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-The Project Gutenberg EBook of Dissolving Views, by Ferdinand Prantner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Dissolving Views
- Romanfragmente von Leo Wolfram.
-
-Author: Ferdinand Prantner
-
-Release Date: May 21, 2017 [EBook #54754]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DISSOLVING VIEWS ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1861 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
- und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden
- beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich
- waren oder im Text mehrfach auftreten.
-
- Im Inhaltsverzeichnis wurde für ‚Der Prior von Sankt Martin‘ die
- Seitenzahl von 139 zu 143 korrigiert.
-
- Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von
- der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der
- vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Dissolving views.
-
- Erster Band.
-
-
-
-
-Bei +Hoffmann und Campe+ in +Hamburg+ sind erschienen:
-
- Thlr. Sgr.
- +Aston+, L., aus dem Leben einer Frau -- 22½
-
- +Bernays+, Isaak, Schief Levinche mit seiner Kalle, oder
- polnische Wirthschaft. Ein komischer Roman. 1 15
-
- +Christen+, F. E., Diana. Wahrheit und Dichtung. 2 Theile 2 15
-
- -- Malcolm. See-Gemälde aus der neuern Zeit. 1 15
-
- +Clemens+, F., Der Excentrische. Roman 1 --
-
- -- Das entschleierte Bild zu Sais 1 10
-
- +Corbiere+, Ed., die Zöglinge der Marine. 2 Theile 2 --
-
- +Douglaß+, Frederick, Sclaverei und Freiheit. Autobiographie.
- Aus d. Engl., bearb. von Ottilie Assing 1 15
-
- +Elpis Melena+, hundert und ein Tag auf meinem Pferde
- und ein Ausflug nach der Insel Maddalena 1 15
-
- -- Garibaldi’s Denkwürdigkeiten. 2 Bde. 2 --
-
- +Falkson+, Ferd., Giordano Bruno 1 15
-
- +Freese+, H., die Prinzessin von Ahlden 1 15
-
- +Gathy+, A., Cavalcade, oder die Kunstreiterin 1 --
-
- +Görner+, C. A., Almanach dramatischer Bühnenspiele. 8.
- Jahrgang 1 15
-
- +Gregorowitsch+, N., die Fischer. Ein Roman. Aus dem
- Russischen. Nebst Einleitung von Alexander Herzen.
- 2 Theile 2 15
-
- +Gutzkow+, ~Dr.~ K., Novellen. 2 Bände 3 --
-
- -- Seraphine. Ein Roman 1 20
-
- -- öffentliche Charaktere 1 20
-
- -- zur Philosophie der Geschichte 1 20
-
- -- Börne’s Leben 1 15
-
- +Halfern+, A. von, der Squire. Ein Bild aus den
- Hinterwäldern Nordamerikas. 2 Theile 2 --
-
- +Heine+, H., Reisebilder. 4 Theile 7 --
-
- -- Der Salon. 4 Theile 6 20
-
- -- Vermischte Schriften. 3 Bände 6 --
-
- -- Die romantische Schule 2 --
-
- -- Ueber Ludwig Börne 2 --
-
- +Herzen+, Alexander, aus den Memoiren eines Russen.
- Im Staatsgefängnisse und in Sibirien 1 --
-
- -- -- Zweite Folge. Petersburg und Nowgorod. -- 20
-
- -- -- Dritte Folge. Jugenderinnerungen 1 --
-
- -- -- Vierte Folge. Gedachtes und Erlebtes 1 --
-
- -- Briefe aus Italien und Frankreich 1 --
-
- -- Rußlands sociale Zustände 1 --
-
- -- Vom anderen Ufer 1 15
-
-
-
-
- Dissolving views.
-
- Romanfragmente
-
- von
-
- Leo Wolfram.
-
- Erster Band.
-
- Hamburg.
- Hoffmann und Campe.
- 1861.
-
-
-
-
-Als Vorrede.
-
-Dialog im Censurdepartement des Polizeiministeriums im Lande der
-~Dissolving views~ 1860.
-
-
-+Erster Sekretär.+ Gut, daß Sie kommen! Ich bin kein Engländer,
-und da ist unter den beanständeten Büchern eines mit einem englischen
-Titel. Ich habe, da ich gestern sowol hier als zu Hause zu fragen
-vergaß, im Flügel’schen Dikzionnär nachgesehen. ~Dissolve~,
-auflösen, zertheilen. Und ~view~, Ansicht. Das schien mir gleich
-auf zersetzende, destruktive Ansichten hinauszulaufen.
-
-+Zweiter.+ Ganz richtig; aber hier dürfte etwas Anderes gemeint
-sein. Wenn Sie weiter unten sehen wollen, -- (schlägt das Dikzionnär
-auf) da steht:
-
- ~Dissolving views~, -- analitische Prospekte; mittelst zweier
- magischer Laternen dargestellte Bilder, deren eines durch Zuziehen
- der einen und Aufziehen des entsprechenden Schiebers der andern
- Laterne allmälig einem zweiten, dritten Bilde weicht.
-
-Wir haben ja solche hier im Theater gesehen.
-
-+Erster.+ Das muß man eben wissen. Man kann nicht von uns
-prätendiren, daß wir auf alle erotischen Metafern der Romanschreiber
-eingehen. Haben Sie das Buch durchgesehen?
-
-+Zweiter.+ Sehr flüchtig.
-
-+Erster.+ Auch ich. Da ich heute Etwas darüber sagen muß und sehr
-überhäuft bin, so habe ich es, wie gewöhnlich, meiner Frau zu lesen
-gegeben, die auf alle beanständeten Artikel erpicht ist.
-
-+Zweiter.+ Das pflege ich auch meinerseits häufig zu thun. Und was
-sagt Ihre Frau Gemalin?
-
-+Erster.+ Sie sagt: der Roman sei Nebensache, bloße Emballage, um
-die Ansichten über gewisse Zustände und Personen einzuschmuggeln.
-
-+Zweiter.+ Sonderbar. Meine behauptet, der Verfasser habe dieses
-Element nur hineingemengt, um den Roman, der aber eigentlich keiner
-sei, zu illustriren.
-
-+Erster.+ Am Ende kann uns das gleichgültig sein. Uns ginge die
-Frage näher an, ob er viel gelesen würde? Und meine Frau leugnet das,
-und sagt, der Autor verderbe es mit allen Parteien.
-
-+Zweiter.+ Das ist doch ganz eigen! Meine ist vom Gegentheil
-überzeugt und findet, daß er es gerade mit der stärksten halte, überall
-der sogenannten Intelligenz huldige. --
-
-+Erster.+ Sie werden doch hoffentlich diese Partei nicht die
-stärkste bei uns nennen wollen?
-
-+Zweiter.+ Ich erzähle Ihnen nur, was meine Frau sagt. Was
-geschieht also mit dem Buche?
-
-+Erster.+ Meine erste Impression war, daß es bei uns durchaus
-nicht aufliegen dürfe. Das Verbot läßt sich durch die Tendenz ganz
-allein hinreichend motiviren.
-
-+Zweiter.+ Wir brauchen ja Gott sei Dank überhaupt Nichts zu
-motiviren, was wir thun.
-
-+Erster.+ Ich meine auch nur dem Chef gegenüber. Aber die Sache
-hat eben zwei Seiten.
-
-+Zweiter.+ So fand ich auch. -- Es ist eine fatale Geschichte.
-Lassen wir’s durch, so wissen wir, was sich Jeder beim Lesen denkt und
-am Ende glaubt man noch, wir haben’s nicht verstanden.
-
-+Erster.+ Und lassen wir’s nicht durch, so geben wir uns
-eigentlich eine ungeheure Ohrfeige.
-
-+Zweiter.+ Wie so?
-
-+Erster.+ Weil wir, wenn wir auch auf der Tendenz herumreiten,
-geradezu eingestehen, daß wir es auf uns beziehen, obgleich weder das
-Land noch der -- -- Eine noch der Andere genannt ist.
-
-+Zweiter.+ Ja wen meinen Sie denn?
-
-+Erster.+ Und wen meinen denn +Sie+, daß ich gemeint habe?
-
- (Die beiden Sekretäre sehen einander lachend an.)
-
-
-
-
-Inhalt des ersten Bandes.
-
-
- Seite
-
- Vorrede v
-
- Goldnebel 1
-
- Der Taschenteufel 44
-
- Zimmerreise 67
-
- ~Clair-obscur~ 102
-
- Der Prior von Sankt Martin 143
-
- Konkurrenz 175
-
- Ein thätiger Freund 213
-
- Im Hafen 251
-
- Bewegte Nacht 297
-
- Bescheerungen 341
-
- Kirchenweihe 385
-
-
-
-
-Goldnebel.
-
-
-Das Gewitter über dem Gebirgssee war vorüber. Fliehend zog das
-Wolkenheer nach fernen Thälern, versprengte Reste in den Klüften
-zurücklassend und das Banner der siegenden Abendsonne flammte auf den
-Felsengipfeln.
-
-Manche Riesentanne lag auf der Höhe, wo die volle Gewalt der
-entfesselten Geister des Gebirgs gewüthet, niedergerissen von den
-Wirbeln des Wettersturms. Am Mittag war als erstes Schlachtsignal
-ein langer dumpfer Donner über das Thal hingerollt und fast bis zum
-Untergange der Sonne standen auf den Bergen die dunkeln Schaaren der
-luftigen Streiter, deren Schatten den See in Nacht hüllten.
-
-So oft aber auch auf Erden der Kampf des Lichtes gegen die starre
-Finsterniß ein vergeblicher sein mag, am Himmel ist der Sieg der
-glänzenden Königin über die nächtigen Rebellen gewiß. Und als erst
-die kleinste Lücke in die schwarzen Massen gerissen, die erste
-Flammensalve der Sonne durch die Wolkenphalangen gebrochen war: da
-drang es herein, das uralte, ewig neue, freundliche Wunder, das
-Abendroth, unaufhaltsam die Felsenwände überströmend. Und nun brach
-sich’s feurig brandend auf der Höhe an einem durchsichtigen Damme von
-Tannen, welche wie flammende Christbäume in den Himmel hinausragten --
-floß wie Lava, nur verklärend statt zerstörend, über das Geröll und
-die steilen Wiesenhänge herab -- drang waldeinwärts wie zur Verfolgung
-der geflüchteten Nebel in ihre letzten Schlupfwinkel und legte tausend
-Flämmchen an die dunkeln Baumstämme, als wäre der Hochwald erleuchtet
-von einem Fackelzuge der Berggeister zur Feier jenes Dichters, der
-da nicht geboren ward, sondern vom Anfange +war+. -- -- Und nun
-senkt es sich in die Fluten des See’s, der noch hohe Wellen rollt und
-zerstiebt auf ihren überschlagenden Gipfeln in Millionen Goldfunken.
--- Längst ist oben reiner Gottesfriede, während es in der Tiefe noch
-rauscht und brandet.
-
-Ein Schiffchen durchschneidet den vergoldeten Schaum. Die beiden
-Männer, die es trägt, haben beim ersten Nachlassen des Gewitters die
-Fahrt gewagt, und ihre glühenden Wangen bezeugen den Kraftaufwand,
-welchen der Kampf gegen Sturm und Wellen erforderte. Während der
-Aeltere, ein Bewohner der Gegend, mit der Ruhe der Gewohnheit den Krieg
-so wie den Frieden der Elemente betrachtet, hat das treue, tiefe Auge
-des Jüngern Beides lebendig zurückgespiegelt.
-
-Diese junge, kräftige Seele, die sich in diesem Augenblicke der
-siegreichen Macht des Körpers freut, empfängt alle Eindrücke rein und
-ganz, und gibt sie eben so wieder. Sie sieht noch nicht „ob jeder
-Freude schweben den Geier schon, der sie bedroht.‟ Oder vielmehr der
-junge Mann hält ein sicheres Auge, eine feste Hand, eine gute Waffe für
-hinreichend, um den Räuber aus den Lüften herabzustürzen.
-
-Seine Erscheinung bietet Nichts von Allem, was die Uebersättigung
-interessant nennt. Keine Künstlerlocken wallen um die Stirn, um beim
-Aufzucken eines unverstandenen Schmerzes, am Klavier oder an der
-Staffelei, geschüttelt zu werden: sein blondes Haar ist kurz und
-schlicht. -- Keine Weltgedanken haben Furchen durch die glatte freie
-Stirn gezogen, keine Geschichte von gefallenen Engeln und geknickten
-Blumen ist auf seinen Wangen zu lesen, und jedes Weib, welches sich auf
-das Fach des „Dämonischen‟ versteht, wird ein einziger Blick in die
-geistig jungen und doch ernsten, schönen, offenen Züge überzeugen, daß
-ihr in der lockenden Aufgabe, dieses Geschöpf Gottes zu verderben,
-noch keine zuvorgekommen.
-
-Er hat während der Fahrt seine graue Lodenjacke zu dem im sogenannten
-Kränzchen des Schiffes liegenden grünen Hut geworfen und die Hemdermel
-hinaufgestreift; der Sprühregen, den der Wind von den Wellen
-hinwegpeitscht, näßt seine Brust und die glänzenden, steinernen Muskeln
-des Armes. Er freut sich, die volle Kraft ins Ruder pressend, der
-Kühlung, während der alte Schiffer seinen warmen Kittel zugeknöpft hat
-und über den heißen Uebermuth des jungen Reisenden lächelt, der ihm
-kein Fremder, da er in dessen väterlichem Hause vor Jahren gedient.
-
-Das Bett des See’s, dessen ganze Länge der Nachen bei ruhigem glatten
-Wasser in einer Stunde durchmessen würde, krümmt sich in seiner Hälfte
-fast unter einem rechten Winkel. -- Das Ufer des schmäleren Theiles
--- des sogenannten untern See’s -- in welchem sich unsere Schiffer
-befinden, bilden nördlich die jäh abfallenden Wände des Wettersteines,
--- südlich steile Waldhöhen.
-
-Dieses letztere Ufer bietet dem vom Sturme Ueberfallenen die rauhe,
-aber freundlich rettende Hand, während an der Felsenbrust des andern
-der sichere Untergang seiner harrt.
-
-An einer einzigen Stelle hat ein Bach, welcher durch eine Einklüftung
-der Felsenwand in trockenen Monaten als Silberfaden herabrieselt, nach
-Regengüssen und im Frühling aber donnernd in den See stürzt, so viel
-Sand und Geröll herabgewälzt, daß sich ein etwa funfzig Schritte im
-Umfange messendes Stück sanft abgedachten Ufers gebildet hat.
-
-Der Glückliche, welchen der Sturm gerade an diese Stelle treibt, hat
-den großen Lebenstreffer aus der schäumenden Urne voll Todesloosen
-gezogen und mag, von unersteiglichen Felsen umschlossen, hier harren
-bis der Sturm sich legt und eines der vielen den See durcheilenden
-Schiffchen ihn aufnimmt.
-
-Ein rothes Kreuz, mit verdorrten Kränzen und Votivbildchen geschmückt,
-bezeichnet diese Stelle; unsere Schiffer richteten fast zugleich den
-Blick dahin.
-
-Sie gewahrten zwei Gestalten, von Schiffbrüchigen oder vor dem Sturm
-dahin Geflüchteten, deren Bewegungen zeigten, daß sie bereits den
-Nachen entdeckt. Die Entfernung ließ an der weiblichen ein Gewölk
-schwarzer Locken, ein graues Kleid, ein weißes Tuch, einen weißen Arm,
-der dasselbe schwang, unterscheiden. Eine männliche neben ihr wirbelte
-mit heftigen Gestikulazionen ein an einen Stock gebundenes gelbes
-Sacktuch über dem Kopfe herum.
-
-Nachdem der junge Mann im Schiffchen die Zeichen erwiedert, stand die
-Dame am Ufer ruhig, den Arm um das rothe Kreuz schlingend, während der
-Herr seine Telegrafie noch einige Zeit fortsetzte.
-
-„Da sind wir gerade zurecht gekommen, Herr Arnold,‟ begann der
-Schiffer, nach alter Gewohnheit den Vornamen des jungen Mannes
-gebrauchend, den er einst auf seinen Armen getragen -- -- „das ist
-die gnädige Frau, vom Freinhof. Das ist in dieser Woche das zweite
-Malheur. Vorigen Montag war sie mit zwei Herren auf dem Wetterstein.
-Es haben ihr Alle gesagt, daß der Nebel einfällt. Aber fort haben sie
-müssen und wie sie über den Erzbach hinaus waren, war der Nebel da.
--- Sie hat aber einmal hinauf wollen und über Ja und Nein waren sie
-in den Leckerstauden[1] und der eine von den Herren, ein Professor
-aus der Stadt, kegelt sich den Fuß aus. Zum Glück ist der Nebel nicht
-liegen geblieben und da hat der große Herr Knorr, der dort auf dem
-Fichtenkegel wohnt, den Professor ganz allein das Stück Weges über den
-Kräuterkamm auf die Tannenbachalm getragen, nachher zu uns herunter,
-dann haben wir ihn über den See auf den Freinhof geführt. Der Professor
-wird sich den Wetterstein merken und der Herr dort beim rothen Kreuz
-schaut mir auch darnach aus, als ob er vom See auf eine Weile genug
-hätte.‟
-
-Für Arnold, welcher die Gegend seit zwei Jahren nicht betreten hatte,
-war der Name „Freinhof‟ ein fremder Klang. Der Alte gab die geforderte
-Aufklärung:
-
-„Wenn wir die Herrenleute abgeholt haben, und um die Ecke kommen, in
-den obern See, werden wir den Hof gleich sehen. Die Gebäude sind im
-vorigen Sommer aus der Erde geschossen. Das Holz war da, denn der große
-Fabrikant aus der Stadt, Herr von Kollmann schreibt er sich, hat den
-ganzen Wald herum gekauft. Aber für die Ziegelfuhren haben sie eine
-Straße über die Föhrleiten gemacht. Bis zum ersten Schnee haben sie’s
-unter Dach gebracht, die gnädige Frau, der Herr Knorr heißt sie immer
-nur die schöne Frau Julie, ist alle Wochen zweimal herausgekommen und
-da hat die Arbeit fliegen müssen. Heuer im Frühjahr waren auch die
-Maler und Tapezierer in vier Wochen fertig und jetzt stehen die Gebäude
-da, daß einem das Herz lacht.‟
-
-Arnold hatte aufmerksam zugehört, strengte aber sein Auge vergeblich
-an, die Gruppe am Felsenufer, von welchem man doch nur etwa zehn
-Minuten entfernt war, deutlicher zu unterscheiden, da sie ihm plötzlich
-durch ein Phänomen verhüllt wurde, welches sicherlich Jedermann einmal
-zu beobachten Gelegenheit hatte.
-
-Es fällt zuweilen, durch einen Riß in den Wolken, ein scharf begrenzter
-Lichtstrom, eine strahlende Feuergarbe herein, welche alles hinter
-ihr Liegende in einen blendenden Schleier hüllt. Ein solcher Streifen
-von Glanznebel legte sich zwischen das Schiffchen und das Ufer und
-erst als das leuchtende Hinderniß halb durchdrungen war, konnte Arnold
-die Gestalt der Frau wieder unterscheiden, welche, wie von Rosen
-übergossen, in Goldzindel gekleidet, wie das verkörperte Abendroth
-dastand.
-
-Aber der glühendste Kuß der untergehenden Sonne war auch ihr letzter
-gewesen; ein Augenblick, und der Glanznebel verschwand, die Wölkchen
-an den Waldhängen, welche wie entzündete Baumwollflocken flammend
-aufstiegen, erloschen zu grauer Asche; über den Höhen schwebte noch
-eine warme Glorie, aber im Thalgrund über dem See lagen die blauen
-kalten Töne des Abends. --
-
-Auch die feenhafte Goldhülle der schönen Frau, deren Züge Arnold nun
-deutlich unterschied, war wieder zum einfachen grauen Kleide geworden.
-Sie stand vorgebeugt am Rande des Gerölls und hatte die Arme über
-der Brust gekreuzt; ihre Blässe und das Zittern, welches die hohe
-schlanke Gestalt durchlief, verriethen den ungleichen Kampf zwischen
-der kleinen heißen Lebensflamme und dem kalten Hauche des Sees und des
-triefenden Felsens.
-
-Arnold gewahrte dennoch ein freundliches Blinken der schwarzen Augen.
-Die leichte Geisterbrücke zwischen diesem räthselvollen Augenpaar und
-dem lichten offenen des jungen Schiffers war aufgebaut und ein froher
-Gruß der Seelen flog auf ihr vom Nachen ans Felsenufer und zurück.
-
-Im nächsten Augenblicke fuhr das leichte Fahrzeug knarrend auf den Sand
-und Arnold stand mit einem Sprunge am Ufer.
-
-Julie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte: „In solcher
-Lage gibt es keine Fremden! Lassen Sie mich erst danken, wenn Ihr
-Werk vollendet ist. Wir waren noch zur rechten Zeit hier gelandet,
-und ich habe, als der Sturm nachließ, unsern Fährmann nach dem Hofe
-hinübergeschickt, um unsere große Barke zu holen. Ich will sie aber
-nicht erwarten, sondern bitte Sie, mich nur gleich von diesem treulosen
-Zufluchtsorte wegzuführen, der das Leben mit eisigen Händen langsam
-aus den Gliedern zieht,... der See verschlingt es wenigstens in einer
-Minute.‟ -- „Vor Allem,‟ sagte Arnold, „nehmen Sie das Einzige, was ich
-Ihnen zum Schutze bieten kann, meine Lodenjacke‟ -- er langte sie aus
-dem Schiffchen und sie hüllte sich lachend darein mit zwei raschen
-Bewegungen voll Weichheit und Grazie -- „und nun meinen weichen grünen
-Hut‟ -- sie drückte denselben auf die dichten Locken -- „und nun einige
-Tropfen Rum aus meiner Feldflasche‟ -- sie führte sie an die Lippen,
-deren hohes Nelkenroth die Kälte nicht zu bleichen vermochte.
-
-Die zwei Tropfen mußten hingereicht haben, das unter Schnee wallende
-Blut zu beflügeln: die Wangen färbten sich sanft und der Perlenschimmer
-des Auges verwandelte sich in Brillantglanz.
-
-Sie beugte sich einen Augenblick über eine glatte ruhige Stelle des
-Wassers zwischen den Steinblöcken und betrachtete ihr herauflächelndes
-Spiegelbild mit dem grünen runden Hut und der grauen, grünverbrämten
-Jacke.
-
-Arnold hatte noch kein schöneres Weib gesehen.
-
-„Das steht mir doch zehnmal hübscher als alle die albernen Coeffüren,
-zu denen meine Haare die Französinnen der Residenz begeistert haben!‟
-rief Julie zurücktretend aus und wendete sich nun mit den Worten:
-„Aber jetzt schnell ins Schiff, lieber Hofrath!‟ an den kleinen
-Mann, der früher das gelbe Tuch geschwenkt hatte und auf dem Sande
-herumtrippelnd, prüfend und kopfschüttelnd das Fahrzeug und die Wellen
-betrachtete.
-
-Arnold hatte beim Landen seinen Gruß kaum erwiedert. Er war empört beim
-Anblick des in einen dichten warmen Plaid gewickelten Mannes, während
-die Frau in leichtem Kleide mit offenen Ermeln der kalten Seeluft
-preisgegeben war. Er sagte: „Für den Fall, daß der Herr Hofrath länger
-hier zu verweilen gedächte, könnte mein Fährmann seinen langen Rock zu
-den Schutzmitteln fügen, womit ich ihn bereits ausgestattet sehe.‟ --
-
-„Ich verstehe Sie ganz wohl, junger Mann, -- erwiederte der
-Angegriffene -- und Sie haben anscheinend Recht. Diese Dame wird aber
-selbst meine Rechtfertigung übernehmen. Vor der Hand erkläre ich nur,
-daß ich diesem Nachen um keinen Preis die Last einer vierten Person
-aufbürden werde, sondern das Schiff vom Freinhof abwarte, und bemerke,
-daß Sie am besten thäten, meinem Beispiele zu folgen.‟ --
-
-„Und wenn der ~Great Eastern~ selbst um jene Ecke gedampft käme,
--- rief Arnold, etwas heftig, gegen Julie gewendet, -- so könnte er
-Sie nicht sicherer hinüberbringen, als mein dem Herrn Hofrathe so
-unheimliches Fahrzeug! Meinem heutigen Glück können Sie sich ruhig
-anvertrauen!‟ -- Er setzte im Geiste dazu: „Lassen Sie doch diesen
-Hasenfuß bleiben, wo er will.‟
-
-Julie war von Arnolds Hand gestützt ins Schiffchen gestiegen und
-rief dem Zurückbleibenden zu: „So leben Sie glücklich und zufrieden!
-auf baldiges Wiedersehen beim Thee!‟ -- und als der Schiffer schon
-abgestoßen hatte, wendete sie sich nochmals um, mit freundlich
-bittender Stimme rufend: „Guter, lieber Blauhorn! Werden Sie mir denn
-vergeben, daß ich durch meinen sträflichen Leichtsinn Ihr Leben in
-Gefahr gebracht habe? Nochmals auf Wiedersehen ohne Groll!‟
-
-Arnold, der keinen Blick von ihren Zügen verwendete, sah in
-den schwarzen Augen, wie sie zu dem kleinen, bleichen Hofrath
-hinüberlachten, ganz den gleichen Glanz, der darin geschimmert, als sie
-ihm, Arnold, bei der ersten Begrüßung und dem Sprunge ans Ufer die Hand
-geboten. -- Hatten diese Augen nur einen Glanz, diese Mienen, wenn man
-so sagen darf, dieselbe weiche schmeichelnde Melodie für alle Menschen
-und Lagen?
-
-„Sie haben -- begann Julie -- dem guten Hofrathe Unrecht gethan. Der
-Mann ist in seiner dreifachen Eigenschaft als Gatte einer schönen bösen
-Frau, als eingebildeter Kranker und als Mitglied der Kommission, welche
-unsere Finanzen in Ordnung bringen soll, ein beklagenswerthes Geschöpf,
-und wenn ich ihm meinen Plaid nicht aufgezwungen hätte, so lief ich
-die dreifache Gefahr, ihn in eine wirkliche Krankheit zu stürzen, der
-bösen Frau in der Untergrabung seines Lebens behülflich zu sein und den
-Staat auf unbestimmte Zeit seiner unschätzbaren Leistungen zu berauben.
-Ich stellte ihm also das Ultimatum, entweder den Plaid umzulegen
-oder denselben von meiner Hand ins Wasser fliegen zu sehen.‟ -- „Das
-entschuldigt allerdings den guten Hofrath -- entgegnete Arnold -- aber
-nicht minder ungerecht als meine Anklage ist sicherlich der Vorwurf,
-den Sie sich +selbst+ machten, als Sie von sträflichem Leichtsinn
-gegen sein Leben sprachen... konnten Sie den Sturm vorhersehen?‟ --
-
-„Der Vorwurf war nur gerecht. Ich bestand auf der Fahrt bei stark
-umwölktem Himmel und allen Anzeichen des herannahenden Gewitters. Und
-wenn mir -- sagte sie mit ernstem Tone -- die Folgen gleichgültig
-waren, so hatte ich wahrlich kein Recht, dasselbe von meinem Gaste
-vorauszusetzen.‟
-
-Es lag Etwas in Juliens ganzem Wesen, was den Eindruck verhinderte,
-den diese Worte unter andern Umständen, oder besser, aus anderem
-Munde, auf Arnold gemacht hätten -- nämlich einen unangenehmen. Es war
-ihm unmöglich, ihr jene affektirte Gleichgültigkeit gegen das Leben
-zuzumuthen, in welcher sich manche in den glücklichsten Verhältnissen,
-wofür er die ihrigen hielt, lebende Frauen gefallen, und welche bei
-Gelegenheiten, wo es gilt, sich vorzüglich interessant zu machen, als
-förmliche Sterbesehnsucht auftritt.
-
-Juliens Worte hatten aber das unverkennbare Gepräge des treuen
-Ausdruckes ihres Innern, und vielleicht war es die plötzlich
-auftauchende Besorgniß, sie falsch aufgefaßt zu sehen, was sie
-bestimmte, in heiterm, fast scherzendem Tone fortzufahren: „Ich
-nöthigte den unglücklichen Hofrath in den Nachen des Mannes, den
-alle Forellen des Sees unter dem Namen Fischerhans als böses Prinzip
-verabscheuen. Ich will nach dem Waldufer, es wird dunkel, der
-Hofrath beschwört mich ihm sein Leben zu schenken und Hans beantragt
-augenblickliche Umkehr. Ich lachte sie aus und bestehe darauf,
-wenigstens quer über die Bucht nach dem Hofe zurückzufahren. -- Wenn
-wir’s nicht durchsetzen, sagt Hans, so treibt es uns in den untern See
-hinaus, und wenn der Wind gegen den Wetterstein umspringt, -- -- so
-haben wir, erwiedere ich, das rothe Kreuz, -- wo wir landen. All das
-Gerede war aber schon vergeblich, mit dem ersten Donnerschlag fiel der
-Sturm ein, entführte meinen Strohhut, der Regen strömte herab, und nach
-einer Viertelstunde, in welcher jeder Augenblick der letzte schien,
-stießen wir so gerade und pünktlich auf den Sand am rothen Kreuz, daß
-ich Hans vollkommen Recht gebe, wenn er behauptet, mein Schutzengel
-allein habe das Schiff gelenkt. -- Als der Sturm nachließ, befahl ich
-ihm nach dem Freinhof zu fahren, wo man nichts von unserer Fahrt wußte,
-und das Herrenschiff herzuholen. In der Zwischenzeit kam das schöne
-Abendroth, kam Ihr Nachen, dem ich mich nun anvertraut habe, obwol
-er um nichts besser als der fortgeschickte, -- und ich freue mich,
-daß meine Erlösung nicht auf dem geraden, langweiligen, legalen Wege,
-sondern gerade +so+ gekommen, +wie+ sie eben gekommen.‟
-
-Es schien Arnold bei Juliens letzten Worten, als ob die Augen doch
-nicht nur +einen+ Glanz hätten. Es verstrichen ein Paar Minuten
-und er vermochte nicht das Gespräch am Ende des so freundlich
-dargebotenen Goldfadens anzuknüpfen. Nur eines Haares Breite lag
-zwischen der glücklichsten Antwort und dem schmählichsten Gemeinplatz.
-
-„So viel ist gewiß, sagte er, daß Glück und Verdienst wieder einmal in
-grellem Mißverhältnisse stehen. Mir wird die Freude zu Theil, Sie in
-meinem Nachen zu führen, -- aber erst nachdem die Vorsehung Sie aus der
-wirklichen Gefahr gerettet. Der schöne Traum einer +Rettung+ durch
-mein Kommen läßt sich nun einmal nicht festhalten. Er ist verschwunden
-wie die Goldstickerei, welche der Glanznebel für mein Auge auf Ihr
-graues Kleid geworfen.‟
-
-„Das ist hübsch gesagt, erwiederte sie, -- derselbe Goldnebel hat
-auch über Sie, als ich Sie durch ihn herankommen sah, so etwas wie
-einen Heiligenschein geworfen. -- Wir haben nun unsere beiderseitigen
-Verklärungen abgestreift, so wie die Situazion alles Schauerliche. --
-Eine halberfrorne Frau, welche auf ihr Schiff wartete, hat vorgezogen,
-in dem Nachen eines jungen Mannes, der ihr seine warme Jacke anbot,
-nach Hause zu fahren. -- Das ist Alles, was hinter dem Goldgewölke
-liegt.‟
-
-Ein Schatten von tiefem Ernst, der über ihr Gesicht flog, wich eben so
-schnell, als sie fortfuhr: „Wenigstens sehe ich, daß Sie ein echter
-Deutscher sind: Sie reflektiren, Sie lassen keine Freude bei sich
-einziehen, wenn sie sich nicht mit einem vom Verdienst gefertigten
-Passe legitimirt, und suchen die Stelle, wo der Regenbogen auf der Erde
-steht, zu ergründen, um sich zu überzeugen, ob er auch auf festem Boden
-ruhe!‟
-
-Der Vorwurf war ungerecht. Arnold reflektirte nicht, aber Juliens Worte
-gaben ihm erst den Stoff dazu.
-
-Eine Antwort war nicht mehr möglich, denn in dem Augenblicke, wo nun
-das Schiff um den Felsenvorsprung bog, welcher die Bucht, an welcher
-der Freinhof liegt, bisher verdeckte, schmetterte durch das stille
-Halbdunkel ein Ruf -- oder Ton -- oder Aufschrei -- wie ihn nur der
-begreift, welcher jemals einen Urbewohner der Berge aus voller Kraft
-der Lunge „jodeln‟ gehört --... ein Jodler, der das Echo am Ende
-des Sees aus dem ersten Schlummer aufzuschreien zwang, -- das ferne
-Waldufer nahm die Herausforderung an und nun scholl es zehnfach zurück
-von Berg und Fels und verklang endlich in sanfteren Tonwellen, welche
-von dem raschen Ruderschlage übertönt wurden, womit die stattliche,
-fest und zierlich gebaute Barke vom Freinhof herankam. In einer Minute
-hatte sie den Nachen Arnolds erreicht. --
-
-Der Urheber des gewaltigen Jubelgrußes war aber kein Eingeborner der
-Gegend, sondern der vom Schiffer erwähnte „große Herr Knorr,‟ welcher
-auf der äußersten Spitze des Vordertheils, gerade über den goldnen
-Buchstaben des Namens Julia stand, und mit einem braunen Sammtrock
-bekleidet und einem grauen, weichen, vielgeprüften Filzhute bedeckt,
-in ungeheurer Länge emporragte, wie der Rauchfang eines Dampfschiffes.
-Auf dem mittleren Sitze saß ein Mann in eleganter Sommerkleidung, das
-heißt, er war vom Hals bis zu den Kamaschen mit dem gleichen englischen
-Stoff von unbestimmter Farbe überzogen und trug einen Panama-Hut mit
-Sammtband. „Kannst du denn, -- rief er dem andern zu -- dein höllisches
-Gejohle nicht lassen, wo du gar nicht weißt, ob es zur Situazion paßt!‟
--- Der Lange im Sammtrock lachte laut aus seinem struppigen Vollbart
-und sagte: „Zu meiner Situazion jedenfalls, und für die deine hindere
-ich dich nicht, jedes Geflöte und Gesäusel anzustimmen, welches dir
-passend scheint.‟
-
-Julie war beim ersten der vom Panama-Hut mißbilligten Töne rasch im
-Schiffchen aufgestanden mit dem Ausrufe: „Da sind sie, die Retter nach
-der Gefahr! -- der gute närrische Knorr, vielleicht der einzige Mensch,
-der es ganz ehrlich mit mir meint -- und der ewig fein sein wollende
-Reiland‟... (es schien Arnold, als ob vor dem Namen Reiland noch das
-Wort „unausstehlich‟ halblaut eingeschlüpft wäre).
-
-„Willkommen, willkommen!‟ scholl es von den aneinanderliegenden
-Schiffen. „Wir waren so fest überzeugt -- rief Knorr’s gewaltige
-Baßstimme -- daß Sie der See verschlungen, schöne Frau Julie, daß Herr
-Reiland bereits Trauer um seinen Hut gelegt, und ich einen meiner
-Revolvers mitgenommen habe, um mich beim rothen Kreuz nach Erhebung des
-Thatbestandes zu erschießen‟ -- er knallte dabei einen der Läufe gegen
-die Felsenwand los -- „und nun eine Jubelfanfare für die glückliche
-Rettung‟ -- -- er setzte ein chromatisches Posthorn an den Mund, und
-ein Geschmetter, welches den vorigen Jodler zu Schanden machte, fiel
-mit dem Wiederhall der Pistole zusammen.
-
-„Aber um Gotteswillen, lieber, lieber Knorr -- bat Julie mit
-aufgehobenen Händen -- jetzt ein Ende mit Ihrem gräßlichen Unsinn!
-Geschwind fort, zum rothen Kreuz, dort finden Sie den verzweifelnden
-Blauhorn, den Sie auf der Heimfahrt mit Schießen und Blasen sein Elend
-vergessen machen sollen.. Guten Abend, lieber Reiland! Adieu! In einer
-Stunde im Schweizerhaus!‟
-
-Der Genannte verbeugte sich mit einem Blick, in welchen er ehrerbietige
-Zärtlichkeit, feines Bedauern über Knorr’s Auffassung der Situazion
-und noch vielerlei Anderes zu legen gedachte. Knorr aber rief
-den vier Ruderern ein Vorwärts! zu, und die Fahrzeuge flogen in
-entgegengesetzter Richtung auseinander.
-
-Arnold hatte Welt genug, um manche auf seinen Lippen schwebende Frage
-zu unterdrücken. -- Knorr’s vertrauliches „schöne Frau Julie‟ hatte ihn
-eben so unangenehm berührt, als Reilands süßes albernes Augenspiel.
--- -- Und wieder in Juliens Zügen das gleiche frohe Aufleuchten beim
-Gruße. -- --
-
-Mit einem ihm unerklärlichen Uebergange hatte sich nach der Begegnung
-mit der Barke ihr ganzes Wesen verändert. Es war, als ob, wie auf den
-Berggipfeln, auch in ihr der letzte Funke der Abendglut verlöscht wäre.
-
-Sie sagte: „Legen Sie Ihr Ruder weg und lassen Sie dem Fährmann allein
-die Mühe. Setzen Sie sich zu mir, -- wir kommen doch noch vor den
-Andern nach Hause.‟
-
-Es läßt sich denken, daß Arnold schnell und freudig gehorchte.
-
-„Da haben Sie, fuhr sie fort, ein Bild meines Lebens: -- ein Ort, der
-die Heimat des Friedens scheint, und aus dem doch alle Ruhe verbannt
-ist. -- Wenn ein Augenblick einer ruhigen frohen Träumerei kommt, so
-fährt ein greller Mißlaut dazwischen, wie jetzt der tolle Lärm dieses
-guten Menschen, und doch verletzt dieser mich hundertmal weniger als
-manches Lied mit oder ohne Worten, dessen Ton rein und dessen Sinn
-falsch ist -- und das ich doch anhören muß.‟
-
-Sie erschien Arnold mit jedem Augenblicke schöner, als sie, den
-Lockenkopf senkend, mit schmerzlichem Lächeln vor sich hinsah.
-
-Er erwiederte: „Und doch ist nun auch dieser grelle Mißlaut verklungen,
-und so muß es jeder andere, wenn Sie ihn nicht in Ihrer Seele
-nachklingen lassen. Ich vermag nicht über frohe und schmerzliche
-Bewegungen in Ihrem innern und äußern Leben zu urtheilen, aber daß
-+Sie+ die Gabe besitzen müssen, jede Dissonanz in den Akkord zu
-lösen, wenn Sie nur ruhig wollen, davon bin ich fest überzeugt.‟
-
-„+Ruhig wollen?+‟ wiederholte sie -- „Ich kann mir nur ein
-heftiges, heißes Wollen denken.... wer Ihr Mittel besitzt, der bedarf
-seiner schon nicht mehr!‟
-
-Sie schwieg einen Augenblick, wendete sich gegen ihn und sprach mit
-leiser Stimme, aber jedes Wort betonend und langsam: „Könnten denn Sie
-Jemanden -- -- so recht innig -- vom Grund des Herzens -- bis in den
-Tod -- -- unversöhnlich hassen?‟
-
-Mag man es einen Wahnsinn nennen, daß Arnolds Blut heiß aufwallte und
-zum Herzen drang, als die Worte, so langsam einander folgend, jedes die
-Erwartung des folgenden spannend, über die wunderbar reizenden Lippen
-traten.
-
-Konnte er sich denn auch nur träumen lassen, daß statt „hassen‟ ein
-anderes Wort schließen würde? -- Und +wenn+ es kam -- -- hätt’
-er sich dessen freuen können? -- War er der Mann, der ein Glück in
-einem flüchtigen Abentheuer fand, wenn die Frage von der schlimmsten,
-rasch auf ihr Ziel hinsteuernden Koketterie eingegeben war? -- und
-welche Erklärung hätte es gegeben für eine +solche+ Frage an einen
-jungen Mann, den die schöne Frau eine Stunde lang nicht +kannte+,
-sondern +sah+? welche Erklärung, die nicht dem Paradiesvogel ihrer
-Anmuth die schönsten Schwungfedern, dem Schmucke ihres Geistes die
-glänzendsten Juwelen ausgebrochen hätte?
-
-Doch das +andere+ Wort kam eben +nicht+, und einen Augenblick
-später freute er sich dessen.
-
-Seine Wangen waren aber mit einer im Abenddunkel freilich nicht
-sichtbaren Glut übergossen, als er bei der Dissonanz, womit die
-Frage schloß, erst klar fühlte, welchen Klang er erwartet... welche
-Gedankensünde er gegen +sie+ begangen.
-
-Sie war ihm zu verzeihen. -- „Ich möchte -- sagte er, vor Allem
-+Sie+ fragen, wie kann ein so harter, wie ein dreischneidiger
-Dolch geschliffener Gedanke aus weichen Frauenlippen kommen?‟
-
-„Vielleicht, entgegnete Julie, -- ist eben nur eine Frau in ihrer
-Schwäche eines solchen fähig; ich habe die kräftigsten Charaktere
-stets am versöhnlichsten gefunden, vielleicht mit Ausnahme eines
-+Einzigen+.‟
-
-„Der +Zweite+, rief Arnold, bin nicht +ich+! Ein dreifaches
-Nein! Ein Haß, wie Sie ihn malen, ist ein Ungeheuer unter den
-menschlichen Gefühlen, ist vielleicht die einzige, durch nichts zu
-tilgende Schuld gegen die Menschennatur! Ob ich zu den kräftigen
-Charakteren in Ihrem Sinne gehöre, vermag ich nicht zu entscheiden;
-die Ziele und Hindernisse, an denen ich meine Kräfte zu messen habe,
-liegen noch vor mir. Daß ich mir aber kein Verbrechen denken kann, das
-nicht endlich gesühnt werden, -- und so auch keinen Haß, der nicht
-endlich erlöschen könnte, das ist wahr -- so wahr, daß ich Sie --
-Vergebung meiner Offenheit! -- innig beklagen würde, wenn Sie das, was
-Sie aussprachen, in seiner furchtbaren Bedeutung, in seiner ganzen
-tödtlichen Kälte zu fassen, zu begreifen vermöchten!‟
-
-War es doch das Nachzittern des nicht gesprochnen „andern‟ Wortes, das
-ihn so heiß gegen den kalten Haß reden ließ?
-
-„Es wird eine Zeit kommen, entgegnete Julie ruhig, wo Sie meine Frage,
-die Sie befremden muß, begreifen, -- wo Sie auch den Grund derselben
-nicht hören, sondern so zu sagen mit erleben. Ich glaube, Sie werden
-unserem Hause, werden mir nicht fremd bleiben. -- Daß Sie den Freinhof
-heute nicht verlassen, sondern die Gastfreundschaft annehmen, welche
-Ihnen dessen Besitzerin anbietet, versteht sich von selbst. Erst jetzt,
-da ich Sie den Bekannten, die Sie treffen, vorzustellen wünsche, bitte
-ich Sie mir zu sagen, welchen Namen ich nennen darf.‟
-
-„Ich heiße Arnold Korbach und theile letzteren Namen mit der Besitzung
-meines Vaters, dem Korbachthale, sechs Stunden von hier, wo unsere
-Metallfabrik liegt. -- Ich habe mehr als ein Jahr auf der Reise
-in Begleitung eines Freundes meines Vaters zugebracht und wollte,
-nachdem ich nach der Rückkehr einige Tage bei den Meinigen verlebt,
-mit dem heutigen Nachttrain nach der Residenz, wo ich noch ein Jahr
-künstlerische und technische Studien betreiben werde, um dann die
-Leitung unserer Werke zu übernehmen.‟
-
--- „Ihr Name war für mich kein fremder Klang. Ich hörte Ihres Vaters
-bei vielen Gelegenheiten auf eine solche Weise erwähnen, daß ich
-mich nun doppelt freue, den Sohn eines von allen Rechtlichen so
-hochgeachteten Mannes kennen zu lernen. Der schwere Schlag, welcher im
-vorigen Jahre Ihr Haus durch den Tod Ihrer würdigen Mutter getroffen,
-deren segensreiches Wirken in weiten Kreisen bekannt war, hat innige
-Theilnahme auch bei denen erregt, welche sie nicht persönlich kannten.‟
-
--- „Die Kreise, von denen diese mir wohlthuenden Worte gelten, sind
-zwar höchst achtungswürdige, aber wohl kaum +weite+. Man kannte
-meine Mutter als die Gründerin der protestantischen Kolonie in
-Korbach, kennt meinen Vater als den Beschützer derselben, -- als
-freisinnig, -- verzeiht ihm in gewissen Regionen nicht, daß er, selbst
-Katholik, meine Schwester und mich im Glauben der Mutter erziehen ließ,
-und -- ich werde mich nicht täuschen, wenn ich annehme, daß bei dem
-hier zu Lande herrschenden Geiste die Zahl Derer, welchen ein Unglück
-unseres Hauses Freude bereitet, größer ist als jene der freundlich
-Theilnehmenden.‟
-
--- „Ich hörte auch in +diesem+ Sinne sprechen, und Sie können auf
-Ihre Feinde nur stolz sein. Glücklich, der in unabhängiger Lage sich
-des Beifalls der Guten freuen kann, ohne den Haß der Schlechten zu
-scheuen. +Sie+ athmen Freiheit! Ein Wort, das mir wie eine ferne
-Kindheitserinnerung klingt. -- Der Schlag der Hämmer in Ihren schönen
-Werken, deren blühenden Zustand Alle preisen, mag all’ dieß feindliche
-Gerede übertönen. Es freut mich, Sie gerade dieser Bestimmung
-entgegengehen zu sehen. Das Bild der Metallfabrik stimmt für mich zu
-Ihrem Wesen. Ich konnte mir Sie nicht am Schreibtische als Beamten,
-eben so wenig als künftigen Advokaten, Literaten, kurz als ein Mitglied
-der schreibenden Welt denken. -- Nun sind wir im Augenblick zur Stelle
--- -- in einiger Zeit wird Knorr auf Ihr Zimmer kommen, Sie ins
-Schweizerhaus zu begleiten.. vergessen Sie einstweilen meine seltsame
-Frage -- urtheilen Sie überhaupt heute nicht über mich, Sie würden es
-vielleicht widerrufen müssen.‟
-
-Arnold drückte die dargebotene Hand. Sie waren gelandet; Hausleute und
-Diener des Freinhofes drängten sich unter Aeußerungen der Freude um
-Julie, welche freundlich dankte, Arnolds Jacke abstreifte, die sie ihm
-lachend über die Schulter hing und, von einem Mädchen gefolgt, nach der
-Mitte der Gebäude zuschritt. -- Ein junger Diener in Jagdlivree hatte
-Arnolds Reisetasche demselben vorgetragen und führte ihn nach links,
-einige Stufen hinan, über einen hölzernen Gang, dessen geschnitzte
-zierliche Säulen, von Schlinggewächsen umsponnen, das vorspringende
-Dach trugen, in ein im bekannten Stile aller eleganten Chalets
-gehaltenes Zimmer, wo ihn aller Comfort empfing, welchen Reichthum
-und Geschmack vereinigt dem Gaste zu bieten vermögen. -- Der Erzähler
-dieser Geschichte weiß, was er selbst und Tausende seiner Mitgeschöpfe
-unter Lokalitäten-Beschreibungen gelitten. Dieses mitleidslose
-Herumzerren durch Haupt- und Nebengebäude, das Inventarium sämmtlicher
-Einrichtungsgegenstände, meistens nur zu dem Zwecke, die Begabung
-des Autors als Dekorateur und seine Fachstudien im Tischler- und
-Tapazierer-Handwerk zur Schau zu stellen -- -- dieses Alles bildet ein
-dem Gesetze nicht erreichbares Vergehen gegen die Sicherheit des arglos
-vertrauenden Lesers, welches als Mißbrauch der schriftstellerischen
-Amtsgewalt zu bezeichnen wäre.
-
-Dieser Ansicht gemäß sei hier der reizende Freinhof mit der
-rücksichtsvollsten Kürze gezeichnet.
-
-Auf der vom Seeufer sanft aufsteigenden Anhöhe, an den Waldhang
-gelehnt, steht das Schweizerhaus, Juliens Wohnung, -- ein Stockwerk
-hoch, von uralten Tannen überragt.
-
-Der feste steinerne Unterbau enthält zwei Dienerwohnungen, eine
-Küche und Kammern; der obere Theil, aus röthlich braunem Holze,
-zwei große Zimmer nach dem See hin, welche als Gesellschafts- und
-Musiksalon dienen, und vier kleine Piecen nach der Waldseite: Juliens
-Schlafgemach, ihr Boudoir, ein Bibliothekzimmer, ein Maler-Atelier.
-
-Offene Gänge mit schlanken hölzernen Säulen und leichtem Dache
-verbinden das Schweizerhaus mit den beiden ebenerdigen Flügeln. An
-den hohen Bogenfenstern dieser aus rothen Ziegeln aufgeführten, mit
-grauem Schiefer gedeckten Gebäude läuft, in der Höhe von sechs Stufen,
-eine Gallerie hin, über welche wir, und zwar im linken Flügel, der die
-Fremdenzimmer enthält, bereits Arnold begleitet haben. -- Den rechten
-Flügel bewohnt der Herr des Hauses bei seinen in den ungleichsten
-Zwischenräumen stattfindenden Besuchen des Freinhofes.
-
-Etwa hundert Schritte von diesem Flügel, durch Baumgruppen von den
-Wohngebäuden getrennt, durch eine schattige Zufahrt mit denselben
-verbunden, liegen die Wirthschaftsgebäude.
-
--- -- -- Julie war vor ihrem Mädchen die Treppe hinaufgeflogen in ihr
-Boudoir, hatte sich auf die Ottomane geworfen, und lag einige Minuten
-regungslos, ein Marmorbild, mit geschlossenen Augen da. Das Mädchen
-stand schweigend und betrachtete sie mit sanftem mitleidigen Blick; sie
-sah dieses Bild wohl nicht zum erstenmale. Julie schien nach einiger
-Zeit aus einem Mittelzustande zwischen Schlaf und Ohnmacht zu erwachen,
-und sagte leise und freundlich: „Nimm die Lampe weg, Martha, und komm
-in einer halben Stunde‟ -- und als sie im dunkeln Gemach allein war,
-drückte sie das Gesicht in die Kissen und zog, von Fieberschauer
-geschüttelt, einen Shawl fest um sich. Ob der zitternde Athem, der
-fliegende Puls, -- ein Schmerzenslaut, der sich aus ihrer Brust rang,
-von einem Leiden des schönen Körpers, ob von einer tieferen, nur in
-einsamer Minute die Fesseln brechenden Seelenqual herrührten? --
-Vielleicht würde, hätte er sie belauschen können, derjenige die rechte
-Antwort getroffen haben, der sie doch nur eine Stunde lang kannte, --
-Arnold, wenn anders der Wunsch zu errathen die Fähigkeit des Errathens
-schärft.
-
-Seele und Sinne hatten in der kurzen Stunde einen tiefen Eindruck
-empfangen. Er war aber gewohnt, keinen Eindruck in träumerischem
-Halbdunkel zu lassen: er war vor Allem wahr gegen sich selbst. Mit
-bestimmten Fragen beleuchtete er jedes nebelhafte Gebild in seinem
-Innern, bis es Gestalt und klaren Umriß gewann, und dann ward es warm
-im Herzen gehegt oder kalt abgestoßen.
-
-Er fragte sich: Kannst du dich einer Empfindung entsinnen wie die,
-welche diese Frau in dir erregt? -- Nein. -- Kannst du dieses Gewoge
-von Eindrücken, welche dich während dieser Spanne Zeit bald erfreuten
-bald verletzten, Liebe nennen? -- Nein. -- Wie nennst du es also? -- Er
-fand aber keine Antwort.
-
--- Nachdem er sich in seinem Zimmer eingerichtet und den Inhalt seiner
-Reisetasche, -- Zeichenmappe, Tagebuch, -- geordnet auf dem Tische
-lagen, trat er ans Fenster und sah nach dem stillen See hinaus. Die
-Bilder des Abends begannen den dunkeln Raum vor seinen Augen zu füllen:
-er duldete dießmal die Träumerei und stellte sich keine Fragen mehr.
-
-Alle glänzenden und bleichen Bilder verschwanden aber plötzlich, wie
-Geister beim Hahnenrufe, bei den Tönen, welche die Ankunft Knorrs und
-seiner Gefährten verkündeten.
-
-Er sah sie landen und sich nach dem Fremdenflügel wenden, -- trat vom
-Fenster zurück und in der folgenden Minute wurde die Thür aufgerissen
-und Knorr schritt herein.
-
-Seine Erscheinung war darnach angethan, um Arnold vollends aus seiner
-Gedankenflut auf den festen Boden der Wirklichkeit zu heben. Knorr aber
-mußte den festen Boden mit wirklichem Wasser vertauscht haben, denn
-dasselbe triefte noch von seinen am Leibe hängenden Kleidern, rieselte
-von den Haaren, perlte im Bart, und die damit gesättigte Hutkrempe hing
-schlaff über die Stirne. Er warf das formlose Filzgebilde in einen
-Winkel und sich selbst in ein Fauteuil, mit den Worten: „Ich schlage
-vor, uns einander nicht vorzustellen, überhaupt unsere Bekanntschaft
-gar nicht anzufangen, sondern bloß fortzusetzen. +Meinen+ Namen
-hat Ihnen Frau Julie bereits gesagt und jedenfalls ein Beiwort
-angefügt, welches näher oder ferner mit dem Begriffe von „verrückt‟
-verwandt ist. Ich dagegen sah Sie zum erstenmal, als Sie aufs
-Aufopferndste bemüht waren, eine schöne Frau im Dunkeln über einen See
-zu fahren.‟
-
-„Welche aber, unterbrach ihn Arnold, Ihren Namen nicht bloß in
-Begleitung des obigen Beiwortes, sondern auch mit einem Zusatze nannte,
-welcher beweist, wie hoch Sie in ihrer Meinung stehen.‟
-
-„So hoffe ich,‟ sagte Knorr, „und was nochmals das Beiwort betrifft, so
-ist im Freinhof und im übrigen Europa die Grenze zwischen verrückt und
-gescheidt noch nicht ausgemittelt worden.‟ --
-
-„Jedenfalls, rief Arnold, müssen Sie vor Entscheidung dieser Grenzfrage
-trockene Kleider anziehen und das sogleich, sonst müssen Sie krank
-werden.‟
-
-„Auch das wünscht’ ich der Neuheit wegen einmal zu versuchen, sagte
-Knorr, und unserm Doktor zu Lieb, der bei dem Gesundheitszustand dieser
-Gegend sein Dasein bloß durch Wilddiebstahl fristet. Mit mir hat es
-aber keine Gefahr: ich werde trocknen, indem ich Ihnen erzähle, warum
-ich naß bin. Die hölzerne Julia, weniger leicht gebaut und eben so
-unberechenbar wie ihre lebendige Namensschwester, war nicht dicht ans
-Ufer zu bringen. Wollte man alle Gewalt anwenden, so verrannte sich der
-tiefe Kiel in den Sand, oder die Julia keilte sich zwischen die Steine
-und nahm Schaden, und der Hofrath, Reiland, die Schiffsleute und ich
-konnten als sieben linke Schächer über Nacht am rothen Kreuz hängen. Da
-Herr von Blauhorn zu weinen anfing, that ich einen Satz ins Wasser,
-nahm ihn auf die Schulter und schritt, wie der große Christof mit dem
-Weltheiland, auf die Julia zu. Da geräth mein linker Stiefel auf einen
-lockern Stein, die ganze Gruppe stürzt in sich zusammen und ich liege,
-meiner vollständigen Länge nach, auf dem Rücken im hochaufspritzenden
-Gewässer und habe die Selbstverleugnung, in dieser Verfassung meine
-Bürde mit den Armen über meiner Brust in die Luft zu halten, bis die
-Schiffsleute dieselbe übernehmen. Das Wasser, welches da von mir wie
-von einem Regenschirm abtropft, war Zeuge dieser That.‟ --
-
-Arnold fühlte sich von der ehrlichen Seele, die aus den großen, derben
-Zügen des Erzählers leuchtete, angezogen, und sagte: „Sie haben
-scherzend erzählt, und im Ernst sehr schön gehandelt.‟
-
-„Ich denke wohl‟ -- erwiderte Knorr, seinen Filz ausdrückend und
-schritt von dannen, da Arnold entschieden auf dem Kleiderwechsel
-bestand und seine Begleitung in das Schweizerhaus ablehnte.
-
-Es verging eine halbe Stunde, bis sich die Fenster desselben erhellten.
-Er sah nach und nach mehrere Gäste des Freinhofes von seinem Flügel
-aus hinübergehen. Der Diener hatte erzählt, daß ein Theil der
-Gesellschaft, auf einem anderweitigen Ausfluge gleichfalls vom Gewitter
-überrascht, fast gleichzeitig mit Arnold angelangt war. -- Er folgte
-nach einiger Zeit, und als er über die von außen auf die Gallerie des
-Schweizerhauses führende Treppe an das erste offene Fenster des Salons
-gelangte, wurde er, aus dem Dunkel kommend, von dem Glanz geblendet,
-der ihm entgegenstrahlte.
-
-Die sechs Kristallkugeln der Hänglampe im Verein mit der großen Lampe
-des Theetisches gossen fast überreiches Licht über den behaglichen
-Raum. Die Geister Aladins schienen einen kleinen Salon der Residenz
-mit seinem ganzen weichen, glänzenden, warmen, duftenden Inhalte
-aufgehoben, über die Berge hingetragen und in die braunrothen Wände des
-Schweizerhauses niedergesenkt zu haben.
-
-Er überblickte die Gesellschaft. Auf dem Ecksofa am Theetische war
-Reiland um eine blonde junge Frau beflissen, welche ihm zerstreut
-zuhörte und die lebhaften Augen klug und beobachtend von einem
-Mitgliede der Gesellschaft zum andern fliegen und nur manchmal auf
-ihrer Häckelarbeit ruhen ließ. Ihre Gestalt und Haltung machte den
-Eindruck der Selbstständigkeit und Entschiedenheit, welcher durch
-weiche, schöne Züge gemildert wurde. Das Fauteuil neben ihr besetzte
-ein Herr, in dessen Zügen nebst der entschieden günstigsten Meinung
-von sich selbst, auch die Kurse von Kredit und Nordbahn zu lesen
-waren. Er demonstrirte irgend Etwas mit großer Lebhaftigkeit einem vor
-ihm stehenden Husaren-Obersten und einem dürren, scharf und falsch
-blickenden Geistlichen. An einem Seitentischchen im Journal lesend,
-saß Knorr in einem, dem riesenhaften schwarzen Holofernes-Kopfe zur
-besondern Folie dienenden weißen Drill-Anzuge --, das Höchste, was
-er an „Staat‟ entwickelte, wenn es galt zu repräsentiren, wie bei
-den seltenen Besuchen, womit er, und zwar erst in neuerer Zeit, den
-Kollmann’schen Salon beehrte. Ihm gegenüber der Hofrath, blaß und in
-sich zusammengeschrumpft, mit Bleistift in seine Tablettes schreibend.
-Zwei schöne Mädchen von etwa sechszehn und achtzehn Jahren schwätzten
-mit einigen jungen Leuten, deren Schablonengesichter durch die
-Gebirgstracht, die sie zum Freinhofbesuch angelegt, noch unbedeutender
-als gewöhnlich erschienen.
-
-Einen Augenblick fühlte sich Arnold von der ganzen fremden Welt, die
-ihm durch die leichten Vorhänge entgegenglänzte, so abgestoßen, daß ihn
-der Gedanke anwandelte, auf seine Zimmer zu gehen, einen Brief mit Dank
-und Lebewohl an Julie zu schreiben, und dann -- die Reisetasche gepackt
--- in die Nacht hinaus -- über die Föhrleiten zum Bahnhofe... Der Abend
-sollte dann ein für sich bestehendes Bild, das mit seinem früheren und
-späteren Leben nicht zusammenhing, sollte nur die letzte und schönste
-seiner Reiseerinnerungen bleiben.
-
-Doch fühlte er schnell das Unpassende eines solchen Benehmens. Hätte
-er sich mit gewohnter Gewissenhaftigkeit befragt, so hätte die Antwort
-gelautet: du bleibst nicht weil das Gehen unpassend ist, sondern weil
-du sie nochmals sehen willst.
-
-Er trat ein; die Gesellschaft ohne sie schien ihm ein
-Wachsfigurenkabinet. -- Nach leichter Erwiederung seines leichten
-allgemeinen Grußes kümmerte sich Niemand um ihn, außer Knorr,
-welcher aufstand, ihn in ein Fenster zog und sagte: „Studiren Sie
-sich die Gesichter und sagen Sie mir aufrichtig, welches Ihnen
-das unausstehlichste wäre.‟ Arnold lächelte und entschied für den
-Geistlichen. „Ins Schwarze getroffen! -- sagte Knorr. -- Uebrigens wird
-noch der Herr des Hauses in der Nacht erwartet.‟ --
-
-Jetzt flog die Thür des Boudoirs auf, und im hellblauen Kleide, rothe
-Mohnblumen im Haar, trat Julie herein, mit leichtem elastischen
-Schritte, ein strahlendes Lächeln um die frischen Lippen, Rosenflammen
-auf den Wangen, Liebreiz und frohes Leben in jedem Zuge des Gesichtes,
-jeder Wellenlinie der Gestalt, und das Siriusfeuer ihrer Augen
-durchflog elektrisch den Kreis, der sich um sie zusammendrängte.
-
-In den ersten drei Minuten waren auf jeden der Anwesenden von der
-Springflut ihrer Begrüßungsworte einige Tropfen gefallen: Jeder mochte
-das Gefühl des Bevorzugtseins haben. Eine Umarmung der blonden Frau,
-ein Handreichen an den Obersten, den Banquier und Knorr, eine für den
-feineren Beobachter fast ironische Verbeugung vor dem Geistlichen,
-zwei Küsse auf die beiden Mädchenstirnen -- -- das folgte einander
-in leichtem Fluge, wie wenn der Wind die Blüten vom Baume weht. --
-Und nun klangen die Stimmen in jenen Chor zusammen, welchen manchmal
-eine Gesellschaft in dem Moment anstimmt, wo ein Alle gleichmäßig
-berührender Gegenstand wie das heutige Gewitter und die Wechselfälle
-der Seefahrt sich darbietet, den nun Alle wie einen Ballon aus den
-Raquettes des Gespräches umherfliegen lassen und dem Nachbar zuwerfen,
-bis Jeder sein ~heureux mot~, seine Frase los geworden.
-
-Julie durchbrach den Kreis, ging auf Arnold zu und führte ihn an der
-Hand zum Sofa mit den Worten: „Wir haben heute zusammen die Launen
-eines treulosen Elementes getragen, nun bleiben Sie mein Nachbar und
-ruhen Sie hier im Genusse, den jedes überstandene Leiden gewährt.‟ --
-
-Arnold, der um die Welt gern wieder auf dem treulosen Elemente gewesen
-wäre, entgegnete: „So erquicklich auch die jetzige Lage, so wüßte
-ich doch nicht, daß sie vor jener, die Sie als überstandenes Leiden
-betrachten, für mich einen andern Vorzug hätte, als den, Sie selbst in
-schöner, behaglicher Sicherheit zu sehen.‟
-
-„Nun müssen Sie noch dazusetzen -- sagte Julie, daß für den Mann der
-Kampf mit den Fluten beglückender ist als der Frieden am Samovar,
-und beidem ist genügt, sowohl der Galanterie, die Sie im Westen
-gelernt, als dem Stückchen Nordlandsrecke und Junker Frithiof, das Sie
-aus der Heimat mitgenommen und, in seiner besten Bedeutung, wieder
-zurückgebracht haben.‟ --
-
-„Wie kann man einen so traurigen Namen haben? wer heißt doch Friedhof!‟
-rief der Banquier Hr. v. Wörlitzer aus; und da gewisse Fragezeichen
-auf der Stirn des Obersten und des Hofraths verriethen, daß auch
-sie sich nicht in der Lage befanden, das Mißverständniß zu lösen,
-so nahm Reiland das Wort und sagte: „Herr von Plomberg, der Mann
-des Schwertes, ist durch seine Thaten auf dem Schlachtfelde der
-Verpflichtung enthoben, die erdichteten der alten +Germanen+ zu
-lesen, und sowohl der Herr Hofrath, als Herr von Wörlitzer, der Mann
-des allbeherrschenden Goldes, dürften bei ihren reellen Geschäften
-kaum Muße finden, sich mit den Nebelbildern altdeutscher Poesie zu
-befassen.‟
-
-„Gehorsamer Diener, rief der Oberst, meinen Sie vielleicht die Thaten
-im letzten Feldzug, wo mein Regiment immer da stand, wo es kein Mensch
-brauchte? In den Stunden unsers müßigen Zuschauens, wo wir uns nicht
-rühren durften, wenn unsere Leute unter unsern Augen zusammengehauen
-wurden, hätte ich den ganzen Junker Friedhof oder wie er heißt zehnmal
-auswendig lernen können!‟ -- Das Gesicht, welches Knorr bei Reilands
-vermittelnder Anrede aufgezogen hatte, läßt sich nicht beschreiben. „Da
-haben wir das tägliche Brot, die Politik,‟ brummte er vor sich hin.
-
- * * * * *
-
-Und so kam es auch. In wenigen Minuten hatte sich das Gespräch der
-Tagesfragen bemächtigt und trug den Charakter jener allgemeinen
-Verstimmung und Gereiztheit an sich, welcher seit dem letzten
-Friedensschlusse auch die konservativsten Elemente ergriffen hatte.
-Der Oberst, der Geistliche, der Banquier, der Hofrath konnten als
-Vertreter der Stände gelten, welche die Grundpfeiler des Bestehenden
-vorstellen, aber Alle waren darüber einig, daß die öffentlichen
-Zustände beklagenswerther geworden als je, mit dem Unterschiede, daß
-der Soldat und der Geistliche das Heilmittel in einem entschiedenen
-+Rückwärts+ erblickten, -- der Banquier in einem entschiedenen
-+Vorwärts+, während der Hofrath zwischen den Kontrasten
-durchlavirte.
-
-Besonders lebhaften Antheil nahm die blonde junge Frau, welche, als
-dieses Thema auftauchte, in kurzen scharfen Sätzen die Meinungen
-zusammenfaßte, und den beurtheilten Personen und Verhältnissen jene
-schonungslosen Bezeichnungen gab, welche die Standeskonvenienz den
-Männern verbot. Das Gespräch durchlief seine natürlichen Stadien der
-Gährung und endigte, wie all’ die Tausende seinesgleichen, mit dem
-Refrain: „So kann es nicht bleiben.‟
-
-Bald nach Beginn desselben hatte Julie sich erhoben, Arnold gewinkt
-ihr zu folgen und ging mit ihm in den Musiksalon, wo sie sich in eine
-Causeuse in der Fensterecke setzte.
-
-„Wir sehen uns +nun+ erst eigentlich +wieder+, -- begann sie,
-denn bei der Gesellschaft draußen waren Sie mir so ferne als in Ihrem
-Zimmer im Fremdenflügel. Waren Sie denn nicht überrascht, fuhr sie
-lächelnd mit Selbstironie fort, mich als Rose wiederzufinden, nachdem
-Sie mich als Lilie verlassen hatten?‟
-
-„Ich gestehe, daß entweder die natürlichen Umwandlungen Ihres Wesens
-wunderbar rasch vor sich gehen, oder daß Sie eine, ich möchte sagen,
-übermenschliche Kraft besitzen, um so zu scheinen -- -- denn was
-kann eine Frau, welche angegriffen, leidend, nach einer bestandenen
-Lebensgefahr zurückkehrt, bewegen, eine Stunde später eine solche Fülle
-von geselliger Liebenswürdigkeit zu entwickeln, während ihr vielleicht
-die Einsamkeit ein Labsal wäre, -- und einen Frohsinn -- verzeihen Sie
-mir den Ausdruck, -- zur +Schau+ zu tragen, der Sie, wenn ich nach
-dem Eindruck der kurzen Seefahrt über Ihr Wesen urtheilen dürfte, ein
-Opfer kostet, -- -- das Diejenigen, denen es gebracht wird, kaum zu
-erkennen scheinen?‟
-
-Julie sah ihn überrascht, -- sinnend, -- erfreut an und sagte:
-
-„Genug, ich +besitze+ diese Kraft; was mich bewegt, sie
-anzuwenden, wird Ihnen so wenig ein Räthsel bleiben, als meine
-befremdende Frage auf der Heimfahrt.‟
-
-„Ein Räthsel ist mir der ganze heutige Abend, von dem Augenblicke an,
-wo ich Sie am Felsenufer begrüßte, bis zum jetzigen. Der Freinhof
-selbst war ja wie ein Märchen vor mir aufgetaucht an einer Stelle, von
-welcher mir, als ich sie vor Jahren betrat, nur das Bild der tiefsten
-Einsamkeit und Abgeschiedenheit geblieben. Ihre Worte aber, aus der
-Luft des freundlichen Scherzes in geheimen Tiefen tauchend, klingen
-mir, wenn auch als +ungelöste+ Räthsel, in der Seele nach, und
-werden mich begleiten, wohin mich das Leben auch führe. Eine Unwahrheit
-wäre es aber, wenn ich sagte, daß der Eindruck, den ich mitnehme, ein
-froher, glücklicher ist. Sie sind beides +nicht+.‟
-
-„Arnold!‟ erwiederte sie, und ihre duftigen Locken berührten fast
-seine Wange -- „ich spreche zu Ihnen, wie keine Frau vor mir zu Ihnen
-gesprochen, vielleicht keine sprechen wird. Ich vertraue Ihnen, weil
-die Wahrheit selbst ihre Gestalt der Lüge geborgt haben müßte, wenn aus
-Ihren Augen ein falsches Gemüth blicken könnte. Ich sage Ihnen, ich
-+weiß+, daß Sie den Freinhof, daß Sie mich nicht vergessen werden,
--- weiß, daß wenn ich einen Beweis dieses Gedenkens, selbst ein Opfer
-von Ihnen forderte, Sie mir Alles verheißen, Alles erfüllen würden.‟
-
-Arnold war, wie ein im Blumenduft Schlummernder, betäubt: das war
-wieder der tiefe in der Seele nachzitternde Ton der Stimme -- waren
-wieder die langsam, in spannenden Zwischenräumen einander folgenden
-Worte.
-
-Sie neigte sich im Sprechen zu ihm, und der reiche Flor der
-wundervollen Formen lag warm mit mattem Glanze vor seinen verwirrten
-Augen. -- --
-
-Er fand keine Worte als die Bitte, jenen Beweis, jenes Opfer zu nennen!
-
-Sie erwiederte: „Die Zeit, wo Sie Ihr Wort erfüllen, wird kommen! --
--- Wenn ich Sie errathe, so kann Ihnen in der Gesellschaft, zu der wir
-nun zurückkehren, nicht heimisch zu Muthe sein; wenn Sie sie verlassen,
-nehmen Sie von Niemandem Abschied; es wird, wie es hier gehalten wird,
-Keinem auffallen. Den Brief, den ich Ihnen hier gebe, sind Sie so
-freundlich, in der Stadt an seine Adresse zu geben. Und nun, da Sie vor
-Tagesanbruch über die Höhe wollen -- sagen wir uns hier Lebewohl, --
-auf Wiedersehen!‟
-
-Ihre Hand hatte während des ganzen Gespräches in seiner geruht; sie zog
-sie bei den letzten Worten zurück, stand schnell auf, und im nächsten
-Augenblicke schlugen die Wellen der Gesellschaft über die Blumenauen
-zusammen, welche für Arnold mit Zauberschnelle erblüht waren in der
-tropischen Wärme des Gespräches im matt erleuchteten Musiksalon -- --
-in welchem wohl noch keine Melodie einen Hörer mächtiger ergriffen
-haben mochte. -- -- --
-
-Sie tönte fort durch die stille Nacht, als er in seinem Gemache am
-Fenster stand und auf den dunkeln See hinaussah.
-
-Hell flammten die Lichter im Schweizerhause. Es war ihm peinlich, sich
-diese Gesellschaft als Rahmen des Bildes zu denken, das ihn erfüllte.
-
-Er dachte sich’s am rothen Kreuze, mit einem Kranze von Alpenrosen. --
-
-Ein rollender Wagen und Stimmen verkündeten die Ankunft des Besitzers
-des Freinhofes. -- -- --
-
-Erst lange nachdem jedes Licht verlöscht und jeder Laut verstummt war,
-legte sich das Gewölk des Traumes um Seele und Sinne, die Bilder des
-Abends mit weichem Schmelz verklärend, -- wie der Goldnebel am See die
-Gestalt der -- Geliebten? --
-
-
-[1] Krummholz.
-
-
-
-
-Der Taschenteufel.
-
-
-Sechs Stunden nur liegen zwischen dem Augenblicke, wo Arnold von der
-jäh aufsteigenden Bergstraße den letzten Blick nach dem Freinhof
-geworfen, welchen der weiße über Thal und See liegende Morgennebel
-nach wenigen Schritten seinen Augen verhüllte, -- und zwischen jenem,
-wo er in der Hauptstadt aus der Halle des Bahnhofes tritt, um sich
-in den nächsten Wagen zu werfen, da er in seiner Gebirgstracht auch
-nicht die wenigen Straßen durchwandern will, die ihn von seiner in der
-hochgelegenen Vorstadt nächst dem Bahnhofe befindlichen Wohnung trennen.
-
-Sein Diener kniet nun vor dem bereits seit einigen Tagen
-vorausgeschickten Reisekoffer, reicht ihm Stück für Stück in die Hand
-und nach einer Stunde ist Alles geordnet, jedes Ding an der Stelle, die
-es einnehmen soll, und so lange er in dieser Wohnung bleibt, einnehmen
-wird, und die ganze Einrichtung des kleinen Salons, des Schlafzimmers
-und Arbeitskabinets gewährt ein wohlthuendes Bild der Nettigkeit,
-Einfachheit, des Praktischen und Zweckmäßigen.
-
-Nun fährt er nach der Fabriksniederlage in der Stadt, wo er von alten
-und jungen Bediensteten, vom Geschäftsführer bis zu den Knechten in
-den Magazinen, mit achtungsvollen Freudenbezeigungen empfangen wird,
-und sich mit Ersterem aufs Comptoir begiebt, wo er in Büchern und
-Korrespondenzen arbeitet, -- Bestellung von Aufträgen seines Vaters an
-Geschäftsfreunde, -- ein schnelles Mittagsmal in einem Hotel, Besuche
-in zwei Maschinenfabriken, bei alten Bekannten seiner Familie und
-bei Freunden, welche er mit Ausnahme dessen, nach welchem er sich am
-meisten gesehnt, alle zu Hause trifft, haben die zweite Hälfte des
-Tages in Anspruch genommen, und er kehrt in seine Wohnung zurück und
-setzt sich ans Schreibpult, um dem Vater und der geliebten Schwester
-Helene den ersten Gruß aus der Residenz zu senden.
-
-Und diese zwölf thätigen, wechselvollen Stunden hatten die Bilder des
-vorigen Abends mit mehr Schleiern bedeckt, als eben so viele Tage eines
-einförmigen unbeschäftigten Lebens vermocht hätten.
-
-Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, daß am zweiten oder dritten
-Reisetage eine Woche zwischen diesem und dem Abschiede von der Heimat
-zu liegen scheint, -- daß ebenso die Eindrücke der Reise von denen,
-welche den Rückkehrenden umfangen, schnell in eine gewisse Ferne
-gerückt werden?
-
-Mächtig hatte das eigenthümliche, wie mit magnetischen Strichen
-bezaubernde Wesen der reizenden jungen Frau auf Arnold gewirkt. Aber
-seine gesunde jugendliche Kraft kannte keine Schwelgerei in einem
-Gefühle um des Gefühls willen: er goß in eine Flamme, die in ihm
-aufzuckte, weder Oel noch Wasser. So viel natürliche Nahrung sie in
-seinem Innern vorfand, so lange eben brannte sie und so helle.
-
-Schon auf dem drei Stunden langen Wege über das Gebirge in der
-Morgenfrische milderte sich das schmerzliche Gefühl, womit er, aus
-seinem Zimmer tretend, zur Gardine des Eckfensters im Schweizerhause
-hinaufgeblickt hatte.
-
-Die Reise hatte seinen Blick erweitert, seine edelsten Kräfte
-entwickelt und nun war der Augenblick gekommen, wo das Sistem sich
-bewähren sollte, welches sein Begleiter, Sprenger, der treffliche,
-kluge Freund seines Vaters, befolgt hatte, als er es sich zur Aufgabe
-gemacht, der Mentor des jungen Mannes zu sein, ohne es zu scheinen.
-
-Er hatte keinen Sumpf und keine Giftblume vor ihm verhüllt; -- aber
-den Sumpf durch kalte ruhige chemische Analise in seine ekelhaften
-Bestandtheile aufgelöst, die Giftblume vor den Augen des Jünglings
-botanisch zergliedert, medizinisch ihre zerstörende Kraft erwiesen,
-ohne Duft und Farbenpracht wegleugnen zu wollen.
-
-Wohl wußte er, daß ein jugendlich heißes Blut weder durch Reflexionen
-noch moralische Abschreckungstheorien zu kühlen sei; er eiferte nicht
-gegen Weiber, nicht gegen Liebe, ja nicht einmal gegen +Sinnen+liebe,
-sondern suchte vor Allem in seinem Telemach jenen Stolz zu entzünden,
-der vor Wegwerfen seiner selbst und vor +Zersplitterung+ bewahrt.
-
-Mit klaren Worten gerade aufs Ziel losgehend, mochte er sagen: „Die
-Gelegenheit, durch Handeln den höhern Platz, der deinen Kräften
-gebührt, einzunehmen, dich +positiv+ auszuzeichnen, ist dir nicht
-+immer+, ist dir +jetzt+ nicht geboten: aber +negativ+, durch
-Unterlassen, dich vor den meisten deines Alters auszeichnen, das
-kannst du immer; -- liebe, wenn dir die Rechte begegnet, mit ganzer
-Seele und ganzem Sinne, aber niemals soll dich Eine haben können bloß
-deswegen, weil sie dich haben will, und wäre sie die Reizendste ihres
-Geschlechts. -- So wenig der Mann sich „heirathen lassen‟ soll, so
-wenig soll er sich „verlieben lassen.‟ -- Kurz du darfst nicht Mittel
-eines Weiberzweckes werden, sei dieser Zweck die Befriedigung einer
-Seelenschwärmerei oder eines Sinnenverlangens. -- Liebe Eine, +welche+
-dich liebt, aber nicht, +weil+ sie dich liebt. -- Du wirst Derjenigen,
-die dich erfüllen und fürs Leben beglücken kann, nicht begegnen, ohne
-dich früher mehr als einmal getäuscht zu haben, das heißt du wirst
-nicht heirathen, ohne vorher ein Paar Narrheiten zu begehen, aber es
-seien wenigstens selbstständige, aktive Narrheiten, kein „halb zog sie
-ihn, halb sank er hin‟ -- kein passives Aufgehen in einer begehrlichen
-Laune einer Erfahrnen, welche an deinem frischen unverdorbenen
-Wesen die überreizten Nerven kühlen will, wie eine von der
-Mysterien-Literatur Uebersättigte sich plötzlich in „Dorfgeschichten‟
-und „Zwischen Himmel und Erde‟ stürzt.‟
-
-Sicherlich gibt es keine Erziehungskunst, welche bloß durch aufgeführte
-Dämme eine junge Saat vor Ueberflutungen zu schützen vermag. Ein
-weiblicher Blumengarten mag auf solche Art eine Weile bewahrt werden:
-das männliche Schlacht- und Erntefeld ist nur sicher durch seine
-+Höhe+. Gelingt es nicht, das ganze Niveau des innern Menschen zu
-heben, so sind alle Dämme, die bald da bald dort durchbrochen werden,
-nutzlos.
-
-Arnolds inneres Terrain war keine flache Niederung. Die gefährlichen
-Wasser, die ihn einige Monate hindurch in Paris und London umspülten,
-reichten nicht hinan. Der vorhergegangene, Geist und Körper stärkende
-Aufenthalt im Cockerill’schen Etablissement zu Seraing, wo Arnold,
-wie viele andere junge Männer aus guten Häusern, in der Blouse des
-Arbeiters in den Maschinenwerkstätten gehämmert und in den übrigen
-Stunden Sprachen und wissenschaftliche Studien betrieben, -- hatte ihn
-an Kraftentwicklung und an den Genuß des Schaffens gewöhnt. Sprenger
-gab sich nie, am wenigsten in Paris, den Anschein ihn zu überwachen,
-behielt ihn aber fortwährend im Auge, und hatte die Befriedigung, ihn
-aus Versuchungen unbefleckt hervorgehen zu sehen.
-
-Er stellte sich aber die Frage: „Vielleicht +waren+ es für ihn
-keine Versuchungen?‟
-
-Wenn er sah, wie die Wange des jungen Mannes nicht nur beim Anblick
-eines großen echten Kunstwerkes sich höher färbte, sondern auch in
-der mit allem Sinnenreiz durchdufteten Atmosphäre der Oper, wie sein
-Auge nicht nur vor Laroche’s Napoleon, sondern auch vor Winterhalter’s
-Florinde aufflammte, so sicher er auch den innern Werth beider Bilder
-zu beurtheilen vermochte, so mußte sich Sprenger sagen: „er scheint
-nie anders als er +ist+, und wenn er das ganze hohe und niedere
-Lorettenthum an sich vorübergehen läßt, ohne durch einen Blick zu
-verrathen, daß es ihn reizt, so +hat+ es ihn eben nicht gereizt.
--- Für dieses Wasser liegt er schon zu hoch. Ob nur für +dieses+?‟
-
-Die Zukunft allein konnte es beantworten: Sprenger hatte seine Aufgabe
-erfüllt und seinen geliebten Arnold so blühend und rein, so reizbar und
-offen, nur ernster und kenntnißreich in das Korbachthal zurückgeführt
-an das Herz des Vaters und konnte diesem sagen: „Laß ihn nun allein
-gehen: führen können wir ihn nicht weiter.‟
-
-Und nach drei im Schoße der Familie zugebrachten Tagen schlug Arnold,
-die kurze Fußreise durch das langentbehrte Gebirge vorziehend, den Weg
-ein, auf welchem wir ihm begegnet haben, und schritt im frohen Gefühle
-einer thätigen, ein bestimmtes Lebensziel verfolgenden Jugendkraft
-dahin.
-
-Sumpf und Giftblumen lagen wohl tief unter ihm.
-
-Aber ein kristallreiner Gebirgssee, -- und eine weiße Wasserlilie --?
--- -- -- --
-
--- -- Der Brief nach Korbach war geschlossen und abgesendet. Arnold
-wollte spät am Abende seinen geliebten Freund Günther, den er verfehlt
-hatte, nochmals aufsuchen, als dieser bei ihm eintrat.
-
-Ein gleiches Gefühl durchdrang beide bei der ersten innigen Umarmung
--- ein sehr ungleiches, als sie einander beim hellen Lampenschimmer
-betrachteten. Während Günther freudig ausrief: „Du bist ja ein ganz
-prächtiger Junge geworden!‟ vermochte der Andere kaum den Schmerz zu
-verbergen, womit er in Günthers lebhaften, ausdrucksvollen Zügen jene
-Linien entdeckt hatte, welche gleichsam der Abdruck des Netzes sind,
-das eine unerbittliche Macht über ihr auserkornes Opfer geworfen. Nur
-die Stunde, wann es zusammengezogen wird, ist ungewiß; die Fäden sind
-unzerreißbar.
-
-Reiseerzählungen und die Mittheilungen Günthers über Verhältnisse
-und gemeinschaftliche Bekannte in der Residenz füllten ein Paar
-Abendstunden. -- Die heitere, sprudelnde Laune des Letzteren hatte
-gleichwol nichts von jener überreizten, verzweifelten Lustigkeit an
-sich, welche manchmal einen dem Tode Geweihten, seines Zustandes
-Bewußten, ergreift. Sie war ihm natürlich, und daß sie durch
-Vorstellungen, welche sie in vielen Andern gebrochen hätte, nicht
-einmal getrübt wurde, war das Ergebniß eines vollkommenen „mit sich
-Fertigseins.‟ --
-
-Das Band zwischen den Freunden war so fest geschlungen, -- sie
-hatten sich mit ihren Eigenthümlichkeiten so vollständig in einander
-aufgenommen, daß sie nach der Trennung von vierzehn Monaten, so zu
-sagen im Buche ihrer Freundschaft ohne Nachblättern da weiterlesen
-konnten, wo es aufgeschlagen liegen geblieben war.
-
-Arnold erzählte seine Reise zwar in natürlicher chronologischer Folge,
-langte jedoch unverhältnismäßig schnell im Freinhofe an. Er malte so
-ruhig und objektiv als möglich, nicht um vor dem Freunde ein halbes
-Geheimniß zu bewahren, sondern weil er kein ganzes zu haben glaubte.
-Nachdem er ihm die Aufschrift des Briefes, den ihm Julie gegeben
-„an Freiherrn Edmund von Sembrick‟ gezeigt, welchen er heute nicht
-bestellt hatte wegen des Beisatzes „von 9 bis 10 Morgens zu treffen‟
--- schloß er mit den Worten: „Nun hast du Alles!‟ -- worauf Günther
-erwiederte: „Was habe ich? Nichts hab’ ich. Lieber Freund, den Abend im
-Freinhof, über den du jetzt in Worten, die eine halbe Stunde dauerten,
-+geschwiegen+, den mußt du mir erst erzählen.‟
-
--- „Ich habe dir Alles gesagt.‟
-
--- „Ja, Schifffahren, Stranden, Landen, Hutschwenken, Theetrinken, kurz
-wo sie hingegangen sind, was sie gethan haben, etwa noch was die Welt
-dazu gesagt hätte -- das habe ich Alles bekommen. Was dein +Herz+
-dazu gesagt hat, das hast du weggelassen. -- Ich bitte dich zu
-bemerken, daß du in deiner Geschichte nur eine halbe Stunde gebraucht
-hast, um über Brüssel, London und Paris in den Freinhof zu gelangen,
-und dann gerade eben so lang vom rothen Kreuz bis in die Fensterecke
-im Musikzimmer. Sei also so gut und rücke heraus, nach unserm alten
-Gelöbniß, uns nie Etwas +nachträglich+ zu vertrauen!‟
-
-Er war lachend aufgesprungen und hatte Arnold an beiden Schultern
-gefaßt, ihn mit einem Gesicht ansehend, welches eine so unbeschreiblich
-komische Mischung von Grimm, gutmüthigem Spott und Bedauern war, daß es
-dem Freund, der diese Dekorazion wohl kannte, selten möglich war, auch
-nur die Voranstalten dazu ohne Lachen anzusehen. Als ihm jetzt dieses
-greuliche, hundert Erinnerungen gemeinschaftlicher Erlebnisse weckende
-Gesicht, ein wahres Kunststück Günthers, angrinste, fiel er ihm um den
-Hals und rief: „Du alter, guter, einziger Seelenbruder! wenn dir nicht
-mit einer Lüge gedient ist, so frage mich nicht weiter, -- ich kann
-dir nur die verbrauchten Worte sagen: Ich +weiß+ nicht wie mir
-geschehen. Ich weiß nur, daß ich, wenn ich nicht arbeite, immer an sie
-denke, und daß mir ist, als wenn ich eine vierzehnmonatliche Reise bloß
-nach dem Freinhof gemacht hätte!‟
-
-„Also hat doch der Teufel -- --!‟ rief Günther auf den Boden stampfend,
-und unterbrach sich mit den Worten: „Verzeih’, Alter! ich bin
-unverbesserlich, aber Gott sei Dank auch unveränderlich +darin+,
-daß mir, seit ich meine Mutter verloren, nichts so nah geht als
-was dich betrifft. -- Jetzt schreibe mir alle Namen auf, die du im
-Freinhof gehört -- einige klingen mir bekannt; ich werde morgen bei dir
-frühstücken und dich für deine Duft- und Nebelgeschichte in klingender
-Münze bezahlen.‟
-
-Arnold, dessen Gedächtniß jeden an seinen Gehirnwänden hingleitenden
-Klang behielt, wußte fast alle Namen und gab den Zettel dem Freunde,
-welcher rief: „Und nun leb’ wohl -- bet’ und schlafe, daß dir besser
-werde!‟ -- und ging. -- -- -- -- --
-
-Als Arnold allein, -- als die Lampe verlöscht war, trat ein altes
-ewiges Naturgesetz in sein Recht: der Schleier des Tages war gefallen
--- der vorige Abend allein stand mit allem Zauber vor Arnolds Lager.
-Die duftenden Locken Juliens streiften wieder seine Wange. Er meinte,
-er müsse das Fenster öffnen und nach dem Schweizerhause sehen. -- --
-
-Günther las zu Hause den Zettel. -- Die Namen waren für ihn keine
-todten Buchstaben, jeder rief ihm Menschen, Thatsachen, Erlebtes und
-Gehörtes vor.
-
-Seine Freunde hatten oft von ihm gesagt, er habe einen ~spiritus
-familiaris~, einen Taschenteufel, den er um Alles, was da
-vorgehe, befrage und der ihn hinter Gardinen und Konferenztische,
-in Geschäftsbücher und Liebesbriefe, durch den Schleier, den die
-Demuth über gute, und das böse Gewissen über schlechte Thaten legt,
-hindurchblicken lasse.
-
-Heimliche Kriegszustände öffentlich friedlicher Familien, verborgene
-Krebsschäden scheinbar gesunder Vermögensverhältnisse, -- Ehen, an
-deren im Dunkeln gebrochenen Ringe der gelöthete Sprung für die Welt
-unsichtbar blieb -- Alles schien im Register des Taschenteufels
-aufgezeichnet, der seinem Herrn in jedem Augenblicke das verlangte
-Blatt hinhielt. -- Und doch lag ihm nichts ferner als alles Forschen
-oder Eindrängen, aller an Weibern bemitleidenswerthe, an Männern
-geradezu verächtliche Klatsch. --
-
-„Ich suche nicht und frage um Nichts -- sagte er mit Recht -- die Dinge
-kommen zu mir, sie fliegen mir an, wie Eisenfeile dem Magnet.‟ -- Der
-Kreis seiner Freunde war klein, der seiner Bekannten unübersehbar. --
-Durch seine Stellung als Beamter der Bank und Mitglied der Verwaltung
-einer der bedeutenderen industriellen Unternehmungen des Landes war er
-mit der Finanzwelt, durch seine leidenschaftliche Liebe zur Malerei und
-Musik mit allen Künstlerkreisen in Berührung.
-
-Der Talisman, welcher das Wunder wirkte, daß ein nicht unbedeutender
-Mensch kaum einen einzigen Feind hatte, lag in einer Vereinigung von
-fester Selbstständigkeit, die sich nie etwas vergab, mit der durch
-keine Talente, durch keine sonstigen Vorzüge zu ersetzenden Gottesgabe
-der +Liebenswürdigkeit+ -- jener Liebenswürdigkeit, die nicht nur
-im ersten Augenblicke, sondern nachhaltend fesselte, weil sie auf dem
-festen Unterbau eines streng rechtlichen Karakters ruhte.
-
--- Ueber das Ganze hin leuchtete eine heitere, oft geradezu tolle
-Laune, welche seine schonungslosen Einfälle nur als Schaumperlen im
-Champagner, nicht als verletzende Glassplitter erscheinen ließ. -- Er
-besaß gewisse Privilegien in seinen Kreisen, von denen er bis an die
-äußerste Grenze Gebrauch machte. Es war unter den Frauen ausgemacht,
-daß „der Günther Alles sagen dürfe‟ -- -- es lag eben in dem +wie+
--- -- er machte seine Sprünge auf dem Glatteis anscheinend unmöglicher
-Gespräche ohne auszugleiten.
-
-Dieses allgemeine Vertrauen war es, welches ihm in den verschiedensten
-Kreisen jene „Eisenfeile‟ von Mittheilungen zufliegen ließ und dann
-verband er, mit Menschenkenntniß und scharfem Verstande kombinirend,
-ganz entlegene Daten und gelangte zu den überraschendsten Schlüssen. --
-
-Dem Zustande seines Körpers, an dessen Zerstörung ein Brustübel langsam
-aber unaufhaltbar arbeitete, machte er in seiner Lebensweise nicht das
-mindeste Zugeständniß. Er war nun einmal entschlossen lieber drei
-Monate zu leben als drei Jahre unter Medizinflaschen zu vegetiren. --
-Weder schön, noch eine imponirende Erscheinung, hatte er dennoch bei
-Frauen entschieden mehr Glück als mancher weit glänzender Begabte, und
-da er dem Grundsatze, lieber zu leben als zu vegetiren, leider auch
-auf diesem Felde seine Geltung ließ, so hatte an den Linien in seinem
-Gesichte, welche Arnold mit Schmerz entdeckte, manche schöne weiße Hand
-als Verbündete des dunkeln Zerstörers mit gezeichnet.
-
-Er überdachte alle Mittheilungen Arnolds, citirte den Taschenteufel und
-begab sich, nachdem er seinen Stoff geordnet, am nächsten Morgen zum
-jungen Freunde, der ihn mit erklärlicher Ungeduld erwartete.
-
-Nach eingenommenem Frühstück zündete er wie in gesunden Tagen seine
-Zigarre an und sagte: „Du siehst mit einem so rührenden Jammer meinem
-Rauchen zu, daß ich dich vor Allem beruhigen muß. +Das+ schadet
-mir nicht; ich bin überzeugt, daß es meinem armen Teufel von Vetter
-mit seiner Sparkasse-Anstellung von 500 fl. nicht um ein halbes Jahr
-früher zur Erbschaft verhilft. -- Daß ich heute noch lebe, ist mir ganz
-angenehm, denn ich glaube dir Einiges leisten zu können. -- Nun frage
-ich dich, bist du in einem Stadium, in welchem man dir die Wahrheit
-noch ohne Streuzucker geben kann?‟ --
-
-„Sprich und gib was du hast und wie du es hast, ich werde dich nicht
-einmal unterbrechen.‟
-
-„Gut! ich kenne, den Knorr ausgenommen, alle Uebrigen so weit, daß
-ich ihnen einen kurzen Steckbrief in Frakturschrift voranschicken
-kann. -- Zuerst die radikale Blondine; du hast sie Zeltner genannt.
-Ihr Mann war im Kriegsministerium, ist weggejagt worden, unter die
-Literaten gegangen und hat in Hamburg eine Brochüre drucken lassen,
-in welcher der General-Adjutant Graf Greuth so zu sagen ~in
-effigie~, moralisch gehangen wird. Zeltner wurde hierauf ~in
-persona~, fisisch, eingesperrt, es wurde ihm ein Hochverrathsprozeß
-wegen anderer vorgefundener Schriften angehängt, und er sollte sechs
-Jahre in Königstadt sitzen. Eine Audienz aber, welche seine Frau beim
-General-Adjutanten erwirkt, verbreitet plötzlich neues Licht über die
-Sache, der Prozeß wird revidirt und die halbe Strafzeit erlassen. Die
-Blonde schien immer noch mehr Licht auf die Sache werfen zu wollen,
-denn sie hatte durch drei Monate einen ganzen Cyklus von Audienzen bei
-Seiner Excellenz. Es wurde aber nichts weiter revidirt noch gemildert,
-und sie soll jetzt bemüht sein, einer noch höheren Person die
-Angelegenheit ihres Mannes zu beleuchten, und, wie es heißt mit Erfolg.
--- Weiter. -- Wörlitzer macht alle Geldgeschäfte für den Minister
-des Innern, Baron Thorn und für einige spekulirende Diplomaten.
-Außerdem gehört er zu denen, welche, wie man zu sagen pflegt, Alles
-mitnehmen. Er ist, wenn nicht Thorn’s rechte Hand, wenigstens seine
-Wertheim’sche Kassa und hat freien Zutritt bei ihm, und was mehr werth
-ist, eine schöne interessante Nichte. Der Baron Sembrick, an den dein
-Brief lautet und den ich für ganz honett halte, soll sich für sie
-interessiren. -- Ich würde aber an deiner Stelle den Brief doch nur
-hinschicken und abwarten, was seinerseits geschieht. -- Nummer drei:
--- der Geistliche, Pater Bernhard, kann kein anderer sein, als der
-Prior und wahrscheinliche künftige Prälat von St. Martin und hat vielen
-Einfluß auf unsern Erzbischof, der jeden Sommer mehrere Tage dort
-zubringt. Ich habe bemerkt, daß immer zur Zeit dieser Besuche irgend
-ein oberhirtlicher Wetterstrahl über die ungläubige Welt hinfährt. Der
-Pater kommt auch oft hieher, und wohnt dann beim Erzbischof. -- Was den
-Husaren-Obersten von Plomberg betrifft, so kannst du seinen Fiaker alle
-Abende hinter dem Mersey’schen Palais stehen sehen. Plomberg ist der
-Geliebte der alten Gräfin, der Schwester der Obersthofmeisterin unserer
-Prinzessin Anna. Sie zahlt alle Jahre seine Schulden. -- Schließlich
-Hofrath Blauhorn. Die Julie Kollmann hat dir von seiner bösen Frau
-gesprochen. Er ist aber doch nur durch +sie+ vom Finanzminister
-in die Kommission ernannt worden. -- Ich gebe dir noch als Vermuthung
-gratis in den Kauf, daß die beiden schönen Mädchen, wenn sie wirklich
-Leonore und Sidonie heißen, die Töchter des Vizepräsidenten Mildern
-sind oder vielmehr des Fürsten Leuchtendorf, bei dessen Kassa der alte
-Mildern unverschämt genug ist, die Pension seiner Frau persönlich
-zu beheben. -- Knorr macht mir den Eindruck eines Menschen, dessen
-eine Hälfte klug genug ist, um die andere, verrückte, als Mittel zu
-benützen, sich im Freinhof gut füttern zu lassen. Ich will ihm nicht
-Unrecht thun, habe aber solche Kerls gekannt, die sich für ihre grobe
-Treuherzigkeit mit feiner Kost bezahlen ließen. -- So weit einstweilen
-die Steckbriefe. -- Ganz unbekannt ist mir das alberne Subjekt Reiland.‟
-
-In steigender Aufregung hatte Arnold zugehört. Er gedachte des
-Augenblickes, wo er durchs Fenster ins Theezimmer gesehen hatte. Es war
-ihm als betrachte er einen Hogarth’schen Kupferstich nach gelesener
-Erklärung. -- Die Leuchtkugeln Günthers waren doch noch ganz anders
-wirksam als die acht Lampenkugeln. Derselbe fuhr fort:
-
-„Wenn du nun Alles zusammenfassest, so wirst du mir erlauben die
-Behauptung aufzustellen, daß die ganze Gesellschaft im Freinhof, wie
-sie vor Erscheinung der Frau vom Hause beisammen saß, dasjenige ist,
-was wir, denen soziale Stellungen nun einmal nie so weit imponiren,
-um ein Kind nicht bei seinem Namen zu nennen, ein +Gesindel+
-heißen; von jener Gattung Gesindel, die im Salonwasser nicht nur
-gleichberechtigt mitschwimmt, sondern, wegen ihrer Leichtigkeit, sogar
-meistens obenauf.‟
-
-Arnold hatte gegen den kräftigen Schlußsatz nichts einzuwenden; es
-hatte ihm ja selbst weh gethan, sich +ihr+ Bild in +diesem+
-Rahmen zu denken.
-
-„Meine Bezeichnung, sagte Günther, ist hart, aber du weißt, daß ich
-gewisse Unterscheidungen von ganz, halb und drei Viertel honett nicht
-acceptire. Frage dich, ob dieser oder jener Mann, diese oder jene Frau
-die volle Achtung deines Vaters und deiner Schwester verdienen -- das
-ist der Probierstein -- und Alle, bei denen du +Ja+ sagen kannst,
-gehören +herüber+ und alle Andern +hinüber+. -- Nun aber eine
-andere, wichtigere Wahrnehmung. -- Es muß dir auffallen, daß alle diese
-Elemente im Freinhof ein Gemeinsames haben, noch außer der gebrauchten
-Bezeichnung, nämlich: jede dieser Figuren bildet eine Hintertreppe in
-eine höhere Region. Du siehst da Telegrafendrähte zusammenlaufen, durch
-welche auf die Prinzessin, zwei Minister, den Erzbischof, den alten
-Fürsten Leuchtendorf u. s. w. gewirkt werden kann -- alles indirekt
-und durch Seitenthüren, nichts gerad und honett, aber vielleicht um so
-sicherer. -- -- Ob dieses Zusammentreffen bloß die Folge der chemischen
-Verwandtschaft, womit sich dieses Volk überall erkennt und anzieht, --
-ob es ein geleitetes, beabsichtigtes ist, dazu habe ich vor der Hand
-keinen Schlüssel.‟ --
-
-„Alles was du sagst, nahm Arnold das Wort, hat das Gepräge der
-frappantesten Richtigkeit. Es mag sein, daß du in deiner letzten
-Hipothese zu weit gehst. Doch hat dieß Alles keine Beziehung auf das,
-was +mir+ jener Ort geworden ist. Was gehen mich die übrigen
-Besucher dort an? wenn nicht in dem Sinne, daß ich sie auf den Boden
-des Sees wünsche, und daß sie Julien vielleicht eben so unleidlich
-sind. Wer kann sagen, was sie zwingt, mit allen diesen Gesichtern
-freundlich zu sein?‟
-
--- „Weder du noch ich. Aber das Folgende geht +dich+ an: wenn
-der Freinhof ein Punkt ist, wo die besagten Fäden mit Absicht
-zusammengezogen sind, so bist +du+ zu einem solchen Faden bestimmt
-so gut wie die Andern.‟
-
--- „Und welcher Prinz oder Minister soll durch +mich+ in Bewegung
-gesetzt werden, durch einen unbedeutenden jungen Menschen ohne Rang
-und Verbindungen?‟
-
--- „Keiner; sondern du selbst.‟ -- Günther sprach mit jenem Ernst, der
-eben an ihm, im Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Laune, um so tiefern
-Eindruck zu machen pflegte. -- „Täusche dich nicht hierüber. Gott
-erhalte dir deinen Vater lange Jahre, vergiß aber nicht, daß, wenn
-er die Augen schließt, du der Herr eines Besitzthums bist, welches
-ungefähr eine Million repräsentirt, eine Million in den reellsten
-Werthen die sich denken lassen, du bist überdieß -- verzeih die
-Impertinenz unter Männern -- ein entschieden schöner Bursche. Weißt du
-was das sagen will? Und wenn du albern und häßlich wärst, so ist dein
-Vermögen ganz allein hinreichend, um in dir entweder einen Zweck oder
-ein Mittel zu sehen.‟ --
-
--- „Ich gehe noch immer auf Alles ein. Aber alle Namen und alle
-Verhältnisse der Personen und deren etwaige Zwecke haben nur dadurch
-Interesse für mich, daß sie auf diese Frau Bezug haben; -- welche Rolle
-willst du denn +ihr+, die mir nur den Eindruck eines lächelnden
-geschmückten Opfers machte, in dieser Gesellschaft, oder diesen
-Zwecken gegenüber, anweisen? +Sie+ soll doch nicht die Seele von
-Intriguen oder ihre Hand die bewegende Kraft irgend eines unlautern
-Getriebes sein? Ich würde dir übrigens Alles vergeben, so lang du sie
-nicht gesehen. Weißt du mir denn, nachdem du alle Schattenparthien
-beleuchtet, gerade über den hellen, schönen Lichtpunkt nichts zu sagen?‟
-
-„Thatsächliches, über den Lichtpunkt -- Nichts! Daß Kollmann vor
-ungefähr dritthalb Jahren hieher gekommen, den Winter über ein großes
-Haus gemacht, daß die Frau von allen Frauen verlästert, von allen
-Männern gefeiert wurde, daß sie im zweiten Winter verreisten und durch
-den Bau des Freinhofes nach der Rückkunft wieder ins Gerede kamen, --
-um das zu erfahren, brauchst du +mich+ nicht zu fragen.‟
-
-„Lieber Günther, gestern hast du gesagt, ich hätte dir Nichts erzählt,
--- gabst dich nicht zufrieden, bis ich dich auf den Grund meiner Seele
-blicken ließ, und heute hältst +du+ zurück. Deine Meinung über
-+sie+ ist es, die ich von dir erwartete.‟
-
-Günther stand auf, stellte sich ihm gegenüber, sah ihm einen Moment
-schweigend in die Augen und sagte: „Nun denn --! deine ganze Julie
-Kollmann ist eine mit ungewöhnlichen Mitteln begabte +Kokette+!
-und wären nicht in dir selbst Zweifel an ihr aufgestiegen, so wäre
-dir nicht eingefallen, überhaupt um irgend eines Menschen Meinung zu
-fragen. Ich sehe in der affektirten Frase wegen des unversöhnlichen
-Hasses, in dem Wechsel von blassen und rothen Dekorazionen, in dem
-ganzen geheimnißathmenden Gespräche von Vertrauen und zu gewärtigenden
-Opfern, in dem Hinausgehen über alle Grenzen, welche weibliche
-Zurückhaltung gegen einen Fremden einzuhalten befiehlt, -- nur eben so
-viele Beweise mindestens jener Koketterie, die auch ohne bestimmten
-Zweck ihr Feuerwerk vor Jedem spielen läßt, weil sich später ein Zweck
-finden kann. -- Auch hat sie gesagt, daß ihr +dein+ Name nicht
-+fremd+ sei! Und nun sag ich dir mein Letztes: Ich habe diese
-Frau einmal gesehen -- über ihre Schönheit kann nur Eine Stimme sein.
-Bist du bloß +verliebt+ in sie -- du kennst die tadelnswerthe
-Dehnbarkeit meiner Moral in diesem Punkte, -- so magst du dich,
-wenn sie dich erhört, eines der reizendsten Abentheuer auf deiner
-Lebensreise freuen. Hast du aber das Unglück sie zu +lieben+, wie
-der Franzose sagt ~de la prendre au sérieux~, so ist Alles, was
-gut und trefflich an dir, in Gefahr; Alles -- von deinem Herzens- und
-Lebensglück angefangen bis -- das getraue ich mir zu behaupten -- bis
-zu deinen +Metallfabriken+ herunter. Leb wohl und antworte mir
-jetzt nicht.‟
-
-Er bot Arnold die Hand, der sie tief ergriffen faßte und schweigend
-drückte; -- seine Augen waren feucht.
-
-So tief er auch vom Anfange der letzten Rede Günthers verletzt war
--- -- in dem Augenblicke fühlte er nicht den Schmerz der Wunde,
-sondern nur den Balsam der innigen Liebe, welche in Günthers tiefem
-seelenvollen Blicke lag, und in dem schmerzlichen Zuge, welcher über
-die sonst so bleichen, nun hochgerötheten Wangen lief.
-
-In heftiger Erregung ging er nach dessen Weggehen einigemale im Zimmer
-auf und nieder. Da fiel ihm der Brief an Baron Sembrick in die Augen.
-
-Der mußte denn doch persönlich abgegeben werden.
-
-
-
-
-Zimmerreise.
-
-
-Edmund von Sembrick wohnte in der Jägerstraße, am entgegengesetzten
-Ende der Stadt. Ein Diener in einfacher brauner Livree öffnete das
-eiserne Gitter im ersten Stockwerke und fast im selben Augenblicke trat
-aus der gegenüber befindlichen Thür ein Mann in schwarzer Kleidung,
-mit weißen Haaren und einem klugen Gesichte, welcher Arnold bat einen
-Augenblick im Salon zu warten, dessen dunkelbraune hohe Flügelthüre er
-öffnete.
-
-Arnold befand sich in einem jener Räume, die durch eigenthümlichen,
-individuellen Karakter angenehm berühren, deren Einrichtung kein
-Gemeinplatz, keine Zusammenstellung der in den betreffenden Magazinen
-von Möbeln und Luxusartikeln vorgefundenen Gegenstände ist, sondern der
-Ausdruck des persönlichen Geschmackes, die Ausführung der eigenen Ideen
-des Bewohners. -- Die dunkelrothen, mit alten werthvollen Gemälden,
-größtentheils Niederländern, bedeckten Tapeten, die hohen, in den
-reinsten Renaissance-Formen gearbeiteten Lehnstühle, die Marmorplatte
-des Tisches mit acht abgerundeten Ecken, der grüne langwollige, wie
-Moos dem Tritte nachgebende Teppich, -- die kunstvolle Zeichnung der
-Holzmosaik des Plafonds -- Alles war volle Harmonie in Farbe und Form,
-und wo auch der Blick sich hinwendete, fand er einen wohlthuenden
-Ruhepunkt und ward durch schöne vermittelnde Linien weitergeleitet.
-
-Der Kammerdiener öffnete nach einigen Augenblicken die schweren
-Vorhänge der Thür zu Sembrick’s Kabinet und Arnold stand einer von
-jenen Erscheinungen gegenüber, welche nimmer vergessen noch verwechselt
-werden können.
-
-Die Natur gräbt zum Ausprägen einiger Gestalten einen +eigenen+
-Stempel, den sie dann zerbricht, während die Massen nach gewissen
-vorräthigen, ein Paar Tausend verschiedene Typen darstellenden Formen
-gegossen scheinen, denen man mit gewissen Varianten immer wieder
-begegnet.
-
-Edmund von Sembrick mahnte an ein einziges, -- nur +einmal+
-über die Erde gegangenes Vorbild: -- -- der Stempel, nach welchem
-+seine+ Züge ausgeprägt schienen, ist vor achtzehn Jahrhunderten
-zerbrochen worden. -- --
-
-Es glänzte aber in den Augen dieses Christuskopfes nicht der sanfte
-Schimmer der versöhnenden Liebe, sondern das Feuer, vor dem die Käufer
-und Verkäufer aus dem Tempel flohen. --
-
-Auch in der Umgebung des Mannes grünten keine Palmen- und Olivenzweige:
--- alte, breite Schwerter, gekreuzte Pistolen, Pulverhörner,
-Schrotbeutel, bildeten an der Wand ein von einem geschlossenen Helm
-gekröntes Tableau, dessen Devise eben nicht lautete „der Friede sei mit
-Euch.‟
-
-Mit stummer Verbeugung erwiederte er Arnold’s Worte: „Ich erfülle
-den Auftrag einer Dame, indem ich diesen Brief persönlich übergebe‟
--- erbrach das Siegel, durchflog die Zeilen, und wie groß auch seine
-Herrschaft über jedes Zeichen seiner Empfindungen war, verrieth doch
-der Schatten, der über die Stirn flog, daß die runden Schriftzüge
-verwundende Spitzen für ihn hatten. --
-
-Wenn Arnold, welchem trotz seiner Jugend eine bloße äußere Erscheinung
-nicht leicht imponirte, von jener des Barons einen Augenblick
-beherrscht war, als ihm dieser im ganzen Nimbus entgegentrat, welchen
-die zufällige Aehnlichkeit mit dem alles Erhabenste verkörpernden
-Urbilde über seine hohe Gestalt verbreitete, so fand er bei dessen
-Kälte, und namentlich beim Anblicke des Waffentableaus, seine ganze
-Haltung wieder, und fühlte sich eben als Mann einem Manne gegenüber. --
-
-Sembrick setzte sich, den Brief weglegend, in seinen Lehnstuhl,
-wies Arnold einen nebenstehenden und begann: „Die gemeinschaftliche
-Bekannte, welche ich meinerseits eine theure, hochverehrte Freundin
-nennen darf, spricht den Wunsch aus, daß wir einander kennen lernen,
-und es kann mir nur zum Vergnügen gereichen, ihn zu verwirklichen.
-Es könnten, wie ich ihre Lage kenne, Verhältnisse eintreten, die ein
-Zusammenwirken ihrer wahren Freunde erwünscht machen, und sie scheint
-in diesem Sinne auf Sie zu zählen.‟
-
-„Ich halte es für meine Pflicht, zu bemerken, -- sagte Arnold --
-daß ich bisher nicht in der Lage war, das Vertrauen dieser Dame zu
-rechtfertigen, daß aber, wenn der feste Entschluß hierzu die Grundlage
-der von ihr gewünschten Bekanntschaft sein kann, ich mit Freude die
-Hand dazu biete.‟
-
-Es war gut, daß Arnold das Handbieten nicht wörtlich gemeint und die
-seinige nicht bewegt hatte, denn die Rechte des Barons blieb in der
-Brusttasche stecken, als er sagte: „Das Schicksal dieser Frau ist
-allerdings ein solches, welches jeden Mann von Herz und Ehre zur
-Theilnahme bewegen muß. Es fragt sich eben, ob Ihr Entschluß aus der
-Kenntniß der Verhältnisse, was ich bezweifle, oder aus der ihrer
-Person hervorgegangen.‟ --
-
-„Mag bei Ihnen das Eine, bei mir das Andere der Fall sein, -- war
-Arnold’s Antwort -- so wird das Ergebniß dasselbe sein, sobald wir uns
-+offen+ über Dasjenige verständigen, was gethan werden soll, um in
-unglückliche Verhältnisse helfend einzugreifen.‟ --
-
-„Es handelt sich hier um +etwas mehr+. Ich brauche nicht zu
-sagen, daß der Eindruck Ihrer Persönlichkeit auf mich vollkommen dem
-Sinn dieser Zeilen entspricht. Allein, -- Sie werden einem Manne,
-durch dessen Hände in einem bewegten Leben viele Angelegenheiten der
-schwierigsten und vertrautesten Art gegangen sind, zu Gute halten, wenn
-sein Gang ein wenig rascher ist als der einer jungen Frau. Ich verreise
-heute für einige Tage und behalte mir vor, Sie nach Beseitigung einiger
-Hindernisse mit Dingen bekannt zu machen, für welche wohl der Rahmen
-unseres ersten Gespräches zu eng wäre. Ich werde auf Sie als einen
-Gentleman im vollen Sinne zählen können.‟
-
-Arnold konnte durch sein rasches Aufstehen kaum dem des Barons
-zuvorkommen; er richtete sich vor diesem mit allem Stolz, der ihm zu
-Gebote stand, auf, und sagte: „Ich +hoffe+, mich des Gleichen
-zu Ihnen versehen zu dürfen, Herr Baron, und in dieser Voraussetzung
-werde ich Vorschläge zur Mitwirkung für eine gute Sache bereitwillig
-empfangen.‟
-
-Der Baron neigte den Christuskopf schweigend mit einem kalten Lächeln
-und abermals war, wie am rothen Kreuze, eine Geisterbrücke zwischen
-zwei Augenpaaren aufgebaut, -- aber die beiden Seelen am Ende derselben
-standen einander gegenüber, wie zwei mit gezogenen Kanonen bespickte
-Brückenköpfe.
-
-Als die schweren Thürvorhänge wieder zwischen ihnen lagen, nahm
-Sembrick Juliens Brief wieder zur Hand und ein innerer Vulkan schien
-die künstlichen Eisfelder auf den ausdrucksvollen Zügen zu schmelzen,
-als er die Zeilen wiederholt überlas. Sie lauteten: „Ich wünsche, daß
-Sie mit dem Ueberbringer, Arnold, dem Sohne des Besitzers von Korbach,
-bekannt werden. Ich darf nach dem, was ich durchlebt, auch mit meinen
-einundzwanzig Jahren von Menschenkenntniß reden, und sage Ihnen, daß
-er ein Mann ist, auf den Sie zählen können. Wenn Sie des letzten
-Gespräches zwischen uns gedenken, wo Sie ausriefen: „Nur noch Eine
-treue, verläßliche Hand!‟ ohne sich näher über das, was Sie für mich
-ersonnen, zu erklären, so werden Sie meine Zeilen vollkommen begreifen.
-Man sieht auf den Grund eines tiefen Wassers, wenn es rein ist.
-Das seichte gilt oft für tief, wenn es trübe. Wozu ich eine Stunde
-gebraucht, dazu wird Ihrem Blick eine Minute genügen.‟ --
-
-„Grenzenlose Unbesonnenheit! rief Sembrick aus, -- -- und eben diesen!
--- Wohl hast du ihn recht gesehen, Julie -- aber dieser Verbündete wäre
-schlimmer als ein Feind! -- ein tiefes, reines Wasser nennst du ihn --
-du hast hineingeschaut bis auf den Grund -- dein Bild darin gesehen --
-genug um das Auge hineinzutauchen, bis die Seele nachsinkt.‟ --
-
-Er wurde in dem Nachsinnen, das diesen Worten folgte, durch den
-Eintritt des Kammerdieners unterbrochen, welcher meldete, Herr Reiland
-wünsche seine Aufwartung zu machen. --
-
-„Soll sogleich hereinkommen.‟ --
-
-Er nahm wieder seinen Platz ein, und grüßte den Eintretenden mit einer
-Handbewegung und den Worten: „Sie kommen wie gerufen.‟
-
-„Ich bin sehr glücklich, Herr Baron,‟ --
-
-„Das freut mich, und ich werde noch mehr dazu beitragen, wenn Sie
-schnell und treu berichten.‟
-
-„Ergebenst zu dienen. Am Montag hat die ganze Gesellschaft, von der
-ich geschrieben, den Freinhof verlassen. Auch der fremde junge Mann,
-Herr Korbach; Frau von Kollmann hatte eine Unterredung mit ihm allein.
-In der Nacht war Herr von Kollmann eingetroffen, -- die Frau war eine
-Stunde bei ihm, und sie ist in sehr leidendem Zustande auf ihr Zimmer
-gekommen.‟
-
-„Wollen Sie mir gefälligst Nachmittags Alles berichten, was Sie über
-die Verhältnisse dieses Korbach bis dahin erfahren können. Ich reise
-Abends weg. -- Was machen die Ehrenschulden?‟
-
-„Ich gestehe, daß meine Posizion in der Gesellschaft gefährdet ist,
-wenn nicht ein wohlwollender Freund‟ -- --
-
-„In Ermangelung eines Freundes -- sagte der Baron mit verächtlichem
-Lächeln, wird auch ein einfacher Darleiher auf Nichtwiederzahlen
-genügen‟ -- und reichte ihm eine Banknote aus dem Portefeuille. -- „Was
-für eine ostensible Rolle spielen Sie denn eigentlich im Freinhofe?‟
-
-„Ach, Herr Baron, man gilt eben durch seine Persönlichkeit; -- wenn
-man einmal vorgestellt ist, handelt es sich darum, den Damen angenehm
-zu sein, sich mit den Männern auf guten Fuß zu setzen. Auch mit dem
-sonderbaren Knorr ist mirs gelungen. Er hat mir angetragen Du zu sagen,
-aber auf so eigenthümliche Weise, -- er meinte, ich meinerseits könne
-Sie zu ihm sagen, wenn ich wolle, es sei ihm sogar lieber, -- nur
-+er+ bringe es nicht über die Lippen; man darf aber an diesen
-Menschen nicht unsern Maßstab anlegen.‟ --
-
-„+Unsern+ Maßstab?‟ wiederholte der Baron, seinen Kopf langsam an
-der Stuhllehne gegen Reiland wendend -- „wenn ich mich recht entsinne,
-so sind Sie bei einer frühern Gelegenheit von Knorr durchgeprügelt
-worden? Das ist vermuthlich mit +Ihrem+ Maßstabe geschehen.‟ --
-
-„Es ist wahr, sagte Reiland, dessen Gesicht mit einer rothen
-Brühe übergossen war, -- daß dieser Mensch sich in einem seiner
-ungeschliffenen Scherze an mir vergriffen, allein die Sache wurde
-schnell ausgeglichen -- die Frau vom Hause wußte Alles in ein so
-humoristisches Licht zu setzen.....‟
-
-„Ich weiß, ich weiß -- doch genug für jetzt. Leben Sie wohl, Reiland,
-und geben Sie sich Mühe!‟
-
-„Ich werde die Ehre haben, nach dem Speisen aufzuwarten.‟
-
-„Wenn Sie nirgends geladen sind, speisen Sie mit Weinrotter.‟
-
-So hieß der alte Kammerdiener des Barons und Reiland nahm die Einladung
-mit Vergnügen an. Es gibt eben geborne Bedientenseelen und im
-Verhältnisse zu ihrer Gesammtzahl stecken wenige in Livree. Das Kleid
-verändert sie auch nicht. Man ziehe ihnen Staatsuniformen über, stelle
-sie auf jeden Platz, wo es gilt „Herr‟ zu sein -- und wenn sie vor
-Tausenden aufrecht dastehen, +Einer+ wird einmal vorüberfahren,
-dem sie den Kutschenschlag zu öffnen, den Mantel nachzutragen bereit
-sind, -- wenigstens in moralischem Sinne. -- Reiland wird in einem
-fremden Lande, wo ihn Niemand kennt, ohne Bedenken seinen Panama-Hut
-mit einem Cilinder mit silberner Borte vertauschen, um den Preis einer
-Löhnung, welche das Einkommen übersteigt, das er von Sembrick bezieht.
-Vielleicht auch von Andern. -- Er ist noch kein eigentlicher Schurke,
--- er wird noch roth, wie wir gesehen. Die Natur hat eben vergessen
-in seinen Teig den Gährstoff zu mischen, und ihm gerade so viel Scham
-gelassen, um +vor einem Andern+ zu fühlen, was er Ehrloses gethan.
-+Allein+ wohl niemals.
-
--- -- Sembrick aber überließ sich nun ganz dem Eindrucke des Briefes.
-Sein edles Antlitz war ein Kampfplatz von Zorn und Schmerz -- in seiner
-Seele kämpfte vielleicht der Engel mit dem Teufel -- Sankt Georg mit
-dem Drachen -- der Genius des höheren Menschen mit dem durch Grundsätze
-gezähmten Raubthiere der Leidenschaft. -- Wie war es möglich, daß diese
-Hand, welche für das breite Ritterschwert geschaffen schien, sich eines
-Gewürmes wie Reiland bediente? -- Vielleicht dachte der Christuskopf,
-daß die Nachfolger seines Urbildes sich ja auch der Inquisizion
-bedienten?
-
-Er schien endlich mit einem Entschlusse im Reinen; abzureisen hatte er
-wirklich vorgehabt, nur das Ziel wurde verändert.
-
-In nicht geringerer Aufregung, als in welcher Sembrick zurückgeblieben,
-war Arnold die Treppe hinabgegangen. -- Der Baron hatte ihn nicht nur
-in der Sache, sondern auch in der Form in einer solchen Entfernung
-gehalten, daß ihn neben der breiten Wunde des beleidigten Stolzes auch
-der feine tiefe Stich der verletzten Eitelkeit brannte, so wenig er
-auch von letzterer in sich hatte.
-
-Sembrick hatte Julie eine theure hochverehrte Freundin genannt. Julie
-hatte gesagt, sie habe einen einzigen +starken+ Karakter gekannt,
-der jenes „unversöhnlichen Hasses‟ fähig. Das war Sembrick! -- trotz
-aller der ewigen Liebe abgeborgten Linien seines Gesichtes. -- Dann
-überdachte er seine eigenen Worte, und war wenigstens mit seiner
-Haltung gegen den Baron am Ende des Gespräches zufrieden. Aber Alles
-war ja Nebensache gegen die wahrhaft brennende Frage: in welcher
-Beziehung steht dieser Mann zu +ihr+?
-
-Er hing, wie der Taucher, im Wirbelwasser der Zweifel, von Haifischen
-und Molchen der Eifersucht umringt, aber aus der Tiefe ragte das
-Felsenriff des Glaubens -- an den einzigen langen tiefen Blick,
-der den Worten: „Ich vertraue Ihnen‟ -- auf ihrem Wege über dunkle
-Rosen geleuchtet.. und er hielt es fest. -- -- Doch fühlte er, daß
-er +kämpfe+, daß er den Schatz dieses Vertrauens gegen Etwas
-+vertheidige+. --
-
-Seine Natur ließ ihn nicht lange in der Tiefe der Charibde hangen --
-an den spitzen Korallen. Den Becher der Hoffnung, daß +sie+ aus
-Allem rein hervorgehen müsse, in der Hand, tauchte er kräftig auf in
-die ihn rufende Welt der Wirklichkeit, der unerbittlichen materiellen
-Beschäftigung.
-
-Wer ihn eine Stunde später im Comptoir sah, und hörte, wie er die neuen
-Bestellungen des Marine-Kommando’s mit dem Geschäftsführer besprach und
-nach allen Gesichtspunkten erörterte, der konnte in den ruhigen, in die
-Rechnungen vertieften Augen nichts von dem lesen, was seit dem Morgen
-durch die Seele gegangen war.
-
-Und er selbst ahnte noch weniger, was der Abend bringe.
-
-Er suchte an demselben Günther auf. Dieser lachte ihn aus und sagte:
-„Ich habe mir von der persönlichen Uebergabe nichts Erquickliches
-versprochen; übrigens hast du deine Sache, nach den Umständen, gut
-gemacht, -- Rückzug mit etwas dünnen, kriegerischen Ehren, wenigstens
-todesmuthig, wenn nicht siegesmuthig. Ich bin aber, trotz der Meinung,
-die ich so unverhohlen und, ich gestehe es, rücksichtslos über die
-Kollmann aussprach, überzeugt, daß sie +diese+ Wendung nicht
-beabsichtigte. Sie glaubt offenbar mehr über ihn zu vermögen, als der
-Fall ist.‟
-
-„Das Schlimmste ist nur,‟ rief Arnold mit einem Aerger, in dem einmal
-seine ganze Jugendlichkeit zum Vorschein kam, „daß nun alle Wege, alle
-Brücken zwischen mir und dem Freinhofe abgerissen sind! Ich war ja nur
-hingegangen, um mir einen Verkehr mit +dort+ zu erhalten! Jetzt
-stehe ich vor der chinesischen Mauer!‟ --
-
-„Armer Kalaf! sei ruhig und glaube mir, die Turandot wird +selbst+
-den Schleier zurückschlagen. Und wenn du +nicht+ ihr Kalaf bist,
--- bedenke die Möglichkeit -- wenn Sembrick es wäre, so wird es dir
-nicht schaden, wenn du deinen Kopf noch ein Paar Tage herumträgst.‟
-
-„Und +wenn+ er es ist,‟ sagte Arnold entschieden, „so werd’
-ich, weiß Gott, meinen Kopf behalten; das Herz hat damit nichts zu
-schaffen. Halte mich auch nicht für so blind und taub, daß ich das
-Richtige in deinen Urtheilen nicht unterscheide. Ich gestehe dir ja,
-daß ich mir selbst Fragen über Julie stellen muß, die ich noch nicht
-lösen kann, wie es mein Herz verlangt.‟ --
-
-„Vielleicht sind wir der Lösung in einer halben Stunde näher: damit
-du siehst, daß ich keine Schadenfreude über die abgebrochnen Brücken
-habe, baue +ich+ dir selbst eine. Mittags erhielt ich einen Zettel
-von meinem alten Freund und deinem ehemaligen Meister, dem gar zu
-vortrefflichen Harkeboom -- sagte Günther, den Namen eine Elle lang
-ausziehend im norddeutschen Accent. -- Harkeboom hat die Ferientage zu
-einem Ausfluge benützt, von dem er mit verletztem Fuße zurückgebracht
-worden, und da ich nicht glaube, daß alle Professoren der Akademie sich
-in das Gebirg geworfen und die Beine gebrochen haben, so ist +er+
-es, von dem dein Schiffer erzählte, -- das unglückliche Opfer, welches
-Julie auf den Wetterstein geführt. Er bittet mich, ihn zu besuchen,
-wird sich jedenfalls ungemein freuen dich wiederzusehen, und wenn du
-willst, so gehen wir gleich.‟
-
-Günther handelte nicht ohne eine kleine Perfidie. Als Arnold ihn rasch
-umarmte und nach dem Hute griff, dachte er: freue dich nicht zu sehr!
-Er rechnete auf das ruhige, nicht leicht zu bestechende Urtheil des
-im reifsten Mannesalter stehenden, gebildeten und liebenswürdigen
-Künstlers.
-
-Es war ziemlich spät am Abende, als sie bei ihm eintraten. Der
-Professor saß aufrecht im Bette, ein Buch lag auf der rothen
-Seidendecke.
-
-„Wer kommt?‟ rief er mit seinem vollen schönen Organe. --
-
-„Gute Freunde!‟ erwiederten die Beiden, welche erst die Staffelei
-umgehen mußten, welche mitten stehend das Kabinet in zwei Hälften
-theilte.
-
-„Ach das ist doch gar zu schön, Ihr lieben, vortrefflichen Menschen,
-daß Ihr des alten Harkeboom nicht vergeßt, und nu gar mein treuer guter
-Korbach!!‟ Und so klang es fort in gemüthlicher Breite und mit einem
-gewissen wohltönenden Pomp aus der breiten Brust des Professors, dessen
-kahler Vorderkopf und wasserblaue freundliche Augen sich zu Sembricks
-Erscheinung verhielten, wie ein Albrecht Dürer zu einem Salvator Rosa.
-
-Schwerlich konnte Günthers Kreuzzug zur Bekehrung des Freundes mit
-einem unglücklicheren Manöver beginnen als mit dem, freilich durch
-die Terrainverhältnisse gebotenen, Flankenmarsche um die Staffelei,
-auf welcher ein fertiger Freinhof mit angefangenem Wetterstein auf
-schwarzem Wolkengrunde wie eine maskirte Batterie lauerte. -- Ein Blick
-Arnolds hatte Günther über die Wirkung ihres Feuers belehrt.
-
-Der Professor hatte seine Erzählung des Ausfluges begonnen und
-seinen Unfall beschrieben „und wie dann der Herr Knorre, ein gar zu
-köstlicher, origineller Mensch, ihn mit seiner Riesenstärke eine volle
-Stunde weit geschleppt, und die liebenswürd’ge Frau Kollman, ein
-wahrer Schatz von einem Frauchen, neben ihnen hergegangen, und daß er
-über ihrem herzlichen Geplauder fast seines Schmerzes, und einer ganz
-unbeschreiblich ergreifenden Szene vergessen;‟ -- -- --
-
-„Aber wie haben Sie denn eigentlich, -- Sie unverbesserlicher alter
-Sünder -- unterbrach ihn Günther, diesen Schatz von einem Frauchen
-kennen gelernt?‟
-
-„Sehr einfach, sagte der brave Mann nach einem Gelächter „wie Orgelton
-und Glockenklang,‟ sie ist im Frühlinge in mein Atelier gekommen und
-hat zwei Bilder bestellt, -- es war eben ganz kurze Zeit nachdem ich
-den Unterricht der Prinzessin Marie übernommen hatte.‟
-
-Arnold erhielt einen nicht sehr leichten Tritt auf seinen Fuß, womit
-Günther den Zuwachs einer neuen Hintertreppe bezeichnete.
-
-„Dann erhielt ich, fuhr Harkeboom fort, eine gar freundliche Einladung
-nach der schönen Besitzung, wo ich die Feiertage zubrachte, und in der
-Frau des Hauses eine ganz treffliche Dilettantin fand. -- Da habe ich
-den ganzen Tag Studien gemacht -- unter andern die Ansicht, die ich
-dort auszuführen angefangen -- das ist der Wetterstein; aber was meine
-Gedanken am meisten beschäftigt, das konnte ich nicht hineinmalen.
-Diese Frau hatte die Parthie nach diesem Berge projektirt, und als
-sie widerrathen wurde, so ernst und entschieden erklärt, sie gehe
-allein, daß ich mich denn doch schämte. Herr Knorre sagte, sie wäre vor
-einem Jahre an demselben Tage hinaufgegangen. Nun hatten wir die Höhe
-erstiegen, welche ganz senkrecht nach dem See zu abfällt, -- da macht
-sie uns ein Zeichen, zu bleiben, und steigt auf einen etwa ein Paar
-hundert Schritte höheren etwas überhängenden Vorsprung des Felsens,
-sieht einen Augenblick hinunter, dann kniet sie nieder; Knorre sagt:
-„Lassen wir sie mit ihrem Herrgott allein, sie ist ihm doch dort um
-zweihundert Klafter näher als unten am See.‟ -- Nach einiger Zeit
-kommt sie vom Gipfel herunter; -- ich habe in meinem Leben kein so
-ergreifendes Bild gesehen... die Spuren der Thränen auf den Wangen,
-die Locken im Winde fliegend, ein Zucken um die Lippen und eine Flamme
-in den Augen, wie von der ungeheuersten schmerzlichsten Erregung; --
-wenn die Frau da oben gebetet, so wars kein Herr dein Wille geschehe,
-sondern ein Gebet um einen Wetterstrahl aus den rings aufsteigenden
-schwarzen Wolken, ob auf ihr eigenes Haupt oder ein anderes, das weiß
-der, an den’s gerichtet war! Das Bild möcht ich malen können: ich habe
-denn doch eine Skizze versucht -- -- es ist eben nicht ganz mißlungen
--- ach wollten Sie wohl, lieber Korbach, sich die Mühe nehmen den
-grünen Karton dort am Fenster zu öffnen -- da liegt’s ganz oben!‟ --
-
-Im nächsten Augenblicke hielt Arnold mit zitternder Hand das Blatt
-gegen das Licht; es zeigte einen mit kühnen Strichen meisterhaft
-hingeworfenen Umriß.
-
-„Obgleich nun, erzählte der Künstler weiter, die Frau sich keine
-Mühe gab, die Zeichen ihres Gemüthszustandes zu verbergen, so lag
-in den ersten Worten, die sie an uns richtete, ein so entschiedenes
-Ablehnen jeder Frage oder Theilnahme, daß von einem Besprechen dieser
-Szene keine Rede sein konnte, und nach kurzer Zeit war sie in den
-gewöhnlichen Ton übergegangen. -- Wir sind doch einverstanden, meine
-Freunde, daß der Moment der Skizze, von der sich Arnold heute nicht
-mehr trennen zu wollen scheint, unter uns bleibt? Es muß da ein
-psychologisches Geheimniß dahinterstecken, das wir ehren wollen. -- Da
-seht Ihr immer das Bild an! Gallait hätt’s freilich anders gemacht; ich
-konnt’ es noch nicht herausbringen, -- aber Etwas habe ich mir doch
-mitgenommen -- ihre herrliche Hand, die ich in Gyps modellirt habe --
--- reine Antike! -- ach lieber Günther, ziehen Sie doch gefälligst den
-Vorhang von jener Etagère weg!‟ -- --
-
-Ehe er aufstehen konnte, hatte Arnold das weiße Modell auf rothem
-Marmorsockel enthüllt, -- und während Harkeboom seinem vormaligen
-Schüler begreiflich machte, daß man ein Modell nicht mittelst Anfühlen
-und Wärmen in der Hand, sondern mit dem Auge studiere, hatte Günther
-Zeit, die Resultate des kurzen Feldzuges zu betrachten. --
-
-Das Freinhofgemälde, die Erzählung, die Hand, die Aquarell-Skizze --
-das war Montebello, Palestro, Magenta, -- Solferino. Er trat einen
-Augenblick vor den Spiegel und sagte ganz leise zu seinem Bild: O König
-Wiswamitra, was für ein Ochs bist du! -- oder warst du heute... Doch --
-früher oder später +mußt’+ es so kommen.
-
--- -- -- Die Freunde gingen schweigend nebeneinander. Endlich begann
-Arnold:
-
-„Ist das auch Koketterie?‟
-
-„Nein. -- Um so schlimmer; was soll werden?‟
-
-„Gehandelt muß werden!‟
-
-„Wie das? Da du unter Handeln schwerlich ein Beseitigen Kollmanns
-verstehen wirst, von einem einfachen Abenteuer aber, wie ich nun
-erkenne, keine Rede sein kann, so sehe ich nur das selige Elend eines
-ziel- und endlosen Verhältnisses, welches entweder ins Materielle
-herabsinkt, oder in welchem, wenn es oben schweben bleibt, deine ganze
-selbstständige Existenz aufgeht.‟
-
-„Ich handle nicht +um+ sie, sondern +für+ sie. Unter Handeln
-verstehe ich das Aufbieten aller meiner inneren und äußeren Mittel,
-um den Schleier zu zerreißen und, was Feindliches für sie dahinter,
-zu bekämpfen. Halte mich aber nicht für so blond-gemüthlich und
-germanisch-treuherzig, daß ich ohne Bienenkappe in das Wespennest
-steche. Ich bin durch dich vor dieser Umgebung gewarnt. Wenn ich noch
-heute früh fragte, was sie mit einem unbedeutenden jungen Menschen
-vorhaben können, fühle ich mich nun bedeutend genug, für meine erste,
-einzige, herzinnige Liebe ihnen Allen den Handschuh hinzuwerfen. -- Und
-wenn du mich meine Geschäfte mit lässiger Hand führen siehst, wenn ich
-träume, statt zu arbeiten, wenn ich über dem Pochen meines Herzens die
-Hämmer in Korbach vergesse, dann, und nicht früher, erlaube ich dir zu
-sagen, daß meine Selbstständigkeit in einem seligen Elend aufgegangen.
-Dich aber bitte ich, mir mit deinem scharfen Auge zur Seite zu stehen,
-welches eben nur dort irrte, wo es nicht +selbst+ gesehen.‟
-
--- Günther wußte, was er für heute von seinem scharfen Auge zu halten
-habe, erwiederte aber -- der vollendeten Thatsache gegenüberstehend --
-mit Nachdruck und Herzlichkeit: „So lange ich zu leben habe, rechne auf
-mich, -- Gott mit dir!‟ -- -- -- -- --
-
-Arnold war am nächsten Morgen in froherer, selbst ruhigerer Stimmung
-erwacht, als an beiden vorigen Tagen. Er war vollkommen klar über
-sein Gefühl geworden. Aber bald empfand er, daß nichts eine bestimmte
-Gestalt gewonnen, als eben nur sein eigenes Gefühl. Er stand gerüstet
-da, das Silberschild der jugendlichen Zuversicht am Arm, das Schwert
-des festen, von Liebe entflammten Willens in der Hand, -- es fehlte
-nichts als nur der Feind. Nicht einmal der Schleier, hinter dem er
-lauern sollte, war zu fassen.
-
-Günther suchte er nicht auf. Er scheute sich, nach dem erlassenen
-Manifeste: „Gehandelt muß werden!‟ in seiner dermaligen Rathlosigkeit
-vor ihn zu treten, und fürchtete ein gewisses lächerliches Streiflicht
-von Don Quixote, -- Prinzessinnen befreien, -- Riesen erlegen. -- Desto
-lebhafter interessirte er sich für den Zustand des wackern Professors,
-den er in drei Tagen zweimal besuchte. Allein der Deckel des Kartons
-lag plump und dumm auf der Skizze und die Hand auf dem rothen Sockel
-rührte keinen Finger, um den Vorhang wegzuschieben. Harkeboom sagte
-ihm mit dem herrlichsten Organ gar zu gute und herzliche Dinge, war
-aber, mit leichten Wendungen, nicht wieder auf den Wetterstein zu
-bringen, und einen Satz, welcher ungefähr gesagt hätte: Herr, ich bin
-da, um Etwas von Julie Kollmann zu sehen und zu hören, -- brachte er
-nicht über die Lippen. -- Da die Hand und das Bild unsichtbar blieben,
-überließ er das Bein Harkebooms dem natürlichen Heilungsprozesse und
-ging nicht weiter hin. --
-
-Tag auf Tag verging: er mußte Schwert und Schild an die Wand hängen.
-Kaum vermochte das Eiswasser der Arbeit seinen heißen Aerger zu kühlen.
-
--- -- Ereignisse von eingreifender Bedeutung fliegen selten einzeln,
-meistens in Schaaren, wie Zugvögel am Himmel unseres Lebens auf, --
-seien es Schwalben, die einen Frühling bringen, oder Krähen, die eine
-Leiche wittern. Nachdem eine Woche lang an Arnolds Firmamente nichts
-aufgeflogen, als das Sperlingsgewimmel der täglichen Geschäfte, trat
-ihm eines Abends der Comptoirdiener mit zwei Vögeln von unbekanntem
-Gefieder, -- zwei Briefen von fremder Hand entgegen.
-
-Der eine lautete: „Ich bitte Euer Wohlgeboren, mich wo möglich morgen
-zwischen drei und vier Uhr mit einem Besuche zu beehren, zum Zwecke
-einer, wie ich annehmen darf, für Sie interessanten und erfreulichen
-Mittheilung. Mit größter Hochachtung u. s. w. -- Blauhorn, Hofrath.‟ --
-
-Der zweite enthielt eine Visitenkarte: ~P. Bernardus, Prior Conventus
-Sti. Martini~, -- und die darunter geschriebenen Worte „ersucht
-~p. t.~ Herrn Korbach ~jun.~ sich morgen vier Uhr gefälligst
-zu ihm in das Erzbischöfliche Palais zu bemühen.‟
-
-Die gegebenen Stunden trafen so aufeinander, daß eben Zeit bleiben
-mochte für den Weg vom Staat zur Kirche. -- Arnold gab sich keine
-vergebliche Mühe zu errathen, was die Brieftauben brächten. Was an
-ihrem Halse hing, war allerdings nicht vom Freinhofe, aber die Hand,
-die sie fliegen ließ, konnte nur dort zu finden sein. --
-
--- -- -- Der Hofrath wohnte dem Finanzministerium gegenüber. Der
-Minister, Graf Breuneck, konnte in seine Fenster sehen und that es
-auch; ein Umstand, den Herr von Blauhorn nicht versäumte gegen jeden
-Besuchenden hervorzuheben.
-
-Als Arnold dem Diener seine Karte gab, sagte dieser, der Herr habe
-befohlen ihn sogleich in sein Kabinet zu führen.
-
-„Ich kann nicht umhin, Herr Hofrath, begann Arnold, Ihnen vor Allem
-ein Wort des Bedauerns über meine, wie ich mich baldigst überzeugte,
-ungegründete, jedenfalls voreilige Bemerkung am rothen Kreuze zu
-sagen, und bitte, dieselbe der Vergessenheit zu übergeben.‟
-
-„Sie wäre mir nie wieder eingefallen, wenn Sie mich nicht daran
-erinnerten. Uebrigens war der Schein zu sehr gegen mich. Ein
-ritterlicher junger Mann konnte kaum anders sprechen. -- Doch nun
-zum Gegenstande unserer Unterredung. -- Wir haben, wie Sie wissen,
-eine Kommission gebildet, deren Aufgabe es ist, zu ermitteln, auf
-welche Weise unsere Finanzlage verbessert werden könne. Dieselbe
-hat ihre Arbeit nahezu vollendet, welche nun einer Prüfung in der
-höchsten Region unterzogen werden soll. -- Es sollen zu diesem Zwecke
-von der höchsten Behörde, dem Reichssenate, zeitweilige berathende
-Mitglieder aus den verschiedenen Ständen zugezogen werden, von denen
-eine gediegene Ansicht in ihrer Sfäre zu erwarten. Es ist mit größter
-Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß den Mitgliedern des auf solche
-Weise vielleicht um die doppelte Anzahl der bisherigen vermehrten
-Senates eine Anzahl anderer hochwichtiger Gegenstände zur Berathung
-vorgelegt werde, nach jenem, welcher ursprünglich seine Neugestaltung
-motivirte. -- Sie begreifen die ganze Wichtigkeit eines solchen
-Postens. Der Name Ihres geehrten Herrn Vaters hat in den industriellen
-Kreisen einen Klang wie wenige; seine Erfahrungen, vielseitigen
-Kenntnisse und erprobte Gesinnung sind allgemein anerkannt, und es
-dürfte sich die ehrenvollste Gelegenheit finden, sie zur Geltung zu
-bringen. Se. Excellenz werden auf die Wahl der erwähnten zeitweiligen
-Senatsmitglieder -- denen übrigens ein bleibendes Zeichen der
-Anerkennung nicht fehlen dürfte -- einen gewissen Einfluß nehmen,
--- und es ist mir die Andeutung gemacht worden, daß die Zuziehung
-Ihres Herrn Vaters den Absichten Sr. Excellenz entsprechen würde. Ich
-habe, von Ihrer Anwesenheit zufällig in Kenntniß, nicht gesäumt, die
-Ermächtigung des Ministers zu meiner heutigen Mittheilung vertraulich
-einzuholen, und ersuche Sie, als das natürliche Organ, über dieselbe
-mit Ihrem Vater zu sprechen. Es könnte, so wenig eine Ablehnung
-denkbar, ein Hinderniß seinerseits obwalten, und ein etwaiger direkter
-Antrag Sr. Excellenz muß gegen jedes Nichteingehen gesichert werden.‟
-
-„Ich danke für die mich ehrende Wahl zur Vermittlung‟ --
-
-„Es handelt sich um keine Vermittlung, sondern um ein indirektes
-Sondiren, ob Ihr Vater die ihn vor allen Standesgenossen ehrende
-Auszeichnung auch in diesem Sinne auffasse.‟
-
-„Ich glaube nun meinen Auftrag‟ --
-
-„Verzeihen Sie, lieber Herr Korbach, es ist auch kein Auftrag, sondern
-eine vertrauliche Insinuazion von mir.‟ --
-
-„Ich werde meinen Vater fragen, ob er zeitweiliges Mitglied des
-+Reichssenats+ zur Prüfung der Kommissionsarbeit werden will -- sagte
-Arnold mit offenem Lächeln, das Spinnengewebe der Unterscheidungen
-durchreißend -- ich werde Ihnen dann die +Antwort+ sagen, und Sie,
-verehrter Herr Hofrath, werden das +Weitere+ machen.‟
-
-„Ich glaube wenigstens, die Meinung Sr. Excellenz richtig aufgefaßt --
--- da sehen Sie, der Herr Minister sieht eben herüber -- mein ganzes
-Haus liegt offen vor meinem Chef -- -- was wollte ich doch sagen‟ --
--- Graf Breuneck hatte sich wirklich drüben gezeigt und einen Blick
-herübergeworfen, aber die Schußlinie desselben schien Arnold nicht in
-das Fenster des Kabinets, sondern in ein anderes einzufallen. --
-
-Da der Hofrath den verlornen Faden nicht wiederfand, so empfahl sich
-Arnold und schritt, von ihm begleitet, durch das anstoßende Zimmer,
-wo die schöne böse Frau, deren Julie erwähnt hatte, im Fenster stand.
-Sie wendete sich um, erwiederte seine Verbeugung mit freundlich
-würdevollem Kopfneigen und ließ einen Blick von Schutz und Gnade an ihm
-hinabgleiten.
-
--- -- Er hatte gestern zu Günther gesagt: „Ich werfe ihnen Allen den
-Handschuh hin!‟ Das schienen eben keine +Feinde+. +Waren+ es aber
-Feinde, so mochten sie sich wohl -- das fühlte er -- nicht bedenken,
-den Handschuh aufzuheben.
-
-Es war ihm keine Zeit gegeben, für jetzt über Blauhorn’s Mittheilung
-nachzudenken, denn nur eine Entfernung von wenigen Minuten trennte ihn
-vom erzbischöflichen Palais.
-
--- -- Er wurde in die Wohnung des Pater Bernhard, und, da dieser eben
-beim Erzbischof, über lange Gänge in einen großen Saal geführt, wo er
-sich in ein mit rothem Sammet gepolstertes Sofa mit weißem Gestell und
-Goldleisten setzte und lange wartete.
-
-Der Eindruck der jetzigen Umgebung überwog den der eben erhaltenen
-Mittheilung. -- Der Auftrag Blauhorn’s hatte seine Gedanken bereits zum
-Vater, in die Heimat geleitet: in dem erzbischöflichen Saale gedachte
-er nun des Pfarrgartens in Korbach, -- wie da die Rosen dufteten und
-Weinranken die Fenstergitter umspannen. Wie da Alles grünte und blühte,
-als wären Worte Gottes vom Abendwinde aus der Kirche herübergetragen
-worden und befruchtend auf das Gartenland gefallen, zum Dank für die
-Lindenblüthen, die durch das offene Fenster auf die Kanzel geweht
-wurden. Wie war da Alles frohes Leben und thätige Liebe! Er gedachte
-auch des Klosters Sankt Martin, wo der Kreuzgang den kleinen Garten
-voll Blumenpracht und Sonnenglanz umschloß, und die nickenden Schatten
-der jungen Birken auf den Gesichtern der alten Aebte spielten, deren
-Bilder in langer Reihe die Wand bedecken. Der Ruß von Jahrhunderten
-liegt auf diesen weingrünen Fässern des heiligen Geistes, aber die
-Augen blicken noch glänzend und heiter, voll Glaubenskraft.... In
-allen Erinnerungen seiner Kindheit tönt der Lerchentriller mit dem
-Glockenklang zusammen. -- Er hatte das heilige Wort nur aus dem Munde
-des würdigen, freundlichen Pfarrers vernommen, der von der Kanzel
-herabstieg, um das zu vollbringen, was er oben gesprochen.
-
-Die Kirche war klein und eng, die Klosterhallen dumpf, und doch hatte
-er so frei darin geathmet, doch flogen Gefühl und Gedanke so hoch über
-das goldne Thurmkreuz hinaus!
-
-Und hier in dem hohen, weiten Saale fällt es ihm so schwer auf die
-Brust, drückt ihn eine schwüle, den Geist narkotisirende Luft.
-
-Es ist nicht die gewöhnliche, allbekannte geistliche Atmosfäre, die
-sich analisiren, materiell erklären läßt: dieselbe besteht einfach
-aus etwas Weihrauch, der von der Kirche herüberdringt, gewissen
-Exhalazionen der Gewänder, alten Schränke und Bücher, -- Weinduft, und
-dem Abgang jener wahren, vollkommenen Sauberkeit, welche nur das Werk
-einer sorgenden Hausfrau.
-
-Was +hier+ drückt, ist nichts Materielles, sondern etwas
-rein Geistiges. -- Es ist eine Gespensterfurcht, die eben nur den
-ungläubig Eintretenden zur Strafe befällt. Er sieht den Geist des
-geheimen Staatsministeriums des +Dogma+, -- den Gegensatz zur
-lebendigen Kraft der christlichen +Liebe+; -- das Gespenst des
-Torquemada, wie es am hellen Tage in den modernsten Gestalten durch
-die parkettirten Säle zieht. -- Das ist eben Vision des Unglaubens!
-Der Fromme ist gefeit dagegen und weiß, daß unsere Kirchenfürsten sich
-nicht träumen lassen jene Zeit heraufzubeschwören! -- -- +Wozu+
-auch?
-
-Arnold war nicht gegen die Gespenster gefeit: er glaubte jeden
-Augenblick eines aus der hohen Flügelthür treten zu sehen. -- Es trat
-endlich der Dünnste unter den „Dünnen‟ des Anastasius Grün heraus,
--- das Gesicht, dem er im Freinhofe die Palme der Unausstehlichkeit
-gereicht, und das ihm heute weniger so erschien, weil es ernst war, --
-nicht so liebreich! so schelmisch! --
-
-„Ich habe Sie lange warten lassen, werther Herr Korbach, da ich eben
-mit Sr. Erzbischöflichen Durchlaucht die Angelegenheit besprochen,
-um deretwillen ich Sie bitten ließ. -- Ihr Vater hat durch seine
-glänzende Munificenz in Betreff der Erbauung der, wie wir vernehmen nun
-vollendeten neuen Kirche in Korbach den schmerzlichen Eindruck mehr
-als verlöscht, welchen seine Haltung dem Protestantismus gegenüber,
-oder leider vielmehr diesem zur Seite, auf das Herz unseres Oberhirten
-gemacht hat.‟
-
-Arnold machte eine ablehnende Bewegung --
-
-„Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht. Es fehlt nicht an
-naheliegenden Beweisen, oder vielmehr an nahestehenden -- sagte
-Bernhard, über sein nicht sehr gelungenes Wortspiel lächelnd. Auch
-wurde der Bau des protestantischen Bethauses +vor+ jenem der
-Kirche unternommen.‟
-
-„Ich muß mir die Bemerkung erlauben, -- warf Arnold ein -- daß
-unsere Protestanten, dermalen über dreihundert, eines Gotteshauses
-gänzlich entbehrten, während der Gottesdienst der Katholiken niemals
-unterbrochen wurde.‟
-
-„Ich habe Sie nicht zu mir bitten lassen, werthester Herr, um Ihnen
-irgend Etwas zu sagen, was wie ein Vorwurf klingt. Im Gegentheile bin
-ich beauftragt, Ihnen vorläufig, bis es auf solennere Weise geschehen
-wird, zu sagen, daß die Kirche Ihrem Vater für den jüngsten Beweis
-seiner Treue dankt, und ich, -- der ich während der Krankheit unseres
-Prälaten dem Kloster Sankt Martin vorstehe, erfreue mich insbesondere
-solcher Gesinnung, da, wie Sie wissen, diese Pfarre von uns aus besetzt
-wird.‟
-
-„Mein Vater kann nicht genug danken für die Wahl des Priesters, der nun
-seit drei Jahren zum Segen der ganzen Gegend dieses Amt bekleidet.‟
-
-„Hierbei habe ich kein Verdienst; unser Prälat hat damals -- freilich
-schon bei geschwächtem Gesundheitszustand -- diese Wahl getroffen.
--- Doch zur Hauptsache. Die Einweihung der auf Kosten Ihres Vaters
-erbauten Kirche wird in einigen Wochen stattfinden. -- Ich kann Ihnen
-mittheilen, daß Se. Erzbischöfliche Durchlaucht die Absicht haben,
-diese Feierlichkeit in eigener Person vorzunehmen, um ihr, zur Erbauung
-der in jener Gegend besonders der Stärkung bedürftigen Gläubigen, den
-größten Glanz zu verleihen. -- Es würde jedoch sehr guten Eindruck
-machen, wenn Ihr Vater in dieser Beziehung ein +Bittschreiben+
-an den Herrn Erzbischof richten würde. Es bietet sich hierdurch Ihrem
-Vater eine ihm gewiß erwünschte Gelegenheit, seine +Gesinnungen+
-in einer so +bestimmten+ Weise auszusprechen, daß in Betreff des
-Schutzes, welchen das katholische Element in Korbach gegen das weitere
-Umsichgreifen der Irrlehre von ihm zu erwarten berechtigt ist, nie mehr
-einem Zweifel oder einer Besorgniß Raum gegeben werden kann. -- Sie
-verstehen mich. Ich habe von den wohlwollenden Intenzionen des Herrn
-Erzbischofs erst vor wenigen Minuten einen Beweis erhalten, indem Se.
-Durchlaucht angedeutet, daß sie die Freigebigkeit Ihres Vaters zur
-Kenntniß des päpstlichen Nunzius zu bringen vorhaben, -- -- worauf
-vielleicht von Seite des heiligen Vaters ein ehrendes und beglückendes
-Zeichen der Befriedigung erfolgen dürfte, welche seinem apostolischen
-Herzen solche Handlungen der Pietät gewähren.‟
-
-Pater Bernhard hielt inne und schien die Wirkung dieser Rede abwarten
-zu wollen. Als Arnold ruhig, bescheiden, ernst und schweigend stehen
-blieb ohne eine Miene zu verändern, fuhr er mit schlecht verhehlter
-Gereiztheit fort: „Ich ersuche Sie, werthester Herr, diese Mittheilung
-ganz vertraulich Ihrem Vater zu machen, welcher, ich bin davon
-überzeugt, ihre Bedeutung zu würdigen wissen wird.‟
-
-„Ich werde mich beeilen, den Auftrag Ew. Hochwürden zu erfüllen.‟
-
--- -- Arnold empfand beim Weggehen keine drückende Gespensterfurcht
-mehr. Es war ihm, als ob der gefürchtete Geist ein Mensch geworden und
-vor ihm gestanden, und den fürchtete er nicht.
-
- * *
- *
-
-Er fühlte die Nothwendigkeit mündlicher Besprechung mit seinem Vater.
--- Der nächste Morgen trifft ihn im Bahnhofe.
-
-Durch die Fläche, das glänzende Meer von Licht und Widerschein, fliegt
-der Train den blauen Bergen zu. -- Nach zwei Stunden umrauschen
-ihn statt der Kornfelder die Zwergföhren, womit die steinige Ebene
-bepflanzt ist, -- der Vortrab des gewaltigen hohen Waldheeres auf den
-Zinnen der ewigen Stadt Gottes, des Hochgebirges: schon unterscheidet
-man ihre Felsenmauern und schneebedeckten Thürme, und bald umschließt
-sie die Reisenden in den sonnedurchglühten Waggons, und labt sie mit
-Harzduft und Wasserrauschen.
-
-In Pottenbach ist längerer Halt. Der aus Süden kommende Train begegnet
-hier jenem Arnold’s. Sein Blick ist nach einem hohen fernen Felsen
-gerichtet, auf der Höhe der Föhrleiten.. der zackige Stein ist auch
-jenseits vom Freinhofe sichtbar; -- so nahe!! -- -- Hoch über die
-Gruppe der den andern Train abwartenden Reisenden wegsehend, gewahrt
-er nicht den Baron, der, abseits an eine Säule der Halle gelehnt, ihn
-einen Moment anblickt und sich langsam abwendet.
-
-Die Dampfpfeife schrillt durch Arnold’s Gedankenmelodie -- wie damals
-Knorr’s Stimme durch das erste Gespräch mit Julie, -- die Lokomotive
-stößt den zischenden Athem aus der ehernen Lunge -- in einer Minute
-fliegen er und Sembrick auseinander, -- leiblich wie es bereits geistig
-geschehen. -- In Frauenwang verläßt Arnold die Bahn; ein leichter,
-offener Wagen mit kräftigen Pferden wird im Orte gemiethet und führt
-ihn dem Korbachthale zu.
-
-Er erreicht es am späten Abende. Noch durch eine Waldschlucht,
-einen Felsenpaß und weit und offen liegt es vor ihm. Die Glocke des
-Hochofens, das Pochen der Hämmer, das Brausen der gewaltigen Wehre
-begrüßen ihn, durch den blauen Schleier, welchen Abendduft und Rauch
-der Schmieden über den Thalgrund breiten. Nun fliegt der Wagen vorüber
-am mächtigen Bau, wo die Walzen den Begriff der Härte verneinen und das
-Metall unter ihrer Gewalt die Rolle des Wachses spielt, -- am Drahtzuge
-mit den hundert schnurrenden Spulen, am Hammerwerke, aus dessen offenen
-Thüren der Feuerschein bis auf die Brücke fällt -- die von der Straße
-abseits zum Wohngebäude führt.... nun durch die alten Linden und
-Tannen des Parks -- und das Ziel ist erreicht.
-
--- -- Das Abendessen stand noch auf dem Tische. Ein heller, vierfacher
-Klang tönte durch das Zimmer, als Arnold eintrat.
-
-Das mußte ein +freier+, +lichter+ Gedanke, ein
-+gottgefälliger+ Wunsch sein, -- auf dessen Erfüllung diese
-vier Männer ihre Gläser zusammenstießen: -- -- Arnold’s Vater -- ihm
-gegenüber Sprenger, -- neben ihm der katholische Pfarrer und der
-Pastor.
-
-
-
-
-~Clair-obscur.~
-
-
-Die beiden Geistlichen zogen sich bald zurück, da sie annahmen, daß
-nur eine wichtige Ursache Arnold’s schneller Rückkehr nach Korbach zum
-Grunde liegen könne. -- Dieser, wissend daß sein Vater kein Geheimniß
-für Sprenger habe, erzählte, und nahm so viel vom Freinhofe in seinen
-Bericht auf, als eben hinreichte, um den Zusammenhang nicht sowol zu
-erklären als zu verwirren.
-
-„Wo der Wind hinweht, ist klar‟ -- meinte Sprenger.
-
-„Viel wichtiger ist, wo er herkommt, erwiderte der alte Korbach.
-Sie wissen oben, daß ich das Promemoria vom vorigen Jahre verfaßt
-habe, und nun soll ich umsatteln, mich hinten auf’s Steckenpferd des
-Ministers setzen und seine Freihandels-Experimente unterstützen, die
-uns ruiniren. Wäre eine hübsche Bresche in der Opposizion unserer
-Eisen-Industrie u. s. w. Was ich ihnen im Senat zu sagen hätte,
-können sie aus unserer Eingabe herauslesen. Sie werden Theorienreiter
-genug finden, ich sitze nicht auf. Von der Supplik an den Erzbischof
-kann ohnedem keine Rede sein. Die neue Kirche habe ich ihnen bauen
-lassen, und damit Basta. Will der Erzbischof herauskommen, so ist es
-mir eine Ehre, wenn auch kein Vergnügen, aber mich hinstellen lassen
-als verlaufenes Schaf, das zur Herde zukückkehrt, -- darauf können sie
-warten.‟
-
-Sprenger war nicht einverstanden. Seine Meinung lautete: „Setze dich
-auf sechs Wochen in den Senat und sage ihnen Wahrheiten, welche sie
-von keinem Andern hören. Schreibe dem Erzbischofe und bleibe der Herr
-vom Hause, indem du ihn ladest. Du kannst mehr in deinem Sinne wirken,
-wenn du auf gutem Fuße bleibst. Brichst du offen, -- und die Ablehnung
-des Schreibens ist ein direkter Bruch, -- so ist das erste Opfer unser
-braver, biederer Pfarrer, und eines schönen Morgens hetzen sie dir die
-Arbeiter gegeneinander.‟
-
-Sprenger stand vielleicht auf einer freieren Höhe, als der alte
-Korbach. Ihm ging die Erhaltung der Sache stets über Konzessionen in
-der Form; er stand +wirklich über+ den Parteien, während sein
-Freund dem Namen nach zur einen, mit seinem Herzen zur andern gehörte.
-Sprenger hatte die Ueberzeugung, daß ein Kampf mit der herrschenden
-katholischen Gewalt nur zum Nachtheile des Herausfordernden ausschlagen
-könne. Er sah übrigens ein, daß die gelegte Falle keinen andern
-Zweck haben könne, als, entweder diesen Kampf herbeizuführen, oder
-ein in seinen Folgen unberechenbares „Korbacher‟ Konkordat. -- Es
-lag allerdings die Möglichkeit vor, letzterem in der Ausführung die
-schärfsten Spitzen abzubrechen: vielleicht ließ sich durch einige
-Form-Zugeständnisse das Verbleiben des Pfarrers erkaufen; vielleicht
-war es der kirchlichen Autorität mehr um eine lautklingende, weithin
-leuchtende Wahrung des Prinzipes als um die Thatsache zu thun, mehr
-um einen breiten goldnen Rahmen für ihr Gnadenbild: war es nur hoch
-und glänzend genug hingestellt, so mochte sie dann nicht so genau
-nachrechnen, wie viele Kniee im Korbacher Thale sich davor beugten.
-Freilich lauter „Vielleicht!‟ -- Auf den Senat legte er weniger Werth
--- es schien ihm höchstens ein entgangener Gewinn: sein Freund mochte
-mit sich ausmachen, wie hoch er ihn anschlage, und ihn zurückweisen,
-aber im Kampf mit der Kirche sah er nur gewisses Unheil.
-
-Arnold hatte, gleich nach Beendigung seines Berichtes, da er dachte,
-sein Vater wolle die Sache mit Sprenger allein besprechen, sich
-zur Schwester begeben, welche sich gewöhnlich nach dem Abendessen
-zurückzog, während die Männer noch zusammen blieben.
-
-Sprenger hatte seine reichliche Munizion von Gründen des schwersten
-Kalibers verschossen: der alte Freund hielt Stand, wich kein Haar
-breit. -- Er sah sich nach Verbündeten um.
-
-Die Eine, auf welche er einstens nie vergebens gezählt -- Arnolds
-Mutter -- ruhte nun auf der grünen Anhöhe, welche sich am Ende des
-Marktes erhebt, in geringer Entfernung von der netten Häusergruppe
-der protestantischen Arbeiter -- jener Häuser, in welchen ihr Name
-in das tägliche Gebet geflochten wurde, als der Wohlthäterin von
-hundert Familien. Aber die letzten Tage ihres segensreichen thätigen
-Lebens an der Seite des Gatten, der ihr Werk mit Kraft und Liebe
-beschützte, waren durch Sorgen getrübt, welche ihrem hellblickenden
-Geiste die allmälig auftauchenden feindlichen Bestrebungen der
-ringsum herrschenden Intoleranz erregten. Sie schloß die Augen mit
-dem schmerzlichen Gefühle, durch ihre Schöpfung den Frieden der
-alten Tage ihres Gatten gefährdet zu haben. An ihr hätte Sprenger
-eine Fürsprecherin gefunden bei jedem Schritte, welcher begütigend,
-ausgleichend wirken konnte.
-
-Aber nur mit geringer Hoffnung begab er sich zu Helene, welche bei
-manchen wichtigen Veranlassungen mehr über den Vater vermocht hatte,
-als er und ihr Bruder. Er erzählte ihr Alles.
-
-Das Mädchen hatte eine eigene, reizende Art, zuzuhören. Es war nicht
-ein einfaches Merken auf das, was gesprochen wurde, -- sie sah mit
-ihren dunkelblauen Augen dem Quell des Gedankens auf den Grund, und der
-Erzähler hatte das wohlthuende Gefühl, sie ganz in seinen Gegenstand
-versunken, denselben in ihrer Antwort oft vollständiger wiedergegeben
-zu sehen. -- In ihr war die Festigkeit und Entschiedenheit des Vaters
-in die weichste, reizendste Form gehüllt, -- -- als wäre ein Diamant
-in eine offene Rosenknospe gefallen; die Blätter mochten jedem Drucke
-nachgeben, durch den leichtesten Nadelstich verwundet werden, -- der
-Diamant des Karakters schnitt durch das bunte Glas der Schmeichelei,
-durch das falsche Gold der Eitelkeit, durch allen Schein und alles
-Unwahre, das sich in ihrer Nähe unbehaglich fühlte.
