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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 08:14:29 -0800 |
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+J. de Boer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this eBook.
+
+Title: Geschichte der Philosophie im Islam
+
+Author: T. J. de Boer
+
+Release Date: October 20, 2021 [eBook #54679]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading
+ Team at http://www.pgdp.net/ for Project Gutenberg (This file
+ was produced from images generously made available by The
+ Internet Archive/American Libraries.)
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER PHILOSOPHIE IM
+ISLAM ***
+
+
+
+ GESCHICHTE
+ DER
+ PHILOSOPHIE IM ISLAM
+
+
+ von
+
+ T. J. DE BOER.
+
+
+ STUTTGART.
+ FR. FROMMANNS VERLAG (E. HAUFF).
+ 1901.
+
+
+
+
+
+
+
+
+VORWORT.
+
+
+Nach der vortrefflichen Skizze Munk's [1] ist dies der erste
+Versuch, die Geschichte der Philosophie im Islam im Zusammenhang
+vorzuführen. Ein neuer Anfang also, kein Abschluss möchte meine
+Arbeit sein. Nicht Alles, was auf diesem Gebiete vorgearbeitet,
+ist mir bekannt geworden und nicht alles Bekannte war mir
+zugänglich. Handschriftliches konnte nur ausnahmsweise benutzt werden.
+
+Der Darstellung wegen sind die Quellenbelege zurückgehalten. Nur wenn
+ich etwas fast wörtlich oder ohne Nachprüfung herübergenommen habe,
+ist das in den Noten bemerkt worden. Übrigens bedauere ich sehr, dass
+es jetzt nicht gehörig zur Anschauung kommen kann, was ich, für das
+Verständnis der Quellen, Männern wie Dieterici, de Goeje, Goldziher,
+Houtsma, Aug. Müller, Munk, Nöldeke, Renan, Snouck Hurgronje,
+Steinschneider, van Vloten und vielen, vielen anderen verdanke.
+
+Erst nach Abschluss dieser Arbeit ist eine interessante, auch über die
+Vorgeschichte der Philosophie im Islam sich verbreitende Monographie
+über Ibn Sina erschienen. [2] Sie gibt mir aber keine Veranlassung,
+meine Auffassung im ganzen zu ändern.
+
+Für alles Bibliographische verweise ich auf die Orientalische
+Bibliographie, Brockelmann's Geschichte der Arabischen Litteratur
+und die Litteraturnachweise bei Überweg-Heinze. Bei der Umschreibung
+arabischer Namen habe ich mehr auf Tradition und deutsche Aussprache
+als auf Konsequenz geachtet. Es sei nur bemerkt, dass das z als weiches
+s zu sprechen, und das th wie das englische. Im Personenregister
+bezeichnen Accente die Länge.
+
+So viel wie möglich hab' ich mich auf den Islam beschränkt. Deshalb
+sind Ibn Gebirol und Maimonides nur im Vorbeigehen genannt,
+andere jüdische Denker ganz übergangen, obgleich sie, philosophisch
+betrachtet, dem muslimischen Bildungskreise angehören. Der Schaden
+ist aber nicht gross. Denn über die jüdischen Philosophen ist schon
+viel geschrieben worden, während man bis jetzt die muslimischen Denker
+sehr vernachlässigt hat.
+
+ Groningen (Niederlande).
+
+ T. J. de Boer.
+
+
+
+
+
+
+
+
+INHALTSÜBERSICHT.
+
+
+ Seite
+
+I. Zur Einleitung. 9-33
+
+1. Der Schauplatz 9
+
+ 1. Das alte Arabien. 2. Die ersten
+ Chalifen. Medina. Schiiten. 3. Die Omajjaden. Damaskus, Basra
+ und Kufa. 4. Die Abbasiden. Bagdad. 5. Kleinstaaterei. Fall
+ des Chalifates.
+
+2. Orientalische Weisheit 13
+
+ 1. Semitische Spekulation. 2. Persische
+ Religion. Zrwanismus. 3. Indische Weisheit.
+
+3. Griechische Wissenschaft 17
+
+ 1. Die Syrer. 2. Die christlichen Kirchen. 3. Edessa
+ und Nisibis. 4. Harran. 5. Gondeschapur. 6. Syrische
+ Übersetzungen. 7. Die Philosophie bei den Syrern. 8. Arabische
+ Übersetzungen. 9. Die Philosophie der Übersetzer. 10. Umfang der
+ Überlieferung. 11. Fortsetzung des Neuplatonismus. 12. Das Buch
+ vom Apfel. 13. Die Theologie des Aristoteles. 14. Aufnahme des
+ Aristoteles. 15. Die Philosophie im Islam.
+
+
+II. Philosophie und arabisches Wissen 34-68
+
+1. Die Sprachwissenschaft 34
+
+ 1. Die verschiedenen Wissenschaften. 2. Die arabische Sprache. Der
+ Koran. 3. Die Grammatiker von Basra und Kufa. 4. Logische
+ Grammatik. Metrik. 5. Sprachwissenschaft und Philosophie.
+
+2. Die Pflichtenlehre 38
+
+ 1. Tradition und Freiheit. 2. Die Analogie. 3. Inhalt und Stellung
+ der Pflichtenlehre. 4. Ethik und Politik.
+
+3. Die Glaubenslehre 42
+
+ 1. Christliche Dogmatik. 2. Der Kalam. 3. Die
+ Mutaziliten und ihre Gegner. 4. Menschliches und
+ göttliches Wirken. 5. Gottes Wesen. 6. Offenbarung und
+ Vernunft. 7. Abu-l-Hudhail. 8. Nazzam. 9. Dschahiz. 10. Muammar
+ und Abu Haschim. 11. Aschari. 12. Der atomistische Kalam. 13. Die
+ Mystik.
+
+4. Litteratur und Geschichte 63
+
+ 1. Die Litteratur. 2. Abu-l-Atahia. Mutanabbi,
+ Abu-l-Ala. Hariri. 3. Geschichtliche Überlieferung. 4. Masudi
+ und Muqaddasi.
+
+
+III. Die pythagoreische Philosophie 69-89
+
+1. Die Naturphilosophie 69
+
+ 1. Die Quellen. 2. Die mathematischen Disziplinen. 3. Die
+ Naturwissenschaften. 4. Die Medizin. 5. Razi. 6. Die Dahriten.
+
+2. Die treuen Brüder von Basra 76
+
+ 1. Die Karmaten. 2. Die Brüder und ihre
+ Encyklopädie. 3. Eklektizismus. 4. Das Wissen. 5. Die
+ Mathematik. 6. Die Logik. 7. Gott und Welt. 8. Die menschliche
+ Seele. 9. Religionsphilosophie. 10. Die Ethik. 11. Wirkung der
+ Encyklopädie.
+
+
+IV. Die neuplat. Aristoteliker des Ostens 90-137
+
+1. Kindi 90
+
+ 1. Sein Leben. 2. Verhältnis zur Theologie. 3. Die
+ Mathematik. 4. Gott, Welt, Seele. 5. Die Lehre vom Nus. 6. Kindi
+ als Aristoteliker. 7. Die Schule Kindis.
+
+2. Farabi 98
+
+ 1. Die Logiker. 2. Farabis Leben. 3. Verhältnis zu
+ Platon und Aristoteles. 4. Die Philosophie. 5. Die
+ Logik. 6. Das Seiende. Gott. 7. Die Himmelwelt. 8. Die
+ irdische Welt. 9. Die menschliche Seele. 10. Der Geist
+ im Menschen. 11. Die Ethik. 12. Die Politik. 13. Das
+ zukünftige Leben. 14. Rückblick. 15. Wirkungen seiner
+ Philosophie. Sidschistani.
+
+3. Ibn Maskawaih. 116
+
+ 1. Seine Stellung. 2. Das Wesen der Seele. 3. Prinzipien der Ethik.
+
+4. Ibn Sina 119
+
+ 1. Sein Leben. 2. Das Werk. 3. Philosophische Wissenschaften. Die
+ Logik. 4. Metaphysik und Physik. 5. Anthropologie und
+ Psychologie. 6. Die Vernunft. 7. Allegorische Darstellung
+ der Vernunftlehre. 8. Geheimlehre. 9. Ibn Sinas
+ Zeit. Beruni. 10. Behmenjar. 11. Das Fortleben Ibn Sinas.
+
+5. Ibn al-Haitham 133
+
+1. Der Zug nach Westen. 2. Ibn al-Haithams Leben und
+Werke. 3. Wahrnehmung und Erkenntnis. 4. Nachwirkung.
+
+
+V. Der Ausgang der Philosophie im Osten 138-152
+
+1. Gazali 138
+
+ 1. Dialektik und Mystik. 2. Gazalis Leben. 3. Stellung zu seiner
+ Zeit. 4. Die Welt. 5. Gott und Vorsehung. 6. Der Mensch. 7. Gazalis
+ Theologie. 8. Erfahrung und Offenbarung. 9. Rückblick.
+
+2. Die Kompendienschreiber 150
+
+ 1. Stellung der Philosophie. 2. Philosophische Bildung.
+
+
+VI. Die Philosophie im Westen 153-176
+
+1. Die Anfänge 153
+
+ 1. Die Omajjadenzeit. 2. Das elfte Jahrhundert.
+
+2. Ibn Baddscha 156
+
+ 1. Die Almoraviden. 2. Ibn Baddschas
+ Leben. 3. Charakteristik. 4. Logik und Metaphysik. 5. Seele und
+ Geist. 6. Der einzelne Mensch.
+
+3. Ibn Tofail 160
+
+ 1. Die Almohaden. 2. Ibn Tofails Leben. 3. Hai ibn Jaqzan. 4. Hai
+ und die Entwicklung der Menschheit. 5. Hai's Ethik.
+
+4. Ibn Roschd 165
+
+ 1. Sein Leben. 2. Ibn Roschd und Aristoteles. 3. Logik. Erkenntnis
+ der Wahrheit. 4. Die Welt und Gott. 5. Körper und Geist. 6. Geist
+ und Geister. 7. Rückblick. 8. Praktische Philosophie.
+
+
+VII. Zum Schluss 177-188
+
+1. Ibn Chaldun 177
+
+ 1. Die Zeitverhältnisse. 2. Das Leben Ibn Chalduns. 3. Philosophie
+ und Welterfahrung. 4. Geschichtsphilosophie. Historische
+ Methode. 5. Gegenstand der Geschichte. 6. Charakteristik.
+
+2. Die Araber und die Scholastik 184
+
+ 1. Politische Lage. Die Juden. 2. Palermo und Toledo. 3. Die
+ Araber in Paris.
+
+
+
+
+
+
+
+
+I. ZUR EINLEITUNG.
+
+
+1. Der Schauplatz.
+
+1. Von alters her war, wie heutzutage, die arabische Wüste der
+Tummelplatz unabhängiger Beduinenstämme. Mit freiem, gesundem
+Sinn blickten diese in ihre einförmige Welt hinein, deren höchster
+Reiz der Beutezug, deren geistiger Schatz die Stammesüberlieferung
+war. Weder die Errungenschaften geselliger Arbeit noch die Gaben
+schöner Muße waren ihnen bekannt. Nur an den Rändern der Wüste wurde,
+in Staatenbildungen, die oft von den Überfällen jener Beduinen zu
+leiden hatten, eine höhere Stufe der Gesittung erreicht. So war es im
+Süden, wo in christlicher Zeit unter abyssinischer oder persischer
+Oberhoheit das alte Reich der Königin von Saba fortbestand. Im
+Westen lagen an einer alten Handelsstraße Mekka und Medina (Jathrib),
+und besonders Mekka mit seinem Markte im Schutze eines Tempels war
+ein Mittelpunkt regen Verkehrs. Im Norden endlich hatten sich zwei
+halbsouveräne Staaten unter arabischen Fürsten gebildet: gegen Persien
+hin das Reich der Lachmiden in Hira und gegen Byzanz der Gassaniden
+Herrschaft in Syrien. Aber in Sprache und Poesie stellte sich schon
+vor Mohammed einigermaßen die Einheit der arabischen Nation dar. Die
+Dichter waren die Wissenden ihres Volkes. Ihre Zaubersprüche galten
+zunächst den Stämmen als Orakel. Doch ging ihre Wirkung wohl oft über
+den eigenen Stamm hinaus.
+
+2. Mohammed und seinen nächsten Nachfolgern, Abu Bekr, Omar, Othman
+und Ali (622-661) ist es nun gelungen, die freien Wüstensöhne
+zusammen mit den gesitteteren Bewohnern der Küstenstriche für ein
+gemeinsames Unternehmen zu begeistern. Diesem Ereignis verdankt der
+Islam seine Weltstellung. Denn Allah zeigte sich groß und für die
+Ihm sich Ergebenden (Muslime) war die Welt gar klein. In kurzer Zeit
+wurde ganz Persien erobert und verlor das oströmische Reich seine
+schönsten Provinzen: Syrien und Ägypten.
+
+Medina war der Sitz der ersten Chalifen oder Stellvertreter des
+Propheten. Aber Mohammeds tapferer Schwiegersohn, Ali, und dessen Söhne
+unterlagen Moawia, dem klugen Statthalter von Syrien. Seit der Zeit
+besteht die Partei des Ali (Schiiten), die unter mancherlei Wandlungen,
+bald unterworfen, bald an einzelnen Stellen zur Herrschaft gelangt,
+ihr Wesen in der Geschichte treibt, bis sie sich (1502) im persischen
+Reich endgültig gegen den sunnitischen Islam abschließt.
+
+In ihrem Kampfe gegen die weltliche Macht haben die Schiiten sich aller
+möglichen Waffen, auch der Wissenschaft bedient. Schon früh erscheint
+unter ihnen die Partei der Kaisaniten, die dem Ali und seinen Erben
+eine übermenschliche Geheimwissenschaft zuschreibt, ein Wissen, mit
+dessen Hilfe der innere Sinn der göttlichen Offenbarung erst klar
+werde, das aber auch von seinen Adepten nicht weniger Glauben und
+unbedingten Gehorsam gegen die Träger solchen Wissens erfordert als
+der Buchstabe des Korans. (Vgl. III, 2 § 1.)
+
+3. Nach dem Siege Moawias, der Damaskus zur Hauptstadt des muslimischen
+Reiches machte, lag die Bedeutung Medinas hauptsächlich auf geistigem
+Gebiete. Es musste sich damit begnügen, zum Teil unter jüdischen
+und christlichen Einflüssen, die Wissenschaft des Gesetzes und der
+Tradition zu pflegen. In Damaskus aber führten die Omajjaden (661-750)
+ihr weltliches Regiment. Unter ihrer Herrschaft dehnte sich das Reich
+vom atlantischen Meere bis über die Grenzen Indiens und Turkestans
+aus, vom südlichen Meere bis an den Kaukasus und vor die Mauern von
+Konstantinopel. Damit war aber auch die weiteste Ausdehnung erreicht.
+
+Araber nahmen jetzt überall die führende Stellung ein. Sie
+bildeten eine militärische Aristokratie und der schlagendste
+Beweis für ihren Einfluss ist dies, dass unterworfene Völker mit
+alter, überlegener Kultur die Sprache der Sieger annahmen. Die
+arabische Sprache wurde die Sprache des Staates und der Religion,
+der Poesie und der Wissenschaft. Während aber die hohen Staats-
+und Militärämter vorzugsweise von Arabern verwaltet wurden, blieb
+es zunächst Nichtarabern und Mischlingen überlassen, Künste und
+Wissenschaften zu pflegen. In Syrien ging man bei Christen in die
+Schule. Die Hauptstätten geistiger Bildung aber wurden Basra und
+Kufa, in denen Araber und Perser, Muslime, Christen, Juden und Magier
+zusammenstießen. Dort, wo Handel und Gewerbe aufblühten, sind, unter
+hellenistisch-christlichen und persischen Einflüssen entstanden,
+die Anfänge weltlicher Wissenschaft im Islam zu suchen.
+
+4. Den Omajjaden folgten die Abbasiden (750-1258) nach. Diese machten,
+um zur Herrschaft zu gelangen, dem Persertum Konzessionen und benutzten
+religiös-politische Bewegungen. Nur in dem ersten Jahrhundert ihrer
+Regierung (bis etwa 860) mehrte oder hielt sich noch die Größe
+des Reiches, als dessen Mittelpunkt Mansur, der zweite Herrscher
+dieses Hauses, im Jahre 762 Bagdad gründete, eine Stadt, die bald an
+weltlichem Glanze Damaskus und als Leuchte des Geistes Basra und Kufa
+überstrahlte. Nur mit Konstantinopel war sie zu vergleichen. In Bagdad,
+an dem Hofe Mansurs (754-775), Haruns (786-809), Mamuns (813-833)
+u. s. w. fanden sich, besonders aus den nordöstlichen Provinzen,
+Dichter und Gelehrte zusammen. Mehrere Abbasiden liebten weltliche
+Bildung, sei es an sich oder zur Ausschmückung ihres Hofes, und wenn
+sie oft auch den Wert der Künstler und Gelehrten nicht erkannt haben
+mögen, so wussten doch diese die materiellen Güter ihrer Herren wohl
+zu schätzen.
+
+Wenigstens seit der Zeit Haruns bestand in Bagdad eine Bibliothek und
+eine Gelehrtenanstalt. Schon unter Mansur, besonders aber unter Mamun
+und seinen Nachfolgern, wurde dann die wissenschaftliche Litteratur
+der Griechen, meistens durch syrische Vermittelung, in die arabische
+Sprache übertragen. Auch Kompendien und Erläuterungen dazu wurden
+verfasst.
+
+Als diese gelehrte Arbeit ihren höchsten Aufschwung nahm, war
+die Herrlichkeit des Reiches im Niedergang begriffen. Die alten
+Stammesfehden, die unter den Omajjaden nie geruht hatten, waren
+scheinbar einer festgefügten Einheit des Staates gewichen. Aber es
+dauerten in verschärftem Maße andere Streitigkeiten fort, theologische
+und metaphysische Zänkereien, wie sie ähnlich den Verfall des
+oströmischen Reiches begleiteten. Der Staatsdienst brauchte in der
+orientalischen Despotie nur wenig befähigte Köpfe. Viele junge Kräfte
+gingen im üppigen Genusse unter, andere verfielen auf Wortkünstelei
+und Scheingelehrsamkeit. Zur Verteidigung des Reiches dagegen zog man
+die frische Kraft weniger überbildeter Völker heran: zuerst iranische
+oder iranisierte Chorasaner, darauf Türken.
+
+5. Immer deutlicher zeigte sich des Reiches Verfall. Die
+Machtstellung des Türkenheeres, Aufstände städtischen Pöbels und
+ländlicher Arbeiter, schiitische und ismaelitische Umtriebe überall,
+dazu die Selbständigkeitsgelüste der entfernten Provinzen waren
+entweder die Ursachen oder die Symptome des Untergangs. Neben dem
+Chalifen, der zum geistlichen Würdenträger herabsank, herrschten
+die Türken als Hausmeier. Und an der Peripherie entstanden nach
+und nach selbständige Staaten, bis zu einer ganz entsetzlichen
+Kleinstaaterei. Die wichtigsten, mehr oder weniger unabhängigen
+Herrscher waren im Westen, abgesehen von den spanischen Omajjaden
+(vgl. VI, 1), die Aglabiden Nordafrikas, die Tuluniden und Fatimiden
+Ägyptens und die Hamdaniden Syriens und Mesopotamiens; im Osten die
+Tahiriden und Samaniden, allmählich von den Türken verdrängt. An den
+Höfen dieser kleinen Dynastien sind in der nächsten Zeit (10. und
+11. Jahrh.) die Dichter und Gelehrten zu finden. Mehr als Bagdad
+machen sich auf kurze Zeit Haleb (Aleppo), der Sitz der Hamdaniden,
+und auf längere Zeit Kairo, im Jahre 969 von den Fatimiden erbaut,
+als Heimstätten geistiger Bestrebungen geltend. Im Osten glänzt noch
+einen Augenblick der Hof des Türken Machmud von Ghazna, der seit dem
+Jahre 999 Herr von Chorasan war.
+
+In diese Zeit der Kleinstaaterei und der Türkenwirtschaft fällt auch
+die Gründung der muslimischen Universitäten. Im Jahre 1065 wurde
+die erste in Bagdad errichtet. Seit der Zeit besitzt der Orient die
+Wissenschaft nur in stereotypen Auflagen. Der Lehrer hat gelehrt,
+was ihm von seinen Lehrern überliefert worden, und jedes neue Buch
+enthält kaum einen Satz, der nicht schon in älteren Büchern stände. Die
+Wissenschaft ist gerettet. Aber die Gelehrten Transoxaniens, die,
+der Überlieferung nach, als sie die Gründung der ersten Madrasah
+erfuhren, eine Trauerfeier zu Ehren der Wissenschaft veranstalteten,
+haben Recht behalten. [3]
+
+Über die östlichen Länder des Islam brauste dann (13. Jahrh.) der
+Mongolensturm dahin. Was der Türke übrig gelassen, raffte dieser
+hinweg. Es blühte da keine Kultur wieder auf, die aus sich heraus eine
+neue Kunst hervortrieb oder zu einer Erneuerung der Wissenschaft die
+Anregung darbot.
+
+
+
+
+2. Orientalische Weisheit.
+
+1. Vor seiner Berührung mit dem Hellenismus hat der semitische Geist,
+in philosophischer Hinsicht, es nie weiter als zu Rätselfragen
+und Spruchweisheit gebracht. Einzelbeobachtungen aus der Natur,
+hauptsächlich aber aus Leben und Schicksal des Menschen, liegen zu
+Grunde, und wo das Verständnis aufhört, stellt sich leicht die Ergebung
+in den allmächtigen und unergründlichen Willen Gottes ein. Wir kennen
+diese Weisheit aus dem Alten Testament. Dass sie sich ähnlich bei den
+Arabern ausbildete, zeigen uns die biblische Geschichte der Königin von
+Saba und die Gestalt des weisen Loqman in der arabischen Überlieferung.
+
+Neben solcher Weisheit gab es überall die Magie des Zauberers, ein
+Wissen, das sich in der Herrschaft über die Dinge bewährte. Aber nur
+in den priesterlichen Kreisen Alt-Babyloniens, unter welchen Einflüssen
+und in welchem Umfange wissen wir nicht genau, erhob man sich zu einer
+wissenschaftlicheren Betrachtung der Welt. Vom Wirrsal des Erdendaseins
+wandte dort das Auge sich der himmlischen Ordnung zu. Nicht wie der
+Hebräer, der über ein gewisses Staunen nicht hinwegkam [4] oder in den
+unzähligen Gestirnen nur ein Sinnbild eigener Nachkommenschaft sah [5],
+sondern ähnlich dem Griechen, der das Viele und Mannigfaltige unter dem
+Monde erst verstehen lernte, nachdem er in der Einheit und Stetigkeit
+der Himmelsbewegung die Harmonie des Alls gefunden hatte. Nur dass
+sich mit dem Guten, wie es denn im Hellenismus nicht anders war,
+viel mythologisches Spiel und astrologisches Afterwissen verschlangen.
+
+Diese chaldäische Weisheit wurde in Babylonien und Syrien seit
+den Tagen Alexanders des Großen mit hellenistischen, später mit
+hellenistisch-christlichen Ideen durchsetzt oder davon verdrängt. Nur
+in der syrischen Stadt Harran hielt sich bis in die Zeit des Islam das
+alte Heidentum, von christlichen Einflüssen wenig berührt. (Vgl. I,
+3 § 4.)
+
+2. Bedeutender als etwaige semitische Überlieferung war es, was dem
+Islam von persischer und indischer Weisheit zugeführt wurde. Auf die
+Frage, ob die orientalische Weisheit von griechischer Philosophie,
+oder diese von jener ursprünglich beeinflusst sei, brauchen wir
+hier nicht einzugehen. Was der Islam graden Weges Persern und Indern
+entnommen hat, lässt sich aus den arabischen Quellen mit ziemlicher
+Sicherheit ersehen, und auf dieses dürfen wir uns beschränken.
+
+Persien ist das Land des Dualismus, und es ist nicht unwahrscheinlich,
+dass seine dualistische Religionslehre, sei es direkt, sei es durch
+Vermittelung des Manichäismus oder anderer gnostischer Sekten, auf
+die theologischen Streitigkeiten im Islam eingewirkt habe. Viel
+größer aber ist in weltlichen Kreisen der Einfluss desjenigen
+Systems gewesen, das der Überlieferung nach unter dem Sasaniden
+Jezdegerd II. (438/9-457) sogar zur öffentlichen Anerkennung kam, des
+Zrwanismus (vgl. III, 1 § 6). In diesem System war die dualistische
+Weltansicht dadurch aufgehoben, dass als oberstes Prinzip die endlose
+Zeit (zrwan, arab. dahr) aufgestellt und mit dem Geschick, der
+äußersten Himmelssphäre oder der Bewegung des Himmels identifiziert
+wurde. Diese Lehre, die philosophischen Köpfen zusagte, hat sich,
+mit oder ohne die Maske des Islam, in der persischen Litteratur und
+bis auf unsere Zeit in den volkstümlichen Anschauungen einen großen
+Platz zu erhalten gewusst. Von den Theologen aber und nicht weniger
+von der idealistischen Schulphilosophie wurde sie als Materialismus,
+Atheismus u. s. w. abgewiesen.
+
+3. Als das wahre Land der Weisheit galt Indien. Vielfach findet
+sich bei den arabischen Schriftstellern die Anschauung, dort sei
+die Geburtsstätte der Philosophie zu finden. Durch friedlichen
+Handelsverkehr, dessen Vermittler zwischen Indien und dem Abendlande
+hauptsächlich Perser waren, dann infolge der muslimischen Eroberung
+verbreitete sich die Kenntnis indischer Weisheit. Unter Mansur
+(754-775) und Harun (786-809) wurde vieles davon, teils durch die
+Mittelstufe des Persischen (Pahlawi) hindurch, teils direkt aus dem
+Sanskrit übersetzt. Von der ethischen und politischen Spruchweisheit,
+aus Fabel und Erzählung der Inder, ward manches herübergenommen, so
+die von Ibn al-Moqaffa zu Mansurs Zeit aus dem Pahlawi übersetzten
+Erzählungen des Pantschatantra u. A. An erster Stelle aber wirkten
+indische Mathematik und Astrologie, letztere in Verbindung mit
+praktischer Medizin und Zauberkunst, auf die Anfänge der Weltweisheit
+im Islam. Die Astrologie des Siddhanta von Brahmagupta, unter Mansur
+mit Hilfe indischer Gelehrten von Fazari aus dem Sanskrit übersetzt,
+war noch vor des Ptolemäus Almagest bekannt. Eine weite Welt, in
+Vergangenheit und Zukunft, that sich da auf. Die hohen Zahlen, mit
+denen der Inder operierte, erzeugten auf die nüchternen muslimischen
+Annalisten einen gewaltigen, verwirrenden Eindruck, wie andererseits
+der arabische Kaufmann, der in Indien und China das Alter unserer
+erschaffenen Welt auf einige Tausend Jahre ansetzte, sich im höchsten
+Grade lächerlich machte.
+
+Auch die logischen und metaphysischen Spekulationen der Inder
+sind den Muslimen nicht unbekannt geblieben, aber viel weniger
+als Mathematik und Astrologie haben diese die wissenschaftliche
+Entwicklung beeinflusst. Die Grübeleien der Inder, an ihre heiligen
+Bücher anknüpfend und durchaus religiös bestimmt, haben gewiss auf
+persisches Sufitum und islamische Mystik nachhaltig eingewirkt. Aber
+Philosophie ist nun einmal ein griechischer Begriff und es geht
+nicht an, einem Tagesgeschmack zu liebe, in unserer Darstellung den
+Kuhmilchgedanken frommer Inder allzuviel Platz einzuräumen. Was
+jene sinnigen Büßer über den täuschenden Schein alles Sinnlichen
+vorgebracht haben, mag oft einen poetischen Reiz besitzen, stimmt auch
+wohl zu dem, was dem Osten aus neupythagoreischen und neuplatonischen
+Quellen an Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles Irdischen
+zugänglich war, hat aber, ebensowenig wie dieses, etwas Erhebliches
+zur Erklärung der Erscheinungen, zur Erweckung wissenschaftlichen
+Sinnes beigetragen. Nicht indischer Phantasie, sondern griechischen
+Geistes bedurfte es dazu, das Nachdenken auf die Erkenntnis des
+Wirklichen zu richten. Das beste Beispiel dafür ist die arabische
+Mathematik. Nach dem Urteile ihrer besten Kenner ist indisch darin
+fast nur die Rechenkunst, griechisch, wenn auch nicht ausschließlich,
+doch vorwiegend, die Algebra und die Geometrie. Zum Begriffe reiner
+Mathematik ist wohl kaum ein Inder durchgedrungen. Die Zahl, auch
+die höchste, blieb doch immer eine konkrete. Und in der indischen
+Philosophie blieb das Wissen überhaupt ein Mittel. Zweck war die
+Erlösung vom Übel des Daseins, die Philosophie Anleitung zum seligen
+Leben. Daher die Monotonie dieser auf das einheitliche Wesen aller
+Dinge gerichteten Weisheit, der gegenüber die reichgegliederte
+Wissenschaft der Hellenen die Wirkungen der Natur und des Geistes
+allseitig zu erfassen bestrebt war.
+
+Orientalische Weisheit, Astrologie und Kosmologie, hat den
+muslimischen Denkern mancherlei Stoff geliefert, aber die Form,
+das bildende Prinzip, kam ihnen von den Griechen her. Überall, wo es
+sich nicht um bloßes Aufzählen oder zufälliges Zusammenreihen handelt,
+sondern nach sachlichen oder logischen Gesichtspunkten eine Anordnung
+des Mannigfaltigen versucht wird, darf mit Wahrscheinlichkeit auf
+griechischen Einfluss geschlossen werden.
+
+
+
+
+3. Griechische Wissenschaft.
+
+1. Wie die Perser hauptsächlich den Handelsverkehr zwischen
+Indien-China und Byzanz leiteten, so traten im fernen Westen, bis
+ins Frankenreich, die Syrer als Kulturvermittler auf. Es waren Syrer,
+die Wein, Seide u. s. w. ins Abendland einführten. Aber es waren auch
+Syrer, die griechische Bildung aus Alexandrien und Antiochien nach
+Osten hin verbreiteten und in den Schulen von Edessa und Nisibis,
+Harran und Gondeschapur fortpflanzten. Syrien war das richtige Land
+der Mitte, wo Jahrhunderte lang die beiden Weltmächte, die römische
+und die persische, feindlich oder friedlich zusammenstießen. Unter
+solchen Umständen spielten die christlichen Syrer eine Rolle, wie
+sie ähnlich später den Juden zu teil ward.
+
+2. Die muslimischen Eroberer fanden die christliche Kirche,
+abgesehen von vielen Sekten, in drei Abteilungen gespalten. Im
+eigentlichen Syrien herrschte neben der orthodoxen Reichskirche
+die monophysitische, in Persien die nestorianische Kirche vor. Der
+Unterschied zwischen den Lehrsystemen dieser Kirchen ist wohl
+nicht ohne Bedeutung für die Entwicklung der muslimischen Dogmatik
+gewesen. Nach der Lehre der Monophysiten waren in Christus Gott
+und Mensch zu einer Natur vereinigt, während die Orthodoxen
+und viel schärfer noch die Nestorianer eine göttliche und eine
+menschliche Natur unterschieden. Nun heißt Natur vor allem Energie
+oder Wirkungsprinzip. Es handelt sich um die Frage, ob göttliches
+und menschliches Wollen und Wirken in Christus ein und dasselbe
+seien oder verschieden. Die Monophysiten hoben, aus spekulativen
+und religiösen Motiven, auf Kosten des Menschlichen die Einheit in
+Christus, ihrem Gotte, hervor, die Nestorianer dagegen betonten die
+Eigenart menschlichen Seins, Wollens und Wirkens dem göttlichen
+gegenüber. Letzteres aber bietet, unter Begünstigung politischer
+und kultureller Verhältnisse, einer philosophischen Welt- und
+Lebensbetrachtung freieren Spielraum, und thatsächlich haben die
+Nestorianer am meisten für die Pflege griechischer Wissenschaft gethan.
+
+3. Die Sprache sowohl der westlichen als auch der östlichen
+(persischen) Kirche war das Syrische. Daneben aber wurde in
+den Klosterschulen das Griechische gelehrt. In der westlichen
+(monophysitischen) Kirche sind Rasain und Kinnesrin als Stätten der
+Bildung zu nennen. Bedeutender war, wenigstens anfangs, die Schule von
+Edessa, wie denn auch der edessenische Dialekt sich zur Schriftsprache
+erhoben hatte. Aber im Jahre 489 ward die dortige Schule wegen der
+nestorianischen Gesinnung ihrer Lehrer geschlossen. Sie that sich dann
+in Nisibis wieder auf und verbreitete in Persien, aus politischen
+Gründen von den Sasaniden begünstigt, nestorianischen Glauben und
+griechisches Wissen.
+
+Der Unterricht in jenen Schulen hatte vorzugsweise biblisch-kirchlichen
+Charakter und war auf kirchliche Bedürfnisse berechnet. Aber es nahmen
+auch Ärzte oder künftige Studenten der Medizin daran teil. Dass
+diese oft dem geistlichen Stande angehörten, hebt den Unterschied
+zwischen theologischem Studium und der Beschäftigung mit weltlichem
+Wissen nicht auf. Zwar haben, nach dem syrisch-römischen Rechtsbuch,
+die Lehrer (gelehrten Priester) und Ärzte Steuerfreiheit und andere
+Privilegien gemeinsam. Aber dass die ersteren als Heilkünstler der
+Seele betrachtet wurden, während die Ärzte bloß den Leib zu flicken
+hatten, begründete den Vorzug jener vor diesen. Die Medizin blieb doch
+immer etwas Weltliches, und nach den Statuten der Schule zu Nisibis
+(vom Jahre 590) durften die heiligen Schriften nicht mit Büchern des
+weltlichen Gewerbes in einem Raume zusammen gelesen werden.
+
+In ärztlichen Kreisen wurden die Werke des Hippokrat, Galen und
+Aristoteles sehr geschätzt. In den Klöstern aber verstand man unter
+Philosophie zunächst das beschauliche Leben des Asketen und achtete
+nur auf das Eine, das not thut.
+
+4. Eine eigentümliche Stellung nimmt die mesopotamische Stadt Harran,
+in der Nähe Edessas, ein. Altsemitisches Heidentum verknüpft sich hier,
+besonders nach der arabischen Eroberung, als die Stadt neu emporblühte,
+mit mathematischen und astronomischen Studien und neupythagoreischer
+und neuplatonischer Spekulation. Die Harranier oder Sabier, wie sie
+im 9. und 10. Jahrhundert heißen, führen ihre mystische Weisheit auf
+Hermes Trismegistos, Agathodaemon, Uranius u. A. zurück. Zahlreiche
+Pseudepigraphen des späteren Hellenismus werden von ihnen gläubig
+aufgenommen, einzelnes wird vielleicht in ihrem Kreise fabriziert. Als
+Übersetzer und gelehrte Schriftsteller sind einige aus ihrer Mitte
+thätig gewesen. Viele haben mit persischen und arabischen Gelehrten
+des achten bis zehnten Jahrhunderts einen regen wissenschaftlichen
+Verkehr unterhalten.
+
+5. In Persien, zu Gondeschapur, finden wir eine von Chosrau Anoscharwan
+(531-579) gegründete Anstalt für philosophische und medizinische
+Studien. Ihre Lehrer waren hauptsächlich nestorianische Christen. Aber
+außer den Nestorianern duldete der weltlicher Bildung geneigte Fürst
+auch Monophysiten. Besonders als Mediziner waren damals, wie später
+am Hofe der Chalifen, christliche Syrer in Ehren.
+
+Auch die im Jahre 529 aus Athen vertriebenen sieben Philosophen
+der neuplatonischen Schule fanden am Hofe Chosraus eine
+Zufluchtsstätte. Sie mögen aber dort ähnliche Erfahrungen gemacht
+haben, wie die französischen Freigeister des vorigen Jahrhunderts
+am russischen Hofe. Jedenfalls sehnten sie sich nach der Heimat
+zurück. Und der König war freisinnig und großmütig genug, sie gehen
+zu lassen und für sie im Friedensvertrage mit Byzanz vom Jahre 549
+Glaubensfreiheit zu bedingen. Ganz ohne Einfluss wird ihr Aufenthalt
+im persischen Reich doch wohl nicht geblieben sein.
+
+6. Die Zeit der syrischen Übersetzungen profaner Schriften aus dem
+Griechischen läuft etwa vom vierten bis zum achten Jahrhundert. Im
+vierten Jahrhundert wurden Spruchsammlungen übertragen. Als erster
+mit Namen genannter Übersetzer erscheint Probus, "Priester und Arzt
+in Antiochien" (erste Hälfte des fünften Jahrhunderts?). Vielleicht
+war er auch nur Erklärer logischer Schriften des Aristoteles
+und der Isagoge des Porphyrius. Bekannter ist Sergius von Rasain
+(gestorben, wahrscheinlich in Konstantinopel, um 536, etwa 70 Jahre
+alt), ein mesopotamischer Mönch und Arzt, der den ganzen Umfang der
+alexandrinischen Wissenschaft, vielleicht in Alexandrien selbst,
+studierte und dessen Übersetzungen nicht nur auf Theologie, Moral und
+Mystik, sondern mehr noch auf Physik, Medizin und Philosophie sich
+erstreckten. Auch nach der muslimischen Eroberung wurde die gelehrte
+Thätigkeit der Syrer fortgesetzt. Jakob von Edessa (etwa 640-708)
+übersetzte griechisch-theologische Schriften, befasste sich aber
+außerdem mit Philosophie und erklärte auf eine diesbezügliche Anfrage,
+es sei christlichen Geistlichen erlaubt, Kindern von muslimischen
+Eltern gelehrten Unterricht zu erteilen. Bei den letzteren war also
+ein Bildungsbedürfnis vorhanden.
+
+Die Übersetzungen der Syrer, namentlich des Sergius von Rasain,
+sind im allgemeinen treu; die logischen und naturwissenschaftlichen
+aber entsprechen dem Original genauer, als die ethischen und
+metaphysischen. In diesen gab es eben viel Dunkles, das missverstanden
+oder einfach weggelassen, und viel Heidnisches, das durch Christliches
+ersetzt ward. Für Sokrates, Platon und Aristoteles (als Beispiele)
+traten wohl einmal Petrus, Paulus und Johannes ein. Das Schicksal
+und die Götter mussten dem Einen Gotte weichen. Und Begriffe wie
+Welt, Ewigkeit, Sünde und dergleichen erhielten ein christliches
+Gepräge. Übrigens sind die Araber mit der Anpassung an ihre Sprache,
+Kultur und Religion später viel weiter gegangen als die Syrer. Teils
+lässt sich das wohl aus der muslimischen Scheu vor allem Heidnischen,
+teils aber auch aus einer größeren Anpassungsfähigkeit erklären.
+
+7. Abgesehen von einigen mathematischen, physischen und medizinischen
+Schriften haben die Syrer sich für ein Zweifaches interessiert. Erstens
+für moralisierende Spruchsammlungen, mit etwas Philosophiegeschichte
+verbunden, und im allgemeinen für mystische pythagoreisch-platonische
+Weisheit. Diese findet sich hauptsächlich in Pseudepigraphen, die den
+Namen des Pythagoras, Sokrates, Plutarch, Dionysius u. A. tragen. Im
+Mittelpunkte des Interesses steht eine platonische Seelenlehre,
+in späterer pythagoreischer, neuplatonischer oder christlicher
+Bearbeitung. Platon wird in den syrischen Klöstern sogar zu einem
+orientalischen Mönch, der sich eine Zelle im Herzen der Wildnis
+erbaute, weitab von den Wohnsitzen der Menschen, und dort, nach
+dreijährigem Schweigen und Grübeln über einen Bibelvers, die göttliche
+Dreieinigkeit erkannt haben soll.
+
+Dazu kam denn als Zweites die Logik des Aristoteles. Aristoteles war
+den Syrern, wie längere Zeit auch den Arabern, fast nur als Logiker
+allgemein bekannt. Die Bekanntschaft erstreckte sich, ähnlich wie in
+der Frühscholastik des Abendlandes, auf Kategorien, Hermeneutik und
+erste Analytik bis zu den kategorischen Figuren. Der Logik bedurfte
+man schon, um die Schriften griechischer Kirchenlehrer zu verstehen,
+da dieselben, wenigstens formal, davon beeinflusst waren. Wie man aber
+die Logik nicht vollständig hatte, so besaß man sie auch nicht rein,
+sondern in neuplatonischer Überarbeitung, wie z. B. ersichtlich ist aus
+dem Werke des Paulus Persa, welches in syrischer Sprache für Chosrau
+Anoscharwan geschrieben wurde. Es wird darin das Wissen über den
+Glauben gestellt und die Philosophie definiert als die Selbstbesinnung
+der Seele auf ihr inneres Wesen, in dem sie, gleichsam wie ein Gott,
+alle Dinge erblickt.
+
+8. Was die Araber den Syrern verdanken, spricht sich u. a. darin
+aus, dass arabische Gelehrte das Syrische für die älteste oder
+richtige (natürliche) Sprache hielten. Zwar haben die Syrer
+Selbständiges nicht geschaffen, aber ihre Übersetzerthätigkeit
+kam der arabisch-persischen Wissenschaft zu gute. Es sind fast
+ohne Ausnahme Syrer gewesen, die vom 8. bis 10. Jahrhundert aus
+den älteren oder den von ihnen teils verbesserten, teils neu
+veranstalteten syrischen Übersetzungen die griechischen Werke ins
+Arabische übertrugen. Schon der omajjadische Prinz Chalid ibn Jezid
+(gest. 704), der sich unter Leitung eines christlichen Mönches mit der
+Alchemie befasste, soll Übersetzungen alchemistischer Werke aus dem
+Griechischen ins Arabische veranstaltet haben. Sprichwörter, Gnomen,
+Briefe, Testamente, überhaupt Philosophiegeschichtliches, wurden
+schon früh gesammelt und übersetzt. Aber erst unter Mansur wurde
+damit angefangen, naturwissenschaftlich-medizinische und logische
+Schriften der Griechen, zum Teil aus dem Pahlawi, ins Arabische
+zu übertragen. Besonders beteiligte sich daran Ibn al-Moqaffa, ein
+Anhänger des persischen Dualismus, von dem die Späteren sich durch
+ihre Terminologie unterschieden haben sollen. Es ist uns aber von
+seinen philosophischen Übersetzungen nichts erhalten. Auch anderes aus
+dem achten Jahrhundert ist verloren gegangen; erst aus dem neunten
+Jahrhundert, aus der Zeit Mamuns und seiner Nachfolger, ist einiges
+Übersetzte auf uns gekommen.
+
+Die Übersetzer des neunten Jahrhunderts waren meistens Mediziner
+und nach Ptolomäus und Euklid wurden Hippokrat und Galen mit
+am ersten übertragen. Beschränken wir uns auf die Philosophie
+im engeren Sinne. Von Juhanna oder Jachja ibn Bitriq (Anfang des
+neunten Jahrhunderts) soll eine Übersetzung des platonischen Timäus
+herrühren, ferner Aristoteles' Meteorologie, das Buch der Tiere,
+ein Auszug aus der Psychologie und die Schrift Über die Welt. Dem
+Abdalmasich ibn Abdallah Naima al-Himsi (um 835) wird zugeschrieben
+eine Übertragung der aristotelischen Sophistik, dazu des Johannes
+Philoponus Kommentar zur Physik und die sogenannte Theologie des
+Aristoteles, ein paraphrastischer Auszug aus Plotin's Enneaden. Qosta
+ibn Luqa al-Balabakki (um 835) soll übersetzt haben Alexanders von
+Aphrodisias und Johannes Philoponus' Kommentare zur aristotelischen
+Physik, zum Teil Alexanders Kommentar zu de generatione et corruptione,
+dazu Pseudo-Plutarchs placita philosophorum u. A.
+
+Die fruchtbarsten Übersetzer waren Abu Zaid Honain ibn Ishaq
+(809?-873), dessen Sohn Ishaq ibn Honain (gest. 910 oder 911) und Neffe
+Hobaisch ibn al-Hasan. Da sie zusammen arbeiteten, gibt es vieles, das
+bald dem Einen, bald dem Anderen zugeschrieben wird. Manches wird unter
+ihrer Aufsicht von Schülern und Untergebenen angefertigt sein. Ihre
+Thätigkeit dehnte sich auf den ganzen Umfang der damaligen Wissenschaft
+aus. Älteres wurde verbessert, Neues hinzugefügt. Der Vater übersetzte
+vorzugsweise Medizinisches, der Sohn aber mehr Philosophisches.
+
+Im zehnten Jahrhundert dauerte noch die Arbeit der Übersetzer fort. Es
+zeichneten sich besonders aus Abu Bischr Matta ibn Junus al-Qannai
+(gest. 940), Abu Zakarija Jachja ibn Adi al-Mantiqi (gest. 974) und Abu
+Ali Isa ibn Ishaq ibn Zura (gest. 1008). Endlich Abu-l-Chair al-Hasan
+ibn al-Chammar (geb. 942), ein Schüler des Jachja ibn Adi, von dem,
+ausser Übersetzungen, Kommentaren u. s. w., auch eine Schrift über
+die Übereinstimmung zwischen Philosophie und Christentum genannt wird.
+
+Die Thätigkeit der Übersetzer seit Honain ibn Ishaq beschränkte sich
+fast ganz auf die aristotelischen und pseudo-aristotelischen Schriften,
+deren Auszüge, Paraphrasen und Kommentare.
+
+9. Als besonders große Philosophen sind diese Übersetzer nicht
+anzusehen. Selten arbeiteten sie spontan, fast immer im Dienste eines
+Chalifen, eines Wezirs, oder eines anderen vornehmen Mannes. Außer
+ihrem Fachstudium, gewöhnlich der Medizin, interessierte sie höchstens
+die Weisheit: schöne Geschichten mit moralischer Anwendung, Anekdötchen
+und Sprüche. Was wir uns im Verkehr, in der Erzählung oder auf der
+Bühne nur als Eigentümlichkeit gewisser Personen gefallen lassen, wurde
+von jenen Biedermännern ihres weisen Inhalts oder vielleicht auch nur
+schönrednerischen Prunkes wegen bewundert und gesammelt. In der Regel
+blieben sie dem väterlichen Christenglauben treu. Charakteristisch
+für ihre Auffassung und den Freisinn der Chalifen ist es, was die
+Überlieferung in Bezug auf Ibn Dschibril berichtet. Als Mansur ihn
+zum Islam bekehren wollte, soll er gesagt haben: "Im Glauben meiner
+Väter werde ich sterben, wo sie sind, wünsche ich auch zu sein,
+sei's nun im Himmel oder in der Hölle." Da lächelte der Chalif und
+entließ ihn reich beschenkt.
+
+Von selbständigen Schriften dieser Männer hat sich nur weniges
+gerettet. Eine kleine Abhandlung des Qosta ibn Luqa über den
+Unterschied zwischen Seele und Geist (pneuma, ruh), in lateinischer
+Übersetzung erhalten, ist viel genannt und benutzt worden. Der Geist
+ist danach ein feiner Körper, der von der linken Herzkammer aus den
+menschlichen Leib belebt und darin Bewegung und Wahrnehmung bewirkt. Je
+feiner und klarer dieser Geist, um so vernünftiger denkt und handelt
+auch der Mensch. Darüber sind sich Alle einig. Schwieriger aber ist es,
+etwas Sicheres und Allgemeingültiges über die Seele auszusagen. Die
+Aussprüche der größten Philosophen sind zum Teil verschieden, zum
+Teil einander widersprechend. Jedenfalls ist die Seele unkörperlich,
+weil sie Qualitäten, und zwar die entgegengesetzten zugleich, in
+sich aufnimmt. Sie ist einfach, unveränderlich und vergeht nicht, wie
+der Geist, mit dem Körper; der Geist vermittelt nur zwischen beiden,
+ist also secundäre Ursache der Bewegung und Wahrnehmung.
+
+Was hier in Bezug auf die Seele behauptet wird, finden wir bei
+vielen Späteren. Nur wird allmählich, je mehr die aristotelische
+Philosophie platonische Ansichten in den Hintergrund drängt, ein
+anderes Gegensatzpaar in das volle Licht gerückt. Von der Bedeutung
+des Lebensgeistes (ruh) reden nur noch die Mediziner. Die Philosophen
+stellen Seele und Geist oder Vernunft (nous, `aql) zusammen. Die Seele
+wird nun ins Vergängliche, mitunter sogar nach gnostischer Art in das
+niedere, böse Bereich der Begierden herabgezogen. Über sie erhebt sich,
+als das Höchste, das Unvergängliche im Menschen, der vernünftige Geist.
+
+Mit dieser Bemerkung greifen wir aber der Geschichte vor. Kehren wir
+zu unseren Übersetzern zurück.
+
+10. Das Wertvollste, was der griechische Geist an Kunst, Poesie
+und Geschichtschreibung uns hinterlassen hat, ist den Orientalen
+niemals zugänglich geworden. Es hätte bei ihnen auch schwerlich
+Verständnis gefunden. Dafür fehlte eben der Geschmack und die
+Kenntnis griechischen Lebens. Mit dem sagenumstrahlten Alexander dem
+Großen fing ihnen die Geschichte Griechenlands erst an, und es wird
+der Aufnahme aristotelischer Philosophie am muslimischen Hofe die
+Stellung des Aristoteles zum größten Fürsten des Altertums gewiss
+förderlich gewesen sein. Die arabischen Geschichtschreiber zählten
+die griechischen Fürsten bis auf Kleopatra und weiter die römischen
+Kaiser auf, aber ein Thukydides z. B. war ihnen nicht einmal dem
+Namen nach bekannt. Von Homeros haben sie nicht viel mehr als den
+Satz, dass Einer Herrscher sein solle, aufgenommen. Von den großen
+griechischen Dramatikern und Lyrikern haben sie keine Ahnung. Nur
+durch seine Mathematik, Naturwissenschaft und Philosophie hat
+das griechische Altertum auf sie gewirkt. Von der Entwicklung der
+griechischen Philosophie hat man aus Plutarch, Porphyr u. A., sowie
+aus den Schriften des Aristoteles und Galen einiges erfahren. Es hat
+sich aber daran viel Sagenhaftes gehängt, und was im Orient über die
+Lehren der vorsokratischen Philosophen berichtet worden, lässt uns
+nur schließen auf die Pseudepigraphen, aus denen man schöpfte, oder
+vielleicht auch auf die im Osten selbst ausgebildeten Ansichten, die
+man mit der Autorität alter griechischer Weisen zu stützen suchte. Doch
+ist bei Allem immer zunächst an ein griechisches Original zu denken.
+
+11. Im allgemeinen lässt sich behaupten, dass die Syrer-Araber den
+Faden der Philosophie dort aufnahmen, wo ihn die letzten Griechen
+hatten fallen lassen, d. h. bei der neuplatonischen Auslegung des
+Aristoteles, neben dem auch die platonischen Schriften gelesen
+und erläutert wurden. Unter den Harraniern und lange Zeit bei
+einigen muslimischen Sekten blühten am meisten die platonischen oder
+pythagoreisch-platonischen Studien, zu denen sich viel Stoisches und
+Neuplatonisches gesellte. Man interessierte sich außerordentlich für
+das Schicksal des Sokrates, der im heidnischen Athen als ein Märtyrer
+seines Vernunftglaubens fiel. Mächtig wirkte die platonische Seelen-
+und Naturlehre. Das pythische "Erkenne dich selbst", als Motto der
+sokratischen Weisheit überliefert und neuplatonisch gedeutet, wurde von
+den Muslimen dem Ali, Mohammeds Schwiegersohn, oder gar dem Propheten
+selbst in den Mund gelegt. Wer sich selbst erkennt, erkennt damit Gott,
+seinen Herrn, das wurde der Text für allerhand mystische Spekulationen.
+
+In medizinischen Kreisen und am weltlichen Hofe wurden immer mehr die
+Werke des Aristoteles bevorzugt. Zunächst freilich nur die Logik und
+einzelnes aus den physischen Schriften. Die Logik, so glaubte man,
+sei das einzige Neue, was der Stagirite erfunden; in allen anderen
+Wissenschaften stimme er aber durchaus mit Pythagoras, Empedokles,
+Anaxagoras, Sokrates und Platon überein. Die christlichen und sabischen
+Übersetzer und die von ihnen beeinflussten Kreise holten sich deshalb
+unbedenklich psychologisch-ethische, politische und metaphysische
+Belehrung bei den voraristotelischen Weisen.
+
+Was den Namen des Empedokles, Pythagoras u. A. trug, war natürlich
+unecht. Ihre Weisheit wird entweder auf Hermes oder andere,
+orientalische Weisen zurückgeführt. So soll Empedokles ein Schüler
+König Davids, nachher des Weisen Loqman gewesen, Pythagoras aus der
+salomonischen Schule hervorgegangen sein u. s. w. Schriften, die in
+den arabischen Werken als sokratisch zitiert werden, sind, insofern sie
+echt, platonische Dialoge, in denen Sokrates auftritt. Von Platon hat
+man, außer unechten Schriften, mehr oder weniger umfangreich angeführt:
+die Apologie, Kriton, den Sophisten, Phädrus, die Republik, Phädon,
+Timäus und die Gesetze. Das heißt aber nicht, dass dies Alles in
+vollständiger Übersetzung vorgelegen habe.
+
+Soviel ist sicher, Aristoteles war nicht von Anfang an
+Alleinherrscher. Platon, wie man ihn verstand, lehrte die Weltschöpfung
+und die geistige Substantialität und Unsterblichkeit der Seele: das
+schadete dem Glauben nicht. Aristoteles aber, mit seiner Lehre von
+der Ewigkeit der Welt und einer weniger spiritualistischen Psychologie
+und Ethik, wurde als gefährlich betrachtet. Muslimische Theologen des
+neunten und zehnten Jahrhunderts aus verschiedenen Lagern schrieben
+deshalb gegen Aristoteles. Doch die Verhältnisse änderten sich. Bald
+gab es Philosophen, die die platonische Lehre von der Einen Weltseele,
+von der die menschlichen Seelen nur endliche Teile seien, verwarfen und
+beim Aristoteles, der der Einzelsubstanz so große Bedeutung beilegte,
+Gründe suchten für ihre Unsterblichkeitshoffnung.
+
+12. Wie man in der ältesten Zeit den Aristoteles auffassen musste,
+zeigen uns am besten die ihm untergeschobenen Schriften. Denn nicht
+nur bekam man seine echten Werke mit neuplatonischen Erläuterungen
+dazu, nicht nur wurde die Schrift "Über die Welt" unbedenklich
+als aristotelisch anerkannt, sondern er wurde auch als der Urheber
+betrachtet von vielen spätgriechischen Erzeugnissen, in denen ein
+pythagoreisierender Platonismus oder Neuplatonismus, oder gar ein
+wüster Synkretismus ganz offen gelehrt wurde.
+
+Als erstes Beispiel sei hier genannt das "Buch vom Apfel" [6], darin
+Aristoteles dieselbe Rolle spielt wie Sokrates in Platon's Phädon. Als
+nämlich der Philosoph seinem Ende nahe, besuchen ihn einige Schüler,
+die ihn frohen Mutes finden, was sie veranlasst, Belehrung über das
+Wesen und die Unsterblichkeit der Seele von ihrem hinscheidenden
+Meister zu erbitten. Dieser führt darauf etwa folgendes aus: Das
+Wesen der Seele besteht in Wissen, und zwar in seiner höchsten Form,
+der Philosophie. Eine vollkommene Erkenntnis der Wahrheit ist deshalb
+die Seligkeit, die nach dem Tode der wissenden Seele bevorsteht. Und
+wie das Wissen mit höherer Erkenntnis belohnt wird, so besteht die
+Strafe für Nichtwissen in tieferer Unwissenheit. Es gibt ja überhaupt
+im Himmel und auf Erden nichts anderes als Wissen und Nichtwissen
+und die Vergeltung, die beide in sich selbst finden. Auch ist weder
+die Tugend wesentlich vom Wissen verschieden, noch das Laster vom
+Nichtwissen: sie verhalten sich zu einander ähnlich wie das Wasser
+zum Eise, in verschiedener Form dasselbe.
+
+Im Wissen, dem göttlichen Wesen der Seele, findet diese naturgemäß
+ihre einzige wahre Freude, nicht aber in Essen und Trinken und
+sinnlicher Lust. Denn die Sinnenlust ist eine Flamme, die bloß
+auf kurze Zeit erwärmt; reines Licht aber, das weithin leuchtet,
+ist die denkende Seele, die ihre Erlösung aus der dunklen Sinnenwelt
+herbeisehnt. Darum fürchtet der Philosoph den Tod nicht, sondern tritt
+ihm freudig entgegen, wenn die Gottheit ruft. Der Genuss, den ihm sein
+beschränktes Wissen hier bietet, ist ihm eine Gewähr für die Wonne,
+die die Enthüllung des großen Unbekannten ihm verschaffen wird. Etwas
+davon weiß er ja jetzt schon, denn nur durch die Erkenntnis des
+Unsichtbaren ist die richtige Schätzung des Sinnenfälligen, deren er
+sich rühmen darf, überhaupt möglich. Wer sein Selbst in diesem Leben
+erkennt, besitzt gerade in dieser Selbsterkenntnis die Gewissheit,
+alle Dinge mit ewigem Wissen zu umfassen, d. h. unsterblich zu sein.
+
+13. Zweitens sei die sogenannte "Theologie des Aristoteles" erwähnt. Es
+wird darin der göttliche Platon als der Idealmensch hingestellt,
+der durch ein intuitives Denken alle Dinge erkennt und also der
+logischen Hilfsmittel des Aristoteles nicht bedarf. Ja, die höchste
+Wirklichkeit, das absolute Sein, wird nicht durch Denken, sondern
+nur in einem ekstatischen Schauen ergriffen. "Öfter war ich," so
+redet hier Aristoteles-Plotin, "mit meiner Seele allein. Des Leibes
+entkleidet trat ich, reine Substanz, in mein Selbst hinein, von
+allem Äusseren zum Inneren zurückkehrend. Reines Wissen war ich da,
+Wissendes und Gewusstes zugleich. Wie wunderte ich mich, dass ich
+in meinem Selbst Schönheit und Glanz erblickte und mich als einen
+Teil der erhabenen göttlichen Welt erkannte, selbst mit schaffendem
+Leben begabt. In dieser Selbstgewissheit erhob ich mich über die Welt
+der Sinne, ja über die Geisterwelt empor zu dem göttlichen Stande,
+wo ich solch schönes Licht schaute, dass es keine Zunge aussprechen,
+kein Ohr vernehmen könnte."
+
+Im Mittelpunkte der Erörterungen steht auch in der Theologie die
+Seele. Alle wahre menschliche Wissenschaft ist Wissenschaft der Seele,
+Selbsterkenntnis, und zwar an erster Stelle Kenntnis des Wesens,
+hernach, aber weniger vollständig, der Wirkungen dieses Wesens. In
+solcher Erkenntnis, zu der nur äußerst wenige gelangen, besteht die
+höchste Weisheit, die sich in Begriffe nicht vollkommen fassen lässt,
+und die deshalb der Philosoph als weiser Künstler und Gesetzgeber
+in ewig schönen Bildern zur Darstellung bringt, uns Menschen zum
+Gottesdienste. Es zeigt sich eben darin der Weise als der überlegene,
+selbstgenügsame Zauberer, dessen Wissen die Menge beherrscht, weil
+diese im Banne der Dinge, der Vorstellungen und Begierden immer
+gefesselt bleibt.
+
+Die Seele steht in der Mitte des Alls. Über ihr sind Gott und der
+Geist, unter ihr die Materie und die Natur. Ihr Kommen aus Gott
+durch den Geist in die Materie, ihre Gegenwart im Körper, ihre
+Rückkehr nach oben, in diesen drei Stadien verläuft ihr Leben und
+das der Welt. Materie und Natur, Sinneswahrnehmung und Vorstellung
+verlieren hier fast ganz ihre Bedeutung. Alles ist vom Geist (nous,
+`aql), der Geist ist alle Dinge und im Geiste ist alles Eins. Auch
+die Seele ist Geist, freilich, solange sie in ihrem Körper weilt,
+Geist in Hoffnung, Geist in der Form der Sehnsucht. Sie sehnt sich
+nach oben, nach den guten, seligen Gestirnen, die, über Vorstellung
+und Strebung erhaben, ihre beschauliche Lichtexistenz führen.
+
+Das ist nun der orientalische Aristoteles, wie ihn die ersten
+Peripatetiker im Islam anerkannten. [7]
+
+14. Dass die Orientalen sich nie zu einer reinen Auffassung der
+aristotelischen Philosophie durchgerungen haben, braucht uns
+nicht zu wundern. Die Mittel unserer Kritik, Echtes und Unechtes
+zu sondern, besaßen sie nicht. Sich in die griechische Kulturwelt
+hineinzuleben, musste ihnen sogar schwerer fallen als den christlichen
+Gelehrten des Mittelalters, das den lebendigen Zusammenhang mit dem
+Altertum nie ganz verloren hatte. Man blieb im Osten abhängig von
+neuplatonischen Bearbeitungen und Erklärungen. Fehlte ein Teil des
+wissenschaftlichen Systems, z. B. die aristotelische Politik, so war
+es selbstverständlich, dass die Gesetze oder der Staat Platons dafür
+eintraten. Nur wenigen kam der Unterschied Beider zum Bewusstsein.
+
+Es ist noch auf ein anderes Motiv zu achten. Schon in ihren
+neuplatonischen Quellen fanden die Muslime eine harmonisierende
+Auslegung der griechischen Philosophen vor, die sie wohl gezwungen
+waren, herüberzunehmen. Die ersten Anhänger des Aristoteles
+mussten ja polemisch und apologetisch vorgehen. Entgegen oder
+neben der Übereinstimmung der muslimischen Gemeinde brauchten sie
+eine einheitliche Philosophie, darin die Eine Wahrheit zu finden
+war. Dieselbe Verehrung, die Mohammed seinerzeit den heiligen
+Schriften der Juden und Christen gezollt hatte, fand sich später
+bei muslimischen Gelehrten in Bezug auf die Werke griechischer
+Wissenschaft. Nur zeigten die Gelehrten eine größere Vertrautheit mit
+ihren Vorbildern und geringere Originalität. Die alten Philosophen
+erhielten für sie eine Autorität, der man sich zu fügen hatte. Die
+ersten muslimischen Denker waren von der Überlegenheit griechischen
+Wissens derart überzeugt, dass sie nicht daran zweifelten, es habe die
+höchste Stufe der Gewissheit erreicht. Selbständig weiter zu forschen,
+war ein Gedanke, der nicht leicht aufkam im Gehirn des Orientalen,
+der sich einen Menschen ohne Lehrer nur als einen Schüler Satans
+vorzustellen vermag. Nach dem Vorgange hellenistischer Philosophen
+musste also der Versuch gemacht werden, zwischen Platon und Aristoteles
+die Übereinstimmung nachzuweisen, und besonders diejenigen Lehren,
+welche Anstoß erregten, entweder stillschweigend zu beseitigen oder
+in einem, der muslimischen Dogmatik nicht zu stark widerstreitenden
+Sinne darzustellen. Den Gegnern des Aristoteles oder der Philosophie
+überhaupt zu gefallen, hob man weise und erbauliche Sprüche aus
+echten und unechten Werken des Philosophen hervor, um auf diese
+Weise der Aufnahme seiner wissenschaftlichen Gedanken den Weg zu
+bereiten. Den Eingeweihten aber wurde die Lehre des Aristoteles,
+wie diejenige anderer Schulen und Sekten, als eine höhere Wahrheit
+hingestellt, zu der der positive Glaube der Menge und das mehr oder
+weniger begründete System der Theologen die Vorstufen bilden sollten.
+
+15. Ein vom Bestande der übersetzten griechischen Werke abhängiger
+Eklektizismus ist die muslimische Philosophie immer geblieben. Der
+Verlauf ihrer Geschichte ist mehr ein Verdauungs- als ein
+Zeugungsprozess. Weder durch das Aufzeigen neuer Probleme noch
+durch eigentümliche Versuche, alte Fragen zu lösen, hat sie sich
+bedeutend hervorgethan. Wichtige Fortschritte des Denkens hat sie
+also nicht zu verzeichnen. Dennoch hat sie, historisch betrachtet,
+eine weit größere Bedeutung, als die einer bloßen Vermittlerin
+zwischen dem Altertum und der christlichen Scholastik. Die Aufnahme
+griechischer Ideen in die Mischkultur des Orients zu verfolgen, hat
+an sich als Gegenstand geschichtlichen Interesses einen ganz eigenen
+Reiz, zumal, wenn man dabei vergessen kann, dass es einmal Griechen
+gegeben. Wichtig wird aber auch die Betrachtung dieses Ereignisses,
+wenn es zu Vergleichen mit anderen Kulturen Veranlassung bietet. Die
+Philosophie ist eine so einzigartige, selbständig auf griechischem
+Boden erwachsene Erscheinung, dass man sie als den Bedingungen des
+allgemeinen Kulturlebens überhoben ansehen könnte, um sie rein aus sich
+selbst heraus zu erklären. Die Geschichte der Philosophie im Islam
+ist nun schon deshalb wertvoll, weil sich in ihr der erste Versuch
+darstellt, in größerem Umfange und mit größerer Freiheit als es in
+der altchristlichen Dogmatik geschehen, die Ergebnisse griechischen
+Denkens sich anzueignen. Die Erkenntnis der Bedingungen, die solches
+ermöglichten, wird uns, wenn auch mit Vorsicht und vorläufig wenigstens
+in sehr beschränktem Maße, Analogieschlüsse gestatten auf die Rezeption
+der griechisch-arabischen Wissenschaft im christlichen Mittelalter,
+und vielleicht ein wenig belehren über die Bedingungen, unter denen
+Philosophie überhaupt entsteht.
+
+Von einer muslimischen Philosophie ist eigentlich kaum zu reden. Aber
+es hat im Islam viele Männer gegeben, die nicht davon lassen konnten,
+zu philosophieren. Durch die griechischen Falten hindurch zeigt sich
+doch die Form ihrer eigenen Glieder. Es ist leicht, von der hohen Warte
+irgend einer Schulphilosophie auf jene Männer herabzublicken. Besser
+aber wird es für uns sein, sie kennen und in ihrer historischen
+Bedingtheit begreifen zu lernen. Wir müssen es der Einzelforschung
+überlassen, der Herkunft jedes Gedankens nachzugehen. Unser Zweck
+kann es nur sein im folgenden zu zeigen, was die Muslime aus dem
+vorgefundenen Materiale aufgebaut haben.
+
+
+
+
+
+
+
+
+II. PHILOSOPHIE UND ARABISCHES WISSEN.
+
+
+1. Die Sprachwissenschaft.
+
+1. Von muslimischen Gelehrten des zehnten Jahrhunderts wurden
+die Wissenschaften in arabische und in alte oder nichtarabische
+eingeteilt. Zu den ersteren gehörten Sprachwissenschaft, Pflichten-
+und Glaubenslehre, Litteraturkenntnis und Geschichte; zu den letzteren
+die philosophischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen
+Disziplinen. Im großen Ganzen ist die Einteilung richtig. Die
+letztgenannten Fächer sind nicht nur am meisten von fremden Einflüssen
+bestimmt, sondern auch nie recht populär geworden. Doch sind auch die
+sogenannten arabischen Wissenschaften nicht ganz rein einheimische
+Schöpfungen. Auch sie sind entstanden oder ausgebildet, wo im
+muslimischen Reiche Araber und Nichtaraber zusammentrafen und das
+Bedürfnis erwachte, über die den Menschen nächstliegenden Gegenstände,
+Sprache und Poesie, Recht und Religion, sofern sich darin Unterschiede
+oder Unzulänglichkeiten zeigten, nachzudenken. In der Weise, wie
+dieses geschah, spürt man deutlich den Einfluss von Nichtarabern,
+namentlich Persern, und immer bedeutender macht sich auch dabei die
+Einwirkung griechischer Philosophie geltend.
+
+2. Die arabische Sprache, an deren Wortfülle, Formenreichtum und
+innerer Bildungsfähigkeit die Araber selbst sich besonders erfreuten,
+eignete sich vorzüglich zu einer Weltstellung. Besonders zeichnet
+sie sich, wenn man sie z. B. mit der schwerfälligen lateinischen
+oder auch mit der schwülstigen persischen vergleicht, durch kurze
+Abstraktbildungen aus, was dem wissenschaftlichen Ausdrucke zu gute
+kam. Sie ist der feinsten Nuancierung fähig, verführt aber auch durch
+eine reichentwickelte Synonymik dazu, von der aristotelischen Regel,
+dass in der strengen Wissenschaft der Gebrauch von Synonymen nicht
+zulässig sei, abzuweichen.
+
+Eine so elegante, ausdrucksfähige, aber schwierige Sprache, wie es
+die arabische war, musste, als sie die Bildungssprache der Syrer und
+Perser geworden, zu manchen Betrachtungen Veranlassung bieten. Vor
+allem machte das Studium des Korans, dessen Vortrag und Auslegung,
+eine eingehende Beschäftigung mit der Sprache notwendig. Ungläubige
+glaubten auch wohl, im heiligen Buche Sprachfehler nachweisen zu
+können. Man sammelte also aus alten Gedichten und der lebendigen
+Beduinensprache Beispiele, um die koranischen Ausdrücke zu belegen,
+woran sich wohl Bemerkungen über Sprachrichtigkeit im allgemeinen
+anschlossen. Im ganzen war der lebendige Brauch die Richtschnur, aber
+um die Autorität des Korans zu retten, ging es dabei gewiss nicht
+ohne Künsteleien ab. Den einfachen Gläubigen war dieses Verfahren
+immerhin etwas bedenklich. Masudi erzählt uns noch von einigen
+Grammatikern aus Basra, die auf einer Lustfahrt einen koranischen
+Imperativ durchconjugierten und deshalb (?) von den mit Dattelpflücken
+beschäftigten Landleuten durchgeprügelt wurden.
+
+3. Die Araber führen die Sprachwissenschaft, wie so vieles Andere,
+auf Ali zurück, dem sogar die aristotelische Dreiteilung der Rede
+zugeschrieben wird. In Wirklichkeit sind die Anfänge in Basra und Kufa
+gemacht worden. Die erste Entwicklung liegt im Dunkeln, denn in der
+Grammatik des Sibawaih (gest. 786) haben wir eine fertige Gestalt, ein
+Riesenwerk, das, wie nachher Ibn Sina's Kanon der Medizin, die späteren
+Geschlechter sich nur als das Erzeugnis vieler zusammenarbeitender
+Gelehrten erklären konnten. Auch über die Unterschiede zwischen
+den Schulen von Basra und Kufa sind wir schlecht unterrichtet. Die
+Basrenser, wie später die Schule von Bagdad, sollen dem Qijas (der
+Analogie) einen großen Einfluss auf die Beurteilung sprachlicher
+Erscheinungen eingeräumt haben, während die Kufenser viele vom Qijas
+abweichende Spracheigenheiten für erlaubt hielten. Im Gegensatze zu
+den kufischen Grammatikern wurden aus dem Grunde die anderen Leute der
+Logik genannt. Ihre Terminologie wich von der kufischen im einzelnen
+ab. Viele, denen nach Ansicht der echten Araber die Logik den Kopf
+verdreht hatte, werden in der Meisterung der Sprache entschieden zu
+weit gegangen sein. Andererseits aber wurde die Willkür zur Regel
+erhoben.
+
+Dass die Schule von Basra sich zuerst logischer Hilfsmittel bediente,
+wäre kein Zufall. Überhaupt zeigte sich in Basra am ersten der Einfluss
+philosophischer Lehren, und unter ihren Grammatikern befanden sich
+viele Schiiten und Mutaziliten, die auch auf ihre Glaubenslehren
+einzuwirken fremder Weisheit gerne gestatteten.
+
+4. Die Sprachwissenschaft, sofern sie nicht, von Gegenständen bestimmt,
+auf Sammlung von Beispielen, Synonymen u. s. w. sich beschränkte, wurde
+von der aristotelischen Logik beeinflusst. Syrer und Perser hatten
+schon vor muslimischer Zeit die Schrift peri hermêneias, mit stoischen
+und neuplatonischen Zusätzen, studiert. Ibn al-Moqaffa, der anfangs
+mit dem Grammatiker Chalil (s. unten) befreundet war, machte dann
+Alles, was sich sprachlich-logisches im Pahlawi vorfand, den Arabern
+zugänglich. Es wurden darnach die Satzarten, bald fünf, bald acht
+oder neun, und die drei Redeteile, Nomen, Verbum und Partikel,
+aufgezählt. In der Folgezeit nahmen einige, wie Dschahiz, unter
+die rhetorischen Figuren auch Schlussfiguren der Logik auf. Und in
+späteren Darstellungen wurde viel über Laut und Begriff gestritten
+und die Frage erörtert, ob die Sprache durch Satzung oder von Natur
+sei. Allmählich gewann die philosophische Ansicht, sie sei durch
+Satzung, das Übergewicht.
+
+Neben der Logik kommt hier noch der Einfluss der propädeutischen
+oder mathematischen Wissenschaften in Betracht. Wie die Prosa des
+Verkehrs und die Reime des Korans wurden die Verse der Dichter
+nicht bloß gesammelt, sondern auch nach bestimmten Gesichtspunkten,
+unter denen das Metrum, geordnet. Nach der Grammatik entstand die
+Metrik. Chalil (gest. 791), der Lehrer Sibawaih's, dem man die
+erste Anwendung des Qijas in der Sprachwissenschaft zuschreibt,
+soll auch die Metrik erfunden haben. Während man die Sprache als das
+nationale, conventionelle Element in der Poesie anzusehen lernte,
+glaubte man im Metrum das natürliche, allen Völkern gemeinsame
+zu finden. Thabit ibn Qorra (836-901) behauptete darum in seiner
+Anordnung der Wissenschaften, das Metrum sei etwas Wesentliches, die
+Metrik eine natürliche Wissenschaft, sie gehöre somit zur Philosophie.
+
+5. Trotz alledem behielt die Sprachwissenschaft, die sich auf das
+Arabische beschränkte, ihre Eigentümlichkeiten, auf die hier einzugehen
+nicht am Platze ist. Jedenfalls ist sie eine großartige Schöpfung des
+fein beobachtenden und fleißig sammelnden arabischen Geistes, darauf
+die Araber stolz sein durften. Ein Apologet des zehnten Jahrhunderts,
+der sich gegen die griechische Philosophie wendet, sagte: "Wer die
+Feinheiten und Tiefen der arabischen Poesie und Metrik kennt, der weiß,
+dass sie alles dasjenige übertrifft, was die Leute als Beweise für
+ihre Meinungen anzuführen pflegen, welche in dem Wahne leben, dass
+sie die Wesenheiten der Dinge zu erkennen im Stande sind: Zahlen,
+Linien und Punkte. Ich kann den Nutzen dieser Dinge nicht einsehen,
+es sei denn, dass sie trotz des geringen Nutzens, den sie bringen,
+den Glauben schädigen und Dinge im Gefolge haben, gegen welche
+wir Gottes Beistand anrufen." Man wollte sich seine Freude an den
+Einzelheiten der Sprache durch allgemeine philosophische Spekulationen
+nicht trüben lassen. Manche Wortbildung, von den Übersetzern fremder
+Werke herrührend, wurde als barbarisch von puristischen Sprachlehrern
+verabscheut. Und weitere Verbreitung als die wissenschaftliche
+Sprachforschung fand die schöne Kunst der Kalligraphie, die sich,
+wie die arabische Kunst überhaupt, mehr dekorativ als konstruktiv, in
+edlen, feinen Formen entwickelte. In den Schriftzügen der arabischen
+Sprache zeigt sich uns noch die Subtilität des Geistes, der sie
+gebildet, zugleich aber auch ein Mangel an Energie, der sich in der
+ganzen Entwicklung arabischer Kultur bemerklich gemacht hat.
+
+
+
+
+2. Die Pflichtenlehre.
+
+1. Der gläubige Muslim hatte, sofern nicht das Herkommen seine
+Herrschaft behauptete, anfangs als Richtschnur seines Handelns und
+Urteilens das Wort Gottes und das Beispiel seines Propheten. Nachdem
+dieser gestorben war, folgte man, falls der Koran keine Auskunft
+erteilte, der Sunna Mohammeds, d. h. man that und entschied, wie der
+Überlieferung seiner Genossen nach Mohammed entschieden oder gehandelt
+hatte. Aber seit der Eroberung alter Kulturländer traten an den Islam
+ganz neue Ansprüche heran. Statt der einfachen Verhältnisse arabischen
+Lebens fanden sich dort Gewohnheiten und Einrichtungen vor, für die das
+heilige Gesetz keine Bestimmung bot und noch keine Tradition vorhanden
+oder ausgedeutet war. Jeden Tag häuften sich also die Einzelfälle,
+die nicht vorgesehen waren, und die man, sei es nach dem Herkommen
+oder nach eigenem Gutdünken beurteilen musste. In den altrömischen
+Provinzen, Syrien und Mesopotamien, wird dabei das römische Recht
+noch lange Zeit eine bedeutende Wirkung ausgeübt haben.
+
+Diejenigen Rechtslehrer nun, welche neben Koran und Sunna der
+eigenen Ansicht (ra'j, opinio) einen bestimmenden Einfluss auf das
+Recht zuerkannten, wurden Anhänger des Raj genannt. Als solcher
+ist besonders bekannt geworden Abu Hanifa von Kufa (gest. 767),
+der Stifter der hanefitischen Schule. Aber auch in Medina, vor und
+in der Schule des Malik (715-795) hat man anfangs ganz harmlos, wenn
+auch weniger weitgehend, dem Raj gehuldigt. Nur allmählich hat sich,
+im Kampfe gegen das zu vielen Willkürlichkeiten Veranlassung gebende
+Raj, die Meinung vorgedrängt, es sei in Allem der Tradition (hadîth)
+in Bezug auf die Sunna des Propheten zu folgen. Es wurden dann von
+überall her Traditionen gesammelt, gedeutet, auch massenhaft gefälscht,
+und eine Lehre von den Kriterien ihrer Echtheit ausgebildet, die aber
+mehr auf die äußere Bezeugung und die Zweckmäßigkeit des Überlieferten
+als auf Folgerichtigkeit und historische Treue Gewicht legte. Infolge
+dieser Entwicklung standen jetzt den Leuten des Raj, die hauptsächlich
+in Iraq (Babylonien) gefunden wurden, die Anhänger der Tradition
+von Medina entgegen. Auch Schafii (767-820), der Gründer der dritten
+Rechtsschule, der sich im allgemeinen an der Sunna hielt, wurde wohl
+im Gegensatz zu Abu Hanifa den Anhängern der Tradition beigezählt.
+
+2. Ein neues Element brachte die Logik in diesen Streit hinein: das
+Qijas, die Analogie. Einzelne Qijase gab es natürlich schon früher,
+aber die Aufstellung des Qijas als eines Prinzipes, einer Grundlage
+oder Quelle des Rechtes setzt den Einfluss wissenschaftlicher Reflexion
+voraus. Wenn auch Raj und Qijas synonym gebraucht sein mögen, so
+haftet doch dem letzteren Ausdrucke weniger das Moment individueller
+Willkür an. Je mehr man sich daran gewöhnte, bei sprachlich-logischen
+Untersuchungen das Qijas anzuwenden, um so leichter konnte man auch
+dieses Prinzip in die Grundlehre der Gesetzeskunde aufnehmen, sei es
+nun, dass man von Fall zu Fall und von der Mehrzahl der Fälle auf
+die übrigen (analogisch) schloss, oder aber für verschiedene Fälle
+einen gemeinsamen Grund aufsuchte, aus dem das Verhalten im Einzelfall
+(syllogistisch) abzuleiten wäre. [8]
+
+Die Anwendung des Qijas scheint zunächst und zumeist in der
+hanefitischen, dann aber auch, obgleich in geringerem Umfange, in der
+schafiitischen Schule üblich gewesen zu sein. Im Zusammenhang damit
+wurde die Frage, ob die Sprache das Allgemeine auszudrücken vermöge
+oder bloß das Besondere bezeichnen könne, für die Pflichtenlehre
+von Bedeutung.
+
+Zu einem großen Ansehen hat das logische Prinzip des Qijas es
+nie gebracht. Vielmehr wurde, neben den historischen Grundlagen
+des Gesetzes, dem Koran und der Sunna, das Idschma d. h. die
+Übereinstimmung der Gemeinde, betont. Die Übereinstimmung der Gemeinde
+oder faktisch der einflussreichsten Gelehrten, die mit den Vätern
+und Lehrern der katholischen Kirche zu vergleichen sind, ist das
+dogmatische Prinzip, das, nur von wenigen angefochten, sich als das
+wichtigste Mittel zur Begründung der muslimischen Pflichtenlehre
+erwiesen hat. Nach Koran, Sunna und Idschma räumt aber die Theorie
+immer noch, an vierter Stelle, dem Qijas einen untergeordneten
+Platz ein.
+
+3. Die muslimische Pflichtenlehre (al-fiqh = das Erkennen) umfasst
+das ganze Leben des Gläubigen, dem der Glaube selbst an erster Stelle
+zur Pflicht gemacht wird. Anfangs stieß sie, wie jede Neuigkeit, auf
+heftigen Widerstand. Gesetz ward hier zu Lehre, gläubiger Gehorsam
+zu grübelndem Wissen. Das forderte Widerspruch heraus, von einfachen
+Frommen und klugen Politikern zugleich. Aber nach und nach wurden
+die Wissenden oder Gesetzesgelehrten (ulamâ, im Westen faqihs) als
+die Erben der Propheten anerkannt.
+
+Die Pflichtenlehre hat sich vor der Glaubenslehre entwickelt und
+auch immer bis heute den ersten Platz zu behaupten gewusst. Fast
+jeder Muslim weiß etwas davon, weil es zur guten religiösen Erziehung
+gehört. Nach dem großen Kirchenvater Gazali ist das Fiqh das tägliche
+Brot gläubiger Seelen, während die Glaubenslehre nur als Medizin für
+Kranke einen Wert hat.
+
+Auf die fein ausgesponnene Kasuistik des Fiqh näher einzugehen,
+haben wir hier keine Veranlassung. Es handelt sich der Hauptsache
+nach um ein ideelles Recht, das in unserer mangelhaften Welt wohl nie
+rein zur Anwendung kommen kann. Seine Prinzipien und seine Stellung
+innerhalb des Islam kennen wir jetzt. Es sei nur noch die Einteilung
+der sittlichen Handlungen, wie die Pflichtenlehrer sie aufstellen,
+kurz erwähnt. Es gibt ihr zufolge 1. Handlungen, deren Ausübung
+unbedingte Pflicht ist und deshalb belohnt, deren Unterlassung
+bestraft wird; 2. gesetzlich anempfohlene Handlungen, die belohnt,
+deren Vernachlässigung aber nicht bestraft wird; 3. erlaubte,
+gesetzlich gleichgiltige Handlungen; 4. vom Gesetze missbilligte,
+aber nicht strafbare Handlungen; 5. gesetzlich verbotene Handlungen,
+die unbedingt Strafe fordern. [9]
+
+4. Die Einwirkung griechischer Philosopheme auf die Ethik im Islam
+ist eine zweifache gewesen. Bei vielen Sektierern und Mystikern,
+sowohl orthodoxen als häretischen, findet sich eine asketische Ethik
+von pythagoreisch-platonischer Färbung. Sie findet sich ebenso
+bei Philosophen, denen wir in der Folge noch begegnen werden. In
+orthodoxen Kreisen aber fand der aristotelische Satz, dass Tugend
+in der richtigen Mitte bestehe, viel Anklang, weil ähnliches im
+Koran stand und überhaupt die Richtung des Islam eine katholische,
+die Gegensätze aussöhnende war.
+
+Mehr wohl als die Ethik wurde im muslimischen Reiche die Politik
+gepflegt. Politische Parteikämpfe gaben zuerst Veranlassung zu
+Verschiedenheit der Meinungen. Streitigkeiten über das Imâmat,
+d. h. die Herrschaft über die muslimische Gemeinde, durchziehen die
+ganze Geschichte des Islam. Es handelt sich aber durchweg mehr um
+Fragen persönlicher und praktischer als solche theoretischer Bedeutung,
+weshalb eine Geschichte der Philosophie sie nicht eingehend zu
+berücksichtigen braucht. Philosophisch Wertvolles kommt kaum dabei
+heraus. Schon im Laufe der ersten Jahrhunderte entwickelte sich
+ein festes kanonisches Staatsrecht, das aber, ähnlich der ideellen
+Pflichtenlehre, von starken Herrschern als theologische Grübelei
+nicht sonderlich beachtet wurde, dagegen von schwachen Fürsten erst
+recht nicht zur Anwendung gebracht werden konnte.
+
+Ebensowenig verlohnt es sich, die vielen, besonders in Persien
+beliebten Fürstenspiegel, an deren weisen Sittensprüchen und
+politisch-klugen Maximen die höfischen Kreise sich erbauten, näher
+zu betrachten.
+
+Das Schwergewicht philosophischer Bestrebungen im Islam liegt auf der
+theoretischen, intellektuellen Seite. Mit den thatsächlichen Vorgängen
+des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens weiß man sich nur
+notdürftig abzufinden. Auch die Kunst der Muslime, obgleich sie viel
+mehr Originelles zeigt als ihre Wissenschaft, versteht es nicht, die
+spröden Stoffe zu beleben, sondern spielt mit zierlichen Formen. Die
+Poesie schafft kein Drama. Und ihre Philosophie ist nicht praktisch.
+
+
+
+
+3. Die Glaubenslehre.
+
+1. Im Koran war den Muslimen eine Religion, keine Lehre, Gesetze,
+aber keine Dogmen gegeben. Was sich darin der Logik widersetzte, was
+wir uns aus den wechselnden Lebensverhältnissen und den verschiedenen
+Stimmungen des Propheten erklären, wurde von den ersten Gläubigen
+einfach hingenommen, ohne zu fragen nach dem Wie und Warum. In den
+eroberten Ländern aber fand man eine ausgebildete christliche Dogmatik,
+sowie zoroastrische und brahmanische Lehren vor. Wie viel die Muslime
+den Christen verdanken, haben wir schon öfter betont. Die Glaubenslehre
+ist von christlichen Einflüssen wohl am meisten bestimmt worden. In
+Damaskus wirkten orthodoxe und monophysitische Lehren, in Basra und
+Bagdad vielleicht mehr nestorianische und gnostische Theoreme auf
+die Bildung muslimischer Dogmen ein. Litterarisches hat sich aus
+der ersten Zeit dieser Bewegung wenig erhalten. Man wird sich aber
+nicht irren, wenn man dem persönlichen Verkehre und dem schulmäßigen
+Unterricht eine bedeutende Wirkung zuschreibt. Wie noch heute, lernte
+man damals im Orient nicht viel aus Büchern, sondern mehr aus dem Munde
+des Lehrers. Die Ähnlichkeit zwischen den ältesten Glaubenslehren im
+Islam und den Dogmen des Christentums ist zu groß, dass man einen
+direkten Zusammenhang leugnen könnte. Die erste Frage nämlich,
+über die von muslimischen Gelehrten viel disputiert wurde, war die
+nach der Freiheit des Willens. Die Willensfreiheit nun wurde von den
+orientalischen Christen fast allgemein angenommen. Nie und nirgends hat
+man vielleicht über das Willensproblem, in der Christologie zunächst,
+aber auch in der Anthropologie, so viel hin und her geredet, wie in den
+christlichen Kreisen des Ostens zur Zeit der muslimischen Eroberung.
