -klaren Auseinandersetzung der Sachlage, sowie der beabsichtigten -Schritte befriedigt. Er fand seinen Zögling reif zur großen Aufgabe, -die ihn einst als Chef eines so bedeutenden, und nun so ernstlich -bedrohten Etablissements erwartete, und übergab ihm mit Beruhigung die -vom Vater ausgestellte Vollmacht zu Abschlüssen, Unterzeichnungen u. -dgl. - -Hatte die erste Stunde der Reise durch Günther’s Abenteuer ein -ungewöhnlicheres Interesse, so war dieß in der letzten durch ein -anderes Zusammentreffen der Fall. -- - -Es war bereits ganz dunkel, und in weiter Ferne sah man das Feuer -des Leuchtthurmes. Niemand außer unsern Freunden befand sich im -Coupé, dessen Sitze durch hohe Lehnen getrennt sind, so daß man, ohne -aufzustehen, nicht hinübersehen kann. - -Auf der letzten Stazion vor dem Hafen öffnete sich unter Säbelgeklirr -die Thür des Coupé, und zwei Offiziere traten ein, in deren einem -Arnold sogleich den Obersten von Plomberg erkannte, welcher einen -Tag früher die Hauptstadt verlassen, sich an einer Zwischenstazion -aufgehalten hatte, und hier mit seinem Vetter, dem Adjutanten des -Prinzen, zusammentraf. - -Sie wählten das Coupé, das sie ganz leer glaubten, und nahmen in der -Abtheilung neben Arnold Platz. Dieser sowol als Sprenger sprach so -geläufig englisch als deutsch, und als Plomberg ein Paar Worte der eben -in dieser Sprache geführten Conversazion hörte -- deren sie sich nach -der Ankunft der neuen Passagiere bedienten, sagte er leise zu Baron -Heidenbrunn: „Niemand, als ein Paar obligate Engländer.‟ - -Waren Arnold bis Treustadt die Köpfe der Mitreisenden willkommen, die -ihn für Klotilde unsichtbar machten, so war es ihm die Lehne noch weit -mehr, da ihm der Oberst geradezu antipathisch war. -- - -Das Anfangs halblaute Gespräch der Offiziere wurde nach und nach so -laut, daß es auch Entferntere als Arnold hätten vernehmen müssen. Es -ging daraus hervor, daß der Monarch sich in zwei Tagen nach dem Hafen -zu begeben beabsichtige, um den Prinzen und die Einwohnerschaft bei -einem Feste zu überraschen, welches, ohne sonstige besondere Bedeutung, -zu Loyalitätskundgebungen von der einen und Huldstrahlen von der andern -Seite benützt werden sollte. - -Der Prinz hatte an einem mit vielem Geschmack gewählten Punkte der, -die ganze Hafenbucht beherrschenden, Anhöhe eine Villa gebaut, welche -seine Residenz bleiben sollte, so lange er das Marinekommando führte, -und die festliche Eröffnung derselben an seinem Geburtstage bot den -Anlaß zu den erwähnten Manifestazionen. Was die Ueberraschung durch -den Monarchen betrifft, so gehörte sie in die Kategorie der bis ins -Kleinste verabredeten, welche dem überraschten Theile die gehörige Zeit -zu allen Vorbereitungen lassen, und man sprach darüber seit einigen -Tagen in beiden Städten. - -Oberst Plomberg entsprach im Dialog dem Bilde, welches Arnold von ihm -nach einigen Aeußerungen im Freinhof behalten. Er gehörte, insofern ihn -sein alter Adel als Kavalier passiren ließ, zu jener Gattung, welche -bei Entwicklung ihres Standesbegriffes etimologisch zu Werke geht, -und alle ihre Rechte und Pflichten von dem Stammworte herleitet --: -~cavallo~, -- ~cheval~, -- Roß. -- - --- Sie verkehren mit der Crême der Gesellschaft, aber der feine -Salonduft vermag nicht den geistigen Stallgeruch zu beseitigen. Auch -fühlen sie sich nur +unter sich+ eigentlich behaglich. Man darf -nur Einmal den Akzent hören, mit welchem die Worte: „Ein süperbes -Mädel!‟ aus einer beisammenstehenden Schaar dieser -- wie Sprenger -sie derb und richtig nannte, „Roßkavaliere‟ herausklingen, um über -den Standpunkt der ganzen Race im Reinen zu sein. Es sind übrigens -glückliche Leute, meistens hübsch, gesund, reich und dumm, und wenn man -ihnen aus dem Wege geht, thun sie nicht leicht Jemandem etwas zu Leide. --- Der bürgerliche Gentleman hat vor dem adeligen den Vortheil, daß -er dieser Gattung von Geschöpfen leicht ausweichen kann, während der -letztere häufig gezwungen ist, sich mit ihnen abzugeben. - -Das Verhältniß Heidenbrunn’s zu Plomberg war weder ein -freundschaftliches, noch feindliches, sondern kühle Bekanntschaft, mit -dem erschwerenden Umstande der Verwandtschaft. Der einzige Unterschied -der beiden Herren bestand in der Façon, -- die Kameraden, in allen -Ständen die einzig kompetenten Richter, würden schwerlich gesagt haben, -der Adjutant sei ein geschliffener und Plomberg ein ungeschliffener -Edelstein. Von Edelstein war kein Rede, aber das böhmische Glas war -bei einem polirt, beim andern mit Pferdestaub überzogen, - --- „Wie lange wird denn der ganze Spektakel bei Euch dauern? sagte -Plomberg -- und was für Species von Ennui bekommen wir zu verdauen?‟ -- - --- „Es dauert einen Tag und zwei Abende. Morgen Ball, oder vielmehr -Rout, nach dem Prinzip der vollständigsten Fusion: Wir Alle, -- -Munizipalität, Beamten -- Kaufmannschaft‟ -- - --- „Wenigstens hübsche Weiber. Was weiter?‟ - --- „Dabei Illuminazion und Feuerwerk. Uebermorgen Frühstück für die -fremden Offiziere, und Abends kleiner Cercle mit Tableaux.‟ - --- „Herr Gott im Himmel! -- das ist ja zum Erschießen! Hätte ich nur -Greuth’s Kommission nicht, so kehrte ich jetzt noch um. Er hätte auch -einen Andern gefunden zu dieser Bagatelle.‟ - --- „Das ist es wohl nicht; schon des Prinzips wegen.‟ - --- „Prinzip? eine Misere, die sie zu einer Staatsakzion aufgeblasen -haben. Was geht’s uns Soldaten an? Ich verstehe meinen eigenen Auftrag -nicht, ich weiß nur daß du beim Prinzen bewirken sollst, daß eine -Bestellung auf eine halbe Million ich weiß nicht was, sistirt werde.‟ - --- „Ich weiß ganz gut um was es sich handelt was mir nicht klar, sind -nur zwei Dinge: wie nämlich diese reine Geschäftssache ganz +oben+ -solchen Lärm machen konnte, und warum, wenn man sie schon aufgreift, -nicht einfach und offiziell aufgetragen wird, dieser oder jener -Firma aus Gründen, die man sagt oder nicht sagt, die Bestellungen zu -entziehen?‟ - --- „Der Lärm kommt von einem Pfaffen, den ich lange kenne, und -der Prälat werden wollte, und da ist ihm ein Fabrikant, der ein -ganz gescheidter Kerl sein muß, durchs Zeug gefahren, mit einem -originellen Coup, und er ist durchgefallen. Darauf wird er vor Galle -krank und kommt nun in die Stadt und hetzt die Leuchtendorf’s auf -den Allergnädigsten, und meine Alte und deren Frau Schwester auf die -Prinzessin Marie, macht einen Höllenlärm, daß in einem Jahr die ganze -Provinz lutherisch wird. -- Der Erzbischof gibt auch seinen Senf dazu, -und gestern Abends läßt mich Greuth rufen und sagt: Sie würden ohnedem -mit uns gehen, -- fahren Sie voraus und sagen Sie Ihrem Vetter, und so -weiter. -- Es heißt sie wollen Exempel statuiren, im Keim ersticken -und weiß der Teufel was, und ein Offizier muß in der Pfaffen- und -Fabrikantengeschichte eine Art Kurierreise machen. Man glaubt ein Narr -zu sein.‟ - --- „Ganz richtig. Es ist übrigens nicht leicht, da der Prinz, dem sie -in andern Dingen oben die Hände binden, sich nicht influenziren läßt, -wo er auf seinem eignen Terrain steht.‟ - --- „Meinethalben. Ich habe Greuth gesagt, daß ich ein schlechter -Diplomat bin. Er hat mir geantwortet, das wisse er ohnedem, er könne zu -der Sache keinen guten brauchen.‟ - --- „Ich werde, da die Sache bloß ein vertraulicher Wink, mich ganz nach -der persönlichen Disposizion des Prinzen richten.‟ - --- „Wie du willst. Schlägt’s fehl, so habe ich das Meinige gethan. -Greuth soll einen Andern mit solchen Klatschmissionen beehren. -- ~A -propos~ Klatsch, zwischen ihm und der Zeltner ist Alles aus. Weiß -dein Prinz, daß die Geschichte bestanden?‟ - -„Kein Wort; das würde dieser Frau, die ein gutes ~moyen d’action~ -werden kann, einen Theil ihrer Anziehungskraft rauben.‟ - -„Wie steht denn die Sache eigentlich?‟ - -„Auf dem alten Fleck. Der Prinz ist, seit wir von der Residenz weg -sind, oft ungnädiger Laune, und seine Gedichte haben einen blassen, -melancholischen Teint. Wenn nicht bald eine neue Flamme auftaucht, -so gehe ich mit Urlaub nach der Residenz und hole sie, vorausgesetzt -daß sie geht. Sie geht aber keinen Schritt weiter, als sie will; von -~abandon~, unbewachtem Moment u. dgl. ist bei diesem Weib keine -Rede.‟ - -Baron Heidenbrunn ahnte nicht, daß die Besprochene, nur in einer -Entfernung von zwölf Stunden, in derselben Richtung fahre, und eben so -wenig, daß das Gespräch nicht von zwei Engländern vernommen wurde. - -Sprenger erinnerte sich nicht, seit Arnold’s Kindheit je einen so -schweren Stand gehabt zu haben. -- Bei der Erwähnung seines Vaters war -er bereits aufgesprungen und Sprenger hielt ihn geradezu mit Gewalt -zurück, und sagte: „Arnold! habe ich dich denn je einen andern Weg -geführt, als den der Ehre? Ich selbst lade dir die Pistolen bei der -ersten Ehrensache die du auszufechten hast, aber das ist +keine+. --- Wenn er deinen Vater einen gescheidten Kerl nennt, so ist das nach -+meinem+ Verstande keine Beleidigung, und im Uebrigen erfüllen sie -ihre Aufträge, für die du die ganze Coterie zur Rede stellen müßtest.‟ - -„Es handelt sich um etwas ganz Anderes! entgegnete Arnold -- Meinst du, -ich könnte den Beiden, wenn sie beim Aussteigen an mir vorübergehen, -ins Gesicht sehen als Fremder, und morgen oder übermorgen als Korbach? -daß sie dächten, aha, das ist +der+! im Waggon hat er sich -geduckt! -- Diesen Leuten gegenüber muß man eher zu viel thun, als zu -wenig! Ich werde ruhig sprechen und es wird sich erst zeigen, ob sie -renommiren wollen.‟ - -Damit zog er seine Hand aus jener Sprenger’s und trat, mit einem -raschen Schritt um die Scheidewand der Sitze, vor die Offiziere, welche -durch das lautere Gespräch und die Laute der Muttersprache überrascht, -einander ansahen und im Momente eine Revüe ihrer +eigenen+ -Unterhaltung hielten, die allerdings einen sehr konfidenziellen -Karakter gehabt. - -Die Gedanken: Verdammte Civilisten! -- Aufpasser, -- Zusammenhauen -(die Hauslogik des Roßkavaliers) fuhren durch Plomberg’s Kopf, während -Heidenbrunn, obwol ungefähr auf derselben Höhe, mehr über die eigene -Unbesonnenheit als über die Indiskrezion ärgerlich war, die nach seiner -Auffassung darin lag, daß zwei Passagiere sich nicht die Ohren mit -Baumwolle verstopften, um ein im Waggon laut geführtes Gespräch nicht -zu hören. - -Arnold’s Gesicht hatte in dem Augenblick, wo er vor sie hintrat, -durchaus keinen herausfordernden Ausdruck, sondern nur jenen ruhiger -Offenheit. „Herr Oberst, begann er, Sie haben in der Unterredung, -deren unfreiwilliger Zeuge ich war‟ -- „Halt, fiel Plomberg ein, -unfreiwillig, das leugne ich; von dem Augenblick, wo Sie hörten, daß -das Gespräch nicht für fremde Ohren berechnet war, stand es bei Ihnen, -durch einige laute deutsche Worte zu zeigen, daß Sie uns verstanden.‟ - -Immer ruhig, aber sehr bestimmt, versetzte Arnold: „Abgesehen davon, -daß auch ein Ausländer Ihre Sprache verstehen konnte, mußte ich -voraussetzen, daß zwei Herren in Ihrer Stellung an einem öffentlichen -Orte, vor Fremden, nur +dann+ sich in so vernehmlicher Weise -unterhalten, wenn sie +keinen+ Werth darauf legen, ungehört zu -sein. Nicht +mir+, sondern +Ihnen+ stand die Beurtheilung zu, -ob Ihre Worte für fremde Ohren geeignet seien!‟ - -„Darüber wollen wir nicht streiten, -- sagte Plomberg mit -hinaufgezogenen Augenbrauen, -- aber ich möchte fragen, was Ihnen -eigentlich zu Diensten steht?‟ - -„Ich wünsche, als Sohn des erwähnten Fabrikanten, die Ansicht, -welche in einem hohen Kreise über die Handlungsweise meines Vaters -vorherrscht, bei Ihnen, meine Herren, dahin zu berichtigen, daß -derselbe mit dem, was Sie einen originellen Coup genannt, eine Handlung -vollbracht, auf welche jeder Ehrenmann +stolz+ sein muß; daß jenem -Vorgang nicht ein einziges Motiv zum Grunde liegt, welches Zweifel -an seiner Loyalität, oder Schritte rechtfertigen könnte, die ihm -nachtheilig sind.‟ - -„Wir begreifen, sagte Heidenbrunn, daß Sie die Sache Ihres Herrn -Vaters führen, aber Sie werden auch begreifen daß, da es sich um -höhere Aufträge handelt, wir weder zu richten, noch uns gegen Sie zu -rechtfertigen haben. Es wird sich eben darum handeln, Ihrer Ansicht -dort Geltung zu verschaffen, wo darüber entschieden wird.‟ - -„Dieß wird sehr schwer geschehen können, da ich mit der Absicht reise, -meine Angelegenheit dem Prinzen vorzutragen. Ihr Auftrag heißt Sie -dem entgegentreten. Dawider steht mir keine Einwendung zu. Meine -Pflicht war nur, fürs Erste zu +sprechen+, damit ich den Verdacht -beseitige, als wollte ich +irgend einer Konsequenz meines Zuhörens -ausweichen+, fürs Zweite die Ueberzeugung auszudrücken, daß Sie, -meine Herren, wenn es mit Ihrer Pflicht vereinbar ist, einen solchen -Auftrag sicherlich nicht übernähmen, wenn Sie den Karakter dessen -kennen würden, gegen den er gerichtet ist.‟ - -Arnold grüßte mit einer leichten Neigung des Kopfes und nahm seinen -Platz wieder ein. Sprenger schüttelte ihm beifällig die Hand. -- Die -beiden Offiziere sahen einander an, und sagten fast zu gleicher Zeit: -„Mir scheint, wir haben eine ungeheure ~bêtise~ gemacht.‟ -- -Der Schein wurde ihnen, je länger sie nachdachten, desto mehr zur -Gewißheit. Sie setzten sich ans andere Ende des Coupé. - -„Was liegt daran! -- sagte Plomberg. -- Vielleicht könntest du die -ganze Audienz verhindern?‟ - -„Gott bewahre, der Prinz hält auf seine Popularität, so wenig wir auch -noch davon gehabt haben. Der junge Mensch wird auch wahrlich nicht von -Greuth oder der Zeltner reden. Im schlimmsten Falle aber kommt zuletzt -Alles auf Greuth; der Prinz wird ~a camera~ fulminiren, da er ihm -öffentlich nichts anhaben kann. Dieser Korbach gefällt mir übrigens -nicht übel, er scheint „Schneide‟ zu haben.‟ - -„Das müßte man erst sehen! Glaub’s aber gern, daß es ihm eine Ehre -und ein Vergnügen gewesen wäre, sich mit uns herumzuhauen. Seitdem -das Wort Gentleman in der Mode, ist keine Barriere mehr. Früher hat -sich Unsereiner manchmal herabgelassen, sich mit einem sogenannten -Honorazioren zu raufen, jetzt ists schon bald verfluchte Schuldigkeit -geworden, einem Federfuchser oder Kaufmann Rede zu stehen! -- Ein -Denkzettel hätte ihm aber nicht schaden können!‟ - --- „Im Gegentheile +nützen+! Das wäre das beste Mittel gewesen ihn -zu +heben+! Darum habe ich auch den Passus von „Konsequenzen‟, -denen er nicht +ausweichen+ will, nicht aufgegriffen!‟ - --- „Was wirst du jetzt thun?‟ - --- „Ich werde meine Sache so machen, daß ich mit meinem Prinzen und du -mit Greuth auf gutem Fuße bleiben; wie diese Beiden dann mit einander -stehen, kann uns indifferent sein.‟ - --- -- Es war zehn Uhr Abends, als man im Hafen anlangte. - -Vor dem Hotel, in welchem Arnold und Sprenger ihre Wohnung nahmen, -ragten die Masten der Schiffe in den dunkeln Himmel, welche in dichter -Reihe am Quai lagen. Der bekannte tausendstimmige südliche Lärm füllte -die laue Luft. -- Unsere Reisenden waren aber nicht in der Stimmung, -sich mit pittoresken und kulturbildlichen Studien zu befassen, sondern -sperrten die Reize des nächtlichen Seestückes und das ganze Geschrei -der ~bella Italia~ mittelst der Fensterläden hinaus, so gut es -ging, und suchten die Ruhe. - - * * - * - -Dafür begrüßte Arnold die aufgehende Sonne auf dem Hafendamme. -- - -Sie schüttete ihr Gold ins Meer, heute wie immer, unbekümmert um die -schlafende Stadt; -- so wenig diese sich um die Sonne kümmert. -- Was -ist daraus zu prägen? Der Sonnenaufgang gibt keinen Kurszettel für die -schlummernden Handelsherren. Was wäre da zu notiren? „Fernsicht flau --- rothes Gewölk über dem Kastell wenig begehrt -- starke Schwankungen -der kleinen Fischerboote -- die große Fregatte fest, aber bei den -Italienern nicht beliebt -- Wellengold und Nebelsilber ausgeboten -- --- von der unerschöpflichen Hand, welche täglich ihre Valuten auf den -Markt wirft -- aber kein Käufer.‟ - -Doch Einer war ja aufgetreten! -- Und wie klein ist der Preis, den die -ewige Natur fordert! Nichts als ein offenes Auge und Herz, -- und ohne -zu wägen und zu zählen füllt sie Beide mit ihren Schätzen, -- so voll, -daß sie den Tropfen aus dem Auge drängen und den Seufzer des Schmerzes -oder der Seligkeit aus der Brust. - -+Den+ Preis hatte Arnold zu bieten. Noch gab es Hochalpen in -seinem Innern, zu denen kein Schienenweg der Industrie hinanreichte, -Wildwasser, die kein Schwungrad trieben. Nur schärfer hatte sich in den -letzten Tagen das Chaos in ihm gesondert, die Wasser der Höhe von denen -der Tiefe. Er konnte sich Stunden lang ganz seiner materiellen Aufgabe -hingeben, die mit der Schwierigkeit einen Reiz gewann. Aber unter dem -häufigen gewaltsamen Zurückdrängen hatte sich sein Herzensleben nur -kräftiger entwickelt, wie Keime unter Schnee. - -So oft er, das Arbeitsgeräthe des geschäftigen Tages zur Seite werfend, -die Pforten seines innern Heiligthums aufriß, vor das geliebte -Bild, das im zauberischen Dunkel seiner harrte, hintrat und ihm ins -freundlich sinnende Auge sah, ward das Wiedersehen inniger, die -Andacht heißer, die Trennung schmerzlicher. -- Diese Morgenstunde am -Meeresstrande war dem Gebete vor seiner „Bildsäule von rosenrothem -Diamant‟ geweiht. -- Fest und rein wie das blaue Gewölbe über ihm, war -sein Glaube geworden, -- jedes Wölkchen des Zweifels entflohen. -- Sein -Auge durchflog die Unermeßlichkeit um ihn und wendete sich von der -fernen Linie, die im Süden Meer und Himmel trennt, müde und geblendet -nach den Bergen über der glutbegossenen Stadt, -- der Gedanke schwingt -sich über sie weg, und sinkt nieder am rothen Kreuz. - -Wiedersehen! und +welches+ Wiedersehen? -- Meer und Himmel hatten -keine Antwort. Er fand sie in sich. -- War doch in ihm die Liebe zum -hohen markigen Baume emporgewachsen -- -- und +sie+ könnte ihm, -die halbverschlossene Knospe in der Hand entgegentreten? -- - --- Und doch -- +welches+ war das Pfand, das er vom Freinhofe -mitgenommen, der Keim, aus welchem er den Baum großgezogen? - -Sein Gedanke nach jener ersten seligen Stunde war: sie +vertraut+ -dir! -- kein Anderer. Daraus war entsprossen: +wenn+ dieses -Weib dich lieben könnte! -- Und wie er es Tag für Tag dachte, klang -das +Wenn+ immer leiser. Nun hatte er sich hineingelebt in den -Gedanken, und vergessen, daß es jene einzige Stunde war, aus welcher -er, +er+ allein das Feenschloß einer Gegenliebe aufgebaut, -- daß -+sie+ ihm nicht ein Sandkorn mehr dazu gereicht, seit der Trennung -nach dem ersten Begegnen. - -Am heiligsten und schönsten ist vielleicht ein solcher Glaube, der -ohne irgend ein Wärmen und Pflegen von Außen, aus sich erwachsen, wie -die Perle in der Perlenschale des Herzens. Aber bitterer auch die -Enttäuschung, wenn in den Schmerz die höhnende Frage hineinklingt: -+Was+ hieß dich denn +glauben+? - --- -- Als Arnold nach Hause zurückkehrte, mochte Etwas von dem -Morgengebet in seinen Augen glänzen. Mit Sprenger hatte er von seiner -Liebe nicht gesprochen, und dieser, der das Innere seines Zöglings -wie sein eignes kannte, schwieg gleichfalls. Er sah ihn besonnen -und thätig, sah weder sieche Sentimentalität noch leidenschaftliche -Fieberhitze, und dieser Grund, nichts dagegen zu thun, gesellte sich -zu dem Hauptgrunde, der darin bestand, daß +überhaupt+ nichts -dagegen zu thun war. - -Sie besprachen die gestrige Fahrt, die heute zu machenden Gänge, und -nahmen ihr Frühstück auf dem Balkon des Hotels. -- Längst war der -Hafen erwacht, -- dann die Stadt und immer zahlreicher mischten sich -unter die braunen Gestalten und malerischen Trachten des Volkes blasse -Comtoirgesichter und Gehröcke, nach den Magazinen und Schreibstuben -laufend. - -Unter dem Thor stand erwartend die offizielle Räuberschaar von Kellnern -und Lohnbedienten, außerhalb die nicht offizielle von Trägern, -Führern, Kommissionären, der Opfer harrend, die der Posttrain aus der -Residenz in ihre Hände liefern sollte. Das Hotel hat einen energischen -Diplomaten im Bahnhofe, der mit sicherm Blicke auf dem Gesichte eines -Jeden liest, ob er bereits eine Wahl getroffen, und Jeden, der einen -Augenblick suchend und fragend vor sich hinsieht, mit Beschlag belegt. - -Der erste Miethwagen mit Ankommenden bricht durch das Gewimmel am -Platze. Es folgt ein zweiter und dritter. -- Aus einem der letzten -steigt Klotilde, etwas blaß von der Nachtreise, aber hübscher als je. - -Sie verhandelt mit dem Aufwärter, in geläufigem Italienisch, mit großer -Sicherheit alle Punkte des Einquartirungsvertrages und tritt, vom -gepäcktragenden Burschen gefolgt, ins Thor. -- - -Nach einigen Minuten klingt ein Fenster über den Häuptern unserer -Freunde, -- sie überblickt ein Paar Minuten die Aussicht und schließt -es wieder. Die Vorhänge rollen herab: die Dame bedarf der Ruhe, der -Sammlung ihrer Mittel zu großen Zwecken. -- - -Arnold wäre ihr jetzt nicht ausgewichen, da sie ihm wie ein freundlich -humoristischer Gruß von Günther erschien, und weil überhaupt ein in -der Heimat fremdes Gesicht in der Fremde zum bekannten wird. Ist’s -vollends ein Gesicht wie das Klotildens, so liegt, wenn auch von einer -Anziehungskraft für Arnold keine Rede sein konnte, wenigstens nichts -Abstoßendes im Gegenstande. - -Er begab sich nun mit Sprenger zu Franchini, welcher sie in -seinem Kabinet empfing. Der Kopf des Banquiers hätte jedes Bild -eines Gesandtenkongresses geziert. Die freien, intelligenten Züge -waren wohlwollend und gewinnend, -- seine schneeweißen Haare -und lebhaften schwarzen Augen dienten einander als Folie, -- -Ausdrucksweise, Bewegungen und Toilette vollendeten den Eindruck des -~banquier-diplomate~. - -Nachdem Arnold, so zu sagen als Missionschef, in klarer Form und zu -sichtlicher Befriedigung des Zuhörers die Hauptzüge des fraglichen -Geschäfts entwickelt, und Sprenger die Umrisse hie und da mit Details -ausgefüllt hatte, faßte Franchini, schnell und mit freundlichem Tone -sprechend, das Gesagte zusammen: „Der Zweck Ihrer Reise, meine Herren, -ist die Sicherung der Bestellungen für die Marine. Sie deuten auf -Konkurrenz hin. Es war vor kurzer Zeit ein Agent eines Herrn Kollmann -hier, der auch meinen geringen Einfluß in Anspruch nahm. Ich habe -abgelehnt, da kein Grund vorliegt die Verbindung mit Ihrer Firma -zu lockern. Sie wünschen den Abschluß mitzunehmen und eine Audienz -beim Prinzen soll Sie gerade ans Ziel führen. Es bedurfte keiner -Empfehlungsbriefe, um mich aufs Wärmste für Sie zu interessiren. Ich -hoffe Ihnen einen Dienst zu erweisen, indem ich Ihr Ansuchen um die -Audienz vermittle, da ein mir offener indirekter Weg unter dem Gedräng -der Festlichkeiten vielleicht der Anmeldung in gewöhnlicher Form -vorzuziehen ist.‟ - -Franchini schloß mit einer Einladung, heute und die ganze Zeit ihres -Aufenthaltes, seine Mittaggäste zu sein; -- die beste Gelegenheit, sie -mit mehreren Notabilitäten, namentlich dem Direktor der Marine-Kanzlei -bekannt zu machen. -- - -Arnold konnte keinen bessern Erfolg des ersten Besuches wünschen. -Einige andere füllten den Vormittag. Sie fanden auf ihren Gängen die -Stadt in lebhaftester Bewegung; wo immer drei Menschen beisammen -standen, hörte man die Worte Villa, Ball, Beleuchtung, und die Namen -des Monarchen und des Prinzen. Wir folgen dem allgemeinen Impulse und -wenden uns zuerst zu Letzterem. - -Der Prinz war einige zwanzig Jahre alt, und seine körperlichen und -geistigen Eigenschaften mochten für jeden Posten besser taugen als für -den, welchen er bekleidete. -- Schwer konnte man sich diese zarte, -schlanke Gestalt in der Admiralsuniform an Bord des Linienschiffes -denken, als Beherrscher der schwimmenden Donnervulkane. Wenn man den -blonden Schein über der feinen Lippe, durch welchen der Wunsch einen -Schnurbart zu tragen ausgedrückt war, wegnahm und die weichen Haare zu -Ringellocken auszog, konnte er ganz gut eine junge Lady vorstellen. -- -Sein Geistiges stand insofern im Einklange damit, als er eine lirische -Natur war, welche im Mittelalter weniger das Ritterschwert geführt, als -mit der Laute des Minnesängers Frauendank und Bandschleifen erkämpft -hätte. - -Er hatte, wie alle Prinzen des Hauses, eine militärische Erziehung -bekommen, behielt aber auch in der modernen Uniform die mittelalterlich -romantische Richtung. -- Seinem Sinne war das gesammte reguläre Militär -nicht simpathisch. Kreuzfahrerkostüme, oder in wirren Haufen hinjagende -Tscherkessen und Perser, spanische Guerilla’s, Palikaren, -- kurz alle -pittoresken Gestalten waren Labsal für seinen Sinn, und er wendete auf -dem Paradeplatz gern den Blick von der steifen Linie der defilirenden -Grenadiere nach der Suite, nach dem fliegenden +Gemeng+ der -glänzenden Uniformen aller Waffengattungen. - -Er dichtete, und nicht einmal ganz schlecht. Eines der weniger -gelungenen Gedichte war aber seine Führung des Statthalterpostens einer -Provinz, welche zu den widerspänstigsten des Reiches gehörte, und -welche er durch eine Art von ~cour d’amour~ im Stile des Königs -René, Maskenzüge, orientalisch kostümirte Trabanten und Tableaux zu -beruhigen gedachte. Er ließ es dabei auch an Unterstützung der Künste -und wohlthätigen Spenden nicht fehlen, machte aber, dem ernsten, -festgewurzelten Hasse gegenüber, mit seinem heitern, durchsichtigen -Streben nach Popularität vollständig Fiasko, mehr als es vielleicht mit -einer puritanisch-strengen Haltung der Fall gewesen wäre. - -Als sich sein der Centralgewalt längst nicht zusagendes Sistem -praktisch nicht bewährte, verlangte und erhielt er das Marinekommando, -wobei ihm jedoch wieder die Bilder von Tempesta, das Wimpelgeflatter -und alle Seeabenteuer von Jason bis auf Marryat lebhafter vorschwebten, -als die trockene Aufgabe, eine in der Entwicklung begriffene Marine zu -organisiren. -- In angebornem Pflichtgefühl suchte er seiner Aufgabe -gerecht zu werden, arbeitete mit den Fachmännern, so lange er eben -aushielt, erwarb sich die Liebe der Untergebenen und der Stadt, welche -ihn von seiner glänzendsten Seite, der repräsentirenden, kennen lernte, -und entschädigte sich für die Mühen seines Berufes durch Feste und -Galanterie. - -In letzterer Beziehung war er von dem Regime der Minnesänger, welche -von einem Stück blauen Band und Sacktuchwehen vom Erker herab eine -Anzahl Jahre lebten, bald abgewichen, und hielt diese Richtung nur -in seinen Gedichten fest, während im wirklichen Leben Bänder und -Taschentücher nur insofern Gegenstände seines Wunsches waren, als -ihr Besitz zugleich jenen der Eigenthümerin bedeutete. Im Gedichte -verherrlichte er die Silfide, den weibgewordenen Mondstrahl: in der -Wirklichkeit zog er die niederländische Schule der deutschen vor, und -schätzte eine Dürer’sche Madonna dann am höchsten, wenn er auf dem -darunter stehenden Sofa einer Rubens’schen Frau zur Seite saß. -- Dabei -war er jedoch ziemlich beständig, und man konnte seine ~liaisons~ -während dreier Jahre an den Fingern Einer Hand aufzählen. Seine -poetische Natur schmückte die Erwählte mit Reizen, die ihr vielleicht -nicht eigen waren, und es ließ sich nachweisen, daß der Bruch der -bisherigen Verhältnisse immer durch eine Thatsache herbeigeführt -worden, welche Seine Hoheit überzeugen mußte, daß man ihr ritterliches -Vertrauen mißbraucht habe. - -Das Admiralitätsgebäude, dicht am Hafen, entsprach in keiner Beziehung -seinem Geschmacke. -- Es gewährte keinen Ueberblick, kein +Bild+! -- -Der Wellenspiegel mit den Objekten seiner Thätigkeit sollte unter ihm -liegen -- die +Marine+ in +Morgen-+ und +Abendbeleuchtung+ -- des -Mondes nicht zu erwähnen -- -- und er selbst auf der Höhe, sinnend an -eine Säule gelehnt -- mit dem Nelson-Perspektiv hinunterschauend! -- -Auch lag die Admiralität mitten unter andern Häusern. Nicht einmal -Hinterpforten. Jede „Rubens’sche Frau‟ mußte vermummt zwei Schildwachen -passiren. - -Nun thronte die Villa auf der Höhe des Berges, der dem Dampfer der -Levante über die Nebeldecke der See den ersten Gruß zusendet! Aus -reichem Grün glänzt die Gloriette mit ihren Marmorstatuen, und die -Flügel liegen halbmondförmig in den Armen der Waldhöhe. -- -- - -Die Fantasie des Prinzen war einige Monate hindurch in voller Gährung -über die Ausschmückung der Villa. -- Es waren so ziemlich alle Stile -vertreten, griechischer, gothischer, Renaissance... er hatte eine -eigene Erfindung im Kombiniren von Erfundenem. So wenig das Auge -des Kenners ein Labsal fand, so sehr bestach das Bauwerk die große -Masse, durch den Reichthum des Stoffes und gewisse Effektstücke, -die nicht ohne Reiz waren, wie z. B. der achteckige Saal, der das -Centrum bildete. Die Mauerflächen waren mit weißem Marmor überkleidet, -Baumstämme, täuschend aus dunklem Bronce gearbeitet, stiegen in jeder -Ecke empor, unten glatt, oben in Aesten, Verzweigungen, und endlich -in ein grünes Laubdach sich ausbreitend, welches den ganzen Raum -überwölbte, und über welchem durch die Kuppel von blaßrosenfarbenem -Glase das Licht einfiel, ohne daß man eine Flamme sah. Ein alter -Gedanke, den aber der Prinz auf seinen Reisen doch nirgends ausgeführt -gesehen. -- - -Wenn in dem anstoßenden Sale die Glasgemälde der Fenster bunte -Farbenflecken auf den spitzen gothischen Zierrath der Wände -und Gewölbe warfen, und in einem dritten das Kristallbassin mit -Blumenfontaine, und die Teppiche und niedern Ottomanen einem Märchen -der Scheherasade zu lauschen schienen, so mochte das Gesetz des -Schönen durch den Mangel an Einheit noch so sehr verletzt werden, -die Sinne wurden doch eigenthümlich gereizt, wenn der Lichtstrom und -Blumenduft sich durch den ganzen Raum ergoß, und man das Ganze nur -als fantastische Traum-Mosaik, als märchenhafte Zimmerreise in einem -Zauberpalaste betrachtete. - -Fast stellte die Villa ein Bild des Staates dar, dem der Prinz -angehörte. Ein Bild seiner schönsten Zeit! Das bunte Gemenge seiner -Nazionen, von Einem Gebäude umfangen, von Einer Hymne durchklungen, -Eine Fahne hoch wehend über dem Farbengeflatter der zahllosen kleineren --- wie hier die Kuppel Alles überragt, durch ihr Ueberragen allein -dem Ganzen einen Halt und Mittelpunkt gibt. -- Denkt die umfangende -Mauer weg, -- und der altgläubige gothische Saal steht feindlich dem -Grazientempel, -- der blühende Orient den klaren, scharfen Formen des -Westens entgegen, -- -- und dennoch vermag kein’s als Ganzes für sich -zu bestehen. - -Doch die Villa ist kaum erbaut! -- Wer denkt +hier+ an Zerfallen? - -Denkt doch auch +dort+ kaum Einer daran, wo der Gedanke so nahe -läge! -- Eben fliegt der Faëton ihres Besitzers den Berg hinan, auf der -herrlichen Kunststraße, die sich wie ein weißes Band in dreimaliger -Windung hinaufschlingt. Er leitet persönlich die letzten Anstalten der -beleuchtenden und dekorirenden Schaaren. -- - --- -- Der Ball war an dem Tage, wie überall, so auch beim Diner bei -Franchini Hauptgegenstand des Gespräches, welches schon während der -ersten Gänge sehr heiter und ungezwungen geführt wurde. Mr. Brown, der -Chef der Gaskompagnie, schilderte einen Abend, den er mit dem Prinzen -auf dem Gebälke über der Glaskuppel zugebracht, unter beständigen -Versuchen mit dem Beleuchtungsapparate, der sich endlich zu voller -Zufriedenheit bewährte. -- - -Der Direktor der Akademie, Volpi, vertraute der, nur aus vierundzwanzig -Personen bestehenden Gesellschaft unter dem Siegel der Verschwiegenheit -an, daß die Wahl des Comité’s für Bestimmung der drei schönsten Frauen -zur Schlußgruppe der morgigen Tableaux auf Contessa Sanvitelli, -Generalin Heuneberg und die Gattin des Banquiers Strada gefallen -sei. Die Gemahlin des Gouverneurs, welche bei den ~ricevimenti~ -des Prinzen die Honneurs machte, war von den Damen der Stadt gebeten -worden, zu wählen, und hatte, -- den ganzen Frieden ihrer Zukunft auf -dem Spiele sehend, -- drei Professoren der ~Academia delle belle -arti~ ersucht, die Rolle des Paris zu übernehmen. -- An zwanzig -Damen fanden sich, auf Erlaß des Comités, am hellen Mittag, in ganz -gleichen einfachen weißen Kleidern bei der Gouverneurin zusammen. Jede -hatte die ihr vortheilhafteste Frisur gewählt; allein die genannte -Dame theilte ihnen lächelnd einen weiteren Beschluß des Wahlcomités -mit, in Folge dessen ein Friseur nebst Gehülfen erschien, welche alle -Kunstbauten beseitigten, und die Haare sämmtlicher Kandidatinnen -glatt scheitelten und aufgelöst über die Schultern fallen ließen. Sie -hatten hierauf in einem Salon mit dunkelgrünen Tapeten einen Kreis zu -bilden, in welchem die drei Professoren sich eine halbe Stunde sehr -angenehm herumbewegten. Ihre Wahl fand zwar nicht den Beifall der -Nichtgewählten, aber den einstimmigen der Tischgesellschaft. -- - -Korbach wurde vom Herrn des Hauses mit Auszeichnung behandelt, und -die Gäste schenkten seinen ruhigen aber bestimmt geäußerten Ansichten -Aufmerksamkeit. Als der Bürgermeister der großen Vortheile gedachte, -welche der Prinz der Hafenstadt zugewendet, welche ihm außerdem für -den entwickelten Luxus dankbar sei, nahm er das Wort und schilderte -die Stimmung der Residenz als eine, seiner humanen, wohlwollenden -Tendenz höchst günstige, namentlich in den industriellen Kreisen, wo -man seinen Bestrebungen zum Schutze der inländischen Produkzion volle -Anerkennung zolle. -- Es waren einige ~free-traders~ anwesend, -für welche der Chef eines englischen Kommissionsgeschäftes das Wort -führte, während Arnold die Schutzzölle vertheidigte. Die gegen Ende des -Diners begonnene Debatte wurde in schönster Form mit Beobachtung aller -Rücksichten auf interessante Weise geführt, daß die Gesellschaft in -zwei ungleiche Lager getheilt -- da die Majorität auf Arnold’s Seite --- mit Spannung und Vergnügen zuhörte. -- Der junge Korbach, der zum -ersten Male als Repräsentant seines Hauses und Verfechter der demselben -verwandten Interessen, in einer fremden, fast durchweg aus älteren -Leuten bestehenden Gesellschaft auftrat, ward durch den Beifall, den -seine ersten Reden gefunden, ermuthigt und entwickelte die Forderungen -der Praxis, einer glänzenden Theorie gegenüber, mit so schlagenden -Gründen und zugleich in so liebenswürdiger, natürlicher Form, daß er -den entschiedensten Sieg errang. - -Er schloß mit den an den Engländer gerichteten Worten: „Es ist -eine, wir wollen es gestehen, erzwungene Huldigung, die wir durch -Vertheidigung unseres Schutzsistems Ihrer großen Nazion darbringen! -Wir gestehen damit nur ein, nicht auf der Höhe zu sein, aus der wir -Ihnen als Gegner den Handschuh hinwerfen können. So lange aber das -Terrain der vaterländischen Industrie nicht hoch genug, um nicht von -den Wogen Ihrer bisher an Werth und Billigkeit unerreichten Produkte -überschwemmt zu werden, können Sie nun und nimmer verlangen, daß wir -selbst den Damm einreißen! Der überschwemmte Markt würde in kürzester -Zeit +aufhören+ ein +guter+ Markt für Sie zu sein, und wenn uns -- was -eben nicht der Fall -- alle Minen Südamerika’s zu Gebote ständen, so -würden wir nur dort anlangen, wo Jeder anlangen muß, der -- -- verzeihe -mir die Gesellschaft das ganz unoratorische und unparlamentarische -Gleichniß -- seine Schranken zu einem Kampfe zwischen der Hauskatze -der vaterländischen Industrie und dem gewaltigen brittischen Leopard -öffnet!‟ -- - -Die Gegner reichten sich lachend die Hände. Franchini ward in seinem -Entschlusse, Alles was von ihm abhinge, für den jungen Mann zu -thun, bestärkt. Er hielt ihn nebst Sprenger und dem Direktor der -Marinekanzlei zurück, als die Gäste sich entfernten. Das Geschäft -wurde nach allen Richtungen besprochen, und Sprenger übernahm die -Ausarbeitung einer Vorlage, welche er mit Zuhülfenahme der Nacht -bis zum nächsten Morgen zu vollenden gedachte, für welchen Franchini -bereits die Audienz erwirkt hatte. Er übergab den beiden Gästen -zugleich Einladungskarten zum Balle in der Villa, wovon jedoch nur -Arnold Gebrauch machen konnte, da Sprenger keine Zeit erübrigen zu -können erklärte. -- Das Erscheinen des Ersteren schien allen passend, -ja nöthig. - -Während er hier auf dem „Wege, den ein Korbach geht‟, für sich -arbeitete, war ein kleiner Notenwechsel zwischen dem Hotel, wo Klotilde -wohnte, und der Villa gepflogen worden. - -Sie hatte, vom Schlummer gestärkt, -- ihre Ankunft und den Entschluß, -zwei Tage zu verweilen, in einigen Zeilen kurz und bündig dem Baron -Heidenbrunn angezeigt, welcher zum Prinzen stürzte, um diesen mit -einem Ereignisse zu überraschen, das ihn etwas wärmer bewegte als der -Glückwunsch der eben anrückenden Gemeinde-Deputazion. - -Der Adjutant flog mit einem Billet ins Hotel, mit einer Antwort zurück, -und Nachmittags fand eine Schlußkonferenz zwischen ihm und Klotilden -Statt, in welcher folgende Friedensartikel festgesetzt wurden: - - Frau Klotilde Zeltner wird dem Balle in der Villa beiwohnen, - in Gesellschaft einer griechischen Kapitänsgattin als - Anstandsbegleiterin, welche Baron Heidenbrunn besorgt. -- Der - Prinz macht sich verbindlich, zehn Minuten lang mit Frau Klotilde - in einer Weise zu sprechen, daß die Gesellschaft des Anblickes - der Unterhaltung theilhaftig werde. -- Ihrerseits bewilligt sie - eine Unterredung, ~à discrétion~ über zehn Minuten, außerhalb - der Gesellschaft. -- Dieselbe stellt schließlich unbestimmte - Verlängerung ihres Aufenthaltes in Aussicht. -- - -Der Adjutant suchte vergebens den Schlüssel zur Erklärung des schnellen -Ueberganges zum Sistem der Konzessionen. -- - -Klotilde hatte Zeit gehabt, Günther’s Andeutungen auf der Reise zu -überlegen, und den Gedanken, daß Kollmann die Erscheinung seiner Frau -zu Gunsten seiner Angelegenheit in die Wagschale legen könne, so -lange ausgemalt, bis sie überzeugt war, derselbe sei bereits in der -Hafenstadt angelangt, und in einer niederträchtigen Intrigue begriffen. -Als, auf ihr Befragen, Heidenbrunn von Schritten eines Herrn Kollmann -beim Prinzen so wenig als von einer Frau dieses Namens wußte, ward -sie ruhiger, hielt es jedoch für angemessener, das streitige Terrain -zu occupiren. Sie kannte den Karakter des Prinzen hinlänglich, um zu -wissen, daß er unter dem ersten Reize eines glücklichen Verhältnisses -unzugänglich für andere Eindrücke sei, und beschloß ihm so viel -Hoffnung zu geben als möglich, wenn noch welche übrig bleiben sollte. -- - --- -- Der Himmel bescheerte dem Prinzen einen umwölkten Abend, -- -der erst spät einer hellen Mondnacht wich -- als Hintergrund seiner -Illuminazion. Der Chef der Gaskompagnie wüßte vielleicht zu sagen, -wie viele Tausende von Flämmchen die Form der Villa in feurigen -Linien auf den Grund des Waldes zeichneten. Weder Jemand von der -Gesellschaft noch der Prinz hat sie gezählt, sondern Letzterer nur -bezahlt, und wenn man das Spalier der Pechpfannen von der Stadt bis -auf den Berg, die Girandolen auf dem Vorplatze, das bengalische Feuer -auf der Kuppel und die alle fünf Minuten nach dem Himmel fahrenden -Büschel von farbigen Raketen dazu rechnet, so läßt sich annehmen, daß -dieser Versuch, die Nacht bei Tageslicht anzuschauen, allein so viele -Mittel in Anspruch nahm, als die Verwandlung von einem Paar Hundert -kalter und finsterer Stuben in warme und helle für die ganze Dauer -des Winters. -- -- Eine nördliche Reflexion! -- den tropisch heißen -Empfindungen gegenüber, mit welchen die Munizipalität mit Frauen und -Töchtern den Berg hinanrollte, größtentheils in viersitzigen Wägen in -der gewöhnlichen, durch Verspätung und Angst des Kleiderzerdrückens -erzeugten Familienverstimmung. -- Kühler fuhren die Damen der -höchsten Gesellschaft dahin, einzeln oder zu zweien -- es war ja eine -Konzession, welche die geschmückten Opfer mit lächelnder Resignazion -der Lieblingsmarotte des Prinzen brachten. Am kühlsten die alten -Militärs, welche berechneten, wie viele Stunden sie im Glühofen dieses -Feenpalastes mit loyaler Freudigkeit dorren mußten. -- - -In eigentlich froher behaglicher Stimmung kamen nur die Frauen der -~haute finance~; wir werden hören warum. - -Mit welcher Empfindung aber auch Jeder gekommen sein mochte -- wenige -Minuten nachdem er durch die Blumenpforte des Vestibule getreten, wurde -er von jener erfaßt, welche sich gleich in der ersten Stunde, nachdem -sich die Geladenen versammelt, Bahn gebrochen hatte. - -Es gibt Gesellschaften, die einem ummauerten Teiche gleichen mit einem -langweiligen Triton in der Mitte, und schief im Wasser stehenden, -glotzenden Goldfischen. - -Andere -- seltene, glückliche! -- mahnen an eine frische Quelle, die -durch Felsen schlüpft und in welcher sich die Forellen jagen. - -Die Goldfische in den steifen Uniformen wußten Anfangs nicht, wie ihnen -geschah, als sie in das gewohnte schwüle stehende Wasser zu fallen -meinten, und von einer wirbelnden Flut gefaßt wurden, die sie fortriß. - -Nicht einmal die Polonaise -- (armes Heldenvolk, das seinen Namen zu -dem getanzten Tarok hergeben mußte!) -- nicht einmal +diese+ -hatte +begonnen+. -- Statt der geometrischen Promenade flogen -in der ersten Viertelstunde die glänzenden Roben im Walzer dahin, -- -lösten sich wehende Locken von den warmblühenden Stirnen, -- und mit -den feurigen Klängen der Musik mischte sich frohes Lachen und die -Fülle von hundert reizenden Stimmen bis herab zum süßen südlichen -~contre-Alt~ -- der wahren ~viole d’amour~ der weiblichen -Brust -- und durchtönte die Blumengrotten, den Marmorsaal und alle die -hohen strahlenden Räume.... Schaudernd entflohen war die langweilige -Matrone Etikette, als fürchtete sie einen Orangenhagel von den Kobolden -des neckenden Frohsinns! - -Und wer hat sie verscheucht? wem dankt der Gebieter dieser Räume, daß -sie heute nicht der dürre Samum des Ceremoniells durchweht? - -Eine Verschwörung hatte die Matrone gestürzt. - -Die Frauen hatten gesagt, so soll es sein, und sie setzen ihren Willen -sicherer durch, als die am Anfange dieses Kapitels singenden vierzig -Millionen. - -Eine große Zahl der schönen, jungen, geistreichen, lebhaften Frauen des -reichen und gebildeten Mittelstandes der Hafenstadt hatten beschlossen, -dem liebenswürdigen Herrn der Villa zu zeigen, was +sie+ -der Gesellschaft zu bieten vermochten, und den vollen Reiz der -+ungezwungensten Heiterkeit+ gegen den +spanisch+-exclusiven -Ennui ins Feld zu führen! - -Sie umringten den Prinzen, es fiel wie ein Regen von Wortblumen auf -ihn -- ein reizendes Impromptu folgte dem andern -- sie bestimmten -die Ordnung der Tänze ohne nach einem Obersthofmeister zu fragen, --- verflochten während des Tanzes den Prinzen, der so leicht zu -verflechten war -- und während der Ruhe die alten Kammerherren und -Generäle in jene raschen, witzsprühenden, zündenden Gespräche, welche -einmal die Damen des ~pur-sang~ für ihr Monopol hielten, und -kümmerten sich um diese letzteren so gar nicht, und wenn’s möglich -wäre, noch weniger als gar nicht!, bis endlich Alles belebt und -durchglüht war -- -- mit Ausnahme einiger verknöcherter Repräsentanten -eines, dem Himmel sei Dank, täglich tiefer ins Meer der Lächerlichkeit -versinkenden Prinzipes. -- - --- Es war der glänzendste Sieg der Grazie über die freudeversteinernde -Medusa des Ceremoniells! - -Der Prinz, nicht ohne Geist, begriff den Sinn der Demonstrazion -- der -einen Seite derselben, der freundlichen, seiner Person dargebrachten -Huldigung, freute er sich laut, und ging in den Ton vollkommen ein, -- -der andern, der ~arrière-pensée~, die gegen eine gewisse Koterie -gerichtet war, freute er sich +still+. -- Er dankte Gott, daß der -Ueberraschungsbesuch des gekrönten Vetters noch nicht in den Jubel des -+heutigen+ Abends hineingefallen! - -Der Wind, der heute in diesen Sälen wehte, hatte den Friedenstraktat -zwischen ihm und der noch immer nicht erschienenen Klotilde insofern -zerrissen, als von verabredeten gnädigen Worten und Erwiederungen keine -Rede sein konnte: die Vorstellungen mit Frage und Antwort, Verbeugung, -Zurücktreten und einem Andern Platzmachen, waren gar nicht zur -Ausführung gekommen. Der Prinz war bald mitten im Gedränge, mit vielen -zugleich sprechend, bald saß er in einer Blumennische -- mit einer -Feuernelke oder blaßrothen Camellie -- die Frauen sprachen ihn an, -ohne von der Hand der Gouverneurin vorgeführt zu sein -- und die Männer -hatten hinlänglichen Takt, um die fröhliche Razzia über die sonstigen -abgesteckten Grenzen hinaus auf eine Weise mitzumachen, welche die -Exklusiven am meisten ärgerte, die immer auf ein störendes, plumpes -+Zuviel+ hofften, und immer vergebens! - -Auch der alte Franchini hatte seinen Moment ersehen, Arnold dem Prinzen -vorzustellen. Dieser sprach von dem Glück, das ihm morgen bevorstehe -(der Audienz) und von dem noch größeren heutigen, und bedauerte, -fast der einzige Vertreter der Residenzbewohner zu sein, welche in -dem Prinzen die eigentliche Stütze der vaterländischen +Kunst+ -anbeteten, und welche ein einziger Gang durch die Villa überzeugen -würde, wie jeder seiner schönen Gedanken auch zur That werde. -- - -„Machen Sie schnell diesen Gang mit mir, sagte der Prinz rasch und -freundlich, und erzählen Sie zu Hause; ich sehe daß Sie Kenner sind!‟ -und damit verließ er seinen Platz und durchschritt mit Korbach mehrere -Säle, in jedem mit einigen Worten die Idee bezeichnend, die ihn -geleitet. - -Als sie in der letzten Piece, zunächst dem Eingange anlangten, traten -die letzten Angekommenen der ganzen Gesellschaft -- Klotilde und ihre -Begleiterin, ein. - -„Es hat mich sehr gefreut Sie kennen zu lernen,‟ sagte der Prinz zu -Arnold, das „sehr‟ so laut und freundlich betonend, daß es Klotilde und -die übrigen Anwesenden vernahmen. - -Arnold zog sich nun zurück, und der Prinz sprach die Ersehnte und so -unerwartet Wiedergefundene an, und machte mit ihr den ganzen Weg zurück -nach dem Platze, wo er heute schon manches reizende Gespräch geführt. -Das jetzige währte ungefähr so lange als drei der früheren. - -Als es, augenscheinlich zur vollen gegenseitigen Zufriedenheit, -endigte, trat der Prinz unter eine Herrengruppe, Klotilde aber ließ -ihre Blicke durch die Säle schweifen, bis sie Arnold fand, den sie ohne -Weiteres ansprach, von dem Zusammentreffen im Freinhof ausgehend. - -Endlich ein Laut von +dorther+! ein Gespräch über +sie+! und -eines, in welches sich nicht der ekelhafte Konkurrenzgedanke mischte... -ein Gespräch über Julie, ohne daß die Firma Kollmann mitklang. - -Er vernahm zwar nichts, was seinen Durst stillen konnte, -- Klotilde -war selbst seit der Zeit nicht dort gewesen -- aber ihre Erscheinung -wurde für den Augenblick zu einer angenehmen für ihn. Sie sprach ruhig -und in berechnet liebenswürdiger Weise. Der Prinz war gegen Arnold -äußerst gnädig gewesen: Motiv genug. -- Während der Prior von Sankt -Martin über den Prälatenstuhl weg nach dem Kardinalshut hinaufsah, -dachte Klotilde, praktischer, über die Villa des Prinzen hinaus an -eine Zeit, wo ihr jede freundliche Verbindung in einer tiefern Region -erwünscht sein könnte. Ueberdies hatte die Persönlichkeit Arnold’s ihre -Wirkung auch auf sie nicht verfehlt. Die Unterhaltung war lang und -lebhaft. -- Klotilde brach sie plötzlich mit einem „auf Wiedersehen!‟ -ab, und verschwand im Gedränge. - -Leider schien dem Prinzen kein ganz ungestörter Genuß des Festes -vergönnt zu sein. Mitten in einem angelegentlichen Gespräche wurde er -durch Baron Heidenbrunn unterbrochen, welcher den Saal mit einem großen -versiegelten Schreiben durchschritt, das er dem Prinzen überreichte. -Dieser riß es mit offizieller Miene auf, rief dem Adjutanten zu: „Ich -spreche den Kurier selbst!‟ und verließ die Gesellschaft mit der -Versicherung seiner baldigsten Rückkehr. -- - -Der Adjutant hatte nach dem Gange des Prinzen mit Arnold einige Worte -an Letzteren gerichtet, welche dieser artig und kühl erwiederte. Mit -Plomberg war es bei einem steifen Gruße geblieben. -- Die beiden -Offiziere hatten eine kurze Unterredung mit einander, in welcher -Heidenbrunn erklärte, er habe keine Gelegenheit finden können, den -vertraulichen Auftrag an den Prinzen zu vollziehen, und finde sich -unter den jetzigen Konstellazionen wenig bewogen, gegen Korbach zu -operiren. Plomberg, welcher sich nur Greuth gegenüber gedeckt wünschte, -verlangte Nichts als das Versprechen der Bestätigung, daß er seine -Sendung vollzogen. -- - -Und somit wehten Arnold’s Fahnen hoch im Winde! - -Es waren Vortheile errungen, Gefahren abgewendet, und der Zweck des -Balles für ihn erreicht. Er gedachte denselben zu verlassen, nachdem -er sich noch mit Franchini unterredet, welcher ihm Glück wünschte. Das -Gespräch verlängerte sich durch hinzutretende Bekannte. - -Als er sich von dem Bankier trennte und umwendete, legte sich eine -Hand auf seinen Arm und Klotilde, mit der griechischen Dame, stand vor -ihm. „Sie scheinen zu denken wie wir, sagte sie, daß man die Spielbank -verlassen soll, wenn man gewonnen, und nicht das Glück mit zu langem -~quitte ou double~ ermüden! Wir fahren nach Hause, und Sie, lieber -Korbach, werden uns um so gewisser das Vergnügen machen, uns zu -begleiten, da Sie in demselben Hotel wohnen!‟ - -Es ließ sich wohl schwer ein Refüs finden, und Arnold dachte auch an -keinen. - -Das Fest hatte früh begonnen und es war nicht viel über die -Mitternachtsstunde, als der Wagen mit den beiden Frauen und Korbach die -Bergstraße hinabrollte, von den Klängen des Balles, die weit in die -Nacht hinaustönten, begleitet. -- - -Es war eine taghelle Mondnacht. Hie und da standen auf den Plätzen -einzelne Menschen und Gruppen und sahen nach den vor dem Licht der -Silberflut verlöschenden Flämmchen und blauen Feuern auf der Höhe. -Nicht ein Wölkchen am weiten Himmel, so weit das Auge reichte. Alles -klar und durchsichtig. - -Die Frau des griechischen Kapitäns wohnte am Quai, einige Hundert -Schritte vom Hotel. Sie stieg bei ihrem Hause ab, Klotilde gleichfalls. -Letztere schickte den Wagen weg, sagte der Begleiterin Lebewohl und -legte ihren Arm in jenen Arnold’s. - -In wenigen Minuten war der Weg bis zum Hotel zurückgelegt. Klotilde -war befangen, verwirrt und stumm, ohne daß Arnold einen Grund errathen -konnte. - -Als sie in das Thor traten, sagte sie: „Wenn Sie in der ~Contrada -grande~, statt auf mich, auf einen Balkon hinaufgesehen hätten, -würden Sie in der Dame, die Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht -sah und dann zurücktrat, Julie Kollmann erkannt haben. Ich hatte -aber meine Gründe, keine Erkennungsszene, auf den Balkon hinauf, zu -spielen.‟ - - - - -Eine bewegte Nacht. - - -Der alte Lügenfürst mit seinen hundert Namen von Luzifer bis -auf Mefisto, ein Paar gläubige Jahrhunderte hindurch so zu -sagen ins Privatleben zurückgedrängt, hat sich wieder der -großen Weltbegebenheiten bemächtigt und treibt Politik und -Regierungsgeschäfte. -- Er ist zu sehr in Anspruch genommen durch die -Gesammtlage Europa’s, zu entzückt über die loyale Ergebenheit eines -Herrschers, welcher ihm die ~gloire~ einer großen Nazion als -Rauchopfer darbringt auf dem Scheiterhaufen, den er aus den übrigen -aufgebaut, -- über die allgemeine Erbärmlichkeit, das allseitige -Hinhalten der rechten Wange, nachdem man keinen Schlag auf die linke -bekommen, als daß er sich mit Kleinem befassen könnte. - -In seinen schlechten Zeiten, -- als ihn Luthers Tintenfaß und römische -Bullen in die Enge trieben, -- als er von gott- und ehrliebenden -Fürsten aus den Palästen, von frommen Bürgern und Bauern aus den -Häusern und Hütten geworfen wurde, irrte er, des Einflusses auf den -Gang der Ereignisse beraubt, wie ein Vertriebener Legitimist umher, --- von der Rolle eines Staatsanwalts zu der eines Winkelschreibers -herabgesunken, und befaßte sich mit Privatgeschäften der Individuen. - -Dem Herabgekommenen mochte ein vom Thurm gestürzter Anton Pilgram -Violinlekzionen bei Tartini, -- ein blutunterzeichneter Kontrakt -mit Faust -- bei welchem er zuletzt noch betrogen war, -- die Zeit -vertreiben. Jetzt aber ist das Verderben einzelner Seelen, das -Zerstören einzelnen Glückes für ihn überwundener Standpunkt. - -Doch mag es Stunden geben, wo er, die Diplomatie mit Beruhigung sich -selbst überlassend, heruntersteigt vom europäischen Thron und zur -Erholung wie Harun al Raschid umherwandelt, im Inkognito, umschauend -nach irgend einem herzlabenden Jammer. - -Und so konnte er denn eine wahrhaft teufelsselige Stunde verleben, wenn -er, im Mondschatten an die Wand gelehnt, hinaufgesehen nach dem Balkon -in der ~Contrada grande~, -- gesehen was Alles aus dem sanften -Mondlicht werden kann, wenn es nur zur rechten Minute zwei heitere -Gesichter und blonde Haare beleuchtet! -- -- wie ein Moment kühles -Silber in glühenden Stahl verwandelt! - --- -- Tief und heiß traf der Stich in die ahnungslose Brust. Nicht -das dünnste Schild eines Zweifels, einer Besorgniß, hatte Julie -vorbereitend beschützt. - -Wohl hatte sie Arnold nicht ein „Steinchen zum Bau des Feenschlosses -einer Gegenliebe‟ gereicht, -- aber dafür ihr eigenes aufgebaut. -- -Vielleicht höher und fester als das seine. - -Eine einzige laue Sommernacht erschließt die Aloënblüthe. -- Ein Herz -wie Julien’s kannte keine Uebergänge vom Dunkel durch Dämmerschein und -Morgengrau zum hellen Sonnentag. „Was ist denn -- hatte sie zu Sembrick -gesagt -- was ist denn an mir, was nicht Eingebung des Momentes wäre? --- eine Stunde lang hab’ ich Arnold gesehen -- fühlen Sie denn nicht, -daß ich diesen Augen vertrauen +mußte+?‟ -- Nur von Sembrick hätte -es abgehangen, +ausgesprochen+ zu hören, was er von dem Augenblick -an wußte, wo er den Brief durch Arnold empfangen. - -Wenn man versucht werden könnte, da zu vergleichen, wo der Vergleich -nur auf Gegensätze trifft, so läge der schreiendste zwischen ihr und -Klotilde darin, daß an dieser Alles berechnet und besonnen war, -- an -Julie Alles unberechnet, -- und unbesonnen in dem Sinne, wie die Aloë, -der wir sie verglichen, sich nicht besinnt, aufzubrechen, wenn ihre -Stunde gekommen. -- - -Sie war gekommen: ihr erster Schlag hatte durch den Goldnebel -geklungen, mit ihrem letzten hatte ihre Hand in seiner geruht, -- und -als Arnold mit seinem Klarheit suchenden Wesen im Fremdenflügel am -Fenster stand und sich +Fragen+ stellte, hatte Julie an keine -Fragen an ihr Herz gedacht es war nur Eine Antwort, -- ein lautes, -freudiges Ja! - -+Wie+ in den klangreichen, leichtbewegten Saiten ihres Herzens -der Laut der Liebe, den so Viele zu erwecken sich mühten, schlummern -konnte, bis ihr Engel sie Arnold entgegenführte, mag eines jener -Räthsel sein, deren Lösung sich der Meister, der das Saitenspiel der -Menschenbrust geschaffen, -- vorbehalten hat. - -Jeder Huldigung hatten sie entgegengeklungen: mit ernsten Akkorden dem -ernsten Wort, womit ein tiefes Gefühl sich gegen sie aussprach, -- mit -fröhlichen, leichten Melodien dem alltäglichen Liebesgetändel, -- aber -nur jener Eine Ton war nie erwacht, den Jeder zu hören sich sehnte. - -Sie lauschte mit stockendem Athem der Erzählung des Reisenden, der die -Urwälder Südamerika’s durchdrungen und in ihrem Boudoir den Teppich -aus dem Fell des erlegten Tigers ausbreitete; -- dem Gemälde der -Schlacht, in welcher ein Medaillon das Herz eines Tapferen vor der -Kugel beschützte, der für den Talisman um eine Stelle auf ihrer Etagere -bat; -- der Elegie des Künstlers, der entzückt war, mit ihrem Namen -das Werk zu schmücken, zu dem sie ihn begeistert: der Teppich, -- das -Medaillon, -- das Tonstück bewegten ihre Fantasie, beherrschten Stunden -und Tage lang ihre Gedanken, aber das Herz blieb ruhig bei allen, oft -großen und gewaltigen Eindrücken und Erscheinungen. - --- -- Und nachdem all die gefeierten Namen geklungen und Orden geglänzt -und Lorbeern gegrünt -- kam +er+ im Schiffchen heran, in der -grauen Jacke, im grünen Hut -- und der Harfe in ihrer Brust entflog, -von der +rechten+ Hand berührt, der himmlische Dreiklang: ich -liebe dich! - - -Der nervöse Wechsel von Fröhlichkeit und Verzweiflung wich einem -stillen Glücke, das ruhigem Schmerz die Hand reichte, die ihre innere -Welt beherrschend in einander übergingen wie Nacht und Tag, nicht -einander zischend bekämpften wie Wasser und Flamme. - -Einem furchtbaren, großen, tragischen Geschicke gegenüberstehend, -wo die Welt nur eine unglückliche Ehe sah, -- einem Verhängnisse, -das sie fast willenlos in die Hände eines Gehaßten gab, aus dessen -Gewalt keines jener Mittel sie befreien konnte, welche göttliche und -menschliche Gesetze Andern zur Lösung unseliger Bande darbieten, -- -hatte die Hoffnung in ihrem Herzen die Gestalt eines fantastischen -Wunderglaubens angenommen. - -Edmund von Sembrick war die erste Erscheinung, welche diesem Glauben -eine bestimmte Richtung gab. - -Der Moment wo sie ihn kennen lernte, in einer rettenden kühnen That, -- -seine Erscheinung, die so gewaltig abstach gegen die konvenzionellen -Gestalten, welche sie bisher umringten, -- die unwillkürliche Mahnung -an den Gedanken der Erlösung, die in seinen Zügen lag, -- das wilde -Feuer der Energie, das manchmal in seinen Augen aufloderte, der Funke -des Geistes, der nie in ihnen erlosch: Alles hatte sich vereinigt, um -den Blick der Alleinstehenden, Hülfesuchenden auf ihn zu lenken. -- Der -Schnee, der den Vulkan deckte, war ihr nur ein Zeichen seiner Höhe, -die Kälte, ja Härte, welche nur selten einem weichen Momente wich, ein -Beweis einer Kraft, die da einen Ausweg öffnen konnte, wo +sie+ -keinen sah. - -Sie war entschlossen, ihm Alles zu vertrauen. Da gewahrte sie das -plötzliche Schmelzen des Schnee’s. Wie die Minerva in voller Größe -gewaffnet aus Jupiter’s Haupte sprang, stand seine Liebe in ihrer -ganzen Glut und Kraft vor ihr. - -Aber nicht schneller hatte das Auge des Weibes sie erkannt, als -- -Kollmann. Dieser, der über Sembrick’s Karakter im Reinen zu sein -glaubte, und ihn an Julie gefesselt sah, weihte ihn selbst in Alles -ein. -- Edmund trat mit dem Bekenntniß seiner Liebe, und zugleich in -voller Kenntniß dessen vor sie hin, was sie ihm mittheilen wollte, -- -aber auch mit dem Eingeständnisse, daß es gegen Kollmann’s Waffen ein -einziges Mittel gebe, dessen Ausführung, gewaltsam und abenteuerlich, -von der Zeit und der Ueberwindung von tausend materiellen Hindernissen -abhänge. - -Die vorhergegangene Unterredung der beiden Männer hatte damit geendigt, -daß Sembrick die Ueberzeugung von der tiefen Schlechtigkeit Kollmann’s -mitnahm, welcher dieß wohl wußte, aber sich kalt und ruhig freute, ihn -durch die Mitwissenschaft an sich gebunden zu sehen, wenigstens so -lange ihm Julien’s Glück theuer war, das hieß, für immer, wenn auch -seine Liebe oder Leidenschaft nicht ewig währen sollte. Der Erwiederung -derselben von Julien’s Seite hätte er ruhig zugesehen. - -Es kam aber anders. - -Sembrick hatte nicht als der Erlöser gesprochen, den sie gedacht. --- Er wollte sie durch eine Hölle tragen, ein Leben und Freiheit -gefährdendes Unternehmen für sie ausführen, -- -- aber am rettenden -Ufer angelangt, war ihr Herz das Ziel, auf welches er hinblickte. - -Sie sprach offen und wahr mit ihm, entschlossen, ihm keine Täuschung -und keine Hoffnung zu lassen. Er gab sie nicht auf, eben so wenig als -den Vorsatz, ganz so für sie zu handeln, wie er mit der Gewißheit des -schönsten Lohnes gethan hätte. - -Julie hatte den jugendlichen oder besser kindischen Traum einer -„Freundschaft‟ gehegt, -- diese gerade darum für möglich gehalten, -weil der ganze Kreis, der sie umgab, des Gedankens einer Freundschaft -zwischen einem Manne und einer reizenden Frau nur mit höhnischem Lachen -oder Lächeln erwähnte. Was diese für unmöglich hielten, sollte sich in -Edmund verwirklichen. - -Nun war der „Wunderglaube‟ erschüttert, -- der Befreier des Landes -streckte zugleich die Hand nach der Krone desselben aus: ihr Herz hatte -geschwiegen. - -Hätte dieses gesprochen, -- sie würde ihn wenigstens gefragt haben, -welchen Gefahren er entgegengehe. Wie bange schlug es, als er sagte: -Wenn Sie Korbach Alles mittheilen, so ist er gebunden wie ich, geräth -in den Kampf zweier Pflichten! -- +Da+ erst mochte sie fühlen, -daß sie vom +Freunde+ nimmermehr erwarten solle, am wenigsten -verlangen dürfe, daß er Etwas für sie unternehme, woran sie den, den -sie liebte, nicht einmal durch Mitwissen betheiligt sehen wollte. Ohne -irgend einen Begriff von Sembrick’s Plane, nur seiner hingeworfenen -Worte gedenkend: „Noch Eine treue, verläßliche Hand!‟ hatte sie Arnold -gesendet. Nach dem Gespräche mit dem Baron war sie entschlossen, Jenem -zu schreiben, ihn nach dem Freinhof zu bitten, ihre Fragen, Alles zu -widerrufen, kurz um jeden Preis, auf die Gefahr hin, unbesonnen vor ihm -zu erscheinen, ihn von jedem weitern Schritte und einer Annäherung an -Sembrick abzuhalten. - -Dieselbe Bitte, Nichts für sie zu thun, und sie der Vorsehung allein zu -überlassen, wollte sie auch an Edmund richten. Von dem +Freunde+ -in ihrem Sinne konnte sie ein Opfer annehmen, sie fühlte aber nach -seinem Weggehen, daß er im Herzen fordere, und sie hatte nichts zu -bieten. - -Während sie seine versprochene Rückkehr von der Reise nach dem Orte, wo -das ganze Geheimniß ihres Lebens ruht, erwartete, führte Kollmann sie -plötzlich vom Freinhofe fort: Sembrick traf diesen bereits verlassen. - -Wohl war der „Wunderglaube‟ mit Arnold einen Augenblick erwacht: -Edmund gegenüber erschien er ihr wie der königliche Hirtenjüngling -mit der Schleuder, der den Goliath schlug, welchem die gerüsteten -Krieger erlagen. Allein der Gedanke, ihn, statt mit den Blumengewinden -ihrer Liebe, mit den Dornen ihres Geschickes zu umflechten, war ihr -unerträglich geworden. Keine Frage, +wohin+ die Wellen tragen, -sollte das Entzücken der Gegenwart trüben. - -Sie streckte die schöne Hand nicht aus nach dem Schleier der Zukunft! -Der Gedanke, wohin +soll+ es führen, fand nicht Raum neben dem -Schatze von süßen Empfindungen, zu denen es +geführt+. Bei Julie -war nur Eines gewiß, wohin es +nicht+ führen konnte: nie zu einem -Treubruch gegen sich selbst! Wenn wir die kühne Behauptung aufstellen, -daß der Paradiesvogel dieser Liebe über die Mauern der Pflicht gegen -Kollmann wegfliegen durfte, so wagen wir sie auf den Umstand hin, -daß auch wir einen Schleier zu lüften haben, aber nicht der Zukunft, -sondern der Vergangenheit. - -So unausgleichbar, anscheinend, der Widerspruch, -- sagen wir, daß -Julie trotz der Bande, die sie an Kollmann fesseln, wenn sie +von -Arnold’s Arm umschlungen+ in den Seespiegel blicken würde, ihr Bild -so rein herauflächeln sähe, als das Edelweiß, womit er ihre Brust -schmückt... Es war dieß ihr Traum gewesen, als sie am Morgen nach -seiner Ankunft entschlummerte. -- - -Er trat auch jetzt vor ihre Seele, als sie, die ~Contrada grande~ -hinab, nach der weißglänzenden Meeresfläche blickte. Die erfrischende -Nachtluft kühlte wohlthätig die heiße Stirn. Sie strich die Locken -zurück, ließ sie spielend durch die Hand gleiten und freute sich der -Erinnerung, wie er dieselben betrachtet, wie in den ruhigen Augen ein -heller Funke aufgezuckt bei ihrer Berührung. -- -- Hatte sie doch -einmal ein Buch zur Seite geworfen bei der Stelle, wo die Liebende -spricht: Wie arm fühl’ ich mich gegen dich! „So bleibe arm, du enges -Herz --! hatte sie ausgerufen -- wenn du liebend dich nicht reich genug -fühlst, um deiner Dürftigkeit zu vergessen!‟ -- -- Sie fühlte sich -reich, dreifach wiederzugeben, was sie an Seligkeit empfing; freute -sich jedes ihrer Reize als einer Gottesgabe für den Geliebten. - -Sie drückte die Hände auf die Augen: so reizend das Nachtbild, -- ein -wonnevolleres stand vor ihrem Sinne. -- Still lächelnd schaute sie es -an, -- jeder Athemzug ein Gebet um Wiedersehen! jeder Gedanke ein Kuß! - -Und als sie die Hände wieder von den Augen nahm -- -- wo war da -der Schutzgeist ihres Friedens, daß er sie nicht mit seinem Fittig -bedeckte!? - --- -- Gegenüber lachte der Satan im Mondschatten. Das Wiedersehen war -erreicht: die ~mise en scène~ war ihm gelungen. - -Die nächste Minute hat Klotilde bereits erzählt: -- „die Dame, die -Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht sah, und dann zurücktrat‟ --- -- sie wankte durch den Salon, am Spiegel vorüber, der ihre Reize -zurückwarf, für welche sie dem Schöpfer um des Geliebten willen -gedankt hatte, -- zusammengebrochen, halb bewußtlos. Wie nahe auch -die Möglichkeit lag, den Giftpfeil in ein unschädliches Spielzeug des -Zufalls zu verwandeln: sie hatte nicht die Kraft eine Lösung zu suchen. - -Mitleidig lächelnd harrte ihr Genius des Augenblickes, wo sie die -beiden Trostgeber aus seiner Hand empfangen könne: Thränen und Gebet. -Es währte lange, ehe die ersten Tropfen aus den brennenden Augen -drangen, und den Krampf der Nerven, jenen der Seele lösten -- -- dann -strömten sie hin, und mit ihnen eines jener Gebete, die so selten -vergebens aus der Erdennacht emporsteigen. Sie werden erhört, -- und -das letzte flehende Wort aus der Tiefe des Herzens klingt zusammen mit -einem: „Es werde Licht‟ von Oben. - -Nach einer Stunde solchen Sturmes mußte das Schiff des Glaubens -gescheitert und versunken sein, -- oder gelandet am grünen Gestade. - -Sie hatte lange am Fenster gekniet; -- nun stand sie auf -- die -Hände hoch über dem Haupte gefaltet und sagte, noch durch Thränen -lächelnd: „Es ist ja nicht möglich, und darum +ist’s+ nicht! -- -Arnold und Klotilde! Vergib mir, Allgütiger! daß ich dich bat mir -wiederzuschenken, was du mir nie genommen!‟ - -Festen und leichten Schrittes ging sie einige Male auf und nieder, --- ließ Licht bringen und schrieb. -- Nun hat sie geendet, und sich -zur Ruhe gelegt -- und leise, -- leise -- wie Rehe, vom Wetterstrahl -verscheucht, heranschleichen zum gewohnten Spielplatz -- kamen die -entflohenen Träume wieder -- und als sie die Augen geschlossen, -lächelte der Mund, als spielten, wie man von Kindern sagt, die Engel -mit der Schlummernden. - - * * - * - -Kurz war die Freude des Teufels. - -Einen längeren und nachhaltigeren Genuß hätte er haben können, wäre er -der kleinen Barke gefolgt, welche am Anfange der Nacht, fast zur Stunde -wo das Fest begann, vom Lande stieß, den Hafen durchschnitt und einer -am Ausgange desselben geankerten Dampfkorvette zusteuerte. - -Letztere, unter englischer Flagge segelnd, ist am Morgen von Malta -angekommen, der Kapitän hat sich mit einem Begleiter ans Land begeben --- daselbst den Auftrag, dessen Erfüllung wir nun zusehen werden, -bestellt, und ist wieder an Bord zurückgekehrt. -- Abends entsendete -er einen Matrosen mit dem erwähnten Bote nach dem Quai, wo Kollmann -dasselbe erwartet. - -Es nähert sich der Korvette, auf deren Vordertheil der Name Aegina zu -lesen: am Bord ist Alles still und wach -- der Kapitän überblickt mit -scharfem Auge Nähe und Ferne. - -Er hat sich für die Sicherheit zweier Passagiere, die er führt, einem -Manne verbürgt, welcher, auf der Höhe der Gesellschaft der stolzesten -Nazion stehend, es in seinem und seines Landes Interesse findet, seinem -aristokratischen Staatswagen die wilde Jagd der gesammten europäischen -Demokratie vorzuspannen. -- Die Steine, welche während seines langen -Lebens aus allen Kabineten und sonstigen Werkstätten des konservativen -Prinzipes auf ihn geschleudert wurden, könnten hinreichen, um einen -Damm von seinem Vaterlande nach dem Kontinent aufzuführen. -- Man -erwies ihm in einer Residenz -- (tausend Meilen von unserer entfernt) -einmal die Ehre, seinen Rücktritt durch ein eigenes Plakat der -Bevölkerung anzuzeigen, als ein Ereigniß, durch welches die bedrohte -Zukunft eines großen Staates gerettet worden, und wir erinnern uns -wohl der Indignazion der Einwohner über diese Huldigung. In seinem -Lande wird aber sein Name als der Tipus des populärsten, des eigentlich -nazionalen Ministers fortleben, und bei jedem Sturze von der Höhe der -Ministerbank ist er nur in die offenen Arme des Volkes gefallen, das -er mit seinen Tugenden und Schwächen begreift wie Keiner, und das ihn -dafür in sein Herzblut aufgenommen. - -Der Kapitän der Aegina, welche schon manche Reise, mit politischer -Contrebande befrachtet, glücklich zurückgelegt, genießt das Vertrauen -des Lords, den wir nicht zu nennen brauchen, und welcher ihm Wangerode, -den deutschen Demokraten, mit welchem Kollmann auf seiner Reise vor -drei Jahren zusammengetroffen, +empfohlen+, einen Zweiten aber, -den wir bald kennen lernen, aufs Wärmste ans +Herz gelegt+. - -Wangerode gehörte zu den Schiffsgütern, welche in allen deutschen, -monarchisches Gebiet bespülenden Gewässern mit Beschlag belegt werden. -Er war Keiner von denen „welche im Momente der Gefahr ihre Pflicht -nach einem anderen Punkte ruft‟ -- meist nach den Bahnhöfen, und die -das undankbare Vaterland nicht mit eroberten Fahnen, sondern mit -gestohlnen Kriegskassen verlassen. Er hatte als achtzehnjähriger -Jüngling auf den Barrikaden gefochten, unter den „von Zukunftdranges -Sturm am Weitesten Getragenen‟. Ein altes Schwert, das bei Einnahme -des Zeughauses in seine Hände gefallen, hatte vielleicht seit zwei -Jahrhunderten zum ersten Male wieder Blut getrunken, edles Blut, mit -welchem nun sein Name im Schuldbuche eingeschrieben stand für immer -und ewig. Wie viele Hunderte geächteter Namen auch durch das Sieb der -verschiedenen Amnestien gegangen, für den seinigen waren die Löcher zu -eng. - -Wer aber einmal sein Leben eingesetzt für seine Gesinnung, der bleibt -von der Feuertaufe gestählt für immer. -- Als Wangerode den Kugeln -gegenüberstand, hatte er nicht für eine Ueberzeugung geblutet, sondern -für ein Gefühl, einen Enthusiasmus! Das ist ja das göttlich Schöne der -Jugend, daß sie für ein Wort in den Tod geht, ohne nach dem Begriffe zu -fragen! - -Mit den Jahren hatte sich das Gefühl zur Ueberzeugung ausgebildet. Er -war aber durch die Reife nicht besser geworden. -- Das Ziel seiner -jugendlichen Schwärmerei war: allgemeine deutsche Republik; das Mittel: -Massenerhebung des Volkes zum offenen Kampfe der Blouse gegen die -Uniform. Der Zweck ein Ideal, das Mittel ritterlich. - -Sein +jetziger+ Standpunkt war: Einheit Deutschlands -- ob -Republik, ob Monarchie -- er hätte vielleicht einer das gesammte -Vaterland umfassenden Militär-Diktatur den Arm geboten. Darin lag eben -kein Herabsinken; es war ein Ideal wie das andere. Aber den Glauben -an die Erreichung durch ritterlichen Kampf hatte er in Erkenntniß der -Wirklichkeit verworfen. Umsturz des Bestehenden durch jedes Mittel, -- -der Schutt als Unterbau künftiger Einheit war seine jetzige Devise, -und er stand im Gutheißen der verworfensten Wege dem italienischen -Revoluzionschef nicht nach. -- Nach wie vor bereit, seinen Kopf für -seine Sache einzusetzen, hätte er kein Bedenken getragen, Andere mit -dem Dolche des Meuchelmörders auszusenden. - -Sein entschlossener Karakter, seine Bildung und Gewandtheit hoben ihn -bald über die Schaar der übrigen Exilirten empor, und die Häupter der -verschiedenen Frakzionen, welche auch in der Fremde die heimatliche -Spaltung verewigten, erkannten ihn bei durchgreifenden Beschlüssen -faktisch als höchste Autorität. - -Bei seinem ersten Zusammentreffen in der Schweiz hatte er in Kollmann -insofern einen Gleichgesinnten erkannt, als dieser vom baldigen -Zusammensturz der Verhältnisse im Vaterlande überzeugt war, -- bei -einem zweiten, in Mannheim, kam es zu einem förmlichen Verständnisse. -Der Weg, auf welchem Kollmann dem in London lebenden Wangerode -regelmäßige Mittheilungen machte, blieb unentdeckt; Kollmann’s -Haltung in der Gesellschaft beseitigte übrigens jeden Verdacht, außer -Lipprecht’s, der, wie wir wissen, damit isolirt stand. Kurze Zeit vor -seiner, aus andern Gründen beabsichtigten Reise nach der Hafenstadt -hatte er die Nachricht erhalten, daß Wangerode eine Begegnung wünsche. -Es war angegeben, auf welche Weise Kollmann im Hafen von Zeit und Ort -derselben in Kenntniß gesetzt werden sollte. - -Der Vorschlag kam ihm sehr unerwünscht; ganz andere Entwürfe -nahmen seine Gedanken und Zeit in Anspruch. Allein der Wunsch war -+bestimmt+ gestellt, und er befand sich in einer Lage, welche eine -schmeichelhafte Aehnlichkeit mit jener des Kaisers der Franzosen den -alten Carbonari-Freunden gegenüber hatte. - -In der Mannheimer Unterredung hatte Wangerode so zu sagen mit dem -Herzen auf der Zunge gesprochen, und ihn in das innerste Getriebe -der Partei hineinschauen lassen. Als Kollmann beim Abschiede eine -Betheuerung seiner unverbrüchlichen Verschwiegenheit geben zu müssen -glaubte, antwortete Wangerode lachend: „Dergleichen ist nicht mehr -üblich! Männer überlegen bevor sie eingehen. Dann aber weiß auch Jeder, -daß einem Verrath oder Abfall nicht mit verschränkten Armen zugesehen -wird. Wollen Sie Beispiele?‟ Es folgte eine Aufzählung von Personen, -welchen bei plötzlichem Wechsel ihrer Gesinnung ein Paar Zoll kaltes -Eisen als Präservativ gegen Indiskrezionen eingegeben wurde, -- und die -Bemerkung, daß dergleichen nur in Italien vorkomme; deutsches Wort sei -noch nicht gebrochen worden. -- - -Das hieß schließlich doch, daß +wenn+ das deutsche Wort -ausnahmsweise gebrochen würde, ein Messer auch ausnahmsweise seinen Weg -in deutsche Haut finden könnte. - -Wangerode hatte Alles ganz heiter und ohne unheimliche Betonung -gesagt, aber der Zuhörer kannte seinen Mann und hatte bisher seine -eingegangenen Verpflichtungen getreulich erfüllt. - -Er stieg nun die Schiffstreppe an Bord der Aegina hinan, der Kapitän -schritt ihm voran, ins Innere des Schiffes hinab, wo er die Thür einer -Kabine öffnete und nachdem Kollmann eingetreten, sich zurückzog. - -Am Tische saß, beim Licht der Hänglampe schreibend, Wangerode. Leider -steht uns zu seinem Bilde keiner jener kontrastirenden Züge zu Gebote, -durch welche glückliche Autoren ihre Gemälde pikant zu machen wissen. -Der Ritter, der die geharnischten Gegner Mann für Mann aus dem Sattel -schleudert, trägt häufig „zarte, fast mädchenhafte Züge‟, -- der Jesuit -lächelt mit so freundlicher Bonhommie, daß ihn Niemand durchschaut, als -der Verfasser, -- die Dame, die im Verlauf des Romans sich als eine -Lukrezia Borgia entwickelt, hat ein „sanftes Madonnenantlitz‟ u. s. w. -Wangerode sah aber gerade so aus wie der deutsche Demokratenführer vom -Maler gemalt wird, wenn er eben keinen wirklichen vor sich hat. Wenn -wir eine Nachahmung hoher Vorbilder im heldenbeschreibenden Stil wagen -dürfen, so sagen wir: „die breite Stirn und Nasenwurzel so wie die kühn -aufgeworfene Unterlippe verriethen Entschlossenheit und Energie; in -den grauen Augen lag ein Gemisch von Kühnheit und List, -- die breite -Brust und der gedrungene Körperbau so wie die ausgebildeten Armmuskeln -ließen auf einen Mann schließen, der keinen Gegner im Einzelkampfe zu -scheuen braucht; ein heller, dichter Vollbart umgab das wettergebräunte -Gesicht‟ -- -- doch genug. - -Er erhob sich rasch und bot Kollmann die Hand mit den Worten: -„Willkommen nach drei Jahren, treuer, bewährter Freund! Wir sprechen -uns heute in voller Sicherheit und wollen gleich zur Sache übergehen. --- Daß Sie hierher kommen, erspart mir eine Rundreise; mein Ziel -ist für den Augenblick nicht Ihr Land, ich hätte aber einige Ihrer -Provinzen durchflogen, wenn ich Sie nicht anders hätte treffen können. -Sie haben Viel geleistet, wir wissen es Ihnen Dank, und der Moment, -wo wir es beweisen werden, kann nicht ausbleiben. -- Lassen Sie uns -die vielleicht so bald nicht wiederkehrende Stunde genießen und -nützen, rauchen Sie zum Thee eine von den Zigarren, die mir unser Lord -mitgegeben, und erfreuen Sie mich mit der Erzählung dessen, was Ihre -reservirten Berichte verschwiegen.‟ - -Kollmann dankte ablehnend für alle dargebotenen Erfrischungen mit -Ausnahme der Havanna, lehnte sich in das niedere Sofa zurück, und -begann, mit gekreuzten Armen auf den Boden vor sich hinsehend: -„Ich habe unser Programm festgehalten. Es besteht, um der Börse -ein Gleichniß zu entlehnen, darin, die Kurse der politischen -und administrativen Verkehrtheit bis zum höchsten Schwindel -hinaufzutreiben. Meine Berichte haben einige Erfolge enthalten. Ich -ergänze dieselben in Betreff der Art und Weise, wie ich sie errungen, -und noch mehr zu erreichen hoffe.‟ - -„Ich habe mir eine Verbindung mit dem Finanzminister eröffnet, durch -welche ich leicht Jemandem Zutritt verschaffen kann, und habe von -diesem Wege zu Gunsten von Männern Gebrauch gemacht, welche die -Geneigtheit des Grafen Breuneck zu Experimenten, denen unsere Industrie -nicht gewachsen ist, benützen. Es ist zugleich dafür gesorgt, daß jeder -Artikel, welcher mißfällige Bemerkungen über seine Maßregeln enthält, -ihm zu Gesichte kommt, und bei seiner krankhaften Empfindlichkeit gegen -Tadel haben wir ihm manchen die Journalistik treffenden Schlag zu -danken.‟ - -„Es steht mir ein Organ zu Gebote, durch welches ich dem Minister des -Innern auf vertraulichem Wege solche Korrespondenzen aus verschiedenen -Provinzen zukommen lasse, welche von sicherer Hand nach meiner Angabe -verfaßt und geeignet sind, ihn in seinem Centralisazionssistem zu -bestärken, und welche er höchsten Ortes vorlegen kann, als Beweis der -Zufriedenheit im Lande und der Ungerechtigkeit seiner Gegner.‟ - -„Ich überschätze meine Thätigkeit nicht, wenn ich behaupte, daß -mir Mittel zur Verfügung stehen, durch einen Vertrauten des -General-Adjutanten und durch ein fürstliches Haus Belege in die Hand -des Monarchen zu spielen, daß jede Konzession vom Volke nur als ein -Zeichen der Schwäche betrachtet würde, und daß eisernes Festhalten -am aristokratischen Prinzip in der Armee und unbedingte Suprematie -derselben über alle übrigen Stände von den wahren Freunden der Dinastie -als das einzige Rettungsmittel bezeichnet wird.‟ - -„Ich habe in kirchlicher Beziehung auf dem kleinen Felde, worauf ich -beschränkt bin, eine Saat gesäet, aus der in kürzester Zeit, vielleicht -in dem Augenblick wo wir sprechen, ein Konflikt, Repressivmaßregeln und -ein neuer, wenngleich nur lokaler Sieg der Konkordatpartei hervorgehen -müssen.‟ - -„Es ist nicht unmöglich, daß in Folge dieses Konfliktes eine -geschäftliche Maßregel ergriffen wird, die den Wirkungskreis des -Prinzen August Ernst berührt, die Spaltung zwischen ihm und dem Hofe -erweitert, -- daß hiedurch sein Wirkungskreis beschränkt, und somit -ein populäres, wenigstens +hier+ besänftigendes Element beseitigt -werde.‟ - -„Ich habe mir diese Verbindungen auf keinen andern Wegen geschaffen, -als die ich mir +selbst+ eröffnete, ohne +andere+ Geldmittel -als das Vermögen, das mir meine Frau zugebracht; -- habe mich aus -der Stellung eines in Privatdiensten stehenden Ingenieurs zum -Grundbesitzer, Kapitalisten, und auf eine Stufe emporgeschwungen, auf -welcher ich mit Personen aller Kreise der Gesellschaft, die höchsten -mit einbegriffen, im Verkehr stehe, und darf behaupten, daß wenn Sie -in jeder Provinz drei Vertreter hätten wie ich, in einem Jahre das -Konkordat in allen seinen Bestimmungen durchgesetzt, die Zensur wieder -eingeführt, die Herrschaft des militärisch-aristokratischen Elementes -auf die Kulminazion getrieben und somit die Revoluzion so gut als -vollbracht wäre.‟ - -„Und somit habe ich Ihnen Rechnung gelegt, und glaube unsern Mannheimer -Vertrag besser gehalten zu haben, als jemals unsere Gegner einen ihrer -Friedensverträge.‟ - -Kollmann schwieg, weder seine Stellung noch die Richtung seines Blickes -ändernd, und blies in gleichen Pausen das Havanna-Gewölke von sich. -Es lag etwas Imposantes in der kalten Ruhe, womit er seine Leistungen -auf dem Felde des „Nur so fort‟ aufzählte. Der Demokrat fühlte, daß -er einen Mann vor sich habe, der aus der Schaar der gewöhnlichen nach -vorwärts und rückwärts wühlenden Emissäre hoch emporrage, und freute -sich, seinen Werth in der ersten kurzen Unterredung vor Jahren erkannt -zu haben. - -Er erwiederte mit Lebhaftigkeit: „Sie haben unberechenbar mehr für -unsere Sache gethan, als wir zu erwarten berechtiget, als Sie durch -Ihr Versprechen zu leisten verpflichtet waren. Sie gehören nicht -zu denen, deren Triebfeder das Geld der Revoluzions-Comités, -- -Ihre Lage ist vielmehr eine solche, die Ihnen erlaubt, Andere zu -unterstützen. Eben so wenig der Ehrgeiz: Sie haben so viel erreicht, -daß Sie bei einem Umsturz der Dinge kaum mehr erreichen können. Von -einem Danke unserer Gesellschaft kann Ihnen gegenüber im gewöhnlichen -Sinne keine Rede sein. Wir können aber mit Gewißheit darauf rechnen, -+quitt+ zu werden, wenn das Ziel unseres Strebens erreicht ist. -Im Augenblicke des Umsturzes stehen +Sie+ als das Opfer desselben -da. Ihr Name gehört nicht mehr zu jenen, die in Zeiten der Krisis in -der Masse verschwinden: er wird auf der Proskripzionsliste, die das -Volk mit dem ersten vergossenen Blute niederschreibt, unter denen der -gehaßtesten Reakzionäre figuriren. Sie können hundertmal beschwören, -daß Sie nur auf Ihrem Wege für die Sache der Freiheit gehandelt -- man -wird Ihnen ins Gesicht lachen und antworten: das könnte Jeder sagen. -Es ist +dieß+ der Augenblick, wo das +volle+ Gewicht der -+Bürgschaft+ unserer +Partei+ und ihrer +Häupter+ Ihnen -zur Seite stehen +muß+ und +wird+! Ich habe dafür gesorgt -daß, wenn die Flut hereinbricht, Sie in die neue Ordnung der Dinge auf -einer Brücke hinübergehen, deren Pfeiler die Namen der gefeiertsten -Volksmänner sind, welche sich vor Sie hinstellen und sagen: Wir kennen -ihn! -- So viel als Antwort auf Ihre gewichtigen Mittheilungen, -insofern ich als Repräsentant unserer Gesellschaft spreche, zu deren, -des vollsten Dankes würdigem Mitgliede. -- Als Wangerode gegen -Kollmann erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Wir haben die sichersten -Andeutungen, daß leider die Tage des Grafen Greuth und des Ministers -des Innern und anderer für uns so unschätzbarer Männer gezählt sind, -daß man mit Reformen umgeht, die Alles ins Weite schieben können.‟ - --- „Besorgen Sie nichts! Noch stehen die Genannten fest. Und wenn -sie fallen, -- immerhin! -- es kommt zu spät. Reformen? Ohne Zweifel -bekommen wir ein oder das andere leidliche Gesetz. Wir sind aber in -ein Stadium getreten, wo man die Gabe nicht mehr will wegen der Hand, -aus welcher sie kommt. -- Die Liebe ist dahin, -- und wenn sie Jeden, -der dies behauptet, auf die Festung schicken, bis das ganze Land in -den Kasematten, -- sie ist +doch+ dahin! Sie wissen, was ich von -der Liebe überhaupt, geschweige denn von jener des Volkes halte; man -kann nicht durch die Liebe allein regieren, aber auch nicht +ohne+ -sie. Sie ist die Musik zum Tanze der Unterthanen. Sie tanzen jetzt nur -nach dem +Taktstocke+ des Kapellmeisters. Die besten Gesetze haben -keinen +Klang+ mehr, sie tönen höchstens wie Nothschüsse eines -sinkenden Schiffes.‟ - --- „Mögen Sie recht sehen! Aber über das Wesentlichste sind wir nicht -im Reinen. Ihre Idee ist in drei Worten zusammengefaßt die, das Sistem -so zuzuschärfen, daß die Spitze bricht. An =wem= +soll sie+ aber -eigentlich +brechen+? Am +Volke+?‟ - --- „Was verstehen Sie unter Volk?‟ fragte Kollmann statt zu antworten. - --- „Die sogenannten untern Stände den sogenannten höheren gegenüber.‟ - --- „+Ich+ verstehe darunter diejenigen, die das was man +Recht+ nennt -gegen das was man +Vorrecht+ nennt, vertheidigen. Der Bäcker, der den -Zunftzwang -- das Vorrecht -- gegen Gewerbfreiheit -- das Recht -- -vertheidiget, gehört nicht zum Volke, sondern zu den Privilegirten. -+Mein Volk+ ist in allen Ständen vertheilt.‟ - --- „Eine Auffassung, vor der ich meine aus einem andern Gesichtspunkte -gegebene Definizion gern zurückziehe. Aber die Frage ist damit noch -nicht beantwortet.‟ - --- „Verzeihen Sie, lieber Freund, Alles was Sie von Druck, -Aufschnellen, Spitze abbrechen, sagen können, ist Metafer, Gleichniß, -und läßt sich nicht bis in die Details auf die Wirklichkeit anwenden. -Der Prozeß geht einfach so: Eine Provinz erhebt sich. Die Regierung -macht entweder den Versuch die Rebellion mit Gewalt niederzuschlagen, -oder durch Zugeständnisse zu entwaffnen. Der erstere hat unter den -gegenwärtigen inneren, noch mehr unter den äußeren politischen -Konjunkturen wenig Wahrscheinlichkeit des Gelingens. Konzessionen aber, -welche unmöglich auf +Eine+ Provinz beschränkt bleiben können, führen -zum repräsentativen +Sistem+, welches mit dem Zerfall unseres Staates -gleichbedeutend ist.‟ - --- „Ein lyrischer Sprung, zu dem meinem Verstande die Schnellkraft -fehlt.‟ - --- „Sie werden ihn keineswegs gewagt finden, wenn Sie mir zugeben, -daß mit der Ursache auch die Wirkung wegfällt. Was die Gewalt -zusammengehalten, fällt mit ihrem Aufhören auseinander.‟ - --- „Ich leugne den Vordersatz in Betreff Ihres Staates; die Bindemittel -der einzelnen Theile dieses naturwidrigen Organismus waren ganz andere ---‟ - --- „Fürs Erste, lieber Wangerode, gibt es keinen naturwidrigen -Organismus. Selbst der Bucklichte, oder das Kind mit zwei Köpfen, -sind nicht +gegen+ das Gesetzbuch der Natur organisirt, sondern -nur nach einer kleingedruckten Ausnahme in demselben geschaffen. -Fürs Zweite ist unser Staat überhaupt kein Organismus, sondern ein -Mechanismus und zwar einer der einfachsten, nämlich ein Faß. Was hält -seine Dauben zusammen? Ein Druck von +außen+, der den Reif -- -entbehrlich macht, oder der Reif +allein+. -- Der Druck von außen -war die sogenannte politische Nothwendigkeit, das Drängen +mächtiger -Nachbarn+, welche gewisse Völkerschaften zwangen, gleichsam als -Quarré nach allen vier Winden hin Front zu machen. Dieser Druck hat -sich in das +Gegentheil+ verwandelt: die wichtigsten Bestandtheile -sehen im Nachbar keinen Feind, sondern simpatisiren nach allen -Weltgegenden nach Außen. Lassen Sie sich nicht irre machen von dem -offiziellen Geschwätz, von „Millionen‟, welche ein gesammtstaatliches -Gefühl durchdringen soll: sie existiren nicht. Die Dauben +wollen+ -auseinander; und der +Reif+, -- der kräftige, auf eine zahlreiche -Armee und den Gegensatz der Nazionalitäten gestützte Absolutismus -+allein+ könnte sie halten. -- Noch gibt es ein +Drittes+: -denken Sie sich die Dauben +geleimt+, +verkittet+, da sie -nicht organisch verwachsen können. Der Kitt ist die +Liebe+, -- -die in früheren Zeiten durch kluge Popularitäts-Apparate geweckte -dinastische Simpatie. Durchreisen Sie unser Land, und zeigen Sie mir -ein Stück von dem Kitt, groß genug, um dieses Kajütenfenster in seinen -Fugen zu befestigen!‟ - --- „Wolle Gott, daß Sie nicht durch eine rosenfarbene Brille sehen! -Es mag Sie befremden, aus meinem Munde Zweifel und Besorgnisse zu -hören. Unsere Londoner Klubs dürften mich nicht so sprechen hören. -Wir, vom Generalstabe, dürfen die Möglichkeit widriger Ereignisse -erwägen; der Mannschaft muß man Tag für Tag vorsagen: Morgen werdet -Ihr siegen! Diese Leute sind nicht fähig, sich mit der Erreichung -von vorbereitenden Zuständen, von Uebergängen zu begnügen, ein Feld -mit ihrem Schweiße zu bearbeiten und mit ihrem Blute zu düngen, auf -welchem eine künftige Generazion ernten soll. Ich gehe -- Sie wissen -es -- unerschütterlich den Weg fort, den ich für den rechten halte, -ich habe aber in den zehn Jahren so viele +unausbleibliche+ -Ereignisse dennoch ausbleiben gesehen, daß ich Nichts mehr für wirklich -halte als das Vollbrachte. Allein hundertmal fehlschlagend muß unsere -Sache doch siegen: die Einheit Deutschlands. Sehen Sie nicht, wie an -der Flamme jeder europäischen Krisis die deutschen Souveränitäten -zusammengeschmolzen sind? Vergleichen Sie deren Zahl nach dem -westfälischen mit jener nach dem pariser Frieden! -- In fünfzig Jahren -gibt es vielleicht drei deutsche Staaten. Allerdings ein Ideengang, -der die Köpfe unserer Emigrazion bedeutend abkühlen würde. Was fragen -sie darnach, was nach fünfzig Jahren sein wird?‟ - --- „Ein Ideengang, den auch ich nicht theile, da ich die Entscheidung -aus voller Ueberzeugung näher sehe. -- Ich habe Ihnen nach den -Mittheilungen, deren Gewicht sie nicht verkannt haben, noch eine von -geringerem Belange zu machen. Ich versäume nicht, wo ich kann, auch auf -Individuen in unserem Sinne zu wirken, und habe Hoffnung in kürzester -Zeit einen jungen Mann, der sich in keiner Weise bisher an Politik -betheiligte, für die Sache, die Sie vertreten, zu gewinnen. Er ist -der Sohn eines reichen Fabrikanten, welcher vielleicht durch meine -Konkurrenz einigermaßen zu leiden haben wird, aber vermöglich genug -bleibt, um beachtet zu werden. Er ist nicht auf +unserem+ Wege -zu brauchen, sondern nur auf dem der +direkten+ Opposizion; ein -gewisser Korbach. Ich werde Ihnen seiner Zeit berichten.‟ - --- „Auch ich habe noch eine persönliche Angelegenheit zu besprechen. -Richard Forster, von dem ich Ihnen bereits Einiges mitgetheilt, ist auf -dem Schiffe. Eine Viertelstunde von uns liegt eine genuesische Brigg, --- der Bronte, vor Anker. Ich lasse Richard vor Tagesanbruch nach -derselben hinüberführen, da der Bronte im Hafen landet, während wir, -sobald Sie uns verlassen haben, uns entfernen. Richard wird sich, mit -richtigen Papieren versehen, in Ihrem Lande aufhalten; Sie werden ihn -kennen lernen und finden, daß in dem jungen Menschen viele Zukunft. Er -steht unter dem besondern Schutze des Lords, wird unsern Zwecken so zu -sagen als Volontär dienen, ist treu wie Gold, aber Idealist; man muß -ihn seinen Weg gehen lassen. Wenn Sie ihn sehen, werden Sie begreifen, -daß die Weiber, -- um die er sich nicht viel kümmert, sich desto mehr -um ihn bemühten. Er hat kaum sein zweiundzwanzigstes Jahr hinter -sich; ich habe selten ein solches Gemenge von poetischen Anschauungen -und scharfem Blick im Leben gefunden; dabei ein froher Lebensmuth, -nach so vielem Traurigen, was ihn getroffen, -- und eine unbegrenzte -Verwegenheit. Ich habe eine Szene mit angesehen, wo er einen mit Säbel -und Pistole bewaffneten Franzosen auf eine Insulte gegen die Deutschen -augenblicklich mit seinem Stock angriff; -- er lachte hell auf, als -der Schuß an seinem Ohre vorüberpfiff, parirte einen Säbelhieb, warf -den Franzosen nieder und drückte ihm die Handgelenke wie in einem -Schraubstocke mit seinen eisernen Sehnen zusammen, die Niemand in dem -schlanken Burschen suchen würde, -- bis er widerrief. -- Vielleicht -können Sie ihm während seines Aufenthaltes im Hafen eine bestimmte -Richtung geben?‟ - -„Gewiß; aber warum machen Sie mich nicht hier mit ihm bekannt?‟ - -„Ich schlug es ihm vor, aber er will, wie er sagte, am hellen Tage Land -und Leute kennen lernen, und man kann, bei seiner etwas ausnahmsweisen -Stellung, auf seine Laune eingehen.‟ - --- „Das ist gleichgültig; ich werde mir seine Person jedenfalls -angelegen sein lassen.‟ - --- „Und nun, theurer Freund, nochmals Dank für Alles! Sie sind durch -Ihre Thätigkeit ein Mann geworden, der für uns den Werth von Hunderten -hat! Wir können uns nur freuen, Sie in einer Lage zu sehen, welche Ihre -Aufgabe erleichtert, indem Sie, nach beiden Seiten gedeckt, mit voller -Ruhe des Gemüthes arbeiten können. Hält sich die Regierung, so bleiben -Sie der einflußreiche Industrielle und Kapitalist; fällt sie, so sind -Sie durch uns geschützt. Fahren Sie fort zu wirken und seien Sie -überzeugt (Wangerode sprach mit besonders herzlicher Betonung), daß das -dankbare Auge der Vaterlandsfreunde Sie überall begleitet, daß Ihnen -überall eine Hand zur Seite, welche aufzeichnet, was Sie vielleicht zu -unbedeutend finden, um sich dessen zu rühmen!‟ - -Ob sich Kollmann in der aufzeichnenden Hand nichts als eine -Schreibfeder dachte, ist schwer zu entscheiden. Er schloß mit den -Worten: „Zählen Sie auf mich, wie ich auf Sie, -- mögen wir uns bald am -Ziele wiedersehen!‟ - -Wangerode geleitete ihn aufs Verdeck. - -Eben strahlte das Feuerwerk und die Beleuchtung der Villa in vollem -Glanze. - -Sie sahen einander an und ein Lächeln zuckte über die bleichen Wangen -Kollmann’s und über das kräftige Gesicht des Demokraten. - -„Was haben sie da oben?‟ fragte Wangerode. - -„Sie tanzen; der Prinz August Ernst illuminirt zu seinem Geburtstage. -Sie wollen die Wölfe der ernsten Zeit durch Feuerschlagen verscheuchen.‟ - -„Gott erhalte sie so! das Uebrige werden +wir+ machen!‟ - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Als sich das Boot mit Kollmann entfernte, und Wangerode über das -Verdeck zurückschritt, rief ihm eine Stimme vom Vordertheile des -Schiffes zu: „Sind Sie einmal fertig, Sie langweiliger Verrina? Kommen -Sie doch her und schauen Sie mit mir das göttliche Bild an! Wie sich -der Mond durcharbeitet, und mit dem bloßen gestohlnen Widerschein der -Wahrheit die ganze Pracht der feurigen Lügendemonstrazion todtschlägt! -Steht nicht der Leuchtthurm dort wie die Salzsäule eines dem Sodoma da -oben Entlaufenen?‟ - -Richard Forster lag auf seinem ausgebreiteten Marinaro am Boden, den -Kopf in die Hand gestützt, über welche die vollen braunen Locken -von der edlen Stirn fielen und sah mit großen, dunkeln Augen zu -dem Herantretenden empor, dem bei diesem Anblicke alle Bilder ins -Gedächtniß kamen, alle Antinous, Mazeppa, und was sonst Künstler und -Künstlerinnen aus diesem herrlichen Modell herausgefunden. Da er sich -jedoch nie dazu hergab und man seiner blassen Züge, auf welchen Etwas -wie ein Kampf der Finsterniß mit dem Lichte, aber auch der Sieg des -Letzteren lag, -- auf ehrlichem Wege nicht habhaft werden konnte, -so stahl man sie so gut es ging, und der jetzige Augenblick war ein -solcher, wo man dem Raube Berechtigung zuerkennen mußte. - -Wer aus diesem Munde einmal ein Gedicht von Byron, Heine oder -Freiligrath gehört, konnte sich kaum denken, wie derselbe sich zu einem -Matrosenfluche öffnen könne; und doch war nach Stimmung und Umgebung -das Eine bei ihm so gut möglich wie das Andere. - -„Wir haben,‟ sagte Wangerode, „eine Besprechung gehabt, bei deren einem -Theile mir Ihre Gegenwart sehr erwünscht gewesen wäre.‟ - -„Und ich danke Ihnen, daß Sie mir das Vergnügen der Bekanntschaft -dieses scheußlichen Kerls erspart haben. Seine Eisbärenaugen leuchteten -herüber, daß ich unwillkürlich nach meinem Terzerol suchte.‟ - -„Doch ist dies der Mann, dem unsere Sache viel verdankt‟ -- - -„Kann sein. Bei Tag mag er aussehen wie ein ehrlicher Mensch; -- in der -Nachtbeleuchtung sieht er einem Schuft gleich. Sie wissen, was Sie von -meinen ersten Eindrücken zu halten haben!‟ - -„Sie sollen ja vor der Hand nichts als sich ihm vorstellen‟ -- - -„Dem da? Vielleicht der Vizepräsident der künftigen Republik, deren -Präsident vor mir steht? Hinter dem Gesicht steckt Einer von denen, -die Euch bei Euern wunderbaren Kombinazionen dienen sollen und bei der -ersten Gelegenheit verrathen.‟ - -„Davor wird sich dieser hüten. Wir haben unsere Bürgschaften.‟ - -„Ihr seid von einer Schlauheit, daß man nicht begreift, wie jemals -Einer von Euch gehenkt werden konnte.‟ - -„Ich hoffe, die Sache nicht begreiflicher zu machen. -- Sie werden -aber, lieber Richard, den Wunsch des Lords nicht vergessen, sich in -gewissen Angelegenheiten manchmal dem meinigen zu fügen. Thun Sie -es +ihm+ zu Liebe! Dieser Kollmann ist Ihnen jetzt widerlich, -vielleicht gewinnen Sie ihm eine andere Seite ab.‟ - -„So sei es denn, -- ich verspreche es um +seinetwillen+.‟ - -„Und nun gehen Sie zur Ruhe: Sie bedürfen Stärkung für Vergangenheit -und Zukunft!‟ - -„In der nächtlichen Heerschau über meine Todten werde ich sie am Besten -finden! -- Lassen Sie mich wach den Morgen begrüßen, an dem es über -den Rubikon geht. Ich kann mir einigermaßen die Stimmung denken, in -welcher der rebellische Militärgouverneur von Gallien seinen Gaul ins -Wasser trieb, um gegen die Freiheit zu kämpfen, welche damals auf Seite -der Regierung stand. Er hat die Nacht vorher vermuthlich auch nicht -geschlafen!‟ - --- Wangerode verließ das Verdeck und Richard blieb allein mit den -Gedanken, die er seine nächtliche Heerschau genannt. - -Vor ihm stand das Bild seiner schönen Mutter, wie sie ihm und seiner -Schwester erzählte von den Tagen ihrer Kindheit, die sie in den Bergen -der Heimat Ossians verlebt... die Gestalt des Vaters, der sie nach -dem Lande unserer Geschichte geführt... die Stunde, wo die Sturmglocke -ertönt, Feuerschein durch das Fenster gedrungen war, und der Vater, mit -einer dreifarbigen Schärpe umgürtet, vom Federhut bedeckt, sich aus -den Armen der Kinder gerissen. -- Wie sie ihn dann ins Haus getragen, -mit der Todeswunde in der Brust, wie er den Knaben gesegnet und mit -brechendem Auge gesprochen: Ich bitte Gott, daß er dir das Glück -schenke, für die Freiheit zu leben und zu sterben wie ich! -- - -Nach wenigen Wochen war ihm die Mutter gefolgt. Ihr Vermächtniß war -ein Blatt an den Lord. -- Er hatte sie geliebt, -- nie vergessen, als -sie Forster nach Deutschland folgte, -- und was er im Augenblicke der -Trennung gelobt, ihr Freund zu bleiben für immer, -- das hielt er über -das Grab hinaus mit einer Treue, als erfüllte ihn statt der Erinnerung -an eine unerwiderte Liebe, jene einer glücklichen. - -Er ließ die Kinder nach England kommen, wo sie unter seinen Augen -erzogen wurden. Allein der Wunsch des Beschützers, Richard daselbst -einen bestimmten Beruf ergreifen zu sehen, ging nicht in Erfüllung. -Mit einer Anzahl von Talenten ausgestattet, deren jedes hingereicht -hätte, ihm eine feste Stellung zu sichern, rastlos an seiner Bildung -arbeitend, beharrte der Jüngling auf dem Entschlusse, im Geiste der -letzten Worte seines Vaters in dem Lande zu wirken, wo derselbe den -Tod gefunden. Er betrachtete England als seine Schule, und sammelte -einen Schatz von Erfahrungen, welche in der Glut seines jungen Herzens -zur Rüstung für den Feldzug geschmiedet wurden, welcher seine Existenz -ausfüllen sollte. -- Im Hause des Lords mit der Elite der Gesellschaft, -in den Tavernen der Emigranten mit dem entgegengesetzten Pole derselben -in Berührung, nahm er weder von den Vorurtheilen des einen noch von -der Rohheit des andern Elementes Etwas in sein Inneres auf, ob ihm -gleich die Formen Beider geläufig waren. -- Der Logik Wangerode’s -und der andern Comitéhäupter blieb er unzugänglich, und erkannte nur -zwei Mittel als der Sache der Freiheit würdig: Ueberzeugung durch -+Ueberredung+, -- und offenen +Kampf+. - -Als ihm auch die blühende Schwester durch ein Ereigniß, das wir später -vernehmen, entrissen wurde, trat er, von ihrer Leiche kommend, vor den -Lord und sagte ihm den Entschluß nach dem Kontinent zu gehen. -- Sein -Beschützer hatte, da er den Vorsatz nicht zu erschüttern vermochte, -Richard zu dem, was er seine Sendung nannte, und was seinen eigenen -politischen Prinzipien eben nicht ferne lag, ausgerüstet, und ihn -Wangerode und dem Kapitän empfohlen. - --- Als der Morgen graute, fuhr er nach dem genuesischen Schiffe -hinüber, dessen Rauchsäule bald zwischen den Masten der am Quai -liegenden Schiffe emporwirbelte, während die Aegina nur noch ein Punkt -auf hoher See war. - -Wir dürfen nur Richard Forster folgen, wie er mit leuchtendem Blicke -und stolzem Gange über die Landungsbrücke schreitet, -- um wieder im -Hôtel bei unsern Freunden anzulangen. - --- -- Die Nacht auf dem festen Lande war nicht weniger bewegt als auf -dem schwankenden Schiffe. - -Sprenger hatte sich resigniren müssen, sein gediegenes Elaborat allein -zu Ende zu schreiben. -- - -Arnold, von dessen Selbstbeherrschung wir einige Beweise erhielten, -hatte dieselbe im Augenblicke von Klotildens Mittheilung vollständig -verloren. Er hatte sich nicht wenig auf die Repressivmaßregeln zu Gute -gethan, womit er alle Ausbrüche seines Gefühls niederzuhalten wußte; -- -nun brach in einer Sekunde der ganze Bau zusammen. - -Seine Begleiterin war nicht wenig erstaunt, als er bei ihrem letzten -Worte ihre Hand faßte, und mit einer Heftigkeit, die alle Schranken der -Galanterie übersprang, ausrief: „Und das haben Sie mir verschwiegen? -Das verzeihe Ihnen Gott!