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-The Project Gutenberg eBook of Geschichte der Philosophie im Islam, by T.
-J. de Boer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Geschichte der Philosophie im Islam
-
-Author: T. J. de Boer
-
-Release Date: October 20, 2021 [eBook #54679]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading
- Team at http://www.pgdp.net/ for Project Gutenberg (This file
- was produced from images generously made available by The
- Internet Archive/American Libraries.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER PHILOSOPHIE IM
-ISLAM ***
-
-
-
- GESCHICHTE
- DER
- PHILOSOPHIE IM ISLAM
-
-
- von
-
- T. J. DE BOER.
-
-
- STUTTGART.
- FR. FROMMANNS VERLAG (E. HAUFF).
- 1901.
-
-
-
-
-
-
-
-
-VORWORT.
-
-
-Nach der vortrefflichen Skizze Munk's [1] ist dies der erste
-Versuch, die Geschichte der Philosophie im Islam im Zusammenhang
-vorzuführen. Ein neuer Anfang also, kein Abschluss möchte meine
-Arbeit sein. Nicht Alles, was auf diesem Gebiete vorgearbeitet,
-ist mir bekannt geworden und nicht alles Bekannte war mir
-zugänglich. Handschriftliches konnte nur ausnahmsweise benutzt werden.
-
-Der Darstellung wegen sind die Quellenbelege zurückgehalten. Nur wenn
-ich etwas fast wörtlich oder ohne Nachprüfung herübergenommen habe,
-ist das in den Noten bemerkt worden. Übrigens bedauere ich sehr, dass
-es jetzt nicht gehörig zur Anschauung kommen kann, was ich, für das
-Verständnis der Quellen, Männern wie Dieterici, de Goeje, Goldziher,
-Houtsma, Aug. Müller, Munk, Nöldeke, Renan, Snouck Hurgronje,
-Steinschneider, van Vloten und vielen, vielen anderen verdanke.
-
-Erst nach Abschluss dieser Arbeit ist eine interessante, auch über die
-Vorgeschichte der Philosophie im Islam sich verbreitende Monographie
-über Ibn Sina erschienen. [2] Sie gibt mir aber keine Veranlassung,
-meine Auffassung im ganzen zu ändern.
-
-Für alles Bibliographische verweise ich auf die Orientalische
-Bibliographie, Brockelmann's Geschichte der Arabischen Litteratur
-und die Litteraturnachweise bei Überweg-Heinze. Bei der Umschreibung
-arabischer Namen habe ich mehr auf Tradition und deutsche Aussprache
-als auf Konsequenz geachtet. Es sei nur bemerkt, dass das z als weiches
-s zu sprechen, und das th wie das englische. Im Personenregister
-bezeichnen Accente die Länge.
-
-So viel wie möglich hab' ich mich auf den Islam beschränkt. Deshalb
-sind Ibn Gebirol und Maimonides nur im Vorbeigehen genannt,
-andere jüdische Denker ganz übergangen, obgleich sie, philosophisch
-betrachtet, dem muslimischen Bildungskreise angehören. Der Schaden
-ist aber nicht gross. Denn über die jüdischen Philosophen ist schon
-viel geschrieben worden, während man bis jetzt die muslimischen Denker
-sehr vernachlässigt hat.
-
- Groningen (Niederlande).
-
- T. J. de Boer.
-
-
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-
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-
-
-
-INHALTSÜBERSICHT.
-
-
- Seite
-
-I. Zur Einleitung. 9-33
-
-1. Der Schauplatz 9
-
- 1. Das alte Arabien. 2. Die ersten
- Chalifen. Medina. Schiiten. 3. Die Omajjaden. Damaskus, Basra
- und Kufa. 4. Die Abbasiden. Bagdad. 5. Kleinstaaterei. Fall
- des Chalifates.
-
-2. Orientalische Weisheit 13
-
- 1. Semitische Spekulation. 2. Persische
- Religion. Zrwanismus. 3. Indische Weisheit.
-
-3. Griechische Wissenschaft 17
-
- 1. Die Syrer. 2. Die christlichen Kirchen. 3. Edessa
- und Nisibis. 4. Harran. 5. Gondeschapur. 6. Syrische
- Übersetzungen. 7. Die Philosophie bei den Syrern. 8. Arabische
- Übersetzungen. 9. Die Philosophie der Übersetzer. 10. Umfang der
- Überlieferung. 11. Fortsetzung des Neuplatonismus. 12. Das Buch
- vom Apfel. 13. Die Theologie des Aristoteles. 14. Aufnahme des
- Aristoteles. 15. Die Philosophie im Islam.
-
-
-II. Philosophie und arabisches Wissen 34-68
-
-1. Die Sprachwissenschaft 34
-
- 1. Die verschiedenen Wissenschaften. 2. Die arabische Sprache. Der
- Koran. 3. Die Grammatiker von Basra und Kufa. 4. Logische
- Grammatik. Metrik. 5. Sprachwissenschaft und Philosophie.
-
-2. Die Pflichtenlehre 38
-
- 1. Tradition und Freiheit. 2. Die Analogie. 3. Inhalt und Stellung
- der Pflichtenlehre. 4. Ethik und Politik.
-
-3. Die Glaubenslehre 42
-
- 1. Christliche Dogmatik. 2. Der Kalam. 3. Die
- Mutaziliten und ihre Gegner. 4. Menschliches und
- göttliches Wirken. 5. Gottes Wesen. 6. Offenbarung und
- Vernunft. 7. Abu-l-Hudhail. 8. Nazzam. 9. Dschahiz. 10. Muammar
- und Abu Haschim. 11. Aschari. 12. Der atomistische Kalam. 13. Die
- Mystik.
-
-4. Litteratur und Geschichte 63
-
- 1. Die Litteratur. 2. Abu-l-Atahia. Mutanabbi,
- Abu-l-Ala. Hariri. 3. Geschichtliche Überlieferung. 4. Masudi
- und Muqaddasi.
-
-
-III. Die pythagoreische Philosophie 69-89
-
-1. Die Naturphilosophie 69
-
- 1. Die Quellen. 2. Die mathematischen Disziplinen. 3. Die
- Naturwissenschaften. 4. Die Medizin. 5. Razi. 6. Die Dahriten.
-
-2. Die treuen Brüder von Basra 76
-
- 1. Die Karmaten. 2. Die Brüder und ihre
- Encyklopädie. 3. Eklektizismus. 4. Das Wissen. 5. Die
- Mathematik. 6. Die Logik. 7. Gott und Welt. 8. Die menschliche
- Seele. 9. Religionsphilosophie. 10. Die Ethik. 11. Wirkung der
- Encyklopädie.
-
-
-IV. Die neuplat. Aristoteliker des Ostens 90-137
-
-1. Kindi 90
-
- 1. Sein Leben. 2. Verhältnis zur Theologie. 3. Die
- Mathematik. 4. Gott, Welt, Seele. 5. Die Lehre vom Nus. 6. Kindi
- als Aristoteliker. 7. Die Schule Kindis.
-
-2. Farabi 98
-
- 1. Die Logiker. 2. Farabis Leben. 3. Verhältnis zu
- Platon und Aristoteles. 4. Die Philosophie. 5. Die
- Logik. 6. Das Seiende. Gott. 7. Die Himmelwelt. 8. Die
- irdische Welt. 9. Die menschliche Seele. 10. Der Geist
- im Menschen. 11. Die Ethik. 12. Die Politik. 13. Das
- zukünftige Leben. 14. Rückblick. 15. Wirkungen seiner
- Philosophie. Sidschistani.
-
-3. Ibn Maskawaih. 116
-
- 1. Seine Stellung. 2. Das Wesen der Seele. 3. Prinzipien der Ethik.
-
-4. Ibn Sina 119
-
- 1. Sein Leben. 2. Das Werk. 3. Philosophische Wissenschaften. Die
- Logik. 4. Metaphysik und Physik. 5. Anthropologie und
- Psychologie. 6. Die Vernunft. 7. Allegorische Darstellung
- der Vernunftlehre. 8. Geheimlehre. 9. Ibn Sinas
- Zeit. Beruni. 10. Behmenjar. 11. Das Fortleben Ibn Sinas.
-
-5. Ibn al-Haitham 133
-
-1. Der Zug nach Westen. 2. Ibn al-Haithams Leben und
-Werke. 3. Wahrnehmung und Erkenntnis. 4. Nachwirkung.
-
-
-V. Der Ausgang der Philosophie im Osten 138-152
-
-1. Gazali 138
-
- 1. Dialektik und Mystik. 2. Gazalis Leben. 3. Stellung zu seiner
- Zeit. 4. Die Welt. 5. Gott und Vorsehung. 6. Der Mensch. 7. Gazalis
- Theologie. 8. Erfahrung und Offenbarung. 9. Rückblick.
-
-2. Die Kompendienschreiber 150
-
- 1. Stellung der Philosophie. 2. Philosophische Bildung.
-
-
-VI. Die Philosophie im Westen 153-176
-
-1. Die Anfänge 153
-
- 1. Die Omajjadenzeit. 2. Das elfte Jahrhundert.
-
-2. Ibn Baddscha 156
-
- 1. Die Almoraviden. 2. Ibn Baddschas
- Leben. 3. Charakteristik. 4. Logik und Metaphysik. 5. Seele und
- Geist. 6. Der einzelne Mensch.
-
-3. Ibn Tofail 160
-
- 1. Die Almohaden. 2. Ibn Tofails Leben. 3. Hai ibn Jaqzan. 4. Hai
- und die Entwicklung der Menschheit. 5. Hai's Ethik.
-
-4. Ibn Roschd 165
-
- 1. Sein Leben. 2. Ibn Roschd und Aristoteles. 3. Logik. Erkenntnis
- der Wahrheit. 4. Die Welt und Gott. 5. Körper und Geist. 6. Geist
- und Geister. 7. Rückblick. 8. Praktische Philosophie.
-
-
-VII. Zum Schluss 177-188
-
-1. Ibn Chaldun 177
-
- 1. Die Zeitverhältnisse. 2. Das Leben Ibn Chalduns. 3. Philosophie
- und Welterfahrung. 4. Geschichtsphilosophie. Historische
- Methode. 5. Gegenstand der Geschichte. 6. Charakteristik.
-
-2. Die Araber und die Scholastik 184
-
- 1. Politische Lage. Die Juden. 2. Palermo und Toledo. 3. Die
- Araber in Paris.
-
-
-
-
-
-
-
-
-I. ZUR EINLEITUNG.
-
-
-1. Der Schauplatz.
-
-1. Von alters her war, wie heutzutage, die arabische Wüste der
-Tummelplatz unabhängiger Beduinenstämme. Mit freiem, gesundem
-Sinn blickten diese in ihre einförmige Welt hinein, deren höchster
-Reiz der Beutezug, deren geistiger Schatz die Stammesüberlieferung
-war. Weder die Errungenschaften geselliger Arbeit noch die Gaben
-schöner Muße waren ihnen bekannt. Nur an den Rändern der Wüste wurde,
-in Staatenbildungen, die oft von den Überfällen jener Beduinen zu
-leiden hatten, eine höhere Stufe der Gesittung erreicht. So war es im
-Süden, wo in christlicher Zeit unter abyssinischer oder persischer
-Oberhoheit das alte Reich der Königin von Saba fortbestand. Im
-Westen lagen an einer alten Handelsstraße Mekka und Medina (Jathrib),
-und besonders Mekka mit seinem Markte im Schutze eines Tempels war
-ein Mittelpunkt regen Verkehrs. Im Norden endlich hatten sich zwei
-halbsouveräne Staaten unter arabischen Fürsten gebildet: gegen Persien
-hin das Reich der Lachmiden in Hira und gegen Byzanz der Gassaniden
-Herrschaft in Syrien. Aber in Sprache und Poesie stellte sich schon
-vor Mohammed einigermaßen die Einheit der arabischen Nation dar. Die
-Dichter waren die Wissenden ihres Volkes. Ihre Zaubersprüche galten
-zunächst den Stämmen als Orakel. Doch ging ihre Wirkung wohl oft über
-den eigenen Stamm hinaus.
-
-2. Mohammed und seinen nächsten Nachfolgern, Abu Bekr, Omar, Othman
-und Ali (622-661) ist es nun gelungen, die freien Wüstensöhne
-zusammen mit den gesitteteren Bewohnern der Küstenstriche für ein
-gemeinsames Unternehmen zu begeistern. Diesem Ereignis verdankt der
-Islam seine Weltstellung. Denn Allah zeigte sich groß und für die
-Ihm sich Ergebenden (Muslime) war die Welt gar klein. In kurzer Zeit
-wurde ganz Persien erobert und verlor das oströmische Reich seine
-schönsten Provinzen: Syrien und Ägypten.
-
-Medina war der Sitz der ersten Chalifen oder Stellvertreter des
-Propheten. Aber Mohammeds tapferer Schwiegersohn, Ali, und dessen Söhne
-unterlagen Moawia, dem klugen Statthalter von Syrien. Seit der Zeit
-besteht die Partei des Ali (Schiiten), die unter mancherlei Wandlungen,
-bald unterworfen, bald an einzelnen Stellen zur Herrschaft gelangt,
-ihr Wesen in der Geschichte treibt, bis sie sich (1502) im persischen
-Reich endgültig gegen den sunnitischen Islam abschließt.
-
-In ihrem Kampfe gegen die weltliche Macht haben die Schiiten sich aller
-möglichen Waffen, auch der Wissenschaft bedient. Schon früh erscheint
-unter ihnen die Partei der Kaisaniten, die dem Ali und seinen Erben
-eine übermenschliche Geheimwissenschaft zuschreibt, ein Wissen, mit
-dessen Hilfe der innere Sinn der göttlichen Offenbarung erst klar
-werde, das aber auch von seinen Adepten nicht weniger Glauben und
-unbedingten Gehorsam gegen die Träger solchen Wissens erfordert als
-der Buchstabe des Korans. (Vgl. III, 2 § 1.)
-
-3. Nach dem Siege Moawias, der Damaskus zur Hauptstadt des muslimischen
-Reiches machte, lag die Bedeutung Medinas hauptsächlich auf geistigem
-Gebiete. Es musste sich damit begnügen, zum Teil unter jüdischen
-und christlichen Einflüssen, die Wissenschaft des Gesetzes und der
-Tradition zu pflegen. In Damaskus aber führten die Omajjaden (661-750)
-ihr weltliches Regiment. Unter ihrer Herrschaft dehnte sich das Reich
-vom atlantischen Meere bis über die Grenzen Indiens und Turkestans
-aus, vom südlichen Meere bis an den Kaukasus und vor die Mauern von
-Konstantinopel. Damit war aber auch die weiteste Ausdehnung erreicht.
-
-Araber nahmen jetzt überall die führende Stellung ein. Sie
-bildeten eine militärische Aristokratie und der schlagendste
-Beweis für ihren Einfluss ist dies, dass unterworfene Völker mit
-alter, überlegener Kultur die Sprache der Sieger annahmen. Die
-arabische Sprache wurde die Sprache des Staates und der Religion,
-der Poesie und der Wissenschaft. Während aber die hohen Staats-
-und Militärämter vorzugsweise von Arabern verwaltet wurden, blieb
-es zunächst Nichtarabern und Mischlingen überlassen, Künste und
-Wissenschaften zu pflegen. In Syrien ging man bei Christen in die
-Schule. Die Hauptstätten geistiger Bildung aber wurden Basra und
-Kufa, in denen Araber und Perser, Muslime, Christen, Juden und Magier
-zusammenstießen. Dort, wo Handel und Gewerbe aufblühten, sind, unter
-hellenistisch-christlichen und persischen Einflüssen entstanden,
-die Anfänge weltlicher Wissenschaft im Islam zu suchen.
-
-4. Den Omajjaden folgten die Abbasiden (750-1258) nach. Diese machten,
-um zur Herrschaft zu gelangen, dem Persertum Konzessionen und benutzten
-religiös-politische Bewegungen. Nur in dem ersten Jahrhundert ihrer
-Regierung (bis etwa 860) mehrte oder hielt sich noch die Größe
-des Reiches, als dessen Mittelpunkt Mansur, der zweite Herrscher
-dieses Hauses, im Jahre 762 Bagdad gründete, eine Stadt, die bald an
-weltlichem Glanze Damaskus und als Leuchte des Geistes Basra und Kufa
-überstrahlte. Nur mit Konstantinopel war sie zu vergleichen. In Bagdad,
-an dem Hofe Mansurs (754-775), Haruns (786-809), Mamuns (813-833)
-u. s. w. fanden sich, besonders aus den nordöstlichen Provinzen,
-Dichter und Gelehrte zusammen. Mehrere Abbasiden liebten weltliche
-Bildung, sei es an sich oder zur Ausschmückung ihres Hofes, und wenn
-sie oft auch den Wert der Künstler und Gelehrten nicht erkannt haben
-mögen, so wussten doch diese die materiellen Güter ihrer Herren wohl
-zu schätzen.
-
-Wenigstens seit der Zeit Haruns bestand in Bagdad eine Bibliothek und
-eine Gelehrtenanstalt. Schon unter Mansur, besonders aber unter Mamun
-und seinen Nachfolgern, wurde dann die wissenschaftliche Litteratur
-der Griechen, meistens durch syrische Vermittelung, in die arabische
-Sprache übertragen. Auch Kompendien und Erläuterungen dazu wurden
-verfasst.
-
-Als diese gelehrte Arbeit ihren höchsten Aufschwung nahm, war
-die Herrlichkeit des Reiches im Niedergang begriffen. Die alten
-Stammesfehden, die unter den Omajjaden nie geruht hatten, waren
-scheinbar einer festgefügten Einheit des Staates gewichen. Aber es
-dauerten in verschärftem Maße andere Streitigkeiten fort, theologische
-und metaphysische Zänkereien, wie sie ähnlich den Verfall des
-oströmischen Reiches begleiteten. Der Staatsdienst brauchte in der
-orientalischen Despotie nur wenig befähigte Köpfe. Viele junge Kräfte
-gingen im üppigen Genusse unter, andere verfielen auf Wortkünstelei
-und Scheingelehrsamkeit. Zur Verteidigung des Reiches dagegen zog man
-die frische Kraft weniger überbildeter Völker heran: zuerst iranische
-oder iranisierte Chorasaner, darauf Türken.
-
-5. Immer deutlicher zeigte sich des Reiches Verfall. Die
-Machtstellung des Türkenheeres, Aufstände städtischen Pöbels und
-ländlicher Arbeiter, schiitische und ismaelitische Umtriebe überall,
-dazu die Selbständigkeitsgelüste der entfernten Provinzen waren
-entweder die Ursachen oder die Symptome des Untergangs. Neben dem
-Chalifen, der zum geistlichen Würdenträger herabsank, herrschten
-die Türken als Hausmeier. Und an der Peripherie entstanden nach
-und nach selbständige Staaten, bis zu einer ganz entsetzlichen
-Kleinstaaterei. Die wichtigsten, mehr oder weniger unabhängigen
-Herrscher waren im Westen, abgesehen von den spanischen Omajjaden
-(vgl. VI, 1), die Aglabiden Nordafrikas, die Tuluniden und Fatimiden
-Ägyptens und die Hamdaniden Syriens und Mesopotamiens; im Osten die
-Tahiriden und Samaniden, allmählich von den Türken verdrängt. An den
-Höfen dieser kleinen Dynastien sind in der nächsten Zeit (10. und
-11. Jahrh.) die Dichter und Gelehrten zu finden. Mehr als Bagdad
-machen sich auf kurze Zeit Haleb (Aleppo), der Sitz der Hamdaniden,
-und auf längere Zeit Kairo, im Jahre 969 von den Fatimiden erbaut,
-als Heimstätten geistiger Bestrebungen geltend. Im Osten glänzt noch
-einen Augenblick der Hof des Türken Machmud von Ghazna, der seit dem
-Jahre 999 Herr von Chorasan war.
-
-In diese Zeit der Kleinstaaterei und der Türkenwirtschaft fällt auch
-die Gründung der muslimischen Universitäten. Im Jahre 1065 wurde
-die erste in Bagdad errichtet. Seit der Zeit besitzt der Orient die
-Wissenschaft nur in stereotypen Auflagen. Der Lehrer hat gelehrt,
-was ihm von seinen Lehrern überliefert worden, und jedes neue Buch
-enthält kaum einen Satz, der nicht schon in älteren Büchern stände. Die
-Wissenschaft ist gerettet. Aber die Gelehrten Transoxaniens, die,
-der Überlieferung nach, als sie die Gründung der ersten Madrasah
-erfuhren, eine Trauerfeier zu Ehren der Wissenschaft veranstalteten,
-haben Recht behalten. [3]
-
-Über die östlichen Länder des Islam brauste dann (13. Jahrh.) der
-Mongolensturm dahin. Was der Türke übrig gelassen, raffte dieser
-hinweg. Es blühte da keine Kultur wieder auf, die aus sich heraus eine
-neue Kunst hervortrieb oder zu einer Erneuerung der Wissenschaft die
-Anregung darbot.
-
-
-
-
-2. Orientalische Weisheit.
-
-1. Vor seiner Berührung mit dem Hellenismus hat der semitische Geist,
-in philosophischer Hinsicht, es nie weiter als zu Rätselfragen
-und Spruchweisheit gebracht. Einzelbeobachtungen aus der Natur,
-hauptsächlich aber aus Leben und Schicksal des Menschen, liegen zu
-Grunde, und wo das Verständnis aufhört, stellt sich leicht die Ergebung
-in den allmächtigen und unergründlichen Willen Gottes ein. Wir kennen
-diese Weisheit aus dem Alten Testament. Dass sie sich ähnlich bei den
-Arabern ausbildete, zeigen uns die biblische Geschichte der Königin von
-Saba und die Gestalt des weisen Loqman in der arabischen Überlieferung.
-
-Neben solcher Weisheit gab es überall die Magie des Zauberers, ein
-Wissen, das sich in der Herrschaft über die Dinge bewährte. Aber nur
-in den priesterlichen Kreisen Alt-Babyloniens, unter welchen Einflüssen
-und in welchem Umfange wissen wir nicht genau, erhob man sich zu einer
-wissenschaftlicheren Betrachtung der Welt. Vom Wirrsal des Erdendaseins
-wandte dort das Auge sich der himmlischen Ordnung zu. Nicht wie der
-Hebräer, der über ein gewisses Staunen nicht hinwegkam [4] oder in den
-unzähligen Gestirnen nur ein Sinnbild eigener Nachkommenschaft sah [5],
-sondern ähnlich dem Griechen, der das Viele und Mannigfaltige unter dem
-Monde erst verstehen lernte, nachdem er in der Einheit und Stetigkeit
-der Himmelsbewegung die Harmonie des Alls gefunden hatte. Nur dass
-sich mit dem Guten, wie es denn im Hellenismus nicht anders war,
-viel mythologisches Spiel und astrologisches Afterwissen verschlangen.
-
-Diese chaldäische Weisheit wurde in Babylonien und Syrien seit
-den Tagen Alexanders des Großen mit hellenistischen, später mit
-hellenistisch-christlichen Ideen durchsetzt oder davon verdrängt. Nur
-in der syrischen Stadt Harran hielt sich bis in die Zeit des Islam das
-alte Heidentum, von christlichen Einflüssen wenig berührt. (Vgl. I,
-3 § 4.)
-
-2. Bedeutender als etwaige semitische Überlieferung war es, was dem
-Islam von persischer und indischer Weisheit zugeführt wurde. Auf die
-Frage, ob die orientalische Weisheit von griechischer Philosophie,
-oder diese von jener ursprünglich beeinflusst sei, brauchen wir
-hier nicht einzugehen. Was der Islam graden Weges Persern und Indern
-entnommen hat, lässt sich aus den arabischen Quellen mit ziemlicher
-Sicherheit ersehen, und auf dieses dürfen wir uns beschränken.
-
-Persien ist das Land des Dualismus, und es ist nicht unwahrscheinlich,
-dass seine dualistische Religionslehre, sei es direkt, sei es durch
-Vermittelung des Manichäismus oder anderer gnostischer Sekten, auf
-die theologischen Streitigkeiten im Islam eingewirkt habe. Viel
-größer aber ist in weltlichen Kreisen der Einfluss desjenigen
-Systems gewesen, das der Überlieferung nach unter dem Sasaniden
-Jezdegerd II. (438/9-457) sogar zur öffentlichen Anerkennung kam, des
-Zrwanismus (vgl. III, 1 § 6). In diesem System war die dualistische
-Weltansicht dadurch aufgehoben, dass als oberstes Prinzip die endlose
-Zeit (zrwan, arab. dahr) aufgestellt und mit dem Geschick, der
-äußersten Himmelssphäre oder der Bewegung des Himmels identifiziert
-wurde. Diese Lehre, die philosophischen Köpfen zusagte, hat sich,
-mit oder ohne die Maske des Islam, in der persischen Litteratur und
-bis auf unsere Zeit in den volkstümlichen Anschauungen einen großen
-Platz zu erhalten gewusst. Von den Theologen aber und nicht weniger
-von der idealistischen Schulphilosophie wurde sie als Materialismus,
-Atheismus u. s. w. abgewiesen.
-
-3. Als das wahre Land der Weisheit galt Indien. Vielfach findet
-sich bei den arabischen Schriftstellern die Anschauung, dort sei
-die Geburtsstätte der Philosophie zu finden. Durch friedlichen
-Handelsverkehr, dessen Vermittler zwischen Indien und dem Abendlande
-hauptsächlich Perser waren, dann infolge der muslimischen Eroberung
-verbreitete sich die Kenntnis indischer Weisheit. Unter Mansur
-(754-775) und Harun (786-809) wurde vieles davon, teils durch die
-Mittelstufe des Persischen (Pahlawi) hindurch, teils direkt aus dem
-Sanskrit übersetzt. Von der ethischen und politischen Spruchweisheit,
-aus Fabel und Erzählung der Inder, ward manches herübergenommen, so
-die von Ibn al-Moqaffa zu Mansurs Zeit aus dem Pahlawi übersetzten
-Erzählungen des Pantschatantra u. A. An erster Stelle aber wirkten
-indische Mathematik und Astrologie, letztere in Verbindung mit
-praktischer Medizin und Zauberkunst, auf die Anfänge der Weltweisheit
-im Islam. Die Astrologie des Siddhanta von Brahmagupta, unter Mansur
-mit Hilfe indischer Gelehrten von Fazari aus dem Sanskrit übersetzt,
-war noch vor des Ptolemäus Almagest bekannt. Eine weite Welt, in
-Vergangenheit und Zukunft, that sich da auf. Die hohen Zahlen, mit
-denen der Inder operierte, erzeugten auf die nüchternen muslimischen
-Annalisten einen gewaltigen, verwirrenden Eindruck, wie andererseits
-der arabische Kaufmann, der in Indien und China das Alter unserer
-erschaffenen Welt auf einige Tausend Jahre ansetzte, sich im höchsten
-Grade lächerlich machte.
-
-Auch die logischen und metaphysischen Spekulationen der Inder
-sind den Muslimen nicht unbekannt geblieben, aber viel weniger
-als Mathematik und Astrologie haben diese die wissenschaftliche
-Entwicklung beeinflusst. Die Grübeleien der Inder, an ihre heiligen
-Bücher anknüpfend und durchaus religiös bestimmt, haben gewiss auf
-persisches Sufitum und islamische Mystik nachhaltig eingewirkt. Aber
-Philosophie ist nun einmal ein griechischer Begriff und es geht
-nicht an, einem Tagesgeschmack zu liebe, in unserer Darstellung den
-Kuhmilchgedanken frommer Inder allzuviel Platz einzuräumen. Was
-jene sinnigen Büßer über den täuschenden Schein alles Sinnlichen
-vorgebracht haben, mag oft einen poetischen Reiz besitzen, stimmt auch
-wohl zu dem, was dem Osten aus neupythagoreischen und neuplatonischen
-Quellen an Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles Irdischen
-zugänglich war, hat aber, ebensowenig wie dieses, etwas Erhebliches
-zur Erklärung der Erscheinungen, zur Erweckung wissenschaftlichen
-Sinnes beigetragen. Nicht indischer Phantasie, sondern griechischen
-Geistes bedurfte es dazu, das Nachdenken auf die Erkenntnis des
-Wirklichen zu richten. Das beste Beispiel dafür ist die arabische
-Mathematik. Nach dem Urteile ihrer besten Kenner ist indisch darin
-fast nur die Rechenkunst, griechisch, wenn auch nicht ausschließlich,
-doch vorwiegend, die Algebra und die Geometrie. Zum Begriffe reiner
-Mathematik ist wohl kaum ein Inder durchgedrungen. Die Zahl, auch
-die höchste, blieb doch immer eine konkrete. Und in der indischen
-Philosophie blieb das Wissen überhaupt ein Mittel. Zweck war die
-Erlösung vom Übel des Daseins, die Philosophie Anleitung zum seligen
-Leben. Daher die Monotonie dieser auf das einheitliche Wesen aller
-Dinge gerichteten Weisheit, der gegenüber die reichgegliederte
-Wissenschaft der Hellenen die Wirkungen der Natur und des Geistes
-allseitig zu erfassen bestrebt war.
-
-Orientalische Weisheit, Astrologie und Kosmologie, hat den
-muslimischen Denkern mancherlei Stoff geliefert, aber die Form,
-das bildende Prinzip, kam ihnen von den Griechen her. Überall, wo es
-sich nicht um bloßes Aufzählen oder zufälliges Zusammenreihen handelt,
-sondern nach sachlichen oder logischen Gesichtspunkten eine Anordnung
-des Mannigfaltigen versucht wird, darf mit Wahrscheinlichkeit auf
-griechischen Einfluss geschlossen werden.
-
-
-
-
-3. Griechische Wissenschaft.
-
-1. Wie die Perser hauptsächlich den Handelsverkehr zwischen
-Indien-China und Byzanz leiteten, so traten im fernen Westen, bis
-ins Frankenreich, die Syrer als Kulturvermittler auf. Es waren Syrer,
-die Wein, Seide u. s. w. ins Abendland einführten. Aber es waren auch
-Syrer, die griechische Bildung aus Alexandrien und Antiochien nach
-Osten hin verbreiteten und in den Schulen von Edessa und Nisibis,
-Harran und Gondeschapur fortpflanzten. Syrien war das richtige Land
-der Mitte, wo Jahrhunderte lang die beiden Weltmächte, die römische
-und die persische, feindlich oder friedlich zusammenstießen. Unter
-solchen Umständen spielten die christlichen Syrer eine Rolle, wie
-sie ähnlich später den Juden zu teil ward.
-
-2. Die muslimischen Eroberer fanden die christliche Kirche,
-abgesehen von vielen Sekten, in drei Abteilungen gespalten. Im
-eigentlichen Syrien herrschte neben der orthodoxen Reichskirche
-die monophysitische, in Persien die nestorianische Kirche vor. Der
-Unterschied zwischen den Lehrsystemen dieser Kirchen ist wohl
-nicht ohne Bedeutung für die Entwicklung der muslimischen Dogmatik
-gewesen. Nach der Lehre der Monophysiten waren in Christus Gott
-und Mensch zu einer Natur vereinigt, während die Orthodoxen
-und viel schärfer noch die Nestorianer eine göttliche und eine
-menschliche Natur unterschieden. Nun heißt Natur vor allem Energie
-oder Wirkungsprinzip. Es handelt sich um die Frage, ob göttliches
-und menschliches Wollen und Wirken in Christus ein und dasselbe
-seien oder verschieden. Die Monophysiten hoben, aus spekulativen
-und religiösen Motiven, auf Kosten des Menschlichen die Einheit in
-Christus, ihrem Gotte, hervor, die Nestorianer dagegen betonten die
-Eigenart menschlichen Seins, Wollens und Wirkens dem göttlichen
-gegenüber. Letzteres aber bietet, unter Begünstigung politischer
-und kultureller Verhältnisse, einer philosophischen Welt- und
-Lebensbetrachtung freieren Spielraum, und thatsächlich haben die
-Nestorianer am meisten für die Pflege griechischer Wissenschaft gethan.
-
-3. Die Sprache sowohl der westlichen als auch der östlichen
-(persischen) Kirche war das Syrische. Daneben aber wurde in
-den Klosterschulen das Griechische gelehrt. In der westlichen
-(monophysitischen) Kirche sind Rasain und Kinnesrin als Stätten der
-Bildung zu nennen. Bedeutender war, wenigstens anfangs, die Schule von
-Edessa, wie denn auch der edessenische Dialekt sich zur Schriftsprache
-erhoben hatte. Aber im Jahre 489 ward die dortige Schule wegen der
-nestorianischen Gesinnung ihrer Lehrer geschlossen. Sie that sich dann
-in Nisibis wieder auf und verbreitete in Persien, aus politischen
-Gründen von den Sasaniden begünstigt, nestorianischen Glauben und
-griechisches Wissen.
-
-Der Unterricht in jenen Schulen hatte vorzugsweise biblisch-kirchlichen
-Charakter und war auf kirchliche Bedürfnisse berechnet. Aber es nahmen
-auch Ärzte oder künftige Studenten der Medizin daran teil. Dass
-diese oft dem geistlichen Stande angehörten, hebt den Unterschied
-zwischen theologischem Studium und der Beschäftigung mit weltlichem
-Wissen nicht auf. Zwar haben, nach dem syrisch-römischen Rechtsbuch,
-die Lehrer (gelehrten Priester) und Ärzte Steuerfreiheit und andere
-Privilegien gemeinsam. Aber dass die ersteren als Heilkünstler der
-Seele betrachtet wurden, während die Ärzte bloß den Leib zu flicken
-hatten, begründete den Vorzug jener vor diesen. Die Medizin blieb doch
-immer etwas Weltliches, und nach den Statuten der Schule zu Nisibis
-(vom Jahre 590) durften die heiligen Schriften nicht mit Büchern des
-weltlichen Gewerbes in einem Raume zusammen gelesen werden.
-
-In ärztlichen Kreisen wurden die Werke des Hippokrat, Galen und
-Aristoteles sehr geschätzt. In den Klöstern aber verstand man unter
-Philosophie zunächst das beschauliche Leben des Asketen und achtete
-nur auf das Eine, das not thut.
-
-4. Eine eigentümliche Stellung nimmt die mesopotamische Stadt Harran,
-in der Nähe Edessas, ein. Altsemitisches Heidentum verknüpft sich hier,
-besonders nach der arabischen Eroberung, als die Stadt neu emporblühte,
-mit mathematischen und astronomischen Studien und neupythagoreischer
-und neuplatonischer Spekulation. Die Harranier oder Sabier, wie sie
-im 9. und 10. Jahrhundert heißen, führen ihre mystische Weisheit auf
-Hermes Trismegistos, Agathodaemon, Uranius u. A. zurück. Zahlreiche
-Pseudepigraphen des späteren Hellenismus werden von ihnen gläubig
-aufgenommen, einzelnes wird vielleicht in ihrem Kreise fabriziert. Als
-Übersetzer und gelehrte Schriftsteller sind einige aus ihrer Mitte
-thätig gewesen. Viele haben mit persischen und arabischen Gelehrten
-des achten bis zehnten Jahrhunderts einen regen wissenschaftlichen
-Verkehr unterhalten.
-
-5. In Persien, zu Gondeschapur, finden wir eine von Chosrau Anoscharwan
-(531-579) gegründete Anstalt für philosophische und medizinische
-Studien. Ihre Lehrer waren hauptsächlich nestorianische Christen. Aber
-außer den Nestorianern duldete der weltlicher Bildung geneigte Fürst
-auch Monophysiten. Besonders als Mediziner waren damals, wie später
-am Hofe der Chalifen, christliche Syrer in Ehren.
-
-Auch die im Jahre 529 aus Athen vertriebenen sieben Philosophen
-der neuplatonischen Schule fanden am Hofe Chosraus eine
-Zufluchtsstätte. Sie mögen aber dort ähnliche Erfahrungen gemacht
-haben, wie die französischen Freigeister des vorigen Jahrhunderts
-am russischen Hofe. Jedenfalls sehnten sie sich nach der Heimat
-zurück. Und der König war freisinnig und großmütig genug, sie gehen
-zu lassen und für sie im Friedensvertrage mit Byzanz vom Jahre 549
-Glaubensfreiheit zu bedingen. Ganz ohne Einfluss wird ihr Aufenthalt
-im persischen Reich doch wohl nicht geblieben sein.
-
-6. Die Zeit der syrischen Übersetzungen profaner Schriften aus dem
-Griechischen läuft etwa vom vierten bis zum achten Jahrhundert. Im
-vierten Jahrhundert wurden Spruchsammlungen übertragen. Als erster
-mit Namen genannter Übersetzer erscheint Probus, "Priester und Arzt
-in Antiochien" (erste Hälfte des fünften Jahrhunderts?). Vielleicht
-war er auch nur Erklärer logischer Schriften des Aristoteles
-und der Isagoge des Porphyrius. Bekannter ist Sergius von Rasain
-(gestorben, wahrscheinlich in Konstantinopel, um 536, etwa 70 Jahre
-alt), ein mesopotamischer Mönch und Arzt, der den ganzen Umfang der
-alexandrinischen Wissenschaft, vielleicht in Alexandrien selbst,
-studierte und dessen Übersetzungen nicht nur auf Theologie, Moral und
-Mystik, sondern mehr noch auf Physik, Medizin und Philosophie sich
-erstreckten. Auch nach der muslimischen Eroberung wurde die gelehrte
-Thätigkeit der Syrer fortgesetzt. Jakob von Edessa (etwa 640-708)
-übersetzte griechisch-theologische Schriften, befasste sich aber
-außerdem mit Philosophie und erklärte auf eine diesbezügliche Anfrage,
-es sei christlichen Geistlichen erlaubt, Kindern von muslimischen
-Eltern gelehrten Unterricht zu erteilen. Bei den letzteren war also
-ein Bildungsbedürfnis vorhanden.
-
-Die Übersetzungen der Syrer, namentlich des Sergius von Rasain,
-sind im allgemeinen treu; die logischen und naturwissenschaftlichen
-aber entsprechen dem Original genauer, als die ethischen und
-metaphysischen. In diesen gab es eben viel Dunkles, das missverstanden
-oder einfach weggelassen, und viel Heidnisches, das durch Christliches
-ersetzt ward. Für Sokrates, Platon und Aristoteles (als Beispiele)
-traten wohl einmal Petrus, Paulus und Johannes ein. Das Schicksal
-und die Götter mussten dem Einen Gotte weichen. Und Begriffe wie
-Welt, Ewigkeit, Sünde und dergleichen erhielten ein christliches
-Gepräge. Übrigens sind die Araber mit der Anpassung an ihre Sprache,
-Kultur und Religion später viel weiter gegangen als die Syrer. Teils
-lässt sich das wohl aus der muslimischen Scheu vor allem Heidnischen,
-teils aber auch aus einer größeren Anpassungsfähigkeit erklären.
-
-7. Abgesehen von einigen mathematischen, physischen und medizinischen
-Schriften haben die Syrer sich für ein Zweifaches interessiert. Erstens
-für moralisierende Spruchsammlungen, mit etwas Philosophiegeschichte
-verbunden, und im allgemeinen für mystische pythagoreisch-platonische
-Weisheit. Diese findet sich hauptsächlich in Pseudepigraphen, die den
-Namen des Pythagoras, Sokrates, Plutarch, Dionysius u. A. tragen. Im
-Mittelpunkte des Interesses steht eine platonische Seelenlehre,
-in späterer pythagoreischer, neuplatonischer oder christlicher
-Bearbeitung. Platon wird in den syrischen Klöstern sogar zu einem
-orientalischen Mönch, der sich eine Zelle im Herzen der Wildnis
-erbaute, weitab von den Wohnsitzen der Menschen, und dort, nach
-dreijährigem Schweigen und Grübeln über einen Bibelvers, die göttliche
-Dreieinigkeit erkannt haben soll.
-
-Dazu kam denn als Zweites die Logik des Aristoteles. Aristoteles war
-den Syrern, wie längere Zeit auch den Arabern, fast nur als Logiker
-allgemein bekannt. Die Bekanntschaft erstreckte sich, ähnlich wie in
-der Frühscholastik des Abendlandes, auf Kategorien, Hermeneutik und
-erste Analytik bis zu den kategorischen Figuren. Der Logik bedurfte
-man schon, um die Schriften griechischer Kirchenlehrer zu verstehen,
-da dieselben, wenigstens formal, davon beeinflusst waren. Wie man aber
-die Logik nicht vollständig hatte, so besaß man sie auch nicht rein,
-sondern in neuplatonischer Überarbeitung, wie z. B. ersichtlich ist aus
-dem Werke des Paulus Persa, welches in syrischer Sprache für Chosrau
-Anoscharwan geschrieben wurde. Es wird darin das Wissen über den
-Glauben gestellt und die Philosophie definiert als die Selbstbesinnung
-der Seele auf ihr inneres Wesen, in dem sie, gleichsam wie ein Gott,
-alle Dinge erblickt.
-
-8. Was die Araber den Syrern verdanken, spricht sich u. a. darin
-aus, dass arabische Gelehrte das Syrische für die älteste oder
-richtige (natürliche) Sprache hielten. Zwar haben die Syrer
-Selbständiges nicht geschaffen, aber ihre Übersetzerthätigkeit
-kam der arabisch-persischen Wissenschaft zu gute. Es sind fast
-ohne Ausnahme Syrer gewesen, die vom 8. bis 10. Jahrhundert aus
-den älteren oder den von ihnen teils verbesserten, teils neu
-veranstalteten syrischen Übersetzungen die griechischen Werke ins
-Arabische übertrugen. Schon der omajjadische Prinz Chalid ibn Jezid
-(gest. 704), der sich unter Leitung eines christlichen Mönches mit der
-Alchemie befasste, soll Übersetzungen alchemistischer Werke aus dem
-Griechischen ins Arabische veranstaltet haben. Sprichwörter, Gnomen,
-Briefe, Testamente, überhaupt Philosophiegeschichtliches, wurden
-schon früh gesammelt und übersetzt. Aber erst unter Mansur wurde
-damit angefangen, naturwissenschaftlich-medizinische und logische
-Schriften der Griechen, zum Teil aus dem Pahlawi, ins Arabische
-zu übertragen. Besonders beteiligte sich daran Ibn al-Moqaffa, ein
-Anhänger des persischen Dualismus, von dem die Späteren sich durch
-ihre Terminologie unterschieden haben sollen. Es ist uns aber von
-seinen philosophischen Übersetzungen nichts erhalten. Auch anderes aus
-dem achten Jahrhundert ist verloren gegangen; erst aus dem neunten
-Jahrhundert, aus der Zeit Mamuns und seiner Nachfolger, ist einiges
-Übersetzte auf uns gekommen.
-
-Die Übersetzer des neunten Jahrhunderts waren meistens Mediziner
-und nach Ptolomäus und Euklid wurden Hippokrat und Galen mit
-am ersten übertragen. Beschränken wir uns auf die Philosophie
-im engeren Sinne. Von Juhanna oder Jachja ibn Bitriq (Anfang des
-neunten Jahrhunderts) soll eine Übersetzung des platonischen Timäus
-herrühren, ferner Aristoteles' Meteorologie, das Buch der Tiere,
-ein Auszug aus der Psychologie und die Schrift Über die Welt. Dem
-Abdalmasich ibn Abdallah Naima al-Himsi (um 835) wird zugeschrieben
-eine Übertragung der aristotelischen Sophistik, dazu des Johannes
-Philoponus Kommentar zur Physik und die sogenannte Theologie des
-Aristoteles, ein paraphrastischer Auszug aus Plotin's Enneaden. Qosta
-ibn Luqa al-Balabakki (um 835) soll übersetzt haben Alexanders von
-Aphrodisias und Johannes Philoponus' Kommentare zur aristotelischen
-Physik, zum Teil Alexanders Kommentar zu de generatione et corruptione,
-dazu Pseudo-Plutarchs placita philosophorum u. A.
-
-Die fruchtbarsten Übersetzer waren Abu Zaid Honain ibn Ishaq
-(809?-873), dessen Sohn Ishaq ibn Honain (gest. 910 oder 911) und Neffe
-Hobaisch ibn al-Hasan. Da sie zusammen arbeiteten, gibt es vieles, das
-bald dem Einen, bald dem Anderen zugeschrieben wird. Manches wird unter
-ihrer Aufsicht von Schülern und Untergebenen angefertigt sein. Ihre
-Thätigkeit dehnte sich auf den ganzen Umfang der damaligen Wissenschaft
-aus. Älteres wurde verbessert, Neues hinzugefügt. Der Vater übersetzte
-vorzugsweise Medizinisches, der Sohn aber mehr Philosophisches.
-
-Im zehnten Jahrhundert dauerte noch die Arbeit der Übersetzer fort. Es
-zeichneten sich besonders aus Abu Bischr Matta ibn Junus al-Qannai
-(gest. 940), Abu Zakarija Jachja ibn Adi al-Mantiqi (gest. 974) und Abu
-Ali Isa ibn Ishaq ibn Zura (gest. 1008). Endlich Abu-l-Chair al-Hasan
-ibn al-Chammar (geb. 942), ein Schüler des Jachja ibn Adi, von dem,
-ausser Übersetzungen, Kommentaren u. s. w., auch eine Schrift über
-die Übereinstimmung zwischen Philosophie und Christentum genannt wird.
-
-Die Thätigkeit der Übersetzer seit Honain ibn Ishaq beschränkte sich
-fast ganz auf die aristotelischen und pseudo-aristotelischen Schriften,
-deren Auszüge, Paraphrasen und Kommentare.
-
-9. Als besonders große Philosophen sind diese Übersetzer nicht
-anzusehen. Selten arbeiteten sie spontan, fast immer im Dienste eines
-Chalifen, eines Wezirs, oder eines anderen vornehmen Mannes. Außer
-ihrem Fachstudium, gewöhnlich der Medizin, interessierte sie höchstens
-die Weisheit: schöne Geschichten mit moralischer Anwendung, Anekdötchen
-und Sprüche. Was wir uns im Verkehr, in der Erzählung oder auf der
-Bühne nur als Eigentümlichkeit gewisser Personen gefallen lassen, wurde
-von jenen Biedermännern ihres weisen Inhalts oder vielleicht auch nur
-schönrednerischen Prunkes wegen bewundert und gesammelt. In der Regel
-blieben sie dem väterlichen Christenglauben treu. Charakteristisch
-für ihre Auffassung und den Freisinn der Chalifen ist es, was die
-Überlieferung in Bezug auf Ibn Dschibril berichtet. Als Mansur ihn
-zum Islam bekehren wollte, soll er gesagt haben: "Im Glauben meiner
-Väter werde ich sterben, wo sie sind, wünsche ich auch zu sein,
-sei's nun im Himmel oder in der Hölle." Da lächelte der Chalif und
-entließ ihn reich beschenkt.
-
-Von selbständigen Schriften dieser Männer hat sich nur weniges
-gerettet. Eine kleine Abhandlung des Qosta ibn Luqa über den
-Unterschied zwischen Seele und Geist (pneuma, ruh), in lateinischer
-Übersetzung erhalten, ist viel genannt und benutzt worden. Der Geist
-ist danach ein feiner Körper, der von der linken Herzkammer aus den
-menschlichen Leib belebt und darin Bewegung und Wahrnehmung bewirkt. Je
-feiner und klarer dieser Geist, um so vernünftiger denkt und handelt
-auch der Mensch. Darüber sind sich Alle einig. Schwieriger aber ist es,
-etwas Sicheres und Allgemeingültiges über die Seele auszusagen. Die
-Aussprüche der größten Philosophen sind zum Teil verschieden, zum
-Teil einander widersprechend. Jedenfalls ist die Seele unkörperlich,
-weil sie Qualitäten, und zwar die entgegengesetzten zugleich, in
-sich aufnimmt. Sie ist einfach, unveränderlich und vergeht nicht, wie
-der Geist, mit dem Körper; der Geist vermittelt nur zwischen beiden,
-ist also secundäre Ursache der Bewegung und Wahrnehmung.
-
-Was hier in Bezug auf die Seele behauptet wird, finden wir bei
-vielen Späteren. Nur wird allmählich, je mehr die aristotelische
-Philosophie platonische Ansichten in den Hintergrund drängt, ein
-anderes Gegensatzpaar in das volle Licht gerückt. Von der Bedeutung
-des Lebensgeistes (ruh) reden nur noch die Mediziner. Die Philosophen
-stellen Seele und Geist oder Vernunft (nous, `aql) zusammen. Die Seele
-wird nun ins Vergängliche, mitunter sogar nach gnostischer Art in das
-niedere, böse Bereich der Begierden herabgezogen. Über sie erhebt sich,
-als das Höchste, das Unvergängliche im Menschen, der vernünftige Geist.
-
-Mit dieser Bemerkung greifen wir aber der Geschichte vor. Kehren wir
-zu unseren Übersetzern zurück.
-
-10. Das Wertvollste, was der griechische Geist an Kunst, Poesie
-und Geschichtschreibung uns hinterlassen hat, ist den Orientalen
-niemals zugänglich geworden. Es hätte bei ihnen auch schwerlich
-Verständnis gefunden. Dafür fehlte eben der Geschmack und die
-Kenntnis griechischen Lebens. Mit dem sagenumstrahlten Alexander dem
-Großen fing ihnen die Geschichte Griechenlands erst an, und es wird
-der Aufnahme aristotelischer Philosophie am muslimischen Hofe die
-Stellung des Aristoteles zum größten Fürsten des Altertums gewiss
-förderlich gewesen sein. Die arabischen Geschichtschreiber zählten
-die griechischen Fürsten bis auf Kleopatra und weiter die römischen
-Kaiser auf, aber ein Thukydides z. B. war ihnen nicht einmal dem
-Namen nach bekannt. Von Homeros haben sie nicht viel mehr als den
-Satz, dass Einer Herrscher sein solle, aufgenommen. Von den großen
-griechischen Dramatikern und Lyrikern haben sie keine Ahnung. Nur
-durch seine Mathematik, Naturwissenschaft und Philosophie hat
-das griechische Altertum auf sie gewirkt. Von der Entwicklung der
-griechischen Philosophie hat man aus Plutarch, Porphyr u. A., sowie
-aus den Schriften des Aristoteles und Galen einiges erfahren. Es hat
-sich aber daran viel Sagenhaftes gehängt, und was im Orient über die
-Lehren der vorsokratischen Philosophen berichtet worden, lässt uns
-nur schließen auf die Pseudepigraphen, aus denen man schöpfte, oder
-vielleicht auch auf die im Osten selbst ausgebildeten Ansichten, die
-man mit der Autorität alter griechischer Weisen zu stützen suchte. Doch
-ist bei Allem immer zunächst an ein griechisches Original zu denken.
-
-11. Im allgemeinen lässt sich behaupten, dass die Syrer-Araber den
-Faden der Philosophie dort aufnahmen, wo ihn die letzten Griechen
-hatten fallen lassen, d. h. bei der neuplatonischen Auslegung des
-Aristoteles, neben dem auch die platonischen Schriften gelesen
-und erläutert wurden. Unter den Harraniern und lange Zeit bei
-einigen muslimischen Sekten blühten am meisten die platonischen oder
-pythagoreisch-platonischen Studien, zu denen sich viel Stoisches und
-Neuplatonisches gesellte. Man interessierte sich außerordentlich für
-das Schicksal des Sokrates, der im heidnischen Athen als ein Märtyrer
-seines Vernunftglaubens fiel. Mächtig wirkte die platonische Seelen-
-und Naturlehre. Das pythische "Erkenne dich selbst", als Motto der
-sokratischen Weisheit überliefert und neuplatonisch gedeutet, wurde von
-den Muslimen dem Ali, Mohammeds Schwiegersohn, oder gar dem Propheten
-selbst in den Mund gelegt. Wer sich selbst erkennt, erkennt damit Gott,
-seinen Herrn, das wurde der Text für allerhand mystische Spekulationen.