+
+Außer diesen zum Teil apriorischen Erwägungen gibt es auch vereinzelte
+Notizen, die darauf hindeuten, dass einige von den ersten Muslimen,
+welche die Willensfreiheit lehrten, christliche Lehrer hatten.
+
+Schon aus den gnostischen Systemen, nachher aber aus der
+Übersetzungslitteratur, gesellte sich zu den hellenistisch-christlichen
+eine Anzahl rein philosophischer Elemente.
+
+2. Eine nach logischer oder dialektischer Methode, sei es mündlich
+oder schriftlich geäußerte, Behauptung nannten die Araber im
+allgemeinen, ganz besonders aber in der Glaubenslehre, einen Kalam
+(logos) und diejenigen, welche solche Behauptungen aufstellten,
+hießen mutakallimun. Von der einzelnen Behauptung wurde der Name
+auf das ganze System übertragen und darunter auch die einleitenden,
+grundlegenden Bemerkungen über Methode u. s. w. mitverstanden. Wir
+nennen die Wissenschaft des Kalam am besten theologische Dialektik
+oder einfach Dialektik und übersetzen im folgenden Mutakallimun
+mit Dialektiker.
+
+Der Name Mutakallimun, anfangs allen Dialektikern gemeinsam, ward
+später vorzugsweise den antimutazilitischen und orthodoxen Theologen
+beigelegt. In letzterem Falle wäre er dem Sinne nach gut mit Dogmatiker
+oder Scholastiker zu übersetzen. Hatten nämlich die ersten Dialektiker
+das Dogma noch zu bilden, die späteren brauchten es bloß darzulegen
+und zu begründen.
+
+Die Einführung der Dialektik war eine gewaltige Neuerung
+im Islam. Heftig wurde ihr von den Anhängern der Tradition
+widersprochen. Was über die Pflichtenlehre hinausging, hieß ihnen
+Ketzerei. Der Glaube sollte Gehorsam sein, nicht Erkenntnis, wie
+Murdschiten und Mutaziliten behaupteten. Die Spekulation wurde von
+diesen geradezu als eine Pflicht der Gläubigen hingestellt. Auch mit
+dieser Forderung söhnte die Zeit sich aus. Der Überlieferung nach
+hatte der Prophet schon gesagt: Das erste, was Gott geschaffen hat,
+ist das Wissen, oder: die Vernunft.
+
+3. Groß ist die Anzahl verschiedener Meinungen, die zum Teil schon in
+der omajjadischen, hauptsächlich aber in der ersten abbasidischen Zeit
+laut wurden. Je weiter sie auseinander gingen, um so schwerer war es
+den Männern der Überlieferung, sich da hinein zu finden. Allmählich
+aber sonderten sich gewisse einheitliche Lehrgruppen aus, von
+denen das rationalistische System der Mutaziliten, der Nachfolger
+der Qadariten, die weiteste Verbreitung, besonders unter Schiiten,
+fand. Vom Chalifen Mamun bis Mutawakkil kam es sogar zur staatlichen
+Anerkennung. Früher von der weltlichen Macht unterdrückt und verfolgt,
+wurden die Mutaziliten jetzt selber Inquisitoren des Glaubens, denen
+das Schwert die Stelle des Beweises vertrat.
+
+Ungefähr zu derselben Zeit aber fingen auch ihre Gegner, die
+Traditionarier, damit an, ein Glaubenssystem aufzubauen. Überhaupt
+fehlte es nicht an Vermittelungen zwischen dem naiven Glauben der Menge
+und der Gnosis der Dialektiker. Dem spiritualistischen Gepräge des
+Mutazilitismus gegenüber trugen diese Vermittelungen in Bezug auf die
+Gotteslehre einen anthropomorphistischen, in Bezug auf Anthropologie
+und Kosmologie einen materialistischen Charakter. Die Seele z. B. wurde
+von ihnen körperlich oder als ein Accidens des Körpers aufgefasst,
+und das göttliche Wesen als ein menschlicher Körper vorgestellt. Den
+bildlichen Gott-Vater der Christen verabscheute die Religionslehre
+und Kunst der Muslime, aber abgeschmackte Grübeleien über die Gestalt
+Allah's gab es im Islam die Fülle. Einige gingen so weit, ihm sämtliche
+Körperglieder zuzusprechen, nur mit Ausnahme des Bartes und anderer
+Privilegien orientalischer Männer.
+
+Es ist unmöglich, all die dialektischen Sekten, die oft zunächst
+als politische Parteien aufgetreten waren, ausführlicher zu
+besprechen. Von philosophiegeschichtlichem Standpunkte genügt es auch,
+die mutazilitischen Hauptlehren, insoweit sie ein allgemeines Interesse
+beanspruchen dürfen, hier vorzuführen.
+
+4. Die erste Frage nun betraf menschliches Handeln und menschliches
+Schicksal. Die Vorläufer der Mutaziliten, Qadariten genannt,
+lehrten die Willensfreiheit des Menschen. Auch noch in späterer
+Zeit, als ihre Spekulation sich mehr auf theologisch-metaphysische
+Probleme richtete, wurden die Mutaziliten immer zuerst bezeichnet
+als Anhänger der göttlichen Gerechtigkeit, die kein Böses verursache
+und nach seinem Verdienste den Menschen belohne oder strafe, dann
+aber, an zweiter Stelle, als Bekenner der Einheit Gottes, d. h. der
+Eigenschaftslosigkeit seines Wesens, an sich betrachtet. Auf die
+systematische Darstellung ihrer Lehren werden die Logiker (s. IV,
+2 § 1) ihren Einfluss ausgeübt haben. Schon in der ersten Hälfte
+des zehnten Jahrhunderts fing das mutazilitische System mit dem
+Einheitsbekenntnis an und war die Lehre von Gottes Gerechtigkeit, die
+sich in allen seinen Werken kund gebe, an die zweite Stelle gerückt.
+
+Mit der Behauptung der Willensfreiheit sollte die menschliche
+Verantwortlichkeit, sowie die Heiligkeit Gottes, der nicht die sündigen
+Handlungen der Menschen unmittelbar hervorbringen könne, gerettet
+werden. Darum musste der Mensch Herr seiner Thaten sein, aber auch bloß
+dieser. Denn dass die Kraft, welche überhaupt zum Handeln befähigt,
+oder das Vermögen, sowohl Gutes als Böses zu thun, unmittelbar von
+Gott dem Menschen zukomme, wurde von wenigen bezweifelt. Daher die
+vielen, mit einer Kritik des philosophischen Zeitbegriffes verquickten,
+spitzfindigen Erörterungen über die Frage, ob das von Gott im Menschen
+geschaffene Vermögen der Handlung voraufgehe oder zeitlich damit
+zusammenfalle. Ginge nämlich die Kraft der That vorher, so müsste sie
+entweder bis zur That fortdauern, was ihrem accidentellen Charakter
+widerspreche (vgl. II, 3 § 12), oder aber schon vor der That aufhören
+zu existieren, und in diesem Falle wäre sie überhaupt entbehrlich.
+
+Vom menschlichen Handeln wurde die Spekulation weiter auf das
+Wirken der Natur übertragen. Statt Gott oder der Mensch hieß hier
+der Gegensatz Gott oder die Natur. Die hervorbringenden und zeugenden
+Kräfte der Natur wurden als Mittel oder nächste Ursachen anerkannt und
+von einigen zu erforschen gesucht. Die Natur selbst aber, wie die ganze
+Welt, war ihrer Ansicht nach ein Werk Gottes, eine Schöpfung seiner
+Weisheit. Wie die Allmacht Gottes im Sittlichen an seiner Heiligkeit
+oder Gerechtigkeit eine Schranke fand, so hier im Natürlichen an
+seiner Weisheit. Auch Übel und Böses in der Welt wurden aus der
+Weisheit Gottes, die Alles zum Besten schicke, erklärt. Erzeugnis
+oder Zweck göttlicher Thätigkeit ist es nicht. Gott könne zwar, so
+hatten Frühere behauptet, Böses und Unvernünftiges thun, er thäte es
+nur nicht. Dagegen lehrten die späteren Mutaziliten, Gott habe gar
+nicht die Macht, so etwas seinem Wesen Widerstreitendes zu thun. Von
+ihren darob entrüsteten Gegnern, die Gottes unbeschränkte Macht
+und seinen unergründlichen Willen unmittelbar in allem Handeln und
+Wirken thätig sich vorstellten, wurden sie wegen solcher Lehre mit
+den dualistischen Magiern verglichen. Der konsequente Monismus war
+auf Seiten dieser Gegner, die den Menschen und die Natur nicht neben
+und unter Gott zu Schöpfern ihrer Thaten oder Wirkungen machen möchten.
+
+5. Die Mutaziliten hatten, wie schon aus dem Vorhergehenden erhellt,
+einen anderen Gottesbegriff als die Menge und die Traditionarier. Dies
+zeigte sich nun, im Fortgange der Spekulation, besonders deutlich
+in der Lehre von den göttlichen Eigenschaften. Von Anfang an
+war im Islam die Einheit Gottes stark betont. Das hinderte aber
+nicht, dass man ihm, nach menschlicher Analogie, viele schöne
+Namen gab und mehrere Attribute beilegte. Als die vorzüglichsten
+stellten sich, gewiss unter dem Einflusse christlicher Dogmatik,
+allmählich heraus: Wissen, Macht, Leben, Wille, Rede oder Wort,
+Gesicht und Gehör. Von diesen wurden Gesicht und Gehör zuerst in
+geistigem Sinne gedeutet oder ganz beseitigt. Aber mit irgend einer
+Vielheit gleichewiger Eigenschaften schien die absolute Einheit des
+göttlichen Wesens sich nicht vertragen zu wollen. Wäre das nicht die
+Trinität der Christen, die ja auch schon die drei Personen des Einen
+göttlichen Wesens als Eigenschaften gedeutet hatten? Teils suchte
+man nun, um dieser Inkonvenienz zu entgehen, einige Eigenschaften
+aus anderen begrifflich abzuleiten und auf eine, z. B. das Wissen
+oder die Macht, zurückzuführen, teils auch sie samt und sonders als
+Zustände des göttlichen Wesens zu fassen oder mit dem Wesen selbst
+zu identifizieren, wobei denn freilich ihre Bedeutung so ziemlich
+verschwand. Mitunter wurde versucht, durch Künsteleien des sprachlichen
+Ausdrucks noch etwas davon zu retten. Während z. B. ein Philosoph,
+die Eigenschaften leugnend, behauptete, Gott sei wissend seinem Wesen
+nach, drückte ein mutazilitischer Dialektiker das so aus: Gott ist
+wissend, aber durch ein Wissen, das er selbst ist.
+
+Nach Ansicht der Traditionarier ward auf diese Weise der Gottesbegriff
+allen Inhaltes beraubt. Über negative Bestimmungen, Gott sei
+nicht wie die Dinge dieser Welt, er sei über Raum, Zeit, Bewegung
+u. s. w. erhaben, kamen die Mutaziliten kaum hinaus. Aber dass er
+Schöpfer der Welt sei, daran hielten sie fest. Wenn man auch von
+Gottes Wesen wenig aussagen konnte, aus seinen Werken glaubte man
+ihn zu erkennen.
+
+Die Schöpfung war den Mutaziliten, wie ihren Gegnern, ein absoluter
+Akt Gottes, die Weltexistenz eine zeitliche. Energisch bekämpften
+sie die Lehre von der Weltewigkeit, die, durch die aristotelische
+Philosophie gestützt, im Orient weitverbreitet war.
+
+6. Als eins von den ewigen Attributen Gottes fanden wir die Rede oder
+das Wort. Wahrscheinlich mit Anschluss an die christliche Logoslehre
+wurde nämlich die Ewigkeit des dem Propheten geoffenbarten Korans
+gelehrt. Das war nach den Mutaziliten geradezu Abgötterei, neben
+Allah an einen ewigen Koran zu glauben. Die mutazilitischen Chalifen
+verkündigten dagegen als Staatsdogma, der Koran sei geschaffen
+worden. Wer dies leugnete, wurde öffentlich bestraft. Obgleich nun
+die Mutaziliten mit diesem Dogma dem ursprünglichen Islam näher
+stehen mochten als ihre Gegner, so hat doch die Geschichte den
+letzteren Recht gegeben. Fromme Bedürfnisse waren eben mächtiger als
+logische Schlussfolgerungen. Viele Mutaziliten setzten sich, nach
+der Meinung ihrer Glaubensbrüder, über den Koran, das Wort Gottes,
+allzuleicht hinweg. Wenn es zu ihren Theorien nicht stimmte, wurde
+es aus- und umgedeutet. In Wirklichkeit galt manchem die Vernunft
+mehr als das offenbarte Buch. Aus der Vergleichung nicht nur der
+drei Offenbarungsreligionen, sondern auch dieser mit persischer
+und indischer Religionslehre und philosophischer Spekulation, ergab
+sich eine, die Gegensätze versöhnende, natürliche Religion. Aufgebaut
+wurde diese auf der Grundlage eines angeborenen, allgemeinnotwendigen
+Wissens, dass es Einen Gott gebe, der als weiser Schöpfer die Welt
+hervorgebracht und auch den Menschen mit Vernunft begabt habe,
+damit er seinen Schöpfer erkennen und Gutes und Böses unterscheiden
+könne. Dieser Natur- oder Vernunftreligion gegenüber sei dann die
+Erkenntnis der Offenbarungslehren etwas Hinzukommendes, ein erworbenes
+Wissen.
+
+Mit dieser Behauptung hatten die konsequentesten Mutaziliten sich von
+der Übereinstimmung der muslimischen Gemeinde losgesagt, sich also
+thatsächlich außerhalb des katholischen Glaubens gestellt. Anfangs
+beriefen sie sich noch auf jene Übereinstimmung. Sie konnten es thun,
+so lange die Regierung ihnen günstig gesinnt war. Es dauerte aber
+nicht lange. Bald erfuhren sie, was seitdem noch öfter erfahren wurde:
+die Völker lassen sich leichter von oben herab eine Religion als eine
+Aufklärung vorschreiben.
+
+7. Nach diesem Überblick sehen wir uns einige von den bedeutendsten
+Mutaziliten näher an, damit dem allgemeinen Bilde nicht die
+individuellen Züge fehlen.
+
+Zuerst betrachten wir Abu-l-Hudhail al-Allaf, der um die Mitte des
+neunten Jahrhunderts starb. Er war ein berühmter Dialektiker, einer
+der ersten, die der Philosophie einen Einfluss auf ihre theologischen
+Lehren gestatteten.
+
+Dass eine Eigenschaft irgendwie einem Wesen inhärieren könne, lässt
+sich nach Abu-l-Hudhail nicht denken: entweder muss sie mit dem Wesen
+identisch oder davon verschieden sein. Doch sieht er sich nach einer
+Vermittlung um. Gott ist, nach ihm, wissend, mächtig, lebendig durch
+Wissen, Macht und Leben, die sein Wesen selbst sind. Wie auch schon von
+christlicher Seite geschehen war, nennt er jene drei Bestimmungen die
+Modi (wudschuh) des göttlichen Wesens. Auch Hören, Sehen u. a. lässt
+er sich als ewig in Gott gefallen, jedoch nur mit Rücksicht auf
+die später zu schaffende Welt. Übrigens mag es ihm und anderen von
+der Zeitphilosophie Berührten leicht genug gewesen sein, diese und
+ähnliche Ausdrücke, wie das Schauen Gottes am jüngsten Tage, [10]
+spiritualistisch zu deuten, da sie ja das Sehen und Hören überhaupt
+als geistige Akte auffassten. Abu-l-Hudhail behauptete z. B., die
+Bewegung sei sichtbar, tastbar aber nicht, weil sie kein Körper sei.
+
+Nicht ewig soll nun aber der Wille Gottes sein. Im Gegenteil nimmt
+Abu-l-Hudhail absolute Willensäußerungen an, sowohl von dem wollenden
+Wesen wie von dem gewollten Gegenstande verschieden. So nimmt das
+absolute Schöpfungswort eine Mittelstellung ein zwischen dem ewigen
+Schöpfer und der geschaffenen zeitlichen Welt. Diese Willensäußerungen
+Gottes sind eine Art Mittelwesen, mit den platonischen Ideen oder
+den Sphärengeistern zu vergleichen, aber wohl mehr als immaterielle
+Kräfte, denn als persönliche Geister gedacht.
+
+Von dem absoluten Schöpfungsworte unterscheidet Abu-l-Hudhail das
+accidentelle Offenbarungswort, das sich als Befehl und Verbot, in
+materieller, räumlicher Erscheinung an die Menschen kund gibt und
+also nur für diese zeitliche Welt Bedeutung hat. Die Möglichkeit, nach
+dem göttlichen Offenbarungsworte zu leben oder dem zu widerstreiten,
+ist folglich nur in diesem Leben vorhanden. Verpflichtendes Gebot
+und Verbot setzt Willensfreiheit und die Fähigkeit danach zu handeln
+voraus. Im zukünftigen Leben dagegen gibt es keine gesetzlichen
+Verpflichtungen, somit auch keine Freiheit mehr; Alles hängt dort von
+der absoluten Bestimmung Gottes ab. Auch wird es im Jenseits keine
+Bewegung geben, denn wie die Bewegung einmal angefangen hat, muss
+sie, am Ende der Welt, aufhören zur ewigen Ruhe. An eine körperliche
+Auferstehung dürfte also Abu-l-Hudhail wohl nicht geglaubt haben.
+
+Die menschlichen Handlungen unterscheidet er in natürliche und
+sittliche oder "Handlungen der Glieder und des Herzens". Sittlich
+ist eine Handlung nur, wenn wir sie frei verrichten. Die sittliche
+That ist des Menschen selbsterworbenes Eigentum, sein Wissen dagegen
+kommt ihm von Gott her zu, teils durch Offenbarung, teils durch
+natürliche Erleuchtung. Schon vor aller Offenbarung ist der Mensch
+von Natur verpflichtet, also auch wohl im Stande, Gott zu erkennen,
+Gutes und Böses zu unterscheiden, und tugendhaft, wahrhaftig und
+gerecht zu leben.
+
+8. Ein merkwürdiger Mensch und Denker ist ein jüngerer Zeitgenosse
+und, wie es scheint, Schüler des Abu-l-Hudhail, gewöhnlich Al-Nazzam
+genannt. Er starb im Jahre 845. Ein phantastischer, unruhiger,
+ehrgeiziger Mann, kein folgerichtiger, aber doch ein kühner und
+ehrlicher Denker, so hat ihn Dschahiz, einer seiner Schüler,
+uns vorgestellt. Die Leute hielten ihn für einen Verrückten oder
+einen Ketzer. Vieles in seinen Lehren berührt sich mit dem, was den
+Orientalen als Philosophie des Empedokles und Anaxagoras bekannt war
+(vgl. auch Abu-l-Hudhail).
+
+Nach der Ansicht Nazzams kann Gott überhaupt kein Böses thun, ja er
+kann nur das, was er als das Beste für seine Diener erkennt. Seine
+Allmacht reicht auch nicht weiter als die wirkliche That. Wer
+könnte ihn daran hindern, die schöne Überfülle seines Wesens zu
+verwirklichen? Einen Willen im eigentlichen Sinne, der immer ein
+Bedürfnis voraussetze, ist Gott gar nicht beizulegen. Gottes Wille ist
+vielmehr nur eine Bezeichnung für seine Thätigkeit selbst oder für die
+den Menschen erteilten Befehle. Die Schöpfung ist ein einmaliger Akt,
+mit dem Alles zugleich erschaffen, sodass Eins im Andern enthalten
+ist und im Laufe der Zeit die verschiedenen Exemplare von Mineralien,
+Pflanzen und Tieren, sowie die vielen Adamskinder, nach und nach aus
+ihrem latenten Zustande in die Erscheinung treten.
+
+Mit den Philosophen verwirft Nazzam die Atomenlehre (s. II, 3 §
+12), weiß sich dann aber das Durchlaufen einer bestimmten Strecke,
+wegen der unendlichen Teilbarkeit des Raumes, nur durch Sprünge zu
+erklären. Statt aus Atomen lässt er die körperlichen Substanzen aus
+Accidenzen zusammengesetzt sein. Wie sich Abu-l-Hudhail die Inhärenz
+von Eigenschaften in einem Wesen nicht denken konnte, so kann sich
+Nazzam das Accidens nur als die Substanz selbst oder als einen Teil
+der Substanz vorstellen. So ist das Feuer oder das Warme z. B. latent
+im Holze vorhanden, wird aber frei, wenn durch Reibung sein Antagonist,
+das Kalte, verschwindet. Es findet dabei eine Bewegung oder Umsetzung,
+aber keine qualitative Veränderung statt. Die sinnlichen Qualitäten,
+wie Farben, Geschmäcke und Gerüche, sind nach Nazzam Körper.
+
+Auch die Seele oder den Geist des Menschen fasst er als einen feinen
+Körper auf. Freilich ist die Seele des Menschen vorzüglichster Teil,
+sie durchdringt den Körper, ihr Organ, ganz und ist der wirkliche,
+wahrhafte Mensch zu nennen. Gedanken und Strebungen werden als
+Bewegungen der Seele definiert.
+
+In Glaubenssachen und Gesetzesfragen verwirft Nazzam sowohl die
+Übereinstimmung der Gemeinde als auch die analogische Interpretation
+des Rechtes, und beruft sich, schiitisch, auf den unfehlbaren
+Imam. Er hält es für möglich, dass alle Muslime eine irrige Lehre
+übereinstimmend zulassen, wie z. B. dass Mohammed im Unterschiede von
+anderen Propheten eine Mission für die ganze Menschheit habe. Gott
+sendet aber jeden Propheten zur ganzen Menschheit.
+
+Übrigens teilt Nazzam in Bezug auf die Erkenntnis Gottes und
+der sittlichen Pflichten durch die Vernunft die Ansicht des
+Abu-l-Hudhail. Von der unnachahmbaren Vortrefflichkeit des Korans ist
+er nicht sonderlich überzeugt. Es soll das ewige Wunder des Korans
+nur darin bestehen, dass die Zeitgenossen Mohammeds davon abgehalten
+wurden, dem Koran Ähnliches hervorzubringen.
+
+Von der muslimischen Eschatologie hat er wohl nicht viel
+gehalten. Wenigstens löst sich für ihn die Höllenqual in einen
+Verbrennungsprozess auf.
+
+9. Aus der Schule Nazzams werden uns viele synkretistische Lehren
+überliefert, alle ohne Originalität. Von den Männern, die aus ihr
+hervorgegangen, ist der berühmteste der Schöngeist und Naturphilosoph
+Dschahiz (gest. 869), der vom echten Gelehrten verlangte, er solle das
+Studium der Theologie mit dem der Naturwissenschaft verknüpfen. In
+allen Dingen spürt er die Wirkungen der Natur, in diesen aber einen
+Hinweis auf den Schöpfer der Welt. Die menschliche Vernunft ist im
+Stande, den Schöpfer zu erkennen und ebenso das Bedürfnis nach einer
+prophetischen Offenbarung einzusehen. Des Menschen Verdienst ist nur
+sein Wollen, denn einerseits sind alle seine Thaten im Naturgeschehen
+verflochten, und andererseits ist sein ganzes Wissen notwendig von
+oben bestimmt. Doch scheint dem Wollen, das aus dem Wissen abgeleitet
+wird, keine große Bedeutung zuzukommen. Wenigstens wird der Wille
+im göttlichen Wesen ganz negativ gefasst, d. h. Gott wirke niemals
+unbewusst und mit Missfallen an seinem Werke.
+
+In alldem ist wenig Eigenes. Das Mittelmaß ist sein ethisches Ideal,
+aber auch seines Geistes Geschick. Nur im Kompilieren seiner vielen
+Schriften ist Dschahiz unmäßig gewesen.
+
+10. Bei den älteren Mutaziliten überwiegen die ethischen und
+naturphilosophischen Erwägungen; bei den späteren gewinnen
+logisch-metaphysische Betrachtungen das Übergewicht. Besonders
+neuplatonische Einflüsse sind hier zu verspüren.
+
+Muammar, dessen Lebenszeit nicht näher bestimmt wird (etwa um 900
+anzusetzen), hat manches mit den Obengenannten gemeinsam. Aber weit
+nachdrücklicher leugnet er die Existenz göttlicher Eigenschaften,
+die der absoluten Einheit des Wesens widersprechen. Gott ist über jede
+Vielheit hinaus. Er kennt weder sich selbst noch ein Anderes, denn das
+Wissen würde in ihm eine Vielheit voraussetzen. Auch ist er überewig zu
+nennen. Dennoch ist er als Schöpfer der Welt anzuerkennen. Freilich
+hat er nur Körper geschaffen, und diese schaffen selbst, sei es
+durch Naturwirkung, sei es mit Willen, ihre Accidenzen. Die Zahl
+dieser Accidenzen ist unendlich, denn sie sind ihrem Wesen nach
+nichts weiter als die begrifflichen Beziehungen des Denkens. Muammar
+ist Conceptualist. Bewegung und Ruhe, Gleichheit und Verschiedenheit
+u. s. w. sind nichts an sich, sondern haben nur eine begriffliche oder
+ideelle Wirklichkeit. Die Seele, die das wahre Wesen des Menschen sein
+soll, wird als eine Idee oder eine immaterielle Substanz gefasst. Wie
+sie sich dann zum Körper und zu dem göttlichen Wesen verhalte, wird
+nicht klargestellt. Die Überlieferung ist verworren.
+
+Des Menschen Wille ist frei, das Wollen eigentlich seine einzige
+That. Denn die äußere Handlung gehört dem Körper (vgl. Dschahiz).
+
+Die Schule von Bagdad, der Muammar anzugehören scheint, war
+conceptualistisch. Mit Ausnahme der allgemeinsten Bestimmungen,
+denen des Seins und des Werdens, ließ sie die Universalien nur als
+Begriffe Bestand haben. Näher dem Realismus stand Abu Haschim von
+Basra (gest. 933). Gottes Eigenschaften, sowie die Accidenzen oder
+Gattungsbegriffe überhaupt, fasste er als ein Mittleres zwischen Sein
+und Nichtsein auf. Er nannte sie Zustände oder Modi. Als Erfordernis
+alles Wissens bezeichnete er den Zweifel. Ein naiver Realist war
+er nicht.
+
+Auch mit dem Nichtsein trieben mutazilitische Denker ein dialektisches
+Spiel. Es werde gedacht, es müsse also dem Nichtsein wie dem Sein
+eine Art Wirklichkeit zukommen, folgerte man. Versucht doch der Mensch
+eher das Nichts zu denken, als dass er überhaupt nicht denke.
+
+11. Im neunten Jahrhundert hatten sich im Kampfe gegen die
+Mutaziliten mehrere dialektische Systeme ausgebildet, von denen
+u. a. das karramitische sich lange über das zehnte Jahrhundert hinaus
+erhielt. Aus den Reihen der Mutaziliten aber erstand der Mann, der
+die Gegensätze zu vermitteln berufen war, und der das zunächst im
+Osten, später im ganzen Islam als orthodox anerkannte Lehrsystem
+aufstellte. Es war al-Aschari (873-935), der es verstand, Gotte zu
+geben, was Gottes, und dem Menschen, was des Menschen ist. Den groben
+Anthropomorphismus der antimutazilitischen Dialektiker wies er ab,
+Gott über alles Körperliche und Menschliche hinausrückend, ihm aber
+seine Allmacht und Allwirksamkeit lassend. Die Natur büßte bei ihm alle
+ihre Wirksamkeit ein, dem Menschen aber wurde ein gewisses Verdienst
+vorbehalten, darin bestehend, dass er den von Gott in ihm geschaffenen
+Handlungen seine Zustimmung erteilen, sich dieselben als seine Thaten
+aneignen könne. Auch wurde dem Menschen sein sinnlich-geistiges Wesen
+nicht verkümmert. Er durfte hoffen auf die Auferstehung des Fleisches
+und das Schauen Gottes. Was die koranische Offenbarung betrifft,
+unterschied Aschari zwischen einem ewigen Worte in Gott und dem in
+der Zeit geoffenbarten Buche, wie wir es besitzen.
+
+Bei der Ausführung seiner Lehren zeigte sich Aschari in keiner Weise
+originell, sondern er fasste nur Gegebenes vermittelnd zusammen,
+was denn nicht ohne Widersprüche gelingen wollte. Die Hauptsache
+jedoch war, dass seine Kosmologie, Anthropologie und Eschatologie,
+zur Erbauung frommer Seelen, nicht allzu weit von dem Wortlaute der
+Tradition sich entfernten, und dass seine Theologie, infolge einer
+etwas vergeistigten Auffassung Gottes, auch höher Gebildete nicht
+ganz unbefriedigt ließ.
+
+Aschari stützt sich auf die Offenbarung des Korans. Eine davon
+unabhängige Vernunfterkenntnis in Bezug auf göttliche Dinge erkennt
+er nicht an. Die Sinne sollen im allgemeinen nicht täuschen, dagegen
+wohl unser Urteil. Zwar erkennen wir Gott mit unserer Vernunft,
+aber nur aus der Offenbarung, der einzigen Quelle solchen Wissens.
+
+Gott ist nun, nach Aschari, zunächst der allmächtige Schöpfer. Ferner
+ist er allwissend, er weiß, was die Menschen thun und was sie thun
+wollen, was geschieht und wie das, was nicht geschieht, wenn es
+geschähe, geschehen wäre. Dazu kommen Gott alle Bestimmungen zu, die
+irgend eine Vollkommenheit ausdrücken, nur dass sie Gott in einem
+anderen, höheren Sinne eignen als den Geschöpfen. In Schöpfung und
+Erhaltung der Welt ist Gott die einzige Ursache; alles Weltgeschehen
+rührt fortwährend unmittelbar von ihm her. Der Mensch aber ist
+sich des Unterschiedes zwischen seinen unwillkürlichen Bewegungen,
+wie Zittern und Beben, und seiner mit Willen und Wahl ausgeführten
+Handlungen wohl bewusst.
+
+12. Das Eigentümlichste, was die Dialektik der Muslime ausgebildet hat,
+ist ihre Atomenlehre. Die Entwicklung dieser Lehre liegt noch fast ganz
+im Dunkeln. Schon von Mutaziliten, besonders aber von deren Gegnern
+vor Aschari ist sie vertreten worden. Unsere Darstellung zeigt, wie
+sie sich in der ascharitischen Schule erhalten, zum Teil vielleicht
+erst ausgebildet hat.
+
+Die Atomenlehre der muslimischen Dialektiker hat ihre Quelle
+allerdings in griechischer Naturphilosophie, aber ihre Aufnahme
+und Weiterbildung sind von den Bedürfnissen theologischer Polemik
+und Apologetik bestimmt, wie sich dies ähnlich bei einzelnen Juden
+und bei gläubigen Katholiken beobachten lässt. Dass man, im Islam,
+den Atomismus aufgegriffen habe, nur weil Aristoteles ihn bekämpfte,
+ist nicht wohl glaublich. Wir haben hier einen verzweifelten Kampf
+um ein religiöses Gut zu verzeichnen, dabei die Waffen nicht gewählt
+werden. Der Zweck entscheidet. Die Natur soll nicht aus sich selbst
+heraus, sondern aus einem göttlichen Schöpfungsakte erklärt; nicht als
+eine ewige göttliche Ordnung, sondern als ein Geschöpf vergänglichen
+Daseins diese Welt angesehen werden. Als freiwirkender, allmächtiger
+Schöpfer soll Gott gedacht und benannt werden, nicht als unpersönliche
+Ursache oder ruhender Urgrund. An der Spitze der muslimischen Dogmatik
+steht daher seit alter Zeit die Schöpfungslehre als ein Zeugnis gegen
+die heidnisch-philosophische Ansicht von der Ewigkeit der Welt und
+von den Wirkungen der Natur.
+
+Was wir von der Sinnenwelt wahrnehmen, so reden diese Atomisten, sind
+vorübergehende Accidenzen, die jeden Augenblick kommen und gehen. Das
+Substrat dieses Wechsels sind die (körperlichen) Substanzen, die,
+weil in oder an ihnen Veränderungen vorgehen, nicht unveränderlich
+gedacht werden können. Sind sie, die Substanzen, veränderlich,
+dann können sie auch nicht dauerhaft sein, denn Ewiges ändert
+sich nicht. Folglich ist Alles in der Welt, da Alles sich ändert,
+entstanden, von Gott erschaffen.
+
+Das ist der Ausgangspunkt. Von der Veränderlichkeit alles Existierenden
+wird geschlossen auf den ewigen, unveränderlichen Schöpfer. Die
+Späteren aber schließen, unter dem Einfluss muslimischer Philosophen,
+von der Kontingenz oder Possibilität alles Endlichen auf das
+notwendig-existierende Wesen Gottes.
+
+Kehren wir zur Welt zurück. Sie besteht aus Accidenzen und deren
+Substrate, die Substanzen. Substanz und Accidens oder Qualität sind die
+zwei Kategorien, mittelst derer die Wirklichkeit begriffen wird. Die
+übrigen Kategorien fallen entweder unter die der Qualität oder lösen
+sich in Verhältnisse und Denkbestimmungen auf, denen, objektiv,
+nichts entspricht. Die Materie als Möglichkeit ist nur im Denken,
+die Zeit ist nichts anderes als Koexistenz verschiedener Gegenstände
+oder simultane Beziehung der Vorstellung, und Raum und Größe kommen
+zwar den Körpern zu, nicht aber den einzelnen Teilen (Atomen), aus
+denen die Körper zusammengesetzt sind.
+
+Was von den Substanzen überhaupt ausgesagt werden kann, sind
+Accidenzen. Ihre Anzahl ist, an jeder einzelnen Substanz, zahlreich
+oder gar, wie einige behaupten, unendlich, da von beliebigen
+gegensätzlichen Bestimmungen, zu denen auch die negativen gehören,
+jeder Substanz entweder die eine oder die andere zukomme. Das negative
+Accidens hat um nichts weniger Realität als das positive. Gott schafft
+auch die Privation und die Vernichtung, wofür es denn freilich
+nicht leicht ist, das Substrat ausfindig zu machen. Und da jedes
+Accidens immer nur seinen Sitz in irgend einer Substanz haben kann,
+und nicht in einem anderen Accidens, so gibt es in Wirklichkeit kein
+Allgemeines, mehreren Substanzen Gemeinsames. Die Universalien sind
+in keiner Weise in den Einzeldingen, sie sind Begriffe.
+
+Somit gibt es keine Verbindung zwischen den Substanzen, sie stehen
+getrennt für sich als Atome, die einander gleich sind. Eigentlich
+haben sie eine größere Ähnlichkeit mit den Homöomerien des Anaxagoras
+als mit den kleinsten Stoffteilchen der Atomisten. Sie sind an sich
+unräumlich (ohne makan), haben aber ihren Ort (hajjiz) und füllen durch
+ihre Position den Raum aus. Es sind also unausgedehnte, punktuell
+gedachte Einheiten, aus denen die räumliche Körperwelt aufgebaut
+wird. Zwischen ihnen soll es ein Leeres geben, denn sonst wäre, da
+die Atome nicht in einander eindringen, jede Bewegung unmöglich. Alle
+Veränderung aber wird auf Vereinigung und Trennung, Bewegung und
+Ruhe zurückgeführt. Sonstige, wirksame Beziehungen zwischen den
+Atomen-Substanzen gibt es nicht. Sie sind einmal da und freuen sich
+ihres Daseins, haben aber gar nichts mit einander zu thun. Die Welt
+ist eine diskontinuierliche Masse, ohne lebendige Wechselwirkung.
+
+Das Altertum hatte dieser Auffassung vorgearbeitet, u. a. auch mit
+seiner Lehre von dem diskontinuierlichen Charakter der Zahl. Wurde
+die Zeit nicht als die Zahl der Bewegung definiert? Warum sollte
+man nun nicht jene Lehre auf Raum, Zeit und Bewegung übertragen? Die
+Dialektiker thaten es, und es mag auch die Skepsis der Alten dabei
+mitgewirkt haben. Wie die substanzielle Körperwelt wurden auch Raum,
+Zeit und Bewegung in Atome ohne Ausdehnung, in Momente ohne Dauer
+zerlegt. Die Zeit wird eine Aufeinanderfolge von vielen einzelnen
+Jetzt, und zwischen je zwei Zeitmomenten gibt es ein Leeres. Ebenso
+verhält es sich mit der Bewegung: zwischen je zwei Bewegungen gibt es
+eine Ruhe. Eine schnelle und eine langsame Bewegung besitzen dieselbe
+Geschwindigkeit, nur hat die letztere mehr Ruhepunkte. Um dann aber
+über den leeren Raum, das unausgefüllte Zeitmoment und die Ruhepause
+zwischen zwei Bewegungen hinauszukommen, wird die Lehre vom Sprunge
+benutzt. Von Raumpunkt zu Raumpunkt soll die Bewegung, von Moment zu
+Moment die Zeit weiterspringen.
+
+Diese phantastische Lehre brauchte man eigentlich gar nicht. Sie
+war eine Antwort auf naives Fragen. Konsequent hatte man die ganze
+räumlich-zeitlich bewegte Körperwelt in Atome mit deren Accidenzen
+zerstückt. Wohl behaupteten einige, dass zwar die Accidenzen jeden
+Augenblick schwinden, die Substanzen dagegen dauernden Bestand haben,
+aber andere machten da keinen Unterschied. Wie die Accidenzen, so
+lehrten sie, bestehen auch die Substanzen, die ja Raumpunkte sind,
+nur einen Zeitpunkt. Jeden Augenblick schafft Gott die Welt aufs neue,
+sodass ihr jetziger Zustand weder mit dem unmittelbar vorhergehenden
+noch mit dem gleich folgenden in irgend einem wesentlichen
+Zusammenhange steht. Es gibt also eine Reihe aufeinander folgender
+Welten, die sich nur scheinbar als eine Welt darstellen. Dass es für
+uns so etwas wie Zusammenhang oder Kausalität in den Erscheinungen
+gibt, rührt nur daher, dass es Allah nach seinem unergründlichen
+Willen heut oder morgen nicht beliebt, die Gewohnheit des Geschehens
+durch ein Wunder zu unterbrechen, was er aber jeden Augenblick zu thun
+im Stande ist. Wie aller Kausalzusammenhang nach dem atomistischen
+Kalam verschwindet, wird sehr gut durch das klassische Beispiel
+vom schreibenden Menschen ausgedrückt. Gott schafft nämlich in ihm,
+und zwar an jedem Zeitpunkte aufs neue, zuerst den Willen, dann das
+Vermögen zu schreiben, darauf die Bewegung der Hand, und endlich die
+Bewegung der Feder. Eins ist dabei völlig unabhängig von dem Andern.
+
+Wenn man nun dagegen einwendet, dass mit der Kausalität oder der
+Regelmäßigkeit des Weltgeschehens auch die Möglichkeit alles Wissens
+aufgehoben sei, so erwidert der gläubige Denker, Allah wisse ja Alles
+vorher schon, er schaffe nicht nur die Dinge der Welt und was sie zu
+wirken scheinen, sondern auch das Wissen darum in der menschlichen
+Seele, und wir brauchen nicht weiser zu sein als Er. Er weiß es
+am besten.
+
+Allah und die Welt, Gott und der Mensch, über diese Gegensätze konnte
+die muslimische Dialektik nicht hinaus kommen. Außer Gott gibt es
+nur Platz für körperliche Substanzen und deren Accidenzen. Das
+Dasein menschlicher Seelen als unkörperlicher Substanzen, sowie
+überhaupt die Existenz reiner Geister, beides von Philosophen und,
+weniger bestimmt, von einigen Mutaziliten gelehrt, wollte nicht
+recht stimmen zu der muslimischen Lehre von der Transcendenz Gottes,
+der keinen Genossen hat. Die Seele gehört zu der Körperwelt. Leben,
+Empfindung, Beseeltheit sind ebenso Accidenzen wie Farbe, Geschmack
+und Geruch, Bewegung und Ruhe. Einige nehmen nur ein Seelenatom an,
+nach anderen sind mehrere feine Seelenatome unter die Körperatome
+gemischt. Das Denken haftet jedenfalls an einem einzigen Atom.
+
+13. Nicht alle guten Muslime konnten sich bei der Dialektik
+beruhigen. Der fromme Diener Gottes möchte doch auf andere Weise
+seinem Herrn etwas näher kommen. Dieses Bedürfnis, schon anfangs im
+Islam vorhanden, durch christliche und persisch-indische Einflüsse
+verstärkt und unter entwickelteren Kulturverhältnissen mächtig
+angewachsen, hat im Islam eine Reihe von Erscheinungen hervorgerufen,
+die man als Mystik und Sufismus [11] zu bezeichnen pflegt. In dieser
+Entwicklung eines muslimischen Heiligenwesens und Mönchtums hat sich
+die Geschichte christlicher Mönche und Klöster in Syrien und Ägypten,
+auch diejenige indischer Büßer wiederholt. Im Grunde haben wir es hier
+also mit religiöser oder geistiger Praxis zu thun. Aber die Praxis
+spiegelt sich immer im Denken, sie erhält ihre Theorie. Man bedurfte,
+um ein intimeres Verhältnis mit der Gottheit zu Stande zu bringen,
+vielfach symbolischer Handlungen und vermittelnder Personen. Diese nun
+versuchten es, sich und den Eingeweihten die Geheimnisse der Symbole
+zu enthüllen und außerdem ihre eigene vermittelnde Stellung in der
+Stufenordnung des Alls zu begründen. Besonders neuplatonische Lehren,
+teilweise aus der trüben Quelle des Pseudo-Dionysios des Areopagiten
+und des heiligen Hierotheos (Stephen bar Sudaili?) mussten dazu
+herhalten. Auch scheint der indische Yoga, wenigstens in Persien,
+bedeutend eingewirkt zu haben. Meistens hielt sich die Mystik in
+den Schranken der Orthodoxie, die immer auch verständig genug war,
+Dichtern und Schwärmern etwas nachzusehen. In Bezug auf die Lehre,
+dass Gott alles in allem wirke, waren Dialektiker und Mystiker
+einverstanden. Dass aber Gott auch alles in allem sei, wurde von der
+extremen Mystik hinzugefügt. Daraus entwickelte sich ein heterodoxer
+Pantheismus, der die Welt zum leeren Scheine und das menschliche Ich
+zum Gotte machte. So wird die Einheit Gottes zur Alleinheit, seine
+Allwirksamkeit zur Allwesenheit. Höchstens gibt es außer Gott noch die
+Eigenschaften oder Zustände der sufischen zu Ihm sich hinbewegenden
+Seele. Eine Psychologie des Gefühles wird von sufischen Lehrern
+entwickelt. Während, nach ihnen, unsere Vorstellungen von außen an
+die Seele herankommen und unsere Strebungen eine Veräußerlichung des
+Inneren bedeuten, besteht das wahre Wesen unserer Seele aus gewissen
+Zuständen oder Gefühlen der Lust und Unlust. Das wesentlichste
+von allen ist die Liebe. Weder Furcht noch Hoffnung, sondern die
+Liebe erhebt uns zu Gott. Kein Wissen und kein Wollen, sondern die
+Vereinigung mit dem Geliebten heißt Seligkeit.
+
+Weit gründlicher als von den Dialektikern wird von diesen Mystikern
+die Welt, und schließlich auch die Menschenseele vernichtet. Von
+jenen ist sie der schaffenden Willkür, von diesen dem erleuchtenden,
+liebenden Wesen Gottes zum Opfer dargebracht worden. In der Sehnsucht
+nach dem Einen Geliebten wird die verwirrende Mannigfaltigkeit
+der Dinge, wie sie unseren Sinnen und der Vorstellung erscheint,
+abgestreift. Alles wird, im Sein wie im Denken, auf einen Punkt
+konzentriert. Als Gegensatz denke man sich echtes Griechentum. Dort
+wünschte man sich die Zahl der Sinne größer, um etwas mehr von dieser
+schönen Welt erkennen zu können. Diese Mystiker aber schelten die
+Vielheit der Sinne, weil sie Verwirrung in ihr Glück hineinbringt.
+
+Doch macht die menschliche Natur sich überall geltend. Jene Welt und
+Sinnen entsagenden Männer schwelgen oft bis in ein hohes Alter hinein
+in den sinnlichsten Phantasien.
+
+Dass viele sich gar wenig um die Glaubenslehre kümmerten, und dass die
+asketische Moral der Sufis öfter in das Gegenteil sich verwandelte,
+braucht uns nach alledem nicht zu wundern.
+
+Die Entwicklung des Sufismus im einzelnen zu verfolgen, ist mehr eine
+Aufgabe für die Religions- als für die Philosophiegeschichte. Auch
+finden wir die philosophischen Elemente, die darin aufgenommen wurden,
+bei den muslimischen Philosophen, denen wir im folgenden begegnen
+werden.
+
+
+
+
+4. Litteratur und Geschichte.
+
+1. Arabische Poesie und Annalistik haben sich unabhängig von
+Schulgelehrsamkeit ausgebildet. Im Laufe der Zeit aber wussten
+Litteratur und Geschichtschreibung sich nicht von fremden Einflüssen
+rein zu erhalten. Mit einigen Andeutungen, dies zu erhärten, müssen
+wir uns hier begnügen.
+
+Einen Bruch mit der poetischen Tradition des Arabertums, wie ihn
+das Christentum in der germanischen Welt verursachte, bedeutete
+die Einführung des Islam nicht. Schon die weltliche Litteratur
+der Omajjadenzeit überlieferte viele Weisheitssprüche, zum Teil
+aus der altarabischen Poesie, die der Koranpredigt Konkurrenz
+machten. Abbasidenchalife, wie Mansur, Harun und Mamun, waren
+litterarisch gebildeter als Karl der Große. Ihre Söhne wurden nicht nur
+mit Koranlektüre erzogen, sondern auch mit den alten Dichtern und der
+Volksgeschichte bekannt gemacht. Dichter und Litteraten wurden an die
+Höfe gezogen und fürstlich belohnt. Dort erfuhr dann die Litteratur
+den Einfluss gelehrter Bildung und philosophischer Spekulation, wenn
+auch in den meisten Fällen recht oberflächlich. Dies zeigt sich vor
+allem in skeptischen Äußerungen, frivoler Verspottung des Heiligsten
+und Verherrlichung des Sinnengenusses. Daneben aber drangen weise
+Sprüche, ernste Betrachtungen, mystische Spekulationen in die anfangs
+nüchtern-realistische Poesie der Araber ein. Statt der sinnlichen
+Frische der Darstellung trat ein ermüdendes Spiel mit Gedanken und
+Gefühlen, wenn nicht gar mit leeren Worten, Metren und Reimen, ein.
+
+2. Der hässliche Abu-l-Atahia (748-828) redet in seiner süßlichen
+Poesie fast immer von unglücklicher Liebe und Verlangen nach dem
+Tode. Seine Weisheit spricht er in diesen Versen aus:
+
+
+ Lass nach dem Zweifel den Verstand sich richten:
+ Vor Sünde schützt am besten das Verzichten.
+
+
+Wer nur einiges Verständnis für das Leben und für Naturpoesie besitzt,
+wird sich an seinen Weltentsagungsgedichten ebensowenig erfreuen
+können, wie an den der Form nach zwar epigrammatischen, dem Inhalte
+nach aber furchtbar langweiligen Versen des Mutanabbi (905-965),
+den man wohl als den größten arabischen Dichter gefeiert hat.
+
+Ebenso hat man über Gebühr Abu-l-Ala al-Maarri (973-1058) als
+philosophischen Dichter erhoben. Seine, mitunter ganz ehrenwerten
+Gesinnungen und verständigen Ansichten sind weder Philosophie noch ist
+der gekünstelte und oft banale Ausdruck dafür Poesie. Als Philologe
+oder Historiker hätte dieser Mann bei günstigeren Verhältnissen (er
+war blind und nicht übermäßig reich) vielleicht in der niederen Kritik
+etwas leisten können. Nun aber muss er statt Begeisterung für das Leben
+freudenlose Entsagung predigen, an den politischen Verhältnissen,
+den Anschauungen der gläubigen Menge und den wissenschaftlichen
+Behauptungen der Gelehrten herumnörgeln, ohne selbst etwas
+Positives aufstellen zu können. Es fehlt ihm fast ganz die Gabe der
+Kombination. Analysieren kann er, aber er findet keine Synthese. Sein
+Wissen ist unfruchtbar. Der Baum seiner Erkenntnis hat die Wurzeln in
+der Luft, wie er selbst in einem seiner Briefe, wohl in anderem Sinne,
+eingesteht. Er lebt als strenger Cölibatär und Vegetarianer, wie es
+sich für einen Pessimisten geziemt. Es ist ja Alles, wie er in seinen
+Gedichten ausspricht, eitel Tand. Das Geschick ist blind, die Zeit
+verschont weder den König, der des Lebens genießt, noch den Frommen,
+der seine Nächte durchwacht. Auch der widervernünftige Glaube löst
+uns des Daseins Rätsel nicht. Was es hinter dem bewegten Himmel geben
+mag, bleibt uns ewig verborgen. Religionen, welche da eine Aussicht
+eröffnen, sind vom Eigennutz erfunden. Allerhand Sekten und Parteiungen
+werden von den Mächtigen benutzt, ihre Gewalt zu sichern. Die Wahrheit
+darüber darf man nur leise sagen. Darum ist es das klügste, sich von
+der Welt entfernt zu halten, uneigennützig Gutes zu thun, weil dies
+tugendhaft und schön ist, ohne irgendwelche Aussicht auf Belohnung.
+
+Andere Schöngeister hatten eine praktischere Philosophie und wussten
+sich besser in der Welt geltend zu machen. Sie huldigten der klugen
+Lehre des Theaterdirektors aus Goethes Faust: Wer vieles bringt, wird
+manchem etwas bringen. Der vollendetste Typus dieser Art ist Hariri
+(1054-1122), dessen Held, der Bettler und Landstreicher Abu Zaid von
+Serug als höchste Weisheit lehrt:
+
+
+ Hetze, statt gehetzt zu werden;
+ Welt ist all ein Wald für Hatzen.
+ Wenn der Falke dir entgangen,
+ Nimm fürlieb nur mit dem Spatzen;
+ Und erhältst du nicht den Thaler,
+ So begnüg' dich mit dem Batzen. [12]
+
+
+3. Wie die Poesie, so zeichnete sich auch die Annalistik der alten
+Araber durch scharfe Erfassung des Einzelnen aus, war aber einer
+Gesamtauffassung der Ereignisse nicht fähig. Mit der gewaltigen
+Ausdehnung des Reiches erweiterte sich dann der Blick. Zunächst wurde
+ein großes Material gesammelt. Mehr als die religiösen Pilgerzüge
+förderten Reisen zur Sammlung von Traditionen, zum Zwecke der
+Verwaltung und des Handels, oder auch zur Befriedigung der Neugier
+unternommen, das geschichtliche und geographische Wissen. Eigentümliche
+Methoden der Forschung, auf den Wert der Überlieferung als Quelle
+unseres Wissens sich beziehend, wurden ausgearbeitet. Mit derselben
+Subtilität, wie in der Grammatik, ein ausgedehntes Feld der Beobachtung
+ins Unendliche einteilend, mehr arabeskenhaft als übersichtlich,
+bildete sich so eine Logik der Geschichte aus, die dem orientalischen
+Auge um vieles schöner erscheinen musste als das aristotelische
+Organon in seinem strengen Aufbau. Von vielen wurde die Überlieferung,
+mit deren Beglaubigung man es in der Regel praktisch weniger genau
+nahm als in der Theorie, dem Sinnenzeugnisse gleichgesetzt, und dem
+Verstandesurteile, das ja so leicht Fehlschlüsse zulasse, vorgezogen.
+
+Es gab aber immer Leute, die unparteiisch sich widersprechende Berichte
+neben einander überlieferten. Andere, obgleich mit Schonung für die
+Gefühle und Bedürfnisse der Gegenwart, hielten ihr mehr oder weniger
+begründetes Urteil über Vergangenes nicht zurück, wie es denn oft
+leichter ist, aus der Geschichte als aus dem Leben klug zu werden.
+
+Neue Gegenstände der Forschung, neue Betrachtungsweisen traten
+hinzu. Die Erdkunde nahm, z. B. in der Klimatogeographie,
+Naturphilosophisches auf, die Geschichtsschreibung zog auch das
+geistige Leben, Glauben und Sitte, Litteratur und Wissenschaft in den
+Bereich ihrer Darstellung. Die Bekanntschaft mit anderen Ländern und
+Völkern forderte vielfach zum Vergleiche auf. Und es kam also ein
+internationales, humanistisches Element herein.
+
+4. Ein Vertreter humanistischer Sinnesweise ist Masudi (gest. etwa
+956). Er hat Interesse und Verständnis für Alles, was menschlich
+ist. Überall lernt er von den Menschen, denen er begegnet, und
+infolgedessen ist die Bücherlektüre, die seine Einsamkeit ausfüllt,
+nicht unfruchtbar. Weder die enge Praxis des Lebens und Glaubens,
+noch die luftigen Spekulationen der Philosophie sagen ihm zu. Er
+kennt sein Talent. Und er findet bis zuletzt, wenn er fern von der
+Heimat in Ägypten sein Alter verbringt, seinen Trost, die Medizin
+seiner Seele, in dem Studium der Geschichte. Die Geschichte ist ihm
+die allesumfassende Wissenschaft, seine Philosophie, die die Wahrheit
+dessen, was war und ist, darzustellen hat. Auch die Weltweisheit mit
+ihrer Entwicklung wird der Geschichte zum Gegenstande. Ohne diese
+wäre ja alles Wissen längst zu Grunde gegangen. Denn die Gelehrten
+kommen und gehen, aber die Geschichte verzeichnet ihre Geistesthaten
+und stellt dadurch die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart
+her. Ohne Vorurteil berichtet sie über die Ereignisse und über die
+Ansichten der Menschen. Freilich, die Synthese der Thatsachen und die
+eigene Meinung des Verfassers herauszufinden, das überlässt Masudi
+oft dem verständigen Leser.
+
+Nach ihm darf rühmend hervorgehoben werden der Geograph Maqdasi (oder
+Muqaddasi, schrieb im Jahre 985), der viele Länder durchreiste und
+in den verschiedensten Berufen auftrat, das Leben seiner Zeit kennen
+zu lernen. Er ist ein wahrer Abu Zaid von Serug (vgl. II, 4 § 2),
+nur dass er einen Zweck hat.
+
+Kritisch geht er ans Werk. Er hält sich zu der Wissenschaft, die man
+durch Forschen und Nachfragen, nicht durch Traditionsglauben oder
+reine Vernunftschlüsse gewinnt. Was Geographisches im Koran steht,
+erklärt er sich aus dem engen Gesichtskreise der Araber, dem Allah
+sich anbequemt haben soll.
+
+Sine ira et studio beschreibt er nun die Länder und Völker, die er mit
+eigenen Augen sah. Er will an erster Stelle Selbsterlebtes darstellen,
+dann was er von glaubwürdigen Leuten vernommen, und endlich was er in
+Büchern gefunden. Aus seiner Selbstcharakteristik sind die folgenden
+Sätze zusammengezogen:
+
+"Ich habe allgemeine Bildung und Pflichtenlehre unterrichtet, bin
+als Prediger aufgetreten und habe von dem Minarete der Moscheen
+den Gebetsruf erschallen lassen. Gelehrten Sitzungen und frommen
+Übungen habe ich beigewohnt. Ich habe Suppe mit den Sufis, Brei mit
+den Mönchen und Schiffskost mit den Matrosen gegessen. Manchmal war
+ich die Eingezogenheit selbst, dann wieder aß ich verbotene Speisen
+gegen mein besseres Wissen. Ich ging mit den Einsiedlern des Libanons
+um und dann wieder lebte ich am fürstlichen Hofe. Kriege habe ich
+mitgemacht, auch saß ich gefangen und wurde als Spion in den Kerker
+geworfen. Mächtige Fürsten und Minister gaben mir Gehör, dann schloss
+ich mich wieder einer Räuberbande an oder saß als Kleinhändler auf
+dem Markte. Viel Ehren und Ansehen genoss ich, aber ebenso musste
+ich Schimpfworte hören und mich zum Eide erniedrigen, als ich der
+Ketzerei oder schlechter Handlungen verdächtigt ward." [13]
+
+Wir sind heutigen Tages gewöhnt, uns den Orientalen in beschaulicher
+Ruhe, Glauben und Sitte der Väter ergeben, vorzustellen. Ganz richtig
+ist die Vorstellung nicht. Aber weit weniger als zu der gegenwärtigen
+Lage stimmt sie zu der Verfassung des Islam in den ersten vier
+Jahrhunderten, als dieser sich anschickte, den Besitz nicht nur der
+äußeren Güter der Welt, sondern auch der geistigen Errungenschaften
+der Menschheit zu ergreifen.
+
+
+
+
+
+
+
+
+III. DIE PYTHAGOREISCHE PHILOSOPHIE.
+
+
+1. Die Naturphilosophie.
+
+1. Euklid und Ptolemäus, Hippokrat und Galen, einiges von Aristoteles,
+dazu ein umfangreiches neupythagoreisches und neuplatonisches
+Schrifttum, damit sind die Elemente der arabischen Naturphilosophie
+bezeichnet. Es ist eine Popularphilosophie, die, besonders durch die
+Sabier von Harran vermittelt, bei Schiiten und anderen Sekten Aufnahme
+fand, und die in der Folge nicht nur höfische Kreise, sondern auch eine
+ganze Masse von Gebildeten und Halbgebildeten ergriff. Einzelheiten
+aus den Schriften des "Logikers" Aristoteles wurden aufgenommen, aus
+der Meteorologie, aus der ihm zugeschriebenen Schrift Über die Welt,
+aus dem Buch der Tiere, der Psychologie u. s. w., aber der Geist
+des Ganzen ist von Pythagoras-Platon, von Stoikern und von späten
+Astrologen und Alchemisten bestimmt. Menschliche Neugierde und frommer
+Sinn, die Gottes Geheimnisse aus seinen Geschöpfen herauslesen möchten,
+gehen dabei über das praktische Bedürfnis, das etwas Rechenkunst für
+die Verteilung der Erbschaft und für den Handel, auch etwas Astronomie
+für die Zeitbestimmung gottesdienstlicher Verrichtungen brauchte,
+weit hinaus. Von überall her holt man sich seine Weisheit herbei. Es
+bekundet sich darin eine Gesinnung, die von Masudi richtig formuliert
+wurde: es sei das Gute anzuerkennen, ob es sich beim Feinde oder beim
+Freunde finde. Sollte doch Ali, der Fürst der Gläubigen, gesagt haben:
+"Die Weltweisheit ist das verirrte Schaf des Gläubigen, nimm es wieder
+auf, wenn auch von den Ungläubigen".
+
+2. Der Patron mathematischer Studien im Islam ist Pythagoras. Zwar wird
+Griechisches und Indisches gemischt, aber Alles unter neupythagoreische
+Gesichtspunkte gestellt. Ohne das Studium der mathematischen
+Disziplinen: Arithmetik und Geometrie, Astronomie und Musik, wird
+Keiner, so heißt es, zum Philosophen oder gebildeten Arzt. Die
+Zahlenlehre, höher geschätzt als die Messkunde, weil sie weniger zur
+Anschauung spricht und den Geist dem Wesen der Dinge näher bringen
+soll, gibt zu den ausschweifendsten Spielereien Veranlassung. Gott ist
+selbstverständlich die große Eins, von der Alles ausgeht, selbst keine
+Zahl, sondern Ursache der Zahl. Vor allem aber wird die Vierzahl, die
+Zahl der Elemente u. s. w., von den Naturphilosophen bevorzugt. Bald
+kann man über nichts im Himmel und auf Erden mehr reden und schreiben,
+es sei denn in viergliedrigen Sätzen und viergeteilten Abhandlungen.
+
+Von der Mathematik kam man schnell und leicht zur Astronomie und
+Astrologie hinüber. Die altorientalische Praxis, die man vorfand,
+wurde schon von den Hofastrologen der Omajjaden, eingehender aber am
+abbasidischen Hofe weitergeführt. Man gelangte dabei zu Spekulationen,
+die dem Offenbarungsglauben zuwiderliefen und deshalb von den Hütern
+der Religion niemals gebilligt werden konnten. Für den Gläubigen
+bestand nur der Gegensatz: Gott und Welt, oder dieses Leben und das
+zukünftige. Für den Astrologen aber gab es zwei Welten, eine himmlische
+und eine irdische, und Gott und das Jenseits lagen in weiter Ferne. Je
+nachdem nun das Verhältnis zwischen den Himmelskörpern und den Dingen
+unter dem Monde vorgestellt wurde, bildete sich eine verständige
+Astronomie oder eine phantastische Astrologie heraus. Ganz frei vom
+astrologischen Wahne waren nur wenige. Solange nämlich das ptolemäische
+System die Wissenschaft beherrschte, war es einem gänzlich Ungebildeten
+leichter, den Unsinn zu verspotten, als es dem gelehrten Forscher
+war, ihn zu überwinden. War ihm doch diese Erde mit ihren Lebewesen
+ein Erzeugnis himmlischer Kräfte, ein Abglanz himmlischen Lichtes,
+ein Nachklang der ewigen Sphärenharmonie. Wer nun den Sternen-
+und Sphärengeistern Vorstellung und Willen zuschrieb, ließ sie die
+Stelle der göttlichen Vorsehung vertreten, führte auf ihre Thätigkeit
+also Gutes und Böses zurück und suchte aus dem Stande ihrer Körper,
+mittelst derer sie nach dauernden Gesetzen auf das Irdische wirken, die
+zukünftigen Ereignisse zu erkunden. Andere freilich bezweifelten diese
+Vorsehung zweiter Ordnung, sei es aus Erfahrungs- und Vernunftgründen,
+sei es aus dem peripatetischen Glauben, dass die seligen himmlischen
+Wesen reine denkende Geister seien, über Vorstellung und Willen, somit
+über alle sinnliche Besonderheit erhaben, sodass ihre fürsorgliche
+Wirkung nur das Wohl des Ganzen bezwecke, niemals aber auf die
+Einzelpersönlichkeit oder das Einzelgeschehen sich beziehen könne.
+
+3. Auf dem Gebiete der Naturwissenschaften haben muslimische
+Gelehrte ein reiches Material zusammengebracht, zu einer wirklich
+wissenschaftlichen Behandlung ist es aber kaum irgendwo gekommen. In
+den einzelnen Naturwissenschaften, deren Ausbildung hier nicht
+verfolgt werden kann, hielt man sich an überlieferten Systemen. Um
+die Weisheit Gottes und die Wirkungen der Natur, die als eine Kraft
+oder eine Emanation der Weltseele gefasst wurde, zu ergründen,
+wurden alchemistische Versuche angestellt, die Zauberkräfte der
+Talismane geprüft, die Einflüsse der Musik auf Tier- und Menschenseele
+erforscht, physiognomische Beobachtungen gemacht, die Wunder des
+Schlaf- und Traumlebens, der Wahrsagerei und Prophetie zu deuten
+versucht u. s. w. Im Mittelpunkt des Interesses stand natürlich der
+Mensch als Mikrokosmos, der sämtliche Elemente und Kräfte des Alls
+in sich vereinigen soll. Als das Wesentliche am Menschen galt die
+Seele. Ihr Verhältnis zur Weltseele und ihr zukünftiges Los waren
+Gegenstände der Forschung. Aber auch über die Vermögen der Seele und
+deren Lokalisierung in Herz und Hirn wurde viel spekuliert. Einige
+hielten sich an Galen, andere gingen über ihn hinaus und ließen den
+fünf äußeren Sinnen fünf innere entsprechen, eine Lehre, die, nebst
+ähnlichen Naturgeheimnissen, auf Apollonius von Tyane zurückgeführt
+wurde.
+
+Es versteht sich, dass bei dem Studium der mathematischen
+und naturwissenschaftlichen Disziplinen die verschiedensten
+Verhaltungsweisen gegenüber den Religionslehren möglich waren. Doch
+wurden die propädeutischen Wissenschaften, sobald sie selbständig
+auftraten, dem Glauben immer gefährlich. Mit der Astronomie verband
+sich leicht die Annahme von der Weltewigkeit, von einer ungeschaffenen
+Materie, von Ewigkeit her bewegt. Und wenn die Himmelsbewegung ewig,
+dann wohl auch der irdische Wechsel. Ewig sind, so wird von manchem
+gelehrt, alle Reiche der Natur, ewig ist auch das Menschengeschlecht
+und dreht sich im Kreise herum. Nichts Neues gibt es auf der Welt, wie
+alles Andere wiederholen sich Ansichten und Begriffe der Menschen. Was
+nur möglicherweise gethan, behauptet, gewusst werden kann, ist schon
+dagewesen und wird einmal wieder da sein.
+
+Darüber ließ sich nun trefflich reden und klagen, ohne dass die
+Wissenschaft viel dadurch gefördert wurde.
+
+4. Etwas nützlicher schien die Wissenschaft der Medizin zu sein, die
+aus naheliegenden Gründen von den hohen Herren begünstigt wurde. Nicht
+am wenigsten ihretwegen beauftragten die Chalifen so viele Männer
+mit dem Übersetzen griechischer Werke. Kein Wunder also, dass der
+Einfluss mathematisch-naturwissenschaftlicher Lehren, sowie der Logik,
+auch in die Medizin eindrang. Der alte Mediziner war geneigt, sich mit
+hergebrachten Zauberformeln und anderen von der Erfahrung erprobten
+Mitteln zu begnügen. Aber die moderne Gesellschaft des neunten
+Jahrhunderts forderte vom Arzte philosophisches Wissen. Er sollte die
+"Naturen" der Nahrungs-, Genuss- und Heilmittel, die Mischungen des
+Körpers und in jedem Falle die Einwirkungen der Gestirne kennen. Der
+Arzt war der Bruder des Astrologen, dessen Wissen ihm imponierte,
+weil es einen erhabeneren Gegenstand hatte als die medizinische
+Praxis. Er sollte beim Alchemisten in die Schule gehen und nach
+mathematisch-logischen Methoden seine Kunst ausüben. Es genügte den
+Bildungsfanatikern des neunten Jahrhunderts nicht, dass der Mensch
+nach dem Qijas, d. h. logisch richtig zu sprechen, zu glauben und sich
+zu benehmen hatte, er musste sich außerdem nach dem Qijas kurieren
+lassen. Wie über die Grundlagen der Glaubens- und Pflichtenlehre,
+wurde, am Hofe Wathik's (842-847), über die Prinzipien der Medizin in
+gelehrten Sitzungen disputiert. Es fragte sich nämlich, mit Anlehnung
+an eine galenische Schrift, ob die Medizin auf Überlieferung,
+Erfahrung oder Vernunfterkenntnis beruhe, oder aber ob sie durch
+logische Deduktion (Qijas) auf mathematisch-naturwissenschaftliche
+Sätze sich stütze.
+
+5. Die hier flüchtig skizzierte Naturphilosophie galt den meisten
+Gelehrten des neunten Jahrhunderts als Philosophie schlechthin, im
+Gegensatz zu der theologischen Dialektik, und wurde als pythagoreisch
+bezeichnet. Auch in das zehnte Jahrhundert ging sie hinüber und ihr
+bedeutendster Vertreter wurde der berühmte Arzt Razi (gest. 923 oder
+932). Dieser war in Rai geboren und mathematisch gebildet und hatte
+dann mit großem Fleiße Medizin und Naturphilosophie studiert. Der
+Dialektik war er abhold, er kannte die Logik nur bis zu den
+kategorischen Figuren der ersten Analytik. Nachdem er als Direktor
+des Krankenhauses seiner Vaterstadt und in Bagdad thätig gewesen war,
+ging er auf Reisen und hielt sich an verschiedenen Fürstenhöfen auf,
+u. a. bei dem Samaniden Mansur ibn Ishaq, dem er ein medizinisches
+Werk widmete.
+
+Vom ärztlichen Berufe und dem dazu erforderlichen Studium hat Razi
+eine hohe Meinung. Die tausendjährige Weisheit der Bücher schätzt
+er mehr als die Erfahrungen des Einzelnen in einem kurzen Leben,
+zieht aber diese den nicht erfahrungsmäßig erprobten Folgerungen der
+"Logiker" vor.
+
+Das Verhältnis zwischen Leib und Seele denkt er sich von der Seele
+bestimmt. Es sollen also die Zustände und Leiden der Seele aus der
+Physiognomie sich erkennen lassen, der Mediziner soll zugleich
+Seelenarzt sein. Er verfasste darum auch eine geistige Medizin,
+eine Art Diätetik der Seele. Um die Vorschriften des muslimischen
+Gesetzes, das Weinverbot u. s. w., kümmerte er sich dabei nicht. Sein
+Libertinismus scheint ihn aber zum Pessimismus geführt zu haben. Er
+fand nämlich mehr Übel als Gutes in der Welt und bezeichnete die Lust
+als Abwesenheit von Unlust.
+
+Wie hoch Razi den Aristoteles und Galen schätzte, um ein tieferes
+Verständnis ihrer Werke hat er sich doch nicht sonderlich
+bemüht. Eifrig betrieb er die Alchemie, seiner Ansicht nach eine
+in der Existenz einer Urmaterie begründete wirkliche Kunst, die den
+Philosophen unerlässlich sei, glaubte auch, sie wäre von Pythagoras,
+Demokrit, Platon, Aristoteles und Galen ausgeübt worden. Entgegen
+der peripatetischen Lehre nahm er an, der Körper habe das Prinzip
+der Bewegung in sich selbst, was allerdings ein fruchtbarer Gedanke
+in der Naturwissenschaft hätte werden können, wenn er anerkannt und
+weiter ausgebildet worden wäre.
+
+Razis Metaphysik geht aus von alten Lehren, die seine Zeitgenossen
+dem Anaxagoras, Empedokles, Mani u. A. zuschrieben. An der Spitze
+seines Systems stehen fünf gleichewige Prinzipien, der Schöpfer,
+die Universalseele, die erste oder Urmaterie, der absolute Raum
+und die absolute Zeit oder ewige Dauer. Damit sind die notwendigen
+Bedingungen der wirklich existierenden Welt gegeben. Die einzelnen
+Sinneswahrnehmungen setzen überhaupt eine Materie voraus, wie
+die Zusammenfassung verschiedener wahrgenommener Gegenstände einen
+Raum. Die wahrgenommenen Veränderungen zwingen uns ferner zur Annahme
+einer Zeit. Die Existenz lebendiger Wesen führt uns auf eine Seele,
+und dass einige von diesen lebendigen Wesen mit Vernunft begabt sind,
+d. h. befähigt, die Künste zur höchsten Vollkommenheit zu bringen,
+dies nötigt uns an einen weisen Schöpfer zu glauben, dessen Vernunft
+alles aufs beste angeordnet hat.
+
+Trotz der Ewigkeit seiner fünf Prinzipien spricht Razi also von einem
+Schöpfer und gibt auch eine Schöpfungsgeschichte. Zuerst nämlich wurde
+ein einfaches, reines, geistiges Licht erschaffen, die Materie der
+Seelen, welche lichtartige, einfache, geistige Substanzen sind. Jene
+Lichtmaterie oder die Oberwelt, aus der die Seelen herkamen, heißt auch
+Vernunft oder Licht vom Lichte Gottes. Dem Lichte folgt der Schatten,
+aus dem, zum Dienste der vernünftigen Seele, die animalische Seele
+geschaffen wird. Zugleich aber mit dem einfachen, geistigen Lichte
+war schon anfangs ein zusammengesetztes da, das ist der Körper, aus
+dessen Schatten nun die vier Naturen, Wärme und Kälte, Trockenheit
+und Feuchtigkeit, hervorgehen. Aus diesen vier Naturen werden zuletzt
+sämtliche himmlische und irdische Körper gebildet. Aber das Alles
+geschieht von Ewigkeit her, ohne zeitlichen Anfang, denn Gott war
+nie ohne Thätigkeit.
+
+Dass Razi Astrolog war, versteht sich nach dem Gesagten von selbst. Die
+Himmelskörper bestehen ja nach ihm aus denselben Elementen wie die
+irdischen Dinge und diese sind den Einwirkungen jener fortwährend
+ausgesetzt.
+
+6. Razi hatte sich nach zwei Seiten hin polemisch zu verhalten. Er
+bekämpfte einerseits die muslimische Einheit Gottes, die keine ewige
+Seele, Materie, Raum und Zeit neben sich duldet, andererseits aber
+wendete er sich gegen das dahritische System, das keinen Weltschöpfer
+anerkennt. Dieses System, das von muslimischen Schriftstellern öfter,
+mit dem gehörigen Abscheu natürlich, erwähnt wird, scheint, wenn auch
+zahlreiche, doch keine bedeutende Vertreter gefunden zu haben. Die
+Anhänger des Dahr (s. I, 2 § 2) werden als Materialisten, Sensualisten,
+Atheisten, Anhänger der Seelenwanderung u. s. w. uns vorgeführt,
+aber Genaueres über ihre Lehren erfahren wir nicht. Die Dahriten
+hatten jedenfalls nicht das Bedürfnis, alles Seiende auf ein Prinzip
+zurückzuführen, das geistigen Wesens und schaffenden Wirkens war. Und
+eines solchen Prinzipes bedurfte die muslimische Philosophie, sollte
+sie sich mit der Glaubenslehre auch nur einigermaßen vertragen. Dazu
+eignete sich die Naturphilosophie nicht, weil diese mehr Interesse
+zeigte für die mannigfachen und oft gegensätzlichen Wirkungen der
+Natur als für den Einen Urgrund des Alls. Besser aber erfüllte diesen
+Zweck der neuplatonische Aristotelismus, dessen logisch-metaphysische
+Spekulation darauf ausging, alles Seiende auf ein höchstes Sein
+zurückzuführen oder alle Dinge aus einem obersten Wirkungsprinzip
+abzuleiten. Doch bevor wir uns dieser Richtung des Denkens, die schon
+im neunten Jahrhundert sich zu zeigen anfing, zuwenden, haben wir
+noch über einen Versuch zu berichten, die Naturphilosophie mit den
+Lehren des Glaubens zu einer Religionsphilosophie zu verschmelzen.
+
+
+
+
+2. Die treuen Brüder von Basra.
+
+1. Im Orient, wo jede Religion einen Staat im Staate bildete, trat
+eine politische Partei, schon damit sie überhaupt Anhänger gewinne,
+immer zugleich als religiöse Sekte auf. Prinzipiell kannte nun der
+Islam keinen Unterschied zwischen den Menschen, keine Kasten oder
+Stände. Aber Besitz und Bildung haben überall dieselbe Wirkung. Und
+in ihrem Gefolge fing man an, Grade der Frömmigkeit und Stufen der
+Erkenntnis aufzustellen, danach Gemeinde oder Partei sich einteilen
+ließe. So entstanden geheime Gesellschaften mit verschiedenen Graden,
+deren höchster oder nächsthöchster eine Geheimlehre besaß, die
+der neupythagoreischen Naturphilosophie manches entlehnte. Zu ihrem
+Zwecke, Eroberung politischer Macht, war jedes Mittel erlaubt. Für die
+Eingeweihten wurde der Koran allegorisch ausgelegt. Zwar führte man
+diese geheime Weisheit auf Propheten mit biblischen und koranischen
+Namen zurück, es steckten aber heidnische Philosophen dahinter. Die
+Philosophie wurde ganz zu einer politischen Mythologie umgebildet. Die
+hohen Geister und Seelen, die theoretische Denker in Gestirnen
+und Planeten erkannten, verkörperten sich für die Realpolitik in
+menschliche Wesen, denen zur Gründung eines irdischen Reiches der
+Gerechtigkeit behülflich zu sein, als religiöse Pflicht verkündigt
+ward. Man kann die Gesellschaften, die solches betrieben, am besten
+mit Vereinen vergleichen, wie sie bis auf den Saint-Simonismus und
+verwandte Erscheinungen dieses Jahrhunderts, in Ländern, wo die
+Geistesfreiheit beschränkt ist, aufzutreten pflegen.
+
+Urheber einer solchen Bewegung war, in der zweiten Hälfte des
+neunten Jahrhunderts, das Haupt der Karmatenpartei, Abdallah
+ibn Maimun. Er war ein persischer Augenarzt, in der Schule der
+Naturphilosophen gebildet. Gläubige und Freidenker wusste er in einen
+Bund zusammenzuschließen, um den Versuch zu machen, die abbasidische
+Regierung zu stürzen. Dem Einen war er ein Gaukler, dem Andern ein
+frommer Asket oder ein gelehrter Philosoph. Seine Farbe war weiß,
+weil seine Religion die des reinen Lichtes, zu dem die Seele nach
+ihren irdischen Wanderungen aufsteigen sollte. Verachtung des Körpers,
+Geringschätzung der materiellen, allen Bundesbrüdern gemeinsamen Güter
+wurde gepredigt, sowie Hingebung an den Bund, Treue und Gehorsam bis
+in den Tod gegen seine Oberen. Denn der Bund stufte sich in Graden
+ab. Nach der Stufenfolge des Seins, Gott, Vernunft, Seele, Raum und
+Zeit, stellte man sich die Offenbarung Gottes in der Geschichte und
+in der Verfassung seines Bundes vor.
+
+2. Die Hauptstätten der karmatischen Wirksamkeit waren Basra
+und Kufa. Nun aber finden wir in der zweiten Hälfte des zehnten
+Jahrhunderts in Basra eine kleine Gesellschaft von Männern, deren
+Bund vier Grade haben soll. Inwiefern es den Brüdern gelungen ist,
+die ideelle Gliederung ihres Bundes zu verwirklichen, wissen wir
+freilich nicht. Dem ersten Grade gehören die jungen Männer von 15 bis
+30 Jahren an, deren Seelen in natürlicher Weise ausgebildet werden. Als
+Schüler haben sie sich ganz ihren Lehrern zu fügen. Der zweite Grad
+(30-40 Jahre) wird in die Weltweisheit eingeführt und bekommt eine
+analoge Erkenntnis der Dinge. Im dritten Grade (40-50 Jahre) wird
+das göttliche Weltgesetz in adäquater Form erkannt, es ist das die
+Stufe der Propheten. Im höchsten Grade endlich, wenn man über 50 Jahre
+hinaus ist, erlebt man, wie die seligen Engel, die wahre Wirklichkeit
+der Dinge. Man ist da über Natur, Lehre und Gesetz erhaben.
+
+Aus diesem Brüderbunde ist uns eine stufenmäßig fortschreitende
+Encyklopädie der damaligen Wissenschaften erhalten. Sie besteht
+aus 51 (ursprünglich vielleicht 50) Abhandlungen, die inhaltlich
+verschiedener Art und Herkunft sind, sodass es den Redaktoren oder
+Compilatoren nicht gelungen ist, eine durchgängige Übereinstimmung
+herzustellen. Im allgemeinen aber findet sich in dieser Encyklopädie
+ein eklektischer Gnostizismus auf naturphilosophischer Grundlage mit
+politischem Hintergrunde. Mit mathematischen Betrachtungen, voll
+Zahlen- und Buchstabenspiel hebt die Darstellung an, durch Logik
+und Physik, aber Alles auf die Seele und ihre Kräfte beziehend,
+schreitet sie fort, um endlich in mystisch-zauberischer Weise sich
+der Erkenntnis der Gottheit zu nähern. Das Ganze stellt sich als die
+Lehre einer verfolgten Sekte dar, ab und zu blickt das Politische
+hindurch. Wir sehen noch etwas von Leiden und Kampf, von Bedrückungen,
+denen die Männer dieser Encyklopädie oder ihre Vorgänger ausgesetzt
+waren, von Hoffnung, die sie hegen, von Duldung, die sie predigen. Sie
+suchen in dieser spiritualistischen Philosophie Trost oder Erlösung,
+sie ist ihre Religion. Treu bis zum Tode, heißt es, sollen die Brüder
+sein, denn für der Freunde Wohl in den Tod zu gehen, das ist der wahre
+heilige Krieg. Auf der Pilgerfahrt des Lebens durch diese Welt, so wird
+die verpflichtete Reise nach Mekka allegorisiert, soll Einer dem Andern
+mit allen Mitteln beistehen. Die Reichen sollen von ihren materiellen,
+die Weisen von ihren geistigen Gütern den Anderen mitteilen. Doch ist
+das Wissen, wie wir es in der Encyklopädie haben, wohl hauptsächlich
+den Eingeweihten der höchsten Grade vorbehalten worden.
+
+Es scheint nun allerdings dieser Bund der treuen Brüder von Basra,
+wie vielleicht eine Zweigniederlassung in Bagdad, ein stilles
+Dasein geführt zu haben. Die Brüder mögen sich zu den Karmaten etwa
+verhalten haben wie die ruhigeren Taufgesinnten zu den revolutionären
+Wiedertäufern des Königs von Sion.
+
+Als Mitglieder des Bundes und Verfasser der Encyklopädie werden uns
+von Späteren genannt: Abu Sulaiman Mohammed ibn Muschir al-Busti,
+genannt al-Muqaddasi, Abu-l-Hasan Ali ibn Harun al-Zandschani,
+Mohammed ibn Achmed al-Nahradschuri, al-Aufi und Zaid ibn Rifaa. Zur
+Zeit ihres Wirkens hatte das Chalifat seine weltliche Macht schon ganz
+dem schiitischen Bujidenhause (945) abtreten müssen. Wahrscheinlich
+begünstigte dieser Umstand das Hervortreten mit einer Encyklopädie,
+in der schiitische und mutazilitische Lehren mit den Ergebnissen der
+Philosophie zu einem populären System zusammengefasst waren.
+
+3. Die Brüder bekennen sich selbst zum Eklektizismus. Sie wollen
+die Weisheit aller Völker und Religionen sammeln. Noah und Abraham,
+Sokrates und Platon, Zoroaster und Jesus, Mohammed und Ali sind ihre
+Propheten. Sokrates, Jesus und seine Apostel, sowie die Aliden,
+werden als heilige Märtyrer ihres Vernunftglaubens verehrt. Das
+Religionsgesetz in seinem buchstäblichen Sinne heißt gut für den
+gemeinen Mann, eine Medizin für schwache und kranke Seelen; für starke
+Geister aber ist die tiefere philosophische Einsicht. Der Körper wird
+dem Tode geweiht, Sterben bedeutet Auferstehen zum reinen Leben des
+Geistes, für diejenigen nämlich, die schon während ihres Erdendaseins
+durch philosophische Betrachtungen aus sorglosem Schlummer und
+thörichtem Schlaf erwacht sind. Mit endlosen Wiederholungen, durch
+Legenden und Sagen spätgriechischer, jüdisch-christlicher, persischer
+oder indischer Herkunft, wird dieses eingeschärft. Alles Vergängliche
+wird dabei zum Gleichnis. Auf den Trümmern der positiven Religion und
+der naiven Ansicht baut sich eine spiritualistische Philosophie auf,
+alles Wissen und Streben der Menschheit, sofern es in den Gesichtskreis
+der Brüder getreten ist, umfassend. Der Zweck ihres Philosophierens
+heißt das Gottähnlichwerden der Seele, soweit es Menschen möglich ist.
+
+In der Darstellung treten, aus begreiflichen Gründen, die negativen
+Tendenzen der Brüder etwas zurück. Am rücksichtslosesten aber tritt
+ihre Kritik der menschlichen Gesellschaft und der positiven Religionen
+hervor in dem Buche vom Tier und Mensch, wo die Einkleidung es ihnen
+ermöglicht, die Tiere sagen zu lassen, was aus menschlichem Munde zu
+hören, bedenklich werden könnte.
+
+4. Der eklektische Charakter und die in den Unterteilen wenig
+systematische Art der Darstellung erschwert es, die Philosophie der
+Brüder einheitlich zu entwickeln. Doch sollen hier die wichtigsten
+Sätze, wenn auch mitunter in loser Verknüpfung, zusammengereiht werden.
+
+Die Geistesthätigkeit des Menschen zerfällt, nach der Encyklopädie, in
+Kunst und Wissenschaft. Wissen nun ist die Form des Gewussten in der
+wissenden Seele oder eine höhere, feinere, geistigere Existenzweise
+des im Stoffe Wirklichen. Kunst dagegen ist das Hervorgehenlassen
+der Form aus der Künstlerseele in die Materie hinein. Das Wissen ist
+potentiell in der Seele des Schülers vorhanden, wird aber erst aktuell
+durch die belehrende Thätigkeit eines Meisters, der das Wissen als ein
+Wirkliches in sich trägt. Woher aber hat es der erste Meister? Nach
+den Philosophen, so antworten die Brüder, hat er es sich durch eigenes
+Nachdenken erworben, nach den Theologen durch prophetische Erleuchtung
+erhalten, nach unserer Meinung aber gibt es verschiedene Wege oder
+Vermittelungen, zum Wissen zu gelangen. Aus der Mittelstellung der
+Seele zwischen Körper- und Geisteswelt ergeben sich schon drei Wege
+oder Quellen der Erkenntnis. Die Seele erkennt nämlich das, was unter
+ihr steht, durch die Sinne, das, was über ihr ist, durch logische
+Folgerung, und endlich sich selbst durch vernünftige Betrachtung oder
+unmittelbare Anschauung. Von diesen Arten ist die Selbsterkenntnis die
+gewisseste und vorzüglichste. Das menschliche Wissen erweist sich,
+wenn es darüber hinauszugehen versucht, vielfach beschränkt. Über
+Fragen, wie Weltentstehung und Weltewigkeit, soll man deshalb nicht
+gleich philosophieren, sondern sich zunächst an dem Einfacheren
+versuchen. Und nur durch Weltentsagung und gerechten Wandel erhebt
+die Seele sich allmählich zur reinen Erkenntnis des Höchsten.
+
+5. Nach der weltlichen Bildung in Sprachwissenschaft, Poesie und
+Geschichte und nach der religiösen Erziehung und Glaubenslehre,
+soll das philosophische Studium mit den mathematischen Disziplinen
+anfangen. Alles wird hier neupythagoreisch-indisch dargestellt. Nicht
+nur die Zahlen, auch die Buchstaben werden zu kindischen Spielereien
+benutzt. Es kam da den Brüdern besonders zu statten, dass das
+arabische Alphabet 28 = 4 × 7 Buchstaben zählt. Statt nach sachlichen
+Gesichtspunkten zu verfahren, wird durch alle Wissenschaften hindurch
+nach sprachlichen Analogien und Zahlenverhältnissen phantasiert. Die
+Arithmetik untersucht nicht die Zahl als solche, sondern deren
+Bedeutsamkeit. Es wird nicht für die Erscheinungen ein zahlenmäßiger
+Ausdruck gesucht, sondern nach dem System der Zahlen werden die
+Dinge gedeutet. Die Zahlenlehre ist göttliche Weisheit, die über den
+Dingen ist, denn die Dinge sind erst den Zahlen nachgebildet. Das
+absolute Prinzip alles Seienden und Gedachten ist die Eins. Daher
+steht die Wissenschaft der Zahl am Anfang, in der Mitte und am Ende
+aller Philosophie. Die Geometrie mit ihren anschaulichen Figuren
+dient nur dazu, Anfängern das Verständnis zu erleichtern, wahre,
+reine Wissenschaft aber ist allein die Arithmetik. Doch wird auch
+die Geometrie eingeteilt in eine sinnliche, die Linien, Flächen und
+Körper zum Gegenstande hat, und eine reine oder geistige, die von den
+Dimensionen oder Eigenschaften der Dinge, Länge, Breite und Tiefe,
+handelt. Der Zweck sowohl der Arithmetik als der Geometrie ist,
+die Seele vom Sinnlichen auf das Geistige hinzuführen.