-
-Die reichen blonden Haare hatten jene so seltenen, nicht durch Flechten
-und Brennen entstandenen, natürlichen kleinen Wellen, welche das reine
-Oval des geistvollen Gesichtes in lebhaft bewegten Linien umspielten,
-nicht mit einer glatten, kalten Spiegelfläche einrahmten. Wie war das
-blühende Mädchen so blond und weiß -- -- und doch nicht +ein+
-schmachtender Zug! -- Alles so lebendig, kräftig und warm! -- Die
-Natur hatte da ein Schneeglöckchen mit Nelkenduft geschaffen. --
-
-Als die Erzählung des väterlichen Freundes geendet war, sagte sie nach
-kurzem Nachsinnen: „Das ist verlorne Mühe, lieber Sprenger, ich habe
-oft Etwas beim Vater erreicht, wenn ich vorangeschickt wurde, selten,
-wenn ich nachkam, niemals, wenn etwas schon Verweigertes nur durch
-meinen Mund wiederholt wurde. Er sagte mir einmal: Helene, wenn du
-mich in fremdem Auftrag küssest, ists gar nicht dein Mund. Ich kenne
-auch seine Ansicht. +Meine+ Meinung ist, daß der Vater den Senat
-annehmen, dem stolzen Geistlichen aber, der um Etwas gebeten sein will,
-was er für sein Leben gern selbst thun wird, +nicht+ schreiben
-soll. Ich bin Protestantin, wie meine Mutter, und darum‟ --
-
-„Doch nicht empfindlicher gegen den katholischen Stolz als +ich+?‟
--- unterbrach sie Sprenger.
-
-„Gewiß nicht, auch ehre ich Ihre Klugheitsrücksichten, aber der Vater
-hat +doch+ Recht! Unser Korbach wird es aushalten, wie Deutschland
-den dreißigjährigen Krieg,‟ schloß sie lächelnd und mit jenem Zuge um
-die Lippen, der, wie Sprenger wußte, ein anmuthiges, aber entschiedenes
-Nein ausdrückte. --
-
-„Das ist schlimm,‟ sagte er, „Sie waren meine letzte Hoffnung. Ich sehe
-nichts Gutes kommen; fürchte selbst Verwicklungen und Gefahren für die
-Zukunft Arnolds.‟
-
-„Ich fürchte nichts. Er sprach auch kein Wort mit mir darüber.‟
-
-„Er hielt sich nicht für berechtigt, von der Angelegenheit des Vaters
-zu sprechen, bevor dieser sich entschieden, aber ich durfte es mir
-erlauben.‟
-
-Sprenger war nun fertig; auch die Beziehung auf Arnold hatte
-fehlgeschlagen. --
-
-Der Vater gab diesem folgende Instrukzion: „Sag’ dem Hofrath, daß
-ich die Ehre, im Senat zu sitzen, annehme, +wenn+ der Minister
-keine Freihandelschimären von mir vertreten sehen will. -- Sie wollen
-nur Leute, welche sagen, was man Oben gerne hört, und wer anders
-spricht, wird seine Rolle bald ausgespielt haben.‟ -- Er theilte
-hierin eine damals allgemein verbreitete, zum Theil später widerlegte
-Meinung über die Haltung, welche man vom Reichssenate erwartete.
-„Dem Erzbischof aber -- fuhr er fort -- wollen wir weiße Mädeln
-entgegenschicken, trommeln und pfeifen und läuten, daß die Glocken
-bersten, aber geschrieben wird +nicht+. Und nun mache, daß du
-fortkommst, damit sie nicht glauben, ich habe zwei Tage gebraucht, um
-mich zu bedenken.‟ Arnold konnte eben noch eine Viertelstunde für
-seine Schwester gewinnen. Sie theilten jeden Gedanken, ohne einander
-eine Ueberzeugung zu opfern, kaum eine Meinung; -- sie spiegelten im
-innigsten Verständniß Eines des Andern Farbe zurück, ohne die eigene
-darüber zu verlieren. Er hatte ihr im ersten Briefe aus der Stadt einen
-Umriß der Freinhof-Begebenheiten gesendet, und theilte ihr nun auch
-das Gespräch mit Günther, und dessen Ansicht mit. Wie sie einander so
-gegenüberstanden, sich an beiden Händen hielten, das Mädchen ihm gerade
-in die Augen sah, unterbrach sich Arnold mit den Worten: „Deine Augen
-werden immer dunkler! Vor der Reise waren es Kornblumen, jetzt sind es
-schon Genzianen!‟
-
-„Und am Ende werden sie noch schwarz, und dann siehst du noch lieber
-hinein,‟ rief sie lachend. -- -- „Nun aber genug, -- der Vater wird
-ungeduldig, -- ich schreibe dir, was etwa noch vorgeht, heute durch die
-Fabriksgelegenheit. Sei klug, und grüße mir deinen Günther, -- auch er
-hat nicht Recht, -- heute bin ich mit Euch Allen im Krieg.‟ -- --
-
-Ein frischer, herzlicher Kuß, eine Umarmung, -- und Arnold sprang auf
-den Wagen, und hatte nun Zeit genug, auf eine für die büreaukratischen
-und hierarchischen Ohren annehmbare Form der väterlichen Ablehnungen
-zu sinnen, welche ganz nach seinem Herzen waren.
-
-Sicherlich wird es sein Erstes nach der Ankunft in der Stadt sein, sich
-der Mission zu entledigen: wir erwarten ihn im Kabinette Blauhorns,
-wohin wir ihm voraneilen, und finden uns leider im Gegensatze zu dem
-noch friedlichen Korbacher Thal auf dem Schauplatze der bedauerlichsten
-Anarchie.
-
-Die Gattin geht mit raschen, sehr hörbaren Schritten auf und nieder,
--- der kleine gelbe Hofrath sitzt zusammengekauert im Lehnstuhl,
-auf irgend ein Aeußerstes gebracht, wie ein Igel zur Stachelkugel
-eingerollt. Es ist keine Emeute, kein „beklagenswerther Versuch einer
-Handvoll Unzufriedener‟, -- der Hofrath hat sich nicht wie gewöhnlich
-zusammengerottet, um durch einen Gensdarmenblick seiner Gemahlin
-auseinandergetrieben zu werden: -- es ist offene Empörung.
-
-Es mußte ein großer Mißgriff von Seite der obersten Behörde des
-Hauses geschehen sein, denn Blauhorn gehörte zu den am leichtesten
-zu regierenden Provinzen. Man mußte ihm nur einen Schein von
-Volksvertretung lassen. Er sagte gerne Ja, wollte aber gefragt werden;
--- gehorchte willig, wollte aber wissen, wozu seine Steuer von Gehorsam
-verwendet werde. Er hatte im Freinhof von Julie den Auftrag erhalten,
-seine Frau dringend dahin zu laden, und diese war der Einladung
-gefolgt. Nach ihrer Rückkehr lauerte er auf eine Mittheilung, aber
-vergebens. Zwei Tage später erhielt er vom Minister den Auftrag an
-Arnold, errieth einen Zusammenhang, und schwieg nun ebenso hartnäckig.
--- An den Gedanken einer Wechselwirkung zwischen dem Grafen Breuneck
-und seiner Frau hatte er sich gewöhnt; er fing an, sich für einen
-Intriganten zu halten und sagte sich vor, er werde, -- da er nun einmal
-auf die Süßigkeiten des häuslichen Glückes verzichtet, vom Teufel des
-Ehrgeizes geritten, und beherrsche durch seine Frau den Minister; -- er
-war ein Tender, der die fixe Idee hat, die Lokomotive zu schieben. --
-
-Nun fühlte er sich als einen hinten angehängten Lastwagen. -- Seine
-Frau ihrerseits wollte sehen, wie weit die rebellische Verstocktheit,
-dieses Schweigen über den ihr nur zu wohl bekannten gräflichen Auftrag
-gehe, und gab ihm achtundvierzigstündige Frist. Als diese verstrichen,
-trat sie am Morgen in sein Kabinet mit der Kernschuß-Frage: „Wann
-bekommst du Antwort von Korbach?‟
-
-Blauhorn fuhr los: „Er werde dem Minister die Augen über +Alles+
-öffnen!‟ Die Frau konnte nicht wohl begreifen, worin dieses +noch+
-bestehen solle -- und es entwickelte sich nun das Feuer auf der
-ganzen Linie mit solcher Lebhaftigkeit, daß Arnold und der ihm
-voranschreitende anmeldende Diener das schwere Posizionsgeschütz der
-Hofräthin und das dünne Kleingewehr-Geknatter aus dem Lehnstuhle
-deutlich durch die Thür unterscheiden konnten. -- Als dieselbe aufging,
-war unter den schnell geordneten Falten der Empfangsgesichter die
-Pulverschwärze noch wahrnehmbar, aber der Kampf war bereits entschieden.
-
-„Sie werden, bester Herr Korbach, -- sprach die Hofräthin -- so gütig
-sein, mir das Ergebniß Ihrer Anfrage mitzutheilen, da mein Mann an
-einer so fürchterlichen Migraine leidet, daß ich ihn nicht sprechen
-lasse.‟
-
-„Mein Vater, -- erwiederte Arnold auf einen schweigend zustimmenden
-Wink Blauhorns -- wird eine Ehre und ein Glück in der bewußten
-Eventualität sehen und hofft dem in ihn gesetzten Vertrauen um so
-leichter zu entsprechen, da er überzeugt ist, daß er in keine Kollision
-mit gewissen von ihm seiner Zeit ausgesprochenen Ansichten kommen
-werde, welche er allerdings nicht aufzugeben vermöchte.‟
-
-Arnold wußte, was ihm die Zusammensetzung dieser hölzernen Frase
-gekostet. Er fühlte sich keinen ganzen, aber ein gutes Stück Talleyrand.
-
-„Ich bedauere vorzüglich im Interesse Ihres Herrn Vaters dessen
-Auffassung einer Sache, welche wir nunmehr als abgethan betrachten
-müssen,‟ -- sagte Blauhorn gemessen und spitzig.
-
-„Herr Korbach hat ja angenommen?‟ rief die Hofräthin.
-
-„Abgelehnt!‟ sagte der Gatte, schneller begreifend. --
-
-Arnolds Schweigen war die beste Politik. Das Gespräch hatte
-geringe Lebensfähigkeit und gefror zu zwei oder drei Eisblöcken
-von Redensarten, welche dießmal von keinem Gnadenblicke der Dame
-geschmolzen wurden. -- --
-
-Als das Paar allein war, wehte auf Blauhorns Stuhllehne die
-Siegesfahne. Jetzt dankte er Gott, nicht die Lokomotive zu sein.
-„Marianne, sagte er, laß dir dieß zur Warnung sein, keine Intriguen
-ohne mich einzufädeln! Zu so etwas muß man geboren sein.‟ Sie
-verließ das Zimmer ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Sie fürchtete
-sich allerdings, beim Grafen kompromittirt zu sein, doch hatte sie
-keine Wahl gehabt -- oder vielmehr nur die Wahl, auf andere Weise
-kompromittirt zu werden, -- wie sich später zeigen wird.
-
-In Pater Bernhards Wohnung wurde Arnold von der Mittheilung überrascht,
-daß derselbe nach St. Martin abgereist, und den Auftrag hinterlassen
-habe, ihn zum Sekretär des Erzbischofs zu führen. Dieser empfing ihn
-mit den noch überraschenderen Worten, Se. Erzbischöfliche Durchlaucht
-habe befohlen, ihn zu melden.
-
-Nach einigen Minuten stand er vor dem höchst ehrwürdig aussehenden
-greisen Priester, welcher mit freundlichem, mildem Blicke und leichtem
-Neigen des Kopfes seine Verbeugung erwiederte und mit sanfter Stimme
-sagte: „Ich habe Ihnen, werther Herr Korbach, bereits im Allgemeinen
-durch den Herrn Prior von St. Martin mittheilen lassen, daß ich die
-Einweihung der Kirche in Korbach vornehmen werde, und kann Ihnen nun
-sagen, daß ich am Mittwoch über vierzehn Tage daselbst eintreffen
-werde. Ich weiß, daß hierdurch auch ein frommer Wunsch Ihres Vaters
-erfüllt wird, welchen er wohl, Angesichts einiger früherer unliebsamer
-Vorgänge, Bedenken getragen haben dürfte auszusprechen. Ich komme
-demselben mit Freuden zuvor, da die Dinge in Korbach eine gute
-Wendung nehmen. Es soll der Gesinnung Ihres Vaters an einer kräftigen
-Unterstützung von Oben nicht fehlen, ich gedenke dieß bei meiner
-Anwesenheit zu beweisen. -- Sollte Sie in Zukunft ein Anliegen zu mir
-führen, so werde ich für Sie immer zugänglich sein.‟
-
-Ein Schritt zurück und eine freundlich entlassende Bewegung mit Hand
-und Kopf schnitten jede Gegenrede Arnolds ab, selbst wenn er eine
-solche bereit gehabt hätte. -- Die Audienz war zu Ende. Nach der
-Abschiedsgebehrde konnte er nur bleiben, wenn er ein Schreiben des
-Vaters aus der Tasche zu ziehen hatte. Daß er +keines+ habe,
-hatte der kluge Kirchenfürst beim ersten Blicke vermuthet und war nach
-den ersten zehn Worten davon überzeugt, da er keine Anstalt sah, ein
-Derlei zu Tage zu fördern. -- Und +eigentlich+ hatte er auch kein
-Schreiben erwartet, sondern -- den alten Korbach selbst. -- -- Ein
-sehr bezeichnender Unterschied zwischen der geistlichen und weltlichen
-Gewalt lag in der Weise, wie Beide die Ablehnung behandelten. Der
-Erzbischof läßt es gar nicht zum Aussprechen des +Nein+ kommen,
-nicht einmal gegen Pater Bernhard. Er weiß was +ist+, er hat
-ins Herz geschaut, und das genügt. Die weltliche Gewalt begnügt sich
-nicht mit faktischem Wissen und Handeln, sie hat noch menschliche
-Leidenschaften, keine Rancünen, sie zeigt Gereiztheit. Die Kirche
-läßt es nicht auf den Punkt kommen, daß sie beleidigt sein muß, bevor
-sie es angezeigt findet. -- Arnold erschien sein Vater wie das arme
-Volk in der offiziellen Zeitung bei der Durchreise eines allgeliebten
-Herrschers; haben zehn Menschen gerufen, so ist es tausendstimmiger
-begeisterter Jubel. Hat sich kein Mund geöffnet, so ist die Rührung
-keine lärmend ausbrechende, aber eine um so tiefere. -- Sein Vater
-+mußte+ sich nach dem Erzbischof sehnen, laut oder stumm. -- -- --
-
-Nächsten Morgen begrüßte ihn, da er eben die trübe Sündflut des ganzen
-unerklärlichen ihm widerlichen Getriebes überschaute ohne Land zu
-entdecken, eine Taube mit einem Oelzweig, -- ein Brief Helenens.
-
-Sie schrieb:
-
-„Nach deiner Abreise abermalige Conferenz, zu der ich gerufen wurde.
-Ich sagte von Günthers Ansicht über ein Freinhof-Komplott Alles,
-was ich sagen konnte ohne deinen mir anvertrauten Herzensschatz zu
-enthüllen. -- Niemand findet eine Erklärung. -- Günther, Sprenger und
-ich haben verschiedene Meinungen.
-
-Günther hält nach deiner Erzählung den Freinhof für ein Gewebe, wo
-mitten die Spinne sitzt, welche auch Julien umklammert, und nach allen
-Seiten hin ihre misteriosen Fäden nach den Fliegen ausspannt.
-
-Unser Mentor sagt: Gerade umgekehrt. Im Freinhof sitzt die Fliege,
-die Person, welche von all’ den Spinnen in den obern Regionen zu
-verschiedenen Zwecken benützt wird.
-
-Ich sage: Beide haben Recht, Beide Unrecht. Es ist da ein Mensch, der
-von Einigen zu ihren Zwecken gebraucht wird, und selbst seine eigenen
-mit Andern verfolgt.
-
-Ihr sucht überhaupt zu tief -- Ihr wollt eine Freimaurerloge,
-Vehmgericht, Falschmünzerbande, kurz irgend eine prächtige
-Roman-Teufelei mit einem vielgestaltigen Anführer und Verschwornen in
-allen Ständen herausfinden. All das +könnte+ sein, -- aber es
-+ist+ eben nicht! Ich sehe das so klar, mit diesen meinen Augen,
-die trotz deines Vergleiches kein anderes Blau haben als eine frisch
-abgesottene Forelle. Glaub’ mir, hinter der ganzen Geschichte steckt
-Nichts als Ein schlechter Mensch, dessen Opfer auch die arme schöne
-Frau. Der Vater sagt, von seinen Freunden würde keiner so handeln, und
-entsinnt sich keines Feindes. Den Herrn des Freinhofes kennt er gar
-nicht. -- Was bei uns vorfällt, erfährst du gleich.‟ -- --
-
--- -- -- Wer sah am Richtigsten? Der Taschenteufel, -- der vielgereiste
-Mentor oder die achtzehnjährigen Genzianen-Augen? --
-
- *
- * *
-
-Ein Streiflicht fällt, wenn nicht auf das Gewebe, doch auf die Spinne,
-wenn wir Sembrick folgen, der am Nachmittage nach Arnolds Besuch
-abgereist, Abends im Freinhofe eingetroffen war.
-
-Mit einem Gewitter hatte drei Tage früher unsere Erzählung begonnen --
-es folgte ihm die Abendfeier am Himmel, die zugleich das Morgenroth
-einer erwachenden Liebe. -- -- Das heutige war auf den Raum eines
-Menschenherzens eingeengt -- es folgt ihm aber kein Abendroth. --
-
-Als Edmund ankam, war Julie auf ihrem Zimmer. -- Er faßte mit ruhiger
-Hand ihre dargebotene zitternde. Tiefer Ernst, -- gebändigter Schmerz
-lag auf seinem Gesichte -- -- das ihre war eine weiße Rose im Sturm.
-
-„Edmund, ich wußte, daß Sie kommen würden!‟
-
-„Und Sie sind so bewegt, als wäre das Unerwartetste erschienen.‟
-
-„Ich bin’s, weil ich Sie erwartete! Sie erhielten meinen Brief‟ --
-
-„Ich erhielt ihn aus Korbachs Händen heute Morgen, und bin gekommen,
-ihn nach seinem ganzen Inhalte zu beantworten.‟
-
-„Ach Gott, Sie sprechen so gemessen, in einem so feierlichen Tone‟ --
-
-„Wie es eine Stunde fordert, in welcher klar werden muß, Julie, was wir
-einander sind, und fortan sein können.‟
-
-„Und war denn nicht Alles so klar, wie es sein soll und kann und mag,
-sein +wird+, wenn Sie es nicht unklar machen wollen? Edmund, ich
-leide genug, -- können denn +Sie+ mich quälen?‟
-
-„Leid von Ihnen fern zu halten war mein Ziel, seit ich Sie gefunden.
-Wenn ich es nicht erreicht, noch lange nicht erreichen werde, so liegt
-die Schuld nicht im Mangel des Willens, noch der Kraft. Jedes Handeln
-ist für jetzt unmöglich!‟
-
-„Unwürdig ist unser jedes Wort, das den Gedanken verschleiert! Sie
-wollen mir +nicht+ sagen, daß Sie nicht handeln können, Sie wollen
-sagen, daß Sie dabei +allein+ stehen wollen. Was Sie unklar
-zwischen uns nennen, das ist der Brief, mit dem ich Arnold sandte! Und
-Sie vergessen Ihre Worte: „Noch Eine sichere Hand, eine treue Seele,
-auf die Sie zählen können!‟‟
-
-„Ich habe sie nicht vergessen, -- und statt Sie zu fragen, wie Sie in
-Korbach den Mann erkannt, auf den ich zählen könne, sage ich Ihnen
-geradezu, Sie haben recht gesehen, -- er +ist+ es. Aber die
-Zeit ist noch nicht gekommen, -- und wenn sie kommt, so bedürfen Sie
-+meiner+ dann nicht mehr.‟
-
-„Edmund, glauben Sie nicht, mich durch Ihre Härte dahin zu bringen,
-daß ich etwas sage, was Sie mit Recht verletzte, damit Sie ein hartes
-Wort von mir als Schild gegen Ihr eignes Gefühl halten könnten, das
-Ihnen sagt: sie bedarf meiner! -- +Was+ ist +anders+ geworden
-seit dem Tage, wo Sie von diesem Fenster auf den Berg hinüberblickten
-und sagten: So wahr der Geist Gottes über den Wassern und jener Höhe
-schwebt, der in das Dunkel, in dem Sie wandeln, hineinrufen wird, es
-werde Licht! so lange weiche ich nimmer von Ihnen, bis mit seiner
-Hülfe die Fessel gelöst ist! -- Was ist anders geworden? -- nicht ich,
-Edmund, aber Sie!‟
-
-„Ich bin, der ich war und sein werde. Ich stand aber nie auf jener
-Höhe, wohin mich Ihr Gedanke stellte. Ich habe Nichts gethan, was Sie
-berechtigt, mich für ein übermenschliches Wesen zu halten, und das
-mußte ich sein, wenn mit dem Entschlusse für Sie zu kämpfen, nicht
-der Gedanke erwachen, mich mit Allgewalt durchdringen sollte, es ist
-+um+ Sie!‟
-
-(-- -- -- Wenn ein allgegenwärtiger Schutzgeist der Liebe die Worte
-hört und wiegt, welche als Bitte oder Schwur von Menschenlippen zu ihm
-hinaufgesendet werden, so vernahm er fast zur +selben Minute+
-das Wort, das Arnold zu seinem Freunde Günther sprach: Ich handle
-+für+ sie, nicht +um+ sie -- -- -- und tief mochte sich unter
-dem reinen Gold die Wagschale auf Arnolds Seite neigen. -- -- --)
-
-„So war es nicht immer, sagte Julie mit Innigkeit -- Sie +waren+
-wie ich Sie +sah+! Sie standen wirklich auf jener Höhe, nicht
-+ich+ habe Sie hinaufgehoben -- -- -- jetzt hinweg mit den
-Schranken, welche eine alberne Wortprüderie um uns Frauen ziehen
-will: ich selbst will Ihr Inneres vor Ihnen aufdecken. Ich habe Ihre
-Liebe zu mir zur Klarheit geführt, bis Sie selbst sagten: „Ich habe
-überwunden, und bin im Stande, ohne Wunsch und Verlangen der Freund
-eines unglücklichen Weibes zu sein,‟ -- ich lasse Sie auch jetzt nicht
-im Dunkel und sage Ihnen, der Gedanke an +Arnold+ ist es, der
-Sie zurückgeworfen in eine Tiefe, aus der Sie sich emporgerungen...
-Sie sind noch der, als den ich Sie kennen lernte, -- Edmund, -- in
-Frauenwang! -- wo Sie jenes Kind gerettet -- wo ich Sie zum ersten
-Male sah, als Sie den Sprung des de Lorges, aber nicht zwischen Tiger
-und Leu’n thaten -- -- die +konnten+ sich erbarmen, -- sondern an
-den feuersprühenden Rachen der Lokomotive hin, -- im letzten Moment,
--- wo es +keiner+ mehr wagte -- und das Mädchen emporrissen! --
--- ich höre noch den Schrei der Umstehenden -- der meine erstickte in
-der Brust -- es war ja eines Haares Breite zwischen Tod und Leben! --
-und wie Sie das Kind dann ruhig an die Säule hinstellten, aber ohne es
-auch nur einmal zu küssen -- -- -- Sie hätten es am nächsten Tage,
-vielleicht in der nächsten Stunde nicht wiedererkannt... Da zuckte
-mir’s durch die Seele, +der kann+ dein Retter sein! -- Dann
-gedacht’ ich der Kälte, mit der sie das dem Tod entrissene liebliche
-Geschöpf hingestellt -- als wär’s ein Waarenbündel, -- den nun der
-Eigenthümer wegtragen soll! Und eben +darum+, meint’ ich, konnten
-+Sie+ es sein! Wie dann die Mutter, die ihr Kind in guter Obhut
-geglaubt, herbeistürzte, -- sich zu Ihren Füßen warf, wendeten Sie sich
-mit zornigem Auge ab und sagten: Sie sind nicht werth eine Mutter zu
-sein! Dann fiel Ihr Blick, als Sie eben den Wagen bestiegen, auf mich
--- Sie sahen, wie ich den meinigen fest und lange auf Sie richtete,
-voll Bewunderung Ihrer Entschlossenheit, -- mit dem Gedanken, +dieser
-Mann wäre im Stande, auch dich von deinen Eisenschienen aufzuheben+‟
---
-
-„Und dann kalt und ruhig wegzugehen -- -- der Weihrauch der
-Bewunderung, die Mirrhe des Dankes, das Gold der echten, reinen
-Freundschaft -- -- das sind die Gaben, die selbst der Welterlöser
-erhielt, -- sollte ich unzufrieden sein? ich, der ich nichts gethan,
-als vielleicht Ihre Geduld, Ihre Hoffnung auf ein gelobtes Land der
-Zukunft gestärkt?‟
-
-„Und ist das +Nichts+? -- ist’s denn nicht tausendmal mehr,
-als +ich+ bieten konnte? Lebt’ ich nicht ohne Glauben an einen
-Menschen, ohne einen Funken Hoffnung eines Glückes, -- und hab’ ich
-Ihnen nicht Beides zu danken?‟
-
-„Der Glaube an den Menschen mußte zerfallen, eben als Sie ihn in seiner
-ganzen Menschlichkeit vor sich sahen -- -- die Hoffnung eines Glückes
-aber sollen Sie so entschieden festhalten, als ich Sie nun verloren
-habe.‟
-
-„Und an +welches konnten+ Sie glauben -- --? Edmund, dürfen
-+Sie+, die Hand auf Ihr Herz, von Täuschung, -- von Enttäuschung
-sprechen? Als Kollmann, der in Frauenwang kein Auge von Ihnen
-verwandte, Sie hier vorstellte, als er, -- mir unerklärlich, Ihnen
-Alles mittheilte -- -- was Sie von mir nie erfahren hätten, als Sie
-dann mit mir darüber sprachen und sagten, ich ruhe nun nicht eher,
-als ich in meiner Waffensammlung den Dolch gefunden, der eine Kette
-zerschneidet, von welcher kein göttliches und kein menschliches Gesetz
-weiß -- da sah ich mit dem Blicke des Weibes in der ersten Stunde,
-daß Sie +mich+ nicht -- -- wie jenes Kind hinstellen würden. Ich
-bat Kollmann, Sie nicht wiederzubringen, -- vergebens. Ich erhielt
-den Befehl mit Ihnen so liebenswürdig zu sein, wie mit allen Jenen,
--- -- deren er bedarf. Auch das sagte ich Ihnen, auf jede Gefahr von
-seiner Seite hin. Und als der Augenblick kam, den ich fürchtete, als
-Ihr Gefühl, -- wie ein heißer Quell aus Island, der das Felsenstück
-wegschleudert, um sich zu befreien, in das lang unterdrückte Wort
-ausbrach -- -- habe ich die Augen mit den Händen bedeckt --? habe
-ich Sie mit Entsetzen über ein Unerhörtes verlassen? -- haben Sie
-eine jener Frasen der fliehenden Koketterie vernommen -- ein „Mein
-Herr, was berechtigt Sie --? Ich habe mich in Ihnen getäuscht --?‟
-Oder ein ähnliches Nichts? -- -- Hat auch nur ein gepreßter Athemzug,
-ein verwirrter Blick Ihnen etwas Anderes gesagt als das heilig wahre
-Wort, das ich ruhig sprach: Wenn ich Sie liebte, so würd’ ich so
-freudig Ja sagen, als ich mit Schmerz um Ihretwillen Nein sage -- --
-so würde ich nicht einmal fragen, ob Sie mich wieder lieben! -- --
-Ich wäre darum doch nicht ein Haarbreit von jener Linie gewichen,
-die ich mir selbst gezogen, und Sie wären, wenn ich Sie liebte, ganz
-so unglücklich gewesen, als Sie jetzt zu sein glauben. Es ist einmal
-in den Sternen geschrieben, daß ein Mann keinen andern Preis seines
-Handelns und Strebens für eine Frau kennt, als +sie selbst+. Wenn
-von Enttäuschung die Rede sein kann, so bin ich es, Edmund, die das
-Recht hat zu sagen, Sie haben verheißen und nicht gehalten.‟
-
--- -- Wenn ich sagte, ich habe überwunden -- erwiederte Edmund mit
-sanftem aber festem Tone, so sagte ich damit, -- um Ihr eignes Bild zu
-gebrauchen, das Felsstück ist auf den heißen Quell gedrückt -- preßt
-ihn in’s Innerste zurück, -- -- Sie haben kein Ueberwallen mehr zu
-fürchten. Meine Worte aber, es müsse klar werden, was wir einander
-fortan sein können, sollen sagen: Bin +ich+ fortan derjenige,
-in dessen Hand Sie die Lösung Ihres Schicksales +allein+ mit
-unbedingtem Vertrauen legen wollen? -- Bin ich es, so sollen Sie die
-Frau sein, für welche ein Mann, der sie unbegrenzt liebt, +so+
-handelt, um jenes höllische Gewebe zu zerreißen, als wäre er ihr Freund
-in +dem+ Sinne, den sie verlangt -- -- ohne irgend eine andere
-Hoffnung. Bestehen Sie darauf, Ihr Geheimniß mit Korbach zu theilen, so
-gebe ich ihm alle Mittel in die Hand, die sich mir, wie ich die Sache
-verfolge, bieten werden, und behalte Nichts als das Bewußtsein, bis zum
-jetzigen Augenblicke Ihr Vertrauen ungetheilt genossen zu haben. -- Mit
-Korbach Hand in Hand gehe ich nicht. -- Unsere Wege führen auseinander.
-Der meinige ins Weite zurück, nachdem ich einen hellen, leuchtenden
-Mittelpunkt meines Lebens gefunden, der seine Kometenbahn in eine
-abgeschlossene Sfäre verwandeln konnte, -- und den ich wieder verloren.
-Wohin der seine? -- Ich kann den Lauf des tiefen, reinen Wassers nach
-dem Meere nicht hemmen, Julie, aber ich grabe ihm auch nicht das Bette
-dahin. -- Das verlangen Sie von Sembrick nicht. -- Verlangen Sie es um
-Korbach’s willen nicht! -- Vergessen Sie nicht, daß er, um mit mir zu
-wirken, Alles wissen muß, und wer verbürgt Ihnen, daß Korbach den Kampf
-zwischen der Pflicht, für Sie zu schweigen, und jener, zu entdecken,
-+so+ trägt wie ich?‟
-
-„Daran habe ich nie gedacht -- Edmund, Sie glauben unmöglich, daß
-Arnold einen Augenblick uneins mit sich sein kann‟ --
-
-„Wie er +handeln+ werde, gewiß nicht; aber täuschen Sie sich
-nicht über sein Pflichtgefühl. Er ist mit allen Banden, durch eine
-hoffnungsreiche Zukunft an dieses Land gebunden, und kann über
-das Bestehende, über die Forderung des Gesetzes nicht so leicht
-hinwegsehen! Seine Ansicht, wenn ich ihn in den wenigen Minuten
-durchschaut, -- dürfte jener nachgebildet sein, welche das Ideal
-jedes jungen Mannes sein soll, -- er wird nicht wie +Max+ seinen
-Friedland, seine Liebe opfern, -- aber er wird +empfinden+ wie
-dieser, und in den schmerzlichsten Zwiespalt mit sich gerathen.‟
-
-Julie schwieg betroffen -- sie legte die Hand auf’s Herz -- und sagte
-nach einigen Minuten leise aber heftig: „Das entscheidet! -- das
-allein. Sagen Sie nichts mehr davon -- -- Sie haben mir die Augen über
-etwas geöffnet, was ich nicht geahnt. -- -- Und Sie! -- Sie haben von
-der Last die sie trugen, geschwiegen, bis Sie dieselbe theilen sollten!
-Das ist groß -- das ist wieder +der+ Edmund, zu dem ich wie zum
-unbeweglichen Polarstern hinaufgeschaut! Sie geben sich mehr Mühe,
-klein zu scheinen, als Andere groß!‟
-
-„Und so bleibe ich denn am hohen kalten Himmel stehen, Julie, und wir
-lassen Korbach auf der warmen Erde wandeln, ohne ihn mit der Kette
-Ihres Geheimnisses zu umschlingen?‟
-
-„Es soll so sein -- -- ich werde seinen Frieden nicht brechen!‟
-
-„Und wie werden Sie gegen ihn widerrufen, was Sie im Briefe
-aussprachen?‟
-
-„Das überlassen Sie mir -- ich werde leicht Hände lösen, die sich nicht
-berührt haben -- -- und die Ihre wird die eines treuen Freundes bleiben
-wie zuvor?‟ --
-
-„Ich werde wie ein solcher handeln. Und nun, Julie, -- da mir
-Alles -- +Alles+ klar, sagen Sie mir, was Sie denn eigentlich
-gedacht, beabsichtigt welchen Plan Sie im Aug’ gehabt, als Sie mir
-+diesen+ Verbündeten sandten?‟
-
-„Gedacht? -- Plan? -- Was ist denn, -- das Eine ausgenommen, daß ich
-mir selbst treu bin und dem, was ich gut nenne, -- was +ist+
-denn in mir, was nicht Eingebung des Moments wäre? Was berechne ich?
-Eine Stunde lang sah ich Arnold, -- es fiel mir nicht ein, zu denken,
-+wie+ er Ihnen beistehen könne -- ich mußte ihn senden, -- fassen
-Sie denn nicht, daß ich diesen Augen vertrauen +mußte+? -- Ich
-fragte mich ja selbst, warum, und da ich’s nicht weiß, ist es eben ein
-Gegebenes, ein Gottgesendetes, wie alles Unerklärliche, das uns hebt
-und besser macht! Ich konnte, nachdem ich mit ihm gesprochen, mir einen
-Augenblick denken, daß es Nichts in der Welt gebe, was nicht vergeben
-und gesühnt werden könne, und das hat mir wohlgethan. Sie sagten, wer
-von ganzer Seele liebe, der könne auch von ganzer Seele hassen --
-vielleicht bin ich des Ersteren nicht fähig -- denn ich kann mir nun
-keinen Haß denken, selbst gegen den, der Alles gethan ihn zu verdienen,
-welcher nicht in ein „Gott verzeih dir wie ich!‟ hinschmelzen würde,
-wenn er mir auf dem Sterbebette, -- auf meinem oder seinem, die Hand
-reichte. Und noch vor wenig Tagen hatte ich -- +Sie+ erschrecken
-nicht vor dem Gedanken, aber +ich+ -- hatte ich zu Gott um Rache
-gerufen, -- da oben -- an der Stelle selbst! -- Vor Arnold könnte ich
-ein solches Gebet nicht laut aussprechen!‟
-
-„Ich hoffe, Sie hatten in der letzten Zeit weniger zu leiden, da
-Kollmann, wie ich weiß, selten hier war.‟
-
-„Sie wußten --?‟
-
-„Ich behalte den Freinhof stets im Auge, wenn Sie auch nicht von mir
-hören.‟
-
-„Thun Sie, was Sie um meinetwillen für gut finden. Kollmann war
-vorgestern hier, eben als Arnold gekommen war. Er ließ mich rufen,
-nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen. -- Er lag im Bett,
-rauchte seine Zigarre, -- ich saß neben dem Bette, im Nachtkleid,
--- das Fieber schüttelte mich. Er schwieg einige Zeit, -- hatte
-die Augenlider gesenkt -- da sah ich wenigstens nicht, was mir das
-Fürchterlichste ist. -- -- Sembrick -- haben Sie denn je einen
-Menschen mit so weißen Augen gesehen? Es ist gräßlich, wenn er sie
-aufschlägt und ich diese Augäpfel -- wie die eines Blinden -- nur
-mit zwei schwarzen Punkten mitten, auf mich gerichtet sehe -- -- er
-sieht Sie durch und durch, -- aber Sie können ihm nicht hineinsehen,
-nicht durch die äußerste Hülle der Seele. -- Die schmalen, eiskalten
-Züge, der lippenlose Mund -- das ist Alles nichts gegen diese Augen!
--- Endlich fragt’ er mich, wer im Freinhof -- ich nannte Alle, auch
-Arnold -- er sagte: Ich erwartete seine Rückkehr von der Reise und
-hätte ihn aufgesucht -- nun kommt er selbst, um so besser, -- so kann
-Alles durch dich gehen. -- Ich fragte: Was hast du mit dem vor? -- Nur
-Gutes, erwiederte er -- so freundlich lächelnd -- daß ich alle Mächte
-des Himmels um Schutz für Arnold anrief. -- Und doch +hat+ er auch
-schon Gutes durch mich gethan. Ich fragte, ob ich gehen dürfe, -- er
-befahl mir, die Blauhorn durch ihren Mann dringend nach dem Freinhof zu
-laden und entließ mich. Am Morgen hatte er noch eine Unterredung mit
-Pater Bernhard und reiste ab. -- Ich konnte den ganzen Tag das Bett
-nicht verlassen.‟
-
-„Und so wird und muß ein Moment kommen, rief Sembrick mit Schmerz aus,
-wo Ihre Kraft zusammenbricht, -- ich fürchte, früher, als ich oder wen
-die Vorsehung erwählen wird, Hülfe bringen kann.‟
-
-„Fürchten Sie das nicht, erwiederte Julie lebhaft, fast heiter. --
-Sehen Sie meinen Arm an, ist er weniger rund? ist das übertriebene
-Korallenroth meines Mundes verschwunden? Ich bin in einzelnen Stunden
-viel elender, und Tage und Wochen viel weniger unglücklich als Sie
-glauben. Oft fühl’ ich’s gar nicht.‟
-
-„Ihre Abhängigkeit vom Momente, wie Sie’s nannten, ist in Ihrer Lage
-ein Gottesgeschenk. Ich gedachte aber des Nervenfiebers, von dem Sie
-mir erzählten.‟ --
-
-„Das war bald nach dem ersten Sturme, und gerade damals war die
-Sklavenkette leichter. Kollmann sagte: „Ich verlange von dir, daß du so
-liebenswürdig, so reizend, so unwiderstehlich sein sollst, als du sein
-kannst, gegen Alle, die ich dir bezeichne, dafür magst du es auch gegen
-Jeden sein, den du selbst wählest, ich ziehe dir keine Schranken.‟ --
--- Ich bedurfte auch keiner; sie hätten Nichts verhindert, wenn ich von
-Gott nicht so geschaffen wäre, daß ich nicht untergehen kann. Meine
-Natur stößt nun einmal das Schlechte zurück.‟ --
-
-„Das ist’s, was Ihnen die alleinseligmachende Clique nicht verzeiht
--- hörten Sie’s doch selbst, wie Einer davon zum Andern sagte: Sie
-muß doch untergehen, -- sie hat keinen +Halt+, -- wenn sie noch
-rein ist, so ist’s nicht die Tugend der Grundsätze, sondern jene
-anmaßende, auf sich ruhende! -- -- und diese ist ihnen weit verhaßter
-als selbst die Sünde. Diesen Menschen ist eine Frau welche fällt, dann
-an dem Blumenstabe des Entsündigungs-Apparates hinaufkriecht und auf
-den positiven Krücken weiterhinkt bis zum nächsten Falle, hundertmal
-lieber, als eine, die das in ihren Augen unverzeihlichste Verbrechen
-begeht, ihrer nicht zu bedürfen, und gut zu bleiben, weil sie eben
-nicht anders kann und will!‟
-
-„Ich war gefeiert, und das war ein zweites Vergehen. Ich konnte mich
-dessen +freuen+; auch Sie waren in dem Irrthum, daß die Feuerräder
-und farbigen Raketen, die ich in der Gesellschaft spielen ließ, nur
-am Höllenfeuer des Schmerzes angezündet seien, welche eine heroische
-Willenskraft in sprühende Bouquets verwandelte, ich +war+ aber
-hundertmal das als was ich +erschien+, ein gefeiertes junges Weib,
-das sich des Augenblickes freut.‟
-
-„Für mich war immer Alles rein, Julie, wo die Welt trübe sah -- wenn
-ich aber alles Willkürliche, alles Unberechenbare an Ihnen begreife, so
-fasse ich das +Eine+ nicht, wie Sie hier -- so nahe jener Stelle,
-nach welcher Kollmann drohend den Arm ausstreckt wie ein Wegweiser zur
-Hölle, -- wohnen, -- auch nur eine Stunde frei athmen können; und doch
-war der Freinhof +Ihr+ Gedanke!‟
-
-„Und das glaubten Sie? weil Sie hörten, daß ich den Plan angegeben,
-das Werk gefördert? +Er+ hat es gewollt, -- ein Nein gibt es
-ja nicht. Er mochte denken, dieser Ort hält das Bild lebendig, vor
-welchem wie vor dem Medusenschilde jeder Gedanke des Widerstandes
-erstarrt. -- Vielleicht will er ihn auch überwachen. -- Und neben der
-großen teuflischen Idee das kleine Gewimmel von klugen Berechnungen und
-Vorahnungen, wie der Freinhof so herrlich allen Zwecken entsprechen
-werde, wie da ganz anders auf Jeden gewirkt werden könne, jedes Wort
-einen andern Klang habe, wenn es die Weiber beim Ton der Zither, die
-Männer beim Male nach der Jagd vernehmen! -- daß ich hier frei athme?
-wenn ich den Nächten der +ersten+ Woche nicht erlegen, so war es
-gewiß, daß ich in der zweiten Ruhe fand, in der dritten die Besuchenden
-empfing, wie Kollmann gebot. -- Ich bin eines stillen Hinliegens in
-ewigem Schmerze nicht fähig. Daß aber die Thränen jener Stunden, wo ich
-verzweifeln möchte, hinreichen werden, um das frohe Lachen der andern
-zu verlöschen, wenn es als Sünde in mein Schuldbuch geschrieben wird,
-das hoffe ich so gewiß, als ich mit Arnold an endliche Sühnung jeder
-Schuld glaube.‟
-
-„Vielleicht würde auch er fühlen, wenn ihm Ihr Schicksal enthüllt wäre,
-daß es Lagen gibt, wo der Mensch erst dann vergibt, wenn Gottes Gericht
-über den Schuldigen hereingebrochen, -- so wie Gott vergeben mag, wo
-die Menschen gerichtet --!‟
-
-„Edmund --!‟ rief Julie -- -- es war ein Aufschrei des Entsetzens --
-ihr Blick eine Bitte um Erbarmen -- --
-
-Er faßte ihre Hand und sprach bedeutungsvoll: „Vergebung! Julie! -- --
-Noch sehe ich keinen Ausweg, kein Licht. -- Ich verlasse Sie, um nach
-dem Ort zu reisen, wohin Sie nicht denken sollen ohne sich zu erinnern,
-daß ich in einem +schwereren+ Kampfe gesiegt als der, dem ich
-entgegengehe!‟
-
-„Ich habe Gott darum gebeten, und er hat mich erhört‟ --
-
-„Er wird auch Ihr zweites Gebet hören! -- in wenig Tagen bringe ich
-Ihnen Nachricht.‟
-
--- -- Er schied, und Julie las in seinem letzten Blick voll Schmerz und
-Liebe, daß Gott ihr Gebet nicht erhört habe. Das war noch nicht die
-hohe, ruhige Flamme, die aus dem Auge des Siegers leuchtet -- es war
-nur Ergebung, -- nicht Erhebung.
-
- * *
- *
-
-Sembrick kehrte von der Reise, welche zum Zweck hatte gewisse
-Verhältnisse an einem Orte, wohin wir ihm später folgen werden, zu
-erkunden, am vierten Tage seiner Verheißung gemäß, zurück.
-
-Mit sichtlicher Betroffenheit vernahm er, daß Kollmann mit Julie den
-Tag zuvor den Freinhof verlassen. Es war einiges leichte Reisegepäcke
-mitgenommen worden. -- Das Wohin wußte Niemand.
-
-Vergeblich sann Edmund nach. Was Kollmann begann, wurde selten klar,
-ehe es durchgeführt war. Er fragte nach Knorr; es war möglich, daß
-dieser mehr wußte als die Diener.
-
-Man wies ihm dessen Wohnung, welche übrigens vom ganzen Thalgrunde
-aus sichtbar war. Hart am Ende des Parks, der den Hof umgibt, erhebt
-sich eine steile, kegelförmige Anhöhe, mit Fichten rings bewachsen,
-auf deren Gipfel altes Gemäuer steht: die Ruine einer Kapelle und
-eines Gebäudes, welches einige Mönche vor Jahrhunderten bewohnt haben
-mögen. Kurze Zeit vor Erbauung des Freinhofes hatte Knorr, auf dessen
-Vergangenheit wir später zurückkommen werden, den Waldkegel sammt
-der Ruine von der Grundherrschaft, dem Kloster St. Martin angekauft,
-das Gebäude so weit herstellen lassen, daß es nun einige freundliche
-Wohnzimmer und eine Küche enthielt, und sich mit einer alten Bäuerin,
-welche seinen Haushalt besorgte, darin festgesetzt und gegen Alles
-behauptet, was, wie wir sogleich hören werden, aufgeboten wurde, um ihn
-zu vertreiben. Der übrige Theil der Ruine blieb in dem Zustande, worin
-er sie gefunden.
-
-Als Sembrick den Waldpfad hinanstieg, hörte er Schüsse in kurzen
-regelmäßigen Zwischenräumen und fand Knorr auf dem kleinen Plateau
-vor seiner Wohnung beschäftigt, aus einem achtläufigen Revolver nach
-einem, die Spuren zahlloser Kugeln weisenden, Baumstamme zu feuern, auf
-welchem mit Kreide Buchstaben, Kreise und sonstige Figuren gezeichnet
-waren. Auf der Bank vor der Hausthüre lag ein ganzes Arsenal von vier-,
-sechs- und achtläufigen Revolvers nebst Kugeln u. s. w.
-
-„Gegen wen, lieber Knorr -- rief der Baron -- vertheidigen Sie denn Ihr
-Raubnest mit einem so mörderischen Feuer?‟
-
-„Gott zum Gruß, verehrter Baron, man muß sich auf dieser Welt voll
-ewigen Friedens stets in der Verfassung erhalten, nöthigenfalls ein
-Licht auszuschießen, brenne es auf einer Millykerze oder in einem
-Kopfe!‟
-
-„Lassen Sie einmal sehen!‟ erwiderte Edmund, dem es darum zu thun war,
-Knorr näher kennen zu lernen, den er bis dahin wenig beachtet hatte,
-aber nach Reilands Mittheilungen nun nicht für unbedeutend hielt. „Ich
-bin auch keiner der schlechtesten Schützen!‟
-
-„Ich bitte anzufangen! Alle sind geladen.‟ Sembrick versandte mit
-Meisterhand Kugel auf Kugel nach den Zielen, Knorr aber schoß fast
-jedesmal in das Loch, welches jene des Barons gebohrt, welcher sich
-endlich für überwunden erklären mußte.
-
-„Nun den letzten Schuß!‟ sagte Knorr. -- „Sehen Sie, der geht auf den
-schwarzen Stummel da unten, mit den zwei weißen Augen von Kreide, da
-rufe ich immer hinab: Gute Nacht, Nachbar Kollmann, und jage ihm eine
-Kugel in die Rinde.‟
-
-„Eine schöne freundnachbarliche Gesinnung! -- rief lachend der Baron,
--- Sie machten ein Gesicht dazu, daß ich kaum bezweifle, Sie möchten
-alles Ernstes den Abendgruß hinabsenden, wenn’s gut anginge.‟
-
-„Von Herzen gern! aber es würde vor der Hand zu Nichts führen.
-Uebrigens sind Sie herausgekommen, um zu fragen, wohin die Nachbarn
-gereist, und ich bedaure nicht mehr zu wissen, als der Stummel dort.
-Sie könnten mich aber wenigstens über einiges Andere ausholen!‟
-
-Sembrick ging in Knorrs Stil und Idee ein und entgegnete: „Das hatte
-ich vor, und nun möchte ich Ihnen vor Allem auf den Zahn fühlen, warum
-Sie Ihren Nachbar, in dessen Hause ich Sie doch traf, ~in effigie~
-erschießen, mit dem frommen Hintergedanken, es wirklich zu thun?‟
-
-Statt der Antwort führte Knorr den Baron um das Haus herum in die
-Ruine, die hölzerne Stiege hinan, welche die vorige steinerne
-im Innern des zur Hälfte eingestürzten Thürmchens ersetzte, von
-dessen Höhe man die Rundsicht über das Thal genoß, und sagte, über
-die Gegend hinzeigend: „Länderdurst, Herr Baron, das Fantom der
-Universalmonarchie, welches meinen Nachbar hetzt, ist jener Grund
-unseres Haders, von dem sich sprechen läßt. Ein anderer, triftigerer
-liegt freilich vor, davon habe ich aber nicht vor, zu reden. Sehen Sie
-um sich! Alles ist sein Gebiet. Bloß mein Fichtenkegel und meine Burg
-stecken ihm wie ein Pfahl im Fleisch, daß er sich nicht arrondiren
-kann. Zuerst bot er mir den dreifachen, dann den sechsfachen Preis für
-den alten Steinhaufen und die Paar Stämme. Ich bin aber kein Fürst
-Hohenzollern und trete meine Souverainität um keine preußischen, noch
-andere Thaler ab. Da sich aber in der Gegend die Ansicht herausgebildet
-hatte, ich sei halb oder dreiviertels verrückt, so überreichte er
-dem Landesgericht eine gediegene Abhandlung über meine Narrheit, um
-mich unter Kuratel zu bringen und dem Kurator mein Land abzukaufen.
-Ich wurde von den Gerichtsräthen und einem Doktor scharf auf meinen
-Verstand inquirirt, und es fand sich gerade so viel vor, daß der
-Nachbar abgewiesen wurde. Nun bot er mir einen Friedenstraktat, den
-Frau Julie unterhandelte. Seitdem sind wir die besten Freunde, wie
-Oesterreich und Piemont.‟
-
-„Aber was bewog Sie denn, um dieses höchst romantischen, aber eben so
-uncomfortablen Aufenthalts willen einen solchen Vernichtungskampf zu
-bestehen?‟
-
-„Es ist sonst kein Platz im Thale, da Alles ihm gehört, und ich muß die
-Gegend bewachen, wie ein Bulldog, denn es liegt irgendwo ein Schatz
-darin, der gehoben werden muß.‟
-
-Es schien Sembrick, daß nun wirklich eine Saite klinge, welche nicht
-nach der Stimmgabel des gesunden Menschenverstandes gestimmt sei. Er
-erwiderte: „Da haben Sie vollkommen Recht, und Sie werden ihn auch
-finden und heben, wenn Sie genug Geduld und Ausdauer besitzen.‟
-
-„Sie gehen geschickt auf meine fixe Idee ein, Herr Baron, aber es ist
-bloß bildlich zu nehmen. -- Sie finden es hier nicht comfortable, aber
-glauben Sie mir, es ist auf meinem Thurm gemüthlicher, als da unten im
-Freinhof.‟
-
-„Wenigstens gegen einen Handstreich sind Sie mit Ihrer Artillerie und
-diesen zwei ungeheuren Hunden gesichert.‟
-
-„Hinter dem Hause sind noch zwei. Es sind drei hohe Tenore und ein
-Sopran. Wir fünf zusammen bringen manchmal dem Freund und Nachbar unten
-ein Ständchen. Wenn der Vollmond über dem Wetterstein steht und die
-leichten Nebel auf- und abkriechen, da fangen meine vier Neufoundländer
-alle zu heulen an, und ich begleite sie mit dem Posthorn und knattere
-mit den Revolvers dazwischen. Herr Baron, -- -- dem Nachbar klingt das
-Geheul meiner Hunde, als ob vier Teufel ein langgezogenes: Du -- --
-Schuft -- --! hinausbrüllten! Ich weiß das. Die rechten Teufelsnächte
-sind bei uns nicht die schwarzen, sondern eine oder die andere helle,
-die die ganze weiße zarte Nebelsippschaft aus den Felsenkammern da
-drüben in den Mondschein herauslockt. Wir Beide sind aufgeklärte Männer
-und glauben an keine Geister. Aber meine Hunde sind anderer Ansicht.
-Nun hat mir das Bezirksamt das Schießen und Hornblasen nach neun Uhr
-verboten, und seitdem arbeitet bloß das Vokalquartett.‟
-
-„Sie werden mir glauben, daß mir die Erscheinung Kollmanns so wenig
-simpathisch ist, wie Ihnen, allein auf die zwei Worte des Textes, den
-Sie der Melodie Ihrer Hunde unterlegen, ließe sich schwer ein Verfahren
-gründen; somit muß man eben durch freundschaftliche Theilnahme das,
-wie es scheint, nicht immer heitere, Loos dieser Frau zu erleichtern
-suchen.‟
-
-Das Gesicht Knorrs nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. „Herr Baron,‟
-sagte er, „ich habe das Vorhandensein meines Verstandes vor Gericht
-erwiesen und ein günstiges Gutachten in meinem Kasten. Auf Grundlage
-desselben erkläre ich Ihnen, daß Sie mich jetzt über Etwas sondiren,
-wovon Sie mehr wissen, als ich. Wenn ich aber einmal mehr weiß, als
-Sie, so werde ich nicht erst warten, bis Sie heraufkommen.‟
-
-Sembrick wollte mit Knorr, über dessen Farbe und Gesinnung er nun im
-Reinen war, auf gutem Fuße bleiben, und sagte, dessen geänderten Ton
-nicht beachtend: „Wir verstehen uns, -- man muß eben Alles der Zukunft
-überlassen, ich bitte Sie nur, der Frau Julie bei ihrer Rückkehr zu
-sagen, daß ich +dort+ war, das Terrain geprüft habe und nicht ohne
-Hoffnung zurückgekommen; mehr könnte ich auch ihr selbst nicht sagen;
-für +jetzt+ sei es aber unmöglich, Etwas zu thun.‟
-
--- -- Vielleicht war im tiefsten Grunde der Seele des „Siegers über
-sich selbst‟ ein Atom von Befriedigung über diese Unmöglichkeit. Er
-hatte als Kavalier, als Mann von Ehre die Stellung angenommen, in
-welche ihn die letzte Unterredung mit Julie zurückdrängte. Aber
-durch die Bande, die das Wort trug, war das Gefühl nicht gebunden.
-Er war keineswegs über die Jahre hinaus, wo Gefühle ihre volle
-Herrschaft behaupten, -- wenn es überhaupt Jahre gibt, die ein solches
-Hinaussein bedingen, -- aber sicher über jene, wo man sich über ihre
-Namen täuscht. Wenn er jedoch klar genug über sich selbst war, eine
-+Leidenschaft+ nicht +Liebe+ zu nennen, so war dieß zwar
-hinreichend, seine edle Natur zum Kampfe gegen dieselbe aufzufordern,
--- aber noch nicht, ihn heute als Sieger vom Freinhofe scheiden zu
-lassen.
-
-Mit einem Ausdrucke, welcher der Abglanz der innern Fehde war, sah er
-Arnold nach, als er diesen, wie wir erzählt, auf seiner Fahrt nach
-Korbach im Bahnhofe zu Pottenbach traf, wo er den Blick nach dem Felsen
-auf der Höhe, den Herzensgruß nach dem Freinhofe sandte.
-
-Sembrick war zu ernst gestimmt, um darüber zu lächeln, daß der Gruß
-nach dem leeren Schweizerhause hinüberflog.
-
-
-
-
-Der Prior von Sankt Martin.
-
-
-Aber freundlich mochte der alte Berggeist, wenn er etwa in jener Stunde
-von dem die Straße hoch überragenden Felsengipfel der Föhrleiten
-sein Gebiet überschaute, gelächelt haben bei jenem Blicke Arnolds.
-+Ihm+ hat er Kühlung in labenden Lüften nachgesendet auf seiner
-heißen Fahrt. -- Und sicherlich eine Hagelwolke einem +Andern+,
-der fast zur selben Stunde nach der Höhe hinaufsieht -- und +auch+
-des Freinhofs gedenkt, -- und auch einen Gruß hinübersendet, -- aber
-nicht aus treuem Herzen und +blauen+ Augen an die reizende Julie,
-sondern aus einer falschen Seele und +pechschwarzen+ Augen an
-den Gebieter derselben, den ihm gleichgesinnten und geistesverwandten
-Kollmann.
-
-Es ist Pater Bernhard, der Prior von Sankt Martin, den sein Weg nach
-dem Stifte, wohin er sich von der Residenz begibt, nahe am Freinhofe
-vorüberführt. Wir eilen ihm nach dem Schauplatze seiner gegenwärtigen
-Thätigkeit voran, um seine vergangene zu beleuchten.
-
-Das Stift liegt im Gebirge, fünf bis sechs Stunden von Korbach, etwa
-halb so weit vom Freinhofe, ein Dreieck mit diesen beiden Punkten
-bildend. Es gehört einem Orden, welcher grundsätzlich seine Wohnungen
-in Thälern baute, so wie andere auf beherrschenden Höhen.
-
-In seiner abgeschiedenen Lage in einem weiten, tiefen Thale zwischen
-den Ausläufern des Hochgebirges, bisher nicht berührt von den Tendenzen
-der Zeit, hatte sich das Kloster bis zu den Tagen unserer Begebenheit
-begnügt, seine geistliche und weltliche Mission von der realistischen,
-soliden Seite aufzufassen, ohne sich in Spekulazion, weder in
-transzendentem noch pekuniärem Sinne, einzulassen.
-
-In weltlicher Beziehung kehrten seine Kühe, Ochsen und Schweine mit
-Medaillen behangen von den Viehausstellungen zurück, die Stämme seiner
-Waldungen wurden zu den profansten Bauwerken der gottlosen Industrie um
-schweres Geld gekauft, auf seinen Feldern schienen die sieben fetten
-Jahre Egiptens in Permanenz erklärt.
-
-Der Prälat hatte, während Viele seiner Standesgenossen sich an
-Akziengesellschaften betheiligten, ja selbst durch vertraute Hände
-in Fonds zu operiren versuchten, die bedeutenden Geldkräfte seines
-Klosters auf Bodenkultur verwendet, jede Verbesserung und praktisch
-bewährte Neuerung auf seinem Gebiete durchgeführt, ohne Opfer zu
-scheuen, aber auch ohne den Zweck zu erreichen, den er nächst dem
-Gedeihen des Klosters im Auge hatte, nämlich die Bauern zur Nachfolge
-zu bewegen. -- Sie schrieben in bequemer Verstocktheit den Wohlstand
-der Klosterwirthschaft, im Gegensatze zu ihren eignen magern Kühen
-und Feldern, lieber einem besondern Schutze des Himmels zu, als ihrer
-eigenen Faulheit und Indolenz.
-
-In geistlicher Hinsicht beschränkte sich das Kloster St. Martin
-auf die unteren, sinnenfälligen Funkzionen, die grobe Arbeit an
-der Kultusmaschine. Es hatte ein gut organisirtes, lebhaftes
-Wallfahrtswesen, führte ein reiches Lager von Rosenkränzen und
-Heiligenporträts auf Hausenblase und auf Spitzenpapier und Goldgrund,
--- worunter namentlich ein St. Martin, seines aufsteigenden Schimmels
-und carminrothen Mantels halber, starken Absatz fand, -- und besaß ein
-in diskreten Zwischenräumen wirksames Mirakelbild.
-
-Die jungen Kleriker wurden zu tüchtigen Oekonomen, und, in Betreff der
-Seelsorge, zu Leuten herangebildet, welche zwar nicht mit dem feinen
-hochkirchlichen Fleuret zu fechten, aber mit den Schwefelstangen und
-Pechkränzen, welche die alte theologische Rüstkammer darbot, umzugehen
-wußten. -- Die Männer, mit welchen das Kloster die vielen von ihm
-abhängigen Pfarren besetzte, gehörten fast Alle zu jenem zähen, rothen,
-kräftigen Schlage von Landgeistlichen, welche mit nie ermüdendem
-Pflichtgefühl die Speise des Trostes in der Nacht Stunden weit durch
-den Schnee in die Hütte des Holzknechtes tragen, -- dafür aber auch
-keine „Narren ihr Lebelang‟ sind. Sondern -- sie halten Weib, Wein
-und Gesang -- statt des letzteren häufig Blas- und Streichinstrumente
--- für Gottesgaben, deren letztere die Kirche überhaupt gestattet,
-die erstere aber, so zu sagen, nur auf erlaubtem Wege verboten, auf
-verbotenem aber stillschweigend erlaubt habe, -- in welcher Beziehung
-auch das natürliche, gesunde Urtheil der Gemeinde stets ziemlich
-nachsichtig gefunden wird, wenn der Geistliche sonst seine Pflicht
-gegen sie erfüllt.
-
-Ein einziger Posten erforderte in neuerer Zeit einen höher gebildeten,
-taktvollen, aufgeklärten Priester, einen Mann von anderer Befähigung,
-als welche für die Bauerndörfer ausreichte. Dieß war das Korbachthal.
-Der kluge und wohldenkende Prälat hatte den einzigen hiezu vollkommen
-Geeigneten in der Person des bereits erwähnten Pfarrers Namens
-+Valentin+ ausersehen.
-
-Die Stürme, welche im Jahre 1848 in den Ebenen wütheten, brachen
-sich an den Bergen, und der einzige Windstoß, welcher nach St.
-Martin hinüberwehte, war eine halbe Kompagnie Studenten, welche
-auf requirirten Wagen angefahren kamen, das Kloster für aufgehoben
-erklärten, an die Thore „Nazionaleigenthum‟ anschrieben, und wieder
-abfuhren, nachdem sie von den Geistlichen gut bewirthet und von den
-Bauern mit Erschlagen bedroht worden waren. --
-
-Der Prälat begriff seine Zeit, und fürchtete für den materiellen
-Bestand seines Stiftes Nichts von den Ideen des Fortschrittes, gegen
-deren geistige Wirkungen der Zustand der Bewohner und Umwohner
-hinreichende Bürgschaft bot, und deren etwaigen gewaltsamen
-Kundgebungen die Regierung mit dem Bajonette und der Bauer
-mit dem Dreschflegel entgegentrat. Er fürchtete die Ideen des
-+Rückschrittes+. Sie schienen ihm +allein+ gefährlich für die
-Ruhe, das Bestehen und Gedeihen dieses behaglichen, gesunden Körpers,
-der ein überlebtes Prinzip mit einer noch für ein halbes Jahrhundert
-ausreichenden Lebenskraft repräsentiren konnte, wenn er in seinem
-Organismus nicht gestört wurde. --
-
-Er las das von der Regierung abgeschlossene Konkordat gleich so vielen
-Helldenkenden seines Standes mit dem Vorgefühle der schlimmsten
-Folgen, und die höchste kirchliche Gewalt machte ihm den Eindruck jenes
-Verstorbenen zu Edimburg, auf dessen Grabstein die Worte stehen: „Ich
-war gesund, wollte noch gesünder sein, nahm Medizin und starb.‟ --
-
-„Wir wollen es besser haben als gut, -- sagte er, und werden es
-schlechter haben.‟ --
-
-Als einige Zeit hierauf ein Besuch des Erzbischofs, mit welchem er
-bisher auf freundlichem Fuße gestanden, erfolgte und dieser nach
-vielen Fragen über die Zustände des Klosters die Wiedereinführung
-der alten, strengen, seit einem Jahrhundert außer Uebung gekommenen
-Ordensregel verkündigte, trat er ihm mit Energie entgegen und setzte
-das Unangemessene und Nachtheilige einer solchen Maßregel zuerst
-mündlich, und später in einer schriftlichen Eingabe auseinander.
-Nach wenigen Tagen erschien eine im gregorianischen Stile gehaltene,
-niederschmetternde Zurechtweisung, welche das Gefühl des biedern
-Prälaten, der durch fünfundzwanzig Jahre dem Stifte zur Zufriedenheit
-seiner Untergebenen vorgestanden, so verletzte, daß er in eine schwere
-Krankheit verfiel, von welcher er sich nicht wieder erholte.
-
-Pater Bernhard übernahm nun als Prior die faktische Leitung und stellte
-sich an die Spitze der sehr kleinen Partei im Kloster, welche sich
-dem Konkordat mit allen seinen Konsequenzen anschloß, und aus den
-wenigen Ehrgeizigen bestand, die durch ihre, mit jener der Mehrheit
-kontrastirende Haltung die Gunst des Erzbischofs zu gewinnen suchten,
-dessen Vertrauen der Prior nun in hohem Grade besaß.
-
-Dieser war vor Jahren mit Bewilligung des Prälaten aus dem Kloster,
-und als Erzieher in das Haus des Fürsten Leuchtendorf getreten, dessen
-Günther bei Aufzählung der Freinhof-Gesellschaft erwähnt hatte, als er
-zwei dort auf Besuch anwesende Fräulein als seine Töchter bezeichnete.
-Er eignete sich einen Grad von wissenschaftlicher und Weltbildung
-an, welche ihn vor seinen Mitbrüdern auszeichnete, die von seinen
-vielversprechenden Mittheilungen bestochen, ihn zum Prior wählten, als
-dessen Stelle erledigt worden.
-
-Pater Bernhard kehrte als solcher ins Kloster zurück und sein nächstes
-Ziel war nun der Krummstab des infulirten Prälaten.
-
-Seine Stellung war eine schwierige. Starb der Prälat, so wurde seine
-Stelle durch Wahl besetzt und diese Wahl fand durch Stimmenmehrheit
-statt. Durch sein Auftreten für den Erzbischof hatte er aber alle
-Popularität verloren.
-
-Er segelte mit vieler Geschicklichkeit durch die Klippen. Nachdem
-er sich zuerst die Gunst seines Beschützers gesichert, indem er
-in kräftigen, beredten Worten den Geistlichen die Nothwendigkeit
-auseinandersetzte, sich den Bestimmungen desselben zu fügen,
-bearbeitete er Jeden einzeln und machte ihm begreiflich, daß in der
-+Ausführung+ dieser Bestimmungen alle erdenklichen Erleichterungen
-eintreten könnten, wenn ein Mann auf dem Prälatenstuhle säße, der ein
-Auge zudrücke. Allerdings hatten die Brüder dieses Augezudrücken von
-Jedem aus ihnen so sicher und sicherer zu erwarten als von ihm; wählten
-sie aber einen Andern, so blieb seine Feindschaft und jeden Augenblick
-Denunziazion beim Erzbischofe zu fürchten.
-
-Er brachte es auf diesem Wege durch Furcht und Hoffnungen dahin, daß
-er gegenwärtig mit Sicherheit auf eine Majorität von drei Viertheilen
-rechnen konnte.
-
-Sein nächstes Ziel schien erreicht und er dachte bereits über dasselbe
-hinaus.
-
-Dieser Mann baute die Schlösser seiner Zukunft so, daß wenn das
-Nächste unter Dach gebracht, ein zweites in halber Höhe dastand und
-zu einem dritten bereits die Grundfesten gelegt wurden. Er war in
-seinem fünfunddreißigsten Jahre und hatte keineswegs vor, weitere
-fünfunddreißig Jahre als Muster-Oekonom und behaglich friedlicher
-Oberhirt des Waldklosters zu verleben. Wenn er jetzt schon in
-seinen Gedanken über den noch von einem Andern besetzten, erst zu
-besteigenden Prälatenstuhl hinausflog nach einem erzbischöflichen, so
-ist es natürlich, daß er gegen die Abendsonne seines Lebens keinen
-andern Schutz träumte, als den Schatten der breiten Krempe eines
-Kardinalshutes.
-
-Der Erzbischof, ein Menschenkenner wie wenige, wußte den Mann nach
-seiner Brauchbarkeit zu würdigen, ohne ihn zu überschätzen. Er hielt
-ihn für fähig, auf dem Schlachtfelde der streitenden Kirche ein
-Armeekorps kühn und klug zu kommandiren, nicht aber in den geheimen
-Berathungen am grünen Tische des hohen kirchlichen Generalstabes
-mitzustimmen. Er durchschaute seine Pläne, vielleicht seinen
-Gedankenflug bis zum runden Hute, er sah aber auch das Bleigewicht,
-welches nach seiner Ansicht diesen Flug hemmte.
-
-Dieß Gewicht war die +Eitelkeit+ des Priors, die ihn hinderte
-+vollständig+ im +Prinzip aufzugehen+. Er konnte sich die
-kleine Befriedigung nicht versagen, seinen inneren freieren Standpunkt
-bei gewissen Gelegenheiten gegen Solche zur Schau zu tragen, welche er
-auf dem gleichen vermuthete, um intelligenten Männern gegenüber das
-~prestige~ der eignen Intelligenz zu wahren. In keinem Stande ist
-aber so unbedingt wie in dem seinigen ein gegenseitiges Zugeben des
-Unglaubens an gewisse Satzungen verboten: der Aspirant auf eine hohe
-Stufe in der Hierarchie darf mit sich allein, in seinen vier Wänden,
-vor seinem Spiegel nicht anders sprechen und erscheinen als vor dem
-Fremden. Zwei Kirchenfürsten mögen ihren beiderseitigen Standpunkt noch
-so klar erkennen: sie werden nie, nicht im vertraulichsten Gespräche,
-die Form der Ueberzeugung ablegen. -- Pater Bernhard ließ so gern ein
-„wir verstehen uns‟ durchblicken, -- er war Parvenü, indem er sich
-gern als Eingeweihten gab, der vor einem andern Eingeweihten die Maske
-lüften dürfe.
-
-Vielleicht würde der Prior diese Schwäche ablegen, wenn er erst die
-rechte, wirkliche Höhe erklommen. Jedenfalls mußte dem Erzbischof,
-der die Zügel in seiner Diözese straff anzuziehen beschlossen hatte,
-ein Kopf und eine Hand wie die des Pater Bernhard in einem Zeitpunkte
-erwünscht sein, wo das Kloster St. Martin durch die Verhältnisse in
-Korbach besondere Bedeutung gewann.
-
-Die protestantische Kolonie war von einer kleinen Niederlassung von
-sechs oder acht Familien im Lauf eines Jahres durch Einwanderung auf
-mehr als 300 Seelen angewachsen. Zwischen den Arbeitern der beiden
-Konfessionen bestand ein ungetrübt freundliches Einvernehmen. Die Wahl
-der ins Land gezogenen Protestanten war durchgehends auf sittliche,
-fleißige, verträgliche Leute gefallen, welche sich gegen die Katholiken
-so zuvorkommend benahmen, daß die beiden Seelsorger in ihrem Bestreben,
-die Eintracht zu erhalten, das leichteste Spiel hatten.
-
-Dieses Hand in Hand Gehen konnte nach der Ueberzeugung des Erzbischofs
-nur zum Nachtheile des Katholizismus ausschlagen.
-
-Der sogenannte „aufgeklärte Katholik‟ der gebildeten Stände -- eine
-Sekte, welche die Kirche nun einmal dulden muß, und welche, wenn nicht
-mit+wiegt+, wenigstens mit+zählt+ -- wird sich im Verkehr
-mit dem gebildeten Protestanten vor dem „Ansteckungsstoffe‟ bewahren:
-es ist wenigstens so leicht keine Abtrünnigkeit zu fürchten, da die
-Anschauung nahezu die gleiche ist, und, Ausnahmsfälle abgerechnet,
-Jeder aus Gefühls- oder Konvenienzgründen seine Form beibehält.
-
-Nicht so der gemeine Mann, -- der Arbeiter. Ist er einmal in
-beständigem Verkehre mit den Bekennern der andern Konfession auf den
-Punkt der Reflexion gelangt, wo er mehr als +einen+ Weg nach jenem
-Himmel für möglich hält, der ihn für die zehn täglichen Arbeitsstunden
-seines Erdenlebens entschädigen soll, so wird es nur eines lockenden
-materiellen Anstoßes bedürfen und der Schritt hinüber ist geschehen.
-
-Und an eine solche Mehrheit der Wege lernten die katholischen Arbeiter
-glauben, wenn sie das Wort der Duldung aus dem Munde des eigenen
-Priesters vernahmen, und an ihren Kameraden jene Redlichkeit und
-Zufriedenheit im Leben, jenes ruhige Gottvertrauen im Sterben sahen,
-welches eben die Wirkung des echten der drei Ringe Nathans.
-
-Als die Nachricht von dem abgeschlossenen Konkordate nach Korbach kam,
-wurde sie von den Protestanten mit großer Bestürzung aufgenommen. Der
-alte Korbach erklärte ihnen, daß sie nichts zu besorgen hätten, -- er
-werde sie kräftiger unterstützen als bisher, -- ihr Bethaus könne man
-nicht sperren, ihren eigenen Friedhof hätten sie ohnedem, und was die
-gemischten Ehen betreffe, so müsse nun einmal in Zukunft ein Theil
-dem andern nachgeben, -- sie würden sammt ihren Kindern selig werden,
-ob sie vom Pfarrer oder vom Pastor getraut seien. Schwerer waren die
-Katholiken zu beschwichtigen. Als sie von Beichtzwang, Kirchenstrafen
-u. drgl. hörten, erklärte eine große Anzahl, daß sie beim ersten
-Versuche einer gewaltsamen Durchführung augenblicklich zum Pastor gehen
-und sich „lutherisch machen lassen‟ wollten. Pfarrer Valentin beruhigte
-sie mit der auf eigene Gefahr gegebenen Versicherung, es seien dieß
-Uebertreibungen von Solchen, die es schlecht mit der Kirche meinten.
--- Die Gemüther beruhigten sich, die schlimmsten Befürchtungen trafen
-nicht ein, da mehrere der aufreizendsten Verfügungen des Konkordats auf
-dem Papiere blieben. --
-
-Man hatte in der Hauptstadt davon zu sprechen angefangen. Die frommen
-Zirkel, deren Mittelpunkt Prinzessin Marie, hatten bereits einen
-Kreuzzug gegen Korbach gepredigt, die Oberhofmeisterin Gräfin Merfey
-Bernhard im Leuchtendorf’schen Salon gefragt, ob denn sein Prälat
-~les bras croisés~ dem Unwesen zusehen werde -- und er hatte
-geantwortet, der kranke Herr sei unzurechnungsfähig, ein energischer
-Hirt würde die Herde bald von räudigen Schafen reinigen.
-
-Nun kam die glänzende Gabe zum Kirchenbau; die Prinzessin hielt sich an
-die Thatsache in der offiziellen Zeitung und hielt den alten Korbach
-für einen Bekehrten.
-
-In diesem unentschiedenen Zustande waren die Dinge bei Bernhard’s
-Wiedereintritt ins Kloster, und er fand ihn für seine Pläne höchst
-ungelegen.
-
-An seiner Wahl zum Abte nicht mehr zweifelnd hatte er vor, den Antritt
-des hohen Amtes durch einen großen, weithin glänzenden ~coup
-d’état~ zu bezeichnen. -- Der Thron von St. Martin sollte jetzt
-erst aufgerichtet werden, eine neue Aera für das Stift beginnen.
-Nicht mehr die grobe Arbeit an der Kultusmaschine, das Segnen der
-Wallfahrter, und ebensowenig die Oekonomie, die Anwendung der neuesten
-Mästungs- und Düngungsmethoden sollte die Mission des Prälaten des
-Waldklosters sein, sondern er mußte Sitz und Stimme in der Konferenz
-der hohen kirchlichen Diplomatie haben, -- römisch-katholischer
-Staatsmann werden.
-
-Und hierzu war ein konkordatgemäßer Eclat erforderlich, und ein
-schöneres Feld nicht denkbar als die Korbacher Frage. -- Mit der Mine,
-welche dort den Protestantismus in die Luft sprengte, flog Pater
-Bernhard zugleich in die Sonnennähe der zufriedengestellten höchsten
-Hierarchie. Nun herrschte aber dort tiefer Friede, und um ihn zu
-brechen, bedurfte es eines ~casus belli~.
-
-Inzwischen verschlimmerte sich der Zustand des Prälaten, die Aerzte
-gaben ihm nur noch Tage. Die Zeit drängte, einen Operazionsplan zu
-fassen. Es fehlte dem Prior noch immer das gewisse +Etwas+, die
-+Handhabe+.
-
-Er kannte einen einzigen Mann, mit dem er sich zu berathen gedachte: --
-Kollmann.
-
-Als dieser seinen Grundbesitz am See, mit Ausnahme des von Knorr
-vorweg okkupirten Fichtenkegels, vom Stifte ankaufte, war Bernhard
-während der betreffenden Unterhandlung mit ihm öfter in Berührung
-gekommen. Sie hatten einander beobachtet und insofern ein verwandtes
-Element gefunden, als jeder in dem Andern einen Mann erkannte, der weit
-aussehende Pläne verfolgte.
-
-Während aber Kollmann durch die glänzenden schwarzen Granaten, die
-unter den dichten Brauen des Priors saßen, diesen bis auf den Grund
-durchblickte, sah Bernhard durch das trübe Milchglas der sogenannten
-weißen Augen nicht tiefer als jeder Andere. Kollmann, der jedes Wort,
-das er für nothwendig hielt, um seinen Gedanken zu verbergen, in einer
-Weise sprach, als kehre er das Innerste der Seele heraus, hatte das
-Vertrauen Bernhard’s gewonnen, indem er ihm sagte: „Ich kann keine
-schönen Frasen machen, und sage Ihnen geradezu, daß es unverzeihlich
-und unverantwortlich ist, daß ein Mann, in dem ich den künftigen
-Fürst-Erzbischof sehe, aus Lauheit und Mangel an Selbstvertrauen die
-Hände in den Schoß legt, statt die Zügel zu ergreifen.‟
-
-Eine feine Schmeichelei hätte den Prior vielleicht stutzig gemacht.
-Die ganz plumpe hielt er für keine. Nachdem er sich ziemlich weit
-gegen ihn entwickelt, trat Kollmann in sein Schweigen und seine
-Unsichtbarkeit zurück. Bernhard gedachte nun seiner Worte: „Sie werden
-lange suchen, bis Sie einen Mann finden, der Sie versteht; wenn Sie des
-Suchens satt, werden Sie zu mir kommen und finden, was Sie brauchen.‟
-
-Nun suchte er ihn auf, -- sprach Anfangs reservirt, im Tone des
-Ueberzeugten, von Umtrieben der Feinde des Glaubens in Korbach, --
-innerem Berufe, kräftig einzugreifen. Kollmann erwiederte: „Sie führen
-die Sprache eines Missionärs, nicht eines künftigen Kirchenhauptes.‟ --
-Der Prior rückte weiter heraus, bis Jener merkte, daß es sich um den
-Mechanismus handle, den man in Korbach spielen lassen wollte, und über
-welchen er offenbar nicht im Reinen war. Endlich sagte er: „Ich werde
-Ihre Sache machen. Sie fällt mit einer der meinigen zusammen. Beehren
-Sie mich in drei Tagen im Freinhofe.‟
-
-Der Prior schied mit dem unangenehmen Gefühle einer verlornen
-Schachpartie, wenn man sich für den Meister hält. „Beehren Sie mich
-in drei Tagen,‟ war eben nicht die Sprache eines „+Werkzeuges+.‟
--- Auch hatte er gegen Kollmann auf eine Weise gesprochen, die
-seinem hohen Gönner sehr mißfallen haben dürfte, und fühlte sich
-gewissermaßen der Diskrezion seines Alliirten anheimgegeben.
-
-Dennoch kam er wieder, an jenem Abende, wo Arnold im Freinhofe eintraf,
-den er, als ihn Julie vorstellte, beobachtete, ohne sich ihm zu
-nähern, um keinem etwaigen Plane des noch nicht anwesenden Kollmann
-vorzugreifen. Dieser ließ ihn, wie wir wissen, am nächsten Morgen zu
-sich bitten. Er könnte auch auf mein Zimmer kommen, dachte der Prior,
-ging aber hinüber.
-
-„Sie brauchen einen Krieg, begann Kollmann -- ich liefere Ihnen den
-Kriegsfall. -- Den Krieg führen Sie auf Ihrem Gebiete, ich unterstütze
-Sie auf einem andern. In dieser Angelegenheit ist rasches Handeln
-nöthig. Wir dürfen nicht vergessen, daß, wenn dem Protestantismus dort
-das Genick gebrochen werden soll, dieß nur geschehen kann, so lange
-der alte Korbach Herr ist. Man kann ihm als Katholiken in anderer
-Weise beikommen als dem jungen. Nach meiner Ansicht muß die Sache so
-angegriffen werden, daß den Gegnern die reichen Mittel zur Durchführung
-ihres Prinzipes etwas verkürzt werden. Folglich handelt es sich darum,
-sie auf dem industriellen Felde anzugreifen. -- Die Korbacher Fabrik
-verdankt aber ihren Wohlstand vor Allem den Staatsbestellungen. --
-Es wird somit eine weitere Aufgabe sein, sie mit den Behörden zu
-überwerfen. -- -- Leichter wäre dieß Alles vor der Ankunft des jungen
-Korbach gegangen, doch zweifle ich auch jetzt nicht am Gelingen. -- Wir
-wollen übrigens als die besten Freunde des Alten auftreten.‟
-
-Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Bernhard hierauf den Plan in
-Betreff des Schreibens an den Erzbischof entwickeln. -- Er begriff
-nicht, welche weittragende Wirkung die kleinliche Intrigue mit dem
-Briefe haben solle. Kollmann fuhr fort: „Der Erzbischof ist jetzt mild
-gegen Korbach, und Sie brauchen ihn hart. Zweifeln Sie nicht, daß er,
-so wenig Gereiztheit er zeigt, mit dem vollen apostolischen Grimm
-bewaffnet nach Korbach kommen wird. Zweifeln Sie ebensowenig, daß der
-Alte eine Haltung bei der Feierlichkeit annimmt, welche diesen Grimm
-steigert. Indessen werden Sie Prälat. Ihr Erstes ist, daß Sie den
-Pfarrer abberufen. Der Erzbischof wird einen Hirtenbrief erlassen, mit
-dem der Nachfolger Valentin’s auftritt. Es wird zu einem Konflikt, zu
-einem +Exzeß+ in Korbach kommen -- ein Paar zerschlagene Räder
-und Drahtspulen -- vielleicht auch ein Paar Knochen. Sie fliegen nach
-der Residenz -- die Prinzessin, die ganze Partei gibt Ihnen allen
-~appui~; -- es kann der Fall eintreten, daß Sie die weltliche
-Gewalt requiriren: in vier Wochen können Sie als der Bezwinger des
-Protestantismus in Korbach dastehen.‟ Der Prior hatte nun die Wahl,
-entweder zu antworten: Herr, Ihr ganzer Plan ist eine reine Infamie,
-eine Niederträchtigkeit -- oder einfach und schlecht auf Alles
-einzugehen.
-
-Und +viel zu viele Minuten+ hatte er mit der Antwort gezögert,
-um noch als Priester mit einem Donnerworte der gerechten Entrüstung
-loszubrechen -- -- mit diesem Schweigen hatte er den +Priester+
-abgelegt -- den +Pfaffen+ angezogen. -- Es war ein historischer
-Moment in seinem Leben. --
-
-Er begab sich nach der Hauptstadt und es gelang ihm nicht ohne
-Mühe, den Erzbischof für die Idee mit dem Briefe zu gewinnen, und
-dieß nur dadurch, daß er sie weniger als einen +Prüfstein+ der
-anscheinend gebesserten Gesinnungen Korbach’s, als vielmehr als eine
-diesem dargebotene Gelegenheit, sie auf solenne Weise auszusprechen,
-darstellte. Während er Arnold’s Rückkehr erwartete, wurde er durch die
-Nachricht, daß der Prälat nur noch Stunden zu leben habe, nach St.
-Martin gerufen.
-
-Er fand ihn bereits in der Todtenkapelle. Wahrer, tiefer Schmerz lag
-auf den Gesichtern der Geistlichen, die um ihn beteten. Als der Prior
-mit offizieller Trauermiene an den Sarg trat, niederkniete, ein Gebet
-sprach, den Todten mit Weihwasser besprengte, erschienen ihnen die
-Tropfen auf dem biedern Antlitz des geliebten Herrn wie Thränen um die
-gute alte Zeit des Waldklosters.
-
-Der Prior begab sich auf sein Zimmer, berief Einen seiner Vertrauten
-und ließ sich über die letzten Tage und Stunden des Verstorbenen
-berichten. Er vernahm, daß derselbe meistens in halbbewußtlosem
-Zustande gelegen, in der letzten Nacht aber plötzlich zu voller
-Besinnung erwacht sei. Er habe Papier und Bleistift verlangt, und mit
-einer Allen unbegreiflichen Kraft längere Zeit geschrieben, das Papier
-zusammengefaltet, von einem seiner Lieblinge, dem jungen Pater Leo,
-siegeln lassen, und die Adresse geschrieben, die Niemand gesehen.
-Hierauf habe er den Jäger Schellhammer rufen lassen, -- als dieser
-eintrat, alle Anwesenden in das Nebenzimmer geschickt, und einige
-Minuten mit ihm gesprochen. Der Jäger, der ihm viele Jahre gedient, sei
-weinend weggegangen. Der Prälat habe nach Mitternacht alle Geistlichen
-zusammenrufen lassen, sie gebeten, sein Andenken in Liebe zu bewahren,
-ihm zu vergeben, wenn er einen von ihnen beleidigt, sie gesegnet, --
-dann still gebetet, und sich hinübergelegt. Sie hätten lange Zeit
-geglaubt, er schlummere nur. -- Unbegreiflich sei ihnen Allen seine
-Geistesklarheit, nach so langem Siechthum, in den letzten Momenten
-gewesen.
-
-Pater Bernhard sandte sogleich in die Wohnung des Jägers. Es erschien
-dessen Frau, welche erzählte, daß ihr Mann, als er vom Prälaten
-gekommen, schweigend seine Jagdtasche, deren er sich auch auf Reisen
-und Botengängen bediente, umgehängt, den Stock in die Hand genommen
-und mitten in der Nacht fortgegangen sei; auf ihre Frage: wohin? habe
-er nur geantwortet, er komme nächsten Abend zurück. -- Der Prior
-überzeugte sich bald, daß die Frau wirklich nicht mehr wisse, und
-entließ sie.
-
-Am frühen Morgen traf ein Schreiben des erzbischöflichen Sekretärs an
-ihn ein, welches lautete wie folgt: „Ich habe die Ehre, im Auftrage
-Seiner Durchlaucht Hochderen Wunsch zu melden, daß Hochdieselben,
-wenn es Gott gefallen sollte, den Herrn Prälaten, wie die Aerzte
-vermuthen, in Bälde abzuberufen, das Kapitel zur Erwählung seines
-Nachfolgers ungesäumt, ja selbst vor der Bestattung des Verewigten,
-zusammenberufen, da bekannte Verhältnisse die Wiederbesetzung des
-Stuhles von St. Martin dringend nöthig erscheinen lassen. Es ist ein
-neuer Beweggrund, welcher als Ew. Hochwürden bekannt vorausgesetzt
-wird, unmittelbar nach Ihrer Abreise hinzugetreten. Womit ich die Ehre
-habe u. s. w.‟
-
-Der Prior wußte, daß mit letzterem nur die Antwort des alten Korbach
-gemeint sein könnte, und gedachte Kollmanns, und dessen richtiger
-Berechnung. -- Er ließ Vormittags sämmtliche Geistliche zu sich
-berufen, verkündete den Zusammentritt des Wahlkapitels für nächsten
-Morgen und versäumte nicht, ihnen in einigen Worten seine Beziehungen
-zum Erzbischofe, so wie Alles, wodurch er bereits früher auf sie
-gewirkt, zu Gemüthe zu führen.
-
-Im Laufe des Tages kamen zahlreiche Besuche von Bekannten und Freunden
-des Verstorbenen, und Schaaren von Landleuten drängten sich in die
-Kapelle, um den allgemein geliebten Herrn nochmals zu sehen. Unter den
-Besuchern war auch der Bischof von Rothenau, welches Städtchen eine
-halbe Tagereise von St. Martin liegt. Pater Bernhard, der seinen Besuch
-erwartet hatte, empfing ihn mit allem Ceremoniell, führte ihn in die
-Kapelle, und hatte hierauf eine lange Unterredung mit ihm, worin er die
-Grundzüge der in der Verwaltung des Klosters nothwendigen Veränderungen
-entwickelte, und ihn um seinen kräftigen Beistand in den bevorstehenden
-schwierigen Tagen bat. Der Bischof, wohl wissend, daß der Prior nicht
-ohne seine Gründe zu haben, eine solche Sprache führe, betrachtete
-und behandelte ihn als künftigen Kollegen, und Pater Bernhard genoß
-den Vorgeschmack der Würde mit der ganzen Befriedigung, welche die
-Erstlingsfrüchte jedes Strebens gewähren, und welche durch den Genuß
-der späteren, wenn gleich reicheren, nicht übertroffen wird.
-
-Als der Bischof sich zur Abreise anschickte, erbat sich der Prior die
-Ehre, ihn bis nach einem, ungefähr zwei Stunden entfernten Orte zu
-begleiten, nahm im Wagen des Gastes neben diesem Platz, und ließ den
-eigenen, zu seiner Rückfahrt, leer nachfolgen.
-
--- -- -- Der Tag neigte sich zu Ende. Der vergoldete Thurmknopf
-spiegelte die letzten Sonnenstrahlen zurück, und die letzten
-Glockenklänge zerrannen im Schweigen des Abends.
-
-Gruppen der Landleute standen unter den Linden im Klosterhofe. Sie
-sprachen über den verstorbenen Prälaten, machten ihre Bemerkungen über
-den Prior, von dem sie wenig Gutes erwarteten, -- und wie sie eben mit
-traurigen Gesichtern und Manche mit nassen Augen andächtig und scheu
-durch die Todtenkapelle am Paradebett vorübergezogen, -- gingen sie
-nun, zuerst Einige, dann Alle, in das dem Klosterthor gegenüberliegende
-Wirthshaus.
-
-Der Bauer hält in dieser Gegend den Leichenschmaus, auch wenn ihm Weib
-oder Kind stirbt. Er faßt das Sterben überhaupt anders auf, als der
-Gebildete: er kennt kein lirisches Raffinement des Sterbens, keine
-jener Reflexionen, welche wie Schallgewölbe jeden Schmerzenslaut
-zehnfach verstärken. Der Verstorbene „hat es überstanden, -- der
-Herrgott hat ihn zu sich genommen.‟ -- Die Arbeit geht fort. --
-
--- Nun wendeten die traurigen Zecher die Blicke nach der Bergstraße,
-welche von der Waldhöhe über einen Wiesenhang herab nach dem Thore
-des äußeren, mit einer niedrigen Mauer umfangenen Hofes führt. Der
-klingende Ton des Radschuhes hatte sie aufmerksam gemacht auf die
-grüne Kalesche, welche, mit zwei starken schönen Eisenschimmeln
-bespannt, nach wenigen Minuten durch den Thorbogen rollte, und vor dem
-Klostergebäude hielt.
-
-Neben dem Kutscher saß der Jäger Schellhammer, welcher absprang und
-den Schlag öffnete. Ein junges Mädchen im braunen Reisekleide mit
-rundem Strohhut und blonden Wellenscheiteln war mit leichtem Sprunge am
-Boden, ohne seiner Hülfe zu bedürfen, und bot nun die Hand dem Vater.
--- Einige der Landleute waren aufgestanden und umgaben -- den alten
-Korbach, der sie freundlich grüßte. Er kam zwar nur ein- oder zweimal
-im Jahre nach St. Martin, aber Viele aus der Gegend kannten ihn und
-nannten den Uebrigen den Namen des Mannes, der seines Karakters und
-Reichthums wegen in allgemeinem Ansehen stand.
-
-Die Angekommenen schritten zuerst nach der Kirche, wohin sich Helene
-begab, da ihr nach dem Klostergesetze der Eintritt in die sogenannte
-Klausur, innerhalb welcher die Wohnungen der Geistlichen liegen,
-untersagt ist. Sie wartete daselbst, bis sie der Vater nach der
-Todtenkapelle abholen würde.
-
-Dieser ging durch den Kreuzgang nach dem Refektorium, wo die
-Geistlichen um diese Stunde zum Abendessen versammelt waren.
-
-Die Tafel nahm nur die Hälfte des langen schmalen Saales ein, dessen
-andere im Halbdunkel lag. Der alte Korbach trat ein und schritt bis
-nahe an den beleuchteten Tisch, bevor ihn Jemand erkannte, -- nun aber
-erhoben sich Alle mit dem herzlichsten, freudigsten Gruße, drückten
-seine Hand, nöthigten ihn zum Mahle. -- Er nahm seinen Platz neben Leo,
-den er als Freund des Prälaten kannte, und sprach: „Ich bin zu mancher
-Zeit gekommen, meine hochwürdigen Herren, um Ihre Gastfreundschaft
-zu genießen, heute aber komme ich, um die letzte Pflicht gegen Ihren
-Prälaten zu erfüllen, mit dem ich zwar selten, aber immer nur in
-freundschaftlicher Weise im Leben zusammengetroffen. Ich kann seiner
-Bestattung nicht beiwohnen, da ich morgen in Korbach sein muß und noch
-in der Nacht zurückfahre. Wenn Sie Ihr Mahl geendet, werden Sie mich zu
-ihm führen; ich habe meine Tochter mitgebracht, deren Gebet Sie nicht
-für weniger fromm und gottgefällig halten werden, weil sie nicht der
-katholischen Gemeinde angehört.‟
-
-„Wir halten dafür, sagte Leo, daß jedes Gebet Gott gefällt, das aus
-reinem Herzen kommt!‟
-
-„So ist es!‟ riefen Andere. -- -- Der Prior war ja mit dem Bischof
-weggefahren. --
-
-Während der wenigen Minuten, welche die Abendtafel noch währte, sagte
-Korbach leise zu Leo: „Ich möchte die Todtenkapelle am liebsten in
-Gesellschaft von lauter wahren Freunden des Verstorbenen betreten; ich
-höre, daß nicht +Alle+ so denken, wie Sie und Gott sei Dank! die
-Meisten.‟
-
-„Die vier hier Fehlenden, welche jetzt bei ihm beten, denken wie wir
-über ihn, erwiderte Leo, -- die Andern, die Sie begleiten werden, waren
-ihm gleichfalls theuer, die es nicht gut mit ihm meinten, gehen nicht
-nach der Kapelle, wenn sie nicht die Ordnung des Gebetes trifft.‟
-
-Man erhob sich. Korbach ging, von Leo begleitet, nach der Kirche, um
-Helene zu holen, von dort durch den dunkeln Gang nach der Kapelle,
-wohin außer den das Stundengebet verrichtenden, noch drei andere
-Priester gekommen waren.
-
-Die Flammen von dreißig Kerzen durchstrahlten den heilig stillen Raum.
--- Die Wände waren mit schwarzem Tuche bekleidet; mitten erhob sich
-auf drei Stufen der Katafalk mit der Leiche in vollem Ornate. Auf den
-Zügen des Todten lag der volle Gottesfrieden, mit dem der Gerechte
-entschlummert.
-
-Helene trat an den Sarg, faltete die Hände und sah mit den tiefblauen
-feuchten Augen nach den festgeschlossenen des Verstorbenen, dann kniete
-sie an den Stufen nieder und betete.
-
-Die acht Geistlichen standen um sie und den Vater, der gleichfalls
-einige Minuten in stiller Andacht das Bild des Friedens und der
-Verklärung betrachtete.
-
-Dann stieg er mit langsamem, festem Schritte die Stufen hinan, stellte
-sich dicht neben den Sarg, seine Rechte auf die zusammengefalteten
-Hände des Todten legend, und sprach laut und mit feierlicher Betonung:
-
-„In diesem Raume, meine hochwürdigen Herren, hat wohl nur der geweihte
-Priester das Recht, sein Wort vernehmen zu lassen‟ -- die Geistlichen
-näherten sich aufmerksam und schweigend. -- „Wenn ich spreche, so ist
-es, weil der Mund dessen, für den ich spreche, für immer geschlossen
-ist.‟
-
-„Was ich Ihnen mittheile, ist so heilig, wie irgend ein Gebet, es ist
-das letzte Wort, das der Verblichene an Ihren würdigen Bruder, den
-Pfarrer von Korbach gerichtet hat, -- mit welchem er ihm und Ihnen
-Allen sein letztes Lebewohl sagt.
-
-„Es sind die Zeilen, die er auf seinem Sterbebette geschrieben, in
-der Nacht seines Todes abgesendet, eine Stunde ehe dieses von echter
-Christentugend erfüllte Herz stillgestanden. Ich bin, Sie wissen es,
-Keiner von denen, welche vor manchen strengen Augen Gnade finden, --
-man nennt mich einen Freigeist, aber, daß Gott dem Manne, der durch
-Monate so selten sein volles Bewußtsein hatte, in der letzten Stunde
-die Kraft verlieh, seine Gedanken, sein Gebet für Sie in so herrlichen
-Worten niederzuschreiben, das ist nach meinem Gefühl und Glauben ein
-+Wunder+ im wahren Sinne und ein Zeichen, daß ihm diese Gedanken
-+wohlgefällig+ waren.
-
-„Vernehmen Sie den Inhalt dieses Schreibens, das ich Ihnen gegen den
-Willen des Empfängers -- aber im Geist und Sinne dessen mittheile, den
-Sie mit mir beweinen!‟
-
-Kein Athemzug war vernehmbar. Alle Blicke hingen an den Zügen des
-Mannes, dessen imponirende Gestalt höher, dessen Stimme bewegter wurde,
-als er das Papier entfaltete und las:
-
-„Mein theurer, innigst geliebter Bruder! Nach wenigen Stunden werde ich
-Rechenschaft ablegen über mein Amt, vor dem Throne dessen, der es mir
-verliehen. Durch Sie bitte ich Alle, die meiner Obhut vertraut waren,
-mir ihre Liebe zu bewahren. Ich scheide mit dem innigsten, heißesten
-Danke für ihre Treue, und wenn mich Gott aufnimmt in die Wohnung des
-Lichtes, so werde ich ihn um Beistand bitten in den schweren Zeiten,
-die ihnen bevorstehen. Meine Brüder werden den ersten Kampf zu bestehen
-haben bei der Wahl meines Nachfolgers. Mögen sie muthig an ihrer
-Ueberzeugung festhalten, unbekümmert um Menschengunst und Drohung. --
-Sie, mein geliebter Valentin, werden vielleicht von den meisten Brüdern
-als der Würdigste erkannt werden, wie +ich+ Sie dafür erkenne und vor
-dem Allmächtigen nennen würde, wenn er mich von seinem Throne fragte,
-wer soll Hirt meiner Herde sein. -- Und somit werden Sie wenigstens
-+Eine+ Stimme für sich haben, die aber auf Erden nicht zählt! Wenn aber
-unter den Brüdern, was ich zu meiner Beruhigung im Sterben glaube,
-Mancher ist, der so denkt wie ich, so werden sie +muthig+ und +treu+ im
-+Tode+ zu +mir+ halten, wie es Alle im +Leben+ gethan!‟
-
-Mit flammendem Auge, kraftvoller und doch vor Erregung zitternder
-Stimme hatte Korbach die letzten Worte gesprochen.
-
-Nun legte er den Brief auf die Brust der Leiche und schloß: „Ich habe
-Ihnen, meine hochwürdigen Freunde, hiemit die letzte Bitte Ihres in den
-Frieden vorangegangenen Herrn und Vaters vorgetragen, meine Pflicht
-gegen ihn ist erfüllt.‟ --
-
-Dann stieg er die Stufen herab, faßte die Hand der Tochter, die
-bewundernd und ergriffen den Vater unverwandt angeblickt, den sie nie
-mit so hinreißender Begeisterung sprechen gehört, -- und wollte die
-Kapelle verlassen; da trat Leo vor ihn hin und sagte: „Nehmen Sie die
-Ueberzeugung mit, daß +mehr+ als Einer treu und muthig zu dem
-Verklärten hält!‟ „Wir, wir Alle halten zu ihm!‟ tönte es durch den
-Raum -- ein achtfacher Widerhall der Einen Stimme, -- die auf Erden
-nicht zählte. -- -- -- -- -- --
-
-Der grüne Wagen rollte wieder durch das Klosterthor, den Wiesenhang
-hinan, -- in den Tannenwald, -- fort durch die sternenhelle Nacht.
-
-Helene hatte den Arm um den Vater geschlungen und küßte ihn mit
-Innigkeit. -- „Ich habe gesprochen, wie es vom Herzen kam, sagte er,
-und ich hoffe, es ist zum Herzen gegangen; das sind aber +acht+,
--- und im Kapitel werden +vierundzwanzig+ stimmen.‟ --
-
-Im Augenblicke, wo dieß gesprochen wurde, waren es nicht mehr acht. --
-
-Die in der Kapelle anwesenden Geistlichen hatten als unwiderstehliche
-Waffen ihre Ueberzeugung und den Brief des geliebten Herrn, der die
-Kraft eines +letzten Willens+ für sie hatte, und den sie Andern
-mittheilten. Nur über einfache, schlichte Gemüther konnte die Stimme
-des Todten diese Gewalt haben, +mußte+ sie aber auch haben: ein
-Abfall von ihm erschien ihnen als eine so feige Sünde, als ein so
-schändlicher Hochverrath an der heiligsten, durch viele Jahre mit
-Liebe erfüllten Pflicht, daß sie lieber allen zeitlichen Gefahren und
-Bedrängnissen ins Auge sehen wollten. --
-
--- Etwa eine Stunde nach Korbachs Abreise kehrte der Prior ins Kloster
-zurück. -- Er erfuhr, daß derselbe angekommen, in der Todtenkapelle
-gewesen und wieder abgereist sei -- mehr nicht. -- Die acht Priester
-mußten keine Unwürdigen ins Vertrauen gezogen haben.
-
-Bernhard sah in der dem Verewigten dargebrachten Huldigung nur einen
-neuen Beweis jener Gesinnung, die er wünschte. Er begab sich nach
-seiner Wohnung, wollte ruhen, doch heftige Aufregung verbannte den
-Schlaf von seinem Lager. --
-
-Er trat ans Fenster und sah mit klopfendem Herzen in die ruhige klare
-Nacht hinaus. Unter ihm glänzten im aufgehenden Mond die Dächer des
-Meierhofes, die Wiesen und Felder... „Dieß Alles soll +dein+ sein
--- hatte der Satan zu ihm gesagt, -- wenn du niederkniest und mich
-anbetest‟ -- Er +hatte+ ihn angebetet, -- und ehe der Mond wieder
-heraufstieg, mußte dieß Alles sein werden! --
-
-Es gibt keinen größeren Sprung von Nichts zu Allem, von Unterwürfigkeit
-zur Herrschaft, von Beschränkung zu unermeßlichem Reichthume, von
-dunklem, unbeachteten Dasein zu glänzender hoher Würde, als in dem
-Augenblicke geschieht, wo die Stimmzettel eröffnet werden und aus der
-Mitte der Brüder der Eine, der bisher ihresgleichen, als ihrer Aller
-Herr hervortritt, vor dem sie sich beugen bis an das Ende seines Lebens.
-
-Der Prior begrüßte die Sonne noch wach. Nur eine kurze Stunde
-fieberhaften Schlummers ließ ihn in wirren Bildern das nächste goldne
-Ziel, -- ließ ihn auch ein fernes träumen, zu dem nun die erste Stufe
-erklommen. --
-
--- -- Am Abende desselben Tages aber stand vor dem Pfarrhofe in Korbach
-das schäumende, schweißbedeckte Pferd des Boten, welcher Valentin
-einen Brief von Leo überbrachte. Er trug die Aufschrift: „An den
-hochwürdigsten Abt des Klosters Sankt Martin.‟
-
-Neun Priester hatten für den Prior gestimmt und fünfzehn mit dem Todten
-für Valentin.
-
-
-
-
-Konkurrenz.
-
-
-Der Fehdehandschuh, welchen Arnold’s Vater der Konkordatpartei
-hingeworfen, war kein Glacéhandschuh, sondern einer von dickem
-Elennsleder mit Eisenschienen und Platten, dessen Klirren durch die
-teppichverhangenen Kabinetsthüren der geistlichen und weltlichen
-Minister, in die Boudoirs der frommen Damen, ja bis in den Vatikan
-drang, da dem Korbacher Metallfabrikanten die Ehre widerfuhr, zum
-Gegenstand einer, am Tage nach der Wahl abgegangenen, telegrafischen
-Chiffredepesche des Nunzius zu werden. -- Doch nicht die oberen Lüfte
-wurden von dem unerhörten Ereignisse aufgewirbelt, auch die unteren
-geriethen in Bewegung, natürlich in entgegengesetzter Richtung. --
-
-So dicht der Schleier war, welchen die verschwiegene Treue der für
-Valentin stimmenden Geistlichen bis zum Momente der Wahl über den
-Vorgang gezogen, so wurde er doch unmittelbar darnach gelüftet, und
-es hätte nicht des Schreibens Helenens bedurft, welche Arnold in
-glühenden Farben das Geschehene erzählte, um ihn von den Einzelnheiten
-zu unterrichten.
-
-Er vernahm sie mit wahrem Entzücken und eilte zu Günther, natürlich
-zu spät, um demselben eine Neuigkeit zu bringen, da ihm dieser nebst
-einigen Arnold unbekannten Details erzählte, daß der Hofarzt Doktor
-Siebenberg nach St. Martin telegrafirt worden sei, um den Prior,
-welcher nach Eröffnung der Stimmzettel aus dem Kapitelsaale getragen
-werden mußte, der Menschheit zu erhalten. --
-
-Günther goß einige kalte Ströme in Arnold’s Freudenfeuer. „Ihr Herren
-von Korbach‟, sagte er, „seid umgekehrte Don Quixotes. Dieser hielt die
-Windmühlen für Riesen, und Ihr schlagt mit Euern Messingstangen auf
-Riesen los und haltet sie für Windmühlen. Fürs Erste müßten sie mit
-ihrem kanonischen Recht, welches nach Umständen bald von Gußeisen und
-bald von Kautschuk ist, schlecht umzuspringen wissen, wenn sie nicht
-den ganzen neuen Prälaten, sammt allen seinen Stimmen aus der andern
-Welt, über den Haufen würfen. Fürs Zweite könnt Ihr nun warten, bis
-Ihr von einer landesfürstlichen Behörde eine jener großen Bestellungen
-bekommt, welche Euch eigentlich zu Millionären gemacht haben. Endlich
--- und das ist das Wichtigste von Allem, und ich hätte dich jedenfalls
-noch heute aufgesucht um es dir mitzutheilen -- ist Etwas vorgefallen,
-was nun wenigstens auf einen Theil der gegen Euch spielenden Maschine
-helles Licht wirft. -- Ich war gestern mit dem Notar Reichl zusammen,
-und brachte das Gespräch auf das Korbachthal. Du kennst das Altenberger
-Metallwerk, welches -- merke wohl, um +fünf+ Stunden näher an der
-Südbahn liegt als Ihr. Dieses Altenberg mit seiner halbverfallenen
-Fabrik ist verkauft worden, Reichl hat den bereits unterzeichneten
-Kontrakt gemacht, und der Käufer ist -- Kollmann.‟
-
-Nach einigen Augenblicken, die er Arnold gönnte, um sich von einer
-Ueberraschung, die ziemlich nahe an Bestürzung grenzte, zu erholen,
-fuhr Günther fort: „Der bisherige Besitzer von Altenberg, Richtmeyer,
-bis über die Ohren verschuldet, hat Euch keine Konkurrenz gemacht;
-nun laß aber einen dort sitzen, der die Sache angreift, der bauen und
-Maschinen aufstellen kann, und zugleich in den obern Regionen gut
-genug angeschrieben ist, um die Staatsbestellungen wegzuschnappen,
-so könnt Ihr in zwei Jahren auf Euren englischen Walzen Tannenzapfen
-auswalken und im Drahtzug Prälaten strecken -- Ihr habt bisher das
-Terrain behauptet nicht weil Ihr besser und wohlfeiler arbeitet,
-sondern zufolge des büreaukratischen Schlendrians, weil es nun einmal
-seit zwanzig Jahren herkömmlich, in Korbach zu bestellen. Einmal
-aus dem Sattel gehoben, kommt Ihr zufolge desselben Schlendrians
-nicht wieder hinein, -- und die höchst rühmliche, in den Augen jedes
-honetten Mannes bewunderungswürdige Handlung deines Vaters ist für
-den Besitzer von Altenberg, wenn er anders dem technischen Theile
-gewachsen, gleichbedeutend mit einer feierlichen Uebertragung der
-Regierungskundschaft von Euch auf ihn!‟
-
-Arnold war hinlänglich besonnener praktischer Geschäftsmann, um das
-volle Gewicht der Wahrheit in Günther’s Worten zu würdigen. Er übersah
-mit einem Blick die Bedeutung der Lage.
-
--- -- Er gedachte jenes Abends, wo er vom Professor Harkeboom nach
-Berührung der kalten Marmorhand in so heißer Kampflust weggegangen und
-die grüne Kriegsfahne des Profeten gegen unsichtbare Gegner entfaltet.
-Vergebens hatte er geharrt und gehofft, daß sich irgend ein feindlicher
-Helmbusch durch den Nebel zeige, hatte zehn Pläne gefaßt und verworfen
--- alle liefen mehr auf ein Zerhauen, als Lösen des Knotens hinaus;
-seine Natur trieb zu offenem Handeln auf geradem Wege. Bald wollte er
-nach dem Freinhof, Julie geradezu fragen, wo das Ende der Kette, die
-sie umschlinge, -- bald Sembrick aufsuchen, dessen kaltes Ablehnen ihn
-umsomehr verletzte, je länger die eigene Spannung währte. Er sah jedoch
-den gelinden Wahnsinn ein, das Geheimniß aus dem Christuskopf mit
-Schwert und Feuerschlund heraustreiben zu wollen. Als dann die beiden
-Briefe vom Prior und Blauhorn kamen, war er Anfangs uneins, ob das
-Schwungrad dieser Maschine von einer Engelshand oder einer Teufelsklaue
-in Bewegung gesetzt werde.
-
-Eine Einladung in den Reichssenat und das eventuelle Versprechen
-eines päpstlichen Ordens unter einer Bedingung, die Jedem, der seinen
-Vater nicht genau kannte, ganz annehmbar erscheinen mochte, waren
-doch wahrlich an sich keine +feindseligen+ Handlungen. -- Als
-die Teufelsklaue erkennbar wurde, als gewiß war, daß zwar Alles vom
-Freinhofe, aber eben so gewiß, daß es nicht von Julie ausgehe, stieg
-ihm auch der Gedanke auf, gerade vor Kollmann hinzutreten, ihn zu
-fragen, welche Schurkerei hinter den seinem Vater zugedachten Würden
-und Ehren stecke -- -- ihn einfach zu fordern.... Allerdings durchschoß
-die Kugel, welche Kollmann hinstreckte, auch jedes Band mit Julie,
--- aber war dies nicht das +alleruneigennützigste+ Handeln für
-sie, -- Befreiung ohne Hoffnung eines Lohnes? -- da er immer von der
-Meinung ausging, daß Nichts als eben eine sehr „unglückliche Ehe‟ im
-gewöhnlichen Sinne ihr Los, obgleich Sembrick im Gespräche mit ihm
-gesagt, es handle sich um „etwas mehr.‟ -- -- --
-
-+Nun+ war die +Ungeduld befriedigt+!
-
-Er war bei aller Entschlossenheit von der plötzlich demaskirten
-feindlichen Aufstellung überrascht... Nicht eine romantisch kostümierte
-Banditenschar, die durch den raschen Angriff eines Husarenpiquets
-zersprengt oder gefangen wird: eine mit allem Bedarf ausgerüstete
-Armee, deren Kriegszweck in weitester Ferne der +Ruin+ seines +Hauses+,
-die +Vernichtung+ seiner materiellen +Existenz+, stand ihm entgegen.
-
-Mehr als einmal hatte Sprenger zum Ankaufe Altenbergs gerathen.
-Sein Vater hatte eingeworfen, Richtmeyer könne keine neue Maschine
-aufstellen, mit den alten nichts Großes unternehmen und wenn er jetzt
-für die verschuldete Besitzung 60,000 Gulden verlange, werde noch ein
-Moment kommen, wo er froh sein werde, die Hälfte zu erhalten. -- In
-der letzten Zeit hatte das Werk völlig stillgestanden. Man sprach vom
-Konkurse. Der alte Korbach hielt nun den Zeitpunkt für passend, ließ
-sich nach den Disposizionen des Besitzers erkundigen, und hörte, daß
-Richtmeyer rangirt werde, -- die Fabrik als solche aufgeben, das kleine
-Gut aber bewohnen und bewirthschaften wolle. Damit schien alle Gefahr
-beseitigt.
-
-+Noch+ war wenig zu besorgen, wenn nicht die Fehde mit Kirche und
-Staat dazwischenkam. --
-
-Der alte Korbach hatte Minister- und Sistemwechsel, Revoluzion und
-Reakzion erlebt, und dem alten festgegründeten Bau seines Kredits war
-kein Stein ausgebrochen, an seinen Verbindungen mit den bei den großen
-Lieferungen maßgebenden Behörden nichts gelockert worden. -- Er war bei
-vielen Gelegenheiten entschieden, ja schroff aufgetreten, aber sein
-Karakter und die Solidität seiner geschäftlichen Gebahrung hatten das
-alte Monopol der Korbacher Werke trotz kleiner persönlicher Reibungen
-und trotz der ihm seit Jahren feindlichen Gesinnung der ultramontanen
-Partei aufrecht erhalten. Als er selbst nach einem Konflikte mit dem
-Minister, aus Anlaß der erwähnten Eingabe über den Freihandel, im
-Besitze aller Aufträge blieb, stieg seine Zuversicht noch höher.
-
-Das Alter wird den Mann entweder zu mißtrauisch gegen seine Kraft und
-sein Glück machen, oder allzu zuversichtlich, je nachdem er auf mehr
-zur Frucht gereifte, oder auf mehr in der Blüte geknickte Hoffnungen
-von der Warte seiner sechzig Lebensjahre herabsieht. --
-
-Die lange Reihe von erfolggekrönten Bestrebungen ließen ihn keinen
-Gegner mehr fürchten. Fast hätte er sich mit seinem ältesten, treuesten
-Freunde überworfen, als dieser mit der höchsten Entschiedenheit gegen
-die protestantische Einwanderung auftrat. „Das ist der Anfang vom
-Ende,‟ hatte Sprenger gesagt -- „ist dein russischer Feldzug. Die
-Kirche ist wie Rußland, -- verbrennt ihr eignes Moskau, wenn sie den
-Gegner nicht anders bezwingen kann.‟
-
--- -- Arnold schrieb die wichtige Nachricht sogleich nach Korbach. Die
-kurze Antwort lautete dahin: „die Altenberger könnten vor einem Jahre
-ohnedem nicht arbeiten; der bis dahin wahrscheinlich fertige Flügel der
-Westbahn nach Korbach paralisire den Vortheil, den jenen die Südbahn
-gewähre. Die Fabrik habe andere Zeiten und Konkurrenten ausgehalten.‟
-
-Dieser Auffassung gegenüber war Arnold’s Weg klar vorgezeichnet. Er
-konnte über seine Aufgabe nicht in Zweifel sein: nach Kräften in jenen
-Richtungen ausgleichend zu wirken, wo das Naturell und die unbeugsame
-Haltung seines Vaters Verwicklungen herbeigeführt. -- So sprach er zu
-sich als Sohn. Ein Fremder würde es rücksichtsloser so ausgedrückt
-haben: der junge Korbach fühlte, daß er +gut machen+ sollte, was
-der Alte +verdarb+, -- den Schaden abwenden, den die übrigens
-respektable Hartnäckigkeit desselben zu verursachen drohte.
-
-Dieß war leicht begriffen und schwer ausgeführt.
-
-Er kannte außer Günther Niemanden, mit dem er sich berathen wollte.
-Den sehr gewandten und treuen Geschäftsführer, der den kommerziellen
-Theil aufs Gründlichste verstand, glaubte er so wenig als irgend einen
-Andern in die neuentstandene Situazion zu früh einweihen zu sollen:
-es war dieß einer jener Gegenstände, welche zu einer Macht werden in
-dem Augenblicke, wo man sie bespricht und anerkennt. Sprach Korbach
-eine Besorgniß aus, so war sie für den Zweiten Furcht, für den Dritten
-Eingeständniß, der Konkurrenz nicht gewachsen zu sein.
-
-Mit seinem Freunde hatte er desto häufigere Unterredungen. Sie kamen
-fast täglich in dessen Wohnung zusammen.
-
-Günther hatte ein mit echten, alten, durch viele Jahre mit Kennerblick
-gesammelten Stücken eingerichtetes Zimmer. Den Raum an den Wänden,
-welchen die geschnitzten Kasten und Kästchen frei ließen, deren
-Oberfläche mit lauter antiken Seltenheiten bedeckt war, nahmen Gemälde
-ein, und durch alle Zwischenräume in den Ecken, an den Fenstern,
-schlängelte sich üppiger Efeu empor. -- +Einiges+ mahnte an
-Sembrick’s Salon -- aber ins Wohnliche, Traute, Gemüthliche übersetzt.
---
-
-Die Freunde saßen auf einem mit Rohr ausgeflochtenen hochlehnigen
-Sofa, das sich in rechtem Winkel um den massiven Tisch von natürlicher
-Holzfarbe bog -- -- und entwarfen Schritt für Schritt ihre
-Operazionspläne.
-
--- „Wie stehts mit dem Marine-Kommando?‟ begann Günther.
-
--- „Ich habe heute mit Bianchi gesprochen, der das hiesige Haus der
-Franchini führt, durch welches das Kommando Alles verhandelt. Bianchi
-stellt viele weitere Aufträge in Aussicht. Die jetzigen betreffen die
-breiten Messingplatten.‟
-
--- „Mit denen können die Altenberger mit ihren dermaligen Maschinen
-nicht aufwarten. Aber wenn dein Vater sich mit der gesammten
-Geistlichkeit und Staatsgewalt überwirft, so wird die Letztere, da kaum
-eine Fabrik außer Eurer darauf eingerichtet ist, mit dem Auftrag nach
-England gehen.‟
-
--- „Das geschieht nicht, so lange Prinz August Ernst das
-Marine-Kommando führt, der entschieden darauf besteht, die einheimische
-Industrie nicht zu übergehen. Aber die weiteren Aufträge sind solche,
-die jedes gewöhnliche Walzwerk ausführen kann, und für diese fürchte
-ich. Ich bin entschlossen, nach -- (wir nennen nicht die südliche
-Hafenstadt, wo das Marine-Kommando seinen Sitz hat) zu gehen, und habe
-dem Vater um Erlaubniß geschrieben.‟
-
--- „Ich verschaffe dir Briefe, die dich gleich auf den rechten
-Boden stellen. Du darfst nicht als Ansuchender kommen, sondern
-an einem Draht von oben herabgelassen. Von +oben+ heißt für
-Franchini von Rothschild. Bis übermorgen hast du das zärtlichste
-Empfehlungsschreiben, worin dieses Haus jemals eine Anweisung auf seine
-Liebe ausgestellt hat.‟ --
-
--- „Vielen Dank. Ich gedenke aber zum Prinzen selbst vorzudringen, kurz
-zu sagen, daß wir jeden Auftrag als gute Patrioten billiger als jeder
-Andere vollziehen, daß das Vermögen meines Vaters ihm erlaube, nicht
-auf Gewinn, sondern auf die Ehre zu sehen u. dgl.‟
-
--- „Das wird dir Alles nichts nützen, wenn du nicht den festen Kontrakt
-schneller in die Hand bekommst, als man von hier aus operirt. Ihr seid
-jetzt die ~bête noire~ der ganzen Coterie -- seid plötzlich so
-berühmt, daß selbst die Prinzessin, die Mersey, Plomberg‟ -- --
-
--- „Plomberg? wie kommt der dazu?‟
-
--- „Der Husarenoberst ist der Vetter des Baron Heidenbrunn, und dieser
-der Adjutant des Prinzen Ernst August. Plomberg hat jedenfalls Einfluß
-dort. Uebernimm auf ein halbes Jahr die Rolle der alten Mersey und
-zahle seine Schulden, so hast du ihn mit Haut und Haar!‟
-
--- „Nicht, wenn ich ihn um einen Gulden haben könnte. Das ist kein Weg
-für einen Korbach.‟
-
--- „Lieber Arnold, mein Gewissen ist um nichts elastischer als deines!
-Das ist reine Geschäftssache. Wenn ein solcher Kerl ~licitando~
-zu haben, so lizitire ich mit, wenn ich weiß, daß er sich sonst der
-Gegenpartei verkauft. Wenn ich mit einer Handvoll Banknoten vielleicht
-eine niederträchtige Intrigue vereiteln kann, so ist das ein Weg,
-welchen Die von Korbach so gut wandeln können, als Der von Günther!‟
-
--- „Nenne es Caprice, aber wir überlassen einmal, eben als gute
-Bürgerliche, den geschlossenen Helm dem Adel und fechten nur mit
-offenem Visir. Mit Plomberg habe ich Nichts zu thun.‟
-
--- „Auch gut. Aber bei Wörlitzer kannst du dich mit offenem Visir
-vorstellen; die Westbahn, von welcher er Direktor ist, kann für Euch
-höchst wichtig werden. Mich hat er im kaufmännischen Verein zehnmal
-geladen, und ich lasse mir jedesmal wieder seine Adresse geben. Nun
-gehe ich hin, und nach deiner Rückkehr stelle ich dich vor.‟
-
--- „Auch dieser ist mir höchst antipathisch.‟
-
--- „Vielleicht, weil du dort mit Sembrick zusammentreffen wirst?‟
-
--- „Das vergaß ich. Jetzt gehe ich jedenfalls hin. Ich +muß+ ihn
-treffen, damit wir wenigstens ordentlich auseinander kommen. Die Art,
-wie wir uns verlassen haben, kann wohl nicht füglich ein letztes Wort
-vorstellen.‟
-
--- „Wenn du vielleicht bloß zu Wörlitzer gehen willst, um den Salon
-des Banquiers als Turnierplatz mit Sembrick zu benutzen, so laß dich
-gefälligst von Jemand Anderem vorstellen.‟
-
--- „Besorge Nichts! Ich weiß nur nicht, was es nützen soll, -- der
-Minister des Innern ist das personifizirte Konkordat, und jedenfalls
-schon prävenirt.‟
-
--- „Was ihn nicht verhindert, seine Fonds durch einen Juden verdoppeln
-zu lassen, der viel zu klug ist, um sich nicht wärmer für Euer
-gegenwärtiges Korbach, als für die Altenberger Zukunftsmusik zu
-interessiren. Wenn du die ganze Geschäftswelt auf deiner Goldwage wägen
-und dich mit Niemandem einlassen willst, der nicht in +unserm+
-Sinne korrekt, so nimm lieber heute als morgen die Tafel von Eurer
-Niederlage ab!‟
-
-Arnold war bei aller Korrektheit praktisch genug, um sein Prinzip nicht
-auf die Spitze zu treiben.
-
--- „Mit den Geistlichen, fuhr Günther fort, ist jetzt nichts zu thun;
-du kannst deinen Vater nicht desavouiren.‟
-
--- „Um so weniger, als ich ihm vollkommen Recht geben muß.‟
-
--- „Wann willst du reisen?‟
-
--- „Sobald die Antwort von Korbach eintrifft.‟
-
--- „Lasse mich’s wissen, ich hole dich dann ab, und begleite dich die
-zwei Stunden bis Treustadt, wo ich ein Geschäft habe, das an keinen Tag
-gebunden ist. Und nun noch ein Wort in alter Aufrichtigkeit: Sprichst
-du von dem, was dir bei der ganzen Sache am +tiefsten+ zu Herzen
-geht, seit drei Tagen keine Silbe, weil du mich nicht für fähig hältst,
-dich zu begreifen?‟
-
--- „Ich spreche nicht davon, sagte Arnold, indem er die Farbe wechselte
-und Günthers Händedruck mit krampfhafter Heftigkeit erwiderte, weil ich
-dir kein Bild aufrollen will, das dir zeigen würde, wie diese ganze
-geschäftliche Besonnenheit eine eiserne Maske ist, hinter der mir, ich
-schäme mich nicht, dir’s zu sagen, oft blutige Thränen herabrollen. Es
-wird eine Zeit kommen, wo ich wieder sprechen kann, jetzt bin ich nicht
-falsch gegen dich, sondern gegen mich selbst. Ich belüge mich den Tag
-über, und lasse die Wahrheit für die Nacht.‟
-
--- -- Und die Nacht war Zeuge, wie unter all’ den grellen Mißtönen,
-die von allen Seiten auf Arnold eindrangen, das Herz nicht verstummt
-war, -- seine Stimme war keine weichliche Wehklage, aber ein
-Schmerzensschrei, der, keinem Andern vernehmbar, in ihm doch Alles
-übertönte! --
-
--- In welcher lichten verklärenden Höhe hatten die ersten Lerchen
-dieser Liebe gesungen! -- Julie, das räthselhafte, reizende Weib, so
-+ganz anders+ als Alle, denen er begegnet, -- die mit einem ihrer
-tiefen innigen Blicke größere Seligkeit schenkte, als Andere mit dem
-glühendsten Kuß, -- und deren Händedruck doch +weniger+ Rechte zu
-gewähren schien, als ein freundliches Lächeln einer Andern! -- Julie,
-die auf dem Felsengipfel unter den Wetterwolken gebetet, -- und dann
-unter den rothen Mohnblumen hervorgelächelt und durch Scherz und frohe
-Anmuth entzückt! Wie lagen für ihn Alle so tief in der Fläche der
-Alltäglichkeit, neben +ihr+, die ein dunkles Geschick mit allem
-Zauber des Geheimnißvollen umhüllte, -- und die es zu tragen schien
-vor den Augen der Andern, als drückten nur Rosen auf das weiche dichte
-Haar, -- und nur in einsamer Stunde hinsank, sich windend unter den
-scharfen Dornen.
-
-Und +was+ war nun aus dem Goldnebel am See hervorgegangen!
-
--- Arnold war keiner von denen, die „wild auffahren,‟ -- knirschen,
--- im Selbstgespräche an die Stirn schlagen, -- -- er saß nach
-vollbrachtem Tagewerke schweigend, in Schmerz versunken, an dem Platze,
-wo er Günther den Abend im Schweizerhause erzählt. +Jedes+ Ausdrucks
-war sein Mund eher fähig, als jenes des +Hohnes+, aber mit bitterem
-Spotte lächelte er, -- -- als er +der+ Julie gedachte in Verona, und
-Romeo’s! des großen Kampfes der alten Häuser um Macht und Ehre! --
-Wie edel die Waffen! das Schwert, -- selbst der Dolch, -- selbst das
-Gift, -- -- +Alles+ noch +groß+ und +edel+!.... Und nun auch hier zwei
-Häuser: -- -- -- „Kollmann und Kompagnie‟, -- „Korbach und Sohn‟. -- --
-Statt Schwert und Dolch: Messingstangen und Kupferplatten... Nie hat
-die plumpe Tatze des gemeinsten Materiellen in kaum erschlossene Blüten
-roher hineingegriffen. --
-
-Wie oft hatte er gelacht über das „Ich und Nicht-Ich‟ der Gott und
-Welt zerdenkenden Schule. Nun gewann es +ihm+ einen Sinn. Nun begriff
-er die Trennung, den Abgrund zwischen dem +Ich+ und jener +zweiten+
-selbstständigen, unbezwinglichen Macht in uns, welche Gedanken schafft,
-von denen das Ich nichts hören, -- Bilder aufsteigen läßt, welche
-der Wille zertrümmern möchte -- vergebens! Wie jener Fromme der
-Legende vom bösen Geiste gezwungen war, Gott zu lästern, und dabei
-das sündige Wort im Herzen verfluchte, das seine Lippen gegen seinen
-Willen sprachen, -- so rang Arnold gegen +Gedanken+, welche +Wolke+
-auf +Wolke+ um +Juliens Bild+ legten, -- er konnte das seelenvolle
-Feuerauge nicht mehr +klar+ schauen -- sie stand nicht mehr vor ihm,
-so fleckenlos wie die frisch erblühte Blume, kristallrein wie der
-Bergquell.
-
-Und doch sagt’ ihm das treue +alte+ „Ich‟: Entweder einen reinen Himmel
-mußt du glauben, oder eine Hölle. Sie kann nur um +Alles+ wissen, oder
-+Nichts+.
-
--- -- In solcher Stimmung, welche dießmal auch der helle schöne Morgen
-nicht zerstreute, traf ihn Günther, als er ihn, nachdem die Genehmigung
-des alten Korbach angelangt, zwei Tage später abholte, um ihn bis
-Treustadt zu begleiten. Ein Blick auf die verstörten Züge des Freundes
-verrieth ihm dessen Gemüthszustand.
-
-„Ich bringe den Brief an Franchini und noch zwei andere,‟ -- begann
-er, „und damit du nicht die Energie verlierst, deren du bedarfst, nimm
-dich zusammen und hänge nicht Gedanken nach, welche entschieden keinen
-Grund haben. Du weißt doch, daß +ich+ Anfangs keine Kränze für diese
-vielbesungenen schwarzen Locken geflochten, die leider Gottes deine
-ganze Existenz umspinnen, ich sage dir aber eben so, daß, wenn diese
-Frau mit +Kenntniß+ der +Sache ihre+ Hand in dieser Intrigue hat, ich
-mir die meine abhauen lasse! Du kannst in dem Ganzen höchstens einen
-Sporn für deine Thätigkeit finden. Hoffentlich wirst du doch kein
-Bedenken tragen, gegen Kollmann, weil er ihr Gatte, ein geschäftliches
-Duell zu bestehen, da dir gewiß ein anderes ein Vergnügen wäre? Frisch
-ans Werk! und nochmals: Zweifel an dieser Frau in dem Sinne, wie ich
-jetzt bei dir vermuthe, sind geradezu wahnsinnig.‟
-
-Der Ton der Ueberzeugung verfehlt seine Wirkung gewiß nicht, wenn das
-Gesagte mit dem Herzenswunsche des Zuhörers zusammenfällt.
-
-Arnold erwiederte: „Es ist nicht der eine und nicht der andere Gedanke,
-sondern der gesammte Karakter der Fehde, der mich durch den Kontrast
-des Gemeinsten mit dem Edelsten peinigt -- lieber als dieses elende
-Gebalge mit einem im Trüben fischenden Fabrikskonkurrenten wäre mir
-wahrlich gewesen, wenn ich einen Kampf zu bestehen gehabt, um einem
-+wirklichen+, schwarzen +Verbrecher+ die Maske abzureißen!‟
-
--- „Aber lieber Freund, man muß immer das Beste hoffen! Wer weiß, ob
-nicht die Konkurrenzschleicherei zu Kollmanns läßlichen Sünden gehört?
-Ich habe immer die Idee, daß in der Geschichte dieses Menschen ein
-Blättchen ist, das er nicht gern vor dem Kriminalgericht herablesen
-möchte.‟
-
--- -- Arnold hatte der heitern Stimmung, in welcher sein Freund
-gekommen, nicht ganz widerstanden. -- Sie waren nun zur Abreise fertig.
---
-
-Wir finden sie eine Viertelstunde später im Waggon, wo sie kaum
-Platz genommen, als Günther sagte: „Deine Reise beginnt unter guten
-Auspicien, der Wind weht vom Freinhof her! Da unten, ganz am Ende des
-Wagens, sitzt die Zeltner! Die fährt jedenfalls wieder irgendwohin, um
-die Angelegenheiten ihres Mannes revidiren zu lassen. Aber ein hübsches
-Weib, -- das muß man ihr und dem Grafen Greuth lassen. Dieses röthliche
-Blond! dieses prachtvolle Weiß!‟
-
-Arnold erkannte die Blondine vom Freinhof. Sie reiste ohne Begleitung.
-Einiges Handgepäck, der blaue Schleier, die Reisetoilette ließen auf
-ein weiteres Ziel der Fahrt schließen. --
-
-„Willst du wetten,‟ sagte Günther nach einigem Nachdenken, „daß die
-Blonde mit dir reist, bis an den Ort deiner Bestimmung? +Ihre+
-Bestimmung aber ist der Prinz August Ernst. Ich habe den Spektakel
-im Theater mit angesehen, als er zwei Monate lang hier war. -- Sie
-hatte einen Sperrsitz unter der Hofloge, und die Augen des Prinzen
-gebrauchten förmlich russische Bäder: von den feurigen Haaren in die
-Schneeflächen, die sich von Oben ganz prachtvoll ausnehmen mußten,
-und vom Schnee wieder ins Feuer. Sie führte mit der Spitzenmantille
-ganze Schicksalsdramen auf, mit glänzender Beleuchtung ihres äußern
-Schauplatzes. Und das wallte und wogte so fort acht Tage lang, bis
-endlich der Adjutant des Prinzen, der Baron von Heidenbrunn, am Ausgang
-wartete, bis die Zeltner in einen Wagen stieg, worauf er sich in den
-zweiten warf und nachfuhr. Seit diesem Abende habe ich sie nicht mehr
-im Theater gesehen. Der Krieg scheint lokalisirt. Wahrscheinlich reist
-sie, da vom Grafen Greuth keine Strafermäßigung Zeltners mehr zu
-erwarten, dem Prinzen nach, wird aber gegen das südliche Element schwer
-aufkommen.‟
-
-Die Besprochene machte auf jeder Stazion mit ihren Augen die Ronde
-durch den Waggon, um den Zuwachs der Gesellschaft zu kontrolliren,
-und begegnete einem jener ruhigen, hellen Blicke Günthers, welche
-so oft den feurigen oder schmachtenden Pantomimen Anderer ans
-Ziel vorausgeflogen waren. Sie erwiederte ihn einen Moment,
-sah dann anscheinend gleichgültig weg, -- allein die Begegnung
-wiederholte sich, da zwei Augenpaare im Raum eines Waggons entweder
-+stillsitzen+, oder auf ihrer Promenade +zusammentreffen+
-müssen.
-
-Arnold war nicht aufgelegt, dem Geplänkel eine besondere Theilnahme
-zu schenken, mußte aber doch lachen, als er Günther plötzlich einen
-wirklich beredten, ganz ernsthaft zärtlichen Blick absenden und darauf
-die Augen wie verwirrt senken sah, -- worauf er sich gegen Arnold
-herumwandte und hinter dem abgenommenen Hut das bekannte gemüthliche
--- Teufelsgesicht schnitt und sagte: „Die Zeltner hat mich vor der
-Hand bloß bezaubert, wie die Klapperschlange, bis Treustadt hoffe ich
-umstrickt zu werden.‟
-
--- „Hast du alles Ernstes vor, da Etwas anzuknüpfen?‟
-
--- „Angeknüpft ist bereits; ich möchte nur wissen, was sie immer im
-Abgrund des Raumes sucht und findet und wieder versteckt? Ein Flacon!
-sie leidet; nach der ungewöhnlichen Blässe könnte es sogar wahr sein.‟
-
-Frau Klotilde Zeltner hatte in der That mit der ihr gegenübersitzenden,
-wie es schien fremden alten Frau einige Worte gesprochen, sich dann
-zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Die Stirnfalte und das
-Eindrücken der schönen Zähne in die Unterlippe verriethen einen
-heftigen Schmerz. -- Ihre bei aller Fülle schlanke und ebenmäßige
-Gestalt beseitigte die Vermuthung, welche sich Günther bei den
-ersten Simptomen des Unwohlseins aufdrang. Er sah, daß keine jener
-Katastrofen drohte, welche manchmal auf Eisenbahnen und Dampfschiffen
-eine Ungleichheit in der Zahl der ursprünglich eingestiegenen und der
-aussteigenden Passagiere veranlassen. -- Vielleicht wenn die Fahrt
-sechs Monate gedauert hätte..... Vor der Hand war es eben nur eine
-vorübergehende „Störung des Organismus.‟
-
-Auf der nächsten Stazion rief Günther nach einem Glas Wasser,
-präsentirte es ihr mit ernster, theilnehmender Miene, und zog sich ohne
-ein Wort zu sprechen zurück, nachdem sie ihm mit schmachtendem, trüben
-Lächeln gedankt.
-
-Als der Train wieder in Bewegung war, sagte er: „Lieber Freund, reise
-glücklich und nimm hier mein Lebewohl! -- ich werde zwar neben dir
-stehen bleiben, -- weiß aber nicht wie lange --, jeder Augenblick kann
-uns trennen, wenn die Pflicht ruft.‟
-
-Arnold sah, daß sein Freund heute unter besonders heitern Sternen
-aufgestanden, und erwiederte das Lebewohl. Er beneidete ihn zwar nicht
-um die Weise, wie sein glückliches Temperament zur Geltung kam, aber
-doch um dieses selbst, und sah der Entwicklung der Dinge zu.
-
-Günther winkte den Kondukteur zu sich und sagte: „Diese Dame dort ist
-sehr unwohl; halten Sie sich etwas in ihrer Nähe auf, und wenn Sie
-bemerken, daß es sich wieder verschlimmert, so sagen Sie, daß ein
-Doktor im Waggon ist. Ich will mich nicht selbst anbieten und möchte
-doch gern helfen... Sie verstehen das schon.‟
-
-Der Kondukteur verstand jedenfalls den Gulden, der ihm in die Hand
-gedrückt wurde. Nach einigen Minuten sah man ihn mit der Frau sprechen
-und Günther wurde, unmittelbar nach seiner Promovirung zum praktischen
-Arzte, zu seiner ersten Patientin gerufen.
-
--- „Ich vernehme, daß Sie Arzt sind?‟ sagte Klotilde Zeltner.
-
--- „Ich bin, -- erwiderte Günther leise -- ein solcher, dessen
-Spezialität eben ausschließlich die Behandlung von Frauenzuständen ist,
-und werde das größte Vergnügen finden, meine Berufspflicht an Ihnen
-nach meinem besten Wissen auszuüben.‟
-
--- „Darf ich wohl um Ihren Namen bitten?‟
-
--- „Ich heiße Günther, -- nicht zu verwechseln mit einem hochberühmten
-Arzte unserer Residenz, mit welchem ich mich jedoch, ohne
-Ruhmredigkeit, gerade in +meinem+ Fache messen darf. Da uns
-Niemand als diese freundliche Frau uns gegenüber hören kann, so bitte
-ich, meinem kurzen Examen mit vollster Unumwundenheit zu folgen.‟
-
-Arnold sah aus seiner Ferne Pulsfühlen und ernstes Kopfschütteln, ein
-schnelles Vorzeigen der Zungenspitze, -- sah Günther mit bekümmerter
-Miene einen Augenblick zwei Finger auf die Stirn der Leidenden legen,
-um deren Temperatur zu erforschen, konnte aber natürlich nicht hören,
-daß das Examen mit der kategorischen Erklärung schloß, daß von
-Weiterfahren über Treustadt hinaus durchaus keine Rede sein könne,
-sondern daselbst abgestiegen, ein Pulver genommen, geruht, und der
-Abendtrain abgewartet werden müsse, bei Vermeidung unberechenbarer
-Folgen.
-
-Frau Zeltner machte viele Einwendungen; sie hatte Gepäckstücke
-aufgegeben, welche nach der Hafenstadt adressirt waren. Günther
-erklärte ihr, daß sie dieselben dort im Magazine finden werde,
-unterwegs aber derselben nicht bedürfe. Er werde in Treustadt für
-Unterkunft und Medikamente sorgen, sie wieder zum Train begleiten,
-kurz Alles leisten, was einem Arzte obliegt, dem es nicht nur mit dem
-wissenschaftlichen, sondern auch mit dem humanistischen Theile seines
-Berufes Ernst ist.
-
-Als der Train in Treustadt anlangte, schien Klotilde volles Vertrauen
-zu dem Heilplane Günther’s gefaßt zu haben. Sie verließ, auf seinen
-Arm gestützt, den Waggon, und Arnold sah sie zusammen eine der
-bereitstehenden Lohnkutschen besteigen, welche durch die, nach dem
-nahen Stadtthore führende Allee hinabrollte und in letzterm verschwand.
---
-
-So bedenklich es scheinen mag, wollen wir ungescheut unserem ärztlichen
-Freunde folgen, und lassen Arnold jeden beliebigen Vorsprung nach
-dem Hafen, wohin wir ihm auf dem, Dampf und Elektrizität hinter sich
-lassenden Zauberteppich, den jeder Autor besitzt, leicht zur rechten
-Stunde nachfolgen.
-
-Die drei Gaben der Prinzen Ali, Achmed und Hussein scheinen nach
-deren Ableben in Hunderttausenden von Exemplaren auf die gesammte
-Autorenwelt übergegangen zu sein. Ein Verfasser bittet seinen Leser,
-einen Augenblick neben ihm auf dem überall hin versetzenden Teppich
-Platz zu nehmen und führt ihn, zwischen Ende und Anfang zweier Zeilen,
-ohne Erschütterung und Paßplackerei von Moskau nach Lissabon. -- Er
-hält ihm das Sehrohr vor’s Auge, und der leichte Bettvorhang wie die
-eisenbeschlagene Kerkerthür werden zu Solinglas. -- Er vermag aber auch
-mit dem Alles heilenden Apfel jede Wunde zu schließen, die er nicht
-selbst als tödtlich bezeichnet, jede Krankheit zu heilen, so lange ein
-Funken Leben glimmt. -- Um so leichter, wenn das Uebel so wenig wie
-das Klotildens ein solches ist, welches die Aerzte einen „schönen Fall‟
-nennen.
-
-Günther sah noch während der Fahrt ihre Besserung auf’s Bedenklichste
-fortschreiten, und fürchtete bis zum letzten Augenblick, seine
-Anstellung gekündigt und sie weiterreisen zu sehen.
-
-Doch fügte sie sich, wie gesagt, seinen Gründen, und wir sehen Beide
-die Treppe des einzigen eleganten Hotels der Stadt hinaufsteigen
-und in ein Zimmer treten. Klotilde ertheilte dem sie begleitenden
-Stubenmädchen den Befehl, das Zimmer nicht zu verlassen, -- auch
-nicht einen Augenblick, -- warf sich auf das Ruhebett, beseitigte ein
-Paar allzu lästige Paragrafe im Preßgesetz ihrer Toilette und bat den
-Doktor, sein freundliches Versprechen zu erfüllen und das Pulver zu
-holen. --
-
-Günther empfahl sich somit, besorgte das Geschäft, um dessenwillen er
-eigentlich nach Treustadt gefahren, ließ sich auf dem Rückwege ein
-Katarrhpulver geben, und präsentirte es Klotilden, welche ihn mit der
-lebhaftesten Freundlichkeit und allen Zeichen des wiedergekehrten
-Wohlbefindens empfing.
-
-Sie wußte das über hundert Dinge hingleitende Gespräch auf die
-ungezwungenste Weise so zu leiten, daß Günther dem, was er unter dem
-humanistischen Theil der Praxis verstand, in einer Stunde nicht näher
-gerückt war als im Waggon.
-
-Dazu das unvermeidliche Mädchen! Er hatte die Zollschranken ihrer Ohren
-zu umfahren versucht, indem er französisch zu sprechen begann: Klotilde
-gab, im besten Französisch, den Bescheid, daß die Unterhaltung deutsch
-weitergeführt werde.
-
-Er mußte für den Augenblick die Segel streichen. Es lag bis zum
-Abendtrain noch manche Stunde vor ihm. Wenn sich die Situazion bis
-Mittag nicht klärte, war er entschlossen, sich zu einem Patienten rufen
-zu lassen und zurückzureisen. Doch hatte er nebst dem Abenteuer etwas
-Anderes im Auge; -- es war nicht unmöglich, dasselbe mit Arnold’s
-Angelegenheit in Zusammenhang zu bringen. --
-
-Nun sprach Klotilde abseits mit dem Mädchen, welches sich zwar
-entfernte, aber sogleich wiederkam, und bald darauf erschien
-ein elegantes Gabelfrühstück, und sie lud mit allem Aplomb der
-anständigsten Frau vom Hause den freundlichen Arzt ein, ihr Gast zu
-sein. Günther machte einige medizinische Einwendungen, sie erklärte
-sich jedoch für ganz hergestellt. -- Er nahm die Einladung an, überließ
-sich seiner ganzen natürlichen Laune, und Klotilde ging während
-des Dejeuners auf manche Wendungen ein, denen sie früher mit jener
-Sicherheit ausgewichen, welche nur die Vertrautheit mit dem Ziele
-aller Wendungen verleiht. Kaum war aber das Konfekt verzehrt und der
-letzte Tropfen des schäumenden Weines geleert, so sprang sie auf,
-befahl dem Aufwärter, Jemanden mit der Handtasche um die Stunde des
-Abendtrains nach dem Bahnhof zu schicken, und ersuchte Günther, sie
-nach dem -- +Park+ zu begleiten. --
-
-Es war nun hohe Zeit, an die Lösung des Komödienknotens zu denken;
-Günther war, indem er ihn geschürzt, einer jener tollen Impressionen
-gefolgt, denen er sich in dem Bewußtsein überließ, jederzeit im
-rechten Moment den Rückzug zu finden. Er konnte jeden Augenblick mit
-Klotilde in der Residenz zusammentreffen, und seine Usurpazion des
-Doktorhutes wurde, wenn er die Sache auf sich beruhen ließ, zu einer
-mit seinem Karakter so wenig als mit seiner Stellung zu vereinbarenden
-Polissonnerie. Er hatte die Sache so weit getrieben, daß Klotilde
-empört sein, oder scheinen mußte, wenn sie sich aller Dinge erinnerte,
-die sie dem Frauenarzte mitgetheilt. Er mußte +ihr+ also einen
-Rückzug lassen, und zweifelte nach den Proben von Verstand, die sie
-gezeigt, nicht, daß sie ihn benützen werde.
-
-Im Park angelangt, bog er in die nächste beste Kastanienallee ein und
-begann: „Nachdem ich Ihnen so wahrhaft vergnügte Stunden verdanke,
-erlauben Sie mir nun eine sehr ernste Frage, zu der mich die wahrste
-Theilnahme drängt. Haben Sie Hoffnung, daß das Schicksal Ihres
-geliebten, unglücklichen Gatten bald eine andere Wendung nehme?‟
-
-Klotilde trat einen Schritt zurück und sah ihn sprachlos an.
-
-„Sie stellen sich erstaunt, daß ich Sie kenne. Allein so geistreich,
-so liebenswürdig, so unnachahmlich Sie auch vom ersten Moment an Ihr
-Spiel gespielt haben, so hat mir doch +Ein+ unbewachter Moment
-verrathen, daß Sie mich so gut gekannt, als ich Sie. Sie haben mein
-Pulver nicht genommen, und von da an wußte ich, daß Sie meine Intrigue,
-zu der mich +Etwas+ bewog, was ich Ihnen nun nicht gestehen darf,
-durchschaut. -- Als eine Persönlichkeit, welche die halbe Residenz
-kennt, hätte ich auch nicht auf ein Inkognito rechnen sollen. Sie aber
-haben die Rolle, mich wirklich für das zu halten was ich sagte, mit der
-vollendetsten Grazie gespielt!‟
-
-Die Sortie war nicht viel feiner, oder noch viel +weniger+ fein
-als der Knoten. Aber Klotilde erwiderte das Einfachste und Beste:
-
-„Alle Täuschungen zugegeben, so ist ja noch die +Frage, wer+
-von uns Beiden heute +unangenehmer getäuscht+ wurde, ich oder
-+Sie+?‟ --
-
-Entscheidend für Klotilde waren Günther’s Worte gewesen: „Eine
-Persönlichkeit, welche die halbe Residenz kennt.‟ -- Wer war der Mann?
-Eine Celebrität jedenfalls; genug für sie, um nachsichtig zu sein.
-Der größte Milderungsgrund lag aber jedenfalls darin, -- daß er ihr
-ausnehmend gut gefallen hatte.
-
-Die Versöhnung war wider Erwarten schnell und vollständig. Er brachte
-nun, nachdem sie unter vielen Seufzern von ihrem Manne erzählt, das
-Gespräch auf Kollmann und erfuhr, daß sie diesen bei dem Advokaten, der
-Zeltner vertheidigte, kennen gelernt, und von ihm nach seiner Besitzung
-geladen worden. Julie nannte sie das liebenswürdigste Geschöpf unter
-der Sonne, und ließ durchschimmern, daß sie sie für unglücklich halte.
-
-„Ich habe von Kollmann eine schlechte Meinung, sagte Günther. --
-Vielleicht wäre das Paar glücklicher, wenn sie Kinder hätten?‟
-
--- „Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Uebrigens werden sie nie welche
-haben, wie ich die Verhältnisse im Freinhof kenne.‟
-
--- „Im Freinhof? sagte Günther mit einem seiner schändlichsten
-Gesichter -- also lokale Ursachen? Sollen da eigenthümliche
-geognostische Verhältnisse einwirken?‟
-
--- „Können Sie denn nicht einen Augenblick honett und ordentlich
-sprechen?‟
-
--- „Ich will es versuchen, auf die Gefahr hin Ihnen dadurch zu
-mißfallen. Haben Sie für Ihre Vermuthung des Aussterbens der Dinastie
-Kollmann kein faßlicheres Gewand?‟
-
--- „Wenn Sie nicht den abscheulichen Betrug gespielt hätten, und
-wirklich das wären, wofür Sie sich ausgaben, so würde ich Ihnen
-+mehr+ sagen. Es genüge Ihnen, daß ich als Frau meine Vermuthungen
-habe. Ich glaube, daß keine bestehenden Verhältnisse, sondern eben
-+nicht+ bestehende Verhältnisse daran Schuld sind, und jetzt
-halten Sie Ihren gottlosen Mund.‟
-
--- „Nur Einen Versuch erlauben Sie mir, Sie zu übertreffen! Sollte
-Kollmann, den ich vor der Welt für ein schlechtes Subjekt halte, im
-Geheimen ein so edler Mensch sein, +daß+ er‟ --
-
-Klotilde schlug ihn nun wirklich mit ihrer hübschen weißen Hand auf den
-Mund und rief: „Was zu viel, ist zu viel!‟
-
--- „Verzeihung! ich wußte nicht, daß Sie über Kollmann nichts
-Unangenehmes hören wollen!‟
-
--- „So viel Sie wollen; +ich+ habe mich nicht über ihn zu
-beklagen, aber ich glaube, er handelt gegen Julie ganz schlecht.‟
-
--- „Das glauben Viele; wenn er schlecht ist, ist er aber gewiß eben so
-klug.‟
-
--- „Nach dem, was er schon durchgesetzt, gewiß. Vor drei Jahren hat er
-als kleiner Fabrikant angefangen, jetzt kauft er eine Besitzung nach
-der andern, hat ein Paar fremde Orden, und vor einigen Tagen erst wurde
-er zum Konsul ernannt, ich weiß nicht, von welchem Großherzog.‟
-
--- „Er hat jedenfalls hohe Verbindungen. Man sagt, sein Hauptprotektor
-sei der Prinz Ernst August.‟
-
--- „Das ist mir neu, und ich bezweifle es, da ich zufällig viele
-Details vom Prinzen weiß.‟
-
--- „Ich sage nur, was die niederträchtige Welt behauptet. Es heißt,
-Kollmann habe Schritte gethan, um zu gewissen Zwecken die Gunst des
-Prinzen zu gewinnen; sie seien nicht ohne Erfolg gewesen, und er
-erwarte den Haupteffekt von der reizenden Persönlichkeit +seiner
-Frau+. Sie kennen wahrscheinlich die Empfänglichkeit des Prinzen
-für das rein Schöne, und wenn dieser Coup gelingt, hat Kollmann seine
-Schäfchen im Trocknen.‟
-
-Klotilde schwieg. Ein ganzes wildes Heer von Gedanken jagte durch ihren
-Sinn. „Dieses hübsche Projekt, sagte sie endlich, würde jedenfalls
-an dem Umstande scheitern, daß diese Frau nie, nicht um die Welt, in
-irgend etwas willigt, was gegen ihre Begriffe von Ehre ist!‟
-
--- „Das liegt vielleicht gar nicht in Kollmanns Absicht. Die Wirkung
-einer einzigen Entrevue in allen Ehren, die gehobene Stimmung des
-Prinzen, wenn er ein Paar Minuten mit einer reizenden Frau spricht,
-werden wohl hinreichen, einem Anliegen den Weg zu ebnen.‟
-
-Klotilde war nachdenklich und ernst geworden. Günther sah, daß der
-Funke fortglimmte und warf gleichgültig hin: „Das sind lauter ~on
-dit~, Vermuthungen, -- aber daß Kollmann nicht versäumen wird
-diese Mine springen zu lassen, sobald er nur einmal den +Weg+
-zum Prinzen gefunden, bezweifle ich nicht. Und den kann man ihm nicht
-versperren!‟
-
--- „Und doch wäre dieß eigentlich eine Pflicht gegen die arme Frau, die
-allein darunter zu leiden haben wird.‟
-
--- „Ja wohl, aber wer kann das! Wer vermöchte dem Prinzen die Augen
-darüber zu öffnen, was dieser Kollmann für ein Subjekt, wenn die Augen
-einmal geblendet sind? -- vielleicht +vorher+!‟
-
--- -- Günther lenkte nun das Gespräch auf andere Gegenstände. Er hatte
-mit Klotilde in einem kleinen Kiosk Platz genommen -- die Sonne ging
-unter, die Stunde des Abendtrains war nahe.
-
-Sie gingen durch die dunkle Allee zurück, -- zu dunkel, um sammt
-unserem Sehrohre entscheiden zu können, ob der Händedruck, mit dem sie
-später im beleuchteten Bahnhofe Abschied nahmen, das +einzige+
-Pfand des Wiedersehens gewesen. --
-
--- -- Günther verglich auf der Rückfahrt unwillkürlich seine heutigen
-Erlebnisse mit dem Besuch beim Professor, wo er mit aller Berechnung
-zu Werke gegangen und eine völlige Niederlage erlitten. Heute war
-er, kaum mit einer Ahnung die Angelegenheit Arnolds hineinflechten
-zu können, auf ein improvisirtes Abenteuer ausgegangen, und hatte
-+vielleicht+ Etwas für ihn gewirkt.
-
-Er versprach sich jedoch nicht viel von Klotildens Dazwischenkunft, da
-er von einer irrigen Voraussetzung ausging.
-
-Er glaubte sie reise nach der Hafenstadt, um ein verlornes Kronland
-+wieder+ zu erobern. Sie reiste aber hin, um sich, nach gehörigem
-Widerstand, erst erobern zu lassen.
-
-Wie der Zufall Günther immer zu den prägnanten Momenten führte, -- zu
-einer Feuersbrunst, wenn sie ausbrach, -- während Andere regelmäßig
-mit der landesfürstlichen Spritze, das heißt zum Verlöschen eintreffen,
--- so war er allerdings in dem Augenblicke aus dem Theater getreten,
-wo der Adjutant des Prinzen dem Wagen Klotildens nachfuhr. -- Aber der
-Prinz hatte sich von der Loge herab in derselben Weise verrechnet, wie
-Günther im Waggon. Sie war größer in ihrem genre, als die Leichtigkeit
-der +ersten+ Annäherung vermuthen ließ. -- Beide erriethen
-sogleich die Serie, irrten sich aber in der Nummer. --
-
-Sie hatte, früh verwaist, durch den Vormund in einer Pension
-untergebracht, diese verlassen, um in ein gräfliches Haus zu treten,
-als Gesellschafterin der beiden Komtessen, nicht aber des jungen
-Grafen, was dieser zu glauben schien. Das Ende der alten, immer neuen
-Geschichte, die dießmal kein Herz entzwei brach, sondern nur ein
-Paar Schwüre und ehrgeizige Hoffnungen, war, daß Klotilde den jungen
-Korrepetitor des Grafen, Zeltner, heiratete, welcher von der Familie im
-Kriegsministerium untergebracht wurde.
-
-Dieß war der auf losem Wellsande aufgeführte Unterbau ihrer
-moralischen und materiellen Existenz. Letztere ward durch Zeltners
-Prozeß untergraben, durch die Erbschaft eines „Onkels in Köln‟ wieder
-aufgebaut. -- Als aber ihre späteren Beziehungen zum Grafen Greuth
-bekannt wurden, fand sie sich von der guten Gesellschaft, worin sie
-früher gelebt, ausgeschlossen, und somit isolirt. Mit der eigentlichen
-~demi-monde~ ging sie nicht um. Sie ging ihren eignen Weg, --
-stand und fiel für sich allein.
-
-In Folge des politischen Prozesses Zeltners und der zweimal
-erfahrnen gräflichen Treulosigkeit hatte sich ein Gewirr von
-roth-republikanischen Ideen in ihr gebildet: prinzipiell guillotinirte
-sie Alles vom Baron aufwärts, trennte aber wie ein Staatsmann das
-+Prinzip+ von den +Personen+. Ein praktischeres Resultat für sie war
-die Besonnenheit, mit der sie nun die angeborne Leidenschaftlichkeit zu
-bändigen verstand, -- in Folge welcher Besonnenheit sich das Verhältniß
-zum Prinzen noch in einem zukunftsreichen ersten Stadium befand.
-
- * *
- *
-
-Günther konnte sich zwar nicht sagen, daß seine heutige Thätigkeit für
-den Freund, wenn sie ersprießlich war, mit großer +Aufopferung+
-verbunden gewesen, fand aber darin keine Ursache unzufrieden zu sein.
-
-Es freut uns, ihn auf seiner Rohrbank sitzen und einmal einen Abend
-+ruhen+ zu sehen. Er hat in den letzten Tagen nicht gelebt wie
-Einer, bei dem erst vor drei Wochen der Tod, zwar nur mit einem ganz
-leichten, unscheinbaren Hustenanfalle angeklopft, aber dabei, wie schon
-mehrere Male, eine mit blutiger Frakturschrift geschriebene Visitkarte
-abgegeben hatte.
-
-Die Fensterläden schließen glücklicherweise fest genug gegen die
-Steine, welche eine höchst achtbare fromme Schar durch das Efeugewinde
-auf ihn schleudern möchte, weil ihm die herübergewehten präludirenden
-Töne der Weltgerichtsposaune nicht wie ein ~Memento mori~ klingen,
-sondern wie ein ~Memento vivere~! -- Und schlügen sie auch durchs
-Fenster, so prallen sie am breiten festen Schirm eines Gewissens ab, in
-welches dreiunddreißig Jahre nicht Eine Handlung gegraben, welche der
-unverfälschte Urtext des Gesetzbuches der Pflicht und Ehre verurtheilt
-hätte.
-
-Wenn in der Gallerie seiner Erinnerungen viele reizende, vor den Augen
-der Moralisten nicht Gnade findende Bilder hingen, so war dieß immer
-besser als die Gallerie der meisten Moralisten selbst, in deren dem
-Publikum geöffneten Sälen zwar lauter Kreuzigungen und Himmelfahrten
-hängen, -- in einem Kabinet zum Privatgebrauch aber meistens +Ein+
-Stück -- -- worüber das Pergament der daneben liegenden Bibel erröthet.
-
-Vielleicht war aber, +ganz+ abgesehen von der sündhaft angenehmen
-Perspektive, welche das Abenteuer mit Klotilde eröffnete, der Weg, auf
-dem er für Arnold wirken wollte, ein solcher, von dem dieser gesagt
-hätte „daß ihn kein Korbach geht?‟
-
-Wir antworten: nicht vielleicht, sondern +gewiß+!
-
-Aber die zehn Jahre, um die er länger in die Welt gesehen, haben
-ihm die Illusion genommen, daß die Zwecke der Schlechten mit lauter
-turniergemäßen Waffen bekämpft werden können. -- Und wenn der alte,
-große Mephisto ins Proscenium tritt und „zu dem jüngern Parterre das
-nicht applaudirt,‟ sagt: „Bedenkt, der Teufel der ist alt, so werdet
-+alt+, ihn zu +verstehen+!‟ -- so darf wohl unser guter
-Taschenteufel, der nur das Beste will, seinem jungen Freunde zurufen:
-„Werde um zehn Jahre älter, und du wirst verstehen, daß man einen
-Marder, Iltis, oder Kollmann nicht mit Edelfalken jagt, sondern in
-Fallen fängt, -- wenn man kann.‟
-
-
-
-
-Ein thätiger Freund.
-
-
-Wer ist es, der an dem Schicksale eines Menschen theilzunehmen vermag,
-ohne durch Bande des Blutes oder der Freundschaft an ihn gefesselt
-zu sein? ohne Wohlthaten von ihm empfangen, ohne ihm welche erwiesen
-zu haben? -- der mit inniger Sorgfalt der Quelle seiner Freuden und
-Schmerzen nachforscht, bis er sie aufgefunden, -- seinen Gedanken
-folgt und ihrer Entwicklung bis zur That? -- unermüdet lauscht auf
-jede Regung seiner Wünsche -- auf seinen Schritt in Licht und Dunkel,
--- und, ohne Dank oder Lohn von ihm zu hoffen, das treue Auge auf ihn
-heftet, das ihn begleitet über Land und Meer -- --?
-
-Wir können es Niemandem verdenken, wenn er meint, es sei die Vorsehung
-oder etwas Aehnliches. -- Es ist aber die +Polizei+. --
-
-Wenn es uns gelungen sein sollte, einen Leser für die Persönlichkeit
-Kollmann’s zu interessiren, -- wenn die Familie Korbach -- Günther
--- Baron Sembrick und noch eine Anzahl Männer und Frauen, im
-verschiedensten Sinne an ihm Antheil nehmen, so können wir versichern,
-daß er, wenn gleich in anderer Richtung, in eben so hohem Grade das
-Interesse eines Mannes erregt hat, welcher weder sein Freund noch
-Feind, noch Verwandter ist, und dennoch nicht ablassen kann, seiner zu
-gedenken.
-
-Es ist dieses der Polizeikommissär Lipprecht, -- dessen Erscheinung
-alle herkömmlichen, eingeteufelten Polizei-Schablonen vollkommen Lügen
-straft. -- Es läßt sich kaum etwas Gemüthlicheres denken als das
-dicke, glänzende, tadellos rasirte Gesicht dieses Mannes, an welchem
-Alles lacht -- von der gespannten spiegelglatten Stirnhaut bis zu den
-Grübchen in den Wangen und dem fetten Kinn, -- ja bis zu den runden,
-schneeweißen kurzfingerigen Händen. --
-
-Merkwürdigerweise weicht dieses wohlwollende Lächeln gerade im Dienste
-nie von ihm. -- Er ist da am heitersten; -- wie ein Kavalleriepferd,
-das die Trompete hört, ganz Feuer und Leben, mit dem +Herzen+
-Polizeimann. -- In guter Gesellschaft spielt er sich häufig auf
-den Mann hinaus, der das Gehässige seines Berufes fühlt und wird
-manchmal fast wehmüthig über die schmerzliche Pflicht, einigen seiner
-Mitgeschöpfe zu schaden. --
-
-Seine außerordentlichen Leistungen bei Entdeckung zweier geheimer
-Etablissements, deren eines sich mit Vervielfältigung von Banknoten,
-das andere mit Vorarbeiten zur gewaltsamen Umgestaltung der
-Regierungsform beschäftigte, hatten seinen Ruf festgestellt. Wenn man
-einen Zeitungsbericht über eine „schauderhafte That‟ las, der mit den
-Worten schloß: „Leider ist es den Bemühungen der Behörden noch nicht
-gelungen, den Schuldigen u. s. w.‟ -- so sagte Jeder: „Hätten sie es
-lieber gleich dem Lipprecht gegeben.‟
-
-Er war für sein Fach geboren; -- Natur-Polizeikommissär. -- Sein
-politisches Prinzip betreffend, würde er der Republik ganz so gern
-und gut gegen dinastische Umtriebe gedient haben, als er der Dinastie
-gegen demokratische diente. Näher lag ihm die Idee vom Schutze der
-Gesellschaft, aber die +eigentliche+ Triebfeder war reines
-Jagdvergnügen, und mit dem Augenblicke, wo er des Wildes habhaft, war
-auch sein Interesse dafür erloschen. Solche, die ihn genau kannten,
-behaupteten, er wäre der Mann, der -- wenn er vor Entdeckung sicher
-wäre -- allenfalls einen Spitzbuben entspringen und ihm einen Vorsprung
-bis Hamburg ließe, um wieder von vorn anzufangen.
-
-Da er so oft von den peinlichen Pflichten seines Standes gesprochen
-hatte, gerieth er in einige Verlegenheit, als er eine sehr bedeutende
-Erbschaft machte, und nun gefragt wurde, ob er denn nicht den
-unangenehmen Dienst quittire? Er fand jedoch, daß sich in seiner
-Stellung so zahllose Gelegenheiten darboten, Gutes zu wirken, --
-humane Zwecke zu verfolgen, daß es Pflicht sei zu bleiben. Seine
-Uneigennützigkeit ging so weit, daß er in wichtigen Fällen, wo ihm
-die knickernde Behörde nicht die nach seiner Ansicht ausreichenden
-Mittel zur Verfügung stellte, wohl auch eine Reise oder die Belohnungen
-selbstgewählter Organe aus seinem Eigenen bestritt.
-
-Seine Chefs schätzten seine Leistungen, ohne ihn zu lieben. Wenn man
-schon, mit einer wirklich unverschämten Ironie, irgend ein Gefühl im
-büreaukratischen Verkehre mit dem Ausdruck „lieben‟ bezeichnen will, so
-hatte er sich dasselbe durch seine Selbstständigkeit und Unlenksamkeit
-verscherzt. -- Immer freundlich und immer lächelnd, that er Nichts
-als was er für zweckmäßig hielt, kümmerte sich um keine Instrukzion
-und pflegte nachträglich in Form einer Entschuldigung auf eine für
-die höhere und folglich unfehlbare Instanz höchst unverdauliche Art
-nachzuweisen, daß, +wenn+ er nach der Instrukzion gehandelt hätte,
-die ganze Sache fehlschlagen mußte. Auch mißbilligte man seinen losen
-Mund über die siechen öffentlichen Zustände und über die Taubheit
-gegen Reformvorschläge an maßgebender Stelle. -- Er schimpfte wie ein
-~agent-provocateur~, ohne es jemals zu sein. Solche polizeiliche
-Schülerarbeit lag tief unter ihm. --
-
-Eben hatte er eine glänzende Aufgabe gelöst und zur Verzweiflung der
-hohen Gesellschaft einen ihr angehörenden bisher undurchdringlichen
-Schurken aus dem Salon ins Zuchthaus befördert. Es war eine schwere und
-lange Arbeit gewesen, er glaubte der Erholung und einiger Zerstreuung
-zu bedürfen und folgte um so lieber einer Einladung Günthers zu einem
-Champagner-Souper ~tête-à-tête~, von welchem er eben in der
-rosenfarbensten Laune nach Hause kommt.