-
-In medizinischen Kreisen und am weltlichen Hofe wurden immer mehr die
-Werke des Aristoteles bevorzugt. Zunächst freilich nur die Logik und
-einzelnes aus den physischen Schriften. Die Logik, so glaubte man,
-sei das einzige Neue, was der Stagirite erfunden; in allen anderen
-Wissenschaften stimme er aber durchaus mit Pythagoras, Empedokles,
-Anaxagoras, Sokrates und Platon überein. Die christlichen und sabischen
-Übersetzer und die von ihnen beeinflussten Kreise holten sich deshalb
-unbedenklich psychologisch-ethische, politische und metaphysische
-Belehrung bei den voraristotelischen Weisen.
-
-Was den Namen des Empedokles, Pythagoras u. A. trug, war natürlich
-unecht. Ihre Weisheit wird entweder auf Hermes oder andere,
-orientalische Weisen zurückgeführt. So soll Empedokles ein Schüler
-König Davids, nachher des Weisen Loqman gewesen, Pythagoras aus der
-salomonischen Schule hervorgegangen sein u. s. w. Schriften, die in
-den arabischen Werken als sokratisch zitiert werden, sind, insofern sie
-echt, platonische Dialoge, in denen Sokrates auftritt. Von Platon hat
-man, außer unechten Schriften, mehr oder weniger umfangreich angeführt:
-die Apologie, Kriton, den Sophisten, Phädrus, die Republik, Phädon,
-Timäus und die Gesetze. Das heißt aber nicht, dass dies Alles in
-vollständiger Übersetzung vorgelegen habe.
-
-Soviel ist sicher, Aristoteles war nicht von Anfang an
-Alleinherrscher. Platon, wie man ihn verstand, lehrte die Weltschöpfung
-und die geistige Substantialität und Unsterblichkeit der Seele: das
-schadete dem Glauben nicht. Aristoteles aber, mit seiner Lehre von
-der Ewigkeit der Welt und einer weniger spiritualistischen Psychologie
-und Ethik, wurde als gefährlich betrachtet. Muslimische Theologen des
-neunten und zehnten Jahrhunderts aus verschiedenen Lagern schrieben
-deshalb gegen Aristoteles. Doch die Verhältnisse änderten sich. Bald
-gab es Philosophen, die die platonische Lehre von der Einen Weltseele,
-von der die menschlichen Seelen nur endliche Teile seien, verwarfen und
-beim Aristoteles, der der Einzelsubstanz so große Bedeutung beilegte,
-Gründe suchten für ihre Unsterblichkeitshoffnung.
-
-12. Wie man in der ältesten Zeit den Aristoteles auffassen musste,
-zeigen uns am besten die ihm untergeschobenen Schriften. Denn nicht
-nur bekam man seine echten Werke mit neuplatonischen Erläuterungen
-dazu, nicht nur wurde die Schrift "Über die Welt" unbedenklich
-als aristotelisch anerkannt, sondern er wurde auch als der Urheber
-betrachtet von vielen spätgriechischen Erzeugnissen, in denen ein
-pythagoreisierender Platonismus oder Neuplatonismus, oder gar ein
-wüster Synkretismus ganz offen gelehrt wurde.
-
-Als erstes Beispiel sei hier genannt das "Buch vom Apfel" [6], darin
-Aristoteles dieselbe Rolle spielt wie Sokrates in Platon's Phädon. Als
-nämlich der Philosoph seinem Ende nahe, besuchen ihn einige Schüler,
-die ihn frohen Mutes finden, was sie veranlasst, Belehrung über das
-Wesen und die Unsterblichkeit der Seele von ihrem hinscheidenden
-Meister zu erbitten. Dieser führt darauf etwa folgendes aus: Das
-Wesen der Seele besteht in Wissen, und zwar in seiner höchsten Form,
-der Philosophie. Eine vollkommene Erkenntnis der Wahrheit ist deshalb
-die Seligkeit, die nach dem Tode der wissenden Seele bevorsteht. Und
-wie das Wissen mit höherer Erkenntnis belohnt wird, so besteht die
-Strafe für Nichtwissen in tieferer Unwissenheit. Es gibt ja überhaupt
-im Himmel und auf Erden nichts anderes als Wissen und Nichtwissen
-und die Vergeltung, die beide in sich selbst finden. Auch ist weder
-die Tugend wesentlich vom Wissen verschieden, noch das Laster vom
-Nichtwissen: sie verhalten sich zu einander ähnlich wie das Wasser
-zum Eise, in verschiedener Form dasselbe.
-
-Im Wissen, dem göttlichen Wesen der Seele, findet diese naturgemäß
-ihre einzige wahre Freude, nicht aber in Essen und Trinken und
-sinnlicher Lust. Denn die Sinnenlust ist eine Flamme, die bloß
-auf kurze Zeit erwärmt; reines Licht aber, das weithin leuchtet,
-ist die denkende Seele, die ihre Erlösung aus der dunklen Sinnenwelt
-herbeisehnt. Darum fürchtet der Philosoph den Tod nicht, sondern tritt
-ihm freudig entgegen, wenn die Gottheit ruft. Der Genuss, den ihm sein
-beschränktes Wissen hier bietet, ist ihm eine Gewähr für die Wonne,
-die die Enthüllung des großen Unbekannten ihm verschaffen wird. Etwas
-davon weiß er ja jetzt schon, denn nur durch die Erkenntnis des
-Unsichtbaren ist die richtige Schätzung des Sinnenfälligen, deren er
-sich rühmen darf, überhaupt möglich. Wer sein Selbst in diesem Leben
-erkennt, besitzt gerade in dieser Selbsterkenntnis die Gewissheit,
-alle Dinge mit ewigem Wissen zu umfassen, d. h. unsterblich zu sein.
-
-13. Zweitens sei die sogenannte "Theologie des Aristoteles" erwähnt. Es
-wird darin der göttliche Platon als der Idealmensch hingestellt,
-der durch ein intuitives Denken alle Dinge erkennt und also der
-logischen Hilfsmittel des Aristoteles nicht bedarf. Ja, die höchste
-Wirklichkeit, das absolute Sein, wird nicht durch Denken, sondern
-nur in einem ekstatischen Schauen ergriffen. "Öfter war ich," so
-redet hier Aristoteles-Plotin, "mit meiner Seele allein. Des Leibes
-entkleidet trat ich, reine Substanz, in mein Selbst hinein, von
-allem Äusseren zum Inneren zurückkehrend. Reines Wissen war ich da,
-Wissendes und Gewusstes zugleich. Wie wunderte ich mich, dass ich
-in meinem Selbst Schönheit und Glanz erblickte und mich als einen
-Teil der erhabenen göttlichen Welt erkannte, selbst mit schaffendem
-Leben begabt. In dieser Selbstgewissheit erhob ich mich über die Welt
-der Sinne, ja über die Geisterwelt empor zu dem göttlichen Stande,
-wo ich solch schönes Licht schaute, dass es keine Zunge aussprechen,
-kein Ohr vernehmen könnte."
-
-Im Mittelpunkte der Erörterungen steht auch in der Theologie die
-Seele. Alle wahre menschliche Wissenschaft ist Wissenschaft der Seele,
-Selbsterkenntnis, und zwar an erster Stelle Kenntnis des Wesens,
-hernach, aber weniger vollständig, der Wirkungen dieses Wesens. In
-solcher Erkenntnis, zu der nur äußerst wenige gelangen, besteht die
-höchste Weisheit, die sich in Begriffe nicht vollkommen fassen lässt,
-und die deshalb der Philosoph als weiser Künstler und Gesetzgeber
-in ewig schönen Bildern zur Darstellung bringt, uns Menschen zum
-Gottesdienste. Es zeigt sich eben darin der Weise als der überlegene,
-selbstgenügsame Zauberer, dessen Wissen die Menge beherrscht, weil
-diese im Banne der Dinge, der Vorstellungen und Begierden immer
-gefesselt bleibt.
-
-Die Seele steht in der Mitte des Alls. Über ihr sind Gott und der
-Geist, unter ihr die Materie und die Natur. Ihr Kommen aus Gott
-durch den Geist in die Materie, ihre Gegenwart im Körper, ihre
-Rückkehr nach oben, in diesen drei Stadien verläuft ihr Leben und
-das der Welt. Materie und Natur, Sinneswahrnehmung und Vorstellung
-verlieren hier fast ganz ihre Bedeutung. Alles ist vom Geist (nous,
-`aql), der Geist ist alle Dinge und im Geiste ist alles Eins. Auch
-die Seele ist Geist, freilich, solange sie in ihrem Körper weilt,
-Geist in Hoffnung, Geist in der Form der Sehnsucht. Sie sehnt sich
-nach oben, nach den guten, seligen Gestirnen, die, über Vorstellung
-und Strebung erhaben, ihre beschauliche Lichtexistenz führen.
-
-Das ist nun der orientalische Aristoteles, wie ihn die ersten
-Peripatetiker im Islam anerkannten. [7]
-
-14. Dass die Orientalen sich nie zu einer reinen Auffassung der
-aristotelischen Philosophie durchgerungen haben, braucht uns
-nicht zu wundern. Die Mittel unserer Kritik, Echtes und Unechtes
-zu sondern, besaßen sie nicht. Sich in die griechische Kulturwelt
-hineinzuleben, musste ihnen sogar schwerer fallen als den christlichen
-Gelehrten des Mittelalters, das den lebendigen Zusammenhang mit dem
-Altertum nie ganz verloren hatte. Man blieb im Osten abhängig von
-neuplatonischen Bearbeitungen und Erklärungen. Fehlte ein Teil des
-wissenschaftlichen Systems, z. B. die aristotelische Politik, so war
-es selbstverständlich, dass die Gesetze oder der Staat Platons dafür
-eintraten. Nur wenigen kam der Unterschied Beider zum Bewusstsein.
-
-Es ist noch auf ein anderes Motiv zu achten. Schon in ihren
-neuplatonischen Quellen fanden die Muslime eine harmonisierende
-Auslegung der griechischen Philosophen vor, die sie wohl gezwungen
-waren, herüberzunehmen. Die ersten Anhänger des Aristoteles
-mussten ja polemisch und apologetisch vorgehen. Entgegen oder
-neben der Übereinstimmung der muslimischen Gemeinde brauchten sie
-eine einheitliche Philosophie, darin die Eine Wahrheit zu finden
-war. Dieselbe Verehrung, die Mohammed seinerzeit den heiligen
-Schriften der Juden und Christen gezollt hatte, fand sich später
-bei muslimischen Gelehrten in Bezug auf die Werke griechischer
-Wissenschaft. Nur zeigten die Gelehrten eine größere Vertrautheit mit
-ihren Vorbildern und geringere Originalität. Die alten Philosophen
-erhielten für sie eine Autorität, der man sich zu fügen hatte. Die
-ersten muslimischen Denker waren von der Überlegenheit griechischen
-Wissens derart überzeugt, dass sie nicht daran zweifelten, es habe die
-höchste Stufe der Gewissheit erreicht. Selbständig weiter zu forschen,
-war ein Gedanke, der nicht leicht aufkam im Gehirn des Orientalen,
-der sich einen Menschen ohne Lehrer nur als einen Schüler Satans
-vorzustellen vermag. Nach dem Vorgange hellenistischer Philosophen
-musste also der Versuch gemacht werden, zwischen Platon und Aristoteles
-die Übereinstimmung nachzuweisen, und besonders diejenigen Lehren,
-welche Anstoß erregten, entweder stillschweigend zu beseitigen oder
-in einem, der muslimischen Dogmatik nicht zu stark widerstreitenden
-Sinne darzustellen. Den Gegnern des Aristoteles oder der Philosophie
-überhaupt zu gefallen, hob man weise und erbauliche Sprüche aus
-echten und unechten Werken des Philosophen hervor, um auf diese
-Weise der Aufnahme seiner wissenschaftlichen Gedanken den Weg zu
-bereiten. Den Eingeweihten aber wurde die Lehre des Aristoteles,
-wie diejenige anderer Schulen und Sekten, als eine höhere Wahrheit
-hingestellt, zu der der positive Glaube der Menge und das mehr oder
-weniger begründete System der Theologen die Vorstufen bilden sollten.
-
-15. Ein vom Bestande der übersetzten griechischen Werke abhängiger
-Eklektizismus ist die muslimische Philosophie immer geblieben. Der
-Verlauf ihrer Geschichte ist mehr ein Verdauungs- als ein
-Zeugungsprozess. Weder durch das Aufzeigen neuer Probleme noch
-durch eigentümliche Versuche, alte Fragen zu lösen, hat sie sich
-bedeutend hervorgethan. Wichtige Fortschritte des Denkens hat sie
-also nicht zu verzeichnen. Dennoch hat sie, historisch betrachtet,
-eine weit größere Bedeutung, als die einer bloßen Vermittlerin
-zwischen dem Altertum und der christlichen Scholastik. Die Aufnahme
-griechischer Ideen in die Mischkultur des Orients zu verfolgen, hat
-an sich als Gegenstand geschichtlichen Interesses einen ganz eigenen
-Reiz, zumal, wenn man dabei vergessen kann, dass es einmal Griechen
-gegeben. Wichtig wird aber auch die Betrachtung dieses Ereignisses,
-wenn es zu Vergleichen mit anderen Kulturen Veranlassung bietet. Die
-Philosophie ist eine so einzigartige, selbständig auf griechischem
-Boden erwachsene Erscheinung, dass man sie als den Bedingungen des
-allgemeinen Kulturlebens überhoben ansehen könnte, um sie rein aus sich
-selbst heraus zu erklären. Die Geschichte der Philosophie im Islam
-ist nun schon deshalb wertvoll, weil sich in ihr der erste Versuch
-darstellt, in größerem Umfange und mit größerer Freiheit als es in
-der altchristlichen Dogmatik geschehen, die Ergebnisse griechischen
-Denkens sich anzueignen. Die Erkenntnis der Bedingungen, die solches
-ermöglichten, wird uns, wenn auch mit Vorsicht und vorläufig wenigstens
-in sehr beschränktem Maße, Analogieschlüsse gestatten auf die Rezeption
-der griechisch-arabischen Wissenschaft im christlichen Mittelalter,
-und vielleicht ein wenig belehren über die Bedingungen, unter denen
-Philosophie überhaupt entsteht.
-
-Von einer muslimischen Philosophie ist eigentlich kaum zu reden. Aber
-es hat im Islam viele Männer gegeben, die nicht davon lassen konnten,
-zu philosophieren. Durch die griechischen Falten hindurch zeigt sich
-doch die Form ihrer eigenen Glieder. Es ist leicht, von der hohen Warte
-irgend einer Schulphilosophie auf jene Männer herabzublicken. Besser
-aber wird es für uns sein, sie kennen und in ihrer historischen
-Bedingtheit begreifen zu lernen. Wir müssen es der Einzelforschung
-überlassen, der Herkunft jedes Gedankens nachzugehen. Unser Zweck
-kann es nur sein im folgenden zu zeigen, was die Muslime aus dem
-vorgefundenen Materiale aufgebaut haben.
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-II. PHILOSOPHIE UND ARABISCHES WISSEN.
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-1. Die Sprachwissenschaft.
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-1. Von muslimischen Gelehrten des zehnten Jahrhunderts wurden
-die Wissenschaften in arabische und in alte oder nichtarabische
-eingeteilt. Zu den ersteren gehörten Sprachwissenschaft, Pflichten-
-und Glaubenslehre, Litteraturkenntnis und Geschichte; zu den letzteren
-die philosophischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen
-Disziplinen. Im großen Ganzen ist die Einteilung richtig. Die
-letztgenannten Fächer sind nicht nur am meisten von fremden Einflüssen
-bestimmt, sondern auch nie recht populär geworden. Doch sind auch die
-sogenannten arabischen Wissenschaften nicht ganz rein einheimische
-Schöpfungen. Auch sie sind entstanden oder ausgebildet, wo im
-muslimischen Reiche Araber und Nichtaraber zusammentrafen und das
-Bedürfnis erwachte, über die den Menschen nächstliegenden Gegenstände,
-Sprache und Poesie, Recht und Religion, sofern sich darin Unterschiede
-oder Unzulänglichkeiten zeigten, nachzudenken. In der Weise, wie
-dieses geschah, spürt man deutlich den Einfluss von Nichtarabern,
-namentlich Persern, und immer bedeutender macht sich auch dabei die
-Einwirkung griechischer Philosophie geltend.
-
-2. Die arabische Sprache, an deren Wortfülle, Formenreichtum und
-innerer Bildungsfähigkeit die Araber selbst sich besonders erfreuten,
-eignete sich vorzüglich zu einer Weltstellung. Besonders zeichnet
-sie sich, wenn man sie z. B. mit der schwerfälligen lateinischen
-oder auch mit der schwülstigen persischen vergleicht, durch kurze
-Abstraktbildungen aus, was dem wissenschaftlichen Ausdrucke zu gute
-kam. Sie ist der feinsten Nuancierung fähig, verführt aber auch durch
-eine reichentwickelte Synonymik dazu, von der aristotelischen Regel,
-dass in der strengen Wissenschaft der Gebrauch von Synonymen nicht
-zulässig sei, abzuweichen.
-
-Eine so elegante, ausdrucksfähige, aber schwierige Sprache, wie es
-die arabische war, musste, als sie die Bildungssprache der Syrer und
-Perser geworden, zu manchen Betrachtungen Veranlassung bieten. Vor
-allem machte das Studium des Korans, dessen Vortrag und Auslegung,
-eine eingehende Beschäftigung mit der Sprache notwendig. Ungläubige
-glaubten auch wohl, im heiligen Buche Sprachfehler nachweisen zu
-können. Man sammelte also aus alten Gedichten und der lebendigen
-Beduinensprache Beispiele, um die koranischen Ausdrücke zu belegen,
-woran sich wohl Bemerkungen über Sprachrichtigkeit im allgemeinen
-anschlossen. Im ganzen war der lebendige Brauch die Richtschnur, aber
-um die Autorität des Korans zu retten, ging es dabei gewiss nicht
-ohne Künsteleien ab. Den einfachen Gläubigen war dieses Verfahren
-immerhin etwas bedenklich. Masudi erzählt uns noch von einigen
-Grammatikern aus Basra, die auf einer Lustfahrt einen koranischen
-Imperativ durchconjugierten und deshalb (?) von den mit Dattelpflücken
-beschäftigten Landleuten durchgeprügelt wurden.
-
-3. Die Araber führen die Sprachwissenschaft, wie so vieles Andere,
-auf Ali zurück, dem sogar die aristotelische Dreiteilung der Rede
-zugeschrieben wird. In Wirklichkeit sind die Anfänge in Basra und Kufa
-gemacht worden. Die erste Entwicklung liegt im Dunkeln, denn in der
-Grammatik des Sibawaih (gest. 786) haben wir eine fertige Gestalt, ein
-Riesenwerk, das, wie nachher Ibn Sina's Kanon der Medizin, die späteren
-Geschlechter sich nur als das Erzeugnis vieler zusammenarbeitender
-Gelehrten erklären konnten. Auch über die Unterschiede zwischen
-den Schulen von Basra und Kufa sind wir schlecht unterrichtet. Die
-Basrenser, wie später die Schule von Bagdad, sollen dem Qijas (der
-Analogie) einen großen Einfluss auf die Beurteilung sprachlicher
-Erscheinungen eingeräumt haben, während die Kufenser viele vom Qijas
-abweichende Spracheigenheiten für erlaubt hielten. Im Gegensatze zu
-den kufischen Grammatikern wurden aus dem Grunde die anderen Leute der
-Logik genannt. Ihre Terminologie wich von der kufischen im einzelnen
-ab. Viele, denen nach Ansicht der echten Araber die Logik den Kopf
-verdreht hatte, werden in der Meisterung der Sprache entschieden zu
-weit gegangen sein. Andererseits aber wurde die Willkür zur Regel
-erhoben.
-
-Dass die Schule von Basra sich zuerst logischer Hilfsmittel bediente,
-wäre kein Zufall. Überhaupt zeigte sich in Basra am ersten der Einfluss
-philosophischer Lehren, und unter ihren Grammatikern befanden sich
-viele Schiiten und Mutaziliten, die auch auf ihre Glaubenslehren
-einzuwirken fremder Weisheit gerne gestatteten.
-
-4. Die Sprachwissenschaft, sofern sie nicht, von Gegenständen bestimmt,
-auf Sammlung von Beispielen, Synonymen u. s. w. sich beschränkte, wurde
-von der aristotelischen Logik beeinflusst. Syrer und Perser hatten
-schon vor muslimischer Zeit die Schrift peri hermêneias, mit stoischen
-und neuplatonischen Zusätzen, studiert. Ibn al-Moqaffa, der anfangs
-mit dem Grammatiker Chalil (s. unten) befreundet war, machte dann
-Alles, was sich sprachlich-logisches im Pahlawi vorfand, den Arabern
-zugänglich. Es wurden darnach die Satzarten, bald fünf, bald acht
-oder neun, und die drei Redeteile, Nomen, Verbum und Partikel,
-aufgezählt. In der Folgezeit nahmen einige, wie Dschahiz, unter
-die rhetorischen Figuren auch Schlussfiguren der Logik auf. Und in
-späteren Darstellungen wurde viel über Laut und Begriff gestritten
-und die Frage erörtert, ob die Sprache durch Satzung oder von Natur
-sei. Allmählich gewann die philosophische Ansicht, sie sei durch
-Satzung, das Übergewicht.
-
-Neben der Logik kommt hier noch der Einfluss der propädeutischen
-oder mathematischen Wissenschaften in Betracht. Wie die Prosa des
-Verkehrs und die Reime des Korans wurden die Verse der Dichter
-nicht bloß gesammelt, sondern auch nach bestimmten Gesichtspunkten,
-unter denen das Metrum, geordnet. Nach der Grammatik entstand die
-Metrik. Chalil (gest. 791), der Lehrer Sibawaih's, dem man die
-erste Anwendung des Qijas in der Sprachwissenschaft zuschreibt,
-soll auch die Metrik erfunden haben. Während man die Sprache als das
-nationale, conventionelle Element in der Poesie anzusehen lernte,
-glaubte man im Metrum das natürliche, allen Völkern gemeinsame
-zu finden. Thabit ibn Qorra (836-901) behauptete darum in seiner
-Anordnung der Wissenschaften, das Metrum sei etwas Wesentliches, die
-Metrik eine natürliche Wissenschaft, sie gehöre somit zur Philosophie.
-
-5. Trotz alledem behielt die Sprachwissenschaft, die sich auf das
-Arabische beschränkte, ihre Eigentümlichkeiten, auf die hier einzugehen
-nicht am Platze ist. Jedenfalls ist sie eine großartige Schöpfung des
-fein beobachtenden und fleißig sammelnden arabischen Geistes, darauf
-die Araber stolz sein durften. Ein Apologet des zehnten Jahrhunderts,
-der sich gegen die griechische Philosophie wendet, sagte: "Wer die
-Feinheiten und Tiefen der arabischen Poesie und Metrik kennt, der weiß,
-dass sie alles dasjenige übertrifft, was die Leute als Beweise für
-ihre Meinungen anzuführen pflegen, welche in dem Wahne leben, dass
-sie die Wesenheiten der Dinge zu erkennen im Stande sind: Zahlen,
-Linien und Punkte. Ich kann den Nutzen dieser Dinge nicht einsehen,
-es sei denn, dass sie trotz des geringen Nutzens, den sie bringen,
-den Glauben schädigen und Dinge im Gefolge haben, gegen welche
-wir Gottes Beistand anrufen." Man wollte sich seine Freude an den
-Einzelheiten der Sprache durch allgemeine philosophische Spekulationen
-nicht trüben lassen. Manche Wortbildung, von den Übersetzern fremder
-Werke herrührend, wurde als barbarisch von puristischen Sprachlehrern
-verabscheut. Und weitere Verbreitung als die wissenschaftliche
-Sprachforschung fand die schöne Kunst der Kalligraphie, die sich,
-wie die arabische Kunst überhaupt, mehr dekorativ als konstruktiv, in
-edlen, feinen Formen entwickelte. In den Schriftzügen der arabischen
-Sprache zeigt sich uns noch die Subtilität des Geistes, der sie
-gebildet, zugleich aber auch ein Mangel an Energie, der sich in der
-ganzen Entwicklung arabischer Kultur bemerklich gemacht hat.
-
-
-
-
-2. Die Pflichtenlehre.
-
-1. Der gläubige Muslim hatte, sofern nicht das Herkommen seine
-Herrschaft behauptete, anfangs als Richtschnur seines Handelns und
-Urteilens das Wort Gottes und das Beispiel seines Propheten. Nachdem
-dieser gestorben war, folgte man, falls der Koran keine Auskunft
-erteilte, der Sunna Mohammeds, d. h. man that und entschied, wie der
-Überlieferung seiner Genossen nach Mohammed entschieden oder gehandelt
-hatte. Aber seit der Eroberung alter Kulturländer traten an den Islam
-ganz neue Ansprüche heran. Statt der einfachen Verhältnisse arabischen
-Lebens fanden sich dort Gewohnheiten und Einrichtungen vor, für die das
-heilige Gesetz keine Bestimmung bot und noch keine Tradition vorhanden
-oder ausgedeutet war. Jeden Tag häuften sich also die Einzelfälle,
-die nicht vorgesehen waren, und die man, sei es nach dem Herkommen
-oder nach eigenem Gutdünken beurteilen musste. In den altrömischen
-Provinzen, Syrien und Mesopotamien, wird dabei das römische Recht
-noch lange Zeit eine bedeutende Wirkung ausgeübt haben.
-
-Diejenigen Rechtslehrer nun, welche neben Koran und Sunna der
-eigenen Ansicht (ra'j, opinio) einen bestimmenden Einfluss auf das
-Recht zuerkannten, wurden Anhänger des Raj genannt. Als solcher
-ist besonders bekannt geworden Abu Hanifa von Kufa (gest. 767),
-der Stifter der hanefitischen Schule. Aber auch in Medina, vor und
-in der Schule des Malik (715-795) hat man anfangs ganz harmlos, wenn
-auch weniger weitgehend, dem Raj gehuldigt. Nur allmählich hat sich,
-im Kampfe gegen das zu vielen Willkürlichkeiten Veranlassung gebende
-Raj, die Meinung vorgedrängt, es sei in Allem der Tradition (hadîth)
-in Bezug auf die Sunna des Propheten zu folgen. Es wurden dann von
-überall her Traditionen gesammelt, gedeutet, auch massenhaft gefälscht,
-und eine Lehre von den Kriterien ihrer Echtheit ausgebildet, die aber
-mehr auf die äußere Bezeugung und die Zweckmäßigkeit des Überlieferten
-als auf Folgerichtigkeit und historische Treue Gewicht legte. Infolge
-dieser Entwicklung standen jetzt den Leuten des Raj, die hauptsächlich
-in Iraq (Babylonien) gefunden wurden, die Anhänger der Tradition
-von Medina entgegen. Auch Schafii (767-820), der Gründer der dritten
-Rechtsschule, der sich im allgemeinen an der Sunna hielt, wurde wohl
-im Gegensatz zu Abu Hanifa den Anhängern der Tradition beigezählt.
-
-2. Ein neues Element brachte die Logik in diesen Streit hinein: das
-Qijas, die Analogie. Einzelne Qijase gab es natürlich schon früher,
-aber die Aufstellung des Qijas als eines Prinzipes, einer Grundlage
-oder Quelle des Rechtes setzt den Einfluss wissenschaftlicher Reflexion
-voraus. Wenn auch Raj und Qijas synonym gebraucht sein mögen, so
-haftet doch dem letzteren Ausdrucke weniger das Moment individueller
-Willkür an. Je mehr man sich daran gewöhnte, bei sprachlich-logischen
-Untersuchungen das Qijas anzuwenden, um so leichter konnte man auch
-dieses Prinzip in die Grundlehre der Gesetzeskunde aufnehmen, sei es
-nun, dass man von Fall zu Fall und von der Mehrzahl der Fälle auf
-die übrigen (analogisch) schloss, oder aber für verschiedene Fälle
-einen gemeinsamen Grund aufsuchte, aus dem das Verhalten im Einzelfall
-(syllogistisch) abzuleiten wäre. [8]
-
-Die Anwendung des Qijas scheint zunächst und zumeist in der
-hanefitischen, dann aber auch, obgleich in geringerem Umfange, in der
-schafiitischen Schule üblich gewesen zu sein. Im Zusammenhang damit
-wurde die Frage, ob die Sprache das Allgemeine auszudrücken vermöge
-oder bloß das Besondere bezeichnen könne, für die Pflichtenlehre
-von Bedeutung.
-
-Zu einem großen Ansehen hat das logische Prinzip des Qijas es
-nie gebracht. Vielmehr wurde, neben den historischen Grundlagen
-des Gesetzes, dem Koran und der Sunna, das Idschma d. h. die
-Übereinstimmung der Gemeinde, betont. Die Übereinstimmung der Gemeinde
-oder faktisch der einflussreichsten Gelehrten, die mit den Vätern
-und Lehrern der katholischen Kirche zu vergleichen sind, ist das
-dogmatische Prinzip, das, nur von wenigen angefochten, sich als das
-wichtigste Mittel zur Begründung der muslimischen Pflichtenlehre
-erwiesen hat. Nach Koran, Sunna und Idschma räumt aber die Theorie
-immer noch, an vierter Stelle, dem Qijas einen untergeordneten
-Platz ein.
-
-3. Die muslimische Pflichtenlehre (al-fiqh = das Erkennen) umfasst
-das ganze Leben des Gläubigen, dem der Glaube selbst an erster Stelle
-zur Pflicht gemacht wird. Anfangs stieß sie, wie jede Neuigkeit, auf
-heftigen Widerstand. Gesetz ward hier zu Lehre, gläubiger Gehorsam
-zu grübelndem Wissen. Das forderte Widerspruch heraus, von einfachen
-Frommen und klugen Politikern zugleich. Aber nach und nach wurden
-die Wissenden oder Gesetzesgelehrten (ulamâ, im Westen faqihs) als
-die Erben der Propheten anerkannt.
-
-Die Pflichtenlehre hat sich vor der Glaubenslehre entwickelt und
-auch immer bis heute den ersten Platz zu behaupten gewusst. Fast
-jeder Muslim weiß etwas davon, weil es zur guten religiösen Erziehung
-gehört. Nach dem großen Kirchenvater Gazali ist das Fiqh das tägliche
-Brot gläubiger Seelen, während die Glaubenslehre nur als Medizin für
-Kranke einen Wert hat.
-
-Auf die fein ausgesponnene Kasuistik des Fiqh näher einzugehen,
-haben wir hier keine Veranlassung. Es handelt sich der Hauptsache
-nach um ein ideelles Recht, das in unserer mangelhaften Welt wohl nie
-rein zur Anwendung kommen kann. Seine Prinzipien und seine Stellung
-innerhalb des Islam kennen wir jetzt. Es sei nur noch die Einteilung
-der sittlichen Handlungen, wie die Pflichtenlehrer sie aufstellen,
-kurz erwähnt. Es gibt ihr zufolge 1. Handlungen, deren Ausübung
-unbedingte Pflicht ist und deshalb belohnt, deren Unterlassung
-bestraft wird; 2. gesetzlich anempfohlene Handlungen, die belohnt,
-deren Vernachlässigung aber nicht bestraft wird; 3. erlaubte,
-gesetzlich gleichgiltige Handlungen; 4. vom Gesetze missbilligte,
-aber nicht strafbare Handlungen; 5. gesetzlich verbotene Handlungen,
-die unbedingt Strafe fordern. [9]
-
-4. Die Einwirkung griechischer Philosopheme auf die Ethik im Islam
-ist eine zweifache gewesen. Bei vielen Sektierern und Mystikern,
-sowohl orthodoxen als häretischen, findet sich eine asketische Ethik
-von pythagoreisch-platonischer Färbung. Sie findet sich ebenso
-bei Philosophen, denen wir in der Folge noch begegnen werden. In
-orthodoxen Kreisen aber fand der aristotelische Satz, dass Tugend
-in der richtigen Mitte bestehe, viel Anklang, weil ähnliches im
-Koran stand und überhaupt die Richtung des Islam eine katholische,
-die Gegensätze aussöhnende war.
-
-Mehr wohl als die Ethik wurde im muslimischen Reiche die Politik
-gepflegt. Politische Parteikämpfe gaben zuerst Veranlassung zu
-Verschiedenheit der Meinungen. Streitigkeiten über das Imâmat,
-d. h. die Herrschaft über die muslimische Gemeinde, durchziehen die
-ganze Geschichte des Islam. Es handelt sich aber durchweg mehr um
-Fragen persönlicher und praktischer als solche theoretischer Bedeutung,
-weshalb eine Geschichte der Philosophie sie nicht eingehend zu
-berücksichtigen braucht. Philosophisch Wertvolles kommt kaum dabei
-heraus. Schon im Laufe der ersten Jahrhunderte entwickelte sich
-ein festes kanonisches Staatsrecht, das aber, ähnlich der ideellen
-Pflichtenlehre, von starken Herrschern als theologische Grübelei
-nicht sonderlich beachtet wurde, dagegen von schwachen Fürsten erst
-recht nicht zur Anwendung gebracht werden konnte.
-
-Ebensowenig verlohnt es sich, die vielen, besonders in Persien
-beliebten Fürstenspiegel, an deren weisen Sittensprüchen und
-politisch-klugen Maximen die höfischen Kreise sich erbauten, näher
-zu betrachten.
-
-Das Schwergewicht philosophischer Bestrebungen im Islam liegt auf der
-theoretischen, intellektuellen Seite. Mit den thatsächlichen Vorgängen
-des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens weiß man sich nur
-notdürftig abzufinden. Auch die Kunst der Muslime, obgleich sie viel
-mehr Originelles zeigt als ihre Wissenschaft, versteht es nicht, die
-spröden Stoffe zu beleben, sondern spielt mit zierlichen Formen. Die
-Poesie schafft kein Drama. Und ihre Philosophie ist nicht praktisch.
-
-
-
-
-3. Die Glaubenslehre.
-
-1. Im Koran war den Muslimen eine Religion, keine Lehre, Gesetze,
-aber keine Dogmen gegeben. Was sich darin der Logik widersetzte, was
-wir uns aus den wechselnden Lebensverhältnissen und den verschiedenen
-Stimmungen des Propheten erklären, wurde von den ersten Gläubigen
-einfach hingenommen, ohne zu fragen nach dem Wie und Warum. In den
-eroberten Ländern aber fand man eine ausgebildete christliche Dogmatik,
-sowie zoroastrische und brahmanische Lehren vor. Wie viel die Muslime
-den Christen verdanken, haben wir schon öfter betont. Die Glaubenslehre
-ist von christlichen Einflüssen wohl am meisten bestimmt worden. In
-Damaskus wirkten orthodoxe und monophysitische Lehren, in Basra und
-Bagdad vielleicht mehr nestorianische und gnostische Theoreme auf
-die Bildung muslimischer Dogmen ein. Litterarisches hat sich aus
-der ersten Zeit dieser Bewegung wenig erhalten. Man wird sich aber
-nicht irren, wenn man dem persönlichen Verkehre und dem schulmäßigen
-Unterricht eine bedeutende Wirkung zuschreibt. Wie noch heute, lernte
-man damals im Orient nicht viel aus Büchern, sondern mehr aus dem Munde
-des Lehrers. Die Ähnlichkeit zwischen den ältesten Glaubenslehren im
-Islam und den Dogmen des Christentums ist zu groß, dass man einen
-direkten Zusammenhang leugnen könnte. Die erste Frage nämlich,
-über die von muslimischen Gelehrten viel disputiert wurde, war die
-nach der Freiheit des Willens. Die Willensfreiheit nun wurde von den
-orientalischen Christen fast allgemein angenommen. Nie und nirgends hat
-man vielleicht über das Willensproblem, in der Christologie zunächst,
-aber auch in der Anthropologie, so viel hin und her geredet, wie in den
-christlichen Kreisen des Ostens zur Zeit der muslimischen Eroberung.
-
-Außer diesen zum Teil apriorischen Erwägungen gibt es auch vereinzelte
-Notizen, die darauf hindeuten, dass einige von den ersten Muslimen,
-welche die Willensfreiheit lehrten, christliche Lehrer hatten.
-
-Schon aus den gnostischen Systemen, nachher aber aus der
-Übersetzungslitteratur, gesellte sich zu den hellenistisch-christlichen
-eine Anzahl rein philosophischer Elemente.
-
-2. Eine nach logischer oder dialektischer Methode, sei es mündlich
-oder schriftlich geäußerte, Behauptung nannten die Araber im
-allgemeinen, ganz besonders aber in der Glaubenslehre, einen Kalam
-(logos) und diejenigen, welche solche Behauptungen aufstellten,
-hießen mutakallimun. Von der einzelnen Behauptung wurde der Name
-auf das ganze System übertragen und darunter auch die einleitenden,
-grundlegenden Bemerkungen über Methode u. s. w. mitverstanden. Wir
-nennen die Wissenschaft des Kalam am besten theologische Dialektik
-oder einfach Dialektik und übersetzen im folgenden Mutakallimun
-mit Dialektiker.
-
-Der Name Mutakallimun, anfangs allen Dialektikern gemeinsam, ward
-später vorzugsweise den antimutazilitischen und orthodoxen Theologen
-beigelegt. In letzterem Falle wäre er dem Sinne nach gut mit Dogmatiker
-oder Scholastiker zu übersetzen. Hatten nämlich die ersten Dialektiker
-das Dogma noch zu bilden, die späteren brauchten es bloß darzulegen
-und zu begründen.
-
-Die Einführung der Dialektik war eine gewaltige Neuerung
-im Islam. Heftig wurde ihr von den Anhängern der Tradition
-widersprochen. Was über die Pflichtenlehre hinausging, hieß ihnen
-Ketzerei. Der Glaube sollte Gehorsam sein, nicht Erkenntnis, wie
-Murdschiten und Mutaziliten behaupteten. Die Spekulation wurde von
-diesen geradezu als eine Pflicht der Gläubigen hingestellt. Auch mit
-dieser Forderung söhnte die Zeit sich aus. Der Überlieferung nach
-hatte der Prophet schon gesagt: Das erste, was Gott geschaffen hat,
-ist das Wissen, oder: die Vernunft.
-
-3. Groß ist die Anzahl verschiedener Meinungen, die zum Teil schon in
-der omajjadischen, hauptsächlich aber in der ersten abbasidischen Zeit
-laut wurden. Je weiter sie auseinander gingen, um so schwerer war es
-den Männern der Überlieferung, sich da hinein zu finden. Allmählich
-aber sonderten sich gewisse einheitliche Lehrgruppen aus, von
-denen das rationalistische System der Mutaziliten, der Nachfolger
-der Qadariten, die weiteste Verbreitung, besonders unter Schiiten,
-fand. Vom Chalifen Mamun bis Mutawakkil kam es sogar zur staatlichen
-Anerkennung. Früher von der weltlichen Macht unterdrückt und verfolgt,
-wurden die Mutaziliten jetzt selber Inquisitoren des Glaubens, denen
-das Schwert die Stelle des Beweises vertrat.
-
-Ungefähr zu derselben Zeit aber fingen auch ihre Gegner, die
-Traditionarier, damit an, ein Glaubenssystem aufzubauen. Überhaupt
-fehlte es nicht an Vermittelungen zwischen dem naiven Glauben der Menge
-und der Gnosis der Dialektiker. Dem spiritualistischen Gepräge des
-Mutazilitismus gegenüber trugen diese Vermittelungen in Bezug auf die
-Gotteslehre einen anthropomorphistischen, in Bezug auf Anthropologie
-und Kosmologie einen materialistischen Charakter. Die Seele z. B. wurde
-von ihnen körperlich oder als ein Accidens des Körpers aufgefasst,
-und das göttliche Wesen als ein menschlicher Körper vorgestellt. Den
-bildlichen Gott-Vater der Christen verabscheute die Religionslehre
-und Kunst der Muslime, aber abgeschmackte Grübeleien über die Gestalt
-Allah's gab es im Islam die Fülle. Einige gingen so weit, ihm sämtliche
-Körperglieder zuzusprechen, nur mit Ausnahme des Bartes und anderer
-Privilegien orientalischer Männer.
-
-Es ist unmöglich, all die dialektischen Sekten, die oft zunächst
-als politische Parteien aufgetreten waren, ausführlicher zu
-besprechen. Von philosophiegeschichtlichem Standpunkte genügt es auch,
-die mutazilitischen Hauptlehren, insoweit sie ein allgemeines Interesse
-beanspruchen dürfen, hier vorzuführen.
-
-4. Die erste Frage nun betraf menschliches Handeln und menschliches
-Schicksal. Die Vorläufer der Mutaziliten, Qadariten genannt,
-lehrten die Willensfreiheit des Menschen. Auch noch in späterer
-Zeit, als ihre Spekulation sich mehr auf theologisch-metaphysische
-Probleme richtete, wurden die Mutaziliten immer zuerst bezeichnet
-als Anhänger der göttlichen Gerechtigkeit, die kein Böses verursache
-und nach seinem Verdienste den Menschen belohne oder strafe, dann
-aber, an zweiter Stelle, als Bekenner der Einheit Gottes, d. h. der
-Eigenschaftslosigkeit seines Wesens, an sich betrachtet. Auf die
-systematische Darstellung ihrer Lehren werden die Logiker (s. IV,
-2 § 1) ihren Einfluss ausgeübt haben. Schon in der ersten Hälfte
-des zehnten Jahrhunderts fing das mutazilitische System mit dem
-Einheitsbekenntnis an und war die Lehre von Gottes Gerechtigkeit, die
-sich in allen seinen Werken kund gebe, an die zweite Stelle gerückt.
-
-Mit der Behauptung der Willensfreiheit sollte die menschliche
-Verantwortlichkeit, sowie die Heiligkeit Gottes, der nicht die sündigen
-Handlungen der Menschen unmittelbar hervorbringen könne, gerettet
-werden. Darum musste der Mensch Herr seiner Thaten sein, aber auch bloß
-dieser. Denn dass die Kraft, welche überhaupt zum Handeln befähigt,
-oder das Vermögen, sowohl Gutes als Böses zu thun, unmittelbar von
-Gott dem Menschen zukomme, wurde von wenigen bezweifelt. Daher die
-vielen, mit einer Kritik des philosophischen Zeitbegriffes verquickten,
-spitzfindigen Erörterungen über die Frage, ob das von Gott im Menschen
-geschaffene Vermögen der Handlung voraufgehe oder zeitlich damit
-zusammenfalle. Ginge nämlich die Kraft der That vorher, so müsste sie
-entweder bis zur That fortdauern, was ihrem accidentellen Charakter
-widerspreche (vgl. II, 3 § 12), oder aber schon vor der That aufhören
-zu existieren, und in diesem Falle wäre sie überhaupt entbehrlich.
-
-Vom menschlichen Handeln wurde die Spekulation weiter auf das
-Wirken der Natur übertragen. Statt Gott oder der Mensch hieß hier
-der Gegensatz Gott oder die Natur. Die hervorbringenden und zeugenden
-Kräfte der Natur wurden als Mittel oder nächste Ursachen anerkannt und
-von einigen zu erforschen gesucht. Die Natur selbst aber, wie die ganze
-Welt, war ihrer Ansicht nach ein Werk Gottes, eine Schöpfung seiner
-Weisheit. Wie die Allmacht Gottes im Sittlichen an seiner Heiligkeit
-oder Gerechtigkeit eine Schranke fand, so hier im Natürlichen an
-seiner Weisheit. Auch Übel und Böses in der Welt wurden aus der
-Weisheit Gottes, die Alles zum Besten schicke, erklärt. Erzeugnis
-oder Zweck göttlicher Thätigkeit ist es nicht. Gott könne zwar, so
-hatten Frühere behauptet, Böses und Unvernünftiges thun, er thäte es
-nur nicht. Dagegen lehrten die späteren Mutaziliten, Gott habe gar
-nicht die Macht, so etwas seinem Wesen Widerstreitendes zu thun. Von
-ihren darob entrüsteten Gegnern, die Gottes unbeschränkte Macht
-und seinen unergründlichen Willen unmittelbar in allem Handeln und
-Wirken thätig sich vorstellten, wurden sie wegen solcher Lehre mit
-den dualistischen Magiern verglichen. Der konsequente Monismus war
-auf Seiten dieser Gegner, die den Menschen und die Natur nicht neben
-und unter Gott zu Schöpfern ihrer Thaten oder Wirkungen machen möchten.
-
-5. Die Mutaziliten hatten, wie schon aus dem Vorhergehenden erhellt,
-einen anderen Gottesbegriff als die Menge und die Traditionarier. Dies
-zeigte sich nun, im Fortgange der Spekulation, besonders deutlich
-in der Lehre von den göttlichen Eigenschaften. Von Anfang an
-war im Islam die Einheit Gottes stark betont. Das hinderte aber
-nicht, dass man ihm, nach menschlicher Analogie, viele schöne
-Namen gab und mehrere Attribute beilegte. Als die vorzüglichsten
-stellten sich, gewiss unter dem Einflusse christlicher Dogmatik,
-allmählich heraus: Wissen, Macht, Leben, Wille, Rede oder Wort,
-Gesicht und Gehör. Von diesen wurden Gesicht und Gehör zuerst in
-geistigem Sinne gedeutet oder ganz beseitigt. Aber mit irgend einer
-Vielheit gleichewiger Eigenschaften schien die absolute Einheit des
-göttlichen Wesens sich nicht vertragen zu wollen. Wäre das nicht die
-Trinität der Christen, die ja auch schon die drei Personen des Einen
-göttlichen Wesens als Eigenschaften gedeutet hatten? Teils suchte
-man nun, um dieser Inkonvenienz zu entgehen, einige Eigenschaften
-aus anderen begrifflich abzuleiten und auf eine, z. B. das Wissen
-oder die Macht, zurückzuführen, teils auch sie samt und sonders als
-Zustände des göttlichen Wesens zu fassen oder mit dem Wesen selbst
-zu identifizieren, wobei denn freilich ihre Bedeutung so ziemlich
-verschwand. Mitunter wurde versucht, durch Künsteleien des sprachlichen
-Ausdrucks noch etwas davon zu retten. Während z. B. ein Philosoph,
-die Eigenschaften leugnend, behauptete, Gott sei wissend seinem Wesen
-nach, drückte ein mutazilitischer Dialektiker das so aus: Gott ist
-wissend, aber durch ein Wissen, das er selbst ist.
-
-Nach Ansicht der Traditionarier ward auf diese Weise der Gottesbegriff
-allen Inhaltes beraubt. Über negative Bestimmungen, Gott sei
-nicht wie die Dinge dieser Welt, er sei über Raum, Zeit, Bewegung
-u. s. w. erhaben, kamen die Mutaziliten kaum hinaus. Aber dass er
-Schöpfer der Welt sei, daran hielten sie fest. Wenn man auch von
-Gottes Wesen wenig aussagen konnte, aus seinen Werken glaubte man
-ihn zu erkennen.
-
-Die Schöpfung war den Mutaziliten, wie ihren Gegnern, ein absoluter
-Akt Gottes, die Weltexistenz eine zeitliche. Energisch bekämpften
-sie die Lehre von der Weltewigkeit, die, durch die aristotelische
-Philosophie gestützt, im Orient weitverbreitet war.
-
-6. Als eins von den ewigen Attributen Gottes fanden wir die Rede oder
-das Wort. Wahrscheinlich mit Anschluss an die christliche Logoslehre
-wurde nämlich die Ewigkeit des dem Propheten geoffenbarten Korans
-gelehrt. Das war nach den Mutaziliten geradezu Abgötterei, neben
-Allah an einen ewigen Koran zu glauben. Die mutazilitischen Chalifen
-verkündigten dagegen als Staatsdogma, der Koran sei geschaffen
-worden. Wer dies leugnete, wurde öffentlich bestraft. Obgleich nun
-die Mutaziliten mit diesem Dogma dem ursprünglichen Islam näher
-stehen mochten als ihre Gegner, so hat doch die Geschichte den
-letzteren Recht gegeben. Fromme Bedürfnisse waren eben mächtiger als
-logische Schlussfolgerungen. Viele Mutaziliten setzten sich, nach
-der Meinung ihrer Glaubensbrüder, über den Koran, das Wort Gottes,
-allzuleicht hinweg. Wenn es zu ihren Theorien nicht stimmte, wurde
-es aus- und umgedeutet. In Wirklichkeit galt manchem die Vernunft
-mehr als das offenbarte Buch. Aus der Vergleichung nicht nur der
-drei Offenbarungsreligionen, sondern auch dieser mit persischer
-und indischer Religionslehre und philosophischer Spekulation, ergab
-sich eine, die Gegensätze versöhnende, natürliche Religion. Aufgebaut
-wurde diese auf der Grundlage eines angeborenen, allgemeinnotwendigen
-Wissens, dass es Einen Gott gebe, der als weiser Schöpfer die Welt
-hervorgebracht und auch den Menschen mit Vernunft begabt habe,
-damit er seinen Schöpfer erkennen und Gutes und Böses unterscheiden
-könne. Dieser Natur- oder Vernunftreligion gegenüber sei dann die
-Erkenntnis der Offenbarungslehren etwas Hinzukommendes, ein erworbenes
-Wissen.
-
-Mit dieser Behauptung hatten die konsequentesten Mutaziliten sich von
-der Übereinstimmung der muslimischen Gemeinde losgesagt, sich also
-thatsächlich außerhalb des katholischen Glaubens gestellt. Anfangs
-beriefen sie sich noch auf jene Übereinstimmung. Sie konnten es thun,
-so lange die Regierung ihnen günstig gesinnt war. Es dauerte aber
-nicht lange. Bald erfuhren sie, was seitdem noch öfter erfahren wurde:
-die Völker lassen sich leichter von oben herab eine Religion als eine
-Aufklärung vorschreiben.
-
-7. Nach diesem Überblick sehen wir uns einige von den bedeutendsten
-Mutaziliten näher an, damit dem allgemeinen Bilde nicht die
-individuellen Züge fehlen.
-
-Zuerst betrachten wir Abu-l-Hudhail al-Allaf, der um die Mitte des
-neunten Jahrhunderts starb. Er war ein berühmter Dialektiker, einer
-der ersten, die der Philosophie einen Einfluss auf ihre theologischen
-Lehren gestatteten.
-
-Dass eine Eigenschaft irgendwie einem Wesen inhärieren könne, lässt
-sich nach Abu-l-Hudhail nicht denken: entweder muss sie mit dem Wesen
-identisch oder davon verschieden sein. Doch sieht er sich nach einer
-Vermittlung um. Gott ist, nach ihm, wissend, mächtig, lebendig durch
-Wissen, Macht und Leben, die sein Wesen selbst sind. Wie auch schon von
-christlicher Seite geschehen war, nennt er jene drei Bestimmungen die
-Modi (wudschuh) des göttlichen Wesens. Auch Hören, Sehen u. a. lässt
-er sich als ewig in Gott gefallen, jedoch nur mit Rücksicht auf
-die später zu schaffende Welt. Übrigens mag es ihm und anderen von
-der Zeitphilosophie Berührten leicht genug gewesen sein, diese und
-ähnliche Ausdrücke, wie das Schauen Gottes am jüngsten Tage, [10]
-spiritualistisch zu deuten, da sie ja das Sehen und Hören überhaupt
-als geistige Akte auffassten. Abu-l-Hudhail behauptete z. B., die
-Bewegung sei sichtbar, tastbar aber nicht, weil sie kein Körper sei.
-
-Nicht ewig soll nun aber der Wille Gottes sein. Im Gegenteil nimmt
-Abu-l-Hudhail absolute Willensäußerungen an, sowohl von dem wollenden
-Wesen wie von dem gewollten Gegenstande verschieden. So nimmt das
-absolute Schöpfungswort eine Mittelstellung ein zwischen dem ewigen
-Schöpfer und der geschaffenen zeitlichen Welt. Diese Willensäußerungen
-Gottes sind eine Art Mittelwesen, mit den platonischen Ideen oder
-den Sphärengeistern zu vergleichen, aber wohl mehr als immaterielle
-Kräfte, denn als persönliche Geister gedacht.