+
+Zuerst führen sie uns dann zur Betrachtung der Gestirne. In der
+Astrologie bietet nun die Encyklopädie, wie nicht anders zu erwarten
+ist, höchst phantastische, zum Teil sich widersprechende Lehren. Durch
+das Ganze geht die Überzeugung hindurch, dass die Gestirne nicht bloß
+Zukünftiges vorhersagen, sondern dass sie alles Geschehen unter dem
+Monde direkt beeinflussen oder bewirken. Sowohl Glück als Unglück
+kommt von ihnen her. Jupiter, Venus und die Sonne führen Glück,
+Saturn, Mars und der Mond dagegen Unglück herbei, und die Wirkungen
+des Merkur sind aus Gutem und Bösem gemischt. Merkur ist der Herr der
+Bildung und der Wissenschaft; ihm verdanken wir unsere Erkenntnis,
+die Gutes und Böses umfasst. So hat denn auch jeder andere Planet
+seinen eigenen Wirkungskreis, und der Mensch empfindet in seinem Leben,
+wenn er nicht vorzeitig weggerafft wird, nach und nach die Einflüsse
+sämtlicher Himmelskörper. Der Mond lässt seinen Körper wachsen
+und Merkur bildet seinen Geist aus. Dann beherrscht ihn Venus. Die
+Sonne gibt ihm Familie, Reichtum oder Herrschaft, Mars Tapferkeit
+und Edelsinn. Darauf bereitet er sich, unter Jupiters Führung, durch
+religiöse Übungen zur Reise ins Jenseits vor und gelangt unter dem
+Einflusse Saturns zur Ruhe. Viele Menschen aber leben nicht lange genug
+oder sind nicht in der Lage, ihre natürlichen Anlagen in ungestörter
+Folge zu entwickeln. Darum schickt Gott ihnen gnädig seine Propheten,
+nach deren Lehre man sich auch in kurzer Frist und unter ungünstigen
+Verhältnissen vollständig ausbilden kann.
+
+6. Nach der Encyklopädie ist der Mathematik die Logik verwandt. Wie
+nämlich die Mathematik vom Sinnlichen zum Geistigen hinführt, so nimmt
+auch die Logik eine Mittelstellung zwischen Physik und Metaphysik
+ein. Die Physik hat es mit den Körpern, die Metaphysik mit den reinen
+Geistern zu thun, die Logik aber behandelt die Begriffe dieser sowie
+die Vorstellungen jener in unserer Seele. Doch steht die Logik der
+Mathematik an Umfang und Bedeutung nach. Denn das Mathematische wird
+nicht nur als ein Mittleres, sondern auch als das Wesen des Alls
+gefasst. Hingegen bleibt die Logik ganz auf die seelischen Gebilde
+als ein Mittleres zwischen Körper und Geist beschränkt. Die Dinge
+richten sich nach den Zahlen, unsere Vorstellungen und Begriffe aber
+nach den Dingen.
+
+Die logischen Betrachtungen der Brüder knüpfen sich an Porphyrs
+Einleitung und die Kategorien, die Hermeneutik und die Analytiken
+des Aristoteles. Eigentümliches bieten sie nicht oder sehr wenig.
+
+Zu den fünf Worten des Porphyr wird als sechstes das Individuum
+hinzugefügt, wohl der Symmetrie wegen. Drei davon, Gattung,
+Art, Individuum, heißen dann objektive, und drei, Differenz,
+Proprium, Accidens, begriffliche Bestimmungen. Die Kategorien sind
+Gattungsbegriffe, von denen der erste die Substanz, die neun anderen
+deren Accidenzen bezeichnen. Durch Einteilung in Arten wird ferner das
+ganze System der Begriffe entwickelt. Außer der Einteilung aber gibt es
+noch drei logische Methoden: Analyse, Definition und Deduktion. Die
+Analyse ist die Methode für Anfänger, weil sie das Individuelle
+erkennen lässt. Subtiler aber, das Geistige uns erschließend, sind die
+Definition, welche die Arten, und die Deduktion, welche die Gattungen
+in ihrem Wesen ergründet.
+
+Über das Dasein der Dinge belehren uns die Sinne, der Dinge Wesenheit
+aber wird durch Nachdenken erkannt. Was die Sinne uns zu erkennen
+geben, ist wenig, wie die Buchstaben des Alphabets; bedeutender
+schon, wie die Worte, sind die Prinzipien der Vernunfterkenntnis;
+das Wichtigste aber sind die aus jenen Prinzipien abgeleiteten
+Sätze, die der menschliche Geist sich selbst erwirbt oder aneignet,
+im Unterschiede von demjenigen Wissen, das ihm die Natur oder die
+göttliche Offenbarung erteilt hat.
+
+7. Von Gott, dem höchsten Sein, der über alle Unterschiede und
+Gegensätze, auch des Körperlichen und Geistigen, erhaben ist, wird die
+ganze Welt auf dem Wege der Emanation abgeleitet. Wenn mitunter von
+einer Schöpfung die Rede ist, so ist das als eine Anbequemung an den
+theologischen Sprachgebrauch aufzufassen. Folgendermaßen stellt sich
+nun die Stufenreihe der emanierten Wesen dar: 1. der schaffende Geist
+(nous, `aql); 2. der leidende Geist oder die Allseele; 3. die erste
+Materie; 4. die wirkende Natur, eine Kraft der Weltseele; 5. der
+absolute Körper, auch zweite Materie genannt; 6. die Sphärenwelt;
+7. die Elemente der sublunarischen Welt; 8. die aus diesen Elementen
+zusammengesetzten Mineralien, Pflanzen und Tiere. Das sind also acht
+Wesen, die zusammen mit Gott, der absoluten Eins, die in und mit
+jedem Dinge ist, die Reihe der den neun Grundzahlen entsprechenden
+Urwesen vollenden.
+
+Geist, Seele, Urmaterie und Natur sind einfach, mit dem Körper aber
+betreten wir das Gebiet des Zusammengesetzten. Alles ist hier entweder
+Materie oder Form, Substanz oder Accidens. Die ersten Substanzen sind
+Materie und Form, die ersten Accidenzen oder Eigenschaften Raum,
+Bewegung und Zeit, denen man wohl im Sinne der Brüder den Ton und
+das Licht hinzufügen könnte. Die Materie ist eins, alle Vielheit und
+Verschiedenheit rührt von den Formen her. Die Substanz wird auch als
+die konstituierende, materielle, das Accidens als die vollendende,
+geistige Form bezeichnet. Klar spricht die Encyklopädie sich nicht
+aus. Jedenfalls aber wird die Substantialität mehr im Allgemeinen als
+im Besonderen gesucht und die Form der Materie vorgezogen. Wie ein
+Gespenst schreckt die substantielle Form von jedem Eingehen auf das
+Materielle ab. Wie Herren nach ihrer Willkür wandern die Formen durch
+die niedere Welt der Materie. Von einer inneren Beziehung zwischen
+Materie und Form ist keine Spur zu entdecken. Nicht nur gedanklich,
+sondern auch real lassen sie sich trennen.
+
+Hieraus lässt sich schon ein Begriff von der Naturgeschichte der
+Brüder bilden. Man hat sie als Darwinisten des zehnten Jahrhunderts
+hingestellt. Nichts ist weniger richtig. Zwar ergeben die verschiedenen
+Reiche der Natur, nach der Encyklopädie, eine aufsteigende und
+zusammenhängende Reihe. Aber nicht nach der Körperbildung wird
+das Verhältnis bestimmt, sondern nach der inneren Form oder der
+Seelensubstanz. In mystischer Weise wandert die Form vom Niederen zum
+Höheren und umgekehrt, nicht nach inneren Bildungsgesetzen oder durch
+Anpassung an das Äußere modifiziert, sondern nach den Einwirkungen
+der Gestirne und, wenigstens beim Menschen, nach praktischem und
+theoretischem Verhalten. Eine Entwicklungsgeschichte in modernem Sinne
+zu geben, lag den Brüdern ganz fern. Ausdrücklich betonen sie z. B.,
+Pferd und Elephant seien menschenähnlicher als der Affe, obgleich beim
+letzteren die körperliche Übereinkunft größer. Aber der Körper ist
+ja etwas ganz Nebensächliches in ihrem System, der Tod des Körpers
+heißt die Geburt der Seele. Nur die Seele ist ein wirkendes Wesen,
+das sich den Körper schafft.
+
+8. Die Naturlehre der Brüder geht demnach fast vollständig in
+Psychologie auf. Beschränken wir uns hier auf die menschliche
+Seele. Sie steht in der Mitte des Alls. Wie die Welt ein großer Mensch,
+ist der Mensch eine kleine Welt.
+
+Die menschliche Seele ist von der Weltseele emaniert, und die Seelen
+sämtlicher Individuen bilden zusammen eine Substanz, die man den
+absoluten Menschen oder den Geist der Menschheit nennen könnte. Jede
+Einzelseele aber steckt in der Materie und muss sich allmählich
+zum Geiste hinbilden. Dazu hat sie viele Vermögen oder Kräfte. Von
+diesen sind die theoretischen Vermögen die vorzüglichsten, denn in
+der Erkenntnis besteht das Leben der Seele.
+
+Die Seele des Kindes ist zunächst wie ein weißes Blatt. Was die fünf
+Sinne ihr zuführen, wird, vorn, mitten und hinten im Gehirne, erstens
+vorgestellt, zweitens beurteilt und drittens aufbewahrt. Durch das
+Vermögen der Sprache und die Schreibkunst, womit die entsprechende
+Fünfzahl innerer Sinne erreicht ist, wird dann der Vorstellungsinhalt
+verwirklicht.
+
+Unter den äußeren Sinnen geht das Gehör dem Gesichte voran, denn
+dieses bezieht sich, ein Sklave des Augenblickes, auf das sinnlich
+Gegenwärtige, dagegen das Gehör auch Vergangenes erfasst und die
+Harmonie der tönenden Sphären empfindet. Gehör und Gesicht bilden
+zusammen die Gruppe geistiger Sinne, deren Wirkung zeitlos von statten
+gehen soll.
+
+Während nun der Mensch die äußeren Sinne mit den Tieren gemein hat,
+so bekundet sich in der Urteilskraft, in der Sprache und im Handeln
+die spezifisch menschliche Vernunft. Diese urteilt über gut und
+böse, nach welchem Urteile der Wille sich entscheidet. Besonders
+aber ist die Bedeutung der Sprache für das Erkenntnisleben der Seele
+hervorzuheben. Ein Begriff, der nicht durch irgend einen Ausdruck in
+irgend einer Sprache bezeichnet werden kann, ist eben kein denkbarer
+Begriff. Das Wort ist der Körper des Gedankens, der rein für sich
+nicht bestehen kann.
+
+Wie aber diese Auffassung vom Verhältnis zwischen Begriff und Ausdruck
+zu sonstigen Meinungen der Brüder stimmen soll, ist nicht einzusehen.
+
+9. Auf ihrer höchsten Stufe wird die Lehre der Brüder
+Religionsphilosophie. Eine Versöhnung zwischen Wissenschaft und
+Leben, Philosophie und Glauben ist ihre Absicht. Da sind nun die
+Menschen sehr verschieden. Der gewöhnliche Mensch braucht einen
+sinnlichen Gottesdienst. Aber wie die Seele des gemeinen Mannes
+Tier- und Pflanzenseele unter sich hat, so stehen über ihr die
+Seele des Philosophen und des Propheten, dem sich der reine Engel
+anschließt. Auf den höheren Stufen erhebt sich die Seele auch über
+die niedere Volksreligion, deren sinnliche Vorstellungen und Gebräuche.
+
+Als die vollkommenere religiöse Offenbarung erschien den Brüdern
+wohl das Christentum, auch der zoroastrische Glaube. Unser
+Prophet Mohammed, sagen sie, wurde an ein ungebildetes Volk von
+Wüstenbewohnern geschickt, die weder von der Schönheit dieser Welt
+noch von dem geistigen Charakter der jenseitigen eine richtige
+Vorstellung besaßen. Die grobsinnlichen Ausdrücke des Korans, dem
+Verständnis jenes Volkes angepasst, sollen von den höher Gebildeten
+in spiritualistischem Sinne verstanden werden.
+
+Aber auch die anderen Volksreligionen haben die Wahrheit nicht
+rein. Über sie alle hinaus gibt es einen Vernunftglauben, für den
+die Brüder sogar eine metaphysische Ableitung versuchen. Zwischen
+Gott und sein erstes Geschöpf, den schaffenden Geist, wird als
+Hypostase das göttliche Weltgesetz (nâmûs) eingeschoben. Es ist das
+die über Alles sich erstreckende weise Anordnung eines barmherzigen
+Schöpfers, der Niemandem Böses will. Den Glauben an einen zornigen
+Gott, an Höllenstrafen und dergleichen erklären die Brüder für
+widervernünftig. Ein solcher Glaube thut der Seele weh. Die unwissende,
+sündige Seele findet schon in diesem Leben, in ihrem eigenen Leibe
+die Hölle. Auferstehung dagegen heißt die Trennung der Seele von
+ihrem Körper. Und die große Auferstehung am jüngsten Tage ist die
+Trennung der Allseele von der Welt, ihre Rückkehr zu Gott. Das Ziel
+sämtlicher Religionen ist ja die Hinwendung zu Gott.
+
+10. Die Ethik der Brüder hat einen asketisch-spiritualistischen
+Charakter, obgleich sich auch hier der Eklektizismus zeigt. Gut handelt
+nach ihr der Mensch, wenn er der richtigen Natur folgt, lobenswert
+ist die freie That der Seele, vortrefflich sind die aus vernünftiger
+Überlegung hervorgegangenen Handlungen, und einer Belohnung, d. h. der
+Erhebung zur himmlischen Sphärenwelt wert ist endlich die Befolgung des
+göttlichen Weltgesetzes. Dazu bedarf es der Sehnsucht nach oben. Die
+höchste Tugend ist deshalb die Liebe, die nach Vereinigung mit Gott,
+dem ersten Geliebten, hinstrebt, die sich aber auch in diesem Leben
+als religiöse Duldung und Schonung aller Geschöpfe bethätigt. Ihr
+Gewinn im Diesseits ist Seelenruhe, Herzensfreiheit, Frieden mit der
+ganzen Welt, und im Jenseits das Aufsteigen zum ewigen Lichte.
+
+Nach alledem braucht es uns nicht zu wundern, dass dem Leibe viel
+Schlechtes nachgesagt wird. Unser wahres Wesen heißt die Seele,
+unseres Daseins höchster Zweck soll es sein, mit Sokrates dem Geiste,
+mit Christus dem Gesetz der Liebe zu leben. Dennoch ist der Leib zu
+schonen und zu pflegen, damit die Seele Zeit habe, sich vollkommen
+zu entwickeln. In diesem Sinne wird von den Brüdern ein menschliches
+Bildungsideal aufgestellt, dessen Züge den Charakteren verschiedener
+Völker entlehnt sind. Der ideale, sittlich vollkommene Mensch soll
+nämlich ostpersischer Abstammung sein, arabisch seinem Glauben nach,
+von iraqischer (babylonischer) Bildung, erfahren wie ein Hebräer,
+ein Christusjünger in seinem Wandel, fromm wie ein syrischer Mönch,
+ein Grieche in den Einzelwissenschaften, ein Inder in der Deutung
+aller Geheimnisse, endlich aber und zuhöchst ein Sufi in seinem
+ganzen Geistesleben.
+
+11. Der Versuch einer Versöhnung, die auf diese Weise zwischen
+Wissen und Glauben sollte hergestellt werden, hat nach keiner Seite
+befriedigt. Auf die allegorische Koraninterpretation der Brüder
+blickten die theologischen Dialektiker herab, wie heutzutage
+unsere Gottesgelehrten auf die neutestamentliche Exegese des
+Grafen Tolstoi. Und die reineren Aristoteliker betrachteten
+die pythagoreisch-platonische Richtung der Encyklopädie wie
+ein heutiger Philosophieprofessor Spiritismus, Occultismus und
+derartige Erscheinungen anzusehen pflegt. Aber in der breiten
+Masse der gebildeten oder halbgebildeten Welt haben die Schriften
+oder doch die Ansichten der treuen Brüder von Basra eine bedeutende
+Wirkung erzielt, von der die vielen, meist jungen Handschriften der
+umfangreichen Encyklopädie beredtes Zeugnis ablegen. Bei vielen Sekten
+innerhalb der islamischen Welt, Batiniten, Ismaeliten, Assasinen,
+Drusen, oder wie sie sonst heißen mögen, finden wir der Hauptsache
+nach dieselben Lehren wieder. Vorzugsweise in dieser Form hat sich
+griechische Weisheit im Osten acclimatisieren können, während die
+aristotelische Schulphilosophie fast nur im Treibhause fürstlicher
+Gönner gedeihen wollte. Der große Kirchenvater Gazali that die
+Weisheit der Brüder gar leicht als Popularphilosophie ab, scheute
+sich aber nicht, von ihnen das Gute herüberzunehmen. Er verdankt ihrem
+Gedankenkreise mehr, als er wohl selbst eingestehen mochte. Auch von
+anderen, besonders in encyklopädischen Werken, sind ihre Abhandlungen
+ausgenutzt worden. Die Wirkung der Encyklopädie dauert noch fort im
+muslimischen Osten. Vergebens hat man sie, zusammen mit den Schriften
+Ibn Sina's, im Jahre 1150 zu Bagdad verbrannt.
+
+
+
+
+
+
+
+
+IV. DIE NEUPLATONISCHEN ARISTOTELIKER DES OSTENS.
+
+
+1. Kindi. [14]
+
+1. Kindi steht in mannigfachen Beziehungen zu den mutazilitischen
+Dialektikern und den neupythagoreischen Naturphilosophen seiner Zeit
+und wir hätten ihn also schon vor Razi (s. III, 1 § 5) unter den
+letzteren behandeln können. Doch hat ihn die Tradition einstimmig als
+den ersten Peripatetiker im Islam hingestellt. Mit welchem Rechte,
+wird sich, soweit es aus den wenigen mangelhaft erhaltenen Schriften
+dieses Philosophen möglich ist, im folgenden ergeben.
+
+Abu Jaqub ibn Ishaq al-Kindi (d. h. aus dem Stamme Kinda) war
+arabischer Abstammung, und wurde deshalb, im Unterschiede von seinen
+vielen nichtarabischen Genossen, die sich mit Weltweisheit abgaben,
+der arabische Philosoph genannt. Er führte seinen Stammbaum auf die
+alten Kinda-Fürsten zurück. Ob er dazu das Recht besaß, lassen wir
+dahingestellt bleiben. Jedenfalls hatte der südarabische Kindastamm
+es in der äußeren Kultur weiter gebracht als andere Stämme. Viele
+Kinditen hatten sich auch schon früh in Iraq (Babylonien) angesiedelt,
+wo dann unser Philosoph in Kufa, davon sein Vater Statthalter war,
+geboren wurde, vermutlich am Anfange des neunten Jahrhunderts. Seine
+Erziehung erhielt er wahrscheinlich teilweise in Basra, ferner in
+Bagdad, also in den Mittelpunkten der damaligen Bildung. Hier lernte
+er persische Kultur und griechisches Wissen höher schätzen als alte
+Arabertugend und muslimischen Glauben. Er behauptete sogar, wohl
+nach anderen, Kachtan, der Stammvater der Südaraber, sei ein Bruder
+Jaunan's gewesen, von dem die Griechen herstammen. So etwas konnte
+man sagen in Bagdad, am abbasidischen Hofe, wo man keine Nationalität
+kannte und die alten Griechen bewunderte.
+
+Wie lange und in welcher Stellung Kindi am Hofe weilte, ist nicht
+bekannt. Er wird als Übersetzer griechischer Werke ins Arabische
+genannt und soll die Arbeiten anderer verbessert haben, u. a. die
+sogenannte Theologie des Aristoteles. Zahlreiche Diener und Schüler,
+deren Namen uns überliefert sind, waren vermutlich unter seiner
+Aufsicht damit beschäftigt. Ferner mag er dem Hofe als Astrologe oder
+Arzt, vielleicht auch bei der Finanzverwaltung, Dienste geleistet
+haben. Später aber wurde er entfernt, als er von der orthodoxen
+Restauration unter Mutawakkil (847-861) mit betroffen ward, und seine
+Bibliothek eine Zeit lang konfisziert. In Bezug auf seinen Charakter
+sagt ihm die Überlieferung nach, er sei geizig gewesen, was übrigens
+viele andere Schöngeister und Bücherliebhaber sollen gewesen sein.
+
+Ebensowenig wie Kindi's Geburts-, ist sein Todesjahr bekannt. Er
+scheint also in Ungnaden oder doch in untergeordneter Stellung
+gestorben zu sein. Dass Masudi (s. II, 4 § 4), der ihn sehr schätzte,
+ganz darüber schweigt, ist befremdend. Höchstwahrscheinlich lebte
+er noch nach dem Jahre 870, wie aus einer seiner astrologischen
+Abhandlungen hervorgeht. Der Ablauf einer kleinen Weltperiode
+stand damals bevor, und das wurde von den Karmaten zur Stürzung des
+Fürstenhauses benutzt. Da war nun aber Kindi reichsfreundlich genug,
+den von einer Konjunktion bedrohten Bestand des Staates um etwa 450
+Jahre zu verlängern. Sein fürstlicher Gönner konnte zufrieden sein
+und die Geschichte hat sich bis auf ein halbes Jahrhundert gefügt.
+
+2. Kindi war ein Polyhistor, er hatte die ganze gelehrte Bildung
+seiner Zeit in sich aufgenommen. Als Geograph, Kulturhistoriker
+und Mediziner mag er eigene Beobachtungen angestellt und mitgeteilt
+haben, ein schöpferischer Geist ist er keinesfalls gewesen. Seine
+theologischen Ansichten zeigen mutazilitisches Gepräge. Er schrieb
+nämlich über das menschliche Vermögen zu handeln und die Zeit seines
+Entstehens, ob vor oder zugleich mit der That. Ausdrücklich betonte er
+die Gerechtigkeit und die Einheit Gottes. Gegen die damals als indisch
+oder brahmanisch bekannte Theorie, als einzige Erkenntnisquelle
+reiche die Vernunft aus, verteidigte er die Prophetie, suchte
+diese aber mit der Vernunft in Einklang zu bringen. Seine Kenntnis
+verschiedener Religionssysteme forderte ihn zur Vergleichung auf. Als
+allen gemeinsam fand er den Glauben heraus, dass die Welt das Werk
+einer ewigen einheitlichen Ursache sei, für die unser Wissen keine
+nähere Bezeichnung besitze. Es sei aber die Pflicht der Einsichtigen,
+diese Ursache als göttlich anzuerkennen. Die Gottheit selbst habe
+ihnen dazu den Weg gezeigt, auch Gesandte geschickt zum Zeugnis,
+die den Gehorsamen ewige Glückseligkeit verheißen, den Ungehorsamen
+aber entsprechende Bestrafung androhen sollen.
+
+3. Kindi's eigentliche Philosophie ist, wie diejenige
+seiner Zeitgenossen, an erster Stelle Mathematik und
+Naturphilosophie, wobei dann Neuplatonisches und Neupythagoreisches
+ineinanderfließen. Es wird nach ihm keiner Philosoph ohne das Studium
+der Mathematik. Phantastisches Spiel mit Zahlen und Buchstaben findet
+sich öfter in seinen Schriften. Er wandte auch die Mathematik auf die
+Medizin an in der Lehre von den zusammengesetzten Heilmitteln. Er
+gründete nämlich die Wirkung dieser Mittel, ähnlich derjenigen der
+Musik, auf die geometrische Proportion. Es handelt sich hier um die
+Proportionalität der sinnlichen Qualitäten: warm, kalt, trocken und
+feucht. Soll ein Heilmittel im ersten Grade warm sein, dann muss
+es das Doppelte an Wärme besitzen von der gleichmäßigen Mischung,
+im zweiten Grade das Vierfache u. s. w. Die Entscheidung darüber
+scheint Kindi dem Sinne, besonders dem Geschmacke anvertraut zu
+haben, sodass wir bei ihm eine Ahnung von der Proportionalität der
+Sinnesempfindungen hätten. Das war nun, wenn überhaupt originell,
+bei ihm wohl nichts anderes als eine mathematische Spielerei. Cardan
+aber, ein Philosoph der Renaissance, hat ihn wegen dieser Lehre noch
+zu den zwölf subtilsten Geistern gerechnet.
+
+4. Die Welt ist nach Kindi, wie oben schon gesagt, ein Werk Gottes,
+dessen Wirken aber von oben nach unten vielfach vermittelt wird. Alles
+Höhere wirkt auf das Niedere ein, nicht aber das Verursachte auf
+seine über ihm auf der Stufe des Seins stehende Ursache. In allem
+Weltgeschehen ist nun eine durchgängige Ursächlichkeit, die es uns
+ermöglicht, aus der Erkenntnis der Ursache, der Himmelskörper z. B.,
+Zukünftiges vorherzusagen. Auch haben wir an einem vollständig
+erkannten Einzelwesen einen Spiegel, darin der ganze Zusammenhang
+der Welt zu schauen.
+
+Dem Geiste gehört die höhere Wirklichkeit und alle Wirksamkeit
+an. Seinem Wunsche gemäß hat sich die Materie zu gestalten. Und
+zwischen dem göttlichen Geiste und der materiellen Körperwelt steht
+die Seele in der Mitte. Sie ist es, die die Sphärenwelt erst geschaffen
+hat. Von dieser Weltseele ist die menschliche Seele ein Ausfluss. Ihrer
+Natur nach, d. h. in ihren Wirkungen, ist die letztere an die Mischung
+ihres Körpers gebunden, aber ihrem geistigen Wesen nach ist sie davon
+unabhängig, treffen sie also auch nicht die Einwirkungen der Gestirne,
+die sich auf das Natürliche beschränken. Unsere Seele, so führt Kindi
+aus, ist eine einfache, unvergängliche Substanz, aus der Welt der
+Vernunft in die Sinnenwelt herabgekommen, aber mit Erinnerung an ihren
+früheren Zustand ausgestattet. Sie findet sich hier nicht heimisch,
+denn sie hat viele Bedürfnisse, deren Befriedigung ihr versagt bleibt,
+und die deshalb von schmerzlichen Gefühlen begleitet sind. Es ist
+eben nichts beständig in dieser Welt des Entstehens und Vergehens,
+in der man dessen, was man liebt, jeden Augenblick beraubt werden
+kann. Beständigkeit gibt es nur in der Welt der Vernunft. Wenn wir
+also unsere Wünsche erfüllt sehen wollen und nicht dessen beraubt
+werden, was uns teuer ist, so müssen wir uns den ewigen Gütern
+der Vernunft zuwenden, der Furcht Gottes, der Wissenschaft und den
+guten Werken. Wenn wir aber nur den materiellen Gütern nachgehen
+und glauben, sie uns erhalten zu können, so streben wir etwas nach,
+das in Wirklichkeit nicht existiert.
+
+5. Dieser ethisch-metaphysischen Dualität des Sinnlichen und Geistigen
+entspricht die Lehre Kindi's vom Wissen. Unsere Erkenntnis ist
+danach entweder sinnliche oder Vernunfterkenntnis; was dazwischen,
+die Phantasie oder die Vorstellungskraft, heißt mittleres Vermögen. Die
+Sinne erfassen nun das Einzelne oder die materielle Form, die Vernunft
+aber das Allgemeine, Arten und Gattungen, oder die geistige Form. Und
+wie das Wahrgenommene mit der Sinneswahrnehmung eins ist, so ist es
+auch das von der Vernunft Erfasste mit der Vernunft selbst.
+
+Zum ersten Male taucht hier nun die Lehre von der Vernunft oder
+vom Geiste (nous, `aql) in einer Gestalt auf, wie sie, nur etwas
+modifiziert, bei den späteren muslimischen Philosophen einen großen
+Platz einnimmt. Sie ist charakteristisch für den ganzen Verlauf der
+Philosophie im Islam. Wie im Universalienstreite des christlichen
+Mittelalters sich doch auch ein objectiv-wissenschaftliches Interesse
+kundgibt, so zeigt sich in den philosophischen Erörterungen der
+Muslime über den denkenden Geist vor allem das subjektive Bedürfnis
+intellektueller Bildung.
+
+Kindi unterscheidet einen vierfachen Geist [15]: erstens den Geist,
+der immer wirklich ist, die Ursache und das Wesen alles Geistigen in
+der Welt, also wohl Gott oder der erste geschaffene Geist; zweitens
+den Geist als vernünftige Anlage oder Potenz der menschlichen Seele;
+drittens als Habitus oder wirklichen Besitz der Seele, dessen sie
+sich jeden Augenblick bedienen kann, wie z. B. der Schreiber seiner
+Kunst; endlich viertens als Thätigkeit, wodurch das, was die Seele als
+ein Wirkliches in sich hat, in die äußere Wirklichkeit übergeführt
+wird. Letztere Thätigkeit scheint, nach Kindi, die eigene That des
+Menschen zu sein, während er die Überführung der Potenz zum Habitus
+oder die Verwirklichung des Möglichen von der ersten Ursache, dem
+ewigwirklichen Geiste herleitet. Den wirklichen Geist haben wir also
+von oben erhalten und es heißt der dritte `aql deshalb `aql mustafad,
+lat. intellectus adeptus sive adquisitus. Die Grundanschauung
+des Altertums, alles Wissen um die Dinge müsse von außen an uns
+herankommen, geht in dieser Form, in der Lehre vom `aql mustafad oder
+dem Geiste, den wir von oben bekommen, durch die arabische Philosophie
+und dann in die christliche hinein. Leider ist die Lehre in Bezug
+auf diese Philosophie selbst nahezu richtig. Der thätige Geist,
+der sie geschaffen, ist in Wirklichkeit der neuplatonische Aristoteles.
+
+Das Höchste, was er besitzt, hat der Mensch ja immer seinem Gotte
+oder den Göttern zugeschrieben. Muslimische Theologen schrieben der
+göttlichen Wirksamkeit unmittelbar die sittlichen Handlungen des
+Menschen zu. Nach den Philosophen aber ist das Wissen mehr als die
+That. Diese, auf die niedere, sinnliche Welt sich richtend, mag des
+Menschen Eigentum sein; sein höchstes Wissen aber, die reine Vernunft,
+kommt von oben her, vom göttlichen Wesen.
+
+Es ist klar, dass die Lehre vom Geiste, wie sie bei Kindi vorliegt,
+auf die Nus-Lehre des Alexander von Aphrodisias im zweiten Buche
+über die Seele zurückgeht. Aber Alexander behauptete ausdrücklich,
+nach Aristoteles gebe es einen dreifachen Nus. Kindi sagt dagegen, er
+stelle die Meinung des Platon und Aristoteles dar. Neupythagoreisches
+und Neuplatonisches verknüpfen sich hier. In allem muss die Vierzahl
+nachgewiesen werden, und Platon und Aristoteles sollen übereinstimmen.
+
+6. Ziehen wir die Summe. Kindi ist mutazilitischer Theolog und
+neuplatonischer Philosoph mit neupythagoreischen Zuthaten. Sokrates,
+der Märtyrer des athenischen Heidentumes, ist sein Ideal, über
+ihn, sein Schicksal und seine Lehre hat er mehrere Schriften
+verfasst. Platon und Aristoteles sucht er in neuplatonischer Weise
+zu vereinigen.
+
+Trotzdem nennt ihn die Überlieferung den ersten, der in
+seinen Schriften dem Aristoteles folgte. Nicht ganz ohne Grund
+fürwahr. In seinem langen Schriftenverzeichnisse nimmt Aristoteles
+einen hervorragenden Platz ein. Er begnügte sich nicht mit bloßem
+Übersetzen, sondern studierte die übersetzten Werke, versuchte es auch
+sie zu verbessern und zu erläutern. Die aristotelische Physik, mit der
+Erklärung des Alexander von Aphrodisias, hat jedenfalls bedeutend auf
+ihn gewirkt. Behauptungen, wie dass die Welt nicht der Wirklichkeit,
+sondern nur der Potenz nach unendlich sei, dass die Bewegung stetig
+und dergleichen mehr deuten darauf hin. Die damaligen Naturphilosophen,
+wie noch die treuen Brüder, sagten z. B., die Bewegung sei ebensowenig
+stetig wie die Zahl.
+
+Ferner aber wandte Kindi sich entschieden von der wundersüchtigen
+Zeitphilosophie ab, indem er die Alchemie für Schwindel erklärte. Er
+hielt es für menschenunmöglich, was die Natur allein hervorzubringen im
+Stande ist. Wer sich denn auch mit alchemistischen Versuchen abgebe,
+betrüge, seiner Meinung nach, sich selbst oder andere. Diese Ansicht
+Kindi's hat der berühmte Mediziner Razi zu widerlegen versucht.
+
+7. Sowohl als Lehrer wie als Schriftsteller hat Kindi hauptsächlich
+durch seine Mathematik, Astrologie, Geographie und Medizin
+gewirkt. Sein treuester und gewiss bedeutendster Schüler war Achmed
+ibn Mohammed al-Tajjib al-Sarachsi (gest. 899), Verwaltungsbeamter und
+Freund des Chalifen Mutadid, dessen Nachlässigkeit oder Willkür er zum
+Opfer fiel. Er befasste sich mit Geheimwissenschaft und Astrologie,
+bemühte sich, aus den Wundern der Schöpfung die Weisheit und Macht des
+Schöpfers zu erkennen, und trieb Geographie und Geschichte. Bekannter
+ist ein anderer Schüler Kindi's geworden, Abu Maschar (gest. 885),
+der aber seinen Ruhm ganz der Astrologie zu verdanken hat. Dieser
+soll von einem fanatischen Gegner der Philosophie, durch ein
+oberflächliches Studium der Mathematik zur Beschäftigung mit der
+Astrologie gereizt, als er schon 47 Jahre alt war, ein Verehrer
+Kindi's geworden sein. Ob nun das Dichtung oder Wahrheit, auf jeden
+Fall ist ein solcher Bildungsgang charakteristisch für das neugierige
+Haschen nach halbverstandenem Wissen, das den ersten Jahrhunderten
+der arabischen Wissenschaft eigentümlich ist.
+
+Die Schule Kindi's ist in keiner Weise über den Meister
+hinausgegangen. Von ihrer litterarischen Thätigkeit ist uns fast nur
+in einzelnen Zitaten etwas erhalten. Möglich wäre es allerdings, dass
+in den Abhandlungen der treuen Brüder sich einiges gerettet hätte. Doch
+lässt sich dies beim jetzigen Stande der Wissenschaft nicht bestimmen.
+
+
+
+
+2. Farabi.
+
+1. Im zehnten Jahrhundert werden von den Naturphilosophen die Logiker
+oder Metaphysiker unterschieden. Diese befolgen eine strengere
+Methode als die Dialektiker und behandeln andere Gegenstände als die
+Physiker. Von Pythagoras haben sie sich losgesagt, um sich der Führung
+des Aristoteles, freilich in neuplatonischer Gestalt, anzuvertrauen.
+
+Wir haben es da mit zwei Richtungen wissenschaftlichen Interesses
+zu thun. Die Naturphilosophen interessieren sich mehr oder weniger
+für die Fülle konkreter Erscheinungen der Natur, wie der Länder-
+und Völkerkunde. Sie untersuchen überall die Wirkungen der Dinge,
+glauben auch das Wesen nur in der Wirkung zu erkennen. Wenn sie zwar
+über Natur, Seele und Geist zum göttlichen Wesen hinaufsteigen, so
+bestimmen sie dieses doch nur oder vorzugsweise als erste Ursache, als
+weisen Schöpfer, dessen Güte und Weisheit aus seinen Werken hervorgehe.
+
+Ganz anders verhalten sich die Logiker. Das Einzelgeschehen hat für
+sie untergeordneten Wert, nicht weiter, als es aus dem Allgemeinen
+ableitbar sich erweist. Gehen die Physiker von den Wirkungen aus,
+die Logiker wollen aus ihren Gründen die Dinge begreifen. Sie
+fragen überall nach dem Begriff oder dem Wesen der Dinge, bis
+zum Höchsten. Gott, um mit einem Beispiele den Gegensatz greifbar
+hinzustellen, ist ihnen nicht zunächst der weise Schöpfer, sondern
+das notwendig-existierende Wesen.
+
+Die Logiker folgen zeitlich den Physikern nach, wie denn auch von der
+mutazilitischen Dialektik (s. II, 3 § 4 und 5) zuerst Gottes Wirken,
+darauf sein Wesen in den Kreis der Betrachtung gezogen wurde.
+
+Als den bedeutendsten Vertreter der naturphilosophischen Richtung
+haben wir Razi kennen gelernt. Die logisch-metaphysischen Bestrebungen,
+denen Kindi u. a. vorgearbeitet, erreichen ihren Höhepunkt in Razi's
+jüngerem Zeitgenossen Abu Nasr Mohammed ibn Mohammed ibn Tarchan ibn
+Uzlag al-Farabi.
+
+2. Über den äußeren Lebens- und Bildungsgang Farabis ist wenig
+Sicheres zu sagen. Er war ein stiller Mann, der im Schatten der Macht,
+zuletzt als Sufi gekleidet, sich einem philosophisch-beschaulichen
+Leben hingab. Sein Vater soll persischer Heerführer gewesen sein. In
+Wasidsch, einem kleinen befestigten Orte des Bezirkes Farab, im
+Türkenlande Transoxanien, wurde er geboren. In Bagdad erhielt er,
+teilweise von einem christlichen Lehrer, Johanna ibn Hailan, seine
+Ausbildung. Diese umfasste sowohl Litterarisches als Mathematisches,
+also Trivium und Quadrivium im Sinne des christlichen Mittelalters. Von
+seiner mathematischen Bildung zeugen noch einige seiner Schriften,
+namentlich über Musik. Die Legende lässt ihn alle Sprachen der
+Welt (70) reden. Aus seinen Werken erhellt, was schon a priori
+wahrscheinlich, dass er Türkisch und Persisch verstand. Das Arabisch
+schreibt er klar und nicht ohne Reiz. Nur schadet die Vorliebe für
+Synonymen und parallele Satzglieder dann und wann der Präzision des
+philosophischen Ausdruckes.
+
+Die Philosophie, in die Farabi eingeweiht wurde, stammte aus der
+Schule von Merw. Vielleicht hatte diese sich schon mehr metaphysischen
+Fragen zugewandt als die naturphilosophische Richtung der Harranier
+und Basrenser.
+
+Von Bagdad, wo er lange Zeit gelebt und gewirkt, siedelte Farabi,
+wohl infolge der politischen Wirren, nach Haleb (Aleppo) an den
+glänzenden Hof Saif-addaula's über. Nur soll er nicht am Hofe, sondern
+in Naturzurückgezogenheit die letzten Jahre verbracht haben. Auf
+einer Reise starb er in Damaskus, Dezember des Jahres 950, wo ihm,
+wie berichtet wird, sein Fürst in sufischem Gewande die Leichenrede
+hielt. Er soll 80 Jahre alt geworden sein. Dass er ein hohes Alter
+erreicht hat, ist wahrscheinlich. Sein Zeit- und Studiengenosse Abu
+Bischr Matta starb 10 Jahre früher und sein Schüler Abu Zakarija
+Jachja ibn Adi im Jahre 974, 81 Jahre alt.
+
+3. Die zeitliche Reihenfolge der Schriften Farabis ist nicht
+festgestellt. Kleinere Abhandlungen, in denen er sich mit den
+Dialektikern und Naturphilosophen berührt, dürften, wenn sie überhaupt
+echt in der überlieferten Gestalt, populäre oder Jugendschriften
+sein. Seine Entwicklung wendete sich dem aristotelischen Schrifttum
+zu, weshalb ihn der Orient den zweiten Lehrer, d. h. den zweiten
+Aristoteles nannte.
+
+Seit seiner Zeit steht die Zahl und Folge der aristotelischen oder doch
+dem Aristoteles zugeschriebenen Werke, die man nach seinem Vorgange
+paraphrasierte und kommentierte, im allgemeinen fest. Zuerst die
+acht logischen Schriften, Kategorien, Hermeneutik, erste und zweite
+Analytik, Topik, Sophistik, Rhetorik und Poetik, denen die Isagoge
+des Porphyr voraufgeht. Dann folgen die acht Schriften zur Physik,
+auscultatio physica, de coelo et mundo, de generatione et corruptione,
+die Meteorologie, die Psychologie, de sensu et sensato, das Buch der
+Pflanzen und das der Tiere. Endlich schließen sich an Metaphysik,
+Ethik, Politik u. a.
+
+Die sogenannte Theologie des Aristoteles hat Farabi noch für ein
+echtes Werk gehalten. In neuplatonischer Weise und mit einiger
+Accommodation an den muslimischen Glauben sucht er die Übereinstimmung
+zwischen Platon und Aristoteles nachzuweisen. Nicht sondernde Kritik,
+eine geschlossene Weltanschauung ist ihm Bedürfnis. Die Befriedigung
+dieses mehr religiösen als wissenschaftlichen Bedürfnisses lässt ihn
+über philosophische Differenzen hinwegsehen. Platon und Aristoteles
+sollen sich von einander nur unterscheiden durch ihre Methode,
+im sprachlichen Ausdruck und in ihrem Verhalten zum praktischen
+Leben. Ihre Weisheitslehre aber ist dieselbe. Sie sind die Imame,
+d. h. die höchsten Autoritäten in der Philosophie, und da sie Beide
+selbständige, originelle Geister gewesen, gilt ihre übereinstimmende
+Autorität dem Farabi mehr als der Glaube der ganzen muslimischen
+Gemeinde, die mit blindem Zutrauen Einem Führer folgt.
+
+4. Farabi wird den Ärzten zugezählt, doch scheint er die Kunst
+nicht praktisch geübt zu haben. Er widmete sich der Heilkunst
+der Seele ganz. Seelenreinheit nannte er die Bedingung und die
+Frucht alles Philosophierens, Wahrheitsliebe forderte er auch gegen
+Aristoteles. Geometrie und Logik sollen dann das Urteil bilden für das
+Studium der Natur- und Geisteswissenschaften. Den einzelnen Disziplinen
+aber schenkt Farabi wenig Beachtung, er konzentriert sich auf Logik,
+Metaphysik und die Prinzipien der Physik. Die Philosophie ist ihm
+die Wissenschaft alles Seienden als solchen, bei deren Erwerb man der
+Gottheit ähnlich wird. Sie ist die eine, allesumfassende Wissenschaft,
+die uns das einheitliche Weltbild vorführt. Den Dialektikern wirft
+Farabi vor, dass sie ungeprüft die Sätze des gemeinen Bewusstseins
+als Grundlage für ihre Beweise benutzen, den Naturphilosophen, dass
+sie sich immer nur mit den Wirkungen der Dinge befassen, also nie
+über die Gegensätze des Weltgeschehens hinaus zu einer einheitlichen
+Auffassung des Alls gelangen. Den ersteren gegenüber will er das
+Denken begründen, im Gegensatze zu den letzteren den Einen Urgrund
+alles Seienden erforschen. Wir werden folglich seiner historischen
+und dogmatischen Stellung am besten gerecht, wenn wir zuerst seine
+Logik, darauf die Metaphysik und zuletzt seine Physik und praktische
+Philosophie zur Darstellung bringen.
+
+5. Farabis Logik ist keine reine Analyse wissenschaftlichen
+Denkens, sondern enthält auch viele sprachliche Bemerkungen und
+erkenntnistheoretische Erörterungen. Wie die Grammatik sich auf
+die Sprache eines Volkes beschränkt, so soll die Logik dagegen den
+sprachlichen Ausdruck der Gesamtvernunft aller Völker heranziehen. Von
+den einfachsten Elementen der Sprache zu den zusammengesetzten hat
+sie fortzuschreiten, vom Wort zum Satze, zur Rede.
+
+Nach der Beziehung ihrer Gegenstände zur Wirklichkeit zerfällt
+die Logik in zwei Teile: der erste Teil umfasst die Lehre von den
+Begriffen und Definitionen (tasawwur), der zweite diejenige von den
+Urteilen, Schlüssen und Beweisen (tasdiq). Die Begriffe, mit denen
+die Definitionen in ganz äußerlicher Weise zusammengestellt werden,
+haben an sich keine Beziehung zur Wirklichkeit, d. h. sie sind weder
+wahr noch falsch. Unter Begriffen versteht Farabi hier die einfachsten
+seelischen Gebilde, d. h. sowohl die aus sinnlicher Wahrnehmung
+stammenden Vorstellungen einzelner Gegenstände als die ursprünglichen
+dem Geiste eingeprägten Begriffe, wie das Notwendige, das Wirkliche,
+das Mögliche. Solche Vorstellungen und Begriffe sind unmittelbar
+gewiss. Man kann den Sinn des Menschen darauf hinlenken, seine Seele
+darauf aufmerksam machen, sie ihm aber nicht vordemonstrieren, nicht
+aus Bekanntem ableitend sie erklären, da sie an sich im höchsten
+Grade klar sind.
+
+Aus der Zusammensetzung von Vorstellungen oder Begriffen ergeben
+sich Urteile, die nun entweder wahr oder falsch sein können. Durch
+Schluss und Beweis geht die Begründung der Urteile auf einige dem
+Verstande ursprünglich gegebene, unmittelbar einleuchtende, nicht
+weiter begründbare Sätze zurück. Solche Sätze, die Grundsätze oder
+Axiome aller Wissenschaft, soll es geben für die Mathematik, die
+Metaphysik und die Ethik.
+
+Die Lehre vom Beweise, wie von Bekanntem, Begründetem aus wir zur
+Erkenntnis eines Unbekannten gelangen, ist nach Farabi die eigentliche
+Logik. Dazu bildet die Kenntnis der Hauptbegriffe (Kategorien),
+ihrer Zusammensetzung im Urteil (Hermeneutik) und im Schlusse (erste
+Analytik) nur die Einleitung. Und in der Beweislehre kommt es darauf
+an, die Normen zu ermitteln einer allgemeingültigen, notwendigen
+Wissenschaft, was die Philosophie sein soll. Als oberste Norm gilt
+hier der Satz des Widerspruchs, wodurch in einem einheitlichen
+Denkakte die Wahrheit oder Notwendigkeit zugleich mit der Unwahrheit
+oder Unmöglichkeit des Gegenteiles erkannt wird. Dementsprechend
+soll die platonische Dichotomie als wissenschaftliche Methode der
+aristotelischen Polytomie vorzuziehen sein. Ferner begnügt Farabi
+sich nicht mit der formalen Seite der Beweislehre. Diese soll mehr
+sein als eine Methodologie, die den richtigen Weg zur Wahrheit
+zeigt, sie soll selbst Wahrheit zeigen, Wissenschaft erzeugen. Sie
+betrachtet die Urteile nicht bloß als Material für die Schlussform,
+sondern untersucht auch ihren Wahrheitsgehalt in Beziehung auf die
+Einzelwissenschaften. Nicht nur Hilfsmittel ist sie, sie ist vielmehr
+ein Teil der Philosophie.
+
+Die Beweislehre geht, wie wir sahen, auf notwendiges Wissen aus,
+dem notwendigen Sein entsprechend. Außer diesem aber ist das große
+Gebiet des Möglichen da, von dem wir nur ein wahrscheinliches Wissen
+erhalten können. Die verschiedenen Grade der Wahrscheinlichkeit
+nun oder die Art und Weise, in der wir zu einer Wissenschaft des
+Möglichen gelangen, werden in der Topik erörtert. Daran schließen sich
+Sophistik, Rhetorik und Poetik, die sonst hauptsächlich praktische
+Ziele verfolgen. Zusammen aber mit der Topik werden sie bei Farabi
+zu einer Dialektik des Scheines. Nur auf den notwendigen Sätzen
+der zweiten Analytik, so führt er aus, lässt sich wahre Wissenschaft
+aufbauen, aber von den topischen (dialektischen) bis zu den poetischen
+Urteilen stuft sich das Wahrscheinliche zum bloßen Scheine der Wahrheit
+ab. Am tiefsten steht also die Poesie, die nach Farabis Ansicht ein
+lügnerisches und unsittliches Gerede ist.
+
+Im Anschluss an Porphyrs Isagoge hat unser Philosoph sich auch über
+die Universalienfrage geäußert. Das Besondere findet er nicht nur
+in den Dingen und in der sinnlichen Wahrnehmung, sondern auch im
+Denken. Ebenso ist das Allgemeine nicht bloß, accidentell, in den
+Einzeldingen, sondern auch, substantiell, im Geiste. Der menschliche
+Geist abstrahiert das Allgemeine von den Dingen, vor diesen war es aber
+schon an sich. Dem Sinne nach findet somit der dreifache Unterschied
+des ante rem, in re, post rem sich bereits bei Farabi.
+
+Gehört zu den Universalien auch das bloße Sein? Ist die Existenz
+überhaupt ein Prädikat? Diese Frage, die soviel Unheil in der
+Philosophie gestiftet, wurde von Farabi völlig richtig beantwortet. Die
+Existenz ist nach ihm eine grammatische oder logische Beziehung, aber
+keine Kategorie der Wirklichkeit, die etwas von den Dingen aussagt. Die
+Existenz eines Dinges ist nichts außer dem wirklichen Dinge selbst.
+
+6. Die logische Richtung des Denkens macht sich auch in der Metaphysik
+geltend. An Stelle des Veränderlichen und des Ewigen treten die
+Begriffe des Möglichen und des Notwendigen hervor.
+
+Alles Seiende ist nämlich nach Farabi entweder ein notwendiges oder
+ein mögliches; ein Drittes gibt es nicht. Da nun alles Mögliche zu
+seiner Verwirklichung eine Ursache voraussetzt, die Reihe der Ursachen
+aber nicht ins Unendliche gehen kann, so sehen wir uns genötigt,
+ein notwendig Seiendes anzunehmen, das ursachlos, höchst vollkommen,
+ewig vollwirklich, sich selbst genügend, ohne jede Veränderung,
+als absoluter Geist, reine Güte, Denken, Denkendes und Gedachtes in
+einem Wesen, die alles übersteigende Güte und Schönheit seines Wesens
+liebt. Dieses Wesen kann nicht bewiesen werden, denn es ist selbst der
+Beweis und der Urgrund aller Dinge. Wahrheit und Wirklichkeit fallen in
+diesem Wesen zusammen. In seinem Begriffe liegt es, dass es einzig ist,
+denn wenn es zwei erste, absolute Wesen gäbe, müssten sie teils gleich,
+teils von einander verschieden sein, wodurch aber die Einfachheit eines
+jeden aufgehoben wäre. Ein allervollkommenstes Wesen muss einzig sein.
+
+Dieses Erste, Eine, wahrhaft Wirkliche nennen wir Gott. Und da in Ihm
+alles eins ist, auch ohne Artdifferenz, so gibt es keine Definition
+für sein Wesen. Doch legt ihm der Mensch die schönsten, die höchsten
+Werte des Lebens zum Ausdruck bringenden Namen bei, weil im mystischen
+Drange dazu die Worte ihre gewöhnliche Bedeutung verlieren, über jeden
+Widerspruch hinaus. Einige Namen beziehen sich auf das Wesen, andere
+auf sein Verhältnis zur Welt, ohne jedoch die Einheit des Wesens zu
+beeinträchtigen. Alle sind sie aber metaphorisch zu verstehen, nur nach
+schwacher Analogie vermögen wir sie aufzufassen. Eigentlich sollten wir
+von Gott, dem vollkommensten Wesen, auch den vollständigsten Begriff
+haben. Sind doch unsere mathematischen Begriffe vollkommener als die
+physischen, weil sie sich auf vollkommenere Gegenstände beziehen. Aber
+mit dem Allervollkommensten ergeht es uns wie mit dem hellsten Lichte:
+wegen der Schwäche unserer Augen können wir es nicht vertragen. So
+haften auch an unserem Erkennen die Mängel der Materie.
+
+7. Besser als an sich vermögen wir Gott zu sehen in der Stufenordnung
+der aus ihm hervorgehenden Wesen. Von Ihm, dem Einzigen, ist das All,
+denn sein Wissen ist die höchste Macht. Indem er sich selbst erkennt,
+wird die Welt. Nicht ein allmächtiger Schöpferwille, sondern die
+Erkenntnis des Notwendigen ist die Ursache aller Dinge. Von Ewigkeit
+her sind in Gott die Formen oder Vorbilder der Dinge und ewig geht auch
+aus ihm sein Ebenbild hervor, das zweite All genannt oder der erste
+geschaffene Geist, der die äußerste Himmelsphäre bewegt. Diesem Geiste
+folgen, einer aus dem anderen, die acht Sphärengeister, die alle einzig
+in ihrer Art, vollkommen und Schöpfer der Himmelskörper sind. Diese
+neun Geister, himmlische Engel genannt, bilden zusammen die zweite
+Stufe des Seins. Auf der dritten Stufe steht die in der Menschheit
+thätige Vernunft, heißt auch der heilige Geist, der Himmel und Erde
+verbindet; auf der vierten Stufe befindet sich die Seele. Beide,
+Vernunft und Seele, bleiben nicht rein für sich in ihrer Einheit,
+sondern vervielfältigen sich nach der Vielheit menschlicher Wesen. Als
+Wesen fünfter und sechster Ordnung erscheinen zuletzt Form und Materie,
+mit denen die Reihe geistigen Seins abgeschlossen ist. Die drei
+ersten Stufen, Gott, Sphärengeister und thätige Vernunft, bleiben
+Geist an sich, die drei folgenden aber, Seele, Form und Materie,
+obgleich unkörperlich, gehen doch ein Verhältnis zum Körper ein.
+
+Entsprechend denen des Geistigen hat auch das Körperliche, das der
+Imagination des Geistes entspringen soll, sechs Stufen: Himmelskörper,
+Menschenkörper, Tierkörper, Pflanzenkörper, Mineral und Element.
+
+Wahrscheinlich zeigen sich in diesen Spekulationen nach der Dreizahl
+noch die Einflüsse der christlichen Lehrer Farabis. Für sie bedeutete
+nämlich die Dreizahl, was den Naturphilosophen die Vierzahl war. Auch
+die Terminologie stimmt dazu.
+
+Das ist aber nur äußerlich; der Inhalt ist Neuplatonismus. Als
+ein ewiger, intellektueller Prozess erscheint hier die Schöpfung
+oder Emanation der Welt. Indem der erste geschaffene Geist seinen
+Urheber denkt, entsteht der zweite Sphärengeist; indem er, sich
+selbst denkend, sich substanziert, geht aus ihm der erste Körper,
+die oberste Himmelsphäre, hervor. Und so geht es weiter bis zu der
+niedersten Sphäre, der des Mondes, in notwendiger Folge. Ganz nach
+dem ptolemäischen Sphärensystem, wie es jeder Gebildete, wenigstens
+aus Dantes Komödie, kennt, in neuplatonischer Ableitung. Es bilden
+die Sphären zusammen eine ununterbrochene Ordnung, denn alles
+Seiende ist eine Einheit. Schöpfung und Erhaltung der Welt ist ein
+und dasselbe. Und nicht nur die Einheit des göttlichen Wesens bildet
+sich in der Welt ab, sondern in ihrer schönen Ordnung drückt sich
+auch die göttliche Gerechtigkeit aus. Die logische Weltordnung ist
+zugleich eine sittliche.
+
+8. Die irdische Welt unter dem Monde ist natürlich ganz von der
+Welt der Himmelsphären abhängig. Doch trifft die Einwirkung von
+oben erstens, wie wir a priori erkennen, die notwendige Ordnung des
+Ganzen, zweitens zwar auch das Einzelne, aber nur insofern dies in
+natürlicher Wechselwirkung begründet ist, also nach Regeln, welche
+die Erfahrung uns lehrt, stattfindet. Die Astrologie, die alles
+Zufällige, Außerordentliche, den Gestirnen und ihren Konjunktionen
+zuschreibt, wird von Farabi bekämpft. Vom Zufälligen gibt es kein
+sicheres Wissen, und viel des irdischen Geschehens trägt, wie ja auch
+Aristoteles gelehrt, in hohem Grade den Charakter des Zufälligen oder
+des Möglichen an sich. Dagegen hat die himmlische Welt eine andere,
+vollkommenere Natur, die nach notwendigen Gesetzen wirkt. Sie kann
+dieser irdischen Welt nur Gutes spenden, warum es ganz verfehlt ist, zu
+behaupten, von einigen Gestirnen käme Glück, von anderen jedoch Unglück
+her. Die Natur der Himmel ist Eine und gleichmäßig gut. Der Schluss,
+zu dem nach diesen Erwägungen Farabi gelangt, ist denn auch dieser:
+demonstrative, ganz sichere Erkenntnis gibt nur die mathematische
+Astronomie, ein wahrscheinliches Wissen gewährt die physikalische
+Himmelskunde, einen ganz unsicheren Glauben aber verdienen die Sätze
+und Weissagungen der Astrologie.
+
+Gegenüber der Einfachheit der Himmelswelt haben wir unter dem Monde das
+Reich der vier Naturen, also der Gegensätze und der Veränderung. Von
+den Elementen bis zum Menschen gibt es auch hier in der Vielheit die
+Einheit der aufsteigenden Reihe. Wenig Eigentümliches weiß Farabi
+darüber vorzubringen. Seinem logischen Standpunkte treu kümmert er
+sich weniger um die Naturwissenschaften, zu denen er wohl unbedenklich,
+auf die ursprüngliche Einheit der Materie sich stützend, die Alchemie
+wird gezählt haben. Wir wenden uns gleich seiner Lehre vom Menschen
+oder von der menschlichen Seele zu, die einiges Interesse darbietet.
+
+9. Die Kräfte oder Teile der menschlichen Seele sind nach Farabi
+nicht koordiniert, sondern bilden eine aufsteigende Reihe. Das
+niedere Vermögen ist Materie für das höhere und dieses die Form
+für jenes; das höchste aber, das Denken, ist immateriell, Form für
+alle vorhergehenden Formen. Aus dem Sinnlichen erhebt das Leben
+der Seele sich durch die Vorstellung zum Denken. In allen Vermögen
+aber ist ein Streben oder Wollen enthalten. Jede Theorie hat die
+praktische Kehrseite. Von den Wahrnehmungen der Sinne sind Neigung
+und Abneigung unzertrennlich. Zu ihren Vorstellungen verhält sich die
+Seele zustimmend oder ablehnend, indem sie bejaht und verneint. Das
+Denken endlich richtet über Gutes und Böses, gibt dem Willen seine
+Motive und bildet Kunst und Wissenschaft aus. Alles Wahrnehmen,
+Vorstellen und Denken hat irgend ein Streben zur notwendigen Folge,
+wie die Wärme aus der Substanz des Feuers hervorgeht.
+
+Die Seele ist die Vollkommenheit (Entelechie) des Körpers, aber die
+Vollkommenheit der Seele ist der Geist (`aql). Nur der Geist ist der
+wahre Mensch.
+
+10. Vom Geiste ist demnach zumeist die Rede. Im menschlichen Geiste
+erhebt sich alles Irdische zu einer höheren Existenzweise, die den
+Kategorien des Körperlichen enthoben ist. Als Anlage oder Potenz ist
+nun der Geist in der Seele des Kindes vorhanden. Indem er dann die
+Körperformen mittelst der Sinne und der Vorstellung in der Erfahrung
+erfasst, wird er auch wirklich zum Geiste. Diese Überführung von
+der Möglichkeit zur Wirklichkeit, das Zustandekommen der Erfahrung
+also, ist aber nicht des Menschen eigene That, sondern wird von dem
+übermenschlichen Geiste, der aus dem letzten Sphärengeist, dem des
+Mondes, hervorgegangen ist, bewirkt. Als Spende von oben, nicht als
+eine in geistigem Ringen erarbeitete Erkenntnis stellt sich so das
+menschliche Wissen dar. Im Lichte des über uns stehenden Geistes
+erblickt unser Verstand die Formen des Körperlichen. Dabei erweitert
+sich aber die Erfahrung zur Vernunfterkenntnis. Die Erfahrung nämlich
+umfasst nur die von der Stoffwelt abstrahierten Formen. Es gibt ja aber
+auch Formen oder allgemeine Wesenheiten vor und über den stofflichen
+Dingen, in den reinen Geistern der Sphären. Von diesen "getrennten
+Formen" erhält der Mensch jetzt Kunde; nur durch ihre Einwirkung
+wird ihm seine wirkliche Erfahrung erklärlich. Die höhere Form wirkt
+immer nur auf die zunächst ihr folgende, von Gott bis zum Geiste der
+Menschheit. Nach oben hin verhält sich jede Zwischenform empfangend,
+nach unten aber gebend thätig. Im Verhältnis zum menschlichen
+Geiste, der von oben beeinflusst wird (`aql mustafad), ist also der
+übermenschliche, aus dem letzten Sphärengeist hervorgegangene Geist
+thätig oder schaffend zu nennen (`aql fu ``âl.). Doch ist er nicht
+immer thätig, weil er an der Materie eine Schranke seiner Wirksamkeit
+hat. Gott aber ist der vollwirkliche, ewigthätige Geist.
+
+Im Menschen ist der Geist dreifach: als möglich, als wirklich, als
+von oben bewirkt. Das heißt aber im Sinne Farabis dies: des Menschen
+geistige Anlage (1) wird durch Erfahrungswissen (2) hindurch geführt
+zur Erkenntnis des Übersinnlichen (3), das aller Erfahrung vorhergeht
+und selbst die Erfahrung bewirkt.
+
+Die Stufen des Geistes und seiner Erkenntnis entsprechen den Stufen
+des Seins. Sehnsüchtig strebt das Niedere dem Höheren zu und das Höhere
+hebt das Niedere zu sich empor. Der über uns stehende Geist, der allem
+Irdischen die Formen verliehen hat, sucht diese zertrennten Formen
+wieder zusammenzubringen, dass sie in Liebe sich einigen. Zunächst
+sammelt er sie im Menschen. Darauf, dass derselbe Geist, der dem
+Körperlichen die Gestalt verlieh, auch dem Menschen die Idee gibt,
+beruht nun aber die Möglichkeit und die Wahrheit menschlicher
+Erkenntnis. Die zerstreuten Formen des Irdischen finden sich im
+menschlichen Geiste wieder, wodurch dieser dem letzten Himmelsgeiste
+ähnlich wird. Vereinigung mit dem Himmelsgeiste, dadurch er sich Gott
+nähert, ist Ziel und Glück des Menschengeistes.
+
+Ob nun eine solche Vereinigung vor dem Tode des Menschen möglich sei,
+ist nach Farabi zweifelhaft oder ganz zu verneinen. In diesem Leben
+ist Vernunfterkenntnis das Höchste, was erreicht werden kann. Aber die
+Trennung vom Körper gibt der vernünftigen Seele die völlige Freiheit
+des Geistes. Besteht sie dann aber noch als Individualseele? Oder
+ist sie nur ein Moment der höheren Weltvernunft? Dunkel, und nicht
+in allen Schriften übereinstimmend, drückt Farabi sich darüber
+aus. Die Menschen, so heißt es, sterben hin, ein Geschlecht folgt
+dem andern und Gleiches verbindet sich mit Gleichem, Jedes in seiner
+Ordnung. Unendlich, weil nicht an den Raum gebunden, mehren sich
+die vernünftigen Seelen, wie Gedanke zu Gedanken, Kraft zu Kraft
+hinzukommt. Jede Seele denkt sich selbst und alle andern, die ihr
+gleich sind, und je mehr sie denkt, um so intensiver ist ihre Freude
+(vgl. unten § 13).
+
+11. Wir kommen zur praktischen Philosophie. In Ethik und Politik
+treten wir in ein etwas näheres Verhältnis zum Leben und Glauben der
+Muslime. Einige allgemeine Gesichtspunkte seien hervorgehoben.
+
+Wie die Logik die Prinzipien des Wissens, so soll die Ethik die
+Grundsätze des Handelns darstellen. Nur dass hier Übung und Erfahrung
+etwas mehr gewertet werden, als in der Erkenntnistheorie. In
+der Ausführung schließt sich Farabi teils dem Platon, teils dem
+Aristoteles an, teils geht er auch in mystisch-asketischer Weise über
+sie hinaus. Den Theologen gegenüber, die zwar ein Vernunftwissen,
+aber keine Vernunftgesetze des Handelns anerkennen, betont Farabi
+öfter, die Vernunft bestimme, ob etwas gut sei oder böse. Wie sollte
+die von oben her uns erteilte Vernunft nicht das Handeln bestimmen,
+da ja im Wissen die höchste Tugend besteht? Wenn einer, so erklärt
+Farabi höchst bezeichnend, alles wüsste, was in den Schriften des
+Aristoteles steht, danach aber nicht handelte, während ein anderer in
+seinem Sinne handelte ohne davon zu wissen, so wäre dem ersteren der
+Vorzug zu geben. Die Erkenntnis steht höher als die sittliche That,
+sonst könnte sie diese nicht bestimmen.
+
+Von Natur aus begehrt die Seele. Insofern sie wahrnimmt und vorstellt,
+kommt ihr, wie den Tieren, ein Wille zu. Aber Wahlfreiheit hat allein
+der Mensch, da dieselbe auf vernünftiger Überlegung beruht. Die Sphäre
+der Freiheit ist das reine Denken. Es ist das also eine Freiheit, die
+von den Motiven des Denkens abhängig ist, eine Freiheit, die zugleich
+Notwendigkeit ist, weil sie in letzter Instanz von dem vernünftigen
+Wesen Gottes bestimmt ist. In diesem Sinne ist Farabi Determinist.
+
+Die so gefasste Freiheit des Menschen kann sich, wegen des
+Widerstandes der Materie, in der Herrschaft über das Sinnliche
+nur unvollkommen bethätigen. Vollkommen wird sie erst nach der
+Befreiung der vernünftigen Seele von den Banden des Stoffes und den
+Hüllen des Irrtums, im Leben des Geistes. Das aber ist die höchste
+Glückseligkeit, die nur ihrer selbst willen erstrebt wird, somit
+das Gute schlechthin. Und dieses Gute sucht die Menschenseele, wenn
+sie sich dem Geiste über ihr zuwendet, wie die Seelen der Himmel,
+als sie sich dem Höchsten nähern.
+
+12. Schon die Ethik nimmt wenig Rücksicht auf die wirklichen
+sittlichen Verhältnisse. Noch weiter aber entfernt Farabi sich von der
+Wirklichkeit in seiner Politik. Das platonische Staatsideal geht für
+seine orientalische Anschauungsweise fast ganz in den philosophischen
+Herrscher auf. Von einem natürlichen Bedürfnis zusammengeführt,
+haben die Menschen sich dem Willen eines Einzigen unterworfen, in
+welchem der Staat, ob er nun gut oder böse, gleichsam verkörpert
+ist. Deshalb sind die Staaten schlecht, wenn ihr Haupt in Bezug auf
+die Prinzipien des Guten entweder unwissend oder im Irrtum oder gar
+verderbt ist. Der gute oder vorzügliche Staat dagegen hat nur Eine
+Art, darin der Philosoph Herrscher ist. Mit allen menschlichen und
+philosophischen Tugenden stattet Farabi seinen Fürsten aus: es ist
+Platon in Mohammeds Prophetenmantel.
+
+In der Beschreibung der den idealen Fürsten vertretenden Herrscher --
+es können mehrere zugleich sein, auch können Fürst und Minister sich in
+Herrschertugend und Weisheit teilen -- nähern wir uns der muslimischen
+Staatslehre jener Zeit. Aber die Ausdrücke sind verhüllt. Die richtige
+Abstammung eines Fürsten z. B. und die Pflicht der Führung in den
+heiligen Krieg werden nicht klar bezeichnet. Es bleibt doch alles in
+philosophischem Nebel schweben.
+
+13. Im Staate, der mit der Religionsgemeinschaft zusammenfällt, ist die
+Sittlichkeit allein vollkommen. Nach dem Zustande des Staates bestimmt
+sich also nicht nur das zeitliche Schicksal seiner Bürger, sondern
+auch ihr zukünftiges Los. Die Seelen der Bürger im "unwissenden"
+Staate sind ohne Vernunft, als sinnliche Formen kehren sie zu
+den Elementen wieder, damit sie sich aufs neue mit anderen Wesen,
+Menschen oder Tieren, verbinden. In den "irrenden" und "verderbten"
+Staaten ist allein der Führer verantwortlich, seiner wartet Strafe
+im Jenseits; die irregeführten Seelen aber teilen das Schicksal der
+Unwissenden. Dagegen bestehen nur die guten wissenden Seelen fort,
+sie gehen ein in die Welt des reinen Geistes. Je höher die Stufe des
+Wissens, die sie in diesem Leben erreicht, um so höher wird nach dem
+Tode ihre Stelle in der Ordnung des Alls sein, um so intensiver ihre
+selige Lust.
+
+Vermutlich sind derartige Ausdrücke nur die Hülle eines
+mystisch-philosophischen Glaubens von dem Aufgehen des menschlichen
+Geistes in den Weltgeist, zuletzt in Gott. Denn, so lehrt Farabi,
+in absteigender Betrachtung (logisch-metaphysisch) ist die Welt etwas
+anderes als Gott, im Aufsteigen aber erkennt die Seele das Diesseits
+als identisch mit dem Jenseits, weil Gott in allem, ja in seiner
+Einheit das All selbst ist.
+
+14. Überblicken wir jetzt Farabis System, so zeigt es sich als
+einen ziemlich konsequenten Spiritualismus, genauer bestimmt
+Intellektualismus. Das Körperliche, Sinnenfällige entspringt der
+Imagination des Geistes, man könnte es als "verworrene Vorstellung"
+bezeichnen. Das einzige wahre Sein ist Geist, aber verschieden
+abgestuft. Ganz einfach rein ist nur Gott, und die ewig aus ihm
+hervorgehenden Geister, einer aus dem andern, haben schon die
+Vielheit in sich. Die Zahl der selbständigen Geister wird nach dem
+ptolemäischen Weltsystem bestimmt und entspricht der himmlischen
+Hierarchie. Je weiter vom Ersten entfernt, um so weniger hat einer
+am Sein des reinen Geistes teil. Von dem letzten Weltgeiste kommt
+dem Menschen sein Wesen, d. h. die Vernunft zu. Alles ist ohne Lücke,
+die Welt ist ein gut und schön geordnetes Ganzes. Übel und Böses sind
+nur eine notwendige Folge der Endlichkeit im Einzelnen, wodurch die
+Güte des Alls um so deutlicher hervortritt.
+
+Ob die schöne Ordnung der Welt, von Ewigkeit her aus Gott emaniert,
+jemals wird zerstört werden können oder auch in Gott zurückfließen? Ein
+fortwährendes Zurückströmen zur Gottheit gibt es wohl. Die Sehnsucht
+der Seele geht nach oben, fortschreitendes Wissen läutert sie und
+führt sie hinauf. Aber wie weit? Philosophen und Propheten haben es
+nicht klar sagen können. Beide, die Philosophie und die Prophetie,
+leitet Farabi von dem schaffenden Weltgeiste über uns her. Hin
+und wieder spricht er sich über die Prophetie aus, als ob diese die
+höchste Stufe menschlichen Erkennens und Handelns darstelle. Das kann
+aber nicht seine wirkliche Meinung sein, ist wenigstens nicht die
+Konsequenz seiner theoretischen Philosophie. Ihr zufolge gehört alles
+Prophetische in Traum, Gesicht, Offenbarung u. s. w. dem Kreise der
+Vorstellung an, steht also in der Mitte zwischen sinnlicher Wahrnehmung
+und reiner Vernunfterkenntnis. Wenn er nun auch in seiner Ethik und
+Politik der Religion eine hohe erzieherische Bedeutung beimisst, so
+bleibt sie doch immer an absolutem Werte der Erkenntnis durch reine
+Vernunft nachstehen.
+
+Farabi hat im Intellektuellen für ein Ewiges gelebt. Ein König an
+Geist, ein Bettler an Besitz, war es ihm bei seinen Büchern und den
+Vögeln und Blumen seines Gartens wohl. Seinem Volke, der muslimischen
+Gemeinde, konnte er nur wenig sein. In seiner Staats- und Sittenlehre
+war für weltliche Geschäfte und für den heiligen Krieg keine rechte
+Stelle. Seine Philosophie befriedigte kein sinnliches Bedürfnis und
+widersprach dem sinnlich-geistigen Vorstellungsleben, wie es sich
+besonders in Kunstschöpfungen und religiösen Phantasien äußert. Er
+verlor sich in den Abstraktionen des reinen Geistes. Als frommer,
+heiliger Mann wurde er von Mitlebenden angestaunt, von wenigen Schülern
+als personifizierte Weisheit verehrt, von den echten Gelehrten des
+Islam aber für alle Zeit verketzert. Grund gab es freilich genug
+dafür. Wie die Naturphilosophie leicht zu Naturalismus und Atheismus
+führte, so leitete der Monotheismus der Logiker unmerklich zum
+Pantheismus hinüber.
+
+15. Viel Schule hat Farabi nicht gemacht. Bekannt geworden ist Abu
+Zakarija Jachja ibn Adi, ein jakobitischer Christ, als Übersetzer
+aristotelischer Werke. Mehr genannt worden aber ist ein Schüler
+des letzteren, mit Namen Abu Sulaiman Mohammed ibn Tahir ibn Bahrain
+al-Sidschistani, der in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts in
+Bagdad die Gelehrten seiner Zeit um sich versammelte. Die Gespräche,
+welche sie da führten und die philosophischen Belehrungen, die der
+Meister erteilte, sind uns zum Teil erhalten. Wir sehen deutlich den
+Ausgang der Schule. Wie die Naturphilosophie in Geheimwissenschaft
+verlief und die Schule Kindis sich von der Philosophie ab
+mathematischem und physikalischem Einzelwissen zuwandte, so geht
+hier die logische Richtung Farabis in Wortphilosophie über. In
+Distinktionen und Begriffsbestimmungen bewegt sich das Gespräch. Auch
+werden Einzelheiten aus der Philosophiegeschichte und den besonderen
+Wissenschaften ohne systematischen Zusammenhang erörtert. Fast
+nirgends zeigt sich ein sachliches Interesse. Die menschliche Seele
+rückt ganz in den Vordergrund, ähnlich wie bei den treuen Brüdern,
+nur dass diese mehr die wunderbaren Wirkungen der Seele, jene Logiker
+aber ihr vernünftiges Wesen und ihre Erhebung in das Übervernünftige
+betrachten. Statt mit Zahlen und Buchstaben, wie bei den Brüdern, wird
+in Sidschistanis Gesellschaft mit Worten und Begriffen gespielt. Das
+Ende ist in beiden Fällen ein mystischer Sufismus.
+
+Es ist demnach nicht zu verwundern, dass in den gelehrten Sitzungen
+Abu Sulaimans, über die sein Schüler Tauhidi (gest. 1009) Bericht
+erstattet, Empedokles, Sokrates, Platon u. a. mehr genannt werden
+als Aristoteles. Eine sehr gemischte Gesellschaft findet sich da in
+jenen Sitzungen zusammen. Es wird nicht gefragt, welchem Lande man
+entstamme, welcher Religion man angehöre. Man lebt der Überzeugung,
+die von Platon hergeleitet wird, in jeder Meinung stecke etwas von
+der Wahrheit, wie in allen Dingen ein gemeinsames Sein und in allen
+Wissenschaften eine und dieselbe wirkliche Erkenntnis. Nur unter
+dieser Annahme scheint es begreiflich, dass jeder zunächst seine
+eigene Meinung für die wahre, und die von ihm gepflegte Wissenschaft
+für die vorzüglichste halten könne. Eben deswegen gibt es auch keinen
+Zwiespalt zwischen Religion und Philosophie, wie heftig man es von
+beiden Seiten behaupten möge. Die Philosophie bestätigt vielmehr die
+Lehren der Religion, wie diese die Resultate jener vervollkommnet. Ist
+die philosophische Erkenntnis Wesen und Ziel der menschlichen Seele,
+so ist der religiöse Glaube ihr Leben oder der Weg zu dem Ziele. Da
+nämlich die Vernunft Gottes Statthalter auf Erden ist, so ist es
+unmöglich, dass Vernunft und Offenbarung sich widersprechen.
+
+Einzelnes hervorzuheben aus den Gesprächen, deren Grundstimmung wir
+angegeben, verlohnt sich nicht. Kulturhistorisch ist die Erscheinung
+Sidschistanis und seines Kreises wichtig, aber für die Fortbildung
+der Philosophie im Islam hat sie keine Bedeutung. Was für Farabi
+wirklich das Leben seines Geistes war, wird in dieser Gesellschaft
+gar oft zum Gegenstande geistreicher Unterhaltung.
+
+
+
+
+3. Ibn Maskawaih.
+
+1. Wir sind an die Wende des zehnten und elften Jahrhunderts
+gelangt. Farabis Schule scheint auszusterben und Ibn Sina, der die
+Philosophie seines Vorgängers zu neuem Leben erwecken sollte, ist
+noch ein Jüngling. Hier aber haben wir eines Mannes zu gedenken,
+der zwar dem Kindi näher als dem Farabi verwandt ist, doch auch,
+wegen der Gemeinsamkeit ihrer Quellen, in wesentlichen Punkten mit
+dem letzteren übereinstimmt. Sein Beispiel zeigt zugleich, dass die
+hellsten Köpfe der Zeit nicht gesonnen waren, Farabi auf das Gebiet
+logisch-metaphysischer Spekulationen zu folgen.
+
+Dieser Mann ist der Arzt, Philolog und Historiker Abu Ali ibn
+Maskawaih, der Schatzmeister und Freund des Sultans Adudaddaula war
+und hochbetagt im Jahre 1030 starb. U. a. hat er uns eine bis heute
+im Orient geschätzte philosophische Ethik hinterlassen. Sie ist
+eine Mischung aus Platon, Aristoteles, Galen und dem muslimischen
+Religionsgesetz, doch herrscht darin Aristoteles vor. Mit einer
+Abhandlung über das Wesen der Seele hebt sie an.
+
+2. Die menschliche Seele, so führt Ibn Maskawaih aus, ist eine
+unkörperliche, einfache, sich ihres Seins, Wissens und Wirkens bewusste
+Substanz. Dass sie geistiger Natur sein muss, folgt schon daraus, dass
+sie die entgegengesetzten Formen zugleich in sich aufnimmt, z. B. die
+Vorstellung von weiß und schwarz, während ein Körper nur eins von
+beiden auf einmal aufnehmen kann. Ferner nimmt sie sowohl die Formen
+des Sinnlichen wie des Geistigen in gleicher, geistiger Weise auf,
+denn die Länge ist in der Seele nicht lang, wird auch im Gedächtnis
+nicht länger. Weit über ihren Körper geht sodann das Wissen und Wirken
+der Seele hinaus, ja die ganze Sinnenwelt genügt ihr nicht. Überdies
+besitzt sie eine ursprüngliche Vernunfterkenntnis, die ihr nicht von
+den Sinnen zugekommen sein kann, denn durch dieselbe bestimmt sie, bei
+der Vergleichung und Unterscheidung des von der sinnlichen Wahrnehmung
+ihr Dargebotenen, Wahres und Falsches, die Sinne beaufsichtigend
+und berichtigend. Im Selbstbewusstsein endlich, dem Wissen um das
+eigene Wissen, zeigt sich am klarsten die geistige Einheit der Seele,
+in der Denken, Denkendes und Gedachtes zusammen fallen.
+
+Von den Tierseelen unterscheidet sich die menschliche Seele besonders
+durch vernünftige Überlegung als das Prinzip ihres Handelns, welches
+auf das Gute gerichtet ist.
+
+3. Gut ist im allgemeinen dasjenige, wodurch ein Wollendes den Zweck
+oder die Vollkommenheit seines Wesens erreicht. Gut zu sein, dazu ist
+also eine gewisse auf einen Endzweck gerichtete Anlage erforderlich. In
+Bezug auf ihre Anlage unterscheiden die Menschen sich aber sehr
+wesentlich. Nur wenige, meint Ibn Maskawaih, sind von Natur gut und
+werden nie schlecht, denn was von Natur ist, ändert sich nicht. Viele
+dagegen sind von Natur schlecht und werden nie gut. Andere aber,
+die anfangs weder gut noch schlecht sind, werden durch Erziehung und
+gesellschaftlichen Verkehr nach einer von beiden Seiten hin bestimmt.
+
+Das Gute ist nun entweder ein allgemeines oder ein besonderes. Es gibt
+ein absolutes Gut, mit dem höchsten Sein und der höchsten Erkenntnis
+identisch, dem alle Guten zusammen zustreben. Aber für jeden Einzelnen
+stellt sich ein besonderes Gut subjektiv als Glück oder Lust dar,
+und dieses besteht in der vollen Bethätigung des eigenen Wesens,
+in der vollständigen Auslebung des Inneren.
+
+Im allgemeinen ist der Mensch gut und glücklich, wenn er menschlich
+handelt. Tugend ist menschliche Tüchtigkeit. Da nun aber die Menschheit
+in den verschiedenen Individuen verschieden abgestuft sich darstellt,
+so ist das Glück oder das Gut nicht für alle dasselbe. Und weil das
+auf sich selbst gestellte Individuum nicht alle möglichen Güter
+verwirklichen kann, so müssen viele zusammenleben. Daraus ergibt
+sich schon als eine erste Pflicht oder die Grundlage aller Tugenden
+die allgemeine Menschenliebe, ohne die keine Gesellschaft möglich
+ist. Nur mit und in anderen ist der einzelne Mensch vollkommen,
+die Ethik soll Sozialethik sein. Die Freundschaft ist darum nicht,
+wie bei Aristoteles, eine Erweiterung der Selbstliebe, sondern eine
+Einschränkung oder eine Art der Nächstenliebe. Und diese, wie die
+Tugend überhaupt, kann sich nur bethätigen in der Gesellschaft oder
+der Staatsgemeinschaft, nicht aber in der Weltflucht des frommen
+Mönches. Der Einsiedler, der glaubt, mäßig und gerecht zu leben,
+irrt sich in Bezug auf den Charakter seiner Handlungen. Diese mögen
+religiös sein, moralisch sind sie nicht. Ihre Betrachtung fällt also
+nicht der Ethik zu.
+
+Übrigens stimmt, nach Ibn Maskawaih, das richtig aufgefasste
+Religionsgesetz vorzüglich mit einer humanen Ethik überein. Die
+Religion ist eine sittliche Schulung für das Volk. Ihre Vorschriften
+über den gemeinschaftlichen Gottesdienst und die Wallfahrt nach
+Mekka sollen z. B. die Pflege der Nächstenliebe in den weitesten
+Kreisen bezwecken.
+
+Im einzelnen ist es Ibn Maskawaih nicht gelungen, die ethischen
+Lehren der Griechen, die er in seine Darstellung aufnimmt, unter
+einander und mit dem Gesetz des Islam zu verschmelzen. Wir übergehen
+das. Doch ist nicht nur im allgemeinen sein Versuch zu loben, eine von
+der Kasuistik der Pflichtenlehrer und von der Askese der Sufi's freie
+Ethik zu geben, sondern auch in der Ausführung ist die Besonnenheit
+eines reichgebildeten Mannes anzuerkennen.
+
+
+
+
+4. Ibn Sina.
+
+1. Zu Efschene, in der Nähe Bocharas, wurde im Jahre 980 aus einer
+Beamtenfamilie geboren Abu Ali al-Hosain ibn Abdallah ibn Sina
+(Avicenna). Im elterlichen Hause, wo persische und anti-muslimische
+Traditionen lebendig waren, erhielt er seine weltliche und religiöse
+Erziehung. Dann studierte der körperlich und geistig frühreife
+Jüngling Philosophie und Medizin in Bochara. Siebzehn Jahre war er
+alt, als er den Fürsten Nuch ibn Mansur glücklich kurierte, und der
+Zutritt zu dessen Bibliothek ihm gestattet ward. Von jetzt ab war er,
+in Studium und Praxis, sein eigener Lehrer. Er verstand es, das Leben
+und die Bildung seiner Zeit sich zu Nutzen zu machen. Im Getriebe
+der Kleinstaaterei versuchte er unablässig sein Glück. Einem großen
+Fürsten hätte er sich wohl ebensowenig unterordnen können wie in der
+Wissenschaft einem Lehrer. Von Hof zu Hof wanderte er fort, bald in
+der Staatsverwaltung, bald als Lehrer und Schriftsteller thätig, bis
+er Wezir des Schems addaula in Hamadan wurde. Nach dem Tode dieses
+Fürsten ward er von dessen Sohne ein paar Monate auf die Festung
+geschickt. Darauf ging er weiter nach Ispahan zu Ala addaula. Endlich
+starb er noch in Hamadan, das Ala addaula erobert hatte, im Alter
+von 57 Jahren (1037). Sein Grab wird noch heute dort gezeigt.
+
+2. Es ist wohl der größte Irrtum, der sich in der Geschichte der
+muslimischen Philosophie festgesetzt hat, Ibn Sina sei über Farabi
+hinaus zu einem reineren Aristotelismus vorgedrungen. Was kümmerte
+unser Weltmann sich im Grunde um Aristoteles. Sich in den Geist
+irgend eines Systems zu versenken, war nicht seine Sache. Er nahm
+das ihm Zusagende, wo er es fand, bevorzugte aber dabei die seichten
+Paraphrasen des Themistius. So ward er der große Vermittlungsphilosoph
+des Orients, der richtige Vorläufer der Kompendienschreiber für
+alle Welt. Er wusste seinen von überall her zusammengeholten Stoff
+geschickt zu gruppieren und, wenn auch nicht ohne Spitzfindigkeit,
+fasslich darzustellen. Jeden Augenblick seines Lebens nutzte er
+aus. Am Tage besorgte er die Staatsgeschäfte oder übte seine
+Lehrthätigkeit aus, der Abend war den geselligen Genüssen der
+Freundschaft und der Liebe gewidmet, und manche Nacht fand ihn
+schriftstellerisch thätig, das Schreibrohr in der Hand, den Becher
+zur Seite, damit er nicht einschlafe. Zeit und Umstände bestimmten
+diese Wirksamkeit. Wenn er am fürstlichen Hofe die nötige Muße und
+eine Bibliothek zur Hand hatte, schrieb er seinen Kanon der Medizin
+oder die große philosophische Encyklopädie. Auf Reisen verfasste er
+Auszüge und kleinere Werke. Auf der Festung schrieb er Gedichte und
+fromme Betrachtungen, aber immer in gefälliger Form. Seine kleineren
+mystischen Schriften haben sogar einen poetischen Reiz. Auf Bestellung
+ward von ihm auch die Wissenschaft, Logik und Medizin versifiziert,
+wie das seit dem zehnten Jahrhundert immer mehr Sitte wurde. Nimmt
+man hinzu, dass er nach Belieben persisch oder arabisch schrieb, so
+bekommt man das Bild eines vielgewandten Mannes. Sein Leben war reich
+an Arbeit und Genuss bis zur Übersättigung. An Genialität freilich
+stand er seinem älteren Landsmann, dem Dichter Firdausi (940-1020),
+an wissenschaftlichem Talente seinem Zeitgenossen Beruni (s. unten
+§ 9) nach. Firdausi und Beruni haben für uns noch Bedeutung. Ibn
+Sina aber war der Ausdruck seiner Zeit und darauf beruht seine große
+Wirkung, seine geschichtliche Stellung. Nicht wie Farabi zog er sich
+aus dem Leben zurück, sich in die Kommentatoren des Aristoteles zu
+versenken, sondern in ihm verschmolzen sich griechische Wissenschaft
+und orientalische Weisheit. Kommentare zu den Alten, meinte er, waren
+genug geschrieben. Es war jetzt an der Zeit, eine eigene Philosophie
+auszubilden, d. h. alten Lehren eine moderne Form zu geben.
+
+3. In der Medizin befleißigt Ibn Sina sich einer systematischen
+Darstellung, doch ist er hier kein strenger Logiker. Der
+Erfahrung räumt er, wenigstens theoretisch, einen großen Platz
+ein und ausführlich bespricht er die Bedingungen, unter denen nur
+z. B. die Wirksamkeit der Heilmittel erkannt werden könne. Was aber
+an philosophischen Prinzipien die Medizin enthält, soll diese als
+Lehnsätze aus der Philosophie herübernehmen.