-
-Allein die Gedanken an Ruhe sind bereits verflogen. Günther hat ihm
-den, übrigens nie von ihm vergessenen Namen Kollmann frisch ins
-Gedächtniß gerufen.. der Name raucht und leuchtet wie Fosfor in seinem
-Kopf!
-
-Er hat seine Lampe angezündet, läuft oder rollt vielmehr pfeifend in
-seinem Zimmer auf und nieder, -- bleibt vor seinem Sekretär stehen,
--- zieht ein Lädchen und aus diesem ein Packet Schriften heraus
-und blättert darin mit einem Behagen, wie ein Don Juan in alten
-Liebesbriefen. --
-
-Das erste Dokument ist fast drei Jahre alt. --
-
-Damals war es buchstäblich nichts als das +Gesicht+ Kollmanns,
-welches seine Aufmerksamkeit erweckt hatte. Was ihn eigentlich,
-abgesehen von den wirklich unheimlichen Augen, so polizeilich
-simpathisch berührte, darüber vermochte er sich nicht Rechenschaft zu
-geben. Eine hohe Stirn mit einer tiefen Falte, -- der Mund, der nichts
-als ein farbloser, feiner Querschnitt im bleichen langen Gesichte war,
-das durch den spitzen Kinnbart noch um zwei Zoll verlängert wurde, --
-alles das kam an Tausenden vor. Allein er hatte bei seinem Anblick
-Etwas in sich „rege werden‟ gefühlt, ein gewisses prickelndes Behagen,
-welches ihn niemals getäuscht.
-
-Er erkundigte sich auf eigene Hand, da die Behörde sich auf
-fisiognomische Inzichten und seine Impressionen nicht einließ, und
-schrieb, nachdem er erfahren, daß Kollmanns Paß von Trautenfeld
-datire, an einen dortigen Unterbeamten. Von diesem erhielt er den oben
-erwähnten Brief, den er zwar auswendig wußte, aber nun aufmerksam
-überlas. Derselbe lautete:
-
-„Euer W. geehrtem Auftrage gehorsamst entsprechend, habe die Ehre zu
-berichten, daß Jakob Kollmann, Civil-Ingenieur und Chemiker, 35 Jahre
-alt, dessen Person-Beschreibung mit der von Ew. W. gegebenen genau
-übereinstimmt, sich auf hiesiger Herrschaft vier Monate hindurch
-aufgehalten und im Auftrage des Besitzers, Bankiers Freiherrn von
-Sieberg beschäftiget war, Vermessungen, geognostische Untersuchungen
-und Erz-Analysen vorzunehmen.
-
-„Derselbe hat einen ruhigen, arbeitsamen Lebenswandel geführt und in
-keiner Weise Anlaß zu Bedenken gegeben. In Betreff seiner politischen
-Ansichten wäre hervorzuheben, daß er sich im besten Sinne sowol
-gegen die Arbeiter als anderwärts geäußert, auch nach der Euer W.
-bekannten Verhaftung des Oberingenieurs Alberti, mit welchem er auf
-freundschaftlichem Fuße gestanden, sich gegen dessen demokratische
-Umtriebe mit Entrüstung ausgesprochen.
-
-„Kollmann hat hier im Hause eines gewissen Grünschenk, vormaligen
-Besitzers einer Gipsstampfe, gewohnt, welcher, während eines der
-häufigen tagelangen dienstlichen Ausflüge Kollmanns, starb, und
-demselben ein kleines Legat von 1500 Gulden, sein übriges bedeutendes
-Vermögen aber der Gemeinde vermachte. --
-
-„Während seines hiesigen Aufenthalts ist er trotz seiner höheren
-Bildung nicht mit den Honorazioren, sondern meist mit gemeinen Leuten
-umgegangen. Im Ganzen war er ernst und schweigsam und äußerte nur
-lebhafte Freude über das Legat, das ihm seinen Lieblingswunsch erfülle,
-reisen zu können, wie er denn auch kurze Zeit nach dem Ableben des
-Grünschenk Trautenberg verlassen hat. Womit ich die Ehre habe u. s. w.‟
-
-Ein zweites Schreiben, aus +Genf+, bestätigt, „daß Kollmann
-daselbst, bald nach seiner Ankunft, die Bekanntschaft eines Fräuleins
-Julie Brito gemacht, welche, väterlicherseits verwaist, mit ihrer
-Mutter daselbst trotz ihrer notorisch sehr günstigen Vermögensumstände
-einfach und zurückgezogen lebte. Bei Kollmanns Ankunft sei die Mutter
-bereits auf den Tod erkrankt gewesen und habe die Trauung ihrer Tochter
-mit ihm nur um zwei Tage überlebt. Das Vermögen sei wahrscheinlich in
-seine Hände übergegangen.‟ --
-
-Der Aufwand Kollmanns bei seiner Ankunft mit der jungen Frau in der
-Residenz, so wie der Ankauf einer Chemischen-Produkten-Fabrik war
-hierdurch allerdings erklärt. Das dritte Schriftstück jedoch ist es,
-welches dem gemüthlichen Kommissär bisher das meiste Behagen und
-zugleich das größte Herzeleid bereitete. --
-
-Er hatte die Orte in Erfahrung gebracht, welche Kollmann auf seiner
-Reise berührt, und aus +Mannheim+ die Nachricht erhalten, „daß
-er daselbst einige Tage in einem Hotel gewohnt und mit einem Fremden
-lange Unterredungen gehabt, welchen man seines als gefälscht erkannten
-Passes halber verhaften wollte, jedoch um einige Stunden zu spät kam.
-Die Behörde habe die Ueberzeugung, daß der Fremde kein Anderer gewesen
-als Wangerode, das bekannte Haupt der deutschen Emigrazion in London.‟
-
-Der Chef, welchem Lipprecht, mit seinen frühern Bedenken gegen Kollmann
-abgefertigt, dieses Schreiben mit vieler Befriedigung vorgehalten, war
-aufmerksam geworden, und hatte die Korrespondenz, welche dieser zu
-seinem Privatvergnügen eröffnet hatte, offiziell fortsetzen lassen. Es
-ergab sich jedoch, daß man Kollmann so wenig verpflichten konnte, den
-Fremden als +Wangerode+ gekannt zu haben, als ihn die Mannheimer
-Polizei als solchen, wenigstens zur rechten Zeit, erkannt hatte; und da
-derselbe inzwischen festen Fuß im Lande gefaßt und hohe Protekzionen
-gewonnen hatte, so war Lipprecht angedeutet worden, daß man es
-anerkennen werde, wenn es ihm gelinge, in demselben einen Konspirator
-zu fangen, daß aber die Polizei keinen Grund sehe, auf ihn als solchen
-Jagd zu machen. --
-
-Lipprecht zog sich nun zurück, keineswegs gekränkt, sondern lachend
-über die Bornirtheit, welche da nicht einmal Keime sah, wo nach seinem
-Gefühle schon eine reife Frucht abzuschütteln war, und bedauerte, daß
-man diesem Gefühl nicht mehr traute, als den gedankenlosen Zuschriften
-von Agenten, welche nur mit den äußern Sinnen wahrnehmen.
-
-Sein polizeiliches Herz hatte einmal laut gesprochen und sagte:
-die ganze industrielle Thätigkeit und die ehrgeizigen Bestrebungen
-Kollmanns sind der Deckmantel seiner politischen Rolle. Irgend ein
-kleines ordinäres Kriminalstückchen mochte mit im Spiele sein, aber für
-ihn war der Mann vor Allem +Emissär+ im +großen Stile+, und
-davon brachte ihn kein Verkehr desselben mit hochgestellten Leuten,
-kein Orden, kein Konsulsposten ab. --
-
-+Sein+ Standpunkt bei Beurtheilung eines Revoluzionärs, +seine
-Auffassung+ dieses Wortes verdienen ein näheres Eingehen.
-
-Sie waren von jener des Polizeichefs verschieden. Dieser erkannte
-in Kollmanns Handlungen durchaus keine umstürzende Tendenz, keines
-von jenen Elementen, welche das Dikzionnär der Sicherheitsbehörde
-als staatsgefährliche Umtriebe bezeichnet. Auf einer gewissen Höhe,
-verbunden mit einer gewissen Beschränktheit der Ansicht, unterscheidet
-das Auge nur +einen+ Feind des herrschenden Prinzips, nämlich den
-der es angreift, der ihm +gegenübersteht+.
-
-Wenn aber ein reicher Mann durch gewisse Leidenschaften, seien es
-theure Raritäten, Rennpferde der Tänzerinnen u. s. w. in seinen
-Vermögensumständen zerrüttet worden, so ist nicht der Dieb, der den
-Rest seiner Kasse stiehlt, oder der Räuber, der sie ihm mit der
-Pistole abfordert, +allein+ der „Umsturzmann‟ seines Vermögens,
-sondern auch +Jener+, der ihm die mit frischen Transporten
-englischer Pferde ankommenden Händler, die Raritäten-Trödler ins Haus
-schickt, oder ihn hinter die Kulissen führt, und die Reize der theuern
-Lieblingsobjekte anpreist. -- Der arme reiche Mann wird ihn nicht als
-seinen Feind erkennen, wohl aber sein Kammerdiener, -- Stallknecht, --
-+Jeder+ außer ihm. --
-
-So auch im Staate. --
-
-Ist das gesunde Gleichgewicht gestört, thront ein falsches schädliches
-Prinzip auf der herrschenden Höhe, sei es die Diktatur des Säbels, --
-des Krummstabes, -- der Feder -- oder des Geldsackes, so ist Derjenige,
-der das Prinzip bestärkt, reizt, auf seine äußerste Spitze treibt, ein
-so entschiedener Feind des Bestehenden, -- nur der herrschenden Gewalt
-nicht erkennbar, -- als der Barrikadenerbauer. -- Der Teufel ruft
-„nur zugestoßen! ich parire.‟ Und die Staatsgewalt freut sich eines
-hingestreckten Gegners -- es fällt ihr nicht im Schlafe ein, daß der
-Teufel gerufen: sie hält es für die Stimme des Landespatrons. --
-
-Lipprecht nannte dieß die Partei des „+Nur so fort!+‟
-
-+Wer+ soll sie erkennen? der General? dem sie zurufen: „Dein Säbel
-hat den Thron gerettet! Dein Stand ist der erste, der einzige, -- alle
-andern sind daneben nur Professionen!‟ -- Oder der Geistliche? dem
-sie zuflüstern von der Kanzel herab zu predigen: „Ihr habt im letzten
-Feldzuge nicht gesiegt, weil Ketzer in Euern Reihen fochten!‟ -- Soll
-+er+ es fühlen, daß er die Sache der jubelnden Partei des „Nur
-so fort‟ so warm und kräftig fördert, wie es kaum einer derselben
-vermöchte, wenn er +selbst+ die Kanzel bestiege? -- Und so Jeder
-der Andern! -- --
-
-Wer vor Lipprechts Ohren, oder vor den noch so viele Meilen entfernten
-seiner Getreuen, mit Leidenschaft für den Bestand der Militärherrschaft
-sprach, für Durchführung der übergreifenden kirchlichen Tendenzen,
--- für eiserne Gewalt den Forderungen der Zeit gegenüber, -- für
-Centralisazion den berechtigten provinziellen Wünschen zum Trotz, der
-war ihm, ohne Unterschied der Stellung, sofort verdächtig als Einer von
-jener Partei, -- vorausgesetzt, daß er ihn als intelligent, als begabt
-erkannt hatte.
-
-Kollmann war für ihn ein Revoluzionär in dieser Bedeutung. Während
-Günther in dessen künstlichem Hineinziehen der kirchlichen Gewalten
-nur einen tiefdurchdachten industriellen Plan sah, hielt der Kommissär
-+alle+ ihm bekannten Beziehungen Kollmann’s zusammen und fand ihn
-in +lauter+ Richtungen thätig, wo es galt, einem verwerflichen
-Bestehenden zu schmeicheln, womöglich einen Uebergriff herbeizuführen,
--- zu Extremen zu treiben.
-
-Daß in einer kleinen, beschränkten, bürgerlichen Sfäre eine solche
-Thätigkeit ein in seinem Verfalle noch immer gewaltiges, über
-unermeßliche Hülfsquellen verfügendes Sistem nicht umstürzen, kaum
-erschüttern werde, war allerdings klar; aber eben so gewiß, daß
-wenn das langsam und sicher tödtende Gift von Vielen, von Hunderten
-ausgestreut wird, der Erfolg kaum ausbleiben könne. --
-
-Dieses „zum Selbstmorde Treiben durch Ueberreizung des Genusses‟ konnte
-nach Lipprecht’s Meinung die Devise einer geschlossenen, organisirten
-+Gesellschaft+ sein, wie es nach den Erfahrungen der Polizei
-seines Landes zwischen den Jahren 1824 und 1830 der Fall gewesen.
-
--- Er fragte sich, welches Interesse Kollmann, der Industrielle,
-der Besitzende, -- überhaupt an einem Umsturze haben könnte? Allein
-nach seiner Ansicht war der plötzlich reich Gewordene überhaupt kein
-Repräsentant jener Klasse, welche subversiven Tendenzen unzugänglich
-ist, und dann war für Lipprecht nicht erwiesen, +was+ dem Manne
-eigentlich gehöre. Der große Besitz, dessen Mittelpunkt der Freinhof,
-ließ allerdings auf die Absicht schließen, sich an das Land zu
-fesseln; allein diese Partei wirft im Moment der Krise die Maske ab,
-fraternisirt mit den übrigen Gesinnungsgenossen, und schnappt häufig
-die besten Posten weg. -- Bleibt alles ruhig, so bleiben auch sie im
-unangefochtenen Besitz und produziren fort, wie die Konservativen vom
-reinsten Wasser.
-
-Lipprecht stand mit seiner Auffassung allein. Sein Chef z. B. hätte
-keinen für einen Umsturzmann gehalten, der ihm rieth, die kaum
-aufathmende Presse fester zu knebeln, während der Kommissär sagte:
-„Gerade +die+ sind die Rechten! entweder unbewußte Revoluzionärs
-aus Bornirtheit, oder bewußte vom +Nur so fort!+‟
-
-Allein wenn das +Erkennen+ schwer, war das +Beweisen+ noch
-weit schwerer.
-
-Die Hoffnung Lipprecht’s war auf +Einen+ Umstand gegründet.
-
-Da diese Partei verstellten Deserteuren gleicht, welche sich unter eine
-Garnison mischen, sie durch falsche Berichte zu ungeschickten Ausfällen
-reizen, und schließlich dem Feind die Thore öffnen, so muß sie mit
-+diesem+ in +Verbindung+ bleiben, -- wäre es auch nur, um
-nicht schließlich, da sie die Uniform der Garnison trägt, mit dieser
-zusammengehauen zu werden.
-
-Der Kommissär nahm mit Recht an, daß +seine+ Revoluzionärs mit
-der demokratischen +Emigrazion+, mit jener thatbereiten Schar, in
-+Verbindung+ stehen müssen, welche in dem Momente hervorbricht,
-wo die Bewegung aus den Hörsälen, Lesevereinen, Salons und Gaststuben
-auf die Straße tritt und das schnell zu erbauende und eben so schnell
-umgeworfene Monument der Volkssouveränität aus Pflastersteinen
-errichtet.
-
-Diese Annahme gab Lipprecht die Hoffnung, einen Beweis einer solchen
-Verbindung in die Hand zu bekommen, und wenn die Zusammenkunft
-Kollmann’s mit dem Demokraten Wangerode nicht genügend befunden worden,
-so mochte der Zufall bei verdoppelter Aufmerksamkeit Etwas darbieten,
-was seinen Chef überzeugen konnte, daß bei gewissen Zuständen des
-Staates nicht der, der „schimpft‟, ein Verräther, sondern der sich
-Allem anschließt, was die intelligente +Majorität+ aller Stände
-+laut+ und +entschieden+ verdammt hat.
-
-Und +dieß+ war der Zustand des Landes unserer Begebenheiten. --
-+Ingrimm+ im Herzen von Tausenden seiner tapfern Söhne, die den
-Fahnen gefolgt, über welchen trauernd der verklärte Geist eines großen
-Feldherrn schwebte, -- gefolgt mit unbegrenzter Hingebung, -- und mit
-blutenden, verstümmelten Gliedern heimkehrten, die Todten beneidend,
-die nicht bis zum Ende mit angesehen, wie der Stolz und die Kraft des
-Landes wie ein elendes Spielzeug zum Zerbrechen hingeworfen wurde,
-von der Hand der beispiellosen Unfähigkeit! -- Männer, die, wenn sie
-tausend Leben hätten, sie freudig hinopferten für ihren Kriegsherrn,
-die kein höheres, schöneres Ziel kennen außer dem Siege, als den Tod
-auf dem Schlacht+felde+, aber nicht auf der Schlacht+bank+,
-auf welche sie mit gebundenen Händen gelegt wurden von den Trägern des
-Sistems, oder besser von Denen, die +vom+ Sistem emporgetragen
-worden! -- von Jenen, welche wissen, daß die Treue unerschütterlich, --
-daß sie ein Menschenherz +so+ zu stählen vermag, daß man mit dem
-Hammer der Willkür darauf einhauen kann!... eher wird der +Hammer+
-zerspringen, -- als die +Treue+!
-
-+Enttäuschung+ im Herzen der Diener, oder besser, der Herren der
-Kirche, welche mit Palmen und Tedeumklängen einzuziehen gedachten
-in das gelobte Land, das ihnen ein unterzeichnetes Blatt eröffnete,
-wodurch der Monarch seiner Krone einen Stein ausgebrochen um die Tiara
-zu schmücken, -- im frommen Glauben, der Fels, auf welchen Petrus seine
-Kirche baute, könne kein Loreleyfelsen sein, an dem das Staatsschiff
-scheitere! -- Schmerz in den Gemüthern der eigentlichen +Diener+
-der Religion, die nun schutzlos anheimgegeben der Willkür der Herren.
-
-+Unmuth+ in der Brust des Bürgers, der sein Kleid zurückgesetzt
-sieht, die Last wachsen fühlt, und dennoch eine größere trüge, und
-gern trüge, wenn auf die alte, ewige Frage: +wozu+? auch nur
-+Eine+ klare Silbe einer Antwort heraufklänge aus dem Abgrunde,
-der seine Steuer verschlingt.
-
-+Erbitterung+ und +Sorge+ im Gemüthe des Beamten, welcher
-unter Organisazion und Reorganisazion und Desorganisazion mit jedem
-Mondeswechsel Grundsätze bekennen und wieder abschwören soll, wie man
-einen Rock wechselt!
-
-Und so fort durch alle Stände, bis hinunter -- -- wohin? --
-
-Was heißt +hinunter+? Wer steht „+unten+?‟
-
-Der +Bauer+? -- Gott bewahre! -- er liefert den Kern der
-Wehrkraft! --
-
-Aber der +Proletarier+? -- auch das ist kein rechtes
-„+Unten+‟ -- allenfalls der Crinoline und dem Glacéhandschuh
-gegenüber; aber nicht im politischen Sinne! Da genießt das Proletariat
-doch die scheue Anerkennung seiner Existenz als hungerige,
-zähnefletschende Masse!
-
-Es gibt noch ein anderes „Hinunter!‟
-
--- Wir sagen noch einmal -- „Und so fort durch alle Stände, bis
-hinunter zum -- -- +Künstler+!‟
-
--- -- -- Und das war der Punkt, wo selbst Lipprecht +offener+
-Revoluzionär war! --
-
-Nicht als ob der Mann jenen echten, wahren Kunstsinn, jenen
-hochgebildeten Geschmack gehabt hätte, welcher Günther, der selbst
-nur mittelmäßig musizirte und zeichnete, zu einer Autorität machte,
-von welcher die bedeutendsten Künstler der Residenz gern Winke über
-entworfene oder halb vollendete Werke annahmen. Allein dieser, der
-stets einige arme Maler protegirte und seine reichen Bekannten zu
-Bilderankäufen veranlaßte, hatte in dem Kommissär eine Art Kennerschaft
-und Mäcenatenthum hineingeredet, so daß er allen Ernstes seine eigenen
-Ansichten auszusprechen glaubte, wenn er behaglich schmunzelnd jene
-Günther’s vor einem Bilde wiederholte.
-
--- So hatte er auch dessen Ansicht über die Stellung des Künstlers
-im Vaterlande in sich aufgenommen, oder es bedurfte vielmehr nur des
-Hinlenkens seines hellen Blickes nach dieser Richtung, um ihn mit der
-tiefsten Indignazion zu erfüllen. Er sah, wie nicht nur die ~haute
-finance~, sondern auch die Aristokratie Tausende für das Handwerk
-hinauswarfen, das ihre Salons schmückte, während die Kunst, in den
-Ateliers und den Magazinen der Bilderhändler, vergebens eines Käufers
-harrte, und er schrieb die trostlose Dürre auf diesem Felde dem Mangel
-der belebenden Sonne, des befruchtenden Regens zu, die von +Oben+
-herabstrahlen und strömen sollen, -- und im Nachbarlande einen so
-reichen Flor hervorgezaubert; mit einem Worte dem gänzlichen Mangel an
-+Kunstsinn+ in der +höchsten+ Region.
-
-Dies war die Anschauung eines wirklichen, aktiven
-+Polizei+kommissärs vom Zustande des Landes, und sogar eines der
-besten und brauchbarsten, -- oder vielmehr eben darum.
-
-Heute war er in der frohen Champagnerlaune von dem Steckenpferde seiner
-+politischen+ Ansicht über Kollmann abgestiegen, und hatte den
-Gegenstand seiner Vorliebe von einer +andern+ Seite ins Auge
-gefaßt. Günther glaubte den Schleier von dem Gemälde Harkeboom’s
-unter den nun geänderten Verhältnissen etwas lüften zu sollen; der
-+Wetterstein+ war erwähnt worden. --
-
-Aus den ~billets-doux~, welche der Kommissär nun wieder in ihr
-Behältniß legte, schoß heute ein Gewimmel alter und neuer Fragen, über
-Kollmanns Promenaden im Gebirge, die Zeit, die er nach Grünschenk’s
-Ableben noch in Trautenfeld zugebracht, -- des letzteren Testament,
-Leben und Sterben -- -- ein ganzes Album von ungelösten Rebus, die der
-Auflösung warteten.
-
-Der Gegenstand verdiente und belohnte eine Kunstreise. Er bedurfte,
-wie gesagt, der Erholung, und schwerlich ließ sich ein genußreicherer
-Ausflug ersinnen, als nach Trautenfeld. Hierzu entschlossen, schlief
-er zufrieden ein mit dem Vorsatz, nächsten Tag einen jener häufigen
-Urlaube zu verlangen, welche ihm nie versagt wurden, am wenigsten seit
-er täglich in seinem eleganten Wagen mit zwei schönen Rappen ins Büreau
-gefahren kam und seine Chefs gegen seine Selbstständigkeit milder
-gestimmt waren, welche nun eine ihnen einleuchtende Basis hatte.
-
-Eine eigene Ansicht haben und durchführen wollen, wenn man von seinem
-Gehalte lebt, war denn doch eine Marotte, welche kaum einer Spezialität
-wie Lipprecht zu verzeihen war. Nun war es anders. -- Der Mann gab auch
-vortreffliche Garçon-Diners.
-
-Sein Vorhaben war, einige Tage an dem reizend gelegenen Orte
-zuzubringen, Lokalitäten und Verhältnisse zu studiren, so viele
-Personen als möglich gesprächsweise auszuholen, -- das Uebrige mußte
-seiner Kombinazion und dem Zufall überlassen bleiben.
-
-Er reiste, da keine Eisenbahn dahin führt, in seinem Wagen. -- Der
-Morgen, an dem er wegfuhr, war nicht glänzender und heiterer als er
-selbst; er fühlte sich von einer so frohen Sehnsucht nach den Bergen
-durchweht, wie er, nach seinem Geständnisse gegen Günther, gewöhnlich
-vor Gauermanns Bären und Geiern empfunden.
-
-Wie ein Globus im Holzgestell saß der kleine dicke Mann in dem
-leichten Wagen, dessen zierliche Form nicht verrieth, daß in ihm Alles
-angebracht war, was auf einige Tage die ganze Außenwelt entbehrlich
-machte. Ein Flaschenkeller, ein Viktualienmagazin, Gebäckbehältnisse,
-Pistolenkassette, dieß Alles vermochte nicht, der Kalesche ihre
-Schlankheit zu benehmen, in welcher der Besitzer, mit nichts beladen
-als seinem quadrillirten Reiseanzuge und der braunen englischen Kappe,
-etwas mehr als zwei Dritttheile des Sitzes ausfüllte.
-
--- -- Gegen Mittag umwölkte sich der Himmel, und Abends fuhr der
-Kommissär im Markte Trautenfeld unter einem jener Regengüsse ein,
-welche die in die Hälfte der Straße vorstehenden Dachrinnen in speiende
-Delfine verwandeln, aus deren Maule das Wasser auf Wagendach und
-Spritzleder mit trommelndem Getöse niederstürzt.
-
-In langen Strahlen fällt es von den vier ungeheuern Linden in der Mitte
-des Platzes in die von ihnen umschlossene Pferdeschwemme, -- zugleich
-Kaltbadeanstalt sämmtlicher Enten und Gänse -- -- eine Gruppe der
-letzteren steht heraußen im Freien, mit emporgerichtetem Schnabel den
-Himmelssegen auffangend und von Zeit zu Zeit der innern Freudigkeit
-in einem scharfen, kurzen Trompetenstoß Luft machend. Wirkliches Naß
-rinnt über den steinernen Wasserfall, der an der Gießkanne des heiligen
-Florian hängt, -- vor welchem eben der Pfarrer den Hut lüftet, der
-unter dem rothen Parapluie mit hochbestiefelten Beinen und halbe
-Klafter langen Schritten durch den improvisirten See sticht. Heller
-glänzt der Zeiger an der schwarzdurchnäßten Thurmuhr, heller die runden
-Ziegel der Giebeldächer, über welche hinweg die nahen Berge nur als
-dunklere Flecken in dem tief hereinhängenden Nebel erscheinen. Es
-sieht aus wie einer jener Gebirgsregen, die sich zur Verzweiflung des
-Touristen wochenlang aus sich selbst gebären, niederfallen, verdünsten,
-sich zu Nachtgewölken verdichten, und abermals herabträufeln, -- wie
-ein Kind, das, einmal ins Weinen gebracht, immer von Neuem losbricht,
--- bis endlich ein neues Spielzeug -- hier ein wohlthätiger Windstoß --
-dem langweiligen Unwesen ein Ende macht.
-
-Die Kalesche nähert sich dem Gasthause und der große braungelbe nasse
-Hund tritt vor und salutirt mit schief heraushängender Zunge und
-aufgerichteten Ohren. Er ist selbst Sicherheitsorgan und es scheint ihn
-etwas Kollegialisches anzuwehen. Der Kommissär, durch den Regen nicht
-einen Augenblick aus seiner Laune gebracht, begrüßt aufs freundlichste
-den Wirth, in welchem er auf den ersten Blick einen jener biedern
-Patriarchen erkennt, welche das Bild ländlicher Einfalt sind bis zum
-Momente der Rechnung, und die sich in allen geschäftlichen Beziehungen,
-schlicht gesagt, als abgefeimte Hallunken bewähren.
-
-Lipprecht setzte sich mit ihm auf den besten Fuß, richtete sich in
-einem hübschen Zimmer ein, und begab sich zum Abendessen in die
-Gaststube, wo die Markt-Honorazioren beisammen saßen. Sie behandelten
-ihn Anfangs mit jener klotzigen Exklusivität, welche den geschlossenen
-Bier- und Tabakkränzchen der herrschaftlichen Beamten u. dgl. meistens
-eigen, allein der Kommissär kannte seine Leute, brachte nach einem
-bescheidenen, ruhigen Eingange einige politische Neuigkeiten, -- sodann
-ein Dutzend derber Anekdoten, und nach einer halben Stunde war er der
-„charmanteste, jovialste (nach Trautenfelder Aussprache: schovialste)
-Mann‟ und erhielt, da er sich als Jagdfreund, Kegelschieber und
-Tarokspieler ankündigte, vielseitige Einladungen. -- Der nächsten Tag
-noch fortdauernde Regen sperrte die Gesellschaft noch früher und länger
-zusammen als sonst. --
-
-Er brachte mit Leichtigkeit das Gespräch auf Kollmann, den die Meisten
-gekannt. Alle schilderten ihn als einen unermüdet thätigen, geschickten
-Menschen, der, wenn er von seinen Gängen nach Hause gekommen, beständig
-gelesen und studirt habe. Sie hatten sein Zurückziehen Anfangs für
-albernen Stolz gehalten, aber dann gesehen, „daß er nun einmal keinen
-schovialen Karakter habe, und einen solchen Menschen müsse man gehen
-lassen und bedauern.‟
-
-Den Tag über hatte er den Markt und die beiden außerhalb desselben
-gelegenen, durch einen Garten getrennten Häuser des Grünschenk
-besichtigt. Das größere gehörte nun der Gemeinde, das kleine war von
-der vormaligen Haushälterin Grünschenk’s bewohnt, einer, nach dem
-Verdikt der Stammgäste, höchst achtbaren alten Frau Namens Fellinger.
--- Bei dieser schien ihm der Schwerpunkt seiner Erhebungen für den
-Augenblick zu liegen.
-
-Er schenkte der kleinen Nichte derselben, welche für sie Verschiedenes
-aus dem Gasthause holte, eine silberne Münze an rothem Band, und die
-alte Frau kam nach einer Stunde in halbstädtischem Anzuge zu ihm, und
-dankte in gewählteren Worten, als er erwartet. Zugleich lud sie ihn
-ein, im Vorübergehen ihre kleine Wirthschaft zu besehen.
-
-Lipprecht begab sich am selben Nachmittage zu ihr; es gelang ihm bald
-sie gesprächig zu machen, und Einzelnheiten zu erfahren, durch welche
-der oben erwähnte alte Brief des Unterbeamten vervollständigt, und ein
-Faktum in den Vordergrund gestellt wurde, welches seinen Gedanken eine
-neue Richtung gab.
-
-Am 27. August vor drei Jahren war Grünschenk, seit Langem leidend,
-plötzlich Nachmittags sehr übel geworden und in der Nacht gegen zwei
-Uhr verschieden.
-
-Kollmann, der im Hause gewohnt, war Tags zuvor auf eine Vermessung
-ausgegangen und erst bei dessen Beerdigung zurückgekehrt.
-
-Bei Grünschenk’s Tode waren anwesend: der Pfarrer, der Ortschirurg, die
-Ober-Ingenieure Wimmer und Alberti, deren freundschaftlicher Bemühungen
-die Fellinger dankbar erwähnte, und Holzschreiber +Walcher+,
-welcher zwei Tage später in den Wald gegangen und nicht wiedergekommen.
-
--- -- Das klang ja in den Ohren des Kommissärs wie der erste Takt eines
-Triumfmarsches! -- -- +Einer, der „nicht wiedergekommen‟+ --!?
-
-Er erbat sich eine Karakteristik des Holzschreibers.
-
-Walcher war ein stiller, schwächlicher, gutmüthiger Mensch, -- ledig,
--- ein armer Teufel, die Ehrlichkeit selbst, und war von Grünschenk
-seiner guten Handschrift wegen zu Schreibereien, und außerdem zu Gängen
-verwendet worden. Man hatte ihn, als er zwei Tage nicht zurückkehrte,
-allenthalben in den Waldungen gesucht. „Es war alles umsonst, sagte die
-alte Frau, -- im Wald hätten ihn die Hunde wohl gefunden, aber er muß
-sich gegen das Hochgebirg gewendet haben, das dahinter aufsteigt und
-wenn er sich da verstiegen oder vom Nebel überrascht worden, so liegt
-er vielleicht bis zum jüngsten Tag in einer Schlucht am Jaitstein, oder
-am Reifeneck oder Wetterstein‟ -- --
-
-Wetterstein! -- -- wieder ein Klang für Lipprecht, -- wie wenn die
-Norma ans kupferne Becken schlägt, um die Gallier zur Rache zu rufen...
-
-Er hatte bereits zum Entzücken der Frau die dritte Tasse Kaffee
-getrunken. Nun besah er wehmüthig lächelnd alle Möbeln und sonstigen
-Reliquien Grünschenk’s, ließ sich sogar ein Autograf von dem alten
-Herrn geben, las mit Rührung die Abschrift von dessen Testament, und
-erbat sich endlich ein Blatt von der Handschrift des verschollenen
-Walcher. Die alte Frau, vollständig mit ihren Erinnerungen
-beschäftigt, wußte von manchen Einzelnheiten selbst die Stunde
-anzugeben. -- Bedeutend schien, daß Kollmann zur Zeit von Walcher’s
-Verschwinden von Trautenfeld abwesend und erst am zweiten Tage darnach
-zurückgekehrt war; seine Thätigkeit bei den Nachforschungen, von
-der alten Frau sehr hervorgehoben, war für den Kommissär nur ein
-erschwerender Umstand.
-
-Das leuchtete Alles ganz anders als der elende Brief des Unterbeamten.
-
-Allerdings hingen die drei Namen Kollmann, Grünschenk und Walcher
-vor der Hand nur in Gott und dem Kommissär zusammen, kriminalistisch
-betrachtet; allein wir wissen aus dem Abc der Geometrie, daß je
-drei Punkte, die nicht in einer geraden Linie liegen, ein Dreieck
-bilden: der Holzschreiber lag nun einmal nicht in der +rechten+,
-+geraden+ Linie, und Lipprecht legte ein Dreieck hindurch, welches
-mit einigem Biegen und Wenden ganz leidlich die Form eines Galgens
-darstellte.
-
-Man würde ihm himmelschreiendes Unrecht thun, wollte man ihm eine
-diabolische Freude an diesem im Winde wankenden Resultate zuschreiben!
--- so wenig als der Jäger sich der Zuckungen und verglasten Augen des
-verendenden Hirsches +freut+! -- -- Er war nicht nur überhaupt
-gegen die Todesstrafe, sondern hätte, wie wir bereits gesagt, unter
-Dreien Zwei laufen lassen, wenn es ohne Gefahr für die Gesellschaft
-geschehen könnte... aber das Jagdvergnügen...!
-
-Das Trautenfelder Terrain war nun so ziemlich abgeweidet, sein
-Notizenbuch angefüllt. Ein Herumstreifen in den nassen Wäldern schien
-vollkommen nutzlos. Aber ein Ausflug nach dem acht Stunden entfernten
-Wetterstein sollte die Unternehmung beschließen. Es stand für ihn fest,
-daß die übrige hohe Berg-Aristokratie, Jaitstein u. s. w. so unschuldig
-und rein wie ihr Schnee, und der Genannte der allein Anrüchige sei.
--- Was er eigentlich dort wollte? Er fühlte nur das Bedürfniß zu
-+sehen+, da seine Augen schon oft anders gesehen als die der
-Uebrigen. -- Und dann war ja das Ganze nur eine Lustreise! --
-
--- -- Terrassenförmig steigt das Mittelgebirge hinan; auf einer
-Strecke von vier Stunden konnte er seinen Wagen benützen, der dann
-zurückgesendet wurde. Von da an winden sich Fußpfade durch die
-Nadelwälder, bis an den nördlichen Abhang des Wettersteines selbst. Er
-ist von dieser Seite leicht zugänglich, während auf der südlichen nur
-von der Bucht des Freinhofes einige Wege hinaufführen, die Wände an
-der Seeseite aber, wie bereits gesagt, senkrecht abfallen. --
-
-Eine Stunde bevor der Kommissär mit dem ihn begleitenden Trautenfelder
-Jäger an den Berg kam, gelangten sie zu einer Holzknechthütte, und es
-ward beschlossen, daselbst zu übernachten, wenn man vom Wetterstein
-zurückkäme, welchen Lipprecht, bis es dunkel würde, nach allen
-Richtungen +abschreiten+ wollte, -- wozu der Jäger lächelte.
-
-Nun waren sie an der Felsenwand, die den Gipfel krönt, angelangt und
-ruhten. --
-
-Unermeßlich ist die Aussicht über die Bergwellen hinaus, nach der
-endlosen Ebene -- klar und durchsichtig die Luft nach den Regentagen.
-Der Kommissär gönnt sich keine lange Rast. Die +Südseite+ ist erst
-der Ort, wo sich, nach der Angabe des Jägers, leicht „Jemand verlieren‟
-kann.
-
-Steil ging es die Schneide hinan, -- nun war sie erreicht. Der Jäger
-faßt ihn am Arm und mahnt zur Vorsicht, und sie ist nöthig, denn im
-nächsten Augenblick stehen sie am Rande, -- jäh fällt es zu den Füßen
-ab -- unabsehbar, unendlich liegt die blaue Bergwildniß der südlichen
-Fernsicht vor ihnen. --
-
-Sanft waren die Linien und Töne der Ferne. -- Aber die Nähe! -- der
-Wetterstein +selbst+, dessen gewaltige Steinmasse ausgebreitet
-unter ihnen lag! -- nicht über weichgeschwungene Wellen glitt hier
-der Blick: wie die Gemse sprang er von Zinke zu Zinke. Drüben Alles
-heiter und mild, hier der tiefe Ernst, die eiserne, starre Kraft.. das
-Auge glaubt die Ruinen einer zerschmetterten Titanenburg zu schauen --
--- ein granitnes Palmyra, -- zerworfene Tempeltrümmer und Säulen und
-Quadern -- ein mitten im Orkane versteinertes Meer.
-
-Das Opfer der See kann ans Ufer geworfen werden, lebend oder als
-Leiche, aber nimmermehr Jener, der in den Abgründen dieser steinernen
-Wogen zerschellte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Anblick war -- aus dem Standpunkte einer „Haussuchung‟ -- nicht
-tröstlich.
-
-Erhitzt und müde setzte sich der Kommissar auf einen Vorsprung nieder,
-hing seinen leichten Staubmantel über, ließ die runden Beine über den
-Felsen hinabhängen und betrachtete die einzelnen Parthien.
-
-Gerade unter ihm lag, nach allen Richtungen von Schluchten
-durchschnitten, das Hochplateau, welches weiterhin sich wieder hebt
-bis zu jenem Felsen, der nach dem See abfällt. Letzterer ist durch das
-Plateau selbst verdeckt. --
-
-Die Schwierigkeit schien hier mehr darin zu liegen, eine Stelle
-aufzufinden, wo Jemand +nicht+ verunglückt sein könne, als wo dieß
-der Fall war. -- Lipprecht pfiff Melodien aus allen Opern, trommelte
-mit beiden Händen auf beiden Knien und gelangte zur Ueberzeugung, daß,
-wenn der Holzschreiber Walcher auf diesem Terrain sein Ende gefunden,
-die polizeilichen Kräfte des Gesammtstaates sich an Leitern und
-Stricken in die Eingeweide des Wettersteines hinablassen könnten, ohne
-etwas Anderes heraufzubringen, als zerschlagene Knochen, aber nicht
-die gesuchten fremden, sondern eigene. Ein Zufall, der sie eben auf
-+jene+ stoßen ließ, war so wahrscheinlich, als das Zusammentreffen
-zweier Kanonenkugeln in der Luft.
-
-Starr und stumm ragten die riesigen grotesken Grabsteine aus den
-schwarzen Grüften empor.. Mehrere, in die er von seinem Sitze aus
-hineinsah, endigten in eine Höhle -- wie tief in den Berg? Darüber
-fehlten vor der Hand offizielle Angaben, -- so wie über die hundert
-andern Felsenlöcher, von denen einige zum Theil mit Wasser gefüllt
-waren.
-
-Dennoch beschloß Lipprecht auf das Plateau hinabzusteigen -- da er
-die Partie nicht zu wiederholen gedachte, wollte er wenigstens als
-Naturmerkwürdigkeit besehen, was zu sehen war -- und für den Hauptzweck
-konnte es mindestens nicht schaden.
-
-Er stieg den beschwerlichen Pfad hinab, und jeder Schritt über die
-Steinblöcke überzeugte ihn, daß keine weitere Ausbeute zu holen, als
-landschaftliche, -- diese aber reichlich. Als er auf den bekannten
-Vorsprung der Seewand heraustrat, war die Sonne im Sinken; wie ein
-dunkler Smaragd lag der See in der Tiefe, zur Linken die Bucht mit dem
-Freinhof, gegenüber die schwärzlichgrünen Waldhöhen und über ihnen der
-Kranz von fernen Gipfeln, auf denen die ewige Trikolore des Abends
-wehte, aus rothem Sonnengold, blauen Schatten und glänzendem Schnee
-gewebt.
-
-Lipprecht ist in dem Augenblicke +wirklich+ gemüthlich. Es fällt
-ihm auch ein, daß Günther, wenn er hinter ihm stünde, sagen würde:
-„Machen Sie doch einmal Ihre runden Maikäferaugen auf, und versuchen
-Sie zu +sehen+, so wie ein Mensch die +Natur+ sehen muß, wenn
-er von Kunstsinn reden will!‟ -- Es steht jedoch nur der Jäger hinter
-ihm, der, nicht ohne Besorgniß für den Rückweg, zum Aufbruch drängt. --
-Er erhebt sich mühsam und sendet einen Scheideblick nach dem Freinhofe,
-dessen ferner Besitzer sicherlich gerührt wäre, wenn er sähe, mit
-welcher Aufopferung der wildfremde dicke Mann Berge um seinetwillen
-ersteigt, und wie es ihn schmerzt, so ganz ohne Aufklärung über die
-innersten Angelegenheiten seines erwählten Schützlings abzuziehen.
-
-Der Kommissär hatte noch einen bösen Moment, wo er die ganze Kunstreise
-zum Teufel wünschte, als er nämlich auf dem Rückwege über das Plateau
-ausglitt, aber glücklicher als Harkeboom.
-
-Im Augenblick wo er am Boden lag, tauchte hinter dem nächsten
-Steinblock ein Kopf hervor, aus dessen Munde die Worte erschollen:
-„Bedaure unendlich, werther Herr! bleiben Sie aber gefälligst liegen,
-ich helfe gleich!‟ Damit war er auch schon an Lipprechts Seite, und
-hob ihn, ohne Hülfe des etwas vorangegangenen Jägers, mit einer
-Leichtigkeit empor, als wäre der Kommissär ein Kautschukballon. Dieser
-dankte dem gefälligen Riesen, den wir wohl nicht zu nennen brauchen,
-aufs Verbindlichste und sagte: „Sie scheinen mit diesem Terrain
-vertrauter als ich, der ich meine Naturbewunderung mit einigen Beulen
-bezahle. Der Wetterstein scheint die Dilettanten zu kennen‟ --
-
-„Besser als diese ihn; der zweite Fall in wenig Wochen‟ -- erwiederte
-Knorr. -- „Ich gehe oft herauf, bin aber selbst neulich über die kleine
-Wand dort abgefahren, daß mich meine eigenen Hunde apportiren wollten.
-Aber wo wünschen Sie denn eigentlich Ihr Nachtquartier aufzuschlagen?
-hoffentlich nicht da oben?‟ fragte er, als er sah, welche Richtung
-Lipprecht einschlug. --
-
-Dieser setzte ihm seinen Plan auseinander. -- „So wahr ich Knorr heiße
-und auch übrigens ein ehrlicher Kerl bin, gebe ich das nicht zu! Sie
-gehen mit mir den bequemen Weg ins Thal hinunter, schlafen in meiner
-Einsiedelei und gehen morgen wohin Sie wollen oder müssen. Ehe Sie über
-den Steig da hinauf kämen, wäre es finster. Sie wären ein zu fetter
-Bissen für einen dieser Höllenrachen, als daß er nicht nach Ihnen
-schnappte! Im vorigen Jahr hat er einen dürren Engländer eingeschluckt,
-den sie aber theilweise wieder herausfischten, und vor drei Jahren
-einen noch dürreren Holzschreiber von Trautenfeld‟ --
-
-Lipprecht zog rasch ein Blatt und Bleistift heraus, schrieb eine Ordre
-an den Wirth, seinen Wagen nach der Stadt zurückzuschicken, gab den
-Zettel dem Jäger und schickte diesen fort. Knorr’s Einladung nahm er
-zu dessen herzlicher Freude an, und sagte: „Ich habe drüben von einem
-Verschollenen, Namens Walcher gehört, aber Niemand wußte Näheres.‟
-
-„Ich war selbst neugierig, da ich den armen Teufel gekannt. Vielleicht
-liegt er zehn Schritte von uns! Aber wer kanns sagen? Die Holzknechte
-fanden Nichts. Die Polizei hat sich nicht damit befaßt, und meine
-Hunde, die jedenfalls weit klüger sind, haben nicht einmal im ersten
-Jahre Etwas entdeckt, -- geschweige jetzt, wo der Holzschreiber schon
-ein ganz appetitliches, sauberes Skelett sein muß.‟
-
-Lipprecht hielt es passender, mit einer humoristischen Wendung
-seinen Karakter zu enthüllen, als weitere Ansichten Knorr’s über die
-Sicherheitsbehörde abzuwarten, -- und die Männer setzten lachend ihren
-Weg fort.
-
-„Ich habe, begann Knorr wieder, meinen Nachbar im Freinhof, einen
-gewissen oder ungewissen Kollmann, wenigstens zwanzigmal gefragt, ob er
-denn, als Grundherrschaft, nicht wisse, wo der Holzschreiber liegt? Die
-ersten Male wurde er grob, aber jetzt lacht er dazu. -- Es ist so ein
-fixer Spaß unter uns.‟
-
-„Aber warum werfen Sie Ihre Vermuthung eben auf den Wetterstein,
-während jene der Trautenfelder auf dem ganzen Gebirgszuge herumirrt?‟
-
-„Herr! -- wenn Kollmann seine Besitzung am Jaitsteine hätte, so würde
-ich nach diesem fragen. Es ist nur wegen des fixen Spaßes.‟ Nun
-veränderte sich aber plötzlich der Ausdruck seines Gesichts, und er
-sagte mit jenem Ernst, den er auch im Gespräch mit Sembrick mit einem
-Mal gezeigt: „Mein sehr lieber und werther Gast, ich sage Ihnen, nicht
-als solchem, sondern als Polizeikommissär, daß ich leider Gottes das
-+Rechte+ nicht weiß. Sehen Sie, ich rede immer von meinen Hunden;
-diese haben von meinem Verstande nichts angenommen, ich aber von ihrem
-+Instinkt+. -- Das ist +Alles+!‟
-
-Wenigstens war es Alles, was Lipprecht erfuhr, welcher durchaus nicht
-allzu inquisitorisch auftreten wollte, den aber Knorr bedeutend zu
-interessiren begann.
-
-In tiefem Dunkel waren sie in den Thalgrund herabgekommen, --
-am stillen, leeren Freinhof vorübergegangen, den Fichtenkegel
-hinangestiegen. --
-
-Eine Stunde später hatte Knorr’s einfache, treffliche Küche und der,
-ganz unerwartete Sorten liefernde, Keller alle Ermüdung vollständig
-beseitigt. --
-
-Es wurde Mitternacht und noch drang durch die Spitzbogenfenster
-Gläserklingen und Lachen in den Wald hinaus, und die Stimmfülle, womit
-das Gespräch geführt wurde, war ein glänzendes Zeugniß für die Organe
-der beiden Herren.
-
-Während aber Knorr, mit der Tragweite seiner Flaschenbatterie
-vollkommen vertraut, eben so vollkommen Herr seines gerichtlich
-nachgewiesenen Verstandes blieb, hatte der sonst so umsichtige
-Kommissär einer ihm trotz seiner Kennerschaft fremden Weingattung auf
-die Bürgschaft seines Wirthes zu sehr vertraut und ein Paar Fragen
-gethan, die er besser unterdrückt hätte.
-
-Als er, nach den Mühseligkeiten des Tages und der eben so angreifenden,
-die halbe Nacht währenden Erholung auf Knorr’s Ruhebett einschlief,
-stand dieser mit verschränkten Armen vor ihm, betrachtete ihn, in
-seinen Bart lachend, und sagte vor sich hin: „Da liegt die wirkliche
-Polizei und schläft wieder, -- nachdem sie früher so lange geschlafen.
-Wer sie denn jetzt mag aufgeweckt haben?‟
-
--- -- Lipprecht that am Morgen noch einen Gang durchs Thal, um den Hof
-herum, nahm in seinem Gehirn einen förmlichen Wachsabdruck sämmtlicher
-Lokalitäten mit, begab sich auf dem uns bekannten Wege nach Pottenbach
-zur Bahn, und brachte als Ergebniß seiner Vergnügungsreise nebst
-zahllosen kleinen Notizen folgende Hauptartikel zurück:
-
- der Holzschreiber Walcher liegt in einer Schlucht des Wettersteins;
- --
-
- Kollmann ist in irgend einer Weise an dessen Verschwinden
- betheiligt; --
-
- ein Motiv, warum der arme Teufel aus dem Wege geschafft worden, ist
- nicht aufzufinden;
-
- eben so wenig ein Zusammenhang der Begebenheit mit dem alten
- Grünschenk zu ermitteln; --
-
- der Trautenfelder Unterbeamte, der in seinem alten Berichte
- Walchers nicht erwähnte, war ein Dummkopf; --
-
- die Oberbehörde, welche in Kollmann keinen Gegen stand ihrer
- Beobachtung findet, ist um nichts klüger. --
-
-Doch zweifelte der Kommissär keinen Augenblick an einer künftigen
-Lösung der Aufgabe, die sich seine polizeiliche Privatindustrie
-gestellt, obgleich im Lande der ~dissolving views~ ein Beamter,
-welcher seine Pflicht nicht als Maschine, sondern razionell vollziehen
-will, darauf gefaßt sein muß, nicht nur durch die Steine, die der
-Gegner in das Geleise wirft, sondern auch durch den Radschuh, welchen
-das Sistem auf dem ebensten Wege, und selbst bergauf, anlegt -- gehemmt
-zu werden.
-
-
-
-
-Im Hafen.
-
-
-Welches ist aber das Land unserer Begebenheit? --
-
-Es gibt Fragen, welche der Einzelne, an den sie gerichtet sind, nicht
-zu beantworten vermag, -- so wie an Völker Jahrhunderte hindurch Fragen
-gerichtet wurden, die sie nicht zu lösen vermochten.
-
-Das treue, felsenfeste Herz des Sängers, der die Frage hinausgesungen:
-„Was ist des Deutschen Vaterland?‟ hat aufgehört zu schlagen, ehe sie
-gelöst. -- Wird sie gelöst? -- Vierzig Millionen sangen und singen
-noch: „+Das+ soll es sein!‟ -- Und immer noch +soll+ es!
-+Wen+ kann der kräftige Jubelchor froher stimmen, die Sänger oder
-die Zuhörer rings im europäischen Konzertsaal, -- die Russen, Britten,
-Franzosen? -- denen niemals +eingefallen+ zu fragen, +was+
-ihr Vaterland sein solle.
-
-~Écoutez! Encore ces Allemands à la recherche de leur patrie!~ --
-lacht es über den Rhein herüber. -- Ueber den Kanal tönt nicht einmal
-eine Persiflage, nur ernst und groß, wie das alte Meer, der Hymnus
-~Rule Britannia~! -- -- Der Russe hat es am Leichtesten. Er darf
-nicht fragen und wird nicht gefragt, aber er +weiß+ es, -- und
-ein Anderer hat längst für ihn gesagt: das ganze Rußland +muß+ es
-sein! Und so ists auch. --
-
-Und dennoch wird auch unser Sollen zum Haben, wenn es nur erst zum
-rechten Wollen geworden. Jahr für Jahr wälzen die singenden Millionen
-den Sisifusstein ihrer Einheit den Berg hinan, und immer geräth er auf
-eine Stelle, wo er abgleitet, -- meist ein Stück glattes Parkett eines
-Konferenzsaales, -- und rollt wieder in die Tiefe. -- Vielleicht sind
-wir dem Gipfel näher als wir selbst glauben!
-
--- -- Der Strom des großen Gedankens hat unser leichtes Fahrzeug
-fortgerissen. Wir begannen mit der Frage nach dem Lande dieser
-Erzählung. Bekannte Thurmspitzen und Berggipfel ragen aus der
-Fata-Morgana-Landschaft, worin sie spielt, empor; der Klang der
-Namen lenkt unwillkürlich den Finger nach einer bestimmten Stelle
-der Landkarte, -- und dann wird Alles wieder fremd, -- wie man wohl
-manchmal hört: „Ich träumte, -- es war in unserm Garten, -- und dann
-war es doch wieder nicht unserer.‟
-
-„Ein Monarch, hat man zu uns gesagt, wie er des Landes der
-~dissolving views~, -- ein Graf Breuneck und Andere, die dort,
-wo der Finger hingewiesen, nicht existiren, und alle übrigen daselbst
-+nicht+ aufzufindenden Menschen und Orte vermögen doch nicht das
-klar gezeichnete +Wirkliche+ zu verdecken! All dieß ist eine an
-den Arm gebundene Larve bei unverhülltem Gesicht.‟ -- Aber so verlangte
-es einst das Gesetz der Maskenbälle, eben in unserer Residenz: wer
-nicht maskirt war, mußte wenigstens das Zeichen tragen, eine kleine
-Wachslarve am Arm. Wir nehmen sie, um wo möglich keine Szene mit dem
-Ballkommissär zu haben. --
-
-So bleiben wir denn auch bei der Bezeichnung „Hafenstadt‟ für den Ort,
-welchem Arnold zufliegt, und zwar nicht allein, denn in Frauenwang ist
-ein Passagier von Korbach kommend zu ihm gestoßen, den er mit freudigem
-Aufschrei begrüßt. Es ist Sprenger, welcher vom alten Freunde gebeten
-worden, seinen Sohn zu begleiten, der des Aelteren, Erfahrneren bei
-seiner Sendung bedürfen könnte.
-
-Reich genug war der Stoff ihrer Mittheilungen. Sprenger gab ein Gemälde
-von den Korbacher Zuständen, welches von einer Sicherheit, -- ja
-Siegestrunkenheit Zeugniß gab, die er nicht theilen konnte.
-
-Pater Valentin war nach St. Martin gegangen, um die Leitung des
-Klosters zu übernehmen, der Prior, sobald es sein Zustand erlaubte, von
-dort nach der Residenz gereist und der junge Geistliche Leo hatte den
-Pfarrhof in Korbach bezogen. --
-
-Abschieds- und Begrüßungsfeste für die beiden Letzteren, eine große
-Demonstrazion der katholischen Arbeiter, welche sich mit Fahne,
-Musik und Blumenkränzen vor Korbach’s Hause aufgestellt und ihm für
-seine allgemein bekannt gewordene Thätigkeit, für die Erhebung ihres
-geliebten Pfarrers durch eine Deputazion dankten, -- ein riesenhaftes
-Bouquet in Begleitung eines goldgeränderten Gedichtes, das die Mädchen
-Helenen überreichten, -- Tags darauf ein Ständchen der Protestanten,
-welche nicht zurückbleiben wollten, da sie in dem Vorgange nur einen
-Sieg des Toleranzprinzipes sahen. Dieß Alles machte unstreitig einen
-ganz erfreulichen optischen und akustischen Effekt... -- Der alte
-Korbach, sonst ein Feind alles lärmenden Gepränges, war dießmal der
-Demonstrazion auf halbem Wege entgegengekommen, und hatte einige kurze,
-kräftige Reden gehalten, des Sinnes daß, so lange er Herr in Korbach,
-dafür gesorgt sein werde, daß +Recht+ und +Gesetz+ des Staates und der
-Kirche gelten, nicht aber deren +Verdrehungen+.
-
-Als aber Sprenger an der Altenberger Fabrik vorübergekommen war, hatte
-er über hundert Arbeiter mit Herstellung des Gebäudes beschäftigt
-gesehen, welches noch vor acht Tagen mit geschlossenen Thüren und
-Fenstern dagestanden war und keineswegs einen Konkurrenzbesorgnisse
-erregenden Anblick gewährt hatte. --
-
-Arnold theilte ihm nun Alles mit, was er in den letzten Tagen in
-Erfahrung gebracht, und Sprenger war sowol von seiner Auffassung als
-klaren Auseinandersetzung der Sachlage, sowie der beabsichtigten
-Schritte befriedigt. Er fand seinen Zögling reif zur großen Aufgabe,
-die ihn einst als Chef eines so bedeutenden, und nun so ernstlich
-bedrohten Etablissements erwartete, und übergab ihm mit Beruhigung die
-vom Vater ausgestellte Vollmacht zu Abschlüssen, Unterzeichnungen u.
-dgl.
-
-Hatte die erste Stunde der Reise durch Günther’s Abenteuer ein
-ungewöhnlicheres Interesse, so war dieß in der letzten durch ein
-anderes Zusammentreffen der Fall. --
-
-Es war bereits ganz dunkel, und in weiter Ferne sah man das Feuer
-des Leuchtthurmes. Niemand außer unsern Freunden befand sich im
-Coupé, dessen Sitze durch hohe Lehnen getrennt sind, so daß man, ohne
-aufzustehen, nicht hinübersehen kann.
-
-Auf der letzten Stazion vor dem Hafen öffnete sich unter Säbelgeklirr
-die Thür des Coupé, und zwei Offiziere traten ein, in deren einem
-Arnold sogleich den Obersten von Plomberg erkannte, welcher einen
-Tag früher die Hauptstadt verlassen, sich an einer Zwischenstazion
-aufgehalten hatte, und hier mit seinem Vetter, dem Adjutanten des
-Prinzen, zusammentraf.
-
-Sie wählten das Coupé, das sie ganz leer glaubten, und nahmen in der
-Abtheilung neben Arnold Platz. Dieser sowol als Sprenger sprach so
-geläufig englisch als deutsch, und als Plomberg ein Paar Worte der eben
-in dieser Sprache geführten Conversazion hörte -- deren sie sich nach
-der Ankunft der neuen Passagiere bedienten, sagte er leise zu Baron
-Heidenbrunn: „Niemand, als ein Paar obligate Engländer.‟
-
-Waren Arnold bis Treustadt die Köpfe der Mitreisenden willkommen, die
-ihn für Klotilde unsichtbar machten, so war es ihm die Lehne noch weit
-mehr, da ihm der Oberst geradezu antipathisch war. --
-
-Das Anfangs halblaute Gespräch der Offiziere wurde nach und nach so
-laut, daß es auch Entferntere als Arnold hätten vernehmen müssen. Es
-ging daraus hervor, daß der Monarch sich in zwei Tagen nach dem Hafen
-zu begeben beabsichtige, um den Prinzen und die Einwohnerschaft bei
-einem Feste zu überraschen, welches, ohne sonstige besondere Bedeutung,
-zu Loyalitätskundgebungen von der einen und Huldstrahlen von der andern
-Seite benützt werden sollte.
-
-Der Prinz hatte an einem mit vielem Geschmack gewählten Punkte der,
-die ganze Hafenbucht beherrschenden, Anhöhe eine Villa gebaut, welche
-seine Residenz bleiben sollte, so lange er das Marinekommando führte,
-und die festliche Eröffnung derselben an seinem Geburtstage bot den
-Anlaß zu den erwähnten Manifestazionen. Was die Ueberraschung durch
-den Monarchen betrifft, so gehörte sie in die Kategorie der bis ins
-Kleinste verabredeten, welche dem überraschten Theile die gehörige Zeit
-zu allen Vorbereitungen lassen, und man sprach darüber seit einigen
-Tagen in beiden Städten.
-
-Oberst Plomberg entsprach im Dialog dem Bilde, welches Arnold von ihm
-nach einigen Aeußerungen im Freinhof behalten. Er gehörte, insofern ihn
-sein alter Adel als Kavalier passiren ließ, zu jener Gattung, welche
-bei Entwicklung ihres Standesbegriffes etimologisch zu Werke geht,
-und alle ihre Rechte und Pflichten von dem Stammworte herleitet --:
-~cavallo~, -- ~cheval~, -- Roß. --
-
--- Sie verkehren mit der Crême der Gesellschaft, aber der feine
-Salonduft vermag nicht den geistigen Stallgeruch zu beseitigen. Auch
-fühlen sie sich nur +unter sich+ eigentlich behaglich. Man darf
-nur Einmal den Akzent hören, mit welchem die Worte: „Ein süperbes
-Mädel!‟ aus einer beisammenstehenden Schaar dieser -- wie Sprenger
-sie derb und richtig nannte, „Roßkavaliere‟ herausklingen, um über
-den Standpunkt der ganzen Race im Reinen zu sein. Es sind übrigens
-glückliche Leute, meistens hübsch, gesund, reich und dumm, und wenn man
-ihnen aus dem Wege geht, thun sie nicht leicht Jemandem etwas zu Leide.
--- Der bürgerliche Gentleman hat vor dem adeligen den Vortheil, daß
-er dieser Gattung von Geschöpfen leicht ausweichen kann, während der
-letztere häufig gezwungen ist, sich mit ihnen abzugeben.
-
-Das Verhältniß Heidenbrunn’s zu Plomberg war weder ein
-freundschaftliches, noch feindliches, sondern kühle Bekanntschaft, mit
-dem erschwerenden Umstande der Verwandtschaft. Der einzige Unterschied
-der beiden Herren bestand in der Façon, -- die Kameraden, in allen
-Ständen die einzig kompetenten Richter, würden schwerlich gesagt haben,
-der Adjutant sei ein geschliffener und Plomberg ein ungeschliffener
-Edelstein. Von Edelstein war kein Rede, aber das böhmische Glas war
-bei einem polirt, beim andern mit Pferdestaub überzogen,
-
--- „Wie lange wird denn der ganze Spektakel bei Euch dauern? sagte
-Plomberg -- und was für Species von Ennui bekommen wir zu verdauen?‟ --
-
--- „Es dauert einen Tag und zwei Abende. Morgen Ball, oder vielmehr
-Rout, nach dem Prinzip der vollständigsten Fusion: Wir Alle, --
-Munizipalität, Beamten -- Kaufmannschaft‟ --
-
--- „Wenigstens hübsche Weiber. Was weiter?‟
-
--- „Dabei Illuminazion und Feuerwerk. Uebermorgen Frühstück für die
-fremden Offiziere, und Abends kleiner Cercle mit Tableaux.‟
-
--- „Herr Gott im Himmel! -- das ist ja zum Erschießen! Hätte ich nur
-Greuth’s Kommission nicht, so kehrte ich jetzt noch um. Er hätte auch
-einen Andern gefunden zu dieser Bagatelle.‟
-
--- „Das ist es wohl nicht; schon des Prinzips wegen.‟
-
--- „Prinzip? eine Misere, die sie zu einer Staatsakzion aufgeblasen
-haben. Was geht’s uns Soldaten an? Ich verstehe meinen eigenen Auftrag
-nicht, ich weiß nur daß du beim Prinzen bewirken sollst, daß eine
-Bestellung auf eine halbe Million ich weiß nicht was, sistirt werde.‟
-
--- „Ich weiß ganz gut um was es sich handelt was mir nicht klar, sind
-nur zwei Dinge: wie nämlich diese reine Geschäftssache ganz +oben+
-solchen Lärm machen konnte, und warum, wenn man sie schon aufgreift,
-nicht einfach und offiziell aufgetragen wird, dieser oder jener
-Firma aus Gründen, die man sagt oder nicht sagt, die Bestellungen zu
-entziehen?‟
-
--- „Der Lärm kommt von einem Pfaffen, den ich lange kenne, und
-der Prälat werden wollte, und da ist ihm ein Fabrikant, der ein
-ganz gescheidter Kerl sein muß, durchs Zeug gefahren, mit einem
-originellen Coup, und er ist durchgefallen. Darauf wird er vor Galle
-krank und kommt nun in die Stadt und hetzt die Leuchtendorf’s auf
-den Allergnädigsten, und meine Alte und deren Frau Schwester auf die
-Prinzessin Marie, macht einen Höllenlärm, daß in einem Jahr die ganze
-Provinz lutherisch wird. -- Der Erzbischof gibt auch seinen Senf dazu,
-und gestern Abends läßt mich Greuth rufen und sagt: Sie würden ohnedem
-mit uns gehen, -- fahren Sie voraus und sagen Sie Ihrem Vetter, und so
-weiter. -- Es heißt sie wollen Exempel statuiren, im Keim ersticken
-und weiß der Teufel was, und ein Offizier muß in der Pfaffen- und
-Fabrikantengeschichte eine Art Kurierreise machen. Man glaubt ein Narr
-zu sein.‟
-
--- „Ganz richtig. Es ist übrigens nicht leicht, da der Prinz, dem sie
-in andern Dingen oben die Hände binden, sich nicht influenziren läßt,
-wo er auf seinem eignen Terrain steht.‟
-
--- „Meinethalben. Ich habe Greuth gesagt, daß ich ein schlechter
-Diplomat bin. Er hat mir geantwortet, das wisse er ohnedem, er könne zu
-der Sache keinen guten brauchen.‟
-
--- „Ich werde, da die Sache bloß ein vertraulicher Wink, mich ganz nach
-der persönlichen Disposizion des Prinzen richten.‟
-
--- „Wie du willst. Schlägt’s fehl, so habe ich das Meinige gethan.
-Greuth soll einen Andern mit solchen Klatschmissionen beehren. -- ~A
-propos~ Klatsch, zwischen ihm und der Zeltner ist Alles aus. Weiß
-dein Prinz, daß die Geschichte bestanden?‟
-
-„Kein Wort; das würde dieser Frau, die ein gutes ~moyen d’action~
-werden kann, einen Theil ihrer Anziehungskraft rauben.‟
-
-„Wie steht denn die Sache eigentlich?‟
-
-„Auf dem alten Fleck. Der Prinz ist, seit wir von der Residenz weg
-sind, oft ungnädiger Laune, und seine Gedichte haben einen blassen,
-melancholischen Teint. Wenn nicht bald eine neue Flamme auftaucht,
-so gehe ich mit Urlaub nach der Residenz und hole sie, vorausgesetzt
-daß sie geht. Sie geht aber keinen Schritt weiter, als sie will; von
-~abandon~, unbewachtem Moment u. dgl. ist bei diesem Weib keine
-Rede.‟
-
-Baron Heidenbrunn ahnte nicht, daß die Besprochene, nur in einer
-Entfernung von zwölf Stunden, in derselben Richtung fahre, und eben so
-wenig, daß das Gespräch nicht von zwei Engländern vernommen wurde.
-
-Sprenger erinnerte sich nicht, seit Arnold’s Kindheit je einen so
-schweren Stand gehabt zu haben. -- Bei der Erwähnung seines Vaters war
-er bereits aufgesprungen und Sprenger hielt ihn geradezu mit Gewalt
-zurück, und sagte: „Arnold! habe ich dich denn je einen andern Weg
-geführt, als den der Ehre? Ich selbst lade dir die Pistolen bei der
-ersten Ehrensache die du auszufechten hast, aber das ist +keine+.
--- Wenn er deinen Vater einen gescheidten Kerl nennt, so ist das nach
-+meinem+ Verstande keine Beleidigung, und im Uebrigen erfüllen sie
-ihre Aufträge, für die du die ganze Coterie zur Rede stellen müßtest.‟
-
-„Es handelt sich um etwas ganz Anderes! entgegnete Arnold -- Meinst du,
-ich könnte den Beiden, wenn sie beim Aussteigen an mir vorübergehen,
-ins Gesicht sehen als Fremder, und morgen oder übermorgen als Korbach?
-daß sie dächten, aha, das ist +der+! im Waggon hat er sich
-geduckt! -- Diesen Leuten gegenüber muß man eher zu viel thun, als zu
-wenig! Ich werde ruhig sprechen und es wird sich erst zeigen, ob sie
-renommiren wollen.‟
-
-Damit zog er seine Hand aus jener Sprenger’s und trat, mit einem
-raschen Schritt um die Scheidewand der Sitze, vor die Offiziere, welche
-durch das lautere Gespräch und die Laute der Muttersprache überrascht,
-einander ansahen und im Momente eine Revüe ihrer +eigenen+
-Unterhaltung hielten, die allerdings einen sehr konfidenziellen
-Karakter gehabt.
-
-Die Gedanken: Verdammte Civilisten! -- Aufpasser, -- Zusammenhauen
-(die Hauslogik des Roßkavaliers) fuhren durch Plomberg’s Kopf, während
-Heidenbrunn, obwol ungefähr auf derselben Höhe, mehr über die eigene
-Unbesonnenheit als über die Indiskrezion ärgerlich war, die nach seiner
-Auffassung darin lag, daß zwei Passagiere sich nicht die Ohren mit
-Baumwolle verstopften, um ein im Waggon laut geführtes Gespräch nicht
-zu hören.
-
-Arnold’s Gesicht hatte in dem Augenblick, wo er vor sie hintrat,
-durchaus keinen herausfordernden Ausdruck, sondern nur jenen ruhiger
-Offenheit. „Herr Oberst, begann er, Sie haben in der Unterredung,
-deren unfreiwilliger Zeuge ich war‟ -- „Halt, fiel Plomberg ein,
-unfreiwillig, das leugne ich; von dem Augenblick, wo Sie hörten, daß
-das Gespräch nicht für fremde Ohren berechnet war, stand es bei Ihnen,
-durch einige laute deutsche Worte zu zeigen, daß Sie uns verstanden.‟
-
-Immer ruhig, aber sehr bestimmt, versetzte Arnold: „Abgesehen davon,
-daß auch ein Ausländer Ihre Sprache verstehen konnte, mußte ich
-voraussetzen, daß zwei Herren in Ihrer Stellung an einem öffentlichen
-Orte, vor Fremden, nur +dann+ sich in so vernehmlicher Weise
-unterhalten, wenn sie +keinen+ Werth darauf legen, ungehört zu
-sein. Nicht +mir+, sondern +Ihnen+ stand die Beurtheilung zu,
-ob Ihre Worte für fremde Ohren geeignet seien!‟
-
-„Darüber wollen wir nicht streiten, -- sagte Plomberg mit
-hinaufgezogenen Augenbrauen, -- aber ich möchte fragen, was Ihnen
-eigentlich zu Diensten steht?‟
-
-„Ich wünsche, als Sohn des erwähnten Fabrikanten, die Ansicht,
-welche in einem hohen Kreise über die Handlungsweise meines Vaters
-vorherrscht, bei Ihnen, meine Herren, dahin zu berichtigen, daß
-derselbe mit dem, was Sie einen originellen Coup genannt, eine Handlung
-vollbracht, auf welche jeder Ehrenmann +stolz+ sein muß; daß jenem
-Vorgang nicht ein einziges Motiv zum Grunde liegt, welches Zweifel
-an seiner Loyalität, oder Schritte rechtfertigen könnte, die ihm
-nachtheilig sind.‟
-
-„Wir begreifen, sagte Heidenbrunn, daß Sie die Sache Ihres Herrn
-Vaters führen, aber Sie werden auch begreifen daß, da es sich um
-höhere Aufträge handelt, wir weder zu richten, noch uns gegen Sie zu
-rechtfertigen haben. Es wird sich eben darum handeln, Ihrer Ansicht
-dort Geltung zu verschaffen, wo darüber entschieden wird.‟
-
-„Dieß wird sehr schwer geschehen können, da ich mit der Absicht reise,
-meine Angelegenheit dem Prinzen vorzutragen. Ihr Auftrag heißt Sie
-dem entgegentreten. Dawider steht mir keine Einwendung zu. Meine
-Pflicht war nur, fürs Erste zu +sprechen+, damit ich den Verdacht
-beseitige, als wollte ich +irgend einer Konsequenz meines Zuhörens
-ausweichen+, fürs Zweite die Ueberzeugung auszudrücken, daß Sie,
-meine Herren, wenn es mit Ihrer Pflicht vereinbar ist, einen solchen
-Auftrag sicherlich nicht übernähmen, wenn Sie den Karakter dessen
-kennen würden, gegen den er gerichtet ist.‟
-
-Arnold grüßte mit einer leichten Neigung des Kopfes und nahm seinen
-Platz wieder ein. Sprenger schüttelte ihm beifällig die Hand. -- Die
-beiden Offiziere sahen einander an, und sagten fast zu gleicher Zeit:
-„Mir scheint, wir haben eine ungeheure ~bêtise~ gemacht.‟ --
-Der Schein wurde ihnen, je länger sie nachdachten, desto mehr zur
-Gewißheit. Sie setzten sich ans andere Ende des Coupé.
-
-„Was liegt daran! -- sagte Plomberg. -- Vielleicht könntest du die
-ganze Audienz verhindern?‟
-
-„Gott bewahre, der Prinz hält auf seine Popularität, so wenig wir auch
-noch davon gehabt haben. Der junge Mensch wird auch wahrlich nicht von
-Greuth oder der Zeltner reden. Im schlimmsten Falle aber kommt zuletzt
-Alles auf Greuth; der Prinz wird ~a camera~ fulminiren, da er ihm
-öffentlich nichts anhaben kann. Dieser Korbach gefällt mir übrigens
-nicht übel, er scheint „Schneide‟ zu haben.‟
-
-„Das müßte man erst sehen! Glaub’s aber gern, daß es ihm eine Ehre
-und ein Vergnügen gewesen wäre, sich mit uns herumzuhauen. Seitdem
-das Wort Gentleman in der Mode, ist keine Barriere mehr. Früher hat
-sich Unsereiner manchmal herabgelassen, sich mit einem sogenannten
-Honorazioren zu raufen, jetzt ists schon bald verfluchte Schuldigkeit
-geworden, einem Federfuchser oder Kaufmann Rede zu stehen! -- Ein
-Denkzettel hätte ihm aber nicht schaden können!‟
-
--- „Im Gegentheile +nützen+! Das wäre das beste Mittel gewesen ihn
-zu +heben+! Darum habe ich auch den Passus von „Konsequenzen‟,
-denen er nicht +ausweichen+ will, nicht aufgegriffen!‟
-
--- „Was wirst du jetzt thun?‟
-
--- „Ich werde meine Sache so machen, daß ich mit meinem Prinzen und du
-mit Greuth auf gutem Fuße bleiben; wie diese Beiden dann mit einander
-stehen, kann uns indifferent sein.‟
-
--- -- Es war zehn Uhr Abends, als man im Hafen anlangte.
-
-Vor dem Hotel, in welchem Arnold und Sprenger ihre Wohnung nahmen,
-ragten die Masten der Schiffe in den dunkeln Himmel, welche in dichter
-Reihe am Quai lagen. Der bekannte tausendstimmige südliche Lärm füllte
-die laue Luft. -- Unsere Reisenden waren aber nicht in der Stimmung,
-sich mit pittoresken und kulturbildlichen Studien zu befassen, sondern
-sperrten die Reize des nächtlichen Seestückes und das ganze Geschrei
-der ~bella Italia~ mittelst der Fensterläden hinaus, so gut es
-ging, und suchten die Ruhe.
-
- * *
- *
-
-Dafür begrüßte Arnold die aufgehende Sonne auf dem Hafendamme. --
-
-Sie schüttete ihr Gold ins Meer, heute wie immer, unbekümmert um die
-schlafende Stadt; -- so wenig diese sich um die Sonne kümmert. -- Was
-ist daraus zu prägen? Der Sonnenaufgang gibt keinen Kurszettel für die
-schlummernden Handelsherren. Was wäre da zu notiren? „Fernsicht flau
--- rothes Gewölk über dem Kastell wenig begehrt -- starke Schwankungen
-der kleinen Fischerboote -- die große Fregatte fest, aber bei den
-Italienern nicht beliebt -- Wellengold und Nebelsilber ausgeboten --
--- von der unerschöpflichen Hand, welche täglich ihre Valuten auf den
-Markt wirft -- aber kein Käufer.‟
-
-Doch Einer war ja aufgetreten! -- Und wie klein ist der Preis, den die
-ewige Natur fordert! Nichts als ein offenes Auge und Herz, -- und ohne
-zu wägen und zu zählen füllt sie Beide mit ihren Schätzen, -- so voll,
-daß sie den Tropfen aus dem Auge drängen und den Seufzer des Schmerzes
-oder der Seligkeit aus der Brust.
-
-+Den+ Preis hatte Arnold zu bieten. Noch gab es Hochalpen in
-seinem Innern, zu denen kein Schienenweg der Industrie hinanreichte,
-Wildwasser, die kein Schwungrad trieben. Nur schärfer hatte sich in den
-letzten Tagen das Chaos in ihm gesondert, die Wasser der Höhe von denen
-der Tiefe. Er konnte sich Stunden lang ganz seiner materiellen Aufgabe
-hingeben, die mit der Schwierigkeit einen Reiz gewann. Aber unter dem
-häufigen gewaltsamen Zurückdrängen hatte sich sein Herzensleben nur
-kräftiger entwickelt, wie Keime unter Schnee.
-
-So oft er, das Arbeitsgeräthe des geschäftigen Tages zur Seite werfend,
-die Pforten seines innern Heiligthums aufriß, vor das geliebte
-Bild, das im zauberischen Dunkel seiner harrte, hintrat und ihm ins
-freundlich sinnende Auge sah, ward das Wiedersehen inniger, die
-Andacht heißer, die Trennung schmerzlicher. -- Diese Morgenstunde am
-Meeresstrande war dem Gebete vor seiner „Bildsäule von rosenrothem
-Diamant‟ geweiht. -- Fest und rein wie das blaue Gewölbe über ihm, war
-sein Glaube geworden, -- jedes Wölkchen des Zweifels entflohen. -- Sein
-Auge durchflog die Unermeßlichkeit um ihn und wendete sich von der
-fernen Linie, die im Süden Meer und Himmel trennt, müde und geblendet
-nach den Bergen über der glutbegossenen Stadt, -- der Gedanke schwingt
-sich über sie weg, und sinkt nieder am rothen Kreuz.
-
-Wiedersehen! und +welches+ Wiedersehen? -- Meer und Himmel hatten
-keine Antwort. Er fand sie in sich. -- War doch in ihm die Liebe zum
-hohen markigen Baume emporgewachsen -- -- und +sie+ könnte ihm,
-die halbverschlossene Knospe in der Hand entgegentreten? --
-
--- Und doch -- +welches+ war das Pfand, das er vom Freinhofe
-mitgenommen, der Keim, aus welchem er den Baum großgezogen?
-
-Sein Gedanke nach jener ersten seligen Stunde war: sie +vertraut+
-dir! -- kein Anderer. Daraus war entsprossen: +wenn+ dieses
-Weib dich lieben könnte! -- Und wie er es Tag für Tag dachte, klang
-das +Wenn+ immer leiser. Nun hatte er sich hineingelebt in den
-Gedanken, und vergessen, daß es jene einzige Stunde war, aus welcher
-er, +er+ allein das Feenschloß einer Gegenliebe aufgebaut, -- daß
-+sie+ ihm nicht ein Sandkorn mehr dazu gereicht, seit der Trennung
-nach dem ersten Begegnen.
-
-Am heiligsten und schönsten ist vielleicht ein solcher Glaube, der
-ohne irgend ein Wärmen und Pflegen von Außen, aus sich erwachsen, wie
-die Perle in der Perlenschale des Herzens. Aber bitterer auch die
-Enttäuschung, wenn in den Schmerz die höhnende Frage hineinklingt:
-+Was+ hieß dich denn +glauben+?
-
--- -- Als Arnold nach Hause zurückkehrte, mochte Etwas von dem
-Morgengebet in seinen Augen glänzen. Mit Sprenger hatte er von seiner
-Liebe nicht gesprochen, und dieser, der das Innere seines Zöglings
-wie sein eignes kannte, schwieg gleichfalls. Er sah ihn besonnen
-und thätig, sah weder sieche Sentimentalität noch leidenschaftliche
-Fieberhitze, und dieser Grund, nichts dagegen zu thun, gesellte sich
-zu dem Hauptgrunde, der darin bestand, daß +überhaupt+ nichts
-dagegen zu thun war.
-
-Sie besprachen die gestrige Fahrt, die heute zu machenden Gänge, und
-nahmen ihr Frühstück auf dem Balkon des Hotels. -- Längst war der
-Hafen erwacht, -- dann die Stadt und immer zahlreicher mischten sich
-unter die braunen Gestalten und malerischen Trachten des Volkes blasse
-Comtoirgesichter und Gehröcke, nach den Magazinen und Schreibstuben
-laufend.
-
-Unter dem Thor stand erwartend die offizielle Räuberschaar von Kellnern
-und Lohnbedienten, außerhalb die nicht offizielle von Trägern,
-Führern, Kommissionären, der Opfer harrend, die der Posttrain aus der
-Residenz in ihre Hände liefern sollte. Das Hotel hat einen energischen
-Diplomaten im Bahnhofe, der mit sicherm Blicke auf dem Gesichte eines
-Jeden liest, ob er bereits eine Wahl getroffen, und Jeden, der einen
-Augenblick suchend und fragend vor sich hinsieht, mit Beschlag belegt.
-
-Der erste Miethwagen mit Ankommenden bricht durch das Gewimmel am
-Platze. Es folgt ein zweiter und dritter. -- Aus einem der letzten
-steigt Klotilde, etwas blaß von der Nachtreise, aber hübscher als je.
-
-Sie verhandelt mit dem Aufwärter, in geläufigem Italienisch, mit großer
-Sicherheit alle Punkte des Einquartirungsvertrages und tritt, vom
-gepäcktragenden Burschen gefolgt, ins Thor. --
-
-Nach einigen Minuten klingt ein Fenster über den Häuptern unserer
-Freunde, -- sie überblickt ein Paar Minuten die Aussicht und schließt
-es wieder. Die Vorhänge rollen herab: die Dame bedarf der Ruhe, der
-Sammlung ihrer Mittel zu großen Zwecken. --
-
-Arnold wäre ihr jetzt nicht ausgewichen, da sie ihm wie ein freundlich
-humoristischer Gruß von Günther erschien, und weil überhaupt ein in
-der Heimat fremdes Gesicht in der Fremde zum bekannten wird. Ist’s
-vollends ein Gesicht wie das Klotildens, so liegt, wenn auch von einer
-Anziehungskraft für Arnold keine Rede sein konnte, wenigstens nichts
-Abstoßendes im Gegenstande.
-
-Er begab sich nun mit Sprenger zu Franchini, welcher sie in
-seinem Kabinet empfing. Der Kopf des Banquiers hätte jedes Bild
-eines Gesandtenkongresses geziert. Die freien, intelligenten Züge
-waren wohlwollend und gewinnend, -- seine schneeweißen Haare
-und lebhaften schwarzen Augen dienten einander als Folie, --
-Ausdrucksweise, Bewegungen und Toilette vollendeten den Eindruck des
-~banquier-diplomate~.
-
-Nachdem Arnold, so zu sagen als Missionschef, in klarer Form und zu
-sichtlicher Befriedigung des Zuhörers die Hauptzüge des fraglichen
-Geschäfts entwickelt, und Sprenger die Umrisse hie und da mit Details
-ausgefüllt hatte, faßte Franchini, schnell und mit freundlichem Tone
-sprechend, das Gesagte zusammen: „Der Zweck Ihrer Reise, meine Herren,
-ist die Sicherung der Bestellungen für die Marine. Sie deuten auf
-Konkurrenz hin. Es war vor kurzer Zeit ein Agent eines Herrn Kollmann
-hier, der auch meinen geringen Einfluß in Anspruch nahm. Ich habe
-abgelehnt, da kein Grund vorliegt die Verbindung mit Ihrer Firma
-zu lockern. Sie wünschen den Abschluß mitzunehmen und eine Audienz
-beim Prinzen soll Sie gerade ans Ziel führen. Es bedurfte keiner
-Empfehlungsbriefe, um mich aufs Wärmste für Sie zu interessiren. Ich
-hoffe Ihnen einen Dienst zu erweisen, indem ich Ihr Ansuchen um die
-Audienz vermittle, da ein mir offener indirekter Weg unter dem Gedräng
-der Festlichkeiten vielleicht der Anmeldung in gewöhnlicher Form
-vorzuziehen ist.‟
-
-Franchini schloß mit einer Einladung, heute und die ganze Zeit ihres
-Aufenthaltes, seine Mittaggäste zu sein; -- die beste Gelegenheit, sie
-mit mehreren Notabilitäten, namentlich dem Direktor der Marine-Kanzlei
-bekannt zu machen. --
-
-Arnold konnte keinen bessern Erfolg des ersten Besuches wünschen.
-Einige andere füllten den Vormittag. Sie fanden auf ihren Gängen die
-Stadt in lebhaftester Bewegung; wo immer drei Menschen beisammen
-standen, hörte man die Worte Villa, Ball, Beleuchtung, und die Namen
-des Monarchen und des Prinzen. Wir folgen dem allgemeinen Impulse und
-wenden uns zuerst zu Letzterem.
-
-Der Prinz war einige zwanzig Jahre alt, und seine körperlichen und
-geistigen Eigenschaften mochten für jeden Posten besser taugen als für
-den, welchen er bekleidete. -- Schwer konnte man sich diese zarte,
-schlanke Gestalt in der Admiralsuniform an Bord des Linienschiffes
-denken, als Beherrscher der schwimmenden Donnervulkane. Wenn man den
-blonden Schein über der feinen Lippe, durch welchen der Wunsch einen
-Schnurbart zu tragen ausgedrückt war, wegnahm und die weichen Haare zu
-Ringellocken auszog, konnte er ganz gut eine junge Lady vorstellen. --
-Sein Geistiges stand insofern im Einklange damit, als er eine lirische
-Natur war, welche im Mittelalter weniger das Ritterschwert geführt, als
-mit der Laute des Minnesängers Frauendank und Bandschleifen erkämpft
-hätte.
-
-Er hatte, wie alle Prinzen des Hauses, eine militärische Erziehung
-bekommen, behielt aber auch in der modernen Uniform die mittelalterlich
-romantische Richtung. -- Seinem Sinne war das gesammte reguläre Militär
-nicht simpathisch. Kreuzfahrerkostüme, oder in wirren Haufen hinjagende
-Tscherkessen und Perser, spanische Guerilla’s, Palikaren, -- kurz alle
-pittoresken Gestalten waren Labsal für seinen Sinn, und er wendete auf
-dem Paradeplatz gern den Blick von der steifen Linie der defilirenden
-Grenadiere nach der Suite, nach dem fliegenden +Gemeng+ der
-glänzenden Uniformen aller Waffengattungen.
-
-Er dichtete, und nicht einmal ganz schlecht. Eines der weniger
-gelungenen Gedichte war aber seine Führung des Statthalterpostens einer
-Provinz, welche zu den widerspänstigsten des Reiches gehörte, und
-welche er durch eine Art von ~cour d’amour~ im Stile des Königs
-René, Maskenzüge, orientalisch kostümirte Trabanten und Tableaux zu
-beruhigen gedachte. Er ließ es dabei auch an Unterstützung der Künste
-und wohlthätigen Spenden nicht fehlen, machte aber, dem ernsten,
-festgewurzelten Hasse gegenüber, mit seinem heitern, durchsichtigen
-Streben nach Popularität vollständig Fiasko, mehr als es vielleicht mit
-einer puritanisch-strengen Haltung der Fall gewesen wäre.
-
-Als sich sein der Centralgewalt längst nicht zusagendes Sistem
-praktisch nicht bewährte, verlangte und erhielt er das Marinekommando,
-wobei ihm jedoch wieder die Bilder von Tempesta, das Wimpelgeflatter
-und alle Seeabenteuer von Jason bis auf Marryat lebhafter vorschwebten,
-als die trockene Aufgabe, eine in der Entwicklung begriffene Marine zu
-organisiren. -- In angebornem Pflichtgefühl suchte er seiner Aufgabe
-gerecht zu werden, arbeitete mit den Fachmännern, so lange er eben
-aushielt, erwarb sich die Liebe der Untergebenen und der Stadt, welche
-ihn von seiner glänzendsten Seite, der repräsentirenden, kennen lernte,
-und entschädigte sich für die Mühen seines Berufes durch Feste und
-Galanterie.
-
-In letzterer Beziehung war er von dem Regime der Minnesänger, welche
-von einem Stück blauen Band und Sacktuchwehen vom Erker herab eine
-Anzahl Jahre lebten, bald abgewichen, und hielt diese Richtung nur
-in seinen Gedichten fest, während im wirklichen Leben Bänder und
-Taschentücher nur insofern Gegenstände seines Wunsches waren, als
-ihr Besitz zugleich jenen der Eigenthümerin bedeutete. Im Gedichte
-verherrlichte er die Silfide, den weibgewordenen Mondstrahl: in der
-Wirklichkeit zog er die niederländische Schule der deutschen vor, und
-schätzte eine Dürer’sche Madonna dann am höchsten, wenn er auf dem
-darunter stehenden Sofa einer Rubens’schen Frau zur Seite saß. -- Dabei
-war er jedoch ziemlich beständig, und man konnte seine ~liaisons~
-während dreier Jahre an den Fingern Einer Hand aufzählen. Seine
-poetische Natur schmückte die Erwählte mit Reizen, die ihr vielleicht
-nicht eigen waren, und es ließ sich nachweisen, daß der Bruch der
-bisherigen Verhältnisse immer durch eine Thatsache herbeigeführt
-worden, welche Seine Hoheit überzeugen mußte, daß man ihr ritterliches
-Vertrauen mißbraucht habe.
-
-Das Admiralitätsgebäude, dicht am Hafen, entsprach in keiner Beziehung
-seinem Geschmacke. -- Es gewährte keinen Ueberblick, kein +Bild+! --
-Der Wellenspiegel mit den Objekten seiner Thätigkeit sollte unter ihm
-liegen -- die +Marine+ in +Morgen-+ und +Abendbeleuchtung+ -- des
-Mondes nicht zu erwähnen -- -- und er selbst auf der Höhe, sinnend an
-eine Säule gelehnt -- mit dem Nelson-Perspektiv hinunterschauend! --
-Auch lag die Admiralität mitten unter andern Häusern. Nicht einmal
-Hinterpforten. Jede „Rubens’sche Frau‟ mußte vermummt zwei Schildwachen
-passiren.
-
-Nun thronte die Villa auf der Höhe des Berges, der dem Dampfer der
-Levante über die Nebeldecke der See den ersten Gruß zusendet! Aus
-reichem Grün glänzt die Gloriette mit ihren Marmorstatuen, und die
-Flügel liegen halbmondförmig in den Armen der Waldhöhe. -- --
-
-Die Fantasie des Prinzen war einige Monate hindurch in voller Gährung
-über die Ausschmückung der Villa. -- Es waren so ziemlich alle Stile
-vertreten, griechischer, gothischer, Renaissance... er hatte eine
-eigene Erfindung im Kombiniren von Erfundenem. So wenig das Auge
-des Kenners ein Labsal fand, so sehr bestach das Bauwerk die große
-Masse, durch den Reichthum des Stoffes und gewisse Effektstücke,
-die nicht ohne Reiz waren, wie z. B. der achteckige Saal, der das
-Centrum bildete. Die Mauerflächen waren mit weißem Marmor überkleidet,
-Baumstämme, täuschend aus dunklem Bronce gearbeitet, stiegen in jeder
-Ecke empor, unten glatt, oben in Aesten, Verzweigungen, und endlich
-in ein grünes Laubdach sich ausbreitend, welches den ganzen Raum
-überwölbte, und über welchem durch die Kuppel von blaßrosenfarbenem
-Glase das Licht einfiel, ohne daß man eine Flamme sah. Ein alter
-Gedanke, den aber der Prinz auf seinen Reisen doch nirgends ausgeführt
-gesehen. --
-
-Wenn in dem anstoßenden Sale die Glasgemälde der Fenster bunte
-Farbenflecken auf den spitzen gothischen Zierrath der Wände
-und Gewölbe warfen, und in einem dritten das Kristallbassin mit
-Blumenfontaine, und die Teppiche und niedern Ottomanen einem Märchen
-der Scheherasade zu lauschen schienen, so mochte das Gesetz des
-Schönen durch den Mangel an Einheit noch so sehr verletzt werden,
-die Sinne wurden doch eigenthümlich gereizt, wenn der Lichtstrom und
-Blumenduft sich durch den ganzen Raum ergoß, und man das Ganze nur
-als fantastische Traum-Mosaik, als märchenhafte Zimmerreise in einem
-Zauberpalaste betrachtete.
-
-Fast stellte die Villa ein Bild des Staates dar, dem der Prinz
-angehörte. Ein Bild seiner schönsten Zeit! Das bunte Gemenge seiner
-Nazionen, von Einem Gebäude umfangen, von Einer Hymne durchklungen,
-Eine Fahne hoch wehend über dem Farbengeflatter der zahllosen kleineren
--- wie hier die Kuppel Alles überragt, durch ihr Ueberragen allein
-dem Ganzen einen Halt und Mittelpunkt gibt. -- Denkt die umfangende
-Mauer weg, -- und der altgläubige gothische Saal steht feindlich dem
-Grazientempel, -- der blühende Orient den klaren, scharfen Formen des
-Westens entgegen, -- -- und dennoch vermag kein’s als Ganzes für sich
-zu bestehen.
-
-Doch die Villa ist kaum erbaut! -- Wer denkt +hier+ an Zerfallen?
-
-Denkt doch auch +dort+ kaum Einer daran, wo der Gedanke so nahe
-läge! -- Eben fliegt der Faëton ihres Besitzers den Berg hinan, auf der
-herrlichen Kunststraße, die sich wie ein weißes Band in dreimaliger
-Windung hinaufschlingt. Er leitet persönlich die letzten Anstalten der
-beleuchtenden und dekorirenden Schaaren. --
-
--- -- Der Ball war an dem Tage, wie überall, so auch beim Diner bei
-Franchini Hauptgegenstand des Gespräches, welches schon während der
-ersten Gänge sehr heiter und ungezwungen geführt wurde. Mr. Brown, der
-Chef der Gaskompagnie, schilderte einen Abend, den er mit dem Prinzen
-auf dem Gebälke über der Glaskuppel zugebracht, unter beständigen
-Versuchen mit dem Beleuchtungsapparate, der sich endlich zu voller
-Zufriedenheit bewährte. --
-
-Der Direktor der Akademie, Volpi, vertraute der, nur aus vierundzwanzig
-Personen bestehenden Gesellschaft unter dem Siegel der Verschwiegenheit
-an, daß die Wahl des Comité’s für Bestimmung der drei schönsten Frauen
-zur Schlußgruppe der morgigen Tableaux auf Contessa Sanvitelli,
-Generalin Heuneberg und die Gattin des Banquiers Strada gefallen
-sei. Die Gemahlin des Gouverneurs, welche bei den ~ricevimenti~
-des Prinzen die Honneurs machte, war von den Damen der Stadt gebeten
-worden, zu wählen, und hatte, -- den ganzen Frieden ihrer Zukunft auf
-dem Spiele sehend, -- drei Professoren der ~Academia delle belle
-arti~ ersucht, die Rolle des Paris zu übernehmen. -- An zwanzig
-Damen fanden sich, auf Erlaß des Comités, am hellen Mittag, in ganz
-gleichen einfachen weißen Kleidern bei der Gouverneurin zusammen. Jede
-hatte die ihr vortheilhafteste Frisur gewählt; allein die genannte
-Dame theilte ihnen lächelnd einen weiteren Beschluß des Wahlcomités
-mit, in Folge dessen ein Friseur nebst Gehülfen erschien, welche alle
-Kunstbauten beseitigten, und die Haare sämmtlicher Kandidatinnen
-glatt scheitelten und aufgelöst über die Schultern fallen ließen. Sie
-hatten hierauf in einem Salon mit dunkelgrünen Tapeten einen Kreis zu
-bilden, in welchem die drei Professoren sich eine halbe Stunde sehr
-angenehm herumbewegten. Ihre Wahl fand zwar nicht den Beifall der
-Nichtgewählten, aber den einstimmigen der Tischgesellschaft. --
-
-Korbach wurde vom Herrn des Hauses mit Auszeichnung behandelt, und
-die Gäste schenkten seinen ruhigen aber bestimmt geäußerten Ansichten
-Aufmerksamkeit. Als der Bürgermeister der großen Vortheile gedachte,
-welche der Prinz der Hafenstadt zugewendet, welche ihm außerdem für
-den entwickelten Luxus dankbar sei, nahm er das Wort und schilderte
-die Stimmung der Residenz als eine, seiner humanen, wohlwollenden
-Tendenz höchst günstige, namentlich in den industriellen Kreisen, wo
-man seinen Bestrebungen zum Schutze der inländischen Produkzion volle
-Anerkennung zolle. -- Es waren einige ~free-traders~ anwesend,
-für welche der Chef eines englischen Kommissionsgeschäftes das Wort
-führte, während Arnold die Schutzzölle vertheidigte. Die gegen Ende des
-Diners begonnene Debatte wurde in schönster Form mit Beobachtung aller
-Rücksichten auf interessante Weise geführt, daß die Gesellschaft in
-zwei ungleiche Lager getheilt -- da die Majorität auf Arnold’s Seite
--- mit Spannung und Vergnügen zuhörte. -- Der junge Korbach, der zum
-ersten Male als Repräsentant seines Hauses und Verfechter der demselben
-verwandten Interessen, in einer fremden, fast durchweg aus älteren
-Leuten bestehenden Gesellschaft auftrat, ward durch den Beifall, den
-seine ersten Reden gefunden, ermuthigt und entwickelte die Forderungen
-der Praxis, einer glänzenden Theorie gegenüber, mit so schlagenden
-Gründen und zugleich in so liebenswürdiger, natürlicher Form, daß er
-den entschiedensten Sieg errang.
-
-Er schloß mit den an den Engländer gerichteten Worten: „Es ist
-eine, wir wollen es gestehen, erzwungene Huldigung, die wir durch
-Vertheidigung unseres Schutzsistems Ihrer großen Nazion darbringen!
-Wir gestehen damit nur ein, nicht auf der Höhe zu sein, aus der wir
-Ihnen als Gegner den Handschuh hinwerfen können. So lange aber das
-Terrain der vaterländischen Industrie nicht hoch genug, um nicht von
-den Wogen Ihrer bisher an Werth und Billigkeit unerreichten Produkte
-überschwemmt zu werden, können Sie nun und nimmer verlangen, daß wir
-selbst den Damm einreißen! Der überschwemmte Markt würde in kürzester
-Zeit +aufhören+ ein +guter+ Markt für Sie zu sein, und wenn uns -- was
-eben nicht der Fall -- alle Minen Südamerika’s zu Gebote ständen, so
-würden wir nur dort anlangen, wo Jeder anlangen muß, der -- -- verzeihe
-mir die Gesellschaft das ganz unoratorische und unparlamentarische
-Gleichniß -- seine Schranken zu einem Kampfe zwischen der Hauskatze
-der vaterländischen Industrie und dem gewaltigen brittischen Leopard
-öffnet!‟ --
-
-Die Gegner reichten sich lachend die Hände. Franchini ward in seinem
-Entschlusse, Alles was von ihm abhinge, für den jungen Mann zu
-thun, bestärkt. Er hielt ihn nebst Sprenger und dem Direktor der
-Marinekanzlei zurück, als die Gäste sich entfernten. Das Geschäft
-wurde nach allen Richtungen besprochen, und Sprenger übernahm die
-Ausarbeitung einer Vorlage, welche er mit Zuhülfenahme der Nacht
-bis zum nächsten Morgen zu vollenden gedachte, für welchen Franchini
-bereits die Audienz erwirkt hatte. Er übergab den beiden Gästen
-zugleich Einladungskarten zum Balle in der Villa, wovon jedoch nur
-Arnold Gebrauch machen konnte, da Sprenger keine Zeit erübrigen zu
-können erklärte. -- Das Erscheinen des Ersteren schien allen passend,
-ja nöthig.
-
-Während er hier auf dem „Wege, den ein Korbach geht‟, für sich
-arbeitete, war ein kleiner Notenwechsel zwischen dem Hotel, wo Klotilde
-wohnte, und der Villa gepflogen worden.
-
-Sie hatte, vom Schlummer gestärkt, -- ihre Ankunft und den Entschluß,
-zwei Tage zu verweilen, in einigen Zeilen kurz und bündig dem Baron
-Heidenbrunn angezeigt, welcher zum Prinzen stürzte, um diesen mit
-einem Ereignisse zu überraschen, das ihn etwas wärmer bewegte als der
-Glückwunsch der eben anrückenden Gemeinde-Deputazion.
-
-Der Adjutant flog mit einem Billet ins Hotel, mit einer Antwort zurück,
-und Nachmittags fand eine Schlußkonferenz zwischen ihm und Klotilden
-Statt, in welcher folgende Friedensartikel festgesetzt wurden:
-
- Frau Klotilde Zeltner wird dem Balle in der Villa beiwohnen,
- in Gesellschaft einer griechischen Kapitänsgattin als
- Anstandsbegleiterin, welche Baron Heidenbrunn besorgt. -- Der
- Prinz macht sich verbindlich, zehn Minuten lang mit Frau Klotilde
- in einer Weise zu sprechen, daß die Gesellschaft des Anblickes
- der Unterhaltung theilhaftig werde. -- Ihrerseits bewilligt sie
- eine Unterredung, ~à discrétion~ über zehn Minuten, außerhalb
- der Gesellschaft. -- Dieselbe stellt schließlich unbestimmte
- Verlängerung ihres Aufenthaltes in Aussicht. --
-
-Der Adjutant suchte vergebens den Schlüssel zur Erklärung des schnellen
-Ueberganges zum Sistem der Konzessionen. --
-
-Klotilde hatte Zeit gehabt, Günther’s Andeutungen auf der Reise zu
-überlegen, und den Gedanken, daß Kollmann die Erscheinung seiner Frau
-zu Gunsten seiner Angelegenheit in die Wagschale legen könne, so
-lange ausgemalt, bis sie überzeugt war, derselbe sei bereits in der
-Hafenstadt angelangt, und in einer niederträchtigen Intrigue begriffen.
-Als, auf ihr Befragen, Heidenbrunn von Schritten eines Herrn Kollmann
-beim Prinzen so wenig als von einer Frau dieses Namens wußte, ward
-sie ruhiger, hielt es jedoch für angemessener, das streitige Terrain
-zu occupiren. Sie kannte den Karakter des Prinzen hinlänglich, um zu
-wissen, daß er unter dem ersten Reize eines glücklichen Verhältnisses
-unzugänglich für andere Eindrücke sei, und beschloß ihm so viel
-Hoffnung zu geben als möglich, wenn noch welche übrig bleiben sollte. --
-
--- -- Der Himmel bescheerte dem Prinzen einen umwölkten Abend, --
-der erst spät einer hellen Mondnacht wich -- als Hintergrund seiner
-Illuminazion. Der Chef der Gaskompagnie wüßte vielleicht zu sagen,
-wie viele Tausende von Flämmchen die Form der Villa in feurigen
-Linien auf den Grund des Waldes zeichneten. Weder Jemand von der
-Gesellschaft noch der Prinz hat sie gezählt, sondern Letzterer nur
-bezahlt, und wenn man das Spalier der Pechpfannen von der Stadt bis
-auf den Berg, die Girandolen auf dem Vorplatze, das bengalische Feuer
-auf der Kuppel und die alle fünf Minuten nach dem Himmel fahrenden
-Büschel von farbigen Raketen dazu rechnet, so läßt sich annehmen, daß
-dieser Versuch, die Nacht bei Tageslicht anzuschauen, allein so viele
-Mittel in Anspruch nahm, als die Verwandlung von einem Paar Hundert
-kalter und finsterer Stuben in warme und helle für die ganze Dauer
-des Winters. -- -- Eine nördliche Reflexion! -- den tropisch heißen
-Empfindungen gegenüber, mit welchen die Munizipalität mit Frauen und
-Töchtern den Berg hinanrollte, größtentheils in viersitzigen Wägen in
-der gewöhnlichen, durch Verspätung und Angst des Kleiderzerdrückens
-erzeugten Familienverstimmung. -- Kühler fuhren die Damen der
-höchsten Gesellschaft dahin, einzeln oder zu zweien -- es war ja eine
-Konzession, welche die geschmückten Opfer mit lächelnder Resignazion
-der Lieblingsmarotte des Prinzen brachten. Am kühlsten die alten
-Militärs, welche berechneten, wie viele Stunden sie im Glühofen dieses
-Feenpalastes mit loyaler Freudigkeit dorren mußten. --
-
-In eigentlich froher behaglicher Stimmung kamen nur die Frauen der
-~haute finance~; wir werden hören warum.
-
-Mit welcher Empfindung aber auch Jeder gekommen sein mochte -- wenige
-Minuten nachdem er durch die Blumenpforte des Vestibule getreten, wurde
-er von jener erfaßt, welche sich gleich in der ersten Stunde, nachdem
-sich die Geladenen versammelt, Bahn gebrochen hatte.
-
-Es gibt Gesellschaften, die einem ummauerten Teiche gleichen mit einem
-langweiligen Triton in der Mitte, und schief im Wasser stehenden,
-glotzenden Goldfischen.
-
-Andere -- seltene, glückliche! -- mahnen an eine frische Quelle, die
-durch Felsen schlüpft und in welcher sich die Forellen jagen.
-
-Die Goldfische in den steifen Uniformen wußten Anfangs nicht, wie ihnen
-geschah, als sie in das gewohnte schwüle stehende Wasser zu fallen
-meinten, und von einer wirbelnden Flut gefaßt wurden, die sie fortriß.
-
-Nicht einmal die Polonaise -- (armes Heldenvolk, das seinen Namen zu
-dem getanzten Tarok hergeben mußte!) -- nicht einmal +diese+
-hatte +begonnen+. -- Statt der geometrischen Promenade flogen
-in der ersten Viertelstunde die glänzenden Roben im Walzer dahin, --
-lösten sich wehende Locken von den warmblühenden Stirnen, -- und mit
-den feurigen Klängen der Musik mischte sich frohes Lachen und die
-Fülle von hundert reizenden Stimmen bis herab zum süßen südlichen
-~contre-Alt~ -- der wahren ~viole d’amour~ der weiblichen
-Brust -- und durchtönte die Blumengrotten, den Marmorsaal und alle die
-hohen strahlenden Räume.... Schaudernd entflohen war die langweilige
-Matrone Etikette, als fürchtete sie einen Orangenhagel von den Kobolden
-des neckenden Frohsinns!
-
-Und wer hat sie verscheucht? wem dankt der Gebieter dieser Räume, daß
-sie heute nicht der dürre Samum des Ceremoniells durchweht?
-
-Eine Verschwörung hatte die Matrone gestürzt.
-
-Die Frauen hatten gesagt, so soll es sein, und sie setzen ihren Willen
-sicherer durch, als die am Anfange dieses Kapitels singenden vierzig
-Millionen.
-
-Eine große Zahl der schönen, jungen, geistreichen, lebhaften Frauen des
-reichen und gebildeten Mittelstandes der Hafenstadt hatten beschlossen,
-dem liebenswürdigen Herrn der Villa zu zeigen, was +sie+
-der Gesellschaft zu bieten vermochten, und den vollen Reiz der
-+ungezwungensten Heiterkeit+ gegen den +spanisch+-exclusiven
-Ennui ins Feld zu führen!
-
-Sie umringten den Prinzen, es fiel wie ein Regen von Wortblumen auf
-ihn -- ein reizendes Impromptu folgte dem andern -- sie bestimmten
-die Ordnung der Tänze ohne nach einem Obersthofmeister zu fragen,
--- verflochten während des Tanzes den Prinzen, der so leicht zu
-verflechten war -- und während der Ruhe die alten Kammerherren und
-Generäle in jene raschen, witzsprühenden, zündenden Gespräche, welche
-einmal die Damen des ~pur-sang~ für ihr Monopol hielten, und
-kümmerten sich um diese letzteren so gar nicht, und wenn’s möglich
-wäre, noch weniger als gar nicht!, bis endlich Alles belebt und
-durchglüht war -- -- mit Ausnahme einiger verknöcherter Repräsentanten
-eines, dem Himmel sei Dank, täglich tiefer ins Meer der Lächerlichkeit
-versinkenden Prinzipes. --
-
--- Es war der glänzendste Sieg der Grazie über die freudeversteinernde
-Medusa des Ceremoniells!
-
-Der Prinz, nicht ohne Geist, begriff den Sinn der Demonstrazion -- der
-einen Seite derselben, der freundlichen, seiner Person dargebrachten
-Huldigung, freute er sich laut, und ging in den Ton vollkommen ein, --
-der andern, der ~arrière-pensée~, die gegen eine gewisse Koterie
-gerichtet war, freute er sich +still+. -- Er dankte Gott, daß der
-Ueberraschungsbesuch des gekrönten Vetters noch nicht in den Jubel des
-+heutigen+ Abends hineingefallen!
-
-Der Wind, der heute in diesen Sälen wehte, hatte den Friedenstraktat
-zwischen ihm und der noch immer nicht erschienenen Klotilde insofern
-zerrissen, als von verabredeten gnädigen Worten und Erwiederungen keine
-Rede sein konnte: die Vorstellungen mit Frage und Antwort, Verbeugung,
-Zurücktreten und einem Andern Platzmachen, waren gar nicht zur
-Ausführung gekommen. Der Prinz war bald mitten im Gedränge, mit vielen
-zugleich sprechend, bald saß er in einer Blumennische -- mit einer
-Feuernelke oder blaßrothen Camellie -- die Frauen sprachen ihn an,
-ohne von der Hand der Gouverneurin vorgeführt zu sein -- und die Männer
-hatten hinlänglichen Takt, um die fröhliche Razzia über die sonstigen
-abgesteckten Grenzen hinaus auf eine Weise mitzumachen, welche die
-Exklusiven am meisten ärgerte, die immer auf ein störendes, plumpes
-+Zuviel+ hofften, und immer vergebens!
-
-Auch der alte Franchini hatte seinen Moment ersehen, Arnold dem Prinzen
-vorzustellen. Dieser sprach von dem Glück, das ihm morgen bevorstehe
-(der Audienz) und von dem noch größeren heutigen, und bedauerte,
-fast der einzige Vertreter der Residenzbewohner zu sein, welche in
-dem Prinzen die eigentliche Stütze der vaterländischen +Kunst+
-anbeteten, und welche ein einziger Gang durch die Villa überzeugen
-würde, wie jeder seiner schönen Gedanken auch zur That werde. --
-
-„Machen Sie schnell diesen Gang mit mir, sagte der Prinz rasch und
-freundlich, und erzählen Sie zu Hause; ich sehe daß Sie Kenner sind!‟
-und damit verließ er seinen Platz und durchschritt mit Korbach mehrere
-Säle, in jedem mit einigen Worten die Idee bezeichnend, die ihn
-geleitet.
-
-Als sie in der letzten Piece, zunächst dem Eingange anlangten, traten
-die letzten Angekommenen der ganzen Gesellschaft -- Klotilde und ihre
-Begleiterin, ein.
-
-„Es hat mich sehr gefreut Sie kennen zu lernen,‟ sagte der Prinz zu
-Arnold, das „sehr‟ so laut und freundlich betonend, daß es Klotilde und
-die übrigen Anwesenden vernahmen.
-
-Arnold zog sich nun zurück, und der Prinz sprach die Ersehnte und so
-unerwartet Wiedergefundene an, und machte mit ihr den ganzen Weg zurück
-nach dem Platze, wo er heute schon manches reizende Gespräch geführt.
-Das jetzige währte ungefähr so lange als drei der früheren.
-
-Als es, augenscheinlich zur vollen gegenseitigen Zufriedenheit,
-endigte, trat der Prinz unter eine Herrengruppe, Klotilde aber ließ
-ihre Blicke durch die Säle schweifen, bis sie Arnold fand, den sie ohne
-Weiteres ansprach, von dem Zusammentreffen im Freinhof ausgehend.
-
-Endlich ein Laut von +dorther+! ein Gespräch über +sie+! und
-eines, in welches sich nicht der ekelhafte Konkurrenzgedanke mischte...
-ein Gespräch über Julie, ohne daß die Firma Kollmann mitklang.
-
-Er vernahm zwar nichts, was seinen Durst stillen konnte, -- Klotilde
-war selbst seit der Zeit nicht dort gewesen -- aber ihre Erscheinung
-wurde für den Augenblick zu einer angenehmen für ihn. Sie sprach ruhig
-und in berechnet liebenswürdiger Weise. Der Prinz war gegen Arnold
-äußerst gnädig gewesen: Motiv genug. -- Während der Prior von Sankt
-Martin über den Prälatenstuhl weg nach dem Kardinalshut hinaufsah,
-dachte Klotilde, praktischer, über die Villa des Prinzen hinaus an
-eine Zeit, wo ihr jede freundliche Verbindung in einer tiefern Region
-erwünscht sein könnte. Ueberdies hatte die Persönlichkeit Arnold’s ihre
-Wirkung auch auf sie nicht verfehlt. Die Unterhaltung war lang und
-lebhaft. -- Klotilde brach sie plötzlich mit einem „auf Wiedersehen!‟
-ab, und verschwand im Gedränge.
-
-Leider schien dem Prinzen kein ganz ungestörter Genuß des Festes
-vergönnt zu sein. Mitten in einem angelegentlichen Gespräche wurde er
-durch Baron Heidenbrunn unterbrochen, welcher den Saal mit einem großen
-versiegelten Schreiben durchschritt, das er dem Prinzen überreichte.
-Dieser riß es mit offizieller Miene auf, rief dem Adjutanten zu: „Ich
-spreche den Kurier selbst!‟ und verließ die Gesellschaft mit der
-Versicherung seiner baldigsten Rückkehr. --
-
-Der Adjutant hatte nach dem Gange des Prinzen mit Arnold einige Worte
-an Letzteren gerichtet, welche dieser artig und kühl erwiederte. Mit
-Plomberg war es bei einem steifen Gruße geblieben. -- Die beiden
-Offiziere hatten eine kurze Unterredung mit einander, in welcher
-Heidenbrunn erklärte, er habe keine Gelegenheit finden können, den
-vertraulichen Auftrag an den Prinzen zu vollziehen, und finde sich
-unter den jetzigen Konstellazionen wenig bewogen, gegen Korbach zu
-operiren. Plomberg, welcher sich nur Greuth gegenüber gedeckt wünschte,
-verlangte Nichts als das Versprechen der Bestätigung, daß er seine
-Sendung vollzogen. --
-
-Und somit wehten Arnold’s Fahnen hoch im Winde!
-
-Es waren Vortheile errungen, Gefahren abgewendet, und der Zweck des
-Balles für ihn erreicht. Er gedachte denselben zu verlassen, nachdem
-er sich noch mit Franchini unterredet, welcher ihm Glück wünschte. Das
-Gespräch verlängerte sich durch hinzutretende Bekannte.
-
-Als er sich von dem Bankier trennte und umwendete, legte sich eine
-Hand auf seinen Arm und Klotilde, mit der griechischen Dame, stand vor
-ihm. „Sie scheinen zu denken wie wir, sagte sie, daß man die Spielbank
-verlassen soll, wenn man gewonnen, und nicht das Glück mit zu langem
-~quitte ou double~ ermüden! Wir fahren nach Hause, und Sie, lieber
-Korbach, werden uns um so gewisser das Vergnügen machen, uns zu
-begleiten, da Sie in demselben Hotel wohnen!‟
-
-Es ließ sich wohl schwer ein Refüs finden, und Arnold dachte auch an
-keinen.
-
-Das Fest hatte früh begonnen und es war nicht viel über die
-Mitternachtsstunde, als der Wagen mit den beiden Frauen und Korbach die
-Bergstraße hinabrollte, von den Klängen des Balles, die weit in die
-Nacht hinaustönten, begleitet. --
-
-Es war eine taghelle Mondnacht. Hie und da standen auf den Plätzen
-einzelne Menschen und Gruppen und sahen nach den vor dem Licht der
-Silberflut verlöschenden Flämmchen und blauen Feuern auf der Höhe.
-Nicht ein Wölkchen am weiten Himmel, so weit das Auge reichte. Alles
-klar und durchsichtig.
-
-Die Frau des griechischen Kapitäns wohnte am Quai, einige Hundert
-Schritte vom Hotel. Sie stieg bei ihrem Hause ab, Klotilde gleichfalls.
-Letztere schickte den Wagen weg, sagte der Begleiterin Lebewohl und
-legte ihren Arm in jenen Arnold’s.
-
-In wenigen Minuten war der Weg bis zum Hotel zurückgelegt. Klotilde
-war befangen, verwirrt und stumm, ohne daß Arnold einen Grund errathen
-konnte.
-
-Als sie in das Thor traten, sagte sie: „Wenn Sie in der ~Contrada
-grande~, statt auf mich, auf einen Balkon hinaufgesehen hätten,
-würden Sie in der Dame, die Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht
-sah und dann zurücktrat, Julie Kollmann erkannt haben. Ich hatte
-aber meine Gründe, keine Erkennungsszene, auf den Balkon hinauf, zu
-spielen.‟
-
-
-
-
-Eine bewegte Nacht.
-
-
-Der alte Lügenfürst mit seinen hundert Namen von Luzifer bis
-auf Mefisto, ein Paar gläubige Jahrhunderte hindurch so zu
-sagen ins Privatleben zurückgedrängt, hat sich wieder der
-großen Weltbegebenheiten bemächtigt und treibt Politik und
-Regierungsgeschäfte. -- Er ist zu sehr in Anspruch genommen durch die
-Gesammtlage Europa’s, zu entzückt über die loyale Ergebenheit eines
-Herrschers, welcher ihm die ~gloire~ einer großen Nazion als
-Rauchopfer darbringt auf dem Scheiterhaufen, den er aus den übrigen
-aufgebaut, -- über die allgemeine Erbärmlichkeit, das allseitige
-Hinhalten der rechten Wange, nachdem man keinen Schlag auf die linke
-bekommen, als daß er sich mit Kleinem befassen könnte.
-
-In seinen schlechten Zeiten, -- als ihn Luthers Tintenfaß und römische
-Bullen in die Enge trieben, -- als er von gott- und ehrliebenden
-Fürsten aus den Palästen, von frommen Bürgern und Bauern aus den
-Häusern und Hütten geworfen wurde, irrte er, des Einflusses auf den
-Gang der Ereignisse beraubt, wie ein Vertriebener Legitimist umher,
--- von der Rolle eines Staatsanwalts zu der eines Winkelschreibers
-herabgesunken, und befaßte sich mit Privatgeschäften der Individuen.
-
-Dem Herabgekommenen mochte ein vom Thurm gestürzter Anton Pilgram
-Violinlekzionen bei Tartini, -- ein blutunterzeichneter Kontrakt
-mit Faust -- bei welchem er zuletzt noch betrogen war, -- die Zeit
-vertreiben. Jetzt aber ist das Verderben einzelner Seelen, das
-Zerstören einzelnen Glückes für ihn überwundener Standpunkt.
-
-Doch mag es Stunden geben, wo er, die Diplomatie mit Beruhigung sich
-selbst überlassend, heruntersteigt vom europäischen Thron und zur
-Erholung wie Harun al Raschid umherwandelt, im Inkognito, umschauend
-nach irgend einem herzlabenden Jammer.
-
-Und so konnte er denn eine wahrhaft teufelsselige Stunde verleben, wenn
-er, im Mondschatten an die Wand gelehnt, hinaufgesehen nach dem Balkon
-in der ~Contrada grande~, -- gesehen was Alles aus dem sanften
-Mondlicht werden kann, wenn es nur zur rechten Minute zwei heitere
-Gesichter und blonde Haare beleuchtet! -- -- wie ein Moment kühles
-Silber in glühenden Stahl verwandelt!
-
--- -- Tief und heiß traf der Stich in die ahnungslose Brust. Nicht
-das dünnste Schild eines Zweifels, einer Besorgniß, hatte Julie
-vorbereitend beschützt.
-
-Wohl hatte sie Arnold nicht ein „Steinchen zum Bau des Feenschlosses
-einer Gegenliebe‟ gereicht, -- aber dafür ihr eigenes aufgebaut. --
-Vielleicht höher und fester als das seine.
-
-Eine einzige laue Sommernacht erschließt die Aloënblüthe. -- Ein Herz
-wie Julien’s kannte keine Uebergänge vom Dunkel durch Dämmerschein und
-Morgengrau zum hellen Sonnentag. „Was ist denn -- hatte sie zu Sembrick
-gesagt -- was ist denn an mir, was nicht Eingebung des Momentes wäre?
--- eine Stunde lang hab’ ich Arnold gesehen -- fühlen Sie denn nicht,
-daß ich diesen Augen vertrauen +mußte+?‟ -- Nur von Sembrick hätte
-es abgehangen, +ausgesprochen+ zu hören, was er von dem Augenblick
-an wußte, wo er den Brief durch Arnold empfangen.
-
-Wenn man versucht werden könnte, da zu vergleichen, wo der Vergleich
-nur auf Gegensätze trifft, so läge der schreiendste zwischen ihr und
-Klotilde darin, daß an dieser Alles berechnet und besonnen war, -- an
-Julie Alles unberechnet, -- und unbesonnen in dem Sinne, wie die Aloë,
-der wir sie verglichen, sich nicht besinnt, aufzubrechen, wenn ihre
-Stunde gekommen. --
-
-Sie war gekommen: ihr erster Schlag hatte durch den Goldnebel
-geklungen, mit ihrem letzten hatte ihre Hand in seiner geruht, -- und
-als Arnold mit seinem Klarheit suchenden Wesen im Fremdenflügel am
-Fenster stand und sich +Fragen+ stellte, hatte Julie an keine
-Fragen an ihr Herz gedacht es war nur Eine Antwort, -- ein lautes,
-freudiges Ja!
-
-+Wie+ in den klangreichen, leichtbewegten Saiten ihres Herzens
-der Laut der Liebe, den so Viele zu erwecken sich mühten, schlummern
-konnte, bis ihr Engel sie Arnold entgegenführte, mag eines jener
-Räthsel sein, deren Lösung sich der Meister, der das Saitenspiel der
-Menschenbrust geschaffen, -- vorbehalten hat.
-
-Jeder Huldigung hatten sie entgegengeklungen: mit ernsten Akkorden dem
-ernsten Wort, womit ein tiefes Gefühl sich gegen sie aussprach, -- mit
-fröhlichen, leichten Melodien dem alltäglichen Liebesgetändel, -- aber
-nur jener Eine Ton war nie erwacht, den Jeder zu hören sich sehnte.
-
-Sie lauschte mit stockendem Athem der Erzählung des Reisenden, der die
-Urwälder Südamerika’s durchdrungen und in ihrem Boudoir den Teppich
-aus dem Fell des erlegten Tigers ausbreitete; -- dem Gemälde der
-Schlacht, in welcher ein Medaillon das Herz eines Tapferen vor der
-Kugel beschützte, der für den Talisman um eine Stelle auf ihrer Etagere
-bat; -- der Elegie des Künstlers, der entzückt war, mit ihrem Namen
-das Werk zu schmücken, zu dem sie ihn begeistert: der Teppich, -- das
-Medaillon, -- das Tonstück bewegten ihre Fantasie, beherrschten Stunden
-und Tage lang ihre Gedanken, aber das Herz blieb ruhig bei allen, oft
-großen und gewaltigen Eindrücken und Erscheinungen.
-
--- -- Und nachdem all die gefeierten Namen geklungen und Orden geglänzt
-und Lorbeern gegrünt -- kam +er+ im Schiffchen heran, in der
-grauen Jacke, im grünen Hut -- und der Harfe in ihrer Brust entflog,
-von der +rechten+ Hand berührt, der himmlische Dreiklang: ich
-liebe dich!
-
-
-Der nervöse Wechsel von Fröhlichkeit und Verzweiflung wich einem
-stillen Glücke, das ruhigem Schmerz die Hand reichte, die ihre innere
-Welt beherrschend in einander übergingen wie Nacht und Tag, nicht
-einander zischend bekämpften wie Wasser und Flamme.
-
-Einem furchtbaren, großen, tragischen Geschicke gegenüberstehend,
-wo die Welt nur eine unglückliche Ehe sah, -- einem Verhängnisse,
-das sie fast willenlos in die Hände eines Gehaßten gab, aus dessen
-Gewalt keines jener Mittel sie befreien konnte, welche göttliche und
-menschliche Gesetze Andern zur Lösung unseliger Bande darbieten, --
-hatte die Hoffnung in ihrem Herzen die Gestalt eines fantastischen
-Wunderglaubens angenommen.
-
-Edmund von Sembrick war die erste Erscheinung, welche diesem Glauben
-eine bestimmte Richtung gab.
-
-Der Moment wo sie ihn kennen lernte, in einer rettenden kühnen That, --
-seine Erscheinung, die so gewaltig abstach gegen die konvenzionellen
-Gestalten, welche sie bisher umringten, -- die unwillkürliche Mahnung
-an den Gedanken der Erlösung, die in seinen Zügen lag, -- das wilde
-Feuer der Energie, das manchmal in seinen Augen aufloderte, der Funke
-des Geistes, der nie in ihnen erlosch: Alles hatte sich vereinigt, um
-den Blick der Alleinstehenden, Hülfesuchenden auf ihn zu lenken. -- Der
-Schnee, der den Vulkan deckte, war ihr nur ein Zeichen seiner Höhe,
-die Kälte, ja Härte, welche nur selten einem weichen Momente wich, ein
-Beweis einer Kraft, die da einen Ausweg öffnen konnte, wo +sie+
-keinen sah.
-
-Sie war entschlossen, ihm Alles zu vertrauen. Da gewahrte sie das
-plötzliche Schmelzen des Schnee’s. Wie die Minerva in voller Größe
-gewaffnet aus Jupiter’s Haupte sprang, stand seine Liebe in ihrer
-ganzen Glut und Kraft vor ihr.
-
-Aber nicht schneller hatte das Auge des Weibes sie erkannt, als --
-Kollmann. Dieser, der über Sembrick’s Karakter im Reinen zu sein
-glaubte, und ihn an Julie gefesselt sah, weihte ihn selbst in Alles
-ein. -- Edmund trat mit dem Bekenntniß seiner Liebe, und zugleich in
-voller Kenntniß dessen vor sie hin, was sie ihm mittheilen wollte, --
-aber auch mit dem Eingeständnisse, daß es gegen Kollmann’s Waffen ein
-einziges Mittel gebe, dessen Ausführung, gewaltsam und abenteuerlich,
-von der Zeit und der Ueberwindung von tausend materiellen Hindernissen
-abhänge.
-
-Die vorhergegangene Unterredung der beiden Männer hatte damit geendigt,
-daß Sembrick die Ueberzeugung von der tiefen Schlechtigkeit Kollmann’s
-mitnahm, welcher dieß wohl wußte, aber sich kalt und ruhig freute, ihn
-durch die Mitwissenschaft an sich gebunden zu sehen, wenigstens so
-lange ihm Julien’s Glück theuer war, das hieß, für immer, wenn auch
-seine Liebe oder Leidenschaft nicht ewig währen sollte. Der Erwiederung
-derselben von Julien’s Seite hätte er ruhig zugesehen.
-
-Es kam aber anders.
-
-Sembrick hatte nicht als der Erlöser gesprochen, den sie gedacht.
--- Er wollte sie durch eine Hölle tragen, ein Leben und Freiheit
-gefährdendes Unternehmen für sie ausführen, -- -- aber am rettenden
-Ufer angelangt, war ihr Herz das Ziel, auf welches er hinblickte.
-
-Sie sprach offen und wahr mit ihm, entschlossen, ihm keine Täuschung
-und keine Hoffnung zu lassen. Er gab sie nicht auf, eben so wenig als
-den Vorsatz, ganz so für sie zu handeln, wie er mit der Gewißheit des
-schönsten Lohnes gethan hätte.
-
-Julie hatte den jugendlichen oder besser kindischen Traum einer
-„Freundschaft‟ gehegt, -- diese gerade darum für möglich gehalten,
-weil der ganze Kreis, der sie umgab, des Gedankens einer Freundschaft
-zwischen einem Manne und einer reizenden Frau nur mit höhnischem Lachen
-oder Lächeln erwähnte. Was diese für unmöglich hielten, sollte sich in
-Edmund verwirklichen.
-
-Nun war der „Wunderglaube‟ erschüttert, -- der Befreier des Landes
-streckte zugleich die Hand nach der Krone desselben aus: ihr Herz hatte
-geschwiegen.
-
-Hätte dieses gesprochen, -- sie würde ihn wenigstens gefragt haben,
-welchen Gefahren er entgegengehe. Wie bange schlug es, als er sagte:
-Wenn Sie Korbach Alles mittheilen, so ist er gebunden wie ich, geräth
-in den Kampf zweier Pflichten! -- +Da+ erst mochte sie fühlen,
-daß sie vom +Freunde+ nimmermehr erwarten solle, am wenigsten
-verlangen dürfe, daß er Etwas für sie unternehme, woran sie den, den
-sie liebte, nicht einmal durch Mitwissen betheiligt sehen wollte. Ohne
-irgend einen Begriff von Sembrick’s Plane, nur seiner hingeworfenen
-Worte gedenkend: „Noch Eine treue, verläßliche Hand!‟ hatte sie Arnold
-gesendet. Nach dem Gespräche mit dem Baron war sie entschlossen, Jenem
-zu schreiben, ihn nach dem Freinhof zu bitten, ihre Fragen, Alles zu
-widerrufen, kurz um jeden Preis, auf die Gefahr hin, unbesonnen vor ihm
-zu erscheinen, ihn von jedem weitern Schritte und einer Annäherung an
-Sembrick abzuhalten.
-
-Dieselbe Bitte, Nichts für sie zu thun, und sie der Vorsehung allein zu
-überlassen, wollte sie auch an Edmund richten. Von dem +Freunde+
-in ihrem Sinne konnte sie ein Opfer annehmen, sie fühlte aber nach
-seinem Weggehen, daß er im Herzen fordere, und sie hatte nichts zu
-bieten.
-
-Während sie seine versprochene Rückkehr von der Reise nach dem Orte, wo
-das ganze Geheimniß ihres Lebens ruht, erwartete, führte Kollmann sie
-plötzlich vom Freinhofe fort: Sembrick traf diesen bereits verlassen.
-
-Wohl war der „Wunderglaube‟ mit Arnold einen Augenblick erwacht:
-Edmund gegenüber erschien er ihr wie der königliche Hirtenjüngling
-mit der Schleuder, der den Goliath schlug, welchem die gerüsteten
-Krieger erlagen. Allein der Gedanke, ihn, statt mit den Blumengewinden
-ihrer Liebe, mit den Dornen ihres Geschickes zu umflechten, war ihr
-unerträglich geworden. Keine Frage, +wohin+ die Wellen tragen,
-sollte das Entzücken der Gegenwart trüben.
-
-Sie streckte die schöne Hand nicht aus nach dem Schleier der Zukunft!
-Der Gedanke, wohin +soll+ es führen, fand nicht Raum neben dem
-Schatze von süßen Empfindungen, zu denen es +geführt+. Bei Julie
-war nur Eines gewiß, wohin es +nicht+ führen konnte: nie zu einem
-Treubruch gegen sich selbst! Wenn wir die kühne Behauptung aufstellen,
-daß der Paradiesvogel dieser Liebe über die Mauern der Pflicht gegen
-Kollmann wegfliegen durfte, so wagen wir sie auf den Umstand hin,
-daß auch wir einen Schleier zu lüften haben, aber nicht der Zukunft,
-sondern der Vergangenheit.
-
-So unausgleichbar, anscheinend, der Widerspruch, -- sagen wir, daß
-Julie trotz der Bande, die sie an Kollmann fesseln, wenn sie +von
-Arnold’s Arm umschlungen+ in den Seespiegel blicken würde, ihr Bild
-so rein herauflächeln sähe, als das Edelweiß, womit er ihre Brust
-schmückt... Es war dieß ihr Traum gewesen, als sie am Morgen nach
-seiner Ankunft entschlummerte. --
-
-Er trat auch jetzt vor ihre Seele, als sie, die ~Contrada grande~
-hinab, nach der weißglänzenden Meeresfläche blickte. Die erfrischende
-Nachtluft kühlte wohlthätig die heiße Stirn. Sie strich die Locken
-zurück, ließ sie spielend durch die Hand gleiten und freute sich der
-Erinnerung, wie er dieselben betrachtet, wie in den ruhigen Augen ein
-heller Funke aufgezuckt bei ihrer Berührung. -- -- Hatte sie doch
-einmal ein Buch zur Seite geworfen bei der Stelle, wo die Liebende
-spricht: Wie arm fühl’ ich mich gegen dich! „So bleibe arm, du enges
-Herz --! hatte sie ausgerufen -- wenn du liebend dich nicht reich genug
-fühlst, um deiner Dürftigkeit zu vergessen!‟ -- -- Sie fühlte sich
-reich, dreifach wiederzugeben, was sie an Seligkeit empfing; freute
-sich jedes ihrer Reize als einer Gottesgabe für den Geliebten.
-
-Sie drückte die Hände auf die Augen: so reizend das Nachtbild, -- ein
-wonnevolleres stand vor ihrem Sinne. -- Still lächelnd schaute sie es
-an, -- jeder Athemzug ein Gebet um Wiedersehen! jeder Gedanke ein Kuß!
-
-Und als sie die Hände wieder von den Augen nahm -- -- wo war da
-der Schutzgeist ihres Friedens, daß er sie nicht mit seinem Fittig
-bedeckte!?
-
--- -- Gegenüber lachte der Satan im Mondschatten. Das Wiedersehen war
-erreicht: die ~mise en scène~ war ihm gelungen.
-
-Die nächste Minute hat Klotilde bereits erzählt: -- „die Dame, die
-Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht sah, und dann zurücktrat‟
--- -- sie wankte durch den Salon, am Spiegel vorüber, der ihre Reize
-zurückwarf, für welche sie dem Schöpfer um des Geliebten willen
-gedankt hatte, -- zusammengebrochen, halb bewußtlos. Wie nahe auch
-die Möglichkeit lag, den Giftpfeil in ein unschädliches Spielzeug des
-Zufalls zu verwandeln: sie hatte nicht die Kraft eine Lösung zu suchen.
-
-Mitleidig lächelnd harrte ihr Genius des Augenblickes, wo sie die
-beiden Trostgeber aus seiner Hand empfangen könne: Thränen und Gebet.
-Es währte lange, ehe die ersten Tropfen aus den brennenden Augen
-drangen, und den Krampf der Nerven, jenen der Seele lösten -- -- dann
-strömten sie hin, und mit ihnen eines jener Gebete, die so selten
-vergebens aus der Erdennacht emporsteigen. Sie werden erhört, -- und
-das letzte flehende Wort aus der Tiefe des Herzens klingt zusammen mit
-einem: „Es werde Licht‟ von Oben.
-
-Nach einer Stunde solchen Sturmes mußte das Schiff des Glaubens
-gescheitert und versunken sein, -- oder gelandet am grünen Gestade.
-
-Sie hatte lange am Fenster gekniet; -- nun stand sie auf -- die
-Hände hoch über dem Haupte gefaltet und sagte, noch durch Thränen
-lächelnd: „Es ist ja nicht möglich, und darum +ist’s+ nicht! --
-Arnold und Klotilde! Vergib mir, Allgütiger! daß ich dich bat mir
-wiederzuschenken, was du mir nie genommen!‟
-
-Festen und leichten Schrittes ging sie einige Male auf und nieder,
--- ließ Licht bringen und schrieb. -- Nun hat sie geendet, und sich
-zur Ruhe gelegt -- und leise, -- leise -- wie Rehe, vom Wetterstrahl
-verscheucht, heranschleichen zum gewohnten Spielplatz -- kamen die
-entflohenen Träume wieder -- und als sie die Augen geschlossen,
-lächelte der Mund, als spielten, wie man von Kindern sagt, die Engel
-mit der Schlummernden.
-
- * *
- *
-
-Kurz war die Freude des Teufels.
-
-Einen längeren und nachhaltigeren Genuß hätte er haben können, wäre er
-der kleinen Barke gefolgt, welche am Anfange der Nacht, fast zur Stunde
-wo das Fest begann, vom Lande stieß, den Hafen durchschnitt und einer
-am Ausgange desselben geankerten Dampfkorvette zusteuerte.
-
-Letztere, unter englischer Flagge segelnd, ist am Morgen von Malta
-angekommen, der Kapitän hat sich mit einem Begleiter ans Land begeben
--- daselbst den Auftrag, dessen Erfüllung wir nun zusehen werden,
-bestellt, und ist wieder an Bord zurückgekehrt. -- Abends entsendete
-er einen Matrosen mit dem erwähnten Bote nach dem Quai, wo Kollmann
-dasselbe erwartet.
-
-Es nähert sich der Korvette, auf deren Vordertheil der Name Aegina zu
-lesen: am Bord ist Alles still und wach -- der Kapitän überblickt mit
-scharfem Auge Nähe und Ferne.
-
-Er hat sich für die Sicherheit zweier Passagiere, die er führt, einem
-Manne verbürgt, welcher, auf der Höhe der Gesellschaft der stolzesten
-Nazion stehend, es in seinem und seines Landes Interesse findet, seinem
-aristokratischen Staatswagen die wilde Jagd der gesammten europäischen
-Demokratie vorzuspannen. -- Die Steine, welche während seines langen
-Lebens aus allen Kabineten und sonstigen Werkstätten des konservativen
-Prinzipes auf ihn geschleudert wurden, könnten hinreichen, um einen
-Damm von seinem Vaterlande nach dem Kontinent aufzuführen. -- Man
-erwies ihm in einer Residenz -- (tausend Meilen von unserer entfernt)
-einmal die Ehre, seinen Rücktritt durch ein eigenes Plakat der
-Bevölkerung anzuzeigen, als ein Ereigniß, durch welches die bedrohte
-Zukunft eines großen Staates gerettet worden, und wir erinnern uns
-wohl der Indignazion der Einwohner über diese Huldigung. In seinem
-Lande wird aber sein Name als der Tipus des populärsten, des eigentlich
-nazionalen Ministers fortleben, und bei jedem Sturze von der Höhe der
-Ministerbank ist er nur in die offenen Arme des Volkes gefallen, das
-er mit seinen Tugenden und Schwächen begreift wie Keiner, und das ihn
-dafür in sein Herzblut aufgenommen.
-
-Der Kapitän der Aegina, welche schon manche Reise, mit politischer
-Contrebande befrachtet, glücklich zurückgelegt, genießt das Vertrauen
-des Lords, den wir nicht zu nennen brauchen, und welcher ihm Wangerode,
-den deutschen Demokraten, mit welchem Kollmann auf seiner Reise vor
-drei Jahren zusammengetroffen, +empfohlen+, einen Zweiten aber,
-den wir bald kennen lernen, aufs Wärmste ans +Herz gelegt+.
-
-Wangerode gehörte zu den Schiffsgütern, welche in allen deutschen,
-monarchisches Gebiet bespülenden Gewässern mit Beschlag belegt werden.
-Er war Keiner von denen „welche im Momente der Gefahr ihre Pflicht
-nach einem anderen Punkte ruft‟ -- meist nach den Bahnhöfen, und die
-das undankbare Vaterland nicht mit eroberten Fahnen, sondern mit
-gestohlnen Kriegskassen verlassen. Er hatte als achtzehnjähriger
-Jüngling auf den Barrikaden gefochten, unter den „von Zukunftdranges
-Sturm am Weitesten Getragenen‟. Ein altes Schwert, das bei Einnahme
-des Zeughauses in seine Hände gefallen, hatte vielleicht seit zwei
-Jahrhunderten zum ersten Male wieder Blut getrunken, edles Blut, mit
-welchem nun sein Name im Schuldbuche eingeschrieben stand für immer
-und ewig. Wie viele Hunderte geächteter Namen auch durch das Sieb der
-verschiedenen Amnestien gegangen, für den seinigen waren die Löcher zu
-eng.
-
-Wer aber einmal sein Leben eingesetzt für seine Gesinnung, der bleibt
-von der Feuertaufe gestählt für immer. -- Als Wangerode den Kugeln
-gegenüberstand, hatte er nicht für eine Ueberzeugung geblutet, sondern
-für ein Gefühl, einen Enthusiasmus! Das ist ja das göttlich Schöne der
-Jugend, daß sie für ein Wort in den Tod geht, ohne nach dem Begriffe zu
-fragen!
-
-Mit den Jahren hatte sich das Gefühl zur Ueberzeugung ausgebildet. Er
-war aber durch die Reife nicht besser geworden. -- Das Ziel seiner
-jugendlichen Schwärmerei war: allgemeine deutsche Republik; das Mittel:
-Massenerhebung des Volkes zum offenen Kampfe der Blouse gegen die
-Uniform. Der Zweck ein Ideal, das Mittel ritterlich.
-
-Sein +jetziger+ Standpunkt war: Einheit Deutschlands -- ob
-Republik, ob Monarchie -- er hätte vielleicht einer das gesammte
-Vaterland umfassenden Militär-Diktatur den Arm geboten. Darin lag eben
-kein Herabsinken; es war ein Ideal wie das andere. Aber den Glauben
-an die Erreichung durch ritterlichen Kampf hatte er in Erkenntniß der
-Wirklichkeit verworfen. Umsturz des Bestehenden durch jedes Mittel, --
-der Schutt als Unterbau künftiger Einheit war seine jetzige Devise,
-und er stand im Gutheißen der verworfensten Wege dem italienischen
-Revoluzionschef nicht nach. -- Nach wie vor bereit, seinen Kopf für
-seine Sache einzusetzen, hätte er kein Bedenken getragen, Andere mit
-dem Dolche des Meuchelmörders auszusenden.
-
-Sein entschlossener Karakter, seine Bildung und Gewandtheit hoben ihn
-bald über die Schaar der übrigen Exilirten empor, und die Häupter der
-verschiedenen Frakzionen, welche auch in der Fremde die heimatliche
-Spaltung verewigten, erkannten ihn bei durchgreifenden Beschlüssen
-faktisch als höchste Autorität.
-
-Bei seinem ersten Zusammentreffen in der Schweiz hatte er in Kollmann
-insofern einen Gleichgesinnten erkannt, als dieser vom baldigen
-Zusammensturz der Verhältnisse im Vaterlande überzeugt war, -- bei
-einem zweiten, in Mannheim, kam es zu einem förmlichen Verständnisse.
-Der Weg, auf welchem Kollmann dem in London lebenden Wangerode
-regelmäßige Mittheilungen machte, blieb unentdeckt; Kollmann’s
-Haltung in der Gesellschaft beseitigte übrigens jeden Verdacht, außer
-Lipprecht’s, der, wie wir wissen, damit isolirt stand. Kurze Zeit vor
-seiner, aus andern Gründen beabsichtigten Reise nach der Hafenstadt
-hatte er die Nachricht erhalten, daß Wangerode eine Begegnung wünsche.
-Es war angegeben, auf welche Weise Kollmann im Hafen von Zeit und Ort
-derselben in Kenntniß gesetzt werden sollte.
-
-Der Vorschlag kam ihm sehr unerwünscht; ganz andere Entwürfe
-nahmen seine Gedanken und Zeit in Anspruch. Allein der Wunsch war
-+bestimmt+ gestellt, und er befand sich in einer Lage, welche eine
-schmeichelhafte Aehnlichkeit mit jener des Kaisers der Franzosen den
-alten Carbonari-Freunden gegenüber hatte.
-
-In der Mannheimer Unterredung hatte Wangerode so zu sagen mit dem
-Herzen auf der Zunge gesprochen, und ihn in das innerste Getriebe
-der Partei hineinschauen lassen. Als Kollmann beim Abschiede eine
-Betheuerung seiner unverbrüchlichen Verschwiegenheit geben zu müssen
-glaubte, antwortete Wangerode lachend: „Dergleichen ist nicht mehr
-üblich! Männer überlegen bevor sie eingehen. Dann aber weiß auch Jeder,
-daß einem Verrath oder Abfall nicht mit verschränkten Armen zugesehen
-wird. Wollen Sie Beispiele?‟ Es folgte eine Aufzählung von Personen,
-welchen bei plötzlichem Wechsel ihrer Gesinnung ein Paar Zoll kaltes
-Eisen als Präservativ gegen Indiskrezionen eingegeben wurde, -- und die
-Bemerkung, daß dergleichen nur in Italien vorkomme; deutsches Wort sei
-noch nicht gebrochen worden. --
-
-Das hieß schließlich doch, daß +wenn+ das deutsche Wort
-ausnahmsweise gebrochen würde, ein Messer auch ausnahmsweise seinen Weg
-in deutsche Haut finden könnte.
-
-Wangerode hatte Alles ganz heiter und ohne unheimliche Betonung
-gesagt, aber der Zuhörer kannte seinen Mann und hatte bisher seine
-eingegangenen Verpflichtungen getreulich erfüllt.
-
-Er stieg nun die Schiffstreppe an Bord der Aegina hinan, der Kapitän
-schritt ihm voran, ins Innere des Schiffes hinab, wo er die Thür einer
-Kabine öffnete und nachdem Kollmann eingetreten, sich zurückzog.
-
-Am Tische saß, beim Licht der Hänglampe schreibend, Wangerode. Leider
-steht uns zu seinem Bilde keiner jener kontrastirenden Züge zu Gebote,
-durch welche glückliche Autoren ihre Gemälde pikant zu machen wissen.
-Der Ritter, der die geharnischten Gegner Mann für Mann aus dem Sattel
-schleudert, trägt häufig „zarte, fast mädchenhafte Züge‟, -- der Jesuit
-lächelt mit so freundlicher Bonhommie, daß ihn Niemand durchschaut, als
-der Verfasser, -- die Dame, die im Verlauf des Romans sich als eine
-Lukrezia Borgia entwickelt, hat ein „sanftes Madonnenantlitz‟ u. s. w.
-Wangerode sah aber gerade so aus wie der deutsche Demokratenführer vom
-Maler gemalt wird, wenn er eben keinen wirklichen vor sich hat. Wenn
-wir eine Nachahmung hoher Vorbilder im heldenbeschreibenden Stil wagen
-dürfen, so sagen wir: „die breite Stirn und Nasenwurzel so wie die kühn
-aufgeworfene Unterlippe verriethen Entschlossenheit und Energie; in
-den grauen Augen lag ein Gemisch von Kühnheit und List, -- die breite
-Brust und der gedrungene Körperbau so wie die ausgebildeten Armmuskeln
-ließen auf einen Mann schließen, der keinen Gegner im Einzelkampfe zu
-scheuen braucht; ein heller, dichter Vollbart umgab das wettergebräunte
-Gesicht‟ -- -- doch genug.
-
-Er erhob sich rasch und bot Kollmann die Hand mit den Worten:
-„Willkommen nach drei Jahren, treuer, bewährter Freund! Wir sprechen
-uns heute in voller Sicherheit und wollen gleich zur Sache übergehen.
--- Daß Sie hierher kommen, erspart mir eine Rundreise; mein Ziel
-ist für den Augenblick nicht Ihr Land, ich hätte aber einige Ihrer
-Provinzen durchflogen, wenn ich Sie nicht anders hätte treffen können.
-Sie haben Viel geleistet, wir wissen es Ihnen Dank, und der Moment,
-wo wir es beweisen werden, kann nicht ausbleiben. -- Lassen Sie uns
-die vielleicht so bald nicht wiederkehrende Stunde genießen und
-nützen, rauchen Sie zum Thee eine von den Zigarren, die mir unser Lord
-mitgegeben, und erfreuen Sie mich mit der Erzählung dessen, was Ihre
-reservirten Berichte verschwiegen.‟
-
-Kollmann dankte ablehnend für alle dargebotenen Erfrischungen mit
-Ausnahme der Havanna, lehnte sich in das niedere Sofa zurück, und
-begann, mit gekreuzten Armen auf den Boden vor sich hinsehend:
-„Ich habe unser Programm festgehalten. Es besteht, um der Börse
-ein Gleichniß zu entlehnen, darin, die Kurse der politischen
-und administrativen Verkehrtheit bis zum höchsten Schwindel
-hinaufzutreiben. Meine Berichte haben einige Erfolge enthalten. Ich
-ergänze dieselben in Betreff der Art und Weise, wie ich sie errungen,
-und noch mehr zu erreichen hoffe.‟
-
-„Ich habe mir eine Verbindung mit dem Finanzminister eröffnet, durch
-welche ich leicht Jemandem Zutritt verschaffen kann, und habe von
-diesem Wege zu Gunsten von Männern Gebrauch gemacht, welche die
-Geneigtheit des Grafen Breuneck zu Experimenten, denen unsere Industrie
-nicht gewachsen ist, benützen. Es ist zugleich dafür gesorgt, daß jeder
-Artikel, welcher mißfällige Bemerkungen über seine Maßregeln enthält,
-ihm zu Gesichte kommt, und bei seiner krankhaften Empfindlichkeit gegen
-Tadel haben wir ihm manchen die Journalistik treffenden Schlag zu
-danken.‟
-
-„Es steht mir ein Organ zu Gebote, durch welches ich dem Minister des
-Innern auf vertraulichem Wege solche Korrespondenzen aus verschiedenen
-Provinzen zukommen lasse, welche von sicherer Hand nach meiner Angabe
-verfaßt und geeignet sind, ihn in seinem Centralisazionssistem zu
-bestärken, und welche er höchsten Ortes vorlegen kann, als Beweis der
-Zufriedenheit im Lande und der Ungerechtigkeit seiner Gegner.‟
-
-„Ich überschätze meine Thätigkeit nicht, wenn ich behaupte, daß
-mir Mittel zur Verfügung stehen, durch einen Vertrauten des
-General-Adjutanten und durch ein fürstliches Haus Belege in die Hand
-des Monarchen zu spielen, daß jede Konzession vom Volke nur als ein
-Zeichen der Schwäche betrachtet würde, und daß eisernes Festhalten
-am aristokratischen Prinzip in der Armee und unbedingte Suprematie
-derselben über alle übrigen Stände von den wahren Freunden der Dinastie
-als das einzige Rettungsmittel bezeichnet wird.‟
-
-„Ich habe in kirchlicher Beziehung auf dem kleinen Felde, worauf ich
-beschränkt bin, eine Saat gesäet, aus der in kürzester Zeit, vielleicht
-in dem Augenblick wo wir sprechen, ein Konflikt, Repressivmaßregeln und
-ein neuer, wenngleich nur lokaler Sieg der Konkordatpartei hervorgehen
-müssen.‟
-
-„Es ist nicht unmöglich, daß in Folge dieses Konfliktes eine
-geschäftliche Maßregel ergriffen wird, die den Wirkungskreis des
-Prinzen August Ernst berührt, die Spaltung zwischen ihm und dem Hofe
-erweitert, -- daß hiedurch sein Wirkungskreis beschränkt, und somit
-ein populäres, wenigstens +hier+ besänftigendes Element beseitigt
-werde.‟
-
-„Ich habe mir diese Verbindungen auf keinen andern Wegen geschaffen,
-als die ich mir +selbst+ eröffnete, ohne +andere+ Geldmittel
-als das Vermögen, das mir meine Frau zugebracht; -- habe mich aus
-der Stellung eines in Privatdiensten stehenden Ingenieurs zum
-Grundbesitzer, Kapitalisten, und auf eine Stufe emporgeschwungen, auf
-welcher ich mit Personen aller Kreise der Gesellschaft, die höchsten
-mit einbegriffen, im Verkehr stehe, und darf behaupten, daß wenn Sie
-in jeder Provinz drei Vertreter hätten wie ich, in einem Jahre das
-Konkordat in allen seinen Bestimmungen durchgesetzt, die Zensur wieder
-eingeführt, die Herrschaft des militärisch-aristokratischen Elementes
-auf die Kulminazion getrieben und somit die Revoluzion so gut als
-vollbracht wäre.‟
-
-„Und somit habe ich Ihnen Rechnung gelegt, und glaube unsern Mannheimer
-Vertrag besser gehalten zu haben, als jemals unsere Gegner einen ihrer
-Friedensverträge.‟
-
-Kollmann schwieg, weder seine Stellung noch die Richtung seines Blickes
-ändernd, und blies in gleichen Pausen das Havanna-Gewölke von sich.
-Es lag etwas Imposantes in der kalten Ruhe, womit er seine Leistungen
-auf dem Felde des „Nur so fort‟ aufzählte. Der Demokrat fühlte, daß
-er einen Mann vor sich habe, der aus der Schaar der gewöhnlichen nach
-vorwärts und rückwärts wühlenden Emissäre hoch emporrage, und freute
-sich, seinen Werth in der ersten kurzen Unterredung vor Jahren erkannt
-zu haben.
-
-Er erwiederte mit Lebhaftigkeit: „Sie haben unberechenbar mehr für
-unsere Sache gethan, als wir zu erwarten berechtiget, als Sie durch
-Ihr Versprechen zu leisten verpflichtet waren. Sie gehören nicht
-zu denen, deren Triebfeder das Geld der Revoluzions-Comités, --
-Ihre Lage ist vielmehr eine solche, die Ihnen erlaubt, Andere zu
-unterstützen. Eben so wenig der Ehrgeiz: Sie haben so viel erreicht,
-daß Sie bei einem Umsturz der Dinge kaum mehr erreichen können. Von
-einem Danke unserer Gesellschaft kann Ihnen gegenüber im gewöhnlichen
-Sinne keine Rede sein. Wir können aber mit Gewißheit darauf rechnen,
-+quitt+ zu werden, wenn das Ziel unseres Strebens erreicht ist.
-Im Augenblicke des Umsturzes stehen +Sie+ als das Opfer desselben
-da. Ihr Name gehört nicht mehr zu jenen, die in Zeiten der Krisis in
-der Masse verschwinden: er wird auf der Proskripzionsliste, die das
-Volk mit dem ersten vergossenen Blute niederschreibt, unter denen der
-gehaßtesten Reakzionäre figuriren. Sie können hundertmal beschwören,
-daß Sie nur auf Ihrem Wege für die Sache der Freiheit gehandelt -- man
-wird Ihnen ins Gesicht lachen und antworten: das könnte Jeder sagen.
-Es ist +dieß+ der Augenblick, wo das +volle+ Gewicht der
-+Bürgschaft+ unserer +Partei+ und ihrer +Häupter+ Ihnen
-zur Seite stehen +muß+ und +wird+! Ich habe dafür gesorgt
-daß, wenn die Flut hereinbricht, Sie in die neue Ordnung der Dinge auf
-einer Brücke hinübergehen, deren Pfeiler die Namen der gefeiertsten
-Volksmänner sind, welche sich vor Sie hinstellen und sagen: Wir kennen
-ihn! -- So viel als Antwort auf Ihre gewichtigen Mittheilungen,
-insofern ich als Repräsentant unserer Gesellschaft spreche, zu deren,
-des vollsten Dankes würdigem Mitgliede. -- Als Wangerode gegen
-Kollmann erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Wir haben die sichersten
-Andeutungen, daß leider die Tage des Grafen Greuth und des Ministers
-des Innern und anderer für uns so unschätzbarer Männer gezählt sind,
-daß man mit Reformen umgeht, die Alles ins Weite schieben können.‟
-
--- „Besorgen Sie nichts! Noch stehen die Genannten fest. Und wenn
-sie fallen, -- immerhin! -- es kommt zu spät. Reformen? Ohne Zweifel
-bekommen wir ein oder das andere leidliche Gesetz. Wir sind aber in
-ein Stadium getreten, wo man die Gabe nicht mehr will wegen der Hand,
-aus welcher sie kommt. -- Die Liebe ist dahin, -- und wenn sie Jeden,
-der dies behauptet, auf die Festung schicken, bis das ganze Land in
-den Kasematten, -- sie ist +doch+ dahin! Sie wissen, was ich von
-der Liebe überhaupt, geschweige denn von jener des Volkes halte; man
-kann nicht durch die Liebe allein regieren, aber auch nicht +ohne+
-sie. Sie ist die Musik zum Tanze der Unterthanen. Sie tanzen jetzt nur
-nach dem +Taktstocke+ des Kapellmeisters. Die besten Gesetze haben
-keinen +Klang+ mehr, sie tönen höchstens wie Nothschüsse eines
-sinkenden Schiffes.‟
-
--- „Mögen Sie recht sehen! Aber über das Wesentlichste sind wir nicht
-im Reinen. Ihre Idee ist in drei Worten zusammengefaßt die, das Sistem
-so zuzuschärfen, daß die Spitze bricht. An =wem= +soll sie+ aber
-eigentlich +brechen+? Am +Volke+?‟
-
--- „Was verstehen Sie unter Volk?‟ fragte Kollmann statt zu antworten.
-
--- „Die sogenannten untern Stände den sogenannten höheren gegenüber.‟
-
--- „+Ich+ verstehe darunter diejenigen, die das was man +Recht+ nennt
-gegen das was man +Vorrecht+ nennt, vertheidigen. Der Bäcker, der den
-Zunftzwang -- das Vorrecht -- gegen Gewerbfreiheit -- das Recht --
-vertheidiget, gehört nicht zum Volke, sondern zu den Privilegirten.
-+Mein Volk+ ist in allen Ständen vertheilt.‟
-
--- „Eine Auffassung, vor der ich meine aus einem andern Gesichtspunkte
-gegebene Definizion gern zurückziehe. Aber die Frage ist damit noch
-nicht beantwortet.‟
-
--- „Verzeihen Sie, lieber Freund, Alles was Sie von Druck,
-Aufschnellen, Spitze abbrechen, sagen können, ist Metafer, Gleichniß,
-und läßt sich nicht bis in die Details auf die Wirklichkeit anwenden.
-Der Prozeß geht einfach so: Eine Provinz erhebt sich. Die Regierung
-macht entweder den Versuch die Rebellion mit Gewalt niederzuschlagen,
-oder durch Zugeständnisse zu entwaffnen. Der erstere hat unter den
-gegenwärtigen inneren, noch mehr unter den äußeren politischen
-Konjunkturen wenig Wahrscheinlichkeit des Gelingens. Konzessionen aber,
-welche unmöglich auf +Eine+ Provinz beschränkt bleiben können, führen
-zum repräsentativen +Sistem+, welches mit dem Zerfall unseres Staates
-gleichbedeutend ist.‟
-
--- „Ein lyrischer Sprung, zu dem meinem Verstande die Schnellkraft
-fehlt.‟
-
--- „Sie werden ihn keineswegs gewagt finden, wenn Sie mir zugeben,
-daß mit der Ursache auch die Wirkung wegfällt. Was die Gewalt
-zusammengehalten, fällt mit ihrem Aufhören auseinander.‟
-
--- „Ich leugne den Vordersatz in Betreff Ihres Staates; die Bindemittel
-der einzelnen Theile dieses naturwidrigen Organismus waren ganz andere
---‟
-
--- „Fürs Erste, lieber Wangerode, gibt es keinen naturwidrigen
-Organismus. Selbst der Bucklichte, oder das Kind mit zwei Köpfen,
-sind nicht +gegen+ das Gesetzbuch der Natur organisirt, sondern
-nur nach einer kleingedruckten Ausnahme in demselben geschaffen.
-Fürs Zweite ist unser Staat überhaupt kein Organismus, sondern ein
-Mechanismus und zwar einer der einfachsten, nämlich ein Faß. Was hält
-seine Dauben zusammen? Ein Druck von +außen+, der den Reif --
-entbehrlich macht, oder der Reif +allein+. -- Der Druck von außen
-war die sogenannte politische Nothwendigkeit, das Drängen +mächtiger
-Nachbarn+, welche gewisse Völkerschaften zwangen, gleichsam als
-Quarré nach allen vier Winden hin Front zu machen. Dieser Druck hat
-sich in das +Gegentheil+ verwandelt: die wichtigsten Bestandtheile
-sehen im Nachbar keinen Feind, sondern simpatisiren nach allen
-Weltgegenden nach Außen. Lassen Sie sich nicht irre machen von dem
-offiziellen Geschwätz, von „Millionen‟, welche ein gesammtstaatliches
-Gefühl durchdringen soll: sie existiren nicht. Die Dauben +wollen+
-auseinander; und der +Reif+, -- der kräftige, auf eine zahlreiche
-Armee und den Gegensatz der Nazionalitäten gestützte Absolutismus
-+allein+ könnte sie halten. -- Noch gibt es ein +Drittes+:
-denken Sie sich die Dauben +geleimt+, +verkittet+, da sie
-nicht organisch verwachsen können. Der Kitt ist die +Liebe+, --
-die in früheren Zeiten durch kluge Popularitäts-Apparate geweckte
-dinastische Simpatie. Durchreisen Sie unser Land, und zeigen Sie mir
-ein Stück von dem Kitt, groß genug, um dieses Kajütenfenster in seinen
-Fugen zu befestigen!‟
-
--- „Wolle Gott, daß Sie nicht durch eine rosenfarbene Brille sehen!
-Es mag Sie befremden, aus meinem Munde Zweifel und Besorgnisse zu
-hören. Unsere Londoner Klubs dürften mich nicht so sprechen hören.
-Wir, vom Generalstabe, dürfen die Möglichkeit widriger Ereignisse
-erwägen; der Mannschaft muß man Tag für Tag vorsagen: Morgen werdet
-Ihr siegen! Diese Leute sind nicht fähig, sich mit der Erreichung
-von vorbereitenden Zuständen, von Uebergängen zu begnügen, ein Feld
-mit ihrem Schweiße zu bearbeiten und mit ihrem Blute zu düngen, auf
-welchem eine künftige Generazion ernten soll. Ich gehe -- Sie wissen
-es -- unerschütterlich den Weg fort, den ich für den rechten halte,
-ich habe aber in den zehn Jahren so viele +unausbleibliche+
-Ereignisse dennoch ausbleiben gesehen, daß ich Nichts mehr für wirklich
-halte als das Vollbrachte. Allein hundertmal fehlschlagend muß unsere
-Sache doch siegen: die Einheit Deutschlands. Sehen Sie nicht, wie an
-der Flamme jeder europäischen Krisis die deutschen Souveränitäten
-zusammengeschmolzen sind? Vergleichen Sie deren Zahl nach dem
-westfälischen mit jener nach dem pariser Frieden! -- In fünfzig Jahren
-gibt es vielleicht drei deutsche Staaten. Allerdings ein Ideengang,
-der die Köpfe unserer Emigrazion bedeutend abkühlen würde. Was fragen
-sie darnach, was nach fünfzig Jahren sein wird?‟
-
--- „Ein Ideengang, den auch ich nicht theile, da ich die Entscheidung
-aus voller Ueberzeugung näher sehe. -- Ich habe Ihnen nach den
-Mittheilungen, deren Gewicht sie nicht verkannt haben, noch eine von
-geringerem Belange zu machen. Ich versäume nicht, wo ich kann, auch auf
-Individuen in unserem Sinne zu wirken, und habe Hoffnung in kürzester
-Zeit einen jungen Mann, der sich in keiner Weise bisher an Politik
-betheiligte, für die Sache, die Sie vertreten, zu gewinnen. Er ist
-der Sohn eines reichen Fabrikanten, welcher vielleicht durch meine
-Konkurrenz einigermaßen zu leiden haben wird, aber vermöglich genug
-bleibt, um beachtet zu werden. Er ist nicht auf +unserem+ Wege
-zu brauchen, sondern nur auf dem der +direkten+ Opposizion; ein
-gewisser Korbach. Ich werde Ihnen seiner Zeit berichten.‟
-
--- „Auch ich habe noch eine persönliche Angelegenheit zu besprechen.
-Richard Forster, von dem ich Ihnen bereits Einiges mitgetheilt, ist auf
-dem Schiffe. Eine Viertelstunde von uns liegt eine genuesische Brigg,
--- der Bronte, vor Anker. Ich lasse Richard vor Tagesanbruch nach
-derselben hinüberführen, da der Bronte im Hafen landet, während wir,
-sobald Sie uns verlassen haben, uns entfernen. Richard wird sich, mit
-richtigen Papieren versehen, in Ihrem Lande aufhalten; Sie werden ihn
-kennen lernen und finden, daß in dem jungen Menschen viele Zukunft. Er
-steht unter dem besondern Schutze des Lords, wird unsern Zwecken so zu
-sagen als Volontär dienen, ist treu wie Gold, aber Idealist; man muß
-ihn seinen Weg gehen lassen. Wenn Sie ihn sehen, werden Sie begreifen,
-daß die Weiber, -- um die er sich nicht viel kümmert, sich desto mehr
-um ihn bemühten. Er hat kaum sein zweiundzwanzigstes Jahr hinter
-sich; ich habe selten ein solches Gemenge von poetischen Anschauungen
-und scharfem Blick im Leben gefunden; dabei ein froher Lebensmuth,
-nach so vielem Traurigen, was ihn getroffen, -- und eine unbegrenzte
-Verwegenheit. Ich habe eine Szene mit angesehen, wo er einen mit Säbel
-und Pistole bewaffneten Franzosen auf eine Insulte gegen die Deutschen
-augenblicklich mit seinem Stock angriff; -- er lachte hell auf, als
-der Schuß an seinem Ohre vorüberpfiff, parirte einen Säbelhieb, warf
-den Franzosen nieder und drückte ihm die Handgelenke wie in einem
-Schraubstocke mit seinen eisernen Sehnen zusammen, die Niemand in dem
-schlanken Burschen suchen würde, -- bis er widerrief. -- Vielleicht
-können Sie ihm während seines Aufenthaltes im Hafen eine bestimmte
-Richtung geben?‟
-
-„Gewiß; aber warum machen Sie mich nicht hier mit ihm bekannt?‟
-
-„Ich schlug es ihm vor, aber er will, wie er sagte, am hellen Tage Land
-und Leute kennen lernen, und man kann, bei seiner etwas ausnahmsweisen
-Stellung, auf seine Laune eingehen.‟
-
--- „Das ist gleichgültig; ich werde mir seine Person jedenfalls
-angelegen sein lassen.‟
-
--- „Und nun, theurer Freund, nochmals Dank für Alles! Sie sind durch
-Ihre Thätigkeit ein Mann geworden, der für uns den Werth von Hunderten
-hat! Wir können uns nur freuen, Sie in einer Lage zu sehen, welche Ihre
-Aufgabe erleichtert, indem Sie, nach beiden Seiten gedeckt, mit voller
-Ruhe des Gemüthes arbeiten können. Hält sich die Regierung, so bleiben
-Sie der einflußreiche Industrielle und Kapitalist; fällt sie, so sind
-Sie durch uns geschützt. Fahren Sie fort zu wirken und seien Sie
-überzeugt (Wangerode sprach mit besonders herzlicher Betonung), daß das
-dankbare Auge der Vaterlandsfreunde Sie überall begleitet, daß Ihnen
-überall eine Hand zur Seite, welche aufzeichnet, was Sie vielleicht zu
-unbedeutend finden, um sich dessen zu rühmen!‟
-
-Ob sich Kollmann in der aufzeichnenden Hand nichts als eine
-Schreibfeder dachte, ist schwer zu entscheiden. Er schloß mit den
-Worten: „Zählen Sie auf mich, wie ich auf Sie, -- mögen wir uns bald am
-Ziele wiedersehen!‟
-
-Wangerode geleitete ihn aufs Verdeck.