‟ - -„Ich glaube, daß dieß eine der geringsten Sünden ist, die mich am -jüngsten Tage belasten werden,‟ erwiederte sie befremdet und sah -lachend in seine von zorniger Erregung funkelnden Augen -- „aber -Korbach! so blond und so heftig! -- Sehen Sie, das gefällt mir. Ich -begreife auch jetzt +Alles+, seien Sie ruhig, ich werde gut -machen, was ich verbrochen!‟ -- - -„Ich bitte Sie,‟ entgegnete er -- „wenn Ihnen irgend etwas auf der Welt -heilig ist, machen Sie Nichts gut, -- vergessen Sie diese Bitte, -- -meinen früheren Ausruf -- geben Sie mir das einzige Versprechen, Nichts -zu denken und Nichts zu thun!‟ -- - -Mit jedem Worte fühlte er lebendiger die Unbesonnenheit seines ersten. -Sie war nicht ungeschehen zu machen. - -Klotilde antwortete ernst und ruhig: „Nicht zu +denken+ kann ich -wohl kaum versprechen, ich rede ehrlich mit Ihnen und wünsche, daß -alle Tugendspiegel so wenig falsch zeigen als ich. Daß ich nicht -+sprechen+ werde, schwöre ich Ihnen; schlafen Sie ruhig, und -glauben Sie, daß Sie um +meinetwillen+ Ihren Ausruf nicht zu -bereuen haben!‟ - -Hierauf wendete sie sich rasch um, die Treppe allein hinaufeilend. - --- -- Ein Paar Minuten später trat Arnold in Sprenger’s Zimmer. Ein -Blick auf die glühenden Wangen und verstörten Mienen verrieth letzterem -einen Gemüthszustand, welcher seine Erklärung nicht wohl in den -Ballgenüssen der Villa finden konnte. - -Nach einigen Fragen und zerstreuten Antworten sagte er: „Arnold, du -bist in der Verfassung eines Menschen, der ein Unglück erlebt hat oder -eines hereinbrechen sieht. Ohne mich in deine Geheimnisse zu drängen, -bitte ich dich, dir Ruhe zu gönnen, du bedarfst ihrer.‟ - -Arnold erwiederte: „Schilt mich närrisch oder was du sonst willst, sage -mir nichts von Ruhe -- ich danke dir, daß du für mich gearbeitet, jetzt -wäre ich zu Allem unfähig. Leb wohl!‟ -- Und damit war er wieder zur -Thür hinaus, ehe Sprenger noch eine unnütze Frage an ihn richten konnte. - --- -- Wenn die vierundzwanzig Tischgäste des Banquiers Franchini hätten -zusehen können, wie der Repräsentant des Hauses Korbach und Sohn -nicht eine, sondern ein Paar Stunden die ~Contrada grande~ von -einem Ende zum andern durchmaß, bis er mit der Architektur sämmtlicher -Gebäude vertraut war: sie hätten nach den gehörten salbungsvollen -Tischreden den höchsten Begriff von seiner Vielseitigkeit bekommen. Was -er daselbst eigentlich gedacht oder gewollt, hätten sie aber so wenig -gewußt, wie er selbst. - -Schwerlich konnte er glauben, daß Julie auf dem Balkon stehen -geblieben, -- und, nachdem er mit der Begleiterin vorübergegangen, -abgewartet habe, bis es ihm genehm sein würde, ohne dieselbe -zurückzukehren. Eben so wenig ließ sich im gewöhnlichen Lauf der Dinge -voraussetzen, daß während der Stunden von zwei Uhr Nachts bis zum -Morgen sich passende Gelegenheiten zu Erklärung von Mißverständnissen, -zu einem, das erste, einseitige Wiedersehen verlöschenden zweiten -ergeben würde. - -Der gewandte und besonnene Missionschef glaubte weder dieß noch irgend -etwas Anderes -- er mußte nach der ~Contrada grande~, weil er -nicht anders konnte; -- die Flut seiner dreiundzwanzig Jahre hatte -den Damm durchbrochen und trug ihn dorthin, wo er +ihr+ nahe. --- Weiter dachte er Nichts, und wir freuen uns, ihn einmal so ganz -außer sich, ohne warum und wozu, ohne Reflexion und sogenannte gesunde -Vernunft im Mondscheine umherlaufen zu sehen. Denn wenn er heute Nacht -vernünftig gewesen wäre, so hätt’ er nicht verdient, daß Juliens Augen -um ihn naß geworden. - - - - -Bescheerungen. - - -Gleich Kindern vor der geschlossenen Thüre des Saales, worin der -Weihnachtsbaum flammt, standen vor der Pforte des anbrechenden Tages -alle Freunde und Freundinnen, welche der Lauf der Begebenheiten in der -Hafenstadt zusammengeführt, -- sammt allen Bewohnern der letzteren, -- -mit klopfendem Herzen, Jeder der ersehnten Gabe harrend. - -Und reich mußte der Baum behangen sein, wenn Jeder zufrieden den Abend -begrüßen sollte! - -Im glänzenden Wipfel eine Blume, ein Selam des Wiederfindens -- -für Julie; -- der gleiche Selam, mit der prosaischen Zugabe eines -rothgesiegelten Kontraktes mit der Korbacher Fabrik -- für Arnold; zum -Theile für Sprenger; -- an einer dunkeln Stelle zwischen den Zweigen -ein Blatt der Erfüllung, nach jenem der Verheißung, von Klotilde, -für den Prinzen; -- am Stamme, da die Aeste zu schwach aufgehangen -von der Hand des erwarteten Monarchen, ein goldenes Füllhorn voll -Orden, Adelsverleihungen und Zufriedenheitsbezeigungen für die Stadt --- -- selbst Richard Forster, mit einem, kräftigen und fantasiereichen -Naturen häufig eigenen Aberglauben, wünscht am ersten Tage einem -simpatischen Gesichte, einem ihn verstehenden Auge zu begegnen, als -glückliches Omen seiner Zukunft. -- - -Nur der Monarch erwartet Nichts. Die letzte Zeit hat ihm alle Freude an -den Bescheerungen seiner Unterthanen vergällt. -- - --- Die erste Hand, die am Morgen nach dem Baume langte, war jene, -deren Marmorbild Professor Harkeboom besitzt. -- Julie stand am -Toilette-Tische, faltete ein Billet zusammen und reichte es ihrer -getreuen Martha, die sie auf die Reise mitgenommen, mit den Worten: „An -Frau Zeltner, -- bring’ es ihr gleich!‟ -- - -Das Mädchen, welches die Gebieterin genau kannte, warf einen Blick -auf die Adresse und fragte nach dem +Wo+? -- Julie begriff zwar, -daß dieses ein wesentliches Erforderniß zur Bestellung eines Briefes, -vermochte aber dem Uebelstande nicht abzuhelfen. - -Sie standen einander gegenüber, Julie lachend, das Mädchen lächelnd, -und so hübsch auch die Stellung der Ersteren war, wie sie, die linke -Hand in die Hüfte gedrückt, den Zeigefinger der rechten zwischen -den schönen Zähnen, nachsann, -- so blieb das Ergebniß doch das -gleiche, daß nur eine Rundreise durch die Hafenstadt oder polizeiliche -Nachforschung ans Ziel führen könnte. - -Als Julie, deren praktische Seite nicht ihre stärkste, den Knoten -mit den Worten zerschnitt: „Geh nur einmal damit fort, du wirst dich -schon zurechtfinden, du kannst ja Alles!‟ -- flog die Thür auf, -- und -Klotilde trat ein. - -„Ich kann den Tag nicht drei Stunden alt werden lassen, liebe, -theure Freundin, ohne Sie zu begrüßen! Heute Nacht sah ich Sie einen -Augenblick, unter Ihrem Balkon vorübergehend, als ich vom Balle in der -Villa kam, mit Korbach, demselben jungen Manne, der bei meinem letzten -Besuche im Freinhofe eben dahin kam.‟ - -„Auch ich habe Sie gesehen,‟ erwiederte Julie, „und hätte Ihnen -wenigstens eine gute Nacht hinabgerufen, wenn Sie nicht in dem Moment -weggesehen, wo ich Sie erkannte!‟ -- - -„Eine Täuschung, wie sie eben die Nacht mit sich bringt! Um so -freudiger sehe ich Sie am Tage wieder!‟ - -Julie zog sie aufs Sofa zu sich und das lebhafteste Gespräch begann. - -Einen eigenthümlichen Reiz, der in der angebornen Malice der -menschlichen Natur begründet ist, gewährt dem Zuhörer eine Unterredung, -in welcher jeder Theil sich vornimmt, den andern auf einen bestimmten -Gegenstand zu bringen und dabei festzuhalten, keiner nachgeben will, --- dem Andern ein Paar Schritte weit auf dem ablenkenden Wege mit -erzwungener Aufmerksamkeit folgt, und ihn sogleich wieder nach der -eigenen Richtung zu ziehen versucht. - -Die beiden Frauen hatten ihr vorgestecktes Ziel im Auge. Klotilde kam -mit jeder Wendung auf den Reisezweck der Kollmanns zurück, und Julie -drehte mit leichter Bewegung das Steuerrad der Unterhaltung unermüdlich -gegen Arnold hin, bis endlich Erstere einsah, daß es das Klügste -sei, die verworren durcheinander klingenden Tonstücke zu trennen und -nach einander aufzuführen, und gewissenhaft Alles, mit Ausnahme der -gestrigen Schlußszene, berichtete, was sie von ihrem Begleiter wußte. - -Es läßt sich nicht leugnen, daß Juliens Urtheil und Einsicht in -Geschäftsgegenstände auf einer sehr primitiven, kindlichen Stufe der -Entwickelung stand. Ihre Jugend hatte keine Veranlassung geboten, -sich mit dergleichen zu befassen. Kollmann hatte sie nie in seine -Angelegenheiten eingeweiht, wonach sie auch kein Verlangen trug, -und so lebhaft der Antheil war, welchen sie in letzter Zeit der -Metallfabrikazion zugewendet, so äußerte sich derselbe mehr in der -Bewunderung der gewaltigen Räder, Walzen und Wasserbauten, als in -einer Frage, wie die entstandenen Platten und der glänzende Draht zum -Gegenstande des Erwerbes, zur Basis einer wohlhabenden Existenz würden. - -Auch die Ideen von gegenseitig sich bekriegender Spekulazion und -Konkurrenz, -- die eröffnete Campagne Kollmanns gegen die Interessen -Arnolds, waren ihr nicht klarer, als der Rückzug der zehntausend -Griechen unter Xenophon. - -Klotilde dagegen, welche die Andeutungen Günthers, daß Kollmann -vielleicht Etwas beim Prinzen zu suchen habe, mit den Mittheilungen -Arnolds zusammenhielt, begriff den Hauptumriß der Fehde, und versuchte -aus Julie irgend Etwas herauszubringen, was einen festen Anhaltepunkt -böte. -- Unter vielen zerstreuten Antworten tauchte endlich etwas -Brauchbares auf. Julie sagte, Kollmann habe sich geäußert, er wollte -dem Balle in der Villa nicht beiwohnen, weil er mit dem +Prinzen+ -in +keine Berührung+ zu kommen wünsche. -- Klotilde war nun -zwar über den Zweck der Reise vollkommen im Dunkel, aber wenigstens -darüber beruhigt, daß Kollmann keinen auf der Galanterie des Prinzen -gegründeten Plan verfolge. - -Die freundschaftliche Wärme der beiden Frauen nahm unglaublich zu mit -der Ueberzeugung, daß sie von einander Nichts zu fürchten hatten. - -Julie, welche bereits nach der heftigen Aufregung der Nacht hierüber -mit sich ins Reine gekommen, wurde durch die angehörte Erzählung -bestärkt, und Klotilde fühlte die Theilnahme für das Wohl und Wehe der -Freundin lebhafter erwachen als je. Sie sprach von Arnold so viel diese -hören wollte, und drückte im Tone des Vertrauens die Ueberzeugung aus, -daß Kollmann etwas demselben in seiner ganzen Existenz Nachtheiliges -beabsichtige. - -Julie erschrak, verlangte nähere Aufklärungen und erhielt sie so -vollständig oder unvollständig, als sie gegeben werden konnten. Sie -begriff, daß die Beiden einander in ihren Interessen als Todfeinde -gegenüber ständen und schwieg nachdenklich. Klotilde stand auf und -fragte, ob sie Arnold, der nach dem Besuche im Freinhofe ihr doch -vermuthlich auch hier einen zugedacht, Etwas melden solle? -- Nach -kurzem Besinnen erfolgte die Antwort: „Er soll mich nicht besuchen. -Ich werde aber um +vier Uhr+ die Gemäldesammlung der Akademie -besuchen, und mich freuen ihm dort zu begegnen. Wie kann ich aber Sie -treffen, liebste Klotilde?‟ - -„Ich verlasse heute das Hôtel, um eine Privatwohnung zu beziehen, da -ich vielleicht einige Wochen hier bleibe; Sie würden mich in dem ersten -Gedränge der Angelegenheiten, die mich hieherführten, kaum treffen, -- -ich komme lieber, so oft ich mich frei machen kann, zu Ihnen!‟ - -Bei diesen Worten trat Kollmann ein; das Gespräch verlängerte sich und -die Erzählung des Balles bildete den Hauptgegenstand. So vorsichtig -Klotilde gewisse Gegenstände berührte, wurde, unter dem Einflusse der -unbezwinglichen Eitelkeit, doch des Prinzen einer Weise erwähnt, daß -Kollmann tiefer in den Zusammenhang blickte, als sie dachte. Auch das -Gespräch Arnolds mit dem Prinzen schilderte sie, um ihn zu ärgern, mit -lebhaften Farben. Er hörte anscheinend gleichgültig zu. - -Als sie fortgegangen, begab er sich sogleich zu Plomberg, welchen er -bereits Tags zuvor gesprochen. Er traf ihn, in Folge eines nach dem -Balle mitgemachten Gelages, mit Kopfschmerz behaftet, in der übelsten -Laune. Nachdem aus seinen halben Antworten hervorgegangen, daß die -allerhöchste Ankunft telegrafisch auf zwölf Uhr angesagt sei, sagte -er: „Lieber Oberst, ich habe Sie um einen Freundschaftsdienst zu -bitten, der für mich den größten Werth hat. Sie müssen mich auf die -Audienzliste bringen.‟ - --- -- „Das geht nicht durch mich; der Gouverneur gibt dem -General-Adjutanten eine Liste, sie machen das mit einander, ich scheere -mich um diese Ceremonien nicht.‟ - --- „Sie werden aber doch mit dem Grafen Greuth ein Wort für mich reden -können‟ -- - --- „Gott weiß wie er aufgelegt ist!‟ - --- „Was fragt ein Mann wie Sie darnach? und schließlich -- fuhr er in -bestimmtem Tone fort -- ist meine Bitte eine solche, die man selbst -um einer kleinen Ungelegenheit willen einem Freunde nicht abschlägt. -Oder glauben Sie, daß ich mich besinnen werde, +Sie+ wieder auf -die Liste zu setzen, wenn die schöne Frau Marianne Blauhorn in meinem -Freinhof Audienz gibt, -- wobei ich mein ganzes gewonnenes Terrain beim -Finanzminister aufs Spiel setze?‟ - -Hieran war dem Obersten wenig gelegen, wohl aber an Kollmanns -Diskrezion der alten Gräfin Mersey gegenüber. - -Es fällt hier einiges Licht auf einen sinnreichen Mechanismus des -gewandten Ingenieurs. Frau Marianne Blauhorn besaß, wie wir wissen, -bedeutenden Einfluß auf den Finanzminister. Von dem Augenblicke an, wo -die Bemühungen des Obersten um sie, welchen Kollmann die Wege geebnet, -von Erfolg gekrönt waren, hielt er Beide in doppeltem Schach. -- Frau -von Blauhorn wußte, daß ein einziges ~billet-doux~ Plomberg’s -zugleich der Scheidebrief zwischen ihr und dem Minister wäre, und hing -von Kollmann’s Verschwiegenheit ab. Der Oberst war überzeugt, daß die -Mersey augenblicklich die Schuldenzahlungen einstellen würde, wenn sie -von seinen Beziehungen zur schönen Hofräthin eine Ahnung hätte. - -Diese Reflexion mochte ihm wieder vorschweben als er sagte: „Nun denn, -in Teufelsnamen, damit sie nicht an meiner Freundschaft zweifeln, -- -ich getraue mich, es durchzusetzen, obwol die Liste fertig. Kommen Sie -um halb ein Uhr. Aber Eins muß ich wissen, den Zweck der Audienz.‟ - -„Sehr gern, und wenn Sie ihn nicht billigen, nehme ich meine Bitte -zurück.‟ - -Kollmann theilte ihm sein Vorhaben mit, das wir bei der Audienz selbst -erfahren. -- „Das wird jedenfalls refüsirt, erwiderte Plomberg, ich -weiß einen ähnlichen Fall von Seite des Fürsten Leuchtendorf, und man -wird Ihnen keine andere Antwort geben als ihm.‟ - -Kollmann wußte dieß so gut als der Obrist. „Glauben Sie dessen ganz -gewiß zu sein?‟ fuhr er fort. -- - -„Ganz gewiß, der Monarch müßte denn seine Ansicht geändert haben, und -das thut er nie.‟ - -Kollmann dankte und empfahl sich. Plomberg aber sagte zu sich: „Es -geschieht Einem Recht, wenn man sich unvorsichtig einem solchen Kerl in -die Hand gibt; aber vielleicht ists gut, -- der Zweck der Audienz kann -demjenigen, der ihn aufgeschrieben, keinesfalls schaden.‟ - -Dabei nahm er aus seinem Portefeuille die Liste, die er bereits gestern -mit dem Gouverneur für den Generaladjutanten entworfen, und setzte -Kollmann’s Namen darauf. -- - --- Während hier Minen gegraben wurden, hatte Arnold seine Streitkräfte -im offenen Felde entwickelt. - -Den ganzen Morgen einsilbig und zerstreut, wurde er vom späten -Frühstück mit Sprenger abgerufen nach Klotildens Zimmer, stand -ärgerlich auf, ging mit einem Gesichte wie ein naßkalter Novembertag -weg, und kam mit einem Junimorgen zurück. Klotilde hatte ihren Auftrag -erfüllt. -- - -„Wenn ich gleich über das Ergebniß deiner Reise in Bezug auf den -ostensibeln Zweck noch nicht urtheilen kann, sagte Sprenger, so scheint -wenigstens, aus deiner Stimmung zu schließen, ein anderer erreicht?‟ - -„Ich habe gestern geschwiegen, weil ich mich unglücklich fühlte und -doch einsah, daß ich keinen Grund hatte. Heute ists anders, und ich -weiß, daß dir dieß genügt, um dich mit mir zu freuen.‟ - -Ohne weitere Uebergänge erwiederte Sprenger: „Und eben so glücklich, -und noch mehr, wird dein Vater sein, wenn der Gegenstand deiner Liebe -ein solcher, den du als seine Tochter, als Erbin von Korbach, in seine -Arme führen kannst.‟ - -Wenn Arnold am Besten that auf diese Frage zu schweigen, -- so hatte -Sprenger seinerseits die Ueberzeugung, daß die Hoffnungen seines alten -Freundes auf eine Wahl, die das Glück des Sohnes gründen könne, einer -Liebe gegenüberstehen, die nach seiner Auffassung zu keinem Heile -führte. Er war bekümmert ohne es zu zeigen und hielt sich an die -Hoffnung, daß es eine vorübergehende Leidenschaft sei. - -Die Stunde, für welche Arnold zum Prinzen beschieden war, nahte, und -er fuhr nach der Villa. August Ernst empfing ihn mit der größten -Leutseligkeit, und ging in die Einzelnheiten des Elaborates ein. Er -machte beim Durchblättern einige jener Bemerkungen, welche im Munde -eines Prinzen für sachkundige gelten, ermächtigte ihn, sich beim Chef -des Departements auf die günstige Ansicht zu berufen, die er gegen ihn -aussprach, und verhieß möglichst schnelle Erledigung. Arnold sprach -mit seinem Danke die Hoffnung aus, die Entscheidung, die er in der -Hafenstadt abwarten wolle, mitnehmen zu können, und bat den Prinzen -um seinen gnädigen Schutz für den Fall, daß er desselben gegen einen, -seinem Interesse entgegengesetzten Einfluß bedürfen sollte. -- Er -entgegnete: „Seien Sie ruhig, es ist mir so Etwas angedeutet worden, -allein ich sehe kein Motiv, meine Ansicht über Ihre Person oder Ihre -Sache zu ändern. Melden Sie sich vor Ihrer Abreise jedenfalls bei mir.‟ - -Im Marine-Departement fand er gleich freundliche Aufnahme. Der -Direktor, mit allen Punkten der Vorlage vertraut, erklärte, daß der -Einwilligung des Prinzen kein Hinderniß mehr vorliege und er nur -dessen formelle Genehmigung einholen werde, und beschied Arnold für -den nächsten Tag zur Unterzeichnung der Kontrakte. -- Dieser forschte -auch hier nach einer feindlichen Thätigkeit Kollmann’s und erhielt -den Bescheid, daß derselbe fast gleichzeitig einen Antrag vorgelegt, -aber den Bescheid erhalten, daß bereits ein anderer vorhanden, den man -keinen Grund habe abzulehnen. - -Arnold hatte schon gestern seine Angelegenheiten in so gutem Geleise -gesehen, daß ihn die heutigen Erfolge nicht überraschten, doch kehrte -er in der frohesten Stimmung zu Sprenger zurück. Er fand ihn auf dem -Balkon, im Gespräch mit Richard Forster. Dasselbe hatte sich auf höchst -gewöhnliche Weise, über einen englischen Zeitungsartikel entsponnen, -und, in ungewöhnlichen Wendungen, zu großer Wärme entwickelt. Man -schien sich gut zu verstehen, Arnold wurde sogleich in den Gegenstand -hineingezogen, aber mehr als der letztere fesselte ihn der junge -Fremde, dem er, -- jenem Zuge der Simpatie folgend, welche sich bei -ihm im Augenblicke einer ersten Begegnung so entschieden aussprach als -deren Gegentheil, -- im Geiste die Hand reichte, ehe es noch leiblich -geschah. - -Und von allen Wünschen, womit der Morgen begrüßt worden, war jener -Richards zuerst in Erfüllung gegangen, -- die ernsten blauen Augen, in -welche seine dunkeln, feurigen blickten, waren die als günstiges Omen -ersehnten. Möge er nicht verlernen, an Vorbedeutungen zu glauben! -- -Diese Augen werden ihn nicht täuschen.... aber aus ihnen blickt nur die -Treue Arnolds und nicht jene -- des Glückes! Da keine geschäftlichen -Abhaltungen mehr vorlagen, machte Arnold den Vorschlag, dem -landesfürstlichen Empfange, zu welchem die Stadt gerüstet dastand, aus -dem Wege zu gehen, und es wurde eine Fahrt nach dem sehenswürdigsten -Gegenstande der Umgebungen, dem römischen Amfitheater, beschlossen, -wodurch für ihn ein großer Theil der Ewigkeit, nämlich der Zeit bis -vier Uhr, ausgefüllt wurde. - --- -- Bald nach ihrer Abreise kam die Ueberraschung mittelst -Separattrains herangebraust. - -Die Stadt ließ sich nicht überrumpeln; sie hatte den Bahnhof, wo -sich auch der Prinz mit Gefolge eingefunden, mit Deputazionen, das -Gouvernementsgebäude mit Ehrenwachen, sämmtliche Treppen mit Baum- und -Blumenspalieren und einen Tisch im Appartement des Monarchen mit einem -prachtvollen Dejeuner besetzt. - -Prinz August Ernst hatte vergeblich auf das Glück gehofft, den Vetter -auf der Villa zu beherbergen. -- Mit einem Sprunge aus dem Wagen -durchbrach derselbe, vom Grafen Greuth und andern säbelklirrenden -Adjutanten gefolgt, das erste Hinderniß, die Anrede des tiefergriffenen -Bürgermeisters, überflog die andern in weniger Minuten, als ihre -Aufrichtung Stunden erfordert hatte, und war im Besitze aller festen -Posizionen, ehe noch die Ofikleïden der Regimentsbande den letzten Takt -der Volkshimne ausgeschmettert hatten. - -Die Raschheit seiner Bewegungen war um so auffallender bei der -ziemlichen Korpulenz seiner gedrungenen, untersetzten, mit Mühe in die -Uniform gezwängten Gestalt. Erwähnen wir noch des dichten, langen, -schwarzen Schnurbartes, der das volle Kinn von der römischen Nase -trennt, so haben wir genug gethan, um die Auffindung seines Portraits -im gothaischen Kalender zu erleichtern, wenn man sich noch an die -nähere Andeutung halten will, daß es von den vier Kaisern Europas jeder -am allerwenigsten sein kann; eher einer der drei Uebrigen. - --- Der Prinz, der Gouverneur, der Platzkommandant ziehen sich zurück. -Der Monarch nimmt im Kabinet schnell sein Frühstück ein, vertauscht -die Reiseuniform mit der Gala, -- auf dem Platze ist die Generalität -versammelt, -- er sprengt nach dem Paradeplatz, wo die Garnison -aufgestellt ist. - -Sie defilirt unter den Klängen vielleicht der besten Militärmusik -in Europa. Ihre Haltung ist vortrefflich, ihr Aussehen mahnt Jeden -unwillkürlich an Wallensteins unhöflichen Brief an den Kaiser: -„Hier ist ein Heer -- schickt einen Heerführer.‟ -- Die wackeren -Kommandanten, welche diesen Wunsch mit der Mannschaft theilen, werden -belobt, -- letztere bringt das dreimalige Vivat, zu welchem sie vor -dem Ausmarsche aus der Kaserne die Erlaubniß erhalten hat, und der -Herrscher galopirt an der Spitze der glänzenden Suite in dichten -Staubwolken nach der Stadt zurück. - -Es ist ein Uhr, die Stunde der Aufwartungen. Der Generaladjutant legt -ihm die Liste derjenigen vor, welche des Glückes harren, einen Moment -lang als Sonnenstäubchen im Glanze der Majestät zu spielen, -- er -überfliegt sie schnell und begibt sich nach dem Audienzzimmer. - -Der anstoßende Saal, in welchem die Vorzulassenden warten, ist zur -Hälfte gefüllt. -- Drei zu unregelmäßigen Linien ausgedehnte Gruppen -stehen hintereinander. - -Die erste besteht aus den glänzenden, mit dem leichten Anstande -der Gewohnheit getragenen Militäruniformen, gemischt mit einigen -geistlichen Talaren. Hinter diesen die uniformirten Beamten, mit -gepreßten Hälsen und gehemmter Blutzirkulazion, -- die Jüngeren durch -Herausbäumen der Brust sich eine Contenance gebend, dem Militär -gegenüber; -- Mancher auf seinen Nachbar schielend, um sich zu -orientiren, wie der Federhut vorschriftsmäßig in der Hand zu halten. -Endlich die glanzlose Schaar jener andern schwarztrauernden Civilisten, -welche, sie mögen leisten was sie wollen, nicht als dem Staate dienend -erscheinen. - -Ein freier Raum ist zwischen diesen Reihen und der Thür des -Audienzzimmers. An letzterer stehen zwei Adjutanten, deren einer, mit -einer Gegenliste versehen, die Namen nach einer mit dem subtilsten -Gradmesser ausgearbeiteten Skala dergestalt aufruft, daß in dem -Augenblicke, wo ein Vorzulassender eintritt, ein Zweiter schon ~en -réserve~ in dem freien Raume steht und ein Dritter sich aus den -Reihen loslöst, so daß keine Sekunde Unterbrechung eintreten kann. - -Das Prinzip des Dampfes und der Elektrizität ist auch in die Audienzen -gefahren. Der Wind der sich schließenden Thür ist noch nicht verweht, -so öffnet sie sich wieder, und ein Gesicht, über welchem der heiße -rothe Glanz der verklärenden Minute liegt, tritt heraus und wird durch -ein noch steifes, gespanntes ersetzt, welches im nächsten Augenblicke -seinerseits als geschmolzene Wachslarve aus dem Brennspiegel der -Majestät heraustritt. - -Gleich die ersten Wiederkehrenden verbreiten eine erfrischende -Atmosfäre im Saal. Der Monarch hat das große goldne Füllhorn in der -Hand und schüttelt es über Jedem. - -Die Stadt erhält die anderswohin verlegte, schmerzlich entbehrte -Kadettenschule zurück -- ein Militär-Schwefelbad wird auf Staatskosten -gegründet -- ein leerstehendes Aerarialgebäude wird der Gendarmerie -überlassen -- die engbrüstige gothische Domkirche wird mit einem -modernen Ansatz erweitert -- der titellose Bürgermeister Giordani -wird mit der Anrede „lieber Regierungsrath Giordani‟ empfangen -- alle -Gesuche werden reiflich erwogen und nach Thunlichkeit berücksichtigt -werden. -- Wenn man bedenkt, daß die Thürflügel sich sechsundfünfzigmal -öffneten um Jemanden einzulassen, den der Monarch zu sehen erfreut war, -so läßt sich annehmen daß seine summirte Gesammtfreude eine ganz andere -sein mußte, als die der Einzelnen. - -Nachdem die Militärs und Geistlichen dieselbe durchgenossen, kam die -Reihe an die blaue Konsuls-Uniform Kollmann’s. Seine Audienz währte zum -Staunen der Harrenden mindestens viermal so lange als die übrigen, den -Bischof ausgenommen. - -Vor den Monarchen tretend begann er: - -„Fremd und mittellos in das Land gekommen, welches so glücklich ist, -unter dem Zepter Eurer Majestät zu stehen, ist es mir unter dem Schutze -der Gesetze gelungen, einiges Vermögen zu erwerben.‟ -- - -Der Monarch machte eine Bewegung, welche die Befremdung über den -sonderbaren Eingang ausdrückte. - -„Die Bitte, die ich Euer Majestät vorzutragen wage, ist mir von dem -Bedürfniß eingegeben, mein tiefes Dankgefühl, und meine Verehrung für -den Monarchen des Landes, dem ich mein Glück verdanke, durch ein -Anerbieten an den Tag zu legen, welches die Entschuldigung seiner -Kühnheit nur in dem Beweggrunde findet, der es veranlaßt hat.‟ - -Die Rücksicht auf die fremde Konsuls-Uniform vermochte den Monarchen, -seine Verstimmung über die lange Vorrede zu verbergen. Er fragte -freundlich aber kurz: „Was ist Ihr Anliegen?‟ - -„Meine Besitzung im Gebirge, sechs Stunden von der Residenz, einerseits -an Gebirge grenzend, welche ein reiches Gemsengehäge enthalten, -anderseits an Waldungen, welche von Hochwild wimmeln, würde sich mit -geringen Aenderungen an den Gebäuden zu einem Jagdschlosse eignen. -Die Bitte, die ich wage, besteht darin, Euer Majestät wollen geruhen -dieselben allerhöchst Ihren Domänen einzuverleiben.‟ - -Da die Jagdliebe des Souveräns allgemein bekannt war, so hatte der Hof -zu verschiedenen Zeiten Anträge zu Ankäufen von dieser Art Besitzungen -erhalten und auch einige an sich gebracht. - -Er erwiederte: „Es ist mir leid, auf Ihr Anerbieten nicht eingehen zu -können,‟ und fügte lächelnd hinzu: „Sie werden wissen, daß wir Domänen -verkaufen, nicht aber kaufen.‟ - -Kollmann trat mit der Miene der tiefsten Kränkung einen Schritt zurück -und sagte: „Ich hatte auf das Glück gehofft, meine werthlose Gabe in -der Weise an den Stufen des Thrones niederlegen zu dürfen, wie es dem -frommen Katholiken gestattet ist, dem Haupte der Kirche den sogenannten -Peterspfennig anzubieten, und ich fühle nun erst die ganze Kühnheit -meines Gesuches.‟ - -Der Monarch war überrascht, aber nicht unangenehm, und antwortete: „Ich -danke Ihnen, danke Ihnen herzlich für Ihr loyales, schönes Anerbieten, -das ich jedoch nicht annehme. Wenn es aber meine Zeit erlaubt, werde -ich mir Ihre Besitzung besehen und in Ihren Bergen jagen. Wenn -Sie ein anderes Anliegen haben, werde ich es jederzeit thunlichst -berücksichtigen. Nochmals, Ihr Antrag hat mich sehr gefreut.‟ - -Er machte die entlassende Bewegung auf die huldvollste Weise und -Kollmann trat mit dem Ausdrucke der vollsten Befriedigung unter die -Wartenden heraus, und begab sich zum Generaladjutanten. - -Da nämlich der Monarch allein empfängt, und der Dienst an den Thüren -durch zwei Adjutanten von geringerem militärischen Range als jener -des Grafen Greuth versehen wird, so veranstaltet dieser in einem -anstoßenden Zimmer einen Nachdruck der souveränen Prachtausgabe der -Audienzen. -- Der Aufwartung ~avant la lettre~ beim Herrscher -folgt jene beim General-Adjutanten, wie man nach dem Gebrauche von -Karlsbad meist noch ein anderes Wasser als Nachkur trinken muß, -wenn ersteres wirken soll. -- Der Graf betrachtet die seiner Person -geschenkte Aufmerksamkeit nur als eine seinem Gebieter erwiesene Ehre, --- er selbst hat über alle ihm vorgetragenen Angelegenheiten gar Nichts -zu entscheiden, Nichts darein zu reden, man begreift kaum, wie der -Monarch einen General-Adjutanten haben mag, der sich um Nichts kümmert, -was im Staate vorgeht. Doch ist es so, und er thut was er kann, um -die fixe Idee zu beseitigen, daß es ganz im Gegentheile +gar+ -keine Angelegenheit gebe, in die er +nicht+ hinübergreift. Man -weiß, wie schwer ein eingewurzeltes Vorurtheil ausgerottet wird, und -der Graf mußte auch heute ein halbes Hundert Male die Versicherung -bekämpfen, daß man nur dann vollkommen beruhigt nach Hause gehe, -wenn der vom Monarchen ausgestellte Gnadenwechsel mit dem Akzept des -General-Adjutanten versehen worden. - -Kollmann erzählte ihm den Verlauf seiner Audienz und bat, seinen -Einfluß zu verwenden, um vielleicht bei sich ergebender Gelegenheit den -Gebieter für seinen Antrag zu stimmen. - --- „Das ist umsonst, lieber Herr Kollmann,‟ erwiederte der Graf -- „ich -kenne den Herrn, aber Sie können überzeugt sein, daß Sie ihm eine -Freude gemacht haben. Bei einem andern Anlasse dürfen Sie auf gnädige -Aufnahme jedes Gesuches rechnen.‟ - --- „Ich habe nicht gewagt, Seiner Majestät ein für mich sehr wichtiges -Anliegen vorzutragen, da es leider gegen Jemanden gerichtet ist, der -sich des hohen Schutzes des Prinzen August Ernst erfreut.‟ - --- „Wie ist das?‟ fragte der Graf aufmerksam. - --- „Es ist ein Gegenantrag gegen das Lieferungsoffert einer Firma -Korbach.‟ - --- „Ich kenne den Namen. Warum glauben Sie, daß ihn der Prinz -protegirt?‟ - --- „Ich schließe es aus Dingen, die wohl an sich zu unbedeutend sind, -um Euer Excellenz damit‟ -- - --- „Heraus damit! Sie sehen doch, daß ich auf Ihre Angelegenheit -eingehe.‟ - --- „Der Prinz hat ihm, wie ich im Marinedepartement gehört, -Zusicherungen ertheilt, und ihn auf dem gestrigen Balle mit besonders -gnädiger Herablassung behandelt, wie ich aus dem Munde einer Frau -erfahren, welche anwesend war, und vielleicht in der Lage ist über die -Gesinnungen Seiner Hoheit unterrichtet zu sein.‟ - -Das vertrauliche Detail war gewagt, aber der Graf war über Freiheiten, -die sich Jemand herausnahm, nur dann empfindlich, wenn sie seine -Person betrafen. Mit Aeußerungen über den Prinzen nahm er es, bei -dessen gespannten Verhältnissen zu seinem Herrn, nicht so genau. - -Er fragte weiter: „Wer ist die Frau?‟ - -„Eine Frau Klotilde Zeltner.‟ - --- „Ah‟ -- rief der Graf mit gedehntem Laut -- „die Zeltner! -- deren -Mann auf der Festung sitzt; und die war auf dem Balle?‟ - -„Euer Excellenz zu dienen, und da sie sich besonderer Aufmerksamkeit -von Seiten des Prinzen erfreute und vom jungen Korbach begleiten ließ, -so gerieth ich auf die Vermuthung, daß letzterer eine ~persona -grata~ und somit für mein Anliegen wenig Hoffnung vorhanden sei. Ich -durfte um so weniger wagen, es dem Monarchen vorzutragen, da es ein -falsches Licht auf mein Anerbieten geworfen hätte.‟ - -„Da haben Sie Recht gehabt. Es wäre aber möglich, daß sich in Ihrer -Sache Etwas thun ließe. Geben Sie noch nicht Alles auf.‟ - -„Nach diesem Worte von Euer Excellenz gewiß nicht.‟ - -„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe Nichts darein zu reden, ich -mache meinen Adjutantendienst und kümmere mich sonst um Nichts. Es wäre -aber möglich, daß der Prinz selbst seine Ansicht änderte. Hoffen Sie -das Beste, -- es würde mich freuen, Sie zufriedengestellt zu sehen.‟ - --- Kollmann war es im vollsten Maße, als er den Grafen verließ. Dieser -rief den zur Suite gehörenden immer in der Nähe befindlichen Plomberg -zu sich, und fragte, ob er den vertraulichen Auftrag in Betreff -Korbachs durch Heidenbrunn bestellt habe. -- Der Oberst berichtete, er -habe mit letzterem gesprochen, und glaube, der Prinz dürfte bereits in -Kenntniß sein. - -„Ich verstehe Sie nicht,‟ versetzte Graf Greuth -- „Sie reden von -glauben und dürfen, -- sollen etwas Positives von der Aufnahme der -Sache wissen, und +ich+ glaube, daß +gar+ nichts geschehen -ist, nach Allem was +ich+ sehe und höre.‟ -- Darauf entließ er in -der übelsten Laune den an den Wetterwechsel gewohnten Plomberg, welcher -die sich häufig bis zu einer gewissen Grobheit steigernde Derbheit des -Grafen flegmatisch ertrug. Sie waren verwandte Naturen, die sich immer -wieder anzogen. Der Oberst war, wie er sagte, der „Rechte‟ für den -General-Adjutanten; dieser besaß, bei dem Mangel tieferer Kenntnisse -und diplomatischer Schule, eine angeborne Schlauheit, die ihn immer das -„Rechte‟ treffen ließ. Unter dem Rechten verstand er dasjenige, was zur -Befestigung seiner Stellung dienlich war. -- Und darunter stand obenan -die Benützung menschlicher Schwächen, vor welchen ein sterbliches Haupt -durch keine Kopfbedeckung bis hinauf zur Krone, und das Herz durch -keinen Hermelin zu bewahren ist. -- Plomberg wußte, daß seine Stunde -wieder kommen werde, wenn ihn der Graf zu Etwas gebrauche, wodurch er -der menschlichen Natur seines Herrn zu dienen glaubte. -- Zum Dienste -der übermenschlichen standen ja ohnedem -- wir können nicht sagen wie -viele -- Millionen bereit. - -Die beiderseitigen Audienzen sind vorüber, und nach kurzer Ruhe -empfängt der Monarch aus den Händen des Grafen abermals eine Liste, -- -jene der zu besichtigenden Institute und sonstigen Merkwürdigkeiten. -Sie enthält dreizehn Artikel: - - 1. Das Marine-Arsenal. - 2. Die neue Hafenbatterie. - 3. Die Artilleriekaserne. - 4. Die Infanteriekaserne. - 5. Die Equitazion. - 6. Die Stückgießerei. - 7. Das Militärspital. - 8. Die Proviantbäckerei. - 9. Das Stabsstockhaus. - 10. Die Domkirche. - 11. Das Civilspital. - 12. Das Zuchthaus. Und - 13. Die Akademie der bildenden Künste. - -Graf Greuth hat aus dem ihm vom Gouverneur vorgelegten Verzeichnisse -die vorstehenden Objekte ausgewählt, und der Monarch genehmigt in -Pausch und Bogen. -- Zwei Stunden sind für die Rundfahrt anberaumt. -- -Durch dreizehn dividirt, entfallen eins ins andere gerechnet, 9-12/13 -per Stück brutto, das Hin- und Herfahren abgezogen sieben Minuten -netto, mehr als hinreichend, um sich von allen innern Zuständen zu -überzeugen. - -Sämmtliche Besuche wirkten heilbringend, schon ehe sie gemacht wurden. --- Die armen Teufel in den Spitälern bekamen eine Suppe und ein -Kalbfleisch zu sehen, welches selbst die Primarärzte ohne Bedenken -gegessen hätten, und wurden seit 24 Stunden vom ganzen Personale -behandelt als wären sie wirklich Menschen statt Nummern. -- Die Pferde -und Mannschaften in den Kasernen wurden durch die ihrem verschiedenen -Naturell entsprechenden Mittel in eine fröhlich paradirende Haltung -und Stimmung versetzt, -- und die Sträflinge im Stock- und Zuchthause, -durch etwas Branntwein und bessere Razionen begeistert, versuchten sich -in einem vorläufigen Vivat unter munterem Kettengerassel. - -Nur das kleine, quickende, rothbackige Proletariat in der -Kleinkinderbewahr-Anstalt, welches seit dem Morgen das Scheuern -der Gesichter und Kämmen der Köpfe erduldet, befand sich in seinen -frisch gewaschenen, aufgesteiften Gewändern, in allgemeiner Gährung -und radikaler Verstimmung. Jeden Augenblick gewann es wieder der -~Jean qui pleure~ über den ~Jean qui rit~, zur Verzweiflung -der Vorsteherin und ungeachtet der umfassendsten Amnestien und -dreimaliger Rosinenvertheilung. Und endlich war Alles umsonst, -- da -der Strich, wodurch Graf Greuth seinen Herrn von einem zweiten Dutzend -Besuche befreit hatte, durch das ganze Gebiet der Levana, von der -Kinderbewahranstalt bis zur Universität gegangen war. - --- Zwölf Stazionen der Rückreise waren zurücklegt; der Wagen des -Souveräns hält vor der Akademie. - -Sie befindet sich im aufgehobenen Kloster ~San Matteo~. Die Reihe -der Zellen war durchbrochen und in Säle verwandelt worden, und an der -Stelle, wo der Mönch mit Geißel und Stachelgürtel den traurigen Kampf -gegen die Natur bestand, da umfaßt sie mit heißer Liebe der junge -Künstler und sein Pinsel und Meißel schaffen alle Reize, welche die -blinde Aszetik als Teufelslockung aus diesen Räumen verbannt hatte. --- Wo der Todtenkopf über gekreuzten Gebeinen grinste, da lächelt die -meerentstiegene Afrodite, und an den Wänden, wo auf schwarzgeräucherten -Bildern blasse Hände aus Scheiterhaufenflammen hervorlangten, rufen -jetzt die herrlichsten Gestalten voll Kraft und Leben den Sieg des -Lichts und der Wahrheit hinaus. - -Aus dem letzten Saale führt eine fliegende Treppe in den ehemaligen -Klostergarten. Auch ist das Heidenthum mit fliegenden Fahnen eingezogen -und die sandsteinernen Apostel in den Alleen sind dem marmornen Olimp -gewichen. Die alten Kastanien ragen herüber aus einer versunkenen -Zeit, über ein neues Geschlecht, das unter ihrem Schatten sich blühend -emporrankt, über die gewundenen Laubgänge, die Fontänen und Bassins, -worin sich die ganze bunte Pflanzenwelt spiegelt, womit eine sinnige -Hand den Garten zugleich mit den Gebäuden, verjüngend geschmückt hat. - -Im Vestibüle an der Hauptstiege wartet Direktor Volpi im schwarzen -Kleid, die Brust mit sechs (ausländischen) Orden geschmückt, umgeben -von einer Anzahl Professoren. Man glaubt zwar nicht an den Besuch, muß -aber in der jetzigen Zeit auf Alles gefaßt sein. -- Das Publikum hatte -Zutritt wie gewöhnlich und fand sich zahlreich ein. -- - -Der Monarch unterbrach die Begrüßung des Direktors mit den Worten: -„Ich liebe Kunstwerke, verstehe aber nicht viel davon, -- ich habe -nicht Zeit mich damit zu befassen; Sie werden mir mit Ihrem Urtheil -vorangehen.‟ - -Der General-Adjutant aber, welchem Volpi den in Sammt gebundenen -Katalog überreichte, schnitt gleich das erste Urtheil in so markirter -Weise ab, daß Jener das Ueberflüssige seiner Bemerkungen einsah und -schwieg. - -Mit Entschlossenheit war der Souverain die Treppe hinangestiegen, als -ginge es einer Batterie entgegen. Es mußte mit Würde getragen werden: -die Kunst war einmal ein nothwendiges Uebel, und die reichen Banquiers -hegten und pflegten sie und betrachteten die Akademie als ein Kleinod -der Stadt. - -Man setzt sich in Bewegung, voran der Monarch mit dem Grafen Greuth und -Volpi, -- in der Entfernung einiger Schritte die jüngeren Adjutanten -und andere Offiziere, worunter Plomberg, -- die zahlreichen Besucher -folgen mit Augen und Ohren jedem Worte und jeder Bewegung. - -Es ist gebräuchlich, daß bei solchen Gelegenheiten der General-Adjutant -durch eine Bemerkung oder Frage die Gemälde bezeichnet, deren Ankauf -für den allerhöchsten Hof wünschenswerth erscheint. - -„Firefly, lichtbraune Vollblut-Stute des Herzogs von Devonshire,‟ war -der erste Gegenstand, welcher ein wohlgefälliges Lächeln hervorrief. - -„Prächtiges Thier! mahnt viel an meine Arabella.‟ -- - -„Euer Majestät geruhen zu bemerken, daß die Arabella stärker auf dem -Vordergestell. Der Herzog scheint nicht die Force Euer Majestät, -- -das Pariren im gestreckten Lauf, -- zu besitzen.‟ - -Man überflog eine Wand mit verschiedenen Gallait, Achenbach, Lessing, -Rottmann, Bürkel u. dgl. und kam vor einem brennenden Johann Huß von -unbekannter Hand zum Stillstande. - -„Etwas zu graß! Die verkohlte, zerplatzende Stirnhaut ist beinahe -widerlich. Wie heißt der Maler?‟ -- - -„Kornberger; es ist im Kataloge bemerkt, daß derselbe der Verfertiger -der Holzschnitte zur Kirchenzeitung.‟ - -Ein Wink an Direktor Volpi belehrte diesen, daß der brennende Ketzer -nun an einem frommen Herrscher einen Beschützer gefunden. - -Der Direktor unterstand sich, die allerhöchste Aufmerksamkeit auf einen -Cäsar zu lenken, auf welchen die Dolche der Verschwornen einblitzen, -mit der Bemerkung, daß der talentvolle junge Künstler, von welchem das -Bild herrühre, sich um das Stipendium zur Reise nach Rom bewerbe. - -Der Graf warf schnell dazwischen: „Schade um das Talent, das auf einen -so abscheulichen Gegenstand verwendet worden.‟ -- Der Monarch aber -fragte: „Ist der Mann ein Inländer?‟ - -„Er ist ein Sohn unserer Stadt,‟ erwiederte Volpi. - --- „Gut, -- notiren Sie seinen Namen, -- er soll das Stipendium haben.‟ --- Dießmal war die Politik dem Verdienste zur Seite gestanden. - -In den folgenden Sälen wurden auserkoren: Walachische Bauern mit -Pferden -- Wachtstubenszene -- Scheibenschießen in Tirol -- Wegnahme -einer feindlichen Kanone -- ein „Rastlbinder.‟ -- - -Die Mehrzahl dieser Schöpfungen hatte die Zulassung in die Gallerie der -Milde zu danken, womit der prüfende Ausschuß zu Werke gegangen war. -Allein Graf Greuth war ein reeller Mann, der mehr auf den Kern als -auf die Schale sah, und hielt sich nicht an die Ausführung, sondern -nur an die Idee, ohne jedoch für den Reiz eines besonders lebendigen -Farbenspiels unempfindlich zu sein. - -Die Schaar der Besuchenden lauschte in tiefer Stille. Die Worte des -Souverains in Betreff des jungen Künstlers thaten die beste Wirkung; -was sie aber von dem ausgestreuten Manna des General-Adjutanten -auffingen, erschien ihnen nicht schmackhafter als den Juden das ihre in -der Wüste. Doch war eine große Zahl unter ihnen, welche sich nur von -seiner Erscheinung unangenehm berührt fanden, nicht von seinen Worten, --- nämlich diejenigen, welche kein Deutsch verstanden. -- - --- Der im Fenster stehende Aufseher der Gallerie, ein alter, -stiller, freundlicher Mann, dessen Vergnügen mehr im Studiren -der Beschauer als der Gemälde bestand, machte auch heute seine -Beobachtungen, und ergetzlicher als die jetzigen, war ihm eine dem -hohen Besuch vorhergegangene gewesen. -- Er hatte schon manches -Beispiel von Indifferenz erlebt, aber selten war ihm eine so -empörende Gleichgültigkeit gegen die Kunstschätze, die er überwachte, -vorgekommen, als die eines doch intelligent aussehenden hübschen jungen -Mannes, welcher die Säle durchschritt, als wären sämmtliche Rahmen mit -grauer Leinwand ausgefüllt. - -Kurze Zeit später erschien eine Dame, welche ihre Blicke ungefähr mit -der gleichen Theilnahme über die Wände gleiten ließ. -- Daß Damen ohne -Begleitung die Gallerie besuchten, war an der Tagesordnung; dann sah -man ihnen aber auch meistens die Kunstliebe an, die sie hingeführt; -auch kehrten sie gewöhnlich aus dem letzten Saale durch die übrigen, -am Aufseher vorüber, zurück. -- Als dieß im gegenwärtigen Falle nicht -geschah, weder von Seite des jungen Mannes noch der Dame, trat er ans -Fenster, setzte seine Brille auf und überblickte die verschiedenen -Partien des wenig besuchten Gartens. - -Er gewahrte bald, daß sich in dem grünen Reiche der Natur die Gestalten -zusammengefunden, welche das Gebiet der Kunst getrennt durchwandelt -hatten. - -War Klotilden ein Wort vom +Park+ entschlüpft? oder hatten -die Beiden beim ersten Blick durch die offene Flügelthür auf die -Blumenbeete und dunkeln Gipfel gefühlt, daß nur diese die rechten -Wegweiser zum Glücke? - -Genug, sie fanden sich, ohne eine Minute vergeblichen Suchens, -- -und die rothen Blütenpiramiden einer wilden Kastanie leuchteten als -Girandolen, als ihre Hände ineinander lagen vor dem marmornen Altare, -dem Piedestal einer Flora, welche den Blumenkorb über ihren Häuptern -hielt. - -Hätte statt der stummen Blüten und des schweigend lächelnden -Götterbildes ein lebendiger Zeuge das Wiedersehen belauscht, -- -er hätte es nicht für ein erstes Bekennen, -- er hätt’ es für die -Seligkeit über die Erfüllung eines längst getauschten Schwures gehalten. - -Sie fanden sich ja nicht wieder, wie sie sich im Freinhofe verlassen! - -Jeder Gedanke, jede Empfindung, jedes Leid und Glück, das seit -jener Stunde durch ihre Seele gegangen, ward zur Schwinge, auf der -sie über alle Anfänge und Fragen und halben Verhüllungen des Gefühls -hinwegflogen... - -„Was ich am See geglaubt und gehofft -- sagte Julie mit dem vollen -Glanz der Liebe in den Augen -- das wird mir am Meere erfüllt!‟ - -„Und so viel tiefer und weiter dieses, als der See, um so viel reicher -und glücklicher halt’ ich diese Hand in meiner.‟ -- - -„Wie freudig lasse ich sie darin ruhen! -- Dieß Blatt enthält das -Bekenntniß meiner nächtlichen ersten Sünde des Zweifels, die auch die -letzte sein soll. Die Augen sind wahr, Arnold, und der Mond lügt.‟ -- - -„Nicht der Mond ist unwahr, sondern jeder Gedanke, daß vergehen könne, -was unveränderlich und ewig!‟ - --- -- Lassen wir die stumme Blumengöttin die einzige Zeugin der Stunde -sein, in welcher die Ringe der Seelen gewechselt wurden, und das Ja -gesprochen ward auf die Frage des unsichtbaren Hohenpriesters: Ists -Euer Wille, einander treu zu bleiben bis in den Tod -- -- -- - --- -- -- - -Als Julie durch die Laubgänge nach der fliegenden Treppe eilte, um -durch die Säle zurückzukehren, war der hohe Besuch eben im letzten -derselben angelangt. -- - -Sie trat mit gesenktem Blick durch die Thür und war mit schnellen -Schritten in die Hälfte des Saales gelangt. -- Nun klang das -Säbelgeklirr in ihre selige träumerische Gedankenmelodie, sie schlug -die Augen empor und sah die der Offiziere, der schwarzgekleideten -Herren und der hinter denselben zusammengedrängten Zuschauer auf sich -gerichtet. - -Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß -- -- als Juliens Wangen, -und keine Rose, keine Nelke dunkler glühen, -- -- wie sie einen -Augenblick verwirrt und unentschlossen dastand; -- sollte sie nach dem -Garten zurück, -- oder durch den schmalen Raum, zwischen dem Monarchen -und den übrigen Uniformen hindurch, zu den Zuschauern? -- - -Da trat Plomberg auf sie zu, dem die Begegnung keine geringe -Befriedigung gewährte, bot ihr den Arm, und führte sie am Monarchen -vorüber, den sie erkannt hatte und der ihre Verbeugung mit -unbeschreiblich huldvollem Dank erwiederte, gegen das Publikum, und -kehrte darauf zum Gefolge zurück. - -Der Allerhöchste wendete sich zu ihm und sagte: „Eine schöne Frau; ist -sie aus dieser Stadt?‟ - -„Sie ist die Frau des Konsuls Kollmann, welcher heute das Glück hatte -von Eurer Majestät empfangen zu werden.‟ - -„Eine seltene Schönheit.‟ -- Zu Graf Greuth gewendet fuhr er fort: -„Jedenfalls der reizendste Gegenstand der Gallerie. Die Verlegenheit -stand ihr sehr hübsch. Warum die Maler nicht lieber so etwas malen.‟ - -„Wenn Euer Majestät in der Weise wie der König von Baiern eine Sammlung -von Schönheiten anzulegen befehlen würde, dürfte sie, nur aus Damen -Allerhöchstihrer Länder bestehend, jede andere überbieten.‟ - -„Ich glaube es, und diese Frau wäre ein guter Anfang. Ich liebe aber -keine Nachahmungen.‟ - --- So war denn auch die dreizehnte Stazion, der Akademiebesuch, -überwunden, und nachdem Seine Majestät das Diner in Gesellschaft des -Prinzen, des Grafen Greuth, des Kommandirenden und des Gouverneurs -eingenommen, geruhten sie, sich in den schwülen Nachmittagsstunden -in ihrem Kabinet auf die ~Chaise longue~ zu legen, und, nach -herabgelassenen Vorhängen, den Staatsgeschäften zu widmen. - -Es blieb nur noch der Bodensatz des Leidenskelches zu leeren, -- der -Abend auf der Villa mit den exclusiven Tableaux. Er übertraf noch die -schlimmsten Befürchtungen. - -Nur die Elite der Elite vermag das reine Wasserstoffgas dieses Abends -zu athmen. Nicht ein Atom Sauerstoff von Wissenschaft, Kunst oder -Industrie war eingedrungen. Die gestern aus diesen Räumen so schmählich -vertriebene Göttin der Langeweile, die Etiquette, feierte ihr -Restaurazionsfest mit schwülem, schweigenden Pomp. - --- Die Gesellschaft war aber stillselig in dem +einen+ Gedanken, -welcher ihr alles andere Glück aufwiegt: sie waren +unter sich+! - --- Und sie verdienen nicht nur dieses Glück, sondern haben sogar das -volle +Recht+, es für eines zu halten, so lange es Geschöpfe gibt, -von denen sie um dieß „unter sich!‟ +beneidet+ werden. -- Der -Prinz gehörte nicht dazu; er labte sich an der Erinnerung an gestern -und an der Aussicht... über die Tableaux hinüber, die ihn übrigens -lebhaft beschäftigen, und einen flüchtigen Blick verdienen. - -Wir überfliegen die verschiedenen Gruppen nach Winterhalter, Paul de la -Roche, Vernet -- worunter nur eine, aus der Smala Abdel Kader’s, den -allerhöchsten Beifall erregt und langen beim Schlußtableau an, welches -in dem orientalischen Saale, der ein Bassin enthält, dargestellt wird, -oder werden soll, da noch ein Hinderniß vorhanden. - -Es war Schwanthalers Brunnen in Wien (auf der sogenannten Freiung -befindlich) gewählt worden. - -Die Donau, Weichsel und Elbe fanden ihre Repräsentantinnen in den drei -bereits erwähnten, vom akademischen Ausschusse gewählten Frauen; den -Po vertrat ein Kavalier einer ritterlichen Nazion, welcher das Unglück -hatte, der schönste Mann des Landes und sonst Nichts zu sein. -- Da -sich keine Dame dazu verstanden hatte, die Rolle der auf der hohen -Brunnensäule stehenden Austria zu übernehmen, so wurde statt ihrer ein -„Genius des Vaterlandes‟ hinaufgestellt, zu welchem ein schlanker, -rothwangiger Regiments-Kadett alle wünschenswerthen Eigenschaften, -nebst der Schwindelfreiheit vereinigte. - -Im Bassin war natürliches Wasser, Rand und Brunnensäule reich -mit Blumen verziert; die Costüme der Damen, in einigen Punkten -nothwendigerweise vom Vorbilde abweichend, waren in Farbe und Form -geschmackvoll von Volpi arrangirt, und das Ganze machte in der -herrlichsten Beleuchtung einen zwar durchaus nicht plastischen, aber -reizenden Effekt. - -Bald soll der Vorhang sich theilen. Die Weichsel und Elbe sitzen in den -griechischen Gewändern, mit ihren vergoldeten Wasserschaufeln spielend, -noch in Fauteuils, der Po geht auf und nieder, ungeduldig mit dem -Ruder stampfend. -- Aber noch immer keine Donau erschienen. - -„Aber es ist doch geradezu unmöglich, daß die Strada nicht kommt! -die einzige, -- einzige Bürgerliche! -- eine Frau, die doch Geist -genug hat, um zu begreifen, daß ihr Stand in ihr geehrt ist, wenn sie -zwischen drei Flüssen steht, deren Wasser rein wie das destillirte in -der Apotheke, durch fünf oder sechs Jahrhunderte fortgeronnen ohne -einen fremden Bestandtheil in sich aufzunehmen!‟ - -Der Kadett steht mit langen goldenen Flügeln in goldgestickter Tunika, -mit verschränkten Armen auf der Säule und räth nach Donau-Eschingen zu -telegrafiren, warum der Fluß ausbleibt. - -Da kommt ein Brief: Madame Strada ist „plötzlich unwohl.‟ -- - -Zuerst beißt man sich ärgerlich in die Lippen. - -„Nicht einmal das Costüme hat sie geschickt.‟ -- - -„Es würde es wohl kaum Jemand angezogen haben!‟ -- - --- Dann geht der Zorn in stille Verachtung über. -- - -„Man sieht! -- -- wenn sich nicht ihrer Mehrere zusammenthun können -- --- als Einzelne unter uns fühlte sie sich gedrückt... es ist ja auch -natürlich! -- Schade, sie ist sonst ein liebes Weibchen! -- Lassen wir -die Arme!‟ - -Aber die Minuten fliegen weg, und Minuten vom Monarchen durchwartet -wiegen ungefähr ein Jahr von Unterthanserwartung. - -Der Vorhang bewegt sich, das rothe Gesicht des General-Adjutanten sieht -fragend herein und zieht sich wieder zurück. Die Flüsse ringelten sich -verzweifelnd um Volpi. - -Er rief: „Nehmen wir in Gottes Namen die Donau lateinisch, -- Danubius! -schnell einer von den Herren herein, wir haben noch einen grünen Bart -und Schilfkrone.‟ -- Er stürzt hinaus zum Prinzen -- bevor dieser -wählen kann, hat aber Graf Greuth das Auskunftsmittel vernommen, und -beordert Oberst Plomberg hinter die Szene, welchem die griechischen -Gewänder umgethan, Bart und Schilf aufgesetzt werden -- das Tableau ist -gerettet. -- - -Schade, daß der Kadett, wie er die Arme segnend ausbreitet, mit offenem -Munde lächeln zu müssen glaubt: es macht den fatalen Eindruck, als wäre -der Genius des Vaterlandes die Bornirtheit. - -Die Gesammtwirkung ist überraschend. „Charmant! -- ruft der Monarch -- -ich habe das Original selbst gesehen, als ich einmal in Wien war, aber -mit den Farben und Lichtern machts doch einen ganz andern Effekt!‟ - -Der General-Adjutant erwiederte: „Die Gruppe würde aber doch ungemein -gewinnen, wenn statt des Genius die schöne Frau auf der Säule stünde, -welche das Glück hatte, von Euer Majestät in der Ausstellung bemerkt zu -werden.‟ - -„Das ist wahr! ganz richtig! -- -- Erinnern Sie mich, lieber Graf, -wenn die Herbstjagden anfangen, daß ich dem Manne versprochen habe, in -seinem Revier zu jagen.‟ - --- -- Endlich war auch dieß vorüber. -- Der letzte Wagen rollte den -Berg hinab, -- der Prinz stürzte nach seinem Schlafzimmer, vertauschte -die Gala-Uniform mit dem leichten Jagdrock, sprach ein Paar Worte mit -Heidenbrunn und flog durch den dunkeln Park und einige Wiesen und -Büsche nach dem kleinen, netten, auf halbem Wege zwischen der Stadt -und der Villa gelegenen Hause -- dessen Jalousien geschlossen sind, -wie das Thor. -- Der Prinz öffnete die Gartenpforte mit dem Schlüssel, -den er bei sich trug, und vergaß in der nächsten Minute alle Leiden -des exclusiven Cercle’s -- in dem noch exclusiveren -- an der Seite -Klotildens, welche ihre Uebersiedlung nach dem mit Luxus und Geschmack -eingerichteten Asile mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit vollbracht -hatte. - - * * - * - -So sind denn die Geschenke alle vom Weihnachtsbaum gepflückt, dem wir -den heutigen Tag verglichen. - -Auch der Bandit freut sich eines neuen geschliffenen Dolches: Kollmann -hat alle Ursache den Tag zu loben. Er spricht in seiner Weise ein -Dankgebet, das andern Ohren wie eine Gotteslästerung klingt. - -Der General-Adjutant, Plomberg, der Prinz und Klotilde, Jeder hat -seinen goldnen Apfel heimgetragen, -- der Monarch freut sich des -Jagdvergnügens, das er heute noch keine Anstalt macht zu vergessen, -freut sich der Beweise der Loyalität und daß dieselben vorüber, -- -und wie tausendstimmig die Stadt gejubelt, ist in dem Telegramm des -Gouverneurs an den Ministerpräsidenten zu lesen. - -Arnold aber hält am Schlusse des Tages den Brief in der Hand, den ihm -Julie unter den wilden Kastanien gereicht, -- -- den sie in der letzten -Nacht geschrieben. - -Er hatte das Licht verlöscht, -- und wieder angezündet, um -- wieder zu -lesen, obgleich er jedes Wort auswendig weiß. - -Sie hatte geschrieben: - -„Wenn Deine Augen über dieß Blatt gleiten, so haben die meinen Dir -schon das Unrecht abgebeten, -- habe ich +Dich+ durch +Glück+ -versöhnt, wie den Himmel durch eine Stunde kindischen +Schmerzes+. --- Auch Du wirst sie vielleicht durchleben, wenn Dein Glaube nicht -höher und fester.‟ - -„Ich spreche zu Dir, als hätt’ ich aus Deinem Munde vernommen, was nur -mein eigen Herz mir geschworen. Ich habe aber auf den Grund Deiner -Seele geschaut wie Du in meine. Kann ich Dir, -- kannst Du mir Ein -Wort sagen, wodurch erst ein Schleier gelüftet würde? Soll ich den -Frühlingsglanz, der über mein Leben gefallen, vor Dir verhüllen, -damit Du nicht früher glücklich seist, als bis Du gesprochen, und um -ein Herz geworben, das Dein eigen? Glaube dem Deinigen, und Du wirst -Dir klar bleiben, glücklich, was auch verwirrend zwischen uns trete: -+denke+ nicht über mich, sonst wirst Du irre.‟ - -„Kannst Du ein Glück fassen, ohne über die selige Gegenwart hinaus zu -denken? Ich fürchte, Du kannst es nicht. Ich aber muß es. Nimm, wenn -Du es vermagst, das +Heute+ als Gottesgeschenk, ohne nach dem -+Morgen+ zu fragen. Nimm es, wie ich die schönste Freudenblume, -die mir durch Dich erblüht, an meiner Brust bewahre und nicht frage, -welcher Tag sie entblättert.‟ - --- -- Allein alle die befremdenden Klänge der letzten Worte verstummten -für Arnold vor dem hellen Wonnelaute: Du bist geliebt. -- Es gab keinen -Glücklicheren als er -- -- vielleicht eine Glücklichere. - - - - -Kirchenweihe. - - --- Am folgenden Vormittage trafen in der Telegrafenstazion Frauenwang, -von welchem Orte bekanntlich der Weg nach dem Korbachthale führt, im -Zwischenraume einer Stunde folgende zwei Depeschen ein: - -„An Herrn +Morawski+, Verweser zu +Altenberg+. -- Lassen -Sie +Ihre+ Maschine arbeiten. -- Mit allen Ihren Vorkehrungen -einverstanden. -- Hier geht Alles vortrefflich. =K.= unterliegt, -nicht weiter zu fürchten, wenn Sie gut arbeiten.‟ -- Unterzeichnet: -„Kollmann.‟ - -Die zweite lautete: - -„Theurer Vater! Vollständiger Erfolg. Vor einer Stunde alle Kontrakte -unterzeichnet. =K.= ist aus dem Felde geschlagen. Ich komme morgen -Abends.‟ - -„Da habe ich einmal -- sagte der Stazionsbeamte zu seinem Gehülfen --- eine Anekdote gehört, wie in der Menagerie in London der Tiger -und der Löwe einander über Nacht gegenseitig aufgefressen, so daß von -beiden Nichts übrig blieb als die Köpfe. Etwas Aehnliches scheint -hier vor sich zu gehen; lesen Sie einmal!‟ -- Der Gehülfe las und -bemerkte, daß die beiden Schreibenden vielleicht gegen einen dritten -gemeinschaftlichen Feind gesiegt hätten. „Gott bewahre, erwiederte der -Andere, -- ich kenne den Zusammenhang, es sind die zwei Fabrikanten, -die einander zu Grunde richten wollen. Nun, wir werden bald sehen, -welches =K.= das andere untertaucht.‟ - -Er kopirte die Depeschen, machte sie zur Expedizion zurecht und fuhr -fort: „Die Stücke sollen durch Expressen befördert werden, es ist dafür -dort bezahlt worden. Ueber Altenberg nach Korbach? wir können zwei -Expressen aufrechnen, da die eine Depesche bereits vor einer Stunde -gekommen und wir sie schon hätten absenden können.‟ - -„Gewiß, wenn wir gewollt hätten‟ -- -- - -„Nun, schicken wir sie unter +Einem+. Glücklicherweise ist keine -Fabrikgelegenheit da. Lassen Sie den Schneiderpeter holen, -- der fährt -um die halbe Taxe!‟ - -Nach einer halben Stunde erschien der Genannte, eine gutmüthige, -verhungerte Gestalt in Nankingbeinkleidern und himmelblauem Rocke. --- Er übernahm die Depeschen, beendigte zu Hause eine Flickarbeit, -richtete seinen Einspänner zurecht und fuhr in einem gemüthlichen -Mitteltempo zwischen Schritt und Trab von dannen. Da er wiederholt in -Bauern- und Wirthshäusern kurze freundschaftliche Besuche abstattete, -wurde er fortwährend von einem fleißig ausschreitenden Hausirjuden -überholt, welcher, mit seinem sechzig Pfund schweren Magazin auf dem -Rücken, gleichzeitig mit ihm in Altenberg eintraf. - -Das Pferd wurde in den Stall gestellt, und auf der Hausbank ein Glas -Wein in Gesellschaft des Gevatter Wirthes getrunken. -- Das regste -Leben herrschte im Orte; die Gebäude waren vollendet; eben ausgepackte -Maschinenbestandtheile lagen auf dem Platze vor der Fabrik umher. - -„An dem Morawski, begann der Wirth, hat Herr Kollmann den Rechten -gefunden. Vor drei Tagen hat er wieder hundert Slowaken, die von der -Eisenbahnarbeit nach Hause geschickt werden sollten, aufgenommen, -für die großen Grabungen am Wassergang und dem Dammbau, und fünfzig -Italiener für die Steinarbeiten.‟ - --- „Das nützt Alles nichts; gegen den Korbacher kommt er doch nicht -auf.‟ - --- „Das wird sich zeigen; schau die Walzen an, sie sind größer als -jene, die sie dort haben. Sie werden bald die Augen aufreißen! Die -Lutherischen drüben haben ja schon geglaubt, gegen sie stehe Nichts -mehr auf im Lande.‟ - -„Ist der Erzbischof schon bei Euch durchgekommen?‟ - -„Nein, es war ein Anderer, der statt seiner die Einweihung vornehmen -soll. Es sind drei Wagen mit Geistlichen vorübergefahren; der -Vornehmste hat den Segen gegeben. Da hättest du sehen sollen, wie die -Slowaken auf das Gesicht gefallen sind. Das ist ein Volk! aber noch -immer besser als die da drüben! sie haben wenigstens eine Religion; -aber in Korbach glauben sie an gar Nichts als an einen Herrgott.‟ - -„Ja freilich,‟ meinte der Schneiderpeter, „so lange der Mensch gesund -ist und vollauf hat, thuts der Herrgott allein, aber wenn Einer krank -wird und recht herunterkommt, müssen doch die Mutter Gottes und die -Heiligen wieder heraushelfen. Ich habe aber einen Telegrafen an Herrn -Morawski im Sack und bin Expresser.‟ - -„Geh in die Kanzlei, -- er ist gerade hinübergegangen.‟ - -Morawski las die Depesche mit sichtlicher Aufregung, und rief -den Werkführer Fontana zu sich, mit welchem er sich lange und -angelegentlich besprach. - -Das Resultat der Unterredung wurde bald offenbar. -- Obgleich es erst -Mittag war, ertönte die Glocke, welche gewöhnlich nur zum Feierabende -und zur Mittagsruhe geläutet wurde, und die Arbeiter warfen ihr -Geräthe weg und versammelten sich auf dem Rasenplatze vor der Fabrik. -Morawski trat heraus und befahl den Italienern, sich abzusondern und -Herrn Fontana zu folgen, welcher sich mit ihnen etwa fünfzig Schritte -entfernte, in ihre Mitte stellte und, mit einigen Abänderungen, eine -gleichlautende Rede mit jener hielt, in welcher sich Morawski gegen die -Andern vernehmen ließ. - -Ein Blick auf Letzteren machte begreiflich, daß er das Vertrauen -Kollmann’s besaß, -- Redner und Publikum waren einander werth. Herr -Morawski war ein großer breitschulteriger Mann, mit blatternarbigem, -verschmitzten Gesicht, Ohrringen in beiden Ohren und stark böhmischem -Akzent. - -Die Slowaken anlangend, standen dieselben in ihren ungeheuern -Stiefeln, ausgefransten Leinwandsäcken, die die Beine bedeckten, -und breiten Hutdächern mit einem Ausdrucke da, welcher zu Studien -über die Perfektibilität der Thierseele Anlaß geben, aber auch -alle sanguinischen Hoffnungen auf dieselbe abschneiden konnte. -- -Diese Nazion ist offenbar an einem regnerischen Freitag gegen Abend -geschaffen worden. Wenn sich, wie bekannt, im Kopf eines Hechtes das -sogenannte Leiden Christi, nämlich alle Instrumente vorfinden, welche -zur Marter des Herrn, vom Verhör bei Pontius bis auf Golgatha, gedient, -so müssen sich im Kopfe eines Slowaken überdieß die Torturwerkzeuge -aller der Tausende von heiligen Märtyrern entdecken lassen. Wenn dieses -Volk jubelt, klingt’s noch immer wie wenn ein anderes heult: der Slowak -mag arbeiten oder trinken, betteln oder stehlen, durch jede Funkzion -seines Lebens wird der nazionale Urjammer, der spezifisch-slowakische -Weltschmerz durchtönen. -- - -Morawski sprach zu ihnen wie folgt: - -„Unser gnädiger Fabrikherr, Euer Arbeitgeber, sieht vor Allem auf -die Gottesfurcht und Frömmigkeit seiner Arbeiter. Er will gern einen -Schaden erleiden, wenn Ihr dafür ein Werk der Andacht verrichten könnt. --- Er gibt Euch zwei Tage frei, ohne den Lohn abzuziehen. -- Es wird -morgen die Kirche in Korbach geweiht; ein hoher Geistlicher, welchen -der Erzbischof geschickt hat, wird den Segen geben, welcher so gut -ist, als ob er vom Erzbischof selbst käme. Wer ihn erhalten will, der -geht mit mir und Herrn Fontana, welcher Eure Kameraden führen wird, -hinüber. Da Herr Kollmann will, daß Ihr in Korbach Nichts verzehrt, so -werdet Ihr mit Lebensmitteln versehen werden. In Korbach sind viele -Arbeiter, die an keinen Papst, keine Mutter Gottes und keine Heiligen -glauben. Ihr werdet Euch ruhig und still betragen und jeden Zank mit -diesen unglücklichen Menschen vermeiden, die Ihr bedauern müßt; wir -werden aufbrechen, sobald Ihr Euern Wein und die Lebensmittel gefaßt -habt, auch hat Herr Kollmann befohlen, daß Jeder von Euch einen -Rosenkranz bekommen solle. Wer will die Wallfahrt mitmachen?‟ - -Die Antwort war ein einstimmiges Freudengeschrei; man konnte glauben, -es werde ein Häuptling zur Erde bestattet. -- Wenige Minuten später -klang der prachtvolle Akkord des fünfzigstimmigen Evviva! aus den -metallnen Kehlen der Italiener herüber, welche die Hüte in die Luft -warfen, Kollmann und die Madonna, den Erzbischof und den Branntwein -leben ließen, aber mit allem Schreien, Gestikuliren, Hin- und Herrennen -nicht verhindern konnten, daß die melancholischen Slowaken ihre -Flaschen und Brotsäcke früher gefüllt hatten als sie. - -In kurzer Zeit war Alles marschfertig. Der Kaplan hatte dem Ersuchen um -eine Kirchenfahne willfahrt, mit welcher ein Arbeiter an die Spitze -des Zuges trat, ihm zur Seite ein Vorbeter. Morawski und Fontana -bestiegen einen leichten offenen Wagen, -- die Italiener führte ein -Maurerpolier und vormaliger Chorist, Namens Pompeo. Sie eilten voraus, -um dem Gesange ihrer Kameraden zu entrinnen, stimmten zuerst ein Lied -zu Ehren der Madonna di Korbacco an, ließen sich aber von Pompeo leicht -aus dem religiösen Gebiete ins melodramatische hinüberziehen und -bildeten einen gelehrigen Chor zu seinen Donizettischen, Verdischen und -sonstigen Arien. - -Als Alle abgezogen, machte der Schneiderpeter Anstalt zur -Weiterbeförderung seiner zweiten telegrafischen Depesche. - -Das Pferd wurde angeschirrt, die Rechnung bezahlt, und er überholte mit -leichter Mühe die Arbeiter und den Hausirjuden und gelangte mit wenigen -Unterbrechungen bis Labring, eine halbe Stunde vor Korbach. - -Es war spät in der Nacht, als er bei seinem Geschwisterkinde, dem -Ortsrichter, anklopfte. -- Dieser empfing ihn mit freudigem Ausrufe -und den Worten: „Den ganzen Tag habe ich an Euch gedacht, Peter! ob -Euch nicht eine Botenfahrt hereinführen würde. Morgen soll ich zur -Kirchenweihe und heute klopft die Dirne meinen neuen Rock aus, und -der Hund versteht falsch und springt hinauf, und reißt den Aermel in -Fetzen. Ich hätte wohl noch einen Rest Tuch, -- wollt Ihr dran gehen?‟ - -Der fleißige gefällige Peter ging flink an die Arbeit und stach -so hurtig drauf los, daß er nahezu fertig war, als die Wallfahrer -nachkamen und am Hause vorüberzogen. -- Schließlich traf er fünf -Minuten nach den Italienern, eben so viele vor den Slowaken mit seiner -Depesche im Korbacher Wirthshause ein, wo eben der Jude, der mit ihm -zugleich von Frauenwang ausgegangen, seinen Großhandel in eine Ecke und -sich selbst daneben niederfallen ließ. Der Schneiderpeter versorgte -sein Pferd, setzte sich, um einen Augenblick auszuruhen, betäubt von -Wein und Nachtfahrt, auf die Streu nieder und schlief alsbald ein. -- - -Erst seit einer Stunde hatten auch die Bewohner des Ortes das -Letztere gethan, nach dem bewegten Tage. Die Gemeinde hatte an den -Vorbereitungen für Morgen gearbeitet, Alles übertüncht und behangen -und gesäubert -- aber lässig und verdrossen waren die letzten Arbeiten -verrichtet worden, als die Erwartung der Ankunft des Erzbischofs nicht -in Erfüllung ging, sondern aus dem ersten Wagen Pater +Bernhard+ -stieg. - -Sein Name war in Korbach gehaßt, während trotz des dort herrschenden, -nach der klerikalen Auffassung verderblichen Geistes, die Erscheinung -des Erzbischofes nicht verfehlt hätte, großen Eindruck zu machen. Es -liegt ein ganz eigner Zauber in der funkelnden Inful und dem Krummstab: -das alte Spielzeug, der Nikolaus, tritt plötzlich vor das katholische -Kind in lebendiger Größe hin, und während ein Pfarrer, Kaplan oder -Dechant dem Bauer begreifliche, vertraute Erscheinungen sind, schwebt -der Bischof immer ein gutes Stück über der Erde, zwischen geflügelten -Engelsköpfen und Aposteln in Wolken. - -Der Kirchenfürst hatte jedoch seinen Entschluß geändert. Bernhard, -von seinem Sturze von dem in die Luft gebauten Prälatenstuhl erholt, --- hatte in der Residenz eine unglaubliche Thätigkeit entwickelt. Der -Erzbischof, bereits durch Korbach’s Ablehnung, ihn zur Einweihung zu -laden, gereizt, -- so wenig er es auch merken ließ, -- war nun selbst -der Ansicht, daß die Dinge zur Entscheidung kommen müßten. Er hatte -Bernhard, da seine Stellung im Kloster unmöglich geworden war, und -man die Wahl des Valentin aus höheren Gründen nicht umstoßen wollte, -zum Domherrn ernannt --; und da das Auftreten des alten Korbach -besorgen ließ, daß das Fest nicht ohne Störung vorübergehn und er -zwar eine Krisis herbeizuführen, nicht aber seine +Person+ einer -Unannehmlichkeit auszusetzen wünschte, so übertrug er Bernhard die -Vertretung derselben, und ließ ihm stillschweigend zu Allem, was er -vorzukehren fände, freie Hand. -- - -Ohne daß eine Aenderung des ursprünglichen Beschlusses nach Korbach -gemeldet worden, traf der nunmehrige Domherr daselbst ein, bezog die -im Pfarrhofe bereit gehaltene Wohnung, indem er die ihm durch den -Pfarrer gemeldete Einladung, im Herrenhause zu wohnen, ignorirte, und -ließ für die Geistlichen seiner Assistenz Zimmer im Gasthofe nehmen. -Er erklärte, er habe vor, die religiöse Feier mit Vermeidung alles -Kontaktes mit den weltlichen Elementen von Korbach vorzunehmen, was -nicht verhinderte, daß er die Gemeindevorstände zu sich beschied, sie -nach den getroffenen Vorbereitungen fragte, und mit großer Spannung -eine Stunde, und eine zweite, auf ein Lebenszeichen des Gutsherrn -harrte. -- - -Mit Pfarrer Leo sprach er in kurzem trockenen Tone und als derselbe -Einiges über den befriedigenden Zustand der Pfarre äußerte, unterbrach -er ihn: „Der Erzbischof ist von der wahren Sachlage hier und in St. -Martin zu genau informirt, um Ihrer Berichtigung zu bedürfen, -- er -weiß auch, wer bei den Vorgängen im Kloster, die sein Herz betrübten, -in vorderster Reihe stand.‟ - -Er ging in die Kirche, -- wieder nach Hause -- die Reizbarkeit seines -Temperaments hatte sich durch keine Aderlässe und niederschlagenden -Pulver vermindert. -- Um neun Uhr Abends beschloß er eine verstärkte -Ausgabe des Manövers mit dem Briefe: er schickte einen Geistlichen nach -dem Herrenhause, um seine Ankunft formell anzusagen. „Kriecht er zum -Kreuz und +kommt+, -- +gut+; dann wollen wir weiter sehen.‟ -Als Vertreter des Erzbischofs hatte er jedenfalls das Recht, den ersten -Besuch zu erwarten. -- - -Der Geistliche kam mit der Meldung, daß ihn der alte Herr in seinem -Schlafzimmer empfangen, und gesagt habe, er werde als Kirchenpatron den -Domherrn morgen an der Kirchenthüre erwarten und feierlichst begrüßen, -und hoffe, derselbe werde mit allen Geistlichen der Assistenz ihm nach -der Einweihung die Ehre erweisen, Mittags seine Gäste zu sein. - -Man sieht, daß die Diplomatie nicht die stärkste Seite beider -Parteien war. Korbach konnte unmöglich glauben, daß der Domherr die -gelegentliche Einladung durch den rückkehrenden Boten annehme. Der -Domherr aber hatte nicht in der klaren Absicht die Sache zum Bruch -zu treiben gehandelt, sondern sich doch als +möglich+ gedacht, -den Triumf einer Unterwerfung Korbachs in die Residenz mitzubringen, -wozu dieß der erste Schritt. Nun war für ihn nur ein Weg, und er war -gleichwol ärgerlich über den erhaltenen Affront. - -Er suchte Ruhe, schickte die Musik weg, die auf dem leeren Platz zu -spielen begann, und überließ sich den Gedanken an den kommenden, -wichtigen Tag. Seine Aufregung war nicht viel geringer als vor -Eröffnung der Stimmzettel. Er ging auf und nieder, las eine vor der -Abreise aus der Residenz erhaltene Depesche Kollmanns, als wollt’ er -sich überzeugen, daß er sie die zehn ersten Male richtig gelesen, und -griff endlich zum Hut, um dem schwülen Zimmer zu entfliehen. -- - -Schlummern mag der Eingeborne in Korbach -- nimmer der Fremde, der -vergebens einer „Nachtstille‟ harrt. Sie ist entflohen an die äußersten -Grenzen des Thales, vor dem ewigen Toben des Hammers, vor dem ewigen -Rauschen des Wassers, -- des weißschäumenden Blutes in jenem Körper, -dessen Riesenglieder nie alle zugleich ruhen. Laßt es stocken und -das Herz, das große Schwungrad, steht still, der Athem der Gebläse -verstummt, die Lebensglut der Feuerstätten verlischt, die tausend -Gelenke der Räder erstarren. -- Die Perser hielten ihr Feuer nicht -heiliger, als die Korbacher dieß Wasser. Beim Eintritt ins Thal -empfängt es eine Ehrenpforte von Quadern und nun gleitet es weich dahin -in blanken hölzernen Betten, hin zu den Werken, und lustig bietet sich -ihm zum Tanze die flink umwirbelnde Turbine, -- gehorsam, wie der -Elefant dem kleinen Kornaken, fügt sich seiner Laune das haushohe Rad. --- Dort leiten es gewundene Röhren in weiche Wiesen -- dort fällt’s -als Strahlenregen in Helenen’s Blumenbeeten -- -- jeder Tropfen nützt -oder erquickt. Und während es zehnfach getheilt in rastloser Eile -schäumend und sausend durch all’ die Räume sich drängt, und am Ausgang -des Thales wieder vereint, wo jedes der fliegenden Korps dem andern -erzählen mag, wie es gekämpft und was es besiegt, -- schleicht nur der -Ueberfluß träge im steinigen Hauptbett dahin, wie Marodeurs zur Seite -der Armee. Das Thal ist von den Wassergeistern erfüllt, man athmet -sie bei jedem Schritte, -- sie drängen sich in der Nacht zu weißen -Schaaren unter den Bäumen zusammen. Und wie die Sonne aufgeht über den -Gerechten und Ungerechten, so kühlt auch die Nacht, -- diese frische, -tannendurchduftete, schaumdurchsprühte Nacht von Korbach -- nicht nur -die Wangen des Gerechten, sondern auch jene Bernhards. - -Er ging über die Brücke, den Gebäuden entlang, und stand vor der Thür -des Walzwerkes. Er trat hinein, die Arbeiter grüßten, ohne ihre Arbeit -zu unterbrechen und schoben ein Metallstück nach dem andern zwischen -die Walzen, die das gußeiserne Schwungrad bewegte. - -Nun stand er vor diesem, -- betrachtete es, und konnte den Blick nicht -davon abwenden -- -- wie es im rasenden, sinnverwirrenden Fluge sich -drehte, daß die Speichen für das Auge in eine graue Scheibe verrinnen --- ein Sklave des Wassers über sich, und mächtiger Zwingherr der -Walzen unter sich, und diese wieder die Herren des Metalles -- das sie -erfassen, so ruhig-spielend und leicht. Das Zucken des Lammes in der -Löwentatze ist eher ein Widerstand zu nennen, als dieß ohnmächtige -Schwinden in einer einzigen Umarmung. - -Der Beschauer vergißt der bewegenden Kraft, -- des Zusammenhanges, -- -des Begriffes: +Maschine+. Er sieht ein +Lebendiges+ vor sich --- -- aber Keinem, der vor einem solchen Getriebe stand, hat jemals -die Fantasie vorgespiegelt, daß es von einem Geiste des +Lichts+, -einem Cherub bewegt werde: der nächste Gedanke ist nur der Geist der -Finsterniß, der +Dämon+, selbst in der einfachen Mühle, und das -Prinzip ergreift unwillkürlich den Zuschauer.... - -Wahrlich auf hohem Gipfel der Nächstenliebe muß derjenige stehen, oder -ein selten glückliches Dasein hingelebt -- oder ein taubenfrommes -Gemüth als Wiegengabe eingebunden bekommen haben, -- der im ganzen -Laufe seines Lebens nicht +Einmal+ Jemandem den frommen Wunsch -nachgesendet, daß ihn -- -- der Teufel holen möge. Und Jeder, aus -dessen Brust nicht der Polip des Hasses mit der letzten Wurzel -ausgerissen, der lege die Hand aufs Herz, und gestehe, +welcher+ -Gedanke in ihm aufgezuckt vor der Höllengewalt dieser umherstürmenden, -Alles zermalmenden eisernen Ungeheuer? -- -- Die Fantasie ist -schuldiger, als das Herz. -- - -Man wünscht ja nicht, +daß+ es geschehe; man denkt nur -- -- +wenn+ es -geschähe! -- - --- Wer wird dich blutgierig nennen, armer, hungeriger Praktikant -der Staatsbuchhaltung, wenn du vor dem Rade stehst und ein dir -sonst fremder Geist in dir denkt: eine +einzige+ Umdrehung; und die -hundert und achtzig Vorrückungen sind vollbracht, deren es bedarf um -vierhundert Gulden zu erreichen! Und so Jeder, der den Karren seines -Jammerlebens nicht an die Stelle, die er ein „Ziel‟ nennt, schieben -kann, ehe nicht der Karren seines Vorgängers umgestürzt und in den -Graben am Wege gefallen. -- Und wenn der fromme Rechtgläubige die ganze -übrige Menschheit, und der Razionalist die gesammte Klerisei im Geiste -durch die Walzen zieht --? so sind’s eben Spiele der Fantasie, vom -Windhauche der Teufelsmaschine aufgewirbelt. - -Der Stellvertreter des Fürst-Erzbischofs stand da -- das starre Auge -auf dieselbe geheftet, und zeichnete in Gedanken auf den dunkeln Grund -hinter den Speichen die Vignette zu dem „Liebet Euch unter einander, -+daran+ soll man +erkennen+, daß Ihr meine Jünger seid‟ -- +er+ zog -vor +inkognito+ zu bleiben. Er gedachte seines geliebten Klosters, --- des Mannes, der seinen Platz einnahm -- seinem Auge erschienen -die Metallplatten als Menschengestalten -- -- der alte Korbach -- -Alle, die in der Todtenkapelle zugehört, immer zahlreicher wurde die -Gesellschaft -- -- -- die ganze protestantische Gemeinde hat der stumme -Wunsch durch die Walzen gezogen -- -- Aber die Knechte fassen ewig nur -Platte auf Platte, und keiner weist grinsend nach einem Besorgten und -Aufgehobenen.... - -Der Herr mag ihm den Willen für das Werk anrechnen! -- Seine Vision -ward gestört, da der alte Korbach, welcher die Werke jede Nacht zu -unbestimmter Stunde besuchte, am entgegengesetzten Eingange des -Gebäudes erschien. Bernhard trat schnell ins Freie. Korbach hatte -ihn aber erkannt, und mit der Wahrheit und Treue, welche die erste -Pflicht des Erzählers ist, muß bekannt werden, daß auch der alte -biedere Fabrikherr, als er am Rade vorüberging, von dem ansteckenden -„Gedankenspiele‟ nicht verschont blieb. -- Und +sein+ Gedanke dürfte -ihm in einer andern Welt zwar nicht als Verdienst angerechnet werden, -aber dafür -- in +Erfüllung+ gehen. - -Der Domherr ging noch einige Zeit umher, sich für die Predigt -vorbereitend, die er vor dem Hochamte zu halten gedachte. -- Er hatte -den Grundgedanken dazu im Walzwerke gefunden. -- - -Korbach aber kehrte ins Wohnhaus zurück, um sich zur Ruhe zu begeben. -Als er ans Fenster trat um es zu schließen, drang ein seltsames -Getön vom Ende des Thales her an sein Ohr, -- es wurde immer lauter, -deutlicher und wehmüthiger, und er erkannte den Slowakengesang und -wußte nicht, wie er sich die Rücksichtslosigkeit der nächtlichen -Wallfahrer erklären sollte. -- Das Lied verstummte, und es folgte das -sogenannte Fahnenduett aus den Puritanern, von einem zahlreichen Chor -im raschesten Tempo ausgeführt. -- „Das läßt sich eher hören,‟ sagte -er, „aber wer zum Henker hat denn den Einfall, das ganze Thal in der -Nacht aufzubrüllen?‟ -- Nun klangen die beiden Chöre ineinander, als -gelte es, wer den Andern überschreie. „Ich gehe hinab,‟ rief er, „und -wenn die Kerls -- ich habe gar keinen Begriff was sie nur wollen -- -nicht das Maul halten, so läute ich die Arbeiter zusammen und lasse sie -bis Labring hinüberpeitschen!‟ - -Als er die Thür öffnete, trat ihm Helene entgegen, im weißen -Nachtkleide, worüber sie ihr dunkelblaues Tuch geworfen, das Köpfchen -von den dichten blonden Flechten umwunden, und sagte lachend: „Vater, -wenn nicht Alles trügt, so sind die Erzbischöflichen angerückt und -beziehen da unten ein Lager.‟ -- - -„Wollte Gott,‟ rief Korbach, „es wäre Ernst, und wir lebten noch in -der Zeit, wo es Erzbischöfliche und Pfalzgräfliche und Städtische und -dergleichen mehr gab -- in unserm elenden Jahrhundert darf man kaum -eigenhändig Einen zum Hause hinauswerfen. Ich will nun sehen, was es -ist.‟ - -Der Markt war in Alarm. Als Korbach erfahren, daß es die Altenberger -seien, ertheilte er sogleich Befehle; die Arbeiter wurden in den -Werkstätten konsignirt, Keiner durfte ins Freie, die Gemeindevorstände -mußten die Bauern beruhigen, die Häuser wurden geschlossen und die -Lichter verlöscht. Alle Vorsicht war um so nöthiger, als die Stimmung -Abends nach der Ankunft des Domherrn eine so gereizte geworden, daß es -der kleinsten Anregung bedurft hätte, um eine Katzenmusik unter den -Fenstern desselben zusammenzubringen. - -Korbach kehrte nach Hause zurück und die Nacht verlief ruhig. Beim -Frühstück, das er in Helenens Gesellschaft einnahm, wurde ein -„Expresser‟ gemeldet, und es erschien -- der Schneiderpeter. - -Korbach warf ihm einen Thaler hin, und rief, nachdem er weggegangen, -- -die Depesche Helenen reichend: „Viktoria! gute Nachricht von Arnold! -nun soll mir Sprenger mit seinen Bedenklichkeiten kommen! Unser Monarch -hält sein Zepter noch an einem Ende in der Hand, und die Pfaffen mögen -am andern ziehen und winden wie sie wollen, zuletzt reißt er’s ihnen -doch wieder aus den Fingern und klopft sie noch darauf, obendrein! -- -Hätt’ ich die Depesche Abends bekommen, ich wäre zum Domherrn gegangen, -und vielleicht gar höflich mit ihm gewesen -- der +Sieger+ kann einen -+ersten Schritt+ machen, -- einem geschlagenen Feind, heißt es, soll -man goldene Brücken bauen! -- Nun bleibt’s aber auch bei meinem -Beschlusse in Betreff Arnolds.‟ -- Helene, welche verstand, was er mit -den letzten Worten meinte, schien sich über dieselben zu freuen. - -Unten wurde es bereits lebhaft. Scharen von Bauern aus allen -umliegenden Orten waren zugeströmt, eine bunte Menge in -Feiertagskleidern bedeckte den Platz, füllte die Gaststuben, -vertheilte sich im Park des Herrenhauses, von welchem nur ein Theil für -die Bewohner abgesperrt war. In vielen kleinen, offenen Kaleschen kamen -die Verwalter, Hammerbesitzer, Amtsleute und sonstigen Honorazioren, -- -auf Steirerwägen die blumengeschmückten Burschen und Mädchen. - -Das Programm des Tages war: um neun Uhr die Einweihung; dann Predigt; -Hochamt; Diner im Herrenhause -- Nach dem Nachmittagssegen große Tafel -im Park, wo sämmtliches Fabrikpersonale bewirthet werden sollte. - -Gegen neun Uhr stellten sich die Korbacher Arbeiter in schöner Ordnung -im Halbkreise vor der Kirche auf. Die Altenberger waren gleichfalls -hereingezogen; Morawski bat höflich, ihnen einen Platz anzuweisen, und -man stellte sie, den andern gegenüber, in einiger Entfernung auf. - -Nun erschien Korbach mit seiner Tochter, gefolgt von den Beamten und -dem gesammten höheren Personale der Fabrik, in schwarzer Kleidung, -und erwartete an der Spitze der Seinigen am Eingange der Kirche den -Domherrn. -- Dieser schritt im vollen Ornate mit seiner Assistenz -vom Pfarrhofe herüber, am Gutsherrn vorbei, dessen Gruß er nicht zu -bemerken schien und die Feierlichkeit begann, und ging in bekannter -Weise vor sich. Die Geistlichen umschritten die Kirche mit den -Rauchfässern, gingen dann hinein, besprengten alle Räume mit geweihtem -Wasser, und sprachen Gebete und nun folgten die Weltlichen, so viel -ihrer Platz fanden, in das nunmehr zum Gottesdienste geweihte Haus. - -Der Domherr bestieg die Kanzel. Korbach begab sich mit Helenen in das -derselben gegenüber befindliche Oratorium. - -Die Predigt begann. - -Der Text war: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. -- Die -Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. - -Bernhard ging kurz über die erste Hälfte desselben hinweg, und wendete -die gesammte Kraft seiner Rede auf den letzten Satz. -- Auch nicht -+Ein+ Wehen des Taubenfittigs! -- -- Nichts als die Kralle des Teufels -in den Nacken dessen, der da glaubt, es gebe einen andern Weg nach dem -Himmel als jenen, der durch brennenden Schwefel beleuchtet ist. -- -„Was hilft ein neues Gebäude, wenn nicht ein neuer Geist einzieht? -- -Wer die räudigen Schafe nicht von den reinen trennt und vertilgt, ist -Gott verantwortlich für das Verderben der letzteren. Das Feuer, das -auf die entarteten Städte fiel, möge über das Thal herabfallen, wenn -einmal nicht fünf Gerechte darin zu finden, und dahin +muß+ es kommen, -wenn die Pest der Ketzerei Hütte auf Hütte ergreift. -- Aber der Herr -weiß den Schuldigen zu finden, wenn nicht hier doch +drüben+.‟ -- Und -nun kam das Bild der Hölle: Das Schwungrad, die Walzen, die Hämmer, -der Hochofen -- das mußten ja die Arbeiter begreifen: wie die Seelen -und Leiber zerquetscht werden von den Rädern, die der geschmolzene -Pechstrom umtreibt. -- Hierauf folgte die Anwendung, wie Derjenige, der -die irdische Maschine mißbraucht, um die Ketzer zu ernähren, von der -höllischen erfaßt und mit ihnen zermalmt wird zur Strafe des Frevels, -daß er Stein auf Stein aus den Mauern der Kirche gebrochen, deren -~patronus~, +Schutzherr+ er sich genannt.‟ - -Er heftete den Blick fest auf Korbach, welcher aufstand, mit seiner -Tochter das Oratorium verließ, langsam zwischen den sich öffnenden -Reihen die Kirche durchschritt, und sich in ruhiger, würdevoller -Haltung über den Platz nach dem Herrenhause begab. - -Der Geistliche hielt absichtlich inne, um die Störung desto -auffallender zu machen, und wartete noch einige Augenblicke, nachdem -der Fabrikherr die Kirche verlassen, welchem einige Korbacher gefolgt -waren. - -Dann hob er mit schmerzlich bewegter zitternder Stimme wieder an, und -bat Gott um Gnade für den Sünder, der dem Worte, das ihn zum Heile -führen könnte, aus dem Wege geht -- fiel aber bald in den früheren Ton, -indem er dem Gutsherrn und Allen die zu ihm hielten, die gesammten -Blitze und Donner des Anathema nachsandte, so daß es endlich auch den -Uebrigen zu arg ward, welche die als Ausbund aller Laster geschilderten -Protestanten als die bravsten und ehrlichsten Leute kannten, und -die Kirche leerte sich rasch von den ursprünglichen Besuchern und -füllte sich in demselben Maße mit Slowaken, für deren Kapazität es -ganz gleichgültig war, in welcher Sprache gepredigt wurde. Trotz der -gespannten Aufmerksamkeit, welche auf ihren Gesichtern zu lesen war, -kürzte der Domherr nun die Predigt ab und verließ die Kanzel um das -Hochamt zu halten, welches mit dem Aufwande der besten musikalischen -Kräfte des Thales stattfand und ziemlich drei Stunden währte. - -Die Kollmann’schen Arbeiter, von Morawski und Fontana in jeder Bewegung -geleitet, nahmen nun fast die ganze Kirche ein, und die Korbacher, -obgleich sie ihnen selbst den Platz geräumt, sahen es mit Aerger an. -Die fremden Besucher bildeten abgesonderte Gruppen, allgemein wurde -das Benehmen des Gutsherrn besprochen, von den Meisten gebilligt, -von Einigen getadelt; -- als der Gottesdienst geendet war, hatte sich -Verstörung und Mißstimmung aller Gemüther bemächtigt. - -Nun fuhren die Wagen mit den Geistlichen vom Pfarrhofe weg. Vor dem -Kirchenthore ließ Bernhard halten, stand auf, segnete die Wallfahrer -und sprach zu den nebenstehenden Gemeindevorständen mit weithin -vernehmlicher Stimme: „Ich danke Ihnen für Ihre Bemühung zur würdigen -Feier der heiligen Handlung. Wenn dieselbe nicht so vor sich ging wie -es sein sollte, ist es nicht Ihre Schuld. Noch ist eine Handbreit Erde -für den Samen des Guten in Korbach zu finden und ich bitte Sie nicht -zu verzagen, -- die Kirche wird Sie schützen, ihr Segen wird Ihnen so -wenig fehlen, als die Strafe Denen, die sich nunmehr offen gegen sie -aufgelehnt haben.‟ - -Die Vorstände hörten schweigend und ernst der Anrede zu, -- als -aber die Wagen um die Ecke waren, ließ ein Hammerknecht, der zu den -glühendsten Anhängern des Gutsherrn gehörte, aus voller Brust ein -Vivat Korbach! erschallen, und da es bei einer aufgeregten Volksmenge -nur eines zündenden Funkens bedarf, so scholl der Ruf, von Hunderten -wiederholt, an die Ohren des Domherrn und seiner Begleitung, als -Abschiedsgruß, -- als wollte man den stummen Empfang gutmachen der ihm -bei der Ankunft zu Theil geworden. - -Morawski’s Augen leuchteten auf bei dem Rufe. Wie ein General oft -mitten in der Affaire einen neuen Plan faßt, schien er jetzt mit dem -seinigen im Reinen. Da trat Fontana zu ihm und sagte leise: „Meine -Italiener sind nicht zu halten, sie wollen in die Wirthshäuser.‟ - --- „Das dürfen sie nicht. Haben sie nichts mehr vom Vorrath?‟ - --- „Keinen Schluck und keinen Bissen!‟ - --- „Das ist schlimm. Verzehrt darf Nichts werden.‟ - --- „Auch sind sie ungeheuer aufgeregt: es hat sich unter ihnen -verbreitet, der Domherr habe den Korbach exkommunizirt. Ein Theil sagt, -dieser habe Recht, die Andern reden vom Fenstereinwerfen.‟ - --- „Da ist keine Minute zu verlieren, -- hier sind vierzig Gulden, -führen Sie sie augenblicklich fort, nach Labring, lassen Sie sie zechen -und dann marsch! nach Hause! Ich kann hier keine Hitzköpfe brauchen. -Meine Slowaken sind die rechten, -- gehen Sie in Gottes oder des Herrn -Kollmann Namen!‟ -- schloß er lachend. -- - -Fontana sammelte seine Schaar, welche alsbald zum Orte hinaus und die -Straße hinab lärmte, dem Walde zu. - -Die Korbacher waren gegen Wallfahrer überhaupt, namentlich gegen die -jetzt anwesenden eingenommen. -- Aus dem prinzipiellen Standpunkte sind -die Akten über die Karawanen, welche die Wüste des Aberglaubens unter -dem Namen von Prozessionen durchziehen, längst geschlossen. Der Ort, -von welchem die Arbeitskräfte und das Geld exportirt werden, hat die -Handelsbilanz offenbar gegen sich; das Mekka, wo sich die silbernen und -wächsernen Votivsteuern ansammeln, und jedes Haus ein Wirthshaus, hat -sie +für+ sich, -- ein Vortheil, welcher aber durch das fisische -und moralische Ungeziefer, welches die frommen Scharen zurücklassen, -weit überwogen wird. Nun sollte das Letztere allein der Antheil der -Korbacher Gemeinde sein! -- Sie hatte langmüthig zugesehen, wie die -Ankömmlinge ihre Wiese in der Nacht so zu sagen abgeweidet; das Gras -war allenthalben zertreten und selbst Feuerstellen waren zu sehen. -Der Richter war am Morgen, ohne Korbachs Wissen, zu den Fremdlingen -hinausgegangen und hatte Explicazionen verlangt. -- Wenn eine Großmacht -eine Ohrfeige erhält, wird der Gesandte beauftragt ~de demander -des explications~, ob damit eine Beleidigung beabsichtigt sei. --- Morawski hatte sich äußerst artig entschuldigt, er habe in der -Nacht nicht im Orte Quartier nehmen wollen, und im Namen seines -Herrn Schadenersatz angeboten, den jedoch Korbach anzunehmen verbot. --- Nun waren die Italiener abgezogen, die Andern lagerten nach dem -Gottesdienst an der Straße und verzehrten was sie mitgebracht. -- Die -Bauernbursche standen nach dem Mittagsessen beisammen und beriethen die -Eventualitäten eines Zusammenstoßes. -- - -Im Herrenhause war das Diner der Honorazioren vorübergegangen, ohne -daß der Abgang des Domherrn der Fröhlichkeit Eintrag gethan hätte. -Die Predigt fand die heftigste Mißbilligung; Korbach sagte, er habe -sich zurückgezogen, da er nicht Lust gehabt, sich von einem Fanatiker -insultiren zu lassen, der die heilige Stätte mißbrauche, um seinem -Aerger über eine erlittene Niederlage Luft zu machen; er sei überzeugt, -daß die Regierung solchen Uebergriffen zu begegnen wissen werde. Der -Beweis, daß sie die gerechte Sache schütze, liege darin, daß trotz -der Konflikte zwischen ihm und der Geistlichkeit seine Beziehungen -zu den höchsten Behörden ungetrübt geblieben, wie eben eingetroffene -Nachrichten von seinem Sohne bewiesen. - -Die Gäste stimmten bei, und eine Reihe von Toasten auf Toleranz, -Gleichberechtigung der Kulten u. dgl. beschloß das Mahl. - -Nach demselben begaben sich die Gäste in den Garten, wo die -Vorbereitungen für die Bewirthung der Arbeiter nach dem Abendsegen -getroffen wurden. Ehe Letzterer begann, hatten die Slowaken wieder -einen Theil der Kirche und den Platz am Eingange gefüllt. -- Sie -begingen keine einzige offensive Handlung. Sie +waren nur da+. Wo -ein Anderer gehen und stehen wollte, da ging und stand ein Slowak. Ohne -zu Thätlichkeiten zu schreiten, drückte und schob man sie aus dem Wege, -aber die Trägheit der Masse, die bei alle dem von einer unsichtbaren -Hand geleitet schien, gewann immer die Oberhand, und die Korbacher -konnten ihrer neugeweihten Kirche nicht froh werden. - -Als der Gottesdienst vorüber war, begaben sie sich über die Brücke -nach dem Park, und nahmen an den Tischen Platz. Die Fremden aber -schienen ihre Andacht über Nacht fortsetzen zu wollen. Es ist dies -übrigens Nazionalsitte; wer jemals Gelegenheit gehabt dieses Volk in -seinen überirdischen Beziehungen zu beobachten, wird gefunden haben, -daß seine Andacht sich nicht mit dem Maße der übrigen Christenheit -mißt. Die Kirche ist an Feiertagen sein Bivouac, -- es liegt und steht -stundenlang darin, geht ein wenig heraus, ißt und trinkt, -- dann -wieder hinein, bis in die Nacht. -- Nun breiteten sie ihre Kotzenmäntel -auf den Boden, lagerten sich und packten wieder mitgenommenen Proviant -aus. - -Korbach’s Arbeiter waren von ihnen durch die Brücke und die -Umfriedigung des Parks getrennt, in welchem sie an den langen Tischen -saßen, zwischen denen der Gutsherr ab und zu ging, mit den Leuten -freundlich sprechend, und beständig die Fremden im Auge behaltend. -- -Die Protestanten und Katholiken saßen gemengt, die gespannte Stimmung -begann einer fröhlichen zu weichen und man kümmerte sich nicht um die -Slowaken. Plötzlich stimmten diese auf ein Zeichen Morawski’s eines -ihrer Jammerlieder an. -- Ein Murren antwortete. -- Korbach gebot den -Seinen Ruhe, fand Gehorsam, befahl aber dem Wächter, das Gitterthor -nach der Brücke zu schließen. - -Nun war das Lied geendet und man sah die Sänger sich erheben und wie -zum Abzuge ordnen, woraus keineswegs zu schließen, daß sie gingen. --- In diesem Augenblicke wiederholte der Hammerknecht, welcher das -„Vivat Korbach‟ beim Abschiede des Domherrn provozirt hatte, diesen -Ruf, und in der nächsten Minute scholl es vom Kirchenplatze mit dem -vollen Kraftaufwande sämmtlicher slowakischer Lungen herüber: „~Zivio -Gospodin +Kollmann+!~‟[2] - -Die Arbeiter fuhren schreiend von den Sitzen empor -- Korbach schlug -mit voller Kraft mit dem Stocke auf den Tisch und nochmals dämpfte sein -donnerndes: Ruhe! den Aufruhr -- aber bereits war ein Stein aus dem -Park über die Staketen geflogen und hatte einen Slowaken an den Kopf -getroffen. - -Morawski schien seine Leute mit eiserner Gewalt zu beherrschen, denn -das angestimmte Geheul verstummte augenblicklich wieder, und nun -rief er vortretend, gegen das Gitter hin: „Die Beleidigung frommer -Wallfahrer, welche beten, während Andere trinken, wird ihre Richter -finden! Wir ziehen ruhig ab, haben Niemanden beleidigt, aber es -wird uns auch Niemand verwehren, +unsern+ Brotherrn leben zu -lassen, wie Andere den +ihrigen+, darum nochmals: ~Zivio -+Kollmann+!~‟ - -Der Ruf war noch nicht verklungen, so war dem Wächter der Schlüssel -entrissen, das Thor geöffnet, und die von Wein und Zorn glühenden -Arbeiter stürzten wie ein Wildwasser, das den Damm durchrissen, heraus, -über die Brücke auf die zusammengedrängten Fremdlinge. Korbach’s -Ruf ward überschrien, er vermochte nur mit äußerster Anstrengung -in die vorderen Reihen der Seinigen zu gelangen, allein während er -die Nächsten zurückwarf, setzten die Andern, vom Dunkel begünstigt, -auf allen Seiten ihr Rachewerk fort. Die Slowaken waren stämmige, -kraftvolle Leute, vermochten aber der überlegenen Anzahl der eben -so kräftigen Hammerleute und Schmiede, denen sich auch die Bauern -anschlossen, kaum einige Minuten zu widerstehen, und wurden in -einem verworrenen Knäuel mit unglaublicher Schnelligkeit die Straße -hinabgetrieben, unter einem Hagel von Fausthieben auf ihre runden Hüte -und breiten Rücken, -- und buchstäblich aus dem Orte hinausgeworfen. - -Korbach hatte nun das ganze Aufsichtspersonale um sich vereinigt und es -gelang ihm, der Verfolgung Einhalt zu thun, -- jeder der Vorgesetzten -wußte rasch und energisch die ihm unmittelbar unterstehenden -Arbeiter zu sammeln, die Ordnung ward so schnell hergestellt, als -sie gestört worden. Der Fabrikherr verkündigte strenge Untersuchung -und Bestrafung derer, die zuerst angegriffen, schickte alle in die -verschiedenen Werkstätten zur Nachtarbeit und besichtigte mit Einigen -von der Gemeinde das Schlachtfeld, welches mit Hüten und abgerissenen -Kleidungsstücken der Vertriebenen bedeckt war. Zwei Slowaken lagen -schwer verwundet an der Kirchenmauer und wurden nach dem Herrenhause -gebracht, wo sie den Händen des Arztes der Fabrik übergeben wurden. - -Während dieß geschah, kam Morawski mit einem Begleiter zurück, -näherte sich Korbach und sagte ruhig, er komme, für’s Erste, um die -zurückgebliebene Kirchenfahne der Wallfahrer zu holen. Sie wurde beim -Laternenlicht gesucht, und fand sich, die Stange zerbrochen und das -Tuch zerrissen. -- Morawski übergab sie seinem Begleiter, welcher damit -fortging und erklärte, sofort seine Aussage über das Vorgefallene vor -der Gemeinde-Obrigkeit zu Protokoll geben zu wollen. - -Das Ansinnen war nicht zu verweigern. Korbach, der ihn keines -Wortes würdigte, ging ins Herrenhaus zurück, Morawski aber nach dem -Ortsgerichte, wo er vor dem Richter und Geschwornen seine Aussage -niederschrieb und unterzeichnete. Nachdem er sich noch überzeugt, daß -die beiden Verwundeten sich in guter Pflege befänden, entfernte er -sich und trat mit den Seinigen den Rückmarsch an, mit dem Gefühle der -vollsten Befriedigung über seine Leistung. - -Kollmann hatte gut gewählt, -- Morawski seine Aufgabe in politischer -und strategischer Beziehung so gut gelöst, daß ihn jeder -~diplomate-militaire~ beneiden kann. - --- -- Nicht ohne Bedauern sehen wir unserer Erzählung durch das -Zusammentreffen der Umstände einige der schönsten Effekte entgehen. - -Konnte nicht während des Kampfes Arnold mit seinem neuen Freunde -Richard Forster erscheinen? Und da es zu unedel wäre, unsere Helden -in Konflikt mit Slowaken zu bringen, konnten nicht wenigstens die -Italiener Stand halten, -- Richard durch einen Messerstich verwundet, -ins Herrenhaus gebracht, und die Liebe zwischen Helene Korbach und -ihm auf so natürliche als überraschende Weise vermittelt werden -durch Wundfieber und Rekonvaleszenten-Pflege? Oder konnten nicht die -Kollmann’schen Freiwilligen das Haus stürmen und eine Rettung aus den -Flammen vorbereiten? -- Statt aller dieser kostbaren Elemente bietet -sich nichts als ein gemeiner Faustkampf der Arbeiter, Hinauswerfen der -einen Partei, und leider die zerrissene Fahne, und ein Paar von Steinen -zerschlagene Kirchenfenster und Slowakenköpfe! - --- -- Auf einen Befehl Korbachs, der in jenem Tone gegeben war, -der keine Einwendung gestattete, hatte sich Helene beim Beginn der -letztgeschilderten Szene in das Haus zurückgezogen. - -Sie wurde nun nach dem Arbeitszimmer des ernst und nachdenklich -zurückkehrenden Vaters gerufen, und als dieser eben seine Erzählung -des Vorgefallenen geendigt hatte, trat Arnold ein, -- in eben so -ernster Stimmung, grüßte mit stummem Händedruck die Schwester, und -sagte zum Vater: „Ich hoffe durch das, was ich bringe, das Unangenehme -auszugleichen, was dir begegnet.‟ Dabei legte er die Kontrakte auf den -Tisch. - -Während der alte Korbach dieselben durchflog, führten Arnold und Helene -eines ihrer eigenthümlichen Augengespräche, in welchem sie ihm sagte: -Zeige dich dem Vater nicht gedrückt, er ist es ohnedem, sei heiter! -- -Arnold verstand sie und sagte: „Nun ist mit Gottes und deinem Segen -meine erste Mission gelungen, und meine zweite soll sein, wenn man uns -einen unserer Wege abschneidet, einen andern zu eröffnen, mir ist vor -Nichts bange, selbst wenn wir den Kontrakt +nicht+ hätten, -- wir -haben ihn aber, und nun denke nicht an den Arbeiterkrawall, -- und -noch weniger an den Domherrnkrawall, sondern ruhe und laß +mich+ -arbeiten!‟ - -Bei diesen mit Zuversicht gesprochenen Worten sah der Vater Helene -an und fragte: „Hast du Arnold denn schon Etwas gesagt -- daß er so -spricht?‟ -- - -Sie verneinte es und der Vater fuhr fort: „Bleibt in meinem Zimmer so -lange Ihr wollt, ich gehe schlafen; mit dir, Arnold bin ich zufrieden, -morgen mehr!‟ - -Hierauf verließ er das Arbeitszimmer, und die Geschwister bemerkten -mit Betrübniß, daß sein Gang nicht der feste, seine Haltung nicht die -kräftige, stolze war wie gewöhnlich. -- - -„Wie findest +du+ die Sache?‟ begann Helene. - --- „Ganz schlecht. Wie ich die Leute kennen gelernt, zerschneiden sie -den Vertrag wie Kaiser Ferdinand den Majestätsbrief mit eigener Hand, -nachdem was heute vorgefallen ist. Mußte der Vater von der Predigt -weggehen?‟ - --- „Er konnte nicht anders, nicht um den Preis unseres ganzen Besitzes. -Wäre er geblieben, so hätte ich als Tochter seine Gründe achten müssen, -wäre aber allein weggegangen.‟ - --- „Das genügt mir. Wir müssen nun auf Schlimmes gefaßt sein.‟ - --- „Fürchtete ich nicht für die Gesundheit des Vaters, so läge an dem -Allem nichts. Vielleicht steht es nicht so schlimm, als du glaubst.‟ - --- „Ich halte einfach den Kontrakt für zerrissen.‟ - --- „Sage mir doch, könnt Ihr denn für Niemanden als Monarchen, -Ministerien und Oberkommando’s arbeiten? Können denn die Geistlichen -alle Menschen, welche auf dieser Erde Messingplatten brauchen, gegen -uns aufhetzen? Die Reinhart in Dörnberg haben, wie ich gehört, keine -einzige Staatsbestellung und sind so reich als wir.