-
-Von dem absoluten Schöpfungsworte unterscheidet Abu-l-Hudhail das
-accidentelle Offenbarungswort, das sich als Befehl und Verbot, in
-materieller, räumlicher Erscheinung an die Menschen kund gibt und
-also nur für diese zeitliche Welt Bedeutung hat. Die Möglichkeit, nach
-dem göttlichen Offenbarungsworte zu leben oder dem zu widerstreiten,
-ist folglich nur in diesem Leben vorhanden. Verpflichtendes Gebot
-und Verbot setzt Willensfreiheit und die Fähigkeit danach zu handeln
-voraus. Im zukünftigen Leben dagegen gibt es keine gesetzlichen
-Verpflichtungen, somit auch keine Freiheit mehr; Alles hängt dort von
-der absoluten Bestimmung Gottes ab. Auch wird es im Jenseits keine
-Bewegung geben, denn wie die Bewegung einmal angefangen hat, muss
-sie, am Ende der Welt, aufhören zur ewigen Ruhe. An eine körperliche
-Auferstehung dürfte also Abu-l-Hudhail wohl nicht geglaubt haben.
-
-Die menschlichen Handlungen unterscheidet er in natürliche und
-sittliche oder "Handlungen der Glieder und des Herzens". Sittlich
-ist eine Handlung nur, wenn wir sie frei verrichten. Die sittliche
-That ist des Menschen selbsterworbenes Eigentum, sein Wissen dagegen
-kommt ihm von Gott her zu, teils durch Offenbarung, teils durch
-natürliche Erleuchtung. Schon vor aller Offenbarung ist der Mensch
-von Natur verpflichtet, also auch wohl im Stande, Gott zu erkennen,
-Gutes und Böses zu unterscheiden, und tugendhaft, wahrhaftig und
-gerecht zu leben.
-
-8. Ein merkwürdiger Mensch und Denker ist ein jüngerer Zeitgenosse
-und, wie es scheint, Schüler des Abu-l-Hudhail, gewöhnlich Al-Nazzam
-genannt. Er starb im Jahre 845. Ein phantastischer, unruhiger,
-ehrgeiziger Mann, kein folgerichtiger, aber doch ein kühner und
-ehrlicher Denker, so hat ihn Dschahiz, einer seiner Schüler,
-uns vorgestellt. Die Leute hielten ihn für einen Verrückten oder
-einen Ketzer. Vieles in seinen Lehren berührt sich mit dem, was den
-Orientalen als Philosophie des Empedokles und Anaxagoras bekannt war
-(vgl. auch Abu-l-Hudhail).
-
-Nach der Ansicht Nazzams kann Gott überhaupt kein Böses thun, ja er
-kann nur das, was er als das Beste für seine Diener erkennt. Seine
-Allmacht reicht auch nicht weiter als die wirkliche That. Wer
-könnte ihn daran hindern, die schöne Überfülle seines Wesens zu
-verwirklichen? Einen Willen im eigentlichen Sinne, der immer ein
-Bedürfnis voraussetze, ist Gott gar nicht beizulegen. Gottes Wille ist
-vielmehr nur eine Bezeichnung für seine Thätigkeit selbst oder für die
-den Menschen erteilten Befehle. Die Schöpfung ist ein einmaliger Akt,
-mit dem Alles zugleich erschaffen, sodass Eins im Andern enthalten
-ist und im Laufe der Zeit die verschiedenen Exemplare von Mineralien,
-Pflanzen und Tieren, sowie die vielen Adamskinder, nach und nach aus
-ihrem latenten Zustande in die Erscheinung treten.
-
-Mit den Philosophen verwirft Nazzam die Atomenlehre (s. II, 3 §
-12), weiß sich dann aber das Durchlaufen einer bestimmten Strecke,
-wegen der unendlichen Teilbarkeit des Raumes, nur durch Sprünge zu
-erklären. Statt aus Atomen lässt er die körperlichen Substanzen aus
-Accidenzen zusammengesetzt sein. Wie sich Abu-l-Hudhail die Inhärenz
-von Eigenschaften in einem Wesen nicht denken konnte, so kann sich
-Nazzam das Accidens nur als die Substanz selbst oder als einen Teil
-der Substanz vorstellen. So ist das Feuer oder das Warme z. B. latent
-im Holze vorhanden, wird aber frei, wenn durch Reibung sein Antagonist,
-das Kalte, verschwindet. Es findet dabei eine Bewegung oder Umsetzung,
-aber keine qualitative Veränderung statt. Die sinnlichen Qualitäten,
-wie Farben, Geschmäcke und Gerüche, sind nach Nazzam Körper.
-
-Auch die Seele oder den Geist des Menschen fasst er als einen feinen
-Körper auf. Freilich ist die Seele des Menschen vorzüglichster Teil,
-sie durchdringt den Körper, ihr Organ, ganz und ist der wirkliche,
-wahrhafte Mensch zu nennen. Gedanken und Strebungen werden als
-Bewegungen der Seele definiert.
-
-In Glaubenssachen und Gesetzesfragen verwirft Nazzam sowohl die
-Übereinstimmung der Gemeinde als auch die analogische Interpretation
-des Rechtes, und beruft sich, schiitisch, auf den unfehlbaren
-Imam. Er hält es für möglich, dass alle Muslime eine irrige Lehre
-übereinstimmend zulassen, wie z. B. dass Mohammed im Unterschiede von
-anderen Propheten eine Mission für die ganze Menschheit habe. Gott
-sendet aber jeden Propheten zur ganzen Menschheit.
-
-Übrigens teilt Nazzam in Bezug auf die Erkenntnis Gottes und
-der sittlichen Pflichten durch die Vernunft die Ansicht des
-Abu-l-Hudhail. Von der unnachahmbaren Vortrefflichkeit des Korans ist
-er nicht sonderlich überzeugt. Es soll das ewige Wunder des Korans
-nur darin bestehen, dass die Zeitgenossen Mohammeds davon abgehalten
-wurden, dem Koran Ähnliches hervorzubringen.
-
-Von der muslimischen Eschatologie hat er wohl nicht viel
-gehalten. Wenigstens löst sich für ihn die Höllenqual in einen
-Verbrennungsprozess auf.
-
-9. Aus der Schule Nazzams werden uns viele synkretistische Lehren
-überliefert, alle ohne Originalität. Von den Männern, die aus ihr
-hervorgegangen, ist der berühmteste der Schöngeist und Naturphilosoph
-Dschahiz (gest. 869), der vom echten Gelehrten verlangte, er solle das
-Studium der Theologie mit dem der Naturwissenschaft verknüpfen. In
-allen Dingen spürt er die Wirkungen der Natur, in diesen aber einen
-Hinweis auf den Schöpfer der Welt. Die menschliche Vernunft ist im
-Stande, den Schöpfer zu erkennen und ebenso das Bedürfnis nach einer
-prophetischen Offenbarung einzusehen. Des Menschen Verdienst ist nur
-sein Wollen, denn einerseits sind alle seine Thaten im Naturgeschehen
-verflochten, und andererseits ist sein ganzes Wissen notwendig von
-oben bestimmt. Doch scheint dem Wollen, das aus dem Wissen abgeleitet
-wird, keine große Bedeutung zuzukommen. Wenigstens wird der Wille
-im göttlichen Wesen ganz negativ gefasst, d. h. Gott wirke niemals
-unbewusst und mit Missfallen an seinem Werke.
-
-In alldem ist wenig Eigenes. Das Mittelmaß ist sein ethisches Ideal,
-aber auch seines Geistes Geschick. Nur im Kompilieren seiner vielen
-Schriften ist Dschahiz unmäßig gewesen.
-
-10. Bei den älteren Mutaziliten überwiegen die ethischen und
-naturphilosophischen Erwägungen; bei den späteren gewinnen
-logisch-metaphysische Betrachtungen das Übergewicht. Besonders
-neuplatonische Einflüsse sind hier zu verspüren.
-
-Muammar, dessen Lebenszeit nicht näher bestimmt wird (etwa um 900
-anzusetzen), hat manches mit den Obengenannten gemeinsam. Aber weit
-nachdrücklicher leugnet er die Existenz göttlicher Eigenschaften,
-die der absoluten Einheit des Wesens widersprechen. Gott ist über jede
-Vielheit hinaus. Er kennt weder sich selbst noch ein Anderes, denn das
-Wissen würde in ihm eine Vielheit voraussetzen. Auch ist er überewig zu
-nennen. Dennoch ist er als Schöpfer der Welt anzuerkennen. Freilich
-hat er nur Körper geschaffen, und diese schaffen selbst, sei es
-durch Naturwirkung, sei es mit Willen, ihre Accidenzen. Die Zahl
-dieser Accidenzen ist unendlich, denn sie sind ihrem Wesen nach
-nichts weiter als die begrifflichen Beziehungen des Denkens. Muammar
-ist Conceptualist. Bewegung und Ruhe, Gleichheit und Verschiedenheit
-u. s. w. sind nichts an sich, sondern haben nur eine begriffliche oder
-ideelle Wirklichkeit. Die Seele, die das wahre Wesen des Menschen sein
-soll, wird als eine Idee oder eine immaterielle Substanz gefasst. Wie
-sie sich dann zum Körper und zu dem göttlichen Wesen verhalte, wird
-nicht klargestellt. Die Überlieferung ist verworren.
-
-Des Menschen Wille ist frei, das Wollen eigentlich seine einzige
-That. Denn die äußere Handlung gehört dem Körper (vgl. Dschahiz).
-
-Die Schule von Bagdad, der Muammar anzugehören scheint, war
-conceptualistisch. Mit Ausnahme der allgemeinsten Bestimmungen,
-denen des Seins und des Werdens, ließ sie die Universalien nur als
-Begriffe Bestand haben. Näher dem Realismus stand Abu Haschim von
-Basra (gest. 933). Gottes Eigenschaften, sowie die Accidenzen oder
-Gattungsbegriffe überhaupt, fasste er als ein Mittleres zwischen Sein
-und Nichtsein auf. Er nannte sie Zustände oder Modi. Als Erfordernis
-alles Wissens bezeichnete er den Zweifel. Ein naiver Realist war
-er nicht.
-
-Auch mit dem Nichtsein trieben mutazilitische Denker ein dialektisches
-Spiel. Es werde gedacht, es müsse also dem Nichtsein wie dem Sein
-eine Art Wirklichkeit zukommen, folgerte man. Versucht doch der Mensch
-eher das Nichts zu denken, als dass er überhaupt nicht denke.
-
-11. Im neunten Jahrhundert hatten sich im Kampfe gegen die
-Mutaziliten mehrere dialektische Systeme ausgebildet, von denen
-u. a. das karramitische sich lange über das zehnte Jahrhundert hinaus
-erhielt. Aus den Reihen der Mutaziliten aber erstand der Mann, der
-die Gegensätze zu vermitteln berufen war, und der das zunächst im
-Osten, später im ganzen Islam als orthodox anerkannte Lehrsystem
-aufstellte. Es war al-Aschari (873-935), der es verstand, Gotte zu
-geben, was Gottes, und dem Menschen, was des Menschen ist. Den groben
-Anthropomorphismus der antimutazilitischen Dialektiker wies er ab,
-Gott über alles Körperliche und Menschliche hinausrückend, ihm aber
-seine Allmacht und Allwirksamkeit lassend. Die Natur büßte bei ihm alle
-ihre Wirksamkeit ein, dem Menschen aber wurde ein gewisses Verdienst
-vorbehalten, darin bestehend, dass er den von Gott in ihm geschaffenen
-Handlungen seine Zustimmung erteilen, sich dieselben als seine Thaten
-aneignen könne. Auch wurde dem Menschen sein sinnlich-geistiges Wesen
-nicht verkümmert. Er durfte hoffen auf die Auferstehung des Fleisches
-und das Schauen Gottes. Was die koranische Offenbarung betrifft,
-unterschied Aschari zwischen einem ewigen Worte in Gott und dem in
-der Zeit geoffenbarten Buche, wie wir es besitzen.
-
-Bei der Ausführung seiner Lehren zeigte sich Aschari in keiner Weise
-originell, sondern er fasste nur Gegebenes vermittelnd zusammen,
-was denn nicht ohne Widersprüche gelingen wollte. Die Hauptsache
-jedoch war, dass seine Kosmologie, Anthropologie und Eschatologie,
-zur Erbauung frommer Seelen, nicht allzu weit von dem Wortlaute der
-Tradition sich entfernten, und dass seine Theologie, infolge einer
-etwas vergeistigten Auffassung Gottes, auch höher Gebildete nicht
-ganz unbefriedigt ließ.
-
-Aschari stützt sich auf die Offenbarung des Korans. Eine davon
-unabhängige Vernunfterkenntnis in Bezug auf göttliche Dinge erkennt
-er nicht an. Die Sinne sollen im allgemeinen nicht täuschen, dagegen
-wohl unser Urteil. Zwar erkennen wir Gott mit unserer Vernunft,
-aber nur aus der Offenbarung, der einzigen Quelle solchen Wissens.
-
-Gott ist nun, nach Aschari, zunächst der allmächtige Schöpfer. Ferner
-ist er allwissend, er weiß, was die Menschen thun und was sie thun
-wollen, was geschieht und wie das, was nicht geschieht, wenn es
-geschähe, geschehen wäre. Dazu kommen Gott alle Bestimmungen zu, die
-irgend eine Vollkommenheit ausdrücken, nur dass sie Gott in einem
-anderen, höheren Sinne eignen als den Geschöpfen. In Schöpfung und
-Erhaltung der Welt ist Gott die einzige Ursache; alles Weltgeschehen
-rührt fortwährend unmittelbar von ihm her. Der Mensch aber ist
-sich des Unterschiedes zwischen seinen unwillkürlichen Bewegungen,
-wie Zittern und Beben, und seiner mit Willen und Wahl ausgeführten
-Handlungen wohl bewusst.
-
-12. Das Eigentümlichste, was die Dialektik der Muslime ausgebildet hat,
-ist ihre Atomenlehre. Die Entwicklung dieser Lehre liegt noch fast ganz
-im Dunkeln. Schon von Mutaziliten, besonders aber von deren Gegnern
-vor Aschari ist sie vertreten worden. Unsere Darstellung zeigt, wie
-sie sich in der ascharitischen Schule erhalten, zum Teil vielleicht
-erst ausgebildet hat.
-
-Die Atomenlehre der muslimischen Dialektiker hat ihre Quelle
-allerdings in griechischer Naturphilosophie, aber ihre Aufnahme
-und Weiterbildung sind von den Bedürfnissen theologischer Polemik
-und Apologetik bestimmt, wie sich dies ähnlich bei einzelnen Juden
-und bei gläubigen Katholiken beobachten lässt. Dass man, im Islam,
-den Atomismus aufgegriffen habe, nur weil Aristoteles ihn bekämpfte,
-ist nicht wohl glaublich. Wir haben hier einen verzweifelten Kampf
-um ein religiöses Gut zu verzeichnen, dabei die Waffen nicht gewählt
-werden. Der Zweck entscheidet. Die Natur soll nicht aus sich selbst
-heraus, sondern aus einem göttlichen Schöpfungsakte erklärt; nicht als
-eine ewige göttliche Ordnung, sondern als ein Geschöpf vergänglichen
-Daseins diese Welt angesehen werden. Als freiwirkender, allmächtiger
-Schöpfer soll Gott gedacht und benannt werden, nicht als unpersönliche
-Ursache oder ruhender Urgrund. An der Spitze der muslimischen Dogmatik
-steht daher seit alter Zeit die Schöpfungslehre als ein Zeugnis gegen
-die heidnisch-philosophische Ansicht von der Ewigkeit der Welt und
-von den Wirkungen der Natur.
-
-Was wir von der Sinnenwelt wahrnehmen, so reden diese Atomisten, sind
-vorübergehende Accidenzen, die jeden Augenblick kommen und gehen. Das
-Substrat dieses Wechsels sind die (körperlichen) Substanzen, die,
-weil in oder an ihnen Veränderungen vorgehen, nicht unveränderlich
-gedacht werden können. Sind sie, die Substanzen, veränderlich,
-dann können sie auch nicht dauerhaft sein, denn Ewiges ändert
-sich nicht. Folglich ist Alles in der Welt, da Alles sich ändert,
-entstanden, von Gott erschaffen.
-
-Das ist der Ausgangspunkt. Von der Veränderlichkeit alles Existierenden
-wird geschlossen auf den ewigen, unveränderlichen Schöpfer. Die
-Späteren aber schließen, unter dem Einfluss muslimischer Philosophen,
-von der Kontingenz oder Possibilität alles Endlichen auf das
-notwendig-existierende Wesen Gottes.
-
-Kehren wir zur Welt zurück. Sie besteht aus Accidenzen und deren
-Substrate, die Substanzen. Substanz und Accidens oder Qualität sind die
-zwei Kategorien, mittelst derer die Wirklichkeit begriffen wird. Die
-übrigen Kategorien fallen entweder unter die der Qualität oder lösen
-sich in Verhältnisse und Denkbestimmungen auf, denen, objektiv,
-nichts entspricht. Die Materie als Möglichkeit ist nur im Denken,
-die Zeit ist nichts anderes als Koexistenz verschiedener Gegenstände
-oder simultane Beziehung der Vorstellung, und Raum und Größe kommen
-zwar den Körpern zu, nicht aber den einzelnen Teilen (Atomen), aus
-denen die Körper zusammengesetzt sind.
-
-Was von den Substanzen überhaupt ausgesagt werden kann, sind
-Accidenzen. Ihre Anzahl ist, an jeder einzelnen Substanz, zahlreich
-oder gar, wie einige behaupten, unendlich, da von beliebigen
-gegensätzlichen Bestimmungen, zu denen auch die negativen gehören,
-jeder Substanz entweder die eine oder die andere zukomme. Das negative
-Accidens hat um nichts weniger Realität als das positive. Gott schafft
-auch die Privation und die Vernichtung, wofür es denn freilich
-nicht leicht ist, das Substrat ausfindig zu machen. Und da jedes
-Accidens immer nur seinen Sitz in irgend einer Substanz haben kann,
-und nicht in einem anderen Accidens, so gibt es in Wirklichkeit kein
-Allgemeines, mehreren Substanzen Gemeinsames. Die Universalien sind
-in keiner Weise in den Einzeldingen, sie sind Begriffe.
-
-Somit gibt es keine Verbindung zwischen den Substanzen, sie stehen
-getrennt für sich als Atome, die einander gleich sind. Eigentlich
-haben sie eine größere Ähnlichkeit mit den Homöomerien des Anaxagoras
-als mit den kleinsten Stoffteilchen der Atomisten. Sie sind an sich
-unräumlich (ohne makan), haben aber ihren Ort (hajjiz) und füllen durch
-ihre Position den Raum aus. Es sind also unausgedehnte, punktuell
-gedachte Einheiten, aus denen die räumliche Körperwelt aufgebaut
-wird. Zwischen ihnen soll es ein Leeres geben, denn sonst wäre, da
-die Atome nicht in einander eindringen, jede Bewegung unmöglich. Alle
-Veränderung aber wird auf Vereinigung und Trennung, Bewegung und
-Ruhe zurückgeführt. Sonstige, wirksame Beziehungen zwischen den
-Atomen-Substanzen gibt es nicht. Sie sind einmal da und freuen sich
-ihres Daseins, haben aber gar nichts mit einander zu thun. Die Welt
-ist eine diskontinuierliche Masse, ohne lebendige Wechselwirkung.
-
-Das Altertum hatte dieser Auffassung vorgearbeitet, u. a. auch mit
-seiner Lehre von dem diskontinuierlichen Charakter der Zahl. Wurde
-die Zeit nicht als die Zahl der Bewegung definiert? Warum sollte
-man nun nicht jene Lehre auf Raum, Zeit und Bewegung übertragen? Die
-Dialektiker thaten es, und es mag auch die Skepsis der Alten dabei
-mitgewirkt haben. Wie die substanzielle Körperwelt wurden auch Raum,
-Zeit und Bewegung in Atome ohne Ausdehnung, in Momente ohne Dauer
-zerlegt. Die Zeit wird eine Aufeinanderfolge von vielen einzelnen
-Jetzt, und zwischen je zwei Zeitmomenten gibt es ein Leeres. Ebenso
-verhält es sich mit der Bewegung: zwischen je zwei Bewegungen gibt es
-eine Ruhe. Eine schnelle und eine langsame Bewegung besitzen dieselbe
-Geschwindigkeit, nur hat die letztere mehr Ruhepunkte. Um dann aber
-über den leeren Raum, das unausgefüllte Zeitmoment und die Ruhepause
-zwischen zwei Bewegungen hinauszukommen, wird die Lehre vom Sprunge
-benutzt. Von Raumpunkt zu Raumpunkt soll die Bewegung, von Moment zu
-Moment die Zeit weiterspringen.
-
-Diese phantastische Lehre brauchte man eigentlich gar nicht. Sie
-war eine Antwort auf naives Fragen. Konsequent hatte man die ganze
-räumlich-zeitlich bewegte Körperwelt in Atome mit deren Accidenzen
-zerstückt. Wohl behaupteten einige, dass zwar die Accidenzen jeden
-Augenblick schwinden, die Substanzen dagegen dauernden Bestand haben,
-aber andere machten da keinen Unterschied. Wie die Accidenzen, so
-lehrten sie, bestehen auch die Substanzen, die ja Raumpunkte sind,
-nur einen Zeitpunkt. Jeden Augenblick schafft Gott die Welt aufs neue,
-sodass ihr jetziger Zustand weder mit dem unmittelbar vorhergehenden
-noch mit dem gleich folgenden in irgend einem wesentlichen
-Zusammenhange steht. Es gibt also eine Reihe aufeinander folgender
-Welten, die sich nur scheinbar als eine Welt darstellen. Dass es für
-uns so etwas wie Zusammenhang oder Kausalität in den Erscheinungen
-gibt, rührt nur daher, dass es Allah nach seinem unergründlichen
-Willen heut oder morgen nicht beliebt, die Gewohnheit des Geschehens
-durch ein Wunder zu unterbrechen, was er aber jeden Augenblick zu thun
-im Stande ist. Wie aller Kausalzusammenhang nach dem atomistischen
-Kalam verschwindet, wird sehr gut durch das klassische Beispiel
-vom schreibenden Menschen ausgedrückt. Gott schafft nämlich in ihm,
-und zwar an jedem Zeitpunkte aufs neue, zuerst den Willen, dann das
-Vermögen zu schreiben, darauf die Bewegung der Hand, und endlich die
-Bewegung der Feder. Eins ist dabei völlig unabhängig von dem Andern.
-
-Wenn man nun dagegen einwendet, dass mit der Kausalität oder der
-Regelmäßigkeit des Weltgeschehens auch die Möglichkeit alles Wissens
-aufgehoben sei, so erwidert der gläubige Denker, Allah wisse ja Alles
-vorher schon, er schaffe nicht nur die Dinge der Welt und was sie zu
-wirken scheinen, sondern auch das Wissen darum in der menschlichen
-Seele, und wir brauchen nicht weiser zu sein als Er. Er weiß es
-am besten.
-
-Allah und die Welt, Gott und der Mensch, über diese Gegensätze konnte
-die muslimische Dialektik nicht hinaus kommen. Außer Gott gibt es
-nur Platz für körperliche Substanzen und deren Accidenzen. Das
-Dasein menschlicher Seelen als unkörperlicher Substanzen, sowie
-überhaupt die Existenz reiner Geister, beides von Philosophen und,
-weniger bestimmt, von einigen Mutaziliten gelehrt, wollte nicht
-recht stimmen zu der muslimischen Lehre von der Transcendenz Gottes,
-der keinen Genossen hat. Die Seele gehört zu der Körperwelt. Leben,
-Empfindung, Beseeltheit sind ebenso Accidenzen wie Farbe, Geschmack
-und Geruch, Bewegung und Ruhe. Einige nehmen nur ein Seelenatom an,
-nach anderen sind mehrere feine Seelenatome unter die Körperatome
-gemischt. Das Denken haftet jedenfalls an einem einzigen Atom.
-
-13. Nicht alle guten Muslime konnten sich bei der Dialektik
-beruhigen. Der fromme Diener Gottes möchte doch auf andere Weise
-seinem Herrn etwas näher kommen. Dieses Bedürfnis, schon anfangs im
-Islam vorhanden, durch christliche und persisch-indische Einflüsse
-verstärkt und unter entwickelteren Kulturverhältnissen mächtig
-angewachsen, hat im Islam eine Reihe von Erscheinungen hervorgerufen,
-die man als Mystik und Sufismus [11] zu bezeichnen pflegt. In dieser
-Entwicklung eines muslimischen Heiligenwesens und Mönchtums hat sich
-die Geschichte christlicher Mönche und Klöster in Syrien und Ägypten,
-auch diejenige indischer Büßer wiederholt. Im Grunde haben wir es hier
-also mit religiöser oder geistiger Praxis zu thun. Aber die Praxis
-spiegelt sich immer im Denken, sie erhält ihre Theorie. Man bedurfte,
-um ein intimeres Verhältnis mit der Gottheit zu Stande zu bringen,
-vielfach symbolischer Handlungen und vermittelnder Personen. Diese nun
-versuchten es, sich und den Eingeweihten die Geheimnisse der Symbole
-zu enthüllen und außerdem ihre eigene vermittelnde Stellung in der
-Stufenordnung des Alls zu begründen. Besonders neuplatonische Lehren,
-teilweise aus der trüben Quelle des Pseudo-Dionysios des Areopagiten
-und des heiligen Hierotheos (Stephen bar Sudaili?) mussten dazu
-herhalten. Auch scheint der indische Yoga, wenigstens in Persien,
-bedeutend eingewirkt zu haben. Meistens hielt sich die Mystik in
-den Schranken der Orthodoxie, die immer auch verständig genug war,
-Dichtern und Schwärmern etwas nachzusehen. In Bezug auf die Lehre,
-dass Gott alles in allem wirke, waren Dialektiker und Mystiker
-einverstanden. Dass aber Gott auch alles in allem sei, wurde von der
-extremen Mystik hinzugefügt. Daraus entwickelte sich ein heterodoxer
-Pantheismus, der die Welt zum leeren Scheine und das menschliche Ich
-zum Gotte machte. So wird die Einheit Gottes zur Alleinheit, seine
-Allwirksamkeit zur Allwesenheit. Höchstens gibt es außer Gott noch die
-Eigenschaften oder Zustände der sufischen zu Ihm sich hinbewegenden
-Seele. Eine Psychologie des Gefühles wird von sufischen Lehrern
-entwickelt. Während, nach ihnen, unsere Vorstellungen von außen an
-die Seele herankommen und unsere Strebungen eine Veräußerlichung des
-Inneren bedeuten, besteht das wahre Wesen unserer Seele aus gewissen
-Zuständen oder Gefühlen der Lust und Unlust. Das wesentlichste
-von allen ist die Liebe. Weder Furcht noch Hoffnung, sondern die
-Liebe erhebt uns zu Gott. Kein Wissen und kein Wollen, sondern die
-Vereinigung mit dem Geliebten heißt Seligkeit.
-
-Weit gründlicher als von den Dialektikern wird von diesen Mystikern
-die Welt, und schließlich auch die Menschenseele vernichtet. Von
-jenen ist sie der schaffenden Willkür, von diesen dem erleuchtenden,
-liebenden Wesen Gottes zum Opfer dargebracht worden. In der Sehnsucht
-nach dem Einen Geliebten wird die verwirrende Mannigfaltigkeit
-der Dinge, wie sie unseren Sinnen und der Vorstellung erscheint,
-abgestreift. Alles wird, im Sein wie im Denken, auf einen Punkt
-konzentriert. Als Gegensatz denke man sich echtes Griechentum. Dort
-wünschte man sich die Zahl der Sinne größer, um etwas mehr von dieser
-schönen Welt erkennen zu können. Diese Mystiker aber schelten die
-Vielheit der Sinne, weil sie Verwirrung in ihr Glück hineinbringt.
-
-Doch macht die menschliche Natur sich überall geltend. Jene Welt und
-Sinnen entsagenden Männer schwelgen oft bis in ein hohes Alter hinein
-in den sinnlichsten Phantasien.
-
-Dass viele sich gar wenig um die Glaubenslehre kümmerten, und dass die
-asketische Moral der Sufis öfter in das Gegenteil sich verwandelte,
-braucht uns nach alledem nicht zu wundern.
-
-Die Entwicklung des Sufismus im einzelnen zu verfolgen, ist mehr eine
-Aufgabe für die Religions- als für die Philosophiegeschichte. Auch
-finden wir die philosophischen Elemente, die darin aufgenommen wurden,
-bei den muslimischen Philosophen, denen wir im folgenden begegnen
-werden.
-
-
-
-
-4. Litteratur und Geschichte.
-
-1. Arabische Poesie und Annalistik haben sich unabhängig von
-Schulgelehrsamkeit ausgebildet. Im Laufe der Zeit aber wussten
-Litteratur und Geschichtschreibung sich nicht von fremden Einflüssen
-rein zu erhalten. Mit einigen Andeutungen, dies zu erhärten, müssen
-wir uns hier begnügen.
-
-Einen Bruch mit der poetischen Tradition des Arabertums, wie ihn
-das Christentum in der germanischen Welt verursachte, bedeutete
-die Einführung des Islam nicht. Schon die weltliche Litteratur
-der Omajjadenzeit überlieferte viele Weisheitssprüche, zum Teil
-aus der altarabischen Poesie, die der Koranpredigt Konkurrenz
-machten. Abbasidenchalife, wie Mansur, Harun und Mamun, waren
-litterarisch gebildeter als Karl der Große. Ihre Söhne wurden nicht nur
-mit Koranlektüre erzogen, sondern auch mit den alten Dichtern und der
-Volksgeschichte bekannt gemacht. Dichter und Litteraten wurden an die
-Höfe gezogen und fürstlich belohnt. Dort erfuhr dann die Litteratur
-den Einfluss gelehrter Bildung und philosophischer Spekulation, wenn
-auch in den meisten Fällen recht oberflächlich. Dies zeigt sich vor
-allem in skeptischen Äußerungen, frivoler Verspottung des Heiligsten
-und Verherrlichung des Sinnengenusses. Daneben aber drangen weise
-Sprüche, ernste Betrachtungen, mystische Spekulationen in die anfangs
-nüchtern-realistische Poesie der Araber ein. Statt der sinnlichen
-Frische der Darstellung trat ein ermüdendes Spiel mit Gedanken und
-Gefühlen, wenn nicht gar mit leeren Worten, Metren und Reimen, ein.
-
-2. Der hässliche Abu-l-Atahia (748-828) redet in seiner süßlichen
-Poesie fast immer von unglücklicher Liebe und Verlangen nach dem
-Tode. Seine Weisheit spricht er in diesen Versen aus:
-
-
- Lass nach dem Zweifel den Verstand sich richten:
- Vor Sünde schützt am besten das Verzichten.
-
-
-Wer nur einiges Verständnis für das Leben und für Naturpoesie besitzt,
-wird sich an seinen Weltentsagungsgedichten ebensowenig erfreuen
-können, wie an den der Form nach zwar epigrammatischen, dem Inhalte
-nach aber furchtbar langweiligen Versen des Mutanabbi (905-965),
-den man wohl als den größten arabischen Dichter gefeiert hat.
-
-Ebenso hat man über Gebühr Abu-l-Ala al-Maarri (973-1058) als
-philosophischen Dichter erhoben. Seine, mitunter ganz ehrenwerten
-Gesinnungen und verständigen Ansichten sind weder Philosophie noch ist
-der gekünstelte und oft banale Ausdruck dafür Poesie. Als Philologe
-oder Historiker hätte dieser Mann bei günstigeren Verhältnissen (er
-war blind und nicht übermäßig reich) vielleicht in der niederen Kritik
-etwas leisten können. Nun aber muss er statt Begeisterung für das Leben
-freudenlose Entsagung predigen, an den politischen Verhältnissen,
-den Anschauungen der gläubigen Menge und den wissenschaftlichen
-Behauptungen der Gelehrten herumnörgeln, ohne selbst etwas
-Positives aufstellen zu können. Es fehlt ihm fast ganz die Gabe der
-Kombination. Analysieren kann er, aber er findet keine Synthese. Sein
-Wissen ist unfruchtbar. Der Baum seiner Erkenntnis hat die Wurzeln in
-der Luft, wie er selbst in einem seiner Briefe, wohl in anderem Sinne,
-eingesteht. Er lebt als strenger Cölibatär und Vegetarianer, wie es
-sich für einen Pessimisten geziemt. Es ist ja Alles, wie er in seinen
-Gedichten ausspricht, eitel Tand. Das Geschick ist blind, die Zeit
-verschont weder den König, der des Lebens genießt, noch den Frommen,
-der seine Nächte durchwacht. Auch der widervernünftige Glaube löst
-uns des Daseins Rätsel nicht. Was es hinter dem bewegten Himmel geben
-mag, bleibt uns ewig verborgen. Religionen, welche da eine Aussicht
-eröffnen, sind vom Eigennutz erfunden. Allerhand Sekten und Parteiungen
-werden von den Mächtigen benutzt, ihre Gewalt zu sichern. Die Wahrheit
-darüber darf man nur leise sagen. Darum ist es das klügste, sich von
-der Welt entfernt zu halten, uneigennützig Gutes zu thun, weil dies
-tugendhaft und schön ist, ohne irgendwelche Aussicht auf Belohnung.
-
-Andere Schöngeister hatten eine praktischere Philosophie und wussten
-sich besser in der Welt geltend zu machen. Sie huldigten der klugen
-Lehre des Theaterdirektors aus Goethes Faust: Wer vieles bringt, wird
-manchem etwas bringen. Der vollendetste Typus dieser Art ist Hariri
-(1054-1122), dessen Held, der Bettler und Landstreicher Abu Zaid von
-Serug als höchste Weisheit lehrt:
-
-
- Hetze, statt gehetzt zu werden;
- Welt ist all ein Wald für Hatzen.
- Wenn der Falke dir entgangen,
- Nimm fürlieb nur mit dem Spatzen;
- Und erhältst du nicht den Thaler,
- So begnüg' dich mit dem Batzen. [12]
-
-
-3. Wie die Poesie, so zeichnete sich auch die Annalistik der alten
-Araber durch scharfe Erfassung des Einzelnen aus, war aber einer
-Gesamtauffassung der Ereignisse nicht fähig. Mit der gewaltigen
-Ausdehnung des Reiches erweiterte sich dann der Blick. Zunächst wurde
-ein großes Material gesammelt. Mehr als die religiösen Pilgerzüge
-förderten Reisen zur Sammlung von Traditionen, zum Zwecke der
-Verwaltung und des Handels, oder auch zur Befriedigung der Neugier
-unternommen, das geschichtliche und geographische Wissen. Eigentümliche
-Methoden der Forschung, auf den Wert der Überlieferung als Quelle
-unseres Wissens sich beziehend, wurden ausgearbeitet. Mit derselben
-Subtilität, wie in der Grammatik, ein ausgedehntes Feld der Beobachtung
-ins Unendliche einteilend, mehr arabeskenhaft als übersichtlich,
-bildete sich so eine Logik der Geschichte aus, die dem orientalischen
-Auge um vieles schöner erscheinen musste als das aristotelische
-Organon in seinem strengen Aufbau. Von vielen wurde die Überlieferung,
-mit deren Beglaubigung man es in der Regel praktisch weniger genau
-nahm als in der Theorie, dem Sinnenzeugnisse gleichgesetzt, und dem
-Verstandesurteile, das ja so leicht Fehlschlüsse zulasse, vorgezogen.
-
-Es gab aber immer Leute, die unparteiisch sich widersprechende Berichte
-neben einander überlieferten. Andere, obgleich mit Schonung für die
-Gefühle und Bedürfnisse der Gegenwart, hielten ihr mehr oder weniger
-begründetes Urteil über Vergangenes nicht zurück, wie es denn oft
-leichter ist, aus der Geschichte als aus dem Leben klug zu werden.
-
-Neue Gegenstände der Forschung, neue Betrachtungsweisen traten
-hinzu. Die Erdkunde nahm, z. B. in der Klimatogeographie,
-Naturphilosophisches auf, die Geschichtsschreibung zog auch das
-geistige Leben, Glauben und Sitte, Litteratur und Wissenschaft in den
-Bereich ihrer Darstellung. Die Bekanntschaft mit anderen Ländern und
-Völkern forderte vielfach zum Vergleiche auf. Und es kam also ein
-internationales, humanistisches Element herein.
-
-4. Ein Vertreter humanistischer Sinnesweise ist Masudi (gest. etwa
-956). Er hat Interesse und Verständnis für Alles, was menschlich
-ist. Überall lernt er von den Menschen, denen er begegnet, und
-infolgedessen ist die Bücherlektüre, die seine Einsamkeit ausfüllt,
-nicht unfruchtbar. Weder die enge Praxis des Lebens und Glaubens,
-noch die luftigen Spekulationen der Philosophie sagen ihm zu. Er
-kennt sein Talent. Und er findet bis zuletzt, wenn er fern von der
-Heimat in Ägypten sein Alter verbringt, seinen Trost, die Medizin
-seiner Seele, in dem Studium der Geschichte. Die Geschichte ist ihm
-die allesumfassende Wissenschaft, seine Philosophie, die die Wahrheit
-dessen, was war und ist, darzustellen hat. Auch die Weltweisheit mit
-ihrer Entwicklung wird der Geschichte zum Gegenstande. Ohne diese
-wäre ja alles Wissen längst zu Grunde gegangen. Denn die Gelehrten
-kommen und gehen, aber die Geschichte verzeichnet ihre Geistesthaten
-und stellt dadurch die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart
-her. Ohne Vorurteil berichtet sie über die Ereignisse und über die
-Ansichten der Menschen. Freilich, die Synthese der Thatsachen und die
-eigene Meinung des Verfassers herauszufinden, das überlässt Masudi
-oft dem verständigen Leser.
-
-Nach ihm darf rühmend hervorgehoben werden der Geograph Maqdasi (oder
-Muqaddasi, schrieb im Jahre 985), der viele Länder durchreiste und
-in den verschiedensten Berufen auftrat, das Leben seiner Zeit kennen
-zu lernen. Er ist ein wahrer Abu Zaid von Serug (vgl. II, 4 § 2),
-nur dass er einen Zweck hat.
-
-Kritisch geht er ans Werk. Er hält sich zu der Wissenschaft, die man
-durch Forschen und Nachfragen, nicht durch Traditionsglauben oder
-reine Vernunftschlüsse gewinnt. Was Geographisches im Koran steht,
-erklärt er sich aus dem engen Gesichtskreise der Araber, dem Allah
-sich anbequemt haben soll.
-
-Sine ira et studio beschreibt er nun die Länder und Völker, die er mit
-eigenen Augen sah. Er will an erster Stelle Selbsterlebtes darstellen,
-dann was er von glaubwürdigen Leuten vernommen, und endlich was er in
-Büchern gefunden. Aus seiner Selbstcharakteristik sind die folgenden
-Sätze zusammengezogen:
-
-"Ich habe allgemeine Bildung und Pflichtenlehre unterrichtet, bin
-als Prediger aufgetreten und habe von dem Minarete der Moscheen
-den Gebetsruf erschallen lassen. Gelehrten Sitzungen und frommen
-Übungen habe ich beigewohnt. Ich habe Suppe mit den Sufis, Brei mit
-den Mönchen und Schiffskost mit den Matrosen gegessen. Manchmal war
-ich die Eingezogenheit selbst, dann wieder aß ich verbotene Speisen
-gegen mein besseres Wissen. Ich ging mit den Einsiedlern des Libanons
-um und dann wieder lebte ich am fürstlichen Hofe. Kriege habe ich
-mitgemacht, auch saß ich gefangen und wurde als Spion in den Kerker
-geworfen. Mächtige Fürsten und Minister gaben mir Gehör, dann schloss
-ich mich wieder einer Räuberbande an oder saß als Kleinhändler auf
-dem Markte. Viel Ehren und Ansehen genoss ich, aber ebenso musste
-ich Schimpfworte hören und mich zum Eide erniedrigen, als ich der
-Ketzerei oder schlechter Handlungen verdächtigt ward." [13]
-
-Wir sind heutigen Tages gewöhnt, uns den Orientalen in beschaulicher
-Ruhe, Glauben und Sitte der Väter ergeben, vorzustellen. Ganz richtig
-ist die Vorstellung nicht. Aber weit weniger als zu der gegenwärtigen
-Lage stimmt sie zu der Verfassung des Islam in den ersten vier
-Jahrhunderten, als dieser sich anschickte, den Besitz nicht nur der
-äußeren Güter der Welt, sondern auch der geistigen Errungenschaften
-der Menschheit zu ergreifen.
-
-
-
-
-
-
-
-
-III. DIE PYTHAGOREISCHE PHILOSOPHIE.
-
-
-1. Die Naturphilosophie.
-
-1. Euklid und Ptolemäus, Hippokrat und Galen, einiges von Aristoteles,
-dazu ein umfangreiches neupythagoreisches und neuplatonisches
-Schrifttum, damit sind die Elemente der arabischen Naturphilosophie
-bezeichnet. Es ist eine Popularphilosophie, die, besonders durch die
-Sabier von Harran vermittelt, bei Schiiten und anderen Sekten Aufnahme
-fand, und die in der Folge nicht nur höfische Kreise, sondern auch eine
-ganze Masse von Gebildeten und Halbgebildeten ergriff. Einzelheiten
-aus den Schriften des "Logikers" Aristoteles wurden aufgenommen, aus
-der Meteorologie, aus der ihm zugeschriebenen Schrift Über die Welt,
-aus dem Buch der Tiere, der Psychologie u. s. w., aber der Geist
-des Ganzen ist von Pythagoras-Platon, von Stoikern und von späten
-Astrologen und Alchemisten bestimmt. Menschliche Neugierde und frommer
-Sinn, die Gottes Geheimnisse aus seinen Geschöpfen herauslesen möchten,
-gehen dabei über das praktische Bedürfnis, das etwas Rechenkunst für
-die Verteilung der Erbschaft und für den Handel, auch etwas Astronomie
-für die Zeitbestimmung gottesdienstlicher Verrichtungen brauchte,
-weit hinaus. Von überall her holt man sich seine Weisheit herbei. Es
-bekundet sich darin eine Gesinnung, die von Masudi richtig formuliert
-wurde: es sei das Gute anzuerkennen, ob es sich beim Feinde oder beim
-Freunde finde. Sollte doch Ali, der Fürst der Gläubigen, gesagt haben:
-"Die Weltweisheit ist das verirrte Schaf des Gläubigen, nimm es wieder
-auf, wenn auch von den Ungläubigen".
-
-2. Der Patron mathematischer Studien im Islam ist Pythagoras. Zwar wird
-Griechisches und Indisches gemischt, aber Alles unter neupythagoreische
-Gesichtspunkte gestellt. Ohne das Studium der mathematischen
-Disziplinen: Arithmetik und Geometrie, Astronomie und Musik, wird
-Keiner, so heißt es, zum Philosophen oder gebildeten Arzt. Die
-Zahlenlehre, höher geschätzt als die Messkunde, weil sie weniger zur
-Anschauung spricht und den Geist dem Wesen der Dinge näher bringen
-soll, gibt zu den ausschweifendsten Spielereien Veranlassung. Gott ist
-selbstverständlich die große Eins, von der Alles ausgeht, selbst keine
-Zahl, sondern Ursache der Zahl. Vor allem aber wird die Vierzahl, die
-Zahl der Elemente u. s. w., von den Naturphilosophen bevorzugt. Bald
-kann man über nichts im Himmel und auf Erden mehr reden und schreiben,
-es sei denn in viergliedrigen Sätzen und viergeteilten Abhandlungen.
-
-Von der Mathematik kam man schnell und leicht zur Astronomie und
-Astrologie hinüber. Die altorientalische Praxis, die man vorfand,
-wurde schon von den Hofastrologen der Omajjaden, eingehender aber am
-abbasidischen Hofe weitergeführt. Man gelangte dabei zu Spekulationen,
-die dem Offenbarungsglauben zuwiderliefen und deshalb von den Hütern
-der Religion niemals gebilligt werden konnten. Für den Gläubigen
-bestand nur der Gegensatz: Gott und Welt, oder dieses Leben und das
-zukünftige. Für den Astrologen aber gab es zwei Welten, eine himmlische
-und eine irdische, und Gott und das Jenseits lagen in weiter Ferne. Je
-nachdem nun das Verhältnis zwischen den Himmelskörpern und den Dingen
-unter dem Monde vorgestellt wurde, bildete sich eine verständige
-Astronomie oder eine phantastische Astrologie heraus. Ganz frei vom
-astrologischen Wahne waren nur wenige. Solange nämlich das ptolemäische
-System die Wissenschaft beherrschte, war es einem gänzlich Ungebildeten
-leichter, den Unsinn zu verspotten, als es dem gelehrten Forscher
-war, ihn zu überwinden. War ihm doch diese Erde mit ihren Lebewesen
-ein Erzeugnis himmlischer Kräfte, ein Abglanz himmlischen Lichtes,
-ein Nachklang der ewigen Sphärenharmonie. Wer nun den Sternen-
-und Sphärengeistern Vorstellung und Willen zuschrieb, ließ sie die
-Stelle der göttlichen Vorsehung vertreten, führte auf ihre Thätigkeit
-also Gutes und Böses zurück und suchte aus dem Stande ihrer Körper,
-mittelst derer sie nach dauernden Gesetzen auf das Irdische wirken, die
-zukünftigen Ereignisse zu erkunden. Andere freilich bezweifelten diese
-Vorsehung zweiter Ordnung, sei es aus Erfahrungs- und Vernunftgründen,
-sei es aus dem peripatetischen Glauben, dass die seligen himmlischen
-Wesen reine denkende Geister seien, über Vorstellung und Willen, somit
-über alle sinnliche Besonderheit erhaben, sodass ihre fürsorgliche
-Wirkung nur das Wohl des Ganzen bezwecke, niemals aber auf die
-Einzelpersönlichkeit oder das Einzelgeschehen sich beziehen könne.
-
-3. Auf dem Gebiete der Naturwissenschaften haben muslimische
-Gelehrte ein reiches Material zusammengebracht, zu einer wirklich
-wissenschaftlichen Behandlung ist es aber kaum irgendwo gekommen. In
-den einzelnen Naturwissenschaften, deren Ausbildung hier nicht
-verfolgt werden kann, hielt man sich an überlieferten Systemen. Um
-die Weisheit Gottes und die Wirkungen der Natur, die als eine Kraft
-oder eine Emanation der Weltseele gefasst wurde, zu ergründen,
-wurden alchemistische Versuche angestellt, die Zauberkräfte der
-Talismane geprüft, die Einflüsse der Musik auf Tier- und Menschenseele
-erforscht, physiognomische Beobachtungen gemacht, die Wunder des
-Schlaf- und Traumlebens, der Wahrsagerei und Prophetie zu deuten
-versucht u. s. w. Im Mittelpunkt des Interesses stand natürlich der
-Mensch als Mikrokosmos, der sämtliche Elemente und Kräfte des Alls
-in sich vereinigen soll. Als das Wesentliche am Menschen galt die
-Seele. Ihr Verhältnis zur Weltseele und ihr zukünftiges Los waren
-Gegenstände der Forschung. Aber auch über die Vermögen der Seele und
-deren Lokalisierung in Herz und Hirn wurde viel spekuliert. Einige
-hielten sich an Galen, andere gingen über ihn hinaus und ließen den
-fünf äußeren Sinnen fünf innere entsprechen, eine Lehre, die, nebst
-ähnlichen Naturgeheimnissen, auf Apollonius von Tyane zurückgeführt
-wurde.
-
-Es versteht sich, dass bei dem Studium der mathematischen
-und naturwissenschaftlichen Disziplinen die verschiedensten
-Verhaltungsweisen gegenüber den Religionslehren möglich waren. Doch
-wurden die propädeutischen Wissenschaften, sobald sie selbständig
-auftraten, dem Glauben immer gefährlich. Mit der Astronomie verband
-sich leicht die Annahme von der Weltewigkeit, von einer ungeschaffenen
-Materie, von Ewigkeit her bewegt. Und wenn die Himmelsbewegung ewig,
-dann wohl auch der irdische Wechsel. Ewig sind, so wird von manchem
-gelehrt, alle Reiche der Natur, ewig ist auch das Menschengeschlecht
-und dreht sich im Kreise herum. Nichts Neues gibt es auf der Welt, wie
-alles Andere wiederholen sich Ansichten und Begriffe der Menschen. Was
-nur möglicherweise gethan, behauptet, gewusst werden kann, ist schon
-dagewesen und wird einmal wieder da sein.
-
-Darüber ließ sich nun trefflich reden und klagen, ohne dass die
-Wissenschaft viel dadurch gefördert wurde.
-
-4. Etwas nützlicher schien die Wissenschaft der Medizin zu sein, die
-aus naheliegenden Gründen von den hohen Herren begünstigt wurde. Nicht
-am wenigsten ihretwegen beauftragten die Chalifen so viele Männer
-mit dem Übersetzen griechischer Werke. Kein Wunder also, dass der
-Einfluss mathematisch-naturwissenschaftlicher Lehren, sowie der Logik,
-auch in die Medizin eindrang. Der alte Mediziner war geneigt, sich mit
-hergebrachten Zauberformeln und anderen von der Erfahrung erprobten
-Mitteln zu begnügen. Aber die moderne Gesellschaft des neunten
-Jahrhunderts forderte vom Arzte philosophisches Wissen. Er sollte die
-"Naturen" der Nahrungs-, Genuss- und Heilmittel, die Mischungen des
-Körpers und in jedem Falle die Einwirkungen der Gestirne kennen. Der
-Arzt war der Bruder des Astrologen, dessen Wissen ihm imponierte,
-weil es einen erhabeneren Gegenstand hatte als die medizinische
-Praxis. Er sollte beim Alchemisten in die Schule gehen und nach
-mathematisch-logischen Methoden seine Kunst ausüben. Es genügte den
-Bildungsfanatikern des neunten Jahrhunderts nicht, dass der Mensch
-nach dem Qijas, d. h. logisch richtig zu sprechen, zu glauben und sich
-zu benehmen hatte, er musste sich außerdem nach dem Qijas kurieren
-lassen. Wie über die Grundlagen der Glaubens- und Pflichtenlehre,
-wurde, am Hofe Wathik's (842-847), über die Prinzipien der Medizin in
-gelehrten Sitzungen disputiert. Es fragte sich nämlich, mit Anlehnung
-an eine galenische Schrift, ob die Medizin auf Überlieferung,
-Erfahrung oder Vernunfterkenntnis beruhe, oder aber ob sie durch
-logische Deduktion (Qijas) auf mathematisch-naturwissenschaftliche
-Sätze sich stütze.
-
-5. Die hier flüchtig skizzierte Naturphilosophie galt den meisten
-Gelehrten des neunten Jahrhunderts als Philosophie schlechthin, im
-Gegensatz zu der theologischen Dialektik, und wurde als pythagoreisch
-bezeichnet. Auch in das zehnte Jahrhundert ging sie hinüber und ihr
-bedeutendster Vertreter wurde der berühmte Arzt Razi (gest. 923 oder
-932). Dieser war in Rai geboren und mathematisch gebildet und hatte
-dann mit großem Fleiße Medizin und Naturphilosophie studiert. Der
-Dialektik war er abhold, er kannte die Logik nur bis zu den
-kategorischen Figuren der ersten Analytik. Nachdem er als Direktor
-des Krankenhauses seiner Vaterstadt und in Bagdad thätig gewesen war,
-ging er auf Reisen und hielt sich an verschiedenen Fürstenhöfen auf,
-u. a. bei dem Samaniden Mansur ibn Ishaq, dem er ein medizinisches
-Werk widmete.
-
-Vom ärztlichen Berufe und dem dazu erforderlichen Studium hat Razi
-eine hohe Meinung. Die tausendjährige Weisheit der Bücher schätzt
-er mehr als die Erfahrungen des Einzelnen in einem kurzen Leben,
-zieht aber diese den nicht erfahrungsmäßig erprobten Folgerungen der
-"Logiker" vor.