-
-Eben strahlte das Feuerwerk und die Beleuchtung der Villa in vollem
-Glanze.
-
-Sie sahen einander an und ein Lächeln zuckte über die bleichen Wangen
-Kollmann’s und über das kräftige Gesicht des Demokraten.
-
-„Was haben sie da oben?‟ fragte Wangerode.
-
-„Sie tanzen; der Prinz August Ernst illuminirt zu seinem Geburtstage.
-Sie wollen die Wölfe der ernsten Zeit durch Feuerschlagen verscheuchen.‟
-
-„Gott erhalte sie so! das Uebrige werden +wir+ machen!‟
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Als sich das Boot mit Kollmann entfernte, und Wangerode über das
-Verdeck zurückschritt, rief ihm eine Stimme vom Vordertheile des
-Schiffes zu: „Sind Sie einmal fertig, Sie langweiliger Verrina? Kommen
-Sie doch her und schauen Sie mit mir das göttliche Bild an! Wie sich
-der Mond durcharbeitet, und mit dem bloßen gestohlnen Widerschein der
-Wahrheit die ganze Pracht der feurigen Lügendemonstrazion todtschlägt!
-Steht nicht der Leuchtthurm dort wie die Salzsäule eines dem Sodoma da
-oben Entlaufenen?‟
-
-Richard Forster lag auf seinem ausgebreiteten Marinaro am Boden, den
-Kopf in die Hand gestützt, über welche die vollen braunen Locken
-von der edlen Stirn fielen und sah mit großen, dunkeln Augen zu
-dem Herantretenden empor, dem bei diesem Anblicke alle Bilder ins
-Gedächtniß kamen, alle Antinous, Mazeppa, und was sonst Künstler und
-Künstlerinnen aus diesem herrlichen Modell herausgefunden. Da er sich
-jedoch nie dazu hergab und man seiner blassen Züge, auf welchen Etwas
-wie ein Kampf der Finsterniß mit dem Lichte, aber auch der Sieg des
-Letzteren lag, -- auf ehrlichem Wege nicht habhaft werden konnte,
-so stahl man sie so gut es ging, und der jetzige Augenblick war ein
-solcher, wo man dem Raube Berechtigung zuerkennen mußte.
-
-Wer aus diesem Munde einmal ein Gedicht von Byron, Heine oder
-Freiligrath gehört, konnte sich kaum denken, wie derselbe sich zu einem
-Matrosenfluche öffnen könne; und doch war nach Stimmung und Umgebung
-das Eine bei ihm so gut möglich wie das Andere.
-
-„Wir haben,‟ sagte Wangerode, „eine Besprechung gehabt, bei deren einem
-Theile mir Ihre Gegenwart sehr erwünscht gewesen wäre.‟
-
-„Und ich danke Ihnen, daß Sie mir das Vergnügen der Bekanntschaft
-dieses scheußlichen Kerls erspart haben. Seine Eisbärenaugen leuchteten
-herüber, daß ich unwillkürlich nach meinem Terzerol suchte.‟
-
-„Doch ist dies der Mann, dem unsere Sache viel verdankt‟ --
-
-„Kann sein. Bei Tag mag er aussehen wie ein ehrlicher Mensch; -- in der
-Nachtbeleuchtung sieht er einem Schuft gleich. Sie wissen, was Sie von
-meinen ersten Eindrücken zu halten haben!‟
-
-„Sie sollen ja vor der Hand nichts als sich ihm vorstellen‟ --
-
-„Dem da? Vielleicht der Vizepräsident der künftigen Republik, deren
-Präsident vor mir steht? Hinter dem Gesicht steckt Einer von denen,
-die Euch bei Euern wunderbaren Kombinazionen dienen sollen und bei der
-ersten Gelegenheit verrathen.‟
-
-„Davor wird sich dieser hüten. Wir haben unsere Bürgschaften.‟
-
-„Ihr seid von einer Schlauheit, daß man nicht begreift, wie jemals
-Einer von Euch gehenkt werden konnte.‟
-
-„Ich hoffe, die Sache nicht begreiflicher zu machen. -- Sie werden
-aber, lieber Richard, den Wunsch des Lords nicht vergessen, sich in
-gewissen Angelegenheiten manchmal dem meinigen zu fügen. Thun Sie
-es +ihm+ zu Liebe! Dieser Kollmann ist Ihnen jetzt widerlich,
-vielleicht gewinnen Sie ihm eine andere Seite ab.‟
-
-„So sei es denn, -- ich verspreche es um +seinetwillen+.‟
-
-„Und nun gehen Sie zur Ruhe: Sie bedürfen Stärkung für Vergangenheit
-und Zukunft!‟
-
-„In der nächtlichen Heerschau über meine Todten werde ich sie am Besten
-finden! -- Lassen Sie mich wach den Morgen begrüßen, an dem es über
-den Rubikon geht. Ich kann mir einigermaßen die Stimmung denken, in
-welcher der rebellische Militärgouverneur von Gallien seinen Gaul ins
-Wasser trieb, um gegen die Freiheit zu kämpfen, welche damals auf Seite
-der Regierung stand. Er hat die Nacht vorher vermuthlich auch nicht
-geschlafen!‟
-
--- Wangerode verließ das Verdeck und Richard blieb allein mit den
-Gedanken, die er seine nächtliche Heerschau genannt.
-
-Vor ihm stand das Bild seiner schönen Mutter, wie sie ihm und seiner
-Schwester erzählte von den Tagen ihrer Kindheit, die sie in den Bergen
-der Heimat Ossians verlebt... die Gestalt des Vaters, der sie nach
-dem Lande unserer Geschichte geführt... die Stunde, wo die Sturmglocke
-ertönt, Feuerschein durch das Fenster gedrungen war, und der Vater, mit
-einer dreifarbigen Schärpe umgürtet, vom Federhut bedeckt, sich aus
-den Armen der Kinder gerissen. -- Wie sie ihn dann ins Haus getragen,
-mit der Todeswunde in der Brust, wie er den Knaben gesegnet und mit
-brechendem Auge gesprochen: Ich bitte Gott, daß er dir das Glück
-schenke, für die Freiheit zu leben und zu sterben wie ich! --
-
-Nach wenigen Wochen war ihm die Mutter gefolgt. Ihr Vermächtniß war
-ein Blatt an den Lord. -- Er hatte sie geliebt, -- nie vergessen, als
-sie Forster nach Deutschland folgte, -- und was er im Augenblicke der
-Trennung gelobt, ihr Freund zu bleiben für immer, -- das hielt er über
-das Grab hinaus mit einer Treue, als erfüllte ihn statt der Erinnerung
-an eine unerwiderte Liebe, jene einer glücklichen.
-
-Er ließ die Kinder nach England kommen, wo sie unter seinen Augen
-erzogen wurden. Allein der Wunsch des Beschützers, Richard daselbst
-einen bestimmten Beruf ergreifen zu sehen, ging nicht in Erfüllung.
-Mit einer Anzahl von Talenten ausgestattet, deren jedes hingereicht
-hätte, ihm eine feste Stellung zu sichern, rastlos an seiner Bildung
-arbeitend, beharrte der Jüngling auf dem Entschlusse, im Geiste der
-letzten Worte seines Vaters in dem Lande zu wirken, wo derselbe den
-Tod gefunden. Er betrachtete England als seine Schule, und sammelte
-einen Schatz von Erfahrungen, welche in der Glut seines jungen Herzens
-zur Rüstung für den Feldzug geschmiedet wurden, welcher seine Existenz
-ausfüllen sollte. -- Im Hause des Lords mit der Elite der Gesellschaft,
-in den Tavernen der Emigranten mit dem entgegengesetzten Pole derselben
-in Berührung, nahm er weder von den Vorurtheilen des einen noch von
-der Rohheit des andern Elementes Etwas in sein Inneres auf, ob ihm
-gleich die Formen Beider geläufig waren. -- Der Logik Wangerode’s
-und der andern Comitéhäupter blieb er unzugänglich, und erkannte nur
-zwei Mittel als der Sache der Freiheit würdig: Ueberzeugung durch
-+Ueberredung+, -- und offenen +Kampf+.
-
-Als ihm auch die blühende Schwester durch ein Ereigniß, das wir später
-vernehmen, entrissen wurde, trat er, von ihrer Leiche kommend, vor den
-Lord und sagte ihm den Entschluß nach dem Kontinent zu gehen. -- Sein
-Beschützer hatte, da er den Vorsatz nicht zu erschüttern vermochte,
-Richard zu dem, was er seine Sendung nannte, und was seinen eigenen
-politischen Prinzipien eben nicht ferne lag, ausgerüstet, und ihn
-Wangerode und dem Kapitän empfohlen.
-
--- Als der Morgen graute, fuhr er nach dem genuesischen Schiffe
-hinüber, dessen Rauchsäule bald zwischen den Masten der am Quai
-liegenden Schiffe emporwirbelte, während die Aegina nur noch ein Punkt
-auf hoher See war.
-
-Wir dürfen nur Richard Forster folgen, wie er mit leuchtendem Blicke
-und stolzem Gange über die Landungsbrücke schreitet, -- um wieder im
-Hôtel bei unsern Freunden anzulangen.
-
--- -- Die Nacht auf dem festen Lande war nicht weniger bewegt als auf
-dem schwankenden Schiffe.
-
-Sprenger hatte sich resigniren müssen, sein gediegenes Elaborat allein
-zu Ende zu schreiben. --
-
-Arnold, von dessen Selbstbeherrschung wir einige Beweise erhielten,
-hatte dieselbe im Augenblicke von Klotildens Mittheilung vollständig
-verloren. Er hatte sich nicht wenig auf die Repressivmaßregeln zu Gute
-gethan, womit er alle Ausbrüche seines Gefühls niederzuhalten wußte; --
-nun brach in einer Sekunde der ganze Bau zusammen.
-
-Seine Begleiterin war nicht wenig erstaunt, als er bei ihrem letzten
-Worte ihre Hand faßte, und mit einer Heftigkeit, die alle Schranken der
-Galanterie übersprang, ausrief: „Und das haben Sie mir verschwiegen?
-Das verzeihe Ihnen Gott!‟
-
-„Ich glaube, daß dieß eine der geringsten Sünden ist, die mich am
-jüngsten Tage belasten werden,‟ erwiederte sie befremdet und sah
-lachend in seine von zorniger Erregung funkelnden Augen -- „aber
-Korbach! so blond und so heftig! -- Sehen Sie, das gefällt mir. Ich
-begreife auch jetzt +Alles+, seien Sie ruhig, ich werde gut
-machen, was ich verbrochen!‟ --
-
-„Ich bitte Sie,‟ entgegnete er -- „wenn Ihnen irgend etwas auf der Welt
-heilig ist, machen Sie Nichts gut, -- vergessen Sie diese Bitte, --
-meinen früheren Ausruf -- geben Sie mir das einzige Versprechen, Nichts
-zu denken und Nichts zu thun!‟ --
-
-Mit jedem Worte fühlte er lebendiger die Unbesonnenheit seines ersten.
-Sie war nicht ungeschehen zu machen.
-
-Klotilde antwortete ernst und ruhig: „Nicht zu +denken+ kann ich
-wohl kaum versprechen, ich rede ehrlich mit Ihnen und wünsche, daß
-alle Tugendspiegel so wenig falsch zeigen als ich. Daß ich nicht
-+sprechen+ werde, schwöre ich Ihnen; schlafen Sie ruhig, und
-glauben Sie, daß Sie um +meinetwillen+ Ihren Ausruf nicht zu
-bereuen haben!‟
-
-Hierauf wendete sie sich rasch um, die Treppe allein hinaufeilend.
-
--- -- Ein Paar Minuten später trat Arnold in Sprenger’s Zimmer. Ein
-Blick auf die glühenden Wangen und verstörten Mienen verrieth letzterem
-einen Gemüthszustand, welcher seine Erklärung nicht wohl in den
-Ballgenüssen der Villa finden konnte.
-
-Nach einigen Fragen und zerstreuten Antworten sagte er: „Arnold, du
-bist in der Verfassung eines Menschen, der ein Unglück erlebt hat oder
-eines hereinbrechen sieht. Ohne mich in deine Geheimnisse zu drängen,
-bitte ich dich, dir Ruhe zu gönnen, du bedarfst ihrer.‟
-
-Arnold erwiederte: „Schilt mich närrisch oder was du sonst willst, sage
-mir nichts von Ruhe -- ich danke dir, daß du für mich gearbeitet, jetzt
-wäre ich zu Allem unfähig. Leb wohl!‟ -- Und damit war er wieder zur
-Thür hinaus, ehe Sprenger noch eine unnütze Frage an ihn richten konnte.
-
--- -- Wenn die vierundzwanzig Tischgäste des Banquiers Franchini hätten
-zusehen können, wie der Repräsentant des Hauses Korbach und Sohn
-nicht eine, sondern ein Paar Stunden die ~Contrada grande~ von
-einem Ende zum andern durchmaß, bis er mit der Architektur sämmtlicher
-Gebäude vertraut war: sie hätten nach den gehörten salbungsvollen
-Tischreden den höchsten Begriff von seiner Vielseitigkeit bekommen. Was
-er daselbst eigentlich gedacht oder gewollt, hätten sie aber so wenig
-gewußt, wie er selbst.
-
-Schwerlich konnte er glauben, daß Julie auf dem Balkon stehen
-geblieben, -- und, nachdem er mit der Begleiterin vorübergegangen,
-abgewartet habe, bis es ihm genehm sein würde, ohne dieselbe
-zurückzukehren. Eben so wenig ließ sich im gewöhnlichen Lauf der Dinge
-voraussetzen, daß während der Stunden von zwei Uhr Nachts bis zum
-Morgen sich passende Gelegenheiten zu Erklärung von Mißverständnissen,
-zu einem, das erste, einseitige Wiedersehen verlöschenden zweiten
-ergeben würde.
-
-Der gewandte und besonnene Missionschef glaubte weder dieß noch irgend
-etwas Anderes -- er mußte nach der ~Contrada grande~, weil er
-nicht anders konnte; -- die Flut seiner dreiundzwanzig Jahre hatte
-den Damm durchbrochen und trug ihn dorthin, wo er +ihr+ nahe.
--- Weiter dachte er Nichts, und wir freuen uns, ihn einmal so ganz
-außer sich, ohne warum und wozu, ohne Reflexion und sogenannte gesunde
-Vernunft im Mondscheine umherlaufen zu sehen. Denn wenn er heute Nacht
-vernünftig gewesen wäre, so hätt’ er nicht verdient, daß Juliens Augen
-um ihn naß geworden.
-
-
-
-
-Bescheerungen.
-
-
-Gleich Kindern vor der geschlossenen Thüre des Saales, worin der
-Weihnachtsbaum flammt, standen vor der Pforte des anbrechenden Tages
-alle Freunde und Freundinnen, welche der Lauf der Begebenheiten in der
-Hafenstadt zusammengeführt, -- sammt allen Bewohnern der letzteren, --
-mit klopfendem Herzen, Jeder der ersehnten Gabe harrend.
-
-Und reich mußte der Baum behangen sein, wenn Jeder zufrieden den Abend
-begrüßen sollte!
-
-Im glänzenden Wipfel eine Blume, ein Selam des Wiederfindens --
-für Julie; -- der gleiche Selam, mit der prosaischen Zugabe eines
-rothgesiegelten Kontraktes mit der Korbacher Fabrik -- für Arnold; zum
-Theile für Sprenger; -- an einer dunkeln Stelle zwischen den Zweigen
-ein Blatt der Erfüllung, nach jenem der Verheißung, von Klotilde,
-für den Prinzen; -- am Stamme, da die Aeste zu schwach aufgehangen
-von der Hand des erwarteten Monarchen, ein goldenes Füllhorn voll
-Orden, Adelsverleihungen und Zufriedenheitsbezeigungen für die Stadt
--- -- selbst Richard Forster, mit einem, kräftigen und fantasiereichen
-Naturen häufig eigenen Aberglauben, wünscht am ersten Tage einem
-simpatischen Gesichte, einem ihn verstehenden Auge zu begegnen, als
-glückliches Omen seiner Zukunft. --
-
-Nur der Monarch erwartet Nichts. Die letzte Zeit hat ihm alle Freude an
-den Bescheerungen seiner Unterthanen vergällt. --
-
--- Die erste Hand, die am Morgen nach dem Baume langte, war jene,
-deren Marmorbild Professor Harkeboom besitzt. -- Julie stand am
-Toilette-Tische, faltete ein Billet zusammen und reichte es ihrer
-getreuen Martha, die sie auf die Reise mitgenommen, mit den Worten: „An
-Frau Zeltner, -- bring’ es ihr gleich!‟ --
-
-Das Mädchen, welches die Gebieterin genau kannte, warf einen Blick
-auf die Adresse und fragte nach dem +Wo+? -- Julie begriff zwar,
-daß dieses ein wesentliches Erforderniß zur Bestellung eines Briefes,
-vermochte aber dem Uebelstande nicht abzuhelfen.
-
-Sie standen einander gegenüber, Julie lachend, das Mädchen lächelnd,
-und so hübsch auch die Stellung der Ersteren war, wie sie, die linke
-Hand in die Hüfte gedrückt, den Zeigefinger der rechten zwischen
-den schönen Zähnen, nachsann, -- so blieb das Ergebniß doch das
-gleiche, daß nur eine Rundreise durch die Hafenstadt oder polizeiliche
-Nachforschung ans Ziel führen könnte.
-
-Als Julie, deren praktische Seite nicht ihre stärkste, den Knoten
-mit den Worten zerschnitt: „Geh nur einmal damit fort, du wirst dich
-schon zurechtfinden, du kannst ja Alles!‟ -- flog die Thür auf, -- und
-Klotilde trat ein.
-
-„Ich kann den Tag nicht drei Stunden alt werden lassen, liebe,
-theure Freundin, ohne Sie zu begrüßen! Heute Nacht sah ich Sie einen
-Augenblick, unter Ihrem Balkon vorübergehend, als ich vom Balle in der
-Villa kam, mit Korbach, demselben jungen Manne, der bei meinem letzten
-Besuche im Freinhofe eben dahin kam.‟
-
-„Auch ich habe Sie gesehen,‟ erwiederte Julie, „und hätte Ihnen
-wenigstens eine gute Nacht hinabgerufen, wenn Sie nicht in dem Moment
-weggesehen, wo ich Sie erkannte!‟ --
-
-„Eine Täuschung, wie sie eben die Nacht mit sich bringt! Um so
-freudiger sehe ich Sie am Tage wieder!‟
-
-Julie zog sie aufs Sofa zu sich und das lebhafteste Gespräch begann.
-
-Einen eigenthümlichen Reiz, der in der angebornen Malice der
-menschlichen Natur begründet ist, gewährt dem Zuhörer eine Unterredung,
-in welcher jeder Theil sich vornimmt, den andern auf einen bestimmten
-Gegenstand zu bringen und dabei festzuhalten, keiner nachgeben will,
--- dem Andern ein Paar Schritte weit auf dem ablenkenden Wege mit
-erzwungener Aufmerksamkeit folgt, und ihn sogleich wieder nach der
-eigenen Richtung zu ziehen versucht.
-
-Die beiden Frauen hatten ihr vorgestecktes Ziel im Auge. Klotilde kam
-mit jeder Wendung auf den Reisezweck der Kollmanns zurück, und Julie
-drehte mit leichter Bewegung das Steuerrad der Unterhaltung unermüdlich
-gegen Arnold hin, bis endlich Erstere einsah, daß es das Klügste
-sei, die verworren durcheinander klingenden Tonstücke zu trennen und
-nach einander aufzuführen, und gewissenhaft Alles, mit Ausnahme der
-gestrigen Schlußszene, berichtete, was sie von ihrem Begleiter wußte.
-
-Es läßt sich nicht leugnen, daß Juliens Urtheil und Einsicht in
-Geschäftsgegenstände auf einer sehr primitiven, kindlichen Stufe der
-Entwickelung stand. Ihre Jugend hatte keine Veranlassung geboten,
-sich mit dergleichen zu befassen. Kollmann hatte sie nie in seine
-Angelegenheiten eingeweiht, wonach sie auch kein Verlangen trug,
-und so lebhaft der Antheil war, welchen sie in letzter Zeit der
-Metallfabrikazion zugewendet, so äußerte sich derselbe mehr in der
-Bewunderung der gewaltigen Räder, Walzen und Wasserbauten, als in
-einer Frage, wie die entstandenen Platten und der glänzende Draht zum
-Gegenstande des Erwerbes, zur Basis einer wohlhabenden Existenz würden.
-
-Auch die Ideen von gegenseitig sich bekriegender Spekulazion und
-Konkurrenz, -- die eröffnete Campagne Kollmanns gegen die Interessen
-Arnolds, waren ihr nicht klarer, als der Rückzug der zehntausend
-Griechen unter Xenophon.
-
-Klotilde dagegen, welche die Andeutungen Günthers, daß Kollmann
-vielleicht Etwas beim Prinzen zu suchen habe, mit den Mittheilungen
-Arnolds zusammenhielt, begriff den Hauptumriß der Fehde, und versuchte
-aus Julie irgend Etwas herauszubringen, was einen festen Anhaltepunkt
-böte. -- Unter vielen zerstreuten Antworten tauchte endlich etwas
-Brauchbares auf. Julie sagte, Kollmann habe sich geäußert, er wollte
-dem Balle in der Villa nicht beiwohnen, weil er mit dem +Prinzen+
-in +keine Berührung+ zu kommen wünsche. -- Klotilde war nun
-zwar über den Zweck der Reise vollkommen im Dunkel, aber wenigstens
-darüber beruhigt, daß Kollmann keinen auf der Galanterie des Prinzen
-gegründeten Plan verfolge.
-
-Die freundschaftliche Wärme der beiden Frauen nahm unglaublich zu mit
-der Ueberzeugung, daß sie von einander Nichts zu fürchten hatten.
-
-Julie, welche bereits nach der heftigen Aufregung der Nacht hierüber
-mit sich ins Reine gekommen, wurde durch die angehörte Erzählung
-bestärkt, und Klotilde fühlte die Theilnahme für das Wohl und Wehe der
-Freundin lebhafter erwachen als je. Sie sprach von Arnold so viel diese
-hören wollte, und drückte im Tone des Vertrauens die Ueberzeugung aus,
-daß Kollmann etwas demselben in seiner ganzen Existenz Nachtheiliges
-beabsichtige.
-
-Julie erschrak, verlangte nähere Aufklärungen und erhielt sie so
-vollständig oder unvollständig, als sie gegeben werden konnten. Sie
-begriff, daß die Beiden einander in ihren Interessen als Todfeinde
-gegenüber ständen und schwieg nachdenklich. Klotilde stand auf und
-fragte, ob sie Arnold, der nach dem Besuche im Freinhofe ihr doch
-vermuthlich auch hier einen zugedacht, Etwas melden solle? -- Nach
-kurzem Besinnen erfolgte die Antwort: „Er soll mich nicht besuchen.
-Ich werde aber um +vier Uhr+ die Gemäldesammlung der Akademie
-besuchen, und mich freuen ihm dort zu begegnen. Wie kann ich aber Sie
-treffen, liebste Klotilde?‟
-
-„Ich verlasse heute das Hôtel, um eine Privatwohnung zu beziehen, da
-ich vielleicht einige Wochen hier bleibe; Sie würden mich in dem ersten
-Gedränge der Angelegenheiten, die mich hieherführten, kaum treffen, --
-ich komme lieber, so oft ich mich frei machen kann, zu Ihnen!‟
-
-Bei diesen Worten trat Kollmann ein; das Gespräch verlängerte sich und
-die Erzählung des Balles bildete den Hauptgegenstand. So vorsichtig
-Klotilde gewisse Gegenstände berührte, wurde, unter dem Einflusse der
-unbezwinglichen Eitelkeit, doch des Prinzen einer Weise erwähnt, daß
-Kollmann tiefer in den Zusammenhang blickte, als sie dachte. Auch das
-Gespräch Arnolds mit dem Prinzen schilderte sie, um ihn zu ärgern, mit
-lebhaften Farben. Er hörte anscheinend gleichgültig zu.
-
-Als sie fortgegangen, begab er sich sogleich zu Plomberg, welchen er
-bereits Tags zuvor gesprochen. Er traf ihn, in Folge eines nach dem
-Balle mitgemachten Gelages, mit Kopfschmerz behaftet, in der übelsten
-Laune. Nachdem aus seinen halben Antworten hervorgegangen, daß die
-allerhöchste Ankunft telegrafisch auf zwölf Uhr angesagt sei, sagte
-er: „Lieber Oberst, ich habe Sie um einen Freundschaftsdienst zu
-bitten, der für mich den größten Werth hat. Sie müssen mich auf die
-Audienzliste bringen.‟
-
--- -- „Das geht nicht durch mich; der Gouverneur gibt dem
-General-Adjutanten eine Liste, sie machen das mit einander, ich scheere
-mich um diese Ceremonien nicht.‟
-
--- „Sie werden aber doch mit dem Grafen Greuth ein Wort für mich reden
-können‟ --
-
--- „Gott weiß wie er aufgelegt ist!‟
-
--- „Was fragt ein Mann wie Sie darnach? und schließlich -- fuhr er in
-bestimmtem Tone fort -- ist meine Bitte eine solche, die man selbst
-um einer kleinen Ungelegenheit willen einem Freunde nicht abschlägt.
-Oder glauben Sie, daß ich mich besinnen werde, +Sie+ wieder auf
-die Liste zu setzen, wenn die schöne Frau Marianne Blauhorn in meinem
-Freinhof Audienz gibt, -- wobei ich mein ganzes gewonnenes Terrain beim
-Finanzminister aufs Spiel setze?‟
-
-Hieran war dem Obersten wenig gelegen, wohl aber an Kollmanns
-Diskrezion der alten Gräfin Mersey gegenüber.
-
-Es fällt hier einiges Licht auf einen sinnreichen Mechanismus des
-gewandten Ingenieurs. Frau Marianne Blauhorn besaß, wie wir wissen,
-bedeutenden Einfluß auf den Finanzminister. Von dem Augenblicke an, wo
-die Bemühungen des Obersten um sie, welchen Kollmann die Wege geebnet,
-von Erfolg gekrönt waren, hielt er Beide in doppeltem Schach. -- Frau
-von Blauhorn wußte, daß ein einziges ~billet-doux~ Plomberg’s
-zugleich der Scheidebrief zwischen ihr und dem Minister wäre, und hing
-von Kollmann’s Verschwiegenheit ab. Der Oberst war überzeugt, daß die
-Mersey augenblicklich die Schuldenzahlungen einstellen würde, wenn sie
-von seinen Beziehungen zur schönen Hofräthin eine Ahnung hätte.
-
-Diese Reflexion mochte ihm wieder vorschweben als er sagte: „Nun denn,
-in Teufelsnamen, damit sie nicht an meiner Freundschaft zweifeln, --
-ich getraue mich, es durchzusetzen, obwol die Liste fertig. Kommen Sie
-um halb ein Uhr. Aber Eins muß ich wissen, den Zweck der Audienz.‟
-
-„Sehr gern, und wenn Sie ihn nicht billigen, nehme ich meine Bitte
-zurück.‟
-
-Kollmann theilte ihm sein Vorhaben mit, das wir bei der Audienz selbst
-erfahren. -- „Das wird jedenfalls refüsirt, erwiderte Plomberg, ich
-weiß einen ähnlichen Fall von Seite des Fürsten Leuchtendorf, und man
-wird Ihnen keine andere Antwort geben als ihm.‟
-
-Kollmann wußte dieß so gut als der Obrist. „Glauben Sie dessen ganz
-gewiß zu sein?‟ fuhr er fort. --
-
-„Ganz gewiß, der Monarch müßte denn seine Ansicht geändert haben, und
-das thut er nie.‟
-
-Kollmann dankte und empfahl sich. Plomberg aber sagte zu sich: „Es
-geschieht Einem Recht, wenn man sich unvorsichtig einem solchen Kerl in
-die Hand gibt; aber vielleicht ists gut, -- der Zweck der Audienz kann
-demjenigen, der ihn aufgeschrieben, keinesfalls schaden.‟
-
-Dabei nahm er aus seinem Portefeuille die Liste, die er bereits gestern
-mit dem Gouverneur für den Generaladjutanten entworfen, und setzte
-Kollmann’s Namen darauf. --
-
--- Während hier Minen gegraben wurden, hatte Arnold seine Streitkräfte
-im offenen Felde entwickelt.
-
-Den ganzen Morgen einsilbig und zerstreut, wurde er vom späten
-Frühstück mit Sprenger abgerufen nach Klotildens Zimmer, stand
-ärgerlich auf, ging mit einem Gesichte wie ein naßkalter Novembertag
-weg, und kam mit einem Junimorgen zurück. Klotilde hatte ihren Auftrag
-erfüllt. --
-
-„Wenn ich gleich über das Ergebniß deiner Reise in Bezug auf den
-ostensibeln Zweck noch nicht urtheilen kann, sagte Sprenger, so scheint
-wenigstens, aus deiner Stimmung zu schließen, ein anderer erreicht?‟
-
-„Ich habe gestern geschwiegen, weil ich mich unglücklich fühlte und
-doch einsah, daß ich keinen Grund hatte. Heute ists anders, und ich
-weiß, daß dir dieß genügt, um dich mit mir zu freuen.‟
-
-Ohne weitere Uebergänge erwiederte Sprenger: „Und eben so glücklich,
-und noch mehr, wird dein Vater sein, wenn der Gegenstand deiner Liebe
-ein solcher, den du als seine Tochter, als Erbin von Korbach, in seine
-Arme führen kannst.‟
-
-Wenn Arnold am Besten that auf diese Frage zu schweigen, -- so hatte
-Sprenger seinerseits die Ueberzeugung, daß die Hoffnungen seines alten
-Freundes auf eine Wahl, die das Glück des Sohnes gründen könne, einer
-Liebe gegenüberstehen, die nach seiner Auffassung zu keinem Heile
-führte. Er war bekümmert ohne es zu zeigen und hielt sich an die
-Hoffnung, daß es eine vorübergehende Leidenschaft sei.
-
-Die Stunde, für welche Arnold zum Prinzen beschieden war, nahte, und
-er fuhr nach der Villa. August Ernst empfing ihn mit der größten
-Leutseligkeit, und ging in die Einzelnheiten des Elaborates ein. Er
-machte beim Durchblättern einige jener Bemerkungen, welche im Munde
-eines Prinzen für sachkundige gelten, ermächtigte ihn, sich beim Chef
-des Departements auf die günstige Ansicht zu berufen, die er gegen ihn
-aussprach, und verhieß möglichst schnelle Erledigung. Arnold sprach
-mit seinem Danke die Hoffnung aus, die Entscheidung, die er in der
-Hafenstadt abwarten wolle, mitnehmen zu können, und bat den Prinzen
-um seinen gnädigen Schutz für den Fall, daß er desselben gegen einen,
-seinem Interesse entgegengesetzten Einfluß bedürfen sollte. -- Er
-entgegnete: „Seien Sie ruhig, es ist mir so Etwas angedeutet worden,
-allein ich sehe kein Motiv, meine Ansicht über Ihre Person oder Ihre
-Sache zu ändern. Melden Sie sich vor Ihrer Abreise jedenfalls bei mir.‟
-
-Im Marine-Departement fand er gleich freundliche Aufnahme. Der
-Direktor, mit allen Punkten der Vorlage vertraut, erklärte, daß der
-Einwilligung des Prinzen kein Hinderniß mehr vorliege und er nur
-dessen formelle Genehmigung einholen werde, und beschied Arnold für
-den nächsten Tag zur Unterzeichnung der Kontrakte. -- Dieser forschte
-auch hier nach einer feindlichen Thätigkeit Kollmann’s und erhielt
-den Bescheid, daß derselbe fast gleichzeitig einen Antrag vorgelegt,
-aber den Bescheid erhalten, daß bereits ein anderer vorhanden, den man
-keinen Grund habe abzulehnen.
-
-Arnold hatte schon gestern seine Angelegenheiten in so gutem Geleise
-gesehen, daß ihn die heutigen Erfolge nicht überraschten, doch kehrte
-er in der frohesten Stimmung zu Sprenger zurück. Er fand ihn auf dem
-Balkon, im Gespräch mit Richard Forster. Dasselbe hatte sich auf höchst
-gewöhnliche Weise, über einen englischen Zeitungsartikel entsponnen,
-und, in ungewöhnlichen Wendungen, zu großer Wärme entwickelt. Man
-schien sich gut zu verstehen, Arnold wurde sogleich in den Gegenstand
-hineingezogen, aber mehr als der letztere fesselte ihn der junge
-Fremde, dem er, -- jenem Zuge der Simpatie folgend, welche sich bei
-ihm im Augenblicke einer ersten Begegnung so entschieden aussprach als
-deren Gegentheil, -- im Geiste die Hand reichte, ehe es noch leiblich
-geschah.
-
-Und von allen Wünschen, womit der Morgen begrüßt worden, war jener
-Richards zuerst in Erfüllung gegangen, -- die ernsten blauen Augen, in
-welche seine dunkeln, feurigen blickten, waren die als günstiges Omen
-ersehnten. Möge er nicht verlernen, an Vorbedeutungen zu glauben! --
-Diese Augen werden ihn nicht täuschen.... aber aus ihnen blickt nur die
-Treue Arnolds und nicht jene -- des Glückes! Da keine geschäftlichen
-Abhaltungen mehr vorlagen, machte Arnold den Vorschlag, dem
-landesfürstlichen Empfange, zu welchem die Stadt gerüstet dastand, aus
-dem Wege zu gehen, und es wurde eine Fahrt nach dem sehenswürdigsten
-Gegenstande der Umgebungen, dem römischen Amfitheater, beschlossen,
-wodurch für ihn ein großer Theil der Ewigkeit, nämlich der Zeit bis
-vier Uhr, ausgefüllt wurde.
-
--- -- Bald nach ihrer Abreise kam die Ueberraschung mittelst
-Separattrains herangebraust.
-
-Die Stadt ließ sich nicht überrumpeln; sie hatte den Bahnhof, wo
-sich auch der Prinz mit Gefolge eingefunden, mit Deputazionen, das
-Gouvernementsgebäude mit Ehrenwachen, sämmtliche Treppen mit Baum- und
-Blumenspalieren und einen Tisch im Appartement des Monarchen mit einem
-prachtvollen Dejeuner besetzt.
-
-Prinz August Ernst hatte vergeblich auf das Glück gehofft, den Vetter
-auf der Villa zu beherbergen. -- Mit einem Sprunge aus dem Wagen
-durchbrach derselbe, vom Grafen Greuth und andern säbelklirrenden
-Adjutanten gefolgt, das erste Hinderniß, die Anrede des tiefergriffenen
-Bürgermeisters, überflog die andern in weniger Minuten, als ihre
-Aufrichtung Stunden erfordert hatte, und war im Besitze aller festen
-Posizionen, ehe noch die Ofikleïden der Regimentsbande den letzten Takt
-der Volkshimne ausgeschmettert hatten.
-
-Die Raschheit seiner Bewegungen war um so auffallender bei der
-ziemlichen Korpulenz seiner gedrungenen, untersetzten, mit Mühe in die
-Uniform gezwängten Gestalt. Erwähnen wir noch des dichten, langen,
-schwarzen Schnurbartes, der das volle Kinn von der römischen Nase
-trennt, so haben wir genug gethan, um die Auffindung seines Portraits
-im gothaischen Kalender zu erleichtern, wenn man sich noch an die
-nähere Andeutung halten will, daß es von den vier Kaisern Europas jeder
-am allerwenigsten sein kann; eher einer der drei Uebrigen.
-
--- Der Prinz, der Gouverneur, der Platzkommandant ziehen sich zurück.
-Der Monarch nimmt im Kabinet schnell sein Frühstück ein, vertauscht
-die Reiseuniform mit der Gala, -- auf dem Platze ist die Generalität
-versammelt, -- er sprengt nach dem Paradeplatz, wo die Garnison
-aufgestellt ist.
-
-Sie defilirt unter den Klängen vielleicht der besten Militärmusik
-in Europa. Ihre Haltung ist vortrefflich, ihr Aussehen mahnt Jeden
-unwillkürlich an Wallensteins unhöflichen Brief an den Kaiser:
-„Hier ist ein Heer -- schickt einen Heerführer.‟ -- Die wackeren
-Kommandanten, welche diesen Wunsch mit der Mannschaft theilen, werden
-belobt, -- letztere bringt das dreimalige Vivat, zu welchem sie vor
-dem Ausmarsche aus der Kaserne die Erlaubniß erhalten hat, und der
-Herrscher galopirt an der Spitze der glänzenden Suite in dichten
-Staubwolken nach der Stadt zurück.
-
-Es ist ein Uhr, die Stunde der Aufwartungen. Der Generaladjutant legt
-ihm die Liste derjenigen vor, welche des Glückes harren, einen Moment
-lang als Sonnenstäubchen im Glanze der Majestät zu spielen, -- er
-überfliegt sie schnell und begibt sich nach dem Audienzzimmer.
-
-Der anstoßende Saal, in welchem die Vorzulassenden warten, ist zur
-Hälfte gefüllt. -- Drei zu unregelmäßigen Linien ausgedehnte Gruppen
-stehen hintereinander.
-
-Die erste besteht aus den glänzenden, mit dem leichten Anstande
-der Gewohnheit getragenen Militäruniformen, gemischt mit einigen
-geistlichen Talaren. Hinter diesen die uniformirten Beamten, mit
-gepreßten Hälsen und gehemmter Blutzirkulazion, -- die Jüngeren durch
-Herausbäumen der Brust sich eine Contenance gebend, dem Militär
-gegenüber; -- Mancher auf seinen Nachbar schielend, um sich zu
-orientiren, wie der Federhut vorschriftsmäßig in der Hand zu halten.
-Endlich die glanzlose Schaar jener andern schwarztrauernden Civilisten,
-welche, sie mögen leisten was sie wollen, nicht als dem Staate dienend
-erscheinen.
-
-Ein freier Raum ist zwischen diesen Reihen und der Thür des
-Audienzzimmers. An letzterer stehen zwei Adjutanten, deren einer, mit
-einer Gegenliste versehen, die Namen nach einer mit dem subtilsten
-Gradmesser ausgearbeiteten Skala dergestalt aufruft, daß in dem
-Augenblicke, wo ein Vorzulassender eintritt, ein Zweiter schon ~en
-réserve~ in dem freien Raume steht und ein Dritter sich aus den
-Reihen loslöst, so daß keine Sekunde Unterbrechung eintreten kann.
-
-Das Prinzip des Dampfes und der Elektrizität ist auch in die Audienzen
-gefahren. Der Wind der sich schließenden Thür ist noch nicht verweht,
-so öffnet sie sich wieder, und ein Gesicht, über welchem der heiße
-rothe Glanz der verklärenden Minute liegt, tritt heraus und wird durch
-ein noch steifes, gespanntes ersetzt, welches im nächsten Augenblicke
-seinerseits als geschmolzene Wachslarve aus dem Brennspiegel der
-Majestät heraustritt.
-
-Gleich die ersten Wiederkehrenden verbreiten eine erfrischende
-Atmosfäre im Saal. Der Monarch hat das große goldne Füllhorn in der
-Hand und schüttelt es über Jedem.
-
-Die Stadt erhält die anderswohin verlegte, schmerzlich entbehrte
-Kadettenschule zurück -- ein Militär-Schwefelbad wird auf Staatskosten
-gegründet -- ein leerstehendes Aerarialgebäude wird der Gendarmerie
-überlassen -- die engbrüstige gothische Domkirche wird mit einem
-modernen Ansatz erweitert -- der titellose Bürgermeister Giordani
-wird mit der Anrede „lieber Regierungsrath Giordani‟ empfangen -- alle
-Gesuche werden reiflich erwogen und nach Thunlichkeit berücksichtigt
-werden. -- Wenn man bedenkt, daß die Thürflügel sich sechsundfünfzigmal
-öffneten um Jemanden einzulassen, den der Monarch zu sehen erfreut war,
-so läßt sich annehmen daß seine summirte Gesammtfreude eine ganz andere
-sein mußte, als die der Einzelnen.
-
-Nachdem die Militärs und Geistlichen dieselbe durchgenossen, kam die
-Reihe an die blaue Konsuls-Uniform Kollmann’s. Seine Audienz währte zum
-Staunen der Harrenden mindestens viermal so lange als die übrigen, den
-Bischof ausgenommen.
-
-Vor den Monarchen tretend begann er:
-
-„Fremd und mittellos in das Land gekommen, welches so glücklich ist,
-unter dem Zepter Eurer Majestät zu stehen, ist es mir unter dem Schutze
-der Gesetze gelungen, einiges Vermögen zu erwerben.‟ --
-
-Der Monarch machte eine Bewegung, welche die Befremdung über den
-sonderbaren Eingang ausdrückte.
-
-„Die Bitte, die ich Euer Majestät vorzutragen wage, ist mir von dem
-Bedürfniß eingegeben, mein tiefes Dankgefühl, und meine Verehrung für
-den Monarchen des Landes, dem ich mein Glück verdanke, durch ein
-Anerbieten an den Tag zu legen, welches die Entschuldigung seiner
-Kühnheit nur in dem Beweggrunde findet, der es veranlaßt hat.‟
-
-Die Rücksicht auf die fremde Konsuls-Uniform vermochte den Monarchen,
-seine Verstimmung über die lange Vorrede zu verbergen. Er fragte
-freundlich aber kurz: „Was ist Ihr Anliegen?‟
-
-„Meine Besitzung im Gebirge, sechs Stunden von der Residenz, einerseits
-an Gebirge grenzend, welche ein reiches Gemsengehäge enthalten,
-anderseits an Waldungen, welche von Hochwild wimmeln, würde sich mit
-geringen Aenderungen an den Gebäuden zu einem Jagdschlosse eignen.
-Die Bitte, die ich wage, besteht darin, Euer Majestät wollen geruhen
-dieselben allerhöchst Ihren Domänen einzuverleiben.‟
-
-Da die Jagdliebe des Souveräns allgemein bekannt war, so hatte der Hof
-zu verschiedenen Zeiten Anträge zu Ankäufen von dieser Art Besitzungen
-erhalten und auch einige an sich gebracht.
-
-Er erwiederte: „Es ist mir leid, auf Ihr Anerbieten nicht eingehen zu
-können,‟ und fügte lächelnd hinzu: „Sie werden wissen, daß wir Domänen
-verkaufen, nicht aber kaufen.‟
-
-Kollmann trat mit der Miene der tiefsten Kränkung einen Schritt zurück
-und sagte: „Ich hatte auf das Glück gehofft, meine werthlose Gabe in
-der Weise an den Stufen des Thrones niederlegen zu dürfen, wie es dem
-frommen Katholiken gestattet ist, dem Haupte der Kirche den sogenannten
-Peterspfennig anzubieten, und ich fühle nun erst die ganze Kühnheit
-meines Gesuches.‟
-
-Der Monarch war überrascht, aber nicht unangenehm, und antwortete: „Ich
-danke Ihnen, danke Ihnen herzlich für Ihr loyales, schönes Anerbieten,
-das ich jedoch nicht annehme. Wenn es aber meine Zeit erlaubt, werde
-ich mir Ihre Besitzung besehen und in Ihren Bergen jagen. Wenn
-Sie ein anderes Anliegen haben, werde ich es jederzeit thunlichst
-berücksichtigen. Nochmals, Ihr Antrag hat mich sehr gefreut.‟
-
-Er machte die entlassende Bewegung auf die huldvollste Weise und
-Kollmann trat mit dem Ausdrucke der vollsten Befriedigung unter die
-Wartenden heraus, und begab sich zum Generaladjutanten.
-
-Da nämlich der Monarch allein empfängt, und der Dienst an den Thüren
-durch zwei Adjutanten von geringerem militärischen Range als jener
-des Grafen Greuth versehen wird, so veranstaltet dieser in einem
-anstoßenden Zimmer einen Nachdruck der souveränen Prachtausgabe der
-Audienzen. -- Der Aufwartung ~avant la lettre~ beim Herrscher
-folgt jene beim General-Adjutanten, wie man nach dem Gebrauche von
-Karlsbad meist noch ein anderes Wasser als Nachkur trinken muß,
-wenn ersteres wirken soll. -- Der Graf betrachtet die seiner Person
-geschenkte Aufmerksamkeit nur als eine seinem Gebieter erwiesene Ehre,
--- er selbst hat über alle ihm vorgetragenen Angelegenheiten gar Nichts
-zu entscheiden, Nichts darein zu reden, man begreift kaum, wie der
-Monarch einen General-Adjutanten haben mag, der sich um Nichts kümmert,
-was im Staate vorgeht. Doch ist es so, und er thut was er kann, um
-die fixe Idee zu beseitigen, daß es ganz im Gegentheile +gar+
-keine Angelegenheit gebe, in die er +nicht+ hinübergreift. Man
-weiß, wie schwer ein eingewurzeltes Vorurtheil ausgerottet wird, und
-der Graf mußte auch heute ein halbes Hundert Male die Versicherung
-bekämpfen, daß man nur dann vollkommen beruhigt nach Hause gehe,
-wenn der vom Monarchen ausgestellte Gnadenwechsel mit dem Akzept des
-General-Adjutanten versehen worden.
-
-Kollmann erzählte ihm den Verlauf seiner Audienz und bat, seinen
-Einfluß zu verwenden, um vielleicht bei sich ergebender Gelegenheit den
-Gebieter für seinen Antrag zu stimmen.
-
--- „Das ist umsonst, lieber Herr Kollmann,‟ erwiederte der Graf -- „ich
-kenne den Herrn, aber Sie können überzeugt sein, daß Sie ihm eine
-Freude gemacht haben. Bei einem andern Anlasse dürfen Sie auf gnädige
-Aufnahme jedes Gesuches rechnen.‟
-
--- „Ich habe nicht gewagt, Seiner Majestät ein für mich sehr wichtiges
-Anliegen vorzutragen, da es leider gegen Jemanden gerichtet ist, der
-sich des hohen Schutzes des Prinzen August Ernst erfreut.‟
-
--- „Wie ist das?‟ fragte der Graf aufmerksam.
-
--- „Es ist ein Gegenantrag gegen das Lieferungsoffert einer Firma
-Korbach.‟
-
--- „Ich kenne den Namen. Warum glauben Sie, daß ihn der Prinz
-protegirt?‟
-
--- „Ich schließe es aus Dingen, die wohl an sich zu unbedeutend sind,
-um Euer Excellenz damit‟ --
-
--- „Heraus damit! Sie sehen doch, daß ich auf Ihre Angelegenheit
-eingehe.‟
-
--- „Der Prinz hat ihm, wie ich im Marinedepartement gehört,
-Zusicherungen ertheilt, und ihn auf dem gestrigen Balle mit besonders
-gnädiger Herablassung behandelt, wie ich aus dem Munde einer Frau
-erfahren, welche anwesend war, und vielleicht in der Lage ist über die
-Gesinnungen Seiner Hoheit unterrichtet zu sein.‟
-
-Das vertrauliche Detail war gewagt, aber der Graf war über Freiheiten,
-die sich Jemand herausnahm, nur dann empfindlich, wenn sie seine
-Person betrafen. Mit Aeußerungen über den Prinzen nahm er es, bei
-dessen gespannten Verhältnissen zu seinem Herrn, nicht so genau.
-
-Er fragte weiter: „Wer ist die Frau?‟
-
-„Eine Frau Klotilde Zeltner.‟
-
--- „Ah‟ -- rief der Graf mit gedehntem Laut -- „die Zeltner! -- deren
-Mann auf der Festung sitzt; und die war auf dem Balle?‟
-
-„Euer Excellenz zu dienen, und da sie sich besonderer Aufmerksamkeit
-von Seiten des Prinzen erfreute und vom jungen Korbach begleiten ließ,
-so gerieth ich auf die Vermuthung, daß letzterer eine ~persona
-grata~ und somit für mein Anliegen wenig Hoffnung vorhanden sei. Ich
-durfte um so weniger wagen, es dem Monarchen vorzutragen, da es ein
-falsches Licht auf mein Anerbieten geworfen hätte.‟
-
-„Da haben Sie Recht gehabt. Es wäre aber möglich, daß sich in Ihrer
-Sache Etwas thun ließe. Geben Sie noch nicht Alles auf.‟
-
-„Nach diesem Worte von Euer Excellenz gewiß nicht.‟
-
-„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe Nichts darein zu reden, ich
-mache meinen Adjutantendienst und kümmere mich sonst um Nichts. Es wäre
-aber möglich, daß der Prinz selbst seine Ansicht änderte. Hoffen Sie
-das Beste, -- es würde mich freuen, Sie zufriedengestellt zu sehen.‟
-
--- Kollmann war es im vollsten Maße, als er den Grafen verließ. Dieser
-rief den zur Suite gehörenden immer in der Nähe befindlichen Plomberg
-zu sich, und fragte, ob er den vertraulichen Auftrag in Betreff
-Korbachs durch Heidenbrunn bestellt habe. -- Der Oberst berichtete, er
-habe mit letzterem gesprochen, und glaube, der Prinz dürfte bereits in
-Kenntniß sein.
-
-„Ich verstehe Sie nicht,‟ versetzte Graf Greuth -- „Sie reden von
-glauben und dürfen, -- sollen etwas Positives von der Aufnahme der
-Sache wissen, und +ich+ glaube, daß +gar+ nichts geschehen
-ist, nach Allem was +ich+ sehe und höre.‟ -- Darauf entließ er in
-der übelsten Laune den an den Wetterwechsel gewohnten Plomberg, welcher
-die sich häufig bis zu einer gewissen Grobheit steigernde Derbheit des
-Grafen flegmatisch ertrug. Sie waren verwandte Naturen, die sich immer
-wieder anzogen. Der Oberst war, wie er sagte, der „Rechte‟ für den
-General-Adjutanten; dieser besaß, bei dem Mangel tieferer Kenntnisse
-und diplomatischer Schule, eine angeborne Schlauheit, die ihn immer das
-„Rechte‟ treffen ließ. Unter dem Rechten verstand er dasjenige, was zur
-Befestigung seiner Stellung dienlich war. -- Und darunter stand obenan
-die Benützung menschlicher Schwächen, vor welchen ein sterbliches Haupt
-durch keine Kopfbedeckung bis hinauf zur Krone, und das Herz durch
-keinen Hermelin zu bewahren ist. -- Plomberg wußte, daß seine Stunde
-wieder kommen werde, wenn ihn der Graf zu Etwas gebrauche, wodurch er
-der menschlichen Natur seines Herrn zu dienen glaubte. -- Zum Dienste
-der übermenschlichen standen ja ohnedem -- wir können nicht sagen wie
-viele -- Millionen bereit.
-
-Die beiderseitigen Audienzen sind vorüber, und nach kurzer Ruhe
-empfängt der Monarch aus den Händen des Grafen abermals eine Liste, --
-jene der zu besichtigenden Institute und sonstigen Merkwürdigkeiten.
-Sie enthält dreizehn Artikel:
-
- 1. Das Marine-Arsenal.
- 2. Die neue Hafenbatterie.
- 3. Die Artilleriekaserne.
- 4. Die Infanteriekaserne.
- 5. Die Equitazion.
- 6. Die Stückgießerei.
- 7. Das Militärspital.
- 8. Die Proviantbäckerei.
- 9. Das Stabsstockhaus.
- 10. Die Domkirche.
- 11. Das Civilspital.
- 12. Das Zuchthaus. Und
- 13. Die Akademie der bildenden Künste.
-
-Graf Greuth hat aus dem ihm vom Gouverneur vorgelegten Verzeichnisse
-die vorstehenden Objekte ausgewählt, und der Monarch genehmigt in
-Pausch und Bogen. -- Zwei Stunden sind für die Rundfahrt anberaumt. --
-Durch dreizehn dividirt, entfallen eins ins andere gerechnet, 9-12/13
-per Stück brutto, das Hin- und Herfahren abgezogen sieben Minuten
-netto, mehr als hinreichend, um sich von allen innern Zuständen zu
-überzeugen.
-
-Sämmtliche Besuche wirkten heilbringend, schon ehe sie gemacht wurden.
--- Die armen Teufel in den Spitälern bekamen eine Suppe und ein
-Kalbfleisch zu sehen, welches selbst die Primarärzte ohne Bedenken
-gegessen hätten, und wurden seit 24 Stunden vom ganzen Personale
-behandelt als wären sie wirklich Menschen statt Nummern. -- Die Pferde
-und Mannschaften in den Kasernen wurden durch die ihrem verschiedenen
-Naturell entsprechenden Mittel in eine fröhlich paradirende Haltung
-und Stimmung versetzt, -- und die Sträflinge im Stock- und Zuchthause,
-durch etwas Branntwein und bessere Razionen begeistert, versuchten sich
-in einem vorläufigen Vivat unter munterem Kettengerassel.
-
-Nur das kleine, quickende, rothbackige Proletariat in der
-Kleinkinderbewahr-Anstalt, welches seit dem Morgen das Scheuern
-der Gesichter und Kämmen der Köpfe erduldet, befand sich in seinen
-frisch gewaschenen, aufgesteiften Gewändern, in allgemeiner Gährung
-und radikaler Verstimmung. Jeden Augenblick gewann es wieder der
-~Jean qui pleure~ über den ~Jean qui rit~, zur Verzweiflung
-der Vorsteherin und ungeachtet der umfassendsten Amnestien und
-dreimaliger Rosinenvertheilung. Und endlich war Alles umsonst, -- da
-der Strich, wodurch Graf Greuth seinen Herrn von einem zweiten Dutzend
-Besuche befreit hatte, durch das ganze Gebiet der Levana, von der
-Kinderbewahranstalt bis zur Universität gegangen war.
-
--- Zwölf Stazionen der Rückreise waren zurücklegt; der Wagen des
-Souveräns hält vor der Akademie.
-
-Sie befindet sich im aufgehobenen Kloster ~San Matteo~. Die Reihe
-der Zellen war durchbrochen und in Säle verwandelt worden, und an der
-Stelle, wo der Mönch mit Geißel und Stachelgürtel den traurigen Kampf
-gegen die Natur bestand, da umfaßt sie mit heißer Liebe der junge
-Künstler und sein Pinsel und Meißel schaffen alle Reize, welche die
-blinde Aszetik als Teufelslockung aus diesen Räumen verbannt hatte.
--- Wo der Todtenkopf über gekreuzten Gebeinen grinste, da lächelt die
-meerentstiegene Afrodite, und an den Wänden, wo auf schwarzgeräucherten
-Bildern blasse Hände aus Scheiterhaufenflammen hervorlangten, rufen
-jetzt die herrlichsten Gestalten voll Kraft und Leben den Sieg des
-Lichts und der Wahrheit hinaus.
-
-Aus dem letzten Saale führt eine fliegende Treppe in den ehemaligen
-Klostergarten. Auch ist das Heidenthum mit fliegenden Fahnen eingezogen
-und die sandsteinernen Apostel in den Alleen sind dem marmornen Olimp
-gewichen. Die alten Kastanien ragen herüber aus einer versunkenen
-Zeit, über ein neues Geschlecht, das unter ihrem Schatten sich blühend
-emporrankt, über die gewundenen Laubgänge, die Fontänen und Bassins,
-worin sich die ganze bunte Pflanzenwelt spiegelt, womit eine sinnige
-Hand den Garten zugleich mit den Gebäuden, verjüngend geschmückt hat.
-
-Im Vestibüle an der Hauptstiege wartet Direktor Volpi im schwarzen
-Kleid, die Brust mit sechs (ausländischen) Orden geschmückt, umgeben
-von einer Anzahl Professoren. Man glaubt zwar nicht an den Besuch, muß
-aber in der jetzigen Zeit auf Alles gefaßt sein. -- Das Publikum hatte
-Zutritt wie gewöhnlich und fand sich zahlreich ein. --
-
-Der Monarch unterbrach die Begrüßung des Direktors mit den Worten:
-„Ich liebe Kunstwerke, verstehe aber nicht viel davon, -- ich habe
-nicht Zeit mich damit zu befassen; Sie werden mir mit Ihrem Urtheil
-vorangehen.‟
-
-Der General-Adjutant aber, welchem Volpi den in Sammt gebundenen
-Katalog überreichte, schnitt gleich das erste Urtheil in so markirter
-Weise ab, daß Jener das Ueberflüssige seiner Bemerkungen einsah und
-schwieg.
-
-Mit Entschlossenheit war der Souverain die Treppe hinangestiegen, als
-ginge es einer Batterie entgegen. Es mußte mit Würde getragen werden:
-die Kunst war einmal ein nothwendiges Uebel, und die reichen Banquiers
-hegten und pflegten sie und betrachteten die Akademie als ein Kleinod
-der Stadt.
-
-Man setzt sich in Bewegung, voran der Monarch mit dem Grafen Greuth und
-Volpi, -- in der Entfernung einiger Schritte die jüngeren Adjutanten
-und andere Offiziere, worunter Plomberg, -- die zahlreichen Besucher
-folgen mit Augen und Ohren jedem Worte und jeder Bewegung.
-
-Es ist gebräuchlich, daß bei solchen Gelegenheiten der General-Adjutant
-durch eine Bemerkung oder Frage die Gemälde bezeichnet, deren Ankauf
-für den allerhöchsten Hof wünschenswerth erscheint.
-
-„Firefly, lichtbraune Vollblut-Stute des Herzogs von Devonshire,‟ war
-der erste Gegenstand, welcher ein wohlgefälliges Lächeln hervorrief.
-
-„Prächtiges Thier! mahnt viel an meine Arabella.‟ --
-
-„Euer Majestät geruhen zu bemerken, daß die Arabella stärker auf dem
-Vordergestell. Der Herzog scheint nicht die Force Euer Majestät, --
-das Pariren im gestreckten Lauf, -- zu besitzen.‟
-
-Man überflog eine Wand mit verschiedenen Gallait, Achenbach, Lessing,
-Rottmann, Bürkel u. dgl. und kam vor einem brennenden Johann Huß von
-unbekannter Hand zum Stillstande.
-
-„Etwas zu graß! Die verkohlte, zerplatzende Stirnhaut ist beinahe
-widerlich. Wie heißt der Maler?‟ --
-
-„Kornberger; es ist im Kataloge bemerkt, daß derselbe der Verfertiger
-der Holzschnitte zur Kirchenzeitung.‟
-
-Ein Wink an Direktor Volpi belehrte diesen, daß der brennende Ketzer
-nun an einem frommen Herrscher einen Beschützer gefunden.
-
-Der Direktor unterstand sich, die allerhöchste Aufmerksamkeit auf einen
-Cäsar zu lenken, auf welchen die Dolche der Verschwornen einblitzen,
-mit der Bemerkung, daß der talentvolle junge Künstler, von welchem das
-Bild herrühre, sich um das Stipendium zur Reise nach Rom bewerbe.
-
-Der Graf warf schnell dazwischen: „Schade um das Talent, das auf einen
-so abscheulichen Gegenstand verwendet worden.‟ -- Der Monarch aber
-fragte: „Ist der Mann ein Inländer?‟
-
-„Er ist ein Sohn unserer Stadt,‟ erwiederte Volpi.
-
--- „Gut, -- notiren Sie seinen Namen, -- er soll das Stipendium haben.‟
--- Dießmal war die Politik dem Verdienste zur Seite gestanden.
-
-In den folgenden Sälen wurden auserkoren: Walachische Bauern mit
-Pferden -- Wachtstubenszene -- Scheibenschießen in Tirol -- Wegnahme
-einer feindlichen Kanone -- ein „Rastlbinder.‟ --
-
-Die Mehrzahl dieser Schöpfungen hatte die Zulassung in die Gallerie der
-Milde zu danken, womit der prüfende Ausschuß zu Werke gegangen war.
-Allein Graf Greuth war ein reeller Mann, der mehr auf den Kern als
-auf die Schale sah, und hielt sich nicht an die Ausführung, sondern
-nur an die Idee, ohne jedoch für den Reiz eines besonders lebendigen
-Farbenspiels unempfindlich zu sein.
-
-Die Schaar der Besuchenden lauschte in tiefer Stille. Die Worte des
-Souverains in Betreff des jungen Künstlers thaten die beste Wirkung;
-was sie aber von dem ausgestreuten Manna des General-Adjutanten
-auffingen, erschien ihnen nicht schmackhafter als den Juden das ihre in
-der Wüste. Doch war eine große Zahl unter ihnen, welche sich nur von
-seiner Erscheinung unangenehm berührt fanden, nicht von seinen Worten,
--- nämlich diejenigen, welche kein Deutsch verstanden. --
-
--- Der im Fenster stehende Aufseher der Gallerie, ein alter,
-stiller, freundlicher Mann, dessen Vergnügen mehr im Studiren
-der Beschauer als der Gemälde bestand, machte auch heute seine
-Beobachtungen, und ergetzlicher als die jetzigen, war ihm eine dem
-hohen Besuch vorhergegangene gewesen. -- Er hatte schon manches
-Beispiel von Indifferenz erlebt, aber selten war ihm eine so
-empörende Gleichgültigkeit gegen die Kunstschätze, die er überwachte,
-vorgekommen, als die eines doch intelligent aussehenden hübschen jungen
-Mannes, welcher die Säle durchschritt, als wären sämmtliche Rahmen mit
-grauer Leinwand ausgefüllt.
-
-Kurze Zeit später erschien eine Dame, welche ihre Blicke ungefähr mit
-der gleichen Theilnahme über die Wände gleiten ließ. -- Daß Damen ohne
-Begleitung die Gallerie besuchten, war an der Tagesordnung; dann sah
-man ihnen aber auch meistens die Kunstliebe an, die sie hingeführt;
-auch kehrten sie gewöhnlich aus dem letzten Saale durch die übrigen,
-am Aufseher vorüber, zurück. -- Als dieß im gegenwärtigen Falle nicht
-geschah, weder von Seite des jungen Mannes noch der Dame, trat er ans
-Fenster, setzte seine Brille auf und überblickte die verschiedenen
-Partien des wenig besuchten Gartens.
-
-Er gewahrte bald, daß sich in dem grünen Reiche der Natur die Gestalten
-zusammengefunden, welche das Gebiet der Kunst getrennt durchwandelt
-hatten.
-
-War Klotilden ein Wort vom +Park+ entschlüpft? oder hatten
-die Beiden beim ersten Blick durch die offene Flügelthür auf die
-Blumenbeete und dunkeln Gipfel gefühlt, daß nur diese die rechten
-Wegweiser zum Glücke?
-
-Genug, sie fanden sich, ohne eine Minute vergeblichen Suchens, --
-und die rothen Blütenpiramiden einer wilden Kastanie leuchteten als
-Girandolen, als ihre Hände ineinander lagen vor dem marmornen Altare,
-dem Piedestal einer Flora, welche den Blumenkorb über ihren Häuptern
-hielt.
-
-Hätte statt der stummen Blüten und des schweigend lächelnden
-Götterbildes ein lebendiger Zeuge das Wiedersehen belauscht, --
-er hätte es nicht für ein erstes Bekennen, -- er hätt’ es für die
-Seligkeit über die Erfüllung eines längst getauschten Schwures gehalten.
-
-Sie fanden sich ja nicht wieder, wie sie sich im Freinhofe verlassen!
-
-Jeder Gedanke, jede Empfindung, jedes Leid und Glück, das seit
-jener Stunde durch ihre Seele gegangen, ward zur Schwinge, auf der
-sie über alle Anfänge und Fragen und halben Verhüllungen des Gefühls
-hinwegflogen...
-
-„Was ich am See geglaubt und gehofft -- sagte Julie mit dem vollen
-Glanz der Liebe in den Augen -- das wird mir am Meere erfüllt!‟
-
-„Und so viel tiefer und weiter dieses, als der See, um so viel reicher
-und glücklicher halt’ ich diese Hand in meiner.‟ --
-
-„Wie freudig lasse ich sie darin ruhen! -- Dieß Blatt enthält das
-Bekenntniß meiner nächtlichen ersten Sünde des Zweifels, die auch die
-letzte sein soll. Die Augen sind wahr, Arnold, und der Mond lügt.‟ --
-
-„Nicht der Mond ist unwahr, sondern jeder Gedanke, daß vergehen könne,
-was unveränderlich und ewig!‟
-
--- -- Lassen wir die stumme Blumengöttin die einzige Zeugin der Stunde
-sein, in welcher die Ringe der Seelen gewechselt wurden, und das Ja
-gesprochen ward auf die Frage des unsichtbaren Hohenpriesters: Ists
-Euer Wille, einander treu zu bleiben bis in den Tod -- -- --
-
--- -- --
-
-Als Julie durch die Laubgänge nach der fliegenden Treppe eilte, um
-durch die Säle zurückzukehren, war der hohe Besuch eben im letzten
-derselben angelangt. --
-
-Sie trat mit gesenktem Blick durch die Thür und war mit schnellen
-Schritten in die Hälfte des Saales gelangt. -- Nun klang das
-Säbelgeklirr in ihre selige träumerische Gedankenmelodie, sie schlug
-die Augen empor und sah die der Offiziere, der schwarzgekleideten
-Herren und der hinter denselben zusammengedrängten Zuschauer auf sich
-gerichtet.
-
-Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß -- -- als Juliens Wangen,
-und keine Rose, keine Nelke dunkler glühen, -- -- wie sie einen
-Augenblick verwirrt und unentschlossen dastand; -- sollte sie nach dem
-Garten zurück, -- oder durch den schmalen Raum, zwischen dem Monarchen
-und den übrigen Uniformen hindurch, zu den Zuschauern? --
-
-Da trat Plomberg auf sie zu, dem die Begegnung keine geringe
-Befriedigung gewährte, bot ihr den Arm, und führte sie am Monarchen
-vorüber, den sie erkannt hatte und der ihre Verbeugung mit
-unbeschreiblich huldvollem Dank erwiederte, gegen das Publikum, und
-kehrte darauf zum Gefolge zurück.
-
-Der Allerhöchste wendete sich zu ihm und sagte: „Eine schöne Frau; ist
-sie aus dieser Stadt?‟
-
-„Sie ist die Frau des Konsuls Kollmann, welcher heute das Glück hatte
-von Eurer Majestät empfangen zu werden.‟
-
-„Eine seltene Schönheit.‟ -- Zu Graf Greuth gewendet fuhr er fort:
-„Jedenfalls der reizendste Gegenstand der Gallerie. Die Verlegenheit
-stand ihr sehr hübsch. Warum die Maler nicht lieber so etwas malen.‟
-
-„Wenn Euer Majestät in der Weise wie der König von Baiern eine Sammlung
-von Schönheiten anzulegen befehlen würde, dürfte sie, nur aus Damen
-Allerhöchstihrer Länder bestehend, jede andere überbieten.‟
-
-„Ich glaube es, und diese Frau wäre ein guter Anfang. Ich liebe aber
-keine Nachahmungen.‟
-
--- So war denn auch die dreizehnte Stazion, der Akademiebesuch,
-überwunden, und nachdem Seine Majestät das Diner in Gesellschaft des
-Prinzen, des Grafen Greuth, des Kommandirenden und des Gouverneurs
-eingenommen, geruhten sie, sich in den schwülen Nachmittagsstunden
-in ihrem Kabinet auf die ~Chaise longue~ zu legen, und, nach
-herabgelassenen Vorhängen, den Staatsgeschäften zu widmen.
-
-Es blieb nur noch der Bodensatz des Leidenskelches zu leeren, -- der
-Abend auf der Villa mit den exclusiven Tableaux. Er übertraf noch die
-schlimmsten Befürchtungen.
-
-Nur die Elite der Elite vermag das reine Wasserstoffgas dieses Abends
-zu athmen. Nicht ein Atom Sauerstoff von Wissenschaft, Kunst oder
-Industrie war eingedrungen. Die gestern aus diesen Räumen so schmählich
-vertriebene Göttin der Langeweile, die Etiquette, feierte ihr
-Restaurazionsfest mit schwülem, schweigenden Pomp.
-
--- Die Gesellschaft war aber stillselig in dem +einen+ Gedanken,
-welcher ihr alles andere Glück aufwiegt: sie waren +unter sich+!
-
--- Und sie verdienen nicht nur dieses Glück, sondern haben sogar das
-volle +Recht+, es für eines zu halten, so lange es Geschöpfe gibt,
-von denen sie um dieß „unter sich!‟ +beneidet+ werden. -- Der
-Prinz gehörte nicht dazu; er labte sich an der Erinnerung an gestern
-und an der Aussicht... über die Tableaux hinüber, die ihn übrigens
-lebhaft beschäftigen, und einen flüchtigen Blick verdienen.
-
-Wir überfliegen die verschiedenen Gruppen nach Winterhalter, Paul de la
-Roche, Vernet -- worunter nur eine, aus der Smala Abdel Kader’s, den
-allerhöchsten Beifall erregt und langen beim Schlußtableau an, welches
-in dem orientalischen Saale, der ein Bassin enthält, dargestellt wird,
-oder werden soll, da noch ein Hinderniß vorhanden.
-
-Es war Schwanthalers Brunnen in Wien (auf der sogenannten Freiung
-befindlich) gewählt worden.
-
-Die Donau, Weichsel und Elbe fanden ihre Repräsentantinnen in den drei
-bereits erwähnten, vom akademischen Ausschusse gewählten Frauen; den
-Po vertrat ein Kavalier einer ritterlichen Nazion, welcher das Unglück
-hatte, der schönste Mann des Landes und sonst Nichts zu sein. -- Da
-sich keine Dame dazu verstanden hatte, die Rolle der auf der hohen
-Brunnensäule stehenden Austria zu übernehmen, so wurde statt ihrer ein
-„Genius des Vaterlandes‟ hinaufgestellt, zu welchem ein schlanker,
-rothwangiger Regiments-Kadett alle wünschenswerthen Eigenschaften,
-nebst der Schwindelfreiheit vereinigte.
-
-Im Bassin war natürliches Wasser, Rand und Brunnensäule reich
-mit Blumen verziert; die Costüme der Damen, in einigen Punkten
-nothwendigerweise vom Vorbilde abweichend, waren in Farbe und Form
-geschmackvoll von Volpi arrangirt, und das Ganze machte in der
-herrlichsten Beleuchtung einen zwar durchaus nicht plastischen, aber
-reizenden Effekt.
-
-Bald soll der Vorhang sich theilen. Die Weichsel und Elbe sitzen in den
-griechischen Gewändern, mit ihren vergoldeten Wasserschaufeln spielend,
-noch in Fauteuils, der Po geht auf und nieder, ungeduldig mit dem
-Ruder stampfend. -- Aber noch immer keine Donau erschienen.
-
-„Aber es ist doch geradezu unmöglich, daß die Strada nicht kommt!
-die einzige, -- einzige Bürgerliche! -- eine Frau, die doch Geist
-genug hat, um zu begreifen, daß ihr Stand in ihr geehrt ist, wenn sie
-zwischen drei Flüssen steht, deren Wasser rein wie das destillirte in
-der Apotheke, durch fünf oder sechs Jahrhunderte fortgeronnen ohne
-einen fremden Bestandtheil in sich aufzunehmen!‟
-
-Der Kadett steht mit langen goldenen Flügeln in goldgestickter Tunika,
-mit verschränkten Armen auf der Säule und räth nach Donau-Eschingen zu
-telegrafiren, warum der Fluß ausbleibt.
-
-Da kommt ein Brief: Madame Strada ist „plötzlich unwohl.‟ --
-
-Zuerst beißt man sich ärgerlich in die Lippen.
-
-„Nicht einmal das Costüme hat sie geschickt.‟ --
-
-„Es würde es wohl kaum Jemand angezogen haben!‟ --
-
--- Dann geht der Zorn in stille Verachtung über. --
-
-„Man sieht! -- -- wenn sich nicht ihrer Mehrere zusammenthun können --
--- als Einzelne unter uns fühlte sie sich gedrückt... es ist ja auch
-natürlich! -- Schade, sie ist sonst ein liebes Weibchen! -- Lassen wir
-die Arme!‟
-
-Aber die Minuten fliegen weg, und Minuten vom Monarchen durchwartet
-wiegen ungefähr ein Jahr von Unterthanserwartung.
-
-Der Vorhang bewegt sich, das rothe Gesicht des General-Adjutanten sieht
-fragend herein und zieht sich wieder zurück. Die Flüsse ringelten sich
-verzweifelnd um Volpi.
-
-Er rief: „Nehmen wir in Gottes Namen die Donau lateinisch, -- Danubius!
-schnell einer von den Herren herein, wir haben noch einen grünen Bart
-und Schilfkrone.‟ -- Er stürzt hinaus zum Prinzen -- bevor dieser
-wählen kann, hat aber Graf Greuth das Auskunftsmittel vernommen, und
-beordert Oberst Plomberg hinter die Szene, welchem die griechischen
-Gewänder umgethan, Bart und Schilf aufgesetzt werden -- das Tableau ist
-gerettet. --
-
-Schade, daß der Kadett, wie er die Arme segnend ausbreitet, mit offenem
-Munde lächeln zu müssen glaubt: es macht den fatalen Eindruck, als wäre
-der Genius des Vaterlandes die Bornirtheit.
-
-Die Gesammtwirkung ist überraschend. „Charmant! -- ruft der Monarch --
-ich habe das Original selbst gesehen, als ich einmal in Wien war, aber
-mit den Farben und Lichtern machts doch einen ganz andern Effekt!‟
-
-Der General-Adjutant erwiederte: „Die Gruppe würde aber doch ungemein
-gewinnen, wenn statt des Genius die schöne Frau auf der Säule stünde,
-welche das Glück hatte, von Euer Majestät in der Ausstellung bemerkt zu
-werden.‟
-
-„Das ist wahr! ganz richtig! -- -- Erinnern Sie mich, lieber Graf,
-wenn die Herbstjagden anfangen, daß ich dem Manne versprochen habe, in
-seinem Revier zu jagen.‟
-
--- -- Endlich war auch dieß vorüber. -- Der letzte Wagen rollte den
-Berg hinab, -- der Prinz stürzte nach seinem Schlafzimmer, vertauschte
-die Gala-Uniform mit dem leichten Jagdrock, sprach ein Paar Worte mit
-Heidenbrunn und flog durch den dunkeln Park und einige Wiesen und
-Büsche nach dem kleinen, netten, auf halbem Wege zwischen der Stadt
-und der Villa gelegenen Hause -- dessen Jalousien geschlossen sind,
-wie das Thor. -- Der Prinz öffnete die Gartenpforte mit dem Schlüssel,
-den er bei sich trug, und vergaß in der nächsten Minute alle Leiden
-des exclusiven Cercle’s -- in dem noch exclusiveren -- an der Seite
-Klotildens, welche ihre Uebersiedlung nach dem mit Luxus und Geschmack
-eingerichteten Asile mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit vollbracht
-hatte.
-
- * *
- *
-
-So sind denn die Geschenke alle vom Weihnachtsbaum gepflückt, dem wir
-den heutigen Tag verglichen.
-
-Auch der Bandit freut sich eines neuen geschliffenen Dolches: Kollmann
-hat alle Ursache den Tag zu loben. Er spricht in seiner Weise ein
-Dankgebet, das andern Ohren wie eine Gotteslästerung klingt.
-
-Der General-Adjutant, Plomberg, der Prinz und Klotilde, Jeder hat
-seinen goldnen Apfel heimgetragen, -- der Monarch freut sich des
-Jagdvergnügens, das er heute noch keine Anstalt macht zu vergessen,
-freut sich der Beweise der Loyalität und daß dieselben vorüber, --
-und wie tausendstimmig die Stadt gejubelt, ist in dem Telegramm des
-Gouverneurs an den Ministerpräsidenten zu lesen.
-
-Arnold aber hält am Schlusse des Tages den Brief in der Hand, den ihm
-Julie unter den wilden Kastanien gereicht, -- -- den sie in der letzten
-Nacht geschrieben.
-
-Er hatte das Licht verlöscht, -- und wieder angezündet, um -- wieder zu
-lesen, obgleich er jedes Wort auswendig weiß.
-
-Sie hatte geschrieben:
-
-„Wenn Deine Augen über dieß Blatt gleiten, so haben die meinen Dir
-schon das Unrecht abgebeten, -- habe ich +Dich+ durch +Glück+
-versöhnt, wie den Himmel durch eine Stunde kindischen +Schmerzes+.
--- Auch Du wirst sie vielleicht durchleben, wenn Dein Glaube nicht
-höher und fester.‟
-
-„Ich spreche zu Dir, als hätt’ ich aus Deinem Munde vernommen, was nur
-mein eigen Herz mir geschworen. Ich habe aber auf den Grund Deiner
-Seele geschaut wie Du in meine. Kann ich Dir, -- kannst Du mir Ein
-Wort sagen, wodurch erst ein Schleier gelüftet würde? Soll ich den
-Frühlingsglanz, der über mein Leben gefallen, vor Dir verhüllen,
-damit Du nicht früher glücklich seist, als bis Du gesprochen, und um
-ein Herz geworben, das Dein eigen? Glaube dem Deinigen, und Du wirst
-Dir klar bleiben, glücklich, was auch verwirrend zwischen uns trete:
-+denke+ nicht über mich, sonst wirst Du irre.‟
-
-„Kannst Du ein Glück fassen, ohne über die selige Gegenwart hinaus zu
-denken? Ich fürchte, Du kannst es nicht. Ich aber muß es. Nimm, wenn
-Du es vermagst, das +Heute+ als Gottesgeschenk, ohne nach dem
-+Morgen+ zu fragen. Nimm es, wie ich die schönste Freudenblume,
-die mir durch Dich erblüht, an meiner Brust bewahre und nicht frage,
-welcher Tag sie entblättert.‟
-
--- -- Allein alle die befremdenden Klänge der letzten Worte verstummten
-für Arnold vor dem hellen Wonnelaute: Du bist geliebt. -- Es gab keinen
-Glücklicheren als er -- -- vielleicht eine Glücklichere.
-
-
-
-
-Kirchenweihe.
-
-
--- Am folgenden Vormittage trafen in der Telegrafenstazion Frauenwang,
-von welchem Orte bekanntlich der Weg nach dem Korbachthale führt, im
-Zwischenraume einer Stunde folgende zwei Depeschen ein:
-
-„An Herrn +Morawski+, Verweser zu +Altenberg+. -- Lassen
-Sie +Ihre+ Maschine arbeiten. -- Mit allen Ihren Vorkehrungen
-einverstanden. -- Hier geht Alles vortrefflich. =K.= unterliegt,
-nicht weiter zu fürchten, wenn Sie gut arbeiten.‟ -- Unterzeichnet:
-„Kollmann.‟
-
-Die zweite lautete:
-
-„Theurer Vater! Vollständiger Erfolg. Vor einer Stunde alle Kontrakte
-unterzeichnet. =K.= ist aus dem Felde geschlagen. Ich komme morgen
-Abends.‟
-
-„Da habe ich einmal -- sagte der Stazionsbeamte zu seinem Gehülfen
--- eine Anekdote gehört, wie in der Menagerie in London der Tiger
-und der Löwe einander über Nacht gegenseitig aufgefressen, so daß von
-beiden Nichts übrig blieb als die Köpfe. Etwas Aehnliches scheint
-hier vor sich zu gehen; lesen Sie einmal!‟ -- Der Gehülfe las und
-bemerkte, daß die beiden Schreibenden vielleicht gegen einen dritten
-gemeinschaftlichen Feind gesiegt hätten. „Gott bewahre, erwiederte der
-Andere, -- ich kenne den Zusammenhang, es sind die zwei Fabrikanten,
-die einander zu Grunde richten wollen. Nun, wir werden bald sehen,
-welches =K.= das andere untertaucht.‟
-
-Er kopirte die Depeschen, machte sie zur Expedizion zurecht und fuhr
-fort: „Die Stücke sollen durch Expressen befördert werden, es ist dafür
-dort bezahlt worden. Ueber Altenberg nach Korbach? wir können zwei
-Expressen aufrechnen, da die eine Depesche bereits vor einer Stunde
-gekommen und wir sie schon hätten absenden können.‟
-
-„Gewiß, wenn wir gewollt hätten‟ -- --
-
-„Nun, schicken wir sie unter +Einem+. Glücklicherweise ist keine
-Fabrikgelegenheit da. Lassen Sie den Schneiderpeter holen, -- der fährt
-um die halbe Taxe!‟
-
-Nach einer halben Stunde erschien der Genannte, eine gutmüthige,
-verhungerte Gestalt in Nankingbeinkleidern und himmelblauem Rocke.
--- Er übernahm die Depeschen, beendigte zu Hause eine Flickarbeit,
-richtete seinen Einspänner zurecht und fuhr in einem gemüthlichen
-Mitteltempo zwischen Schritt und Trab von dannen. Da er wiederholt in
-Bauern- und Wirthshäusern kurze freundschaftliche Besuche abstattete,
-wurde er fortwährend von einem fleißig ausschreitenden Hausirjuden
-überholt, welcher, mit seinem sechzig Pfund schweren Magazin auf dem
-Rücken, gleichzeitig mit ihm in Altenberg eintraf.
-
-Das Pferd wurde in den Stall gestellt, und auf der Hausbank ein Glas
-Wein in Gesellschaft des Gevatter Wirthes getrunken. -- Das regste
-Leben herrschte im Orte; die Gebäude waren vollendet; eben ausgepackte
-Maschinenbestandtheile lagen auf dem Platze vor der Fabrik umher.
-
-„An dem Morawski, begann der Wirth, hat Herr Kollmann den Rechten
-gefunden. Vor drei Tagen hat er wieder hundert Slowaken, die von der
-Eisenbahnarbeit nach Hause geschickt werden sollten, aufgenommen,
-für die großen Grabungen am Wassergang und dem Dammbau, und fünfzig
-Italiener für die Steinarbeiten.‟
-
--- „Das nützt Alles nichts; gegen den Korbacher kommt er doch nicht
-auf.‟
-
--- „Das wird sich zeigen; schau die Walzen an, sie sind größer als
-jene, die sie dort haben. Sie werden bald die Augen aufreißen! Die
-Lutherischen drüben haben ja schon geglaubt, gegen sie stehe Nichts
-mehr auf im Lande.‟
-
-„Ist der Erzbischof schon bei Euch durchgekommen?‟
-
-„Nein, es war ein Anderer, der statt seiner die Einweihung vornehmen
-soll. Es sind drei Wagen mit Geistlichen vorübergefahren; der
-Vornehmste hat den Segen gegeben. Da hättest du sehen sollen, wie die
-Slowaken auf das Gesicht gefallen sind. Das ist ein Volk! aber noch
-immer besser als die da drüben! sie haben wenigstens eine Religion;
-aber in Korbach glauben sie an gar Nichts als an einen Herrgott.‟
-
-„Ja freilich,‟ meinte der Schneiderpeter, „so lange der Mensch gesund
-ist und vollauf hat, thuts der Herrgott allein, aber wenn Einer krank
-wird und recht herunterkommt, müssen doch die Mutter Gottes und die
-Heiligen wieder heraushelfen. Ich habe aber einen Telegrafen an Herrn
-Morawski im Sack und bin Expresser.‟
-
-„Geh in die Kanzlei, -- er ist gerade hinübergegangen.‟
-
-Morawski las die Depesche mit sichtlicher Aufregung, und rief
-den Werkführer Fontana zu sich, mit welchem er sich lange und
-angelegentlich besprach.
-
-Das Resultat der Unterredung wurde bald offenbar. -- Obgleich es erst
-Mittag war, ertönte die Glocke, welche gewöhnlich nur zum Feierabende
-und zur Mittagsruhe geläutet wurde, und die Arbeiter warfen ihr
-Geräthe weg und versammelten sich auf dem Rasenplatze vor der Fabrik.
-Morawski trat heraus und befahl den Italienern, sich abzusondern und
-Herrn Fontana zu folgen, welcher sich mit ihnen etwa fünfzig Schritte
-entfernte, in ihre Mitte stellte und, mit einigen Abänderungen, eine
-gleichlautende Rede mit jener hielt, in welcher sich Morawski gegen die
-Andern vernehmen ließ.
-
-Ein Blick auf Letzteren machte begreiflich, daß er das Vertrauen
-Kollmann’s besaß, -- Redner und Publikum waren einander werth. Herr
-Morawski war ein großer breitschulteriger Mann, mit blatternarbigem,
-verschmitzten Gesicht, Ohrringen in beiden Ohren und stark böhmischem
-Akzent.
-
-Die Slowaken anlangend, standen dieselben in ihren ungeheuern
-Stiefeln, ausgefransten Leinwandsäcken, die die Beine bedeckten,
-und breiten Hutdächern mit einem Ausdrucke da, welcher zu Studien
-über die Perfektibilität der Thierseele Anlaß geben, aber auch
-alle sanguinischen Hoffnungen auf dieselbe abschneiden konnte. --
-Diese Nazion ist offenbar an einem regnerischen Freitag gegen Abend
-geschaffen worden. Wenn sich, wie bekannt, im Kopf eines Hechtes das
-sogenannte Leiden Christi, nämlich alle Instrumente vorfinden, welche
-zur Marter des Herrn, vom Verhör bei Pontius bis auf Golgatha, gedient,
-so müssen sich im Kopfe eines Slowaken überdieß die Torturwerkzeuge
-aller der Tausende von heiligen Märtyrern entdecken lassen. Wenn dieses
-Volk jubelt, klingt’s noch immer wie wenn ein anderes heult: der Slowak
-mag arbeiten oder trinken, betteln oder stehlen, durch jede Funkzion
-seines Lebens wird der nazionale Urjammer, der spezifisch-slowakische
-Weltschmerz durchtönen. --
-
-Morawski sprach zu ihnen wie folgt:
-
-„Unser gnädiger Fabrikherr, Euer Arbeitgeber, sieht vor Allem auf
-die Gottesfurcht und Frömmigkeit seiner Arbeiter. Er will gern einen
-Schaden erleiden, wenn Ihr dafür ein Werk der Andacht verrichten könnt.
--- Er gibt Euch zwei Tage frei, ohne den Lohn abzuziehen. -- Es wird
-morgen die Kirche in Korbach geweiht; ein hoher Geistlicher, welchen
-der Erzbischof geschickt hat, wird den Segen geben, welcher so gut
-ist, als ob er vom Erzbischof selbst käme. Wer ihn erhalten will, der
-geht mit mir und Herrn Fontana, welcher Eure Kameraden führen wird,
-hinüber. Da Herr Kollmann will, daß Ihr in Korbach Nichts verzehrt, so
-werdet Ihr mit Lebensmitteln versehen werden. In Korbach sind viele
-Arbeiter, die an keinen Papst, keine Mutter Gottes und keine Heiligen
-glauben. Ihr werdet Euch ruhig und still betragen und jeden Zank mit
-diesen unglücklichen Menschen vermeiden, die Ihr bedauern müßt; wir
-werden aufbrechen, sobald Ihr Euern Wein und die Lebensmittel gefaßt
-habt, auch hat Herr Kollmann befohlen, daß Jeder von Euch einen
-Rosenkranz bekommen solle. Wer will die Wallfahrt mitmachen?‟
-
-Die Antwort war ein einstimmiges Freudengeschrei; man konnte glauben,
-es werde ein Häuptling zur Erde bestattet. -- Wenige Minuten später
-klang der prachtvolle Akkord des fünfzigstimmigen Evviva! aus den
-metallnen Kehlen der Italiener herüber, welche die Hüte in die Luft
-warfen, Kollmann und die Madonna, den Erzbischof und den Branntwein
-leben ließen, aber mit allem Schreien, Gestikuliren, Hin- und Herrennen
-nicht verhindern konnten, daß die melancholischen Slowaken ihre
-Flaschen und Brotsäcke früher gefüllt hatten als sie.
-
-In kurzer Zeit war Alles marschfertig. Der Kaplan hatte dem Ersuchen um
-eine Kirchenfahne willfahrt, mit welcher ein Arbeiter an die Spitze
-des Zuges trat, ihm zur Seite ein Vorbeter. Morawski und Fontana
-bestiegen einen leichten offenen Wagen, -- die Italiener führte ein
-Maurerpolier und vormaliger Chorist, Namens Pompeo. Sie eilten voraus,
-um dem Gesange ihrer Kameraden zu entrinnen, stimmten zuerst ein Lied
-zu Ehren der Madonna di Korbacco an, ließen sich aber von Pompeo leicht
-aus dem religiösen Gebiete ins melodramatische hinüberziehen und
-bildeten einen gelehrigen Chor zu seinen Donizettischen, Verdischen und
-sonstigen Arien.
-
-Als Alle abgezogen, machte der Schneiderpeter Anstalt zur
-Weiterbeförderung seiner zweiten telegrafischen Depesche.
-
-Das Pferd wurde angeschirrt, die Rechnung bezahlt, und er überholte mit
-leichter Mühe die Arbeiter und den Hausirjuden und gelangte mit wenigen
-Unterbrechungen bis Labring, eine halbe Stunde vor Korbach.
-
-Es war spät in der Nacht, als er bei seinem Geschwisterkinde, dem
-Ortsrichter, anklopfte. -- Dieser empfing ihn mit freudigem Ausrufe
-und den Worten: „Den ganzen Tag habe ich an Euch gedacht, Peter! ob
-Euch nicht eine Botenfahrt hereinführen würde. Morgen soll ich zur
-Kirchenweihe und heute klopft die Dirne meinen neuen Rock aus, und
-der Hund versteht falsch und springt hinauf, und reißt den Aermel in
-Fetzen. Ich hätte wohl noch einen Rest Tuch, -- wollt Ihr dran gehen?‟
-
-Der fleißige gefällige Peter ging flink an die Arbeit und stach
-so hurtig drauf los, daß er nahezu fertig war, als die Wallfahrer
-nachkamen und am Hause vorüberzogen. -- Schließlich traf er fünf
-Minuten nach den Italienern, eben so viele vor den Slowaken mit seiner
-Depesche im Korbacher Wirthshause ein, wo eben der Jude, der mit ihm
-zugleich von Frauenwang ausgegangen, seinen Großhandel in eine Ecke und
-sich selbst daneben niederfallen ließ. Der Schneiderpeter versorgte
-sein Pferd, setzte sich, um einen Augenblick auszuruhen, betäubt von
-Wein und Nachtfahrt, auf die Streu nieder und schlief alsbald ein. --
-
-Erst seit einer Stunde hatten auch die Bewohner des Ortes das
-Letztere gethan, nach dem bewegten Tage. Die Gemeinde hatte an den
-Vorbereitungen für Morgen gearbeitet, Alles übertüncht und behangen
-und gesäubert -- aber lässig und verdrossen waren die letzten Arbeiten
-verrichtet worden, als die Erwartung der Ankunft des Erzbischofs nicht
-in Erfüllung ging, sondern aus dem ersten Wagen Pater +Bernhard+
-stieg.
-
-Sein Name war in Korbach gehaßt, während trotz des dort herrschenden,
-nach der klerikalen Auffassung verderblichen Geistes, die Erscheinung
-des Erzbischofes nicht verfehlt hätte, großen Eindruck zu machen. Es
-liegt ein ganz eigner Zauber in der funkelnden Inful und dem Krummstab:
-das alte Spielzeug, der Nikolaus, tritt plötzlich vor das katholische
-Kind in lebendiger Größe hin, und während ein Pfarrer, Kaplan oder
-Dechant dem Bauer begreifliche, vertraute Erscheinungen sind, schwebt
-der Bischof immer ein gutes Stück über der Erde, zwischen geflügelten
-Engelsköpfen und Aposteln in Wolken.
-
-Der Kirchenfürst hatte jedoch seinen Entschluß geändert. Bernhard,
-von seinem Sturze von dem in die Luft gebauten Prälatenstuhl erholt,
--- hatte in der Residenz eine unglaubliche Thätigkeit entwickelt. Der
-Erzbischof, bereits durch Korbach’s Ablehnung, ihn zur Einweihung zu
-laden, gereizt, -- so wenig er es auch merken ließ, -- war nun selbst
-der Ansicht, daß die Dinge zur Entscheidung kommen müßten. Er hatte
-Bernhard, da seine Stellung im Kloster unmöglich geworden war, und
-man die Wahl des Valentin aus höheren Gründen nicht umstoßen wollte,
-zum Domherrn ernannt --; und da das Auftreten des alten Korbach
-besorgen ließ, daß das Fest nicht ohne Störung vorübergehn und er
-zwar eine Krisis herbeizuführen, nicht aber seine +Person+ einer
-Unannehmlichkeit auszusetzen wünschte, so übertrug er Bernhard die
-Vertretung derselben, und ließ ihm stillschweigend zu Allem, was er
-vorzukehren fände, freie Hand. --
-
-Ohne daß eine Aenderung des ursprünglichen Beschlusses nach Korbach
-gemeldet worden, traf der nunmehrige Domherr daselbst ein, bezog die
-im Pfarrhofe bereit gehaltene Wohnung, indem er die ihm durch den
-Pfarrer gemeldete Einladung, im Herrenhause zu wohnen, ignorirte, und
-ließ für die Geistlichen seiner Assistenz Zimmer im Gasthofe nehmen.
-Er erklärte, er habe vor, die religiöse Feier mit Vermeidung alles
-Kontaktes mit den weltlichen Elementen von Korbach vorzunehmen, was
-nicht verhinderte, daß er die Gemeindevorstände zu sich beschied, sie
-nach den getroffenen Vorbereitungen fragte, und mit großer Spannung
-eine Stunde, und eine zweite, auf ein Lebenszeichen des Gutsherrn
-harrte. --
-
-Mit Pfarrer Leo sprach er in kurzem trockenen Tone und als derselbe
-Einiges über den befriedigenden Zustand der Pfarre äußerte, unterbrach
-er ihn: „Der Erzbischof ist von der wahren Sachlage hier und in St.
-Martin zu genau informirt, um Ihrer Berichtigung zu bedürfen, -- er
-weiß auch, wer bei den Vorgängen im Kloster, die sein Herz betrübten,
-in vorderster Reihe stand.‟
-
-Er ging in die Kirche, -- wieder nach Hause -- die Reizbarkeit seines
-Temperaments hatte sich durch keine Aderlässe und niederschlagenden
-Pulver vermindert. -- Um neun Uhr Abends beschloß er eine verstärkte
-Ausgabe des Manövers mit dem Briefe: er schickte einen Geistlichen nach
-dem Herrenhause, um seine Ankunft formell anzusagen. „Kriecht er zum
-Kreuz und +kommt+, -- +gut+; dann wollen wir weiter sehen.‟
-Als Vertreter des Erzbischofs hatte er jedenfalls das Recht, den ersten
-Besuch zu erwarten. --
-
-Der Geistliche kam mit der Meldung, daß ihn der alte Herr in seinem
-Schlafzimmer empfangen, und gesagt habe, er werde als Kirchenpatron den
-Domherrn morgen an der Kirchenthüre erwarten und feierlichst begrüßen,
-und hoffe, derselbe werde mit allen Geistlichen der Assistenz ihm nach
-der Einweihung die Ehre erweisen, Mittags seine Gäste zu sein.
-
-Man sieht, daß die Diplomatie nicht die stärkste Seite beider
-Parteien war. Korbach konnte unmöglich glauben, daß der Domherr die
-gelegentliche Einladung durch den rückkehrenden Boten annehme. Der
-Domherr aber hatte nicht in der klaren Absicht die Sache zum Bruch
-zu treiben gehandelt, sondern sich doch als +möglich+ gedacht,
-den Triumf einer Unterwerfung Korbachs in die Residenz mitzubringen,
-wozu dieß der erste Schritt. Nun war für ihn nur ein Weg, und er war
-gleichwol ärgerlich über den erhaltenen Affront.
-
-Er suchte Ruhe, schickte die Musik weg, die auf dem leeren Platz zu
-spielen begann, und überließ sich den Gedanken an den kommenden,
-wichtigen Tag. Seine Aufregung war nicht viel geringer als vor
-Eröffnung der Stimmzettel. Er ging auf und nieder, las eine vor der
-Abreise aus der Residenz erhaltene Depesche Kollmanns, als wollt’ er
-sich überzeugen, daß er sie die zehn ersten Male richtig gelesen, und
-griff endlich zum Hut, um dem schwülen Zimmer zu entfliehen. --
-
-Schlummern mag der Eingeborne in Korbach -- nimmer der Fremde, der
-vergebens einer „Nachtstille‟ harrt. Sie ist entflohen an die äußersten
-Grenzen des Thales, vor dem ewigen Toben des Hammers, vor dem ewigen
-Rauschen des Wassers, -- des weißschäumenden Blutes in jenem Körper,
-dessen Riesenglieder nie alle zugleich ruhen. Laßt es stocken und
-das Herz, das große Schwungrad, steht still, der Athem der Gebläse
-verstummt, die Lebensglut der Feuerstätten verlischt, die tausend
-Gelenke der Räder erstarren. -- Die Perser hielten ihr Feuer nicht
-heiliger, als die Korbacher dieß Wasser. Beim Eintritt ins Thal
-empfängt es eine Ehrenpforte von Quadern und nun gleitet es weich dahin
-in blanken hölzernen Betten, hin zu den Werken, und lustig bietet sich
-ihm zum Tanze die flink umwirbelnde Turbine, -- gehorsam, wie der
-Elefant dem kleinen Kornaken, fügt sich seiner Laune das haushohe Rad.
--- Dort leiten es gewundene Röhren in weiche Wiesen -- dort fällt’s
-als Strahlenregen in Helenen’s Blumenbeeten -- -- jeder Tropfen nützt
-oder erquickt. Und während es zehnfach getheilt in rastloser Eile
-schäumend und sausend durch all’ die Räume sich drängt, und am Ausgang
-des Thales wieder vereint, wo jedes der fliegenden Korps dem andern
-erzählen mag, wie es gekämpft und was es besiegt, -- schleicht nur der
-Ueberfluß träge im steinigen Hauptbett dahin, wie Marodeurs zur Seite
-der Armee. Das Thal ist von den Wassergeistern erfüllt, man athmet
-sie bei jedem Schritte, -- sie drängen sich in der Nacht zu weißen
-Schaaren unter den Bäumen zusammen. Und wie die Sonne aufgeht über den
-Gerechten und Ungerechten, so kühlt auch die Nacht, -- diese frische,
-tannendurchduftete, schaumdurchsprühte Nacht von Korbach -- nicht nur
-die Wangen des Gerechten, sondern auch jene Bernhards.
-
-Er ging über die Brücke, den Gebäuden entlang, und stand vor der Thür
-des Walzwerkes. Er trat hinein, die Arbeiter grüßten, ohne ihre Arbeit
-zu unterbrechen und schoben ein Metallstück nach dem andern zwischen
-die Walzen, die das gußeiserne Schwungrad bewegte.
-
-Nun stand er vor diesem, -- betrachtete es, und konnte den Blick nicht
-davon abwenden -- -- wie es im rasenden, sinnverwirrenden Fluge sich
-drehte, daß die Speichen für das Auge in eine graue Scheibe verrinnen
--- ein Sklave des Wassers über sich, und mächtiger Zwingherr der
-Walzen unter sich, und diese wieder die Herren des Metalles -- das sie
-erfassen, so ruhig-spielend und leicht. Das Zucken des Lammes in der
-Löwentatze ist eher ein Widerstand zu nennen, als dieß ohnmächtige
-Schwinden in einer einzigen Umarmung.
-
-Der Beschauer vergißt der bewegenden Kraft, -- des Zusammenhanges, --
-des Begriffes: +Maschine+. Er sieht ein +Lebendiges+ vor sich
--- -- aber Keinem, der vor einem solchen Getriebe stand, hat jemals
-die Fantasie vorgespiegelt, daß es von einem Geiste des +Lichts+,
-einem Cherub bewegt werde: der nächste Gedanke ist nur der Geist der
-Finsterniß, der +Dämon+, selbst in der einfachen Mühle, und das
-Prinzip ergreift unwillkürlich den Zuschauer....
-
-Wahrlich auf hohem Gipfel der Nächstenliebe muß derjenige stehen, oder
-ein selten glückliches Dasein hingelebt -- oder ein taubenfrommes
-Gemüth als Wiegengabe eingebunden bekommen haben, -- der im ganzen
-Laufe seines Lebens nicht +Einmal+ Jemandem den frommen Wunsch
-nachgesendet, daß ihn -- -- der Teufel holen möge. Und Jeder, aus
-dessen Brust nicht der Polip des Hasses mit der letzten Wurzel
-ausgerissen, der lege die Hand aufs Herz, und gestehe, +welcher+
-Gedanke in ihm aufgezuckt vor der Höllengewalt dieser umherstürmenden,
-Alles zermalmenden eisernen Ungeheuer? -- -- Die Fantasie ist
-schuldiger, als das Herz. --
-
-Man wünscht ja nicht, +daß+ es geschehe; man denkt nur -- -- +wenn+ es
-geschähe! --
-
--- Wer wird dich blutgierig nennen, armer, hungeriger Praktikant
-der Staatsbuchhaltung, wenn du vor dem Rade stehst und ein dir
-sonst fremder Geist in dir denkt: eine +einzige+ Umdrehung; und die
-hundert und achtzig Vorrückungen sind vollbracht, deren es bedarf um
-vierhundert Gulden zu erreichen! Und so Jeder, der den Karren seines
-Jammerlebens nicht an die Stelle, die er ein „Ziel‟ nennt, schieben
-kann, ehe nicht der Karren seines Vorgängers umgestürzt und in den
-Graben am Wege gefallen. -- Und wenn der fromme Rechtgläubige die ganze
-übrige Menschheit, und der Razionalist die gesammte Klerisei im Geiste
-durch die Walzen zieht --? so sind’s eben Spiele der Fantasie, vom
-Windhauche der Teufelsmaschine aufgewirbelt.
-
-Der Stellvertreter des Fürst-Erzbischofs stand da -- das starre Auge
-auf dieselbe geheftet, und zeichnete in Gedanken auf den dunkeln Grund
-hinter den Speichen die Vignette zu dem „Liebet Euch unter einander,
-+daran+ soll man +erkennen+, daß Ihr meine Jünger seid‟ -- +er+ zog
-vor +inkognito+ zu bleiben. Er gedachte seines geliebten Klosters,
--- des Mannes, der seinen Platz einnahm -- seinem Auge erschienen
-die Metallplatten als Menschengestalten -- -- der alte Korbach --
-Alle, die in der Todtenkapelle zugehört, immer zahlreicher wurde die
-Gesellschaft -- -- -- die ganze protestantische Gemeinde hat der stumme
-Wunsch durch die Walzen gezogen -- -- Aber die Knechte fassen ewig nur
-Platte auf Platte, und keiner weist grinsend nach einem Besorgten und
-Aufgehobenen....
-
-Der Herr mag ihm den Willen für das Werk anrechnen! -- Seine Vision
-ward gestört, da der alte Korbach, welcher die Werke jede Nacht zu
-unbestimmter Stunde besuchte, am entgegengesetzten Eingange des
-Gebäudes erschien. Bernhard trat schnell ins Freie. Korbach hatte
-ihn aber erkannt, und mit der Wahrheit und Treue, welche die erste
-Pflicht des Erzählers ist, muß bekannt werden, daß auch der alte
-biedere Fabrikherr, als er am Rade vorüberging, von dem ansteckenden
-„Gedankenspiele‟ nicht verschont blieb. -- Und +sein+ Gedanke dürfte
-ihm in einer andern Welt zwar nicht als Verdienst angerechnet werden,
-aber dafür -- in +Erfüllung+ gehen.
-
-Der Domherr ging noch einige Zeit umher, sich für die Predigt
-vorbereitend, die er vor dem Hochamte zu halten gedachte. -- Er hatte
-den Grundgedanken dazu im Walzwerke gefunden. --
-
-Korbach aber kehrte ins Wohnhaus zurück, um sich zur Ruhe zu begeben.
-Als er ans Fenster trat um es zu schließen, drang ein seltsames
-Getön vom Ende des Thales her an sein Ohr, -- es wurde immer lauter,
-deutlicher und wehmüthiger, und er erkannte den Slowakengesang und
-wußte nicht, wie er sich die Rücksichtslosigkeit der nächtlichen
-Wallfahrer erklären sollte. -- Das Lied verstummte, und es folgte das
-sogenannte Fahnenduett aus den Puritanern, von einem zahlreichen Chor
-im raschesten Tempo ausgeführt. -- „Das läßt sich eher hören,‟ sagte
-er, „aber wer zum Henker hat denn den Einfall, das ganze Thal in der
-Nacht aufzubrüllen?‟ -- Nun klangen die beiden Chöre ineinander, als
-gelte es, wer den Andern überschreie. „Ich gehe hinab,‟ rief er, „und
-wenn die Kerls -- ich habe gar keinen Begriff was sie nur wollen --
-nicht das Maul halten, so läute ich die Arbeiter zusammen und lasse sie
-bis Labring hinüberpeitschen!‟
-
-Als er die Thür öffnete, trat ihm Helene entgegen, im weißen
-Nachtkleide, worüber sie ihr dunkelblaues Tuch geworfen, das Köpfchen
-von den dichten blonden Flechten umwunden, und sagte lachend: „Vater,
-wenn nicht Alles trügt, so sind die Erzbischöflichen angerückt und
-beziehen da unten ein Lager.‟ --
-
-„Wollte Gott,‟ rief Korbach, „es wäre Ernst, und wir lebten noch in
-der Zeit, wo es Erzbischöfliche und Pfalzgräfliche und Städtische und
-dergleichen mehr gab -- in unserm elenden Jahrhundert darf man kaum
-eigenhändig Einen zum Hause hinauswerfen. Ich will nun sehen, was es
-ist.‟
-
-Der Markt war in Alarm. Als Korbach erfahren, daß es die Altenberger
-seien, ertheilte er sogleich Befehle; die Arbeiter wurden in den
-Werkstätten konsignirt, Keiner durfte ins Freie, die Gemeindevorstände
-mußten die Bauern beruhigen, die Häuser wurden geschlossen und die
-Lichter verlöscht. Alle Vorsicht war um so nöthiger, als die Stimmung
-Abends nach der Ankunft des Domherrn eine so gereizte geworden, daß es
-der kleinsten Anregung bedurft hätte, um eine Katzenmusik unter den
-Fenstern desselben zusammenzubringen.
-
-Korbach kehrte nach Hause zurück und die Nacht verlief ruhig. Beim
-Frühstück, das er in Helenens Gesellschaft einnahm, wurde ein
-„Expresser‟ gemeldet, und es erschien -- der Schneiderpeter.
-
-Korbach warf ihm einen Thaler hin, und rief, nachdem er weggegangen, --
-die Depesche Helenen reichend: „Viktoria! gute Nachricht von Arnold!
-nun soll mir Sprenger mit seinen Bedenklichkeiten kommen! Unser Monarch
-hält sein Zepter noch an einem Ende in der Hand, und die Pfaffen mögen
-am andern ziehen und winden wie sie wollen, zuletzt reißt er’s ihnen
-doch wieder aus den Fingern und klopft sie noch darauf, obendrein! --
-Hätt’ ich die Depesche Abends bekommen, ich wäre zum Domherrn gegangen,
-und vielleicht gar höflich mit ihm gewesen -- der +Sieger+ kann einen
-+ersten Schritt+ machen, -- einem geschlagenen Feind, heißt es, soll
-man goldene Brücken bauen! -- Nun bleibt’s aber auch bei meinem
-Beschlusse in Betreff Arnolds.‟ -- Helene, welche verstand, was er mit
-den letzten Worten meinte, schien sich über dieselben zu freuen.
-
-Unten wurde es bereits lebhaft. Scharen von Bauern aus allen
-umliegenden Orten waren zugeströmt, eine bunte Menge in
-Feiertagskleidern bedeckte den Platz, füllte die Gaststuben,
-vertheilte sich im Park des Herrenhauses, von welchem nur ein Theil für
-die Bewohner abgesperrt war. In vielen kleinen, offenen Kaleschen kamen
-die Verwalter, Hammerbesitzer, Amtsleute und sonstigen Honorazioren, --
-auf Steirerwägen die blumengeschmückten Burschen und Mädchen.
-
-Das Programm des Tages war: um neun Uhr die Einweihung; dann Predigt;
-Hochamt; Diner im Herrenhause -- Nach dem Nachmittagssegen große Tafel
-im Park, wo sämmtliches Fabrikpersonale bewirthet werden sollte.
-
-Gegen neun Uhr stellten sich die Korbacher Arbeiter in schöner Ordnung
-im Halbkreise vor der Kirche auf. Die Altenberger waren gleichfalls
-hereingezogen; Morawski bat höflich, ihnen einen Platz anzuweisen, und
-man stellte sie, den andern gegenüber, in einiger Entfernung auf.
-
-Nun erschien Korbach mit seiner Tochter, gefolgt von den Beamten und
-dem gesammten höheren Personale der Fabrik, in schwarzer Kleidung,
-und erwartete an der Spitze der Seinigen am Eingange der Kirche den
-Domherrn. -- Dieser schritt im vollen Ornate mit seiner Assistenz
-vom Pfarrhofe herüber, am Gutsherrn vorbei, dessen Gruß er nicht zu
-bemerken schien und die Feierlichkeit begann, und ging in bekannter
-Weise vor sich. Die Geistlichen umschritten die Kirche mit den
-Rauchfässern, gingen dann hinein, besprengten alle Räume mit geweihtem
-Wasser, und sprachen Gebete und nun folgten die Weltlichen, so viel
-ihrer Platz fanden, in das nunmehr zum Gottesdienste geweihte Haus.
-
-Der Domherr bestieg die Kanzel. Korbach begab sich mit Helenen in das
-derselben gegenüber befindliche Oratorium.
-
-Die Predigt begann.
-
-Der Text war: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. -- Die
-Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
-
-Bernhard ging kurz über die erste Hälfte desselben hinweg, und wendete
-die gesammte Kraft seiner Rede auf den letzten Satz. -- Auch nicht
-+Ein+ Wehen des Taubenfittigs! -- -- Nichts als die Kralle des Teufels
-in den Nacken dessen, der da glaubt, es gebe einen andern Weg nach dem
-Himmel als jenen, der durch brennenden Schwefel beleuchtet ist. --
-„Was hilft ein neues Gebäude, wenn nicht ein neuer Geist einzieht? --
-Wer die räudigen Schafe nicht von den reinen trennt und vertilgt, ist
-Gott verantwortlich für das Verderben der letzteren. Das Feuer, das
-auf die entarteten Städte fiel, möge über das Thal herabfallen, wenn
-einmal nicht fünf Gerechte darin zu finden, und dahin +muß+ es kommen,
-wenn die Pest der Ketzerei Hütte auf Hütte ergreift. -- Aber der Herr
-weiß den Schuldigen zu finden, wenn nicht hier doch +drüben+.‟ -- Und
-nun kam das Bild der Hölle: Das Schwungrad, die Walzen, die Hämmer,
-der Hochofen -- das mußten ja die Arbeiter begreifen: wie die Seelen
-und Leiber zerquetscht werden von den Rädern, die der geschmolzene
-Pechstrom umtreibt. -- Hierauf folgte die Anwendung, wie Derjenige, der
-die irdische Maschine mißbraucht, um die Ketzer zu ernähren, von der
-höllischen erfaßt und mit ihnen zermalmt wird zur Strafe des Frevels,
-daß er Stein auf Stein aus den Mauern der Kirche gebrochen, deren
-~patronus~, +Schutzherr+ er sich genannt.‟
-
-Er heftete den Blick fest auf Korbach, welcher aufstand, mit seiner
-Tochter das Oratorium verließ, langsam zwischen den sich öffnenden
-Reihen die Kirche durchschritt, und sich in ruhiger, würdevoller
-Haltung über den Platz nach dem Herrenhause begab.
-
-Der Geistliche hielt absichtlich inne, um die Störung desto
-auffallender zu machen, und wartete noch einige Augenblicke, nachdem
-der Fabrikherr die Kirche verlassen, welchem einige Korbacher gefolgt
-waren.
-
-Dann hob er mit schmerzlich bewegter zitternder Stimme wieder an, und
-bat Gott um Gnade für den Sünder, der dem Worte, das ihn zum Heile
-führen könnte, aus dem Wege geht -- fiel aber bald in den früheren Ton,
-indem er dem Gutsherrn und Allen die zu ihm hielten, die gesammten
-Blitze und Donner des Anathema nachsandte, so daß es endlich auch den
-Uebrigen zu arg ward, welche die als Ausbund aller Laster geschilderten
-Protestanten als die bravsten und ehrlichsten Leute kannten, und
-die Kirche leerte sich rasch von den ursprünglichen Besuchern und
-füllte sich in demselben Maße mit Slowaken, für deren Kapazität es
-ganz gleichgültig war, in welcher Sprache gepredigt wurde. Trotz der
-gespannten Aufmerksamkeit, welche auf ihren Gesichtern zu lesen war,
-kürzte der Domherr nun die Predigt ab und verließ die Kanzel um das
-Hochamt zu halten, welches mit dem Aufwande der besten musikalischen
-Kräfte des Thales stattfand und ziemlich drei Stunden währte.
-
-Die Kollmann’schen Arbeiter, von Morawski und Fontana in jeder Bewegung
-geleitet, nahmen nun fast die ganze Kirche ein, und die Korbacher,
-obgleich sie ihnen selbst den Platz geräumt, sahen es mit Aerger an.
-Die fremden Besucher bildeten abgesonderte Gruppen, allgemein wurde
-das Benehmen des Gutsherrn besprochen, von den Meisten gebilligt,
-von Einigen getadelt; -- als der Gottesdienst geendet war, hatte sich
-Verstörung und Mißstimmung aller Gemüther bemächtigt.
-
-Nun fuhren die Wagen mit den Geistlichen vom Pfarrhofe weg. Vor dem
-Kirchenthore ließ Bernhard halten, stand auf, segnete die Wallfahrer
-und sprach zu den nebenstehenden Gemeindevorständen mit weithin
-vernehmlicher Stimme: „Ich danke Ihnen für Ihre Bemühung zur würdigen
-Feier der heiligen Handlung. Wenn dieselbe nicht so vor sich ging wie
-es sein sollte, ist es nicht Ihre Schuld. Noch ist eine Handbreit Erde
-für den Samen des Guten in Korbach zu finden und ich bitte Sie nicht
-zu verzagen, -- die Kirche wird Sie schützen, ihr Segen wird Ihnen so
-wenig fehlen, als die Strafe Denen, die sich nunmehr offen gegen sie
-aufgelehnt haben.‟
-
-Die Vorstände hörten schweigend und ernst der Anrede zu, -- als
-aber die Wagen um die Ecke waren, ließ ein Hammerknecht, der zu den
-glühendsten Anhängern des Gutsherrn gehörte, aus voller Brust ein
-Vivat Korbach! erschallen, und da es bei einer aufgeregten Volksmenge
-nur eines zündenden Funkens bedarf, so scholl der Ruf, von Hunderten
-wiederholt, an die Ohren des Domherrn und seiner Begleitung, als
-Abschiedsgruß, -- als wollte man den stummen Empfang gutmachen der ihm
-bei der Ankunft zu Theil geworden.
-
-Morawski’s Augen leuchteten auf bei dem Rufe. Wie ein General oft
-mitten in der Affaire einen neuen Plan faßt, schien er jetzt mit dem
-seinigen im Reinen. Da trat Fontana zu ihm und sagte leise: „Meine
-Italiener sind nicht zu halten, sie wollen in die Wirthshäuser.‟
-
--- „Das dürfen sie nicht. Haben sie nichts mehr vom Vorrath?‟
-
--- „Keinen Schluck und keinen Bissen!‟
-
--- „Das ist schlimm. Verzehrt darf Nichts werden.‟
-
--- „Auch sind sie ungeheuer aufgeregt: es hat sich unter ihnen
-verbreitet, der Domherr habe den Korbach exkommunizirt. Ein Theil sagt,
-dieser habe Recht, die Andern reden vom Fenstereinwerfen.‟
-
--- „Da ist keine Minute zu verlieren, -- hier sind vierzig Gulden,
-führen Sie sie augenblicklich fort, nach Labring, lassen Sie sie zechen
-und dann marsch! nach Hause! Ich kann hier keine Hitzköpfe brauchen.
-Meine Slowaken sind die rechten, -- gehen Sie in Gottes oder des Herrn
-Kollmann Namen!‟ -- schloß er lachend. --
-
-Fontana sammelte seine Schaar, welche alsbald zum Orte hinaus und die
-Straße hinab lärmte, dem Walde zu.
-
-Die Korbacher waren gegen Wallfahrer überhaupt, namentlich gegen die
-jetzt anwesenden eingenommen. -- Aus dem prinzipiellen Standpunkte sind
-die Akten über die Karawanen, welche die Wüste des Aberglaubens unter
-dem Namen von Prozessionen durchziehen, längst geschlossen. Der Ort,
-von welchem die Arbeitskräfte und das Geld exportirt werden, hat die
-Handelsbilanz offenbar gegen sich; das Mekka, wo sich die silbernen und
-wächsernen Votivsteuern ansammeln, und jedes Haus ein Wirthshaus, hat
-sie +für+ sich, -- ein Vortheil, welcher aber durch das fisische
-und moralische Ungeziefer, welches die frommen Scharen zurücklassen,
-weit überwogen wird. Nun sollte das Letztere allein der Antheil der
-Korbacher Gemeinde sein! -- Sie hatte langmüthig zugesehen, wie die
-Ankömmlinge ihre Wiese in der Nacht so zu sagen abgeweidet; das Gras
-war allenthalben zertreten und selbst Feuerstellen waren zu sehen.
-Der Richter war am Morgen, ohne Korbachs Wissen, zu den Fremdlingen
-hinausgegangen und hatte Explicazionen verlangt. -- Wenn eine Großmacht
-eine Ohrfeige erhält, wird der Gesandte beauftragt ~de demander
-des explications~, ob damit eine Beleidigung beabsichtigt sei.
--- Morawski hatte sich äußerst artig entschuldigt, er habe in der
-Nacht nicht im Orte Quartier nehmen wollen, und im Namen seines
-Herrn Schadenersatz angeboten, den jedoch Korbach anzunehmen verbot.
--- Nun waren die Italiener abgezogen, die Andern lagerten nach dem
-Gottesdienst an der Straße und verzehrten was sie mitgebracht. -- Die
-Bauernbursche standen nach dem Mittagsessen beisammen und beriethen die
-Eventualitäten eines Zusammenstoßes. --
-
-Im Herrenhause war das Diner der Honorazioren vorübergegangen, ohne
-daß der Abgang des Domherrn der Fröhlichkeit Eintrag gethan hätte.
-Die Predigt fand die heftigste Mißbilligung; Korbach sagte, er habe
-sich zurückgezogen, da er nicht Lust gehabt, sich von einem Fanatiker
-insultiren zu lassen, der die heilige Stätte mißbrauche, um seinem
-Aerger über eine erlittene Niederlage Luft zu machen; er sei überzeugt,
-daß die Regierung solchen Uebergriffen zu begegnen wissen werde. Der
-Beweis, daß sie die gerechte Sache schütze, liege darin, daß trotz
-der Konflikte zwischen ihm und der Geistlichkeit seine Beziehungen
-zu den höchsten Behörden ungetrübt geblieben, wie eben eingetroffene
-Nachrichten von seinem Sohne bewiesen.
-
-Die Gäste stimmten bei, und eine Reihe von Toasten auf Toleranz,
-Gleichberechtigung der Kulten u. dgl. beschloß das Mahl.
-
-Nach demselben begaben sich die Gäste in den Garten, wo die
-Vorbereitungen für die Bewirthung der Arbeiter nach dem Abendsegen
-getroffen wurden. Ehe Letzterer begann, hatten die Slowaken wieder
-einen Theil der Kirche und den Platz am Eingange gefüllt. -- Sie
-begingen keine einzige offensive Handlung. Sie +waren nur da+. Wo
-ein Anderer gehen und stehen wollte, da ging und stand ein Slowak. Ohne
-zu Thätlichkeiten zu schreiten, drückte und schob man sie aus dem Wege,
-aber die Trägheit der Masse, die bei alle dem von einer unsichtbaren
-Hand geleitet schien, gewann immer die Oberhand, und die Korbacher
-konnten ihrer neugeweihten Kirche nicht froh werden.
-
-Als der Gottesdienst vorüber war, begaben sie sich über die Brücke
-nach dem Park, und nahmen an den Tischen Platz. Die Fremden aber
-schienen ihre Andacht über Nacht fortsetzen zu wollen. Es ist dies
-übrigens Nazionalsitte; wer jemals Gelegenheit gehabt dieses Volk in
-seinen überirdischen Beziehungen zu beobachten, wird gefunden haben,
-daß seine Andacht sich nicht mit dem Maße der übrigen Christenheit
-mißt. Die Kirche ist an Feiertagen sein Bivouac, -- es liegt und steht
-stundenlang darin, geht ein wenig heraus, ißt und trinkt, -- dann
-wieder hinein, bis in die Nacht. -- Nun breiteten sie ihre Kotzenmäntel
-auf den Boden, lagerten sich und packten wieder mitgenommenen Proviant
-aus.
-
-Korbach’s Arbeiter waren von ihnen durch die Brücke und die
-Umfriedigung des Parks getrennt, in welchem sie an den langen Tischen
-saßen, zwischen denen der Gutsherr ab und zu ging, mit den Leuten
-freundlich sprechend, und beständig die Fremden im Auge behaltend. --
-Die Protestanten und Katholiken saßen gemengt, die gespannte Stimmung
-begann einer fröhlichen zu weichen und man kümmerte sich nicht um die
-Slowaken. Plötzlich stimmten diese auf ein Zeichen Morawski’s eines
-ihrer Jammerlieder an. -- Ein Murren antwortete. -- Korbach gebot den
-Seinen Ruhe, fand Gehorsam, befahl aber dem Wächter, das Gitterthor
-nach der Brücke zu schließen.
-
-Nun war das Lied geendet und man sah die Sänger sich erheben und wie
-zum Abzuge ordnen, woraus keineswegs zu schließen, daß sie gingen.
--- In diesem Augenblicke wiederholte der Hammerknecht, welcher das
-„Vivat Korbach‟ beim Abschiede des Domherrn provozirt hatte, diesen
-Ruf, und in der nächsten Minute scholl es vom Kirchenplatze mit dem
-vollen Kraftaufwande sämmtlicher slowakischer Lungen herüber: „~Zivio
-Gospodin +Kollmann+!~‟[2]
-
-Die Arbeiter fuhren schreiend von den Sitzen empor -- Korbach schlug
-mit voller Kraft mit dem Stocke auf den Tisch und nochmals dämpfte sein
-donnerndes: Ruhe! den Aufruhr -- aber bereits war ein Stein aus dem
-Park über die Staketen geflogen und hatte einen Slowaken an den Kopf
-getroffen.
-
-Morawski schien seine Leute mit eiserner Gewalt zu beherrschen, denn
-das angestimmte Geheul verstummte augenblicklich wieder, und nun
-rief er vortretend, gegen das Gitter hin: „Die Beleidigung frommer
-Wallfahrer, welche beten, während Andere trinken, wird ihre Richter
-finden! Wir ziehen ruhig ab, haben Niemanden beleidigt, aber es
-wird uns auch Niemand verwehren, +unsern+ Brotherrn leben zu
-lassen, wie Andere den +ihrigen+, darum nochmals: ~Zivio
-+Kollmann+!~‟
-
-Der Ruf war noch nicht verklungen, so war dem Wächter der Schlüssel
-entrissen, das Thor geöffnet, und die von Wein und Zorn glühenden
-Arbeiter stürzten wie ein Wildwasser, das den Damm durchrissen, heraus,
-über die Brücke auf die zusammengedrängten Fremdlinge. Korbach’s
-Ruf ward überschrien, er vermochte nur mit äußerster Anstrengung
-in die vorderen Reihen der Seinigen zu gelangen, allein während er
-die Nächsten zurückwarf, setzten die Andern, vom Dunkel begünstigt,
-auf allen Seiten ihr Rachewerk fort. Die Slowaken waren stämmige,
-kraftvolle Leute, vermochten aber der überlegenen Anzahl der eben
-so kräftigen Hammerleute und Schmiede, denen sich auch die Bauern
-anschlossen, kaum einige Minuten zu widerstehen, und wurden in
-einem verworrenen Knäuel mit unglaublicher Schnelligkeit die Straße
-hinabgetrieben, unter einem Hagel von Fausthieben auf ihre runden Hüte
-und breiten Rücken, -- und buchstäblich aus dem Orte hinausgeworfen.
-
-Korbach hatte nun das ganze Aufsichtspersonale um sich vereinigt und es
-gelang ihm, der Verfolgung Einhalt zu thun, -- jeder der Vorgesetzten
-wußte rasch und energisch die ihm unmittelbar unterstehenden
-Arbeiter zu sammeln, die Ordnung ward so schnell hergestellt, als
-sie gestört worden. Der Fabrikherr verkündigte strenge Untersuchung
-und Bestrafung derer, die zuerst angegriffen, schickte alle in die
-verschiedenen Werkstätten zur Nachtarbeit und besichtigte mit Einigen
-von der Gemeinde das Schlachtfeld, welches mit Hüten und abgerissenen
-Kleidungsstücken der Vertriebenen bedeckt war. Zwei Slowaken lagen
-schwer verwundet an der Kirchenmauer und wurden nach dem Herrenhause
-gebracht, wo sie den Händen des Arztes der Fabrik übergeben wurden.
-
-Während dieß geschah, kam Morawski mit einem Begleiter zurück,
-näherte sich Korbach und sagte ruhig, er komme, für’s Erste, um die
-zurückgebliebene Kirchenfahne der Wallfahrer zu holen. Sie wurde beim
-Laternenlicht gesucht, und fand sich, die Stange zerbrochen und das
-Tuch zerrissen. -- Morawski übergab sie seinem Begleiter, welcher damit
-fortging und erklärte, sofort seine Aussage über das Vorgefallene vor
-der Gemeinde-Obrigkeit zu Protokoll geben zu wollen.
-
-Das Ansinnen war nicht zu verweigern. Korbach, der ihn keines
-Wortes würdigte, ging ins Herrenhaus zurück, Morawski aber nach dem
-Ortsgerichte, wo er vor dem Richter und Geschwornen seine Aussage
-niederschrieb und unterzeichnete. Nachdem er sich noch überzeugt, daß
-die beiden Verwundeten sich in guter Pflege befänden, entfernte er
-sich und trat mit den Seinigen den Rückmarsch an, mit dem Gefühle der
-vollsten Befriedigung über seine Leistung.
-
-Kollmann hatte gut gewählt, -- Morawski seine Aufgabe in politischer
-und strategischer Beziehung so gut gelöst, daß ihn jeder
-~diplomate-militaire~ beneiden kann.
-
--- -- Nicht ohne Bedauern sehen wir unserer Erzählung durch das
-Zusammentreffen der Umstände einige der schönsten Effekte entgehen.
-
-Konnte nicht während des Kampfes Arnold mit seinem neuen Freunde
-Richard Forster erscheinen? Und da es zu unedel wäre, unsere Helden
-in Konflikt mit Slowaken zu bringen, konnten nicht wenigstens die
-Italiener Stand halten, -- Richard durch einen Messerstich verwundet,
-ins Herrenhaus gebracht, und die Liebe zwischen Helene Korbach und
-ihm auf so natürliche als überraschende Weise vermittelt werden
-durch Wundfieber und Rekonvaleszenten-Pflege? Oder konnten nicht die
-Kollmann’schen Freiwilligen das Haus stürmen und eine Rettung aus den
-Flammen vorbereiten? -- Statt aller dieser kostbaren Elemente bietet
-sich nichts als ein gemeiner Faustkampf der Arbeiter, Hinauswerfen der
-einen Partei, und leider die zerrissene Fahne, und ein Paar von Steinen
-zerschlagene Kirchenfenster und Slowakenköpfe!
-
--- -- Auf einen Befehl Korbachs, der in jenem Tone gegeben war,
-der keine Einwendung gestattete, hatte sich Helene beim Beginn der
-letztgeschilderten Szene in das Haus zurückgezogen.
-
-Sie wurde nun nach dem Arbeitszimmer des ernst und nachdenklich
-zurückkehrenden Vaters gerufen, und als dieser eben seine Erzählung
-des Vorgefallenen geendigt hatte, trat Arnold ein, -- in eben so
-ernster Stimmung, grüßte mit stummem Händedruck die Schwester, und
-sagte zum Vater: „Ich hoffe durch das, was ich bringe, das Unangenehme
-auszugleichen, was dir begegnet.‟ Dabei legte er die Kontrakte auf den
-Tisch.
-
-Während der alte Korbach dieselben durchflog, führten Arnold und Helene
-eines ihrer eigenthümlichen Augengespräche, in welchem sie ihm sagte:
-Zeige dich dem Vater nicht gedrückt, er ist es ohnedem, sei heiter! --
-Arnold verstand sie und sagte: „Nun ist mit Gottes und deinem Segen
-meine erste Mission gelungen, und meine zweite soll sein, wenn man uns
-einen unserer Wege abschneidet, einen andern zu eröffnen, mir ist vor
-Nichts bange, selbst wenn wir den Kontrakt +nicht+ hätten, -- wir
-haben ihn aber, und nun denke nicht an den Arbeiterkrawall, -- und
-noch weniger an den Domherrnkrawall, sondern ruhe und laß +mich+
-arbeiten!‟
-
-Bei diesen mit Zuversicht gesprochenen Worten sah der Vater Helene
-an und fragte: „Hast du Arnold denn schon Etwas gesagt -- daß er so
-spricht?‟ --
-
-Sie verneinte es und der Vater fuhr fort: „Bleibt in meinem Zimmer so
-lange Ihr wollt, ich gehe schlafen; mit dir, Arnold bin ich zufrieden,
-morgen mehr!‟
-
-Hierauf verließ er das Arbeitszimmer, und die Geschwister bemerkten
-mit Betrübniß, daß sein Gang nicht der feste, seine Haltung nicht die
-kräftige, stolze war wie gewöhnlich. --
-
-„Wie findest +du+ die Sache?‟ begann Helene.
-
--- „Ganz schlecht. Wie ich die Leute kennen gelernt, zerschneiden sie
-den Vertrag wie Kaiser Ferdinand den Majestätsbrief mit eigener Hand,
-nachdem was heute vorgefallen ist. Mußte der Vater von der Predigt
-weggehen?‟
-
--- „Er konnte nicht anders, nicht um den Preis unseres ganzen Besitzes.
-Wäre er geblieben, so hätte ich als Tochter seine Gründe achten müssen,
-wäre aber allein weggegangen.‟
-
--- „Das genügt mir. Wir müssen nun auf Schlimmes gefaßt sein.‟
-
--- „Fürchtete ich nicht für die Gesundheit des Vaters, so läge an dem
-Allem nichts. Vielleicht steht es nicht so schlimm, als du glaubst.‟
-
--- „Ich halte einfach den Kontrakt für zerrissen.‟
-
--- „Sage mir doch, könnt Ihr denn für Niemanden als Monarchen,
-Ministerien und Oberkommando’s arbeiten? Können denn die Geistlichen
-alle Menschen, welche auf dieser Erde Messingplatten brauchen, gegen
-uns aufhetzen? Die Reinhart in Dörnberg haben, wie ich gehört, keine
-einzige Staatsbestellung und sind so reich als wir.‟
-
--- „Ganz gut gesprochen, mein lieber Kompagnon, aber du weißt, daß der
-Vater sammt all’ seiner Opposizion gegen die Regierung das alte Prinzip
-der Firma nicht fahren läßt.‟
-
--- „Er wird es nicht; aber höre mich. Er hat heute nach Ankunft deiner
-Depesche gesagt: Arnold hat seine Sporen verdient! Ein schöneres
-Debüt für seine selbstständige Leitung könnte er nicht haben, als die
-Marinelieferung, er soll gleich selbst Dasjenige arbeiten, auf was er
-abgeschlossen. Ich übergebe ihm, da er nun 24 Jahre alt wird, die ganze
-Sache; es ist besser, er übernimmt das Geschäft zu einer Zeit, wo er
-mich noch ein Paar Jahre an der Hand hat. Du weißt nun, warum er mich
-früher gefragt; er wird gewiß morgen mit dir sprechen.‟
-
--- „Wenn ich ihn unter andern Umständen beschworen hätte, mich noch
-ein Jahr in der Residenz zu lassen, so wäre es jetzt geradezu eine
-Feigheit. Ich weiß, daß wenn ich freie Hand habe, das Geschäft in eine
-neue Bahn zu leiten, er in kurzer Zeit Resultate sieht, die ihm ein
-glückliches Alter bereiten.‟
-
--- „Mache was du willst und kannst; es ist ja Alles nur um des Vaters
-willen. Um dich und mich wird’s mir doch wahrhaftig nicht bange sein?
-Und wenn man uns so vollständig zu Grunde richten könnte, daß du in
-ein fremdes Geschäft gehen und ich als Gesellschafterin unterkommen
-müßte, was läge +uns+ daran? Aber für unsern Vater, und um der
-schönen Schöpfung unserer Mutter willen, zum Heil der Hunderte, die da
-glücklich und zufrieden und in der freien Ausübung ihres Glaubens,
-der der unsere, geschützt leben, und deren Aller Loos von unserem
-abhängt, muß unser altes, schönes Korbach stehen bleiben, und wenn
-alle Erzbischöfe der Welt mit ihren Krummstäben dagegen Sturm liefen.
-Getraust du dich es zu halten?‟
-
--- „Ja, wenn wir die alten unhaltbaren Verbindungen aufgeben und einen
-neuen Weg einschlagen.‟
-
--- „Den kann der Vater nicht betreten, folglich mußt du annehmen.‟
-
-Ruhig und klar besprachen die Geschwister die Lage, die sich durch die
-Vorfälle des Tages gezeichnet. Endlich fand Helene den Uebergang auf
-den Gegenstand, der ihr nach der großen Frage des Hauses am Meisten am
-Herzen lag.
-
-Sie wußte die Folge des Freinhofbesuches, wußte daß Arnold liebe und
-freute sich dessen. Es fiel ihr nicht ein, den Gedanken bis zu einer
-Konsequenz zu verfolgen, welche ihr Gefühl verletzt hätte. -- Hunderte
-ihrer Schwestern, weniger unschuldig als sie, sind schnell mit dem
-Verdammungsurtheile über die Liebe zu einer Frau fertig: entweder für
-einige Zeit, bis sie nämlich selbst der Gegenstand einer solchen Liebe
-geworden, oder auf immer, wenn sie es niemals werden. Eine andere Liebe
-zu einer Frau als jene des Göthe’schen -- nicht des wirklichen --
-Tasso konnte sich Helene nicht denken, und an einer solchen fand sie
-nichts Verwerfliches. -- Aus dem Zusammenklange von hellem Verstande,
-freiem Sinn und blütenreinem Herzen konnte nichts Anderes hervorgehen,
-als ein Segenswunsch für das Gefühl, in welchem sie Arnold glücklich
-sah.
-
-Er sprach heute ganz offen mit ihr, und sie ging in ihren Gedanken
-einen kühnen Schritt weiter. Sie fragte, indem sie Arnold vielsagend
-ansah: „Ist Julie Protestantin?‟ --
-
-„Ich weiß es nicht einmal,‟ war die Antwort.
-
--- „Ich begreife, daß Ihr Euch um andere Dinge als Euer
-+Glaubens+bekenntniß zu fragen hattet -- aber du weißt wohl, warum
-+ich+ fragte.‟
-
--- „Ich verstehe dich vollkommen. Ich vertraue dir Etwas, was mir nicht
-anvertraut worden, sondern was nur mein Gedanke ist... der Gedanke
-heißt: Julie ist nicht +seine+ Frau.‟ --
-
-Helene trat betroffen zurück -- ernst und schmerzlich sahen die
-dunkelblauen glänzenden Augen in die des Bruders. „Wenn es so ist,
-sagte sie mit Würde und Entschiedenheit, -- was kannst du sagen,
-Arnold, um zu rechtfertigen, daß du +mich+ zur Vertrauten einer
-Sache gemacht, von der ich Nichts wissen will, von dem Augenblicke an,
-wo deine Geliebte keinen Namen führt, mit dem +mein+ Mund sie
-nennen kann?‟
-
--- Arnold hielt Blick und Frage und Vorwurf ruhig und lächelnd aus
-und sagte: „Ich würde mich deiner Betroffenheit freuen, meine liebe,
-schöne, strenge Schwester, wenn sie sich nicht von selbst verstände.
-Vergiß aber nicht, daß der Antheil von Ehre unsers Hauses, für den du
-und ich Rechenschaft zu legen haben, ein ganz gleicher ist, und suche
-nach keinem andern Namen für Julie, als den sie verdient, nämlich jenen
-deiner Schwester und einer Tochter unserer Eltern.‟
-
--- „Bedenkst du, was du damit sagst, Arnold?‟
-
--- „Ich habe bedacht, ehe ich abermals zu dir gesprochen. Ich hätte,
-nach der Reise, Juliens nicht mehr gegen dich erwähnt, wenn ich nicht
-überzeugt wäre, daß sie so +ist+, wie ich sage.‟
-
--- „Ich glaube dir, weil ich Nichts mehr glauben will, wenn ich an dir
-irre werde. Die einzige Frage ist nur, ob du nicht getäuscht wirst,
-indem +du+ glaubst.‟
-
--- „Lerne sie kennen und höre von +ihr+ die Worte: „Kein heiliges
-Band bindet mich an Kollmann, -- der Himmel ist ja barmherzig und löst
-die seinen -- aber meine Lippen sind würdig geblieben, die deinigen --
-würdig, die deiner Schwester zu berühren -- ich sehne mich nach ihr,
-der ich vielleicht mehr sagen könnte, als selbst dir!‟ -- Das höre von
-+ihr+, Helene, und dann zweifle!‟ -- Er reichte der Schwester die
-Hand und sah sie zärtlich, fast bittend an.
-
--- -- „Gott lasse es Licht werden über unserm Thal und Eurem Leben! --
-ich will ja Alles glauben -- Alles hoffen!‟ rief Helene und drückte in
-schweigender inniger Umarmung den Bruder ans Herz.
-
-
-[2] Es lebe Herr Kollmann!
-
-
-
-
-Ende des erste Bandes.
-
-Halle, Druck von H. W. Schmidt.
-
-
-
-
-
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-
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@@ -1,10899 +0,0 @@
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- The Project Gutenberg eBook of Dissolving Views, by Leo Wolfram.
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-
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Dissolving Views, by Ferdinand Prantner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Dissolving Views
- Romanfragmente von Leo Wolfram.
-
-Author: Ferdinand Prantner
-
-Release Date: May 21, 2017 [EBook #54754]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DISSOLVING VIEWS ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1861 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden
-stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente
-Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der
-damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.</p>
-
-<p class="p0">Im Inhaltsverzeichnis wurde für ‚Der Prior von Sankt
-Martin‘ die Seitenzahl von 139 zu 143 korrigiert.</p>
-
-<p class="p0">Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt;
-diese wird hier in Normalschrift dargestellt; Antiquaschrift
-erscheint dagegen <span class="antiqua">kursiv</span>.
-<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
-Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<p class="s2 center padtop5 break-before">Dissolving views.</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="s4 center">Erster Band.</p>
-
-<p class="center break-before padtop3">Bei <em class="gesperrt">Hoffmann
-und Campe</em> in <em class="gesperrt">Hamburg</em> sind erschienen:</p>
-
-<table class="reklame" summary="Buchliste Hoffmann und Campe">
- <tr>
- <td class="vat">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="thlr">
- Thlr.
- </td>
- <td class="sgr">
- Sgr.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <em class="gesperrt">Aston</em>, L., aus dem Leben einer Frau
- </td>
- <td class="thlr">
- &mdash;
- </td>
- <td class="sgr">
- 22&frac12;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Bernays</em>, Isaak, Schief Levinche mit
- seiner Kalle, oder polnische Wirthschaft. Ein komischer Roman.
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 15&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Christen</em>, F. E., Diana. Wahrheit und
- Dichtung. 2 Theile
- </td>
- <td class="thlr">
- 2
- </td>
- <td class="sgr">
- 15&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Malcolm. See-Gemälde aus der neuern Zeit.
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 15&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Clemens</em>, F., Der Excentrische. Roman
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Das entschleierte Bild zu Sais
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 10&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Corbiere</em>, Ed., die Zöglinge der Marine.
- 2 Theile
- </td>
- <td class="thlr">
- 2
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Douglaß</em>, Frederick, Sclaverei und
- Freiheit. Autobiographie. Aus d. Engl., bearb. von Ottilie Assing
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 15&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Elpis Melena</em>, hundert und ein Tag auf
- meinem Pferde und ein Ausflug nach der Insel Maddalena
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 15&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Garibaldi’s Denkwürdigkeiten. 2 Bde.
- </td>
- <td class="thlr">
- 2
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Falkson</em>, Ferd., Giordano Bruno
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 15&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Freese</em>, H., die Prinzessin von Ahlden
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 15&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Gathy</em>, A., Cavalcade, oder die
- Kunstreiterin
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Görner</em>, C. A., Almanach dramatischer
- Bühnenspiele. 8. Jahrgang
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 15&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Gregorowitsch</em>, N., die Fischer. Ein Roman.
- Aus dem Russischen. Nebst Einleitung von Alexander Herzen. 2 Theile
- </td>
- <td class="thlr">
- 2
- </td>
- <td class="sgr">
- 15&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Gutzkow</em>, <span class="antiqua">Dr.</span>
- K., Novellen. 2 Bände
- </td>
- <td class="thlr">
- 3
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Seraphine. Ein Roman
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 20&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; öffentliche Charaktere
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 20&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; zur Philosophie der Geschichte
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 20&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Börne’s Leben
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 15&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Halfern</em>, A. von, der Squire. Ein Bild aus
- den Hinterwäldern Nordamerikas. 2 Theile
- </td>
- <td class="thlr">
- 2
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Heine</em>, H., Reisebilder. 4 Theile
- </td>
- <td class="thlr">
- 7
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Der Salon. 4 Theile
- </td>
- <td class="thlr">
- 6
- </td>
- <td class="sgr">
- 20&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Vermischte Schriften. 3 Bände
- </td>
- <td class="thlr">
- 6
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Die romantische Schule
- </td>
- <td class="thlr">
- 2
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Ueber Ludwig Börne
- </td>
- <td class="thlr">
- 2
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- <em class="gesperrt">Herzen</em>, Alexander, aus den Memoiren eines
- Russen. Im Staatsgefängnisse und in Sibirien
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; &mdash; &emsp; Zweite Folge. Petersburg und Nowgorod.
- </td>
- <td class="thlr">
- &mdash;
- </td>
- <td class="sgr">
- 20&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; &mdash; &emsp; Dritte Folge. Jugenderinnerungen
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; &mdash; &emsp; Vierte Folge. Gedachtes und Erlebtes
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Briefe aus Italien und Frankreich
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Rußlands sociale Zustände
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- &mdash;&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="buchtitel">
- &emsp; &mdash; &emsp; Vom anderen Ufer
- </td>
- <td class="thlr">
- 1
- </td>
- <td class="sgr">
- 15&ensp;
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<h1><b>Dissolving views.</b></h1>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="titeldeko" name="titeldeko">
- <img class="w5em" src="images/titeldeko.jpg"
- alt="Dekoration" /></a>
-</div>
-
-<p class="s2 center"><b><span class="mleft0_3">R</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">f</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">g</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">t</span><span class="mleft0_3">e</span></b></p>
-
-<p class="center padtop3"><span class="mleft0_3">v</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">n</span></p>
-
-<p class="s3 center padtop3 mbot3"><b><span class="mleft0_3">L</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">o</span> <span class="mleft0_3">W</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">f</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">m</span>.</b></p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="s3 center padtop3">Erster Band.</p>
-
-<hr class="r25" />
-
-<p class="s4 center"><b>Hamburg.</b></p>
-
-<p class="s4 center"><span class="mleft0_3">H</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">f</span><span class="mleft0_3">f</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">n</span> <span class="mleft0_3">u</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">d</span> <span class="mleft0_3">C</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">p</span><span class="mleft0_3">e</span>.</p>
-
-<p class="s4 center">1861.</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[S. v]</a></span></p>
-
-<h2 id="Als_Vorrede"><span class="mleft0_3">A</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">s</span> <span class="mleft0_3">V</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">d</span><span class="mleft0_3">e</span>.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="center mbot2"><b class="s3">Dialog</b><br />
-im Censurdepartement des Polizeiministeriums im Lande der
-<span class="antiqua">Dissolving views</span> 1860.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Erster Sekretär.</em> Gut, daß Sie kommen! Ich bin kein Engländer,
-und da ist unter den beanständeten Büchern eines mit einem englischen
-Titel. Ich habe, da ich gestern sowol hier als zu Hause zu fragen
-vergaß, im Flügel’schen Dikzionnär nachgesehen. <span class="antiqua">Dissolve</span>,
-auflösen, zertheilen. Und <span class="antiqua">view</span>, Ansicht. Das schien mir gleich
-auf zersetzende, destruktive Ansichten hinauszulaufen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Ganz richtig; aber hier dürfte etwas Anderes gemeint
-sein. Wenn Sie weiter unten sehen wollen, &mdash; (schlägt das Dikzionnär
-auf) da steht:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p><span class="antiqua">Dissolving views</span>, &mdash; analitische Prospekte; mittelst zweier
-magischer Laternen dargestellte Bilder, deren eines durch Zuziehen
-der einen und Aufziehen des entsprechenden Schiebers der andern
-Laterne allmälig einem zweiten, dritten Bilde weicht.</p></div>
-
-<p>Wir haben ja solche hier im Theater gesehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[S. vi]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Das muß man eben wissen. Man kann nicht von uns
-prätendiren, daß wir auf alle erotischen Metafern der Romanschreiber
-eingehen. Haben Sie das Buch durchgesehen?</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Sehr flüchtig.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Auch ich. Da ich heute Etwas darüber sagen muß und sehr
-überhäuft bin, so habe ich es, wie gewöhnlich, meiner Frau zu lesen
-gegeben, die auf alle beanständeten Artikel erpicht ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Das pflege ich auch meinerseits häufig zu thun. Und was
-sagt Ihre Frau Gemalin?</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Sie sagt: der Roman sei Nebensache, bloße Emballage, um
-die Ansichten über gewisse Zustände und Personen einzuschmuggeln.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Sonderbar. Meine behauptet, der Verfasser habe dieses
-Element nur hineingemengt, um den Roman, der aber eigentlich keiner
-sei, zu illustriren.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Am Ende kann uns das gleichgültig sein. Uns ginge die
-Frage näher an, ob er viel gelesen würde? Und meine Frau leugnet das,
-und sagt, der Autor verderbe es mit allen Parteien.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Das ist doch ganz eigen! Meine ist vom Gegentheil
-überzeugt und findet, daß er es gerade mit der stärksten halte, überall
-der sogenannten Intelligenz <span class="nowrap">huldige. &mdash;</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. vii]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Sie werden doch hoffentlich diese Partei nicht die
-stärkste bei uns nennen wollen?</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Ich erzähle Ihnen nur, was meine Frau sagt. Was
-geschieht also mit dem Buche?</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Meine erste Impression war, daß es bei uns durchaus
-nicht aufliegen dürfe. Das Verbot läßt sich durch die Tendenz ganz
-allein hinreichend motiviren.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Wir brauchen ja Gott sei Dank überhaupt Nichts zu
-motiviren, was wir thun.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Ich meine auch nur dem Chef gegenüber. Aber die Sache
-hat eben zwei Seiten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> So fand ich auch. &mdash; Es ist eine fatale Geschichte.
-Lassen wir’s durch, so wissen wir, was sich Jeder beim Lesen denkt und
-am Ende glaubt man noch, wir haben’s nicht verstanden.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Und lassen wir’s nicht durch, so geben wir uns
-eigentlich eine ungeheure Ohrfeige.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Wie so?</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Weil wir, wenn wir auch auf der Tendenz herumreiten,
-geradezu eingestehen, daß wir es auf uns beziehen, obgleich weder das
-Land noch der &mdash; &mdash; Eine noch der Andere genannt ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Zweiter.</em> Ja wen meinen Sie denn?</p>
-
-<p><em class="gesperrt s4">Erster.</em> Und wen meinen denn <em class="gesperrt">Sie</em>, daß ich gemeint habe?</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="s5 center">(Die beiden Sekretäre sehen einander lachend an.)</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[S. viii]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt_des_ersten_Bandes">Inhalt des ersten
-Bandes.</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="vat">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="vab s5">
- Seite
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Vorrede
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;&#8199;<a href="#Seite_v">v</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Goldnebel
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;&#8199;<a href="#Seite_1">1</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Der Taschenteufel
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;<a href="#Seite_44">44</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Zimmerreise
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;<a href="#Seite_67">67</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <span class="antiqua">Clair-obscur</span>
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_102">102</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Der Prior von Sankt Martin
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_143">143</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Konkurrenz
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_175">175</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Ein thätiger Freund
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_213">213</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Im Hafen
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_251">251</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Bewegte Nacht
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_297">297</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Bescheerungen
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_341">341</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Kirchenweihe
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_385">385</a>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Goldnebel"><em class="gesperrt">Goldnebel</em>.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das Gewitter über dem Gebirgssee war vorüber. Fliehend zog das
-Wolkenheer nach fernen Thälern, versprengte Reste in den Klüften
-zurücklassend und das Banner der siegenden Abendsonne flammte auf den
-Felsengipfeln.</p>
-
-<p>Manche Riesentanne lag auf der Höhe, wo die volle Gewalt der
-entfesselten Geister des Gebirgs gewüthet, niedergerissen von den
-Wirbeln des Wettersturms. Am Mittag war als erstes Schlachtsignal
-ein langer dumpfer Donner über das Thal hingerollt und fast bis zum
-Untergange der Sonne standen auf den Bergen die dunkeln Schaaren der
-luftigen Streiter, deren Schatten den See in Nacht hüllten.</p>
-
-<p>So oft aber auch auf Erden der Kampf des Lichtes gegen die starre
-Finsterniß ein vergeblicher sein mag, am Himmel ist der Sieg der
-glänzenden Königin über die nächtigen Rebellen gewiß. Und als erst
-die kleinste Lücke in die schwarzen Massen geris<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span>sen, die erste
-Flammensalve der Sonne durch die Wolkenphalangen gebrochen war: da
-drang es herein, das uralte, ewig neue, freundliche Wunder, das
-Abendroth, unaufhaltsam die Felsenwände überströmend. Und nun brach
-sich’s feurig brandend auf der Höhe an einem durchsichtigen Damme von
-Tannen, welche wie flammende Christbäume in den Himmel hinausragten &mdash;
-floß wie Lava, nur verklärend statt zerstörend, über das Geröll und
-die steilen Wiesenhänge herab &mdash; drang waldeinwärts wie zur Verfolgung
-der geflüchteten Nebel in ihre letzten Schlupfwinkel und legte tausend
-Flämmchen an die dunkeln Baumstämme, als wäre der Hochwald erleuchtet
-von einem Fackelzuge der Berggeister zur Feier jenes Dichters, der
-da nicht geboren ward, sondern vom Anfange <em class="gesperrt">war</em>. &mdash; &mdash; Und nun
-senkt es sich in die Fluten des See’s, der noch hohe Wellen rollt und
-zerstiebt auf ihren überschlagenden Gipfeln in Millionen Goldfunken.
-&mdash; Längst ist oben reiner Gottesfriede, während es in der Tiefe noch
-rauscht und brandet.</p>
-
-<p>Ein Schiffchen durchschneidet den vergoldeten Schaum. Die beiden
-Männer, die es trägt, haben beim ersten Nachlassen des Gewitters die
-Fahrt gewagt, und ihre glühenden Wangen bezeugen den Kraftaufwand,
-welchen der Kampf gegen Sturm und<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> Wellen erforderte. Während der
-Aeltere, ein Bewohner der Gegend, mit der Ruhe der Gewohnheit den Krieg
-so wie den Frieden der Elemente betrachtet, hat das treue, tiefe Auge
-des Jüngern Beides lebendig zurückgespiegelt.</p>
-
-<p>Diese junge, kräftige Seele, die sich in diesem Augenblicke der
-siegreichen Macht des Körpers freut, empfängt alle Eindrücke rein und
-ganz, und gibt sie eben so wieder. Sie sieht noch nicht „ob jeder
-Freude schweben den Geier schon, der sie bedroht.“ Oder vielmehr der
-junge Mann hält ein sicheres Auge, eine feste Hand, eine gute Waffe für
-hinreichend, um den Räuber aus den Lüften herabzustürzen.</p>
-
-<p>Seine Erscheinung bietet Nichts von Allem, was die Uebersättigung
-interessant nennt. Keine Künstlerlocken wallen um die Stirn, um beim
-Aufzucken eines unverstandenen Schmerzes, am Klavier oder an der
-Staffelei, geschüttelt zu werden: sein blondes Haar ist kurz und
-schlicht. &mdash; Keine Weltgedanken haben Furchen durch die glatte freie
-Stirn gezogen, keine Geschichte von gefallenen Engeln und geknickten
-Blumen ist auf seinen Wangen zu lesen, und jedes Weib, welches sich auf
-das Fach des „Dämonischen“ versteht, wird ein einziger Blick in die
-geistig jungen und doch ernsten, schönen, offenen Züge überzeugen, daß
-ihr in der lockenden Aufgabe, dieses<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> Geschöpf Gottes zu verderben,
-noch keine zuvorgekommen.</p>
-
-<p>Er hat während der Fahrt seine graue Lodenjacke zu dem im sogenannten
-Kränzchen des Schiffes liegenden grünen Hut geworfen und die Hemdermel
-hinaufgestreift; der Sprühregen, den der Wind von den Wellen
-hinwegpeitscht, näßt seine Brust und die glänzenden, steinernen Muskeln
-des Armes. Er freut sich, die volle Kraft ins Ruder pressend, der
-Kühlung, während der alte Schiffer seinen warmen Kittel zugeknöpft hat
-und über den heißen Uebermuth des jungen Reisenden lächelt, der ihm
-kein Fremder, da er in dessen väterlichem Hause vor Jahren gedient.</p>
-
-<p>Das Bett des See’s, dessen ganze Länge der Nachen bei ruhigem glatten
-Wasser in einer Stunde durchmessen würde, krümmt sich in seiner Hälfte
-fast unter einem rechten Winkel. &mdash; Das Ufer des schmäleren Theiles
-&mdash; des sogenannten untern See’s &mdash; in welchem sich unsere Schiffer
-befinden, bilden nördlich die jäh abfallenden Wände des Wettersteines,
-&mdash; südlich steile Waldhöhen.</p>
-
-<p>Dieses letztere Ufer bietet dem vom Sturme Ueberfallenen die rauhe,
-aber freundlich rettende Hand, während an der Felsenbrust des andern
-der sichere Untergang seiner harrt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p>
-
-<p>An einer einzigen Stelle hat ein Bach, welcher durch eine Einklüftung
-der Felsenwand in trockenen Monaten als Silberfaden herabrieselt, nach
-Regengüssen und im Frühling aber donnernd in den See stürzt, so viel
-Sand und Geröll herabgewälzt, daß sich ein etwa funfzig Schritte im
-Umfange messendes Stück sanft abgedachten Ufers gebildet hat.</p>
-
-<p>Der Glückliche, welchen der Sturm gerade an diese Stelle treibt, hat
-den großen Lebenstreffer aus der schäumenden Urne voll Todesloosen
-gezogen und mag, von unersteiglichen Felsen umschlossen, hier harren
-bis der Sturm sich legt und eines der vielen den See durcheilenden
-Schiffchen ihn aufnimmt.</p>
-
-<p>Ein rothes Kreuz, mit verdorrten Kränzen und Votivbildchen geschmückt,
-bezeichnet diese Stelle; unsere Schiffer richteten fast zugleich den
-Blick dahin.</p>
-
-<p>Sie gewahrten zwei Gestalten, von Schiffbrüchigen oder vor dem Sturm
-dahin Geflüchteten, deren Bewegungen zeigten, daß sie bereits den
-Nachen entdeckt. Die Entfernung ließ an der weiblichen ein Gewölk
-schwarzer Locken, ein graues Kleid, ein weißes Tuch, einen weißen Arm,
-der dasselbe schwang, unterscheiden. Eine männliche neben ihr wirbelte
-mit heftigen Gestikulazionen ein an einen Stock gebundenes gelbes
-Sacktuch über dem Kopfe herum.</p>
-
-<p>Nachdem der junge Mann im Schiffchen die<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> Zeichen erwiedert, stand die
-Dame am Ufer ruhig, den Arm um das rothe Kreuz schlingend, während der
-Herr seine Telegrafie noch einige Zeit fortsetzte.</p>
-
-<p>„Da sind wir gerade zurecht gekommen, Herr Arnold,“ begann der
-Schiffer, nach alter Gewohnheit den Vornamen des jungen Mannes
-gebrauchend, den er einst auf seinen Armen getragen &mdash; &mdash; „das ist
-die gnädige Frau, vom Freinhof. Das ist in dieser Woche das zweite
-Malheur. Vorigen Montag war sie mit zwei Herren auf dem Wetterstein.
-Es haben ihr Alle gesagt, daß der Nebel einfällt. Aber fort haben sie
-müssen und wie sie über den Erzbach hinaus waren, war der Nebel da.
-&mdash; Sie hat aber einmal hinauf wollen und über Ja und Nein waren sie
-in den Leckerstauden<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> und der eine von den Herren, ein Professor
-aus der Stadt, kegelt sich den Fuß aus. Zum Glück ist der Nebel nicht
-liegen geblieben und da hat der große Herr Knorr, der dort auf dem
-Fichtenkegel wohnt, den Professor ganz allein das Stück Weges über den
-Kräuterkamm auf die Tannenbachalm getragen, nachher zu uns herunter,
-dann haben wir ihn über den See auf den Freinhof geführt. Der Professor
-wird sich den Wetterstein merken und der Herr dort beim<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> rothen Kreuz
-schaut mir auch darnach aus, als ob er vom See auf eine Weile genug
-hätte.“</p>
-
-<p>Für Arnold, welcher die Gegend seit zwei Jahren nicht betreten hatte,
-war der Name „Freinhof“ ein fremder Klang. Der Alte gab die geforderte
-Aufklärung:</p>
-
-<p>„Wenn wir die Herrenleute abgeholt haben, und um die Ecke kommen, in
-den obern See, werden wir den Hof gleich sehen. Die Gebäude sind im
-vorigen Sommer aus der Erde geschossen. Das Holz war da, denn der große
-Fabrikant aus der Stadt, Herr von Kollmann schreibt er sich, hat den
-ganzen Wald herum gekauft. Aber für die Ziegelfuhren haben sie eine
-Straße über die Föhrleiten gemacht. Bis zum ersten Schnee haben sie’s
-unter Dach gebracht, die gnädige Frau, der Herr Knorr heißt sie immer
-nur die schöne Frau Julie, ist alle Wochen zweimal herausgekommen und
-da hat die Arbeit fliegen müssen. Heuer im Frühjahr waren auch die
-Maler und Tapezierer in vier Wochen fertig und jetzt stehen die Gebäude
-da, daß einem das Herz lacht.“</p>
-
-<p>Arnold hatte aufmerksam zugehört, strengte aber sein Auge vergeblich
-an, die Gruppe am Felsenufer, von welchem man doch nur etwa zehn
-Minuten entfernt war, deutlicher zu unterscheiden, da sie ihm plötzlich
-durch ein Phänomen verhüllt wurde, welches<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> sicherlich Jedermann einmal
-zu beobachten Gelegenheit hatte.</p>
-
-<p>Es fällt zuweilen, durch einen Riß in den Wolken, ein scharf begrenzter
-Lichtstrom, eine strahlende Feuergarbe herein, welche alles hinter
-ihr Liegende in einen blendenden Schleier hüllt. Ein solcher Streifen
-von Glanznebel legte sich zwischen das Schiffchen und das Ufer und
-erst als das leuchtende Hinderniß halb durchdrungen war, konnte Arnold
-die Gestalt der Frau wieder unterscheiden, welche, wie von Rosen
-übergossen, in Goldzindel gekleidet, wie das verkörperte Abendroth
-dastand.</p>
-
-<p>Aber der glühendste Kuß der untergehenden Sonne war auch ihr letzter
-gewesen; ein Augenblick, und der Glanznebel verschwand, die Wölkchen
-an den Waldhängen, welche wie entzündete Baumwollflocken flammend
-aufstiegen, erloschen zu grauer Asche; über den Höhen schwebte noch
-eine warme Glorie, aber im Thalgrund über dem See lagen die blauen
-kalten Töne des <span class="nowrap">Abends. &mdash;</span></p>
-
-<p>Auch die feenhafte Goldhülle der schönen Frau, deren Züge Arnold nun
-deutlich unterschied, war wieder zum einfachen grauen Kleide geworden.
-Sie stand vorgebeugt am Rande des Gerölls und hatte die Arme über
-der Brust gekreuzt; ihre Blässe und das Zittern, welches die hohe
-schlanke Gestalt durch<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>lief, verriethen den ungleichen Kampf zwischen
-der kleinen heißen Lebensflamme und dem kalten Hauche des Sees und des
-triefenden Felsens.</p>
-
-<p>Arnold gewahrte dennoch ein freundliches Blinken der schwarzen Augen.
-Die leichte Geisterbrücke zwischen diesem räthselvollen Augenpaar und
-dem lichten offenen des jungen Schiffers war aufgebaut und ein froher
-Gruß der Seelen flog auf ihr vom Nachen ans Felsenufer und zurück.</p>
-
-<p>Im nächsten Augenblicke fuhr das leichte Fahrzeug knarrend auf den Sand
-und Arnold stand mit einem Sprunge am Ufer.</p>
-
-<p>Julie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte: „In solcher
-Lage gibt es keine Fremden! Lassen Sie mich erst danken, wenn Ihr
-Werk vollendet ist. Wir waren noch zur rechten Zeit hier gelandet,
-und ich habe, als der Sturm nachließ, unsern Fährmann nach dem Hofe
-hinübergeschickt, um unsere große Barke zu holen. Ich will sie aber
-nicht erwarten, sondern bitte Sie, mich nur gleich von diesem treulosen
-Zufluchtsorte wegzuführen, der das Leben mit eisigen Händen langsam
-aus den Gliedern zieht,... der See verschlingt es wenigstens in einer
-Minute.“ &mdash; „Vor Allem,“ sagte Arnold, „nehmen Sie das Einzige, was ich
-Ihnen zum Schutze bieten kann, meine Lodenjacke“ &mdash; er langte sie aus
-dem Schiff<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>chen und sie hüllte sich lachend darein mit zwei raschen
-Bewegungen voll Weichheit und Grazie &mdash; „und nun meinen weichen grünen
-Hut“ &mdash; sie drückte denselben auf die dichten Locken &mdash; „und nun einige
-Tropfen Rum aus meiner Feldflasche“ &mdash; sie führte sie an die Lippen,
-deren hohes Nelkenroth die Kälte nicht zu bleichen vermochte.</p>
-
-<p>Die zwei Tropfen mußten hingereicht haben, das unter Schnee wallende
-Blut zu beflügeln: die Wangen färbten sich sanft und der Perlenschimmer
-des Auges verwandelte sich in Brillantglanz.</p>
-
-<p>Sie beugte sich einen Augenblick über eine glatte ruhige Stelle des
-Wassers zwischen den Steinblöcken und betrachtete ihr herauflächelndes
-Spiegelbild mit dem grünen runden Hut und der grauen, grünverbrämten
-Jacke.</p>
-
-<p>Arnold hatte noch kein schöneres Weib gesehen.</p>
-
-<p>„Das steht mir doch zehnmal hübscher als alle die albernen Coeffüren,
-zu denen meine Haare die Französinnen der Residenz begeistert haben!“
-rief Julie zurücktretend aus und wendete sich nun mit den Worten:
-„Aber jetzt schnell ins Schiff, lieber Hofrath!“ an den kleinen
-Mann, der früher das gelbe Tuch geschwenkt hatte und auf dem Sande
-herumtrippelnd, prüfend und kopfschüttelnd das Fahrzeug und die Wellen
-betrachtete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p>Arnold hatte beim Landen seinen Gruß kaum erwiedert. Er war empört beim
-Anblick des in einen dichten warmen Plaid gewickelten Mannes, während
-die Frau in leichtem Kleide mit offenen Ermeln der kalten Seeluft
-preisgegeben war. Er sagte: „Für den Fall, daß der Herr Hofrath länger
-hier zu verweilen gedächte, könnte mein Fährmann seinen langen Rock zu
-den Schutzmitteln fügen, womit ich ihn bereits ausgestattet <span class="nowrap">sehe.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Ich verstehe Sie ganz wohl, junger Mann, &mdash; erwiederte der
-Angegriffene &mdash; und Sie haben anscheinend Recht. Diese Dame wird aber
-selbst meine Rechtfertigung übernehmen. Vor der Hand erkläre ich nur,
-daß ich diesem Nachen um keinen Preis die Last einer vierten Person
-aufbürden werde, sondern das Schiff vom Freinhof abwarte, und bemerke,
-daß Sie am besten thäten, meinem Beispiele zu <span class="nowrap">folgen.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Und wenn der <span class="antiqua">Great Eastern</span> selbst um jene Ecke gedampft käme,
-&mdash; rief Arnold, etwas heftig, gegen Julie gewendet, &mdash; so könnte er
-Sie nicht sicherer hinüberbringen, als mein dem Herrn Hofrathe so
-unheimliches Fahrzeug! Meinem heutigen Glück können Sie sich ruhig
-anvertrauen!“ &mdash; Er setzte im Geiste dazu: „Lassen Sie doch diesen
-Hasenfuß bleiben, wo er will.“</p>
-
-<p>Julie war von Arnolds Hand gestützt ins Schiff<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>chen gestiegen und
-rief dem Zurückbleibenden zu: „So leben Sie glücklich und zufrieden!