+
+Die eigentliche Philosophie zerfällt in Logik, Physik und
+Metaphysik. Als Ganzes umfasst sie die Wissenschaft alles Seienden
+als solchen und der Prinzipien aller Einzelwissenschaften, wodurch,
+soweit es menschenmöglich ist, die philosophierende Seele die
+höchste Vollkommenheit erreicht. Das Seiende ist nun entweder
+geistig, Gegenstand der Metaphysik, oder körperlich, Gegenstand der
+Physik, oder intellektuell, Gegenstand der Logik. Die Gegenstände
+der Physik können weder sein noch gedacht werden ohne Materie. Das
+Metaphysische aber ist ganz ohne Materie und das Logische ist von
+der Materie abstrahiert. Einige Ähnlichkeit hat das Logische mit dem
+Mathematischen, insofern nämlich die Gegenstände der Mathematik sich
+von der Materie abstrahieren lassen. Doch bleibt das Mathematische
+immer darstellbar, konstruierbar, hingegen hat das Logische als
+solches sein Dasein nur im Intellekte, wie z. B. Identität, Einheit
+und Vielheit, Allgemeinheit und Partikularität, Wesentlichkeit und
+Zufälligkeit u. s. w. Die Logik ist demnach die Wissenschaft der
+Denkbestimmungen.
+
+In der näheren Ausführung schließt Ibn Sina sich ganz der Logik
+Farabis an. Wohl besser noch würde sich die Übereinstimmung uns
+zeigen, wenn die logischen Schriften seines Vorgängers vollständiger
+erhalten wären. Öfter betont er die Mangelhaftigkeit der menschlichen
+Denknatur, die einer logischen Regel dringend bedürftig sei. Wie
+der Physiognomiker aus äußeren Zügen auf den Charakter des Inneren
+schließt, so soll der Logiker aus bekannten Vordersätzen Unbekanntes
+ableiten. Wie leicht schleichen sich dabei die Irrtümer der Phantasie
+und der Begierde ein! Eines Kampfes mit der Sinnlichkeit bedarf es,
+damit das Vorstellungsleben sich erhebe zu der reinen Wahrheit der
+Vernunft, durch die etwas als notwendig erkannt wird. Nur der göttlich
+inspirierte Mensch kann der Logik entbehren, ebenso wie der Beduine
+eine arabische Grammatik nicht braucht.
+
+Auch die Universalienfrage wird ähnlich wie bei Farabi behandelt. Vor
+aller Vielheit hat jedes Ding ein Sein im Geiste Gottes und der Engel
+(Sphärengeister), dann geht es als materielle Form in die Vielheit ein,
+um endlich im menschlichen Intellekte zur Allgemeinheit des Begriffes
+sich zu erheben. Wie nun Aristoteles zwischen erster (individueller)
+und zweiter (allgemeinbegrifflicher) Substanz unterschieden hat, so
+macht Ibn Sina ähnlich einen Unterschied zwischen erstem und zweitem
+Begriff (ma'nâ, intentio). Der erste bezieht sich auf die Dinge,
+der zweite auf die Disposition unseres Denkens.
+
+4. In der Metaphysik und der Physik unterscheidet Ibn Sina sich von
+Farabi hauptsächlich dadurch, dass er, indem er die Materie nicht aus
+Gott ableitet, das Geistige höher über alles Materielle hinausrückt,
+und, im Zusammenhang damit, die Bedeutung der Seele als einer
+Vermittlerin zwischen dem Geistigen und dem Körperlichen steigert.
+
+Aus dem Begriffe des Möglichen und Notwendigen ergibt sich die Existenz
+eines notwendigen Wesens schlechthin. Nicht aus seinen Werken soll
+man, nach Ibn Sina, das Dasein eines Schöpfers zu erweisen suchen,
+sondern aus dem möglichen Charakter alles Seienden und Denklichen
+in der Welt die Existenz eines ersten notwendig Seienden, in welchem
+Wesen und Dasein Eins sind, folgern.
+
+Nicht nur alles, was unter dem Monde ist, ist möglicher Natur, sondern
+auch die Himmel sind an sich nur möglich. Notwendig wird ihre Existenz
+durch ein anderes, das über alle Möglichkeit hinaus ist, also auch über
+alle Vielheit und Veränderlichkeit. Das absolut Notwendige ist eine
+starre Einheit, aus der nichts Vielfaches hervorgehen kann. Dieses
+erste Eine ist Ibn Sinas Gott, dem zwar viele Prädikate, des Denkens
+u. s. w., beigelegt werden, aber nur im Sinne der Negation oder der
+Beziehung, sodass sie die Einheit des Wesens nicht berühren.
+
+Aus dem ersten Einen kann also nur Eines hervorgehen, der erste
+Weltgeist. In diesem entsteht die Vielheit. Indem er nämlich seine
+Ursache denkt, erzeugt er einen dritten Geist, den Lenker der
+äußersten Sphäre; indem er sich selbst denkt, entsteht eine Seele,
+mittelst der der Sphärengeist seine Wirkung ausübt; und sofern er
+drittens ein an sich Mögliches ist, geht aus ihm ein Körper hervor,
+die äußerste Sphäre. Und so geht es weiter. Jeder Geist entlässt
+aus sich eine Dreiheit: Geist, Seele und Körper. Denn, da der Geist
+nicht unmittelbar den Körper bewegen kann, so bedarf er zur Ausübung
+seiner Wirksamkeit der Seele. Zuletzt kommt der thätige Geist (`aql
+fu-``âl) der die Materie des Irdischen, die körperlichen Formen und
+die menschlichen Seelen hervorbringt und lenkt.
+
+Dieser ganze Prozess, der nicht zeitlich vorgestellt werden darf,
+findet statt in einem Substrate, der Materie. Die Materie ist die
+ewige, reine Möglichkeit alles Seienden, zugleich die Schranke für
+die Wirkung des Geistes. Sie ist das Prinzip aller Individualität.
+
+Das musste nun allerdings gläubigen Muslimen als etwas Furchtbares
+erscheinen. Wohl hatten mutazilitische Dialektiker behauptet,
+Gott könne kein Böses oder nichts Vernunftwidriges thun. Jetzt aber
+behauptete die Philosophie, dass Gott statt alles Mögliche zu können,
+nur das an sich Mögliche zu bewirken im Stande sei, und dass direkt
+von ihm nur der erste Weltgeist ausgehe.
+
+Übrigens macht Ibn Sina alle Anstrengung, sich dem Volksglauben
+anzubequemen. Alles ist durch Gottes Bestimmung, sagt er, Gutes
+und Böses, aber nur ersteres mit freudiger Billigung. Das Böse
+ist entweder ein Nichtseiendes oder, sofern es von Gott herrührt,
+ein Accidentelles. Hätte Er, der notwendigen Übel wegen, diese Welt
+nicht hervorgehen lassen, so wäre das der Übel größtes gewesen. Die
+Welt könnte nicht besser und schöner sein als sie eben ist. In ihrer
+schönen Ordnung besteht die göttliche Vorsehung, die von den Seelen
+der Himmel vermittelt wird. Gott und die reinen Geister kennen nur
+das Allgemeine, können also nicht für Besonderes sorgen. Aber die
+Seelen der Himmelsphären, denen Vorstellung des Einzelnen zukommt
+und durch die der Geist auf den Körper wirkt, bieten die Möglichkeit,
+eine Fürsorge auch für das Einzelne und den Einzelnen anzunehmen, die
+Offenbarung zu erklären u. s. w. Auch das plötzliche Entstehen und
+Vergehen von Substanzen (Schöpfung und Vernichtung) im Gegensatze
+zu der stetigen Bewegung, d. h. dem allmählichen Übergange des
+Möglichen zum Wirklichen, scheint dem Ibn Sina nichts Unmögliches zu
+bedeuten. Überhaupt herrscht bei ihm keine Klarheit über das Verhältnis
+der Seinsformen, über Geist und Körper, Form und Materie, Substanz und
+Accidens. Dem Wunder bleibt jedenfalls ein Platz übrig. In heftigen,
+seelischen Erregungen, die oft plötzlich eine große Hitze oder Kälte
+bei uns hervorrufen, haben wir, nach Ibn Sina, Analoga zu wunderbaren
+Wirkungen der Weltseele, wenn diese auch gewöhnlich dem Naturlaufe
+folgt. Von allen diesen Möglichkeiten macht unser Philosoph selbst
+sehr mäßigen Gebrauch. Astrologie und Alchemie hat er aus ganz
+vernünftigen Gründen bekämpft. Trotzdem hat man ihm bald nach seinem
+Tode schon astrologische Gedichte aufgebürdet und erscheint er in
+der türkischen Romanlitteratur, freilich an der Stelle eines alten
+Mystikers, als Zauberer.
+
+Ibn Sinas Physik beruht ganz auf der Annahme, ein Körper könne nichts
+bewirken. Was wirkt, ist überall eine Kraft, eine Form, eine Seele und
+durch sie der Geist. Im Gebiete des Physischen gibt es also unzählige
+Kräfte, deren Hauptstufen von unten nach oben die Naturkräfte,
+die Vermögen der Pflanzen und der Tiere, die Menschenseelen und die
+Weltseelen sind.
+
+5. Farabi war es vor allem um die reine Vernunft zu thun: er hat das
+Denken um seiner selbst willen geliebt. Ibn Sina aber ist überall
+um die Seele bemüht. Wie er in seiner Medizin den menschlichen
+Körper ins Auge fasst, so in seiner Philosophie die menschliche
+Seele. Seine große philosophische Encyklopädie heißt ja die Heilung
+(sc. der Seele). Die Psychologie ist der Mittelpunkt seines Systems.
+
+Seine Anthropologie ist dualistisch. Körper und Seele gehören
+nicht wesentlich zusammen. Wie alle Körper unter der Einwirkung der
+Gestirne aus der Mischung der Elemente hervorgehen, so der menschliche
+Körper aus dem schönsten Gleichmaße dieser Mischung. Eine spontane
+Generation des Körpers, wie überhaupt ein Aussterben und Neuerstehen
+des Menschengeschlechtes ist deshalb möglich. Aber aus der Mischung
+der Elemente lässt sich die Seele nicht erklären. Sie ist nicht
+die untrennbare Form des Körpers, sondern diesem accidentell. Von
+dem Geber der Formen, d. h. dem thätigen Geiste über uns, erhält
+jeder Körper seine ihm und nur ihm eignende Seele. Von Anfang an
+ist jede Seele Individualsubstanz und sie bildet sich zeitlebens
+in ihrem Körper immer individueller aus. Zu der Behauptung, die
+Materie sei das Prinzip der Individualität, stimmt dies allerdings
+nicht. Aber die Seele ist das Wunderkind unseres Philosophen. Er ist
+nicht leichtgläubig, warnt öfter vor einem allzuleichten Hinnehmen
+der Geheimnisse des Seelenlebens, weiß aber doch selber manches zu
+berichten über die vielen wunderbaren Kräfte und möglichen Wirkungen
+der Seele, die die vielverschlungenen Pfade des Lebens wandert und
+die Abgründe des Seins und Nichtseins übersteigt.
+
+Von allen Seelenkräften sind die theoretischen Vermögen die
+vorzüglichsten. Äußere und innere Sinne führen der vernünftigen Seele
+die Kenntnis der Welt zu. Besonders die Lehre von den inneren Sinnen,
+den sinnlich-geistigen Vorstellungsvermögen, deren Sitz das Gehirn,
+wird von Ibn Sina eingehend dargestellt.
+
+Gewöhnlich nahmen die Mediziner-Philosophen drei innere Sinne oder
+Stadien des Vorstellungsprozesses an: 1. die Zusammenfassung der
+einzelnen Sinneswahrnehmungen zu einem Gesamtbilde im Vorderhirn;
+2. die Umbildung oder Bearbeitung dieser Vorstellung des Gemeinsinnes
+mit Hilfe schon vorhandener Vorstellungen, also die eigentliche
+Apperzeption, in der Mitte des Gehirns; 3. die Aufbewahrung
+der apperzipierten Vorstellung im Gedächtnis, das seinen Sitz im
+hintern Teile des Gehirns haben soll. Ibn Sina geht etwas weiter in
+der Analyse. Er unterscheidet im Vorderhirne vom Gemeinsinne das
+sinnliche Gedächtnis, die Schatzkammer der Gesamtbilder. Ferner
+lässt er die Apperzeption teils unbewusst, unter dem Einfluss
+des sinnlich-begehrenden Lebens, wie es sich auch bei den Tieren
+findet, von statten gehen, teils aber bewusst, unter der Mitwirkung
+der Vernunft, zu Stande kommen. In dem ersteren Falle behält die
+Vorstellung ihre Beziehung zu dem Einzelding -- so kennt das Schaf die
+Feindschaft des Wolfes --, in dem zweiten Falle aber erweitert sie sich
+zum allgemeinen. Dazu kommt dann als fünftes hinzu das vorstellende
+Gedächtnis oder das Zeughaus der von der sinnlichen Phantasie und dem
+vernünftigen Nachdenken gebildeten Vorstellungen. Es entsprechen also,
+aber ganz anders als bei den treuen Brüdern (s. III, 2 § 8), den fünf
+äußeren Sinnen fünf innere. Unbeantwortet bleibt die aufgeworfene
+Frage, ob man nicht von dem Gedächtnis noch die Erinnerung als ein
+besonderes Vermögen zu scheiden habe.
+
+6. Auf dem Gipfel der theoretischen Seelenkräfte steht die Vernunft. Es
+gibt zwar auch eine praktische Vernunft, aber in ihrem Thun haben
+wir uns selbst nur mittelbar, vervielfältigt; unmittelbar dagegen
+in dem Selbstbewusstsein, dem reinen Erkennen unseres Wesens, darin
+die Einheit unserer Vernunft sich darstellt. Statt aber die niederen
+Kräfte der Seele herabzudrücken, zieht die Vernunft dieselben hinauf,
+die Sinneswahrnehmung verfeinernd, die Vorstellung verallgemeinernd. An
+dem ihr von den äußeren und inneren Sinnen zugeführten Materiale
+arbeitet sich die Vernunft, die anfangs bloße Denkfähigkeit ist,
+nach und nach zur vollkommenen Denkfertigkeit aus. Durch Übung wird
+die Anlage Wirklichkeit. Es geschieht das an der Hand der Erfahrung,
+aber unter der Führung und der Erleuchtung von oben, von dem Geber der
+Formen, der als thätiger Geist der Vernunft die Ideen mitteilt. Ein
+Gedächtnis aber für die reinen Vernunftideen hat die menschliche
+Seele nicht, denn Gedächtnis setzt immer ein körperliches Substrat
+voraus. So oft also die vernünftige Seele etwas erkennt, fließt ihr
+jedesmal von oben die Erkenntnis zu, und nicht durch Umfang und Inhalt
+des Erkennens unterscheiden sich die denkenden Seelen, sondern durch
+die Fertigkeit, sich zur Aufnahme der Erkenntnis mit dem Geiste über
+uns in Verbindung zu setzen.
+
+Die vernünftige Seele, die dasjenige, was unter ihr ist, beherrscht,
+und das Höhere durch die Erleuchtung des Weltgeistes erkennt, ist
+nun der eigentliche Mensch, entstanden zwar, aber als einfaches
+Wesen, als Individualsubstanz, unzerstörbar, unsterblich. Hier
+unterscheidet durch ihre Klarheit Ibn Sinas Lehre sich von derjenigen
+des Farabi. Seit Ibn Sina gilt im Orient die Annahme der individuellen
+Unsterblichkeit entstandener Menschenseelen als aristotelisch, das
+Gegenteil als platonisch. So versteht sich seine Philosophie besser
+mit der Religion. Im menschlichen Körper und in der ganzen Sinnenwelt
+hat die Seele eine Schule, sich auszubilden. Nach dem leiblichen
+Tode aber, der diesem Körper für immer ein Ende macht, besteht die
+Seele in enger oder entfernter Verbindung mit dem Weltgeiste fort. In
+dieser Vereinigung (die nicht als völlige Einswerdung aufzufassen ist)
+mit dem Geiste über uns besteht die Seligkeit der guten, wissenden
+Seelen. Den anderen wird ewiges Unglück zu teil. Wie körperliche Mängel
+zu Krankheiten führen, so folgt notwendig aus schlechtem Seelenzustande
+die Strafe. In derselben Weise bemisst sich aber auch die himmlische
+Belohnung nach der Stufe seelischer Gesundheit oder Vernünftigkeit,
+die im Erdenleben erreicht wurde. Der reinen Seele bleibt in den
+Leiden der Zeit der Trost des Ewigen.
+
+Freilich wird das Höchste nur von wenigen erreicht. Auf dem Gipfel
+der Wahrheit ist für die Masse kein Platz; nur einer nach dem
+andern dringt zu der auf einsamer Höhe entspringenden Quelle der
+Gotteserkenntnis vor.
+
+7. Seine Ansicht von der menschlichen Vernunft auszudrücken, benutzt
+und deutet Ibn Sina dichterische Überlieferungen, wie das auch in
+der späteren persischen Litteratur sehr beliebt war. An erster Stelle
+interessiert uns die allegorisierte Gestalt des Hai ibn Jaqzan. Sie
+stellt den Aufstieg des Geistes aus den Elementen durch die Reiche
+der Natur, der Seele und der Geister bis zum Throne des Ewigen,
+Einen dar. Als ein jugendlicher Greis, seine Führerschaft anbietend,
+begegnet sie dem Philosophen. Dieser hat sich bemüht, mit seinen
+äußeren und inneren Sinnen, Erde und Himmel zu erkennen. Zwei Wege
+öffnen sich ihm: nach Westen der Weg der Materie und des Bösen, nach
+Sonnenaufgang aber der Weg der geistigen, ewigreinen Formen, auf den
+Hai den Wanderer führt. Zusammen gelangen sie zu der Quelle göttlicher
+Weisheit, dem Born ewiger Jugend, wo Schönheit der Schönheit Vorhang,
+Licht des Lichtes Schleier ist: das ewige Geheimnis.
+
+Hai ibn Jaqzan ist demnach der Führer der einzelnen denkenden Seelen,
+er ist der ewige Geist, der über der Menschheit steht und sich in
+ihr bethätigt.
+
+Einen ähnlichen Sinn findet unser Philosoph in der vielfach
+umgebildeten spätgriechischen Legende von den Brüdern Salaman und
+Absal. Salaman ist ihm der Weltmensch, dessen Weib (= die sinnliche
+Welt) sich in Absal verliebt und diesen durch eine List in ihre Arme zu
+führen weiß. Vor dem entscheidenden Augenblicke fährt aber ein Blitz
+vom Himmel herab, entdeckt Absal den beinahe begangenen Frevel und
+erhebt ihn von der sinnlichen Genusswelt zu der Welt reingeistiger
+Betrachtung.
+
+Wie ein Vogel, heißt es an anderer Stelle, ist die Seele des
+Philosophen. Mit großer Mühe entkommt sie irdischen Stricken und
+durchfliegt die Weltenräume, bis der Engel des Todes ihr die letzten
+Fesseln löst.
+
+Das ist Ibn Sinas Mystik. Seine Seele hat Bedürfnisse, für die seine
+Apotheke keine Mittel, das höfische Leben keine Befriedigung darbietet.
+
+8. Ethik und Politik theoretisch auszubilden bleibe den Lehrern
+des Fiqh überlassen. Unser Philosoph fühlt sich auf der Stufe
+eines Erleuchteten wie ein Gott über alle menschlichen Gesetze
+hinausgehoben. Nur für die Menge ist das Gesetz der Religion und
+des Staates verpflichtend. Mohammeds Zweck war, die Beduinen zu
+zivilisieren; zu dem Zwecke predigte er u. a. eine Auferstehung
+des Fleisches. Was reingeistige Seligkeit bedeutet, hätten sie nicht
+verstanden, er musste sie also mit der Aussicht auf körperliche Leiden
+oder Freuden erziehen. Mit dieser sinnlichen Menge, deren Gottesdienst
+in der Beobachtung äußerer Formen besteht, stimmen insofern die
+Asketen, obgleich sie ganz der Welt und der Sinne entsagen wollen,
+überein, dass auch sie mit Rücksicht auf eine himmlische Belohnung ihre
+frommen Werke ausüben. Höher als die Menge und die Frommen stehen die
+wahren Gottesverehrer in geistiger Liebe, die nichts wollen als Gott
+selbst, ohne Hoffnung, ohne Furcht. Ihr Eigentum ist die Freiheit
+des Geistes.
+
+Dieses Geheimnis aber soll man der Menge nicht offenbaren. Nur seinen
+liebsten Schülern vertraut es der Philosoph.
+
+9. Ibn Sina kam auf seinen Reisen mit vielen gelehrten Zeitgenossen
+zusammen. Dauernde Verbindungen waren, wie es scheint, nicht davon die
+Folge. Wie er sich von seinen Vorgängern allein dem Farabi verpflichtet
+fühlt, so dankt er der Mitwelt nur in seinen fürstlichen Gönnern. Den
+Ibn Maskawaih (s. IV 3), mit dem er noch öfter zusammenkam, hat er
+ungünstig beurteilt. Mit dem ihm als Forscher überlegenen Beruni
+führte er eine Korrespondenz, die aber bald abgebrochen wurde.
+
+Beruni (973-1048), wenn er auch Kindi und Masudi eher als Farabi
+und den jüngeren Ibn Sina seine Meister nennen darf, verdient
+hier zur Charakteristik der Zeit einer kurzen Erwähnung. Vorzüglich
+beschäftigten ihn Mathematik, Astronomie, Länder- und Völkerkunde. Er
+war ein scharfer Beobachter und guter Kritiker. Aber er verdankte der
+Philosophie manche Aufklärung und widmete ihr als Kulturerscheinung
+fortwährend seine Aufmerksamkeit.
+
+Treffend hebt Beruni die Übereinstimmung zwischen
+pythagoreisch-platonischer Philosophie, indischer Weisheit und vielen
+sufischen Anschauungen hervor. Nicht weniger treffend erkennt er die
+Überlegenheit griechischer Wissenschaft gegenüber den Versuchen und
+Leistungen der Araber und Inder. Indien, sagt er, von Arabien ganz zu
+schweigen, hat keinen Sokrates hervorgebracht. Keine logische Methode
+hat dort die Phantasie aus der Wissenschaft vertrieben. Doch will er
+einzelnen Indern gerecht werden. Zustimmend führt er als die Lehre der
+Anhänger Aryabhatas folgendes an: "Es genügt uns, das zu erkennen, was
+von den Strahlen der Sonne beleuchtet wird; was darüber hinausgeht,
+wenn auch von unermesslicher Ausdehnung, brauchen wir nicht. Was
+der Sonnenstrahl nicht erreicht, können die Sinne nicht wahrnehmen,
+und was der Sinn nicht wahrnimmt, können wir nicht erkennen."
+
+Daraus ergibt sich uns Berunis Philosophie. Nur die Wahrnehmungen
+der Sinne, von einem logischen Geiste verknüpft, gewähren sichere
+Erkenntnis. Und zum Leben brauchen wir eine praktische Philosophie,
+die uns vom Freunde den Feind unterscheiden lässt. Er glaubte selbst
+wohl nicht, damit alles und das letzte Wort gesagt zu haben.
+
+10. Aus der Schule Ibn Sinas sind uns mehr Namen überliefert
+als Schriften erhalten. Dschuzdschani hat, im Anschluss an eine
+Selbstbiographie, das Leben des Meisters beschrieben. Und von
+Abu-l-Hasan Behmenjar ibn al-Marzuban haben wir noch ein paar kleinere
+metaphysische Abhandlungen, die sich fast ganz in Übereinstimmung mit
+dem Systeme seines Lehrers befinden. Nur scheint die Materie etwas
+von ihrer Substantialität einzubüßen: als Seinsmöglichkeit wird sie
+zu einer Relation oder Beziehung des Denkens.
+
+Gott ist, nach Behmenjar, die reine, ursachlose Einheit notwendigen
+Seins, nicht der lebendige, alles wirkende Schöpfer. Er ist zwar
+Ursache der Welt, aber die Folge ist mit der Ursache zugleich und
+notwendig gegeben, sonst wäre die Ursache nicht vollkommen, weil der
+Veränderung fähig. Wesenhaft, nicht zeitlich, geht Gottes Dasein dem
+der Welt voran. Drei Bestimmungen kommen demnach dem höchsten Sein
+zu: dass es wesentlich zuerst, sich selbst genügend und notwendig
+sei, m. a. W. Gottes Wesen ist die Seinsnotwendigkeit. Diesem
+absolut-notwendigen Sein verdankt alles möglicherweise Existierende
+sein Dasein.
+
+Das stimmt nun wohl zu den Lehren Ibn Sinas. Und ebenso verhält es
+sich mit dem Weltbilde und der Seelenlehre des Schülers. Was einmal
+zur vollen Wirklichkeit gelangt ist, die der Art nach verschiedenen
+Sphärengeister, die Urmaterie und die individuell verschiedenen
+menschlichen Seelen, besteht alles ewig fort. Vollwirkliches, weil
+ohne jede Möglichkeit, kann nicht vergehen.
+
+Die Eigenart alles Geistigen ist die Erkenntnis des eigenen
+Wesens. Wille heißt, nach Behmenjar, nichts anderes als Erkenntnis
+dessen, was notwendig aus dem Wesen folgt. In der Selbsterkenntnis
+besteht auch das Leben und die Lust der vernünftigen Seele.
+
+11. Ibn Sina hat eine weitgehende Wirkung erzielt. Nach seinem Kanon
+der Medizin, der auch im Abendlande vom 13. bis 16. Jahrhundert hohes
+Ansehen genoss, werden heutigen Tages noch die Perser kuriert. Sein
+Einfluss auf die christliche Scholastik war bedeutend. Dante setzte
+ihn zwischen Hippokrat und Galen, und Scaliger behauptete, er sei
+in der Medizin dem Galen gleich, in der Philosophie diesem sogar
+weit überlegen.
+
+Dem Orient galt und gilt er als der Fürst der Philosophie. Der
+neuplatonische Aristotelismus ist dort bekannt geblieben in der Form,
+die ihm Ibn Sina gegeben. Zahlreich sind die Handschriften seiner
+Werke, ein Zeugnis seiner Popularität, unzählig aber die Kompendien
+und Kommentare zu seinen Schriften. Mediziner und Staatsmänner,
+aber auch Theologen studierten ihn. Nur wenige gingen über ihn zu
+den Quellen zurück.
+
+Der Feinde gab es freilich von Anfang an viele und sie äußerten sich
+lauter als die Freunde. Dichter verfluchten ihn, Theologen stimmten mit
+ein oder versuchten es, ihn zu widerlegen. Und der Chalif Mustandschid
+ließ im Jahre 1150 unter der philosophischen Bibliothek eines Richters
+auch die Schriften Ibn Sinas zu Bagdad dem Feuer übergeben.
+
+
+
+
+5. Ibn al-Haitham.
+
+1. Nach Ibn Sina und seiner Schule fand die theoretische Philosophie
+in den östlichen Ländern des muslimischen Reiches wenig Pflege
+mehr. Die arabische Sprache musste im Leben und in der Litteratur
+dort immer mehr der persischen weichen. Dass letztere Sprache sich
+weniger gut zu abstrakt logischen und metaphysischen Erörterungen
+eignet, dürfte dabei nur ganz nebensächlich ins Gewicht fallen. Es
+änderten sich in trauriger Weise die Kulturverhältnisse und damit die
+Interessen der Menschen. Ethik und Politik traten in den Vordergrund,
+jedoch ohne eine wirklich neue Gestalt zu bekommen. Ganz vorherrschend
+aber war es in der neupersischen Litteratur eine teils freigeistige,
+teils, und zwar überwiegend, mystische Poesie, die das Bedürfnis der
+Gebildeten nach Weisheit befriedigte.
+
+Seit der Mitte des zehnten Jahrhunderts etwa hatte sich von Bagdad aus
+ein Teil der wissenschaftlichen Bewegung dem Westen zugewendet. Wir
+fanden schon Farabi in Syrien, Masudi in Ägypten. Dort wurde Kairo
+ein zweites Bagdad.
+
+2. In Kairo treffen wir am Anfang des elften Jahrhunderts einen der
+bedeutendsten Mathematiker und Physiker des ganzen Mittelalters, Abu
+Ali Mohammed ibn al-Hasan ibn al-Haitham. In Basra, wo er geboren
+wurde, hatte er schon ein Staatsamt verwaltet. In allzugroßem
+Vertrauen auf die Verwertbarkeit seiner mathematischen Kenntnisse
+glaubte er die Nilüberschwemmungen regulieren zu können. Deshalb
+vom Chalifen al-Hakim berufen, sah er bald nach seiner Ankunft das
+Vergebliche seiner Bemühungen ein. Als Verwaltungsbeamter fiel er
+dann in Ungnade, verbarg sich bis zum Tode des Chalifen (1020) und
+lebte ferner wissenschaftlichen und litterarischen Arbeiten, bis er
+im Jahre 1038 starb.
+
+Seine Hauptwirksamkeit liegt auf dem Gebiete der Mathematik und
+ihrer Anwendung. Doch hat er sich auch sehr viel mit den galenischen
+und aristotelischen Schriften, und nicht bloß mit den physischen,
+beschäftigt. Nach seinem eigenen Bekenntnis hat er von Jugend auf
+alles bezweifelnd, die verschiedenen Ansichten und Lehren der Menschen
+betrachtet, bis er in allen mehr oder weniger gelungene Versuche,
+sich der Wahrheit zu nähern, erkannte. Als Wahrheit galt ihm ferner
+nur das, was sich der sinnlichen Wahrnehmung als Material darbot
+und vom Verstande seine Form erhielt, also die logisch bearbeitete
+Wahrnehmung. Solche Wahrheit zu suchen war sein Bestreben beim
+Studium der Philosophie. Die Philosophie sollte ihm Grundlage aller
+Wissenschaften sein. Er fand sie in den Schriften des Aristoteles,
+weil dieser es am besten verstanden hatte, die sinnliche Wahrnehmung
+einheitlich zu vernünftiger Erkenntnis zu verknüpfen. Eifrig studierte
+und erläuterte er darum die Werke des Aristoteles, zu Nutz und Frommen
+der Menschheit, zu eigener Übung und als Schatz und Trost für sein
+Alter. Von diesen Arbeiten scheint uns aber nichts erhalten zu sein.
+
+Des Ibn al-Haithams bedeutendste Schrift, die in lateinischer
+Übersetzung und Bearbeitung auf uns gekommen ist, ist die Optik. Er
+zeigt sich darin als einen scharfen mathematischen Denker, überall
+um die Analyse der Begriffe und der wirklichen Vorgänge bemüht. Ein
+Abendländer des 13. Jahrhunderts (Witelo) wusste das Ganze methodischer
+darzustellen, doch dürfte an Schärfe der Beobachtung im einzelnen
+Ibn al-Haitham jenem überlegen sein.
+
+3. Das Denken Ibn al-Haithams ist ganz mathematisch bestimmt. Die
+Substanz eines Körpers besteht nach ihm aus der Summe seiner
+wesentlichen Eigenschaften, wie das Ganze der Summe der Teile und
+der Begriff der Summe seiner Merkmale gleich ist.
+
+In der Optik interessieren uns besonders die psychologischen
+Bemerkungen über das Sehen und die Sinneswahrnehmung überhaupt. Das
+Bestreben ist hier darauf gerichtet, die einzelnen Momente der
+Wahrnehmung zu sondern und den zeitlichen Charakter des ganzen
+Prozesses hervorzuheben.
+
+Die Wahrnehmung setzt sich dann zusammen aus der Sinnesempfindung (1),
+der Vergleichung (2) mehrerer Empfindungen oder der jetzigen Empfindung
+mit dem infolge früherer Empfindungen nach und nach in der Seele
+geformten Erinnerungsbilde, und dem Wiedererkennen (3), sodass wir das
+jetzt Wahrgenommene als mit dem Erinnerungsbilde gleich erkennen. Das
+Vergleichen und das Wiedererkennen sind keine Thätigkeiten der Sinne,
+die nur passiv empfinden, sondern fallen dem urteilenden Verstande
+zu. Gewöhnlich geht das alles unbewusst oder halbbewusst von statten,
+und nur durch Besinnung wird es uns zum Bewusstsein geführt und das
+scheinbar Einfache in seine Bestandteile zerlegt.
+
+Der Prozess der Wahrnehmung verläuft sehr schnell. Je geübter der
+Mensch in dieser Hinsicht ist und je öfter eine Wahrnehmung sich
+wiederholt, um so fester wird das Erinnerungsbild der Seele eingeprägt,
+um so schneller kommt das Wiedererkennen oder die Wahrnehmung
+zu Stande. Die Ursache davon ist die, dass die neue Empfindung
+von dem schon vorhandenen seelischen Gebilde ergänzt wird. Leicht
+könnte man also meinen, die Wahrnehmung sei, wenigstens nach langer
+Einübung, ein zeitloser Akt. Das wäre aber ein Irrtum, denn nicht
+nur entspricht jeder Empfindung eine qualitative, im Sinnesorgan
+lokalisierte Veränderung, die eine Zeit erfordert, sondern auch
+zwischen der Reizung des Organs und der bewussten Wahrnehmung muss der
+räumlichen Fortleitung des Reizes durch die Nerven eine Zeitstrecke
+entsprechen. Dass es z. B. zur Auffassung einer Farbe Zeit bedarf,
+beweist der drehende Farbenkreisel, der uns nur eine Mischfarbe zeigt,
+weil wir wegen der schnellen Bewegung keine Zeit haben, die einzelnen
+Farben aufzufassen.
+
+Vergleichen und Wiedererkennen sind nach Ibn al-Haitham die
+bedeutenden, seelischen Momente der Wahrnehmung. Dagegen entspricht
+die Empfindung der Materie, der empfindende Sinn verhält sich
+passiv. Eigentlich ist alles Empfinden an sich eine Art Unlust, welche
+sich für gewöhnlich nicht fühlbar macht, bei sehr starken Reizen aber,
+z. B. durch allzuhelles Licht, zum Bewusstsein kommt. Der Charakter
+der Lust kommt nur der vollkommenen Wahrnehmung zu, d. h. dem Erkennen,
+das die Materie der Empfindung zur seelischen Form erhebt.
+
+Das Vergleichen und Wiedererkennen in der Wahrnehmung ist wesentlich
+ein unbewusstes Urteilen und Schließen. Das Kind macht schon einen
+Schluss, wenn es von zwei Äpfeln den schöneren wählt. Schließen ist
+jede Erfassung eines Zusammenhanges. Weil aber Urteilen und Schließen
+schnell zu Stande kommen, irrt der Mensch sich dabei leicht, und
+hält auch oft für einen ursprünglichen Begriff, was nur ein auf dem
+Wege des Schließens abgeleitetes Urteil ist. Bei allem, was uns als
+Axiome verkündet wird, soll man doch auf der Hut sein und nachspüren,
+ob es nicht aus Einfacherem abgeleitet werden könne.
+
+4. Diese Aufforderung unseres Philosophen hat im Orient wenig
+gefruchtet. Zwar hat er in Mathematik und Astronomie etwas Schule
+gemacht, aber für seine aristotelische Philosophie gab es weniger
+Liebhaber. Wir kennen nur einen seiner Schüler, der zu den Philosophen
+gezählt wird, Abu-l-Wafa Mubasschir ibn Fatik al-Qaid, einen
+ägyptischen Emir, der im Jahre 1053 ein Werk mit Spruchweisheit,
+Anekdoten zur Philosophiegeschichte u. s. w. lieferte. Von
+eigener Gedankenarbeit ist dabei kaum etwas zu spüren. Es sollte
+unterhalten. Und mehr noch als an solchem Werke erbauten sich die
+Einwohner Kairos in der Folgezeit an den Märchen der Tausend und
+eine Nacht.
+
+Der Orient hat Ibn al-Haitham fast vergessen, ihn und seine Werke
+verketzert. Ein Schüler des jüdischen Philosophen Maimonides
+erzählt, er sei wegen Handelsgeschäfte in Bagdad gewesen, als dort
+die Bibliothek eines Philosophen (gest. 1214) verbrannt wurde. Da
+warf ein Prediger, der die Exekution leitete, mit eigener Hand eine
+astronomische Schrift des Ibn al-Haitham in die Flammen, nachdem er
+auf eine darin abgebildete Weltkugel als das Unglückszeichen verruchter
+Gottlosigkeit hingewiesen hatte.
+
+
+
+
+
+
+
+
+V. DER AUSGANG DER PHILOSOPHIE IM OSTEN.
+
+
+1. Gazali.
+
+1. Wir haben früher schon gesehen, dass die theologische Bewegung
+im Islam stark von der Philosophie beeinflusst war. Nicht nur die
+mutazilitische, sondern auch die antimutazilitische Dialektik holte
+ihre Ansichten und die Argumente, womit sie die eigene Lehre stützte,
+die des Gegners bekämpfte, zum großen Teile aus den Schriften der
+Philosophen. Man nahm aus diesen auf, was man eben brauchen konnte,
+das andere ließ man auf sich beruhen, oder aber man machte den
+Versuch, es zu widerlegen. So entstanden zahlreiche Schriften, gegen
+eine besondere philosophische Lehre oder einen einzelnen Philosophen
+gerichtet. Ein Versuch aber, das ganze System der Philosophie, wie es
+im Osten auf griechischer Grundlage aufgebaut war, nach eingehendem
+Studium von allgemeinen Gesichtspunkten aus zu bekämpfen, ist wohl
+vor Gazali nicht gemacht worden.
+
+Das Unternehmen Gazalis hatte auch eine positive Seite. Neben der
+Dialektik, die die Lehren des Glaubens verständlich zu machen oder
+gar vernünftig zu begründen suchte, lief im Islam eine Mystik her,
+die auf innerliches, gemütliches Erfassen des Dogmas aus war. Nicht
+begreifen oder beweisen wollte sie den Glaubensinhalt, sondern
+erfahren, im Geiste erleben. Dem Glauben soll ja die höchste
+Gewissheit zukommen. Sollte man ihn dann in ein abgeleitetes
+Wissen verwandeln können? Oder sollten seine Sätze Prinzipien der
+Vernunft sein, keines weiteren Beweises fähig noch bedürftig? Aber
+die Grundsätze der Vernunft müssen, wenn sie einmal bekannt sind,
+allgemein anerkannt werden, und die allgemeine Anerkennung fehlt
+den Sätzen des Glaubens. Woher sonst der Unglaube? So wurde weiter
+gefragt. Und als der einzige Ausweg aus solchen Zweifeln erschien
+es vielen, die Glaubenslehre auf eine innere, übervernünftige
+Erleuchtung zu gründen. Anfangs geschah das unbewusst, in mystischem
+Drange, wobei denn oft der Inhalt der Pflichten- und Glaubenslehre
+sehr vernachlässigt wurde. Auch hier hat Gazali eingegriffen. Was
+vielleicht von Salimiten und Karramiten, antimutazilitischen Sekten,
+vorgebildet war, hat er in großem Stile durchgeführt: die Mystik
+trägt und krönt seit seiner Zeit das Lehrgebäude des orthodoxen Islam.
+
+2. Merkwürdig ist die Lebensgeschichte dieses Mannes, und zum
+Verständnis seiner Wirksamkeit ist es unbedingt erforderlich, etwas
+näher darauf einzugehen. Im Jahre 1059 wurde er zu Tos in Chorasan
+geboren, war also ein Landsmann des großen Dichters Firdausi. Wie
+dieser von der alten Herrlichkeit der persischen Nation zeugt,
+so sollte Gazali "Zeugnis und Zierde" des ganzen zukünftigen Islam
+sein. Schon seine Erziehung, nach dem Tode des Vaters im Hause eines
+sufischen Freundes, war mehr universal als national gerichtet. Dem
+unruhigen, phantastischen Geiste des Jünglings sagte auch keine
+Beschränkung zu. In der spitzfindigen Kasuistik der Pflichtenlehre
+mit ihren präzisen Formeln fand er sich nicht zurecht. Er sah sie
+an als ein weltliches Wissen, von dem er sich abwendete, um sich
+in die Erkenntnis Allahs geistig zu vertiefen. Dann studierte
+er in Nischabur Theologie bei einem sufischen Lehrer, dem Imam
+al-Haramain (gest. 1085), während dessen er wohl selbst anfing
+zu schriftstellern und zu lehren, vielleicht auch schon an seiner
+Wissenschaft zu zweifeln. Er begab sich darauf zu Nizam al-Mulk, dem
+Wezir des Seldschukenfürsten, bis er (1091) eine Professur in Bagdad
+erhielt. In diese Zeit fällt jedenfalls die nähere Beschäftigung mit
+der Philosophie. Es war aber nicht reine Liebe zur Wissenschaft,
+die ihn dazu trieb, sondern die Sehnsucht des Herzens, Lösung für
+die Zweifel des Verstandes zu finden. Keine Aufklärung über das
+Weltgeschehen, auch keine Klärung des eigenen Denkens, sondern
+Herzensruhe und die Erfahrung einer höheren Wirklichkeit suchte
+er zu erreichen. Eingehend befasste er sich mit den Schriften der
+Philosophen, besonders denen des Farabi und Ibn Sina, und hauptsächlich
+dem System des letzteren folgend, schrieb er ein philosophisches
+Kompendium, objektiv gehalten, scheinbar mit einiger Teilnahme am
+Inhalt. Er that es, wie er anfangs wohl leise zur Selbstberuhigung,
+später aber laut zu seiner Entschuldigung sagte, nur um der Darstellung
+der philosophischen Lehren die Widerlegung folgen zu lassen. Auch
+diese erschien, wahrscheinlich nicht lange Zeit darauf. Es war die
+berühmte "Ruin der Philosophen", die vermutlich noch in Bagdad oder
+kurz nach seiner Abreise verfasst wurde.
+
+Schon nach vier Jahren nämlich (1095) hatte Gazali seine von äußerem
+Erfolg begleitete Lehrthätigkeit in Bagdad eingestellt. Sein
+immer zweifelnder Geist fand im dogmatischen Vortrag wohl keine
+Befriedigung. Seine glänzende Stellung zog ihn bald an, bald stieß
+sie ihn ab. Er glaubte wohl, auf andere Weise besser die Welt und ihre
+Weisheit bekämpfen zu können, zu sollen. Sein Ehrgeiz war größer als
+diese Welt. Doch tiefer. Während einer Krankheit stand ihm der innere
+Beruf vor der Seele. Im stillen, durch sufische Übungen, sollte er
+sich darauf vorbereiten, vielleicht einmal als religiös-politischer
+Reformator auftreten. Zu derselben Zeit, als die Ritter vom Kreuze im
+Abendlande sich gegen den Islam rüsteten, da bereitete sich Gazali
+zum geistigen Vorkämpfer des muslimischen Glaubens. Nicht gewaltig
+war seine Bekehrung, wie die des heiligen Augustin, sondern dem
+Erlebnis zu vergleichen des heiligen Hieronymus, der im Traume von
+seinen ciceronianischen Liebhabereien zum praktischen Christentum
+berufen ward.
+
+Zehn Jahre ist nun Gazali auf der Wanderschaft, seine Zeit in
+fromme Übungen und litterarische Thätigkeit teilend. In der ersten
+Zeit vermutlich hat er sein theologisch-ethisches Hauptwerk "Die
+Belebung der Religionswissenschaften" geschrieben. Gegen Ende hat
+er reformatorisch zu wirken versucht. Seine Reise führte ihn über
+Damaskus und Jerusalem (noch vor der Einnahme durch die Kreuzfahrer),
+Alexandria, Mekka und Medina nach Hause zurück.
+
+Nach seiner Rückkehr hat Gazali noch auf kurze Zeit in Nischabur
+als Lehrer gewirkt und ist in seiner Vaterstadt Tos am 19. Dez. des
+Jahres 1111 gestorben. Die letzten Jahre gehören hauptsächlich frommer
+Betrachtung und dem Studium der Traditionen, die einmal dem Jüngling
+nicht ins Gedächtnis hinein wollten. Ein schön vollendetes Leben,
+in dem das Ende zum Anfang zurückkehrt.
+
+3. Gazali überschaut die geistigen Strömungen seiner Zeit. Da gibt es
+nun die Dialektik der Theologen, eine sufische Mystik, pythagoreische
+Popularphilosophie und neuplatonischen Aristotelismus. Was die
+Dialektik ergründen will, ist auch Gegenstand seines Glaubens,
+nur dünken ihm ihre Argumente etwas schwach und deshalb viele von
+ihren Behauptungen bedenklich. Der sufischen Mystik fühlt er sich am
+nächsten verwandt, ihr verdankt er das beste: die Begründung seines
+Glaubens in der Persönlichkeit, sodass er als innere Erfahrung
+postulieren kann, was die Dialektiker verstandesmäßig abzuleiten
+versuchen. Auch der Popularphilosophie dankt er Belehrung, über
+Mathematik nämlich, die er durchaus als Wissenschaft anerkennt,
+und ihre astronomischen Folgerungen. Ihre Physik lässt er, wo sie
+nicht gegen den Glauben verstößt, gelten. Aber der Aristotelismus,
+wie er von Farabi und Ibn Sina, nicht weniger autoritätsgläubig als
+die Theologen, gelehrt worden, erscheint ihm als der Feind des Islam,
+den er im Namen sämtlicher muslimischen Schulen und Richtungen,
+also von katholischem Standpunkte, bekämpfen soll. Und zwar mit des
+Aristoteles eigenen Waffen, denen der Logik. Denn ebenso fest wie die
+Sätze der Mathematik, stehen ihm die Grundsätze des Denkens, welche
+die Logik lehrt. Vollbewusst geht er vom Satze des Widerspruchs aus,
+dem sich Gott selbst, nach seiner Behauptung, unterwirft.
+
+Von den physisch-metaphysischen Lehren der Philosophie greift er nun
+hauptsächlich drei an: 1. dass die Welt ewig sei; 2. dass Gott nur
+Allgemeines erkenne und es folglich keine besondere Vorsehung gebe;
+3. dass nur die Seele unsterblich sei und also eine Auferstehung
+des Fleisches nicht zu erwarten. Bei der Widerlegung dieser Lehren
+ist Gazali vielfach abhängig von dem christlichen Kommentator des
+Aristoteles, Johannes Philoponus, der auch gegen des Proklos Lehre
+von der Ewigkeit der Welt geschrieben hat.
+
+4. Die Welt ist nach den Philosophen eine Kugel von endlicher
+Ausdehnung, aber unendlicher Dauer. Von Ewigkeit geht sie aus Gott
+hervor, wie die Wirkung mit der Ursache zugleich ist. Dagegen meint
+Gazali, dass man Raum und Zeit nicht in der Weise verschieden auffassen
+dürfe, und dass die göttliche Ursächlichkeit als freischöpferische
+Macht zu bestimmen sei.
+
+Zunächst Raum und Zeit. Ebensowenig wie Anfang und Ende der Zeit
+können wir uns eine äußerste Grenze des Raumes vorstellen. Wer an eine
+endlose Zeit glaubt, muss, seiner Vorstellung folgend, also auch die
+Existenz eines unendlichen Raumes annehmen. Dass der Raum dem äußeren,
+die Zeit dagegen dem inneren Sinne entspreche, ändert daran nichts,
+denn aus dem Sinnlichen kommen wir doch nicht heraus. Wie der Raum
+zum Körper, so verhält sich die Zeit zur Bewegung des Körpers. Beide
+sind nur Verhältnisse der Dinge, in und mit den Dingen der Welt
+erschaffen, oder vielmehr nur Beziehungen unserer Vorstellungen,
+die Gott in uns schafft.
+
+Wichtiger noch ist es, was Gazali über die Ursächlichkeit
+beibringt. Die Philosophen unterscheiden ein Wirken Gottes,
+der wollenden Geistwesen, der Seele, der Natur, des Zufalles
+oder dergleichen. Für Gazali aber gibt es, wie für den orthodoxen
+Kalam, überhaupt nur eine Kausalität, die des wollenden Wesens. Die
+Naturkausalität beseitigt er ganz, sie löst sich ohne Rest in ein
+Zeitverhältnis auf. Auf eine bestimmte Erscheinung (Ursache) sehen wir
+regelmäßig eine bestimmte andere (Wirkung) folgen; wie sie aber daraus
+erfolgt, bleibt uns ein Rätsel. Von dem Wirken der Naturdinge wissen
+wir nichts. Auch ist jede Veränderung an sich unbegreiflich. Wie etwas
+ein anderes wird, ist dem Denken unfasslich, dieses kann ebensogut
+nach Thatsachen wie nach Ursachen fragen. Etwas ist oder ist nicht,
+aber ein Seiendes in ein Anderes zu verwandeln, dazu ist nicht einmal
+die göttliche Allmacht im Stande. Sie schafft oder vernichtet.
+
+Dennoch ist es eine Thatsache unseres Bewusstseins, dass wir etwas
+wirken. Wenn wir etwas wollen und die Kraft zur Ausführung besitzen,
+nehmen wir den Erfolg als unsere That in Anspruch. Aus freiem Willen,
+mit bewusster Kraft handeln, das ist die einzige Kausalität, davon
+wir wissen, und hieraus schließen wir auf das göttliche Wesen. Mit
+welchem Rechte? In seiner persönlichen Erfahrung des Gottesbildes in
+seiner Seele glaubt Gazali die Berechtigung zu solchem Schlusse zu
+finden. Aber die Gottähnlichkeit seiner Seele will er nicht auf die
+Natur übertragen.
+
+Gott ist ihm demnach, sofern er aus der Welt zu erkennen, das
+allmächtige, freiwollende und wirkende Wesen. Seiner Wirksamkeit darf
+man keine räumliche Schranke setzen, wie die Philosophen thun, wenn
+sie ihn nur auf sein erstes Geschöpf wirken lassen. Andererseits aber
+kann er sein Werk räumlich und zeitlich beschränken, sodass diese
+endliche Welt auch nur eine endliche Dauer besitzt. Dass Gott die
+Welt aus dem Nichts hervorrufe durch eine absolute Schöpfungsthat,
+scheint den Philosophen absurd. Sie erkennen nur einen Wechsel
+der Accidenzen oder Formen an der Einen Materie, ein Wandern des
+Wirklichen von Möglichkeit zu Möglichkeit. Aber entsteht denn nie
+etwas Neues? Ist nicht jede sinnliche Wahrnehmung, so fragt Gazali,
+und jede geistige Perzeption etwas ganz Neues, das entweder ist oder
+nicht ist, bei dessen Entstehen aber nicht das Gegenteil aufhört,
+bei dessen Verschwinden nicht das Entgegengesetzte eintritt? Sind
+auch nicht die vielen individuellen Seelen, die es nach Ibn Sinas
+System geben soll, absolut neu entstanden?
+
+Mit Fragen wird man nicht fertig. Die Vorstellung schweift überall
+in die Weite, das Denken führt uns ins Unendliche. Wie Raum und Zeit,
+lässt sich auch die Reihe der Ursachen nirgendwo abschliessen. Damit
+es aber ein bestimmtes, abgeschlossenes Sein gebe, -- diese Forderung
+stellt Gazali mit den Philosophen -- brauchen wir einen ewigen Willen
+als erste von allem Anderen verschiedene Ursache.
+
+Dies dürfen wir jedenfalls dem Gazali zugestehen: die phantastische
+Formen- und Seelenlehre des Ibn Sina hält seiner Kritik nicht Stand.
+
+5. Wir haben uns schon dem Gottesbegriffe genähert. Den Philosophen
+ist Gott das höchste Sein, dessen Wesen das Denken. Was er erkennt,
+wird, geht aus seinem Überflusse hervor, positiv gewollt aber hat er es
+nicht. Denn alles Wollen setzt einen Mangel, ein Bedürfnis, voraus und
+bedingt eine Veränderung in dem wollenden Wesen. Wollen ist Bewegung
+in der Materie, vollwirklicher Geist will nichts. Gott schaut also in
+wunschloser Betrachtung seiner Schöpfung zu. Er erkennt sich selbst
+oder auch sein erstes Geschöpf oder, nach Ibn Sina, das Allgemeine,
+die ewigen Gattungen und Arten aller Dinge.
+
+Nach Gazali aber soll Gott ewig ein Wille zukommen als eins seiner
+ewigen Attribute. Herkömmlicherweise lässt er zwar in metaphysischen
+und ethischen Betrachtungen das Erkennen dem Wollen vorangehen. Aber
+seiner Überzeugung nach ist im Wissen die Einheit des Wesens nicht mehr
+als im Wollen. Nicht nur die Vielheit der Gegenstände des Wissens und
+ihre verschiedene Beziehung auf das wissende Subjekt, sondern auch das
+Selbstbewusstsein, das Wissen um das Wissen, geht an sich betrachtet
+ins Unendliche. Es muss da ein Willensakt den Abschluss bewirken. In
+der Richtung der Aufmerksamkeit und in der Selbstbesinnung wirkt ein
+ursprüngliches Wollen. Und so kommt auch das göttliche Wissen nur zu
+einem einheitlichen Abschluss, in seiner Persönlichkeit, durch einen
+ursprünglichen, ewigen Willen. Statt der Behauptung der Philosophen,
+Gott wolle die Welt, weil er sie als das Beste denke, setzt Gazali:
+Gott erkennt die Welt, weil und indem er sie will.
+
+Sollte denn Er, der alles will und schafft, sein Werk nicht erkennen
+bis zum kleinsten Stoffteile? Wie sein ewiger Wille aller Einzeldinge
+Ursache, so umfasst sein ewiges Wissen alles Besondere zugleich,
+ohne dass die Einheit seines Wesens dadurch aufgehoben wird. Es gibt
+folglich eine Vorsehung.
+
+Auf die Einwendung, dass die göttliche Vorsehung alles besondere
+Geschehen notwendig mache, entgegnet Gazali, ähnlich wie der
+hl. Augustin, das Vorherwissen unterscheide sich nicht vom Wissen im
+Gedächtnis, d. h. Gottes Wissen sei über jeden Zeitunterschied erhaben.
+
+Es lässt sich fragen, ob nicht Gazali, um den ewigen, allmächtigen
+Schöpferwillen zu retten, sowohl den zeitlichen Charakter der Welt,
+den er beweisen möchte, als die Freiheit des menschlichen Handelns, von
+der er dabei ausgeht, und die er auch nicht ganz aufgeben wollte, jener
+absoluten Macht zum Opfer dargebracht habe. Gott zu liebe verschwindet
+diese Welt der Schatten und der Abbilder, wie er sie nennt.
+
+6. Die dritte Frage, über die Gazali sich mit den Philosophen
+auseinandersetzt, hat weniger philosophisches Interesse. Sie betrifft
+die Auferstehung des Fleisches. Nach den Philosophen ist nur die Seele
+unsterblich, sei es individuell oder als Teil der Weltseele; dagegen
+der Körper vergänglich. Gegen diesen Dualismus, der theoretisch
+zu einer asketischen Ethik führte, praktisch aber sehr leicht in
+Libertinismus sich umsetzte, empört sich das religiös-sittliche Gefühl
+Gazalis. Soll das Fleisch Pflichten haben, so muss es wieder in seine
+Rechte eingesetzt werden. Die Möglichkeit der Auferstehung ist ja nicht
+zu leugnen, denn die Wiedervereinigung der Seele mit ihrem (neuen)
+Körper ist nicht wunderbarer als die erste Verbindung derselben mit
+dem irdischen Leibe, die auch von Philosophen angenommen wird. Kann
+doch jede Seele zur Zeit der Auferstehung einen neuen, ihr passenden
+Leib bekommen. Jedenfalls aber ist die Seele das eigentliche Wesen des
+Menschen; aus welcher Materie ihr himmlischer Körper gebildet wird,
+ist gleichgiltig.
+
+7. Schon aus diesen letzten Sätzen erhellt, dass Gazalis Theologie
+von philosophischer Spekulation nicht unberührt geblieben ist. Wie
+die abendländischen Kirchenväter hat er, bewusst oder unbewusst,
+viel Philosophisches aufgenommen. Von den Muslimen des Westens wurde
+deshalb seine Theologie lange Zeit als Neuerung verketzert. Wirklich
+weist seine Lehre von Gott, von der Welt und der menschlichen Seele
+viele Elemente auf, die dem ältesten Islam fremd sind, und, teils durch
+christliche und jüdische, teils durch spätere muslimische Vermittelung,
+auf heidnische Weisheit zurückgehen.
+
+Allah, der Welten Herr, Mohammeds Gott, ist zwar für Gazali eine
+lebendige Persönlichkeit, aber doch weit weniger anthropomorph als
+er dem naiven Glauben und im antimutazilitischen Dogma erschien. Der
+sicherste Weg, ihn zu erkennen, soll es sein, alle Eigenschaften
+der Geschöpfe ihm abzusprechen. Das heißt aber nicht, dass er keine
+Eigenschaften besitze. Im Gegenteil. Die Vielheit der Bestimmungen
+schadet nicht der Einheit des Wesens. Schon das Körperliche bietet
+dafür Analogien. Ein Ding kann zwar nicht zugleich schwarz und
+weiß, wohl aber kalt und trocken sein. Nur soll man, wenn man
+Gott menschliche Attribute beilegt, diese in anderem, höherem Sinne
+verstehen. Denn er ist reiner Geist. Außer Allwissenheit und Allmacht
+kommen ihm aber auch reine Güte und Allgegenwart zu. Durch diese
+Allgegenwart werden Diesseits und Jenseits einander etwas näher
+gerückt als in der gewöhnlichen Vorstellung.
+
+Gott ist vergeistigt. Nun werden aber auch Auferstehung und
+zukünftiges Leben viel geistiger gefasst als dieses Leben. Die
+philosophisch-gnostische Lehre von drei oder vier Welten ermöglicht
+solche Auffassung. Stufenmäßig erheben sich über einander die irdische
+sinnliche Menschenwelt, die Welt himmlischer Geister, zu der unsere
+Seele gehört, die Welt überhimmlischer Engel, endlich Gott selbst als
+die Welt reinsten Lichtes, vollkommensten Geistes. Aus der niederen
+Welt steigt die fromme erleuchtete Seele durch die Himmel hinauf
+bis vor Gottes Angesicht. Denn sie ist geistiger Natur und ihr
+Auferstehungskörper himmlischen Wesens.
+
+Entsprechend den verschiedenen Welten und den Seelenstufen
+unterscheiden sich auch die Menschen von einander. Der sinnliche Mensch
+muss sich begnügen mit Koran und Tradition, über den Buchstaben darf er
+nicht hinausgehen. Die Pflichtenlehre ist sein Lebensbrot, Philosophie
+wäre für ihn tödliches Gift. Derjenige, der nicht schwimmen kann,
+darf sich nicht ins Meer wagen.
+
+Dennoch gibt es immer Leute, die, um schwimmen zu lernen, ins Wasser
+gehen. Sie wollen ihren Glauben zum Wissen erheben und fallen dabei
+leicht in Zweifel und Unglauben. Für sie, meint Gazali, können Dogmatik
+und Polemik gegen die Philosophie ein nützliches Heilmittel sein.
+
+Auf der höchsten Stufe menschlicher Vollkommenheit stehen aber
+diejenigen, welche ohne schweres Nachdenken durch innere göttliche
+Erleuchtung die Wahrheit und Wirklichkeit der geistigen Welt in sich
+erfahren. Es sind dies die Propheten und frommen Mystiker, zu denen
+Gazali sich zählen darf. In allem sehen sie Gott, ihn, ja ihn allein,
+in der Natur wie im Leben ihrer Seele. Vorzüglich aber in der Seele,
+die zwar nicht gottgleich, aber doch gottähnlich ist. Wie alles Äußere
+jetzt sich ändert! Was scheinbar außer uns besteht, wird zu einem
+Zustande oder einer Eigenschaft der Seele, die im Bewusstsein ihrer
+Vereinigung mit Gott zur höchsten Seligkeit fortschreitet. Alles einigt
+sich da in Liebe. Der wahre Gottesdienst geht über Furcht vor Strafe
+und Hoffnung auf Belohnung hinaus zur Liebe Gottes im Geiste. Über
+Dulden und Danken -- die Pflicht der noch nicht vollendeten frommen
+Wanderer auf Erden -- erhebt sich der vollkommene Gottesdiener,
+schon in dieser Welt Gott freudig zu lieben und zu loben.
+
+8. Es ergeben sich uns aus dem Vorigen drei Stufen des Glaubens
+oder der Gewissheit. Erstens der Autoritätsglaube der Menge: sie
+glaubt, was ihr ein glaubwürdiger Mann erzählt, z. B. dass N. N. da
+im Hause sei. Zweitens das abgeleitete Wissen der Gelehrten: sie
+haben den N. N. reden hören und schließen, dass er sich im Hause
+befinde. Drittens aber die unmittelbare Gewissheit der Erkennenden:
+diese sind ins Haus gegangen und haben mit eigenen Augen den
+N. N. gesehen.
+
+Auf Erfahrung legt Gazali überall Gewicht, den Dialektikern und
+Philosophen gegenüber. Mit ihren allgemeinen Begriffen werden
+sie zunächst der Mannigfaltigkeit dieser sinnlichen Welt nicht
+gerecht. Die sinnlichen Qualitäten der Dinge, auch die Zahl der
+Gestirne z. B. erkennen wir nur durch Erfahrung, nicht aus reinen
+Begriffen. Viel weniger aber noch erschöpfen diese die Höhen und
+Tiefen unseres Inneren. Dem diskursiven Verstande der Gelehrten bleibt
+ewig verborgen, was der Gottesfreund intuitiv erkennt. Sehr wenige
+ersteigen diese Höhe der Erkenntnis, wo sie mit den Gottesgesandten
+und Propheten aller Zeiten zusammentreffen. Ihnen zu folgen ist daher
+die Pflicht der niedriger stehenden Geister.
+
+Wie erkennt man nun aber den überlegenen Geist, dessen man zum Führer
+bedarf? Das ist eine Frage, an der jedes religiös-bestimmte System,
+das menschlicher Vermittler nicht entbehren kann, rein verstandesmäßig
+betrachtet, scheitern muss. Auch Gazalis Antwort ist schwankend. Soviel
+ist ihm gewiss, dass Verstandesgründe allein hier nicht den Ausschlag
+geben können. Den wirklich von Gott erleuchteten Propheten und Lehrer
+erkennt man durch Versenkung in seine einzigartige Persönlichkeit,
+durch die Erfahrung innerer Verwandtschaft. Die Wahrheit der Prophetie
+bewährt sich in ihrem sittlichen Einfluss auf die Seele. Von der
+Wahrhaftigkeit des Gotteswortes im Koran bekommen wir eine moralische,
+keine theoretische Gewissheit. Das einzelne Wunder ist nicht im
+Stande zu überzeugen, sondern die Offenbarung als Ganzes sowie die
+Persönlichkeit des Propheten, durch den die Offenbarung vermittelt,
+machen auf die verwandte Seele einen unwiderstehlichen Eindruck. Von
+diesem Eindrucke ganz hingerissen, entsagt sie der Welt, um die Pfade
+Gottes zu wandern.
+
+9. Gazali ist ohne Zweifel die merkwürdigste Gestalt des Islam. Seine
+Lehre ist ein Ausdruck seiner Persönlichkeit. Auf das Verständnis
+dieser Welt hat er verzichtet. Aber das religiöse Problem hat er
+viel tiefer erfasst als die Philosophen seiner Zeit. Diese waren,
+wie ihre griechischen Vorgänger, intellektualistisch, sahen folglich
+die Lehren der Religion an nur als Produkte der Vorstellung, der
+Phantasie oder auch der Willkür des Gesetzgebers. Ihnen zufolge war
+Religion entweder blinder Gehorsam oder eine Art Erkenntnis, eine
+Wahrheit niederer Ordnung enthaltend.
+
+Dagegen stellt Gazali Religion als Erfahrung seines Inneren hin. Mehr
+als Gesetz und mehr als Lehre ist sie ihm, sie ist Seelenerlebnis.
+
+Nicht jeder erlebt das so wie Gazali. Wer ihm aber bei seinem
+mystischen Fluge, über die Bedingungen möglicher Erfahrung hinaus,
+nicht folgen kann, wird doch eingestehen müssen, dass seine Irrfahrten
+auf der Suche nach dem Höchsten für die Geschichte des menschlichen
+Geistes nicht weniger wichtig sind als die scheinbar sicheren Gänge
+der Philosophen seiner Zeit durch ein Land, das andere vor ihnen
+entdeckt haben.
+
+
+
+
+2. Die Kompendienschreiber.
+
+1. In einer Geschichte des gelehrten Unterrichtes bei den muslimischen
+Völkern müsste dieser Gegenstand einen größeren Raum einnehmen;
+wir werden ihn hier mit wenigen Worten abthun.
+
+Dass Gazali die Philosophie für alle Folgezeit vernichtet habe,
+ist eine oft wiederholte, aber ganz irrige Behauptung, die weder von
+geschichtlichem Wissen noch von Verständnis zeugt. Die Philosophie hat
+im Osten nach ihm ihre Lehrer und Schüler zu Hunderten und Tausenden
+gezählt. Ebensowenig wie die Pflichtenlehrer ihre spitzfindige
+Kasuistik, haben die Glaubenslehrer ihre dialektischen Argumente zur
+Stütze des Dogmas aufgegeben. Und die allgemeine Bildung hat einen
+Bestandteil philosophischer Gelehrsamkeit in sich aufgenommen.
+
+Freilich, eine hervorragende Stellung hat die Philosophie
+sich nicht zu erobern, ihr früheres Ansehen nicht zu erhalten
+gewusst. Nach einer arabischen Anekdote soll ein Philosoph, der
+in Gefangenschaft geraten war und von einem Manne, der ihn als
+Sklaven kaufen wollte, befragt wurde, wozu er tauge, die Antwort
+gegeben haben: Zur Freiheit. Philosophie braucht Freiheit. Und wo
+gab es diese im Orient? Freiheit von materiellen Sorgen, Freiheit
+zur Bethätigung uninteressierten Denkens schwanden immer mehr dahin,
+wo keine aufgeklärten Despoten im Stande waren, sie zu gewähren und zu
+schützen. Als glaubens- und staatsgefährlich wurden die Philosophen an
+manchen Orten verfolgt. Es ist das nur ein Zeichen des allgemeinen
+Kulturverfalles. Wenn auch abendländische Reisende des zwölften
+Jahrhunderts die Kultur des Ostens höchlich preisen, so war sie doch,
+mit früheren Zeiten verglichen, im Niedergang begriffen. Auf keinem
+Gebiete ging man über das alte hinaus, dazu waren die Geister zu
+schwach. Die litterarische Produktion stockte und den Vielschreibern
+der folgenden Jahrhunderte gebührt nur das Verdienst der schönen
+Auswahl. Die Pflichten- und die Glaubenslehre mit der Mystik hatten
+ihren Abschluss gefunden. Ebenso die Philosophie. Nach Ibn Sina, ihrem
+Fürsten, mit selbständigen Ansichten hervorzutreten, fühlte keiner
+sich berufen. Es war die Zeit gekommen der Kompendien, der Kommentare,
+der Glossen und Superglossen. Damit vertrieb die gelehrte Welt sich
+in der Schule die Zeit, während die gläubige Menge sich immer mehr
+der Führung der Derwischorden unterstellte.
+
+2. Die allgemeine Bildung entnahm am meisten der philosophischen
+Propädeutik, etwas Mathematik u. s. w., in der Regel natürlich
+höchst elementar. Von Sektierern und Mystikern wurde vieles der
+pythagoreisch-platonischen Weisheit entlehnt. Besonders den Heiligen-
+und Wunderglauben zu stützen, mussten jene Lehren herhalten. Eine
+wüste, synkretistische Theosophie schmückte sich damit. Sie nahm
+auch den Aristoteles, natürlich den unechten, unter ihre Lehrer auf,
+machte ihn aber zum Schüler des Agathodaemon und Hermes.
+
+Die nüchternen Geister dagegen hielten sich an dem Aristotelismus,
+soweit er sich mit ihren eigenen Ansichten oder dem orthodoxen Glauben
+vertrug. Fast allgemein folgte man dem System des Ibn Sina, nur wenige
+gingen auf Farabi zurück oder suchten beide zu vereinigen. Von den
+physischen und metaphysischen Lehren nahm man weniger Notiz; Ethik
+und Politik wurden schon mehr gepflegt; allgemein studiert aber nur
+die Logik. Diese ließ sich trefflich in schulmäßige Form bringen, als
+reine Formallogik war sie ein Werkzeug, dessen sich jeder bedienen
+konnte. Mit den Mitteln der Logik ließ sich ja alles beweisen. Und
+wenn einmal ein Beweis als fehlerhaft erkannt wurde, so tröstete man
+sich damit, dass die Behauptung doch richtig sein könnte, wenn auch
+der Beweis dafür nicht richtig geführt worden war.
+
+Schon in der Encyklopädie des Abu Abdallah al-Chwarizmi aus dem
+letzten Viertel des zehnten Jahrhunderts war der Logik ein größerer
+Raum zugemessen als der Physik und Metaphysik. Ebenso machten es
+viele spätere Encyklopädien und Sammelwerke. Auch die Dogmatiker
+fingen ihr System an mit logischen und erkenntnistheoretischen
+Betrachtungen, in denen dem "Wissen" ein traditionelles Lob gespendet
+wurde. Und seit dem zwölften Jahrhundert entstand eine ganze Menge
+Einzelbearbeitungen des aristotelischen Organons. Als vielgebraucht,
+kommentiert u. s. w. seien hier nur genannt die Werke des Abhari
+(gest. 1264), der unter dem Titel Isagudschi (eisagôgê) eine kurze
+Übersicht der ganzen Logik gab, und des Qazwini (gest. 1276).
+
+An der größten Universität der muslimischen Welt, in Kairo,
+werden heutzutage noch die Kompendien des 13. und 14. Jahrhunderts
+gebraucht. Dort heißt es noch, wie lange Zeit bei uns: Zuerst
+Collegium logicum! Selbstverständlich mit keinem besseren Erfolge. Man
+lässt sich, innerhalb der Schranken des Gesetzes, die von den alten
+Philosophen aufgefundenen Regeln des Denkens gefallen, lächelt aber
+dabei über jene Männer und über die mutazilitischen Dialektiker, die
+"an die Vernunft geglaubt".
+
+
+
+
+
+
+
+
+VI. DIE PHILOSOPHIE IM WESTEN.
+
+
+1. Die Anfänge.
+
+1. Zum muslimischen Occidente rechnet man das westliche Nordafrika,
+Spanien und Sizilien. Nordafrika hat zunächst untergeordnete
+Bedeutung. Sizilien richtet sich nach Spanien und wird bald von den
+Nordmannen Unteritaliens unterworfen. Für unseren Zweck kommt zunächst
+das muslimische Spanien oder Andalusien in Betracht.
+
+Das Kulturschauspiel des Orients erlebt hier eine zweite
+Aufführung. Wie dort Araber mit Persern, so vermählen sich hier
+Araber mit Spaniern. Und statt der Türken und Mongolen gibt es hier
+die Berbern Nordafrikas, deren rohe Kraft immer mehr zerstörend in
+das Spiel feinerer Bildung eingreift.
+
+Nach dem Sturze der Omajjaden in Syrien (750) hat sich einer aus ihrem
+Hause, Abderrachman ibn Moawia, nach Spanien begeben, wo er sich zum
+Emir von Kordova und ganz Andalusien emporzuarbeiten wusste. Über
+250 Jahre dauerte diese Omajjadenherrschaft und erreichte, nach
+vorübergehender Kleinstaaterei, unter Abderrachman III. (912-961),
+dem ersten, der sich Chalif nennen ließ, und dessen Sohn al-Hakam
+II. (961-976) ihren Glanzpunkt. Das zehnte Jahrhundert war für Spanien,
+was das neunte für den Orient: die Zeit höchster materieller und
+geistiger Kultur. Wenn möglich war sie hier frischer, naturwüchsiger
+als dort. Produktiver, wenn es wahr ist, dass alles Theoretisieren
+entweder einen Mangel oder eine Stockung der Produktionskraft
+bedeutet. Die Wissenschaften, und besonders die Philosophie, fanden
+hier nämlich weit weniger Vertreter. Überhaupt waren die Verhältnisse
+geistigen Lebens einfacher gestaltet. Die Zahl alter Kulturschichten
+war geringer. Wohl hatte man hier außer Muslimen Juden und Christen,
+die sich zu Abderrachmans III. Zeit gemeinschaftlich am Kulturleben
+arabischen Stempels beteiligten. Aber Anhänger des Zoroaster,
+Atheisten u. s. w. gab es nicht. Auch waren die Parteiungen des
+östlichen Islam fast unbekannt. Nur eine Rechtschule, die des Malik,
+fand Eingang. Mutazilitische Dialektik störte nicht den Frieden des
+Glaubens. Zwar verherrlichten die andalusischen Dichter die Dreiheit:
+Wein, Weib und Gesang, aber frivole Freigeisterei einerseits, düstere
+Weltflucht und Theosophie andererseits kamen nur selten zum Ausdruck.
+
+Im ganzen war die geistige Kultur vom Orient abhängig. Seit dem
+zehnten Jahrhundert wurden aus Spanien viele wissenschaftliche Reisen
+dorthin, über Ägypten bis zum östlichen Persien, unternommen, um den
+Vorlesungen berühmter Gelehrten beizuwohnen. Und das Bedürfnis nach
+Bildung in Andalusien lockte auch manch orientalischen Gelehrten,
+der in seiner Heimat keine Beschäftigung fand, herbei. Dazu ließ
+al-Hakam II. überall im Osten Bücher abschreiben für seine Bibliothek,
+deren Bändezahl auf 400000 angegeben wird.
+
+Hauptsächlich interessierte der Westen sich für Mathematik und
+Naturwissenschaft, Astrologie und Medizin, ebenso wie anfangs der
+Osten. Poesie, Geschichte und Geographie wurden eifrig gepflegt. Der
+Geist war noch von des Gedankens Blässe nicht angekränkelt. Als
+Abdallah ibn Masarra von Kordova, unter Abderrachman III., mit
+Naturphilosophie nach Hause kam, musste er seine Schriften verbrennen
+sehen.
+
+2. Im Jahre 1013 wurde Kordova, "die Zierde der Welt", von den
+Berbern verwüstet und das Omajjadenreich zerfiel in eine Anzahl
+kleiner Staaten. Ihre Nachblüte füllt das elfte Jahrhundert, die
+mediceische Zeit Spaniens, aus. An den städtischen Höfen gedeihen
+noch Kunst und Poesie, üppig wuchernd auf den Trümmern alter
+Herrlichkeit. Die Kunst verfeinert sich, die Poesie wird weise, subtil
+der wissenschaftliche Gedanke. Aus dem Orient zieht man immerfort
+geistige Nahrung. Naturphilosophie, die Schriften der treuen Brüder,
+die Logik aus der Schule des Abu Sulaiman al-Sidschistani halten nach
+einander ihren Einzug. Gegen Ende des Jahrhunderts spürt man auch
+den Einfluss der Schriften Farabis und wird Ibn Sinas Medizin bekannt.
+
+Die Anfänge philosophischen Nachdenkens finden wir zumeist bei den
+zahlreichen gebildeten Juden. Mächtig und ganz eigenartig wirkt
+die Naturphilosophie des Ostens auf Ibn Gebirol, den Avencebrol
+christlicher Schriftsteller. Bachja ibn Pakuda wird von den treuen
+Brüdern beeinflusst. Sogar die religiöse Poesie der Juden wird von
+der philosophischen Bewegung ergriffen. Es spricht darin die Seele,
+die sich zum Geiste erhebt, nicht die jüdische Gemeinde, die ihren
+Gott sucht.
+
+Unter den Muslimen blieb die Zahl derjenigen, die sich eingehend mit
+Philosophie beschäftigten, sehr beschränkt. Kein Meister sammelte
+eine zahlreiche Jüngerschaar um sich, gelehrte Sitzungen, in denen
+über philosophische Gegenstände disputiert wurde, fanden kaum
+statt. So musste sich hier der einzelne Denker wohl ganz vereinsamt
+fühlen. Subjektiv wie im Orient, bildete sich auch im Westen die
+Philosophie aus. Aber sie war hier mehr nur die Sache vereinzelter
+Individuen und stand dazu dem Glauben der Menge ferner. Im Orient gab
+es zahllose Vermittelungen zwischen Glauben und Wissen, zwischen den
+Philosophen und der gläubigen Gemeinde. Das Problem des denkenden
+Individuums gegenüber der staatlichen Gesellschaft und dem Glauben
+beschränkter fanatischer Massen wurde daher im Westen schärfer gefasst.
+
+
+
+
+2. Ibn Baddscha.
+
+1. Gegen Ende des elften Jahrhunderts, als Abu Bekr Mohammed
+ibn Jachja ibn al-Saig ibn Baddscha in Saragossa geboren wurde,
+war das schöne Andalusien nahe daran, in seiner Kleinstaaterei
+unterzugehen. Von Norden her wurde es von den weniger gebildeten,
+aber kräftigen und tapferen Christenrittern bedroht. Da griff aber
+rettend die berberische Dynastie der Almoraviden ein, die nicht nur
+fester im Glauben, sondern auch klüger in der Politik war als die
+üppigen Herrschergeschlechter Spaniens. Jetzt schien die Zeit feiner
+Bildung und freien Forschens für immer dahin. Nur Traditionarier der
+strengsten Observanz durften öffentlich auftreten. Und die Philosophen,
+wenn sie sich nicht verborgen hielten, wurden verfolgt oder getötet.
+
+2. Aber barbarische Herren haben ihre Grillen, indem sie die
+Bildung der von ihnen Unterworfenen, wenigstens äußerlich, sich
+anzueignen lieben. Also nahm sich Abu Bekr ibn Ibrahim, Schwager des
+Almoravidenfürsten Ali, der einige Zeit Gouverneur Saragossas war,
+zum großen Ärgernis seiner Faqihs und Soldaten, den Ibn Baddscha
+zum Vertrauten und ersten Minister. Dieser Mann nun war in den
+mathematischen Wissenschaften, besonders in der Astronomie und Musik,
+dazu in der Medizin, theoretisch und praktisch bewandert und gab sich
+mit logischen, naturphilosophischen und metaphysischen Spekulationen
+ab. Er war nach der Ansicht der Fanatiker ein ganz verrückter Atheist
+und unsittlicher Mensch.
+
+Von dem äußeren Leben Ibn Baddschas wissen wir ferner nur, dass er im
+Jahre 1118 nach dem Falle Saragossas zu Sevilla war, wo er mehrere
+seiner Schriften verfasste, darauf in Granada, und dass er sich
+nach Fez an den Almoravidenhof begab, wo er im Jahre 1138 starb. Der
+Überlieferung nach fand er, auf Veranlassung eines neidischen Arztes,
+den Gifttod. Glücklich war, nach seinem Selbstbekenntnis, sein kurzes
+Leben nicht gewesen. Oft hatte er sich, als letzte Zuflucht, den
+Tod herbeigesehnt. Materielle Not, vor allem geistige Vereinsamung
+mögen ihn gedrückt haben. Dass er zu seiner Zeit, in seiner Umgebung,
+sich nicht heimisch fühlen konnte, zeigen zur Genüge die erhaltenen
+Schriften.
+
+3. Er schließt sich fast ganz an Farabi, den einsamen, stillen Mann des
+Orients an. Wie dieser hat er wenig systematisiert. Die Zahl seiner
+selbständigen Abhandlungen ist nicht groß. Aus kurzen Erläuterungen
+zu den aristotelischen und anderen philosophischen Schriften besteht
+das meiste. Seine Bemerkungen sind abgerissen, bald fängt er hier,
+bald dort von neuem an. Mit immer neuen Ansätzen sucht er sich dem
+griechischen Gedanken zu nähern, von den verschiedensten Seiten in
+die alte Wissenschaft einzudringen. Die Philosophie wird er nicht los,
+und er wird nicht fertig mit ihr. Auf den ersten Blick macht das einen
+verwirrenden Eindruck. Im dunklen Drange aber ist der Philosoph sich
+seiner Wege bewusst. Auf der Suche nach Wahrheit und Recht findet er
+ein anderes, Einheit und Freude seines Lebens. Gazali hat es sich,
+seiner Meinung nach, gar zu leicht gemacht, als er glaubte, nur
+im Vollbesitz der durch göttliche Erleuchtung erfassten Wahrheit
+glücklich sein zu können. Der Wahrheit zu liebe, die sich in den
+sinnlichen Bildern religiöser Mystik mehr verhüllt als aufdeckt,
+soll der Philosoph stark genug sein, jenem Glücke zu entsagen. Nur
+vom reinen Denken, das keine Sinnenlust trübt, wird die höchste
+Gottheit geschaut.
+
+4. In seinen logischen Schriften hat Ibn Baddscha sich kaum von Farabi
+entfernt. Auch seine physischen und metaphysischen Lehren stimmen im
+allgemeinen zu den Ansichten des Meisters. Nur die Art und Weise,
+in der er die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes und
+die Stellung des Menschen in Wissenschaft und Leben darlegt, darf
+einiges Interesse beanspruchen.
+
+Zwei Arten des Seienden gibt es ihm zufolge: ein bewegtes und ein
+unbewegtes. Das Bewegte ist körperlich, begrenzt, aber seine ewige
+Bewegung lässt sich aus dem endlichen Körper nicht erklären. Es
+bedarf, im Gegenteil, zur Erklärung dieser unendlichen Bewegung einer
+unendlichen Kraft oder eines ewigen Wesens, des Geistes. Indem nun das
+Körperliche oder Natürliche von außen bewegt wird und der Geist, selbst
+unbewegt, dem Körperlichen Bewegung verleiht, steht das Seelische als
+das sich selbst Bewegende in der Mitte. Das Verhältnis nun zwischen
+dem Natürlichen und dem Seelischen macht dem Ibn Baddscha ebensowenig
+Mühe wie seinen Vorgängern. Das Hauptproblem aber ist dieses: Wie
+verhalten sich Seele und Geist zu einander, namentlich im Menschen?
+
+5. Ibn Baddscha geht von der Voraussetzung aus, dass der Stoff nicht
+ohne irgend eine Form sein kann, wohl aber die Form rein für sich
+ohne Stoff. Sonst nämlich ließe sich überhaupt keine Veränderung
+denken, denn dieselbe ist nur möglich durch das Kommen und Gehen der
+substantiellen Formen.
+
+Diese Formen nun, vom Hylischen bis zum rein Geistigen, bilden eine
+Reihe, der die Entwicklung des menschlichen Geistes entspricht,
+sofern nämlich er das Vernunftideal verwirklicht. [16] Des
+Menschen Aufgabe ist es, sämtliche geistigen Formen zu erfassen,
+zunächst die intelligibelen Formen alles Körperlichen, dann die
+sinnlich-geistigen Vorstellungen der Seele, darauf den Menschengeist
+selbst und den thätigen Geist über ihn, endlich die reinen Geister
+der Himmelsphären. Durch successive Erhebung aus dem Individuellen,
+Sinnlichen, dessen Vorstellung den Stoff des Geistes bildet, gelangt
+der Mensch zum Übermenschlichen und Göttlichen. Dazu führt ihn
+nun die Philosophie oder die Erkenntnis des Allgemeinen, die durch
+Studium und Nachdenken aus der Erkenntnis des Individuellen, aber
+mit Hilfe des erleuchtenden Geistes von oben hervorgeht. Gegenüber
+dieser Erkenntnis des Allgemeinen oder Unendlichen, in dem Sein
+und Gedachtwerden zusammenfallen, erweist sich alles Wahrnehmen und
+Vorstellen als trüglich. In der Vernunfterkenntnis also und nicht in
+mystisch-religiösen Träumereien, denen immer Sinnliches anhaftet,
+erreicht der menschliche Geist seine Vollkommenheit. Denken
+ist die höchste Seligkeit, denn alles Intelligibele ist seiner
+selbst Zweck. Da es aber das Allgemeine ist, so lässt sich ein
+Fortbestehen individueller Menschengeister über dieses Leben
+hinaus nicht annehmen. Es möge die Seele, die im sinnlich-geistigen
+Vorstellungsleben das Individuelle erfasst und in einzelnen Begierden
+und Handlungen sich kund gibt, nach dem Tode weiter bestehen können und
+Strafe oder Belohnung erhalten, der Geist aber oder der vernünftige
+Teil der Seele ist in allen eins. Ewig ist nur der Geist der ganzen
+Menschheit in seiner Vereinigung mit dem thätigen Geiste über
+ihm. Diese Lehre, unter dem Namen des Averroes in das christliche
+Mittelalter eingedrungen, findet sich also schon bei Ibn Baddscha,
+wenn nicht ganz scharf gefasst, doch klarer als bei Farabi.
+
+6. Nicht jeder Mensch erhebt sich zu solcher Höhe der Betrachtung. Die
+meisten tasten immer im Dunkeln herum, nur Schattenrisse der Dinge
+sehen sie und wie Schatten werden sie vergehen. Einige sehen das
+Licht zwar und die farbige Welt der Dinge, aber ganz wenige erkennen
+das Wesen dessen, was sie gesehen. Nur die letzteren, die Seligen,
+erreichen das ewige Leben, in dem sie selbst zu Licht werden.
+
+Wie gerät nun aber der Einzelne zu dieser Stufe des Erkennens und
+seligen Seins? Durch vernünftiges Handeln und freie Ausbildung
+seiner intellektuellen Kräfte. Vernünftiges Handeln ist freies
+d. h. zweckbewusstes Handeln. Wenn einer z. B. einen Stein zerschlägt,
+weil er sich daran gestoßen, so handelt er zwecklos wie ein Tier oder
+ein Kind; thut er es aber, damit sich andere nicht daran stoßen werden,
+so ist seine That menschlich, vernünftig zu nennen.
+
+Um menschlich leben, vernünftig handeln zu können, muss unter Umständen
+der Einzelne sich aus der Gesellschaft zurückziehen. Ibn Baddschas
+Ethik heißt "die Leitung des Einsamen". Zur Selbsterziehung fordert
+sie auf. In der Regel aber kann man sich der Vorteile menschlichen
+Zusammenlebens bedienen, ohne die Nachteile mit in den Kauf zu
+nehmen. Zu kleineren oder größeren Verbänden können die Weisen
+sich zusammenschließen, ja das ist sogar ihre Pflicht, wenn sie
+sich treffen. Sie bilden dann einen Staat im Staate. Naturgemäß
+versuchen sie zu leben, sodass unter ihnen weder Arzt noch Richter
+nötig ist. Wie Pflanzen in freier Luft wachsen sie auf und brauchen
+die Kunst der Gärtner nicht. Von den niederen Genüssen und Gesinnungen
+der Menge halten sie sich fern. Sie sind Fremdlinge in dem weltlichen
+Treiben der Gesellschaft. Und da sie Freunde unter einander sind,
+wird dieses Leben ganz von der Liebe bestimmt. Und als Freunde Gottes,
+der die Wahrheit ist, finden sie ihre Ruhe in der Vereinigung mit
+dem übermenschlichen Geiste der Erkenntnis.
+
+
+
+
+3. Ibn Tofail.
+
+1. Die Herrschaft über den westlichen Islam verblieb den Berbern, aber
+an die Stelle der Almoraviden traten alsbald die Almohaden. Der Gründer
+der neuen Dynastie, Mohammed ibn Tumart, war seit 1121 als Mahdi
+aufgetreten. Unter seinen Nachfolgern Abu Jaaqub Jusuf (1163-1184)
+und Abu Jusuf Jaaqub (1184-1198) erreichte ihre Herrschaft, deren
+Sitz Marokko, den Höhepunkt.
+
+Eine gewaltige Neuerung in der Theologie führten die Almohaden herbei:
+das bis jetzt verketzerte System der Aschari und Gazali wurde im Westen
+aufgenommen. Das bedeutete eine Vergeistigung der Glaubenslehre,
+die weder Altgläubige noch Freidenker ganz befriedigen konnte, aber
+doch manchen zu weiterem Philosophieren angeregt haben mag. Bisher
+hatte man sich gegen alles Räsonnieren in Glaubenssachen ablehnend
+verhalten, und auch später noch waren viele Politiker und Philosophen
+der Ansicht, an dem Glauben der Menge solle man nicht rütteln, noch
+ihn zum Wissen erheben, sondern die Gebiete der Religion und der
+Philosophie reinlich scheiden.