‟ - --- „Ganz gut gesprochen, mein lieber Kompagnon, aber du weißt, daß der -Vater sammt all’ seiner Opposizion gegen die Regierung das alte Prinzip -der Firma nicht fahren läßt.‟ - --- „Er wird es nicht; aber höre mich. Er hat heute nach Ankunft deiner -Depesche gesagt: Arnold hat seine Sporen verdient! Ein schöneres -Debüt für seine selbstständige Leitung könnte er nicht haben, als die -Marinelieferung, er soll gleich selbst Dasjenige arbeiten, auf was er -abgeschlossen. Ich übergebe ihm, da er nun 24 Jahre alt wird, die ganze -Sache; es ist besser, er übernimmt das Geschäft zu einer Zeit, wo er -mich noch ein Paar Jahre an der Hand hat. Du weißt nun, warum er mich -früher gefragt; er wird gewiß morgen mit dir sprechen.‟ - --- „Wenn ich ihn unter andern Umständen beschworen hätte, mich noch -ein Jahr in der Residenz zu lassen, so wäre es jetzt geradezu eine -Feigheit. Ich weiß, daß wenn ich freie Hand habe, das Geschäft in eine -neue Bahn zu leiten, er in kurzer Zeit Resultate sieht, die ihm ein -glückliches Alter bereiten.‟ - --- „Mache was du willst und kannst; es ist ja Alles nur um des Vaters -willen. Um dich und mich wird’s mir doch wahrhaftig nicht bange sein? -Und wenn man uns so vollständig zu Grunde richten könnte, daß du in -ein fremdes Geschäft gehen und ich als Gesellschafterin unterkommen -müßte, was läge +uns+ daran? Aber für unsern Vater, und um der -schönen Schöpfung unserer Mutter willen, zum Heil der Hunderte, die da -glücklich und zufrieden und in der freien Ausübung ihres Glaubens, -der der unsere, geschützt leben, und deren Aller Loos von unserem -abhängt, muß unser altes, schönes Korbach stehen bleiben, und wenn -alle Erzbischöfe der Welt mit ihren Krummstäben dagegen Sturm liefen. -Getraust du dich es zu halten?‟ - --- „Ja, wenn wir die alten unhaltbaren Verbindungen aufgeben und einen -neuen Weg einschlagen.‟ - --- „Den kann der Vater nicht betreten, folglich mußt du annehmen.‟ - -Ruhig und klar besprachen die Geschwister die Lage, die sich durch die -Vorfälle des Tages gezeichnet. Endlich fand Helene den Uebergang auf -den Gegenstand, der ihr nach der großen Frage des Hauses am Meisten am -Herzen lag. - -Sie wußte die Folge des Freinhofbesuches, wußte daß Arnold liebe und -freute sich dessen. Es fiel ihr nicht ein, den Gedanken bis zu einer -Konsequenz zu verfolgen, welche ihr Gefühl verletzt hätte. -- Hunderte -ihrer Schwestern, weniger unschuldig als sie, sind schnell mit dem -Verdammungsurtheile über die Liebe zu einer Frau fertig: entweder für -einige Zeit, bis sie nämlich selbst der Gegenstand einer solchen Liebe -geworden, oder auf immer, wenn sie es niemals werden. Eine andere Liebe -zu einer Frau als jene des Göthe’schen -- nicht des wirklichen -- -Tasso konnte sich Helene nicht denken, und an einer solchen fand sie -nichts Verwerfliches. -- Aus dem Zusammenklange von hellem Verstande, -freiem Sinn und blütenreinem Herzen konnte nichts Anderes hervorgehen, -als ein Segenswunsch für das Gefühl, in welchem sie Arnold glücklich -sah. - -Er sprach heute ganz offen mit ihr, und sie ging in ihren Gedanken -einen kühnen Schritt weiter. Sie fragte, indem sie Arnold vielsagend -ansah: „Ist Julie Protestantin?‟ -- - -„Ich weiß es nicht einmal,‟ war die Antwort. - --- „Ich begreife, daß Ihr Euch um andere Dinge als Euer -+Glaubens+bekenntniß zu fragen hattet -- aber du weißt wohl, warum -+ich+ fragte.‟ - --- „Ich verstehe dich vollkommen. Ich vertraue dir Etwas, was mir nicht -anvertraut worden, sondern was nur mein Gedanke ist... der Gedanke -heißt: Julie ist nicht +seine+ Frau.‟ -- - -Helene trat betroffen zurück -- ernst und schmerzlich sahen die -dunkelblauen glänzenden Augen in die des Bruders. „Wenn es so ist, -sagte sie mit Würde und Entschiedenheit, -- was kannst du sagen, -Arnold, um zu rechtfertigen, daß du +mich+ zur Vertrauten einer -Sache gemacht, von der ich Nichts wissen will, von dem Augenblicke an, -wo deine Geliebte keinen Namen führt, mit dem +mein+ Mund sie -nennen kann?‟ - --- Arnold hielt Blick und Frage und Vorwurf ruhig und lächelnd aus -und sagte: „Ich würde mich deiner Betroffenheit freuen, meine liebe, -schöne, strenge Schwester, wenn sie sich nicht von selbst verstände. -Vergiß aber nicht, daß der Antheil von Ehre unsers Hauses, für den du -und ich Rechenschaft zu legen haben, ein ganz gleicher ist, und suche -nach keinem andern Namen für Julie, als den sie verdient, nämlich jenen -deiner Schwester und einer Tochter unserer Eltern.‟ - --- „Bedenkst du, was du damit sagst, Arnold?‟ - --- „Ich habe bedacht, ehe ich abermals zu dir gesprochen. Ich hätte, -nach der Reise, Juliens nicht mehr gegen dich erwähnt, wenn ich nicht -überzeugt wäre, daß sie so +ist+, wie ich sage.‟ - --- „Ich glaube dir, weil ich Nichts mehr glauben will, wenn ich an dir -irre werde. Die einzige Frage ist nur, ob du nicht getäuscht wirst, -indem +du+ glaubst.‟ - --- „Lerne sie kennen und höre von +ihr+ die Worte: „Kein heiliges -Band bindet mich an Kollmann, -- der Himmel ist ja barmherzig und löst -die seinen -- aber meine Lippen sind würdig geblieben, die deinigen -- -würdig, die deiner Schwester zu berühren -- ich sehne mich nach ihr, -der ich vielleicht mehr sagen könnte, als selbst dir!‟ -- Das höre von -+ihr+, Helene, und dann zweifle!‟ -- Er reichte der Schwester die -Hand und sah sie zärtlich, fast bittend an. - --- -- „Gott lasse es Licht werden über unserm Thal und Eurem Leben! -- -ich will ja Alles glauben -- Alles hoffen!‟ rief Helene und drückte in -schweigender inniger Umarmung den Bruder ans Herz. - - -[2] Es lebe Herr Kollmann! - - - - -Ende des erste Bandes. - -Halle, Druck von H. W. Schmidt. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Dissolving Views, by Ferdinand Prantner - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DISSOLVING VIEWS *** - -***** This file should be named 54754-0.txt or 54754-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/7/5/54754/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/54754-0.zip b/old/54754-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 832637d..0000000 --- a/old/54754-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/54754-h.zip b/old/54754-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 89be180..0000000 --- a/old/54754-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/54754-h/54754-h.htm b/old/54754-h/54754-h.htm deleted file mode 100644 index 61d850f..0000000 --- a/old/54754-h/54754-h.htm +++ /dev/null @@ -1,10899 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Dissolving Views, by Leo Wolfram. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -div.chapter {page-break-before: always;} - -.break-before {page-break-before: always;} - -h1,h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; - font-weight: normal;} - -h1 {font-size: 225%;} -h2,.s2 {font-size: 175%;} -.s3 {font-size: 125%;} -.s4 {font-size: 110%;} -.s5 {font-size: 90%;} - - -h1,h2 {padding-top: 3em;} - -h2.nobreak {page-break-before: avoid;} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; - text-indent: 1.5em;} - -p.center,p.p0 {text-indent: 0;} - -.nowrap {white-space: nowrap;} - -.mtop1 {margin-top: 1em;} -.mtop2 {margin-top: 2em;} -.mbot1 {margin-bottom: 1em;} -.mbot2 {margin-bottom: 2em;} -.mbot3 {margin-bottom: 3em;} -.mleft0_3 {margin-left: 0.3em;} - -.padtop3 {padding-top: 3em;} -.padtop5 {padding-top: 5em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: auto; - margin-right: auto; - clear: both;} - -hr.chap {width: 65%; margin: 2em 17.5%;} -hr.full {width: 95%; margin: 2.5em 2.5%;} - -hr.r5 {width: 5%; margin: 1em 47.5%;} -hr.r25 {width: 25%; margin: 2em 37.5%;} - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto;} - -table.reklame { - width: 70%; - font-size: 90%;} - -table.toc {width: 50%;} - -.vat {vertical-align: top;} -.vab {vertical-align: bottom;} - -td.thlr,td.sgr { - text-align: right; - vertical-align: bottom; - padding-left: 0.5em;} - -td.buchtitel { - vertical-align: top; - padding-left: 2em; - text-indent: -2em;} - -ol.artikel { - list-style-type: decimal; - padding-left: 2.5em; - margin-top: 0.5em; - margin-bottom: 0.5em;} -ol.artikel li {line-height: 1.5em;} - -.zaehler { - vertical-align: 30%; - font-size: 60%;} -.nenner { - vertical-align: -20%; - font-size: 60%;} - -.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ - /* visibility: hidden; */ - position: absolute; - left: 95%; - font-size: 70%; - text-align: right; - color: #aaaaaa; - text-indent: 0; - font-style: normal; - letter-spacing: 0;} /* page numbers */ - -.blockquot { - margin: 1.5em 5%; - font-size: 90%;} - -.center {text-align: center;} - -.gesperrt { - letter-spacing: 0.2em; - margin-right: -0.2em; } - -em.gesperrt { - font-style: normal; } - -.antiqua {font-style: italic;} - -/* Images */ -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center;} - -img {max-width: 100%; height: auto;} - -img.w5em {width: 5em; height: auto;} - -/* Footnotes */ -.footnotes { - border: thin black dotted; - background-color: #ffffcc; - color: black; - margin-top: 2em;} - -.footnote { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; - font-size: 0.9em;} - -.footnote .label { - position: absolute; - right: 84%; - text-align: right;} - -.fnanchor { - vertical-align: top; - font-size: 70%; - text-decoration: none;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote { - background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em;} - -.nohtml {display: none;} - -@media handheld { - -.nohtml {display: inline;} - -hr {display: none; visibility: hidden;} - -em.gesperrt { - font-family: sans-serif, serif; - font-size: 90%; - margin-right: 0;} - -table.reklame, table.toc { - width: 90%; margin: 1em 10%;} - -} - - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Dissolving Views, by Ferdinand Prantner - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Dissolving Views - Romanfragmente von Leo Wolfram. - -Author: Ferdinand Prantner - -Release Date: May 21, 2017 [EBook #54754] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DISSOLVING VIEWS *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1861 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden -stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente -Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der -damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.</p> - -<p class="p0">Im Inhaltsverzeichnis wurde für ‚Der Prior von Sankt -Martin‘ die Seitenzahl von 139 zu 143 korrigiert.</p> - -<p class="p0">Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt; -diese wird hier in Normalschrift dargestellt; Antiquaschrift -erscheint dagegen <span class="antiqua">kursiv</span>. -<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten -Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p> - -</div> - -<p class="s2 center padtop5 break-before">Dissolving views.</p> - -<hr class="r5" /> - -<p class="s4 center">Erster Band.</p> - -<p class="center break-before padtop3">Bei <em class="gesperrt">Hoffmann -und Campe</em> in <em class="gesperrt">Hamburg</em> sind erschienen:</p> - -<table class="reklame" summary="Buchliste Hoffmann und Campe"> - <tr> - <td class="vat"> - - </td> - <td class="thlr"> - Thlr. - </td> - <td class="sgr"> - Sgr. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <em class="gesperrt">Aston</em>, L., aus dem Leben einer Frau - </td> - <td class="thlr"> - — - </td> - <td class="sgr"> - 22½ - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Bernays</em>, Isaak, Schief Levinche mit - seiner Kalle, oder polnische Wirthschaft. Ein komischer Roman. - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 15  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Christen</em>, F. E., Diana. Wahrheit und - Dichtung. 2 Theile - </td> - <td class="thlr"> - 2 - </td> - <td class="sgr"> - 15  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Malcolm. See-Gemälde aus der neuern Zeit. - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 15  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Clemens</em>, F., Der Excentrische. Roman - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Das entschleierte Bild zu Sais - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 10  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Corbiere</em>, Ed., die Zöglinge der Marine. - 2 Theile - </td> - <td class="thlr"> - 2 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Douglaß</em>, Frederick, Sclaverei und - Freiheit. Autobiographie. Aus d. Engl., bearb. von Ottilie Assing - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 15  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Elpis Melena</em>, hundert und ein Tag auf - meinem Pferde und ein Ausflug nach der Insel Maddalena - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 15  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Garibaldi’s Denkwürdigkeiten. 2 Bde. - </td> - <td class="thlr"> - 2 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Falkson</em>, Ferd., Giordano Bruno - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 15  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Freese</em>, H., die Prinzessin von Ahlden - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 15  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Gathy</em>, A., Cavalcade, oder die - Kunstreiterin - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Görner</em>, C. A., Almanach dramatischer - Bühnenspiele. 8. Jahrgang - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 15  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Gregorowitsch</em>, N., die Fischer. Ein Roman. - Aus dem Russischen. Nebst Einleitung von Alexander Herzen. 2 Theile - </td> - <td class="thlr"> - 2 - </td> - <td class="sgr"> - 15  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Gutzkow</em>, <span class="antiqua">Dr.</span> - K., Novellen. 2 Bände - </td> - <td class="thlr"> - 3 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Seraphine. Ein Roman - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 20  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   öffentliche Charaktere - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 20  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   zur Philosophie der Geschichte - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 20  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Börne’s Leben - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 15  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Halfern</em>, A. von, der Squire. Ein Bild aus - den Hinterwäldern Nordamerikas. 2 Theile - </td> - <td class="thlr"> - 2 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Heine</em>, H., Reisebilder. 4 Theile - </td> - <td class="thlr"> - 7 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Der Salon. 4 Theile - </td> - <td class="thlr"> - 6 - </td> - <td class="sgr"> - 20  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Vermischte Schriften. 3 Bände - </td> - <td class="thlr"> - 6 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Die romantische Schule - </td> - <td class="thlr"> - 2 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Ueber Ludwig Börne - </td> - <td class="thlr"> - 2 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> - <em class="gesperrt">Herzen</em>, Alexander, aus den Memoiren eines - Russen. Im Staatsgefängnisse und in Sibirien - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   —   Zweite Folge. Petersburg und Nowgorod. - </td> - <td class="thlr"> - — - </td> - <td class="sgr"> - 20  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   —   Dritte Folge. Jugenderinnerungen - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   —   Vierte Folge. Gedachtes und Erlebtes - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Briefe aus Italien und Frankreich - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Rußlands sociale Zustände - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - —  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="buchtitel"> -   —   Vom anderen Ufer - </td> - <td class="thlr"> - 1 - </td> - <td class="sgr"> - 15  - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<h1><b>Dissolving views.</b></h1> - -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="titeldeko" name="titeldeko"> - <img class="w5em" src="images/titeldeko.jpg" - alt="Dekoration" /></a> -</div> - -<p class="s2 center"><b><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">f</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">g</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">t</span><span class="mleft0_3">e</span></b></p> - -<p class="center padtop3"><span class="mleft0_3">v</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">n</span></p> - -<p class="s3 center padtop3 mbot3"><b><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">o</span> <span class="mleft0_3">W</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">f</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">m</span>.</b></p> - -<hr class="r5" /> - -<p class="s3 center padtop3">Erster Band.</p> - -<hr class="r25" /> - -<p class="s4 center"><b>Hamburg.</b></p> - -<p class="s4 center"><span class="mleft0_3">H</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">f</span><span class="mleft0_3">f</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">n</span> <span class="mleft0_3">u</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">d</span> <span class="mleft0_3">C</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">p</span><span class="mleft0_3">e</span>.</p> - -<p class="s4 center">1861.</p> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[S. v]</a></span></p> - -<h2 id="Als_Vorrede"><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">s</span> <span class="mleft0_3">V</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">d</span><span class="mleft0_3">e</span>.</h2> - -</div> - -<p class="center mbot2"><b class="s3">Dialog</b><br /> -im Censurdepartement des Polizeiministeriums im Lande der -<span class="antiqua">Dissolving views</span> 1860.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Erster Sekretär.</em> Gut, daß Sie kommen! Ich bin kein Engländer, -und da ist unter den beanständeten Büchern eines mit einem englischen -Titel. Ich habe, da ich gestern sowol hier als zu Hause zu fragen -vergaß, im Flügel’schen Dikzionnär nachgesehen. <span class="antiqua">Dissolve</span>, -auflösen, zertheilen. Und <span class="antiqua">view</span>, Ansicht. Das schien mir gleich -auf zersetzende, destruktive Ansichten hinauszulaufen.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Ganz richtig; aber hier dürfte etwas Anderes gemeint -sein. Wenn Sie weiter unten sehen wollen, — (schlägt das Dikzionnär -auf) da steht:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p><span class="antiqua">Dissolving views</span>, — analitische Prospekte; mittelst zweier -magischer Laternen dargestellte Bilder, deren eines durch Zuziehen -der einen und Aufziehen des entsprechenden Schiebers der andern -Laterne allmälig einem zweiten, dritten Bilde weicht.</p></div> - -<p>Wir haben ja solche hier im Theater gesehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[S. vi]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Das muß man eben wissen. Man kann nicht von uns -prätendiren, daß wir auf alle erotischen Metafern der Romanschreiber -eingehen. Haben Sie das Buch durchgesehen?</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Sehr flüchtig.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Auch ich. Da ich heute Etwas darüber sagen muß und sehr -überhäuft bin, so habe ich es, wie gewöhnlich, meiner Frau zu lesen -gegeben, die auf alle beanständeten Artikel erpicht ist.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Das pflege ich auch meinerseits häufig zu thun. Und was -sagt Ihre Frau Gemalin?</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Sie sagt: der Roman sei Nebensache, bloße Emballage, um -die Ansichten über gewisse Zustände und Personen einzuschmuggeln.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Sonderbar. Meine behauptet, der Verfasser habe dieses -Element nur hineingemengt, um den Roman, der aber eigentlich keiner -sei, zu illustriren.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Am Ende kann uns das gleichgültig sein. Uns ginge die -Frage näher an, ob er viel gelesen würde? Und meine Frau leugnet das, -und sagt, der Autor verderbe es mit allen Parteien.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Das ist doch ganz eigen! Meine ist vom Gegentheil -überzeugt und findet, daß er es gerade mit der stärksten halte, überall -der sogenannten Intelligenz <span class="nowrap">huldige. —</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. vii]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Sie werden doch hoffentlich diese Partei nicht die -stärkste bei uns nennen wollen?</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Ich erzähle Ihnen nur, was meine Frau sagt. Was -geschieht also mit dem Buche?</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Meine erste Impression war, daß es bei uns durchaus -nicht aufliegen dürfe. Das Verbot läßt sich durch die Tendenz ganz -allein hinreichend motiviren.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Wir brauchen ja Gott sei Dank überhaupt Nichts zu -motiviren, was wir thun.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Ich meine auch nur dem Chef gegenüber. Aber die Sache -hat eben zwei Seiten.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> So fand ich auch. — Es ist eine fatale Geschichte. -Lassen wir’s durch, so wissen wir, was sich Jeder beim Lesen denkt und -am Ende glaubt man noch, wir haben’s nicht verstanden.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Und lassen wir’s nicht durch, so geben wir uns -eigentlich eine ungeheure Ohrfeige.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Wie so?</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Weil wir, wenn wir auch auf der Tendenz herumreiten, -geradezu eingestehen, daß wir es auf uns beziehen, obgleich weder das -Land noch der — — Eine noch der Andere genannt ist.</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Ja wen meinen Sie denn?</p> - -<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Und wen meinen denn <em class="gesperrt">Sie</em>, daß ich gemeint habe?</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="s5 center">(Die beiden Sekretäre sehen einander lachend an.)</p></div> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[S. viii]</a></span></p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt_des_ersten_Bandes">Inhalt des ersten -Bandes.</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="vat"> - - </td> - <td class="vab s5"> - Seite - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Vorrede - </td> - <td class="vab"> -   <a href="#Seite_v">v</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Goldnebel - </td> - <td class="vab"> -   <a href="#Seite_1">1</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Der Taschenteufel - </td> - <td class="vab"> -  <a href="#Seite_44">44</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Zimmerreise - </td> - <td class="vab"> -  <a href="#Seite_67">67</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <span class="antiqua">Clair-obscur</span> - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_102">102</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Der Prior von Sankt Martin - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_143">143</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Konkurrenz - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_175">175</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Ein thätiger Freund - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_213">213</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Im Hafen - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_251">251</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Bewegte Nacht - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_297">297</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Bescheerungen - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_341">341</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Kirchenweihe - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_385">385</a> - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Goldnebel"><em class="gesperrt">Goldnebel</em>.</h2> - -</div> - -<p>Das Gewitter über dem Gebirgssee war vorüber. Fliehend zog das -Wolkenheer nach fernen Thälern, versprengte Reste in den Klüften -zurücklassend und das Banner der siegenden Abendsonne flammte auf den -Felsengipfeln.</p> - -<p>Manche Riesentanne lag auf der Höhe, wo die volle Gewalt der -entfesselten Geister des Gebirgs gewüthet, niedergerissen von den -Wirbeln des Wettersturms. Am Mittag war als erstes Schlachtsignal -ein langer dumpfer Donner über das Thal hingerollt und fast bis zum -Untergange der Sonne standen auf den Bergen die dunkeln Schaaren der -luftigen Streiter, deren Schatten den See in Nacht hüllten.</p> - -<p>So oft aber auch auf Erden der Kampf des Lichtes gegen die starre -Finsterniß ein vergeblicher sein mag, am Himmel ist der Sieg der -glänzenden Königin über die nächtigen Rebellen gewiß. Und als erst -die kleinste Lücke in die schwarzen Massen geris<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span>sen, die erste -Flammensalve der Sonne durch die Wolkenphalangen gebrochen war: da -drang es herein, das uralte, ewig neue, freundliche Wunder, das -Abendroth, unaufhaltsam die Felsenwände überströmend. Und nun brach -sich’s feurig brandend auf der Höhe an einem durchsichtigen Damme von -Tannen, welche wie flammende Christbäume in den Himmel hinausragten — -floß wie Lava, nur verklärend statt zerstörend, über das Geröll und -die steilen Wiesenhänge herab — drang waldeinwärts wie zur Verfolgung -der geflüchteten Nebel in ihre letzten Schlupfwinkel und legte tausend -Flämmchen an die dunkeln Baumstämme, als wäre der Hochwald erleuchtet -von einem Fackelzuge der Berggeister zur Feier jenes Dichters, der -da nicht geboren ward, sondern vom Anfange <em class="gesperrt">war</em>. — — Und nun -senkt es sich in die Fluten des See’s, der noch hohe Wellen rollt und -zerstiebt auf ihren überschlagenden Gipfeln in Millionen Goldfunken. -— Längst ist oben reiner Gottesfriede, während es in der Tiefe noch -rauscht und brandet.</p> - -<p>Ein Schiffchen durchschneidet den vergoldeten Schaum. Die beiden -Männer, die es trägt, haben beim ersten Nachlassen des Gewitters die -Fahrt gewagt, und ihre glühenden Wangen bezeugen den Kraftaufwand, -welchen der Kampf gegen Sturm und<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> Wellen erforderte. Während der -Aeltere, ein Bewohner der Gegend, mit der Ruhe der Gewohnheit den Krieg -so wie den Frieden der Elemente betrachtet, hat das treue, tiefe Auge -des Jüngern Beides lebendig zurückgespiegelt.</p> - -<p>Diese junge, kräftige Seele, die sich in diesem Augenblicke der -siegreichen Macht des Körpers freut, empfängt alle Eindrücke rein und -ganz, und gibt sie eben so wieder. Sie sieht noch nicht „ob jeder -Freude schweben den Geier schon, der sie bedroht.“ Oder vielmehr der -junge Mann hält ein sicheres Auge, eine feste Hand, eine gute Waffe für -hinreichend, um den Räuber aus den Lüften herabzustürzen.</p> - -<p>Seine Erscheinung bietet Nichts von Allem, was die Uebersättigung -interessant nennt. Keine Künstlerlocken wallen um die Stirn, um beim -Aufzucken eines unverstandenen Schmerzes, am Klavier oder an der -Staffelei, geschüttelt zu werden: sein blondes Haar ist kurz und -schlicht. — Keine Weltgedanken haben Furchen durch die glatte freie -Stirn gezogen, keine Geschichte von gefallenen Engeln und geknickten -Blumen ist auf seinen Wangen zu lesen, und jedes Weib, welches sich auf -das Fach des „Dämonischen“ versteht, wird ein einziger Blick in die -geistig jungen und doch ernsten, schönen, offenen Züge überzeugen, daß -ihr in der lockenden Aufgabe, dieses<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> Geschöpf Gottes zu verderben, -noch keine zuvorgekommen.</p> - -<p>Er hat während der Fahrt seine graue Lodenjacke zu dem im sogenannten -Kränzchen des Schiffes liegenden grünen Hut geworfen und die Hemdermel -hinaufgestreift; der Sprühregen, den der Wind von den Wellen -hinwegpeitscht, näßt seine Brust und die glänzenden, steinernen Muskeln -des Armes. Er freut sich, die volle Kraft ins Ruder pressend, der -Kühlung, während der alte Schiffer seinen warmen Kittel zugeknöpft hat -und über den heißen Uebermuth des jungen Reisenden lächelt, der ihm -kein Fremder, da er in dessen väterlichem Hause vor Jahren gedient.</p> - -<p>Das Bett des See’s, dessen ganze Länge der Nachen bei ruhigem glatten -Wasser in einer Stunde durchmessen würde, krümmt sich in seiner Hälfte -fast unter einem rechten Winkel. — Das Ufer des schmäleren Theiles -— des sogenannten untern See’s — in welchem sich unsere Schiffer -befinden, bilden nördlich die jäh abfallenden Wände des Wettersteines, -— südlich steile Waldhöhen.</p> - -<p>Dieses letztere Ufer bietet dem vom Sturme Ueberfallenen die rauhe, -aber freundlich rettende Hand, während an der Felsenbrust des andern -der sichere Untergang seiner harrt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p> - -<p>An einer einzigen Stelle hat ein Bach, welcher durch eine Einklüftung -der Felsenwand in trockenen Monaten als Silberfaden herabrieselt, nach -Regengüssen und im Frühling aber donnernd in den See stürzt, so viel -Sand und Geröll herabgewälzt, daß sich ein etwa funfzig Schritte im -Umfange messendes Stück sanft abgedachten Ufers gebildet hat.</p> - -<p>Der Glückliche, welchen der Sturm gerade an diese Stelle treibt, hat -den großen Lebenstreffer aus der schäumenden Urne voll Todesloosen -gezogen und mag, von unersteiglichen Felsen umschlossen, hier harren -bis der Sturm sich legt und eines der vielen den See durcheilenden -Schiffchen ihn aufnimmt.</p> - -<p>Ein rothes Kreuz, mit verdorrten Kränzen und Votivbildchen geschmückt, -bezeichnet diese Stelle; unsere Schiffer richteten fast zugleich den -Blick dahin.</p> - -<p>Sie gewahrten zwei Gestalten, von Schiffbrüchigen oder vor dem Sturm -dahin Geflüchteten, deren Bewegungen zeigten, daß sie bereits den -Nachen entdeckt. Die Entfernung ließ an der weiblichen ein Gewölk -schwarzer Locken, ein graues Kleid, ein weißes Tuch, einen weißen Arm, -der dasselbe schwang, unterscheiden. Eine männliche neben ihr wirbelte -mit heftigen Gestikulazionen ein an einen Stock gebundenes gelbes -Sacktuch über dem Kopfe herum.</p> - -<p>Nachdem der junge Mann im Schiffchen die<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> Zeichen erwiedert, stand die -Dame am Ufer ruhig, den Arm um das rothe Kreuz schlingend, während der -Herr seine Telegrafie noch einige Zeit fortsetzte.</p> - -<p>„Da sind wir gerade zurecht gekommen, Herr Arnold,“ begann der -Schiffer, nach alter Gewohnheit den Vornamen des jungen Mannes -gebrauchend, den er einst auf seinen Armen getragen — — „das ist -die gnädige Frau, vom Freinhof. Das ist in dieser Woche das zweite -Malheur. Vorigen Montag war sie mit zwei Herren auf dem Wetterstein. -Es haben ihr Alle gesagt, daß der Nebel einfällt. Aber fort haben sie -müssen und wie sie über den Erzbach hinaus waren, war der Nebel da. -— Sie hat aber einmal hinauf wollen und über Ja und Nein waren sie -in den Leckerstauden<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> und der eine von den Herren, ein Professor -aus der Stadt, kegelt sich den Fuß aus. Zum Glück ist der Nebel nicht -liegen geblieben und da hat der große Herr Knorr, der dort auf dem -Fichtenkegel wohnt, den Professor ganz allein das Stück Weges über den -Kräuterkamm auf die Tannenbachalm getragen, nachher zu uns herunter, -dann haben wir ihn über den See auf den Freinhof geführt. Der Professor -wird sich den Wetterstein merken und der Herr dort beim<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> rothen Kreuz -schaut mir auch darnach aus, als ob er vom See auf eine Weile genug -hätte.“</p> - -<p>Für Arnold, welcher die Gegend seit zwei Jahren nicht betreten hatte, -war der Name „Freinhof“ ein fremder Klang. Der Alte gab die geforderte -Aufklärung:</p> - -<p>„Wenn wir die Herrenleute abgeholt haben, und um die Ecke kommen, in -den obern See, werden wir den Hof gleich sehen. Die Gebäude sind im -vorigen Sommer aus der Erde geschossen. Das Holz war da, denn der große -Fabrikant aus der Stadt, Herr von Kollmann schreibt er sich, hat den -ganzen Wald herum gekauft. Aber für die Ziegelfuhren haben sie eine -Straße über die Föhrleiten gemacht. Bis zum ersten Schnee haben sie’s -unter Dach gebracht, die gnädige Frau, der Herr Knorr heißt sie immer -nur die schöne Frau Julie, ist alle Wochen zweimal herausgekommen und -da hat die Arbeit fliegen müssen. Heuer im Frühjahr waren auch die -Maler und Tapezierer in vier Wochen fertig und jetzt stehen die Gebäude -da, daß einem das Herz lacht.“</p> - -<p>Arnold hatte aufmerksam zugehört, strengte aber sein Auge vergeblich -an, die Gruppe am Felsenufer, von welchem man doch nur etwa zehn -Minuten entfernt war, deutlicher zu unterscheiden, da sie ihm plötzlich -durch ein Phänomen verhüllt wurde, welches<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> sicherlich Jedermann einmal -zu beobachten Gelegenheit hatte.</p> - -<p>Es fällt zuweilen, durch einen Riß in den Wolken, ein scharf begrenzter -Lichtstrom, eine strahlende Feuergarbe herein, welche alles hinter -ihr Liegende in einen blendenden Schleier hüllt. Ein solcher Streifen -von Glanznebel legte sich zwischen das Schiffchen und das Ufer und -erst als das leuchtende Hinderniß halb durchdrungen war, konnte Arnold -die Gestalt der Frau wieder unterscheiden, welche, wie von Rosen -übergossen, in Goldzindel gekleidet, wie das verkörperte Abendroth -dastand.</p> - -<p>Aber der glühendste Kuß der untergehenden Sonne war auch ihr letzter -gewesen; ein Augenblick, und der Glanznebel verschwand, die Wölkchen -an den Waldhängen, welche wie entzündete Baumwollflocken flammend -aufstiegen, erloschen zu grauer Asche; über den Höhen schwebte noch -eine warme Glorie, aber im Thalgrund über dem See lagen die blauen -kalten Töne des <span class="nowrap">Abends. —</span></p> - -<p>Auch die feenhafte Goldhülle der schönen Frau, deren Züge Arnold nun -deutlich unterschied, war wieder zum einfachen grauen Kleide geworden. -Sie stand vorgebeugt am Rande des Gerölls und hatte die Arme über -der Brust gekreuzt; ihre Blässe und das Zittern, welches die hohe -schlanke Gestalt durch<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>lief, verriethen den ungleichen Kampf zwischen -der kleinen heißen Lebensflamme und dem kalten Hauche des Sees und des -triefenden Felsens.</p> - -<p>Arnold gewahrte dennoch ein freundliches Blinken der schwarzen Augen. -Die leichte Geisterbrücke zwischen diesem räthselvollen Augenpaar und -dem lichten offenen des jungen Schiffers war aufgebaut und ein froher -Gruß der Seelen flog auf ihr vom Nachen ans Felsenufer und zurück.</p> - -<p>Im nächsten Augenblicke fuhr das leichte Fahrzeug knarrend auf den Sand -und Arnold stand mit einem Sprunge am Ufer.</p> - -<p>Julie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte: „In solcher -Lage gibt es keine Fremden! Lassen Sie mich erst danken, wenn Ihr -Werk vollendet ist. Wir waren noch zur rechten Zeit hier gelandet, -und ich habe, als der Sturm nachließ, unsern Fährmann nach dem Hofe -hinübergeschickt, um unsere große Barke zu holen. Ich will sie aber -nicht erwarten, sondern bitte Sie, mich nur gleich von diesem treulosen -Zufluchtsorte wegzuführen, der das Leben mit eisigen Händen langsam -aus den Gliedern zieht,... der See verschlingt es wenigstens in einer -Minute.“ — „Vor Allem,“ sagte Arnold, „nehmen Sie das Einzige, was ich -Ihnen zum Schutze bieten kann, meine Lodenjacke“ — er langte sie aus -dem Schiff<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>chen und sie hüllte sich lachend darein mit zwei raschen -Bewegungen voll Weichheit und Grazie — „und nun meinen weichen grünen -Hut“ — sie drückte denselben auf die dichten Locken — „und nun einige -Tropfen Rum aus meiner Feldflasche“ — sie führte sie an die Lippen, -deren hohes Nelkenroth die Kälte nicht zu bleichen vermochte.</p> - -<p>Die zwei Tropfen mußten hingereicht haben, das unter Schnee wallende -Blut zu beflügeln: die Wangen färbten sich sanft und der Perlenschimmer -des Auges verwandelte sich in Brillantglanz.</p> - -<p>Sie beugte sich einen Augenblick über eine glatte ruhige Stelle des -Wassers zwischen den Steinblöcken und betrachtete ihr herauflächelndes -Spiegelbild mit dem grünen runden Hut und der grauen, grünverbrämten -Jacke.</p> - -<p>Arnold hatte noch kein schöneres Weib gesehen.</p> - -<p>„Das steht mir doch zehnmal hübscher als alle die albernen Coeffüren, -zu denen meine Haare die Französinnen der Residenz begeistert haben!“ -rief Julie zurücktretend aus und wendete sich nun mit den Worten: -„Aber jetzt schnell ins Schiff, lieber Hofrath!“ an den kleinen -Mann, der früher das gelbe Tuch geschwenkt hatte und auf dem Sande -herumtrippelnd, prüfend und kopfschüttelnd das Fahrzeug und die Wellen -betrachtete.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> - -<p>Arnold hatte beim Landen seinen Gruß kaum erwiedert. Er war empört beim -Anblick des in einen dichten warmen Plaid gewickelten Mannes, während -die Frau in leichtem Kleide mit offenen Ermeln der kalten Seeluft -preisgegeben war. Er sagte: „Für den Fall, daß der Herr Hofrath länger -hier zu verweilen gedächte, könnte mein Fährmann seinen langen Rock zu -den Schutzmitteln fügen, womit ich ihn bereits ausgestattet <span class="nowrap">sehe.“ —</span></p> - -<p>„Ich verstehe Sie ganz wohl, junger Mann, — erwiederte der -Angegriffene — und Sie haben anscheinend Recht. Diese Dame wird aber -selbst meine Rechtfertigung übernehmen. Vor der Hand erkläre ich nur, -daß ich diesem Nachen um keinen Preis die Last einer vierten Person -aufbürden werde, sondern das Schiff vom Freinhof abwarte, und bemerke, -daß Sie am besten thäten, meinem Beispiele zu <span class="nowrap">folgen.“ —</span></p> - -<p>„Und wenn der <span class="antiqua">Great Eastern</span> selbst um jene Ecke gedampft käme, -— rief Arnold, etwas heftig, gegen Julie gewendet, — so könnte er -Sie nicht sicherer hinüberbringen, als mein dem Herrn Hofrathe so -unheimliches Fahrzeug! Meinem heutigen Glück können Sie sich ruhig -anvertrauen!“ — Er setzte im Geiste dazu: „Lassen Sie doch diesen -Hasenfuß bleiben, wo er will.“</p> - -<p>Julie war von Arnolds Hand gestützt ins Schiff<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>chen gestiegen und -rief dem Zurückbleibenden zu: „So leben Sie glücklich und zufrieden! -auf baldiges Wiedersehen beim Thee!“ — und als der Schiffer schon -abgestoßen hatte, wendete sie sich nochmals um, mit freundlich -bittender Stimme rufend: „Guter, lieber Blauhorn! Werden Sie mir denn -vergeben, daß ich durch meinen sträflichen Leichtsinn Ihr Leben in -Gefahr gebracht habe? Nochmals auf Wiedersehen ohne Groll!“</p> - -<p>Arnold, der keinen Blick von ihren Zügen verwendete, sah in -den schwarzen Augen, wie sie zu dem kleinen, bleichen Hofrath -hinüberlachten, ganz den gleichen Glanz, der darin geschimmert, als sie -ihm, Arnold, bei der ersten Begrüßung und dem Sprunge ans Ufer die Hand -geboten. — Hatten diese Augen nur einen Glanz, diese Mienen, wenn man -so sagen darf, dieselbe weiche schmeichelnde Melodie für alle Menschen -und Lagen?</p> - -<p>„Sie haben — begann Julie — dem guten Hofrathe Unrecht gethan. Der -Mann ist in seiner dreifachen Eigenschaft als Gatte einer schönen bösen -Frau, als eingebildeter Kranker und als Mitglied der Kommission, welche -unsere Finanzen in Ordnung bringen soll, ein beklagenswerthes Geschöpf, -und wenn ich ihm meinen Plaid nicht aufgezwungen hätte, so lief ich -die dreifache Gefahr, ihn in eine wirkliche Krank<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>heit zu stürzen, der -bösen Frau in der Untergrabung seines Lebens behülflich zu sein und den -Staat auf unbestimmte Zeit seiner unschätzbaren Leistungen zu berauben. -Ich stellte ihm also das Ultimatum, entweder den Plaid umzulegen -oder denselben von meiner Hand ins Wasser fliegen zu sehen.“ — „Das -entschuldigt allerdings den guten Hofrath — entgegnete Arnold — aber -nicht minder ungerecht als meine Anklage ist sicherlich der Vorwurf, -den Sie sich <em class="gesperrt">selbst</em> machten, als Sie von sträflichem Leichtsinn -gegen sein Leben sprachen... konnten Sie den Sturm <span class="nowrap">vorhersehen?“ —</span></p> - -<p>„Der Vorwurf war nur gerecht. Ich bestand auf der Fahrt bei stark -umwölktem Himmel und allen Anzeichen des herannahenden Gewitters. Und -wenn mir — sagte sie mit ernstem Tone — die Folgen gleichgültig -waren, so hatte ich wahrlich kein Recht, dasselbe von meinem Gaste -vorauszusetzen.“</p> - -<p>Es lag Etwas in Juliens ganzem Wesen, was den Eindruck verhinderte, -den diese Worte unter andern Umständen, oder besser, aus anderem -Munde, auf Arnold gemacht hätten — nämlich einen unangenehmen. Es war -ihm unmöglich, ihr jene affektirte Gleichgültigkeit gegen das Leben -zuzumuthen, in welcher sich manche in den glücklichsten Verhältnissen, -wofür er die ihrigen hielt, lebende Frauen gefallen,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> und welche bei -Gelegenheiten, wo es gilt, sich vorzüglich interessant zu machen, als -förmliche Sterbesehnsucht auftritt.</p> - -<p>Juliens Worte hatten aber das unverkennbare Gepräge des treuen -Ausdruckes ihres Innern, und vielleicht war es die plötzlich -auftauchende Besorgniß, sie falsch aufgefaßt zu sehen, was sie -bestimmte, in heiterm, fast scherzendem Tone fortzufahren: „Ich -nöthigte den unglücklichen Hofrath in den Nachen des Mannes, den -alle Forellen des Sees unter dem Namen Fischerhans als böses Prinzip -verabscheuen. Ich will nach dem Waldufer, es wird dunkel, der -Hofrath beschwört mich ihm sein Leben zu schenken und Hans beantragt -augenblickliche Umkehr. Ich lachte sie aus und bestehe darauf, -wenigstens quer über die Bucht nach dem Hofe zurückzufahren. — Wenn -wir’s nicht durchsetzen, sagt Hans, so treibt es uns in den untern See -hinaus, und wenn der Wind gegen den Wetterstein umspringt, — — so -haben wir, erwiedere ich, das rothe Kreuz, — wo wir landen. All das -Gerede war aber schon vergeblich, mit dem ersten Donnerschlag fiel der -Sturm ein, entführte meinen Strohhut, der Regen strömte herab, und nach -einer Viertelstunde, in welcher jeder Augenblick der letzte schien, -stießen wir so gerade und pünktlich auf den Sand am rothen Kreuz, daß -ich Hans vollkom<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>men Recht gebe, wenn er behauptet, mein Schutzengel -allein habe das Schiff gelenkt. — Als der Sturm nachließ, befahl ich -ihm nach dem Freinhof zu fahren, wo man nichts von unserer Fahrt wußte, -und das Herrenschiff herzuholen. In der Zwischenzeit kam das schöne -Abendroth, kam Ihr Nachen, dem ich mich nun anvertraut habe, obwol -er um nichts besser als der fortgeschickte, — und ich freue mich, -daß meine Erlösung nicht auf dem geraden, langweiligen, legalen Wege, -sondern gerade <em class="gesperrt">so</em> gekommen, <em class="gesperrt">wie</em> sie eben gekommen.“</p> - -<p>Es schien Arnold bei Juliens letzten Worten, als ob die Augen doch -nicht nur <em class="gesperrt">einen</em> Glanz hätten. Es verstrichen ein Paar Minuten -und er vermochte nicht das Gespräch am Ende des so freundlich -dargebotenen Goldfadens anzuknüpfen. Nur eines Haares Breite lag -zwischen der glücklichsten Antwort und dem schmählichsten Gemeinplatz.</p> - -<p>„So viel ist gewiß, sagte er, daß Glück und Verdienst wieder einmal in -grellem Mißverhältnisse stehen. Mir wird die Freude zu Theil, Sie in -meinem Nachen zu führen, — aber erst nachdem die Vorsehung Sie aus der -wirklichen Gefahr gerettet. Der schöne Traum einer <em class="gesperrt">Rettung</em> durch -mein Kommen läßt sich nun einmal nicht festhalten. Er ist ver<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>schwunden -wie die Goldstickerei, welche der Glanznebel für mein Auge auf Ihr -graues Kleid geworfen.“</p> - -<p>„Das ist hübsch gesagt, erwiederte sie, — derselbe Goldnebel hat -auch über Sie, als ich Sie durch ihn herankommen sah, so etwas wie -einen Heiligenschein geworfen. — Wir haben nun unsere beiderseitigen -Verklärungen abgestreift, so wie die Situazion alles Schauerliche. — -Eine halberfrorne Frau, welche auf ihr Schiff wartete, hat vorgezogen, -in dem Nachen eines jungen Mannes, der ihr seine warme Jacke anbot, -nach Hause zu fahren. — Das ist Alles, was hinter dem Goldgewölke -liegt.“</p> - -<p>Ein Schatten von tiefem Ernst, der über ihr Gesicht flog, wich eben so -schnell, als sie fortfuhr: „Wenigstens sehe ich, daß Sie ein echter -Deutscher sind: Sie reflektiren, Sie lassen keine Freude bei sich -einziehen, wenn sie sich nicht mit einem vom Verdienst gefertigten -Passe legitimirt, und suchen die Stelle, wo der Regenbogen auf der Erde -steht, zu ergründen, um sich zu überzeugen, ob er auch auf festem Boden -ruhe!“</p> - -<p>Der Vorwurf war ungerecht. Arnold reflektirte nicht, aber Juliens Worte -gaben ihm erst den Stoff dazu.</p> - -<p>Eine Antwort war nicht mehr möglich, denn in dem Augenblicke, wo nun -das Schiff um den Felsen<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>vorsprung bog, welcher die Bucht, an welcher -der Freinhof liegt, bisher verdeckte, schmetterte durch das stille -Halbdunkel ein Ruf — oder Ton — oder Aufschrei — wie ihn nur der -begreift, welcher jemals einen Urbewohner der Berge aus voller Kraft -der Lunge „jodeln“ gehört —... ein Jodler, der das Echo am Ende -des Sees aus dem ersten Schlummer aufzuschreien zwang, — das ferne -Waldufer nahm die Herausforderung an und nun scholl es zehnfach zurück -von Berg und Fels und verklang endlich in sanfteren Tonwellen, welche -von dem raschen Ruderschlage übertönt wurden, womit die stattliche, -fest und zierlich gebaute Barke vom Freinhof herankam. In einer Minute -hatte sie den Nachen Arnolds <span class="nowrap">erreicht. —</span></p> - -<p>Der Urheber des gewaltigen Jubelgrußes war aber kein Eingeborner der -Gegend, sondern der vom Schiffer erwähnte „große Herr Knorr,“ welcher -auf der äußersten Spitze des Vordertheils, gerade über den goldnen -Buchstaben des Namens Julia stand, und mit einem braunen Sammtrock -bekleidet und einem grauen, weichen, vielgeprüften Filzhute bedeckt, -in ungeheurer Länge emporragte, wie der Rauchfang eines Dampfschiffes. -Auf dem mittleren Sitze saß ein Mann in eleganter Sommerkleidung, das -heißt, er war vom Hals bis zu den Kamaschen mit dem gleichen englischen -Stoff von unbestimmter Farbe<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> überzogen und trug einen Panama-Hut mit -Sammtband. „Kannst du denn, — rief er dem andern zu — dein höllisches -Gejohle nicht lassen, wo du gar nicht weißt, ob es zur Situazion paßt!“ -— Der Lange im Sammtrock lachte laut aus seinem struppigen Vollbart -und sagte: „Zu meiner Situazion jedenfalls, und für die deine hindere -ich dich nicht, jedes Geflöte und Gesäusel anzustimmen, welches dir -passend scheint.“</p> - -<p>Julie war beim ersten der vom Panama-Hut mißbilligten Töne rasch im -Schiffchen aufgestanden mit dem Ausrufe: „Da sind sie, die Retter nach -der Gefahr! — der gute närrische Knorr, vielleicht der einzige Mensch, -der es ganz ehrlich mit mir meint — und der ewig fein sein wollende -Reiland“... (es schien Arnold, als ob vor dem Namen Reiland noch das -Wort „unausstehlich“ halblaut eingeschlüpft wäre).</p> - -<p>„Willkommen, willkommen!“ scholl es von den aneinanderliegenden -Schiffen. „Wir waren so fest überzeugt — rief Knorr’s gewaltige -Baßstimme — daß Sie der See verschlungen, schöne Frau Julie, daß Herr -Reiland bereits Trauer um seinen Hut gelegt, und ich einen meiner -Revolvers mitgenommen habe, um mich beim rothen Kreuz nach Erhebung des -Thatbestandes zu erschießen“ — er knallte dabei einen der Läufe gegen -die Felsenwand los — „und<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> nun eine Jubelfanfare für die glückliche -Rettung“ — — er setzte ein chromatisches Posthorn an den Mund, und -ein Geschmetter, welches den vorigen Jodler zu Schanden machte, fiel -mit dem Wiederhall der Pistole zusammen.</p> - -<p>„Aber um Gotteswillen, lieber, lieber Knorr — bat Julie mit -aufgehobenen Händen — jetzt ein Ende mit Ihrem gräßlichen Unsinn! -Geschwind fort, zum rothen Kreuz, dort finden Sie den verzweifelnden -Blauhorn, den Sie auf der Heimfahrt mit Schießen und Blasen sein Elend -vergessen machen sollen.. Guten Abend, lieber Reiland! Adieu! In einer -Stunde im Schweizerhaus!“</p> - -<p>Der Genannte verbeugte sich mit einem Blick, in welchen er ehrerbietige -Zärtlichkeit, feines Bedauern über Knorr’s Auffassung der Situazion -und noch vielerlei Anderes zu legen gedachte. Knorr aber rief -den vier Ruderern ein Vorwärts! zu, und die Fahrzeuge flogen in -entgegengesetzter Richtung auseinander.</p> - -<p>Arnold hatte Welt genug, um manche auf seinen Lippen schwebende Frage -zu unterdrücken. — Knorr’s vertrauliches „schöne Frau Julie“ hatte ihn -eben so unangenehm berührt, als Reilands süßes albernes Augenspiel. -— — Und wieder in Juliens Zügen das gleiche frohe Aufleuchten beim -<span class="nowrap">Gruße. — —</span></p> - -<p>Mit einem ihm unerklärlichen Uebergange hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> sich nach der Begegnung -mit der Barke ihr ganzes Wesen verändert. Es war, als ob, wie auf den -Berggipfeln, auch in ihr der letzte Funke der Abendglut verlöscht wäre.</p> - -<p>Sie sagte: „Legen Sie Ihr Ruder weg und lassen Sie dem Fährmann allein -die Mühe. Setzen Sie sich zu mir, — wir kommen doch noch vor den -Andern nach Hause.“</p> - -<p>Es läßt sich denken, daß Arnold schnell und freudig gehorchte.</p> - -<p>„Da haben Sie, fuhr sie fort, ein Bild meines Lebens: — ein Ort, der -die Heimat des Friedens scheint, und aus dem doch alle Ruhe verbannt -ist. — Wenn ein Augenblick einer ruhigen frohen Träumerei kommt, so -fährt ein greller Mißlaut dazwischen, wie jetzt der tolle Lärm dieses -guten Menschen, und doch verletzt dieser mich hundertmal weniger als -manches Lied mit oder ohne Worten, dessen Ton rein und dessen Sinn -falsch ist — und das ich doch anhören muß.“</p> - -<p>Sie erschien Arnold mit jedem Augenblicke schöner, als sie, den -Lockenkopf senkend, mit schmerzlichem Lächeln vor sich hinsah.</p> - -<p>Er erwiederte: „Und doch ist nun auch dieser grelle Mißlaut verklungen, -und so muß es jeder andere, wenn Sie ihn nicht in Ihrer Seele -nachklingen<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> lassen. Ich vermag nicht über frohe und schmerzliche -Bewegungen in Ihrem innern und äußern Leben zu urtheilen, aber daß -<em class="gesperrt">Sie</em> die Gabe besitzen müssen, jede Dissonanz in den Akkord zu -lösen, wenn Sie nur ruhig wollen, davon bin ich fest überzeugt.“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Ruhig wollen?</em>“ wiederholte sie — „Ich kann mir nur ein -heftiges, heißes Wollen denken.... wer Ihr Mittel besitzt, der bedarf -seiner schon nicht mehr!“</p> - -<p>Sie schwieg einen Augenblick, wendete sich gegen ihn und sprach mit -leiser Stimme, aber jedes Wort betonend und langsam: „Könnten denn Sie -Jemanden — — so recht innig — vom Grund des Herzens — bis in den -Tod — — unversöhnlich hassen?“</p> - -<p>Mag man es einen Wahnsinn nennen, daß Arnolds Blut heiß aufwallte und -zum Herzen drang, als die Worte, so langsam einander folgend, jedes die -Erwartung des folgenden spannend, über die wunderbar reizenden Lippen -traten.</p> - -<p>Konnte er sich denn auch nur träumen lassen, daß statt „hassen“ ein -anderes Wort schließen würde? — Und <em class="gesperrt">wenn</em> es kam — — hätt’ -er sich dessen freuen können? — War er der Mann, der ein Glück in -einem flüchtigen Abentheuer fand, wenn die Frage von der schlimmsten, -rasch auf ihr Ziel hinsteuernden<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Koketterie eingegeben war? — und -welche Erklärung hätte es gegeben für eine <em class="gesperrt">solche</em> Frage an einen -jungen Mann, den die schöne Frau eine Stunde lang nicht <em class="gesperrt">kannte</em>, -sondern <em class="gesperrt">sah</em>? welche Erklärung, die nicht dem Paradiesvogel ihrer -Anmuth die schönsten Schwungfedern, dem Schmucke ihres Geistes die -glänzendsten Juwelen ausgebrochen hätte?</p> - -<p>Doch das <em class="gesperrt">andere</em> Wort kam eben <em class="gesperrt">nicht</em>, und einen Augenblick -später freute er sich dessen.</p> - -<p>Seine Wangen waren aber mit einer im Abenddunkel freilich nicht -sichtbaren Glut übergossen, als er bei der Dissonanz, womit die -Frage schloß, erst klar fühlte, welchen Klang er erwartet... welche -Gedankensünde er gegen <em class="gesperrt">sie</em> begangen.</p> - -<p>Sie war ihm zu verzeihen. — „Ich möchte — sagte er, vor Allem -<em class="gesperrt">Sie</em> fragen, wie kann ein so harter, wie ein dreischneidiger -Dolch geschliffener Gedanke aus weichen Frauenlippen kommen?“</p> - -<p>„Vielleicht, entgegnete Julie, — ist eben nur eine Frau in ihrer -Schwäche eines solchen fähig; ich habe die kräftigsten Charaktere -stets am versöhnlichsten gefunden, vielleicht mit Ausnahme eines -<em class="gesperrt">Einzigen</em>.“</p> - -<p>„Der <em class="gesperrt">Zweite</em>, rief Arnold, bin nicht <em class="gesperrt">ich</em>! Ein dreifaches -Nein! Ein Haß, wie Sie ihn malen, ist ein Ungeheuer unter den -menschlichen Gefühlen, ist<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> vielleicht die einzige, durch nichts zu -tilgende Schuld gegen die Menschennatur! Ob ich zu den kräftigen -Charakteren in Ihrem Sinne gehöre, vermag ich nicht zu entscheiden; -die Ziele und Hindernisse, an denen ich meine Kräfte zu messen habe, -liegen noch vor mir. Daß ich mir aber kein Verbrechen denken kann, das -nicht endlich gesühnt werden, — und so auch keinen Haß, der nicht -endlich erlöschen könnte, das ist wahr — so wahr, daß ich Sie — -Vergebung meiner Offenheit! — innig beklagen würde, wenn Sie das, was -Sie aussprachen, in seiner furchtbaren Bedeutung, in seiner ganzen -tödtlichen Kälte zu fassen, zu begreifen vermöchten!“</p> - -<p>War es doch das Nachzittern des nicht gesprochnen „andern“ Wortes, das -ihn so heiß gegen den kalten Haß reden ließ?</p> - -<p>„Es wird eine Zeit kommen, entgegnete Julie ruhig, wo Sie meine Frage, -die Sie befremden muß, begreifen, — wo Sie auch den Grund derselben -nicht hören, sondern so zu sagen mit erleben. Ich glaube, Sie werden -unserem Hause, werden mir nicht fremd bleiben. — Daß Sie den Freinhof -heute nicht verlassen, sondern die Gastfreundschaft annehmen, welche -Ihnen dessen Besitzerin anbietet, versteht sich von selbst. Erst jetzt, -da ich Sie den Bekannten, die Sie treffen,<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> vorzustellen wünsche, bitte -ich Sie mir zu sagen, welchen Namen ich nennen darf.“</p> - -<p>„Ich heiße Arnold Korbach und theile letzteren Namen mit der Besitzung -meines Vaters, dem Korbachthale, sechs Stunden von hier, wo unsere -Metallfabrik liegt. — Ich habe mehr als ein Jahr auf der Reise -in Begleitung eines Freundes meines Vaters zugebracht und wollte, -nachdem ich nach der Rückkehr einige Tage bei den Meinigen verlebt, -mit dem heutigen Nachttrain nach der Residenz, wo ich noch ein Jahr -künstlerische und technische Studien betreiben werde, um dann die -Leitung unserer Werke zu übernehmen.“</p> - -<p>— „Ihr Name war für mich kein fremder Klang. Ich hörte Ihres Vaters -bei vielen Gelegenheiten auf eine solche Weise erwähnen, daß ich -mich nun doppelt freue, den Sohn eines von allen Rechtlichen so -hochgeachteten Mannes kennen zu lernen. Der schwere Schlag, welcher im -vorigen Jahre Ihr Haus durch den Tod Ihrer würdigen Mutter getroffen, -deren segensreiches Wirken in weiten Kreisen bekannt war, hat innige -Theilnahme auch bei denen erregt, welche sie nicht persönlich kannten.“</p> - -<p>— „Die Kreise, von denen diese mir wohlthuenden Worte gelten, sind -zwar höchst achtungswürdige, aber wohl kaum <em class="gesperrt">weite</em>. Man kannte -meine<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> Mutter als die Gründerin der protestantischen Kolonie in -Korbach, kennt meinen Vater als den Beschützer derselben, — als -freisinnig, — verzeiht ihm in gewissen Regionen nicht, daß er, selbst -Katholik, meine Schwester und mich im Glauben der Mutter erziehen ließ, -und — ich werde mich nicht täuschen, wenn ich annehme, daß bei dem -hier zu Lande herrschenden Geiste die Zahl Derer, welchen ein Unglück -unseres Hauses Freude bereitet, größer ist als jene der freundlich -Theilnehmenden.“</p> - -<p>— „Ich hörte auch in <em class="gesperrt">diesem</em> Sinne sprechen, und Sie können auf -Ihre Feinde nur stolz sein. Glücklich, der in unabhängiger Lage sich -des Beifalls der Guten freuen kann, ohne den Haß der Schlechten zu -scheuen. <em class="gesperrt">Sie</em> athmen Freiheit! Ein Wort, das mir wie eine ferne -Kindheitserinnerung klingt. — Der Schlag der Hämmer in Ihren schönen -Werken, deren blühenden Zustand Alle preisen, mag all’ dieß feindliche -Gerede übertönen. Es freut mich, Sie gerade dieser Bestimmung -entgegengehen zu sehen. Das Bild der Metallfabrik stimmt für mich zu -Ihrem Wesen. Ich konnte mir Sie nicht am Schreibtische als Beamten, -eben so wenig als künftigen Advokaten, Literaten, kurz als ein Mitglied -der schreibenden Welt denken. — Nun sind wir im Augenblick zur Stelle -— — in einiger Zeit wird Knorr auf Ihr Zimmer<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> kommen, Sie ins -Schweizerhaus zu begleiten.. vergessen Sie einstweilen meine seltsame -Frage — urtheilen Sie überhaupt heute nicht über mich, Sie würden es -vielleicht widerrufen müssen.“</p> - -<p>Arnold drückte die dargebotene Hand. Sie waren gelandet; Hausleute und -Diener des Freinhofes drängten sich unter Aeußerungen der Freude um -Julie, welche freundlich dankte, Arnolds Jacke abstreifte, die sie ihm -lachend über die Schulter hing und, von einem Mädchen gefolgt, nach der -Mitte der Gebäude zuschritt. — Ein junger Diener in Jagdlivree hatte -Arnolds Reisetasche demselben vorgetragen und führte ihn nach links, -einige Stufen hinan, über einen hölzernen Gang, dessen geschnitzte -zierliche Säulen, von Schlinggewächsen umsponnen, das vorspringende -Dach trugen, in ein im bekannten Stile aller eleganten Chalets -gehaltenes Zimmer, wo ihn aller Comfort empfing, welchen Reichthum -und Geschmack vereinigt dem Gaste zu bieten vermögen. — Der Erzähler -dieser Geschichte weiß, was er selbst und Tausende seiner Mitgeschöpfe -unter Lokalitäten-Beschreibungen gelitten. Dieses mitleidslose -Herumzerren durch Haupt- und Nebengebäude, das Inventarium sämmtlicher -Einrichtungsgegenstände, meistens nur zu dem Zwecke, die Begabung -des Autors als Dekorateur und seine Fachstudien im Tischler- und -Tapazierer-Handwerk<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> zur Schau zu stellen — — dieses Alles bildet ein -dem Gesetze nicht erreichbares Vergehen gegen die Sicherheit des arglos -vertrauenden Lesers, welches als Mißbrauch der schriftstellerischen -Amtsgewalt zu bezeichnen wäre.</p> - -<p>Dieser Ansicht gemäß sei hier der reizende Freinhof mit der -rücksichtsvollsten Kürze gezeichnet.</p> - -<p>Auf der vom Seeufer sanft aufsteigenden Anhöhe, an den Waldhang -gelehnt, steht das Schweizerhaus, Juliens Wohnung, — ein Stockwerk -hoch, von uralten Tannen überragt.</p> - -<p>Der feste steinerne Unterbau enthält zwei Dienerwohnungen, eine -Küche und Kammern; der obere Theil, aus röthlich braunem Holze, -zwei große Zimmer nach dem See hin, welche als Gesellschafts- und -Musiksalon dienen, und vier kleine Piecen nach der Waldseite: Juliens -Schlafgemach, ihr Boudoir, ein Bibliothekzimmer, ein Maler-Atelier.</p> - -<p>Offene Gänge mit schlanken hölzernen Säulen und leichtem Dache -verbinden das Schweizerhaus mit den beiden ebenerdigen Flügeln. An -den hohen Bogenfenstern dieser aus rothen Ziegeln aufgeführten, mit -grauem Schiefer gedeckten Gebäude läuft, in der Höhe von sechs Stufen, -eine Gallerie hin, über welche wir, und zwar im linken Flügel, der die -Fremdenzimmer enthält, bereits Arnold begleitet haben. —<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> Den rechten -Flügel bewohnt der Herr des Hauses bei seinen in den ungleichsten -Zwischenräumen stattfindenden Besuchen des Freinhofes.</p> - -<p>Etwa hundert Schritte von diesem Flügel, durch Baumgruppen von den -Wohngebäuden getrennt, durch eine schattige Zufahrt mit denselben -verbunden, liegen die Wirthschaftsgebäude.</p> - -<p>— — — Julie war vor ihrem Mädchen die Treppe hinaufgeflogen in ihr -Boudoir, hatte sich auf die Ottomane geworfen, und lag einige Minuten -regungslos, ein Marmorbild, mit geschlossenen Augen da. Das Mädchen -stand schweigend und betrachtete sie mit sanftem mitleidigen Blick; sie -sah dieses Bild wohl nicht zum erstenmale. Julie schien nach einiger -Zeit aus einem Mittelzustande zwischen Schlaf und Ohnmacht zu erwachen, -und sagte leise und freundlich: „Nimm die Lampe weg, Martha, und komm -in einer halben Stunde“ — und als sie im dunkeln Gemach allein war, -drückte sie das Gesicht in die Kissen und zog, von Fieberschauer -geschüttelt, einen Shawl fest um sich. Ob der zitternde Athem, der -fliegende Puls, — ein Schmerzenslaut, der sich aus ihrer Brust rang, -von einem Leiden des schönen Körpers, ob von einer tieferen, nur in -einsamer Minute die Fesseln brechenden Seelenqual herrührten? — -Vielleicht würde, hätte er sie belauschen können, derjenige die rechte<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> -Antwort getroffen haben, der sie doch nur eine Stunde lang kannte, — -Arnold, wenn anders der Wunsch zu errathen die Fähigkeit des Errathens -schärft.</p> - -<p>Seele und Sinne hatten in der kurzen Stunde einen tiefen Eindruck -empfangen. Er war aber gewohnt, keinen Eindruck in träumerischem -Halbdunkel zu lassen: er war vor Allem wahr gegen sich selbst. Mit -bestimmten Fragen beleuchtete er jedes nebelhafte Gebild in seinem -Innern, bis es Gestalt und klaren Umriß gewann, und dann ward es warm -im Herzen gehegt oder kalt abgestoßen.</p> - -<p>Er fragte sich: Kannst du dich einer Empfindung entsinnen wie die, -welche diese Frau in dir erregt? — Nein. — Kannst du dieses Gewoge -von Eindrücken, welche dich während dieser Spanne Zeit bald erfreuten -bald verletzten, Liebe nennen? — Nein. — Wie nennst du es also? — Er -fand aber keine Antwort.</p> - -<p>— Nachdem er sich in seinem Zimmer eingerichtet und den Inhalt seiner -Reisetasche, — Zeichenmappe, Tagebuch, — geordnet auf dem Tische -lagen, trat er ans Fenster und sah nach dem stillen See hinaus. Die -Bilder des Abends begannen den dunkeln Raum vor seinen Augen zu füllen: -er duldete dießmal die Träumerei und stellte sich keine Fragen mehr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p> - -<p>Alle glänzenden und bleichen Bilder verschwanden aber plötzlich, wie -Geister beim Hahnenrufe, bei den Tönen, welche die Ankunft Knorrs und -seiner Gefährten verkündeten.</p> - -<p>Er sah sie landen und sich nach dem Fremdenflügel wenden, — trat vom -Fenster zurück und in der folgenden Minute wurde die Thür aufgerissen -und Knorr schritt herein.</p> - -<p>Seine Erscheinung war darnach angethan, um Arnold vollends aus seiner -Gedankenflut auf den festen Boden der Wirklichkeit zu heben. Knorr aber -mußte den festen Boden mit wirklichem Wasser vertauscht haben, denn -dasselbe triefte noch von seinen am Leibe hängenden Kleidern, rieselte -von den Haaren, perlte im Bart, und die damit gesättigte Hutkrempe hing -schlaff über die Stirne. Er warf das formlose Filzgebilde in einen -Winkel und sich selbst in ein Fauteuil, mit den Worten: „Ich schlage -vor, uns einander nicht vorzustellen, überhaupt unsere Bekanntschaft -gar nicht anzufangen, sondern bloß fortzusetzen. <em class="gesperrt">Meinen</em> Namen -hat Ihnen Frau Julie bereits gesagt und jedenfalls ein Beiwort -angefügt, welches näher oder ferner mit dem Begriffe von „verrückt“ -verwandt ist. Ich dagegen sah Sie zum erstenmal, als Sie aufs -Aufopferndste bemüht waren, eine schöne Frau im Dunkeln über einen See -zu fahren.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p> - -<p>„Welche aber, unterbrach ihn Arnold, Ihren Namen nicht bloß in -Begleitung des obigen Beiwortes, sondern auch mit einem Zusatze nannte, -welcher beweist, wie hoch Sie in ihrer Meinung stehen.“</p> - -<p>„So hoffe ich,“ sagte Knorr, „und was nochmals das Beiwort betrifft, so -ist im Freinhof und im übrigen Europa die Grenze zwischen verrückt und -gescheidt noch nicht ausgemittelt <span class="nowrap">worden.“ —</span></p> - -<p>„Jedenfalls, rief Arnold, müssen Sie vor Entscheidung dieser Grenzfrage -trockene Kleider anziehen und das sogleich, sonst müssen Sie krank -werden.“</p> - -<p>„Auch das wünscht’ ich der Neuheit wegen einmal zu versuchen, sagte -Knorr, und unserm Doktor zu Lieb, der bei dem Gesundheitszustand dieser -Gegend sein Dasein bloß durch Wilddiebstahl fristet. Mit mir hat es -aber keine Gefahr: ich werde trocknen, indem ich Ihnen erzähle, warum -ich naß bin. Die hölzerne Julia, weniger leicht gebaut und eben so -unberechenbar wie ihre lebendige Namensschwester, war nicht dicht ans -Ufer zu bringen. Wollte man alle Gewalt anwenden, so verrannte sich der -tiefe Kiel in den Sand, oder die Julia keilte sich zwischen die Steine -und nahm Schaden, und der Hofrath, Reiland, die Schiffsleute und ich -konnten als sieben linke Schächer über Nacht am rothen Kreuz hängen. Da -Herr von Blauhorn zu weinen anfing, that ich<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> einen Satz ins Wasser, -nahm ihn auf die Schulter und schritt, wie der große Christof mit dem -Weltheiland, auf die Julia zu. Da geräth mein linker Stiefel auf einen -lockern Stein, die ganze Gruppe stürzt in sich zusammen und ich liege, -meiner vollständigen Länge nach, auf dem Rücken im hochaufspritzenden -Gewässer und habe die Selbstverleugnung, in dieser Verfassung meine -Bürde mit den Armen über meiner Brust in die Luft zu halten, bis die -Schiffsleute dieselbe übernehmen. Das Wasser, welches da von mir wie -von einem Regenschirm abtropft, war Zeuge dieser <span class="nowrap">That.“ —</span></p> - -<p>Arnold fühlte sich von der ehrlichen Seele, die aus den großen, derben -Zügen des Erzählers leuchtete, angezogen, und sagte: „Sie haben -scherzend erzählt, und im Ernst sehr schön gehandelt.“</p> - -<p>„Ich denke wohl“ — erwiderte Knorr, seinen Filz ausdrückend und -schritt von dannen, da Arnold entschieden auf dem Kleiderwechsel -bestand und seine Begleitung in das Schweizerhaus ablehnte.</p> - -<p>Es verging eine halbe Stunde, bis sich die Fenster desselben erhellten. -Er sah nach und nach mehrere Gäste des Freinhofes von seinem Flügel -aus hinübergehen. Der Diener hatte erzählt, daß ein Theil der -Gesellschaft, auf einem anderweitigen Ausfluge gleichfalls vom Gewitter -überrascht, fast gleich<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>zeitig mit Arnold angelangt war. — Er folgte -nach einiger Zeit, und als er über die von außen auf die Gallerie des -Schweizerhauses führende Treppe an das erste offene Fenster des Salons -gelangte, wurde er, aus dem Dunkel kommend, von dem Glanz geblendet, -der ihm entgegenstrahlte.</p> - -<p>Die sechs Kristallkugeln der Hänglampe im Verein mit der großen Lampe -des Theetisches gossen fast überreiches Licht über den behaglichen -Raum. Die Geister Aladins schienen einen kleinen Salon der Residenz -mit seinem ganzen weichen, glänzenden, warmen, duftenden Inhalte -aufgehoben, über die Berge hingetragen und in die braunrothen Wände des -Schweizerhauses niedergesenkt zu haben.</p> - -<p>Er überblickte die Gesellschaft. Auf dem Ecksofa am Theetische war -Reiland um eine blonde junge Frau beflissen, welche ihm zerstreut -zuhörte und die lebhaften Augen klug und beobachtend von einem -Mitgliede der Gesellschaft zum andern fliegen und nur manchmal auf -ihrer Häckelarbeit ruhen ließ. Ihre Gestalt und Haltung machte den -Eindruck der Selbstständigkeit und Entschiedenheit, welcher durch -weiche, schöne Züge gemildert wurde. Das Fauteuil neben ihr besetzte -ein Herr, in dessen Zügen nebst der entschieden günstigsten Meinung -von sich selbst, auch die Kurse von Kredit und Nordbahn zu lesen<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> -waren. Er demonstrirte irgend Etwas mit großer Lebhaftigkeit einem vor -ihm stehenden Husaren-Obersten und einem dürren, scharf und falsch -blickenden Geistlichen. An einem Seitentischchen im Journal lesend, -saß Knorr in einem, dem riesenhaften schwarzen Holofernes-Kopfe zur -besondern Folie dienenden weißen Drill-Anzuge —, das Höchste, was -er an „Staat“ entwickelte, wenn es galt zu repräsentiren, wie bei -den seltenen Besuchen, womit er, und zwar erst in neuerer Zeit, den -Kollmann’schen Salon beehrte. Ihm gegenüber der Hofrath, blaß und in -sich zusammengeschrumpft, mit Bleistift in seine Tablettes schreibend. -Zwei schöne Mädchen von etwa sechszehn und achtzehn Jahren schwätzten -mit einigen jungen Leuten, deren Schablonengesichter durch die -Gebirgstracht, die sie zum Freinhofbesuch angelegt, noch unbedeutender -als gewöhnlich erschienen.</p> - -<p>Einen Augenblick fühlte sich Arnold von der ganzen fremden Welt, die -ihm durch die leichten Vorhänge entgegenglänzte, so abgestoßen, daß ihn -der Gedanke anwandelte, auf seine Zimmer zu gehen, einen Brief mit Dank -und Lebewohl an Julie zu schreiben, und dann — die Reisetasche gepackt -— in die Nacht hinaus — über die Föhrleiten zum Bahnhofe... Der Abend -sollte dann ein für sich bestehendes Bild, das mit seinem früheren und -späteren Le<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>ben nicht zusammenhing, sollte nur die letzte und schönste -seiner Reiseerinnerungen bleiben.</p> - -<p>Doch fühlte er schnell das Unpassende eines solchen Benehmens. Hätte -er sich mit gewohnter Gewissenhaftigkeit befragt, so hätte die Antwort -gelautet: du bleibst nicht weil das Gehen unpassend ist, sondern weil -du sie nochmals sehen willst.</p> - -<p>Er trat ein; die Gesellschaft ohne sie schien ihm ein -Wachsfigurenkabinet. — Nach leichter Erwiederung seines leichten -allgemeinen Grußes kümmerte sich Niemand um ihn, außer Knorr, -welcher aufstand, ihn in ein Fenster zog und sagte: „Studiren Sie -sich die Gesichter und sagen Sie mir aufrichtig, welches Ihnen -das unausstehlichste wäre.“ Arnold lächelte und entschied für den -Geistlichen. „Ins Schwarze getroffen! — sagte Knorr. — Uebrigens wird -noch der Herr des Hauses in der Nacht <span class="nowrap">erwartet.“ —</span></p> - -<p>Jetzt flog die Thür des Boudoirs auf, und im hellblauen Kleide, rothe -Mohnblumen im Haar, trat Julie herein, mit leichtem elastischen -Schritte, ein strahlendes Lächeln um die frischen Lippen, Rosenflammen -auf den Wangen, Liebreiz und frohes Leben in jedem Zuge des Gesichtes, -jeder Wellenlinie der Gestalt, und das Siriusfeuer ihrer Augen -durchflog elektrisch den Kreis, der sich um sie zusammendrängte.</p> - -<p>In den ersten drei Minuten waren auf jeden<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> der Anwesenden von der -Springflut ihrer Begrüßungsworte einige Tropfen gefallen: Jeder mochte -das Gefühl des Bevorzugtseins haben. Eine Umarmung der blonden Frau, -ein Handreichen an den Obersten, den Banquier und Knorr, eine für den -feineren Beobachter fast ironische Verbeugung vor dem Geistlichen, -zwei Küsse auf die beiden Mädchenstirnen — — das folgte einander -in leichtem Fluge, wie wenn der Wind die Blüten vom Baume weht. — -Und nun klangen die Stimmen in jenen Chor zusammen, welchen manchmal -eine Gesellschaft in dem Moment anstimmt, wo ein Alle gleichmäßig -berührender Gegenstand wie das heutige Gewitter und die Wechselfälle -der Seefahrt sich darbietet, den nun Alle wie einen Ballon aus den -Raquettes des Gespräches umherfliegen lassen und dem Nachbar zuwerfen, -bis Jeder sein <span class="antiqua">heureux mot</span>, seine Frase los geworden.</p> - -<p>Julie durchbrach den Kreis, ging auf Arnold zu und führte ihn an der -Hand zum Sofa mit den Worten: „Wir haben heute zusammen die Launen -eines treulosen Elementes getragen, nun bleiben Sie mein Nachbar und -ruhen Sie hier im Genusse, den jedes überstandene Leiden <span class="nowrap">gewährt.“ —</span></p> - -<p>Arnold, der um die Welt gern wieder auf dem treulosen Elemente gewesen -wäre, entgegnete: „So erquicklich auch die jetzige Lage, so wüßte -ich doch<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> nicht, daß sie vor jener, die Sie als überstandenes Leiden -betrachten, für mich einen andern Vorzug hätte, als den, Sie selbst in -schöner, behaglicher Sicherheit zu sehen.“</p> - -<p>„Nun müssen Sie noch dazusetzen — sagte Julie, daß für den Mann der -Kampf mit den Fluten beglückender ist als der Frieden am Samovar, -und beidem ist genügt, sowohl der Galanterie, die Sie im Westen -gelernt, als dem Stückchen Nordlandsrecke und Junker Frithiof, das Sie -aus der Heimat mitgenommen und, in seiner besten Bedeutung, wieder -zurückgebracht <span class="nowrap">haben.“ —</span></p> - -<p>„Wie kann man einen so traurigen Namen haben? wer heißt doch Friedhof!“ -rief der Banquier Hr. v. Wörlitzer aus; und da gewisse Fragezeichen -auf der Stirn des Obersten und des Hofraths verriethen, daß auch -sie sich nicht in der Lage befanden, das Mißverständniß zu lösen, -so nahm Reiland das Wort und sagte: „Herr von Plomberg, der Mann -des Schwertes, ist durch seine Thaten auf dem Schlachtfelde der -Verpflichtung enthoben, die erdichteten der alten <em class="gesperrt">Germanen</em> zu -lesen, und sowohl der Herr Hofrath, als Herr von Wörlitzer, der Mann -des allbeherrschenden Goldes, dürften bei ihren reellen Geschäften -kaum Muße finden, sich mit den Nebelbildern altdeutscher Poesie zu -befassen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<p>„Gehorsamer Diener, rief der Oberst, meinen Sie vielleicht die Thaten -im letzten Feldzug, wo mein Regiment immer da stand, wo es kein Mensch -brauchte? In den Stunden unsers müßigen Zuschauens, wo wir uns nicht -rühren durften, wenn unsere Leute unter unsern Augen zusammengehauen -wurden, hätte ich den ganzen Junker Friedhof oder wie er heißt zehnmal -auswendig lernen können!“ — Das Gesicht, welches Knorr bei Reilands -vermittelnder Anrede aufgezogen hatte, läßt sich nicht beschreiben. „Da -haben wir das tägliche Brot, die Politik,“ brummte er vor sich hin.</p> - -<p class="mtop2">Und so kam es auch. In wenigen Minuten hatte sich das Gespräch der -Tagesfragen bemächtigt und trug den Charakter jener allgemeinen -Verstimmung und Gereiztheit an sich, welcher seit dem letzten -Friedensschlusse auch die konservativsten Elemente ergriffen hatte. -Der Oberst, der Geistliche, der Banquier, der Hofrath konnten als -Vertreter der Stände gelten, welche die Grundpfeiler des Bestehenden -vorstellen, aber Alle waren darüber einig, daß die öffentlichen -Zustände beklagenswerther geworden als je, mit dem Unterschiede, daß -der Soldat und der Geistliche das Heilmittel in einem entschiedenen -<em class="gesperrt">Rückwärts</em> erblickten, — der Banquier in einem ent<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>schiedenen -<em class="gesperrt">Vorwärts</em>, während der Hofrath zwischen den Kontrasten -durchlavirte.</p> - -<p>Besonders lebhaften Antheil nahm die blonde junge Frau, welche, als -dieses Thema auftauchte, in kurzen scharfen Sätzen die Meinungen -zusammenfaßte, und den beurtheilten Personen und Verhältnissen jene -schonungslosen Bezeichnungen gab, welche die Standeskonvenienz den -Männern verbot. Das Gespräch durchlief seine natürlichen Stadien der -Gährung und endigte, wie all’ die Tausende seinesgleichen, mit dem -Refrain: „So kann es nicht bleiben.“</p> - -<p>Bald nach Beginn desselben hatte Julie sich erhoben, Arnold gewinkt -ihr zu folgen und ging mit ihm in den Musiksalon, wo sie sich in eine -Causeuse in der Fensterecke setzte.</p> - -<p>„Wir sehen uns <em class="gesperrt">nun</em> erst eigentlich <em class="gesperrt">wieder</em>, — begann sie, -denn bei der Gesellschaft draußen waren Sie mir so ferne als in Ihrem -Zimmer im Fremdenflügel. Waren Sie denn nicht überrascht, fuhr sie -lächelnd mit Selbstironie fort, mich als Rose wiederzufinden, nachdem -Sie mich als Lilie verlassen hatten?“</p> - -<p>„Ich gestehe, daß entweder die natürlichen Umwandlungen Ihres Wesens -wunderbar rasch vor sich gehen, oder daß Sie eine, ich möchte sagen, -übermenschliche Kraft besitzen, um so zu scheinen — —<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> denn was -kann eine Frau, welche angegriffen, leidend, nach einer bestandenen -Lebensgefahr zurückkehrt, bewegen, eine Stunde später eine solche Fülle -von geselliger Liebenswürdigkeit zu entwickeln, während ihr vielleicht -die Einsamkeit ein Labsal wäre, — und einen Frohsinn — verzeihen Sie -mir den Ausdruck, — zur <em class="gesperrt">Schau</em> zu tragen, der Sie, wenn ich nach -dem Eindruck der kurzen Seefahrt über Ihr Wesen urtheilen dürfte, ein -Opfer kostet, — — das Diejenigen, denen es gebracht wird, kaum zu -erkennen scheinen?“</p> - -<p>Julie sah ihn überrascht, — sinnend, — erfreut an und sagte:</p> - -<p>„Genug, ich <em class="gesperrt">besitze</em> diese Kraft; was mich bewegt, sie -anzuwenden, wird Ihnen so wenig ein Räthsel bleiben, als meine -befremdende Frage auf der Heimfahrt.“</p> - -<p>„Ein Räthsel ist mir der ganze heutige Abend, von dem Augenblicke an, -wo ich Sie am Felsenufer begrüßte, bis zum jetzigen. Der Freinhof -selbst war ja wie ein Märchen vor mir aufgetaucht an einer Stelle, von -welcher mir, als ich sie vor Jahren betrat, nur das Bild der tiefsten -Einsamkeit und Abgeschiedenheit geblieben. Ihre Worte aber, aus der -Luft des freundlichen Scherzes in geheimen Tiefen tauchend, klingen -mir, wenn auch als <em class="gesperrt">ungelöste</em> Räth<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>sel, in der Seele nach, und -werden mich begleiten, wohin mich das Leben auch führe. Eine Unwahrheit -wäre es aber, wenn ich sagte, daß der Eindruck, den ich mitnehme, ein -froher, glücklicher ist. Sie sind beides <em class="gesperrt">nicht</em>.“</p> - -<p>„Arnold!“ erwiederte sie, und ihre duftigen Locken berührten fast -seine Wange — „ich spreche zu Ihnen, wie keine Frau vor mir zu Ihnen -gesprochen, vielleicht keine sprechen wird. Ich vertraue Ihnen, weil -die Wahrheit selbst ihre Gestalt der Lüge geborgt haben müßte, wenn aus -Ihren Augen ein falsches Gemüth blicken könnte. Ich sage Ihnen, ich -<em class="gesperrt">weiß</em>, daß Sie den Freinhof, daß Sie mich nicht vergessen werden, -— weiß, daß wenn ich einen Beweis dieses Gedenkens, selbst ein Opfer -von Ihnen forderte, Sie mir Alles verheißen, Alles erfüllen würden.“</p> - -<p>Arnold war, wie ein im Blumenduft Schlummernder, betäubt: das war -wieder der tiefe in der Seele nachzitternde Ton der Stimme — waren -wieder die langsam, in spannenden Zwischenräumen einander folgenden -Worte.</p> - -<p>Sie neigte sich im Sprechen zu ihm, und der reiche Flor der -wundervollen Formen lag warm mit mattem Glanze vor seinen verwirrten -<span class="nowrap">Augen. — —</span></p> - -<p>Er fand keine Worte als die Bitte, jenen Beweis, jenes Opfer zu nennen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p> - -<p>Sie erwiederte: „Die Zeit, wo Sie Ihr Wort erfüllen, wird kommen! — -— Wenn ich Sie errathe, so kann Ihnen in der Gesellschaft, zu der wir -nun zurückkehren, nicht heimisch zu Muthe sein; wenn Sie sie verlassen, -nehmen Sie von Niemandem Abschied; es wird, wie es hier gehalten wird, -Keinem auffallen. Den Brief, den ich Ihnen hier gebe, sind Sie so -freundlich, in der Stadt an seine Adresse zu geben. Und nun, da Sie vor -Tagesanbruch über die Höhe wollen — sagen wir uns hier Lebewohl, — -auf Wiedersehen!“</p> - -<p>Ihre Hand hatte während des ganzen Gespräches in seiner geruht; sie zog -sie bei den letzten Worten zurück, stand schnell auf, und im nächsten -Augenblicke schlugen die Wellen der Gesellschaft über die Blumenauen -zusammen, welche für Arnold mit Zauberschnelle erblüht waren in der -tropischen Wärme des Gespräches im matt erleuchteten Musiksalon — — -in welchem wohl noch keine Melodie einen Hörer mächtiger ergriffen -haben mochte. <span class="nowrap">— — —</span></p> - -<p>Sie tönte fort durch die stille Nacht, als er in seinem Gemache am -Fenster stand und auf den dunkeln See hinaussah.</p> - -<p>Hell flammten die Lichter im Schweizerhause. Es war ihm peinlich, sich -diese Gesellschaft als Rahmen des Bildes zu denken, das ihn erfüllte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p> - -<p>Er dachte sich’s am rothen Kreuze, mit einem Kranze von <span class="nowrap">Alpenrosen. —</span></p> - -<p>Ein rollender Wagen und Stimmen verkündeten die Ankunft des Besitzers -des Freinhofes. <span class="nowrap">— — —</span></p> - -<p>Erst lange nachdem jedes Licht verlöscht und jeder Laut verstummt war, -legte sich das Gewölk des Traumes um Seele und Sinne, die Bilder des -Abends mit weichem Schmelz verklärend, — wie der Goldnebel am See die -Gestalt der — <span class="nowrap">Geliebten? —</span></p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Krummholz.</p></div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Taschenteufel"><em class="gesperrt">Der -Taschenteufel</em>.</h2> - -</div> - -<p>Sechs Stunden nur liegen zwischen dem Augenblicke, wo Arnold von der -jäh aufsteigenden Bergstraße den letzten Blick nach dem Freinhof -geworfen, welchen der weiße über Thal und See liegende Morgennebel -nach wenigen Schritten seinen Augen verhüllte, — und zwischen jenem, -wo er in der Hauptstadt aus der Halle des Bahnhofes tritt, um sich -in den nächsten Wagen zu werfen, da er in seiner Gebirgstracht auch -nicht die wenigen Straßen durchwandern will, die ihn von seiner in der -hochgelegenen Vorstadt nächst dem Bahnhofe befindlichen Wohnung trennen.</p> - -<p>Sein Diener kniet nun vor dem bereits seit einigen Tagen -vorausgeschickten Reisekoffer, reicht ihm Stück für Stück in die Hand -und nach einer Stunde ist Alles geordnet, jedes Ding an der Stelle, die -es einnehmen soll, und so lange er in dieser Wohnung bleibt, einnehmen -wird, und die ganze Einrichtung des<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> kleinen Salons, des Schlafzimmers -und Arbeitskabinets gewährt ein wohlthuendes Bild der Nettigkeit, -Einfachheit, des Praktischen und Zweckmäßigen.</p> - -<p>Nun fährt er nach der Fabriksniederlage in der Stadt, wo er von alten -und jungen Bediensteten, vom Geschäftsführer bis zu den Knechten in -den Magazinen, mit achtungsvollen Freudenbezeigungen empfangen wird, -und sich mit Ersterem aufs Comptoir begiebt, wo er in Büchern und -Korrespondenzen arbeitet, — Bestellung von Aufträgen seines Vaters an -Geschäftsfreunde, — ein schnelles Mittagsmal in einem Hotel, Besuche -in zwei Maschinenfabriken, bei alten Bekannten seiner Familie und -bei Freunden, welche er mit Ausnahme dessen, nach welchem er sich am -meisten gesehnt, alle zu Hause trifft, haben die zweite Hälfte des -Tages in Anspruch genommen, und er kehrt in seine Wohnung zurück und -setzt sich ans Schreibpult, um dem Vater und der geliebten Schwester -Helene den ersten Gruß aus der Residenz zu senden.</p> - -<p>Und diese zwölf thätigen, wechselvollen Stunden hatten die Bilder des -vorigen Abends mit mehr Schleiern bedeckt, als eben so viele Tage eines -einförmigen unbeschäftigten Lebens vermocht hätten.</p> - -<p>Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, daß am zweiten oder dritten -Reisetage eine Woche zwischen die<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>sem und dem Abschiede von der Heimat -zu liegen scheint, — daß ebenso die Eindrücke der Reise von denen, -welche den Rückkehrenden umfangen, schnell in eine gewisse Ferne -gerückt werden?</p> - -<p>Mächtig hatte das eigenthümliche, wie mit magnetischen Strichen -bezaubernde Wesen der reizenden jungen Frau auf Arnold gewirkt. Aber -seine gesunde jugendliche Kraft kannte keine Schwelgerei in einem -Gefühle um des Gefühls willen: er goß in eine Flamme, die in ihm -aufzuckte, weder Oel noch Wasser. So viel natürliche Nahrung sie in -seinem Innern vorfand, so lange eben brannte sie und so helle.</p> - -<p>Schon auf dem drei Stunden langen Wege über das Gebirge in der -Morgenfrische milderte sich das schmerzliche Gefühl, womit er, aus -seinem Zimmer tretend, zur Gardine des Eckfensters im Schweizerhause -hinaufgeblickt hatte.</p> - -<p>Die Reise hatte seinen Blick erweitert, seine edelsten Kräfte -entwickelt und nun war der Augenblick gekommen, wo das Sistem sich -bewähren sollte, welches sein Begleiter, Sprenger, der treffliche, -kluge Freund seines Vaters, befolgt hatte, als er es sich zur Aufgabe -gemacht, der Mentor des jungen Mannes zu sein, ohne es zu scheinen.</p> - -<p>Er hatte keinen Sumpf und keine Giftblume vor<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> ihm verhüllt; — aber -den Sumpf durch kalte ruhige chemische Analise in seine ekelhaften -Bestandtheile aufgelöst, die Giftblume vor den Augen des Jünglings -botanisch zergliedert, medizinisch ihre zerstörende Kraft erwiesen, -ohne Duft und Farbenpracht wegleugnen zu wollen.</p> - -<p>Wohl wußte er, daß ein jugendlich heißes Blut weder durch Reflexionen -noch moralische Abschreckungstheorien zu kühlen sei; er eiferte -nicht gegen Weiber, nicht gegen Liebe, ja nicht einmal gegen -<em class="gesperrt">Sinnen</em>liebe, sondern suchte vor Allem in seinem Telemach -jenen Stolz zu entzünden, der vor Wegwerfen seiner selbst und vor -<em class="gesperrt">Zersplitterung</em> bewahrt.</p> - -<p>Mit klaren Worten gerade aufs Ziel losgehend, mochte er sagen: „Die -Gelegenheit, durch Handeln den höhern Platz, der deinen Kräften -gebührt, einzunehmen, dich <em class="gesperrt">positiv</em> auszuzeichnen, ist dir nicht -<em class="gesperrt">immer</em>, ist dir <em class="gesperrt">jetzt</em> nicht geboten: aber <em class="gesperrt">negativ</em>, -durch Unterlassen, dich vor den meisten deines Alters auszeichnen, das -kannst du immer; — liebe, wenn dir die Rechte begegnet, mit ganzer -Seele und ganzem Sinne, aber niemals soll dich Eine haben können -bloß deswegen, weil sie dich haben will, und wäre sie die Reizendste -ihres Geschlechts. — So wenig der Mann sich „heirathen lassen“ soll, -so wenig soll er sich „verlieben lassen.“ — Kurz du darfst nicht -Mittel eines<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> Weiberzweckes werden, sei dieser Zweck die Befriedigung -einer Seelenschwärmerei oder eines Sinnenverlangens. — Liebe Eine, -<em class="gesperrt">welche</em> dich liebt, aber nicht, <em class="gesperrt">weil</em> sie dich liebt. -— Du wirst Derjenigen, die dich erfüllen und fürs Leben beglücken -kann, nicht begegnen, ohne dich früher mehr als einmal getäuscht -zu haben, das heißt du wirst nicht heirathen, ohne vorher ein Paar -Narrheiten zu begehen, aber es seien wenigstens selbstständige, aktive -Narrheiten, kein „halb zog sie ihn, halb sank er hin“ — kein passives -Aufgehen in einer begehrlichen Laune einer Erfahrnen, welche an deinem -frischen unverdorbenen Wesen die überreizten Nerven kühlen will, wie -eine von der Mysterien-Literatur Uebersättigte sich plötzlich in -„Dorfgeschichten“ und „Zwischen Himmel und Erde“ stürzt.“</p> - -<p>Sicherlich gibt es keine Erziehungskunst, welche bloß durch aufgeführte -Dämme eine junge Saat vor Ueberflutungen zu schützen vermag. Ein -weiblicher Blumengarten mag auf solche Art eine Weile bewahrt werden: -das männliche Schlacht- und Erntefeld ist nur sicher durch seine -<em class="gesperrt">Höhe</em>. Gelingt es nicht, das ganze Niveau des innern Menschen zu -heben, so sind alle Dämme, die bald da bald dort durchbrochen werden, -nutzlos.</p> - -<p>Arnolds inneres Terrain war keine flache Niederung. Die gefährlichen -Wasser, die ihn einige Mo<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>nate hindurch in Paris und London umspülten, -reichten nicht hinan. Der vorhergegangene, Geist und Körper stärkende -Aufenthalt im Cockerill’schen Etablissement zu Seraing, wo Arnold, -wie viele andere junge Männer aus guten Häusern, in der Blouse des -Arbeiters in den Maschinenwerkstätten gehämmert und in den übrigen -Stunden Sprachen und wissenschaftliche Studien betrieben, — hatte ihn -an Kraftentwicklung und an den Genuß des Schaffens gewöhnt. Sprenger -gab sich nie, am wenigsten in Paris, den Anschein ihn zu überwachen, -behielt ihn aber fortwährend im Auge, und hatte die Befriedigung, ihn -aus Versuchungen unbefleckt hervorgehen zu sehen.</p> - -<p>Er stellte sich aber die Frage: „Vielleicht <em class="gesperrt">waren</em> es für ihn -keine Versuchungen?“</p> - -<p>Wenn er sah, wie die Wange des jungen Mannes nicht nur beim Anblick -eines großen echten Kunstwerkes sich höher färbte, sondern auch in -der mit allem Sinnenreiz durchdufteten Atmosphäre der Oper, wie sein -Auge nicht nur vor Laroche’s Napoleon, sondern auch vor Winterhalter’s -Florinde aufflammte, so sicher er auch den innern Werth beider Bilder -zu beurtheilen vermochte, so mußte sich Sprenger sagen: „er scheint -nie anders als er <em class="gesperrt">ist</em>, und wenn er das ganze hohe und niedere -Lorettenthum an sich vorübergehen läßt, ohne durch einen Blick zu -verrathen, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> es ihn reizt, so <em class="gesperrt">hat</em> es ihn eben nicht gereizt. -— Für dieses Wasser liegt er schon zu hoch. Ob nur für <em class="gesperrt">dieses</em>?“</p> - -<p>Die Zukunft allein konnte es beantworten: Sprenger hatte seine Aufgabe -erfüllt und seinen geliebten Arnold so blühend und rein, so reizbar und -offen, nur ernster und kenntnißreich in das Korbachthal zurückgeführt -an das Herz des Vaters und konnte diesem sagen: „Laß ihn nun allein -gehen: führen können wir ihn nicht weiter.“</p> - -<p>Und nach drei im Schoße der Familie zugebrachten Tagen schlug Arnold, -die kurze Fußreise durch das langentbehrte Gebirge vorziehend, den Weg -ein, auf welchem wir ihm begegnet haben, und schritt im frohen Gefühle -einer thätigen, ein bestimmtes Lebensziel verfolgenden Jugendkraft -dahin.</p> - -<p>Sumpf und Giftblumen lagen wohl tief unter ihm.</p> - -<p>Aber ein kristallreiner Gebirgssee, — und eine weiße Wasserlilie —? -<span class="nowrap">— — — —</span></p> - -<p>— — Der Brief nach Korbach war geschlossen und abgesendet. Arnold -wollte spät am Abende seinen geliebten Freund Günther, den er verfehlt -hatte, nochmals aufsuchen, als dieser bei ihm eintrat.</p> - -<p>Ein gleiches Gefühl durchdrang beide bei der ersten innigen Umarmung -— ein sehr ungleiches,<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> als sie einander beim hellen Lampenschimmer -betrachteten. Während Günther freudig ausrief: „Du bist ja ein ganz -prächtiger Junge geworden!“ vermochte der Andere kaum den Schmerz zu -verbergen, womit er in Günthers lebhaften, ausdrucksvollen Zügen jene -Linien entdeckt hatte, welche gleichsam der Abdruck des Netzes sind, -das eine unerbittliche Macht über ihr auserkornes Opfer geworfen. Nur -die Stunde, wann es zusammengezogen wird, ist ungewiß; die Fäden sind -unzerreißbar.</p> - -<p>Reiseerzählungen und die Mittheilungen Günthers über Verhältnisse -und gemeinschaftliche Bekannte in der Residenz füllten ein Paar -Abendstunden. — Die heitere, sprudelnde Laune des Letzteren hatte -gleichwol nichts von jener überreizten, verzweifelten Lustigkeit an -sich, welche manchmal einen dem Tode Geweihten, seines Zustandes -Bewußten, ergreift. Sie war ihm natürlich, und daß sie durch -Vorstellungen, welche sie in vielen Andern gebrochen hätte, nicht -einmal getrübt wurde, war das Ergebniß eines vollkommenen „mit sich -<span class="nowrap">Fertigseins.“ —</span></p> - -<p>Das Band zwischen den Freunden war so fest geschlungen, — sie -hatten sich mit ihren Eigenthümlichkeiten so vollständig in einander -aufgenommen, daß sie nach der Trennung von vierzehn Monaten, so zu -sagen im Buche ihrer Freundschaft ohne Nach<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>blättern da weiterlesen -konnten, wo es aufgeschlagen liegen geblieben war.</p> - -<p>Arnold erzählte seine Reise zwar in natürlicher chronologischer Folge, -langte jedoch unverhältnismäßig schnell im Freinhofe an. Er malte so -ruhig und objektiv als möglich, nicht um vor dem Freunde ein halbes -Geheimniß zu bewahren, sondern weil er kein ganzes zu haben glaubte. -Nachdem er ihm die Aufschrift des Briefes, den ihm Julie gegeben -„an Freiherrn Edmund von Sembrick“ gezeigt, welchen er heute nicht -bestellt hatte wegen des Beisatzes „von 9 bis 10 Morgens zu treffen“ -— schloß er mit den Worten: „Nun hast du Alles!“ — worauf Günther -erwiederte: „Was habe ich? Nichts hab’ ich. Lieber Freund, den Abend im -Freinhof, über den du jetzt in Worten, die eine halbe Stunde dauerten, -<em class="gesperrt">geschwiegen</em>, den mußt du mir erst erzählen.“</p> - -<p>— „Ich habe dir Alles gesagt.“</p> - -<p>— „Ja, Schifffahren, Stranden, Landen, Hutschwenken, Theetrinken, kurz -wo sie hingegangen sind, was sie gethan haben, etwa noch was die Welt -dazu gesagt hätte — das habe ich Alles bekommen. Was dein <em class="gesperrt">Herz</em> -dazu gesagt hat, das hast du weggelassen. — Ich bitte dich zu -bemerken, daß du in deiner Geschichte nur eine halbe Stunde gebraucht -hast, um über Brüssel, London und Paris in den Freinhof zu<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> gelangen, -und dann gerade eben so lang vom rothen Kreuz bis in die Fensterecke -im Musikzimmer. Sei also so gut und rücke heraus, nach unserm alten -Gelöbniß, uns nie Etwas <em class="gesperrt">nachträglich</em> zu vertrauen!“</p> - -<p>Er war lachend aufgesprungen und hatte Arnold an beiden Schultern -gefaßt, ihn mit einem Gesicht ansehend, welches eine so unbeschreiblich -komische Mischung von Grimm, gutmüthigem Spott und Bedauern war, daß es -dem Freund, der diese Dekorazion wohl kannte, selten möglich war, auch -nur die Voranstalten dazu ohne Lachen anzusehen. Als ihm jetzt dieses -greuliche, hundert Erinnerungen gemeinschaftlicher Erlebnisse weckende -Gesicht, ein wahres Kunststück Günthers, angrinste, fiel er ihm um den -Hals und rief: „Du alter, guter, einziger Seelenbruder! wenn dir nicht -mit einer Lüge gedient ist, so frage mich nicht weiter, — ich kann -dir nur die verbrauchten Worte sagen: Ich <em class="gesperrt">weiß</em> nicht wie mir -geschehen. Ich weiß nur, daß ich, wenn ich nicht arbeite, immer an sie -denke, und daß mir ist, als wenn ich eine vierzehnmonatliche Reise bloß -nach dem Freinhof gemacht hätte!“</p> - -<p>„Also hat doch der Teufel — —!“ rief Günther auf den Boden stampfend, -und unterbrach sich mit den Worten: „Verzeih’, Alter! ich bin -unverbesserlich, aber Gott sei Dank auch unveränderlich <em class="gesperrt">darin</em>, -daß<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> mir, seit ich meine Mutter verloren, nichts so nah geht als -was dich betrifft. — Jetzt schreibe mir alle Namen auf, die du im -Freinhof gehört — einige klingen mir bekannt; ich werde morgen bei dir -frühstücken und dich für deine Duft- und Nebelgeschichte in klingender -Münze bezahlen.“</p> - -<p>Arnold, dessen Gedächtniß jeden an seinen Gehirnwänden hingleitenden -Klang behielt, wußte fast alle Namen und gab den Zettel dem Freunde, -welcher rief: „Und nun leb’ wohl — bet’ und schlafe, daß dir besser -werde!“ — und ging. <span class="nowrap">— — — — —</span></p> - -<p>Als Arnold allein, — als die Lampe verlöscht war, trat ein altes -ewiges Naturgesetz in sein Recht: der Schleier des Tages war gefallen -— der vorige Abend allein stand mit allem Zauber vor Arnolds Lager. -Die duftenden Locken Juliens streiften wieder seine Wange. Er meinte, -er müsse das Fenster öffnen und nach dem Schweizerhause <span class="nowrap">sehen. — —</span></p> - -<p>Günther las zu Hause den Zettel. — Die Namen waren für ihn keine -todten Buchstaben, jeder rief ihm Menschen, Thatsachen, Erlebtes und -Gehörtes vor.</p> - -<p>Seine Freunde hatten oft von ihm gesagt, er habe einen <span class="antiqua">spiritus -familiaris</span>, einen Taschenteufel, den er um Alles, was da -vorgehe, befrage und der ihn hinter Gardinen und Konferenztische, -in Geschäftsbücher und Liebesbriefe, durch den Schleier, den die<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> -Demuth über gute, und das böse Gewissen über schlechte Thaten legt, -hindurchblicken lasse.</p> - -<p>Heimliche Kriegszustände öffentlich friedlicher Familien, verborgene -Krebsschäden scheinbar gesunder Vermögensverhältnisse, — Ehen, an -deren im Dunkeln gebrochenen Ringe der gelöthete Sprung für die Welt -unsichtbar blieb — Alles schien im Register des Taschenteufels -aufgezeichnet, der seinem Herrn in jedem Augenblicke das verlangte -Blatt hinhielt. — Und doch lag ihm nichts ferner als alles Forschen -oder Eindrängen, aller an Weibern bemitleidenswerthe, an Männern -geradezu verächtliche <span class="nowrap">Klatsch. —</span></p> - -<p>„Ich suche nicht und frage um Nichts — sagte er mit Recht — die Dinge -kommen zu mir, sie fliegen mir an, wie Eisenfeile dem Magnet.“ — Der -Kreis seiner Freunde war klein, der seiner Bekannten unübersehbar. — -Durch seine Stellung als Beamter der Bank und Mitglied der Verwaltung -einer der bedeutenderen industriellen Unternehmungen des Landes war er -mit der Finanzwelt, durch seine leidenschaftliche Liebe zur Malerei und -Musik mit allen Künstlerkreisen in Berührung.</p> - -<p>Der Talisman, welcher das Wunder wirkte, daß ein nicht unbedeutender -Mensch kaum einen einzigen Feind hatte, lag in einer Vereinigung von -fester Selbstständigkeit, die sich nie etwas vergab, mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> durch -keine Talente, durch keine sonstigen Vorzüge zu ersetzenden Gottesgabe -der <em class="gesperrt">Liebenswürdigkeit</em> — jener Liebenswürdigkeit, die nicht nur -im ersten Augenblicke, sondern nachhaltend fesselte, weil sie auf dem -festen Unterbau eines streng rechtlichen Karakters ruhte.</p> - -<p>— Ueber das Ganze hin leuchtete eine heitere, oft geradezu tolle -Laune, welche seine schonungslosen Einfälle nur als Schaumperlen im -Champagner, nicht als verletzende Glassplitter erscheinen ließ. — Er -besaß gewisse Privilegien in seinen Kreisen, von denen er bis an die -äußerste Grenze Gebrauch machte. Es war unter den Frauen ausgemacht, -daß „der Günther Alles sagen dürfe“ — — es lag eben in dem <em class="gesperrt">wie</em> -— — er machte seine Sprünge auf dem Glatteis anscheinend unmöglicher -Gespräche ohne auszugleiten.