-
-Das Verhältnis zwischen Leib und Seele denkt er sich von der Seele
-bestimmt. Es sollen also die Zustände und Leiden der Seele aus der
-Physiognomie sich erkennen lassen, der Mediziner soll zugleich
-Seelenarzt sein. Er verfasste darum auch eine geistige Medizin,
-eine Art Diätetik der Seele. Um die Vorschriften des muslimischen
-Gesetzes, das Weinverbot u. s. w., kümmerte er sich dabei nicht. Sein
-Libertinismus scheint ihn aber zum Pessimismus geführt zu haben. Er
-fand nämlich mehr Übel als Gutes in der Welt und bezeichnete die Lust
-als Abwesenheit von Unlust.
-
-Wie hoch Razi den Aristoteles und Galen schätzte, um ein tieferes
-Verständnis ihrer Werke hat er sich doch nicht sonderlich
-bemüht. Eifrig betrieb er die Alchemie, seiner Ansicht nach eine
-in der Existenz einer Urmaterie begründete wirkliche Kunst, die den
-Philosophen unerlässlich sei, glaubte auch, sie wäre von Pythagoras,
-Demokrit, Platon, Aristoteles und Galen ausgeübt worden. Entgegen
-der peripatetischen Lehre nahm er an, der Körper habe das Prinzip
-der Bewegung in sich selbst, was allerdings ein fruchtbarer Gedanke
-in der Naturwissenschaft hätte werden können, wenn er anerkannt und
-weiter ausgebildet worden wäre.
-
-Razis Metaphysik geht aus von alten Lehren, die seine Zeitgenossen
-dem Anaxagoras, Empedokles, Mani u. A. zuschrieben. An der Spitze
-seines Systems stehen fünf gleichewige Prinzipien, der Schöpfer,
-die Universalseele, die erste oder Urmaterie, der absolute Raum
-und die absolute Zeit oder ewige Dauer. Damit sind die notwendigen
-Bedingungen der wirklich existierenden Welt gegeben. Die einzelnen
-Sinneswahrnehmungen setzen überhaupt eine Materie voraus, wie
-die Zusammenfassung verschiedener wahrgenommener Gegenstände einen
-Raum. Die wahrgenommenen Veränderungen zwingen uns ferner zur Annahme
-einer Zeit. Die Existenz lebendiger Wesen führt uns auf eine Seele,
-und dass einige von diesen lebendigen Wesen mit Vernunft begabt sind,
-d. h. befähigt, die Künste zur höchsten Vollkommenheit zu bringen,
-dies nötigt uns an einen weisen Schöpfer zu glauben, dessen Vernunft
-alles aufs beste angeordnet hat.
-
-Trotz der Ewigkeit seiner fünf Prinzipien spricht Razi also von einem
-Schöpfer und gibt auch eine Schöpfungsgeschichte. Zuerst nämlich wurde
-ein einfaches, reines, geistiges Licht erschaffen, die Materie der
-Seelen, welche lichtartige, einfache, geistige Substanzen sind. Jene
-Lichtmaterie oder die Oberwelt, aus der die Seelen herkamen, heißt auch
-Vernunft oder Licht vom Lichte Gottes. Dem Lichte folgt der Schatten,
-aus dem, zum Dienste der vernünftigen Seele, die animalische Seele
-geschaffen wird. Zugleich aber mit dem einfachen, geistigen Lichte
-war schon anfangs ein zusammengesetztes da, das ist der Körper, aus
-dessen Schatten nun die vier Naturen, Wärme und Kälte, Trockenheit
-und Feuchtigkeit, hervorgehen. Aus diesen vier Naturen werden zuletzt
-sämtliche himmlische und irdische Körper gebildet. Aber das Alles
-geschieht von Ewigkeit her, ohne zeitlichen Anfang, denn Gott war
-nie ohne Thätigkeit.
-
-Dass Razi Astrolog war, versteht sich nach dem Gesagten von selbst. Die
-Himmelskörper bestehen ja nach ihm aus denselben Elementen wie die
-irdischen Dinge und diese sind den Einwirkungen jener fortwährend
-ausgesetzt.
-
-6. Razi hatte sich nach zwei Seiten hin polemisch zu verhalten. Er
-bekämpfte einerseits die muslimische Einheit Gottes, die keine ewige
-Seele, Materie, Raum und Zeit neben sich duldet, andererseits aber
-wendete er sich gegen das dahritische System, das keinen Weltschöpfer
-anerkennt. Dieses System, das von muslimischen Schriftstellern öfter,
-mit dem gehörigen Abscheu natürlich, erwähnt wird, scheint, wenn auch
-zahlreiche, doch keine bedeutende Vertreter gefunden zu haben. Die
-Anhänger des Dahr (s. I, 2 § 2) werden als Materialisten, Sensualisten,
-Atheisten, Anhänger der Seelenwanderung u. s. w. uns vorgeführt,
-aber Genaueres über ihre Lehren erfahren wir nicht. Die Dahriten
-hatten jedenfalls nicht das Bedürfnis, alles Seiende auf ein Prinzip
-zurückzuführen, das geistigen Wesens und schaffenden Wirkens war. Und
-eines solchen Prinzipes bedurfte die muslimische Philosophie, sollte
-sie sich mit der Glaubenslehre auch nur einigermaßen vertragen. Dazu
-eignete sich die Naturphilosophie nicht, weil diese mehr Interesse
-zeigte für die mannigfachen und oft gegensätzlichen Wirkungen der
-Natur als für den Einen Urgrund des Alls. Besser aber erfüllte diesen
-Zweck der neuplatonische Aristotelismus, dessen logisch-metaphysische
-Spekulation darauf ausging, alles Seiende auf ein höchstes Sein
-zurückzuführen oder alle Dinge aus einem obersten Wirkungsprinzip
-abzuleiten. Doch bevor wir uns dieser Richtung des Denkens, die schon
-im neunten Jahrhundert sich zu zeigen anfing, zuwenden, haben wir
-noch über einen Versuch zu berichten, die Naturphilosophie mit den
-Lehren des Glaubens zu einer Religionsphilosophie zu verschmelzen.
-
-
-
-
-2. Die treuen Brüder von Basra.
-
-1. Im Orient, wo jede Religion einen Staat im Staate bildete, trat
-eine politische Partei, schon damit sie überhaupt Anhänger gewinne,
-immer zugleich als religiöse Sekte auf. Prinzipiell kannte nun der
-Islam keinen Unterschied zwischen den Menschen, keine Kasten oder
-Stände. Aber Besitz und Bildung haben überall dieselbe Wirkung. Und
-in ihrem Gefolge fing man an, Grade der Frömmigkeit und Stufen der
-Erkenntnis aufzustellen, danach Gemeinde oder Partei sich einteilen
-ließe. So entstanden geheime Gesellschaften mit verschiedenen Graden,
-deren höchster oder nächsthöchster eine Geheimlehre besaß, die
-der neupythagoreischen Naturphilosophie manches entlehnte. Zu ihrem
-Zwecke, Eroberung politischer Macht, war jedes Mittel erlaubt. Für die
-Eingeweihten wurde der Koran allegorisch ausgelegt. Zwar führte man
-diese geheime Weisheit auf Propheten mit biblischen und koranischen
-Namen zurück, es steckten aber heidnische Philosophen dahinter. Die
-Philosophie wurde ganz zu einer politischen Mythologie umgebildet. Die
-hohen Geister und Seelen, die theoretische Denker in Gestirnen
-und Planeten erkannten, verkörperten sich für die Realpolitik in
-menschliche Wesen, denen zur Gründung eines irdischen Reiches der
-Gerechtigkeit behülflich zu sein, als religiöse Pflicht verkündigt
-ward. Man kann die Gesellschaften, die solches betrieben, am besten
-mit Vereinen vergleichen, wie sie bis auf den Saint-Simonismus und
-verwandte Erscheinungen dieses Jahrhunderts, in Ländern, wo die
-Geistesfreiheit beschränkt ist, aufzutreten pflegen.
-
-Urheber einer solchen Bewegung war, in der zweiten Hälfte des
-neunten Jahrhunderts, das Haupt der Karmatenpartei, Abdallah
-ibn Maimun. Er war ein persischer Augenarzt, in der Schule der
-Naturphilosophen gebildet. Gläubige und Freidenker wusste er in einen
-Bund zusammenzuschließen, um den Versuch zu machen, die abbasidische
-Regierung zu stürzen. Dem Einen war er ein Gaukler, dem Andern ein
-frommer Asket oder ein gelehrter Philosoph. Seine Farbe war weiß,
-weil seine Religion die des reinen Lichtes, zu dem die Seele nach
-ihren irdischen Wanderungen aufsteigen sollte. Verachtung des Körpers,
-Geringschätzung der materiellen, allen Bundesbrüdern gemeinsamen Güter
-wurde gepredigt, sowie Hingebung an den Bund, Treue und Gehorsam bis
-in den Tod gegen seine Oberen. Denn der Bund stufte sich in Graden
-ab. Nach der Stufenfolge des Seins, Gott, Vernunft, Seele, Raum und
-Zeit, stellte man sich die Offenbarung Gottes in der Geschichte und
-in der Verfassung seines Bundes vor.
-
-2. Die Hauptstätten der karmatischen Wirksamkeit waren Basra
-und Kufa. Nun aber finden wir in der zweiten Hälfte des zehnten
-Jahrhunderts in Basra eine kleine Gesellschaft von Männern, deren
-Bund vier Grade haben soll. Inwiefern es den Brüdern gelungen ist,
-die ideelle Gliederung ihres Bundes zu verwirklichen, wissen wir
-freilich nicht. Dem ersten Grade gehören die jungen Männer von 15 bis
-30 Jahren an, deren Seelen in natürlicher Weise ausgebildet werden. Als
-Schüler haben sie sich ganz ihren Lehrern zu fügen. Der zweite Grad
-(30-40 Jahre) wird in die Weltweisheit eingeführt und bekommt eine
-analoge Erkenntnis der Dinge. Im dritten Grade (40-50 Jahre) wird
-das göttliche Weltgesetz in adäquater Form erkannt, es ist das die
-Stufe der Propheten. Im höchsten Grade endlich, wenn man über 50 Jahre
-hinaus ist, erlebt man, wie die seligen Engel, die wahre Wirklichkeit
-der Dinge. Man ist da über Natur, Lehre und Gesetz erhaben.
-
-Aus diesem Brüderbunde ist uns eine stufenmäßig fortschreitende
-Encyklopädie der damaligen Wissenschaften erhalten. Sie besteht
-aus 51 (ursprünglich vielleicht 50) Abhandlungen, die inhaltlich
-verschiedener Art und Herkunft sind, sodass es den Redaktoren oder
-Compilatoren nicht gelungen ist, eine durchgängige Übereinstimmung
-herzustellen. Im allgemeinen aber findet sich in dieser Encyklopädie
-ein eklektischer Gnostizismus auf naturphilosophischer Grundlage mit
-politischem Hintergrunde. Mit mathematischen Betrachtungen, voll
-Zahlen- und Buchstabenspiel hebt die Darstellung an, durch Logik
-und Physik, aber Alles auf die Seele und ihre Kräfte beziehend,
-schreitet sie fort, um endlich in mystisch-zauberischer Weise sich
-der Erkenntnis der Gottheit zu nähern. Das Ganze stellt sich als die
-Lehre einer verfolgten Sekte dar, ab und zu blickt das Politische
-hindurch. Wir sehen noch etwas von Leiden und Kampf, von Bedrückungen,
-denen die Männer dieser Encyklopädie oder ihre Vorgänger ausgesetzt
-waren, von Hoffnung, die sie hegen, von Duldung, die sie predigen. Sie
-suchen in dieser spiritualistischen Philosophie Trost oder Erlösung,
-sie ist ihre Religion. Treu bis zum Tode, heißt es, sollen die Brüder
-sein, denn für der Freunde Wohl in den Tod zu gehen, das ist der wahre
-heilige Krieg. Auf der Pilgerfahrt des Lebens durch diese Welt, so wird
-die verpflichtete Reise nach Mekka allegorisiert, soll Einer dem Andern
-mit allen Mitteln beistehen. Die Reichen sollen von ihren materiellen,
-die Weisen von ihren geistigen Gütern den Anderen mitteilen. Doch ist
-das Wissen, wie wir es in der Encyklopädie haben, wohl hauptsächlich
-den Eingeweihten der höchsten Grade vorbehalten worden.
-
-Es scheint nun allerdings dieser Bund der treuen Brüder von Basra,
-wie vielleicht eine Zweigniederlassung in Bagdad, ein stilles
-Dasein geführt zu haben. Die Brüder mögen sich zu den Karmaten etwa
-verhalten haben wie die ruhigeren Taufgesinnten zu den revolutionären
-Wiedertäufern des Königs von Sion.
-
-Als Mitglieder des Bundes und Verfasser der Encyklopädie werden uns
-von Späteren genannt: Abu Sulaiman Mohammed ibn Muschir al-Busti,
-genannt al-Muqaddasi, Abu-l-Hasan Ali ibn Harun al-Zandschani,
-Mohammed ibn Achmed al-Nahradschuri, al-Aufi und Zaid ibn Rifaa. Zur
-Zeit ihres Wirkens hatte das Chalifat seine weltliche Macht schon ganz
-dem schiitischen Bujidenhause (945) abtreten müssen. Wahrscheinlich
-begünstigte dieser Umstand das Hervortreten mit einer Encyklopädie,
-in der schiitische und mutazilitische Lehren mit den Ergebnissen der
-Philosophie zu einem populären System zusammengefasst waren.
-
-3. Die Brüder bekennen sich selbst zum Eklektizismus. Sie wollen
-die Weisheit aller Völker und Religionen sammeln. Noah und Abraham,
-Sokrates und Platon, Zoroaster und Jesus, Mohammed und Ali sind ihre
-Propheten. Sokrates, Jesus und seine Apostel, sowie die Aliden,
-werden als heilige Märtyrer ihres Vernunftglaubens verehrt. Das
-Religionsgesetz in seinem buchstäblichen Sinne heißt gut für den
-gemeinen Mann, eine Medizin für schwache und kranke Seelen; für starke
-Geister aber ist die tiefere philosophische Einsicht. Der Körper wird
-dem Tode geweiht, Sterben bedeutet Auferstehen zum reinen Leben des
-Geistes, für diejenigen nämlich, die schon während ihres Erdendaseins
-durch philosophische Betrachtungen aus sorglosem Schlummer und
-thörichtem Schlaf erwacht sind. Mit endlosen Wiederholungen, durch
-Legenden und Sagen spätgriechischer, jüdisch-christlicher, persischer
-oder indischer Herkunft, wird dieses eingeschärft. Alles Vergängliche
-wird dabei zum Gleichnis. Auf den Trümmern der positiven Religion und
-der naiven Ansicht baut sich eine spiritualistische Philosophie auf,
-alles Wissen und Streben der Menschheit, sofern es in den Gesichtskreis
-der Brüder getreten ist, umfassend. Der Zweck ihres Philosophierens
-heißt das Gottähnlichwerden der Seele, soweit es Menschen möglich ist.
-
-In der Darstellung treten, aus begreiflichen Gründen, die negativen
-Tendenzen der Brüder etwas zurück. Am rücksichtslosesten aber tritt
-ihre Kritik der menschlichen Gesellschaft und der positiven Religionen
-hervor in dem Buche vom Tier und Mensch, wo die Einkleidung es ihnen
-ermöglicht, die Tiere sagen zu lassen, was aus menschlichem Munde zu
-hören, bedenklich werden könnte.
-
-4. Der eklektische Charakter und die in den Unterteilen wenig
-systematische Art der Darstellung erschwert es, die Philosophie der
-Brüder einheitlich zu entwickeln. Doch sollen hier die wichtigsten
-Sätze, wenn auch mitunter in loser Verknüpfung, zusammengereiht werden.
-
-Die Geistesthätigkeit des Menschen zerfällt, nach der Encyklopädie, in
-Kunst und Wissenschaft. Wissen nun ist die Form des Gewussten in der
-wissenden Seele oder eine höhere, feinere, geistigere Existenzweise
-des im Stoffe Wirklichen. Kunst dagegen ist das Hervorgehenlassen
-der Form aus der Künstlerseele in die Materie hinein. Das Wissen ist
-potentiell in der Seele des Schülers vorhanden, wird aber erst aktuell
-durch die belehrende Thätigkeit eines Meisters, der das Wissen als ein
-Wirkliches in sich trägt. Woher aber hat es der erste Meister? Nach
-den Philosophen, so antworten die Brüder, hat er es sich durch eigenes
-Nachdenken erworben, nach den Theologen durch prophetische Erleuchtung
-erhalten, nach unserer Meinung aber gibt es verschiedene Wege oder
-Vermittelungen, zum Wissen zu gelangen. Aus der Mittelstellung der
-Seele zwischen Körper- und Geisteswelt ergeben sich schon drei Wege
-oder Quellen der Erkenntnis. Die Seele erkennt nämlich das, was unter
-ihr steht, durch die Sinne, das, was über ihr ist, durch logische
-Folgerung, und endlich sich selbst durch vernünftige Betrachtung oder
-unmittelbare Anschauung. Von diesen Arten ist die Selbsterkenntnis die
-gewisseste und vorzüglichste. Das menschliche Wissen erweist sich,
-wenn es darüber hinauszugehen versucht, vielfach beschränkt. Über
-Fragen, wie Weltentstehung und Weltewigkeit, soll man deshalb nicht
-gleich philosophieren, sondern sich zunächst an dem Einfacheren
-versuchen. Und nur durch Weltentsagung und gerechten Wandel erhebt
-die Seele sich allmählich zur reinen Erkenntnis des Höchsten.
-
-5. Nach der weltlichen Bildung in Sprachwissenschaft, Poesie und
-Geschichte und nach der religiösen Erziehung und Glaubenslehre,
-soll das philosophische Studium mit den mathematischen Disziplinen
-anfangen. Alles wird hier neupythagoreisch-indisch dargestellt. Nicht
-nur die Zahlen, auch die Buchstaben werden zu kindischen Spielereien
-benutzt. Es kam da den Brüdern besonders zu statten, dass das
-arabische Alphabet 28 = 4 × 7 Buchstaben zählt. Statt nach sachlichen
-Gesichtspunkten zu verfahren, wird durch alle Wissenschaften hindurch
-nach sprachlichen Analogien und Zahlenverhältnissen phantasiert. Die
-Arithmetik untersucht nicht die Zahl als solche, sondern deren
-Bedeutsamkeit. Es wird nicht für die Erscheinungen ein zahlenmäßiger
-Ausdruck gesucht, sondern nach dem System der Zahlen werden die
-Dinge gedeutet. Die Zahlenlehre ist göttliche Weisheit, die über den
-Dingen ist, denn die Dinge sind erst den Zahlen nachgebildet. Das
-absolute Prinzip alles Seienden und Gedachten ist die Eins. Daher
-steht die Wissenschaft der Zahl am Anfang, in der Mitte und am Ende
-aller Philosophie. Die Geometrie mit ihren anschaulichen Figuren
-dient nur dazu, Anfängern das Verständnis zu erleichtern, wahre,
-reine Wissenschaft aber ist allein die Arithmetik. Doch wird auch
-die Geometrie eingeteilt in eine sinnliche, die Linien, Flächen und
-Körper zum Gegenstande hat, und eine reine oder geistige, die von den
-Dimensionen oder Eigenschaften der Dinge, Länge, Breite und Tiefe,
-handelt. Der Zweck sowohl der Arithmetik als der Geometrie ist,
-die Seele vom Sinnlichen auf das Geistige hinzuführen.
-
-Zuerst führen sie uns dann zur Betrachtung der Gestirne. In der
-Astrologie bietet nun die Encyklopädie, wie nicht anders zu erwarten
-ist, höchst phantastische, zum Teil sich widersprechende Lehren. Durch
-das Ganze geht die Überzeugung hindurch, dass die Gestirne nicht bloß
-Zukünftiges vorhersagen, sondern dass sie alles Geschehen unter dem
-Monde direkt beeinflussen oder bewirken. Sowohl Glück als Unglück
-kommt von ihnen her. Jupiter, Venus und die Sonne führen Glück,
-Saturn, Mars und der Mond dagegen Unglück herbei, und die Wirkungen
-des Merkur sind aus Gutem und Bösem gemischt. Merkur ist der Herr der
-Bildung und der Wissenschaft; ihm verdanken wir unsere Erkenntnis,
-die Gutes und Böses umfasst. So hat denn auch jeder andere Planet
-seinen eigenen Wirkungskreis, und der Mensch empfindet in seinem Leben,
-wenn er nicht vorzeitig weggerafft wird, nach und nach die Einflüsse
-sämtlicher Himmelskörper. Der Mond lässt seinen Körper wachsen
-und Merkur bildet seinen Geist aus. Dann beherrscht ihn Venus. Die
-Sonne gibt ihm Familie, Reichtum oder Herrschaft, Mars Tapferkeit
-und Edelsinn. Darauf bereitet er sich, unter Jupiters Führung, durch
-religiöse Übungen zur Reise ins Jenseits vor und gelangt unter dem
-Einflusse Saturns zur Ruhe. Viele Menschen aber leben nicht lange genug
-oder sind nicht in der Lage, ihre natürlichen Anlagen in ungestörter
-Folge zu entwickeln. Darum schickt Gott ihnen gnädig seine Propheten,
-nach deren Lehre man sich auch in kurzer Frist und unter ungünstigen
-Verhältnissen vollständig ausbilden kann.
-
-6. Nach der Encyklopädie ist der Mathematik die Logik verwandt. Wie
-nämlich die Mathematik vom Sinnlichen zum Geistigen hinführt, so nimmt
-auch die Logik eine Mittelstellung zwischen Physik und Metaphysik
-ein. Die Physik hat es mit den Körpern, die Metaphysik mit den reinen
-Geistern zu thun, die Logik aber behandelt die Begriffe dieser sowie
-die Vorstellungen jener in unserer Seele. Doch steht die Logik der
-Mathematik an Umfang und Bedeutung nach. Denn das Mathematische wird
-nicht nur als ein Mittleres, sondern auch als das Wesen des Alls
-gefasst. Hingegen bleibt die Logik ganz auf die seelischen Gebilde
-als ein Mittleres zwischen Körper und Geist beschränkt. Die Dinge
-richten sich nach den Zahlen, unsere Vorstellungen und Begriffe aber
-nach den Dingen.
-
-Die logischen Betrachtungen der Brüder knüpfen sich an Porphyrs
-Einleitung und die Kategorien, die Hermeneutik und die Analytiken
-des Aristoteles. Eigentümliches bieten sie nicht oder sehr wenig.
-
-Zu den fünf Worten des Porphyr wird als sechstes das Individuum
-hinzugefügt, wohl der Symmetrie wegen. Drei davon, Gattung,
-Art, Individuum, heißen dann objektive, und drei, Differenz,
-Proprium, Accidens, begriffliche Bestimmungen. Die Kategorien sind
-Gattungsbegriffe, von denen der erste die Substanz, die neun anderen
-deren Accidenzen bezeichnen. Durch Einteilung in Arten wird ferner das
-ganze System der Begriffe entwickelt. Außer der Einteilung aber gibt es
-noch drei logische Methoden: Analyse, Definition und Deduktion. Die
-Analyse ist die Methode für Anfänger, weil sie das Individuelle
-erkennen lässt. Subtiler aber, das Geistige uns erschließend, sind die
-Definition, welche die Arten, und die Deduktion, welche die Gattungen
-in ihrem Wesen ergründet.
-
-Über das Dasein der Dinge belehren uns die Sinne, der Dinge Wesenheit
-aber wird durch Nachdenken erkannt. Was die Sinne uns zu erkennen
-geben, ist wenig, wie die Buchstaben des Alphabets; bedeutender
-schon, wie die Worte, sind die Prinzipien der Vernunfterkenntnis;
-das Wichtigste aber sind die aus jenen Prinzipien abgeleiteten
-Sätze, die der menschliche Geist sich selbst erwirbt oder aneignet,
-im Unterschiede von demjenigen Wissen, das ihm die Natur oder die
-göttliche Offenbarung erteilt hat.
-
-7. Von Gott, dem höchsten Sein, der über alle Unterschiede und
-Gegensätze, auch des Körperlichen und Geistigen, erhaben ist, wird die
-ganze Welt auf dem Wege der Emanation abgeleitet. Wenn mitunter von
-einer Schöpfung die Rede ist, so ist das als eine Anbequemung an den
-theologischen Sprachgebrauch aufzufassen. Folgendermaßen stellt sich
-nun die Stufenreihe der emanierten Wesen dar: 1. der schaffende Geist
-(nous, `aql); 2. der leidende Geist oder die Allseele; 3. die erste
-Materie; 4. die wirkende Natur, eine Kraft der Weltseele; 5. der
-absolute Körper, auch zweite Materie genannt; 6. die Sphärenwelt;
-7. die Elemente der sublunarischen Welt; 8. die aus diesen Elementen
-zusammengesetzten Mineralien, Pflanzen und Tiere. Das sind also acht
-Wesen, die zusammen mit Gott, der absoluten Eins, die in und mit
-jedem Dinge ist, die Reihe der den neun Grundzahlen entsprechenden
-Urwesen vollenden.
-
-Geist, Seele, Urmaterie und Natur sind einfach, mit dem Körper aber
-betreten wir das Gebiet des Zusammengesetzten. Alles ist hier entweder
-Materie oder Form, Substanz oder Accidens. Die ersten Substanzen sind
-Materie und Form, die ersten Accidenzen oder Eigenschaften Raum,
-Bewegung und Zeit, denen man wohl im Sinne der Brüder den Ton und
-das Licht hinzufügen könnte. Die Materie ist eins, alle Vielheit und
-Verschiedenheit rührt von den Formen her. Die Substanz wird auch als
-die konstituierende, materielle, das Accidens als die vollendende,
-geistige Form bezeichnet. Klar spricht die Encyklopädie sich nicht
-aus. Jedenfalls aber wird die Substantialität mehr im Allgemeinen als
-im Besonderen gesucht und die Form der Materie vorgezogen. Wie ein
-Gespenst schreckt die substantielle Form von jedem Eingehen auf das
-Materielle ab. Wie Herren nach ihrer Willkür wandern die Formen durch
-die niedere Welt der Materie. Von einer inneren Beziehung zwischen
-Materie und Form ist keine Spur zu entdecken. Nicht nur gedanklich,
-sondern auch real lassen sie sich trennen.
-
-Hieraus lässt sich schon ein Begriff von der Naturgeschichte der
-Brüder bilden. Man hat sie als Darwinisten des zehnten Jahrhunderts
-hingestellt. Nichts ist weniger richtig. Zwar ergeben die verschiedenen
-Reiche der Natur, nach der Encyklopädie, eine aufsteigende und
-zusammenhängende Reihe. Aber nicht nach der Körperbildung wird
-das Verhältnis bestimmt, sondern nach der inneren Form oder der
-Seelensubstanz. In mystischer Weise wandert die Form vom Niederen zum
-Höheren und umgekehrt, nicht nach inneren Bildungsgesetzen oder durch
-Anpassung an das Äußere modifiziert, sondern nach den Einwirkungen
-der Gestirne und, wenigstens beim Menschen, nach praktischem und
-theoretischem Verhalten. Eine Entwicklungsgeschichte in modernem Sinne
-zu geben, lag den Brüdern ganz fern. Ausdrücklich betonen sie z. B.,
-Pferd und Elephant seien menschenähnlicher als der Affe, obgleich beim
-letzteren die körperliche Übereinkunft größer. Aber der Körper ist
-ja etwas ganz Nebensächliches in ihrem System, der Tod des Körpers
-heißt die Geburt der Seele. Nur die Seele ist ein wirkendes Wesen,
-das sich den Körper schafft.
-
-8. Die Naturlehre der Brüder geht demnach fast vollständig in
-Psychologie auf. Beschränken wir uns hier auf die menschliche
-Seele. Sie steht in der Mitte des Alls. Wie die Welt ein großer Mensch,
-ist der Mensch eine kleine Welt.
-
-Die menschliche Seele ist von der Weltseele emaniert, und die Seelen
-sämtlicher Individuen bilden zusammen eine Substanz, die man den
-absoluten Menschen oder den Geist der Menschheit nennen könnte. Jede
-Einzelseele aber steckt in der Materie und muss sich allmählich
-zum Geiste hinbilden. Dazu hat sie viele Vermögen oder Kräfte. Von
-diesen sind die theoretischen Vermögen die vorzüglichsten, denn in
-der Erkenntnis besteht das Leben der Seele.
-
-Die Seele des Kindes ist zunächst wie ein weißes Blatt. Was die fünf
-Sinne ihr zuführen, wird, vorn, mitten und hinten im Gehirne, erstens
-vorgestellt, zweitens beurteilt und drittens aufbewahrt. Durch das
-Vermögen der Sprache und die Schreibkunst, womit die entsprechende
-Fünfzahl innerer Sinne erreicht ist, wird dann der Vorstellungsinhalt
-verwirklicht.
-
-Unter den äußeren Sinnen geht das Gehör dem Gesichte voran, denn
-dieses bezieht sich, ein Sklave des Augenblickes, auf das sinnlich
-Gegenwärtige, dagegen das Gehör auch Vergangenes erfasst und die
-Harmonie der tönenden Sphären empfindet. Gehör und Gesicht bilden
-zusammen die Gruppe geistiger Sinne, deren Wirkung zeitlos von statten
-gehen soll.
-
-Während nun der Mensch die äußeren Sinne mit den Tieren gemein hat,
-so bekundet sich in der Urteilskraft, in der Sprache und im Handeln
-die spezifisch menschliche Vernunft. Diese urteilt über gut und
-böse, nach welchem Urteile der Wille sich entscheidet. Besonders
-aber ist die Bedeutung der Sprache für das Erkenntnisleben der Seele
-hervorzuheben. Ein Begriff, der nicht durch irgend einen Ausdruck in
-irgend einer Sprache bezeichnet werden kann, ist eben kein denkbarer
-Begriff. Das Wort ist der Körper des Gedankens, der rein für sich
-nicht bestehen kann.
-
-Wie aber diese Auffassung vom Verhältnis zwischen Begriff und Ausdruck
-zu sonstigen Meinungen der Brüder stimmen soll, ist nicht einzusehen.
-
-9. Auf ihrer höchsten Stufe wird die Lehre der Brüder
-Religionsphilosophie. Eine Versöhnung zwischen Wissenschaft und
-Leben, Philosophie und Glauben ist ihre Absicht. Da sind nun die
-Menschen sehr verschieden. Der gewöhnliche Mensch braucht einen
-sinnlichen Gottesdienst. Aber wie die Seele des gemeinen Mannes
-Tier- und Pflanzenseele unter sich hat, so stehen über ihr die
-Seele des Philosophen und des Propheten, dem sich der reine Engel
-anschließt. Auf den höheren Stufen erhebt sich die Seele auch über
-die niedere Volksreligion, deren sinnliche Vorstellungen und Gebräuche.
-
-Als die vollkommenere religiöse Offenbarung erschien den Brüdern
-wohl das Christentum, auch der zoroastrische Glaube. Unser
-Prophet Mohammed, sagen sie, wurde an ein ungebildetes Volk von
-Wüstenbewohnern geschickt, die weder von der Schönheit dieser Welt
-noch von dem geistigen Charakter der jenseitigen eine richtige
-Vorstellung besaßen. Die grobsinnlichen Ausdrücke des Korans, dem
-Verständnis jenes Volkes angepasst, sollen von den höher Gebildeten
-in spiritualistischem Sinne verstanden werden.
-
-Aber auch die anderen Volksreligionen haben die Wahrheit nicht
-rein. Über sie alle hinaus gibt es einen Vernunftglauben, für den
-die Brüder sogar eine metaphysische Ableitung versuchen. Zwischen
-Gott und sein erstes Geschöpf, den schaffenden Geist, wird als
-Hypostase das göttliche Weltgesetz (nâmûs) eingeschoben. Es ist das
-die über Alles sich erstreckende weise Anordnung eines barmherzigen
-Schöpfers, der Niemandem Böses will. Den Glauben an einen zornigen
-Gott, an Höllenstrafen und dergleichen erklären die Brüder für
-widervernünftig. Ein solcher Glaube thut der Seele weh. Die unwissende,
-sündige Seele findet schon in diesem Leben, in ihrem eigenen Leibe
-die Hölle. Auferstehung dagegen heißt die Trennung der Seele von
-ihrem Körper. Und die große Auferstehung am jüngsten Tage ist die
-Trennung der Allseele von der Welt, ihre Rückkehr zu Gott. Das Ziel
-sämtlicher Religionen ist ja die Hinwendung zu Gott.
-
-10. Die Ethik der Brüder hat einen asketisch-spiritualistischen
-Charakter, obgleich sich auch hier der Eklektizismus zeigt. Gut handelt
-nach ihr der Mensch, wenn er der richtigen Natur folgt, lobenswert
-ist die freie That der Seele, vortrefflich sind die aus vernünftiger
-Überlegung hervorgegangenen Handlungen, und einer Belohnung, d. h. der
-Erhebung zur himmlischen Sphärenwelt wert ist endlich die Befolgung des
-göttlichen Weltgesetzes. Dazu bedarf es der Sehnsucht nach oben. Die
-höchste Tugend ist deshalb die Liebe, die nach Vereinigung mit Gott,
-dem ersten Geliebten, hinstrebt, die sich aber auch in diesem Leben
-als religiöse Duldung und Schonung aller Geschöpfe bethätigt. Ihr
-Gewinn im Diesseits ist Seelenruhe, Herzensfreiheit, Frieden mit der
-ganzen Welt, und im Jenseits das Aufsteigen zum ewigen Lichte.
-
-Nach alledem braucht es uns nicht zu wundern, dass dem Leibe viel
-Schlechtes nachgesagt wird. Unser wahres Wesen heißt die Seele,
-unseres Daseins höchster Zweck soll es sein, mit Sokrates dem Geiste,
-mit Christus dem Gesetz der Liebe zu leben. Dennoch ist der Leib zu
-schonen und zu pflegen, damit die Seele Zeit habe, sich vollkommen
-zu entwickeln. In diesem Sinne wird von den Brüdern ein menschliches
-Bildungsideal aufgestellt, dessen Züge den Charakteren verschiedener
-Völker entlehnt sind. Der ideale, sittlich vollkommene Mensch soll
-nämlich ostpersischer Abstammung sein, arabisch seinem Glauben nach,
-von iraqischer (babylonischer) Bildung, erfahren wie ein Hebräer,
-ein Christusjünger in seinem Wandel, fromm wie ein syrischer Mönch,
-ein Grieche in den Einzelwissenschaften, ein Inder in der Deutung
-aller Geheimnisse, endlich aber und zuhöchst ein Sufi in seinem
-ganzen Geistesleben.
-
-11. Der Versuch einer Versöhnung, die auf diese Weise zwischen
-Wissen und Glauben sollte hergestellt werden, hat nach keiner Seite
-befriedigt. Auf die allegorische Koraninterpretation der Brüder
-blickten die theologischen Dialektiker herab, wie heutzutage
-unsere Gottesgelehrten auf die neutestamentliche Exegese des
-Grafen Tolstoi. Und die reineren Aristoteliker betrachteten
-die pythagoreisch-platonische Richtung der Encyklopädie wie
-ein heutiger Philosophieprofessor Spiritismus, Occultismus und
-derartige Erscheinungen anzusehen pflegt. Aber in der breiten
-Masse der gebildeten oder halbgebildeten Welt haben die Schriften
-oder doch die Ansichten der treuen Brüder von Basra eine bedeutende
-Wirkung erzielt, von der die vielen, meist jungen Handschriften der
-umfangreichen Encyklopädie beredtes Zeugnis ablegen. Bei vielen Sekten
-innerhalb der islamischen Welt, Batiniten, Ismaeliten, Assasinen,
-Drusen, oder wie sie sonst heißen mögen, finden wir der Hauptsache
-nach dieselben Lehren wieder. Vorzugsweise in dieser Form hat sich
-griechische Weisheit im Osten acclimatisieren können, während die
-aristotelische Schulphilosophie fast nur im Treibhause fürstlicher
-Gönner gedeihen wollte. Der große Kirchenvater Gazali that die
-Weisheit der Brüder gar leicht als Popularphilosophie ab, scheute
-sich aber nicht, von ihnen das Gute herüberzunehmen. Er verdankt ihrem
-Gedankenkreise mehr, als er wohl selbst eingestehen mochte. Auch von
-anderen, besonders in encyklopädischen Werken, sind ihre Abhandlungen
-ausgenutzt worden. Die Wirkung der Encyklopädie dauert noch fort im
-muslimischen Osten. Vergebens hat man sie, zusammen mit den Schriften
-Ibn Sina's, im Jahre 1150 zu Bagdad verbrannt.
-
-
-
-
-
-
-
-
-IV. DIE NEUPLATONISCHEN ARISTOTELIKER DES OSTENS.
-
-
-1. Kindi. [14]
-
-1. Kindi steht in mannigfachen Beziehungen zu den mutazilitischen
-Dialektikern und den neupythagoreischen Naturphilosophen seiner Zeit
-und wir hätten ihn also schon vor Razi (s. III, 1 § 5) unter den
-letzteren behandeln können. Doch hat ihn die Tradition einstimmig als
-den ersten Peripatetiker im Islam hingestellt. Mit welchem Rechte,
-wird sich, soweit es aus den wenigen mangelhaft erhaltenen Schriften
-dieses Philosophen möglich ist, im folgenden ergeben.
-
-Abu Jaqub ibn Ishaq al-Kindi (d. h. aus dem Stamme Kinda) war
-arabischer Abstammung, und wurde deshalb, im Unterschiede von seinen
-vielen nichtarabischen Genossen, die sich mit Weltweisheit abgaben,
-der arabische Philosoph genannt. Er führte seinen Stammbaum auf die
-alten Kinda-Fürsten zurück. Ob er dazu das Recht besaß, lassen wir
-dahingestellt bleiben. Jedenfalls hatte der südarabische Kindastamm
-es in der äußeren Kultur weiter gebracht als andere Stämme. Viele
-Kinditen hatten sich auch schon früh in Iraq (Babylonien) angesiedelt,
-wo dann unser Philosoph in Kufa, davon sein Vater Statthalter war,
-geboren wurde, vermutlich am Anfange des neunten Jahrhunderts. Seine
-Erziehung erhielt er wahrscheinlich teilweise in Basra, ferner in
-Bagdad, also in den Mittelpunkten der damaligen Bildung. Hier lernte
-er persische Kultur und griechisches Wissen höher schätzen als alte
-Arabertugend und muslimischen Glauben. Er behauptete sogar, wohl
-nach anderen, Kachtan, der Stammvater der Südaraber, sei ein Bruder
-Jaunan's gewesen, von dem die Griechen herstammen. So etwas konnte
-man sagen in Bagdad, am abbasidischen Hofe, wo man keine Nationalität
-kannte und die alten Griechen bewunderte.
-
-Wie lange und in welcher Stellung Kindi am Hofe weilte, ist nicht
-bekannt. Er wird als Übersetzer griechischer Werke ins Arabische
-genannt und soll die Arbeiten anderer verbessert haben, u. a. die
-sogenannte Theologie des Aristoteles. Zahlreiche Diener und Schüler,
-deren Namen uns überliefert sind, waren vermutlich unter seiner
-Aufsicht damit beschäftigt. Ferner mag er dem Hofe als Astrologe oder
-Arzt, vielleicht auch bei der Finanzverwaltung, Dienste geleistet
-haben. Später aber wurde er entfernt, als er von der orthodoxen
-Restauration unter Mutawakkil (847-861) mit betroffen ward, und seine
-Bibliothek eine Zeit lang konfisziert. In Bezug auf seinen Charakter
-sagt ihm die Überlieferung nach, er sei geizig gewesen, was übrigens
-viele andere Schöngeister und Bücherliebhaber sollen gewesen sein.
-
-Ebensowenig wie Kindi's Geburts-, ist sein Todesjahr bekannt. Er
-scheint also in Ungnaden oder doch in untergeordneter Stellung
-gestorben zu sein. Dass Masudi (s. II, 4 § 4), der ihn sehr schätzte,
-ganz darüber schweigt, ist befremdend. Höchstwahrscheinlich lebte
-er noch nach dem Jahre 870, wie aus einer seiner astrologischen
-Abhandlungen hervorgeht. Der Ablauf einer kleinen Weltperiode
-stand damals bevor, und das wurde von den Karmaten zur Stürzung des
-Fürstenhauses benutzt. Da war nun aber Kindi reichsfreundlich genug,
-den von einer Konjunktion bedrohten Bestand des Staates um etwa 450
-Jahre zu verlängern. Sein fürstlicher Gönner konnte zufrieden sein
-und die Geschichte hat sich bis auf ein halbes Jahrhundert gefügt.
-
-2. Kindi war ein Polyhistor, er hatte die ganze gelehrte Bildung
-seiner Zeit in sich aufgenommen. Als Geograph, Kulturhistoriker
-und Mediziner mag er eigene Beobachtungen angestellt und mitgeteilt
-haben, ein schöpferischer Geist ist er keinesfalls gewesen. Seine
-theologischen Ansichten zeigen mutazilitisches Gepräge. Er schrieb
-nämlich über das menschliche Vermögen zu handeln und die Zeit seines
-Entstehens, ob vor oder zugleich mit der That. Ausdrücklich betonte er
-die Gerechtigkeit und die Einheit Gottes. Gegen die damals als indisch
-oder brahmanisch bekannte Theorie, als einzige Erkenntnisquelle
-reiche die Vernunft aus, verteidigte er die Prophetie, suchte
-diese aber mit der Vernunft in Einklang zu bringen. Seine Kenntnis
-verschiedener Religionssysteme forderte ihn zur Vergleichung auf. Als
-allen gemeinsam fand er den Glauben heraus, dass die Welt das Werk
-einer ewigen einheitlichen Ursache sei, für die unser Wissen keine
-nähere Bezeichnung besitze. Es sei aber die Pflicht der Einsichtigen,
-diese Ursache als göttlich anzuerkennen. Die Gottheit selbst habe
-ihnen dazu den Weg gezeigt, auch Gesandte geschickt zum Zeugnis,
-die den Gehorsamen ewige Glückseligkeit verheißen, den Ungehorsamen
-aber entsprechende Bestrafung androhen sollen.
-
-3. Kindi's eigentliche Philosophie ist, wie diejenige
-seiner Zeitgenossen, an erster Stelle Mathematik und
-Naturphilosophie, wobei dann Neuplatonisches und Neupythagoreisches
-ineinanderfließen. Es wird nach ihm keiner Philosoph ohne das Studium
-der Mathematik. Phantastisches Spiel mit Zahlen und Buchstaben findet
-sich öfter in seinen Schriften. Er wandte auch die Mathematik auf die
-Medizin an in der Lehre von den zusammengesetzten Heilmitteln. Er
-gründete nämlich die Wirkung dieser Mittel, ähnlich derjenigen der
-Musik, auf die geometrische Proportion. Es handelt sich hier um die
-Proportionalität der sinnlichen Qualitäten: warm, kalt, trocken und
-feucht. Soll ein Heilmittel im ersten Grade warm sein, dann muss
-es das Doppelte an Wärme besitzen von der gleichmäßigen Mischung,
-im zweiten Grade das Vierfache u. s. w. Die Entscheidung darüber
-scheint Kindi dem Sinne, besonders dem Geschmacke anvertraut zu
-haben, sodass wir bei ihm eine Ahnung von der Proportionalität der
-Sinnesempfindungen hätten. Das war nun, wenn überhaupt originell,
-bei ihm wohl nichts anderes als eine mathematische Spielerei. Cardan
-aber, ein Philosoph der Renaissance, hat ihn wegen dieser Lehre noch
-zu den zwölf subtilsten Geistern gerechnet.
-
-4. Die Welt ist nach Kindi, wie oben schon gesagt, ein Werk Gottes,
-dessen Wirken aber von oben nach unten vielfach vermittelt wird. Alles
-Höhere wirkt auf das Niedere ein, nicht aber das Verursachte auf
-seine über ihm auf der Stufe des Seins stehende Ursache. In allem
-Weltgeschehen ist nun eine durchgängige Ursächlichkeit, die es uns
-ermöglicht, aus der Erkenntnis der Ursache, der Himmelskörper z. B.,
-Zukünftiges vorherzusagen. Auch haben wir an einem vollständig
-erkannten Einzelwesen einen Spiegel, darin der ganze Zusammenhang
-der Welt zu schauen.
-
-Dem Geiste gehört die höhere Wirklichkeit und alle Wirksamkeit
-an. Seinem Wunsche gemäß hat sich die Materie zu gestalten. Und
-zwischen dem göttlichen Geiste und der materiellen Körperwelt steht
-die Seele in der Mitte. Sie ist es, die die Sphärenwelt erst geschaffen
-hat. Von dieser Weltseele ist die menschliche Seele ein Ausfluss. Ihrer
-Natur nach, d. h. in ihren Wirkungen, ist die letztere an die Mischung
-ihres Körpers gebunden, aber ihrem geistigen Wesen nach ist sie davon
-unabhängig, treffen sie also auch nicht die Einwirkungen der Gestirne,
-die sich auf das Natürliche beschränken. Unsere Seele, so führt Kindi
-aus, ist eine einfache, unvergängliche Substanz, aus der Welt der
-Vernunft in die Sinnenwelt herabgekommen, aber mit Erinnerung an ihren
-früheren Zustand ausgestattet. Sie findet sich hier nicht heimisch,
-denn sie hat viele Bedürfnisse, deren Befriedigung ihr versagt bleibt,
-und die deshalb von schmerzlichen Gefühlen begleitet sind. Es ist
-eben nichts beständig in dieser Welt des Entstehens und Vergehens,
-in der man dessen, was man liebt, jeden Augenblick beraubt werden
-kann. Beständigkeit gibt es nur in der Welt der Vernunft. Wenn wir
-also unsere Wünsche erfüllt sehen wollen und nicht dessen beraubt
-werden, was uns teuer ist, so müssen wir uns den ewigen Gütern
-der Vernunft zuwenden, der Furcht Gottes, der Wissenschaft und den
-guten Werken. Wenn wir aber nur den materiellen Gütern nachgehen
-und glauben, sie uns erhalten zu können, so streben wir etwas nach,
-das in Wirklichkeit nicht existiert.
-
-5. Dieser ethisch-metaphysischen Dualität des Sinnlichen und Geistigen
-entspricht die Lehre Kindi's vom Wissen. Unsere Erkenntnis ist
-danach entweder sinnliche oder Vernunfterkenntnis; was dazwischen,
-die Phantasie oder die Vorstellungskraft, heißt mittleres Vermögen. Die
-Sinne erfassen nun das Einzelne oder die materielle Form, die Vernunft
-aber das Allgemeine, Arten und Gattungen, oder die geistige Form. Und
-wie das Wahrgenommene mit der Sinneswahrnehmung eins ist, so ist es
-auch das von der Vernunft Erfasste mit der Vernunft selbst.
-
-Zum ersten Male taucht hier nun die Lehre von der Vernunft oder
-vom Geiste (nous, `aql) in einer Gestalt auf, wie sie, nur etwas
-modifiziert, bei den späteren muslimischen Philosophen einen großen
-Platz einnimmt. Sie ist charakteristisch für den ganzen Verlauf der
-Philosophie im Islam. Wie im Universalienstreite des christlichen
-Mittelalters sich doch auch ein objectiv-wissenschaftliches Interesse
-kundgibt, so zeigt sich in den philosophischen Erörterungen der
-Muslime über den denkenden Geist vor allem das subjektive Bedürfnis
-intellektueller Bildung.
-
-Kindi unterscheidet einen vierfachen Geist [15]: erstens den Geist,
-der immer wirklich ist, die Ursache und das Wesen alles Geistigen in
-der Welt, also wohl Gott oder der erste geschaffene Geist; zweitens
-den Geist als vernünftige Anlage oder Potenz der menschlichen Seele;
-drittens als Habitus oder wirklichen Besitz der Seele, dessen sie
-sich jeden Augenblick bedienen kann, wie z. B. der Schreiber seiner
-Kunst; endlich viertens als Thätigkeit, wodurch das, was die Seele als
-ein Wirkliches in sich hat, in die äußere Wirklichkeit übergeführt
-wird. Letztere Thätigkeit scheint, nach Kindi, die eigene That des
-Menschen zu sein, während er die Überführung der Potenz zum Habitus
-oder die Verwirklichung des Möglichen von der ersten Ursache, dem
-ewigwirklichen Geiste herleitet. Den wirklichen Geist haben wir also
-von oben erhalten und es heißt der dritte `aql deshalb `aql mustafad,
-lat. intellectus adeptus sive adquisitus. Die Grundanschauung
-des Altertums, alles Wissen um die Dinge müsse von außen an uns
-herankommen, geht in dieser Form, in der Lehre vom `aql mustafad oder
-dem Geiste, den wir von oben bekommen, durch die arabische Philosophie
-und dann in die christliche hinein. Leider ist die Lehre in Bezug
-auf diese Philosophie selbst nahezu richtig. Der thätige Geist,
-der sie geschaffen, ist in Wirklichkeit der neuplatonische Aristoteles.
-
-Das Höchste, was er besitzt, hat der Mensch ja immer seinem Gotte
-oder den Göttern zugeschrieben. Muslimische Theologen schrieben der
-göttlichen Wirksamkeit unmittelbar die sittlichen Handlungen des
-Menschen zu. Nach den Philosophen aber ist das Wissen mehr als die
-That. Diese, auf die niedere, sinnliche Welt sich richtend, mag des
-Menschen Eigentum sein; sein höchstes Wissen aber, die reine Vernunft,
-kommt von oben her, vom göttlichen Wesen.
-
-Es ist klar, dass die Lehre vom Geiste, wie sie bei Kindi vorliegt,
-auf die Nus-Lehre des Alexander von Aphrodisias im zweiten Buche
-über die Seele zurückgeht. Aber Alexander behauptete ausdrücklich,
-nach Aristoteles gebe es einen dreifachen Nus. Kindi sagt dagegen, er
-stelle die Meinung des Platon und Aristoteles dar. Neupythagoreisches
-und Neuplatonisches verknüpfen sich hier. In allem muss die Vierzahl
-nachgewiesen werden, und Platon und Aristoteles sollen übereinstimmen.
-
-6. Ziehen wir die Summe. Kindi ist mutazilitischer Theolog und
-neuplatonischer Philosoph mit neupythagoreischen Zuthaten. Sokrates,
-der Märtyrer des athenischen Heidentumes, ist sein Ideal, über
-ihn, sein Schicksal und seine Lehre hat er mehrere Schriften
-verfasst. Platon und Aristoteles sucht er in neuplatonischer Weise
-zu vereinigen.
-
-Trotzdem nennt ihn die Überlieferung den ersten, der in
-seinen Schriften dem Aristoteles folgte. Nicht ganz ohne Grund
-fürwahr. In seinem langen Schriftenverzeichnisse nimmt Aristoteles
-einen hervorragenden Platz ein. Er begnügte sich nicht mit bloßem
-Übersetzen, sondern studierte die übersetzten Werke, versuchte es auch
-sie zu verbessern und zu erläutern. Die aristotelische Physik, mit der
-Erklärung des Alexander von Aphrodisias, hat jedenfalls bedeutend auf
-ihn gewirkt. Behauptungen, wie dass die Welt nicht der Wirklichkeit,
-sondern nur der Potenz nach unendlich sei, dass die Bewegung stetig
-und dergleichen mehr deuten darauf hin. Die damaligen Naturphilosophen,
-wie noch die treuen Brüder, sagten z. B., die Bewegung sei ebensowenig
-stetig wie die Zahl.
-
-Ferner aber wandte Kindi sich entschieden von der wundersüchtigen
-Zeitphilosophie ab, indem er die Alchemie für Schwindel erklärte. Er
-hielt es für menschenunmöglich, was die Natur allein hervorzubringen im
-Stande ist. Wer sich denn auch mit alchemistischen Versuchen abgebe,
-betrüge, seiner Meinung nach, sich selbst oder andere. Diese Ansicht
-Kindi's hat der berühmte Mediziner Razi zu widerlegen versucht.