+
+Die Almohaden waren theologisch interessiert, doch zeigten Abu
+Jaaqub und dessen Nachfolger, soweit die politischen Verhältnisse
+es erlaubten, ein derartiges Verständnis für weltliches Wissen, dass
+eine kurze Blüte der Philosophie an ihrem Hofe hervorbrechen konnte.
+
+2. Nachdem er in Granada eine Sekretärstelle bekleidet hatte, finden
+wir den Abu Bekr Mohammed ibn Abdalmalik ibn Tofail al-Qaisi als
+Wezir und Leibarzt des Abu Jaaqub. In der kleinen andalusischen Stadt
+Guadix war er geboren und in der Residenz Marokko starb er im Jahre
+1185. Dazwischen liegt sein, wie es scheint, wenig wechselreiches
+Leben. Er liebte die Bücher mehr als die Menschen und in der großen
+Bibliothek seines Herrn las er sich vieles zusammen, das er für
+seine Kunst brauchte oder das seiner Wissbegierde zusagte. Er war der
+Dilettant unter den Philosophen des Westens, mehr zu beschaulichem
+Genießen als zu wissenschaftlicher Arbeit aufgelegt. Zum Schreiben kam
+er selten. Seiner Behauptung, das ptolemäische Weltsystem gründlich
+verbessern zu können, braucht man wohl nicht unbedingt Glauben zu
+schenken. Viele Araber haben Ähnliches behauptet, sie thaten es
+aber nicht.
+
+Von Ibn Tofails poetischen Versuchen haben sich ein paar Gedichte
+erhalten. Sein Hauptbestreben aber war, dem des Ibn Sina ähnlich,
+griechische Wissenschaft mit orientalischer Weisheit zu einer
+modernen Weltansicht zu vereinigen. Wie Ibn Baddscha war ihm das ein
+persönliches Anliegen. Das Verhältnis des einzelnen zu der Gesellschaft
+und ihren Vorurteilen beschäftigte auch seinen Geist. Aber er ging
+weiter. Ibn Baddscha ließ als Regel den einzelnen oder einen kleinen
+Kreis selbständiger Denker einen Staat im Staate bilden, gleichsam wie
+ein Abbild des großen Ganzen oder als Vorbild für bessere Zeiten. Ibn
+Tofail dagegen griff auf das Original zurück.
+
+3. In seinem Werke "Hai ibn Jaqzan" stellt er den Fall rein dar. Zwei
+Inseln bilden die Scenerie: auf die eine versetzt er die menschliche
+Gesellschaft mit ihrer Konvention, auf die andere ein Individuum,
+das sich natürlich entwickelt. Die Gesellschaft als Ganzes wird
+von niederen Trieben, nur äußerlich durch eine grobsinnliche
+Religion etwas gebändigt, beherrscht. Aber zwei Männer aus dieser
+Gesellschaft, Salaman und Asal (Absal, vgl. IV, 4 § 7) genannt,
+erheben sich zu vernünftiger Erkenntnis und Beherrschung ihrer
+Begierden. Mit Anbequemung an die Volksreligion weiß der erstere,
+der praktischen Sinnes ist, das Volk zu regieren; der andere aber,
+von spekulativer Anlage und mystischer Neigung, wandert aus nach
+der gegenüberliegenden, wie er glaubt, unbewohnten Insel, dort dem
+Studium und der Askese sich zu ergeben.
+
+Auf jener Insel aber war unser Hai ibn Jaqzan, d. h. der
+Einsame, der Sohn des Wachenden, zu einem vollkommenen Philosophen
+herangebildet. Als Kind nach der Insel verschlagen oder durch spontane
+Generation daselbst entstanden, war er von einer Gazelle gesäugt
+worden, hatte sich dann nach und nach, wie ein Robinson, aber ganz
+auf eigene Mittel angewiesen, eine materielle Existenz gegründet,
+ferner durch Beobachtung und Nachdenken sich die Erkenntnis der Natur,
+der Himmel, Gottes und seines Inneren erworben, bis er nach 7 × 7
+Jahren das Höchste erreichte, nämlich das sufische Schauen Gottes,
+die Ekstase. In diesem Zustande fand ihn Asal. Nachdem sie dazu
+gelangt waren, sich zu verständigen -- Hai war anfangs noch ohne
+Sprache -- stellte es sich heraus, dass die Philosophie des Einen
+und die Religion des Anderen zwei Formen derselben Wahrheit waren,
+nur in der ersteren etwas weniger verschleiert. Als dann aber Hai
+erfuhr, dass auf der gegenüberliegenden Insel ein ganzes Volk in
+dunklem Irrtum verharrte, fasste er den Entschluss, dahin zu gehen,
+den Leuten die Wahrheit zu enthüllen. Da musste er aber die Erfahrung
+machen, dass die Menge einer reinen Auffassung der Wahrheit nicht fähig
+war, und dass Mohammed weise daran gethan, als er dem Volke statt des
+vollen Lichtes Sinnbilder gegeben hatte. Nach diesem Ergebnis zog er
+sich deshalb mit seinem Freunde Asal auf die unbewohnte Insel zurück,
+Gott im Geist und Wahrheit zu dienen bis zum Tode.
+
+4. Ibn Tofail hat den weitaus größten Teil seines Romans dem
+Entwicklungsgange Hais gewidmet. Es wird nun aber wohl nicht seine
+Meinung gewesen sein, das auf sich selbst gestellte Individuum könne es
+an der Hand der Natur ohne die Hilfe der Gesellschaft so weit bringen,
+wie unser Hai. Er dachte doch wohl etwas mehr historisch als einige
+Aufklärer des vorigen Jahrhunderts. Viele kleine Züge in seinem Werke
+zeigen, dass Hai der Vertreter der außerhalb der Offenbarung stehenden
+Menschheit sein soll. Was sich in ihm vollzieht, ist die Entwicklung
+indischer, persischer, griechischer Weisheit. Ein paar Andeutungen in
+dieser Richtung, die hier nicht weiter verfolgt werden kann, mögen
+diese Ansicht wahrscheinlich machen. So ist es zunächst bedeutsam,
+dass Hai auf der Insel Ceylon lebt, deren Klima die spontane Generation
+ermöglichen soll, wo der Sage nach Adam, der erste Mensch, erschaffen
+wurde und wo der indische König zum Weisen kam. Hais erste religiöse
+Bewunderung, nachdem er sich aus tierischen Anfängen durch Scham und
+Neugierde emporgearbeitet, gilt dem von ihm entdeckten Feuer, was
+an die persische Religion erinnert. Und seine weiteren Spekulationen
+sind der griechisch-arabischen Philosophie entlehnt.
+
+Die Verwandtschaft mit Ibn Sinas Hai-Gestalt (s. IV, 4 § 7), auf die
+Ibn Tofail selbst hinweist, ist klar. Nur tritt Hai hier menschlicher
+auf. Ibn Sinas Figur stellt den übermenschlichen Geist dar. Der
+Romanheld Ibn Tofails aber scheint die Personifikation zu sein des
+natürlichen, von oben her erleuchteten Geistes der Menschheit, der
+mit der richtig verstandenen Prophetenseele Mohammeds, deren Aussagen
+allegorisch zu deuten sind, vortrefflich übereinstimmen soll.
+
+Ibn Tofail ist somit zu denselben Ergebnissen gekommen wie seine
+orientalischen Vorgänger. Dem gemeinen Manne muss die Religion erhalten
+bleiben, weil er nicht darüber hinaus kann. Nur wenige erheben
+sich zum Verständnis der religiösen Symbole. Und ganz vereinzelt
+erreicht einer die freie Anschauung der höchsten Wirklichkeit. Mit
+dem größten Nachdruck ist letzteres hier hervorgehoben. Auch wenn
+man in Hai den Vertreter der Menschheit findet, wird man das nicht
+leugnen können. Als die höchste Vollkommenheit des Menschen wird es
+hingestellt, in einsamster Stille, von allem Sinnlichen abgewendet,
+sein Selbst in den Weltgeist zu versenken.
+
+Freilich, dazu kommt es erst im Alter, das außerdem einen menschlichen
+Freund findet. Und die Beschäftigung mit dem Materiellen, mit
+Künsten und Wissenschaften, bildet die natürliche Vorstufe geistiger
+Vollkommenheit. Ohne Reue und Scham darf also Ibn Tofail auf sein am
+Hofe verbrachtes Leben zurückschauen.
+
+5. Die philosophischen Ansichten, die Hai sich in seinen sieben
+Lebensperioden entwickelte, sind uns schon öfter begegnet. Aber
+auch sein praktisches Verhalten wird von Ibn Tofail besonders
+berücksichtigt. Sufische Übungen, wie sie in orientalischen
+Ordensgemeinschaften noch befolgt werden, wie sie aber auch
+schon von Platon und Neuplatonikern empfohlen worden, haben die
+Stelle gottesdienstlicher Handlungen nach dem muslimischen Gesetze
+eingenommen. Und Hai bildet sich in der siebenten Periode seines
+Lebens eine Ethik aus, die pythagoreisch aussieht.
+
+Als den Zweck seines Handelns hat sich dem Hai ergeben, in allem das
+Eine zu suchen und sich mit dem Absoluten, Selbständigbestehenden
+zu vereinigen. Diesem Höchsten sieht er nämlich die ganze Natur
+zustreben. Über die Ansicht, alles auf Erden sei des Menschen wegen
+da, ist er hinaus. Tier und Pflanze leben ebenfalls für sich selbst
+und für Gott. Nicht willkürlich also darf er damit handeln. Auf das
+Notwendigste beschränkt er jetzt seine leiblichen Bedürfnisse. Reife
+Früchte werden von ihm bevorzugt, deren Samen er fromm der Erde
+anvertraut. Sorgfältig hütet er sich davor, dass durch seine Begierde
+irgend eine Art ganz aussterbe. Und nur in der äußersten Not greift
+er zu tierischer Nahrung, wobei er ebenso die Art möglichst zu schonen
+sucht. Genug zum Leben, zum Schlafen zu wenig, wird seine Losung.
+
+Das betrifft das Verhalten seines Körpers zum Irdischen. Aber mit dem
+Himmel verbindet ihn der Lebensgeist. Und wie die Himmel bestrebt
+er sich, seiner Umgebung zu nützen und selbst rein zu leben. So
+pflegt er die Pflanze und schützt das Tier, damit seine Insel zum
+Paradiese werde. Er hält auf die äußerste Reinlichkeit seines Körpers
+und seiner Kleidung und sucht all seine Bewegungen harmonisch, denen
+der Himmelskörper gleichmäßig, zu gestalten.
+
+Auf diese Weise wird er allmählich befähigt, sein Selbst über Erde
+und Himmel hinaus zum reinen Geiste zu erheben. Das ist der Zustand
+der Ekstase, den kein Gedanke, kein Wort, kein Bild je hat fassen
+oder ausdrücken können.
+
+
+
+
+4. Ibn Roschd.
+
+1. Abu-l-Walid Mohammed ibn Achmed ibn Mohammed ibn Roschd (Averroes)
+wurde im Jahre 1126 zu Kordova aus einer Juristenfamilie geboren. Dort
+eignete er sich auch die gelehrte Bildung seiner Zeit an. Im Jahre
+1153 soll er von Ibn Tofail dem Fürsten Abu Jaaqub Jusuf vorgestellt
+sein, über welchen Vorfall wir einen charakteristischen Bericht
+besitzen. Nach den einleitenden Höflichkeitsphrasen nämlich fragte ihn
+der Fürst: Was ist die Ansicht der Philosophen über den Himmel, ist er
+ewig oder entstanden? Vorsichtig antwortete Ibn Roschd, er beschäftige
+sich nicht mit Philosophie. Darauf fing der Fürst mit Ibn Tofail über
+den Gegenstand an zu reden und zeigte zum Erstaunen des Zuhörers seine
+Bekanntschaft mit Aristoteles, Platon und den Philosophen und Theologen
+des Islam. Jetzt rückte auch Ibn Roschd mit der Sprache heraus und
+erwarb sich die Gunst des hohen Herrn. Sein Schicksal war bestimmt. Er
+sollte den Aristoteles interpretieren, wie keiner es vor ihm gethan,
+damit die Menschheit rein und vollständig die Wissenschaft besitze.
+
+Nebenbei war er Jurist und Mediziner. Wir finden ihn (1169) als Richter
+in Sevilla und kurz darauf in Kordova. Abu Jaaqub, jetzt Chalif, beruft
+ihn im Jahre 1182 als seinen Leibarzt, nach kurzer Zeit aber ist er
+wieder Richter in seiner Vaterstadt, wie es sein Vater und Großvater
+gewesen. Aber die Verhältnisse verschlechtern sich. Die Philosophen
+werden verflucht und ihre Schriften ins Feuer geworfen. In seinem
+Alter wird Ibn Roschd von Abu Jusuf nach Elisana (Lucena bei Kordova)
+verbannt, doch stirbt er in der Residenz Marokko, am 10. Dez. 1198.
+
+2. Auf Aristoteles konzentriert sich seine Wirksamkeit. Was er von
+dessen Schriften und über sie erlangen kann, wird fleißig studiert
+und genau verglichen. Ibn Roschd hat noch in Übersetzung Schriften der
+Griechen gekannt, die jetzt ganz oder teilweise verloren sind. Kritisch
+und systematisch geht er ans Werk. Er paraphrasiert den Aristoteles,
+er interpretiert, bald kürzer, bald ausführlicher, in mittleren und
+großen Kommentaren. So verdient er sich den Namen des Kommentators, den
+er auch in Dantes Komödie besitzt. Es ist, als ob die Philosophie der
+Muslime in ihm zum Verständnis des Aristoteles kommen soll, um dann,
+fertig, sterben zu können. Aristoteles ist für ihn der vollkommenste
+Mensch, der größte Denker, der im Besitze einer unfehlbaren Wahrheit
+gewesen. Neue Entdeckungen der Astronomie und der Physik könnten
+daran nichts ändern. Zwar kann man den Aristoteles mißverstehen. Ibn
+Roschd selbst hat manches, was er den Schriften Farabis und Ibn Sinas
+entnommen, später anders und besser verstehen gelernt. Doch lebt
+er immer des Glaubens, dass der richtig verstandene Aristoteles mit
+der höchsten uns Menschen erreichbaren Wissenschaft übereinstimmen
+werde. Im ewigen Kreislaufe des Weltgeschehens hat Aristoteles eine
+Höhe erreicht, über die hinauszugelangen nicht möglich ist. Denen, die
+nach Aristoteles gekommen sind, hat es oft viel Mühe und Nachdenken
+gekostet, sich die Einsichten zu erschließen, die sich dem ersten
+Meister leicht eröffneten. Nach und nach aber werden alle Zweifel und
+Gegenreden verstummen, denn Aristoteles ist ein Übermensch, gleichsam
+von der Vorsehung dazu bestimmt, zu zeigen, wie weit das menschliche
+Geschlecht es in seiner Annäherung an den Weltgeist bringen kann. Als
+die höchste Inkarnation des Geistes der Menschheit möchte Ibn Roschd
+seinen Meister den göttlichen nennen.
+
+Es wird sich im folgenden zeigen, dass die maßlose Bewunderung für
+Aristoteles zu einer reinen Erfassung seiner Gedanken auch bei Ibn
+Roschd nicht ausreichte. Den Ibn Sina zu bekämpfen, lässt er keine
+Gelegenheit vorbeigehen. Mit Farabi und Ibn Baddscha, denen er vieles
+verdankt, setzt er sich auch gelegentlich auseinander. Er meistert
+alle seine Vorgänger, weit schlimmer als Aristoteles es seinen Lehrer
+Platon gethan. Und dennoch ist er selbst nicht hinausgekommen, bei
+weitem nicht, über die Auffassung neuplatonischer Ausleger und die
+Missverständnisse syrischer und arabischer Übersetzer. Öfter folgt
+er sogar dem oberflächlichen Themistius entgegen dem verständigen
+Alexander von Aphrodisias, oder sucht ihre Ansichten zu kombinieren.
+
+3. Ibn Roschd ist vor allem ein Fanatiker der aristotelischen
+Logik. Ohne sie wird man nicht selig und es ist schade für Platon und
+Sokrates, dass sie nicht davon wussten! Die Glückseligkeit der Menschen
+bemisst sich nach der Stufe ihrer logischen Einsichten. Mit kritischem
+Blicke erkennt er Porphyrs Isagoge als entbehrlich, aber Rhetorik
+und Poetik rechnet er noch zum logischen Organon. Da gibt es denn die
+wunderlichsten Missverständnisse. Tragödie und Komödie z. B. werden
+zu Lob- und Schmähgedichten, die poetische Wahrscheinlichkeit muss
+es sich gefallen lassen, entweder demonstrierbare Wahrheit oder
+trügerischen Schein zu bedeuten, die Erkennung auf der Bühne wird
+zur apodeiktischen Erkenntnis u. s. w. Von der griechischen Welt hat
+er natürlich überhaupt keine Anschauung. Es ist verzeihlich, denn er
+konnte keine Ahnung davon haben. Dennoch verzeiht man nicht gerne dem,
+der andere geschulmeistert.
+
+Wie seine Vorgänger legt Ibn Roschd besonderen Nachdruck auf das
+Sprachliche, soweit es allen Sprachen gemeinsam. Dieses Gemeinsame,
+das Universelle also, hat Aristoteles, meint er, in seiner
+Hermeneutik, aber auch in der Rhetorik, immer vor Augen. So soll
+es auch der arabische Philosoph halten, nur darf er die Beispiele
+zur Erläuterung der allgemeinen Regeln der arabischen Sprache und
+Litteratur entnehmen. Um die allgemeinen Regeln aber ist es zu thun,
+Wissenschaft ist Erkenntnis des Allgemeinen.
+
+Die Logik ebnet dazu die Wege, dass unser Wissen aus sinnlicher
+Besonderheit zur reinen Vernunftwahrheit aufsteige. Die Menge
+wird immer im Sinnlichen leben, im Irrtum herumtappen. Mangelhafte
+Anlage und wenig Ausbildung, dazu schlechte Gewöhnung halten sie vom
+Fortschritt zurück. Doch muss es einigen möglich sein, zur Erkenntnis
+der Wahrheit zu gelangen. Der Adler schaut der Sonne ins Gesicht, denn,
+wenn keiner sie anschauen könnte, so hätte die Natur etwas vergebens
+gemacht. Was da glänzt, soll gesehen, was da ist, soll erkannt werden,
+wenn auch nur von einem einzigen Manne. Und die Wahrheit ist. Die Liebe
+zu ihr in unserer Brust wäre ganz vergebens, wenn wir uns ihr nicht
+nähern könnten. Ibn Roschd glaubt, in vielen Dingen die Wahrheit zu
+erkennen, ja die absolute Wahrheit auffinden zu können. Mit Lessing
+hätte er sich nicht bescheiden mögen, sie zu suchen.
+
+Die Wahrheit ist ihm ja in Aristoteles gegeben. Von diesem Standpunkte
+blickt er auf die muslimische Theologie herab. Zwar erkennt er in
+der Religion eine Wahrheit eigener Art (s. unten § 7), aber die
+Theologie ist ihm zuwider. Sie will beweisen, was, auf diese Weise,
+nicht bewiesen werden kann. Die Offenbarung im Koran, so lehrt Ibn
+Roschd mit anderen, später ähnlich Spinoza, hat nicht den Zweck, die
+Menschen zu belehren, sondern sie zu bessern. Nicht Wissen, sondern
+Gehorsam oder Sittlichkeit ist das Ziel des Gesetzgebers, der weiß,
+dass menschliches Glück nur in der Gesellschaft zu verwirklichen ist.
+
+4. Was Ibn Roschd von seinen Vorgängern, namentlich von Ibn Sina,
+unterscheidet, ist vor allem die unzweideutige Art und Weise,
+in der er die Welt als ewigen Prozess des Werdens auffasst. Die
+Welt als ganzes ist eine ewig-notwendige Einheit, ohne irgendwelche
+Möglichkeit des Nicht- oder Andersseins. Materie und Form sind nur im
+Gedanken zu trennen. Die Formen wandern nicht wie Gespenster durch
+die dunkle Materie, sondern sind keimartig in dieser enthalten. Wie
+Naturkräfte wirken die materiellen Formen, ewig fortzeugend, nie von
+der Materie getrennt, aber dennoch göttlich zu nennen. Absolutes
+Entstehen und Vergehen gibt es nicht, denn alles Geschehen ist
+Übergang von der Potenzialität zur Aktualität und von der Aktualität
+in die Potenzialität zurück. Dabei wird gleichartiges immer nur von
+gleichartigem erzeugt.
+
+Es gibt aber eine Stufenordnung des Seienden. Die materielle oder
+substanzielle Form steht in der Mitte zwischen bloßem Accidens
+und reiner (separater) Form. Auch die substanziellen Formen zeigen
+graduelle Verschiedenheiten, Mittelzustände zwischen Potenzialität
+und Aktualität. Und endlich das ganze System der Formen, von der
+niedersten hylischen Form bis zum göttlichen Wesen, der Urform des
+Alls, ist ein geschlossener Stufenbau.
+
+Der ewige Prozess des Werdens innerhalb der gegebenen Ordnung setzt
+nun eine ewige Bewegung voraus, und diese ein ewig Bewegendes. Wenn
+die Welt entstanden wäre, so könnte man von ihr nur schließen auf
+eine andere, ebenfalls entstandene Körperwelt, die sie erzeugt hätte,
+ins Unendliche. Wenn sie ein Mögliches wäre, nur auf ein Mögliches,
+daraus sie geworden, und so in infinitum. Nur die Annahme einer
+einheitlich ewig-notwendig bewegten Welt gewährt uns nach Ibn Roschd
+die Möglichkeit, auf ein ewig bewegendes, von der Welt getrenntes
+Wesen zu schließen, das, indem es immerfort die Bewegung und schöne
+Ordnung des Alls bewirkt, Urheber der Welt genannt werden darf, und
+das in den Geistern, welche die Sphären bewegen -- denn jede besondere
+Bewegung erfordert ihr besonderes Prinzip --, die Vermittler seiner
+Thätigkeit hat.
+
+Das Wesen des ersten Bewegenden oder Gottes, sowie der Sphärengeister,
+findet Ibn Roschd im Denken, in dem ihm die Einheit des Seins gegeben
+ist. Das mit seinem Gegenstande identische Denken ist die einzige
+positive Bestimmung des göttlichen Wesens, womit dann Sein und Einheit
+absolut zusammenfallen. Sein und Einheit kommen nämlich nicht zum Wesen
+hinzu, sondern sind, wie alle Universalien, nur im Denken gegeben. Das
+Denken bringt überall das Allgemeine im Besonderen hervor. Zwar ist
+das Universale als Natur in den Dingen wirksam, aber das Universale
+als solches ist nur im Verstande. Oder der Möglichkeit nach ist es
+in den Dingen, wirklich aber im Verstande, d. h. im Verstande hat es
+mehr Sein, eine höhere Art zu existieren als in den Dingen.
+
+Fragt man nun, ob das göttliche Denken auch das Besondere, oder nur
+das Allgemeine umfasse, so antwortet Ibn Roschd: keins von beidem,
+denn über beides ist das göttliche Wesen hinaus. Sein Denken bewirkt
+das All, umfasst das All. Gott ist das Prinzip, die Urform und der
+Endzweck aller Dinge. Er ist die Weltordnung, die Versöhnung aller
+Gegensätze, das All selbst in seiner höchsten Existenzweise. Dass von
+einer göttlichen Vorsehung im gewöhnlichen Sinne also nicht geredet
+werden könne, ergibt sich daraus von selbst.
+
+5. Zwei Arten des Seienden kennen wir: ein bewegtes und ein bewegendes,
+selbst aber unbewegtes, oder ein körperliches und ein geistiges. Im
+Geistigen aber liegt die höhere Einheit oder Vollendung alles Seienden
+in stufenmäßiger Ordnung. Es ist also keine abstrakte Einheit. Die
+Sphärengeister sind, je ferner sie dem ersten stehen, um so weniger
+einfach. Alle erkennen sich selbst, aber in ihrem Wissen ist auch
+die Beziehung auf die erste Ursache. Daraus ergibt sich eine Art
+Parallelismus zwischen dem Körperlichen und dem Geistigen. Der
+Zusammensetzung des Körperlichen aus Materie und Form entspricht
+etwas in den niederen Geistern. Was dem rein Geistigen beigemischt,
+ist zwar keine Materie, die etwas erleiden könnte, aber doch etwas der
+Materie ähnliches, das ein anderes in sich aufzunehmen vermag. Sonst
+ließe sich mit der Einheit des auffassenden Geistes die Vielheit der
+Intelligibilia nicht in Übereinstimmung bringen.
+
+Die Materie erleidet, der Geist aber empfängt. Hauptsächlich mit
+Rücksicht auf den menschlichen Geist hat Ibn Roschd diesen fein
+unterscheidenden Parallelismus eingeführt.
+
+6. Dass die menschliche Seele sich zu ihrem Körper verhalte, wie
+die Form zur Materie, steht dem Ibn Roschd fest. Es ist ihm völlig
+ernst damit. Die Theorie vieler unsterblicher Seelen weist er, Ibn
+Sina bekämpfend, ganz bestimmt zurück. Nur als Vollkommenheit ihres
+Leibes hat die Seele einen Bestand.
+
+Was die empirische Psychologie betrifft, ist er ängstlich bestrebt,
+sich an Aristoteles, gegen Galen u. a., zu halten. Aber in der
+Lehre vom Nus entfernt er sich, ohne dass er sich dessen bewusst
+wäre, nicht unbeträchtlich von seinem Meister. Eigentümlich,
+von neuplatonischen Anschauungen ausgehend, ist seine Auffassung
+der materiellen Vernunft. Sie ist nicht bloß eine Anlage oder eine
+Fähigkeit der menschlichen Seele. Sie ist auch nicht gleichbedeutend
+mit dem sinnlich-geistigen Vorstellungsleben, sondern sie ist etwas
+Überseelisches, Überindividuelles. Die materielle Vernunft ist ewiger,
+unvergänglicher Geist, ebenso ewig und unvergänglich wie die reine
+Vernunft oder der thätige Geist über uns. Es ist die Verselbständigung
+der Materie im Bereiche des Körperlichen, die hier von Ibn Roschd,
+freilich mit Anschluss an Themistius u. a., auf das Gebiet des
+Geistigen übertragen wird.
+
+Die materielle Vernunft ist also ewige Substanz. Die Anlage aber oder
+die Fähigkeit des menschlichen Individuums zu geistiger Erkenntnis
+nennt Ibn Roschd leidende Vernunft. Diese entsteht und vergeht mit
+den Individuen, während die materielle Vernunft ewig ist, wie die
+Gattung der Menschheit.
+
+Nun bleibt aber, wie nicht anders möglich, das Verhältnis zwischen dem
+thätigen und dem empfangenden Geiste (so sagen wir jetzt für materielle
+Vernunft) etwas dunkel. Der thätige Geist macht die Vorstellungen
+der menschlichen Seele intelligibel, der empfangende Geist nimmt
+sie in sich auf. Das Seelenleben der menschlichen Individuen ist
+also der Ort, wo das mystische Liebespaar sich trifft. Und die Örter
+sind sehr verschieden. Von der ganzen seelischen Anlage des Menschen
+und von der Disposition seiner Vorstellungen hängt es ab, in welchem
+Grade der thätige Geist dieselben zur Intelligibilität erheben kann,
+inwiefern der empfangende Geist sie zu seinem Inhalte zu machen im
+Stande ist. Dadurch erklärt es sich, dass die Menschen nicht alle auf
+derselben Stufe geistigen Erkennens stehen. Aber die Summe geistiger
+Erkenntnis in der Welt ändert sich nicht, wenn auch ihre Verteilung an
+die einzelnen Schwankungen unterliegt. Mit Naturnotwendigkeit ersteht
+immer wieder der Philosoph, sei es Aristoteles oder Ibn Roschd, in
+dessen Kopf das Seiende zum Begriff wird. Zwar sind die Gedanken
+der Individuen zeitlich und ist der empfangende Geist, insofern
+der einzelne an ihm teil hat, veränderlich, aber als menschliche
+Gattungsvernunft betrachtet, ist dieser Geist ewig unveränderlich,
+wie der thätige Geist aus der letzten Sphäre über uns.
+
+7. Im ganzen sind es drei große Ketzereien, die das System des Ibn
+Roschd in Widerspruch setzen zu der Theologie der drei Weltreligionen
+seiner Zeit. Erstens die Ewigkeit der Körperwelt und der sie bewegenden
+Geister, zweitens der notwendige Kausalnexus alles Weltgeschehens,
+sodass für Vorsehung, Wunder und dergleichen kein Platz bleibt,
+und drittens die Vergänglichkeit alles Individuellen, womit auch die
+individuelle Unsterblichkeit aufgehoben ist.
+
+Logisch betrachtet scheint die Annahme einer Anzahl selbständiger
+Sphärengeister unter Gott keinen genügenden Grund zu besitzen. Aber
+Ibn Roschd hilft sich hier, wie seine Vorgänger, über den Widerspruch
+hinweg mit der Behauptung, jene Sphärengeister seien nicht individuell,
+sondern nur der Art nach verschieden. Ihr Zweck war ja nur, so lange
+die Einheit des Weltsystems nicht erkannt war, die verschiedenen
+Bewegungen zu erklären. Nachdem das ptolemäische Weltsystem gefallen
+und diese vermittelnden Geister überflüssig wurden, identifizierte
+man den thätigen Geist mit Gott, wie es übrigens auch schon früher
+von spekulativer und religiöser Seite versucht war. Ein Schritt
+weiter war es nur, auch den ewigen Geist der Menschheit mit Gott zu
+identifizieren. Keins von beiden hat Ibn Roschd gethan, wenigstens
+nicht nach dem Wortlaute seiner Schriften. Aber in seinem Systeme
+war, bei konsequenter Durchführung, die Möglichkeit dazu gegeben,
+wie zu einer pantheistischen Weltanschauung überhaupt. Andererseits
+konnte sich leicht der Materialismus, wie entschieden ihn auch unser
+Philosoph bekämpfte, daran lehnen. Denn wo die Ewigkeit, Form und
+Wirksamkeit alles Materiellen so stark betont wird, wie von ihm
+geschah, da mag der Geist noch König heißen, aber, wie es scheinen
+könnte, nur von des Stoffes Gnaden.
+
+Jedenfalls ist Ibn Roschd ein kühner und folgerichtiger, wenn auch kein
+origineller Denker zu nennen. Die theoretische Philosophie genügte ihm,
+doch schuldete er es seiner Zeit und seiner Stellung, sich mit der
+Religion und der Praxis abzufinden. Wir können uns darüber kurz fassen.
+
+8. Ibn Roschd findet oft Gelegenheit, gegen die ungebildeten Herrscher
+und die bildungsfeindlichen Theologen seiner Zeit sich zu äußern. Doch
+bleibt ihm das Leben im Staate immer der Einsamkeit vorzuziehen. Auch
+seinen Gegnern dankt er -- das ist ein erfreulicher Charakterzug --
+für manche Belehrung. Die Einsamkeit, meint er, bringe keine Künste
+und Wissenschaften hervor, höchstens könne man in ihr das Erworbene
+genießen und es vielleicht um ein weniges vermehren. Zum Wohle des
+Ganzen aber soll jeder beitragen, auch die Frauen sollen wie die
+Männer der Gesellschaft und dem Staate dienen. Hier schließt Ibn
+Roschd sich dem Platon an (die Politik des Aristoteles hat er nicht
+gekannt) und bemerkt ganz vernünftig, viel Armut und Elend seiner
+Zeit rühre daher, dass man sich die Weiber nur zu einem außerdem sehr
+fraglichen Vergnügen wie Haustiere oder Pflanzen halte, statt sie an
+der materiellen und geistigen Güterproduktion und der Hütung dieser
+Güter teilnehmen zu lassen.
+
+In der Ethik tadelt unser Philosoph sehr scharf die Doktrin der
+Rechtslehrer, dass etwas nur gut oder böse sei, weil Gott es so
+gewollt. Alles hat vielmehr von Natur oder vernunftgemäss seinen
+sittlichen Charakter. Die von vernünftiger Einsicht bestimmte Handlung
+ist sittlich. Freilich ist es nicht die Einzelvernunft, sondern die
+Staatsraison, an die in letzter Instanz zu appellieren ist.
+
+Von staatsmännischem Gesichtspunkte aus betrachtet Ibn Roschd auch
+die Religion. Er würdigt sie ihres moralischen Zweckes wegen. Sie ist
+Gesetz, keine Lehre. Deshalb bekämpft er fortwährend die Theologen,
+die statt gläubig zu gehorchen begreifen wollen. Er macht es
+Gazali zum Vorwurf, dass dieser der Philosophie Einfluss auf seine
+Religionslehre auszuüben gestattet und dadurch viele zum Zweifel und
+Unglauben veranlasst hat. Das Volk soll glauben, so wie es im Buche
+steht. Das ist Wahrheit, freilich eine Wahrheit für große Kinder,
+denen man Märchen erzählt. Was darüber hinaus, ist vom Übel. Für die
+Existenz Gottes z. B. hat der Koran zwei jedem einleuchtende Beweise:
+die göttliche Fürsorge für alles, besonders für den Menschen, und
+die Erschaffung des Lebens in Pflanzen, Tieren u. s. w. Daran ist
+nicht zu rütteln, am Wortlaute der Offenbarung nicht theologisch
+herumzudeuteln. Denn die Beweise, welche die Theologen für das Dasein
+Gottes beibringen, halten einer wissenschaftlichen Kritik nicht Stand,
+ebensowenig wie der aus dem Begriffe des Möglichen und Notwendigen bei
+Farabi und Ibn Sina. Das alles führt zu Atheismus und Libertinismus. Im
+Interesse der Sittlichkeit, des Staates also, ist die halbe Theologie
+zu bekämpfen.
+
+Dagegen dürfen die wissenden Philosophen das Wort Gottes im Koran
+deuten. Im Lichte höchster Wahrheit verstehen sie, was damit bezweckt
+ist. Und dem gemeinen Manne sagen sie davon nur so viel, wie er eben
+aufzufassen im Stande ist. Auf diese Weise kommt die schönste Harmonie
+heraus. Religionsgesetz und Philosophie stimmen mit einander überein,
+eben weil sie nicht dasselbe wollen. Wie Praxis und Theorie verhalten
+sie sich. Indem der Philosoph die Religion begreift, lässt er sie in
+ihrem Bereiche gelten, sodass die Philosophie gar nicht wider die
+Religion verstößt. Die Philosophie aber ist die höchste Form der
+Wahrheit, zugleich auch die erhabenste Religion. Die Religion des
+Philosophen nämlich ist die Erkenntnis alles dessen, was ist.
+
+Aber irreligiös erscheint diese Ansicht doch, und eine positive
+Religion kann es sich nicht gefallen lassen, im Reiche der Wahrheit die
+führende Stellung der Philosophie anzuerkennen. Nur natürlich war es,
+dass die Theologen des Westens, ähnlich ihren orientalischen Brüdern,
+die Gunst der Verhältnisse ausnutzten und nicht ruhten, bis sie die
+Herrin zur Magd der Theologie erniedrigt hatten.
+
+
+
+
+
+
+
+
+VII. ZUM SCHLUSS.
+
+
+1. Ibn Chaldun.
+
+1. Die Philosophie des Ibn Roschd und seine Erklärung des Aristoteles
+hat auf die muslimische Welt äußerst wenig gewirkt. Viele seiner
+Schriften sind im Original verloren gegangen, wir haben sie in
+hebräischen und lateinischen Übersetzungen. Schüler und Nachfolger
+hat er nicht gefunden. In abgelegenen Winkeln fand sich wohl mancher
+Freigeist oder Mystiker, in dessen Kopf es wunderlich genug aussah, um
+sich ernstlich mit philosophischen Fragen theoretischer Art abzumühen,
+aber auf die allgemeine Bildung und die Gestaltung der Verhältnisse zu
+wirken, wurde der Philosophie nicht verstattet. Vor den siegreichen
+Waffen der Christen zog die materielle und damit auch die geistige
+Kultur der Muslime sich immer weiter zurück. Spanien ward Afrika,
+wo der Berber herrschte. Die Zeit war ernst, es handelte sich um die
+Existenz des Islam in diesen Ländern. Zum Kampfe gegen den Feind,
+aber auch gegen einander, rüsteten sich die Männer, und zu mystischen
+Übungen schlossen sich überall die frommen Brüder zusammen. In
+den sufischen Orden dieser Leute retteten sich wenigstens noch
+einige philosophische Formeln. Als gegen die Mitte des dreizehnten
+Jahrhunderts Kaiser Friedrich II. den muslimischen Gelehrten von Ceuta
+eine Anzahl philosophischer Fragen vorlegte, beauftragte der Almohade
+Abdalwahid den Ibn Sabin, Stifter eines mystischen Ordens, damit,
+sie zu beantworten. Er that es. In schulmeisterlichem Tone leiert er
+die Ansichten alter und neuer Philosophen ab. Das sufische Geheimnis,
+Gott sei die Realität aller Dinge, lässt er durchblicken. Das einzige
+aber, was wir aus seinen Antworten lernen können, ist, dass Ibn
+Sabin Bücher gelesen, von denen, wie er glaubt, Kaiser Friedrich
+keine blasse Ahnung hatte.
+
+2. In kleinen Staatengebilden, auf- und abwogend, trieb die muslimische
+Kultur des Westens dahin. Bevor sie jedoch ganz verschwand, fand
+sich der Mann, der das Gesetz ihrer Bildung aufzufinden versuchte,
+und damit eine neue philosophische Disziplin, die Philosophie
+der Gesellschaft oder der Geschichte, zu begründen glaubte. Dieser
+merkwürdige Mensch ist Ibn Chaldun, im Jahre 1332 aus sevillanischer
+Familie zu Tunis geboren. Dort erhielt er auch seine Erziehung
+und wurde dann, teilweise von einem im Orient ausgebildeten Lehrer,
+philosophisch geschult. Nach dem Studium aller bekannten Wissenschaften
+war er bald im Staatsdienste, bald auf Reisen, aber überall ein guter
+Beobachter. Verschiedenen Fürsten diente er als Sekretär, auch war
+er Gesandter an mehreren Höfen in Spanien und Afrika. So war er am
+christlichen Hofe Peters des Grausamen in Sevilla. Auch ist er bei
+Tamerlan in Damaskus gewesen. Eine reiche Welterfahrung hatte er sich
+also zu eigen gemacht, als er im Jahre 1406 zu Kairo starb.
+
+Als Charakter ist er vielleicht nicht hoch zu stellen. Man wird aber
+dem Manne, der mehr als andere seiner Zeit für die Wissenschaft gelebt,
+etwas Eitelkeit, Dilettantismus und dergleichen gerne verzeihen.
+
+3. Die Schulphilosophie, wie Ibn Chaldun sie kennen lernte,
+befriedigte ihn nicht. In ihren fertigen Rahmen passte sein Weltbild
+nicht hinein. Wenn er etwas mehr zum Theoretisieren aufgelegt gewesen
+wäre, hätte er wohl einen Nominalismus ausgebildet. Die Philosophen
+behaupten, alles zu wissen. Ihm aber erscheint das Universum zu groß,
+als dass es von unserem Verstande begriffen werden könne. Es gibt
+der Wesen und der Dinge mehr, unendlich viel mehr, als der Mensch
+wissen kann. "Gott schafft, was ihr nicht wisset". Die logischen
+Deduktionen wollen oft nicht stimmen zu der empirischen Natur der
+Einzeldinge, die nur durch Beobachtung erkannt wird. Es ist Einbildung,
+durch bloße Anwendung logischer Regeln zur Wahrheit gelangen zu
+können. Nachdenken über das erfahrungsmäßig Gegebene ist demnach
+die Aufgabe des wissenschaftlichen Mannes. Und nicht darf er sich
+mit seiner Einzelerfahrung begnügen, sondern mit kritischer Sorgfalt
+hat er die Summe der gesamten überlieferten Erfahrung der Menschheit
+zu ziehen.
+
+Von Natur ist die Seele ohne Wissen. Aber von Natur hat sie auch das
+Vermögen, nachzudenken, die gegebene Erfahrung zu bearbeiten. Beim
+Nachdenken springt, wie durch Inspiration, oft der richtige
+Mittelbegriff hervor, mittelst dessen die gewonnene Einsicht dann
+nach den Regeln formaler Logik zurechtgelegt werden mag. Die Logik
+bringt keine Erkenntnis hervor, sondern beschreibt nur den Weg unseres
+Nachdenkens, zeigt, wie wir zum Wissen kommen, und hat insofern auch
+einen Wert, dass sie uns vor Irrtümern hüten und den Geist schärfen
+und zu Genauigkeit im Denken anhalten kann. Sie ist folglich eine
+Hilfswissenschaft, die von einigen Befähigten, dazu Berufenen, auch
+ihrer selbst wegen gepflegt werden soll, jedoch nicht die grundlegende
+Bedeutung besitzt, die ihr von den Philosophen beigelegt wird. Den
+Weg des Nachdenkens, den sie beschreibt, geht das wissenschaftliche
+Talent in irgend einer Einzelwissenschaft auch zur Not ohne sie.
+
+Ibn Chaldun ist ein nüchterner Denker. Alchemie und Astrologie
+bekämpft er mit vernünftigen Gründen. Dem mystischen Rationalismus
+der Philosophen hält er öfter die einfachen Lehren seiner Religion
+entgegen, sei es mit persönlicher Überzeugung oder nur aus politischer
+Rücksicht. Aber auf seine wissenschaftlichen Ansichten übt die Religion
+keinen größeren Einfluss als der neuplatonische Aristotelismus. Platons
+Staat, die pythagoreisch-platonische Philosophie, aber ohne
+ihre wundersüchtigen Auswüchse, und die Geschichtswerke seiner
+orientalischen Vorgänger, namentlich des Masudi, haben auf die
+Ausbildung seiner Gedanken am meisten gewirkt.
+
+4. Mit dem Anspruch, eine neue philosophische Disziplin zu
+begründen, von der Aristoteles keine Ahnung hatte, tritt Ibn Chaldun
+auf. Philosophie ist die Wissenschaft dessen, was ist, aus seinen
+Ursachen oder Gründen entwickelt. Aber dem entspricht nicht, was die
+Philosophen über die hohe Geisterwelt und Gottes Wesen vorbringen:
+Unbeweisbares reden sie darüber. Viel besser kennen wir unsere
+Menschenwelt, und davon lässt sich durch Beobachtung und innere
+Seelenerfahrung etwas Sicheres aussagen. Hier lassen sich die
+Thatsachen nachweisen und ihre Ursachen herausfinden. Insofern
+nun letzteres auch in der Geschichte gelingt, d. h. sofern die
+geschichtlichen Ereignisse auf ihre Ursachen zurückgeführt und
+historische Gesetze aufgefunden werden können, ist die Geschichte
+wirklich Wissenschaft und ein Teil der Philosophie zu nennen. So tritt
+der Begriff der Geschichte als Wissenschaft rein heraus. Mit Neugierde,
+Eitelkeit, gemeinem Nutzen, erbaulicher Wirkung u. s. w. hat sie nichts
+zu schaffen. Sie soll, wenn auch im Dienste höherer Lebenszwecke,
+nichts anderes als Thatsachen feststellen und deren kausale
+Verknüpfung auszumitteln suchen. Kritisch, ohne Vorurteil. Als oberstes
+methodologisches Prinzip gilt dabei, dass die Ursache der Wirkung
+entspricht, d. h. dass gleiche Erscheinungen auch dieselben Bedingungen
+voraussetzen oder dass unter denselben Kulturverhältnissen auch die
+nämlichen Vorgänge sich ereignen werden. Da nun mit Wahrscheinlichkeit
+anzunehmen ist, dass die Natur der Menschen und der Gesellschaft
+im Laufe der Zeit sich nicht oder nicht bedeutend ändert, so ist
+ferner ein lebensvolles Verständnis der Gegenwart das beste Mittel
+zur Erforschung der Vergangenheit, indem das nächste, vollständig
+Bekannte uns Rückschlüsse gestattet auf die weniger gut bekannten
+Ereignisse früherer Zeit, ja sogar einen Ausblick auf die Zukunft
+verheißt. In jedem Falle ist also die Überlieferung an der Gegenwart
+zu prüfen, und wenn sie uns Dinge erzählt, die jetzt unmöglich sind,
+so ist schon deshalb ihre Wahrheit zu bezweifeln. Vergangenheit und
+Gegenwart sind einander wie zwei Tropfen Wasser gleich.
+
+Das könnte, absolut gefasst, auch Ibn Roschd gesagt haben. Nach Ibn
+Chaldun gilt das aber nur ganz allgemein als heuristisches Prinzip. Im
+einzelnen erleidet es manche Einschränkung, ist jedenfalls aus den
+Thatsachen selbst zu begründen.
+
+5. Was ist nun der Gegenstand der Geschichte als philosophischer
+Disziplin? Es ist, antwortet Ibn Chaldun, das soziale Leben, die
+gesamte materielle und geistige Kultur der Gesellschaft. Die Geschichte
+hat zu zeigen, wie die Menschen arbeiten und sich ernähren, warum
+sie sich streiten und unter einzelnen Führern zu größeren Verbänden
+zusammenschließen, wie sie endlich im sesshaften Leben Muße finden
+zur Pflege höherer Künste und Wissenschaften, wie also aus rohen
+Anfängen nach und nach eine feinere Kultur aufblüht, und wie diese
+dann wieder hinstirbt.
+
+Die sich ablösenden Gesellschaftsformen sind, nach Ibn Chaldun,
+Nomadentum, Dynastie und Stadtstaat. Die erste Frage ist die
+Nahrungsfrage. Nach dem Stande ihrer Wirtschaft (Nomaden, sesshafte
+Viehzüchter, Ackerbauer) unterscheiden sich die Menschen und die
+Völker. Bedürfnis führt zu Raub und Krieg und zur Unterwerfung unter
+den führenden Herrscher. So entwickelt sich eine Dynastie und diese
+gründet sich eine Stadt, wo die Arbeitsteilung oder die gegenseitige
+Hilfeleistung Wohlstand hervorbringt. Aber dieser Wohlstand führt zu
+unnatürlichem Müßiggange und Üppigkeit. Arbeit hat an erster Stelle
+den Wohlstand erzeugt, aber jetzt, auf der höchsten Kulturstufe, lässt
+man andere für sich arbeiten. Oft ohne Gegenleistung, denn Ansehen,
+oder auch Servilität nach oben, Erpressung nach unten, verschaffen
+Wohlstand. Man wird aber dabei von anderen abhängig. Die Bedürfnisse
+werden immer größer, die Steuern immer drückender. Die reichen
+Verschwender und Steuerzahler werden arm und ihr unnatürliches Leben
+macht sie krank und elend. [17] Die alten Kriegersitten haben sich
+verfeinert, sodass man sich nicht mehr verteidigen kann. Das Band des
+Gemeinsinnes oder der Religion, womit früher die Not und der Wille des
+Herrschers die einzelnen zusammenknüpfte, erschlafft, denn die Städter
+sind nicht fromm. So ist alles in innerer Auflösung begriffen. Und da
+erscheint ein neuer, kräftiger Nomadenstamm aus der Wüste, oder ein
+weniger überbildetes Volk mit einem festeren Gemeinsinne und fällt
+über die verweichlichte Stadt her. Dann bildet sich ein neuer Staat,
+der sich die materiellen und geistigen Güter der alten Kultur aneignet,
+und dieselbe Geschichte wiederholt sich. Es ergeht den Staaten und
+den größeren Verbänden wie einzelnen Familien: in drei bis sechs
+Generationen vollendet sich ihre Geschichte. Die erste Generation
+gründet, die zweite erhält, vielleicht auch die dritte u. s. w.,
+die letzte zerstört. Das ist der Kreislauf aller Civilisation.
+
+6. Nach August Müller stimmt die Theorie Ibn Chalduns zu der Geschichte
+Spaniens, Westafrikas und Siziliens vom 11. bis 15. Jahrhundert,
+deren Beobachtung sie auch entnommen ist. Freilich ist sein
+eigenes Geschichtswerk eine Kompilation. Im einzelnen fehlt er
+oft, wenn er mit seiner Theorie die Überlieferung meistert. Aber
+in seiner philosophischen Einleitung findet sich eine Fülle
+feiner psychologischer und politischer Bemerkungen und als ganzes
+ist sie eine großartige Leistung. Das Altertum hat sich mit dem
+Problem der Geschichte nicht eingehend befasst. Große Kunstwerke der
+Geschichtschreibung hat es uns hinterlassen, aber keine philosophische
+Begründung der Geschichte als Wissenschaft. Dass die Menschheit es,
+obgleich von Ewigkeit her bestehend, nicht längst zu viel höherer
+Kultur gebracht hatte, wurde aus elementaren Ereignissen, Erdbeben,
+Wasserfluten u. s. w. erklärt. Dagegen fasste die christliche
+Philosophie die Geschichte mit ihren Wandlungen als die Verwirklichung
+oder Vorbereitung des Gottesstaates auf Erden. Ibn Chaldun hat nun
+zuerst ganz bewusst und in ausführlich begründeter Darstellung den
+Versuch gemacht, die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft aus den
+nächsten Ursachen abzuleiten. Die Verhältnisse der Rasse, des Klimas,
+der Güterproduktion u. s. w. werden erörtert und in ihrer Wirkung auf
+die sinnlich-geistige Konstitution des Menschen und der Gesellschaft
+dargestellt. Im Kreislaufe der Civilisationen findet er eine innere
+Gesetzmäßigkeit. Überall forscht er den natürlichen Ursachen nach,
+bis zur möglichsten Vollständigkeit. Dass die Kette von Ursachen
+und Folgen in einer letzten Ursache zum Abschlusse komme, behauptet
+er auch zu glauben. Die Reihe kann nicht ins Unendliche gehen, und
+darum schließen wir auf einen Gott. Dieser Schluss aber, so heißt es
+bei ihm, bedeutet eigentlich dies, dass wir nicht im Stande sind,
+die Ursachen aller Dinge und die Art ihres Wirkens zu erkennen,
+es ist im Grunde ein Geständnis unserer Unwissenheit. Das bewusste
+Nichtwissen ist auch eine Art Wissen. Aber soweit es möglich ist, soll
+man das Wissen verfolgen. Indem Ibn Chaldun seine neue Wissenschaft
+anbahnt, will er nur die Hauptprobleme angedeutet, nur im allgemeinen
+Methode und Gegenstand dieser Wissenschaft angegeben haben. Aber er
+hofft, dass andere nach ihm kommen werden, mit gesundem Verstande
+und sicherem Wissen seine Untersuchungen weiterzuführen und neue
+Probleme aufzustellen.
+
+Die Hoffnung Ibn Chalduns ist in Erfüllung gegangen, aber nicht im
+Islam. Wie er ohne Vorgänger war, blieb er ohne Nachfolger. Doch
+hat sein Werk im Orient nachhaltig gewirkt. Viele muslimische
+Staatsmänner, die seit dem 15. Jahrhundert so manchen europäischen
+Fürsten und Diplomaten zur Verzweiflung gebracht haben, sind bei
+unserem Philosophen in die Schule gegangen.
+
+
+
+
+2. Die Araber und die Scholastik.
+
+1. Dem Sieger gehört die Braut. In den Kriegen zwischen Christen
+und Muslimen, die in Spanien geführt wurden, hatten erstere oft
+die Anziehungskraft maurischer Schönen kennen gelernt. Manch
+christlicher Ritter hatte mit einer Mohrin den "neuntägigen
+Gottesdienst" gefeiert. Aber außer den materiellen Gütern und den
+sinnlichen Genüssen wirkten auch die Reize geistiger Kultur auf die
+Eroberer. Und so erschien die arabische Wissenschaft dem Auge vieler
+wissensbedürftiger Männer wie eine holde Braut.
+
+Vermittelnd traten da besonders Juden auf. Die Juden hatten alle
+Wandlungen der muslimischen Geisteskultur mitgemacht. Viele haben
+in der arabischen Sprache geschrieben, andere arabische Schriften
+ins Hebräische übertragen. Manch philosophisches Werk muslimischer
+Autoren verdankt diesem Umstande seine Erhaltung.
+
+Der Schlusspunkt jüdisch-philosophischer Entwicklung war Maimonides
+(1135-1204), der, hauptsächlich unter dem Einflusse Farabis und Ibn
+Sinas, Aristoteles mit dem Alten Testamente zu versöhnen suchte. Teils
+deutete er die philosophischen Lehren aus dem offenbarten Texte heraus,
+teils ließ er die aristotelische Philosophie auf das Irdische sich
+beschränken, während dasjenige, was drüber ist, aus dem göttlichen
+Buche erkannt werden sollte.
+
+In den muslimischen Staaten zur Zeit ihrer Blüte hatten die Juden
+sich an der wissenschaftlichen Arbeit beteiligt. Sie waren geduldet,
+auch wohl begünstigt worden. Aber mit dem Zusammenbruch jener Staaten,
+beim Niedergange der Kultur, änderte sich ihre Lage. Von fanatisierten
+Massen vertrieben, flüchteten sie sich in die Christenländer, besonders
+nach Südfrankreich, dort als Kulturvermittler ihre Mission zu erfüllen.
+
+2. An zwei Punkten berührte sich die muslimische mit der christlichen
+Welt des Abendlandes: in Unteritalien und in Spanien. Zu Palermo,
+am Hofe Kaiser Friedrichs II. wurde die arabische Wissenschaft eifrig
+gepflegt und den Lateinern zugänglich gemacht. Der Kaiser und sein Sohn
+Manfred schickten den Universitäten zu Bologna und Paris Übersetzungen
+philosophischer Schriften, zum Teil aus dem Arabischen, zum Teil aber
+auch direkt aus dem Griechischen.
+
+Viel bedeutender aber und einflussreicher war die Übersetzerthätigkeit
+in Spanien. In dem von den Christen zurückeroberten Toledo befand sich
+eine reiche arabische Moschee-Bibliothek, die als Bildungsstätte weit
+in die nördlichen Christenländer hinein bekannt wurde. Mosaraber und
+Juden, zum Teil getaufte, arbeiteten dort mit spanischen Christen
+zusammen. Aus allen Ländern fanden sich Mitarbeiter. So wirkten
+z. B. als Übersetzer Johannes Hispanus und Gundisalinus (erste Hälfte
+des 12. Jahrhunderts), Gerard von Cremona (1114-1187), Michel der
+Schotte und Hermann der Deutsche (zwischen 1240 und 1246). Über die
+Thätigkeit dieser Männer sind wir im einzelnen noch nicht genügend
+unterrichtet. Insofern jedem Worte des arabischen Originales oder der
+hebräischen (auch spanischen?) Übersetzung irgend ein lateinisches
+entspricht, sind ihre Übersetzungen treu zu nennen. Durch geistvolles
+Verständnis zeichnen sie sich im allgemeinen nicht aus. Demjenigen,
+der des Arabischen nicht kundig ist, fällt es schwer, sich da hinein
+zu lesen. Gespensterhaft nehmen sich viele beibehaltene arabische
+Worte und bis zur Unkenntlichkeit verunstaltete Eigennamen aus. Es
+mag das alles eine schöne Verwirrung in den Köpfen lateinischer
+Philosophieschüler angestiftet haben. Und nicht weniger thaten es
+die sich neu aufschließenden Gedanken.
+
+Die Übersetzerthätigkeit hält im allgemeinen gleichen Schritt
+mit dem Interesse christlicher Kreise, und dieses hat sich ähnlich
+entwickelt, wie wir es im östlichen und westlichen Islam zu beobachten
+Gelegenheit hatten (vgl. VI, 1 § 2). Die ersten Übersetzungen
+sind mathematisch-astrologisch, medizinisch, naturphilosophisch,
+psychologisch, daran sich das logische und metaphysische
+schließt. Später beschränkt man sich mehr auf Aristoteles und seine
+Kommentare, anfangs aber wird allerhand Wundersüchtiges bevorzugt.
+
+Kindi wurde hauptsächlich als Arzt und Astrolog bekannt. Ibn Sina
+wirkte durch seine Medizin, empirische Psychologie und dazu seine
+Naturphilosophie und Metaphysik. Weniger Einfluss übten neben ihm
+Farabi und Ibn Baddscha aus. Zuletzt kamen die Kommentare des Ibn
+Roschd (Averroes) und ihr Ansehen hat, neben Ibn Sinas Kanon der
+Medizin, am längsten Stand gehalten.
+
+3. Was hat nun die christliche Philosophie des Mittelalters den
+Muslimen zu verdanken? Diese Frage zu beantworten, gehört eigentlich
+nicht mehr zur Aufgabe dieser Monographie. Es ist eine Arbeit für
+sich, dafür es viele Folianten, von denen ich keinen gelesen, zu
+durchstöbern gibt. Im allgemeinen lässt sich sagen, dass sich in
+den Übersetzungen aus dem Arabischen dem christlichen Abendlande ein
+zweifaches Neues aufthat. Erstens bekam man den Aristoteles, sowohl
+logisch als physisch-metaphysisch, vollständiger als man ihn bisher
+kannte. Doch war dies nur von vorübergehender, zeitweilig anregender,
+Bedeutung, denn bald wurden alle seine Schriften direkt aus dem
+Griechischen viel besser ins Lateinische übersetzt. Das wichtigste
+aber war, dass man aus den Schriften der Araber, namentlich des Ibn
+Roschd, eine eigentümliche Auffassung der aristotelischen Lehren
+als der höchsten Wahrheit kennen lernte. Dies musste fortwährend zum
+Widerspruch, zum Kompromiss zwischen Theologie und Philosophie, oder
+gar zur Leugnung des Kirchenglaubens Veranlassung geben. Zum Teil
+anregend, zum Teil zersetzend wirkte so die muslimische Philosophie
+auf die scholastische Entwicklung des kirchlichen Dogmas ein. Denn
+gleichgültig neben einander hergehen, wie das bei muslimischen Denkern
+wohl vorgekommen, konnten im Christentume Philosophie und Theologie
+noch nicht. Dazu hatte die christliche Dogmatik schon in den ersten
+Jahrhunderten ihrer Ausbildung zu viel griechische Philosophie in
+sich aufgenommen. Sie konnte noch etwas mehr sich assimilieren. Und
+es war verhältnismäßig leichter, über die einfachen Lehren des Islam
+als über die verwickelten Dogmen des Christentums hinauszukommen.
+
+Die christliche Theologie zeigte, als im 12. Jahrhundert der Einfluss
+der Araber zu wirken anfing, einen neuplatonisch-augustinischen
+Charakter. Bei den Franziskanern blieb auch im 13. Jahrhundert dieser
+Charakter gewahrt. Damit kam nun die pythagoreisch-platonische Richtung
+im muslimischen Denken gut überein. Für Duns Scotus war Ibn Gebirol
+(Avencebrol, s. VI, 1 § 2) eine erste Autorität. Dagegen nahmen die
+großen Dominikaner, Albert und Thomas, die die Zukunft der kirchlichen
+Lehre bestimmten, einen gemäßigten Aristotelismus auf, mit dem sich
+vieles aus Farabi, besonders aber aus Ibn Sina und Maimonides, ganz
+gut vertrug.
+
+Erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts geht eine tiefere Wirkung von
+Ibn Roschd aus, und zwar in Paris, dem Mittelpunkte der damaligen
+christlich-wissenschaftlichen Bildung. Im Jahre 1256 schreibt Albert
+der Große noch gegen Averroes, 15 Jahre später aber Thomas von Aquino
+gegen die Averroisten. Ihr Haupt ist Siger von Brabant (seit 1266
+bekannt), Mitglied der Artistenfakultät von Paris. Vor der strengen
+Konsequenz des averroistischen Systems schreckt er nicht zurück. Und
+wie Ibn Roschd den Ibn Sina meistert, so kritisiert, wenn auch äußerst
+respektierlich, Siger den großen Albert und den heiligen Thomas. Zwar
+versichert er, sich der Offenbarung zu unterwerfen, aber die Vernunft
+bestätigt ihm doch, was Aristoteles, in zweifelhaften Fällen nach
+der Erklärung des Ibn Roschd, in seinen Schriften gelehrt hat. Sein
+feiner Intellektualismus gefällt aber den Theologen nicht. Wie es
+scheint auf Anstiften der Franziskaner, die in ihm vielleicht auch
+den Aristotelismus der Dominikaner treffen wollten, wird er von der
+Inquisition verfolgt, bis er zu Orvieto (um 1281-1284) im Gefängnis
+stirbt. Dante, der möglicherweise von seinen Ketzereien nichts wusste,
+hat unseren Siger als Repräsentanten weltlicher Wissenschaft ins
+Paradies versetzt.
+
+Dagegen sind ihm die beiden Vertreter der muslimischen Philosophie
+neben den großen und weisen Männern Griechenlands und Roms in der
+Hölle Vorhalle begegnet. Ibn Sina und Ibn Roschd schließen dort die
+Reihe der großen Heiden, zu denen, wie Dante, die Nachwelt noch oft
+mit Bewunderung emporgeblickt hat.
+
+
+
+
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN
+
+
+[1] S. Munk, Mélanges de philosophie juive et arabe, Paris 1859.
+
+[2] Carra de Vaux, Avicenne, Paris 1900.
+
+[3] Vgl. Snouck Hurgronje, Mekka, II, S. 228 f.
+
+[4] Hiob XXXVIII.
+
+[5] 1 Mos. XV 3.
+
+[6] Der Dialog heisst so, weil Aristoteles während des Gespräches
+einen Apfel in der Hand hält, dessen Geruch seine letzten Lebenskräfte
+weckt. Am Schlusse sinkt die Hand kraftlos nieder und fällt der Apfel
+auf den Boden.
+
+[7] Als echtes Werk des Aristoteles galt auch Späteren noch ein Auszug
+aus der stoicheiôsis theologikê des Proklos.
+
+[8] Beides kommt vor, doch ist Qijas gewöhnlich = Analogie. In der
+philosophischen, von den Übersetzern herrührenden Terminologie steht
+aber Qijas immer für syllogismos, während analogia mit arab. mithl
+wiedergegeben wird.
+
+[9] Vgl. Snouck Hurgronje in ZDMG. LIII, S. 155.
+
+[10] Mystiker führten auch wohl einen sechsten Sinn dafür ein.
+
+[11] Nach ihrem grobwollenen Rock (sûf) wurden die Asketen Sufis
+genannt.
+
+[12] Rückerts Übers. d. Makamen II, S. 219.
+
+[13] Vgl. v. Kremer, Kulturgesch. des Orients II, S. 429 ff.
+
+[14] Vgl. den Art. "Zu Kindi und seiner Schule" in Stein's Archiv
+für Geschichte der Philosophie XIII, S. 153 ff., aus dem ich manches,
+ohne viel zu ändern, hier wieder aufgenommen habe.
+
+[15] Das arab. `aql (nous) übersetzt man gewöhnlich mit Vernunft
+und Intelligenz (lat. intellectus und intelligentia). Ich ziehe
+aber Geist vor, weil der Ausdruck Gott und die reinen (separaten)
+Sphärengeister mitumfasst. Übrigens ist schwer zu entscheiden, wie
+weit bei den einzelnen Denkern die Personifikation der Vernunft ging.
+
+[16] Vgl. hierzu Munk, Mélanges, p. 389-409.
+
+[17] Ibn Chaldun spricht nur von armen Reichen und schweigt von
+Proletariern und großstädtischem Elend, wie wir es kennen. Er hat
+auch meistens nur in kleineren Städten gelebt und Kairo aus der
+Ferne bewundert.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER PHILOSOPHIE IM
+ISLAM ***
+
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+tr.borderHorizontal td, tr.borderHorizontal th, th.borderHorizontal, td.borderHorizontal {
+border-top: 1px solid black !important;
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+tr.borderVertical td, tr.borderVertical th, th.borderVertical, td.borderVertical {
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+</head>
+<body>
+
+<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Geschichte der Philosophie im Islam, by T. J. de Boer</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
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+are not located in the United States, you will have to check the laws of the
+country where you are located before using this eBook.
+</div>
+
+<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Geschichte der Philosophie im Islam</p>
+
+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: T. J. de Boer</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: October 20, 2021 [eBook #54679]</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
+
+<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project Gutenberg (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive/American Libraries.)</div>
+
+<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER PHILOSOPHIE IM ISLAM ***</div>
+<div class="front">
+<div class="div1 cover"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divBody">
+<p class="first"></p>
+<div class="figure cover-imagewidth"><img src="images/new-cover.jpg" alt="Neu gefasster Vorderdeckel." width="480" height="720"></div><p>
+</p>
+</div>
+</div>
+<div class="div1 titlepage"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divBody">
+<p class="first"></p>
+<div class="figure titlepage-imagewidth"><img src="images/titlepage.png" alt="Originaltitelblatt." width="439" height="720"></div><p>
+</p>
+</div>
+</div>
+<div class="titlePage">
+<div class="docTitle">
+<div class="mainTitle">Geschichte <br>der <br>Philosophie im Islam</div>
+</div>
+<div class="byline">von
+<br><span class="docAuthor">T. J. de Boer.</span> </div>
+<div class="docImprint">STUTTGART. <br>FR. FROMMANNS VERLAG (E. HAUFF). <br><span class="docDate">1901.</span> </div>
+</div>
+<p></p>
+<div class="div1 copyright"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divBody">
+<p class="first xd31e122">Alle Rechte vorbehalten.
+<span class="pageNum" id="pb3">[<a href="#pb3">3</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+<div class="div1 preface"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h2 class="main">Vorwort.</h2>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p class="first">Nach der vortrefflichen Skizze Munk’s<a class="noteRef" id="xd31e130src" href="#xd31e130">1</a> ist dies der erste Versuch, die Geschichte der Philosophie im Islam im Zusammenhang
+vorzuführen. Ein neuer Anfang also, kein Abschluss möchte meine Arbeit sein. Nicht
+Alles, was auf diesem Gebiete vorgearbeitet, ist mir bekannt geworden und nicht alles
+Bekannte war mir zugänglich. Handschriftliches konnte nur ausnahmsweise benutzt werden.
+</p>
+<p>Der Darstellung wegen sind die Quellenbelege zurückgehalten. Nur wenn ich etwas fast
+wörtlich oder ohne Nachprüfung herübergenommen habe, ist das in den Noten bemerkt
+worden. <span class="corr" id="xd31e135" title="Quelle: Uebrigens">Übrigens</span> bedauere ich sehr, dass es jetzt nicht gehörig zur Anschauung kommen kann, was ich,
+für das Verständnis der Quellen, Männern wie Dieterici, de Goeje, Goldziher, Houtsma,
+Aug. Müller, Munk, Nöldeke, Renan, Snouck Hurgronje, Steinschneider, van Vloten und
+vielen, vielen anderen verdanke.
+</p>
+<p>Erst nach Abschluss dieser Arbeit ist eine interessante, auch über die Vorgeschichte
+der Philosophie im Islam sich verbreitende Monographie über Ibn Sina erschienen.<a class="noteRef" id="xd31e140src" href="#xd31e140">2</a> Sie gibt mir aber keine Veranlassung, meine Auffassung im ganzen zu ändern.
+</p>
+<p>Für alles Bibliographische verweise ich auf die Orientalische Bibliographie, Brockelmann’s
+Geschichte der Arabischen Litteratur und die Litteraturnachweise bei <span class="corr" id="xd31e147" title="Quelle: Ueberweg-Heinze">Überweg-Heinze</span>. Bei der Umschreibung arabischer Namen habe ich mehr auf Tradition und deutsche Aussprache
+als <span class="pageNum" id="pb4">[<a href="#pb4">4</a>]</span>auf Konsequenz geachtet. Es sei nur bemerkt, dass das z als weiches s zu sprechen,
+und das th wie das englische. Im Personenregister bezeichnen Accente die Länge.
+</p>
+<p>So viel wie möglich hab’ ich mich auf den Islam beschränkt. Deshalb sind Ibn Gebirol
+und Maimonides nur im Vorbeigehen genannt, andere jüdische Denker ganz übergangen,
+obgleich sie, philosophisch betrachtet, dem muslimischen Bildungskreise angehören.
+Der Schaden ist aber nicht gross. Denn über die jüdischen Philosophen ist schon viel
+geschrieben worden, während man bis jetzt die muslimischen Denker sehr vernachlässigt
+hat.
+</p>
+<p class="dateline"><span class="ex">Groningen</span> (Niederlande).
+</p>
+<p class="signed">T. J. de Boer.
+<span class="pageNum" id="pb5">[<a href="#pb5">5</a>]</span> </p>
+</div>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<div class="footnote-body">
+<div id="xd31e130">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e130src">1</a></span> S. Munk, Mélanges de philosophie juive et arabe, Paris 1859. <a class="fnarrow" href="#xd31e130src" title="Zurück zur Note 1 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+<div id="xd31e140">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e140src">2</a></span> <span class="ex">Carra de Vaux</span>, Avicenne, Paris 1900. <a class="fnarrow" href="#xd31e140src" title="Zurück zur Note 2 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div id="toc" class="div1 contents"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h2 class="main">Inhaltsübersicht.</h2>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p class="first"> <span class="tocPageNum">Seite</span>
+</p>
+<p>I. <a href="#ch1" id="xd31e170">Zur Einleitung</a>. <span class="tocPageNum">9–33</span>
+</p>
+<p>1. <a href="#ch1.1" id="xd31e178">Der Schauplatz</a> <span class="tocPageNum">9</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch1.1.1">Das alte Arabien.</a> 2. <a href="#ch1.1.2">Die ersten Chalifen. Medina. Schiiten.</a> 3. <a href="#ch1.1.3">Die Omajjaden. Damaskus, Basra und Kufa.</a> 4. <a href="#ch1.1.4">Die Abbasiden. Bagdad.</a> 5. <a href="#ch1.1.5">Kleinstaaterei. Fall des Chalifates.</a>
+</p>
+<p>2. <a href="#ch1.2" id="xd31e203">Orientalische Weisheit</a> <span class="tocPageNum">13</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch1.2.1">Semitische Spekulation.</a> 2. <a href="#ch1.2.2">Persische Religion. Zrwanismus.</a> 3. <a href="#ch1.2.3">Indische Weisheit.</a>
+</p>
+<p>3. <a href="#ch1.3" id="xd31e222">Griechische Wissenschaft</a> <span class="tocPageNum">17</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch1.3.1">Die Syrer.</a> 2. <a href="#ch1.3.2">Die christlichen Kirchen.</a> 3. <a href="#ch1.3.3">Edessa und Nisibis.</a> 4. <a href="#ch1.3.4">Harran.</a> 5. <a href="#ch1.3.5">Gondeschapur.</a> 6. <a href="#ch1.3.6">Syrische <span class="corr" id="xd31e248" title="Quelle: Uebersetzungen">Übersetzungen</span>.</a> 7. <a href="#ch1.3.7">Die Philosophie bei den Syrern.</a> 8. <a href="#ch1.3.8">Arabische <span class="corr" id="xd31e257" title="Quelle: Uebersetzungen">Übersetzungen</span>.</a> 9. <a href="#ch1.3.9">Die Philosophie der <span class="corr" id="xd31e263" title="Quelle: Uebersetzer">Übersetzer</span>.</a> 10. <a href="#ch1.3.10">Umfang der <span class="corr" id="xd31e269" title="Quelle: Ueberlieferung">Überlieferung</span>.</a> 11. <a href="#ch1.3.11">Fortsetzung des Neuplatonismus.</a> 12. <a href="#ch1.3.12">Das Buch vom Apfel.</a> 13. <a href="#ch1.3.13">Die Theologie des Aristoteles.</a> 14. <a href="#ch1.3.14">Aufnahme des Aristoteles.</a> 15. <a href="#ch1.3.15">Die Philosophie im Islam.</a>
+</p>
+<p>II. <a href="#ch2" id="xd31e291">Philosophie und arabisches Wissen</a> <span class="tocPageNum">34–68</span>
+</p>
+<p>1. <a href="#ch2.1" id="xd31e299">Die Sprachwissenschaft</a> <span class="tocPageNum">34</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch2.1.1">Die verschiedenen Wissenschaften.</a> 2. <a href="#ch2.1.2">Die arabische Sprache. Der Koran.</a> 3. <a href="#ch2.1.3">Die Grammatiker von Basra und Kufa.</a> 4. <a href="#ch2.1.4">Logische Grammatik. Metrik.</a> 5. <a href="#ch2.1.5">Sprachwissenschaft und Philosophie.</a>
+</p>
+<p>2. <a href="#ch2.2" id="xd31e325">Die Pflichtenlehre</a> <span class="tocPageNum">38</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch2.2.1">Tradition und Freiheit.</a> 2. <a href="#ch2.2.2">Die Analogie.</a> 3. <a href="#ch2.2.3">Inhalt und Stellung der Pflichtenlehre.</a> 4. <a href="#ch2.2.4">Ethik und Politik.</a>
+</p>
+<p>3. <a href="#ch2.3" id="xd31e347">Die Glaubenslehre</a> <span class="tocPageNum">42</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch2.3.1">Christliche Dogmatik.</a> 2. <a href="#ch2.3.2">Der Kalam.</a> 3. <a href="#ch2.3.3">Die Mutaziliten und ihre Gegner.</a> 4. <a href="#ch2.3.4">Menschliches und göttliches Wirken.</a> 5. <a href="#ch2.3.5">Gottes Wesen.</a> 6. <a href="#ch2.3.6">Offenbarung und Vernunft.</a> 7. <a href="#ch2.3.7">Abu-l-Hudhail.</a> 8. <a href="#ch2.3.8">Nazzam.</a> 9. <a href="#ch2.3.9">Dschahiz.</a> 10. <a href="#ch2.3.10">Muammar und Abu Haschim.</a> 11. <a href="#ch2.3.11">Aschari.</a> 12. <a href="#ch2.3.12">Der atomistische Kalam.</a> 13. <a href="#ch2.3.13">Die Mystik.</a>
+<span class="pageNum" id="pb6">[<a href="#pb6">6</a>]</span></p>
+<p>4. <a href="#ch2.4" id="xd31e399">Litteratur und Geschichte</a> <span class="tocPageNum">63</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch2.4.1">Die Litteratur.</a> 2. <a href="#ch2.4.2">Abu-l-Atahia. Mutanabbi, Abu-l-Ala. Hariri.</a> 3. <a href="#ch2.4.3">Geschichtliche <span class="corr" id="xd31e415" title="Quelle: Ueberlieferung">Überlieferung</span>.</a> 4. <a href="#ch2.4.4">Masudi und Muqaddasi.</a>
+</p>
+<p>III. <a href="#ch3" id="xd31e424">Die pythagoreische Philosophie</a> <span class="tocPageNum">69–89</span>
+</p>
+<p>1. <a href="#ch3.1" id="xd31e432">Die Naturphilosophie</a> <span class="tocPageNum">69</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch3.1.1">Die Quellen.</a> 2. <a href="#ch3.1.2">Die mathematischen Disziplinen.</a> 3. <a href="#ch3.1.3">Die Naturwissenschaften.</a> 4. <a href="#ch3.1.4">Die Medizin.</a> 5. <a href="#ch3.1.5">Razi.</a> 6. <a href="#ch3.1.6">Die Dahriten.</a>
+</p>
+<p>2. <a href="#ch3.2" id="xd31e461">Die treuen Brüder von Basra</a> <span class="tocPageNum">76</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch3.2.1">Die Karmaten.</a> 2. <a href="#ch3.2.2">Die Brüder und ihre Encyklopädie.</a> 3. <a href="#ch3.2.3">Eklektizismus.</a> 4. <a href="#ch3.2.4">Das Wissen.</a> 5. <a href="#ch3.2.5">Die Mathematik.</a> 6. <a href="#ch3.2.6">Die Logik.</a> 7. <a href="#ch3.2.7">Gott und Welt.</a> 8. <a href="#ch3.2.8">Die menschliche Seele.</a> 9. <a href="#ch3.2.9">Religionsphilosophie.</a> 10. <a href="#ch3.2.10">Die Ethik.</a> 11. <a href="#ch3.2.11">Wirkung der Encyklopädie.</a>
+</p>
+<p>IV. <a href="#ch4" id="xd31e506">Die neuplat. Aristoteliker des Ostens</a> <span class="tocPageNum">90–137</span>
+</p>
+<p>1. <a href="#ch4.1" id="xd31e514">Kindi</a> <span class="tocPageNum">90</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch4.1.1">Sein Leben.</a> 2. <a href="#ch4.1.2">Verhältnis zur Theologie.</a> 3. <a href="#ch4.1.3">Die Mathematik.</a> 4. <a href="#ch4.1.4">Gott, Welt, Seele.</a> 5. <a href="#ch4.1.5">Die Lehre vom Nus.</a> 6. <a href="#ch4.1.6">Kindi als Aristoteliker.</a> 7. <a href="#ch4.1.7">Die Schule Kindis.</a>
+</p>
+<p>2. <a href="#ch4.2" id="xd31e546">Farabi</a> <span class="tocPageNum">98</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch4.2.1">Die Logiker.</a> 2. <a href="#ch4.2.2">Farabis Leben.</a> 3. <a href="#ch4.2.3">Verhältnis zu Platon und Aristoteles.</a> 4. <a href="#ch4.2.4">Die Philosophie.</a> 5. <a href="#ch4.2.5">Die Logik.</a> 6. <a href="#ch4.2.6">Das Seiende. Gott.</a> 7. <a href="#ch4.2.7">Die Himmelwelt.</a> 8. <a href="#ch4.2.8">Die irdische Welt.</a> 9. <a href="#ch4.2.9">Die menschliche Seele.</a> 10. <a href="#ch4.2.10">Der Geist im Menschen.</a> 11. <a href="#ch4.2.11">Die Ethik.</a> <span class="corr" id="xd31e589" title="Quelle: 1">12.</span> <a href="#ch4.2.12">Die Politik.</a> 13. <a href="#ch4.2.13">Das zukünftige Leben.</a> 14. <a href="#ch4.2.14">Rückblick.</a> 15. <a href="#ch4.2.15">Wirkungen seiner Philosophie. Sidschistani.</a>
+</p>
+<p>3. <a href="#ch4.3" id="xd31e606">Ibn Maskawaih.</a> <span class="tocPageNum">116</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch4.3.1">Seine Stellung.</a> 2. <a href="#ch4.3.2">Das Wesen der Seele.</a> 3. <a href="#ch4.3.3">Prinzipien der Ethik.</a>
+</p>
+<p>4. <a href="#ch4.4" id="xd31e625">Ibn Sina</a> <span class="tocPageNum">119</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch4.4.1">Sein Leben.</a> 2. <a href="#ch4.4.2">Das Werk.</a> 3. <a href="#ch4.4.3">Philosophische Wissenschaften. Die Logik.</a> 4. <a href="#ch4.4.4">Metaphysik und Physik.</a> 5. <a href="#ch4.4.5">Anthropologie und Psychologie.</a> 6. <a href="#ch4.4.6">Die Vernunft.</a> 7. <a href="#ch4.4.7">Allegorische Darstellung der Vernunftlehre.</a> 8. <a href="#ch4.4.8">Geheimlehre.</a> 9. <a href="#ch4.4.9">Ibn Sinas Zeit. Beruni.</a> 10. <a href="#ch4.4.10">Behmenjar.</a> 11. <a href="#ch4.4.11">Das Fortleben Ibn Sinas.</a>
+</p>
+<p>5. <a href="#ch4.5" id="xd31e669">Ibn al-Haitham</a> <span class="tocPageNum">133</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch4.5.1">Der Zug nach Westen.</a> 2. <a href="#ch4.5.2">Ibn al-Haithams Leben und Werke.</a> 3. <a href="#ch4.5.3">Wahrnehmung und Erkenntnis.</a> 4. <a href="#ch4.5.4">Nachwirkung.</a>
+<span class="pageNum" id="pb7">[<a href="#pb7">7</a>]</span></p>
+<p>V. <a href="#ch5" id="xd31e693">Der Ausgang der Philosophie im Osten</a> <span class="tocPageNum">138–152</span>
+</p>
+<p>1. <a href="#ch5.1" id="xd31e701">Gazali</a> <span class="tocPageNum">138</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch5.1.1">Dialektik und Mystik.</a> 2. <a href="#ch5.1.2">Gazalis Leben.</a> 3. <a href="#ch5.1.3">Stellung zu seiner Zeit.</a> 4. <a href="#ch5.1.4">Die Welt.</a> 5. <a href="#ch5.1.5">Gott und Vorsehung.</a> 6. <a href="#ch5.1.6">Der Mensch.</a> 7. <a href="#ch5.1.7">Gazalis Theologie.</a> 8. <a href="#ch5.1.8">Erfahrung und Offenbarung.</a> 9. <a href="#ch5.1.9">Rückblick.</a>
+</p>
+<p>2. <a href="#ch5.2" id="xd31e739">Die Kompendienschreiber</a> <span class="tocPageNum">150</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch5.2.1">Stellung der Philosophie.</a> 2. <a href="#ch5.2.2">Philosophische Bildung.</a>
+</p>
+<p>VI. <a href="#ch6" id="xd31e755">Die Philosophie im Westen</a> <span class="tocPageNum">153–176</span>
+</p>
+<p>1. <a href="#ch6.1" id="xd31e763">Die Anfänge</a> <span class="tocPageNum">153</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch6.1.1">Die Omajjadenzeit.</a> 2. <a href="#ch6.1.2">Das elfte Jahrhundert.</a>
+</p>
+<p>2. <a href="#ch6.2" id="xd31e779">Ibn Baddscha</a> <span class="tocPageNum">156</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch6.2.1">Die Almoraviden.</a> 2. <a href="#ch6.2.2">Ibn Baddschas Leben.</a> 3. <a href="#ch6.2.3">Charakteristik.</a> 4. <a href="#ch6.2.4">Logik und Metaphysik.</a> 5. <a href="#ch6.2.5">Seele und Geist.</a> 6. <a href="#ch6.2.6">Der einzelne Mensch.</a>
+</p>
+<p>3. <a href="#ch6.3" id="xd31e809">Ibn Tofail</a> <span class="tocPageNum">160</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch6.3.1">Die Almohaden.</a> 2. <a href="#ch6.3.2">Ibn Tofails Leben.</a> 3. <a href="#ch6.3.3">Hai ibn Jaqzan.</a> 4. <a href="#ch6.3.4">Hai und die Entwicklung der Menschheit.</a> 5. <a href="#ch6.3.5">Hai’s Ethik.</a>
+</p>
+<p>4. <a href="#ch6.4" id="xd31e834">Ibn Roschd</a> <span class="tocPageNum">165</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch6.4.1">Sein Leben.</a> 2. <a href="#ch6.4.2">Ibn Roschd und Aristoteles.</a> 3. <a href="#ch6.4.3">Logik. Erkenntnis der Wahrheit.</a> 4. <a href="#ch6.4.4">Die Welt und Gott.</a> 5. <a href="#ch6.4.5">Körper und Geist.</a> 6. <a href="#ch6.4.6">Geist und Geister.</a> 7. <a href="#ch6.4.7">Rückblick.</a> 8. <a href="#ch6.4.8">Praktische Philosophie.</a>
+</p>
+<p>VII. <a href="#ch7" id="xd31e869">Zum Schluss</a> <span class="tocPageNum">177–188</span>
+</p>
+<p>1. <a href="#ch7.1" id="xd31e877">Ibn Chaldun</a> <span class="tocPageNum">177</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch7.1.1">Die Zeitverhältnisse.</a> 2. <a href="#ch7.1.2">Das Leben Ibn Chalduns.</a> 3. <a href="#ch7.1.3">Philosophie und Welterfahrung.</a> 4. <a href="#ch7.1.4">Geschichtsphilosophie. Historische Methode.</a> 5. <a href="#ch7.1.5">Gegenstand der Geschichte.</a> 6. <a href="#ch7.1.6">Charakteristik.</a>
+</p>
+<p>2. <a href="#ch7.2" id="xd31e906">Die Araber und die Scholastik</a> <span class="tocPageNum">184</span>
+</p>
+<p class="tocArgument">1. <a href="#ch7.2.1">Politische Lage. Die Juden.</a> 2. <a href="#ch7.2.2">Palermo und Toledo.</a> 3. <a href="#ch7.2.3">Die Araber in Paris.</a>
+<span class="pageNum" id="pb9">[<a href="#pb9">9</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div class="body">
+<div id="ch1" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e170">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h2 class="main"><span class="divNum">I.</span> Zur Einleitung.</h2>
+</div>
+<div class="divBody">
+<div id="ch1.1" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e178">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">1.</span> Der Schauplatz.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch1.1.1" class="first"><b>1.</b> Von alters her war, wie heutzutage, die arabische Wüste der Tummelplatz unabhängiger
+Beduinenstämme. Mit freiem, gesundem Sinn blickten diese in ihre einförmige Welt hinein,
+deren höchster Reiz der Beutezug, deren geistiger Schatz die Stammesüberlieferung
+war. Weder die Errungenschaften geselliger Arbeit noch die Gaben schöner Muße waren
+ihnen bekannt. Nur an den Rändern der Wüste wurde, in Staatenbildungen, die oft von
+den Überfällen jener Beduinen zu leiden hatten, eine höhere Stufe der Gesittung erreicht.
+So war es im Süden, wo in christlicher Zeit unter abyssinischer oder persischer Oberhoheit
+das alte Reich der Königin von Saba fortbestand. Im Westen lagen an einer alten Handelsstraße
+Mekka und Medina (Jathrib), und besonders Mekka mit seinem Markte im Schutze eines
+Tempels war ein Mittelpunkt regen Verkehrs. Im Norden endlich hatten sich zwei halbsouveräne
+Staaten unter arabischen Fürsten gebildet: gegen Persien hin das Reich der Lachmiden
+in Hira und gegen Byzanz der Gassaniden Herrschaft in Syrien. Aber in Sprache und
+Poesie stellte sich schon vor Mohammed einigermaßen die Einheit der arabischen Nation
+dar. Die Dichter waren die Wissenden ihres Volkes. Ihre Zaubersprüche galten zunächst
+den Stämmen als Orakel. Doch ging ihre Wirkung wohl oft über den eigenen Stamm hinaus.
+</p>
+<p id="ch1.1.2"><b>2.</b> Mohammed und seinen nächsten Nachfolgern, Abu Bekr, Omar, Othman und Ali (622–661)
+ist es nun gelungen, die freien Wüstensöhne zusammen mit den gesitteteren <span class="pageNum" id="pb10">[<a href="#pb10">10</a>]</span>Bewohnern der Küstenstriche für ein gemeinsames Unternehmen zu begeistern. Diesem
+Ereignis verdankt der Islam seine Weltstellung. Denn Allah zeigte sich groß und für
+die Ihm sich Ergebenden (Muslime) war die Welt gar klein. In kurzer Zeit wurde ganz
+Persien erobert und verlor das oströmische Reich seine schönsten Provinzen: Syrien
+und Ägypten.
+</p>
+<p>Medina war der Sitz der ersten Chalifen oder Stellvertreter des Propheten. Aber Mohammeds
+tapferer Schwiegersohn, Ali, und dessen Söhne unterlagen Moawia, dem klugen Statthalter
+von Syrien. Seit der Zeit besteht die Partei des Ali (Schiiten), die unter mancherlei
+Wandlungen, bald unterworfen, bald an einzelnen Stellen zur Herrschaft gelangt, ihr
+Wesen in der Geschichte treibt, bis sie sich (1502) im persischen Reich endgültig
+gegen den sunnitischen Islam abschließt.
+</p>
+<p>In ihrem Kampfe gegen die weltliche Macht haben die Schiiten sich aller möglichen
+Waffen, auch der Wissenschaft bedient. Schon früh erscheint unter ihnen die Partei
+der Kaisaniten, die dem Ali und seinen Erben eine übermenschliche Geheimwissenschaft
+zuschreibt, ein Wissen, mit dessen Hilfe der innere Sinn der göttlichen Offenbarung
+erst klar werde, das aber auch von seinen Adepten nicht weniger Glauben und unbedingten
+Gehorsam gegen die Träger solchen Wissens erfordert als der Buchstabe des Korans.