</p> - -<p>Dieses allgemeine Vertrauen war es, welches ihm in den verschiedensten -Kreisen jene „Eisenfeile“ von Mittheilungen zufliegen ließ und dann -verband er, mit Menschenkenntniß und scharfem Verstande kombinirend, -ganz entlegene Daten und gelangte zu den überraschendsten <span class="nowrap">Schlüssen. —</span></p> - -<p>Dem Zustande seines Körpers, an dessen Zerstörung ein Brustübel langsam -aber unaufhaltbar arbeitete, machte er in seiner Lebensweise nicht das -mindeste Zugeständniß. Er war nun einmal entschlossen<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> lieber drei -Monate zu leben als drei Jahre unter Medizinflaschen zu vegetiren. — -Weder schön, noch eine imponirende Erscheinung, hatte er dennoch bei -Frauen entschieden mehr Glück als mancher weit glänzender Begabte, und -da er dem Grundsatze, lieber zu leben als zu vegetiren, leider auch -auf diesem Felde seine Geltung ließ, so hatte an den Linien in seinem -Gesichte, welche Arnold mit Schmerz entdeckte, manche schöne weiße Hand -als Verbündete des dunkeln Zerstörers mit gezeichnet.</p> - -<p>Er überdachte alle Mittheilungen Arnolds, citirte den Taschenteufel und -begab sich, nachdem er seinen Stoff geordnet, am nächsten Morgen zum -jungen Freunde, der ihn mit erklärlicher Ungeduld erwartete.</p> - -<p>Nach eingenommenem Frühstück zündete er wie in gesunden Tagen seine -Zigarre an und sagte: „Du siehst mit einem so rührenden Jammer meinem -Rauchen zu, daß ich dich vor Allem beruhigen muß. <em class="gesperrt">Das</em> schadet -mir nicht; ich bin überzeugt, daß es meinem armen Teufel von Vetter -mit seiner Sparkasse-Anstellung von 500 fl. nicht um ein halbes Jahr -früher zur Erbschaft verhilft. — Daß ich heute noch lebe, ist mir ganz -angenehm, denn ich glaube dir Einiges leisten zu können. — Nun frage -ich dich, bist du in einem Stadium, in welchem man dir die Wahrheit -noch ohne Streuzucker geben <span class="nowrap">kann?“ —</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p> - -<p>„Sprich und gib was du hast und wie du es hast, ich werde dich nicht -einmal unterbrechen.“</p> - -<p>„Gut! ich kenne, den Knorr ausgenommen, alle Uebrigen so weit, daß -ich ihnen einen kurzen Steckbrief in Frakturschrift voranschicken -kann. — Zuerst die radikale Blondine; du hast sie Zeltner genannt. -Ihr Mann war im Kriegsministerium, ist weggejagt worden, unter die -Literaten gegangen und hat in Hamburg eine Brochüre drucken lassen, -in welcher der General-Adjutant Graf Greuth so zu sagen <span class="antiqua">in -effigie</span>, moralisch gehangen wird. Zeltner wurde hierauf <span class="antiqua">in -persona</span>, fisisch, eingesperrt, es wurde ihm ein Hochverrathsprozeß -wegen anderer vorgefundener Schriften angehängt, und er sollte sechs -Jahre in Königstadt sitzen. Eine Audienz aber, welche seine Frau beim -General-Adjutanten erwirkt, verbreitet plötzlich neues Licht über die -Sache, der Prozeß wird revidirt und die halbe Strafzeit erlassen. Die -Blonde schien immer noch mehr Licht auf die Sache werfen zu wollen, -denn sie hatte durch drei Monate einen ganzen Cyklus von Audienzen bei -Seiner Excellenz. Es wurde aber nichts weiter revidirt noch gemildert, -und sie soll jetzt bemüht sein, einer noch höheren Person die -Angelegenheit ihres Mannes zu beleuchten, und, wie es heißt mit Erfolg. -— Weiter. — Wörlitzer macht alle Geldgeschäfte für den Minister -des<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> Innern, Baron Thorn und für einige spekulirende Diplomaten. -Außerdem gehört er zu denen, welche, wie man zu sagen pflegt, Alles -mitnehmen. Er ist, wenn nicht Thorn’s rechte Hand, wenigstens seine -Wertheim’sche Kassa und hat freien Zutritt bei ihm, und was mehr werth -ist, eine schöne interessante Nichte. Der Baron Sembrick, an den dein -Brief lautet und den ich für ganz honett halte, soll sich für sie -interessiren. — Ich würde aber an deiner Stelle den Brief doch nur -hinschicken und abwarten, was seinerseits geschieht. — Nummer drei: -— der Geistliche, Pater Bernhard, kann kein anderer sein, als der -Prior und wahrscheinliche künftige Prälat von St. Martin und hat vielen -Einfluß auf unsern Erzbischof, der jeden Sommer mehrere Tage dort -zubringt. Ich habe bemerkt, daß immer zur Zeit dieser Besuche irgend -ein oberhirtlicher Wetterstrahl über die ungläubige Welt hinfährt. Der -Pater kommt auch oft hieher, und wohnt dann beim Erzbischof. — Was den -Husaren-Obersten von Plomberg betrifft, so kannst du seinen Fiaker alle -Abende hinter dem Mersey’schen Palais stehen sehen. Plomberg ist der -Geliebte der alten Gräfin, der Schwester der Obersthofmeisterin unserer -Prinzessin Anna. Sie zahlt alle Jahre seine Schulden. — Schließlich -Hofrath Blauhorn. Die Julie Kollmann hat dir von seiner bösen Frau -ge<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>sprochen. Er ist aber doch nur durch <em class="gesperrt">sie</em> vom Finanzminister -in die Kommission ernannt worden. — Ich gebe dir noch als Vermuthung -gratis in den Kauf, daß die beiden schönen Mädchen, wenn sie wirklich -Leonore und Sidonie heißen, die Töchter des Vizepräsidenten Mildern -sind oder vielmehr des Fürsten Leuchtendorf, bei dessen Kassa der alte -Mildern unverschämt genug ist, die Pension seiner Frau persönlich -zu beheben. — Knorr macht mir den Eindruck eines Menschen, dessen -eine Hälfte klug genug ist, um die andere, verrückte, als Mittel zu -benützen, sich im Freinhof gut füttern zu lassen. Ich will ihm nicht -Unrecht thun, habe aber solche Kerls gekannt, die sich für ihre grobe -Treuherzigkeit mit feiner Kost bezahlen ließen. — So weit einstweilen -die Steckbriefe. — Ganz unbekannt ist mir das alberne Subjekt Reiland.“</p> - -<p>In steigender Aufregung hatte Arnold zugehört. Er gedachte des -Augenblickes, wo er durchs Fenster ins Theezimmer gesehen hatte. Es war -ihm als betrachte er einen Hogarth’schen Kupferstich nach gelesener -Erklärung. — Die Leuchtkugeln Günthers waren doch noch ganz anders -wirksam als die acht Lampenkugeln. Derselbe fuhr fort:</p> - -<p>„Wenn du nun Alles zusammenfassest, so wirst du mir erlauben die -Behauptung aufzustellen, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> die ganze Gesellschaft im Freinhof, wie -sie vor Erscheinung der Frau vom Hause beisammen saß, dasjenige ist, -was wir, denen soziale Stellungen nun einmal nie so weit imponiren, -um ein Kind nicht bei seinem Namen zu nennen, ein <em class="gesperrt">Gesindel</em> -heißen; von jener Gattung Gesindel, die im Salonwasser nicht nur -gleichberechtigt mitschwimmt, sondern, wegen ihrer Leichtigkeit, sogar -meistens obenauf.“</p> - -<p>Arnold hatte gegen den kräftigen Schlußsatz nichts einzuwenden; es -hatte ihm ja selbst weh gethan, sich <em class="gesperrt">ihr</em> Bild in <em class="gesperrt">diesem</em> -Rahmen zu denken.</p> - -<p>„Meine Bezeichnung, sagte Günther, ist hart, aber du weißt, daß ich -gewisse Unterscheidungen von ganz, halb und drei Viertel honett nicht -acceptire. Frage dich, ob dieser oder jener Mann, diese oder jene Frau -die volle Achtung deines Vaters und deiner Schwester verdienen — das -ist der Probierstein — und Alle, bei denen du <em class="gesperrt">Ja</em> sagen kannst, -gehören <em class="gesperrt">herüber</em> und alle Andern <em class="gesperrt">hinüber</em>. — Nun aber eine -andere, wichtigere Wahrnehmung. — Es muß dir auffallen, daß alle diese -Elemente im Freinhof ein Gemeinsames haben, noch außer der gebrauchten -Bezeichnung, nämlich: jede dieser Figuren bildet eine Hintertreppe in -eine höhere Region. Du siehst da Telegrafendrähte zusammenlaufen, durch -welche auf die Prinzessin, zwei Minister, den Erzbischof, den al<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>ten -Fürsten Leuchtendorf <span class="nowrap">u. s. w.</span> gewirkt werden kann — alles indirekt -und durch Seitenthüren, nichts gerad und honett, aber vielleicht um so -sicherer. — — Ob dieses Zusammentreffen bloß die Folge der chemischen -Verwandtschaft, womit sich dieses Volk überall erkennt und anzieht, — -ob es ein geleitetes, beabsichtigtes ist, dazu habe ich vor der Hand -keinen <span class="nowrap">Schlüssel.“ —</span></p> - -<p>„Alles was du sagst, nahm Arnold das Wort, hat das Gepräge der -frappantesten Richtigkeit. Es mag sein, daß du in deiner letzten -Hipothese zu weit gehst. Doch hat dieß Alles keine Beziehung auf das, -was <em class="gesperrt">mir</em> jener Ort geworden ist. Was gehen mich die übrigen -Besucher dort an? wenn nicht in dem Sinne, daß ich sie auf den Boden -des Sees wünsche, und daß sie Julien vielleicht eben so unleidlich -sind. Wer kann sagen, was sie zwingt, mit allen diesen Gesichtern -freundlich zu sein?“</p> - -<p>— „Weder du noch ich. Aber das Folgende geht <em class="gesperrt">dich</em> an: wenn -der Freinhof ein Punkt ist, wo die besagten Fäden mit Absicht -zusammengezogen sind, so bist <em class="gesperrt">du</em> zu einem solchen Faden bestimmt -so gut wie die Andern.“</p> - -<p>— „Und welcher Prinz oder Minister soll durch <em class="gesperrt">mich</em> in Bewegung -gesetzt werden, durch einen un<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span>bedeutenden jungen Menschen ohne Rang -und Verbindungen?“</p> - -<p>— „Keiner; sondern du selbst.“ — Günther sprach mit jenem Ernst, der -eben an ihm, im Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Laune, um so tiefern -Eindruck zu machen pflegte. — „Täusche dich nicht hierüber. Gott -erhalte dir deinen Vater lange Jahre, vergiß aber nicht, daß, wenn -er die Augen schließt, du der Herr eines Besitzthums bist, welches -ungefähr eine Million repräsentirt, eine Million in den reellsten -Werthen die sich denken lassen, du bist überdieß — verzeih die -Impertinenz unter Männern — ein entschieden schöner Bursche. Weißt du -was das sagen will? Und wenn du albern und häßlich wärst, so ist dein -Vermögen ganz allein hinreichend, um in dir entweder einen Zweck oder -ein Mittel zu <span class="nowrap">sehen.“ —</span></p> - -<p>— „Ich gehe noch immer auf Alles ein. Aber alle Namen und alle -Verhältnisse der Personen und deren etwaige Zwecke haben nur dadurch -Interesse für mich, daß sie auf diese Frau Bezug haben; — welche Rolle -willst du denn <em class="gesperrt">ihr</em>, die mir nur den Eindruck eines lächelnden -geschmückten Opfers machte, in dieser Gesellschaft, oder diesen -Zwecken gegenüber, anweisen? <em class="gesperrt">Sie</em> soll doch nicht die Seele von -Intriguen oder ihre Hand die bewegende Kraft irgend eines unlautern -Getriebes sein? Ich würde dir übrigens<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> Alles vergeben, so lang du sie -nicht gesehen. Weißt du mir denn, nachdem du alle Schattenparthien -beleuchtet, gerade über den hellen, schönen Lichtpunkt nichts zu sagen?“</p> - -<p>„Thatsächliches, über den Lichtpunkt — Nichts! Daß Kollmann vor -ungefähr dritthalb Jahren hieher gekommen, den Winter über ein großes -Haus gemacht, daß die Frau von allen Frauen verlästert, von allen -Männern gefeiert wurde, daß sie im zweiten Winter verreisten und durch -den Bau des Freinhofes nach der Rückkunft wieder ins Gerede kamen, — -um das zu erfahren, brauchst du <em class="gesperrt">mich</em> nicht zu fragen.“</p> - -<p>„Lieber Günther, gestern hast du gesagt, ich hätte dir Nichts erzählt, -— gabst dich nicht zufrieden, bis ich dich auf den Grund meiner Seele -blicken ließ, und heute hältst <em class="gesperrt">du</em> zurück. Deine Meinung über -<em class="gesperrt">sie</em> ist es, die ich von dir erwartete.“</p> - -<p>Günther stand auf, stellte sich ihm gegenüber, sah ihm einen Moment -schweigend in die Augen und sagte: „Nun denn —! deine ganze Julie -Kollmann ist eine mit ungewöhnlichen Mitteln begabte <em class="gesperrt">Kokette</em>! -und wären nicht in dir selbst Zweifel an ihr aufgestiegen, so wäre -dir nicht eingefallen, überhaupt um irgend eines Menschen Meinung zu -fragen. Ich sehe in der affektirten Frase wegen des unversöhnlichen -Hasses, in dem Wechsel von blassen und rothen De<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span>korazionen, in dem -ganzen geheimnißathmenden Gespräche von Vertrauen und zu gewärtigenden -Opfern, in dem Hinausgehen über alle Grenzen, welche weibliche -Zurückhaltung gegen einen Fremden einzuhalten befiehlt, — nur eben so -viele Beweise mindestens jener Koketterie, die auch ohne bestimmten -Zweck ihr Feuerwerk vor Jedem spielen läßt, weil sich später ein Zweck -finden kann. — Auch hat sie gesagt, daß ihr <em class="gesperrt">dein</em> Name nicht -<em class="gesperrt">fremd</em> sei! Und nun sag ich dir mein Letztes: Ich habe diese -Frau einmal gesehen — über ihre Schönheit kann nur Eine Stimme sein. -Bist du bloß <em class="gesperrt">verliebt</em> in sie — du kennst die tadelnswerthe -Dehnbarkeit meiner Moral in diesem Punkte, — so magst du dich, -wenn sie dich erhört, eines der reizendsten Abentheuer auf deiner -Lebensreise freuen. Hast du aber das Unglück sie zu <em class="gesperrt">lieben</em>, wie -der Franzose sagt <span class="antiqua">de la prendre au sérieux</span>, so ist Alles, was -gut und trefflich an dir, in Gefahr; Alles — von deinem Herzens- und -Lebensglück angefangen bis — das getraue ich mir zu behaupten — bis -zu deinen <em class="gesperrt">Metallfabriken</em> herunter. Leb wohl und antworte mir -jetzt nicht.“</p> - -<p>Er bot Arnold die Hand, der sie tief ergriffen faßte und schweigend -drückte; — seine Augen waren feucht.</p> - -<p>So tief er auch vom Anfange der letzten Rede<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> Günthers verletzt war -— — in dem Augenblicke fühlte er nicht den Schmerz der Wunde, -sondern nur den Balsam der innigen Liebe, welche in Günthers tiefem -seelenvollen Blicke lag, und in dem schmerzlichen Zuge, welcher über -die sonst so bleichen, nun hochgerötheten Wangen lief.</p> - -<p>In heftiger Erregung ging er nach dessen Weggehen einigemale im Zimmer -auf und nieder. Da fiel ihm der Brief an Baron Sembrick in die Augen.</p> - -<p>Der mußte denn doch persönlich abgegeben werden.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zimmerreise"><em class="gesperrt">Zimmerreise</em>.</h2> - -</div> - -<p>Edmund von Sembrick wohnte in der Jägerstraße, am entgegengesetzten -Ende der Stadt. Ein Diener in einfacher brauner Livree öffnete das -eiserne Gitter im ersten Stockwerke und fast im selben Augenblicke trat -aus der gegenüber befindlichen Thür ein Mann in schwarzer Kleidung, -mit weißen Haaren und einem klugen Gesichte, welcher Arnold bat einen -Augenblick im Salon zu warten, dessen dunkelbraune hohe Flügelthüre er -öffnete.</p> - -<p>Arnold befand sich in einem jener Räume, die durch eigenthümlichen, -individuellen Karakter angenehm berühren, deren Einrichtung kein -Gemeinplatz, keine Zusammenstellung der in den betreffenden Magazinen -von Möbeln und Luxusartikeln vorgefundenen Gegenstände ist, sondern der -Ausdruck des persönlichen Geschmackes, die Ausführung der eigenen Ideen -des Bewohners. — Die dunkelrothen, mit alten werthvollen Gemälden, -größtentheils Niederlän<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>dern, bedeckten Tapeten, die hohen, in den -reinsten Renaissance-Formen gearbeiteten Lehnstühle, die Marmorplatte -des Tisches mit acht abgerundeten Ecken, der grüne langwollige, wie -Moos dem Tritte nachgebende Teppich, — die kunstvolle Zeichnung der -Holzmosaik des Plafonds — Alles war volle Harmonie in Farbe und Form, -und wo auch der Blick sich hinwendete, fand er einen wohlthuenden -Ruhepunkt und ward durch schöne vermittelnde Linien weitergeleitet.</p> - -<p>Der Kammerdiener öffnete nach einigen Augenblicken die schweren -Vorhänge der Thür zu Sembrick’s Kabinet und Arnold stand einer von -jenen Erscheinungen gegenüber, welche nimmer vergessen noch verwechselt -werden können.</p> - -<p>Die Natur gräbt zum Ausprägen einiger Gestalten einen <em class="gesperrt">eigenen</em> -Stempel, den sie dann zerbricht, während die Massen nach gewissen -vorräthigen, ein Paar Tausend verschiedene Typen darstellenden Formen -gegossen scheinen, denen man mit gewissen Varianten immer wieder -begegnet.</p> - -<p>Edmund von Sembrick mahnte an ein einziges, — nur <em class="gesperrt">einmal</em> -über die Erde gegangenes Vorbild: — — der Stempel, nach welchem -<em class="gesperrt">seine</em> Züge ausgeprägt schienen, ist vor achtzehn Jahrhunderten -zerbrochen <span class="nowrap">worden. — —</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p> - -<p>Es glänzte aber in den Augen dieses Christuskopfes nicht der sanfte -Schimmer der versöhnenden Liebe, sondern das Feuer, vor dem die Käufer -und Verkäufer aus dem Tempel <span class="nowrap">flohen. —</span></p> - -<p>Auch in der Umgebung des Mannes grünten keine Palmen- und Olivenzweige: -— alte, breite Schwerter, gekreuzte Pistolen, Pulverhörner, -Schrotbeutel, bildeten an der Wand ein von einem geschlossenen Helm -gekröntes Tableau, dessen Devise eben nicht lautete „der Friede sei mit -Euch.“</p> - -<p>Mit stummer Verbeugung erwiederte er Arnold’s Worte: „Ich erfülle -den Auftrag einer Dame, indem ich diesen Brief persönlich übergebe“ -— erbrach das Siegel, durchflog die Zeilen, und wie groß auch seine -Herrschaft über jedes Zeichen seiner Empfindungen war, verrieth doch -der Schatten, der über die Stirn flog, daß die runden Schriftzüge -verwundende Spitzen für ihn <span class="nowrap">hatten. —</span></p> - -<p>Wenn Arnold, welchem trotz seiner Jugend eine bloße äußere Erscheinung -nicht leicht imponirte, von jener des Barons einen Augenblick -beherrscht war, als ihm dieser im ganzen Nimbus entgegentrat, welchen -die zufällige Aehnlichkeit mit dem alles Erhabenste verkörpernden -Urbilde über seine hohe Gestalt verbreitete, so fand er bei dessen -Kälte, und namentlich beim Anblicke des Waffentableaus, seine<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> ganze -Haltung wieder, und fühlte sich eben als Mann einem Manne <span class="nowrap">gegenüber. —</span></p> - -<p>Sembrick setzte sich, den Brief weglegend, in seinen Lehnstuhl, -wies Arnold einen nebenstehenden und begann: „Die gemeinschaftliche -Bekannte, welche ich meinerseits eine theure, hochverehrte Freundin -nennen darf, spricht den Wunsch aus, daß wir einander kennen lernen, -und es kann mir nur zum Vergnügen gereichen, ihn zu verwirklichen. -Es könnten, wie ich ihre Lage kenne, Verhältnisse eintreten, die ein -Zusammenwirken ihrer wahren Freunde erwünscht machen, und sie scheint -in diesem Sinne auf Sie zu zählen.“</p> - -<p>„Ich halte es für meine Pflicht, zu bemerken, — sagte Arnold — -daß ich bisher nicht in der Lage war, das Vertrauen dieser Dame zu -rechtfertigen, daß aber, wenn der feste Entschluß hierzu die Grundlage -der von ihr gewünschten Bekanntschaft sein kann, ich mit Freude die -Hand dazu biete.“</p> - -<p>Es war gut, daß Arnold das Handbieten nicht wörtlich gemeint und die -seinige nicht bewegt hatte, denn die Rechte des Barons blieb in der -Brusttasche stecken, als er sagte: „Das Schicksal dieser Frau ist -allerdings ein solches, welches jeden Mann von Herz und Ehre zur -Theilnahme bewegen muß. Es fragt sich eben, ob Ihr Entschluß aus der -Kenntniß der<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> Verhältnisse, was ich bezweifle, oder aus der ihrer -Person <span class="nowrap">hervorgegangen.“ —</span></p> - -<p>„Mag bei Ihnen das Eine, bei mir das Andere der Fall sein, — war -Arnold’s Antwort — so wird das Ergebniß dasselbe sein, sobald wir uns -<em class="gesperrt">offen</em> über Dasjenige verständigen, was gethan werden soll, um in -unglückliche Verhältnisse helfend <span class="nowrap">einzugreifen.“ —</span></p> - -<p>„Es handelt sich hier um <em class="gesperrt">etwas mehr</em>. Ich brauche nicht zu -sagen, daß der Eindruck Ihrer Persönlichkeit auf mich vollkommen dem -Sinn dieser Zeilen entspricht. Allein, — Sie werden einem Manne, -durch dessen Hände in einem bewegten Leben viele Angelegenheiten der -schwierigsten und vertrautesten Art gegangen sind, zu Gute halten, wenn -sein Gang ein wenig rascher ist als der einer jungen Frau. Ich verreise -heute für einige Tage und behalte mir vor, Sie nach Beseitigung einiger -Hindernisse mit Dingen bekannt zu machen, für welche wohl der Rahmen -unseres ersten Gespräches zu eng wäre. Ich werde auf Sie als einen -Gentleman im vollen Sinne zählen können.“</p> - -<p>Arnold konnte durch sein rasches Aufstehen kaum dem des Barons -zuvorkommen; er richtete sich vor diesem mit allem Stolz, der ihm zu -Gebote stand, auf, und sagte: „Ich <em class="gesperrt">hoffe</em>, mich des Gleichen -zu<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> Ihnen versehen zu dürfen, Herr Baron, und in dieser Voraussetzung -werde ich Vorschläge zur Mitwirkung für eine gute Sache bereitwillig -empfangen.“</p> - -<p>Der Baron neigte den Christuskopf schweigend mit einem kalten Lächeln -und abermals war, wie am rothen Kreuze, eine Geisterbrücke zwischen -zwei Augenpaaren aufgebaut, — aber die beiden Seelen am Ende derselben -standen einander gegenüber, wie zwei mit gezogenen Kanonen bespickte -Brückenköpfe.</p> - -<p>Als die schweren Thürvorhänge wieder zwischen ihnen lagen, nahm -Sembrick Juliens Brief wieder zur Hand und ein innerer Vulkan schien -die künstlichen Eisfelder auf den ausdrucksvollen Zügen zu schmelzen, -als er die Zeilen wiederholt überlas. Sie lauteten: „Ich wünsche, daß -Sie mit dem Ueberbringer, Arnold, dem Sohne des Besitzers von Korbach, -bekannt werden. Ich darf nach dem, was ich durchlebt, auch mit meinen -einundzwanzig Jahren von Menschenkenntniß reden, und sage Ihnen, daß -er ein Mann ist, auf den Sie zählen können. Wenn Sie des letzten -Gespräches zwischen uns gedenken, wo Sie ausriefen: „Nur noch Eine -treue, verläßliche Hand!“ ohne sich näher über das, was Sie für mich -ersonnen, zu erklären, so werden Sie meine Zeilen vollkommen begreifen. -Man sieht auf den Grund eines tiefen Wassers, wenn es rein ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> -Das seichte gilt oft für tief, wenn es trübe. Wozu ich eine Stunde -gebraucht, dazu wird Ihrem Blick eine Minute <span class="nowrap">genügen.“ —</span></p> - -<p>„Grenzenlose Unbesonnenheit! rief Sembrick aus, — — und eben diesen! -— Wohl hast du ihn recht gesehen, Julie — aber dieser Verbündete wäre -schlimmer als ein Feind! — ein tiefes, reines Wasser nennst du ihn — -du hast hineingeschaut bis auf den Grund — dein Bild darin gesehen — -genug um das Auge hineinzutauchen, bis die Seele <span class="nowrap">nachsinkt.“ —</span></p> - -<p>Er wurde in dem Nachsinnen, das diesen Worten folgte, durch den -Eintritt des Kammerdieners unterbrochen, welcher meldete, Herr Reiland -wünsche seine Aufwartung zu <span class="nowrap">machen. —</span></p> - -<p>„Soll sogleich <span class="nowrap">hereinkommen.“ —</span></p> - -<p>Er nahm wieder seinen Platz ein, und grüßte den Eintretenden mit einer -Handbewegung und den Worten: „Sie kommen wie gerufen.“</p> - -<p>„Ich bin sehr glücklich, Herr<span class="nowrap"> Baron,“ —</span></p> - -<p>„Das freut mich, und ich werde noch mehr dazu beitragen, wenn Sie -schnell und treu berichten.“</p> - -<p>„Ergebenst zu dienen. Am Montag hat die ganze Gesellschaft, von der -ich geschrieben, den Freinhof verlassen. Auch der fremde junge Mann, -Herr Korbach; Frau von Kollmann hatte eine Unterre<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>dung mit ihm allein. -In der Nacht war Herr von Kollmann eingetroffen, — die Frau war eine -Stunde bei ihm, und sie ist in sehr leidendem Zustande auf ihr Zimmer -gekommen.“</p> - -<p>„Wollen Sie mir gefälligst Nachmittags Alles berichten, was Sie über -die Verhältnisse dieses Korbach bis dahin erfahren können. Ich reise -Abends weg. — Was machen die Ehrenschulden?“</p> - -<p>„Ich gestehe, daß meine Posizion in der Gesellschaft gefährdet ist, -wenn nicht ein wohlwollender <span class="nowrap">Freund“ — —</span></p> - -<p>„In Ermangelung eines Freundes — sagte der Baron mit verächtlichem -Lächeln, wird auch ein einfacher Darleiher auf Nichtwiederzahlen -genügen“ — und reichte ihm eine Banknote aus dem Portefeuille. — „Was -für eine ostensible Rolle spielen Sie denn eigentlich im Freinhofe?“</p> - -<p>„Ach, Herr Baron, man gilt eben durch seine Persönlichkeit; — wenn -man einmal vorgestellt ist, handelt es sich darum, den Damen angenehm -zu sein, sich mit den Männern auf guten Fuß zu setzen. Auch mit dem -sonderbaren Knorr ist mirs gelungen. Er hat mir angetragen Du zu sagen, -aber auf so eigenthümliche Weise, — er meinte, ich meinerseits könne -Sie zu ihm sagen, wenn ich wolle, es sei ihm sogar lieber, — nur -<em class="gesperrt">er</em> bringe es nicht über die Lip<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>pen; man darf aber an diesen -Menschen nicht unsern Maßstab <span class="nowrap">anlegen.“ —</span></p> - -<p>„<em class="gesperrt">Unsern</em> Maßstab?“ wiederholte der Baron, seinen Kopf langsam an -der Stuhllehne gegen Reiland wendend — „wenn ich mich recht entsinne, -so sind Sie bei einer frühern Gelegenheit von Knorr durchgeprügelt -worden? Das ist vermuthlich mit <em class="gesperrt">Ihrem</em> Maßstabe <span class="nowrap">geschehen.“ —</span></p> - -<p>„Es ist wahr, sagte Reiland, dessen Gesicht mit einer rothen -Brühe übergossen war, — daß dieser Mensch sich in einem seiner -ungeschliffenen Scherze an mir vergriffen, allein die Sache wurde -schnell ausgeglichen — die Frau vom Hause wußte Alles in ein so -humoristisches Licht zu setzen.....“</p> - -<p>„Ich weiß, ich weiß — doch genug für jetzt. Leben Sie wohl, Reiland, -und geben Sie sich Mühe!“</p> - -<p>„Ich werde die Ehre haben, nach dem Speisen aufzuwarten.“</p> - -<p>„Wenn Sie nirgends geladen sind, speisen Sie mit Weinrotter.“</p> - -<p>So hieß der alte Kammerdiener des Barons und Reiland nahm die Einladung -mit Vergnügen an. Es gibt eben geborne Bedientenseelen und im -Verhältnisse zu ihrer Gesammtzahl stecken wenige in Livree. Das Kleid -verändert sie auch nicht. Man ziehe ihnen Staatsuniformen über, stelle -sie auf je<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>den Platz, wo es gilt „Herr“ zu sein — und wenn sie vor -Tausenden aufrecht dastehen, <em class="gesperrt">Einer</em> wird einmal vorüberfahren, -dem sie den Kutschenschlag zu öffnen, den Mantel nachzutragen bereit -sind, — wenigstens in moralischem Sinne. — Reiland wird in einem -fremden Lande, wo ihn Niemand kennt, ohne Bedenken seinen Panama-Hut -mit einem Cilinder mit silberner Borte vertauschen, um den Preis einer -Löhnung, welche das Einkommen übersteigt, das er von Sembrick bezieht. -Vielleicht auch von Andern. — Er ist noch kein eigentlicher Schurke, -— er wird noch roth, wie wir gesehen. Die Natur hat eben vergessen -in seinen Teig den Gährstoff zu mischen, und ihm gerade so viel Scham -gelassen, um <em class="gesperrt">vor einem Andern</em> zu fühlen, was er Ehrloses gethan. -<em class="gesperrt">Allein</em> wohl niemals.</p> - -<p>— — Sembrick aber überließ sich nun ganz dem Eindrucke des Briefes. -Sein edles Antlitz war ein Kampfplatz von Zorn und Schmerz — in seiner -Seele kämpfte vielleicht der Engel mit dem Teufel — Sankt Georg mit -dem Drachen — der Genius des höheren Menschen mit dem durch Grundsätze -gezähmten Raubthiere der Leidenschaft. — Wie war es möglich, daß diese -Hand, welche für das breite Ritterschwert geschaffen schien, sich eines -Gewürmes wie Reiland bediente? — Vielleicht dachte der Christus<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>kopf, -daß die Nachfolger seines Urbildes sich ja auch der Inquisizion -bedienten?</p> - -<p>Er schien endlich mit einem Entschlusse im Reinen; abzureisen hatte er -wirklich vorgehabt, nur das Ziel wurde verändert.</p> - -<p>In nicht geringerer Aufregung, als in welcher Sembrick zurückgeblieben, -war Arnold die Treppe hinabgegangen. — Der Baron hatte ihn nicht nur -in der Sache, sondern auch in der Form in einer solchen Entfernung -gehalten, daß ihn neben der breiten Wunde des beleidigten Stolzes auch -der feine tiefe Stich der verletzten Eitelkeit brannte, so wenig er -auch von letzterer in sich hatte.</p> - -<p>Sembrick hatte Julie eine theure hochverehrte Freundin genannt. Julie -hatte gesagt, sie habe einen einzigen <em class="gesperrt">starken</em> Karakter gekannt, -der jenes „unversöhnlichen Hasses“ fähig. Das war Sembrick! — trotz -aller der ewigen Liebe abgeborgten Linien seines Gesichtes. — Dann -überdachte er seine eigenen Worte, und war wenigstens mit seiner -Haltung gegen den Baron am Ende des Gespräches zufrieden. Aber Alles -war ja Nebensache gegen die wahrhaft brennende Frage: in welcher -Beziehung steht dieser Mann zu <em class="gesperrt">ihr</em>?</p> - -<p>Er hing, wie der Taucher, im Wirbelwasser der Zweifel, von Haifischen -und Molchen der Eifersucht<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> umringt, aber aus der Tiefe ragte das -Felsenriff des Glaubens — an den einzigen langen tiefen Blick, -der den Worten: „Ich vertraue Ihnen“ — auf ihrem Wege über dunkle -Rosen geleuchtet.. und er hielt es fest. — — Doch fühlte er, daß -er <em class="gesperrt">kämpfe</em>, daß er den Schatz dieses Vertrauens gegen Etwas -<span class="nowrap"><em class="gesperrt">vertheidige</em>. —</span></p> - -<p>Seine Natur ließ ihn nicht lange in der Tiefe der Charibde hangen — -an den spitzen Korallen. Den Becher der Hoffnung, daß <em class="gesperrt">sie</em> aus -Allem rein hervorgehen müsse, in der Hand, tauchte er kräftig auf in -die ihn rufende Welt der Wirklichkeit, der unerbittlichen materiellen -Beschäftigung.</p> - -<p>Wer ihn eine Stunde später im Comptoir sah, und hörte, wie er die neuen -Bestellungen des Marine-Kommando’s mit dem Geschäftsführer besprach und -nach allen Gesichtspunkten erörterte, der konnte in den ruhigen, in die -Rechnungen vertieften Augen nichts von dem lesen, was seit dem Morgen -durch die Seele gegangen war.</p> - -<p>Und er selbst ahnte noch weniger, was der Abend bringe.</p> - -<p>Er suchte an demselben Günther auf. Dieser lachte ihn aus und sagte: -„Ich habe mir von der persönlichen Uebergabe nichts Erquickliches -versprochen; übrigens hast du deine Sache, nach den Umständen,<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> gut -gemacht, — Rückzug mit etwas dünnen, kriegerischen Ehren, wenigstens -todesmuthig, wenn nicht siegesmuthig. Ich bin aber, trotz der Meinung, -die ich so unverhohlen und, ich gestehe es, rücksichtslos über die -Kollmann aussprach, überzeugt, daß sie <em class="gesperrt">diese</em> Wendung nicht -beabsichtigte. Sie glaubt offenbar mehr über ihn zu vermögen, als der -Fall ist.“</p> - -<p>„Das Schlimmste ist nur,“ rief Arnold mit einem Aerger, in dem einmal -seine ganze Jugendlichkeit zum Vorschein kam, „daß nun alle Wege, alle -Brücken zwischen mir und dem Freinhofe abgerissen sind! Ich war ja nur -hingegangen, um mir einen Verkehr mit <em class="gesperrt">dort</em> zu erhalten! Jetzt -stehe ich vor der chinesischen <span class="nowrap">Mauer!“ —</span></p> - -<p>„Armer Kalaf! sei ruhig und glaube mir, die Turandot wird <em class="gesperrt">selbst</em> -den Schleier zurückschlagen. Und wenn du <em class="gesperrt">nicht</em> ihr Kalaf bist, -— bedenke die Möglichkeit — wenn Sembrick es wäre, so wird es dir -nicht schaden, wenn du deinen Kopf noch ein Paar Tage herumträgst.“</p> - -<p>„Und <em class="gesperrt">wenn</em> er es ist,“ sagte Arnold entschieden, „so werd’ -ich, weiß Gott, meinen Kopf behalten; das Herz hat damit nichts zu -schaffen. Halte mich auch nicht für so blind und taub, daß ich das -Richtige in deinen Urtheilen nicht unterscheide. Ich gestehe dir ja, -daß ich mir selbst Fragen über Julie stellen muß,<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> die ich noch nicht -lösen kann, wie es mein Herz <span class="nowrap">verlangt.“ —</span></p> - -<p>„Vielleicht sind wir der Lösung in einer halben Stunde näher: damit -du siehst, daß ich keine Schadenfreude über die abgebrochnen Brücken -habe, baue <em class="gesperrt">ich</em> dir selbst eine. Mittags erhielt ich einen Zettel -von meinem alten Freund und deinem ehemaligen Meister, dem gar zu -vortrefflichen Harkeboom — sagte Günther, den Namen eine Elle lang -ausziehend im norddeutschen Accent. — Harkeboom hat die Ferientage zu -einem Ausfluge benützt, von dem er mit verletztem Fuße zurückgebracht -worden, und da ich nicht glaube, daß alle Professoren der Akademie sich -in das Gebirg geworfen und die Beine gebrochen haben, so ist <em class="gesperrt">er</em> -es, von dem dein Schiffer erzählte, — das unglückliche Opfer, welches -Julie auf den Wetterstein geführt. Er bittet mich, ihn zu besuchen, -wird sich jedenfalls ungemein freuen dich wiederzusehen, und wenn du -willst, so gehen wir gleich.“</p> - -<p>Günther handelte nicht ohne eine kleine Perfidie. Als Arnold ihn rasch -umarmte und nach dem Hute griff, dachte er: freue dich nicht zu sehr! -Er rechnete auf das ruhige, nicht leicht zu bestechende Urtheil des -im reifsten Mannesalter stehenden, gebildeten und liebenswürdigen -Künstlers.</p> - -<p>Es war ziemlich spät am Abende, als sie bei<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> ihm eintraten. Der -Professor saß aufrecht im Bette, ein Buch lag auf der rothen -Seidendecke.</p> - -<p>„Wer kommt?“ rief er mit seinem vollen schönen <span class="nowrap">Organe. —</span></p> - -<p>„Gute Freunde!“ erwiederten die Beiden, welche erst die Staffelei -umgehen mußten, welche mitten stehend das Kabinet in zwei Hälften -theilte.</p> - -<p>„Ach das ist doch gar zu schön, Ihr lieben, vortrefflichen Menschen, -daß Ihr des alten Harkeboom nicht vergeßt, und nu gar mein treuer guter -Korbach!!“ Und so klang es fort in gemüthlicher Breite und mit einem -gewissen wohltönenden Pomp aus der breiten Brust des Professors, dessen -kahler Vorderkopf und wasserblaue freundliche Augen sich zu Sembricks -Erscheinung verhielten, wie ein Albrecht Dürer zu einem Salvator Rosa.</p> - -<p>Schwerlich konnte Günthers Kreuzzug zur Bekehrung des Freundes mit -einem unglücklicheren Manöver beginnen als mit dem, freilich durch -die Terrainverhältnisse gebotenen, Flankenmarsche um die Staffelei, -auf welcher ein fertiger Freinhof mit angefangenem Wetterstein auf -schwarzem Wolkengrunde wie eine maskirte Batterie lauerte. — Ein Blick -Arnolds hatte Günther über die Wirkung ihres Feuers belehrt.</p> - -<p>Der Professor hatte seine Erzählung des Aus<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>fluges begonnen und -seinen Unfall beschrieben „und wie dann der Herr Knorre, ein gar zu -köstlicher, origineller Mensch, ihn mit seiner Riesenstärke eine volle -Stunde weit geschleppt, und die liebenswürd’ge Frau Kollman, ein -wahrer Schatz von einem Frauchen, neben ihnen hergegangen, und daß er -über ihrem herzlichen Geplauder fast seines Schmerzes, und einer ganz -unbeschreiblich ergreifenden Szene vergessen;“ <span class="nowrap">— — —</span></p> - -<p>„Aber wie haben Sie denn eigentlich, — Sie unverbesserlicher alter -Sünder — unterbrach ihn Günther, diesen Schatz von einem Frauchen -kennen gelernt?“</p> - -<p>„Sehr einfach, sagte der brave Mann nach einem Gelächter „wie Orgelton -und Glockenklang,“ sie ist im Frühlinge in mein Atelier gekommen und -hat zwei Bilder bestellt, — es war eben ganz kurze Zeit nachdem ich -den Unterricht der Prinzessin Marie übernommen hatte.“</p> - -<p>Arnold erhielt einen nicht sehr leichten Tritt auf seinen Fuß, womit -Günther den Zuwachs einer neuen Hintertreppe bezeichnete.</p> - -<p>„Dann erhielt ich, fuhr Harkeboom fort, eine gar freundliche Einladung -nach der schönen Besitzung, wo ich die Feiertage zubrachte, und in der -Frau des Hauses eine ganz treffliche Dilettantin fand. — Da habe ich -den ganzen Tag Studien gemacht — unter<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> andern die Ansicht, die ich -dort auszuführen angefangen — das ist der Wetterstein; aber was meine -Gedanken am meisten beschäftigt, das konnte ich nicht hineinmalen. -Diese Frau hatte die Parthie nach diesem Berge projektirt, und als -sie widerrathen wurde, so ernst und entschieden erklärt, sie gehe -allein, daß ich mich denn doch schämte. Herr Knorre sagte, sie wäre vor -einem Jahre an demselben Tage hinaufgegangen. Nun hatten wir die Höhe -erstiegen, welche ganz senkrecht nach dem See zu abfällt, — da macht -sie uns ein Zeichen, zu bleiben, und steigt auf einen etwa ein Paar -hundert Schritte höheren etwas überhängenden Vorsprung des Felsens, -sieht einen Augenblick hinunter, dann kniet sie nieder; Knorre sagt: -„Lassen wir sie mit ihrem Herrgott allein, sie ist ihm doch dort um -zweihundert Klafter näher als unten am See.“ — Nach einiger Zeit -kommt sie vom Gipfel herunter; — ich habe in meinem Leben kein so -ergreifendes Bild gesehen... die Spuren der Thränen auf den Wangen, -die Locken im Winde fliegend, ein Zucken um die Lippen und eine Flamme -in den Augen, wie von der ungeheuersten schmerzlichsten Erregung; — -wenn die Frau da oben gebetet, so wars kein Herr dein Wille geschehe, -sondern ein Gebet um einen Wetterstrahl aus den rings aufsteigenden -schwarzen Wolken, ob auf ihr eigenes Haupt oder ein an<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>deres, das weiß -der, an den’s gerichtet war! Das Bild möcht ich malen können: ich habe -denn doch eine Skizze versucht — — es ist eben nicht ganz mißlungen -— ach wollten Sie wohl, lieber Korbach, sich die Mühe nehmen den -grünen Karton dort am Fenster zu öffnen — da liegt’s ganz <span class="nowrap">oben!“ —</span></p> - -<p>Im nächsten Augenblicke hielt Arnold mit zitternder Hand das Blatt -gegen das Licht; es zeigte einen mit kühnen Strichen meisterhaft -hingeworfenen Umriß.</p> - -<p>„Obgleich nun, erzählte der Künstler weiter, die Frau sich keine -Mühe gab, die Zeichen ihres Gemüthszustandes zu verbergen, so lag -in den ersten Worten, die sie an uns richtete, ein so entschiedenes -Ablehnen jeder Frage oder Theilnahme, daß von einem Besprechen dieser -Szene keine Rede sein konnte, und nach kurzer Zeit war sie in den -gewöhnlichen Ton übergegangen. — Wir sind doch einverstanden, meine -Freunde, daß der Moment der Skizze, von der sich Arnold heute nicht -mehr trennen zu wollen scheint, unter uns bleibt? Es muß da ein -psychologisches Geheimniß dahinterstecken, das wir ehren wollen. — Da -seht Ihr immer das Bild an! Gallait hätt’s freilich anders gemacht; ich -konnt’ es noch nicht herausbringen, — aber Etwas habe ich mir doch -mitgenommen — ihre herrliche Hand, die ich in Gyps<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> modellirt habe — -— reine Antike! — ach lieber Günther, ziehen Sie doch gefälligst den -Vorhang von jener Etagère <span class="nowrap">weg!“ — —</span></p> - -<p>Ehe er aufstehen konnte, hatte Arnold das weiße Modell auf rothem -Marmorsockel enthüllt, — und während Harkeboom seinem vormaligen -Schüler begreiflich machte, daß man ein Modell nicht mittelst Anfühlen -und Wärmen in der Hand, sondern mit dem Auge studiere, hatte Günther -Zeit, die Resultate des kurzen Feldzuges zu <span class="nowrap">betrachten. —</span></p> - -<p>Das Freinhofgemälde, die Erzählung, die Hand, die Aquarell-Skizze — -das war Montebello, Palestro, Magenta, — Solferino. Er trat einen -Augenblick vor den Spiegel und sagte ganz leise zu seinem Bild: O König -Wiswamitra, was für ein Ochs bist du! — oder warst du heute... Doch — -früher oder später <em class="gesperrt">mußt’</em> es so kommen.</p> - -<p>— — — Die Freunde gingen schweigend nebeneinander. Endlich begann -Arnold:</p> - -<p>„Ist das auch Koketterie?“</p> - -<p>„Nein. — Um so schlimmer; was soll werden?“</p> - -<p>„Gehandelt muß werden!“</p> - -<p>„Wie das? Da du unter Handeln schwerlich ein Beseitigen Kollmanns -verstehen wirst, von einem einfachen Abenteuer aber, wie ich nun -erkenne, keine Rede sein kann, so sehe ich nur das selige Elend ei<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>nes -ziel- und endlosen Verhältnisses, welches entweder ins Materielle -herabsinkt, oder in welchem, wenn es oben schweben bleibt, deine ganze -selbstständige Existenz aufgeht.“</p> - -<p>„Ich handle nicht <em class="gesperrt">um</em> sie, sondern <em class="gesperrt">für</em> sie. Unter Handeln -verstehe ich das Aufbieten aller meiner inneren und äußeren Mittel, -um den Schleier zu zerreißen und, was Feindliches für sie dahinter, -zu bekämpfen. Halte mich aber nicht für so blond-gemüthlich und -germanisch-treuherzig, daß ich ohne Bienenkappe in das Wespennest -steche. Ich bin durch dich vor dieser Umgebung gewarnt. Wenn ich noch -heute früh fragte, was sie mit einem unbedeutenden jungen Menschen -vorhaben können, fühle ich mich nun bedeutend genug, für meine erste, -einzige, herzinnige Liebe ihnen Allen den Handschuh hinzuwerfen. — Und -wenn du mich meine Geschäfte mit lässiger Hand führen siehst, wenn ich -träume, statt zu arbeiten, wenn ich über dem Pochen meines Herzens die -Hämmer in Korbach vergesse, dann, und nicht früher, erlaube ich dir zu -sagen, daß meine Selbstständigkeit in einem seligen Elend aufgegangen. -Dich aber bitte ich, mir mit deinem scharfen Auge zur Seite zu stehen, -welches eben nur dort irrte, wo es nicht <em class="gesperrt">selbst</em> gesehen.“</p> - -<p>— Günther wußte, was er für heute von seinem scharfen Auge zu halten -habe, erwiederte aber<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> — der vollendeten Thatsache gegenüberstehend — -mit Nachdruck und Herzlichkeit: „So lange ich zu leben habe, rechne auf -mich, — Gott mit dir!“ <span class="nowrap">— — — — —</span></p> - -<p>Arnold war am nächsten Morgen in froherer, selbst ruhigerer Stimmung -erwacht, als an beiden vorigen Tagen. Er war vollkommen klar über -sein Gefühl geworden. Aber bald empfand er, daß nichts eine bestimmte -Gestalt gewonnen, als eben nur sein eigenes Gefühl. Er stand gerüstet -da, das Silberschild der jugendlichen Zuversicht am Arm, das Schwert -des festen, von Liebe entflammten Willens in der Hand, — es fehlte -nichts als nur der Feind. Nicht einmal der Schleier, hinter dem er -lauern sollte, war zu fassen.</p> - -<p>Günther suchte er nicht auf. Er scheute sich, nach dem erlassenen -Manifeste: „Gehandelt muß werden!“ in seiner dermaligen Rathlosigkeit -vor ihn zu treten, und fürchtete ein gewisses lächerliches Streiflicht -von Don Quixote, — Prinzessinnen befreien, — Riesen erlegen. — Desto -lebhafter interessirte er sich für den Zustand des wackern Professors, -den er in drei Tagen zweimal besuchte. Allein der Deckel des Kartons -lag plump und dumm auf der Skizze und die Hand auf dem rothen Sockel -rührte keinen Finger, um den Vorhang wegzuschieben. Harkeboom sagte -ihm mit dem herrlichsten Organ gar zu gute<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> und herzliche Dinge, war -aber, mit leichten Wendungen, nicht wieder auf den Wetterstein zu -bringen, und einen Satz, welcher ungefähr gesagt hätte: Herr, ich bin -da, um Etwas von Julie Kollmann zu sehen und zu hören, — brachte er -nicht über die Lippen. — Da die Hand und das Bild unsichtbar blieben, -überließ er das Bein Harkebooms dem natürlichen Heilungsprozesse und -ging nicht weiter <span class="nowrap">hin. —</span></p> - -<p>Tag auf Tag verging: er mußte Schwert und Schild an die Wand hängen. -Kaum vermochte das Eiswasser der Arbeit seinen heißen Aerger zu kühlen.</p> - -<p>— — Ereignisse von eingreifender Bedeutung fliegen selten einzeln, -meistens in Schaaren, wie Zugvögel am Himmel unseres Lebens auf, — -seien es Schwalben, die einen Frühling bringen, oder Krähen, die eine -Leiche wittern. Nachdem eine Woche lang an Arnolds Firmamente nichts -aufgeflogen, als das Sperlingsgewimmel der täglichen Geschäfte, trat -ihm eines Abends der Comptoirdiener mit zwei Vögeln von unbekanntem -Gefieder, — zwei Briefen von fremder Hand entgegen.</p> - -<p>Der eine lautete: „Ich bitte Euer Wohlgeboren, mich wo möglich morgen -zwischen drei und vier Uhr mit einem Besuche zu beehren, zum Zwecke -einer, wie ich annehmen darf, für Sie interessanten und erfreulichen<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> -Mittheilung. Mit größter Hochachtung <span class="nowrap">u. s. w.</span> — Blauhorn, <span class="nowrap">Hofrath.“ —</span></p> - -<p>Der zweite enthielt eine Visitenkarte: <span class="antiqua">P. Bernardus, Prior Conventus -Sti. Martini</span>, — und die darunter geschriebenen Worte „ersucht -<span class="antiqua">p. t.</span> Herrn Korbach <span class="antiqua">jun.</span> sich morgen vier Uhr gefälligst -zu ihm in das Erzbischöfliche Palais zu bemühen.“</p> - -<p>Die gegebenen Stunden trafen so aufeinander, daß eben Zeit bleiben -mochte für den Weg vom Staat zur Kirche. — Arnold gab sich keine -vergebliche Mühe zu errathen, was die Brieftauben brächten. Was an -ihrem Halse hing, war allerdings nicht vom Freinhofe, aber die Hand, -die sie fliegen ließ, konnte nur dort zu finden <span class="nowrap">sein. —</span></p> - -<p>— — — Der Hofrath wohnte dem Finanzministerium gegenüber. Der -Minister, Graf Breuneck, konnte in seine Fenster sehen und that es -auch; ein Umstand, den Herr von Blauhorn nicht versäumte gegen jeden -Besuchenden hervorzuheben.</p> - -<p>Als Arnold dem Diener seine Karte gab, sagte dieser, der Herr habe -befohlen ihn sogleich in sein Kabinet zu führen.</p> - -<p>„Ich kann nicht umhin, Herr Hofrath, begann Arnold, Ihnen vor Allem -ein Wort des Bedauerns über meine, wie ich mich baldigst überzeugte, -ungegründete, jedenfalls voreilige Bemerkung am rothen<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> Kreuze zu -sagen, und bitte, dieselbe der Vergessenheit zu übergeben.“</p> - -<p>„Sie wäre mir nie wieder eingefallen, wenn Sie mich nicht daran -erinnerten. Uebrigens war der Schein zu sehr gegen mich. Ein -ritterlicher junger Mann konnte kaum anders sprechen. — Doch nun -zum Gegenstande unserer Unterredung. — Wir haben, wie Sie wissen, -eine Kommission gebildet, deren Aufgabe es ist, zu ermitteln, auf -welche Weise unsere Finanzlage verbessert werden könne. Dieselbe -hat ihre Arbeit nahezu vollendet, welche nun einer Prüfung in der -höchsten Region unterzogen werden soll. — Es sollen zu diesem Zwecke -von der höchsten Behörde, dem Reichssenate, zeitweilige berathende -Mitglieder aus den verschiedenen Ständen zugezogen werden, von denen -eine gediegene Ansicht in ihrer Sfäre zu erwarten. Es ist mit größter -Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß den Mitgliedern des auf solche -Weise vielleicht um die doppelte Anzahl der bisherigen vermehrten -Senates eine Anzahl anderer hochwichtiger Gegenstände zur Berathung -vorgelegt werde, nach jenem, welcher ursprünglich seine Neugestaltung -motivirte. — Sie begreifen die ganze Wichtigkeit eines solchen -Postens. Der Name Ihres geehrten Herrn Vaters hat in den industriellen -Kreisen einen Klang wie wenige; seine Erfahrungen, viel<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>seitigen -Kenntnisse und erprobte Gesinnung sind allgemein anerkannt, und es -dürfte sich die ehrenvollste Gelegenheit finden, sie zur Geltung zu -bringen. Se. Excellenz werden auf die Wahl der erwähnten zeitweiligen -Senatsmitglieder — denen übrigens ein bleibendes Zeichen der -Anerkennung nicht fehlen dürfte — einen gewissen Einfluß nehmen, -— und es ist mir die Andeutung gemacht worden, daß die Zuziehung -Ihres Herrn Vaters den Absichten Sr. Excellenz entsprechen würde. Ich -habe, von Ihrer Anwesenheit zufällig in Kenntniß, nicht gesäumt, die -Ermächtigung des Ministers zu meiner heutigen Mittheilung vertraulich -einzuholen, und ersuche Sie, als das natürliche Organ, über dieselbe -mit Ihrem Vater zu sprechen. Es könnte, so wenig eine Ablehnung -denkbar, ein Hinderniß seinerseits obwalten, und ein etwaiger direkter -Antrag Sr. Excellenz muß gegen jedes Nichteingehen gesichert werden.“</p> - -<p>„Ich danke für die mich ehrende Wahl zur <span class="nowrap">Vermittlung“ —</span></p> - -<p>„Es handelt sich um keine Vermittlung, sondern um ein indirektes -Sondiren, ob Ihr Vater die ihn vor allen Standesgenossen ehrende -Auszeichnung auch in diesem Sinne auffasse.“</p> - -<p>„Ich glaube nun meinen <span class="nowrap">Auftrag“ —</span></p> - -<p>„Verzeihen Sie, lieber Herr Korbach, es ist<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> auch kein Auftrag, sondern -eine vertrauliche Insinuazion von <span class="nowrap">mir.“ —</span></p> - -<p>„Ich werde meinen Vater fragen, ob er zeitweiliges Mitglied des -<em class="gesperrt">Reichssenats</em> zur Prüfung der Kommissionsarbeit werden -will — sagte Arnold mit offenem Lächeln, das Spinnengewebe -der Unterscheidungen durchreißend — ich werde Ihnen dann die -<em class="gesperrt">Antwort</em> sagen, und Sie, verehrter Herr Hofrath, werden das -<em class="gesperrt">Weitere</em> machen.“</p> - -<p>„Ich glaube wenigstens, die Meinung Sr. Excellenz richtig aufgefaßt — -— da sehen Sie, der Herr Minister sieht eben herüber — mein ganzes -Haus liegt offen vor meinem Chef — — was wollte ich doch sagen“ — -— Graf Breuneck hatte sich wirklich drüben gezeigt und einen Blick -herübergeworfen, aber die Schußlinie desselben schien Arnold nicht in -das Fenster des Kabinets, sondern in ein anderes <span class="nowrap">einzufallen. —</span></p> - -<p>Da der Hofrath den verlornen Faden nicht wiederfand, so empfahl sich -Arnold und schritt, von ihm begleitet, durch das anstoßende Zimmer, -wo die schöne böse Frau, deren Julie erwähnt hatte, im Fenster stand. -Sie wendete sich um, erwiederte seine Verbeugung mit freundlich -würdevollem Kopfneigen und ließ einen Blick von Schutz und Gnade an ihm -hinabgleiten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p> - -<p>— — Er hatte gestern zu Günther gesagt: „Ich werfe ihnen Allen den -Handschuh hin!“ Das schienen eben keine <em class="gesperrt">Feinde</em>. <em class="gesperrt">Waren</em> -es aber Feinde, so mochten sie sich wohl — das fühlte er — nicht -bedenken, den Handschuh aufzuheben.</p> - -<p>Es war ihm keine Zeit gegeben, für jetzt über Blauhorn’s Mittheilung -nachzudenken, denn nur eine Entfernung von wenigen Minuten trennte ihn -vom erzbischöflichen Palais.</p> - -<p>— — Er wurde in die Wohnung des Pater Bernhard, und, da dieser eben -beim Erzbischof, über lange Gänge in einen großen Saal geführt, wo er -sich in ein mit rothem Sammet gepolstertes Sofa mit weißem Gestell und -Goldleisten setzte und lange wartete.</p> - -<p>Der Eindruck der jetzigen Umgebung überwog den der eben erhaltenen -Mittheilung. — Der Auftrag Blauhorn’s hatte seine Gedanken bereits zum -Vater, in die Heimat geleitet: in dem erzbischöflichen Saale gedachte -er nun des Pfarrgartens in Korbach, — wie da die Rosen dufteten und -Weinranken die Fenstergitter umspannen. Wie da Alles grünte und blühte, -als wären Worte Gottes vom Abendwinde aus der Kirche herübergetragen -worden und befruchtend auf das Gartenland gefallen, zum Dank für die -Lindenblüthen, die durch das offene Fenster auf<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> die Kanzel geweht -wurden. Wie war da Alles frohes Leben und thätige Liebe! Er gedachte -auch des Klosters Sankt Martin, wo der Kreuzgang den kleinen Garten -voll Blumenpracht und Sonnenglanz umschloß, und die nickenden Schatten -der jungen Birken auf den Gesichtern der alten Aebte spielten, deren -Bilder in langer Reihe die Wand bedecken. Der Ruß von Jahrhunderten -liegt auf diesen weingrünen Fässern des heiligen Geistes, aber die -Augen blicken noch glänzend und heiter, voll Glaubenskraft.... In -allen Erinnerungen seiner Kindheit tönt der Lerchentriller mit dem -Glockenklang zusammen. — Er hatte das heilige Wort nur aus dem Munde -des würdigen, freundlichen Pfarrers vernommen, der von der Kanzel -herabstieg, um das zu vollbringen, was er oben gesprochen.</p> - -<p>Die Kirche war klein und eng, die Klosterhallen dumpf, und doch hatte -er so frei darin geathmet, doch flogen Gefühl und Gedanke so hoch über -das goldne Thurmkreuz hinaus!</p> - -<p>Und hier in dem hohen, weiten Saale fällt es ihm so schwer auf die -Brust, drückt ihn eine schwüle, den Geist narkotisirende Luft.</p> - -<p>Es ist nicht die gewöhnliche, allbekannte geistliche Atmosfäre, die -sich analisiren, materiell erklären läßt: dieselbe besteht einfach -aus etwas Weihrauch,<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> der von der Kirche herüberdringt, gewissen -Exhalazionen der Gewänder, alten Schränke und Bücher, — Weinduft, und -dem Abgang jener wahren, vollkommenen Sauberkeit, welche nur das Werk -einer sorgenden Hausfrau.</p> - -<p>Was <em class="gesperrt">hier</em> drückt, ist nichts Materielles, sondern etwas -rein Geistiges. — Es ist eine Gespensterfurcht, die eben nur den -ungläubig Eintretenden zur Strafe befällt. Er sieht den Geist des -geheimen Staatsministeriums des <em class="gesperrt">Dogma</em>, — den Gegensatz zur -lebendigen Kraft der christlichen <em class="gesperrt">Liebe</em>; — das Gespenst des -Torquemada, wie es am hellen Tage in den modernsten Gestalten durch -die parkettirten Säle zieht. — Das ist eben Vision des Unglaubens! -Der Fromme ist gefeit dagegen und weiß, daß unsere Kirchenfürsten sich -nicht träumen lassen jene Zeit heraufzubeschwören! — — <em class="gesperrt">Wozu</em> -auch?</p> - -<p>Arnold war nicht gegen die Gespenster gefeit: er glaubte jeden -Augenblick eines aus der hohen Flügelthür treten zu sehen. — Es trat -endlich der Dünnste unter den „Dünnen“ des Anastasius Grün heraus, -— das Gesicht, dem er im Freinhofe die Palme der Unausstehlichkeit -gereicht, und das ihm heute weniger so erschien, weil es ernst war, — -nicht so liebreich! so <span class="nowrap">schelmisch! —</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> - -<p>„Ich habe Sie lange warten lassen, werther Herr Korbach, da ich eben -mit Sr. Erzbischöflichen Durchlaucht die Angelegenheit besprochen, -um deretwillen ich Sie bitten ließ. — Ihr Vater hat durch seine -glänzende Munificenz in Betreff der Erbauung der, wie wir vernehmen nun -vollendeten neuen Kirche in Korbach den schmerzlichen Eindruck mehr -als verlöscht, welchen seine Haltung dem Protestantismus gegenüber, -oder leider vielmehr diesem zur Seite, auf das Herz unseres Oberhirten -gemacht hat.“</p> - -<p>Arnold machte eine ablehnende <span class="nowrap">Bewegung —</span></p> - -<p>„Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht. Es fehlt nicht an -naheliegenden Beweisen, oder vielmehr an nahestehenden — sagte -Bernhard, über sein nicht sehr gelungenes Wortspiel lächelnd. Auch -wurde der Bau des protestantischen Bethauses <em class="gesperrt">vor</em> jenem der -Kirche unternommen.“</p> - -<p>„Ich muß mir die Bemerkung erlauben, — warf Arnold ein — daß -unsere Protestanten, dermalen über dreihundert, eines Gotteshauses -gänzlich entbehrten, während der Gottesdienst der Katholiken niemals -unterbrochen wurde.“</p> - -<p>„Ich habe Sie nicht zu mir bitten lassen, werthester Herr, um Ihnen -irgend Etwas zu sagen, was wie ein Vorwurf klingt. Im Gegentheile bin -ich beauftragt, Ihnen vorläufig, bis es auf solennere Weise<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> geschehen -wird, zu sagen, daß die Kirche Ihrem Vater für den jüngsten Beweis -seiner Treue dankt, und ich, — der ich während der Krankheit unseres -Prälaten dem Kloster Sankt Martin vorstehe, erfreue mich insbesondere -solcher Gesinnung, da, wie Sie wissen, diese Pfarre von uns aus besetzt -wird.“</p> - -<p>„Mein Vater kann nicht genug danken für die Wahl des Priesters, der nun -seit drei Jahren zum Segen der ganzen Gegend dieses Amt bekleidet.“</p> - -<p>„Hierbei habe ich kein Verdienst; unser Prälat hat damals — freilich -schon bei geschwächtem Gesundheitszustand — diese Wahl getroffen. -— Doch zur Hauptsache. Die Einweihung der auf Kosten Ihres Vaters -erbauten Kirche wird in einigen Wochen stattfinden. — Ich kann Ihnen -mittheilen, daß Se. Erzbischöfliche Durchlaucht die Absicht haben, -diese Feierlichkeit in eigener Person vorzunehmen, um ihr, zur Erbauung -der in jener Gegend besonders der Stärkung bedürftigen Gläubigen, den -größten Glanz zu verleihen. — Es würde jedoch sehr guten Eindruck -machen, wenn Ihr Vater in dieser Beziehung ein <em class="gesperrt">Bittschreiben</em> -an den Herrn Erzbischof richten würde. Es bietet sich hierdurch Ihrem -Vater eine ihm gewiß erwünschte Gelegenheit, seine <em class="gesperrt">Gesinnungen</em> -in einer so <em class="gesperrt">bestimmten</em> Weise auszusprechen, daß in Betreff des -Schutzes, welchen<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> das katholische Element in Korbach gegen das weitere -Umsichgreifen der Irrlehre von ihm zu erwarten berechtigt ist, nie mehr -einem Zweifel oder einer Besorgniß Raum gegeben werden kann. — Sie -verstehen mich. Ich habe von den wohlwollenden Intenzionen des Herrn -Erzbischofs erst vor wenigen Minuten einen Beweis erhalten, indem Se. -Durchlaucht angedeutet, daß sie die Freigebigkeit Ihres Vaters zur -Kenntniß des päpstlichen Nunzius zu bringen vorhaben, — — worauf -vielleicht von Seite des heiligen Vaters ein ehrendes und beglückendes -Zeichen der Befriedigung erfolgen dürfte, welche seinem apostolischen -Herzen solche Handlungen der Pietät gewähren.“</p> - -<p>Pater Bernhard hielt inne und schien die Wirkung dieser Rede abwarten -zu wollen. Als Arnold ruhig, bescheiden, ernst und schweigend stehen -blieb ohne eine Miene zu verändern, fuhr er mit schlecht verhehlter -Gereiztheit fort: „Ich ersuche Sie, werthester Herr, diese Mittheilung -ganz vertraulich Ihrem Vater zu machen, welcher, ich bin davon -überzeugt, ihre Bedeutung zu würdigen wissen wird.“</p> - -<p>„Ich werde mich beeilen, den Auftrag Ew. Hochwürden zu erfüllen.“</p> - -<p>— — Arnold empfand beim Weggehen keine drückende Gespensterfurcht -mehr. Es war ihm, als<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> ob der gefürchtete Geist ein Mensch geworden und -vor ihm gestanden, und den fürchtete er nicht.</p> - -<p class="s3 center mtop1 mbot1">*           *<br /> -*</p> - -<p>Er fühlte die Nothwendigkeit mündlicher Besprechung mit seinem Vater. -— Der nächste Morgen trifft ihn im Bahnhofe.</p> - -<p>Durch die Fläche, das glänzende Meer von Licht und Widerschein, fliegt -der Train den blauen Bergen zu. — Nach zwei Stunden umrauschen -ihn statt der Kornfelder die Zwergföhren, womit die steinige Ebene -bepflanzt ist, — der Vortrab des gewaltigen hohen Waldheeres auf den -Zinnen der ewigen Stadt Gottes, des Hochgebirges: schon unterscheidet -man ihre Felsenmauern und schneebedeckten Thürme, und bald umschließt -sie die Reisenden in den sonnedurchglühten Waggons, und labt sie mit -Harzduft und Wasserrauschen.</p> - -<p>In Pottenbach ist längerer Halt. Der aus Süden kommende Train begegnet -hier jenem Arnold’s. Sein Blick ist nach einem hohen fernen Felsen -gerichtet, auf der Höhe der Föhrleiten.. der zackige Stein ist auch -jenseits vom Freinhofe sichtbar; — so nahe!! — — Hoch über die -Gruppe der den andern Train abwartenden Reisenden wegsehend, gewahrt -er nicht den Baron, der, abseits an<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> eine Säule der Halle gelehnt, ihn -einen Moment anblickt und sich langsam abwendet.</p> - -<p>Die Dampfpfeife schrillt durch Arnold’s Gedankenmelodie — wie damals -Knorr’s Stimme durch das erste Gespräch mit Julie, — die Lokomotive -stößt den zischenden Athem aus der ehernen Lunge — in einer Minute -fliegen er und Sembrick auseinander, — leiblich wie es bereits geistig -geschehen. — In Frauenwang verläßt Arnold die Bahn; ein leichter, -offener Wagen mit kräftigen Pferden wird im Orte gemiethet und führt -ihn dem Korbachthale zu.</p> - -<p>Er erreicht es am späten Abende. Noch durch eine Waldschlucht, -einen Felsenpaß und weit und offen liegt es vor ihm. Die Glocke des -Hochofens, das Pochen der Hämmer, das Brausen der gewaltigen Wehre -begrüßen ihn, durch den blauen Schleier, welchen Abendduft und Rauch -der Schmieden über den Thalgrund breiten. Nun fliegt der Wagen vorüber -am mächtigen Bau, wo die Walzen den Begriff der Härte verneinen und das -Metall unter ihrer Gewalt die Rolle des Wachses spielt, — am Drahtzuge -mit den hundert schnurrenden Spulen, am Hammerwerke, aus dessen offenen -Thüren der Feuerschein bis auf die Brücke fällt — die von der Straße -abseits zum Wohngebäude führt.... nun durch die al<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>ten Linden und -Tannen des Parks — und das Ziel ist erreicht.</p> - -<p>— — Das Abendessen stand noch auf dem Tische. Ein heller, vierfacher -Klang tönte durch das Zimmer, als Arnold eintrat.</p> - -<p>Das mußte ein <em class="gesperrt">freier</em>, <em class="gesperrt">lichter</em> Gedanke, ein -<em class="gesperrt">gottgefälliger</em> Wunsch sein, — auf dessen Erfüllung diese -vier Männer ihre Gläser zusammenstießen: — — Arnold’s Vater — ihm -gegenüber Sprenger, — neben ihm der katholische Pfarrer und der -Pastor.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Clair-obscur"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Clair-obscur</span></em>.</h2> - -</div> - -<p>Die beiden Geistlichen zogen sich bald zurück, da sie annahmen, daß -nur eine wichtige Ursache Arnold’s schneller Rückkehr nach Korbach zum -Grunde liegen könne. — Dieser, wissend daß sein Vater kein Geheimniß -für Sprenger habe, erzählte, und nahm so viel vom Freinhofe in seinen -Bericht auf, als eben hinreichte, um den Zusammenhang nicht sowol zu -erklären als zu verwirren.</p> - -<p>„Wo der Wind hinweht, ist klar“ — meinte Sprenger.</p> - -<p>„Viel wichtiger ist, wo er herkommt, erwiderte der alte Korbach. -Sie wissen oben, daß ich das Promemoria vom vorigen Jahre verfaßt -habe, und nun soll ich umsatteln, mich hinten auf’s Steckenpferd des -Ministers setzen und seine Freihandels-Experimente unterstützen, die -uns ruiniren. Wäre eine hübsche Bresche in der Opposizion unserer -Eisen-Industrie <span class="nowrap">u. s. w.</span> Was ich ihnen im Senat zu sa<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span>gen hätte, -können sie aus unserer Eingabe herauslesen. Sie werden Theorienreiter -genug finden, ich sitze nicht auf. Von der Supplik an den Erzbischof -kann ohnedem keine Rede sein. Die neue Kirche habe ich ihnen bauen -lassen, und damit Basta. Will der Erzbischof herauskommen, so ist es -mir eine Ehre, wenn auch kein Vergnügen, aber mich hinstellen lassen -als verlaufenes Schaf, das zur Herde zukückkehrt, — darauf können sie -warten.“</p> - -<p>Sprenger war nicht einverstanden. Seine Meinung lautete: „Setze dich -auf sechs Wochen in den Senat und sage ihnen Wahrheiten, welche sie -von keinem Andern hören. Schreibe dem Erzbischofe und bleibe der Herr -vom Hause, indem du ihn ladest. Du kannst mehr in deinem Sinne wirken, -wenn du auf gutem Fuße bleibst. Brichst du offen, — und die Ablehnung -des Schreibens ist ein direkter Bruch, — so ist das erste Opfer unser -braver, biederer Pfarrer, und eines schönen Morgens hetzen sie dir die -Arbeiter gegeneinander.“</p> - -<p>Sprenger stand vielleicht auf einer freieren Höhe, als der alte -Korbach. Ihm ging die Erhaltung der Sache stets über Konzessionen in -der Form; er stand <em class="gesperrt">wirklich über</em> den Parteien, während sein -Freund dem Namen nach zur einen, mit seinem Herzen zur andern gehörte. -Sprenger hatte die Ueberzeugung,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> daß ein Kampf mit der herrschenden -katholischen Gewalt nur zum Nachtheile des Herausfordernden ausschlagen -könne. Er sah übrigens ein, daß die gelegte Falle keinen andern -Zweck haben könne, als, entweder diesen Kampf herbeizuführen, oder -ein in seinen Folgen unberechenbares „Korbacher“ Konkordat. — Es -lag allerdings die Möglichkeit vor, letzterem in der Ausführung die -schärfsten Spitzen abzubrechen: vielleicht ließ sich durch einige -Form-Zugeständnisse das Verbleiben des Pfarrers erkaufen; vielleicht -war es der kirchlichen Autorität mehr um eine lautklingende, weithin -leuchtende Wahrung des Prinzipes als um die Thatsache zu thun, mehr -um einen breiten goldnen Rahmen für ihr Gnadenbild: war es nur hoch -und glänzend genug hingestellt, so mochte sie dann nicht so genau -nachrechnen, wie viele Kniee im Korbacher Thale sich davor beugten. -Freilich lauter „Vielleicht!“ — Auf den Senat legte er weniger Werth -— es schien ihm höchstens ein entgangener Gewinn: sein Freund mochte -mit sich ausmachen, wie hoch er ihn anschlage, und ihn zurückweisen, -aber im Kampf mit der Kirche sah er nur gewisses Unheil.</p> - -<p>Arnold hatte, gleich nach Beendigung seines Berichtes, da er dachte, -sein Vater wolle die Sache mit Sprenger allein besprechen, sich -zur Schwester begeben,<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> welche sich gewöhnlich nach dem Abendessen -zurückzog, während die Männer noch zusammen blieben.</p> - -<p>Sprenger hatte seine reichliche Munizion von Gründen des schwersten -Kalibers verschossen: der alte Freund hielt Stand, wich kein Haar -breit. — Er sah sich nach Verbündeten um.</p> - -<p>Die Eine, auf welche er einstens nie vergebens gezählt — Arnolds -Mutter — ruhte nun auf der grünen Anhöhe, welche sich am Ende des -Marktes erhebt, in geringer Entfernung von der netten Häusergruppe -der protestantischen Arbeiter — jener Häuser, in welchen ihr Name -in das tägliche Gebet geflochten wurde, als der Wohlthäterin von -hundert Familien. Aber die letzten Tage ihres segensreichen thätigen -Lebens an der Seite des Gatten, der ihr Werk mit Kraft und Liebe -beschützte, waren durch Sorgen getrübt, welche ihrem hellblickenden -Geiste die allmälig auftauchenden feindlichen Bestrebungen der -ringsum herrschenden Intoleranz erregten. Sie schloß die Augen mit -dem schmerzlichen Gefühle, durch ihre Schöpfung den Frieden der -alten Tage ihres Gatten gefährdet zu haben. An ihr hätte Sprenger -eine Fürsprecherin gefunden bei jedem Schritte, welcher begütigend, -ausgleichend wirken konnte.</p> - -<p>Aber nur mit geringer Hoffnung begab er sich zu Helene, welche bei -manchen wichtigen Veranlassun<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>gen mehr über den Vater vermocht hatte, -als er und ihr Bruder. Er erzählte ihr Alles.</p> - -<p>Das Mädchen hatte eine eigene, reizende Art, zuzuhören. Es war nicht -ein einfaches Merken auf das, was gesprochen wurde, — sie sah mit -ihren dunkelblauen Augen dem Quell des Gedankens auf den Grund, und der -Erzähler hatte das wohlthuende Gefühl, sie ganz in seinen Gegenstand -versunken, denselben in ihrer Antwort oft vollständiger wiedergegeben -zu sehen. — In ihr war die Festigkeit und Entschiedenheit des Vaters -in die weichste, reizendste Form gehüllt, — — als wäre ein Diamant -in eine offene Rosenknospe gefallen; die Blätter mochten jedem Drucke -nachgeben, durch den leichtesten Nadelstich verwundet werden, — der -Diamant des Karakters schnitt durch das bunte Glas der Schmeichelei, -durch das falsche Gold der Eitelkeit, durch allen Schein und alles -Unwahre, das sich in ihrer Nähe unbehaglich fühlte.</p> - -<p>Die reichen blonden Haare hatten jene so seltenen, nicht durch Flechten -und Brennen entstandenen, natürlichen kleinen Wellen, welche das reine -Oval des geistvollen Gesichtes in lebhaft bewegten Linien umspielten, -nicht mit einer glatten, kalten Spiegelfläche einrahmten. Wie war das -blühende Mädchen so blond und weiß — — und doch nicht <em class="gesperrt">ein</em> -schmach<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>tender Zug! — Alles so lebendig, kräftig und warm! — Die -Natur hatte da ein Schneeglöckchen mit Nelkenduft <span class="nowrap">geschaffen. —</span></p> - -<p>Als die Erzählung des väterlichen Freundes geendet war, sagte sie nach -kurzem Nachsinnen: „Das ist verlorne Mühe, lieber Sprenger, ich habe -oft Etwas beim Vater erreicht, wenn ich vorangeschickt wurde, selten, -wenn ich nachkam, niemals, wenn etwas schon Verweigertes nur durch -meinen Mund wiederholt wurde. Er sagte mir einmal: Helene, wenn du -mich in fremdem Auftrag küssest, ists gar nicht dein Mund. Ich kenne -auch seine Ansicht. <em class="gesperrt">Meine</em> Meinung ist, daß der Vater den Senat -annehmen, dem stolzen Geistlichen aber, der um Etwas gebeten sein will, -was er für sein Leben gern selbst thun wird, <em class="gesperrt">nicht</em> schreiben -soll. Ich bin Protestantin, wie meine Mutter, und <span class="nowrap">darum“ —</span></p> - -<p>„Doch nicht empfindlicher gegen den katholischen Stolz als <em class="gesperrt">ich</em>?“ -— unterbrach sie Sprenger.</p> - -<p>„Gewiß nicht, auch ehre ich Ihre Klugheitsrücksichten, aber der Vater -hat <em class="gesperrt">doch</em> Recht! Unser Korbach wird es aushalten, wie Deutschland -den dreißigjährigen Krieg,“ schloß sie lächelnd und mit jenem Zuge um -die Lippen, der, wie Sprenger wußte, ein anmuthiges, aber entschiedenes -Nein <span class="nowrap">ausdrückte. —</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> - -<p>„Das ist schlimm,“ sagte er, „Sie waren meine letzte Hoffnung. Ich sehe -nichts Gutes kommen; fürchte selbst Verwicklungen und Gefahren für die -Zukunft Arnolds.“</p> - -<p>„Ich fürchte nichts. Er sprach auch kein Wort mit mir darüber.“</p> - -<p>„Er hielt sich nicht für berechtigt, von der Angelegenheit des Vaters -zu sprechen, bevor dieser sich entschieden, aber ich durfte es mir -erlauben.“</p> - -<p>Sprenger war nun fertig; auch die Beziehung auf Arnold hatte -<span class="nowrap">fehlgeschlagen. —</span></p> - -<p>Der Vater gab diesem folgende Instrukzion: „Sag’ dem Hofrath, daß -ich die Ehre, im Senat zu sitzen, annehme, <em class="gesperrt">wenn</em> der Minister -keine Freihandelschimären von mir vertreten sehen will. — Sie wollen -nur Leute, welche sagen, was man Oben gerne hört, und wer anders -spricht, wird seine Rolle bald ausgespielt haben.“ — Er theilte -hierin eine damals allgemein verbreitete, zum Theil später widerlegte -Meinung über die Haltung, welche man vom Reichssenate erwartete. -„Dem Erzbischof aber — fuhr er fort — wollen wir weiße Mädeln -entgegenschicken, trommeln und pfeifen und läuten, daß die Glocken -bersten, aber geschrieben wird <em class="gesperrt">nicht</em>. Und nun mache, daß du -fortkommst, damit sie nicht glauben, ich habe zwei Tage gebraucht, um -mich zu bedenken.<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span>“ Arnold konnte eben noch eine Viertelstunde für -seine Schwester gewinnen. Sie theilten jeden Gedanken, ohne einander -eine Ueberzeugung zu opfern, kaum eine Meinung; — sie spiegelten im -innigsten Verständniß Eines des Andern Farbe zurück, ohne die eigene -darüber zu verlieren. Er hatte ihr im ersten Briefe aus der Stadt einen -Umriß der Freinhof-Begebenheiten gesendet, und theilte ihr nun auch -das Gespräch mit Günther, und dessen Ansicht mit. Wie sie einander so -gegenüberstanden, sich an beiden Händen hielten, das Mädchen ihm gerade -in die Augen sah, unterbrach sich Arnold mit den Worten: „Deine Augen -werden immer dunkler! Vor der Reise waren es Kornblumen, jetzt sind es -schon Genzianen!“</p> - -<p>„Und am Ende werden sie noch schwarz, und dann siehst du noch lieber -hinein,“ rief sie lachend. — — „Nun aber genug, — der Vater wird -ungeduldig, — ich schreibe dir, was etwa noch vorgeht, heute durch die -Fabriksgelegenheit. Sei klug, und grüße mir deinen Günther, — auch er -hat nicht Recht, — heute bin ich mit Euch Allen im <span class="nowrap">Krieg.“ — —</span></p> - -<p>Ein frischer, herzlicher Kuß, eine Umarmung, — und Arnold sprang auf -den Wagen, und hatte nun Zeit genug, auf eine für die büreaukratischen -und hierarchischen Ohren annehmbare Form der väterlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> Ablehnungen -zu sinnen, welche ganz nach seinem Herzen waren.</p> - -<p>Sicherlich wird es sein Erstes nach der Ankunft in der Stadt sein, sich -der Mission zu entledigen: wir erwarten ihn im Kabinette Blauhorns, -wohin wir ihm voraneilen, und finden uns leider im Gegensatze zu dem -noch friedlichen Korbacher Thal auf dem Schauplatze der bedauerlichsten -Anarchie.</p> - -<p>Die Gattin geht mit raschen, sehr hörbaren Schritten auf und nieder, -— der kleine gelbe Hofrath sitzt zusammengekauert im Lehnstuhl, -auf irgend ein Aeußerstes gebracht, wie ein Igel zur Stachelkugel -eingerollt. Es ist keine Emeute, kein „beklagenswerther Versuch einer -Handvoll Unzufriedener“, — der Hofrath hat sich nicht wie gewöhnlich -zusammengerottet, um durch einen Gensdarmenblick seiner Gemahlin -auseinandergetrieben zu werden: — es ist offene Empörung.</p> - -<p>Es mußte ein großer Mißgriff von Seite der obersten Behörde des -Hauses geschehen sein, denn Blauhorn gehörte zu den am leichtesten -zu regierenden Provinzen. Man mußte ihm nur einen Schein von -Volksvertretung lassen. Er sagte gerne Ja, wollte aber gefragt werden; -— gehorchte willig, wollte aber wissen, wozu seine Steuer von Gehorsam -verwendet werde. Er hatte im Freinhof von Julie den Auftrag erhalten,<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> -seine Frau dringend dahin zu laden, und diese war der Einladung -gefolgt. Nach ihrer Rückkehr lauerte er auf eine Mittheilung, aber -vergebens. Zwei Tage später erhielt er vom Minister den Auftrag an -Arnold, errieth einen Zusammenhang, und schwieg nun ebenso hartnäckig. -— An den Gedanken einer Wechselwirkung zwischen dem Grafen Breuneck -und seiner Frau hatte er sich gewöhnt; er fing an, sich für einen -Intriganten zu halten und sagte sich vor, er werde, — da er nun einmal -auf die Süßigkeiten des häuslichen Glückes verzichtet, vom Teufel des -Ehrgeizes geritten, und beherrsche durch seine Frau den Minister; — er -war ein Tender, der die fixe Idee hat, die Lokomotive zu <span class="nowrap">schieben. —</span></p> - -<p>Nun fühlte er sich als einen hinten angehängten Lastwagen. — Seine -Frau ihrerseits wollte sehen, wie weit die rebellische Verstocktheit, -dieses Schweigen über den ihr nur zu wohl bekannten gräflichen Auftrag -gehe, und gab ihm achtundvierzigstündige Frist. Als diese verstrichen, -trat sie am Morgen in sein Kabinet mit der Kernschuß-Frage: „Wann -bekommst du Antwort von Korbach?“</p> - -<p>Blauhorn fuhr los: „Er werde dem Minister die Augen über <em class="gesperrt">Alles</em> -öffnen!“ Die Frau konnte nicht wohl begreifen, worin dieses <em class="gesperrt">noch</em> -bestehen solle — und es entwickelte sich nun das Feuer auf der<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> -ganzen Linie mit solcher Lebhaftigkeit, daß Arnold und der ihm -voranschreitende anmeldende Diener das schwere Posizionsgeschütz der -Hofräthin und das dünne Kleingewehr-Geknatter aus dem Lehnstuhle -deutlich durch die Thür unterscheiden konnten. — Als dieselbe aufging, -war unter den schnell geordneten Falten der Empfangsgesichter die -Pulverschwärze noch wahrnehmbar, aber der Kampf war bereits entschieden.</p> - -<p>„Sie werden, bester Herr Korbach, — sprach die Hofräthin — so gütig -sein, mir das Ergebniß Ihrer Anfrage mitzutheilen, da mein Mann an -einer so fürchterlichen Migraine leidet, daß ich ihn nicht sprechen -lasse.“</p> - -<p>„Mein Vater, — erwiederte Arnold auf einen schweigend zustimmenden -Wink Blauhorns — wird eine Ehre und ein Glück in der bewußten -Eventualität sehen und hofft dem in ihn gesetzten Vertrauen um so -leichter zu entsprechen, da er überzeugt ist, daß er in keine Kollision -mit gewissen von ihm seiner Zeit ausgesprochenen Ansichten kommen -werde, welche er allerdings nicht aufzugeben vermöchte.“</p> - -<p>Arnold wußte, was ihm die Zusammensetzung dieser hölzernen Frase -gekostet. Er fühlte sich keinen ganzen, aber ein gutes Stück Talleyrand.</p> - -<p>„Ich bedauere vorzüglich im Interesse Ihres Herrn Vaters dessen -Auffassung einer Sache, welche wir<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> nunmehr als abgethan betrachten -müssen,“ — sagte Blauhorn gemessen und spitzig.</p> - -<p>„Herr Korbach hat ja angenommen?“ rief die Hofräthin.</p> - -<p>„Abgelehnt!“ sagte der Gatte, schneller <span class="nowrap">begreifend. —</span></p> - -<p>Arnolds Schweigen war die beste Politik. Das Gespräch hatte -geringe Lebensfähigkeit und gefror zu zwei oder drei Eisblöcken -von Redensarten, welche dießmal von keinem Gnadenblicke der Dame -geschmolzen <span class="nowrap">wurden. — —</span></p> - -<p>Als das Paar allein war, wehte auf Blauhorns Stuhllehne die -Siegesfahne. Jetzt dankte er Gott, nicht die Lokomotive zu sein. -„Marianne, sagte er, laß dir dieß zur Warnung sein, keine Intriguen -ohne mich einzufädeln! Zu so etwas muß man geboren sein.“ Sie -verließ das Zimmer ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Sie fürchtete -sich allerdings, beim Grafen kompromittirt zu sein, doch hatte sie -keine Wahl gehabt — oder vielmehr nur die Wahl, auf andere Weise -kompromittirt zu werden, — wie sich später zeigen wird.</p> - -<p>In Pater Bernhards Wohnung wurde Arnold von der Mittheilung überrascht, -daß derselbe nach St. Martin abgereist, und den Auftrag hinterlassen -habe, ihn zum Sekretär des Erzbischofs zu führen.<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> Dieser empfing ihn -mit den noch überraschenderen Worten, Se. Erzbischöfliche Durchlaucht -habe befohlen, ihn zu melden.</p> - -<p>Nach einigen Minuten stand er vor dem höchst ehrwürdig aussehenden -greisen Priester, welcher mit freundlichem, mildem Blicke und leichtem -Neigen des Kopfes seine Verbeugung erwiederte und mit sanfter Stimme -sagte: „Ich habe Ihnen, werther Herr Korbach, bereits im Allgemeinen -durch den Herrn Prior von St. Martin mittheilen lassen, daß ich die -Einweihung der Kirche in Korbach vornehmen werde, und kann Ihnen nun -sagen, daß ich am Mittwoch über vierzehn Tage daselbst eintreffen -werde. Ich weiß, daß hierdurch auch ein frommer Wunsch Ihres Vaters -erfüllt wird, welchen er wohl, Angesichts einiger früherer unliebsamer -Vorgänge, Bedenken getragen haben dürfte auszusprechen. Ich komme -demselben mit Freuden zuvor, da die Dinge in Korbach eine gute -Wendung nehmen. Es soll der Gesinnung Ihres Vaters an einer kräftigen -Unterstützung von Oben nicht fehlen, ich gedenke dieß bei meiner -Anwesenheit zu beweisen. — Sollte Sie in Zukunft ein Anliegen zu mir -führen, so werde ich für Sie immer zugänglich sein.“</p> - -<p>Ein Schritt zurück und eine freundlich entlassende Bewegung mit Hand -und Kopf schnitten jede<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> Gegenrede Arnolds ab, selbst wenn er eine -solche bereit gehabt hätte. — Die Audienz war zu Ende. Nach der -Abschiedsgebehrde konnte er nur bleiben, wenn er ein Schreiben des -Vaters aus der Tasche zu ziehen hatte. Daß er <em class="gesperrt">keines</em> habe, -hatte der kluge Kirchenfürst beim ersten Blicke vermuthet und war nach -den ersten zehn Worten davon überzeugt, da er keine Anstalt sah, ein -Derlei zu Tage zu fördern. — Und <em class="gesperrt">eigentlich</em> hatte er auch kein -Schreiben erwartet, sondern — den alten Korbach selbst. — — Ein -sehr bezeichnender Unterschied zwischen der geistlichen und weltlichen -Gewalt lag in der Weise, wie Beide die Ablehnung behandelten. Der -Erzbischof läßt es gar nicht zum Aussprechen des <em class="gesperrt">Nein</em> kommen, -nicht einmal gegen Pater Bernhard. Er weiß was <em class="gesperrt">ist</em>, er hat -ins Herz geschaut, und das genügt. Die weltliche Gewalt begnügt sich -nicht mit faktischem Wissen und Handeln, sie hat noch menschliche -Leidenschaften, keine Rancünen, sie zeigt Gereiztheit. Die Kirche -läßt es nicht auf den Punkt kommen, daß sie beleidigt sein muß, bevor -sie es angezeigt findet. — Arnold erschien sein Vater wie das arme -Volk in der offiziellen Zeitung bei der Durchreise eines allgeliebten -Herrschers; haben zehn Menschen gerufen, so ist es tausendstimmiger -begeisterter Jubel. Hat sich kein Mund geöffnet, so ist die Rührung<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> -keine lärmend ausbrechende, aber eine um so tiefere. — Sein Vater -<em class="gesperrt">mußte</em> sich nach dem Erzbischof sehnen, laut oder stumm. <span class="nowrap">— — —</span></p> - -<p>Nächsten Morgen begrüßte ihn, da er eben die trübe Sündflut des ganzen -unerklärlichen ihm widerlichen Getriebes überschaute ohne Land zu -entdecken, eine Taube mit einem Oelzweig, — ein Brief Helenens.</p> - -<p>Sie schrieb:</p> - -<p>„Nach deiner Abreise abermalige Conferenz, zu der ich gerufen wurde. -Ich sagte von Günthers Ansicht über ein Freinhof-Komplott Alles, -was ich sagen konnte ohne deinen mir anvertrauten Herzensschatz zu -enthüllen. — Niemand findet eine Erklärung. — Günther, Sprenger und -ich haben verschiedene Meinungen.</p> - -<p>Günther hält nach deiner Erzählung den Freinhof für ein Gewebe, wo -mitten die Spinne sitzt, welche auch Julien umklammert, und nach allen -Seiten hin ihre misteriosen Fäden nach den Fliegen ausspannt.</p> - -<p>Unser Mentor sagt: Gerade umgekehrt. Im Freinhof sitzt die Fliege, -die Person, welche von all’ den Spinnen in den obern Regionen zu -verschiedenen Zwecken benützt wird.</p> - -<p>Ich sage: Beide haben Recht, Beide Unrecht. Es ist da ein Mensch, der -von Einigen zu ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> Zwecken gebraucht wird, und selbst seine eigenen -mit Andern verfolgt.</p> - -<p>Ihr sucht überhaupt zu tief — Ihr wollt eine Freimaurerloge, -Vehmgericht, Falschmünzerbande, kurz irgend eine prächtige -Roman-Teufelei mit einem vielgestaltigen Anführer und Verschwornen in -allen Ständen herausfinden. All das <em class="gesperrt">könnte</em> sein, — aber es -<em class="gesperrt">ist</em> eben nicht! Ich sehe das so klar, mit diesen meinen Augen, -die trotz deines Vergleiches kein anderes Blau haben als eine frisch -abgesottene Forelle. Glaub’ mir, hinter der ganzen Geschichte steckt -Nichts als Ein schlechter Mensch, dessen Opfer auch die arme schöne -Frau. Der Vater sagt, von seinen Freunden würde keiner so handeln, und -entsinnt sich keines Feindes. Den Herrn des Freinhofes kennt er gar -nicht. — Was bei uns vorfällt, erfährst du <span class="nowrap">gleich.“ — —</span></p> - -<p>— — — Wer sah am Richtigsten? Der Taschenteufel, — der vielgereiste -Mentor oder die achtzehnjährigen <span class="nowrap">Genzianen-Augen? —</span></p> - -<p class="s3 center mtop1 mbot1">*<br /> -*           *</p> - -<p>Ein Streiflicht fällt, wenn nicht auf das Gewebe, doch auf die Spinne, -wenn wir Sembrick folgen, der am Nachmittage nach Arnolds Besuch -abgereist, Abends im Freinhofe eingetroffen war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p> - -<p>Mit einem Gewitter hatte drei Tage früher unsere Erzählung begonnen — -es folgte ihm die Abendfeier am Himmel, die zugleich das Morgenroth -einer erwachenden Liebe. — — Das heutige war auf den Raum eines -Menschenherzens eingeengt — es folgt ihm aber kein <span class="nowrap">Abendroth. —</span></p> - -<p>Als Edmund ankam, war Julie auf ihrem Zimmer. — Er faßte mit ruhiger -Hand ihre dargebotene zitternde. Tiefer Ernst, — gebändigter Schmerz -lag auf seinem Gesichte — — das ihre war eine weiße Rose im Sturm.</p> - -<p>„Edmund, ich wußte, daß Sie kommen würden!“</p> - -<p>„Und Sie sind so bewegt, als wäre das Unerwartetste erschienen.“</p> - -<p>„Ich bin’s, weil ich Sie erwartete! Sie erhielten meinen <span class="nowrap">Brief“ —</span></p> - -<p>„Ich erhielt ihn aus Korbachs Händen heute Morgen, und bin gekommen, -ihn nach seinem ganzen Inhalte zu beantworten.“</p> - -<p>„Ach Gott, Sie sprechen so gemessen, in einem so feierlichen <span class="nowrap">Tone“ —</span></p> - -<p>„Wie es eine Stunde fordert, in welcher klar werden muß, Julie, was wir -einander sind, und fortan sein können.“</p> - -<p>„Und war denn nicht Alles so klar, wie es sein<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> soll und kann und mag, -sein <em class="gesperrt">wird</em>, wenn Sie es nicht unklar machen wollen? Edmund, ich -leide genug, — können denn <em class="gesperrt">Sie</em> mich quälen?“</p> - -<p>„Leid von Ihnen fern zu halten war mein Ziel, seit ich Sie gefunden. -Wenn ich es nicht erreicht, noch lange nicht erreichen werde, so liegt -die Schuld nicht im Mangel des Willens, noch der Kraft. Jedes Handeln -ist für jetzt unmöglich!“</p> - -<p>„Unwürdig ist unser jedes Wort, das den Gedanken verschleiert! Sie -wollen mir <em class="gesperrt">nicht</em> sagen, daß Sie nicht handeln können, Sie wollen -sagen, daß Sie dabei <em class="gesperrt">allein</em> stehen wollen. Was Sie unklar -zwischen uns nennen, das ist der Brief, mit dem ich Arnold sandte! Und -Sie vergessen Ihre Worte: „Noch Eine sichere Hand, eine treue Seele, -auf die Sie zählen können!““</p> - -<p>„Ich habe sie nicht vergessen, — und statt Sie zu fragen, wie Sie in -Korbach den Mann erkannt, auf den ich zählen könne, sage ich Ihnen -geradezu, Sie haben recht gesehen, — er <em class="gesperrt">ist</em> es. Aber die -Zeit ist noch nicht gekommen, — und wenn sie kommt, so bedürfen Sie -<em class="gesperrt">meiner</em> dann nicht mehr.“</p> - -<p>„Edmund, glauben Sie nicht, mich durch Ihre Härte dahin zu bringen, -daß ich etwas sage, was Sie mit Recht verletzte, damit Sie ein hartes -Wort von mir als Schild gegen Ihr eignes Gefühl halten<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> könnten, das -Ihnen sagt: sie bedarf meiner! — <em class="gesperrt">Was</em> ist <em class="gesperrt">anders</em> geworden -seit dem Tage, wo Sie von diesem Fenster auf den Berg hinüberblickten -und sagten: So wahr der Geist Gottes über den Wassern und jener Höhe -schwebt, der in das Dunkel, in dem Sie wandeln, hineinrufen wird, es -werde Licht! so lange weiche ich nimmer von Ihnen, bis mit seiner -Hülfe die Fessel gelöst ist! — Was ist anders geworden? — nicht ich, -Edmund, aber Sie!“</p> - -<p>„Ich bin, der ich war und sein werde. Ich stand aber nie auf jener -Höhe, wohin mich Ihr Gedanke stellte. Ich habe Nichts gethan, was Sie -berechtigt, mich für ein übermenschliches Wesen zu halten, und das -mußte ich sein, wenn mit dem Entschlusse für Sie zu kämpfen, nicht -der Gedanke erwachen, mich mit Allgewalt durchdringen sollte, es ist -<em class="gesperrt">um</em> Sie!“</p> - -<p>(— — — Wenn ein allgegenwärtiger Schutzgeist der Liebe die Worte -hört und wiegt, welche als Bitte oder Schwur von Menschenlippen zu ihm -hinaufgesendet werden, so vernahm er fast zur <em class="gesperrt">selben Minute</em> -das Wort, das Arnold zu seinem Freunde Günther sprach: Ich handle -<em class="gesperrt">für</em> sie, nicht <em class="gesperrt">um</em> sie — — — und tief mochte sich unter -dem reinen Gold die Wagschale auf Arnolds Seite neigen. — — —)</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p> - -<p>„So war es nicht immer, sagte Julie mit Innigkeit — Sie <em class="gesperrt">waren</em> -wie ich Sie <em class="gesperrt">sah</em>! Sie standen wirklich auf jener Höhe, nicht -<em class="gesperrt">ich</em> habe Sie hinaufgehoben — — — jetzt hinweg mit den -Schranken, welche eine alberne Wortprüderie um uns Frauen ziehen -will: ich selbst will Ihr Inneres vor Ihnen aufdecken. Ich habe Ihre -Liebe zu mir zur Klarheit geführt, bis Sie selbst sagten: „Ich habe -überwunden, und bin im Stande, ohne Wunsch und Verlangen der Freund -eines unglücklichen Weibes zu sein,“ — ich lasse Sie auch jetzt nicht -im Dunkel und sage Ihnen, der Gedanke an <em class="gesperrt">Arnold</em> ist es, der -Sie zurückgeworfen in eine Tiefe, aus der Sie sich emporgerungen... -Sie sind noch der, als den ich Sie kennen lernte, — Edmund, — in -Frauenwang! — wo Sie jenes Kind gerettet — wo ich Sie zum ersten -Male sah, als Sie den Sprung des de Lorges, aber nicht zwischen Tiger -und Leu’n thaten — — die <em class="gesperrt">konnten</em> sich erbarmen, — sondern an -den feuersprühenden Rachen der Lokomotive hin, — im letzten Moment, -— wo es <em class="gesperrt">keiner</em> mehr wagte — und das Mädchen emporrissen! — -— ich höre noch den Schrei der Umstehenden — der meine erstickte in -der Brust — es war ja eines Haares Breite zwischen Tod und Leben! — -und wie Sie das Kind dann ruhig an die Säule hinstellten, aber ohne es -auch<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> nur einmal zu küssen — — — Sie hätten es am nächsten Tage, -vielleicht in der nächsten Stunde nicht wiedererkannt... Da zuckte -mir’s durch die Seele, <em class="gesperrt">der kann</em> dein Retter sein! — Dann -gedacht’ ich der Kälte, mit der sie das dem Tod entrissene liebliche -Geschöpf hingestellt — als wär’s ein Waarenbündel, — den nun der -Eigenthümer wegtragen soll! Und eben <em class="gesperrt">darum</em>, meint’ ich, konnten -<em class="gesperrt">Sie</em> es sein! Wie dann die Mutter, die ihr Kind in guter Obhut -geglaubt, herbeistürzte, — sich zu Ihren Füßen warf, wendeten Sie sich -mit zornigem Auge ab und sagten: Sie sind nicht werth eine Mutter zu -sein! Dann fiel Ihr Blick, als Sie eben den Wagen bestiegen, auf mich -— Sie sahen, wie ich den meinigen fest und lange auf Sie richtete, -voll Bewunderung Ihrer Entschlossenheit, — mit dem Gedanken, <em class="gesperrt">dieser -Mann wäre im Stande, auch dich von deinen Eisenschienen aufzuheben</em>“ -<span class="nowrap">—</span></p> - -<p>„Und dann kalt und ruhig wegzugehen — — der Weihrauch der -Bewunderung, die Mirrhe des Dankes, das Gold der echten, reinen -Freundschaft — — das sind die Gaben, die selbst der Welterlöser -erhielt, — sollte ich unzufrieden sein? ich, der ich nichts gethan, -als vielleicht Ihre Geduld, Ihre Hoffnung auf ein gelobtes Land der -Zukunft gestärkt?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p> - -<p>„Und ist das <em class="gesperrt">Nichts</em>? — ist’s denn nicht tausendmal mehr, -als <em class="gesperrt">ich</em> bieten konnte? Lebt’ ich nicht ohne Glauben an einen -Menschen, ohne einen Funken Hoffnung eines Glückes, — und hab’ ich -Ihnen nicht Beides zu danken?“</p> - -<p>„Der Glaube an den Menschen mußte zerfallen, eben als Sie ihn in seiner -ganzen Menschlichkeit vor sich sahen — — die Hoffnung eines Glückes -aber sollen Sie so entschieden festhalten, als ich Sie nun verloren -habe.“</p> - -<p>„Und an <em class="gesperrt">welches konnten</em> Sie glauben — —? Edmund, dürfen -<em class="gesperrt">Sie</em>, die Hand auf Ihr Herz, von Täuschung, — von Enttäuschung -sprechen? Als Kollmann, der in Frauenwang kein Auge von Ihnen -verwandte, Sie hier vorstellte, als er, — mir unerklärlich, Ihnen -Alles mittheilte — — was Sie von mir nie erfahren hätten, als Sie -dann mit mir darüber sprachen und sagten, ich ruhe nun nicht eher, -als ich in meiner Waffensammlung den Dolch gefunden, der eine Kette -zerschneidet, von welcher kein göttliches und kein menschliches Gesetz -weiß — da sah ich mit dem Blicke des Weibes in der ersten Stunde, -daß Sie <em class="gesperrt">mich</em> nicht — — wie jenes Kind hinstellen würden. Ich -bat Kollmann, Sie nicht wiederzubringen, — vergebens. Ich erhielt -den Befehl mit Ihnen so liebenswürdig zu sein, wie mit<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> allen Jenen, -— — deren er bedarf. Auch das sagte ich Ihnen, auf jede Gefahr von -seiner Seite hin. Und als der Augenblick kam, den ich fürchtete, als -Ihr Gefühl, — wie ein heißer Quell aus Island, der das Felsenstück -wegschleudert, um sich zu befreien, in das lang unterdrückte Wort -ausbrach — — habe ich die Augen mit den Händen bedeckt —? habe -ich Sie mit Entsetzen über ein Unerhörtes verlassen? — haben Sie -eine jener Frasen der fliehenden Koketterie vernommen — ein „Mein -Herr, was berechtigt Sie —? Ich habe mich in Ihnen getäuscht —?“ -Oder ein ähnliches Nichts? — — Hat auch nur ein gepreßter Athemzug, -ein verwirrter Blick Ihnen etwas Anderes gesagt als das heilig wahre -Wort, das ich ruhig sprach: Wenn ich Sie liebte, so würd’ ich so -freudig Ja sagen, als ich mit Schmerz um Ihretwillen Nein sage — — -so würde ich nicht einmal fragen, ob Sie mich wieder lieben! — — -Ich wäre darum doch nicht ein Haarbreit von jener Linie gewichen, -die ich mir selbst gezogen, und Sie wären, wenn ich Sie liebte, ganz -so unglücklich gewesen, als Sie jetzt zu sein glauben. Es ist einmal -in den Sternen geschrieben, daß ein Mann keinen andern Preis seines -Handelns und Strebens für eine Frau kennt, als <em class="gesperrt">sie selbst</em>. Wenn -von Enttäuschung die Rede sein kann, so bin<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> ich es, Edmund, die das -Recht hat zu sagen, Sie haben verheißen und nicht gehalten.“</p> - -<p>— — Wenn ich sagte, ich habe überwunden — erwiederte Edmund mit -sanftem aber festem Tone, so sagte ich damit, — um Ihr eignes Bild zu -gebrauchen, das Felsstück ist auf den heißen Quell gedrückt — preßt -ihn in’s Innerste zurück, — — Sie haben kein Ueberwallen mehr zu -fürchten. Meine Worte aber, es müsse klar werden, was wir einander -fortan sein können, sollen sagen: Bin <em class="gesperrt">ich</em> fortan derjenige, -in dessen Hand Sie die Lösung Ihres Schicksales <em class="gesperrt">allein</em> mit -unbedingtem Vertrauen legen wollen? — Bin ich es, so sollen Sie die -Frau sein, für welche ein Mann, der sie unbegrenzt liebt, <em class="gesperrt">so</em> -handelt, um jenes höllische Gewebe zu zerreißen, als wäre er ihr Freund -in <em class="gesperrt">dem</em> Sinne, den sie verlangt — — ohne irgend eine andere -Hoffnung. Bestehen Sie darauf, Ihr Geheimniß mit Korbach zu theilen, so -gebe ich ihm alle Mittel in die Hand, die sich mir, wie ich die Sache -verfolge, bieten werden, und behalte Nichts als das Bewußtsein, bis zum -jetzigen Augenblicke Ihr Vertrauen ungetheilt genossen zu haben. — Mit -Korbach Hand in Hand gehe ich nicht. — Unsere Wege führen auseinander. -Der meinige ins Weite zurück, nachdem ich einen hellen, leuchtenden -Mittelpunkt meines Lebens gefunden, der<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> seine Kometenbahn in eine -abgeschlossene Sfäre verwandeln konnte, — und den ich wieder verloren. -Wohin der seine? — Ich kann den Lauf des tiefen, reinen Wassers nach -dem Meere nicht hemmen, Julie, aber ich grabe ihm auch nicht das Bette -dahin. — Das verlangen Sie von Sembrick nicht. — Verlangen Sie es um -Korbach’s willen nicht! — Vergessen Sie nicht, daß er, um mit mir zu -wirken, Alles wissen muß, und wer verbürgt Ihnen, daß Korbach den Kampf -zwischen der Pflicht, für Sie zu schweigen, und jener, zu entdecken, -<em class="gesperrt">so</em> trägt wie ich?“</p> - -<p>„Daran habe ich nie gedacht — Edmund, Sie glauben unmöglich, daß -Arnold einen Augenblick uneins mit sich sein <span class="nowrap">kann“ —</span></p> - -<p>„Wie er <em class="gesperrt">handeln</em> werde, gewiß nicht; aber täuschen Sie sich -nicht über sein Pflichtgefühl. Er ist mit allen Banden, durch eine -hoffnungsreiche Zukunft an dieses Land gebunden, und kann über -das Bestehende, über die Forderung des Gesetzes nicht so leicht -hinwegsehen! Seine Ansicht, wenn ich ihn in den wenigen Minuten -durchschaut, — dürfte jener nachgebildet sein, welche das Ideal -jedes jungen Mannes sein soll, — er wird nicht wie <em class="gesperrt">Max</em> seinen -Friedland, seine Liebe opfern, — aber er wird <em class="gesperrt">empfinden</em> wie -dieser, und in den schmerzlichsten Zwiespalt mit sich gerathen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> - -<p>Julie schwieg betroffen — sie legte die Hand auf’s Herz — und sagte -nach einigen Minuten leise aber heftig: „Das entscheidet! — das -allein. Sagen Sie nichts mehr davon — — Sie haben mir die Augen über -etwas geöffnet, was ich nicht geahnt. — — Und Sie! — Sie haben von -der Last die sie trugen, geschwiegen, bis Sie dieselbe theilen sollten! -Das ist groß — das ist wieder <em class="gesperrt">der</em> Edmund, zu dem ich wie zum -unbeweglichen Polarstern hinaufgeschaut! Sie geben sich mehr Mühe, -klein zu scheinen, als Andere groß!“</p> - -<p>„Und so bleibe ich denn am hohen kalten Himmel stehen, Julie, und wir -lassen Korbach auf der warmen Erde wandeln, ohne ihn mit der Kette -Ihres Geheimnisses zu umschlingen?“</p> - -<p>„Es soll so sein — — ich werde seinen Frieden nicht brechen!“</p> - -<p>„Und wie werden Sie gegen ihn widerrufen, was Sie im Briefe -aussprachen?“</p> - -<p>„Das überlassen Sie mir — ich werde leicht Hände lösen, die sich nicht -berührt haben — — und die Ihre wird die eines treuen Freundes bleiben -wie <span class="nowrap">zuvor?“ —</span></p> - -<p>„Ich werde wie ein solcher handeln. Und nun, Julie, — da mir -Alles — <em class="gesperrt">Alles</em> klar, sagen Sie mir, was Sie denn eigentlich -gedacht, beabsichtigt<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> welchen Plan Sie im Aug’ gehabt, als Sie mir -<em class="gesperrt">diesen</em> Verbündeten sandten?“</p> - -<p>„Gedacht? — Plan? — Was ist denn, — das Eine ausgenommen, daß ich -mir selbst treu bin und dem, was ich gut nenne, — was <em class="gesperrt">ist</em> -denn in mir, was nicht Eingebung des Moments wäre? Was berechne ich? -Eine Stunde lang sah ich Arnold, — es fiel mir nicht ein, zu denken, -<em class="gesperrt">wie</em> er Ihnen beistehen könne — ich mußte ihn senden, — fassen -Sie denn nicht, daß ich diesen Augen vertrauen <em class="gesperrt">mußte</em>? — Ich -fragte mich ja selbst, warum, und da ich’s nicht weiß, ist es eben ein -Gegebenes, ein Gottgesendetes, wie alles Unerklärliche, das uns hebt -und besser macht! Ich konnte, nachdem ich mit ihm gesprochen, mir einen -Augenblick denken, daß es Nichts in der Welt gebe, was nicht vergeben -und gesühnt werden könne, und das hat mir wohlgethan. Sie sagten, wer -von ganzer Seele liebe, der könne auch von ganzer Seele hassen — -vielleicht bin ich des Ersteren nicht fähig — denn ich kann mir nun -keinen Haß denken, selbst gegen den, der Alles gethan ihn zu verdienen, -welcher nicht in ein „Gott verzeih dir wie ich!“ hinschmelzen würde, -wenn er mir auf dem Sterbebette, — auf meinem oder seinem, die Hand -reichte. Und noch vor wenig Tagen hatte ich — <em class="gesperrt">Sie</em> erschrecken -nicht vor dem Gedanken, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> <em class="gesperrt">ich</em> — hatte ich zu Gott um Rache -gerufen, — da oben — an der Stelle selbst! — Vor Arnold könnte ich -ein solches Gebet nicht laut aussprechen!“</p> - -<p>„Ich hoffe, Sie hatten in der letzten Zeit weniger zu leiden, da -Kollmann, wie ich weiß, selten hier war.“</p> - -<p>„Sie wußten —?“</p> - -<p>„Ich behalte den Freinhof stets im Auge, wenn Sie auch nicht von mir -hören.“</p> - -<p>„Thun Sie, was Sie um meinetwillen für gut finden. Kollmann war -vorgestern hier, eben als Arnold gekommen war. Er ließ mich rufen, -nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen. — Er lag im Bett, -rauchte seine Zigarre, — ich saß neben dem Bette, im Nachtkleid, -— das Fieber schüttelte mich. Er schwieg einige Zeit, — hatte -die Augenlider gesenkt — da sah ich wenigstens nicht, was mir das -Fürchterlichste ist. — — Sembrick — haben Sie denn je einen -Menschen mit so weißen Augen gesehen? Es ist gräßlich, wenn er sie -aufschlägt und ich diese Augäpfel — wie die eines Blinden — nur -mit zwei schwarzen Punkten mitten, auf mich gerichtet sehe — — er -sieht Sie durch und durch, — aber Sie können ihm nicht hineinsehen, -nicht durch die äußerste Hülle der Seele. — Die schmalen, eiskalten -Züge, der lippenlose Mund — das ist Alles nichts<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> gegen diese Augen! -— Endlich fragt’ er mich, wer im Freinhof — ich nannte Alle, auch -Arnold — er sagte: Ich erwartete seine Rückkehr von der Reise und -hätte ihn aufgesucht — nun kommt er selbst, um so besser, — so kann -Alles durch dich gehen. — Ich fragte: Was hast du mit dem vor? — Nur -Gutes, erwiederte er — so freundlich lächelnd — daß ich alle Mächte -des Himmels um Schutz für Arnold anrief. — Und doch <em class="gesperrt">hat</em> er auch -schon Gutes durch mich gethan. Ich fragte, ob ich gehen dürfe, — er -befahl mir, die Blauhorn durch ihren Mann dringend nach dem Freinhof zu -laden und entließ mich. Am Morgen hatte er noch eine Unterredung mit -Pater Bernhard und reiste ab. — Ich konnte den ganzen Tag das Bett -nicht verlassen.