-
-7. Sowohl als Lehrer wie als Schriftsteller hat Kindi hauptsächlich
-durch seine Mathematik, Astrologie, Geographie und Medizin
-gewirkt. Sein treuester und gewiss bedeutendster Schüler war Achmed
-ibn Mohammed al-Tajjib al-Sarachsi (gest. 899), Verwaltungsbeamter und
-Freund des Chalifen Mutadid, dessen Nachlässigkeit oder Willkür er zum
-Opfer fiel. Er befasste sich mit Geheimwissenschaft und Astrologie,
-bemühte sich, aus den Wundern der Schöpfung die Weisheit und Macht des
-Schöpfers zu erkennen, und trieb Geographie und Geschichte. Bekannter
-ist ein anderer Schüler Kindi's geworden, Abu Maschar (gest. 885),
-der aber seinen Ruhm ganz der Astrologie zu verdanken hat. Dieser
-soll von einem fanatischen Gegner der Philosophie, durch ein
-oberflächliches Studium der Mathematik zur Beschäftigung mit der
-Astrologie gereizt, als er schon 47 Jahre alt war, ein Verehrer
-Kindi's geworden sein. Ob nun das Dichtung oder Wahrheit, auf jeden
-Fall ist ein solcher Bildungsgang charakteristisch für das neugierige
-Haschen nach halbverstandenem Wissen, das den ersten Jahrhunderten
-der arabischen Wissenschaft eigentümlich ist.
-
-Die Schule Kindi's ist in keiner Weise über den Meister
-hinausgegangen. Von ihrer litterarischen Thätigkeit ist uns fast nur
-in einzelnen Zitaten etwas erhalten. Möglich wäre es allerdings, dass
-in den Abhandlungen der treuen Brüder sich einiges gerettet hätte. Doch
-lässt sich dies beim jetzigen Stande der Wissenschaft nicht bestimmen.
-
-
-
-
-2. Farabi.
-
-1. Im zehnten Jahrhundert werden von den Naturphilosophen die Logiker
-oder Metaphysiker unterschieden. Diese befolgen eine strengere
-Methode als die Dialektiker und behandeln andere Gegenstände als die
-Physiker. Von Pythagoras haben sie sich losgesagt, um sich der Führung
-des Aristoteles, freilich in neuplatonischer Gestalt, anzuvertrauen.
-
-Wir haben es da mit zwei Richtungen wissenschaftlichen Interesses
-zu thun. Die Naturphilosophen interessieren sich mehr oder weniger
-für die Fülle konkreter Erscheinungen der Natur, wie der Länder-
-und Völkerkunde. Sie untersuchen überall die Wirkungen der Dinge,
-glauben auch das Wesen nur in der Wirkung zu erkennen. Wenn sie zwar
-über Natur, Seele und Geist zum göttlichen Wesen hinaufsteigen, so
-bestimmen sie dieses doch nur oder vorzugsweise als erste Ursache, als
-weisen Schöpfer, dessen Güte und Weisheit aus seinen Werken hervorgehe.
-
-Ganz anders verhalten sich die Logiker. Das Einzelgeschehen hat für
-sie untergeordneten Wert, nicht weiter, als es aus dem Allgemeinen
-ableitbar sich erweist. Gehen die Physiker von den Wirkungen aus,
-die Logiker wollen aus ihren Gründen die Dinge begreifen. Sie
-fragen überall nach dem Begriff oder dem Wesen der Dinge, bis
-zum Höchsten. Gott, um mit einem Beispiele den Gegensatz greifbar
-hinzustellen, ist ihnen nicht zunächst der weise Schöpfer, sondern
-das notwendig-existierende Wesen.
-
-Die Logiker folgen zeitlich den Physikern nach, wie denn auch von der
-mutazilitischen Dialektik (s. II, 3 § 4 und 5) zuerst Gottes Wirken,
-darauf sein Wesen in den Kreis der Betrachtung gezogen wurde.
-
-Als den bedeutendsten Vertreter der naturphilosophischen Richtung
-haben wir Razi kennen gelernt. Die logisch-metaphysischen Bestrebungen,
-denen Kindi u. a. vorgearbeitet, erreichen ihren Höhepunkt in Razi's
-jüngerem Zeitgenossen Abu Nasr Mohammed ibn Mohammed ibn Tarchan ibn
-Uzlag al-Farabi.
-
-2. Über den äußeren Lebens- und Bildungsgang Farabis ist wenig
-Sicheres zu sagen. Er war ein stiller Mann, der im Schatten der Macht,
-zuletzt als Sufi gekleidet, sich einem philosophisch-beschaulichen
-Leben hingab. Sein Vater soll persischer Heerführer gewesen sein. In
-Wasidsch, einem kleinen befestigten Orte des Bezirkes Farab, im
-Türkenlande Transoxanien, wurde er geboren. In Bagdad erhielt er,
-teilweise von einem christlichen Lehrer, Johanna ibn Hailan, seine
-Ausbildung. Diese umfasste sowohl Litterarisches als Mathematisches,
-also Trivium und Quadrivium im Sinne des christlichen Mittelalters. Von
-seiner mathematischen Bildung zeugen noch einige seiner Schriften,
-namentlich über Musik. Die Legende lässt ihn alle Sprachen der
-Welt (70) reden. Aus seinen Werken erhellt, was schon a priori
-wahrscheinlich, dass er Türkisch und Persisch verstand. Das Arabisch
-schreibt er klar und nicht ohne Reiz. Nur schadet die Vorliebe für
-Synonymen und parallele Satzglieder dann und wann der Präzision des
-philosophischen Ausdruckes.
-
-Die Philosophie, in die Farabi eingeweiht wurde, stammte aus der
-Schule von Merw. Vielleicht hatte diese sich schon mehr metaphysischen
-Fragen zugewandt als die naturphilosophische Richtung der Harranier
-und Basrenser.
-
-Von Bagdad, wo er lange Zeit gelebt und gewirkt, siedelte Farabi,
-wohl infolge der politischen Wirren, nach Haleb (Aleppo) an den
-glänzenden Hof Saif-addaula's über. Nur soll er nicht am Hofe, sondern
-in Naturzurückgezogenheit die letzten Jahre verbracht haben. Auf
-einer Reise starb er in Damaskus, Dezember des Jahres 950, wo ihm,
-wie berichtet wird, sein Fürst in sufischem Gewande die Leichenrede
-hielt. Er soll 80 Jahre alt geworden sein. Dass er ein hohes Alter
-erreicht hat, ist wahrscheinlich. Sein Zeit- und Studiengenosse Abu
-Bischr Matta starb 10 Jahre früher und sein Schüler Abu Zakarija
-Jachja ibn Adi im Jahre 974, 81 Jahre alt.
-
-3. Die zeitliche Reihenfolge der Schriften Farabis ist nicht
-festgestellt. Kleinere Abhandlungen, in denen er sich mit den
-Dialektikern und Naturphilosophen berührt, dürften, wenn sie überhaupt
-echt in der überlieferten Gestalt, populäre oder Jugendschriften
-sein. Seine Entwicklung wendete sich dem aristotelischen Schrifttum
-zu, weshalb ihn der Orient den zweiten Lehrer, d. h. den zweiten
-Aristoteles nannte.
-
-Seit seiner Zeit steht die Zahl und Folge der aristotelischen oder doch
-dem Aristoteles zugeschriebenen Werke, die man nach seinem Vorgange
-paraphrasierte und kommentierte, im allgemeinen fest. Zuerst die
-acht logischen Schriften, Kategorien, Hermeneutik, erste und zweite
-Analytik, Topik, Sophistik, Rhetorik und Poetik, denen die Isagoge
-des Porphyr voraufgeht. Dann folgen die acht Schriften zur Physik,
-auscultatio physica, de coelo et mundo, de generatione et corruptione,
-die Meteorologie, die Psychologie, de sensu et sensato, das Buch der
-Pflanzen und das der Tiere. Endlich schließen sich an Metaphysik,
-Ethik, Politik u. a.
-
-Die sogenannte Theologie des Aristoteles hat Farabi noch für ein
-echtes Werk gehalten. In neuplatonischer Weise und mit einiger
-Accommodation an den muslimischen Glauben sucht er die Übereinstimmung
-zwischen Platon und Aristoteles nachzuweisen. Nicht sondernde Kritik,
-eine geschlossene Weltanschauung ist ihm Bedürfnis. Die Befriedigung
-dieses mehr religiösen als wissenschaftlichen Bedürfnisses lässt ihn
-über philosophische Differenzen hinwegsehen. Platon und Aristoteles
-sollen sich von einander nur unterscheiden durch ihre Methode,
-im sprachlichen Ausdruck und in ihrem Verhalten zum praktischen
-Leben. Ihre Weisheitslehre aber ist dieselbe. Sie sind die Imame,
-d. h. die höchsten Autoritäten in der Philosophie, und da sie Beide
-selbständige, originelle Geister gewesen, gilt ihre übereinstimmende
-Autorität dem Farabi mehr als der Glaube der ganzen muslimischen
-Gemeinde, die mit blindem Zutrauen Einem Führer folgt.
-
-4. Farabi wird den Ärzten zugezählt, doch scheint er die Kunst
-nicht praktisch geübt zu haben. Er widmete sich der Heilkunst
-der Seele ganz. Seelenreinheit nannte er die Bedingung und die
-Frucht alles Philosophierens, Wahrheitsliebe forderte er auch gegen
-Aristoteles. Geometrie und Logik sollen dann das Urteil bilden für das
-Studium der Natur- und Geisteswissenschaften. Den einzelnen Disziplinen
-aber schenkt Farabi wenig Beachtung, er konzentriert sich auf Logik,
-Metaphysik und die Prinzipien der Physik. Die Philosophie ist ihm
-die Wissenschaft alles Seienden als solchen, bei deren Erwerb man der
-Gottheit ähnlich wird. Sie ist die eine, allesumfassende Wissenschaft,
-die uns das einheitliche Weltbild vorführt. Den Dialektikern wirft
-Farabi vor, dass sie ungeprüft die Sätze des gemeinen Bewusstseins
-als Grundlage für ihre Beweise benutzen, den Naturphilosophen, dass
-sie sich immer nur mit den Wirkungen der Dinge befassen, also nie
-über die Gegensätze des Weltgeschehens hinaus zu einer einheitlichen
-Auffassung des Alls gelangen. Den ersteren gegenüber will er das
-Denken begründen, im Gegensatze zu den letzteren den Einen Urgrund
-alles Seienden erforschen. Wir werden folglich seiner historischen
-und dogmatischen Stellung am besten gerecht, wenn wir zuerst seine
-Logik, darauf die Metaphysik und zuletzt seine Physik und praktische
-Philosophie zur Darstellung bringen.
-
-5. Farabis Logik ist keine reine Analyse wissenschaftlichen
-Denkens, sondern enthält auch viele sprachliche Bemerkungen und
-erkenntnistheoretische Erörterungen. Wie die Grammatik sich auf
-die Sprache eines Volkes beschränkt, so soll die Logik dagegen den
-sprachlichen Ausdruck der Gesamtvernunft aller Völker heranziehen. Von
-den einfachsten Elementen der Sprache zu den zusammengesetzten hat
-sie fortzuschreiten, vom Wort zum Satze, zur Rede.
-
-Nach der Beziehung ihrer Gegenstände zur Wirklichkeit zerfällt
-die Logik in zwei Teile: der erste Teil umfasst die Lehre von den
-Begriffen und Definitionen (tasawwur), der zweite diejenige von den
-Urteilen, Schlüssen und Beweisen (tasdiq). Die Begriffe, mit denen
-die Definitionen in ganz äußerlicher Weise zusammengestellt werden,
-haben an sich keine Beziehung zur Wirklichkeit, d. h. sie sind weder
-wahr noch falsch. Unter Begriffen versteht Farabi hier die einfachsten
-seelischen Gebilde, d. h. sowohl die aus sinnlicher Wahrnehmung
-stammenden Vorstellungen einzelner Gegenstände als die ursprünglichen
-dem Geiste eingeprägten Begriffe, wie das Notwendige, das Wirkliche,
-das Mögliche. Solche Vorstellungen und Begriffe sind unmittelbar
-gewiss. Man kann den Sinn des Menschen darauf hinlenken, seine Seele
-darauf aufmerksam machen, sie ihm aber nicht vordemonstrieren, nicht
-aus Bekanntem ableitend sie erklären, da sie an sich im höchsten
-Grade klar sind.
-
-Aus der Zusammensetzung von Vorstellungen oder Begriffen ergeben
-sich Urteile, die nun entweder wahr oder falsch sein können. Durch
-Schluss und Beweis geht die Begründung der Urteile auf einige dem
-Verstande ursprünglich gegebene, unmittelbar einleuchtende, nicht
-weiter begründbare Sätze zurück. Solche Sätze, die Grundsätze oder
-Axiome aller Wissenschaft, soll es geben für die Mathematik, die
-Metaphysik und die Ethik.
-
-Die Lehre vom Beweise, wie von Bekanntem, Begründetem aus wir zur
-Erkenntnis eines Unbekannten gelangen, ist nach Farabi die eigentliche
-Logik. Dazu bildet die Kenntnis der Hauptbegriffe (Kategorien),
-ihrer Zusammensetzung im Urteil (Hermeneutik) und im Schlusse (erste
-Analytik) nur die Einleitung. Und in der Beweislehre kommt es darauf
-an, die Normen zu ermitteln einer allgemeingültigen, notwendigen
-Wissenschaft, was die Philosophie sein soll. Als oberste Norm gilt
-hier der Satz des Widerspruchs, wodurch in einem einheitlichen
-Denkakte die Wahrheit oder Notwendigkeit zugleich mit der Unwahrheit
-oder Unmöglichkeit des Gegenteiles erkannt wird. Dementsprechend
-soll die platonische Dichotomie als wissenschaftliche Methode der
-aristotelischen Polytomie vorzuziehen sein. Ferner begnügt Farabi
-sich nicht mit der formalen Seite der Beweislehre. Diese soll mehr
-sein als eine Methodologie, die den richtigen Weg zur Wahrheit
-zeigt, sie soll selbst Wahrheit zeigen, Wissenschaft erzeugen. Sie
-betrachtet die Urteile nicht bloß als Material für die Schlussform,
-sondern untersucht auch ihren Wahrheitsgehalt in Beziehung auf die
-Einzelwissenschaften. Nicht nur Hilfsmittel ist sie, sie ist vielmehr
-ein Teil der Philosophie.
-
-Die Beweislehre geht, wie wir sahen, auf notwendiges Wissen aus,
-dem notwendigen Sein entsprechend. Außer diesem aber ist das große
-Gebiet des Möglichen da, von dem wir nur ein wahrscheinliches Wissen
-erhalten können. Die verschiedenen Grade der Wahrscheinlichkeit
-nun oder die Art und Weise, in der wir zu einer Wissenschaft des
-Möglichen gelangen, werden in der Topik erörtert. Daran schließen sich
-Sophistik, Rhetorik und Poetik, die sonst hauptsächlich praktische
-Ziele verfolgen. Zusammen aber mit der Topik werden sie bei Farabi
-zu einer Dialektik des Scheines. Nur auf den notwendigen Sätzen
-der zweiten Analytik, so führt er aus, lässt sich wahre Wissenschaft
-aufbauen, aber von den topischen (dialektischen) bis zu den poetischen
-Urteilen stuft sich das Wahrscheinliche zum bloßen Scheine der Wahrheit
-ab. Am tiefsten steht also die Poesie, die nach Farabis Ansicht ein
-lügnerisches und unsittliches Gerede ist.
-
-Im Anschluss an Porphyrs Isagoge hat unser Philosoph sich auch über
-die Universalienfrage geäußert. Das Besondere findet er nicht nur
-in den Dingen und in der sinnlichen Wahrnehmung, sondern auch im
-Denken. Ebenso ist das Allgemeine nicht bloß, accidentell, in den
-Einzeldingen, sondern auch, substantiell, im Geiste. Der menschliche
-Geist abstrahiert das Allgemeine von den Dingen, vor diesen war es aber
-schon an sich. Dem Sinne nach findet somit der dreifache Unterschied
-des ante rem, in re, post rem sich bereits bei Farabi.
-
-Gehört zu den Universalien auch das bloße Sein? Ist die Existenz
-überhaupt ein Prädikat? Diese Frage, die soviel Unheil in der
-Philosophie gestiftet, wurde von Farabi völlig richtig beantwortet. Die
-Existenz ist nach ihm eine grammatische oder logische Beziehung, aber
-keine Kategorie der Wirklichkeit, die etwas von den Dingen aussagt. Die
-Existenz eines Dinges ist nichts außer dem wirklichen Dinge selbst.
-
-6. Die logische Richtung des Denkens macht sich auch in der Metaphysik
-geltend. An Stelle des Veränderlichen und des Ewigen treten die
-Begriffe des Möglichen und des Notwendigen hervor.
-
-Alles Seiende ist nämlich nach Farabi entweder ein notwendiges oder
-ein mögliches; ein Drittes gibt es nicht. Da nun alles Mögliche zu
-seiner Verwirklichung eine Ursache voraussetzt, die Reihe der Ursachen
-aber nicht ins Unendliche gehen kann, so sehen wir uns genötigt,
-ein notwendig Seiendes anzunehmen, das ursachlos, höchst vollkommen,
-ewig vollwirklich, sich selbst genügend, ohne jede Veränderung,
-als absoluter Geist, reine Güte, Denken, Denkendes und Gedachtes in
-einem Wesen, die alles übersteigende Güte und Schönheit seines Wesens
-liebt. Dieses Wesen kann nicht bewiesen werden, denn es ist selbst der
-Beweis und der Urgrund aller Dinge. Wahrheit und Wirklichkeit fallen in
-diesem Wesen zusammen. In seinem Begriffe liegt es, dass es einzig ist,
-denn wenn es zwei erste, absolute Wesen gäbe, müssten sie teils gleich,
-teils von einander verschieden sein, wodurch aber die Einfachheit eines
-jeden aufgehoben wäre. Ein allervollkommenstes Wesen muss einzig sein.
-
-Dieses Erste, Eine, wahrhaft Wirkliche nennen wir Gott. Und da in Ihm
-alles eins ist, auch ohne Artdifferenz, so gibt es keine Definition
-für sein Wesen. Doch legt ihm der Mensch die schönsten, die höchsten
-Werte des Lebens zum Ausdruck bringenden Namen bei, weil im mystischen
-Drange dazu die Worte ihre gewöhnliche Bedeutung verlieren, über jeden
-Widerspruch hinaus. Einige Namen beziehen sich auf das Wesen, andere
-auf sein Verhältnis zur Welt, ohne jedoch die Einheit des Wesens zu
-beeinträchtigen. Alle sind sie aber metaphorisch zu verstehen, nur nach
-schwacher Analogie vermögen wir sie aufzufassen. Eigentlich sollten wir
-von Gott, dem vollkommensten Wesen, auch den vollständigsten Begriff
-haben. Sind doch unsere mathematischen Begriffe vollkommener als die
-physischen, weil sie sich auf vollkommenere Gegenstände beziehen. Aber
-mit dem Allervollkommensten ergeht es uns wie mit dem hellsten Lichte:
-wegen der Schwäche unserer Augen können wir es nicht vertragen. So
-haften auch an unserem Erkennen die Mängel der Materie.
-
-7. Besser als an sich vermögen wir Gott zu sehen in der Stufenordnung
-der aus ihm hervorgehenden Wesen. Von Ihm, dem Einzigen, ist das All,
-denn sein Wissen ist die höchste Macht. Indem er sich selbst erkennt,
-wird die Welt. Nicht ein allmächtiger Schöpferwille, sondern die
-Erkenntnis des Notwendigen ist die Ursache aller Dinge. Von Ewigkeit
-her sind in Gott die Formen oder Vorbilder der Dinge und ewig geht auch
-aus ihm sein Ebenbild hervor, das zweite All genannt oder der erste
-geschaffene Geist, der die äußerste Himmelsphäre bewegt. Diesem Geiste
-folgen, einer aus dem anderen, die acht Sphärengeister, die alle einzig
-in ihrer Art, vollkommen und Schöpfer der Himmelskörper sind. Diese
-neun Geister, himmlische Engel genannt, bilden zusammen die zweite
-Stufe des Seins. Auf der dritten Stufe steht die in der Menschheit
-thätige Vernunft, heißt auch der heilige Geist, der Himmel und Erde
-verbindet; auf der vierten Stufe befindet sich die Seele. Beide,
-Vernunft und Seele, bleiben nicht rein für sich in ihrer Einheit,
-sondern vervielfältigen sich nach der Vielheit menschlicher Wesen. Als
-Wesen fünfter und sechster Ordnung erscheinen zuletzt Form und Materie,
-mit denen die Reihe geistigen Seins abgeschlossen ist. Die drei
-ersten Stufen, Gott, Sphärengeister und thätige Vernunft, bleiben
-Geist an sich, die drei folgenden aber, Seele, Form und Materie,
-obgleich unkörperlich, gehen doch ein Verhältnis zum Körper ein.
-
-Entsprechend denen des Geistigen hat auch das Körperliche, das der
-Imagination des Geistes entspringen soll, sechs Stufen: Himmelskörper,
-Menschenkörper, Tierkörper, Pflanzenkörper, Mineral und Element.
-
-Wahrscheinlich zeigen sich in diesen Spekulationen nach der Dreizahl
-noch die Einflüsse der christlichen Lehrer Farabis. Für sie bedeutete
-nämlich die Dreizahl, was den Naturphilosophen die Vierzahl war. Auch
-die Terminologie stimmt dazu.
-
-Das ist aber nur äußerlich; der Inhalt ist Neuplatonismus. Als
-ein ewiger, intellektueller Prozess erscheint hier die Schöpfung
-oder Emanation der Welt. Indem der erste geschaffene Geist seinen
-Urheber denkt, entsteht der zweite Sphärengeist; indem er, sich
-selbst denkend, sich substanziert, geht aus ihm der erste Körper,
-die oberste Himmelsphäre, hervor. Und so geht es weiter bis zu der
-niedersten Sphäre, der des Mondes, in notwendiger Folge. Ganz nach
-dem ptolemäischen Sphärensystem, wie es jeder Gebildete, wenigstens
-aus Dantes Komödie, kennt, in neuplatonischer Ableitung. Es bilden
-die Sphären zusammen eine ununterbrochene Ordnung, denn alles
-Seiende ist eine Einheit. Schöpfung und Erhaltung der Welt ist ein
-und dasselbe. Und nicht nur die Einheit des göttlichen Wesens bildet
-sich in der Welt ab, sondern in ihrer schönen Ordnung drückt sich
-auch die göttliche Gerechtigkeit aus. Die logische Weltordnung ist
-zugleich eine sittliche.
-
-8. Die irdische Welt unter dem Monde ist natürlich ganz von der
-Welt der Himmelsphären abhängig. Doch trifft die Einwirkung von
-oben erstens, wie wir a priori erkennen, die notwendige Ordnung des
-Ganzen, zweitens zwar auch das Einzelne, aber nur insofern dies in
-natürlicher Wechselwirkung begründet ist, also nach Regeln, welche
-die Erfahrung uns lehrt, stattfindet. Die Astrologie, die alles
-Zufällige, Außerordentliche, den Gestirnen und ihren Konjunktionen
-zuschreibt, wird von Farabi bekämpft. Vom Zufälligen gibt es kein
-sicheres Wissen, und viel des irdischen Geschehens trägt, wie ja auch
-Aristoteles gelehrt, in hohem Grade den Charakter des Zufälligen oder
-des Möglichen an sich. Dagegen hat die himmlische Welt eine andere,
-vollkommenere Natur, die nach notwendigen Gesetzen wirkt. Sie kann
-dieser irdischen Welt nur Gutes spenden, warum es ganz verfehlt ist, zu
-behaupten, von einigen Gestirnen käme Glück, von anderen jedoch Unglück
-her. Die Natur der Himmel ist Eine und gleichmäßig gut. Der Schluss,
-zu dem nach diesen Erwägungen Farabi gelangt, ist denn auch dieser:
-demonstrative, ganz sichere Erkenntnis gibt nur die mathematische
-Astronomie, ein wahrscheinliches Wissen gewährt die physikalische
-Himmelskunde, einen ganz unsicheren Glauben aber verdienen die Sätze
-und Weissagungen der Astrologie.
-
-Gegenüber der Einfachheit der Himmelswelt haben wir unter dem Monde das
-Reich der vier Naturen, also der Gegensätze und der Veränderung. Von
-den Elementen bis zum Menschen gibt es auch hier in der Vielheit die
-Einheit der aufsteigenden Reihe. Wenig Eigentümliches weiß Farabi
-darüber vorzubringen. Seinem logischen Standpunkte treu kümmert er
-sich weniger um die Naturwissenschaften, zu denen er wohl unbedenklich,
-auf die ursprüngliche Einheit der Materie sich stützend, die Alchemie
-wird gezählt haben. Wir wenden uns gleich seiner Lehre vom Menschen
-oder von der menschlichen Seele zu, die einiges Interesse darbietet.
-
-9. Die Kräfte oder Teile der menschlichen Seele sind nach Farabi
-nicht koordiniert, sondern bilden eine aufsteigende Reihe. Das
-niedere Vermögen ist Materie für das höhere und dieses die Form
-für jenes; das höchste aber, das Denken, ist immateriell, Form für
-alle vorhergehenden Formen. Aus dem Sinnlichen erhebt das Leben
-der Seele sich durch die Vorstellung zum Denken. In allen Vermögen
-aber ist ein Streben oder Wollen enthalten. Jede Theorie hat die
-praktische Kehrseite. Von den Wahrnehmungen der Sinne sind Neigung
-und Abneigung unzertrennlich. Zu ihren Vorstellungen verhält sich die
-Seele zustimmend oder ablehnend, indem sie bejaht und verneint. Das
-Denken endlich richtet über Gutes und Böses, gibt dem Willen seine
-Motive und bildet Kunst und Wissenschaft aus. Alles Wahrnehmen,
-Vorstellen und Denken hat irgend ein Streben zur notwendigen Folge,
-wie die Wärme aus der Substanz des Feuers hervorgeht.
-
-Die Seele ist die Vollkommenheit (Entelechie) des Körpers, aber die
-Vollkommenheit der Seele ist der Geist (`aql). Nur der Geist ist der
-wahre Mensch.
-
-10. Vom Geiste ist demnach zumeist die Rede. Im menschlichen Geiste
-erhebt sich alles Irdische zu einer höheren Existenzweise, die den
-Kategorien des Körperlichen enthoben ist. Als Anlage oder Potenz ist
-nun der Geist in der Seele des Kindes vorhanden. Indem er dann die
-Körperformen mittelst der Sinne und der Vorstellung in der Erfahrung
-erfasst, wird er auch wirklich zum Geiste. Diese Überführung von
-der Möglichkeit zur Wirklichkeit, das Zustandekommen der Erfahrung
-also, ist aber nicht des Menschen eigene That, sondern wird von dem
-übermenschlichen Geiste, der aus dem letzten Sphärengeist, dem des
-Mondes, hervorgegangen ist, bewirkt. Als Spende von oben, nicht als
-eine in geistigem Ringen erarbeitete Erkenntnis stellt sich so das
-menschliche Wissen dar. Im Lichte des über uns stehenden Geistes
-erblickt unser Verstand die Formen des Körperlichen. Dabei erweitert
-sich aber die Erfahrung zur Vernunfterkenntnis. Die Erfahrung nämlich
-umfasst nur die von der Stoffwelt abstrahierten Formen. Es gibt ja aber
-auch Formen oder allgemeine Wesenheiten vor und über den stofflichen
-Dingen, in den reinen Geistern der Sphären. Von diesen "getrennten
-Formen" erhält der Mensch jetzt Kunde; nur durch ihre Einwirkung
-wird ihm seine wirkliche Erfahrung erklärlich. Die höhere Form wirkt
-immer nur auf die zunächst ihr folgende, von Gott bis zum Geiste der
-Menschheit. Nach oben hin verhält sich jede Zwischenform empfangend,
-nach unten aber gebend thätig. Im Verhältnis zum menschlichen
-Geiste, der von oben beeinflusst wird (`aql mustafad), ist also der
-übermenschliche, aus dem letzten Sphärengeist hervorgegangene Geist
-thätig oder schaffend zu nennen (`aql fu ``âl.). Doch ist er nicht
-immer thätig, weil er an der Materie eine Schranke seiner Wirksamkeit
-hat. Gott aber ist der vollwirkliche, ewigthätige Geist.
-
-Im Menschen ist der Geist dreifach: als möglich, als wirklich, als
-von oben bewirkt. Das heißt aber im Sinne Farabis dies: des Menschen
-geistige Anlage (1) wird durch Erfahrungswissen (2) hindurch geführt
-zur Erkenntnis des Übersinnlichen (3), das aller Erfahrung vorhergeht
-und selbst die Erfahrung bewirkt.
-
-Die Stufen des Geistes und seiner Erkenntnis entsprechen den Stufen
-des Seins. Sehnsüchtig strebt das Niedere dem Höheren zu und das Höhere
-hebt das Niedere zu sich empor. Der über uns stehende Geist, der allem
-Irdischen die Formen verliehen hat, sucht diese zertrennten Formen
-wieder zusammenzubringen, dass sie in Liebe sich einigen. Zunächst
-sammelt er sie im Menschen. Darauf, dass derselbe Geist, der dem
-Körperlichen die Gestalt verlieh, auch dem Menschen die Idee gibt,
-beruht nun aber die Möglichkeit und die Wahrheit menschlicher
-Erkenntnis. Die zerstreuten Formen des Irdischen finden sich im
-menschlichen Geiste wieder, wodurch dieser dem letzten Himmelsgeiste
-ähnlich wird. Vereinigung mit dem Himmelsgeiste, dadurch er sich Gott
-nähert, ist Ziel und Glück des Menschengeistes.
-
-Ob nun eine solche Vereinigung vor dem Tode des Menschen möglich sei,
-ist nach Farabi zweifelhaft oder ganz zu verneinen. In diesem Leben
-ist Vernunfterkenntnis das Höchste, was erreicht werden kann. Aber die
-Trennung vom Körper gibt der vernünftigen Seele die völlige Freiheit
-des Geistes. Besteht sie dann aber noch als Individualseele? Oder
-ist sie nur ein Moment der höheren Weltvernunft? Dunkel, und nicht
-in allen Schriften übereinstimmend, drückt Farabi sich darüber
-aus. Die Menschen, so heißt es, sterben hin, ein Geschlecht folgt
-dem andern und Gleiches verbindet sich mit Gleichem, Jedes in seiner
-Ordnung. Unendlich, weil nicht an den Raum gebunden, mehren sich
-die vernünftigen Seelen, wie Gedanke zu Gedanken, Kraft zu Kraft
-hinzukommt. Jede Seele denkt sich selbst und alle andern, die ihr
-gleich sind, und je mehr sie denkt, um so intensiver ist ihre Freude
-(vgl. unten § 13).
-
-11. Wir kommen zur praktischen Philosophie. In Ethik und Politik
-treten wir in ein etwas näheres Verhältnis zum Leben und Glauben der
-Muslime. Einige allgemeine Gesichtspunkte seien hervorgehoben.
-
-Wie die Logik die Prinzipien des Wissens, so soll die Ethik die
-Grundsätze des Handelns darstellen. Nur dass hier Übung und Erfahrung
-etwas mehr gewertet werden, als in der Erkenntnistheorie. In
-der Ausführung schließt sich Farabi teils dem Platon, teils dem
-Aristoteles an, teils geht er auch in mystisch-asketischer Weise über
-sie hinaus. Den Theologen gegenüber, die zwar ein Vernunftwissen,
-aber keine Vernunftgesetze des Handelns anerkennen, betont Farabi
-öfter, die Vernunft bestimme, ob etwas gut sei oder böse. Wie sollte
-die von oben her uns erteilte Vernunft nicht das Handeln bestimmen,
-da ja im Wissen die höchste Tugend besteht? Wenn einer, so erklärt
-Farabi höchst bezeichnend, alles wüsste, was in den Schriften des
-Aristoteles steht, danach aber nicht handelte, während ein anderer in
-seinem Sinne handelte ohne davon zu wissen, so wäre dem ersteren der
-Vorzug zu geben. Die Erkenntnis steht höher als die sittliche That,
-sonst könnte sie diese nicht bestimmen.
-
-Von Natur aus begehrt die Seele. Insofern sie wahrnimmt und vorstellt,
-kommt ihr, wie den Tieren, ein Wille zu. Aber Wahlfreiheit hat allein
-der Mensch, da dieselbe auf vernünftiger Überlegung beruht. Die Sphäre
-der Freiheit ist das reine Denken. Es ist das also eine Freiheit, die
-von den Motiven des Denkens abhängig ist, eine Freiheit, die zugleich
-Notwendigkeit ist, weil sie in letzter Instanz von dem vernünftigen
-Wesen Gottes bestimmt ist. In diesem Sinne ist Farabi Determinist.
-
-Die so gefasste Freiheit des Menschen kann sich, wegen des
-Widerstandes der Materie, in der Herrschaft über das Sinnliche
-nur unvollkommen bethätigen. Vollkommen wird sie erst nach der
-Befreiung der vernünftigen Seele von den Banden des Stoffes und den
-Hüllen des Irrtums, im Leben des Geistes. Das aber ist die höchste
-Glückseligkeit, die nur ihrer selbst willen erstrebt wird, somit
-das Gute schlechthin. Und dieses Gute sucht die Menschenseele, wenn
-sie sich dem Geiste über ihr zuwendet, wie die Seelen der Himmel,
-als sie sich dem Höchsten nähern.
-
-12. Schon die Ethik nimmt wenig Rücksicht auf die wirklichen
-sittlichen Verhältnisse. Noch weiter aber entfernt Farabi sich von der
-Wirklichkeit in seiner Politik. Das platonische Staatsideal geht für
-seine orientalische Anschauungsweise fast ganz in den philosophischen
-Herrscher auf. Von einem natürlichen Bedürfnis zusammengeführt,
-haben die Menschen sich dem Willen eines Einzigen unterworfen, in
-welchem der Staat, ob er nun gut oder böse, gleichsam verkörpert
-ist. Deshalb sind die Staaten schlecht, wenn ihr Haupt in Bezug auf
-die Prinzipien des Guten entweder unwissend oder im Irrtum oder gar
-verderbt ist. Der gute oder vorzügliche Staat dagegen hat nur Eine
-Art, darin der Philosoph Herrscher ist. Mit allen menschlichen und
-philosophischen Tugenden stattet Farabi seinen Fürsten aus: es ist
-Platon in Mohammeds Prophetenmantel.
-
-In der Beschreibung der den idealen Fürsten vertretenden Herrscher --
-es können mehrere zugleich sein, auch können Fürst und Minister sich in
-Herrschertugend und Weisheit teilen -- nähern wir uns der muslimischen
-Staatslehre jener Zeit. Aber die Ausdrücke sind verhüllt. Die richtige
-Abstammung eines Fürsten z. B. und die Pflicht der Führung in den
-heiligen Krieg werden nicht klar bezeichnet. Es bleibt doch alles in
-philosophischem Nebel schweben.
-
-13. Im Staate, der mit der Religionsgemeinschaft zusammenfällt, ist die
-Sittlichkeit allein vollkommen. Nach dem Zustande des Staates bestimmt
-sich also nicht nur das zeitliche Schicksal seiner Bürger, sondern
-auch ihr zukünftiges Los. Die Seelen der Bürger im "unwissenden"
-Staate sind ohne Vernunft, als sinnliche Formen kehren sie zu
-den Elementen wieder, damit sie sich aufs neue mit anderen Wesen,
-Menschen oder Tieren, verbinden. In den "irrenden" und "verderbten"
-Staaten ist allein der Führer verantwortlich, seiner wartet Strafe
-im Jenseits; die irregeführten Seelen aber teilen das Schicksal der
-Unwissenden. Dagegen bestehen nur die guten wissenden Seelen fort,
-sie gehen ein in die Welt des reinen Geistes. Je höher die Stufe des
-Wissens, die sie in diesem Leben erreicht, um so höher wird nach dem
-Tode ihre Stelle in der Ordnung des Alls sein, um so intensiver ihre
-selige Lust.
-
-Vermutlich sind derartige Ausdrücke nur die Hülle eines
-mystisch-philosophischen Glaubens von dem Aufgehen des menschlichen
-Geistes in den Weltgeist, zuletzt in Gott. Denn, so lehrt Farabi,
-in absteigender Betrachtung (logisch-metaphysisch) ist die Welt etwas
-anderes als Gott, im Aufsteigen aber erkennt die Seele das Diesseits
-als identisch mit dem Jenseits, weil Gott in allem, ja in seiner
-Einheit das All selbst ist.
-
-14. Überblicken wir jetzt Farabis System, so zeigt es sich als
-einen ziemlich konsequenten Spiritualismus, genauer bestimmt
-Intellektualismus. Das Körperliche, Sinnenfällige entspringt der
-Imagination des Geistes, man könnte es als "verworrene Vorstellung"
-bezeichnen. Das einzige wahre Sein ist Geist, aber verschieden
-abgestuft. Ganz einfach rein ist nur Gott, und die ewig aus ihm
-hervorgehenden Geister, einer aus dem andern, haben schon die
-Vielheit in sich. Die Zahl der selbständigen Geister wird nach dem
-ptolemäischen Weltsystem bestimmt und entspricht der himmlischen
-Hierarchie. Je weiter vom Ersten entfernt, um so weniger hat einer
-am Sein des reinen Geistes teil. Von dem letzten Weltgeiste kommt
-dem Menschen sein Wesen, d. h. die Vernunft zu. Alles ist ohne Lücke,
-die Welt ist ein gut und schön geordnetes Ganzes. Übel und Böses sind
-nur eine notwendige Folge der Endlichkeit im Einzelnen, wodurch die
-Güte des Alls um so deutlicher hervortritt.
-
-Ob die schöne Ordnung der Welt, von Ewigkeit her aus Gott emaniert,
-jemals wird zerstört werden können oder auch in Gott zurückfließen? Ein
-fortwährendes Zurückströmen zur Gottheit gibt es wohl. Die Sehnsucht
-der Seele geht nach oben, fortschreitendes Wissen läutert sie und
-führt sie hinauf. Aber wie weit? Philosophen und Propheten haben es
-nicht klar sagen können. Beide, die Philosophie und die Prophetie,
-leitet Farabi von dem schaffenden Weltgeiste über uns her. Hin
-und wieder spricht er sich über die Prophetie aus, als ob diese die
-höchste Stufe menschlichen Erkennens und Handelns darstelle. Das kann
-aber nicht seine wirkliche Meinung sein, ist wenigstens nicht die
-Konsequenz seiner theoretischen Philosophie. Ihr zufolge gehört alles
-Prophetische in Traum, Gesicht, Offenbarung u. s. w. dem Kreise der
-Vorstellung an, steht also in der Mitte zwischen sinnlicher Wahrnehmung
-und reiner Vernunfterkenntnis. Wenn er nun auch in seiner Ethik und
-Politik der Religion eine hohe erzieherische Bedeutung beimisst, so
-bleibt sie doch immer an absolutem Werte der Erkenntnis durch reine
-Vernunft nachstehen.
-
-Farabi hat im Intellektuellen für ein Ewiges gelebt. Ein König an
-Geist, ein Bettler an Besitz, war es ihm bei seinen Büchern und den
-Vögeln und Blumen seines Gartens wohl. Seinem Volke, der muslimischen
-Gemeinde, konnte er nur wenig sein. In seiner Staats- und Sittenlehre
-war für weltliche Geschäfte und für den heiligen Krieg keine rechte
-Stelle. Seine Philosophie befriedigte kein sinnliches Bedürfnis und
-widersprach dem sinnlich-geistigen Vorstellungsleben, wie es sich
-besonders in Kunstschöpfungen und religiösen Phantasien äußert. Er
-verlor sich in den Abstraktionen des reinen Geistes. Als frommer,
-heiliger Mann wurde er von Mitlebenden angestaunt, von wenigen Schülern
-als personifizierte Weisheit verehrt, von den echten Gelehrten des
-Islam aber für alle Zeit verketzert. Grund gab es freilich genug
-dafür. Wie die Naturphilosophie leicht zu Naturalismus und Atheismus
-führte, so leitete der Monotheismus der Logiker unmerklich zum
-Pantheismus hinüber.
-
-15. Viel Schule hat Farabi nicht gemacht. Bekannt geworden ist Abu
-Zakarija Jachja ibn Adi, ein jakobitischer Christ, als Übersetzer
-aristotelischer Werke. Mehr genannt worden aber ist ein Schüler
-des letzteren, mit Namen Abu Sulaiman Mohammed ibn Tahir ibn Bahrain
-al-Sidschistani, der in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts in
-Bagdad die Gelehrten seiner Zeit um sich versammelte. Die Gespräche,
-welche sie da führten und die philosophischen Belehrungen, die der
-Meister erteilte, sind uns zum Teil erhalten. Wir sehen deutlich den
-Ausgang der Schule. Wie die Naturphilosophie in Geheimwissenschaft
-verlief und die Schule Kindis sich von der Philosophie ab
-mathematischem und physikalischem Einzelwissen zuwandte, so geht
-hier die logische Richtung Farabis in Wortphilosophie über. In
-Distinktionen und Begriffsbestimmungen bewegt sich das Gespräch. Auch
-werden Einzelheiten aus der Philosophiegeschichte und den besonderen
-Wissenschaften ohne systematischen Zusammenhang erörtert. Fast
-nirgends zeigt sich ein sachliches Interesse. Die menschliche Seele
-rückt ganz in den Vordergrund, ähnlich wie bei den treuen Brüdern,
-nur dass diese mehr die wunderbaren Wirkungen der Seele, jene Logiker
-aber ihr vernünftiges Wesen und ihre Erhebung in das Übervernünftige
-betrachten. Statt mit Zahlen und Buchstaben, wie bei den Brüdern, wird
-in Sidschistanis Gesellschaft mit Worten und Begriffen gespielt. Das
-Ende ist in beiden Fällen ein mystischer Sufismus.
-
-Es ist demnach nicht zu verwundern, dass in den gelehrten Sitzungen
-Abu Sulaimans, über die sein Schüler Tauhidi (gest. 1009) Bericht
-erstattet, Empedokles, Sokrates, Platon u. a. mehr genannt werden
-als Aristoteles. Eine sehr gemischte Gesellschaft findet sich da in
-jenen Sitzungen zusammen. Es wird nicht gefragt, welchem Lande man
-entstamme, welcher Religion man angehöre. Man lebt der Überzeugung,
-die von Platon hergeleitet wird, in jeder Meinung stecke etwas von
-der Wahrheit, wie in allen Dingen ein gemeinsames Sein und in allen
-Wissenschaften eine und dieselbe wirkliche Erkenntnis. Nur unter
-dieser Annahme scheint es begreiflich, dass jeder zunächst seine
-eigene Meinung für die wahre, und die von ihm gepflegte Wissenschaft
-für die vorzüglichste halten könne. Eben deswegen gibt es auch keinen
-Zwiespalt zwischen Religion und Philosophie, wie heftig man es von
-beiden Seiten behaupten möge. Die Philosophie bestätigt vielmehr die
-Lehren der Religion, wie diese die Resultate jener vervollkommnet. Ist
-die philosophische Erkenntnis Wesen und Ziel der menschlichen Seele,
-so ist der religiöse Glaube ihr Leben oder der Weg zu dem Ziele. Da
-nämlich die Vernunft Gottes Statthalter auf Erden ist, so ist es
-unmöglich, dass Vernunft und Offenbarung sich widersprechen.
-
-Einzelnes hervorzuheben aus den Gesprächen, deren Grundstimmung wir
-angegeben, verlohnt sich nicht. Kulturhistorisch ist die Erscheinung
-Sidschistanis und seines Kreises wichtig, aber für die Fortbildung
-der Philosophie im Islam hat sie keine Bedeutung. Was für Farabi
-wirklich das Leben seines Geistes war, wird in dieser Gesellschaft
-gar oft zum Gegenstande geistreicher Unterhaltung.
-
-
-
-
-3. Ibn Maskawaih.
-
-1. Wir sind an die Wende des zehnten und elften Jahrhunderts
-gelangt. Farabis Schule scheint auszusterben und Ibn Sina, der die
-Philosophie seines Vorgängers zu neuem Leben erwecken sollte, ist
-noch ein Jüngling. Hier aber haben wir eines Mannes zu gedenken,
-der zwar dem Kindi näher als dem Farabi verwandt ist, doch auch,
-wegen der Gemeinsamkeit ihrer Quellen, in wesentlichen Punkten mit
-dem letzteren übereinstimmt. Sein Beispiel zeigt zugleich, dass die
-hellsten Köpfe der Zeit nicht gesonnen waren, Farabi auf das Gebiet
-logisch-metaphysischer Spekulationen zu folgen.
-
-Dieser Mann ist der Arzt, Philolog und Historiker Abu Ali ibn
-Maskawaih, der Schatzmeister und Freund des Sultans Adudaddaula war
-und hochbetagt im Jahre 1030 starb. U. a. hat er uns eine bis heute
-im Orient geschätzte philosophische Ethik hinterlassen. Sie ist
-eine Mischung aus Platon, Aristoteles, Galen und dem muslimischen
-Religionsgesetz, doch herrscht darin Aristoteles vor. Mit einer
-Abhandlung über das Wesen der Seele hebt sie an.
-
-2. Die menschliche Seele, so führt Ibn Maskawaih aus, ist eine
-unkörperliche, einfache, sich ihres Seins, Wissens und Wirkens bewusste
-Substanz. Dass sie geistiger Natur sein muss, folgt schon daraus, dass
-sie die entgegengesetzten Formen zugleich in sich aufnimmt, z. B. die
-Vorstellung von weiß und schwarz, während ein Körper nur eins von
-beiden auf einmal aufnehmen kann. Ferner nimmt sie sowohl die Formen
-des Sinnlichen wie des Geistigen in gleicher, geistiger Weise auf,
-denn die Länge ist in der Seele nicht lang, wird auch im Gedächtnis
-nicht länger. Weit über ihren Körper geht sodann das Wissen und Wirken
-der Seele hinaus, ja die ganze Sinnenwelt genügt ihr nicht. Überdies
-besitzt sie eine ursprüngliche Vernunfterkenntnis, die ihr nicht von
-den Sinnen zugekommen sein kann, denn durch dieselbe bestimmt sie, bei
-der Vergleichung und Unterscheidung des von der sinnlichen Wahrnehmung
-ihr Dargebotenen, Wahres und Falsches, die Sinne beaufsichtigend
-und berichtigend. Im Selbstbewusstsein endlich, dem Wissen um das
-eigene Wissen, zeigt sich am klarsten die geistige Einheit der Seele,
-in der Denken, Denkendes und Gedachtes zusammen fallen.
-
-Von den Tierseelen unterscheidet sich die menschliche Seele besonders
-durch vernünftige Überlegung als das Prinzip ihres Handelns, welches
-auf das Gute gerichtet ist.
-
-3. Gut ist im allgemeinen dasjenige, wodurch ein Wollendes den Zweck
-oder die Vollkommenheit seines Wesens erreicht. Gut zu sein, dazu ist
-also eine gewisse auf einen Endzweck gerichtete Anlage erforderlich. In
-Bezug auf ihre Anlage unterscheiden die Menschen sich aber sehr
-wesentlich. Nur wenige, meint Ibn Maskawaih, sind von Natur gut und
-werden nie schlecht, denn was von Natur ist, ändert sich nicht. Viele
-dagegen sind von Natur schlecht und werden nie gut. Andere aber,
-die anfangs weder gut noch schlecht sind, werden durch Erziehung und
-gesellschaftlichen Verkehr nach einer von beiden Seiten hin bestimmt.
-
-Das Gute ist nun entweder ein allgemeines oder ein besonderes. Es gibt
-ein absolutes Gut, mit dem höchsten Sein und der höchsten Erkenntnis
-identisch, dem alle Guten zusammen zustreben. Aber für jeden Einzelnen
-stellt sich ein besonderes Gut subjektiv als Glück oder Lust dar,
-und dieses besteht in der vollen Bethätigung des eigenen Wesens,
-in der vollständigen Auslebung des Inneren.
-
-Im allgemeinen ist der Mensch gut und glücklich, wenn er menschlich
-handelt. Tugend ist menschliche Tüchtigkeit. Da nun aber die Menschheit
-in den verschiedenen Individuen verschieden abgestuft sich darstellt,
-so ist das Glück oder das Gut nicht für alle dasselbe. Und weil das
-auf sich selbst gestellte Individuum nicht alle möglichen Güter
-verwirklichen kann, so müssen viele zusammenleben. Daraus ergibt
-sich schon als eine erste Pflicht oder die Grundlage aller Tugenden
-die allgemeine Menschenliebe, ohne die keine Gesellschaft möglich
-ist. Nur mit und in anderen ist der einzelne Mensch vollkommen,
-die Ethik soll Sozialethik sein. Die Freundschaft ist darum nicht,
-wie bei Aristoteles, eine Erweiterung der Selbstliebe, sondern eine
-Einschränkung oder eine Art der Nächstenliebe. Und diese, wie die
-Tugend überhaupt, kann sich nur bethätigen in der Gesellschaft oder
-der Staatsgemeinschaft, nicht aber in der Weltflucht des frommen
-Mönches. Der Einsiedler, der glaubt, mäßig und gerecht zu leben,
-irrt sich in Bezug auf den Charakter seiner Handlungen. Diese mögen
-religiös sein, moralisch sind sie nicht. Ihre Betrachtung fällt also
-nicht der Ethik zu.
-
-Übrigens stimmt, nach Ibn Maskawaih, das richtig aufgefasste
-Religionsgesetz vorzüglich mit einer humanen Ethik überein. Die
-Religion ist eine sittliche Schulung für das Volk. Ihre Vorschriften
-über den gemeinschaftlichen Gottesdienst und die Wallfahrt nach
-Mekka sollen z. B. die Pflege der Nächstenliebe in den weitesten
-Kreisen bezwecken.
-
-Im einzelnen ist es Ibn Maskawaih nicht gelungen, die ethischen
-Lehren der Griechen, die er in seine Darstellung aufnimmt, unter
-einander und mit dem Gesetz des Islam zu verschmelzen. Wir übergehen
-das. Doch ist nicht nur im allgemeinen sein Versuch zu loben, eine von
-der Kasuistik der Pflichtenlehrer und von der Askese der Sufi's freie
-Ethik zu geben, sondern auch in der Ausführung ist die Besonnenheit
-eines reichgebildeten Mannes anzuerkennen.
-
-
-
-
-4. Ibn Sina.
-
-1. Zu Efschene, in der Nähe Bocharas, wurde im Jahre 980 aus einer
-Beamtenfamilie geboren Abu Ali al-Hosain ibn Abdallah ibn Sina
-(Avicenna). Im elterlichen Hause, wo persische und anti-muslimische
-Traditionen lebendig waren, erhielt er seine weltliche und religiöse
-Erziehung. Dann studierte der körperlich und geistig frühreife
-Jüngling Philosophie und Medizin in Bochara. Siebzehn Jahre war er
-alt, als er den Fürsten Nuch ibn Mansur glücklich kurierte, und der
-Zutritt zu dessen Bibliothek ihm gestattet ward. Von jetzt ab war er,
-in Studium und Praxis, sein eigener Lehrer. Er verstand es, das Leben
-und die Bildung seiner Zeit sich zu Nutzen zu machen. Im Getriebe
-der Kleinstaaterei versuchte er unablässig sein Glück. Einem großen
-Fürsten hätte er sich wohl ebensowenig unterordnen können wie in der
-Wissenschaft einem Lehrer. Von Hof zu Hof wanderte er fort, bald in
-der Staatsverwaltung, bald als Lehrer und Schriftsteller thätig, bis
-er Wezir des Schems addaula in Hamadan wurde. Nach dem Tode dieses
-Fürsten ward er von dessen Sohne ein paar Monate auf die Festung
-geschickt. Darauf ging er weiter nach Ispahan zu Ala addaula. Endlich
-starb er noch in Hamadan, das Ala addaula erobert hatte, im Alter
-von 57 Jahren (1037). Sein Grab wird noch heute dort gezeigt.