-auf baldiges Wiedersehen beim Thee!“ &mdash; und als der Schiffer schon
-abgestoßen hatte, wendete sie sich nochmals um, mit freundlich
-bittender Stimme rufend: „Guter, lieber Blauhorn! Werden Sie mir denn
-vergeben, daß ich durch meinen sträflichen Leichtsinn Ihr Leben in
-Gefahr gebracht habe? Nochmals auf Wiedersehen ohne Groll!“</p>
-
-<p>Arnold, der keinen Blick von ihren Zügen verwendete, sah in
-den schwarzen Augen, wie sie zu dem kleinen, bleichen Hofrath
-hinüberlachten, ganz den gleichen Glanz, der darin geschimmert, als sie
-ihm, Arnold, bei der ersten Begrüßung und dem Sprunge ans Ufer die Hand
-geboten. &mdash; Hatten diese Augen nur einen Glanz, diese Mienen, wenn man
-so sagen darf, dieselbe weiche schmeichelnde Melodie für alle Menschen
-und Lagen?</p>
-
-<p>„Sie haben &mdash; begann Julie &mdash; dem guten Hofrathe Unrecht gethan. Der
-Mann ist in seiner dreifachen Eigenschaft als Gatte einer schönen bösen
-Frau, als eingebildeter Kranker und als Mitglied der Kommission, welche
-unsere Finanzen in Ordnung bringen soll, ein beklagenswerthes Geschöpf,
-und wenn ich ihm meinen Plaid nicht aufgezwungen hätte, so lief ich
-die dreifache Gefahr, ihn in eine wirkliche Krank<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>heit zu stürzen, der
-bösen Frau in der Untergrabung seines Lebens behülflich zu sein und den
-Staat auf unbestimmte Zeit seiner unschätzbaren Leistungen zu berauben.
-Ich stellte ihm also das Ultimatum, entweder den Plaid umzulegen
-oder denselben von meiner Hand ins Wasser fliegen zu sehen.“ &mdash; „Das
-entschuldigt allerdings den guten Hofrath &mdash; entgegnete Arnold &mdash; aber
-nicht minder ungerecht als meine Anklage ist sicherlich der Vorwurf,
-den Sie sich <em class="gesperrt">selbst</em> machten, als Sie von sträflichem Leichtsinn
-gegen sein Leben sprachen... konnten Sie den Sturm <span class="nowrap">vorhersehen?“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Der Vorwurf war nur gerecht. Ich bestand auf der Fahrt bei stark
-umwölktem Himmel und allen Anzeichen des herannahenden Gewitters. Und
-wenn mir &mdash; sagte sie mit ernstem Tone &mdash; die Folgen gleichgültig
-waren, so hatte ich wahrlich kein Recht, dasselbe von meinem Gaste
-vorauszusetzen.“</p>
-
-<p>Es lag Etwas in Juliens ganzem Wesen, was den Eindruck verhinderte,
-den diese Worte unter andern Umständen, oder besser, aus anderem
-Munde, auf Arnold gemacht hätten &mdash; nämlich einen unangenehmen. Es war
-ihm unmöglich, ihr jene affektirte Gleichgültigkeit gegen das Leben
-zuzumuthen, in welcher sich manche in den glücklichsten Verhältnissen,
-wofür er die ihrigen hielt, lebende Frauen gefallen,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> und welche bei
-Gelegenheiten, wo es gilt, sich vorzüglich interessant zu machen, als
-förmliche Sterbesehnsucht auftritt.</p>
-
-<p>Juliens Worte hatten aber das unverkennbare Gepräge des treuen
-Ausdruckes ihres Innern, und vielleicht war es die plötzlich
-auftauchende Besorgniß, sie falsch aufgefaßt zu sehen, was sie
-bestimmte, in heiterm, fast scherzendem Tone fortzufahren: „Ich
-nöthigte den unglücklichen Hofrath in den Nachen des Mannes, den
-alle Forellen des Sees unter dem Namen Fischerhans als böses Prinzip
-verabscheuen. Ich will nach dem Waldufer, es wird dunkel, der
-Hofrath beschwört mich ihm sein Leben zu schenken und Hans beantragt
-augenblickliche Umkehr. Ich lachte sie aus und bestehe darauf,
-wenigstens quer über die Bucht nach dem Hofe zurückzufahren. &mdash; Wenn
-wir’s nicht durchsetzen, sagt Hans, so treibt es uns in den untern See
-hinaus, und wenn der Wind gegen den Wetterstein umspringt, &mdash; &mdash; so
-haben wir, erwiedere ich, das rothe Kreuz, &mdash; wo wir landen. All das
-Gerede war aber schon vergeblich, mit dem ersten Donnerschlag fiel der
-Sturm ein, entführte meinen Strohhut, der Regen strömte herab, und nach
-einer Viertelstunde, in welcher jeder Augenblick der letzte schien,
-stießen wir so gerade und pünktlich auf den Sand am rothen Kreuz, daß
-ich Hans vollkom<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>men Recht gebe, wenn er behauptet, mein Schutzengel
-allein habe das Schiff gelenkt. &mdash; Als der Sturm nachließ, befahl ich
-ihm nach dem Freinhof zu fahren, wo man nichts von unserer Fahrt wußte,
-und das Herrenschiff herzuholen. In der Zwischenzeit kam das schöne
-Abendroth, kam Ihr Nachen, dem ich mich nun anvertraut habe, obwol
-er um nichts besser als der fortgeschickte, &mdash; und ich freue mich,
-daß meine Erlösung nicht auf dem geraden, langweiligen, legalen Wege,
-sondern gerade <em class="gesperrt">so</em> gekommen, <em class="gesperrt">wie</em> sie eben gekommen.“</p>
-
-<p>Es schien Arnold bei Juliens letzten Worten, als ob die Augen doch
-nicht nur <em class="gesperrt">einen</em> Glanz hätten. Es verstrichen ein Paar Minuten
-und er vermochte nicht das Gespräch am Ende des so freundlich
-dargebotenen Goldfadens anzuknüpfen. Nur eines Haares Breite lag
-zwischen der glücklichsten Antwort und dem schmählichsten Gemeinplatz.</p>
-
-<p>„So viel ist gewiß, sagte er, daß Glück und Verdienst wieder einmal in
-grellem Mißverhältnisse stehen. Mir wird die Freude zu Theil, Sie in
-meinem Nachen zu führen, &mdash; aber erst nachdem die Vorsehung Sie aus der
-wirklichen Gefahr gerettet. Der schöne Traum einer <em class="gesperrt">Rettung</em> durch
-mein Kommen läßt sich nun einmal nicht festhalten. Er ist ver<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>schwunden
-wie die Goldstickerei, welche der Glanznebel für mein Auge auf Ihr
-graues Kleid geworfen.“</p>
-
-<p>„Das ist hübsch gesagt, erwiederte sie, &mdash; derselbe Goldnebel hat
-auch über Sie, als ich Sie durch ihn herankommen sah, so etwas wie
-einen Heiligenschein geworfen. &mdash; Wir haben nun unsere beiderseitigen
-Verklärungen abgestreift, so wie die Situazion alles Schauerliche. &mdash;
-Eine halberfrorne Frau, welche auf ihr Schiff wartete, hat vorgezogen,
-in dem Nachen eines jungen Mannes, der ihr seine warme Jacke anbot,
-nach Hause zu fahren. &mdash; Das ist Alles, was hinter dem Goldgewölke
-liegt.“</p>
-
-<p>Ein Schatten von tiefem Ernst, der über ihr Gesicht flog, wich eben so
-schnell, als sie fortfuhr: „Wenigstens sehe ich, daß Sie ein echter
-Deutscher sind: Sie reflektiren, Sie lassen keine Freude bei sich
-einziehen, wenn sie sich nicht mit einem vom Verdienst gefertigten
-Passe legitimirt, und suchen die Stelle, wo der Regenbogen auf der Erde
-steht, zu ergründen, um sich zu überzeugen, ob er auch auf festem Boden
-ruhe!“</p>
-
-<p>Der Vorwurf war ungerecht. Arnold reflektirte nicht, aber Juliens Worte
-gaben ihm erst den Stoff dazu.</p>
-
-<p>Eine Antwort war nicht mehr möglich, denn in dem Augenblicke, wo nun
-das Schiff um den Felsen<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>vorsprung bog, welcher die Bucht, an welcher
-der Freinhof liegt, bisher verdeckte, schmetterte durch das stille
-Halbdunkel ein Ruf &mdash; oder Ton &mdash; oder Aufschrei &mdash; wie ihn nur der
-begreift, welcher jemals einen Urbewohner der Berge aus voller Kraft
-der Lunge „jodeln“ gehört &mdash;... ein Jodler, der das Echo am Ende
-des Sees aus dem ersten Schlummer aufzuschreien zwang, &mdash; das ferne
-Waldufer nahm die Herausforderung an und nun scholl es zehnfach zurück
-von Berg und Fels und verklang endlich in sanfteren Tonwellen, welche
-von dem raschen Ruderschlage übertönt wurden, womit die stattliche,
-fest und zierlich gebaute Barke vom Freinhof herankam. In einer Minute
-hatte sie den Nachen Arnolds <span class="nowrap">erreicht. &mdash;</span></p>
-
-<p>Der Urheber des gewaltigen Jubelgrußes war aber kein Eingeborner der
-Gegend, sondern der vom Schiffer erwähnte „große Herr Knorr,“ welcher
-auf der äußersten Spitze des Vordertheils, gerade über den goldnen
-Buchstaben des Namens Julia stand, und mit einem braunen Sammtrock
-bekleidet und einem grauen, weichen, vielgeprüften Filzhute bedeckt,
-in ungeheurer Länge emporragte, wie der Rauchfang eines Dampfschiffes.
-Auf dem mittleren Sitze saß ein Mann in eleganter Sommerkleidung, das
-heißt, er war vom Hals bis zu den Kamaschen mit dem gleichen englischen
-Stoff von unbestimmter Farbe<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> überzogen und trug einen Panama-Hut mit
-Sammtband. „Kannst du denn, &mdash; rief er dem andern zu &mdash; dein höllisches
-Gejohle nicht lassen, wo du gar nicht weißt, ob es zur Situazion paßt!“
-&mdash; Der Lange im Sammtrock lachte laut aus seinem struppigen Vollbart
-und sagte: „Zu meiner Situazion jedenfalls, und für die deine hindere
-ich dich nicht, jedes Geflöte und Gesäusel anzustimmen, welches dir
-passend scheint.“</p>
-
-<p>Julie war beim ersten der vom Panama-Hut mißbilligten Töne rasch im
-Schiffchen aufgestanden mit dem Ausrufe: „Da sind sie, die Retter nach
-der Gefahr! &mdash; der gute närrische Knorr, vielleicht der einzige Mensch,
-der es ganz ehrlich mit mir meint &mdash; und der ewig fein sein wollende
-Reiland“... (es schien Arnold, als ob vor dem Namen Reiland noch das
-Wort „unausstehlich“ halblaut eingeschlüpft wäre).</p>
-
-<p>„Willkommen, willkommen!“ scholl es von den aneinanderliegenden
-Schiffen. „Wir waren so fest überzeugt &mdash; rief Knorr’s gewaltige
-Baßstimme &mdash; daß Sie der See verschlungen, schöne Frau Julie, daß Herr
-Reiland bereits Trauer um seinen Hut gelegt, und ich einen meiner
-Revolvers mitgenommen habe, um mich beim rothen Kreuz nach Erhebung des
-Thatbestandes zu erschießen“ &mdash; er knallte dabei einen der Läufe gegen
-die Felsenwand los &mdash; „und<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> nun eine Jubelfanfare für die glückliche
-Rettung“ &mdash; &mdash; er setzte ein chromatisches Posthorn an den Mund, und
-ein Geschmetter, welches den vorigen Jodler zu Schanden machte, fiel
-mit dem Wiederhall der Pistole zusammen.</p>
-
-<p>„Aber um Gotteswillen, lieber, lieber Knorr &mdash; bat Julie mit
-aufgehobenen Händen &mdash; jetzt ein Ende mit Ihrem gräßlichen Unsinn!
-Geschwind fort, zum rothen Kreuz, dort finden Sie den verzweifelnden
-Blauhorn, den Sie auf der Heimfahrt mit Schießen und Blasen sein Elend
-vergessen machen sollen.. Guten Abend, lieber Reiland! Adieu! In einer
-Stunde im Schweizerhaus!“</p>
-
-<p>Der Genannte verbeugte sich mit einem Blick, in welchen er ehrerbietige
-Zärtlichkeit, feines Bedauern über Knorr’s Auffassung der Situazion
-und noch vielerlei Anderes zu legen gedachte. Knorr aber rief
-den vier Ruderern ein Vorwärts! zu, und die Fahrzeuge flogen in
-entgegengesetzter Richtung auseinander.</p>
-
-<p>Arnold hatte Welt genug, um manche auf seinen Lippen schwebende Frage
-zu unterdrücken. &mdash; Knorr’s vertrauliches „schöne Frau Julie“ hatte ihn
-eben so unangenehm berührt, als Reilands süßes albernes Augenspiel.
-&mdash; &mdash; Und wieder in Juliens Zügen das gleiche frohe Aufleuchten beim
-<span class="nowrap">Gruße. &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Mit einem ihm unerklärlichen Uebergange hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> sich nach der Begegnung
-mit der Barke ihr ganzes Wesen verändert. Es war, als ob, wie auf den
-Berggipfeln, auch in ihr der letzte Funke der Abendglut verlöscht wäre.</p>
-
-<p>Sie sagte: „Legen Sie Ihr Ruder weg und lassen Sie dem Fährmann allein
-die Mühe. Setzen Sie sich zu mir, &mdash; wir kommen doch noch vor den
-Andern nach Hause.“</p>
-
-<p>Es läßt sich denken, daß Arnold schnell und freudig gehorchte.</p>
-
-<p>„Da haben Sie, fuhr sie fort, ein Bild meines Lebens: &mdash; ein Ort, der
-die Heimat des Friedens scheint, und aus dem doch alle Ruhe verbannt
-ist. &mdash; Wenn ein Augenblick einer ruhigen frohen Träumerei kommt, so
-fährt ein greller Mißlaut dazwischen, wie jetzt der tolle Lärm dieses
-guten Menschen, und doch verletzt dieser mich hundertmal weniger als
-manches Lied mit oder ohne Worten, dessen Ton rein und dessen Sinn
-falsch ist &mdash; und das ich doch anhören muß.“</p>
-
-<p>Sie erschien Arnold mit jedem Augenblicke schöner, als sie, den
-Lockenkopf senkend, mit schmerzlichem Lächeln vor sich hinsah.</p>
-
-<p>Er erwiederte: „Und doch ist nun auch dieser grelle Mißlaut verklungen,
-und so muß es jeder andere, wenn Sie ihn nicht in Ihrer Seele
-nachklingen<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> lassen. Ich vermag nicht über frohe und schmerzliche
-Bewegungen in Ihrem innern und äußern Leben zu urtheilen, aber daß
-<em class="gesperrt">Sie</em> die Gabe besitzen müssen, jede Dissonanz in den Akkord zu
-lösen, wenn Sie nur ruhig wollen, davon bin ich fest überzeugt.“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Ruhig wollen?</em>“ wiederholte sie &mdash; „Ich kann mir nur ein
-heftiges, heißes Wollen denken.... wer Ihr Mittel besitzt, der bedarf
-seiner schon nicht mehr!“</p>
-
-<p>Sie schwieg einen Augenblick, wendete sich gegen ihn und sprach mit
-leiser Stimme, aber jedes Wort betonend und langsam: „Könnten denn Sie
-Jemanden &mdash; &mdash; so recht innig &mdash; vom Grund des Herzens &mdash; bis in den
-Tod &mdash; &mdash; unversöhnlich hassen?“</p>
-
-<p>Mag man es einen Wahnsinn nennen, daß Arnolds Blut heiß aufwallte und
-zum Herzen drang, als die Worte, so langsam einander folgend, jedes die
-Erwartung des folgenden spannend, über die wunderbar reizenden Lippen
-traten.</p>
-
-<p>Konnte er sich denn auch nur träumen lassen, daß statt „hassen“ ein
-anderes Wort schließen würde? &mdash; Und <em class="gesperrt">wenn</em> es kam &mdash; &mdash; hätt’
-er sich dessen freuen können? &mdash; War er der Mann, der ein Glück in
-einem flüchtigen Abentheuer fand, wenn die Frage von der schlimmsten,
-rasch auf ihr Ziel hinsteuernden<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Koketterie eingegeben war? &mdash; und
-welche Erklärung hätte es gegeben für eine <em class="gesperrt">solche</em> Frage an einen
-jungen Mann, den die schöne Frau eine Stunde lang nicht <em class="gesperrt">kannte</em>,
-sondern <em class="gesperrt">sah</em>? welche Erklärung, die nicht dem Paradiesvogel ihrer
-Anmuth die schönsten Schwungfedern, dem Schmucke ihres Geistes die
-glänzendsten Juwelen ausgebrochen hätte?</p>
-
-<p>Doch das <em class="gesperrt">andere</em> Wort kam eben <em class="gesperrt">nicht</em>, und einen Augenblick
-später freute er sich dessen.</p>
-
-<p>Seine Wangen waren aber mit einer im Abenddunkel freilich nicht
-sichtbaren Glut übergossen, als er bei der Dissonanz, womit die
-Frage schloß, erst klar fühlte, welchen Klang er erwartet... welche
-Gedankensünde er gegen <em class="gesperrt">sie</em> begangen.</p>
-
-<p>Sie war ihm zu verzeihen. &mdash; „Ich möchte &mdash; sagte er, vor Allem
-<em class="gesperrt">Sie</em> fragen, wie kann ein so harter, wie ein dreischneidiger
-Dolch geschliffener Gedanke aus weichen Frauenlippen kommen?“</p>
-
-<p>„Vielleicht, entgegnete Julie, &mdash; ist eben nur eine Frau in ihrer
-Schwäche eines solchen fähig; ich habe die kräftigsten Charaktere
-stets am versöhnlichsten gefunden, vielleicht mit Ausnahme eines
-<em class="gesperrt">Einzigen</em>.“</p>
-
-<p>„Der <em class="gesperrt">Zweite</em>, rief Arnold, bin nicht <em class="gesperrt">ich</em>! Ein dreifaches
-Nein! Ein Haß, wie Sie ihn malen, ist ein Ungeheuer unter den
-menschlichen Gefühlen, ist<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> vielleicht die einzige, durch nichts zu
-tilgende Schuld gegen die Menschennatur! Ob ich zu den kräftigen
-Charakteren in Ihrem Sinne gehöre, vermag ich nicht zu entscheiden;
-die Ziele und Hindernisse, an denen ich meine Kräfte zu messen habe,
-liegen noch vor mir. Daß ich mir aber kein Verbrechen denken kann, das
-nicht endlich gesühnt werden, &mdash; und so auch keinen Haß, der nicht
-endlich erlöschen könnte, das ist wahr &mdash; so wahr, daß ich Sie &mdash;
-Vergebung meiner Offenheit! &mdash; innig beklagen würde, wenn Sie das, was
-Sie aussprachen, in seiner furchtbaren Bedeutung, in seiner ganzen
-tödtlichen Kälte zu fassen, zu begreifen vermöchten!“</p>
-
-<p>War es doch das Nachzittern des nicht gesprochnen „andern“ Wortes, das
-ihn so heiß gegen den kalten Haß reden ließ?</p>
-
-<p>„Es wird eine Zeit kommen, entgegnete Julie ruhig, wo Sie meine Frage,
-die Sie befremden muß, begreifen, &mdash; wo Sie auch den Grund derselben
-nicht hören, sondern so zu sagen mit erleben. Ich glaube, Sie werden
-unserem Hause, werden mir nicht fremd bleiben. &mdash; Daß Sie den Freinhof
-heute nicht verlassen, sondern die Gastfreundschaft annehmen, welche
-Ihnen dessen Besitzerin anbietet, versteht sich von selbst. Erst jetzt,
-da ich Sie den Bekannten, die Sie treffen,<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> vorzustellen wünsche, bitte
-ich Sie mir zu sagen, welchen Namen ich nennen darf.“</p>
-
-<p>„Ich heiße Arnold Korbach und theile letzteren Namen mit der Besitzung
-meines Vaters, dem Korbachthale, sechs Stunden von hier, wo unsere
-Metallfabrik liegt. &mdash; Ich habe mehr als ein Jahr auf der Reise
-in Begleitung eines Freundes meines Vaters zugebracht und wollte,
-nachdem ich nach der Rückkehr einige Tage bei den Meinigen verlebt,
-mit dem heutigen Nachttrain nach der Residenz, wo ich noch ein Jahr
-künstlerische und technische Studien betreiben werde, um dann die
-Leitung unserer Werke zu übernehmen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ihr Name war für mich kein fremder Klang. Ich hörte Ihres Vaters
-bei vielen Gelegenheiten auf eine solche Weise erwähnen, daß ich
-mich nun doppelt freue, den Sohn eines von allen Rechtlichen so
-hochgeachteten Mannes kennen zu lernen. Der schwere Schlag, welcher im
-vorigen Jahre Ihr Haus durch den Tod Ihrer würdigen Mutter getroffen,
-deren segensreiches Wirken in weiten Kreisen bekannt war, hat innige
-Theilnahme auch bei denen erregt, welche sie nicht persönlich kannten.“</p>
-
-<p>&mdash; „Die Kreise, von denen diese mir wohlthuenden Worte gelten, sind
-zwar höchst achtungswürdige, aber wohl kaum <em class="gesperrt">weite</em>. Man kannte
-meine<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> Mutter als die Gründerin der protestantischen Kolonie in
-Korbach, kennt meinen Vater als den Beschützer derselben, &mdash; als
-freisinnig, &mdash; verzeiht ihm in gewissen Regionen nicht, daß er, selbst
-Katholik, meine Schwester und mich im Glauben der Mutter erziehen ließ,
-und &mdash; ich werde mich nicht täuschen, wenn ich annehme, daß bei dem
-hier zu Lande herrschenden Geiste die Zahl Derer, welchen ein Unglück
-unseres Hauses Freude bereitet, größer ist als jene der freundlich
-Theilnehmenden.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich hörte auch in <em class="gesperrt">diesem</em> Sinne sprechen, und Sie können auf
-Ihre Feinde nur stolz sein. Glücklich, der in unabhängiger Lage sich
-des Beifalls der Guten freuen kann, ohne den Haß der Schlechten zu
-scheuen. <em class="gesperrt">Sie</em> athmen Freiheit! Ein Wort, das mir wie eine ferne
-Kindheitserinnerung klingt. &mdash; Der Schlag der Hämmer in Ihren schönen
-Werken, deren blühenden Zustand Alle preisen, mag all’ dieß feindliche
-Gerede übertönen. Es freut mich, Sie gerade dieser Bestimmung
-entgegengehen zu sehen. Das Bild der Metallfabrik stimmt für mich zu
-Ihrem Wesen. Ich konnte mir Sie nicht am Schreibtische als Beamten,
-eben so wenig als künftigen Advokaten, Literaten, kurz als ein Mitglied
-der schreibenden Welt denken. &mdash; Nun sind wir im Augenblick zur Stelle
-&mdash; &mdash; in einiger Zeit wird Knorr auf Ihr Zimmer<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> kommen, Sie ins
-Schweizerhaus zu begleiten.. vergessen Sie einstweilen meine seltsame
-Frage &mdash; urtheilen Sie überhaupt heute nicht über mich, Sie würden es
-vielleicht widerrufen müssen.“</p>
-
-<p>Arnold drückte die dargebotene Hand. Sie waren gelandet; Hausleute und
-Diener des Freinhofes drängten sich unter Aeußerungen der Freude um
-Julie, welche freundlich dankte, Arnolds Jacke abstreifte, die sie ihm
-lachend über die Schulter hing und, von einem Mädchen gefolgt, nach der
-Mitte der Gebäude zuschritt. &mdash; Ein junger Diener in Jagdlivree hatte
-Arnolds Reisetasche demselben vorgetragen und führte ihn nach links,
-einige Stufen hinan, über einen hölzernen Gang, dessen geschnitzte
-zierliche Säulen, von Schlinggewächsen umsponnen, das vorspringende
-Dach trugen, in ein im bekannten Stile aller eleganten Chalets
-gehaltenes Zimmer, wo ihn aller Comfort empfing, welchen Reichthum
-und Geschmack vereinigt dem Gaste zu bieten vermögen. &mdash; Der Erzähler
-dieser Geschichte weiß, was er selbst und Tausende seiner Mitgeschöpfe
-unter Lokalitäten-Beschreibungen gelitten. Dieses mitleidslose
-Herumzerren durch Haupt- und Nebengebäude, das Inventarium sämmtlicher
-Einrichtungsgegenstände, meistens nur zu dem Zwecke, die Begabung
-des Autors als Dekorateur und seine Fachstudien im Tischler- und
-Tapazierer-Handwerk<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> zur Schau zu stellen &mdash; &mdash; dieses Alles bildet ein
-dem Gesetze nicht erreichbares Vergehen gegen die Sicherheit des arglos
-vertrauenden Lesers, welches als Mißbrauch der schriftstellerischen
-Amtsgewalt zu bezeichnen wäre.</p>
-
-<p>Dieser Ansicht gemäß sei hier der reizende Freinhof mit der
-rücksichtsvollsten Kürze gezeichnet.</p>
-
-<p>Auf der vom Seeufer sanft aufsteigenden Anhöhe, an den Waldhang
-gelehnt, steht das Schweizerhaus, Juliens Wohnung, &mdash; ein Stockwerk
-hoch, von uralten Tannen überragt.</p>
-
-<p>Der feste steinerne Unterbau enthält zwei Dienerwohnungen, eine
-Küche und Kammern; der obere Theil, aus röthlich braunem Holze,
-zwei große Zimmer nach dem See hin, welche als Gesellschafts- und
-Musiksalon dienen, und vier kleine Piecen nach der Waldseite: Juliens
-Schlafgemach, ihr Boudoir, ein Bibliothekzimmer, ein Maler-Atelier.</p>
-
-<p>Offene Gänge mit schlanken hölzernen Säulen und leichtem Dache
-verbinden das Schweizerhaus mit den beiden ebenerdigen Flügeln. An
-den hohen Bogenfenstern dieser aus rothen Ziegeln aufgeführten, mit
-grauem Schiefer gedeckten Gebäude läuft, in der Höhe von sechs Stufen,
-eine Gallerie hin, über welche wir, und zwar im linken Flügel, der die
-Fremdenzimmer enthält, bereits Arnold begleitet haben. &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> Den rechten
-Flügel bewohnt der Herr des Hauses bei seinen in den ungleichsten
-Zwischenräumen stattfindenden Besuchen des Freinhofes.</p>
-
-<p>Etwa hundert Schritte von diesem Flügel, durch Baumgruppen von den
-Wohngebäuden getrennt, durch eine schattige Zufahrt mit denselben
-verbunden, liegen die Wirthschaftsgebäude.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Julie war vor ihrem Mädchen die Treppe hinaufgeflogen in ihr
-Boudoir, hatte sich auf die Ottomane geworfen, und lag einige Minuten
-regungslos, ein Marmorbild, mit geschlossenen Augen da. Das Mädchen
-stand schweigend und betrachtete sie mit sanftem mitleidigen Blick; sie
-sah dieses Bild wohl nicht zum erstenmale. Julie schien nach einiger
-Zeit aus einem Mittelzustande zwischen Schlaf und Ohnmacht zu erwachen,
-und sagte leise und freundlich: „Nimm die Lampe weg, Martha, und komm
-in einer halben Stunde“ &mdash; und als sie im dunkeln Gemach allein war,
-drückte sie das Gesicht in die Kissen und zog, von Fieberschauer
-geschüttelt, einen Shawl fest um sich. Ob der zitternde Athem, der
-fliegende Puls, &mdash; ein Schmerzenslaut, der sich aus ihrer Brust rang,
-von einem Leiden des schönen Körpers, ob von einer tieferen, nur in
-einsamer Minute die Fesseln brechenden Seelenqual herrührten? &mdash;
-Vielleicht würde, hätte er sie belauschen können, derjenige die rechte<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span>
-Antwort getroffen haben, der sie doch nur eine Stunde lang kannte, &mdash;
-Arnold, wenn anders der Wunsch zu errathen die Fähigkeit des Errathens
-schärft.</p>
-
-<p>Seele und Sinne hatten in der kurzen Stunde einen tiefen Eindruck
-empfangen. Er war aber gewohnt, keinen Eindruck in träumerischem
-Halbdunkel zu lassen: er war vor Allem wahr gegen sich selbst. Mit
-bestimmten Fragen beleuchtete er jedes nebelhafte Gebild in seinem
-Innern, bis es Gestalt und klaren Umriß gewann, und dann ward es warm
-im Herzen gehegt oder kalt abgestoßen.</p>
-
-<p>Er fragte sich: Kannst du dich einer Empfindung entsinnen wie die,
-welche diese Frau in dir erregt? &mdash; Nein. &mdash; Kannst du dieses Gewoge
-von Eindrücken, welche dich während dieser Spanne Zeit bald erfreuten
-bald verletzten, Liebe nennen? &mdash; Nein. &mdash; Wie nennst du es also? &mdash; Er
-fand aber keine Antwort.</p>
-
-<p>&mdash; Nachdem er sich in seinem Zimmer eingerichtet und den Inhalt seiner
-Reisetasche, &mdash; Zeichenmappe, Tagebuch, &mdash; geordnet auf dem Tische
-lagen, trat er ans Fenster und sah nach dem stillen See hinaus. Die
-Bilder des Abends begannen den dunkeln Raum vor seinen Augen zu füllen:
-er duldete dießmal die Träumerei und stellte sich keine Fragen mehr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p>
-
-<p>Alle glänzenden und bleichen Bilder verschwanden aber plötzlich, wie
-Geister beim Hahnenrufe, bei den Tönen, welche die Ankunft Knorrs und
-seiner Gefährten verkündeten.</p>
-
-<p>Er sah sie landen und sich nach dem Fremdenflügel wenden, &mdash; trat vom
-Fenster zurück und in der folgenden Minute wurde die Thür aufgerissen
-und Knorr schritt herein.</p>
-
-<p>Seine Erscheinung war darnach angethan, um Arnold vollends aus seiner
-Gedankenflut auf den festen Boden der Wirklichkeit zu heben. Knorr aber
-mußte den festen Boden mit wirklichem Wasser vertauscht haben, denn
-dasselbe triefte noch von seinen am Leibe hängenden Kleidern, rieselte
-von den Haaren, perlte im Bart, und die damit gesättigte Hutkrempe hing
-schlaff über die Stirne. Er warf das formlose Filzgebilde in einen
-Winkel und sich selbst in ein Fauteuil, mit den Worten: „Ich schlage
-vor, uns einander nicht vorzustellen, überhaupt unsere Bekanntschaft
-gar nicht anzufangen, sondern bloß fortzusetzen. <em class="gesperrt">Meinen</em> Namen
-hat Ihnen Frau Julie bereits gesagt und jedenfalls ein Beiwort
-angefügt, welches näher oder ferner mit dem Begriffe von „verrückt“
-verwandt ist. Ich dagegen sah Sie zum erstenmal, als Sie aufs
-Aufopferndste bemüht waren, eine schöne Frau im Dunkeln über einen See
-zu fahren.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-<p>„Welche aber, unterbrach ihn Arnold, Ihren Namen nicht bloß in
-Begleitung des obigen Beiwortes, sondern auch mit einem Zusatze nannte,
-welcher beweist, wie hoch Sie in ihrer Meinung stehen.“</p>
-
-<p>„So hoffe ich,“ sagte Knorr, „und was nochmals das Beiwort betrifft, so
-ist im Freinhof und im übrigen Europa die Grenze zwischen verrückt und
-gescheidt noch nicht ausgemittelt <span class="nowrap">worden.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Jedenfalls, rief Arnold, müssen Sie vor Entscheidung dieser Grenzfrage
-trockene Kleider anziehen und das sogleich, sonst müssen Sie krank
-werden.“</p>
-
-<p>„Auch das wünscht’ ich der Neuheit wegen einmal zu versuchen, sagte
-Knorr, und unserm Doktor zu Lieb, der bei dem Gesundheitszustand dieser
-Gegend sein Dasein bloß durch Wilddiebstahl fristet. Mit mir hat es
-aber keine Gefahr: ich werde trocknen, indem ich Ihnen erzähle, warum
-ich naß bin. Die hölzerne Julia, weniger leicht gebaut und eben so
-unberechenbar wie ihre lebendige Namensschwester, war nicht dicht ans
-Ufer zu bringen. Wollte man alle Gewalt anwenden, so verrannte sich der
-tiefe Kiel in den Sand, oder die Julia keilte sich zwischen die Steine
-und nahm Schaden, und der Hofrath, Reiland, die Schiffsleute und ich
-konnten als sieben linke Schächer über Nacht am rothen Kreuz hängen. Da
-Herr von Blauhorn zu weinen anfing, that ich<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> einen Satz ins Wasser,
-nahm ihn auf die Schulter und schritt, wie der große Christof mit dem
-Weltheiland, auf die Julia zu. Da geräth mein linker Stiefel auf einen
-lockern Stein, die ganze Gruppe stürzt in sich zusammen und ich liege,
-meiner vollständigen Länge nach, auf dem Rücken im hochaufspritzenden
-Gewässer und habe die Selbstverleugnung, in dieser Verfassung meine
-Bürde mit den Armen über meiner Brust in die Luft zu halten, bis die
-Schiffsleute dieselbe übernehmen. Das Wasser, welches da von mir wie
-von einem Regenschirm abtropft, war Zeuge dieser <span class="nowrap">That.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Arnold fühlte sich von der ehrlichen Seele, die aus den großen, derben
-Zügen des Erzählers leuchtete, angezogen, und sagte: „Sie haben
-scherzend erzählt, und im Ernst sehr schön gehandelt.“</p>
-
-<p>„Ich denke wohl“ &mdash; erwiderte Knorr, seinen Filz ausdrückend und
-schritt von dannen, da Arnold entschieden auf dem Kleiderwechsel
-bestand und seine Begleitung in das Schweizerhaus ablehnte.</p>
-
-<p>Es verging eine halbe Stunde, bis sich die Fenster desselben erhellten.
-Er sah nach und nach mehrere Gäste des Freinhofes von seinem Flügel
-aus hinübergehen. Der Diener hatte erzählt, daß ein Theil der
-Gesellschaft, auf einem anderweitigen Ausfluge gleichfalls vom Gewitter
-überrascht, fast gleich<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>zeitig mit Arnold angelangt war. &mdash; Er folgte
-nach einiger Zeit, und als er über die von außen auf die Gallerie des
-Schweizerhauses führende Treppe an das erste offene Fenster des Salons
-gelangte, wurde er, aus dem Dunkel kommend, von dem Glanz geblendet,
-der ihm entgegenstrahlte.</p>
-
-<p>Die sechs Kristallkugeln der Hänglampe im Verein mit der großen Lampe
-des Theetisches gossen fast überreiches Licht über den behaglichen
-Raum. Die Geister Aladins schienen einen kleinen Salon der Residenz
-mit seinem ganzen weichen, glänzenden, warmen, duftenden Inhalte
-aufgehoben, über die Berge hingetragen und in die braunrothen Wände des
-Schweizerhauses niedergesenkt zu haben.</p>
-
-<p>Er überblickte die Gesellschaft. Auf dem Ecksofa am Theetische war
-Reiland um eine blonde junge Frau beflissen, welche ihm zerstreut
-zuhörte und die lebhaften Augen klug und beobachtend von einem
-Mitgliede der Gesellschaft zum andern fliegen und nur manchmal auf
-ihrer Häckelarbeit ruhen ließ. Ihre Gestalt und Haltung machte den
-Eindruck der Selbstständigkeit und Entschiedenheit, welcher durch
-weiche, schöne Züge gemildert wurde. Das Fauteuil neben ihr besetzte
-ein Herr, in dessen Zügen nebst der entschieden günstigsten Meinung
-von sich selbst, auch die Kurse von Kredit und Nordbahn zu lesen<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
-waren. Er demonstrirte irgend Etwas mit großer Lebhaftigkeit einem vor
-ihm stehenden Husaren-Obersten und einem dürren, scharf und falsch
-blickenden Geistlichen. An einem Seitentischchen im Journal lesend,
-saß Knorr in einem, dem riesenhaften schwarzen Holofernes-Kopfe zur
-besondern Folie dienenden weißen Drill-Anzuge &mdash;, das Höchste, was
-er an „Staat“ entwickelte, wenn es galt zu repräsentiren, wie bei
-den seltenen Besuchen, womit er, und zwar erst in neuerer Zeit, den
-Kollmann’schen Salon beehrte. Ihm gegenüber der Hofrath, blaß und in
-sich zusammengeschrumpft, mit Bleistift in seine Tablettes schreibend.
-Zwei schöne Mädchen von etwa sechszehn und achtzehn Jahren schwätzten
-mit einigen jungen Leuten, deren Schablonengesichter durch die
-Gebirgstracht, die sie zum Freinhofbesuch angelegt, noch unbedeutender
-als gewöhnlich erschienen.</p>
-
-<p>Einen Augenblick fühlte sich Arnold von der ganzen fremden Welt, die
-ihm durch die leichten Vorhänge entgegenglänzte, so abgestoßen, daß ihn
-der Gedanke anwandelte, auf seine Zimmer zu gehen, einen Brief mit Dank
-und Lebewohl an Julie zu schreiben, und dann &mdash; die Reisetasche gepackt
-&mdash; in die Nacht hinaus &mdash; über die Föhrleiten zum Bahnhofe... Der Abend
-sollte dann ein für sich bestehendes Bild, das mit seinem früheren und
-späteren Le<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>ben nicht zusammenhing, sollte nur die letzte und schönste
-seiner Reiseerinnerungen bleiben.</p>
-
-<p>Doch fühlte er schnell das Unpassende eines solchen Benehmens. Hätte
-er sich mit gewohnter Gewissenhaftigkeit befragt, so hätte die Antwort
-gelautet: du bleibst nicht weil das Gehen unpassend ist, sondern weil
-du sie nochmals sehen willst.</p>
-
-<p>Er trat ein; die Gesellschaft ohne sie schien ihm ein
-Wachsfigurenkabinet. &mdash; Nach leichter Erwiederung seines leichten
-allgemeinen Grußes kümmerte sich Niemand um ihn, außer Knorr,
-welcher aufstand, ihn in ein Fenster zog und sagte: „Studiren Sie
-sich die Gesichter und sagen Sie mir aufrichtig, welches Ihnen
-das unausstehlichste wäre.“ Arnold lächelte und entschied für den
-Geistlichen. „Ins Schwarze getroffen! &mdash; sagte Knorr. &mdash; Uebrigens wird
-noch der Herr des Hauses in der Nacht <span class="nowrap">erwartet.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Jetzt flog die Thür des Boudoirs auf, und im hellblauen Kleide, rothe
-Mohnblumen im Haar, trat Julie herein, mit leichtem elastischen
-Schritte, ein strahlendes Lächeln um die frischen Lippen, Rosenflammen
-auf den Wangen, Liebreiz und frohes Leben in jedem Zuge des Gesichtes,
-jeder Wellenlinie der Gestalt, und das Siriusfeuer ihrer Augen
-durchflog elektrisch den Kreis, der sich um sie zusammendrängte.</p>
-
-<p>In den ersten drei Minuten waren auf jeden<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> der Anwesenden von der
-Springflut ihrer Begrüßungsworte einige Tropfen gefallen: Jeder mochte
-das Gefühl des Bevorzugtseins haben. Eine Umarmung der blonden Frau,
-ein Handreichen an den Obersten, den Banquier und Knorr, eine für den
-feineren Beobachter fast ironische Verbeugung vor dem Geistlichen,
-zwei Küsse auf die beiden Mädchenstirnen &mdash; &mdash; das folgte einander
-in leichtem Fluge, wie wenn der Wind die Blüten vom Baume weht. &mdash;
-Und nun klangen die Stimmen in jenen Chor zusammen, welchen manchmal
-eine Gesellschaft in dem Moment anstimmt, wo ein Alle gleichmäßig
-berührender Gegenstand wie das heutige Gewitter und die Wechselfälle
-der Seefahrt sich darbietet, den nun Alle wie einen Ballon aus den
-Raquettes des Gespräches umherfliegen lassen und dem Nachbar zuwerfen,
-bis Jeder sein <span class="antiqua">heureux mot</span>, seine Frase los geworden.</p>
-
-<p>Julie durchbrach den Kreis, ging auf Arnold zu und führte ihn an der
-Hand zum Sofa mit den Worten: „Wir haben heute zusammen die Launen
-eines treulosen Elementes getragen, nun bleiben Sie mein Nachbar und
-ruhen Sie hier im Genusse, den jedes überstandene Leiden <span class="nowrap">gewährt.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Arnold, der um die Welt gern wieder auf dem treulosen Elemente gewesen
-wäre, entgegnete: „So erquicklich auch die jetzige Lage, so wüßte
-ich doch<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> nicht, daß sie vor jener, die Sie als überstandenes Leiden
-betrachten, für mich einen andern Vorzug hätte, als den, Sie selbst in
-schöner, behaglicher Sicherheit zu sehen.“</p>
-
-<p>„Nun müssen Sie noch dazusetzen &mdash; sagte Julie, daß für den Mann der
-Kampf mit den Fluten beglückender ist als der Frieden am Samovar,
-und beidem ist genügt, sowohl der Galanterie, die Sie im Westen
-gelernt, als dem Stückchen Nordlandsrecke und Junker Frithiof, das Sie
-aus der Heimat mitgenommen und, in seiner besten Bedeutung, wieder
-zurückgebracht <span class="nowrap">haben.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Wie kann man einen so traurigen Namen haben? wer heißt doch Friedhof!“
-rief der Banquier Hr. v. Wörlitzer aus; und da gewisse Fragezeichen
-auf der Stirn des Obersten und des Hofraths verriethen, daß auch
-sie sich nicht in der Lage befanden, das Mißverständniß zu lösen,
-so nahm Reiland das Wort und sagte: „Herr von Plomberg, der Mann
-des Schwertes, ist durch seine Thaten auf dem Schlachtfelde der
-Verpflichtung enthoben, die erdichteten der alten <em class="gesperrt">Germanen</em> zu
-lesen, und sowohl der Herr Hofrath, als Herr von Wörlitzer, der Mann
-des allbeherrschenden Goldes, dürften bei ihren reellen Geschäften
-kaum Muße finden, sich mit den Nebelbildern altdeutscher Poesie zu
-befassen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p>„Gehorsamer Diener, rief der Oberst, meinen Sie vielleicht die Thaten
-im letzten Feldzug, wo mein Regiment immer da stand, wo es kein Mensch
-brauchte? In den Stunden unsers müßigen Zuschauens, wo wir uns nicht
-rühren durften, wenn unsere Leute unter unsern Augen zusammengehauen
-wurden, hätte ich den ganzen Junker Friedhof oder wie er heißt zehnmal
-auswendig lernen können!“ &mdash; Das Gesicht, welches Knorr bei Reilands
-vermittelnder Anrede aufgezogen hatte, läßt sich nicht beschreiben. „Da
-haben wir das tägliche Brot, die Politik,“ brummte er vor sich hin.</p>
-
-<p class="mtop2">Und so kam es auch. In wenigen Minuten hatte sich das Gespräch der
-Tagesfragen bemächtigt und trug den Charakter jener allgemeinen
-Verstimmung und Gereiztheit an sich, welcher seit dem letzten
-Friedensschlusse auch die konservativsten Elemente ergriffen hatte.
-Der Oberst, der Geistliche, der Banquier, der Hofrath konnten als
-Vertreter der Stände gelten, welche die Grundpfeiler des Bestehenden
-vorstellen, aber Alle waren darüber einig, daß die öffentlichen
-Zustände beklagenswerther geworden als je, mit dem Unterschiede, daß
-der Soldat und der Geistliche das Heilmittel in einem entschiedenen
-<em class="gesperrt">Rückwärts</em> erblickten, &mdash; der Banquier in einem ent<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>schiedenen
-<em class="gesperrt">Vorwärts</em>, während der Hofrath zwischen den Kontrasten
-durchlavirte.</p>
-
-<p>Besonders lebhaften Antheil nahm die blonde junge Frau, welche, als
-dieses Thema auftauchte, in kurzen scharfen Sätzen die Meinungen
-zusammenfaßte, und den beurtheilten Personen und Verhältnissen jene
-schonungslosen Bezeichnungen gab, welche die Standeskonvenienz den
-Männern verbot. Das Gespräch durchlief seine natürlichen Stadien der
-Gährung und endigte, wie all’ die Tausende seinesgleichen, mit dem
-Refrain: „So kann es nicht bleiben.“</p>
-
-<p>Bald nach Beginn desselben hatte Julie sich erhoben, Arnold gewinkt
-ihr zu folgen und ging mit ihm in den Musiksalon, wo sie sich in eine
-Causeuse in der Fensterecke setzte.</p>
-
-<p>„Wir sehen uns <em class="gesperrt">nun</em> erst eigentlich <em class="gesperrt">wieder</em>, &mdash; begann sie,
-denn bei der Gesellschaft draußen waren Sie mir so ferne als in Ihrem
-Zimmer im Fremdenflügel. Waren Sie denn nicht überrascht, fuhr sie
-lächelnd mit Selbstironie fort, mich als Rose wiederzufinden, nachdem
-Sie mich als Lilie verlassen hatten?“</p>
-
-<p>„Ich gestehe, daß entweder die natürlichen Umwandlungen Ihres Wesens
-wunderbar rasch vor sich gehen, oder daß Sie eine, ich möchte sagen,
-übermenschliche Kraft besitzen, um so zu scheinen &mdash; &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> denn was
-kann eine Frau, welche angegriffen, leidend, nach einer bestandenen
-Lebensgefahr zurückkehrt, bewegen, eine Stunde später eine solche Fülle
-von geselliger Liebenswürdigkeit zu entwickeln, während ihr vielleicht
-die Einsamkeit ein Labsal wäre, &mdash; und einen Frohsinn &mdash; verzeihen Sie
-mir den Ausdruck, &mdash; zur <em class="gesperrt">Schau</em> zu tragen, der Sie, wenn ich nach
-dem Eindruck der kurzen Seefahrt über Ihr Wesen urtheilen dürfte, ein
-Opfer kostet, &mdash; &mdash; das Diejenigen, denen es gebracht wird, kaum zu
-erkennen scheinen?“</p>
-
-<p>Julie sah ihn überrascht, &mdash; sinnend, &mdash; erfreut an und sagte:</p>
-
-<p>„Genug, ich <em class="gesperrt">besitze</em> diese Kraft; was mich bewegt, sie
-anzuwenden, wird Ihnen so wenig ein Räthsel bleiben, als meine
-befremdende Frage auf der Heimfahrt.“</p>
-
-<p>„Ein Räthsel ist mir der ganze heutige Abend, von dem Augenblicke an,
-wo ich Sie am Felsenufer begrüßte, bis zum jetzigen. Der Freinhof
-selbst war ja wie ein Märchen vor mir aufgetaucht an einer Stelle, von
-welcher mir, als ich sie vor Jahren betrat, nur das Bild der tiefsten
-Einsamkeit und Abgeschiedenheit geblieben. Ihre Worte aber, aus der
-Luft des freundlichen Scherzes in geheimen Tiefen tauchend, klingen
-mir, wenn auch als <em class="gesperrt">ungelöste</em> Räth<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>sel, in der Seele nach, und
-werden mich begleiten, wohin mich das Leben auch führe. Eine Unwahrheit
-wäre es aber, wenn ich sagte, daß der Eindruck, den ich mitnehme, ein
-froher, glücklicher ist. Sie sind beides <em class="gesperrt">nicht</em>.“</p>
-
-<p>„Arnold!“ erwiederte sie, und ihre duftigen Locken berührten fast
-seine Wange &mdash; „ich spreche zu Ihnen, wie keine Frau vor mir zu Ihnen
-gesprochen, vielleicht keine sprechen wird. Ich vertraue Ihnen, weil
-die Wahrheit selbst ihre Gestalt der Lüge geborgt haben müßte, wenn aus
-Ihren Augen ein falsches Gemüth blicken könnte. Ich sage Ihnen, ich
-<em class="gesperrt">weiß</em>, daß Sie den Freinhof, daß Sie mich nicht vergessen werden,
-&mdash; weiß, daß wenn ich einen Beweis dieses Gedenkens, selbst ein Opfer
-von Ihnen forderte, Sie mir Alles verheißen, Alles erfüllen würden.“</p>
-
-<p>Arnold war, wie ein im Blumenduft Schlummernder, betäubt: das war
-wieder der tiefe in der Seele nachzitternde Ton der Stimme &mdash; waren
-wieder die langsam, in spannenden Zwischenräumen einander folgenden
-Worte.</p>
-
-<p>Sie neigte sich im Sprechen zu ihm, und der reiche Flor der
-wundervollen Formen lag warm mit mattem Glanze vor seinen verwirrten
-<span class="nowrap">Augen. &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Er fand keine Worte als die Bitte, jenen Beweis, jenes Opfer zu nennen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p>
-
-<p>Sie erwiederte: „Die Zeit, wo Sie Ihr Wort erfüllen, wird kommen! &mdash;
-&mdash; Wenn ich Sie errathe, so kann Ihnen in der Gesellschaft, zu der wir
-nun zurückkehren, nicht heimisch zu Muthe sein; wenn Sie sie verlassen,
-nehmen Sie von Niemandem Abschied; es wird, wie es hier gehalten wird,
-Keinem auffallen. Den Brief, den ich Ihnen hier gebe, sind Sie so
-freundlich, in der Stadt an seine Adresse zu geben. Und nun, da Sie vor
-Tagesanbruch über die Höhe wollen &mdash; sagen wir uns hier Lebewohl, &mdash;
-auf Wiedersehen!“</p>
-
-<p>Ihre Hand hatte während des ganzen Gespräches in seiner geruht; sie zog
-sie bei den letzten Worten zurück, stand schnell auf, und im nächsten
-Augenblicke schlugen die Wellen der Gesellschaft über die Blumenauen
-zusammen, welche für Arnold mit Zauberschnelle erblüht waren in der
-tropischen Wärme des Gespräches im matt erleuchteten Musiksalon &mdash; &mdash;
-in welchem wohl noch keine Melodie einen Hörer mächtiger ergriffen
-haben mochte. <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Sie tönte fort durch die stille Nacht, als er in seinem Gemache am
-Fenster stand und auf den dunkeln See hinaussah.</p>
-
-<p>Hell flammten die Lichter im Schweizerhause. Es war ihm peinlich, sich
-diese Gesellschaft als Rahmen des Bildes zu denken, das ihn erfüllte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p>
-
-<p>Er dachte sich’s am rothen Kreuze, mit einem Kranze von <span class="nowrap">Alpenrosen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Ein rollender Wagen und Stimmen verkündeten die Ankunft des Besitzers
-des Freinhofes. <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Erst lange nachdem jedes Licht verlöscht und jeder Laut verstummt war,
-legte sich das Gewölk des Traumes um Seele und Sinne, die Bilder des
-Abends mit weichem Schmelz verklärend, &mdash; wie der Goldnebel am See die
-Gestalt der &mdash; <span class="nowrap">Geliebten? &mdash;</span></p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Krummholz.</p></div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Taschenteufel"><em class="gesperrt">Der
-Taschenteufel</em>.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Sechs Stunden nur liegen zwischen dem Augenblicke, wo Arnold von der
-jäh aufsteigenden Bergstraße den letzten Blick nach dem Freinhof
-geworfen, welchen der weiße über Thal und See liegende Morgennebel
-nach wenigen Schritten seinen Augen verhüllte, &mdash; und zwischen jenem,
-wo er in der Hauptstadt aus der Halle des Bahnhofes tritt, um sich
-in den nächsten Wagen zu werfen, da er in seiner Gebirgstracht auch
-nicht die wenigen Straßen durchwandern will, die ihn von seiner in der
-hochgelegenen Vorstadt nächst dem Bahnhofe befindlichen Wohnung trennen.</p>
-
-<p>Sein Diener kniet nun vor dem bereits seit einigen Tagen
-vorausgeschickten Reisekoffer, reicht ihm Stück für Stück in die Hand
-und nach einer Stunde ist Alles geordnet, jedes Ding an der Stelle, die
-es einnehmen soll, und so lange er in dieser Wohnung bleibt, einnehmen
-wird, und die ganze Einrichtung des<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> kleinen Salons, des Schlafzimmers
-und Arbeitskabinets gewährt ein wohlthuendes Bild der Nettigkeit,
-Einfachheit, des Praktischen und Zweckmäßigen.</p>
-
-<p>Nun fährt er nach der Fabriksniederlage in der Stadt, wo er von alten
-und jungen Bediensteten, vom Geschäftsführer bis zu den Knechten in
-den Magazinen, mit achtungsvollen Freudenbezeigungen empfangen wird,
-und sich mit Ersterem aufs Comptoir begiebt, wo er in Büchern und
-Korrespondenzen arbeitet, &mdash; Bestellung von Aufträgen seines Vaters an
-Geschäftsfreunde, &mdash; ein schnelles Mittagsmal in einem Hotel, Besuche
-in zwei Maschinenfabriken, bei alten Bekannten seiner Familie und
-bei Freunden, welche er mit Ausnahme dessen, nach welchem er sich am
-meisten gesehnt, alle zu Hause trifft, haben die zweite Hälfte des
-Tages in Anspruch genommen, und er kehrt in seine Wohnung zurück und
-setzt sich ans Schreibpult, um dem Vater und der geliebten Schwester
-Helene den ersten Gruß aus der Residenz zu senden.</p>
-
-<p>Und diese zwölf thätigen, wechselvollen Stunden hatten die Bilder des
-vorigen Abends mit mehr Schleiern bedeckt, als eben so viele Tage eines
-einförmigen unbeschäftigten Lebens vermocht hätten.</p>
-
-<p>Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, daß am zweiten oder dritten
-Reisetage eine Woche zwischen die<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>sem und dem Abschiede von der Heimat
-zu liegen scheint, &mdash; daß ebenso die Eindrücke der Reise von denen,
-welche den Rückkehrenden umfangen, schnell in eine gewisse Ferne
-gerückt werden?</p>
-
-<p>Mächtig hatte das eigenthümliche, wie mit magnetischen Strichen
-bezaubernde Wesen der reizenden jungen Frau auf Arnold gewirkt. Aber
-seine gesunde jugendliche Kraft kannte keine Schwelgerei in einem
-Gefühle um des Gefühls willen: er goß in eine Flamme, die in ihm
-aufzuckte, weder Oel noch Wasser. So viel natürliche Nahrung sie in
-seinem Innern vorfand, so lange eben brannte sie und so helle.</p>
-
-<p>Schon auf dem drei Stunden langen Wege über das Gebirge in der
-Morgenfrische milderte sich das schmerzliche Gefühl, womit er, aus
-seinem Zimmer tretend, zur Gardine des Eckfensters im Schweizerhause
-hinaufgeblickt hatte.</p>
-
-<p>Die Reise hatte seinen Blick erweitert, seine edelsten Kräfte
-entwickelt und nun war der Augenblick gekommen, wo das Sistem sich
-bewähren sollte, welches sein Begleiter, Sprenger, der treffliche,
-kluge Freund seines Vaters, befolgt hatte, als er es sich zur Aufgabe
-gemacht, der Mentor des jungen Mannes zu sein, ohne es zu scheinen.</p>
-
-<p>Er hatte keinen Sumpf und keine Giftblume vor<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> ihm verhüllt; &mdash; aber
-den Sumpf durch kalte ruhige chemische Analise in seine ekelhaften
-Bestandtheile aufgelöst, die Giftblume vor den Augen des Jünglings
-botanisch zergliedert, medizinisch ihre zerstörende Kraft erwiesen,
-ohne Duft und Farbenpracht wegleugnen zu wollen.</p>
-
-<p>Wohl wußte er, daß ein jugendlich heißes Blut weder durch Reflexionen
-noch moralische Abschreckungstheorien zu kühlen sei; er eiferte
-nicht gegen Weiber, nicht gegen Liebe, ja nicht einmal gegen
-<em class="gesperrt">Sinnen</em>liebe, sondern suchte vor Allem in seinem Telemach
-jenen Stolz zu entzünden, der vor Wegwerfen seiner selbst und vor
-<em class="gesperrt">Zersplitterung</em> bewahrt.</p>
-
-<p>Mit klaren Worten gerade aufs Ziel losgehend, mochte er sagen: „Die
-Gelegenheit, durch Handeln den höhern Platz, der deinen Kräften
-gebührt, einzunehmen, dich <em class="gesperrt">positiv</em> auszuzeichnen, ist dir nicht
-<em class="gesperrt">immer</em>, ist dir <em class="gesperrt">jetzt</em> nicht geboten: aber <em class="gesperrt">negativ</em>,
-durch Unterlassen, dich vor den meisten deines Alters auszeichnen, das
-kannst du immer; &mdash; liebe, wenn dir die Rechte begegnet, mit ganzer
-Seele und ganzem Sinne, aber niemals soll dich Eine haben können
-bloß deswegen, weil sie dich haben will, und wäre sie die Reizendste
-ihres Geschlechts. &mdash; So wenig der Mann sich „heirathen lassen“ soll,
-so wenig soll er sich „verlieben lassen.“ &mdash; Kurz du darfst nicht
-Mittel eines<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> Weiberzweckes werden, sei dieser Zweck die Befriedigung
-einer Seelenschwärmerei oder eines Sinnenverlangens. &mdash; Liebe Eine,
-<em class="gesperrt">welche</em> dich liebt, aber nicht, <em class="gesperrt">weil</em> sie dich liebt.
-&mdash; Du wirst Derjenigen, die dich erfüllen und fürs Leben beglücken
-kann, nicht begegnen, ohne dich früher mehr als einmal getäuscht
-zu haben, das heißt du wirst nicht heirathen, ohne vorher ein Paar
-Narrheiten zu begehen, aber es seien wenigstens selbstständige, aktive
-Narrheiten, kein „halb zog sie ihn, halb sank er hin“ &mdash; kein passives
-Aufgehen in einer begehrlichen Laune einer Erfahrnen, welche an deinem
-frischen unverdorbenen Wesen die überreizten Nerven kühlen will, wie
-eine von der Mysterien-Literatur Uebersättigte sich plötzlich in
-„Dorfgeschichten“ und „Zwischen Himmel und Erde“ stürzt.“</p>
-
-<p>Sicherlich gibt es keine Erziehungskunst, welche bloß durch aufgeführte
-Dämme eine junge Saat vor Ueberflutungen zu schützen vermag. Ein
-weiblicher Blumengarten mag auf solche Art eine Weile bewahrt werden:
-das männliche Schlacht- und Erntefeld ist nur sicher durch seine
-<em class="gesperrt">Höhe</em>. Gelingt es nicht, das ganze Niveau des innern Menschen zu
-heben, so sind alle Dämme, die bald da bald dort durchbrochen werden,
-nutzlos.</p>
-
-<p>Arnolds inneres Terrain war keine flache Niederung. Die gefährlichen
-Wasser, die ihn einige Mo<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>nate hindurch in Paris und London umspülten,
-reichten nicht hinan. Der vorhergegangene, Geist und Körper stärkende
-Aufenthalt im Cockerill’schen Etablissement zu Seraing, wo Arnold,
-wie viele andere junge Männer aus guten Häusern, in der Blouse des
-Arbeiters in den Maschinenwerkstätten gehämmert und in den übrigen
-Stunden Sprachen und wissenschaftliche Studien betrieben, &mdash; hatte ihn
-an Kraftentwicklung und an den Genuß des Schaffens gewöhnt. Sprenger
-gab sich nie, am wenigsten in Paris, den Anschein ihn zu überwachen,
-behielt ihn aber fortwährend im Auge, und hatte die Befriedigung, ihn
-aus Versuchungen unbefleckt hervorgehen zu sehen.</p>
-
-<p>Er stellte sich aber die Frage: „Vielleicht <em class="gesperrt">waren</em> es für ihn
-keine Versuchungen?“</p>
-
-<p>Wenn er sah, wie die Wange des jungen Mannes nicht nur beim Anblick
-eines großen echten Kunstwerkes sich höher färbte, sondern auch in
-der mit allem Sinnenreiz durchdufteten Atmosphäre der Oper, wie sein
-Auge nicht nur vor Laroche’s Napoleon, sondern auch vor Winterhalter’s
-Florinde aufflammte, so sicher er auch den innern Werth beider Bilder
-zu beurtheilen vermochte, so mußte sich Sprenger sagen: „er scheint
-nie anders als er <em class="gesperrt">ist</em>, und wenn er das ganze hohe und niedere
-Lorettenthum an sich vorübergehen läßt, ohne durch einen Blick zu
-verrathen, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> es ihn reizt, so <em class="gesperrt">hat</em> es ihn eben nicht gereizt.
-&mdash; Für dieses Wasser liegt er schon zu hoch. Ob nur für <em class="gesperrt">dieses</em>?“</p>
-
-<p>Die Zukunft allein konnte es beantworten: Sprenger hatte seine Aufgabe
-erfüllt und seinen geliebten Arnold so blühend und rein, so reizbar und
-offen, nur ernster und kenntnißreich in das Korbachthal zurückgeführt
-an das Herz des Vaters und konnte diesem sagen: „Laß ihn nun allein
-gehen: führen können wir ihn nicht weiter.“</p>
-
-<p>Und nach drei im Schoße der Familie zugebrachten Tagen schlug Arnold,
-die kurze Fußreise durch das langentbehrte Gebirge vorziehend, den Weg
-ein, auf welchem wir ihm begegnet haben, und schritt im frohen Gefühle
-einer thätigen, ein bestimmtes Lebensziel verfolgenden Jugendkraft
-dahin.</p>
-
-<p>Sumpf und Giftblumen lagen wohl tief unter ihm.</p>
-
-<p>Aber ein kristallreiner Gebirgssee, &mdash; und eine weiße Wasserlilie &mdash;?
-<span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Der Brief nach Korbach war geschlossen und abgesendet. Arnold
-wollte spät am Abende seinen geliebten Freund Günther, den er verfehlt
-hatte, nochmals aufsuchen, als dieser bei ihm eintrat.</p>
-
-<p>Ein gleiches Gefühl durchdrang beide bei der ersten innigen Umarmung
-&mdash; ein sehr ungleiches,<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> als sie einander beim hellen Lampenschimmer
-betrachteten. Während Günther freudig ausrief: „Du bist ja ein ganz
-prächtiger Junge geworden!“ vermochte der Andere kaum den Schmerz zu
-verbergen, womit er in Günthers lebhaften, ausdrucksvollen Zügen jene
-Linien entdeckt hatte, welche gleichsam der Abdruck des Netzes sind,
-das eine unerbittliche Macht über ihr auserkornes Opfer geworfen. Nur
-die Stunde, wann es zusammengezogen wird, ist ungewiß; die Fäden sind
-unzerreißbar.</p>
-
-<p>Reiseerzählungen und die Mittheilungen Günthers über Verhältnisse
-und gemeinschaftliche Bekannte in der Residenz füllten ein Paar
-Abendstunden. &mdash; Die heitere, sprudelnde Laune des Letzteren hatte
-gleichwol nichts von jener überreizten, verzweifelten Lustigkeit an
-sich, welche manchmal einen dem Tode Geweihten, seines Zustandes
-Bewußten, ergreift. Sie war ihm natürlich, und daß sie durch
-Vorstellungen, welche sie in vielen Andern gebrochen hätte, nicht
-einmal getrübt wurde, war das Ergebniß eines vollkommenen „mit sich
-<span class="nowrap">Fertigseins.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Das Band zwischen den Freunden war so fest geschlungen, &mdash; sie
-hatten sich mit ihren Eigenthümlichkeiten so vollständig in einander
-aufgenommen, daß sie nach der Trennung von vierzehn Monaten, so zu
-sagen im Buche ihrer Freundschaft ohne Nach<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>blättern da weiterlesen
-konnten, wo es aufgeschlagen liegen geblieben war.</p>
-
-<p>Arnold erzählte seine Reise zwar in natürlicher chronologischer Folge,
-langte jedoch unverhältnismäßig schnell im Freinhofe an. Er malte so
-ruhig und objektiv als möglich, nicht um vor dem Freunde ein halbes
-Geheimniß zu bewahren, sondern weil er kein ganzes zu haben glaubte.
-Nachdem er ihm die Aufschrift des Briefes, den ihm Julie gegeben
-„an Freiherrn Edmund von Sembrick“ gezeigt, welchen er heute nicht
-bestellt hatte wegen des Beisatzes „von 9 bis 10 Morgens zu treffen“
-&mdash; schloß er mit den Worten: „Nun hast du Alles!“ &mdash; worauf Günther
-erwiederte: „Was habe ich? Nichts hab’ ich. Lieber Freund, den Abend im
-Freinhof, über den du jetzt in Worten, die eine halbe Stunde dauerten,
-<em class="gesperrt">geschwiegen</em>, den mußt du mir erst erzählen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich habe dir Alles gesagt.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ja, Schifffahren, Stranden, Landen, Hutschwenken, Theetrinken, kurz
-wo sie hingegangen sind, was sie gethan haben, etwa noch was die Welt
-dazu gesagt hätte &mdash; das habe ich Alles bekommen. Was dein <em class="gesperrt">Herz</em>
-dazu gesagt hat, das hast du weggelassen. &mdash; Ich bitte dich zu
-bemerken, daß du in deiner Geschichte nur eine halbe Stunde gebraucht
-hast, um über Brüssel, London und Paris in den Freinhof zu<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> gelangen,
-und dann gerade eben so lang vom rothen Kreuz bis in die Fensterecke
-im Musikzimmer. Sei also so gut und rücke heraus, nach unserm alten
-Gelöbniß, uns nie Etwas <em class="gesperrt">nachträglich</em> zu vertrauen!“</p>
-
-<p>Er war lachend aufgesprungen und hatte Arnold an beiden Schultern
-gefaßt, ihn mit einem Gesicht ansehend, welches eine so unbeschreiblich
-komische Mischung von Grimm, gutmüthigem Spott und Bedauern war, daß es
-dem Freund, der diese Dekorazion wohl kannte, selten möglich war, auch
-nur die Voranstalten dazu ohne Lachen anzusehen. Als ihm jetzt dieses
-greuliche, hundert Erinnerungen gemeinschaftlicher Erlebnisse weckende
-Gesicht, ein wahres Kunststück Günthers, angrinste, fiel er ihm um den
-Hals und rief: „Du alter, guter, einziger Seelenbruder! wenn dir nicht
-mit einer Lüge gedient ist, so frage mich nicht weiter, &mdash; ich kann
-dir nur die verbrauchten Worte sagen: Ich <em class="gesperrt">weiß</em> nicht wie mir
-geschehen. Ich weiß nur, daß ich, wenn ich nicht arbeite, immer an sie
-denke, und daß mir ist, als wenn ich eine vierzehnmonatliche Reise bloß
-nach dem Freinhof gemacht hätte!“</p>
-
-<p>„Also hat doch der Teufel &mdash; &mdash;!“ rief Günther auf den Boden stampfend,
-und unterbrach sich mit den Worten: „Verzeih’, Alter! ich bin
-unverbesserlich, aber Gott sei Dank auch unveränderlich <em class="gesperrt">darin</em>,
-daß<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> mir, seit ich meine Mutter verloren, nichts so nah geht als
-was dich betrifft. &mdash; Jetzt schreibe mir alle Namen auf, die du im
-Freinhof gehört &mdash; einige klingen mir bekannt; ich werde morgen bei dir
-frühstücken und dich für deine Duft- und Nebelgeschichte in klingender
-Münze bezahlen.“</p>
-
-<p>Arnold, dessen Gedächtniß jeden an seinen Gehirnwänden hingleitenden
-Klang behielt, wußte fast alle Namen und gab den Zettel dem Freunde,
-welcher rief: „Und nun leb’ wohl &mdash; bet’ und schlafe, daß dir besser
-werde!“ &mdash; und ging. <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Als Arnold allein, &mdash; als die Lampe verlöscht war, trat ein altes
-ewiges Naturgesetz in sein Recht: der Schleier des Tages war gefallen
-&mdash; der vorige Abend allein stand mit allem Zauber vor Arnolds Lager.
-Die duftenden Locken Juliens streiften wieder seine Wange. Er meinte,
-er müsse das Fenster öffnen und nach dem Schweizerhause <span class="nowrap">sehen. &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Günther las zu Hause den Zettel. &mdash; Die Namen waren für ihn keine
-todten Buchstaben, jeder rief ihm Menschen, Thatsachen, Erlebtes und
-Gehörtes vor.</p>
-
-<p>Seine Freunde hatten oft von ihm gesagt, er habe einen <span class="antiqua">spiritus
-familiaris</span>, einen Taschenteufel, den er um Alles, was da
-vorgehe, befrage und der ihn hinter Gardinen und Konferenztische,
-in Geschäftsbücher und Liebesbriefe, durch den Schleier, den die<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>
-Demuth über gute, und das böse Gewissen über schlechte Thaten legt,
-hindurchblicken lasse.</p>
-
-<p>Heimliche Kriegszustände öffentlich friedlicher Familien, verborgene
-Krebsschäden scheinbar gesunder Vermögensverhältnisse, &mdash; Ehen, an
-deren im Dunkeln gebrochenen Ringe der gelöthete Sprung für die Welt
-unsichtbar blieb &mdash; Alles schien im Register des Taschenteufels
-aufgezeichnet, der seinem Herrn in jedem Augenblicke das verlangte
-Blatt hinhielt. &mdash; Und doch lag ihm nichts ferner als alles Forschen
-oder Eindrängen, aller an Weibern bemitleidenswerthe, an Männern
-geradezu verächtliche <span class="nowrap">Klatsch. &mdash;</span></p>
-
-<p>„Ich suche nicht und frage um Nichts &mdash; sagte er mit Recht &mdash; die Dinge
-kommen zu mir, sie fliegen mir an, wie Eisenfeile dem Magnet.“ &mdash; Der
-Kreis seiner Freunde war klein, der seiner Bekannten unübersehbar. &mdash;
-Durch seine Stellung als Beamter der Bank und Mitglied der Verwaltung
-einer der bedeutenderen industriellen Unternehmungen des Landes war er
-mit der Finanzwelt, durch seine leidenschaftliche Liebe zur Malerei und
-Musik mit allen Künstlerkreisen in Berührung.</p>
-
-<p>Der Talisman, welcher das Wunder wirkte, daß ein nicht unbedeutender
-Mensch kaum einen einzigen Feind hatte, lag in einer Vereinigung von
-fester Selbstständigkeit, die sich nie etwas vergab, mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> durch
-keine Talente, durch keine sonstigen Vorzüge zu ersetzenden Gottesgabe
-der <em class="gesperrt">Liebenswürdigkeit</em> &mdash; jener Liebenswürdigkeit, die nicht nur
-im ersten Augenblicke, sondern nachhaltend fesselte, weil sie auf dem
-festen Unterbau eines streng rechtlichen Karakters ruhte.</p>
-
-<p>&mdash; Ueber das Ganze hin leuchtete eine heitere, oft geradezu tolle
-Laune, welche seine schonungslosen Einfälle nur als Schaumperlen im
-Champagner, nicht als verletzende Glassplitter erscheinen ließ. &mdash; Er
-besaß gewisse Privilegien in seinen Kreisen, von denen er bis an die
-äußerste Grenze Gebrauch machte. Es war unter den Frauen ausgemacht,
-daß „der Günther Alles sagen dürfe“ &mdash; &mdash; es lag eben in dem <em class="gesperrt">wie</em>
-&mdash; &mdash; er machte seine Sprünge auf dem Glatteis anscheinend unmöglicher
-Gespräche ohne auszugleiten.</p>
-
-<p>Dieses allgemeine Vertrauen war es, welches ihm in den verschiedensten
-Kreisen jene „Eisenfeile“ von Mittheilungen zufliegen ließ und dann
-verband er, mit Menschenkenntniß und scharfem Verstande kombinirend,
-ganz entlegene Daten und gelangte zu den überraschendsten <span class="nowrap">Schlüssen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Dem Zustande seines Körpers, an dessen Zerstörung ein Brustübel langsam
-aber unaufhaltbar arbeitete, machte er in seiner Lebensweise nicht das
-mindeste Zugeständniß. Er war nun einmal entschlossen<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> lieber drei
-Monate zu leben als drei Jahre unter Medizinflaschen zu vegetiren. &mdash;
-Weder schön, noch eine imponirende Erscheinung, hatte er dennoch bei
-Frauen entschieden mehr Glück als mancher weit glänzender Begabte, und
-da er dem Grundsatze, lieber zu leben als zu vegetiren, leider auch
-auf diesem Felde seine Geltung ließ, so hatte an den Linien in seinem
-Gesichte, welche Arnold mit Schmerz entdeckte, manche schöne weiße Hand
-als Verbündete des dunkeln Zerstörers mit gezeichnet.</p>
-
-<p>Er überdachte alle Mittheilungen Arnolds, citirte den Taschenteufel und
-begab sich, nachdem er seinen Stoff geordnet, am nächsten Morgen zum
-jungen Freunde, der ihn mit erklärlicher Ungeduld erwartete.</p>
-
-<p>Nach eingenommenem Frühstück zündete er wie in gesunden Tagen seine
-Zigarre an und sagte: „Du siehst mit einem so rührenden Jammer meinem
-Rauchen zu, daß ich dich vor Allem beruhigen muß. <em class="gesperrt">Das</em> schadet
-mir nicht; ich bin überzeugt, daß es meinem armen Teufel von Vetter
-mit seiner Sparkasse-Anstellung von 500 fl. nicht um ein halbes Jahr
-früher zur Erbschaft verhilft. &mdash; Daß ich heute noch lebe, ist mir ganz
-angenehm, denn ich glaube dir Einiges leisten zu können. &mdash; Nun frage
-ich dich, bist du in einem Stadium, in welchem man dir die Wahrheit
-noch ohne Streuzucker geben <span class="nowrap">kann?“ &mdash;</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p>
-
-<p>„Sprich und gib was du hast und wie du es hast, ich werde dich nicht
-einmal unterbrechen.“</p>
-
-<p>„Gut! ich kenne, den Knorr ausgenommen, alle Uebrigen so weit, daß
-ich ihnen einen kurzen Steckbrief in Frakturschrift voranschicken
-kann. &mdash; Zuerst die radikale Blondine; du hast sie Zeltner genannt.
-Ihr Mann war im Kriegsministerium, ist weggejagt worden, unter die
-Literaten gegangen und hat in Hamburg eine Brochüre drucken lassen,
-in welcher der General-Adjutant Graf Greuth so zu sagen <span class="antiqua">in
-effigie</span>, moralisch gehangen wird. Zeltner wurde hierauf <span class="antiqua">in
-persona</span>, fisisch, eingesperrt, es wurde ihm ein Hochverrathsprozeß
-wegen anderer vorgefundener Schriften angehängt, und er sollte sechs
-Jahre in Königstadt sitzen. Eine Audienz aber, welche seine Frau beim
-General-Adjutanten erwirkt, verbreitet plötzlich neues Licht über die
-Sache, der Prozeß wird revidirt und die halbe Strafzeit erlassen. Die
-Blonde schien immer noch mehr Licht auf die Sache werfen zu wollen,
-denn sie hatte durch drei Monate einen ganzen Cyklus von Audienzen bei
-Seiner Excellenz. Es wurde aber nichts weiter revidirt noch gemildert,
-und sie soll jetzt bemüht sein, einer noch höheren Person die
-Angelegenheit ihres Mannes zu beleuchten, und, wie es heißt mit Erfolg.
-&mdash; Weiter. &mdash; Wörlitzer macht alle Geldgeschäfte für den Minister
-des<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> Innern, Baron Thorn und für einige spekulirende Diplomaten.
-Außerdem gehört er zu denen, welche, wie man zu sagen pflegt, Alles
-mitnehmen. Er ist, wenn nicht Thorn’s rechte Hand, wenigstens seine
-Wertheim’sche Kassa und hat freien Zutritt bei ihm, und was mehr werth
-ist, eine schöne interessante Nichte. Der Baron Sembrick, an den dein
-Brief lautet und den ich für ganz honett halte, soll sich für sie
-interessiren. &mdash; Ich würde aber an deiner Stelle den Brief doch nur
-hinschicken und abwarten, was seinerseits geschieht. &mdash; Nummer drei:
-&mdash; der Geistliche, Pater Bernhard, kann kein anderer sein, als der
-Prior und wahrscheinliche künftige Prälat von St. Martin und hat vielen
-Einfluß auf unsern Erzbischof, der jeden Sommer mehrere Tage dort
-zubringt. Ich habe bemerkt, daß immer zur Zeit dieser Besuche irgend
-ein oberhirtlicher Wetterstrahl über die ungläubige Welt hinfährt. Der
-Pater kommt auch oft hieher, und wohnt dann beim Erzbischof. &mdash; Was den
-Husaren-Obersten von Plomberg betrifft, so kannst du seinen Fiaker alle
-Abende hinter dem Mersey’schen Palais stehen sehen. Plomberg ist der
-Geliebte der alten Gräfin, der Schwester der Obersthofmeisterin unserer
-Prinzessin Anna. Sie zahlt alle Jahre seine Schulden. &mdash; Schließlich
-Hofrath Blauhorn. Die Julie Kollmann hat dir von seiner bösen Frau
-ge<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>sprochen. Er ist aber doch nur durch <em class="gesperrt">sie</em> vom Finanzminister
-in die Kommission ernannt worden. &mdash; Ich gebe dir noch als Vermuthung
-gratis in den Kauf, daß die beiden schönen Mädchen, wenn sie wirklich
-Leonore und Sidonie heißen, die Töchter des Vizepräsidenten Mildern
-sind oder vielmehr des Fürsten Leuchtendorf, bei dessen Kassa der alte
-Mildern unverschämt genug ist, die Pension seiner Frau persönlich
-zu beheben. &mdash; Knorr macht mir den Eindruck eines Menschen, dessen
-eine Hälfte klug genug ist, um die andere, verrückte, als Mittel zu
-benützen, sich im Freinhof gut füttern zu lassen. Ich will ihm nicht
-Unrecht thun, habe aber solche Kerls gekannt, die sich für ihre grobe
-Treuherzigkeit mit feiner Kost bezahlen ließen. &mdash; So weit einstweilen
-die Steckbriefe. &mdash; Ganz unbekannt ist mir das alberne Subjekt Reiland.“</p>
-
-<p>In steigender Aufregung hatte Arnold zugehört. Er gedachte des
-Augenblickes, wo er durchs Fenster ins Theezimmer gesehen hatte. Es war
-ihm als betrachte er einen Hogarth’schen Kupferstich nach gelesener
-Erklärung. &mdash; Die Leuchtkugeln Günthers waren doch noch ganz anders
-wirksam als die acht Lampenkugeln. Derselbe fuhr fort:</p>
-
-<p>„Wenn du nun Alles zusammenfassest, so wirst du mir erlauben die
-Behauptung aufzustellen, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> die ganze Gesellschaft im Freinhof, wie
-sie vor Erscheinung der Frau vom Hause beisammen saß, dasjenige ist,
-was wir, denen soziale Stellungen nun einmal nie so weit imponiren,
-um ein Kind nicht bei seinem Namen zu nennen, ein <em class="gesperrt">Gesindel</em>
-heißen; von jener Gattung Gesindel, die im Salonwasser nicht nur
-gleichberechtigt mitschwimmt, sondern, wegen ihrer Leichtigkeit, sogar
-meistens obenauf.“</p>
-
-<p>Arnold hatte gegen den kräftigen Schlußsatz nichts einzuwenden; es
-hatte ihm ja selbst weh gethan, sich <em class="gesperrt">ihr</em> Bild in <em class="gesperrt">diesem</em>
-Rahmen zu denken.</p>
-
-<p>„Meine Bezeichnung, sagte Günther, ist hart, aber du weißt, daß ich
-gewisse Unterscheidungen von ganz, halb und drei Viertel honett nicht
-acceptire. Frage dich, ob dieser oder jener Mann, diese oder jene Frau
-die volle Achtung deines Vaters und deiner Schwester verdienen &mdash; das
-ist der Probierstein &mdash; und Alle, bei denen du <em class="gesperrt">Ja</em> sagen kannst,
-gehören <em class="gesperrt">herüber</em> und alle Andern <em class="gesperrt">hinüber</em>. &mdash; Nun aber eine
-andere, wichtigere Wahrnehmung. &mdash; Es muß dir auffallen, daß alle diese
-Elemente im Freinhof ein Gemeinsames haben, noch außer der gebrauchten
-Bezeichnung, nämlich: jede dieser Figuren bildet eine Hintertreppe in
-eine höhere Region. Du siehst da Telegrafendrähte zusammenlaufen, durch
-welche auf die Prinzessin, zwei Minister, den Erzbischof, den al<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>ten
-Fürsten Leuchtendorf <span class="nowrap">u. s. w.</span> gewirkt werden kann &mdash; alles indirekt
-und durch Seitenthüren, nichts gerad und honett, aber vielleicht um so
-sicherer. &mdash; &mdash; Ob dieses Zusammentreffen bloß die Folge der chemischen
-Verwandtschaft, womit sich dieses Volk überall erkennt und anzieht, &mdash;
-ob es ein geleitetes, beabsichtigtes ist, dazu habe ich vor der Hand
-keinen <span class="nowrap">Schlüssel.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Alles was du sagst, nahm Arnold das Wort, hat das Gepräge der
-frappantesten Richtigkeit. Es mag sein, daß du in deiner letzten
-Hipothese zu weit gehst. Doch hat dieß Alles keine Beziehung auf das,
-was <em class="gesperrt">mir</em> jener Ort geworden ist. Was gehen mich die übrigen
-Besucher dort an? wenn nicht in dem Sinne, daß ich sie auf den Boden
-des Sees wünsche, und daß sie Julien vielleicht eben so unleidlich
-sind. Wer kann sagen, was sie zwingt, mit allen diesen Gesichtern
-freundlich zu sein?“</p>
-
-<p>&mdash; „Weder du noch ich. Aber das Folgende geht <em class="gesperrt">dich</em> an: wenn
-der Freinhof ein Punkt ist, wo die besagten Fäden mit Absicht
-zusammengezogen sind, so bist <em class="gesperrt">du</em> zu einem solchen Faden bestimmt
-so gut wie die Andern.“</p>
-
-<p>&mdash; „Und welcher Prinz oder Minister soll durch <em class="gesperrt">mich</em> in Bewegung
-gesetzt werden, durch einen un<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span>bedeutenden jungen Menschen ohne Rang
-und Verbindungen?“</p>
-
-<p>&mdash; „Keiner; sondern du selbst.“ &mdash; Günther sprach mit jenem Ernst, der
-eben an ihm, im Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Laune, um so tiefern
-Eindruck zu machen pflegte. &mdash; „Täusche dich nicht hierüber. Gott
-erhalte dir deinen Vater lange Jahre, vergiß aber nicht, daß, wenn
-er die Augen schließt, du der Herr eines Besitzthums bist, welches
-ungefähr eine Million repräsentirt, eine Million in den reellsten
-Werthen die sich denken lassen, du bist überdieß &mdash; verzeih die
-Impertinenz unter Männern &mdash; ein entschieden schöner Bursche. Weißt du
-was das sagen will? Und wenn du albern und häßlich wärst, so ist dein
-Vermögen ganz allein hinreichend, um in dir entweder einen Zweck oder
-ein Mittel zu <span class="nowrap">sehen.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; „Ich gehe noch immer auf Alles ein. Aber alle Namen und alle
-Verhältnisse der Personen und deren etwaige Zwecke haben nur dadurch
-Interesse für mich, daß sie auf diese Frau Bezug haben; &mdash; welche Rolle
-willst du denn <em class="gesperrt">ihr</em>, die mir nur den Eindruck eines lächelnden
-geschmückten Opfers machte, in dieser Gesellschaft, oder diesen
-Zwecken gegenüber, anweisen? <em class="gesperrt">Sie</em> soll doch nicht die Seele von
-Intriguen oder ihre Hand die bewegende Kraft irgend eines unlautern
-Getriebes sein? Ich würde dir übrigens<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> Alles vergeben, so lang du sie
-nicht gesehen. Weißt du mir denn, nachdem du alle Schattenparthien
-beleuchtet, gerade über den hellen, schönen Lichtpunkt nichts zu sagen?“</p>
-
-<p>„Thatsächliches, über den Lichtpunkt &mdash; Nichts! Daß Kollmann vor
-ungefähr dritthalb Jahren hieher gekommen, den Winter über ein großes
-Haus gemacht, daß die Frau von allen Frauen verlästert, von allen
-Männern gefeiert wurde, daß sie im zweiten Winter verreisten und durch
-den Bau des Freinhofes nach der Rückkunft wieder ins Gerede kamen, &mdash;
-um das zu erfahren, brauchst du <em class="gesperrt">mich</em> nicht zu fragen.“</p>
-
-<p>„Lieber Günther, gestern hast du gesagt, ich hätte dir Nichts erzählt,
-&mdash; gabst dich nicht zufrieden, bis ich dich auf den Grund meiner Seele
-blicken ließ, und heute hältst <em class="gesperrt">du</em> zurück. Deine Meinung über
-<em class="gesperrt">sie</em> ist es, die ich von dir erwartete.“</p>
-
-<p>Günther stand auf, stellte sich ihm gegenüber, sah ihm einen Moment
-schweigend in die Augen und sagte: „Nun denn &mdash;! deine ganze Julie
-Kollmann ist eine mit ungewöhnlichen Mitteln begabte <em class="gesperrt">Kokette</em>!
-und wären nicht in dir selbst Zweifel an ihr aufgestiegen, so wäre
-dir nicht eingefallen, überhaupt um irgend eines Menschen Meinung zu
-fragen. Ich sehe in der affektirten Frase wegen des unversöhnlichen
-Hasses, in dem Wechsel von blassen und rothen De<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span>korazionen, in dem
-ganzen geheimnißathmenden Gespräche von Vertrauen und zu gewärtigenden
-Opfern, in dem Hinausgehen über alle Grenzen, welche weibliche
-Zurückhaltung gegen einen Fremden einzuhalten befiehlt, &mdash; nur eben so
-viele Beweise mindestens jener Koketterie, die auch ohne bestimmten
-Zweck ihr Feuerwerk vor Jedem spielen läßt, weil sich später ein Zweck
-finden kann. &mdash; Auch hat sie gesagt, daß ihr <em class="gesperrt">dein</em> Name nicht
-<em class="gesperrt">fremd</em> sei! Und nun sag ich dir mein Letztes: Ich habe diese
-Frau einmal gesehen &mdash; über ihre Schönheit kann nur Eine Stimme sein.
-Bist du bloß <em class="gesperrt">verliebt</em> in sie &mdash; du kennst die tadelnswerthe
-Dehnbarkeit meiner Moral in diesem Punkte, &mdash; so magst du dich,
-wenn sie dich erhört, eines der reizendsten Abentheuer auf deiner
-Lebensreise freuen. Hast du aber das Unglück sie zu <em class="gesperrt">lieben</em>, wie
-der Franzose sagt <span class="antiqua">de la prendre au sérieux</span>, so ist Alles, was
-gut und trefflich an dir, in Gefahr; Alles &mdash; von deinem Herzens- und
-Lebensglück angefangen bis &mdash; das getraue ich mir zu behaupten &mdash; bis
-zu deinen <em class="gesperrt">Metallfabriken</em> herunter. Leb wohl und antworte mir
-jetzt nicht.“</p>
-
-<p>Er bot Arnold die Hand, der sie tief ergriffen faßte und schweigend
-drückte; &mdash; seine Augen waren feucht.</p>
-
-<p>So tief er auch vom Anfange der letzten Rede<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> Günthers verletzt war
-&mdash; &mdash; in dem Augenblicke fühlte er nicht den Schmerz der Wunde,
-sondern nur den Balsam der innigen Liebe, welche in Günthers tiefem
-seelenvollen Blicke lag, und in dem schmerzlichen Zuge, welcher über
-die sonst so bleichen, nun hochgerötheten Wangen lief.</p>
-
-<p>In heftiger Erregung ging er nach dessen Weggehen einigemale im Zimmer
-auf und nieder. Da fiel ihm der Brief an Baron Sembrick in die Augen.</p>
-
-<p>Der mußte denn doch persönlich abgegeben werden.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zimmerreise"><em class="gesperrt">Zimmerreise</em>.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Edmund von Sembrick wohnte in der Jägerstraße, am entgegengesetzten
-Ende der Stadt. Ein Diener in einfacher brauner Livree öffnete das
-eiserne Gitter im ersten Stockwerke und fast im selben Augenblicke trat
-aus der gegenüber befindlichen Thür ein Mann in schwarzer Kleidung,
-mit weißen Haaren und einem klugen Gesichte, welcher Arnold bat einen
-Augenblick im Salon zu warten, dessen dunkelbraune hohe Flügelthüre er
-öffnete.</p>
-
-<p>Arnold befand sich in einem jener Räume, die durch eigenthümlichen,
-individuellen Karakter angenehm berühren, deren Einrichtung kein
-Gemeinplatz, keine Zusammenstellung der in den betreffenden Magazinen
-von Möbeln und Luxusartikeln vorgefundenen Gegenstände ist, sondern der
-Ausdruck des persönlichen Geschmackes, die Ausführung der eigenen Ideen
-des Bewohners. &mdash; Die dunkelrothen, mit alten werthvollen Gemälden,
-größtentheils Niederlän<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>dern, bedeckten Tapeten, die hohen, in den
-reinsten Renaissance-Formen gearbeiteten Lehnstühle, die Marmorplatte
-des Tisches mit acht abgerundeten Ecken, der grüne langwollige, wie
-Moos dem Tritte nachgebende Teppich, &mdash; die kunstvolle Zeichnung der
-Holzmosaik des Plafonds &mdash; Alles war volle Harmonie in Farbe und Form,
-und wo auch der Blick sich hinwendete, fand er einen wohlthuenden
-Ruhepunkt und ward durch schöne vermittelnde Linien weitergeleitet.</p>
-
-<p>Der Kammerdiener öffnete nach einigen Augenblicken die schweren
-Vorhänge der Thür zu Sembrick’s Kabinet und Arnold stand einer von
-jenen Erscheinungen gegenüber, welche nimmer vergessen noch verwechselt
-werden können.</p>
-
-<p>Die Natur gräbt zum Ausprägen einiger Gestalten einen <em class="gesperrt">eigenen</em>
-Stempel, den sie dann zerbricht, während die Massen nach gewissen
-vorräthigen, ein Paar Tausend verschiedene Typen darstellenden Formen
-gegossen scheinen, denen man mit gewissen Varianten immer wieder
-begegnet.</p>
-
-<p>Edmund von Sembrick mahnte an ein einziges, &mdash; nur <em class="gesperrt">einmal</em>
-über die Erde gegangenes Vorbild: &mdash; &mdash; der Stempel, nach welchem
-<em class="gesperrt">seine</em> Züge ausgeprägt schienen, ist vor achtzehn Jahrhunderten
-zerbrochen <span class="nowrap">worden. &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p>
-
-<p>Es glänzte aber in den Augen dieses Christuskopfes nicht der sanfte
-Schimmer der versöhnenden Liebe, sondern das Feuer, vor dem die Käufer
-und Verkäufer aus dem Tempel <span class="nowrap">flohen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Auch in der Umgebung des Mannes grünten keine Palmen- und Olivenzweige:
-&mdash; alte, breite Schwerter, gekreuzte Pistolen, Pulverhörner,
-Schrotbeutel, bildeten an der Wand ein von einem geschlossenen Helm
-gekröntes Tableau, dessen Devise eben nicht lautete „der Friede sei mit
-Euch.“</p>
-
-<p>Mit stummer Verbeugung erwiederte er Arnold’s Worte: „Ich erfülle
-den Auftrag einer Dame, indem ich diesen Brief persönlich übergebe“
-&mdash; erbrach das Siegel, durchflog die Zeilen, und wie groß auch seine
-Herrschaft über jedes Zeichen seiner Empfindungen war, verrieth doch
-der Schatten, der über die Stirn flog, daß die runden Schriftzüge
-verwundende Spitzen für ihn <span class="nowrap">hatten. &mdash;</span></p>
-
-<p>Wenn Arnold, welchem trotz seiner Jugend eine bloße äußere Erscheinung
-nicht leicht imponirte, von jener des Barons einen Augenblick
-beherrscht war, als ihm dieser im ganzen Nimbus entgegentrat, welchen
-die zufällige Aehnlichkeit mit dem alles Erhabenste verkörpernden
-Urbilde über seine hohe Gestalt verbreitete, so fand er bei dessen
-Kälte, und namentlich beim Anblicke des Waffentableaus, seine<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> ganze
-Haltung wieder, und fühlte sich eben als Mann einem Manne <span class="nowrap">gegenüber. &mdash;</span></p>
-
-<p>Sembrick setzte sich, den Brief weglegend, in seinen Lehnstuhl,
-wies Arnold einen nebenstehenden und begann: „Die gemeinschaftliche
-Bekannte, welche ich meinerseits eine theure, hochverehrte Freundin
-nennen darf, spricht den Wunsch aus, daß wir einander kennen lernen,
-und es kann mir nur zum Vergnügen gereichen, ihn zu verwirklichen.
-Es könnten, wie ich ihre Lage kenne, Verhältnisse eintreten, die ein
-Zusammenwirken ihrer wahren Freunde erwünscht machen, und sie scheint
-in diesem Sinne auf Sie zu zählen.“</p>
-
-<p>„Ich halte es für meine Pflicht, zu bemerken, &mdash; sagte Arnold &mdash;
-daß ich bisher nicht in der Lage war, das Vertrauen dieser Dame zu
-rechtfertigen, daß aber, wenn der feste Entschluß hierzu die Grundlage
-der von ihr gewünschten Bekanntschaft sein kann, ich mit Freude die
-Hand dazu biete.“</p>
-
-<p>Es war gut, daß Arnold das Handbieten nicht wörtlich gemeint und die
-seinige nicht bewegt hatte, denn die Rechte des Barons blieb in der
-Brusttasche stecken, als er sagte: „Das Schicksal dieser Frau ist
-allerdings ein solches, welches jeden Mann von Herz und Ehre zur
-Theilnahme bewegen muß. Es fragt sich eben, ob Ihr Entschluß aus der
-Kenntniß der<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> Verhältnisse, was ich bezweifle, oder aus der ihrer
-Person <span class="nowrap">hervorgegangen.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Mag bei Ihnen das Eine, bei mir das Andere der Fall sein, &mdash; war
-Arnold’s Antwort &mdash; so wird das Ergebniß dasselbe sein, sobald wir uns
-<em class="gesperrt">offen</em> über Dasjenige verständigen, was gethan werden soll, um in
-unglückliche Verhältnisse helfend <span class="nowrap">einzugreifen.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Es handelt sich hier um <em class="gesperrt">etwas mehr</em>. Ich brauche nicht zu
-sagen, daß der Eindruck Ihrer Persönlichkeit auf mich vollkommen dem
-Sinn dieser Zeilen entspricht. Allein, &mdash; Sie werden einem Manne,
-durch dessen Hände in einem bewegten Leben viele Angelegenheiten der
-schwierigsten und vertrautesten Art gegangen sind, zu Gute halten, wenn
-sein Gang ein wenig rascher ist als der einer jungen Frau. Ich verreise
-heute für einige Tage und behalte mir vor, Sie nach Beseitigung einiger
-Hindernisse mit Dingen bekannt zu machen, für welche wohl der Rahmen
-unseres ersten Gespräches zu eng wäre. Ich werde auf Sie als einen
-Gentleman im vollen Sinne zählen können.“</p>
-
-<p>Arnold konnte durch sein rasches Aufstehen kaum dem des Barons
-zuvorkommen; er richtete sich vor diesem mit allem Stolz, der ihm zu
-Gebote stand, auf, und sagte: „Ich <em class="gesperrt">hoffe</em>, mich des Gleichen
-zu<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> Ihnen versehen zu dürfen, Herr Baron, und in dieser Voraussetzung
-werde ich Vorschläge zur Mitwirkung für eine gute Sache bereitwillig
-empfangen.“</p>
-
-<p>Der Baron neigte den Christuskopf schweigend mit einem kalten Lächeln
-und abermals war, wie am rothen Kreuze, eine Geisterbrücke zwischen
-zwei Augenpaaren aufgebaut, &mdash; aber die beiden Seelen am Ende derselben
-standen einander gegenüber, wie zwei mit gezogenen Kanonen bespickte
-Brückenköpfe.</p>
-
-<p>Als die schweren Thürvorhänge wieder zwischen ihnen lagen, nahm
-Sembrick Juliens Brief wieder zur Hand und ein innerer Vulkan schien
-die künstlichen Eisfelder auf den ausdrucksvollen Zügen zu schmelzen,
-als er die Zeilen wiederholt überlas. Sie lauteten: „Ich wünsche, daß
-Sie mit dem Ueberbringer, Arnold, dem Sohne des Besitzers von Korbach,
-bekannt werden. Ich darf nach dem, was ich durchlebt, auch mit meinen
-einundzwanzig Jahren von Menschenkenntniß reden, und sage Ihnen, daß
-er ein Mann ist, auf den Sie zählen können. Wenn Sie des letzten
-Gespräches zwischen uns gedenken, wo Sie ausriefen: „Nur noch Eine
-treue, verläßliche Hand!“ ohne sich näher über das, was Sie für mich
-ersonnen, zu erklären, so werden Sie meine Zeilen vollkommen begreifen.
-Man sieht auf den Grund eines tiefen Wassers, wenn es rein ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>
-Das seichte gilt oft für tief, wenn es trübe. Wozu ich eine Stunde
-gebraucht, dazu wird Ihrem Blick eine Minute <span class="nowrap">genügen.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Grenzenlose Unbesonnenheit! rief Sembrick aus, &mdash; &mdash; und eben diesen!
-&mdash; Wohl hast du ihn recht gesehen, Julie &mdash; aber dieser Verbündete wäre
-schlimmer als ein Feind! &mdash; ein tiefes, reines Wasser nennst du ihn &mdash;
-du hast hineingeschaut bis auf den Grund &mdash; dein Bild darin gesehen &mdash;
-genug um das Auge hineinzutauchen, bis die Seele <span class="nowrap">nachsinkt.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Er wurde in dem Nachsinnen, das diesen Worten folgte, durch den
-Eintritt des Kammerdieners unterbrochen, welcher meldete, Herr Reiland
-wünsche seine Aufwartung zu <span class="nowrap">machen. &mdash;</span></p>
-
-<p>„Soll sogleich <span class="nowrap">hereinkommen.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Er nahm wieder seinen Platz ein, und grüßte den Eintretenden mit einer
-Handbewegung und den Worten: „Sie kommen wie gerufen.“</p>
-
-<p>„Ich bin sehr glücklich, Herr<span class="nowrap"> Baron,“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Das freut mich, und ich werde noch mehr dazu beitragen, wenn Sie
-schnell und treu berichten.“</p>
-
-<p>„Ergebenst zu dienen. Am Montag hat die ganze Gesellschaft, von der
-ich geschrieben, den Freinhof verlassen. Auch der fremde junge Mann,
-Herr Korbach; Frau von Kollmann hatte eine Unterre<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>dung mit ihm allein.
-In der Nacht war Herr von Kollmann eingetroffen, &mdash; die Frau war eine
-Stunde bei ihm, und sie ist in sehr leidendem Zustande auf ihr Zimmer
-gekommen.“</p>
-
-<p>„Wollen Sie mir gefälligst Nachmittags Alles berichten, was Sie über
-die Verhältnisse dieses Korbach bis dahin erfahren können. Ich reise
-Abends weg. &mdash; Was machen die Ehrenschulden?“</p>
-
-<p>„Ich gestehe, daß meine Posizion in der Gesellschaft gefährdet ist,
-wenn nicht ein wohlwollender <span class="nowrap">Freund“ &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>„In Ermangelung eines Freundes &mdash; sagte der Baron mit verächtlichem
-Lächeln, wird auch ein einfacher Darleiher auf Nichtwiederzahlen
-genügen“ &mdash; und reichte ihm eine Banknote aus dem Portefeuille. &mdash; „Was
-für eine ostensible Rolle spielen Sie denn eigentlich im Freinhofe?“</p>
-
-<p>„Ach, Herr Baron, man gilt eben durch seine Persönlichkeit; &mdash; wenn
-man einmal vorgestellt ist, handelt es sich darum, den Damen angenehm
-zu sein, sich mit den Männern auf guten Fuß zu setzen. Auch mit dem
-sonderbaren Knorr ist mirs gelungen. Er hat mir angetragen Du zu sagen,
-aber auf so eigenthümliche Weise, &mdash; er meinte, ich meinerseits könne
-Sie zu ihm sagen, wenn ich wolle, es sei ihm sogar lieber, &mdash; nur
-<em class="gesperrt">er</em> bringe es nicht über die Lip<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>pen; man darf aber an diesen
-Menschen nicht unsern Maßstab <span class="nowrap">anlegen.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Unsern</em> Maßstab?“ wiederholte der Baron, seinen Kopf langsam an
-der Stuhllehne gegen Reiland wendend &mdash; „wenn ich mich recht entsinne,
-so sind Sie bei einer frühern Gelegenheit von Knorr durchgeprügelt
-worden? Das ist vermuthlich mit <em class="gesperrt">Ihrem</em> Maßstabe <span class="nowrap">geschehen.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Es ist wahr, sagte Reiland, dessen Gesicht mit einer rothen
-Brühe übergossen war, &mdash; daß dieser Mensch sich in einem seiner
-ungeschliffenen Scherze an mir vergriffen, allein die Sache wurde
-schnell ausgeglichen &mdash; die Frau vom Hause wußte Alles in ein so
-humoristisches Licht zu setzen.....“</p>
-
-<p>„Ich weiß, ich weiß &mdash; doch genug für jetzt. Leben Sie wohl, Reiland,
-und geben Sie sich Mühe!“</p>
-
-<p>„Ich werde die Ehre haben, nach dem Speisen aufzuwarten.“</p>
-
-<p>„Wenn Sie nirgends geladen sind, speisen Sie mit Weinrotter.“</p>
-
-<p>So hieß der alte Kammerdiener des Barons und Reiland nahm die Einladung
-mit Vergnügen an. Es gibt eben geborne Bedientenseelen und im
-Verhältnisse zu ihrer Gesammtzahl stecken wenige in Livree. Das Kleid
-verändert sie auch nicht. Man ziehe ihnen Staatsuniformen über, stelle
-sie auf je<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>den Platz, wo es gilt „Herr“ zu sein &mdash; und wenn sie vor
-Tausenden aufrecht dastehen, <em class="gesperrt">Einer</em> wird einmal vorüberfahren,
-dem sie den Kutschenschlag zu öffnen, den Mantel nachzutragen bereit
-sind, &mdash; wenigstens in moralischem Sinne. &mdash; Reiland wird in einem
-fremden Lande, wo ihn Niemand kennt, ohne Bedenken seinen Panama-Hut
-mit einem Cilinder mit silberner Borte vertauschen, um den Preis einer
-Löhnung, welche das Einkommen übersteigt, das er von Sembrick bezieht.
-Vielleicht auch von Andern. &mdash; Er ist noch kein eigentlicher Schurke,
-&mdash; er wird noch roth, wie wir gesehen. Die Natur hat eben vergessen
-in seinen Teig den Gährstoff zu mischen, und ihm gerade so viel Scham
-gelassen, um <em class="gesperrt">vor einem Andern</em> zu fühlen, was er Ehrloses gethan.
-<em class="gesperrt">Allein</em> wohl niemals.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Sembrick aber überließ sich nun ganz dem Eindrucke des Briefes.
-Sein edles Antlitz war ein Kampfplatz von Zorn und Schmerz &mdash; in seiner
-Seele kämpfte vielleicht der Engel mit dem Teufel &mdash; Sankt Georg mit
-dem Drachen &mdash; der Genius des höheren Menschen mit dem durch Grundsätze
-gezähmten Raubthiere der Leidenschaft. &mdash; Wie war es möglich, daß diese
-Hand, welche für das breite Ritterschwert geschaffen schien, sich eines
-Gewürmes wie Reiland bediente? &mdash; Vielleicht dachte der Christus<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>kopf,
-daß die Nachfolger seines Urbildes sich ja auch der Inquisizion
-bedienten?</p>
-
-<p>Er schien endlich mit einem Entschlusse im Reinen; abzureisen hatte er
-wirklich vorgehabt, nur das Ziel wurde verändert.</p>
-
-<p>In nicht geringerer Aufregung, als in welcher Sembrick zurückgeblieben,
-war Arnold die Treppe hinabgegangen. &mdash; Der Baron hatte ihn nicht nur
-in der Sache, sondern auch in der Form in einer solchen Entfernung
-gehalten, daß ihn neben der breiten Wunde des beleidigten Stolzes auch
-der feine tiefe Stich der verletzten Eitelkeit brannte, so wenig er
-auch von letzterer in sich hatte.</p>
-
-<p>Sembrick hatte Julie eine theure hochverehrte Freundin genannt. Julie
-hatte gesagt, sie habe einen einzigen <em class="gesperrt">starken</em> Karakter gekannt,
-der jenes „unversöhnlichen Hasses“ fähig. Das war Sembrick! &mdash; trotz
-aller der ewigen Liebe abgeborgten Linien seines Gesichtes. &mdash; Dann
-überdachte er seine eigenen Worte, und war wenigstens mit seiner
-Haltung gegen den Baron am Ende des Gespräches zufrieden. Aber Alles
-war ja Nebensache gegen die wahrhaft brennende Frage: in welcher
-Beziehung steht dieser Mann zu <em class="gesperrt">ihr</em>?</p>
-
-<p>Er hing, wie der Taucher, im Wirbelwasser der Zweifel, von Haifischen
-und Molchen der Eifersucht<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> umringt, aber aus der Tiefe ragte das
-Felsenriff des Glaubens &mdash; an den einzigen langen tiefen Blick,
-der den Worten: „Ich vertraue Ihnen“ &mdash; auf ihrem Wege über dunkle
-Rosen geleuchtet.. und er hielt es fest. &mdash; &mdash; Doch fühlte er, daß
-er <em class="gesperrt">kämpfe</em>, daß er den Schatz dieses Vertrauens gegen Etwas
-<span class="nowrap"><em class="gesperrt">vertheidige</em>. &mdash;</span></p>
-
-<p>Seine Natur ließ ihn nicht lange in der Tiefe der Charibde hangen &mdash;
-an den spitzen Korallen. Den Becher der Hoffnung, daß <em class="gesperrt">sie</em> aus
-Allem rein hervorgehen müsse, in der Hand, tauchte er kräftig auf in
-die ihn rufende Welt der Wirklichkeit, der unerbittlichen materiellen
-Beschäftigung.</p>
-
-<p>Wer ihn eine Stunde später im Comptoir sah, und hörte, wie er die neuen
-Bestellungen des Marine-Kommando’s mit dem Geschäftsführer besprach und
-nach allen Gesichtspunkten erörterte, der konnte in den ruhigen, in die
-Rechnungen vertieften Augen nichts von dem lesen, was seit dem Morgen
-durch die Seele gegangen war.</p>
-
-<p>Und er selbst ahnte noch weniger, was der Abend bringe.</p>
-
-<p>Er suchte an demselben Günther auf. Dieser lachte ihn aus und sagte:
-„Ich habe mir von der persönlichen Uebergabe nichts Erquickliches
-versprochen; übrigens hast du deine Sache, nach den Umständen,<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> gut
-gemacht, &mdash; Rückzug mit etwas dünnen, kriegerischen Ehren, wenigstens
-todesmuthig, wenn nicht siegesmuthig. Ich bin aber, trotz der Meinung,
-die ich so unverhohlen und, ich gestehe es, rücksichtslos über die
-Kollmann aussprach, überzeugt, daß sie <em class="gesperrt">diese</em> Wendung nicht
-beabsichtigte. Sie glaubt offenbar mehr über ihn zu vermögen, als der
-Fall ist.“</p>
-
-<p>„Das Schlimmste ist nur,“ rief Arnold mit einem Aerger, in dem einmal
-seine ganze Jugendlichkeit zum Vorschein kam, „daß nun alle Wege, alle
-Brücken zwischen mir und dem Freinhofe abgerissen sind! Ich war ja nur
-hingegangen, um mir einen Verkehr mit <em class="gesperrt">dort</em> zu erhalten! Jetzt
-stehe ich vor der chinesischen <span class="nowrap">Mauer!“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Armer Kalaf! sei ruhig und glaube mir, die Turandot wird <em class="gesperrt">selbst</em>
-den Schleier zurückschlagen. Und wenn du <em class="gesperrt">nicht</em> ihr Kalaf bist,
-&mdash; bedenke die Möglichkeit &mdash; wenn Sembrick es wäre, so wird es dir
-nicht schaden, wenn du deinen Kopf noch ein Paar Tage herumträgst.“</p>
-
-<p>„Und <em class="gesperrt">wenn</em> er es ist,“ sagte Arnold entschieden, „so werd’
-ich, weiß Gott, meinen Kopf behalten; das Herz hat damit nichts zu
-schaffen. Halte mich auch nicht für so blind und taub, daß ich das
-Richtige in deinen Urtheilen nicht unterscheide. Ich gestehe dir ja,
-daß ich mir selbst Fragen über Julie stellen muß,<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> die ich noch nicht
-lösen kann, wie es mein Herz <span class="nowrap">verlangt.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Vielleicht sind wir der Lösung in einer halben Stunde näher: damit
-du siehst, daß ich keine Schadenfreude über die abgebrochnen Brücken
-habe, baue <em class="gesperrt">ich</em> dir selbst eine. Mittags erhielt ich einen Zettel
-von meinem alten Freund und deinem ehemaligen Meister, dem gar zu
-vortrefflichen Harkeboom &mdash; sagte Günther, den Namen eine Elle lang
-ausziehend im norddeutschen Accent. &mdash; Harkeboom hat die Ferientage zu
-einem Ausfluge benützt, von dem er mit verletztem Fuße zurückgebracht
-worden, und da ich nicht glaube, daß alle Professoren der Akademie sich
-in das Gebirg geworfen und die Beine gebrochen haben, so ist <em class="gesperrt">er</em>
-es, von dem dein Schiffer erzählte, &mdash; das unglückliche Opfer, welches
-Julie auf den Wetterstein geführt. Er bittet mich, ihn zu besuchen,
-wird sich jedenfalls ungemein freuen dich wiederzusehen, und wenn du
-willst, so gehen wir gleich.“</p>
-
-<p>Günther handelte nicht ohne eine kleine Perfidie. Als Arnold ihn rasch
-umarmte und nach dem Hute griff, dachte er: freue dich nicht zu sehr!
-Er rechnete auf das ruhige, nicht leicht zu bestechende Urtheil des
-im reifsten Mannesalter stehenden, gebildeten und liebenswürdigen
-Künstlers.</p>
-
-<p>Es war ziemlich spät am Abende, als sie bei<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> ihm eintraten. Der
-Professor saß aufrecht im Bette, ein Buch lag auf der rothen
-Seidendecke.</p>
-
-<p>„Wer kommt?“ rief er mit seinem vollen schönen <span class="nowrap">Organe. &mdash;</span></p>
-
-<p>„Gute Freunde!“ erwiederten die Beiden, welche erst die Staffelei
-umgehen mußten, welche mitten stehend das Kabinet in zwei Hälften
-theilte.</p>
-
-<p>„Ach das ist doch gar zu schön, Ihr lieben, vortrefflichen Menschen,
-daß Ihr des alten Harkeboom nicht vergeßt, und nu gar mein treuer guter
-Korbach!!“ Und so klang es fort in gemüthlicher Breite und mit einem
-gewissen wohltönenden Pomp aus der breiten Brust des Professors, dessen
-kahler Vorderkopf und wasserblaue freundliche Augen sich zu Sembricks
-Erscheinung verhielten, wie ein Albrecht Dürer zu einem Salvator Rosa.</p>
-
-<p>Schwerlich konnte Günthers Kreuzzug zur Bekehrung des Freundes mit
-einem unglücklicheren Manöver beginnen als mit dem, freilich durch
-die Terrainverhältnisse gebotenen, Flankenmarsche um die Staffelei,
-auf welcher ein fertiger Freinhof mit angefangenem Wetterstein auf
-schwarzem Wolkengrunde wie eine maskirte Batterie lauerte. &mdash; Ein Blick
-Arnolds hatte Günther über die Wirkung ihres Feuers belehrt.</p>
-
-<p>Der Professor hatte seine Erzählung des Aus<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>fluges begonnen und
-seinen Unfall beschrieben „und wie dann der Herr Knorre, ein gar zu
-köstlicher, origineller Mensch, ihn mit seiner Riesenstärke eine volle
-Stunde weit geschleppt, und die liebenswürd’ge Frau Kollman, ein
-wahrer Schatz von einem Frauchen, neben ihnen hergegangen, und daß er
-über ihrem herzlichen Geplauder fast seines Schmerzes, und einer ganz
-unbeschreiblich ergreifenden Szene vergessen;“ <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>„Aber wie haben Sie denn eigentlich, &mdash; Sie unverbesserlicher alter
-Sünder &mdash; unterbrach ihn Günther, diesen Schatz von einem Frauchen
-kennen gelernt?“</p>
-
-<p>„Sehr einfach, sagte der brave Mann nach einem Gelächter „wie Orgelton
-und Glockenklang,“ sie ist im Frühlinge in mein Atelier gekommen und
-hat zwei Bilder bestellt, &mdash; es war eben ganz kurze Zeit nachdem ich
-den Unterricht der Prinzessin Marie übernommen hatte.“</p>
-
-<p>Arnold erhielt einen nicht sehr leichten Tritt auf seinen Fuß, womit
-Günther den Zuwachs einer neuen Hintertreppe bezeichnete.</p>
-
-<p>„Dann erhielt ich, fuhr Harkeboom fort, eine gar freundliche Einladung
-nach der schönen Besitzung, wo ich die Feiertage zubrachte, und in der
-Frau des Hauses eine ganz treffliche Dilettantin fand. &mdash; Da habe ich
-den ganzen Tag Studien gemacht &mdash; unter<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> andern die Ansicht, die ich
-dort auszuführen angefangen &mdash; das ist der Wetterstein; aber was meine
-Gedanken am meisten beschäftigt, das konnte ich nicht hineinmalen.
-Diese Frau hatte die Parthie nach diesem Berge projektirt, und als
-sie widerrathen wurde, so ernst und entschieden erklärt, sie gehe
-allein, daß ich mich denn doch schämte. Herr Knorre sagte, sie wäre vor
-einem Jahre an demselben Tage hinaufgegangen. Nun hatten wir die Höhe
-erstiegen, welche ganz senkrecht nach dem See zu abfällt, &mdash; da macht
-sie uns ein Zeichen, zu bleiben, und steigt auf einen etwa ein Paar
-hundert Schritte höheren etwas überhängenden Vorsprung des Felsens,
-sieht einen Augenblick hinunter, dann kniet sie nieder; Knorre sagt:
-„Lassen wir sie mit ihrem Herrgott allein, sie ist ihm doch dort um
-zweihundert Klafter näher als unten am See.“ &mdash; Nach einiger Zeit
-kommt sie vom Gipfel herunter; &mdash; ich habe in meinem Leben kein so
-ergreifendes Bild gesehen... die Spuren der Thränen auf den Wangen,
-die Locken im Winde fliegend, ein Zucken um die Lippen und eine Flamme
-in den Augen, wie von der ungeheuersten schmerzlichsten Erregung; &mdash;
-wenn die Frau da oben gebetet, so wars kein Herr dein Wille geschehe,
-sondern ein Gebet um einen Wetterstrahl aus den rings aufsteigenden
-schwarzen Wolken, ob auf ihr eigenes Haupt oder ein an<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>deres, das weiß
-der, an den’s gerichtet war! Das Bild möcht ich malen können: ich habe
-denn doch eine Skizze versucht &mdash; &mdash; es ist eben nicht ganz mißlungen
-&mdash; ach wollten Sie wohl, lieber Korbach, sich die Mühe nehmen den
-grünen Karton dort am Fenster zu öffnen &mdash; da liegt’s ganz <span class="nowrap">oben!“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Im nächsten Augenblicke hielt Arnold mit zitternder Hand das Blatt
-gegen das Licht; es zeigte einen mit kühnen Strichen meisterhaft
-hingeworfenen Umriß.</p>
-
-<p>„Obgleich nun, erzählte der Künstler weiter, die Frau sich keine
-Mühe gab, die Zeichen ihres Gemüthszustandes zu verbergen, so lag
-in den ersten Worten, die sie an uns richtete, ein so entschiedenes
-Ablehnen jeder Frage oder Theilnahme, daß von einem Besprechen dieser
-Szene keine Rede sein konnte, und nach kurzer Zeit war sie in den
-gewöhnlichen Ton übergegangen. &mdash; Wir sind doch einverstanden, meine
-Freunde, daß der Moment der Skizze, von der sich Arnold heute nicht
-mehr trennen zu wollen scheint, unter uns bleibt? Es muß da ein
-psychologisches Geheimniß dahinterstecken, das wir ehren wollen. &mdash; Da
-seht Ihr immer das Bild an! Gallait hätt’s freilich anders gemacht; ich
-konnt’ es noch nicht herausbringen, &mdash; aber Etwas habe ich mir doch
-mitgenommen &mdash; ihre herrliche Hand, die ich in Gyps<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> modellirt habe &mdash;
-&mdash; reine Antike! &mdash; ach lieber Günther, ziehen Sie doch gefälligst den
-Vorhang von jener Etagère <span class="nowrap">weg!“ &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Ehe er aufstehen konnte, hatte Arnold das weiße Modell auf rothem
-Marmorsockel enthüllt, &mdash; und während Harkeboom seinem vormaligen
-Schüler begreiflich machte, daß man ein Modell nicht mittelst Anfühlen
-und Wärmen in der Hand, sondern mit dem Auge studiere, hatte Günther
-Zeit, die Resultate des kurzen Feldzuges zu <span class="nowrap">betrachten. &mdash;</span></p>
-
-<p>Das Freinhofgemälde, die Erzählung, die Hand, die Aquarell-Skizze &mdash;
-das war Montebello, Palestro, Magenta, &mdash; Solferino. Er trat einen
-Augenblick vor den Spiegel und sagte ganz leise zu seinem Bild: O König
-Wiswamitra, was für ein Ochs bist du! &mdash; oder warst du heute... Doch &mdash;
-früher oder später <em class="gesperrt">mußt’</em> es so kommen.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Die Freunde gingen schweigend nebeneinander. Endlich begann
-Arnold:</p>
-
-<p>„Ist das auch Koketterie?“</p>
-
-<p>„Nein. &mdash; Um so schlimmer; was soll werden?“</p>
-
-<p>„Gehandelt muß werden!“</p>
-
-<p>„Wie das? Da du unter Handeln schwerlich ein Beseitigen Kollmanns
-verstehen wirst, von einem einfachen Abenteuer aber, wie ich nun
-erkenne, keine Rede sein kann, so sehe ich nur das selige Elend ei<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>nes
-ziel- und endlosen Verhältnisses, welches entweder ins Materielle
-herabsinkt, oder in welchem, wenn es oben schweben bleibt, deine ganze
-selbstständige Existenz aufgeht.“</p>
-
-<p>„Ich handle nicht <em class="gesperrt">um</em> sie, sondern <em class="gesperrt">für</em> sie. Unter Handeln
-verstehe ich das Aufbieten aller meiner inneren und äußeren Mittel,
-um den Schleier zu zerreißen und, was Feindliches für sie dahinter,
-zu bekämpfen. Halte mich aber nicht für so blond-gemüthlich und
-germanisch-treuherzig, daß ich ohne Bienenkappe in das Wespennest
-steche. Ich bin durch dich vor dieser Umgebung gewarnt. Wenn ich noch
-heute früh fragte, was sie mit einem unbedeutenden jungen Menschen
-vorhaben können, fühle ich mich nun bedeutend genug, für meine erste,
-einzige, herzinnige Liebe ihnen Allen den Handschuh hinzuwerfen. &mdash; Und
-wenn du mich meine Geschäfte mit lässiger Hand führen siehst, wenn ich
-träume, statt zu arbeiten, wenn ich über dem Pochen meines Herzens die
-Hämmer in Korbach vergesse, dann, und nicht früher, erlaube ich dir zu
-sagen, daß meine Selbstständigkeit in einem seligen Elend aufgegangen.
-Dich aber bitte ich, mir mit deinem scharfen Auge zur Seite zu stehen,
-welches eben nur dort irrte, wo es nicht <em class="gesperrt">selbst</em> gesehen.“</p>
-
-<p>&mdash; Günther wußte, was er für heute von seinem scharfen Auge zu halten
-habe, erwiederte aber<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> &mdash; der vollendeten Thatsache gegenüberstehend &mdash;
-mit Nachdruck und Herzlichkeit: „So lange ich zu leben habe, rechne auf
-mich, &mdash; Gott mit dir!“ <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Arnold war am nächsten Morgen in froherer, selbst ruhigerer Stimmung
-erwacht, als an beiden vorigen Tagen. Er war vollkommen klar über
-sein Gefühl geworden. Aber bald empfand er, daß nichts eine bestimmte
-Gestalt gewonnen, als eben nur sein eigenes Gefühl. Er stand gerüstet
-da, das Silberschild der jugendlichen Zuversicht am Arm, das Schwert
-des festen, von Liebe entflammten Willens in der Hand, &mdash; es fehlte
-nichts als nur der Feind. Nicht einmal der Schleier, hinter dem er
-lauern sollte, war zu fassen.</p>
-
-<p>Günther suchte er nicht auf. Er scheute sich, nach dem erlassenen
-Manifeste: „Gehandelt muß werden!“ in seiner dermaligen Rathlosigkeit
-vor ihn zu treten, und fürchtete ein gewisses lächerliches Streiflicht
-von Don Quixote, &mdash; Prinzessinnen befreien, &mdash; Riesen erlegen. &mdash; Desto
-lebhafter interessirte er sich für den Zustand des wackern Professors,
-den er in drei Tagen zweimal besuchte. Allein der Deckel des Kartons
-lag plump und dumm auf der Skizze und die Hand auf dem rothen Sockel
-rührte keinen Finger, um den Vorhang wegzuschieben. Harkeboom sagte
-ihm mit dem herrlichsten Organ gar zu gute<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> und herzliche Dinge, war
-aber, mit leichten Wendungen, nicht wieder auf den Wetterstein zu
-bringen, und einen Satz, welcher ungefähr gesagt hätte: Herr, ich bin
-da, um Etwas von Julie Kollmann zu sehen und zu hören, &mdash; brachte er
-nicht über die Lippen. &mdash; Da die Hand und das Bild unsichtbar blieben,
-überließ er das Bein Harkebooms dem natürlichen Heilungsprozesse und
-ging nicht weiter <span class="nowrap">hin. &mdash;</span></p>
-
-<p>Tag auf Tag verging: er mußte Schwert und Schild an die Wand hängen.
-Kaum vermochte das Eiswasser der Arbeit seinen heißen Aerger zu kühlen.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Ereignisse von eingreifender Bedeutung fliegen selten einzeln,
-meistens in Schaaren, wie Zugvögel am Himmel unseres Lebens auf, &mdash;
-seien es Schwalben, die einen Frühling bringen, oder Krähen, die eine
-Leiche wittern. Nachdem eine Woche lang an Arnolds Firmamente nichts
-aufgeflogen, als das Sperlingsgewimmel der täglichen Geschäfte, trat
-ihm eines Abends der Comptoirdiener mit zwei Vögeln von unbekanntem
-Gefieder, &mdash; zwei Briefen von fremder Hand entgegen.</p>
-
-<p>Der eine lautete: „Ich bitte Euer Wohlgeboren, mich wo möglich morgen
-zwischen drei und vier Uhr mit einem Besuche zu beehren, zum Zwecke
-einer, wie ich annehmen darf, für Sie interessanten und erfreulichen<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
-Mittheilung. Mit größter Hochachtung <span class="nowrap">u. s. w.</span> &mdash; Blauhorn, <span class="nowrap">Hofrath.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Der zweite enthielt eine Visitenkarte: <span class="antiqua">P. Bernardus, Prior Conventus
-Sti. Martini</span>, &mdash; und die darunter geschriebenen Worte „ersucht
-<span class="antiqua">p. t.</span> Herrn Korbach <span class="antiqua">jun.</span> sich morgen vier Uhr gefälligst
-zu ihm in das Erzbischöfliche Palais zu bemühen.“</p>
-
-<p>Die gegebenen Stunden trafen so aufeinander, daß eben Zeit bleiben
-mochte für den Weg vom Staat zur Kirche. &mdash; Arnold gab sich keine
-vergebliche Mühe zu errathen, was die Brieftauben brächten. Was an
-ihrem Halse hing, war allerdings nicht vom Freinhofe, aber die Hand,
-die sie fliegen ließ, konnte nur dort zu finden <span class="nowrap">sein. &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Der Hofrath wohnte dem Finanzministerium gegenüber. Der
-Minister, Graf Breuneck, konnte in seine Fenster sehen und that es
-auch; ein Umstand, den Herr von Blauhorn nicht versäumte gegen jeden
-Besuchenden hervorzuheben.</p>
-
-<p>Als Arnold dem Diener seine Karte gab, sagte dieser, der Herr habe
-befohlen ihn sogleich in sein Kabinet zu führen.</p>
-
-<p>„Ich kann nicht umhin, Herr Hofrath, begann Arnold, Ihnen vor Allem
-ein Wort des Bedauerns über meine, wie ich mich baldigst überzeugte,
-ungegründete, jedenfalls voreilige Bemerkung am rothen<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> Kreuze zu
-sagen, und bitte, dieselbe der Vergessenheit zu übergeben.“</p>
-
-<p>„Sie wäre mir nie wieder eingefallen, wenn Sie mich nicht daran
-erinnerten. Uebrigens war der Schein zu sehr gegen mich. Ein
-ritterlicher junger Mann konnte kaum anders sprechen. &mdash; Doch nun
-zum Gegenstande unserer Unterredung. &mdash; Wir haben, wie Sie wissen,
-eine Kommission gebildet, deren Aufgabe es ist, zu ermitteln, auf
-welche Weise unsere Finanzlage verbessert werden könne. Dieselbe
-hat ihre Arbeit nahezu vollendet, welche nun einer Prüfung in der
-höchsten Region unterzogen werden soll. &mdash; Es sollen zu diesem Zwecke
-von der höchsten Behörde, dem Reichssenate, zeitweilige berathende
-Mitglieder aus den verschiedenen Ständen zugezogen werden, von denen
-eine gediegene Ansicht in ihrer Sfäre zu erwarten. Es ist mit größter
-Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß den Mitgliedern des auf solche
-Weise vielleicht um die doppelte Anzahl der bisherigen vermehrten
-Senates eine Anzahl anderer hochwichtiger Gegenstände zur Berathung
-vorgelegt werde, nach jenem, welcher ursprünglich seine Neugestaltung
-motivirte. &mdash; Sie begreifen die ganze Wichtigkeit eines solchen
-Postens. Der Name Ihres geehrten Herrn Vaters hat in den industriellen
-Kreisen einen Klang wie wenige; seine Erfahrungen, viel<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>seitigen
-Kenntnisse und erprobte Gesinnung sind allgemein anerkannt, und es
-dürfte sich die ehrenvollste Gelegenheit finden, sie zur Geltung zu
-bringen. Se. Excellenz werden auf die Wahl der erwähnten zeitweiligen
-Senatsmitglieder &mdash; denen übrigens ein bleibendes Zeichen der
-Anerkennung nicht fehlen dürfte &mdash; einen gewissen Einfluß nehmen,
-&mdash; und es ist mir die Andeutung gemacht worden, daß die Zuziehung
-Ihres Herrn Vaters den Absichten Sr. Excellenz entsprechen würde. Ich
-habe, von Ihrer Anwesenheit zufällig in Kenntniß, nicht gesäumt, die
-Ermächtigung des Ministers zu meiner heutigen Mittheilung vertraulich
-einzuholen, und ersuche Sie, als das natürliche Organ, über dieselbe
-mit Ihrem Vater zu sprechen. Es könnte, so wenig eine Ablehnung
-denkbar, ein Hinderniß seinerseits obwalten, und ein etwaiger direkter
-Antrag Sr. Excellenz muß gegen jedes Nichteingehen gesichert werden.“</p>
-
-<p>„Ich danke für die mich ehrende Wahl zur <span class="nowrap">Vermittlung“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Es handelt sich um keine Vermittlung, sondern um ein indirektes
-Sondiren, ob Ihr Vater die ihn vor allen Standesgenossen ehrende
-Auszeichnung auch in diesem Sinne auffasse.“</p>
-
-<p>„Ich glaube nun meinen <span class="nowrap">Auftrag“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Verzeihen Sie, lieber Herr Korbach, es ist<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> auch kein Auftrag, sondern
-eine vertrauliche Insinuazion von <span class="nowrap">mir.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Ich werde meinen Vater fragen, ob er zeitweiliges Mitglied des
-<em class="gesperrt">Reichssenats</em> zur Prüfung der Kommissionsarbeit werden
-will &mdash; sagte Arnold mit offenem Lächeln, das Spinnengewebe
-der Unterscheidungen durchreißend &mdash; ich werde Ihnen dann die
-<em class="gesperrt">Antwort</em> sagen, und Sie, verehrter Herr Hofrath, werden das
-<em class="gesperrt">Weitere</em> machen.“</p>
-
-<p>„Ich glaube wenigstens, die Meinung Sr. Excellenz richtig aufgefaßt &mdash;
-&mdash; da sehen Sie, der Herr Minister sieht eben herüber &mdash; mein ganzes
-Haus liegt offen vor meinem Chef &mdash; &mdash; was wollte ich doch sagen“ &mdash;
-&mdash; Graf Breuneck hatte sich wirklich drüben gezeigt und einen Blick
-herübergeworfen, aber die Schußlinie desselben schien Arnold nicht in
-das Fenster des Kabinets, sondern in ein anderes <span class="nowrap">einzufallen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Da der Hofrath den verlornen Faden nicht wiederfand, so empfahl sich
-Arnold und schritt, von ihm begleitet, durch das anstoßende Zimmer,
-wo die schöne böse Frau, deren Julie erwähnt hatte, im Fenster stand.
-Sie wendete sich um, erwiederte seine Verbeugung mit freundlich
-würdevollem Kopfneigen und ließ einen Blick von Schutz und Gnade an ihm
-hinabgleiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Er hatte gestern zu Günther gesagt: „Ich werfe ihnen Allen den
-Handschuh hin!“ Das schienen eben keine <em class="gesperrt">Feinde</em>. <em class="gesperrt">Waren</em>
-es aber Feinde, so mochten sie sich wohl &mdash; das fühlte er &mdash; nicht
-bedenken, den Handschuh aufzuheben.</p>
-
-<p>Es war ihm keine Zeit gegeben, für jetzt über Blauhorn’s Mittheilung
-nachzudenken, denn nur eine Entfernung von wenigen Minuten trennte ihn
-vom erzbischöflichen Palais.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Er wurde in die Wohnung des Pater Bernhard, und, da dieser eben
-beim Erzbischof, über lange Gänge in einen großen Saal geführt, wo er
-sich in ein mit rothem Sammet gepolstertes Sofa mit weißem Gestell und
-Goldleisten setzte und lange wartete.</p>
-
-<p>Der Eindruck der jetzigen Umgebung überwog den der eben erhaltenen
-Mittheilung. &mdash; Der Auftrag Blauhorn’s hatte seine Gedanken bereits zum
-Vater, in die Heimat geleitet: in dem erzbischöflichen Saale gedachte
-er nun des Pfarrgartens in Korbach, &mdash; wie da die Rosen dufteten und
-Weinranken die Fenstergitter umspannen. Wie da Alles grünte und blühte,
-als wären Worte Gottes vom Abendwinde aus der Kirche herübergetragen
-worden und befruchtend auf das Gartenland gefallen, zum Dank für die
-Lindenblüthen, die durch das offene Fenster auf<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> die Kanzel geweht
-wurden. Wie war da Alles frohes Leben und thätige Liebe! Er gedachte
-auch des Klosters Sankt Martin, wo der Kreuzgang den kleinen Garten
-voll Blumenpracht und Sonnenglanz umschloß, und die nickenden Schatten
-der jungen Birken auf den Gesichtern der alten Aebte spielten, deren
-Bilder in langer Reihe die Wand bedecken. Der Ruß von Jahrhunderten
-liegt auf diesen weingrünen Fässern des heiligen Geistes, aber die
-Augen blicken noch glänzend und heiter, voll Glaubenskraft.... In
-allen Erinnerungen seiner Kindheit tönt der Lerchentriller mit dem
-Glockenklang zusammen. &mdash; Er hatte das heilige Wort nur aus dem Munde
-des würdigen, freundlichen Pfarrers vernommen, der von der Kanzel
-herabstieg, um das zu vollbringen, was er oben gesprochen.</p>
-
-<p>Die Kirche war klein und eng, die Klosterhallen dumpf, und doch hatte
-er so frei darin geathmet, doch flogen Gefühl und Gedanke so hoch über
-das goldne Thurmkreuz hinaus!</p>
-
-<p>Und hier in dem hohen, weiten Saale fällt es ihm so schwer auf die
-Brust, drückt ihn eine schwüle, den Geist narkotisirende Luft.</p>
-
-<p>Es ist nicht die gewöhnliche, allbekannte geistliche Atmosfäre, die
-sich analisiren, materiell erklären läßt: dieselbe besteht einfach
-aus etwas Weihrauch,<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> der von der Kirche herüberdringt, gewissen
-Exhalazionen der Gewänder, alten Schränke und Bücher, &mdash; Weinduft, und
-dem Abgang jener wahren, vollkommenen Sauberkeit, welche nur das Werk
-einer sorgenden Hausfrau.</p>
-
-<p>Was <em class="gesperrt">hier</em> drückt, ist nichts Materielles, sondern etwas
-rein Geistiges. &mdash; Es ist eine Gespensterfurcht, die eben nur den
-ungläubig Eintretenden zur Strafe befällt. Er sieht den Geist des
-geheimen Staatsministeriums des <em class="gesperrt">Dogma</em>, &mdash; den Gegensatz zur
-lebendigen Kraft der christlichen <em class="gesperrt">Liebe</em>; &mdash; das Gespenst des
-Torquemada, wie es am hellen Tage in den modernsten Gestalten durch
-die parkettirten Säle zieht. &mdash; Das ist eben Vision des Unglaubens!
-Der Fromme ist gefeit dagegen und weiß, daß unsere Kirchenfürsten sich
-nicht träumen lassen jene Zeit heraufzubeschwören! &mdash; &mdash; <em class="gesperrt">Wozu</em>
-auch?</p>
-
-<p>Arnold war nicht gegen die Gespenster gefeit: er glaubte jeden
-Augenblick eines aus der hohen Flügelthür treten zu sehen. &mdash; Es trat
-endlich der Dünnste unter den „Dünnen“ des Anastasius Grün heraus,
-&mdash; das Gesicht, dem er im Freinhofe die Palme der Unausstehlichkeit
-gereicht, und das ihm heute weniger so erschien, weil es ernst war, &mdash;
-nicht so liebreich! so <span class="nowrap">schelmisch! &mdash;</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
-
-<p>„Ich habe Sie lange warten lassen, werther Herr Korbach, da ich eben
-mit Sr. Erzbischöflichen Durchlaucht die Angelegenheit besprochen,
-um deretwillen ich Sie bitten ließ. &mdash; Ihr Vater hat durch seine
-glänzende Munificenz in Betreff der Erbauung der, wie wir vernehmen nun
-vollendeten neuen Kirche in Korbach den schmerzlichen Eindruck mehr
-als verlöscht, welchen seine Haltung dem Protestantismus gegenüber,
-oder leider vielmehr diesem zur Seite, auf das Herz unseres Oberhirten
-gemacht hat.“</p>
-
-<p>Arnold machte eine ablehnende <span class="nowrap">Bewegung &mdash;</span></p>
-
-<p>„Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht. Es fehlt nicht an
-naheliegenden Beweisen, oder vielmehr an nahestehenden &mdash; sagte
-Bernhard, über sein nicht sehr gelungenes Wortspiel lächelnd. Auch
-wurde der Bau des protestantischen Bethauses <em class="gesperrt">vor</em> jenem der
-Kirche unternommen.“</p>
-
-<p>„Ich muß mir die Bemerkung erlauben, &mdash; warf Arnold ein &mdash; daß
-unsere Protestanten, dermalen über dreihundert, eines Gotteshauses
-gänzlich entbehrten, während der Gottesdienst der Katholiken niemals
-unterbrochen wurde.“</p>
-
-<p>„Ich habe Sie nicht zu mir bitten lassen, werthester Herr, um Ihnen
-irgend Etwas zu sagen, was wie ein Vorwurf klingt. Im Gegentheile bin
-ich beauftragt, Ihnen vorläufig, bis es auf solennere Weise<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> geschehen
-wird, zu sagen, daß die Kirche Ihrem Vater für den jüngsten Beweis
-seiner Treue dankt, und ich, &mdash; der ich während der Krankheit unseres
-Prälaten dem Kloster Sankt Martin vorstehe, erfreue mich insbesondere
-solcher Gesinnung, da, wie Sie wissen, diese Pfarre von uns aus besetzt
-wird.“</p>
-
-<p>„Mein Vater kann nicht genug danken für die Wahl des Priesters, der nun
-seit drei Jahren zum Segen der ganzen Gegend dieses Amt bekleidet.“</p>
-
-<p>„Hierbei habe ich kein Verdienst; unser Prälat hat damals &mdash; freilich
-schon bei geschwächtem Gesundheitszustand &mdash; diese Wahl getroffen.
-&mdash; Doch zur Hauptsache. Die Einweihung der auf Kosten Ihres Vaters
-erbauten Kirche wird in einigen Wochen stattfinden. &mdash; Ich kann Ihnen
-mittheilen, daß Se. Erzbischöfliche Durchlaucht die Absicht haben,
-diese Feierlichkeit in eigener Person vorzunehmen, um ihr, zur Erbauung
-der in jener Gegend besonders der Stärkung bedürftigen Gläubigen, den
-größten Glanz zu verleihen. &mdash; Es würde jedoch sehr guten Eindruck
-machen, wenn Ihr Vater in dieser Beziehung ein <em class="gesperrt">Bittschreiben</em>
-an den Herrn Erzbischof richten würde. Es bietet sich hierdurch Ihrem
-Vater eine ihm gewiß erwünschte Gelegenheit, seine <em class="gesperrt">Gesinnungen</em>
-in einer so <em class="gesperrt">bestimmten</em> Weise auszusprechen, daß in Betreff des
-Schutzes, welchen<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> das katholische Element in Korbach gegen das weitere
-Umsichgreifen der Irrlehre von ihm zu erwarten berechtigt ist, nie mehr
-einem Zweifel oder einer Besorgniß Raum gegeben werden kann. &mdash; Sie
-verstehen mich. Ich habe von den wohlwollenden Intenzionen des Herrn
-Erzbischofs erst vor wenigen Minuten einen Beweis erhalten, indem Se.
-Durchlaucht angedeutet, daß sie die Freigebigkeit Ihres Vaters zur
-Kenntniß des päpstlichen Nunzius zu bringen vorhaben, &mdash; &mdash; worauf
-vielleicht von Seite des heiligen Vaters ein ehrendes und beglückendes
-Zeichen der Befriedigung erfolgen dürfte, welche seinem apostolischen
-Herzen solche Handlungen der Pietät gewähren.“</p>
-
-<p>Pater Bernhard hielt inne und schien die Wirkung dieser Rede abwarten
-zu wollen. Als Arnold ruhig, bescheiden, ernst und schweigend stehen
-blieb ohne eine Miene zu verändern, fuhr er mit schlecht verhehlter
-Gereiztheit fort: „Ich ersuche Sie, werthester Herr, diese Mittheilung
-ganz vertraulich Ihrem Vater zu machen, welcher, ich bin davon
-überzeugt, ihre Bedeutung zu würdigen wissen wird.“</p>
-
-<p>„Ich werde mich beeilen, den Auftrag Ew. Hochwürden zu erfüllen.“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Arnold empfand beim Weggehen keine drückende Gespensterfurcht
-mehr. Es war ihm, als<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> ob der gefürchtete Geist ein Mensch geworden und
-vor ihm gestanden, und den fürchtete er nicht.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">* &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; *<br />
-*</p>
-
-<p>Er fühlte die Nothwendigkeit mündlicher Besprechung mit seinem Vater.
-&mdash; Der nächste Morgen trifft ihn im Bahnhofe.</p>
-
-<p>Durch die Fläche, das glänzende Meer von Licht und Widerschein, fliegt
-der Train den blauen Bergen zu. &mdash; Nach zwei Stunden umrauschen
-ihn statt der Kornfelder die Zwergföhren, womit die steinige Ebene
-bepflanzt ist, &mdash; der Vortrab des gewaltigen hohen Waldheeres auf den
-Zinnen der ewigen Stadt Gottes, des Hochgebirges: schon unterscheidet
-man ihre Felsenmauern und schneebedeckten Thürme, und bald umschließt
-sie die Reisenden in den sonnedurchglühten Waggons, und labt sie mit
-Harzduft und Wasserrauschen.</p>
-
-<p>In Pottenbach ist längerer Halt. Der aus Süden kommende Train begegnet
-hier jenem Arnold’s. Sein Blick ist nach einem hohen fernen Felsen
-gerichtet, auf der Höhe der Föhrleiten.. der zackige Stein ist auch
-jenseits vom Freinhofe sichtbar; &mdash; so nahe!! &mdash; &mdash; Hoch über die
-Gruppe der den andern Train abwartenden Reisenden wegsehend, gewahrt
-er nicht den Baron, der, abseits an<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> eine Säule der Halle gelehnt, ihn
-einen Moment anblickt und sich langsam abwendet.</p>
-
-<p>Die Dampfpfeife schrillt durch Arnold’s Gedankenmelodie &mdash; wie damals
-Knorr’s Stimme durch das erste Gespräch mit Julie, &mdash; die Lokomotive
-stößt den zischenden Athem aus der ehernen Lunge &mdash; in einer Minute
-fliegen er und Sembrick auseinander, &mdash; leiblich wie es bereits geistig
-geschehen. &mdash; In Frauenwang verläßt Arnold die Bahn; ein leichter,
-offener Wagen mit kräftigen Pferden wird im Orte gemiethet und führt
-ihn dem Korbachthale zu.</p>
-
-<p>Er erreicht es am späten Abende. Noch durch eine Waldschlucht,
-einen Felsenpaß und weit und offen liegt es vor ihm. Die Glocke des
-Hochofens, das Pochen der Hämmer, das Brausen der gewaltigen Wehre
-begrüßen ihn, durch den blauen Schleier, welchen Abendduft und Rauch
-der Schmieden über den Thalgrund breiten. Nun fliegt der Wagen vorüber
-am mächtigen Bau, wo die Walzen den Begriff der Härte verneinen und das
-Metall unter ihrer Gewalt die Rolle des Wachses spielt, &mdash; am Drahtzuge
-mit den hundert schnurrenden Spulen, am Hammerwerke, aus dessen offenen
-Thüren der Feuerschein bis auf die Brücke fällt &mdash; die von der Straße
-abseits zum Wohngebäude führt.... nun durch die al<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>ten Linden und
-Tannen des Parks &mdash; und das Ziel ist erreicht.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Das Abendessen stand noch auf dem Tische. Ein heller, vierfacher
-Klang tönte durch das Zimmer, als Arnold eintrat.</p>
-
-<p>Das mußte ein <em class="gesperrt">freier</em>, <em class="gesperrt">lichter</em> Gedanke, ein
-<em class="gesperrt">gottgefälliger</em> Wunsch sein, &mdash; auf dessen Erfüllung diese
-vier Männer ihre Gläser zusammenstießen: &mdash; &mdash; Arnold’s Vater &mdash; ihm
-gegenüber Sprenger, &mdash; neben ihm der katholische Pfarrer und der
-Pastor.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Clair-obscur"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Clair-obscur</span></em>.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die beiden Geistlichen zogen sich bald zurück, da sie annahmen, daß
-nur eine wichtige Ursache Arnold’s schneller Rückkehr nach Korbach zum
-Grunde liegen könne. &mdash; Dieser, wissend daß sein Vater kein Geheimniß
-für Sprenger habe, erzählte, und nahm so viel vom Freinhofe in seinen
-Bericht auf, als eben hinreichte, um den Zusammenhang nicht sowol zu
-erklären als zu verwirren.</p>
-
-<p>„Wo der Wind hinweht, ist klar“ &mdash; meinte Sprenger.</p>
-
-<p>„Viel wichtiger ist, wo er herkommt, erwiderte der alte Korbach.
-Sie wissen oben, daß ich das Promemoria vom vorigen Jahre verfaßt
-habe, und nun soll ich umsatteln, mich hinten auf’s Steckenpferd des
-Ministers setzen und seine Freihandels-Experimente unterstützen, die
-uns ruiniren. Wäre eine hübsche Bresche in der Opposizion unserer
-Eisen-Industrie <span class="nowrap">u. s. w.</span> Was ich ihnen im Senat zu sa<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span>gen hätte,
-können sie aus unserer Eingabe herauslesen. Sie werden Theorienreiter
-genug finden, ich sitze nicht auf. Von der Supplik an den Erzbischof
-kann ohnedem keine Rede sein. Die neue Kirche habe ich ihnen bauen
-lassen, und damit Basta. Will der Erzbischof herauskommen, so ist es
-mir eine Ehre, wenn auch kein Vergnügen, aber mich hinstellen lassen
-als verlaufenes Schaf, das zur Herde zukückkehrt, &mdash; darauf können sie
-warten.“</p>
-
-<p>Sprenger war nicht einverstanden. Seine Meinung lautete: „Setze dich
-auf sechs Wochen in den Senat und sage ihnen Wahrheiten, welche sie
-von keinem Andern hören. Schreibe dem Erzbischofe und bleibe der Herr
-vom Hause, indem du ihn ladest. Du kannst mehr in deinem Sinne wirken,
-wenn du auf gutem Fuße bleibst. Brichst du offen, &mdash; und die Ablehnung
-des Schreibens ist ein direkter Bruch, &mdash; so ist das erste Opfer unser
-braver, biederer Pfarrer, und eines schönen Morgens hetzen sie dir die
-Arbeiter gegeneinander.“</p>
-
-<p>Sprenger stand vielleicht auf einer freieren Höhe, als der alte
-Korbach. Ihm ging die Erhaltung der Sache stets über Konzessionen in
-der Form; er stand <em class="gesperrt">wirklich über</em> den Parteien, während sein
-Freund dem Namen nach zur einen, mit seinem Herzen zur andern gehörte.
-Sprenger hatte die Ueberzeugung,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> daß ein Kampf mit der herrschenden
-katholischen Gewalt nur zum Nachtheile des Herausfordernden ausschlagen
-könne. Er sah übrigens ein, daß die gelegte Falle keinen andern
-Zweck haben könne, als, entweder diesen Kampf herbeizuführen, oder
-ein in seinen Folgen unberechenbares „Korbacher“ Konkordat. &mdash; Es
-lag allerdings die Möglichkeit vor, letzterem in der Ausführung die
-schärfsten Spitzen abzubrechen: vielleicht ließ sich durch einige
-Form-Zugeständnisse das Verbleiben des Pfarrers erkaufen; vielleicht
-war es der kirchlichen Autorität mehr um eine lautklingende, weithin
-leuchtende Wahrung des Prinzipes als um die Thatsache zu thun, mehr
-um einen breiten goldnen Rahmen für ihr Gnadenbild: war es nur hoch
-und glänzend genug hingestellt, so mochte sie dann nicht so genau
-nachrechnen, wie viele Kniee im Korbacher Thale sich davor beugten.
-Freilich lauter „Vielleicht!“ &mdash; Auf den Senat legte er weniger Werth
-&mdash; es schien ihm höchstens ein entgangener Gewinn: sein Freund mochte
-mit sich ausmachen, wie hoch er ihn anschlage, und ihn zurückweisen,
-aber im Kampf mit der Kirche sah er nur gewisses Unheil.</p>
-
-<p>Arnold hatte, gleich nach Beendigung seines Berichtes, da er dachte,
-sein Vater wolle die Sache mit Sprenger allein besprechen, sich
-zur Schwester begeben,<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> welche sich gewöhnlich nach dem Abendessen
-zurückzog, während die Männer noch zusammen blieben.</p>
-
-<p>Sprenger hatte seine reichliche Munizion von Gründen des schwersten
-Kalibers verschossen: der alte Freund hielt Stand, wich kein Haar
-breit. &mdash; Er sah sich nach Verbündeten um.</p>
-
-<p>Die Eine, auf welche er einstens nie vergebens gezählt &mdash; Arnolds
-Mutter &mdash; ruhte nun auf der grünen Anhöhe, welche sich am Ende des
-Marktes erhebt, in geringer Entfernung von der netten Häusergruppe
-der protestantischen Arbeiter &mdash; jener Häuser, in welchen ihr Name
-in das tägliche Gebet geflochten wurde, als der Wohlthäterin von
-hundert Familien. Aber die letzten Tage ihres segensreichen thätigen
-Lebens an der Seite des Gatten, der ihr Werk mit Kraft und Liebe
-beschützte, waren durch Sorgen getrübt, welche ihrem hellblickenden
-Geiste die allmälig auftauchenden feindlichen Bestrebungen der
-ringsum herrschenden Intoleranz erregten. Sie schloß die Augen mit
-dem schmerzlichen Gefühle, durch ihre Schöpfung den Frieden der
-alten Tage ihres Gatten gefährdet zu haben. An ihr hätte Sprenger
-eine Fürsprecherin gefunden bei jedem Schritte, welcher begütigend,
-ausgleichend wirken konnte.</p>
-
-<p>Aber nur mit geringer Hoffnung begab er sich zu Helene, welche bei
-manchen wichtigen Veranlassun<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>gen mehr über den Vater vermocht hatte,
-als er und ihr Bruder. Er erzählte ihr Alles.</p>
-
-<p>Das Mädchen hatte eine eigene, reizende Art, zuzuhören. Es war nicht
-ein einfaches Merken auf das, was gesprochen wurde, &mdash; sie sah mit
-ihren dunkelblauen Augen dem Quell des Gedankens auf den Grund, und der
-Erzähler hatte das wohlthuende Gefühl, sie ganz in seinen Gegenstand
-versunken, denselben in ihrer Antwort oft vollständiger wiedergegeben
-zu sehen. &mdash; In ihr war die Festigkeit und Entschiedenheit des Vaters
-in die weichste, reizendste Form gehüllt, &mdash; &mdash; als wäre ein Diamant
-in eine offene Rosenknospe gefallen; die Blätter mochten jedem Drucke
-nachgeben, durch den leichtesten Nadelstich verwundet werden, &mdash; der
-Diamant des Karakters schnitt durch das bunte Glas der Schmeichelei,
-durch das falsche Gold der Eitelkeit, durch allen Schein und alles
-Unwahre, das sich in ihrer Nähe unbehaglich fühlte.</p>
-
-<p>Die reichen blonden Haare hatten jene so seltenen, nicht durch Flechten
-und Brennen entstandenen, natürlichen kleinen Wellen, welche das reine
-Oval des geistvollen Gesichtes in lebhaft bewegten Linien umspielten,
-nicht mit einer glatten, kalten Spiegelfläche einrahmten. Wie war das
-blühende Mädchen so blond und weiß &mdash; &mdash; und doch nicht <em class="gesperrt">ein</em>
-schmach<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>tender Zug! &mdash; Alles so lebendig, kräftig und warm! &mdash; Die
-Natur hatte da ein Schneeglöckchen mit Nelkenduft <span class="nowrap">geschaffen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Als die Erzählung des väterlichen Freundes geendet war, sagte sie nach
-kurzem Nachsinnen: „Das ist verlorne Mühe, lieber Sprenger, ich habe
-oft Etwas beim Vater erreicht, wenn ich vorangeschickt wurde, selten,
-wenn ich nachkam, niemals, wenn etwas schon Verweigertes nur durch
-meinen Mund wiederholt wurde. Er sagte mir einmal: Helene, wenn du
-mich in fremdem Auftrag küssest, ists gar nicht dein Mund. Ich kenne
-auch seine Ansicht. <em class="gesperrt">Meine</em> Meinung ist, daß der Vater den Senat
-annehmen, dem stolzen Geistlichen aber, der um Etwas gebeten sein will,
-was er für sein Leben gern selbst thun wird, <em class="gesperrt">nicht</em> schreiben
-soll. Ich bin Protestantin, wie meine Mutter, und <span class="nowrap">darum“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Doch nicht empfindlicher gegen den katholischen Stolz als <em class="gesperrt">ich</em>?“
-&mdash; unterbrach sie Sprenger.</p>
-
-<p>„Gewiß nicht, auch ehre ich Ihre Klugheitsrücksichten, aber der Vater
-hat <em class="gesperrt">doch</em> Recht! Unser Korbach wird es aushalten, wie Deutschland
-den dreißigjährigen Krieg,“ schloß sie lächelnd und mit jenem Zuge um
-die Lippen, der, wie Sprenger wußte, ein anmuthiges, aber entschiedenes
-Nein <span class="nowrap">ausdrückte. &mdash;</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-<p>„Das ist schlimm,“ sagte er, „Sie waren meine letzte Hoffnung. Ich sehe
-nichts Gutes kommen; fürchte selbst Verwicklungen und Gefahren für die
-Zukunft Arnolds.“</p>
-
-<p>„Ich fürchte nichts. Er sprach auch kein Wort mit mir darüber.“</p>
-
-<p>„Er hielt sich nicht für berechtigt, von der Angelegenheit des Vaters
-zu sprechen, bevor dieser sich entschieden, aber ich durfte es mir
-erlauben.“</p>
-
-<p>Sprenger war nun fertig; auch die Beziehung auf Arnold hatte
-<span class="nowrap">fehlgeschlagen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Der Vater gab diesem folgende Instrukzion: „Sag’ dem Hofrath, daß
-ich die Ehre, im Senat zu sitzen, annehme, <em class="gesperrt">wenn</em> der Minister
-keine Freihandelschimären von mir vertreten sehen will. &mdash; Sie wollen
-nur Leute, welche sagen, was man Oben gerne hört, und wer anders
-spricht, wird seine Rolle bald ausgespielt haben.“ &mdash; Er theilte
-hierin eine damals allgemein verbreitete, zum Theil später widerlegte
-Meinung über die Haltung, welche man vom Reichssenate erwartete.
-„Dem Erzbischof aber &mdash; fuhr er fort &mdash; wollen wir weiße Mädeln
-entgegenschicken, trommeln und pfeifen und läuten, daß die Glocken
-bersten, aber geschrieben wird <em class="gesperrt">nicht</em>. Und nun mache, daß du
-fortkommst, damit sie nicht glauben, ich habe zwei Tage gebraucht, um
-mich zu bedenken.<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span>“ Arnold konnte eben noch eine Viertelstunde für
-seine Schwester gewinnen. Sie theilten jeden Gedanken, ohne einander
-eine Ueberzeugung zu opfern, kaum eine Meinung; &mdash; sie spiegelten im
-innigsten Verständniß Eines des Andern Farbe zurück, ohne die eigene
-darüber zu verlieren. Er hatte ihr im ersten Briefe aus der Stadt einen
-Umriß der Freinhof-Begebenheiten gesendet, und theilte ihr nun auch
-das Gespräch mit Günther, und dessen Ansicht mit. Wie sie einander so
-gegenüberstanden, sich an beiden Händen hielten, das Mädchen ihm gerade
-in die Augen sah, unterbrach sich Arnold mit den Worten: „Deine Augen
-werden immer dunkler! Vor der Reise waren es Kornblumen, jetzt sind es
-schon Genzianen!“</p>
-
-<p>„Und am Ende werden sie noch schwarz, und dann siehst du noch lieber
-hinein,“ rief sie lachend. &mdash; &mdash; „Nun aber genug, &mdash; der Vater wird
-ungeduldig, &mdash; ich schreibe dir, was etwa noch vorgeht, heute durch die
-Fabriksgelegenheit. Sei klug, und grüße mir deinen Günther, &mdash; auch er
-hat nicht Recht, &mdash; heute bin ich mit Euch Allen im <span class="nowrap">Krieg.“ &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Ein frischer, herzlicher Kuß, eine Umarmung, &mdash; und Arnold sprang auf
-den Wagen, und hatte nun Zeit genug, auf eine für die büreaukratischen
-und hierarchischen Ohren annehmbare Form der väterlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> Ablehnungen
-zu sinnen, welche ganz nach seinem Herzen waren.</p>
-
-<p>Sicherlich wird es sein Erstes nach der Ankunft in der Stadt sein, sich
-der Mission zu entledigen: wir erwarten ihn im Kabinette Blauhorns,
-wohin wir ihm voraneilen, und finden uns leider im Gegensatze zu dem
-noch friedlichen Korbacher Thal auf dem Schauplatze der bedauerlichsten
-Anarchie.</p>
-
-<p>Die Gattin geht mit raschen, sehr hörbaren Schritten auf und nieder,
-&mdash; der kleine gelbe Hofrath sitzt zusammengekauert im Lehnstuhl,
-auf irgend ein Aeußerstes gebracht, wie ein Igel zur Stachelkugel
-eingerollt. Es ist keine Emeute, kein „beklagenswerther Versuch einer
-Handvoll Unzufriedener“, &mdash; der Hofrath hat sich nicht wie gewöhnlich
-zusammengerottet, um durch einen Gensdarmenblick seiner Gemahlin
-auseinandergetrieben zu werden: &mdash; es ist offene Empörung.</p>
-
-<p>Es mußte ein großer Mißgriff von Seite der obersten Behörde des
-Hauses geschehen sein, denn Blauhorn gehörte zu den am leichtesten
-zu regierenden Provinzen. Man mußte ihm nur einen Schein von
-Volksvertretung lassen. Er sagte gerne Ja, wollte aber gefragt werden;
-&mdash; gehorchte willig, wollte aber wissen, wozu seine Steuer von Gehorsam
-verwendet werde. Er hatte im Freinhof von Julie den Auftrag erhalten,<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>
-seine Frau dringend dahin zu laden, und diese war der Einladung
-gefolgt. Nach ihrer Rückkehr lauerte er auf eine Mittheilung, aber
-vergebens. Zwei Tage später erhielt er vom Minister den Auftrag an
-Arnold, errieth einen Zusammenhang, und schwieg nun ebenso hartnäckig.
-&mdash; An den Gedanken einer Wechselwirkung zwischen dem Grafen Breuneck
-und seiner Frau hatte er sich gewöhnt; er fing an, sich für einen
-Intriganten zu halten und sagte sich vor, er werde, &mdash; da er nun einmal
-auf die Süßigkeiten des häuslichen Glückes verzichtet, vom Teufel des
-Ehrgeizes geritten, und beherrsche durch seine Frau den Minister; &mdash; er
-war ein Tender, der die fixe Idee hat, die Lokomotive zu <span class="nowrap">schieben. &mdash;</span></p>
-
-<p>Nun fühlte er sich als einen hinten angehängten Lastwagen. &mdash; Seine
-Frau ihrerseits wollte sehen, wie weit die rebellische Verstocktheit,
-dieses Schweigen über den ihr nur zu wohl bekannten gräflichen Auftrag
-gehe, und gab ihm achtundvierzigstündige Frist. Als diese verstrichen,
-trat sie am Morgen in sein Kabinet mit der Kernschuß-Frage: „Wann
-bekommst du Antwort von Korbach?“</p>
-
-<p>Blauhorn fuhr los: „Er werde dem Minister die Augen über <em class="gesperrt">Alles</em>
-öffnen!“ Die Frau konnte nicht wohl begreifen, worin dieses <em class="gesperrt">noch</em>
-bestehen solle &mdash; und es entwickelte sich nun das Feuer auf der<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>
-ganzen Linie mit solcher Lebhaftigkeit, daß Arnold und der ihm
-voranschreitende anmeldende Diener das schwere Posizionsgeschütz der
-Hofräthin und das dünne Kleingewehr-Geknatter aus dem Lehnstuhle
-deutlich durch die Thür unterscheiden konnten. &mdash; Als dieselbe aufging,
-war unter den schnell geordneten Falten der Empfangsgesichter die
-Pulverschwärze noch wahrnehmbar, aber der Kampf war bereits entschieden.</p>
-
-<p>„Sie werden, bester Herr Korbach, &mdash; sprach die Hofräthin &mdash; so gütig
-sein, mir das Ergebniß Ihrer Anfrage mitzutheilen, da mein Mann an
-einer so fürchterlichen Migraine leidet, daß ich ihn nicht sprechen
-lasse.“</p>
-
-<p>„Mein Vater, &mdash; erwiederte Arnold auf einen schweigend zustimmenden
-Wink Blauhorns &mdash; wird eine Ehre und ein Glück in der bewußten
-Eventualität sehen und hofft dem in ihn gesetzten Vertrauen um so
-leichter zu entsprechen, da er überzeugt ist, daß er in keine Kollision
-mit gewissen von ihm seiner Zeit ausgesprochenen Ansichten kommen
-werde, welche er allerdings nicht aufzugeben vermöchte.“</p>
-
-<p>Arnold wußte, was ihm die Zusammensetzung dieser hölzernen Frase
-gekostet. Er fühlte sich keinen ganzen, aber ein gutes Stück Talleyrand.</p>
-
-<p>„Ich bedauere vorzüglich im Interesse Ihres Herrn Vaters dessen
-Auffassung einer Sache, welche wir<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> nunmehr als abgethan betrachten
-müssen,“ &mdash; sagte Blauhorn gemessen und spitzig.</p>
-
-<p>„Herr Korbach hat ja angenommen?“ rief die Hofräthin.</p>
-
-<p>„Abgelehnt!“ sagte der Gatte, schneller <span class="nowrap">begreifend. &mdash;</span></p>
-
-<p>Arnolds Schweigen war die beste Politik. Das Gespräch hatte
-geringe Lebensfähigkeit und gefror zu zwei oder drei Eisblöcken
-von Redensarten, welche dießmal von keinem Gnadenblicke der Dame
-geschmolzen <span class="nowrap">wurden. &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Als das Paar allein war, wehte auf Blauhorns Stuhllehne die
-Siegesfahne. Jetzt dankte er Gott, nicht die Lokomotive zu sein.
-„Marianne, sagte er, laß dir dieß zur Warnung sein, keine Intriguen
-ohne mich einzufädeln! Zu so etwas muß man geboren sein.“ Sie
-verließ das Zimmer ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Sie fürchtete
-sich allerdings, beim Grafen kompromittirt zu sein, doch hatte sie
-keine Wahl gehabt &mdash; oder vielmehr nur die Wahl, auf andere Weise
-kompromittirt zu werden, &mdash; wie sich später zeigen wird.</p>
-
-<p>In Pater Bernhards Wohnung wurde Arnold von der Mittheilung überrascht,
-daß derselbe nach St. Martin abgereist, und den Auftrag hinterlassen
-habe, ihn zum Sekretär des Erzbischofs zu führen.<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> Dieser empfing ihn
-mit den noch überraschenderen Worten, Se. Erzbischöfliche Durchlaucht
-habe befohlen, ihn zu melden.</p>
-
-<p>Nach einigen Minuten stand er vor dem höchst ehrwürdig aussehenden
-greisen Priester, welcher mit freundlichem, mildem Blicke und leichtem
-Neigen des Kopfes seine Verbeugung erwiederte und mit sanfter Stimme
-sagte: „Ich habe Ihnen, werther Herr Korbach, bereits im Allgemeinen
-durch den Herrn Prior von St. Martin mittheilen lassen, daß ich die
-Einweihung der Kirche in Korbach vornehmen werde, und kann Ihnen nun
-sagen, daß ich am Mittwoch über vierzehn Tage daselbst eintreffen
-werde. Ich weiß, daß hierdurch auch ein frommer Wunsch Ihres Vaters
-erfüllt wird, welchen er wohl, Angesichts einiger früherer unliebsamer
-Vorgänge, Bedenken getragen haben dürfte auszusprechen. Ich komme
-demselben mit Freuden zuvor, da die Dinge in Korbach eine gute
-Wendung nehmen. Es soll der Gesinnung Ihres Vaters an einer kräftigen
-Unterstützung von Oben nicht fehlen, ich gedenke dieß bei meiner
-Anwesenheit zu beweisen. &mdash; Sollte Sie in Zukunft ein Anliegen zu mir
-führen, so werde ich für Sie immer zugänglich sein.“</p>
-
-<p>Ein Schritt zurück und eine freundlich entlassende Bewegung mit Hand
-und Kopf schnitten jede<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> Gegenrede Arnolds ab, selbst wenn er eine
-solche bereit gehabt hätte. &mdash; Die Audienz war zu Ende. Nach der
-Abschiedsgebehrde konnte er nur bleiben, wenn er ein Schreiben des
-Vaters aus der Tasche zu ziehen hatte. Daß er <em class="gesperrt">keines</em> habe,
-hatte der kluge Kirchenfürst beim ersten Blicke vermuthet und war nach
-den ersten zehn Worten davon überzeugt, da er keine Anstalt sah, ein
-Derlei zu Tage zu fördern. &mdash; Und <em class="gesperrt">eigentlich</em> hatte er auch kein
-Schreiben erwartet, sondern &mdash; den alten Korbach selbst. &mdash; &mdash; Ein
-sehr bezeichnender Unterschied zwischen der geistlichen und weltlichen
-Gewalt lag in der Weise, wie Beide die Ablehnung behandelten. Der
-Erzbischof läßt es gar nicht zum Aussprechen des <em class="gesperrt">Nein</em> kommen,
-nicht einmal gegen Pater Bernhard. Er weiß was <em class="gesperrt">ist</em>, er hat
-ins Herz geschaut, und das genügt. Die weltliche Gewalt begnügt sich
-nicht mit faktischem Wissen und Handeln, sie hat noch menschliche
-Leidenschaften, keine Rancünen, sie zeigt Gereiztheit. Die Kirche
-läßt es nicht auf den Punkt kommen, daß sie beleidigt sein muß, bevor
-sie es angezeigt findet. &mdash; Arnold erschien sein Vater wie das arme
-Volk in der offiziellen Zeitung bei der Durchreise eines allgeliebten
-Herrschers; haben zehn Menschen gerufen, so ist es tausendstimmiger
-begeisterter Jubel. Hat sich kein Mund geöffnet, so ist die Rührung<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>
-keine lärmend ausbrechende, aber eine um so tiefere. &mdash; Sein Vater
-<em class="gesperrt">mußte</em> sich nach dem Erzbischof sehnen, laut oder stumm. <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Nächsten Morgen begrüßte ihn, da er eben die trübe Sündflut des ganzen
-unerklärlichen ihm widerlichen Getriebes überschaute ohne Land zu
-entdecken, eine Taube mit einem Oelzweig, &mdash; ein Brief Helenens.</p>
-
-<p>Sie schrieb:</p>
-
-<p>„Nach deiner Abreise abermalige Conferenz, zu der ich gerufen wurde.