“</p> - -<p>„Und so wird und muß ein Moment kommen, rief Sembrick mit Schmerz aus, -wo Ihre Kraft zusammenbricht, — ich fürchte, früher, als ich oder wen -die Vorsehung erwählen wird, Hülfe bringen kann.“</p> - -<p>„Fürchten Sie das nicht, erwiederte Julie lebhaft, fast heiter. — -Sehen Sie meinen Arm an, ist er weniger rund? ist das übertriebene -Korallenroth meines Mundes verschwunden? Ich bin in einzelnen Stunden -viel elender, und Tage und Wochen<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> viel weniger unglücklich als Sie -glauben. Oft fühl’ ich’s gar nicht.“</p> - -<p>„Ihre Abhängigkeit vom Momente, wie Sie’s nannten, ist in Ihrer Lage -ein Gottesgeschenk. Ich gedachte aber des Nervenfiebers, von dem Sie -mir <span class="nowrap">erzählten.“ —</span></p> - -<p>„Das war bald nach dem ersten Sturme, und gerade damals war die -Sklavenkette leichter. Kollmann sagte: „Ich verlange von dir, daß du so -liebenswürdig, so reizend, so unwiderstehlich sein sollst, als du sein -kannst, gegen Alle, die ich dir bezeichne, dafür magst du es auch gegen -Jeden sein, den du selbst wählest, ich ziehe dir keine Schranken.“ — -— Ich bedurfte auch keiner; sie hätten Nichts verhindert, wenn ich von -Gott nicht so geschaffen wäre, daß ich nicht untergehen kann. Meine -Natur stößt nun einmal das Schlechte <span class="nowrap">zurück.“ —</span></p> - -<p>„Das ist’s, was Ihnen die alleinseligmachende Clique nicht verzeiht -— hörten Sie’s doch selbst, wie Einer davon zum Andern sagte: Sie -muß doch untergehen, — sie hat keinen <em class="gesperrt">Halt</em>, — wenn sie noch -rein ist, so ist’s nicht die Tugend der Grundsätze, sondern jene -anmaßende, auf sich ruhende! — — und diese ist ihnen weit verhaßter -als selbst die Sünde. Diesen Menschen ist eine Frau welche fällt, dann -an dem Blumenstabe des Entsündigungs-Ap<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>parates hinaufkriecht und auf -den positiven Krücken weiterhinkt bis zum nächsten Falle, hundertmal -lieber, als eine, die das in ihren Augen unverzeihlichste Verbrechen -begeht, ihrer nicht zu bedürfen, und gut zu bleiben, weil sie eben -nicht anders kann und will!“</p> - -<p>„Ich war gefeiert, und das war ein zweites Vergehen. Ich konnte mich -dessen <em class="gesperrt">freuen</em>; auch Sie waren in dem Irrthum, daß die Feuerräder -und farbigen Raketen, die ich in der Gesellschaft spielen ließ, nur -am Höllenfeuer des Schmerzes angezündet seien, welche eine heroische -Willenskraft in sprühende Bouquets verwandelte, ich <em class="gesperrt">war</em> aber -hundertmal das als was ich <em class="gesperrt">erschien</em>, ein gefeiertes junges Weib, -das sich des Augenblickes freut.“</p> - -<p>„Für mich war immer Alles rein, Julie, wo die Welt trübe sah — wenn -ich aber alles Willkürliche, alles Unberechenbare an Ihnen begreife, so -fasse ich das <em class="gesperrt">Eine</em> nicht, wie Sie hier — so nahe jener Stelle, -nach welcher Kollmann drohend den Arm ausstreckt wie ein Wegweiser zur -Hölle, — wohnen, — auch nur eine Stunde frei athmen können; und doch -war der Freinhof <em class="gesperrt">Ihr</em> Gedanke!“</p> - -<p>„Und das glaubten Sie? weil Sie hörten, daß ich den Plan angegeben, -das Werk gefördert? <em class="gesperrt">Er</em> hat es gewollt, — ein Nein gibt es -ja nicht. Er<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> mochte denken, dieser Ort hält das Bild lebendig, vor -welchem wie vor dem Medusenschilde jeder Gedanke des Widerstandes -erstarrt. — Vielleicht will er ihn auch überwachen. — Und neben der -großen teuflischen Idee das kleine Gewimmel von klugen Berechnungen und -Vorahnungen, wie der Freinhof so herrlich allen Zwecken entsprechen -werde, wie da ganz anders auf Jeden gewirkt werden könne, jedes Wort -einen andern Klang habe, wenn es die Weiber beim Ton der Zither, die -Männer beim Male nach der Jagd vernehmen! — daß ich hier frei athme? -wenn ich den Nächten der <em class="gesperrt">ersten</em> Woche nicht erlegen, so war es -gewiß, daß ich in der zweiten Ruhe fand, in der dritten die Besuchenden -empfing, wie Kollmann gebot. — Ich bin eines stillen Hinliegens in -ewigem Schmerze nicht fähig. Daß aber die Thränen jener Stunden, wo ich -verzweifeln möchte, hinreichen werden, um das frohe Lachen der andern -zu verlöschen, wenn es als Sünde in mein Schuldbuch geschrieben wird, -das hoffe ich so gewiß, als ich mit Arnold an endliche Sühnung jeder -Schuld glaube.“</p> - -<p>„Vielleicht würde auch er fühlen, wenn ihm Ihr Schicksal enthüllt wäre, -daß es Lagen gibt, wo der Mensch erst dann vergibt, wenn Gottes Gericht -über den Schuldigen hereingebrochen, — so wie Gott vergeben mag, wo -die Menschen gerichtet —!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p> - -<p>„Edmund —!“ rief Julie — — es war ein Aufschrei des Entsetzens — -ihr Blick eine Bitte um <span class="nowrap">Erbarmen — —</span></p> - -<p>Er faßte ihre Hand und sprach bedeutungsvoll: „Vergebung! Julie! — — -Noch sehe ich keinen Ausweg, kein Licht. — Ich verlasse Sie, um nach -dem Ort zu reisen, wohin Sie nicht denken sollen ohne sich zu erinnern, -daß ich in einem <em class="gesperrt">schwereren</em> Kampfe gesiegt als der, dem ich -entgegengehe!“</p> - -<p>„Ich habe Gott darum gebeten, und er hat mich <span class="nowrap">erhört“ —</span></p> - -<p>„Er wird auch Ihr zweites Gebet hören! — in wenig Tagen bringe ich -Ihnen Nachricht.“</p> - -<p>— — Er schied, und Julie las in seinem letzten Blick voll Schmerz und -Liebe, daß Gott ihr Gebet nicht erhört habe. Das war noch nicht die -hohe, ruhige Flamme, die aus dem Auge des Siegers leuchtet — es war -nur Ergebung, — nicht Erhebung.</p> - -<p class="s3 center mtop1 mbot1">*           *<br /> -*</p> - -<p>Sembrick kehrte von der Reise, welche zum Zweck hatte gewisse -Verhältnisse an einem Orte, wohin wir ihm später folgen werden, zu -erkunden, am vierten Tage seiner Verheißung gemäß, zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p> - -<p>Mit sichtlicher Betroffenheit vernahm er, daß Kollmann mit Julie den -Tag zuvor den Freinhof verlassen. Es war einiges leichte Reisegepäcke -mitgenommen worden. — Das Wohin wußte Niemand.</p> - -<p>Vergeblich sann Edmund nach. Was Kollmann begann, wurde selten klar, -ehe es durchgeführt war. Er fragte nach Knorr; es war möglich, daß -dieser mehr wußte als die Diener.</p> - -<p>Man wies ihm dessen Wohnung, welche übrigens vom ganzen Thalgrunde -aus sichtbar war. Hart am Ende des Parks, der den Hof umgibt, erhebt -sich eine steile, kegelförmige Anhöhe, mit Fichten rings bewachsen, -auf deren Gipfel altes Gemäuer steht: die Ruine einer Kapelle und -eines Gebäudes, welches einige Mönche vor Jahrhunderten bewohnt haben -mögen. Kurze Zeit vor Erbauung des Freinhofes hatte Knorr, auf dessen -Vergangenheit wir später zurückkommen werden, den Waldkegel sammt -der Ruine von der Grundherrschaft, dem Kloster St. Martin angekauft, -das Gebäude so weit herstellen lassen, daß es nun einige freundliche -Wohnzimmer und eine Küche enthielt, und sich mit einer alten Bäuerin, -welche seinen Haushalt besorgte, darin festgesetzt und gegen Alles -behauptet, was, wie wir sogleich hören werden, aufgeboten wurde, um ihn -zu vertreiben.<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> Der übrige Theil der Ruine blieb in dem Zustande, worin -er sie gefunden.</p> - -<p>Als Sembrick den Waldpfad hinanstieg, hörte er Schüsse in kurzen -regelmäßigen Zwischenräumen und fand Knorr auf dem kleinen Plateau -vor seiner Wohnung beschäftigt, aus einem achtläufigen Revolver nach -einem, die Spuren zahlloser Kugeln weisenden, Baumstamme zu feuern, auf -welchem mit Kreide Buchstaben, Kreise und sonstige Figuren gezeichnet -waren. Auf der Bank vor der Hausthüre lag ein ganzes Arsenal von vier-, -sechs- und achtläufigen Revolvers nebst Kugeln <span class="nowrap">u. s. w.</span></p> - -<p>„Gegen wen, lieber Knorr — rief der Baron — vertheidigen Sie denn Ihr -Raubnest mit einem so mörderischen Feuer?“</p> - -<p>„Gott zum Gruß, verehrter Baron, man muß sich auf dieser Welt voll -ewigen Friedens stets in der Verfassung erhalten, nöthigenfalls ein -Licht auszuschießen, brenne es auf einer Millykerze oder in einem -Kopfe!“</p> - -<p>„Lassen Sie einmal sehen!“ erwiderte Edmund, dem es darum zu thun war, -Knorr näher kennen zu lernen, den er bis dahin wenig beachtet hatte, -aber nach Reilands Mittheilungen nun nicht für unbedeutend hielt. „Ich -bin auch keiner der schlechtesten Schützen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p> - -<p>„Ich bitte anzufangen! Alle sind geladen.“ Sembrick versandte mit -Meisterhand Kugel auf Kugel nach den Zielen, Knorr aber schoß fast -jedesmal in das Loch, welches jene des Barons gebohrt, welcher sich -endlich für überwunden erklären mußte.</p> - -<p>„Nun den letzten Schuß!“ sagte Knorr. — „Sehen Sie, der geht auf den -schwarzen Stummel da unten, mit den zwei weißen Augen von Kreide, da -rufe ich immer hinab: Gute Nacht, Nachbar Kollmann, und jage ihm eine -Kugel in die Rinde.“</p> - -<p>„Eine schöne freundnachbarliche Gesinnung! — rief lachend der Baron, -— Sie machten ein Gesicht dazu, daß ich kaum bezweifle, Sie möchten -alles Ernstes den Abendgruß hinabsenden, wenn’s gut anginge.“</p> - -<p>„Von Herzen gern! aber es würde vor der Hand zu Nichts führen. -Uebrigens sind Sie herausgekommen, um zu fragen, wohin die Nachbarn -gereist, und ich bedaure nicht mehr zu wissen, als der Stummel dort. -Sie könnten mich aber wenigstens über einiges Andere ausholen!“</p> - -<p>Sembrick ging in Knorrs Stil und Idee ein und entgegnete: „Das hatte -ich vor, und nun möchte ich Ihnen vor Allem auf den Zahn fühlen, warum -Sie Ihren Nachbar, in dessen Hause ich Sie doch traf, <span class="antiqua">in effigie</span> -erschießen, mit dem frommen Hintergedanken, es wirklich zu thun?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span></p> - -<p>Statt der Antwort führte Knorr den Baron um das Haus herum in die -Ruine, die hölzerne Stiege hinan, welche die vorige steinerne -im Innern des zur Hälfte eingestürzten Thürmchens ersetzte, von -dessen Höhe man die Rundsicht über das Thal genoß, und sagte, über -die Gegend hinzeigend: „Länderdurst, Herr Baron, das Fantom der -Universalmonarchie, welches meinen Nachbar hetzt, ist jener Grund -unseres Haders, von dem sich sprechen läßt. Ein anderer, triftigerer -liegt freilich vor, davon habe ich aber nicht vor, zu reden. Sehen Sie -um sich! Alles ist sein Gebiet. Bloß mein Fichtenkegel und meine Burg -stecken ihm wie ein Pfahl im Fleisch, daß er sich nicht arrondiren -kann. Zuerst bot er mir den dreifachen, dann den sechsfachen Preis für -den alten Steinhaufen und die Paar Stämme. Ich bin aber kein Fürst -Hohenzollern und trete meine Souverainität um keine preußischen, noch -andere Thaler ab. Da sich aber in der Gegend die Ansicht herausgebildet -hatte, ich sei halb oder dreiviertels verrückt, so überreichte er -dem Landesgericht eine gediegene Abhandlung über meine Narrheit, um -mich unter Kuratel zu bringen und dem Kurator mein Land abzukaufen. -Ich wurde von den Gerichtsräthen und einem Doktor scharf auf meinen -Verstand inquirirt, und es fand sich gerade so viel vor, daß der -Nachbar abgewiesen wurde. Nun bot er mir<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> einen Friedenstraktat, den -Frau Julie unterhandelte. Seitdem sind wir die besten Freunde, wie -Oesterreich und Piemont.“</p> - -<p>„Aber was bewog Sie denn, um dieses höchst romantischen, aber eben so -uncomfortablen Aufenthalts willen einen solchen Vernichtungskampf zu -bestehen?“</p> - -<p>„Es ist sonst kein Platz im Thale, da Alles ihm gehört, und ich muß die -Gegend bewachen, wie ein Bulldog, denn es liegt irgendwo ein Schatz -darin, der gehoben werden muß.“</p> - -<p>Es schien Sembrick, daß nun wirklich eine Saite klinge, welche nicht -nach der Stimmgabel des gesunden Menschenverstandes gestimmt sei. Er -erwiderte: „Da haben Sie vollkommen Recht, und Sie werden ihn auch -finden und heben, wenn Sie genug Geduld und Ausdauer besitzen.“</p> - -<p>„Sie gehen geschickt auf meine fixe Idee ein, Herr Baron, aber es ist -bloß bildlich zu nehmen. — Sie finden es hier nicht comfortable, aber -glauben Sie mir, es ist auf meinem Thurm gemüthlicher, als da unten im -Freinhof.“</p> - -<p>„Wenigstens gegen einen Handstreich sind Sie mit Ihrer Artillerie und -diesen zwei ungeheuren Hunden gesichert.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p> - -<p>„Hinter dem Hause sind noch zwei. Es sind drei hohe Tenore und ein -Sopran. Wir fünf zusammen bringen manchmal dem Freund und Nachbar unten -ein Ständchen. Wenn der Vollmond über dem Wetterstein steht und die -leichten Nebel auf- und abkriechen, da fangen meine vier Neufoundländer -alle zu heulen an, und ich begleite sie mit dem Posthorn und knattere -mit den Revolvers dazwischen. Herr Baron, — — dem Nachbar klingt das -Geheul meiner Hunde, als ob vier Teufel ein langgezogenes: Du — — -Schuft — —! hinausbrüllten! Ich weiß das. Die rechten Teufelsnächte -sind bei uns nicht die schwarzen, sondern eine oder die andere helle, -die die ganze weiße zarte Nebelsippschaft aus den Felsenkammern da -drüben in den Mondschein herauslockt. Wir Beide sind aufgeklärte Männer -und glauben an keine Geister. Aber meine Hunde sind anderer Ansicht. -Nun hat mir das Bezirksamt das Schießen und Hornblasen nach neun Uhr -verboten, und seitdem arbeitet bloß das Vokalquartett.“</p> - -<p>„Sie werden mir glauben, daß mir die Erscheinung Kollmanns so wenig -simpathisch ist, wie Ihnen, allein auf die zwei Worte des Textes, den -Sie der Melodie Ihrer Hunde unterlegen, ließe sich schwer ein Verfahren -gründen; somit muß man eben durch<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> freundschaftliche Theilnahme das, -wie es scheint, nicht immer heitere, Loos dieser Frau zu erleichtern -suchen.“</p> - -<p>Das Gesicht Knorrs nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. „Herr Baron,“ -sagte er, „ich habe das Vorhandensein meines Verstandes vor Gericht -erwiesen und ein günstiges Gutachten in meinem Kasten. Auf Grundlage -desselben erkläre ich Ihnen, daß Sie mich jetzt über Etwas sondiren, -wovon Sie mehr wissen, als ich. Wenn ich aber einmal mehr weiß, als -Sie, so werde ich nicht erst warten, bis Sie heraufkommen.“</p> - -<p>Sembrick wollte mit Knorr, über dessen Farbe und Gesinnung er nun im -Reinen war, auf gutem Fuße bleiben, und sagte, dessen geänderten Ton -nicht beachtend: „Wir verstehen uns, — man muß eben Alles der Zukunft -überlassen, ich bitte Sie nur, der Frau Julie bei ihrer Rückkehr zu -sagen, daß ich <em class="gesperrt">dort</em> war, das Terrain geprüft habe und nicht ohne -Hoffnung zurückgekommen; mehr könnte ich auch ihr selbst nicht sagen; -für <em class="gesperrt">jetzt</em> sei es aber unmöglich, Etwas zu thun.“</p> - -<p>— — Vielleicht war im tiefsten Grunde der Seele des „Siegers über -sich selbst“ ein Atom von Befriedigung über diese Unmöglichkeit. Er -hatte als Kavalier, als Mann von Ehre die Stellung angenommen, in -welche ihn die letzte Unterredung mit<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> Julie zurückdrängte. Aber -durch die Bande, die das Wort trug, war das Gefühl nicht gebunden. -Er war keineswegs über die Jahre hinaus, wo Gefühle ihre volle -Herrschaft behaupten, — wenn es überhaupt Jahre gibt, die ein solches -Hinaussein bedingen, — aber sicher über jene, wo man sich über ihre -Namen täuscht. Wenn er jedoch klar genug über sich selbst war, eine -<em class="gesperrt">Leidenschaft</em> nicht <em class="gesperrt">Liebe</em> zu nennen, so war dieß zwar -hinreichend, seine edle Natur zum Kampfe gegen dieselbe aufzufordern, -— aber noch nicht, ihn heute als Sieger vom Freinhofe scheiden zu -lassen.</p> - -<p>Mit einem Ausdrucke, welcher der Abglanz der innern Fehde war, sah er -Arnold nach, als er diesen, wie wir erzählt, auf seiner Fahrt nach -Korbach im Bahnhofe zu Pottenbach traf, wo er den Blick nach dem Felsen -auf der Höhe, den Herzensgruß nach dem Freinhofe sandte.</p> - -<p>Sembrick war zu ernst gestimmt, um darüber zu lächeln, daß der Gruß -nach dem leeren Schweizerhause hinüberflog.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Prior_von_Sankt_Martin"><em class="gesperrt">Der -Prior von Sankt Martin</em>.</h2> - -</div> - -<p>Aber freundlich mochte der alte Berggeist, wenn er etwa in jener Stunde -von dem die Straße hoch überragenden Felsengipfel der Föhrleiten -sein Gebiet überschaute, gelächelt haben bei jenem Blicke Arnolds. -<em class="gesperrt">Ihm</em> hat er Kühlung in labenden Lüften nachgesendet auf seiner -heißen Fahrt. — Und sicherlich eine Hagelwolke einem <em class="gesperrt">Andern</em>, -der fast zur selben Stunde nach der Höhe hinaufsieht — und <em class="gesperrt">auch</em> -des Freinhofs gedenkt, — und auch einen Gruß hinübersendet, — aber -nicht aus treuem Herzen und <em class="gesperrt">blauen</em> Augen an die reizende Julie, -sondern aus einer falschen Seele und <em class="gesperrt">pechschwarzen</em> Augen an -den Gebieter derselben, den ihm gleichgesinnten und geistesverwandten -Kollmann.</p> - -<p>Es ist Pater Bernhard, der Prior von Sankt Martin, den sein Weg nach -dem Stifte, wohin er sich von der Residenz begibt, nahe am Freinhofe -vorüberführt. Wir eilen ihm nach dem Schauplatze<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> seiner gegenwärtigen -Thätigkeit voran, um seine vergangene zu beleuchten.</p> - -<p>Das Stift liegt im Gebirge, fünf bis sechs Stunden von Korbach, etwa -halb so weit vom Freinhofe, ein Dreieck mit diesen beiden Punkten -bildend. Es gehört einem Orden, welcher grundsätzlich seine Wohnungen -in Thälern baute, so wie andere auf beherrschenden Höhen.</p> - -<p>In seiner abgeschiedenen Lage in einem weiten, tiefen Thale zwischen -den Ausläufern des Hochgebirges, bisher nicht berührt von den Tendenzen -der Zeit, hatte sich das Kloster bis zu den Tagen unserer Begebenheit -begnügt, seine geistliche und weltliche Mission von der realistischen, -soliden Seite aufzufassen, ohne sich in Spekulazion, weder in -transzendentem noch pekuniärem Sinne, einzulassen.</p> - -<p>In weltlicher Beziehung kehrten seine Kühe, Ochsen und Schweine mit -Medaillen behangen von den Viehausstellungen zurück, die Stämme seiner -Waldungen wurden zu den profansten Bauwerken der gottlosen Industrie um -schweres Geld gekauft, auf seinen Feldern schienen die sieben fetten -Jahre Egiptens in Permanenz erklärt.</p> - -<p>Der Prälat hatte, während Viele seiner Standesgenossen sich an -Akziengesellschaften betheiligten, ja selbst durch vertraute Hände -in Fonds zu operiren<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span> versuchten, die bedeutenden Geldkräfte seines -Klosters auf Bodenkultur verwendet, jede Verbesserung und praktisch -bewährte Neuerung auf seinem Gebiete durchgeführt, ohne Opfer zu -scheuen, aber auch ohne den Zweck zu erreichen, den er nächst dem -Gedeihen des Klosters im Auge hatte, nämlich die Bauern zur Nachfolge -zu bewegen. — Sie schrieben in bequemer Verstocktheit den Wohlstand -der Klosterwirthschaft, im Gegensatze zu ihren eignen magern Kühen -und Feldern, lieber einem besondern Schutze des Himmels zu, als ihrer -eigenen Faulheit und Indolenz.</p> - -<p>In geistlicher Hinsicht beschränkte sich das Kloster St. Martin -auf die unteren, sinnenfälligen Funkzionen, die grobe Arbeit an -der Kultusmaschine. Es hatte ein gut organisirtes, lebhaftes -Wallfahrtswesen, führte ein reiches Lager von Rosenkränzen und -Heiligenporträts auf Hausenblase und auf Spitzenpapier und Goldgrund, -— worunter namentlich ein St. Martin, seines aufsteigenden Schimmels -und carminrothen Mantels halber, starken Absatz fand, — und besaß ein -in diskreten Zwischenräumen wirksames Mirakelbild.</p> - -<p>Die jungen Kleriker wurden zu tüchtigen Oekonomen, und, in Betreff der -Seelsorge, zu Leuten herangebildet, welche zwar nicht mit dem feinen -hochkirchlichen Fleuret zu fechten, aber mit den Schwefel<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>stangen und -Pechkränzen, welche die alte theologische Rüstkammer darbot, umzugehen -wußten. — Die Männer, mit welchen das Kloster die vielen von ihm -abhängigen Pfarren besetzte, gehörten fast Alle zu jenem zähen, rothen, -kräftigen Schlage von Landgeistlichen, welche mit nie ermüdendem -Pflichtgefühl die Speise des Trostes in der Nacht Stunden weit durch -den Schnee in die Hütte des Holzknechtes tragen, — dafür aber auch -keine „Narren ihr Lebelang“ sind. Sondern — sie halten Weib, Wein -und Gesang — statt des letzteren häufig Blas- und Streichinstrumente -— für Gottesgaben, deren letztere die Kirche überhaupt gestattet, -die erstere aber, so zu sagen, nur auf erlaubtem Wege verboten, auf -verbotenem aber stillschweigend erlaubt habe, — in welcher Beziehung -auch das natürliche, gesunde Urtheil der Gemeinde stets ziemlich -nachsichtig gefunden wird, wenn der Geistliche sonst seine Pflicht -gegen sie erfüllt.</p> - -<p>Ein einziger Posten erforderte in neuerer Zeit einen höher gebildeten, -taktvollen, aufgeklärten Priester, einen Mann von anderer Befähigung, -als welche für die Bauerndörfer ausreichte. Dieß war das Korbachthal. -Der kluge und wohldenkende Prälat hatte den einzigen hiezu vollkommen -Geeigneten in der Person des bereits erwähnten Pfarrers Namens -<em class="gesperrt">Valentin</em> ausersehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p> - -<p>Die Stürme, welche im Jahre 1848 in den Ebenen wütheten, brachen -sich an den Bergen, und der einzige Windstoß, welcher nach St. -Martin hinüberwehte, war eine halbe Kompagnie Studenten, welche -auf requirirten Wagen angefahren kamen, das Kloster für aufgehoben -erklärten, an die Thore „Nazionaleigenthum“ anschrieben, und wieder -abfuhren, nachdem sie von den Geistlichen gut bewirthet und von den -Bauern mit Erschlagen bedroht worden <span class="nowrap">waren. —</span></p> - -<p>Der Prälat begriff seine Zeit, und fürchtete für den materiellen -Bestand seines Stiftes Nichts von den Ideen des Fortschrittes, gegen -deren geistige Wirkungen der Zustand der Bewohner und Umwohner -hinreichende Bürgschaft bot, und deren etwaigen gewaltsamen -Kundgebungen die Regierung mit dem Bajonette und der Bauer -mit dem Dreschflegel entgegentrat. Er fürchtete die Ideen des -<em class="gesperrt">Rückschrittes</em>. Sie schienen ihm <em class="gesperrt">allein</em> gefährlich für die -Ruhe, das Bestehen und Gedeihen dieses behaglichen, gesunden Körpers, -der ein überlebtes Prinzip mit einer noch für ein halbes Jahrhundert -ausreichenden Lebenskraft repräsentiren konnte, wenn er in seinem -Organismus nicht gestört <span class="nowrap">wurde. —</span></p> - -<p>Er las das von der Regierung abgeschlossene Konkordat gleich so vielen -Helldenkenden seines Stan<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span>des mit dem Vorgefühle der schlimmsten -Folgen, und die höchste kirchliche Gewalt machte ihm den Eindruck jenes -Verstorbenen zu Edimburg, auf dessen Grabstein die Worte stehen: „Ich -war gesund, wollte noch gesünder sein, nahm Medizin und <span class="nowrap">starb.“ —</span></p> - -<p>„Wir wollen es besser haben als gut, — sagte er, und werden es -schlechter <span class="nowrap">haben.“ —</span></p> - -<p>Als einige Zeit hierauf ein Besuch des Erzbischofs, mit welchem er -bisher auf freundlichem Fuße gestanden, erfolgte und dieser nach -vielen Fragen über die Zustände des Klosters die Wiedereinführung -der alten, strengen, seit einem Jahrhundert außer Uebung gekommenen -Ordensregel verkündigte, trat er ihm mit Energie entgegen und setzte -das Unangemessene und Nachtheilige einer solchen Maßregel zuerst -mündlich, und später in einer schriftlichen Eingabe auseinander. -Nach wenigen Tagen erschien eine im gregorianischen Stile gehaltene, -niederschmetternde Zurechtweisung, welche das Gefühl des biedern -Prälaten, der durch fünfundzwanzig Jahre dem Stifte zur Zufriedenheit -seiner Untergebenen vorgestanden, so verletzte, daß er in eine schwere -Krankheit verfiel, von welcher er sich nicht wieder erholte.</p> - -<p>Pater Bernhard übernahm nun als Prior die faktische Leitung und stellte -sich an die Spitze der sehr kleinen Partei im Kloster, welche sich -dem Konkordat<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> mit allen seinen Konsequenzen anschloß, und aus den -wenigen Ehrgeizigen bestand, die durch ihre, mit jener der Mehrheit -kontrastirende Haltung die Gunst des Erzbischofs zu gewinnen suchten, -dessen Vertrauen der Prior nun in hohem Grade besaß.</p> - -<p>Dieser war vor Jahren mit Bewilligung des Prälaten aus dem Kloster, -und als Erzieher in das Haus des Fürsten Leuchtendorf getreten, dessen -Günther bei Aufzählung der Freinhof-Gesellschaft erwähnt hatte, als er -zwei dort auf Besuch anwesende Fräulein als seine Töchter bezeichnete. -Er eignete sich einen Grad von wissenschaftlicher und Weltbildung -an, welche ihn vor seinen Mitbrüdern auszeichnete, die von seinen -vielversprechenden Mittheilungen bestochen, ihn zum Prior wählten, als -dessen Stelle erledigt worden.</p> - -<p>Pater Bernhard kehrte als solcher ins Kloster zurück und sein nächstes -Ziel war nun der Krummstab des infulirten Prälaten.</p> - -<p>Seine Stellung war eine schwierige. Starb der Prälat, so wurde seine -Stelle durch Wahl besetzt und diese Wahl fand durch Stimmenmehrheit -statt. Durch sein Auftreten für den Erzbischof hatte er aber alle -Popularität verloren.</p> - -<p>Er segelte mit vieler Geschicklichkeit durch die Klippen. Nachdem -er sich zuerst die Gunst seines<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> Beschützers gesichert, indem er -in kräftigen, beredten Worten den Geistlichen die Nothwendigkeit -auseinandersetzte, sich den Bestimmungen desselben zu fügen, -bearbeitete er Jeden einzeln und machte ihm begreiflich, daß in der -<em class="gesperrt">Ausführung</em> dieser Bestimmungen alle erdenklichen Erleichterungen -eintreten könnten, wenn ein Mann auf dem Prälatenstuhle säße, der ein -Auge zudrücke. Allerdings hatten die Brüder dieses Augezudrücken von -Jedem aus ihnen so sicher und sicherer zu erwarten als von ihm; wählten -sie aber einen Andern, so blieb seine Feindschaft und jeden Augenblick -Denunziazion beim Erzbischofe zu fürchten.</p> - -<p>Er brachte es auf diesem Wege durch Furcht und Hoffnungen dahin, daß -er gegenwärtig mit Sicherheit auf eine Majorität von drei Viertheilen -rechnen konnte.</p> - -<p>Sein nächstes Ziel schien erreicht und er dachte bereits über dasselbe -hinaus.</p> - -<p>Dieser Mann baute die Schlösser seiner Zukunft so, daß wenn das -Nächste unter Dach gebracht, ein zweites in halber Höhe dastand und -zu einem dritten bereits die Grundfesten gelegt wurden. Er war in -seinem fünfunddreißigsten Jahre und hatte keineswegs vor, weitere -fünfunddreißig Jahre als Muster-Oekonom und behaglich friedlicher -Oberhirt des Waldklo<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span>sters zu verleben. Wenn er jetzt schon in -seinen Gedanken über den noch von einem Andern besetzten, erst zu -besteigenden Prälatenstuhl hinausflog nach einem erzbischöflichen, so -ist es natürlich, daß er gegen die Abendsonne seines Lebens keinen -andern Schutz träumte, als den Schatten der breiten Krempe eines -Kardinalshutes.</p> - -<p>Der Erzbischof, ein Menschenkenner wie wenige, wußte den Mann nach -seiner Brauchbarkeit zu würdigen, ohne ihn zu überschätzen. Er hielt -ihn für fähig, auf dem Schlachtfelde der streitenden Kirche ein -Armeekorps kühn und klug zu kommandiren, nicht aber in den geheimen -Berathungen am grünen Tische des hohen kirchlichen Generalstabes -mitzustimmen. Er durchschaute seine Pläne, vielleicht seinen -Gedankenflug bis zum runden Hute, er sah aber auch das Bleigewicht, -welches nach seiner Ansicht diesen Flug hemmte.</p> - -<p>Dieß Gewicht war die <em class="gesperrt">Eitelkeit</em> des Priors, die ihn hinderte -<em class="gesperrt">vollständig</em> im <em class="gesperrt">Prinzip aufzugehen</em>. Er konnte sich die -kleine Befriedigung nicht versagen, seinen inneren freieren Standpunkt -bei gewissen Gelegenheiten gegen Solche zur Schau zu tragen, welche er -auf dem gleichen vermuthete, um intelligenten Männern gegenüber das -<span class="antiqua">prestige</span> der eignen Intelligenz zu wahren. In keinem Stande<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> ist -aber so unbedingt wie in dem seinigen ein gegenseitiges Zugeben des -Unglaubens an gewisse Satzungen verboten: der Aspirant auf eine hohe -Stufe in der Hierarchie darf mit sich allein, in seinen vier Wänden, -vor seinem Spiegel nicht anders sprechen und erscheinen als vor dem -Fremden. Zwei Kirchenfürsten mögen ihren beiderseitigen Standpunkt noch -so klar erkennen: sie werden nie, nicht im vertraulichsten Gespräche, -die Form der Ueberzeugung ablegen. — Pater Bernhard ließ so gern ein -„wir verstehen uns“ durchblicken, — er war Parvenü, indem er sich -gern als Eingeweihten gab, der vor einem andern Eingeweihten die Maske -lüften dürfe.</p> - -<p>Vielleicht würde der Prior diese Schwäche ablegen, wenn er erst die -rechte, wirkliche Höhe erklommen. Jedenfalls mußte dem Erzbischof, -der die Zügel in seiner Diözese straff anzuziehen beschlossen hatte, -ein Kopf und eine Hand wie die des Pater Bernhard in einem Zeitpunkte -erwünscht sein, wo das Kloster St. Martin durch die Verhältnisse in -Korbach besondere Bedeutung gewann.</p> - -<p>Die protestantische Kolonie war von einer kleinen Niederlassung von -sechs oder acht Familien im Lauf eines Jahres durch Einwanderung auf -mehr als 300 Seelen angewachsen. Zwischen den Arbeitern der beiden -Konfessionen bestand ein ungetrübt<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> freundliches Einvernehmen. Die Wahl -der ins Land gezogenen Protestanten war durchgehends auf sittliche, -fleißige, verträgliche Leute gefallen, welche sich gegen die Katholiken -so zuvorkommend benahmen, daß die beiden Seelsorger in ihrem Bestreben, -die Eintracht zu erhalten, das leichteste Spiel hatten.</p> - -<p>Dieses Hand in Hand Gehen konnte nach der Ueberzeugung des Erzbischofs -nur zum Nachtheile des Katholizismus ausschlagen.</p> - -<p>Der sogenannte „aufgeklärte Katholik“ der gebildeten Stände — eine -Sekte, welche die Kirche nun einmal dulden muß, und welche, wenn nicht -mit<em class="gesperrt">wiegt</em>, wenigstens mit<em class="gesperrt">zählt</em> — wird sich im Verkehr -mit dem gebildeten Protestanten vor dem „Ansteckungsstoffe“ bewahren: -es ist wenigstens so leicht keine Abtrünnigkeit zu fürchten, da die -Anschauung nahezu die gleiche ist, und, Ausnahmsfälle abgerechnet, -Jeder aus Gefühls- oder Konvenienzgründen seine Form beibehält.</p> - -<p>Nicht so der gemeine Mann, — der Arbeiter. Ist er einmal in -beständigem Verkehre mit den Bekennern der andern Konfession auf den -Punkt der Reflexion gelangt, wo er mehr als <em class="gesperrt">einen</em> Weg nach jenem -Himmel für möglich hält, der ihn für die zehn täglichen Arbeitsstunden -seines Erdenlebens entschädigen soll, so wird es nur eines lockenden -materiellen<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Anstoßes bedürfen und der Schritt hinüber ist geschehen.</p> - -<p>Und an eine solche Mehrheit der Wege lernten die katholischen Arbeiter -glauben, wenn sie das Wort der Duldung aus dem Munde des eigenen -Priesters vernahmen, und an ihren Kameraden jene Redlichkeit und -Zufriedenheit im Leben, jenes ruhige Gottvertrauen im Sterben sahen, -welches eben die Wirkung des echten der drei Ringe Nathans.</p> - -<p>Als die Nachricht von dem abgeschlossenen Konkordate nach Korbach kam, -wurde sie von den Protestanten mit großer Bestürzung aufgenommen. Der -alte Korbach erklärte ihnen, daß sie nichts zu besorgen hätten, — er -werde sie kräftiger unterstützen als bisher, — ihr Bethaus könne man -nicht sperren, ihren eigenen Friedhof hätten sie ohnedem, und was die -gemischten Ehen betreffe, so müsse nun einmal in Zukunft ein Theil -dem andern nachgeben, — sie würden sammt ihren Kindern selig werden, -ob sie vom Pfarrer oder vom Pastor getraut seien. Schwerer waren die -Katholiken zu beschwichtigen. Als sie von Beichtzwang, Kirchenstrafen -u. drgl. hörten, erklärte eine große Anzahl, daß sie beim ersten -Versuche einer gewaltsamen Durchführung augenblicklich zum Pastor gehen -und sich „lutherisch machen lassen“ wollten. Pfarrer Valentin beruhigte -sie mit der auf<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> eigene Gefahr gegebenen Versicherung, es seien dieß -Uebertreibungen von Solchen, die es schlecht mit der Kirche meinten. -— Die Gemüther beruhigten sich, die schlimmsten Befürchtungen trafen -nicht ein, da mehrere der aufreizendsten Verfügungen des Konkordats auf -dem Papiere <span class="nowrap">blieben. —</span></p> - -<p>Man hatte in der Hauptstadt davon zu sprechen angefangen. Die frommen -Zirkel, deren Mittelpunkt Prinzessin Marie, hatten bereits einen -Kreuzzug gegen Korbach gepredigt, die Oberhofmeisterin Gräfin Merfey -Bernhard im Leuchtendorf’schen Salon gefragt, ob denn sein Prälat -<span class="antiqua">les bras croisés</span> dem Unwesen zusehen werde — und er hatte -geantwortet, der kranke Herr sei unzurechnungsfähig, ein energischer -Hirt würde die Herde bald von räudigen Schafen reinigen.</p> - -<p>Nun kam die glänzende Gabe zum Kirchenbau; die Prinzessin hielt sich an -die Thatsache in der offiziellen Zeitung und hielt den alten Korbach -für einen Bekehrten.</p> - -<p>In diesem unentschiedenen Zustande waren die Dinge bei Bernhard’s -Wiedereintritt ins Kloster, und er fand ihn für seine Pläne höchst -ungelegen.</p> - -<p>An seiner Wahl zum Abte nicht mehr zweifelnd hatte er vor, den Antritt -des hohen Amtes durch einen großen, weithin glänzenden <span class="antiqua">coup -d’état</span> zu be<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>zeichnen. — Der Thron von St. Martin sollte jetzt -erst aufgerichtet werden, eine neue Aera für das Stift beginnen. -Nicht mehr die grobe Arbeit an der Kultusmaschine, das Segnen der -Wallfahrter, und ebensowenig die Oekonomie, die Anwendung der neuesten -Mästungs- und Düngungsmethoden sollte die Mission des Prälaten des -Waldklosters sein, sondern er mußte Sitz und Stimme in der Konferenz -der hohen kirchlichen Diplomatie haben, — römisch-katholischer -Staatsmann werden.</p> - -<p>Und hierzu war ein konkordatgemäßer Eclat erforderlich, und ein -schöneres Feld nicht denkbar als die Korbacher Frage. — Mit der Mine, -welche dort den Protestantismus in die Luft sprengte, flog Pater -Bernhard zugleich in die Sonnennähe der zufriedengestellten höchsten -Hierarchie. Nun herrschte aber dort tiefer Friede, und um ihn zu -brechen, bedurfte es eines <span class="antiqua">casus belli</span>.</p> - -<p>Inzwischen verschlimmerte sich der Zustand des Prälaten, die Aerzte -gaben ihm nur noch Tage. Die Zeit drängte, einen Operazionsplan zu -fassen. Es fehlte dem Prior noch immer das gewisse <em class="gesperrt">Etwas</em>, die -<em class="gesperrt">Handhabe</em>.</p> - -<p>Er kannte einen einzigen Mann, mit dem er sich zu berathen gedachte: — -Kollmann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span></p> - -<p>Als dieser seinen Grundbesitz am See, mit Ausnahme des von Knorr -vorweg okkupirten Fichtenkegels, vom Stifte ankaufte, war Bernhard -während der betreffenden Unterhandlung mit ihm öfter in Berührung -gekommen. Sie hatten einander beobachtet und insofern ein verwandtes -Element gefunden, als jeder in dem Andern einen Mann erkannte, der weit -aussehende Pläne verfolgte.</p> - -<p>Während aber Kollmann durch die glänzenden schwarzen Granaten, die -unter den dichten Brauen des Priors saßen, diesen bis auf den Grund -durchblickte, sah Bernhard durch das trübe Milchglas der sogenannten -weißen Augen nicht tiefer als jeder Andere. Kollmann, der jedes Wort, -das er für nothwendig hielt, um seinen Gedanken zu verbergen, in einer -Weise sprach, als kehre er das Innerste der Seele heraus, hatte das -Vertrauen Bernhard’s gewonnen, indem er ihm sagte: „Ich kann keine -schönen Frasen machen, und sage Ihnen geradezu, daß es unverzeihlich -und unverantwortlich ist, daß ein Mann, in dem ich den künftigen -Fürst-Erzbischof sehe, aus Lauheit und Mangel an Selbstvertrauen die -Hände in den Schoß legt, statt die Zügel zu ergreifen.“</p> - -<p>Eine feine Schmeichelei hätte den Prior vielleicht stutzig gemacht. -Die ganz plumpe hielt er für<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> keine. Nachdem er sich ziemlich weit -gegen ihn entwickelt, trat Kollmann in sein Schweigen und seine -Unsichtbarkeit zurück. Bernhard gedachte nun seiner Worte: „Sie werden -lange suchen, bis Sie einen Mann finden, der Sie versteht; wenn Sie des -Suchens satt, werden Sie zu mir kommen und finden, was Sie brauchen.“</p> - -<p>Nun suchte er ihn auf, — sprach Anfangs reservirt, im Tone des -Ueberzeugten, von Umtrieben der Feinde des Glaubens in Korbach, — -innerem Berufe, kräftig einzugreifen. Kollmann erwiederte: „Sie führen -die Sprache eines Missionärs, nicht eines künftigen Kirchenhauptes.“ — -Der Prior rückte weiter heraus, bis Jener merkte, daß es sich um den -Mechanismus handle, den man in Korbach spielen lassen wollte, und über -welchen er offenbar nicht im Reinen war. Endlich sagte er: „Ich werde -Ihre Sache machen. Sie fällt mit einer der meinigen zusammen. Beehren -Sie mich in drei Tagen im Freinhofe.“</p> - -<p>Der Prior schied mit dem unangenehmen Gefühle einer verlornen -Schachpartie, wenn man sich für den Meister hält. „Beehren Sie mich -in drei Tagen,“ war eben nicht die Sprache eines „<em class="gesperrt">Werkzeuges</em>.“ -— Auch hatte er gegen Kollmann auf eine Weise gesprochen, die -seinem hohen Gönner sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> mißfallen haben dürfte, und fühlte sich -gewissermaßen der Diskrezion seines Alliirten anheimgegeben.</p> - -<p>Dennoch kam er wieder, an jenem Abende, wo Arnold im Freinhofe eintraf, -den er, als ihn Julie vorstellte, beobachtete, ohne sich ihm zu -nähern, um keinem etwaigen Plane des noch nicht anwesenden Kollmann -vorzugreifen. Dieser ließ ihn, wie wir wissen, am nächsten Morgen zu -sich bitten. Er könnte auch auf mein Zimmer kommen, dachte der Prior, -ging aber hinüber.</p> - -<p>„Sie brauchen einen Krieg, begann Kollmann — ich liefere Ihnen den -Kriegsfall. — Den Krieg führen Sie auf Ihrem Gebiete, ich unterstütze -Sie auf einem andern. In dieser Angelegenheit ist rasches Handeln -nöthig. Wir dürfen nicht vergessen, daß, wenn dem Protestantismus dort -das Genick gebrochen werden soll, dieß nur geschehen kann, so lange -der alte Korbach Herr ist. Man kann ihm als Katholiken in anderer -Weise beikommen als dem jungen. Nach meiner Ansicht muß die Sache so -angegriffen werden, daß den Gegnern die reichen Mittel zur Durchführung -ihres Prinzipes etwas verkürzt werden. Folglich handelt es sich darum, -sie auf dem industriellen Felde anzugreifen. — Die Korbacher Fabrik -verdankt aber ihren Wohlstand vor Allem den Staatsbestellungen. — -Es wird somit<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> eine weitere Aufgabe sein, sie mit den Behörden zu -überwerfen. — — Leichter wäre dieß Alles vor der Ankunft des jungen -Korbach gegangen, doch zweifle ich auch jetzt nicht am Gelingen. — Wir -wollen übrigens als die besten Freunde des Alten auftreten.“</p> - -<p>Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Bernhard hierauf den Plan in -Betreff des Schreibens an den Erzbischof entwickeln. — Er begriff -nicht, welche weittragende Wirkung die kleinliche Intrigue mit dem -Briefe haben solle. Kollmann fuhr fort: „Der Erzbischof ist jetzt mild -gegen Korbach, und Sie brauchen ihn hart. Zweifeln Sie nicht, daß er, -so wenig Gereiztheit er zeigt, mit dem vollen apostolischen Grimm -bewaffnet nach Korbach kommen wird. Zweifeln Sie ebensowenig, daß der -Alte eine Haltung bei der Feierlichkeit annimmt, welche diesen Grimm -steigert. Indessen werden Sie Prälat. Ihr Erstes ist, daß Sie den -Pfarrer abberufen. Der Erzbischof wird einen Hirtenbrief erlassen, mit -dem der Nachfolger Valentin’s auftritt. Es wird zu einem Konflikt, zu -einem <em class="gesperrt">Exzeß</em> in Korbach kommen — ein Paar zerschlagene Räder -und Drahtspulen — vielleicht auch ein Paar Knochen. Sie fliegen nach -der Residenz — die Prinzessin, die ganze Partei gibt Ihnen allen -<span class="antiqua">appui</span>; — es kann der Fall eintreten,<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> daß Sie die weltliche -Gewalt requiriren: in vier Wochen können Sie als der Bezwinger des -Protestantismus in Korbach dastehen.“ Der Prior hatte nun die Wahl, -entweder zu antworten: Herr, Ihr ganzer Plan ist eine reine Infamie, -eine Niederträchtigkeit — oder einfach und schlecht auf Alles -einzugehen.</p> - -<p>Und <em class="gesperrt">viel zu viele Minuten</em> hatte er mit der Antwort gezögert, -um noch als Priester mit einem Donnerworte der gerechten Entrüstung -loszubrechen — — mit diesem Schweigen hatte er den <em class="gesperrt">Priester</em> -abgelegt — den <em class="gesperrt">Pfaffen</em> angezogen. — Es war ein historischer -Moment in seinem <span class="nowrap">Leben. —</span></p> - -<p>Er begab sich nach der Hauptstadt und es gelang ihm nicht ohne -Mühe, den Erzbischof für die Idee mit dem Briefe zu gewinnen, und -dieß nur dadurch, daß er sie weniger als einen <em class="gesperrt">Prüfstein</em> der -anscheinend gebesserten Gesinnungen Korbach’s, als vielmehr als eine -diesem dargebotene Gelegenheit, sie auf solenne Weise auszusprechen, -darstellte. Während er Arnold’s Rückkehr erwartete, wurde er durch die -Nachricht, daß der Prälat nur noch Stunden zu leben habe, nach St. -Martin gerufen.</p> - -<p>Er fand ihn bereits in der Todtenkapelle. Wahrer, tiefer Schmerz lag -auf den Gesichtern der Geistlichen, die um ihn beteten. Als der Prior -mit offi<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span>zieller Trauermiene an den Sarg trat, niederkniete, ein Gebet -sprach, den Todten mit Weihwasser besprengte, erschienen ihnen die -Tropfen auf dem biedern Antlitz des geliebten Herrn wie Thränen um die -gute alte Zeit des Waldklosters.</p> - -<p>Der Prior begab sich auf sein Zimmer, berief Einen seiner Vertrauten -und ließ sich über die letzten Tage und Stunden des Verstorbenen -berichten. Er vernahm, daß derselbe meistens in halbbewußtlosem -Zustande gelegen, in der letzten Nacht aber plötzlich zu voller -Besinnung erwacht sei. Er habe Papier und Bleistift verlangt, und mit -einer Allen unbegreiflichen Kraft längere Zeit geschrieben, das Papier -zusammengefaltet, von einem seiner Lieblinge, dem jungen Pater Leo, -siegeln lassen, und die Adresse geschrieben, die Niemand gesehen. -Hierauf habe er den Jäger Schellhammer rufen lassen, — als dieser -eintrat, alle Anwesenden in das Nebenzimmer geschickt, und einige -Minuten mit ihm gesprochen. Der Jäger, der ihm viele Jahre gedient, sei -weinend weggegangen. Der Prälat habe nach Mitternacht alle Geistlichen -zusammenrufen lassen, sie gebeten, sein Andenken in Liebe zu bewahren, -ihm zu vergeben, wenn er einen von ihnen beleidigt, sie gesegnet, — -dann still gebetet, und sich hinübergelegt. Sie hätten lange Zeit -geglaubt, er schlummere nur. — Unbegreiflich sei ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> Allen seine -Geistesklarheit, nach so langem Siechthum, in den letzten Momenten -gewesen.</p> - -<p>Pater Bernhard sandte sogleich in die Wohnung des Jägers. Es erschien -dessen Frau, welche erzählte, daß ihr Mann, als er vom Prälaten -gekommen, schweigend seine Jagdtasche, deren er sich auch auf Reisen -und Botengängen bediente, umgehängt, den Stock in die Hand genommen -und mitten in der Nacht fortgegangen sei; auf ihre Frage: wohin? habe -er nur geantwortet, er komme nächsten Abend zurück. — Der Prior -überzeugte sich bald, daß die Frau wirklich nicht mehr wisse, und -entließ sie.</p> - -<p>Am frühen Morgen traf ein Schreiben des erzbischöflichen Sekretärs an -ihn ein, welches lautete wie folgt: „Ich habe die Ehre, im Auftrage -Seiner Durchlaucht Hochderen Wunsch zu melden, daß Hochdieselben, -wenn es Gott gefallen sollte, den Herrn Prälaten, wie die Aerzte -vermuthen, in Bälde abzuberufen, das Kapitel zur Erwählung seines -Nachfolgers ungesäumt, ja selbst vor der Bestattung des Verewigten, -zusammenberufen, da bekannte Verhältnisse die Wiederbesetzung des -Stuhles von St. Martin dringend nöthig erscheinen lassen. Es ist ein -neuer Beweggrund, welcher als Ew. Hochwürden bekannt vorausgesetzt -wird, unmittelbar nach Ihrer Abreise hinzugetreten. Womit ich die Ehre -habe <span class="nowrap">u. s. w.“</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p> - -<p>Der Prior wußte, daß mit letzterem nur die Antwort des alten Korbach -gemeint sein könnte, und gedachte Kollmanns, und dessen richtiger -Berechnung. — Er ließ Vormittags sämmtliche Geistliche zu sich -berufen, verkündete den Zusammentritt des Wahlkapitels für nächsten -Morgen und versäumte nicht, ihnen in einigen Worten seine Beziehungen -zum Erzbischofe, so wie Alles, wodurch er bereits früher auf sie -gewirkt, zu Gemüthe zu führen.</p> - -<p>Im Laufe des Tages kamen zahlreiche Besuche von Bekannten und Freunden -des Verstorbenen, und Schaaren von Landleuten drängten sich in die -Kapelle, um den allgemein geliebten Herrn nochmals zu sehen. Unter den -Besuchern war auch der Bischof von Rothenau, welches Städtchen eine -halbe Tagereise von St. Martin liegt. Pater Bernhard, der seinen Besuch -erwartet hatte, empfing ihn mit allem Ceremoniell, führte ihn in die -Kapelle, und hatte hierauf eine lange Unterredung mit ihm, worin er die -Grundzüge der in der Verwaltung des Klosters nothwendigen Veränderungen -entwickelte, und ihn um seinen kräftigen Beistand in den bevorstehenden -schwierigen Tagen bat. Der Bischof, wohl wissend, daß der Prior nicht -ohne seine Gründe zu haben, eine solche Sprache führe, betrachtete -und behandelte ihn als künftigen Kollegen, und Pater Bernhard genoß -den Vorgeschmack<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> der Würde mit der ganzen Befriedigung, welche die -Erstlingsfrüchte jedes Strebens gewähren, und welche durch den Genuß -der späteren, wenn gleich reicheren, nicht übertroffen wird.</p> - -<p>Als der Bischof sich zur Abreise anschickte, erbat sich der Prior die -Ehre, ihn bis nach einem, ungefähr zwei Stunden entfernten Orte zu -begleiten, nahm im Wagen des Gastes neben diesem Platz, und ließ den -eigenen, zu seiner Rückfahrt, leer nachfolgen.</p> - -<p>— — — Der Tag neigte sich zu Ende. Der vergoldete Thurmknopf -spiegelte die letzten Sonnenstrahlen zurück, und die letzten -Glockenklänge zerrannen im Schweigen des Abends.</p> - -<p>Gruppen der Landleute standen unter den Linden im Klosterhofe. Sie -sprachen über den verstorbenen Prälaten, machten ihre Bemerkungen über -den Prior, von dem sie wenig Gutes erwarteten, — und wie sie eben mit -traurigen Gesichtern und Manche mit nassen Augen andächtig und scheu -durch die Todtenkapelle am Paradebett vorübergezogen, — gingen sie -nun, zuerst Einige, dann Alle, in das dem Klosterthor gegenüberliegende -Wirthshaus.</p> - -<p>Der Bauer hält in dieser Gegend den Leichenschmaus, auch wenn ihm Weib -oder Kind stirbt. Er faßt das Sterben überhaupt anders auf, als der -Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span>bildete: er kennt kein lirisches Raffinement des Sterbens, keine -jener Reflexionen, welche wie Schallgewölbe jeden Schmerzenslaut -zehnfach verstärken. Der Verstorbene „hat es überstanden, — der -Herrgott hat ihn zu sich genommen.“ — Die Arbeit geht <span class="nowrap">fort. —</span></p> - -<p>— Nun wendeten die traurigen Zecher die Blicke nach der Bergstraße, -welche von der Waldhöhe über einen Wiesenhang herab nach dem Thore -des äußeren, mit einer niedrigen Mauer umfangenen Hofes führt. Der -klingende Ton des Radschuhes hatte sie aufmerksam gemacht auf die -grüne Kalesche, welche, mit zwei starken schönen Eisenschimmeln -bespannt, nach wenigen Minuten durch den Thorbogen rollte, und vor dem -Klostergebäude hielt.</p> - -<p>Neben dem Kutscher saß der Jäger Schellhammer, welcher absprang und -den Schlag öffnete. Ein junges Mädchen im braunen Reisekleide mit -rundem Strohhut und blonden Wellenscheiteln war mit leichtem Sprunge am -Boden, ohne seiner Hülfe zu bedürfen, und bot nun die Hand dem Vater. -— Einige der Landleute waren aufgestanden und umgaben — den alten -Korbach, der sie freundlich grüßte. Er kam zwar nur ein- oder zweimal -im Jahre nach St. Martin, aber Viele aus der Gegend kannten ihn und -nannten den Uebrigen den Namen des Mannes,<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> der seines Karakters und -Reichthums wegen in allgemeinem Ansehen stand.</p> - -<p>Die Angekommenen schritten zuerst nach der Kirche, wohin sich Helene -begab, da ihr nach dem Klostergesetze der Eintritt in die sogenannte -Klausur, innerhalb welcher die Wohnungen der Geistlichen liegen, -untersagt ist. Sie wartete daselbst, bis sie der Vater nach der -Todtenkapelle abholen würde.</p> - -<p>Dieser ging durch den Kreuzgang nach dem Refektorium, wo die -Geistlichen um diese Stunde zum Abendessen versammelt waren.</p> - -<p>Die Tafel nahm nur die Hälfte des langen schmalen Saales ein, dessen -andere im Halbdunkel lag. Der alte Korbach trat ein und schritt bis -nahe an den beleuchteten Tisch, bevor ihn Jemand erkannte, — nun aber -erhoben sich Alle mit dem herzlichsten, freudigsten Gruße, drückten -seine Hand, nöthigten ihn zum Mahle. — Er nahm seinen Platz neben Leo, -den er als Freund des Prälaten kannte, und sprach: „Ich bin zu mancher -Zeit gekommen, meine hochwürdigen Herren, um Ihre Gastfreundschaft -zu genießen, heute aber komme ich, um die letzte Pflicht gegen Ihren -Prälaten zu erfüllen, mit dem ich zwar selten, aber immer nur in -freundschaftlicher Weise im Leben zusammengetroffen. Ich kann seiner -Bestattung nicht beiwohnen, da ich morgen in Korbach sein muß und<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> noch -in der Nacht zurückfahre. Wenn Sie Ihr Mahl geendet, werden Sie mich zu -ihm führen; ich habe meine Tochter mitgebracht, deren Gebet Sie nicht -für weniger fromm und gottgefällig halten werden, weil sie nicht der -katholischen Gemeinde angehört.“</p> - -<p>„Wir halten dafür, sagte Leo, daß jedes Gebet Gott gefällt, das aus -reinem Herzen kommt!“</p> - -<p>„So ist es!“ riefen Andere. — — Der Prior war ja mit dem Bischof -<span class="nowrap">weggefahren. —</span></p> - -<p>Während der wenigen Minuten, welche die Abendtafel noch währte, sagte -Korbach leise zu Leo: „Ich möchte die Todtenkapelle am liebsten in -Gesellschaft von lauter wahren Freunden des Verstorbenen betreten; ich -höre, daß nicht <em class="gesperrt">Alle</em> so denken, wie Sie und Gott sei Dank! die -Meisten.“</p> - -<p>„Die vier hier Fehlenden, welche jetzt bei ihm beten, denken wie wir -über ihn, erwiderte Leo, — die Andern, die Sie begleiten werden, waren -ihm gleichfalls theuer, die es nicht gut mit ihm meinten, gehen nicht -nach der Kapelle, wenn sie nicht die Ordnung des Gebetes trifft.“</p> - -<p>Man erhob sich. Korbach ging, von Leo begleitet, nach der Kirche, um -Helene zu holen, von dort durch den dunkeln Gang nach der Kapelle, -wohin außer den das Stundengebet verrichtenden, noch drei andere -Priester gekommen waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p> - -<p>Die Flammen von dreißig Kerzen durchstrahlten den heilig stillen Raum. -— Die Wände waren mit schwarzem Tuche bekleidet; mitten erhob sich -auf drei Stufen der Katafalk mit der Leiche in vollem Ornate. Auf den -Zügen des Todten lag der volle Gottesfrieden, mit dem der Gerechte -entschlummert.</p> - -<p>Helene trat an den Sarg, faltete die Hände und sah mit den tiefblauen -feuchten Augen nach den festgeschlossenen des Verstorbenen, dann kniete -sie an den Stufen nieder und betete.</p> - -<p>Die acht Geistlichen standen um sie und den Vater, der gleichfalls -einige Minuten in stiller Andacht das Bild des Friedens und der -Verklärung betrachtete.</p> - -<p>Dann stieg er mit langsamem, festem Schritte die Stufen hinan, stellte -sich dicht neben den Sarg, seine Rechte auf die zusammengefalteten -Hände des Todten legend, und sprach laut und mit feierlicher Betonung:</p> - -<p>„In diesem Raume, meine hochwürdigen Herren, hat wohl nur der geweihte -Priester das Recht, sein Wort vernehmen zu lassen“ — die Geistlichen -näherten sich aufmerksam und schweigend. — „Wenn ich spreche, so ist -es, weil der Mund dessen, für den ich spreche, für immer geschlossen -ist.“</p> - -<p>„Was ich Ihnen mittheile, ist so heilig, wie irgend ein Gebet, es ist -das letzte Wort, das der Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>blichene an Ihren würdigen Bruder, den -Pfarrer von Korbach gerichtet hat, — mit welchem er ihm und Ihnen -Allen sein letztes Lebewohl sagt.</p> - -<p>„Es sind die Zeilen, die er auf seinem Sterbebette geschrieben, in -der Nacht seines Todes abgesendet, eine Stunde ehe dieses von echter -Christentugend erfüllte Herz stillgestanden. Ich bin, Sie wissen es, -Keiner von denen, welche vor manchen strengen Augen Gnade finden, — -man nennt mich einen Freigeist, aber, daß Gott dem Manne, der durch -Monate so selten sein volles Bewußtsein hatte, in der letzten Stunde -die Kraft verlieh, seine Gedanken, sein Gebet für Sie in so herrlichen -Worten niederzuschreiben, das ist nach meinem Gefühl und Glauben ein -<em class="gesperrt">Wunder</em> im wahren Sinne und ein Zeichen, daß ihm diese Gedanken -<em class="gesperrt">wohlgefällig</em> waren.</p> - -<p>„Vernehmen Sie den Inhalt dieses Schreibens, das ich Ihnen gegen den -Willen des Empfängers — aber im Geist und Sinne dessen mittheile, den -Sie mit mir beweinen!“</p> - -<p>Kein Athemzug war vernehmbar. Alle Blicke hingen an den Zügen des -Mannes, dessen imponirende Gestalt höher, dessen Stimme bewegter wurde, -als er das Papier entfaltete und las:</p> - -<p>„Mein theurer, innigst geliebter Bruder! Nach wenigen Stunden werde ich -Rechenschaft ablegen über<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> mein Amt, vor dem Throne dessen, der es mir -verliehen. Durch Sie bitte ich Alle, die meiner Obhut vertraut waren, -mir ihre Liebe zu bewahren. Ich scheide mit dem innigsten, heißesten -Danke für ihre Treue, und wenn mich Gott aufnimmt in die Wohnung des -Lichtes, so werde ich ihn um Beistand bitten in den schweren Zeiten, -die ihnen bevorstehen. Meine Brüder werden den ersten Kampf zu bestehen -haben bei der Wahl meines Nachfolgers. Mögen sie muthig an ihrer -Ueberzeugung festhalten, unbekümmert um Menschengunst und Drohung. -— Sie, mein geliebter Valentin, werden vielleicht von den meisten -Brüdern als der Würdigste erkannt werden, wie <em class="gesperrt">ich</em> Sie dafür -erkenne und vor dem Allmächtigen nennen würde, wenn er mich von seinem -Throne fragte, wer soll Hirt meiner Herde sein. — Und somit werden -Sie wenigstens <em class="gesperrt">Eine</em> Stimme für sich haben, die aber auf Erden -nicht zählt! Wenn aber unter den Brüdern, was ich zu meiner Beruhigung -im Sterben glaube, Mancher ist, der so denkt wie ich, so werden sie -<em class="gesperrt">muthig</em> und <em class="gesperrt">treu</em> im <em class="gesperrt">Tode</em> zu <em class="gesperrt">mir</em> halten, wie -es Alle im <em class="gesperrt">Leben</em> gethan!“</p> - -<p>Mit flammendem Auge, kraftvoller und doch vor Erregung zitternder -Stimme hatte Korbach die letzten Worte gesprochen.</p> - -<p>Nun legte er den Brief auf die Brust der Leiche<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> und schloß: „Ich habe -Ihnen, meine hochwürdigen Freunde, hiemit die letzte Bitte Ihres in den -Frieden vorangegangenen Herrn und Vaters vorgetragen, meine Pflicht -gegen ihn ist <span class="nowrap">erfüllt.“ —</span></p> - -<p>Dann stieg er die Stufen herab, faßte die Hand der Tochter, die -bewundernd und ergriffen den Vater unverwandt angeblickt, den sie nie -mit so hinreißender Begeisterung sprechen gehört, — und wollte die -Kapelle verlassen; da trat Leo vor ihn hin und sagte: „Nehmen Sie die -Ueberzeugung mit, daß <em class="gesperrt">mehr</em> als Einer treu und muthig zu dem -Verklärten hält!“ „Wir, wir Alle halten zu ihm!“ tönte es durch den -Raum — ein achtfacher Widerhall der Einen Stimme, — die auf Erden -nicht zählte. <span class="nowrap">— — — — — —</span></p> - -<p>Der grüne Wagen rollte wieder durch das Klosterthor, den Wiesenhang -hinan, — in den Tannenwald, — fort durch die sternenhelle Nacht.</p> - -<p>Helene hatte den Arm um den Vater geschlungen und küßte ihn mit -Innigkeit. — „Ich habe gesprochen, wie es vom Herzen kam, sagte er, -und ich hoffe, es ist zum Herzen gegangen; das sind aber <em class="gesperrt">acht</em>, -— und im Kapitel werden <em class="gesperrt">vierundzwanzig</em> <span class="nowrap">stimmen.“ —</span></p> - -<p>Im Augenblicke, wo dieß gesprochen wurde, waren es nicht mehr <span class="nowrap">acht. —</span></p> - -<p>Die in der Kapelle anwesenden Geistlichen hat<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span>ten als unwiderstehliche -Waffen ihre Ueberzeugung und den Brief des geliebten Herrn, der die -Kraft eines <em class="gesperrt">letzten Willens</em> für sie hatte, und den sie Andern -mittheilten. Nur über einfache, schlichte Gemüther konnte die Stimme -des Todten diese Gewalt haben, <em class="gesperrt">mußte</em> sie aber auch haben: ein -Abfall von ihm erschien ihnen als eine so feige Sünde, als ein so -schändlicher Hochverrath an der heiligsten, durch viele Jahre mit -Liebe erfüllten Pflicht, daß sie lieber allen zeitlichen Gefahren und -Bedrängnissen ins Auge sehen <span class="nowrap">wollten. —</span></p> - -<p>— Etwa eine Stunde nach Korbachs Abreise kehrte der Prior ins Kloster -zurück. — Er erfuhr, daß derselbe angekommen, in der Todtenkapelle -gewesen und wieder abgereist sei — mehr nicht. — Die acht Priester -mußten keine Unwürdigen ins Vertrauen gezogen haben.</p> - -<p>Bernhard sah in der dem Verewigten dargebrachten Huldigung nur einen -neuen Beweis jener Gesinnung, die er wünschte. Er begab sich nach -seiner Wohnung, wollte ruhen, doch heftige Aufregung verbannte den -Schlaf von seinem <span class="nowrap">Lager. —</span></p> - -<p>Er trat ans Fenster und sah mit klopfendem Herzen in die ruhige klare -Nacht hinaus. Unter ihm glänzten im aufgehenden Mond die Dächer des -Meierhofes, die Wiesen und Felder... „Dieß Alles soll<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> <em class="gesperrt">dein</em> sein -— hatte der Satan zu ihm gesagt, — wenn du niederkniest und mich -anbetest“ — Er <em class="gesperrt">hatte</em> ihn angebetet, — und ehe der Mond wieder -heraufstieg, mußte dieß Alles sein <span class="nowrap">werden! —</span></p> - -<p>Es gibt keinen größeren Sprung von Nichts zu Allem, von Unterwürfigkeit -zur Herrschaft, von Beschränkung zu unermeßlichem Reichthume, von -dunklem, unbeachteten Dasein zu glänzender hoher Würde, als in dem -Augenblicke geschieht, wo die Stimmzettel eröffnet werden und aus der -Mitte der Brüder der Eine, der bisher ihresgleichen, als ihrer Aller -Herr hervortritt, vor dem sie sich beugen bis an das Ende seines Lebens.</p> - -<p>Der Prior begrüßte die Sonne noch wach. Nur eine kurze Stunde -fieberhaften Schlummers ließ ihn in wirren Bildern das nächste goldne -Ziel, — ließ ihn auch ein fernes träumen, zu dem nun die erste Stufe -<span class="nowrap">erklommen. —</span></p> - -<p>— — Am Abende desselben Tages aber stand vor dem Pfarrhofe in Korbach -das schäumende, schweißbedeckte Pferd des Boten, welcher Valentin -einen Brief von Leo überbrachte. Er trug die Aufschrift: „An den -hochwürdigsten Abt des Klosters Sankt Martin.“</p> - -<p>Neun Priester hatten für den Prior gestimmt und fünfzehn mit dem Todten -für Valentin.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Konkurrenz"><em class="gesperrt">Konkurrenz</em>.</h2> - -</div> - -<p>Der Fehdehandschuh, welchen Arnold’s Vater der Konkordatpartei -hingeworfen, war kein Glacéhandschuh, sondern einer von dickem -Elennsleder mit Eisenschienen und Platten, dessen Klirren durch die -teppichverhangenen Kabinetsthüren der geistlichen und weltlichen -Minister, in die Boudoirs der frommen Damen, ja bis in den Vatikan -drang, da dem Korbacher Metallfabrikanten die Ehre widerfuhr, zum -Gegenstand einer, am Tage nach der Wahl abgegangenen, telegrafischen -Chiffredepesche des Nunzius zu werden. — Doch nicht die oberen Lüfte -wurden von dem unerhörten Ereignisse aufgewirbelt, auch die unteren -geriethen in Bewegung, natürlich in entgegengesetzter <span class="nowrap">Richtung. —</span></p> - -<p>So dicht der Schleier war, welchen die verschwiegene Treue der für -Valentin stimmenden Geistlichen bis zum Momente der Wahl über den -Vorgang gezogen, so wurde er doch unmittelbar darnach<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> gelüftet, und -es hätte nicht des Schreibens Helenens bedurft, welche Arnold in -glühenden Farben das Geschehene erzählte, um ihn von den Einzelnheiten -zu unterrichten.</p> - -<p>Er vernahm sie mit wahrem Entzücken und eilte zu Günther, natürlich -zu spät, um demselben eine Neuigkeit zu bringen, da ihm dieser nebst -einigen Arnold unbekannten Details erzählte, daß der Hofarzt Doktor -Siebenberg nach St. Martin telegrafirt worden sei, um den Prior, -welcher nach Eröffnung der Stimmzettel aus dem Kapitelsaale getragen -werden mußte, der Menschheit zu <span class="nowrap">erhalten. —</span></p> - -<p>Günther goß einige kalte Ströme in Arnold’s Freudenfeuer. „Ihr Herren -von Korbach“, sagte er, „seid umgekehrte Don Quixotes. Dieser hielt die -Windmühlen für Riesen, und Ihr schlagt mit Euern Messingstangen auf -Riesen los und haltet sie für Windmühlen. Fürs Erste müßten sie mit -ihrem kanonischen Recht, welches nach Umständen bald von Gußeisen und -bald von Kautschuk ist, schlecht umzuspringen wissen, wenn sie nicht -den ganzen neuen Prälaten, sammt allen seinen Stimmen aus der andern -Welt, über den Haufen würfen. Fürs Zweite könnt Ihr nun warten, bis -Ihr von einer landesfürstlichen Behörde eine jener großen Bestellungen -bekommt, welche Euch eigentlich zu Millionären ge<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span>macht haben. Endlich -— und das ist das Wichtigste von Allem, und ich hätte dich jedenfalls -noch heute aufgesucht um es dir mitzutheilen — ist Etwas vorgefallen, -was nun wenigstens auf einen Theil der gegen Euch spielenden Maschine -helles Licht wirft. — Ich war gestern mit dem Notar Reichl zusammen, -und brachte das Gespräch auf das Korbachthal. Du kennst das Altenberger -Metallwerk, welches — merke wohl, um <em class="gesperrt">fünf</em> Stunden näher an der -Südbahn liegt als Ihr. Dieses Altenberg mit seiner halbverfallenen -Fabrik ist verkauft worden, Reichl hat den bereits unterzeichneten -Kontrakt gemacht, und der Käufer ist — Kollmann.“</p> - -<p>Nach einigen Augenblicken, die er Arnold gönnte, um sich von einer -Ueberraschung, die ziemlich nahe an Bestürzung grenzte, zu erholen, -fuhr Günther fort: „Der bisherige Besitzer von Altenberg, Richtmeyer, -bis über die Ohren verschuldet, hat Euch keine Konkurrenz gemacht; -nun laß aber einen dort sitzen, der die Sache angreift, der bauen und -Maschinen aufstellen kann, und zugleich in den obern Regionen gut -genug angeschrieben ist, um die Staatsbestellungen wegzuschnappen, -so könnt Ihr in zwei Jahren auf Euren englischen Walzen Tannenzapfen -auswalken und im Drahtzug Prälaten strecken —<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> Ihr habt bisher das -Terrain behauptet nicht weil Ihr besser und wohlfeiler arbeitet, -sondern zufolge des büreaukratischen Schlendrians, weil es nun einmal -seit zwanzig Jahren herkömmlich, in Korbach zu bestellen. Einmal -aus dem Sattel gehoben, kommt Ihr zufolge desselben Schlendrians -nicht wieder hinein, — und die höchst rühmliche, in den Augen jedes -honetten Mannes bewunderungswürdige Handlung deines Vaters ist für -den Besitzer von Altenberg, wenn er anders dem technischen Theile -gewachsen, gleichbedeutend mit einer feierlichen Uebertragung der -Regierungskundschaft von Euch auf ihn!“</p> - -<p>Arnold war hinlänglich besonnener praktischer Geschäftsmann, um das -volle Gewicht der Wahrheit in Günther’s Worten zu würdigen. Er übersah -mit einem Blick die Bedeutung der Lage.</p> - -<p>— — Er gedachte jenes Abends, wo er vom Professor Harkeboom nach -Berührung der kalten Marmorhand in so heißer Kampflust weggegangen und -die grüne Kriegsfahne des Profeten gegen unsichtbare Gegner entfaltet. -Vergebens hatte er geharrt und gehofft, daß sich irgend ein feindlicher -Helmbusch durch den Nebel zeige, hatte zehn Pläne gefaßt und verworfen -— alle liefen mehr auf ein Zerhauen, als Lösen des Knotens hinaus; -seine Natur trieb zu offenem Handeln auf geradem Wege.<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> Bald wollte er -nach dem Freinhof, Julie geradezu fragen, wo das Ende der Kette, die -sie umschlinge, — bald Sembrick aufsuchen, dessen kaltes Ablehnen ihn -umsomehr verletzte, je länger die eigene Spannung währte. Er sah jedoch -den gelinden Wahnsinn ein, das Geheimniß aus dem Christuskopf mit -Schwert und Feuerschlund heraustreiben zu wollen. Als dann die beiden -Briefe vom Prior und Blauhorn kamen, war er Anfangs uneins, ob das -Schwungrad dieser Maschine von einer Engelshand oder einer Teufelsklaue -in Bewegung gesetzt werde.</p> - -<p>Eine Einladung in den Reichssenat und das eventuelle Versprechen -eines päpstlichen Ordens unter einer Bedingung, die Jedem, der seinen -Vater nicht genau kannte, ganz annehmbar erscheinen mochte, waren -doch wahrlich an sich keine <em class="gesperrt">feindseligen</em> Handlungen. — Als -die Teufelsklaue erkennbar wurde, als gewiß war, daß zwar Alles vom -Freinhofe, aber eben so gewiß, daß es nicht von Julie ausgehe, stieg -ihm auch der Gedanke auf, gerade vor Kollmann hinzutreten, ihn zu -fragen, welche Schurkerei hinter den seinem Vater zugedachten Würden -und Ehren stecke — — ihn einfach zu fordern.... Allerdings durchschoß -die Kugel, welche Kollmann hinstreckte, auch jedes Band mit Julie, -— aber war dies nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> das <em class="gesperrt">alleruneigennützigste</em> Handeln für -sie, — Befreiung ohne Hoffnung eines Lohnes? — da er immer von der -Meinung ausging, daß Nichts als eben eine sehr „unglückliche Ehe“ im -gewöhnlichen Sinne ihr Los, obgleich Sembrick im Gespräche mit ihm -gesagt, es handle sich um „etwas mehr.“ <span class="nowrap">— — —</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Nun</em> war die <em class="gesperrt">Ungeduld befriedigt</em>!</p> - -<p>Er war bei aller Entschlossenheit von der plötzlich demaskirten -feindlichen Aufstellung überrascht... Nicht eine romantisch kostümierte -Banditenschar, die durch den raschen Angriff eines Husarenpiquets -zersprengt oder gefangen wird: eine mit allem Bedarf ausgerüstete -Armee, deren Kriegszweck in weitester Ferne der <em class="gesperrt">Ruin</em> -seines <em class="gesperrt">Hauses</em>, die <em class="gesperrt">Vernichtung</em> seiner materiellen -<em class="gesperrt">Existenz</em>, stand ihm entgegen.</p> - -<p>Mehr als einmal hatte Sprenger zum Ankaufe Altenbergs gerathen. -Sein Vater hatte eingeworfen, Richtmeyer könne keine neue Maschine -aufstellen, mit den alten nichts Großes unternehmen und wenn er jetzt -für die verschuldete Besitzung 60,000 Gulden verlange, werde noch ein -Moment kommen, wo er froh sein werde, die Hälfte zu erhalten. — In -der letzten Zeit hatte das Werk völlig stillgestanden. Man sprach vom -Konkurse. Der alte Korbach hielt nun den Zeitpunkt für passend, ließ -sich nach den Disposizio<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>nen des Besitzers erkundigen, und hörte, daß -Richtmeyer rangirt werde, — die Fabrik als solche aufgeben, das kleine -Gut aber bewohnen und bewirthschaften wolle. Damit schien alle Gefahr -beseitigt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Noch</em> war wenig zu besorgen, wenn nicht die Fehde mit Kirche und -Staat <span class="nowrap">dazwischenkam. —</span></p> - -<p>Der alte Korbach hatte Minister- und Sistemwechsel, Revoluzion und -Reakzion erlebt, und dem alten festgegründeten Bau seines Kredits war -kein Stein ausgebrochen, an seinen Verbindungen mit den bei den großen -Lieferungen maßgebenden Behörden nichts gelockert worden. — Er war bei -vielen Gelegenheiten entschieden, ja schroff aufgetreten, aber sein -Karakter und die Solidität seiner geschäftlichen Gebahrung hatten das -alte Monopol der Korbacher Werke trotz kleiner persönlicher Reibungen -und trotz der ihm seit Jahren feindlichen Gesinnung der ultramontanen -Partei aufrecht erhalten. Als er selbst nach einem Konflikte mit dem -Minister, aus Anlaß der erwähnten Eingabe über den Freihandel, im -Besitze aller Aufträge blieb, stieg seine Zuversicht noch höher.</p> - -<p>Das Alter wird den Mann entweder zu mißtrauisch gegen seine Kraft und -sein Glück machen, oder allzu zuversichtlich, je nachdem er auf mehr -zur Frucht gereifte, oder auf mehr in der Blüte geknickte<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Hoffnungen -von der Warte seiner sechzig Lebensjahre <span class="nowrap">herabsieht. —</span></p> - -<p>Die lange Reihe von erfolggekrönten Bestrebungen ließen ihn keinen -Gegner mehr fürchten. Fast hätte er sich mit seinem ältesten, treuesten -Freunde überworfen, als dieser mit der höchsten Entschiedenheit gegen -die protestantische Einwanderung auftrat. „Das ist der Anfang vom -Ende,“ hatte Sprenger gesagt — „ist dein russischer Feldzug. Die -Kirche ist wie Rußland, — verbrennt ihr eignes Moskau, wenn sie den -Gegner nicht anders bezwingen kann.“</p> - -<p>— — Arnold schrieb die wichtige Nachricht sogleich nach Korbach. Die -kurze Antwort lautete dahin: „die Altenberger könnten vor einem Jahre -ohnedem nicht arbeiten; der bis dahin wahrscheinlich fertige Flügel der -Westbahn nach Korbach paralisire den Vortheil, den jenen die Südbahn -gewähre. Die Fabrik habe andere Zeiten und Konkurrenten ausgehalten.“</p> - -<p>Dieser Auffassung gegenüber war Arnold’s Weg klar vorgezeichnet. Er -konnte über seine Aufgabe nicht in Zweifel sein: nach Kräften in jenen -Richtungen ausgleichend zu wirken, wo das Naturell und die unbeugsame -Haltung seines Vaters Verwicklungen herbeigeführt. — So sprach er zu -sich als Sohn. Ein Fremder würde es rücksichtsloser so ausgedrückt<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> -haben: der junge Korbach fühlte, daß er <em class="gesperrt">gut machen</em> sollte, was -der Alte <em class="gesperrt">verdarb</em>, — den Schaden abwenden, den die übrigens -respektable Hartnäckigkeit desselben zu verursachen drohte.</p> - -<p>Dieß war leicht begriffen und schwer ausgeführt.</p> - -<p>Er kannte außer Günther Niemanden, mit dem er sich berathen wollte. -Den sehr gewandten und treuen Geschäftsführer, der den kommerziellen -Theil aufs Gründlichste verstand, glaubte er so wenig als irgend einen -Andern in die neuentstandene Situazion zu früh einweihen zu sollen: -es war dieß einer jener Gegenstände, welche zu einer Macht werden in -dem Augenblicke, wo man sie bespricht und anerkennt. Sprach Korbach -eine Besorgniß aus, so war sie für den Zweiten Furcht, für den Dritten -Eingeständniß, der Konkurrenz nicht gewachsen zu sein.</p> - -<p>Mit seinem Freunde hatte er desto häufigere Unterredungen. Sie kamen -fast täglich in dessen Wohnung zusammen.</p> - -<p>Günther hatte ein mit echten, alten, durch viele Jahre mit Kennerblick -gesammelten Stücken eingerichtetes Zimmer. Den Raum an den Wänden, -welchen die geschnitzten Kasten und Kästchen frei ließen, deren -Oberfläche mit lauter antiken Seltenheiten bedeckt war, nahmen Gemälde -ein, und durch alle Zwischenräume in den Ecken, an den Fenstern, -schlän<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span>gelte sich üppiger Efeu empor. — <em class="gesperrt">Einiges</em> mahnte an -Sembrick’s Salon — aber ins Wohnliche, Traute, Gemüthliche <span class="nowrap">übersetzt. -—</span></p> - -<p>Die Freunde saßen auf einem mit Rohr ausgeflochtenen hochlehnigen -Sofa, das sich in rechtem Winkel um den massiven Tisch von natürlicher -Holzfarbe bog — — und entwarfen Schritt für Schritt ihre -Operazionspläne.</p> - -<p>— „Wie stehts mit dem Marine-Kommando?“ begann Günther.</p> - -<p>— „Ich habe heute mit Bianchi gesprochen, der das hiesige Haus der -Franchini führt, durch welches das Kommando Alles verhandelt. Bianchi -stellt viele weitere Aufträge in Aussicht. Die jetzigen betreffen die -breiten Messingplatten.“</p> - -<p>— „Mit denen können die Altenberger mit ihren dermaligen Maschinen -nicht aufwarten. Aber wenn dein Vater sich mit der gesammten -Geistlichkeit und Staatsgewalt überwirft, so wird die Letztere, da kaum -eine Fabrik außer Eurer darauf eingerichtet ist, mit dem Auftrag nach -England gehen.“</p> - -<p>— „Das geschieht nicht, so lange Prinz August Ernst das -Marine-Kommando führt, der entschieden darauf besteht, die einheimische -Industrie nicht zu übergehen. Aber die weiteren Aufträge sind solche, -die jedes gewöhnliche Walzwerk ausführen kann, und<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> für diese fürchte -ich. Ich bin entschlossen, nach — (wir nennen nicht die südliche -Hafenstadt, wo das Marine-Kommando seinen Sitz hat) zu gehen, und habe -dem Vater um Erlaubniß geschrieben.“</p> - -<p>— „Ich verschaffe dir Briefe, die dich gleich auf den rechten -Boden stellen. Du darfst nicht als Ansuchender kommen, sondern -an einem Draht von oben herabgelassen. Von <em class="gesperrt">oben</em> heißt für -Franchini von Rothschild. Bis übermorgen hast du das zärtlichste -Empfehlungsschreiben, worin dieses Haus jemals eine Anweisung auf seine -Liebe ausgestellt <span class="nowrap">hat.“ —</span></p> - -<p>— „Vielen Dank. Ich gedenke aber zum Prinzen selbst vorzudringen, kurz -zu sagen, daß wir jeden Auftrag als gute Patrioten billiger als jeder -Andere vollziehen, daß das Vermögen meines Vaters ihm erlaube, nicht -auf Gewinn, sondern auf die Ehre zu sehen <span class="nowrap">u. dgl.“</span></p> - -<p>— „Das wird dir Alles nichts nützen, wenn du nicht den festen Kontrakt -schneller in die Hand bekommst, als man von hier aus operirt. Ihr seid -jetzt die <span class="antiqua">bête noire</span> der ganzen Coterie — seid plötzlich so -berühmt, daß selbst die Prinzessin, die Mersey, <span class="nowrap">Plomberg“ — —</span></p> - -<p>— „Plomberg? wie kommt der dazu?“</p> - -<p>— „Der Husarenoberst ist der Vetter des Baron Heidenbrunn, und dieser -der Adjutant des Prinzen<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> Ernst August. Plomberg hat jedenfalls Einfluß -dort. Uebernimm auf ein halbes Jahr die Rolle der alten Mersey und -zahle seine Schulden, so hast du ihn mit Haut und Haar!“</p> - -<p>— „Nicht, wenn ich ihn um einen Gulden haben könnte. Das ist kein Weg -für einen Korbach.“</p> - -<p>— „Lieber Arnold, mein Gewissen ist um nichts elastischer als deines! -Das ist reine Geschäftssache. Wenn ein solcher Kerl <span class="antiqua">licitando</span> -zu haben, so lizitire ich mit, wenn ich weiß, daß er sich sonst der -Gegenpartei verkauft. Wenn ich mit einer Handvoll Banknoten vielleicht -eine niederträchtige Intrigue vereiteln kann, so ist das ein Weg, -welchen Die von Korbach so gut wandeln können, als Der von Günther!“</p> - -<p>— „Nenne es Caprice, aber wir überlassen einmal, eben als gute -Bürgerliche, den geschlossenen Helm dem Adel und fechten nur mit -offenem Visir. Mit Plomberg habe ich Nichts zu thun.“</p> - -<p>— „Auch gut. Aber bei Wörlitzer kannst du dich mit offenem Visir -vorstellen; die Westbahn, von welcher er Direktor ist, kann für Euch -höchst wichtig werden. Mich hat er im kaufmännischen Verein zehnmal -geladen, und ich lasse mir jedesmal wieder seine Adresse geben. Nun -gehe ich hin, und nach deiner Rückkehr stelle ich dich vor.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></p> - -<p>— „Auch dieser ist mir höchst antipathisch.“</p> - -<p>— „Vielleicht, weil du dort mit Sembrick zusammentreffen wirst?“</p> - -<p>— „Das vergaß ich. Jetzt gehe ich jedenfalls hin. Ich <em class="gesperrt">muß</em> ihn -treffen, damit wir wenigstens ordentlich auseinander kommen. Die Art, -wie wir uns verlassen haben, kann wohl nicht füglich ein letztes Wort -vorstellen.“</p> - -<p>— „Wenn du vielleicht bloß zu Wörlitzer gehen willst, um den Salon -des Banquiers als Turnierplatz mit Sembrick zu benutzen, so laß dich -gefälligst von Jemand Anderem vorstellen.“</p> - -<p>— „Besorge Nichts! Ich weiß nur nicht, was es nützen soll, — der -Minister des Innern ist das personifizirte Konkordat, und jedenfalls -schon prävenirt.“</p> - -<p>— „Was ihn nicht verhindert, seine Fonds durch einen Juden verdoppeln -zu lassen, der viel zu klug ist, um sich nicht wärmer für Euer -gegenwärtiges Korbach, als für die Altenberger Zukunftsmusik zu -interessiren. Wenn du die ganze Geschäftswelt auf deiner Goldwage wägen -und dich mit Niemandem einlassen willst, der nicht in <em class="gesperrt">unserm</em> -Sinne korrekt, so nimm lieber heute als morgen die Tafel von Eurer -Niederlage ab!“</p> - -<p>Arnold war bei aller Korrektheit praktisch genug, um sein Prinzip nicht -auf die Spitze zu treiben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p> - -<p>— „Mit den Geistlichen, fuhr Günther fort, ist jetzt nichts zu thun; -du kannst deinen Vater nicht desavouiren.“</p> - -<p>— „Um so weniger, als ich ihm vollkommen Recht geben muß.“</p> - -<p>— „Wann willst du reisen?“</p> - -<p>— „Sobald die Antwort von Korbach eintrifft.“</p> - -<p>— „Lasse mich’s wissen, ich hole dich dann ab, und begleite dich die -zwei Stunden bis Treustadt, wo ich ein Geschäft habe, das an keinen Tag -gebunden ist. Und nun noch ein Wort in alter Aufrichtigkeit: Sprichst -du von dem, was dir bei der ganzen Sache am <em class="gesperrt">tiefsten</em> zu Herzen -geht, seit drei Tagen keine Silbe, weil du mich nicht für fähig hältst, -dich zu begreifen?“</p> - -<p>— „Ich spreche nicht davon, sagte Arnold, indem er die Farbe wechselte -und Günthers Händedruck mit krampfhafter Heftigkeit erwiderte, weil ich -dir kein Bild aufrollen will, das dir zeigen würde, wie diese ganze -geschäftliche Besonnenheit eine eiserne Maske ist, hinter der mir, ich -schäme mich nicht, dir’s zu sagen, oft blutige Thränen herabrollen. Es -wird eine Zeit kommen, wo ich wieder sprechen kann, jetzt bin ich nicht -falsch gegen dich, sondern gegen mich selbst. Ich belüge mich den Tag -über, und lasse die Wahrheit für die Nacht.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p> - -<p>— — Und die Nacht war Zeuge, wie unter all’ den grellen Mißtönen, -die von allen Seiten auf Arnold eindrangen, das Herz nicht verstummt -war, — seine Stimme war keine weichliche Wehklage, aber ein -Schmerzensschrei, der, keinem Andern vernehmbar, in ihm doch Alles -<span class="nowrap">übertönte! —</span></p> - -<p>— In welcher lichten verklärenden Höhe hatten die ersten Lerchen -dieser Liebe gesungen! — Julie, das räthselhafte, reizende Weib, so -<em class="gesperrt">ganz anders</em> als Alle, denen er begegnet, — die mit einem ihrer -tiefen innigen Blicke größere Seligkeit schenkte, als Andere mit dem -glühendsten Kuß, — und deren Händedruck doch <em class="gesperrt">weniger</em> Rechte zu -gewähren schien, als ein freundliches Lächeln einer Andern! — Julie, -die auf dem Felsengipfel unter den Wetterwolken gebetet, — und dann -unter den rothen Mohnblumen hervorgelächelt und durch Scherz und frohe -Anmuth entzückt! Wie lagen für ihn Alle so tief in der Fläche der -Alltäglichkeit, neben <em class="gesperrt">ihr</em>, die ein dunkles Geschick mit allem -Zauber des Geheimnißvollen umhüllte, — und die es zu tragen schien -vor den Augen der Andern, als drückten nur Rosen auf das weiche dichte -Haar, — und nur in einsamer Stunde hinsank, sich windend unter den -scharfen Dornen.</p> - -<p>Und <em class="gesperrt">was</em> war nun aus dem Goldnebel am See hervorgegangen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span></p> - -<p>— Arnold war keiner von denen, die „wild auffahren,“ — knirschen, -— im Selbstgespräche an die Stirn schlagen, — — er saß nach -vollbrachtem Tagewerke schweigend, in Schmerz versunken, an dem Platze, -wo er Günther den Abend im Schweizerhause erzählt. <em class="gesperrt">Jedes</em> -Ausdrucks war sein Mund eher fähig, als jenes des <em class="gesperrt">Hohnes</em>, -aber mit bitterem Spotte lächelte er, — — als er <em class="gesperrt">der</em> Julie -gedachte in Verona, und Romeo’s! des großen Kampfes der alten Häuser -um Macht und Ehre! — Wie edel die Waffen! das Schwert, — selbst -der Dolch, — selbst das Gift, — — <em class="gesperrt">Alles</em> noch <em class="gesperrt">groß</em> -und <em class="gesperrt">edel</em>!.... Und nun auch hier zwei Häuser: — — — -„Kollmann und Kompagnie“, — „Korbach und Sohn“. — — Statt Schwert -und Dolch: Messingstangen und Kupferplatten... Nie hat die plumpe -Tatze des gemeinsten Materiellen in kaum erschlossene Blüten roher -<span class="nowrap">hineingegriffen. —</span></p> - -<p>Wie oft hatte er gelacht über das „Ich und Nicht-Ich“ der Gott und -Welt zerdenkenden Schule. Nun gewann es <em class="gesperrt">ihm</em> einen Sinn. Nun -begriff er die Trennung, den Abgrund zwischen dem <em class="gesperrt">Ich</em> und jener -<em class="gesperrt">zweiten</em> selbstständigen, unbezwinglichen Macht in uns, welche -Gedanken schafft, von denen das Ich nichts hören, — Bilder aufsteigen -läßt, welche der Wille zertrümmern möchte — vergebens! Wie jener<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> -Fromme der Legende vom bösen Geiste gezwungen war, Gott zu lästern, und -dabei das sündige Wort im Herzen verfluchte, das seine Lippen gegen -seinen Willen sprachen, — so rang Arnold gegen <em class="gesperrt">Gedanken</em>, welche -<em class="gesperrt">Wolke</em> auf <em class="gesperrt">Wolke</em> um <em class="gesperrt">Juliens Bild</em> legten, — er -konnte das seelenvolle Feuerauge nicht mehr <em class="gesperrt">klar</em> schauen — sie -stand nicht mehr vor ihm, so fleckenlos wie die frisch erblühte Blume, -kristallrein wie der Bergquell.</p> - -<p>Und doch sagt’ ihm das treue <em class="gesperrt">alte</em> „Ich“: Entweder einen reinen -Himmel mußt du glauben, oder eine Hölle. Sie kann nur um <em class="gesperrt">Alles</em> -wissen, oder <em class="gesperrt">Nichts</em>.</p> - -<p>— — In solcher Stimmung, welche dießmal auch der helle schöne Morgen -nicht zerstreute, traf ihn Günther, als er ihn, nachdem die Genehmigung -des alten Korbach angelangt, zwei Tage später abholte, um ihn bis -Treustadt zu begleiten. Ein Blick auf die verstörten Züge des Freundes -verrieth ihm dessen Gemüthszustand.</p> - -<p>„Ich bringe den Brief an Franchini und noch zwei andere,“ — begann er, -„und damit du nicht die Energie verlierst, deren du bedarfst, nimm dich -zusammen und hänge nicht Gedanken nach, welche entschieden keinen Grund -haben. Du weißt doch, daß <em class="gesperrt">ich</em> Anfangs keine Kränze für diese -vielbesungenen schwar<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span>zen Locken geflochten, die leider Gottes deine -ganze Existenz umspinnen, ich sage dir aber eben so, daß, wenn diese -Frau mit <em class="gesperrt">Kenntniß</em> der <em class="gesperrt">Sache ihre</em> Hand in dieser Intrigue -hat, ich mir die meine abhauen lasse! Du kannst in dem Ganzen höchstens -einen Sporn für deine Thätigkeit finden. Hoffentlich wirst du doch kein -Bedenken tragen, gegen Kollmann, weil er ihr Gatte, ein geschäftliches -Duell zu bestehen, da dir gewiß ein anderes ein Vergnügen wäre? Frisch -ans Werk! und nochmals: Zweifel an dieser Frau in dem Sinne, wie ich -jetzt bei dir vermuthe, sind geradezu wahnsinnig.“</p> - -<p>Der Ton der Ueberzeugung verfehlt seine Wirkung gewiß nicht, wenn das -Gesagte mit dem Herzenswunsche des Zuhörers zusammenfällt.</p> - -<p>Arnold erwiederte: „Es ist nicht der eine und nicht der andere Gedanke, -sondern der gesammte Karakter der Fehde, der mich durch den Kontrast -des Gemeinsten mit dem Edelsten peinigt — lieber als dieses elende -Gebalge mit einem im Trüben fischenden Fabrikskonkurrenten wäre mir -wahrlich gewesen, wenn ich einen Kampf zu bestehen gehabt, um einem -<em class="gesperrt">wirklichen</em>, schwarzen <em class="gesperrt">Verbrecher</em> die Maske abzureißen!“</p> - -<p>— „Aber lieber Freund, man muß immer das Beste hoffen! Wer weiß, ob -nicht die Konkurrenzschlei<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span>cherei zu Kollmanns läßlichen Sünden gehört? -Ich habe immer die Idee, daß in der Geschichte dieses Menschen ein -Blättchen ist, das er nicht gern vor dem Kriminalgericht herablesen -möchte.“</p> - -<p>— — Arnold hatte der heitern Stimmung, in welcher sein Freund -gekommen, nicht ganz widerstanden. — Sie waren nun zur Abreise <span class="nowrap">fertig. -—</span></p> - -<p>Wir finden sie eine Viertelstunde später im Waggon, wo sie kaum -Platz genommen, als Günther sagte: „Deine Reise beginnt unter guten -Auspicien, der Wind weht vom Freinhof her! Da unten, ganz am Ende des -Wagens, sitzt die Zeltner! Die fährt jedenfalls wieder irgendwohin, um -die Angelegenheiten ihres Mannes revidiren zu lassen. Aber ein hübsches -Weib, — das muß man ihr und dem Grafen Greuth lassen. Dieses röthliche -Blond! dieses prachtvolle Weiß!“</p> - -<p>Arnold erkannte die Blondine vom Freinhof. Sie reiste ohne Begleitung. -Einiges Handgepäck, der blaue Schleier, die Reisetoilette ließen auf -ein weiteres Ziel der Fahrt <span class="nowrap">schließen. —</span></p> - -<p>„Willst du wetten,“ sagte Günther nach einigem Nachdenken, „daß die -Blonde mit dir reist, bis an den Ort deiner Bestimmung? <em class="gesperrt">Ihre</em> -Bestimmung aber ist der Prinz August Ernst. Ich habe den Spektakel -im Theater mit angesehen, als er zwei Monate<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> lang hier war. — Sie -hatte einen Sperrsitz unter der Hofloge, und die Augen des Prinzen -gebrauchten förmlich russische Bäder: von den feurigen Haaren in die -Schneeflächen, die sich von Oben ganz prachtvoll ausnehmen mußten, -und vom Schnee wieder ins Feuer. Sie führte mit der Spitzenmantille -ganze Schicksalsdramen auf, mit glänzender Beleuchtung ihres äußern -Schauplatzes. Und das wallte und wogte so fort acht Tage lang, bis -endlich der Adjutant des Prinzen, der Baron von Heidenbrunn, am Ausgang -wartete, bis die Zeltner in einen Wagen stieg, worauf er sich in den -zweiten warf und nachfuhr. Seit diesem Abende habe ich sie nicht mehr -im Theater gesehen. Der Krieg scheint lokalisirt. Wahrscheinlich reist -sie, da vom Grafen Greuth keine Strafermäßigung Zeltners mehr zu -erwarten, dem Prinzen nach, wird aber gegen das südliche Element schwer -aufkommen.“</p> - -<p>Die Besprochene machte auf jeder Stazion mit ihren Augen die Ronde -durch den Waggon, um den Zuwachs der Gesellschaft zu kontrolliren, -und begegnete einem jener ruhigen, hellen Blicke Günthers, welche -so oft den feurigen oder schmachtenden Pantomimen Anderer ans -Ziel vorausgeflogen waren. Sie erwiederte ihn einen Moment, -sah dann anscheinend gleichgültig weg, — allein die Begegnung -wie<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>derholte sich, da zwei Augenpaare im Raum eines Waggons entweder -<em class="gesperrt">stillsitzen</em>, oder auf ihrer Promenade <em class="gesperrt">zusammentreffen</em> -müssen.</p> - -<p>Arnold war nicht aufgelegt, dem Geplänkel eine besondere Theilnahme -zu schenken, mußte aber doch lachen, als er Günther plötzlich einen -wirklich beredten, ganz ernsthaft zärtlichen Blick absenden und darauf -die Augen wie verwirrt senken sah, — worauf er sich gegen Arnold -herumwandte und hinter dem abgenommenen Hut das bekannte gemüthliche -— Teufelsgesicht schnitt und sagte: „Die Zeltner hat mich vor der -Hand bloß bezaubert, wie die Klapperschlange, bis Treustadt hoffe ich -umstrickt zu werden.“</p> - -<p>— „Hast du alles Ernstes vor, da Etwas anzuknüpfen?“</p> - -<p>— „Angeknüpft ist bereits; ich möchte nur wissen, was sie immer im -Abgrund des Raumes sucht und findet und wieder versteckt? Ein Flacon! -sie leidet; nach der ungewöhnlichen Blässe könnte es sogar wahr sein.“</p> - -<p>Frau Klotilde Zeltner hatte in der That mit der ihr gegenübersitzenden, -wie es schien fremden alten Frau einige Worte gesprochen, sich dann -zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Die Stirnfalte und das -Eindrücken der schönen Zähne in die Unterlippe verriethen einen -heftigen Schmerz. — Ihre bei<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> aller Fülle schlanke und ebenmäßige -Gestalt beseitigte die Vermuthung, welche sich Günther bei den -ersten Simptomen des Unwohlseins aufdrang. Er sah, daß keine jener -Katastrofen drohte, welche manchmal auf Eisenbahnen und Dampfschiffen -eine Ungleichheit in der Zahl der ursprünglich eingestiegenen und der -aussteigenden Passagiere veranlassen. — Vielleicht wenn die Fahrt -sechs Monate gedauert hätte..... Vor der Hand war es eben nur eine -vorübergehende „Störung des Organismus.“</p> - -<p>Auf der nächsten Stazion rief Günther nach einem Glas Wasser, -präsentirte es ihr mit ernster, theilnehmender Miene, und zog sich ohne -ein Wort zu sprechen zurück, nachdem sie ihm mit schmachtendem, trüben -Lächeln gedankt.</p> - -<p>Als der Train wieder in Bewegung war, sagte er: „Lieber Freund, reise -glücklich und nimm hier mein Lebewohl! — ich werde zwar neben dir -stehen bleiben, — weiß aber nicht wie lange —, jeder Augenblick kann -uns trennen, wenn die Pflicht ruft.“</p> - -<p>Arnold sah, daß sein Freund heute unter besonders heitern Sternen -aufgestanden, und erwiederte das Lebewohl. Er beneidete ihn zwar nicht -um die Weise, wie sein glückliches Temperament zur Geltung kam, aber -doch um dieses selbst, und sah der Entwicklung der Dinge zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span></p> - -<p>Günther winkte den Kondukteur zu sich und sagte: „Diese Dame dort ist -sehr unwohl; halten Sie sich etwas in ihrer Nähe auf, und wenn Sie -bemerken, daß es sich wieder verschlimmert, so sagen Sie, daß ein -Doktor im Waggon ist. Ich will mich nicht selbst anbieten und möchte -doch gern helfen... Sie verstehen das schon.“</p> - -<p>Der Kondukteur verstand jedenfalls den Gulden, der ihm in die Hand -gedrückt wurde. Nach einigen Minuten sah man ihn mit der Frau sprechen -und Günther wurde, unmittelbar nach seiner Promovirung zum praktischen -Arzte, zu seiner ersten Patientin gerufen.</p> - -<p>— „Ich vernehme, daß Sie Arzt sind?“ sagte Klotilde Zeltner.</p> - -<p>— „Ich bin, — erwiderte Günther leise — ein solcher, dessen -Spezialität eben ausschließlich die Behandlung von Frauenzuständen ist, -und werde das größte Vergnügen finden, meine Berufspflicht an Ihnen -nach meinem besten Wissen auszuüben.“</p> - -<p>— „Darf ich wohl um Ihren Namen bitten?“</p> - -<p>— „Ich heiße Günther, — nicht zu verwechseln mit einem hochberühmten -Arzte unserer Residenz, mit welchem ich mich jedoch, ohne -Ruhmredigkeit, gerade in <em class="gesperrt">meinem</em> Fache messen darf. Da uns -Niemand als diese freundliche Frau uns gegenüber hören kann,<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> so bitte -ich, meinem kurzen Examen mit vollster Unumwundenheit zu folgen.“</p> - -<p>Arnold sah aus seiner Ferne Pulsfühlen und ernstes Kopfschütteln, ein -schnelles Vorzeigen der Zungenspitze, — sah Günther mit bekümmerter -Miene einen Augenblick zwei Finger auf die Stirn der Leidenden legen, -um deren Temperatur zu erforschen, konnte aber natürlich nicht hören, -daß das Examen mit der kategorischen Erklärung schloß, daß von -Weiterfahren über Treustadt hinaus durchaus keine Rede sein könne, -sondern daselbst abgestiegen, ein Pulver genommen, geruht, und der -Abendtrain abgewartet werden müsse, bei Vermeidung unberechenbarer -Folgen.</p> - -<p>Frau Zeltner machte viele Einwendungen; sie hatte Gepäckstücke -aufgegeben, welche nach der Hafenstadt adressirt waren. Günther -erklärte ihr, daß sie dieselben dort im Magazine finden werde, -unterwegs aber derselben nicht bedürfe. Er werde in Treustadt für -Unterkunft und Medikamente sorgen, sie wieder zum Train begleiten, -kurz Alles leisten, was einem Arzte obliegt, dem es nicht nur mit dem -wissenschaftlichen, sondern auch mit dem humanistischen Theile seines -Berufes Ernst ist.</p> - -<p>Als der Train in Treustadt anlangte, schien Klotilde volles Vertrauen -zu dem Heilplane Gün<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>ther’s gefaßt zu haben. Sie verließ, auf seinen -Arm gestützt, den Waggon, und Arnold sah sie zusammen eine der -bereitstehenden Lohnkutschen besteigen, welche durch die, nach dem -nahen Stadtthore führende Allee hinabrollte und in letzterm <span class="nowrap">verschwand. -—</span></p> - -<p>So bedenklich es scheinen mag, wollen wir ungescheut unserem ärztlichen -Freunde folgen, und lassen Arnold jeden beliebigen Vorsprung nach -dem Hafen, wohin wir ihm auf dem, Dampf und Elektrizität hinter sich -lassenden Zauberteppich, den jeder Autor besitzt, leicht zur rechten -Stunde nachfolgen.</p> - -<p>Die drei Gaben der Prinzen Ali, Achmed und Hussein scheinen nach -deren Ableben in Hunderttausenden von Exemplaren auf die gesammte -Autorenwelt übergegangen zu sein. Ein Verfasser bittet seinen Leser, -einen Augenblick neben ihm auf dem überall hin versetzenden Teppich -Platz zu nehmen und führt ihn, zwischen Ende und Anfang zweier Zeilen, -ohne Erschütterung und Paßplackerei von Moskau nach Lissabon. — Er -hält ihm das Sehrohr vor’s Auge, und der leichte Bettvorhang wie die -eisenbeschlagene Kerkerthür werden zu Solinglas. — Er vermag aber auch -mit dem Alles heilenden Apfel jede Wunde zu schließen, die er nicht -selbst als tödtlich bezeichnet, jede Krankheit zu heilen, so lange ein -Funken Leben glimmt. — Um so leichter,<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> wenn das Uebel so wenig wie -das Klotildens ein solches ist, welches die Aerzte einen „schönen Fall“ -nennen.</p> - -<p>Günther sah noch während der Fahrt ihre Besserung auf’s Bedenklichste -fortschreiten, und fürchtete bis zum letzten Augenblick, seine -Anstellung gekündigt und sie weiterreisen zu sehen.</p> - -<p>Doch fügte sie sich, wie gesagt, seinen Gründen, und wir sehen Beide -die Treppe des einzigen eleganten Hotels der Stadt hinaufsteigen -und in ein Zimmer treten. Klotilde ertheilte dem sie begleitenden -Stubenmädchen den Befehl, das Zimmer nicht zu verlassen, — auch -nicht einen Augenblick, — warf sich auf das Ruhebett, beseitigte ein -Paar allzu lästige Paragrafe im Preßgesetz ihrer Toilette und bat den -Doktor, sein freundliches Versprechen zu erfüllen und das Pulver zu -<span class="nowrap">holen. —</span></p> - -<p>Günther empfahl sich somit, besorgte das Geschäft, um dessenwillen er -eigentlich nach Treustadt gefahren, ließ sich auf dem Rückwege ein -Katarrhpulver geben, und präsentirte es Klotilden, welche ihn mit der -lebhaftesten Freundlichkeit und allen Zeichen des wiedergekehrten -Wohlbefindens empfing.</p> - -<p>Sie wußte das über hundert Dinge hingleitende Gespräch auf die -ungezwungenste Weise so zu leiten, daß Günther dem, was er unter dem -huma<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span>nistischen Theil der Praxis verstand, in einer Stunde nicht näher -gerückt war als im Waggon.</p> - -<p>Dazu das unvermeidliche Mädchen! Er hatte die Zollschranken ihrer Ohren -zu umfahren versucht, indem er französisch zu sprechen begann: Klotilde -gab, im besten Französisch, den Bescheid, daß die Unterhaltung deutsch -weitergeführt werde.</p> - -<p>Er mußte für den Augenblick die Segel streichen. Es lag bis zum -Abendtrain noch manche Stunde vor ihm. Wenn sich die Situazion bis -Mittag nicht klärte, war er entschlossen, sich zu einem Patienten rufen -zu lassen und zurückzureisen. Doch hatte er nebst dem Abenteuer etwas -Anderes im Auge; — es war nicht unmöglich, dasselbe mit Arnold’s -Angelegenheit in Zusammenhang zu <span class="nowrap">bringen. —</span></p> - -<p>Nun sprach Klotilde abseits mit dem Mädchen, welches sich zwar -entfernte, aber sogleich wiederkam, und bald darauf erschien -ein elegantes Gabelfrühstück, und sie lud mit allem Aplomb der -anständigsten Frau vom Hause den freundlichen Arzt ein, ihr Gast zu -sein. Günther machte einige medizinische Einwendungen, sie erklärte -sich jedoch für ganz hergestellt. — Er nahm die Einladung an, überließ -sich seiner ganzen natürlichen Laune, und Klotilde ging während -des Dejeuners auf manche Wendungen ein, denen sie früher mit jener -Sicherheit aus<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span>gewichen, welche nur die Vertrautheit mit dem Ziele -aller Wendungen verleiht. Kaum war aber das Konfekt verzehrt und der -letzte Tropfen des schäumenden Weines geleert, so sprang sie auf, -befahl dem Aufwärter, Jemanden mit der Handtasche um die Stunde des -Abendtrains nach dem Bahnhof zu schicken, und ersuchte Günther, sie -nach dem — <em class="gesperrt">Park</em> zu <span class="nowrap">begleiten. —</span></p> - -<p>Es war nun hohe Zeit, an die Lösung des Komödienknotens zu denken; -Günther war, indem er ihn geschürzt, einer jener tollen Impressionen -gefolgt, denen er sich in dem Bewußtsein überließ, jederzeit im -rechten Moment den Rückzug zu finden. Er konnte jeden Augenblick mit -Klotilde in der Residenz zusammentreffen, und seine Usurpazion des -Doktorhutes wurde, wenn er die Sache auf sich beruhen ließ, zu einer -mit seinem Karakter so wenig als mit seiner Stellung zu vereinbarenden -Polissonnerie. Er hatte die Sache so weit getrieben, daß Klotilde -empört sein, oder scheinen mußte, wenn sie sich aller Dinge erinnerte, -die sie dem Frauenarzte mitgetheilt. Er mußte <em class="gesperrt">ihr</em> also einen -Rückzug lassen, und zweifelte nach den Proben von Verstand, die sie -gezeigt, nicht, daß sie ihn benützen werde.</p> - -<p>Im Park angelangt, bog er in die nächste beste Kastanienallee ein und -begann: „Nachdem ich<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> Ihnen so wahrhaft vergnügte Stunden verdanke, -erlauben Sie mir nun eine sehr ernste Frage, zu der mich die wahrste -Theilnahme drängt. Haben Sie Hoffnung, daß das Schicksal Ihres -geliebten, unglücklichen Gatten bald eine andere Wendung nehme?“</p> - -<p>Klotilde trat einen Schritt zurück und sah ihn sprachlos an.</p> - -<p>„Sie stellen sich erstaunt, daß ich Sie kenne. Allein so geistreich, -so liebenswürdig, so unnachahmlich Sie auch vom ersten Moment an Ihr -Spiel gespielt haben, so hat mir doch <em class="gesperrt">Ein</em> unbewachter Moment -verrathen, daß Sie mich so gut gekannt, als ich Sie. Sie haben mein -Pulver nicht genommen, und von da an wußte ich, daß Sie meine Intrigue, -zu der mich <em class="gesperrt">Etwas</em> bewog, was ich Ihnen nun nicht gestehen darf, -durchschaut. — Als eine Persönlichkeit, welche die halbe Residenz -kennt, hätte ich auch nicht auf ein Inkognito rechnen sollen. Sie aber -haben die Rolle, mich wirklich für das zu halten was ich sagte, mit der -vollendetsten Grazie gespielt!