+(<abbr title="Vergleiche">Vgl.</abbr> <a href="#ch3.2.1">III, 2 § 1</a>.)
+</p>
+<p id="ch1.1.3"><b>3.</b> Nach dem Siege Moawias, der Damaskus zur Hauptstadt des muslimischen Reiches machte,
+lag die Bedeutung Medinas hauptsächlich auf geistigem Gebiete. Es musste sich damit
+begnügen, zum Teil unter jüdischen und christlichen Einflüssen, die Wissenschaft des
+Gesetzes und der Tradition zu pflegen. In Damaskus aber führten die Omajjaden (661–750)
+ihr weltliches Regiment. Unter ihrer Herrschaft dehnte sich das Reich vom atlantischen
+Meere bis über die Grenzen Indiens und Turkestans aus, vom südlichen Meere bis an
+den Kaukasus und vor die <span class="pageNum" id="pb11">[<a href="#pb11">11</a>]</span>Mauern von Konstantinopel. Damit war aber auch die weiteste Ausdehnung erreicht.
+</p>
+<p>Araber nahmen jetzt überall die führende Stellung ein. Sie bildeten eine militärische
+Aristokratie und der schlagendste Beweis für ihren Einfluss ist dies, dass unterworfene
+Völker mit alter, überlegener Kultur die Sprache der Sieger annahmen. Die arabische
+Sprache wurde die Sprache des Staates und der Religion, der Poesie und der Wissenschaft.
+Während aber die hohen Staats- und Militärämter vorzugsweise von Arabern verwaltet
+wurden, blieb es zunächst Nichtarabern und Mischlingen überlassen, Künste und Wissenschaften
+zu pflegen. In Syrien ging man bei Christen in die Schule. Die Hauptstätten geistiger
+Bildung aber wurden Basra und Kufa, in denen Araber und Perser, Muslime, Christen,
+Juden und Magier zusammenstießen. Dort, wo Handel und Gewerbe aufblühten, sind, unter
+hellenistisch-christlichen und persischen Einflüssen entstanden, die Anfänge weltlicher
+Wissenschaft im Islam zu suchen.
+</p>
+<p id="ch1.1.4"><b>4.</b> Den Omajjaden folgten die Abbasiden (750–1258) nach. Diese machten, um zur Herrschaft
+zu gelangen, dem Persertum Konzessionen und benutzten religiös-politische Bewegungen.
+Nur in dem ersten Jahrhundert ihrer Regierung (bis etwa 860) mehrte oder hielt sich
+noch die Größe des Reiches, als dessen Mittelpunkt Mansur, der zweite Herrscher dieses
+Hauses, im Jahre 762 Bagdad gründete, eine Stadt, die bald an weltlichem Glanze Damaskus
+und als Leuchte des Geistes Basra und Kufa überstrahlte. Nur mit Konstantinopel war
+sie zu vergleichen. In Bagdad, an dem Hofe Mansurs (754–775), Haruns (786–809), Mamuns
+(813–833) <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> fanden sich, besonders aus den nordöstlichen Provinzen, Dichter und Gelehrte zusammen.
+Mehrere Abbasiden liebten weltliche Bildung, sei es an sich oder zur Ausschmückung
+ihres Hofes, und wenn sie oft auch den Wert der Künstler und Gelehrten nicht erkannt
+haben mögen, so wussten <span class="pageNum" id="pb12">[<a href="#pb12">12</a>]</span>doch diese die materiellen Güter ihrer Herren wohl zu schätzen.
+</p>
+<p>Wenigstens seit der Zeit Haruns bestand in Bagdad eine Bibliothek und eine Gelehrtenanstalt.
+Schon unter Mansur, besonders aber unter Mamun und seinen Nachfolgern, wurde dann
+die wissenschaftliche Litteratur der Griechen, meistens durch syrische Vermittelung,
+in die arabische Sprache übertragen. Auch Kompendien und Erläuterungen dazu wurden
+verfasst.
+</p>
+<p>Als diese gelehrte Arbeit ihren höchsten Aufschwung nahm, war die Herrlichkeit des
+Reiches im Niedergang begriffen. Die alten Stammesfehden, die unter den Omajjaden
+nie geruht hatten, waren scheinbar einer festgefügten Einheit des Staates gewichen.
+Aber es dauerten in verschärftem Maße andere Streitigkeiten fort, theologische und
+metaphysische Zänkereien, wie sie ähnlich den Verfall des oströmischen Reiches begleiteten.
+Der Staatsdienst brauchte in der orientalischen Despotie nur wenig befähigte Köpfe.
+Viele junge Kräfte gingen im üppigen Genusse unter, andere verfielen auf Wortkünstelei
+und Scheingelehrsamkeit. Zur Verteidigung des Reiches dagegen zog man die frische
+Kraft weniger überbildeter Völker heran: zuerst iranische oder iranisierte Chorasaner,
+darauf Türken.
+</p>
+<p id="ch1.1.5"><b>5.</b> Immer deutlicher zeigte sich des Reiches Verfall. Die Machtstellung des Türkenheeres,
+Aufstände städtischen Pöbels und ländlicher Arbeiter, schiitische und ismaelitische
+Umtriebe überall, dazu die Selbständigkeitsgelüste der entfernten Provinzen waren
+entweder die Ursachen oder die Symptome des Untergangs. Neben dem Chalifen, der zum
+geistlichen Würdenträger herabsank, herrschten die Türken als Hausmeier. Und an der
+Peripherie entstanden nach und nach selbständige Staaten, bis zu einer ganz entsetzlichen
+Kleinstaaterei. Die wichtigsten, mehr oder weniger unabhängigen Herrscher waren im
+Westen, abgesehen von den spanischen Omajjaden (<abbr title="vergleiche">vgl.</abbr> <a href="#ch6.1">VI, 1</a>), die Aglabiden Nordafrikas, die Tuluniden und Fatimiden Ägyptens und die <span class="pageNum" id="pb13">[<a href="#pb13">13</a>]</span>Hamdaniden Syriens und Mesopotamiens; im Osten die Tahiriden und Samaniden, allmählich
+von den Türken verdrängt. An den Höfen dieser kleinen Dynastien sind in der nächsten
+Zeit (10. und 11. Jahrh.) die Dichter und Gelehrten zu finden. Mehr als Bagdad machen
+sich auf kurze Zeit Haleb (Aleppo), der Sitz der Hamdaniden, und auf längere Zeit
+Kairo, im Jahre 969 von den Fatimiden erbaut, als Heimstätten geistiger Bestrebungen
+geltend. Im Osten glänzt noch einen Augenblick der Hof des Türken Machmud von Ghazna,
+der seit dem Jahre 999 Herr von Chorasan war.
+</p>
+<p>In diese Zeit der Kleinstaaterei und der Türkenwirtschaft fällt auch die Gründung
+der muslimischen Universitäten. Im Jahre 1065 wurde die erste in Bagdad errichtet.
+Seit der Zeit besitzt der Orient die Wissenschaft nur in stereotypen Auflagen. Der
+Lehrer hat gelehrt, was ihm von seinen Lehrern überliefert worden, und jedes neue
+Buch enthält kaum einen Satz, der nicht schon in älteren Büchern stände. Die Wissenschaft
+ist gerettet. Aber die Gelehrten Transoxaniens, die, der <span class="corr" id="xd31e988" title="Quelle: Ueberlieferung">Überlieferung</span> nach, als sie die Gründung der ersten Madrasah erfuhren, eine Trauerfeier zu Ehren
+der Wissenschaft veranstalteten, haben Recht behalten.<a class="noteRef" id="xd31e991src" href="#xd31e991">1</a>
+</p>
+<p>Über die östlichen Länder des Islam brauste dann (13. Jahrh.) der Mongolensturm dahin.
+Was der Türke übrig gelassen, raffte dieser hinweg. Es blühte da keine Kultur wieder
+auf, die aus sich heraus eine neue Kunst hervortrieb oder zu einer Erneuerung der
+Wissenschaft die Anregung darbot.
+</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch1.2" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e203">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">2.</span> Orientalische Weisheit.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch1.2.1" class="first"><b>1.</b> Vor seiner Berührung mit dem Hellenismus hat der semitische Geist, in philosophischer
+Hinsicht, es nie <span class="pageNum" id="pb14">[<a href="#pb14">14</a>]</span>weiter als zu Rätselfragen und Spruchweisheit gebracht. Einzelbeobachtungen aus der
+Natur, hauptsächlich aber aus Leben und Schicksal des Menschen, liegen zu Grunde,
+und wo das Verständnis aufhört, stellt sich leicht die Ergebung in den allmächtigen
+und unergründlichen Willen Gottes ein. Wir kennen diese Weisheit aus dem Alten Testament.
+Dass sie sich ähnlich bei den Arabern ausbildete, zeigen uns die biblische Geschichte
+der Königin von Saba und die Gestalt des weisen Loqman in der arabischen Überlieferung.
+</p>
+<p>Neben solcher Weisheit gab es überall die Magie des Zauberers, ein Wissen, das sich
+in der Herrschaft über die Dinge bewährte. Aber nur in den priesterlichen Kreisen
+Alt-Babyloniens, unter welchen Einflüssen und in welchem Umfange wissen wir nicht
+genau, erhob man sich zu einer wissenschaftlicheren Betrachtung der Welt. Vom Wirrsal
+des Erdendaseins wandte dort das Auge sich der himmlischen Ordnung zu. Nicht wie der
+Hebräer, der über ein gewisses Staunen nicht hinwegkam<a class="noteRef" id="xd31e1009src" href="#xd31e1009">2</a> oder in den unzähligen Gestirnen nur ein Sinnbild eigener Nachkommenschaft sah<a class="noteRef" id="xd31e1012src" href="#xd31e1012">3</a>, sondern ähnlich dem Griechen, der das Viele und Mannigfaltige unter dem Monde erst
+verstehen lernte, nachdem er in der Einheit und Stetigkeit der Himmelsbewegung die
+Harmonie des Alls gefunden hatte. Nur dass sich mit dem Guten, wie es denn im Hellenismus
+nicht anders war, viel mythologisches Spiel und astrologisches Afterwissen verschlangen.
+</p>
+<p>Diese chaldäische Weisheit wurde in Babylonien und Syrien seit den Tagen Alexanders
+des Großen mit hellenistischen, später mit hellenistisch-christlichen Ideen durchsetzt
+oder davon verdrängt. Nur in der syrischen Stadt Harran hielt sich bis in die Zeit
+des Islam das alte Heidentum, von christlichen Einflüssen wenig berührt. (<abbr title="Vergleiche">Vgl.</abbr> <a href="#ch1.3.4">I, 3 § 4</a>.)
+<span class="pageNum" id="pb15">[<a href="#pb15">15</a>]</span></p>
+<p id="ch1.2.2"><b>2.</b> Bedeutender als etwaige semitische Überlieferung war es, was dem Islam von persischer
+und indischer Weisheit zugeführt wurde. Auf die Frage, ob die orientalische Weisheit
+von griechischer Philosophie, oder diese von jener ursprünglich beeinflusst sei, brauchen
+wir hier nicht einzugehen. Was der Islam graden Weges Persern und Indern entnommen
+hat, lässt sich aus den arabischen Quellen mit ziemlicher Sicherheit ersehen, und
+auf dieses dürfen wir uns beschränken.
+</p>
+<p>Persien ist das Land des Dualismus, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass seine
+dualistische Religionslehre, sei es direkt, sei es durch Vermittelung des Manichäismus
+oder anderer gnostischer Sekten, auf die theologischen Streitigkeiten im Islam eingewirkt
+habe. Viel größer aber ist in weltlichen Kreisen der Einfluss desjenigen Systems gewesen,
+das der Überlieferung nach unter dem Sasaniden Jezdegerd II. (438/9–457) sogar zur
+öffentlichen Anerkennung kam, des Zrwanismus (<abbr title="vergleiche">vgl.</abbr> <a href="#ch3.1.6"><span class="corr" id="xd31e1034" title="Quelle: II">III</span>, 1 § 6</a>). In diesem System war die dualistische Weltansicht dadurch aufgehoben, dass als
+oberstes Prinzip die endlose Zeit (<span class="ex">zrwan</span>, arab. <span class="ex">dahr</span>) aufgestellt und mit dem Geschick, der äußersten Himmelssphäre oder der Bewegung
+des Himmels identifiziert wurde. Diese Lehre, die philosophischen Köpfen zusagte,
+hat sich, mit oder ohne die Maske des Islam, in der persischen Litteratur und bis
+auf unsere Zeit in den volkstümlichen Anschauungen einen großen Platz zu erhalten
+gewusst. Von den Theologen aber und nicht weniger von der idealistischen Schulphilosophie
+wurde sie als Materialismus, Atheismus <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> abgewiesen.
+</p>
+<p id="ch1.2.3"><b>3.</b> Als das wahre Land der Weisheit galt Indien. Vielfach findet sich bei den arabischen
+Schriftstellern die Anschauung, dort sei die Geburtsstätte der Philosophie zu finden.
+Durch friedlichen Handelsverkehr, dessen Vermittler zwischen Indien und dem Abendlande
+hauptsächlich Perser waren, dann infolge der muslimischen Eroberung <span class="pageNum" id="pb16">[<a href="#pb16">16</a>]</span>verbreitete sich die Kenntnis indischer Weisheit. Unter Mansur (754–775) und Harun
+(786–809) wurde vieles davon, teils durch die Mittelstufe des Persischen (Pahlawi)
+hindurch, teils direkt aus dem Sanskrit übersetzt. Von der ethischen und politischen
+Spruchweisheit, aus Fabel und Erzählung der Inder, ward manches herübergenommen, so
+die von Ibn al-Moqaffa zu Mansurs Zeit aus dem Pahlawi übersetzten Erzählungen des
+Pantschatantra <abbr title="und Andere">u. A.</abbr> An erster Stelle aber wirkten indische Mathematik und Astrologie, letztere in Verbindung
+mit praktischer Medizin und Zauberkunst, auf die Anfänge der Weltweisheit im Islam.
+Die Astrologie des Siddhanta von Brahmagupta, unter Mansur mit Hilfe indischer Gelehrten
+von Fazari aus dem Sanskrit übersetzt, war noch vor des Ptolemäus Almagest bekannt.
+Eine weite Welt, in Vergangenheit und Zukunft, that sich da auf. Die hohen Zahlen,
+mit denen der Inder operierte, erzeugten auf die nüchternen muslimischen Annalisten
+einen gewaltigen, verwirrenden Eindruck, wie andererseits der arabische Kaufmann,
+der in Indien und China das Alter unserer erschaffenen Welt auf einige Tausend Jahre
+ansetzte, sich im höchsten Grade lächerlich machte.
+</p>
+<p>Auch die logischen und metaphysischen Spekulationen der Inder sind den Muslimen nicht
+unbekannt geblieben, aber viel weniger als Mathematik und Astrologie haben diese die
+wissenschaftliche Entwicklung beeinflusst. Die Grübeleien der Inder, an ihre heiligen
+Bücher anknüpfend und durchaus religiös bestimmt, haben gewiss auf persisches Sufitum
+und islamische Mystik nachhaltig eingewirkt. Aber Philosophie ist nun einmal ein griechischer
+Begriff und es geht nicht an, einem Tagesgeschmack zu liebe, in unserer Darstellung
+den Kuhmilchgedanken frommer Inder allzuviel Platz einzuräumen. Was jene sinnigen
+Büßer über den täuschenden Schein alles Sinnlichen vorgebracht haben, mag oft einen
+poetischen Reiz besitzen, stimmt auch wohl zu dem, was dem Osten aus neupythagoreischen
+und neuplatonischen <span class="pageNum" id="pb17">[<a href="#pb17">17</a>]</span>Quellen an Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles Irdischen zugänglich war,
+hat aber, ebensowenig wie dieses, etwas Erhebliches zur Erklärung der Erscheinungen,
+zur Erweckung wissenschaftlichen Sinnes beigetragen. Nicht indischer Phantasie, sondern
+griechischen Geistes bedurfte es dazu, das Nachdenken auf die Erkenntnis des Wirklichen
+zu richten. Das beste Beispiel dafür ist die arabische Mathematik. Nach dem Urteile
+ihrer besten Kenner ist indisch darin fast nur die Rechenkunst, griechisch, wenn auch
+nicht ausschließlich, doch vorwiegend, die Algebra und die Geometrie. Zum Begriffe
+reiner Mathematik ist wohl kaum ein Inder durchgedrungen. Die Zahl, auch die höchste,
+blieb doch immer eine konkrete. Und in der indischen Philosophie blieb das Wissen
+überhaupt ein Mittel. Zweck war die Erlösung vom Übel des Daseins, die Philosophie
+Anleitung zum seligen Leben. Daher die Monotonie dieser auf das einheitliche Wesen
+aller Dinge gerichteten Weisheit, der gegenüber die reichgegliederte Wissenschaft
+der Hellenen die Wirkungen der Natur und des Geistes allseitig zu erfassen bestrebt
+war.
+</p>
+<p>Orientalische Weisheit, Astrologie und Kosmologie, hat den muslimischen Denkern mancherlei
+Stoff geliefert, aber die Form, das bildende Prinzip, kam ihnen von den Griechen her.
+Überall, wo es sich nicht um bloßes Aufzählen oder zufälliges Zusammenreihen handelt,
+sondern nach sachlichen oder logischen Gesichtspunkten eine Anordnung des Mannigfaltigen
+versucht wird, darf mit Wahrscheinlichkeit auf griechischen Einfluss geschlossen werden.
+</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch1.3" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e222">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">3.</span> Griechische Wissenschaft.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch1.3.1" class="first"><b>1.</b> Wie die Perser hauptsächlich den Handelsverkehr zwischen Indien-China und Byzanz
+leiteten, so traten im fernen Westen, bis ins Frankenreich, die Syrer als Kulturvermittler
+auf. Es waren Syrer, die Wein, Seide <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> <span class="pageNum" id="pb18">[<a href="#pb18">18</a>]</span>ins Abendland einführten. Aber es waren auch Syrer, die griechische Bildung aus Alexandrien
+und Antiochien nach Osten hin verbreiteten und in den Schulen von Edessa und Nisibis,
+Harran und Gondeschapur fortpflanzten. Syrien war das richtige Land der Mitte, wo
+Jahrhunderte lang die beiden Weltmächte, die römische und die persische, feindlich
+oder friedlich zusammenstießen. Unter solchen Umständen spielten die christlichen
+Syrer eine Rolle, wie sie ähnlich später den Juden zu teil ward.
+</p>
+<p id="ch1.3.2"><b>2.</b> Die muslimischen Eroberer fanden die christliche Kirche, abgesehen von vielen Sekten,
+in drei Abteilungen gespalten. Im eigentlichen Syrien herrschte neben der orthodoxen
+Reichskirche die monophysitische, in Persien die nestorianische Kirche vor. Der Unterschied
+zwischen den Lehrsystemen dieser Kirchen ist wohl nicht ohne Bedeutung für die Entwicklung
+der muslimischen Dogmatik gewesen. Nach der Lehre der Monophysiten waren in Christus
+Gott und Mensch zu <span class="ex">einer</span> Natur vereinigt, während die Orthodoxen und viel schärfer noch die Nestorianer eine
+göttliche und eine menschliche Natur unterschieden. Nun heißt Natur vor allem Energie
+oder Wirkungsprinzip. Es handelt sich um die Frage, ob göttliches und menschliches
+Wollen und Wirken in Christus ein und dasselbe seien oder verschieden. Die Monophysiten
+hoben, aus spekulativen und religiösen Motiven, auf Kosten des Menschlichen die Einheit
+in Christus, ihrem Gotte, hervor, die Nestorianer dagegen betonten die Eigenart menschlichen
+Seins, Wollens und Wirkens dem göttlichen gegenüber. Letzteres aber bietet, unter
+Begünstigung politischer und kultureller Verhältnisse, einer philosophischen Welt-
+und Lebensbetrachtung freieren Spielraum, und thatsächlich haben die Nestorianer am
+meisten für die Pflege griechischer Wissenschaft gethan.
+</p>
+<p id="ch1.3.3"><b>3.</b> Die Sprache sowohl der westlichen als auch der östlichen (persischen) Kirche war
+das Syrische. Daneben aber wurde in den Klosterschulen das Griechische gelehrt. <span class="pageNum" id="pb19">[<a href="#pb19">19</a>]</span>In der westlichen (monophysitischen) Kirche sind Rasain und Kinnesrin als Stätten
+der Bildung zu nennen. Bedeutender war, wenigstens anfangs, die Schule von Edessa,
+wie denn auch der edessenische Dialekt sich zur Schriftsprache erhoben hatte. Aber
+im Jahre 489 ward die dortige Schule wegen der nestorianischen Gesinnung ihrer Lehrer
+geschlossen. Sie that sich dann in Nisibis wieder auf und verbreitete in Persien,
+aus politischen Gründen von den Sasaniden begünstigt, nestorianischen Glauben und
+griechisches Wissen.
+</p>
+<p>Der Unterricht in jenen Schulen hatte vorzugsweise biblisch-kirchlichen Charakter
+und war auf kirchliche Bedürfnisse berechnet. Aber es nahmen auch Ärzte oder künftige
+Studenten der Medizin daran teil. Dass diese oft dem geistlichen Stande angehörten,
+hebt den Unterschied zwischen theologischem Studium und der Beschäftigung mit weltlichem
+Wissen nicht auf. Zwar haben, nach dem syrisch-römischen Rechtsbuch, die Lehrer (gelehrten
+Priester) und Ärzte Steuerfreiheit und andere Privilegien gemeinsam. Aber dass die
+ersteren als Heilkünstler der Seele betrachtet wurden, während die Ärzte bloß den
+Leib zu flicken hatten, begründete den Vorzug jener vor diesen. Die Medizin blieb
+doch immer etwas Weltliches, und nach den Statuten der Schule zu Nisibis (vom Jahre
+590) durften die heiligen Schriften nicht mit Büchern des weltlichen Gewerbes in einem
+Raume zusammen gelesen werden.
+</p>
+<p>In ärztlichen Kreisen wurden die Werke des Hippokrat, Galen und Aristoteles sehr geschätzt.
+In den Klöstern aber verstand man unter Philosophie zunächst das beschauliche Leben
+des Asketen und achtete nur auf das Eine, das not thut.
+</p>
+<p id="ch1.3.4"><b>4.</b> Eine eigentümliche Stellung nimmt die mesopotamische Stadt Harran, in der Nähe Edessas,
+ein. Altsemitisches Heidentum verknüpft sich hier, besonders nach der arabischen Eroberung,
+als die Stadt neu emporblühte, mit mathematischen und astronomischen Studien und neupythagoreischer
+<span class="pageNum" id="pb20">[<a href="#pb20">20</a>]</span>und neuplatonischer Spekulation. Die Harranier oder Sabier, wie sie im 9. und 10.
+Jahrhundert heißen, führen ihre mystische Weisheit auf Hermes Trismegistos, Agathodaemon,
+Uranius <abbr title="und Andere">u. A.</abbr> zurück. Zahlreiche Pseudepigraphen des späteren Hellenismus werden von ihnen gläubig
+aufgenommen, einzelnes wird vielleicht in ihrem Kreise fabriziert. Als Übersetzer
+und gelehrte Schriftsteller sind einige aus ihrer Mitte thätig gewesen. Viele haben
+mit persischen und arabischen Gelehrten des achten bis zehnten Jahrhunderts einen
+regen wissenschaftlichen Verkehr unterhalten.
+</p>
+<p id="ch1.3.5"><b>5.</b> In Persien, zu Gondeschapur, finden wir eine von Chosrau Anoscharwan (531–579) gegründete
+Anstalt für philosophische und medizinische Studien. Ihre Lehrer waren hauptsächlich
+nestorianische Christen. Aber außer den Nestorianern duldete der weltlicher Bildung
+geneigte Fürst auch Monophysiten. Besonders als Mediziner waren damals, wie später
+am Hofe der Chalifen, christliche Syrer in Ehren.
+</p>
+<p>Auch die im Jahre 529 aus Athen vertriebenen sieben Philosophen der neuplatonischen
+Schule fanden am Hofe Chosraus eine Zufluchtsstätte. Sie mögen aber dort ähnliche
+Erfahrungen gemacht haben, wie die französischen Freigeister des vorigen Jahrhunderts
+am russischen Hofe. Jedenfalls sehnten sie sich nach der Heimat zurück. Und der König
+war freisinnig und großmütig genug, sie gehen zu lassen und für sie im Friedensvertrage
+mit Byzanz vom Jahre 549 Glaubensfreiheit zu bedingen. Ganz ohne Einfluss wird ihr
+Aufenthalt im persischen Reich doch wohl nicht geblieben sein.
+</p>
+<p id="ch1.3.6"><b>6.</b> Die Zeit der syrischen Übersetzungen profaner Schriften aus dem Griechischen läuft
+etwa vom vierten bis zum achten Jahrhundert. Im vierten Jahrhundert wurden Spruchsammlungen
+übertragen. Als erster mit Namen genannter Übersetzer erscheint Probus, “Priester
+und Arzt in Antiochien” (erste Hälfte des fünften Jahrhunderts?). <span class="pageNum" id="pb21">[<a href="#pb21">21</a>]</span>Vielleicht war er auch nur Erklärer logischer Schriften des Aristoteles und der Isagoge
+des Porphyrius. Bekannter ist Sergius von Rasain (gestorben, wahrscheinlich in Konstantinopel,
+um 536, etwa 70 Jahre alt), ein mesopotamischer Mönch und Arzt, der den ganzen Umfang
+der alexandrinischen Wissenschaft, vielleicht in Alexandrien selbst, studierte und
+dessen Übersetzungen nicht nur auf Theologie, Moral und Mystik, sondern mehr noch
+auf Physik, Medizin und Philosophie sich erstreckten. Auch nach der muslimischen Eroberung
+wurde die gelehrte Thätigkeit der Syrer fortgesetzt. Jakob von Edessa (etwa 640–708)
+übersetzte griechisch-theologische Schriften, befasste sich aber außerdem mit Philosophie
+und erklärte auf eine diesbezügliche Anfrage, es sei christlichen Geistlichen erlaubt,
+Kindern von muslimischen Eltern gelehrten Unterricht zu erteilen. Bei den letzteren
+war also ein Bildungsbedürfnis vorhanden.
+</p>
+<p>Die Übersetzungen der Syrer, namentlich des Sergius von Rasain, sind im allgemeinen
+treu; die logischen und naturwissenschaftlichen aber entsprechen dem Original genauer,
+als die ethischen und metaphysischen. In diesen gab es eben viel Dunkles, das missverstanden
+oder einfach weggelassen, und viel Heidnisches, das durch Christliches ersetzt ward.
+Für Sokrates, Platon und Aristoteles (als Beispiele) traten wohl einmal Petrus, Paulus
+und Johannes ein. Das Schicksal und die Götter mussten dem Einen Gotte weichen. Und
+Begriffe wie Welt, Ewigkeit, Sünde und dergleichen erhielten ein christliches Gepräge.
+Übrigens sind die Araber mit der Anpassung an ihre Sprache, Kultur und Religion später
+viel weiter gegangen als die Syrer. Teils lässt sich das wohl aus der muslimischen
+Scheu vor allem Heidnischen, teils aber auch aus einer größeren Anpassungsfähigkeit
+erklären.
+</p>
+<p id="ch1.3.7"><b>7.</b> Abgesehen von einigen mathematischen, physischen und medizinischen Schriften haben
+die Syrer sich für ein Zweifaches interessiert. Erstens für moralisierende Spruchsammlungen,
+<span class="pageNum" id="pb22">[<a href="#pb22">22</a>]</span>mit etwas Philosophiegeschichte verbunden, und im allgemeinen für mystische pythagoreisch-platonische
+Weisheit. Diese findet sich hauptsächlich in Pseudepigraphen, die den Namen des Pythagoras,
+Sokrates, Plutarch, Dionysius <abbr title="und Andere">u. A.</abbr> tragen. Im Mittelpunkte des Interesses steht eine platonische Seelenlehre, in späterer
+pythagoreischer, neuplatonischer oder christlicher Bearbeitung. Platon wird in den
+syrischen Klöstern sogar zu einem orientalischen Mönch, der sich eine Zelle im Herzen
+der Wildnis erbaute, weitab von den Wohnsitzen der Menschen, und dort, nach dreijährigem
+Schweigen und Grübeln über einen Bibelvers, die göttliche Dreieinigkeit erkannt haben
+soll.
+</p>
+<p>Dazu kam denn als Zweites die Logik des Aristoteles. Aristoteles war den Syrern, wie
+längere Zeit auch den Arabern, fast nur als Logiker allgemein bekannt. Die Bekanntschaft
+erstreckte sich, ähnlich wie in der Frühscholastik des Abendlandes, auf Kategorien,
+Hermeneutik und erste Analytik bis zu den kategorischen Figuren. Der Logik bedurfte
+man schon, um die Schriften griechischer Kirchenlehrer zu verstehen, da dieselben,
+wenigstens formal, davon beeinflusst waren. Wie man aber die Logik nicht vollständig
+hatte, so besaß man sie auch nicht rein, sondern in neuplatonischer Überarbeitung,
+wie <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> ersichtlich ist aus dem Werke des Paulus Persa, welches in syrischer Sprache für
+Chosrau Anoscharwan geschrieben wurde. Es wird darin das Wissen über den Glauben gestellt
+und die Philosophie definiert als die Selbstbesinnung der Seele auf ihr inneres Wesen,
+in dem sie, gleichsam wie ein Gott, alle Dinge erblickt.
+</p>
+<p id="ch1.3.8"><b>8.</b> Was die Araber den Syrern verdanken, spricht sich <abbr title="unter andere">u. a.</abbr> darin aus, dass arabische Gelehrte das Syrische für die älteste oder richtige (natürliche)
+Sprache hielten. Zwar haben die Syrer Selbständiges nicht geschaffen, aber ihre Übersetzerthätigkeit
+kam der arabisch-persischen Wissenschaft zu gute. Es sind fast ohne Ausnahme Syrer
+gewesen, die vom 8. bis 10. Jahrhundert aus den älteren <span class="pageNum" id="pb23">[<a href="#pb23">23</a>]</span>oder den von ihnen teils verbesserten, teils neu veranstalteten syrischen Übersetzungen
+die griechischen Werke ins Arabische übertrugen. Schon der omajjadische Prinz Chalid
+ibn Jezid (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 704), der sich unter Leitung eines christlichen Mönches mit der Alchemie befasste,
+soll <span class="corr" id="xd31e1134" title="Quelle: Uebersetzungen">Übersetzungen</span> alchemistischer Werke aus dem Griechischen ins Arabische veranstaltet haben. Sprichwörter,
+Gnomen, Briefe, Testamente, überhaupt Philosophiegeschichtliches, wurden schon früh
+gesammelt und übersetzt. Aber erst unter Mansur wurde damit angefangen, naturwissenschaftlich-medizinische
+und logische Schriften der Griechen, zum Teil aus dem Pahlawi, ins Arabische zu übertragen.
+Besonders beteiligte sich daran Ibn al-Moqaffa, ein Anhänger des persischen Dualismus,
+von dem die Späteren sich durch ihre Terminologie unterschieden haben sollen. Es ist
+uns aber von seinen philosophischen Übersetzungen nichts erhalten. Auch anderes aus
+dem achten Jahrhundert ist verloren gegangen; erst aus dem neunten Jahrhundert, aus
+der Zeit Mamuns und seiner Nachfolger, ist einiges Übersetzte auf uns gekommen.
+</p>
+<p>Die Übersetzer des neunten Jahrhunderts waren meistens Mediziner und nach Ptolomäus
+und Euklid wurden Hippokrat und Galen mit am ersten übertragen. Beschränken wir uns
+auf die Philosophie im engeren Sinne. Von Juhanna oder Jachja ibn Bitriq (Anfang des
+neunten Jahrhunderts) soll eine Übersetzung des platonischen Timäus herrühren, ferner
+Aristoteles’ Meteorologie, das Buch der Tiere, ein Auszug aus der Psychologie und
+die Schrift Über die Welt. Dem Abdalmasich ibn Abdallah Naima al-Himsi (um 835) wird
+zugeschrieben eine Übertragung der aristotelischen Sophistik, dazu des Johannes Philoponus
+Kommentar zur Physik und die sogenannte Theologie des Aristoteles, ein paraphrastischer
+Auszug aus Plotin’s Enneaden. Qosta ibn Luqa al-Balabakki (um 835) soll übersetzt
+haben Alexanders von Aphrodisias und Johannes Philoponus’ Kommentare zur aristotelischen
+Physik, zum Teil Alexanders Kommentar zu <span class="pageNum" id="pb24">[<a href="#pb24">24</a>]</span>de generatione et corruptione, dazu Pseudo-Plutarchs placita philosophorum <abbr title="und Andere">u. A.</abbr>
+</p>
+<p>Die fruchtbarsten Übersetzer waren Abu Zaid Honain ibn Ishaq (809?–873), dessen Sohn
+Ishaq ibn Honain (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 910 oder 911) und Neffe Hobaisch ibn al-Hasan. Da sie zusammen arbeiteten, gibt es
+vieles, das bald dem Einen, bald dem Anderen zugeschrieben wird. Manches wird unter
+ihrer Aufsicht von Schülern und Untergebenen angefertigt sein. Ihre Thätigkeit dehnte
+sich auf den ganzen Umfang der damaligen Wissenschaft aus. Älteres wurde verbessert,
+Neues hinzugefügt. Der Vater übersetzte vorzugsweise Medizinisches, der Sohn aber
+mehr Philosophisches.
+</p>
+<p>Im zehnten Jahrhundert dauerte noch die Arbeit der Übersetzer fort. Es zeichneten
+sich besonders aus Abu Bischr Matta ibn Junus al-Qannai (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 940), Abu Zakarija Jachja ibn Adi al-Mantiqi (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 974) und Abu Ali Isa ibn Ishaq ibn Zura (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 1008). Endlich Abu-l-Chair al-Hasan ibn al-Chammar (geb. 942), ein Schüler des Jachja
+ibn Adi, von dem, ausser Übersetzungen, Kommentaren <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr>, auch eine Schrift über die Übereinstimmung zwischen Philosophie und Christentum
+genannt wird.
+</p>
+<p>Die Thätigkeit der Übersetzer seit Honain ibn Ishaq beschränkte sich fast ganz auf
+die aristotelischen und pseudo-aristotelischen Schriften, deren Auszüge, Paraphrasen
+und Kommentare.
+</p>
+<p id="ch1.3.9"><b>9.</b> Als besonders <span class="corr" id="xd31e1162" title="Quelle: grosse">große</span> Philosophen sind diese Übersetzer nicht anzusehen. Selten arbeiteten sie spontan,
+fast immer im Dienste eines Chalifen, eines Wezirs, oder eines anderen vornehmen Mannes.
+<span class="corr" id="xd31e1165" title="Quelle: Ausser">Außer</span> ihrem Fachstudium, gewöhnlich der Medizin, interessierte sie höchstens die Weisheit:
+schöne Geschichten mit moralischer Anwendung, Anekdötchen und Sprüche. Was wir uns
+im Verkehr, in der Erzählung oder auf der Bühne nur als Eigentümlichkeit gewisser
+Personen gefallen lassen, wurde von jenen Biedermännern ihres weisen Inhalts oder
+vielleicht auch nur schönrednerischen Prunkes wegen bewundert und gesammelt. <span class="pageNum" id="pb25">[<a href="#pb25">25</a>]</span>In der Regel blieben sie dem väterlichen Christenglauben treu. Charakteristisch für
+ihre Auffassung und den Freisinn der Chalifen ist es, was die Überlieferung in Bezug
+auf Ibn Dschibril berichtet. Als Mansur ihn zum Islam bekehren wollte, soll er gesagt
+haben: “Im Glauben meiner Väter werde ich sterben, wo sie sind, wünsche ich auch zu
+sein, sei’s nun im Himmel oder in der Hölle.” Da lächelte der Chalif und entließ ihn
+<span class="corr" id="xd31e1170" title="Quelle: reichbeschenkt">reich beschenkt</span>.
+</p>
+<p>Von selbständigen Schriften dieser Männer hat sich nur weniges gerettet. Eine kleine
+Abhandlung des Qosta ibn Luqa über den Unterschied zwischen Seele und Geist (<span class="trans" title="pneuma"><span lang="grc" class="grek">πνεῦμα</span></span>, ruh), in lateinischer Übersetzung erhalten, ist viel genannt und benutzt worden.
+Der Geist ist danach ein feiner Körper, der von der linken Herzkammer aus den menschlichen
+Leib belebt und darin Bewegung und Wahrnehmung bewirkt. Je feiner und klarer dieser
+Geist, um so vernünftiger denkt und handelt auch der Mensch. Darüber sind sich Alle
+einig. Schwieriger aber ist es, etwas Sicheres und Allgemeingültiges über die Seele
+auszusagen. Die Aussprüche der größten Philosophen sind zum Teil verschieden, zum
+Teil einander widersprechend. Jedenfalls ist die Seele unkörperlich, weil sie Qualitäten,
+und zwar die entgegengesetzten zugleich, in sich aufnimmt. Sie ist einfach, unveränderlich
+und vergeht nicht, wie der Geist, mit dem Körper; der Geist vermittelt nur zwischen
+beiden, ist also secundäre Ursache der Bewegung und Wahrnehmung.
+</p>
+<p>Was hier in Bezug auf die Seele behauptet wird, finden wir bei vielen Späteren. Nur
+wird allmählich, je mehr die aristotelische Philosophie platonische Ansichten in den
+Hintergrund drängt, ein anderes Gegensatzpaar in das volle Licht gerückt. Von der
+Bedeutung des Lebensgeistes (ruh) reden nur noch die Mediziner. Die Philosophen stellen
+Seele und Geist oder Vernunft (<span class="trans" title="nous"><span lang="grc" class="grek">νοῦς</span></span>, ʻaql) zusammen. Die Seele wird nun ins Vergängliche, mitunter sogar nach gnostischer
+Art in das niedere, böse Bereich der Begierden herabgezogen. Über sie erhebt <span class="pageNum" id="pb26">[<a href="#pb26">26</a>]</span>sich, als das Höchste, das Unvergängliche im Menschen, der vernünftige Geist.
+</p>
+<p>Mit dieser Bemerkung greifen wir aber der Geschichte vor. Kehren wir zu unseren Übersetzern
+zurück.
+</p>
+<p id="ch1.3.10"><b>10.</b> Das Wertvollste, was der griechische Geist an Kunst, Poesie und Geschichtschreibung
+uns hinterlassen hat, ist den Orientalen niemals zugänglich geworden. Es hätte bei
+ihnen auch schwerlich Verständnis gefunden. Dafür fehlte eben der Geschmack und die
+Kenntnis griechischen Lebens. Mit dem sagenumstrahlten Alexander dem Großen fing ihnen
+die Geschichte Griechenlands erst an, und es wird der Aufnahme aristotelischer Philosophie
+am muslimischen Hofe die Stellung des Aristoteles zum größten Fürsten des Altertums
+gewiss förderlich gewesen sein. Die arabischen Geschichtschreiber zählten die griechischen
+Fürsten bis auf Kleopatra und weiter die römischen Kaiser auf, aber ein Thukydides
+<abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> war ihnen nicht einmal dem Namen nach bekannt. Von Homeros haben sie nicht viel mehr
+als den Satz, dass Einer Herrscher sein solle, aufgenommen. Von den großen griechischen
+Dramatikern und Lyrikern haben sie keine Ahnung. Nur durch seine Mathematik, Naturwissenschaft
+und Philosophie hat das griechische Altertum auf sie gewirkt. Von der Entwicklung
+der griechischen Philosophie hat man aus Plutarch, Porphyr <abbr title="und Andere">u. A.</abbr>, sowie aus den Schriften des Aristoteles und Galen einiges erfahren. Es hat sich
+aber daran viel Sagenhaftes gehängt, und was im Orient über die Lehren der vorsokratischen
+Philosophen berichtet worden, lässt uns nur schließen auf die Pseudepigraphen, aus
+denen man schöpfte, oder vielleicht auch auf die im Osten selbst ausgebildeten Ansichten,
+die man mit der Autorität alter griechischer Weisen zu stützen suchte. Doch ist bei
+Allem immer zunächst an ein griechisches Original zu denken.
+</p>
+<p id="ch1.3.11"><b>11.</b> Im allgemeinen lässt sich behaupten, dass die Syrer-Araber den Faden der Philosophie
+dort aufnahmen, wo ihn die letzten Griechen hatten fallen lassen, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> bei <span class="pageNum" id="pb27">[<a href="#pb27">27</a>]</span>der neuplatonischen Auslegung des Aristoteles, neben dem auch die platonischen Schriften
+gelesen und erläutert wurden. Unter den Harraniern und lange Zeit bei einigen muslimischen
+Sekten blühten am meisten die platonischen oder pythagoreisch-platonischen Studien,
+zu denen sich viel Stoisches und Neuplatonisches gesellte. Man interessierte sich
+außerordentlich für das Schicksal des Sokrates, der im heidnischen Athen als ein Märtyrer
+seines Vernunftglaubens fiel. Mächtig wirkte die platonische Seelen- und Naturlehre.
+Das pythische “Erkenne dich selbst”, als Motto der sokratischen Weisheit überliefert
+und neuplatonisch gedeutet, wurde von den Muslimen dem Ali, Mohammeds Schwiegersohn,
+oder gar dem Propheten selbst in den Mund gelegt. Wer sich selbst erkennt, erkennt
+damit Gott, seinen Herrn, das wurde der Text für allerhand mystische Spekulationen.
+</p>
+<p>In medizinischen Kreisen und am weltlichen Hofe wurden immer mehr die Werke des Aristoteles
+bevorzugt. Zunächst freilich nur die Logik und einzelnes aus den physischen Schriften.
+Die Logik, so glaubte man, sei das einzige Neue, was der Stagirite erfunden; in allen
+anderen Wissenschaften stimme er aber durchaus mit Pythagoras, Empedokles, Anaxagoras,
+Sokrates und Platon überein. Die christlichen und sabischen Übersetzer und die von
+ihnen beeinflussten Kreise holten sich deshalb unbedenklich psychologisch-ethische,
+politische und metaphysische Belehrung bei den voraristotelischen Weisen.
+</p>
+<p>Was den Namen des Empedokles, Pythagoras <abbr title="und Andere">u. A.</abbr> trug, war natürlich unecht. Ihre Weisheit wird entweder auf Hermes oder andere, orientalische
+Weisen zurückgeführt. So soll Empedokles ein Schüler König Davids, nachher des Weisen
+Loqman gewesen, Pythagoras aus der salomonischen Schule hervorgegangen sein <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> Schriften, die in den arabischen Werken als sokratisch zitiert werden, sind, insofern
+sie echt, platonische Dialoge, in denen Sokrates auftritt. Von Platon hat man, außer
+unechten <span class="pageNum" id="pb28">[<a href="#pb28">28</a>]</span>Schriften, mehr oder weniger umfangreich angeführt: die Apologie, Kriton, den Sophisten,
+Phädrus, die Republik, Phädon, Timäus und die Gesetze. Das heißt aber nicht, dass
+dies Alles in vollständiger Übersetzung vorgelegen habe.
+</p>
+<p>Soviel ist sicher, Aristoteles war nicht von Anfang an Alleinherrscher. Platon, wie
+man ihn verstand, lehrte die Weltschöpfung und die geistige Substantialität und Unsterblichkeit
+der Seele: das schadete dem Glauben nicht. Aristoteles aber, mit seiner Lehre von
+der Ewigkeit der Welt und einer weniger spiritualistischen Psychologie und Ethik,
+wurde als gefährlich betrachtet. Muslimische Theologen des neunten und zehnten Jahrhunderts
+aus verschiedenen Lagern schrieben deshalb gegen Aristoteles. Doch die Verhältnisse
+änderten sich. Bald gab es Philosophen, die die platonische Lehre von der Einen Weltseele,
+von der die menschlichen Seelen nur endliche Teile seien, verwarfen und beim Aristoteles,
+der der Einzelsubstanz so große Bedeutung beilegte, Gründe suchten für ihre Unsterblichkeitshoffnung.
+</p>
+<p id="ch1.3.12"><b>12.</b> Wie man in der ältesten Zeit den Aristoteles auffassen musste, zeigen uns am besten
+die ihm untergeschobenen Schriften. Denn nicht nur bekam man seine echten Werke mit
+neuplatonischen Erläuterungen dazu, nicht nur wurde die Schrift “Über die Welt” unbedenklich
+als aristotelisch anerkannt, sondern er wurde auch als der Urheber betrachtet von
+vielen spätgriechischen Erzeugnissen, in denen ein pythagoreisierender Platonismus
+oder Neuplatonismus, oder gar ein wüster Synkretismus ganz offen gelehrt wurde.
+</p>
+<p>Als erstes Beispiel sei hier genannt das “Buch vom Apfel”<a class="noteRef" id="xd31e1230src" href="#xd31e1230">4</a>, darin Aristoteles dieselbe Rolle spielt wie Sokrates in Platon’s Phädon. Als nämlich
+der Philosoph seinem Ende nahe, besuchen ihn einige Schüler, die ihn frohen <span class="pageNum" id="pb29">[<a href="#pb29">29</a>]</span>Mutes finden, was sie veranlasst, Belehrung über das Wesen und die Unsterblichkeit
+der Seele von ihrem hinscheidenden Meister zu erbitten. Dieser führt darauf etwa folgendes
+aus: Das Wesen der Seele besteht in Wissen, und zwar in seiner höchsten Form, der
+Philosophie. Eine vollkommene Erkenntnis der Wahrheit ist deshalb die Seligkeit, die
+nach dem Tode der wissenden Seele bevorsteht. Und wie das Wissen mit höherer Erkenntnis
+belohnt wird, so besteht die Strafe für Nichtwissen in tieferer Unwissenheit. Es gibt
+ja überhaupt im Himmel und auf Erden nichts anderes als Wissen und Nichtwissen und
+die Vergeltung, die beide in sich selbst finden. Auch ist weder die Tugend wesentlich
+vom Wissen verschieden, noch das Laster vom Nichtwissen: sie verhalten sich zu einander
+ähnlich wie das Wasser zum Eise, in verschiedener Form dasselbe.
+</p>
+<p>Im Wissen, dem göttlichen Wesen der Seele, findet diese naturgemäß ihre einzige wahre
+Freude, nicht aber in Essen und Trinken und sinnlicher Lust. Denn die Sinnenlust ist
+eine Flamme, die bloß auf kurze Zeit erwärmt; reines Licht aber, das weithin leuchtet,
+ist die denkende Seele, die ihre Erlösung aus der dunklen Sinnenwelt herbeisehnt.
+Darum fürchtet der Philosoph den Tod nicht, sondern tritt ihm freudig entgegen, wenn
+die Gottheit ruft. Der Genuss, den ihm sein beschränktes Wissen hier bietet, ist ihm
+eine Gewähr für die Wonne, die die Enthüllung des großen Unbekannten ihm verschaffen
+wird. Etwas davon weiß er ja jetzt schon, denn nur durch die Erkenntnis des Unsichtbaren
+ist die richtige Schätzung des Sinnenfälligen, deren er sich rühmen darf, überhaupt
+möglich. Wer sein Selbst in diesem Leben erkennt, besitzt gerade in dieser Selbsterkenntnis
+die Gewissheit, alle Dinge mit ewigem Wissen zu umfassen, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> unsterblich zu sein.
+</p>
+<p id="ch1.3.13"><b>13.</b> Zweitens sei die sogenannte “Theologie des Aristoteles” erwähnt. Es wird darin der
+göttliche Platon als der Idealmensch hingestellt, der durch ein intuitives Denken
+alle Dinge erkennt und also der logischen Hilfsmittel des <span class="pageNum" id="pb30">[<a href="#pb30">30</a>]</span>Aristoteles nicht bedarf. Ja, die höchste Wirklichkeit, das absolute Sein, wird nicht
+durch Denken, sondern nur in einem ekstatischen Schauen ergriffen. “Öfter war ich,”
+so redet hier Aristoteles-Plotin, “mit meiner Seele allein. Des Leibes entkleidet
+trat ich, reine Substanz, in mein Selbst hinein, von allem Äusseren zum Inneren zurückkehrend.
+Reines Wissen war ich da, Wissendes und Gewusstes zugleich. Wie wunderte ich mich,
+dass ich in meinem Selbst Schönheit und Glanz erblickte und mich als einen Teil der
+erhabenen göttlichen Welt erkannte, selbst mit schaffendem Leben begabt. In dieser
+Selbstgewissheit erhob ich mich über die Welt der Sinne, ja über die Geisterwelt empor
+zu dem göttlichen Stande, wo ich solch schönes Licht schaute, dass es keine Zunge
+aussprechen, kein Ohr vernehmen könnte.”
+</p>
+<p>Im Mittelpunkte der Erörterungen steht auch in der Theologie die Seele. Alle wahre
+menschliche Wissenschaft ist Wissenschaft der Seele, Selbsterkenntnis, und zwar an
+erster Stelle Kenntnis des Wesens, hernach, aber weniger vollständig, der Wirkungen
+dieses Wesens. In solcher Erkenntnis, zu der nur äußerst wenige gelangen, besteht
+die höchste Weisheit, die sich in Begriffe nicht vollkommen fassen lässt, und die
+deshalb der Philosoph als weiser Künstler und Gesetzgeber in ewig schönen Bildern
+zur Darstellung bringt, uns Menschen zum Gottesdienste. Es zeigt sich eben darin der
+Weise als der überlegene, selbstgenügsame Zauberer, dessen Wissen die Menge beherrscht,
+weil diese im Banne der Dinge, der Vorstellungen und Begierden immer gefesselt bleibt.
+</p>
+<p>Die Seele steht in der Mitte des Alls. Über ihr sind Gott und der Geist, unter ihr
+die Materie und die Natur. Ihr Kommen aus Gott durch den Geist in die Materie, ihre
+Gegenwart im Körper, ihre Rückkehr nach oben, in diesen drei Stadien verläuft ihr
+Leben und das der Welt. Materie und Natur, Sinneswahrnehmung und Vorstellung verlieren
+hier fast ganz ihre Bedeutung. Alles ist vom Geist (<span class="trans" title="nous"><span lang="grc" class="grek">νοῦς</span></span>, <span class="pageNum" id="pb31">[<a href="#pb31">31</a>]</span>ʻaql), der Geist ist alle Dinge und im Geiste ist alles Eins. Auch die Seele ist Geist,
+freilich, solange sie in ihrem Körper weilt, Geist in Hoffnung, Geist in der Form
+der Sehnsucht. Sie sehnt sich nach oben, nach den guten, seligen Gestirnen, die, über
+Vorstellung und Strebung erhaben, ihre beschauliche Lichtexistenz führen.
+</p>
+<p>Das ist nun der orientalische Aristoteles, wie ihn die ersten Peripatetiker im Islam
+anerkannten.<a class="noteRef" id="xd31e1261src" href="#xd31e1261">5</a>
+</p>
+<p id="ch1.3.14"><b>14.</b> Dass die Orientalen sich nie zu einer reinen Auffassung der aristotelischen Philosophie
+durchgerungen haben, braucht uns nicht zu wundern. Die Mittel unserer Kritik, Echtes
+und Unechtes zu sondern, besaßen sie nicht. Sich in die griechische Kulturwelt hineinzuleben,
+musste ihnen sogar schwerer fallen als den christlichen Gelehrten des Mittelalters,
+das den lebendigen Zusammenhang mit dem Altertum nie ganz verloren hatte. Man blieb
+im Osten abhängig von neuplatonischen Bearbeitungen und Erklärungen. Fehlte ein Teil
+des wissenschaftlichen Systems, <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> die aristotelische Politik, so war es selbstverständlich, dass die Gesetze oder der
+Staat Platons dafür eintraten. Nur wenigen kam der Unterschied Beider zum Bewusstsein.
+</p>
+<p>Es ist noch auf ein anderes Motiv zu achten. Schon in ihren neuplatonischen Quellen
+fanden die Muslime eine harmonisierende Auslegung der griechischen Philosophen vor,
+die sie wohl gezwungen waren, herüberzunehmen. Die ersten Anhänger des Aristoteles
+mussten ja polemisch und apologetisch vorgehen. Entgegen oder neben der Übereinstimmung
+der muslimischen Gemeinde brauchten sie eine einheitliche Philosophie, darin die Eine
+Wahrheit zu finden war. Dieselbe Verehrung, die Mohammed seinerzeit den heiligen Schriften
+der Juden und Christen gezollt hatte, fand sich später bei muslimischen Gelehrten
+in Bezug auf die Werke griechischer Wissenschaft. Nur zeigten die <span class="pageNum" id="pb32">[<a href="#pb32">32</a>]</span>Gelehrten eine größere Vertrautheit mit ihren Vorbildern und geringere Originalität.
+Die alten Philosophen erhielten für sie eine Autorität, der man sich zu fügen hatte.
+Die ersten muslimischen Denker waren von der Überlegenheit griechischen Wissens derart
+überzeugt, dass sie nicht daran zweifelten, es habe die höchste Stufe der Gewissheit
+erreicht. Selbständig weiter zu forschen, war ein Gedanke, der nicht leicht aufkam
+im Gehirn des Orientalen, der sich einen Menschen ohne Lehrer nur als einen Schüler
+Satans vorzustellen vermag. Nach dem Vorgange hellenistischer Philosophen musste also
+der Versuch gemacht werden, zwischen Platon und Aristoteles die Übereinstimmung nachzuweisen,
+und besonders diejenigen Lehren, welche Anstoß erregten, entweder stillschweigend
+zu beseitigen oder in einem, der muslimischen Dogmatik nicht zu stark widerstreitenden
+Sinne darzustellen. Den Gegnern des Aristoteles oder der Philosophie überhaupt zu
+gefallen, hob man weise und erbauliche Sprüche aus echten und unechten Werken des
+Philosophen hervor, um auf diese Weise der Aufnahme seiner wissenschaftlichen Gedanken
+den Weg zu bereiten. Den Eingeweihten aber wurde die Lehre des Aristoteles, wie diejenige
+anderer Schulen und Sekten, als eine höhere Wahrheit hingestellt, zu der der positive
+Glaube der Menge und das mehr oder weniger begründete System der Theologen die Vorstufen
+bilden sollten.
+</p>
+<p id="ch1.3.15"><b>15.</b> Ein vom Bestande der übersetzten griechischen Werke abhängiger Eklektizismus ist
+die muslimische Philosophie immer geblieben. Der Verlauf ihrer Geschichte ist mehr
+ein Verdauungs- als ein Zeugungsprozess. Weder durch das Aufzeigen neuer Probleme
+noch durch eigentümliche Versuche, alte Fragen zu lösen, hat sie sich bedeutend hervorgethan.
+Wichtige Fortschritte des Denkens hat sie also nicht zu verzeichnen. Dennoch hat sie,
+historisch betrachtet, eine weit größere Bedeutung, als die einer bloßen Vermittlerin
+zwischen dem Altertum und der christlichen Scholastik. Die Aufnahme griechischer Ideen
+in die <span class="pageNum" id="pb33">[<a href="#pb33">33</a>]</span>Mischkultur des Orients zu verfolgen, hat an sich als Gegenstand geschichtlichen Interesses
+einen ganz eigenen Reiz, zumal, wenn man dabei vergessen kann, dass es einmal Griechen
+gegeben. Wichtig wird aber auch die Betrachtung dieses Ereignisses, wenn es zu Vergleichen
+mit anderen Kulturen Veranlassung bietet. Die Philosophie ist eine so einzigartige,
+selbständig auf griechischem Boden erwachsene Erscheinung, dass man sie als den Bedingungen
+des allgemeinen Kulturlebens überhoben ansehen könnte, um sie rein aus sich selbst
+heraus zu erklären. Die Geschichte der Philosophie im Islam ist nun schon deshalb
+wertvoll, weil sich in ihr der erste Versuch darstellt, in größerem Umfange und mit
+größerer Freiheit als es in der altchristlichen Dogmatik geschehen, die Ergebnisse
+griechischen Denkens sich anzueignen. Die Erkenntnis der Bedingungen, die solches
+ermöglichten, wird uns, wenn auch mit Vorsicht und vorläufig wenigstens in sehr beschränktem
+Maße, Analogieschlüsse gestatten auf die Rezeption der griechisch-arabischen Wissenschaft
+im christlichen Mittelalter, und vielleicht ein wenig belehren über die Bedingungen,
+unter denen Philosophie überhaupt entsteht.
+</p>
+<p>Von einer muslimischen Philosophie ist eigentlich kaum zu reden. Aber es hat im Islam
+viele Männer gegeben, die nicht davon lassen konnten, zu philosophieren. Durch die
+griechischen Falten hindurch zeigt sich doch die Form ihrer eigenen Glieder. Es ist
+leicht, von der hohen Warte irgend einer Schulphilosophie auf jene Männer herabzublicken.
+Besser aber wird es für uns sein, sie kennen und in ihrer historischen Bedingtheit
+begreifen zu lernen. Wir müssen es der Einzelforschung überlassen, der Herkunft <span class="corr" id="xd31e1290" title="Quelle: jeden">jedes</span> Gedankens nachzugehen. Unser Zweck kann es nur sein im folgenden zu zeigen, was die
+Muslime aus dem vorgefundenen Materiale aufgebaut haben.
+<span class="pageNum" id="pb34">[<a href="#pb34">34</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<div class="footnote-body">
+<div id="xd31e991">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e991src">1</a></span> <abbr title="Vergleiche">Vgl.</abbr> Snouck Hurgronje, Mekka, II, S. 228 f. <a class="fnarrow" href="#xd31e991src" title="Zurück zur Note 1 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+<div id="xd31e1009">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e1009src">2</a></span> Hiob XXXVIII. <a class="fnarrow" href="#xd31e1009src" title="Zurück zur Note 2 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+<div id="xd31e1012">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e1012src">3</a></span> <a class="biblink xd31e40" title="Verweis auf die Bibel: 1. Mose 15:3" href="https://classic.biblegateway.com/passage/?search=gn%2015:3&version=LUTH1545">1 Mos. XV 3</a>. <a class="fnarrow" href="#xd31e1012src" title="Zurück zur Note 3 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+<div id="xd31e1230">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e1230src">4</a></span> Der Dialog heisst so, weil Aristoteles während des Gespräches einen Apfel in der Hand
+hält, dessen Geruch seine letzten Lebenskräfte weckt. Am Schlusse sinkt die Hand kraftlos
+nieder und fällt der Apfel auf den Boden. <a class="fnarrow" href="#xd31e1230src" title="Zurück zur Note 4 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+<div id="xd31e1261">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e1261src">5</a></span> Als echtes Werk des Aristoteles galt auch Späteren noch ein Auszug aus der <span class="trans" title="stoicheiōsis theologikē"><span lang="grc" class="grek">στοιχείωσις θεολογική</span></span> des Proklos. <a class="fnarrow" href="#xd31e1261src" title="Zurück zur Note 5 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div id="ch2" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e291">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h2 class="main"><span class="divNum">II.</span> Philosophie und arabisches Wissen.</h2>
+</div>
+<div class="divBody">
+<div id="ch2.1" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e299">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">1.</span> Die Sprachwissenschaft.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch2.1.1" class="first"><b>1.</b> Von muslimischen Gelehrten des zehnten Jahrhunderts wurden die Wissenschaften in
+arabische und in alte oder nichtarabische eingeteilt. Zu den ersteren gehörten Sprachwissenschaft,
+Pflichten- und Glaubenslehre, Litteraturkenntnis und Geschichte; zu den letzteren
+die philosophischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen. Im großen
+Ganzen ist die Einteilung richtig. Die letztgenannten Fächer sind nicht nur am meisten
+von fremden Einflüssen bestimmt, sondern auch nie recht populär geworden. Doch sind
+auch die sogenannten arabischen Wissenschaften nicht ganz rein einheimische Schöpfungen.
+Auch sie sind entstanden oder ausgebildet, wo im muslimischen Reiche Araber und Nichtaraber
+zusammentrafen und das Bedürfnis erwachte, über die den Menschen nächstliegenden Gegenstände,
+Sprache und Poesie, Recht und Religion, sofern sich darin Unterschiede oder Unzulänglichkeiten
+zeigten, nachzudenken. In der Weise, wie dieses geschah, spürt man deutlich den Einfluss
+von Nichtarabern, namentlich Persern, und immer bedeutender macht sich auch dabei
+die Einwirkung griechischer Philosophie geltend.
+</p>
+<p id="ch2.1.2"><b>2.</b> Die arabische Sprache, an deren Wortfülle, Formenreichtum und innerer Bildungsfähigkeit
+die Araber selbst sich besonders erfreuten, eignete sich vorzüglich zu einer Weltstellung.
+Besonders zeichnet sie sich, wenn man sie <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> mit der schwerfälligen lateinischen oder auch mit der schwülstigen persischen vergleicht,
+durch kurze Abstraktbildungen aus, was dem wissenschaftlichen Ausdrucke <span class="pageNum" id="pb35">[<a href="#pb35">35</a>]</span>zu gute kam. Sie ist der feinsten Nuancierung fähig, verführt aber auch durch eine
+reichentwickelte Synonymik dazu, von der aristotelischen Regel, dass in der strengen
+Wissenschaft der Gebrauch von Synonymen nicht zulässig sei, abzuweichen.
+</p>
+<p>Eine so elegante, ausdrucksfähige, aber schwierige Sprache, wie es die arabische war,
+musste, als sie die Bildungssprache der Syrer und Perser geworden, zu manchen Betrachtungen
+Veranlassung bieten. Vor allem machte das Studium des Korans, dessen Vortrag und Auslegung,
+eine eingehende Beschäftigung mit der Sprache notwendig. Ungläubige glaubten auch
+wohl, im heiligen Buche Sprachfehler nachweisen zu können. Man sammelte also aus alten
+Gedichten und der lebendigen Beduinensprache Beispiele, um die koranischen Ausdrücke
+zu belegen, woran sich wohl Bemerkungen über Sprachrichtigkeit im allgemeinen anschlossen.
+Im ganzen war der lebendige Brauch die Richtschnur, aber um die Autorität des Korans
+zu retten, ging es dabei gewiss nicht ohne Künsteleien ab. Den einfachen Gläubigen
+war dieses Verfahren immerhin etwas bedenklich. Masudi erzählt uns noch von einigen
+Grammatikern aus Basra, die auf einer Lustfahrt einen koranischen Imperativ durchconjugierten
+und deshalb (?) von den mit Dattelpflücken beschäftigten Landleuten durchgeprügelt
+wurden.
+</p>
+<p id="ch2.1.3"><b>3.</b> Die Araber führen die Sprachwissenschaft, wie so vieles Andere, auf Ali zurück, dem
+sogar die aristotelische Dreiteilung der Rede zugeschrieben wird. In Wirklichkeit
+sind die Anfänge in Basra und Kufa gemacht worden. Die erste Entwicklung liegt im
+Dunkeln, denn in der Grammatik des Sibawaih (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 786) haben wir eine fertige Gestalt, ein Riesenwerk, das, wie nachher Ibn Sina’s
+Kanon der Medizin, die späteren Geschlechter sich nur als das Erzeugnis vieler zusammenarbeitender
+Gelehrten erklären konnten. Auch über die Unterschiede zwischen den Schulen von Basra
+und Kufa sind wir schlecht unterrichtet. Die <span class="pageNum" id="pb36">[<a href="#pb36">36</a>]</span>Basrenser, wie später die Schule von Bagdad, sollen dem Qijas (der Analogie) einen
+großen Einfluss auf die Beurteilung sprachlicher Erscheinungen eingeräumt haben, während
+die Kufenser viele vom Qijas abweichende Spracheigenheiten für erlaubt hielten. Im
+Gegensatze zu den kufischen Grammatikern wurden aus dem Grunde die anderen Leute der
+Logik genannt. Ihre Terminologie wich von der kufischen im einzelnen ab. Viele, denen
+nach Ansicht der echten Araber die Logik den Kopf verdreht hatte, werden in der Meisterung
+der Sprache entschieden zu weit gegangen sein. Andererseits aber wurde die Willkür
+zur Regel erhoben.
+</p>
+<p>Dass die Schule von Basra sich zuerst logischer Hilfsmittel bediente, wäre kein Zufall.
+Überhaupt zeigte sich in Basra am ersten der Einfluss philosophischer Lehren, und
+unter ihren Grammatikern befanden sich viele Schiiten und Mutaziliten, die auch auf
+ihre Glaubenslehren einzuwirken fremder Weisheit gerne gestatteten.
+</p>
+<p id="ch2.1.4"><b>4.</b> Die Sprachwissenschaft, sofern sie nicht, von Gegenständen bestimmt, auf Sammlung
+von Beispielen, Synonymen <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> sich beschränkte, wurde von der aristotelischen Logik beeinflusst. Syrer und Perser
+hatten schon vor muslimischer Zeit die Schrift <span class="trans" title="peri hermēneias"><span lang="grc" class="grek">περὶ ἑρμηνείας</span></span>, mit stoischen und neuplatonischen Zusätzen, studiert. Ibn al-Moqaffa, der anfangs
+mit dem Grammatiker Chalil (<abbr title="siehe">s.</abbr> unten) befreundet war, machte dann Alles, was sich sprachlich-logisches im Pahlawi
+vorfand, den Arabern zugänglich. Es wurden darnach die Satzarten, bald fünf, bald
+acht oder neun, und die drei Redeteile, Nomen, Verbum und Partikel, aufgezählt. In
+der Folgezeit nahmen einige, wie Dschahiz, unter die rhetorischen Figuren auch Schlussfiguren
+der Logik auf. Und in späteren Darstellungen wurde viel über Laut und Begriff gestritten
+und die Frage erörtert, ob die Sprache durch Satzung oder von Natur sei. Allmählich
+gewann die philosophische Ansicht, sie sei durch Satzung, das Übergewicht.
+<span class="pageNum" id="pb37">[<a href="#pb37">37</a>]</span></p>
+<p>Neben der Logik kommt hier noch der Einfluss der propädeutischen oder mathematischen
+Wissenschaften in Betracht. Wie die Prosa des Verkehrs und die Reime des Korans wurden
+die Verse der Dichter nicht bloß gesammelt, sondern auch nach bestimmten Gesichtspunkten,
+unter denen das Metrum, geordnet. Nach der Grammatik entstand die Metrik. Chalil (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 791), der Lehrer Sibawaih’s, dem man die erste Anwendung des Qijas in der Sprachwissenschaft
+zuschreibt, soll auch die Metrik erfunden haben. Während man die Sprache als das nationale,
+conventionelle Element in der Poesie anzusehen lernte, glaubte man im Metrum das natürliche,
+allen Völkern gemeinsame zu finden. Thabit ibn Qorra (836–901) behauptete darum in
+seiner Anordnung der Wissenschaften, das Metrum sei etwas Wesentliches, die Metrik
+eine natürliche Wissenschaft, sie gehöre somit zur Philosophie.
+</p>
+<p id="ch2.1.5"><b>5.</b> Trotz alledem behielt die Sprachwissenschaft, die sich auf das Arabische beschränkte,
+ihre Eigentümlichkeiten, auf die hier einzugehen nicht am Platze ist. Jedenfalls ist
+sie eine großartige Schöpfung des fein beobachtenden und <span class="corr" id="xd31e1353" title="Quelle: fleissig">fleißig</span> sammelnden arabischen Geistes, darauf die Araber stolz sein durften. Ein Apologet
+des zehnten Jahrhunderts, der sich gegen die griechische Philosophie wendet, sagte:
+“Wer die Feinheiten und Tiefen der arabischen Poesie und Metrik kennt, der weiß, dass
+sie alles dasjenige übertrifft, was die Leute als Beweise für ihre Meinungen anzuführen
+pflegen, welche in dem Wahne leben, dass sie die Wesenheiten der Dinge zu erkennen
+im Stande sind: Zahlen, Linien und Punkte. Ich kann den Nutzen dieser Dinge nicht
+einsehen, es sei denn, dass sie trotz des geringen Nutzens, den sie bringen, den Glauben
+schädigen und Dinge im Gefolge haben, gegen welche wir Gottes Beistand anrufen.” Man
+wollte sich seine Freude an den Einzelheiten der Sprache durch allgemeine philosophische
+Spekulationen nicht trüben lassen. Manche Wortbildung, von den Übersetzern fremder
+Werke herrührend, wurde als barbarisch <span class="pageNum" id="pb38">[<a href="#pb38">38</a>]</span>von puristischen Sprachlehrern verabscheut. Und weitere Verbreitung als die wissenschaftliche
+Sprachforschung fand die schöne Kunst der Kalligraphie, die sich, wie die arabische
+Kunst überhaupt, mehr dekorativ als konstruktiv, in edlen, feinen Formen entwickelte.
+In den Schriftzügen der arabischen Sprache zeigt sich uns noch die Subtilität des
+Geistes, der sie gebildet, zugleich aber auch ein Mangel an Energie, der sich in der
+ganzen Entwicklung arabischer Kultur bemerklich gemacht hat.
+</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch2.2" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e325">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">2.</span> Die Pflichtenlehre.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch2.2.1" class="first"><b>1.</b> Der gläubige Muslim hatte, sofern nicht das Herkommen seine Herrschaft behauptete,
+anfangs als Richtschnur seines Handelns und Urteilens das Wort Gottes und das Beispiel
+seines Propheten. Nachdem dieser gestorben war, folgte man, falls der Koran keine
+Auskunft erteilte, der Sunna Mohammeds, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> man that und entschied, wie der Überlieferung seiner Genossen nach Mohammed entschieden
+oder gehandelt hatte. Aber seit der Eroberung alter Kulturländer traten an den Islam
+ganz neue Ansprüche heran. Statt der einfachen Verhältnisse arabischen Lebens fanden
+sich dort Gewohnheiten und Einrichtungen vor, für die das heilige Gesetz keine Bestimmung
+bot und noch keine Tradition vorhanden oder ausgedeutet war. Jeden Tag häuften sich
+also die Einzelfälle, die nicht vorgesehen waren, und die man, sei es nach dem Herkommen
+oder nach eigenem Gutdünken beurteilen musste. In den altrömischen Provinzen, Syrien
+und Mesopotamien, wird dabei das römische Recht noch lange Zeit eine bedeutende Wirkung
+ausgeübt haben.
+</p>
+<p>Diejenigen Rechtslehrer nun, welche neben Koran und Sunna der eigenen Ansicht (ra’j,
+opinio) einen bestimmenden Einfluss auf das Recht zuerkannten, wurden Anhänger des
+Raj genannt. Als solcher ist besonders bekannt geworden Abu Hanifa von Kufa (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 767), der Stifter der <span class="pageNum" id="pb39">[<a href="#pb39">39</a>]</span>hanefitischen Schule. Aber auch in Medina, vor und in der Schule des Malik (715–795)
+hat man anfangs ganz harmlos, wenn auch weniger weitgehend, dem Raj gehuldigt. Nur
+allmählich hat sich, im Kampfe gegen das zu vielen Willkürlichkeiten Veranlassung
+gebende Raj, die Meinung vorgedrängt, es sei in Allem der Tradition (hadîth) in Bezug
+auf die Sunna des Propheten zu folgen. Es wurden dann von überall her Traditionen
+gesammelt, gedeutet, auch massenhaft gefälscht, und eine Lehre von den Kriterien ihrer
+Echtheit ausgebildet, die aber mehr auf die äußere Bezeugung und die Zweckmäßigkeit
+des Überlieferten als auf Folgerichtigkeit und historische Treue Gewicht legte. Infolge
+dieser Entwicklung standen jetzt den Leuten des Raj, die hauptsächlich in Iraq (Babylonien)
+gefunden wurden, die Anhänger der Tradition von Medina entgegen. Auch Schafii (767–820),
+der Gründer der dritten Rechtsschule, der sich im allgemeinen an der Sunna hielt,
+wurde wohl im Gegensatz zu Abu Hanifa den Anhängern der Tradition beigezählt.
+</p>
+<p id="ch2.2.2"><b>2.</b> Ein neues Element brachte die Logik in diesen Streit hinein: das Qijas, die Analogie.
+Einzelne Qijase gab es natürlich schon früher, aber die Aufstellung des Qijas als
+eines Prinzipes, einer Grundlage oder Quelle des Rechtes setzt den Einfluss wissenschaftlicher
+Reflexion voraus. Wenn auch Raj und Qijas synonym gebraucht sein mögen, so haftet
+doch dem letzteren Ausdrucke weniger das Moment individueller Willkür an. Je mehr
+man sich daran gewöhnte, bei sprachlich-logischen Untersuchungen das Qijas anzuwenden,
+um so leichter konnte man auch dieses Prinzip in die Grundlehre der Gesetzeskunde
+aufnehmen, sei es nun, dass man von Fall zu Fall und von der Mehrzahl der Fälle auf
+die übrigen (analogisch) schloss, oder aber für verschiedene Fälle einen gemeinsamen
+Grund aufsuchte, aus dem das Verhalten im Einzelfall (syllogistisch) abzuleiten wäre.<a class="noteRef" id="xd31e1379src" href="#xd31e1379">1</a>
+<span class="pageNum" id="pb40">[<a href="#pb40">40</a>]</span></p>
+<p>Die Anwendung des Qijas scheint zunächst und zumeist in der hanefitischen, dann aber
+auch, obgleich in geringerem Umfange, in der schafiitischen Schule üblich gewesen
+zu sein. Im Zusammenhang damit wurde die Frage, ob die Sprache das Allgemeine auszudrücken
+vermöge oder bloß das Besondere bezeichnen könne, für die Pflichtenlehre von Bedeutung.
+</p>
+<p>Zu einem großen Ansehen hat das logische Prinzip des Qijas es nie gebracht. Vielmehr
+wurde, neben den historischen Grundlagen des Gesetzes, dem Koran und der Sunna, das
+Idschma <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> die Übereinstimmung der Gemeinde, betont. Die Übereinstimmung der Gemeinde oder faktisch
+der einflussreichsten Gelehrten, die mit den Vätern und Lehrern der katholischen Kirche
+zu vergleichen sind, ist das dogmatische Prinzip, das, nur von wenigen angefochten,
+sich als das wichtigste Mittel zur Begründung der muslimischen Pflichtenlehre erwiesen
+hat. Nach Koran, Sunna und Idschma räumt aber die Theorie immer noch, an vierter Stelle,
+dem Qijas einen untergeordneten Platz ein.
+</p>
+<p id="ch2.2.3"><b>3.</b> Die muslimische Pflichtenlehre (<span class="ex">al-fiqh</span> = das Erkennen) umfasst das ganze Leben des Gläubigen, dem der Glaube selbst an erster
+Stelle zur Pflicht gemacht wird. Anfangs stieß sie, wie jede Neuigkeit, auf heftigen
+Widerstand. Gesetz ward hier zu Lehre, gläubiger Gehorsam zu grübelndem Wissen. Das
+forderte Widerspruch heraus, von einfachen Frommen und klugen Politikern zugleich.
+Aber nach und nach wurden die Wissenden oder Gesetzesgelehrten (ulamâ, im Westen faqihs)
+als die Erben der Propheten anerkannt.
+</p>
+<p>Die Pflichtenlehre hat sich vor der Glaubenslehre entwickelt und auch immer bis heute
+den ersten Platz zu behaupten gewusst. Fast jeder Muslim weiß etwas davon, weil es
+zur guten religiösen Erziehung gehört. Nach dem <span class="pageNum" id="pb41">[<a href="#pb41">41</a>]</span>großen Kirchenvater Gazali ist das Fiqh das tägliche Brot gläubiger Seelen, während
+die Glaubenslehre nur als Medizin für Kranke einen Wert hat.
+</p>
+<p>Auf die fein ausgesponnene Kasuistik des Fiqh näher einzugehen, haben wir hier keine
+Veranlassung. Es handelt sich der Hauptsache nach um ein ideelles Recht, das in unserer
+mangelhaften Welt wohl nie rein zur Anwendung kommen kann. Seine Prinzipien und seine
+Stellung innerhalb des Islam kennen wir jetzt. Es sei nur noch die Einteilung der
+sittlichen Handlungen, wie die Pflichtenlehrer sie aufstellen, kurz erwähnt. Es gibt
+ihr zufolge 1. Handlungen, deren Ausübung unbedingte Pflicht ist und deshalb belohnt,
+deren Unterlassung bestraft wird; 2. gesetzlich anempfohlene Handlungen, die belohnt,
+deren Vernachlässigung aber nicht bestraft wird; 3. erlaubte, gesetzlich gleichgiltige
+Handlungen; 4. vom Gesetze missbilligte, aber nicht strafbare Handlungen; 5. gesetzlich
+verbotene Handlungen, die unbedingt Strafe fordern.<a class="noteRef" id="xd31e1422src" href="#xd31e1422">2</a>
+</p>
+<p id="ch2.2.4"><b>4.</b> Die Einwirkung griechischer Philosopheme auf die Ethik im Islam ist eine zweifache
+gewesen. Bei vielen Sektierern und Mystikern, sowohl orthodoxen als häretischen, findet
+sich eine asketische Ethik von pythagoreisch-platonischer Färbung. Sie findet sich
+ebenso bei Philosophen, denen wir in der Folge noch begegnen werden. In orthodoxen
+Kreisen aber fand der aristotelische Satz, dass Tugend in der richtigen Mitte bestehe,
+viel Anklang, weil ähnliches im Koran stand und überhaupt die Richtung des Islam eine
+katholische, die Gegensätze aussöhnende war.
+</p>
+<p>Mehr wohl als die Ethik wurde im muslimischen Reiche die Politik gepflegt. Politische
+Parteikämpfe gaben zuerst Veranlassung zu Verschiedenheit der Meinungen. Streitigkeiten
+über das Imâmat, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> die Herrschaft über die muslimische Gemeinde, durchziehen die ganze Geschichte <span class="pageNum" id="pb42">[<a href="#pb42">42</a>]</span>des Islam. Es handelt sich aber durchweg mehr um Fragen persönlicher und praktischer
+als solche theoretischer Bedeutung, weshalb eine Geschichte der Philosophie sie nicht
+eingehend zu berücksichtigen braucht. Philosophisch Wertvolles kommt kaum dabei heraus.
+Schon im Laufe der ersten Jahrhunderte entwickelte sich ein festes kanonisches Staatsrecht,
+das aber, ähnlich der ideellen Pflichtenlehre, von starken Herrschern als theologische
+Grübelei nicht sonderlich beachtet wurde, dagegen von schwachen Fürsten erst recht
+nicht zur Anwendung gebracht werden konnte.
+</p>
+<p>Ebensowenig verlohnt es sich, die vielen, besonders in Persien beliebten Fürstenspiegel,
+an deren weisen Sittensprüchen und politisch-klugen Maximen die höfischen Kreise sich
+erbauten, näher zu betrachten.
+</p>
+<p>Das Schwergewicht philosophischer Bestrebungen im Islam liegt auf der theoretischen,
+intellektuellen Seite. Mit den thatsächlichen Vorgängen des gesellschaftlichen und
+staatlichen Lebens weiß man sich nur notdürftig abzufinden. Auch die Kunst der Muslime,
+obgleich sie viel mehr Originelles zeigt als ihre Wissenschaft, versteht es nicht,
+die spröden Stoffe zu beleben, sondern spielt mit zierlichen Formen. Die Poesie schafft
+kein Drama. Und ihre Philosophie ist nicht praktisch.
+</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch2.3" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e347">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">3.</span> Die Glaubenslehre.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch2.3.1" class="first"><b>1.</b> Im Koran war den Muslimen eine Religion, keine Lehre, Gesetze, aber keine Dogmen
+gegeben. Was sich darin der Logik widersetzte, was wir uns aus den wechselnden Lebensverhältnissen
+und den verschiedenen Stimmungen des Propheten erklären, wurde von den ersten Gläubigen
+einfach hingenommen, ohne zu fragen nach dem Wie und Warum. In den eroberten Ländern
+aber fand man eine ausgebildete christliche Dogmatik, sowie zoroastrische und <span class="pageNum" id="pb43">[<a href="#pb43">43</a>]</span>brahmanische Lehren vor. Wie viel die Muslime den Christen verdanken, haben wir schon
+öfter betont. Die Glaubenslehre ist von christlichen Einflüssen wohl am meisten bestimmt
+worden. In Damaskus wirkten orthodoxe und monophysitische Lehren, in Basra und Bagdad
+vielleicht mehr nestorianische und gnostische Theoreme auf die Bildung muslimischer
+Dogmen ein. Litterarisches hat sich aus der ersten Zeit dieser Bewegung wenig erhalten.
+Man wird sich aber nicht irren, wenn man dem persönlichen Verkehre und dem schulmäßigen
+Unterricht eine bedeutende Wirkung zuschreibt. Wie noch heute, lernte man damals im
+Orient nicht viel aus Büchern, sondern mehr aus dem Munde des Lehrers. Die Ähnlichkeit
+zwischen den ältesten Glaubenslehren im Islam und den Dogmen des Christentums ist
+zu groß, dass man einen direkten Zusammenhang leugnen könnte. Die erste Frage nämlich,
+über die von muslimischen Gelehrten viel disputiert wurde, war die nach der Freiheit
+des Willens. Die Willensfreiheit nun wurde von den orientalischen Christen fast allgemein
+angenommen. Nie und nirgends hat man vielleicht über das Willensproblem, in der Christologie
+zunächst, aber auch in der Anthropologie, so viel hin und her geredet, wie in den
+christlichen Kreisen des Ostens zur Zeit der muslimischen Eroberung.
+</p>
+<p>Außer diesen zum Teil apriorischen Erwägungen gibt es auch vereinzelte Notizen, die
+darauf hindeuten, dass einige von den ersten Muslimen, welche die Willensfreiheit
+lehrten, christliche Lehrer hatten.
+</p>
+<p>Schon aus den gnostischen Systemen, nachher aber aus der Übersetzungslitteratur, gesellte
+sich zu den hellenistisch-christlichen eine Anzahl rein philosophischer Elemente.
+</p>
+<p id="ch2.3.2"><b>2.</b> Eine nach logischer oder dialektischer Methode, sei es <span class="ex">mündlich</span> oder <span class="ex">schriftlich</span> geäußerte, Behauptung nannten die Araber im allgemeinen, ganz besonders aber in der
+Glaubenslehre, einen Kalam (<span class="trans" title="logos"><span lang="grc" class="grek">λόγος</span></span>) und diejenigen, welche solche Behauptungen aufstellten, hießen <span class="pageNum" id="pb44">[<a href="#pb44">44</a>]</span><span class="ex">mutakallimun</span>. Von der einzelnen Behauptung wurde der Name auf das ganze System übertragen und
+darunter auch die einleitenden, grundlegenden Bemerkungen über Methode <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> mitverstanden. Wir nennen die Wissenschaft des Kalam am besten theologische Dialektik
+oder einfach Dialektik und übersetzen im folgenden Mutakallimun mit Dialektiker.
+</p>
+<p>Der Name Mutakallimun, anfangs allen Dialektikern gemeinsam, ward später vorzugsweise
+den antimutazilitischen und orthodoxen Theologen beigelegt. In letzterem Falle wäre
+er dem Sinne nach gut mit Dogmatiker oder Scholastiker zu übersetzen. Hatten nämlich
+die ersten Dialektiker das Dogma noch zu bilden, die späteren brauchten es bloß darzulegen
+und zu begründen.
+</p>
+<p>Die Einführung der Dialektik war eine gewaltige Neuerung im Islam. Heftig wurde ihr
+von den Anhängern der Tradition widersprochen. Was über die Pflichtenlehre hinausging,
+hieß ihnen Ketzerei. Der Glaube sollte Gehorsam sein, nicht Erkenntnis, wie Murdschiten
+und Mutaziliten behaupteten. Die Spekulation wurde von diesen geradezu als eine Pflicht
+der Gläubigen hingestellt. Auch mit dieser Forderung söhnte die Zeit sich aus. Der
+Überlieferung nach hatte der Prophet schon gesagt: Das erste, was Gott geschaffen
+hat, ist das Wissen, oder: die Vernunft.
+</p>
+<p id="ch2.3.3"><b>3.</b> Groß ist die Anzahl verschiedener Meinungen, die zum Teil schon in der omajjadischen,
+hauptsächlich aber in der ersten abbasidischen Zeit laut wurden. Je weiter sie auseinander
+gingen, um so schwerer war es den Männern der Überlieferung, sich da hinein zu finden.
+Allmählich aber sonderten sich gewisse einheitliche Lehrgruppen aus, von denen das
+rationalistische System der Mutaziliten, der Nachfolger der Qadariten, die weiteste
+Verbreitung, besonders unter Schiiten, fand. Vom Chalifen Mamun bis Mutawakkil kam
+es sogar zur staatlichen Anerkennung. Früher von der weltlichen Macht unterdrückt
+und verfolgt, <span class="pageNum" id="pb45">[<a href="#pb45">45</a>]</span>wurden die Mutaziliten jetzt selber Inquisitoren des Glaubens, denen das Schwert die
+Stelle des Beweises vertrat.
+</p>
+<p>Ungefähr zu derselben Zeit aber fingen auch ihre Gegner, die Traditionarier, damit
+an, ein Glaubenssystem aufzubauen. Überhaupt fehlte es nicht an Vermittelungen zwischen
+dem naiven Glauben der Menge und der Gnosis der Dialektiker. Dem spiritualistischen
+Gepräge des Mutazilitismus gegenüber trugen diese Vermittelungen in Bezug auf die
+Gotteslehre einen anthropomorphistischen, in Bezug auf Anthropologie und Kosmologie
+einen materialistischen Charakter. Die Seele <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> wurde von ihnen körperlich oder als ein Accidens des Körpers aufgefasst, und das
+göttliche Wesen als ein menschlicher Körper vorgestellt. Den bildlichen Gott-Vater
+der Christen verabscheute die Religionslehre und Kunst der Muslime, aber abgeschmackte
+Grübeleien über die Gestalt Allah’s gab es im Islam die Fülle. Einige gingen so weit,
+ihm sämtliche Körperglieder zuzusprechen, nur mit Ausnahme des Bartes und anderer
+Privilegien orientalischer Männer.
+</p>
+<p>Es ist unmöglich, all die dialektischen Sekten, die oft zunächst als politische Parteien
+aufgetreten waren, ausführlicher zu besprechen. Von philosophiegeschichtlichem Standpunkte
+genügt es auch, die mutazilitischen Hauptlehren, insoweit sie ein allgemeines Interesse
+beanspruchen dürfen, hier vorzuführen.
+</p>
+<p id="ch2.3.4"><b>4.</b> Die erste Frage nun betraf menschliches Handeln und menschliches Schicksal. Die Vorläufer
+der Mutaziliten, Qadariten genannt, lehrten die Willensfreiheit des Menschen. Auch
+noch in späterer Zeit, als ihre Spekulation sich mehr auf theologisch-metaphysische
+Probleme richtete, wurden die Mutaziliten immer zuerst bezeichnet als Anhänger der
+göttlichen Gerechtigkeit, die kein Böses verursache und nach seinem Verdienste den
+Menschen belohne oder strafe, dann aber, an zweiter Stelle, als Bekenner der Einheit
+Gottes, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> der Eigenschaftslosigkeit seines Wesens, an sich betrachtet. Auf die systematische
+Darstellung ihrer <span class="pageNum" id="pb46">[<a href="#pb46">46</a>]</span>Lehren werden die Logiker (<abbr title="siehe">s.</abbr> <a href="#ch4.2.1">IV, 2 § 1</a>) ihren Einfluss ausgeübt haben. Schon in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts
+fing das mutazilitische System mit dem Einheitsbekenntnis an und war die Lehre von
+Gottes Gerechtigkeit, die sich in allen seinen Werken kund gebe, an die zweite Stelle
+gerückt.