-Ich sagte von Günthers Ansicht über ein Freinhof-Komplott Alles,
-was ich sagen konnte ohne deinen mir anvertrauten Herzensschatz zu
-enthüllen. &mdash; Niemand findet eine Erklärung. &mdash; Günther, Sprenger und
-ich haben verschiedene Meinungen.</p>
-
-<p>Günther hält nach deiner Erzählung den Freinhof für ein Gewebe, wo
-mitten die Spinne sitzt, welche auch Julien umklammert, und nach allen
-Seiten hin ihre misteriosen Fäden nach den Fliegen ausspannt.</p>
-
-<p>Unser Mentor sagt: Gerade umgekehrt. Im Freinhof sitzt die Fliege,
-die Person, welche von all’ den Spinnen in den obern Regionen zu
-verschiedenen Zwecken benützt wird.</p>
-
-<p>Ich sage: Beide haben Recht, Beide Unrecht. Es ist da ein Mensch, der
-von Einigen zu ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> Zwecken gebraucht wird, und selbst seine eigenen
-mit Andern verfolgt.</p>
-
-<p>Ihr sucht überhaupt zu tief &mdash; Ihr wollt eine Freimaurerloge,
-Vehmgericht, Falschmünzerbande, kurz irgend eine prächtige
-Roman-Teufelei mit einem vielgestaltigen Anführer und Verschwornen in
-allen Ständen herausfinden. All das <em class="gesperrt">könnte</em> sein, &mdash; aber es
-<em class="gesperrt">ist</em> eben nicht! Ich sehe das so klar, mit diesen meinen Augen,
-die trotz deines Vergleiches kein anderes Blau haben als eine frisch
-abgesottene Forelle. Glaub’ mir, hinter der ganzen Geschichte steckt
-Nichts als Ein schlechter Mensch, dessen Opfer auch die arme schöne
-Frau. Der Vater sagt, von seinen Freunden würde keiner so handeln, und
-entsinnt sich keines Feindes. Den Herrn des Freinhofes kennt er gar
-nicht. &mdash; Was bei uns vorfällt, erfährst du <span class="nowrap">gleich.“ &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Wer sah am Richtigsten? Der Taschenteufel, &mdash; der vielgereiste
-Mentor oder die achtzehnjährigen <span class="nowrap">Genzianen-Augen? &mdash;</span></p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*<br />
-* &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; *</p>
-
-<p>Ein Streiflicht fällt, wenn nicht auf das Gewebe, doch auf die Spinne,
-wenn wir Sembrick folgen, der am Nachmittage nach Arnolds Besuch
-abgereist, Abends im Freinhofe eingetroffen war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p>
-
-<p>Mit einem Gewitter hatte drei Tage früher unsere Erzählung begonnen &mdash;
-es folgte ihm die Abendfeier am Himmel, die zugleich das Morgenroth
-einer erwachenden Liebe. &mdash; &mdash; Das heutige war auf den Raum eines
-Menschenherzens eingeengt &mdash; es folgt ihm aber kein <span class="nowrap">Abendroth. &mdash;</span></p>
-
-<p>Als Edmund ankam, war Julie auf ihrem Zimmer. &mdash; Er faßte mit ruhiger
-Hand ihre dargebotene zitternde. Tiefer Ernst, &mdash; gebändigter Schmerz
-lag auf seinem Gesichte &mdash; &mdash; das ihre war eine weiße Rose im Sturm.</p>
-
-<p>„Edmund, ich wußte, daß Sie kommen würden!“</p>
-
-<p>„Und Sie sind so bewegt, als wäre das Unerwartetste erschienen.“</p>
-
-<p>„Ich bin’s, weil ich Sie erwartete! Sie erhielten meinen <span class="nowrap">Brief“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Ich erhielt ihn aus Korbachs Händen heute Morgen, und bin gekommen,
-ihn nach seinem ganzen Inhalte zu beantworten.“</p>
-
-<p>„Ach Gott, Sie sprechen so gemessen, in einem so feierlichen <span class="nowrap">Tone“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Wie es eine Stunde fordert, in welcher klar werden muß, Julie, was wir
-einander sind, und fortan sein können.“</p>
-
-<p>„Und war denn nicht Alles so klar, wie es sein<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> soll und kann und mag,
-sein <em class="gesperrt">wird</em>, wenn Sie es nicht unklar machen wollen? Edmund, ich
-leide genug, &mdash; können denn <em class="gesperrt">Sie</em> mich quälen?“</p>
-
-<p>„Leid von Ihnen fern zu halten war mein Ziel, seit ich Sie gefunden.
-Wenn ich es nicht erreicht, noch lange nicht erreichen werde, so liegt
-die Schuld nicht im Mangel des Willens, noch der Kraft. Jedes Handeln
-ist für jetzt unmöglich!“</p>
-
-<p>„Unwürdig ist unser jedes Wort, das den Gedanken verschleiert! Sie
-wollen mir <em class="gesperrt">nicht</em> sagen, daß Sie nicht handeln können, Sie wollen
-sagen, daß Sie dabei <em class="gesperrt">allein</em> stehen wollen. Was Sie unklar
-zwischen uns nennen, das ist der Brief, mit dem ich Arnold sandte! Und
-Sie vergessen Ihre Worte: „Noch Eine sichere Hand, eine treue Seele,
-auf die Sie zählen können!““</p>
-
-<p>„Ich habe sie nicht vergessen, &mdash; und statt Sie zu fragen, wie Sie in
-Korbach den Mann erkannt, auf den ich zählen könne, sage ich Ihnen
-geradezu, Sie haben recht gesehen, &mdash; er <em class="gesperrt">ist</em> es. Aber die
-Zeit ist noch nicht gekommen, &mdash; und wenn sie kommt, so bedürfen Sie
-<em class="gesperrt">meiner</em> dann nicht mehr.“</p>
-
-<p>„Edmund, glauben Sie nicht, mich durch Ihre Härte dahin zu bringen,
-daß ich etwas sage, was Sie mit Recht verletzte, damit Sie ein hartes
-Wort von mir als Schild gegen Ihr eignes Gefühl halten<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> könnten, das
-Ihnen sagt: sie bedarf meiner! &mdash; <em class="gesperrt">Was</em> ist <em class="gesperrt">anders</em> geworden
-seit dem Tage, wo Sie von diesem Fenster auf den Berg hinüberblickten
-und sagten: So wahr der Geist Gottes über den Wassern und jener Höhe
-schwebt, der in das Dunkel, in dem Sie wandeln, hineinrufen wird, es
-werde Licht! so lange weiche ich nimmer von Ihnen, bis mit seiner
-Hülfe die Fessel gelöst ist! &mdash; Was ist anders geworden? &mdash; nicht ich,
-Edmund, aber Sie!“</p>
-
-<p>„Ich bin, der ich war und sein werde. Ich stand aber nie auf jener
-Höhe, wohin mich Ihr Gedanke stellte. Ich habe Nichts gethan, was Sie
-berechtigt, mich für ein übermenschliches Wesen zu halten, und das
-mußte ich sein, wenn mit dem Entschlusse für Sie zu kämpfen, nicht
-der Gedanke erwachen, mich mit Allgewalt durchdringen sollte, es ist
-<em class="gesperrt">um</em> Sie!“</p>
-
-<p>(&mdash; &mdash; &mdash; Wenn ein allgegenwärtiger Schutzgeist der Liebe die Worte
-hört und wiegt, welche als Bitte oder Schwur von Menschenlippen zu ihm
-hinaufgesendet werden, so vernahm er fast zur <em class="gesperrt">selben Minute</em>
-das Wort, das Arnold zu seinem Freunde Günther sprach: Ich handle
-<em class="gesperrt">für</em> sie, nicht <em class="gesperrt">um</em> sie &mdash; &mdash; &mdash; und tief mochte sich unter
-dem reinen Gold die Wagschale auf Arnolds Seite neigen. &mdash; &mdash; &mdash;)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p>
-
-<p>„So war es nicht immer, sagte Julie mit Innigkeit &mdash; Sie <em class="gesperrt">waren</em>
-wie ich Sie <em class="gesperrt">sah</em>! Sie standen wirklich auf jener Höhe, nicht
-<em class="gesperrt">ich</em> habe Sie hinaufgehoben &mdash; &mdash; &mdash; jetzt hinweg mit den
-Schranken, welche eine alberne Wortprüderie um uns Frauen ziehen
-will: ich selbst will Ihr Inneres vor Ihnen aufdecken. Ich habe Ihre
-Liebe zu mir zur Klarheit geführt, bis Sie selbst sagten: „Ich habe
-überwunden, und bin im Stande, ohne Wunsch und Verlangen der Freund
-eines unglücklichen Weibes zu sein,“ &mdash; ich lasse Sie auch jetzt nicht
-im Dunkel und sage Ihnen, der Gedanke an <em class="gesperrt">Arnold</em> ist es, der
-Sie zurückgeworfen in eine Tiefe, aus der Sie sich emporgerungen...
-Sie sind noch der, als den ich Sie kennen lernte, &mdash; Edmund, &mdash; in
-Frauenwang! &mdash; wo Sie jenes Kind gerettet &mdash; wo ich Sie zum ersten
-Male sah, als Sie den Sprung des de Lorges, aber nicht zwischen Tiger
-und Leu’n thaten &mdash; &mdash; die <em class="gesperrt">konnten</em> sich erbarmen, &mdash; sondern an
-den feuersprühenden Rachen der Lokomotive hin, &mdash; im letzten Moment,
-&mdash; wo es <em class="gesperrt">keiner</em> mehr wagte &mdash; und das Mädchen emporrissen! &mdash;
-&mdash; ich höre noch den Schrei der Umstehenden &mdash; der meine erstickte in
-der Brust &mdash; es war ja eines Haares Breite zwischen Tod und Leben! &mdash;
-und wie Sie das Kind dann ruhig an die Säule hinstellten, aber ohne es
-auch<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> nur einmal zu küssen &mdash; &mdash; &mdash; Sie hätten es am nächsten Tage,
-vielleicht in der nächsten Stunde nicht wiedererkannt... Da zuckte
-mir’s durch die Seele, <em class="gesperrt">der kann</em> dein Retter sein! &mdash; Dann
-gedacht’ ich der Kälte, mit der sie das dem Tod entrissene liebliche
-Geschöpf hingestellt &mdash; als wär’s ein Waarenbündel, &mdash; den nun der
-Eigenthümer wegtragen soll! Und eben <em class="gesperrt">darum</em>, meint’ ich, konnten
-<em class="gesperrt">Sie</em> es sein! Wie dann die Mutter, die ihr Kind in guter Obhut
-geglaubt, herbeistürzte, &mdash; sich zu Ihren Füßen warf, wendeten Sie sich
-mit zornigem Auge ab und sagten: Sie sind nicht werth eine Mutter zu
-sein! Dann fiel Ihr Blick, als Sie eben den Wagen bestiegen, auf mich
-&mdash; Sie sahen, wie ich den meinigen fest und lange auf Sie richtete,
-voll Bewunderung Ihrer Entschlossenheit, &mdash; mit dem Gedanken, <em class="gesperrt">dieser
-Mann wäre im Stande, auch dich von deinen Eisenschienen aufzuheben</em>“
-<span class="nowrap">&mdash;</span></p>
-
-<p>„Und dann kalt und ruhig wegzugehen &mdash; &mdash; der Weihrauch der
-Bewunderung, die Mirrhe des Dankes, das Gold der echten, reinen
-Freundschaft &mdash; &mdash; das sind die Gaben, die selbst der Welterlöser
-erhielt, &mdash; sollte ich unzufrieden sein? ich, der ich nichts gethan,
-als vielleicht Ihre Geduld, Ihre Hoffnung auf ein gelobtes Land der
-Zukunft gestärkt?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p>
-
-<p>„Und ist das <em class="gesperrt">Nichts</em>? &mdash; ist’s denn nicht tausendmal mehr,
-als <em class="gesperrt">ich</em> bieten konnte? Lebt’ ich nicht ohne Glauben an einen
-Menschen, ohne einen Funken Hoffnung eines Glückes, &mdash; und hab’ ich
-Ihnen nicht Beides zu danken?“</p>
-
-<p>„Der Glaube an den Menschen mußte zerfallen, eben als Sie ihn in seiner
-ganzen Menschlichkeit vor sich sahen &mdash; &mdash; die Hoffnung eines Glückes
-aber sollen Sie so entschieden festhalten, als ich Sie nun verloren
-habe.“</p>
-
-<p>„Und an <em class="gesperrt">welches konnten</em> Sie glauben &mdash; &mdash;? Edmund, dürfen
-<em class="gesperrt">Sie</em>, die Hand auf Ihr Herz, von Täuschung, &mdash; von Enttäuschung
-sprechen? Als Kollmann, der in Frauenwang kein Auge von Ihnen
-verwandte, Sie hier vorstellte, als er, &mdash; mir unerklärlich, Ihnen
-Alles mittheilte &mdash; &mdash; was Sie von mir nie erfahren hätten, als Sie
-dann mit mir darüber sprachen und sagten, ich ruhe nun nicht eher,
-als ich in meiner Waffensammlung den Dolch gefunden, der eine Kette
-zerschneidet, von welcher kein göttliches und kein menschliches Gesetz
-weiß &mdash; da sah ich mit dem Blicke des Weibes in der ersten Stunde,
-daß Sie <em class="gesperrt">mich</em> nicht &mdash; &mdash; wie jenes Kind hinstellen würden. Ich
-bat Kollmann, Sie nicht wiederzubringen, &mdash; vergebens. Ich erhielt
-den Befehl mit Ihnen so liebenswürdig zu sein, wie mit<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> allen Jenen,
-&mdash; &mdash; deren er bedarf. Auch das sagte ich Ihnen, auf jede Gefahr von
-seiner Seite hin. Und als der Augenblick kam, den ich fürchtete, als
-Ihr Gefühl, &mdash; wie ein heißer Quell aus Island, der das Felsenstück
-wegschleudert, um sich zu befreien, in das lang unterdrückte Wort
-ausbrach &mdash; &mdash; habe ich die Augen mit den Händen bedeckt &mdash;? habe
-ich Sie mit Entsetzen über ein Unerhörtes verlassen? &mdash; haben Sie
-eine jener Frasen der fliehenden Koketterie vernommen &mdash; ein „Mein
-Herr, was berechtigt Sie &mdash;? Ich habe mich in Ihnen getäuscht &mdash;?“
-Oder ein ähnliches Nichts? &mdash; &mdash; Hat auch nur ein gepreßter Athemzug,
-ein verwirrter Blick Ihnen etwas Anderes gesagt als das heilig wahre
-Wort, das ich ruhig sprach: Wenn ich Sie liebte, so würd’ ich so
-freudig Ja sagen, als ich mit Schmerz um Ihretwillen Nein sage &mdash; &mdash;
-so würde ich nicht einmal fragen, ob Sie mich wieder lieben! &mdash; &mdash;
-Ich wäre darum doch nicht ein Haarbreit von jener Linie gewichen,
-die ich mir selbst gezogen, und Sie wären, wenn ich Sie liebte, ganz
-so unglücklich gewesen, als Sie jetzt zu sein glauben. Es ist einmal
-in den Sternen geschrieben, daß ein Mann keinen andern Preis seines
-Handelns und Strebens für eine Frau kennt, als <em class="gesperrt">sie selbst</em>. Wenn
-von Enttäuschung die Rede sein kann, so bin<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> ich es, Edmund, die das
-Recht hat zu sagen, Sie haben verheißen und nicht gehalten.“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Wenn ich sagte, ich habe überwunden &mdash; erwiederte Edmund mit
-sanftem aber festem Tone, so sagte ich damit, &mdash; um Ihr eignes Bild zu
-gebrauchen, das Felsstück ist auf den heißen Quell gedrückt &mdash; preßt
-ihn in’s Innerste zurück, &mdash; &mdash; Sie haben kein Ueberwallen mehr zu
-fürchten. Meine Worte aber, es müsse klar werden, was wir einander
-fortan sein können, sollen sagen: Bin <em class="gesperrt">ich</em> fortan derjenige,
-in dessen Hand Sie die Lösung Ihres Schicksales <em class="gesperrt">allein</em> mit
-unbedingtem Vertrauen legen wollen? &mdash; Bin ich es, so sollen Sie die
-Frau sein, für welche ein Mann, der sie unbegrenzt liebt, <em class="gesperrt">so</em>
-handelt, um jenes höllische Gewebe zu zerreißen, als wäre er ihr Freund
-in <em class="gesperrt">dem</em> Sinne, den sie verlangt &mdash; &mdash; ohne irgend eine andere
-Hoffnung. Bestehen Sie darauf, Ihr Geheimniß mit Korbach zu theilen, so
-gebe ich ihm alle Mittel in die Hand, die sich mir, wie ich die Sache
-verfolge, bieten werden, und behalte Nichts als das Bewußtsein, bis zum
-jetzigen Augenblicke Ihr Vertrauen ungetheilt genossen zu haben. &mdash; Mit
-Korbach Hand in Hand gehe ich nicht. &mdash; Unsere Wege führen auseinander.
-Der meinige ins Weite zurück, nachdem ich einen hellen, leuchtenden
-Mittelpunkt meines Lebens gefunden, der<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> seine Kometenbahn in eine
-abgeschlossene Sfäre verwandeln konnte, &mdash; und den ich wieder verloren.
-Wohin der seine? &mdash; Ich kann den Lauf des tiefen, reinen Wassers nach
-dem Meere nicht hemmen, Julie, aber ich grabe ihm auch nicht das Bette
-dahin. &mdash; Das verlangen Sie von Sembrick nicht. &mdash; Verlangen Sie es um
-Korbach’s willen nicht! &mdash; Vergessen Sie nicht, daß er, um mit mir zu
-wirken, Alles wissen muß, und wer verbürgt Ihnen, daß Korbach den Kampf
-zwischen der Pflicht, für Sie zu schweigen, und jener, zu entdecken,
-<em class="gesperrt">so</em> trägt wie ich?“</p>
-
-<p>„Daran habe ich nie gedacht &mdash; Edmund, Sie glauben unmöglich, daß
-Arnold einen Augenblick uneins mit sich sein <span class="nowrap">kann“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Wie er <em class="gesperrt">handeln</em> werde, gewiß nicht; aber täuschen Sie sich
-nicht über sein Pflichtgefühl. Er ist mit allen Banden, durch eine
-hoffnungsreiche Zukunft an dieses Land gebunden, und kann über
-das Bestehende, über die Forderung des Gesetzes nicht so leicht
-hinwegsehen! Seine Ansicht, wenn ich ihn in den wenigen Minuten
-durchschaut, &mdash; dürfte jener nachgebildet sein, welche das Ideal
-jedes jungen Mannes sein soll, &mdash; er wird nicht wie <em class="gesperrt">Max</em> seinen
-Friedland, seine Liebe opfern, &mdash; aber er wird <em class="gesperrt">empfinden</em> wie
-dieser, und in den schmerzlichsten Zwiespalt mit sich gerathen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-<p>Julie schwieg betroffen &mdash; sie legte die Hand auf’s Herz &mdash; und sagte
-nach einigen Minuten leise aber heftig: „Das entscheidet! &mdash; das
-allein. Sagen Sie nichts mehr davon &mdash; &mdash; Sie haben mir die Augen über
-etwas geöffnet, was ich nicht geahnt. &mdash; &mdash; Und Sie! &mdash; Sie haben von
-der Last die sie trugen, geschwiegen, bis Sie dieselbe theilen sollten!
-Das ist groß &mdash; das ist wieder <em class="gesperrt">der</em> Edmund, zu dem ich wie zum
-unbeweglichen Polarstern hinaufgeschaut! Sie geben sich mehr Mühe,
-klein zu scheinen, als Andere groß!“</p>
-
-<p>„Und so bleibe ich denn am hohen kalten Himmel stehen, Julie, und wir
-lassen Korbach auf der warmen Erde wandeln, ohne ihn mit der Kette
-Ihres Geheimnisses zu umschlingen?“</p>
-
-<p>„Es soll so sein &mdash; &mdash; ich werde seinen Frieden nicht brechen!“</p>
-
-<p>„Und wie werden Sie gegen ihn widerrufen, was Sie im Briefe
-aussprachen?“</p>
-
-<p>„Das überlassen Sie mir &mdash; ich werde leicht Hände lösen, die sich nicht
-berührt haben &mdash; &mdash; und die Ihre wird die eines treuen Freundes bleiben
-wie <span class="nowrap">zuvor?“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Ich werde wie ein solcher handeln. Und nun, Julie, &mdash; da mir
-Alles &mdash; <em class="gesperrt">Alles</em> klar, sagen Sie mir, was Sie denn eigentlich
-gedacht, beabsichtigt<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> welchen Plan Sie im Aug’ gehabt, als Sie mir
-<em class="gesperrt">diesen</em> Verbündeten sandten?“</p>
-
-<p>„Gedacht? &mdash; Plan? &mdash; Was ist denn, &mdash; das Eine ausgenommen, daß ich
-mir selbst treu bin und dem, was ich gut nenne, &mdash; was <em class="gesperrt">ist</em>
-denn in mir, was nicht Eingebung des Moments wäre? Was berechne ich?
-Eine Stunde lang sah ich Arnold, &mdash; es fiel mir nicht ein, zu denken,
-<em class="gesperrt">wie</em> er Ihnen beistehen könne &mdash; ich mußte ihn senden, &mdash; fassen
-Sie denn nicht, daß ich diesen Augen vertrauen <em class="gesperrt">mußte</em>? &mdash; Ich
-fragte mich ja selbst, warum, und da ich’s nicht weiß, ist es eben ein
-Gegebenes, ein Gottgesendetes, wie alles Unerklärliche, das uns hebt
-und besser macht! Ich konnte, nachdem ich mit ihm gesprochen, mir einen
-Augenblick denken, daß es Nichts in der Welt gebe, was nicht vergeben
-und gesühnt werden könne, und das hat mir wohlgethan. Sie sagten, wer
-von ganzer Seele liebe, der könne auch von ganzer Seele hassen &mdash;
-vielleicht bin ich des Ersteren nicht fähig &mdash; denn ich kann mir nun
-keinen Haß denken, selbst gegen den, der Alles gethan ihn zu verdienen,
-welcher nicht in ein „Gott verzeih dir wie ich!“ hinschmelzen würde,
-wenn er mir auf dem Sterbebette, &mdash; auf meinem oder seinem, die Hand
-reichte. Und noch vor wenig Tagen hatte ich &mdash; <em class="gesperrt">Sie</em> erschrecken
-nicht vor dem Gedanken, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> <em class="gesperrt">ich</em> &mdash; hatte ich zu Gott um Rache
-gerufen, &mdash; da oben &mdash; an der Stelle selbst! &mdash; Vor Arnold könnte ich
-ein solches Gebet nicht laut aussprechen!“</p>
-
-<p>„Ich hoffe, Sie hatten in der letzten Zeit weniger zu leiden, da
-Kollmann, wie ich weiß, selten hier war.“</p>
-
-<p>„Sie wußten &mdash;?“</p>
-
-<p>„Ich behalte den Freinhof stets im Auge, wenn Sie auch nicht von mir
-hören.“</p>
-
-<p>„Thun Sie, was Sie um meinetwillen für gut finden. Kollmann war
-vorgestern hier, eben als Arnold gekommen war. Er ließ mich rufen,
-nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen. &mdash; Er lag im Bett,
-rauchte seine Zigarre, &mdash; ich saß neben dem Bette, im Nachtkleid,
-&mdash; das Fieber schüttelte mich. Er schwieg einige Zeit, &mdash; hatte
-die Augenlider gesenkt &mdash; da sah ich wenigstens nicht, was mir das
-Fürchterlichste ist. &mdash; &mdash; Sembrick &mdash; haben Sie denn je einen
-Menschen mit so weißen Augen gesehen? Es ist gräßlich, wenn er sie
-aufschlägt und ich diese Augäpfel &mdash; wie die eines Blinden &mdash; nur
-mit zwei schwarzen Punkten mitten, auf mich gerichtet sehe &mdash; &mdash; er
-sieht Sie durch und durch, &mdash; aber Sie können ihm nicht hineinsehen,
-nicht durch die äußerste Hülle der Seele. &mdash; Die schmalen, eiskalten
-Züge, der lippenlose Mund &mdash; das ist Alles nichts<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> gegen diese Augen!
-&mdash; Endlich fragt’ er mich, wer im Freinhof &mdash; ich nannte Alle, auch
-Arnold &mdash; er sagte: Ich erwartete seine Rückkehr von der Reise und
-hätte ihn aufgesucht &mdash; nun kommt er selbst, um so besser, &mdash; so kann
-Alles durch dich gehen. &mdash; Ich fragte: Was hast du mit dem vor? &mdash; Nur
-Gutes, erwiederte er &mdash; so freundlich lächelnd &mdash; daß ich alle Mächte
-des Himmels um Schutz für Arnold anrief. &mdash; Und doch <em class="gesperrt">hat</em> er auch
-schon Gutes durch mich gethan. Ich fragte, ob ich gehen dürfe, &mdash; er
-befahl mir, die Blauhorn durch ihren Mann dringend nach dem Freinhof zu
-laden und entließ mich. Am Morgen hatte er noch eine Unterredung mit
-Pater Bernhard und reiste ab. &mdash; Ich konnte den ganzen Tag das Bett
-nicht verlassen.“</p>
-
-<p>„Und so wird und muß ein Moment kommen, rief Sembrick mit Schmerz aus,
-wo Ihre Kraft zusammenbricht, &mdash; ich fürchte, früher, als ich oder wen
-die Vorsehung erwählen wird, Hülfe bringen kann.“</p>
-
-<p>„Fürchten Sie das nicht, erwiederte Julie lebhaft, fast heiter. &mdash;
-Sehen Sie meinen Arm an, ist er weniger rund? ist das übertriebene
-Korallenroth meines Mundes verschwunden? Ich bin in einzelnen Stunden
-viel elender, und Tage und Wochen<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> viel weniger unglücklich als Sie
-glauben. Oft fühl’ ich’s gar nicht.“</p>
-
-<p>„Ihre Abhängigkeit vom Momente, wie Sie’s nannten, ist in Ihrer Lage
-ein Gottesgeschenk. Ich gedachte aber des Nervenfiebers, von dem Sie
-mir <span class="nowrap">erzählten.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Das war bald nach dem ersten Sturme, und gerade damals war die
-Sklavenkette leichter. Kollmann sagte: „Ich verlange von dir, daß du so
-liebenswürdig, so reizend, so unwiderstehlich sein sollst, als du sein
-kannst, gegen Alle, die ich dir bezeichne, dafür magst du es auch gegen
-Jeden sein, den du selbst wählest, ich ziehe dir keine Schranken.“ &mdash;
-&mdash; Ich bedurfte auch keiner; sie hätten Nichts verhindert, wenn ich von
-Gott nicht so geschaffen wäre, daß ich nicht untergehen kann. Meine
-Natur stößt nun einmal das Schlechte <span class="nowrap">zurück.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Das ist’s, was Ihnen die alleinseligmachende Clique nicht verzeiht
-&mdash; hörten Sie’s doch selbst, wie Einer davon zum Andern sagte: Sie
-muß doch untergehen, &mdash; sie hat keinen <em class="gesperrt">Halt</em>, &mdash; wenn sie noch
-rein ist, so ist’s nicht die Tugend der Grundsätze, sondern jene
-anmaßende, auf sich ruhende! &mdash; &mdash; und diese ist ihnen weit verhaßter
-als selbst die Sünde. Diesen Menschen ist eine Frau welche fällt, dann
-an dem Blumenstabe des Entsündigungs-Ap<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>parates hinaufkriecht und auf
-den positiven Krücken weiterhinkt bis zum nächsten Falle, hundertmal
-lieber, als eine, die das in ihren Augen unverzeihlichste Verbrechen
-begeht, ihrer nicht zu bedürfen, und gut zu bleiben, weil sie eben
-nicht anders kann und will!“</p>
-
-<p>„Ich war gefeiert, und das war ein zweites Vergehen. Ich konnte mich
-dessen <em class="gesperrt">freuen</em>; auch Sie waren in dem Irrthum, daß die Feuerräder
-und farbigen Raketen, die ich in der Gesellschaft spielen ließ, nur
-am Höllenfeuer des Schmerzes angezündet seien, welche eine heroische
-Willenskraft in sprühende Bouquets verwandelte, ich <em class="gesperrt">war</em> aber
-hundertmal das als was ich <em class="gesperrt">erschien</em>, ein gefeiertes junges Weib,
-das sich des Augenblickes freut.“</p>
-
-<p>„Für mich war immer Alles rein, Julie, wo die Welt trübe sah &mdash; wenn
-ich aber alles Willkürliche, alles Unberechenbare an Ihnen begreife, so
-fasse ich das <em class="gesperrt">Eine</em> nicht, wie Sie hier &mdash; so nahe jener Stelle,
-nach welcher Kollmann drohend den Arm ausstreckt wie ein Wegweiser zur
-Hölle, &mdash; wohnen, &mdash; auch nur eine Stunde frei athmen können; und doch
-war der Freinhof <em class="gesperrt">Ihr</em> Gedanke!“</p>
-
-<p>„Und das glaubten Sie? weil Sie hörten, daß ich den Plan angegeben,
-das Werk gefördert? <em class="gesperrt">Er</em> hat es gewollt, &mdash; ein Nein gibt es
-ja nicht. Er<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> mochte denken, dieser Ort hält das Bild lebendig, vor
-welchem wie vor dem Medusenschilde jeder Gedanke des Widerstandes
-erstarrt. &mdash; Vielleicht will er ihn auch überwachen. &mdash; Und neben der
-großen teuflischen Idee das kleine Gewimmel von klugen Berechnungen und
-Vorahnungen, wie der Freinhof so herrlich allen Zwecken entsprechen
-werde, wie da ganz anders auf Jeden gewirkt werden könne, jedes Wort
-einen andern Klang habe, wenn es die Weiber beim Ton der Zither, die
-Männer beim Male nach der Jagd vernehmen! &mdash; daß ich hier frei athme?
-wenn ich den Nächten der <em class="gesperrt">ersten</em> Woche nicht erlegen, so war es
-gewiß, daß ich in der zweiten Ruhe fand, in der dritten die Besuchenden
-empfing, wie Kollmann gebot. &mdash; Ich bin eines stillen Hinliegens in
-ewigem Schmerze nicht fähig. Daß aber die Thränen jener Stunden, wo ich
-verzweifeln möchte, hinreichen werden, um das frohe Lachen der andern
-zu verlöschen, wenn es als Sünde in mein Schuldbuch geschrieben wird,
-das hoffe ich so gewiß, als ich mit Arnold an endliche Sühnung jeder
-Schuld glaube.“</p>
-
-<p>„Vielleicht würde auch er fühlen, wenn ihm Ihr Schicksal enthüllt wäre,
-daß es Lagen gibt, wo der Mensch erst dann vergibt, wenn Gottes Gericht
-über den Schuldigen hereingebrochen, &mdash; so wie Gott vergeben mag, wo
-die Menschen gerichtet &mdash;!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p>
-
-<p>„Edmund &mdash;!“ rief Julie &mdash; &mdash; es war ein Aufschrei des Entsetzens &mdash;
-ihr Blick eine Bitte um <span class="nowrap">Erbarmen &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Er faßte ihre Hand und sprach bedeutungsvoll: „Vergebung! Julie! &mdash; &mdash;
-Noch sehe ich keinen Ausweg, kein Licht. &mdash; Ich verlasse Sie, um nach
-dem Ort zu reisen, wohin Sie nicht denken sollen ohne sich zu erinnern,
-daß ich in einem <em class="gesperrt">schwereren</em> Kampfe gesiegt als der, dem ich
-entgegengehe!“</p>
-
-<p>„Ich habe Gott darum gebeten, und er hat mich <span class="nowrap">erhört“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Er wird auch Ihr zweites Gebet hören! &mdash; in wenig Tagen bringe ich
-Ihnen Nachricht.“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Er schied, und Julie las in seinem letzten Blick voll Schmerz und
-Liebe, daß Gott ihr Gebet nicht erhört habe. Das war noch nicht die
-hohe, ruhige Flamme, die aus dem Auge des Siegers leuchtet &mdash; es war
-nur Ergebung, &mdash; nicht Erhebung.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">* &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; *<br />
-*</p>
-
-<p>Sembrick kehrte von der Reise, welche zum Zweck hatte gewisse
-Verhältnisse an einem Orte, wohin wir ihm später folgen werden, zu
-erkunden, am vierten Tage seiner Verheißung gemäß, zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></p>
-
-<p>Mit sichtlicher Betroffenheit vernahm er, daß Kollmann mit Julie den
-Tag zuvor den Freinhof verlassen. Es war einiges leichte Reisegepäcke
-mitgenommen worden. &mdash; Das Wohin wußte Niemand.</p>
-
-<p>Vergeblich sann Edmund nach. Was Kollmann begann, wurde selten klar,
-ehe es durchgeführt war. Er fragte nach Knorr; es war möglich, daß
-dieser mehr wußte als die Diener.</p>
-
-<p>Man wies ihm dessen Wohnung, welche übrigens vom ganzen Thalgrunde
-aus sichtbar war. Hart am Ende des Parks, der den Hof umgibt, erhebt
-sich eine steile, kegelförmige Anhöhe, mit Fichten rings bewachsen,
-auf deren Gipfel altes Gemäuer steht: die Ruine einer Kapelle und
-eines Gebäudes, welches einige Mönche vor Jahrhunderten bewohnt haben
-mögen. Kurze Zeit vor Erbauung des Freinhofes hatte Knorr, auf dessen
-Vergangenheit wir später zurückkommen werden, den Waldkegel sammt
-der Ruine von der Grundherrschaft, dem Kloster St. Martin angekauft,
-das Gebäude so weit herstellen lassen, daß es nun einige freundliche
-Wohnzimmer und eine Küche enthielt, und sich mit einer alten Bäuerin,
-welche seinen Haushalt besorgte, darin festgesetzt und gegen Alles
-behauptet, was, wie wir sogleich hören werden, aufgeboten wurde, um ihn
-zu vertreiben.<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> Der übrige Theil der Ruine blieb in dem Zustande, worin
-er sie gefunden.</p>
-
-<p>Als Sembrick den Waldpfad hinanstieg, hörte er Schüsse in kurzen
-regelmäßigen Zwischenräumen und fand Knorr auf dem kleinen Plateau
-vor seiner Wohnung beschäftigt, aus einem achtläufigen Revolver nach
-einem, die Spuren zahlloser Kugeln weisenden, Baumstamme zu feuern, auf
-welchem mit Kreide Buchstaben, Kreise und sonstige Figuren gezeichnet
-waren. Auf der Bank vor der Hausthüre lag ein ganzes Arsenal von vier-,
-sechs- und achtläufigen Revolvers nebst Kugeln <span class="nowrap">u. s. w.</span></p>
-
-<p>„Gegen wen, lieber Knorr &mdash; rief der Baron &mdash; vertheidigen Sie denn Ihr
-Raubnest mit einem so mörderischen Feuer?“</p>
-
-<p>„Gott zum Gruß, verehrter Baron, man muß sich auf dieser Welt voll
-ewigen Friedens stets in der Verfassung erhalten, nöthigenfalls ein
-Licht auszuschießen, brenne es auf einer Millykerze oder in einem
-Kopfe!“</p>
-
-<p>„Lassen Sie einmal sehen!“ erwiderte Edmund, dem es darum zu thun war,
-Knorr näher kennen zu lernen, den er bis dahin wenig beachtet hatte,
-aber nach Reilands Mittheilungen nun nicht für unbedeutend hielt. „Ich
-bin auch keiner der schlechtesten Schützen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p>
-
-<p>„Ich bitte anzufangen! Alle sind geladen.“ Sembrick versandte mit
-Meisterhand Kugel auf Kugel nach den Zielen, Knorr aber schoß fast
-jedesmal in das Loch, welches jene des Barons gebohrt, welcher sich
-endlich für überwunden erklären mußte.</p>
-
-<p>„Nun den letzten Schuß!“ sagte Knorr. &mdash; „Sehen Sie, der geht auf den
-schwarzen Stummel da unten, mit den zwei weißen Augen von Kreide, da
-rufe ich immer hinab: Gute Nacht, Nachbar Kollmann, und jage ihm eine
-Kugel in die Rinde.“</p>
-
-<p>„Eine schöne freundnachbarliche Gesinnung! &mdash; rief lachend der Baron,
-&mdash; Sie machten ein Gesicht dazu, daß ich kaum bezweifle, Sie möchten
-alles Ernstes den Abendgruß hinabsenden, wenn’s gut anginge.“</p>
-
-<p>„Von Herzen gern! aber es würde vor der Hand zu Nichts führen.
-Uebrigens sind Sie herausgekommen, um zu fragen, wohin die Nachbarn
-gereist, und ich bedaure nicht mehr zu wissen, als der Stummel dort.
-Sie könnten mich aber wenigstens über einiges Andere ausholen!“</p>
-
-<p>Sembrick ging in Knorrs Stil und Idee ein und entgegnete: „Das hatte
-ich vor, und nun möchte ich Ihnen vor Allem auf den Zahn fühlen, warum
-Sie Ihren Nachbar, in dessen Hause ich Sie doch traf, <span class="antiqua">in effigie</span>
-erschießen, mit dem frommen Hintergedanken, es wirklich zu thun?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span></p>
-
-<p>Statt der Antwort führte Knorr den Baron um das Haus herum in die
-Ruine, die hölzerne Stiege hinan, welche die vorige steinerne
-im Innern des zur Hälfte eingestürzten Thürmchens ersetzte, von
-dessen Höhe man die Rundsicht über das Thal genoß, und sagte, über
-die Gegend hinzeigend: „Länderdurst, Herr Baron, das Fantom der
-Universalmonarchie, welches meinen Nachbar hetzt, ist jener Grund
-unseres Haders, von dem sich sprechen läßt. Ein anderer, triftigerer
-liegt freilich vor, davon habe ich aber nicht vor, zu reden. Sehen Sie
-um sich! Alles ist sein Gebiet. Bloß mein Fichtenkegel und meine Burg
-stecken ihm wie ein Pfahl im Fleisch, daß er sich nicht arrondiren
-kann. Zuerst bot er mir den dreifachen, dann den sechsfachen Preis für
-den alten Steinhaufen und die Paar Stämme. Ich bin aber kein Fürst
-Hohenzollern und trete meine Souverainität um keine preußischen, noch
-andere Thaler ab. Da sich aber in der Gegend die Ansicht herausgebildet
-hatte, ich sei halb oder dreiviertels verrückt, so überreichte er
-dem Landesgericht eine gediegene Abhandlung über meine Narrheit, um
-mich unter Kuratel zu bringen und dem Kurator mein Land abzukaufen.
-Ich wurde von den Gerichtsräthen und einem Doktor scharf auf meinen
-Verstand inquirirt, und es fand sich gerade so viel vor, daß der
-Nachbar abgewiesen wurde. Nun bot er mir<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> einen Friedenstraktat, den
-Frau Julie unterhandelte. Seitdem sind wir die besten Freunde, wie
-Oesterreich und Piemont.“</p>
-
-<p>„Aber was bewog Sie denn, um dieses höchst romantischen, aber eben so
-uncomfortablen Aufenthalts willen einen solchen Vernichtungskampf zu
-bestehen?“</p>
-
-<p>„Es ist sonst kein Platz im Thale, da Alles ihm gehört, und ich muß die
-Gegend bewachen, wie ein Bulldog, denn es liegt irgendwo ein Schatz
-darin, der gehoben werden muß.“</p>
-
-<p>Es schien Sembrick, daß nun wirklich eine Saite klinge, welche nicht
-nach der Stimmgabel des gesunden Menschenverstandes gestimmt sei. Er
-erwiderte: „Da haben Sie vollkommen Recht, und Sie werden ihn auch
-finden und heben, wenn Sie genug Geduld und Ausdauer besitzen.“</p>
-
-<p>„Sie gehen geschickt auf meine fixe Idee ein, Herr Baron, aber es ist
-bloß bildlich zu nehmen. &mdash; Sie finden es hier nicht comfortable, aber
-glauben Sie mir, es ist auf meinem Thurm gemüthlicher, als da unten im
-Freinhof.“</p>
-
-<p>„Wenigstens gegen einen Handstreich sind Sie mit Ihrer Artillerie und
-diesen zwei ungeheuren Hunden gesichert.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p>
-
-<p>„Hinter dem Hause sind noch zwei. Es sind drei hohe Tenore und ein
-Sopran. Wir fünf zusammen bringen manchmal dem Freund und Nachbar unten
-ein Ständchen. Wenn der Vollmond über dem Wetterstein steht und die
-leichten Nebel auf- und abkriechen, da fangen meine vier Neufoundländer
-alle zu heulen an, und ich begleite sie mit dem Posthorn und knattere
-mit den Revolvers dazwischen. Herr Baron, &mdash; &mdash; dem Nachbar klingt das
-Geheul meiner Hunde, als ob vier Teufel ein langgezogenes: Du &mdash; &mdash;
-Schuft &mdash; &mdash;! hinausbrüllten! Ich weiß das. Die rechten Teufelsnächte
-sind bei uns nicht die schwarzen, sondern eine oder die andere helle,
-die die ganze weiße zarte Nebelsippschaft aus den Felsenkammern da
-drüben in den Mondschein herauslockt. Wir Beide sind aufgeklärte Männer
-und glauben an keine Geister. Aber meine Hunde sind anderer Ansicht.
-Nun hat mir das Bezirksamt das Schießen und Hornblasen nach neun Uhr
-verboten, und seitdem arbeitet bloß das Vokalquartett.“</p>
-
-<p>„Sie werden mir glauben, daß mir die Erscheinung Kollmanns so wenig
-simpathisch ist, wie Ihnen, allein auf die zwei Worte des Textes, den
-Sie der Melodie Ihrer Hunde unterlegen, ließe sich schwer ein Verfahren
-gründen; somit muß man eben durch<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> freundschaftliche Theilnahme das,
-wie es scheint, nicht immer heitere, Loos dieser Frau zu erleichtern
-suchen.“</p>
-
-<p>Das Gesicht Knorrs nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. „Herr Baron,“
-sagte er, „ich habe das Vorhandensein meines Verstandes vor Gericht
-erwiesen und ein günstiges Gutachten in meinem Kasten. Auf Grundlage
-desselben erkläre ich Ihnen, daß Sie mich jetzt über Etwas sondiren,
-wovon Sie mehr wissen, als ich. Wenn ich aber einmal mehr weiß, als
-Sie, so werde ich nicht erst warten, bis Sie heraufkommen.“</p>
-
-<p>Sembrick wollte mit Knorr, über dessen Farbe und Gesinnung er nun im
-Reinen war, auf gutem Fuße bleiben, und sagte, dessen geänderten Ton
-nicht beachtend: „Wir verstehen uns, &mdash; man muß eben Alles der Zukunft
-überlassen, ich bitte Sie nur, der Frau Julie bei ihrer Rückkehr zu
-sagen, daß ich <em class="gesperrt">dort</em> war, das Terrain geprüft habe und nicht ohne
-Hoffnung zurückgekommen; mehr könnte ich auch ihr selbst nicht sagen;
-für <em class="gesperrt">jetzt</em> sei es aber unmöglich, Etwas zu thun.“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Vielleicht war im tiefsten Grunde der Seele des „Siegers über
-sich selbst“ ein Atom von Befriedigung über diese Unmöglichkeit. Er
-hatte als Kavalier, als Mann von Ehre die Stellung angenommen, in
-welche ihn die letzte Unterredung mit<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> Julie zurückdrängte. Aber
-durch die Bande, die das Wort trug, war das Gefühl nicht gebunden.
-Er war keineswegs über die Jahre hinaus, wo Gefühle ihre volle
-Herrschaft behaupten, &mdash; wenn es überhaupt Jahre gibt, die ein solches
-Hinaussein bedingen, &mdash; aber sicher über jene, wo man sich über ihre
-Namen täuscht. Wenn er jedoch klar genug über sich selbst war, eine
-<em class="gesperrt">Leidenschaft</em> nicht <em class="gesperrt">Liebe</em> zu nennen, so war dieß zwar
-hinreichend, seine edle Natur zum Kampfe gegen dieselbe aufzufordern,
-&mdash; aber noch nicht, ihn heute als Sieger vom Freinhofe scheiden zu
-lassen.</p>
-
-<p>Mit einem Ausdrucke, welcher der Abglanz der innern Fehde war, sah er
-Arnold nach, als er diesen, wie wir erzählt, auf seiner Fahrt nach
-Korbach im Bahnhofe zu Pottenbach traf, wo er den Blick nach dem Felsen
-auf der Höhe, den Herzensgruß nach dem Freinhofe sandte.</p>
-
-<p>Sembrick war zu ernst gestimmt, um darüber zu lächeln, daß der Gruß
-nach dem leeren Schweizerhause hinüberflog.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Prior_von_Sankt_Martin"><em class="gesperrt">Der
-Prior von Sankt Martin</em>.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Aber freundlich mochte der alte Berggeist, wenn er etwa in jener Stunde
-von dem die Straße hoch überragenden Felsengipfel der Föhrleiten
-sein Gebiet überschaute, gelächelt haben bei jenem Blicke Arnolds.
-<em class="gesperrt">Ihm</em> hat er Kühlung in labenden Lüften nachgesendet auf seiner
-heißen Fahrt. &mdash; Und sicherlich eine Hagelwolke einem <em class="gesperrt">Andern</em>,
-der fast zur selben Stunde nach der Höhe hinaufsieht &mdash; und <em class="gesperrt">auch</em>
-des Freinhofs gedenkt, &mdash; und auch einen Gruß hinübersendet, &mdash; aber
-nicht aus treuem Herzen und <em class="gesperrt">blauen</em> Augen an die reizende Julie,
-sondern aus einer falschen Seele und <em class="gesperrt">pechschwarzen</em> Augen an
-den Gebieter derselben, den ihm gleichgesinnten und geistesverwandten
-Kollmann.</p>
-
-<p>Es ist Pater Bernhard, der Prior von Sankt Martin, den sein Weg nach
-dem Stifte, wohin er sich von der Residenz begibt, nahe am Freinhofe
-vorüberführt. Wir eilen ihm nach dem Schauplatze<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> seiner gegenwärtigen
-Thätigkeit voran, um seine vergangene zu beleuchten.</p>
-
-<p>Das Stift liegt im Gebirge, fünf bis sechs Stunden von Korbach, etwa
-halb so weit vom Freinhofe, ein Dreieck mit diesen beiden Punkten
-bildend. Es gehört einem Orden, welcher grundsätzlich seine Wohnungen
-in Thälern baute, so wie andere auf beherrschenden Höhen.</p>
-
-<p>In seiner abgeschiedenen Lage in einem weiten, tiefen Thale zwischen
-den Ausläufern des Hochgebirges, bisher nicht berührt von den Tendenzen
-der Zeit, hatte sich das Kloster bis zu den Tagen unserer Begebenheit
-begnügt, seine geistliche und weltliche Mission von der realistischen,
-soliden Seite aufzufassen, ohne sich in Spekulazion, weder in
-transzendentem noch pekuniärem Sinne, einzulassen.</p>
-
-<p>In weltlicher Beziehung kehrten seine Kühe, Ochsen und Schweine mit
-Medaillen behangen von den Viehausstellungen zurück, die Stämme seiner
-Waldungen wurden zu den profansten Bauwerken der gottlosen Industrie um
-schweres Geld gekauft, auf seinen Feldern schienen die sieben fetten
-Jahre Egiptens in Permanenz erklärt.</p>
-
-<p>Der Prälat hatte, während Viele seiner Standesgenossen sich an
-Akziengesellschaften betheiligten, ja selbst durch vertraute Hände
-in Fonds zu operiren<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span> versuchten, die bedeutenden Geldkräfte seines
-Klosters auf Bodenkultur verwendet, jede Verbesserung und praktisch
-bewährte Neuerung auf seinem Gebiete durchgeführt, ohne Opfer zu
-scheuen, aber auch ohne den Zweck zu erreichen, den er nächst dem
-Gedeihen des Klosters im Auge hatte, nämlich die Bauern zur Nachfolge
-zu bewegen. &mdash; Sie schrieben in bequemer Verstocktheit den Wohlstand
-der Klosterwirthschaft, im Gegensatze zu ihren eignen magern Kühen
-und Feldern, lieber einem besondern Schutze des Himmels zu, als ihrer
-eigenen Faulheit und Indolenz.</p>
-
-<p>In geistlicher Hinsicht beschränkte sich das Kloster St. Martin
-auf die unteren, sinnenfälligen Funkzionen, die grobe Arbeit an
-der Kultusmaschine. Es hatte ein gut organisirtes, lebhaftes
-Wallfahrtswesen, führte ein reiches Lager von Rosenkränzen und
-Heiligenporträts auf Hausenblase und auf Spitzenpapier und Goldgrund,
-&mdash; worunter namentlich ein St. Martin, seines aufsteigenden Schimmels
-und carminrothen Mantels halber, starken Absatz fand, &mdash; und besaß ein
-in diskreten Zwischenräumen wirksames Mirakelbild.</p>
-
-<p>Die jungen Kleriker wurden zu tüchtigen Oekonomen, und, in Betreff der
-Seelsorge, zu Leuten herangebildet, welche zwar nicht mit dem feinen
-hochkirchlichen Fleuret zu fechten, aber mit den Schwefel<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>stangen und
-Pechkränzen, welche die alte theologische Rüstkammer darbot, umzugehen
-wußten. &mdash; Die Männer, mit welchen das Kloster die vielen von ihm
-abhängigen Pfarren besetzte, gehörten fast Alle zu jenem zähen, rothen,
-kräftigen Schlage von Landgeistlichen, welche mit nie ermüdendem
-Pflichtgefühl die Speise des Trostes in der Nacht Stunden weit durch
-den Schnee in die Hütte des Holzknechtes tragen, &mdash; dafür aber auch
-keine „Narren ihr Lebelang“ sind. Sondern &mdash; sie halten Weib, Wein
-und Gesang &mdash; statt des letzteren häufig Blas- und Streichinstrumente
-&mdash; für Gottesgaben, deren letztere die Kirche überhaupt gestattet,
-die erstere aber, so zu sagen, nur auf erlaubtem Wege verboten, auf
-verbotenem aber stillschweigend erlaubt habe, &mdash; in welcher Beziehung
-auch das natürliche, gesunde Urtheil der Gemeinde stets ziemlich
-nachsichtig gefunden wird, wenn der Geistliche sonst seine Pflicht
-gegen sie erfüllt.</p>
-
-<p>Ein einziger Posten erforderte in neuerer Zeit einen höher gebildeten,
-taktvollen, aufgeklärten Priester, einen Mann von anderer Befähigung,
-als welche für die Bauerndörfer ausreichte. Dieß war das Korbachthal.
-Der kluge und wohldenkende Prälat hatte den einzigen hiezu vollkommen
-Geeigneten in der Person des bereits erwähnten Pfarrers Namens
-<em class="gesperrt">Valentin</em> ausersehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p>
-
-<p>Die Stürme, welche im Jahre 1848 in den Ebenen wütheten, brachen
-sich an den Bergen, und der einzige Windstoß, welcher nach St.
-Martin hinüberwehte, war eine halbe Kompagnie Studenten, welche
-auf requirirten Wagen angefahren kamen, das Kloster für aufgehoben
-erklärten, an die Thore „Nazionaleigenthum“ anschrieben, und wieder
-abfuhren, nachdem sie von den Geistlichen gut bewirthet und von den
-Bauern mit Erschlagen bedroht worden <span class="nowrap">waren. &mdash;</span></p>
-
-<p>Der Prälat begriff seine Zeit, und fürchtete für den materiellen
-Bestand seines Stiftes Nichts von den Ideen des Fortschrittes, gegen
-deren geistige Wirkungen der Zustand der Bewohner und Umwohner
-hinreichende Bürgschaft bot, und deren etwaigen gewaltsamen
-Kundgebungen die Regierung mit dem Bajonette und der Bauer
-mit dem Dreschflegel entgegentrat. Er fürchtete die Ideen des
-<em class="gesperrt">Rückschrittes</em>. Sie schienen ihm <em class="gesperrt">allein</em> gefährlich für die
-Ruhe, das Bestehen und Gedeihen dieses behaglichen, gesunden Körpers,
-der ein überlebtes Prinzip mit einer noch für ein halbes Jahrhundert
-ausreichenden Lebenskraft repräsentiren konnte, wenn er in seinem
-Organismus nicht gestört <span class="nowrap">wurde. &mdash;</span></p>
-
-<p>Er las das von der Regierung abgeschlossene Konkordat gleich so vielen
-Helldenkenden seines Stan<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span>des mit dem Vorgefühle der schlimmsten
-Folgen, und die höchste kirchliche Gewalt machte ihm den Eindruck jenes
-Verstorbenen zu Edimburg, auf dessen Grabstein die Worte stehen: „Ich
-war gesund, wollte noch gesünder sein, nahm Medizin und <span class="nowrap">starb.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Wir wollen es besser haben als gut, &mdash; sagte er, und werden es
-schlechter <span class="nowrap">haben.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Als einige Zeit hierauf ein Besuch des Erzbischofs, mit welchem er
-bisher auf freundlichem Fuße gestanden, erfolgte und dieser nach
-vielen Fragen über die Zustände des Klosters die Wiedereinführung
-der alten, strengen, seit einem Jahrhundert außer Uebung gekommenen
-Ordensregel verkündigte, trat er ihm mit Energie entgegen und setzte
-das Unangemessene und Nachtheilige einer solchen Maßregel zuerst
-mündlich, und später in einer schriftlichen Eingabe auseinander.
-Nach wenigen Tagen erschien eine im gregorianischen Stile gehaltene,
-niederschmetternde Zurechtweisung, welche das Gefühl des biedern
-Prälaten, der durch fünfundzwanzig Jahre dem Stifte zur Zufriedenheit
-seiner Untergebenen vorgestanden, so verletzte, daß er in eine schwere
-Krankheit verfiel, von welcher er sich nicht wieder erholte.</p>
-
-<p>Pater Bernhard übernahm nun als Prior die faktische Leitung und stellte
-sich an die Spitze der sehr kleinen Partei im Kloster, welche sich
-dem Konkordat<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> mit allen seinen Konsequenzen anschloß, und aus den
-wenigen Ehrgeizigen bestand, die durch ihre, mit jener der Mehrheit
-kontrastirende Haltung die Gunst des Erzbischofs zu gewinnen suchten,
-dessen Vertrauen der Prior nun in hohem Grade besaß.</p>
-
-<p>Dieser war vor Jahren mit Bewilligung des Prälaten aus dem Kloster,
-und als Erzieher in das Haus des Fürsten Leuchtendorf getreten, dessen
-Günther bei Aufzählung der Freinhof-Gesellschaft erwähnt hatte, als er
-zwei dort auf Besuch anwesende Fräulein als seine Töchter bezeichnete.
-Er eignete sich einen Grad von wissenschaftlicher und Weltbildung
-an, welche ihn vor seinen Mitbrüdern auszeichnete, die von seinen
-vielversprechenden Mittheilungen bestochen, ihn zum Prior wählten, als
-dessen Stelle erledigt worden.</p>
-
-<p>Pater Bernhard kehrte als solcher ins Kloster zurück und sein nächstes
-Ziel war nun der Krummstab des infulirten Prälaten.</p>
-
-<p>Seine Stellung war eine schwierige. Starb der Prälat, so wurde seine
-Stelle durch Wahl besetzt und diese Wahl fand durch Stimmenmehrheit
-statt. Durch sein Auftreten für den Erzbischof hatte er aber alle
-Popularität verloren.</p>
-
-<p>Er segelte mit vieler Geschicklichkeit durch die Klippen. Nachdem
-er sich zuerst die Gunst seines<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> Beschützers gesichert, indem er
-in kräftigen, beredten Worten den Geistlichen die Nothwendigkeit
-auseinandersetzte, sich den Bestimmungen desselben zu fügen,
-bearbeitete er Jeden einzeln und machte ihm begreiflich, daß in der
-<em class="gesperrt">Ausführung</em> dieser Bestimmungen alle erdenklichen Erleichterungen
-eintreten könnten, wenn ein Mann auf dem Prälatenstuhle säße, der ein
-Auge zudrücke. Allerdings hatten die Brüder dieses Augezudrücken von
-Jedem aus ihnen so sicher und sicherer zu erwarten als von ihm; wählten
-sie aber einen Andern, so blieb seine Feindschaft und jeden Augenblick
-Denunziazion beim Erzbischofe zu fürchten.</p>
-
-<p>Er brachte es auf diesem Wege durch Furcht und Hoffnungen dahin, daß
-er gegenwärtig mit Sicherheit auf eine Majorität von drei Viertheilen
-rechnen konnte.</p>
-
-<p>Sein nächstes Ziel schien erreicht und er dachte bereits über dasselbe
-hinaus.</p>
-
-<p>Dieser Mann baute die Schlösser seiner Zukunft so, daß wenn das
-Nächste unter Dach gebracht, ein zweites in halber Höhe dastand und
-zu einem dritten bereits die Grundfesten gelegt wurden. Er war in
-seinem fünfunddreißigsten Jahre und hatte keineswegs vor, weitere
-fünfunddreißig Jahre als Muster-Oekonom und behaglich friedlicher
-Oberhirt des Waldklo<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span>sters zu verleben. Wenn er jetzt schon in
-seinen Gedanken über den noch von einem Andern besetzten, erst zu
-besteigenden Prälatenstuhl hinausflog nach einem erzbischöflichen, so
-ist es natürlich, daß er gegen die Abendsonne seines Lebens keinen
-andern Schutz träumte, als den Schatten der breiten Krempe eines
-Kardinalshutes.</p>
-
-<p>Der Erzbischof, ein Menschenkenner wie wenige, wußte den Mann nach
-seiner Brauchbarkeit zu würdigen, ohne ihn zu überschätzen. Er hielt
-ihn für fähig, auf dem Schlachtfelde der streitenden Kirche ein
-Armeekorps kühn und klug zu kommandiren, nicht aber in den geheimen
-Berathungen am grünen Tische des hohen kirchlichen Generalstabes
-mitzustimmen. Er durchschaute seine Pläne, vielleicht seinen
-Gedankenflug bis zum runden Hute, er sah aber auch das Bleigewicht,
-welches nach seiner Ansicht diesen Flug hemmte.</p>
-
-<p>Dieß Gewicht war die <em class="gesperrt">Eitelkeit</em> des Priors, die ihn hinderte
-<em class="gesperrt">vollständig</em> im <em class="gesperrt">Prinzip aufzugehen</em>. Er konnte sich die
-kleine Befriedigung nicht versagen, seinen inneren freieren Standpunkt
-bei gewissen Gelegenheiten gegen Solche zur Schau zu tragen, welche er
-auf dem gleichen vermuthete, um intelligenten Männern gegenüber das
-<span class="antiqua">prestige</span> der eignen Intelligenz zu wahren. In keinem Stande<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> ist
-aber so unbedingt wie in dem seinigen ein gegenseitiges Zugeben des
-Unglaubens an gewisse Satzungen verboten: der Aspirant auf eine hohe
-Stufe in der Hierarchie darf mit sich allein, in seinen vier Wänden,
-vor seinem Spiegel nicht anders sprechen und erscheinen als vor dem
-Fremden. Zwei Kirchenfürsten mögen ihren beiderseitigen Standpunkt noch
-so klar erkennen: sie werden nie, nicht im vertraulichsten Gespräche,
-die Form der Ueberzeugung ablegen. &mdash; Pater Bernhard ließ so gern ein
-„wir verstehen uns“ durchblicken, &mdash; er war Parvenü, indem er sich
-gern als Eingeweihten gab, der vor einem andern Eingeweihten die Maske
-lüften dürfe.</p>
-
-<p>Vielleicht würde der Prior diese Schwäche ablegen, wenn er erst die
-rechte, wirkliche Höhe erklommen. Jedenfalls mußte dem Erzbischof,
-der die Zügel in seiner Diözese straff anzuziehen beschlossen hatte,
-ein Kopf und eine Hand wie die des Pater Bernhard in einem Zeitpunkte
-erwünscht sein, wo das Kloster St. Martin durch die Verhältnisse in
-Korbach besondere Bedeutung gewann.</p>
-
-<p>Die protestantische Kolonie war von einer kleinen Niederlassung von
-sechs oder acht Familien im Lauf eines Jahres durch Einwanderung auf
-mehr als 300 Seelen angewachsen. Zwischen den Arbeitern der beiden
-Konfessionen bestand ein ungetrübt<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> freundliches Einvernehmen. Die Wahl
-der ins Land gezogenen Protestanten war durchgehends auf sittliche,
-fleißige, verträgliche Leute gefallen, welche sich gegen die Katholiken
-so zuvorkommend benahmen, daß die beiden Seelsorger in ihrem Bestreben,
-die Eintracht zu erhalten, das leichteste Spiel hatten.</p>
-
-<p>Dieses Hand in Hand Gehen konnte nach der Ueberzeugung des Erzbischofs
-nur zum Nachtheile des Katholizismus ausschlagen.</p>
-
-<p>Der sogenannte „aufgeklärte Katholik“ der gebildeten Stände &mdash; eine
-Sekte, welche die Kirche nun einmal dulden muß, und welche, wenn nicht
-mit<em class="gesperrt">wiegt</em>, wenigstens mit<em class="gesperrt">zählt</em> &mdash; wird sich im Verkehr
-mit dem gebildeten Protestanten vor dem „Ansteckungsstoffe“ bewahren:
-es ist wenigstens so leicht keine Abtrünnigkeit zu fürchten, da die
-Anschauung nahezu die gleiche ist, und, Ausnahmsfälle abgerechnet,
-Jeder aus Gefühls- oder Konvenienzgründen seine Form beibehält.</p>
-
-<p>Nicht so der gemeine Mann, &mdash; der Arbeiter. Ist er einmal in
-beständigem Verkehre mit den Bekennern der andern Konfession auf den
-Punkt der Reflexion gelangt, wo er mehr als <em class="gesperrt">einen</em> Weg nach jenem
-Himmel für möglich hält, der ihn für die zehn täglichen Arbeitsstunden
-seines Erdenlebens entschädigen soll, so wird es nur eines lockenden
-materiellen<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Anstoßes bedürfen und der Schritt hinüber ist geschehen.</p>
-
-<p>Und an eine solche Mehrheit der Wege lernten die katholischen Arbeiter
-glauben, wenn sie das Wort der Duldung aus dem Munde des eigenen
-Priesters vernahmen, und an ihren Kameraden jene Redlichkeit und
-Zufriedenheit im Leben, jenes ruhige Gottvertrauen im Sterben sahen,
-welches eben die Wirkung des echten der drei Ringe Nathans.</p>
-
-<p>Als die Nachricht von dem abgeschlossenen Konkordate nach Korbach kam,
-wurde sie von den Protestanten mit großer Bestürzung aufgenommen. Der
-alte Korbach erklärte ihnen, daß sie nichts zu besorgen hätten, &mdash; er
-werde sie kräftiger unterstützen als bisher, &mdash; ihr Bethaus könne man
-nicht sperren, ihren eigenen Friedhof hätten sie ohnedem, und was die
-gemischten Ehen betreffe, so müsse nun einmal in Zukunft ein Theil
-dem andern nachgeben, &mdash; sie würden sammt ihren Kindern selig werden,
-ob sie vom Pfarrer oder vom Pastor getraut seien. Schwerer waren die
-Katholiken zu beschwichtigen. Als sie von Beichtzwang, Kirchenstrafen
-u. drgl. hörten, erklärte eine große Anzahl, daß sie beim ersten
-Versuche einer gewaltsamen Durchführung augenblicklich zum Pastor gehen
-und sich „lutherisch machen lassen“ wollten. Pfarrer Valentin beruhigte
-sie mit der auf<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> eigene Gefahr gegebenen Versicherung, es seien dieß
-Uebertreibungen von Solchen, die es schlecht mit der Kirche meinten.
-&mdash; Die Gemüther beruhigten sich, die schlimmsten Befürchtungen trafen
-nicht ein, da mehrere der aufreizendsten Verfügungen des Konkordats auf
-dem Papiere <span class="nowrap">blieben. &mdash;</span></p>
-
-<p>Man hatte in der Hauptstadt davon zu sprechen angefangen. Die frommen
-Zirkel, deren Mittelpunkt Prinzessin Marie, hatten bereits einen
-Kreuzzug gegen Korbach gepredigt, die Oberhofmeisterin Gräfin Merfey
-Bernhard im Leuchtendorf’schen Salon gefragt, ob denn sein Prälat
-<span class="antiqua">les bras croisés</span> dem Unwesen zusehen werde &mdash; und er hatte
-geantwortet, der kranke Herr sei unzurechnungsfähig, ein energischer
-Hirt würde die Herde bald von räudigen Schafen reinigen.</p>
-
-<p>Nun kam die glänzende Gabe zum Kirchenbau; die Prinzessin hielt sich an
-die Thatsache in der offiziellen Zeitung und hielt den alten Korbach
-für einen Bekehrten.</p>
-
-<p>In diesem unentschiedenen Zustande waren die Dinge bei Bernhard’s
-Wiedereintritt ins Kloster, und er fand ihn für seine Pläne höchst
-ungelegen.</p>
-
-<p>An seiner Wahl zum Abte nicht mehr zweifelnd hatte er vor, den Antritt
-des hohen Amtes durch einen großen, weithin glänzenden <span class="antiqua">coup
-d’état</span> zu be<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>zeichnen. &mdash; Der Thron von St. Martin sollte jetzt
-erst aufgerichtet werden, eine neue Aera für das Stift beginnen.
-Nicht mehr die grobe Arbeit an der Kultusmaschine, das Segnen der
-Wallfahrter, und ebensowenig die Oekonomie, die Anwendung der neuesten
-Mästungs- und Düngungsmethoden sollte die Mission des Prälaten des
-Waldklosters sein, sondern er mußte Sitz und Stimme in der Konferenz
-der hohen kirchlichen Diplomatie haben, &mdash; römisch-katholischer
-Staatsmann werden.</p>
-
-<p>Und hierzu war ein konkordatgemäßer Eclat erforderlich, und ein
-schöneres Feld nicht denkbar als die Korbacher Frage. &mdash; Mit der Mine,
-welche dort den Protestantismus in die Luft sprengte, flog Pater
-Bernhard zugleich in die Sonnennähe der zufriedengestellten höchsten
-Hierarchie. Nun herrschte aber dort tiefer Friede, und um ihn zu
-brechen, bedurfte es eines <span class="antiqua">casus belli</span>.</p>
-
-<p>Inzwischen verschlimmerte sich der Zustand des Prälaten, die Aerzte
-gaben ihm nur noch Tage. Die Zeit drängte, einen Operazionsplan zu
-fassen. Es fehlte dem Prior noch immer das gewisse <em class="gesperrt">Etwas</em>, die
-<em class="gesperrt">Handhabe</em>.</p>
-
-<p>Er kannte einen einzigen Mann, mit dem er sich zu berathen gedachte: &mdash;
-Kollmann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span></p>
-
-<p>Als dieser seinen Grundbesitz am See, mit Ausnahme des von Knorr
-vorweg okkupirten Fichtenkegels, vom Stifte ankaufte, war Bernhard
-während der betreffenden Unterhandlung mit ihm öfter in Berührung
-gekommen. Sie hatten einander beobachtet und insofern ein verwandtes
-Element gefunden, als jeder in dem Andern einen Mann erkannte, der weit
-aussehende Pläne verfolgte.</p>
-
-<p>Während aber Kollmann durch die glänzenden schwarzen Granaten, die
-unter den dichten Brauen des Priors saßen, diesen bis auf den Grund
-durchblickte, sah Bernhard durch das trübe Milchglas der sogenannten
-weißen Augen nicht tiefer als jeder Andere. Kollmann, der jedes Wort,
-das er für nothwendig hielt, um seinen Gedanken zu verbergen, in einer
-Weise sprach, als kehre er das Innerste der Seele heraus, hatte das
-Vertrauen Bernhard’s gewonnen, indem er ihm sagte: „Ich kann keine
-schönen Frasen machen, und sage Ihnen geradezu, daß es unverzeihlich
-und unverantwortlich ist, daß ein Mann, in dem ich den künftigen
-Fürst-Erzbischof sehe, aus Lauheit und Mangel an Selbstvertrauen die
-Hände in den Schoß legt, statt die Zügel zu ergreifen.“</p>
-
-<p>Eine feine Schmeichelei hätte den Prior vielleicht stutzig gemacht.
-Die ganz plumpe hielt er für<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> keine. Nachdem er sich ziemlich weit
-gegen ihn entwickelt, trat Kollmann in sein Schweigen und seine
-Unsichtbarkeit zurück. Bernhard gedachte nun seiner Worte: „Sie werden
-lange suchen, bis Sie einen Mann finden, der Sie versteht; wenn Sie des
-Suchens satt, werden Sie zu mir kommen und finden, was Sie brauchen.“</p>
-
-<p>Nun suchte er ihn auf, &mdash; sprach Anfangs reservirt, im Tone des
-Ueberzeugten, von Umtrieben der Feinde des Glaubens in Korbach, &mdash;
-innerem Berufe, kräftig einzugreifen. Kollmann erwiederte: „Sie führen
-die Sprache eines Missionärs, nicht eines künftigen Kirchenhauptes.“ &mdash;
-Der Prior rückte weiter heraus, bis Jener merkte, daß es sich um den
-Mechanismus handle, den man in Korbach spielen lassen wollte, und über
-welchen er offenbar nicht im Reinen war. Endlich sagte er: „Ich werde
-Ihre Sache machen. Sie fällt mit einer der meinigen zusammen. Beehren
-Sie mich in drei Tagen im Freinhofe.“</p>
-
-<p>Der Prior schied mit dem unangenehmen Gefühle einer verlornen
-Schachpartie, wenn man sich für den Meister hält. „Beehren Sie mich
-in drei Tagen,“ war eben nicht die Sprache eines „<em class="gesperrt">Werkzeuges</em>.“
-&mdash; Auch hatte er gegen Kollmann auf eine Weise gesprochen, die
-seinem hohen Gönner sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> mißfallen haben dürfte, und fühlte sich
-gewissermaßen der Diskrezion seines Alliirten anheimgegeben.</p>
-
-<p>Dennoch kam er wieder, an jenem Abende, wo Arnold im Freinhofe eintraf,
-den er, als ihn Julie vorstellte, beobachtete, ohne sich ihm zu
-nähern, um keinem etwaigen Plane des noch nicht anwesenden Kollmann
-vorzugreifen. Dieser ließ ihn, wie wir wissen, am nächsten Morgen zu
-sich bitten. Er könnte auch auf mein Zimmer kommen, dachte der Prior,
-ging aber hinüber.</p>
-
-<p>„Sie brauchen einen Krieg, begann Kollmann &mdash; ich liefere Ihnen den
-Kriegsfall. &mdash; Den Krieg führen Sie auf Ihrem Gebiete, ich unterstütze
-Sie auf einem andern. In dieser Angelegenheit ist rasches Handeln
-nöthig. Wir dürfen nicht vergessen, daß, wenn dem Protestantismus dort
-das Genick gebrochen werden soll, dieß nur geschehen kann, so lange
-der alte Korbach Herr ist. Man kann ihm als Katholiken in anderer
-Weise beikommen als dem jungen. Nach meiner Ansicht muß die Sache so
-angegriffen werden, daß den Gegnern die reichen Mittel zur Durchführung
-ihres Prinzipes etwas verkürzt werden. Folglich handelt es sich darum,
-sie auf dem industriellen Felde anzugreifen. &mdash; Die Korbacher Fabrik
-verdankt aber ihren Wohlstand vor Allem den Staatsbestellungen. &mdash;
-Es wird somit<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> eine weitere Aufgabe sein, sie mit den Behörden zu
-überwerfen. &mdash; &mdash; Leichter wäre dieß Alles vor der Ankunft des jungen
-Korbach gegangen, doch zweifle ich auch jetzt nicht am Gelingen. &mdash; Wir
-wollen übrigens als die besten Freunde des Alten auftreten.“</p>
-
-<p>Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Bernhard hierauf den Plan in
-Betreff des Schreibens an den Erzbischof entwickeln. &mdash; Er begriff
-nicht, welche weittragende Wirkung die kleinliche Intrigue mit dem
-Briefe haben solle. Kollmann fuhr fort: „Der Erzbischof ist jetzt mild
-gegen Korbach, und Sie brauchen ihn hart. Zweifeln Sie nicht, daß er,
-so wenig Gereiztheit er zeigt, mit dem vollen apostolischen Grimm
-bewaffnet nach Korbach kommen wird. Zweifeln Sie ebensowenig, daß der
-Alte eine Haltung bei der Feierlichkeit annimmt, welche diesen Grimm
-steigert. Indessen werden Sie Prälat. Ihr Erstes ist, daß Sie den
-Pfarrer abberufen. Der Erzbischof wird einen Hirtenbrief erlassen, mit
-dem der Nachfolger Valentin’s auftritt. Es wird zu einem Konflikt, zu
-einem <em class="gesperrt">Exzeß</em> in Korbach kommen &mdash; ein Paar zerschlagene Räder
-und Drahtspulen &mdash; vielleicht auch ein Paar Knochen. Sie fliegen nach
-der Residenz &mdash; die Prinzessin, die ganze Partei gibt Ihnen allen
-<span class="antiqua">appui</span>; &mdash; es kann der Fall eintreten,<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> daß Sie die weltliche
-Gewalt requiriren: in vier Wochen können Sie als der Bezwinger des
-Protestantismus in Korbach dastehen.“ Der Prior hatte nun die Wahl,
-entweder zu antworten: Herr, Ihr ganzer Plan ist eine reine Infamie,
-eine Niederträchtigkeit &mdash; oder einfach und schlecht auf Alles
-einzugehen.</p>
-
-<p>Und <em class="gesperrt">viel zu viele Minuten</em> hatte er mit der Antwort gezögert,
-um noch als Priester mit einem Donnerworte der gerechten Entrüstung
-loszubrechen &mdash; &mdash; mit diesem Schweigen hatte er den <em class="gesperrt">Priester</em>
-abgelegt &mdash; den <em class="gesperrt">Pfaffen</em> angezogen. &mdash; Es war ein historischer
-Moment in seinem <span class="nowrap">Leben. &mdash;</span></p>
-
-<p>Er begab sich nach der Hauptstadt und es gelang ihm nicht ohne
-Mühe, den Erzbischof für die Idee mit dem Briefe zu gewinnen, und
-dieß nur dadurch, daß er sie weniger als einen <em class="gesperrt">Prüfstein</em> der
-anscheinend gebesserten Gesinnungen Korbach’s, als vielmehr als eine
-diesem dargebotene Gelegenheit, sie auf solenne Weise auszusprechen,
-darstellte. Während er Arnold’s Rückkehr erwartete, wurde er durch die
-Nachricht, daß der Prälat nur noch Stunden zu leben habe, nach St.
-Martin gerufen.</p>
-
-<p>Er fand ihn bereits in der Todtenkapelle. Wahrer, tiefer Schmerz lag
-auf den Gesichtern der Geistlichen, die um ihn beteten. Als der Prior
-mit offi<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span>zieller Trauermiene an den Sarg trat, niederkniete, ein Gebet
-sprach, den Todten mit Weihwasser besprengte, erschienen ihnen die
-Tropfen auf dem biedern Antlitz des geliebten Herrn wie Thränen um die
-gute alte Zeit des Waldklosters.</p>
-
-<p>Der Prior begab sich auf sein Zimmer, berief Einen seiner Vertrauten
-und ließ sich über die letzten Tage und Stunden des Verstorbenen
-berichten. Er vernahm, daß derselbe meistens in halbbewußtlosem
-Zustande gelegen, in der letzten Nacht aber plötzlich zu voller
-Besinnung erwacht sei. Er habe Papier und Bleistift verlangt, und mit
-einer Allen unbegreiflichen Kraft längere Zeit geschrieben, das Papier
-zusammengefaltet, von einem seiner Lieblinge, dem jungen Pater Leo,
-siegeln lassen, und die Adresse geschrieben, die Niemand gesehen.
-Hierauf habe er den Jäger Schellhammer rufen lassen, &mdash; als dieser
-eintrat, alle Anwesenden in das Nebenzimmer geschickt, und einige
-Minuten mit ihm gesprochen. Der Jäger, der ihm viele Jahre gedient, sei
-weinend weggegangen. Der Prälat habe nach Mitternacht alle Geistlichen
-zusammenrufen lassen, sie gebeten, sein Andenken in Liebe zu bewahren,
-ihm zu vergeben, wenn er einen von ihnen beleidigt, sie gesegnet, &mdash;
-dann still gebetet, und sich hinübergelegt. Sie hätten lange Zeit
-geglaubt, er schlummere nur. &mdash; Unbegreiflich sei ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> Allen seine
-Geistesklarheit, nach so langem Siechthum, in den letzten Momenten
-gewesen.</p>
-
-<p>Pater Bernhard sandte sogleich in die Wohnung des Jägers. Es erschien
-dessen Frau, welche erzählte, daß ihr Mann, als er vom Prälaten
-gekommen, schweigend seine Jagdtasche, deren er sich auch auf Reisen
-und Botengängen bediente, umgehängt, den Stock in die Hand genommen
-und mitten in der Nacht fortgegangen sei; auf ihre Frage: wohin? habe
-er nur geantwortet, er komme nächsten Abend zurück. &mdash; Der Prior
-überzeugte sich bald, daß die Frau wirklich nicht mehr wisse, und
-entließ sie.</p>
-
-<p>Am frühen Morgen traf ein Schreiben des erzbischöflichen Sekretärs an
-ihn ein, welches lautete wie folgt: „Ich habe die Ehre, im Auftrage
-Seiner Durchlaucht Hochderen Wunsch zu melden, daß Hochdieselben,
-wenn es Gott gefallen sollte, den Herrn Prälaten, wie die Aerzte
-vermuthen, in Bälde abzuberufen, das Kapitel zur Erwählung seines
-Nachfolgers ungesäumt, ja selbst vor der Bestattung des Verewigten,
-zusammenberufen, da bekannte Verhältnisse die Wiederbesetzung des
-Stuhles von St. Martin dringend nöthig erscheinen lassen. Es ist ein
-neuer Beweggrund, welcher als Ew. Hochwürden bekannt vorausgesetzt
-wird, unmittelbar nach Ihrer Abreise hinzugetreten. Womit ich die Ehre
-habe <span class="nowrap">u. s. w.“</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p>
-
-<p>Der Prior wußte, daß mit letzterem nur die Antwort des alten Korbach
-gemeint sein könnte, und gedachte Kollmanns, und dessen richtiger
-Berechnung. &mdash; Er ließ Vormittags sämmtliche Geistliche zu sich
-berufen, verkündete den Zusammentritt des Wahlkapitels für nächsten
-Morgen und versäumte nicht, ihnen in einigen Worten seine Beziehungen
-zum Erzbischofe, so wie Alles, wodurch er bereits früher auf sie
-gewirkt, zu Gemüthe zu führen.</p>
-
-<p>Im Laufe des Tages kamen zahlreiche Besuche von Bekannten und Freunden
-des Verstorbenen, und Schaaren von Landleuten drängten sich in die
-Kapelle, um den allgemein geliebten Herrn nochmals zu sehen. Unter den
-Besuchern war auch der Bischof von Rothenau, welches Städtchen eine
-halbe Tagereise von St. Martin liegt. Pater Bernhard, der seinen Besuch
-erwartet hatte, empfing ihn mit allem Ceremoniell, führte ihn in die
-Kapelle, und hatte hierauf eine lange Unterredung mit ihm, worin er die
-Grundzüge der in der Verwaltung des Klosters nothwendigen Veränderungen
-entwickelte, und ihn um seinen kräftigen Beistand in den bevorstehenden
-schwierigen Tagen bat. Der Bischof, wohl wissend, daß der Prior nicht
-ohne seine Gründe zu haben, eine solche Sprache führe, betrachtete
-und behandelte ihn als künftigen Kollegen, und Pater Bernhard genoß
-den Vorgeschmack<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> der Würde mit der ganzen Befriedigung, welche die
-Erstlingsfrüchte jedes Strebens gewähren, und welche durch den Genuß
-der späteren, wenn gleich reicheren, nicht übertroffen wird.</p>
-
-<p>Als der Bischof sich zur Abreise anschickte, erbat sich der Prior die
-Ehre, ihn bis nach einem, ungefähr zwei Stunden entfernten Orte zu
-begleiten, nahm im Wagen des Gastes neben diesem Platz, und ließ den
-eigenen, zu seiner Rückfahrt, leer nachfolgen.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Der Tag neigte sich zu Ende. Der vergoldete Thurmknopf
-spiegelte die letzten Sonnenstrahlen zurück, und die letzten
-Glockenklänge zerrannen im Schweigen des Abends.</p>
-
-<p>Gruppen der Landleute standen unter den Linden im Klosterhofe. Sie
-sprachen über den verstorbenen Prälaten, machten ihre Bemerkungen über
-den Prior, von dem sie wenig Gutes erwarteten, &mdash; und wie sie eben mit
-traurigen Gesichtern und Manche mit nassen Augen andächtig und scheu
-durch die Todtenkapelle am Paradebett vorübergezogen, &mdash; gingen sie
-nun, zuerst Einige, dann Alle, in das dem Klosterthor gegenüberliegende
-Wirthshaus.</p>
-
-<p>Der Bauer hält in dieser Gegend den Leichenschmaus, auch wenn ihm Weib
-oder Kind stirbt. Er faßt das Sterben überhaupt anders auf, als der
-Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span>bildete: er kennt kein lirisches Raffinement des Sterbens, keine
-jener Reflexionen, welche wie Schallgewölbe jeden Schmerzenslaut
-zehnfach verstärken. Der Verstorbene „hat es überstanden, &mdash; der
-Herrgott hat ihn zu sich genommen.“ &mdash; Die Arbeit geht <span class="nowrap">fort. &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; Nun wendeten die traurigen Zecher die Blicke nach der Bergstraße,
-welche von der Waldhöhe über einen Wiesenhang herab nach dem Thore
-des äußeren, mit einer niedrigen Mauer umfangenen Hofes führt. Der
-klingende Ton des Radschuhes hatte sie aufmerksam gemacht auf die
-grüne Kalesche, welche, mit zwei starken schönen Eisenschimmeln
-bespannt, nach wenigen Minuten durch den Thorbogen rollte, und vor dem
-Klostergebäude hielt.</p>
-
-<p>Neben dem Kutscher saß der Jäger Schellhammer, welcher absprang und
-den Schlag öffnete. Ein junges Mädchen im braunen Reisekleide mit
-rundem Strohhut und blonden Wellenscheiteln war mit leichtem Sprunge am
-Boden, ohne seiner Hülfe zu bedürfen, und bot nun die Hand dem Vater.
-&mdash; Einige der Landleute waren aufgestanden und umgaben &mdash; den alten
-Korbach, der sie freundlich grüßte. Er kam zwar nur ein- oder zweimal
-im Jahre nach St. Martin, aber Viele aus der Gegend kannten ihn und
-nannten den Uebrigen den Namen des Mannes,<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> der seines Karakters und
-Reichthums wegen in allgemeinem Ansehen stand.</p>
-
-<p>Die Angekommenen schritten zuerst nach der Kirche, wohin sich Helene
-begab, da ihr nach dem Klostergesetze der Eintritt in die sogenannte
-Klausur, innerhalb welcher die Wohnungen der Geistlichen liegen,
-untersagt ist. Sie wartete daselbst, bis sie der Vater nach der
-Todtenkapelle abholen würde.</p>
-
-<p>Dieser ging durch den Kreuzgang nach dem Refektorium, wo die
-Geistlichen um diese Stunde zum Abendessen versammelt waren.</p>
-
-<p>Die Tafel nahm nur die Hälfte des langen schmalen Saales ein, dessen
-andere im Halbdunkel lag. Der alte Korbach trat ein und schritt bis
-nahe an den beleuchteten Tisch, bevor ihn Jemand erkannte, &mdash; nun aber
-erhoben sich Alle mit dem herzlichsten, freudigsten Gruße, drückten
-seine Hand, nöthigten ihn zum Mahle. &mdash; Er nahm seinen Platz neben Leo,
-den er als Freund des Prälaten kannte, und sprach: „Ich bin zu mancher
-Zeit gekommen, meine hochwürdigen Herren, um Ihre Gastfreundschaft
-zu genießen, heute aber komme ich, um die letzte Pflicht gegen Ihren
-Prälaten zu erfüllen, mit dem ich zwar selten, aber immer nur in
-freundschaftlicher Weise im Leben zusammengetroffen. Ich kann seiner
-Bestattung nicht beiwohnen, da ich morgen in Korbach sein muß und<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> noch
-in der Nacht zurückfahre. Wenn Sie Ihr Mahl geendet, werden Sie mich zu
-ihm führen; ich habe meine Tochter mitgebracht, deren Gebet Sie nicht
-für weniger fromm und gottgefällig halten werden, weil sie nicht der
-katholischen Gemeinde angehört.“</p>
-
-<p>„Wir halten dafür, sagte Leo, daß jedes Gebet Gott gefällt, das aus
-reinem Herzen kommt!“</p>
-
-<p>„So ist es!“ riefen Andere. &mdash; &mdash; Der Prior war ja mit dem Bischof
-<span class="nowrap">weggefahren. &mdash;</span></p>
-
-<p>Während der wenigen Minuten, welche die Abendtafel noch währte, sagte
-Korbach leise zu Leo: „Ich möchte die Todtenkapelle am liebsten in
-Gesellschaft von lauter wahren Freunden des Verstorbenen betreten; ich
-höre, daß nicht <em class="gesperrt">Alle</em> so denken, wie Sie und Gott sei Dank! die
-Meisten.“</p>
-
-<p>„Die vier hier Fehlenden, welche jetzt bei ihm beten, denken wie wir
-über ihn, erwiderte Leo, &mdash; die Andern, die Sie begleiten werden, waren
-ihm gleichfalls theuer, die es nicht gut mit ihm meinten, gehen nicht
-nach der Kapelle, wenn sie nicht die Ordnung des Gebetes trifft.“</p>
-
-<p>Man erhob sich. Korbach ging, von Leo begleitet, nach der Kirche, um
-Helene zu holen, von dort durch den dunkeln Gang nach der Kapelle,
-wohin außer den das Stundengebet verrichtenden, noch drei andere
-Priester gekommen waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p>
-
-<p>Die Flammen von dreißig Kerzen durchstrahlten den heilig stillen Raum.
-&mdash; Die Wände waren mit schwarzem Tuche bekleidet; mitten erhob sich
-auf drei Stufen der Katafalk mit der Leiche in vollem Ornate. Auf den
-Zügen des Todten lag der volle Gottesfrieden, mit dem der Gerechte
-entschlummert.</p>
-
-<p>Helene trat an den Sarg, faltete die Hände und sah mit den tiefblauen
-feuchten Augen nach den festgeschlossenen des Verstorbenen, dann kniete
-sie an den Stufen nieder und betete.</p>
-
-<p>Die acht Geistlichen standen um sie und den Vater, der gleichfalls
-einige Minuten in stiller Andacht das Bild des Friedens und der
-Verklärung betrachtete.</p>
-
-<p>Dann stieg er mit langsamem, festem Schritte die Stufen hinan, stellte
-sich dicht neben den Sarg, seine Rechte auf die zusammengefalteten
-Hände des Todten legend, und sprach laut und mit feierlicher Betonung:</p>
-
-<p>„In diesem Raume, meine hochwürdigen Herren, hat wohl nur der geweihte
-Priester das Recht, sein Wort vernehmen zu lassen“ &mdash; die Geistlichen
-näherten sich aufmerksam und schweigend. &mdash; „Wenn ich spreche, so ist
-es, weil der Mund dessen, für den ich spreche, für immer geschlossen
-ist.“</p>
-
-<p>„Was ich Ihnen mittheile, ist so heilig, wie irgend ein Gebet, es ist
-das letzte Wort, das der Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>blichene an Ihren würdigen Bruder, den
-Pfarrer von Korbach gerichtet hat, &mdash; mit welchem er ihm und Ihnen
-Allen sein letztes Lebewohl sagt.</p>
-
-<p>„Es sind die Zeilen, die er auf seinem Sterbebette geschrieben, in
-der Nacht seines Todes abgesendet, eine Stunde ehe dieses von echter
-Christentugend erfüllte Herz stillgestanden. Ich bin, Sie wissen es,
-Keiner von denen, welche vor manchen strengen Augen Gnade finden, &mdash;
-man nennt mich einen Freigeist, aber, daß Gott dem Manne, der durch
-Monate so selten sein volles Bewußtsein hatte, in der letzten Stunde
-die Kraft verlieh, seine Gedanken, sein Gebet für Sie in so herrlichen
-Worten niederzuschreiben, das ist nach meinem Gefühl und Glauben ein
-<em class="gesperrt">Wunder</em> im wahren Sinne und ein Zeichen, daß ihm diese Gedanken
-<em class="gesperrt">wohlgefällig</em> waren.</p>
-
-<p>„Vernehmen Sie den Inhalt dieses Schreibens, das ich Ihnen gegen den
-Willen des Empfängers &mdash; aber im Geist und Sinne dessen mittheile, den
-Sie mit mir beweinen!“</p>
-
-<p>Kein Athemzug war vernehmbar. Alle Blicke hingen an den Zügen des
-Mannes, dessen imponirende Gestalt höher, dessen Stimme bewegter wurde,
-als er das Papier entfaltete und las:</p>
-
-<p>„Mein theurer, innigst geliebter Bruder! Nach wenigen Stunden werde ich
-Rechenschaft ablegen über<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> mein Amt, vor dem Throne dessen, der es mir
-verliehen. Durch Sie bitte ich Alle, die meiner Obhut vertraut waren,
-mir ihre Liebe zu bewahren. Ich scheide mit dem innigsten, heißesten
-Danke für ihre Treue, und wenn mich Gott aufnimmt in die Wohnung des
-Lichtes, so werde ich ihn um Beistand bitten in den schweren Zeiten,
-die ihnen bevorstehen. Meine Brüder werden den ersten Kampf zu bestehen
-haben bei der Wahl meines Nachfolgers. Mögen sie muthig an ihrer
-Ueberzeugung festhalten, unbekümmert um Menschengunst und Drohung.
-&mdash; Sie, mein geliebter Valentin, werden vielleicht von den meisten
-Brüdern als der Würdigste erkannt werden, wie <em class="gesperrt">ich</em> Sie dafür
-erkenne und vor dem Allmächtigen nennen würde, wenn er mich von seinem
-Throne fragte, wer soll Hirt meiner Herde sein. &mdash; Und somit werden
-Sie wenigstens <em class="gesperrt">Eine</em> Stimme für sich haben, die aber auf Erden
-nicht zählt! Wenn aber unter den Brüdern, was ich zu meiner Beruhigung
-im Sterben glaube, Mancher ist, der so denkt wie ich, so werden sie
-<em class="gesperrt">muthig</em> und <em class="gesperrt">treu</em> im <em class="gesperrt">Tode</em> zu <em class="gesperrt">mir</em> halten, wie
-es Alle im <em class="gesperrt">Leben</em> gethan!“</p>
-
-<p>Mit flammendem Auge, kraftvoller und doch vor Erregung zitternder
-Stimme hatte Korbach die letzten Worte gesprochen.</p>
-
-<p>Nun legte er den Brief auf die Brust der Leiche<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> und schloß: „Ich habe
-Ihnen, meine hochwürdigen Freunde, hiemit die letzte Bitte Ihres in den
-Frieden vorangegangenen Herrn und Vaters vorgetragen, meine Pflicht
-gegen ihn ist <span class="nowrap">erfüllt.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Dann stieg er die Stufen herab, faßte die Hand der Tochter, die
-bewundernd und ergriffen den Vater unverwandt angeblickt, den sie nie
-mit so hinreißender Begeisterung sprechen gehört, &mdash; und wollte die
-Kapelle verlassen; da trat Leo vor ihn hin und sagte: „Nehmen Sie die
-Ueberzeugung mit, daß <em class="gesperrt">mehr</em> als Einer treu und muthig zu dem
-Verklärten hält!“ „Wir, wir Alle halten zu ihm!“ tönte es durch den
-Raum &mdash; ein achtfacher Widerhall der Einen Stimme, &mdash; die auf Erden
-nicht zählte. <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Der grüne Wagen rollte wieder durch das Klosterthor, den Wiesenhang
-hinan, &mdash; in den Tannenwald, &mdash; fort durch die sternenhelle Nacht.</p>
-
-<p>Helene hatte den Arm um den Vater geschlungen und küßte ihn mit
-Innigkeit. &mdash; „Ich habe gesprochen, wie es vom Herzen kam, sagte er,
-und ich hoffe, es ist zum Herzen gegangen; das sind aber <em class="gesperrt">acht</em>,
-&mdash; und im Kapitel werden <em class="gesperrt">vierundzwanzig</em> <span class="nowrap">stimmen.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Im Augenblicke, wo dieß gesprochen wurde, waren es nicht mehr <span class="nowrap">acht. &mdash;</span></p>
-
-<p>Die in der Kapelle anwesenden Geistlichen hat<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span>ten als unwiderstehliche
-Waffen ihre Ueberzeugung und den Brief des geliebten Herrn, der die
-Kraft eines <em class="gesperrt">letzten Willens</em> für sie hatte, und den sie Andern
-mittheilten. Nur über einfache, schlichte Gemüther konnte die Stimme
-des Todten diese Gewalt haben, <em class="gesperrt">mußte</em> sie aber auch haben: ein
-Abfall von ihm erschien ihnen als eine so feige Sünde, als ein so
-schändlicher Hochverrath an der heiligsten, durch viele Jahre mit
-Liebe erfüllten Pflicht, daß sie lieber allen zeitlichen Gefahren und
-Bedrängnissen ins Auge sehen <span class="nowrap">wollten. &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; Etwa eine Stunde nach Korbachs Abreise kehrte der Prior ins Kloster
-zurück. &mdash; Er erfuhr, daß derselbe angekommen, in der Todtenkapelle
-gewesen und wieder abgereist sei &mdash; mehr nicht. &mdash; Die acht Priester
-mußten keine Unwürdigen ins Vertrauen gezogen haben.</p>
-
-<p>Bernhard sah in der dem Verewigten dargebrachten Huldigung nur einen
-neuen Beweis jener Gesinnung, die er wünschte. Er begab sich nach
-seiner Wohnung, wollte ruhen, doch heftige Aufregung verbannte den
-Schlaf von seinem <span class="nowrap">Lager. &mdash;</span></p>
-
-<p>Er trat ans Fenster und sah mit klopfendem Herzen in die ruhige klare
-Nacht hinaus. Unter ihm glänzten im aufgehenden Mond die Dächer des
-Meierhofes, die Wiesen und Felder... „Dieß Alles soll<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> <em class="gesperrt">dein</em> sein
-&mdash; hatte der Satan zu ihm gesagt, &mdash; wenn du niederkniest und mich
-anbetest“ &mdash; Er <em class="gesperrt">hatte</em> ihn angebetet, &mdash; und ehe der Mond wieder
-heraufstieg, mußte dieß Alles sein <span class="nowrap">werden! &mdash;</span></p>
-
-<p>Es gibt keinen größeren Sprung von Nichts zu Allem, von Unterwürfigkeit
-zur Herrschaft, von Beschränkung zu unermeßlichem Reichthume, von
-dunklem, unbeachteten Dasein zu glänzender hoher Würde, als in dem
-Augenblicke geschieht, wo die Stimmzettel eröffnet werden und aus der
-Mitte der Brüder der Eine, der bisher ihresgleichen, als ihrer Aller
-Herr hervortritt, vor dem sie sich beugen bis an das Ende seines Lebens.</p>
-
-<p>Der Prior begrüßte die Sonne noch wach. Nur eine kurze Stunde
-fieberhaften Schlummers ließ ihn in wirren Bildern das nächste goldne
-Ziel, &mdash; ließ ihn auch ein fernes träumen, zu dem nun die erste Stufe
-<span class="nowrap">erklommen. &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Am Abende desselben Tages aber stand vor dem Pfarrhofe in Korbach
-das schäumende, schweißbedeckte Pferd des Boten, welcher Valentin
-einen Brief von Leo überbrachte. Er trug die Aufschrift: „An den
-hochwürdigsten Abt des Klosters Sankt Martin.“</p>
-
-<p>Neun Priester hatten für den Prior gestimmt und fünfzehn mit dem Todten
-für Valentin.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Konkurrenz"><em class="gesperrt">Konkurrenz</em>.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der Fehdehandschuh, welchen Arnold’s Vater der Konkordatpartei
-hingeworfen, war kein Glacéhandschuh, sondern einer von dickem
-Elennsleder mit Eisenschienen und Platten, dessen Klirren durch die
-teppichverhangenen Kabinetsthüren der geistlichen und weltlichen
-Minister, in die Boudoirs der frommen Damen, ja bis in den Vatikan
-drang, da dem Korbacher Metallfabrikanten die Ehre widerfuhr, zum
-Gegenstand einer, am Tage nach der Wahl abgegangenen, telegrafischen
-Chiffredepesche des Nunzius zu werden. &mdash; Doch nicht die oberen Lüfte
-wurden von dem unerhörten Ereignisse aufgewirbelt, auch die unteren
-geriethen in Bewegung, natürlich in entgegengesetzter <span class="nowrap">Richtung. &mdash;</span></p>
-
-<p>So dicht der Schleier war, welchen die verschwiegene Treue der für
-Valentin stimmenden Geistlichen bis zum Momente der Wahl über den
-Vorgang gezogen, so wurde er doch unmittelbar darnach<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> gelüftet, und
-es hätte nicht des Schreibens Helenens bedurft, welche Arnold in
-glühenden Farben das Geschehene erzählte, um ihn von den Einzelnheiten
-zu unterrichten.</p>
-
-<p>Er vernahm sie mit wahrem Entzücken und eilte zu Günther, natürlich
-zu spät, um demselben eine Neuigkeit zu bringen, da ihm dieser nebst
-einigen Arnold unbekannten Details erzählte, daß der Hofarzt Doktor
-Siebenberg nach St. Martin telegrafirt worden sei, um den Prior,
-welcher nach Eröffnung der Stimmzettel aus dem Kapitelsaale getragen
-werden mußte, der Menschheit zu <span class="nowrap">erhalten. &mdash;</span></p>
-
-<p>Günther goß einige kalte Ströme in Arnold’s Freudenfeuer. „Ihr Herren
-von Korbach“, sagte er, „seid umgekehrte Don Quixotes. Dieser hielt die
-Windmühlen für Riesen, und Ihr schlagt mit Euern Messingstangen auf
-Riesen los und haltet sie für Windmühlen. Fürs Erste müßten sie mit
-ihrem kanonischen Recht, welches nach Umständen bald von Gußeisen und
-bald von Kautschuk ist, schlecht umzuspringen wissen, wenn sie nicht
-den ganzen neuen Prälaten, sammt allen seinen Stimmen aus der andern
-Welt, über den Haufen würfen. Fürs Zweite könnt Ihr nun warten, bis
-Ihr von einer landesfürstlichen Behörde eine jener großen Bestellungen
-bekommt, welche Euch eigentlich zu Millionären ge<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span>macht haben. Endlich
-&mdash; und das ist das Wichtigste von Allem, und ich hätte dich jedenfalls
-noch heute aufgesucht um es dir mitzutheilen &mdash; ist Etwas vorgefallen,
-was nun wenigstens auf einen Theil der gegen Euch spielenden Maschine
-helles Licht wirft. &mdash; Ich war gestern mit dem Notar Reichl zusammen,
-und brachte das Gespräch auf das Korbachthal. Du kennst das Altenberger
-Metallwerk, welches &mdash; merke wohl, um <em class="gesperrt">fünf</em> Stunden näher an der
-Südbahn liegt als Ihr. Dieses Altenberg mit seiner halbverfallenen
-Fabrik ist verkauft worden, Reichl hat den bereits unterzeichneten
-Kontrakt gemacht, und der Käufer ist &mdash; Kollmann.“</p>
-
-<p>Nach einigen Augenblicken, die er Arnold gönnte, um sich von einer
-Ueberraschung, die ziemlich nahe an Bestürzung grenzte, zu erholen,
-fuhr Günther fort: „Der bisherige Besitzer von Altenberg, Richtmeyer,
-bis über die Ohren verschuldet, hat Euch keine Konkurrenz gemacht;
-nun laß aber einen dort sitzen, der die Sache angreift, der bauen und
-Maschinen aufstellen kann, und zugleich in den obern Regionen gut
-genug angeschrieben ist, um die Staatsbestellungen wegzuschnappen,
-so könnt Ihr in zwei Jahren auf Euren englischen Walzen Tannenzapfen
-auswalken und im Drahtzug Prälaten strecken &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> Ihr habt bisher das
-Terrain behauptet nicht weil Ihr besser und wohlfeiler arbeitet,
-sondern zufolge des büreaukratischen Schlendrians, weil es nun einmal
-seit zwanzig Jahren herkömmlich, in Korbach zu bestellen. Einmal
-aus dem Sattel gehoben, kommt Ihr zufolge desselben Schlendrians
-nicht wieder hinein, &mdash; und die höchst rühmliche, in den Augen jedes
-honetten Mannes bewunderungswürdige Handlung deines Vaters ist für
-den Besitzer von Altenberg, wenn er anders dem technischen Theile
-gewachsen, gleichbedeutend mit einer feierlichen Uebertragung der
-Regierungskundschaft von Euch auf ihn!“</p>
-
-<p>Arnold war hinlänglich besonnener praktischer Geschäftsmann, um das
-volle Gewicht der Wahrheit in Günther’s Worten zu würdigen. Er übersah
-mit einem Blick die Bedeutung der Lage.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Er gedachte jenes Abends, wo er vom Professor Harkeboom nach
-Berührung der kalten Marmorhand in so heißer Kampflust weggegangen und
-die grüne Kriegsfahne des Profeten gegen unsichtbare Gegner entfaltet.
-Vergebens hatte er geharrt und gehofft, daß sich irgend ein feindlicher
-Helmbusch durch den Nebel zeige, hatte zehn Pläne gefaßt und verworfen
-&mdash; alle liefen mehr auf ein Zerhauen, als Lösen des Knotens hinaus;
-seine Natur trieb zu offenem Handeln auf geradem Wege.<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> Bald wollte er
-nach dem Freinhof, Julie geradezu fragen, wo das Ende der Kette, die
-sie umschlinge, &mdash; bald Sembrick aufsuchen, dessen kaltes Ablehnen ihn
-umsomehr verletzte, je länger die eigene Spannung währte. Er sah jedoch
-den gelinden Wahnsinn ein, das Geheimniß aus dem Christuskopf mit
-Schwert und Feuerschlund heraustreiben zu wollen. Als dann die beiden
-Briefe vom Prior und Blauhorn kamen, war er Anfangs uneins, ob das
-Schwungrad dieser Maschine von einer Engelshand oder einer Teufelsklaue
-in Bewegung gesetzt werde.</p>
-
-<p>Eine Einladung in den Reichssenat und das eventuelle Versprechen
-eines päpstlichen Ordens unter einer Bedingung, die Jedem, der seinen
-Vater nicht genau kannte, ganz annehmbar erscheinen mochte, waren
-doch wahrlich an sich keine <em class="gesperrt">feindseligen</em> Handlungen. &mdash; Als
-die Teufelsklaue erkennbar wurde, als gewiß war, daß zwar Alles vom
-Freinhofe, aber eben so gewiß, daß es nicht von Julie ausgehe, stieg
-ihm auch der Gedanke auf, gerade vor Kollmann hinzutreten, ihn zu
-fragen, welche Schurkerei hinter den seinem Vater zugedachten Würden
-und Ehren stecke &mdash; &mdash; ihn einfach zu fordern.... Allerdings durchschoß
-die Kugel, welche Kollmann hinstreckte, auch jedes Band mit Julie,
-&mdash; aber war dies nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> das <em class="gesperrt">alleruneigennützigste</em> Handeln für
-sie, &mdash; Befreiung ohne Hoffnung eines Lohnes? &mdash; da er immer von der
-Meinung ausging, daß Nichts als eben eine sehr „unglückliche Ehe“ im
-gewöhnlichen Sinne ihr Los, obgleich Sembrick im Gespräche mit ihm
-gesagt, es handle sich um „etwas mehr.“ <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Nun</em> war die <em class="gesperrt">Ungeduld befriedigt</em>!</p>
-
-<p>Er war bei aller Entschlossenheit von der plötzlich demaskirten
-feindlichen Aufstellung überrascht... Nicht eine romantisch kostümierte
-Banditenschar, die durch den raschen Angriff eines Husarenpiquets
-zersprengt oder gefangen wird: eine mit allem Bedarf ausgerüstete
-Armee, deren Kriegszweck in weitester Ferne der <em class="gesperrt">Ruin</em>
-seines <em class="gesperrt">Hauses</em>, die <em class="gesperrt">Vernichtung</em> seiner materiellen
-<em class="gesperrt">Existenz</em>, stand ihm entgegen.</p>
-
-<p>Mehr als einmal hatte Sprenger zum Ankaufe Altenbergs gerathen.
-Sein Vater hatte eingeworfen, Richtmeyer könne keine neue Maschine
-aufstellen, mit den alten nichts Großes unternehmen und wenn er jetzt
-für die verschuldete Besitzung 60,000 Gulden verlange, werde noch ein
-Moment kommen, wo er froh sein werde, die Hälfte zu erhalten. &mdash; In
-der letzten Zeit hatte das Werk völlig stillgestanden. Man sprach vom
-Konkurse. Der alte Korbach hielt nun den Zeitpunkt für passend, ließ
-sich nach den Disposizio<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>nen des Besitzers erkundigen, und hörte, daß
-Richtmeyer rangirt werde, &mdash; die Fabrik als solche aufgeben, das kleine
-Gut aber bewohnen und bewirthschaften wolle. Damit schien alle Gefahr
-beseitigt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Noch</em> war wenig zu besorgen, wenn nicht die Fehde mit Kirche und
-Staat <span class="nowrap">dazwischenkam. &mdash;</span></p>
-
-<p>Der alte Korbach hatte Minister- und Sistemwechsel, Revoluzion und
-Reakzion erlebt, und dem alten festgegründeten Bau seines Kredits war
-kein Stein ausgebrochen, an seinen Verbindungen mit den bei den großen
-Lieferungen maßgebenden Behörden nichts gelockert worden. &mdash; Er war bei
-vielen Gelegenheiten entschieden, ja schroff aufgetreten, aber sein
-Karakter und die Solidität seiner geschäftlichen Gebahrung hatten das
-alte Monopol der Korbacher Werke trotz kleiner persönlicher Reibungen
-und trotz der ihm seit Jahren feindlichen Gesinnung der ultramontanen
-Partei aufrecht erhalten. Als er selbst nach einem Konflikte mit dem
-Minister, aus Anlaß der erwähnten Eingabe über den Freihandel, im
-Besitze aller Aufträge blieb, stieg seine Zuversicht noch höher.</p>
-
-<p>Das Alter wird den Mann entweder zu mißtrauisch gegen seine Kraft und
-sein Glück machen, oder allzu zuversichtlich, je nachdem er auf mehr
-zur Frucht gereifte, oder auf mehr in der Blüte geknickte<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Hoffnungen
-von der Warte seiner sechzig Lebensjahre <span class="nowrap">herabsieht. &mdash;</span></p>
-
-<p>Die lange Reihe von erfolggekrönten Bestrebungen ließen ihn keinen
-Gegner mehr fürchten. Fast hätte er sich mit seinem ältesten, treuesten
-Freunde überworfen, als dieser mit der höchsten Entschiedenheit gegen
-die protestantische Einwanderung auftrat. „Das ist der Anfang vom
-Ende,“ hatte Sprenger gesagt &mdash; „ist dein russischer Feldzug. Die
-Kirche ist wie Rußland, &mdash; verbrennt ihr eignes Moskau, wenn sie den
-Gegner nicht anders bezwingen kann.“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Arnold schrieb die wichtige Nachricht sogleich nach Korbach. Die
-kurze Antwort lautete dahin: „die Altenberger könnten vor einem Jahre
-ohnedem nicht arbeiten; der bis dahin wahrscheinlich fertige Flügel der
-Westbahn nach Korbach paralisire den Vortheil, den jenen die Südbahn
-gewähre. Die Fabrik habe andere Zeiten und Konkurrenten ausgehalten.“</p>
-
-<p>Dieser Auffassung gegenüber war Arnold’s Weg klar vorgezeichnet. Er
-konnte über seine Aufgabe nicht in Zweifel sein: nach Kräften in jenen
-Richtungen ausgleichend zu wirken, wo das Naturell und die unbeugsame
-Haltung seines Vaters Verwicklungen herbeigeführt. &mdash; So sprach er zu
-sich als Sohn. Ein Fremder würde es rücksichtsloser so ausgedrückt<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>
-haben: der junge Korbach fühlte, daß er <em class="gesperrt">gut machen</em> sollte, was
-der Alte <em class="gesperrt">verdarb</em>, &mdash; den Schaden abwenden, den die übrigens
-respektable Hartnäckigkeit desselben zu verursachen drohte.</p>
-
-<p>Dieß war leicht begriffen und schwer ausgeführt.</p>
-
-<p>Er kannte außer Günther Niemanden, mit dem er sich berathen wollte.
-Den sehr gewandten und treuen Geschäftsführer, der den kommerziellen
-Theil aufs Gründlichste verstand, glaubte er so wenig als irgend einen
-Andern in die neuentstandene Situazion zu früh einweihen zu sollen:
-es war dieß einer jener Gegenstände, welche zu einer Macht werden in
-dem Augenblicke, wo man sie bespricht und anerkennt. Sprach Korbach
-eine Besorgniß aus, so war sie für den Zweiten Furcht, für den Dritten
-Eingeständniß, der Konkurrenz nicht gewachsen zu sein.</p>
-
-<p>Mit seinem Freunde hatte er desto häufigere Unterredungen. Sie kamen
-fast täglich in dessen Wohnung zusammen.</p>
-
-<p>Günther hatte ein mit echten, alten, durch viele Jahre mit Kennerblick
-gesammelten Stücken eingerichtetes Zimmer. Den Raum an den Wänden,
-welchen die geschnitzten Kasten und Kästchen frei ließen, deren
-Oberfläche mit lauter antiken Seltenheiten bedeckt war, nahmen Gemälde
-ein, und durch alle Zwischenräume in den Ecken, an den Fenstern,
-schlän<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span>gelte sich üppiger Efeu empor. &mdash; <em class="gesperrt">Einiges</em> mahnte an
-Sembrick’s Salon &mdash; aber ins Wohnliche, Traute, Gemüthliche <span class="nowrap">übersetzt.
-&mdash;</span></p>
-
-<p>Die Freunde saßen auf einem mit Rohr ausgeflochtenen hochlehnigen
-Sofa, das sich in rechtem Winkel um den massiven Tisch von natürlicher
-Holzfarbe bog &mdash; &mdash; und entwarfen Schritt für Schritt ihre
-Operazionspläne.</p>
-
-<p>&mdash; „Wie stehts mit dem Marine-Kommando?“ begann Günther.</p>
-
-<p>&mdash; „Ich habe heute mit Bianchi gesprochen, der das hiesige Haus der
-Franchini führt, durch welches das Kommando Alles verhandelt. Bianchi
-stellt viele weitere Aufträge in Aussicht. Die jetzigen betreffen die
-breiten Messingplatten.“</p>
-
-<p>&mdash; „Mit denen können die Altenberger mit ihren dermaligen Maschinen
-nicht aufwarten. Aber wenn dein Vater sich mit der gesammten
-Geistlichkeit und Staatsgewalt überwirft, so wird die Letztere, da kaum
-eine Fabrik außer Eurer darauf eingerichtet ist, mit dem Auftrag nach
-England gehen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Das geschieht nicht, so lange Prinz August Ernst das
-Marine-Kommando führt, der entschieden darauf besteht, die einheimische
-Industrie nicht zu übergehen. Aber die weiteren Aufträge sind solche,
-die jedes gewöhnliche Walzwerk ausführen kann, und<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> für diese fürchte
-ich. Ich bin entschlossen, nach &mdash; (wir nennen nicht die südliche
-Hafenstadt, wo das Marine-Kommando seinen Sitz hat) zu gehen, und habe
-dem Vater um Erlaubniß geschrieben.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich verschaffe dir Briefe, die dich gleich auf den rechten
-Boden stellen. Du darfst nicht als Ansuchender kommen, sondern
-an einem Draht von oben herabgelassen. Von <em class="gesperrt">oben</em> heißt für
-Franchini von Rothschild. Bis übermorgen hast du das zärtlichste
-Empfehlungsschreiben, worin dieses Haus jemals eine Anweisung auf seine
-Liebe ausgestellt <span class="nowrap">hat.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; „Vielen Dank. Ich gedenke aber zum Prinzen selbst vorzudringen, kurz
-zu sagen, daß wir jeden Auftrag als gute Patrioten billiger als jeder
-Andere vollziehen, daß das Vermögen meines Vaters ihm erlaube, nicht
-auf Gewinn, sondern auf die Ehre zu sehen <span class="nowrap">u. dgl.“</span></p>
-
-<p>&mdash; „Das wird dir Alles nichts nützen, wenn du nicht den festen Kontrakt
-schneller in die Hand bekommst, als man von hier aus operirt. Ihr seid
-jetzt die <span class="antiqua">bête noire</span> der ganzen Coterie &mdash; seid plötzlich so
-berühmt, daß selbst die Prinzessin, die Mersey, <span class="nowrap">Plomberg“ &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; „Plomberg? wie kommt der dazu?“</p>
-
-<p>&mdash; „Der Husarenoberst ist der Vetter des Baron Heidenbrunn, und dieser
-der Adjutant des Prinzen<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> Ernst August. Plomberg hat jedenfalls Einfluß
-dort. Uebernimm auf ein halbes Jahr die Rolle der alten Mersey und
-zahle seine Schulden, so hast du ihn mit Haut und Haar!“</p>
-
-<p>&mdash; „Nicht, wenn ich ihn um einen Gulden haben könnte. Das ist kein Weg
-für einen Korbach.“</p>
-
-<p>&mdash; „Lieber Arnold, mein Gewissen ist um nichts elastischer als deines!
-Das ist reine Geschäftssache. Wenn ein solcher Kerl <span class="antiqua">licitando</span>
-zu haben, so lizitire ich mit, wenn ich weiß, daß er sich sonst der
-Gegenpartei verkauft. Wenn ich mit einer Handvoll Banknoten vielleicht
-eine niederträchtige Intrigue vereiteln kann, so ist das ein Weg,
-welchen Die von Korbach so gut wandeln können, als Der von Günther!“</p>
-
-<p>&mdash; „Nenne es Caprice, aber wir überlassen einmal, eben als gute
-Bürgerliche, den geschlossenen Helm dem Adel und fechten nur mit
-offenem Visir. Mit Plomberg habe ich Nichts zu thun.“</p>
-
-<p>&mdash; „Auch gut. Aber bei Wörlitzer kannst du dich mit offenem Visir
-vorstellen; die Westbahn, von welcher er Direktor ist, kann für Euch
-höchst wichtig werden. Mich hat er im kaufmännischen Verein zehnmal
-geladen, und ich lasse mir jedesmal wieder seine Adresse geben. Nun
-gehe ich hin, und nach deiner Rückkehr stelle ich dich vor.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; „Auch dieser ist mir höchst antipathisch.“</p>
-
-<p>&mdash; „Vielleicht, weil du dort mit Sembrick zusammentreffen wirst?“</p>
-
-<p>&mdash; „Das vergaß ich. Jetzt gehe ich jedenfalls hin. Ich <em class="gesperrt">muß</em> ihn
-treffen, damit wir wenigstens ordentlich auseinander kommen. Die Art,
-wie wir uns verlassen haben, kann wohl nicht füglich ein letztes Wort
-vorstellen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Wenn du vielleicht bloß zu Wörlitzer gehen willst, um den Salon
-des Banquiers als Turnierplatz mit Sembrick zu benutzen, so laß dich
-gefälligst von Jemand Anderem vorstellen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Besorge Nichts! Ich weiß nur nicht, was es nützen soll, &mdash; der
-Minister des Innern ist das personifizirte Konkordat, und jedenfalls
-schon prävenirt.“</p>
-
-<p>&mdash; „Was ihn nicht verhindert, seine Fonds durch einen Juden verdoppeln
-zu lassen, der viel zu klug ist, um sich nicht wärmer für Euer
-gegenwärtiges Korbach, als für die Altenberger Zukunftsmusik zu
-interessiren. Wenn du die ganze Geschäftswelt auf deiner Goldwage wägen
-und dich mit Niemandem einlassen willst, der nicht in <em class="gesperrt">unserm</em>
-Sinne korrekt, so nimm lieber heute als morgen die Tafel von Eurer
-Niederlage ab!“</p>
-
-<p>Arnold war bei aller Korrektheit praktisch genug, um sein Prinzip nicht
-auf die Spitze zu treiben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; „Mit den Geistlichen, fuhr Günther fort, ist jetzt nichts zu thun;
-du kannst deinen Vater nicht desavouiren.“</p>
-
-<p>&mdash; „Um so weniger, als ich ihm vollkommen Recht geben muß.“</p>
-
-<p>&mdash; „Wann willst du reisen?“</p>
-
-<p>&mdash; „Sobald die Antwort von Korbach eintrifft.“</p>
-
-<p>&mdash; „Lasse mich’s wissen, ich hole dich dann ab, und begleite dich die
-zwei Stunden bis Treustadt, wo ich ein Geschäft habe, das an keinen Tag
-gebunden ist. Und nun noch ein Wort in alter Aufrichtigkeit: Sprichst
-du von dem, was dir bei der ganzen Sache am <em class="gesperrt">tiefsten</em> zu Herzen
-geht, seit drei Tagen keine Silbe, weil du mich nicht für fähig hältst,
-dich zu begreifen?“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich spreche nicht davon, sagte Arnold, indem er die Farbe wechselte
-und Günthers Händedruck mit krampfhafter Heftigkeit erwiderte, weil ich
-dir kein Bild aufrollen will, das dir zeigen würde, wie diese ganze
-geschäftliche Besonnenheit eine eiserne Maske ist, hinter der mir, ich
-schäme mich nicht, dir’s zu sagen, oft blutige Thränen herabrollen. Es
-wird eine Zeit kommen, wo ich wieder sprechen kann, jetzt bin ich nicht
-falsch gegen dich, sondern gegen mich selbst. Ich belüge mich den Tag
-über, und lasse die Wahrheit für die Nacht.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Und die Nacht war Zeuge, wie unter all’ den grellen Mißtönen,
-die von allen Seiten auf Arnold eindrangen, das Herz nicht verstummt
-war, &mdash; seine Stimme war keine weichliche Wehklage, aber ein
-Schmerzensschrei, der, keinem Andern vernehmbar, in ihm doch Alles
-<span class="nowrap">übertönte! &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; In welcher lichten verklärenden Höhe hatten die ersten Lerchen
-dieser Liebe gesungen! &mdash; Julie, das räthselhafte, reizende Weib, so
-<em class="gesperrt">ganz anders</em> als Alle, denen er begegnet, &mdash; die mit einem ihrer
-tiefen innigen Blicke größere Seligkeit schenkte, als Andere mit dem
-glühendsten Kuß, &mdash; und deren Händedruck doch <em class="gesperrt">weniger</em> Rechte zu
-gewähren schien, als ein freundliches Lächeln einer Andern! &mdash; Julie,
-die auf dem Felsengipfel unter den Wetterwolken gebetet, &mdash; und dann
-unter den rothen Mohnblumen hervorgelächelt und durch Scherz und frohe
-Anmuth entzückt! Wie lagen für ihn Alle so tief in der Fläche der
-Alltäglichkeit, neben <em class="gesperrt">ihr</em>, die ein dunkles Geschick mit allem
-Zauber des Geheimnißvollen umhüllte, &mdash; und die es zu tragen schien
-vor den Augen der Andern, als drückten nur Rosen auf das weiche dichte
-Haar, &mdash; und nur in einsamer Stunde hinsank, sich windend unter den
-scharfen Dornen.</p>
-
-<p>Und <em class="gesperrt">was</em> war nun aus dem Goldnebel am See hervorgegangen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; Arnold war keiner von denen, die „wild auffahren,“ &mdash; knirschen,
-&mdash; im Selbstgespräche an die Stirn schlagen, &mdash; &mdash; er saß nach
-vollbrachtem Tagewerke schweigend, in Schmerz versunken, an dem Platze,
-wo er Günther den Abend im Schweizerhause erzählt. <em class="gesperrt">Jedes</em>
-Ausdrucks war sein Mund eher fähig, als jenes des <em class="gesperrt">Hohnes</em>,
-aber mit bitterem Spotte lächelte er, &mdash; &mdash; als er <em class="gesperrt">der</em> Julie
-gedachte in Verona, und Romeo’s! des großen Kampfes der alten Häuser
-um Macht und Ehre! &mdash; Wie edel die Waffen! das Schwert, &mdash; selbst
-der Dolch, &mdash; selbst das Gift, &mdash; &mdash; <em class="gesperrt">Alles</em> noch <em class="gesperrt">groß</em>
-und <em class="gesperrt">edel</em>!.... Und nun auch hier zwei Häuser: &mdash; &mdash; &mdash;
-„Kollmann und Kompagnie“, &mdash; „Korbach und Sohn“. &mdash; &mdash; Statt Schwert
-und Dolch: Messingstangen und Kupferplatten... Nie hat die plumpe
-Tatze des gemeinsten Materiellen in kaum erschlossene Blüten roher
-<span class="nowrap">hineingegriffen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Wie oft hatte er gelacht über das „Ich und Nicht-Ich“ der Gott und
-Welt zerdenkenden Schule. Nun gewann es <em class="gesperrt">ihm</em> einen Sinn. Nun
-begriff er die Trennung, den Abgrund zwischen dem <em class="gesperrt">Ich</em> und jener
-<em class="gesperrt">zweiten</em> selbstständigen, unbezwinglichen Macht in uns, welche
-Gedanken schafft, von denen das Ich nichts hören, &mdash; Bilder aufsteigen
-läßt, welche der Wille zertrümmern möchte &mdash; vergebens! Wie jener<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span>
-Fromme der Legende vom bösen Geiste gezwungen war, Gott zu lästern, und
-dabei das sündige Wort im Herzen verfluchte, das seine Lippen gegen
-seinen Willen sprachen, &mdash; so rang Arnold gegen <em class="gesperrt">Gedanken</em>, welche
-<em class="gesperrt">Wolke</em> auf <em class="gesperrt">Wolke</em> um <em class="gesperrt">Juliens Bild</em> legten, &mdash; er
-konnte das seelenvolle Feuerauge nicht mehr <em class="gesperrt">klar</em> schauen &mdash; sie
-stand nicht mehr vor ihm, so fleckenlos wie die frisch erblühte Blume,
-kristallrein wie der Bergquell.</p>
-
-<p>Und doch sagt’ ihm das treue <em class="gesperrt">alte</em> „Ich“: Entweder einen reinen
-Himmel mußt du glauben, oder eine Hölle. Sie kann nur um <em class="gesperrt">Alles</em>
-wissen, oder <em class="gesperrt">Nichts</em>.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; In solcher Stimmung, welche dießmal auch der helle schöne Morgen
-nicht zerstreute, traf ihn Günther, als er ihn, nachdem die Genehmigung
-des alten Korbach angelangt, zwei Tage später abholte, um ihn bis
-Treustadt zu begleiten. Ein Blick auf die verstörten Züge des Freundes
-verrieth ihm dessen Gemüthszustand.</p>
-
-<p>„Ich bringe den Brief an Franchini und noch zwei andere,“ &mdash; begann er,
-„und damit du nicht die Energie verlierst, deren du bedarfst, nimm dich
-zusammen und hänge nicht Gedanken nach, welche entschieden keinen Grund
-haben. Du weißt doch, daß <em class="gesperrt">ich</em> Anfangs keine Kränze für diese
-vielbesungenen schwar<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span>zen Locken geflochten, die leider Gottes deine
-ganze Existenz umspinnen, ich sage dir aber eben so, daß, wenn diese
-Frau mit <em class="gesperrt">Kenntniß</em> der <em class="gesperrt">Sache ihre</em> Hand in dieser Intrigue
-hat, ich mir die meine abhauen lasse! Du kannst in dem Ganzen höchstens
-einen Sporn für deine Thätigkeit finden. Hoffentlich wirst du doch kein
-Bedenken tragen, gegen Kollmann, weil er ihr Gatte, ein geschäftliches
-Duell zu bestehen, da dir gewiß ein anderes ein Vergnügen wäre? Frisch
-ans Werk! und nochmals: Zweifel an dieser Frau in dem Sinne, wie ich
-jetzt bei dir vermuthe, sind geradezu wahnsinnig.“</p>
-
-<p>Der Ton der Ueberzeugung verfehlt seine Wirkung gewiß nicht, wenn das
-Gesagte mit dem Herzenswunsche des Zuhörers zusammenfällt.</p>
-
-<p>Arnold erwiederte: „Es ist nicht der eine und nicht der andere Gedanke,
-sondern der gesammte Karakter der Fehde, der mich durch den Kontrast
-des Gemeinsten mit dem Edelsten peinigt &mdash; lieber als dieses elende
-Gebalge mit einem im Trüben fischenden Fabrikskonkurrenten wäre mir
-wahrlich gewesen, wenn ich einen Kampf zu bestehen gehabt, um einem
-<em class="gesperrt">wirklichen</em>, schwarzen <em class="gesperrt">Verbrecher</em> die Maske abzureißen!“</p>
-
-<p>&mdash; „Aber lieber Freund, man muß immer das Beste hoffen! Wer weiß, ob
-nicht die Konkurrenzschlei<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span>cherei zu Kollmanns läßlichen Sünden gehört?
-Ich habe immer die Idee, daß in der Geschichte dieses Menschen ein
-Blättchen ist, das er nicht gern vor dem Kriminalgericht herablesen
-möchte.“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Arnold hatte der heitern Stimmung, in welcher sein Freund
-gekommen, nicht ganz widerstanden. &mdash; Sie waren nun zur Abreise <span class="nowrap">fertig.
-&mdash;</span></p>
-
-<p>Wir finden sie eine Viertelstunde später im Waggon, wo sie kaum
-Platz genommen, als Günther sagte: „Deine Reise beginnt unter guten
-Auspicien, der Wind weht vom Freinhof her! Da unten, ganz am Ende des
-Wagens, sitzt die Zeltner! Die fährt jedenfalls wieder irgendwohin, um
-die Angelegenheiten ihres Mannes revidiren zu lassen. Aber ein hübsches
-Weib, &mdash; das muß man ihr und dem Grafen Greuth lassen. Dieses röthliche
-Blond! dieses prachtvolle Weiß!“</p>
-
-<p>Arnold erkannte die Blondine vom Freinhof. Sie reiste ohne Begleitung.
-Einiges Handgepäck, der blaue Schleier, die Reisetoilette ließen auf
-ein weiteres Ziel der Fahrt <span class="nowrap">schließen. &mdash;</span></p>
-
-<p>„Willst du wetten,“ sagte Günther nach einigem Nachdenken, „daß die
-Blonde mit dir reist, bis an den Ort deiner Bestimmung? <em class="gesperrt">Ihre</em>
-Bestimmung aber ist der Prinz August Ernst. Ich habe den Spektakel
-im Theater mit angesehen, als er zwei Monate<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> lang hier war. &mdash; Sie
-hatte einen Sperrsitz unter der Hofloge, und die Augen des Prinzen
-gebrauchten förmlich russische Bäder: von den feurigen Haaren in die
-Schneeflächen, die sich von Oben ganz prachtvoll ausnehmen mußten,
-und vom Schnee wieder ins Feuer. Sie führte mit der Spitzenmantille
-ganze Schicksalsdramen auf, mit glänzender Beleuchtung ihres äußern
-Schauplatzes. Und das wallte und wogte so fort acht Tage lang, bis
-endlich der Adjutant des Prinzen, der Baron von Heidenbrunn, am Ausgang
-wartete, bis die Zeltner in einen Wagen stieg, worauf er sich in den
-zweiten warf und nachfuhr. Seit diesem Abende habe ich sie nicht mehr
-im Theater gesehen. Der Krieg scheint lokalisirt. Wahrscheinlich reist
-sie, da vom Grafen Greuth keine Strafermäßigung Zeltners mehr zu
-erwarten, dem Prinzen nach, wird aber gegen das südliche Element schwer
-aufkommen.“</p>
-
-<p>Die Besprochene machte auf jeder Stazion mit ihren Augen die Ronde
-durch den Waggon, um den Zuwachs der Gesellschaft zu kontrolliren,
-und begegnete einem jener ruhigen, hellen Blicke Günthers, welche
-so oft den feurigen oder schmachtenden Pantomimen Anderer ans
-Ziel vorausgeflogen waren. Sie erwiederte ihn einen Moment,
-sah dann anscheinend gleichgültig weg, &mdash; allein die Begegnung
-wie<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>derholte sich, da zwei Augenpaare im Raum eines Waggons entweder
-<em class="gesperrt">stillsitzen</em>, oder auf ihrer Promenade <em class="gesperrt">zusammentreffen</em>
-müssen.</p>
-
-<p>Arnold war nicht aufgelegt, dem Geplänkel eine besondere Theilnahme
-zu schenken, mußte aber doch lachen, als er Günther plötzlich einen
-wirklich beredten, ganz ernsthaft zärtlichen Blick absenden und darauf
-die Augen wie verwirrt senken sah, &mdash; worauf er sich gegen Arnold
-herumwandte und hinter dem abgenommenen Hut das bekannte gemüthliche
-&mdash; Teufelsgesicht schnitt und sagte: „Die Zeltner hat mich vor der
-Hand bloß bezaubert, wie die Klapperschlange, bis Treustadt hoffe ich
-umstrickt zu werden.“</p>
-
-<p>&mdash; „Hast du alles Ernstes vor, da Etwas anzuknüpfen?“</p>
-
-<p>&mdash; „Angeknüpft ist bereits; ich möchte nur wissen, was sie immer im
-Abgrund des Raumes sucht und findet und wieder versteckt? Ein Flacon!
-sie leidet; nach der ungewöhnlichen Blässe könnte es sogar wahr sein.“</p>
-
-<p>Frau Klotilde Zeltner hatte in der That mit der ihr gegenübersitzenden,
-wie es schien fremden alten Frau einige Worte gesprochen, sich dann
-zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Die Stirnfalte und das
-Eindrücken der schönen Zähne in die Unterlippe verriethen einen
-heftigen Schmerz. &mdash; Ihre bei<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> aller Fülle schlanke und ebenmäßige
-Gestalt beseitigte die Vermuthung, welche sich Günther bei den
-ersten Simptomen des Unwohlseins aufdrang. Er sah, daß keine jener
-Katastrofen drohte, welche manchmal auf Eisenbahnen und Dampfschiffen
-eine Ungleichheit in der Zahl der ursprünglich eingestiegenen und der
-aussteigenden Passagiere veranlassen. &mdash; Vielleicht wenn die Fahrt
-sechs Monate gedauert hätte..... Vor der Hand war es eben nur eine
-vorübergehende „Störung des Organismus.“</p>
-
-<p>Auf der nächsten Stazion rief Günther nach einem Glas Wasser,
-präsentirte es ihr mit ernster, theilnehmender Miene, und zog sich ohne
-ein Wort zu sprechen zurück, nachdem sie ihm mit schmachtendem, trüben
-Lächeln gedankt.</p>
-
-<p>Als der Train wieder in Bewegung war, sagte er: „Lieber Freund, reise
-glücklich und nimm hier mein Lebewohl! &mdash; ich werde zwar neben dir
-stehen bleiben, &mdash; weiß aber nicht wie lange &mdash;, jeder Augenblick kann
-uns trennen, wenn die Pflicht ruft.“</p>
-
-<p>Arnold sah, daß sein Freund heute unter besonders heitern Sternen
-aufgestanden, und erwiederte das Lebewohl. Er beneidete ihn zwar nicht
-um die Weise, wie sein glückliches Temperament zur Geltung kam, aber
-doch um dieses selbst, und sah der Entwicklung der Dinge zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span></p>
-
-<p>Günther winkte den Kondukteur zu sich und sagte: „Diese Dame dort ist
-sehr unwohl; halten Sie sich etwas in ihrer Nähe auf, und wenn Sie
-bemerken, daß es sich wieder verschlimmert, so sagen Sie, daß ein
-Doktor im Waggon ist. Ich will mich nicht selbst anbieten und möchte
-doch gern helfen... Sie verstehen das schon.“</p>
-
-<p>Der Kondukteur verstand jedenfalls den Gulden, der ihm in die Hand
-gedrückt wurde. Nach einigen Minuten sah man ihn mit der Frau sprechen
-und Günther wurde, unmittelbar nach seiner Promovirung zum praktischen
-Arzte, zu seiner ersten Patientin gerufen.</p>
-
-<p>&mdash; „Ich vernehme, daß Sie Arzt sind?“ sagte Klotilde Zeltner.</p>
-
-<p>&mdash; „Ich bin, &mdash; erwiderte Günther leise &mdash; ein solcher, dessen
-Spezialität eben ausschließlich die Behandlung von Frauenzuständen ist,
-und werde das größte Vergnügen finden, meine Berufspflicht an Ihnen
-nach meinem besten Wissen auszuüben.“</p>
-
-<p>&mdash; „Darf ich wohl um Ihren Namen bitten?“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich heiße Günther, &mdash; nicht zu verwechseln mit einem hochberühmten
-Arzte unserer Residenz, mit welchem ich mich jedoch, ohne
-Ruhmredigkeit, gerade in <em class="gesperrt">meinem</em> Fache messen darf. Da uns
-Niemand als diese freundliche Frau uns gegenüber hören kann,<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> so bitte
-ich, meinem kurzen Examen mit vollster Unumwundenheit zu folgen.“</p>
-
-<p>Arnold sah aus seiner Ferne Pulsfühlen und ernstes Kopfschütteln, ein
-schnelles Vorzeigen der Zungenspitze, &mdash; sah Günther mit bekümmerter
-Miene einen Augenblick zwei Finger auf die Stirn der Leidenden legen,
-um deren Temperatur zu erforschen, konnte aber natürlich nicht hören,
-daß das Examen mit der kategorischen Erklärung schloß, daß von
-Weiterfahren über Treustadt hinaus durchaus keine Rede sein könne,
-sondern daselbst abgestiegen, ein Pulver genommen, geruht, und der
-Abendtrain abgewartet werden müsse, bei Vermeidung unberechenbarer
-Folgen.</p>
-
-<p>Frau Zeltner machte viele Einwendungen; sie hatte Gepäckstücke
-aufgegeben, welche nach der Hafenstadt adressirt waren. Günther
-erklärte ihr, daß sie dieselben dort im Magazine finden werde,
-unterwegs aber derselben nicht bedürfe. Er werde in Treustadt für
-Unterkunft und Medikamente sorgen, sie wieder zum Train begleiten,
-kurz Alles leisten, was einem Arzte obliegt, dem es nicht nur mit dem
-wissenschaftlichen, sondern auch mit dem humanistischen Theile seines
-Berufes Ernst ist.</p>
-
-<p>Als der Train in Treustadt anlangte, schien Klotilde volles Vertrauen
-zu dem Heilplane Gün<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>ther’s gefaßt zu haben. Sie verließ, auf seinen
-Arm gestützt, den Waggon, und Arnold sah sie zusammen eine der
-bereitstehenden Lohnkutschen besteigen, welche durch die, nach dem
-nahen Stadtthore führende Allee hinabrollte und in letzterm <span class="nowrap">verschwand.
-&mdash;</span></p>
-
-<p>So bedenklich es scheinen mag, wollen wir ungescheut unserem ärztlichen
-Freunde folgen, und lassen Arnold jeden beliebigen Vorsprung nach
-dem Hafen, wohin wir ihm auf dem, Dampf und Elektrizität hinter sich
-lassenden Zauberteppich, den jeder Autor besitzt, leicht zur rechten
-Stunde nachfolgen.</p>
-
-<p>Die drei Gaben der Prinzen Ali, Achmed und Hussein scheinen nach
-deren Ableben in Hunderttausenden von Exemplaren auf die gesammte
-Autorenwelt übergegangen zu sein. Ein Verfasser bittet seinen Leser,
-einen Augenblick neben ihm auf dem überall hin versetzenden Teppich
-Platz zu nehmen und führt ihn, zwischen Ende und Anfang zweier Zeilen,
-ohne Erschütterung und Paßplackerei von Moskau nach Lissabon. &mdash; Er
-hält ihm das Sehrohr vor’s Auge, und der leichte Bettvorhang wie die
-eisenbeschlagene Kerkerthür werden zu Solinglas. &mdash; Er vermag aber auch
-mit dem Alles heilenden Apfel jede Wunde zu schließen, die er nicht
-selbst als tödtlich bezeichnet, jede Krankheit zu heilen, so lange ein
-Funken Leben glimmt. &mdash; Um so leichter,<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> wenn das Uebel so wenig wie
-das Klotildens ein solches ist, welches die Aerzte einen „schönen Fall“
-nennen.</p>
-
-<p>Günther sah noch während der Fahrt ihre Besserung auf’s Bedenklichste
-fortschreiten, und fürchtete bis zum letzten Augenblick, seine
-Anstellung gekündigt und sie weiterreisen zu sehen.</p>
-
-<p>Doch fügte sie sich, wie gesagt, seinen Gründen, und wir sehen Beide
-die Treppe des einzigen eleganten Hotels der Stadt hinaufsteigen
-und in ein Zimmer treten. Klotilde ertheilte dem sie begleitenden
-Stubenmädchen den Befehl, das Zimmer nicht zu verlassen, &mdash; auch
-nicht einen Augenblick, &mdash; warf sich auf das Ruhebett, beseitigte ein
-Paar allzu lästige Paragrafe im Preßgesetz ihrer Toilette und bat den
-Doktor, sein freundliches Versprechen zu erfüllen und das Pulver zu
-<span class="nowrap">holen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Günther empfahl sich somit, besorgte das Geschäft, um dessenwillen er
-eigentlich nach Treustadt gefahren, ließ sich auf dem Rückwege ein
-Katarrhpulver geben, und präsentirte es Klotilden, welche ihn mit der
-lebhaftesten Freundlichkeit und allen Zeichen des wiedergekehrten
-Wohlbefindens empfing.</p>
-
-<p>Sie wußte das über hundert Dinge hingleitende Gespräch auf die
-ungezwungenste Weise so zu leiten, daß Günther dem, was er unter dem
-huma<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span>nistischen Theil der Praxis verstand, in einer Stunde nicht näher
-gerückt war als im Waggon.</p>
-
-<p>Dazu das unvermeidliche Mädchen! Er hatte die Zollschranken ihrer Ohren
-zu umfahren versucht, indem er französisch zu sprechen begann: Klotilde
-gab, im besten Französisch, den Bescheid, daß die Unterhaltung deutsch
-weitergeführt werde.</p>
-
-<p>Er mußte für den Augenblick die Segel streichen. Es lag bis zum
-Abendtrain noch manche Stunde vor ihm. Wenn sich die Situazion bis
-Mittag nicht klärte, war er entschlossen, sich zu einem Patienten rufen
-zu lassen und zurückzureisen. Doch hatte er nebst dem Abenteuer etwas
-Anderes im Auge; &mdash; es war nicht unmöglich, dasselbe mit Arnold’s
-Angelegenheit in Zusammenhang zu <span class="nowrap">bringen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Nun sprach Klotilde abseits mit dem Mädchen, welches sich zwar
-entfernte, aber sogleich wiederkam, und bald darauf erschien
-ein elegantes Gabelfrühstück, und sie lud mit allem Aplomb der
-anständigsten Frau vom Hause den freundlichen Arzt ein, ihr Gast zu
-sein. Günther machte einige medizinische Einwendungen, sie erklärte
-sich jedoch für ganz hergestellt. &mdash; Er nahm die Einladung an, überließ
-sich seiner ganzen natürlichen Laune, und Klotilde ging während
-des Dejeuners auf manche Wendungen ein, denen sie früher mit jener
-Sicherheit aus<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span>gewichen, welche nur die Vertrautheit mit dem Ziele
-aller Wendungen verleiht. Kaum war aber das Konfekt verzehrt und der
-letzte Tropfen des schäumenden Weines geleert, so sprang sie auf,
-befahl dem Aufwärter, Jemanden mit der Handtasche um die Stunde des
-Abendtrains nach dem Bahnhof zu schicken, und ersuchte Günther, sie
-nach dem &mdash; <em class="gesperrt">Park</em> zu <span class="nowrap">begleiten. &mdash;</span></p>
-
-<p>Es war nun hohe Zeit, an die Lösung des Komödienknotens zu denken;
-Günther war, indem er ihn geschürzt, einer jener tollen Impressionen
-gefolgt, denen er sich in dem Bewußtsein überließ, jederzeit im
-rechten Moment den Rückzug zu finden. Er konnte jeden Augenblick mit
-Klotilde in der Residenz zusammentreffen, und seine Usurpazion des
-Doktorhutes wurde, wenn er die Sache auf sich beruhen ließ, zu einer
-mit seinem Karakter so wenig als mit seiner Stellung zu vereinbarenden
-Polissonnerie. Er hatte die Sache so weit getrieben, daß Klotilde
-empört sein, oder scheinen mußte, wenn sie sich aller Dinge erinnerte,
-die sie dem Frauenarzte mitgetheilt. Er mußte <em class="gesperrt">ihr</em> also einen
-Rückzug lassen, und zweifelte nach den Proben von Verstand, die sie
-gezeigt, nicht, daß sie ihn benützen werde.</p>
-
-<p>Im Park angelangt, bog er in die nächste beste Kastanienallee ein und
-begann: „Nachdem ich<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> Ihnen so wahrhaft vergnügte Stunden verdanke,
-erlauben Sie mir nun eine sehr ernste Frage, zu der mich die wahrste
-Theilnahme drängt. Haben Sie Hoffnung, daß das Schicksal Ihres
-geliebten, unglücklichen Gatten bald eine andere Wendung nehme?“</p>
-
-<p>Klotilde trat einen Schritt zurück und sah ihn sprachlos an.</p>
-
-<p>„Sie stellen sich erstaunt, daß ich Sie kenne. Allein so geistreich,
-so liebenswürdig, so unnachahmlich Sie auch vom ersten Moment an Ihr
-Spiel gespielt haben, so hat mir doch <em class="gesperrt">Ein</em> unbewachter Moment
-verrathen, daß Sie mich so gut gekannt, als ich Sie. Sie haben mein
-Pulver nicht genommen, und von da an wußte ich, daß Sie meine Intrigue,
-zu der mich <em class="gesperrt">Etwas</em> bewog, was ich Ihnen nun nicht gestehen darf,
-durchschaut. &mdash; Als eine Persönlichkeit, welche die halbe Residenz
-kennt, hätte ich auch nicht auf ein Inkognito rechnen sollen. Sie aber
-haben die Rolle, mich wirklich für das zu halten was ich sagte, mit der
-vollendetsten Grazie gespielt!“</p>
-
-<p>Die Sortie war nicht viel feiner, oder noch viel <em class="gesperrt">weniger</em> fein
-als der Knoten. Aber Klotilde erwiderte das Einfachste und Beste:</p>
-
-<p>„Alle Täuschungen zugegeben, so ist ja noch<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> die <em class="gesperrt">Frage, wer</em>
-von uns Beiden heute <em class="gesperrt">unangenehmer getäuscht</em> wurde, ich oder
-<span class="nowrap"><em class="gesperrt">Sie</em>?“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Entscheidend für Klotilde waren Günther’s Worte gewesen: „Eine
-Persönlichkeit, welche die halbe Residenz kennt.“ &mdash; Wer war der Mann?
-Eine Celebrität jedenfalls; genug für sie, um nachsichtig zu sein.
-Der größte Milderungsgrund lag aber jedenfalls darin, &mdash; daß er ihr
-ausnehmend gut gefallen hatte.</p>
-
-<p>Die Versöhnung war wider Erwarten schnell und vollständig. Er brachte
-nun, nachdem sie unter vielen Seufzern von ihrem Manne erzählt, das
-Gespräch auf Kollmann und erfuhr, daß sie diesen bei dem Advokaten, der
-Zeltner vertheidigte, kennen gelernt, und von ihm nach seiner Besitzung
-geladen worden. Julie nannte sie das liebenswürdigste Geschöpf unter
-der Sonne, und ließ durchschimmern, daß sie sie für unglücklich halte.</p>
-
-<p>„Ich habe von Kollmann eine schlechte Meinung, sagte Günther. &mdash;
-Vielleicht wäre das Paar glücklicher, wenn sie Kinder hätten?“</p>
-
-<p>&mdash; „Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Uebrigens werden sie nie welche
-haben, wie ich die Verhältnisse im Freinhof kenne.“</p>
-
-<p>&mdash; „Im Freinhof? sagte Günther mit einem seiner schändlichsten
-Gesichter &mdash; also lokale Ursa<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>chen? Sollen da eigenthümliche
-geognostische Verhältnisse einwirken?“</p>
-
-<p>&mdash; „Können Sie denn nicht einen Augenblick honett und ordentlich
-sprechen?“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich will es versuchen, auf die Gefahr hin Ihnen dadurch zu
-mißfallen. Haben Sie für Ihre Vermuthung des Aussterbens der Dinastie
-Kollmann kein faßlicheres Gewand?“</p>
-
-<p>&mdash; „Wenn Sie nicht den abscheulichen Betrug gespielt hätten, und
-wirklich das wären, wofür Sie sich ausgaben, so würde ich Ihnen
-<em class="gesperrt">mehr</em> sagen. Es genüge Ihnen, daß ich als Frau meine Vermuthungen
-habe. Ich glaube, daß keine bestehenden Verhältnisse, sondern eben
-<em class="gesperrt">nicht</em> bestehende Verhältnisse daran Schuld sind, und jetzt
-halten Sie Ihren gottlosen Mund.“</p>
-
-<p>&mdash; „Nur Einen Versuch erlauben Sie mir, Sie zu übertreffen! Sollte
-Kollmann, den ich vor der Welt für ein schlechtes Subjekt halte, im
-Geheimen ein so edler Mensch sein, <em class="gesperrt">daß</em> <span class="nowrap">er“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Klotilde schlug ihn nun wirklich mit ihrer hübschen weißen Hand auf den
-Mund und rief: „Was zu viel, ist zu viel!“</p>
-
-<p>&mdash; „Verzeihung! ich wußte nicht, daß Sie über Kollmann nichts
-Unangenehmes hören wollen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; „So viel Sie wollen; <em class="gesperrt">ich</em> habe mich nicht über ihn zu
-beklagen, aber ich glaube, er handelt gegen Julie ganz schlecht.“</p>
-
-<p>&mdash; „Das glauben Viele; wenn er schlecht ist, ist er aber gewiß eben so
-klug.“</p>
-
-<p>&mdash; „Nach dem, was er schon durchgesetzt, gewiß. Vor drei Jahren hat er
-als kleiner Fabrikant angefangen, jetzt kauft er eine Besitzung nach
-der andern, hat ein Paar fremde Orden, und vor einigen Tagen erst wurde
-er zum Konsul ernannt, ich weiß nicht, von welchem Großherzog.“</p>
-
-<p>&mdash; „Er hat jedenfalls hohe Verbindungen. Man sagt, sein Hauptprotektor
-sei der Prinz Ernst August.“</p>
-
-<p>&mdash; „Das ist mir neu, und ich bezweifle es, da ich zufällig viele
-Details vom Prinzen weiß.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich sage nur, was die niederträchtige Welt behauptet. Es heißt,
-Kollmann habe Schritte gethan, um zu gewissen Zwecken die Gunst des
-Prinzen zu gewinnen; sie seien nicht ohne Erfolg gewesen, und er
-erwarte den Haupteffekt von der reizenden Persönlichkeit <em class="gesperrt">seiner
-Frau</em>. Sie kennen wahrscheinlich die Empfänglichkeit des Prinzen
-für das rein Schöne, und wenn dieser Coup gelingt, hat Kollmann seine
-Schäfchen im Trocknen.“</p>
-
-<p>Klotilde schwieg. Ein ganzes wildes Heer von Gedanken jagte durch ihren
-Sinn. „Dieses hübsche<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> Projekt, sagte sie endlich, würde jedenfalls
-an dem Umstande scheitern, daß diese Frau nie, nicht um die Welt, in
-irgend etwas willigt, was gegen ihre Begriffe von Ehre ist!“</p>
-
-<p>&mdash; „Das liegt vielleicht gar nicht in Kollmanns Absicht. Die Wirkung
-einer einzigen Entrevue in allen Ehren, die gehobene Stimmung des
-Prinzen, wenn er ein Paar Minuten mit einer reizenden Frau spricht,
-werden wohl hinreichen, einem Anliegen den Weg zu ebnen.“</p>
-
-<p>Klotilde war nachdenklich und ernst geworden. Günther sah, daß der
-Funke fortglimmte und warf gleichgültig hin: „Das sind lauter <span class="antiqua">on
-dit</span>, Vermuthungen, &mdash; aber daß Kollmann nicht versäumen wird
-diese Mine springen zu lassen, sobald er nur einmal den <em class="gesperrt">Weg</em>
-zum Prinzen gefunden, bezweifle ich nicht. Und den kann man ihm nicht
-versperren!“</p>
-
-<p>&mdash; „Und doch wäre dieß eigentlich eine Pflicht gegen die arme Frau, die
-allein darunter zu leiden haben wird.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ja wohl, aber wer kann das! Wer vermöchte dem Prinzen die Augen
-darüber zu öffnen, was dieser Kollmann für ein Subjekt, wenn die Augen
-einmal geblendet sind? &mdash; vielleicht <em class="gesperrt">vorher</em>!“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Günther lenkte nun das Gespräch auf<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> andere Gegenstände. Er hatte
-mit Klotilde in einem kleinen Kiosk Platz genommen &mdash; die Sonne ging
-unter, die Stunde des Abendtrains war nahe.</p>
-
-<p>Sie gingen durch die dunkle Allee zurück, &mdash; zu dunkel, um sammt
-unserem Sehrohre entscheiden zu können, ob der Händedruck, mit dem sie
-später im beleuchteten Bahnhofe Abschied nahmen, das <em class="gesperrt">einzige</em>
-Pfand des Wiedersehens <span class="nowrap">gewesen. &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Günther verglich auf der Rückfahrt unwillkürlich seine heutigen
-Erlebnisse mit dem Besuch beim Professor, wo er mit aller Berechnung
-zu Werke gegangen und eine völlige Niederlage erlitten. Heute war
-er, kaum mit einer Ahnung die Angelegenheit Arnolds hineinflechten
-zu können, auf ein improvisirtes Abenteuer ausgegangen, und hatte
-<em class="gesperrt">vielleicht</em> Etwas für ihn gewirkt.</p>
-
-<p>Er versprach sich jedoch nicht viel von Klotildens Dazwischenkunft, da
-er von einer irrigen Voraussetzung ausging.</p>
-
-<p>Er glaubte sie reise nach der Hafenstadt, um ein verlornes Kronland
-<em class="gesperrt">wieder</em> zu erobern. Sie reiste aber hin, um sich, nach gehörigem
-Widerstand, erst erobern zu lassen.</p>
-
-<p>Wie der Zufall Günther immer zu den prägnanten Momenten führte, &mdash; zu
-einer Feuersbrunst, wenn sie ausbrach, &mdash; während Andere regelmäßig<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span>
-mit der landesfürstlichen Spritze, das heißt zum Verlöschen eintreffen,
-&mdash; so war er allerdings in dem Augenblicke aus dem Theater getreten,
-wo der Adjutant des Prinzen dem Wagen Klotildens nachfuhr. &mdash; Aber der
-Prinz hatte sich von der Loge herab in derselben Weise verrechnet, wie
-Günther im Waggon. Sie war größer in ihrem genre, als die Leichtigkeit
-der <em class="gesperrt">ersten</em> Annäherung vermuthen ließ. &mdash; Beide erriethen
-sogleich die Serie, irrten sich aber in der <span class="nowrap">Nummer. &mdash;</span></p>
-
-<p>Sie hatte, früh verwaist, durch den Vormund in einer Pension
-untergebracht, diese verlassen, um in ein gräfliches Haus zu treten,
-als Gesellschafterin der beiden Komtessen, nicht aber des jungen
-Grafen, was dieser zu glauben schien. Das Ende der alten, immer neuen
-Geschichte, die dießmal kein Herz entzwei brach, sondern nur ein
-Paar Schwüre und ehrgeizige Hoffnungen, war, daß Klotilde den jungen
-Korrepetitor des Grafen, Zeltner, heiratete, welcher von der Familie im
-Kriegsministerium untergebracht wurde.</p>
-
-<p>Dieß war der auf losem Wellsande aufgeführte Unterbau ihrer
-moralischen und materiellen Existenz. Letztere ward durch Zeltners
-Prozeß untergraben, durch die Erbschaft eines „Onkels in Köln“ wieder
-aufgebaut. &mdash; Als aber ihre späteren Beziehungen zum<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> Grafen Greuth
-bekannt wurden, fand sie sich von der guten Gesellschaft, worin sie
-früher gelebt, ausgeschlossen, und somit isolirt. Mit der eigentlichen
-<span class="antiqua">demi-monde</span> ging sie nicht um. Sie ging ihren eignen Weg, &mdash;
-stand und fiel für sich allein.</p>
-
-<p>In Folge des politischen Prozesses Zeltners und der zweimal
-erfahrnen gräflichen Treulosigkeit hatte sich ein Gewirr von
-roth-republikanischen Ideen in ihr gebildet: prinzipiell guillotinirte
-sie Alles vom Baron aufwärts, trennte aber wie ein Staatsmann
-das <em class="gesperrt">Prinzip</em> von den <em class="gesperrt">Personen</em>. Ein praktischeres
-Resultat für sie war die Besonnenheit, mit der sie nun die
-angeborne Leidenschaftlichkeit zu bändigen verstand, &mdash; in Folge
-welcher Besonnenheit sich das Verhältniß zum Prinzen noch in einem
-zukunftsreichen ersten Stadium befand.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">* &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; *<br />
-*</p>
-
-<p>Günther konnte sich zwar nicht sagen, daß seine heutige Thätigkeit für
-den Freund, wenn sie ersprießlich war, mit großer <em class="gesperrt">Aufopferung</em>
-verbunden gewesen, fand aber darin keine Ursache unzufrieden zu sein.</p>
-
-<p>Es freut uns, ihn auf seiner Rohrbank sitzen und einmal einen Abend
-<em class="gesperrt">ruhen</em> zu sehen. Er hat in den letzten Tagen nicht gelebt wie
-Einer, bei dem<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> erst vor drei Wochen der Tod, zwar nur mit einem ganz
-leichten, unscheinbaren Hustenanfalle angeklopft, aber dabei, wie schon
-mehrere Male, eine mit blutiger Frakturschrift geschriebene Visitkarte
-abgegeben hatte.</p>
-
-<p>Die Fensterläden schließen glücklicherweise fest genug gegen die
-Steine, welche eine höchst achtbare fromme Schar durch das Efeugewinde
-auf ihn schleudern möchte, weil ihm die herübergewehten präludirenden
-Töne der Weltgerichtsposaune nicht wie ein <span class="antiqua">Memento mori</span> klingen,
-sondern wie ein <span class="antiqua">Memento vivere</span>! &mdash; Und schlügen sie auch durchs
-Fenster, so prallen sie am breiten festen Schirm eines Gewissens ab, in
-welches dreiunddreißig Jahre nicht Eine Handlung gegraben, welche der
-unverfälschte Urtext des Gesetzbuches der Pflicht und Ehre verurtheilt
-hätte.</p>
-
-<p>Wenn in der Gallerie seiner Erinnerungen viele reizende, vor den Augen
-der Moralisten nicht Gnade findende Bilder hingen, so war dieß immer
-besser als die Gallerie der meisten Moralisten selbst, in deren dem
-Publikum geöffneten Sälen zwar lauter Kreuzigungen und Himmelfahrten
-hängen, &mdash; in einem Kabinet zum Privatgebrauch aber meistens <em class="gesperrt">Ein</em>
-Stück &mdash; &mdash; worüber das Pergament der daneben liegenden Bibel erröthet.</p>
-
-<p>Vielleicht war aber, <em class="gesperrt">ganz</em> abgesehen von der sündhaft angenehmen
-Perspektive, welche das Aben<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span>teuer mit Klotilde eröffnete, der Weg, auf
-dem er für Arnold wirken wollte, ein solcher, von dem dieser gesagt
-hätte „daß ihn kein Korbach geht?“</p>
-
-<p>Wir antworten: nicht vielleicht, sondern <em class="gesperrt">gewiß</em>!</p>
-
-<p>Aber die zehn Jahre, um die er länger in die Welt gesehen, haben
-ihm die Illusion genommen, daß die Zwecke der Schlechten mit lauter
-turniergemäßen Waffen bekämpft werden können. &mdash; Und wenn der alte,
-große Mephisto ins Proscenium tritt und „zu dem jüngern Parterre das
-nicht applaudirt,“ sagt: „Bedenkt, der Teufel der ist alt, so werdet
-<em class="gesperrt">alt</em>, ihn zu <em class="gesperrt">verstehen</em>!“ &mdash; so darf wohl unser guter
-Taschenteufel, der nur das Beste will, seinem jungen Freunde zurufen:
-„Werde um zehn Jahre älter, und du wirst verstehen, daß man einen
-Marder, Iltis, oder Kollmann nicht mit Edelfalken jagt, sondern in
-Fallen fängt, &mdash; wenn man kann.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Ein_thaetiger_Freund"><em class="gesperrt">Ein
-thätiger Freund</em>.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wer ist es, der an dem Schicksale eines Menschen theilzunehmen vermag,
-ohne durch Bande des Blutes oder der Freundschaft an ihn gefesselt
-zu sein? ohne Wohlthaten von ihm empfangen, ohne ihm welche erwiesen
-zu haben? &mdash; der mit inniger Sorgfalt der Quelle seiner Freuden und
-Schmerzen nachforscht, bis er sie aufgefunden, &mdash; seinen Gedanken
-folgt und ihrer Entwicklung bis zur That? &mdash; unermüdet lauscht auf
-jede Regung seiner Wünsche &mdash; auf seinen Schritt in Licht und Dunkel,
-&mdash; und, ohne Dank oder Lohn von ihm zu hoffen, das treue Auge auf ihn
-heftet, das ihn begleitet über Land und Meer &mdash; &mdash;?</p>
-
-<p>Wir können es Niemandem verdenken, wenn er meint, es sei die Vorsehung
-oder etwas Aehnliches. &mdash; Es ist aber die <span class="nowrap"><em class="gesperrt">Polizei</em>. &mdash;</span></p>
-
-<p>Wenn es uns gelungen sein sollte, einen Leser für die Persönlichkeit
-Kollmann’s zu interessiren, &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> wenn die Familie Korbach &mdash; Günther
-&mdash; Baron Sembrick und noch eine Anzahl Männer und Frauen, im
-verschiedensten Sinne an ihm Antheil nehmen, so können wir versichern,
-daß er, wenn gleich in anderer Richtung, in eben so hohem Grade das
-Interesse eines Mannes erregt hat, welcher weder sein Freund noch
-Feind, noch Verwandter ist, und dennoch nicht ablassen kann, seiner zu
-gedenken.</p>
-
-<p>Es ist dieses der Polizeikommissär Lipprecht, &mdash; dessen Erscheinung
-alle herkömmlichen, eingeteufelten Polizei-Schablonen vollkommen Lügen
-straft. &mdash; Es läßt sich kaum etwas Gemüthlicheres denken als das
-dicke, glänzende, tadellos rasirte Gesicht dieses Mannes, an welchem
-Alles lacht &mdash; von der gespannten spiegelglatten Stirnhaut bis zu den
-Grübchen in den Wangen und dem fetten Kinn, &mdash; ja bis zu den runden,
-schneeweißen kurzfingerigen <span class="nowrap">Händen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Merkwürdigerweise weicht dieses wohlwollende Lächeln gerade im Dienste
-nie von ihm. &mdash; Er ist da am heitersten; &mdash; wie ein Kavalleriepferd,
-das die Trompete hört, ganz Feuer und Leben, mit dem <em class="gesperrt">Herzen</em>
-Polizeimann. &mdash; In guter Gesellschaft spielt er sich häufig auf
-den Mann hinaus, der das Gehässige seines Berufes fühlt und wird
-manchmal fast wehmüthig über die schmerzliche Pflicht, einigen seiner
-Mitgeschöpfe zu <span class="nowrap">schaden. &mdash;</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span></p>
-
-<p>Seine außerordentlichen Leistungen bei Entdeckung zweier geheimer
-Etablissements, deren eines sich mit Vervielfältigung von Banknoten,
-das andere mit Vorarbeiten zur gewaltsamen Umgestaltung der
-Regierungsform beschäftigte, hatten seinen Ruf festgestellt. Wenn man
-einen Zeitungsbericht über eine „schauderhafte That“ las, der mit den
-Worten schloß: „Leider ist es den Bemühungen der Behörden noch nicht
-gelungen, den Schuldigen <span class="nowrap">u. s. w.“</span> &mdash; so sagte Jeder: „Hätten sie es
-lieber gleich dem Lipprecht gegeben.“</p>
-
-<p>Er war für sein Fach geboren; &mdash; Natur-Polizeikommissär. &mdash; Sein
-politisches Prinzip betreffend, würde er der Republik ganz so gern
-und gut gegen dinastische Umtriebe gedient haben, als er der Dinastie
-gegen demokratische diente. Näher lag ihm die Idee vom Schutze der
-Gesellschaft, aber die <em class="gesperrt">eigentliche</em> Triebfeder war reines
-Jagdvergnügen, und mit dem Augenblicke, wo er des Wildes habhaft, war
-auch sein Interesse dafür erloschen. Solche, die ihn genau kannten,
-behaupteten, er wäre der Mann, der &mdash; wenn er vor Entdeckung sicher
-wäre &mdash; allenfalls einen Spitzbuben entspringen und ihm einen Vorsprung
-bis Hamburg ließe, um wieder von vorn anzufangen.</p>
-
-<p>Da er so oft von den peinlichen Pflichten sei<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span>nes Standes gesprochen
-hatte, gerieth er in einige Verlegenheit, als er eine sehr bedeutende
-Erbschaft machte, und nun gefragt wurde, ob er denn nicht den
-unangenehmen Dienst quittire? Er fand jedoch, daß sich in seiner
-Stellung so zahllose Gelegenheiten darboten, Gutes zu wirken, &mdash;
-humane Zwecke zu verfolgen, daß es Pflicht sei zu bleiben. Seine
-Uneigennützigkeit ging so weit, daß er in wichtigen Fällen, wo ihm
-die knickernde Behörde nicht die nach seiner Ansicht ausreichenden
-Mittel zur Verfügung stellte, wohl auch eine Reise oder die Belohnungen
-selbstgewählter Organe aus seinem Eigenen bestritt.</p>
-
-<p>Seine Chefs schätzten seine Leistungen, ohne ihn zu lieben. Wenn man
-schon, mit einer wirklich unverschämten Ironie, irgend ein Gefühl im
-büreaukratischen Verkehre mit dem Ausdruck „lieben“ bezeichnen will, so
-hatte er sich dasselbe durch seine Selbstständigkeit und Unlenksamkeit
-verscherzt. &mdash; Immer freundlich und immer lächelnd, that er Nichts
-als was er für zweckmäßig hielt, kümmerte sich um keine Instrukzion
-und pflegte nachträglich in Form einer Entschuldigung auf eine für
-die höhere und folglich unfehlbare Instanz höchst unverdauliche Art
-nachzuweisen, daß, <em class="gesperrt">wenn</em> er nach der Instrukzion gehandelt hätte,
-die ganze Sache fehlschlagen mußte. Auch mißbilligte man seinen losen
-Mund über die siechen öffentlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> Zustände und über die Taubheit
-gegen Reformvorschläge an maßgebender Stelle. &mdash; Er schimpfte wie ein
-<span class="antiqua">agent-provocateur</span>, ohne es jemals zu sein. Solche polizeiliche
-Schülerarbeit lag tief unter <span class="nowrap">ihm. &mdash;</span></p>
-
-<p>Eben hatte er eine glänzende Aufgabe gelöst und zur Verzweiflung der
-hohen Gesellschaft einen ihr angehörenden bisher undurchdringlichen
-Schurken aus dem Salon ins Zuchthaus befördert. Es war eine schwere und
-lange Arbeit gewesen, er glaubte der Erholung und einiger Zerstreuung
-zu bedürfen und folgte um so lieber einer Einladung Günthers zu einem
-Champagner-Souper <span class="antiqua">tête-à-tête</span>, von welchem er eben in der
-rosenfarbensten Laune nach Hause kommt.</p>
-
-<p>Allein die Gedanken an Ruhe sind bereits verflogen. Günther hat ihm
-den, übrigens nie von ihm vergessenen Namen Kollmann frisch ins
-Gedächtniß gerufen.. der Name raucht und leuchtet wie Fosfor in seinem
-Kopf!</p>
-
-<p>Er hat seine Lampe angezündet, läuft oder rollt vielmehr pfeifend in
-seinem Zimmer auf und nieder, &mdash; bleibt vor seinem Sekretär stehen,
-&mdash; zieht ein Lädchen und aus diesem ein Packet Schriften heraus
-und blättert darin mit einem Behagen, wie ein Don Juan in alten
-<span class="nowrap">Liebesbriefen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Das erste Dokument ist fast drei Jahre <span class="nowrap">alt. &mdash;</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span></p>
-
-<p>Damals war es buchstäblich nichts als das <em class="gesperrt">Gesicht</em> Kollmanns,
-welches seine Aufmerksamkeit erweckt hatte. Was ihn eigentlich,
-abgesehen von den wirklich unheimlichen Augen, so polizeilich
-simpathisch berührte, darüber vermochte er sich nicht Rechenschaft zu
-geben. Eine hohe Stirn mit einer tiefen Falte, &mdash; der Mund, der nichts
-als ein farbloser, feiner Querschnitt im bleichen langen Gesichte war,
-das durch den spitzen Kinnbart noch um zwei Zoll verlängert wurde, &mdash;
-alles das kam an Tausenden vor. Allein er hatte bei seinem Anblick
-Etwas in sich „rege werden“ gefühlt, ein gewisses prickelndes Behagen,
-welches ihn niemals getäuscht.</p>
-
-<p>Er erkundigte sich auf eigene Hand, da die Behörde sich auf
-fisiognomische Inzichten und seine Impressionen nicht einließ, und
-schrieb, nachdem er erfahren, daß Kollmanns Paß von Trautenfeld
-datire, an einen dortigen Unterbeamten. Von diesem erhielt er den oben
-erwähnten Brief, den er zwar auswendig wußte, aber nun aufmerksam
-überlas. Derselbe lautete:</p>
-
-<p>„Euer W. geehrtem Auftrage gehorsamst entsprechend, habe die Ehre zu
-berichten, daß Jakob Kollmann, Civil-Ingenieur und Chemiker, 35 Jahre
-alt, dessen Person-Beschreibung mit der von Ew. W. gegebenen genau
-übereinstimmt, sich auf hiesiger Herr<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span>schaft vier Monate hindurch
-aufgehalten und im Auftrage des Besitzers, Bankiers Freiherrn von
-Sieberg beschäftiget war, Vermessungen, geognostische Untersuchungen
-und Erz-Analysen vorzunehmen.</p>
-
-<p>„Derselbe hat einen ruhigen, arbeitsamen Lebenswandel geführt und in
-keiner Weise Anlaß zu Bedenken gegeben. In Betreff seiner politischen
-Ansichten wäre hervorzuheben, daß er sich im besten Sinne sowol
-gegen die Arbeiter als anderwärts geäußert, auch nach der Euer W.