-
-2. Es ist wohl der größte Irrtum, der sich in der Geschichte der
-muslimischen Philosophie festgesetzt hat, Ibn Sina sei über Farabi
-hinaus zu einem reineren Aristotelismus vorgedrungen. Was kümmerte
-unser Weltmann sich im Grunde um Aristoteles. Sich in den Geist
-irgend eines Systems zu versenken, war nicht seine Sache. Er nahm
-das ihm Zusagende, wo er es fand, bevorzugte aber dabei die seichten
-Paraphrasen des Themistius. So ward er der große Vermittlungsphilosoph
-des Orients, der richtige Vorläufer der Kompendienschreiber für
-alle Welt. Er wusste seinen von überall her zusammengeholten Stoff
-geschickt zu gruppieren und, wenn auch nicht ohne Spitzfindigkeit,
-fasslich darzustellen. Jeden Augenblick seines Lebens nutzte er
-aus. Am Tage besorgte er die Staatsgeschäfte oder übte seine
-Lehrthätigkeit aus, der Abend war den geselligen Genüssen der
-Freundschaft und der Liebe gewidmet, und manche Nacht fand ihn
-schriftstellerisch thätig, das Schreibrohr in der Hand, den Becher
-zur Seite, damit er nicht einschlafe. Zeit und Umstände bestimmten
-diese Wirksamkeit. Wenn er am fürstlichen Hofe die nötige Muße und
-eine Bibliothek zur Hand hatte, schrieb er seinen Kanon der Medizin
-oder die große philosophische Encyklopädie. Auf Reisen verfasste er
-Auszüge und kleinere Werke. Auf der Festung schrieb er Gedichte und
-fromme Betrachtungen, aber immer in gefälliger Form. Seine kleineren
-mystischen Schriften haben sogar einen poetischen Reiz. Auf Bestellung
-ward von ihm auch die Wissenschaft, Logik und Medizin versifiziert,
-wie das seit dem zehnten Jahrhundert immer mehr Sitte wurde. Nimmt
-man hinzu, dass er nach Belieben persisch oder arabisch schrieb, so
-bekommt man das Bild eines vielgewandten Mannes. Sein Leben war reich
-an Arbeit und Genuss bis zur Übersättigung. An Genialität freilich
-stand er seinem älteren Landsmann, dem Dichter Firdausi (940-1020),
-an wissenschaftlichem Talente seinem Zeitgenossen Beruni (s. unten
-§ 9) nach. Firdausi und Beruni haben für uns noch Bedeutung. Ibn
-Sina aber war der Ausdruck seiner Zeit und darauf beruht seine große
-Wirkung, seine geschichtliche Stellung. Nicht wie Farabi zog er sich
-aus dem Leben zurück, sich in die Kommentatoren des Aristoteles zu
-versenken, sondern in ihm verschmolzen sich griechische Wissenschaft
-und orientalische Weisheit. Kommentare zu den Alten, meinte er, waren
-genug geschrieben. Es war jetzt an der Zeit, eine eigene Philosophie
-auszubilden, d. h. alten Lehren eine moderne Form zu geben.
-
-3. In der Medizin befleißigt Ibn Sina sich einer systematischen
-Darstellung, doch ist er hier kein strenger Logiker. Der
-Erfahrung räumt er, wenigstens theoretisch, einen großen Platz
-ein und ausführlich bespricht er die Bedingungen, unter denen nur
-z. B. die Wirksamkeit der Heilmittel erkannt werden könne. Was aber
-an philosophischen Prinzipien die Medizin enthält, soll diese als
-Lehnsätze aus der Philosophie herübernehmen.
-
-Die eigentliche Philosophie zerfällt in Logik, Physik und
-Metaphysik. Als Ganzes umfasst sie die Wissenschaft alles Seienden
-als solchen und der Prinzipien aller Einzelwissenschaften, wodurch,
-soweit es menschenmöglich ist, die philosophierende Seele die
-höchste Vollkommenheit erreicht. Das Seiende ist nun entweder
-geistig, Gegenstand der Metaphysik, oder körperlich, Gegenstand der
-Physik, oder intellektuell, Gegenstand der Logik. Die Gegenstände
-der Physik können weder sein noch gedacht werden ohne Materie. Das
-Metaphysische aber ist ganz ohne Materie und das Logische ist von
-der Materie abstrahiert. Einige Ähnlichkeit hat das Logische mit dem
-Mathematischen, insofern nämlich die Gegenstände der Mathematik sich
-von der Materie abstrahieren lassen. Doch bleibt das Mathematische
-immer darstellbar, konstruierbar, hingegen hat das Logische als
-solches sein Dasein nur im Intellekte, wie z. B. Identität, Einheit
-und Vielheit, Allgemeinheit und Partikularität, Wesentlichkeit und
-Zufälligkeit u. s. w. Die Logik ist demnach die Wissenschaft der
-Denkbestimmungen.
-
-In der näheren Ausführung schließt Ibn Sina sich ganz der Logik
-Farabis an. Wohl besser noch würde sich die Übereinstimmung uns
-zeigen, wenn die logischen Schriften seines Vorgängers vollständiger
-erhalten wären. Öfter betont er die Mangelhaftigkeit der menschlichen
-Denknatur, die einer logischen Regel dringend bedürftig sei. Wie
-der Physiognomiker aus äußeren Zügen auf den Charakter des Inneren
-schließt, so soll der Logiker aus bekannten Vordersätzen Unbekanntes
-ableiten. Wie leicht schleichen sich dabei die Irrtümer der Phantasie
-und der Begierde ein! Eines Kampfes mit der Sinnlichkeit bedarf es,
-damit das Vorstellungsleben sich erhebe zu der reinen Wahrheit der
-Vernunft, durch die etwas als notwendig erkannt wird. Nur der göttlich
-inspirierte Mensch kann der Logik entbehren, ebenso wie der Beduine
-eine arabische Grammatik nicht braucht.
-
-Auch die Universalienfrage wird ähnlich wie bei Farabi behandelt. Vor
-aller Vielheit hat jedes Ding ein Sein im Geiste Gottes und der Engel
-(Sphärengeister), dann geht es als materielle Form in die Vielheit ein,
-um endlich im menschlichen Intellekte zur Allgemeinheit des Begriffes
-sich zu erheben. Wie nun Aristoteles zwischen erster (individueller)
-und zweiter (allgemeinbegrifflicher) Substanz unterschieden hat, so
-macht Ibn Sina ähnlich einen Unterschied zwischen erstem und zweitem
-Begriff (ma'nâ, intentio). Der erste bezieht sich auf die Dinge,
-der zweite auf die Disposition unseres Denkens.
-
-4. In der Metaphysik und der Physik unterscheidet Ibn Sina sich von
-Farabi hauptsächlich dadurch, dass er, indem er die Materie nicht aus
-Gott ableitet, das Geistige höher über alles Materielle hinausrückt,
-und, im Zusammenhang damit, die Bedeutung der Seele als einer
-Vermittlerin zwischen dem Geistigen und dem Körperlichen steigert.
-
-Aus dem Begriffe des Möglichen und Notwendigen ergibt sich die Existenz
-eines notwendigen Wesens schlechthin. Nicht aus seinen Werken soll
-man, nach Ibn Sina, das Dasein eines Schöpfers zu erweisen suchen,
-sondern aus dem möglichen Charakter alles Seienden und Denklichen
-in der Welt die Existenz eines ersten notwendig Seienden, in welchem
-Wesen und Dasein Eins sind, folgern.
-
-Nicht nur alles, was unter dem Monde ist, ist möglicher Natur, sondern
-auch die Himmel sind an sich nur möglich. Notwendig wird ihre Existenz
-durch ein anderes, das über alle Möglichkeit hinaus ist, also auch über
-alle Vielheit und Veränderlichkeit. Das absolut Notwendige ist eine
-starre Einheit, aus der nichts Vielfaches hervorgehen kann. Dieses
-erste Eine ist Ibn Sinas Gott, dem zwar viele Prädikate, des Denkens
-u. s. w., beigelegt werden, aber nur im Sinne der Negation oder der
-Beziehung, sodass sie die Einheit des Wesens nicht berühren.
-
-Aus dem ersten Einen kann also nur Eines hervorgehen, der erste
-Weltgeist. In diesem entsteht die Vielheit. Indem er nämlich seine
-Ursache denkt, erzeugt er einen dritten Geist, den Lenker der
-äußersten Sphäre; indem er sich selbst denkt, entsteht eine Seele,
-mittelst der der Sphärengeist seine Wirkung ausübt; und sofern er
-drittens ein an sich Mögliches ist, geht aus ihm ein Körper hervor,
-die äußerste Sphäre. Und so geht es weiter. Jeder Geist entlässt
-aus sich eine Dreiheit: Geist, Seele und Körper. Denn, da der Geist
-nicht unmittelbar den Körper bewegen kann, so bedarf er zur Ausübung
-seiner Wirksamkeit der Seele. Zuletzt kommt der thätige Geist (`aql
-fu-``âl) der die Materie des Irdischen, die körperlichen Formen und
-die menschlichen Seelen hervorbringt und lenkt.
-
-Dieser ganze Prozess, der nicht zeitlich vorgestellt werden darf,
-findet statt in einem Substrate, der Materie. Die Materie ist die
-ewige, reine Möglichkeit alles Seienden, zugleich die Schranke für
-die Wirkung des Geistes. Sie ist das Prinzip aller Individualität.
-
-Das musste nun allerdings gläubigen Muslimen als etwas Furchtbares
-erscheinen. Wohl hatten mutazilitische Dialektiker behauptet,
-Gott könne kein Böses oder nichts Vernunftwidriges thun. Jetzt aber
-behauptete die Philosophie, dass Gott statt alles Mögliche zu können,
-nur das an sich Mögliche zu bewirken im Stande sei, und dass direkt
-von ihm nur der erste Weltgeist ausgehe.
-
-Übrigens macht Ibn Sina alle Anstrengung, sich dem Volksglauben
-anzubequemen. Alles ist durch Gottes Bestimmung, sagt er, Gutes
-und Böses, aber nur ersteres mit freudiger Billigung. Das Böse
-ist entweder ein Nichtseiendes oder, sofern es von Gott herrührt,
-ein Accidentelles. Hätte Er, der notwendigen Übel wegen, diese Welt
-nicht hervorgehen lassen, so wäre das der Übel größtes gewesen. Die
-Welt könnte nicht besser und schöner sein als sie eben ist. In ihrer
-schönen Ordnung besteht die göttliche Vorsehung, die von den Seelen
-der Himmel vermittelt wird. Gott und die reinen Geister kennen nur
-das Allgemeine, können also nicht für Besonderes sorgen. Aber die
-Seelen der Himmelsphären, denen Vorstellung des Einzelnen zukommt
-und durch die der Geist auf den Körper wirkt, bieten die Möglichkeit,
-eine Fürsorge auch für das Einzelne und den Einzelnen anzunehmen, die
-Offenbarung zu erklären u. s. w. Auch das plötzliche Entstehen und
-Vergehen von Substanzen (Schöpfung und Vernichtung) im Gegensatze
-zu der stetigen Bewegung, d. h. dem allmählichen Übergange des
-Möglichen zum Wirklichen, scheint dem Ibn Sina nichts Unmögliches zu
-bedeuten. Überhaupt herrscht bei ihm keine Klarheit über das Verhältnis
-der Seinsformen, über Geist und Körper, Form und Materie, Substanz und
-Accidens. Dem Wunder bleibt jedenfalls ein Platz übrig. In heftigen,
-seelischen Erregungen, die oft plötzlich eine große Hitze oder Kälte
-bei uns hervorrufen, haben wir, nach Ibn Sina, Analoga zu wunderbaren
-Wirkungen der Weltseele, wenn diese auch gewöhnlich dem Naturlaufe
-folgt. Von allen diesen Möglichkeiten macht unser Philosoph selbst
-sehr mäßigen Gebrauch. Astrologie und Alchemie hat er aus ganz
-vernünftigen Gründen bekämpft. Trotzdem hat man ihm bald nach seinem
-Tode schon astrologische Gedichte aufgebürdet und erscheint er in
-der türkischen Romanlitteratur, freilich an der Stelle eines alten
-Mystikers, als Zauberer.
-
-Ibn Sinas Physik beruht ganz auf der Annahme, ein Körper könne nichts
-bewirken. Was wirkt, ist überall eine Kraft, eine Form, eine Seele und
-durch sie der Geist. Im Gebiete des Physischen gibt es also unzählige
-Kräfte, deren Hauptstufen von unten nach oben die Naturkräfte,
-die Vermögen der Pflanzen und der Tiere, die Menschenseelen und die
-Weltseelen sind.
-
-5. Farabi war es vor allem um die reine Vernunft zu thun: er hat das
-Denken um seiner selbst willen geliebt. Ibn Sina aber ist überall
-um die Seele bemüht. Wie er in seiner Medizin den menschlichen
-Körper ins Auge fasst, so in seiner Philosophie die menschliche
-Seele. Seine große philosophische Encyklopädie heißt ja die Heilung
-(sc. der Seele). Die Psychologie ist der Mittelpunkt seines Systems.
-
-Seine Anthropologie ist dualistisch. Körper und Seele gehören
-nicht wesentlich zusammen. Wie alle Körper unter der Einwirkung der
-Gestirne aus der Mischung der Elemente hervorgehen, so der menschliche
-Körper aus dem schönsten Gleichmaße dieser Mischung. Eine spontane
-Generation des Körpers, wie überhaupt ein Aussterben und Neuerstehen
-des Menschengeschlechtes ist deshalb möglich. Aber aus der Mischung
-der Elemente lässt sich die Seele nicht erklären. Sie ist nicht
-die untrennbare Form des Körpers, sondern diesem accidentell. Von
-dem Geber der Formen, d. h. dem thätigen Geiste über uns, erhält
-jeder Körper seine ihm und nur ihm eignende Seele. Von Anfang an
-ist jede Seele Individualsubstanz und sie bildet sich zeitlebens
-in ihrem Körper immer individueller aus. Zu der Behauptung, die
-Materie sei das Prinzip der Individualität, stimmt dies allerdings
-nicht. Aber die Seele ist das Wunderkind unseres Philosophen. Er ist
-nicht leichtgläubig, warnt öfter vor einem allzuleichten Hinnehmen
-der Geheimnisse des Seelenlebens, weiß aber doch selber manches zu
-berichten über die vielen wunderbaren Kräfte und möglichen Wirkungen
-der Seele, die die vielverschlungenen Pfade des Lebens wandert und
-die Abgründe des Seins und Nichtseins übersteigt.
-
-Von allen Seelenkräften sind die theoretischen Vermögen die
-vorzüglichsten. Äußere und innere Sinne führen der vernünftigen Seele
-die Kenntnis der Welt zu. Besonders die Lehre von den inneren Sinnen,
-den sinnlich-geistigen Vorstellungsvermögen, deren Sitz das Gehirn,
-wird von Ibn Sina eingehend dargestellt.
-
-Gewöhnlich nahmen die Mediziner-Philosophen drei innere Sinne oder
-Stadien des Vorstellungsprozesses an: 1. die Zusammenfassung der
-einzelnen Sinneswahrnehmungen zu einem Gesamtbilde im Vorderhirn;
-2. die Umbildung oder Bearbeitung dieser Vorstellung des Gemeinsinnes
-mit Hilfe schon vorhandener Vorstellungen, also die eigentliche
-Apperzeption, in der Mitte des Gehirns; 3. die Aufbewahrung
-der apperzipierten Vorstellung im Gedächtnis, das seinen Sitz im
-hintern Teile des Gehirns haben soll. Ibn Sina geht etwas weiter in
-der Analyse. Er unterscheidet im Vorderhirne vom Gemeinsinne das
-sinnliche Gedächtnis, die Schatzkammer der Gesamtbilder. Ferner
-lässt er die Apperzeption teils unbewusst, unter dem Einfluss
-des sinnlich-begehrenden Lebens, wie es sich auch bei den Tieren
-findet, von statten gehen, teils aber bewusst, unter der Mitwirkung
-der Vernunft, zu Stande kommen. In dem ersteren Falle behält die
-Vorstellung ihre Beziehung zu dem Einzelding -- so kennt das Schaf die
-Feindschaft des Wolfes --, in dem zweiten Falle aber erweitert sie sich
-zum allgemeinen. Dazu kommt dann als fünftes hinzu das vorstellende
-Gedächtnis oder das Zeughaus der von der sinnlichen Phantasie und dem
-vernünftigen Nachdenken gebildeten Vorstellungen. Es entsprechen also,
-aber ganz anders als bei den treuen Brüdern (s. III, 2 § 8), den fünf
-äußeren Sinnen fünf innere. Unbeantwortet bleibt die aufgeworfene
-Frage, ob man nicht von dem Gedächtnis noch die Erinnerung als ein
-besonderes Vermögen zu scheiden habe.
-
-6. Auf dem Gipfel der theoretischen Seelenkräfte steht die Vernunft. Es
-gibt zwar auch eine praktische Vernunft, aber in ihrem Thun haben
-wir uns selbst nur mittelbar, vervielfältigt; unmittelbar dagegen
-in dem Selbstbewusstsein, dem reinen Erkennen unseres Wesens, darin
-die Einheit unserer Vernunft sich darstellt. Statt aber die niederen
-Kräfte der Seele herabzudrücken, zieht die Vernunft dieselben hinauf,
-die Sinneswahrnehmung verfeinernd, die Vorstellung verallgemeinernd. An
-dem ihr von den äußeren und inneren Sinnen zugeführten Materiale
-arbeitet sich die Vernunft, die anfangs bloße Denkfähigkeit ist,
-nach und nach zur vollkommenen Denkfertigkeit aus. Durch Übung wird
-die Anlage Wirklichkeit. Es geschieht das an der Hand der Erfahrung,
-aber unter der Führung und der Erleuchtung von oben, von dem Geber der
-Formen, der als thätiger Geist der Vernunft die Ideen mitteilt. Ein
-Gedächtnis aber für die reinen Vernunftideen hat die menschliche
-Seele nicht, denn Gedächtnis setzt immer ein körperliches Substrat
-voraus. So oft also die vernünftige Seele etwas erkennt, fließt ihr
-jedesmal von oben die Erkenntnis zu, und nicht durch Umfang und Inhalt
-des Erkennens unterscheiden sich die denkenden Seelen, sondern durch
-die Fertigkeit, sich zur Aufnahme der Erkenntnis mit dem Geiste über
-uns in Verbindung zu setzen.
-
-Die vernünftige Seele, die dasjenige, was unter ihr ist, beherrscht,
-und das Höhere durch die Erleuchtung des Weltgeistes erkennt, ist
-nun der eigentliche Mensch, entstanden zwar, aber als einfaches
-Wesen, als Individualsubstanz, unzerstörbar, unsterblich. Hier
-unterscheidet durch ihre Klarheit Ibn Sinas Lehre sich von derjenigen
-des Farabi. Seit Ibn Sina gilt im Orient die Annahme der individuellen
-Unsterblichkeit entstandener Menschenseelen als aristotelisch, das
-Gegenteil als platonisch. So versteht sich seine Philosophie besser
-mit der Religion. Im menschlichen Körper und in der ganzen Sinnenwelt
-hat die Seele eine Schule, sich auszubilden. Nach dem leiblichen
-Tode aber, der diesem Körper für immer ein Ende macht, besteht die
-Seele in enger oder entfernter Verbindung mit dem Weltgeiste fort. In
-dieser Vereinigung (die nicht als völlige Einswerdung aufzufassen ist)
-mit dem Geiste über uns besteht die Seligkeit der guten, wissenden
-Seelen. Den anderen wird ewiges Unglück zu teil. Wie körperliche Mängel
-zu Krankheiten führen, so folgt notwendig aus schlechtem Seelenzustande
-die Strafe. In derselben Weise bemisst sich aber auch die himmlische
-Belohnung nach der Stufe seelischer Gesundheit oder Vernünftigkeit,
-die im Erdenleben erreicht wurde. Der reinen Seele bleibt in den
-Leiden der Zeit der Trost des Ewigen.
-
-Freilich wird das Höchste nur von wenigen erreicht. Auf dem Gipfel
-der Wahrheit ist für die Masse kein Platz; nur einer nach dem
-andern dringt zu der auf einsamer Höhe entspringenden Quelle der
-Gotteserkenntnis vor.
-
-7. Seine Ansicht von der menschlichen Vernunft auszudrücken, benutzt
-und deutet Ibn Sina dichterische Überlieferungen, wie das auch in
-der späteren persischen Litteratur sehr beliebt war. An erster Stelle
-interessiert uns die allegorisierte Gestalt des Hai ibn Jaqzan. Sie
-stellt den Aufstieg des Geistes aus den Elementen durch die Reiche
-der Natur, der Seele und der Geister bis zum Throne des Ewigen,
-Einen dar. Als ein jugendlicher Greis, seine Führerschaft anbietend,
-begegnet sie dem Philosophen. Dieser hat sich bemüht, mit seinen
-äußeren und inneren Sinnen, Erde und Himmel zu erkennen. Zwei Wege
-öffnen sich ihm: nach Westen der Weg der Materie und des Bösen, nach
-Sonnenaufgang aber der Weg der geistigen, ewigreinen Formen, auf den
-Hai den Wanderer führt. Zusammen gelangen sie zu der Quelle göttlicher
-Weisheit, dem Born ewiger Jugend, wo Schönheit der Schönheit Vorhang,
-Licht des Lichtes Schleier ist: das ewige Geheimnis.
-
-Hai ibn Jaqzan ist demnach der Führer der einzelnen denkenden Seelen,
-er ist der ewige Geist, der über der Menschheit steht und sich in
-ihr bethätigt.
-
-Einen ähnlichen Sinn findet unser Philosoph in der vielfach
-umgebildeten spätgriechischen Legende von den Brüdern Salaman und
-Absal. Salaman ist ihm der Weltmensch, dessen Weib (= die sinnliche
-Welt) sich in Absal verliebt und diesen durch eine List in ihre Arme zu
-führen weiß. Vor dem entscheidenden Augenblicke fährt aber ein Blitz
-vom Himmel herab, entdeckt Absal den beinahe begangenen Frevel und
-erhebt ihn von der sinnlichen Genusswelt zu der Welt reingeistiger
-Betrachtung.
-
-Wie ein Vogel, heißt es an anderer Stelle, ist die Seele des
-Philosophen. Mit großer Mühe entkommt sie irdischen Stricken und
-durchfliegt die Weltenräume, bis der Engel des Todes ihr die letzten
-Fesseln löst.
-
-Das ist Ibn Sinas Mystik. Seine Seele hat Bedürfnisse, für die seine
-Apotheke keine Mittel, das höfische Leben keine Befriedigung darbietet.
-
-8. Ethik und Politik theoretisch auszubilden bleibe den Lehrern
-des Fiqh überlassen. Unser Philosoph fühlt sich auf der Stufe
-eines Erleuchteten wie ein Gott über alle menschlichen Gesetze
-hinausgehoben. Nur für die Menge ist das Gesetz der Religion und
-des Staates verpflichtend. Mohammeds Zweck war, die Beduinen zu
-zivilisieren; zu dem Zwecke predigte er u. a. eine Auferstehung
-des Fleisches. Was reingeistige Seligkeit bedeutet, hätten sie nicht
-verstanden, er musste sie also mit der Aussicht auf körperliche Leiden
-oder Freuden erziehen. Mit dieser sinnlichen Menge, deren Gottesdienst
-in der Beobachtung äußerer Formen besteht, stimmen insofern die
-Asketen, obgleich sie ganz der Welt und der Sinne entsagen wollen,
-überein, dass auch sie mit Rücksicht auf eine himmlische Belohnung ihre
-frommen Werke ausüben. Höher als die Menge und die Frommen stehen die
-wahren Gottesverehrer in geistiger Liebe, die nichts wollen als Gott
-selbst, ohne Hoffnung, ohne Furcht. Ihr Eigentum ist die Freiheit
-des Geistes.
-
-Dieses Geheimnis aber soll man der Menge nicht offenbaren. Nur seinen
-liebsten Schülern vertraut es der Philosoph.
-
-9. Ibn Sina kam auf seinen Reisen mit vielen gelehrten Zeitgenossen
-zusammen. Dauernde Verbindungen waren, wie es scheint, nicht davon die
-Folge. Wie er sich von seinen Vorgängern allein dem Farabi verpflichtet
-fühlt, so dankt er der Mitwelt nur in seinen fürstlichen Gönnern. Den
-Ibn Maskawaih (s. IV 3), mit dem er noch öfter zusammenkam, hat er
-ungünstig beurteilt. Mit dem ihm als Forscher überlegenen Beruni
-führte er eine Korrespondenz, die aber bald abgebrochen wurde.
-
-Beruni (973-1048), wenn er auch Kindi und Masudi eher als Farabi
-und den jüngeren Ibn Sina seine Meister nennen darf, verdient
-hier zur Charakteristik der Zeit einer kurzen Erwähnung. Vorzüglich
-beschäftigten ihn Mathematik, Astronomie, Länder- und Völkerkunde. Er
-war ein scharfer Beobachter und guter Kritiker. Aber er verdankte der
-Philosophie manche Aufklärung und widmete ihr als Kulturerscheinung
-fortwährend seine Aufmerksamkeit.
-
-Treffend hebt Beruni die Übereinstimmung zwischen
-pythagoreisch-platonischer Philosophie, indischer Weisheit und vielen
-sufischen Anschauungen hervor. Nicht weniger treffend erkennt er die
-Überlegenheit griechischer Wissenschaft gegenüber den Versuchen und
-Leistungen der Araber und Inder. Indien, sagt er, von Arabien ganz zu
-schweigen, hat keinen Sokrates hervorgebracht. Keine logische Methode
-hat dort die Phantasie aus der Wissenschaft vertrieben. Doch will er
-einzelnen Indern gerecht werden. Zustimmend führt er als die Lehre der
-Anhänger Aryabhatas folgendes an: "Es genügt uns, das zu erkennen, was
-von den Strahlen der Sonne beleuchtet wird; was darüber hinausgeht,
-wenn auch von unermesslicher Ausdehnung, brauchen wir nicht. Was
-der Sonnenstrahl nicht erreicht, können die Sinne nicht wahrnehmen,
-und was der Sinn nicht wahrnimmt, können wir nicht erkennen."
-
-Daraus ergibt sich uns Berunis Philosophie. Nur die Wahrnehmungen
-der Sinne, von einem logischen Geiste verknüpft, gewähren sichere
-Erkenntnis. Und zum Leben brauchen wir eine praktische Philosophie,
-die uns vom Freunde den Feind unterscheiden lässt. Er glaubte selbst
-wohl nicht, damit alles und das letzte Wort gesagt zu haben.
-
-10. Aus der Schule Ibn Sinas sind uns mehr Namen überliefert
-als Schriften erhalten. Dschuzdschani hat, im Anschluss an eine
-Selbstbiographie, das Leben des Meisters beschrieben. Und von
-Abu-l-Hasan Behmenjar ibn al-Marzuban haben wir noch ein paar kleinere
-metaphysische Abhandlungen, die sich fast ganz in Übereinstimmung mit
-dem Systeme seines Lehrers befinden. Nur scheint die Materie etwas
-von ihrer Substantialität einzubüßen: als Seinsmöglichkeit wird sie
-zu einer Relation oder Beziehung des Denkens.
-
-Gott ist, nach Behmenjar, die reine, ursachlose Einheit notwendigen
-Seins, nicht der lebendige, alles wirkende Schöpfer. Er ist zwar
-Ursache der Welt, aber die Folge ist mit der Ursache zugleich und
-notwendig gegeben, sonst wäre die Ursache nicht vollkommen, weil der
-Veränderung fähig. Wesenhaft, nicht zeitlich, geht Gottes Dasein dem
-der Welt voran. Drei Bestimmungen kommen demnach dem höchsten Sein
-zu: dass es wesentlich zuerst, sich selbst genügend und notwendig
-sei, m. a. W. Gottes Wesen ist die Seinsnotwendigkeit. Diesem
-absolut-notwendigen Sein verdankt alles möglicherweise Existierende
-sein Dasein.
-
-Das stimmt nun wohl zu den Lehren Ibn Sinas. Und ebenso verhält es
-sich mit dem Weltbilde und der Seelenlehre des Schülers. Was einmal
-zur vollen Wirklichkeit gelangt ist, die der Art nach verschiedenen
-Sphärengeister, die Urmaterie und die individuell verschiedenen
-menschlichen Seelen, besteht alles ewig fort. Vollwirkliches, weil
-ohne jede Möglichkeit, kann nicht vergehen.
-
-Die Eigenart alles Geistigen ist die Erkenntnis des eigenen
-Wesens. Wille heißt, nach Behmenjar, nichts anderes als Erkenntnis
-dessen, was notwendig aus dem Wesen folgt. In der Selbsterkenntnis
-besteht auch das Leben und die Lust der vernünftigen Seele.
-
-11. Ibn Sina hat eine weitgehende Wirkung erzielt. Nach seinem Kanon
-der Medizin, der auch im Abendlande vom 13. bis 16. Jahrhundert hohes
-Ansehen genoss, werden heutigen Tages noch die Perser kuriert. Sein
-Einfluss auf die christliche Scholastik war bedeutend. Dante setzte
-ihn zwischen Hippokrat und Galen, und Scaliger behauptete, er sei
-in der Medizin dem Galen gleich, in der Philosophie diesem sogar
-weit überlegen.
-
-Dem Orient galt und gilt er als der Fürst der Philosophie. Der
-neuplatonische Aristotelismus ist dort bekannt geblieben in der Form,
-die ihm Ibn Sina gegeben. Zahlreich sind die Handschriften seiner
-Werke, ein Zeugnis seiner Popularität, unzählig aber die Kompendien
-und Kommentare zu seinen Schriften. Mediziner und Staatsmänner,
-aber auch Theologen studierten ihn. Nur wenige gingen über ihn zu
-den Quellen zurück.
-
-Der Feinde gab es freilich von Anfang an viele und sie äußerten sich
-lauter als die Freunde. Dichter verfluchten ihn, Theologen stimmten mit
-ein oder versuchten es, ihn zu widerlegen. Und der Chalif Mustandschid
-ließ im Jahre 1150 unter der philosophischen Bibliothek eines Richters
-auch die Schriften Ibn Sinas zu Bagdad dem Feuer übergeben.
-
-
-
-
-5. Ibn al-Haitham.
-
-1. Nach Ibn Sina und seiner Schule fand die theoretische Philosophie
-in den östlichen Ländern des muslimischen Reiches wenig Pflege
-mehr. Die arabische Sprache musste im Leben und in der Litteratur
-dort immer mehr der persischen weichen. Dass letztere Sprache sich
-weniger gut zu abstrakt logischen und metaphysischen Erörterungen
-eignet, dürfte dabei nur ganz nebensächlich ins Gewicht fallen. Es
-änderten sich in trauriger Weise die Kulturverhältnisse und damit die
-Interessen der Menschen. Ethik und Politik traten in den Vordergrund,
-jedoch ohne eine wirklich neue Gestalt zu bekommen. Ganz vorherrschend
-aber war es in der neupersischen Litteratur eine teils freigeistige,
-teils, und zwar überwiegend, mystische Poesie, die das Bedürfnis der
-Gebildeten nach Weisheit befriedigte.
-
-Seit der Mitte des zehnten Jahrhunderts etwa hatte sich von Bagdad aus
-ein Teil der wissenschaftlichen Bewegung dem Westen zugewendet. Wir
-fanden schon Farabi in Syrien, Masudi in Ägypten. Dort wurde Kairo
-ein zweites Bagdad.
-
-2. In Kairo treffen wir am Anfang des elften Jahrhunderts einen der
-bedeutendsten Mathematiker und Physiker des ganzen Mittelalters, Abu
-Ali Mohammed ibn al-Hasan ibn al-Haitham. In Basra, wo er geboren
-wurde, hatte er schon ein Staatsamt verwaltet. In allzugroßem
-Vertrauen auf die Verwertbarkeit seiner mathematischen Kenntnisse
-glaubte er die Nilüberschwemmungen regulieren zu können. Deshalb
-vom Chalifen al-Hakim berufen, sah er bald nach seiner Ankunft das
-Vergebliche seiner Bemühungen ein. Als Verwaltungsbeamter fiel er
-dann in Ungnade, verbarg sich bis zum Tode des Chalifen (1020) und
-lebte ferner wissenschaftlichen und litterarischen Arbeiten, bis er
-im Jahre 1038 starb.
-
-Seine Hauptwirksamkeit liegt auf dem Gebiete der Mathematik und
-ihrer Anwendung. Doch hat er sich auch sehr viel mit den galenischen
-und aristotelischen Schriften, und nicht bloß mit den physischen,
-beschäftigt. Nach seinem eigenen Bekenntnis hat er von Jugend auf
-alles bezweifelnd, die verschiedenen Ansichten und Lehren der Menschen
-betrachtet, bis er in allen mehr oder weniger gelungene Versuche,
-sich der Wahrheit zu nähern, erkannte. Als Wahrheit galt ihm ferner
-nur das, was sich der sinnlichen Wahrnehmung als Material darbot
-und vom Verstande seine Form erhielt, also die logisch bearbeitete
-Wahrnehmung. Solche Wahrheit zu suchen war sein Bestreben beim
-Studium der Philosophie. Die Philosophie sollte ihm Grundlage aller
-Wissenschaften sein. Er fand sie in den Schriften des Aristoteles,
-weil dieser es am besten verstanden hatte, die sinnliche Wahrnehmung
-einheitlich zu vernünftiger Erkenntnis zu verknüpfen. Eifrig studierte
-und erläuterte er darum die Werke des Aristoteles, zu Nutz und Frommen
-der Menschheit, zu eigener Übung und als Schatz und Trost für sein
-Alter. Von diesen Arbeiten scheint uns aber nichts erhalten zu sein.
-
-Des Ibn al-Haithams bedeutendste Schrift, die in lateinischer
-Übersetzung und Bearbeitung auf uns gekommen ist, ist die Optik. Er
-zeigt sich darin als einen scharfen mathematischen Denker, überall
-um die Analyse der Begriffe und der wirklichen Vorgänge bemüht. Ein
-Abendländer des 13. Jahrhunderts (Witelo) wusste das Ganze methodischer
-darzustellen, doch dürfte an Schärfe der Beobachtung im einzelnen
-Ibn al-Haitham jenem überlegen sein.
-
-3. Das Denken Ibn al-Haithams ist ganz mathematisch bestimmt. Die
-Substanz eines Körpers besteht nach ihm aus der Summe seiner
-wesentlichen Eigenschaften, wie das Ganze der Summe der Teile und
-der Begriff der Summe seiner Merkmale gleich ist.
-
-In der Optik interessieren uns besonders die psychologischen
-Bemerkungen über das Sehen und die Sinneswahrnehmung überhaupt. Das
-Bestreben ist hier darauf gerichtet, die einzelnen Momente der
-Wahrnehmung zu sondern und den zeitlichen Charakter des ganzen
-Prozesses hervorzuheben.
-
-Die Wahrnehmung setzt sich dann zusammen aus der Sinnesempfindung (1),
-der Vergleichung (2) mehrerer Empfindungen oder der jetzigen Empfindung
-mit dem infolge früherer Empfindungen nach und nach in der Seele
-geformten Erinnerungsbilde, und dem Wiedererkennen (3), sodass wir das
-jetzt Wahrgenommene als mit dem Erinnerungsbilde gleich erkennen. Das
-Vergleichen und das Wiedererkennen sind keine Thätigkeiten der Sinne,
-die nur passiv empfinden, sondern fallen dem urteilenden Verstande
-zu. Gewöhnlich geht das alles unbewusst oder halbbewusst von statten,
-und nur durch Besinnung wird es uns zum Bewusstsein geführt und das
-scheinbar Einfache in seine Bestandteile zerlegt.
-
-Der Prozess der Wahrnehmung verläuft sehr schnell. Je geübter der
-Mensch in dieser Hinsicht ist und je öfter eine Wahrnehmung sich
-wiederholt, um so fester wird das Erinnerungsbild der Seele eingeprägt,
-um so schneller kommt das Wiedererkennen oder die Wahrnehmung
-zu Stande. Die Ursache davon ist die, dass die neue Empfindung
-von dem schon vorhandenen seelischen Gebilde ergänzt wird. Leicht
-könnte man also meinen, die Wahrnehmung sei, wenigstens nach langer
-Einübung, ein zeitloser Akt. Das wäre aber ein Irrtum, denn nicht
-nur entspricht jeder Empfindung eine qualitative, im Sinnesorgan
-lokalisierte Veränderung, die eine Zeit erfordert, sondern auch
-zwischen der Reizung des Organs und der bewussten Wahrnehmung muss der
-räumlichen Fortleitung des Reizes durch die Nerven eine Zeitstrecke
-entsprechen. Dass es z. B. zur Auffassung einer Farbe Zeit bedarf,
-beweist der drehende Farbenkreisel, der uns nur eine Mischfarbe zeigt,
-weil wir wegen der schnellen Bewegung keine Zeit haben, die einzelnen
-Farben aufzufassen.
-
-Vergleichen und Wiedererkennen sind nach Ibn al-Haitham die
-bedeutenden, seelischen Momente der Wahrnehmung. Dagegen entspricht
-die Empfindung der Materie, der empfindende Sinn verhält sich
-passiv. Eigentlich ist alles Empfinden an sich eine Art Unlust, welche
-sich für gewöhnlich nicht fühlbar macht, bei sehr starken Reizen aber,
-z. B. durch allzuhelles Licht, zum Bewusstsein kommt. Der Charakter
-der Lust kommt nur der vollkommenen Wahrnehmung zu, d. h. dem Erkennen,
-das die Materie der Empfindung zur seelischen Form erhebt.
-
-Das Vergleichen und Wiedererkennen in der Wahrnehmung ist wesentlich
-ein unbewusstes Urteilen und Schließen. Das Kind macht schon einen
-Schluss, wenn es von zwei Äpfeln den schöneren wählt. Schließen ist
-jede Erfassung eines Zusammenhanges. Weil aber Urteilen und Schließen
-schnell zu Stande kommen, irrt der Mensch sich dabei leicht, und
-hält auch oft für einen ursprünglichen Begriff, was nur ein auf dem
-Wege des Schließens abgeleitetes Urteil ist. Bei allem, was uns als
-Axiome verkündet wird, soll man doch auf der Hut sein und nachspüren,
-ob es nicht aus Einfacherem abgeleitet werden könne.
-
-4. Diese Aufforderung unseres Philosophen hat im Orient wenig
-gefruchtet. Zwar hat er in Mathematik und Astronomie etwas Schule
-gemacht, aber für seine aristotelische Philosophie gab es weniger
-Liebhaber. Wir kennen nur einen seiner Schüler, der zu den Philosophen
-gezählt wird, Abu-l-Wafa Mubasschir ibn Fatik al-Qaid, einen
-ägyptischen Emir, der im Jahre 1053 ein Werk mit Spruchweisheit,
-Anekdoten zur Philosophiegeschichte u. s. w. lieferte. Von
-eigener Gedankenarbeit ist dabei kaum etwas zu spüren. Es sollte
-unterhalten. Und mehr noch als an solchem Werke erbauten sich die
-Einwohner Kairos in der Folgezeit an den Märchen der Tausend und
-eine Nacht.
-
-Der Orient hat Ibn al-Haitham fast vergessen, ihn und seine Werke
-verketzert. Ein Schüler des jüdischen Philosophen Maimonides
-erzählt, er sei wegen Handelsgeschäfte in Bagdad gewesen, als dort
-die Bibliothek eines Philosophen (gest. 1214) verbrannt wurde. Da
-warf ein Prediger, der die Exekution leitete, mit eigener Hand eine
-astronomische Schrift des Ibn al-Haitham in die Flammen, nachdem er
-auf eine darin abgebildete Weltkugel als das Unglückszeichen verruchter
-Gottlosigkeit hingewiesen hatte.
-
-
-
-
-
-
-
-
-V. DER AUSGANG DER PHILOSOPHIE IM OSTEN.
-
-
-1. Gazali.
-
-1. Wir haben früher schon gesehen, dass die theologische Bewegung
-im Islam stark von der Philosophie beeinflusst war. Nicht nur die
-mutazilitische, sondern auch die antimutazilitische Dialektik holte
-ihre Ansichten und die Argumente, womit sie die eigene Lehre stützte,
-die des Gegners bekämpfte, zum großen Teile aus den Schriften der
-Philosophen. Man nahm aus diesen auf, was man eben brauchen konnte,
-das andere ließ man auf sich beruhen, oder aber man machte den
-Versuch, es zu widerlegen. So entstanden zahlreiche Schriften, gegen
-eine besondere philosophische Lehre oder einen einzelnen Philosophen
-gerichtet. Ein Versuch aber, das ganze System der Philosophie, wie es
-im Osten auf griechischer Grundlage aufgebaut war, nach eingehendem
-Studium von allgemeinen Gesichtspunkten aus zu bekämpfen, ist wohl
-vor Gazali nicht gemacht worden.
-
-Das Unternehmen Gazalis hatte auch eine positive Seite. Neben der
-Dialektik, die die Lehren des Glaubens verständlich zu machen oder
-gar vernünftig zu begründen suchte, lief im Islam eine Mystik her,
-die auf innerliches, gemütliches Erfassen des Dogmas aus war. Nicht
-begreifen oder beweisen wollte sie den Glaubensinhalt, sondern
-erfahren, im Geiste erleben. Dem Glauben soll ja die höchste
-Gewissheit zukommen. Sollte man ihn dann in ein abgeleitetes
-Wissen verwandeln können? Oder sollten seine Sätze Prinzipien der
-Vernunft sein, keines weiteren Beweises fähig noch bedürftig? Aber
-die Grundsätze der Vernunft müssen, wenn sie einmal bekannt sind,
-allgemein anerkannt werden, und die allgemeine Anerkennung fehlt
-den Sätzen des Glaubens. Woher sonst der Unglaube? So wurde weiter
-gefragt. Und als der einzige Ausweg aus solchen Zweifeln erschien
-es vielen, die Glaubenslehre auf eine innere, übervernünftige
-Erleuchtung zu gründen. Anfangs geschah das unbewusst, in mystischem
-Drange, wobei denn oft der Inhalt der Pflichten- und Glaubenslehre
-sehr vernachlässigt wurde. Auch hier hat Gazali eingegriffen. Was
-vielleicht von Salimiten und Karramiten, antimutazilitischen Sekten,
-vorgebildet war, hat er in großem Stile durchgeführt: die Mystik
-trägt und krönt seit seiner Zeit das Lehrgebäude des orthodoxen Islam.
-
-2. Merkwürdig ist die Lebensgeschichte dieses Mannes, und zum
-Verständnis seiner Wirksamkeit ist es unbedingt erforderlich, etwas
-näher darauf einzugehen. Im Jahre 1059 wurde er zu Tos in Chorasan
-geboren, war also ein Landsmann des großen Dichters Firdausi. Wie
-dieser von der alten Herrlichkeit der persischen Nation zeugt,
-so sollte Gazali "Zeugnis und Zierde" des ganzen zukünftigen Islam
-sein. Schon seine Erziehung, nach dem Tode des Vaters im Hause eines
-sufischen Freundes, war mehr universal als national gerichtet. Dem
-unruhigen, phantastischen Geiste des Jünglings sagte auch keine
-Beschränkung zu. In der spitzfindigen Kasuistik der Pflichtenlehre
-mit ihren präzisen Formeln fand er sich nicht zurecht. Er sah sie
-an als ein weltliches Wissen, von dem er sich abwendete, um sich
-in die Erkenntnis Allahs geistig zu vertiefen. Dann studierte
-er in Nischabur Theologie bei einem sufischen Lehrer, dem Imam
-al-Haramain (gest. 1085), während dessen er wohl selbst anfing
-zu schriftstellern und zu lehren, vielleicht auch schon an seiner
-Wissenschaft zu zweifeln. Er begab sich darauf zu Nizam al-Mulk, dem
-Wezir des Seldschukenfürsten, bis er (1091) eine Professur in Bagdad
-erhielt. In diese Zeit fällt jedenfalls die nähere Beschäftigung mit
-der Philosophie. Es war aber nicht reine Liebe zur Wissenschaft,
-die ihn dazu trieb, sondern die Sehnsucht des Herzens, Lösung für
-die Zweifel des Verstandes zu finden. Keine Aufklärung über das
-Weltgeschehen, auch keine Klärung des eigenen Denkens, sondern
-Herzensruhe und die Erfahrung einer höheren Wirklichkeit suchte
-er zu erreichen. Eingehend befasste er sich mit den Schriften der
-Philosophen, besonders denen des Farabi und Ibn Sina, und hauptsächlich
-dem System des letzteren folgend, schrieb er ein philosophisches
-Kompendium, objektiv gehalten, scheinbar mit einiger Teilnahme am
-Inhalt. Er that es, wie er anfangs wohl leise zur Selbstberuhigung,
-später aber laut zu seiner Entschuldigung sagte, nur um der Darstellung
-der philosophischen Lehren die Widerlegung folgen zu lassen. Auch
-diese erschien, wahrscheinlich nicht lange Zeit darauf. Es war die
-berühmte "Ruin der Philosophen", die vermutlich noch in Bagdad oder
-kurz nach seiner Abreise verfasst wurde.
-
-Schon nach vier Jahren nämlich (1095) hatte Gazali seine von äußerem
-Erfolg begleitete Lehrthätigkeit in Bagdad eingestellt. Sein
-immer zweifelnder Geist fand im dogmatischen Vortrag wohl keine
-Befriedigung. Seine glänzende Stellung zog ihn bald an, bald stieß
-sie ihn ab. Er glaubte wohl, auf andere Weise besser die Welt und ihre
-Weisheit bekämpfen zu können, zu sollen. Sein Ehrgeiz war größer als
-diese Welt. Doch tiefer. Während einer Krankheit stand ihm der innere
-Beruf vor der Seele. Im stillen, durch sufische Übungen, sollte er
-sich darauf vorbereiten, vielleicht einmal als religiös-politischer
-Reformator auftreten. Zu derselben Zeit, als die Ritter vom Kreuze im
-Abendlande sich gegen den Islam rüsteten, da bereitete sich Gazali
-zum geistigen Vorkämpfer des muslimischen Glaubens. Nicht gewaltig
-war seine Bekehrung, wie die des heiligen Augustin, sondern dem
-Erlebnis zu vergleichen des heiligen Hieronymus, der im Traume von
-seinen ciceronianischen Liebhabereien zum praktischen Christentum
-berufen ward.
-
-Zehn Jahre ist nun Gazali auf der Wanderschaft, seine Zeit in
-fromme Übungen und litterarische Thätigkeit teilend. In der ersten
-Zeit vermutlich hat er sein theologisch-ethisches Hauptwerk "Die
-Belebung der Religionswissenschaften" geschrieben. Gegen Ende hat
-er reformatorisch zu wirken versucht. Seine Reise führte ihn über
-Damaskus und Jerusalem (noch vor der Einnahme durch die Kreuzfahrer),
-Alexandria, Mekka und Medina nach Hause zurück.
-
-Nach seiner Rückkehr hat Gazali noch auf kurze Zeit in Nischabur
-als Lehrer gewirkt und ist in seiner Vaterstadt Tos am 19. Dez. des
-Jahres 1111 gestorben. Die letzten Jahre gehören hauptsächlich frommer
-Betrachtung und dem Studium der Traditionen, die einmal dem Jüngling
-nicht ins Gedächtnis hinein wollten. Ein schön vollendetes Leben,
-in dem das Ende zum Anfang zurückkehrt.
-
-3. Gazali überschaut die geistigen Strömungen seiner Zeit. Da gibt es
-nun die Dialektik der Theologen, eine sufische Mystik, pythagoreische
-Popularphilosophie und neuplatonischen Aristotelismus. Was die
-Dialektik ergründen will, ist auch Gegenstand seines Glaubens,
-nur dünken ihm ihre Argumente etwas schwach und deshalb viele von
-ihren Behauptungen bedenklich. Der sufischen Mystik fühlt er sich am
-nächsten verwandt, ihr verdankt er das beste: die Begründung seines
-Glaubens in der Persönlichkeit, sodass er als innere Erfahrung
-postulieren kann, was die Dialektiker verstandesmäßig abzuleiten
-versuchen. Auch der Popularphilosophie dankt er Belehrung, über
-Mathematik nämlich, die er durchaus als Wissenschaft anerkennt,
-und ihre astronomischen Folgerungen. Ihre Physik lässt er, wo sie
-nicht gegen den Glauben verstößt, gelten. Aber der Aristotelismus,
-wie er von Farabi und Ibn Sina, nicht weniger autoritätsgläubig als
-die Theologen, gelehrt worden, erscheint ihm als der Feind des Islam,
-den er im Namen sämtlicher muslimischen Schulen und Richtungen,
-also von katholischem Standpunkte, bekämpfen soll. Und zwar mit des
-Aristoteles eigenen Waffen, denen der Logik. Denn ebenso fest wie die
-Sätze der Mathematik, stehen ihm die Grundsätze des Denkens, welche
-die Logik lehrt. Vollbewusst geht er vom Satze des Widerspruchs aus,
-dem sich Gott selbst, nach seiner Behauptung, unterwirft.
-
-Von den physisch-metaphysischen Lehren der Philosophie greift er nun
-hauptsächlich drei an: 1. dass die Welt ewig sei; 2. dass Gott nur
-Allgemeines erkenne und es folglich keine besondere Vorsehung gebe;
-3. dass nur die Seele unsterblich sei und also eine Auferstehung
-des Fleisches nicht zu erwarten. Bei der Widerlegung dieser Lehren
-ist Gazali vielfach abhängig von dem christlichen Kommentator des
-Aristoteles, Johannes Philoponus, der auch gegen des Proklos Lehre
-von der Ewigkeit der Welt geschrieben hat.
-
-4. Die Welt ist nach den Philosophen eine Kugel von endlicher
-Ausdehnung, aber unendlicher Dauer. Von Ewigkeit geht sie aus Gott
-hervor, wie die Wirkung mit der Ursache zugleich ist. Dagegen meint
-Gazali, dass man Raum und Zeit nicht in der Weise verschieden auffassen
-dürfe, und dass die göttliche Ursächlichkeit als freischöpferische
-Macht zu bestimmen sei.
-
-Zunächst Raum und Zeit. Ebensowenig wie Anfang und Ende der Zeit
-können wir uns eine äußerste Grenze des Raumes vorstellen. Wer an eine
-endlose Zeit glaubt, muss, seiner Vorstellung folgend, also auch die
-Existenz eines unendlichen Raumes annehmen. Dass der Raum dem äußeren,
-die Zeit dagegen dem inneren Sinne entspreche, ändert daran nichts,
-denn aus dem Sinnlichen kommen wir doch nicht heraus. Wie der Raum
-zum Körper, so verhält sich die Zeit zur Bewegung des Körpers. Beide
-sind nur Verhältnisse der Dinge, in und mit den Dingen der Welt
-erschaffen, oder vielmehr nur Beziehungen unserer Vorstellungen,
-die Gott in uns schafft.