+</p>
+<p>Mit der Behauptung der Willensfreiheit sollte die menschliche Verantwortlichkeit,
+sowie die Heiligkeit Gottes, der nicht die sündigen Handlungen der Menschen unmittelbar
+hervorbringen könne, gerettet werden. Darum musste der Mensch Herr seiner Thaten sein,
+aber auch bloß dieser. Denn dass die Kraft, welche überhaupt zum Handeln befähigt,
+oder das Vermögen, sowohl Gutes als Böses zu thun, unmittelbar von Gott dem Menschen
+zukomme, wurde von wenigen bezweifelt. Daher die vielen, mit einer Kritik des philosophischen
+Zeitbegriffes verquickten, spitzfindigen Erörterungen über die Frage, ob das von Gott
+im Menschen geschaffene Vermögen der Handlung voraufgehe oder zeitlich damit zusammenfalle.
+Ginge nämlich die Kraft der That vorher, so müsste sie entweder bis zur That fortdauern,
+was ihrem accidentellen Charakter widerspreche (<abbr title="vergleiche">vgl.</abbr> <a href="#ch2.3.12">II, 3 § 12</a>), oder aber schon vor der That aufhören zu existieren, und in diesem Falle wäre sie
+überhaupt entbehrlich.
+</p>
+<p>Vom menschlichen Handeln wurde die Spekulation weiter auf das Wirken der Natur übertragen.
+Statt Gott oder der Mensch hieß hier der Gegensatz Gott oder die Natur. Die hervorbringenden
+und zeugenden Kräfte der Natur wurden als Mittel oder nächste Ursachen anerkannt und
+von einigen zu erforschen gesucht. Die Natur selbst aber, wie die ganze Welt, war
+ihrer Ansicht nach ein Werk Gottes, eine Schöpfung seiner Weisheit. Wie die Allmacht
+Gottes im Sittlichen an seiner Heiligkeit oder Gerechtigkeit eine Schranke fand, so
+hier im Natürlichen an seiner Weisheit. Auch Übel und Böses in der Welt wurden aus
+der Weisheit Gottes, die Alles zum Besten <span class="pageNum" id="pb47">[<a href="#pb47">47</a>]</span>schicke, erklärt. Erzeugnis oder Zweck göttlicher Thätigkeit ist es nicht. Gott könne
+zwar, so hatten Frühere behauptet, Böses und Unvernünftiges thun, er thäte es nur
+nicht. Dagegen lehrten die späteren Mutaziliten, Gott habe gar nicht die Macht, so
+etwas seinem Wesen Widerstreitendes zu thun. Von ihren darob entrüsteten Gegnern,
+die Gottes unbeschränkte Macht und seinen unergründlichen Willen unmittelbar in allem
+Handeln und Wirken thätig sich vorstellten, wurden sie wegen solcher Lehre mit den
+dualistischen Magiern verglichen. Der konsequente Monismus war auf Seiten dieser Gegner,
+die den Menschen und die Natur nicht neben und unter Gott zu Schöpfern ihrer Thaten
+oder Wirkungen machen möchten.
+</p>
+<p id="ch2.3.5"><b>5.</b> Die Mutaziliten hatten, wie schon aus dem Vorhergehenden erhellt, einen anderen Gottesbegriff
+als die Menge und die Traditionarier. Dies zeigte sich nun, im Fortgange der Spekulation,
+besonders deutlich in der Lehre von den göttlichen Eigenschaften. Von Anfang an war
+im Islam die Einheit Gottes stark betont. Das hinderte aber nicht, dass man ihm, nach
+menschlicher Analogie, viele schöne Namen gab und mehrere Attribute beilegte. Als
+die vorzüglichsten stellten sich, gewiss unter dem Einflusse christlicher Dogmatik,
+allmählich heraus: Wissen, Macht, Leben, Wille, Rede oder Wort, Gesicht und Gehör.
+Von diesen wurden Gesicht und Gehör zuerst in geistigem Sinne gedeutet oder ganz beseitigt.
+Aber mit irgend einer Vielheit gleichewiger Eigenschaften schien die absolute Einheit
+des göttlichen Wesens sich nicht vertragen zu wollen. Wäre das nicht die Trinität
+der Christen, die ja auch schon die drei Personen des Einen göttlichen Wesens als
+Eigenschaften gedeutet hatten? Teils suchte man nun, um dieser Inkonvenienz zu entgehen,
+einige Eigenschaften aus anderen begrifflich abzuleiten und auf eine, <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> das Wissen oder die Macht, zurückzuführen, teils auch sie samt und sonders als Zustände
+des göttlichen Wesens zu fassen oder mit dem Wesen selbst zu identifizieren<span class="corr" id="xd31e1521" title="Quelle: .">,</span> wobei <span class="pageNum" id="pb48">[<a href="#pb48">48</a>]</span>denn freilich ihre Bedeutung so ziemlich verschwand. Mitunter wurde versucht, durch
+Künsteleien des sprachlichen Ausdrucks noch etwas davon zu retten. Während <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> ein Philosoph, die Eigenschaften leugnend, behauptete, Gott sei wissend seinem Wesen
+nach, drückte ein mutazilitischer Dialektiker das so aus: Gott ist wissend, aber durch
+ein Wissen, das er selbst ist.
+</p>
+<p>Nach Ansicht der Traditionarier ward auf diese Weise der Gottesbegriff allen Inhaltes
+beraubt. Über negative Bestimmungen, Gott sei nicht wie die Dinge dieser Welt, er
+sei über Raum, Zeit, Bewegung <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> erhaben, kamen die Mutaziliten kaum hinaus. Aber dass er Schöpfer der Welt sei, daran
+hielten sie fest. Wenn man auch von Gottes Wesen wenig aussagen konnte, aus seinen
+Werken glaubte man ihn zu erkennen.
+</p>
+<p>Die Schöpfung war den Mutaziliten, wie ihren Gegnern, ein absoluter Akt Gottes, die
+Weltexistenz eine zeitliche. Energisch bekämpften sie die Lehre von der Weltewigkeit,
+die, durch die aristotelische Philosophie gestützt, im Orient weitverbreitet war.
+</p>
+<p id="ch2.3.6"><b>6.</b> Als eins von den ewigen Attributen Gottes fanden wir die Rede oder das Wort. Wahrscheinlich
+mit Anschluss an die christliche Logoslehre wurde nämlich die Ewigkeit des dem Propheten
+geoffenbarten Korans gelehrt. Das war nach den <span class="corr" id="xd31e1537" title="Quelle: Mutaliziten">Mutaziliten</span> geradezu Abgötterei, neben Allah an einen ewigen Koran zu glauben. Die mutazilitischen
+Chalifen verkündigten dagegen als Staatsdogma, der Koran sei geschaffen worden. Wer
+dies leugnete, wurde öffentlich bestraft. Obgleich nun die Mutaziliten mit diesem
+Dogma dem ursprünglichen Islam näher stehen mochten als ihre Gegner, so hat doch die
+Geschichte den letzteren Recht gegeben. Fromme Bedürfnisse waren eben mächtiger als
+logische Schlussfolgerungen. Viele Mutaziliten setzten sich, nach der Meinung ihrer
+Glaubensbrüder, über den Koran, das Wort Gottes, allzuleicht hinweg. Wenn es zu ihren
+Theorien nicht stimmte, wurde es aus- <span class="pageNum" id="pb49">[<a href="#pb49">49</a>]</span>und umgedeutet. In Wirklichkeit galt manchem die Vernunft mehr als das offenbarte
+Buch. Aus der Vergleichung nicht nur der drei Offenbarungsreligionen, sondern auch
+dieser mit persischer und indischer Religionslehre und philosophischer Spekulation,
+ergab sich eine, die Gegensätze versöhnende, natürliche Religion. Aufgebaut wurde
+diese auf der Grundlage eines angeborenen, allgemeinnotwendigen Wissens, dass es Einen
+Gott gebe, der als weiser Schöpfer die Welt hervorgebracht und auch den Menschen mit
+Vernunft begabt habe, damit er seinen Schöpfer erkennen und Gutes und Böses unterscheiden
+könne. Dieser Natur- oder Vernunftreligion gegenüber sei dann die Erkenntnis der Offenbarungslehren
+etwas Hinzukommendes, ein erworbenes Wissen.
+</p>
+<p>Mit dieser Behauptung hatten die konsequentesten Mutaziliten sich von der Übereinstimmung
+der muslimischen Gemeinde losgesagt, sich also thatsächlich außerhalb des katholischen
+Glaubens gestellt. Anfangs beriefen sie sich noch auf jene Übereinstimmung. Sie konnten
+es thun, so lange die Regierung ihnen günstig gesinnt war. Es dauerte aber nicht lange.
+Bald erfuhren sie, was seitdem noch öfter erfahren wurde: die Völker lassen sich leichter
+von oben herab eine Religion als eine Aufklärung vorschreiben.
+</p>
+<p id="ch2.3.7"><b>7.</b> Nach diesem Überblick sehen wir uns einige von den bedeutendsten Mutaziliten näher
+an, damit dem allgemeinen Bilde nicht die individuellen Züge fehlen.
+</p>
+<p>Zuerst betrachten wir Abu-l-Hudhail al-Allaf, der um die Mitte des neunten Jahrhunderts
+starb. Er war ein berühmter Dialektiker, einer der ersten, die der Philosophie einen
+Einfluss auf ihre theologischen Lehren gestatteten.
+</p>
+<p>Dass eine Eigenschaft irgendwie einem Wesen inhärieren könne, lässt sich nach Abu-l-Hudhail
+nicht denken: entweder muss sie mit dem Wesen identisch oder davon verschieden sein.
+Doch sieht er sich nach einer Vermittlung um. Gott ist, nach ihm, wissend, mächtig,
+lebendig durch Wissen, Macht und Leben, die sein Wesen selbst <span class="pageNum" id="pb50">[<a href="#pb50">50</a>]</span>sind. Wie auch schon von christlicher Seite geschehen war, nennt er jene drei Bestimmungen
+die Modi (wudschuh) des göttlichen Wesens. Auch Hören, Sehen <abbr title="unter andere">u. a.</abbr> lässt er sich als ewig in Gott gefallen, jedoch nur mit Rücksicht auf die später
+zu schaffende Welt. Übrigens mag es ihm und anderen von der Zeitphilosophie Berührten
+leicht genug gewesen sein, diese und ähnliche Ausdrücke, wie das Schauen Gottes am
+jüngsten Tage,<a class="noteRef" id="xd31e1554src" href="#xd31e1554">3</a> spiritualistisch zu deuten, da sie ja das Sehen und Hören überhaupt als geistige
+Akte auffassten. Abu-l-Hudhail behauptete <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr>, die Bewegung sei sichtbar, tastbar aber nicht, weil sie kein Körper sei.
+</p>
+<p>Nicht ewig soll nun aber der Wille Gottes sein. Im Gegenteil nimmt Abu-l-Hudhail absolute
+Willensäußerungen an, sowohl von dem wollenden Wesen wie von dem gewollten Gegenstande
+verschieden. So nimmt das absolute Schöpfungswort eine Mittelstellung ein zwischen
+dem ewigen Schöpfer und der geschaffenen zeitlichen Welt. Diese Willensäußerungen
+Gottes sind eine Art Mittelwesen, mit den platonischen Ideen oder den Sphärengeistern
+zu vergleichen, aber wohl mehr als immaterielle Kräfte, denn als persönliche Geister
+gedacht.
+</p>
+<p>Von dem absoluten Schöpfungsworte unterscheidet Abu-l-Hudhail das accidentelle Offenbarungswort,
+das sich als Befehl und Verbot, in materieller, räumlicher Erscheinung an die Menschen
+kund gibt und also nur für diese zeitliche Welt Bedeutung hat. Die Möglichkeit, nach
+dem göttlichen Offenbarungsworte zu leben oder dem zu widerstreiten, ist folglich
+nur in diesem Leben vorhanden. Verpflichtendes Gebot und Verbot setzt Willensfreiheit
+und die Fähigkeit danach zu handeln voraus. Im zukünftigen Leben dagegen gibt es keine
+gesetzlichen Verpflichtungen, somit auch keine Freiheit mehr; Alles hängt dort von
+der absoluten Bestimmung Gottes ab. Auch wird <span class="pageNum" id="pb51">[<a href="#pb51">51</a>]</span>es im Jenseits keine Bewegung geben, denn wie die Bewegung einmal angefangen hat,
+muss sie, am Ende der Welt, aufhören zur ewigen Ruhe. An eine körperliche Auferstehung
+dürfte also Abu-l-Hudhail wohl nicht geglaubt haben.
+</p>
+<p>Die menschlichen Handlungen unterscheidet er in natürliche und sittliche oder “Handlungen
+der Glieder und des Herzens”. Sittlich ist eine Handlung nur, wenn wir sie frei verrichten.
+Die sittliche That ist des Menschen selbsterworbenes Eigentum, sein Wissen dagegen
+kommt ihm von Gott her zu, teils durch Offenbarung, teils durch natürliche Erleuchtung.
+Schon vor aller Offenbarung ist der Mensch von Natur verpflichtet, also auch wohl
+im Stande, Gott zu erkennen, Gutes und Böses zu unterscheiden, und tugendhaft, wahrhaftig
+und gerecht zu leben.
+</p>
+<p id="ch2.3.8"><b>8.</b> Ein merkwürdiger Mensch und Denker ist ein jüngerer Zeitgenosse und, wie es scheint,
+Schüler des Abu-l-Hudhail, gewöhnlich Al-Nazzam genannt. Er starb im Jahre 845. Ein
+phantastischer, unruhiger, ehrgeiziger Mann, kein folgerichtiger, aber doch ein kühner
+und ehrlicher Denker, so hat ihn Dschahiz, einer seiner Schüler, uns vorgestellt.
+Die Leute hielten ihn für einen Verrückten oder einen Ketzer. Vieles in seinen Lehren
+berührt sich mit dem, was den Orientalen als Philosophie des Empedokles und Anaxagoras
+bekannt war (<abbr title="vergleiche">vgl.</abbr> auch Abu-l-Hudhail).
+</p>
+<p>Nach der Ansicht Nazzams kann Gott überhaupt kein Böses thun, ja er kann nur das,
+was er als das Beste für seine Diener erkennt. Seine Allmacht reicht auch nicht weiter
+als die wirkliche That. Wer könnte ihn daran hindern, die schöne Überfülle seines
+Wesens zu verwirklichen? Einen Willen im eigentlichen Sinne, der immer ein Bedürfnis
+voraussetze, ist Gott gar nicht beizulegen. Gottes Wille ist vielmehr nur eine Bezeichnung
+für seine Thätigkeit selbst oder für die den Menschen erteilten Befehle. Die Schöpfung
+ist ein einmaliger Akt, mit dem <span class="pageNum" id="pb52">[<a href="#pb52">52</a>]</span>Alles zugleich erschaffen, sodass Eins im Andern enthalten ist und im Laufe der Zeit
+die verschiedenen Exemplare von Mineralien, Pflanzen und Tieren, sowie die vielen
+Adamskinder, nach und nach aus ihrem latenten Zustande in die Erscheinung treten.
+</p>
+<p>Mit den Philosophen verwirft Nazzam die Atomenlehre (<abbr title="siehe">s.</abbr> <a href="#ch2.3.12">II, 3 § 12</a>), weiß sich dann aber das Durchlaufen einer bestimmten Strecke, wegen der unendlichen
+Teilbarkeit des Raumes, nur durch Sprünge zu erklären. Statt aus Atomen lässt er die
+körperlichen Substanzen aus Accidenzen zusammengesetzt sein. Wie sich Abu-l-Hudhail
+die Inhärenz von Eigenschaften in einem Wesen nicht denken konnte, so kann sich Nazzam
+das Accidens nur als die Substanz selbst oder als einen Teil der Substanz vorstellen.
+So ist das Feuer oder das Warme <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> latent im Holze vorhanden, wird aber frei, wenn durch Reibung sein Antagonist, das
+Kalte, verschwindet. Es findet dabei eine Bewegung oder Umsetzung, aber keine qualitative
+Veränderung statt. Die sinnlichen Qualitäten, wie Farben, Geschmäcke und Gerüche,
+sind nach Nazzam Körper.
+</p>
+<p>Auch die Seele oder den Geist des Menschen fasst er als einen feinen Körper auf. Freilich
+ist die Seele des Menschen vorzüglichster Teil, sie durchdringt den Körper, ihr Organ,
+ganz und ist der wirkliche, wahrhafte Mensch zu nennen. Gedanken und Strebungen werden
+als Bewegungen der Seele definiert.
+</p>
+<p>In Glaubenssachen und Gesetzesfragen verwirft Nazzam sowohl die Übereinstimmung der
+Gemeinde als auch die analogische Interpretation des Rechtes, und beruft sich, schiitisch,
+auf den unfehlbaren Imam. Er hält es für möglich, dass alle Muslime eine irrige Lehre
+übereinstimmend zulassen, wie <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> dass Mohammed im Unterschiede von anderen Propheten eine Mission für die ganze Menschheit
+habe. Gott sendet aber jeden Propheten zur ganzen Menschheit.
+</p>
+<p>Übrigens teilt Nazzam in Bezug auf die Erkenntnis <span class="pageNum" id="pb53">[<a href="#pb53">53</a>]</span>Gottes und der sittlichen Pflichten durch die Vernunft die Ansicht des Abu-l-Hudhail.
+Von der unnachahmbaren Vortrefflichkeit des Korans ist er nicht sonderlich überzeugt.
+Es soll das ewige Wunder des Korans nur darin bestehen, dass die Zeitgenossen Mohammeds
+davon abgehalten wurden, dem Koran Ähnliches hervorzubringen.
+</p>
+<p>Von der muslimischen Eschatologie hat er wohl nicht viel gehalten. Wenigstens löst
+sich für ihn die Höllenqual in einen Verbrennungsprozess auf.
+</p>
+<p id="ch2.3.9"><b>9.</b> Aus der Schule Nazzams werden uns viele synkretistische Lehren überliefert, alle
+ohne Originalität. Von den Männern, die aus ihr hervorgegangen, ist der berühmteste
+der Schöngeist und Naturphilosoph Dschahiz (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 869), der vom echten Gelehrten verlangte, er solle das Studium der Theologie mit
+dem der Naturwissenschaft verknüpfen. In allen Dingen spürt er die Wirkungen der Natur,
+in diesen aber einen Hinweis auf den Schöpfer der Welt. Die menschliche Vernunft ist
+im Stande, den Schöpfer zu erkennen und ebenso das Bedürfnis nach einer prophetischen
+Offenbarung einzusehen. Des Menschen Verdienst ist nur sein Wollen, denn einerseits
+sind alle seine Thaten im Naturgeschehen verflochten, und andererseits ist sein ganzes
+Wissen notwendig von oben bestimmt. Doch scheint dem Wollen, das aus dem Wissen abgeleitet
+wird, keine große Bedeutung zuzukommen. Wenigstens wird der Wille im göttlichen Wesen
+ganz negativ gefasst, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> Gott wirke niemals unbewusst und mit Missfallen an seinem Werke.
+</p>
+<p>In alldem ist wenig Eigenes. Das Mittelmaß ist sein ethisches Ideal, aber auch seines
+Geistes Geschick. Nur im Kompilieren seiner vielen Schriften ist Dschahiz unmäßig
+gewesen.
+</p>
+<p id="ch2.3.10"><b>10.</b> Bei den älteren Mutaziliten überwiegen die ethischen und naturphilosophischen Erwägungen;
+bei den späteren gewinnen logisch-metaphysische Betrachtungen das Übergewicht. Besonders
+neuplatonische Einflüsse sind hier zu verspüren.
+<span class="pageNum" id="pb54">[<a href="#pb54">54</a>]</span></p>
+<p>Muammar, dessen Lebenszeit nicht näher bestimmt wird (etwa um 900 anzusetzen), hat
+manches mit den Obengenannten gemeinsam. Aber weit nachdrücklicher leugnet er die
+Existenz göttlicher Eigenschaften, die der absoluten Einheit des Wesens widersprechen.
+Gott ist über jede Vielheit hinaus. Er kennt weder sich selbst noch ein Anderes, denn
+das Wissen würde in ihm eine Vielheit voraussetzen. Auch ist er überewig zu nennen.
+Dennoch ist er als Schöpfer der Welt anzuerkennen. Freilich hat er nur Körper geschaffen,
+und diese schaffen selbst, sei es durch Naturwirkung, sei es mit Willen, ihre Accidenzen.
+Die Zahl dieser Accidenzen ist unendlich, denn sie sind ihrem Wesen nach nichts weiter
+als die begrifflichen Beziehungen des Denkens. Muammar ist Conceptualist. Bewegung
+und Ruhe, Gleichheit und Verschiedenheit <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> sind nichts an sich, sondern haben nur eine begriffliche oder ideelle Wirklichkeit.
+Die Seele, die das wahre Wesen des Menschen sein soll, wird als eine Idee oder eine
+immaterielle Substanz gefasst. Wie sie sich dann zum Körper und zu dem göttlichen
+Wesen verhalte, wird nicht klargestellt. Die Überlieferung ist verworren.
+</p>
+<p>Des Menschen Wille ist frei, das Wollen eigentlich seine einzige That. Denn die äußere
+Handlung gehört dem Körper (<abbr title="vergleiche">vgl.</abbr> Dschahiz).
+</p>
+<p>Die Schule von Bagdad, der Muammar anzugehören scheint, war conceptualistisch. Mit
+Ausnahme der allgemeinsten Bestimmungen, denen des Seins und des Werdens, ließ sie
+die Universalien nur als Begriffe Bestand haben. Näher dem Realismus stand Abu Haschim
+von Basra (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 933). Gottes Eigenschaften, sowie die Accidenzen oder Gattungsbegriffe überhaupt,
+fasste er als ein Mittleres zwischen Sein und Nichtsein auf. Er nannte sie Zustände
+oder Modi. Als Erfordernis alles Wissens bezeichnete er den Zweifel. Ein naiver Realist
+war er nicht.
+</p>
+<p>Auch mit dem Nichtsein trieben mutazilitische Denker ein dialektisches Spiel. Es werde
+gedacht, es müsse also <span class="pageNum" id="pb55">[<a href="#pb55">55</a>]</span>dem Nichtsein wie dem Sein eine Art Wirklichkeit zukommen, folgerte man. Versucht
+doch der Mensch eher das Nichts zu denken, als dass er überhaupt nicht denke.
+</p>
+<p id="ch2.3.11"><b>11.</b> Im neunten Jahrhundert hatten sich im Kampfe gegen die Mutaziliten mehrere dialektische
+Systeme ausgebildet, von denen <abbr title="unter andere">u. a.</abbr> das karramitische sich lange über das zehnte Jahrhundert hinaus erhielt. Aus den
+Reihen der Mutaziliten aber erstand der Mann, der die Gegensätze zu vermitteln berufen
+war, und der das zunächst im Osten, später im ganzen Islam als orthodox anerkannte
+Lehrsystem aufstellte. Es war al-Aschari (873–935), der es verstand, Gotte zu geben,
+was Gottes, und dem Menschen, was des Menschen ist. Den groben Anthropomorphismus
+der antimutazilitischen Dialektiker wies er ab, Gott über alles Körperliche und Menschliche
+hinausrückend, ihm aber seine Allmacht und Allwirksamkeit lassend. Die Natur büßte
+bei ihm alle ihre Wirksamkeit ein, dem Menschen aber wurde ein gewisses Verdienst
+vorbehalten, darin bestehend, dass er den von Gott in ihm geschaffenen Handlungen
+seine Zustimmung erteilen, sich dieselben als seine Thaten aneignen könne. Auch wurde
+dem Menschen sein sinnlich-geistiges Wesen nicht verkümmert. Er durfte hoffen auf
+die Auferstehung des Fleisches und das Schauen Gottes. Was die koranische Offenbarung
+betrifft, unterschied Aschari zwischen einem ewigen Worte in Gott und dem in der Zeit
+geoffenbarten Buche, wie wir es besitzen.
+</p>
+<p>Bei der Ausführung seiner Lehren zeigte sich Aschari in keiner Weise originell, sondern
+er fasste nur Gegebenes vermittelnd zusammen, was denn nicht ohne Widersprüche gelingen
+wollte. Die Hauptsache jedoch war, dass seine Kosmologie, Anthropologie und Eschatologie,
+zur Erbauung frommer Seelen, nicht allzu weit von dem Wortlaute der Tradition sich
+entfernten, und dass seine Theologie, infolge einer etwas vergeistigten Auffassung
+Gottes, auch höher Gebildete nicht ganz unbefriedigt ließ.
+</p>
+<p>Aschari stützt sich auf die Offenbarung des Korans. <span class="pageNum" id="pb56">[<a href="#pb56">56</a>]</span>Eine davon unabhängige Vernunfterkenntnis in Bezug auf göttliche Dinge erkennt er
+nicht an. Die Sinne sollen im allgemeinen nicht täuschen, dagegen wohl unser Urteil.
+Zwar erkennen wir Gott mit unserer Vernunft, aber nur aus der Offenbarung, der einzigen
+Quelle solchen Wissens.
+</p>
+<p>Gott ist nun, nach Aschari, zunächst der allmächtige Schöpfer. Ferner ist er allwissend,
+er weiß, was die Menschen thun und was sie thun wollen, was geschieht und wie das,
+was nicht geschieht, wenn es geschähe, geschehen wäre. Dazu kommen Gott alle Bestimmungen
+zu, die irgend eine Vollkommenheit ausdrücken, nur dass sie Gott in einem anderen,
+höheren Sinne eignen als den Geschöpfen. In Schöpfung und Erhaltung der Welt ist Gott
+die einzige Ursache; alles Weltgeschehen rührt fortwährend unmittelbar von ihm her.
+Der Mensch aber ist sich des Unterschiedes zwischen seinen unwillkürlichen Bewegungen,
+wie Zittern und Beben, und seiner mit Willen und Wahl ausgeführten Handlungen wohl
+bewusst.
+</p>
+<p id="ch2.3.12"><b>12.</b> Das Eigentümlichste, was die Dialektik der Muslime ausgebildet hat, ist ihre Atomenlehre.
+Die Entwicklung dieser Lehre liegt noch fast ganz im Dunkeln. Schon von Mutaziliten,
+besonders aber von deren Gegnern vor Aschari ist sie vertreten worden. Unsere Darstellung
+zeigt, wie sie sich in der ascharitischen Schule erhalten, zum Teil vielleicht erst
+ausgebildet hat.
+</p>
+<p>Die Atomenlehre der muslimischen Dialektiker hat ihre Quelle allerdings in griechischer
+Naturphilosophie, aber ihre Aufnahme und Weiterbildung sind von den Bedürfnissen theologischer
+Polemik und Apologetik bestimmt, wie sich dies ähnlich bei einzelnen Juden und bei
+gläubigen Katholiken beobachten lässt. Dass man, im Islam, den Atomismus aufgegriffen
+habe, nur weil Aristoteles ihn bekämpfte, ist nicht wohl glaublich. Wir haben hier
+einen verzweifelten Kampf um ein religiöses Gut zu verzeichnen, dabei die Waffen nicht
+gewählt werden. Der Zweck entscheidet. Die Natur soll nicht aus sich selbst heraus,
+<span class="pageNum" id="pb57">[<a href="#pb57">57</a>]</span>sondern aus einem göttlichen Schöpfungsakte erklärt; nicht als eine ewige göttliche
+Ordnung, sondern als ein Geschöpf vergänglichen Daseins diese Welt angesehen werden.
+Als freiwirkender, allmächtiger Schöpfer soll Gott gedacht und benannt werden, nicht
+als unpersönliche Ursache oder ruhender Urgrund. An der Spitze der muslimischen Dogmatik
+steht daher seit alter Zeit die Schöpfungslehre als ein Zeugnis gegen die heidnisch-philosophische
+Ansicht von der Ewigkeit der Welt und von den Wirkungen der Natur.
+</p>
+<p>Was wir von der Sinnenwelt wahrnehmen, so reden diese Atomisten, sind vorübergehende
+Accidenzen, die jeden Augenblick kommen und gehen. Das Substrat dieses Wechsels sind
+die (körperlichen) Substanzen, die, weil in oder an ihnen Veränderungen vorgehen,
+nicht unveränderlich gedacht werden können. Sind sie, die Substanzen, veränderlich,
+dann können sie auch nicht dauerhaft sein, denn Ewiges ändert sich nicht. Folglich
+ist Alles in der Welt, da Alles sich ändert, entstanden, von Gott erschaffen.
+</p>
+<p>Das ist der Ausgangspunkt. Von der Veränderlichkeit alles Existierenden wird geschlossen
+auf den ewigen, unveränderlichen Schöpfer. Die Späteren aber schließen, unter dem
+Einfluss muslimischer Philosophen, von der Kontingenz oder Possibilität alles Endlichen
+auf das notwendig-existierende Wesen Gottes.
+</p>
+<p>Kehren wir zur Welt zurück. Sie besteht aus Accidenzen und deren Substrate, die Substanzen.
+Substanz und Accidens oder Qualität sind die zwei Kategorien, mittelst derer die Wirklichkeit
+begriffen wird. Die übrigen Kategorien fallen entweder unter die der Qualität oder
+lösen sich in Verhältnisse und Denkbestimmungen auf, denen, objektiv, nichts entspricht.
+Die Materie als Möglichkeit ist nur im Denken, die Zeit ist nichts anderes als Koexistenz
+verschiedener Gegenstände oder simultane Beziehung der Vorstellung, und Raum und Größe
+kommen zwar den Körpern zu, nicht aber den einzelnen Teilen (Atomen), aus denen die
+Körper zusammengesetzt sind.
+<span class="pageNum" id="pb58">[<a href="#pb58">58</a>]</span></p>
+<p>Was von den Substanzen überhaupt ausgesagt werden kann, sind Accidenzen. Ihre Anzahl
+ist, an jeder einzelnen Substanz, zahlreich oder gar, wie einige behaupten, unendlich,
+da von beliebigen gegensätzlichen Bestimmungen, zu denen auch die negativen gehören,
+jeder Substanz entweder die eine oder die andere zukomme. Das negative Accidens hat
+um nichts weniger Realität als das positive. Gott schafft auch die Privation und die
+Vernichtung, wofür es denn freilich nicht leicht ist, das Substrat ausfindig zu machen.
+Und da jedes Accidens immer nur seinen Sitz in irgend einer Substanz haben kann, und
+nicht in einem anderen Accidens, so gibt es in Wirklichkeit kein Allgemeines, mehreren
+Substanzen Gemeinsames. Die Universalien sind in keiner Weise in den Einzeldingen,
+sie sind Begriffe.
+</p>
+<p>Somit gibt es keine Verbindung zwischen den Substanzen, sie stehen getrennt für sich
+als Atome, die einander gleich sind. Eigentlich haben sie eine größere Ähnlichkeit
+mit den Homöomerien des Anaxagoras als mit den kleinsten Stoffteilchen der Atomisten.
+Sie sind an sich unräumlich (ohne makan), haben aber ihren Ort (hajjiz) und füllen
+durch ihre Position den Raum aus. Es sind also unausgedehnte, punktuell gedachte Einheiten,
+aus denen die räumliche Körperwelt aufgebaut wird. Zwischen ihnen soll es ein Leeres
+geben, denn sonst wäre, da die Atome nicht in einander eindringen, jede Bewegung unmöglich.
+Alle Veränderung aber wird auf Vereinigung und Trennung, Bewegung und Ruhe zurückgeführt.
+Sonstige, wirksame Beziehungen zwischen den Atomen-Substanzen gibt es nicht. Sie sind
+einmal da und freuen sich ihres Daseins, haben aber gar nichts mit einander zu thun.
+Die Welt ist eine diskontinuierliche Masse, ohne lebendige Wechselwirkung.
+</p>
+<p>Das Altertum hatte dieser Auffassung vorgearbeitet, <abbr title="unter andere">u. a.</abbr> auch mit seiner Lehre von dem diskontinuierlichen Charakter der Zahl. Wurde die Zeit
+nicht als die Zahl <span class="pageNum" id="pb59">[<a href="#pb59">59</a>]</span>der Bewegung definiert? Warum sollte man nun nicht jene Lehre auf Raum, Zeit und Bewegung
+übertragen? Die Dialektiker thaten es, und es mag auch die Skepsis der Alten dabei
+mitgewirkt haben. Wie die substanzielle Körperwelt wurden auch Raum, Zeit und Bewegung
+in Atome ohne Ausdehnung, in Momente ohne Dauer zerlegt. Die Zeit wird eine Aufeinanderfolge
+von vielen einzelnen Jetzt, und zwischen je zwei Zeitmomenten gibt es ein Leeres.
+Ebenso verhält es sich mit der Bewegung: zwischen je zwei Bewegungen gibt es eine
+Ruhe. Eine schnelle und eine langsame Bewegung besitzen dieselbe Geschwindigkeit,
+nur hat die letztere mehr Ruhepunkte. Um dann aber über den leeren Raum, das unausgefüllte
+Zeitmoment und die Ruhepause zwischen zwei Bewegungen hinauszukommen, wird die Lehre
+vom Sprunge benutzt. Von Raumpunkt zu Raumpunkt soll die Bewegung, von Moment zu Moment
+die Zeit weiterspringen.
+</p>
+<p>Diese phantastische Lehre brauchte man eigentlich gar nicht. Sie war eine Antwort
+auf naives Fragen. Konsequent hatte man die ganze räumlich-zeitlich bewegte Körperwelt
+in Atome mit deren Accidenzen zerstückt. Wohl behaupteten einige, dass zwar die Accidenzen
+jeden Augenblick schwinden, die Substanzen dagegen dauernden Bestand haben, aber andere
+machten da keinen Unterschied. Wie die Accidenzen, so lehrten sie, bestehen auch die
+Substanzen, die ja Raumpunkte sind, nur einen Zeitpunkt. Jeden Augenblick schafft
+Gott die Welt aufs neue, sodass ihr jetziger Zustand weder mit dem unmittelbar vorhergehenden
+noch mit dem gleich folgenden in irgend einem wesentlichen Zusammenhange steht. Es
+gibt also eine Reihe aufeinander folgender Welten, die sich nur scheinbar als <span class="ex">eine</span> Welt darstellen. Dass es für uns so etwas wie Zusammenhang oder Kausalität in den
+Erscheinungen gibt, rührt nur daher, dass es Allah nach seinem unergründlichen Willen
+heut oder morgen nicht beliebt, die Gewohnheit des Geschehens durch ein Wunder zu
+unterbrechen, <span class="pageNum" id="pb60">[<a href="#pb60">60</a>]</span>was er aber jeden Augenblick zu thun im Stande ist. Wie aller Kausalzusammenhang nach
+dem atomistischen Kalam verschwindet, wird sehr gut durch das klassische Beispiel
+vom schreibenden Menschen ausgedrückt. Gott schafft nämlich in ihm, und zwar an jedem
+Zeitpunkte aufs neue, zuerst den Willen, dann das Vermögen zu schreiben, darauf die
+Bewegung der Hand, und endlich die Bewegung der Feder. Eins ist dabei völlig unabhängig
+von dem Andern.
+</p>
+<p>Wenn man nun dagegen einwendet, dass mit der Kausalität oder der Regelmäßigkeit des
+Weltgeschehens auch die Möglichkeit alles Wissens aufgehoben sei, so erwidert der
+gläubige Denker, Allah wisse ja Alles vorher schon, er schaffe nicht nur die Dinge
+der Welt und was sie zu wirken scheinen, sondern auch das Wissen darum in der menschlichen
+Seele, und wir brauchen nicht weiser zu sein als Er. Er weiß es am besten.
+</p>
+<p>Allah und die Welt, Gott und der Mensch, über diese Gegensätze konnte die muslimische
+Dialektik nicht hinaus kommen. Außer Gott gibt es nur Platz für körperliche Substanzen
+und deren Accidenzen. Das Dasein menschlicher Seelen als unkörperlicher Substanzen,
+sowie überhaupt die Existenz reiner Geister, beides von Philosophen und, weniger bestimmt,
+von einigen Mutaziliten gelehrt, wollte nicht recht stimmen zu der muslimischen Lehre
+von der Transcendenz Gottes, der keinen Genossen hat. Die Seele gehört zu der Körperwelt.
+Leben, Empfindung, Beseeltheit sind ebenso Accidenzen wie Farbe, Geschmack und Geruch,
+Bewegung und Ruhe. Einige nehmen nur ein Seelenatom an, nach anderen sind mehrere
+feine Seelenatome unter die Körperatome gemischt. Das Denken haftet jedenfalls an
+einem einzigen Atom.
+</p>
+<p id="ch2.3.13"><b>13.</b> Nicht alle guten Muslime konnten sich bei der Dialektik beruhigen. Der fromme Diener
+Gottes möchte doch auf andere Weise seinem Herrn etwas näher kommen. Dieses Bedürfnis,
+schon anfangs im Islam vorhanden, durch <span class="pageNum" id="pb61">[<a href="#pb61">61</a>]</span>christliche und persisch-indische Einflüsse verstärkt und unter entwickelteren Kulturverhältnissen
+mächtig angewachsen, hat im Islam eine Reihe von Erscheinungen hervorgerufen, die
+man als Mystik und Sufismus<a class="noteRef" id="xd31e1675src" href="#xd31e1675">4</a> zu bezeichnen pflegt. In dieser Entwicklung eines muslimischen Heiligenwesens und
+Mönchtums hat sich die Geschichte christlicher Mönche und Klöster in Syrien und Ägypten,
+auch diejenige indischer Büßer wiederholt. Im Grunde haben wir es hier also mit religiöser
+oder geistiger Praxis zu thun. Aber die Praxis spiegelt sich immer im Denken, sie
+erhält ihre Theorie. Man bedurfte, um ein intimeres Verhältnis mit der Gottheit zu
+Stande zu bringen, vielfach symbolischer Handlungen und vermittelnder Personen. Diese
+nun versuchten es, sich und den Eingeweihten die Geheimnisse der Symbole zu enthüllen
+und außerdem ihre eigene vermittelnde Stellung in der Stufenordnung des Alls zu begründen.
+Besonders neuplatonische Lehren, teilweise aus der trüben Quelle des Pseudo-Dionysios
+des Areopagiten und des heiligen Hierotheos (Stephen bar Sudaili?) mussten dazu herhalten.
+Auch scheint der indische Yoga, wenigstens in Persien, bedeutend eingewirkt zu haben.
+Meistens hielt sich die Mystik in den Schranken der Orthodoxie, die immer auch verständig
+genug war, Dichtern und Schwärmern etwas nachzusehen. In Bezug auf die Lehre, dass
+Gott alles in allem <span class="ex">wirke</span>, waren Dialektiker und Mystiker einverstanden. Dass aber Gott auch alles in allem
+<span class="ex">sei</span>, wurde von der extremen Mystik hinzugefügt. Daraus entwickelte sich ein heterodoxer
+Pantheismus, der die Welt zum leeren Scheine und das menschliche Ich zum Gotte machte.
+So wird die Einheit Gottes zur Alleinheit, seine Allwirksamkeit zur Allwesenheit.
+Höchstens gibt es außer Gott noch die Eigenschaften oder Zustände der sufischen zu
+Ihm sich hinbewegenden Seele. Eine Psychologie des Gefühles wird von sufischen Lehrern
+entwickelt. <span class="pageNum" id="pb62">[<a href="#pb62">62</a>]</span>Während, nach ihnen, unsere Vorstellungen von außen an die Seele herankommen und unsere
+Strebungen eine Veräußerlichung des Inneren bedeuten, besteht das wahre Wesen unserer
+Seele aus gewissen Zuständen oder Gefühlen der Lust und Unlust. Das wesentlichste
+von allen ist die Liebe. Weder Furcht noch Hoffnung, sondern die Liebe erhebt uns
+zu Gott. Kein Wissen und kein Wollen, sondern die Vereinigung mit dem Geliebten heißt
+Seligkeit.
+</p>
+<p>Weit gründlicher als von den Dialektikern wird von diesen Mystikern die Welt, und
+schließlich auch die Menschenseele vernichtet. Von jenen ist sie der schaffenden Willkür,
+von diesen dem erleuchtenden, liebenden Wesen Gottes zum Opfer dargebracht worden.
+In der Sehnsucht nach dem Einen Geliebten wird die verwirrende Mannigfaltigkeit der
+Dinge, wie sie unseren Sinnen und der Vorstellung erscheint, abgestreift. Alles wird,
+im Sein wie im Denken, auf einen Punkt konzentriert. Als Gegensatz denke man sich
+echtes Griechentum. Dort wünschte man sich die Zahl der Sinne größer, um etwas mehr
+von dieser schönen Welt erkennen zu können. Diese Mystiker aber schelten die Vielheit
+der Sinne, weil sie Verwirrung in ihr Glück hineinbringt.
+</p>
+<p>Doch macht die menschliche Natur sich überall geltend. Jene Welt und Sinnen entsagenden
+Männer schwelgen oft bis in ein hohes Alter hinein in den sinnlichsten Phantasien.
+</p>
+<p>Dass viele sich gar wenig um die Glaubenslehre kümmerten, und dass die asketische
+Moral der Sufis öfter in das Gegenteil sich verwandelte, braucht uns nach alledem
+nicht zu wundern.
+</p>
+<p>Die Entwicklung des Sufismus im einzelnen zu verfolgen, ist mehr eine Aufgabe für
+die Religions- als für die Philosophiegeschichte. Auch finden wir die philosophischen
+Elemente, die darin aufgenommen wurden, bei den muslimischen Philosophen, denen wir
+im folgenden begegnen werden.
+<span class="pageNum" id="pb63">[<a href="#pb63">63</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch2.4" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e399">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">4.</span> Litteratur und Geschichte.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch2.4.1" class="first"><b>1.</b> Arabische Poesie und Annalistik haben sich unabhängig von Schulgelehrsamkeit ausgebildet.
+Im Laufe der Zeit aber wussten Litteratur und Geschichtschreibung sich nicht von fremden
+Einflüssen rein zu erhalten. Mit einigen Andeutungen, dies zu erhärten, müssen wir
+uns hier begnügen.
+</p>
+<p>Einen Bruch mit der poetischen Tradition des Arabertums, wie ihn das Christentum in
+der germanischen Welt verursachte, bedeutete die Einführung des Islam nicht. Schon
+die weltliche Litteratur der Omajjadenzeit überlieferte viele Weisheitssprüche, zum
+Teil aus der altarabischen Poesie, die der Koranpredigt Konkurrenz machten. Abbasidenchalife,
+wie Mansur, Harun und Mamun, waren litterarisch gebildeter als Karl der Große. Ihre
+Söhne wurden nicht nur mit Koranlektüre erzogen, sondern auch mit den alten Dichtern
+und der Volksgeschichte bekannt gemacht. Dichter und Litteraten wurden an die Höfe
+gezogen und fürstlich belohnt. Dort erfuhr dann die Litteratur den Einfluss gelehrter
+Bildung und philosophischer Spekulation, wenn auch in den meisten Fällen recht oberflächlich.
+Dies zeigt sich vor allem in skeptischen Äußerungen, frivoler Verspottung des Heiligsten
+und Verherrlichung des Sinnengenusses. Daneben aber drangen weise Sprüche, ernste
+Betrachtungen, mystische Spekulationen in die anfangs nüchtern-realistische Poesie
+der Araber ein. Statt der sinnlichen Frische der Darstellung trat ein ermüdendes Spiel
+mit Gedanken und Gefühlen, wenn nicht gar mit leeren Worten, Metren und Reimen, ein.
+</p>
+<p id="ch2.4.2"><b>2.</b> Der hässliche Abu-l-Atahia (748–828) redet in seiner süßlichen Poesie fast immer
+von unglücklicher Liebe und Verlangen nach dem Tode. Seine Weisheit spricht er in
+diesen Versen aus:
+</p>
+<div class="lgouter">
+<p class="line">Lass nach dem Zweifel den Verstand sich richten: </p>
+<p class="line">Vor Sünde schützt am besten das Verzichten. </p>
+</div>
+<p><span class="pageNum" id="pb64">[<a href="#pb64">64</a>]</span></p>
+<p>Wer nur einiges Verständnis für das Leben und für Naturpoesie besitzt, wird sich an
+seinen Weltentsagungsgedichten ebensowenig erfreuen können, wie an den der Form nach
+zwar epigrammatischen, dem Inhalte nach aber furchtbar langweiligen Versen des Mutanabbi
+(905–965), den man wohl als den größten arabischen Dichter gefeiert hat.
+</p>
+<p>Ebenso hat man über Gebühr Abu-l-Ala al-Maarri (973–1058) als philosophischen Dichter
+erhoben. Seine, mitunter ganz ehrenwerten Gesinnungen und verständigen Ansichten sind
+weder Philosophie noch ist der gekünstelte und oft banale Ausdruck dafür Poesie. Als
+Philologe oder Historiker hätte dieser Mann bei günstigeren Verhältnissen (er war
+blind und nicht übermäßig reich) vielleicht in der niederen Kritik etwas leisten können.
+Nun aber muss er statt Begeisterung für das Leben freudenlose Entsagung predigen,
+an den politischen Verhältnissen, den Anschauungen der gläubigen Menge und den wissenschaftlichen
+Behauptungen der Gelehrten herumnörgeln, ohne selbst etwas Positives aufstellen zu
+können. Es fehlt ihm fast ganz die Gabe der Kombination. Analysieren kann er, aber
+er findet keine Synthese. Sein Wissen ist unfruchtbar. Der Baum seiner Erkenntnis
+hat die Wurzeln in der Luft, wie er selbst in einem seiner Briefe, wohl in anderem
+Sinne, eingesteht. Er lebt als strenger Cölibatär und Vegetarianer, wie es sich für
+einen Pessimisten geziemt. Es ist ja Alles, wie er in seinen Gedichten ausspricht,
+eitel Tand. Das Geschick ist blind, die Zeit verschont weder den König, der des Lebens
+genießt, noch den Frommen, der seine Nächte durchwacht. Auch der widervernünftige
+Glaube löst uns des Daseins Rätsel nicht. Was es hinter dem bewegten Himmel geben
+mag, bleibt uns ewig verborgen. Religionen, welche da eine Aussicht eröffnen, sind
+vom Eigennutz erfunden. Allerhand Sekten und Parteiungen werden von den Mächtigen
+benutzt, ihre Gewalt zu sichern. Die Wahrheit darüber darf man nur leise <span class="pageNum" id="pb65">[<a href="#pb65">65</a>]</span>sagen. Darum ist es das klügste, sich von der Welt entfernt zu halten, uneigennützig
+Gutes zu thun, weil dies tugendhaft und schön ist, ohne irgendwelche Aussicht auf
+Belohnung.
+</p>
+<p>Andere Schöngeister hatten eine praktischere Philosophie und wussten sich besser in
+der Welt geltend zu machen. Sie huldigten der klugen Lehre des Theaterdirektors aus
+Goethes Faust: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Der vollendetste Typus
+dieser Art ist Hariri (1054–1122), dessen Held, der Bettler und Landstreicher Abu
+Zaid von Serug als höchste Weisheit lehrt:
+</p>
+<div class="lgouter">
+<p class="line">Hetze, statt gehetzt zu werden; </p>
+<p class="line">Welt ist all ein Wald für Hatzen. </p>
+<p class="line">Wenn der Falke dir entgangen, </p>
+<p class="line">Nimm fürlieb nur mit dem Spatzen; </p>
+<p class="line">Und erhältst du nicht den Thaler, </p>
+<p class="line">So <span class="corr" id="xd31e1726" title="Quelle: begnüg">begnüg’</span> dich mit dem Batzen.<a class="noteRef" id="xd31e1729src" href="#xd31e1729">5</a> </p>
+</div>
+<p id="ch2.4.3" class="first"><b>3.</b> Wie die Poesie, so zeichnete sich auch die Annalistik der alten Araber durch scharfe
+Erfassung des Einzelnen aus, war aber einer Gesamtauffassung der Ereignisse nicht
+fähig. Mit der gewaltigen Ausdehnung des Reiches erweiterte sich dann der Blick. Zunächst
+wurde ein <span class="corr" id="xd31e1736" title="Quelle: grosses">großes</span> Material gesammelt. Mehr als die religiösen Pilgerzüge förderten Reisen zur Sammlung
+von Traditionen, zum Zwecke der Verwaltung und des Handels, oder auch zur Befriedigung
+der Neugier unternommen, das geschichtliche und geographische Wissen. Eigentümliche
+Methoden der Forschung, auf den Wert der Überlieferung als Quelle unseres Wissens
+sich beziehend, wurden ausgearbeitet. Mit derselben Subtilität, wie in der Grammatik,
+ein ausgedehntes Feld der Beobachtung ins Unendliche einteilend, mehr arabeskenhaft
+als übersichtlich, bildete sich so eine Logik der Geschichte aus, die dem orientalischen
+Auge um vieles schöner erscheinen musste als das aristotelische <span class="pageNum" id="pb66">[<a href="#pb66">66</a>]</span>Organon in seinem strengen Aufbau. Von vielen wurde die Überlieferung, mit deren Beglaubigung
+man es in der Regel praktisch weniger genau nahm als in der Theorie, dem Sinnenzeugnisse
+gleichgesetzt, und dem Verstandesurteile, das ja so leicht Fehlschlüsse zulasse, vorgezogen.
+</p>
+<p>Es gab aber immer Leute, die unparteiisch sich widersprechende Berichte neben einander
+überlieferten. Andere, obgleich mit Schonung für die Gefühle und Bedürfnisse der Gegenwart,
+hielten ihr mehr oder weniger begründetes Urteil über Vergangenes nicht zurück, wie
+es denn oft leichter ist, aus der Geschichte als aus dem Leben klug zu werden.
+</p>
+<p>Neue Gegenstände der Forschung, neue Betrachtungsweisen traten hinzu. Die Erdkunde
+nahm, <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> in der Klimatogeographie, Naturphilosophisches auf, die Geschichtsschreibung zog
+auch das geistige Leben, Glauben und Sitte, Litteratur und Wissenschaft in den Bereich
+ihrer Darstellung. Die Bekanntschaft mit anderen Ländern und Völkern forderte vielfach
+zum Vergleiche auf. Und es kam also ein internationales, humanistisches Element herein.
+</p>
+<p id="ch2.4.4"><b>4.</b> Ein Vertreter humanistischer Sinnesweise ist Masudi (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> etwa 956). Er hat Interesse und Verständnis für Alles, was menschlich ist. Überall
+lernt er von den Menschen, denen er begegnet, und infolgedessen ist die Bücherlektüre,
+die seine Einsamkeit ausfüllt, nicht unfruchtbar. Weder die enge Praxis des Lebens
+und Glaubens, noch die luftigen Spekulationen der Philosophie sagen ihm zu. Er kennt
+sein Talent. Und er findet bis zuletzt, wenn er fern von der Heimat in Ägypten sein
+Alter verbringt, seinen Trost, die Medizin seiner Seele, in dem Studium der Geschichte.
+Die Geschichte ist ihm die allesumfassende Wissenschaft, seine Philosophie, die die
+Wahrheit dessen, was war und ist, darzustellen hat. Auch die Weltweisheit mit ihrer
+Entwicklung wird der Geschichte zum Gegenstande. Ohne diese wäre ja alles Wissen längst
+zu Grunde gegangen. Denn die Gelehrten kommen <span class="pageNum" id="pb67">[<a href="#pb67">67</a>]</span>und gehen, aber die Geschichte verzeichnet ihre Geistesthaten und stellt dadurch die
+Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart her. Ohne Vorurteil berichtet sie über
+die Ereignisse und über die Ansichten der Menschen. Freilich, die Synthese der Thatsachen
+und die eigene Meinung des Verfassers herauszufinden, das überlässt Masudi oft dem
+verständigen Leser.
+</p>
+<p>Nach ihm darf rühmend hervorgehoben werden der Geograph Maqdasi (oder Muqaddasi, schrieb
+im Jahre 985), der viele Länder durchreiste und in den verschiedensten Berufen auftrat,
+das Leben seiner Zeit kennen zu lernen. Er ist ein wahrer Abu Zaid von Serug (<abbr title="vergleiche">vgl.</abbr> <a href="#ch2.4.2">II, 4 § 2</a>), nur dass er einen Zweck hat.
+</p>
+<p>Kritisch geht er ans Werk. Er hält sich zu der Wissenschaft, die man durch Forschen
+und Nachfragen, nicht durch Traditionsglauben oder reine Vernunftschlüsse gewinnt.
+Was Geographisches im Koran steht, erklärt er sich aus dem engen Gesichtskreise der
+Araber, dem Allah sich anbequemt haben soll.
+</p>
+<p>Sine ira et studio beschreibt er nun die Länder und Völker, die er mit eigenen Augen
+sah. Er will an erster Stelle Selbsterlebtes darstellen, dann was er von glaubwürdigen
+Leuten vernommen, und endlich was er in Büchern gefunden. Aus seiner Selbstcharakteristik
+sind die folgenden Sätze zusammengezogen:
+</p>
+<p>“Ich habe allgemeine Bildung und Pflichtenlehre unterrichtet, bin als Prediger aufgetreten
+und habe von dem Minarete der Moscheen den Gebetsruf erschallen lassen. Gelehrten
+Sitzungen und frommen Übungen habe ich beigewohnt. Ich habe Suppe mit den Sufis, Brei
+mit den Mönchen und Schiffskost mit den Matrosen gegessen. Manchmal war ich die Eingezogenheit
+selbst, dann wieder aß ich verbotene Speisen gegen mein besseres Wissen. Ich ging
+mit den Einsiedlern des Libanons um und dann wieder lebte ich am fürstlichen Hofe.
+Kriege habe ich mitgemacht, auch saß ich gefangen und wurde als Spion <span class="pageNum" id="pb68">[<a href="#pb68">68</a>]</span>in den Kerker geworfen. Mächtige Fürsten und Minister gaben mir Gehör, dann schloss
+ich mich wieder einer Räuberbande an oder saß als Kleinhändler auf dem Markte. Viel
+Ehren und Ansehen genoss ich, aber ebenso musste ich Schimpfworte hören und mich zum
+Eide erniedrigen, als ich der Ketzerei oder schlechter Handlungen verdächtigt ward.”<a class="noteRef" id="xd31e1768src" href="#xd31e1768">6</a>
+</p>
+<p>Wir sind heutigen Tages gewöhnt, uns den Orientalen in beschaulicher Ruhe, Glauben
+und Sitte der Väter ergeben, vorzustellen. Ganz richtig ist die Vorstellung nicht.
+Aber weit weniger als zu der gegenwärtigen Lage stimmt sie zu der Verfassung des Islam
+in den ersten vier Jahrhunderten, als dieser sich anschickte, den Besitz nicht nur
+der äußeren Güter der Welt, sondern auch der geistigen Errungenschaften der Menschheit
+zu ergreifen.
+<span class="pageNum" id="pb69">[<a href="#pb69">69</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<div class="footnote-body">
+<div id="xd31e1379">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e1379src">1</a></span> Beides kommt vor, doch ist Qijas gewöhnlich = Analogie. In der philosophischen, von den Übersetzern herrührenden Terminologie steht aber Qijas
+immer für <span class="trans" title="syllogismos"><span lang="grc" class="grek">συλλογισμός</span></span>, während <span class="trans" title="analogia"><span lang="grc" class="grek">ἀναλογία</span></span> mit <span class="ex">arab. mithl</span> wiedergegeben wird. <a class="fnarrow" href="#xd31e1379src" title="Zurück zur Note 1 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+<div id="xd31e1422">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e1422src">2</a></span> <abbr title="Vergleiche">Vgl.</abbr> Snouck Hurgronje in ZDMG. LIII, S. 155. <a class="fnarrow" href="#xd31e1422src" title="Zurück zur Note 2 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+<div id="xd31e1554">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e1554src">3</a></span> Mystiker führten auch wohl einen sechsten Sinn dafür ein. <a class="fnarrow" href="#xd31e1554src" title="Zurück zur Note 3 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+<div id="xd31e1675">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e1675src">4</a></span> Nach ihrem grobwollenen Rock (sûf) wurden die Asketen Sufis genannt. <a class="fnarrow" href="#xd31e1675src" title="Zurück zur Note 4 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+<div id="xd31e1729">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e1729src">5</a></span> Rückerts Übers. d. Makamen II, S. 219. <a class="fnarrow" href="#xd31e1729src" title="Zurück zur Note 5 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+<div id="xd31e1768">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e1768src">6</a></span> <abbr title="Vergleiche">Vgl.</abbr> v. Kremer, Kulturgesch. des Orients II, S. 429 ff. <a class="fnarrow" href="#xd31e1768src" title="Zurück zur Note 6 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div id="ch3" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e424">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h2 class="main"><span class="divNum">III.</span> Die pythagoreische Philosophie.</h2>
+</div>
+<div class="divBody">
+<div id="ch3.1" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e432">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">1.</span> Die Naturphilosophie.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch3.1.1" class="first"><b>1.</b> Euklid und Ptolemäus, Hippokrat und Galen, einiges von Aristoteles, dazu ein umfangreiches
+neupythagoreisches und neuplatonisches Schrifttum, damit sind die Elemente der arabischen
+Naturphilosophie bezeichnet. Es ist eine Popularphilosophie, die, besonders durch
+die Sabier von Harran vermittelt, bei Schiiten und anderen Sekten Aufnahme fand, und
+die in der Folge nicht nur höfische Kreise, sondern auch eine ganze Masse von Gebildeten
+und Halbgebildeten ergriff. Einzelheiten aus den Schriften des “Logikers” Aristoteles
+wurden aufgenommen, aus der <span class="corr" id="xd31e1790" title="Quelle: Metereologie">Meteorologie</span>, aus der ihm zugeschriebenen Schrift Über die Welt, aus dem Buch der Tiere, der Psychologie
+<abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr>, aber der Geist des Ganzen ist von Pythagoras-Platon, von Stoikern und von späten
+Astrologen und Alchemisten bestimmt. Menschliche Neugierde und frommer Sinn, die Gottes
+Geheimnisse aus seinen Geschöpfen herauslesen möchten, gehen dabei über das praktische
+Bedürfnis, das etwas Rechenkunst für die Verteilung der Erbschaft und für den Handel,
+auch etwas Astronomie für die Zeitbestimmung gottesdienstlicher Verrichtungen brauchte,
+weit hinaus. Von überall her holt man sich seine Weisheit herbei. Es bekundet sich
+darin eine Gesinnung, die von Masudi richtig formuliert wurde: es sei das Gute anzuerkennen,
+ob es sich beim Feinde oder beim Freunde finde. Sollte doch Ali, der Fürst der Gläubigen,
+gesagt haben: “Die Weltweisheit ist das verirrte Schaf des Gläubigen, nimm es wieder
+auf, wenn auch von den Ungläubigen”.
+<span class="pageNum" id="pb70">[<a href="#pb70">70</a>]</span></p>
+<p id="ch3.1.2"><b>2.</b> Der Patron mathematischer Studien im Islam ist Pythagoras. Zwar wird Griechisches
+und Indisches gemischt, aber Alles unter neupythagoreische Gesichtspunkte gestellt.
+Ohne das Studium der mathematischen Disziplinen: Arithmetik und Geometrie, Astronomie
+und Musik, wird Keiner, so heißt es, zum Philosophen oder gebildeten Arzt. Die Zahlenlehre,
+höher geschätzt als die Messkunde, weil sie weniger zur Anschauung spricht und den
+Geist dem Wesen der Dinge näher bringen soll, gibt zu den ausschweifendsten Spielereien
+Veranlassung. Gott ist selbstverständlich die große Eins, von der Alles ausgeht, selbst
+keine Zahl, sondern Ursache der Zahl. Vor allem aber wird die Vierzahl, die Zahl der
+Elemente <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr>, von den Naturphilosophen bevorzugt. Bald kann man über nichts im Himmel und auf
+Erden mehr reden und schreiben, es sei denn in viergliedrigen Sätzen und viergeteilten
+Abhandlungen.
+</p>
+<p>Von der Mathematik kam man schnell und leicht zur Astronomie und Astrologie hinüber.
+Die altorientalische Praxis, die man vorfand, wurde schon von den Hofastrologen der
+Omajjaden, eingehender aber am abbasidischen Hofe weitergeführt. Man gelangte dabei
+zu Spekulationen, die dem Offenbarungsglauben zuwiderliefen und deshalb von den Hütern
+der Religion niemals gebilligt werden konnten. Für den Gläubigen bestand nur der Gegensatz:
+Gott und Welt, oder dieses Leben und das zukünftige. Für den Astrologen aber gab es
+zwei Welten, eine himmlische und eine irdische, und Gott und das Jenseits lagen in
+weiter Ferne. Je nachdem nun das Verhältnis zwischen den Himmelskörpern und den Dingen
+unter dem Monde vorgestellt wurde, bildete sich eine verständige Astronomie oder eine
+phantastische Astrologie heraus. Ganz frei vom astrologischen Wahne waren nur wenige.
+Solange nämlich das ptolemäische System die Wissenschaft beherrschte, war es einem
+gänzlich Ungebildeten leichter, den Unsinn zu verspotten, als es dem gelehrten Forscher
+war, ihn zu <span class="pageNum" id="pb71">[<a href="#pb71">71</a>]</span>überwinden. War ihm doch diese Erde mit ihren Lebewesen ein Erzeugnis himmlischer
+Kräfte, ein Abglanz himmlischen Lichtes, ein Nachklang der ewigen Sphärenharmonie.
+Wer nun den Sternen- und Sphärengeistern Vorstellung und Willen zuschrieb, ließ sie
+die Stelle der göttlichen Vorsehung vertreten, führte auf ihre Thätigkeit also Gutes
+und Böses zurück und suchte aus dem Stande ihrer Körper, mittelst derer sie nach dauernden
+Gesetzen auf das Irdische wirken, die zukünftigen Ereignisse zu erkunden. Andere freilich
+bezweifelten diese Vorsehung zweiter Ordnung, sei es aus Erfahrungs- und Vernunftgründen,
+sei es aus dem peripatetischen Glauben, dass die seligen himmlischen Wesen reine denkende
+Geister seien, über Vorstellung und Willen, somit über alle sinnliche <span class="corr" id="xd31e1806" title="Quelle: Besonderkeit">Besonderheit</span> erhaben, sodass ihre fürsorgliche Wirkung nur das Wohl des Ganzen bezwecke, niemals
+aber auf die Einzelpersönlichkeit oder das Einzelgeschehen sich beziehen könne.
+</p>
+<p id="ch3.1.3"><b>3.</b> Auf dem Gebiete der Naturwissenschaften haben muslimische Gelehrte ein reiches Material
+zusammengebracht, zu einer wirklich wissenschaftlichen Behandlung ist es aber kaum
+irgendwo gekommen. In den einzelnen Naturwissenschaften, deren Ausbildung hier nicht
+verfolgt werden kann, hielt man sich an überlieferten Systemen. Um die Weisheit Gottes
+und die Wirkungen der Natur, die als eine Kraft oder eine Emanation der Weltseele
+gefasst wurde, zu ergründen, wurden alchemistische Versuche angestellt, die Zauberkräfte
+der Talismane geprüft, die Einflüsse der Musik auf Tier- und Menschenseele erforscht,
+physiognomische Beobachtungen gemacht, die Wunder des Schlaf- und Traumlebens, der
+Wahrsagerei und Prophetie zu deuten versucht <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> Im Mittelpunkt des Interesses stand natürlich der Mensch als Mikrokosmos, der sämtliche
+Elemente und Kräfte des Alls in sich vereinigen soll. Als das Wesentliche am Menschen
+galt die Seele. Ihr Verhältnis zur Weltseele und ihr zukünftiges Los waren <span class="pageNum" id="pb72">[<a href="#pb72">72</a>]</span>Gegenstände der Forschung. Aber auch über die Vermögen der Seele und deren Lokalisierung
+in Herz und Hirn wurde viel spekuliert. Einige hielten sich an Galen, andere gingen
+über ihn hinaus und ließen den fünf äußeren Sinnen fünf innere entsprechen, eine Lehre,
+die, nebst ähnlichen Naturgeheimnissen, auf Apollonius von Tyane zurückgeführt wurde.
+</p>
+<p>Es versteht sich, dass bei dem Studium der mathematischen und naturwissenschaftlichen
+Disziplinen die verschiedensten Verhaltungsweisen gegenüber den Religionslehren möglich
+waren. Doch wurden die propädeutischen Wissenschaften, sobald sie selbständig auftraten,
+dem Glauben immer gefährlich. Mit der Astronomie verband sich leicht die Annahme von
+der Weltewigkeit, von einer ungeschaffenen Materie, von Ewigkeit her bewegt. Und wenn
+die Himmelsbewegung ewig, dann wohl auch der irdische Wechsel. Ewig sind, so wird
+von manchem gelehrt, alle Reiche der Natur, ewig ist auch das Menschengeschlecht und
+dreht sich im Kreise herum. Nichts Neues gibt es auf der Welt, wie alles Andere wiederholen
+sich Ansichten und Begriffe der Menschen. Was nur möglicherweise gethan, behauptet,
+gewusst werden kann, ist schon dagewesen und wird einmal wieder <span class="corr" id="xd31e1819" title="Quelle: dasein">da sein</span>.
+</p>
+<p>Darüber ließ sich nun trefflich reden und klagen, ohne dass die Wissenschaft viel
+dadurch gefördert wurde.
+</p>
+<p id="ch3.1.4"><b>4.</b> Etwas nützlicher schien die Wissenschaft der Medizin zu sein, die aus naheliegenden
+Gründen von den hohen Herren begünstigt wurde. Nicht am wenigsten ihretwegen beauftragten
+die Chalifen so viele Männer mit dem Übersetzen griechischer Werke. Kein Wunder also,
+dass der Einfluss mathematisch-naturwissenschaftlicher Lehren, sowie der Logik, auch
+in die Medizin eindrang. Der alte Mediziner war geneigt, sich mit hergebrachten Zauberformeln
+und anderen von der Erfahrung erprobten Mitteln zu begnügen. Aber die moderne Gesellschaft
+des neunten Jahrhunderts forderte vom Arzte philosophisches Wissen. Er <span class="pageNum" id="pb73">[<a href="#pb73">73</a>]</span>sollte die “Naturen” der Nahrungs-, Genuss- und Heilmittel, die Mischungen des Körpers
+und in jedem Falle die Einwirkungen der Gestirne kennen. Der Arzt war der Bruder des
+Astrologen, dessen Wissen ihm imponierte, weil es einen erhabeneren Gegenstand hatte
+als die medizinische Praxis. Er sollte beim Alchemisten in die Schule gehen und nach
+mathematisch-logischen Methoden seine Kunst ausüben. Es genügte den Bildungsfanatikern
+des neunten Jahrhunderts nicht, dass der Mensch nach dem Qijas, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> logisch richtig zu sprechen, zu glauben und sich zu benehmen hatte, er musste sich
+außerdem nach dem Qijas kurieren lassen. Wie über die Grundlagen der Glaubens- und
+Pflichtenlehre, wurde, am Hofe Wathik’s (842–847), über die Prinzipien der Medizin
+in gelehrten Sitzungen disputiert. Es fragte sich nämlich, mit Anlehnung an eine galenische
+Schrift, ob die Medizin auf Überlieferung, Erfahrung oder Vernunfterkenntnis beruhe,
+oder aber ob sie durch logische Deduktion (Qijas) auf mathematisch-naturwissenschaftliche
+Sätze sich stütze.
+</p>
+<p id="ch3.1.5"><b>5.</b> Die hier flüchtig skizzierte Naturphilosophie galt den meisten Gelehrten des neunten
+Jahrhunderts als Philosophie schlechthin, im Gegensatz zu der theologischen Dialektik,
+und wurde als pythagoreisch bezeichnet. Auch in das zehnte Jahrhundert ging sie hinüber
+und ihr bedeutendster Vertreter wurde der berühmte Arzt Razi (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 923 oder 932). Dieser war in Rai geboren und mathematisch gebildet und hatte dann
+mit großem Fleiße Medizin und Naturphilosophie studiert. Der Dialektik war er abhold,
+er kannte die Logik nur bis zu den kategorischen Figuren der ersten Analytik. Nachdem
+er als Direktor des Krankenhauses seiner Vaterstadt und in Bagdad thätig gewesen war,
+ging er auf Reisen und hielt sich an verschiedenen Fürstenhöfen auf, <abbr title="unter andere">u. a.</abbr> bei dem Samaniden Mansur ibn Ishaq, dem er ein medizinisches Werk widmete.
+</p>
+<p>Vom ärztlichen Berufe und dem dazu erforderlichen Studium hat Razi eine hohe Meinung.
+Die tausendjährige <span class="pageNum" id="pb74">[<a href="#pb74">74</a>]</span>Weisheit der Bücher schätzt er mehr als die Erfahrungen des Einzelnen in einem kurzen
+Leben, zieht aber diese den nicht erfahrungsmäßig erprobten Folgerungen der “Logiker”
+vor.
+</p>
+<p>Das Verhältnis zwischen Leib und Seele denkt er sich von der Seele bestimmt. Es sollen
+also die Zustände und Leiden der Seele aus der Physiognomie sich erkennen lassen,
+der Mediziner soll zugleich Seelenarzt sein. Er verfasste darum auch eine geistige
+Medizin, eine Art Diätetik der Seele. Um die Vorschriften des muslimischen Gesetzes,
+das Weinverbot <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr>, kümmerte er sich dabei nicht. Sein Libertinismus scheint ihn aber zum Pessimismus
+geführt zu haben. Er fand nämlich mehr Übel als Gutes in der Welt und bezeichnete
+die Lust als Abwesenheit von Unlust.
+</p>
+<p>Wie hoch Razi den Aristoteles und Galen schätzte, um ein tieferes Verständnis ihrer
+Werke hat er sich doch nicht sonderlich bemüht. Eifrig betrieb er die Alchemie, seiner
+Ansicht nach eine in der Existenz einer Urmaterie begründete wirkliche Kunst, die
+den Philosophen unerlässlich sei, glaubte auch, sie wäre von Pythagoras, Demokrit,
+Platon, Aristoteles und Galen ausgeübt worden. Entgegen der peripatetischen Lehre
+nahm er an, der Körper habe das Prinzip der Bewegung in sich selbst, was allerdings
+ein fruchtbarer Gedanke in der Naturwissenschaft hätte werden können, wenn er anerkannt
+und weiter ausgebildet worden wäre.
+</p>
+<p>Razis Metaphysik geht aus von alten Lehren, die seine Zeitgenossen dem Anaxagoras,
+Empedokles, Mani <abbr title="und Andere">u. A.</abbr> zuschrieben. An der Spitze seines Systems stehen fünf gleichewige Prinzipien, der
+Schöpfer, die Universalseele, die erste oder Urmaterie, der absolute Raum und die
+absolute Zeit oder ewige Dauer. Damit sind die notwendigen Bedingungen der wirklich
+existierenden Welt gegeben. Die einzelnen Sinneswahrnehmungen setzen überhaupt eine
+Materie voraus, wie die Zusammenfassung verschiedener <span class="pageNum" id="pb75">[<a href="#pb75">75</a>]</span>wahrgenommener Gegenstände einen Raum. Die wahrgenommenen Veränderungen zwingen uns
+ferner zur Annahme einer Zeit. Die Existenz lebendiger Wesen führt uns auf eine Seele,
+und dass einige von diesen lebendigen Wesen mit Vernunft begabt sind, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> befähigt, die Künste zur höchsten Vollkommenheit zu bringen, dies nötigt uns an einen
+weisen Schöpfer zu glauben, dessen Vernunft alles aufs beste angeordnet hat.
+</p>
+<p>Trotz der Ewigkeit seiner fünf Prinzipien spricht Razi also von einem Schöpfer und
+gibt auch eine Schöpfungsgeschichte. Zuerst nämlich wurde ein einfaches, reines, geistiges
+Licht erschaffen, die Materie der Seelen, welche lichtartige, einfache, geistige Substanzen
+sind. Jene Lichtmaterie oder die Oberwelt, aus der die Seelen herkamen, heißt auch
+Vernunft oder Licht vom Lichte Gottes. Dem Lichte folgt der Schatten, aus dem, zum
+Dienste der vernünftigen Seele, die animalische Seele geschaffen wird. Zugleich aber
+mit dem einfachen, geistigen Lichte war schon anfangs ein zusammengesetztes da, das
+ist der Körper, aus dessen Schatten nun die vier Naturen, Wärme und Kälte, Trockenheit
+und Feuchtigkeit, hervorgehen. Aus diesen vier Naturen werden zuletzt sämtliche himmlische
+und irdische Körper gebildet. Aber das Alles geschieht von Ewigkeit her, ohne zeitlichen
+Anfang, denn Gott war nie ohne Thätigkeit.
+</p>
+<p>Dass Razi Astrolog war, versteht sich nach dem Gesagten von selbst. Die Himmelskörper
+bestehen ja nach ihm aus denselben Elementen wie die irdischen Dinge und diese sind
+den Einwirkungen jener fortwährend ausgesetzt.
+</p>
+<p id="ch3.1.6"><b>6.</b> Razi hatte sich nach zwei Seiten hin polemisch zu verhalten. Er bekämpfte einerseits
+die muslimische Einheit Gottes, die keine ewige Seele, Materie, Raum und Zeit neben
+sich duldet, andererseits aber wendete er sich gegen das dahritische System, das keinen
+Weltschöpfer anerkennt. Dieses System, das von muslimischen Schriftstellern öfter,
+mit dem gehörigen Abscheu natürlich, erwähnt <span class="pageNum" id="pb76">[<a href="#pb76">76</a>]</span>wird, scheint, wenn auch zahlreiche, doch keine bedeutende Vertreter gefunden zu haben.
+Die Anhänger des Dahr (<abbr title="siehe">s.</abbr> <a href="#ch1.2.2">I<span class="corr" id="xd31e1869" title="Nicht in der Quelle">,</span> 2 § 2</a>) werden als Materialisten, Sensualisten, Atheisten, Anhänger der Seelenwanderung
+<abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> uns vorgeführt, aber Genaueres über ihre Lehren erfahren wir nicht. Die Dahriten
+hatten jedenfalls nicht das Bedürfnis, alles Seiende auf ein Prinzip zurückzuführen,
+das geistigen Wesens und schaffenden Wirkens war. Und eines solchen Prinzipes bedurfte
+die muslimische Philosophie, sollte sie sich mit der Glaubenslehre auch nur einigermaßen
+vertragen. Dazu eignete sich die Naturphilosophie nicht, weil diese mehr Interesse
+zeigte für die mannigfachen und oft gegensätzlichen Wirkungen der Natur als für den
+Einen Urgrund des Alls. Besser aber erfüllte diesen Zweck der neuplatonische Aristotelismus,
+dessen logisch-metaphysische Spekulation darauf ausging, alles Seiende auf ein höchstes
+Sein zurückzuführen oder alle Dinge aus einem obersten Wirkungsprinzip abzuleiten.
+Doch bevor wir uns dieser Richtung des Denkens, die schon im neunten Jahrhundert sich
+zu zeigen anfing, zuwenden, haben wir noch über einen Versuch zu berichten, die Naturphilosophie
+mit den Lehren des Glaubens zu einer Religionsphilosophie zu verschmelzen.
+</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch3.2" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e461">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">2.</span> Die treuen Brüder von Basra.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch3.2.1" class="first"><b>1.</b> Im Orient, wo jede Religion einen Staat im Staate bildete, trat eine politische Partei,
+schon damit sie überhaupt Anhänger gewinne, immer zugleich als religiöse Sekte auf.
+Prinzipiell kannte nun der Islam keinen Unterschied zwischen den Menschen, keine Kasten
+oder Stände. Aber Besitz und Bildung haben überall dieselbe Wirkung. Und in ihrem
+Gefolge fing man an, Grade der Frömmigkeit und Stufen der Erkenntnis aufzustellen,
+danach Gemeinde oder Partei sich einteilen ließe. So entstanden geheime Gesellschaften
+mit verschiedenen Graden, deren <span class="pageNum" id="pb77">[<a href="#pb77">77</a>]</span>höchster oder nächsthöchster eine Geheimlehre besaß, die der neupythagoreischen Naturphilosophie
+manches entlehnte. Zu ihrem Zwecke, Eroberung politischer Macht, war jedes Mittel
+erlaubt. Für die Eingeweihten wurde der Koran allegorisch ausgelegt. Zwar führte man
+diese geheime Weisheit auf Propheten mit biblischen und koranischen Namen zurück,
+es steckten aber heidnische Philosophen dahinter. Die Philosophie wurde ganz zu einer
+politischen Mythologie umgebildet. Die hohen Geister und Seelen, die theoretische
+Denker in Gestirnen und Planeten erkannten, verkörperten sich für die Realpolitik
+in menschliche Wesen, denen zur Gründung eines irdischen Reiches der Gerechtigkeit
+behülflich zu sein, als religiöse Pflicht verkündigt ward. Man kann die Gesellschaften,
+die solches betrieben, am besten mit Vereinen vergleichen, wie sie bis auf den Saint-Simonismus
+und verwandte Erscheinungen dieses Jahrhunderts, in Ländern, wo die Geistesfreiheit
+beschränkt ist, aufzutreten pflegen.
+</p>
+<p>Urheber einer solchen Bewegung war, in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts,
+das Haupt der Karmatenpartei, Abdallah ibn Maimun. Er war ein persischer Augenarzt,
+in der Schule der Naturphilosophen gebildet. Gläubige und Freidenker wusste er in
+einen Bund zusammenzuschließen, um den Versuch zu machen, die abbasidische Regierung
+zu stürzen. Dem Einen war er ein Gaukler, dem Andern ein frommer Asket oder ein gelehrter
+Philosoph. Seine Farbe war weiß, weil seine Religion die des reinen Lichtes, zu dem
+die Seele nach ihren irdischen Wanderungen aufsteigen sollte. Verachtung des Körpers,
+Geringschätzung der materiellen, allen Bundesbrüdern gemeinsamen Güter wurde gepredigt,
+sowie Hingebung an den Bund, Treue und Gehorsam bis in den Tod gegen seine Oberen.
+Denn der Bund stufte sich in Graden ab. Nach der Stufenfolge des Seins, Gott, Vernunft,
+Seele, Raum und Zeit, stellte man sich die Offenbarung Gottes in der Geschichte und
+in der Verfassung seines Bundes vor.
+<span class="pageNum" id="pb78">[<a href="#pb78">78</a>]</span></p>
+<p id="ch3.2.2"><b>2.</b> Die Hauptstätten der karmatischen Wirksamkeit waren Basra und Kufa. Nun aber finden
+wir in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts in Basra eine kleine Gesellschaft
+von Männern, deren Bund vier Grade haben soll. Inwiefern es den Brüdern gelungen ist,
+die ideelle Gliederung ihres Bundes zu verwirklichen, wissen wir freilich nicht. Dem
+ersten Grade gehören die jungen Männer von 15 bis 30 Jahren an, deren Seelen in natürlicher
+Weise ausgebildet werden. Als Schüler haben sie sich ganz ihren Lehrern zu fügen.
+Der zweite Grad (30–40 Jahre) wird in die Weltweisheit eingeführt und bekommt eine
+analoge Erkenntnis der Dinge. Im dritten Grade (40–50 Jahre) wird das göttliche Weltgesetz
+in adäquater Form erkannt, es ist das die Stufe der Propheten. Im höchsten Grade endlich,
+wenn man über 50 Jahre hinaus ist, erlebt man, wie die seligen Engel, die wahre Wirklichkeit
+der Dinge. Man ist da über Natur, Lehre und Gesetz erhaben.
+</p>
+<p>Aus diesem Brüderbunde ist uns eine stufenmäßig fortschreitende Encyklopädie der damaligen
+Wissenschaften erhalten. Sie besteht aus 51 (ursprünglich vielleicht 50) Abhandlungen,
+die inhaltlich verschiedener Art und Herkunft sind, sodass es den Redaktoren oder
+Compilatoren nicht gelungen ist, eine durchgängige Übereinstimmung herzustellen. Im
+allgemeinen aber findet sich in dieser Encyklopädie ein eklektischer Gnostizismus
+auf naturphilosophischer Grundlage mit politischem Hintergrunde. Mit mathematischen
+Betrachtungen, voll Zahlen- und Buchstabenspiel hebt die Darstellung an, durch Logik
+und Physik, aber Alles auf die Seele und ihre Kräfte beziehend, schreitet sie fort,
+um endlich in mystisch-zauberischer Weise sich der Erkenntnis der Gottheit zu nähern.
+Das Ganze stellt sich als die Lehre einer verfolgten Sekte dar, ab und zu blickt das
+Politische hindurch. Wir sehen noch etwas von Leiden und Kampf, von Bedrückungen,
+denen die Männer dieser <span class="corr" id="xd31e1894" title="Quelle: Encyclopädie">Encyklopädie</span> oder ihre Vorgänger ausgesetzt waren, von Hoffnung, die sie hegen, von Duldung, <span class="pageNum" id="pb79">[<a href="#pb79">79</a>]</span>die sie predigen. Sie suchen in dieser spiritualistischen Philosophie Trost oder Erlösung,
+sie ist ihre Religion. Treu bis zum Tode, heißt es, sollen die Brüder sein, denn für
+der Freunde Wohl in den Tod zu gehen, das ist der wahre heilige Krieg. Auf der Pilgerfahrt
+des Lebens durch diese Welt, so wird die verpflichtete Reise nach Mekka allegorisiert,
+soll Einer dem Andern mit allen Mitteln beistehen. Die Reichen sollen von ihren materiellen,
+die Weisen von ihren geistigen Gütern den Anderen mitteilen. Doch ist das Wissen,
+wie wir es in der Encyklopädie haben, wohl hauptsächlich den Eingeweihten der höchsten
+Grade vorbehalten worden.
+</p>
+<p>Es scheint nun allerdings dieser Bund der treuen Brüder von Basra, wie vielleicht
+eine Zweigniederlassung in Bagdad, ein stilles Dasein geführt zu haben. Die Brüder
+mögen sich zu den Karmaten etwa verhalten haben wie die ruhigeren Taufgesinnten zu
+den revolutionären Wiedertäufern des Königs von Sion.
+</p>
+<p>Als Mitglieder des Bundes und Verfasser der Encyklopädie werden uns von Späteren genannt:
+Abu Sulaiman Mohammed ibn Muschir al-Busti, genannt al-Muqaddasi, Abu-l-Hasan Ali
+ibn Harun al-Zandschani, Mohammed ibn Achmed al-Nahradschuri, al-Aufi und Zaid ibn
+Rifaa. Zur Zeit ihres Wirkens hatte das Chalifat seine weltliche Macht schon ganz
+dem schiitischen Bujidenhause (945) abtreten müssen. Wahrscheinlich begünstigte dieser
+Umstand das Hervortreten mit einer Encyklopädie, in der schiitische und mutazilitische
+Lehren mit den Ergebnissen der Philosophie zu einem populären System zusammengefasst
+waren.
+</p>
+<p id="ch3.2.3"><b>3.</b> Die Brüder bekennen sich selbst zum Eklektizismus. Sie wollen die Weisheit aller
+Völker und Religionen sammeln. Noah und Abraham, Sokrates und Platon, Zoroaster und
+Jesus, Mohammed und Ali sind ihre Propheten. Sokrates, Jesus und seine Apostel, sowie
+die Aliden, werden als heilige Märtyrer ihres Vernunftglaubens verehrt. Das Religionsgesetz
+in seinem buchstäblichen Sinne heißt gut <span class="pageNum" id="pb80">[<a href="#pb80">80</a>]</span>für den gemeinen Mann, eine Medizin für schwache und kranke Seelen; für starke Geister
+aber ist die tiefere philosophische Einsicht. Der Körper wird dem Tode geweiht, Sterben
+bedeutet Auferstehen zum reinen Leben des Geistes, für diejenigen nämlich, die schon
+während ihres Erdendaseins durch philosophische Betrachtungen aus sorglosem Schlummer
+und thörichtem Schlaf erwacht sind. Mit endlosen Wiederholungen, durch Legenden und
+Sagen spätgriechischer, jüdisch-christlicher, persischer oder indischer Herkunft,
+wird dieses eingeschärft. Alles Vergängliche wird dabei zum Gleichnis. Auf den Trümmern
+der positiven Religion und der naiven Ansicht baut sich eine spiritualistische Philosophie
+auf, alles Wissen und Streben der Menschheit, sofern es in den Gesichtskreis der Brüder
+getreten ist, umfassend. Der Zweck ihres Philosophierens heißt das Gottähnlichwerden
+der Seele, soweit es Menschen möglich ist.
+</p>
+<p>In der Darstellung treten, aus begreiflichen Gründen, die negativen Tendenzen der
+Brüder etwas zurück. Am rücksichtslosesten aber tritt ihre Kritik der menschlichen
+Gesellschaft und der positiven Religionen hervor in dem Buche vom Tier und Mensch,
+wo die Einkleidung es ihnen ermöglicht, die Tiere sagen zu lassen, was aus menschlichem
+Munde zu hören, bedenklich werden könnte.
+</p>
+<p id="ch3.2.4"><b>4.</b> Der eklektische Charakter und die in den Unterteilen wenig systematische Art der
+Darstellung erschwert es, die Philosophie der Brüder einheitlich zu entwickeln. Doch
+sollen hier die wichtigsten Sätze, wenn auch mitunter in loser Verknüpfung, zusammengereiht
+werden.
+</p>
+<p>Die Geistesthätigkeit des Menschen zerfällt, nach der Encyklopädie, in Kunst und Wissenschaft.
+Wissen nun ist die Form des Gewussten in der wissenden Seele oder eine höhere, feinere,
+geistigere Existenzweise des im Stoffe Wirklichen. Kunst dagegen ist das Hervorgehenlassen
+der Form aus der Künstlerseele in die Materie hinein. Das Wissen ist potentiell in
+der Seele des Schülers vorhanden, <span class="pageNum" id="pb81">[<a href="#pb81">81</a>]</span>wird aber erst aktuell durch die belehrende Thätigkeit eines Meisters, der das Wissen
+als ein Wirkliches in sich trägt. Woher aber hat es der erste Meister? Nach den Philosophen,
+so antworten die Brüder, hat er es sich durch eigenes Nachdenken erworben, nach den
+Theologen durch prophetische Erleuchtung erhalten, nach unserer Meinung aber gibt
+es verschiedene Wege oder Vermittelungen, zum Wissen zu gelangen. Aus der Mittelstellung
+der Seele zwischen Körper- und Geisteswelt ergeben sich schon drei Wege oder Quellen
+der Erkenntnis. Die Seele erkennt nämlich das, was unter ihr steht, durch die Sinne,
+das, was über ihr ist, durch logische Folgerung, und endlich sich selbst durch vernünftige
+Betrachtung oder unmittelbare Anschauung. Von diesen Arten ist die Selbsterkenntnis
+die gewisseste und vorzüglichste. Das menschliche Wissen erweist sich, wenn es darüber
+hinauszugehen versucht, vielfach beschränkt. Über Fragen, wie Weltentstehung und Weltewigkeit,
+soll man deshalb nicht gleich philosophieren, sondern sich zunächst an dem Einfacheren
+versuchen. Und nur durch Weltentsagung und gerechten Wandel erhebt die Seele sich
+allmählich zur reinen Erkenntnis des Höchsten.
+</p>
+<p id="ch3.2.5"><b>5.</b> Nach der weltlichen Bildung in Sprachwissenschaft, Poesie und Geschichte und nach
+der religiösen Erziehung und Glaubenslehre, soll das philosophische Studium mit den
+mathematischen Disziplinen anfangen. Alles wird hier neupythagoreisch-indisch dargestellt.
+Nicht nur die Zahlen, auch die Buchstaben werden zu kindischen Spielereien benutzt.
+Es kam da den Brüdern besonders zu statten, dass das arabische Alphabet 28 = 4 × 7
+Buchstaben zählt. Statt nach sachlichen Gesichtspunkten zu verfahren, wird durch alle
+Wissenschaften hindurch nach sprachlichen Analogien und Zahlenverhältnissen phantasiert.