-bekannten Verhaftung des Oberingenieurs Alberti, mit welchem er auf
-freundschaftlichem Fuße gestanden, sich gegen dessen demokratische
-Umtriebe mit Entrüstung ausgesprochen.</p>
-
-<p>„Kollmann hat hier im Hause eines gewissen Grünschenk, vormaligen
-Besitzers einer Gipsstampfe, gewohnt, welcher, während eines der
-häufigen tagelangen dienstlichen Ausflüge Kollmanns, starb, und
-demselben ein kleines Legat von 1500 Gulden, sein übriges bedeutendes
-Vermögen aber der Gemeinde <span class="nowrap">vermachte. &mdash;</span></p>
-
-<p>„Während seines hiesigen Aufenthalts ist er trotz seiner höheren
-Bildung nicht mit den Honorazioren, sondern meist mit gemeinen Leuten
-umgegangen. Im Ganzen war er ernst und schweigsam und äußerte nur
-lebhafte Freude über das Legat, das ihm seinen Lieblingswunsch erfülle,
-reisen zu können, wie er denn<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> auch kurze Zeit nach dem Ableben des
-Grünschenk Trautenberg verlassen hat. Womit ich die Ehre habe <span class="nowrap">u. s. w.“</span></p>
-
-<p>Ein zweites Schreiben, aus <em class="gesperrt">Genf</em>, bestätigt, „daß Kollmann
-daselbst, bald nach seiner Ankunft, die Bekanntschaft eines Fräuleins
-Julie Brito gemacht, welche, väterlicherseits verwaist, mit ihrer
-Mutter daselbst trotz ihrer notorisch sehr günstigen Vermögensumstände
-einfach und zurückgezogen lebte. Bei Kollmanns Ankunft sei die Mutter
-bereits auf den Tod erkrankt gewesen und habe die Trauung ihrer Tochter
-mit ihm nur um zwei Tage überlebt. Das Vermögen sei wahrscheinlich in
-seine Hände <span class="nowrap">übergegangen.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Der Aufwand Kollmanns bei seiner Ankunft mit der jungen Frau in der
-Residenz, so wie der Ankauf einer Chemischen-Produkten-Fabrik war
-hierdurch allerdings erklärt. Das dritte Schriftstück jedoch ist es,
-welches dem gemüthlichen Kommissär bisher das meiste Behagen und
-zugleich das größte Herzeleid <span class="nowrap">bereitete. &mdash;</span></p>
-
-<p>Er hatte die Orte in Erfahrung gebracht, welche Kollmann auf seiner
-Reise berührt, und aus <em class="gesperrt">Mannheim</em> die Nachricht erhalten, „daß
-er daselbst einige Tage in einem Hotel gewohnt und mit einem Fremden
-lange Unterredungen gehabt, welchen man<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> seines als gefälscht erkannten
-Passes halber verhaften wollte, jedoch um einige Stunden zu spät kam.
-Die Behörde habe die Ueberzeugung, daß der Fremde kein Anderer gewesen
-als Wangerode, das bekannte Haupt der deutschen Emigrazion in London.“</p>
-
-<p>Der Chef, welchem Lipprecht, mit seinen frühern Bedenken gegen Kollmann
-abgefertigt, dieses Schreiben mit vieler Befriedigung vorgehalten, war
-aufmerksam geworden, und hatte die Korrespondenz, welche dieser zu
-seinem Privatvergnügen eröffnet hatte, offiziell fortsetzen lassen. Es
-ergab sich jedoch, daß man Kollmann so wenig verpflichten konnte, den
-Fremden als <em class="gesperrt">Wangerode</em> gekannt zu haben, als ihn die Mannheimer
-Polizei als solchen, wenigstens zur rechten Zeit, erkannt hatte; und da
-derselbe inzwischen festen Fuß im Lande gefaßt und hohe Protekzionen
-gewonnen hatte, so war Lipprecht angedeutet worden, daß man es
-anerkennen werde, wenn es ihm gelinge, in demselben einen Konspirator
-zu fangen, daß aber die Polizei keinen Grund sehe, auf ihn als solchen
-Jagd zu <span class="nowrap">machen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Lipprecht zog sich nun zurück, keineswegs gekränkt, sondern lachend
-über die Bornirtheit, welche da nicht einmal Keime sah, wo nach seinem
-Gefühle schon eine reife Frucht abzuschütteln war, und bedauerte, daß
-man diesem Gefühl nicht mehr traute,<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> als den gedankenlosen Zuschriften
-von Agenten, welche nur mit den äußern Sinnen wahrnehmen.</p>
-
-<p>Sein polizeiliches Herz hatte einmal laut gesprochen und sagte:
-die ganze industrielle Thätigkeit und die ehrgeizigen Bestrebungen
-Kollmanns sind der Deckmantel seiner politischen Rolle. Irgend ein
-kleines ordinäres Kriminalstückchen mochte mit im Spiele sein, aber für
-ihn war der Mann vor Allem <em class="gesperrt">Emissär</em> im <em class="gesperrt">großen Stile</em>, und
-davon brachte ihn kein Verkehr desselben mit hochgestellten Leuten,
-kein Orden, kein Konsulsposten <span class="nowrap">ab. &mdash;</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sein</em> Standpunkt bei Beurtheilung eines Revoluzionärs, <em class="gesperrt">seine
-Auffassung</em> dieses Wortes verdienen ein näheres Eingehen.</p>
-
-<p>Sie waren von jener des Polizeichefs verschieden. Dieser erkannte
-in Kollmanns Handlungen durchaus keine umstürzende Tendenz, keines
-von jenen Elementen, welche das Dikzionnär der Sicherheitsbehörde
-als staatsgefährliche Umtriebe bezeichnet. Auf einer gewissen Höhe,
-verbunden mit einer gewissen Beschränktheit der Ansicht, unterscheidet
-das Auge nur <em class="gesperrt">einen</em> Feind des herrschenden Prinzips, nämlich den
-der es angreift, der ihm <em class="gesperrt">gegenübersteht</em>.</p>
-
-<p>Wenn aber ein reicher Mann durch gewisse Leidenschaften, seien es
-theure Raritäten, Rennpferde<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> der Tänzerinnen <span class="nowrap">u. s. w.</span> in seinen
-Vermögensumständen zerrüttet worden, so ist nicht der Dieb, der den
-Rest seiner Kasse stiehlt, oder der Räuber, der sie ihm mit der
-Pistole abfordert, <em class="gesperrt">allein</em> der „Umsturzmann“ seines Vermögens,
-sondern auch <em class="gesperrt">Jener</em>, der ihm die mit frischen Transporten
-englischer Pferde ankommenden Händler, die Raritäten-Trödler ins Haus
-schickt, oder ihn hinter die Kulissen führt, und die Reize der theuern
-Lieblingsobjekte anpreist. &mdash; Der arme reiche Mann wird ihn nicht als
-seinen Feind erkennen, wohl aber sein Kammerdiener, &mdash; Stallknecht, &mdash;
-<em class="gesperrt">Jeder</em> außer <span class="nowrap">ihm. &mdash;</span></p>
-
-<p>So auch im <span class="nowrap">Staate. &mdash;</span></p>
-
-<p>Ist das gesunde Gleichgewicht gestört, thront ein falsches schädliches
-Prinzip auf der herrschenden Höhe, sei es die Diktatur des Säbels, &mdash;
-des Krummstabes, &mdash; der Feder &mdash; oder des Geldsackes, so ist Derjenige,
-der das Prinzip bestärkt, reizt, auf seine äußerste Spitze treibt, ein
-so entschiedener Feind des Bestehenden, &mdash; nur der herrschenden Gewalt
-nicht erkennbar, &mdash; als der Barrikadenerbauer. &mdash; Der Teufel ruft
-„nur zugestoßen! ich parire.“ Und die Staatsgewalt freut sich eines
-hingestreckten Gegners &mdash; es fällt ihr nicht im Schlafe ein, daß der
-Teufel gerufen: sie hält es für die Stimme des <span class="nowrap">Landespatrons. &mdash;</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span></p>
-
-<p>Lipprecht nannte dieß die Partei des „<em class="gesperrt">Nur so fort!</em>“</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wer</em> soll sie erkennen? der General? dem sie zurufen: „Dein Säbel
-hat den Thron gerettet! Dein Stand ist der erste, der einzige, &mdash; alle
-andern sind daneben nur Professionen!“ &mdash; Oder der Geistliche? dem
-sie zuflüstern von der Kanzel herab zu predigen: „Ihr habt im letzten
-Feldzuge nicht gesiegt, weil Ketzer in Euern Reihen fochten!“ &mdash; Soll
-<em class="gesperrt">er</em> es fühlen, daß er die Sache der jubelnden Partei des „Nur
-so fort“ so warm und kräftig fördert, wie es kaum einer derselben
-vermöchte, wenn er <em class="gesperrt">selbst</em> die Kanzel bestiege? &mdash; Und so Jeder
-der <span class="nowrap">Andern! &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Wer vor Lipprechts Ohren, oder vor den noch so viele Meilen entfernten
-seiner Getreuen, mit Leidenschaft für den Bestand der Militärherrschaft
-sprach, für Durchführung der übergreifenden kirchlichen Tendenzen,
-&mdash; für eiserne Gewalt den Forderungen der Zeit gegenüber, &mdash; für
-Centralisazion den berechtigten provinziellen Wünschen zum Trotz, der
-war ihm, ohne Unterschied der Stellung, sofort verdächtig als Einer von
-jener Partei, &mdash; vorausgesetzt, daß er ihn als intelligent, als begabt
-erkannt hatte.</p>
-
-<p>Kollmann war für ihn ein Revoluzionär in dieser Bedeutung. Während
-Günther in dessen künstlichem<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> Hineinziehen der kirchlichen Gewalten
-nur einen tiefdurchdachten industriellen Plan sah, hielt der Kommissär
-<em class="gesperrt">alle</em> ihm bekannten Beziehungen Kollmann’s zusammen und fand ihn
-in <em class="gesperrt">lauter</em> Richtungen thätig, wo es galt, einem verwerflichen
-Bestehenden zu schmeicheln, womöglich einen Uebergriff herbeizuführen,
-&mdash; zu Extremen zu treiben.</p>
-
-<p>Daß in einer kleinen, beschränkten, bürgerlichen Sfäre eine solche
-Thätigkeit ein in seinem Verfalle noch immer gewaltiges, über
-unermeßliche Hülfsquellen verfügendes Sistem nicht umstürzen, kaum
-erschüttern werde, war allerdings klar; aber eben so gewiß, daß
-wenn das langsam und sicher tödtende Gift von Vielen, von Hunderten
-ausgestreut wird, der Erfolg kaum ausbleiben <span class="nowrap">könne. &mdash;</span></p>
-
-<p>Dieses „zum Selbstmorde Treiben durch Ueberreizung des Genusses“ konnte
-nach Lipprecht’s Meinung die Devise einer geschlossenen, organisirten
-<em class="gesperrt">Gesellschaft</em> sein, wie es nach den Erfahrungen der Polizei
-seines Landes zwischen den Jahren 1824 und 1830 der Fall gewesen.</p>
-
-<p>&mdash; Er fragte sich, welches Interesse Kollmann, der Industrielle,
-der Besitzende, &mdash; überhaupt an einem Umsturze haben könnte? Allein
-nach seiner Ansicht war der plötzlich reich Gewordene überhaupt kein
-Repräsentant jener Klasse, welche subversiven<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> Tendenzen unzugänglich
-ist, und dann war für Lipprecht nicht erwiesen, <em class="gesperrt">was</em> dem Manne
-eigentlich gehöre. Der große Besitz, dessen Mittelpunkt der Freinhof,
-ließ allerdings auf die Absicht schließen, sich an das Land zu
-fesseln; allein diese Partei wirft im Moment der Krise die Maske ab,
-fraternisirt mit den übrigen Gesinnungsgenossen, und schnappt häufig
-die besten Posten weg. &mdash; Bleibt alles ruhig, so bleiben auch sie im
-unangefochtenen Besitz und produziren fort, wie die Konservativen vom
-reinsten Wasser.</p>
-
-<p>Lipprecht stand mit seiner Auffassung allein. Sein Chef <span class="nowrap">z. B.</span> hätte
-keinen für einen Umsturzmann gehalten, der ihm rieth, die kaum
-aufathmende Presse fester zu knebeln, während der Kommissär sagte:
-„Gerade <em class="gesperrt">die</em> sind die Rechten! entweder unbewußte Revoluzionärs
-aus Bornirtheit, oder bewußte vom <em class="gesperrt">Nur so fort!</em>“</p>
-
-<p>Allein wenn das <em class="gesperrt">Erkennen</em> schwer, war das <em class="gesperrt">Beweisen</em> noch
-weit schwerer.</p>
-
-<p>Die Hoffnung Lipprecht’s war auf <em class="gesperrt">Einen</em> Umstand gegründet.</p>
-
-<p>Da diese Partei verstellten Deserteuren gleicht, welche sich unter eine
-Garnison mischen, sie durch falsche Berichte zu ungeschickten Ausfällen
-reizen, und schließlich dem Feind die Thore öffnen, so muß<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> sie mit
-<em class="gesperrt">diesem</em> in <em class="gesperrt">Verbindung</em> bleiben, &mdash; wäre es auch nur, um
-nicht schließlich, da sie die Uniform der Garnison trägt, mit dieser
-zusammengehauen zu werden.</p>
-
-<p>Der Kommissär nahm mit Recht an, daß <em class="gesperrt">seine</em> Revoluzionärs mit
-der demokratischen <em class="gesperrt">Emigrazion</em>, mit jener thatbereiten Schar, in
-<em class="gesperrt">Verbindung</em> stehen müssen, welche in dem Momente hervorbricht,
-wo die Bewegung aus den Hörsälen, Lesevereinen, Salons und Gaststuben
-auf die Straße tritt und das schnell zu erbauende und eben so schnell
-umgeworfene Monument der Volkssouveränität aus Pflastersteinen
-errichtet.</p>
-
-<p>Diese Annahme gab Lipprecht die Hoffnung, einen Beweis einer solchen
-Verbindung in die Hand zu bekommen, und wenn die Zusammenkunft
-Kollmann’s mit dem Demokraten Wangerode nicht genügend befunden worden,
-so mochte der Zufall bei verdoppelter Aufmerksamkeit Etwas darbieten,
-was seinen Chef überzeugen konnte, daß bei gewissen Zuständen des
-Staates nicht der, der „schimpft“, ein Verräther, sondern der sich
-Allem anschließt, was die intelligente <em class="gesperrt">Majorität</em> aller Stände
-<em class="gesperrt">laut</em> und <em class="gesperrt">entschieden</em> verdammt hat.</p>
-
-<p>Und <em class="gesperrt">dieß</em> war der Zustand des Landes unserer Begebenheiten. &mdash;
-<em class="gesperrt">Ingrimm</em> im Herzen von Tau<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span>senden seiner tapfern Söhne, die den
-Fahnen gefolgt, über welchen trauernd der verklärte Geist eines großen
-Feldherrn schwebte, &mdash; gefolgt mit unbegrenzter Hingebung, &mdash; und mit
-blutenden, verstümmelten Gliedern heimkehrten, die Todten beneidend,
-die nicht bis zum Ende mit angesehen, wie der Stolz und die Kraft des
-Landes wie ein elendes Spielzeug zum Zerbrechen hingeworfen wurde,
-von der Hand der beispiellosen Unfähigkeit! &mdash; Männer, die, wenn sie
-tausend Leben hätten, sie freudig hinopferten für ihren Kriegsherrn,
-die kein höheres, schöneres Ziel kennen außer dem Siege, als den Tod
-auf dem Schlacht<em class="gesperrt">felde</em>, aber nicht auf der Schlacht<em class="gesperrt">bank</em>,
-auf welche sie mit gebundenen Händen gelegt wurden von den Trägern des
-Sistems, oder besser von Denen, die <em class="gesperrt">vom</em> Sistem emporgetragen
-worden! &mdash; von Jenen, welche wissen, daß die Treue unerschütterlich, &mdash;
-daß sie ein Menschenherz <em class="gesperrt">so</em> zu stählen vermag, daß man mit dem
-Hammer der Willkür darauf einhauen kann!... eher wird der <em class="gesperrt">Hammer</em>
-zerspringen, &mdash; als die <em class="gesperrt">Treue</em>!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Enttäuschung</em> im Herzen der Diener, oder besser, der Herren der
-Kirche, welche mit Palmen und Tedeumklängen einzuziehen gedachten
-in das gelobte Land, das ihnen ein unterzeichnetes Blatt eröffnete,
-wodurch der Monarch seiner Krone einen Stein<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> ausgebrochen um die Tiara
-zu schmücken, &mdash; im frommen Glauben, der Fels, auf welchen Petrus seine
-Kirche baute, könne kein Loreleyfelsen sein, an dem das Staatsschiff
-scheitere! &mdash; Schmerz in den Gemüthern der eigentlichen <em class="gesperrt">Diener</em>
-der Religion, die nun schutzlos anheimgegeben der Willkür der Herren.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Unmuth</em> in der Brust des Bürgers, der sein Kleid zurückgesetzt
-sieht, die Last wachsen fühlt, und dennoch eine größere trüge, und
-gern trüge, wenn auf die alte, ewige Frage: <em class="gesperrt">wozu</em>? auch nur
-<em class="gesperrt">Eine</em> klare Silbe einer Antwort heraufklänge aus dem Abgrunde,
-der seine Steuer verschlingt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Erbitterung</em> und <em class="gesperrt">Sorge</em> im Gemüthe des Beamten, welcher
-unter Organisazion und Reorganisazion und Desorganisazion mit jedem
-Mondeswechsel Grundsätze bekennen und wieder abschwören soll, wie man
-einen Rock wechselt!</p>
-
-<p>Und so fort durch alle Stände, bis hinunter &mdash; &mdash; <span class="nowrap">wohin? &mdash;</span></p>
-
-<p>Was heißt <em class="gesperrt">hinunter</em>? Wer steht „<em class="gesperrt">unten</em>?“</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Bauer</em>? &mdash; Gott bewahre! &mdash; er liefert den Kern der
-<span class="nowrap">Wehrkraft! &mdash;</span></p>
-
-<p>Aber der <em class="gesperrt">Proletarier</em>? &mdash; auch das ist kein rechtes
-„<em class="gesperrt">Unten</em>“ &mdash; allenfalls der Crinoline und dem Glacéhandschuh
-gegenüber; aber nicht im politischen Sinne! Da genießt das Proletariat
-doch die<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> scheue Anerkennung seiner Existenz als hungerige,
-zähnefletschende Masse!</p>
-
-<p>Es gibt noch ein anderes „Hinunter!“</p>
-
-<p>&mdash; Wir sagen noch einmal &mdash; „Und so fort durch alle Stände, bis
-hinunter zum &mdash; &mdash; <em class="gesperrt">Künstler</em>!“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Und das war der Punkt, wo selbst Lipprecht <em class="gesperrt">offener</em>
-Revoluzionär <span class="nowrap">war! &mdash;</span></p>
-
-<p>Nicht als ob der Mann jenen echten, wahren Kunstsinn, jenen
-hochgebildeten Geschmack gehabt hätte, welcher Günther, der selbst
-nur mittelmäßig musizirte und zeichnete, zu einer Autorität machte,
-von welcher die bedeutendsten Künstler der Residenz gern Winke über
-entworfene oder halb vollendete Werke annahmen. Allein dieser, der
-stets einige arme Maler protegirte und seine reichen Bekannten zu
-Bilderankäufen veranlaßte, hatte in dem Kommissär eine Art Kennerschaft
-und Mäcenatenthum hineingeredet, so daß er allen Ernstes seine eigenen
-Ansichten auszusprechen glaubte, wenn er behaglich schmunzelnd jene
-Günther’s vor einem Bilde wiederholte.</p>
-
-<p>&mdash; So hatte er auch dessen Ansicht über die Stellung des Künstlers
-im Vaterlande in sich aufgenommen, oder es bedurfte vielmehr nur des
-Hinlenkens seines hellen Blickes nach dieser Richtung, um ihn mit der
-tiefsten Indignazion zu erfüllen.<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> Er sah, wie nicht nur die <span class="antiqua">haute
-finance</span>, sondern auch die Aristokratie Tausende für das Handwerk
-hinauswarfen, das ihre Salons schmückte, während die Kunst, in den
-Ateliers und den Magazinen der Bilderhändler, vergebens eines Käufers
-harrte, und er schrieb die trostlose Dürre auf diesem Felde dem Mangel
-der belebenden Sonne, des befruchtenden Regens zu, die von <em class="gesperrt">Oben</em>
-herabstrahlen und strömen sollen, &mdash; und im Nachbarlande einen so
-reichen Flor hervorgezaubert; mit einem Worte dem gänzlichen Mangel an
-<em class="gesperrt">Kunstsinn</em> in der <em class="gesperrt">höchsten</em> Region.</p>
-
-<p>Dies war die Anschauung eines wirklichen, aktiven
-<em class="gesperrt">Polizei</em>kommissärs vom Zustande des Landes, und sogar eines der
-besten und brauchbarsten, &mdash; oder vielmehr eben darum.</p>
-
-<p>Heute war er in der frohen Champagnerlaune von dem Steckenpferde seiner
-<em class="gesperrt">politischen</em> Ansicht über Kollmann abgestiegen, und hatte den
-Gegenstand seiner Vorliebe von einer <em class="gesperrt">andern</em> Seite ins Auge
-gefaßt. Günther glaubte den Schleier von dem Gemälde Harkeboom’s
-unter den nun geänderten Verhältnissen etwas lüften zu sollen; der
-<em class="gesperrt">Wetterstein</em> war erwähnt <span class="nowrap">worden. &mdash;</span></p>
-
-<p>Aus den <span class="antiqua">billets-doux</span>, welche der Kommissär nun wieder in ihr
-Behältniß legte, schoß heute ein Gewimmel alter und neuer Fragen, über
-Kollmanns<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> Promenaden im Gebirge, die Zeit, die er nach Grünschenk’s
-Ableben noch in Trautenfeld zugebracht, &mdash; des letzteren Testament,
-Leben und Sterben &mdash; &mdash; ein ganzes Album von ungelösten Rebus, die der
-Auflösung warteten.</p>
-
-<p>Der Gegenstand verdiente und belohnte eine Kunstreise. Er bedurfte,
-wie gesagt, der Erholung, und schwerlich ließ sich ein genußreicherer
-Ausflug ersinnen, als nach Trautenfeld. Hierzu entschlossen, schlief
-er zufrieden ein mit dem Vorsatz, nächsten Tag einen jener häufigen
-Urlaube zu verlangen, welche ihm nie versagt wurden, am wenigsten seit
-er täglich in seinem eleganten Wagen mit zwei schönen Rappen ins Büreau
-gefahren kam und seine Chefs gegen seine Selbstständigkeit milder
-gestimmt waren, welche nun eine ihnen einleuchtende Basis hatte.</p>
-
-<p>Eine eigene Ansicht haben und durchführen wollen, wenn man von seinem
-Gehalte lebt, war denn doch eine Marotte, welche kaum einer Spezialität
-wie Lipprecht zu verzeihen war. Nun war es anders. &mdash; Der Mann gab auch
-vortreffliche Garçon-Diners.</p>
-
-<p>Sein Vorhaben war, einige Tage an dem reizend gelegenen Orte
-zuzubringen, Lokalitäten und Verhältnisse zu studiren, so viele
-Personen als möglich gesprächsweise auszuholen, &mdash; das Uebrige mußte
-seiner Kombinazion und dem Zufall überlassen bleiben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span></p>
-
-<p>Er reiste, da keine Eisenbahn dahin führt, in seinem Wagen. &mdash; Der
-Morgen, an dem er wegfuhr, war nicht glänzender und heiterer als er
-selbst; er fühlte sich von einer so frohen Sehnsucht nach den Bergen
-durchweht, wie er, nach seinem Geständnisse gegen Günther, gewöhnlich
-vor Gauermanns Bären und Geiern empfunden.</p>
-
-<p>Wie ein Globus im Holzgestell saß der kleine dicke Mann in dem
-leichten Wagen, dessen zierliche Form nicht verrieth, daß in ihm Alles
-angebracht war, was auf einige Tage die ganze Außenwelt entbehrlich
-machte. Ein Flaschenkeller, ein Viktualienmagazin, Gebäckbehältnisse,
-Pistolenkassette, dieß Alles vermochte nicht, der Kalesche ihre
-Schlankheit zu benehmen, in welcher der Besitzer, mit nichts beladen
-als seinem quadrillirten Reiseanzuge und der braunen englischen Kappe,
-etwas mehr als zwei Dritttheile des Sitzes ausfüllte.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Gegen Mittag umwölkte sich der Himmel, und Abends fuhr der
-Kommissär im Markte Trautenfeld unter einem jener Regengüsse ein,
-welche die in die Hälfte der Straße vorstehenden Dachrinnen in speiende
-Delfine verwandeln, aus deren Maule das Wasser auf Wagendach und
-Spritzleder mit trommelndem Getöse niederstürzt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span></p>
-
-<p>In langen Strahlen fällt es von den vier ungeheuern Linden in der Mitte
-des Platzes in die von ihnen umschlossene Pferdeschwemme, &mdash; zugleich
-Kaltbadeanstalt sämmtlicher Enten und Gänse &mdash; &mdash; eine Gruppe der
-letzteren steht heraußen im Freien, mit emporgerichtetem Schnabel den
-Himmelssegen auffangend und von Zeit zu Zeit der innern Freudigkeit
-in einem scharfen, kurzen Trompetenstoß Luft machend. Wirkliches Naß
-rinnt über den steinernen Wasserfall, der an der Gießkanne des heiligen
-Florian hängt, &mdash; vor welchem eben der Pfarrer den Hut lüftet, der
-unter dem rothen Parapluie mit hochbestiefelten Beinen und halbe
-Klafter langen Schritten durch den improvisirten See sticht. Heller
-glänzt der Zeiger an der schwarzdurchnäßten Thurmuhr, heller die runden
-Ziegel der Giebeldächer, über welche hinweg die nahen Berge nur als
-dunklere Flecken in dem tief hereinhängenden Nebel erscheinen. Es
-sieht aus wie einer jener Gebirgsregen, die sich zur Verzweiflung des
-Touristen wochenlang aus sich selbst gebären, niederfallen, verdünsten,
-sich zu Nachtgewölken verdichten, und abermals herabträufeln, &mdash; wie
-ein Kind, das, einmal ins Weinen gebracht, immer von Neuem losbricht,
-&mdash; bis endlich ein neues Spielzeug &mdash; hier ein wohlthätiger Windstoß &mdash;
-dem langweiligen Unwesen ein Ende macht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span></p>
-
-<p>Die Kalesche nähert sich dem Gasthause und der große braungelbe nasse
-Hund tritt vor und salutirt mit schief heraushängender Zunge und
-aufgerichteten Ohren. Er ist selbst Sicherheitsorgan und es scheint ihn
-etwas Kollegialisches anzuwehen. Der Kommissär, durch den Regen nicht
-einen Augenblick aus seiner Laune gebracht, begrüßt aufs freundlichste
-den Wirth, in welchem er auf den ersten Blick einen jener biedern
-Patriarchen erkennt, welche das Bild ländlicher Einfalt sind bis zum
-Momente der Rechnung, und die sich in allen geschäftlichen Beziehungen,
-schlicht gesagt, als abgefeimte Hallunken bewähren.</p>
-
-<p>Lipprecht setzte sich mit ihm auf den besten Fuß, richtete sich in
-einem hübschen Zimmer ein, und begab sich zum Abendessen in die
-Gaststube, wo die Markt-Honorazioren beisammen saßen. Sie behandelten
-ihn Anfangs mit jener klotzigen Exklusivität, welche den geschlossenen
-Bier- und Tabakkränzchen der herrschaftlichen Beamten <span class="nowrap">u. dgl.</span> meistens
-eigen, allein der Kommissär kannte seine Leute, brachte nach einem
-bescheidenen, ruhigen Eingange einige politische Neuigkeiten, &mdash; sodann
-ein Dutzend derber Anekdoten, und nach einer halben Stunde war er der
-„charmanteste, jovialste (nach Trautenfelder Aussprache: schovialste)
-Mann“ und erhielt, da er sich als Jagdfreund, Kegelschieber und
-Tarokspieler ankündigte,<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span> vielseitige Einladungen. &mdash; Der nächsten Tag
-noch fortdauernde Regen sperrte die Gesellschaft noch früher und länger
-zusammen als <span class="nowrap">sonst. &mdash;</span></p>
-
-<p>Er brachte mit Leichtigkeit das Gespräch auf Kollmann, den die Meisten
-gekannt. Alle schilderten ihn als einen unermüdet thätigen, geschickten
-Menschen, der, wenn er von seinen Gängen nach Hause gekommen, beständig
-gelesen und studirt habe. Sie hatten sein Zurückziehen Anfangs für
-albernen Stolz gehalten, aber dann gesehen, „daß er nun einmal keinen
-schovialen Karakter habe, und einen solchen Menschen müsse man gehen
-lassen und bedauern.“</p>
-
-<p>Den Tag über hatte er den Markt und die beiden außerhalb desselben
-gelegenen, durch einen Garten getrennten Häuser des Grünschenk
-besichtigt. Das größere gehörte nun der Gemeinde, das kleine war von
-der vormaligen Haushälterin Grünschenk’s bewohnt, einer, nach dem
-Verdikt der Stammgäste, höchst achtbaren alten Frau Namens Fellinger.
-&mdash; Bei dieser schien ihm der Schwerpunkt seiner Erhebungen für den
-Augenblick zu liegen.</p>
-
-<p>Er schenkte der kleinen Nichte derselben, welche für sie Verschiedenes
-aus dem Gasthause holte, eine silberne Münze an rothem Band, und die
-alte Frau kam nach einer Stunde in halbstädtischem Anzuge<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> zu ihm, und
-dankte in gewählteren Worten, als er erwartet. Zugleich lud sie ihn
-ein, im Vorübergehen ihre kleine Wirthschaft zu besehen.</p>
-
-<p>Lipprecht begab sich am selben Nachmittage zu ihr; es gelang ihm bald
-sie gesprächig zu machen, und Einzelnheiten zu erfahren, durch welche
-der oben erwähnte alte Brief des Unterbeamten vervollständigt, und ein
-Faktum in den Vordergrund gestellt wurde, welches seinen Gedanken eine
-neue Richtung gab.</p>
-
-<p>Am 27. August vor drei Jahren war Grünschenk, seit Langem leidend,
-plötzlich Nachmittags sehr übel geworden und in der Nacht gegen zwei
-Uhr verschieden.</p>
-
-<p>Kollmann, der im Hause gewohnt, war Tags zuvor auf eine Vermessung
-ausgegangen und erst bei dessen Beerdigung zurückgekehrt.</p>
-
-<p>Bei Grünschenk’s Tode waren anwesend: der Pfarrer, der Ortschirurg, die
-Ober-Ingenieure Wimmer und Alberti, deren freundschaftlicher Bemühungen
-die Fellinger dankbar erwähnte, und Holzschreiber <em class="gesperrt">Walcher</em>,
-welcher zwei Tage später in den Wald gegangen und nicht wiedergekommen.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Das klang ja in den Ohren des Kommissärs wie der erste Takt eines
-Triumfmarsches! &mdash; &mdash; <em class="gesperrt">Einer, der „nicht wiedergekommen“</em> &mdash;!?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span></p>
-
-<p>Er erbat sich eine Karakteristik des Holzschreibers.</p>
-
-<p>Walcher war ein stiller, schwächlicher, gutmüthiger Mensch, &mdash; ledig,
-&mdash; ein armer Teufel, die Ehrlichkeit selbst, und war von Grünschenk
-seiner guten Handschrift wegen zu Schreibereien, und außerdem zu Gängen
-verwendet worden. Man hatte ihn, als er zwei Tage nicht zurückkehrte,
-allenthalben in den Waldungen gesucht. „Es war alles umsonst, sagte die
-alte Frau, &mdash; im Wald hätten ihn die Hunde wohl gefunden, aber er muß
-sich gegen das Hochgebirg gewendet haben, das dahinter aufsteigt und
-wenn er sich da verstiegen oder vom Nebel überrascht worden, so liegt
-er vielleicht bis zum jüngsten Tag in einer Schlucht am Jaitstein, oder
-am Reifeneck oder <span class="nowrap">Wetterstein“ &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Wetterstein! &mdash; &mdash; wieder ein Klang für Lipprecht, &mdash; wie wenn die
-Norma ans kupferne Becken schlägt, um die Gallier zur Rache zu rufen...</p>
-
-<p>Er hatte bereits zum Entzücken der Frau die dritte Tasse Kaffee
-getrunken. Nun besah er wehmüthig lächelnd alle Möbeln und sonstigen
-Reliquien Grünschenk’s, ließ sich sogar ein Autograf von dem alten
-Herrn geben, las mit Rührung die Abschrift von dessen Testament, und
-erbat sich endlich ein Blatt von der Handschrift des verschollenen
-Walcher. Die alte Frau, vollständig mit ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span> Erinnerungen
-beschäftigt, wußte von manchen Einzelnheiten selbst die Stunde
-anzugeben. &mdash; Bedeutend schien, daß Kollmann zur Zeit von Walcher’s
-Verschwinden von Trautenfeld abwesend und erst am zweiten Tage darnach
-zurückgekehrt war; seine Thätigkeit bei den Nachforschungen, von
-der alten Frau sehr hervorgehoben, war für den Kommissär nur ein
-erschwerender Umstand.</p>
-
-<p>Das leuchtete Alles ganz anders als der elende Brief des Unterbeamten.</p>
-
-<p>Allerdings hingen die drei Namen Kollmann, Grünschenk und Walcher
-vor der Hand nur in Gott und dem Kommissär zusammen, kriminalistisch
-betrachtet; allein wir wissen aus dem Abc der Geometrie, daß je
-drei Punkte, die nicht in einer geraden Linie liegen, ein Dreieck
-bilden: der Holzschreiber lag nun einmal nicht in der <em class="gesperrt">rechten</em>,
-<em class="gesperrt">geraden</em> Linie, und Lipprecht legte ein Dreieck hindurch, welches
-mit einigem Biegen und Wenden ganz leidlich die Form eines Galgens
-darstellte.</p>
-
-<p>Man würde ihm himmelschreiendes Unrecht thun, wollte man ihm eine
-diabolische Freude an diesem im Winde wankenden Resultate zuschreiben!
-&mdash; so wenig als der Jäger sich der Zuckungen und verglasten Augen des
-verendenden Hirsches <em class="gesperrt">freut</em>! &mdash; &mdash; Er war nicht nur überhaupt
-gegen die Todes<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span>strafe, sondern hätte, wie wir bereits gesagt, unter
-Dreien Zwei laufen lassen, wenn es ohne Gefahr für die Gesellschaft
-geschehen könnte... aber das Jagdvergnügen...!</p>
-
-<p>Das Trautenfelder Terrain war nun so ziemlich abgeweidet, sein
-Notizenbuch angefüllt. Ein Herumstreifen in den nassen Wäldern schien
-vollkommen nutzlos. Aber ein Ausflug nach dem acht Stunden entfernten
-Wetterstein sollte die Unternehmung beschließen. Es stand für ihn fest,
-daß die übrige hohe Berg-Aristokratie, Jaitstein <span class="nowrap">u. s. w.</span> so unschuldig
-und rein wie ihr Schnee, und der Genannte der allein Anrüchige sei.
-&mdash; Was er eigentlich dort wollte? Er fühlte nur das Bedürfniß zu
-<em class="gesperrt">sehen</em>, da seine Augen schon oft anders gesehen als die der
-Uebrigen. &mdash; Und dann war ja das Ganze nur eine <span class="nowrap">Lustreise! &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Terrassenförmig steigt das Mittelgebirge hinan; auf einer
-Strecke von vier Stunden konnte er seinen Wagen benützen, der dann
-zurückgesendet wurde. Von da an winden sich Fußpfade durch die
-Nadelwälder, bis an den nördlichen Abhang des Wettersteines selbst. Er
-ist von dieser Seite leicht zugänglich, während auf der südlichen nur
-von der Bucht des Freinhofes einige Wege hinaufführen, die<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> Wände an
-der Seeseite aber, wie bereits gesagt, senkrecht <span class="nowrap">abfallen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Eine Stunde bevor der Kommissär mit dem ihn begleitenden Trautenfelder
-Jäger an den Berg kam, gelangten sie zu einer Holzknechthütte, und es
-ward beschlossen, daselbst zu übernachten, wenn man vom Wetterstein
-zurückkäme, welchen Lipprecht, bis es dunkel würde, nach allen
-Richtungen <em class="gesperrt">abschreiten</em> wollte, &mdash; wozu der Jäger lächelte.</p>
-
-<p>Nun waren sie an der Felsenwand, die den Gipfel krönt, angelangt und
-<span class="nowrap">ruhten. &mdash;</span></p>
-
-<p>Unermeßlich ist die Aussicht über die Bergwellen hinaus, nach der
-endlosen Ebene &mdash; klar und durchsichtig die Luft nach den Regentagen.
-Der Kommissär gönnt sich keine lange Rast. Die <em class="gesperrt">Südseite</em> ist erst
-der Ort, wo sich, nach der Angabe des Jägers, leicht „Jemand verlieren“
-kann.</p>
-
-<p>Steil ging es die Schneide hinan, &mdash; nun war sie erreicht. Der Jäger
-faßt ihn am Arm und mahnt zur Vorsicht, und sie ist nöthig, denn im
-nächsten Augenblick stehen sie am Rande, &mdash; jäh fällt es zu den Füßen
-ab &mdash; unabsehbar, unendlich liegt die blaue Bergwildniß der südlichen
-Fernsicht vor <span class="nowrap">ihnen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Sanft waren die Linien und Töne der Ferne. &mdash; Aber die Nähe! &mdash; der
-Wetterstein <em class="gesperrt">selbst</em>, dessen<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> gewaltige Steinmasse ausgebreitet
-unter ihnen lag! &mdash; nicht über weichgeschwungene Wellen glitt hier
-der Blick: wie die Gemse sprang er von Zinke zu Zinke. Drüben Alles
-heiter und mild, hier der tiefe Ernst, die eiserne, starre Kraft.. das
-Auge glaubt die Ruinen einer zerschmetterten Titanenburg zu schauen &mdash;
-&mdash; ein granitnes Palmyra, &mdash; zerworfene Tempeltrümmer und Säulen und
-Quadern &mdash; ein mitten im Orkane versteinertes Meer.</p>
-
-<p>Das Opfer der See kann ans Ufer geworfen werden, lebend oder als
-Leiche, aber nimmermehr Jener, der in den Abgründen dieser steinernen
-Wogen zerschellte.</p>
-
-<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
-
-<p>Der Anblick war &mdash; aus dem Standpunkte einer „Haussuchung“ &mdash; nicht
-tröstlich.</p>
-
-<p>Erhitzt und müde setzte sich der Kommissar auf einen Vorsprung nieder,
-hing seinen leichten Staubmantel über, ließ die runden Beine über den
-Felsen hinabhängen und betrachtete die einzelnen Parthien.</p>
-
-<p>Gerade unter ihm lag, nach allen Richtungen von Schluchten
-durchschnitten, das Hochplateau, welches weiterhin sich wieder hebt
-bis zu jenem Felsen, der nach dem See abfällt. Letzterer ist durch das
-Plateau selbst <span class="nowrap">verdeckt. &mdash;</span></p>
-
-<p>Die Schwierigkeit schien hier mehr darin zu<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span> liegen, eine Stelle
-aufzufinden, wo Jemand <em class="gesperrt">nicht</em> verunglückt sein könne, als wo dieß
-der Fall war. &mdash; Lipprecht pfiff Melodien aus allen Opern, trommelte
-mit beiden Händen auf beiden Knien und gelangte zur Ueberzeugung, daß,
-wenn der Holzschreiber Walcher auf diesem Terrain sein Ende gefunden,
-die polizeilichen Kräfte des Gesammtstaates sich an Leitern und
-Stricken in die Eingeweide des Wettersteines hinablassen könnten, ohne
-etwas Anderes heraufzubringen, als zerschlagene Knochen, aber nicht
-die gesuchten fremden, sondern eigene. Ein Zufall, der sie eben auf
-<em class="gesperrt">jene</em> stoßen ließ, war so wahrscheinlich, als das Zusammentreffen
-zweier Kanonenkugeln in der Luft.</p>
-
-<p>Starr und stumm ragten die riesigen grotesken Grabsteine aus den
-schwarzen Grüften empor.. Mehrere, in die er von seinem Sitze aus
-hineinsah, endigten in eine Höhle &mdash; wie tief in den Berg? Darüber
-fehlten vor der Hand offizielle Angaben, &mdash; so wie über die hundert
-andern Felsenlöcher, von denen einige zum Theil mit Wasser gefüllt
-waren.</p>
-
-<p>Dennoch beschloß Lipprecht auf das Plateau hinabzusteigen &mdash; da er
-die Partie nicht zu wiederholen gedachte, wollte er wenigstens als
-Naturmerkwürdigkeit besehen, was zu sehen war &mdash; und für den Hauptzweck
-konnte es mindestens nicht schaden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span></p>
-
-<p>Er stieg den beschwerlichen Pfad hinab, und jeder Schritt über die
-Steinblöcke überzeugte ihn, daß keine weitere Ausbeute zu holen, als
-landschaftliche, &mdash; diese aber reichlich. Als er auf den bekannten
-Vorsprung der Seewand heraustrat, war die Sonne im Sinken; wie ein
-dunkler Smaragd lag der See in der Tiefe, zur Linken die Bucht mit dem
-Freinhof, gegenüber die schwärzlichgrünen Waldhöhen und über ihnen der
-Kranz von fernen Gipfeln, auf denen die ewige Trikolore des Abends
-wehte, aus rothem Sonnengold, blauen Schatten und glänzendem Schnee
-gewebt.</p>
-
-<p>Lipprecht ist in dem Augenblicke <em class="gesperrt">wirklich</em> gemüthlich. Es fällt
-ihm auch ein, daß Günther, wenn er hinter ihm stünde, sagen würde:
-„Machen Sie doch einmal Ihre runden Maikäferaugen auf, und versuchen
-Sie zu <em class="gesperrt">sehen</em>, so wie ein Mensch die <em class="gesperrt">Natur</em> sehen muß, wenn
-er von Kunstsinn reden will!“ &mdash; Es steht jedoch nur der Jäger hinter
-ihm, der, nicht ohne Besorgniß für den Rückweg, zum Aufbruch drängt. &mdash;
-Er erhebt sich mühsam und sendet einen Scheideblick nach dem Freinhofe,
-dessen ferner Besitzer sicherlich gerührt wäre, wenn er sähe, mit
-welcher Aufopferung der wildfremde dicke Mann Berge um seinetwillen
-ersteigt, und wie es ihn schmerzt, so ganz ohne Aufklärung<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span> über die
-innersten Angelegenheiten seines erwählten Schützlings abzuziehen.</p>
-
-<p>Der Kommissär hatte noch einen bösen Moment, wo er die ganze Kunstreise
-zum Teufel wünschte, als er nämlich auf dem Rückwege über das Plateau
-ausglitt, aber glücklicher als Harkeboom.</p>
-
-<p>Im Augenblick wo er am Boden lag, tauchte hinter dem nächsten
-Steinblock ein Kopf hervor, aus dessen Munde die Worte erschollen:
-„Bedaure unendlich, werther Herr! bleiben Sie aber gefälligst liegen,
-ich helfe gleich!“ Damit war er auch schon an Lipprechts Seite, und
-hob ihn, ohne Hülfe des etwas vorangegangenen Jägers, mit einer
-Leichtigkeit empor, als wäre der Kommissär ein Kautschukballon. Dieser
-dankte dem gefälligen Riesen, den wir wohl nicht zu nennen brauchen,
-aufs Verbindlichste und sagte: „Sie scheinen mit diesem Terrain
-vertrauter als ich, der ich meine Naturbewunderung mit einigen Beulen
-bezahle. Der Wetterstein scheint die Dilettanten zu <span class="nowrap">kennen“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Besser als diese ihn; der zweite Fall in wenig Wochen“ &mdash; erwiederte
-Knorr. &mdash; „Ich gehe oft herauf, bin aber selbst neulich über die kleine
-Wand dort abgefahren, daß mich meine eigenen Hunde apportiren wollten.
-Aber wo wünschen Sie denn eigentlich Ihr Nachtquartier aufzuschlagen?
-hoffentlich nicht da<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span> oben?“ fragte er, als er sah, welche Richtung
-Lipprecht <span class="nowrap">einschlug. &mdash;</span></p>
-
-<p>Dieser setzte ihm seinen Plan auseinander. &mdash; „So wahr ich Knorr heiße
-und auch übrigens ein ehrlicher Kerl bin, gebe ich das nicht zu! Sie
-gehen mit mir den bequemen Weg ins Thal hinunter, schlafen in meiner
-Einsiedelei und gehen morgen wohin Sie wollen oder müssen. Ehe Sie über
-den Steig da hinauf kämen, wäre es finster. Sie wären ein zu fetter
-Bissen für einen dieser Höllenrachen, als daß er nicht nach Ihnen
-schnappte! Im vorigen Jahr hat er einen dürren Engländer eingeschluckt,
-den sie aber theilweise wieder herausfischten, und vor drei Jahren
-einen noch dürreren Holzschreiber von <span class="nowrap">Trautenfeld“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Lipprecht zog rasch ein Blatt und Bleistift heraus, schrieb eine Ordre
-an den Wirth, seinen Wagen nach der Stadt zurückzuschicken, gab den
-Zettel dem Jäger und schickte diesen fort. Knorr’s Einladung nahm er
-zu dessen herzlicher Freude an, und sagte: „Ich habe drüben von einem
-Verschollenen, Namens Walcher gehört, aber Niemand wußte Näheres.“</p>
-
-<p>„Ich war selbst neugierig, da ich den armen Teufel gekannt. Vielleicht
-liegt er zehn Schritte von uns! Aber wer kanns sagen? Die Holzknechte
-fanden Nichts. Die Polizei hat sich nicht damit befaßt,<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> und meine
-Hunde, die jedenfalls weit klüger sind, haben nicht einmal im ersten
-Jahre Etwas entdeckt, &mdash; geschweige jetzt, wo der Holzschreiber schon
-ein ganz appetitliches, sauberes Skelett sein muß.“</p>
-
-<p>Lipprecht hielt es passender, mit einer humoristischen Wendung
-seinen Karakter zu enthüllen, als weitere Ansichten Knorr’s über die
-Sicherheitsbehörde abzuwarten, &mdash; und die Männer setzten lachend ihren
-Weg fort.</p>
-
-<p>„Ich habe, begann Knorr wieder, meinen Nachbar im Freinhof, einen
-gewissen oder ungewissen Kollmann, wenigstens zwanzigmal gefragt, ob er
-denn, als Grundherrschaft, nicht wisse, wo der Holzschreiber liegt? Die
-ersten Male wurde er grob, aber jetzt lacht er dazu. &mdash; Es ist so ein
-fixer Spaß unter uns.“</p>
-
-<p>„Aber warum werfen Sie Ihre Vermuthung eben auf den Wetterstein,
-während jene der Trautenfelder auf dem ganzen Gebirgszuge herumirrt?“</p>
-
-<p>„Herr! &mdash; wenn Kollmann seine Besitzung am Jaitsteine hätte, so würde
-ich nach diesem fragen. Es ist nur wegen des fixen Spaßes.“ Nun
-veränderte sich aber plötzlich der Ausdruck seines Gesichts, und er
-sagte mit jenem Ernst, den er auch im Gespräch mit Sembrick mit einem
-Mal gezeigt: „Mein sehr lieber und werther Gast, ich sage Ihnen, nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span>
-als solchem, sondern als Polizeikommissär, daß ich leider Gottes das
-<em class="gesperrt">Rechte</em> nicht weiß. Sehen Sie, ich rede immer von meinen Hunden;
-diese haben von meinem Verstande nichts angenommen, ich aber von ihrem
-<em class="gesperrt">Instinkt</em>. &mdash; Das ist <em class="gesperrt">Alles</em>!“</p>
-
-<p>Wenigstens war es Alles, was Lipprecht erfuhr, welcher durchaus nicht
-allzu inquisitorisch auftreten wollte, den aber Knorr bedeutend zu
-interessiren begann.</p>
-
-<p>In tiefem Dunkel waren sie in den Thalgrund herabgekommen, &mdash;
-am stillen, leeren Freinhof vorübergegangen, den Fichtenkegel
-<span class="nowrap">hinangestiegen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Eine Stunde später hatte Knorr’s einfache, treffliche Küche und der,
-ganz unerwartete Sorten liefernde, Keller alle Ermüdung vollständig
-<span class="nowrap">beseitigt. &mdash;</span></p>
-
-<p>Es wurde Mitternacht und noch drang durch die Spitzbogenfenster
-Gläserklingen und Lachen in den Wald hinaus, und die Stimmfülle, womit
-das Gespräch geführt wurde, war ein glänzendes Zeugniß für die Organe
-der beiden Herren.</p>
-
-<p>Während aber Knorr, mit der Tragweite seiner Flaschenbatterie
-vollkommen vertraut, eben so vollkommen Herr seines gerichtlich
-nachgewiesenen Verstandes blieb, hatte der sonst so umsichtige
-Kommissär einer ihm trotz seiner Kennerschaft fremden Weingattung auf
-die Bürgschaft seines Wirthes zu sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> vertraut und ein Paar Fragen
-gethan, die er besser unterdrückt hätte.</p>
-
-<p>Als er, nach den Mühseligkeiten des Tages und der eben so angreifenden,
-die halbe Nacht währenden Erholung auf Knorr’s Ruhebett einschlief,
-stand dieser mit verschränkten Armen vor ihm, betrachtete ihn, in
-seinen Bart lachend, und sagte vor sich hin: „Da liegt die wirkliche
-Polizei und schläft wieder, &mdash; nachdem sie früher so lange geschlafen.
-Wer sie denn jetzt mag aufgeweckt haben?“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Lipprecht that am Morgen noch einen Gang durchs Thal, um den Hof
-herum, nahm in seinem Gehirn einen förmlichen Wachsabdruck sämmtlicher
-Lokalitäten mit, begab sich auf dem uns bekannten Wege nach Pottenbach
-zur Bahn, und brachte als Ergebniß seiner Vergnügungsreise nebst
-zahllosen kleinen Notizen folgende Hauptartikel zurück:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>der Holzschreiber Walcher liegt in einer Schlucht des <span class="nowrap">Wettersteins;
-&mdash;</span></p>
-
-<p>Kollmann ist in irgend einer Weise an dessen Verschwinden
-<span class="nowrap">betheiligt; &mdash;</span></p>
-
-<p>ein Motiv, warum der arme Teufel aus dem Wege geschafft worden, ist
-nicht aufzufinden;</p>
-
-<p>eben so wenig ein Zusammenhang der Begebenheit mit dem alten
-Grünschenk zu <span class="nowrap">ermitteln; &mdash;</span></p>
-
-<p>der Trautenfelder Unterbeamte, der in seinem al<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span>ten Berichte
-Walchers nicht erwähnte, war ein <span class="nowrap">Dummkopf; &mdash;</span></p>
-
-<p>die Oberbehörde, welche in Kollmann keinen Gegen stand ihrer
-Beobachtung findet, ist um nichts <span class="nowrap">klüger. &mdash;</span></p></div>
-
-<p>Doch zweifelte der Kommissär keinen Augenblick an einer künftigen
-Lösung der Aufgabe, die sich seine polizeiliche Privatindustrie
-gestellt, obgleich im Lande der <span class="antiqua">dissolving views</span> ein Beamter,
-welcher seine Pflicht nicht als Maschine, sondern razionell vollziehen
-will, darauf gefaßt sein muß, nicht nur durch die Steine, die der
-Gegner in das Geleise wirft, sondern auch durch den Radschuh, welchen
-das Sistem auf dem ebensten Wege, und selbst bergauf, anlegt &mdash; gehemmt
-zu werden.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Im_Hafen"><em class="gesperrt">Im Hafen</em>.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Welches ist aber das Land unserer <span class="nowrap">Begebenheit? &mdash;</span></p>
-
-<p>Es gibt Fragen, welche der Einzelne, an den sie gerichtet sind, nicht
-zu beantworten vermag, &mdash; so wie an Völker Jahrhunderte hindurch Fragen
-gerichtet wurden, die sie nicht zu lösen vermochten.</p>
-
-<p>Das treue, felsenfeste Herz des Sängers, der die Frage hinausgesungen:
-„Was ist des Deutschen Vaterland?“ hat aufgehört zu schlagen, ehe sie
-gelöst. &mdash; Wird sie gelöst? &mdash; Vierzig Millionen sangen und singen
-noch: „<em class="gesperrt">Das</em> soll es sein!“ &mdash; Und immer noch <em class="gesperrt">soll</em> es!
-<em class="gesperrt">Wen</em> kann der kräftige Jubelchor froher stimmen, die Sänger oder
-die Zuhörer rings im europäischen Konzertsaal, &mdash; die Russen, Britten,
-Franzosen? &mdash; denen niemals <em class="gesperrt">eingefallen</em> zu fragen, <em class="gesperrt">was</em>
-ihr Vaterland sein solle.</p>
-
-<p><span class="antiqua">Écoutez! Encore ces Allemands à la recherche de leur patrie!</span> &mdash;
-lacht es über den Rhein herüber. &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> Ueber den Kanal tönt nicht einmal
-eine Persiflage, nur ernst und groß, wie das alte Meer, der Hymnus
-<span class="antiqua">Rule Britannia</span>! &mdash; &mdash; Der Russe hat es am Leichtesten. Er darf
-nicht fragen und wird nicht gefragt, aber er <em class="gesperrt">weiß</em> es, &mdash; und
-ein Anderer hat längst für ihn gesagt: das ganze Rußland <em class="gesperrt">muß</em> es
-sein! Und so ists <span class="nowrap">auch. &mdash;</span></p>
-
-<p>Und dennoch wird auch unser Sollen zum Haben, wenn es nur erst zum
-rechten Wollen geworden. Jahr für Jahr wälzen die singenden Millionen
-den Sisifusstein ihrer Einheit den Berg hinan, und immer geräth er auf
-eine Stelle, wo er abgleitet, &mdash; meist ein Stück glattes Parkett eines
-Konferenzsaales, &mdash; und rollt wieder in die Tiefe. &mdash; Vielleicht sind
-wir dem Gipfel näher als wir selbst glauben!</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Der Strom des großen Gedankens hat unser leichtes Fahrzeug
-fortgerissen. Wir begannen mit der Frage nach dem Lande dieser
-Erzählung. Bekannte Thurmspitzen und Berggipfel ragen aus der
-Fata-Morgana-Landschaft, worin sie spielt, empor; der Klang der
-Namen lenkt unwillkürlich den Finger nach einer bestimmten Stelle
-der Landkarte, &mdash; und dann wird Alles wieder fremd, &mdash; wie man wohl
-manchmal hört: „Ich träumte, &mdash; es war in unserm Garten, &mdash; und dann
-war es doch wieder nicht unserer.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span></p>
-
-<p>„Ein Monarch, hat man zu uns gesagt, wie er des Landes der
-<span class="antiqua">dissolving views</span>, &mdash; ein Graf Breuneck und Andere, die dort,
-wo der Finger hingewiesen, nicht existiren, und alle übrigen daselbst
-<em class="gesperrt">nicht</em> aufzufindenden Menschen und Orte vermögen doch nicht das
-klar gezeichnete <em class="gesperrt">Wirkliche</em> zu verdecken! All dieß ist eine an
-den Arm gebundene Larve bei unverhülltem Gesicht.“ &mdash; Aber so verlangte
-es einst das Gesetz der Maskenbälle, eben in unserer Residenz: wer
-nicht maskirt war, mußte wenigstens das Zeichen tragen, eine kleine
-Wachslarve am Arm. Wir nehmen sie, um wo möglich keine Szene mit dem
-Ballkommissär zu <span class="nowrap">haben. &mdash;</span></p>
-
-<p>So bleiben wir denn auch bei der Bezeichnung „Hafenstadt“ für den Ort,
-welchem Arnold zufliegt, und zwar nicht allein, denn in Frauenwang ist
-ein Passagier von Korbach kommend zu ihm gestoßen, den er mit freudigem
-Aufschrei begrüßt. Es ist Sprenger, welcher vom alten Freunde gebeten
-worden, seinen Sohn zu begleiten, der des Aelteren, Erfahrneren bei
-seiner Sendung bedürfen könnte.</p>
-
-<p>Reich genug war der Stoff ihrer Mittheilungen. Sprenger gab ein Gemälde
-von den Korbacher Zuständen, welches von einer Sicherheit, &mdash; ja
-Siegestrunkenheit Zeugniß gab, die er nicht theilen konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span></p>
-
-<p>Pater Valentin war nach St. Martin gegangen, um die Leitung des
-Klosters zu übernehmen, der Prior, sobald es sein Zustand erlaubte, von
-dort nach der Residenz gereist und der junge Geistliche Leo hatte den
-Pfarrhof in Korbach <span class="nowrap">bezogen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Abschieds- und Begrüßungsfeste für die beiden Letzteren, eine große
-Demonstrazion der katholischen Arbeiter, welche sich mit Fahne,
-Musik und Blumenkränzen vor Korbach’s Hause aufgestellt und ihm für
-seine allgemein bekannt gewordene Thätigkeit, für die Erhebung ihres
-geliebten Pfarrers durch eine Deputazion dankten, &mdash; ein riesenhaftes
-Bouquet in Begleitung eines goldgeränderten Gedichtes, das die Mädchen
-Helenen überreichten, &mdash; Tags darauf ein Ständchen der Protestanten,
-welche nicht zurückbleiben wollten, da sie in dem Vorgange nur einen
-Sieg des Toleranzprinzipes sahen. Dieß Alles machte unstreitig einen
-ganz erfreulichen optischen und akustischen Effekt... &mdash; Der alte
-Korbach, sonst ein Feind alles lärmenden Gepränges, war dießmal der
-Demonstrazion auf halbem Wege entgegengekommen, und hatte einige kurze,
-kräftige Reden gehalten, des Sinnes daß, so lange er Herr in Korbach,
-dafür gesorgt sein werde, daß <em class="gesperrt">Recht</em> und <em class="gesperrt">Gesetz</em> des
-Staates und der Kirche gelten, nicht aber deren <em class="gesperrt">Verdrehungen</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span></p>
-
-<p>Als aber Sprenger an der Altenberger Fabrik vorübergekommen war, hatte
-er über hundert Arbeiter mit Herstellung des Gebäudes beschäftigt
-gesehen, welches noch vor acht Tagen mit geschlossenen Thüren und
-Fenstern dagestanden war und keineswegs einen Konkurrenzbesorgnisse
-erregenden Anblick gewährt <span class="nowrap">hatte. &mdash;</span></p>
-
-<p>Arnold theilte ihm nun Alles mit, was er in den letzten Tagen in
-Erfahrung gebracht, und Sprenger war sowol von seiner Auffassung als
-klaren Auseinandersetzung der Sachlage, sowie der beabsichtigten
-Schritte befriedigt. Er fand seinen Zögling reif zur großen Aufgabe,
-die ihn einst als Chef eines so bedeutenden, und nun so ernstlich
-bedrohten Etablissements erwartete, und übergab ihm mit Beruhigung die
-vom Vater ausgestellte Vollmacht zu Abschlüssen, Unterzeichnungen <span class="nowrap">u.
-dgl.</span></p>
-
-<p>Hatte die erste Stunde der Reise durch Günther’s Abenteuer ein
-ungewöhnlicheres Interesse, so war dieß in der letzten durch ein
-anderes Zusammentreffen der <span class="nowrap">Fall. &mdash;</span></p>
-
-<p>Es war bereits ganz dunkel, und in weiter Ferne sah man das Feuer
-des Leuchtthurmes. Niemand außer unsern Freunden befand sich im
-Coupé, dessen Sitze durch hohe Lehnen getrennt sind, so daß man, ohne
-aufzustehen, nicht hinübersehen kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span></p>
-
-<p>Auf der letzten Stazion vor dem Hafen öffnete sich unter Säbelgeklirr
-die Thür des Coupé, und zwei Offiziere traten ein, in deren einem
-Arnold sogleich den Obersten von Plomberg erkannte, welcher einen
-Tag früher die Hauptstadt verlassen, sich an einer Zwischenstazion
-aufgehalten hatte, und hier mit seinem Vetter, dem Adjutanten des
-Prinzen, zusammentraf.</p>
-
-<p>Sie wählten das Coupé, das sie ganz leer glaubten, und nahmen in der
-Abtheilung neben Arnold Platz. Dieser sowol als Sprenger sprach so
-geläufig englisch als deutsch, und als Plomberg ein Paar Worte der eben
-in dieser Sprache geführten Conversazion hörte &mdash; deren sie sich nach
-der Ankunft der neuen Passagiere bedienten, sagte er leise zu Baron
-Heidenbrunn: „Niemand, als ein Paar obligate Engländer.“</p>
-
-<p>Waren Arnold bis Treustadt die Köpfe der Mitreisenden willkommen, die
-ihn für Klotilde unsichtbar machten, so war es ihm die Lehne noch weit
-mehr, da ihm der Oberst geradezu antipathisch <span class="nowrap">war. &mdash;</span></p>
-
-<p>Das Anfangs halblaute Gespräch der Offiziere wurde nach und nach so
-laut, daß es auch Entferntere als Arnold hätten vernehmen müssen. Es
-ging daraus hervor, daß der Monarch sich in zwei<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> Tagen nach dem Hafen
-zu begeben beabsichtige, um den Prinzen und die Einwohnerschaft bei
-einem Feste zu überraschen, welches, ohne sonstige besondere Bedeutung,
-zu Loyalitätskundgebungen von der einen und Huldstrahlen von der andern
-Seite benützt werden sollte.</p>
-
-<p>Der Prinz hatte an einem mit vielem Geschmack gewählten Punkte der,
-die ganze Hafenbucht beherrschenden, Anhöhe eine Villa gebaut, welche
-seine Residenz bleiben sollte, so lange er das Marinekommando führte,
-und die festliche Eröffnung derselben an seinem Geburtstage bot den
-Anlaß zu den erwähnten Manifestazionen. Was die Ueberraschung durch
-den Monarchen betrifft, so gehörte sie in die Kategorie der bis ins
-Kleinste verabredeten, welche dem überraschten Theile die gehörige Zeit
-zu allen Vorbereitungen lassen, und man sprach darüber seit einigen
-Tagen in beiden Städten.</p>
-
-<p>Oberst Plomberg entsprach im Dialog dem Bilde, welches Arnold von ihm
-nach einigen Aeußerungen im Freinhof behalten. Er gehörte, insofern ihn
-sein alter Adel als Kavalier passiren ließ, zu jener Gattung, welche
-bei Entwicklung ihres Standesbegriffes etimologisch zu Werke geht,
-und alle ihre Rechte und Pflichten von dem Stammworte herleitet &mdash;:
-<span class="antiqua">cavallo</span>, &mdash; <span class="antiqua">cheval</span>, &mdash; <span class="nowrap">Roß. &mdash;</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; Sie verkehren mit der Crême der Gesellschaft, aber der feine
-Salonduft vermag nicht den geistigen Stallgeruch zu beseitigen. Auch
-fühlen sie sich nur <em class="gesperrt">unter sich</em> eigentlich behaglich. Man darf
-nur Einmal den Akzent hören, mit welchem die Worte: „Ein süperbes
-Mädel!“ aus einer beisammenstehenden Schaar dieser &mdash; wie Sprenger
-sie derb und richtig nannte, „Roßkavaliere“ herausklingen, um über
-den Standpunkt der ganzen Race im Reinen zu sein. Es sind übrigens
-glückliche Leute, meistens hübsch, gesund, reich und dumm, und wenn man
-ihnen aus dem Wege geht, thun sie nicht leicht Jemandem etwas zu Leide.
-&mdash; Der bürgerliche Gentleman hat vor dem adeligen den Vortheil, daß
-er dieser Gattung von Geschöpfen leicht ausweichen kann, während der
-letztere häufig gezwungen ist, sich mit ihnen abzugeben.</p>
-
-<p>Das Verhältniß Heidenbrunn’s zu Plomberg war weder ein
-freundschaftliches, noch feindliches, sondern kühle Bekanntschaft, mit
-dem erschwerenden Umstande der Verwandtschaft. Der einzige Unterschied
-der beiden Herren bestand in der Façon, &mdash; die Kameraden, in allen
-Ständen die einzig kompetenten Richter, würden schwerlich gesagt haben,
-der Adjutant sei ein geschliffener und Plomberg ein ungeschliffener
-Edelstein. Von Edelstein war kein<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> Rede, aber das böhmische Glas war
-bei einem polirt, beim andern mit Pferdestaub überzogen,</p>
-
-<p>&mdash; „Wie lange wird denn der ganze Spektakel bei Euch dauern? sagte
-Plomberg &mdash; und was für Species von Ennui bekommen wir zu <span class="nowrap">verdauen?“ &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; „Es dauert einen Tag und zwei Abende. Morgen Ball, oder vielmehr
-Rout, nach dem Prinzip der vollständigsten Fusion: Wir Alle, &mdash;
-Munizipalität, Beamten &mdash; <span class="nowrap">Kaufmannschaft“ &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; „Wenigstens hübsche Weiber. Was weiter?“</p>
-
-<p>&mdash; „Dabei Illuminazion und Feuerwerk. Uebermorgen Frühstück für die
-fremden Offiziere, und Abends kleiner Cercle mit Tableaux.“</p>
-
-<p>&mdash; „Herr Gott im Himmel! &mdash; das ist ja zum Erschießen! Hätte ich nur
-Greuth’s Kommission nicht, so kehrte ich jetzt noch um. Er hätte auch
-einen Andern gefunden zu dieser Bagatelle.“</p>
-
-<p>&mdash; „Das ist es wohl nicht; schon des Prinzips wegen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Prinzip? eine Misere, die sie zu einer Staatsakzion aufgeblasen
-haben. Was geht’s uns Soldaten an? Ich verstehe meinen eigenen Auftrag
-nicht, ich weiß nur daß du beim Prinzen bewirken sollst, daß eine
-Bestellung auf eine halbe Million ich weiß nicht was, sistirt werde.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich weiß ganz gut um was es sich handelt<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> was mir nicht klar, sind
-nur zwei Dinge: wie nämlich diese reine Geschäftssache ganz <em class="gesperrt">oben</em>
-solchen Lärm machen konnte, und warum, wenn man sie schon aufgreift,
-nicht einfach und offiziell aufgetragen wird, dieser oder jener
-Firma aus Gründen, die man sagt oder nicht sagt, die Bestellungen zu
-entziehen?“</p>
-
-<p>&mdash; „Der Lärm kommt von einem Pfaffen, den ich lange kenne, und
-der Prälat werden wollte, und da ist ihm ein Fabrikant, der ein
-ganz gescheidter Kerl sein muß, durchs Zeug gefahren, mit einem
-originellen Coup, und er ist durchgefallen. Darauf wird er vor Galle
-krank und kommt nun in die Stadt und hetzt die Leuchtendorf’s auf
-den Allergnädigsten, und meine Alte und deren Frau Schwester auf die
-Prinzessin Marie, macht einen Höllenlärm, daß in einem Jahr die ganze
-Provinz lutherisch wird. &mdash; Der Erzbischof gibt auch seinen Senf dazu,
-und gestern Abends läßt mich Greuth rufen und sagt: Sie würden ohnedem
-mit uns gehen, &mdash; fahren Sie voraus und sagen Sie Ihrem Vetter, und so
-weiter. &mdash; Es heißt sie wollen Exempel statuiren, im Keim ersticken
-und weiß der Teufel was, und ein Offizier muß in der Pfaffen- und
-Fabrikantengeschichte eine Art Kurierreise machen. Man glaubt ein Narr
-zu sein.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ganz richtig. Es ist übrigens nicht leicht,<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> da der Prinz, dem sie
-in andern Dingen oben die Hände binden, sich nicht influenziren läßt,
-wo er auf seinem eignen Terrain steht.“</p>
-
-<p>&mdash; „Meinethalben. Ich habe Greuth gesagt, daß ich ein schlechter
-Diplomat bin. Er hat mir geantwortet, das wisse er ohnedem, er könne zu
-der Sache keinen guten brauchen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich werde, da die Sache bloß ein vertraulicher Wink, mich ganz nach
-der persönlichen Disposizion des Prinzen richten.“</p>
-
-<p>&mdash; „Wie du willst. Schlägt’s fehl, so habe ich das Meinige gethan.
-Greuth soll einen Andern mit solchen Klatschmissionen beehren. &mdash; <span class="antiqua">A
-propos</span> Klatsch, zwischen ihm und der Zeltner ist Alles aus. Weiß
-dein Prinz, daß die Geschichte bestanden?“</p>
-
-<p>„Kein Wort; das würde dieser Frau, die ein gutes <span class="antiqua">moyen d’action</span>
-werden kann, einen Theil ihrer Anziehungskraft rauben.“</p>
-
-<p>„Wie steht denn die Sache eigentlich?“</p>
-
-<p>„Auf dem alten Fleck. Der Prinz ist, seit wir von der Residenz weg
-sind, oft ungnädiger Laune, und seine Gedichte haben einen blassen,
-melancholischen Teint. Wenn nicht bald eine neue Flamme auftaucht,
-so gehe ich mit Urlaub nach der Residenz und hole sie, vorausgesetzt
-daß sie geht. Sie geht aber keinen Schritt weiter, als sie will; von
-<span class="antiqua">aban<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span>don</span>, unbewachtem Moment <span class="nowrap">u. dgl.</span> ist bei diesem Weib keine
-Rede.“</p>
-
-<p>Baron Heidenbrunn ahnte nicht, daß die Besprochene, nur in einer
-Entfernung von zwölf Stunden, in derselben Richtung fahre, und eben so
-wenig, daß das Gespräch nicht von zwei Engländern vernommen wurde.</p>
-
-<p>Sprenger erinnerte sich nicht, seit Arnold’s Kindheit je einen so
-schweren Stand gehabt zu haben. &mdash; Bei der Erwähnung seines Vaters war
-er bereits aufgesprungen und Sprenger hielt ihn geradezu mit Gewalt
-zurück, und sagte: „Arnold! habe ich dich denn je einen andern Weg
-geführt, als den der Ehre? Ich selbst lade dir die Pistolen bei der
-ersten Ehrensache die du auszufechten hast, aber das ist <em class="gesperrt">keine</em>.
-&mdash; Wenn er deinen Vater einen gescheidten Kerl nennt, so ist das nach
-<em class="gesperrt">meinem</em> Verstande keine Beleidigung, und im Uebrigen erfüllen sie
-ihre Aufträge, für die du die ganze Coterie zur Rede stellen müßtest.“</p>
-
-<p>„Es handelt sich um etwas ganz Anderes! entgegnete Arnold &mdash; Meinst du,
-ich könnte den Beiden, wenn sie beim Aussteigen an mir vorübergehen,
-ins Gesicht sehen als Fremder, und morgen oder übermorgen als Korbach?
-daß sie dächten, aha, das ist <em class="gesperrt">der</em>! im Waggon hat er sich
-geduckt! &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span> Diesen Leuten gegenüber muß man eher zu viel thun, als zu
-wenig! Ich werde ruhig sprechen und es wird sich erst zeigen, ob sie
-renommiren wollen.“</p>
-
-<p>Damit zog er seine Hand aus jener Sprenger’s und trat, mit einem
-raschen Schritt um die Scheidewand der Sitze, vor die Offiziere, welche
-durch das lautere Gespräch und die Laute der Muttersprache überrascht,
-einander ansahen und im Momente eine Revüe ihrer <em class="gesperrt">eigenen</em>
-Unterhaltung hielten, die allerdings einen sehr konfidenziellen
-Karakter gehabt.</p>
-
-<p>Die Gedanken: Verdammte Civilisten! &mdash; Aufpasser, &mdash; Zusammenhauen
-(die Hauslogik des Roßkavaliers) fuhren durch Plomberg’s Kopf, während
-Heidenbrunn, obwol ungefähr auf derselben Höhe, mehr über die eigene
-Unbesonnenheit als über die Indiskrezion ärgerlich war, die nach seiner
-Auffassung darin lag, daß zwei Passagiere sich nicht die Ohren mit
-Baumwolle verstopften, um ein im Waggon laut geführtes Gespräch nicht
-zu hören.</p>
-
-<p>Arnold’s Gesicht hatte in dem Augenblick, wo er vor sie hintrat,
-durchaus keinen herausfordernden Ausdruck, sondern nur jenen ruhiger
-Offenheit. „Herr Oberst, begann er, Sie haben in der Unterredung,
-deren unfreiwilliger Zeuge ich war“ &mdash; „Halt, fiel Plomberg ein,
-unfreiwillig, das leugne ich; von dem Augenblick, wo Sie hörten, daß
-das Gespräch<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> nicht für fremde Ohren berechnet war, stand es bei Ihnen,
-durch einige laute deutsche Worte zu zeigen, daß Sie uns verstanden.“</p>
-
-<p>Immer ruhig, aber sehr bestimmt, versetzte Arnold: „Abgesehen davon,
-daß auch ein Ausländer Ihre Sprache verstehen konnte, mußte ich
-voraussetzen, daß zwei Herren in Ihrer Stellung an einem öffentlichen
-Orte, vor Fremden, nur <em class="gesperrt">dann</em> sich in so vernehmlicher Weise
-unterhalten, wenn sie <em class="gesperrt">keinen</em> Werth darauf legen, ungehört zu
-sein. Nicht <em class="gesperrt">mir</em>, sondern <em class="gesperrt">Ihnen</em> stand die Beurtheilung zu,
-ob Ihre Worte für fremde Ohren geeignet seien!“</p>
-
-<p>„Darüber wollen wir nicht streiten, &mdash; sagte Plomberg mit
-hinaufgezogenen Augenbrauen, &mdash; aber ich möchte fragen, was Ihnen
-eigentlich zu Diensten steht?“</p>
-
-<p>„Ich wünsche, als Sohn des erwähnten Fabrikanten, die Ansicht,
-welche in einem hohen Kreise über die Handlungsweise meines Vaters
-vorherrscht, bei Ihnen, meine Herren, dahin zu berichtigen, daß
-derselbe mit dem, was Sie einen originellen Coup genannt, eine Handlung
-vollbracht, auf welche jeder Ehrenmann <em class="gesperrt">stolz</em> sein muß; daß jenem
-Vorgang nicht ein einziges Motiv zum Grunde liegt, welches Zweifel
-an seiner Loyalität, oder Schritte rechtfertigen könnte, die ihm
-nachtheilig sind.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span></p>
-
-<p>„Wir begreifen, sagte Heidenbrunn, daß Sie die Sache Ihres Herrn
-Vaters führen, aber Sie werden auch begreifen daß, da es sich um
-höhere Aufträge handelt, wir weder zu richten, noch uns gegen Sie zu
-rechtfertigen haben. Es wird sich eben darum handeln, Ihrer Ansicht
-dort Geltung zu verschaffen, wo darüber entschieden wird.“</p>
-
-<p>„Dieß wird sehr schwer geschehen können, da ich mit der Absicht reise,
-meine Angelegenheit dem Prinzen vorzutragen. Ihr Auftrag heißt Sie
-dem entgegentreten. Dawider steht mir keine Einwendung zu. Meine
-Pflicht war nur, fürs Erste zu <em class="gesperrt">sprechen</em>, damit ich den Verdacht
-beseitige, als wollte ich <em class="gesperrt">irgend einer Konsequenz meines Zuhörens
-ausweichen</em>, fürs Zweite die Ueberzeugung auszudrücken, daß Sie,
-meine Herren, wenn es mit Ihrer Pflicht vereinbar ist, einen solchen
-Auftrag sicherlich nicht übernähmen, wenn Sie den Karakter dessen
-kennen würden, gegen den er gerichtet ist.“</p>
-
-<p>Arnold grüßte mit einer leichten Neigung des Kopfes und nahm seinen
-Platz wieder ein. Sprenger schüttelte ihm beifällig die Hand. &mdash; Die
-beiden Offiziere sahen einander an, und sagten fast zu gleicher Zeit:
-„Mir scheint, wir haben eine ungeheure <span class="antiqua">bêtise</span> gemacht.“ &mdash;
-Der Schein wurde ihnen, je<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> länger sie nachdachten, desto mehr zur
-Gewißheit. Sie setzten sich ans andere Ende des Coupé.</p>
-
-<p>„Was liegt daran! &mdash; sagte Plomberg. &mdash; Vielleicht könntest du die
-ganze Audienz verhindern?“</p>
-
-<p>„Gott bewahre, der Prinz hält auf seine Popularität, so wenig wir auch
-noch davon gehabt haben. Der junge Mensch wird auch wahrlich nicht von
-Greuth oder der Zeltner reden. Im schlimmsten Falle aber kommt zuletzt
-Alles auf Greuth; der Prinz wird <span class="antiqua">a camera</span> fulminiren, da er ihm
-öffentlich nichts anhaben kann. Dieser Korbach gefällt mir übrigens
-nicht übel, er scheint „Schneide“ zu haben.“</p>
-
-<p>„Das müßte man erst sehen! Glaub’s aber gern, daß es ihm eine Ehre
-und ein Vergnügen gewesen wäre, sich mit uns herumzuhauen. Seitdem
-das Wort Gentleman in der Mode, ist keine Barriere mehr. Früher hat
-sich Unsereiner manchmal herabgelassen, sich mit einem sogenannten
-Honorazioren zu raufen, jetzt ists schon bald verfluchte Schuldigkeit
-geworden, einem Federfuchser oder Kaufmann Rede zu stehen! &mdash; Ein
-Denkzettel hätte ihm aber nicht schaden können!“</p>
-
-<p>&mdash; „Im Gegentheile <em class="gesperrt">nützen</em>! Das wäre das beste Mittel gewesen ihn
-zu <em class="gesperrt">heben</em>! Darum habe ich auch den Passus von „Konsequenzen“,
-denen er nicht <em class="gesperrt">ausweichen</em> will, nicht aufgegriffen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; „Was wirst du jetzt thun?“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich werde meine Sache so machen, daß ich mit meinem Prinzen und du
-mit Greuth auf gutem Fuße bleiben; wie diese Beiden dann mit einander
-stehen, kann uns indifferent sein.“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Es war zehn Uhr Abends, als man im Hafen anlangte.</p>
-
-<p>Vor dem Hotel, in welchem Arnold und Sprenger ihre Wohnung nahmen,
-ragten die Masten der Schiffe in den dunkeln Himmel, welche in dichter
-Reihe am Quai lagen. Der bekannte tausendstimmige südliche Lärm füllte
-die laue Luft. &mdash; Unsere Reisenden waren aber nicht in der Stimmung,
-sich mit pittoresken und kulturbildlichen Studien zu befassen, sondern
-sperrten die Reize des nächtlichen Seestückes und das ganze Geschrei
-der <span class="antiqua">bella Italia</span> mittelst der Fensterläden hinaus, so gut es
-ging, und suchten die Ruhe.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">* &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; *<br />
-*</p>
-
-<p>Dafür begrüßte Arnold die aufgehende Sonne auf dem <span class="nowrap">Hafendamme. &mdash;</span></p>
-
-<p>Sie schüttete ihr Gold ins Meer, heute wie immer, unbekümmert um die
-schlafende Stadt; &mdash; so wenig diese sich um die Sonne kümmert. &mdash; Was
-ist daraus zu prägen? Der Sonnenaufgang gibt kei<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span>nen Kurszettel für die
-schlummernden Handelsherren. Was wäre da zu notiren? „Fernsicht flau
-&mdash; rothes Gewölk über dem Kastell wenig begehrt &mdash; starke Schwankungen
-der kleinen Fischerboote &mdash; die große Fregatte fest, aber bei den
-Italienern nicht beliebt &mdash; Wellengold und Nebelsilber ausgeboten &mdash;
-&mdash; von der unerschöpflichen Hand, welche täglich ihre Valuten auf den
-Markt wirft &mdash; aber kein Käufer.“</p>
-
-<p>Doch Einer war ja aufgetreten! &mdash; Und wie klein ist der Preis, den die
-ewige Natur fordert! Nichts als ein offenes Auge und Herz, &mdash; und ohne
-zu wägen und zu zählen füllt sie Beide mit ihren Schätzen, &mdash; so voll,
-daß sie den Tropfen aus dem Auge drängen und den Seufzer des Schmerzes
-oder der Seligkeit aus der Brust.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Den</em> Preis hatte Arnold zu bieten. Noch gab es Hochalpen in
-seinem Innern, zu denen kein Schienenweg der Industrie hinanreichte,
-Wildwasser, die kein Schwungrad trieben. Nur schärfer hatte sich in den
-letzten Tagen das Chaos in ihm gesondert, die Wasser der Höhe von denen
-der Tiefe. Er konnte sich Stunden lang ganz seiner materiellen Aufgabe
-hingeben, die mit der Schwierigkeit einen Reiz gewann. Aber unter dem
-häufigen gewaltsamen Zurückdrängen hatte sich sein Herzensleben nur
-kräftiger entwickelt, wie Keime unter Schnee.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span></p>
-
-<p>So oft er, das Arbeitsgeräthe des geschäftigen Tages zur Seite werfend,
-die Pforten seines innern Heiligthums aufriß, vor das geliebte
-Bild, das im zauberischen Dunkel seiner harrte, hintrat und ihm ins
-freundlich sinnende Auge sah, ward das Wiedersehen inniger, die
-Andacht heißer, die Trennung schmerzlicher. &mdash; Diese Morgenstunde am
-Meeresstrande war dem Gebete vor seiner „Bildsäule von rosenrothem
-Diamant“ geweiht. &mdash; Fest und rein wie das blaue Gewölbe über ihm, war
-sein Glaube geworden, &mdash; jedes Wölkchen des Zweifels entflohen. &mdash; Sein
-Auge durchflog die Unermeßlichkeit um ihn und wendete sich von der
-fernen Linie, die im Süden Meer und Himmel trennt, müde und geblendet
-nach den Bergen über der glutbegossenen Stadt, &mdash; der Gedanke schwingt
-sich über sie weg, und sinkt nieder am rothen Kreuz.</p>
-
-<p>Wiedersehen! und <em class="gesperrt">welches</em> Wiedersehen? &mdash; Meer und Himmel hatten
-keine Antwort. Er fand sie in sich. &mdash; War doch in ihm die Liebe zum
-hohen markigen Baume emporgewachsen &mdash; &mdash; und <em class="gesperrt">sie</em> könnte ihm,
-die halbverschlossene Knospe in der Hand <span class="nowrap">entgegentreten? &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; Und doch &mdash; <em class="gesperrt">welches</em> war das Pfand, das er vom Freinhofe
-mitgenommen, der Keim, aus welchem er den Baum großgezogen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p>
-
-<p>Sein Gedanke nach jener ersten seligen Stunde war: sie <em class="gesperrt">vertraut</em>
-dir! &mdash; kein Anderer. Daraus war entsprossen: <em class="gesperrt">wenn</em> dieses
-Weib dich lieben könnte! &mdash; Und wie er es Tag für Tag dachte, klang
-das <em class="gesperrt">Wenn</em> immer leiser. Nun hatte er sich hineingelebt in den
-Gedanken, und vergessen, daß es jene einzige Stunde war, aus welcher
-er, <em class="gesperrt">er</em> allein das Feenschloß einer Gegenliebe aufgebaut, &mdash; daß
-<em class="gesperrt">sie</em> ihm nicht ein Sandkorn mehr dazu gereicht, seit der Trennung
-nach dem ersten Begegnen.</p>
-
-<p>Am heiligsten und schönsten ist vielleicht ein solcher Glaube, der
-ohne irgend ein Wärmen und Pflegen von Außen, aus sich erwachsen, wie
-die Perle in der Perlenschale des Herzens. Aber bitterer auch die
-Enttäuschung, wenn in den Schmerz die höhnende Frage hineinklingt:
-<em class="gesperrt">Was</em> hieß dich denn <em class="gesperrt">glauben</em>?</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Als Arnold nach Hause zurückkehrte, mochte Etwas von dem
-Morgengebet in seinen Augen glänzen. Mit Sprenger hatte er von seiner
-Liebe nicht gesprochen, und dieser, der das Innere seines Zöglings
-wie sein eignes kannte, schwieg gleichfalls. Er sah ihn besonnen
-und thätig, sah weder sieche Sentimentalität noch leidenschaftliche
-Fieberhitze, und dieser Grund, nichts dagegen zu thun, gesellte<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> sich
-zu dem Hauptgrunde, der darin bestand, daß <em class="gesperrt">überhaupt</em> nichts
-dagegen zu thun war.</p>
-
-<p>Sie besprachen die gestrige Fahrt, die heute zu machenden Gänge, und
-nahmen ihr Frühstück auf dem Balkon des Hotels. &mdash; Längst war der
-Hafen erwacht, &mdash; dann die Stadt und immer zahlreicher mischten sich
-unter die braunen Gestalten und malerischen Trachten des Volkes blasse
-Comtoirgesichter und Gehröcke, nach den Magazinen und Schreibstuben
-laufend.</p>
-
-<p>Unter dem Thor stand erwartend die offizielle Räuberschaar von Kellnern
-und Lohnbedienten, außerhalb die nicht offizielle von Trägern,
-Führern, Kommissionären, der Opfer harrend, die der Posttrain aus der
-Residenz in ihre Hände liefern sollte. Das Hotel hat einen energischen
-Diplomaten im Bahnhofe, der mit sicherm Blicke auf dem Gesichte eines
-Jeden liest, ob er bereits eine Wahl getroffen, und Jeden, der einen
-Augenblick suchend und fragend vor sich hinsieht, mit Beschlag belegt.</p>
-
-<p>Der erste Miethwagen mit Ankommenden bricht durch das Gewimmel am
-Platze. Es folgt ein zweiter und dritter. &mdash; Aus einem der letzten
-steigt Klotilde, etwas blaß von der Nachtreise, aber hübscher als je.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span></p>
-
-<p>Sie verhandelt mit dem Aufwärter, in geläufigem Italienisch, mit großer
-Sicherheit alle Punkte des Einquartirungsvertrages und tritt, vom
-gepäcktragenden Burschen gefolgt, ins <span class="nowrap">Thor. &mdash;</span></p>
-
-<p>Nach einigen Minuten klingt ein Fenster über den Häuptern unserer
-Freunde, &mdash; sie überblickt ein Paar Minuten die Aussicht und schließt
-es wieder. Die Vorhänge rollen herab: die Dame bedarf der Ruhe, der
-Sammlung ihrer Mittel zu großen <span class="nowrap">Zwecken. &mdash;</span></p>
-
-<p>Arnold wäre ihr jetzt nicht ausgewichen, da sie ihm wie ein freundlich
-humoristischer Gruß von Günther erschien, und weil überhaupt ein in
-der Heimat fremdes Gesicht in der Fremde zum bekannten wird. Ist’s
-vollends ein Gesicht wie das Klotildens, so liegt, wenn auch von einer
-Anziehungskraft für Arnold keine Rede sein konnte, wenigstens nichts
-Abstoßendes im Gegenstande.</p>
-
-<p>Er begab sich nun mit Sprenger zu Franchini, welcher sie in
-seinem Kabinet empfing. Der Kopf des Banquiers hätte jedes Bild
-eines Gesandtenkongresses geziert. Die freien, intelligenten Züge
-waren wohlwollend und gewinnend, &mdash; seine schneeweißen Haare
-und lebhaften schwarzen Augen dienten einander als Folie, &mdash;
-Ausdrucksweise, Bewe<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span>gungen und Toilette vollendeten den Eindruck des
-<span class="antiqua">banquier-diplomate</span>.</p>
-
-<p>Nachdem Arnold, so zu sagen als Missionschef, in klarer Form und zu
-sichtlicher Befriedigung des Zuhörers die Hauptzüge des fraglichen
-Geschäfts entwickelt, und Sprenger die Umrisse hie und da mit Details
-ausgefüllt hatte, faßte Franchini, schnell und mit freundlichem Tone
-sprechend, das Gesagte zusammen: „Der Zweck Ihrer Reise, meine Herren,
-ist die Sicherung der Bestellungen für die Marine. Sie deuten auf
-Konkurrenz hin. Es war vor kurzer Zeit ein Agent eines Herrn Kollmann
-hier, der auch meinen geringen Einfluß in Anspruch nahm. Ich habe
-abgelehnt, da kein Grund vorliegt die Verbindung mit Ihrer Firma
-zu lockern. Sie wünschen den Abschluß mitzunehmen und eine Audienz
-beim Prinzen soll Sie gerade ans Ziel führen. Es bedurfte keiner
-Empfehlungsbriefe, um mich aufs Wärmste für Sie zu interessiren. Ich
-hoffe Ihnen einen Dienst zu erweisen, indem ich Ihr Ansuchen um die
-Audienz vermittle, da ein mir offener indirekter Weg unter dem Gedräng
-der Festlichkeiten vielleicht der Anmeldung in gewöhnlicher Form
-vorzuziehen ist.“</p>
-
-<p>Franchini schloß mit einer Einladung, heute und die ganze Zeit ihres
-Aufenthaltes, seine Mittaggäste zu sein; &mdash; die beste Gelegenheit, sie
-mit meh<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span>reren Notabilitäten, namentlich dem Direktor der Marine-Kanzlei
-bekannt zu <span class="nowrap">machen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Arnold konnte keinen bessern Erfolg des ersten Besuches wünschen.
-Einige andere füllten den Vormittag. Sie fanden auf ihren Gängen die
-Stadt in lebhaftester Bewegung; wo immer drei Menschen beisammen
-standen, hörte man die Worte Villa, Ball, Beleuchtung, und die Namen
-des Monarchen und des Prinzen. Wir folgen dem allgemeinen Impulse und
-wenden uns zuerst zu Letzterem.</p>
-
-<p>Der Prinz war einige zwanzig Jahre alt, und seine körperlichen und
-geistigen Eigenschaften mochten für jeden Posten besser taugen als für
-den, welchen er bekleidete. &mdash; Schwer konnte man sich diese zarte,
-schlanke Gestalt in der Admiralsuniform an Bord des Linienschiffes
-denken, als Beherrscher der schwimmenden Donnervulkane. Wenn man den
-blonden Schein über der feinen Lippe, durch welchen der Wunsch einen
-Schnurbart zu tragen ausgedrückt war, wegnahm und die weichen Haare zu
-Ringellocken auszog, konnte er ganz gut eine junge Lady vorstellen. &mdash;
-Sein Geistiges stand insofern im Einklange damit, als er eine lirische
-Natur war, welche im Mittelalter weniger das Ritterschwert geführt, als
-mit der Laute des Minnesängers Frauendank und Bandschleifen erkämpft
-hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte, wie alle Prinzen des Hauses, eine militärische Erziehung
-bekommen, behielt aber auch in der modernen Uniform die mittelalterlich
-romantische Richtung. &mdash; Seinem Sinne war das gesammte reguläre Militär
-nicht simpathisch. Kreuzfahrerkostüme, oder in wirren Haufen hinjagende
-Tscherkessen und Perser, spanische Guerilla’s, Palikaren, &mdash; kurz alle
-pittoresken Gestalten waren Labsal für seinen Sinn, und er wendete auf
-dem Paradeplatz gern den Blick von der steifen Linie der defilirenden
-Grenadiere nach der Suite, nach dem fliegenden <em class="gesperrt">Gemeng</em> der
-glänzenden Uniformen aller Waffengattungen.</p>
-
-<p>Er dichtete, und nicht einmal ganz schlecht. Eines der weniger
-gelungenen Gedichte war aber seine Führung des Statthalterpostens einer
-Provinz, welche zu den widerspänstigsten des Reiches gehörte, und
-welche er durch eine Art von <span class="antiqua">cour d’amour</span> im Stile des Königs
-René, Maskenzüge, orientalisch kostümirte Trabanten und Tableaux zu
-beruhigen gedachte. Er ließ es dabei auch an Unterstützung der Künste
-und wohlthätigen Spenden nicht fehlen, machte aber, dem ernsten,
-festgewurzelten Hasse gegenüber, mit seinem heitern, durchsichtigen
-Streben nach Popularität vollständig Fiasko, mehr als es vielleicht mit
-einer puritanisch-strengen Haltung der Fall gewesen wäre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span></p>
-
-<p>Als sich sein der Centralgewalt längst nicht zusagendes Sistem
-praktisch nicht bewährte, verlangte und erhielt er das Marinekommando,
-wobei ihm jedoch wieder die Bilder von Tempesta, das Wimpelgeflatter
-und alle Seeabenteuer von Jason bis auf Marryat lebhafter vorschwebten,
-als die trockene Aufgabe, eine in der Entwicklung begriffene Marine zu
-organisiren. &mdash; In angebornem Pflichtgefühl suchte er seiner Aufgabe
-gerecht zu werden, arbeitete mit den Fachmännern, so lange er eben
-aushielt, erwarb sich die Liebe der Untergebenen und der Stadt, welche
-ihn von seiner glänzendsten Seite, der repräsentirenden, kennen lernte,
-und entschädigte sich für die Mühen seines Berufes durch Feste und
-Galanterie.</p>
-
-<p>In letzterer Beziehung war er von dem Regime der Minnesänger, welche
-von einem Stück blauen Band und Sacktuchwehen vom Erker herab eine
-Anzahl Jahre lebten, bald abgewichen, und hielt diese Richtung nur
-in seinen Gedichten fest, während im wirklichen Leben Bänder und
-Taschentücher nur insofern Gegenstände seines Wunsches waren, als
-ihr Besitz zugleich jenen der Eigenthümerin bedeutete. Im Gedichte
-verherrlichte er die Silfide, den weibgewordenen Mondstrahl: in der
-Wirklichkeit zog er die niederländische Schule der deutschen vor, und<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span>
-schätzte eine Dürer’sche Madonna dann am höchsten, wenn er auf dem
-darunter stehenden Sofa einer Rubens’schen Frau zur Seite saß. &mdash; Dabei
-war er jedoch ziemlich beständig, und man konnte seine <span class="antiqua">liaisons</span>
-während dreier Jahre an den Fingern Einer Hand aufzählen. Seine
-poetische Natur schmückte die Erwählte mit Reizen, die ihr vielleicht
-nicht eigen waren, und es ließ sich nachweisen, daß der Bruch der
-bisherigen Verhältnisse immer durch eine Thatsache herbeigeführt
-worden, welche Seine Hoheit überzeugen mußte, daß man ihr ritterliches
-Vertrauen mißbraucht habe.</p>
-
-<p>Das Admiralitätsgebäude, dicht am Hafen, entsprach in keiner
-Beziehung seinem Geschmacke. &mdash; Es gewährte keinen Ueberblick, kein
-<em class="gesperrt">Bild</em>! &mdash; Der Wellenspiegel mit den Objekten seiner Thätigkeit
-sollte unter ihm liegen &mdash; die <em class="gesperrt">Marine</em> in <em class="gesperrt">Morgen-</em> und
-<em class="gesperrt">Abendbeleuchtung</em> &mdash; des Mondes nicht zu erwähnen &mdash; &mdash; und
-er selbst auf der Höhe, sinnend an eine Säule gelehnt &mdash; mit dem
-Nelson-Perspektiv hinunterschauend! &mdash; Auch lag die Admiralität mitten
-unter andern Häusern. Nicht einmal Hinterpforten. Jede „Rubens’sche
-Frau“ mußte vermummt zwei Schildwachen passiren.</p>
-
-<p>Nun thronte die Villa auf der Höhe des Berges, der dem Dampfer der
-Levante über die Nebel<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span>decke der See den ersten Gruß zusendet! Aus
-reichem Grün glänzt die Gloriette mit ihren Marmorstatuen, und die
-Flügel liegen halbmondförmig in den Armen der <span class="nowrap">Waldhöhe. &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Die Fantasie des Prinzen war einige Monate hindurch in voller Gährung
-über die Ausschmückung der Villa. &mdash; Es waren so ziemlich alle Stile
-vertreten, griechischer, gothischer, Renaissance... er hatte eine
-eigene Erfindung im Kombiniren von Erfundenem. So wenig das Auge
-des Kenners ein Labsal fand, so sehr bestach das Bauwerk die große
-Masse, durch den Reichthum des Stoffes und gewisse Effektstücke,
-die nicht ohne Reiz waren, wie <span class="nowrap">z. B.</span> der achteckige Saal, der das
-Centrum bildete. Die Mauerflächen waren mit weißem Marmor überkleidet,
-Baumstämme, täuschend aus dunklem Bronce gearbeitet, stiegen in jeder
-Ecke empor, unten glatt, oben in Aesten, Verzweigungen, und endlich
-in ein grünes Laubdach sich ausbreitend, welches den ganzen Raum
-überwölbte, und über welchem durch die Kuppel von blaßrosenfarbenem
-Glase das Licht einfiel, ohne daß man eine Flamme sah. Ein alter
-Gedanke, den aber der Prinz auf seinen Reisen doch nirgends ausgeführt
-<span class="nowrap">gesehen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Wenn in dem anstoßenden Sale die Glasgemälde der Fenster bunte
-Farbenflecken auf den spitzen<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> gothischen Zierrath der Wände
-und Gewölbe warfen, und in einem dritten das Kristallbassin mit
-Blumenfontaine, und die Teppiche und niedern Ottomanen einem Märchen
-der Scheherasade zu lauschen schienen, so mochte das Gesetz des
-Schönen durch den Mangel an Einheit noch so sehr verletzt werden,
-die Sinne wurden doch eigenthümlich gereizt, wenn der Lichtstrom und
-Blumenduft sich durch den ganzen Raum ergoß, und man das Ganze nur
-als fantastische Traum-Mosaik, als märchenhafte Zimmerreise in einem
-Zauberpalaste betrachtete.</p>
-
-<p>Fast stellte die Villa ein Bild des Staates dar, dem der Prinz
-angehörte. Ein Bild seiner schönsten Zeit! Das bunte Gemenge seiner
-Nazionen, von Einem Gebäude umfangen, von Einer Hymne durchklungen,
-Eine Fahne hoch wehend über dem Farbengeflatter der zahllosen kleineren
-&mdash; wie hier die Kuppel Alles überragt, durch ihr Ueberragen allein
-dem Ganzen einen Halt und Mittelpunkt gibt. &mdash; Denkt die umfangende
-Mauer weg, &mdash; und der altgläubige gothische Saal steht feindlich dem
-Grazientempel, &mdash; der blühende Orient den klaren, scharfen Formen des
-Westens entgegen, &mdash; &mdash; und dennoch vermag kein’s als Ganzes für sich
-zu bestehen.</p>
-
-<p>Doch die Villa ist kaum erbaut! &mdash; Wer denkt <em class="gesperrt">hier</em> an Zerfallen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span></p>
-
-<p>Denkt doch auch <em class="gesperrt">dort</em> kaum Einer daran, wo der Gedanke so nahe
-läge! &mdash; Eben fliegt der Faëton ihres Besitzers den Berg hinan, auf der
-herrlichen Kunststraße, die sich wie ein weißes Band in dreimaliger
-Windung hinaufschlingt. Er leitet persönlich die letzten Anstalten der
-beleuchtenden und dekorirenden <span class="nowrap">Schaaren. &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Der Ball war an dem Tage, wie überall, so auch beim Diner bei
-Franchini Hauptgegenstand des Gespräches, welches schon während der
-ersten Gänge sehr heiter und ungezwungen geführt wurde. Mr. Brown, der
-Chef der Gaskompagnie, schilderte einen Abend, den er mit dem Prinzen
-auf dem Gebälke über der Glaskuppel zugebracht, unter beständigen
-Versuchen mit dem Beleuchtungsapparate, der sich endlich zu voller
-Zufriedenheit <span class="nowrap">bewährte. &mdash;</span></p>
-
-<p>Der Direktor der Akademie, Volpi, vertraute der, nur aus vierundzwanzig
-Personen bestehenden Gesellschaft unter dem Siegel der Verschwiegenheit
-an, daß die Wahl des Comité’s für Bestimmung der drei schönsten Frauen
-zur Schlußgruppe der morgigen Tableaux auf Contessa Sanvitelli,
-Generalin Heuneberg und die Gattin des Banquiers Strada gefallen
-sei. Die Gemahlin des Gouverneurs, welche bei den <span class="antiqua">ricevimenti</span>
-des Prinzen die Honneurs machte, war von den Damen der Stadt gebeten
-wor<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span>den, zu wählen, und hatte, &mdash; den ganzen Frieden ihrer Zukunft auf
-dem Spiele sehend, &mdash; drei Professoren der <span class="antiqua">Academia delle belle
-arti</span> ersucht, die Rolle des Paris zu übernehmen. &mdash; An zwanzig
-Damen fanden sich, auf Erlaß des Comités, am hellen Mittag, in ganz
-gleichen einfachen weißen Kleidern bei der Gouverneurin zusammen. Jede
-hatte die ihr vortheilhafteste Frisur gewählt; allein die genannte
-Dame theilte ihnen lächelnd einen weiteren Beschluß des Wahlcomités
-mit, in Folge dessen ein Friseur nebst Gehülfen erschien, welche alle
-Kunstbauten beseitigten, und die Haare sämmtlicher Kandidatinnen
-glatt scheitelten und aufgelöst über die Schultern fallen ließen. Sie
-hatten hierauf in einem Salon mit dunkelgrünen Tapeten einen Kreis zu
-bilden, in welchem die drei Professoren sich eine halbe Stunde sehr
-angenehm herumbewegten. Ihre Wahl fand zwar nicht den Beifall der
-Nichtgewählten, aber den einstimmigen der <span class="nowrap">Tischgesellschaft. &mdash;</span></p>
-
-<p>Korbach wurde vom Herrn des Hauses mit Auszeichnung behandelt, und
-die Gäste schenkten seinen ruhigen aber bestimmt geäußerten Ansichten
-Aufmerksamkeit. Als der Bürgermeister der großen Vortheile gedachte,
-welche der Prinz der Hafenstadt zugewendet, welche ihm außerdem für
-den entwickelten Luxus dankbar sei, nahm er das Wort und schil<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span>derte
-die Stimmung der Residenz als eine, seiner humanen, wohlwollenden
-Tendenz höchst günstige, namentlich in den industriellen Kreisen, wo
-man seinen Bestrebungen zum Schutze der inländischen Produkzion volle
-Anerkennung zolle. &mdash; Es waren einige <span class="antiqua">free-traders</span> anwesend,
-für welche der Chef eines englischen Kommissionsgeschäftes das Wort
-führte, während Arnold die Schutzzölle vertheidigte. Die gegen Ende des
-Diners begonnene Debatte wurde in schönster Form mit Beobachtung aller
-Rücksichten auf interessante Weise geführt, daß die Gesellschaft in
-zwei ungleiche Lager getheilt &mdash; da die Majorität auf Arnold’s Seite
-&mdash; mit Spannung und Vergnügen zuhörte. &mdash; Der junge Korbach, der zum
-ersten Male als Repräsentant seines Hauses und Verfechter der demselben
-verwandten Interessen, in einer fremden, fast durchweg aus älteren
-Leuten bestehenden Gesellschaft auftrat, ward durch den Beifall, den
-seine ersten Reden gefunden, ermuthigt und entwickelte die Forderungen
-der Praxis, einer glänzenden Theorie gegenüber, mit so schlagenden
-Gründen und zugleich in so liebenswürdiger, natürlicher Form, daß er
-den entschiedensten Sieg errang.</p>
-
-<p>Er schloß mit den an den Engländer gerichteten Worten: „Es ist
-eine, wir wollen es gestehen, erzwungene Huldigung, die wir durch
-Vertheidigung<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span> unseres Schutzsistems Ihrer großen Nazion darbringen!
-Wir gestehen damit nur ein, nicht auf der Höhe zu sein, aus der wir
-Ihnen als Gegner den Handschuh hinwerfen können. So lange aber das
-Terrain der vaterländischen Industrie nicht hoch genug, um nicht von
-den Wogen Ihrer bisher an Werth und Billigkeit unerreichten Produkte
-überschwemmt zu werden, können Sie nun und nimmer verlangen, daß wir
-selbst den Damm einreißen! Der überschwemmte Markt würde in kürzester
-Zeit <em class="gesperrt">aufhören</em> ein <em class="gesperrt">guter</em> Markt für Sie zu sein, und
-wenn uns &mdash; was eben nicht der Fall &mdash; alle Minen Südamerika’s zu
-Gebote ständen, so würden wir nur dort anlangen, wo Jeder anlangen
-muß, der &mdash; &mdash; verzeihe mir die Gesellschaft das ganz unoratorische
-und unparlamentarische Gleichniß &mdash; seine Schranken zu einem Kampfe
-zwischen der Hauskatze der vaterländischen Industrie und dem gewaltigen
-brittischen Leopard <span class="nowrap">öffnet!“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Die Gegner reichten sich lachend die Hände. Franchini ward in seinem
-Entschlusse, Alles was von ihm abhinge, für den jungen Mann zu
-thun, bestärkt. Er hielt ihn nebst Sprenger und dem Direktor der
-Marinekanzlei zurück, als die Gäste sich entfernten. Das Geschäft
-wurde nach allen Richtungen besprochen, und Sprenger übernahm die
-Aus<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span>arbeitung einer Vorlage, welche er mit Zuhülfenahme der Nacht
-bis zum nächsten Morgen zu vollenden gedachte, für welchen Franchini
-bereits die Audienz erwirkt hatte. Er übergab den beiden Gästen
-zugleich Einladungskarten zum Balle in der Villa, wovon jedoch nur
-Arnold Gebrauch machen konnte, da Sprenger keine Zeit erübrigen zu
-können erklärte. &mdash; Das Erscheinen des Ersteren schien allen passend,
-ja nöthig.</p>
-
-<p>Während er hier auf dem „Wege, den ein Korbach geht“, für sich
-arbeitete, war ein kleiner Notenwechsel zwischen dem Hotel, wo Klotilde
-wohnte, und der Villa gepflogen worden.</p>
-
-<p>Sie hatte, vom Schlummer gestärkt, &mdash; ihre Ankunft und den Entschluß,
-zwei Tage zu verweilen, in einigen Zeilen kurz und bündig dem Baron
-Heidenbrunn angezeigt, welcher zum Prinzen stürzte, um diesen mit
-einem Ereignisse zu überraschen, das ihn etwas wärmer bewegte als der
-Glückwunsch der eben anrückenden Gemeinde-Deputazion.</p>
-
-<p>Der Adjutant flog mit einem Billet ins Hotel, mit einer Antwort zurück,
-und Nachmittags fand eine Schlußkonferenz zwischen ihm und Klotilden
-Statt, in welcher folgende Friedensartikel festgesetzt wurden:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Frau Klotilde Zeltner wird dem Balle in der Villa beiwohnen,
-in Gesellschaft einer griechischen Kapitänsgattin als
-Anstandsbegleiterin, welche Baron Heidenbrunn besorgt. &mdash; Der
-Prinz macht sich verbindlich, zehn Minuten lang mit Frau Klotilde
-in einer Weise zu sprechen, daß die Gesellschaft des Anblickes
-der Unterhaltung theilhaftig werde. &mdash; Ihrerseits bewilligt sie
-eine Unterredung, <span class="antiqua">à discrétion</span> über zehn Minuten, außerhalb
-der Gesellschaft. &mdash; Dieselbe stellt schließlich unbestimmte
-Verlängerung ihres Aufenthaltes in <span class="nowrap">Aussicht. &mdash;</span></p></div>
-
-<p>Der Adjutant suchte vergebens den Schlüssel zur Erklärung des schnellen
-Ueberganges zum Sistem der <span class="nowrap">Konzessionen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Klotilde hatte Zeit gehabt, Günther’s Andeutungen auf der Reise zu
-überlegen, und den Gedanken, daß Kollmann die Erscheinung seiner Frau
-zu Gunsten seiner Angelegenheit in die Wagschale legen könne, so
-lange ausgemalt, bis sie überzeugt war, derselbe sei bereits in der
-Hafenstadt angelangt, und in einer niederträchtigen Intrigue begriffen.
-Als, auf ihr Befragen, Heidenbrunn von Schritten eines Herrn Kollmann
-beim Prinzen so wenig als von einer Frau dieses Namens wußte, ward
-sie ruhiger, hielt es jedoch für angemessener, das streitige<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span> Terrain
-zu occupiren. Sie kannte den Karakter des Prinzen hinlänglich, um zu
-wissen, daß er unter dem ersten Reize eines glücklichen Verhältnisses
-unzugänglich für andere Eindrücke sei, und beschloß ihm so viel
-Hoffnung zu geben als möglich, wenn noch welche übrig bleiben <span class="nowrap">sollte. &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Der Himmel bescheerte dem Prinzen einen umwölkten Abend, &mdash;
-der erst spät einer hellen Mondnacht wich &mdash; als Hintergrund seiner
-Illuminazion. Der Chef der Gaskompagnie wüßte vielleicht zu sagen,
-wie viele Tausende von Flämmchen die Form der Villa in feurigen
-Linien auf den Grund des Waldes zeichneten. Weder Jemand von der
-Gesellschaft noch der Prinz hat sie gezählt, sondern Letzterer nur
-bezahlt, und wenn man das Spalier der Pechpfannen von der Stadt bis
-auf den Berg, die Girandolen auf dem Vorplatze, das bengalische Feuer
-auf der Kuppel und die alle fünf Minuten nach dem Himmel fahrenden
-Büschel von farbigen Raketen dazu rechnet, so läßt sich annehmen, daß
-dieser Versuch, die Nacht bei Tageslicht anzuschauen, allein so viele
-Mittel in Anspruch nahm, als die Verwandlung von einem Paar Hundert
-kalter und finsterer Stuben in warme und helle für die ganze Dauer
-des Winters. &mdash; &mdash; Eine nördliche Reflexion! &mdash; den tropisch heißen
-Empfindun<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span>gen gegenüber, mit welchen die Munizipalität mit Frauen und
-Töchtern den Berg hinanrollte, größtentheils in viersitzigen Wägen in
-der gewöhnlichen, durch Verspätung und Angst des Kleiderzerdrückens
-erzeugten Familienverstimmung. &mdash; Kühler fuhren die Damen der
-höchsten Gesellschaft dahin, einzeln oder zu zweien &mdash; es war ja eine
-Konzession, welche die geschmückten Opfer mit lächelnder Resignazion
-der Lieblingsmarotte des Prinzen brachten. Am kühlsten die alten
-Militärs, welche berechneten, wie viele Stunden sie im Glühofen dieses
-Feenpalastes mit loyaler Freudigkeit dorren <span class="nowrap">mußten. &mdash;</span></p>
-
-<p>In eigentlich froher behaglicher Stimmung kamen nur die Frauen der
-<span class="antiqua">haute finance</span>; wir werden hören warum.</p>
-
-<p>Mit welcher Empfindung aber auch Jeder gekommen sein mochte &mdash; wenige
-Minuten nachdem er durch die Blumenpforte des Vestibule getreten, wurde
-er von jener erfaßt, welche sich gleich in der ersten Stunde, nachdem
-sich die Geladenen versammelt, Bahn gebrochen hatte.</p>
-
-<p>Es gibt Gesellschaften, die einem ummauerten Teiche gleichen mit einem
-langweiligen Triton in der Mitte, und schief im Wasser stehenden,
-glotzenden Goldfischen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span></p>
-
-<p>Andere &mdash; seltene, glückliche! &mdash; mahnen an eine frische Quelle, die
-durch Felsen schlüpft und in welcher sich die Forellen jagen.</p>
-
-<p>Die Goldfische in den steifen Uniformen wußten Anfangs nicht, wie ihnen
-geschah, als sie in das gewohnte schwüle stehende Wasser zu fallen
-meinten, und von einer wirbelnden Flut gefaßt wurden, die sie fortriß.</p>
-
-<p>Nicht einmal die Polonaise &mdash; (armes Heldenvolk, das seinen Namen zu
-dem getanzten Tarok hergeben mußte!) &mdash; nicht einmal <em class="gesperrt">diese</em>
-hatte <em class="gesperrt">begonnen</em>. &mdash; Statt der geometrischen Promenade flogen
-in der ersten Viertelstunde die glänzenden Roben im Walzer dahin, &mdash;
-lösten sich wehende Locken von den warmblühenden Stirnen, &mdash; und mit
-den feurigen Klängen der Musik mischte sich frohes Lachen und die
-Fülle von hundert reizenden Stimmen bis herab zum süßen südlichen
-<span class="antiqua">contre-Alt</span> &mdash; der wahren <span class="antiqua">viole d’amour</span> der weiblichen
-Brust &mdash; und durchtönte die Blumengrotten, den Marmorsaal und alle die
-hohen strahlenden Räume.... Schaudernd entflohen war die langweilige
-Matrone Etikette, als fürchtete sie einen Orangenhagel von den Kobolden
-des neckenden Frohsinns!</p>
-
-<p>Und wer hat sie verscheucht? wem dankt der<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> Gebieter dieser Räume, daß
-sie heute nicht der dürre Samum des Ceremoniells durchweht?</p>
-
-<p>Eine Verschwörung hatte die Matrone gestürzt.</p>
-
-<p>Die Frauen hatten gesagt, so soll es sein, und sie setzen ihren Willen
-sicherer durch, als die am Anfange dieses Kapitels singenden vierzig
-Millionen.</p>
-
-<p>Eine große Zahl der schönen, jungen, geistreichen, lebhaften Frauen des
-reichen und gebildeten Mittelstandes der Hafenstadt hatten beschlossen,
-dem liebenswürdigen Herrn der Villa zu zeigen, was <em class="gesperrt">sie</em>
-der Gesellschaft zu bieten vermochten, und den vollen Reiz der
-<em class="gesperrt">ungezwungensten Heiterkeit</em> gegen den <em class="gesperrt">spanisch</em>-exclusiven
-Ennui ins Feld zu führen!</p>
-
-<p>Sie umringten den Prinzen, es fiel wie ein Regen von Wortblumen auf
-ihn &mdash; ein reizendes Impromptu folgte dem andern &mdash; sie bestimmten
-die Ordnung der Tänze ohne nach einem Obersthofmeister zu fragen,
-&mdash; verflochten während des Tanzes den Prinzen, der so leicht zu
-verflechten war &mdash; und während der Ruhe die alten Kammerherren und
-Generäle in jene raschen, witzsprühenden, zündenden Gespräche, welche
-einmal die Damen des <span class="antiqua">pur-sang</span> für ihr Monopol hielten, und
-kümmerten sich um diese letzteren so gar nicht, und wenn’s möglich
-wäre, noch weniger als gar nicht!, bis endlich Alles belebt und
-durchglüht war &mdash; &mdash; mit Ausnahme einiger ver<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span>knöcherter Repräsentanten
-eines, dem Himmel sei Dank, täglich tiefer ins Meer der Lächerlichkeit
-versinkenden <span class="nowrap">Prinzipes. &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; Es war der glänzendste Sieg der Grazie über die freudeversteinernde
-Medusa des Ceremoniells!</p>
-
-<p>Der Prinz, nicht ohne Geist, begriff den Sinn der Demonstrazion &mdash; der
-einen Seite derselben, der freundlichen, seiner Person dargebrachten
-Huldigung, freute er sich laut, und ging in den Ton vollkommen ein, &mdash;
-der andern, der <span class="antiqua">arrière-pensée</span>, die gegen eine gewisse Koterie
-gerichtet war, freute er sich <em class="gesperrt">still</em>. &mdash; Er dankte Gott, daß der
-Ueberraschungsbesuch des gekrönten Vetters noch nicht in den Jubel des
-<em class="gesperrt">heutigen</em> Abends hineingefallen!</p>
-
-<p>Der Wind, der heute in diesen Sälen wehte, hatte den Friedenstraktat
-zwischen ihm und der noch immer nicht erschienenen Klotilde insofern
-zerrissen, als von verabredeten gnädigen Worten und Erwiederungen keine
-Rede sein konnte: die Vorstellungen mit Frage und Antwort, Verbeugung,
-Zurücktreten und einem Andern Platzmachen, waren gar nicht zur
-Ausführung gekommen. Der Prinz war bald mitten im Gedränge, mit vielen
-zugleich sprechend, bald saß er in einer Blumennische &mdash; mit einer
-Feuernelke oder blaßrothen Camellie &mdash; die Frauen spra<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span>chen ihn an,
-ohne von der Hand der Gouverneurin vorgeführt zu sein &mdash; und die Männer
-hatten hinlänglichen Takt, um die fröhliche Razzia über die sonstigen
-abgesteckten Grenzen hinaus auf eine Weise mitzumachen, welche die
-Exklusiven am meisten ärgerte, die immer auf ein störendes, plumpes
-<em class="gesperrt">Zuviel</em> hofften, und immer vergebens!</p>
-
-<p>Auch der alte Franchini hatte seinen Moment ersehen, Arnold dem Prinzen
-vorzustellen. Dieser sprach von dem Glück, das ihm morgen bevorstehe
-(der Audienz) und von dem noch größeren heutigen, und bedauerte,
-fast der einzige Vertreter der Residenzbewohner zu sein, welche in
-dem Prinzen die eigentliche Stütze der vaterländischen <em class="gesperrt">Kunst</em>
-anbeteten, und welche ein einziger Gang durch die Villa überzeugen
-würde, wie jeder seiner schönen Gedanken auch zur That <span class="nowrap">werde. &mdash;</span></p>
-
-<p>„Machen Sie schnell diesen Gang mit mir, sagte der Prinz rasch und
-freundlich, und erzählen Sie zu Hause; ich sehe daß Sie Kenner sind!“
-und damit verließ er seinen Platz und durchschritt mit Korbach mehrere
-Säle, in jedem mit einigen Worten die Idee bezeichnend, die ihn
-geleitet.</p>
-
-<p>Als sie in der letzten Piece, zunächst dem Eingange anlangten, traten
-die letzten Angekommenen<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> der ganzen Gesellschaft &mdash; Klotilde und ihre
-Begleiterin, ein.</p>
-
-<p>„Es hat mich sehr gefreut Sie kennen zu lernen,“ sagte der Prinz zu
-Arnold, das „sehr“ so laut und freundlich betonend, daß es Klotilde und
-die übrigen Anwesenden vernahmen.</p>
-
-<p>Arnold zog sich nun zurück, und der Prinz sprach die Ersehnte und so
-unerwartet Wiedergefundene an, und machte mit ihr den ganzen Weg zurück
-nach dem Platze, wo er heute schon manches reizende Gespräch geführt.
-Das jetzige währte ungefähr so lange als drei der früheren.</p>
-
-<p>Als es, augenscheinlich zur vollen gegenseitigen Zufriedenheit,
-endigte, trat der Prinz unter eine Herrengruppe, Klotilde aber ließ
-ihre Blicke durch die Säle schweifen, bis sie Arnold fand, den sie ohne
-Weiteres ansprach, von dem Zusammentreffen im Freinhof ausgehend.</p>
-
-<p>Endlich ein Laut von <em class="gesperrt">dorther</em>! ein Gespräch über <em class="gesperrt">sie</em>! und
-eines, in welches sich nicht der ekelhafte Konkurrenzgedanke mischte...
-ein Gespräch über Julie, ohne daß die Firma Kollmann mitklang.</p>
-
-<p>Er vernahm zwar nichts, was seinen Durst stillen konnte, &mdash; Klotilde
-war selbst seit der Zeit nicht dort gewesen &mdash; aber ihre Erscheinung
-wurde für den Augenblick zu einer angenehmen für ihn.<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> Sie sprach ruhig
-und in berechnet liebenswürdiger Weise. Der Prinz war gegen Arnold
-äußerst gnädig gewesen: Motiv genug. &mdash; Während der Prior von Sankt
-Martin über den Prälatenstuhl weg nach dem Kardinalshut hinaufsah,
-dachte Klotilde, praktischer, über die Villa des Prinzen hinaus an
-eine Zeit, wo ihr jede freundliche Verbindung in einer tiefern Region
-erwünscht sein könnte. Ueberdies hatte die Persönlichkeit Arnold’s ihre
-Wirkung auch auf sie nicht verfehlt. Die Unterhaltung war lang und
-lebhaft. &mdash; Klotilde brach sie plötzlich mit einem „auf Wiedersehen!“
-ab, und verschwand im Gedränge.</p>
-
-<p>Leider schien dem Prinzen kein ganz ungestörter Genuß des Festes
-vergönnt zu sein. Mitten in einem angelegentlichen Gespräche wurde er
-durch Baron Heidenbrunn unterbrochen, welcher den Saal mit einem großen
-versiegelten Schreiben durchschritt, das er dem Prinzen überreichte.
-Dieser riß es mit offizieller Miene auf, rief dem Adjutanten zu: „Ich
-spreche den Kurier selbst!“ und verließ die Gesellschaft mit der
-Versicherung seiner baldigsten <span class="nowrap">Rückkehr. &mdash;</span></p>
-
-<p>Der Adjutant hatte nach dem Gange des Prinzen mit Arnold einige Worte
-an Letzteren gerichtet, welche dieser artig und kühl erwiederte. Mit
-Plom<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span>berg war es bei einem steifen Gruße geblieben. &mdash; Die beiden
-Offiziere hatten eine kurze Unterredung mit einander, in welcher
-Heidenbrunn erklärte, er habe keine Gelegenheit finden können, den
-vertraulichen Auftrag an den Prinzen zu vollziehen, und finde sich
-unter den jetzigen Konstellazionen wenig bewogen, gegen Korbach zu
-operiren. Plomberg, welcher sich nur Greuth gegenüber gedeckt wünschte,
-verlangte Nichts als das Versprechen der Bestätigung, daß er seine
-Sendung <span class="nowrap">vollzogen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Und somit wehten Arnold’s Fahnen hoch im Winde!</p>
-
-<p>Es waren Vortheile errungen, Gefahren abgewendet, und der Zweck des
-Balles für ihn erreicht. Er gedachte denselben zu verlassen, nachdem
-er sich noch mit Franchini unterredet, welcher ihm Glück wünschte. Das
-Gespräch verlängerte sich durch hinzutretende Bekannte.</p>
-
-<p>Als er sich von dem Bankier trennte und umwendete, legte sich eine
-Hand auf seinen Arm und Klotilde, mit der griechischen Dame, stand vor
-ihm. „Sie scheinen zu denken wie wir, sagte sie, daß man die Spielbank
-verlassen soll, wenn man gewonnen, und nicht das Glück mit zu langem
-<span class="antiqua">quitte ou double</span> ermüden! Wir fahren nach Hause, und Sie, lieber
-Korbach, werden uns um so gewisser das Vergnü<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span>gen machen, uns zu
-begleiten, da Sie in demselben Hotel wohnen!“</p>
-
-<p>Es ließ sich wohl schwer ein Refüs finden, und Arnold dachte auch an
-keinen.</p>
-
-<p>Das Fest hatte früh begonnen und es war nicht viel über die
-Mitternachtsstunde, als der Wagen mit den beiden Frauen und Korbach die
-Bergstraße hinabrollte, von den Klängen des Balles, die weit in die
-Nacht hinaustönten, <span class="nowrap">begleitet. &mdash;</span></p>
-
-<p>Es war eine taghelle Mondnacht. Hie und da standen auf den Plätzen
-einzelne Menschen und Gruppen und sahen nach den vor dem Licht der
-Silberflut verlöschenden Flämmchen und blauen Feuern auf der Höhe.
-Nicht ein Wölkchen am weiten Himmel, so weit das Auge reichte. Alles
-klar und durchsichtig.</p>
-
-<p>Die Frau des griechischen Kapitäns wohnte am Quai, einige Hundert
-Schritte vom Hotel. Sie stieg bei ihrem Hause ab, Klotilde gleichfalls.
-Letztere schickte den Wagen weg, sagte der Begleiterin Lebewohl und
-legte ihren Arm in jenen Arnold’s.</p>
-
-<p>In wenigen Minuten war der Weg bis zum Hotel zurückgelegt. Klotilde
-war befangen, verwirrt und stumm, ohne daß Arnold einen Grund errathen
-konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span></p>
-
-<p>Als sie in das Thor traten, sagte sie: „Wenn Sie in der <span class="antiqua">Contrada
-grande</span>, statt auf mich, auf einen Balkon hinaufgesehen hätten,
-würden Sie in der Dame, die Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht
-sah und dann zurücktrat, Julie Kollmann erkannt haben. Ich hatte
-aber meine Gründe, keine Erkennungsszene, auf den Balkon hinauf, zu
-spielen.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Eine_bewegte_Nacht"><em class="gesperrt">Eine
-bewegte Nacht</em>.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der alte Lügenfürst mit seinen hundert Namen von Luzifer bis
-auf Mefisto, ein Paar gläubige Jahrhunderte hindurch so zu
-sagen ins Privatleben zurückgedrängt, hat sich wieder der
-großen Weltbegebenheiten bemächtigt und treibt Politik und
-Regierungsgeschäfte. &mdash; Er ist zu sehr in Anspruch genommen durch die
-Gesammtlage Europa’s, zu entzückt über die loyale Ergebenheit eines
-Herrschers, welcher ihm die <span class="antiqua">gloire</span> einer großen Nazion als
-Rauchopfer darbringt auf dem Scheiterhaufen, den er aus den übrigen
-aufgebaut, &mdash; über die allgemeine Erbärmlichkeit, das allseitige
-Hinhalten der rechten Wange, nachdem man keinen Schlag auf die linke
-bekommen, als daß er sich mit Kleinem befassen könnte.</p>
-
-<p>In seinen schlechten Zeiten, &mdash; als ihn Luthers Tintenfaß und römische
-Bullen in die Enge trieben, &mdash; als er von gott- und ehrliebenden
-Fürsten aus den Palästen, von frommen Bürgern und<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> Bauern aus den
-Häusern und Hütten geworfen wurde, irrte er, des Einflusses auf den
-Gang der Ereignisse beraubt, wie ein Vertriebener Legitimist umher,
-&mdash; von der Rolle eines Staatsanwalts zu der eines Winkelschreibers
-herabgesunken, und befaßte sich mit Privatgeschäften der Individuen.</p>
-
-<p>Dem Herabgekommenen mochte ein vom Thurm gestürzter Anton Pilgram
-Violinlekzionen bei Tartini, &mdash; ein blutunterzeichneter Kontrakt
-mit Faust &mdash; bei welchem er zuletzt noch betrogen war, &mdash; die Zeit
-vertreiben. Jetzt aber ist das Verderben einzelner Seelen, das
-Zerstören einzelnen Glückes für ihn überwundener Standpunkt.</p>
-
-<p>Doch mag es Stunden geben, wo er, die Diplomatie mit Beruhigung sich
-selbst überlassend, heruntersteigt vom europäischen Thron und zur
-Erholung wie Harun al Raschid umherwandelt, im Inkognito, umschauend
-nach irgend einem herzlabenden Jammer.</p>
-
-<p>Und so konnte er denn eine wahrhaft teufelsselige Stunde verleben, wenn
-er, im Mondschatten an die Wand gelehnt, hinaufgesehen nach dem Balkon
-in der <span class="antiqua">Contrada grande</span>, &mdash; gesehen was Alles aus dem sanften
-Mondlicht werden kann, wenn es nur zur rechten Minute zwei heitere
-Gesichter und blonde Haare beleuchtet! &mdash; &mdash; wie ein Moment kühles
-Silber in glühenden Stahl verwandelt!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Tief und heiß traf der Stich in die ahnungslose Brust. Nicht
-das dünnste Schild eines Zweifels, einer Besorgniß, hatte Julie
-vorbereitend beschützt.</p>
-
-<p>Wohl hatte sie Arnold nicht ein „Steinchen zum Bau des Feenschlosses
-einer Gegenliebe“ gereicht, &mdash; aber dafür ihr eigenes aufgebaut. &mdash;
-Vielleicht höher und fester als das seine.</p>
-
-<p>Eine einzige laue Sommernacht erschließt die Aloënblüthe. &mdash; Ein Herz
-wie Julien’s kannte keine Uebergänge vom Dunkel durch Dämmerschein und
-Morgengrau zum hellen Sonnentag. „Was ist denn &mdash; hatte sie zu Sembrick
-gesagt &mdash; was ist denn an mir, was nicht Eingebung des Momentes wäre?
-&mdash; eine Stunde lang hab’ ich Arnold gesehen &mdash; fühlen Sie denn nicht,
-daß ich diesen Augen vertrauen <em class="gesperrt">mußte</em>?“ &mdash; Nur von Sembrick hätte
-es abgehangen, <em class="gesperrt">ausgesprochen</em> zu hören, was er von dem Augenblick
-an wußte, wo er den Brief durch Arnold empfangen.</p>
-
-<p>Wenn man versucht werden könnte, da zu vergleichen, wo der Vergleich
-nur auf Gegensätze trifft, so läge der schreiendste zwischen ihr und
-Klotilde darin, daß an dieser Alles berechnet und besonnen war, &mdash; an
-Julie Alles unberechnet, &mdash; und unbesonnen in dem Sinne, wie die Aloë,
-der wir sie<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span> verglichen, sich nicht besinnt, aufzubrechen, wenn ihre
-Stunde <span class="nowrap">gekommen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Sie war gekommen: ihr erster Schlag hatte durch den Goldnebel
-geklungen, mit ihrem letzten hatte ihre Hand in seiner geruht, &mdash; und
-als Arnold mit seinem Klarheit suchenden Wesen im Fremdenflügel am
-Fenster stand und sich <em class="gesperrt">Fragen</em> stellte, hatte Julie an keine
-Fragen an ihr Herz gedacht es war nur Eine Antwort, &mdash; ein lautes,
-freudiges Ja!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wie</em> in den klangreichen, leichtbewegten Saiten ihres Herzens
-der Laut der Liebe, den so Viele zu erwecken sich mühten, schlummern
-konnte, bis ihr Engel sie Arnold entgegenführte, mag eines jener
-Räthsel sein, deren Lösung sich der Meister, der das Saitenspiel der
-Menschenbrust geschaffen, &mdash; vorbehalten hat.</p>
-
-<p>Jeder Huldigung hatten sie entgegengeklungen: mit ernsten Akkorden dem
-ernsten Wort, womit ein tiefes Gefühl sich gegen sie aussprach, &mdash; mit
-fröhlichen, leichten Melodien dem alltäglichen Liebesgetändel, &mdash; aber
-nur jener Eine Ton war nie erwacht, den Jeder zu hören sich sehnte.</p>
-
-<p>Sie lauschte mit stockendem Athem der Erzählung des Reisenden, der die
-Urwälder Südamerika’s durchdrungen und in ihrem Boudoir den Teppich<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span>
-aus dem Fell des erlegten Tigers ausbreitete; &mdash; dem Gemälde der
-Schlacht, in welcher ein Medaillon das Herz eines Tapferen vor der
-Kugel beschützte, der für den Talisman um eine Stelle auf ihrer Etagere
-bat; &mdash; der Elegie des Künstlers, der entzückt war, mit ihrem Namen
-das Werk zu schmücken, zu dem sie ihn begeistert: der Teppich, &mdash; das
-Medaillon, &mdash; das Tonstück bewegten ihre Fantasie, beherrschten Stunden
-und Tage lang ihre Gedanken, aber das Herz blieb ruhig bei allen, oft
-großen und gewaltigen Eindrücken und Erscheinungen.</p>
-
-<p class="mbot2">&mdash; &mdash; Und nachdem all die gefeierten Namen geklungen und Orden geglänzt
-und Lorbeern gegrünt &mdash; kam <em class="gesperrt">er</em> im Schiffchen heran, in der
-grauen Jacke, im grünen Hut &mdash; und der Harfe in ihrer Brust entflog,
-von der <em class="gesperrt">rechten</em> Hand berührt, der himmlische Dreiklang: ich
-liebe dich!</p>
-
-<p>Der nervöse Wechsel von Fröhlichkeit und Verzweiflung wich einem
-stillen Glücke, das ruhigem Schmerz die Hand reichte, die ihre innere
-Welt beherrschend in einander übergingen wie Nacht und Tag, nicht
-einander zischend bekämpften wie Wasser und Flamme.</p>
-
-<p>Einem furchtbaren, großen, tragischen Geschicke gegenüberstehend,
-wo die Welt nur eine unglückliche<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> Ehe sah, &mdash; einem Verhängnisse,
-das sie fast willenlos in die Hände eines Gehaßten gab, aus dessen
-Gewalt keines jener Mittel sie befreien konnte, welche göttliche und
-menschliche Gesetze Andern zur Lösung unseliger Bande darbieten, &mdash;
-hatte die Hoffnung in ihrem Herzen die Gestalt eines fantastischen
-Wunderglaubens angenommen.</p>
-
-<p>Edmund von Sembrick war die erste Erscheinung, welche diesem Glauben
-eine bestimmte Richtung gab.</p>
-
-<p>Der Moment wo sie ihn kennen lernte, in einer rettenden kühnen That, &mdash;
-seine Erscheinung, die so gewaltig abstach gegen die konvenzionellen
-Gestalten, welche sie bisher umringten, &mdash; die unwillkürliche Mahnung
-an den Gedanken der Erlösung, die in seinen Zügen lag, &mdash; das wilde
-Feuer der Energie, das manchmal in seinen Augen aufloderte, der Funke
-des Geistes, der nie in ihnen erlosch: Alles hatte sich vereinigt, um
-den Blick der Alleinstehenden, Hülfesuchenden auf ihn zu lenken. &mdash; Der
-Schnee, der den Vulkan deckte, war ihr nur ein Zeichen seiner Höhe,
-die Kälte, ja Härte, welche nur selten einem weichen Momente wich, ein
-Beweis einer Kraft, die da einen Ausweg öffnen konnte, wo <em class="gesperrt">sie</em>
-keinen sah.</p>
-
-<p>Sie war entschlossen, ihm Alles zu vertrauen. Da gewahrte sie das
-plötzliche Schmelzen des Schnee’s. Wie die Minerva in voller Größe
-gewaffnet aus<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span> Jupiter’s Haupte sprang, stand seine Liebe in ihrer
-ganzen Glut und Kraft vor ihr.</p>
-
-<p>Aber nicht schneller hatte das Auge des Weibes sie erkannt, als &mdash;
-Kollmann. Dieser, der über Sembrick’s Karakter im Reinen zu sein
-glaubte, und ihn an Julie gefesselt sah, weihte ihn selbst in Alles
-ein. &mdash; Edmund trat mit dem Bekenntniß seiner Liebe, und zugleich in
-voller Kenntniß dessen vor sie hin, was sie ihm mittheilen wollte, &mdash;
-aber auch mit dem Eingeständnisse, daß es gegen Kollmann’s Waffen ein
-einziges Mittel gebe, dessen Ausführung, gewaltsam und abenteuerlich,
-von der Zeit und der Ueberwindung von tausend materiellen Hindernissen
-abhänge.</p>
-
-<p>Die vorhergegangene Unterredung der beiden Männer hatte damit geendigt,
-daß Sembrick die Ueberzeugung von der tiefen Schlechtigkeit Kollmann’s
-mitnahm, welcher dieß wohl wußte, aber sich kalt und ruhig freute, ihn
-durch die Mitwissenschaft an sich gebunden zu sehen, wenigstens so
-lange ihm Julien’s Glück theuer war, das hieß, für immer, wenn auch
-seine Liebe oder Leidenschaft nicht ewig währen sollte. Der Erwiederung
-derselben von Julien’s Seite hätte er ruhig zugesehen.</p>
-
-<p>Es kam aber anders.</p>
-
-<p>Sembrick hatte nicht als der Erlöser gesprochen,<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span> den sie gedacht.
-&mdash; Er wollte sie durch eine Hölle tragen, ein Leben und Freiheit
-gefährdendes Unternehmen für sie ausführen, &mdash; &mdash; aber am rettenden
-Ufer angelangt, war ihr Herz das Ziel, auf welches er hinblickte.</p>
-
-<p>Sie sprach offen und wahr mit ihm, entschlossen, ihm keine Täuschung
-und keine Hoffnung zu lassen. Er gab sie nicht auf, eben so wenig als
-den Vorsatz, ganz so für sie zu handeln, wie er mit der Gewißheit des
-schönsten Lohnes gethan hätte.</p>
-
-<p>Julie hatte den jugendlichen oder besser kindischen Traum einer
-„Freundschaft“ gehegt, &mdash; diese gerade darum für möglich gehalten,
-weil der ganze Kreis, der sie umgab, des Gedankens einer Freundschaft
-zwischen einem Manne und einer reizenden Frau nur mit höhnischem Lachen
-oder Lächeln erwähnte. Was diese für unmöglich hielten, sollte sich in
-Edmund verwirklichen.</p>
-
-<p>Nun war der „Wunderglaube“ erschüttert, &mdash; der Befreier des Landes
-streckte zugleich die Hand nach der Krone desselben aus: ihr Herz hatte
-geschwiegen.</p>
-
-<p>Hätte dieses gesprochen, &mdash; sie würde ihn wenigstens gefragt haben,
-welchen Gefahren er entgegengehe. Wie bange schlug es, als er sagte:
-Wenn Sie Korbach Alles mittheilen, so ist er gebun<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span>den wie ich, geräth
-in den Kampf zweier Pflichten! &mdash; <em class="gesperrt">Da</em> erst mochte sie fühlen,
-daß sie vom <em class="gesperrt">Freunde</em> nimmermehr erwarten solle, am wenigsten
-verlangen dürfe, daß er Etwas für sie unternehme, woran sie den, den
-sie liebte, nicht einmal durch Mitwissen betheiligt sehen wollte. Ohne
-irgend einen Begriff von Sembrick’s Plane, nur seiner hingeworfenen
-Worte gedenkend: „Noch Eine treue, verläßliche Hand!“ hatte sie Arnold
-gesendet. Nach dem Gespräche mit dem Baron war sie entschlossen, Jenem
-zu schreiben, ihn nach dem Freinhof zu bitten, ihre Fragen, Alles zu
-widerrufen, kurz um jeden Preis, auf die Gefahr hin, unbesonnen vor ihm
-zu erscheinen, ihn von jedem weitern Schritte und einer Annäherung an
-Sembrick abzuhalten.</p>
-
-<p>Dieselbe Bitte, Nichts für sie zu thun, und sie der Vorsehung allein zu
-überlassen, wollte sie auch an Edmund richten. Von dem <em class="gesperrt">Freunde</em>
-in ihrem Sinne konnte sie ein Opfer annehmen, sie fühlte aber nach
-seinem Weggehen, daß er im Herzen fordere, und sie hatte nichts zu
-bieten.</p>
-
-<p>Während sie seine versprochene Rückkehr von der Reise nach dem Orte, wo
-das ganze Geheimniß ihres Lebens ruht, erwartete, führte Kollmann sie
-plötzlich vom Freinhofe fort: Sembrick traf diesen bereits verlassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span></p>
-
-<p>Wohl war der „Wunderglaube“ mit Arnold einen Augenblick erwacht:
-Edmund gegenüber erschien er ihr wie der königliche Hirtenjüngling
-mit der Schleuder, der den Goliath schlug, welchem die gerüsteten
-Krieger erlagen. Allein der Gedanke, ihn, statt mit den Blumengewinden
-ihrer Liebe, mit den Dornen ihres Geschickes zu umflechten, war ihr
-unerträglich geworden. Keine Frage, <em class="gesperrt">wohin</em> die Wellen tragen,
-sollte das Entzücken der Gegenwart trüben.</p>
-
-<p>Sie streckte die schöne Hand nicht aus nach dem Schleier der Zukunft!
-Der Gedanke, wohin <em class="gesperrt">soll</em> es führen, fand nicht Raum neben dem
-Schatze von süßen Empfindungen, zu denen es <em class="gesperrt">geführt</em>. Bei Julie
-war nur Eines gewiß, wohin es <em class="gesperrt">nicht</em> führen konnte: nie zu einem
-Treubruch gegen sich selbst! Wenn wir die kühne Behauptung aufstellen,
-daß der Paradiesvogel dieser Liebe über die Mauern der Pflicht gegen
-Kollmann wegfliegen durfte, so wagen wir sie auf den Umstand hin,
-daß auch wir einen Schleier zu lüften haben, aber nicht der Zukunft,
-sondern der Vergangenheit.</p>
-
-<p>So unausgleichbar, anscheinend, der Widerspruch, &mdash; sagen wir, daß
-Julie trotz der Bande, die sie an Kollmann fesseln, wenn sie <em class="gesperrt">von
-Arnold’s Arm umschlungen</em> in den Seespiegel blicken würde, ihr Bild
-so rein herauflächeln sähe, als das Edel<span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span>weiß, womit er ihre Brust
-schmückt... Es war dieß ihr Traum gewesen, als sie am Morgen nach
-seiner Ankunft <span class="nowrap">entschlummerte. &mdash;</span></p>
-
-<p>Er trat auch jetzt vor ihre Seele, als sie, die <span class="antiqua">Contrada grande</span>
-hinab, nach der weißglänzenden Meeresfläche blickte. Die erfrischende
-Nachtluft kühlte wohlthätig die heiße Stirn. Sie strich die Locken
-zurück, ließ sie spielend durch die Hand gleiten und freute sich der
-Erinnerung, wie er dieselben betrachtet, wie in den ruhigen Augen ein
-heller Funke aufgezuckt bei ihrer Berührung. &mdash; &mdash; Hatte sie doch
-einmal ein Buch zur Seite geworfen bei der Stelle, wo die Liebende
-spricht: Wie arm fühl’ ich mich gegen dich! „So bleibe arm, du enges
-Herz &mdash;! hatte sie ausgerufen &mdash; wenn du liebend dich nicht reich genug
-fühlst, um deiner Dürftigkeit zu vergessen!“ &mdash; &mdash; Sie fühlte sich
-reich, dreifach wiederzugeben, was sie an Seligkeit empfing; freute
-sich jedes ihrer Reize als einer Gottesgabe für den Geliebten.</p>
-
-<p>Sie drückte die Hände auf die Augen: so reizend das Nachtbild, &mdash; ein
-wonnevolleres stand vor ihrem Sinne. &mdash; Still lächelnd schaute sie es
-an, &mdash; jeder Athemzug ein Gebet um Wiedersehen! jeder Gedanke ein Kuß!</p>
-
-<p>Und als sie die Hände wieder von den Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span> nahm &mdash; &mdash; wo war da
-der Schutzgeist ihres Friedens, daß er sie nicht mit seinem Fittig
-bedeckte!?</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Gegenüber lachte der Satan im Mondschatten. Das Wiedersehen war
-erreicht: die <span class="antiqua">mise en scène</span> war ihm gelungen.</p>
-
-<p>Die nächste Minute hat Klotilde bereits erzählt: &mdash; „die Dame, die
-Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht sah, und dann zurücktrat“
-&mdash; &mdash; sie wankte durch den Salon, am Spiegel vorüber, der ihre Reize
-zurückwarf, für welche sie dem Schöpfer um des Geliebten willen
-gedankt hatte, &mdash; zusammengebrochen, halb bewußtlos. Wie nahe auch
-die Möglichkeit lag, den Giftpfeil in ein unschädliches Spielzeug des
-Zufalls zu verwandeln: sie hatte nicht die Kraft eine Lösung zu suchen.</p>
-
-<p>Mitleidig lächelnd harrte ihr Genius des Augenblickes, wo sie die
-beiden Trostgeber aus seiner Hand empfangen könne: Thränen und Gebet.
-Es währte lange, ehe die ersten Tropfen aus den brennenden Augen
-drangen, und den Krampf der Nerven, jenen der Seele lösten &mdash; &mdash; dann
-strömten sie hin, und mit ihnen eines jener Gebete, die so selten
-vergebens aus der Erdennacht emporsteigen. Sie werden erhört, &mdash; und
-das letzte flehende Wort aus der Tiefe des Herzens klingt zusammen mit
-einem: „Es werde Licht“ von Oben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span></p>
-
-<p>Nach einer Stunde solchen Sturmes mußte das Schiff des Glaubens
-gescheitert und versunken sein, &mdash; oder gelandet am grünen Gestade.</p>
-
-<p>Sie hatte lange am Fenster gekniet; &mdash; nun stand sie auf &mdash; die
-Hände hoch über dem Haupte gefaltet und sagte, noch durch Thränen
-lächelnd: „Es ist ja nicht möglich, und darum <em class="gesperrt">ist’s</em> nicht! &mdash;
-Arnold und Klotilde! Vergib mir, Allgütiger! daß ich dich bat mir
-wiederzuschenken, was du mir nie genommen!“</p>
-
-<p>Festen und leichten Schrittes ging sie einige Male auf und nieder,
-&mdash; ließ Licht bringen und schrieb. &mdash; Nun hat sie geendet, und sich
-zur Ruhe gelegt &mdash; und leise, &mdash; leise &mdash; wie Rehe, vom Wetterstrahl
-verscheucht, heranschleichen zum gewohnten Spielplatz &mdash; kamen die
-entflohenen Träume wieder &mdash; und als sie die Augen geschlossen,
-lächelte der Mund, als spielten, wie man von Kindern sagt, die Engel
-mit der Schlummernden.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">* &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; *<br />
-*</p>
-
-<p>Kurz war die Freude des Teufels.</p>
-
-<p>Einen längeren und nachhaltigeren Genuß hätte er haben können, wäre er
-der kleinen Barke gefolgt, welche am Anfange der Nacht, fast zur Stunde
-wo das Fest begann, vom Lande stieß, den Hafen durch<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span>schnitt und einer
-am Ausgange desselben geankerten Dampfkorvette zusteuerte.</p>
-
-<p>Letztere, unter englischer Flagge segelnd, ist am Morgen von Malta
-angekommen, der Kapitän hat sich mit einem Begleiter ans Land begeben
-&mdash; daselbst den Auftrag, dessen Erfüllung wir nun zusehen werden,
-bestellt, und ist wieder an Bord zurückgekehrt. &mdash; Abends entsendete
-er einen Matrosen mit dem erwähnten Bote nach dem Quai, wo Kollmann
-dasselbe erwartet.</p>
-
-<p>Es nähert sich der Korvette, auf deren Vordertheil der Name Aegina zu
-lesen: am Bord ist Alles still und wach &mdash; der Kapitän überblickt mit
-scharfem Auge Nähe und Ferne.</p>
-
-<p>Er hat sich für die Sicherheit zweier Passagiere, die er führt, einem
-Manne verbürgt, welcher, auf der Höhe der Gesellschaft der stolzesten
-Nazion stehend, es in seinem und seines Landes Interesse findet, seinem
-aristokratischen Staatswagen die wilde Jagd der gesammten europäischen
-Demokratie vorzuspannen. &mdash; Die Steine, welche während seines langen
-Lebens aus allen Kabineten und sonstigen Werkstätten des konservativen
-Prinzipes auf ihn geschleudert wurden, könnten hinreichen, um einen
-Damm von seinem Vaterlande nach dem Kontinent aufzuführen. &mdash; Man
-erwies ihm in einer Residenz<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span> &mdash; (tausend Meilen von unserer entfernt)
-einmal die Ehre, seinen Rücktritt durch ein eigenes Plakat der
-Bevölkerung anzuzeigen, als ein Ereigniß, durch welches die bedrohte
-Zukunft eines großen Staates gerettet worden, und wir erinnern uns
-wohl der Indignazion der Einwohner über diese Huldigung. In seinem
-Lande wird aber sein Name als der Tipus des populärsten, des eigentlich
-nazionalen Ministers fortleben, und bei jedem Sturze von der Höhe der
-Ministerbank ist er nur in die offenen Arme des Volkes gefallen, das
-er mit seinen Tugenden und Schwächen begreift wie Keiner, und das ihn
-dafür in sein Herzblut aufgenommen.</p>
-
-<p>Der Kapitän der Aegina, welche schon manche Reise, mit politischer
-Contrebande befrachtet, glücklich zurückgelegt, genießt das Vertrauen
-des Lords, den wir nicht zu nennen brauchen, und welcher ihm Wangerode,
-den deutschen Demokraten, mit welchem Kollmann auf seiner Reise vor
-drei Jahren zusammengetroffen, <em class="gesperrt">empfohlen</em>, einen Zweiten aber,
-den wir bald kennen lernen, aufs Wärmste ans <em class="gesperrt">Herz gelegt</em>.</p>
-
-<p>Wangerode gehörte zu den Schiffsgütern, welche in allen deutschen,
-monarchisches Gebiet bespülenden Gewässern mit Beschlag belegt werden.
-Er war Keiner von denen „welche im Momente der Gefahr<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span> ihre Pflicht
-nach einem anderen Punkte ruft“ &mdash; meist nach den Bahnhöfen, und die
-das undankbare Vaterland nicht mit eroberten Fahnen, sondern mit
-gestohlnen Kriegskassen verlassen. Er hatte als achtzehnjähriger
-Jüngling auf den Barrikaden gefochten, unter den „von Zukunftdranges
-Sturm am Weitesten Getragenen“. Ein altes Schwert, das bei Einnahme
-des Zeughauses in seine Hände gefallen, hatte vielleicht seit zwei
-Jahrhunderten zum ersten Male wieder Blut getrunken, edles Blut, mit
-welchem nun sein Name im Schuldbuche eingeschrieben stand für immer
-und ewig. Wie viele Hunderte geächteter Namen auch durch das Sieb der
-verschiedenen Amnestien gegangen, für den seinigen waren die Löcher zu
-eng.</p>
-
-<p>Wer aber einmal sein Leben eingesetzt für seine Gesinnung, der bleibt
-von der Feuertaufe gestählt für immer. &mdash; Als Wangerode den Kugeln
-gegenüberstand, hatte er nicht für eine Ueberzeugung geblutet, sondern
-für ein Gefühl, einen Enthusiasmus! Das ist ja das göttlich Schöne der
-Jugend, daß sie für ein Wort in den Tod geht, ohne nach dem Begriffe zu
-fragen!</p>
-
-<p>Mit den Jahren hatte sich das Gefühl zur Ueberzeugung ausgebildet. Er
-war aber durch die Reife nicht besser geworden. &mdash; Das Ziel seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span>
-jugendlichen Schwärmerei war: allgemeine deutsche Republik; das Mittel:
-Massenerhebung des Volkes zum offenen Kampfe der Blouse gegen die
-Uniform. Der Zweck ein Ideal, das Mittel ritterlich.</p>
-
-<p>Sein <em class="gesperrt">jetziger</em> Standpunkt war: Einheit Deutschlands &mdash; ob
-Republik, ob Monarchie &mdash; er hätte vielleicht einer das gesammte
-Vaterland umfassenden Militär-Diktatur den Arm geboten. Darin lag eben
-kein Herabsinken; es war ein Ideal wie das andere. Aber den Glauben
-an die Erreichung durch ritterlichen Kampf hatte er in Erkenntniß der
-Wirklichkeit verworfen. Umsturz des Bestehenden durch jedes Mittel, &mdash;
-der Schutt als Unterbau künftiger Einheit war seine jetzige Devise,
-und er stand im Gutheißen der verworfensten Wege dem italienischen
-Revoluzionschef nicht nach. &mdash; Nach wie vor bereit, seinen Kopf für
-seine Sache einzusetzen, hätte er kein Bedenken getragen, Andere mit
-dem Dolche des Meuchelmörders auszusenden.</p>
-
-<p>Sein entschlossener Karakter, seine Bildung und Gewandtheit hoben ihn
-bald über die Schaar der übrigen Exilirten empor, und die Häupter der
-verschiedenen Frakzionen, welche auch in der Fremde die heimatliche
-Spaltung verewigten, erkannten ihn bei durchgreifenden Beschlüssen
-faktisch als höchste Autorität.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span></p>
-
-<p>Bei seinem ersten Zusammentreffen in der Schweiz hatte er in Kollmann
-insofern einen Gleichgesinnten erkannt, als dieser vom baldigen
-Zusammensturz der Verhältnisse im Vaterlande überzeugt war, &mdash; bei
-einem zweiten, in Mannheim, kam es zu einem förmlichen Verständnisse.
-Der Weg, auf welchem Kollmann dem in London lebenden Wangerode
-regelmäßige Mittheilungen machte, blieb unentdeckt; Kollmann’s
-Haltung in der Gesellschaft beseitigte übrigens jeden Verdacht, außer
-Lipprecht’s, der, wie wir wissen, damit isolirt stand. Kurze Zeit vor
-seiner, aus andern Gründen beabsichtigten Reise nach der Hafenstadt
-hatte er die Nachricht erhalten, daß Wangerode eine Begegnung wünsche.
-Es war angegeben, auf welche Weise Kollmann im Hafen von Zeit und Ort
-derselben in Kenntniß gesetzt werden sollte.</p>
-
-<p>Der Vorschlag kam ihm sehr unerwünscht; ganz andere Entwürfe
-nahmen seine Gedanken und Zeit in Anspruch. Allein der Wunsch war
-<em class="gesperrt">bestimmt</em> gestellt, und er befand sich in einer Lage, welche eine
-schmeichelhafte Aehnlichkeit mit jener des Kaisers der Franzosen den
-alten Carbonari-Freunden gegenüber hatte.</p>
-
-<p>In der Mannheimer Unterredung hatte Wangerode so zu sagen mit dem
-Herzen auf der Zunge gesprochen, und ihn in das innerste Getriebe
-der Partei<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span> hineinschauen lassen. Als Kollmann beim Abschiede eine
-Betheuerung seiner unverbrüchlichen Verschwiegenheit geben zu müssen
-glaubte, antwortete Wangerode lachend: „Dergleichen ist nicht mehr
-üblich! Männer überlegen bevor sie eingehen. Dann aber weiß auch Jeder,
-daß einem Verrath oder Abfall nicht mit verschränkten Armen zugesehen
-wird. Wollen Sie Beispiele?“ Es folgte eine Aufzählung von Personen,
-welchen bei plötzlichem Wechsel ihrer Gesinnung ein Paar Zoll kaltes
-Eisen als Präservativ gegen Indiskrezionen eingegeben wurde, &mdash; und die
-Bemerkung, daß dergleichen nur in Italien vorkomme; deutsches Wort sei
-noch nicht gebrochen <span class="nowrap">worden. &mdash;</span></p>
-
-<p>Das hieß schließlich doch, daß <em class="gesperrt">wenn</em> das deutsche Wort
-ausnahmsweise gebrochen würde, ein Messer auch ausnahmsweise seinen Weg
-in deutsche Haut finden könnte.</p>
-
-<p>Wangerode hatte Alles ganz heiter und ohne unheimliche Betonung
-gesagt, aber der Zuhörer kannte seinen Mann und hatte bisher seine
-eingegangenen Verpflichtungen getreulich erfüllt.</p>
-
-<p>Er stieg nun die Schiffstreppe an Bord der Aegina hinan, der Kapitän
-schritt ihm voran, ins Innere des Schiffes hinab, wo er die Thür einer
-Kabine öffnete und nachdem Kollmann eingetreten, sich zurückzog.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span></p>
-
-<p>Am Tische saß, beim Licht der Hänglampe schreibend, Wangerode. Leider
-steht uns zu seinem Bilde keiner jener kontrastirenden Züge zu Gebote,
-durch welche glückliche Autoren ihre Gemälde pikant zu machen wissen.
-Der Ritter, der die geharnischten Gegner Mann für Mann aus dem Sattel
-schleudert, trägt häufig „zarte, fast mädchenhafte Züge“, &mdash; der Jesuit
-lächelt mit so freundlicher Bonhommie, daß ihn Niemand durchschaut, als
-der Verfasser, &mdash; die Dame, die im Verlauf des Romans sich als eine
-Lukrezia Borgia entwickelt, hat ein „sanftes Madonnenantlitz“ <span class="nowrap">u. s. w.</span>
-Wangerode sah aber gerade so aus wie der deutsche Demokratenführer vom
-Maler gemalt wird, wenn er eben keinen wirklichen vor sich hat. Wenn
-wir eine Nachahmung hoher Vorbilder im heldenbeschreibenden Stil wagen
-dürfen, so sagen wir: „die breite Stirn und Nasenwurzel so wie die kühn
-aufgeworfene Unterlippe verriethen Entschlossenheit und Energie; in
-den grauen Augen lag ein Gemisch von Kühnheit und List, &mdash; die breite
-Brust und der gedrungene Körperbau so wie die ausgebildeten Armmuskeln
-ließen auf einen Mann schließen, der keinen Gegner im Einzelkampfe zu
-scheuen braucht; ein heller, dichter Vollbart umgab das wettergebräunte
-Gesicht“ &mdash; &mdash; doch genug.</p>
-
-<p>Er erhob sich rasch und bot Kollmann die Hand<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> mit den Worten:
-„Willkommen nach drei Jahren, treuer, bewährter Freund! Wir sprechen
-uns heute in voller Sicherheit und wollen gleich zur Sache übergehen.
-&mdash; Daß Sie hierher kommen, erspart mir eine Rundreise; mein Ziel
-ist für den Augenblick nicht Ihr Land, ich hätte aber einige Ihrer
-Provinzen durchflogen, wenn ich Sie nicht anders hätte treffen können.
-Sie haben Viel geleistet, wir wissen es Ihnen Dank, und der Moment,
-wo wir es beweisen werden, kann nicht ausbleiben. &mdash; Lassen Sie uns
-die vielleicht so bald nicht wiederkehrende Stunde genießen und
-nützen, rauchen Sie zum Thee eine von den Zigarren, die mir unser Lord
-mitgegeben, und erfreuen Sie mich mit der Erzählung dessen, was Ihre
-reservirten Berichte verschwiegen.“</p>
-
-<p>Kollmann dankte ablehnend für alle dargebotenen Erfrischungen mit
-Ausnahme der Havanna, lehnte sich in das niedere Sofa zurück, und
-begann, mit gekreuzten Armen auf den Boden vor sich hinsehend:
-„Ich habe unser Programm festgehalten. Es besteht, um der Börse
-ein Gleichniß zu entlehnen, darin, die Kurse der politischen
-und administrativen Verkehrtheit bis zum höchsten Schwindel
-hinaufzutreiben. Meine Berichte haben einige Erfolge enthalten. Ich
-ergänze dieselben in Betreff der Art und Weise, wie ich sie errungen,
-und noch mehr zu erreichen hoffe.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span></p>
-
-<p>„Ich habe mir eine Verbindung mit dem Finanzminister eröffnet, durch
-welche ich leicht Jemandem Zutritt verschaffen kann, und habe von
-diesem Wege zu Gunsten von Männern Gebrauch gemacht, welche die
-Geneigtheit des Grafen Breuneck zu Experimenten, denen unsere Industrie
-nicht gewachsen ist, benützen. Es ist zugleich dafür gesorgt, daß jeder
-Artikel, welcher mißfällige Bemerkungen über seine Maßregeln enthält,
-ihm zu Gesichte kommt, und bei seiner krankhaften Empfindlichkeit gegen
-Tadel haben wir ihm manchen die Journalistik treffenden Schlag zu
-danken.“</p>
-
-<p>„Es steht mir ein Organ zu Gebote, durch welches ich dem Minister des
-Innern auf vertraulichem Wege solche Korrespondenzen aus verschiedenen
-Provinzen zukommen lasse, welche von sicherer Hand nach meiner Angabe
-verfaßt und geeignet sind, ihn in seinem Centralisazionssistem zu
-bestärken, und welche er höchsten Ortes vorlegen kann, als Beweis der
-Zufriedenheit im Lande und der Ungerechtigkeit seiner Gegner.“</p>
-
-<p>„Ich überschätze meine Thätigkeit nicht, wenn ich behaupte, daß
-mir Mittel zur Verfügung stehen, durch einen Vertrauten des
-General-Adjutanten und durch ein fürstliches Haus Belege in die Hand
-des Monarchen zu spielen, daß jede Konzession vom Volke nur als ein
-Zeichen der Schwäche betrachtet würde,<span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span> und daß eisernes Festhalten
-am aristokratischen Prinzip in der Armee und unbedingte Suprematie
-derselben über alle übrigen Stände von den wahren Freunden der Dinastie
-als das einzige Rettungsmittel bezeichnet wird.“</p>
-
-<p>„Ich habe in kirchlicher Beziehung auf dem kleinen Felde, worauf ich
-beschränkt bin, eine Saat gesäet, aus der in kürzester Zeit, vielleicht
-in dem Augenblick wo wir sprechen, ein Konflikt, Repressivmaßregeln und
-ein neuer, wenngleich nur lokaler Sieg der Konkordatpartei hervorgehen
-müssen.“</p>
-
-<p>„Es ist nicht unmöglich, daß in Folge dieses Konfliktes eine
-geschäftliche Maßregel ergriffen wird, die den Wirkungskreis des
-Prinzen August Ernst berührt, die Spaltung zwischen ihm und dem Hofe
-erweitert, &mdash; daß hiedurch sein Wirkungskreis beschränkt, und somit
-ein populäres, wenigstens <em class="gesperrt">hier</em> besänftigendes Element beseitigt
-werde.“</p>
-
-<p>„Ich habe mir diese Verbindungen auf keinen andern Wegen geschaffen,
-als die ich mir <em class="gesperrt">selbst</em> eröffnete, ohne <em class="gesperrt">andere</em> Geldmittel
-als das Vermögen, das mir meine Frau zugebracht; &mdash; habe mich aus
-der Stellung eines in Privatdiensten stehenden Ingenieurs zum
-Grundbesitzer, Kapitalisten, und auf eine Stufe emporgeschwungen, auf
-welcher ich mit Personen aller Kreise der Gesellschaft, die höchsten<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span>
-mit einbegriffen, im Verkehr stehe, und darf behaupten, daß wenn Sie
-in jeder Provinz drei Vertreter hätten wie ich, in einem Jahre das
-Konkordat in allen seinen Bestimmungen durchgesetzt, die Zensur wieder
-eingeführt, die Herrschaft des militärisch-aristokratischen Elementes
-auf die Kulminazion getrieben und somit die Revoluzion so gut als
-vollbracht wäre.“</p>
-
-<p>„Und somit habe ich Ihnen Rechnung gelegt, und glaube unsern Mannheimer
-Vertrag besser gehalten zu haben, als jemals unsere Gegner einen ihrer
-Friedensverträge.“</p>
-
-<p>Kollmann schwieg, weder seine Stellung noch die Richtung seines Blickes
-ändernd, und blies in gleichen Pausen das Havanna-Gewölke von sich.
-Es lag etwas Imposantes in der kalten Ruhe, womit er seine Leistungen
-auf dem Felde des „Nur so fort“ aufzählte. Der Demokrat fühlte, daß
-er einen Mann vor sich habe, der aus der Schaar der gewöhnlichen nach
-vorwärts und rückwärts wühlenden Emissäre hoch emporrage, und freute
-sich, seinen Werth in der ersten kurzen Unterredung vor Jahren erkannt
-zu haben.</p>
-
-<p>Er erwiederte mit Lebhaftigkeit: „Sie haben unberechenbar mehr für
-unsere Sache gethan, als wir zu erwarten berechtiget, als Sie durch
-Ihr Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span>sprechen zu leisten verpflichtet waren. Sie gehören nicht
-zu denen, deren Triebfeder das Geld der Revoluzions-Comités, &mdash;
-Ihre Lage ist vielmehr eine solche, die Ihnen erlaubt, Andere zu
-unterstützen. Eben so wenig der Ehrgeiz: Sie haben so viel erreicht,
-daß Sie bei einem Umsturz der Dinge kaum mehr erreichen können. Von
-einem Danke unserer Gesellschaft kann Ihnen gegenüber im gewöhnlichen
-Sinne keine Rede sein. Wir können aber mit Gewißheit darauf rechnen,
-<em class="gesperrt">quitt</em> zu werden, wenn das Ziel unseres Strebens erreicht ist.