-
-Wichtiger noch ist es, was Gazali über die Ursächlichkeit
-beibringt. Die Philosophen unterscheiden ein Wirken Gottes,
-der wollenden Geistwesen, der Seele, der Natur, des Zufalles
-oder dergleichen. Für Gazali aber gibt es, wie für den orthodoxen
-Kalam, überhaupt nur eine Kausalität, die des wollenden Wesens. Die
-Naturkausalität beseitigt er ganz, sie löst sich ohne Rest in ein
-Zeitverhältnis auf. Auf eine bestimmte Erscheinung (Ursache) sehen wir
-regelmäßig eine bestimmte andere (Wirkung) folgen; wie sie aber daraus
-erfolgt, bleibt uns ein Rätsel. Von dem Wirken der Naturdinge wissen
-wir nichts. Auch ist jede Veränderung an sich unbegreiflich. Wie etwas
-ein anderes wird, ist dem Denken unfasslich, dieses kann ebensogut
-nach Thatsachen wie nach Ursachen fragen. Etwas ist oder ist nicht,
-aber ein Seiendes in ein Anderes zu verwandeln, dazu ist nicht einmal
-die göttliche Allmacht im Stande. Sie schafft oder vernichtet.
-
-Dennoch ist es eine Thatsache unseres Bewusstseins, dass wir etwas
-wirken. Wenn wir etwas wollen und die Kraft zur Ausführung besitzen,
-nehmen wir den Erfolg als unsere That in Anspruch. Aus freiem Willen,
-mit bewusster Kraft handeln, das ist die einzige Kausalität, davon
-wir wissen, und hieraus schließen wir auf das göttliche Wesen. Mit
-welchem Rechte? In seiner persönlichen Erfahrung des Gottesbildes in
-seiner Seele glaubt Gazali die Berechtigung zu solchem Schlusse zu
-finden. Aber die Gottähnlichkeit seiner Seele will er nicht auf die
-Natur übertragen.
-
-Gott ist ihm demnach, sofern er aus der Welt zu erkennen, das
-allmächtige, freiwollende und wirkende Wesen. Seiner Wirksamkeit darf
-man keine räumliche Schranke setzen, wie die Philosophen thun, wenn
-sie ihn nur auf sein erstes Geschöpf wirken lassen. Andererseits aber
-kann er sein Werk räumlich und zeitlich beschränken, sodass diese
-endliche Welt auch nur eine endliche Dauer besitzt. Dass Gott die
-Welt aus dem Nichts hervorrufe durch eine absolute Schöpfungsthat,
-scheint den Philosophen absurd. Sie erkennen nur einen Wechsel
-der Accidenzen oder Formen an der Einen Materie, ein Wandern des
-Wirklichen von Möglichkeit zu Möglichkeit. Aber entsteht denn nie
-etwas Neues? Ist nicht jede sinnliche Wahrnehmung, so fragt Gazali,
-und jede geistige Perzeption etwas ganz Neues, das entweder ist oder
-nicht ist, bei dessen Entstehen aber nicht das Gegenteil aufhört,
-bei dessen Verschwinden nicht das Entgegengesetzte eintritt? Sind
-auch nicht die vielen individuellen Seelen, die es nach Ibn Sinas
-System geben soll, absolut neu entstanden?
-
-Mit Fragen wird man nicht fertig. Die Vorstellung schweift überall
-in die Weite, das Denken führt uns ins Unendliche. Wie Raum und Zeit,
-lässt sich auch die Reihe der Ursachen nirgendwo abschliessen. Damit
-es aber ein bestimmtes, abgeschlossenes Sein gebe, -- diese Forderung
-stellt Gazali mit den Philosophen -- brauchen wir einen ewigen Willen
-als erste von allem Anderen verschiedene Ursache.
-
-Dies dürfen wir jedenfalls dem Gazali zugestehen: die phantastische
-Formen- und Seelenlehre des Ibn Sina hält seiner Kritik nicht Stand.
-
-5. Wir haben uns schon dem Gottesbegriffe genähert. Den Philosophen
-ist Gott das höchste Sein, dessen Wesen das Denken. Was er erkennt,
-wird, geht aus seinem Überflusse hervor, positiv gewollt aber hat er es
-nicht. Denn alles Wollen setzt einen Mangel, ein Bedürfnis, voraus und
-bedingt eine Veränderung in dem wollenden Wesen. Wollen ist Bewegung
-in der Materie, vollwirklicher Geist will nichts. Gott schaut also in
-wunschloser Betrachtung seiner Schöpfung zu. Er erkennt sich selbst
-oder auch sein erstes Geschöpf oder, nach Ibn Sina, das Allgemeine,
-die ewigen Gattungen und Arten aller Dinge.
-
-Nach Gazali aber soll Gott ewig ein Wille zukommen als eins seiner
-ewigen Attribute. Herkömmlicherweise lässt er zwar in metaphysischen
-und ethischen Betrachtungen das Erkennen dem Wollen vorangehen. Aber
-seiner Überzeugung nach ist im Wissen die Einheit des Wesens nicht mehr
-als im Wollen. Nicht nur die Vielheit der Gegenstände des Wissens und
-ihre verschiedene Beziehung auf das wissende Subjekt, sondern auch das
-Selbstbewusstsein, das Wissen um das Wissen, geht an sich betrachtet
-ins Unendliche. Es muss da ein Willensakt den Abschluss bewirken. In
-der Richtung der Aufmerksamkeit und in der Selbstbesinnung wirkt ein
-ursprüngliches Wollen. Und so kommt auch das göttliche Wissen nur zu
-einem einheitlichen Abschluss, in seiner Persönlichkeit, durch einen
-ursprünglichen, ewigen Willen. Statt der Behauptung der Philosophen,
-Gott wolle die Welt, weil er sie als das Beste denke, setzt Gazali:
-Gott erkennt die Welt, weil und indem er sie will.
-
-Sollte denn Er, der alles will und schafft, sein Werk nicht erkennen
-bis zum kleinsten Stoffteile? Wie sein ewiger Wille aller Einzeldinge
-Ursache, so umfasst sein ewiges Wissen alles Besondere zugleich,
-ohne dass die Einheit seines Wesens dadurch aufgehoben wird. Es gibt
-folglich eine Vorsehung.
-
-Auf die Einwendung, dass die göttliche Vorsehung alles besondere
-Geschehen notwendig mache, entgegnet Gazali, ähnlich wie der
-hl. Augustin, das Vorherwissen unterscheide sich nicht vom Wissen im
-Gedächtnis, d. h. Gottes Wissen sei über jeden Zeitunterschied erhaben.
-
-Es lässt sich fragen, ob nicht Gazali, um den ewigen, allmächtigen
-Schöpferwillen zu retten, sowohl den zeitlichen Charakter der Welt,
-den er beweisen möchte, als die Freiheit des menschlichen Handelns, von
-der er dabei ausgeht, und die er auch nicht ganz aufgeben wollte, jener
-absoluten Macht zum Opfer dargebracht habe. Gott zu liebe verschwindet
-diese Welt der Schatten und der Abbilder, wie er sie nennt.
-
-6. Die dritte Frage, über die Gazali sich mit den Philosophen
-auseinandersetzt, hat weniger philosophisches Interesse. Sie betrifft
-die Auferstehung des Fleisches. Nach den Philosophen ist nur die Seele
-unsterblich, sei es individuell oder als Teil der Weltseele; dagegen
-der Körper vergänglich. Gegen diesen Dualismus, der theoretisch
-zu einer asketischen Ethik führte, praktisch aber sehr leicht in
-Libertinismus sich umsetzte, empört sich das religiös-sittliche Gefühl
-Gazalis. Soll das Fleisch Pflichten haben, so muss es wieder in seine
-Rechte eingesetzt werden. Die Möglichkeit der Auferstehung ist ja nicht
-zu leugnen, denn die Wiedervereinigung der Seele mit ihrem (neuen)
-Körper ist nicht wunderbarer als die erste Verbindung derselben mit
-dem irdischen Leibe, die auch von Philosophen angenommen wird. Kann
-doch jede Seele zur Zeit der Auferstehung einen neuen, ihr passenden
-Leib bekommen. Jedenfalls aber ist die Seele das eigentliche Wesen des
-Menschen; aus welcher Materie ihr himmlischer Körper gebildet wird,
-ist gleichgiltig.
-
-7. Schon aus diesen letzten Sätzen erhellt, dass Gazalis Theologie
-von philosophischer Spekulation nicht unberührt geblieben ist. Wie
-die abendländischen Kirchenväter hat er, bewusst oder unbewusst,
-viel Philosophisches aufgenommen. Von den Muslimen des Westens wurde
-deshalb seine Theologie lange Zeit als Neuerung verketzert. Wirklich
-weist seine Lehre von Gott, von der Welt und der menschlichen Seele
-viele Elemente auf, die dem ältesten Islam fremd sind, und, teils durch
-christliche und jüdische, teils durch spätere muslimische Vermittelung,
-auf heidnische Weisheit zurückgehen.
-
-Allah, der Welten Herr, Mohammeds Gott, ist zwar für Gazali eine
-lebendige Persönlichkeit, aber doch weit weniger anthropomorph als
-er dem naiven Glauben und im antimutazilitischen Dogma erschien. Der
-sicherste Weg, ihn zu erkennen, soll es sein, alle Eigenschaften
-der Geschöpfe ihm abzusprechen. Das heißt aber nicht, dass er keine
-Eigenschaften besitze. Im Gegenteil. Die Vielheit der Bestimmungen
-schadet nicht der Einheit des Wesens. Schon das Körperliche bietet
-dafür Analogien. Ein Ding kann zwar nicht zugleich schwarz und
-weiß, wohl aber kalt und trocken sein. Nur soll man, wenn man
-Gott menschliche Attribute beilegt, diese in anderem, höherem Sinne
-verstehen. Denn er ist reiner Geist. Außer Allwissenheit und Allmacht
-kommen ihm aber auch reine Güte und Allgegenwart zu. Durch diese
-Allgegenwart werden Diesseits und Jenseits einander etwas näher
-gerückt als in der gewöhnlichen Vorstellung.
-
-Gott ist vergeistigt. Nun werden aber auch Auferstehung und
-zukünftiges Leben viel geistiger gefasst als dieses Leben. Die
-philosophisch-gnostische Lehre von drei oder vier Welten ermöglicht
-solche Auffassung. Stufenmäßig erheben sich über einander die irdische
-sinnliche Menschenwelt, die Welt himmlischer Geister, zu der unsere
-Seele gehört, die Welt überhimmlischer Engel, endlich Gott selbst als
-die Welt reinsten Lichtes, vollkommensten Geistes. Aus der niederen
-Welt steigt die fromme erleuchtete Seele durch die Himmel hinauf
-bis vor Gottes Angesicht. Denn sie ist geistiger Natur und ihr
-Auferstehungskörper himmlischen Wesens.
-
-Entsprechend den verschiedenen Welten und den Seelenstufen
-unterscheiden sich auch die Menschen von einander. Der sinnliche Mensch
-muss sich begnügen mit Koran und Tradition, über den Buchstaben darf er
-nicht hinausgehen. Die Pflichtenlehre ist sein Lebensbrot, Philosophie
-wäre für ihn tödliches Gift. Derjenige, der nicht schwimmen kann,
-darf sich nicht ins Meer wagen.
-
-Dennoch gibt es immer Leute, die, um schwimmen zu lernen, ins Wasser
-gehen. Sie wollen ihren Glauben zum Wissen erheben und fallen dabei
-leicht in Zweifel und Unglauben. Für sie, meint Gazali, können Dogmatik
-und Polemik gegen die Philosophie ein nützliches Heilmittel sein.
-
-Auf der höchsten Stufe menschlicher Vollkommenheit stehen aber
-diejenigen, welche ohne schweres Nachdenken durch innere göttliche
-Erleuchtung die Wahrheit und Wirklichkeit der geistigen Welt in sich
-erfahren. Es sind dies die Propheten und frommen Mystiker, zu denen
-Gazali sich zählen darf. In allem sehen sie Gott, ihn, ja ihn allein,
-in der Natur wie im Leben ihrer Seele. Vorzüglich aber in der Seele,
-die zwar nicht gottgleich, aber doch gottähnlich ist. Wie alles Äußere
-jetzt sich ändert! Was scheinbar außer uns besteht, wird zu einem
-Zustande oder einer Eigenschaft der Seele, die im Bewusstsein ihrer
-Vereinigung mit Gott zur höchsten Seligkeit fortschreitet. Alles einigt
-sich da in Liebe. Der wahre Gottesdienst geht über Furcht vor Strafe
-und Hoffnung auf Belohnung hinaus zur Liebe Gottes im Geiste. Über
-Dulden und Danken -- die Pflicht der noch nicht vollendeten frommen
-Wanderer auf Erden -- erhebt sich der vollkommene Gottesdiener,
-schon in dieser Welt Gott freudig zu lieben und zu loben.
-
-8. Es ergeben sich uns aus dem Vorigen drei Stufen des Glaubens
-oder der Gewissheit. Erstens der Autoritätsglaube der Menge: sie
-glaubt, was ihr ein glaubwürdiger Mann erzählt, z. B. dass N. N. da
-im Hause sei. Zweitens das abgeleitete Wissen der Gelehrten: sie
-haben den N. N. reden hören und schließen, dass er sich im Hause
-befinde. Drittens aber die unmittelbare Gewissheit der Erkennenden:
-diese sind ins Haus gegangen und haben mit eigenen Augen den
-N. N. gesehen.
-
-Auf Erfahrung legt Gazali überall Gewicht, den Dialektikern und
-Philosophen gegenüber. Mit ihren allgemeinen Begriffen werden
-sie zunächst der Mannigfaltigkeit dieser sinnlichen Welt nicht
-gerecht. Die sinnlichen Qualitäten der Dinge, auch die Zahl der
-Gestirne z. B. erkennen wir nur durch Erfahrung, nicht aus reinen
-Begriffen. Viel weniger aber noch erschöpfen diese die Höhen und
-Tiefen unseres Inneren. Dem diskursiven Verstande der Gelehrten bleibt
-ewig verborgen, was der Gottesfreund intuitiv erkennt. Sehr wenige
-ersteigen diese Höhe der Erkenntnis, wo sie mit den Gottesgesandten
-und Propheten aller Zeiten zusammentreffen. Ihnen zu folgen ist daher
-die Pflicht der niedriger stehenden Geister.
-
-Wie erkennt man nun aber den überlegenen Geist, dessen man zum Führer
-bedarf? Das ist eine Frage, an der jedes religiös-bestimmte System,
-das menschlicher Vermittler nicht entbehren kann, rein verstandesmäßig
-betrachtet, scheitern muss. Auch Gazalis Antwort ist schwankend. Soviel
-ist ihm gewiss, dass Verstandesgründe allein hier nicht den Ausschlag
-geben können. Den wirklich von Gott erleuchteten Propheten und Lehrer
-erkennt man durch Versenkung in seine einzigartige Persönlichkeit,
-durch die Erfahrung innerer Verwandtschaft. Die Wahrheit der Prophetie
-bewährt sich in ihrem sittlichen Einfluss auf die Seele. Von der
-Wahrhaftigkeit des Gotteswortes im Koran bekommen wir eine moralische,
-keine theoretische Gewissheit. Das einzelne Wunder ist nicht im
-Stande zu überzeugen, sondern die Offenbarung als Ganzes sowie die
-Persönlichkeit des Propheten, durch den die Offenbarung vermittelt,
-machen auf die verwandte Seele einen unwiderstehlichen Eindruck. Von
-diesem Eindrucke ganz hingerissen, entsagt sie der Welt, um die Pfade
-Gottes zu wandern.
-
-9. Gazali ist ohne Zweifel die merkwürdigste Gestalt des Islam. Seine
-Lehre ist ein Ausdruck seiner Persönlichkeit. Auf das Verständnis
-dieser Welt hat er verzichtet. Aber das religiöse Problem hat er
-viel tiefer erfasst als die Philosophen seiner Zeit. Diese waren,
-wie ihre griechischen Vorgänger, intellektualistisch, sahen folglich
-die Lehren der Religion an nur als Produkte der Vorstellung, der
-Phantasie oder auch der Willkür des Gesetzgebers. Ihnen zufolge war
-Religion entweder blinder Gehorsam oder eine Art Erkenntnis, eine
-Wahrheit niederer Ordnung enthaltend.
-
-Dagegen stellt Gazali Religion als Erfahrung seines Inneren hin. Mehr
-als Gesetz und mehr als Lehre ist sie ihm, sie ist Seelenerlebnis.
-
-Nicht jeder erlebt das so wie Gazali. Wer ihm aber bei seinem
-mystischen Fluge, über die Bedingungen möglicher Erfahrung hinaus,
-nicht folgen kann, wird doch eingestehen müssen, dass seine Irrfahrten
-auf der Suche nach dem Höchsten für die Geschichte des menschlichen
-Geistes nicht weniger wichtig sind als die scheinbar sicheren Gänge
-der Philosophen seiner Zeit durch ein Land, das andere vor ihnen
-entdeckt haben.
-
-
-
-
-2. Die Kompendienschreiber.
-
-1. In einer Geschichte des gelehrten Unterrichtes bei den muslimischen
-Völkern müsste dieser Gegenstand einen größeren Raum einnehmen;
-wir werden ihn hier mit wenigen Worten abthun.
-
-Dass Gazali die Philosophie für alle Folgezeit vernichtet habe,
-ist eine oft wiederholte, aber ganz irrige Behauptung, die weder von
-geschichtlichem Wissen noch von Verständnis zeugt. Die Philosophie hat
-im Osten nach ihm ihre Lehrer und Schüler zu Hunderten und Tausenden
-gezählt. Ebensowenig wie die Pflichtenlehrer ihre spitzfindige
-Kasuistik, haben die Glaubenslehrer ihre dialektischen Argumente zur
-Stütze des Dogmas aufgegeben. Und die allgemeine Bildung hat einen
-Bestandteil philosophischer Gelehrsamkeit in sich aufgenommen.
-
-Freilich, eine hervorragende Stellung hat die Philosophie
-sich nicht zu erobern, ihr früheres Ansehen nicht zu erhalten
-gewusst. Nach einer arabischen Anekdote soll ein Philosoph, der
-in Gefangenschaft geraten war und von einem Manne, der ihn als
-Sklaven kaufen wollte, befragt wurde, wozu er tauge, die Antwort
-gegeben haben: Zur Freiheit. Philosophie braucht Freiheit. Und wo
-gab es diese im Orient? Freiheit von materiellen Sorgen, Freiheit
-zur Bethätigung uninteressierten Denkens schwanden immer mehr dahin,
-wo keine aufgeklärten Despoten im Stande waren, sie zu gewähren und zu
-schützen. Als glaubens- und staatsgefährlich wurden die Philosophen an
-manchen Orten verfolgt. Es ist das nur ein Zeichen des allgemeinen
-Kulturverfalles. Wenn auch abendländische Reisende des zwölften
-Jahrhunderts die Kultur des Ostens höchlich preisen, so war sie doch,
-mit früheren Zeiten verglichen, im Niedergang begriffen. Auf keinem
-Gebiete ging man über das alte hinaus, dazu waren die Geister zu
-schwach. Die litterarische Produktion stockte und den Vielschreibern
-der folgenden Jahrhunderte gebührt nur das Verdienst der schönen
-Auswahl. Die Pflichten- und die Glaubenslehre mit der Mystik hatten
-ihren Abschluss gefunden. Ebenso die Philosophie. Nach Ibn Sina, ihrem
-Fürsten, mit selbständigen Ansichten hervorzutreten, fühlte keiner
-sich berufen. Es war die Zeit gekommen der Kompendien, der Kommentare,
-der Glossen und Superglossen. Damit vertrieb die gelehrte Welt sich
-in der Schule die Zeit, während die gläubige Menge sich immer mehr
-der Führung der Derwischorden unterstellte.
-
-2. Die allgemeine Bildung entnahm am meisten der philosophischen
-Propädeutik, etwas Mathematik u. s. w., in der Regel natürlich
-höchst elementar. Von Sektierern und Mystikern wurde vieles der
-pythagoreisch-platonischen Weisheit entlehnt. Besonders den Heiligen-
-und Wunderglauben zu stützen, mussten jene Lehren herhalten. Eine
-wüste, synkretistische Theosophie schmückte sich damit. Sie nahm
-auch den Aristoteles, natürlich den unechten, unter ihre Lehrer auf,
-machte ihn aber zum Schüler des Agathodaemon und Hermes.
-
-Die nüchternen Geister dagegen hielten sich an dem Aristotelismus,
-soweit er sich mit ihren eigenen Ansichten oder dem orthodoxen Glauben
-vertrug. Fast allgemein folgte man dem System des Ibn Sina, nur wenige
-gingen auf Farabi zurück oder suchten beide zu vereinigen. Von den
-physischen und metaphysischen Lehren nahm man weniger Notiz; Ethik
-und Politik wurden schon mehr gepflegt; allgemein studiert aber nur
-die Logik. Diese ließ sich trefflich in schulmäßige Form bringen, als
-reine Formallogik war sie ein Werkzeug, dessen sich jeder bedienen
-konnte. Mit den Mitteln der Logik ließ sich ja alles beweisen. Und
-wenn einmal ein Beweis als fehlerhaft erkannt wurde, so tröstete man
-sich damit, dass die Behauptung doch richtig sein könnte, wenn auch
-der Beweis dafür nicht richtig geführt worden war.
-
-Schon in der Encyklopädie des Abu Abdallah al-Chwarizmi aus dem
-letzten Viertel des zehnten Jahrhunderts war der Logik ein größerer
-Raum zugemessen als der Physik und Metaphysik. Ebenso machten es
-viele spätere Encyklopädien und Sammelwerke. Auch die Dogmatiker
-fingen ihr System an mit logischen und erkenntnistheoretischen
-Betrachtungen, in denen dem "Wissen" ein traditionelles Lob gespendet
-wurde. Und seit dem zwölften Jahrhundert entstand eine ganze Menge
-Einzelbearbeitungen des aristotelischen Organons. Als vielgebraucht,
-kommentiert u. s. w. seien hier nur genannt die Werke des Abhari
-(gest. 1264), der unter dem Titel Isagudschi (eisagôgê) eine kurze
-Übersicht der ganzen Logik gab, und des Qazwini (gest. 1276).
-
-An der größten Universität der muslimischen Welt, in Kairo,
-werden heutzutage noch die Kompendien des 13. und 14. Jahrhunderts
-gebraucht. Dort heißt es noch, wie lange Zeit bei uns: Zuerst
-Collegium logicum! Selbstverständlich mit keinem besseren Erfolge. Man
-lässt sich, innerhalb der Schranken des Gesetzes, die von den alten
-Philosophen aufgefundenen Regeln des Denkens gefallen, lächelt aber
-dabei über jene Männer und über die mutazilitischen Dialektiker, die
-"an die Vernunft geglaubt".
-
-
-
-
-
-
-
-
-VI. DIE PHILOSOPHIE IM WESTEN.
-
-
-1. Die Anfänge.
-
-1. Zum muslimischen Occidente rechnet man das westliche Nordafrika,
-Spanien und Sizilien. Nordafrika hat zunächst untergeordnete
-Bedeutung. Sizilien richtet sich nach Spanien und wird bald von den
-Nordmannen Unteritaliens unterworfen. Für unseren Zweck kommt zunächst
-das muslimische Spanien oder Andalusien in Betracht.
-
-Das Kulturschauspiel des Orients erlebt hier eine zweite
-Aufführung. Wie dort Araber mit Persern, so vermählen sich hier
-Araber mit Spaniern. Und statt der Türken und Mongolen gibt es hier
-die Berbern Nordafrikas, deren rohe Kraft immer mehr zerstörend in
-das Spiel feinerer Bildung eingreift.
-
-Nach dem Sturze der Omajjaden in Syrien (750) hat sich einer aus ihrem
-Hause, Abderrachman ibn Moawia, nach Spanien begeben, wo er sich zum
-Emir von Kordova und ganz Andalusien emporzuarbeiten wusste. Über
-250 Jahre dauerte diese Omajjadenherrschaft und erreichte, nach
-vorübergehender Kleinstaaterei, unter Abderrachman III. (912-961),
-dem ersten, der sich Chalif nennen ließ, und dessen Sohn al-Hakam
-II. (961-976) ihren Glanzpunkt. Das zehnte Jahrhundert war für Spanien,
-was das neunte für den Orient: die Zeit höchster materieller und
-geistiger Kultur. Wenn möglich war sie hier frischer, naturwüchsiger
-als dort. Produktiver, wenn es wahr ist, dass alles Theoretisieren
-entweder einen Mangel oder eine Stockung der Produktionskraft
-bedeutet. Die Wissenschaften, und besonders die Philosophie, fanden
-hier nämlich weit weniger Vertreter. Überhaupt waren die Verhältnisse
-geistigen Lebens einfacher gestaltet. Die Zahl alter Kulturschichten
-war geringer. Wohl hatte man hier außer Muslimen Juden und Christen,
-die sich zu Abderrachmans III. Zeit gemeinschaftlich am Kulturleben
-arabischen Stempels beteiligten. Aber Anhänger des Zoroaster,
-Atheisten u. s. w. gab es nicht. Auch waren die Parteiungen des
-östlichen Islam fast unbekannt. Nur eine Rechtschule, die des Malik,
-fand Eingang. Mutazilitische Dialektik störte nicht den Frieden des
-Glaubens. Zwar verherrlichten die andalusischen Dichter die Dreiheit:
-Wein, Weib und Gesang, aber frivole Freigeisterei einerseits, düstere
-Weltflucht und Theosophie andererseits kamen nur selten zum Ausdruck.
-
-Im ganzen war die geistige Kultur vom Orient abhängig. Seit dem
-zehnten Jahrhundert wurden aus Spanien viele wissenschaftliche Reisen
-dorthin, über Ägypten bis zum östlichen Persien, unternommen, um den
-Vorlesungen berühmter Gelehrten beizuwohnen. Und das Bedürfnis nach
-Bildung in Andalusien lockte auch manch orientalischen Gelehrten,
-der in seiner Heimat keine Beschäftigung fand, herbei. Dazu ließ
-al-Hakam II. überall im Osten Bücher abschreiben für seine Bibliothek,
-deren Bändezahl auf 400000 angegeben wird.
-
-Hauptsächlich interessierte der Westen sich für Mathematik und
-Naturwissenschaft, Astrologie und Medizin, ebenso wie anfangs der
-Osten. Poesie, Geschichte und Geographie wurden eifrig gepflegt. Der
-Geist war noch von des Gedankens Blässe nicht angekränkelt. Als
-Abdallah ibn Masarra von Kordova, unter Abderrachman III., mit
-Naturphilosophie nach Hause kam, musste er seine Schriften verbrennen
-sehen.
-
-2. Im Jahre 1013 wurde Kordova, "die Zierde der Welt", von den
-Berbern verwüstet und das Omajjadenreich zerfiel in eine Anzahl
-kleiner Staaten. Ihre Nachblüte füllt das elfte Jahrhundert, die
-mediceische Zeit Spaniens, aus. An den städtischen Höfen gedeihen
-noch Kunst und Poesie, üppig wuchernd auf den Trümmern alter
-Herrlichkeit. Die Kunst verfeinert sich, die Poesie wird weise, subtil
-der wissenschaftliche Gedanke. Aus dem Orient zieht man immerfort
-geistige Nahrung. Naturphilosophie, die Schriften der treuen Brüder,
-die Logik aus der Schule des Abu Sulaiman al-Sidschistani halten nach
-einander ihren Einzug. Gegen Ende des Jahrhunderts spürt man auch
-den Einfluss der Schriften Farabis und wird Ibn Sinas Medizin bekannt.
-
-Die Anfänge philosophischen Nachdenkens finden wir zumeist bei den
-zahlreichen gebildeten Juden. Mächtig und ganz eigenartig wirkt
-die Naturphilosophie des Ostens auf Ibn Gebirol, den Avencebrol
-christlicher Schriftsteller. Bachja ibn Pakuda wird von den treuen
-Brüdern beeinflusst. Sogar die religiöse Poesie der Juden wird von
-der philosophischen Bewegung ergriffen. Es spricht darin die Seele,
-die sich zum Geiste erhebt, nicht die jüdische Gemeinde, die ihren
-Gott sucht.
-
-Unter den Muslimen blieb die Zahl derjenigen, die sich eingehend mit
-Philosophie beschäftigten, sehr beschränkt. Kein Meister sammelte
-eine zahlreiche Jüngerschaar um sich, gelehrte Sitzungen, in denen
-über philosophische Gegenstände disputiert wurde, fanden kaum
-statt. So musste sich hier der einzelne Denker wohl ganz vereinsamt
-fühlen. Subjektiv wie im Orient, bildete sich auch im Westen die
-Philosophie aus. Aber sie war hier mehr nur die Sache vereinzelter
-Individuen und stand dazu dem Glauben der Menge ferner. Im Orient gab
-es zahllose Vermittelungen zwischen Glauben und Wissen, zwischen den
-Philosophen und der gläubigen Gemeinde. Das Problem des denkenden
-Individuums gegenüber der staatlichen Gesellschaft und dem Glauben
-beschränkter fanatischer Massen wurde daher im Westen schärfer gefasst.
-
-
-
-
-2. Ibn Baddscha.
-
-1. Gegen Ende des elften Jahrhunderts, als Abu Bekr Mohammed
-ibn Jachja ibn al-Saig ibn Baddscha in Saragossa geboren wurde,
-war das schöne Andalusien nahe daran, in seiner Kleinstaaterei
-unterzugehen. Von Norden her wurde es von den weniger gebildeten,
-aber kräftigen und tapferen Christenrittern bedroht. Da griff aber
-rettend die berberische Dynastie der Almoraviden ein, die nicht nur
-fester im Glauben, sondern auch klüger in der Politik war als die
-üppigen Herrschergeschlechter Spaniens. Jetzt schien die Zeit feiner
-Bildung und freien Forschens für immer dahin. Nur Traditionarier der
-strengsten Observanz durften öffentlich auftreten. Und die Philosophen,
-wenn sie sich nicht verborgen hielten, wurden verfolgt oder getötet.
-
-2. Aber barbarische Herren haben ihre Grillen, indem sie die
-Bildung der von ihnen Unterworfenen, wenigstens äußerlich, sich
-anzueignen lieben. Also nahm sich Abu Bekr ibn Ibrahim, Schwager des
-Almoravidenfürsten Ali, der einige Zeit Gouverneur Saragossas war,
-zum großen Ärgernis seiner Faqihs und Soldaten, den Ibn Baddscha
-zum Vertrauten und ersten Minister. Dieser Mann nun war in den
-mathematischen Wissenschaften, besonders in der Astronomie und Musik,
-dazu in der Medizin, theoretisch und praktisch bewandert und gab sich
-mit logischen, naturphilosophischen und metaphysischen Spekulationen
-ab. Er war nach der Ansicht der Fanatiker ein ganz verrückter Atheist
-und unsittlicher Mensch.
-
-Von dem äußeren Leben Ibn Baddschas wissen wir ferner nur, dass er im
-Jahre 1118 nach dem Falle Saragossas zu Sevilla war, wo er mehrere
-seiner Schriften verfasste, darauf in Granada, und dass er sich
-nach Fez an den Almoravidenhof begab, wo er im Jahre 1138 starb. Der
-Überlieferung nach fand er, auf Veranlassung eines neidischen Arztes,
-den Gifttod. Glücklich war, nach seinem Selbstbekenntnis, sein kurzes
-Leben nicht gewesen. Oft hatte er sich, als letzte Zuflucht, den
-Tod herbeigesehnt. Materielle Not, vor allem geistige Vereinsamung
-mögen ihn gedrückt haben. Dass er zu seiner Zeit, in seiner Umgebung,
-sich nicht heimisch fühlen konnte, zeigen zur Genüge die erhaltenen
-Schriften.
-
-3. Er schließt sich fast ganz an Farabi, den einsamen, stillen Mann des
-Orients an. Wie dieser hat er wenig systematisiert. Die Zahl seiner
-selbständigen Abhandlungen ist nicht groß. Aus kurzen Erläuterungen
-zu den aristotelischen und anderen philosophischen Schriften besteht
-das meiste. Seine Bemerkungen sind abgerissen, bald fängt er hier,
-bald dort von neuem an. Mit immer neuen Ansätzen sucht er sich dem
-griechischen Gedanken zu nähern, von den verschiedensten Seiten in
-die alte Wissenschaft einzudringen. Die Philosophie wird er nicht los,
-und er wird nicht fertig mit ihr. Auf den ersten Blick macht das einen
-verwirrenden Eindruck. Im dunklen Drange aber ist der Philosoph sich
-seiner Wege bewusst. Auf der Suche nach Wahrheit und Recht findet er
-ein anderes, Einheit und Freude seines Lebens. Gazali hat es sich,
-seiner Meinung nach, gar zu leicht gemacht, als er glaubte, nur
-im Vollbesitz der durch göttliche Erleuchtung erfassten Wahrheit
-glücklich sein zu können. Der Wahrheit zu liebe, die sich in den
-sinnlichen Bildern religiöser Mystik mehr verhüllt als aufdeckt,
-soll der Philosoph stark genug sein, jenem Glücke zu entsagen. Nur
-vom reinen Denken, das keine Sinnenlust trübt, wird die höchste
-Gottheit geschaut.
-
-4. In seinen logischen Schriften hat Ibn Baddscha sich kaum von Farabi
-entfernt. Auch seine physischen und metaphysischen Lehren stimmen im
-allgemeinen zu den Ansichten des Meisters. Nur die Art und Weise,
-in der er die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes und
-die Stellung des Menschen in Wissenschaft und Leben darlegt, darf
-einiges Interesse beanspruchen.
-
-Zwei Arten des Seienden gibt es ihm zufolge: ein bewegtes und ein
-unbewegtes. Das Bewegte ist körperlich, begrenzt, aber seine ewige
-Bewegung lässt sich aus dem endlichen Körper nicht erklären. Es
-bedarf, im Gegenteil, zur Erklärung dieser unendlichen Bewegung einer
-unendlichen Kraft oder eines ewigen Wesens, des Geistes. Indem nun das
-Körperliche oder Natürliche von außen bewegt wird und der Geist, selbst
-unbewegt, dem Körperlichen Bewegung verleiht, steht das Seelische als
-das sich selbst Bewegende in der Mitte. Das Verhältnis nun zwischen
-dem Natürlichen und dem Seelischen macht dem Ibn Baddscha ebensowenig
-Mühe wie seinen Vorgängern. Das Hauptproblem aber ist dieses: Wie
-verhalten sich Seele und Geist zu einander, namentlich im Menschen?
-
-5. Ibn Baddscha geht von der Voraussetzung aus, dass der Stoff nicht
-ohne irgend eine Form sein kann, wohl aber die Form rein für sich
-ohne Stoff. Sonst nämlich ließe sich überhaupt keine Veränderung
-denken, denn dieselbe ist nur möglich durch das Kommen und Gehen der
-substantiellen Formen.
-
-Diese Formen nun, vom Hylischen bis zum rein Geistigen, bilden eine
-Reihe, der die Entwicklung des menschlichen Geistes entspricht,
-sofern nämlich er das Vernunftideal verwirklicht. [16] Des
-Menschen Aufgabe ist es, sämtliche geistigen Formen zu erfassen,
-zunächst die intelligibelen Formen alles Körperlichen, dann die
-sinnlich-geistigen Vorstellungen der Seele, darauf den Menschengeist
-selbst und den thätigen Geist über ihn, endlich die reinen Geister
-der Himmelsphären. Durch successive Erhebung aus dem Individuellen,
-Sinnlichen, dessen Vorstellung den Stoff des Geistes bildet, gelangt
-der Mensch zum Übermenschlichen und Göttlichen. Dazu führt ihn
-nun die Philosophie oder die Erkenntnis des Allgemeinen, die durch
-Studium und Nachdenken aus der Erkenntnis des Individuellen, aber
-mit Hilfe des erleuchtenden Geistes von oben hervorgeht. Gegenüber
-dieser Erkenntnis des Allgemeinen oder Unendlichen, in dem Sein
-und Gedachtwerden zusammenfallen, erweist sich alles Wahrnehmen und
-Vorstellen als trüglich. In der Vernunfterkenntnis also und nicht in
-mystisch-religiösen Träumereien, denen immer Sinnliches anhaftet,
-erreicht der menschliche Geist seine Vollkommenheit. Denken
-ist die höchste Seligkeit, denn alles Intelligibele ist seiner
-selbst Zweck. Da es aber das Allgemeine ist, so lässt sich ein
-Fortbestehen individueller Menschengeister über dieses Leben
-hinaus nicht annehmen. Es möge die Seele, die im sinnlich-geistigen
-Vorstellungsleben das Individuelle erfasst und in einzelnen Begierden
-und Handlungen sich kund gibt, nach dem Tode weiter bestehen können und
-Strafe oder Belohnung erhalten, der Geist aber oder der vernünftige
-Teil der Seele ist in allen eins. Ewig ist nur der Geist der ganzen
-Menschheit in seiner Vereinigung mit dem thätigen Geiste über
-ihm. Diese Lehre, unter dem Namen des Averroes in das christliche
-Mittelalter eingedrungen, findet sich also schon bei Ibn Baddscha,
-wenn nicht ganz scharf gefasst, doch klarer als bei Farabi.
-
-6. Nicht jeder Mensch erhebt sich zu solcher Höhe der Betrachtung. Die
-meisten tasten immer im Dunkeln herum, nur Schattenrisse der Dinge
-sehen sie und wie Schatten werden sie vergehen. Einige sehen das
-Licht zwar und die farbige Welt der Dinge, aber ganz wenige erkennen
-das Wesen dessen, was sie gesehen. Nur die letzteren, die Seligen,
-erreichen das ewige Leben, in dem sie selbst zu Licht werden.
-
-Wie gerät nun aber der Einzelne zu dieser Stufe des Erkennens und
-seligen Seins? Durch vernünftiges Handeln und freie Ausbildung
-seiner intellektuellen Kräfte. Vernünftiges Handeln ist freies
-d. h. zweckbewusstes Handeln. Wenn einer z. B. einen Stein zerschlägt,
-weil er sich daran gestoßen, so handelt er zwecklos wie ein Tier oder
-ein Kind; thut er es aber, damit sich andere nicht daran stoßen werden,
-so ist seine That menschlich, vernünftig zu nennen.
-
-Um menschlich leben, vernünftig handeln zu können, muss unter Umständen
-der Einzelne sich aus der Gesellschaft zurückziehen. Ibn Baddschas
-Ethik heißt "die Leitung des Einsamen". Zur Selbsterziehung fordert
-sie auf. In der Regel aber kann man sich der Vorteile menschlichen
-Zusammenlebens bedienen, ohne die Nachteile mit in den Kauf zu
-nehmen. Zu kleineren oder größeren Verbänden können die Weisen
-sich zusammenschließen, ja das ist sogar ihre Pflicht, wenn sie
-sich treffen. Sie bilden dann einen Staat im Staate. Naturgemäß
-versuchen sie zu leben, sodass unter ihnen weder Arzt noch Richter
-nötig ist. Wie Pflanzen in freier Luft wachsen sie auf und brauchen
-die Kunst der Gärtner nicht. Von den niederen Genüssen und Gesinnungen
-der Menge halten sie sich fern. Sie sind Fremdlinge in dem weltlichen
-Treiben der Gesellschaft. Und da sie Freunde unter einander sind,
-wird dieses Leben ganz von der Liebe bestimmt. Und als Freunde Gottes,
-der die Wahrheit ist, finden sie ihre Ruhe in der Vereinigung mit
-dem übermenschlichen Geiste der Erkenntnis.
-
-
-
-
-3. Ibn Tofail.
-
-1. Die Herrschaft über den westlichen Islam verblieb den Berbern, aber
-an die Stelle der Almoraviden traten alsbald die Almohaden. Der Gründer
-der neuen Dynastie, Mohammed ibn Tumart, war seit 1121 als Mahdi
-aufgetreten. Unter seinen Nachfolgern Abu Jaaqub Jusuf (1163-1184)
-und Abu Jusuf Jaaqub (1184-1198) erreichte ihre Herrschaft, deren
-Sitz Marokko, den Höhepunkt.
-
-Eine gewaltige Neuerung in der Theologie führten die Almohaden herbei:
-das bis jetzt verketzerte System der Aschari und Gazali wurde im Westen
-aufgenommen. Das bedeutete eine Vergeistigung der Glaubenslehre,
-die weder Altgläubige noch Freidenker ganz befriedigen konnte, aber
-doch manchen zu weiterem Philosophieren angeregt haben mag. Bisher
-hatte man sich gegen alles Räsonnieren in Glaubenssachen ablehnend
-verhalten, und auch später noch waren viele Politiker und Philosophen
-der Ansicht, an dem Glauben der Menge solle man nicht rütteln, noch
-ihn zum Wissen erheben, sondern die Gebiete der Religion und der
-Philosophie reinlich scheiden.
-
-Die Almohaden waren theologisch interessiert, doch zeigten Abu
-Jaaqub und dessen Nachfolger, soweit die politischen Verhältnisse
-es erlaubten, ein derartiges Verständnis für weltliches Wissen, dass
-eine kurze Blüte der Philosophie an ihrem Hofe hervorbrechen konnte.
-
-2. Nachdem er in Granada eine Sekretärstelle bekleidet hatte, finden
-wir den Abu Bekr Mohammed ibn Abdalmalik ibn Tofail al-Qaisi als
-Wezir und Leibarzt des Abu Jaaqub. In der kleinen andalusischen Stadt
-Guadix war er geboren und in der Residenz Marokko starb er im Jahre
-1185. Dazwischen liegt sein, wie es scheint, wenig wechselreiches
-Leben. Er liebte die Bücher mehr als die Menschen und in der großen
-Bibliothek seines Herrn las er sich vieles zusammen, das er für
-seine Kunst brauchte oder das seiner Wissbegierde zusagte. Er war der
-Dilettant unter den Philosophen des Westens, mehr zu beschaulichem
-Genießen als zu wissenschaftlicher Arbeit aufgelegt. Zum Schreiben kam
-er selten. Seiner Behauptung, das ptolemäische Weltsystem gründlich
-verbessern zu können, braucht man wohl nicht unbedingt Glauben zu
-schenken. Viele Araber haben Ähnliches behauptet, sie thaten es
-aber nicht.
-
-Von Ibn Tofails poetischen Versuchen haben sich ein paar Gedichte
-erhalten. Sein Hauptbestreben aber war, dem des Ibn Sina ähnlich,
-griechische Wissenschaft mit orientalischer Weisheit zu einer
-modernen Weltansicht zu vereinigen. Wie Ibn Baddscha war ihm das ein
-persönliches Anliegen. Das Verhältnis des einzelnen zu der Gesellschaft
-und ihren Vorurteilen beschäftigte auch seinen Geist. Aber er ging
-weiter. Ibn Baddscha ließ als Regel den einzelnen oder einen kleinen
-Kreis selbständiger Denker einen Staat im Staate bilden, gleichsam wie
-ein Abbild des großen Ganzen oder als Vorbild für bessere Zeiten. Ibn
-Tofail dagegen griff auf das Original zurück.
-
-3. In seinem Werke "Hai ibn Jaqzan" stellt er den Fall rein dar. Zwei
-Inseln bilden die Scenerie: auf die eine versetzt er die menschliche
-Gesellschaft mit ihrer Konvention, auf die andere ein Individuum,
-das sich natürlich entwickelt. Die Gesellschaft als Ganzes wird
-von niederen Trieben, nur äußerlich durch eine grobsinnliche
-Religion etwas gebändigt, beherrscht. Aber zwei Männer aus dieser
-Gesellschaft, Salaman und Asal (Absal, vgl. IV, 4 § 7) genannt,
-erheben sich zu vernünftiger Erkenntnis und Beherrschung ihrer
-Begierden. Mit Anbequemung an die Volksreligion weiß der erstere,
-der praktischen Sinnes ist, das Volk zu regieren; der andere aber,
-von spekulativer Anlage und mystischer Neigung, wandert aus nach
-der gegenüberliegenden, wie er glaubt, unbewohnten Insel, dort dem
-Studium und der Askese sich zu ergeben.
-
-Auf jener Insel aber war unser Hai ibn Jaqzan, d. h. der
-Einsame, der Sohn des Wachenden, zu einem vollkommenen Philosophen
-herangebildet. Als Kind nach der Insel verschlagen oder durch spontane
-Generation daselbst entstanden, war er von einer Gazelle gesäugt
-worden, hatte sich dann nach und nach, wie ein Robinson, aber ganz
-auf eigene Mittel angewiesen, eine materielle Existenz gegründet,
-ferner durch Beobachtung und Nachdenken sich die Erkenntnis der Natur,
-der Himmel, Gottes und seines Inneren erworben, bis er nach 7 × 7
-Jahren das Höchste erreichte, nämlich das sufische Schauen Gottes,
-die Ekstase. In diesem Zustande fand ihn Asal. Nachdem sie dazu
-gelangt waren, sich zu verständigen -- Hai war anfangs noch ohne
-Sprache -- stellte es sich heraus, dass die Philosophie des Einen
-und die Religion des Anderen zwei Formen derselben Wahrheit waren,
-nur in der ersteren etwas weniger verschleiert. Als dann aber Hai
-erfuhr, dass auf der gegenüberliegenden Insel ein ganzes Volk in
-dunklem Irrtum verharrte, fasste er den Entschluss, dahin zu gehen,
-den Leuten die Wahrheit zu enthüllen. Da musste er aber die Erfahrung
-machen, dass die Menge einer reinen Auffassung der Wahrheit nicht fähig
-war, und dass Mohammed weise daran gethan, als er dem Volke statt des
-vollen Lichtes Sinnbilder gegeben hatte. Nach diesem Ergebnis zog er
-sich deshalb mit seinem Freunde Asal auf die unbewohnte Insel zurück,
-Gott im Geist und Wahrheit zu dienen bis zum Tode.
-
-4. Ibn Tofail hat den weitaus größten Teil seines Romans dem
-Entwicklungsgange Hais gewidmet. Es wird nun aber wohl nicht seine
-Meinung gewesen sein, das auf sich selbst gestellte Individuum könne es
-an der Hand der Natur ohne die Hilfe der Gesellschaft so weit bringen,
-wie unser Hai. Er dachte doch wohl etwas mehr historisch als einige
-Aufklärer des vorigen Jahrhunderts. Viele kleine Züge in seinem Werke
-zeigen, dass Hai der Vertreter der außerhalb der Offenbarung stehenden
-Menschheit sein soll. Was sich in ihm vollzieht, ist die Entwicklung
-indischer, persischer, griechischer Weisheit. Ein paar Andeutungen in
-dieser Richtung, die hier nicht weiter verfolgt werden kann, mögen
-diese Ansicht wahrscheinlich machen. So ist es zunächst bedeutsam,
-dass Hai auf der Insel Ceylon lebt, deren Klima die spontane Generation
-ermöglichen soll, wo der Sage nach Adam, der erste Mensch, erschaffen
-wurde und wo der indische König zum Weisen kam. Hais erste religiöse
-Bewunderung, nachdem er sich aus tierischen Anfängen durch Scham und
-Neugierde emporgearbeitet, gilt dem von ihm entdeckten Feuer, was
-an die persische Religion erinnert. Und seine weiteren Spekulationen
-sind der griechisch-arabischen Philosophie entlehnt.
-
-Die Verwandtschaft mit Ibn Sinas Hai-Gestalt (s. IV, 4 § 7), auf die
-Ibn Tofail selbst hinweist, ist klar. Nur tritt Hai hier menschlicher
-auf. Ibn Sinas Figur stellt den übermenschlichen Geist dar. Der
-Romanheld Ibn Tofails aber scheint die Personifikation zu sein des
-natürlichen, von oben her erleuchteten Geistes der Menschheit, der
-mit der richtig verstandenen Prophetenseele Mohammeds, deren Aussagen
-allegorisch zu deuten sind, vortrefflich übereinstimmen soll.
-
-Ibn Tofail ist somit zu denselben Ergebnissen gekommen wie seine
-orientalischen Vorgänger. Dem gemeinen Manne muss die Religion erhalten
-bleiben, weil er nicht darüber hinaus kann. Nur wenige erheben
-sich zum Verständnis der religiösen Symbole. Und ganz vereinzelt
-erreicht einer die freie Anschauung der höchsten Wirklichkeit. Mit
-dem größten Nachdruck ist letzteres hier hervorgehoben. Auch wenn
-man in Hai den Vertreter der Menschheit findet, wird man das nicht
-leugnen können. Als die höchste Vollkommenheit des Menschen wird es
-hingestellt, in einsamster Stille, von allem Sinnlichen abgewendet,
-sein Selbst in den Weltgeist zu versenken.
-
-Freilich, dazu kommt es erst im Alter, das außerdem einen menschlichen
-Freund findet. Und die Beschäftigung mit dem Materiellen, mit
-Künsten und Wissenschaften, bildet die natürliche Vorstufe geistiger
-Vollkommenheit. Ohne Reue und Scham darf also Ibn Tofail auf sein am
-Hofe verbrachtes Leben zurückschauen.
-
-5. Die philosophischen Ansichten, die Hai sich in seinen sieben
-Lebensperioden entwickelte, sind uns schon öfter begegnet. Aber
-auch sein praktisches Verhalten wird von Ibn Tofail besonders
-berücksichtigt. Sufische Übungen, wie sie in orientalischen
-Ordensgemeinschaften noch befolgt werden, wie sie aber auch
-schon von Platon und Neuplatonikern empfohlen worden, haben die
-Stelle gottesdienstlicher Handlungen nach dem muslimischen Gesetze
-eingenommen. Und Hai bildet sich in der siebenten Periode seines
-Lebens eine Ethik aus, die pythagoreisch aussieht.
-
-Als den Zweck seines Handelns hat sich dem Hai ergeben, in allem das
-Eine zu suchen und sich mit dem Absoluten, Selbständigbestehenden
-zu vereinigen. Diesem Höchsten sieht er nämlich die ganze Natur
-zustreben. Über die Ansicht, alles auf Erden sei des Menschen wegen
-da, ist er hinaus. Tier und Pflanze leben ebenfalls für sich selbst
-und für Gott. Nicht willkürlich also darf er damit handeln. Auf das
-Notwendigste beschränkt er jetzt seine leiblichen Bedürfnisse. Reife
-Früchte werden von ihm bevorzugt, deren Samen er fromm der Erde
-anvertraut. Sorgfältig hütet er sich davor, dass durch seine Begierde
-irgend eine Art ganz aussterbe. Und nur in der äußersten Not greift
-er zu tierischer Nahrung, wobei er ebenso die Art möglichst zu schonen
-sucht. Genug zum Leben, zum Schlafen zu wenig, wird seine Losung.
-
-Das betrifft das Verhalten seines Körpers zum Irdischen. Aber mit dem
-Himmel verbindet ihn der Lebensgeist. Und wie die Himmel bestrebt
-er sich, seiner Umgebung zu nützen und selbst rein zu leben. So
-pflegt er die Pflanze und schützt das Tier, damit seine Insel zum
-Paradiese werde. Er hält auf die äußerste Reinlichkeit seines Körpers
-und seiner Kleidung und sucht all seine Bewegungen harmonisch, denen
-der Himmelskörper gleichmäßig, zu gestalten.
-
-Auf diese Weise wird er allmählich befähigt, sein Selbst über Erde
-und Himmel hinaus zum reinen Geiste zu erheben. Das ist der Zustand
-der Ekstase, den kein Gedanke, kein Wort, kein Bild je hat fassen
-oder ausdrücken können.
-
-
-
-
-4. Ibn Roschd.
-
-1. Abu-l-Walid Mohammed ibn Achmed ibn Mohammed ibn Roschd (Averroes)
-wurde im Jahre 1126 zu Kordova aus einer Juristenfamilie geboren. Dort
-eignete er sich auch die gelehrte Bildung seiner Zeit an. Im Jahre
-1153 soll er von Ibn Tofail dem Fürsten Abu Jaaqub Jusuf vorgestellt
-sein, über welchen Vorfall wir einen charakteristischen Bericht
-besitzen. Nach den einleitenden Höflichkeitsphrasen nämlich fragte ihn
-der Fürst: Was ist die Ansicht der Philosophen über den Himmel, ist er
-ewig oder entstanden? Vorsichtig antwortete Ibn Roschd, er beschäftige
-sich nicht mit Philosophie. Darauf fing der Fürst mit Ibn Tofail über
-den Gegenstand an zu reden und zeigte zum Erstaunen des Zuhörers seine
-Bekanntschaft mit Aristoteles, Platon und den Philosophen und Theologen
-des Islam. Jetzt rückte auch Ibn Roschd mit der Sprache heraus und
-erwarb sich die Gunst des hohen Herrn. Sein Schicksal war bestimmt. Er
-sollte den Aristoteles interpretieren, wie keiner es vor ihm gethan,
-damit die Menschheit rein und vollständig die Wissenschaft besitze.