“</p> - -<p>Die Sortie war nicht viel feiner, oder noch viel <em class="gesperrt">weniger</em> fein -als der Knoten. Aber Klotilde erwiderte das Einfachste und Beste:</p> - -<p>„Alle Täuschungen zugegeben, so ist ja noch<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> die <em class="gesperrt">Frage, wer</em> -von uns Beiden heute <em class="gesperrt">unangenehmer getäuscht</em> wurde, ich oder -<span class="nowrap"><em class="gesperrt">Sie</em>?“ —</span></p> - -<p>Entscheidend für Klotilde waren Günther’s Worte gewesen: „Eine -Persönlichkeit, welche die halbe Residenz kennt.“ — Wer war der Mann? -Eine Celebrität jedenfalls; genug für sie, um nachsichtig zu sein. -Der größte Milderungsgrund lag aber jedenfalls darin, — daß er ihr -ausnehmend gut gefallen hatte.</p> - -<p>Die Versöhnung war wider Erwarten schnell und vollständig. Er brachte -nun, nachdem sie unter vielen Seufzern von ihrem Manne erzählt, das -Gespräch auf Kollmann und erfuhr, daß sie diesen bei dem Advokaten, der -Zeltner vertheidigte, kennen gelernt, und von ihm nach seiner Besitzung -geladen worden. Julie nannte sie das liebenswürdigste Geschöpf unter -der Sonne, und ließ durchschimmern, daß sie sie für unglücklich halte.</p> - -<p>„Ich habe von Kollmann eine schlechte Meinung, sagte Günther. — -Vielleicht wäre das Paar glücklicher, wenn sie Kinder hätten?“</p> - -<p>— „Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Uebrigens werden sie nie welche -haben, wie ich die Verhältnisse im Freinhof kenne.“</p> - -<p>— „Im Freinhof? sagte Günther mit einem seiner schändlichsten -Gesichter — also lokale Ursa<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>chen? Sollen da eigenthümliche -geognostische Verhältnisse einwirken?“</p> - -<p>— „Können Sie denn nicht einen Augenblick honett und ordentlich -sprechen?“</p> - -<p>— „Ich will es versuchen, auf die Gefahr hin Ihnen dadurch zu -mißfallen. Haben Sie für Ihre Vermuthung des Aussterbens der Dinastie -Kollmann kein faßlicheres Gewand?“</p> - -<p>— „Wenn Sie nicht den abscheulichen Betrug gespielt hätten, und -wirklich das wären, wofür Sie sich ausgaben, so würde ich Ihnen -<em class="gesperrt">mehr</em> sagen. Es genüge Ihnen, daß ich als Frau meine Vermuthungen -habe. Ich glaube, daß keine bestehenden Verhältnisse, sondern eben -<em class="gesperrt">nicht</em> bestehende Verhältnisse daran Schuld sind, und jetzt -halten Sie Ihren gottlosen Mund.“</p> - -<p>— „Nur Einen Versuch erlauben Sie mir, Sie zu übertreffen! Sollte -Kollmann, den ich vor der Welt für ein schlechtes Subjekt halte, im -Geheimen ein so edler Mensch sein, <em class="gesperrt">daß</em> <span class="nowrap">er“ —</span></p> - -<p>Klotilde schlug ihn nun wirklich mit ihrer hübschen weißen Hand auf den -Mund und rief: „Was zu viel, ist zu viel!“</p> - -<p>— „Verzeihung! ich wußte nicht, daß Sie über Kollmann nichts -Unangenehmes hören wollen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span></p> - -<p>— „So viel Sie wollen; <em class="gesperrt">ich</em> habe mich nicht über ihn zu -beklagen, aber ich glaube, er handelt gegen Julie ganz schlecht.“</p> - -<p>— „Das glauben Viele; wenn er schlecht ist, ist er aber gewiß eben so -klug.“</p> - -<p>— „Nach dem, was er schon durchgesetzt, gewiß. Vor drei Jahren hat er -als kleiner Fabrikant angefangen, jetzt kauft er eine Besitzung nach -der andern, hat ein Paar fremde Orden, und vor einigen Tagen erst wurde -er zum Konsul ernannt, ich weiß nicht, von welchem Großherzog.“</p> - -<p>— „Er hat jedenfalls hohe Verbindungen. Man sagt, sein Hauptprotektor -sei der Prinz Ernst August.“</p> - -<p>— „Das ist mir neu, und ich bezweifle es, da ich zufällig viele -Details vom Prinzen weiß.“</p> - -<p>— „Ich sage nur, was die niederträchtige Welt behauptet. Es heißt, -Kollmann habe Schritte gethan, um zu gewissen Zwecken die Gunst des -Prinzen zu gewinnen; sie seien nicht ohne Erfolg gewesen, und er -erwarte den Haupteffekt von der reizenden Persönlichkeit <em class="gesperrt">seiner -Frau</em>. Sie kennen wahrscheinlich die Empfänglichkeit des Prinzen -für das rein Schöne, und wenn dieser Coup gelingt, hat Kollmann seine -Schäfchen im Trocknen.“</p> - -<p>Klotilde schwieg. Ein ganzes wildes Heer von Gedanken jagte durch ihren -Sinn. „Dieses hübsche<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> Projekt, sagte sie endlich, würde jedenfalls -an dem Umstande scheitern, daß diese Frau nie, nicht um die Welt, in -irgend etwas willigt, was gegen ihre Begriffe von Ehre ist!“</p> - -<p>— „Das liegt vielleicht gar nicht in Kollmanns Absicht. Die Wirkung -einer einzigen Entrevue in allen Ehren, die gehobene Stimmung des -Prinzen, wenn er ein Paar Minuten mit einer reizenden Frau spricht, -werden wohl hinreichen, einem Anliegen den Weg zu ebnen.“</p> - -<p>Klotilde war nachdenklich und ernst geworden. Günther sah, daß der -Funke fortglimmte und warf gleichgültig hin: „Das sind lauter <span class="antiqua">on -dit</span>, Vermuthungen, — aber daß Kollmann nicht versäumen wird -diese Mine springen zu lassen, sobald er nur einmal den <em class="gesperrt">Weg</em> -zum Prinzen gefunden, bezweifle ich nicht. Und den kann man ihm nicht -versperren!“</p> - -<p>— „Und doch wäre dieß eigentlich eine Pflicht gegen die arme Frau, die -allein darunter zu leiden haben wird.“</p> - -<p>— „Ja wohl, aber wer kann das! Wer vermöchte dem Prinzen die Augen -darüber zu öffnen, was dieser Kollmann für ein Subjekt, wenn die Augen -einmal geblendet sind? — vielleicht <em class="gesperrt">vorher</em>!“</p> - -<p>— — Günther lenkte nun das Gespräch auf<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> andere Gegenstände. Er hatte -mit Klotilde in einem kleinen Kiosk Platz genommen — die Sonne ging -unter, die Stunde des Abendtrains war nahe.</p> - -<p>Sie gingen durch die dunkle Allee zurück, — zu dunkel, um sammt -unserem Sehrohre entscheiden zu können, ob der Händedruck, mit dem sie -später im beleuchteten Bahnhofe Abschied nahmen, das <em class="gesperrt">einzige</em> -Pfand des Wiedersehens <span class="nowrap">gewesen. —</span></p> - -<p>— — Günther verglich auf der Rückfahrt unwillkürlich seine heutigen -Erlebnisse mit dem Besuch beim Professor, wo er mit aller Berechnung -zu Werke gegangen und eine völlige Niederlage erlitten. Heute war -er, kaum mit einer Ahnung die Angelegenheit Arnolds hineinflechten -zu können, auf ein improvisirtes Abenteuer ausgegangen, und hatte -<em class="gesperrt">vielleicht</em> Etwas für ihn gewirkt.</p> - -<p>Er versprach sich jedoch nicht viel von Klotildens Dazwischenkunft, da -er von einer irrigen Voraussetzung ausging.</p> - -<p>Er glaubte sie reise nach der Hafenstadt, um ein verlornes Kronland -<em class="gesperrt">wieder</em> zu erobern. Sie reiste aber hin, um sich, nach gehörigem -Widerstand, erst erobern zu lassen.</p> - -<p>Wie der Zufall Günther immer zu den prägnanten Momenten führte, — zu -einer Feuersbrunst, wenn sie ausbrach, — während Andere regelmäßig<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> -mit der landesfürstlichen Spritze, das heißt zum Verlöschen eintreffen, -— so war er allerdings in dem Augenblicke aus dem Theater getreten, -wo der Adjutant des Prinzen dem Wagen Klotildens nachfuhr. — Aber der -Prinz hatte sich von der Loge herab in derselben Weise verrechnet, wie -Günther im Waggon. Sie war größer in ihrem genre, als die Leichtigkeit -der <em class="gesperrt">ersten</em> Annäherung vermuthen ließ. — Beide erriethen -sogleich die Serie, irrten sich aber in der <span class="nowrap">Nummer. —</span></p> - -<p>Sie hatte, früh verwaist, durch den Vormund in einer Pension -untergebracht, diese verlassen, um in ein gräfliches Haus zu treten, -als Gesellschafterin der beiden Komtessen, nicht aber des jungen -Grafen, was dieser zu glauben schien. Das Ende der alten, immer neuen -Geschichte, die dießmal kein Herz entzwei brach, sondern nur ein -Paar Schwüre und ehrgeizige Hoffnungen, war, daß Klotilde den jungen -Korrepetitor des Grafen, Zeltner, heiratete, welcher von der Familie im -Kriegsministerium untergebracht wurde.</p> - -<p>Dieß war der auf losem Wellsande aufgeführte Unterbau ihrer -moralischen und materiellen Existenz. Letztere ward durch Zeltners -Prozeß untergraben, durch die Erbschaft eines „Onkels in Köln“ wieder -aufgebaut. — Als aber ihre späteren Beziehungen zum<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> Grafen Greuth -bekannt wurden, fand sie sich von der guten Gesellschaft, worin sie -früher gelebt, ausgeschlossen, und somit isolirt. Mit der eigentlichen -<span class="antiqua">demi-monde</span> ging sie nicht um. Sie ging ihren eignen Weg, — -stand und fiel für sich allein.</p> - -<p>In Folge des politischen Prozesses Zeltners und der zweimal -erfahrnen gräflichen Treulosigkeit hatte sich ein Gewirr von -roth-republikanischen Ideen in ihr gebildet: prinzipiell guillotinirte -sie Alles vom Baron aufwärts, trennte aber wie ein Staatsmann -das <em class="gesperrt">Prinzip</em> von den <em class="gesperrt">Personen</em>. Ein praktischeres -Resultat für sie war die Besonnenheit, mit der sie nun die -angeborne Leidenschaftlichkeit zu bändigen verstand, — in Folge -welcher Besonnenheit sich das Verhältniß zum Prinzen noch in einem -zukunftsreichen ersten Stadium befand.</p> - -<p class="s3 center mtop1 mbot1">*           *<br /> -*</p> - -<p>Günther konnte sich zwar nicht sagen, daß seine heutige Thätigkeit für -den Freund, wenn sie ersprießlich war, mit großer <em class="gesperrt">Aufopferung</em> -verbunden gewesen, fand aber darin keine Ursache unzufrieden zu sein.</p> - -<p>Es freut uns, ihn auf seiner Rohrbank sitzen und einmal einen Abend -<em class="gesperrt">ruhen</em> zu sehen. Er hat in den letzten Tagen nicht gelebt wie -Einer, bei dem<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> erst vor drei Wochen der Tod, zwar nur mit einem ganz -leichten, unscheinbaren Hustenanfalle angeklopft, aber dabei, wie schon -mehrere Male, eine mit blutiger Frakturschrift geschriebene Visitkarte -abgegeben hatte.</p> - -<p>Die Fensterläden schließen glücklicherweise fest genug gegen die -Steine, welche eine höchst achtbare fromme Schar durch das Efeugewinde -auf ihn schleudern möchte, weil ihm die herübergewehten präludirenden -Töne der Weltgerichtsposaune nicht wie ein <span class="antiqua">Memento mori</span> klingen, -sondern wie ein <span class="antiqua">Memento vivere</span>! — Und schlügen sie auch durchs -Fenster, so prallen sie am breiten festen Schirm eines Gewissens ab, in -welches dreiunddreißig Jahre nicht Eine Handlung gegraben, welche der -unverfälschte Urtext des Gesetzbuches der Pflicht und Ehre verurtheilt -hätte.</p> - -<p>Wenn in der Gallerie seiner Erinnerungen viele reizende, vor den Augen -der Moralisten nicht Gnade findende Bilder hingen, so war dieß immer -besser als die Gallerie der meisten Moralisten selbst, in deren dem -Publikum geöffneten Sälen zwar lauter Kreuzigungen und Himmelfahrten -hängen, — in einem Kabinet zum Privatgebrauch aber meistens <em class="gesperrt">Ein</em> -Stück — — worüber das Pergament der daneben liegenden Bibel erröthet.</p> - -<p>Vielleicht war aber, <em class="gesperrt">ganz</em> abgesehen von der sündhaft angenehmen -Perspektive, welche das Aben<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span>teuer mit Klotilde eröffnete, der Weg, auf -dem er für Arnold wirken wollte, ein solcher, von dem dieser gesagt -hätte „daß ihn kein Korbach geht?“</p> - -<p>Wir antworten: nicht vielleicht, sondern <em class="gesperrt">gewiß</em>!</p> - -<p>Aber die zehn Jahre, um die er länger in die Welt gesehen, haben -ihm die Illusion genommen, daß die Zwecke der Schlechten mit lauter -turniergemäßen Waffen bekämpft werden können. — Und wenn der alte, -große Mephisto ins Proscenium tritt und „zu dem jüngern Parterre das -nicht applaudirt,“ sagt: „Bedenkt, der Teufel der ist alt, so werdet -<em class="gesperrt">alt</em>, ihn zu <em class="gesperrt">verstehen</em>!“ — so darf wohl unser guter -Taschenteufel, der nur das Beste will, seinem jungen Freunde zurufen: -„Werde um zehn Jahre älter, und du wirst verstehen, daß man einen -Marder, Iltis, oder Kollmann nicht mit Edelfalken jagt, sondern in -Fallen fängt, — wenn man kann.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ein_thaetiger_Freund"><em class="gesperrt">Ein -thätiger Freund</em>.</h2> - -</div> - -<p>Wer ist es, der an dem Schicksale eines Menschen theilzunehmen vermag, -ohne durch Bande des Blutes oder der Freundschaft an ihn gefesselt -zu sein? ohne Wohlthaten von ihm empfangen, ohne ihm welche erwiesen -zu haben? — der mit inniger Sorgfalt der Quelle seiner Freuden und -Schmerzen nachforscht, bis er sie aufgefunden, — seinen Gedanken -folgt und ihrer Entwicklung bis zur That? — unermüdet lauscht auf -jede Regung seiner Wünsche — auf seinen Schritt in Licht und Dunkel, -— und, ohne Dank oder Lohn von ihm zu hoffen, das treue Auge auf ihn -heftet, das ihn begleitet über Land und Meer — —?</p> - -<p>Wir können es Niemandem verdenken, wenn er meint, es sei die Vorsehung -oder etwas Aehnliches. — Es ist aber die <span class="nowrap"><em class="gesperrt">Polizei</em>. —</span></p> - -<p>Wenn es uns gelungen sein sollte, einen Leser für die Persönlichkeit -Kollmann’s zu interessiren, —<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> wenn die Familie Korbach — Günther -— Baron Sembrick und noch eine Anzahl Männer und Frauen, im -verschiedensten Sinne an ihm Antheil nehmen, so können wir versichern, -daß er, wenn gleich in anderer Richtung, in eben so hohem Grade das -Interesse eines Mannes erregt hat, welcher weder sein Freund noch -Feind, noch Verwandter ist, und dennoch nicht ablassen kann, seiner zu -gedenken.</p> - -<p>Es ist dieses der Polizeikommissär Lipprecht, — dessen Erscheinung -alle herkömmlichen, eingeteufelten Polizei-Schablonen vollkommen Lügen -straft. — Es läßt sich kaum etwas Gemüthlicheres denken als das -dicke, glänzende, tadellos rasirte Gesicht dieses Mannes, an welchem -Alles lacht — von der gespannten spiegelglatten Stirnhaut bis zu den -Grübchen in den Wangen und dem fetten Kinn, — ja bis zu den runden, -schneeweißen kurzfingerigen <span class="nowrap">Händen. —</span></p> - -<p>Merkwürdigerweise weicht dieses wohlwollende Lächeln gerade im Dienste -nie von ihm. — Er ist da am heitersten; — wie ein Kavalleriepferd, -das die Trompete hört, ganz Feuer und Leben, mit dem <em class="gesperrt">Herzen</em> -Polizeimann. — In guter Gesellschaft spielt er sich häufig auf -den Mann hinaus, der das Gehässige seines Berufes fühlt und wird -manchmal fast wehmüthig über die schmerzliche Pflicht, einigen seiner -Mitgeschöpfe zu <span class="nowrap">schaden. —</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span></p> - -<p>Seine außerordentlichen Leistungen bei Entdeckung zweier geheimer -Etablissements, deren eines sich mit Vervielfältigung von Banknoten, -das andere mit Vorarbeiten zur gewaltsamen Umgestaltung der -Regierungsform beschäftigte, hatten seinen Ruf festgestellt. Wenn man -einen Zeitungsbericht über eine „schauderhafte That“ las, der mit den -Worten schloß: „Leider ist es den Bemühungen der Behörden noch nicht -gelungen, den Schuldigen <span class="nowrap">u. s. w.“</span> — so sagte Jeder: „Hätten sie es -lieber gleich dem Lipprecht gegeben.“</p> - -<p>Er war für sein Fach geboren; — Natur-Polizeikommissär. — Sein -politisches Prinzip betreffend, würde er der Republik ganz so gern -und gut gegen dinastische Umtriebe gedient haben, als er der Dinastie -gegen demokratische diente. Näher lag ihm die Idee vom Schutze der -Gesellschaft, aber die <em class="gesperrt">eigentliche</em> Triebfeder war reines -Jagdvergnügen, und mit dem Augenblicke, wo er des Wildes habhaft, war -auch sein Interesse dafür erloschen. Solche, die ihn genau kannten, -behaupteten, er wäre der Mann, der — wenn er vor Entdeckung sicher -wäre — allenfalls einen Spitzbuben entspringen und ihm einen Vorsprung -bis Hamburg ließe, um wieder von vorn anzufangen.</p> - -<p>Da er so oft von den peinlichen Pflichten sei<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span>nes Standes gesprochen -hatte, gerieth er in einige Verlegenheit, als er eine sehr bedeutende -Erbschaft machte, und nun gefragt wurde, ob er denn nicht den -unangenehmen Dienst quittire? Er fand jedoch, daß sich in seiner -Stellung so zahllose Gelegenheiten darboten, Gutes zu wirken, — -humane Zwecke zu verfolgen, daß es Pflicht sei zu bleiben. Seine -Uneigennützigkeit ging so weit, daß er in wichtigen Fällen, wo ihm -die knickernde Behörde nicht die nach seiner Ansicht ausreichenden -Mittel zur Verfügung stellte, wohl auch eine Reise oder die Belohnungen -selbstgewählter Organe aus seinem Eigenen bestritt.</p> - -<p>Seine Chefs schätzten seine Leistungen, ohne ihn zu lieben. Wenn man -schon, mit einer wirklich unverschämten Ironie, irgend ein Gefühl im -büreaukratischen Verkehre mit dem Ausdruck „lieben“ bezeichnen will, so -hatte er sich dasselbe durch seine Selbstständigkeit und Unlenksamkeit -verscherzt. — Immer freundlich und immer lächelnd, that er Nichts -als was er für zweckmäßig hielt, kümmerte sich um keine Instrukzion -und pflegte nachträglich in Form einer Entschuldigung auf eine für -die höhere und folglich unfehlbare Instanz höchst unverdauliche Art -nachzuweisen, daß, <em class="gesperrt">wenn</em> er nach der Instrukzion gehandelt hätte, -die ganze Sache fehlschlagen mußte. Auch mißbilligte man seinen losen -Mund über die siechen öffentlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> Zustände und über die Taubheit -gegen Reformvorschläge an maßgebender Stelle. — Er schimpfte wie ein -<span class="antiqua">agent-provocateur</span>, ohne es jemals zu sein. Solche polizeiliche -Schülerarbeit lag tief unter <span class="nowrap">ihm. —</span></p> - -<p>Eben hatte er eine glänzende Aufgabe gelöst und zur Verzweiflung der -hohen Gesellschaft einen ihr angehörenden bisher undurchdringlichen -Schurken aus dem Salon ins Zuchthaus befördert. Es war eine schwere und -lange Arbeit gewesen, er glaubte der Erholung und einiger Zerstreuung -zu bedürfen und folgte um so lieber einer Einladung Günthers zu einem -Champagner-Souper <span class="antiqua">tête-à-tête</span>, von welchem er eben in der -rosenfarbensten Laune nach Hause kommt.</p> - -<p>Allein die Gedanken an Ruhe sind bereits verflogen. Günther hat ihm -den, übrigens nie von ihm vergessenen Namen Kollmann frisch ins -Gedächtniß gerufen.. der Name raucht und leuchtet wie Fosfor in seinem -Kopf!</p> - -<p>Er hat seine Lampe angezündet, läuft oder rollt vielmehr pfeifend in -seinem Zimmer auf und nieder, — bleibt vor seinem Sekretär stehen, -— zieht ein Lädchen und aus diesem ein Packet Schriften heraus -und blättert darin mit einem Behagen, wie ein Don Juan in alten -<span class="nowrap">Liebesbriefen. —</span></p> - -<p>Das erste Dokument ist fast drei Jahre <span class="nowrap">alt. —</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span></p> - -<p>Damals war es buchstäblich nichts als das <em class="gesperrt">Gesicht</em> Kollmanns, -welches seine Aufmerksamkeit erweckt hatte. Was ihn eigentlich, -abgesehen von den wirklich unheimlichen Augen, so polizeilich -simpathisch berührte, darüber vermochte er sich nicht Rechenschaft zu -geben. Eine hohe Stirn mit einer tiefen Falte, — der Mund, der nichts -als ein farbloser, feiner Querschnitt im bleichen langen Gesichte war, -das durch den spitzen Kinnbart noch um zwei Zoll verlängert wurde, — -alles das kam an Tausenden vor. Allein er hatte bei seinem Anblick -Etwas in sich „rege werden“ gefühlt, ein gewisses prickelndes Behagen, -welches ihn niemals getäuscht.</p> - -<p>Er erkundigte sich auf eigene Hand, da die Behörde sich auf -fisiognomische Inzichten und seine Impressionen nicht einließ, und -schrieb, nachdem er erfahren, daß Kollmanns Paß von Trautenfeld -datire, an einen dortigen Unterbeamten. Von diesem erhielt er den oben -erwähnten Brief, den er zwar auswendig wußte, aber nun aufmerksam -überlas. Derselbe lautete:</p> - -<p>„Euer W. geehrtem Auftrage gehorsamst entsprechend, habe die Ehre zu -berichten, daß Jakob Kollmann, Civil-Ingenieur und Chemiker, 35 Jahre -alt, dessen Person-Beschreibung mit der von Ew. W. gegebenen genau -übereinstimmt, sich auf hiesiger Herr<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span>schaft vier Monate hindurch -aufgehalten und im Auftrage des Besitzers, Bankiers Freiherrn von -Sieberg beschäftiget war, Vermessungen, geognostische Untersuchungen -und Erz-Analysen vorzunehmen.</p> - -<p>„Derselbe hat einen ruhigen, arbeitsamen Lebenswandel geführt und in -keiner Weise Anlaß zu Bedenken gegeben. In Betreff seiner politischen -Ansichten wäre hervorzuheben, daß er sich im besten Sinne sowol -gegen die Arbeiter als anderwärts geäußert, auch nach der Euer W. -bekannten Verhaftung des Oberingenieurs Alberti, mit welchem er auf -freundschaftlichem Fuße gestanden, sich gegen dessen demokratische -Umtriebe mit Entrüstung ausgesprochen.</p> - -<p>„Kollmann hat hier im Hause eines gewissen Grünschenk, vormaligen -Besitzers einer Gipsstampfe, gewohnt, welcher, während eines der -häufigen tagelangen dienstlichen Ausflüge Kollmanns, starb, und -demselben ein kleines Legat von 1500 Gulden, sein übriges bedeutendes -Vermögen aber der Gemeinde <span class="nowrap">vermachte. —</span></p> - -<p>„Während seines hiesigen Aufenthalts ist er trotz seiner höheren -Bildung nicht mit den Honorazioren, sondern meist mit gemeinen Leuten -umgegangen. Im Ganzen war er ernst und schweigsam und äußerte nur -lebhafte Freude über das Legat, das ihm seinen Lieblingswunsch erfülle, -reisen zu können, wie er denn<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> auch kurze Zeit nach dem Ableben des -Grünschenk Trautenberg verlassen hat. Womit ich die Ehre habe <span class="nowrap">u. s. w.“</span></p> - -<p>Ein zweites Schreiben, aus <em class="gesperrt">Genf</em>, bestätigt, „daß Kollmann -daselbst, bald nach seiner Ankunft, die Bekanntschaft eines Fräuleins -Julie Brito gemacht, welche, väterlicherseits verwaist, mit ihrer -Mutter daselbst trotz ihrer notorisch sehr günstigen Vermögensumstände -einfach und zurückgezogen lebte. Bei Kollmanns Ankunft sei die Mutter -bereits auf den Tod erkrankt gewesen und habe die Trauung ihrer Tochter -mit ihm nur um zwei Tage überlebt. Das Vermögen sei wahrscheinlich in -seine Hände <span class="nowrap">übergegangen.“ —</span></p> - -<p>Der Aufwand Kollmanns bei seiner Ankunft mit der jungen Frau in der -Residenz, so wie der Ankauf einer Chemischen-Produkten-Fabrik war -hierdurch allerdings erklärt. Das dritte Schriftstück jedoch ist es, -welches dem gemüthlichen Kommissär bisher das meiste Behagen und -zugleich das größte Herzeleid <span class="nowrap">bereitete. —</span></p> - -<p>Er hatte die Orte in Erfahrung gebracht, welche Kollmann auf seiner -Reise berührt, und aus <em class="gesperrt">Mannheim</em> die Nachricht erhalten, „daß -er daselbst einige Tage in einem Hotel gewohnt und mit einem Fremden -lange Unterredungen gehabt, welchen man<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> seines als gefälscht erkannten -Passes halber verhaften wollte, jedoch um einige Stunden zu spät kam. -Die Behörde habe die Ueberzeugung, daß der Fremde kein Anderer gewesen -als Wangerode, das bekannte Haupt der deutschen Emigrazion in London.“</p> - -<p>Der Chef, welchem Lipprecht, mit seinen frühern Bedenken gegen Kollmann -abgefertigt, dieses Schreiben mit vieler Befriedigung vorgehalten, war -aufmerksam geworden, und hatte die Korrespondenz, welche dieser zu -seinem Privatvergnügen eröffnet hatte, offiziell fortsetzen lassen. Es -ergab sich jedoch, daß man Kollmann so wenig verpflichten konnte, den -Fremden als <em class="gesperrt">Wangerode</em> gekannt zu haben, als ihn die Mannheimer -Polizei als solchen, wenigstens zur rechten Zeit, erkannt hatte; und da -derselbe inzwischen festen Fuß im Lande gefaßt und hohe Protekzionen -gewonnen hatte, so war Lipprecht angedeutet worden, daß man es -anerkennen werde, wenn es ihm gelinge, in demselben einen Konspirator -zu fangen, daß aber die Polizei keinen Grund sehe, auf ihn als solchen -Jagd zu <span class="nowrap">machen. —</span></p> - -<p>Lipprecht zog sich nun zurück, keineswegs gekränkt, sondern lachend -über die Bornirtheit, welche da nicht einmal Keime sah, wo nach seinem -Gefühle schon eine reife Frucht abzuschütteln war, und bedauerte, daß -man diesem Gefühl nicht mehr traute,<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> als den gedankenlosen Zuschriften -von Agenten, welche nur mit den äußern Sinnen wahrnehmen.</p> - -<p>Sein polizeiliches Herz hatte einmal laut gesprochen und sagte: -die ganze industrielle Thätigkeit und die ehrgeizigen Bestrebungen -Kollmanns sind der Deckmantel seiner politischen Rolle. Irgend ein -kleines ordinäres Kriminalstückchen mochte mit im Spiele sein, aber für -ihn war der Mann vor Allem <em class="gesperrt">Emissär</em> im <em class="gesperrt">großen Stile</em>, und -davon brachte ihn kein Verkehr desselben mit hochgestellten Leuten, -kein Orden, kein Konsulsposten <span class="nowrap">ab. —</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Sein</em> Standpunkt bei Beurtheilung eines Revoluzionärs, <em class="gesperrt">seine -Auffassung</em> dieses Wortes verdienen ein näheres Eingehen.</p> - -<p>Sie waren von jener des Polizeichefs verschieden. Dieser erkannte -in Kollmanns Handlungen durchaus keine umstürzende Tendenz, keines -von jenen Elementen, welche das Dikzionnär der Sicherheitsbehörde -als staatsgefährliche Umtriebe bezeichnet. Auf einer gewissen Höhe, -verbunden mit einer gewissen Beschränktheit der Ansicht, unterscheidet -das Auge nur <em class="gesperrt">einen</em> Feind des herrschenden Prinzips, nämlich den -der es angreift, der ihm <em class="gesperrt">gegenübersteht</em>.</p> - -<p>Wenn aber ein reicher Mann durch gewisse Leidenschaften, seien es -theure Raritäten, Rennpferde<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> der Tänzerinnen <span class="nowrap">u. s. w.</span> in seinen -Vermögensumständen zerrüttet worden, so ist nicht der Dieb, der den -Rest seiner Kasse stiehlt, oder der Räuber, der sie ihm mit der -Pistole abfordert, <em class="gesperrt">allein</em> der „Umsturzmann“ seines Vermögens, -sondern auch <em class="gesperrt">Jener</em>, der ihm die mit frischen Transporten -englischer Pferde ankommenden Händler, die Raritäten-Trödler ins Haus -schickt, oder ihn hinter die Kulissen führt, und die Reize der theuern -Lieblingsobjekte anpreist. — Der arme reiche Mann wird ihn nicht als -seinen Feind erkennen, wohl aber sein Kammerdiener, — Stallknecht, — -<em class="gesperrt">Jeder</em> außer <span class="nowrap">ihm. —</span></p> - -<p>So auch im <span class="nowrap">Staate. —</span></p> - -<p>Ist das gesunde Gleichgewicht gestört, thront ein falsches schädliches -Prinzip auf der herrschenden Höhe, sei es die Diktatur des Säbels, — -des Krummstabes, — der Feder — oder des Geldsackes, so ist Derjenige, -der das Prinzip bestärkt, reizt, auf seine äußerste Spitze treibt, ein -so entschiedener Feind des Bestehenden, — nur der herrschenden Gewalt -nicht erkennbar, — als der Barrikadenerbauer. — Der Teufel ruft -„nur zugestoßen! ich parire.“ Und die Staatsgewalt freut sich eines -hingestreckten Gegners — es fällt ihr nicht im Schlafe ein, daß der -Teufel gerufen: sie hält es für die Stimme des <span class="nowrap">Landespatrons. —</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span></p> - -<p>Lipprecht nannte dieß die Partei des „<em class="gesperrt">Nur so fort!</em>“</p> - -<p><em class="gesperrt">Wer</em> soll sie erkennen? der General? dem sie zurufen: „Dein Säbel -hat den Thron gerettet! Dein Stand ist der erste, der einzige, — alle -andern sind daneben nur Professionen!“ — Oder der Geistliche? dem -sie zuflüstern von der Kanzel herab zu predigen: „Ihr habt im letzten -Feldzuge nicht gesiegt, weil Ketzer in Euern Reihen fochten!“ — Soll -<em class="gesperrt">er</em> es fühlen, daß er die Sache der jubelnden Partei des „Nur -so fort“ so warm und kräftig fördert, wie es kaum einer derselben -vermöchte, wenn er <em class="gesperrt">selbst</em> die Kanzel bestiege? — Und so Jeder -der <span class="nowrap">Andern! — —</span></p> - -<p>Wer vor Lipprechts Ohren, oder vor den noch so viele Meilen entfernten -seiner Getreuen, mit Leidenschaft für den Bestand der Militärherrschaft -sprach, für Durchführung der übergreifenden kirchlichen Tendenzen, -— für eiserne Gewalt den Forderungen der Zeit gegenüber, — für -Centralisazion den berechtigten provinziellen Wünschen zum Trotz, der -war ihm, ohne Unterschied der Stellung, sofort verdächtig als Einer von -jener Partei, — vorausgesetzt, daß er ihn als intelligent, als begabt -erkannt hatte.</p> - -<p>Kollmann war für ihn ein Revoluzionär in dieser Bedeutung. Während -Günther in dessen künstlichem<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> Hineinziehen der kirchlichen Gewalten -nur einen tiefdurchdachten industriellen Plan sah, hielt der Kommissär -<em class="gesperrt">alle</em> ihm bekannten Beziehungen Kollmann’s zusammen und fand ihn -in <em class="gesperrt">lauter</em> Richtungen thätig, wo es galt, einem verwerflichen -Bestehenden zu schmeicheln, womöglich einen Uebergriff herbeizuführen, -— zu Extremen zu treiben.</p> - -<p>Daß in einer kleinen, beschränkten, bürgerlichen Sfäre eine solche -Thätigkeit ein in seinem Verfalle noch immer gewaltiges, über -unermeßliche Hülfsquellen verfügendes Sistem nicht umstürzen, kaum -erschüttern werde, war allerdings klar; aber eben so gewiß, daß -wenn das langsam und sicher tödtende Gift von Vielen, von Hunderten -ausgestreut wird, der Erfolg kaum ausbleiben <span class="nowrap">könne. —</span></p> - -<p>Dieses „zum Selbstmorde Treiben durch Ueberreizung des Genusses“ konnte -nach Lipprecht’s Meinung die Devise einer geschlossenen, organisirten -<em class="gesperrt">Gesellschaft</em> sein, wie es nach den Erfahrungen der Polizei -seines Landes zwischen den Jahren 1824 und 1830 der Fall gewesen.</p> - -<p>— Er fragte sich, welches Interesse Kollmann, der Industrielle, -der Besitzende, — überhaupt an einem Umsturze haben könnte? Allein -nach seiner Ansicht war der plötzlich reich Gewordene überhaupt kein -Repräsentant jener Klasse, welche subversiven<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> Tendenzen unzugänglich -ist, und dann war für Lipprecht nicht erwiesen, <em class="gesperrt">was</em> dem Manne -eigentlich gehöre. Der große Besitz, dessen Mittelpunkt der Freinhof, -ließ allerdings auf die Absicht schließen, sich an das Land zu -fesseln; allein diese Partei wirft im Moment der Krise die Maske ab, -fraternisirt mit den übrigen Gesinnungsgenossen, und schnappt häufig -die besten Posten weg. — Bleibt alles ruhig, so bleiben auch sie im -unangefochtenen Besitz und produziren fort, wie die Konservativen vom -reinsten Wasser.</p> - -<p>Lipprecht stand mit seiner Auffassung allein. Sein Chef <span class="nowrap">z. B.</span> hätte -keinen für einen Umsturzmann gehalten, der ihm rieth, die kaum -aufathmende Presse fester zu knebeln, während der Kommissär sagte: -„Gerade <em class="gesperrt">die</em> sind die Rechten! entweder unbewußte Revoluzionärs -aus Bornirtheit, oder bewußte vom <em class="gesperrt">Nur so fort!</em>“</p> - -<p>Allein wenn das <em class="gesperrt">Erkennen</em> schwer, war das <em class="gesperrt">Beweisen</em> noch -weit schwerer.</p> - -<p>Die Hoffnung Lipprecht’s war auf <em class="gesperrt">Einen</em> Umstand gegründet.</p> - -<p>Da diese Partei verstellten Deserteuren gleicht, welche sich unter eine -Garnison mischen, sie durch falsche Berichte zu ungeschickten Ausfällen -reizen, und schließlich dem Feind die Thore öffnen, so muß<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> sie mit -<em class="gesperrt">diesem</em> in <em class="gesperrt">Verbindung</em> bleiben, — wäre es auch nur, um -nicht schließlich, da sie die Uniform der Garnison trägt, mit dieser -zusammengehauen zu werden.</p> - -<p>Der Kommissär nahm mit Recht an, daß <em class="gesperrt">seine</em> Revoluzionärs mit -der demokratischen <em class="gesperrt">Emigrazion</em>, mit jener thatbereiten Schar, in -<em class="gesperrt">Verbindung</em> stehen müssen, welche in dem Momente hervorbricht, -wo die Bewegung aus den Hörsälen, Lesevereinen, Salons und Gaststuben -auf die Straße tritt und das schnell zu erbauende und eben so schnell -umgeworfene Monument der Volkssouveränität aus Pflastersteinen -errichtet.</p> - -<p>Diese Annahme gab Lipprecht die Hoffnung, einen Beweis einer solchen -Verbindung in die Hand zu bekommen, und wenn die Zusammenkunft -Kollmann’s mit dem Demokraten Wangerode nicht genügend befunden worden, -so mochte der Zufall bei verdoppelter Aufmerksamkeit Etwas darbieten, -was seinen Chef überzeugen konnte, daß bei gewissen Zuständen des -Staates nicht der, der „schimpft“, ein Verräther, sondern der sich -Allem anschließt, was die intelligente <em class="gesperrt">Majorität</em> aller Stände -<em class="gesperrt">laut</em> und <em class="gesperrt">entschieden</em> verdammt hat.</p> - -<p>Und <em class="gesperrt">dieß</em> war der Zustand des Landes unserer Begebenheiten. — -<em class="gesperrt">Ingrimm</em> im Herzen von Tau<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span>senden seiner tapfern Söhne, die den -Fahnen gefolgt, über welchen trauernd der verklärte Geist eines großen -Feldherrn schwebte, — gefolgt mit unbegrenzter Hingebung, — und mit -blutenden, verstümmelten Gliedern heimkehrten, die Todten beneidend, -die nicht bis zum Ende mit angesehen, wie der Stolz und die Kraft des -Landes wie ein elendes Spielzeug zum Zerbrechen hingeworfen wurde, -von der Hand der beispiellosen Unfähigkeit! — Männer, die, wenn sie -tausend Leben hätten, sie freudig hinopferten für ihren Kriegsherrn, -die kein höheres, schöneres Ziel kennen außer dem Siege, als den Tod -auf dem Schlacht<em class="gesperrt">felde</em>, aber nicht auf der Schlacht<em class="gesperrt">bank</em>, -auf welche sie mit gebundenen Händen gelegt wurden von den Trägern des -Sistems, oder besser von Denen, die <em class="gesperrt">vom</em> Sistem emporgetragen -worden! — von Jenen, welche wissen, daß die Treue unerschütterlich, — -daß sie ein Menschenherz <em class="gesperrt">so</em> zu stählen vermag, daß man mit dem -Hammer der Willkür darauf einhauen kann!... eher wird der <em class="gesperrt">Hammer</em> -zerspringen, — als die <em class="gesperrt">Treue</em>!</p> - -<p><em class="gesperrt">Enttäuschung</em> im Herzen der Diener, oder besser, der Herren der -Kirche, welche mit Palmen und Tedeumklängen einzuziehen gedachten -in das gelobte Land, das ihnen ein unterzeichnetes Blatt eröffnete, -wodurch der Monarch seiner Krone einen Stein<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> ausgebrochen um die Tiara -zu schmücken, — im frommen Glauben, der Fels, auf welchen Petrus seine -Kirche baute, könne kein Loreleyfelsen sein, an dem das Staatsschiff -scheitere! — Schmerz in den Gemüthern der eigentlichen <em class="gesperrt">Diener</em> -der Religion, die nun schutzlos anheimgegeben der Willkür der Herren.</p> - -<p><em class="gesperrt">Unmuth</em> in der Brust des Bürgers, der sein Kleid zurückgesetzt -sieht, die Last wachsen fühlt, und dennoch eine größere trüge, und -gern trüge, wenn auf die alte, ewige Frage: <em class="gesperrt">wozu</em>? auch nur -<em class="gesperrt">Eine</em> klare Silbe einer Antwort heraufklänge aus dem Abgrunde, -der seine Steuer verschlingt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Erbitterung</em> und <em class="gesperrt">Sorge</em> im Gemüthe des Beamten, welcher -unter Organisazion und Reorganisazion und Desorganisazion mit jedem -Mondeswechsel Grundsätze bekennen und wieder abschwören soll, wie man -einen Rock wechselt!</p> - -<p>Und so fort durch alle Stände, bis hinunter — — <span class="nowrap">wohin? —</span></p> - -<p>Was heißt <em class="gesperrt">hinunter</em>? Wer steht „<em class="gesperrt">unten</em>?“</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Bauer</em>? — Gott bewahre! — er liefert den Kern der -<span class="nowrap">Wehrkraft! —</span></p> - -<p>Aber der <em class="gesperrt">Proletarier</em>? — auch das ist kein rechtes -„<em class="gesperrt">Unten</em>“ — allenfalls der Crinoline und dem Glacéhandschuh -gegenüber; aber nicht im politischen Sinne! Da genießt das Proletariat -doch die<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> scheue Anerkennung seiner Existenz als hungerige, -zähnefletschende Masse!</p> - -<p>Es gibt noch ein anderes „Hinunter!“</p> - -<p>— Wir sagen noch einmal — „Und so fort durch alle Stände, bis -hinunter zum — — <em class="gesperrt">Künstler</em>!“</p> - -<p>— — — Und das war der Punkt, wo selbst Lipprecht <em class="gesperrt">offener</em> -Revoluzionär <span class="nowrap">war! —</span></p> - -<p>Nicht als ob der Mann jenen echten, wahren Kunstsinn, jenen -hochgebildeten Geschmack gehabt hätte, welcher Günther, der selbst -nur mittelmäßig musizirte und zeichnete, zu einer Autorität machte, -von welcher die bedeutendsten Künstler der Residenz gern Winke über -entworfene oder halb vollendete Werke annahmen. Allein dieser, der -stets einige arme Maler protegirte und seine reichen Bekannten zu -Bilderankäufen veranlaßte, hatte in dem Kommissär eine Art Kennerschaft -und Mäcenatenthum hineingeredet, so daß er allen Ernstes seine eigenen -Ansichten auszusprechen glaubte, wenn er behaglich schmunzelnd jene -Günther’s vor einem Bilde wiederholte.</p> - -<p>— So hatte er auch dessen Ansicht über die Stellung des Künstlers -im Vaterlande in sich aufgenommen, oder es bedurfte vielmehr nur des -Hinlenkens seines hellen Blickes nach dieser Richtung, um ihn mit der -tiefsten Indignazion zu erfüllen.<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> Er sah, wie nicht nur die <span class="antiqua">haute -finance</span>, sondern auch die Aristokratie Tausende für das Handwerk -hinauswarfen, das ihre Salons schmückte, während die Kunst, in den -Ateliers und den Magazinen der Bilderhändler, vergebens eines Käufers -harrte, und er schrieb die trostlose Dürre auf diesem Felde dem Mangel -der belebenden Sonne, des befruchtenden Regens zu, die von <em class="gesperrt">Oben</em> -herabstrahlen und strömen sollen, — und im Nachbarlande einen so -reichen Flor hervorgezaubert; mit einem Worte dem gänzlichen Mangel an -<em class="gesperrt">Kunstsinn</em> in der <em class="gesperrt">höchsten</em> Region.</p> - -<p>Dies war die Anschauung eines wirklichen, aktiven -<em class="gesperrt">Polizei</em>kommissärs vom Zustande des Landes, und sogar eines der -besten und brauchbarsten, — oder vielmehr eben darum.</p> - -<p>Heute war er in der frohen Champagnerlaune von dem Steckenpferde seiner -<em class="gesperrt">politischen</em> Ansicht über Kollmann abgestiegen, und hatte den -Gegenstand seiner Vorliebe von einer <em class="gesperrt">andern</em> Seite ins Auge -gefaßt. Günther glaubte den Schleier von dem Gemälde Harkeboom’s -unter den nun geänderten Verhältnissen etwas lüften zu sollen; der -<em class="gesperrt">Wetterstein</em> war erwähnt <span class="nowrap">worden. —</span></p> - -<p>Aus den <span class="antiqua">billets-doux</span>, welche der Kommissär nun wieder in ihr -Behältniß legte, schoß heute ein Gewimmel alter und neuer Fragen, über -Kollmanns<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> Promenaden im Gebirge, die Zeit, die er nach Grünschenk’s -Ableben noch in Trautenfeld zugebracht, — des letzteren Testament, -Leben und Sterben — — ein ganzes Album von ungelösten Rebus, die der -Auflösung warteten.</p> - -<p>Der Gegenstand verdiente und belohnte eine Kunstreise. Er bedurfte, -wie gesagt, der Erholung, und schwerlich ließ sich ein genußreicherer -Ausflug ersinnen, als nach Trautenfeld. Hierzu entschlossen, schlief -er zufrieden ein mit dem Vorsatz, nächsten Tag einen jener häufigen -Urlaube zu verlangen, welche ihm nie versagt wurden, am wenigsten seit -er täglich in seinem eleganten Wagen mit zwei schönen Rappen ins Büreau -gefahren kam und seine Chefs gegen seine Selbstständigkeit milder -gestimmt waren, welche nun eine ihnen einleuchtende Basis hatte.</p> - -<p>Eine eigene Ansicht haben und durchführen wollen, wenn man von seinem -Gehalte lebt, war denn doch eine Marotte, welche kaum einer Spezialität -wie Lipprecht zu verzeihen war. Nun war es anders. — Der Mann gab auch -vortreffliche Garçon-Diners.</p> - -<p>Sein Vorhaben war, einige Tage an dem reizend gelegenen Orte -zuzubringen, Lokalitäten und Verhältnisse zu studiren, so viele -Personen als möglich gesprächsweise auszuholen, — das Uebrige mußte -seiner Kombinazion und dem Zufall überlassen bleiben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span></p> - -<p>Er reiste, da keine Eisenbahn dahin führt, in seinem Wagen. — Der -Morgen, an dem er wegfuhr, war nicht glänzender und heiterer als er -selbst; er fühlte sich von einer so frohen Sehnsucht nach den Bergen -durchweht, wie er, nach seinem Geständnisse gegen Günther, gewöhnlich -vor Gauermanns Bären und Geiern empfunden.</p> - -<p>Wie ein Globus im Holzgestell saß der kleine dicke Mann in dem -leichten Wagen, dessen zierliche Form nicht verrieth, daß in ihm Alles -angebracht war, was auf einige Tage die ganze Außenwelt entbehrlich -machte. Ein Flaschenkeller, ein Viktualienmagazin, Gebäckbehältnisse, -Pistolenkassette, dieß Alles vermochte nicht, der Kalesche ihre -Schlankheit zu benehmen, in welcher der Besitzer, mit nichts beladen -als seinem quadrillirten Reiseanzuge und der braunen englischen Kappe, -etwas mehr als zwei Dritttheile des Sitzes ausfüllte.</p> - -<p>— — Gegen Mittag umwölkte sich der Himmel, und Abends fuhr der -Kommissär im Markte Trautenfeld unter einem jener Regengüsse ein, -welche die in die Hälfte der Straße vorstehenden Dachrinnen in speiende -Delfine verwandeln, aus deren Maule das Wasser auf Wagendach und -Spritzleder mit trommelndem Getöse niederstürzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span></p> - -<p>In langen Strahlen fällt es von den vier ungeheuern Linden in der Mitte -des Platzes in die von ihnen umschlossene Pferdeschwemme, — zugleich -Kaltbadeanstalt sämmtlicher Enten und Gänse — — eine Gruppe der -letzteren steht heraußen im Freien, mit emporgerichtetem Schnabel den -Himmelssegen auffangend und von Zeit zu Zeit der innern Freudigkeit -in einem scharfen, kurzen Trompetenstoß Luft machend. Wirkliches Naß -rinnt über den steinernen Wasserfall, der an der Gießkanne des heiligen -Florian hängt, — vor welchem eben der Pfarrer den Hut lüftet, der -unter dem rothen Parapluie mit hochbestiefelten Beinen und halbe -Klafter langen Schritten durch den improvisirten See sticht. Heller -glänzt der Zeiger an der schwarzdurchnäßten Thurmuhr, heller die runden -Ziegel der Giebeldächer, über welche hinweg die nahen Berge nur als -dunklere Flecken in dem tief hereinhängenden Nebel erscheinen. Es -sieht aus wie einer jener Gebirgsregen, die sich zur Verzweiflung des -Touristen wochenlang aus sich selbst gebären, niederfallen, verdünsten, -sich zu Nachtgewölken verdichten, und abermals herabträufeln, — wie -ein Kind, das, einmal ins Weinen gebracht, immer von Neuem losbricht, -— bis endlich ein neues Spielzeug — hier ein wohlthätiger Windstoß — -dem langweiligen Unwesen ein Ende macht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span></p> - -<p>Die Kalesche nähert sich dem Gasthause und der große braungelbe nasse -Hund tritt vor und salutirt mit schief heraushängender Zunge und -aufgerichteten Ohren. Er ist selbst Sicherheitsorgan und es scheint ihn -etwas Kollegialisches anzuwehen. Der Kommissär, durch den Regen nicht -einen Augenblick aus seiner Laune gebracht, begrüßt aufs freundlichste -den Wirth, in welchem er auf den ersten Blick einen jener biedern -Patriarchen erkennt, welche das Bild ländlicher Einfalt sind bis zum -Momente der Rechnung, und die sich in allen geschäftlichen Beziehungen, -schlicht gesagt, als abgefeimte Hallunken bewähren.</p> - -<p>Lipprecht setzte sich mit ihm auf den besten Fuß, richtete sich in -einem hübschen Zimmer ein, und begab sich zum Abendessen in die -Gaststube, wo die Markt-Honorazioren beisammen saßen. Sie behandelten -ihn Anfangs mit jener klotzigen Exklusivität, welche den geschlossenen -Bier- und Tabakkränzchen der herrschaftlichen Beamten <span class="nowrap">u. dgl.</span> meistens -eigen, allein der Kommissär kannte seine Leute, brachte nach einem -bescheidenen, ruhigen Eingange einige politische Neuigkeiten, — sodann -ein Dutzend derber Anekdoten, und nach einer halben Stunde war er der -„charmanteste, jovialste (nach Trautenfelder Aussprache: schovialste) -Mann“ und erhielt, da er sich als Jagdfreund, Kegelschieber und -Tarokspieler ankündigte,<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span> vielseitige Einladungen. — Der nächsten Tag -noch fortdauernde Regen sperrte die Gesellschaft noch früher und länger -zusammen als <span class="nowrap">sonst. —</span></p> - -<p>Er brachte mit Leichtigkeit das Gespräch auf Kollmann, den die Meisten -gekannt. Alle schilderten ihn als einen unermüdet thätigen, geschickten -Menschen, der, wenn er von seinen Gängen nach Hause gekommen, beständig -gelesen und studirt habe. Sie hatten sein Zurückziehen Anfangs für -albernen Stolz gehalten, aber dann gesehen, „daß er nun einmal keinen -schovialen Karakter habe, und einen solchen Menschen müsse man gehen -lassen und bedauern.“</p> - -<p>Den Tag über hatte er den Markt und die beiden außerhalb desselben -gelegenen, durch einen Garten getrennten Häuser des Grünschenk -besichtigt. Das größere gehörte nun der Gemeinde, das kleine war von -der vormaligen Haushälterin Grünschenk’s bewohnt, einer, nach dem -Verdikt der Stammgäste, höchst achtbaren alten Frau Namens Fellinger. -— Bei dieser schien ihm der Schwerpunkt seiner Erhebungen für den -Augenblick zu liegen.</p> - -<p>Er schenkte der kleinen Nichte derselben, welche für sie Verschiedenes -aus dem Gasthause holte, eine silberne Münze an rothem Band, und die -alte Frau kam nach einer Stunde in halbstädtischem Anzuge<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> zu ihm, und -dankte in gewählteren Worten, als er erwartet. Zugleich lud sie ihn -ein, im Vorübergehen ihre kleine Wirthschaft zu besehen.</p> - -<p>Lipprecht begab sich am selben Nachmittage zu ihr; es gelang ihm bald -sie gesprächig zu machen, und Einzelnheiten zu erfahren, durch welche -der oben erwähnte alte Brief des Unterbeamten vervollständigt, und ein -Faktum in den Vordergrund gestellt wurde, welches seinen Gedanken eine -neue Richtung gab.</p> - -<p>Am 27. August vor drei Jahren war Grünschenk, seit Langem leidend, -plötzlich Nachmittags sehr übel geworden und in der Nacht gegen zwei -Uhr verschieden.</p> - -<p>Kollmann, der im Hause gewohnt, war Tags zuvor auf eine Vermessung -ausgegangen und erst bei dessen Beerdigung zurückgekehrt.</p> - -<p>Bei Grünschenk’s Tode waren anwesend: der Pfarrer, der Ortschirurg, die -Ober-Ingenieure Wimmer und Alberti, deren freundschaftlicher Bemühungen -die Fellinger dankbar erwähnte, und Holzschreiber <em class="gesperrt">Walcher</em>, -welcher zwei Tage später in den Wald gegangen und nicht wiedergekommen.</p> - -<p>— — Das klang ja in den Ohren des Kommissärs wie der erste Takt eines -Triumfmarsches! — — <em class="gesperrt">Einer, der „nicht wiedergekommen“</em> —!?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span></p> - -<p>Er erbat sich eine Karakteristik des Holzschreibers.</p> - -<p>Walcher war ein stiller, schwächlicher, gutmüthiger Mensch, — ledig, -— ein armer Teufel, die Ehrlichkeit selbst, und war von Grünschenk -seiner guten Handschrift wegen zu Schreibereien, und außerdem zu Gängen -verwendet worden. Man hatte ihn, als er zwei Tage nicht zurückkehrte, -allenthalben in den Waldungen gesucht. „Es war alles umsonst, sagte die -alte Frau, — im Wald hätten ihn die Hunde wohl gefunden, aber er muß -sich gegen das Hochgebirg gewendet haben, das dahinter aufsteigt und -wenn er sich da verstiegen oder vom Nebel überrascht worden, so liegt -er vielleicht bis zum jüngsten Tag in einer Schlucht am Jaitstein, oder -am Reifeneck oder <span class="nowrap">Wetterstein“ — —</span></p> - -<p>Wetterstein! — — wieder ein Klang für Lipprecht, — wie wenn die -Norma ans kupferne Becken schlägt, um die Gallier zur Rache zu rufen...</p> - -<p>Er hatte bereits zum Entzücken der Frau die dritte Tasse Kaffee -getrunken. Nun besah er wehmüthig lächelnd alle Möbeln und sonstigen -Reliquien Grünschenk’s, ließ sich sogar ein Autograf von dem alten -Herrn geben, las mit Rührung die Abschrift von dessen Testament, und -erbat sich endlich ein Blatt von der Handschrift des verschollenen -Walcher. Die alte Frau, vollständig mit ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span> Erinnerungen -beschäftigt, wußte von manchen Einzelnheiten selbst die Stunde -anzugeben. — Bedeutend schien, daß Kollmann zur Zeit von Walcher’s -Verschwinden von Trautenfeld abwesend und erst am zweiten Tage darnach -zurückgekehrt war; seine Thätigkeit bei den Nachforschungen, von -der alten Frau sehr hervorgehoben, war für den Kommissär nur ein -erschwerender Umstand.</p> - -<p>Das leuchtete Alles ganz anders als der elende Brief des Unterbeamten.</p> - -<p>Allerdings hingen die drei Namen Kollmann, Grünschenk und Walcher -vor der Hand nur in Gott und dem Kommissär zusammen, kriminalistisch -betrachtet; allein wir wissen aus dem Abc der Geometrie, daß je -drei Punkte, die nicht in einer geraden Linie liegen, ein Dreieck -bilden: der Holzschreiber lag nun einmal nicht in der <em class="gesperrt">rechten</em>, -<em class="gesperrt">geraden</em> Linie, und Lipprecht legte ein Dreieck hindurch, welches -mit einigem Biegen und Wenden ganz leidlich die Form eines Galgens -darstellte.</p> - -<p>Man würde ihm himmelschreiendes Unrecht thun, wollte man ihm eine -diabolische Freude an diesem im Winde wankenden Resultate zuschreiben! -— so wenig als der Jäger sich der Zuckungen und verglasten Augen des -verendenden Hirsches <em class="gesperrt">freut</em>! — — Er war nicht nur überhaupt -gegen die Todes<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span>strafe, sondern hätte, wie wir bereits gesagt, unter -Dreien Zwei laufen lassen, wenn es ohne Gefahr für die Gesellschaft -geschehen könnte... aber das Jagdvergnügen...!</p> - -<p>Das Trautenfelder Terrain war nun so ziemlich abgeweidet, sein -Notizenbuch angefüllt. Ein Herumstreifen in den nassen Wäldern schien -vollkommen nutzlos. Aber ein Ausflug nach dem acht Stunden entfernten -Wetterstein sollte die Unternehmung beschließen. Es stand für ihn fest, -daß die übrige hohe Berg-Aristokratie, Jaitstein <span class="nowrap">u. s. w.</span> so unschuldig -und rein wie ihr Schnee, und der Genannte der allein Anrüchige sei. -— Was er eigentlich dort wollte? Er fühlte nur das Bedürfniß zu -<em class="gesperrt">sehen</em>, da seine Augen schon oft anders gesehen als die der -Uebrigen. — Und dann war ja das Ganze nur eine <span class="nowrap">Lustreise! —</span></p> - -<p>— — Terrassenförmig steigt das Mittelgebirge hinan; auf einer -Strecke von vier Stunden konnte er seinen Wagen benützen, der dann -zurückgesendet wurde. Von da an winden sich Fußpfade durch die -Nadelwälder, bis an den nördlichen Abhang des Wettersteines selbst. Er -ist von dieser Seite leicht zugänglich, während auf der südlichen nur -von der Bucht des Freinhofes einige Wege hinaufführen, die<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> Wände an -der Seeseite aber, wie bereits gesagt, senkrecht <span class="nowrap">abfallen. —</span></p> - -<p>Eine Stunde bevor der Kommissär mit dem ihn begleitenden Trautenfelder -Jäger an den Berg kam, gelangten sie zu einer Holzknechthütte, und es -ward beschlossen, daselbst zu übernachten, wenn man vom Wetterstein -zurückkäme, welchen Lipprecht, bis es dunkel würde, nach allen -Richtungen <em class="gesperrt">abschreiten</em> wollte, — wozu der Jäger lächelte.</p> - -<p>Nun waren sie an der Felsenwand, die den Gipfel krönt, angelangt und -<span class="nowrap">ruhten. —</span></p> - -<p>Unermeßlich ist die Aussicht über die Bergwellen hinaus, nach der -endlosen Ebene — klar und durchsichtig die Luft nach den Regentagen. -Der Kommissär gönnt sich keine lange Rast. Die <em class="gesperrt">Südseite</em> ist erst -der Ort, wo sich, nach der Angabe des Jägers, leicht „Jemand verlieren“ -kann.</p> - -<p>Steil ging es die Schneide hinan, — nun war sie erreicht. Der Jäger -faßt ihn am Arm und mahnt zur Vorsicht, und sie ist nöthig, denn im -nächsten Augenblick stehen sie am Rande, — jäh fällt es zu den Füßen -ab — unabsehbar, unendlich liegt die blaue Bergwildniß der südlichen -Fernsicht vor <span class="nowrap">ihnen. —</span></p> - -<p>Sanft waren die Linien und Töne der Ferne. — Aber die Nähe! — der -Wetterstein <em class="gesperrt">selbst</em>, dessen<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> gewaltige Steinmasse ausgebreitet -unter ihnen lag! — nicht über weichgeschwungene Wellen glitt hier -der Blick: wie die Gemse sprang er von Zinke zu Zinke. Drüben Alles -heiter und mild, hier der tiefe Ernst, die eiserne, starre Kraft.. das -Auge glaubt die Ruinen einer zerschmetterten Titanenburg zu schauen — -— ein granitnes Palmyra, — zerworfene Tempeltrümmer und Säulen und -Quadern — ein mitten im Orkane versteinertes Meer.</p> - -<p>Das Opfer der See kann ans Ufer geworfen werden, lebend oder als -Leiche, aber nimmermehr Jener, der in den Abgründen dieser steinernen -Wogen zerschellte.</p> - -<p class="center">— — — — — — — -— — — — — </p> - -<p>Der Anblick war — aus dem Standpunkte einer „Haussuchung“ — nicht -tröstlich.</p> - -<p>Erhitzt und müde setzte sich der Kommissar auf einen Vorsprung nieder, -hing seinen leichten Staubmantel über, ließ die runden Beine über den -Felsen hinabhängen und betrachtete die einzelnen Parthien.</p> - -<p>Gerade unter ihm lag, nach allen Richtungen von Schluchten -durchschnitten, das Hochplateau, welches weiterhin sich wieder hebt -bis zu jenem Felsen, der nach dem See abfällt. Letzterer ist durch das -Plateau selbst <span class="nowrap">verdeckt. —</span></p> - -<p>Die Schwierigkeit schien hier mehr darin zu<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span> liegen, eine Stelle -aufzufinden, wo Jemand <em class="gesperrt">nicht</em> verunglückt sein könne, als wo dieß -der Fall war. — Lipprecht pfiff Melodien aus allen Opern, trommelte -mit beiden Händen auf beiden Knien und gelangte zur Ueberzeugung, daß, -wenn der Holzschreiber Walcher auf diesem Terrain sein Ende gefunden, -die polizeilichen Kräfte des Gesammtstaates sich an Leitern und -Stricken in die Eingeweide des Wettersteines hinablassen könnten, ohne -etwas Anderes heraufzubringen, als zerschlagene Knochen, aber nicht -die gesuchten fremden, sondern eigene. Ein Zufall, der sie eben auf -<em class="gesperrt">jene</em> stoßen ließ, war so wahrscheinlich, als das Zusammentreffen -zweier Kanonenkugeln in der Luft.</p> - -<p>Starr und stumm ragten die riesigen grotesken Grabsteine aus den -schwarzen Grüften empor.. Mehrere, in die er von seinem Sitze aus -hineinsah, endigten in eine Höhle — wie tief in den Berg? Darüber -fehlten vor der Hand offizielle Angaben, — so wie über die hundert -andern Felsenlöcher, von denen einige zum Theil mit Wasser gefüllt -waren.</p> - -<p>Dennoch beschloß Lipprecht auf das Plateau hinabzusteigen — da er -die Partie nicht zu wiederholen gedachte, wollte er wenigstens als -Naturmerkwürdigkeit besehen, was zu sehen war — und für den Hauptzweck -konnte es mindestens nicht schaden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span></p> - -<p>Er stieg den beschwerlichen Pfad hinab, und jeder Schritt über die -Steinblöcke überzeugte ihn, daß keine weitere Ausbeute zu holen, als -landschaftliche, — diese aber reichlich. Als er auf den bekannten -Vorsprung der Seewand heraustrat, war die Sonne im Sinken; wie ein -dunkler Smaragd lag der See in der Tiefe, zur Linken die Bucht mit dem -Freinhof, gegenüber die schwärzlichgrünen Waldhöhen und über ihnen der -Kranz von fernen Gipfeln, auf denen die ewige Trikolore des Abends -wehte, aus rothem Sonnengold, blauen Schatten und glänzendem Schnee -gewebt.</p> - -<p>Lipprecht ist in dem Augenblicke <em class="gesperrt">wirklich</em> gemüthlich. Es fällt -ihm auch ein, daß Günther, wenn er hinter ihm stünde, sagen würde: -„Machen Sie doch einmal Ihre runden Maikäferaugen auf, und versuchen -Sie zu <em class="gesperrt">sehen</em>, so wie ein Mensch die <em class="gesperrt">Natur</em> sehen muß, wenn -er von Kunstsinn reden will!“ — Es steht jedoch nur der Jäger hinter -ihm, der, nicht ohne Besorgniß für den Rückweg, zum Aufbruch drängt. — -Er erhebt sich mühsam und sendet einen Scheideblick nach dem Freinhofe, -dessen ferner Besitzer sicherlich gerührt wäre, wenn er sähe, mit -welcher Aufopferung der wildfremde dicke Mann Berge um seinetwillen -ersteigt, und wie es ihn schmerzt, so ganz ohne Aufklärung<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span> über die -innersten Angelegenheiten seines erwählten Schützlings abzuziehen.</p> - -<p>Der Kommissär hatte noch einen bösen Moment, wo er die ganze Kunstreise -zum Teufel wünschte, als er nämlich auf dem Rückwege über das Plateau -ausglitt, aber glücklicher als Harkeboom.</p> - -<p>Im Augenblick wo er am Boden lag, tauchte hinter dem nächsten -Steinblock ein Kopf hervor, aus dessen Munde die Worte erschollen: -„Bedaure unendlich, werther Herr! bleiben Sie aber gefälligst liegen, -ich helfe gleich!“ Damit war er auch schon an Lipprechts Seite, und -hob ihn, ohne Hülfe des etwas vorangegangenen Jägers, mit einer -Leichtigkeit empor, als wäre der Kommissär ein Kautschukballon. Dieser -dankte dem gefälligen Riesen, den wir wohl nicht zu nennen brauchen, -aufs Verbindlichste und sagte: „Sie scheinen mit diesem Terrain -vertrauter als ich, der ich meine Naturbewunderung mit einigen Beulen -bezahle. Der Wetterstein scheint die Dilettanten zu <span class="nowrap">kennen“ —</span></p> - -<p>„Besser als diese ihn; der zweite Fall in wenig Wochen“ — erwiederte -Knorr. — „Ich gehe oft herauf, bin aber selbst neulich über die kleine -Wand dort abgefahren, daß mich meine eigenen Hunde apportiren wollten. -Aber wo wünschen Sie denn eigentlich Ihr Nachtquartier aufzuschlagen? -hoffentlich nicht da<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span> oben?“ fragte er, als er sah, welche Richtung -Lipprecht <span class="nowrap">einschlug. —</span></p> - -<p>Dieser setzte ihm seinen Plan auseinander. — „So wahr ich Knorr heiße -und auch übrigens ein ehrlicher Kerl bin, gebe ich das nicht zu! Sie -gehen mit mir den bequemen Weg ins Thal hinunter, schlafen in meiner -Einsiedelei und gehen morgen wohin Sie wollen oder müssen. Ehe Sie über -den Steig da hinauf kämen, wäre es finster. Sie wären ein zu fetter -Bissen für einen dieser Höllenrachen, als daß er nicht nach Ihnen -schnappte! Im vorigen Jahr hat er einen dürren Engländer eingeschluckt, -den sie aber theilweise wieder herausfischten, und vor drei Jahren -einen noch dürreren Holzschreiber von <span class="nowrap">Trautenfeld“ —</span></p> - -<p>Lipprecht zog rasch ein Blatt und Bleistift heraus, schrieb eine Ordre -an den Wirth, seinen Wagen nach der Stadt zurückzuschicken, gab den -Zettel dem Jäger und schickte diesen fort. Knorr’s Einladung nahm er -zu dessen herzlicher Freude an, und sagte: „Ich habe drüben von einem -Verschollenen, Namens Walcher gehört, aber Niemand wußte Näheres.“</p> - -<p>„Ich war selbst neugierig, da ich den armen Teufel gekannt. Vielleicht -liegt er zehn Schritte von uns! Aber wer kanns sagen? Die Holzknechte -fanden Nichts. Die Polizei hat sich nicht damit befaßt,<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> und meine -Hunde, die jedenfalls weit klüger sind, haben nicht einmal im ersten -Jahre Etwas entdeckt, — geschweige jetzt, wo der Holzschreiber schon -ein ganz appetitliches, sauberes Skelett sein muß.“</p> - -<p>Lipprecht hielt es passender, mit einer humoristischen Wendung -seinen Karakter zu enthüllen, als weitere Ansichten Knorr’s über die -Sicherheitsbehörde abzuwarten, — und die Männer setzten lachend ihren -Weg fort.</p> - -<p>„Ich habe, begann Knorr wieder, meinen Nachbar im Freinhof, einen -gewissen oder ungewissen Kollmann, wenigstens zwanzigmal gefragt, ob er -denn, als Grundherrschaft, nicht wisse, wo der Holzschreiber liegt? Die -ersten Male wurde er grob, aber jetzt lacht er dazu. — Es ist so ein -fixer Spaß unter uns.“</p> - -<p>„Aber warum werfen Sie Ihre Vermuthung eben auf den Wetterstein, -während jene der Trautenfelder auf dem ganzen Gebirgszuge herumirrt?“</p> - -<p>„Herr! — wenn Kollmann seine Besitzung am Jaitsteine hätte, so würde -ich nach diesem fragen. Es ist nur wegen des fixen Spaßes.“ Nun -veränderte sich aber plötzlich der Ausdruck seines Gesichts, und er -sagte mit jenem Ernst, den er auch im Gespräch mit Sembrick mit einem -Mal gezeigt: „Mein sehr lieber und werther Gast, ich sage Ihnen, nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> -als solchem, sondern als Polizeikommissär, daß ich leider Gottes das -<em class="gesperrt">Rechte</em> nicht weiß. Sehen Sie, ich rede immer von meinen Hunden; -diese haben von meinem Verstande nichts angenommen, ich aber von ihrem -<em class="gesperrt">Instinkt</em>. — Das ist <em class="gesperrt">Alles</em>!“</p> - -<p>Wenigstens war es Alles, was Lipprecht erfuhr, welcher durchaus nicht -allzu inquisitorisch auftreten wollte, den aber Knorr bedeutend zu -interessiren begann.</p> - -<p>In tiefem Dunkel waren sie in den Thalgrund herabgekommen, — -am stillen, leeren Freinhof vorübergegangen, den Fichtenkegel -<span class="nowrap">hinangestiegen. —</span></p> - -<p>Eine Stunde später hatte Knorr’s einfache, treffliche Küche und der, -ganz unerwartete Sorten liefernde, Keller alle Ermüdung vollständig -<span class="nowrap">beseitigt. —</span></p> - -<p>Es wurde Mitternacht und noch drang durch die Spitzbogenfenster -Gläserklingen und Lachen in den Wald hinaus, und die Stimmfülle, womit -das Gespräch geführt wurde, war ein glänzendes Zeugniß für die Organe -der beiden Herren.</p> - -<p>Während aber Knorr, mit der Tragweite seiner Flaschenbatterie -vollkommen vertraut, eben so vollkommen Herr seines gerichtlich -nachgewiesenen Verstandes blieb, hatte der sonst so umsichtige -Kommissär einer ihm trotz seiner Kennerschaft fremden Weingattung auf -die Bürgschaft seines Wirthes zu sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> vertraut und ein Paar Fragen -gethan, die er besser unterdrückt hätte.</p> - -<p>Als er, nach den Mühseligkeiten des Tages und der eben so angreifenden, -die halbe Nacht währenden Erholung auf Knorr’s Ruhebett einschlief, -stand dieser mit verschränkten Armen vor ihm, betrachtete ihn, in -seinen Bart lachend, und sagte vor sich hin: „Da liegt die wirkliche -Polizei und schläft wieder, — nachdem sie früher so lange geschlafen. -Wer sie denn jetzt mag aufgeweckt haben?“</p> - -<p>— — Lipprecht that am Morgen noch einen Gang durchs Thal, um den Hof -herum, nahm in seinem Gehirn einen förmlichen Wachsabdruck sämmtlicher -Lokalitäten mit, begab sich auf dem uns bekannten Wege nach Pottenbach -zur Bahn, und brachte als Ergebniß seiner Vergnügungsreise nebst -zahllosen kleinen Notizen folgende Hauptartikel zurück:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>der Holzschreiber Walcher liegt in einer Schlucht des <span class="nowrap">Wettersteins; -—</span></p> - -<p>Kollmann ist in irgend einer Weise an dessen Verschwinden -<span class="nowrap">betheiligt; —</span></p> - -<p>ein Motiv, warum der arme Teufel aus dem Wege geschafft worden, ist -nicht aufzufinden;</p> - -<p>eben so wenig ein Zusammenhang der Begebenheit mit dem alten -Grünschenk zu <span class="nowrap">ermitteln; —</span></p> - -<p>der Trautenfelder Unterbeamte, der in seinem al<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span>ten Berichte -Walchers nicht erwähnte, war ein <span class="nowrap">Dummkopf; —</span></p> - -<p>die Oberbehörde, welche in Kollmann keinen Gegen stand ihrer -Beobachtung findet, ist um nichts <span class="nowrap">klüger. —</span></p></div> - -<p>Doch zweifelte der Kommissär keinen Augenblick an einer künftigen -Lösung der Aufgabe, die sich seine polizeiliche Privatindustrie -gestellt, obgleich im Lande der <span class="antiqua">dissolving views</span> ein Beamter, -welcher seine Pflicht nicht als Maschine, sondern razionell vollziehen -will, darauf gefaßt sein muß, nicht nur durch die Steine, die der -Gegner in das Geleise wirft, sondern auch durch den Radschuh, welchen -das Sistem auf dem ebensten Wege, und selbst bergauf, anlegt — gehemmt -zu werden.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Im_Hafen"><em class="gesperrt">Im Hafen</em>.</h2> - -</div> - -<p>Welches ist aber das Land unserer <span class="nowrap">Begebenheit? —</span></p> - -<p>Es gibt Fragen, welche der Einzelne, an den sie gerichtet sind, nicht -zu beantworten vermag, — so wie an Völker Jahrhunderte hindurch Fragen -gerichtet wurden, die sie nicht zu lösen vermochten.</p> - -<p>Das treue, felsenfeste Herz des Sängers, der die Frage hinausgesungen: -„Was ist des Deutschen Vaterland?“ hat aufgehört zu schlagen, ehe sie -gelöst. — Wird sie gelöst? — Vierzig Millionen sangen und singen -noch: „<em class="gesperrt">Das</em> soll es sein!“ — Und immer noch <em class="gesperrt">soll</em> es! -<em class="gesperrt">Wen</em> kann der kräftige Jubelchor froher stimmen, die Sänger oder -die Zuhörer rings im europäischen Konzertsaal, — die Russen, Britten, -Franzosen? — denen niemals <em class="gesperrt">eingefallen</em> zu fragen, <em class="gesperrt">was</em> -ihr Vaterland sein solle.</p> - -<p><span class="antiqua">Écoutez! Encore ces Allemands à la recherche de leur patrie!</span> — -lacht es über den Rhein herüber. —<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> Ueber den Kanal tönt nicht einmal -eine Persiflage, nur ernst und groß, wie das alte Meer, der Hymnus -<span class="antiqua">Rule Britannia</span>! — — Der Russe hat es am Leichtesten. Er darf -nicht fragen und wird nicht gefragt, aber er <em class="gesperrt">weiß</em> es, — und -ein Anderer hat längst für ihn gesagt: das ganze Rußland <em class="gesperrt">muß</em> es -sein! Und so ists <span class="nowrap">auch. —</span></p> - -<p>Und dennoch wird auch unser Sollen zum Haben, wenn es nur erst zum -rechten Wollen geworden. Jahr für Jahr wälzen die singenden Millionen -den Sisifusstein ihrer Einheit den Berg hinan, und immer geräth er auf -eine Stelle, wo er abgleitet, — meist ein Stück glattes Parkett eines -Konferenzsaales, — und rollt wieder in die Tiefe. — Vielleicht sind -wir dem Gipfel näher als wir selbst glauben!</p> - -<p>— — Der Strom des großen Gedankens hat unser leichtes Fahrzeug -fortgerissen. Wir begannen mit der Frage nach dem Lande dieser -Erzählung. Bekannte Thurmspitzen und Berggipfel ragen aus der -Fata-Morgana-Landschaft, worin sie spielt, empor; der Klang der -Namen lenkt unwillkürlich den Finger nach einer bestimmten Stelle -der Landkarte, — und dann wird Alles wieder fremd, — wie man wohl -manchmal hört: „Ich träumte, — es war in unserm Garten, — und dann -war es doch wieder nicht unserer.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span></p> - -<p>„Ein Monarch, hat man zu uns gesagt, wie er des Landes der -<span class="antiqua">dissolving views</span>, — ein Graf Breuneck und Andere, die dort, -wo der Finger hingewiesen, nicht existiren, und alle übrigen daselbst -<em class="gesperrt">nicht</em> aufzufindenden Menschen und Orte vermögen doch nicht das -klar gezeichnete <em class="gesperrt">Wirkliche</em> zu verdecken! All dieß ist eine an -den Arm gebundene Larve bei unverhülltem Gesicht.“ — Aber so verlangte -es einst das Gesetz der Maskenbälle, eben in unserer Residenz: wer -nicht maskirt war, mußte wenigstens das Zeichen tragen, eine kleine -Wachslarve am Arm. Wir nehmen sie, um wo möglich keine Szene mit dem -Ballkommissär zu <span class="nowrap">haben. —</span></p> - -<p>So bleiben wir denn auch bei der Bezeichnung „Hafenstadt“ für den Ort, -welchem Arnold zufliegt, und zwar nicht allein, denn in Frauenwang ist -ein Passagier von Korbach kommend zu ihm gestoßen, den er mit freudigem -Aufschrei begrüßt. Es ist Sprenger, welcher vom alten Freunde gebeten -worden, seinen Sohn zu begleiten, der des Aelteren, Erfahrneren bei -seiner Sendung bedürfen könnte.</p> - -<p>Reich genug war der Stoff ihrer Mittheilungen. Sprenger gab ein Gemälde -von den Korbacher Zuständen, welches von einer Sicherheit, — ja -Siegestrunkenheit Zeugniß gab, die er nicht theilen konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span></p> - -<p>Pater Valentin war nach St. Martin gegangen, um die Leitung des -Klosters zu übernehmen, der Prior, sobald es sein Zustand erlaubte, von -dort nach der Residenz gereist und der junge Geistliche Leo hatte den -Pfarrhof in Korbach <span class="nowrap">bezogen. —</span></p> - -<p>Abschieds- und Begrüßungsfeste für die beiden Letzteren, eine große -Demonstrazion der katholischen Arbeiter, welche sich mit Fahne, -Musik und Blumenkränzen vor Korbach’s Hause aufgestellt und ihm für -seine allgemein bekannt gewordene Thätigkeit, für die Erhebung ihres -geliebten Pfarrers durch eine Deputazion dankten, — ein riesenhaftes -Bouquet in Begleitung eines goldgeränderten Gedichtes, das die Mädchen -Helenen überreichten, — Tags darauf ein Ständchen der Protestanten, -welche nicht zurückbleiben wollten, da sie in dem Vorgange nur einen -Sieg des Toleranzprinzipes sahen. Dieß Alles machte unstreitig einen -ganz erfreulichen optischen und akustischen Effekt... — Der alte -Korbach, sonst ein Feind alles lärmenden Gepränges, war dießmal der -Demonstrazion auf halbem Wege entgegengekommen, und hatte einige kurze, -kräftige Reden gehalten, des Sinnes daß, so lange er Herr in Korbach, -dafür gesorgt sein werde, daß <em class="gesperrt">Recht</em> und <em class="gesperrt">Gesetz</em> des -Staates und der Kirche gelten, nicht aber deren <em class="gesperrt">Verdrehungen</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span></p> - -<p>Als aber Sprenger an der Altenberger Fabrik vorübergekommen war, hatte -er über hundert Arbeiter mit Herstellung des Gebäudes beschäftigt -gesehen, welches noch vor acht Tagen mit geschlossenen Thüren und -Fenstern dagestanden war und keineswegs einen Konkurrenzbesorgnisse -erregenden Anblick gewährt <span class="nowrap">hatte. —</span></p> - -<p>Arnold theilte ihm nun Alles mit, was er in den letzten Tagen in -Erfahrung gebracht, und Sprenger war sowol von seiner Auffassung als -klaren Auseinandersetzung der Sachlage, sowie der beabsichtigten -Schritte befriedigt. Er fand seinen Zögling reif zur großen Aufgabe, -die ihn einst als Chef eines so bedeutenden, und nun so ernstlich -bedrohten Etablissements erwartete, und übergab ihm mit Beruhigung die -vom Vater ausgestellte Vollmacht zu Abschlüssen, Unterzeichnungen <span class="nowrap">u. -dgl.</span></p> - -<p>Hatte die erste Stunde der Reise durch Günther’s Abenteuer ein -ungewöhnlicheres Interesse, so war dieß in der letzten durch ein -anderes Zusammentreffen der <span class="nowrap">Fall. —</span></p> - -<p>Es war bereits ganz dunkel, und in weiter Ferne sah man das Feuer -des Leuchtthurmes. Niemand außer unsern Freunden befand sich im -Coupé, dessen Sitze durch hohe Lehnen getrennt sind, so daß man, ohne -aufzustehen, nicht hinübersehen kann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span></p> - -<p>Auf der letzten Stazion vor dem Hafen öffnete sich unter Säbelgeklirr -die Thür des Coupé, und zwei Offiziere traten ein, in deren einem -Arnold sogleich den Obersten von Plomberg erkannte, welcher einen -Tag früher die Hauptstadt verlassen, sich an einer Zwischenstazion -aufgehalten hatte, und hier mit seinem Vetter, dem Adjutanten des -Prinzen, zusammentraf.</p> - -<p>Sie wählten das Coupé, das sie ganz leer glaubten, und nahmen in der -Abtheilung neben Arnold Platz. Dieser sowol als Sprenger sprach so -geläufig englisch als deutsch, und als Plomberg ein Paar Worte der eben -in dieser Sprache geführten Conversazion hörte — deren sie sich nach -der Ankunft der neuen Passagiere bedienten, sagte er leise zu Baron -Heidenbrunn: „Niemand, als ein Paar obligate Engländer.“</p> - -<p>Waren Arnold bis Treustadt die Köpfe der Mitreisenden willkommen, die -ihn für Klotilde unsichtbar machten, so war es ihm die Lehne noch weit -mehr, da ihm der Oberst geradezu antipathisch <span class="nowrap">war. —</span></p> - -<p>Das Anfangs halblaute Gespräch der Offiziere wurde nach und nach so -laut, daß es auch Entferntere als Arnold hätten vernehmen müssen. Es -ging daraus hervor, daß der Monarch sich in zwei<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> Tagen nach dem Hafen -zu begeben beabsichtige, um den Prinzen und die Einwohnerschaft bei -einem Feste zu überraschen, welches, ohne sonstige besondere Bedeutung, -zu Loyalitätskundgebungen von der einen und Huldstrahlen von der andern -Seite benützt werden sollte.</p> - -<p>Der Prinz hatte an einem mit vielem Geschmack gewählten Punkte der, -die ganze Hafenbucht beherrschenden, Anhöhe eine Villa gebaut, welche -seine Residenz bleiben sollte, so lange er das Marinekommando führte, -und die festliche Eröffnung derselben an seinem Geburtstage bot den -Anlaß zu den erwähnten Manifestazionen. Was die Ueberraschung durch -den Monarchen betrifft, so gehörte sie in die Kategorie der bis ins -Kleinste verabredeten, welche dem überraschten Theile die gehörige Zeit -zu allen Vorbereitungen lassen, und man sprach darüber seit einigen -Tagen in beiden Städten.</p> - -<p>Oberst Plomberg entsprach im Dialog dem Bilde, welches Arnold von ihm -nach einigen Aeußerungen im Freinhof behalten. Er gehörte, insofern ihn -sein alter Adel als Kavalier passiren ließ, zu jener Gattung, welche -bei Entwicklung ihres Standesbegriffes etimologisch zu Werke geht, -und alle ihre Rechte und Pflichten von dem Stammworte herleitet —: -<span class="antiqua">cavallo</span>, — <span class="antiqua">cheval</span>, — <span class="nowrap">Roß. —</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span></p> - -<p>— Sie verkehren mit der Crême der Gesellschaft, aber der feine -Salonduft vermag nicht den geistigen Stallgeruch zu beseitigen. Auch -fühlen sie sich nur <em class="gesperrt">unter sich</em> eigentlich behaglich. Man darf -nur Einmal den Akzent hören, mit welchem die Worte: „Ein süperbes -Mädel!“ aus einer beisammenstehenden Schaar dieser — wie Sprenger -sie derb und richtig nannte, „Roßkavaliere“ herausklingen, um über -den Standpunkt der ganzen Race im Reinen zu sein. Es sind übrigens -glückliche Leute, meistens hübsch, gesund, reich und dumm, und wenn man -ihnen aus dem Wege geht, thun sie nicht leicht Jemandem etwas zu Leide. -— Der bürgerliche Gentleman hat vor dem adeligen den Vortheil, daß -er dieser Gattung von Geschöpfen leicht ausweichen kann, während der -letztere häufig gezwungen ist, sich mit ihnen abzugeben.</p> - -<p>Das Verhältniß Heidenbrunn’s zu Plomberg war weder ein -freundschaftliches, noch feindliches, sondern kühle Bekanntschaft, mit -dem erschwerenden Umstande der Verwandtschaft. Der einzige Unterschied -der beiden Herren bestand in der Façon, — die Kameraden, in allen -Ständen die einzig kompetenten Richter, würden schwerlich gesagt haben, -der Adjutant sei ein geschliffener und Plomberg ein ungeschliffener -Edelstein. Von Edelstein war kein<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> Rede, aber das böhmische Glas war -bei einem polirt, beim andern mit Pferdestaub überzogen,</p> - -<p>— „Wie lange wird denn der ganze Spektakel bei Euch dauern? sagte -Plomberg — und was für Species von Ennui bekommen wir zu <span class="nowrap">verdauen?“ —</span></p> - -<p>— „Es dauert einen Tag und zwei Abende. Morgen Ball, oder vielmehr -Rout, nach dem Prinzip der vollständigsten Fusion: Wir Alle, — -Munizipalität, Beamten — <span class="nowrap">Kaufmannschaft“ —</span></p> - -<p>— „Wenigstens hübsche Weiber. Was weiter?“</p> - -<p>— „Dabei Illuminazion und Feuerwerk. Uebermorgen Frühstück für die -fremden Offiziere, und Abends kleiner Cercle mit Tableaux.“</p> - -<p>— „Herr Gott im Himmel! — das ist ja zum Erschießen! Hätte ich nur -Greuth’s Kommission nicht, so kehrte ich jetzt noch um. Er hätte auch -einen Andern gefunden zu dieser Bagatelle.“</p> - -<p>— „Das ist es wohl nicht; schon des Prinzips wegen.“</p> - -<p>— „Prinzip? eine Misere, die sie zu einer Staatsakzion aufgeblasen -haben. Was geht’s uns Soldaten an? Ich verstehe meinen eigenen Auftrag -nicht, ich weiß nur daß du beim Prinzen bewirken sollst, daß eine -Bestellung auf eine halbe Million ich weiß nicht was, sistirt werde.“</p> - -<p>— „Ich weiß ganz gut um was es sich handelt<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> was mir nicht klar, sind -nur zwei Dinge: wie nämlich diese reine Geschäftssache ganz <em class="gesperrt">oben</em> -solchen Lärm machen konnte, und warum, wenn man sie schon aufgreift, -nicht einfach und offiziell aufgetragen wird, dieser oder jener -Firma aus Gründen, die man sagt oder nicht sagt, die Bestellungen zu -entziehen?“</p> - -<p>— „Der Lärm kommt von einem Pfaffen, den ich lange kenne, und -der Prälat werden wollte, und da ist ihm ein Fabrikant, der ein -ganz gescheidter Kerl sein muß, durchs Zeug gefahren, mit einem -originellen Coup, und er ist durchgefallen. Darauf wird er vor Galle -krank und kommt nun in die Stadt und hetzt die Leuchtendorf’s auf -den Allergnädigsten, und meine Alte und deren Frau Schwester auf die -Prinzessin Marie, macht einen Höllenlärm, daß in einem Jahr die ganze -Provinz lutherisch wird. — Der Erzbischof gibt auch seinen Senf dazu, -und gestern Abends läßt mich Greuth rufen und sagt: Sie würden ohnedem -mit uns gehen, — fahren Sie voraus und sagen Sie Ihrem Vetter, und so -weiter. — Es heißt sie wollen Exempel statuiren, im Keim ersticken -und weiß der Teufel was, und ein Offizier muß in der Pfaffen- und -Fabrikantengeschichte eine Art Kurierreise machen. Man glaubt ein Narr -zu sein.“</p> - -<p>— „Ganz richtig. Es ist übrigens nicht leicht,<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> da der Prinz, dem sie -in andern Dingen oben die Hände binden, sich nicht influenziren läßt, -wo er auf seinem eignen Terrain steht.“</p> - -<p>— „Meinethalben. Ich habe Greuth gesagt, daß ich ein schlechter -Diplomat bin. Er hat mir geantwortet, das wisse er ohnedem, er könne zu -der Sache keinen guten brauchen.“</p> - -<p>— „Ich werde, da die Sache bloß ein vertraulicher Wink, mich ganz nach -der persönlichen Disposizion des Prinzen richten.“</p> - -<p>— „Wie du willst. Schlägt’s fehl, so habe ich das Meinige gethan. -Greuth soll einen Andern mit solchen Klatschmissionen beehren. — <span class="antiqua">A -propos</span> Klatsch, zwischen ihm und der Zeltner ist Alles aus. Weiß -dein Prinz, daß die Geschichte bestanden?“</p> - -<p>„Kein Wort; das würde dieser Frau, die ein gutes <span class="antiqua">moyen d’action</span> -werden kann, einen Theil ihrer Anziehungskraft rauben.“</p> - -<p>„Wie steht denn die Sache eigentlich?“</p> - -<p>„Auf dem alten Fleck. Der Prinz ist, seit wir von der Residenz weg -sind, oft ungnädiger Laune, und seine Gedichte haben einen blassen, -melancholischen Teint. Wenn nicht bald eine neue Flamme auftaucht, -so gehe ich mit Urlaub nach der Residenz und hole sie, vorausgesetzt -daß sie geht. Sie geht aber keinen Schritt weiter, als sie will; von -<span class="antiqua">aban<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span>don</span>, unbewachtem Moment <span class="nowrap">u. dgl.</span> ist bei diesem Weib keine -Rede.“</p> - -<p>Baron Heidenbrunn ahnte nicht, daß die Besprochene, nur in einer -Entfernung von zwölf Stunden, in derselben Richtung fahre, und eben so -wenig, daß das Gespräch nicht von zwei Engländern vernommen wurde.</p> - -<p>Sprenger erinnerte sich nicht, seit Arnold’s Kindheit je einen so -schweren Stand gehabt zu haben. — Bei der Erwähnung seines Vaters war -er bereits aufgesprungen und Sprenger hielt ihn geradezu mit Gewalt -zurück, und sagte: „Arnold! habe ich dich denn je einen andern Weg -geführt, als den der Ehre? Ich selbst lade dir die Pistolen bei der -ersten Ehrensache die du auszufechten hast, aber das ist <em class="gesperrt">keine</em>. -— Wenn er deinen Vater einen gescheidten Kerl nennt, so ist das nach -<em class="gesperrt">meinem</em> Verstande keine Beleidigung, und im Uebrigen erfüllen sie -ihre Aufträge, für die du die ganze Coterie zur Rede stellen müßtest.“</p> - -<p>„Es handelt sich um etwas ganz Anderes! entgegnete Arnold — Meinst du, -ich könnte den Beiden, wenn sie beim Aussteigen an mir vorübergehen, -ins Gesicht sehen als Fremder, und morgen oder übermorgen als Korbach? -daß sie dächten, aha, das ist <em class="gesperrt">der</em>! im Waggon hat er sich -geduckt! —<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span> Diesen Leuten gegenüber muß man eher zu viel thun, als zu -wenig! Ich werde ruhig sprechen und es wird sich erst zeigen, ob sie -renommiren wollen.“</p> - -<p>Damit zog er seine Hand aus jener Sprenger’s und trat, mit einem -raschen Schritt um die Scheidewand der Sitze, vor die Offiziere, welche -durch das lautere Gespräch und die Laute der Muttersprache überrascht, -einander ansahen und im Momente eine Revüe ihrer <em class="gesperrt">eigenen</em> -Unterhaltung hielten, die allerdings einen sehr konfidenziellen -Karakter gehabt.</p> - -<p>Die Gedanken: Verdammte Civilisten! — Aufpasser, — Zusammenhauen -(die Hauslogik des Roßkavaliers) fuhren durch Plomberg’s Kopf, während -Heidenbrunn, obwol ungefähr auf derselben Höhe, mehr über die eigene -Unbesonnenheit als über die Indiskrezion ärgerlich war, die nach seiner -Auffassung darin lag, daß zwei Passagiere sich nicht die Ohren mit -Baumwolle verstopften, um ein im Waggon laut geführtes Gespräch nicht -zu hören.</p> - -<p>Arnold’s Gesicht hatte in dem Augenblick, wo er vor sie hintrat, -durchaus keinen herausfordernden Ausdruck, sondern nur jenen ruhiger -Offenheit. „Herr Oberst, begann er, Sie haben in der Unterredung, -deren unfreiwilliger Zeuge ich war“ — „Halt, fiel Plomberg ein, -unfreiwillig, das leugne ich; von dem Augenblick, wo Sie hörten, daß -das Gespräch<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> nicht für fremde Ohren berechnet war, stand es bei Ihnen, -durch einige laute deutsche Worte zu zeigen, daß Sie uns verstanden.“</p> - -<p>Immer ruhig, aber sehr bestimmt, versetzte Arnold: „Abgesehen davon, -daß auch ein Ausländer Ihre Sprache verstehen konnte, mußte ich -voraussetzen, daß zwei Herren in Ihrer Stellung an einem öffentlichen -Orte, vor Fremden, nur <em class="gesperrt">dann</em> sich in so vernehmlicher Weise -unterhalten, wenn sie <em class="gesperrt">keinen</em> Werth darauf legen, ungehört zu -sein. Nicht <em class="gesperrt">mir</em>, sondern <em class="gesperrt">Ihnen</em> stand die Beurtheilung zu, -ob Ihre Worte für fremde Ohren geeignet seien!“</p> - -<p>„Darüber wollen wir nicht streiten, — sagte Plomberg mit -hinaufgezogenen Augenbrauen, — aber ich möchte fragen, was Ihnen -eigentlich zu Diensten steht?“</p> - -<p>„Ich wünsche, als Sohn des erwähnten Fabrikanten, die Ansicht, -welche in einem hohen Kreise über die Handlungsweise meines Vaters -vorherrscht, bei Ihnen, meine Herren, dahin zu berichtigen, daß -derselbe mit dem, was Sie einen originellen Coup genannt, eine Handlung -vollbracht, auf welche jeder Ehrenmann <em class="gesperrt">stolz</em> sein muß; daß jenem -Vorgang nicht ein einziges Motiv zum Grunde liegt, welches Zweifel -an seiner Loyalität, oder Schritte rechtfertigen könnte, die ihm -nachtheilig sind.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span></p> - -<p>„Wir begreifen, sagte Heidenbrunn, daß Sie die Sache Ihres Herrn -Vaters führen, aber Sie werden auch begreifen daß, da es sich um -höhere Aufträge handelt, wir weder zu richten, noch uns gegen Sie zu -rechtfertigen haben. Es wird sich eben darum handeln, Ihrer Ansicht -dort Geltung zu verschaffen, wo darüber entschieden wird.“</p> - -<p>„Dieß wird sehr schwer geschehen können, da ich mit der Absicht reise, -meine Angelegenheit dem Prinzen vorzutragen. Ihr Auftrag heißt Sie -dem entgegentreten. Dawider steht mir keine Einwendung zu. Meine -Pflicht war nur, fürs Erste zu <em class="gesperrt">sprechen</em>, damit ich den Verdacht -beseitige, als wollte ich <em class="gesperrt">irgend einer Konsequenz meines Zuhörens -ausweichen</em>, fürs Zweite die Ueberzeugung auszudrücken, daß Sie, -meine Herren, wenn es mit Ihrer Pflicht vereinbar ist, einen solchen -Auftrag sicherlich nicht übernähmen, wenn Sie den Karakter dessen -kennen würden, gegen den er gerichtet ist.“</p> - -<p>Arnold grüßte mit einer leichten Neigung des Kopfes und nahm seinen -Platz wieder ein. Sprenger schüttelte ihm beifällig die Hand. — Die -beiden Offiziere sahen einander an, und sagten fast zu gleicher Zeit: -„Mir scheint, wir haben eine ungeheure <span class="antiqua">bêtise</span> gemacht.“ — -Der Schein wurde ihnen, je<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> länger sie nachdachten, desto mehr zur -Gewißheit. Sie setzten sich ans andere Ende des Coupé.</p> - -<p>„Was liegt daran! — sagte Plomberg. — Vielleicht könntest du die -ganze Audienz verhindern?“</p> - -<p>„Gott bewahre, der Prinz hält auf seine Popularität, so wenig wir auch -noch davon gehabt haben. Der junge Mensch wird auch wahrlich nicht von -Greuth oder der Zeltner reden. Im schlimmsten Falle aber kommt zuletzt -Alles auf Greuth; der Prinz wird <span class="antiqua">a camera</span> fulminiren, da er ihm -öffentlich nichts anhaben kann. Dieser Korbach gefällt mir übrigens -nicht übel, er scheint „Schneide“ zu haben.“</p> - -<p>„Das müßte man erst sehen! Glaub’s aber gern, daß es ihm eine Ehre -und ein Vergnügen gewesen wäre, sich mit uns herumzuhauen. Seitdem -das Wort Gentleman in der Mode, ist keine Barriere mehr. Früher hat -sich Unsereiner manchmal herabgelassen, sich mit einem sogenannten -Honorazioren zu raufen, jetzt ists schon bald verfluchte Schuldigkeit -geworden, einem Federfuchser oder Kaufmann Rede zu stehen! — Ein -Denkzettel hätte ihm aber nicht schaden können!“</p> - -<p>— „Im Gegentheile <em class="gesperrt">nützen</em>! Das wäre das beste Mittel gewesen ihn -zu <em class="gesperrt">heben</em>! Darum habe ich auch den Passus von „Konsequenzen“, -denen er nicht <em class="gesperrt">ausweichen</em> will, nicht aufgegriffen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p> - -<p>— „Was wirst du jetzt thun?“</p> - -<p>— „Ich werde meine Sache so machen, daß ich mit meinem Prinzen und du -mit Greuth auf gutem Fuße bleiben; wie diese Beiden dann mit einander -stehen, kann uns indifferent sein.“</p> - -<p>— — Es war zehn Uhr Abends, als man im Hafen anlangte.</p> - -<p>Vor dem Hotel, in welchem Arnold und Sprenger ihre Wohnung nahmen, -ragten die Masten der Schiffe in den dunkeln Himmel, welche in dichter -Reihe am Quai lagen. Der bekannte tausendstimmige südliche Lärm füllte -die laue Luft. — Unsere Reisenden waren aber nicht in der Stimmung, -sich mit pittoresken und kulturbildlichen Studien zu befassen, sondern -sperrten die Reize des nächtlichen Seestückes und das ganze Geschrei -der <span class="antiqua">bella Italia</span> mittelst der Fensterläden hinaus, so gut es -ging, und suchten die Ruhe.</p> - -<p class="s3 center mtop1 mbot1">*           *<br /> -*</p> - -<p>Dafür begrüßte Arnold die aufgehende Sonne auf dem <span class="nowrap">Hafendamme. —</span></p> - -<p>Sie schüttete ihr Gold ins Meer, heute wie immer, unbekümmert um die -schlafende Stadt; — so wenig diese sich um die Sonne kümmert. — Was -ist daraus zu prägen? Der Sonnenaufgang gibt kei<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span>nen Kurszettel für die -schlummernden Handelsherren. Was wäre da zu notiren? „Fernsicht flau -— rothes Gewölk über dem Kastell wenig begehrt — starke Schwankungen -der kleinen Fischerboote — die große Fregatte fest, aber bei den -Italienern nicht beliebt — Wellengold und Nebelsilber ausgeboten — -— von der unerschöpflichen Hand, welche täglich ihre Valuten auf den -Markt wirft — aber kein Käufer.“</p> - -<p>Doch Einer war ja aufgetreten! — Und wie klein ist der Preis, den die -ewige Natur fordert! Nichts als ein offenes Auge und Herz, — und ohne -zu wägen und zu zählen füllt sie Beide mit ihren Schätzen, — so voll, -daß sie den Tropfen aus dem Auge drängen und den Seufzer des Schmerzes -oder der Seligkeit aus der Brust.</p> - -<p><em class="gesperrt">Den</em> Preis hatte Arnold zu bieten. Noch gab es Hochalpen in -seinem Innern, zu denen kein Schienenweg der Industrie hinanreichte, -Wildwasser, die kein Schwungrad trieben. Nur schärfer hatte sich in den -letzten Tagen das Chaos in ihm gesondert, die Wasser der Höhe von denen -der Tiefe. Er konnte sich Stunden lang ganz seiner materiellen Aufgabe -hingeben, die mit der Schwierigkeit einen Reiz gewann. Aber unter dem -häufigen gewaltsamen Zurückdrängen hatte sich sein Herzensleben nur -kräftiger entwickelt, wie Keime unter Schnee.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span></p> - -<p>So oft er, das Arbeitsgeräthe des geschäftigen Tages zur Seite werfend, -die Pforten seines innern Heiligthums aufriß, vor das geliebte -Bild, das im zauberischen Dunkel seiner harrte, hintrat und ihm ins -freundlich sinnende Auge sah, ward das Wiedersehen inniger, die -Andacht heißer, die Trennung schmerzlicher. — Diese Morgenstunde am -Meeresstrande war dem Gebete vor seiner „Bildsäule von rosenrothem -Diamant“ geweiht. — Fest und rein wie das blaue Gewölbe über ihm, war -sein Glaube geworden, — jedes Wölkchen des Zweifels entflohen. — Sein -Auge durchflog die Unermeßlichkeit um ihn und wendete sich von der -fernen Linie, die im Süden Meer und Himmel trennt, müde und geblendet -nach den Bergen über der glutbegossenen Stadt, — der Gedanke schwingt -sich über sie weg, und sinkt nieder am rothen Kreuz.</p> - -<p>Wiedersehen! und <em class="gesperrt">welches</em> Wiedersehen? — Meer und Himmel hatten -keine Antwort. Er fand sie in sich. — War doch in ihm die Liebe zum -hohen markigen Baume emporgewachsen — — und <em class="gesperrt">sie</em> könnte ihm, -die halbverschlossene Knospe in der Hand <span class="nowrap">entgegentreten? —</span></p> - -<p>— Und doch — <em class="gesperrt">welches</em> war das Pfand, das er vom Freinhofe -mitgenommen, der Keim, aus welchem er den Baum großgezogen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p> - -<p>Sein Gedanke nach jener ersten seligen Stunde war: sie <em class="gesperrt">vertraut</em> -dir! — kein Anderer. Daraus war entsprossen: <em class="gesperrt">wenn</em> dieses -Weib dich lieben könnte! — Und wie er es Tag für Tag dachte, klang -das <em class="gesperrt">Wenn</em> immer leiser. Nun hatte er sich hineingelebt in den -Gedanken, und vergessen, daß es jene einzige Stunde war, aus welcher -er, <em class="gesperrt">er</em> allein das Feenschloß einer Gegenliebe aufgebaut, — daß -<em class="gesperrt">sie</em> ihm nicht ein Sandkorn mehr dazu gereicht, seit der Trennung -nach dem ersten Begegnen.</p> - -<p>Am heiligsten und schönsten ist vielleicht ein solcher Glaube, der -ohne irgend ein Wärmen und Pflegen von Außen, aus sich erwachsen, wie -die Perle in der Perlenschale des Herzens. Aber bitterer auch die -Enttäuschung, wenn in den Schmerz die höhnende Frage hineinklingt: -<em class="gesperrt">Was</em> hieß dich denn <em class="gesperrt">glauben</em>?</p> - -<p>— — Als Arnold nach Hause zurückkehrte, mochte Etwas von dem -Morgengebet in seinen Augen glänzen. Mit Sprenger hatte er von seiner -Liebe nicht gesprochen, und dieser, der das Innere seines Zöglings -wie sein eignes kannte, schwieg gleichfalls. Er sah ihn besonnen -und thätig, sah weder sieche Sentimentalität noch leidenschaftliche -Fieberhitze, und dieser Grund, nichts dagegen zu thun, gesellte<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> sich -zu dem Hauptgrunde, der darin bestand, daß <em class="gesperrt">überhaupt</em> nichts -dagegen zu thun war.</p> - -<p>Sie besprachen die gestrige Fahrt, die heute zu machenden Gänge, und -nahmen ihr Frühstück auf dem Balkon des Hotels. — Längst war der -Hafen erwacht, — dann die Stadt und immer zahlreicher mischten sich -unter die braunen Gestalten und malerischen Trachten des Volkes blasse -Comtoirgesichter und Gehröcke, nach den Magazinen und Schreibstuben -laufend.</p> - -<p>Unter dem Thor stand erwartend die offizielle Räuberschaar von Kellnern -und Lohnbedienten, außerhalb die nicht offizielle von Trägern, -Führern, Kommissionären, der Opfer harrend, die der Posttrain aus der -Residenz in ihre Hände liefern sollte. Das Hotel hat einen energischen -Diplomaten im Bahnhofe, der mit sicherm Blicke auf dem Gesichte eines -Jeden liest, ob er bereits eine Wahl getroffen, und Jeden, der einen -Augenblick suchend und fragend vor sich hinsieht, mit Beschlag belegt.</p> - -<p>Der erste Miethwagen mit Ankommenden bricht durch das Gewimmel am -Platze. Es folgt ein zweiter und dritter. — Aus einem der letzten -steigt Klotilde, etwas blaß von der Nachtreise, aber hübscher als je.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span></p> - -<p>Sie verhandelt mit dem Aufwärter, in geläufigem Italienisch, mit großer -Sicherheit alle Punkte des Einquartirungsvertrages und tritt, vom -gepäcktragenden Burschen gefolgt, ins <span class="nowrap">Thor. —</span></p> - -<p>Nach einigen Minuten klingt ein Fenster über den Häuptern unserer -Freunde, — sie überblickt ein Paar Minuten die Aussicht und schließt -es wieder. Die Vorhänge rollen herab: die Dame bedarf der Ruhe, der -Sammlung ihrer Mittel zu großen <span class="nowrap">Zwecken. —</span></p> - -<p>Arnold wäre ihr jetzt nicht ausgewichen, da sie ihm wie ein freundlich -humoristischer Gruß von Günther erschien, und weil überhaupt ein in -der Heimat fremdes Gesicht in der Fremde zum bekannten wird. Ist’s -vollends ein Gesicht wie das Klotildens, so liegt, wenn auch von einer -Anziehungskraft für Arnold keine Rede sein konnte, wenigstens nichts -Abstoßendes im Gegenstande.</p> - -<p>Er begab sich nun mit Sprenger zu Franchini, welcher sie in -seinem Kabinet empfing. Der Kopf des Banquiers hätte jedes Bild -eines Gesandtenkongresses geziert. Die freien, intelligenten Züge -waren wohlwollend und gewinnend, — seine schneeweißen Haare -und lebhaften schwarzen Augen dienten einander als Folie, — -Ausdrucksweise, Bewe<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span>gungen und Toilette vollendeten den Eindruck des -<span class="antiqua">banquier-diplomate</span>.</p> - -<p>Nachdem Arnold, so zu sagen als Missionschef, in klarer Form und zu -sichtlicher Befriedigung des Zuhörers die Hauptzüge des fraglichen -Geschäfts entwickelt, und Sprenger die Umrisse hie und da mit Details -ausgefüllt hatte, faßte Franchini, schnell und mit freundlichem Tone -sprechend, das Gesagte zusammen: „Der Zweck Ihrer Reise, meine Herren, -ist die Sicherung der Bestellungen für die Marine. Sie deuten auf -Konkurrenz hin. Es war vor kurzer Zeit ein Agent eines Herrn Kollmann -hier, der auch meinen geringen Einfluß in Anspruch nahm. Ich habe -abgelehnt, da kein Grund vorliegt die Verbindung mit Ihrer Firma -zu lockern. Sie wünschen den Abschluß mitzunehmen und eine Audienz -beim Prinzen soll Sie gerade ans Ziel führen. Es bedurfte keiner -Empfehlungsbriefe, um mich aufs Wärmste für Sie zu interessiren. Ich -hoffe Ihnen einen Dienst zu erweisen, indem ich Ihr Ansuchen um die -Audienz vermittle, da ein mir offener indirekter Weg unter dem Gedräng -der Festlichkeiten vielleicht der Anmeldung in gewöhnlicher Form -vorzuziehen ist.“</p> - -<p>Franchini schloß mit einer Einladung, heute und die ganze Zeit ihres -Aufenthaltes, seine Mittaggäste zu sein; — die beste Gelegenheit, sie -mit meh<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span>reren Notabilitäten, namentlich dem Direktor der Marine-Kanzlei -bekannt zu <span class="nowrap">machen. —</span></p> - -<p>Arnold konnte keinen bessern Erfolg des ersten Besuches wünschen. -Einige andere füllten den Vormittag. Sie fanden auf ihren Gängen die -Stadt in lebhaftester Bewegung; wo immer drei Menschen beisammen -standen, hörte man die Worte Villa, Ball, Beleuchtung, und die Namen -des Monarchen und des Prinzen. Wir folgen dem allgemeinen Impulse und -wenden uns zuerst zu Letzterem.</p> - -<p>Der Prinz war einige zwanzig Jahre alt, und seine körperlichen und -geistigen Eigenschaften mochten für jeden Posten besser taugen als für -den, welchen er bekleidete. — Schwer konnte man sich diese zarte, -schlanke Gestalt in der Admiralsuniform an Bord des Linienschiffes -denken, als Beherrscher der schwimmenden Donnervulkane. Wenn man den -blonden Schein über der feinen Lippe, durch welchen der Wunsch einen -Schnurbart zu tragen ausgedrückt war, wegnahm und die weichen Haare zu -Ringellocken auszog, konnte er ganz gut eine junge Lady vorstellen. — -Sein Geistiges stand insofern im Einklange damit, als er eine lirische -Natur war, welche im Mittelalter weniger das Ritterschwert geführt, als -mit der Laute des Minnesängers Frauendank und Bandschleifen erkämpft -hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span></p> - -<p>Er hatte, wie alle Prinzen des Hauses, eine militärische Erziehung -bekommen, behielt aber auch in der modernen Uniform die mittelalterlich -romantische Richtung. — Seinem Sinne war das gesammte reguläre Militär -nicht simpathisch. Kreuzfahrerkostüme, oder in wirren Haufen hinjagende -Tscherkessen und Perser, spanische Guerilla’s, Palikaren, — kurz alle -pittoresken Gestalten waren Labsal für seinen Sinn, und er wendete auf -dem Paradeplatz gern den Blick von der steifen Linie der defilirenden -Grenadiere nach der Suite, nach dem fliegenden <em class="gesperrt">Gemeng</em> der -glänzenden Uniformen aller Waffengattungen.</p> - -<p>Er dichtete, und nicht einmal ganz schlecht. Eines der weniger -gelungenen Gedichte war aber seine Führung des Statthalterpostens einer -Provinz, welche zu den widerspänstigsten des Reiches gehörte, und -welche er durch eine Art von <span class="antiqua">cour d’amour</span> im Stile des Königs -René, Maskenzüge, orientalisch kostümirte Trabanten und Tableaux zu -beruhigen gedachte. Er ließ es dabei auch an Unterstützung der Künste -und wohlthätigen Spenden nicht fehlen, machte aber, dem ernsten, -festgewurzelten Hasse gegenüber, mit seinem heitern, durchsichtigen -Streben nach Popularität vollständig Fiasko, mehr als es vielleicht mit -einer puritanisch-strengen Haltung der Fall gewesen wäre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span></p> - -<p>Als sich sein der Centralgewalt längst nicht zusagendes Sistem -praktisch nicht bewährte, verlangte und erhielt er das Marinekommando, -wobei ihm jedoch wieder die Bilder von Tempesta, das Wimpelgeflatter -und alle Seeabenteuer von Jason bis auf Marryat lebhafter vorschwebten, -als die trockene Aufgabe, eine in der Entwicklung begriffene Marine zu -organisiren. — In angebornem Pflichtgefühl suchte er seiner Aufgabe -gerecht zu werden, arbeitete mit den Fachmännern, so lange er eben -aushielt, erwarb sich die Liebe der Untergebenen und der Stadt, welche -ihn von seiner glänzendsten Seite, der repräsentirenden, kennen lernte, -und entschädigte sich für die Mühen seines Berufes durch Feste und -Galanterie.