-Im Augenblicke des Umsturzes stehen <em class="gesperrt">Sie</em> als das Opfer desselben
-da. Ihr Name gehört nicht mehr zu jenen, die in Zeiten der Krisis in
-der Masse verschwinden: er wird auf der Proskripzionsliste, die das
-Volk mit dem ersten vergossenen Blute niederschreibt, unter denen der
-gehaßtesten Reakzionäre figuriren. Sie können hundertmal beschwören,
-daß Sie nur auf Ihrem Wege für die Sache der Freiheit gehandelt &mdash; man
-wird Ihnen ins Gesicht lachen und antworten: das könnte Jeder sagen.
-Es ist <em class="gesperrt">dieß</em> der Augenblick, wo das <em class="gesperrt">volle</em> Gewicht der
-<em class="gesperrt">Bürgschaft</em> unserer <em class="gesperrt">Partei</em> und ihrer <em class="gesperrt">Häupter</em> Ihnen
-zur Seite stehen <em class="gesperrt">muß</em> und <em class="gesperrt">wird</em>! Ich habe dafür gesorgt
-daß, wenn die Flut hereinbricht, Sie in die neue Ordnung der Dinge auf
-einer Brücke hinübergehen, deren Pfeiler<span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span> die Namen der gefeiertsten
-Volksmänner sind, welche sich vor Sie hinstellen und sagen: Wir kennen
-ihn! &mdash; So viel als Antwort auf Ihre gewichtigen Mittheilungen,
-insofern ich als Repräsentant unserer Gesellschaft spreche, zu deren,
-des vollsten Dankes würdigem Mitgliede. &mdash; Als Wangerode gegen
-Kollmann erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Wir haben die sichersten
-Andeutungen, daß leider die Tage des Grafen Greuth und des Ministers
-des Innern und anderer für uns so unschätzbarer Männer gezählt sind,
-daß man mit Reformen umgeht, die Alles ins Weite schieben können.“</p>
-
-<p>&mdash; „Besorgen Sie nichts! Noch stehen die Genannten fest. Und wenn
-sie fallen, &mdash; immerhin! &mdash; es kommt zu spät. Reformen? Ohne Zweifel
-bekommen wir ein oder das andere leidliche Gesetz. Wir sind aber in
-ein Stadium getreten, wo man die Gabe nicht mehr will wegen der Hand,
-aus welcher sie kommt. &mdash; Die Liebe ist dahin, &mdash; und wenn sie Jeden,
-der dies behauptet, auf die Festung schicken, bis das ganze Land in
-den Kasematten, &mdash; sie ist <em class="gesperrt">doch</em> dahin! Sie wissen, was ich von
-der Liebe überhaupt, geschweige denn von jener des Volkes halte; man
-kann nicht durch die Liebe allein regieren, aber auch nicht <em class="gesperrt">ohne</em>
-sie. Sie ist die Musik zum Tanze der Unterthanen. Sie tanzen jetzt nur<span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span>
-nach dem <em class="gesperrt">Taktstocke</em> des Kapellmeisters. Die besten Gesetze haben
-keinen <em class="gesperrt">Klang</em> mehr, sie tönen höchstens wie Nothschüsse eines
-sinkenden Schiffes.“</p>
-
-<p>&mdash; „Mögen Sie recht sehen! Aber über das Wesentlichste sind wir nicht
-im Reinen. Ihre Idee ist in drei Worten zusammengefaßt die, das Sistem
-so zuzuschärfen, daß die Spitze bricht. An <b>wem</b> <em class="gesperrt">soll sie</em>
-aber eigentlich <em class="gesperrt">brechen</em>? Am <em class="gesperrt">Volke</em>?“</p>
-
-<p>&mdash; „Was verstehen Sie unter Volk?“ fragte Kollmann statt zu antworten.</p>
-
-<p>&mdash; „Die sogenannten untern Stände den sogenannten höheren gegenüber.“</p>
-
-<p>&mdash; „<em class="gesperrt">Ich</em> verstehe darunter diejenigen, die das was man
-<em class="gesperrt">Recht</em> nennt gegen das was man <em class="gesperrt">Vorrecht</em> nennt,
-vertheidigen. Der Bäcker, der den Zunftzwang &mdash; das Vorrecht &mdash; gegen
-Gewerbfreiheit &mdash; das Recht &mdash; vertheidiget, gehört nicht zum Volke,
-sondern zu den Privilegirten. <em class="gesperrt">Mein Volk</em> ist in allen Ständen
-vertheilt.“</p>
-
-<p>&mdash; „Eine Auffassung, vor der ich meine aus einem andern Gesichtspunkte
-gegebene Definizion gern zurückziehe. Aber die Frage ist damit noch
-nicht beantwortet.“</p>
-
-<p>&mdash; „Verzeihen Sie, lieber Freund, Alles was Sie von Druck,
-Aufschnellen, Spitze abbrechen, sagen können, ist Metafer, Gleichniß,
-und läßt sich<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span> nicht bis in die Details auf die Wirklichkeit anwenden.
-Der Prozeß geht einfach so: Eine Provinz erhebt sich. Die Regierung
-macht entweder den Versuch die Rebellion mit Gewalt niederzuschlagen,
-oder durch Zugeständnisse zu entwaffnen. Der erstere hat unter den
-gegenwärtigen inneren, noch mehr unter den äußeren politischen
-Konjunkturen wenig Wahrscheinlichkeit des Gelingens. Konzessionen aber,
-welche unmöglich auf <em class="gesperrt">Eine</em> Provinz beschränkt bleiben können,
-führen zum repräsentativen <em class="gesperrt">Sistem</em>, welches mit dem Zerfall
-unseres Staates gleichbedeutend ist.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ein lyrischer Sprung, zu dem meinem Verstande die Schnellkraft
-fehlt.“</p>
-
-<p>&mdash; „Sie werden ihn keineswegs gewagt finden, wenn Sie mir zugeben,
-daß mit der Ursache auch die Wirkung wegfällt. Was die Gewalt
-zusammengehalten, fällt mit ihrem Aufhören auseinander.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich leugne den Vordersatz in Betreff Ihres Staates; die Bindemittel
-der einzelnen Theile dieses naturwidrigen Organismus waren ganz andere
-&mdash;“</p>
-
-<p>&mdash; „Fürs Erste, lieber Wangerode, gibt es keinen naturwidrigen
-Organismus. Selbst der Bucklichte, oder das Kind mit zwei Köpfen,
-sind nicht <em class="gesperrt">gegen</em> das Gesetzbuch der Natur organisirt, sondern
-nur nach einer kleingedruckten Ausnahme in demsel<span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span>ben geschaffen.
-Fürs Zweite ist unser Staat überhaupt kein Organismus, sondern ein
-Mechanismus und zwar einer der einfachsten, nämlich ein Faß. Was hält
-seine Dauben zusammen? Ein Druck von <em class="gesperrt">außen</em>, der den Reif &mdash;
-entbehrlich macht, oder der Reif <em class="gesperrt">allein</em>. &mdash; Der Druck von außen
-war die sogenannte politische Nothwendigkeit, das Drängen <em class="gesperrt">mächtiger
-Nachbarn</em>, welche gewisse Völkerschaften zwangen, gleichsam als
-Quarré nach allen vier Winden hin Front zu machen. Dieser Druck hat
-sich in das <em class="gesperrt">Gegentheil</em> verwandelt: die wichtigsten Bestandtheile
-sehen im Nachbar keinen Feind, sondern simpatisiren nach allen
-Weltgegenden nach Außen. Lassen Sie sich nicht irre machen von dem
-offiziellen Geschwätz, von „Millionen“, welche ein gesammtstaatliches
-Gefühl durchdringen soll: sie existiren nicht. Die Dauben <em class="gesperrt">wollen</em>
-auseinander; und der <em class="gesperrt">Reif</em>, &mdash; der kräftige, auf eine zahlreiche
-Armee und den Gegensatz der Nazionalitäten gestützte Absolutismus
-<em class="gesperrt">allein</em> könnte sie halten. &mdash; Noch gibt es ein <em class="gesperrt">Drittes</em>:
-denken Sie sich die Dauben <em class="gesperrt">geleimt</em>, <em class="gesperrt">verkittet</em>, da sie
-nicht organisch verwachsen können. Der Kitt ist die <em class="gesperrt">Liebe</em>, &mdash;
-die in früheren Zeiten durch kluge Popularitäts-Apparate geweckte
-dinastische Simpatie. Durchreisen Sie unser Land, und zeigen Sie mir
-ein Stück von dem Kitt, groß<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span> genug, um dieses Kajütenfenster in seinen
-Fugen zu befestigen!“</p>
-
-<p>&mdash; „Wolle Gott, daß Sie nicht durch eine rosenfarbene Brille sehen!
-Es mag Sie befremden, aus meinem Munde Zweifel und Besorgnisse zu
-hören. Unsere Londoner Klubs dürften mich nicht so sprechen hören.
-Wir, vom Generalstabe, dürfen die Möglichkeit widriger Ereignisse
-erwägen; der Mannschaft muß man Tag für Tag vorsagen: Morgen werdet
-Ihr siegen! Diese Leute sind nicht fähig, sich mit der Erreichung
-von vorbereitenden Zuständen, von Uebergängen zu begnügen, ein Feld
-mit ihrem Schweiße zu bearbeiten und mit ihrem Blute zu düngen, auf
-welchem eine künftige Generazion ernten soll. Ich gehe &mdash; Sie wissen
-es &mdash; unerschütterlich den Weg fort, den ich für den rechten halte,
-ich habe aber in den zehn Jahren so viele <em class="gesperrt">unausbleibliche</em>
-Ereignisse dennoch ausbleiben gesehen, daß ich Nichts mehr für wirklich
-halte als das Vollbrachte. Allein hundertmal fehlschlagend muß unsere
-Sache doch siegen: die Einheit Deutschlands. Sehen Sie nicht, wie an
-der Flamme jeder europäischen Krisis die deutschen Souveränitäten
-zusammengeschmolzen sind? Vergleichen Sie deren Zahl nach dem
-westfälischen mit jener nach dem pariser Frieden! &mdash; In fünfzig Jahren
-gibt es vielleicht drei<span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span> deutsche Staaten. Allerdings ein Ideengang,
-der die Köpfe unserer Emigrazion bedeutend abkühlen würde. Was fragen
-sie darnach, was nach fünfzig Jahren sein wird?“</p>
-
-<p>&mdash; „Ein Ideengang, den auch ich nicht theile, da ich die Entscheidung
-aus voller Ueberzeugung näher sehe. &mdash; Ich habe Ihnen nach den
-Mittheilungen, deren Gewicht sie nicht verkannt haben, noch eine von
-geringerem Belange zu machen. Ich versäume nicht, wo ich kann, auch auf
-Individuen in unserem Sinne zu wirken, und habe Hoffnung in kürzester
-Zeit einen jungen Mann, der sich in keiner Weise bisher an Politik
-betheiligte, für die Sache, die Sie vertreten, zu gewinnen. Er ist
-der Sohn eines reichen Fabrikanten, welcher vielleicht durch meine
-Konkurrenz einigermaßen zu leiden haben wird, aber vermöglich genug
-bleibt, um beachtet zu werden. Er ist nicht auf <em class="gesperrt">unserem</em> Wege
-zu brauchen, sondern nur auf dem der <em class="gesperrt">direkten</em> Opposizion; ein
-gewisser Korbach. Ich werde Ihnen seiner Zeit berichten.“</p>
-
-<p>&mdash; „Auch ich habe noch eine persönliche Angelegenheit zu besprechen.
-Richard Forster, von dem ich Ihnen bereits Einiges mitgetheilt, ist auf
-dem Schiffe. Eine Viertelstunde von uns liegt eine genuesische Brigg,
-&mdash; der Bronte, vor Anker. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> lasse Richard vor Tagesanbruch nach
-derselben hinüberführen, da der Bronte im Hafen landet, während wir,
-sobald Sie uns verlassen haben, uns entfernen. Richard wird sich, mit
-richtigen Papieren versehen, in Ihrem Lande aufhalten; Sie werden ihn
-kennen lernen und finden, daß in dem jungen Menschen viele Zukunft. Er
-steht unter dem besondern Schutze des Lords, wird unsern Zwecken so zu
-sagen als Volontär dienen, ist treu wie Gold, aber Idealist; man muß
-ihn seinen Weg gehen lassen. Wenn Sie ihn sehen, werden Sie begreifen,
-daß die Weiber, &mdash; um die er sich nicht viel kümmert, sich desto mehr
-um ihn bemühten. Er hat kaum sein zweiundzwanzigstes Jahr hinter
-sich; ich habe selten ein solches Gemenge von poetischen Anschauungen
-und scharfem Blick im Leben gefunden; dabei ein froher Lebensmuth,
-nach so vielem Traurigen, was ihn getroffen, &mdash; und eine unbegrenzte
-Verwegenheit. Ich habe eine Szene mit angesehen, wo er einen mit Säbel
-und Pistole bewaffneten Franzosen auf eine Insulte gegen die Deutschen
-augenblicklich mit seinem Stock angriff; &mdash; er lachte hell auf, als
-der Schuß an seinem Ohre vorüberpfiff, parirte einen Säbelhieb, warf
-den Franzosen nieder und drückte ihm die Handgelenke wie in einem
-Schraubstocke mit seinen eisernen Sehnen zusammen, die Niemand in dem<span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span>
-schlanken Burschen suchen würde, &mdash; bis er widerrief. &mdash; Vielleicht
-können Sie ihm während seines Aufenthaltes im Hafen eine bestimmte
-Richtung geben?“</p>
-
-<p>„Gewiß; aber warum machen Sie mich nicht hier mit ihm bekannt?“</p>
-
-<p>„Ich schlug es ihm vor, aber er will, wie er sagte, am hellen Tage Land
-und Leute kennen lernen, und man kann, bei seiner etwas ausnahmsweisen
-Stellung, auf seine Laune eingehen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Das ist gleichgültig; ich werde mir seine Person jedenfalls
-angelegen sein lassen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Und nun, theurer Freund, nochmals Dank für Alles! Sie sind durch
-Ihre Thätigkeit ein Mann geworden, der für uns den Werth von Hunderten
-hat! Wir können uns nur freuen, Sie in einer Lage zu sehen, welche Ihre
-Aufgabe erleichtert, indem Sie, nach beiden Seiten gedeckt, mit voller
-Ruhe des Gemüthes arbeiten können. Hält sich die Regierung, so bleiben
-Sie der einflußreiche Industrielle und Kapitalist; fällt sie, so sind
-Sie durch uns geschützt. Fahren Sie fort zu wirken und seien Sie
-überzeugt (Wangerode sprach mit besonders herzlicher Betonung), daß das
-dankbare Auge der Vaterlandsfreunde Sie überall begleitet, daß Ihnen
-überall eine Hand zur Seite, welche aufzeichnet, was Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span> vielleicht zu
-unbedeutend finden, um sich dessen zu rühmen!“</p>
-
-<p>Ob sich Kollmann in der aufzeichnenden Hand nichts als eine
-Schreibfeder dachte, ist schwer zu entscheiden. Er schloß mit den
-Worten: „Zählen Sie auf mich, wie ich auf Sie, &mdash; mögen wir uns bald am
-Ziele wiedersehen!“</p>
-
-<p>Wangerode geleitete ihn aufs Verdeck.</p>
-
-<p>Eben strahlte das Feuerwerk und die Beleuchtung der Villa in vollem
-Glanze.</p>
-
-<p>Sie sahen einander an und ein Lächeln zuckte über die bleichen Wangen
-Kollmann’s und über das kräftige Gesicht des Demokraten.</p>
-
-<p>„Was haben sie da oben?“ fragte Wangerode.</p>
-
-<p>„Sie tanzen; der Prinz August Ernst illuminirt zu seinem Geburtstage.
-Sie wollen die Wölfe der ernsten Zeit durch Feuerschlagen verscheuchen.“</p>
-
-<p>„Gott erhalte sie so! das Uebrige werden <em class="gesperrt">wir</em> machen!“</p>
-
-<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
-
-<p>Als sich das Boot mit Kollmann entfernte, und Wangerode über das
-Verdeck zurückschritt, rief ihm eine Stimme vom Vordertheile des
-Schiffes zu: „Sind Sie einmal fertig, Sie langweiliger Verrina? Kommen
-Sie doch her und schauen Sie mit mir das göttliche Bild an! Wie sich
-der Mond durch<span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span>arbeitet, und mit dem bloßen gestohlnen Widerschein der
-Wahrheit die ganze Pracht der feurigen Lügendemonstrazion todtschlägt!
-Steht nicht der Leuchtthurm dort wie die Salzsäule eines dem Sodoma da
-oben Entlaufenen?“</p>
-
-<p>Richard Forster lag auf seinem ausgebreiteten Marinaro am Boden, den
-Kopf in die Hand gestützt, über welche die vollen braunen Locken
-von der edlen Stirn fielen und sah mit großen, dunkeln Augen zu
-dem Herantretenden empor, dem bei diesem Anblicke alle Bilder ins
-Gedächtniß kamen, alle Antinous, Mazeppa, und was sonst Künstler und
-Künstlerinnen aus diesem herrlichen Modell herausgefunden. Da er sich
-jedoch nie dazu hergab und man seiner blassen Züge, auf welchen Etwas
-wie ein Kampf der Finsterniß mit dem Lichte, aber auch der Sieg des
-Letzteren lag, &mdash; auf ehrlichem Wege nicht habhaft werden konnte,
-so stahl man sie so gut es ging, und der jetzige Augenblick war ein
-solcher, wo man dem Raube Berechtigung zuerkennen mußte.</p>
-
-<p>Wer aus diesem Munde einmal ein Gedicht von Byron, Heine oder
-Freiligrath gehört, konnte sich kaum denken, wie derselbe sich zu einem
-Matrosenfluche öffnen könne; und doch war nach Stimmung und Umgebung
-das Eine bei ihm so gut möglich wie das Andere.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span></p>
-
-<p>„Wir haben,“ sagte Wangerode, „eine Besprechung gehabt, bei deren einem
-Theile mir Ihre Gegenwart sehr erwünscht gewesen wäre.“</p>
-
-<p>„Und ich danke Ihnen, daß Sie mir das Vergnügen der Bekanntschaft
-dieses scheußlichen Kerls erspart haben. Seine Eisbärenaugen leuchteten
-herüber, daß ich unwillkürlich nach meinem Terzerol suchte.“</p>
-
-<p>„Doch ist dies der Mann, dem unsere Sache viel <span class="nowrap">verdankt“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Kann sein. Bei Tag mag er aussehen wie ein ehrlicher Mensch; &mdash; in der
-Nachtbeleuchtung sieht er einem Schuft gleich. Sie wissen, was Sie von
-meinen ersten Eindrücken zu halten haben!“</p>
-
-<p>„Sie sollen ja vor der Hand nichts als sich ihm <span class="nowrap">vorstellen“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Dem da? Vielleicht der Vizepräsident der künftigen Republik, deren
-Präsident vor mir steht? Hinter dem Gesicht steckt Einer von denen,
-die Euch bei Euern wunderbaren Kombinazionen dienen sollen und bei der
-ersten Gelegenheit verrathen.“</p>
-
-<p>„Davor wird sich dieser hüten. Wir haben unsere Bürgschaften.“</p>
-
-<p>„Ihr seid von einer Schlauheit, daß man nicht begreift, wie jemals
-Einer von Euch gehenkt werden konnte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span></p>
-
-<p>„Ich hoffe, die Sache nicht begreiflicher zu machen. &mdash; Sie werden
-aber, lieber Richard, den Wunsch des Lords nicht vergessen, sich in
-gewissen Angelegenheiten manchmal dem meinigen zu fügen. Thun Sie
-es <em class="gesperrt">ihm</em> zu Liebe! Dieser Kollmann ist Ihnen jetzt widerlich,
-vielleicht gewinnen Sie ihm eine andere Seite ab.“</p>
-
-<p>„So sei es denn, &mdash; ich verspreche es um <em class="gesperrt">seinetwillen</em>.“</p>
-
-<p>„Und nun gehen Sie zur Ruhe: Sie bedürfen Stärkung für Vergangenheit
-und Zukunft!“</p>
-
-<p>„In der nächtlichen Heerschau über meine Todten werde ich sie am Besten
-finden! &mdash; Lassen Sie mich wach den Morgen begrüßen, an dem es über
-den Rubikon geht. Ich kann mir einigermaßen die Stimmung denken, in
-welcher der rebellische Militärgouverneur von Gallien seinen Gaul ins
-Wasser trieb, um gegen die Freiheit zu kämpfen, welche damals auf Seite
-der Regierung stand. Er hat die Nacht vorher vermuthlich auch nicht
-geschlafen!“</p>
-
-<p>&mdash; Wangerode verließ das Verdeck und Richard blieb allein mit den
-Gedanken, die er seine nächtliche Heerschau genannt.</p>
-
-<p>Vor ihm stand das Bild seiner schönen Mutter, wie sie ihm und seiner
-Schwester erzählte von den Tagen ihrer Kindheit, die sie in den Bergen
-der<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span> Heimat Ossians verlebt... die Gestalt des Vaters, der sie nach
-dem Lande unserer Geschichte geführt... die Stunde, wo die Sturmglocke
-ertönt, Feuerschein durch das Fenster gedrungen war, und der Vater, mit
-einer dreifarbigen Schärpe umgürtet, vom Federhut bedeckt, sich aus
-den Armen der Kinder gerissen. &mdash; Wie sie ihn dann ins Haus getragen,
-mit der Todeswunde in der Brust, wie er den Knaben gesegnet und mit
-brechendem Auge gesprochen: Ich bitte Gott, daß er dir das Glück
-schenke, für die Freiheit zu leben und zu sterben wie <span class="nowrap">ich! &mdash;</span></p>
-
-<p>Nach wenigen Wochen war ihm die Mutter gefolgt. Ihr Vermächtniß war
-ein Blatt an den Lord. &mdash; Er hatte sie geliebt, &mdash; nie vergessen, als
-sie Forster nach Deutschland folgte, &mdash; und was er im Augenblicke der
-Trennung gelobt, ihr Freund zu bleiben für immer, &mdash; das hielt er über
-das Grab hinaus mit einer Treue, als erfüllte ihn statt der Erinnerung
-an eine unerwiderte Liebe, jene einer glücklichen.</p>
-
-<p>Er ließ die Kinder nach England kommen, wo sie unter seinen Augen
-erzogen wurden. Allein der Wunsch des Beschützers, Richard daselbst
-einen bestimmten Beruf ergreifen zu sehen, ging nicht in Erfüllung.
-Mit einer Anzahl von Talenten ausge<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span>stattet, deren jedes hingereicht
-hätte, ihm eine feste Stellung zu sichern, rastlos an seiner Bildung
-arbeitend, beharrte der Jüngling auf dem Entschlusse, im Geiste der
-letzten Worte seines Vaters in dem Lande zu wirken, wo derselbe den
-Tod gefunden. Er betrachtete England als seine Schule, und sammelte
-einen Schatz von Erfahrungen, welche in der Glut seines jungen Herzens
-zur Rüstung für den Feldzug geschmiedet wurden, welcher seine Existenz
-ausfüllen sollte. &mdash; Im Hause des Lords mit der Elite der Gesellschaft,
-in den Tavernen der Emigranten mit dem entgegengesetzten Pole derselben
-in Berührung, nahm er weder von den Vorurtheilen des einen noch von
-der Rohheit des andern Elementes Etwas in sein Inneres auf, ob ihm
-gleich die Formen Beider geläufig waren. &mdash; Der Logik Wangerode’s
-und der andern Comitéhäupter blieb er unzugänglich, und erkannte nur
-zwei Mittel als der Sache der Freiheit würdig: Ueberzeugung durch
-<em class="gesperrt">Ueberredung</em>, &mdash; und offenen <em class="gesperrt">Kampf</em>.</p>
-
-<p>Als ihm auch die blühende Schwester durch ein Ereigniß, das wir später
-vernehmen, entrissen wurde, trat er, von ihrer Leiche kommend, vor den
-Lord und sagte ihm den Entschluß nach dem Kontinent zu gehen. &mdash; Sein
-Beschützer hatte, da er den Vorsatz nicht zu erschüttern vermochte,
-Richard zu<span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span> dem, was er seine Sendung nannte, und was seinen eigenen
-politischen Prinzipien eben nicht ferne lag, ausgerüstet, und ihn
-Wangerode und dem Kapitän empfohlen.</p>
-
-<p>&mdash; Als der Morgen graute, fuhr er nach dem genuesischen Schiffe
-hinüber, dessen Rauchsäule bald zwischen den Masten der am Quai
-liegenden Schiffe emporwirbelte, während die Aegina nur noch ein Punkt
-auf hoher See war.</p>
-
-<p>Wir dürfen nur Richard Forster folgen, wie er mit leuchtendem Blicke
-und stolzem Gange über die Landungsbrücke schreitet, &mdash; um wieder im
-Hôtel bei unsern Freunden anzulangen.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Die Nacht auf dem festen Lande war nicht weniger bewegt als auf
-dem schwankenden Schiffe.</p>
-
-<p>Sprenger hatte sich resigniren müssen, sein gediegenes Elaborat allein
-zu Ende zu <span class="nowrap">schreiben. &mdash;</span></p>
-
-<p>Arnold, von dessen Selbstbeherrschung wir einige Beweise erhielten,
-hatte dieselbe im Augenblicke von Klotildens Mittheilung vollständig
-verloren. Er hatte sich nicht wenig auf die Repressivmaßregeln zu Gute
-gethan, womit er alle Ausbrüche seines Gefühls niederzuhalten wußte; &mdash;
-nun brach in einer Sekunde der ganze Bau zusammen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span></p>
-
-<p>Seine Begleiterin war nicht wenig erstaunt, als er bei ihrem letzten
-Worte ihre Hand faßte, und mit einer Heftigkeit, die alle Schranken der
-Galanterie übersprang, ausrief: „Und das haben Sie mir verschwiegen?
-Das verzeihe Ihnen Gott!“</p>
-
-<p>„Ich glaube, daß dieß eine der geringsten Sünden ist, die mich am
-jüngsten Tage belasten werden,“ erwiederte sie befremdet und sah
-lachend in seine von zorniger Erregung funkelnden Augen &mdash; „aber
-Korbach! so blond und so heftig! &mdash; Sehen Sie, das gefällt mir. Ich
-begreife auch jetzt <em class="gesperrt">Alles</em>, seien Sie ruhig, ich werde gut
-machen, was ich <span class="nowrap">verbrochen!“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Ich bitte Sie,“ entgegnete er &mdash; „wenn Ihnen irgend etwas auf der Welt
-heilig ist, machen Sie Nichts gut, &mdash; vergessen Sie diese Bitte, &mdash;
-meinen früheren Ausruf &mdash; geben Sie mir das einzige Versprechen, Nichts
-zu denken und Nichts zu <span class="nowrap">thun!“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Mit jedem Worte fühlte er lebendiger die Unbesonnenheit seines ersten.
-Sie war nicht ungeschehen zu machen.</p>
-
-<p>Klotilde antwortete ernst und ruhig: „Nicht zu <em class="gesperrt">denken</em> kann ich
-wohl kaum versprechen, ich rede ehrlich mit Ihnen und wünsche, daß
-alle Tugend<span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span>spiegel so wenig falsch zeigen als ich. Daß ich nicht
-<em class="gesperrt">sprechen</em> werde, schwöre ich Ihnen; schlafen Sie ruhig, und
-glauben Sie, daß Sie um <em class="gesperrt">meinetwillen</em> Ihren Ausruf nicht zu
-bereuen haben!“</p>
-
-<p>Hierauf wendete sie sich rasch um, die Treppe allein hinaufeilend.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Ein Paar Minuten später trat Arnold in Sprenger’s Zimmer. Ein
-Blick auf die glühenden Wangen und verstörten Mienen verrieth letzterem
-einen Gemüthszustand, welcher seine Erklärung nicht wohl in den
-Ballgenüssen der Villa finden konnte.</p>
-
-<p>Nach einigen Fragen und zerstreuten Antworten sagte er: „Arnold, du
-bist in der Verfassung eines Menschen, der ein Unglück erlebt hat oder
-eines hereinbrechen sieht. Ohne mich in deine Geheimnisse zu drängen,
-bitte ich dich, dir Ruhe zu gönnen, du bedarfst ihrer.“</p>
-
-<p>Arnold erwiederte: „Schilt mich närrisch oder was du sonst willst, sage
-mir nichts von Ruhe &mdash; ich danke dir, daß du für mich gearbeitet, jetzt
-wäre ich zu Allem unfähig. Leb wohl!“ &mdash; Und damit war er wieder zur
-Thür hinaus, ehe Sprenger noch eine unnütze Frage an ihn richten konnte.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Wenn die vierundzwanzig Tischgäste des Banquiers Franchini hätten
-zusehen können, wie der<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span> Repräsentant des Hauses Korbach und Sohn
-nicht eine, sondern ein Paar Stunden die <span class="antiqua">Contrada grande</span> von
-einem Ende zum andern durchmaß, bis er mit der Architektur sämmtlicher
-Gebäude vertraut war: sie hätten nach den gehörten salbungsvollen
-Tischreden den höchsten Begriff von seiner Vielseitigkeit bekommen. Was
-er daselbst eigentlich gedacht oder gewollt, hätten sie aber so wenig
-gewußt, wie er selbst.</p>
-
-<p>Schwerlich konnte er glauben, daß Julie auf dem Balkon stehen
-geblieben, &mdash; und, nachdem er mit der Begleiterin vorübergegangen,
-abgewartet habe, bis es ihm genehm sein würde, ohne dieselbe
-zurückzukehren. Eben so wenig ließ sich im gewöhnlichen Lauf der Dinge
-voraussetzen, daß während der Stunden von zwei Uhr Nachts bis zum
-Morgen sich passende Gelegenheiten zu Erklärung von Mißverständnissen,
-zu einem, das erste, einseitige Wiedersehen verlöschenden zweiten
-ergeben würde.</p>
-
-<p>Der gewandte und besonnene Missionschef glaubte weder dieß noch irgend
-etwas Anderes &mdash; er mußte nach der <span class="antiqua">Contrada grande</span>, weil er
-nicht anders konnte; &mdash; die Flut seiner dreiundzwanzig Jahre hatte
-den Damm durchbrochen und trug ihn dorthin, wo er <em class="gesperrt">ihr</em> nahe.
-&mdash; Weiter dachte er Nichts,<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span> und wir freuen uns, ihn einmal so ganz
-außer sich, ohne warum und wozu, ohne Reflexion und sogenannte gesunde
-Vernunft im Mondscheine umherlaufen zu sehen. Denn wenn er heute Nacht
-vernünftig gewesen wäre, so hätt’ er nicht verdient, daß Juliens Augen
-um ihn naß geworden.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Bescheerungen"><em class="gesperrt">Bescheerungen</em>.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Gleich Kindern vor der geschlossenen Thüre des Saales, worin der
-Weihnachtsbaum flammt, standen vor der Pforte des anbrechenden Tages
-alle Freunde und Freundinnen, welche der Lauf der Begebenheiten in der
-Hafenstadt zusammengeführt, &mdash; sammt allen Bewohnern der letzteren, &mdash;
-mit klopfendem Herzen, Jeder der ersehnten Gabe harrend.</p>
-
-<p>Und reich mußte der Baum behangen sein, wenn Jeder zufrieden den Abend
-begrüßen sollte!</p>
-
-<p>Im glänzenden Wipfel eine Blume, ein Selam des Wiederfindens &mdash;
-für Julie; &mdash; der gleiche Selam, mit der prosaischen Zugabe eines
-rothgesiegelten Kontraktes mit der Korbacher Fabrik &mdash; für Arnold; zum
-Theile für Sprenger; &mdash; an einer dunkeln Stelle zwischen den Zweigen
-ein Blatt der Erfüllung, nach jenem der Verheißung, von Klotilde,
-für den Prinzen; &mdash; am Stamme, da die Aeste zu schwach aufgehangen
-von der Hand des erwarteten<span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span> Monarchen, ein goldenes Füllhorn voll
-Orden, Adelsverleihungen und Zufriedenheitsbezeigungen für die Stadt
-&mdash; &mdash; selbst Richard Forster, mit einem, kräftigen und fantasiereichen
-Naturen häufig eigenen Aberglauben, wünscht am ersten Tage einem
-simpatischen Gesichte, einem ihn verstehenden Auge zu begegnen, als
-glückliches Omen seiner <span class="nowrap">Zukunft. &mdash;</span></p>
-
-<p>Nur der Monarch erwartet Nichts. Die letzte Zeit hat ihm alle Freude an
-den Bescheerungen seiner Unterthanen <span class="nowrap">vergällt. &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; Die erste Hand, die am Morgen nach dem Baume langte, war jene,
-deren Marmorbild Professor Harkeboom besitzt. &mdash; Julie stand am
-Toilette-Tische, faltete ein Billet zusammen und reichte es ihrer
-getreuen Martha, die sie auf die Reise mitgenommen, mit den Worten: „An
-Frau Zeltner, &mdash; bring’ es ihr <span class="nowrap">gleich!“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Das Mädchen, welches die Gebieterin genau kannte, warf einen Blick
-auf die Adresse und fragte nach dem <em class="gesperrt">Wo</em>? &mdash; Julie begriff zwar,
-daß dieses ein wesentliches Erforderniß zur Bestellung eines Briefes,
-vermochte aber dem Uebelstande nicht abzuhelfen.</p>
-
-<p>Sie standen einander gegenüber, Julie lachend, das Mädchen lächelnd,
-und so hübsch auch die Stellung der Ersteren war, wie sie, die linke
-Hand in die Hüfte gedrückt, den Zeigefinger der rechten zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span>
-den schönen Zähnen, nachsann, &mdash; so blieb das Ergebniß doch das
-gleiche, daß nur eine Rundreise durch die Hafenstadt oder polizeiliche
-Nachforschung ans Ziel führen könnte.</p>
-
-<p>Als Julie, deren praktische Seite nicht ihre stärkste, den Knoten
-mit den Worten zerschnitt: „Geh nur einmal damit fort, du wirst dich
-schon zurechtfinden, du kannst ja Alles!“ &mdash; flog die Thür auf, &mdash; und
-Klotilde trat ein.</p>
-
-<p>„Ich kann den Tag nicht drei Stunden alt werden lassen, liebe,
-theure Freundin, ohne Sie zu begrüßen! Heute Nacht sah ich Sie einen
-Augenblick, unter Ihrem Balkon vorübergehend, als ich vom Balle in der
-Villa kam, mit Korbach, demselben jungen Manne, der bei meinem letzten
-Besuche im Freinhofe eben dahin kam.“</p>
-
-<p>„Auch ich habe Sie gesehen,“ erwiederte Julie, „und hätte Ihnen
-wenigstens eine gute Nacht hinabgerufen, wenn Sie nicht in dem Moment
-weggesehen, wo ich Sie <span class="nowrap">erkannte!“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Eine Täuschung, wie sie eben die Nacht mit sich bringt! Um so
-freudiger sehe ich Sie am Tage wieder!“</p>
-
-<p>Julie zog sie aufs Sofa zu sich und das lebhafteste Gespräch begann.</p>
-
-<p>Einen eigenthümlichen Reiz, der in der ange<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span>bornen Malice der
-menschlichen Natur begründet ist, gewährt dem Zuhörer eine Unterredung,
-in welcher jeder Theil sich vornimmt, den andern auf einen bestimmten
-Gegenstand zu bringen und dabei festzuhalten, keiner nachgeben will,
-&mdash; dem Andern ein Paar Schritte weit auf dem ablenkenden Wege mit
-erzwungener Aufmerksamkeit folgt, und ihn sogleich wieder nach der
-eigenen Richtung zu ziehen versucht.</p>
-
-<p>Die beiden Frauen hatten ihr vorgestecktes Ziel im Auge. Klotilde kam
-mit jeder Wendung auf den Reisezweck der Kollmanns zurück, und Julie
-drehte mit leichter Bewegung das Steuerrad der Unterhaltung unermüdlich
-gegen Arnold hin, bis endlich Erstere einsah, daß es das Klügste
-sei, die verworren durcheinander klingenden Tonstücke zu trennen und
-nach einander aufzuführen, und gewissenhaft Alles, mit Ausnahme der
-gestrigen Schlußszene, berichtete, was sie von ihrem Begleiter wußte.</p>
-
-<p>Es läßt sich nicht leugnen, daß Juliens Urtheil und Einsicht in
-Geschäftsgegenstände auf einer sehr primitiven, kindlichen Stufe der
-Entwickelung stand. Ihre Jugend hatte keine Veranlassung geboten,
-sich mit dergleichen zu befassen. Kollmann hatte sie nie in seine
-Angelegenheiten eingeweiht, wonach sie auch kein Verlangen trug,
-und so lebhaft der Antheil war, welchen sie in letzter Zeit der
-Metallfabrikazion zuge<span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span>wendet, so äußerte sich derselbe mehr in der
-Bewunderung der gewaltigen Räder, Walzen und Wasserbauten, als in
-einer Frage, wie die entstandenen Platten und der glänzende Draht zum
-Gegenstande des Erwerbes, zur Basis einer wohlhabenden Existenz würden.</p>
-
-<p>Auch die Ideen von gegenseitig sich bekriegender Spekulazion und
-Konkurrenz, &mdash; die eröffnete Campagne Kollmanns gegen die Interessen
-Arnolds, waren ihr nicht klarer, als der Rückzug der zehntausend
-Griechen unter Xenophon.</p>
-
-<p>Klotilde dagegen, welche die Andeutungen Günthers, daß Kollmann
-vielleicht Etwas beim Prinzen zu suchen habe, mit den Mittheilungen
-Arnolds zusammenhielt, begriff den Hauptumriß der Fehde, und versuchte
-aus Julie irgend Etwas herauszubringen, was einen festen Anhaltepunkt
-böte. &mdash; Unter vielen zerstreuten Antworten tauchte endlich etwas
-Brauchbares auf. Julie sagte, Kollmann habe sich geäußert, er wollte
-dem Balle in der Villa nicht beiwohnen, weil er mit dem <em class="gesperrt">Prinzen</em>
-in <em class="gesperrt">keine Berührung</em> zu kommen wünsche. &mdash; Klotilde war nun
-zwar über den Zweck der Reise vollkommen im Dunkel, aber wenigstens
-darüber beruhigt, daß Kollmann keinen auf der Galanterie des Prinzen
-gegründeten Plan verfolge.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span></p>
-
-<p>Die freundschaftliche Wärme der beiden Frauen nahm unglaublich zu mit
-der Ueberzeugung, daß sie von einander Nichts zu fürchten hatten.</p>
-
-<p>Julie, welche bereits nach der heftigen Aufregung der Nacht hierüber
-mit sich ins Reine gekommen, wurde durch die angehörte Erzählung
-bestärkt, und Klotilde fühlte die Theilnahme für das Wohl und Wehe der
-Freundin lebhafter erwachen als je. Sie sprach von Arnold so viel diese
-hören wollte, und drückte im Tone des Vertrauens die Ueberzeugung aus,
-daß Kollmann etwas demselben in seiner ganzen Existenz Nachtheiliges
-beabsichtige.</p>
-
-<p>Julie erschrak, verlangte nähere Aufklärungen und erhielt sie so
-vollständig oder unvollständig, als sie gegeben werden konnten. Sie
-begriff, daß die Beiden einander in ihren Interessen als Todfeinde
-gegenüber ständen und schwieg nachdenklich. Klotilde stand auf und
-fragte, ob sie Arnold, der nach dem Besuche im Freinhofe ihr doch
-vermuthlich auch hier einen zugedacht, Etwas melden solle? &mdash; Nach
-kurzem Besinnen erfolgte die Antwort: „Er soll mich nicht besuchen.
-Ich werde aber um <em class="gesperrt">vier Uhr</em> die Gemäldesammlung der Akademie
-besuchen, und mich freuen ihm dort zu begegnen. Wie kann ich aber Sie
-treffen, liebste Klotilde?“</p>
-
-<p>„Ich verlasse heute das Hôtel, um eine Privat<span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span>wohnung zu beziehen, da
-ich vielleicht einige Wochen hier bleibe; Sie würden mich in dem ersten
-Gedränge der Angelegenheiten, die mich hieherführten, kaum treffen, &mdash;
-ich komme lieber, so oft ich mich frei machen kann, zu Ihnen!“</p>
-
-<p>Bei diesen Worten trat Kollmann ein; das Gespräch verlängerte sich und
-die Erzählung des Balles bildete den Hauptgegenstand. So vorsichtig
-Klotilde gewisse Gegenstände berührte, wurde, unter dem Einflusse der
-unbezwinglichen Eitelkeit, doch des Prinzen einer Weise erwähnt, daß
-Kollmann tiefer in den Zusammenhang blickte, als sie dachte. Auch das
-Gespräch Arnolds mit dem Prinzen schilderte sie, um ihn zu ärgern, mit
-lebhaften Farben. Er hörte anscheinend gleichgültig zu.</p>
-
-<p>Als sie fortgegangen, begab er sich sogleich zu Plomberg, welchen er
-bereits Tags zuvor gesprochen. Er traf ihn, in Folge eines nach dem
-Balle mitgemachten Gelages, mit Kopfschmerz behaftet, in der übelsten
-Laune. Nachdem aus seinen halben Antworten hervorgegangen, daß die
-allerhöchste Ankunft telegrafisch auf zwölf Uhr angesagt sei, sagte
-er: „Lieber Oberst, ich habe Sie um einen Freundschaftsdienst zu
-bitten, der für mich den größten Werth hat. Sie müssen mich auf die
-Audienzliste bringen.“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; „Das geht nicht durch mich; der Gouver<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span>neur gibt dem
-General-Adjutanten eine Liste, sie machen das mit einander, ich scheere
-mich um diese Ceremonien nicht.“</p>
-
-<p>&mdash; „Sie werden aber doch mit dem Grafen Greuth ein Wort für mich reden
-<span class="nowrap">können“ &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; „Gott weiß wie er aufgelegt ist!“</p>
-
-<p>&mdash; „Was fragt ein Mann wie Sie darnach? und schließlich &mdash; fuhr er in
-bestimmtem Tone fort &mdash; ist meine Bitte eine solche, die man selbst
-um einer kleinen Ungelegenheit willen einem Freunde nicht abschlägt.
-Oder glauben Sie, daß ich mich besinnen werde, <em class="gesperrt">Sie</em> wieder auf
-die Liste zu setzen, wenn die schöne Frau Marianne Blauhorn in meinem
-Freinhof Audienz gibt, &mdash; wobei ich mein ganzes gewonnenes Terrain beim
-Finanzminister aufs Spiel setze?“</p>
-
-<p>Hieran war dem Obersten wenig gelegen, wohl aber an Kollmanns
-Diskrezion der alten Gräfin Mersey gegenüber.</p>
-
-<p>Es fällt hier einiges Licht auf einen sinnreichen Mechanismus des
-gewandten Ingenieurs. Frau Marianne Blauhorn besaß, wie wir wissen,
-bedeutenden Einfluß auf den Finanzminister. Von dem Augenblicke an, wo
-die Bemühungen des Obersten um sie, welchen Kollmann die Wege geebnet,
-von Erfolg gekrönt waren, hielt er Beide in doppeltem Schach. &mdash; Frau
-von Blauhorn wußte, daß ein einziges <span class="antiqua">billet-<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span>doux</span> Plomberg’s
-zugleich der Scheidebrief zwischen ihr und dem Minister wäre, und hing
-von Kollmann’s Verschwiegenheit ab. Der Oberst war überzeugt, daß die
-Mersey augenblicklich die Schuldenzahlungen einstellen würde, wenn sie
-von seinen Beziehungen zur schönen Hofräthin eine Ahnung hätte.</p>
-
-<p>Diese Reflexion mochte ihm wieder vorschweben als er sagte: „Nun denn,
-in Teufelsnamen, damit sie nicht an meiner Freundschaft zweifeln, &mdash;
-ich getraue mich, es durchzusetzen, obwol die Liste fertig. Kommen Sie
-um halb ein Uhr. Aber Eins muß ich wissen, den Zweck der Audienz.“</p>
-
-<p>„Sehr gern, und wenn Sie ihn nicht billigen, nehme ich meine Bitte
-zurück.“</p>
-
-<p>Kollmann theilte ihm sein Vorhaben mit, das wir bei der Audienz selbst
-erfahren. &mdash; „Das wird jedenfalls refüsirt, erwiderte Plomberg, ich
-weiß einen ähnlichen Fall von Seite des Fürsten Leuchtendorf, und man
-wird Ihnen keine andere Antwort geben als ihm.“</p>
-
-<p>Kollmann wußte dieß so gut als der Obrist. „Glauben Sie dessen ganz
-gewiß zu sein?“ fuhr er <span class="nowrap">fort. &mdash;</span></p>
-
-<p>„Ganz gewiß, der Monarch müßte denn seine Ansicht geändert haben, und
-das thut er nie.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span></p>
-
-<p>Kollmann dankte und empfahl sich. Plomberg aber sagte zu sich: „Es
-geschieht Einem Recht, wenn man sich unvorsichtig einem solchen Kerl in
-die Hand gibt; aber vielleicht ists gut, &mdash; der Zweck der Audienz kann
-demjenigen, der ihn aufgeschrieben, keinesfalls schaden.“</p>
-
-<p>Dabei nahm er aus seinem Portefeuille die Liste, die er bereits gestern
-mit dem Gouverneur für den Generaladjutanten entworfen, und setzte
-Kollmann’s Namen <span class="nowrap">darauf. &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; Während hier Minen gegraben wurden, hatte Arnold seine Streitkräfte
-im offenen Felde entwickelt.</p>
-
-<p>Den ganzen Morgen einsilbig und zerstreut, wurde er vom späten
-Frühstück mit Sprenger abgerufen nach Klotildens Zimmer, stand
-ärgerlich auf, ging mit einem Gesichte wie ein naßkalter Novembertag
-weg, und kam mit einem Junimorgen zurück. Klotilde hatte ihren Auftrag
-<span class="nowrap">erfüllt. &mdash;</span></p>
-
-<p>„Wenn ich gleich über das Ergebniß deiner Reise in Bezug auf den
-ostensibeln Zweck noch nicht urtheilen kann, sagte Sprenger, so scheint
-wenigstens, aus deiner Stimmung zu schließen, ein anderer erreicht?“</p>
-
-<p>„Ich habe gestern geschwiegen, weil ich mich unglücklich fühlte und
-doch einsah, daß ich keinen Grund<span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span> hatte. Heute ists anders, und ich
-weiß, daß dir dieß genügt, um dich mit mir zu freuen.“</p>
-
-<p>Ohne weitere Uebergänge erwiederte Sprenger: „Und eben so glücklich,
-und noch mehr, wird dein Vater sein, wenn der Gegenstand deiner Liebe
-ein solcher, den du als seine Tochter, als Erbin von Korbach, in seine
-Arme führen kannst.“</p>
-
-<p>Wenn Arnold am Besten that auf diese Frage zu schweigen, &mdash; so hatte
-Sprenger seinerseits die Ueberzeugung, daß die Hoffnungen seines alten
-Freundes auf eine Wahl, die das Glück des Sohnes gründen könne, einer
-Liebe gegenüberstehen, die nach seiner Auffassung zu keinem Heile
-führte. Er war bekümmert ohne es zu zeigen und hielt sich an die
-Hoffnung, daß es eine vorübergehende Leidenschaft sei.</p>
-
-<p>Die Stunde, für welche Arnold zum Prinzen beschieden war, nahte, und
-er fuhr nach der Villa. August Ernst empfing ihn mit der größten
-Leutseligkeit, und ging in die Einzelnheiten des Elaborates ein. Er
-machte beim Durchblättern einige jener Bemerkungen, welche im Munde
-eines Prinzen für sachkundige gelten, ermächtigte ihn, sich beim Chef
-des Departements auf die günstige Ansicht zu berufen, die er gegen ihn
-aussprach, und verhieß möglichst schnelle Erledigung. Arnold sprach
-mit seinem<span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span> Danke die Hoffnung aus, die Entscheidung, die er in der
-Hafenstadt abwarten wolle, mitnehmen zu können, und bat den Prinzen
-um seinen gnädigen Schutz für den Fall, daß er desselben gegen einen,
-seinem Interesse entgegengesetzten Einfluß bedürfen sollte. &mdash; Er
-entgegnete: „Seien Sie ruhig, es ist mir so Etwas angedeutet worden,
-allein ich sehe kein Motiv, meine Ansicht über Ihre Person oder Ihre
-Sache zu ändern. Melden Sie sich vor Ihrer Abreise jedenfalls bei mir.“</p>
-
-<p>Im Marine-Departement fand er gleich freundliche Aufnahme. Der
-Direktor, mit allen Punkten der Vorlage vertraut, erklärte, daß der
-Einwilligung des Prinzen kein Hinderniß mehr vorliege und er nur
-dessen formelle Genehmigung einholen werde, und beschied Arnold für
-den nächsten Tag zur Unterzeichnung der Kontrakte. &mdash; Dieser forschte
-auch hier nach einer feindlichen Thätigkeit Kollmann’s und erhielt
-den Bescheid, daß derselbe fast gleichzeitig einen Antrag vorgelegt,
-aber den Bescheid erhalten, daß bereits ein anderer vorhanden, den man
-keinen Grund habe abzulehnen.</p>
-
-<p>Arnold hatte schon gestern seine Angelegenheiten in so gutem Geleise
-gesehen, daß ihn die heutigen Erfolge nicht überraschten, doch kehrte
-er in der frohe<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span>sten Stimmung zu Sprenger zurück. Er fand ihn auf dem
-Balkon, im Gespräch mit Richard Forster. Dasselbe hatte sich auf höchst
-gewöhnliche Weise, über einen englischen Zeitungsartikel entsponnen,
-und, in ungewöhnlichen Wendungen, zu großer Wärme entwickelt. Man
-schien sich gut zu verstehen, Arnold wurde sogleich in den Gegenstand
-hineingezogen, aber mehr als der letztere fesselte ihn der junge
-Fremde, dem er, &mdash; jenem Zuge der Simpatie folgend, welche sich bei
-ihm im Augenblicke einer ersten Begegnung so entschieden aussprach als
-deren Gegentheil, &mdash; im Geiste die Hand reichte, ehe es noch leiblich
-geschah.</p>
-
-<p>Und von allen Wünschen, womit der Morgen begrüßt worden, war jener
-Richards zuerst in Erfüllung gegangen, &mdash; die ernsten blauen Augen, in
-welche seine dunkeln, feurigen blickten, waren die als günstiges Omen
-ersehnten. Möge er nicht verlernen, an Vorbedeutungen zu glauben! &mdash;
-Diese Augen werden ihn nicht täuschen.... aber aus ihnen blickt nur die
-Treue Arnolds und nicht jene &mdash; des Glückes! Da keine geschäftlichen
-Abhaltungen mehr vorlagen, machte Arnold den Vorschlag, dem
-landesfürstlichen Empfange, zu welchem die Stadt gerüstet dastand, aus
-dem Wege zu gehen, und es wurde eine Fahrt nach dem sehenswürdigsten
-Gegenstande der Umgebungen, dem römischen Amfitheater, beschlossen,<span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span>
-wodurch für ihn ein großer Theil der Ewigkeit, nämlich der Zeit bis
-vier Uhr, ausgefüllt wurde.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Bald nach ihrer Abreise kam die Ueberraschung mittelst
-Separattrains herangebraust.</p>
-
-<p>Die Stadt ließ sich nicht überrumpeln; sie hatte den Bahnhof, wo
-sich auch der Prinz mit Gefolge eingefunden, mit Deputazionen, das
-Gouvernementsgebäude mit Ehrenwachen, sämmtliche Treppen mit Baum- und
-Blumenspalieren und einen Tisch im Appartement des Monarchen mit einem
-prachtvollen Dejeuner besetzt.</p>
-
-<p>Prinz August Ernst hatte vergeblich auf das Glück gehofft, den Vetter
-auf der Villa zu beherbergen. &mdash; Mit einem Sprunge aus dem Wagen
-durchbrach derselbe, vom Grafen Greuth und andern säbelklirrenden
-Adjutanten gefolgt, das erste Hinderniß, die Anrede des tiefergriffenen
-Bürgermeisters, überflog die andern in weniger Minuten, als ihre
-Aufrichtung Stunden erfordert hatte, und war im Besitze aller festen
-Posizionen, ehe noch die Ofikleïden der Regimentsbande den letzten Takt
-der Volkshimne ausgeschmettert hatten.</p>
-
-<p>Die Raschheit seiner Bewegungen war um so auffallender bei der
-ziemlichen Korpulenz seiner gedrungenen, untersetzten, mit Mühe in die
-Uniform gezwängten Gestalt. Erwähnen wir noch des dich<span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span>ten, langen,
-schwarzen Schnurbartes, der das volle Kinn von der römischen Nase
-trennt, so haben wir genug gethan, um die Auffindung seines Portraits
-im gothaischen Kalender zu erleichtern, wenn man sich noch an die
-nähere Andeutung halten will, daß es von den vier Kaisern Europas jeder
-am allerwenigsten sein kann; eher einer der drei Uebrigen.</p>
-
-<p>&mdash; Der Prinz, der Gouverneur, der Platzkommandant ziehen sich zurück.
-Der Monarch nimmt im Kabinet schnell sein Frühstück ein, vertauscht
-die Reiseuniform mit der Gala, &mdash; auf dem Platze ist die Generalität
-versammelt, &mdash; er sprengt nach dem Paradeplatz, wo die Garnison
-aufgestellt ist.</p>
-
-<p>Sie defilirt unter den Klängen vielleicht der besten Militärmusik
-in Europa. Ihre Haltung ist vortrefflich, ihr Aussehen mahnt Jeden
-unwillkürlich an Wallensteins unhöflichen Brief an den Kaiser:
-„Hier ist ein Heer &mdash; schickt einen Heerführer.“ &mdash; Die wackeren
-Kommandanten, welche diesen Wunsch mit der Mannschaft theilen, werden
-belobt, &mdash; letztere bringt das dreimalige Vivat, zu welchem sie vor
-dem Ausmarsche aus der Kaserne die Erlaubniß erhalten hat, und der
-Herrscher galopirt an der Spitze der glänzenden Suite in dichten
-Staubwolken nach der Stadt zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span></p>
-
-<p>Es ist ein Uhr, die Stunde der Aufwartungen. Der Generaladjutant legt
-ihm die Liste derjenigen vor, welche des Glückes harren, einen Moment
-lang als Sonnenstäubchen im Glanze der Majestät zu spielen, &mdash; er
-überfliegt sie schnell und begibt sich nach dem Audienzzimmer.</p>
-
-<p>Der anstoßende Saal, in welchem die Vorzulassenden warten, ist zur
-Hälfte gefüllt. &mdash; Drei zu unregelmäßigen Linien ausgedehnte Gruppen
-stehen hintereinander.</p>
-
-<p>Die erste besteht aus den glänzenden, mit dem leichten Anstande
-der Gewohnheit getragenen Militäruniformen, gemischt mit einigen
-geistlichen Talaren. Hinter diesen die uniformirten Beamten, mit
-gepreßten Hälsen und gehemmter Blutzirkulazion, &mdash; die Jüngeren durch
-Herausbäumen der Brust sich eine Contenance gebend, dem Militär
-gegenüber; &mdash; Mancher auf seinen Nachbar schielend, um sich zu
-orientiren, wie der Federhut vorschriftsmäßig in der Hand zu halten.
-Endlich die glanzlose Schaar jener andern schwarztrauernden Civilisten,
-welche, sie mögen leisten was sie wollen, nicht als dem Staate dienend
-erscheinen.</p>
-
-<p>Ein freier Raum ist zwischen diesen Reihen und der Thür des
-Audienzzimmers. An letzterer stehen zwei Adjutanten, deren einer, mit
-einer Gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span>liste versehen, die Namen nach einer mit dem subtilsten
-Gradmesser ausgearbeiteten Skala dergestalt aufruft, daß in dem
-Augenblicke, wo ein Vorzulassender eintritt, ein Zweiter schon <span class="antiqua">en
-réserve</span> in dem freien Raume steht und ein Dritter sich aus den
-Reihen loslöst, so daß keine Sekunde Unterbrechung eintreten kann.</p>
-
-<p>Das Prinzip des Dampfes und der Elektrizität ist auch in die Audienzen
-gefahren. Der Wind der sich schließenden Thür ist noch nicht verweht,
-so öffnet sie sich wieder, und ein Gesicht, über welchem der heiße
-rothe Glanz der verklärenden Minute liegt, tritt heraus und wird durch
-ein noch steifes, gespanntes ersetzt, welches im nächsten Augenblicke
-seinerseits als geschmolzene Wachslarve aus dem Brennspiegel der
-Majestät heraustritt.</p>
-
-<p>Gleich die ersten Wiederkehrenden verbreiten eine erfrischende
-Atmosfäre im Saal. Der Monarch hat das große goldne Füllhorn in der
-Hand und schüttelt es über Jedem.</p>
-
-<p>Die Stadt erhält die anderswohin verlegte, schmerzlich entbehrte
-Kadettenschule zurück &mdash; ein Militär-Schwefelbad wird auf Staatskosten
-gegründet &mdash; ein leerstehendes Aerarialgebäude wird der Gendarmerie
-überlassen &mdash; die engbrüstige gothische Domkirche wird mit einem
-modernen Ansatz erweitert &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span> der titellose Bürgermeister Giordani
-wird mit der Anrede „lieber Regierungsrath Giordani“ empfangen &mdash; alle
-Gesuche werden reiflich erwogen und nach Thunlichkeit berücksichtigt
-werden. &mdash; Wenn man bedenkt, daß die Thürflügel sich sechsundfünfzigmal
-öffneten um Jemanden einzulassen, den der Monarch zu sehen erfreut war,
-so läßt sich annehmen daß seine summirte Gesammtfreude eine ganz andere
-sein mußte, als die der Einzelnen.</p>
-
-<p>Nachdem die Militärs und Geistlichen dieselbe durchgenossen, kam die
-Reihe an die blaue Konsuls-Uniform Kollmann’s. Seine Audienz währte zum
-Staunen der Harrenden mindestens viermal so lange als die übrigen, den
-Bischof ausgenommen.</p>
-
-<p>Vor den Monarchen tretend begann er:</p>
-
-<p>„Fremd und mittellos in das Land gekommen, welches so glücklich ist,
-unter dem Zepter Eurer Majestät zu stehen, ist es mir unter dem Schutze
-der Gesetze gelungen, einiges Vermögen zu <span class="nowrap">erwerben.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Der Monarch machte eine Bewegung, welche die Befremdung über den
-sonderbaren Eingang ausdrückte.</p>
-
-<p>„Die Bitte, die ich Euer Majestät vorzutragen wage, ist mir von dem
-Bedürfniß eingegeben, mein tiefes Dankgefühl, und meine Verehrung für
-den Monarchen des Landes, dem ich mein Glück ver<span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span>danke, durch ein
-Anerbieten an den Tag zu legen, welches die Entschuldigung seiner
-Kühnheit nur in dem Beweggrunde findet, der es veranlaßt hat.“</p>
-
-<p>Die Rücksicht auf die fremde Konsuls-Uniform vermochte den Monarchen,
-seine Verstimmung über die lange Vorrede zu verbergen. Er fragte
-freundlich aber kurz: „Was ist Ihr Anliegen?“</p>
-
-<p>„Meine Besitzung im Gebirge, sechs Stunden von der Residenz, einerseits
-an Gebirge grenzend, welche ein reiches Gemsengehäge enthalten,
-anderseits an Waldungen, welche von Hochwild wimmeln, würde sich mit
-geringen Aenderungen an den Gebäuden zu einem Jagdschlosse eignen.
-Die Bitte, die ich wage, besteht darin, Euer Majestät wollen geruhen
-dieselben allerhöchst Ihren Domänen einzuverleiben.“</p>
-
-<p>Da die Jagdliebe des Souveräns allgemein bekannt war, so hatte der Hof
-zu verschiedenen Zeiten Anträge zu Ankäufen von dieser Art Besitzungen
-erhalten und auch einige an sich gebracht.</p>
-
-<p>Er erwiederte: „Es ist mir leid, auf Ihr Anerbieten nicht eingehen zu
-können,“ und fügte lächelnd hinzu: „Sie werden wissen, daß wir Domänen
-verkaufen, nicht aber kaufen.“</p>
-
-<p>Kollmann trat mit der Miene der tiefsten Kränkung einen Schritt zurück
-und sagte: „Ich hatte auf<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span> das Glück gehofft, meine werthlose Gabe in
-der Weise an den Stufen des Thrones niederlegen zu dürfen, wie es dem
-frommen Katholiken gestattet ist, dem Haupte der Kirche den sogenannten
-Peterspfennig anzubieten, und ich fühle nun erst die ganze Kühnheit
-meines Gesuches.“</p>
-
-<p>Der Monarch war überrascht, aber nicht unangenehm, und antwortete: „Ich
-danke Ihnen, danke Ihnen herzlich für Ihr loyales, schönes Anerbieten,
-das ich jedoch nicht annehme. Wenn es aber meine Zeit erlaubt, werde
-ich mir Ihre Besitzung besehen und in Ihren Bergen jagen. Wenn
-Sie ein anderes Anliegen haben, werde ich es jederzeit thunlichst
-berücksichtigen. Nochmals, Ihr Antrag hat mich sehr gefreut.“</p>
-
-<p>Er machte die entlassende Bewegung auf die huldvollste Weise und
-Kollmann trat mit dem Ausdrucke der vollsten Befriedigung unter die
-Wartenden heraus, und begab sich zum Generaladjutanten.</p>
-
-<p>Da nämlich der Monarch allein empfängt, und der Dienst an den Thüren
-durch zwei Adjutanten von geringerem militärischen Range als jener
-des Grafen Greuth versehen wird, so veranstaltet dieser in einem
-anstoßenden Zimmer einen Nachdruck der souveränen Prachtausgabe der
-Audienzen. &mdash; Der Aufwartung <span class="antiqua">avant la lettre</span> beim Herrscher
-folgt jene<span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span> beim General-Adjutanten, wie man nach dem Gebrauche von
-Karlsbad meist noch ein anderes Wasser als Nachkur trinken muß,
-wenn ersteres wirken soll. &mdash; Der Graf betrachtet die seiner Person
-geschenkte Aufmerksamkeit nur als eine seinem Gebieter erwiesene Ehre,
-&mdash; er selbst hat über alle ihm vorgetragenen Angelegenheiten gar Nichts
-zu entscheiden, Nichts darein zu reden, man begreift kaum, wie der
-Monarch einen General-Adjutanten haben mag, der sich um Nichts kümmert,
-was im Staate vorgeht. Doch ist es so, und er thut was er kann, um
-die fixe Idee zu beseitigen, daß es ganz im Gegentheile <em class="gesperrt">gar</em>
-keine Angelegenheit gebe, in die er <em class="gesperrt">nicht</em> hinübergreift. Man
-weiß, wie schwer ein eingewurzeltes Vorurtheil ausgerottet wird, und
-der Graf mußte auch heute ein halbes Hundert Male die Versicherung
-bekämpfen, daß man nur dann vollkommen beruhigt nach Hause gehe,
-wenn der vom Monarchen ausgestellte Gnadenwechsel mit dem Akzept des
-General-Adjutanten versehen worden.</p>
-
-<p>Kollmann erzählte ihm den Verlauf seiner Audienz und bat, seinen
-Einfluß zu verwenden, um vielleicht bei sich ergebender Gelegenheit den
-Gebieter für seinen Antrag zu stimmen.</p>
-
-<p>&mdash; „Das ist umsonst, lieber Herr Kollmann,“ erwiederte der Graf &mdash; „ich
-kenne den Herrn, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span> Sie können überzeugt sein, daß Sie ihm eine
-Freude gemacht haben. Bei einem andern Anlasse dürfen Sie auf gnädige
-Aufnahme jedes Gesuches rechnen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich habe nicht gewagt, Seiner Majestät ein für mich sehr wichtiges
-Anliegen vorzutragen, da es leider gegen Jemanden gerichtet ist, der
-sich des hohen Schutzes des Prinzen August Ernst erfreut.“</p>
-
-<p>&mdash; „Wie ist das?“ fragte der Graf aufmerksam.</p>
-
-<p>&mdash; „Es ist ein Gegenantrag gegen das Lieferungsoffert einer Firma
-Korbach.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich kenne den Namen. Warum glauben Sie, daß ihn der Prinz
-protegirt?“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich schließe es aus Dingen, die wohl an sich zu unbedeutend sind,
-um Euer Excellenz <span class="nowrap">damit“ &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; „Heraus damit! Sie sehen doch, daß ich auf Ihre Angelegenheit
-eingehe.“</p>
-
-<p>&mdash; „Der Prinz hat ihm, wie ich im Marinedepartement gehört,
-Zusicherungen ertheilt, und ihn auf dem gestrigen Balle mit besonders
-gnädiger Herablassung behandelt, wie ich aus dem Munde einer Frau
-erfahren, welche anwesend war, und vielleicht in der Lage ist über die
-Gesinnungen Seiner Hoheit unterrichtet zu sein.“</p>
-
-<p>Das vertrauliche Detail war gewagt, aber der Graf war über Freiheiten,
-die sich Jemand heraus<span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span>nahm, nur dann empfindlich, wenn sie seine
-Person betrafen. Mit Aeußerungen über den Prinzen nahm er es, bei
-dessen gespannten Verhältnissen zu seinem Herrn, nicht so genau.</p>
-
-<p>Er fragte weiter: „Wer ist die Frau?“</p>
-
-<p>„Eine Frau Klotilde Zeltner.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ah“ &mdash; rief der Graf mit gedehntem Laut &mdash; „die Zeltner! &mdash; deren
-Mann auf der Festung sitzt; und die war auf dem Balle?“</p>
-
-<p>„Euer Excellenz zu dienen, und da sie sich besonderer Aufmerksamkeit
-von Seiten des Prinzen erfreute und vom jungen Korbach begleiten ließ,
-so gerieth ich auf die Vermuthung, daß letzterer eine <span class="antiqua">persona
-grata</span> und somit für mein Anliegen wenig Hoffnung vorhanden sei. Ich
-durfte um so weniger wagen, es dem Monarchen vorzutragen, da es ein
-falsches Licht auf mein Anerbieten geworfen hätte.“</p>
-
-<p>„Da haben Sie Recht gehabt. Es wäre aber möglich, daß sich in Ihrer
-Sache Etwas thun ließe. Geben Sie noch nicht Alles auf.“</p>
-
-<p>„Nach diesem Worte von Euer Excellenz gewiß nicht.“</p>
-
-<p>„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe Nichts darein zu reden, ich
-mache meinen Adjutantendienst und kümmere mich sonst um Nichts. Es wäre
-aber möglich, daß der Prinz selbst seine Ansicht änderte.<span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span> Hoffen Sie
-das Beste, &mdash; es würde mich freuen, Sie zufriedengestellt zu sehen.“</p>
-
-<p>&mdash; Kollmann war es im vollsten Maße, als er den Grafen verließ. Dieser
-rief den zur Suite gehörenden immer in der Nähe befindlichen Plomberg
-zu sich, und fragte, ob er den vertraulichen Auftrag in Betreff
-Korbachs durch Heidenbrunn bestellt habe. &mdash; Der Oberst berichtete, er
-habe mit letzterem gesprochen, und glaube, der Prinz dürfte bereits in
-Kenntniß sein.</p>
-
-<p>„Ich verstehe Sie nicht,“ versetzte Graf Greuth &mdash; „Sie reden von
-glauben und dürfen, &mdash; sollen etwas Positives von der Aufnahme der
-Sache wissen, und <em class="gesperrt">ich</em> glaube, daß <em class="gesperrt">gar</em> nichts geschehen
-ist, nach Allem was <em class="gesperrt">ich</em> sehe und höre.“ &mdash; Darauf entließ er in
-der übelsten Laune den an den Wetterwechsel gewohnten Plomberg, welcher
-die sich häufig bis zu einer gewissen Grobheit steigernde Derbheit des
-Grafen flegmatisch ertrug. Sie waren verwandte Naturen, die sich immer
-wieder anzogen. Der Oberst war, wie er sagte, der „Rechte“ für den
-General-Adjutanten; dieser besaß, bei dem Mangel tieferer Kenntnisse
-und diplomatischer Schule, eine angeborne Schlauheit, die ihn immer das
-„Rechte“ treffen ließ. Unter dem Rechten verstand er dasjenige, was zur
-Befestigung seiner Stellung dienlich war. &mdash; Und darunter stand<span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span> obenan
-die Benützung menschlicher Schwächen, vor welchen ein sterbliches Haupt
-durch keine Kopfbedeckung bis hinauf zur Krone, und das Herz durch
-keinen Hermelin zu bewahren ist. &mdash; Plomberg wußte, daß seine Stunde
-wieder kommen werde, wenn ihn der Graf zu Etwas gebrauche, wodurch er
-der menschlichen Natur seines Herrn zu dienen glaubte. &mdash; Zum Dienste
-der übermenschlichen standen ja ohnedem &mdash; wir können nicht sagen wie
-viele &mdash; Millionen bereit.</p>
-
-<p>Die beiderseitigen Audienzen sind vorüber, und nach kurzer Ruhe
-empfängt der Monarch aus den Händen des Grafen abermals eine Liste, &mdash;
-jene der zu besichtigenden Institute und sonstigen Merkwürdigkeiten.
-Sie enthält dreizehn Artikel:</p>
-
-<ol class="artikel">
- <li> Das Marine-Arsenal.</li>
- <li> Die neue Hafenbatterie.</li>
- <li> Die Artilleriekaserne.</li>
- <li> Die Infanteriekaserne.</li>
- <li> Die Equitazion.</li>
- <li> Die Stückgießerei.</li>
- <li> Das Militärspital.</li>
- <li> Die Proviantbäckerei.</li>
- <li> Das Stabsstockhaus.</li>
- <li> Die Domkirche.</li>
- <li> Das Civilspital.</li>
- <li> Das Zuchthaus. Und</li>
- <li> Die Akademie der bildenden Künste.</li>
-</ol>
-
-<p>Graf Greuth hat aus dem ihm vom Gouverneur vorgelegten Verzeichnisse
-die vorstehenden Objekte ausgewählt, und der Monarch genehmigt in
-Pausch und Bogen. &mdash; Zwei Stunden sind für die Rundfahrt<span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span> anberaumt. &mdash;
-Durch dreizehn dividirt, entfallen eins ins andere gerechnet,
-<span class="nowrap">9<span class="zaehler">12</span>&frasl;<span class="nenner">13</span></span>
-per Stück brutto, das Hin- und Herfahren abgezogen sieben Minuten
-netto, mehr als hinreichend, um sich von allen innern Zuständen zu
-überzeugen.</p>
-
-<p>Sämmtliche Besuche wirkten heilbringend, schon ehe sie gemacht wurden.
-&mdash; Die armen Teufel in den Spitälern bekamen eine Suppe und ein
-Kalbfleisch zu sehen, welches selbst die Primarärzte ohne Bedenken
-gegessen hätten, und wurden seit 24 Stunden vom ganzen Personale
-behandelt als wären sie wirklich Menschen statt Nummern. &mdash; Die Pferde
-und Mannschaften in den Kasernen wurden durch die ihrem verschiedenen
-Naturell entsprechenden Mittel in eine fröhlich paradirende Haltung
-und Stimmung versetzt, &mdash; und die Sträflinge im Stock- und Zuchthause,
-durch etwas Branntwein und bessere Razionen begeistert, versuchten sich
-in einem vorläufigen Vivat unter munterem Kettengerassel.</p>
-
-<p>Nur das kleine, quickende, rothbackige Proletariat in der
-Kleinkinderbewahr-Anstalt, welches seit dem Morgen das Scheuern
-der Gesichter und Kämmen der Köpfe erduldet, befand sich in seinen
-frisch gewaschenen, aufgesteiften Gewändern, in allgemeiner Gährung
-und radikaler Verstimmung. Jeden Augenblick gewann es wieder der
-<span class="antiqua">Jean qui pleure</span> über<span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span> den <span class="antiqua">Jean qui rit</span>, zur Verzweiflung
-der Vorsteherin und ungeachtet der umfassendsten Amnestien und
-dreimaliger Rosinenvertheilung. Und endlich war Alles umsonst, &mdash; da
-der Strich, wodurch Graf Greuth seinen Herrn von einem zweiten Dutzend
-Besuche befreit hatte, durch das ganze Gebiet der Levana, von der
-Kinderbewahranstalt bis zur Universität gegangen war.</p>
-
-<p>&mdash; Zwölf Stazionen der Rückreise waren zurücklegt; der Wagen des
-Souveräns hält vor der Akademie.</p>
-
-<p>Sie befindet sich im aufgehobenen Kloster <span class="antiqua">San Matteo</span>. Die Reihe
-der Zellen war durchbrochen und in Säle verwandelt worden, und an der
-Stelle, wo der Mönch mit Geißel und Stachelgürtel den traurigen Kampf
-gegen die Natur bestand, da umfaßt sie mit heißer Liebe der junge
-Künstler und sein Pinsel und Meißel schaffen alle Reize, welche die
-blinde Aszetik als Teufelslockung aus diesen Räumen verbannt hatte.
-&mdash; Wo der Todtenkopf über gekreuzten Gebeinen grinste, da lächelt die
-meerentstiegene Afrodite, und an den Wänden, wo auf schwarzgeräucherten
-Bildern blasse Hände aus Scheiterhaufenflammen hervorlangten, rufen
-jetzt die herrlichsten Gestalten voll Kraft und Leben den Sieg des
-Lichts und der Wahrheit hinaus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span></p>
-
-<p>Aus dem letzten Saale führt eine fliegende Treppe in den ehemaligen
-Klostergarten. Auch ist das Heidenthum mit fliegenden Fahnen eingezogen
-und die sandsteinernen Apostel in den Alleen sind dem marmornen Olimp
-gewichen. Die alten Kastanien ragen herüber aus einer versunkenen
-Zeit, über ein neues Geschlecht, das unter ihrem Schatten sich blühend
-emporrankt, über die gewundenen Laubgänge, die Fontänen und Bassins,
-worin sich die ganze bunte Pflanzenwelt spiegelt, womit eine sinnige
-Hand den Garten zugleich mit den Gebäuden, verjüngend geschmückt hat.</p>
-
-<p>Im Vestibüle an der Hauptstiege wartet Direktor Volpi im schwarzen
-Kleid, die Brust mit sechs (ausländischen) Orden geschmückt, umgeben
-von einer Anzahl Professoren. Man glaubt zwar nicht an den Besuch, muß
-aber in der jetzigen Zeit auf Alles gefaßt sein. &mdash; Das Publikum hatte
-Zutritt wie gewöhnlich und fand sich zahlreich <span class="nowrap">ein. &mdash;</span></p>
-
-<p>Der Monarch unterbrach die Begrüßung des Direktors mit den Worten:
-„Ich liebe Kunstwerke, verstehe aber nicht viel davon, &mdash; ich habe
-nicht Zeit mich damit zu befassen; Sie werden mir mit Ihrem Urtheil
-vorangehen.“</p>
-
-<p>Der General-Adjutant aber, welchem Volpi den in Sammt gebundenen
-Katalog überreichte, schnitt<span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span> gleich das erste Urtheil in so markirter
-Weise ab, daß Jener das Ueberflüssige seiner Bemerkungen einsah und
-schwieg.</p>
-
-<p>Mit Entschlossenheit war der Souverain die Treppe hinangestiegen, als
-ginge es einer Batterie entgegen. Es mußte mit Würde getragen werden:
-die Kunst war einmal ein nothwendiges Uebel, und die reichen Banquiers
-hegten und pflegten sie und betrachteten die Akademie als ein Kleinod
-der Stadt.</p>
-
-<p>Man setzt sich in Bewegung, voran der Monarch mit dem Grafen Greuth und
-Volpi, &mdash; in der Entfernung einiger Schritte die jüngeren Adjutanten
-und andere Offiziere, worunter Plomberg, &mdash; die zahlreichen Besucher
-folgen mit Augen und Ohren jedem Worte und jeder Bewegung.</p>
-
-<p>Es ist gebräuchlich, daß bei solchen Gelegenheiten der General-Adjutant
-durch eine Bemerkung oder Frage die Gemälde bezeichnet, deren Ankauf
-für den allerhöchsten Hof wünschenswerth erscheint.</p>
-
-<p>„Firefly, lichtbraune Vollblut-Stute des Herzogs von Devonshire,“ war
-der erste Gegenstand, welcher ein wohlgefälliges Lächeln hervorrief.</p>
-
-<p>„Prächtiges Thier! mahnt viel an meine <span class="nowrap">Arabella.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Euer Majestät geruhen zu bemerken, daß die Arabella stärker auf dem
-Vordergestell. Der Herzog<span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span> scheint nicht die Force Euer Majestät, &mdash;
-das Pariren im gestreckten Lauf, &mdash; zu besitzen.“</p>
-
-<p>Man überflog eine Wand mit verschiedenen Gallait, Achenbach, Lessing,
-Rottmann, Bürkel <span class="nowrap">u. dgl.</span> und kam vor einem brennenden Johann Huß von
-unbekannter Hand zum Stillstande.</p>
-
-<p>„Etwas zu graß! Die verkohlte, zerplatzende Stirnhaut ist beinahe
-widerlich. Wie heißt der <span class="nowrap">Maler?“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Kornberger; es ist im Kataloge bemerkt, daß derselbe der Verfertiger
-der Holzschnitte zur Kirchenzeitung.“</p>
-
-<p>Ein Wink an Direktor Volpi belehrte diesen, daß der brennende Ketzer
-nun an einem frommen Herrscher einen Beschützer gefunden.</p>
-
-<p>Der Direktor unterstand sich, die allerhöchste Aufmerksamkeit auf einen
-Cäsar zu lenken, auf welchen die Dolche der Verschwornen einblitzen,
-mit der Bemerkung, daß der talentvolle junge Künstler, von welchem das
-Bild herrühre, sich um das Stipendium zur Reise nach Rom bewerbe.</p>
-
-<p>Der Graf warf schnell dazwischen: „Schade um das Talent, das auf einen
-so abscheulichen Gegenstand verwendet worden.“ &mdash; Der Monarch aber
-fragte: „Ist der Mann ein Inländer?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span></p>
-
-<p>„Er ist ein Sohn unserer Stadt,“ erwiederte Volpi.</p>
-
-<p>&mdash; „Gut, &mdash; notiren Sie seinen Namen, &mdash; er soll das Stipendium haben.“
-&mdash; Dießmal war die Politik dem Verdienste zur Seite gestanden.</p>
-
-<p>In den folgenden Sälen wurden auserkoren: Walachische Bauern mit
-Pferden &mdash; Wachtstubenszene &mdash; Scheibenschießen in Tirol &mdash; Wegnahme
-einer feindlichen Kanone &mdash; ein <span class="nowrap">„Rastlbinder.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Die Mehrzahl dieser Schöpfungen hatte die Zulassung in die Gallerie der
-Milde zu danken, womit der prüfende Ausschuß zu Werke gegangen war.
-Allein Graf Greuth war ein reeller Mann, der mehr auf den Kern als
-auf die Schale sah, und hielt sich nicht an die Ausführung, sondern
-nur an die Idee, ohne jedoch für den Reiz eines besonders lebendigen
-Farbenspiels unempfindlich zu sein.</p>
-
-<p>Die Schaar der Besuchenden lauschte in tiefer Stille. Die Worte des
-Souverains in Betreff des jungen Künstlers thaten die beste Wirkung;
-was sie aber von dem ausgestreuten Manna des General-Adjutanten
-auffingen, erschien ihnen nicht schmackhafter als den Juden das ihre in
-der Wüste. Doch war eine große Zahl unter ihnen, welche sich nur von
-seiner Erscheinung unangenehm berührt fanden,<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span> nicht von seinen Worten,
-&mdash; nämlich diejenigen, welche kein Deutsch <span class="nowrap">verstanden. &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; Der im Fenster stehende Aufseher der Gallerie, ein alter,
-stiller, freundlicher Mann, dessen Vergnügen mehr im Studiren
-der Beschauer als der Gemälde bestand, machte auch heute seine
-Beobachtungen, und ergetzlicher als die jetzigen, war ihm eine dem
-hohen Besuch vorhergegangene gewesen. &mdash; Er hatte schon manches
-Beispiel von Indifferenz erlebt, aber selten war ihm eine so
-empörende Gleichgültigkeit gegen die Kunstschätze, die er überwachte,
-vorgekommen, als die eines doch intelligent aussehenden hübschen jungen
-Mannes, welcher die Säle durchschritt, als wären sämmtliche Rahmen mit
-grauer Leinwand ausgefüllt.</p>
-
-<p>Kurze Zeit später erschien eine Dame, welche ihre Blicke ungefähr mit
-der gleichen Theilnahme über die Wände gleiten ließ. &mdash; Daß Damen ohne
-Begleitung die Gallerie besuchten, war an der Tagesordnung; dann sah
-man ihnen aber auch meistens die Kunstliebe an, die sie hingeführt;
-auch kehrten sie gewöhnlich aus dem letzten Saale durch die übrigen,
-am Aufseher vorüber, zurück. &mdash; Als dieß im gegenwärtigen Falle nicht
-geschah, weder von Seite des jungen Mannes noch der Dame, trat er ans
-Fenster,<span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span> setzte seine Brille auf und überblickte die verschiedenen
-Partien des wenig besuchten Gartens.</p>
-
-<p>Er gewahrte bald, daß sich in dem grünen Reiche der Natur die Gestalten
-zusammengefunden, welche das Gebiet der Kunst getrennt durchwandelt
-hatten.</p>
-
-<p>War Klotilden ein Wort vom <em class="gesperrt">Park</em> entschlüpft? oder hatten
-die Beiden beim ersten Blick durch die offene Flügelthür auf die
-Blumenbeete und dunkeln Gipfel gefühlt, daß nur diese die rechten
-Wegweiser zum Glücke?</p>
-
-<p>Genug, sie fanden sich, ohne eine Minute vergeblichen Suchens, &mdash;
-und die rothen Blütenpiramiden einer wilden Kastanie leuchteten als
-Girandolen, als ihre Hände ineinander lagen vor dem marmornen Altare,
-dem Piedestal einer Flora, welche den Blumenkorb über ihren Häuptern
-hielt.</p>
-
-<p>Hätte statt der stummen Blüten und des schweigend lächelnden
-Götterbildes ein lebendiger Zeuge das Wiedersehen belauscht, &mdash;
-er hätte es nicht für ein erstes Bekennen, &mdash; er hätt’ es für die
-Seligkeit über die Erfüllung eines längst getauschten Schwures gehalten.</p>
-
-<p>Sie fanden sich ja nicht wieder, wie sie sich im Freinhofe verlassen!</p>
-
-<p>Jeder Gedanke, jede Empfindung, jedes Leid<span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span> und Glück, das seit
-jener Stunde durch ihre Seele gegangen, ward zur Schwinge, auf der
-sie über alle Anfänge und Fragen und halben Verhüllungen des Gefühls
-hinwegflogen...</p>
-
-<p>„Was ich am See geglaubt und gehofft &mdash; sagte Julie mit dem vollen
-Glanz der Liebe in den Augen &mdash; das wird mir am Meere erfüllt!“</p>
-
-<p>„Und so viel tiefer und weiter dieses, als der See, um so viel reicher
-und glücklicher halt’ ich diese Hand in <span class="nowrap">meiner.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Wie freudig lasse ich sie darin ruhen! &mdash; Dieß Blatt enthält das
-Bekenntniß meiner nächtlichen ersten Sünde des Zweifels, die auch die
-letzte sein soll. Die Augen sind wahr, Arnold, und der Mond <span class="nowrap">lügt.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Nicht der Mond ist unwahr, sondern jeder Gedanke, daß vergehen könne,
-was unveränderlich und ewig!“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Lassen wir die stumme Blumengöttin die einzige Zeugin der Stunde
-sein, in welcher die Ringe der Seelen gewechselt wurden, und das Ja
-gesprochen ward auf die Frage des unsichtbaren Hohenpriesters: Ists
-Euer Wille, einander treu zu bleiben bis in den Tod <span class="nowrap">&mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Als Julie durch die Laubgänge nach der flie<span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span>genden Treppe eilte, um
-durch die Säle zurückzukehren, war der hohe Besuch eben im letzten
-derselben <span class="nowrap">angelangt. &mdash;</span></p>
-
-<p>Sie trat mit gesenktem Blick durch die Thür und war mit schnellen
-Schritten in die Hälfte des Saales gelangt. &mdash; Nun klang das
-Säbelgeklirr in ihre selige träumerische Gedankenmelodie, sie schlug
-die Augen empor und sah die der Offiziere, der schwarzgekleideten
-Herren und der hinter denselben zusammengedrängten Zuschauer auf sich
-gerichtet.</p>
-
-<p>Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß &mdash; &mdash; als Juliens Wangen,
-und keine Rose, keine Nelke dunkler glühen, &mdash; &mdash; wie sie einen
-Augenblick verwirrt und unentschlossen dastand; &mdash; sollte sie nach dem
-Garten zurück, &mdash; oder durch den schmalen Raum, zwischen dem Monarchen
-und den übrigen Uniformen hindurch, zu den <span class="nowrap">Zuschauern? &mdash;</span></p>
-
-<p>Da trat Plomberg auf sie zu, dem die Begegnung keine geringe
-Befriedigung gewährte, bot ihr den Arm, und führte sie am Monarchen
-vorüber, den sie erkannt hatte und der ihre Verbeugung mit
-unbeschreiblich huldvollem Dank erwiederte, gegen das Publikum, und
-kehrte darauf zum Gefolge zurück.</p>
-
-<p>Der Allerhöchste wendete sich zu ihm und sagte: „Eine schöne Frau; ist
-sie aus dieser Stadt?“</p>
-
-<p>„Sie ist die Frau des Konsuls Kollmann, wel<span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span>cher heute das Glück hatte
-von Eurer Majestät empfangen zu werden.“</p>
-
-<p>„Eine seltene Schönheit.“ &mdash; Zu Graf Greuth gewendet fuhr er fort:
-„Jedenfalls der reizendste Gegenstand der Gallerie. Die Verlegenheit
-stand ihr sehr hübsch. Warum die Maler nicht lieber so etwas malen.“</p>
-
-<p>„Wenn Euer Majestät in der Weise wie der König von Baiern eine Sammlung
-von Schönheiten anzulegen befehlen würde, dürfte sie, nur aus Damen
-Allerhöchstihrer Länder bestehend, jede andere überbieten.“</p>
-
-<p>„Ich glaube es, und diese Frau wäre ein guter Anfang. Ich liebe aber
-keine Nachahmungen.“</p>
-
-<p>&mdash; So war denn auch die dreizehnte Stazion, der Akademiebesuch,
-überwunden, und nachdem Seine Majestät das Diner in Gesellschaft des
-Prinzen, des Grafen Greuth, des Kommandirenden und des Gouverneurs
-eingenommen, geruhten sie, sich in den schwülen Nachmittagsstunden
-in ihrem Kabinet auf die <span class="antiqua">Chaise longue</span> zu legen, und, nach
-herabgelassenen Vorhängen, den Staatsgeschäften zu widmen.</p>
-
-<p>Es blieb nur noch der Bodensatz des Leidenskelches zu leeren, &mdash; der
-Abend auf der Villa mit den exclusiven Tableaux. Er übertraf noch die
-schlimmsten Befürchtungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span></p>
-
-<p>Nur die Elite der Elite vermag das reine Wasserstoffgas dieses Abends
-zu athmen. Nicht ein Atom Sauerstoff von Wissenschaft, Kunst oder
-Industrie war eingedrungen. Die gestern aus diesen Räumen so schmählich
-vertriebene Göttin der Langeweile, die Etiquette, feierte ihr
-Restaurazionsfest mit schwülem, schweigenden Pomp.</p>
-
-<p>&mdash; Die Gesellschaft war aber stillselig in dem <em class="gesperrt">einen</em> Gedanken,
-welcher ihr alles andere Glück aufwiegt: sie waren <em class="gesperrt">unter sich</em>!</p>
-
-<p>&mdash; Und sie verdienen nicht nur dieses Glück, sondern haben sogar das
-volle <em class="gesperrt">Recht</em>, es für eines zu halten, so lange es Geschöpfe gibt,
-von denen sie um dieß „unter sich!“ <em class="gesperrt">beneidet</em> werden. &mdash; Der
-Prinz gehörte nicht dazu; er labte sich an der Erinnerung an gestern
-und an der Aussicht... über die Tableaux hinüber, die ihn übrigens
-lebhaft beschäftigen, und einen flüchtigen Blick verdienen.</p>
-
-<p>Wir überfliegen die verschiedenen Gruppen nach Winterhalter, Paul de la
-Roche, Vernet &mdash; worunter nur eine, aus der Smala Abdel Kader’s, den
-allerhöchsten Beifall erregt und langen beim Schlußtableau an, welches
-in dem orientalischen Saale, der ein Bassin enthält, dargestellt wird,
-oder werden soll, da noch ein Hinderniß vorhanden.</p>
-
-<p>Es war Schwanthalers Brunnen in Wien<span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span> (auf der sogenannten Freiung
-befindlich) gewählt worden.</p>
-
-<p>Die Donau, Weichsel und Elbe fanden ihre Repräsentantinnen in den drei
-bereits erwähnten, vom akademischen Ausschusse gewählten Frauen; den
-Po vertrat ein Kavalier einer ritterlichen Nazion, welcher das Unglück
-hatte, der schönste Mann des Landes und sonst Nichts zu sein. &mdash; Da
-sich keine Dame dazu verstanden hatte, die Rolle der auf der hohen
-Brunnensäule stehenden Austria zu übernehmen, so wurde statt ihrer ein
-„Genius des Vaterlandes“ hinaufgestellt, zu welchem ein schlanker,
-rothwangiger Regiments-Kadett alle wünschenswerthen Eigenschaften,
-nebst der Schwindelfreiheit vereinigte.</p>
-
-<p>Im Bassin war natürliches Wasser, Rand und Brunnensäule reich
-mit Blumen verziert; die Costüme der Damen, in einigen Punkten
-nothwendigerweise vom Vorbilde abweichend, waren in Farbe und Form
-geschmackvoll von Volpi arrangirt, und das Ganze machte in der
-herrlichsten Beleuchtung einen zwar durchaus nicht plastischen, aber
-reizenden Effekt.</p>
-
-<p>Bald soll der Vorhang sich theilen. Die Weichsel und Elbe sitzen in den
-griechischen Gewändern, mit ihren vergoldeten Wasserschaufeln spielend,
-noch in Fauteuils, der Po geht auf und nieder, ungedul<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span>dig mit dem
-Ruder stampfend. &mdash; Aber noch immer keine Donau erschienen.</p>
-
-<p>„Aber es ist doch geradezu unmöglich, daß die Strada nicht kommt!
-die einzige, &mdash; einzige Bürgerliche! &mdash; eine Frau, die doch Geist
-genug hat, um zu begreifen, daß ihr Stand in ihr geehrt ist, wenn sie
-zwischen drei Flüssen steht, deren Wasser rein wie das destillirte in
-der Apotheke, durch fünf oder sechs Jahrhunderte fortgeronnen ohne
-einen fremden Bestandtheil in sich aufzunehmen!“</p>
-
-<p>Der Kadett steht mit langen goldenen Flügeln in goldgestickter Tunika,
-mit verschränkten Armen auf der Säule und räth nach Donau-Eschingen zu
-telegrafiren, warum der Fluß ausbleibt.</p>
-
-<p>Da kommt ein Brief: Madame Strada ist „plötzlich <span class="nowrap">unwohl.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Zuerst beißt man sich ärgerlich in die Lippen.</p>
-
-<p>„Nicht einmal das Costüme hat sie <span class="nowrap">geschickt.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Es würde es wohl kaum Jemand angezogen <span class="nowrap">haben!“ &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; Dann geht der Zorn in stille Verachtung <span class="nowrap">über. &mdash;</span></p>
-
-<p>„Man sieht! &mdash; &mdash; wenn sich nicht ihrer Mehrere zusammenthun können &mdash;
-&mdash; als Einzelne unter uns fühlte sie sich gedrückt... es ist ja auch
-na<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span>türlich! &mdash; Schade, sie ist sonst ein liebes Weibchen! &mdash; Lassen wir
-die Arme!“</p>
-
-<p>Aber die Minuten fliegen weg, und Minuten vom Monarchen durchwartet
-wiegen ungefähr ein Jahr von Unterthanserwartung.</p>
-
-<p>Der Vorhang bewegt sich, das rothe Gesicht des General-Adjutanten sieht
-fragend herein und zieht sich wieder zurück. Die Flüsse ringelten sich
-verzweifelnd um Volpi.</p>
-
-<p>Er rief: „Nehmen wir in Gottes Namen die Donau lateinisch, &mdash; Danubius!
-schnell einer von den Herren herein, wir haben noch einen grünen Bart
-und Schilfkrone.“ &mdash; Er stürzt hinaus zum Prinzen &mdash; bevor dieser
-wählen kann, hat aber Graf Greuth das Auskunftsmittel vernommen, und
-beordert Oberst Plomberg hinter die Szene, welchem die griechischen
-Gewänder umgethan, Bart und Schilf aufgesetzt werden &mdash; das Tableau ist
-<span class="nowrap">gerettet. &mdash;</span></p>
-
-<p>Schade, daß der Kadett, wie er die Arme segnend ausbreitet, mit offenem
-Munde lächeln zu müssen glaubt: es macht den fatalen Eindruck, als wäre
-der Genius des Vaterlandes die Bornirtheit.</p>
-
-<p>Die Gesammtwirkung ist überraschend. „Charmant! &mdash; ruft der Monarch &mdash;
-ich habe das Original selbst gesehen, als ich einmal in Wien war, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span>
-mit den Farben und Lichtern machts doch einen ganz andern Effekt!“</p>
-
-<p>Der General-Adjutant erwiederte: „Die Gruppe würde aber doch ungemein
-gewinnen, wenn statt des Genius die schöne Frau auf der Säule stünde,
-welche das Glück hatte, von Euer Majestät in der Ausstellung bemerkt zu
-werden.“</p>
-
-<p>„Das ist wahr! ganz richtig! &mdash; &mdash; Erinnern Sie mich, lieber Graf,
-wenn die Herbstjagden anfangen, daß ich dem Manne versprochen habe, in
-seinem Revier zu jagen.“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Endlich war auch dieß vorüber. &mdash; Der letzte Wagen rollte den
-Berg hinab, &mdash; der Prinz stürzte nach seinem Schlafzimmer, vertauschte
-die Gala-Uniform mit dem leichten Jagdrock, sprach ein Paar Worte mit
-Heidenbrunn und flog durch den dunkeln Park und einige Wiesen und
-Büsche nach dem kleinen, netten, auf halbem Wege zwischen der Stadt
-und der Villa gelegenen Hause &mdash; dessen Jalousien geschlossen sind,
-wie das Thor. &mdash; Der Prinz öffnete die Gartenpforte mit dem Schlüssel,
-den er bei sich trug, und vergaß in der nächsten Minute alle Leiden
-des exclusiven Cercle’s &mdash; in dem noch exclusiveren &mdash; an der Seite
-Klotildens, welche ihre Uebersiedlung nach dem mit Luxus und<span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span> Geschmack
-eingerichteten Asile mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit vollbracht
-hatte.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">* &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; &emsp; *<br />
-*</p>
-
-<p>So sind denn die Geschenke alle vom Weihnachtsbaum gepflückt, dem wir
-den heutigen Tag verglichen.</p>
-
-<p>Auch der Bandit freut sich eines neuen geschliffenen Dolches: Kollmann
-hat alle Ursache den Tag zu loben. Er spricht in seiner Weise ein
-Dankgebet, das andern Ohren wie eine Gotteslästerung klingt.</p>
-
-<p>Der General-Adjutant, Plomberg, der Prinz und Klotilde, Jeder hat
-seinen goldnen Apfel heimgetragen, &mdash; der Monarch freut sich des
-Jagdvergnügens, das er heute noch keine Anstalt macht zu vergessen,
-freut sich der Beweise der Loyalität und daß dieselben vorüber, &mdash;
-und wie tausendstimmig die Stadt gejubelt, ist in dem Telegramm des
-Gouverneurs an den Ministerpräsidenten zu lesen.</p>
-
-<p>Arnold aber hält am Schlusse des Tages den Brief in der Hand, den ihm
-Julie unter den wilden Kastanien gereicht, &mdash; &mdash; den sie in der letzten
-Nacht geschrieben.</p>
-
-<p>Er hatte das Licht verlöscht, &mdash; und wieder angezündet, um &mdash; wieder zu
-lesen, obgleich er jedes Wort auswendig weiß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span></p>
-
-<p>Sie hatte geschrieben:</p>
-
-<p>„Wenn Deine Augen über dieß Blatt gleiten, so haben die meinen Dir
-schon das Unrecht abgebeten, &mdash; habe ich <em class="gesperrt">Dich</em> durch <em class="gesperrt">Glück</em>
-versöhnt, wie den Himmel durch eine Stunde kindischen <em class="gesperrt">Schmerzes</em>.
-&mdash; Auch Du wirst sie vielleicht durchleben, wenn Dein Glaube nicht
-höher und fester.“</p>
-
-<p>„Ich spreche zu Dir, als hätt’ ich aus Deinem Munde vernommen, was nur
-mein eigen Herz mir geschworen. Ich habe aber auf den Grund Deiner
-Seele geschaut wie Du in meine. Kann ich Dir, &mdash; kannst Du mir Ein
-Wort sagen, wodurch erst ein Schleier gelüftet würde? Soll ich den
-Frühlingsglanz, der über mein Leben gefallen, vor Dir verhüllen,
-damit Du nicht früher glücklich seist, als bis Du gesprochen, und um
-ein Herz geworben, das Dein eigen? Glaube dem Deinigen, und Du wirst
-Dir klar bleiben, glücklich, was auch verwirrend zwischen uns trete:
-<em class="gesperrt">denke</em> nicht über mich, sonst wirst Du irre.“</p>
-
-<p>„Kannst Du ein Glück fassen, ohne über die selige Gegenwart hinaus zu
-denken? Ich fürchte, Du kannst es nicht. Ich aber muß es. Nimm, wenn
-Du es vermagst, das <em class="gesperrt">Heute</em> als Gottesgeschenk, ohne nach dem
-<em class="gesperrt">Morgen</em> zu fragen. Nimm es, wie ich die schönste Freudenblume,
-die mir durch Dich<span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span> erblüht, an meiner Brust bewahre und nicht frage,
-welcher Tag sie entblättert.“</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Allein alle die befremdenden Klänge der letzten Worte verstummten
-für Arnold vor dem hellen Wonnelaute: Du bist geliebt. &mdash; Es gab keinen
-Glücklicheren als er &mdash; &mdash; vielleicht eine Glücklichere.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kirchenweihe"><em class="gesperrt">Kirchenweihe</em>.</h2>
-
-</div>
-
-<p>&mdash; Am folgenden Vormittage trafen in der Telegrafenstazion Frauenwang,
-von welchem Orte bekanntlich der Weg nach dem Korbachthale führt, im
-Zwischenraume einer Stunde folgende zwei Depeschen ein:</p>
-
-<p>„An Herrn <em class="gesperrt">Morawski</em>, Verweser zu <em class="gesperrt">Altenberg</em>. &mdash; Lassen
-Sie <em class="gesperrt">Ihre</em> Maschine arbeiten. &mdash; Mit allen Ihren Vorkehrungen
-einverstanden. &mdash; Hier geht Alles vortrefflich. <b>K.</b> unterliegt,
-nicht weiter zu fürchten, wenn Sie gut arbeiten.“ &mdash; Unterzeichnet:
-„Kollmann.“</p>
-
-<p>Die zweite lautete:</p>
-
-<p>„Theurer Vater! Vollständiger Erfolg. Vor einer Stunde alle Kontrakte
-unterzeichnet. <b>K.</b> ist aus dem Felde geschlagen. Ich komme morgen
-Abends.“</p>
-
-<p>„Da habe ich einmal &mdash; sagte der Stazionsbeamte zu seinem Gehülfen
-&mdash; eine Anekdote gehört,<span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span> wie in der Menagerie in London der Tiger
-und der Löwe einander über Nacht gegenseitig aufgefressen, so daß von
-beiden Nichts übrig blieb als die Köpfe. Etwas Aehnliches scheint
-hier vor sich zu gehen; lesen Sie einmal!“ &mdash; Der Gehülfe las und
-bemerkte, daß die beiden Schreibenden vielleicht gegen einen dritten
-gemeinschaftlichen Feind gesiegt hätten. „Gott bewahre, erwiederte der
-Andere, &mdash; ich kenne den Zusammenhang, es sind die zwei Fabrikanten,
-die einander zu Grunde richten wollen. Nun, wir werden bald sehen,
-welches <b>K.</b> das andere untertaucht.“</p>
-
-<p>Er kopirte die Depeschen, machte sie zur Expedizion zurecht und fuhr
-fort: „Die Stücke sollen durch Expressen befördert werden, es ist dafür
-dort bezahlt worden. Ueber Altenberg nach Korbach? wir können zwei
-Expressen aufrechnen, da die eine Depesche bereits vor einer Stunde
-gekommen und wir sie schon hätten absenden können.“</p>
-
-<p>„Gewiß, wenn wir gewollt <span class="nowrap">hätten“ &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>„Nun, schicken wir sie unter <em class="gesperrt">Einem</em>. Glücklicherweise ist keine
-Fabrikgelegenheit da. Lassen Sie den Schneiderpeter holen, &mdash; der fährt
-um die halbe Taxe!“</p>
-
-<p>Nach einer halben Stunde erschien der Genannte, eine gutmüthige,
-verhungerte Gestalt in Nankingbeinkleidern und himmelblauem Rocke.
-&mdash; Er<span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span> übernahm die Depeschen, beendigte zu Hause eine Flickarbeit,
-richtete seinen Einspänner zurecht und fuhr in einem gemüthlichen
-Mitteltempo zwischen Schritt und Trab von dannen. Da er wiederholt in
-Bauern- und Wirthshäusern kurze freundschaftliche Besuche abstattete,
-wurde er fortwährend von einem fleißig ausschreitenden Hausirjuden
-überholt, welcher, mit seinem sechzig Pfund schweren Magazin auf dem
-Rücken, gleichzeitig mit ihm in Altenberg eintraf.</p>
-
-<p>Das Pferd wurde in den Stall gestellt, und auf der Hausbank ein Glas
-Wein in Gesellschaft des Gevatter Wirthes getrunken. &mdash; Das regste
-Leben herrschte im Orte; die Gebäude waren vollendet; eben ausgepackte
-Maschinenbestandtheile lagen auf dem Platze vor der Fabrik umher.</p>
-
-<p>„An dem Morawski, begann der Wirth, hat Herr Kollmann den Rechten
-gefunden. Vor drei Tagen hat er wieder hundert Slowaken, die von der
-Eisenbahnarbeit nach Hause geschickt werden sollten, aufgenommen,
-für die großen Grabungen am Wassergang und dem Dammbau, und fünfzig
-Italiener für die Steinarbeiten.“</p>
-
-<p>&mdash; „Das nützt Alles nichts; gegen den Korbacher kommt er doch nicht
-auf.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; „Das wird sich zeigen; schau die Walzen an, sie sind größer als
-jene, die sie dort haben. Sie werden bald die Augen aufreißen! Die
-Lutherischen drüben haben ja schon geglaubt, gegen sie stehe Nichts
-mehr auf im Lande.“</p>
-
-<p>„Ist der Erzbischof schon bei Euch durchgekommen?“</p>
-
-<p>„Nein, es war ein Anderer, der statt seiner die Einweihung vornehmen
-soll. Es sind drei Wagen mit Geistlichen vorübergefahren; der
-Vornehmste hat den Segen gegeben. Da hättest du sehen sollen, wie die
-Slowaken auf das Gesicht gefallen sind. Das ist ein Volk! aber noch
-immer besser als die da drüben! sie haben wenigstens eine Religion;
-aber in Korbach glauben sie an gar Nichts als an einen Herrgott.“</p>
-
-<p>„Ja freilich,“ meinte der Schneiderpeter, „so lange der Mensch gesund
-ist und vollauf hat, thuts der Herrgott allein, aber wenn Einer krank
-wird und recht herunterkommt, müssen doch die Mutter Gottes und die
-Heiligen wieder heraushelfen. Ich habe aber einen Telegrafen an Herrn
-Morawski im Sack und bin Expresser.“</p>
-
-<p>„Geh in die Kanzlei, &mdash; er ist gerade hinübergegangen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span></p>
-
-<p>Morawski las die Depesche mit sichtlicher Aufregung, und rief
-den Werkführer Fontana zu sich, mit welchem er sich lange und
-angelegentlich besprach.</p>
-
-<p>Das Resultat der Unterredung wurde bald offenbar. &mdash; Obgleich es erst
-Mittag war, ertönte die Glocke, welche gewöhnlich nur zum Feierabende
-und zur Mittagsruhe geläutet wurde, und die Arbeiter warfen ihr
-Geräthe weg und versammelten sich auf dem Rasenplatze vor der Fabrik.
-Morawski trat heraus und befahl den Italienern, sich abzusondern und
-Herrn Fontana zu folgen, welcher sich mit ihnen etwa fünfzig Schritte
-entfernte, in ihre Mitte stellte und, mit einigen Abänderungen, eine
-gleichlautende Rede mit jener hielt, in welcher sich Morawski gegen die
-Andern vernehmen ließ.</p>
-
-<p>Ein Blick auf Letzteren machte begreiflich, daß er das Vertrauen
-Kollmann’s besaß, &mdash; Redner und Publikum waren einander werth. Herr
-Morawski war ein großer breitschulteriger Mann, mit blatternarbigem,
-verschmitzten Gesicht, Ohrringen in beiden Ohren und stark böhmischem
-Akzent.</p>
-
-<p>Die Slowaken anlangend, standen dieselben in ihren ungeheuern
-Stiefeln, ausgefransten Leinwandsäcken, die die Beine bedeckten,
-und breiten Hutdächern mit einem Ausdrucke da, welcher zu Studien
-über die Perfektibilität der Thierseele Anlaß geben, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span> auch
-alle sanguinischen Hoffnungen auf dieselbe abschneiden konnte. &mdash;
-Diese Nazion ist offenbar an einem regnerischen Freitag gegen Abend
-geschaffen worden. Wenn sich, wie bekannt, im Kopf eines Hechtes das
-sogenannte Leiden Christi, nämlich alle Instrumente vorfinden, welche
-zur Marter des Herrn, vom Verhör bei Pontius bis auf Golgatha, gedient,
-so müssen sich im Kopfe eines Slowaken überdieß die Torturwerkzeuge
-aller der Tausende von heiligen Märtyrern entdecken lassen. Wenn dieses
-Volk jubelt, klingt’s noch immer wie wenn ein anderes heult: der Slowak
-mag arbeiten oder trinken, betteln oder stehlen, durch jede Funkzion
-seines Lebens wird der nazionale Urjammer, der spezifisch-slowakische
-Weltschmerz <span class="nowrap">durchtönen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Morawski sprach zu ihnen wie folgt:</p>
-
-<p>„Unser gnädiger Fabrikherr, Euer Arbeitgeber, sieht vor Allem auf
-die Gottesfurcht und Frömmigkeit seiner Arbeiter. Er will gern einen
-Schaden erleiden, wenn Ihr dafür ein Werk der Andacht verrichten könnt.
-&mdash; Er gibt Euch zwei Tage frei, ohne den Lohn abzuziehen. &mdash; Es wird
-morgen die Kirche in Korbach geweiht; ein hoher Geistlicher, welchen
-der Erzbischof geschickt hat, wird den Segen geben, welcher so gut
-ist, als ob er vom Erzbischof selbst käme. Wer ihn erhalten will, der
-geht mit mir und<span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span> Herrn Fontana, welcher Eure Kameraden führen wird,
-hinüber. Da Herr Kollmann will, daß Ihr in Korbach Nichts verzehrt, so
-werdet Ihr mit Lebensmitteln versehen werden. In Korbach sind viele
-Arbeiter, die an keinen Papst, keine Mutter Gottes und keine Heiligen
-glauben. Ihr werdet Euch ruhig und still betragen und jeden Zank mit
-diesen unglücklichen Menschen vermeiden, die Ihr bedauern müßt; wir
-werden aufbrechen, sobald Ihr Euern Wein und die Lebensmittel gefaßt
-habt, auch hat Herr Kollmann befohlen, daß Jeder von Euch einen
-Rosenkranz bekommen solle. Wer will die Wallfahrt mitmachen?“</p>
-
-<p>Die Antwort war ein einstimmiges Freudengeschrei; man konnte glauben,
-es werde ein Häuptling zur Erde bestattet. &mdash; Wenige Minuten später
-klang der prachtvolle Akkord des fünfzigstimmigen Evviva! aus den
-metallnen Kehlen der Italiener herüber, welche die Hüte in die Luft
-warfen, Kollmann und die Madonna, den Erzbischof und den Branntwein
-leben ließen, aber mit allem Schreien, Gestikuliren, Hin- und Herrennen
-nicht verhindern konnten, daß die melancholischen Slowaken ihre
-Flaschen und Brotsäcke früher gefüllt hatten als sie.</p>
-
-<p>In kurzer Zeit war Alles marschfertig. Der Kaplan hatte dem Ersuchen um
-eine Kirchenfahne<span class="pagenum"><a name="Seite_392" id="Seite_392">[S. 392]</a></span> willfahrt, mit welcher ein Arbeiter an die Spitze
-des Zuges trat, ihm zur Seite ein Vorbeter. Morawski und Fontana
-bestiegen einen leichten offenen Wagen, &mdash; die Italiener führte ein
-Maurerpolier und vormaliger Chorist, Namens Pompeo. Sie eilten voraus,
-um dem Gesange ihrer Kameraden zu entrinnen, stimmten zuerst ein Lied
-zu Ehren der Madonna di Korbacco an, ließen sich aber von Pompeo leicht
-aus dem religiösen Gebiete ins melodramatische hinüberziehen und
-bildeten einen gelehrigen Chor zu seinen Donizettischen, Verdischen und
-sonstigen Arien.</p>
-
-<p>Als Alle abgezogen, machte der Schneiderpeter Anstalt zur
-Weiterbeförderung seiner zweiten telegrafischen Depesche.</p>
-
-<p>Das Pferd wurde angeschirrt, die Rechnung bezahlt, und er überholte mit
-leichter Mühe die Arbeiter und den Hausirjuden und gelangte mit wenigen
-Unterbrechungen bis Labring, eine halbe Stunde vor Korbach.</p>
-
-<p>Es war spät in der Nacht, als er bei seinem Geschwisterkinde, dem
-Ortsrichter, anklopfte. &mdash; Dieser empfing ihn mit freudigem Ausrufe
-und den Worten: „Den ganzen Tag habe ich an Euch gedacht, Peter! ob
-Euch nicht eine Botenfahrt hereinführen würde. Morgen soll ich zur
-Kirchenweihe und heute klopft die Dirne meinen neuen Rock aus,<span class="pagenum"><a name="Seite_393" id="Seite_393">[S. 393]</a></span> und
-der Hund versteht falsch und springt hinauf, und reißt den Aermel in
-Fetzen. Ich hätte wohl noch einen Rest Tuch, &mdash; wollt Ihr dran gehen?“</p>
-
-<p>Der fleißige gefällige Peter ging flink an die Arbeit und stach
-so hurtig drauf los, daß er nahezu fertig war, als die Wallfahrer
-nachkamen und am Hause vorüberzogen. &mdash; Schließlich traf er fünf
-Minuten nach den Italienern, eben so viele vor den Slowaken mit seiner
-Depesche im Korbacher Wirthshause ein, wo eben der Jude, der mit ihm
-zugleich von Frauenwang ausgegangen, seinen Großhandel in eine Ecke und
-sich selbst daneben niederfallen ließ. Der Schneiderpeter versorgte
-sein Pferd, setzte sich, um einen Augenblick auszuruhen, betäubt von
-Wein und Nachtfahrt, auf die Streu nieder und schlief alsbald <span class="nowrap">ein. &mdash;</span></p>
-
-<p>Erst seit einer Stunde hatten auch die Bewohner des Ortes das
-Letztere gethan, nach dem bewegten Tage. Die Gemeinde hatte an den
-Vorbereitungen für Morgen gearbeitet, Alles übertüncht und behangen
-und gesäubert &mdash; aber lässig und verdrossen waren die letzten Arbeiten
-verrichtet worden, als die Erwartung der Ankunft des Erzbischofs nicht
-in Erfüllung ging, sondern aus dem ersten Wagen Pater <em class="gesperrt">Bernhard</em>
-stieg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_394" id="Seite_394">[S. 394]</a></span></p>
-
-<p>Sein Name war in Korbach gehaßt, während trotz des dort herrschenden,
-nach der klerikalen Auffassung verderblichen Geistes, die Erscheinung
-des Erzbischofes nicht verfehlt hätte, großen Eindruck zu machen. Es
-liegt ein ganz eigner Zauber in der funkelnden Inful und dem Krummstab:
-das alte Spielzeug, der Nikolaus, tritt plötzlich vor das katholische
-Kind in lebendiger Größe hin, und während ein Pfarrer, Kaplan oder
-Dechant dem Bauer begreifliche, vertraute Erscheinungen sind, schwebt
-der Bischof immer ein gutes Stück über der Erde, zwischen geflügelten
-Engelsköpfen und Aposteln in Wolken.</p>
-
-<p>Der Kirchenfürst hatte jedoch seinen Entschluß geändert. Bernhard,
-von seinem Sturze von dem in die Luft gebauten Prälatenstuhl erholt,
-&mdash; hatte in der Residenz eine unglaubliche Thätigkeit entwickelt. Der
-Erzbischof, bereits durch Korbach’s Ablehnung, ihn zur Einweihung zu
-laden, gereizt, &mdash; so wenig er es auch merken ließ, &mdash; war nun selbst
-der Ansicht, daß die Dinge zur Entscheidung kommen müßten. Er hatte
-Bernhard, da seine Stellung im Kloster unmöglich geworden war, und
-man die Wahl des Valentin aus höheren Gründen nicht umstoßen wollte,
-zum Domherrn ernannt &mdash;; und da das Auftreten des alten Korbach
-besorgen ließ, daß das Fest<span class="pagenum"><a name="Seite_395" id="Seite_395">[S. 395]</a></span> nicht ohne Störung vorübergehn und er
-zwar eine Krisis herbeizuführen, nicht aber seine <em class="gesperrt">Person</em> einer
-Unannehmlichkeit auszusetzen wünschte, so übertrug er Bernhard die
-Vertretung derselben, und ließ ihm stillschweigend zu Allem, was er
-vorzukehren fände, freie <span class="nowrap">Hand. &mdash;</span></p>
-
-<p>Ohne daß eine Aenderung des ursprünglichen Beschlusses nach Korbach
-gemeldet worden, traf der nunmehrige Domherr daselbst ein, bezog die
-im Pfarrhofe bereit gehaltene Wohnung, indem er die ihm durch den
-Pfarrer gemeldete Einladung, im Herrenhause zu wohnen, ignorirte, und
-ließ für die Geistlichen seiner Assistenz Zimmer im Gasthofe nehmen.
-Er erklärte, er habe vor, die religiöse Feier mit Vermeidung alles
-Kontaktes mit den weltlichen Elementen von Korbach vorzunehmen, was
-nicht verhinderte, daß er die Gemeindevorstände zu sich beschied, sie
-nach den getroffenen Vorbereitungen fragte, und mit großer Spannung
-eine Stunde, und eine zweite, auf ein Lebenszeichen des Gutsherrn
-<span class="nowrap">harrte. &mdash;</span></p>
-
-<p>Mit Pfarrer Leo sprach er in kurzem trockenen Tone und als derselbe
-Einiges über den befriedigenden Zustand der Pfarre äußerte, unterbrach
-er ihn: „Der Erzbischof ist von der wahren Sachlage hier und in St.
-Martin zu genau informirt, um Ihrer Berichtigung zu bedürfen, &mdash; er
-weiß auch, wer<span class="pagenum"><a name="Seite_396" id="Seite_396">[S. 396]</a></span> bei den Vorgängen im Kloster, die sein Herz betrübten,
-in vorderster Reihe stand.“</p>
-
-<p>Er ging in die Kirche, &mdash; wieder nach Hause &mdash; die Reizbarkeit seines
-Temperaments hatte sich durch keine Aderlässe und niederschlagenden
-Pulver vermindert. &mdash; Um neun Uhr Abends beschloß er eine verstärkte
-Ausgabe des Manövers mit dem Briefe: er schickte einen Geistlichen nach
-dem Herrenhause, um seine Ankunft formell anzusagen. „Kriecht er zum
-Kreuz und <em class="gesperrt">kommt</em>, &mdash; <em class="gesperrt">gut</em>; dann wollen wir weiter sehen.“
-Als Vertreter des Erzbischofs hatte er jedenfalls das Recht, den ersten
-Besuch zu <span class="nowrap">erwarten. &mdash;</span></p>
-
-<p>Der Geistliche kam mit der Meldung, daß ihn der alte Herr in seinem
-Schlafzimmer empfangen, und gesagt habe, er werde als Kirchenpatron den
-Domherrn morgen an der Kirchenthüre erwarten und feierlichst begrüßen,
-und hoffe, derselbe werde mit allen Geistlichen der Assistenz ihm nach
-der Einweihung die Ehre erweisen, Mittags seine Gäste zu sein.</p>
-
-<p>Man sieht, daß die Diplomatie nicht die stärkste Seite beider
-Parteien war. Korbach konnte unmöglich glauben, daß der Domherr die
-gelegentliche Einladung durch den rückkehrenden Boten annehme. Der
-Domherr aber hatte nicht in der klaren Absicht die Sache zum Bruch
-zu treiben gehandelt, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_397" id="Seite_397">[S. 397]</a></span> sich doch als <em class="gesperrt">möglich</em> gedacht,
-den Triumf einer Unterwerfung Korbachs in die Residenz mitzubringen,
-wozu dieß der erste Schritt. Nun war für ihn nur ein Weg, und er war
-gleichwol ärgerlich über den erhaltenen Affront.</p>
-
-<p>Er suchte Ruhe, schickte die Musik weg, die auf dem leeren Platz zu
-spielen begann, und überließ sich den Gedanken an den kommenden,
-wichtigen Tag. Seine Aufregung war nicht viel geringer als vor
-Eröffnung der Stimmzettel. Er ging auf und nieder, las eine vor der
-Abreise aus der Residenz erhaltene Depesche Kollmanns, als wollt’ er
-sich überzeugen, daß er sie die zehn ersten Male richtig gelesen, und
-griff endlich zum Hut, um dem schwülen Zimmer zu <span class="nowrap">entfliehen. &mdash;</span></p>
-
-<p>Schlummern mag der Eingeborne in Korbach &mdash; nimmer der Fremde, der
-vergebens einer „Nachtstille“ harrt. Sie ist entflohen an die äußersten
-Grenzen des Thales, vor dem ewigen Toben des Hammers, vor dem ewigen
-Rauschen des Wassers, &mdash; des weißschäumenden Blutes in jenem Körper,
-dessen Riesenglieder nie alle zugleich ruhen. Laßt es stocken und
-das Herz, das große Schwungrad, steht still, der Athem der Gebläse
-verstummt, die Lebensglut der Feuerstätten verlischt, die tausend
-Gelenke der Räder erstarren. &mdash; Die Perser hielten ihr Feuer nicht
-hei<span class="pagenum"><a name="Seite_398" id="Seite_398">[S. 398]</a></span>liger, als die Korbacher dieß Wasser. Beim Eintritt ins Thal
-empfängt es eine Ehrenpforte von Quadern und nun gleitet es weich dahin
-in blanken hölzernen Betten, hin zu den Werken, und lustig bietet sich
-ihm zum Tanze die flink umwirbelnde Turbine, &mdash; gehorsam, wie der
-Elefant dem kleinen Kornaken, fügt sich seiner Laune das haushohe Rad.
-&mdash; Dort leiten es gewundene Röhren in weiche Wiesen &mdash; dort fällt’s
-als Strahlenregen in Helenen’s Blumenbeeten &mdash; &mdash; jeder Tropfen nützt
-oder erquickt. Und während es zehnfach getheilt in rastloser Eile
-schäumend und sausend durch all’ die Räume sich drängt, und am Ausgang
-des Thales wieder vereint, wo jedes der fliegenden Korps dem andern
-erzählen mag, wie es gekämpft und was es besiegt, &mdash; schleicht nur der
-Ueberfluß träge im steinigen Hauptbett dahin, wie Marodeurs zur Seite
-der Armee. Das Thal ist von den Wassergeistern erfüllt, man athmet
-sie bei jedem Schritte, &mdash; sie drängen sich in der Nacht zu weißen
-Schaaren unter den Bäumen zusammen. Und wie die Sonne aufgeht über den
-Gerechten und Ungerechten, so kühlt auch die Nacht, &mdash; diese frische,
-tannendurchduftete, schaumdurchsprühte Nacht von Korbach &mdash; nicht nur
-die Wangen des Gerechten, sondern auch jene Bernhards.</p>
-
-<p>Er ging über die Brücke, den Gebäuden ent<span class="pagenum"><a name="Seite_399" id="Seite_399">[S. 399]</a></span>lang, und stand vor der Thür
-des Walzwerkes. Er trat hinein, die Arbeiter grüßten, ohne ihre Arbeit
-zu unterbrechen und schoben ein Metallstück nach dem andern zwischen
-die Walzen, die das gußeiserne Schwungrad bewegte.</p>
-
-<p>Nun stand er vor diesem, &mdash; betrachtete es, und konnte den Blick nicht
-davon abwenden &mdash; &mdash; wie es im rasenden, sinnverwirrenden Fluge sich
-drehte, daß die Speichen für das Auge in eine graue Scheibe verrinnen
-&mdash; ein Sklave des Wassers über sich, und mächtiger Zwingherr der
-Walzen unter sich, und diese wieder die Herren des Metalles &mdash; das sie
-erfassen, so ruhig-spielend und leicht. Das Zucken des Lammes in der
-Löwentatze ist eher ein Widerstand zu nennen, als dieß ohnmächtige
-Schwinden in einer einzigen Umarmung.</p>
-
-<p>Der Beschauer vergißt der bewegenden Kraft, &mdash; des Zusammenhanges, &mdash;
-des Begriffes: <em class="gesperrt">Maschine</em>. Er sieht ein <em class="gesperrt">Lebendiges</em> vor sich
-&mdash; &mdash; aber Keinem, der vor einem solchen Getriebe stand, hat jemals
-die Fantasie vorgespiegelt, daß es von einem Geiste des <em class="gesperrt">Lichts</em>,
-einem Cherub bewegt werde: der nächste Gedanke ist nur der Geist der
-Finsterniß, der <em class="gesperrt">Dämon</em>, selbst in der einfachen Mühle, und das
-Prinzip ergreift unwillkürlich den Zuschauer....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_400" id="Seite_400">[S. 400]</a></span></p>
-
-<p>Wahrlich auf hohem Gipfel der Nächstenliebe muß derjenige stehen, oder
-ein selten glückliches Dasein hingelebt &mdash; oder ein taubenfrommes
-Gemüth als Wiegengabe eingebunden bekommen haben, &mdash; der im ganzen
-Laufe seines Lebens nicht <em class="gesperrt">Einmal</em> Jemandem den frommen Wunsch
-nachgesendet, daß ihn &mdash; &mdash; der Teufel holen möge. Und Jeder, aus
-dessen Brust nicht der Polip des Hasses mit der letzten Wurzel
-ausgerissen, der lege die Hand aufs Herz, und gestehe, <em class="gesperrt">welcher</em>
-Gedanke in ihm aufgezuckt vor der Höllengewalt dieser umherstürmenden,
-Alles zermalmenden eisernen Ungeheuer? &mdash; &mdash; Die Fantasie ist
-schuldiger, als das <span class="nowrap">Herz. &mdash;</span></p>
-
-<p>Man wünscht ja nicht, <em class="gesperrt">daß</em> es geschehe; man denkt nur &mdash; &mdash;
-<em class="gesperrt">wenn</em> es <span class="nowrap">geschähe! &mdash;</span></p>
-
-<p>&mdash; Wer wird dich blutgierig nennen, armer, hungeriger Praktikant der
-Staatsbuchhaltung, wenn du vor dem Rade stehst und ein dir sonst
-fremder Geist in dir denkt: eine <em class="gesperrt">einzige</em> Umdrehung; und die
-hundert und achtzig Vorrückungen sind vollbracht, deren es bedarf um
-vierhundert Gulden zu erreichen! Und so Jeder, der den Karren seines
-Jammerlebens nicht an die Stelle, die er ein „Ziel“ nennt, schieben
-kann, ehe nicht der Karren seines Vorgängers umgestürzt und in den
-Graben am Wege gefallen. &mdash; Und wenn der fromme Rechtgläubige die ganze
-übrige<span class="pagenum"><a name="Seite_401" id="Seite_401">[S. 401]</a></span> Menschheit, und der Razionalist die gesammte Klerisei im Geiste
-durch die Walzen zieht &mdash;? so sind’s eben Spiele der Fantasie, vom
-Windhauche der Teufelsmaschine aufgewirbelt.</p>
-
-<p>Der Stellvertreter des Fürst-Erzbischofs stand da &mdash; das starre Auge
-auf dieselbe geheftet, und zeichnete in Gedanken auf den dunkeln Grund
-hinter den Speichen die Vignette zu dem „Liebet Euch unter einander,
-<em class="gesperrt">daran</em> soll man <em class="gesperrt">erkennen</em>, daß Ihr meine Jünger seid“ &mdash;
-<em class="gesperrt">er</em> zog vor <em class="gesperrt">inkognito</em> zu bleiben. Er gedachte seines
-geliebten Klosters, &mdash; des Mannes, der seinen Platz einnahm &mdash; seinem
-Auge erschienen die Metallplatten als Menschengestalten &mdash; &mdash; der alte
-Korbach &mdash; Alle, die in der Todtenkapelle zugehört, immer zahlreicher
-wurde die Gesellschaft &mdash; &mdash; &mdash; die ganze protestantische Gemeinde
-hat der stumme Wunsch durch die Walzen gezogen &mdash; &mdash; Aber die Knechte
-fassen ewig nur Platte auf Platte, und keiner weist grinsend nach einem
-Besorgten und Aufgehobenen....</p>
-
-<p>Der Herr mag ihm den Willen für das Werk anrechnen! &mdash; Seine Vision
-ward gestört, da der alte Korbach, welcher die Werke jede Nacht zu
-unbestimmter Stunde besuchte, am entgegengesetzten Eingange des
-Gebäudes erschien. Bernhard trat schnell ins Freie. Korbach hatte
-ihn aber erkannt, und mit der Wahr<span class="pagenum"><a name="Seite_402" id="Seite_402">[S. 402]</a></span>heit und Treue, welche die erste
-Pflicht des Erzählers ist, muß bekannt werden, daß auch der alte
-biedere Fabrikherr, als er am Rade vorüberging, von dem ansteckenden
-„Gedankenspiele“ nicht verschont blieb. &mdash; Und <em class="gesperrt">sein</em> Gedanke
-dürfte ihm in einer andern Welt zwar nicht als Verdienst angerechnet
-werden, aber dafür &mdash; in <em class="gesperrt">Erfüllung</em> gehen.</p>
-
-<p>Der Domherr ging noch einige Zeit umher, sich für die Predigt
-vorbereitend, die er vor dem Hochamte zu halten gedachte. &mdash; Er hatte
-den Grundgedanken dazu im Walzwerke <span class="nowrap">gefunden. &mdash;</span></p>
-
-<p>Korbach aber kehrte ins Wohnhaus zurück, um sich zur Ruhe zu begeben.
-Als er ans Fenster trat um es zu schließen, drang ein seltsames
-Getön vom Ende des Thales her an sein Ohr, &mdash; es wurde immer lauter,
-deutlicher und wehmüthiger, und er erkannte den Slowakengesang und
-wußte nicht, wie er sich die Rücksichtslosigkeit der nächtlichen
-Wallfahrer erklären sollte. &mdash; Das Lied verstummte, und es folgte das
-sogenannte Fahnenduett aus den Puritanern, von einem zahlreichen Chor
-im raschesten Tempo ausgeführt. &mdash; „Das läßt sich eher hören,“ sagte
-er, „aber wer zum Henker hat denn den Einfall, das ganze Thal in der
-Nacht aufzubrüllen?“ &mdash; Nun klangen die beiden Chöre ineinander, als
-gelte es, wer den Andern überschreie. „Ich gehe hinab,“ rief er, „und<span class="pagenum"><a name="Seite_403" id="Seite_403">[S. 403]</a></span>
-wenn die Kerls &mdash; ich habe gar keinen Begriff was sie nur wollen &mdash;
-nicht das Maul halten, so läute ich die Arbeiter zusammen und lasse sie
-bis Labring hinüberpeitschen!“</p>
-
-<p>Als er die Thür öffnete, trat ihm Helene entgegen, im weißen
-Nachtkleide, worüber sie ihr dunkelblaues Tuch geworfen, das Köpfchen
-von den dichten blonden Flechten umwunden, und sagte lachend: „Vater,
-wenn nicht Alles trügt, so sind die Erzbischöflichen angerückt und
-beziehen da unten ein <span class="nowrap">Lager.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Wollte Gott,“ rief Korbach, „es wäre Ernst, und wir lebten noch in
-der Zeit, wo es Erzbischöfliche und Pfalzgräfliche und Städtische und
-dergleichen mehr gab &mdash; in unserm elenden Jahrhundert darf man kaum
-eigenhändig Einen zum Hause hinauswerfen. Ich will nun sehen, was es
-ist.“</p>
-
-<p>Der Markt war in Alarm. Als Korbach erfahren, daß es die Altenberger
-seien, ertheilte er sogleich Befehle; die Arbeiter wurden in den
-Werkstätten konsignirt, Keiner durfte ins Freie, die Gemeindevorstände
-mußten die Bauern beruhigen, die Häuser wurden geschlossen und die
-Lichter verlöscht. Alle Vorsicht war um so nöthiger, als die Stimmung
-Abends nach der Ankunft des Domherrn eine so gereizte geworden, daß es
-der kleinsten Anregung be<span class="pagenum"><a name="Seite_404" id="Seite_404">[S. 404]</a></span>durft hätte, um eine Katzenmusik unter den
-Fenstern desselben zusammenzubringen.</p>
-
-<p>Korbach kehrte nach Hause zurück und die Nacht verlief ruhig. Beim
-Frühstück, das er in Helenens Gesellschaft einnahm, wurde ein
-„Expresser“ gemeldet, und es erschien &mdash; der Schneiderpeter.</p>
-
-<p>Korbach warf ihm einen Thaler hin, und rief, nachdem er weggegangen, &mdash;
-die Depesche Helenen reichend: „Viktoria! gute Nachricht von Arnold!
-nun soll mir Sprenger mit seinen Bedenklichkeiten kommen! Unser Monarch
-hält sein Zepter noch an einem Ende in der Hand, und die Pfaffen mögen
-am andern ziehen und winden wie sie wollen, zuletzt reißt er’s ihnen
-doch wieder aus den Fingern und klopft sie noch darauf, obendrein! &mdash;
-Hätt’ ich die Depesche Abends bekommen, ich wäre zum Domherrn gegangen,
-und vielleicht gar höflich mit ihm gewesen &mdash; der <em class="gesperrt">Sieger</em> kann
-einen <em class="gesperrt">ersten Schritt</em> machen, &mdash; einem geschlagenen Feind, heißt
-es, soll man goldene Brücken bauen! &mdash; Nun bleibt’s aber auch bei
-meinem Beschlusse in Betreff Arnolds.“ &mdash; Helene, welche verstand, was
-er mit den letzten Worten meinte, schien sich über dieselben zu freuen.</p>
-
-<p>Unten wurde es bereits lebhaft. Scharen von Bauern aus allen
-umliegenden Orten waren zugeströmt, eine bunte Menge in
-Feiertagskleidern bedeckte<span class="pagenum"><a name="Seite_405" id="Seite_405">[S. 405]</a></span> den Platz, füllte die Gaststuben,
-vertheilte sich im Park des Herrenhauses, von welchem nur ein Theil für
-die Bewohner abgesperrt war. In vielen kleinen, offenen Kaleschen kamen
-die Verwalter, Hammerbesitzer, Amtsleute und sonstigen Honorazioren, &mdash;
-auf Steirerwägen die blumengeschmückten Burschen und Mädchen.</p>
-
-<p>Das Programm des Tages war: um neun Uhr die Einweihung; dann Predigt;
-Hochamt; Diner im Herrenhause &mdash; Nach dem Nachmittagssegen große Tafel
-im Park, wo sämmtliches Fabrikpersonale bewirthet werden sollte.</p>
-
-<p>Gegen neun Uhr stellten sich die Korbacher Arbeiter in schöner Ordnung
-im Halbkreise vor der Kirche auf. Die Altenberger waren gleichfalls
-hereingezogen; Morawski bat höflich, ihnen einen Platz anzuweisen, und
-man stellte sie, den andern gegenüber, in einiger Entfernung auf.</p>
-
-<p>Nun erschien Korbach mit seiner Tochter, gefolgt von den Beamten und
-dem gesammten höheren Personale der Fabrik, in schwarzer Kleidung,
-und erwartete an der Spitze der Seinigen am Eingange der Kirche den
-Domherrn. &mdash; Dieser schritt im vollen Ornate mit seiner Assistenz
-vom Pfarrhofe herüber, am Gutsherrn vorbei, dessen Gruß er nicht zu
-bemerken schien und die Feierlichkeit begann, und<span class="pagenum"><a name="Seite_406" id="Seite_406">[S. 406]</a></span> ging in bekannter
-Weise vor sich. Die Geistlichen umschritten die Kirche mit den
-Rauchfässern, gingen dann hinein, besprengten alle Räume mit geweihtem
-Wasser, und sprachen Gebete und nun folgten die Weltlichen, so viel
-ihrer Platz fanden, in das nunmehr zum Gottesdienste geweihte Haus.</p>
-
-<p>Der Domherr bestieg die Kanzel. Korbach begab sich mit Helenen in das
-derselben gegenüber befindliche Oratorium.</p>
-
-<p>Die Predigt begann.</p>
-
-<p>Der Text war: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. &mdash; Die
-Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.</p>
-
-<p>Bernhard ging kurz über die erste Hälfte desselben hinweg, und wendete
-die gesammte Kraft seiner Rede auf den letzten Satz. &mdash; Auch nicht
-<em class="gesperrt">Ein</em> Wehen des Taubenfittigs! &mdash; &mdash; Nichts als die Kralle des
-Teufels in den Nacken dessen, der da glaubt, es gebe einen andern Weg
-nach dem Himmel als jenen, der durch brennenden Schwefel beleuchtet
-ist. &mdash; „Was hilft ein neues Gebäude, wenn nicht ein neuer Geist
-einzieht? &mdash; Wer die räudigen Schafe nicht von den reinen trennt und
-vertilgt, ist Gott verantwortlich für das Verderben der letzteren.
-Das Feuer, das auf die entarteten Städte fiel, möge über das Thal
-herabfallen, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_407" id="Seite_407">[S. 407]</a></span> einmal nicht fünf Gerechte darin zu finden, und
-dahin <em class="gesperrt">muß</em> es kommen, wenn die Pest der Ketzerei Hütte auf Hütte
-ergreift. &mdash; Aber der Herr weiß den Schuldigen zu finden, wenn nicht
-hier doch <em class="gesperrt">drüben</em>.“ &mdash; Und nun kam das Bild der Hölle: Das
-Schwungrad, die Walzen, die Hämmer, der Hochofen &mdash; das mußten ja die
-Arbeiter begreifen: wie die Seelen und Leiber zerquetscht werden von
-den Rädern, die der geschmolzene Pechstrom umtreibt. &mdash; Hierauf folgte
-die Anwendung, wie Derjenige, der die irdische Maschine mißbraucht,
-um die Ketzer zu ernähren, von der höllischen erfaßt und mit ihnen
-zermalmt wird zur Strafe des Frevels, daß er Stein auf Stein aus den
-Mauern der Kirche gebrochen, deren <span class="antiqua">patronus</span>, <em class="gesperrt">Schutzherr</em>
-er sich genannt.“</p>
-
-<p>Er heftete den Blick fest auf Korbach, welcher aufstand, mit seiner
-Tochter das Oratorium verließ, langsam zwischen den sich öffnenden
-Reihen die Kirche durchschritt, und sich in ruhiger, würdevoller
-Haltung über den Platz nach dem Herrenhause begab.</p>
-
-<p>Der Geistliche hielt absichtlich inne, um die Störung desto
-auffallender zu machen, und wartete noch einige Augenblicke, nachdem
-der Fabrikherr die Kirche verlassen, welchem einige Korbacher gefolgt
-waren.</p>
-
-<p>Dann hob er mit schmerzlich bewegter zitternder<span class="pagenum"><a name="Seite_408" id="Seite_408">[S. 408]</a></span> Stimme wieder an, und
-bat Gott um Gnade für den Sünder, der dem Worte, das ihn zum Heile
-führen könnte, aus dem Wege geht &mdash; fiel aber bald in den früheren Ton,
-indem er dem Gutsherrn und Allen die zu ihm hielten, die gesammten
-Blitze und Donner des Anathema nachsandte, so daß es endlich auch den
-Uebrigen zu arg ward, welche die als Ausbund aller Laster geschilderten
-Protestanten als die bravsten und ehrlichsten Leute kannten, und
-die Kirche leerte sich rasch von den ursprünglichen Besuchern und
-füllte sich in demselben Maße mit Slowaken, für deren Kapazität es
-ganz gleichgültig war, in welcher Sprache gepredigt wurde. Trotz der
-gespannten Aufmerksamkeit, welche auf ihren Gesichtern zu lesen war,
-kürzte der Domherr nun die Predigt ab und verließ die Kanzel um das
-Hochamt zu halten, welches mit dem Aufwande der besten musikalischen
-Kräfte des Thales stattfand und ziemlich drei Stunden währte.</p>
-
-<p>Die Kollmann’schen Arbeiter, von Morawski und Fontana in jeder Bewegung
-geleitet, nahmen nun fast die ganze Kirche ein, und die Korbacher,
-obgleich sie ihnen selbst den Platz geräumt, sahen es mit Aerger an.
-Die fremden Besucher bildeten abgesonderte Gruppen, allgemein wurde
-das Benehmen des Gutsherrn besprochen, von den Meisten gebilligt,<span class="pagenum"><a name="Seite_409" id="Seite_409">[S. 409]</a></span>
-von Einigen getadelt; &mdash; als der Gottesdienst geendet war, hatte sich
-Verstörung und Mißstimmung aller Gemüther bemächtigt.</p>
-
-<p>Nun fuhren die Wagen mit den Geistlichen vom Pfarrhofe weg. Vor dem
-Kirchenthore ließ Bernhard halten, stand auf, segnete die Wallfahrer
-und sprach zu den nebenstehenden Gemeindevorständen mit weithin
-vernehmlicher Stimme: „Ich danke Ihnen für Ihre Bemühung zur würdigen
-Feier der heiligen Handlung. Wenn dieselbe nicht so vor sich ging wie
-es sein sollte, ist es nicht Ihre Schuld. Noch ist eine Handbreit Erde
-für den Samen des Guten in Korbach zu finden und ich bitte Sie nicht
-zu verzagen, &mdash; die Kirche wird Sie schützen, ihr Segen wird Ihnen so
-wenig fehlen, als die Strafe Denen, die sich nunmehr offen gegen sie
-aufgelehnt haben.“</p>
-
-<p>Die Vorstände hörten schweigend und ernst der Anrede zu, &mdash; als
-aber die Wagen um die Ecke waren, ließ ein Hammerknecht, der zu den
-glühendsten Anhängern des Gutsherrn gehörte, aus voller Brust ein
-Vivat Korbach! erschallen, und da es bei einer aufgeregten Volksmenge
-nur eines zündenden Funkens bedarf, so scholl der Ruf, von Hunderten
-wiederholt, an die Ohren des Domherrn und seiner Begleitung, als
-Abschiedsgruß, &mdash; als wollte man den<span class="pagenum"><a name="Seite_410" id="Seite_410">[S. 410]</a></span> stummen Empfang gutmachen der ihm
-bei der Ankunft zu Theil geworden.</p>
-
-<p>Morawski’s Augen leuchteten auf bei dem Rufe. Wie ein General oft
-mitten in der Affaire einen neuen Plan faßt, schien er jetzt mit dem
-seinigen im Reinen. Da trat Fontana zu ihm und sagte leise: „Meine
-Italiener sind nicht zu halten, sie wollen in die Wirthshäuser.“</p>
-
-<p>&mdash; „Das dürfen sie nicht. Haben sie nichts mehr vom Vorrath?“</p>
-
-<p>&mdash; „Keinen Schluck und keinen Bissen!“</p>
-
-<p>&mdash; „Das ist schlimm. Verzehrt darf Nichts werden.“</p>
-
-<p>&mdash; „Auch sind sie ungeheuer aufgeregt: es hat sich unter ihnen
-verbreitet, der Domherr habe den Korbach exkommunizirt. Ein Theil sagt,
-dieser habe Recht, die Andern reden vom Fenstereinwerfen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Da ist keine Minute zu verlieren, &mdash; hier sind vierzig Gulden,
-führen Sie sie augenblicklich fort, nach Labring, lassen Sie sie zechen
-und dann marsch! nach Hause! Ich kann hier keine Hitzköpfe brauchen.
-Meine Slowaken sind die rechten, &mdash; gehen Sie in Gottes oder des Herrn
-Kollmann Namen!“ &mdash; schloß er <span class="nowrap">lachend. &mdash;</span></p>
-
-<p>Fontana sammelte seine Schaar, welche alsbald zum Orte hinaus und die
-Straße hinab lärmte, dem Walde zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_411" id="Seite_411">[S. 411]</a></span></p>
-
-<p>Die Korbacher waren gegen Wallfahrer überhaupt, namentlich gegen die
-jetzt anwesenden eingenommen. &mdash; Aus dem prinzipiellen Standpunkte sind
-die Akten über die Karawanen, welche die Wüste des Aberglaubens unter
-dem Namen von Prozessionen durchziehen, längst geschlossen. Der Ort,
-von welchem die Arbeitskräfte und das Geld exportirt werden, hat die
-Handelsbilanz offenbar gegen sich; das Mekka, wo sich die silbernen und
-wächsernen Votivsteuern ansammeln, und jedes Haus ein Wirthshaus, hat
-sie <em class="gesperrt">für</em> sich, &mdash; ein Vortheil, welcher aber durch das fisische
-und moralische Ungeziefer, welches die frommen Scharen zurücklassen,
-weit überwogen wird. Nun sollte das Letztere allein der Antheil der
-Korbacher Gemeinde sein! &mdash; Sie hatte langmüthig zugesehen, wie die
-Ankömmlinge ihre Wiese in der Nacht so zu sagen abgeweidet; das Gras
-war allenthalben zertreten und selbst Feuerstellen waren zu sehen.
-Der Richter war am Morgen, ohne Korbachs Wissen, zu den Fremdlingen
-hinausgegangen und hatte Explicazionen verlangt. &mdash; Wenn eine Großmacht
-eine Ohrfeige erhält, wird der Gesandte beauftragt <span class="antiqua">de demander
-des explications</span>, ob damit eine Beleidigung beabsichtigt sei.
-&mdash; Morawski hatte sich äußerst artig entschuldigt, er habe in der
-Nacht nicht im Orte Quartier nehmen wollen, und im Namen<span class="pagenum"><a name="Seite_412" id="Seite_412">[S. 412]</a></span> seines
-Herrn Schadenersatz angeboten, den jedoch Korbach anzunehmen verbot.
-&mdash; Nun waren die Italiener abgezogen, die Andern lagerten nach dem
-Gottesdienst an der Straße und verzehrten was sie mitgebracht. &mdash; Die
-Bauernbursche standen nach dem Mittagsessen beisammen und beriethen die
-Eventualitäten eines <span class="nowrap">Zusammenstoßes. &mdash;</span></p>
-
-<p>Im Herrenhause war das Diner der Honorazioren vorübergegangen, ohne
-daß der Abgang des Domherrn der Fröhlichkeit Eintrag gethan hätte.
-Die Predigt fand die heftigste Mißbilligung; Korbach sagte, er habe
-sich zurückgezogen, da er nicht Lust gehabt, sich von einem Fanatiker
-insultiren zu lassen, der die heilige Stätte mißbrauche, um seinem
-Aerger über eine erlittene Niederlage Luft zu machen; er sei überzeugt,
-daß die Regierung solchen Uebergriffen zu begegnen wissen werde. Der
-Beweis, daß sie die gerechte Sache schütze, liege darin, daß trotz
-der Konflikte zwischen ihm und der Geistlichkeit seine Beziehungen
-zu den höchsten Behörden ungetrübt geblieben, wie eben eingetroffene
-Nachrichten von seinem Sohne bewiesen.</p>
-
-<p>Die Gäste stimmten bei, und eine Reihe von Toasten auf Toleranz,
-Gleichberechtigung der Kulten <span class="nowrap">u. dgl.</span> beschloß das Mahl.</p>
-
-<p>Nach demselben begaben sich die Gäste in den Garten, wo die
-Vorbereitungen für die Bewirthung<span class="pagenum"><a name="Seite_413" id="Seite_413">[S. 413]</a></span> der Arbeiter nach dem Abendsegen
-getroffen wurden. Ehe Letzterer begann, hatten die Slowaken wieder
-einen Theil der Kirche und den Platz am Eingange gefüllt. &mdash; Sie
-begingen keine einzige offensive Handlung. Sie <em class="gesperrt">waren nur da</em>. Wo
-ein Anderer gehen und stehen wollte, da ging und stand ein Slowak. Ohne
-zu Thätlichkeiten zu schreiten, drückte und schob man sie aus dem Wege,
-aber die Trägheit der Masse, die bei alle dem von einer unsichtbaren
-Hand geleitet schien, gewann immer die Oberhand, und die Korbacher
-konnten ihrer neugeweihten Kirche nicht froh werden.</p>
-
-<p>Als der Gottesdienst vorüber war, begaben sie sich über die Brücke
-nach dem Park, und nahmen an den Tischen Platz. Die Fremden aber
-schienen ihre Andacht über Nacht fortsetzen zu wollen. Es ist dies
-übrigens Nazionalsitte; wer jemals Gelegenheit gehabt dieses Volk in
-seinen überirdischen Beziehungen zu beobachten, wird gefunden haben,
-daß seine Andacht sich nicht mit dem Maße der übrigen Christenheit
-mißt. Die Kirche ist an Feiertagen sein Bivouac, &mdash; es liegt und steht
-stundenlang darin, geht ein wenig heraus, ißt und trinkt, &mdash; dann
-wieder hinein, bis in die Nacht. &mdash; Nun breiteten sie ihre Kotzenmäntel
-auf den Boden, lagerten sich und packten wieder mitgenommenen Proviant
-aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_414" id="Seite_414">[S. 414]</a></span></p>
-
-<p>Korbach’s Arbeiter waren von ihnen durch die Brücke und die
-Umfriedigung des Parks getrennt, in welchem sie an den langen Tischen
-saßen, zwischen denen der Gutsherr ab und zu ging, mit den Leuten
-freundlich sprechend, und beständig die Fremden im Auge behaltend. &mdash;
-Die Protestanten und Katholiken saßen gemengt, die gespannte Stimmung
-begann einer fröhlichen zu weichen und man kümmerte sich nicht um die
-Slowaken. Plötzlich stimmten diese auf ein Zeichen Morawski’s eines
-ihrer Jammerlieder an. &mdash; Ein Murren antwortete. &mdash; Korbach gebot den
-Seinen Ruhe, fand Gehorsam, befahl aber dem Wächter, das Gitterthor
-nach der Brücke zu schließen.</p>
-
-<p>Nun war das Lied geendet und man sah die Sänger sich erheben und wie
-zum Abzuge ordnen, woraus keineswegs zu schließen, daß sie gingen.
-&mdash; In diesem Augenblicke wiederholte der Hammerknecht, welcher das
-„Vivat Korbach“ beim Abschiede des Domherrn provozirt hatte, diesen
-Ruf, und in der nächsten Minute scholl es vom Kirchenplatze mit dem
-vollen Kraftaufwande sämmtlicher slowakischer Lungen herüber: „<span class="antiqua">Zivio
-Gospodin <em class="gesperrt">Kollmann</em>!</span>“<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p>
-
-<p>Die Arbeiter fuhren schreiend von den Sitzen<span class="pagenum"><a name="Seite_415" id="Seite_415">[S. 415]</a></span> empor &mdash; Korbach schlug
-mit voller Kraft mit dem Stocke auf den Tisch und nochmals dämpfte sein
-donnerndes: Ruhe! den Aufruhr &mdash; aber bereits war ein Stein aus dem
-Park über die Staketen geflogen und hatte einen Slowaken an den Kopf
-getroffen.</p>
-
-<p>Morawski schien seine Leute mit eiserner Gewalt zu beherrschen, denn
-das angestimmte Geheul verstummte augenblicklich wieder, und nun
-rief er vortretend, gegen das Gitter hin: „Die Beleidigung frommer
-Wallfahrer, welche beten, während Andere trinken, wird ihre Richter
-finden! Wir ziehen ruhig ab, haben Niemanden beleidigt, aber es
-wird uns auch Niemand verwehren, <em class="gesperrt">unsern</em> Brotherrn leben zu
-lassen, wie Andere den <em class="gesperrt">ihrigen</em>, darum nochmals: <span class="antiqua">Zivio
-<em class="gesperrt">Kollmann</em>!</span>“</p>
-
-<p>Der Ruf war noch nicht verklungen, so war dem Wächter der Schlüssel
-entrissen, das Thor geöffnet, und die von Wein und Zorn glühenden
-Arbeiter stürzten wie ein Wildwasser, das den Damm durchrissen, heraus,
-über die Brücke auf die zusammengedrängten Fremdlinge. Korbach’s
-Ruf ward überschrien, er vermochte nur mit äußerster Anstrengung
-in die vorderen Reihen der Seinigen zu gelangen, allein während er
-die Nächsten zurückwarf, setzten die Andern, vom Dunkel begünstigt,
-auf allen Seiten<span class="pagenum"><a name="Seite_416" id="Seite_416">[S. 416]</a></span> ihr Rachewerk fort. Die Slowaken waren stämmige,
-kraftvolle Leute, vermochten aber der überlegenen Anzahl der eben
-so kräftigen Hammerleute und Schmiede, denen sich auch die Bauern
-anschlossen, kaum einige Minuten zu widerstehen, und wurden in
-einem verworrenen Knäuel mit unglaublicher Schnelligkeit die Straße
-hinabgetrieben, unter einem Hagel von Fausthieben auf ihre runden Hüte
-und breiten Rücken, &mdash; und buchstäblich aus dem Orte hinausgeworfen.</p>
-
-<p>Korbach hatte nun das ganze Aufsichtspersonale um sich vereinigt und es
-gelang ihm, der Verfolgung Einhalt zu thun, &mdash; jeder der Vorgesetzten
-wußte rasch und energisch die ihm unmittelbar unterstehenden
-Arbeiter zu sammeln, die Ordnung ward so schnell hergestellt, als
-sie gestört worden. Der Fabrikherr verkündigte strenge Untersuchung
-und Bestrafung derer, die zuerst angegriffen, schickte alle in die
-verschiedenen Werkstätten zur Nachtarbeit und besichtigte mit Einigen
-von der Gemeinde das Schlachtfeld, welches mit Hüten und abgerissenen
-Kleidungsstücken der Vertriebenen bedeckt war. Zwei Slowaken lagen
-schwer verwundet an der Kirchenmauer und wurden nach dem Herrenhause
-gebracht, wo sie den Händen des Arztes der Fabrik übergeben wurden.</p>
-
-<p>Während dieß geschah, kam Morawski mit einem Begleiter zurück,
-näherte sich Korbach und<span class="pagenum"><a name="Seite_417" id="Seite_417">[S. 417]</a></span> sagte ruhig, er komme, für’s Erste, um die
-zurückgebliebene Kirchenfahne der Wallfahrer zu holen. Sie wurde beim
-Laternenlicht gesucht, und fand sich, die Stange zerbrochen und das
-Tuch zerrissen. &mdash; Morawski übergab sie seinem Begleiter, welcher damit
-fortging und erklärte, sofort seine Aussage über das Vorgefallene vor
-der Gemeinde-Obrigkeit zu Protokoll geben zu wollen.</p>
-
-<p>Das Ansinnen war nicht zu verweigern. Korbach, der ihn keines
-Wortes würdigte, ging ins Herrenhaus zurück, Morawski aber nach dem
-Ortsgerichte, wo er vor dem Richter und Geschwornen seine Aussage
-niederschrieb und unterzeichnete. Nachdem er sich noch überzeugt, daß
-die beiden Verwundeten sich in guter Pflege befänden, entfernte er
-sich und trat mit den Seinigen den Rückmarsch an, mit dem Gefühle der
-vollsten Befriedigung über seine Leistung.</p>
-
-<p>Kollmann hatte gut gewählt, &mdash; Morawski seine Aufgabe in politischer
-und strategischer Beziehung so gut gelöst, daß ihn jeder
-<span class="antiqua">diplomate-militaire</span> beneiden kann.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Nicht ohne Bedauern sehen wir unserer Erzählung durch das
-Zusammentreffen der Umstände einige der schönsten Effekte entgehen.</p>
-
-<p>Konnte nicht während des Kampfes Arnold mit<span class="pagenum"><a name="Seite_418" id="Seite_418">[S. 418]</a></span> seinem neuen Freunde
-Richard Forster erscheinen? Und da es zu unedel wäre, unsere Helden
-in Konflikt mit Slowaken zu bringen, konnten nicht wenigstens die
-Italiener Stand halten, &mdash; Richard durch einen Messerstich verwundet,
-ins Herrenhaus gebracht, und die Liebe zwischen Helene Korbach und
-ihm auf so natürliche als überraschende Weise vermittelt werden
-durch Wundfieber und Rekonvaleszenten-Pflege? Oder konnten nicht die
-Kollmann’schen Freiwilligen das Haus stürmen und eine Rettung aus den
-Flammen vorbereiten? &mdash; Statt aller dieser kostbaren Elemente bietet
-sich nichts als ein gemeiner Faustkampf der Arbeiter, Hinauswerfen der
-einen Partei, und leider die zerrissene Fahne, und ein Paar von Steinen
-zerschlagene Kirchenfenster und Slowakenköpfe!</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Auf einen Befehl Korbachs, der in jenem Tone gegeben war,
-der keine Einwendung gestattete, hatte sich Helene beim Beginn der
-letztgeschilderten Szene in das Haus zurückgezogen.</p>
-
-<p>Sie wurde nun nach dem Arbeitszimmer des ernst und nachdenklich
-zurückkehrenden Vaters gerufen, und als dieser eben seine Erzählung
-des Vorgefallenen geendigt hatte, trat Arnold ein, &mdash; in eben so
-ernster Stimmung, grüßte mit stummem Händedruck die Schwester, und
-sagte zum Vater: „Ich hoffe durch das, was ich bringe, das Unangenehme<span class="pagenum"><a name="Seite_419" id="Seite_419">[S. 419]</a></span>
-auszugleichen, was dir begegnet.“ Dabei legte er die Kontrakte auf den
-Tisch.</p>
-
-<p>Während der alte Korbach dieselben durchflog, führten Arnold und Helene
-eines ihrer eigenthümlichen Augengespräche, in welchem sie ihm sagte:
-Zeige dich dem Vater nicht gedrückt, er ist es ohnedem, sei heiter! &mdash;
-Arnold verstand sie und sagte: „Nun ist mit Gottes und deinem Segen
-meine erste Mission gelungen, und meine zweite soll sein, wenn man uns
-einen unserer Wege abschneidet, einen andern zu eröffnen, mir ist vor
-Nichts bange, selbst wenn wir den Kontrakt <em class="gesperrt">nicht</em> hätten, &mdash; wir
-haben ihn aber, und nun denke nicht an den Arbeiterkrawall, &mdash; und
-noch weniger an den Domherrnkrawall, sondern ruhe und laß <em class="gesperrt">mich</em>
-arbeiten!“</p>
-
-<p>Bei diesen mit Zuversicht gesprochenen Worten sah der Vater Helene
-an und fragte: „Hast du Arnold denn schon Etwas gesagt &mdash; daß er so
-<span class="nowrap">spricht?“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Sie verneinte es und der Vater fuhr fort: „Bleibt in meinem Zimmer so
-lange Ihr wollt, ich gehe schlafen; mit dir, Arnold bin ich zufrieden,
-morgen mehr!“</p>
-
-<p>Hierauf verließ er das Arbeitszimmer, und die Geschwister bemerkten
-mit Betrübniß, daß sein Gang nicht der feste, seine Haltung nicht die
-kräftige, stolze war wie <span class="nowrap">gewöhnlich. &mdash;</span></p>
-
-<p>„Wie findest <em class="gesperrt">du</em> die Sache?“ begann Helene.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_420" id="Seite_420">[S. 420]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; „Ganz schlecht. Wie ich die Leute kennen gelernt, zerschneiden sie
-den Vertrag wie Kaiser Ferdinand den Majestätsbrief mit eigener Hand,
-nachdem was heute vorgefallen ist. Mußte der Vater von der Predigt
-weggehen?“</p>
-
-<p>&mdash; „Er konnte nicht anders, nicht um den Preis unseres ganzen Besitzes.
-Wäre er geblieben, so hätte ich als Tochter seine Gründe achten müssen,
-wäre aber allein weggegangen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Das genügt mir. Wir müssen nun auf Schlimmes gefaßt sein.“</p>
-
-<p>&mdash; „Fürchtete ich nicht für die Gesundheit des Vaters, so läge an dem
-Allem nichts. Vielleicht steht es nicht so schlimm, als du glaubst.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich halte einfach den Kontrakt für zerrissen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Sage mir doch, könnt Ihr denn für Niemanden als Monarchen,
-Ministerien und Oberkommando’s arbeiten? Können denn die Geistlichen
-alle Menschen, welche auf dieser Erde Messingplatten brauchen, gegen
-uns aufhetzen? Die Reinhart in Dörnberg haben, wie ich gehört, keine
-einzige Staatsbestellung und sind so reich als wir.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ganz gut gesprochen, mein lieber Kompagnon, aber du weißt, daß der
-Vater sammt all’ seiner Opposizion gegen die Regierung das alte Prinzip
-der Firma nicht fahren läßt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_421" id="Seite_421">[S. 421]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; „Er wird es nicht; aber höre mich. Er hat heute nach Ankunft deiner
-Depesche gesagt: Arnold hat seine Sporen verdient! Ein schöneres
-Debüt für seine selbstständige Leitung könnte er nicht haben, als die
-Marinelieferung, er soll gleich selbst Dasjenige arbeiten, auf was er
-abgeschlossen. Ich übergebe ihm, da er nun 24 Jahre alt wird, die ganze
-Sache; es ist besser, er übernimmt das Geschäft zu einer Zeit, wo er
-mich noch ein Paar Jahre an der Hand hat. Du weißt nun, warum er mich
-früher gefragt; er wird gewiß morgen mit dir sprechen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Wenn ich ihn unter andern Umständen beschworen hätte, mich noch
-ein Jahr in der Residenz zu lassen, so wäre es jetzt geradezu eine
-Feigheit. Ich weiß, daß wenn ich freie Hand habe, das Geschäft in eine
-neue Bahn zu leiten, er in kurzer Zeit Resultate sieht, die ihm ein
-glückliches Alter bereiten.“</p>
-
-<p>&mdash; „Mache was du willst und kannst; es ist ja Alles nur um des Vaters
-willen. Um dich und mich wird’s mir doch wahrhaftig nicht bange sein?
-Und wenn man uns so vollständig zu Grunde richten könnte, daß du in
-ein fremdes Geschäft gehen und ich als Gesellschafterin unterkommen
-müßte, was läge <em class="gesperrt">uns</em> daran? Aber für unsern Vater, und um der
-schönen Schöpfung unserer Mutter willen, zum Heil der Hunderte, die da
-glücklich und zufrieden und<span class="pagenum"><a name="Seite_422" id="Seite_422">[S. 422]</a></span> in der freien Ausübung ihres Glaubens,
-der der unsere, geschützt leben, und deren Aller Loos von unserem
-abhängt, muß unser altes, schönes Korbach stehen bleiben, und wenn
-alle Erzbischöfe der Welt mit ihren Krummstäben dagegen Sturm liefen.
-Getraust du dich es zu halten?“</p>
-
-<p>&mdash; „Ja, wenn wir die alten unhaltbaren Verbindungen aufgeben und einen
-neuen Weg einschlagen.“</p>
-
-<p>&mdash; „Den kann der Vater nicht betreten, folglich mußt du annehmen.“</p>
-
-<p>Ruhig und klar besprachen die Geschwister die Lage, die sich durch die
-Vorfälle des Tages gezeichnet. Endlich fand Helene den Uebergang auf
-den Gegenstand, der ihr nach der großen Frage des Hauses am Meisten am
-Herzen lag.</p>
-
-<p>Sie wußte die Folge des Freinhofbesuches, wußte daß Arnold liebe und
-freute sich dessen. Es fiel ihr nicht ein, den Gedanken bis zu einer
-Konsequenz zu verfolgen, welche ihr Gefühl verletzt hätte. &mdash; Hunderte
-ihrer Schwestern, weniger unschuldig als sie, sind schnell mit dem
-Verdammungsurtheile über die Liebe zu einer Frau fertig: entweder für
-einige Zeit, bis sie nämlich selbst der Gegenstand einer solchen Liebe
-geworden, oder auf immer, wenn sie es niemals werden. Eine andere Liebe
-zu einer Frau als jene des Göthe’schen &mdash; nicht des wirklichen &mdash;
-Tasso<span class="pagenum"><a name="Seite_423" id="Seite_423">[S. 423]</a></span> konnte sich Helene nicht denken, und an einer solchen fand sie
-nichts Verwerfliches. &mdash; Aus dem Zusammenklange von hellem Verstande,
-freiem Sinn und blütenreinem Herzen konnte nichts Anderes hervorgehen,
-als ein Segenswunsch für das Gefühl, in welchem sie Arnold glücklich
-sah.</p>
-
-<p>Er sprach heute ganz offen mit ihr, und sie ging in ihren Gedanken
-einen kühnen Schritt weiter. Sie fragte, indem sie Arnold vielsagend
-ansah: „Ist Julie <span class="nowrap">Protestantin?“ &mdash;</span></p>
-
-<p>„Ich weiß es nicht einmal,“ war die Antwort.</p>
-
-<p>&mdash; „Ich begreife, daß Ihr Euch um andere Dinge als Euer
-<em class="gesperrt">Glaubens</em>bekenntniß zu fragen hattet &mdash; aber du weißt wohl, warum
-<em class="gesperrt">ich</em> fragte.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich verstehe dich vollkommen. Ich vertraue dir Etwas, was mir nicht
-anvertraut worden, sondern was nur mein Gedanke ist... der Gedanke
-heißt: Julie ist nicht <em class="gesperrt">seine</em> <span class="nowrap">Frau.“ &mdash;</span></p>
-
-<p>Helene trat betroffen zurück &mdash; ernst und schmerzlich sahen die
-dunkelblauen glänzenden Augen in die des Bruders. „Wenn es so ist,
-sagte sie mit Würde und Entschiedenheit, &mdash; was kannst du sagen,
-Arnold, um zu rechtfertigen, daß du <em class="gesperrt">mich</em> zur Vertrauten einer
-Sache gemacht, von der ich Nichts wissen will, von dem Augenblicke an,
-wo deine Geliebte keinen Namen führt, mit dem <em class="gesperrt">mein</em> Mund sie
-nennen kann?“</p>
-
-<p>&mdash; Arnold hielt Blick und Frage und Vorwurf ruhig und lächelnd aus
-und sagte: „Ich würde mich deiner Betroffenheit freuen, meine liebe,
-schöne, strenge Schwester, wenn sie sich nicht von selbst verstände.<span class="pagenum"><a name="Seite_424" id="Seite_424">[S. 424]</a></span>
-Vergiß aber nicht, daß der Antheil von Ehre unsers Hauses, für den du
-und ich Rechenschaft zu legen haben, ein ganz gleicher ist, und suche
-nach keinem andern Namen für Julie, als den sie verdient, nämlich jenen
-deiner Schwester und einer Tochter unserer Eltern.“</p>
-
-<p>&mdash; „Bedenkst du, was du damit sagst, Arnold?“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich habe bedacht, ehe ich abermals zu dir gesprochen. Ich hätte,
-nach der Reise, Juliens nicht mehr gegen dich erwähnt, wenn ich nicht
-überzeugt wäre, daß sie so <em class="gesperrt">ist</em>, wie ich sage.“</p>
-
-<p>&mdash; „Ich glaube dir, weil ich Nichts mehr glauben will, wenn ich an dir
-irre werde. Die einzige Frage ist nur, ob du nicht getäuscht wirst,
-indem <em class="gesperrt">du</em> glaubst.“</p>
-
-<p>&mdash; „Lerne sie kennen und höre von <em class="gesperrt">ihr</em> die Worte: „Kein heiliges
-Band bindet mich an Kollmann, &mdash; der Himmel ist ja barmherzig und löst
-die seinen &mdash; aber meine Lippen sind würdig geblieben, die deinigen &mdash;
-würdig, die deiner Schwester zu berühren &mdash; ich sehne mich nach ihr,
-der ich vielleicht mehr sagen könnte, als selbst dir!“ &mdash; Das höre von
-<em class="gesperrt">ihr</em>, Helene, und dann zweifle!“ &mdash; Er reichte der Schwester die
-Hand und sah sie zärtlich, fast bittend an.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; „Gott lasse es Licht werden über unserm Thal und Eurem Leben! &mdash;
-ich will ja Alles glauben &mdash; Alles hoffen!“ rief Helene und drückte in
-schweigender inniger Umarmung den Bruder ans Herz.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Es lebe Herr Kollmann!</p></div>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center mtop2">Ende des erste Bandes.</p>
-
-<hr class="r25" />
-
-<p class="s5 center">Halle, Druck von H. W. Schmidt.</p>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Dissolving Views, by Ferdinand Prantner
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DISSOLVING VIEWS ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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-ways including checks, online payments and credit card donations. To
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
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-facility: www.gutenberg.org
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-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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