-
-Nebenbei war er Jurist und Mediziner. Wir finden ihn (1169) als Richter
-in Sevilla und kurz darauf in Kordova. Abu Jaaqub, jetzt Chalif, beruft
-ihn im Jahre 1182 als seinen Leibarzt, nach kurzer Zeit aber ist er
-wieder Richter in seiner Vaterstadt, wie es sein Vater und Großvater
-gewesen. Aber die Verhältnisse verschlechtern sich. Die Philosophen
-werden verflucht und ihre Schriften ins Feuer geworfen. In seinem
-Alter wird Ibn Roschd von Abu Jusuf nach Elisana (Lucena bei Kordova)
-verbannt, doch stirbt er in der Residenz Marokko, am 10. Dez. 1198.
-
-2. Auf Aristoteles konzentriert sich seine Wirksamkeit. Was er von
-dessen Schriften und über sie erlangen kann, wird fleißig studiert
-und genau verglichen. Ibn Roschd hat noch in Übersetzung Schriften der
-Griechen gekannt, die jetzt ganz oder teilweise verloren sind. Kritisch
-und systematisch geht er ans Werk. Er paraphrasiert den Aristoteles,
-er interpretiert, bald kürzer, bald ausführlicher, in mittleren und
-großen Kommentaren. So verdient er sich den Namen des Kommentators, den
-er auch in Dantes Komödie besitzt. Es ist, als ob die Philosophie der
-Muslime in ihm zum Verständnis des Aristoteles kommen soll, um dann,
-fertig, sterben zu können. Aristoteles ist für ihn der vollkommenste
-Mensch, der größte Denker, der im Besitze einer unfehlbaren Wahrheit
-gewesen. Neue Entdeckungen der Astronomie und der Physik könnten
-daran nichts ändern. Zwar kann man den Aristoteles mißverstehen. Ibn
-Roschd selbst hat manches, was er den Schriften Farabis und Ibn Sinas
-entnommen, später anders und besser verstehen gelernt. Doch lebt
-er immer des Glaubens, dass der richtig verstandene Aristoteles mit
-der höchsten uns Menschen erreichbaren Wissenschaft übereinstimmen
-werde. Im ewigen Kreislaufe des Weltgeschehens hat Aristoteles eine
-Höhe erreicht, über die hinauszugelangen nicht möglich ist. Denen, die
-nach Aristoteles gekommen sind, hat es oft viel Mühe und Nachdenken
-gekostet, sich die Einsichten zu erschließen, die sich dem ersten
-Meister leicht eröffneten. Nach und nach aber werden alle Zweifel und
-Gegenreden verstummen, denn Aristoteles ist ein Übermensch, gleichsam
-von der Vorsehung dazu bestimmt, zu zeigen, wie weit das menschliche
-Geschlecht es in seiner Annäherung an den Weltgeist bringen kann. Als
-die höchste Inkarnation des Geistes der Menschheit möchte Ibn Roschd
-seinen Meister den göttlichen nennen.
-
-Es wird sich im folgenden zeigen, dass die maßlose Bewunderung für
-Aristoteles zu einer reinen Erfassung seiner Gedanken auch bei Ibn
-Roschd nicht ausreichte. Den Ibn Sina zu bekämpfen, lässt er keine
-Gelegenheit vorbeigehen. Mit Farabi und Ibn Baddscha, denen er vieles
-verdankt, setzt er sich auch gelegentlich auseinander. Er meistert
-alle seine Vorgänger, weit schlimmer als Aristoteles es seinen Lehrer
-Platon gethan. Und dennoch ist er selbst nicht hinausgekommen, bei
-weitem nicht, über die Auffassung neuplatonischer Ausleger und die
-Missverständnisse syrischer und arabischer Übersetzer. Öfter folgt
-er sogar dem oberflächlichen Themistius entgegen dem verständigen
-Alexander von Aphrodisias, oder sucht ihre Ansichten zu kombinieren.
-
-3. Ibn Roschd ist vor allem ein Fanatiker der aristotelischen
-Logik. Ohne sie wird man nicht selig und es ist schade für Platon und
-Sokrates, dass sie nicht davon wussten! Die Glückseligkeit der Menschen
-bemisst sich nach der Stufe ihrer logischen Einsichten. Mit kritischem
-Blicke erkennt er Porphyrs Isagoge als entbehrlich, aber Rhetorik
-und Poetik rechnet er noch zum logischen Organon. Da gibt es denn die
-wunderlichsten Missverständnisse. Tragödie und Komödie z. B. werden
-zu Lob- und Schmähgedichten, die poetische Wahrscheinlichkeit muss
-es sich gefallen lassen, entweder demonstrierbare Wahrheit oder
-trügerischen Schein zu bedeuten, die Erkennung auf der Bühne wird
-zur apodeiktischen Erkenntnis u. s. w. Von der griechischen Welt hat
-er natürlich überhaupt keine Anschauung. Es ist verzeihlich, denn er
-konnte keine Ahnung davon haben. Dennoch verzeiht man nicht gerne dem,
-der andere geschulmeistert.
-
-Wie seine Vorgänger legt Ibn Roschd besonderen Nachdruck auf das
-Sprachliche, soweit es allen Sprachen gemeinsam. Dieses Gemeinsame,
-das Universelle also, hat Aristoteles, meint er, in seiner
-Hermeneutik, aber auch in der Rhetorik, immer vor Augen. So soll
-es auch der arabische Philosoph halten, nur darf er die Beispiele
-zur Erläuterung der allgemeinen Regeln der arabischen Sprache und
-Litteratur entnehmen. Um die allgemeinen Regeln aber ist es zu thun,
-Wissenschaft ist Erkenntnis des Allgemeinen.
-
-Die Logik ebnet dazu die Wege, dass unser Wissen aus sinnlicher
-Besonderheit zur reinen Vernunftwahrheit aufsteige. Die Menge
-wird immer im Sinnlichen leben, im Irrtum herumtappen. Mangelhafte
-Anlage und wenig Ausbildung, dazu schlechte Gewöhnung halten sie vom
-Fortschritt zurück. Doch muss es einigen möglich sein, zur Erkenntnis
-der Wahrheit zu gelangen. Der Adler schaut der Sonne ins Gesicht, denn,
-wenn keiner sie anschauen könnte, so hätte die Natur etwas vergebens
-gemacht. Was da glänzt, soll gesehen, was da ist, soll erkannt werden,
-wenn auch nur von einem einzigen Manne. Und die Wahrheit ist. Die Liebe
-zu ihr in unserer Brust wäre ganz vergebens, wenn wir uns ihr nicht
-nähern könnten. Ibn Roschd glaubt, in vielen Dingen die Wahrheit zu
-erkennen, ja die absolute Wahrheit auffinden zu können. Mit Lessing
-hätte er sich nicht bescheiden mögen, sie zu suchen.
-
-Die Wahrheit ist ihm ja in Aristoteles gegeben. Von diesem Standpunkte
-blickt er auf die muslimische Theologie herab. Zwar erkennt er in
-der Religion eine Wahrheit eigener Art (s. unten § 7), aber die
-Theologie ist ihm zuwider. Sie will beweisen, was, auf diese Weise,
-nicht bewiesen werden kann. Die Offenbarung im Koran, so lehrt Ibn
-Roschd mit anderen, später ähnlich Spinoza, hat nicht den Zweck, die
-Menschen zu belehren, sondern sie zu bessern. Nicht Wissen, sondern
-Gehorsam oder Sittlichkeit ist das Ziel des Gesetzgebers, der weiß,
-dass menschliches Glück nur in der Gesellschaft zu verwirklichen ist.
-
-4. Was Ibn Roschd von seinen Vorgängern, namentlich von Ibn Sina,
-unterscheidet, ist vor allem die unzweideutige Art und Weise,
-in der er die Welt als ewigen Prozess des Werdens auffasst. Die
-Welt als ganzes ist eine ewig-notwendige Einheit, ohne irgendwelche
-Möglichkeit des Nicht- oder Andersseins. Materie und Form sind nur im
-Gedanken zu trennen. Die Formen wandern nicht wie Gespenster durch
-die dunkle Materie, sondern sind keimartig in dieser enthalten. Wie
-Naturkräfte wirken die materiellen Formen, ewig fortzeugend, nie von
-der Materie getrennt, aber dennoch göttlich zu nennen. Absolutes
-Entstehen und Vergehen gibt es nicht, denn alles Geschehen ist
-Übergang von der Potenzialität zur Aktualität und von der Aktualität
-in die Potenzialität zurück. Dabei wird gleichartiges immer nur von
-gleichartigem erzeugt.
-
-Es gibt aber eine Stufenordnung des Seienden. Die materielle oder
-substanzielle Form steht in der Mitte zwischen bloßem Accidens
-und reiner (separater) Form. Auch die substanziellen Formen zeigen
-graduelle Verschiedenheiten, Mittelzustände zwischen Potenzialität
-und Aktualität. Und endlich das ganze System der Formen, von der
-niedersten hylischen Form bis zum göttlichen Wesen, der Urform des
-Alls, ist ein geschlossener Stufenbau.
-
-Der ewige Prozess des Werdens innerhalb der gegebenen Ordnung setzt
-nun eine ewige Bewegung voraus, und diese ein ewig Bewegendes. Wenn
-die Welt entstanden wäre, so könnte man von ihr nur schließen auf
-eine andere, ebenfalls entstandene Körperwelt, die sie erzeugt hätte,
-ins Unendliche. Wenn sie ein Mögliches wäre, nur auf ein Mögliches,
-daraus sie geworden, und so in infinitum. Nur die Annahme einer
-einheitlich ewig-notwendig bewegten Welt gewährt uns nach Ibn Roschd
-die Möglichkeit, auf ein ewig bewegendes, von der Welt getrenntes
-Wesen zu schließen, das, indem es immerfort die Bewegung und schöne
-Ordnung des Alls bewirkt, Urheber der Welt genannt werden darf, und
-das in den Geistern, welche die Sphären bewegen -- denn jede besondere
-Bewegung erfordert ihr besonderes Prinzip --, die Vermittler seiner
-Thätigkeit hat.
-
-Das Wesen des ersten Bewegenden oder Gottes, sowie der Sphärengeister,
-findet Ibn Roschd im Denken, in dem ihm die Einheit des Seins gegeben
-ist. Das mit seinem Gegenstande identische Denken ist die einzige
-positive Bestimmung des göttlichen Wesens, womit dann Sein und Einheit
-absolut zusammenfallen. Sein und Einheit kommen nämlich nicht zum Wesen
-hinzu, sondern sind, wie alle Universalien, nur im Denken gegeben. Das
-Denken bringt überall das Allgemeine im Besonderen hervor. Zwar ist
-das Universale als Natur in den Dingen wirksam, aber das Universale
-als solches ist nur im Verstande. Oder der Möglichkeit nach ist es
-in den Dingen, wirklich aber im Verstande, d. h. im Verstande hat es
-mehr Sein, eine höhere Art zu existieren als in den Dingen.
-
-Fragt man nun, ob das göttliche Denken auch das Besondere, oder nur
-das Allgemeine umfasse, so antwortet Ibn Roschd: keins von beidem,
-denn über beides ist das göttliche Wesen hinaus. Sein Denken bewirkt
-das All, umfasst das All. Gott ist das Prinzip, die Urform und der
-Endzweck aller Dinge. Er ist die Weltordnung, die Versöhnung aller
-Gegensätze, das All selbst in seiner höchsten Existenzweise. Dass von
-einer göttlichen Vorsehung im gewöhnlichen Sinne also nicht geredet
-werden könne, ergibt sich daraus von selbst.
-
-5. Zwei Arten des Seienden kennen wir: ein bewegtes und ein bewegendes,
-selbst aber unbewegtes, oder ein körperliches und ein geistiges. Im
-Geistigen aber liegt die höhere Einheit oder Vollendung alles Seienden
-in stufenmäßiger Ordnung. Es ist also keine abstrakte Einheit. Die
-Sphärengeister sind, je ferner sie dem ersten stehen, um so weniger
-einfach. Alle erkennen sich selbst, aber in ihrem Wissen ist auch
-die Beziehung auf die erste Ursache. Daraus ergibt sich eine Art
-Parallelismus zwischen dem Körperlichen und dem Geistigen. Der
-Zusammensetzung des Körperlichen aus Materie und Form entspricht
-etwas in den niederen Geistern. Was dem rein Geistigen beigemischt,
-ist zwar keine Materie, die etwas erleiden könnte, aber doch etwas der
-Materie ähnliches, das ein anderes in sich aufzunehmen vermag. Sonst
-ließe sich mit der Einheit des auffassenden Geistes die Vielheit der
-Intelligibilia nicht in Übereinstimmung bringen.
-
-Die Materie erleidet, der Geist aber empfängt. Hauptsächlich mit
-Rücksicht auf den menschlichen Geist hat Ibn Roschd diesen fein
-unterscheidenden Parallelismus eingeführt.
-
-6. Dass die menschliche Seele sich zu ihrem Körper verhalte, wie
-die Form zur Materie, steht dem Ibn Roschd fest. Es ist ihm völlig
-ernst damit. Die Theorie vieler unsterblicher Seelen weist er, Ibn
-Sina bekämpfend, ganz bestimmt zurück. Nur als Vollkommenheit ihres
-Leibes hat die Seele einen Bestand.
-
-Was die empirische Psychologie betrifft, ist er ängstlich bestrebt,
-sich an Aristoteles, gegen Galen u. a., zu halten. Aber in der
-Lehre vom Nus entfernt er sich, ohne dass er sich dessen bewusst
-wäre, nicht unbeträchtlich von seinem Meister. Eigentümlich,
-von neuplatonischen Anschauungen ausgehend, ist seine Auffassung
-der materiellen Vernunft. Sie ist nicht bloß eine Anlage oder eine
-Fähigkeit der menschlichen Seele. Sie ist auch nicht gleichbedeutend
-mit dem sinnlich-geistigen Vorstellungsleben, sondern sie ist etwas
-Überseelisches, Überindividuelles. Die materielle Vernunft ist ewiger,
-unvergänglicher Geist, ebenso ewig und unvergänglich wie die reine
-Vernunft oder der thätige Geist über uns. Es ist die Verselbständigung
-der Materie im Bereiche des Körperlichen, die hier von Ibn Roschd,
-freilich mit Anschluss an Themistius u. a., auf das Gebiet des
-Geistigen übertragen wird.
-
-Die materielle Vernunft ist also ewige Substanz. Die Anlage aber oder
-die Fähigkeit des menschlichen Individuums zu geistiger Erkenntnis
-nennt Ibn Roschd leidende Vernunft. Diese entsteht und vergeht mit
-den Individuen, während die materielle Vernunft ewig ist, wie die
-Gattung der Menschheit.
-
-Nun bleibt aber, wie nicht anders möglich, das Verhältnis zwischen dem
-thätigen und dem empfangenden Geiste (so sagen wir jetzt für materielle
-Vernunft) etwas dunkel. Der thätige Geist macht die Vorstellungen
-der menschlichen Seele intelligibel, der empfangende Geist nimmt
-sie in sich auf. Das Seelenleben der menschlichen Individuen ist
-also der Ort, wo das mystische Liebespaar sich trifft. Und die Örter
-sind sehr verschieden. Von der ganzen seelischen Anlage des Menschen
-und von der Disposition seiner Vorstellungen hängt es ab, in welchem
-Grade der thätige Geist dieselben zur Intelligibilität erheben kann,
-inwiefern der empfangende Geist sie zu seinem Inhalte zu machen im
-Stande ist. Dadurch erklärt es sich, dass die Menschen nicht alle auf
-derselben Stufe geistigen Erkennens stehen. Aber die Summe geistiger
-Erkenntnis in der Welt ändert sich nicht, wenn auch ihre Verteilung an
-die einzelnen Schwankungen unterliegt. Mit Naturnotwendigkeit ersteht
-immer wieder der Philosoph, sei es Aristoteles oder Ibn Roschd, in
-dessen Kopf das Seiende zum Begriff wird. Zwar sind die Gedanken
-der Individuen zeitlich und ist der empfangende Geist, insofern
-der einzelne an ihm teil hat, veränderlich, aber als menschliche
-Gattungsvernunft betrachtet, ist dieser Geist ewig unveränderlich,
-wie der thätige Geist aus der letzten Sphäre über uns.
-
-7. Im ganzen sind es drei große Ketzereien, die das System des Ibn
-Roschd in Widerspruch setzen zu der Theologie der drei Weltreligionen
-seiner Zeit. Erstens die Ewigkeit der Körperwelt und der sie bewegenden
-Geister, zweitens der notwendige Kausalnexus alles Weltgeschehens,
-sodass für Vorsehung, Wunder und dergleichen kein Platz bleibt,
-und drittens die Vergänglichkeit alles Individuellen, womit auch die
-individuelle Unsterblichkeit aufgehoben ist.
-
-Logisch betrachtet scheint die Annahme einer Anzahl selbständiger
-Sphärengeister unter Gott keinen genügenden Grund zu besitzen. Aber
-Ibn Roschd hilft sich hier, wie seine Vorgänger, über den Widerspruch
-hinweg mit der Behauptung, jene Sphärengeister seien nicht individuell,
-sondern nur der Art nach verschieden. Ihr Zweck war ja nur, so lange
-die Einheit des Weltsystems nicht erkannt war, die verschiedenen
-Bewegungen zu erklären. Nachdem das ptolemäische Weltsystem gefallen
-und diese vermittelnden Geister überflüssig wurden, identifizierte
-man den thätigen Geist mit Gott, wie es übrigens auch schon früher
-von spekulativer und religiöser Seite versucht war. Ein Schritt
-weiter war es nur, auch den ewigen Geist der Menschheit mit Gott zu
-identifizieren. Keins von beiden hat Ibn Roschd gethan, wenigstens
-nicht nach dem Wortlaute seiner Schriften. Aber in seinem Systeme
-war, bei konsequenter Durchführung, die Möglichkeit dazu gegeben,
-wie zu einer pantheistischen Weltanschauung überhaupt. Andererseits
-konnte sich leicht der Materialismus, wie entschieden ihn auch unser
-Philosoph bekämpfte, daran lehnen. Denn wo die Ewigkeit, Form und
-Wirksamkeit alles Materiellen so stark betont wird, wie von ihm
-geschah, da mag der Geist noch König heißen, aber, wie es scheinen
-könnte, nur von des Stoffes Gnaden.
-
-Jedenfalls ist Ibn Roschd ein kühner und folgerichtiger, wenn auch kein
-origineller Denker zu nennen. Die theoretische Philosophie genügte ihm,
-doch schuldete er es seiner Zeit und seiner Stellung, sich mit der
-Religion und der Praxis abzufinden. Wir können uns darüber kurz fassen.
-
-8. Ibn Roschd findet oft Gelegenheit, gegen die ungebildeten Herrscher
-und die bildungsfeindlichen Theologen seiner Zeit sich zu äußern. Doch
-bleibt ihm das Leben im Staate immer der Einsamkeit vorzuziehen. Auch
-seinen Gegnern dankt er -- das ist ein erfreulicher Charakterzug --
-für manche Belehrung. Die Einsamkeit, meint er, bringe keine Künste
-und Wissenschaften hervor, höchstens könne man in ihr das Erworbene
-genießen und es vielleicht um ein weniges vermehren. Zum Wohle des
-Ganzen aber soll jeder beitragen, auch die Frauen sollen wie die
-Männer der Gesellschaft und dem Staate dienen. Hier schließt Ibn
-Roschd sich dem Platon an (die Politik des Aristoteles hat er nicht
-gekannt) und bemerkt ganz vernünftig, viel Armut und Elend seiner
-Zeit rühre daher, dass man sich die Weiber nur zu einem außerdem sehr
-fraglichen Vergnügen wie Haustiere oder Pflanzen halte, statt sie an
-der materiellen und geistigen Güterproduktion und der Hütung dieser
-Güter teilnehmen zu lassen.
-
-In der Ethik tadelt unser Philosoph sehr scharf die Doktrin der
-Rechtslehrer, dass etwas nur gut oder böse sei, weil Gott es so
-gewollt. Alles hat vielmehr von Natur oder vernunftgemäss seinen
-sittlichen Charakter. Die von vernünftiger Einsicht bestimmte Handlung
-ist sittlich. Freilich ist es nicht die Einzelvernunft, sondern die
-Staatsraison, an die in letzter Instanz zu appellieren ist.
-
-Von staatsmännischem Gesichtspunkte aus betrachtet Ibn Roschd auch
-die Religion. Er würdigt sie ihres moralischen Zweckes wegen. Sie ist
-Gesetz, keine Lehre. Deshalb bekämpft er fortwährend die Theologen,
-die statt gläubig zu gehorchen begreifen wollen. Er macht es
-Gazali zum Vorwurf, dass dieser der Philosophie Einfluss auf seine
-Religionslehre auszuüben gestattet und dadurch viele zum Zweifel und
-Unglauben veranlasst hat. Das Volk soll glauben, so wie es im Buche
-steht. Das ist Wahrheit, freilich eine Wahrheit für große Kinder,
-denen man Märchen erzählt. Was darüber hinaus, ist vom Übel. Für die
-Existenz Gottes z. B. hat der Koran zwei jedem einleuchtende Beweise:
-die göttliche Fürsorge für alles, besonders für den Menschen, und
-die Erschaffung des Lebens in Pflanzen, Tieren u. s. w. Daran ist
-nicht zu rütteln, am Wortlaute der Offenbarung nicht theologisch
-herumzudeuteln. Denn die Beweise, welche die Theologen für das Dasein
-Gottes beibringen, halten einer wissenschaftlichen Kritik nicht Stand,
-ebensowenig wie der aus dem Begriffe des Möglichen und Notwendigen bei
-Farabi und Ibn Sina. Das alles führt zu Atheismus und Libertinismus. Im
-Interesse der Sittlichkeit, des Staates also, ist die halbe Theologie
-zu bekämpfen.
-
-Dagegen dürfen die wissenden Philosophen das Wort Gottes im Koran
-deuten. Im Lichte höchster Wahrheit verstehen sie, was damit bezweckt
-ist. Und dem gemeinen Manne sagen sie davon nur so viel, wie er eben
-aufzufassen im Stande ist. Auf diese Weise kommt die schönste Harmonie
-heraus. Religionsgesetz und Philosophie stimmen mit einander überein,
-eben weil sie nicht dasselbe wollen. Wie Praxis und Theorie verhalten
-sie sich. Indem der Philosoph die Religion begreift, lässt er sie in
-ihrem Bereiche gelten, sodass die Philosophie gar nicht wider die
-Religion verstößt. Die Philosophie aber ist die höchste Form der
-Wahrheit, zugleich auch die erhabenste Religion. Die Religion des
-Philosophen nämlich ist die Erkenntnis alles dessen, was ist.
-
-Aber irreligiös erscheint diese Ansicht doch, und eine positive
-Religion kann es sich nicht gefallen lassen, im Reiche der Wahrheit die
-führende Stellung der Philosophie anzuerkennen. Nur natürlich war es,
-dass die Theologen des Westens, ähnlich ihren orientalischen Brüdern,
-die Gunst der Verhältnisse ausnutzten und nicht ruhten, bis sie die
-Herrin zur Magd der Theologie erniedrigt hatten.
-
-
-
-
-
-
-
-
-VII. ZUM SCHLUSS.
-
-
-1. Ibn Chaldun.
-
-1. Die Philosophie des Ibn Roschd und seine Erklärung des Aristoteles
-hat auf die muslimische Welt äußerst wenig gewirkt. Viele seiner
-Schriften sind im Original verloren gegangen, wir haben sie in
-hebräischen und lateinischen Übersetzungen. Schüler und Nachfolger
-hat er nicht gefunden. In abgelegenen Winkeln fand sich wohl mancher
-Freigeist oder Mystiker, in dessen Kopf es wunderlich genug aussah, um
-sich ernstlich mit philosophischen Fragen theoretischer Art abzumühen,
-aber auf die allgemeine Bildung und die Gestaltung der Verhältnisse zu
-wirken, wurde der Philosophie nicht verstattet. Vor den siegreichen
-Waffen der Christen zog die materielle und damit auch die geistige
-Kultur der Muslime sich immer weiter zurück. Spanien ward Afrika,
-wo der Berber herrschte. Die Zeit war ernst, es handelte sich um die
-Existenz des Islam in diesen Ländern. Zum Kampfe gegen den Feind,
-aber auch gegen einander, rüsteten sich die Männer, und zu mystischen
-Übungen schlossen sich überall die frommen Brüder zusammen. In
-den sufischen Orden dieser Leute retteten sich wenigstens noch
-einige philosophische Formeln. Als gegen die Mitte des dreizehnten
-Jahrhunderts Kaiser Friedrich II. den muslimischen Gelehrten von Ceuta
-eine Anzahl philosophischer Fragen vorlegte, beauftragte der Almohade
-Abdalwahid den Ibn Sabin, Stifter eines mystischen Ordens, damit,
-sie zu beantworten. Er that es. In schulmeisterlichem Tone leiert er
-die Ansichten alter und neuer Philosophen ab. Das sufische Geheimnis,
-Gott sei die Realität aller Dinge, lässt er durchblicken. Das einzige
-aber, was wir aus seinen Antworten lernen können, ist, dass Ibn
-Sabin Bücher gelesen, von denen, wie er glaubt, Kaiser Friedrich
-keine blasse Ahnung hatte.
-
-2. In kleinen Staatengebilden, auf- und abwogend, trieb die muslimische
-Kultur des Westens dahin. Bevor sie jedoch ganz verschwand, fand
-sich der Mann, der das Gesetz ihrer Bildung aufzufinden versuchte,
-und damit eine neue philosophische Disziplin, die Philosophie
-der Gesellschaft oder der Geschichte, zu begründen glaubte. Dieser
-merkwürdige Mensch ist Ibn Chaldun, im Jahre 1332 aus sevillanischer
-Familie zu Tunis geboren. Dort erhielt er auch seine Erziehung
-und wurde dann, teilweise von einem im Orient ausgebildeten Lehrer,
-philosophisch geschult. Nach dem Studium aller bekannten Wissenschaften
-war er bald im Staatsdienste, bald auf Reisen, aber überall ein guter
-Beobachter. Verschiedenen Fürsten diente er als Sekretär, auch war
-er Gesandter an mehreren Höfen in Spanien und Afrika. So war er am
-christlichen Hofe Peters des Grausamen in Sevilla. Auch ist er bei
-Tamerlan in Damaskus gewesen. Eine reiche Welterfahrung hatte er sich
-also zu eigen gemacht, als er im Jahre 1406 zu Kairo starb.
-
-Als Charakter ist er vielleicht nicht hoch zu stellen. Man wird aber
-dem Manne, der mehr als andere seiner Zeit für die Wissenschaft gelebt,
-etwas Eitelkeit, Dilettantismus und dergleichen gerne verzeihen.
-
-3. Die Schulphilosophie, wie Ibn Chaldun sie kennen lernte,
-befriedigte ihn nicht. In ihren fertigen Rahmen passte sein Weltbild
-nicht hinein. Wenn er etwas mehr zum Theoretisieren aufgelegt gewesen
-wäre, hätte er wohl einen Nominalismus ausgebildet. Die Philosophen
-behaupten, alles zu wissen. Ihm aber erscheint das Universum zu groß,
-als dass es von unserem Verstande begriffen werden könne. Es gibt
-der Wesen und der Dinge mehr, unendlich viel mehr, als der Mensch
-wissen kann. "Gott schafft, was ihr nicht wisset". Die logischen
-Deduktionen wollen oft nicht stimmen zu der empirischen Natur der
-Einzeldinge, die nur durch Beobachtung erkannt wird. Es ist Einbildung,
-durch bloße Anwendung logischer Regeln zur Wahrheit gelangen zu
-können. Nachdenken über das erfahrungsmäßig Gegebene ist demnach
-die Aufgabe des wissenschaftlichen Mannes. Und nicht darf er sich
-mit seiner Einzelerfahrung begnügen, sondern mit kritischer Sorgfalt
-hat er die Summe der gesamten überlieferten Erfahrung der Menschheit
-zu ziehen.
-
-Von Natur ist die Seele ohne Wissen. Aber von Natur hat sie auch das
-Vermögen, nachzudenken, die gegebene Erfahrung zu bearbeiten. Beim
-Nachdenken springt, wie durch Inspiration, oft der richtige
-Mittelbegriff hervor, mittelst dessen die gewonnene Einsicht dann
-nach den Regeln formaler Logik zurechtgelegt werden mag. Die Logik
-bringt keine Erkenntnis hervor, sondern beschreibt nur den Weg unseres
-Nachdenkens, zeigt, wie wir zum Wissen kommen, und hat insofern auch
-einen Wert, dass sie uns vor Irrtümern hüten und den Geist schärfen
-und zu Genauigkeit im Denken anhalten kann. Sie ist folglich eine
-Hilfswissenschaft, die von einigen Befähigten, dazu Berufenen, auch
-ihrer selbst wegen gepflegt werden soll, jedoch nicht die grundlegende
-Bedeutung besitzt, die ihr von den Philosophen beigelegt wird. Den
-Weg des Nachdenkens, den sie beschreibt, geht das wissenschaftliche
-Talent in irgend einer Einzelwissenschaft auch zur Not ohne sie.
-
-Ibn Chaldun ist ein nüchterner Denker. Alchemie und Astrologie
-bekämpft er mit vernünftigen Gründen. Dem mystischen Rationalismus
-der Philosophen hält er öfter die einfachen Lehren seiner Religion
-entgegen, sei es mit persönlicher Überzeugung oder nur aus politischer
-Rücksicht. Aber auf seine wissenschaftlichen Ansichten übt die Religion
-keinen größeren Einfluss als der neuplatonische Aristotelismus. Platons
-Staat, die pythagoreisch-platonische Philosophie, aber ohne
-ihre wundersüchtigen Auswüchse, und die Geschichtswerke seiner
-orientalischen Vorgänger, namentlich des Masudi, haben auf die
-Ausbildung seiner Gedanken am meisten gewirkt.
-
-4. Mit dem Anspruch, eine neue philosophische Disziplin zu
-begründen, von der Aristoteles keine Ahnung hatte, tritt Ibn Chaldun
-auf. Philosophie ist die Wissenschaft dessen, was ist, aus seinen
-Ursachen oder Gründen entwickelt. Aber dem entspricht nicht, was die
-Philosophen über die hohe Geisterwelt und Gottes Wesen vorbringen:
-Unbeweisbares reden sie darüber. Viel besser kennen wir unsere
-Menschenwelt, und davon lässt sich durch Beobachtung und innere
-Seelenerfahrung etwas Sicheres aussagen. Hier lassen sich die
-Thatsachen nachweisen und ihre Ursachen herausfinden. Insofern
-nun letzteres auch in der Geschichte gelingt, d. h. sofern die
-geschichtlichen Ereignisse auf ihre Ursachen zurückgeführt und
-historische Gesetze aufgefunden werden können, ist die Geschichte
-wirklich Wissenschaft und ein Teil der Philosophie zu nennen. So tritt
-der Begriff der Geschichte als Wissenschaft rein heraus. Mit Neugierde,
-Eitelkeit, gemeinem Nutzen, erbaulicher Wirkung u. s. w. hat sie nichts
-zu schaffen. Sie soll, wenn auch im Dienste höherer Lebenszwecke,
-nichts anderes als Thatsachen feststellen und deren kausale
-Verknüpfung auszumitteln suchen. Kritisch, ohne Vorurteil. Als oberstes
-methodologisches Prinzip gilt dabei, dass die Ursache der Wirkung
-entspricht, d. h. dass gleiche Erscheinungen auch dieselben Bedingungen
-voraussetzen oder dass unter denselben Kulturverhältnissen auch die
-nämlichen Vorgänge sich ereignen werden. Da nun mit Wahrscheinlichkeit
-anzunehmen ist, dass die Natur der Menschen und der Gesellschaft
-im Laufe der Zeit sich nicht oder nicht bedeutend ändert, so ist
-ferner ein lebensvolles Verständnis der Gegenwart das beste Mittel
-zur Erforschung der Vergangenheit, indem das nächste, vollständig
-Bekannte uns Rückschlüsse gestattet auf die weniger gut bekannten
-Ereignisse früherer Zeit, ja sogar einen Ausblick auf die Zukunft
-verheißt. In jedem Falle ist also die Überlieferung an der Gegenwart
-zu prüfen, und wenn sie uns Dinge erzählt, die jetzt unmöglich sind,
-so ist schon deshalb ihre Wahrheit zu bezweifeln. Vergangenheit und
-Gegenwart sind einander wie zwei Tropfen Wasser gleich.
-
-Das könnte, absolut gefasst, auch Ibn Roschd gesagt haben. Nach Ibn
-Chaldun gilt das aber nur ganz allgemein als heuristisches Prinzip. Im
-einzelnen erleidet es manche Einschränkung, ist jedenfalls aus den
-Thatsachen selbst zu begründen.
-
-5. Was ist nun der Gegenstand der Geschichte als philosophischer
-Disziplin? Es ist, antwortet Ibn Chaldun, das soziale Leben, die
-gesamte materielle und geistige Kultur der Gesellschaft. Die Geschichte
-hat zu zeigen, wie die Menschen arbeiten und sich ernähren, warum
-sie sich streiten und unter einzelnen Führern zu größeren Verbänden
-zusammenschließen, wie sie endlich im sesshaften Leben Muße finden
-zur Pflege höherer Künste und Wissenschaften, wie also aus rohen
-Anfängen nach und nach eine feinere Kultur aufblüht, und wie diese
-dann wieder hinstirbt.
-
-Die sich ablösenden Gesellschaftsformen sind, nach Ibn Chaldun,
-Nomadentum, Dynastie und Stadtstaat. Die erste Frage ist die
-Nahrungsfrage. Nach dem Stande ihrer Wirtschaft (Nomaden, sesshafte
-Viehzüchter, Ackerbauer) unterscheiden sich die Menschen und die
-Völker. Bedürfnis führt zu Raub und Krieg und zur Unterwerfung unter
-den führenden Herrscher. So entwickelt sich eine Dynastie und diese
-gründet sich eine Stadt, wo die Arbeitsteilung oder die gegenseitige
-Hilfeleistung Wohlstand hervorbringt. Aber dieser Wohlstand führt zu
-unnatürlichem Müßiggange und Üppigkeit. Arbeit hat an erster Stelle
-den Wohlstand erzeugt, aber jetzt, auf der höchsten Kulturstufe, lässt
-man andere für sich arbeiten. Oft ohne Gegenleistung, denn Ansehen,
-oder auch Servilität nach oben, Erpressung nach unten, verschaffen
-Wohlstand. Man wird aber dabei von anderen abhängig. Die Bedürfnisse
-werden immer größer, die Steuern immer drückender. Die reichen
-Verschwender und Steuerzahler werden arm und ihr unnatürliches Leben
-macht sie krank und elend. [17] Die alten Kriegersitten haben sich
-verfeinert, sodass man sich nicht mehr verteidigen kann. Das Band des
-Gemeinsinnes oder der Religion, womit früher die Not und der Wille des
-Herrschers die einzelnen zusammenknüpfte, erschlafft, denn die Städter
-sind nicht fromm. So ist alles in innerer Auflösung begriffen. Und da
-erscheint ein neuer, kräftiger Nomadenstamm aus der Wüste, oder ein
-weniger überbildetes Volk mit einem festeren Gemeinsinne und fällt
-über die verweichlichte Stadt her. Dann bildet sich ein neuer Staat,
-der sich die materiellen und geistigen Güter der alten Kultur aneignet,
-und dieselbe Geschichte wiederholt sich. Es ergeht den Staaten und
-den größeren Verbänden wie einzelnen Familien: in drei bis sechs
-Generationen vollendet sich ihre Geschichte. Die erste Generation
-gründet, die zweite erhält, vielleicht auch die dritte u. s. w.,
-die letzte zerstört. Das ist der Kreislauf aller Civilisation.
-
-6. Nach August Müller stimmt die Theorie Ibn Chalduns zu der Geschichte
-Spaniens, Westafrikas und Siziliens vom 11. bis 15. Jahrhundert,
-deren Beobachtung sie auch entnommen ist. Freilich ist sein
-eigenes Geschichtswerk eine Kompilation. Im einzelnen fehlt er
-oft, wenn er mit seiner Theorie die Überlieferung meistert. Aber
-in seiner philosophischen Einleitung findet sich eine Fülle
-feiner psychologischer und politischer Bemerkungen und als ganzes
-ist sie eine großartige Leistung. Das Altertum hat sich mit dem
-Problem der Geschichte nicht eingehend befasst. Große Kunstwerke der
-Geschichtschreibung hat es uns hinterlassen, aber keine philosophische
-Begründung der Geschichte als Wissenschaft. Dass die Menschheit es,
-obgleich von Ewigkeit her bestehend, nicht längst zu viel höherer
-Kultur gebracht hatte, wurde aus elementaren Ereignissen, Erdbeben,
-Wasserfluten u. s. w. erklärt. Dagegen fasste die christliche
-Philosophie die Geschichte mit ihren Wandlungen als die Verwirklichung
-oder Vorbereitung des Gottesstaates auf Erden. Ibn Chaldun hat nun
-zuerst ganz bewusst und in ausführlich begründeter Darstellung den
-Versuch gemacht, die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft aus den
-nächsten Ursachen abzuleiten. Die Verhältnisse der Rasse, des Klimas,
-der Güterproduktion u. s. w. werden erörtert und in ihrer Wirkung auf
-die sinnlich-geistige Konstitution des Menschen und der Gesellschaft
-dargestellt. Im Kreislaufe der Civilisationen findet er eine innere
-Gesetzmäßigkeit. Überall forscht er den natürlichen Ursachen nach,
-bis zur möglichsten Vollständigkeit. Dass die Kette von Ursachen
-und Folgen in einer letzten Ursache zum Abschlusse komme, behauptet
-er auch zu glauben. Die Reihe kann nicht ins Unendliche gehen, und
-darum schließen wir auf einen Gott. Dieser Schluss aber, so heißt es
-bei ihm, bedeutet eigentlich dies, dass wir nicht im Stande sind,
-die Ursachen aller Dinge und die Art ihres Wirkens zu erkennen,
-es ist im Grunde ein Geständnis unserer Unwissenheit. Das bewusste
-Nichtwissen ist auch eine Art Wissen. Aber soweit es möglich ist, soll
-man das Wissen verfolgen. Indem Ibn Chaldun seine neue Wissenschaft
-anbahnt, will er nur die Hauptprobleme angedeutet, nur im allgemeinen
-Methode und Gegenstand dieser Wissenschaft angegeben haben. Aber er
-hofft, dass andere nach ihm kommen werden, mit gesundem Verstande
-und sicherem Wissen seine Untersuchungen weiterzuführen und neue
-Probleme aufzustellen.
-
-Die Hoffnung Ibn Chalduns ist in Erfüllung gegangen, aber nicht im
-Islam. Wie er ohne Vorgänger war, blieb er ohne Nachfolger. Doch
-hat sein Werk im Orient nachhaltig gewirkt. Viele muslimische
-Staatsmänner, die seit dem 15. Jahrhundert so manchen europäischen
-Fürsten und Diplomaten zur Verzweiflung gebracht haben, sind bei
-unserem Philosophen in die Schule gegangen.
-
-
-
-
-2. Die Araber und die Scholastik.
-
-1. Dem Sieger gehört die Braut. In den Kriegen zwischen Christen
-und Muslimen, die in Spanien geführt wurden, hatten erstere oft
-die Anziehungskraft maurischer Schönen kennen gelernt. Manch
-christlicher Ritter hatte mit einer Mohrin den "neuntägigen
-Gottesdienst" gefeiert. Aber außer den materiellen Gütern und den
-sinnlichen Genüssen wirkten auch die Reize geistiger Kultur auf die
-Eroberer. Und so erschien die arabische Wissenschaft dem Auge vieler
-wissensbedürftiger Männer wie eine holde Braut.
-
-Vermittelnd traten da besonders Juden auf. Die Juden hatten alle
-Wandlungen der muslimischen Geisteskultur mitgemacht. Viele haben
-in der arabischen Sprache geschrieben, andere arabische Schriften
-ins Hebräische übertragen. Manch philosophisches Werk muslimischer
-Autoren verdankt diesem Umstande seine Erhaltung.
-
-Der Schlusspunkt jüdisch-philosophischer Entwicklung war Maimonides
-(1135-1204), der, hauptsächlich unter dem Einflusse Farabis und Ibn
-Sinas, Aristoteles mit dem Alten Testamente zu versöhnen suchte. Teils
-deutete er die philosophischen Lehren aus dem offenbarten Texte heraus,
-teils ließ er die aristotelische Philosophie auf das Irdische sich
-beschränken, während dasjenige, was drüber ist, aus dem göttlichen
-Buche erkannt werden sollte.
-
-In den muslimischen Staaten zur Zeit ihrer Blüte hatten die Juden
-sich an der wissenschaftlichen Arbeit beteiligt. Sie waren geduldet,
-auch wohl begünstigt worden. Aber mit dem Zusammenbruch jener Staaten,
-beim Niedergange der Kultur, änderte sich ihre Lage. Von fanatisierten
-Massen vertrieben, flüchteten sie sich in die Christenländer, besonders
-nach Südfrankreich, dort als Kulturvermittler ihre Mission zu erfüllen.
-
-2. An zwei Punkten berührte sich die muslimische mit der christlichen
-Welt des Abendlandes: in Unteritalien und in Spanien. Zu Palermo,
-am Hofe Kaiser Friedrichs II. wurde die arabische Wissenschaft eifrig
-gepflegt und den Lateinern zugänglich gemacht. Der Kaiser und sein Sohn
-Manfred schickten den Universitäten zu Bologna und Paris Übersetzungen
-philosophischer Schriften, zum Teil aus dem Arabischen, zum Teil aber
-auch direkt aus dem Griechischen.
-
-Viel bedeutender aber und einflussreicher war die Übersetzerthätigkeit
-in Spanien. In dem von den Christen zurückeroberten Toledo befand sich
-eine reiche arabische Moschee-Bibliothek, die als Bildungsstätte weit
-in die nördlichen Christenländer hinein bekannt wurde. Mosaraber und
-Juden, zum Teil getaufte, arbeiteten dort mit spanischen Christen
-zusammen. Aus allen Ländern fanden sich Mitarbeiter. So wirkten
-z. B. als Übersetzer Johannes Hispanus und Gundisalinus (erste Hälfte
-des 12. Jahrhunderts), Gerard von Cremona (1114-1187), Michel der
-Schotte und Hermann der Deutsche (zwischen 1240 und 1246). Über die
-Thätigkeit dieser Männer sind wir im einzelnen noch nicht genügend
-unterrichtet. Insofern jedem Worte des arabischen Originales oder der
-hebräischen (auch spanischen?) Übersetzung irgend ein lateinisches
-entspricht, sind ihre Übersetzungen treu zu nennen. Durch geistvolles
-Verständnis zeichnen sie sich im allgemeinen nicht aus. Demjenigen,
-der des Arabischen nicht kundig ist, fällt es schwer, sich da hinein
-zu lesen. Gespensterhaft nehmen sich viele beibehaltene arabische
-Worte und bis zur Unkenntlichkeit verunstaltete Eigennamen aus. Es
-mag das alles eine schöne Verwirrung in den Köpfen lateinischer
-Philosophieschüler angestiftet haben. Und nicht weniger thaten es
-die sich neu aufschließenden Gedanken.
-
-Die Übersetzerthätigkeit hält im allgemeinen gleichen Schritt
-mit dem Interesse christlicher Kreise, und dieses hat sich ähnlich
-entwickelt, wie wir es im östlichen und westlichen Islam zu beobachten
-Gelegenheit hatten (vgl. VI, 1 § 2). Die ersten Übersetzungen
-sind mathematisch-astrologisch, medizinisch, naturphilosophisch,
-psychologisch, daran sich das logische und metaphysische
-schließt. Später beschränkt man sich mehr auf Aristoteles und seine
-Kommentare, anfangs aber wird allerhand Wundersüchtiges bevorzugt.
-
-Kindi wurde hauptsächlich als Arzt und Astrolog bekannt. Ibn Sina
-wirkte durch seine Medizin, empirische Psychologie und dazu seine
-Naturphilosophie und Metaphysik. Weniger Einfluss übten neben ihm
-Farabi und Ibn Baddscha aus. Zuletzt kamen die Kommentare des Ibn
-Roschd (Averroes) und ihr Ansehen hat, neben Ibn Sinas Kanon der
-Medizin, am längsten Stand gehalten.
-
-3. Was hat nun die christliche Philosophie des Mittelalters den
-Muslimen zu verdanken? Diese Frage zu beantworten, gehört eigentlich
-nicht mehr zur Aufgabe dieser Monographie. Es ist eine Arbeit für
-sich, dafür es viele Folianten, von denen ich keinen gelesen, zu
-durchstöbern gibt. Im allgemeinen lässt sich sagen, dass sich in
-den Übersetzungen aus dem Arabischen dem christlichen Abendlande ein
-zweifaches Neues aufthat. Erstens bekam man den Aristoteles, sowohl
-logisch als physisch-metaphysisch, vollständiger als man ihn bisher
-kannte. Doch war dies nur von vorübergehender, zeitweilig anregender,
-Bedeutung, denn bald wurden alle seine Schriften direkt aus dem
-Griechischen viel besser ins Lateinische übersetzt. Das wichtigste
-aber war, dass man aus den Schriften der Araber, namentlich des Ibn
-Roschd, eine eigentümliche Auffassung der aristotelischen Lehren
-als der höchsten Wahrheit kennen lernte. Dies musste fortwährend zum
-Widerspruch, zum Kompromiss zwischen Theologie und Philosophie, oder
-gar zur Leugnung des Kirchenglaubens Veranlassung geben. Zum Teil
-anregend, zum Teil zersetzend wirkte so die muslimische Philosophie
-auf die scholastische Entwicklung des kirchlichen Dogmas ein. Denn
-gleichgültig neben einander hergehen, wie das bei muslimischen Denkern
-wohl vorgekommen, konnten im Christentume Philosophie und Theologie
-noch nicht. Dazu hatte die christliche Dogmatik schon in den ersten
-Jahrhunderten ihrer Ausbildung zu viel griechische Philosophie in
-sich aufgenommen. Sie konnte noch etwas mehr sich assimilieren. Und
-es war verhältnismäßig leichter, über die einfachen Lehren des Islam
-als über die verwickelten Dogmen des Christentums hinauszukommen.
-
-Die christliche Theologie zeigte, als im 12. Jahrhundert der Einfluss
-der Araber zu wirken anfing, einen neuplatonisch-augustinischen
-Charakter. Bei den Franziskanern blieb auch im 13. Jahrhundert dieser
-Charakter gewahrt. Damit kam nun die pythagoreisch-platonische Richtung
-im muslimischen Denken gut überein. Für Duns Scotus war Ibn Gebirol
-(Avencebrol, s. VI, 1 § 2) eine erste Autorität. Dagegen nahmen die
-großen Dominikaner, Albert und Thomas, die die Zukunft der kirchlichen
-Lehre bestimmten, einen gemäßigten Aristotelismus auf, mit dem sich
-vieles aus Farabi, besonders aber aus Ibn Sina und Maimonides, ganz
-gut vertrug.
-
-Erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts geht eine tiefere Wirkung von
-Ibn Roschd aus, und zwar in Paris, dem Mittelpunkte der damaligen
-christlich-wissenschaftlichen Bildung. Im Jahre 1256 schreibt Albert
-der Große noch gegen Averroes, 15 Jahre später aber Thomas von Aquino
-gegen die Averroisten. Ihr Haupt ist Siger von Brabant (seit 1266
-bekannt), Mitglied der Artistenfakultät von Paris. Vor der strengen
-Konsequenz des averroistischen Systems schreckt er nicht zurück. Und
-wie Ibn Roschd den Ibn Sina meistert, so kritisiert, wenn auch äußerst
-respektierlich, Siger den großen Albert und den heiligen Thomas. Zwar
-versichert er, sich der Offenbarung zu unterwerfen, aber die Vernunft
-bestätigt ihm doch, was Aristoteles, in zweifelhaften Fällen nach
-der Erklärung des Ibn Roschd, in seinen Schriften gelehrt hat. Sein
-feiner Intellektualismus gefällt aber den Theologen nicht. Wie es
-scheint auf Anstiften der Franziskaner, die in ihm vielleicht auch
-den Aristotelismus der Dominikaner treffen wollten, wird er von der
-Inquisition verfolgt, bis er zu Orvieto (um 1281-1284) im Gefängnis
-stirbt. Dante, der möglicherweise von seinen Ketzereien nichts wusste,
-hat unseren Siger als Repräsentanten weltlicher Wissenschaft ins
-Paradies versetzt.
-
-Dagegen sind ihm die beiden Vertreter der muslimischen Philosophie
-neben den großen und weisen Männern Griechenlands und Roms in der
-Hölle Vorhalle begegnet. Ibn Sina und Ibn Roschd schließen dort die
-Reihe der großen Heiden, zu denen, wie Dante, die Nachwelt noch oft
-mit Bewunderung emporgeblickt hat.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ANMERKUNGEN
-
-
-[1] S. Munk, Mélanges de philosophie juive et arabe, Paris 1859.
-
-[2] Carra de Vaux, Avicenne, Paris 1900.
-
-[3] Vgl. Snouck Hurgronje, Mekka, II, S. 228 f.
-
-[4] Hiob XXXVIII.
-
-[5] 1 Mos. XV 3.
-
-[6] Der Dialog heisst so, weil Aristoteles während des Gespräches
-einen Apfel in der Hand hält, dessen Geruch seine letzten Lebenskräfte
-weckt. Am Schlusse sinkt die Hand kraftlos nieder und fällt der Apfel
-auf den Boden.
-
-[7] Als echtes Werk des Aristoteles galt auch Späteren noch ein Auszug
-aus der stoicheiôsis theologikê des Proklos.
-
-[8] Beides kommt vor, doch ist Qijas gewöhnlich = Analogie. In der
-philosophischen, von den Übersetzern herrührenden Terminologie steht
-aber Qijas immer für syllogismos, während analogia mit arab. mithl
-wiedergegeben wird.
-
-[9] Vgl. Snouck Hurgronje in ZDMG. LIII, S. 155.
-
-[10] Mystiker führten auch wohl einen sechsten Sinn dafür ein.
-
-[11] Nach ihrem grobwollenen Rock (sûf) wurden die Asketen Sufis
-genannt.
-
-[12] Rückerts Übers. d. Makamen II, S. 219.
-
-[13] Vgl. v. Kremer, Kulturgesch. des Orients II, S. 429 ff.
-
-[14] Vgl. den Art. "Zu Kindi und seiner Schule" in Stein's Archiv
-für Geschichte der Philosophie XIII, S. 153 ff., aus dem ich manches,
-ohne viel zu ändern, hier wieder aufgenommen habe.
-
-[15] Das arab. `aql (nous) übersetzt man gewöhnlich mit Vernunft
-und Intelligenz (lat. intellectus und intelligentia). Ich ziehe
-aber Geist vor, weil der Ausdruck Gott und die reinen (separaten)
-Sphärengeister mitumfasst. Übrigens ist schwer zu entscheiden, wie
-weit bei den einzelnen Denkern die Personifikation der Vernunft ging.
-
-[16] Vgl. hierzu Munk, Mélanges, p. 389-409.
-
-[17] Ibn Chaldun spricht nur von armen Reichen und schweigt von
-Proletariern und großstädtischem Elend, wie wir es kennen. Er hat
-auch meistens nur in kleineren Städten gelebt und Kairo aus der
-Ferne bewundert.
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER PHILOSOPHIE IM
-ISLAM ***
-
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