</p> - -<p>In letzterer Beziehung war er von dem Regime der Minnesänger, welche -von einem Stück blauen Band und Sacktuchwehen vom Erker herab eine -Anzahl Jahre lebten, bald abgewichen, und hielt diese Richtung nur -in seinen Gedichten fest, während im wirklichen Leben Bänder und -Taschentücher nur insofern Gegenstände seines Wunsches waren, als -ihr Besitz zugleich jenen der Eigenthümerin bedeutete. Im Gedichte -verherrlichte er die Silfide, den weibgewordenen Mondstrahl: in der -Wirklichkeit zog er die niederländische Schule der deutschen vor, und<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> -schätzte eine Dürer’sche Madonna dann am höchsten, wenn er auf dem -darunter stehenden Sofa einer Rubens’schen Frau zur Seite saß. — Dabei -war er jedoch ziemlich beständig, und man konnte seine <span class="antiqua">liaisons</span> -während dreier Jahre an den Fingern Einer Hand aufzählen. Seine -poetische Natur schmückte die Erwählte mit Reizen, die ihr vielleicht -nicht eigen waren, und es ließ sich nachweisen, daß der Bruch der -bisherigen Verhältnisse immer durch eine Thatsache herbeigeführt -worden, welche Seine Hoheit überzeugen mußte, daß man ihr ritterliches -Vertrauen mißbraucht habe.</p> - -<p>Das Admiralitätsgebäude, dicht am Hafen, entsprach in keiner -Beziehung seinem Geschmacke. — Es gewährte keinen Ueberblick, kein -<em class="gesperrt">Bild</em>! — Der Wellenspiegel mit den Objekten seiner Thätigkeit -sollte unter ihm liegen — die <em class="gesperrt">Marine</em> in <em class="gesperrt">Morgen-</em> und -<em class="gesperrt">Abendbeleuchtung</em> — des Mondes nicht zu erwähnen — — und -er selbst auf der Höhe, sinnend an eine Säule gelehnt — mit dem -Nelson-Perspektiv hinunterschauend! — Auch lag die Admiralität mitten -unter andern Häusern. Nicht einmal Hinterpforten. Jede „Rubens’sche -Frau“ mußte vermummt zwei Schildwachen passiren.</p> - -<p>Nun thronte die Villa auf der Höhe des Berges, der dem Dampfer der -Levante über die Nebel<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span>decke der See den ersten Gruß zusendet! Aus -reichem Grün glänzt die Gloriette mit ihren Marmorstatuen, und die -Flügel liegen halbmondförmig in den Armen der <span class="nowrap">Waldhöhe. — —</span></p> - -<p>Die Fantasie des Prinzen war einige Monate hindurch in voller Gährung -über die Ausschmückung der Villa. — Es waren so ziemlich alle Stile -vertreten, griechischer, gothischer, Renaissance... er hatte eine -eigene Erfindung im Kombiniren von Erfundenem. So wenig das Auge -des Kenners ein Labsal fand, so sehr bestach das Bauwerk die große -Masse, durch den Reichthum des Stoffes und gewisse Effektstücke, -die nicht ohne Reiz waren, wie <span class="nowrap">z. B.</span> der achteckige Saal, der das -Centrum bildete. Die Mauerflächen waren mit weißem Marmor überkleidet, -Baumstämme, täuschend aus dunklem Bronce gearbeitet, stiegen in jeder -Ecke empor, unten glatt, oben in Aesten, Verzweigungen, und endlich -in ein grünes Laubdach sich ausbreitend, welches den ganzen Raum -überwölbte, und über welchem durch die Kuppel von blaßrosenfarbenem -Glase das Licht einfiel, ohne daß man eine Flamme sah. Ein alter -Gedanke, den aber der Prinz auf seinen Reisen doch nirgends ausgeführt -<span class="nowrap">gesehen. —</span></p> - -<p>Wenn in dem anstoßenden Sale die Glasgemälde der Fenster bunte -Farbenflecken auf den spitzen<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> gothischen Zierrath der Wände -und Gewölbe warfen, und in einem dritten das Kristallbassin mit -Blumenfontaine, und die Teppiche und niedern Ottomanen einem Märchen -der Scheherasade zu lauschen schienen, so mochte das Gesetz des -Schönen durch den Mangel an Einheit noch so sehr verletzt werden, -die Sinne wurden doch eigenthümlich gereizt, wenn der Lichtstrom und -Blumenduft sich durch den ganzen Raum ergoß, und man das Ganze nur -als fantastische Traum-Mosaik, als märchenhafte Zimmerreise in einem -Zauberpalaste betrachtete.</p> - -<p>Fast stellte die Villa ein Bild des Staates dar, dem der Prinz -angehörte. Ein Bild seiner schönsten Zeit! Das bunte Gemenge seiner -Nazionen, von Einem Gebäude umfangen, von Einer Hymne durchklungen, -Eine Fahne hoch wehend über dem Farbengeflatter der zahllosen kleineren -— wie hier die Kuppel Alles überragt, durch ihr Ueberragen allein -dem Ganzen einen Halt und Mittelpunkt gibt. — Denkt die umfangende -Mauer weg, — und der altgläubige gothische Saal steht feindlich dem -Grazientempel, — der blühende Orient den klaren, scharfen Formen des -Westens entgegen, — — und dennoch vermag kein’s als Ganzes für sich -zu bestehen.</p> - -<p>Doch die Villa ist kaum erbaut! — Wer denkt <em class="gesperrt">hier</em> an Zerfallen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span></p> - -<p>Denkt doch auch <em class="gesperrt">dort</em> kaum Einer daran, wo der Gedanke so nahe -läge! — Eben fliegt der Faëton ihres Besitzers den Berg hinan, auf der -herrlichen Kunststraße, die sich wie ein weißes Band in dreimaliger -Windung hinaufschlingt. Er leitet persönlich die letzten Anstalten der -beleuchtenden und dekorirenden <span class="nowrap">Schaaren. —</span></p> - -<p>— — Der Ball war an dem Tage, wie überall, so auch beim Diner bei -Franchini Hauptgegenstand des Gespräches, welches schon während der -ersten Gänge sehr heiter und ungezwungen geführt wurde. Mr. Brown, der -Chef der Gaskompagnie, schilderte einen Abend, den er mit dem Prinzen -auf dem Gebälke über der Glaskuppel zugebracht, unter beständigen -Versuchen mit dem Beleuchtungsapparate, der sich endlich zu voller -Zufriedenheit <span class="nowrap">bewährte. —</span></p> - -<p>Der Direktor der Akademie, Volpi, vertraute der, nur aus vierundzwanzig -Personen bestehenden Gesellschaft unter dem Siegel der Verschwiegenheit -an, daß die Wahl des Comité’s für Bestimmung der drei schönsten Frauen -zur Schlußgruppe der morgigen Tableaux auf Contessa Sanvitelli, -Generalin Heuneberg und die Gattin des Banquiers Strada gefallen -sei. Die Gemahlin des Gouverneurs, welche bei den <span class="antiqua">ricevimenti</span> -des Prinzen die Honneurs machte, war von den Damen der Stadt gebeten -wor<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span>den, zu wählen, und hatte, — den ganzen Frieden ihrer Zukunft auf -dem Spiele sehend, — drei Professoren der <span class="antiqua">Academia delle belle -arti</span> ersucht, die Rolle des Paris zu übernehmen. — An zwanzig -Damen fanden sich, auf Erlaß des Comités, am hellen Mittag, in ganz -gleichen einfachen weißen Kleidern bei der Gouverneurin zusammen. Jede -hatte die ihr vortheilhafteste Frisur gewählt; allein die genannte -Dame theilte ihnen lächelnd einen weiteren Beschluß des Wahlcomités -mit, in Folge dessen ein Friseur nebst Gehülfen erschien, welche alle -Kunstbauten beseitigten, und die Haare sämmtlicher Kandidatinnen -glatt scheitelten und aufgelöst über die Schultern fallen ließen. Sie -hatten hierauf in einem Salon mit dunkelgrünen Tapeten einen Kreis zu -bilden, in welchem die drei Professoren sich eine halbe Stunde sehr -angenehm herumbewegten. Ihre Wahl fand zwar nicht den Beifall der -Nichtgewählten, aber den einstimmigen der <span class="nowrap">Tischgesellschaft. —</span></p> - -<p>Korbach wurde vom Herrn des Hauses mit Auszeichnung behandelt, und -die Gäste schenkten seinen ruhigen aber bestimmt geäußerten Ansichten -Aufmerksamkeit. Als der Bürgermeister der großen Vortheile gedachte, -welche der Prinz der Hafenstadt zugewendet, welche ihm außerdem für -den entwickelten Luxus dankbar sei, nahm er das Wort und schil<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span>derte -die Stimmung der Residenz als eine, seiner humanen, wohlwollenden -Tendenz höchst günstige, namentlich in den industriellen Kreisen, wo -man seinen Bestrebungen zum Schutze der inländischen Produkzion volle -Anerkennung zolle. — Es waren einige <span class="antiqua">free-traders</span> anwesend, -für welche der Chef eines englischen Kommissionsgeschäftes das Wort -führte, während Arnold die Schutzzölle vertheidigte. Die gegen Ende des -Diners begonnene Debatte wurde in schönster Form mit Beobachtung aller -Rücksichten auf interessante Weise geführt, daß die Gesellschaft in -zwei ungleiche Lager getheilt — da die Majorität auf Arnold’s Seite -— mit Spannung und Vergnügen zuhörte. — Der junge Korbach, der zum -ersten Male als Repräsentant seines Hauses und Verfechter der demselben -verwandten Interessen, in einer fremden, fast durchweg aus älteren -Leuten bestehenden Gesellschaft auftrat, ward durch den Beifall, den -seine ersten Reden gefunden, ermuthigt und entwickelte die Forderungen -der Praxis, einer glänzenden Theorie gegenüber, mit so schlagenden -Gründen und zugleich in so liebenswürdiger, natürlicher Form, daß er -den entschiedensten Sieg errang.</p> - -<p>Er schloß mit den an den Engländer gerichteten Worten: „Es ist -eine, wir wollen es gestehen, erzwungene Huldigung, die wir durch -Vertheidigung<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span> unseres Schutzsistems Ihrer großen Nazion darbringen! -Wir gestehen damit nur ein, nicht auf der Höhe zu sein, aus der wir -Ihnen als Gegner den Handschuh hinwerfen können. So lange aber das -Terrain der vaterländischen Industrie nicht hoch genug, um nicht von -den Wogen Ihrer bisher an Werth und Billigkeit unerreichten Produkte -überschwemmt zu werden, können Sie nun und nimmer verlangen, daß wir -selbst den Damm einreißen! Der überschwemmte Markt würde in kürzester -Zeit <em class="gesperrt">aufhören</em> ein <em class="gesperrt">guter</em> Markt für Sie zu sein, und -wenn uns — was eben nicht der Fall — alle Minen Südamerika’s zu -Gebote ständen, so würden wir nur dort anlangen, wo Jeder anlangen -muß, der — — verzeihe mir die Gesellschaft das ganz unoratorische -und unparlamentarische Gleichniß — seine Schranken zu einem Kampfe -zwischen der Hauskatze der vaterländischen Industrie und dem gewaltigen -brittischen Leopard <span class="nowrap">öffnet!“ —</span></p> - -<p>Die Gegner reichten sich lachend die Hände. Franchini ward in seinem -Entschlusse, Alles was von ihm abhinge, für den jungen Mann zu -thun, bestärkt. Er hielt ihn nebst Sprenger und dem Direktor der -Marinekanzlei zurück, als die Gäste sich entfernten. Das Geschäft -wurde nach allen Richtungen besprochen, und Sprenger übernahm die -Aus<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span>arbeitung einer Vorlage, welche er mit Zuhülfenahme der Nacht -bis zum nächsten Morgen zu vollenden gedachte, für welchen Franchini -bereits die Audienz erwirkt hatte. Er übergab den beiden Gästen -zugleich Einladungskarten zum Balle in der Villa, wovon jedoch nur -Arnold Gebrauch machen konnte, da Sprenger keine Zeit erübrigen zu -können erklärte. — Das Erscheinen des Ersteren schien allen passend, -ja nöthig.</p> - -<p>Während er hier auf dem „Wege, den ein Korbach geht“, für sich -arbeitete, war ein kleiner Notenwechsel zwischen dem Hotel, wo Klotilde -wohnte, und der Villa gepflogen worden.</p> - -<p>Sie hatte, vom Schlummer gestärkt, — ihre Ankunft und den Entschluß, -zwei Tage zu verweilen, in einigen Zeilen kurz und bündig dem Baron -Heidenbrunn angezeigt, welcher zum Prinzen stürzte, um diesen mit -einem Ereignisse zu überraschen, das ihn etwas wärmer bewegte als der -Glückwunsch der eben anrückenden Gemeinde-Deputazion.</p> - -<p>Der Adjutant flog mit einem Billet ins Hotel, mit einer Antwort zurück, -und Nachmittags fand eine Schlußkonferenz zwischen ihm und Klotilden -Statt, in welcher folgende Friedensartikel festgesetzt wurden:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span></p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Frau Klotilde Zeltner wird dem Balle in der Villa beiwohnen, -in Gesellschaft einer griechischen Kapitänsgattin als -Anstandsbegleiterin, welche Baron Heidenbrunn besorgt. — Der -Prinz macht sich verbindlich, zehn Minuten lang mit Frau Klotilde -in einer Weise zu sprechen, daß die Gesellschaft des Anblickes -der Unterhaltung theilhaftig werde. — Ihrerseits bewilligt sie -eine Unterredung, <span class="antiqua">à discrétion</span> über zehn Minuten, außerhalb -der Gesellschaft. — Dieselbe stellt schließlich unbestimmte -Verlängerung ihres Aufenthaltes in <span class="nowrap">Aussicht. —</span></p></div> - -<p>Der Adjutant suchte vergebens den Schlüssel zur Erklärung des schnellen -Ueberganges zum Sistem der <span class="nowrap">Konzessionen. —</span></p> - -<p>Klotilde hatte Zeit gehabt, Günther’s Andeutungen auf der Reise zu -überlegen, und den Gedanken, daß Kollmann die Erscheinung seiner Frau -zu Gunsten seiner Angelegenheit in die Wagschale legen könne, so -lange ausgemalt, bis sie überzeugt war, derselbe sei bereits in der -Hafenstadt angelangt, und in einer niederträchtigen Intrigue begriffen. -Als, auf ihr Befragen, Heidenbrunn von Schritten eines Herrn Kollmann -beim Prinzen so wenig als von einer Frau dieses Namens wußte, ward -sie ruhiger, hielt es jedoch für angemessener, das streitige<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span> Terrain -zu occupiren. Sie kannte den Karakter des Prinzen hinlänglich, um zu -wissen, daß er unter dem ersten Reize eines glücklichen Verhältnisses -unzugänglich für andere Eindrücke sei, und beschloß ihm so viel -Hoffnung zu geben als möglich, wenn noch welche übrig bleiben <span class="nowrap">sollte. —</span></p> - -<p>— — Der Himmel bescheerte dem Prinzen einen umwölkten Abend, — -der erst spät einer hellen Mondnacht wich — als Hintergrund seiner -Illuminazion. Der Chef der Gaskompagnie wüßte vielleicht zu sagen, -wie viele Tausende von Flämmchen die Form der Villa in feurigen -Linien auf den Grund des Waldes zeichneten. Weder Jemand von der -Gesellschaft noch der Prinz hat sie gezählt, sondern Letzterer nur -bezahlt, und wenn man das Spalier der Pechpfannen von der Stadt bis -auf den Berg, die Girandolen auf dem Vorplatze, das bengalische Feuer -auf der Kuppel und die alle fünf Minuten nach dem Himmel fahrenden -Büschel von farbigen Raketen dazu rechnet, so läßt sich annehmen, daß -dieser Versuch, die Nacht bei Tageslicht anzuschauen, allein so viele -Mittel in Anspruch nahm, als die Verwandlung von einem Paar Hundert -kalter und finsterer Stuben in warme und helle für die ganze Dauer -des Winters. — — Eine nördliche Reflexion! — den tropisch heißen -Empfindun<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span>gen gegenüber, mit welchen die Munizipalität mit Frauen und -Töchtern den Berg hinanrollte, größtentheils in viersitzigen Wägen in -der gewöhnlichen, durch Verspätung und Angst des Kleiderzerdrückens -erzeugten Familienverstimmung. — Kühler fuhren die Damen der -höchsten Gesellschaft dahin, einzeln oder zu zweien — es war ja eine -Konzession, welche die geschmückten Opfer mit lächelnder Resignazion -der Lieblingsmarotte des Prinzen brachten. Am kühlsten die alten -Militärs, welche berechneten, wie viele Stunden sie im Glühofen dieses -Feenpalastes mit loyaler Freudigkeit dorren <span class="nowrap">mußten. —</span></p> - -<p>In eigentlich froher behaglicher Stimmung kamen nur die Frauen der -<span class="antiqua">haute finance</span>; wir werden hören warum.</p> - -<p>Mit welcher Empfindung aber auch Jeder gekommen sein mochte — wenige -Minuten nachdem er durch die Blumenpforte des Vestibule getreten, wurde -er von jener erfaßt, welche sich gleich in der ersten Stunde, nachdem -sich die Geladenen versammelt, Bahn gebrochen hatte.</p> - -<p>Es gibt Gesellschaften, die einem ummauerten Teiche gleichen mit einem -langweiligen Triton in der Mitte, und schief im Wasser stehenden, -glotzenden Goldfischen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span></p> - -<p>Andere — seltene, glückliche! — mahnen an eine frische Quelle, die -durch Felsen schlüpft und in welcher sich die Forellen jagen.</p> - -<p>Die Goldfische in den steifen Uniformen wußten Anfangs nicht, wie ihnen -geschah, als sie in das gewohnte schwüle stehende Wasser zu fallen -meinten, und von einer wirbelnden Flut gefaßt wurden, die sie fortriß.</p> - -<p>Nicht einmal die Polonaise — (armes Heldenvolk, das seinen Namen zu -dem getanzten Tarok hergeben mußte!) — nicht einmal <em class="gesperrt">diese</em> -hatte <em class="gesperrt">begonnen</em>. — Statt der geometrischen Promenade flogen -in der ersten Viertelstunde die glänzenden Roben im Walzer dahin, — -lösten sich wehende Locken von den warmblühenden Stirnen, — und mit -den feurigen Klängen der Musik mischte sich frohes Lachen und die -Fülle von hundert reizenden Stimmen bis herab zum süßen südlichen -<span class="antiqua">contre-Alt</span> — der wahren <span class="antiqua">viole d’amour</span> der weiblichen -Brust — und durchtönte die Blumengrotten, den Marmorsaal und alle die -hohen strahlenden Räume.... Schaudernd entflohen war die langweilige -Matrone Etikette, als fürchtete sie einen Orangenhagel von den Kobolden -des neckenden Frohsinns!</p> - -<p>Und wer hat sie verscheucht? wem dankt der<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> Gebieter dieser Räume, daß -sie heute nicht der dürre Samum des Ceremoniells durchweht?</p> - -<p>Eine Verschwörung hatte die Matrone gestürzt.</p> - -<p>Die Frauen hatten gesagt, so soll es sein, und sie setzen ihren Willen -sicherer durch, als die am Anfange dieses Kapitels singenden vierzig -Millionen.</p> - -<p>Eine große Zahl der schönen, jungen, geistreichen, lebhaften Frauen des -reichen und gebildeten Mittelstandes der Hafenstadt hatten beschlossen, -dem liebenswürdigen Herrn der Villa zu zeigen, was <em class="gesperrt">sie</em> -der Gesellschaft zu bieten vermochten, und den vollen Reiz der -<em class="gesperrt">ungezwungensten Heiterkeit</em> gegen den <em class="gesperrt">spanisch</em>-exclusiven -Ennui ins Feld zu führen!</p> - -<p>Sie umringten den Prinzen, es fiel wie ein Regen von Wortblumen auf -ihn — ein reizendes Impromptu folgte dem andern — sie bestimmten -die Ordnung der Tänze ohne nach einem Obersthofmeister zu fragen, -— verflochten während des Tanzes den Prinzen, der so leicht zu -verflechten war — und während der Ruhe die alten Kammerherren und -Generäle in jene raschen, witzsprühenden, zündenden Gespräche, welche -einmal die Damen des <span class="antiqua">pur-sang</span> für ihr Monopol hielten, und -kümmerten sich um diese letzteren so gar nicht, und wenn’s möglich -wäre, noch weniger als gar nicht!, bis endlich Alles belebt und -durchglüht war — — mit Ausnahme einiger ver<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span>knöcherter Repräsentanten -eines, dem Himmel sei Dank, täglich tiefer ins Meer der Lächerlichkeit -versinkenden <span class="nowrap">Prinzipes. —</span></p> - -<p>— Es war der glänzendste Sieg der Grazie über die freudeversteinernde -Medusa des Ceremoniells!</p> - -<p>Der Prinz, nicht ohne Geist, begriff den Sinn der Demonstrazion — der -einen Seite derselben, der freundlichen, seiner Person dargebrachten -Huldigung, freute er sich laut, und ging in den Ton vollkommen ein, — -der andern, der <span class="antiqua">arrière-pensée</span>, die gegen eine gewisse Koterie -gerichtet war, freute er sich <em class="gesperrt">still</em>. — Er dankte Gott, daß der -Ueberraschungsbesuch des gekrönten Vetters noch nicht in den Jubel des -<em class="gesperrt">heutigen</em> Abends hineingefallen!</p> - -<p>Der Wind, der heute in diesen Sälen wehte, hatte den Friedenstraktat -zwischen ihm und der noch immer nicht erschienenen Klotilde insofern -zerrissen, als von verabredeten gnädigen Worten und Erwiederungen keine -Rede sein konnte: die Vorstellungen mit Frage und Antwort, Verbeugung, -Zurücktreten und einem Andern Platzmachen, waren gar nicht zur -Ausführung gekommen. Der Prinz war bald mitten im Gedränge, mit vielen -zugleich sprechend, bald saß er in einer Blumennische — mit einer -Feuernelke oder blaßrothen Camellie — die Frauen spra<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span>chen ihn an, -ohne von der Hand der Gouverneurin vorgeführt zu sein — und die Männer -hatten hinlänglichen Takt, um die fröhliche Razzia über die sonstigen -abgesteckten Grenzen hinaus auf eine Weise mitzumachen, welche die -Exklusiven am meisten ärgerte, die immer auf ein störendes, plumpes -<em class="gesperrt">Zuviel</em> hofften, und immer vergebens!</p> - -<p>Auch der alte Franchini hatte seinen Moment ersehen, Arnold dem Prinzen -vorzustellen. Dieser sprach von dem Glück, das ihm morgen bevorstehe -(der Audienz) und von dem noch größeren heutigen, und bedauerte, -fast der einzige Vertreter der Residenzbewohner zu sein, welche in -dem Prinzen die eigentliche Stütze der vaterländischen <em class="gesperrt">Kunst</em> -anbeteten, und welche ein einziger Gang durch die Villa überzeugen -würde, wie jeder seiner schönen Gedanken auch zur That <span class="nowrap">werde. —</span></p> - -<p>„Machen Sie schnell diesen Gang mit mir, sagte der Prinz rasch und -freundlich, und erzählen Sie zu Hause; ich sehe daß Sie Kenner sind!“ -und damit verließ er seinen Platz und durchschritt mit Korbach mehrere -Säle, in jedem mit einigen Worten die Idee bezeichnend, die ihn -geleitet.</p> - -<p>Als sie in der letzten Piece, zunächst dem Eingange anlangten, traten -die letzten Angekommenen<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> der ganzen Gesellschaft — Klotilde und ihre -Begleiterin, ein.</p> - -<p>„Es hat mich sehr gefreut Sie kennen zu lernen,“ sagte der Prinz zu -Arnold, das „sehr“ so laut und freundlich betonend, daß es Klotilde und -die übrigen Anwesenden vernahmen.</p> - -<p>Arnold zog sich nun zurück, und der Prinz sprach die Ersehnte und so -unerwartet Wiedergefundene an, und machte mit ihr den ganzen Weg zurück -nach dem Platze, wo er heute schon manches reizende Gespräch geführt. -Das jetzige währte ungefähr so lange als drei der früheren.</p> - -<p>Als es, augenscheinlich zur vollen gegenseitigen Zufriedenheit, -endigte, trat der Prinz unter eine Herrengruppe, Klotilde aber ließ -ihre Blicke durch die Säle schweifen, bis sie Arnold fand, den sie ohne -Weiteres ansprach, von dem Zusammentreffen im Freinhof ausgehend.</p> - -<p>Endlich ein Laut von <em class="gesperrt">dorther</em>! ein Gespräch über <em class="gesperrt">sie</em>! und -eines, in welches sich nicht der ekelhafte Konkurrenzgedanke mischte... -ein Gespräch über Julie, ohne daß die Firma Kollmann mitklang.</p> - -<p>Er vernahm zwar nichts, was seinen Durst stillen konnte, — Klotilde -war selbst seit der Zeit nicht dort gewesen — aber ihre Erscheinung -wurde für den Augenblick zu einer angenehmen für ihn.<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> Sie sprach ruhig -und in berechnet liebenswürdiger Weise. Der Prinz war gegen Arnold -äußerst gnädig gewesen: Motiv genug. — Während der Prior von Sankt -Martin über den Prälatenstuhl weg nach dem Kardinalshut hinaufsah, -dachte Klotilde, praktischer, über die Villa des Prinzen hinaus an -eine Zeit, wo ihr jede freundliche Verbindung in einer tiefern Region -erwünscht sein könnte. Ueberdies hatte die Persönlichkeit Arnold’s ihre -Wirkung auch auf sie nicht verfehlt. Die Unterhaltung war lang und -lebhaft. — Klotilde brach sie plötzlich mit einem „auf Wiedersehen!“ -ab, und verschwand im Gedränge.</p> - -<p>Leider schien dem Prinzen kein ganz ungestörter Genuß des Festes -vergönnt zu sein. Mitten in einem angelegentlichen Gespräche wurde er -durch Baron Heidenbrunn unterbrochen, welcher den Saal mit einem großen -versiegelten Schreiben durchschritt, das er dem Prinzen überreichte. -Dieser riß es mit offizieller Miene auf, rief dem Adjutanten zu: „Ich -spreche den Kurier selbst!“ und verließ die Gesellschaft mit der -Versicherung seiner baldigsten <span class="nowrap">Rückkehr. —</span></p> - -<p>Der Adjutant hatte nach dem Gange des Prinzen mit Arnold einige Worte -an Letzteren gerichtet, welche dieser artig und kühl erwiederte. Mit -Plom<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span>berg war es bei einem steifen Gruße geblieben. — Die beiden -Offiziere hatten eine kurze Unterredung mit einander, in welcher -Heidenbrunn erklärte, er habe keine Gelegenheit finden können, den -vertraulichen Auftrag an den Prinzen zu vollziehen, und finde sich -unter den jetzigen Konstellazionen wenig bewogen, gegen Korbach zu -operiren. Plomberg, welcher sich nur Greuth gegenüber gedeckt wünschte, -verlangte Nichts als das Versprechen der Bestätigung, daß er seine -Sendung <span class="nowrap">vollzogen. —</span></p> - -<p>Und somit wehten Arnold’s Fahnen hoch im Winde!</p> - -<p>Es waren Vortheile errungen, Gefahren abgewendet, und der Zweck des -Balles für ihn erreicht. Er gedachte denselben zu verlassen, nachdem -er sich noch mit Franchini unterredet, welcher ihm Glück wünschte. Das -Gespräch verlängerte sich durch hinzutretende Bekannte.</p> - -<p>Als er sich von dem Bankier trennte und umwendete, legte sich eine -Hand auf seinen Arm und Klotilde, mit der griechischen Dame, stand vor -ihm. „Sie scheinen zu denken wie wir, sagte sie, daß man die Spielbank -verlassen soll, wenn man gewonnen, und nicht das Glück mit zu langem -<span class="antiqua">quitte ou double</span> ermüden! Wir fahren nach Hause, und Sie, lieber -Korbach, werden uns um so gewisser das Vergnü<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span>gen machen, uns zu -begleiten, da Sie in demselben Hotel wohnen!“</p> - -<p>Es ließ sich wohl schwer ein Refüs finden, und Arnold dachte auch an -keinen.</p> - -<p>Das Fest hatte früh begonnen und es war nicht viel über die -Mitternachtsstunde, als der Wagen mit den beiden Frauen und Korbach die -Bergstraße hinabrollte, von den Klängen des Balles, die weit in die -Nacht hinaustönten, <span class="nowrap">begleitet. —</span></p> - -<p>Es war eine taghelle Mondnacht. Hie und da standen auf den Plätzen -einzelne Menschen und Gruppen und sahen nach den vor dem Licht der -Silberflut verlöschenden Flämmchen und blauen Feuern auf der Höhe. -Nicht ein Wölkchen am weiten Himmel, so weit das Auge reichte. Alles -klar und durchsichtig.</p> - -<p>Die Frau des griechischen Kapitäns wohnte am Quai, einige Hundert -Schritte vom Hotel. Sie stieg bei ihrem Hause ab, Klotilde gleichfalls. -Letztere schickte den Wagen weg, sagte der Begleiterin Lebewohl und -legte ihren Arm in jenen Arnold’s.</p> - -<p>In wenigen Minuten war der Weg bis zum Hotel zurückgelegt. Klotilde -war befangen, verwirrt und stumm, ohne daß Arnold einen Grund errathen -konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span></p> - -<p>Als sie in das Thor traten, sagte sie: „Wenn Sie in der <span class="antiqua">Contrada -grande</span>, statt auf mich, auf einen Balkon hinaufgesehen hätten, -würden Sie in der Dame, die Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht -sah und dann zurücktrat, Julie Kollmann erkannt haben. Ich hatte -aber meine Gründe, keine Erkennungsszene, auf den Balkon hinauf, zu -spielen.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Eine_bewegte_Nacht"><em class="gesperrt">Eine -bewegte Nacht</em>.</h2> - -</div> - -<p>Der alte Lügenfürst mit seinen hundert Namen von Luzifer bis -auf Mefisto, ein Paar gläubige Jahrhunderte hindurch so zu -sagen ins Privatleben zurückgedrängt, hat sich wieder der -großen Weltbegebenheiten bemächtigt und treibt Politik und -Regierungsgeschäfte. — Er ist zu sehr in Anspruch genommen durch die -Gesammtlage Europa’s, zu entzückt über die loyale Ergebenheit eines -Herrschers, welcher ihm die <span class="antiqua">gloire</span> einer großen Nazion als -Rauchopfer darbringt auf dem Scheiterhaufen, den er aus den übrigen -aufgebaut, — über die allgemeine Erbärmlichkeit, das allseitige -Hinhalten der rechten Wange, nachdem man keinen Schlag auf die linke -bekommen, als daß er sich mit Kleinem befassen könnte.</p> - -<p>In seinen schlechten Zeiten, — als ihn Luthers Tintenfaß und römische -Bullen in die Enge trieben, — als er von gott- und ehrliebenden -Fürsten aus den Palästen, von frommen Bürgern und<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> Bauern aus den -Häusern und Hütten geworfen wurde, irrte er, des Einflusses auf den -Gang der Ereignisse beraubt, wie ein Vertriebener Legitimist umher, -— von der Rolle eines Staatsanwalts zu der eines Winkelschreibers -herabgesunken, und befaßte sich mit Privatgeschäften der Individuen.</p> - -<p>Dem Herabgekommenen mochte ein vom Thurm gestürzter Anton Pilgram -Violinlekzionen bei Tartini, — ein blutunterzeichneter Kontrakt -mit Faust — bei welchem er zuletzt noch betrogen war, — die Zeit -vertreiben. Jetzt aber ist das Verderben einzelner Seelen, das -Zerstören einzelnen Glückes für ihn überwundener Standpunkt.</p> - -<p>Doch mag es Stunden geben, wo er, die Diplomatie mit Beruhigung sich -selbst überlassend, heruntersteigt vom europäischen Thron und zur -Erholung wie Harun al Raschid umherwandelt, im Inkognito, umschauend -nach irgend einem herzlabenden Jammer.</p> - -<p>Und so konnte er denn eine wahrhaft teufelsselige Stunde verleben, wenn -er, im Mondschatten an die Wand gelehnt, hinaufgesehen nach dem Balkon -in der <span class="antiqua">Contrada grande</span>, — gesehen was Alles aus dem sanften -Mondlicht werden kann, wenn es nur zur rechten Minute zwei heitere -Gesichter und blonde Haare beleuchtet! — — wie ein Moment kühles -Silber in glühenden Stahl verwandelt!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span></p> - -<p>— — Tief und heiß traf der Stich in die ahnungslose Brust. Nicht -das dünnste Schild eines Zweifels, einer Besorgniß, hatte Julie -vorbereitend beschützt.</p> - -<p>Wohl hatte sie Arnold nicht ein „Steinchen zum Bau des Feenschlosses -einer Gegenliebe“ gereicht, — aber dafür ihr eigenes aufgebaut. — -Vielleicht höher und fester als das seine.</p> - -<p>Eine einzige laue Sommernacht erschließt die Aloënblüthe. — Ein Herz -wie Julien’s kannte keine Uebergänge vom Dunkel durch Dämmerschein und -Morgengrau zum hellen Sonnentag. „Was ist denn — hatte sie zu Sembrick -gesagt — was ist denn an mir, was nicht Eingebung des Momentes wäre? -— eine Stunde lang hab’ ich Arnold gesehen — fühlen Sie denn nicht, -daß ich diesen Augen vertrauen <em class="gesperrt">mußte</em>?“ — Nur von Sembrick hätte -es abgehangen, <em class="gesperrt">ausgesprochen</em> zu hören, was er von dem Augenblick -an wußte, wo er den Brief durch Arnold empfangen.</p> - -<p>Wenn man versucht werden könnte, da zu vergleichen, wo der Vergleich -nur auf Gegensätze trifft, so läge der schreiendste zwischen ihr und -Klotilde darin, daß an dieser Alles berechnet und besonnen war, — an -Julie Alles unberechnet, — und unbesonnen in dem Sinne, wie die Aloë, -der wir sie<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span> verglichen, sich nicht besinnt, aufzubrechen, wenn ihre -Stunde <span class="nowrap">gekommen. —</span></p> - -<p>Sie war gekommen: ihr erster Schlag hatte durch den Goldnebel -geklungen, mit ihrem letzten hatte ihre Hand in seiner geruht, — und -als Arnold mit seinem Klarheit suchenden Wesen im Fremdenflügel am -Fenster stand und sich <em class="gesperrt">Fragen</em> stellte, hatte Julie an keine -Fragen an ihr Herz gedacht es war nur Eine Antwort, — ein lautes, -freudiges Ja!</p> - -<p><em class="gesperrt">Wie</em> in den klangreichen, leichtbewegten Saiten ihres Herzens -der Laut der Liebe, den so Viele zu erwecken sich mühten, schlummern -konnte, bis ihr Engel sie Arnold entgegenführte, mag eines jener -Räthsel sein, deren Lösung sich der Meister, der das Saitenspiel der -Menschenbrust geschaffen, — vorbehalten hat.</p> - -<p>Jeder Huldigung hatten sie entgegengeklungen: mit ernsten Akkorden dem -ernsten Wort, womit ein tiefes Gefühl sich gegen sie aussprach, — mit -fröhlichen, leichten Melodien dem alltäglichen Liebesgetändel, — aber -nur jener Eine Ton war nie erwacht, den Jeder zu hören sich sehnte.</p> - -<p>Sie lauschte mit stockendem Athem der Erzählung des Reisenden, der die -Urwälder Südamerika’s durchdrungen und in ihrem Boudoir den Teppich<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span> -aus dem Fell des erlegten Tigers ausbreitete; — dem Gemälde der -Schlacht, in welcher ein Medaillon das Herz eines Tapferen vor der -Kugel beschützte, der für den Talisman um eine Stelle auf ihrer Etagere -bat; — der Elegie des Künstlers, der entzückt war, mit ihrem Namen -das Werk zu schmücken, zu dem sie ihn begeistert: der Teppich, — das -Medaillon, — das Tonstück bewegten ihre Fantasie, beherrschten Stunden -und Tage lang ihre Gedanken, aber das Herz blieb ruhig bei allen, oft -großen und gewaltigen Eindrücken und Erscheinungen.</p> - -<p class="mbot2">— — Und nachdem all die gefeierten Namen geklungen und Orden geglänzt -und Lorbeern gegrünt — kam <em class="gesperrt">er</em> im Schiffchen heran, in der -grauen Jacke, im grünen Hut — und der Harfe in ihrer Brust entflog, -von der <em class="gesperrt">rechten</em> Hand berührt, der himmlische Dreiklang: ich -liebe dich!</p> - -<p>Der nervöse Wechsel von Fröhlichkeit und Verzweiflung wich einem -stillen Glücke, das ruhigem Schmerz die Hand reichte, die ihre innere -Welt beherrschend in einander übergingen wie Nacht und Tag, nicht -einander zischend bekämpften wie Wasser und Flamme.</p> - -<p>Einem furchtbaren, großen, tragischen Geschicke gegenüberstehend, -wo die Welt nur eine unglückliche<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> Ehe sah, — einem Verhängnisse, -das sie fast willenlos in die Hände eines Gehaßten gab, aus dessen -Gewalt keines jener Mittel sie befreien konnte, welche göttliche und -menschliche Gesetze Andern zur Lösung unseliger Bande darbieten, — -hatte die Hoffnung in ihrem Herzen die Gestalt eines fantastischen -Wunderglaubens angenommen.</p> - -<p>Edmund von Sembrick war die erste Erscheinung, welche diesem Glauben -eine bestimmte Richtung gab.</p> - -<p>Der Moment wo sie ihn kennen lernte, in einer rettenden kühnen That, — -seine Erscheinung, die so gewaltig abstach gegen die konvenzionellen -Gestalten, welche sie bisher umringten, — die unwillkürliche Mahnung -an den Gedanken der Erlösung, die in seinen Zügen lag, — das wilde -Feuer der Energie, das manchmal in seinen Augen aufloderte, der Funke -des Geistes, der nie in ihnen erlosch: Alles hatte sich vereinigt, um -den Blick der Alleinstehenden, Hülfesuchenden auf ihn zu lenken. — Der -Schnee, der den Vulkan deckte, war ihr nur ein Zeichen seiner Höhe, -die Kälte, ja Härte, welche nur selten einem weichen Momente wich, ein -Beweis einer Kraft, die da einen Ausweg öffnen konnte, wo <em class="gesperrt">sie</em> -keinen sah.</p> - -<p>Sie war entschlossen, ihm Alles zu vertrauen. Da gewahrte sie das -plötzliche Schmelzen des Schnee’s. Wie die Minerva in voller Größe -gewaffnet aus<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span> Jupiter’s Haupte sprang, stand seine Liebe in ihrer -ganzen Glut und Kraft vor ihr.</p> - -<p>Aber nicht schneller hatte das Auge des Weibes sie erkannt, als — -Kollmann. Dieser, der über Sembrick’s Karakter im Reinen zu sein -glaubte, und ihn an Julie gefesselt sah, weihte ihn selbst in Alles -ein. — Edmund trat mit dem Bekenntniß seiner Liebe, und zugleich in -voller Kenntniß dessen vor sie hin, was sie ihm mittheilen wollte, — -aber auch mit dem Eingeständnisse, daß es gegen Kollmann’s Waffen ein -einziges Mittel gebe, dessen Ausführung, gewaltsam und abenteuerlich, -von der Zeit und der Ueberwindung von tausend materiellen Hindernissen -abhänge.</p> - -<p>Die vorhergegangene Unterredung der beiden Männer hatte damit geendigt, -daß Sembrick die Ueberzeugung von der tiefen Schlechtigkeit Kollmann’s -mitnahm, welcher dieß wohl wußte, aber sich kalt und ruhig freute, ihn -durch die Mitwissenschaft an sich gebunden zu sehen, wenigstens so -lange ihm Julien’s Glück theuer war, das hieß, für immer, wenn auch -seine Liebe oder Leidenschaft nicht ewig währen sollte. Der Erwiederung -derselben von Julien’s Seite hätte er ruhig zugesehen.</p> - -<p>Es kam aber anders.</p> - -<p>Sembrick hatte nicht als der Erlöser gesprochen,<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span> den sie gedacht. -— Er wollte sie durch eine Hölle tragen, ein Leben und Freiheit -gefährdendes Unternehmen für sie ausführen, — — aber am rettenden -Ufer angelangt, war ihr Herz das Ziel, auf welches er hinblickte.</p> - -<p>Sie sprach offen und wahr mit ihm, entschlossen, ihm keine Täuschung -und keine Hoffnung zu lassen. Er gab sie nicht auf, eben so wenig als -den Vorsatz, ganz so für sie zu handeln, wie er mit der Gewißheit des -schönsten Lohnes gethan hätte.</p> - -<p>Julie hatte den jugendlichen oder besser kindischen Traum einer -„Freundschaft“ gehegt, — diese gerade darum für möglich gehalten, -weil der ganze Kreis, der sie umgab, des Gedankens einer Freundschaft -zwischen einem Manne und einer reizenden Frau nur mit höhnischem Lachen -oder Lächeln erwähnte. Was diese für unmöglich hielten, sollte sich in -Edmund verwirklichen.</p> - -<p>Nun war der „Wunderglaube“ erschüttert, — der Befreier des Landes -streckte zugleich die Hand nach der Krone desselben aus: ihr Herz hatte -geschwiegen.</p> - -<p>Hätte dieses gesprochen, — sie würde ihn wenigstens gefragt haben, -welchen Gefahren er entgegengehe. Wie bange schlug es, als er sagte: -Wenn Sie Korbach Alles mittheilen, so ist er gebun<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span>den wie ich, geräth -in den Kampf zweier Pflichten! — <em class="gesperrt">Da</em> erst mochte sie fühlen, -daß sie vom <em class="gesperrt">Freunde</em> nimmermehr erwarten solle, am wenigsten -verlangen dürfe, daß er Etwas für sie unternehme, woran sie den, den -sie liebte, nicht einmal durch Mitwissen betheiligt sehen wollte. Ohne -irgend einen Begriff von Sembrick’s Plane, nur seiner hingeworfenen -Worte gedenkend: „Noch Eine treue, verläßliche Hand!“ hatte sie Arnold -gesendet. Nach dem Gespräche mit dem Baron war sie entschlossen, Jenem -zu schreiben, ihn nach dem Freinhof zu bitten, ihre Fragen, Alles zu -widerrufen, kurz um jeden Preis, auf die Gefahr hin, unbesonnen vor ihm -zu erscheinen, ihn von jedem weitern Schritte und einer Annäherung an -Sembrick abzuhalten.</p> - -<p>Dieselbe Bitte, Nichts für sie zu thun, und sie der Vorsehung allein zu -überlassen, wollte sie auch an Edmund richten. Von dem <em class="gesperrt">Freunde</em> -in ihrem Sinne konnte sie ein Opfer annehmen, sie fühlte aber nach -seinem Weggehen, daß er im Herzen fordere, und sie hatte nichts zu -bieten.</p> - -<p>Während sie seine versprochene Rückkehr von der Reise nach dem Orte, wo -das ganze Geheimniß ihres Lebens ruht, erwartete, führte Kollmann sie -plötzlich vom Freinhofe fort: Sembrick traf diesen bereits verlassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span></p> - -<p>Wohl war der „Wunderglaube“ mit Arnold einen Augenblick erwacht: -Edmund gegenüber erschien er ihr wie der königliche Hirtenjüngling -mit der Schleuder, der den Goliath schlug, welchem die gerüsteten -Krieger erlagen. Allein der Gedanke, ihn, statt mit den Blumengewinden -ihrer Liebe, mit den Dornen ihres Geschickes zu umflechten, war ihr -unerträglich geworden. Keine Frage, <em class="gesperrt">wohin</em> die Wellen tragen, -sollte das Entzücken der Gegenwart trüben.</p> - -<p>Sie streckte die schöne Hand nicht aus nach dem Schleier der Zukunft! -Der Gedanke, wohin <em class="gesperrt">soll</em> es führen, fand nicht Raum neben dem -Schatze von süßen Empfindungen, zu denen es <em class="gesperrt">geführt</em>. Bei Julie -war nur Eines gewiß, wohin es <em class="gesperrt">nicht</em> führen konnte: nie zu einem -Treubruch gegen sich selbst! Wenn wir die kühne Behauptung aufstellen, -daß der Paradiesvogel dieser Liebe über die Mauern der Pflicht gegen -Kollmann wegfliegen durfte, so wagen wir sie auf den Umstand hin, -daß auch wir einen Schleier zu lüften haben, aber nicht der Zukunft, -sondern der Vergangenheit.</p> - -<p>So unausgleichbar, anscheinend, der Widerspruch, — sagen wir, daß -Julie trotz der Bande, die sie an Kollmann fesseln, wenn sie <em class="gesperrt">von -Arnold’s Arm umschlungen</em> in den Seespiegel blicken würde, ihr Bild -so rein herauflächeln sähe, als das Edel<span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span>weiß, womit er ihre Brust -schmückt... Es war dieß ihr Traum gewesen, als sie am Morgen nach -seiner Ankunft <span class="nowrap">entschlummerte. —</span></p> - -<p>Er trat auch jetzt vor ihre Seele, als sie, die <span class="antiqua">Contrada grande</span> -hinab, nach der weißglänzenden Meeresfläche blickte. Die erfrischende -Nachtluft kühlte wohlthätig die heiße Stirn. Sie strich die Locken -zurück, ließ sie spielend durch die Hand gleiten und freute sich der -Erinnerung, wie er dieselben betrachtet, wie in den ruhigen Augen ein -heller Funke aufgezuckt bei ihrer Berührung. — — Hatte sie doch -einmal ein Buch zur Seite geworfen bei der Stelle, wo die Liebende -spricht: Wie arm fühl’ ich mich gegen dich! „So bleibe arm, du enges -Herz —! hatte sie ausgerufen — wenn du liebend dich nicht reich genug -fühlst, um deiner Dürftigkeit zu vergessen!“ — — Sie fühlte sich -reich, dreifach wiederzugeben, was sie an Seligkeit empfing; freute -sich jedes ihrer Reize als einer Gottesgabe für den Geliebten.</p> - -<p>Sie drückte die Hände auf die Augen: so reizend das Nachtbild, — ein -wonnevolleres stand vor ihrem Sinne. — Still lächelnd schaute sie es -an, — jeder Athemzug ein Gebet um Wiedersehen! jeder Gedanke ein Kuß!</p> - -<p>Und als sie die Hände wieder von den Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span> nahm — — wo war da -der Schutzgeist ihres Friedens, daß er sie nicht mit seinem Fittig -bedeckte!?</p> - -<p>— — Gegenüber lachte der Satan im Mondschatten. Das Wiedersehen war -erreicht: die <span class="antiqua">mise en scène</span> war ihm gelungen.</p> - -<p>Die nächste Minute hat Klotilde bereits erzählt: — „die Dame, die -Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht sah, und dann zurücktrat“ -— — sie wankte durch den Salon, am Spiegel vorüber, der ihre Reize -zurückwarf, für welche sie dem Schöpfer um des Geliebten willen -gedankt hatte, — zusammengebrochen, halb bewußtlos. Wie nahe auch -die Möglichkeit lag, den Giftpfeil in ein unschädliches Spielzeug des -Zufalls zu verwandeln: sie hatte nicht die Kraft eine Lösung zu suchen.</p> - -<p>Mitleidig lächelnd harrte ihr Genius des Augenblickes, wo sie die -beiden Trostgeber aus seiner Hand empfangen könne: Thränen und Gebet. -Es währte lange, ehe die ersten Tropfen aus den brennenden Augen -drangen, und den Krampf der Nerven, jenen der Seele lösten — — dann -strömten sie hin, und mit ihnen eines jener Gebete, die so selten -vergebens aus der Erdennacht emporsteigen. Sie werden erhört, — und -das letzte flehende Wort aus der Tiefe des Herzens klingt zusammen mit -einem: „Es werde Licht“ von Oben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span></p> - -<p>Nach einer Stunde solchen Sturmes mußte das Schiff des Glaubens -gescheitert und versunken sein, — oder gelandet am grünen Gestade.</p> - -<p>Sie hatte lange am Fenster gekniet; — nun stand sie auf — die -Hände hoch über dem Haupte gefaltet und sagte, noch durch Thränen -lächelnd: „Es ist ja nicht möglich, und darum <em class="gesperrt">ist’s</em> nicht! — -Arnold und Klotilde! Vergib mir, Allgütiger! daß ich dich bat mir -wiederzuschenken, was du mir nie genommen!“</p> - -<p>Festen und leichten Schrittes ging sie einige Male auf und nieder, -— ließ Licht bringen und schrieb. — Nun hat sie geendet, und sich -zur Ruhe gelegt — und leise, — leise — wie Rehe, vom Wetterstrahl -verscheucht, heranschleichen zum gewohnten Spielplatz — kamen die -entflohenen Träume wieder — und als sie die Augen geschlossen, -lächelte der Mund, als spielten, wie man von Kindern sagt, die Engel -mit der Schlummernden.</p> - -<p class="s3 center mtop1 mbot1">*           *<br /> -*</p> - -<p>Kurz war die Freude des Teufels.</p> - -<p>Einen längeren und nachhaltigeren Genuß hätte er haben können, wäre er -der kleinen Barke gefolgt, welche am Anfange der Nacht, fast zur Stunde -wo das Fest begann, vom Lande stieß, den Hafen durch<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span>schnitt und einer -am Ausgange desselben geankerten Dampfkorvette zusteuerte.</p> - -<p>Letztere, unter englischer Flagge segelnd, ist am Morgen von Malta -angekommen, der Kapitän hat sich mit einem Begleiter ans Land begeben -— daselbst den Auftrag, dessen Erfüllung wir nun zusehen werden, -bestellt, und ist wieder an Bord zurückgekehrt. — Abends entsendete -er einen Matrosen mit dem erwähnten Bote nach dem Quai, wo Kollmann -dasselbe erwartet.</p> - -<p>Es nähert sich der Korvette, auf deren Vordertheil der Name Aegina zu -lesen: am Bord ist Alles still und wach — der Kapitän überblickt mit -scharfem Auge Nähe und Ferne.</p> - -<p>Er hat sich für die Sicherheit zweier Passagiere, die er führt, einem -Manne verbürgt, welcher, auf der Höhe der Gesellschaft der stolzesten -Nazion stehend, es in seinem und seines Landes Interesse findet, seinem -aristokratischen Staatswagen die wilde Jagd der gesammten europäischen -Demokratie vorzuspannen. — Die Steine, welche während seines langen -Lebens aus allen Kabineten und sonstigen Werkstätten des konservativen -Prinzipes auf ihn geschleudert wurden, könnten hinreichen, um einen -Damm von seinem Vaterlande nach dem Kontinent aufzuführen. — Man -erwies ihm in einer Residenz<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span> — (tausend Meilen von unserer entfernt) -einmal die Ehre, seinen Rücktritt durch ein eigenes Plakat der -Bevölkerung anzuzeigen, als ein Ereigniß, durch welches die bedrohte -Zukunft eines großen Staates gerettet worden, und wir erinnern uns -wohl der Indignazion der Einwohner über diese Huldigung. In seinem -Lande wird aber sein Name als der Tipus des populärsten, des eigentlich -nazionalen Ministers fortleben, und bei jedem Sturze von der Höhe der -Ministerbank ist er nur in die offenen Arme des Volkes gefallen, das -er mit seinen Tugenden und Schwächen begreift wie Keiner, und das ihn -dafür in sein Herzblut aufgenommen.</p> - -<p>Der Kapitän der Aegina, welche schon manche Reise, mit politischer -Contrebande befrachtet, glücklich zurückgelegt, genießt das Vertrauen -des Lords, den wir nicht zu nennen brauchen, und welcher ihm Wangerode, -den deutschen Demokraten, mit welchem Kollmann auf seiner Reise vor -drei Jahren zusammengetroffen, <em class="gesperrt">empfohlen</em>, einen Zweiten aber, -den wir bald kennen lernen, aufs Wärmste ans <em class="gesperrt">Herz gelegt</em>.</p> - -<p>Wangerode gehörte zu den Schiffsgütern, welche in allen deutschen, -monarchisches Gebiet bespülenden Gewässern mit Beschlag belegt werden. -Er war Keiner von denen „welche im Momente der Gefahr<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span> ihre Pflicht -nach einem anderen Punkte ruft“ — meist nach den Bahnhöfen, und die -das undankbare Vaterland nicht mit eroberten Fahnen, sondern mit -gestohlnen Kriegskassen verlassen. Er hatte als achtzehnjähriger -Jüngling auf den Barrikaden gefochten, unter den „von Zukunftdranges -Sturm am Weitesten Getragenen“. Ein altes Schwert, das bei Einnahme -des Zeughauses in seine Hände gefallen, hatte vielleicht seit zwei -Jahrhunderten zum ersten Male wieder Blut getrunken, edles Blut, mit -welchem nun sein Name im Schuldbuche eingeschrieben stand für immer -und ewig. Wie viele Hunderte geächteter Namen auch durch das Sieb der -verschiedenen Amnestien gegangen, für den seinigen waren die Löcher zu -eng.</p> - -<p>Wer aber einmal sein Leben eingesetzt für seine Gesinnung, der bleibt -von der Feuertaufe gestählt für immer. — Als Wangerode den Kugeln -gegenüberstand, hatte er nicht für eine Ueberzeugung geblutet, sondern -für ein Gefühl, einen Enthusiasmus! Das ist ja das göttlich Schöne der -Jugend, daß sie für ein Wort in den Tod geht, ohne nach dem Begriffe zu -fragen!</p> - -<p>Mit den Jahren hatte sich das Gefühl zur Ueberzeugung ausgebildet. Er -war aber durch die Reife nicht besser geworden. — Das Ziel seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span> -jugendlichen Schwärmerei war: allgemeine deutsche Republik; das Mittel: -Massenerhebung des Volkes zum offenen Kampfe der Blouse gegen die -Uniform. Der Zweck ein Ideal, das Mittel ritterlich.</p> - -<p>Sein <em class="gesperrt">jetziger</em> Standpunkt war: Einheit Deutschlands — ob -Republik, ob Monarchie — er hätte vielleicht einer das gesammte -Vaterland umfassenden Militär-Diktatur den Arm geboten. Darin lag eben -kein Herabsinken; es war ein Ideal wie das andere. Aber den Glauben -an die Erreichung durch ritterlichen Kampf hatte er in Erkenntniß der -Wirklichkeit verworfen. Umsturz des Bestehenden durch jedes Mittel, — -der Schutt als Unterbau künftiger Einheit war seine jetzige Devise, -und er stand im Gutheißen der verworfensten Wege dem italienischen -Revoluzionschef nicht nach. — Nach wie vor bereit, seinen Kopf für -seine Sache einzusetzen, hätte er kein Bedenken getragen, Andere mit -dem Dolche des Meuchelmörders auszusenden.</p> - -<p>Sein entschlossener Karakter, seine Bildung und Gewandtheit hoben ihn -bald über die Schaar der übrigen Exilirten empor, und die Häupter der -verschiedenen Frakzionen, welche auch in der Fremde die heimatliche -Spaltung verewigten, erkannten ihn bei durchgreifenden Beschlüssen -faktisch als höchste Autorität.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span></p> - -<p>Bei seinem ersten Zusammentreffen in der Schweiz hatte er in Kollmann -insofern einen Gleichgesinnten erkannt, als dieser vom baldigen -Zusammensturz der Verhältnisse im Vaterlande überzeugt war, — bei -einem zweiten, in Mannheim, kam es zu einem förmlichen Verständnisse. -Der Weg, auf welchem Kollmann dem in London lebenden Wangerode -regelmäßige Mittheilungen machte, blieb unentdeckt; Kollmann’s -Haltung in der Gesellschaft beseitigte übrigens jeden Verdacht, außer -Lipprecht’s, der, wie wir wissen, damit isolirt stand. Kurze Zeit vor -seiner, aus andern Gründen beabsichtigten Reise nach der Hafenstadt -hatte er die Nachricht erhalten, daß Wangerode eine Begegnung wünsche. -Es war angegeben, auf welche Weise Kollmann im Hafen von Zeit und Ort -derselben in Kenntniß gesetzt werden sollte.</p> - -<p>Der Vorschlag kam ihm sehr unerwünscht; ganz andere Entwürfe -nahmen seine Gedanken und Zeit in Anspruch. Allein der Wunsch war -<em class="gesperrt">bestimmt</em> gestellt, und er befand sich in einer Lage, welche eine -schmeichelhafte Aehnlichkeit mit jener des Kaisers der Franzosen den -alten Carbonari-Freunden gegenüber hatte.</p> - -<p>In der Mannheimer Unterredung hatte Wangerode so zu sagen mit dem -Herzen auf der Zunge gesprochen, und ihn in das innerste Getriebe -der Partei<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span> hineinschauen lassen. Als Kollmann beim Abschiede eine -Betheuerung seiner unverbrüchlichen Verschwiegenheit geben zu müssen -glaubte, antwortete Wangerode lachend: „Dergleichen ist nicht mehr -üblich! Männer überlegen bevor sie eingehen. Dann aber weiß auch Jeder, -daß einem Verrath oder Abfall nicht mit verschränkten Armen zugesehen -wird. Wollen Sie Beispiele?“ Es folgte eine Aufzählung von Personen, -welchen bei plötzlichem Wechsel ihrer Gesinnung ein Paar Zoll kaltes -Eisen als Präservativ gegen Indiskrezionen eingegeben wurde, — und die -Bemerkung, daß dergleichen nur in Italien vorkomme; deutsches Wort sei -noch nicht gebrochen <span class="nowrap">worden. —</span></p> - -<p>Das hieß schließlich doch, daß <em class="gesperrt">wenn</em> das deutsche Wort -ausnahmsweise gebrochen würde, ein Messer auch ausnahmsweise seinen Weg -in deutsche Haut finden könnte.</p> - -<p>Wangerode hatte Alles ganz heiter und ohne unheimliche Betonung -gesagt, aber der Zuhörer kannte seinen Mann und hatte bisher seine -eingegangenen Verpflichtungen getreulich erfüllt.</p> - -<p>Er stieg nun die Schiffstreppe an Bord der Aegina hinan, der Kapitän -schritt ihm voran, ins Innere des Schiffes hinab, wo er die Thür einer -Kabine öffnete und nachdem Kollmann eingetreten, sich zurückzog.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span></p> - -<p>Am Tische saß, beim Licht der Hänglampe schreibend, Wangerode. Leider -steht uns zu seinem Bilde keiner jener kontrastirenden Züge zu Gebote, -durch welche glückliche Autoren ihre Gemälde pikant zu machen wissen. -Der Ritter, der die geharnischten Gegner Mann für Mann aus dem Sattel -schleudert, trägt häufig „zarte, fast mädchenhafte Züge“, — der Jesuit -lächelt mit so freundlicher Bonhommie, daß ihn Niemand durchschaut, als -der Verfasser, — die Dame, die im Verlauf des Romans sich als eine -Lukrezia Borgia entwickelt, hat ein „sanftes Madonnenantlitz“ <span class="nowrap">u. s. w.</span> -Wangerode sah aber gerade so aus wie der deutsche Demokratenführer vom -Maler gemalt wird, wenn er eben keinen wirklichen vor sich hat. Wenn -wir eine Nachahmung hoher Vorbilder im heldenbeschreibenden Stil wagen -dürfen, so sagen wir: „die breite Stirn und Nasenwurzel so wie die kühn -aufgeworfene Unterlippe verriethen Entschlossenheit und Energie; in -den grauen Augen lag ein Gemisch von Kühnheit und List, — die breite -Brust und der gedrungene Körperbau so wie die ausgebildeten Armmuskeln -ließen auf einen Mann schließen, der keinen Gegner im Einzelkampfe zu -scheuen braucht; ein heller, dichter Vollbart umgab das wettergebräunte -Gesicht“ — — doch genug.</p> - -<p>Er erhob sich rasch und bot Kollmann die Hand<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> mit den Worten: -„Willkommen nach drei Jahren, treuer, bewährter Freund! Wir sprechen -uns heute in voller Sicherheit und wollen gleich zur Sache übergehen. -— Daß Sie hierher kommen, erspart mir eine Rundreise; mein Ziel -ist für den Augenblick nicht Ihr Land, ich hätte aber einige Ihrer -Provinzen durchflogen, wenn ich Sie nicht anders hätte treffen können. -Sie haben Viel geleistet, wir wissen es Ihnen Dank, und der Moment, -wo wir es beweisen werden, kann nicht ausbleiben. — Lassen Sie uns -die vielleicht so bald nicht wiederkehrende Stunde genießen und -nützen, rauchen Sie zum Thee eine von den Zigarren, die mir unser Lord -mitgegeben, und erfreuen Sie mich mit der Erzählung dessen, was Ihre -reservirten Berichte verschwiegen.“</p> - -<p>Kollmann dankte ablehnend für alle dargebotenen Erfrischungen mit -Ausnahme der Havanna, lehnte sich in das niedere Sofa zurück, und -begann, mit gekreuzten Armen auf den Boden vor sich hinsehend: -„Ich habe unser Programm festgehalten. Es besteht, um der Börse -ein Gleichniß zu entlehnen, darin, die Kurse der politischen -und administrativen Verkehrtheit bis zum höchsten Schwindel -hinaufzutreiben. Meine Berichte haben einige Erfolge enthalten. Ich -ergänze dieselben in Betreff der Art und Weise, wie ich sie errungen, -und noch mehr zu erreichen hoffe.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span></p> - -<p>„Ich habe mir eine Verbindung mit dem Finanzminister eröffnet, durch -welche ich leicht Jemandem Zutritt verschaffen kann, und habe von -diesem Wege zu Gunsten von Männern Gebrauch gemacht, welche die -Geneigtheit des Grafen Breuneck zu Experimenten, denen unsere Industrie -nicht gewachsen ist, benützen. Es ist zugleich dafür gesorgt, daß jeder -Artikel, welcher mißfällige Bemerkungen über seine Maßregeln enthält, -ihm zu Gesichte kommt, und bei seiner krankhaften Empfindlichkeit gegen -Tadel haben wir ihm manchen die Journalistik treffenden Schlag zu -danken.“</p> - -<p>„Es steht mir ein Organ zu Gebote, durch welches ich dem Minister des -Innern auf vertraulichem Wege solche Korrespondenzen aus verschiedenen -Provinzen zukommen lasse, welche von sicherer Hand nach meiner Angabe -verfaßt und geeignet sind, ihn in seinem Centralisazionssistem zu -bestärken, und welche er höchsten Ortes vorlegen kann, als Beweis der -Zufriedenheit im Lande und der Ungerechtigkeit seiner Gegner.“</p> - -<p>„Ich überschätze meine Thätigkeit nicht, wenn ich behaupte, daß -mir Mittel zur Verfügung stehen, durch einen Vertrauten des -General-Adjutanten und durch ein fürstliches Haus Belege in die Hand -des Monarchen zu spielen, daß jede Konzession vom Volke nur als ein -Zeichen der Schwäche betrachtet würde,<span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span> und daß eisernes Festhalten -am aristokratischen Prinzip in der Armee und unbedingte Suprematie -derselben über alle übrigen Stände von den wahren Freunden der Dinastie -als das einzige Rettungsmittel bezeichnet wird.“</p> - -<p>„Ich habe in kirchlicher Beziehung auf dem kleinen Felde, worauf ich -beschränkt bin, eine Saat gesäet, aus der in kürzester Zeit, vielleicht -in dem Augenblick wo wir sprechen, ein Konflikt, Repressivmaßregeln und -ein neuer, wenngleich nur lokaler Sieg der Konkordatpartei hervorgehen -müssen.“</p> - -<p>„Es ist nicht unmöglich, daß in Folge dieses Konfliktes eine -geschäftliche Maßregel ergriffen wird, die den Wirkungskreis des -Prinzen August Ernst berührt, die Spaltung zwischen ihm und dem Hofe -erweitert, — daß hiedurch sein Wirkungskreis beschränkt, und somit -ein populäres, wenigstens <em class="gesperrt">hier</em> besänftigendes Element beseitigt -werde.“</p> - -<p>„Ich habe mir diese Verbindungen auf keinen andern Wegen geschaffen, -als die ich mir <em class="gesperrt">selbst</em> eröffnete, ohne <em class="gesperrt">andere</em> Geldmittel -als das Vermögen, das mir meine Frau zugebracht; — habe mich aus -der Stellung eines in Privatdiensten stehenden Ingenieurs zum -Grundbesitzer, Kapitalisten, und auf eine Stufe emporgeschwungen, auf -welcher ich mit Personen aller Kreise der Gesellschaft, die höchsten<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span> -mit einbegriffen, im Verkehr stehe, und darf behaupten, daß wenn Sie -in jeder Provinz drei Vertreter hätten wie ich, in einem Jahre das -Konkordat in allen seinen Bestimmungen durchgesetzt, die Zensur wieder -eingeführt, die Herrschaft des militärisch-aristokratischen Elementes -auf die Kulminazion getrieben und somit die Revoluzion so gut als -vollbracht wäre.“</p> - -<p>„Und somit habe ich Ihnen Rechnung gelegt, und glaube unsern Mannheimer -Vertrag besser gehalten zu haben, als jemals unsere Gegner einen ihrer -Friedensverträge.“</p> - -<p>Kollmann schwieg, weder seine Stellung noch die Richtung seines Blickes -ändernd, und blies in gleichen Pausen das Havanna-Gewölke von sich. -Es lag etwas Imposantes in der kalten Ruhe, womit er seine Leistungen -auf dem Felde des „Nur so fort“ aufzählte. Der Demokrat fühlte, daß -er einen Mann vor sich habe, der aus der Schaar der gewöhnlichen nach -vorwärts und rückwärts wühlenden Emissäre hoch emporrage, und freute -sich, seinen Werth in der ersten kurzen Unterredung vor Jahren erkannt -zu haben.</p> - -<p>Er erwiederte mit Lebhaftigkeit: „Sie haben unberechenbar mehr für -unsere Sache gethan, als wir zu erwarten berechtiget, als Sie durch -Ihr Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span>sprechen zu leisten verpflichtet waren. Sie gehören nicht -zu denen, deren Triebfeder das Geld der Revoluzions-Comités, — -Ihre Lage ist vielmehr eine solche, die Ihnen erlaubt, Andere zu -unterstützen. Eben so wenig der Ehrgeiz: Sie haben so viel erreicht, -daß Sie bei einem Umsturz der Dinge kaum mehr erreichen können. Von -einem Danke unserer Gesellschaft kann Ihnen gegenüber im gewöhnlichen -Sinne keine Rede sein. Wir können aber mit Gewißheit darauf rechnen, -<em class="gesperrt">quitt</em> zu werden, wenn das Ziel unseres Strebens erreicht ist. -Im Augenblicke des Umsturzes stehen <em class="gesperrt">Sie</em> als das Opfer desselben -da. Ihr Name gehört nicht mehr zu jenen, die in Zeiten der Krisis in -der Masse verschwinden: er wird auf der Proskripzionsliste, die das -Volk mit dem ersten vergossenen Blute niederschreibt, unter denen der -gehaßtesten Reakzionäre figuriren. Sie können hundertmal beschwören, -daß Sie nur auf Ihrem Wege für die Sache der Freiheit gehandelt — man -wird Ihnen ins Gesicht lachen und antworten: das könnte Jeder sagen. -Es ist <em class="gesperrt">dieß</em> der Augenblick, wo das <em class="gesperrt">volle</em> Gewicht der -<em class="gesperrt">Bürgschaft</em> unserer <em class="gesperrt">Partei</em> und ihrer <em class="gesperrt">Häupter</em> Ihnen -zur Seite stehen <em class="gesperrt">muß</em> und <em class="gesperrt">wird</em>! Ich habe dafür gesorgt -daß, wenn die Flut hereinbricht, Sie in die neue Ordnung der Dinge auf -einer Brücke hinübergehen, deren Pfeiler<span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span> die Namen der gefeiertsten -Volksmänner sind, welche sich vor Sie hinstellen und sagen: Wir kennen -ihn! — So viel als Antwort auf Ihre gewichtigen Mittheilungen, -insofern ich als Repräsentant unserer Gesellschaft spreche, zu deren, -des vollsten Dankes würdigem Mitgliede. — Als Wangerode gegen -Kollmann erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Wir haben die sichersten -Andeutungen, daß leider die Tage des Grafen Greuth und des Ministers -des Innern und anderer für uns so unschätzbarer Männer gezählt sind, -daß man mit Reformen umgeht, die Alles ins Weite schieben können.“</p> - -<p>— „Besorgen Sie nichts! Noch stehen die Genannten fest. Und wenn -sie fallen, — immerhin! — es kommt zu spät. Reformen? Ohne Zweifel -bekommen wir ein oder das andere leidliche Gesetz. Wir sind aber in -ein Stadium getreten, wo man die Gabe nicht mehr will wegen der Hand, -aus welcher sie kommt. — Die Liebe ist dahin, — und wenn sie Jeden, -der dies behauptet, auf die Festung schicken, bis das ganze Land in -den Kasematten, — sie ist <em class="gesperrt">doch</em> dahin! Sie wissen, was ich von -der Liebe überhaupt, geschweige denn von jener des Volkes halte; man -kann nicht durch die Liebe allein regieren, aber auch nicht <em class="gesperrt">ohne</em> -sie. Sie ist die Musik zum Tanze der Unterthanen. Sie tanzen jetzt nur<span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span> -nach dem <em class="gesperrt">Taktstocke</em> des Kapellmeisters. Die besten Gesetze haben -keinen <em class="gesperrt">Klang</em> mehr, sie tönen höchstens wie Nothschüsse eines -sinkenden Schiffes.“</p> - -<p>— „Mögen Sie recht sehen! Aber über das Wesentlichste sind wir nicht -im Reinen. Ihre Idee ist in drei Worten zusammengefaßt die, das Sistem -so zuzuschärfen, daß die Spitze bricht. An <b>wem</b> <em class="gesperrt">soll sie</em> -aber eigentlich <em class="gesperrt">brechen</em>? Am <em class="gesperrt">Volke</em>?“</p> - -<p>— „Was verstehen Sie unter Volk?“ fragte Kollmann statt zu antworten.</p> - -<p>— „Die sogenannten untern Stände den sogenannten höheren gegenüber.“</p> - -<p>— „<em class="gesperrt">Ich</em> verstehe darunter diejenigen, die das was man -<em class="gesperrt">Recht</em> nennt gegen das was man <em class="gesperrt">Vorrecht</em> nennt, -vertheidigen. Der Bäcker, der den Zunftzwang — das Vorrecht — gegen -Gewerbfreiheit — das Recht — vertheidiget, gehört nicht zum Volke, -sondern zu den Privilegirten. <em class="gesperrt">Mein Volk</em> ist in allen Ständen -vertheilt.“</p> - -<p>— „Eine Auffassung, vor der ich meine aus einem andern Gesichtspunkte -gegebene Definizion gern zurückziehe. Aber die Frage ist damit noch -nicht beantwortet.“</p> - -<p>— „Verzeihen Sie, lieber Freund, Alles was Sie von Druck, -Aufschnellen, Spitze abbrechen, sagen können, ist Metafer, Gleichniß, -und läßt sich<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span> nicht bis in die Details auf die Wirklichkeit anwenden. -Der Prozeß geht einfach so: Eine Provinz erhebt sich. Die Regierung -macht entweder den Versuch die Rebellion mit Gewalt niederzuschlagen, -oder durch Zugeständnisse zu entwaffnen. Der erstere hat unter den -gegenwärtigen inneren, noch mehr unter den äußeren politischen -Konjunkturen wenig Wahrscheinlichkeit des Gelingens. Konzessionen aber, -welche unmöglich auf <em class="gesperrt">Eine</em> Provinz beschränkt bleiben können, -führen zum repräsentativen <em class="gesperrt">Sistem</em>, welches mit dem Zerfall -unseres Staates gleichbedeutend ist.“</p> - -<p>— „Ein lyrischer Sprung, zu dem meinem Verstande die Schnellkraft -fehlt.“</p> - -<p>— „Sie werden ihn keineswegs gewagt finden, wenn Sie mir zugeben, -daß mit der Ursache auch die Wirkung wegfällt. Was die Gewalt -zusammengehalten, fällt mit ihrem Aufhören auseinander.“</p> - -<p>— „Ich leugne den Vordersatz in Betreff Ihres Staates; die Bindemittel -der einzelnen Theile dieses naturwidrigen Organismus waren ganz andere -—“</p> - -<p>— „Fürs Erste, lieber Wangerode, gibt es keinen naturwidrigen -Organismus. Selbst der Bucklichte, oder das Kind mit zwei Köpfen, -sind nicht <em class="gesperrt">gegen</em> das Gesetzbuch der Natur organisirt, sondern -nur nach einer kleingedruckten Ausnahme in demsel<span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span>ben geschaffen. -Fürs Zweite ist unser Staat überhaupt kein Organismus, sondern ein -Mechanismus und zwar einer der einfachsten, nämlich ein Faß. Was hält -seine Dauben zusammen? Ein Druck von <em class="gesperrt">außen</em>, der den Reif — -entbehrlich macht, oder der Reif <em class="gesperrt">allein</em>. — Der Druck von außen -war die sogenannte politische Nothwendigkeit, das Drängen <em class="gesperrt">mächtiger -Nachbarn</em>, welche gewisse Völkerschaften zwangen, gleichsam als -Quarré nach allen vier Winden hin Front zu machen. Dieser Druck hat -sich in das <em class="gesperrt">Gegentheil</em> verwandelt: die wichtigsten Bestandtheile -sehen im Nachbar keinen Feind, sondern simpatisiren nach allen -Weltgegenden nach Außen. Lassen Sie sich nicht irre machen von dem -offiziellen Geschwätz, von „Millionen“, welche ein gesammtstaatliches -Gefühl durchdringen soll: sie existiren nicht. Die Dauben <em class="gesperrt">wollen</em> -auseinander; und der <em class="gesperrt">Reif</em>, — der kräftige, auf eine zahlreiche -Armee und den Gegensatz der Nazionalitäten gestützte Absolutismus -<em class="gesperrt">allein</em> könnte sie halten. — Noch gibt es ein <em class="gesperrt">Drittes</em>: -denken Sie sich die Dauben <em class="gesperrt">geleimt</em>, <em class="gesperrt">verkittet</em>, da sie -nicht organisch verwachsen können. Der Kitt ist die <em class="gesperrt">Liebe</em>, — -die in früheren Zeiten durch kluge Popularitäts-Apparate geweckte -dinastische Simpatie. Durchreisen Sie unser Land, und zeigen Sie mir -ein Stück von dem Kitt, groß<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span> genug, um dieses Kajütenfenster in seinen -Fugen zu befestigen!“</p> - -<p>— „Wolle Gott, daß Sie nicht durch eine rosenfarbene Brille sehen! -Es mag Sie befremden, aus meinem Munde Zweifel und Besorgnisse zu -hören. Unsere Londoner Klubs dürften mich nicht so sprechen hören. -Wir, vom Generalstabe, dürfen die Möglichkeit widriger Ereignisse -erwägen; der Mannschaft muß man Tag für Tag vorsagen: Morgen werdet -Ihr siegen! Diese Leute sind nicht fähig, sich mit der Erreichung -von vorbereitenden Zuständen, von Uebergängen zu begnügen, ein Feld -mit ihrem Schweiße zu bearbeiten und mit ihrem Blute zu düngen, auf -welchem eine künftige Generazion ernten soll. Ich gehe — Sie wissen -es — unerschütterlich den Weg fort, den ich für den rechten halte, -ich habe aber in den zehn Jahren so viele <em class="gesperrt">unausbleibliche</em> -Ereignisse dennoch ausbleiben gesehen, daß ich Nichts mehr für wirklich -halte als das Vollbrachte. Allein hundertmal fehlschlagend muß unsere -Sache doch siegen: die Einheit Deutschlands. Sehen Sie nicht, wie an -der Flamme jeder europäischen Krisis die deutschen Souveränitäten -zusammengeschmolzen sind? Vergleichen Sie deren Zahl nach dem -westfälischen mit jener nach dem pariser Frieden! — In fünfzig Jahren -gibt es vielleicht drei<span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span> deutsche Staaten. Allerdings ein Ideengang, -der die Köpfe unserer Emigrazion bedeutend abkühlen würde. Was fragen -sie darnach, was nach fünfzig Jahren sein wird?“</p> - -<p>— „Ein Ideengang, den auch ich nicht theile, da ich die Entscheidung -aus voller Ueberzeugung näher sehe. — Ich habe Ihnen nach den -Mittheilungen, deren Gewicht sie nicht verkannt haben, noch eine von -geringerem Belange zu machen. Ich versäume nicht, wo ich kann, auch auf -Individuen in unserem Sinne zu wirken, und habe Hoffnung in kürzester -Zeit einen jungen Mann, der sich in keiner Weise bisher an Politik -betheiligte, für die Sache, die Sie vertreten, zu gewinnen. Er ist -der Sohn eines reichen Fabrikanten, welcher vielleicht durch meine -Konkurrenz einigermaßen zu leiden haben wird, aber vermöglich genug -bleibt, um beachtet zu werden. Er ist nicht auf <em class="gesperrt">unserem</em> Wege -zu brauchen, sondern nur auf dem der <em class="gesperrt">direkten</em> Opposizion; ein -gewisser Korbach. Ich werde Ihnen seiner Zeit berichten.“</p> - -<p>— „Auch ich habe noch eine persönliche Angelegenheit zu besprechen. -Richard Forster, von dem ich Ihnen bereits Einiges mitgetheilt, ist auf -dem Schiffe. Eine Viertelstunde von uns liegt eine genuesische Brigg, -— der Bronte, vor Anker. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> lasse Richard vor Tagesanbruch nach -derselben hinüberführen, da der Bronte im Hafen landet, während wir, -sobald Sie uns verlassen haben, uns entfernen. Richard wird sich, mit -richtigen Papieren versehen, in Ihrem Lande aufhalten; Sie werden ihn -kennen lernen und finden, daß in dem jungen Menschen viele Zukunft. Er -steht unter dem besondern Schutze des Lords, wird unsern Zwecken so zu -sagen als Volontär dienen, ist treu wie Gold, aber Idealist; man muß -ihn seinen Weg gehen lassen. Wenn Sie ihn sehen, werden Sie begreifen, -daß die Weiber, — um die er sich nicht viel kümmert, sich desto mehr -um ihn bemühten. Er hat kaum sein zweiundzwanzigstes Jahr hinter -sich; ich habe selten ein solches Gemenge von poetischen Anschauungen -und scharfem Blick im Leben gefunden; dabei ein froher Lebensmuth, -nach so vielem Traurigen, was ihn getroffen, — und eine unbegrenzte -Verwegenheit. Ich habe eine Szene mit angesehen, wo er einen mit Säbel -und Pistole bewaffneten Franzosen auf eine Insulte gegen die Deutschen -augenblicklich mit seinem Stock angriff; — er lachte hell auf, als -der Schuß an seinem Ohre vorüberpfiff, parirte einen Säbelhieb, warf -den Franzosen nieder und drückte ihm die Handgelenke wie in einem -Schraubstocke mit seinen eisernen Sehnen zusammen, die Niemand in dem<span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span> -schlanken Burschen suchen würde, — bis er widerrief. — Vielleicht -können Sie ihm während seines Aufenthaltes im Hafen eine bestimmte -Richtung geben?“</p> - -<p>„Gewiß; aber warum machen Sie mich nicht hier mit ihm bekannt?“</p> - -<p>„Ich schlug es ihm vor, aber er will, wie er sagte, am hellen Tage Land -und Leute kennen lernen, und man kann, bei seiner etwas ausnahmsweisen -Stellung, auf seine Laune eingehen.“</p> - -<p>— „Das ist gleichgültig; ich werde mir seine Person jedenfalls -angelegen sein lassen.“</p> - -<p>— „Und nun, theurer Freund, nochmals Dank für Alles! Sie sind durch -Ihre Thätigkeit ein Mann geworden, der für uns den Werth von Hunderten -hat! Wir können uns nur freuen, Sie in einer Lage zu sehen, welche Ihre -Aufgabe erleichtert, indem Sie, nach beiden Seiten gedeckt, mit voller -Ruhe des Gemüthes arbeiten können. Hält sich die Regierung, so bleiben -Sie der einflußreiche Industrielle und Kapitalist; fällt sie, so sind -Sie durch uns geschützt. Fahren Sie fort zu wirken und seien Sie -überzeugt (Wangerode sprach mit besonders herzlicher Betonung), daß das -dankbare Auge der Vaterlandsfreunde Sie überall begleitet, daß Ihnen -überall eine Hand zur Seite, welche aufzeichnet, was Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span> vielleicht zu -unbedeutend finden, um sich dessen zu rühmen!“</p> - -<p>Ob sich Kollmann in der aufzeichnenden Hand nichts als eine -Schreibfeder dachte, ist schwer zu entscheiden. Er schloß mit den -Worten: „Zählen Sie auf mich, wie ich auf Sie, — mögen wir uns bald am -Ziele wiedersehen!“</p> - -<p>Wangerode geleitete ihn aufs Verdeck.</p> - -<p>Eben strahlte das Feuerwerk und die Beleuchtung der Villa in vollem -Glanze.</p> - -<p>Sie sahen einander an und ein Lächeln zuckte über die bleichen Wangen -Kollmann’s und über das kräftige Gesicht des Demokraten.</p> - -<p>„Was haben sie da oben?“ fragte Wangerode.</p> - -<p>„Sie tanzen; der Prinz August Ernst illuminirt zu seinem Geburtstage. -Sie wollen die Wölfe der ernsten Zeit durch Feuerschlagen verscheuchen.“</p> - -<p>„Gott erhalte sie so! das Uebrige werden <em class="gesperrt">wir</em> machen!“</p> - -<p class="center">— — — — — — — -— — — — — </p> - -<p>Als sich das Boot mit Kollmann entfernte, und Wangerode über das -Verdeck zurückschritt, rief ihm eine Stimme vom Vordertheile des -Schiffes zu: „Sind Sie einmal fertig, Sie langweiliger Verrina? Kommen -Sie doch her und schauen Sie mit mir das göttliche Bild an! Wie sich -der Mond durch<span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span>arbeitet, und mit dem bloßen gestohlnen Widerschein der -Wahrheit die ganze Pracht der feurigen Lügendemonstrazion todtschlägt! -Steht nicht der Leuchtthurm dort wie die Salzsäule eines dem Sodoma da -oben Entlaufenen?“</p> - -<p>Richard Forster lag auf seinem ausgebreiteten Marinaro am Boden, den -Kopf in die Hand gestützt, über welche die vollen braunen Locken -von der edlen Stirn fielen und sah mit großen, dunkeln Augen zu -dem Herantretenden empor, dem bei diesem Anblicke alle Bilder ins -Gedächtniß kamen, alle Antinous, Mazeppa, und was sonst Künstler und -Künstlerinnen aus diesem herrlichen Modell herausgefunden. Da er sich -jedoch nie dazu hergab und man seiner blassen Züge, auf welchen Etwas -wie ein Kampf der Finsterniß mit dem Lichte, aber auch der Sieg des -Letzteren lag, — auf ehrlichem Wege nicht habhaft werden konnte, -so stahl man sie so gut es ging, und der jetzige Augenblick war ein -solcher, wo man dem Raube Berechtigung zuerkennen mußte.</p> - -<p>Wer aus diesem Munde einmal ein Gedicht von Byron, Heine oder -Freiligrath gehört, konnte sich kaum denken, wie derselbe sich zu einem -Matrosenfluche öffnen könne; und doch war nach Stimmung und Umgebung -das Eine bei ihm so gut möglich wie das Andere.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span></p> - -<p>„Wir haben,“ sagte Wangerode, „eine Besprechung gehabt, bei deren einem -Theile mir Ihre Gegenwart sehr erwünscht gewesen wäre.“</p> - -<p>„Und ich danke Ihnen, daß Sie mir das Vergnügen der Bekanntschaft -dieses scheußlichen Kerls erspart haben. Seine Eisbärenaugen leuchteten -herüber, daß ich unwillkürlich nach meinem Terzerol suchte.“</p> - -<p>„Doch ist dies der Mann, dem unsere Sache viel <span class="nowrap">verdankt“ —</span></p> - -<p>„Kann sein. Bei Tag mag er aussehen wie ein ehrlicher Mensch; — in der -Nachtbeleuchtung sieht er einem Schuft gleich. Sie wissen, was Sie von -meinen ersten Eindrücken zu halten haben!“</p> - -<p>„Sie sollen ja vor der Hand nichts als sich ihm <span class="nowrap">vorstellen“ —</span></p> - -<p>„Dem da? Vielleicht der Vizepräsident der künftigen Republik, deren -Präsident vor mir steht? Hinter dem Gesicht steckt Einer von denen, -die Euch bei Euern wunderbaren Kombinazionen dienen sollen und bei der -ersten Gelegenheit verrathen.“</p> - -<p>„Davor wird sich dieser hüten. Wir haben unsere Bürgschaften.“</p> - -<p>„Ihr seid von einer Schlauheit, daß man nicht begreift, wie jemals -Einer von Euch gehenkt werden konnte.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span></p> - -<p>„Ich hoffe, die Sache nicht begreiflicher zu machen. — Sie werden -aber, lieber Richard, den Wunsch des Lords nicht vergessen, sich in -gewissen Angelegenheiten manchmal dem meinigen zu fügen. Thun Sie -es <em class="gesperrt">ihm</em> zu Liebe! Dieser Kollmann ist Ihnen jetzt widerlich, -vielleicht gewinnen Sie ihm eine andere Seite ab.“</p> - -<p>„So sei es denn, — ich verspreche es um <em class="gesperrt">seinetwillen</em>.“</p> - -<p>„Und nun gehen Sie zur Ruhe: Sie bedürfen Stärkung für Vergangenheit -und Zukunft!“</p> - -<p>„In der nächtlichen Heerschau über meine Todten werde ich sie am Besten -finden! — Lassen Sie mich wach den Morgen begrüßen, an dem es über -den Rubikon geht. Ich kann mir einigermaßen die Stimmung denken, in -welcher der rebellische Militärgouverneur von Gallien seinen Gaul ins -Wasser trieb, um gegen die Freiheit zu kämpfen, welche damals auf Seite -der Regierung stand. Er hat die Nacht vorher vermuthlich auch nicht -geschlafen!“</p> - -<p>— Wangerode verließ das Verdeck und Richard blieb allein mit den -Gedanken, die er seine nächtliche Heerschau genannt.</p> - -<p>Vor ihm stand das Bild seiner schönen Mutter, wie sie ihm und seiner -Schwester erzählte von den Tagen ihrer Kindheit, die sie in den Bergen -der<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span> Heimat Ossians verlebt... die Gestalt des Vaters, der sie nach -dem Lande unserer Geschichte geführt... die Stunde, wo die Sturmglocke -ertönt, Feuerschein durch das Fenster gedrungen war, und der Vater, mit -einer dreifarbigen Schärpe umgürtet, vom Federhut bedeckt, sich aus -den Armen der Kinder gerissen. — Wie sie ihn dann ins Haus getragen, -mit der Todeswunde in der Brust, wie er den Knaben gesegnet und mit -brechendem Auge gesprochen: Ich bitte Gott, daß er dir das Glück -schenke, für die Freiheit zu leben und zu sterben wie <span class="nowrap">ich! —</span></p> - -<p>Nach wenigen Wochen war ihm die Mutter gefolgt. Ihr Vermächtniß war -ein Blatt an den Lord. — Er hatte sie geliebt, — nie vergessen, als -sie Forster nach Deutschland folgte, — und was er im Augenblicke der -Trennung gelobt, ihr Freund zu bleiben für immer, — das hielt er über -das Grab hinaus mit einer Treue, als erfüllte ihn statt der Erinnerung -an eine unerwiderte Liebe, jene einer glücklichen.</p> - -<p>Er ließ die Kinder nach England kommen, wo sie unter seinen Augen -erzogen wurden. Allein der Wunsch des Beschützers, Richard daselbst -einen bestimmten Beruf ergreifen zu sehen, ging nicht in Erfüllung. -Mit einer Anzahl von Talenten ausge<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span>stattet, deren jedes hingereicht -hätte, ihm eine feste Stellung zu sichern, rastlos an seiner Bildung -arbeitend, beharrte der Jüngling auf dem Entschlusse, im Geiste der -letzten Worte seines Vaters in dem Lande zu wirken, wo derselbe den -Tod gefunden. Er betrachtete England als seine Schule, und sammelte -einen Schatz von Erfahrungen, welche in der Glut seines jungen Herzens -zur Rüstung für den Feldzug geschmiedet wurden, welcher seine Existenz -ausfüllen sollte. — Im Hause des Lords mit der Elite der Gesellschaft, -in den Tavernen der Emigranten mit dem entgegengesetzten Pole derselben -in Berührung, nahm er weder von den Vorurtheilen des einen noch von -der Rohheit des andern Elementes Etwas in sein Inneres auf, ob ihm -gleich die Formen Beider geläufig waren. — Der Logik Wangerode’s -und der andern Comitéhäupter blieb er unzugänglich, und erkannte nur -zwei Mittel als der Sache der Freiheit würdig: Ueberzeugung durch -<em class="gesperrt">Ueberredung</em>, — und offenen <em class="gesperrt">Kampf</em>.</p> - -<p>Als ihm auch die blühende Schwester durch ein Ereigniß, das wir später -vernehmen, entrissen wurde, trat er, von ihrer Leiche kommend, vor den -Lord und sagte ihm den Entschluß nach dem Kontinent zu gehen. — Sein -Beschützer hatte, da er den Vorsatz nicht zu erschüttern vermochte, -Richard zu<span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span> dem, was er seine Sendung nannte, und was seinen eigenen -politischen Prinzipien eben nicht ferne lag, ausgerüstet, und ihn -Wangerode und dem Kapitän empfohlen.</p> - -<p>— Als der Morgen graute, fuhr er nach dem genuesischen Schiffe -hinüber, dessen Rauchsäule bald zwischen den Masten der am Quai -liegenden Schiffe emporwirbelte, während die Aegina nur noch ein Punkt -auf hoher See war.</p> - -<p>Wir dürfen nur Richard Forster folgen, wie er mit leuchtendem Blicke -und stolzem Gange über die Landungsbrücke schreitet, — um wieder im -Hôtel bei unsern Freunden anzulangen.</p> - -<p>— — Die Nacht auf dem festen Lande war nicht weniger bewegt als auf -dem schwankenden Schiffe.</p> - -<p>Sprenger hatte sich resigniren müssen, sein gediegenes Elaborat allein -zu Ende zu <span class="nowrap">schreiben. —</span></p> - -<p>Arnold, von dessen Selbstbeherrschung wir einige Beweise erhielten, -hatte dieselbe im Augenblicke von Klotildens Mittheilung vollständig -verloren. Er hatte sich nicht wenig auf die Repressivmaßregeln zu Gute -gethan, womit er alle Ausbrüche seines Gefühls niederzuhalten wußte; — -nun brach in einer Sekunde der ganze Bau zusammen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span></p> - -<p>Seine Begleiterin war nicht wenig erstaunt, als er bei ihrem letzten -Worte ihre Hand faßte, und mit einer Heftigkeit, die alle Schranken der -Galanterie übersprang, ausrief: „Und das haben Sie mir verschwiegen? -Das verzeihe Ihnen Gott!“</p> - -<p>„Ich glaube, daß dieß eine der geringsten Sünden ist, die mich am -jüngsten Tage belasten werden,“ erwiederte sie befremdet und sah -lachend in seine von zorniger Erregung funkelnden Augen — „aber -Korbach! so blond und so heftig! — Sehen Sie, das gefällt mir. Ich -begreife auch jetzt <em class="gesperrt">Alles</em>, seien Sie ruhig, ich werde gut -machen, was ich <span class="nowrap">verbrochen!“ —</span></p> - -<p>„Ich bitte Sie,“ entgegnete er — „wenn Ihnen irgend etwas auf der Welt -heilig ist, machen Sie Nichts gut, — vergessen Sie diese Bitte, — -meinen früheren Ausruf — geben Sie mir das einzige Versprechen, Nichts -zu denken und Nichts zu <span class="nowrap">thun!“ —</span></p> - -<p>Mit jedem Worte fühlte er lebendiger die Unbesonnenheit seines ersten. -Sie war nicht ungeschehen zu machen.</p> - -<p>Klotilde antwortete ernst und ruhig: „Nicht zu <em class="gesperrt">denken</em> kann ich -wohl kaum versprechen, ich rede ehrlich mit Ihnen und wünsche, daß -alle Tugend<span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span>spiegel so wenig falsch zeigen als ich. Daß ich nicht -<em class="gesperrt">sprechen</em> werde, schwöre ich Ihnen; schlafen Sie ruhig, und -glauben Sie, daß Sie um <em class="gesperrt">meinetwillen</em> Ihren Ausruf nicht zu -bereuen haben!“</p> - -<p>Hierauf wendete sie sich rasch um, die Treppe allein hinaufeilend.</p> - -<p>— — Ein Paar Minuten später trat Arnold in Sprenger’s Zimmer. Ein -Blick auf die glühenden Wangen und verstörten Mienen verrieth letzterem -einen Gemüthszustand, welcher seine Erklärung nicht wohl in den -Ballgenüssen der Villa finden konnte.</p> - -<p>Nach einigen Fragen und zerstreuten Antworten sagte er: „Arnold, du -bist in der Verfassung eines Menschen, der ein Unglück erlebt hat oder -eines hereinbrechen sieht. Ohne mich in deine Geheimnisse zu drängen, -bitte ich dich, dir Ruhe zu gönnen, du bedarfst ihrer.“</p> - -<p>Arnold erwiederte: „Schilt mich närrisch oder was du sonst willst, sage -mir nichts von Ruhe — ich danke dir, daß du für mich gearbeitet, jetzt -wäre ich zu Allem unfähig. Leb wohl!“ — Und damit war er wieder zur -Thür hinaus, ehe Sprenger noch eine unnütze Frage an ihn richten konnte.</p> - -<p>— — Wenn die vierundzwanzig Tischgäste des Banquiers Franchini hätten -zusehen können, wie der<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span> Repräsentant des Hauses Korbach und Sohn -nicht eine, sondern ein Paar Stunden die <span class="antiqua">Contrada grande</span> von -einem Ende zum andern durchmaß, bis er mit der Architektur sämmtlicher -Gebäude vertraut war: sie hätten nach den gehörten salbungsvollen -Tischreden den höchsten Begriff von seiner Vielseitigkeit bekommen. Was -er daselbst eigentlich gedacht oder gewollt, hätten sie aber so wenig -gewußt, wie er selbst.</p> - -<p>Schwerlich konnte er glauben, daß Julie auf dem Balkon stehen -geblieben, — und, nachdem er mit der Begleiterin vorübergegangen, -abgewartet habe, bis es ihm genehm sein würde, ohne dieselbe -zurückzukehren. Eben so wenig ließ sich im gewöhnlichen Lauf der Dinge -voraussetzen, daß während der Stunden von zwei Uhr Nachts bis zum -Morgen sich passende Gelegenheiten zu Erklärung von Mißverständnissen, -zu einem, das erste, einseitige Wiedersehen verlöschenden zweiten -ergeben würde.</p> - -<p>Der gewandte und besonnene Missionschef glaubte weder dieß noch irgend -etwas Anderes — er mußte nach der <span class="antiqua">Contrada grande</span>, weil er -nicht anders konnte; — die Flut seiner dreiundzwanzig Jahre hatte -den Damm durchbrochen und trug ihn dorthin, wo er <em class="gesperrt">ihr</em> nahe. -— Weiter dachte er Nichts,<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span> und wir freuen uns, ihn einmal so ganz -außer sich, ohne warum und wozu, ohne Reflexion und sogenannte gesunde -Vernunft im Mondscheine umherlaufen zu sehen. Denn wenn er heute Nacht -vernünftig gewesen wäre, so hätt’ er nicht verdient, daß Juliens Augen -um ihn naß geworden.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Bescheerungen"><em class="gesperrt">Bescheerungen</em>.</h2> - -</div> - -<p>Gleich Kindern vor der geschlossenen Thüre des Saales, worin der -Weihnachtsbaum flammt, standen vor der Pforte des anbrechenden Tages -alle Freunde und Freundinnen, welche der Lauf der Begebenheiten in der -Hafenstadt zusammengeführt, — sammt allen Bewohnern der letzteren, — -mit klopfendem Herzen, Jeder der ersehnten Gabe harrend.</p> - -<p>Und reich mußte der Baum behangen sein, wenn Jeder zufrieden den Abend -begrüßen sollte!</p> - -<p>Im glänzenden Wipfel eine Blume, ein Selam des Wiederfindens — -für Julie; — der gleiche Selam, mit der prosaischen Zugabe eines -rothgesiegelten Kontraktes mit der Korbacher Fabrik — für Arnold; zum -Theile für Sprenger; — an einer dunkeln Stelle zwischen den Zweigen -ein Blatt der Erfüllung, nach jenem der Verheißung, von Klotilde, -für den Prinzen; — am Stamme, da die Aeste zu schwach aufgehangen -von der Hand des erwarteten<span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span> Monarchen, ein goldenes Füllhorn voll -Orden, Adelsverleihungen und Zufriedenheitsbezeigungen für die Stadt -— — selbst Richard Forster, mit einem, kräftigen und fantasiereichen -Naturen häufig eigenen Aberglauben, wünscht am ersten Tage einem -simpatischen Gesichte, einem ihn verstehenden Auge zu begegnen, als -glückliches Omen seiner <span class="nowrap">Zukunft. —</span></p> - -<p>Nur der Monarch erwartet Nichts. Die letzte Zeit hat ihm alle Freude an -den Bescheerungen seiner Unterthanen <span class="nowrap">vergällt. —</span></p> - -<p>— Die erste Hand, die am Morgen nach dem Baume langte, war jene, -deren Marmorbild Professor Harkeboom besitzt. — Julie stand am -Toilette-Tische, faltete ein Billet zusammen und reichte es ihrer -getreuen Martha, die sie auf die Reise mitgenommen, mit den Worten: „An -Frau Zeltner, — bring’ es ihr <span class="nowrap">gleich!“ —</span></p> - -<p>Das Mädchen, welches die Gebieterin genau kannte, warf einen Blick -auf die Adresse und fragte nach dem <em class="gesperrt">Wo</em>? — Julie begriff zwar, -daß dieses ein wesentliches Erforderniß zur Bestellung eines Briefes, -vermochte aber dem Uebelstande nicht abzuhelfen.</p> - -<p>Sie standen einander gegenüber, Julie lachend, das Mädchen lächelnd, -und so hübsch auch die Stellung der Ersteren war, wie sie, die linke -Hand in die Hüfte gedrückt, den Zeigefinger der rechten zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span> -den schönen Zähnen, nachsann, — so blieb das Ergebniß doch das -gleiche, daß nur eine Rundreise durch die Hafenstadt oder polizeiliche -Nachforschung ans Ziel führen könnte.</p> - -<p>Als Julie, deren praktische Seite nicht ihre stärkste, den Knoten -mit den Worten zerschnitt: „Geh nur einmal damit fort, du wirst dich -schon zurechtfinden, du kannst ja Alles!“ — flog die Thür auf, — und -Klotilde trat ein.</p> - -<p>„Ich kann den Tag nicht drei Stunden alt werden lassen, liebe, -theure Freundin, ohne Sie zu begrüßen! Heute Nacht sah ich Sie einen -Augenblick, unter Ihrem Balkon vorübergehend, als ich vom Balle in der -Villa kam, mit Korbach, demselben jungen Manne, der bei meinem letzten -Besuche im Freinhofe eben dahin kam.“</p> - -<p>„Auch ich habe Sie gesehen,“ erwiederte Julie, „und hätte Ihnen -wenigstens eine gute Nacht hinabgerufen, wenn Sie nicht in dem Moment -weggesehen, wo ich Sie <span class="nowrap">erkannte!“ —</span></p> - -<p>„Eine Täuschung, wie sie eben die Nacht mit sich bringt! Um so -freudiger sehe ich Sie am Tage wieder!“</p> - -<p>Julie zog sie aufs Sofa zu sich und das lebhafteste Gespräch begann.</p> - -<p>Einen eigenthümlichen Reiz, der in der ange<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span>bornen Malice der -menschlichen Natur begründet ist, gewährt dem Zuhörer eine Unterredung, -in welcher jeder Theil sich vornimmt, den andern auf einen bestimmten -Gegenstand zu bringen und dabei festzuhalten, keiner nachgeben will, -— dem Andern ein Paar Schritte weit auf dem ablenkenden Wege mit -erzwungener Aufmerksamkeit folgt, und ihn sogleich wieder nach der -eigenen Richtung zu ziehen versucht.</p> - -<p>Die beiden Frauen hatten ihr vorgestecktes Ziel im Auge. Klotilde kam -mit jeder Wendung auf den Reisezweck der Kollmanns zurück, und Julie -drehte mit leichter Bewegung das Steuerrad der Unterhaltung unermüdlich -gegen Arnold hin, bis endlich Erstere einsah, daß es das Klügste -sei, die verworren durcheinander klingenden Tonstücke zu trennen und -nach einander aufzuführen, und gewissenhaft Alles, mit Ausnahme der -gestrigen Schlußszene, berichtete, was sie von ihrem Begleiter wußte.</p> - -<p>Es läßt sich nicht leugnen, daß Juliens Urtheil und Einsicht in -Geschäftsgegenstände auf einer sehr primitiven, kindlichen Stufe der -Entwickelung stand. Ihre Jugend hatte keine Veranlassung geboten, -sich mit dergleichen zu befassen. Kollmann hatte sie nie in seine -Angelegenheiten eingeweiht, wonach sie auch kein Verlangen trug, -und so lebhaft der Antheil war, welchen sie in letzter Zeit der -Metallfabrikazion zuge<span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span>wendet, so äußerte sich derselbe mehr in der -Bewunderung der gewaltigen Räder, Walzen und Wasserbauten, als in -einer Frage, wie die entstandenen Platten und der glänzende Draht zum -Gegenstande des Erwerbes, zur Basis einer wohlhabenden Existenz würden.</p> - -<p>Auch die Ideen von gegenseitig sich bekriegender Spekulazion und -Konkurrenz, — die eröffnete Campagne Kollmanns gegen die Interessen -Arnolds, waren ihr nicht klarer, als der Rückzug der zehntausend -Griechen unter Xenophon.</p> - -<p>Klotilde dagegen, welche die Andeutungen Günthers, daß Kollmann -vielleicht Etwas beim Prinzen zu suchen habe, mit den Mittheilungen -Arnolds zusammenhielt, begriff den Hauptumriß der Fehde, und versuchte -aus Julie irgend Etwas herauszubringen, was einen festen Anhaltepunkt -böte. — Unter vielen zerstreuten Antworten tauchte endlich etwas -Brauchbares auf. Julie sagte, Kollmann habe sich geäußert, er wollte -dem Balle in der Villa nicht beiwohnen, weil er mit dem <em class="gesperrt">Prinzen</em> -in <em class="gesperrt">keine Berührung</em> zu kommen wünsche. — Klotilde war nun -zwar über den Zweck der Reise vollkommen im Dunkel, aber wenigstens -darüber beruhigt, daß Kollmann keinen auf der Galanterie des Prinzen -gegründeten Plan verfolge.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span></p> - -<p>Die freundschaftliche Wärme der beiden Frauen nahm unglaublich zu mit -der Ueberzeugung, daß sie von einander Nichts zu fürchten hatten.</p> - -<p>Julie, welche bereits nach der heftigen Aufregung der Nacht hierüber -mit sich ins Reine gekommen, wurde durch die angehörte Erzählung -bestärkt, und Klotilde fühlte die Theilnahme für das Wohl und Wehe der -Freundin lebhafter erwachen als je. Sie sprach von Arnold so viel diese -hören wollte, und drückte im Tone des Vertrauens die Ueberzeugung aus, -daß Kollmann etwas demselben in seiner ganzen Existenz Nachtheiliges -beabsichtige.</p> - -<p>Julie erschrak, verlangte nähere Aufklärungen und erhielt sie so -vollständig oder unvollständig, als sie gegeben werden konnten. Sie -begriff, daß die Beiden einander in ihren Interessen als Todfeinde -gegenüber ständen und schwieg nachdenklich. Klotilde stand auf und -fragte, ob sie Arnold, der nach dem Besuche im Freinhofe ihr doch -vermuthlich auch hier einen zugedacht, Etwas melden solle? — Nach -kurzem Besinnen erfolgte die Antwort: „Er soll mich nicht besuchen. -Ich werde aber um <em class="gesperrt">vier Uhr</em> die Gemäldesammlung der Akademie -besuchen, und mich freuen ihm dort zu begegnen. Wie kann ich aber Sie -treffen, liebste Klotilde?“</p> - -<p>„Ich verlasse heute das Hôtel, um eine Privat<span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span>wohnung zu beziehen, da -ich vielleicht einige Wochen hier bleibe; Sie würden mich in dem ersten -Gedränge der Angelegenheiten, die mich hieherführten, kaum treffen, — -ich komme lieber, so oft ich mich frei machen kann, zu Ihnen!“</p> - -<p>Bei diesen Worten trat Kollmann ein; das Gespräch verlängerte sich und -die Erzählung des Balles bildete den Hauptgegenstand. So vorsichtig -Klotilde gewisse Gegenstände berührte, wurde, unter dem Einflusse der -unbezwinglichen Eitelkeit, doch des Prinzen einer Weise erwähnt, daß -Kollmann tiefer in den Zusammenhang blickte, als sie dachte. Auch das -Gespräch Arnolds mit dem Prinzen schilderte sie, um ihn zu ärgern, mit -lebhaften Farben. Er hörte anscheinend gleichgültig zu.</p> - -<p>Als sie fortgegangen, begab er sich sogleich zu Plomberg, welchen er -bereits Tags zuvor gesprochen. Er traf ihn, in Folge eines nach dem -Balle mitgemachten Gelages, mit Kopfschmerz behaftet, in der übelsten -Laune. Nachdem aus seinen halben Antworten hervorgegangen, daß die -allerhöchste Ankunft telegrafisch auf zwölf Uhr angesagt sei, sagte -er: „Lieber Oberst, ich habe Sie um einen Freundschaftsdienst zu -bitten, der für mich den größten Werth hat. Sie müssen mich auf die -Audienzliste bringen.“</p> - -<p>— — „Das geht nicht durch mich; der Gouver<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span>neur gibt dem -General-Adjutanten eine Liste, sie machen das mit einander, ich scheere -mich um diese Ceremonien nicht.“</p> - -<p>— „Sie werden aber doch mit dem Grafen Greuth ein Wort für mich reden -<span class="nowrap">können“ —</span></p> - -<p>— „Gott weiß wie er aufgelegt ist!“</p> - -<p>— „Was fragt ein Mann wie Sie darnach? und schließlich — fuhr er in -bestimmtem Tone fort — ist meine Bitte eine solche, die man selbst -um einer kleinen Ungelegenheit willen einem Freunde nicht abschlägt. -Oder glauben Sie, daß ich mich besinnen werde, <em class="gesperrt">Sie</em> wieder auf -die Liste zu setzen, wenn die schöne Frau Marianne Blauhorn in meinem -Freinhof Audienz gibt, — wobei ich mein ganzes gewonnenes Terrain beim -Finanzminister aufs Spiel setze?“</p> - -<p>Hieran war dem Obersten wenig gelegen, wohl aber an Kollmanns -Diskrezion der alten Gräfin Mersey gegenüber.</p> - -<p>Es fällt hier einiges Licht auf einen sinnreichen Mechanismus des -gewandten Ingenieurs. Frau Marianne Blauhorn besaß, wie wir wissen, -bedeutenden Einfluß auf den Finanzminister. Von dem Augenblicke an, wo -die Bemühungen des Obersten um sie, welchen Kollmann die Wege geebnet, -von Erfolg gekrönt waren, hielt er Beide in doppeltem Schach. — Frau -von Blauhorn wußte, daß ein einziges <span class="antiqua">billet-<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span>doux</span> Plomberg’s -zugleich der Scheidebrief zwischen ihr und dem Minister wäre, und hing -von Kollmann’s Verschwiegenheit ab. Der Oberst war überzeugt, daß die -Mersey augenblicklich die Schuldenzahlungen einstellen würde, wenn sie -von seinen Beziehungen zur schönen Hofräthin eine Ahnung hätte.</p> - -<p>Diese Reflexion mochte ihm wieder vorschweben als er sagte: „Nun denn, -in Teufelsnamen, damit sie nicht an meiner Freundschaft zweifeln, — -ich getraue mich, es durchzusetzen, obwol die Liste fertig. Kommen Sie -um halb ein Uhr. Aber Eins muß ich wissen, den Zweck der Audienz.“</p> - -<p>„Sehr gern, und wenn Sie ihn nicht billigen, nehme ich meine Bitte -zurück.“</p> - -<p>Kollmann theilte ihm sein Vorhaben mit, das wir bei der Audienz selbst -erfahren. — „Das wird jedenfalls refüsirt, erwiderte Plomberg, ich -weiß einen ähnlichen Fall von Seite des Fürsten Leuchtendorf, und man -wird Ihnen keine andere Antwort geben als ihm.“</p> - -<p>Kollmann wußte dieß so gut als der Obrist. „Glauben Sie dessen ganz -gewiß zu sein?“ fuhr er <span class="nowrap">fort. —</span></p> - -<p>„Ganz gewiß, der Monarch müßte denn seine Ansicht geändert haben, und -das thut er nie.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span></p> - -<p>Kollmann dankte und empfahl sich. Plomberg aber sagte zu sich: „Es -geschieht Einem Recht, wenn man sich unvorsichtig einem solchen Kerl in -die Hand gibt; aber vielleicht ists gut, — der Zweck der Audienz kann -demjenigen, der ihn aufgeschrieben, keinesfalls schaden.“</p> - -<p>Dabei nahm er aus seinem Portefeuille die Liste, die er bereits gestern -mit dem Gouverneur für den Generaladjutanten entworfen, und setzte -Kollmann’s Namen <span class="nowrap">darauf. —</span></p> - -<p>— Während hier Minen gegraben wurden, hatte Arnold seine Streitkräfte -im offenen Felde entwickelt.</p> - -<p>Den ganzen Morgen einsilbig und zerstreut, wurde er vom späten -Frühstück mit Sprenger abgerufen nach Klotildens Zimmer, stand -ärgerlich auf, ging mit einem Gesichte wie ein naßkalter Novembertag -weg, und kam mit einem Junimorgen zurück. Klotilde hatte ihren Auftrag -<span class="nowrap">erfüllt. —</span></p> - -<p>„Wenn ich gleich über das Ergebniß deiner Reise in Bezug auf den -ostensibeln Zweck noch nicht urtheilen kann, sagte Sprenger, so scheint -wenigstens, aus deiner Stimmung zu schließen, ein anderer erreicht?“</p> - -<p>„Ich habe gestern geschwiegen, weil ich mich unglücklich fühlte und -doch einsah, daß ich keinen Grund<span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span> hatte. Heute ists anders, und ich -weiß, daß dir dieß genügt, um dich mit mir zu freuen.“</p> - -<p>Ohne weitere Uebergänge erwiederte Sprenger: „Und eben so glücklich, -und noch mehr, wird dein Vater sein, wenn der Gegenstand deiner Liebe -ein solcher, den du als seine Tochter, als Erbin von Korbach, in seine -Arme führen kannst.“</p> - -<p>Wenn Arnold am Besten that auf diese Frage zu schweigen, — so hatte -Sprenger seinerseits die Ueberzeugung, daß die Hoffnungen seines alten -Freundes auf eine Wahl, die das Glück des Sohnes gründen könne, einer -Liebe gegenüberstehen, die nach seiner Auffassung zu keinem Heile -führte. Er war bekümmert ohne es zu zeigen und hielt sich an die -Hoffnung, daß es eine vorübergehende Leidenschaft sei.</p> - -<p>Die Stunde, für welche Arnold zum Prinzen beschieden war, nahte, und -er fuhr nach der Villa. August Ernst empfing ihn mit der größten -Leutseligkeit, und ging in die Einzelnheiten des Elaborates ein. Er -machte beim Durchblättern einige jener Bemerkungen, welche im Munde -eines Prinzen für sachkundige gelten, ermächtigte ihn, sich beim Chef -des Departements auf die günstige Ansicht zu berufen, die er gegen ihn -aussprach, und verhieß möglichst schnelle Erledigung. Arnold sprach -mit seinem<span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span> Danke die Hoffnung aus, die Entscheidung, die er in der -Hafenstadt abwarten wolle, mitnehmen zu können, und bat den Prinzen -um seinen gnädigen Schutz für den Fall, daß er desselben gegen einen, -seinem Interesse entgegengesetzten Einfluß bedürfen sollte. — Er -entgegnete: „Seien Sie ruhig, es ist mir so Etwas angedeutet worden, -allein ich sehe kein Motiv, meine Ansicht über Ihre Person oder Ihre -Sache zu ändern. Melden Sie sich vor Ihrer Abreise jedenfalls bei mir.“</p> - -<p>Im Marine-Departement fand er gleich freundliche Aufnahme. Der -Direktor, mit allen Punkten der Vorlage vertraut, erklärte, daß der -Einwilligung des Prinzen kein Hinderniß mehr vorliege und er nur -dessen formelle Genehmigung einholen werde, und beschied Arnold für -den nächsten Tag zur Unterzeichnung der Kontrakte. — Dieser forschte -auch hier nach einer feindlichen Thätigkeit Kollmann’s und erhielt -den Bescheid, daß derselbe fast gleichzeitig einen Antrag vorgelegt, -aber den Bescheid erhalten, daß bereits ein anderer vorhanden, den man -keinen Grund habe abzulehnen.</p> - -<p>Arnold hatte schon gestern seine Angelegenheiten in so gutem Geleise -gesehen, daß ihn die heutigen Erfolge nicht überraschten, doch kehrte -er in der frohe<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span>sten Stimmung zu Sprenger zurück. Er fand ihn auf dem -Balkon, im Gespräch mit Richard Forster. Dasselbe hatte sich auf höchst -gewöhnliche Weise, über einen englischen Zeitungsartikel entsponnen, -und, in ungewöhnlichen Wendungen, zu großer Wärme entwickelt. Man -schien sich gut zu verstehen, Arnold wurde sogleich in den Gegenstand -hineingezogen, aber mehr als der letztere fesselte ihn der junge -Fremde, dem er, — jenem Zuge der Simpatie folgend, welche sich bei -ihm im Augenblicke einer ersten Begegnung so entschieden aussprach als -deren Gegentheil, — im Geiste die Hand reichte, ehe es noch leiblich -geschah.</p> - -<p>Und von allen Wünschen, womit der Morgen begrüßt worden, war jener -Richards zuerst in Erfüllung gegangen, — die ernsten blauen Augen, in -welche seine dunkeln, feurigen blickten, waren die als günstiges Omen -ersehnten. Möge er nicht verlernen, an Vorbedeutungen zu glauben! — -Diese Augen werden ihn nicht täuschen.... aber aus ihnen blickt nur die -Treue Arnolds und nicht jene — des Glückes! Da keine geschäftlichen -Abhaltungen mehr vorlagen, machte Arnold den Vorschlag, dem -landesfürstlichen Empfange, zu welchem die Stadt gerüstet dastand, aus -dem Wege zu gehen, und es wurde eine Fahrt nach dem sehenswürdigsten -Gegenstande der Umgebungen, dem römischen Amfitheater, beschlossen,<span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span> -wodurch für ihn ein großer Theil der Ewigkeit, nämlich der Zeit bis -vier Uhr, ausgefüllt wurde.</p> - -<p>— — Bald nach ihrer Abreise kam die Ueberraschung mittelst -Separattrains herangebraust.</p> - -<p>Die Stadt ließ sich nicht überrumpeln; sie hatte den Bahnhof, wo -sich auch der Prinz mit Gefolge eingefunden, mit Deputazionen, das -Gouvernementsgebäude mit Ehrenwachen, sämmtliche Treppen mit Baum- und -Blumenspalieren und einen Tisch im Appartement des Monarchen mit einem -prachtvollen Dejeuner besetzt.</p> - -<p>Prinz August Ernst hatte vergeblich auf das Glück gehofft, den Vetter -auf der Villa zu beherbergen. — Mit einem Sprunge aus dem Wagen -durchbrach derselbe, vom Grafen Greuth und andern säbelklirrenden -Adjutanten gefolgt, das erste Hinderniß, die Anrede des tiefergriffenen -Bürgermeisters, überflog die andern in weniger Minuten, als ihre -Aufrichtung Stunden erfordert hatte, und war im Besitze aller festen -Posizionen, ehe noch die Ofikleïden der Regimentsbande den letzten Takt -der Volkshimne ausgeschmettert hatten.</p> - -<p>Die Raschheit seiner Bewegungen war um so auffallender bei der -ziemlichen Korpulenz seiner gedrungenen, untersetzten, mit Mühe in die -Uniform gezwängten Gestalt. Erwähnen wir noch des dich<span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span>ten, langen, -schwarzen Schnurbartes, der das volle Kinn von der römischen Nase -trennt, so haben wir genug gethan, um die Auffindung seines Portraits -im gothaischen Kalender zu erleichtern, wenn man sich noch an die -nähere Andeutung halten will, daß es von den vier Kaisern Europas jeder -am allerwenigsten sein kann; eher einer der drei Uebrigen.</p> - -<p>— Der Prinz, der Gouverneur, der Platzkommandant ziehen sich zurück. -Der Monarch nimmt im Kabinet schnell sein Frühstück ein, vertauscht -die Reiseuniform mit der Gala, — auf dem Platze ist die Generalität -versammelt, — er sprengt nach dem Paradeplatz, wo die Garnison -aufgestellt ist.</p> - -<p>Sie defilirt unter den Klängen vielleicht der besten Militärmusik -in Europa. Ihre Haltung ist vortrefflich, ihr Aussehen mahnt Jeden -unwillkürlich an Wallensteins unhöflichen Brief an den Kaiser: -„Hier ist ein Heer — schickt einen Heerführer.“ — Die wackeren -Kommandanten, welche diesen Wunsch mit der Mannschaft theilen, werden -belobt, — letztere bringt das dreimalige Vivat, zu welchem sie vor -dem Ausmarsche aus der Kaserne die Erlaubniß erhalten hat, und der -Herrscher galopirt an der Spitze der glänzenden Suite in dichten -Staubwolken nach der Stadt zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span></p> - -<p>Es ist ein Uhr, die Stunde der Aufwartungen. Der Generaladjutant legt -ihm die Liste derjenigen vor, welche des Glückes harren, einen Moment -lang als Sonnenstäubchen im Glanze der Majestät zu spielen, — er -überfliegt sie schnell und begibt sich nach dem Audienzzimmer.</p> - -<p>Der anstoßende Saal, in welchem die Vorzulassenden warten, ist zur -Hälfte gefüllt. — Drei zu unregelmäßigen Linien ausgedehnte Gruppen -stehen hintereinander.</p> - -<p>Die erste besteht aus den glänzenden, mit dem leichten Anstande -der Gewohnheit getragenen Militäruniformen, gemischt mit einigen -geistlichen Talaren. Hinter diesen die uniformirten Beamten, mit -gepreßten Hälsen und gehemmter Blutzirkulazion, — die Jüngeren durch -Herausbäumen der Brust sich eine Contenance gebend, dem Militär -gegenüber; — Mancher auf seinen Nachbar schielend, um sich zu -orientiren, wie der Federhut vorschriftsmäßig in der Hand zu halten. -Endlich die glanzlose Schaar jener andern schwarztrauernden Civilisten, -welche, sie mögen leisten was sie wollen, nicht als dem Staate dienend -erscheinen.</p> - -<p>Ein freier Raum ist zwischen diesen Reihen und der Thür des -Audienzzimmers. An letzterer stehen zwei Adjutanten, deren einer, mit -einer Gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span>liste versehen, die Namen nach einer mit dem subtilsten -Gradmesser ausgearbeiteten Skala dergestalt aufruft, daß in dem -Augenblicke, wo ein Vorzulassender eintritt, ein Zweiter schon <span class="antiqua">en -réserve</span> in dem freien Raume steht und ein Dritter sich aus den -Reihen loslöst, so daß keine Sekunde Unterbrechung eintreten kann.</p> - -<p>Das Prinzip des Dampfes und der Elektrizität ist auch in die Audienzen -gefahren. Der Wind der sich schließenden Thür ist noch nicht verweht, -so öffnet sie sich wieder, und ein Gesicht, über welchem der heiße -rothe Glanz der verklärenden Minute liegt, tritt heraus und wird durch -ein noch steifes, gespanntes ersetzt, welches im nächsten Augenblicke -seinerseits als geschmolzene Wachslarve aus dem Brennspiegel der -Majestät heraustritt.</p> - -<p>Gleich die ersten Wiederkehrenden verbreiten eine erfrischende -Atmosfäre im Saal. Der Monarch hat das große goldne Füllhorn in der -Hand und schüttelt es über Jedem.</p> - -<p>Die Stadt erhält die anderswohin verlegte, schmerzlich entbehrte -Kadettenschule zurück — ein Militär-Schwefelbad wird auf Staatskosten -gegründet — ein leerstehendes Aerarialgebäude wird der Gendarmerie -überlassen — die engbrüstige gothische Domkirche wird mit einem -modernen Ansatz erweitert —<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span> der titellose Bürgermeister Giordani -wird mit der Anrede „lieber Regierungsrath Giordani“ empfangen — alle -Gesuche werden reiflich erwogen und nach Thunlichkeit berücksichtigt -werden. — Wenn man bedenkt, daß die Thürflügel sich sechsundfünfzigmal -öffneten um Jemanden einzulassen, den der Monarch zu sehen erfreut war, -so läßt sich annehmen daß seine summirte Gesammtfreude eine ganz andere -sein mußte, als die der Einzelnen.</p> - -<p>Nachdem die Militärs und Geistlichen dieselbe durchgenossen, kam die -Reihe an die blaue Konsuls-Uniform Kollmann’s. Seine Audienz währte zum -Staunen der Harrenden mindestens viermal so lange als die übrigen, den -Bischof ausgenommen.</p> - -<p>Vor den Monarchen tretend begann er:</p> - -<p>„Fremd und mittellos in das Land gekommen, welches so glücklich ist, -unter dem Zepter Eurer Majestät zu stehen, ist es mir unter dem Schutze -der Gesetze gelungen, einiges Vermögen zu <span class="nowrap">erwerben.“ —</span></p> - -<p>Der Monarch machte eine Bewegung, welche die Befremdung über den -sonderbaren Eingang ausdrückte.</p> - -<p>„Die Bitte, die ich Euer Majestät vorzutragen wage, ist mir von dem -Bedürfniß eingegeben, mein tiefes Dankgefühl, und meine Verehrung für -den Monarchen des Landes, dem ich mein Glück ver<span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span>danke, durch ein -Anerbieten an den Tag zu legen, welches die Entschuldigung seiner -Kühnheit nur in dem Beweggrunde findet, der es veranlaßt hat.“</p> - -<p>Die Rücksicht auf die fremde Konsuls-Uniform vermochte den Monarchen, -seine Verstimmung über die lange Vorrede zu verbergen. Er fragte -freundlich aber kurz: „Was ist Ihr Anliegen?“</p> - -<p>„Meine Besitzung im Gebirge, sechs Stunden von der Residenz, einerseits -an Gebirge grenzend, welche ein reiches Gemsengehäge enthalten, -anderseits an Waldungen, welche von Hochwild wimmeln, würde sich mit -geringen Aenderungen an den Gebäuden zu einem Jagdschlosse eignen. -Die Bitte, die ich wage, besteht darin, Euer Majestät wollen geruhen -dieselben allerhöchst Ihren Domänen einzuverleiben.“</p> - -<p>Da die Jagdliebe des Souveräns allgemein bekannt war, so hatte der Hof -zu verschiedenen Zeiten Anträge zu Ankäufen von dieser Art Besitzungen -erhalten und auch einige an sich gebracht.</p> - -<p>Er erwiederte: „Es ist mir leid, auf Ihr Anerbieten nicht eingehen zu -können,“ und fügte lächelnd hinzu: „Sie werden wissen, daß wir Domänen -verkaufen, nicht aber kaufen.“</p> - -<p>Kollmann trat mit der Miene der tiefsten Kränkung einen Schritt zurück -und sagte: „Ich hatte auf<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span> das Glück gehofft, meine werthlose Gabe in -der Weise an den Stufen des Thrones niederlegen zu dürfen, wie es dem -frommen Katholiken gestattet ist, dem Haupte der Kirche den sogenannten -Peterspfennig anzubieten, und ich fühle nun erst die ganze Kühnheit -meines Gesuches.“</p> - -<p>Der Monarch war überrascht, aber nicht unangenehm, und antwortete: „Ich -danke Ihnen, danke Ihnen herzlich für Ihr loyales, schönes Anerbieten, -das ich jedoch nicht annehme. Wenn es aber meine Zeit erlaubt, werde -ich mir Ihre Besitzung besehen und in Ihren Bergen jagen. Wenn -Sie ein anderes Anliegen haben, werde ich es jederzeit thunlichst -berücksichtigen. Nochmals, Ihr Antrag hat mich sehr gefreut.“</p> - -<p>Er machte die entlassende Bewegung auf die huldvollste Weise und -Kollmann trat mit dem Ausdrucke der vollsten Befriedigung unter die -Wartenden heraus, und begab sich zum Generaladjutanten.</p> - -<p>Da nämlich der Monarch allein empfängt, und der Dienst an den Thüren -durch zwei Adjutanten von geringerem militärischen Range als jener -des Grafen Greuth versehen wird, so veranstaltet dieser in einem -anstoßenden Zimmer einen Nachdruck der souveränen Prachtausgabe der -Audienzen. — Der Aufwartung <span class="antiqua">avant la lettre</span> beim Herrscher -folgt jene<span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span> beim General-Adjutanten, wie man nach dem Gebrauche von -Karlsbad meist noch ein anderes Wasser als Nachkur trinken muß, -wenn ersteres wirken soll. — Der Graf betrachtet die seiner Person -geschenkte Aufmerksamkeit nur als eine seinem Gebieter erwiesene Ehre, -— er selbst hat über alle ihm vorgetragenen Angelegenheiten gar Nichts -zu entscheiden, Nichts darein zu reden, man begreift kaum, wie der -Monarch einen General-Adjutanten haben mag, der sich um Nichts kümmert, -was im Staate vorgeht. Doch ist es so, und er thut was er kann, um -die fixe Idee zu beseitigen, daß es ganz im Gegentheile <em class="gesperrt">gar</em> -keine Angelegenheit gebe, in die er <em class="gesperrt">nicht</em> hinübergreift. Man -weiß, wie schwer ein eingewurzeltes Vorurtheil ausgerottet wird, und -der Graf mußte auch heute ein halbes Hundert Male die Versicherung -bekämpfen, daß man nur dann vollkommen beruhigt nach Hause gehe, -wenn der vom Monarchen ausgestellte Gnadenwechsel mit dem Akzept des -General-Adjutanten versehen worden.</p> - -<p>Kollmann erzählte ihm den Verlauf seiner Audienz und bat, seinen -Einfluß zu verwenden, um vielleicht bei sich ergebender Gelegenheit den -Gebieter für seinen Antrag zu stimmen.</p> - -<p>— „Das ist umsonst, lieber Herr Kollmann,“ erwiederte der Graf — „ich -kenne den Herrn, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span> Sie können überzeugt sein, daß Sie ihm eine -Freude gemacht haben. Bei einem andern Anlasse dürfen Sie auf gnädige -Aufnahme jedes Gesuches rechnen.“</p> - -<p>— „Ich habe nicht gewagt, Seiner Majestät ein für mich sehr wichtiges -Anliegen vorzutragen, da es leider gegen Jemanden gerichtet ist, der -sich des hohen Schutzes des Prinzen August Ernst erfreut.“</p> - -<p>— „Wie ist das?“ fragte der Graf aufmerksam.</p> - -<p>— „Es ist ein Gegenantrag gegen das Lieferungsoffert einer Firma -Korbach.“</p> - -<p>— „Ich kenne den Namen. Warum glauben Sie, daß ihn der Prinz -protegirt?“</p> - -<p>— „Ich schließe es aus Dingen, die wohl an sich zu unbedeutend sind, -um Euer Excellenz <span class="nowrap">damit“ —</span></p> - -<p>— „Heraus damit! Sie sehen doch, daß ich auf Ihre Angelegenheit -eingehe.“</p> - -<p>— „Der Prinz hat ihm, wie ich im Marinedepartement gehört, -Zusicherungen ertheilt, und ihn auf dem gestrigen Balle mit besonders -gnädiger Herablassung behandelt, wie ich aus dem Munde einer Frau -erfahren, welche anwesend war, und vielleicht in der Lage ist über die -Gesinnungen Seiner Hoheit unterrichtet zu sein.“</p> - -<p>Das vertrauliche Detail war gewagt, aber der Graf war über Freiheiten, -die sich Jemand heraus<span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span>nahm, nur dann empfindlich, wenn sie seine -Person betrafen. Mit Aeußerungen über den Prinzen nahm er es, bei -dessen gespannten Verhältnissen zu seinem Herrn, nicht so genau.</p> - -<p>Er fragte weiter: „Wer ist die Frau?“</p> - -<p>„Eine Frau Klotilde Zeltner.“</p> - -<p>— „Ah“ — rief der Graf mit gedehntem Laut — „die Zeltner! — deren -Mann auf der Festung sitzt; und die war auf dem Balle?“</p> - -<p>„Euer Excellenz zu dienen, und da sie sich besonderer Aufmerksamkeit -von Seiten des Prinzen erfreute und vom jungen Korbach begleiten ließ, -so gerieth ich auf die Vermuthung, daß letzterer eine <span class="antiqua">persona -grata</span> und somit für mein Anliegen wenig Hoffnung vorhanden sei. Ich -durfte um so weniger wagen, es dem Monarchen vorzutragen, da es ein -falsches Licht auf mein Anerbieten geworfen hätte.“</p> - -<p>„Da haben Sie Recht gehabt. Es wäre aber möglich, daß sich in Ihrer -Sache Etwas thun ließe. Geben Sie noch nicht Alles auf.“</p> - -<p>„Nach diesem Worte von Euer Excellenz gewiß nicht.“</p> - -<p>„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe Nichts darein zu reden, ich -mache meinen Adjutantendienst und kümmere mich sonst um Nichts. Es wäre -aber möglich, daß der Prinz selbst seine Ansicht änderte.<span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span> Hoffen Sie -das Beste, — es würde mich freuen, Sie zufriedengestellt zu sehen.“</p> - -<p>— Kollmann war es im vollsten Maße, als er den Grafen verließ. Dieser -rief den zur Suite gehörenden immer in der Nähe befindlichen Plomberg -zu sich, und fragte, ob er den vertraulichen Auftrag in Betreff -Korbachs durch Heidenbrunn bestellt habe. — Der Oberst berichtete, er -habe mit letzterem gesprochen, und glaube, der Prinz dürfte bereits in -Kenntniß sein.</p> - -<p>„Ich verstehe Sie nicht,“ versetzte Graf Greuth — „Sie reden von -glauben und dürfen, — sollen etwas Positives von der Aufnahme der -Sache wissen, und <em class="gesperrt">ich</em> glaube, daß <em class="gesperrt">gar</em> nichts geschehen -ist, nach Allem was <em class="gesperrt">ich</em> sehe und höre.“ — Darauf entließ er in -der übelsten Laune den an den Wetterwechsel gewohnten Plomberg, welcher -die sich häufig bis zu einer gewissen Grobheit steigernde Derbheit des -Grafen flegmatisch ertrug. Sie waren verwandte Naturen, die sich immer -wieder anzogen. Der Oberst war, wie er sagte, der „Rechte“ für den -General-Adjutanten; dieser besaß, bei dem Mangel tieferer Kenntnisse -und diplomatischer Schule, eine angeborne Schlauheit, die ihn immer das -„Rechte“ treffen ließ. Unter dem Rechten verstand er dasjenige, was zur -Befestigung seiner Stellung dienlich war. — Und darunter stand<span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span> obenan -die Benützung menschlicher Schwächen, vor welchen ein sterbliches Haupt -durch keine Kopfbedeckung bis hinauf zur Krone, und das Herz durch -keinen Hermelin zu bewahren ist. — Plomberg wußte, daß seine Stunde -wieder kommen werde, wenn ihn der Graf zu Etwas gebrauche, wodurch er -der menschlichen Natur seines Herrn zu dienen glaubte. — Zum Dienste -der übermenschlichen standen ja ohnedem — wir können nicht sagen wie -viele — Millionen bereit.</p> - -<p>Die beiderseitigen Audienzen sind vorüber, und nach kurzer Ruhe -empfängt der Monarch aus den Händen des Grafen abermals eine Liste, — -jene der zu besichtigenden Institute und sonstigen Merkwürdigkeiten. -Sie enthält dreizehn Artikel:</p> - -<ol class="artikel"> - <li> Das Marine-Arsenal.</li> - <li> Die neue Hafenbatterie.</li> - <li> Die Artilleriekaserne.</li> - <li> Die Infanteriekaserne.</li> - <li> Die Equitazion.</li> - <li> Die Stückgießerei.</li> - <li> Das Militärspital.</li> - <li> Die Proviantbäckerei.</li> - <li> Das Stabsstockhaus.</li> - <li> Die Domkirche.</li> - <li> Das Civilspital.</li> - <li> Das Zuchthaus. Und</li> - <li> Die Akademie der bildenden Künste.</li> -</ol> - -<p>Graf Greuth hat aus dem ihm vom Gouverneur vorgelegten Verzeichnisse -die vorstehenden Objekte ausgewählt, und der Monarch genehmigt in -Pausch und Bogen. — Zwei Stunden sind für die Rundfahrt<span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span> anberaumt. — -Durch dreizehn dividirt, entfallen eins ins andere gerechnet, -<span class="nowrap">9<span class="zaehler">12</span>⁄<span class="nenner">13</span></span> -per Stück brutto, das Hin- und Herfahren abgezogen sieben Minuten -netto, mehr als hinreichend, um sich von allen innern Zuständen zu -überzeugen.</p> - -<p>Sämmtliche Besuche wirkten heilbringend, schon ehe sie gemacht wurden. -— Die armen Teufel in den Spitälern bekamen eine Suppe und ein -Kalbfleisch zu sehen, welches selbst die Primarärzte ohne Bedenken -gegessen hätten, und wurden seit 24 Stunden vom ganzen Personale -behandelt als wären sie wirklich Menschen statt Nummern. — Die Pferde -und Mannschaften in den Kasernen wurden durch die ihrem verschiedenen -Naturell entsprechenden Mittel in eine fröhlich paradirende Haltung -und Stimmung versetzt, — und die Sträflinge im Stock- und Zuchthause, -durch etwas Branntwein und bessere Razionen begeistert, versuchten sich -in einem vorläufigen Vivat unter munterem Kettengerassel.</p> - -<p>Nur das kleine, quickende, rothbackige Proletariat in der -Kleinkinderbewahr-Anstalt, welches seit dem Morgen das Scheuern -der Gesichter und Kämmen der Köpfe erduldet, befand sich in seinen -frisch gewaschenen, aufgesteiften Gewändern, in allgemeiner Gährung -und radikaler Verstimmung. Jeden Augenblick gewann es wieder der -<span class="antiqua">Jean qui pleure</span> über<span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span> den <span class="antiqua">Jean qui rit</span>, zur Verzweiflung -der Vorsteherin und ungeachtet der umfassendsten Amnestien und -dreimaliger Rosinenvertheilung. Und endlich war Alles umsonst, — da -der Strich, wodurch Graf Greuth seinen Herrn von einem zweiten Dutzend -Besuche befreit hatte, durch das ganze Gebiet der Levana, von der -Kinderbewahranstalt bis zur Universität gegangen war.</p> - -<p>— Zwölf Stazionen der Rückreise waren zurücklegt; der Wagen des -Souveräns hält vor der Akademie.</p> - -<p>Sie befindet sich im aufgehobenen Kloster <span class="antiqua">San Matteo</span>. Die Reihe -der Zellen war durchbrochen und in Säle verwandelt worden, und an der -Stelle, wo der Mönch mit Geißel und Stachelgürtel den traurigen Kampf -gegen die Natur bestand, da umfaßt sie mit heißer Liebe der junge -Künstler und sein Pinsel und Meißel schaffen alle Reize, welche die -blinde Aszetik als Teufelslockung aus diesen Räumen verbannt hatte. -— Wo der Todtenkopf über gekreuzten Gebeinen grinste, da lächelt die -meerentstiegene Afrodite, und an den Wänden, wo auf schwarzgeräucherten -Bildern blasse Hände aus Scheiterhaufenflammen hervorlangten, rufen -jetzt die herrlichsten Gestalten voll Kraft und Leben den Sieg des -Lichts und der Wahrheit hinaus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span></p> - -<p>Aus dem letzten Saale führt eine fliegende Treppe in den ehemaligen -Klostergarten. Auch ist das Heidenthum mit fliegenden Fahnen eingezogen -und die sandsteinernen Apostel in den Alleen sind dem marmornen Olimp -gewichen. Die alten Kastanien ragen herüber aus einer versunkenen -Zeit, über ein neues Geschlecht, das unter ihrem Schatten sich blühend -emporrankt, über die gewundenen Laubgänge, die Fontänen und Bassins, -worin sich die ganze bunte Pflanzenwelt spiegelt, womit eine sinnige -Hand den Garten zugleich mit den Gebäuden, verjüngend geschmückt hat.</p> - -<p>Im Vestibüle an der Hauptstiege wartet Direktor Volpi im schwarzen -Kleid, die Brust mit sechs (ausländischen) Orden geschmückt, umgeben -von einer Anzahl Professoren. Man glaubt zwar nicht an den Besuch, muß -aber in der jetzigen Zeit auf Alles gefaßt sein. — Das Publikum hatte -Zutritt wie gewöhnlich und fand sich zahlreich <span class="nowrap">ein. —</span></p> - -<p>Der Monarch unterbrach die Begrüßung des Direktors mit den Worten: -„Ich liebe Kunstwerke, verstehe aber nicht viel davon, — ich habe -nicht Zeit mich damit zu befassen; Sie werden mir mit Ihrem Urtheil -vorangehen.“</p> - -<p>Der General-Adjutant aber, welchem Volpi den in Sammt gebundenen -Katalog überreichte, schnitt<span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span> gleich das erste Urtheil in so markirter -Weise ab, daß Jener das Ueberflüssige seiner Bemerkungen einsah und -schwieg.</p> - -<p>Mit Entschlossenheit war der Souverain die Treppe hinangestiegen, als -ginge es einer Batterie entgegen. Es mußte mit Würde getragen werden: -die Kunst war einmal ein nothwendiges Uebel, und die reichen Banquiers -hegten und pflegten sie und betrachteten die Akademie als ein Kleinod -der Stadt.</p> - -<p>Man setzt sich in Bewegung, voran der Monarch mit dem Grafen Greuth und -Volpi, — in der Entfernung einiger Schritte die jüngeren Adjutanten -und andere Offiziere, worunter Plomberg, — die zahlreichen Besucher -folgen mit Augen und Ohren jedem Worte und jeder Bewegung.</p> - -<p>Es ist gebräuchlich, daß bei solchen Gelegenheiten der General-Adjutant -durch eine Bemerkung oder Frage die Gemälde bezeichnet, deren Ankauf -für den allerhöchsten Hof wünschenswerth erscheint.</p> - -<p>„Firefly, lichtbraune Vollblut-Stute des Herzogs von Devonshire,“ war -der erste Gegenstand, welcher ein wohlgefälliges Lächeln hervorrief.</p> - -<p>„Prächtiges Thier! mahnt viel an meine <span class="nowrap">Arabella.“ —</span></p> - -<p>„Euer Majestät geruhen zu bemerken, daß die Arabella stärker auf dem -Vordergestell. Der Herzog<span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span> scheint nicht die Force Euer Majestät, — -das Pariren im gestreckten Lauf, — zu besitzen.“</p> - -<p>Man überflog eine Wand mit verschiedenen Gallait, Achenbach, Lessing, -Rottmann, Bürkel <span class="nowrap">u. dgl.</span> und kam vor einem brennenden Johann Huß von -unbekannter Hand zum Stillstande.</p> - -<p>„Etwas zu graß! Die verkohlte, zerplatzende Stirnhaut ist beinahe -widerlich. Wie heißt der <span class="nowrap">Maler?“ —</span></p> - -<p>„Kornberger; es ist im Kataloge bemerkt, daß derselbe der Verfertiger -der Holzschnitte zur Kirchenzeitung.“</p> - -<p>Ein Wink an Direktor Volpi belehrte diesen, daß der brennende Ketzer -nun an einem frommen Herrscher einen Beschützer gefunden.</p> - -<p>Der Direktor unterstand sich, die allerhöchste Aufmerksamkeit auf einen -Cäsar zu lenken, auf welchen die Dolche der Verschwornen einblitzen, -mit der Bemerkung, daß der talentvolle junge Künstler, von welchem das -Bild herrühre, sich um das Stipendium zur Reise nach Rom bewerbe.</p> - -<p>Der Graf warf schnell dazwischen: „Schade um das Talent, das auf einen -so abscheulichen Gegenstand verwendet worden.“ — Der Monarch aber -fragte: „Ist der Mann ein Inländer?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span></p> - -<p>„Er ist ein Sohn unserer Stadt,“ erwiederte Volpi.</p> - -<p>— „Gut, — notiren Sie seinen Namen, — er soll das Stipendium haben.“ -— Dießmal war die Politik dem Verdienste zur Seite gestanden.</p> - -<p>In den folgenden Sälen wurden auserkoren: Walachische Bauern mit -Pferden — Wachtstubenszene — Scheibenschießen in Tirol — Wegnahme -einer feindlichen Kanone — ein <span class="nowrap">„Rastlbinder.“ —</span></p> - -<p>Die Mehrzahl dieser Schöpfungen hatte die Zulassung in die Gallerie der -Milde zu danken, womit der prüfende Ausschuß zu Werke gegangen war. -Allein Graf Greuth war ein reeller Mann, der mehr auf den Kern als -auf die Schale sah, und hielt sich nicht an die Ausführung, sondern -nur an die Idee, ohne jedoch für den Reiz eines besonders lebendigen -Farbenspiels unempfindlich zu sein.</p> - -<p>Die Schaar der Besuchenden lauschte in tiefer Stille. Die Worte des -Souverains in Betreff des jungen Künstlers thaten die beste Wirkung; -was sie aber von dem ausgestreuten Manna des General-Adjutanten -auffingen, erschien ihnen nicht schmackhafter als den Juden das ihre in -der Wüste. Doch war eine große Zahl unter ihnen, welche sich nur von -seiner Erscheinung unangenehm berührt fanden,<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span> nicht von seinen Worten, -— nämlich diejenigen, welche kein Deutsch <span class="nowrap">verstanden. —</span></p> - -<p>— Der im Fenster stehende Aufseher der Gallerie, ein alter, -stiller, freundlicher Mann, dessen Vergnügen mehr im Studiren -der Beschauer als der Gemälde bestand, machte auch heute seine -Beobachtungen, und ergetzlicher als die jetzigen, war ihm eine dem -hohen Besuch vorhergegangene gewesen. — Er hatte schon manches -Beispiel von Indifferenz erlebt, aber selten war ihm eine so -empörende Gleichgültigkeit gegen die Kunstschätze, die er überwachte, -vorgekommen, als die eines doch intelligent aussehenden hübschen jungen -Mannes, welcher die Säle durchschritt, als wären sämmtliche Rahmen mit -grauer Leinwand ausgefüllt.</p> - -<p>Kurze Zeit später erschien eine Dame, welche ihre Blicke ungefähr mit -der gleichen Theilnahme über die Wände gleiten ließ. — Daß Damen ohne -Begleitung die Gallerie besuchten, war an der Tagesordnung; dann sah -man ihnen aber auch meistens die Kunstliebe an, die sie hingeführt; -auch kehrten sie gewöhnlich aus dem letzten Saale durch die übrigen, -am Aufseher vorüber, zurück. — Als dieß im gegenwärtigen Falle nicht -geschah, weder von Seite des jungen Mannes noch der Dame, trat er ans -Fenster,<span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span> setzte seine Brille auf und überblickte die verschiedenen -Partien des wenig besuchten Gartens.</p> - -<p>Er gewahrte bald, daß sich in dem grünen Reiche der Natur die Gestalten -zusammengefunden, welche das Gebiet der Kunst getrennt durchwandelt -hatten.</p> - -<p>War Klotilden ein Wort vom <em class="gesperrt">Park</em> entschlüpft? oder hatten -die Beiden beim ersten Blick durch die offene Flügelthür auf die -Blumenbeete und dunkeln Gipfel gefühlt, daß nur diese die rechten -Wegweiser zum Glücke?</p> - -<p>Genug, sie fanden sich, ohne eine Minute vergeblichen Suchens, — -und die rothen Blütenpiramiden einer wilden Kastanie leuchteten als -Girandolen, als ihre Hände ineinander lagen vor dem marmornen Altare, -dem Piedestal einer Flora, welche den Blumenkorb über ihren Häuptern -hielt.</p> - -<p>Hätte statt der stummen Blüten und des schweigend lächelnden -Götterbildes ein lebendiger Zeuge das Wiedersehen belauscht, — -er hätte es nicht für ein erstes Bekennen, — er hätt’ es für die -Seligkeit über die Erfüllung eines längst getauschten Schwures gehalten.</p> - -<p>Sie fanden sich ja nicht wieder, wie sie sich im Freinhofe verlassen!</p> - -<p>Jeder Gedanke, jede Empfindung, jedes Leid<span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span> und Glück, das seit -jener Stunde durch ihre Seele gegangen, ward zur Schwinge, auf der -sie über alle Anfänge und Fragen und halben Verhüllungen des Gefühls -hinwegflogen...</p> - -<p>„Was ich am See geglaubt und gehofft — sagte Julie mit dem vollen -Glanz der Liebe in den Augen — das wird mir am Meere erfüllt!“</p> - -<p>„Und so viel tiefer und weiter dieses, als der See, um so viel reicher -und glücklicher halt’ ich diese Hand in <span class="nowrap">meiner.“ —</span></p> - -<p>„Wie freudig lasse ich sie darin ruhen! — Dieß Blatt enthält das -Bekenntniß meiner nächtlichen ersten Sünde des Zweifels, die auch die -letzte sein soll. Die Augen sind wahr, Arnold, und der Mond <span class="nowrap">lügt.“ —</span></p> - -<p>„Nicht der Mond ist unwahr, sondern jeder Gedanke, daß vergehen könne, -was unveränderlich und ewig!“</p> - -<p>— — Lassen wir die stumme Blumengöttin die einzige Zeugin der Stunde -sein, in welcher die Ringe der Seelen gewechselt wurden, und das Ja -gesprochen ward auf die Frage des unsichtbaren Hohenpriesters: Ists -Euer Wille, einander treu zu bleiben bis in den Tod <span class="nowrap">— — —</span></p> - -<p>— — —</p> - -<p>Als Julie durch die Laubgänge nach der flie<span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span>genden Treppe eilte, um -durch die Säle zurückzukehren, war der hohe Besuch eben im letzten -derselben <span class="nowrap">angelangt. —</span></p> - -<p>Sie trat mit gesenktem Blick durch die Thür und war mit schnellen -Schritten in die Hälfte des Saales gelangt. — Nun klang das -Säbelgeklirr in ihre selige träumerische Gedankenmelodie, sie schlug -die Augen empor und sah die der Offiziere, der schwarzgekleideten -Herren und der hinter denselben zusammengedrängten Zuschauer auf sich -gerichtet.</p> - -<p>Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß — — als Juliens Wangen, -und keine Rose, keine Nelke dunkler glühen, — — wie sie einen -Augenblick verwirrt und unentschlossen dastand; — sollte sie nach dem -Garten zurück, — oder durch den schmalen Raum, zwischen dem Monarchen -und den übrigen Uniformen hindurch, zu den <span class="nowrap">Zuschauern? —</span></p> - -<p>Da trat Plomberg auf sie zu, dem die Begegnung keine geringe -Befriedigung gewährte, bot ihr den Arm, und führte sie am Monarchen -vorüber, den sie erkannt hatte und der ihre Verbeugung mit -unbeschreiblich huldvollem Dank erwiederte, gegen das Publikum, und -kehrte darauf zum Gefolge zurück.</p> - -<p>Der Allerhöchste wendete sich zu ihm und sagte: „Eine schöne Frau; ist -sie aus dieser Stadt?“</p> - -<p>„Sie ist die Frau des Konsuls Kollmann, wel<span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span>cher heute das Glück hatte -von Eurer Majestät empfangen zu werden.“</p> - -<p>„Eine seltene Schönheit.“ — Zu Graf Greuth gewendet fuhr er fort: -„Jedenfalls der reizendste Gegenstand der Gallerie. Die Verlegenheit -stand ihr sehr hübsch. Warum die Maler nicht lieber so etwas malen.“</p> - -<p>„Wenn Euer Majestät in der Weise wie der König von Baiern eine Sammlung -von Schönheiten anzulegen befehlen würde, dürfte sie, nur aus Damen -Allerhöchstihrer Länder bestehend, jede andere überbieten.“</p> - -<p>„Ich glaube es, und diese Frau wäre ein guter Anfang. Ich liebe aber -keine Nachahmungen.“</p> - -<p>— So war denn auch die dreizehnte Stazion, der Akademiebesuch, -überwunden, und nachdem Seine Majestät das Diner in Gesellschaft des -Prinzen, des Grafen Greuth, des Kommandirenden und des Gouverneurs -eingenommen, geruhten sie, sich in den schwülen Nachmittagsstunden -in ihrem Kabinet auf die <span class="antiqua">Chaise longue</span> zu legen, und, nach -herabgelassenen Vorhängen, den Staatsgeschäften zu widmen.</p> - -<p>Es blieb nur noch der Bodensatz des Leidenskelches zu leeren, — der -Abend auf der Villa mit den exclusiven Tableaux. Er übertraf noch die -schlimmsten Befürchtungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span></p> - -<p>Nur die Elite der Elite vermag das reine Wasserstoffgas dieses Abends -zu athmen. Nicht ein Atom Sauerstoff von Wissenschaft, Kunst oder -Industrie war eingedrungen. Die gestern aus diesen Räumen so schmählich -vertriebene Göttin der Langeweile, die Etiquette, feierte ihr -Restaurazionsfest mit schwülem, schweigenden Pomp.</p> - -<p>— Die Gesellschaft war aber stillselig in dem <em class="gesperrt">einen</em> Gedanken, -welcher ihr alles andere Glück aufwiegt: sie waren <em class="gesperrt">unter sich</em>!</p> - -<p>— Und sie verdienen nicht nur dieses Glück, sondern haben sogar das -volle <em class="gesperrt">Recht</em>, es für eines zu halten, so lange es Geschöpfe gibt, -von denen sie um dieß „unter sich!“ <em class="gesperrt">beneidet</em> werden. — Der -Prinz gehörte nicht dazu; er labte sich an der Erinnerung an gestern -und an der Aussicht... über die Tableaux hinüber, die ihn übrigens -lebhaft beschäftigen, und einen flüchtigen Blick verdienen.</p> - -<p>Wir überfliegen die verschiedenen Gruppen nach Winterhalter, Paul de la -Roche, Vernet — worunter nur eine, aus der Smala Abdel Kader’s, den -allerhöchsten Beifall erregt und langen beim Schlußtableau an, welches -in dem orientalischen Saale, der ein Bassin enthält, dargestellt wird, -oder werden soll, da noch ein Hinderniß vorhanden.</p> - -<p>Es war Schwanthalers Brunnen in Wien<span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span> (auf der sogenannten Freiung -befindlich) gewählt worden.</p> - -<p>Die Donau, Weichsel und Elbe fanden ihre Repräsentantinnen in den drei -bereits erwähnten, vom akademischen Ausschusse gewählten Frauen; den -Po vertrat ein Kavalier einer ritterlichen Nazion, welcher das Unglück -hatte, der schönste Mann des Landes und sonst Nichts zu sein. — Da -sich keine Dame dazu verstanden hatte, die Rolle der auf der hohen -Brunnensäule stehenden Austria zu übernehmen, so wurde statt ihrer ein -„Genius des Vaterlandes“ hinaufgestellt, zu welchem ein schlanker, -rothwangiger Regiments-Kadett alle wünschenswerthen Eigenschaften, -nebst der Schwindelfreiheit vereinigte.</p> - -<p>Im Bassin war natürliches Wasser, Rand und Brunnensäule reich -mit Blumen verziert; die Costüme der Damen, in einigen Punkten -nothwendigerweise vom Vorbilde abweichend, waren in Farbe und Form -geschmackvoll von Volpi arrangirt, und das Ganze machte in der -herrlichsten Beleuchtung einen zwar durchaus nicht plastischen, aber -reizenden Effekt.</p> - -<p>Bald soll der Vorhang sich theilen. Die Weichsel und Elbe sitzen in den -griechischen Gewändern, mit ihren vergoldeten Wasserschaufeln spielend, -noch in Fauteuils, der Po geht auf und nieder, ungedul<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span>dig mit dem -Ruder stampfend. — Aber noch immer keine Donau erschienen.</p> - -<p>„Aber es ist doch geradezu unmöglich, daß die Strada nicht kommt! -die einzige, — einzige Bürgerliche! — eine Frau, die doch Geist -genug hat, um zu begreifen, daß ihr Stand in ihr geehrt ist, wenn sie -zwischen drei Flüssen steht, deren Wasser rein wie das destillirte in -der Apotheke, durch fünf oder sechs Jahrhunderte fortgeronnen ohne -einen fremden Bestandtheil in sich aufzunehmen!“</p> - -<p>Der Kadett steht mit langen goldenen Flügeln in goldgestickter Tunika, -mit verschränkten Armen auf der Säule und räth nach Donau-Eschingen zu -telegrafiren, warum der Fluß ausbleibt.</p> - -<p>Da kommt ein Brief: Madame Strada ist „plötzlich <span class="nowrap">unwohl.“ —</span></p> - -<p>Zuerst beißt man sich ärgerlich in die Lippen.</p> - -<p>„Nicht einmal das Costüme hat sie <span class="nowrap">geschickt.“ —</span></p> - -<p>„Es würde es wohl kaum Jemand angezogen <span class="nowrap">haben!“ —</span></p> - -<p>— Dann geht der Zorn in stille Verachtung <span class="nowrap">über. —</span></p> - -<p>„Man sieht! — — wenn sich nicht ihrer Mehrere zusammenthun können — -— als Einzelne unter uns fühlte sie sich gedrückt... es ist ja auch -na<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span>türlich! — Schade, sie ist sonst ein liebes Weibchen! — Lassen wir -die Arme!“</p> - -<p>Aber die Minuten fliegen weg, und Minuten vom Monarchen durchwartet -wiegen ungefähr ein Jahr von Unterthanserwartung.</p> - -<p>Der Vorhang bewegt sich, das rothe Gesicht des General-Adjutanten sieht -fragend herein und zieht sich wieder zurück. Die Flüsse ringelten sich -verzweifelnd um Volpi.</p> - -<p>Er rief: „Nehmen wir in Gottes Namen die Donau lateinisch, — Danubius! -schnell einer von den Herren herein, wir haben noch einen grünen Bart -und Schilfkrone.“ — Er stürzt hinaus zum Prinzen — bevor dieser -wählen kann, hat aber Graf Greuth das Auskunftsmittel vernommen, und -beordert Oberst Plomberg hinter die Szene, welchem die griechischen -Gewänder umgethan, Bart und Schilf aufgesetzt werden — das Tableau ist -<span class="nowrap">gerettet. —</span></p> - -<p>Schade, daß der Kadett, wie er die Arme segnend ausbreitet, mit offenem -Munde lächeln zu müssen glaubt: es macht den fatalen Eindruck, als wäre -der Genius des Vaterlandes die Bornirtheit.</p> - -<p>Die Gesammtwirkung ist überraschend. „Charmant! — ruft der Monarch — -ich habe das Original selbst gesehen, als ich einmal in Wien war, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span> -mit den Farben und Lichtern machts doch einen ganz andern Effekt!“</p> - -<p>Der General-Adjutant erwiederte: „Die Gruppe würde aber doch ungemein -gewinnen, wenn statt des Genius die schöne Frau auf der Säule stünde, -welche das Glück hatte, von Euer Majestät in der Ausstellung bemerkt zu -werden.“</p> - -<p>„Das ist wahr! ganz richtig! — — Erinnern Sie mich, lieber Graf, -wenn die Herbstjagden anfangen, daß ich dem Manne versprochen habe, in -seinem Revier zu jagen.“</p> - -<p>— — Endlich war auch dieß vorüber. — Der letzte Wagen rollte den -Berg hinab, — der Prinz stürzte nach seinem Schlafzimmer, vertauschte -die Gala-Uniform mit dem leichten Jagdrock, sprach ein Paar Worte mit -Heidenbrunn und flog durch den dunkeln Park und einige Wiesen und -Büsche nach dem kleinen, netten, auf halbem Wege zwischen der Stadt -und der Villa gelegenen Hause — dessen Jalousien geschlossen sind, -wie das Thor. — Der Prinz öffnete die Gartenpforte mit dem Schlüssel, -den er bei sich trug, und vergaß in der nächsten Minute alle Leiden -des exclusiven Cercle’s — in dem noch exclusiveren — an der Seite -Klotildens, welche ihre Uebersiedlung nach dem mit Luxus und<span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span> Geschmack -eingerichteten Asile mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit vollbracht -hatte.</p> - -<p class="s3 center mtop1 mbot1">*           *<br /> -*</p> - -<p>So sind denn die Geschenke alle vom Weihnachtsbaum gepflückt, dem wir -den heutigen Tag verglichen.</p> - -<p>Auch der Bandit freut sich eines neuen geschliffenen Dolches: Kollmann -hat alle Ursache den Tag zu loben. Er spricht in seiner Weise ein -Dankgebet, das andern Ohren wie eine Gotteslästerung klingt.</p> - -<p>Der General-Adjutant, Plomberg, der Prinz und Klotilde, Jeder hat -seinen goldnen Apfel heimgetragen, — der Monarch freut sich des -Jagdvergnügens, das er heute noch keine Anstalt macht zu vergessen, -freut sich der Beweise der Loyalität und daß dieselben vorüber, — -und wie tausendstimmig die Stadt gejubelt, ist in dem Telegramm des -Gouverneurs an den Ministerpräsidenten zu lesen.</p> - -<p>Arnold aber hält am Schlusse des Tages den Brief in der Hand, den ihm -Julie unter den wilden Kastanien gereicht, — — den sie in der letzten -Nacht geschrieben.</p> - -<p>Er hatte das Licht verlöscht, — und wieder angezündet, um — wieder zu -lesen, obgleich er jedes Wort auswendig weiß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span></p> - -<p>Sie hatte geschrieben:</p> - -<p>„Wenn Deine Augen über dieß Blatt gleiten, so haben die meinen Dir -schon das Unrecht abgebeten, — habe ich <em class="gesperrt">Dich</em> durch <em class="gesperrt">Glück</em> -versöhnt, wie den Himmel durch eine Stunde kindischen <em class="gesperrt">Schmerzes</em>. -— Auch Du wirst sie vielleicht durchleben, wenn Dein Glaube nicht -höher und fester.“</p> - -<p>„Ich spreche zu Dir, als hätt’ ich aus Deinem Munde vernommen, was nur -mein eigen Herz mir geschworen. Ich habe aber auf den Grund Deiner -Seele geschaut wie Du in meine. Kann ich Dir, — kannst Du mir Ein -Wort sagen, wodurch erst ein Schleier gelüftet würde? Soll ich den -Frühlingsglanz, der über mein Leben gefallen, vor Dir verhüllen, -damit Du nicht früher glücklich seist, als bis Du gesprochen, und um -ein Herz geworben, das Dein eigen? Glaube dem Deinigen, und Du wirst -Dir klar bleiben, glücklich, was auch verwirrend zwischen uns trete: -<em class="gesperrt">denke</em> nicht über mich, sonst wirst Du irre.“</p> - -<p>„Kannst Du ein Glück fassen, ohne über die selige Gegenwart hinaus zu -denken? Ich fürchte, Du kannst es nicht. Ich aber muß es. Nimm, wenn -Du es vermagst, das <em class="gesperrt">Heute</em> als Gottesgeschenk, ohne nach dem -<em class="gesperrt">Morgen</em> zu fragen. Nimm es, wie ich die schönste Freudenblume, -die mir durch Dich<span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span> erblüht, an meiner Brust bewahre und nicht frage, -welcher Tag sie entblättert.“</p> - -<p>— — Allein alle die befremdenden Klänge der letzten Worte verstummten -für Arnold vor dem hellen Wonnelaute: Du bist geliebt. — Es gab keinen -Glücklicheren als er — — vielleicht eine Glücklichere.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kirchenweihe"><em class="gesperrt">Kirchenweihe</em>.</h2> - -</div> - -<p>— Am folgenden Vormittage trafen in der Telegrafenstazion Frauenwang, -von welchem Orte bekanntlich der Weg nach dem Korbachthale führt, im -Zwischenraume einer Stunde folgende zwei Depeschen ein:</p> - -<p>„An Herrn <em class="gesperrt">Morawski</em>, Verweser zu <em class="gesperrt">Altenberg</em>. — Lassen -Sie <em class="gesperrt">Ihre</em> Maschine arbeiten. — Mit allen Ihren Vorkehrungen -einverstanden. — Hier geht Alles vortrefflich. <b>K.</b> unterliegt, -nicht weiter zu fürchten, wenn Sie gut arbeiten.“ — Unterzeichnet: -„Kollmann.“</p> - -<p>Die zweite lautete:</p> - -<p>„Theurer Vater! Vollständiger Erfolg. Vor einer Stunde alle Kontrakte -unterzeichnet. <b>K.</b> ist aus dem Felde geschlagen. Ich komme morgen -Abends.“</p> - -<p>„Da habe ich einmal — sagte der Stazionsbeamte zu seinem Gehülfen -— eine Anekdote gehört,<span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span> wie in der Menagerie in London der Tiger -und der Löwe einander über Nacht gegenseitig aufgefressen, so daß von -beiden Nichts übrig blieb als die Köpfe. Etwas Aehnliches scheint -hier vor sich zu gehen; lesen Sie einmal!“ — Der Gehülfe las und -bemerkte, daß die beiden Schreibenden vielleicht gegen einen dritten -gemeinschaftlichen Feind gesiegt hätten. „Gott bewahre, erwiederte der -Andere, — ich kenne den Zusammenhang, es sind die zwei Fabrikanten, -die einander zu Grunde richten wollen. Nun, wir werden bald sehen, -welches <b>K.</b> das andere untertaucht.“</p> - -<p>Er kopirte die Depeschen, machte sie zur Expedizion zurecht und fuhr -fort: „Die Stücke sollen durch Expressen befördert werden, es ist dafür -dort bezahlt worden. Ueber Altenberg nach Korbach? wir können zwei -Expressen aufrechnen, da die eine Depesche bereits vor einer Stunde -gekommen und wir sie schon hätten absenden können.“</p> - -<p>„Gewiß, wenn wir gewollt <span class="nowrap">hätten“ — —</span></p> - -<p>„Nun, schicken wir sie unter <em class="gesperrt">Einem</em>. Glücklicherweise ist keine -Fabrikgelegenheit da. Lassen Sie den Schneiderpeter holen, — der fährt -um die halbe Taxe!“</p> - -<p>Nach einer halben Stunde erschien der Genannte, eine gutmüthige, -verhungerte Gestalt in Nankingbeinkleidern und himmelblauem Rocke. -— Er<span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span> übernahm die Depeschen, beendigte zu Hause eine Flickarbeit, -richtete seinen Einspänner zurecht und fuhr in einem gemüthlichen -Mitteltempo zwischen Schritt und Trab von dannen. Da er wiederholt in -Bauern- und Wirthshäusern kurze freundschaftliche Besuche abstattete, -wurde er fortwährend von einem fleißig ausschreitenden Hausirjuden -überholt, welcher, mit seinem sechzig Pfund schweren Magazin auf dem -Rücken, gleichzeitig mit ihm in Altenberg eintraf.</p> - -<p>Das Pferd wurde in den Stall gestellt, und auf der Hausbank ein Glas -Wein in Gesellschaft des Gevatter Wirthes getrunken. — Das regste -Leben herrschte im Orte; die Gebäude waren vollendet; eben ausgepackte -Maschinenbestandtheile lagen auf dem Platze vor der Fabrik umher.</p> - -<p>„An dem Morawski, begann der Wirth, hat Herr Kollmann den Rechten -gefunden. Vor drei Tagen hat er wieder hundert Slowaken, die von der -Eisenbahnarbeit nach Hause geschickt werden sollten, aufgenommen, -für die großen Grabungen am Wassergang und dem Dammbau, und fünfzig -Italiener für die Steinarbeiten.“</p> - -<p>— „Das nützt Alles nichts; gegen den Korbacher kommt er doch nicht -auf.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span></p> - -<p>— „Das wird sich zeigen; schau die Walzen an, sie sind größer als -jene, die sie dort haben. Sie werden bald die Augen aufreißen! Die -Lutherischen drüben haben ja schon geglaubt, gegen sie stehe Nichts -mehr auf im Lande.“</p> - -<p>„Ist der Erzbischof schon bei Euch durchgekommen?“</p> - -<p>„Nein, es war ein Anderer, der statt seiner die Einweihung vornehmen -soll. Es sind drei Wagen mit Geistlichen vorübergefahren; der -Vornehmste hat den Segen gegeben. Da hättest du sehen sollen, wie die -Slowaken auf das Gesicht gefallen sind. Das ist ein Volk! aber noch -immer besser als die da drüben! sie haben wenigstens eine Religion; -aber in Korbach glauben sie an gar Nichts als an einen Herrgott.“</p> - -<p>„Ja freilich,“ meinte der Schneiderpeter, „so lange der Mensch gesund -ist und vollauf hat, thuts der Herrgott allein, aber wenn Einer krank -wird und recht herunterkommt, müssen doch die Mutter Gottes und die -Heiligen wieder heraushelfen. Ich habe aber einen Telegrafen an Herrn -Morawski im Sack und bin Expresser.“</p> - -<p>„Geh in die Kanzlei, — er ist gerade hinübergegangen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span></p> - -<p>Morawski las die Depesche mit sichtlicher Aufregung, und rief -den Werkführer Fontana zu sich, mit welchem er sich lange und -angelegentlich besprach.</p> - -<p>Das Resultat der Unterredung wurde bald offenbar. — Obgleich es erst -Mittag war, ertönte die Glocke, welche gewöhnlich nur zum Feierabende -und zur Mittagsruhe geläutet wurde, und die Arbeiter warfen ihr -Geräthe weg und versammelten sich auf dem Rasenplatze vor der Fabrik. -Morawski trat heraus und befahl den Italienern, sich abzusondern und -Herrn Fontana zu folgen, welcher sich mit ihnen etwa fünfzig Schritte -entfernte, in ihre Mitte stellte und, mit einigen Abänderungen, eine -gleichlautende Rede mit jener hielt, in welcher sich Morawski gegen die -Andern vernehmen ließ.</p> - -<p>Ein Blick auf Letzteren machte begreiflich, daß er das Vertrauen -Kollmann’s besaß, — Redner und Publikum waren einander werth. Herr -Morawski war ein großer breitschulteriger Mann, mit blatternarbigem, -verschmitzten Gesicht, Ohrringen in beiden Ohren und stark böhmischem -Akzent.</p> - -<p>Die Slowaken anlangend, standen dieselben in ihren ungeheuern -Stiefeln, ausgefransten Leinwandsäcken, die die Beine bedeckten, -und breiten Hutdächern mit einem Ausdrucke da, welcher zu Studien -über die Perfektibilität der Thierseele Anlaß geben, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span> auch -alle sanguinischen Hoffnungen auf dieselbe abschneiden konnte. — -Diese Nazion ist offenbar an einem regnerischen Freitag gegen Abend -geschaffen worden. Wenn sich, wie bekannt, im Kopf eines Hechtes das -sogenannte Leiden Christi, nämlich alle Instrumente vorfinden, welche -zur Marter des Herrn, vom Verhör bei Pontius bis auf Golgatha, gedient, -so müssen sich im Kopfe eines Slowaken überdieß die Torturwerkzeuge -aller der Tausende von heiligen Märtyrern entdecken lassen. Wenn dieses -Volk jubelt, klingt’s noch immer wie wenn ein anderes heult: der Slowak -mag arbeiten oder trinken, betteln oder stehlen, durch jede Funkzion -seines Lebens wird der nazionale Urjammer, der spezifisch-slowakische -Weltschmerz <span class="nowrap">durchtönen. —</span></p> - -<p>Morawski sprach zu ihnen wie folgt:</p> - -<p>„Unser gnädiger Fabrikherr, Euer Arbeitgeber, sieht vor Allem auf -die Gottesfurcht und Frömmigkeit seiner Arbeiter. Er will gern einen -Schaden erleiden, wenn Ihr dafür ein Werk der Andacht verrichten könnt. -— Er gibt Euch zwei Tage frei, ohne den Lohn abzuziehen. — Es wird -morgen die Kirche in Korbach geweiht; ein hoher Geistlicher, welchen -der Erzbischof geschickt hat, wird den Segen geben, welcher so gut -ist, als ob er vom Erzbischof selbst käme. Wer ihn erhalten will, der -geht mit mir und<span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span> Herrn Fontana, welcher Eure Kameraden führen wird, -hinüber. Da Herr Kollmann will, daß Ihr in Korbach Nichts verzehrt, so -werdet Ihr mit Lebensmitteln versehen werden. In Korbach sind viele -Arbeiter, die an keinen Papst, keine Mutter Gottes und keine Heiligen -glauben. Ihr werdet Euch ruhig und still betragen und jeden Zank mit -diesen unglücklichen Menschen vermeiden, die Ihr bedauern müßt; wir -werden aufbrechen, sobald Ihr Euern Wein und die Lebensmittel gefaßt -habt, auch hat Herr Kollmann befohlen, daß Jeder von Euch einen -Rosenkranz bekommen solle. Wer will die Wallfahrt mitmachen?“</p> - -<p>Die Antwort war ein einstimmiges Freudengeschrei; man konnte glauben, -es werde ein Häuptling zur Erde bestattet. — Wenige Minuten später -klang der prachtvolle Akkord des fünfzigstimmigen Evviva! aus den -metallnen Kehlen der Italiener herüber, welche die Hüte in die Luft -warfen, Kollmann und die Madonna, den Erzbischof und den Branntwein -leben ließen, aber mit allem Schreien, Gestikuliren, Hin- und Herrennen -nicht verhindern konnten, daß die melancholischen Slowaken ihre -Flaschen und Brotsäcke früher gefüllt hatten als sie.</p> - -<p>In kurzer Zeit war Alles marschfertig. Der Kaplan hatte dem Ersuchen um -eine Kirchenfahne<span class="pagenum"><a name="Seite_392" id="Seite_392">[S. 392]</a></span> willfahrt, mit welcher ein Arbeiter an die Spitze -des Zuges trat, ihm zur Seite ein Vorbeter. Morawski und Fontana -bestiegen einen leichten offenen Wagen, — die Italiener führte ein -Maurerpolier und vormaliger Chorist, Namens Pompeo. Sie eilten voraus, -um dem Gesange ihrer Kameraden zu entrinnen, stimmten zuerst ein Lied -zu Ehren der Madonna di Korbacco an, ließen sich aber von Pompeo leicht -aus dem religiösen Gebiete ins melodramatische hinüberziehen und -bildeten einen gelehrigen Chor zu seinen Donizettischen, Verdischen und -sonstigen Arien.</p> - -<p>Als Alle abgezogen, machte der Schneiderpeter Anstalt zur -Weiterbeförderung seiner zweiten telegrafischen Depesche.</p> - -<p>Das Pferd wurde angeschirrt, die Rechnung bezahlt, und er überholte mit -leichter Mühe die Arbeiter und den Hausirjuden und gelangte mit wenigen -Unterbrechungen bis Labring, eine halbe Stunde vor Korbach.</p> - -<p>Es war spät in der Nacht, als er bei seinem Geschwisterkinde, dem -Ortsrichter, anklopfte. — Dieser empfing ihn mit freudigem Ausrufe -und den Worten: „Den ganzen Tag habe ich an Euch gedacht, Peter! ob -Euch nicht eine Botenfahrt hereinführen würde. Morgen soll ich zur -Kirchenweihe und heute klopft die Dirne meinen neuen Rock aus,<span class="pagenum"><a name="Seite_393" id="Seite_393">[S. 393]</a></span> und -der Hund versteht falsch und springt hinauf, und reißt den Aermel in -Fetzen. Ich hätte wohl noch einen Rest Tuch, — wollt Ihr dran gehen?“</p> - -<p>Der fleißige gefällige Peter ging flink an die Arbeit und stach -so hurtig drauf los, daß er nahezu fertig war, als die Wallfahrer -nachkamen und am Hause vorüberzogen. — Schließlich traf er fünf -Minuten nach den Italienern, eben so viele vor den Slowaken mit seiner -Depesche im Korbacher Wirthshause ein, wo eben der Jude, der mit ihm -zugleich von Frauenwang ausgegangen, seinen Großhandel in eine Ecke und -sich selbst daneben niederfallen ließ. Der Schneiderpeter versorgte -sein Pferd, setzte sich, um einen Augenblick auszuruhen, betäubt von -Wein und Nachtfahrt, auf die Streu nieder und schlief alsbald <span class="nowrap">ein. —</span></p> - -<p>Erst seit einer Stunde hatten auch die Bewohner des Ortes das -Letztere gethan, nach dem bewegten Tage. Die Gemeinde hatte an den -Vorbereitungen für Morgen gearbeitet, Alles übertüncht und behangen -und gesäubert — aber lässig und verdrossen waren die letzten Arbeiten -verrichtet worden, als die Erwartung der Ankunft des Erzbischofs nicht -in Erfüllung ging, sondern aus dem ersten Wagen Pater <em class="gesperrt">Bernhard</em> -stieg.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_394" id="Seite_394">[S. 394]</a></span></p> - -<p>Sein Name war in Korbach gehaßt, während trotz des dort herrschenden, -nach der klerikalen Auffassung verderblichen Geistes, die Erscheinung -des Erzbischofes nicht verfehlt hätte, großen Eindruck zu machen. Es -liegt ein ganz eigner Zauber in der funkelnden Inful und dem Krummstab: -das alte Spielzeug, der Nikolaus, tritt plötzlich vor das katholische -Kind in lebendiger Größe hin, und während ein Pfarrer, Kaplan oder -Dechant dem Bauer begreifliche, vertraute Erscheinungen sind, schwebt -der Bischof immer ein gutes Stück über der Erde, zwischen geflügelten -Engelsköpfen und Aposteln in Wolken.</p> - -<p>Der Kirchenfürst hatte jedoch seinen Entschluß geändert. Bernhard, -von seinem Sturze von dem in die Luft gebauten Prälatenstuhl erholt, -— hatte in der Residenz eine unglaubliche Thätigkeit entwickelt. Der -Erzbischof, bereits durch Korbach’s Ablehnung, ihn zur Einweihung zu -laden, gereizt, — so wenig er es auch merken ließ, — war nun selbst -der Ansicht, daß die Dinge zur Entscheidung kommen müßten. Er hatte -Bernhard, da seine Stellung im Kloster unmöglich geworden war, und -man die Wahl des Valentin aus höheren Gründen nicht umstoßen wollte, -zum Domherrn ernannt —; und da das Auftreten des alten Korbach -besorgen ließ, daß das Fest<span class="pagenum"><a name="Seite_395" id="Seite_395">[S. 395]</a></span> nicht ohne Störung vorübergehn und er -zwar eine Krisis herbeizuführen, nicht aber seine <em class="gesperrt">Person</em> einer -Unannehmlichkeit auszusetzen wünschte, so übertrug er Bernhard die -Vertretung derselben, und ließ ihm stillschweigend zu Allem, was er -vorzukehren fände, freie <span class="nowrap">Hand. —</span></p> - -<p>Ohne daß eine Aenderung des ursprünglichen Beschlusses nach Korbach -gemeldet worden, traf der nunmehrige Domherr daselbst ein, bezog die -im Pfarrhofe bereit gehaltene Wohnung, indem er die ihm durch den -Pfarrer gemeldete Einladung, im Herrenhause zu wohnen, ignorirte, und -ließ für die Geistlichen seiner Assistenz Zimmer im Gasthofe nehmen. -Er erklärte, er habe vor, die religiöse Feier mit Vermeidung alles -Kontaktes mit den weltlichen Elementen von Korbach vorzunehmen, was -nicht verhinderte, daß er die Gemeindevorstände zu sich beschied, sie -nach den getroffenen Vorbereitungen fragte, und mit großer Spannung -eine Stunde, und eine zweite, auf ein Lebenszeichen des Gutsherrn -<span class="nowrap">harrte. —</span></p> - -<p>Mit Pfarrer Leo sprach er in kurzem trockenen Tone und als derselbe -Einiges über den befriedigenden Zustand der Pfarre äußerte, unterbrach -er ihn: „Der Erzbischof ist von der wahren Sachlage hier und in St. -Martin zu genau informirt, um Ihrer Berichtigung zu bedürfen, — er -weiß auch, wer<span class="pagenum"><a name="Seite_396" id="Seite_396">[S. 396]</a></span> bei den Vorgängen im Kloster, die sein Herz betrübten, -in vorderster Reihe stand.“</p> - -<p>Er ging in die Kirche, — wieder nach Hause — die Reizbarkeit seines -Temperaments hatte sich durch keine Aderlässe und niederschlagenden -Pulver vermindert. — Um neun Uhr Abends beschloß er eine verstärkte -Ausgabe des Manövers mit dem Briefe: er schickte einen Geistlichen nach -dem Herrenhause, um seine Ankunft formell anzusagen. „Kriecht er zum -Kreuz und <em class="gesperrt">kommt</em>, — <em class="gesperrt">gut</em>; dann wollen wir weiter sehen.“ -Als Vertreter des Erzbischofs hatte er jedenfalls das Recht, den ersten -Besuch zu <span class="nowrap">erwarten. —</span></p> - -<p>Der Geistliche kam mit der Meldung, daß ihn der alte Herr in seinem -Schlafzimmer empfangen, und gesagt habe, er werde als Kirchenpatron den -Domherrn morgen an der Kirchenthüre erwarten und feierlichst begrüßen, -und hoffe, derselbe werde mit allen Geistlichen der Assistenz ihm nach -der Einweihung die Ehre erweisen, Mittags seine Gäste zu sein.</p> - -<p>Man sieht, daß die Diplomatie nicht die stärkste Seite beider -Parteien war. Korbach konnte unmöglich glauben, daß der Domherr die -gelegentliche Einladung durch den rückkehrenden Boten annehme. Der -Domherr aber hatte nicht in der klaren Absicht die Sache zum Bruch -zu treiben gehandelt, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_397" id="Seite_397">[S. 397]</a></span> sich doch als <em class="gesperrt">möglich</em> gedacht, -den Triumf einer Unterwerfung Korbachs in die Residenz mitzubringen, -wozu dieß der erste Schritt. Nun war für ihn nur ein Weg, und er war -gleichwol ärgerlich über den erhaltenen Affront.</p> - -<p>Er suchte Ruhe, schickte die Musik weg, die auf dem leeren Platz zu -spielen begann, und überließ sich den Gedanken an den kommenden, -wichtigen Tag. Seine Aufregung war nicht viel geringer als vor -Eröffnung der Stimmzettel. Er ging auf und nieder, las eine vor der -Abreise aus der Residenz erhaltene Depesche Kollmanns, als wollt’ er -sich überzeugen, daß er sie die zehn ersten Male richtig gelesen, und -griff endlich zum Hut, um dem schwülen Zimmer zu <span class="nowrap">entfliehen. —</span></p> - -<p>Schlummern mag der Eingeborne in Korbach — nimmer der Fremde, der -vergebens einer „Nachtstille“ harrt. Sie ist entflohen an die äußersten -Grenzen des Thales, vor dem ewigen Toben des Hammers, vor dem ewigen -Rauschen des Wassers, — des weißschäumenden Blutes in jenem Körper, -dessen Riesenglieder nie alle zugleich ruhen. Laßt es stocken und -das Herz, das große Schwungrad, steht still, der Athem der Gebläse -verstummt, die Lebensglut der Feuerstätten verlischt, die tausend -Gelenke der Räder erstarren. — Die Perser hielten ihr Feuer nicht -hei<span class="pagenum"><a name="Seite_398" id="Seite_398">[S. 398]</a></span>liger, als die Korbacher dieß Wasser. Beim Eintritt ins Thal -empfängt es eine Ehrenpforte von Quadern und nun gleitet es weich dahin -in blanken hölzernen Betten, hin zu den Werken, und lustig bietet sich -ihm zum Tanze die flink umwirbelnde Turbine, — gehorsam, wie der -Elefant dem kleinen Kornaken, fügt sich seiner Laune das haushohe Rad. -— Dort leiten es gewundene Röhren in weiche Wiesen — dort fällt’s -als Strahlenregen in Helenen’s Blumenbeeten — — jeder Tropfen nützt -oder erquickt. Und während es zehnfach getheilt in rastloser Eile -schäumend und sausend durch all’ die Räume sich drängt, und am Ausgang -des Thales wieder vereint, wo jedes der fliegenden Korps dem andern -erzählen mag, wie es gekämpft und was es besiegt, — schleicht nur der -Ueberfluß träge im steinigen Hauptbett dahin, wie Marodeurs zur Seite -der Armee. Das Thal ist von den Wassergeistern erfüllt, man athmet -sie bei jedem Schritte, — sie drängen sich in der Nacht zu weißen -Schaaren unter den Bäumen zusammen. Und wie die Sonne aufgeht über den -Gerechten und Ungerechten, so kühlt auch die Nacht, — diese frische, -tannendurchduftete, schaumdurchsprühte Nacht von Korbach — nicht nur -die Wangen des Gerechten, sondern auch jene Bernhards.</p> - -<p>Er ging über die Brücke, den Gebäuden ent<span class="pagenum"><a name="Seite_399" id="Seite_399">[S. 399]</a></span>lang, und stand vor der Thür -des Walzwerkes. Er trat hinein, die Arbeiter grüßten, ohne ihre Arbeit -zu unterbrechen und schoben ein Metallstück nach dem andern zwischen -die Walzen, die das gußeiserne Schwungrad bewegte.</p> - -<p>Nun stand er vor diesem, — betrachtete es, und konnte den Blick nicht -davon abwenden — — wie es im rasenden, sinnverwirrenden Fluge sich -drehte, daß die Speichen für das Auge in eine graue Scheibe verrinnen -— ein Sklave des Wassers über sich, und mächtiger Zwingherr der -Walzen unter sich, und diese wieder die Herren des Metalles — das sie -erfassen, so ruhig-spielend und leicht. Das Zucken des Lammes in der -Löwentatze ist eher ein Widerstand zu nennen, als dieß ohnmächtige -Schwinden in einer einzigen Umarmung.</p> - -<p>Der Beschauer vergißt der bewegenden Kraft, — des Zusammenhanges, — -des Begriffes: <em class="gesperrt">Maschine</em>. Er sieht ein <em class="gesperrt">Lebendiges</em> vor sich -— — aber Keinem, der vor einem solchen Getriebe stand, hat jemals -die Fantasie vorgespiegelt, daß es von einem Geiste des <em class="gesperrt">Lichts</em>, -einem Cherub bewegt werde: der nächste Gedanke ist nur der Geist der -Finsterniß, der <em class="gesperrt">Dämon</em>, selbst in der einfachen Mühle, und das -Prinzip ergreift unwillkürlich den Zuschauer....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_400" id="Seite_400">[S. 400]</a></span></p> - -<p>Wahrlich auf hohem Gipfel der Nächstenliebe muß derjenige stehen, oder -ein selten glückliches Dasein hingelebt — oder ein taubenfrommes -Gemüth als Wiegengabe eingebunden bekommen haben, — der im ganzen -Laufe seines Lebens nicht <em class="gesperrt">Einmal</em> Jemandem den frommen Wunsch -nachgesendet, daß ihn — — der Teufel holen möge. Und Jeder, aus -dessen Brust nicht der Polip des Hasses mit der letzten Wurzel -ausgerissen, der lege die Hand aufs Herz, und gestehe, <em class="gesperrt">welcher</em> -Gedanke in ihm aufgezuckt vor der Höllengewalt dieser umherstürmenden, -Alles zermalmenden eisernen Ungeheuer? — — Die Fantasie ist -schuldiger, als das <span class="nowrap">Herz. —</span></p> - -<p>Man wünscht ja nicht, <em class="gesperrt">daß</em> es geschehe; man denkt nur — — -<em class="gesperrt">wenn</em> es <span class="nowrap">geschähe! —</span></p> - -<p>— Wer wird dich blutgierig nennen, armer, hungeriger Praktikant der -Staatsbuchhaltung, wenn du vor dem Rade stehst und ein dir sonst -fremder Geist in dir denkt: eine <em class="gesperrt">einzige</em> Umdrehung; und die -hundert und achtzig Vorrückungen sind vollbracht, deren es bedarf um -vierhundert Gulden zu erreichen! Und so Jeder, der den Karren seines -Jammerlebens nicht an die Stelle, die er ein „Ziel“ nennt, schieben -kann, ehe nicht der Karren seines Vorgängers umgestürzt und in den -Graben am Wege gefallen. — Und wenn der fromme Rechtgläubige die ganze -übrige<span class="pagenum"><a name="Seite_401" id="Seite_401">[S. 401]</a></span> Menschheit, und der Razionalist die gesammte Klerisei im Geiste -durch die Walzen zieht —? so sind’s eben Spiele der Fantasie, vom -Windhauche der Teufelsmaschine aufgewirbelt.</p> - -<p>Der Stellvertreter des Fürst-Erzbischofs stand da — das starre Auge -auf dieselbe geheftet, und zeichnete in Gedanken auf den dunkeln Grund -hinter den Speichen die Vignette zu dem „Liebet Euch unter einander, -<em class="gesperrt">daran</em> soll man <em class="gesperrt">erkennen</em>, daß Ihr meine Jünger seid“ — -<em class="gesperrt">er</em> zog vor <em class="gesperrt">inkognito</em> zu bleiben. Er gedachte seines -geliebten Klosters, — des Mannes, der seinen Platz einnahm — seinem -Auge erschienen die Metallplatten als Menschengestalten — — der alte -Korbach — Alle, die in der Todtenkapelle zugehört, immer zahlreicher -wurde die Gesellschaft — — — die ganze protestantische Gemeinde -hat der stumme Wunsch durch die Walzen gezogen — — Aber die Knechte -fassen ewig nur Platte auf Platte, und keiner weist grinsend nach einem -Besorgten und Aufgehobenen....</p> - -<p>Der Herr mag ihm den Willen für das Werk anrechnen! — Seine Vision -ward gestört, da der alte Korbach, welcher die Werke jede Nacht zu -unbestimmter Stunde besuchte, am entgegengesetzten Eingange des -Gebäudes erschien. Bernhard trat schnell ins Freie. Korbach hatte -ihn aber erkannt, und mit der Wahr<span class="pagenum"><a name="Seite_402" id="Seite_402">[S. 402]</a></span>heit und Treue, welche die erste -Pflicht des Erzählers ist, muß bekannt werden, daß auch der alte -biedere Fabrikherr, als er am Rade vorüberging, von dem ansteckenden -„Gedankenspiele“ nicht verschont blieb. — Und <em class="gesperrt">sein</em> Gedanke -dürfte ihm in einer andern Welt zwar nicht als Verdienst angerechnet -werden, aber dafür — in <em class="gesperrt">Erfüllung</em> gehen.</p> - -<p>Der Domherr ging noch einige Zeit umher, sich für die Predigt -vorbereitend, die er vor dem Hochamte zu halten gedachte. — Er hatte -den Grundgedanken dazu im Walzwerke <span class="nowrap">gefunden. —</span></p> - -<p>Korbach aber kehrte ins Wohnhaus zurück, um sich zur Ruhe zu begeben. -Als er ans Fenster trat um es zu schließen, drang ein seltsames -Getön vom Ende des Thales her an sein Ohr, — es wurde immer lauter, -deutlicher und wehmüthiger, und er erkannte den Slowakengesang und -wußte nicht, wie er sich die Rücksichtslosigkeit der nächtlichen -Wallfahrer erklären sollte. — Das Lied verstummte, und es folgte das -sogenannte Fahnenduett aus den Puritanern, von einem zahlreichen Chor -im raschesten Tempo ausgeführt. — „Das läßt sich eher hören,“ sagte -er, „aber wer zum Henker hat denn den Einfall, das ganze Thal in der -Nacht aufzubrüllen?“ — Nun klangen die beiden Chöre ineinander, als -gelte es, wer den Andern überschreie. „Ich gehe hinab,“ rief er, „und<span class="pagenum"><a name="Seite_403" id="Seite_403">[S. 403]</a></span> -wenn die Kerls — ich habe gar keinen Begriff was sie nur wollen — -nicht das Maul halten, so läute ich die Arbeiter zusammen und lasse sie -bis Labring hinüberpeitschen!“</p> - -<p>Als er die Thür öffnete, trat ihm Helene entgegen, im weißen -Nachtkleide, worüber sie ihr dunkelblaues Tuch geworfen, das Köpfchen -von den dichten blonden Flechten umwunden, und sagte lachend: „Vater, -wenn nicht Alles trügt, so sind die Erzbischöflichen angerückt und -beziehen da unten ein <span class="nowrap">Lager.“ —</span></p> - -<p>„Wollte Gott,“ rief Korbach, „es wäre Ernst, und wir lebten noch in -der Zeit, wo es Erzbischöfliche und Pfalzgräfliche und Städtische und -dergleichen mehr gab — in unserm elenden Jahrhundert darf man kaum -eigenhändig Einen zum Hause hinauswerfen. Ich will nun sehen, was es -ist.“</p> - -<p>Der Markt war in Alarm. Als Korbach erfahren, daß es die Altenberger -seien, ertheilte er sogleich Befehle; die Arbeiter wurden in den -Werkstätten konsignirt, Keiner durfte ins Freie, die Gemeindevorstände -mußten die Bauern beruhigen, die Häuser wurden geschlossen und die -Lichter verlöscht. Alle Vorsicht war um so nöthiger, als die Stimmung -Abends nach der Ankunft des Domherrn eine so gereizte geworden, daß es -der kleinsten Anregung be<span class="pagenum"><a name="Seite_404" id="Seite_404">[S. 404]</a></span>durft hätte, um eine Katzenmusik unter den -Fenstern desselben zusammenzubringen.</p> - -<p>Korbach kehrte nach Hause zurück und die Nacht verlief ruhig. Beim -Frühstück, das er in Helenens Gesellschaft einnahm, wurde ein -„Expresser“ gemeldet, und es erschien — der Schneiderpeter.</p> - -<p>Korbach warf ihm einen Thaler hin, und rief, nachdem er weggegangen, — -die Depesche Helenen reichend: „Viktoria! gute Nachricht von Arnold! -nun soll mir Sprenger mit seinen Bedenklichkeiten kommen! Unser Monarch -hält sein Zepter noch an einem Ende in der Hand, und die Pfaffen mögen -am andern ziehen und winden wie sie wollen, zuletzt reißt er’s ihnen -doch wieder aus den Fingern und klopft sie noch darauf, obendrein! — -Hätt’ ich die Depesche Abends bekommen, ich wäre zum Domherrn gegangen, -und vielleicht gar höflich mit ihm gewesen — der <em class="gesperrt">Sieger</em> kann -einen <em class="gesperrt">ersten Schritt</em> machen, — einem geschlagenen Feind, heißt -es, soll man goldene Brücken bauen! — Nun bleibt’s aber auch bei -meinem Beschlusse in Betreff Arnolds.“ — Helene, welche verstand, was -er mit den letzten Worten meinte, schien sich über dieselben zu freuen.</p> - -<p>Unten wurde es bereits lebhaft. Scharen von Bauern aus allen -umliegenden Orten waren zugeströmt, eine bunte Menge in -Feiertagskleidern bedeckte<span class="pagenum"><a name="Seite_405" id="Seite_405">[S. 405]</a></span> den Platz, füllte die Gaststuben, -vertheilte sich im Park des Herrenhauses, von welchem nur ein Theil für -die Bewohner abgesperrt war. In vielen kleinen, offenen Kaleschen kamen -die Verwalter, Hammerbesitzer, Amtsleute und sonstigen Honorazioren, — -auf Steirerwägen die blumengeschmückten Burschen und Mädchen.</p> - -<p>Das Programm des Tages war: um neun Uhr die Einweihung; dann Predigt; -Hochamt; Diner im Herrenhause — Nach dem Nachmittagssegen große Tafel -im Park, wo sämmtliches Fabrikpersonale bewirthet werden sollte.</p> - -<p>Gegen neun Uhr stellten sich die Korbacher Arbeiter in schöner Ordnung -im Halbkreise vor der Kirche auf. Die Altenberger waren gleichfalls -hereingezogen; Morawski bat höflich, ihnen einen Platz anzuweisen, und -man stellte sie, den andern gegenüber, in einiger Entfernung auf.</p> - -<p>Nun erschien Korbach mit seiner Tochter, gefolgt von den Beamten und -dem gesammten höheren Personale der Fabrik, in schwarzer Kleidung, -und erwartete an der Spitze der Seinigen am Eingange der Kirche den -Domherrn. — Dieser schritt im vollen Ornate mit seiner Assistenz -vom Pfarrhofe herüber, am Gutsherrn vorbei, dessen Gruß er nicht zu -bemerken schien und die Feierlichkeit begann, und<span class="pagenum"><a name="Seite_406" id="Seite_406">[S. 406]</a></span> ging in bekannter -Weise vor sich. Die Geistlichen umschritten die Kirche mit den -Rauchfässern, gingen dann hinein, besprengten alle Räume mit geweihtem -Wasser, und sprachen Gebete und nun folgten die Weltlichen, so viel -ihrer Platz fanden, in das nunmehr zum Gottesdienste geweihte Haus.</p> - -<p>Der Domherr bestieg die Kanzel. Korbach begab sich mit Helenen in das -derselben gegenüber befindliche Oratorium.</p> - -<p>Die Predigt begann.</p> - -<p>Der Text war: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. — Die -Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.</p> - -<p>Bernhard ging kurz über die erste Hälfte desselben hinweg, und wendete -die gesammte Kraft seiner Rede auf den letzten Satz. — Auch nicht -<em class="gesperrt">Ein</em> Wehen des Taubenfittigs! — — Nichts als die Kralle des -Teufels in den Nacken dessen, der da glaubt, es gebe einen andern Weg -nach dem Himmel als jenen, der durch brennenden Schwefel beleuchtet -ist. — „Was hilft ein neues Gebäude, wenn nicht ein neuer Geist -einzieht? — Wer die räudigen Schafe nicht von den reinen trennt und -vertilgt, ist Gott verantwortlich für das Verderben der letzteren. -Das Feuer, das auf die entarteten Städte fiel, möge über das Thal -herabfallen, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_407" id="Seite_407">[S. 407]</a></span> einmal nicht fünf Gerechte darin zu finden, und -dahin <em class="gesperrt">muß</em> es kommen, wenn die Pest der Ketzerei Hütte auf Hütte -ergreift. — Aber der Herr weiß den Schuldigen zu finden, wenn nicht -hier doch <em class="gesperrt">drüben</em>.“ — Und nun kam das Bild der Hölle: Das -Schwungrad, die Walzen, die Hämmer, der Hochofen — das mußten ja die -Arbeiter begreifen: wie die Seelen und Leiber zerquetscht werden von -den Rädern, die der geschmolzene Pechstrom umtreibt. — Hierauf folgte -die Anwendung, wie Derjenige, der die irdische Maschine mißbraucht, -um die Ketzer zu ernähren, von der höllischen erfaßt und mit ihnen -zermalmt wird zur Strafe des Frevels, daß er Stein auf Stein aus den -Mauern der Kirche gebrochen, deren <span class="antiqua">patronus</span>, <em class="gesperrt">Schutzherr</em> -er sich genannt.“</p> - -<p>Er heftete den Blick fest auf Korbach, welcher aufstand, mit seiner -Tochter das Oratorium verließ, langsam zwischen den sich öffnenden -Reihen die Kirche durchschritt, und sich in ruhiger, würdevoller -Haltung über den Platz nach dem Herrenhause begab.</p> - -<p>Der Geistliche hielt absichtlich inne, um die Störung desto -auffallender zu machen, und wartete noch einige Augenblicke, nachdem -der Fabrikherr die Kirche verlassen, welchem einige Korbacher gefolgt -waren.</p> - -<p>Dann hob er mit schmerzlich bewegter zitternder<span class="pagenum"><a name="Seite_408" id="Seite_408">[S. 408]</a></span> Stimme wieder an, und -bat Gott um Gnade für den Sünder, der dem Worte, das ihn zum Heile -führen könnte, aus dem Wege geht — fiel aber bald in den früheren Ton, -indem er dem Gutsherrn und Allen die zu ihm hielten, die gesammten -Blitze und Donner des Anathema nachsandte, so daß es endlich auch den -Uebrigen zu arg ward, welche die als Ausbund aller Laster geschilderten -Protestanten als die bravsten und ehrlichsten Leute kannten, und -die Kirche leerte sich rasch von den ursprünglichen Besuchern und -füllte sich in demselben Maße mit Slowaken, für deren Kapazität es -ganz gleichgültig war, in welcher Sprache gepredigt wurde. Trotz der -gespannten Aufmerksamkeit, welche auf ihren Gesichtern zu lesen war, -kürzte der Domherr nun die Predigt ab und verließ die Kanzel um das -Hochamt zu halten, welches mit dem Aufwande der besten musikalischen -Kräfte des Thales stattfand und ziemlich drei Stunden währte.</p> - -<p>Die Kollmann’schen Arbeiter, von Morawski und Fontana in jeder Bewegung -geleitet, nahmen nun fast die ganze Kirche ein, und die Korbacher, -obgleich sie ihnen selbst den Platz geräumt, sahen es mit Aerger an. -Die fremden Besucher bildeten abgesonderte Gruppen, allgemein wurde -das Benehmen des Gutsherrn besprochen, von den Meisten gebilligt,<span class="pagenum"><a name="Seite_409" id="Seite_409">[S. 409]</a></span> -von Einigen getadelt; — als der Gottesdienst geendet war, hatte sich -Verstörung und Mißstimmung aller Gemüther bemächtigt.</p> - -<p>Nun fuhren die Wagen mit den Geistlichen vom Pfarrhofe weg. Vor dem -Kirchenthore ließ Bernhard halten, stand auf, segnete die Wallfahrer -und sprach zu den nebenstehenden Gemeindevorständen mit weithin -vernehmlicher Stimme: „Ich danke Ihnen für Ihre Bemühung zur würdigen -Feier der heiligen Handlung. Wenn dieselbe nicht so vor sich ging wie -es sein sollte, ist es nicht Ihre Schuld. Noch ist eine Handbreit Erde -für den Samen des Guten in Korbach zu finden und ich bitte Sie nicht -zu verzagen, — die Kirche wird Sie schützen, ihr Segen wird Ihnen so -wenig fehlen, als die Strafe Denen, die sich nunmehr offen gegen sie -aufgelehnt haben.“</p> - -<p>Die Vorstände hörten schweigend und ernst der Anrede zu, — als -aber die Wagen um die Ecke waren, ließ ein Hammerknecht, der zu den -glühendsten Anhängern des Gutsherrn gehörte, aus voller Brust ein -Vivat Korbach! erschallen, und da es bei einer aufgeregten Volksmenge -nur eines zündenden Funkens bedarf, so scholl der Ruf, von Hunderten -wiederholt, an die Ohren des Domherrn und seiner Begleitung, als -Abschiedsgruß, — als wollte man den<span class="pagenum"><a name="Seite_410" id="Seite_410">[S. 410]</a></span> stummen Empfang gutmachen der ihm -bei der Ankunft zu Theil geworden.</p> - -<p>Morawski’s Augen leuchteten auf bei dem Rufe. Wie ein General oft -mitten in der Affaire einen neuen Plan faßt, schien er jetzt mit dem -seinigen im Reinen. Da trat Fontana zu ihm und sagte leise: „Meine -Italiener sind nicht zu halten, sie wollen in die Wirthshäuser.“</p> - -<p>— „Das dürfen sie nicht. Haben sie nichts mehr vom Vorrath?“</p> - -<p>— „Keinen Schluck und keinen Bissen!“</p> - -<p>— „Das ist schlimm. Verzehrt darf Nichts werden.“</p> - -<p>— „Auch sind sie ungeheuer aufgeregt: es hat sich unter ihnen -verbreitet, der Domherr habe den Korbach exkommunizirt. Ein Theil sagt, -dieser habe Recht, die Andern reden vom Fenstereinwerfen.“</p> - -<p>— „Da ist keine Minute zu verlieren, — hier sind vierzig Gulden, -führen Sie sie augenblicklich fort, nach Labring, lassen Sie sie zechen -und dann marsch! nach Hause! Ich kann hier keine Hitzköpfe brauchen. -Meine Slowaken sind die rechten, — gehen Sie in Gottes oder des Herrn -Kollmann Namen!“ — schloß er <span class="nowrap">lachend. —</span></p> - -<p>Fontana sammelte seine Schaar, welche alsbald zum Orte hinaus und die -Straße hinab lärmte, dem Walde zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_411" id="Seite_411">[S. 411]</a></span></p> - -<p>Die Korbacher waren gegen Wallfahrer überhaupt, namentlich gegen die -jetzt anwesenden eingenommen. — Aus dem prinzipiellen Standpunkte sind -die Akten über die Karawanen, welche die Wüste des Aberglaubens unter -dem Namen von Prozessionen durchziehen, längst geschlossen. Der Ort, -von welchem die Arbeitskräfte und das Geld exportirt werden, hat die -Handelsbilanz offenbar gegen sich; das Mekka, wo sich die silbernen und -wächsernen Votivsteuern ansammeln, und jedes Haus ein Wirthshaus, hat -sie <em class="gesperrt">für</em> sich, — ein Vortheil, welcher aber durch das fisische -und moralische Ungeziefer, welches die frommen Scharen zurücklassen, -weit überwogen wird. Nun sollte das Letztere allein der Antheil der -Korbacher Gemeinde sein! — Sie hatte langmüthig zugesehen, wie die -Ankömmlinge ihre Wiese in der Nacht so zu sagen abgeweidet; das Gras -war allenthalben zertreten und selbst Feuerstellen waren zu sehen. -Der Richter war am Morgen, ohne Korbachs Wissen, zu den Fremdlingen -hinausgegangen und hatte Explicazionen verlangt. — Wenn eine Großmacht -eine Ohrfeige erhält, wird der Gesandte beauftragt <span class="antiqua">de demander -des explications</span>, ob damit eine Beleidigung beabsichtigt sei. -— Morawski hatte sich äußerst artig entschuldigt, er habe in der -Nacht nicht im Orte Quartier nehmen wollen, und im Namen<span class="pagenum"><a name="Seite_412" id="Seite_412">[S. 412]</a></span> seines -Herrn Schadenersatz angeboten, den jedoch Korbach anzunehmen verbot. -— Nun waren die Italiener abgezogen, die Andern lagerten nach dem -Gottesdienst an der Straße und verzehrten was sie mitgebracht. — Die -Bauernbursche standen nach dem Mittagsessen beisammen und beriethen die -Eventualitäten eines <span class="nowrap">Zusammenstoßes. —</span></p> - -<p>Im Herrenhause war das Diner der Honorazioren vorübergegangen, ohne -daß der Abgang des Domherrn der Fröhlichkeit Eintrag gethan hätte. -Die Predigt fand die heftigste Mißbilligung; Korbach sagte, er habe -sich zurückgezogen, da er nicht Lust gehabt, sich von einem Fanatiker -insultiren zu lassen, der die heilige Stätte mißbrauche, um seinem -Aerger über eine erlittene Niederlage Luft zu machen; er sei überzeugt, -daß die Regierung solchen Uebergriffen zu begegnen wissen werde. Der -Beweis, daß sie die gerechte Sache schütze, liege darin, daß trotz -der Konflikte zwischen ihm und der Geistlichkeit seine Beziehungen -zu den höchsten Behörden ungetrübt geblieben, wie eben eingetroffene -Nachrichten von seinem Sohne bewiesen.</p> - -<p>Die Gäste stimmten bei, und eine Reihe von Toasten auf Toleranz, -Gleichberechtigung der Kulten <span class="nowrap">u. dgl.</span> beschloß das Mahl.</p> - -<p>Nach demselben begaben sich die Gäste in den Garten, wo die -Vorbereitungen für die Bewirthung<span class="pagenum"><a name="Seite_413" id="Seite_413">[S. 413]</a></span> der Arbeiter nach dem Abendsegen -getroffen wurden. Ehe Letzterer begann, hatten die Slowaken wieder -einen Theil der Kirche und den Platz am Eingange gefüllt. — Sie -begingen keine einzige offensive Handlung. Sie <em class="gesperrt">waren nur da</em>. Wo -ein Anderer gehen und stehen wollte, da ging und stand ein Slowak. Ohne -zu Thätlichkeiten zu schreiten, drückte und schob man sie aus dem Wege, -aber die Trägheit der Masse, die bei alle dem von einer unsichtbaren -Hand geleitet schien, gewann immer die Oberhand, und die Korbacher -konnten ihrer neugeweihten Kirche nicht froh werden.</p> - -<p>Als der Gottesdienst vorüber war, begaben sie sich über die Brücke -nach dem Park, und nahmen an den Tischen Platz. Die Fremden aber -schienen ihre Andacht über Nacht fortsetzen zu wollen. Es ist dies -übrigens Nazionalsitte; wer jemals Gelegenheit gehabt dieses Volk in -seinen überirdischen Beziehungen zu beobachten, wird gefunden haben, -daß seine Andacht sich nicht mit dem Maße der übrigen Christenheit -mißt. Die Kirche ist an Feiertagen sein Bivouac, — es liegt und steht -stundenlang darin, geht ein wenig heraus, ißt und trinkt, — dann -wieder hinein, bis in die Nacht. — Nun breiteten sie ihre Kotzenmäntel -auf den Boden, lagerten sich und packten wieder mitgenommenen Proviant -aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_414" id="Seite_414">[S. 414]</a></span></p> - -<p>Korbach’s Arbeiter waren von ihnen durch die Brücke und die -Umfriedigung des Parks getrennt, in welchem sie an den langen Tischen -saßen, zwischen denen der Gutsherr ab und zu ging, mit den Leuten -freundlich sprechend, und beständig die Fremden im Auge behaltend. — -Die Protestanten und Katholiken saßen gemengt, die gespannte Stimmung -begann einer fröhlichen zu weichen und man kümmerte sich nicht um die -Slowaken. Plötzlich stimmten diese auf ein Zeichen Morawski’s eines -ihrer Jammerlieder an. — Ein Murren antwortete. — Korbach gebot den -Seinen Ruhe, fand Gehorsam, befahl aber dem Wächter, das Gitterthor -nach der Brücke zu schließen.</p> - -<p>Nun war das Lied geendet und man sah die Sänger sich erheben und wie -zum Abzuge ordnen, woraus keineswegs zu schließen, daß sie gingen. -— In diesem Augenblicke wiederholte der Hammerknecht, welcher das -„Vivat Korbach“ beim Abschiede des Domherrn provozirt hatte, diesen -Ruf, und in der nächsten Minute scholl es vom Kirchenplatze mit dem -vollen Kraftaufwande sämmtlicher slowakischer Lungen herüber: „<span class="antiqua">Zivio -Gospodin <em class="gesperrt">Kollmann</em>!</span>“<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p> - -<p>Die Arbeiter fuhren schreiend von den Sitzen<span class="pagenum"><a name="Seite_415" id="Seite_415">[S. 415]</a></span> empor — Korbach schlug -mit voller Kraft mit dem Stocke auf den Tisch und nochmals dämpfte sein -donnerndes: Ruhe! den Aufruhr — aber bereits war ein Stein aus dem -Park über die Staketen geflogen und hatte einen Slowaken an den Kopf -getroffen.</p> - -<p>Morawski schien seine Leute mit eiserner Gewalt zu beherrschen, denn -das angestimmte Geheul verstummte augenblicklich wieder, und nun -rief er vortretend, gegen das Gitter hin: „Die Beleidigung frommer -Wallfahrer, welche beten, während Andere trinken, wird ihre Richter -finden! Wir ziehen ruhig ab, haben Niemanden beleidigt, aber es -wird uns auch Niemand verwehren, <em class="gesperrt">unsern</em> Brotherrn leben zu -lassen, wie Andere den <em class="gesperrt">ihrigen</em>, darum nochmals: <span class="antiqua">Zivio -<em class="gesperrt">Kollmann</em>!</span>“</p> - -<p>Der Ruf war noch nicht verklungen, so war dem Wächter der Schlüssel -entrissen, das Thor geöffnet, und die von Wein und Zorn glühenden -Arbeiter stürzten wie ein Wildwasser, das den Damm durchrissen, heraus, -über die Brücke auf die zusammengedrängten Fremdlinge. Korbach’s -Ruf ward überschrien, er vermochte nur mit äußerster Anstrengung -in die vorderen Reihen der Seinigen zu gelangen, allein während er -die Nächsten zurückwarf, setzten die Andern, vom Dunkel begünstigt, -auf allen Seiten<span class="pagenum"><a name="Seite_416" id="Seite_416">[S. 416]</a></span> ihr Rachewerk fort. Die Slowaken waren stämmige, -kraftvolle Leute, vermochten aber der überlegenen Anzahl der eben -so kräftigen Hammerleute und Schmiede, denen sich auch die Bauern -anschlossen, kaum einige Minuten zu widerstehen, und wurden in -einem verworrenen Knäuel mit unglaublicher Schnelligkeit die Straße -hinabgetrieben, unter einem Hagel von Fausthieben auf ihre runden Hüte -und breiten Rücken, — und buchstäblich aus dem Orte hinausgeworfen.</p> - -<p>Korbach hatte nun das ganze Aufsichtspersonale um sich vereinigt und es -gelang ihm, der Verfolgung Einhalt zu thun, — jeder der Vorgesetzten -wußte rasch und energisch die ihm unmittelbar unterstehenden -Arbeiter zu sammeln, die Ordnung ward so schnell hergestellt, als -sie gestört worden. Der Fabrikherr verkündigte strenge Untersuchung -und Bestrafung derer, die zuerst angegriffen, schickte alle in die -verschiedenen Werkstätten zur Nachtarbeit und besichtigte mit Einigen -von der Gemeinde das Schlachtfeld, welches mit Hüten und abgerissenen -Kleidungsstücken der Vertriebenen bedeckt war. Zwei Slowaken lagen -schwer verwundet an der Kirchenmauer und wurden nach dem Herrenhause -gebracht, wo sie den Händen des Arztes der Fabrik übergeben wurden.</p> - -<p>Während dieß geschah, kam Morawski mit einem Begleiter zurück, -näherte sich Korbach und<span class="pagenum"><a name="Seite_417" id="Seite_417">[S. 417]</a></span> sagte ruhig, er komme, für’s Erste, um die -zurückgebliebene Kirchenfahne der Wallfahrer zu holen. Sie wurde beim -Laternenlicht gesucht, und fand sich, die Stange zerbrochen und das -Tuch zerrissen. — Morawski übergab sie seinem Begleiter, welcher damit -fortging und erklärte, sofort seine Aussage über das Vorgefallene vor -der Gemeinde-Obrigkeit zu Protokoll geben zu wollen.</p> - -<p>Das Ansinnen war nicht zu verweigern. Korbach, der ihn keines -Wortes würdigte, ging ins Herrenhaus zurück, Morawski aber nach dem -Ortsgerichte, wo er vor dem Richter und Geschwornen seine Aussage -niederschrieb und unterzeichnete. Nachdem er sich noch überzeugt, daß -die beiden Verwundeten sich in guter Pflege befänden, entfernte er -sich und trat mit den Seinigen den Rückmarsch an, mit dem Gefühle der -vollsten Befriedigung über seine Leistung.</p> - -<p>Kollmann hatte gut gewählt, — Morawski seine Aufgabe in politischer -und strategischer Beziehung so gut gelöst, daß ihn jeder -<span class="antiqua">diplomate-militaire</span> beneiden kann.</p> - -<p>— — Nicht ohne Bedauern sehen wir unserer Erzählung durch das -Zusammentreffen der Umstände einige der schönsten Effekte entgehen.</p> - -<p>Konnte nicht während des Kampfes Arnold mit<span class="pagenum"><a name="Seite_418" id="Seite_418">[S. 418]</a></span> seinem neuen Freunde -Richard Forster erscheinen? Und da es zu unedel wäre, unsere Helden -in Konflikt mit Slowaken zu bringen, konnten nicht wenigstens die -Italiener Stand halten, — Richard durch einen Messerstich verwundet, -ins Herrenhaus gebracht, und die Liebe zwischen Helene Korbach und -ihm auf so natürliche als überraschende Weise vermittelt werden -durch Wundfieber und Rekonvaleszenten-Pflege? Oder konnten nicht die -Kollmann’schen Freiwilligen das Haus stürmen und eine Rettung aus den -Flammen vorbereiten? — Statt aller dieser kostbaren Elemente bietet -sich nichts als ein gemeiner Faustkampf der Arbeiter, Hinauswerfen der -einen Partei, und leider die zerrissene Fahne, und ein Paar von Steinen -zerschlagene Kirchenfenster und Slowakenköpfe!</p> - -<p>— — Auf einen Befehl Korbachs, der in jenem Tone gegeben war, -der keine Einwendung gestattete, hatte sich Helene beim Beginn der -letztgeschilderten Szene in das Haus zurückgezogen.</p> - -<p>Sie wurde nun nach dem Arbeitszimmer des ernst und nachdenklich -zurückkehrenden Vaters gerufen, und als dieser eben seine Erzählung -des Vorgefallenen geendigt hatte, trat Arnold ein, — in eben so -ernster Stimmung, grüßte mit stummem Händedruck die Schwester, und -sagte zum Vater: „Ich hoffe durch das, was ich bringe, das Unangenehme<span class="pagenum"><a name="Seite_419" id="Seite_419">[S. 419]</a></span> -auszugleichen, was dir begegnet.“ Dabei legte er die Kontrakte auf den -Tisch.</p> - -<p>Während der alte Korbach dieselben durchflog, führten Arnold und Helene -eines ihrer eigenthümlichen Augengespräche, in welchem sie ihm sagte: -Zeige dich dem Vater nicht gedrückt, er ist es ohnedem, sei heiter! — -Arnold verstand sie und sagte: „Nun ist mit Gottes und deinem Segen -meine erste Mission gelungen, und meine zweite soll sein, wenn man uns -einen unserer Wege abschneidet, einen andern zu eröffnen, mir ist vor -Nichts bange, selbst wenn wir den Kontrakt <em class="gesperrt">nicht</em> hätten, — wir -haben ihn aber, und nun denke nicht an den Arbeiterkrawall, — und -noch weniger an den Domherrnkrawall, sondern ruhe und laß <em class="gesperrt">mich</em> -arbeiten!“</p> - -<p>Bei diesen mit Zuversicht gesprochenen Worten sah der Vater Helene -an und fragte: „Hast du Arnold denn schon Etwas gesagt — daß er so -<span class="nowrap">spricht?“ —</span></p> - -<p>Sie verneinte es und der Vater fuhr fort: „Bleibt in meinem Zimmer so -lange Ihr wollt, ich gehe schlafen; mit dir, Arnold bin ich zufrieden, -morgen mehr!“</p> - -<p>Hierauf verließ er das Arbeitszimmer, und die Geschwister bemerkten -mit Betrübniß, daß sein Gang nicht der feste, seine Haltung nicht die -kräftige, stolze war wie <span class="nowrap">gewöhnlich. —</span></p> - -<p>„Wie findest <em class="gesperrt">du</em> die Sache?“ begann Helene.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_420" id="Seite_420">[S. 420]</a></span></p> - -<p>— „Ganz schlecht. Wie ich die Leute kennen gelernt, zerschneiden sie -den Vertrag wie Kaiser Ferdinand den Majestätsbrief mit eigener Hand, -nachdem was heute vorgefallen ist. Mußte der Vater von der Predigt -weggehen?“</p> - -<p>— „Er konnte nicht anders, nicht um den Preis unseres ganzen Besitzes. -Wäre er geblieben, so hätte ich als Tochter seine Gründe achten müssen, -wäre aber allein weggegangen.“</p> - -<p>— „Das genügt mir. Wir müssen nun auf Schlimmes gefaßt sein.“</p> - -<p>— „Fürchtete ich nicht für die Gesundheit des Vaters, so läge an dem -Allem nichts. Vielleicht steht es nicht so schlimm, als du glaubst.“</p> - -<p>— „Ich halte einfach den Kontrakt für zerrissen.“</p> - -<p>— „Sage mir doch, könnt Ihr denn für Niemanden als Monarchen, -Ministerien und Oberkommando’s arbeiten? Können denn die Geistlichen -alle Menschen, welche auf dieser Erde Messingplatten brauchen, gegen -uns aufhetzen? Die Reinhart in Dörnberg haben, wie ich gehört, keine -einzige Staatsbestellung und sind so reich als wir.“</p> - -<p>— „Ganz gut gesprochen, mein lieber Kompagnon, aber du weißt, daß der -Vater sammt all’ seiner Opposizion gegen die Regierung das alte Prinzip -der Firma nicht fahren läßt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_421" id="Seite_421">[S. 421]</a></span></p> - -<p>— „Er wird es nicht; aber höre mich. Er hat heute nach Ankunft deiner -Depesche gesagt: Arnold hat seine Sporen verdient! Ein schöneres -Debüt für seine selbstständige Leitung könnte er nicht haben, als die -Marinelieferung, er soll gleich selbst Dasjenige arbeiten, auf was er -abgeschlossen. Ich übergebe ihm, da er nun 24 Jahre alt wird, die ganze -Sache; es ist besser, er übernimmt das Geschäft zu einer Zeit, wo er -mich noch ein Paar Jahre an der Hand hat. Du weißt nun, warum er mich -früher gefragt; er wird gewiß morgen mit dir sprechen.“</p> - -<p>— „Wenn ich ihn unter andern Umständen beschworen hätte, mich noch -ein Jahr in der Residenz zu lassen, so wäre es jetzt geradezu eine -Feigheit. Ich weiß, daß wenn ich freie Hand habe, das Geschäft in eine -neue Bahn zu leiten, er in kurzer Zeit Resultate sieht, die ihm ein -glückliches Alter bereiten.“</p> - -<p>— „Mache was du willst und kannst; es ist ja Alles nur um des Vaters -willen. Um dich und mich wird’s mir doch wahrhaftig nicht bange sein? -Und wenn man uns so vollständig zu Grunde richten könnte, daß du in -ein fremdes Geschäft gehen und ich als Gesellschafterin unterkommen -müßte, was läge <em class="gesperrt">uns</em> daran? Aber für unsern Vater, und um der -schönen Schöpfung unserer Mutter willen, zum Heil der Hunderte, die da -glücklich und zufrieden und<span class="pagenum"><a name="Seite_422" id="Seite_422">[S. 422]</a></span> in der freien Ausübung ihres Glaubens, -der der unsere, geschützt leben, und deren Aller Loos von unserem -abhängt, muß unser altes, schönes Korbach stehen bleiben, und wenn -alle Erzbischöfe der Welt mit ihren Krummstäben dagegen Sturm liefen. -Getraust du dich es zu halten?“</p> - -<p>— „Ja, wenn wir die alten unhaltbaren Verbindungen aufgeben und einen -neuen Weg einschlagen.“</p> - -<p>— „Den kann der Vater nicht betreten, folglich mußt du annehmen.“</p> - -<p>Ruhig und klar besprachen die Geschwister die Lage, die sich durch die -Vorfälle des Tages gezeichnet. Endlich fand Helene den Uebergang auf -den Gegenstand, der ihr nach der großen Frage des Hauses am Meisten am -Herzen lag.</p> - -<p>Sie wußte die Folge des Freinhofbesuches, wußte daß Arnold liebe und -freute sich dessen. Es fiel ihr nicht ein, den Gedanken bis zu einer -Konsequenz zu verfolgen, welche ihr Gefühl verletzt hätte. — Hunderte -ihrer Schwestern, weniger unschuldig als sie, sind schnell mit dem -Verdammungsurtheile über die Liebe zu einer Frau fertig: entweder für -einige Zeit, bis sie nämlich selbst der Gegenstand einer solchen Liebe -geworden, oder auf immer, wenn sie es niemals werden. Eine andere Liebe -zu einer Frau als jene des Göthe’schen — nicht des wirklichen — -Tasso<span class="pagenum"><a name="Seite_423" id="Seite_423">[S. 423]</a></span> konnte sich Helene nicht denken, und an einer solchen fand sie -nichts Verwerfliches. — Aus dem Zusammenklange von hellem Verstande, -freiem Sinn und blütenreinem Herzen konnte nichts Anderes hervorgehen, -als ein Segenswunsch für das Gefühl, in welchem sie Arnold glücklich -sah.</p> - -<p>Er sprach heute ganz offen mit ihr, und sie ging in ihren Gedanken -einen kühnen Schritt weiter. Sie fragte, indem sie Arnold vielsagend -ansah: „Ist Julie <span class="nowrap">Protestantin?“ —</span></p> - -<p>„Ich weiß es nicht einmal,“ war die Antwort.</p> - -<p>— „Ich begreife, daß Ihr Euch um andere Dinge als Euer -<em class="gesperrt">Glaubens</em>bekenntniß zu fragen hattet — aber du weißt wohl, warum -<em class="gesperrt">ich</em> fragte.“</p> - -<p>— „Ich verstehe dich vollkommen. Ich vertraue dir Etwas, was mir nicht -anvertraut worden, sondern was nur mein Gedanke ist... der Gedanke -heißt: Julie ist nicht <em class="gesperrt">seine</em> <span class="nowrap">Frau.“ —</span></p> - -<p>Helene trat betroffen zurück — ernst und schmerzlich sahen die -dunkelblauen glänzenden Augen in die des Bruders. „Wenn es so ist, -sagte sie mit Würde und Entschiedenheit, — was kannst du sagen, -Arnold, um zu rechtfertigen, daß du <em class="gesperrt">mich</em> zur Vertrauten einer -Sache gemacht, von der ich Nichts wissen will, von dem Augenblicke an, -wo deine Geliebte keinen Namen führt, mit dem <em class="gesperrt">mein</em> Mund sie -nennen kann?“</p> - -<p>— Arnold hielt Blick und Frage und Vorwurf ruhig und lächelnd aus -und sagte: „Ich würde mich deiner Betroffenheit freuen, meine liebe, -schöne, strenge Schwester, wenn sie sich nicht von selbst verstände.<span class="pagenum"><a name="Seite_424" id="Seite_424">[S. 424]</a></span> -Vergiß aber nicht, daß der Antheil von Ehre unsers Hauses, für den du -und ich Rechenschaft zu legen haben, ein ganz gleicher ist, und suche -nach keinem andern Namen für Julie, als den sie verdient, nämlich jenen -deiner Schwester und einer Tochter unserer Eltern.“</p> - -<p>— „Bedenkst du, was du damit sagst, Arnold?“</p> - -<p>— „Ich habe bedacht, ehe ich abermals zu dir gesprochen. Ich hätte, -nach der Reise, Juliens nicht mehr gegen dich erwähnt, wenn ich nicht -überzeugt wäre, daß sie so <em class="gesperrt">ist</em>, wie ich sage.“</p> - -<p>— „Ich glaube dir, weil ich Nichts mehr glauben will, wenn ich an dir -irre werde. Die einzige Frage ist nur, ob du nicht getäuscht wirst, -indem <em class="gesperrt">du</em> glaubst.“</p> - -<p>— „Lerne sie kennen und höre von <em class="gesperrt">ihr</em> die Worte: „Kein heiliges -Band bindet mich an Kollmann, — der Himmel ist ja barmherzig und löst -die seinen — aber meine Lippen sind würdig geblieben, die deinigen — -würdig, die deiner Schwester zu berühren — ich sehne mich nach ihr, -der ich vielleicht mehr sagen könnte, als selbst dir!“ — Das höre von -<em class="gesperrt">ihr</em>, Helene, und dann zweifle!“ — Er reichte der Schwester die -Hand und sah sie zärtlich, fast bittend an.</p> - -<p>— — „Gott lasse es Licht werden über unserm Thal und Eurem Leben! — -ich will ja Alles glauben — Alles hoffen!“ rief Helene und drückte in -schweigender inniger Umarmung den Bruder ans Herz.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Es lebe Herr Kollmann!</p></div> - -</div> - -<p class="s5 center mtop2">Ende des erste Bandes.</p> - -<hr class="r25" /> - -<p class="s5 center">Halle, Druck von H. W. Schmidt.</p> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Dissolving Views, by Ferdinand Prantner - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DISSOLVING VIEWS *** - -***** This file should be named 54754-h.htm or 54754-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/7/5/54754/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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