+Die Arithmetik untersucht nicht die Zahl als solche, sondern deren Bedeutsamkeit.
+Es wird nicht für die Erscheinungen ein zahlenmäßiger Ausdruck gesucht, sondern nach
+dem System der Zahlen werden die Dinge gedeutet. Die Zahlenlehre <span class="pageNum" id="pb82">[<a href="#pb82">82</a>]</span>ist göttliche Weisheit, die über den Dingen ist, denn die Dinge sind erst den Zahlen
+nachgebildet. Das absolute Prinzip alles Seienden und Gedachten ist die Eins. Daher
+steht die Wissenschaft der Zahl am Anfang, in der Mitte und am Ende aller Philosophie.
+Die Geometrie mit ihren anschaulichen Figuren dient nur dazu, Anfängern das Verständnis
+zu erleichtern, wahre, reine Wissenschaft aber ist allein die Arithmetik. Doch wird
+auch die Geometrie eingeteilt in eine sinnliche, die Linien, Flächen und Körper zum
+Gegenstande hat, und eine reine oder geistige, die von den Dimensionen oder Eigenschaften
+der Dinge, Länge, Breite und Tiefe, handelt. Der Zweck sowohl der Arithmetik als der
+Geometrie ist, die Seele vom Sinnlichen auf das Geistige hinzuführen.
+</p>
+<p>Zuerst führen sie uns dann zur Betrachtung der Gestirne. In der Astrologie bietet
+nun die Encyklopädie, wie nicht anders zu erwarten ist, höchst phantastische, zum
+Teil sich widersprechende Lehren. Durch das Ganze geht die Überzeugung hindurch, dass
+die Gestirne nicht bloß Zukünftiges vorhersagen, sondern dass sie alles Geschehen
+unter dem Monde direkt beeinflussen oder bewirken. Sowohl Glück als Unglück kommt
+von ihnen her. Jupiter, Venus und die Sonne führen Glück, Saturn, Mars und der Mond
+dagegen Unglück herbei, und die Wirkungen des Merkur sind aus Gutem und Bösem gemischt.
+Merkur ist der Herr der Bildung und der Wissenschaft; ihm verdanken wir unsere Erkenntnis,
+die Gutes und Böses umfasst. So hat denn auch jeder andere Planet seinen eigenen Wirkungskreis,
+und der Mensch empfindet in seinem Leben, wenn er nicht vorzeitig weggerafft wird,
+nach und nach die Einflüsse sämtlicher Himmelskörper. Der Mond lässt seinen Körper
+wachsen und Merkur bildet seinen Geist aus. Dann beherrscht ihn Venus. Die Sonne gibt
+ihm Familie, Reichtum oder Herrschaft, Mars Tapferkeit und Edelsinn. Darauf bereitet
+er sich, unter Jupiters Führung, durch religiöse Übungen zur Reise ins Jenseits vor
+und gelangt unter dem <span class="pageNum" id="pb83">[<a href="#pb83">83</a>]</span>Einflusse Saturns zur Ruhe. Viele Menschen aber leben nicht lange genug oder sind
+nicht in der Lage, ihre natürlichen Anlagen in ungestörter Folge zu entwickeln. Darum
+schickt Gott ihnen gnädig seine Propheten, nach deren Lehre man sich auch in kurzer
+Frist und unter ungünstigen Verhältnissen vollständig ausbilden kann.
+</p>
+<p id="ch3.2.6"><b>6.</b> Nach der Encyklopädie ist der Mathematik die Logik verwandt. Wie nämlich die Mathematik
+vom Sinnlichen zum Geistigen hinführt, so nimmt auch die Logik eine Mittelstellung
+zwischen Physik und Metaphysik ein. Die Physik hat es mit den Körpern, die Metaphysik
+mit den reinen Geistern zu thun, die Logik aber behandelt die Begriffe dieser sowie
+die Vorstellungen jener in unserer Seele. Doch steht die Logik der Mathematik an Umfang
+und Bedeutung nach. Denn das Mathematische wird nicht nur als ein Mittleres, sondern
+auch als das Wesen des Alls gefasst. Hingegen bleibt die Logik ganz auf die seelischen
+Gebilde als ein Mittleres zwischen Körper und Geist beschränkt. Die Dinge richten
+sich nach den Zahlen, unsere Vorstellungen und Begriffe aber nach den Dingen.
+</p>
+<p>Die logischen Betrachtungen der Brüder knüpfen sich an Porphyrs Einleitung und die
+Kategorien, die Hermeneutik und die Analytiken des Aristoteles. Eigentümliches bieten
+sie nicht oder sehr wenig.
+</p>
+<p>Zu den fünf Worten des Porphyr wird als sechstes das Individuum hinzugefügt, wohl
+der Symmetrie wegen. Drei davon, Gattung, Art, Individuum, heißen dann objektive,
+und drei, Differenz, Proprium, Accidens, begriffliche Bestimmungen. Die Kategorien
+sind Gattungsbegriffe, von denen der erste die Substanz, die neun anderen deren Accidenzen
+bezeichnen. Durch Einteilung in Arten wird ferner das ganze System der Begriffe entwickelt.
+Außer der Einteilung aber gibt es noch drei logische Methoden: Analyse, Definition
+und Deduktion. Die Analyse ist die Methode für Anfänger, weil sie das Individuelle
+erkennen lässt. Subtiler aber, das Geistige uns erschließend, sind <span class="pageNum" id="pb84">[<a href="#pb84">84</a>]</span>die Definition, welche die Arten, und die Deduktion, welche die Gattungen in ihrem
+Wesen ergründet.
+</p>
+<p>Über das Dasein der Dinge belehren uns die Sinne, der Dinge Wesenheit aber wird durch
+Nachdenken erkannt. Was die Sinne uns zu erkennen geben, ist wenig, wie die Buchstaben
+des Alphabets; bedeutender schon, wie die Worte, sind die Prinzipien der Vernunfterkenntnis;
+das Wichtigste aber sind die aus jenen Prinzipien abgeleiteten Sätze, die der menschliche
+Geist sich selbst erwirbt oder aneignet, im Unterschiede von demjenigen Wissen, das
+ihm die Natur oder die göttliche Offenbarung erteilt hat.
+</p>
+<p id="ch3.2.7"><b>7.</b> Von Gott, dem höchsten Sein, der über alle Unterschiede und Gegensätze, auch des
+Körperlichen und Geistigen, erhaben ist, wird die ganze Welt auf dem Wege der Emanation
+abgeleitet. Wenn mitunter von einer Schöpfung die Rede ist, so ist das als eine Anbequemung
+an den theologischen Sprachgebrauch aufzufassen. Folgendermaßen stellt sich nun die
+Stufenreihe der emanierten Wesen dar: 1. der schaffende Geist (<span class="trans" title="nous"><span lang="grc" class="grek">νοῦς</span></span>, <span class="ex">ʻaql</span>); 2. der leidende Geist oder die Allseele; 3. die erste Materie; 4. die wirkende
+Natur, eine Kraft der Weltseele; 5. der absolute Körper, auch zweite Materie genannt;
+6. die Sphärenwelt; 7. die Elemente der sublunarischen Welt; 8. die aus diesen Elementen
+zusammengesetzten Mineralien, Pflanzen und Tiere. Das sind also acht Wesen, die zusammen
+mit Gott, der absoluten Eins, die in und mit jedem Dinge ist, die Reihe der den neun
+Grundzahlen entsprechenden Urwesen vollenden.
+</p>
+<p>Geist, Seele, Urmaterie und Natur sind einfach, mit dem Körper aber betreten wir das
+Gebiet des Zusammengesetzten. Alles ist hier entweder Materie oder Form, Substanz
+oder Accidens. Die ersten Substanzen sind Materie und Form, die ersten Accidenzen
+oder Eigenschaften Raum, Bewegung und Zeit, denen man wohl im Sinne der Brüder den
+Ton und das Licht hinzufügen könnte. Die Materie ist eins, alle Vielheit und Verschiedenheit
+<span class="pageNum" id="pb85">[<a href="#pb85">85</a>]</span>rührt von den Formen her. Die Substanz wird auch als die konstituierende, materielle,
+das Accidens als die vollendende, geistige Form bezeichnet. Klar spricht die Encyklopädie
+sich nicht aus. Jedenfalls aber wird die Substantialität mehr im Allgemeinen als im
+Besonderen gesucht und die Form der Materie vorgezogen. Wie ein Gespenst schreckt
+die substantielle Form von jedem Eingehen auf das Materielle ab. Wie Herren nach ihrer
+Willkür wandern die Formen durch die niedere Welt der Materie. Von einer inneren Beziehung
+zwischen Materie und Form ist keine Spur zu entdecken. Nicht nur gedanklich, sondern
+auch real lassen sie sich trennen.
+</p>
+<p>Hieraus lässt sich schon ein Begriff von der Naturgeschichte der Brüder bilden. Man
+hat sie als Darwinisten des zehnten Jahrhunderts hingestellt. Nichts ist weniger richtig.
+Zwar ergeben die verschiedenen Reiche der Natur, nach der Encyklopädie, eine aufsteigende
+und zusammenhängende Reihe. Aber nicht nach der Körperbildung wird das Verhältnis
+bestimmt, sondern nach der inneren Form oder der Seelensubstanz. In mystischer Weise
+wandert die Form vom Niederen zum Höheren und umgekehrt, nicht nach inneren Bildungsgesetzen
+oder durch Anpassung an das Äußere modifiziert, sondern nach den Einwirkungen der
+Gestirne und, wenigstens beim Menschen, nach praktischem und theoretischem Verhalten.
+Eine Entwicklungsgeschichte in modernem Sinne zu geben, lag den Brüdern ganz fern.
+Ausdrücklich betonen sie <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr>, Pferd und Elephant seien menschenähnlicher als der Affe, obgleich beim letzteren
+die körperliche Übereinkunft größer. Aber der Körper ist ja etwas ganz Nebensächliches
+in ihrem System, der Tod des Körpers heißt die Geburt der Seele. Nur die Seele ist
+ein wirkendes Wesen, das sich den Körper schafft.
+</p>
+<p id="ch3.2.8"><b>8.</b> Die Naturlehre der Brüder geht demnach fast vollständig in Psychologie auf. Beschränken
+wir uns hier auf die menschliche Seele. Sie steht in der Mitte des <span class="pageNum" id="pb86">[<a href="#pb86">86</a>]</span>Alls. Wie die Welt ein großer Mensch, ist der Mensch eine kleine Welt.
+</p>
+<p>Die menschliche Seele ist von der Weltseele emaniert, und die Seelen sämtlicher Individuen
+bilden zusammen eine Substanz, die man den absoluten Menschen oder den Geist der Menschheit
+nennen könnte. Jede Einzelseele aber steckt in der Materie und muss sich allmählich
+zum Geiste hinbilden. Dazu hat sie viele Vermögen oder Kräfte. Von diesen sind die
+theoretischen Vermögen die vorzüglichsten, denn in der Erkenntnis besteht das Leben
+der Seele.
+</p>
+<p>Die Seele des Kindes ist zunächst wie ein weißes Blatt. Was die fünf Sinne ihr zuführen,
+wird, vorn, mitten und hinten im Gehirne, erstens vorgestellt, zweitens beurteilt
+und drittens aufbewahrt. Durch das Vermögen der Sprache und die Schreibkunst, womit
+die entsprechende Fünfzahl innerer Sinne erreicht ist, wird dann der Vorstellungsinhalt
+verwirklicht.
+</p>
+<p>Unter den äußeren Sinnen geht das Gehör dem Gesichte voran, denn dieses bezieht sich,
+ein Sklave des Augenblickes, auf das sinnlich Gegenwärtige, dagegen das Gehör auch
+Vergangenes erfasst und die Harmonie der tönenden Sphären empfindet. Gehör und Gesicht
+bilden zusammen die Gruppe geistiger Sinne, deren Wirkung zeitlos von statten gehen
+soll.
+</p>
+<p>Während nun der Mensch die äußeren Sinne mit den Tieren gemein hat, so bekundet sich
+in der Urteilskraft, in der Sprache und im Handeln die spezifisch menschliche Vernunft.
+Diese urteilt über gut und böse, nach welchem Urteile der Wille sich entscheidet.
+Besonders aber ist die Bedeutung der Sprache für das Erkenntnisleben der Seele hervorzuheben.
+Ein Begriff, der nicht durch irgend einen Ausdruck in irgend einer Sprache bezeichnet
+werden kann, ist eben kein denkbarer Begriff. Das Wort ist der Körper des Gedankens,
+der rein für sich nicht bestehen kann.
+</p>
+<p>Wie aber diese Auffassung vom Verhältnis zwischen <span class="pageNum" id="pb87">[<a href="#pb87">87</a>]</span>Begriff und Ausdruck zu sonstigen Meinungen der Brüder stimmen soll, ist nicht einzusehen.
+</p>
+<p id="ch3.2.9"><b>9.</b> Auf ihrer höchsten Stufe wird die Lehre der Brüder Religionsphilosophie. Eine Versöhnung
+zwischen Wissenschaft und Leben, Philosophie und Glauben ist ihre Absicht. Da sind
+nun die Menschen sehr verschieden. Der gewöhnliche Mensch braucht einen sinnlichen
+Gottesdienst. Aber wie die Seele des gemeinen Mannes Tier- und Pflanzenseele unter
+sich hat, so stehen über ihr die Seele des Philosophen und des Propheten, dem sich
+der reine Engel anschließt. Auf den höheren Stufen erhebt sich die Seele auch über
+die niedere Volksreligion, deren sinnliche Vorstellungen und Gebräuche.
+</p>
+<p>Als die vollkommenere religiöse Offenbarung erschien den Brüdern wohl das Christentum,
+auch der zoroastrische Glaube. Unser Prophet Mohammed, sagen sie, wurde an ein ungebildetes
+Volk von Wüstenbewohnern geschickt, die weder von der Schönheit dieser Welt noch von
+dem geistigen Charakter der jenseitigen eine richtige Vorstellung besaßen. Die grobsinnlichen
+Ausdrücke des Korans, dem Verständnis jenes Volkes angepasst, sollen von den höher
+Gebildeten in spiritualistischem Sinne verstanden werden.
+</p>
+<p>Aber auch die anderen Volksreligionen haben die Wahrheit nicht rein. Über sie alle
+hinaus gibt es einen Vernunftglauben, für den die Brüder sogar eine metaphysische
+Ableitung versuchen. Zwischen Gott und sein erstes Geschöpf, den schaffenden Geist,
+wird als Hypostase das göttliche Weltgesetz (nâmûs) eingeschoben. Es ist das die über
+Alles sich erstreckende weise Anordnung eines barmherzigen Schöpfers, der Niemandem
+Böses will. Den Glauben an einen zornigen Gott, an Höllenstrafen und dergleichen erklären
+die Brüder für widervernünftig. Ein solcher Glaube thut der Seele weh. Die unwissende,
+sündige Seele findet schon in diesem Leben, in ihrem eigenen Leibe die Hölle. Auferstehung
+dagegen heißt die Trennung der Seele von ihrem Körper. Und die große Auferstehung
+<span class="pageNum" id="pb88">[<a href="#pb88">88</a>]</span>am jüngsten Tage ist die Trennung der Allseele von der Welt, ihre Rückkehr zu Gott.
+Das Ziel sämtlicher Religionen ist ja die Hinwendung zu Gott.
+</p>
+<p id="ch3.2.10"><b>10.</b> Die Ethik der Brüder hat einen asketisch-spiritualistischen Charakter, obgleich sich
+auch hier der Eklektizismus zeigt. Gut handelt nach ihr der Mensch, wenn er der richtigen
+Natur folgt, lobenswert ist die freie That der Seele, vortrefflich sind die aus vernünftiger
+Überlegung hervorgegangenen Handlungen, und einer Belohnung, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> der Erhebung zur himmlischen Sphärenwelt wert ist endlich die Befolgung des göttlichen
+Weltgesetzes. Dazu bedarf es der Sehnsucht nach oben. Die höchste Tugend ist deshalb
+die Liebe, die nach Vereinigung mit Gott, dem ersten Geliebten, hinstrebt, die sich
+aber auch in diesem Leben als religiöse Duldung und Schonung aller Geschöpfe bethätigt.
+Ihr Gewinn im Diesseits ist Seelenruhe, Herzensfreiheit, Frieden mit der ganzen Welt,
+und im Jenseits das Aufsteigen zum ewigen Lichte.
+</p>
+<p>Nach alledem braucht es uns nicht zu wundern, dass dem Leibe viel Schlechtes nachgesagt
+wird. Unser wahres Wesen heißt die Seele, unseres Daseins höchster Zweck soll es sein,
+mit Sokrates dem Geiste, mit Christus dem Gesetz der Liebe zu leben. Dennoch ist der
+Leib zu schonen und zu pflegen, damit die Seele Zeit habe, sich vollkommen zu entwickeln.
+In diesem Sinne wird von den Brüdern ein menschliches Bildungsideal aufgestellt, dessen
+Züge den Charakteren verschiedener Völker entlehnt sind. Der ideale, sittlich vollkommene
+Mensch soll nämlich ostpersischer Abstammung sein, arabisch seinem Glauben nach, von
+iraqischer (babylonischer) Bildung, erfahren wie ein Hebräer, ein Christusjünger in
+seinem Wandel, fromm wie ein syrischer Mönch, ein Grieche in den Einzelwissenschaften,
+ein Inder in der Deutung aller Geheimnisse, endlich aber und zuhöchst ein Sufi in
+seinem ganzen Geistesleben.
+</p>
+<p id="ch3.2.11"><b>11.</b> Der Versuch einer Versöhnung, die auf diese <span class="pageNum" id="pb89">[<a href="#pb89">89</a>]</span>Weise zwischen Wissen und Glauben sollte hergestellt werden, hat nach keiner Seite
+befriedigt. Auf die allegorische Koraninterpretation der Brüder blickten die theologischen
+Dialektiker herab, wie heutzutage unsere Gottesgelehrten auf die neutestamentliche
+Exegese des Grafen Tolstoi. Und die reineren Aristoteliker betrachteten die pythagoreisch-platonische
+Richtung der Encyklopädie wie ein heutiger Philosophieprofessor Spiritismus, Occultismus
+und derartige Erscheinungen anzusehen pflegt. Aber in der breiten Masse der gebildeten
+oder halbgebildeten Welt haben die Schriften oder doch die Ansichten der treuen Brüder
+von Basra eine bedeutende Wirkung erzielt, von der die vielen, meist jungen Handschriften
+der umfangreichen Encyklopädie beredtes Zeugnis ablegen. Bei vielen Sekten innerhalb
+der islamischen Welt, Batiniten, Ismaeliten, Assasinen, Drusen, oder wie sie sonst
+heißen mögen, finden wir der Hauptsache nach dieselben Lehren wieder. Vorzugsweise
+in dieser Form hat sich griechische Weisheit im Osten acclimatisieren können, während
+die aristotelische Schulphilosophie fast nur im Treibhause fürstlicher Gönner gedeihen
+wollte. Der große Kirchenvater Gazali that die Weisheit der Brüder gar leicht als
+Popularphilosophie ab, scheute sich aber nicht, von ihnen das Gute herüberzunehmen.
+Er verdankt ihrem Gedankenkreise mehr, als er wohl selbst eingestehen mochte. Auch
+von anderen, besonders in encyklopädischen Werken, sind ihre Abhandlungen ausgenutzt
+worden. Die Wirkung der Encyklopädie dauert noch fort im muslimischen Osten. Vergebens
+hat man sie, zusammen mit den Schriften Ibn Sina’s, im Jahre 1150 zu Bagdad verbrannt.
+<span class="pageNum" id="pb90">[<a href="#pb90">90</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div id="ch4" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e506">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h2 class="main"><span class="divNum">IV.</span> Die neuplatonischen Aristoteliker des Ostens.</h2>
+</div>
+<div class="divBody">
+<div id="ch4.1" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e514">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">1.</span> Kindi.<a class="noteRef" id="xd31e2009src" href="#xd31e2009">1</a></h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch4.1.1" class="first"><b>1.</b> Kindi steht in mannigfachen Beziehungen zu den mutazilitischen Dialektikern und den
+neupythagoreischen Naturphilosophen seiner Zeit und wir hätten ihn also schon vor
+Razi (<abbr title="siehe">s.</abbr> <a href="#ch3.1.5">III, 1 § 5</a>) unter den letzteren behandeln können. Doch hat ihn die Tradition einstimmig als
+den ersten Peripatetiker im Islam hingestellt. Mit welchem Rechte, wird sich, soweit
+es aus den wenigen mangelhaft erhaltenen Schriften dieses Philosophen möglich ist,
+im folgenden ergeben.
+</p>
+<p>Abu Jaqub ibn Ishaq al-Kindi (<abbr title="das heißt">d. h.</abbr> aus dem Stamme Kinda) war arabischer Abstammung, und wurde deshalb, im Unterschiede
+von seinen vielen nichtarabischen Genossen, die sich mit Weltweisheit abgaben, der
+<span class="ex">arabische</span> Philosoph genannt. Er führte seinen Stammbaum auf die alten Kinda-Fürsten zurück.
+Ob er dazu das Recht besaß, lassen wir dahingestellt bleiben. Jedenfalls hatte der
+südarabische Kindastamm es in der äußeren Kultur weiter gebracht als andere Stämme.
+Viele Kinditen hatten sich auch schon früh in Iraq (Babylonien) angesiedelt, wo dann
+unser Philosoph in Kufa, davon sein Vater Statthalter war, geboren wurde, vermutlich
+am Anfange des neunten Jahrhunderts. Seine Erziehung erhielt er wahrscheinlich teilweise
+<span class="pageNum" id="pb91">[<a href="#pb91">91</a>]</span>in Basra, ferner in Bagdad, also in den Mittelpunkten der damaligen Bildung. Hier
+lernte er persische Kultur und griechisches Wissen höher schätzen als alte Arabertugend
+und muslimischen Glauben. Er behauptete sogar, wohl nach anderen, Kachtan, der Stammvater
+der Südaraber, sei ein Bruder Jaunan’s gewesen, von dem die Griechen herstammen. So
+etwas konnte man sagen in Bagdad, am abbasidischen Hofe, wo man keine Nationalität
+kannte und die alten Griechen bewunderte.
+</p>
+<p>Wie lange und in welcher Stellung Kindi am Hofe weilte, ist nicht bekannt. Er wird
+als Übersetzer griechischer Werke ins Arabische genannt und soll die Arbeiten anderer
+verbessert haben, <abbr title="unter andere">u. a.</abbr> die sogenannte Theologie des Aristoteles. Zahlreiche Diener und Schüler, deren Namen
+uns überliefert sind, waren vermutlich unter seiner Aufsicht damit beschäftigt. Ferner
+mag er dem Hofe als Astrologe oder Arzt, vielleicht auch bei der Finanzverwaltung,
+Dienste geleistet haben. Später aber wurde er entfernt, als er von der orthodoxen
+Restauration unter Mutawakkil (847–861) mit betroffen ward, und seine Bibliothek eine
+Zeit lang konfisziert. In Bezug auf seinen Charakter sagt ihm die Überlieferung nach,
+er sei geizig gewesen, was übrigens viele andere Schöngeister und Bücherliebhaber
+sollen gewesen sein.
+</p>
+<p>Ebensowenig wie Kindi’s Geburts-, ist sein Todesjahr bekannt. Er scheint also in Ungnaden
+oder doch in untergeordneter Stellung gestorben zu sein. Dass Masudi (<abbr title="siehe">s.</abbr> <a href="#ch2.4.4">II, 4 § 4</a>), der ihn sehr schätzte, ganz darüber schweigt, ist befremdend. Höchstwahrscheinlich
+lebte er noch nach dem Jahre 870, wie aus einer seiner astrologischen Abhandlungen
+hervorgeht. Der Ablauf einer kleinen Weltperiode stand damals bevor, und das wurde
+von den Karmaten zur Stürzung des Fürstenhauses benutzt. Da war nun aber Kindi reichsfreundlich
+genug, den von einer Konjunktion bedrohten Bestand des Staates um etwa 450 Jahre zu
+verlängern. Sein fürstlicher Gönner konnte zufrieden <span class="pageNum" id="pb92">[<a href="#pb92">92</a>]</span>sein und die Geschichte hat sich bis auf ein halbes Jahrhundert gefügt.
+</p>
+<p id="ch4.1.2"><b>2.</b> Kindi war ein Polyhistor, er hatte die ganze gelehrte Bildung seiner Zeit in sich
+aufgenommen. Als Geograph, Kulturhistoriker und Mediziner mag er eigene Beobachtungen
+angestellt und mitgeteilt haben, ein schöpferischer Geist ist er keinesfalls gewesen.
+Seine theologischen Ansichten zeigen mutazilitisches Gepräge. Er schrieb nämlich über
+das menschliche Vermögen zu handeln und die Zeit seines Entstehens, ob vor oder zugleich
+mit der That. Ausdrücklich betonte er die Gerechtigkeit und die Einheit Gottes. Gegen
+die damals als indisch oder brahmanisch bekannte Theorie, als einzige Erkenntnisquelle
+reiche die Vernunft aus, verteidigte er die Prophetie, suchte diese aber mit der Vernunft
+in Einklang zu bringen. Seine Kenntnis verschiedener Religionssysteme forderte ihn
+zur Vergleichung auf. Als allen gemeinsam fand er den Glauben heraus, dass die Welt
+das Werk einer ewigen einheitlichen Ursache sei, für die unser Wissen keine nähere
+Bezeichnung besitze. Es sei aber die Pflicht der Einsichtigen, diese Ursache als göttlich
+anzuerkennen. Die Gottheit selbst habe ihnen dazu den Weg gezeigt, auch Gesandte geschickt
+zum Zeugnis, die den Gehorsamen ewige Glückseligkeit verheißen, den Ungehorsamen aber
+entsprechende Bestrafung androhen sollen.
+</p>
+<p id="ch4.1.3"><b>3.</b> Kindi’s eigentliche Philosophie ist, wie diejenige seiner Zeitgenossen, an erster
+Stelle Mathematik und Naturphilosophie, wobei dann Neuplatonisches und Neupythagoreisches
+ineinanderfließen. Es wird nach ihm keiner Philosoph ohne das Studium der Mathematik.
+Phantastisches Spiel mit Zahlen und Buchstaben findet sich öfter in seinen Schriften.
+Er wandte auch die Mathematik auf die Medizin an in der Lehre von den zusammengesetzten
+Heilmitteln. Er gründete nämlich die Wirkung dieser Mittel, ähnlich derjenigen der
+Musik, auf die geometrische Proportion. Es handelt sich hier um die Proportionalität
+der sinnlichen <span class="pageNum" id="pb93">[<a href="#pb93">93</a>]</span>Qualitäten: warm, kalt, trocken und feucht. Soll ein Heilmittel im ersten Grade warm
+sein, dann muss es das Doppelte an Wärme besitzen von der gleichmäßigen Mischung,
+im zweiten Grade das Vierfache <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> Die Entscheidung darüber scheint Kindi dem Sinne, besonders dem Geschmacke anvertraut
+zu haben, sodass wir bei ihm eine Ahnung von der Proportionalität der Sinnesempfindungen
+hätten. Das war nun, wenn überhaupt originell, bei ihm wohl nichts anderes als eine
+mathematische Spielerei. Cardan aber, ein Philosoph der Renaissance, hat ihn wegen
+dieser Lehre noch zu den zwölf subtilsten Geistern gerechnet.
+</p>
+<p id="ch4.1.4"><b>4.</b> Die Welt ist nach Kindi, wie oben schon gesagt, ein Werk Gottes, dessen Wirken aber
+von oben nach unten vielfach vermittelt wird. Alles Höhere wirkt auf das Niedere ein,
+nicht aber das Verursachte auf seine über ihm auf der Stufe des Seins stehende Ursache.
+In allem Weltgeschehen ist nun eine durchgängige Ursächlichkeit, die es uns ermöglicht,
+aus der Erkenntnis der Ursache, der Himmelskörper <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr>, Zukünftiges vorherzusagen. Auch haben wir an einem vollständig erkannten Einzelwesen
+einen Spiegel, darin der ganze Zusammenhang der Welt zu schauen.
+</p>
+<p>Dem Geiste gehört die höhere Wirklichkeit und alle Wirksamkeit an. Seinem Wunsche
+gemäß hat sich die Materie zu gestalten. Und zwischen dem göttlichen Geiste und der
+materiellen Körperwelt steht die Seele in der Mitte. Sie ist es, die die Sphärenwelt
+erst geschaffen hat. Von dieser Weltseele ist die menschliche Seele ein Ausfluss.
+Ihrer Natur nach, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> in ihren Wirkungen, ist die letztere an die Mischung ihres Körpers gebunden, aber
+ihrem geistigen Wesen nach ist sie davon unabhängig, treffen sie also auch nicht die
+Einwirkungen der Gestirne, die sich auf das Natürliche beschränken. Unsere Seele,
+so führt Kindi aus, ist eine einfache, unvergängliche Substanz, aus der Welt der Vernunft
+in die Sinnenwelt herabgekommen, <span class="pageNum" id="pb94">[<a href="#pb94">94</a>]</span>aber mit Erinnerung an ihren früheren Zustand ausgestattet. Sie findet sich hier nicht
+heimisch, denn sie hat viele Bedürfnisse, deren Befriedigung ihr versagt bleibt, und
+die deshalb von schmerzlichen Gefühlen begleitet sind. Es ist eben nichts beständig
+in dieser Welt des Entstehens und Vergehens, in der man dessen, was man liebt, jeden
+Augenblick beraubt werden kann. Beständigkeit gibt es nur in der Welt der Vernunft.
+Wenn wir also unsere Wünsche erfüllt sehen wollen und nicht dessen beraubt werden,
+was uns teuer ist, so müssen wir uns den ewigen Gütern der Vernunft zuwenden, der
+Furcht Gottes, der Wissenschaft und den guten Werken. Wenn wir aber nur den materiellen
+Gütern nachgehen und glauben, sie uns erhalten zu können, so streben wir etwas nach,
+das in Wirklichkeit nicht existiert.
+</p>
+<p id="ch4.1.5"><b>5.</b> Dieser ethisch-metaphysischen Dualität des Sinnlichen und Geistigen entspricht die
+Lehre Kindi’s vom Wissen. Unsere Erkenntnis ist danach entweder sinnliche oder Vernunfterkenntnis;
+was dazwischen, die Phantasie oder die Vorstellungskraft, heißt mittleres Vermögen.
+Die Sinne erfassen nun das Einzelne oder die materielle Form, die Vernunft aber das
+Allgemeine, Arten und Gattungen, oder die geistige Form. Und wie das Wahrgenommene
+mit der Sinneswahrnehmung eins ist, so ist es auch das von der Vernunft Erfasste mit
+der Vernunft selbst.
+</p>
+<p>Zum ersten Male taucht hier nun die Lehre von der Vernunft oder vom Geiste (<span class="trans" title="nous"><span lang="grc" class="grek">νοῦς</span></span>, ʻaql) in einer Gestalt auf, wie sie, nur etwas modifiziert, bei den späteren muslimischen
+Philosophen einen großen Platz einnimmt. Sie ist charakteristisch für den ganzen Verlauf
+der Philosophie im Islam. Wie im Universalienstreite des christlichen Mittelalters
+sich doch auch ein objectiv-wissenschaftliches Interesse kundgibt, so zeigt sich in
+den philosophischen Erörterungen der Muslime über den denkenden Geist vor allem das
+subjektive Bedürfnis intellektueller Bildung.
+<span class="pageNum" id="pb95">[<a href="#pb95">95</a>]</span></p>
+<p>Kindi unterscheidet einen vierfachen Geist<a class="noteRef" id="xd31e2085src" href="#xd31e2085">2</a>: erstens den Geist, der immer wirklich ist, die Ursache und das Wesen alles Geistigen
+in der Welt, also wohl Gott oder der erste geschaffene Geist; zweitens den Geist als
+vernünftige Anlage oder Potenz der menschlichen Seele; drittens als Habitus oder wirklichen
+Besitz der Seele, dessen sie sich jeden Augenblick bedienen kann, wie <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> der Schreiber seiner Kunst; endlich viertens als Thätigkeit, wodurch das, was die
+Seele als ein Wirkliches in sich hat, in die äußere Wirklichkeit übergeführt wird.
+Letztere Thätigkeit scheint, nach Kindi, die eigene That des Menschen zu sein, während
+er die Überführung der Potenz zum Habitus oder die Verwirklichung des Möglichen von
+der ersten Ursache, dem ewigwirklichen Geiste herleitet. Den wirklichen Geist haben
+wir also von oben erhalten und es heißt der dritte <span class="ex">ʻaql</span> deshalb <span class="ex">ʻaql mustafad</span>, lat. <span class="ex" lang="la">intellectus adeptus sive adquisitus</span>. Die Grundanschauung des Altertums, alles Wissen um die Dinge müsse von außen an
+uns herankommen, geht in dieser Form, in der Lehre vom <span class="ex">ʻaql mustafad</span> oder dem Geiste, den wir von oben bekommen, durch die arabische Philosophie und dann
+in die christliche hinein. Leider ist die Lehre in Bezug auf diese Philosophie selbst
+nahezu richtig. Der thätige Geist, der sie geschaffen, ist in Wirklichkeit der neuplatonische
+Aristoteles.
+</p>
+<p>Das Höchste, was er besitzt, hat der Mensch ja immer seinem Gotte oder den Göttern
+zugeschrieben. Muslimische Theologen schrieben der göttlichen Wirksamkeit unmittelbar
+die sittlichen Handlungen des Menschen zu. Nach den Philosophen aber ist das Wissen
+mehr als die That. Diese, auf die niedere, sinnliche Welt sich richtend, mag des <span class="pageNum" id="pb96">[<a href="#pb96">96</a>]</span>Menschen Eigentum sein; sein höchstes Wissen aber, die reine Vernunft, kommt von oben
+her, vom göttlichen Wesen.
+</p>
+<p>Es ist klar, dass die Lehre vom Geiste, wie sie bei Kindi vorliegt, auf die Nus-Lehre
+des Alexander von Aphrodisias im zweiten Buche über die Seele zurückgeht. Aber Alexander
+behauptete ausdrücklich, nach Aristoteles gebe es einen dreifachen Nus. Kindi sagt
+dagegen, er stelle die Meinung des Platon und Aristoteles dar. Neupythagoreisches
+und Neuplatonisches verknüpfen sich hier. In allem muss die Vierzahl nachgewiesen
+werden, und Platon und Aristoteles sollen übereinstimmen.
+</p>
+<p id="ch4.1.6"><b>6.</b> Ziehen wir die Summe. Kindi ist mutazilitischer Theolog und neuplatonischer Philosoph
+mit neupythagoreischen Zuthaten. Sokrates, der Märtyrer des athenischen Heidentumes,
+ist sein Ideal, über ihn, sein Schicksal und seine Lehre hat er mehrere Schriften
+verfasst. Platon und Aristoteles sucht er in neuplatonischer Weise zu vereinigen.
+</p>
+<p>Trotzdem nennt ihn die Überlieferung den ersten, der in seinen Schriften dem Aristoteles
+folgte. Nicht ganz ohne Grund fürwahr. In seinem langen Schriftenverzeichnisse nimmt
+Aristoteles einen hervorragenden Platz ein. Er begnügte sich nicht mit bloßem Übersetzen,
+sondern studierte die übersetzten Werke, versuchte es auch sie zu verbessern und zu
+erläutern. Die aristotelische Physik, mit der Erklärung des Alexander von Aphrodisias,
+hat jedenfalls bedeutend auf ihn gewirkt. Behauptungen, wie dass die Welt nicht der
+Wirklichkeit, sondern nur der Potenz nach unendlich sei, dass die Bewegung stetig
+und dergleichen mehr deuten darauf hin. Die damaligen Naturphilosophen, wie noch die
+treuen Brüder, sagten <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr>, die Bewegung sei ebensowenig stetig wie die Zahl.
+</p>
+<p>Ferner aber wandte Kindi sich entschieden von der wundersüchtigen Zeitphilosophie
+ab, indem er die Alchemie für Schwindel erklärte. Er hielt es für menschenunmöglich,
+was die Natur allein hervorzubringen im Stande ist. <span class="pageNum" id="pb97">[<a href="#pb97">97</a>]</span>Wer sich denn auch mit alchemistischen Versuchen abgebe, betrüge, seiner Meinung nach,
+sich selbst oder andere. Diese Ansicht <span class="corr" id="xd31e2137" title="Quelle: Kindis">Kindi’s</span> hat der berühmte Mediziner Razi zu widerlegen versucht.
+</p>
+<p id="ch4.1.7"><b>7.</b> Sowohl als Lehrer wie als Schriftsteller hat Kindi hauptsächlich durch seine Mathematik,
+Astrologie, Geographie und Medizin gewirkt. Sein treuester und gewiss bedeutendster
+Schüler war Achmed ibn Mohammed al-Tajjib al-Sarachsi (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 899), Verwaltungsbeamter und Freund des Chalifen Mutadid, dessen Nachlässigkeit oder
+Willkür er zum Opfer fiel. Er befasste sich mit Geheimwissenschaft und Astrologie,
+bemühte sich, aus den Wundern der Schöpfung die Weisheit und Macht des Schöpfers zu
+erkennen, und trieb Geographie und Geschichte. Bekannter ist ein anderer Schüler Kindi’s
+geworden, Abu Maschar (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 885), der aber seinen Ruhm ganz der Astrologie zu verdanken hat. Dieser soll von
+einem fanatischen Gegner der Philosophie, durch ein oberflächliches Studium der Mathematik
+zur Beschäftigung mit der Astrologie gereizt, als er schon 47 Jahre alt war, ein Verehrer
+Kindi’s geworden sein. Ob nun das Dichtung oder Wahrheit, auf jeden Fall ist ein solcher
+Bildungsgang charakteristisch für das neugierige Haschen nach halbverstandenem Wissen,
+das den ersten Jahrhunderten der arabischen Wissenschaft eigentümlich ist.
+</p>
+<p>Die Schule Kindi’s ist in keiner Weise über den Meister hinausgegangen. Von ihrer
+litterarischen Thätigkeit ist uns fast nur in einzelnen Zitaten etwas erhalten. Möglich
+wäre es allerdings, dass in den Abhandlungen der treuen Brüder sich einiges gerettet
+hätte. Doch lässt sich dies beim jetzigen Stande der Wissenschaft nicht bestimmen.
+<span class="pageNum" id="pb98">[<a href="#pb98">98</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch4.2" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e546">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">2.</span> Farabi.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch4.2.1" class="first"><b>1.</b> Im zehnten Jahrhundert werden von den Naturphilosophen die Logiker oder Metaphysiker
+unterschieden. Diese befolgen eine strengere Methode als die Dialektiker und behandeln
+andere Gegenstände als die Physiker. Von Pythagoras haben sie sich losgesagt, um sich
+der Führung des Aristoteles, freilich in neuplatonischer Gestalt, anzuvertrauen.
+</p>
+<p>Wir haben es da mit zwei Richtungen wissenschaftlichen Interesses zu thun. Die Naturphilosophen
+interessieren sich mehr oder weniger für die Fülle konkreter Erscheinungen der Natur,
+wie der Länder- und Völkerkunde. Sie untersuchen überall die Wirkungen der Dinge,
+glauben auch das Wesen nur in der Wirkung zu erkennen. Wenn sie zwar über Natur, Seele
+und Geist zum göttlichen Wesen hinaufsteigen, so bestimmen sie dieses doch nur oder
+vorzugsweise als erste Ursache, als weisen Schöpfer, dessen Güte und Weisheit aus
+seinen Werken hervorgehe.
+</p>
+<p>Ganz anders verhalten sich die Logiker. Das Einzelgeschehen hat für sie untergeordneten
+Wert, nicht weiter, als es aus dem Allgemeinen ableitbar sich erweist. Gehen die Physiker
+von den Wirkungen aus, die Logiker wollen aus ihren Gründen die Dinge begreifen. Sie
+fragen überall nach dem Begriff oder dem Wesen der Dinge, bis zum Höchsten. Gott,
+um mit einem Beispiele den Gegensatz greifbar hinzustellen, ist ihnen nicht zunächst
+der weise Schöpfer, sondern das notwendig-existierende Wesen.
+</p>
+<p>Die Logiker folgen zeitlich den Physikern nach, wie denn auch von der mutazilitischen
+Dialektik (<abbr title="siehe">s.</abbr> <a href="#ch2.3.4">II, 3 § 4</a> und <a href="#ch2.3.5">5</a>) zuerst Gottes Wirken, darauf sein Wesen in den Kreis der Betrachtung gezogen wurde.
+</p>
+<p>Als den bedeutendsten Vertreter der naturphilosophischen Richtung haben wir Razi kennen
+gelernt. Die logisch-metaphysischen Bestrebungen, denen Kindi <abbr title="unter andere">u. a.</abbr> vorgearbeitet, <span class="pageNum" id="pb99">[<a href="#pb99">99</a>]</span>erreichen ihren Höhepunkt in Razi’s jüngerem Zeitgenossen Abu Nasr Mohammed ibn Mohammed
+ibn Tarchan ibn Uzlag al-Farabi.
+</p>
+<p id="ch4.2.2"><b>2.</b> Über den äußeren Lebens- und Bildungsgang Farabis ist wenig Sicheres zu sagen. Er
+war ein stiller Mann, der im Schatten der Macht, zuletzt als Sufi gekleidet, sich
+einem philosophisch-beschaulichen Leben hingab. Sein Vater soll persischer Heerführer
+gewesen sein. In Wasidsch, einem kleinen befestigten Orte des Bezirkes Farab, im Türkenlande
+Transoxanien, wurde er geboren. In Bagdad erhielt er, teilweise von einem christlichen
+Lehrer, Johanna ibn Hailan, seine Ausbildung. Diese umfasste sowohl Litterarisches
+als Mathematisches, also Trivium und Quadrivium im Sinne des christlichen Mittelalters.
+Von seiner mathematischen Bildung zeugen noch einige seiner Schriften, namentlich
+über Musik. Die Legende lässt ihn alle Sprachen der Welt (70) reden. Aus seinen Werken
+erhellt, was schon a priori wahrscheinlich, dass er Türkisch und Persisch verstand.
+Das Arabisch schreibt er klar und nicht ohne Reiz. Nur schadet die Vorliebe für Synonymen
+und parallele Satzglieder dann und wann der Präzision des philosophischen Ausdruckes.
+</p>
+<p>Die Philosophie, in die Farabi eingeweiht wurde, stammte aus der Schule von Merw.
+Vielleicht hatte diese sich schon mehr metaphysischen Fragen zugewandt als die naturphilosophische
+Richtung der Harranier und Basrenser.
+</p>
+<p>Von Bagdad, wo er lange Zeit gelebt und gewirkt, siedelte Farabi, wohl infolge der
+politischen Wirren, nach Haleb (Aleppo) an den glänzenden Hof Saif-addaula’s über.
+Nur soll er nicht am Hofe, sondern in Naturzurückgezogenheit die letzten Jahre verbracht
+haben. Auf einer Reise starb er in Damaskus, Dezember des Jahres 950, wo ihm, wie
+berichtet wird, sein Fürst in sufischem Gewande die Leichenrede hielt. Er soll 80
+Jahre alt geworden sein. Dass er ein hohes Alter erreicht hat, ist wahrscheinlich.
+Sein Zeit- und Studiengenosse Abu Bischr <span class="pageNum" id="pb100">[<a href="#pb100">100</a>]</span>Matta starb 10 Jahre früher und sein Schüler Abu Zakarija Jachja ibn Adi im Jahre
+974, 81 Jahre alt.
+</p>
+<p id="ch4.2.3"><b>3.</b> Die zeitliche Reihenfolge der Schriften Farabis ist nicht festgestellt. Kleinere
+Abhandlungen, in denen er sich mit den Dialektikern und Naturphilosophen berührt,
+dürften, wenn sie überhaupt echt in der überlieferten Gestalt, populäre oder Jugendschriften
+sein. Seine Entwicklung wendete sich dem aristotelischen Schrifttum zu, weshalb ihn
+der Orient den zweiten Lehrer, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> den zweiten Aristoteles nannte.
+</p>
+<p>Seit seiner Zeit steht die Zahl und Folge der aristotelischen oder doch dem Aristoteles
+zugeschriebenen Werke, die man nach seinem Vorgange paraphrasierte und kommentierte,
+im allgemeinen fest. Zuerst die acht logischen Schriften, Kategorien, Hermeneutik,
+erste und zweite Analytik, Topik, Sophistik, Rhetorik und Poetik, denen die Isagoge
+des Porphyr voraufgeht. Dann folgen die acht Schriften zur Physik, auscultatio physica,
+de coelo et mundo, de generatione et corruptione, die Meteorologie, die Psychologie,
+de sensu et sensato, das Buch der Pflanzen und das der Tiere. Endlich schließen sich
+an Metaphysik, Ethik, Politik <abbr title="unter andere">u. a.</abbr>
+</p>
+<p>Die sogenannte Theologie des Aristoteles hat Farabi noch für ein echtes Werk gehalten.
+In neuplatonischer Weise und mit einiger Accommodation an den muslimischen Glauben
+sucht er die Übereinstimmung zwischen Platon und Aristoteles nachzuweisen. Nicht sondernde
+Kritik, eine geschlossene Weltanschauung ist ihm Bedürfnis. Die Befriedigung dieses
+mehr religiösen als wissenschaftlichen Bedürfnisses lässt ihn über philosophische
+Differenzen hinwegsehen. Platon und Aristoteles sollen sich von einander nur unterscheiden
+durch ihre Methode, im sprachlichen Ausdruck und in ihrem Verhalten zum praktischen
+Leben. Ihre Weisheitslehre aber ist dieselbe. Sie sind die Imame, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> die höchsten Autoritäten in der Philosophie, und da sie Beide selbständige, originelle
+Geister gewesen, gilt ihre <span class="pageNum" id="pb101">[<a href="#pb101">101</a>]</span>übereinstimmende Autorität dem Farabi mehr als der Glaube der ganzen muslimischen
+Gemeinde, die mit blindem Zutrauen Einem Führer folgt.
+</p>
+<p id="ch4.2.4"><b>4.</b> Farabi wird den Ärzten zugezählt, doch scheint er die Kunst nicht praktisch geübt
+zu haben. Er widmete sich der Heilkunst der Seele ganz. Seelenreinheit nannte er die
+Bedingung und die Frucht alles Philosophierens, Wahrheitsliebe forderte er auch gegen
+Aristoteles. Geometrie und Logik sollen dann das Urteil bilden für das Studium der
+Natur- und Geisteswissenschaften. Den einzelnen Disziplinen aber schenkt Farabi wenig
+Beachtung, er konzentriert sich auf Logik, Metaphysik und die Prinzipien der Physik.
+Die Philosophie ist ihm die Wissenschaft alles Seienden als solchen, bei deren Erwerb
+man der Gottheit ähnlich wird. Sie ist die eine, allesumfassende Wissenschaft, die
+uns das einheitliche Weltbild vorführt. Den Dialektikern wirft Farabi vor, dass sie
+ungeprüft die Sätze des gemeinen Bewusstseins als Grundlage für ihre Beweise benutzen,
+den Naturphilosophen, dass sie sich immer nur mit den Wirkungen der Dinge befassen,
+also nie über die Gegensätze des Weltgeschehens hinaus zu einer einheitlichen Auffassung
+des Alls gelangen. Den ersteren gegenüber will er das Denken begründen, im Gegensatze
+zu den letzteren den Einen Urgrund alles Seienden erforschen. Wir werden folglich
+seiner historischen und dogmatischen Stellung am besten gerecht, wenn wir zuerst seine
+Logik, darauf die Metaphysik und zuletzt seine Physik und praktische Philosophie zur
+Darstellung bringen.
+</p>
+<p id="ch4.2.5"><b>5.</b> Farabis Logik ist keine reine Analyse wissenschaftlichen Denkens, sondern enthält
+auch viele sprachliche Bemerkungen und <span class="corr" id="xd31e2213" title="Quelle: erkenntnis-theoretische">erkenntnistheoretische</span> Erörterungen. Wie die Grammatik sich auf die Sprache eines Volkes beschränkt, so
+soll die Logik dagegen den sprachlichen Ausdruck der Gesamtvernunft aller Völker heranziehen.
+Von den einfachsten Elementen der Sprache zu den zusammengesetzten <span class="pageNum" id="pb102">[<a href="#pb102">102</a>]</span>hat sie fortzuschreiten, vom Wort zum Satze, zur Rede.
+</p>
+<p>Nach der Beziehung ihrer Gegenstände zur Wirklichkeit zerfällt die Logik in zwei Teile:
+der erste Teil umfasst die Lehre von den Begriffen und Definitionen (<span class="ex">tasawwur</span>), der zweite diejenige von den Urteilen, Schlüssen und Beweisen (<span class="ex">tasdiq</span>). Die Begriffe, mit denen die Definitionen in ganz äußerlicher Weise zusammengestellt
+werden, haben an sich keine Beziehung zur Wirklichkeit, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> sie sind weder wahr noch falsch. Unter Begriffen versteht Farabi hier die einfachsten
+seelischen Gebilde, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> sowohl die aus sinnlicher Wahrnehmung stammenden Vorstellungen einzelner Gegenstände
+als die ursprünglichen dem Geiste eingeprägten Begriffe, wie das Notwendige, das Wirkliche,
+das Mögliche. Solche Vorstellungen und Begriffe sind unmittelbar gewiss. Man kann
+den Sinn des Menschen darauf hinlenken, seine Seele darauf aufmerksam machen, sie
+ihm aber nicht vordemonstrieren, nicht aus Bekanntem ableitend sie erklären, da sie
+an sich im höchsten Grade klar sind.
+</p>
+<p>Aus der Zusammensetzung von Vorstellungen oder Begriffen ergeben sich Urteile, die
+nun entweder wahr oder falsch sein können. Durch Schluss und Beweis geht die Begründung
+der Urteile auf einige dem Verstande ursprünglich gegebene, unmittelbar einleuchtende,
+nicht weiter begründbare Sätze zurück. Solche Sätze, die Grundsätze oder Axiome aller
+Wissenschaft, soll es geben für die Mathematik, die Metaphysik und die Ethik.
+</p>
+<p>Die Lehre vom Beweise, wie von Bekanntem, Begründetem aus wir zur Erkenntnis eines
+Unbekannten gelangen, ist nach Farabi die eigentliche Logik. Dazu bildet die Kenntnis
+der Hauptbegriffe (Kategorien), ihrer Zusammensetzung im Urteil (Hermeneutik) und
+im Schlusse (erste Analytik) nur die Einleitung. Und in der Beweislehre kommt es darauf
+an, die Normen zu ermitteln einer allgemeingültigen, notwendigen Wissenschaft, was
+die Philosophie <span class="pageNum" id="pb103">[<a href="#pb103">103</a>]</span>sein soll. Als oberste Norm gilt hier der Satz des Widerspruchs, wodurch in einem
+einheitlichen Denkakte die Wahrheit oder Notwendigkeit zugleich mit der Unwahrheit
+oder Unmöglichkeit des Gegenteiles erkannt wird. Dementsprechend soll die platonische
+Dichotomie als wissenschaftliche Methode der aristotelischen Polytomie vorzuziehen
+sein. Ferner begnügt Farabi sich nicht mit der formalen Seite der Beweislehre. Diese
+soll mehr sein als eine Methodologie, die den richtigen Weg zur Wahrheit zeigt, sie
+soll selbst Wahrheit zeigen, Wissenschaft erzeugen. Sie betrachtet die Urteile nicht
+bloß als Material für die Schlussform, sondern untersucht auch ihren Wahrheitsgehalt
+in Beziehung auf die Einzelwissenschaften. Nicht nur Hilfsmittel ist sie, sie ist
+vielmehr ein Teil der Philosophie.
+</p>
+<p>Die Beweislehre geht, wie wir sahen, auf notwendiges Wissen aus, dem notwendigen Sein
+entsprechend. Außer diesem aber ist das große Gebiet des Möglichen da, von dem wir
+nur ein wahrscheinliches Wissen erhalten können. Die verschiedenen Grade der Wahrscheinlichkeit
+nun oder die Art und Weise, in der wir zu einer Wissenschaft des Möglichen gelangen,
+werden in der Topik erörtert. Daran schließen sich Sophistik, Rhetorik und Poetik,
+die sonst hauptsächlich praktische Ziele verfolgen. Zusammen aber mit der Topik werden
+sie bei Farabi zu einer Dialektik des Scheines. Nur auf den notwendigen Sätzen der
+zweiten Analytik, so führt er aus, lässt sich wahre Wissenschaft aufbauen, aber von
+den topischen (dialektischen) bis zu den poetischen Urteilen stuft sich das Wahrscheinliche
+zum bloßen Scheine der Wahrheit ab. Am tiefsten steht also die Poesie, die nach Farabis
+Ansicht ein lügnerisches und unsittliches Gerede ist.
+</p>
+<p>Im Anschluss an Porphyrs Isagoge hat unser Philosoph sich auch über die Universalienfrage
+geäußert. Das Besondere findet er nicht nur in den Dingen und in der sinnlichen Wahrnehmung,
+sondern auch im Denken. Ebenso <span class="pageNum" id="pb104">[<a href="#pb104">104</a>]</span>ist das Allgemeine nicht bloß, accidentell, in den Einzeldingen, sondern auch, substantiell,
+im Geiste. Der menschliche Geist abstrahiert das Allgemeine von den Dingen, vor diesen
+war es aber schon an sich. Dem Sinne nach findet somit der dreifache Unterschied des
+<span class="ex">ante rem</span>, <span class="ex">in re</span>, <span class="ex">post rem</span> sich bereits bei Farabi.
+</p>
+<p>Gehört zu den Universalien auch das bloße Sein? Ist die Existenz überhaupt ein Prädikat?
+Diese Frage, die soviel Unheil in der Philosophie gestiftet, wurde von Farabi völlig
+richtig beantwortet. Die Existenz ist nach ihm eine grammatische oder logische Beziehung,
+aber keine Kategorie der Wirklichkeit, die etwas von den Dingen aussagt. Die Existenz
+eines Dinges ist nichts außer dem wirklichen Dinge selbst.
+</p>
+<p id="ch4.2.6"><b>6.</b> Die logische Richtung des Denkens macht sich auch in der Metaphysik geltend. An Stelle
+des Veränderlichen und des Ewigen treten die Begriffe des Möglichen und des Notwendigen
+hervor.
+</p>
+<p>Alles Seiende ist nämlich nach Farabi entweder ein notwendiges oder ein mögliches;
+ein Drittes gibt es nicht. Da nun alles Mögliche zu seiner Verwirklichung eine Ursache
+voraussetzt, die Reihe der Ursachen aber nicht ins Unendliche gehen kann, so sehen
+wir uns genötigt, ein notwendig Seiendes anzunehmen, das ursachlos, höchst vollkommen,
+ewig vollwirklich, sich selbst genügend, ohne jede Veränderung, als absoluter Geist,
+reine Güte, Denken, Denkendes und Gedachtes in einem Wesen, die alles übersteigende
+Güte und Schönheit seines Wesens liebt. Dieses Wesen kann nicht bewiesen werden, denn
+es ist selbst der Beweis und der Urgrund aller Dinge. Wahrheit und Wirklichkeit fallen
+in diesem Wesen zusammen. In seinem Begriffe liegt es, dass es einzig ist, denn wenn
+es zwei erste, absolute Wesen gäbe, müssten sie teils gleich, teils von einander verschieden
+sein, wodurch aber die Einfachheit eines jeden aufgehoben wäre. Ein allervollkommenstes
+Wesen muss einzig sein.
+<span class="pageNum" id="pb105">[<a href="#pb105">105</a>]</span></p>
+<p>Dieses Erste, Eine, wahrhaft Wirkliche nennen wir Gott. Und da in Ihm alles eins ist,
+auch ohne Artdifferenz, so gibt es keine Definition für sein Wesen. Doch legt ihm
+der Mensch die schönsten, die höchsten Werte des Lebens zum Ausdruck bringenden Namen
+bei, weil im mystischen Drange dazu die Worte ihre gewöhnliche Bedeutung verlieren,
+über jeden Widerspruch hinaus. Einige Namen beziehen sich auf das Wesen, andere auf
+sein Verhältnis zur Welt, ohne jedoch die Einheit des Wesens zu beeinträchtigen. Alle
+sind sie aber metaphorisch zu verstehen, nur nach schwacher Analogie vermögen wir
+sie aufzufassen. Eigentlich sollten wir von Gott, dem vollkommensten Wesen, auch den
+vollständigsten Begriff haben. Sind doch unsere mathematischen Begriffe vollkommener
+als die physischen, weil sie sich auf vollkommenere Gegenstände beziehen. Aber mit
+dem Allervollkommensten ergeht es uns wie mit dem hellsten Lichte: wegen der Schwäche
+unserer Augen können wir es nicht vertragen. So haften auch an unserem Erkennen die
+Mängel der Materie.
+</p>
+<p id="ch4.2.7"><b>7.</b> Besser als an sich vermögen wir Gott zu sehen in der Stufenordnung der aus ihm hervorgehenden
+Wesen. Von Ihm, dem Einzigen, ist das All, denn sein Wissen ist die höchste Macht.
+Indem er sich selbst erkennt, wird die Welt. Nicht ein allmächtiger Schöpferwille,
+sondern die Erkenntnis des Notwendigen ist die Ursache aller Dinge. Von Ewigkeit her
+sind in Gott die Formen oder Vorbilder der Dinge und ewig geht auch aus ihm sein Ebenbild
+hervor, das zweite All genannt oder der erste geschaffene Geist, der die äußerste
+Himmelsphäre bewegt. Diesem Geiste folgen, einer aus dem anderen, die acht Sphärengeister,
+die alle einzig in ihrer Art, vollkommen und Schöpfer der Himmelskörper sind. Diese
+neun Geister, himmlische Engel genannt, bilden zusammen die zweite Stufe des Seins.
+Auf der dritten Stufe steht die in der Menschheit thätige Vernunft, heißt auch der
+heilige Geist, <span class="pageNum" id="pb106">[<a href="#pb106">106</a>]</span>der Himmel und Erde verbindet; auf der vierten Stufe befindet sich die Seele. Beide,
+Vernunft und Seele, bleiben nicht rein für sich in ihrer Einheit, sondern vervielfältigen
+sich nach der Vielheit menschlicher Wesen. Als Wesen fünfter und sechster Ordnung
+erscheinen zuletzt Form und Materie, mit denen die Reihe geistigen Seins abgeschlossen
+ist. Die drei ersten Stufen, Gott, Sphärengeister und thätige Vernunft, bleiben Geist
+an sich, die drei folgenden aber, Seele, Form und Materie, obgleich unkörperlich,
+gehen doch ein Verhältnis zum Körper ein.
+</p>
+<p>Entsprechend denen des Geistigen hat auch das Körperliche, das der Imagination des
+Geistes entspringen soll, sechs Stufen: Himmelskörper, Menschenkörper, Tierkörper,
+Pflanzenkörper, Mineral und Element.
+</p>
+<p>Wahrscheinlich zeigen sich in diesen Spekulationen nach der Dreizahl noch die Einflüsse
+der christlichen Lehrer Farabis. Für sie bedeutete nämlich die Dreizahl, was den Naturphilosophen
+die Vierzahl war. Auch die Terminologie stimmt dazu.
+</p>
+<p>Das ist aber nur äußerlich; der Inhalt ist Neuplatonismus. Als ein ewiger, intellektueller
+Prozess erscheint hier die Schöpfung oder Emanation der Welt. Indem der erste geschaffene
+Geist seinen Urheber denkt, entsteht der zweite Sphärengeist; indem er, sich selbst
+denkend, sich substanziert, geht aus ihm der erste Körper, die oberste Himmelsphäre,
+hervor. Und so geht es weiter bis zu der niedersten Sphäre, der des Mondes, in notwendiger
+Folge. Ganz nach dem ptolemäischen Sphärensystem, wie es jeder Gebildete, wenigstens
+aus Dantes Komödie, kennt, in neuplatonischer Ableitung. Es bilden die Sphären zusammen
+eine ununterbrochene Ordnung, denn alles Seiende ist eine Einheit. Schöpfung und Erhaltung
+der Welt ist ein und dasselbe. Und nicht nur die Einheit des göttlichen Wesens bildet
+sich in der Welt ab, sondern in ihrer schönen Ordnung drückt sich auch die göttliche
+Gerechtigkeit aus. Die logische Weltordnung ist zugleich eine sittliche.
+<span class="pageNum" id="pb107">[<a href="#pb107">107</a>]</span></p>
+<p id="ch4.2.8"><b>8.</b> Die irdische Welt unter dem Monde ist natürlich ganz von der Welt der Himmelsphären
+abhängig. Doch trifft die Einwirkung von oben erstens, wie wir a priori erkennen,
+die notwendige Ordnung des Ganzen, zweitens zwar auch das Einzelne, aber nur insofern
+dies in natürlicher Wechselwirkung begründet ist, also nach Regeln, welche die Erfahrung
+uns lehrt, stattfindet. Die Astrologie, die alles Zufällige, Außerordentliche, den
+Gestirnen und ihren Konjunktionen zuschreibt, wird von Farabi bekämpft. Vom Zufälligen
+gibt es kein sicheres Wissen, und viel des irdischen Geschehens trägt, wie ja auch
+Aristoteles gelehrt, in hohem Grade den Charakter des Zufälligen oder des Möglichen
+an sich. Dagegen hat die himmlische Welt eine andere, vollkommenere Natur, die nach
+notwendigen Gesetzen wirkt. Sie kann dieser irdischen Welt nur Gutes spenden, warum
+es ganz verfehlt ist, zu behaupten, von einigen Gestirnen käme Glück, von anderen
+jedoch Unglück her. Die Natur der Himmel ist Eine und gleichmäßig gut. Der Schluss,
+zu dem nach diesen Erwägungen Farabi gelangt, ist denn auch dieser: demonstrative,
+ganz sichere Erkenntnis gibt nur die mathematische Astronomie, ein wahrscheinliches
+Wissen gewährt die physikalische Himmelskunde, einen ganz unsicheren Glauben aber
+verdienen die Sätze und Weissagungen der Astrologie.
+</p>
+<p>Gegenüber der Einfachheit der Himmelswelt haben wir unter dem Monde das Reich der
+vier Naturen, also der Gegensätze und der Veränderung. Von den Elementen bis zum Menschen
+gibt es auch hier in der Vielheit die Einheit der aufsteigenden Reihe. Wenig Eigentümliches
+weiß Farabi darüber vorzubringen. Seinem logischen Standpunkte treu kümmert er sich
+weniger um die Naturwissenschaften, zu denen er wohl unbedenklich, auf die ursprüngliche
+Einheit der Materie sich stützend, die Alchemie wird gezählt haben. Wir wenden uns
+gleich seiner Lehre vom Menschen oder von der menschlichen Seele zu, die einiges Interesse
+darbietet.
+<span class="pageNum" id="pb108">[<a href="#pb108">108</a>]</span></p>
+<p id="ch4.2.9"><b>9.</b> Die Kräfte oder Teile der menschlichen Seele sind nach Farabi nicht koordiniert,
+sondern bilden eine aufsteigende Reihe. Das niedere Vermögen ist Materie für das höhere
+und dieses die Form für jenes; das höchste aber, das Denken, ist immateriell, Form
+für alle vorhergehenden Formen. Aus dem Sinnlichen erhebt das Leben der Seele sich
+durch die Vorstellung zum Denken. In allen Vermögen aber ist ein Streben oder Wollen
+enthalten. Jede Theorie hat die praktische Kehrseite. Von den Wahrnehmungen der Sinne
+sind Neigung und Abneigung unzertrennlich. Zu ihren Vorstellungen verhält sich die
+Seele zustimmend oder ablehnend, indem sie bejaht und verneint. Das Denken endlich
+richtet über Gutes und Böses, gibt dem Willen seine Motive und bildet Kunst und Wissenschaft
+aus. Alles Wahrnehmen, Vorstellen und Denken hat irgend ein Streben zur notwendigen
+Folge, wie die Wärme aus der Substanz des Feuers hervorgeht.
+</p>
+<p>Die Seele ist die Vollkommenheit (Entelechie) des Körpers, aber die Vollkommenheit
+der Seele ist der Geist (<span class="ex">ʻaql</span>). Nur der Geist ist der wahre Mensch.
+</p>
+<p id="ch4.2.10"><b>10.</b> Vom Geiste ist demnach zumeist die Rede. Im menschlichen Geiste erhebt sich alles
+Irdische zu einer höheren Existenzweise, die den Kategorien des Körperlichen enthoben
+ist. Als Anlage oder Potenz ist nun der Geist in der Seele des Kindes vorhanden. Indem
+er dann die Körperformen mittelst der Sinne und der Vorstellung in der Erfahrung erfasst,
+wird er auch wirklich zum Geiste. Diese Überführung von der Möglichkeit zur Wirklichkeit,
+das Zustandekommen der Erfahrung also, ist aber nicht des Menschen eigene That, sondern
+wird von dem übermenschlichen Geiste, der aus dem letzten Sphärengeist, dem des Mondes,
+hervorgegangen ist, bewirkt. Als Spende von oben, nicht als eine in geistigem Ringen
+erarbeitete Erkenntnis stellt sich so das menschliche Wissen dar. Im Lichte des über
+uns stehenden Geistes erblickt unser Verstand die Formen des Körperlichen. Dabei erweitert
+sich <span class="pageNum" id="pb109">[<a href="#pb109">109</a>]</span>aber die Erfahrung zur Vernunfterkenntnis. Die Erfahrung nämlich umfasst nur die von
+der Stoffwelt abstrahierten Formen. Es gibt ja aber auch Formen oder allgemeine Wesenheiten
+vor und über den stofflichen Dingen, in den reinen Geistern der Sphären. Von diesen
+“getrennten Formen” erhält der Mensch jetzt Kunde; nur durch ihre Einwirkung wird
+ihm seine wirkliche Erfahrung erklärlich. Die höhere Form wirkt immer nur auf die
+zunächst ihr folgende, von Gott bis zum Geiste der Menschheit. Nach oben hin verhält
+sich jede Zwischenform empfangend, nach unten aber gebend thätig. Im Verhältnis zum
+menschlichen Geiste, der von oben beeinflusst wird (<span class="ex">ʻaql mustafad</span>), ist also der übermenschliche, aus dem letzten Sphärengeist hervorgegangene Geist
+thätig oder schaffend zu nennen (<span class="ex">ʻaql fu ʻʻâl.</span>)<span class="corr" id="xd31e2298" title="Nicht in der Quelle">.</span> Doch ist er nicht immer thätig, weil er an der Materie eine Schranke seiner Wirksamkeit
+hat. Gott aber ist der vollwirkliche, ewigthätige Geist.
+</p>
+<p>Im Menschen ist der Geist dreifach: als möglich, als wirklich, als von oben bewirkt.
+Das heißt aber im Sinne Farabis dies: des Menschen geistige Anlage (1) wird durch
+Erfahrungswissen (2) hindurch geführt zur Erkenntnis des Übersinnlichen (3), das aller
+Erfahrung vorhergeht und selbst die Erfahrung bewirkt.
+</p>
+<p>Die Stufen des Geistes und seiner Erkenntnis entsprechen den Stufen des Seins. Sehnsüchtig
+strebt das Niedere dem Höheren zu und das Höhere hebt das Niedere zu sich empor. Der
+über uns stehende Geist, der allem Irdischen die Formen verliehen hat, sucht diese
+zertrennten Formen wieder zusammenzubringen, dass sie in Liebe sich einigen. Zunächst
+sammelt er sie im Menschen. Darauf, dass derselbe Geist, der dem Körperlichen die
+Gestalt verlieh, auch dem Menschen die Idee gibt, beruht nun aber die Möglichkeit
+und die Wahrheit menschlicher Erkenntnis. Die zerstreuten Formen des Irdischen finden
+sich im menschlichen Geiste wieder, wodurch dieser dem letzten Himmelsgeiste ähnlich
+wird. Vereinigung mit dem Himmelsgeiste, <span class="pageNum" id="pb110">[<a href="#pb110">110</a>]</span>dadurch er sich Gott nähert, ist Ziel und Glück des Menschengeistes.
+</p>
+<p>Ob nun eine solche Vereinigung vor dem Tode des Menschen möglich sei, ist nach Farabi
+zweifelhaft oder ganz zu verneinen. In diesem Leben ist Vernunfterkenntnis das Höchste,
+was erreicht werden kann. Aber die Trennung vom Körper gibt der vernünftigen Seele
+die völlige Freiheit des Geistes. Besteht sie dann aber noch als Individualseele?
+Oder ist sie nur ein Moment der höheren Weltvernunft? Dunkel, und nicht in allen Schriften
+übereinstimmend, drückt Farabi sich darüber aus. Die Menschen, so heißt es, sterben
+hin, ein Geschlecht folgt dem andern und Gleiches verbindet sich mit Gleichem, Jedes
+in seiner Ordnung. Unendlich, weil nicht an den Raum gebunden, mehren sich die vernünftigen
+Seelen, wie Gedanke zu Gedanken, Kraft zu Kraft hinzukommt. Jede Seele denkt sich
+selbst und alle andern, die ihr gleich sind, und je mehr sie denkt, um so intensiver
+ist ihre Freude (<abbr title="vergleiche">vgl.</abbr> unten <a href="#ch4.2.13">§ 13</a>).
+</p>
+<p id="ch4.2.11"><b>11.</b> Wir kommen zur praktischen Philosophie. In Ethik und Politik treten wir in ein etwas
+näheres Verhältnis zum Leben und Glauben der Muslime. Einige allgemeine Gesichtspunkte
+seien hervorgehoben.
+</p>
+<p>Wie die Logik die Prinzipien des Wissens, so soll die Ethik die Grundsätze des Handelns
+darstellen. Nur dass hier Übung und Erfahrung etwas mehr gewertet werden, als in der
+Erkenntnistheorie. In der Ausführung schließt sich Farabi teils dem Platon, teils
+dem Aristoteles an, teils geht er auch in mystisch-asketischer Weise über sie hinaus.
+Den Theologen gegenüber, die zwar ein Vernunftwissen, aber keine Vernunftgesetze des
+Handelns anerkennen, betont Farabi öfter, die Vernunft bestimme, ob etwas gut sei
+oder böse. Wie sollte die von oben her uns erteilte Vernunft nicht das Handeln bestimmen,
+da ja im Wissen die höchste Tugend besteht? Wenn einer, so erklärt Farabi höchst bezeichnend,
+alles wüsste, was in den Schriften <span class="pageNum" id="pb111">[<a href="#pb111">111</a>]</span>des Aristoteles steht, danach aber nicht handelte, während ein anderer in seinem Sinne
+handelte ohne davon zu wissen, so wäre dem ersteren der Vorzug zu geben. Die Erkenntnis
+steht höher als die sittliche That, sonst könnte sie diese nicht bestimmen.
+</p>
+<p>Von Natur aus begehrt die Seele. Insofern sie wahrnimmt und vorstellt, kommt ihr,
+wie den Tieren, ein Wille zu. Aber Wahlfreiheit hat allein der Mensch, da dieselbe
+auf vernünftiger Überlegung beruht. Die Sphäre der Freiheit ist das reine Denken.
+Es ist das also eine Freiheit, die von den Motiven des Denkens abhängig ist, eine
+Freiheit, die zugleich Notwendigkeit ist, weil sie in letzter Instanz von dem vernünftigen
+Wesen Gottes bestimmt ist. In diesem Sinne ist Farabi Determinist.
+</p>
+<p>Die so gefasste Freiheit des Menschen kann sich, wegen des Widerstandes der Materie,
+in der Herrschaft über das Sinnliche nur unvollkommen bethätigen. Vollkommen wird
+sie erst nach der Befreiung der vernünftigen Seele von den Banden des Stoffes und
+den Hüllen des Irrtums, im Leben des Geistes. Das aber ist die höchste Glückseligkeit,
+die nur ihrer selbst willen erstrebt wird, somit das Gute schlechthin. Und dieses
+Gute sucht die Menschenseele, wenn sie sich dem Geiste über ihr zuwendet, wie die
+Seelen der Himmel, als sie sich dem Höchsten nähern.
+</p>
+<p id="ch4.2.12"><b>12.</b> Schon die Ethik nimmt wenig Rücksicht auf die wirklichen sittlichen Verhältnisse.
+Noch weiter aber entfernt Farabi sich von der Wirklichkeit in seiner Politik. Das
+platonische Staatsideal geht für seine orientalische Anschauungsweise fast ganz in
+den philosophischen Herrscher auf. Von einem natürlichen Bedürfnis zusammengeführt,
+haben die Menschen sich dem Willen eines Einzigen unterworfen, in welchem der Staat,
+ob er nun gut oder böse, gleichsam verkörpert ist. Deshalb sind die Staaten schlecht,
+wenn ihr Haupt in Bezug auf die Prinzipien des Guten entweder unwissend oder im Irrtum
+oder <span class="pageNum" id="pb112">[<a href="#pb112">112</a>]</span>gar verderbt ist. Der gute oder vorzügliche Staat dagegen hat nur Eine Art, darin
+der Philosoph Herrscher ist. Mit allen menschlichen und philosophischen Tugenden stattet
+Farabi seinen Fürsten aus: es ist Platon in Mohammeds Prophetenmantel.
+</p>
+<p>In der Beschreibung der den idealen Fürsten vertretenden Herrscher — es können mehrere
+zugleich sein, auch können Fürst und Minister sich in Herrschertugend und Weisheit
+teilen — nähern wir uns der muslimischen Staatslehre jener Zeit. Aber die Ausdrücke
+sind verhüllt. Die richtige Abstammung eines Fürsten <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> und die Pflicht der Führung in den heiligen Krieg werden nicht klar bezeichnet. Es
+bleibt doch alles in philosophischem Nebel schweben.
+</p>
+<p id="ch4.2.13"><b>13.</b> Im Staate, der mit der Religionsgemeinschaft zusammenfällt, ist die Sittlichkeit
+allein vollkommen. Nach dem Zustande des Staates bestimmt sich also nicht nur das
+zeitliche Schicksal seiner Bürger, sondern auch ihr zukünftiges Los. Die Seelen der
+Bürger im “unwissenden” Staate sind ohne Vernunft, als sinnliche Formen kehren sie
+zu den Elementen wieder, damit sie sich aufs neue mit anderen Wesen, Menschen oder
+Tieren, verbinden. In den “irrenden” und “verderbten” Staaten ist allein der Führer
+verantwortlich, seiner wartet Strafe im Jenseits; die irregeführten Seelen aber teilen
+das Schicksal der Unwissenden. Dagegen bestehen nur die guten wissenden Seelen fort,
+sie gehen ein in die Welt des reinen Geistes. Je höher die Stufe des Wissens, die
+sie in diesem Leben erreicht, um so höher wird nach dem Tode ihre Stelle in der Ordnung
+des Alls sein, um so intensiver ihre selige Lust.
+</p>
+<p>Vermutlich sind derartige Ausdrücke nur die Hülle eines mystisch-philosophischen Glaubens
+von dem Aufgehen des menschlichen Geistes in den Weltgeist, zuletzt in Gott. Denn,
+so lehrt Farabi, in absteigender Betrachtung (logisch-metaphysisch) ist die Welt etwas
+anderes als Gott, im Aufsteigen aber erkennt die Seele das Diesseits als identisch
+<span class="pageNum" id="pb113">[<a href="#pb113">113</a>]</span>mit dem Jenseits, weil Gott in allem, ja in seiner Einheit das All selbst ist.
+</p>
+<p id="ch4.2.14"><b>14.</b> Überblicken wir jetzt Farabis System, so zeigt es sich als einen ziemlich konsequenten
+Spiritualismus, genauer bestimmt Intellektualismus. Das Körperliche, Sinnenfällige
+entspringt der Imagination des Geistes, man könnte es als “verworrene Vorstellung”
+bezeichnen. Das einzige wahre Sein ist Geist, aber verschieden abgestuft. Ganz einfach
+rein ist nur Gott, und die ewig aus ihm hervorgehenden Geister, einer aus dem andern,
+haben schon die Vielheit in sich. Die Zahl der selbständigen Geister wird nach dem
+ptolemäischen Weltsystem bestimmt und entspricht der himmlischen Hierarchie. Je weiter
+vom Ersten entfernt, um so weniger hat einer am Sein des reinen Geistes teil. Von
+dem letzten Weltgeiste kommt dem Menschen sein Wesen, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> die Vernunft zu. Alles ist ohne Lücke, die Welt ist ein gut und schön geordnetes
+Ganzes. Übel und Böses sind nur eine notwendige Folge der Endlichkeit im Einzelnen,
+wodurch die Güte des Alls um so deutlicher hervortritt.
+</p>
+<p>Ob die schöne Ordnung der Welt, von Ewigkeit her aus Gott emaniert, jemals wird zerstört
+werden können oder auch in Gott zurückfließen? Ein fortwährendes Zurückströmen zur
+Gottheit gibt es wohl. Die Sehnsucht der Seele geht nach oben, fortschreitendes Wissen
+läutert sie und führt sie hinauf. Aber wie weit? Philosophen und Propheten haben es
+nicht klar sagen können. Beide, die Philosophie und die Prophetie, leitet Farabi von
+dem schaffenden Weltgeiste über uns her. Hin und wieder spricht er sich über die Prophetie
+aus, als ob diese die höchste Stufe menschlichen Erkennens und Handelns darstelle.
+Das kann aber nicht seine wirkliche Meinung sein, ist wenigstens nicht die Konsequenz
+seiner theoretischen Philosophie. Ihr zufolge gehört alles Prophetische in Traum,
+Gesicht, Offenbarung <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> dem Kreise der Vorstellung an, steht also in der Mitte zwischen sinnlicher <span class="pageNum" id="pb114">[<a href="#pb114">114</a>]</span>Wahrnehmung und reiner Vernunfterkenntnis. Wenn er nun auch in seiner Ethik und Politik
+der Religion eine hohe erzieherische Bedeutung beimisst, so bleibt sie doch immer
+an absolutem Werte der Erkenntnis durch reine Vernunft nachstehen.
+</p>
+<p>Farabi hat im Intellektuellen für ein Ewiges gelebt. Ein König an Geist, ein Bettler
+an Besitz, war es ihm bei seinen Büchern und den Vögeln und Blumen seines Gartens
+wohl. Seinem Volke, der muslimischen Gemeinde, konnte er nur wenig sein. In seiner
+Staats- und Sittenlehre war für weltliche Geschäfte und für den heiligen Krieg keine
+rechte Stelle. Seine Philosophie befriedigte kein sinnliches Bedürfnis und widersprach
+dem sinnlich-geistigen Vorstellungsleben, wie es sich besonders in Kunstschöpfungen
+und religiösen Phantasien äußert. Er verlor sich in den Abstraktionen des reinen Geistes.
+Als frommer, heiliger Mann wurde er von Mitlebenden angestaunt, von wenigen Schülern
+als personifizierte Weisheit verehrt, von den echten Gelehrten des Islam aber für
+alle Zeit verketzert. Grund gab es freilich genug dafür. Wie die Naturphilosophie
+leicht zu Naturalismus und Atheismus führte, so leitete der Monotheismus der Logiker
+unmerklich zum Pantheismus hinüber.
+</p>
+<p id="ch4.2.15"><b>15.</b> Viel Schule hat Farabi nicht gemacht. Bekannt geworden ist Abu Zakarija Jachja ibn
+Adi, ein jakobitischer Christ, als Übersetzer aristotelischer Werke. Mehr genannt
+worden aber ist ein Schüler des letzteren, mit Namen Abu Sulaiman Mohammed ibn Tahir
+ibn Bahrain al-Sidschistani, der in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts in
+Bagdad die Gelehrten seiner Zeit um sich versammelte. Die Gespräche, welche sie da
+führten und die philosophischen Belehrungen, die der Meister erteilte, sind uns zum
+Teil erhalten. Wir sehen deutlich den Ausgang der Schule. Wie die Naturphilosophie
+in Geheimwissenschaft verlief und die Schule Kindis sich von der Philosophie ab mathematischem
+und physikalischem Einzelwissen <span class="pageNum" id="pb115">[<a href="#pb115">115</a>]</span>zuwandte, so geht hier die logische Richtung Farabis in Wortphilosophie über. In Distinktionen
+und Begriffsbestimmungen bewegt sich das Gespräch. Auch werden Einzelheiten aus der
+Philosophiegeschichte und den besonderen Wissenschaften ohne systematischen Zusammenhang
+erörtert. Fast nirgends zeigt sich ein sachliches Interesse. Die menschliche Seele
+rückt ganz in den Vordergrund, ähnlich wie bei den treuen Brüdern, nur dass diese
+mehr die wunderbaren Wirkungen der Seele, jene Logiker aber ihr vernünftiges Wesen
+und ihre Erhebung in das Übervernünftige betrachten. Statt mit Zahlen und Buchstaben,
+wie bei den Brüdern, wird in Sidschistanis Gesellschaft mit Worten und Begriffen gespielt.
+Das Ende ist in beiden Fällen ein mystischer Sufismus.
+</p>
+<p>Es ist demnach nicht zu verwundern, dass in den gelehrten Sitzungen Abu Sulaimans,
+über die sein Schüler Tauhidi (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 1009) Bericht erstattet, Empedokles, Sokrates, Platon <abbr title="unter andere">u. a.</abbr> mehr genannt werden als Aristoteles. Eine sehr gemischte Gesellschaft findet sich
+da in jenen Sitzungen zusammen. Es wird nicht gefragt, welchem Lande man entstamme,
+welcher Religion man angehöre. Man lebt der Überzeugung, die von Platon hergeleitet
+wird, in jeder Meinung stecke etwas von der Wahrheit, wie in allen Dingen ein gemeinsames
+Sein und in allen Wissenschaften eine und dieselbe wirkliche Erkenntnis. Nur unter
+dieser Annahme scheint es begreiflich, dass jeder zunächst seine eigene Meinung für
+die wahre, und die von ihm gepflegte Wissenschaft für die vorzüglichste halten könne.
+Eben deswegen gibt es auch keinen Zwiespalt zwischen Religion und Philosophie, wie
+heftig man es von beiden Seiten behaupten möge. Die Philosophie bestätigt vielmehr
+die Lehren der Religion, wie diese die Resultate jener vervollkommnet. Ist die philosophische
+Erkenntnis Wesen und Ziel der menschlichen Seele, so ist der religiöse Glaube ihr
+Leben oder der Weg zu dem Ziele. Da nämlich die Vernunft Gottes Statthalter auf Erden
+ist, so ist es unmöglich, <span class="pageNum" id="pb116">[<a href="#pb116">116</a>]</span>dass Vernunft und Offenbarung sich widersprechen.
+</p>
+<p>Einzelnes hervorzuheben aus den Gesprächen, deren Grundstimmung wir angegeben, verlohnt
+sich nicht. Kulturhistorisch ist die Erscheinung Sidschistanis und seines Kreises
+wichtig, aber für die Fortbildung der Philosophie im Islam hat sie keine Bedeutung.
+Was für Farabi wirklich das Leben seines Geistes war, wird in dieser Gesellschaft
+gar oft zum Gegenstande geistreicher Unterhaltung.
+</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch4.3" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e606">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">3.</span> Ibn Maskawaih.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch4.3.1" class="first"><b>1.</b> Wir sind an die Wende des zehnten und elften Jahrhunderts gelangt. Farabis Schule
+scheint auszusterben und Ibn Sina, der die Philosophie seines Vorgängers zu neuem
+Leben erwecken sollte, ist noch ein Jüngling. Hier aber haben wir eines Mannes zu
+gedenken, der zwar dem Kindi näher als dem Farabi verwandt ist, doch auch, wegen der
+Gemeinsamkeit ihrer Quellen, in wesentlichen Punkten mit dem letzteren übereinstimmt.
+Sein Beispiel zeigt zugleich, dass die hellsten Köpfe der Zeit nicht gesonnen waren,
+Farabi auf das Gebiet logisch-metaphysischer Spekulationen zu folgen.
+</p>
+<p>Dieser Mann ist der Arzt, Philolog und Historiker Abu Ali ibn Maskawaih, der Schatzmeister
+und Freund des Sultans Adudaddaula war und hochbetagt im Jahre 1030 starb. U. a. hat
+er uns eine bis heute im Orient geschätzte philosophische Ethik hinterlassen. Sie
+ist eine Mischung aus Platon, Aristoteles, Galen und dem muslimischen Religionsgesetz,
+doch herrscht darin Aristoteles vor. Mit einer Abhandlung über das Wesen der Seele
+hebt sie an.
+</p>
+<p id="ch4.3.2"><b>2.</b> Die menschliche Seele, so führt Ibn Maskawaih aus, ist eine unkörperliche, einfache,
+sich ihres Seins, Wissens und Wirkens bewusste Substanz. Dass sie geistiger Natur
+sein muss, folgt schon daraus, dass sie die entgegengesetzten <span class="pageNum" id="pb117">[<a href="#pb117">117</a>]</span>Formen zugleich in sich aufnimmt, <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> die Vorstellung von weiß und schwarz, während ein Körper nur eins von beiden auf
+einmal aufnehmen kann. Ferner nimmt sie sowohl die Formen des Sinnlichen wie des Geistigen
+in gleicher, geistiger Weise auf, denn die Länge ist in der Seele nicht lang, wird
+auch im Gedächtnis nicht länger. Weit über ihren Körper geht sodann das Wissen und
+Wirken der Seele hinaus, ja die ganze Sinnenwelt genügt ihr nicht. Überdies besitzt
+sie eine ursprüngliche Vernunfterkenntnis, die ihr nicht von den Sinnen zugekommen
+sein kann, denn durch dieselbe bestimmt sie, bei der Vergleichung und Unterscheidung
+des von der sinnlichen Wahrnehmung ihr Dargebotenen, Wahres und Falsches, die Sinne
+beaufsichtigend und berichtigend. Im Selbstbewusstsein endlich, dem Wissen um das
+eigene Wissen, zeigt sich am klarsten die geistige Einheit der Seele, in der Denken,
+Denkendes und Gedachtes zusammen fallen.
+</p>
+<p>Von den Tierseelen unterscheidet sich die menschliche Seele besonders durch vernünftige
+Überlegung als das Prinzip ihres Handelns, welches auf das Gute gerichtet ist.
+</p>
+<p id="ch4.3.3"><b>3.</b> Gut ist im allgemeinen dasjenige, wodurch ein Wollendes den Zweck oder die Vollkommenheit
+seines Wesens erreicht. Gut zu sein, dazu ist also eine gewisse auf einen Endzweck
+gerichtete Anlage erforderlich. In Bezug auf ihre Anlage unterscheiden die Menschen
+sich aber sehr wesentlich. Nur wenige, meint Ibn Maskawaih, sind von Natur gut und
+werden nie schlecht, denn was von Natur ist, ändert sich nicht. Viele dagegen sind
+von Natur schlecht und werden nie gut. Andere aber, die anfangs weder gut noch schlecht
+sind, werden durch Erziehung und gesellschaftlichen Verkehr nach einer von beiden
+Seiten hin bestimmt.
+</p>
+<p>Das Gute ist nun entweder ein allgemeines oder ein besonderes. Es gibt ein absolutes
+Gut, mit dem höchsten Sein und der höchsten Erkenntnis identisch, dem alle Guten <span class="pageNum" id="pb118">[<a href="#pb118">118</a>]</span>zusammen zustreben. Aber für jeden Einzelnen stellt sich ein besonderes Gut subjektiv
+als Glück oder Lust dar, und dieses besteht in der vollen Bethätigung des eigenen
+Wesens, in der vollständigen Auslebung des Inneren.
+</p>
+<p>Im allgemeinen ist der Mensch gut und glücklich, wenn er menschlich handelt. Tugend
+ist menschliche Tüchtigkeit. Da nun aber die Menschheit in den verschiedenen Individuen
+verschieden abgestuft sich darstellt, so ist das Glück oder das Gut nicht für alle
+dasselbe. Und weil das auf sich selbst gestellte Individuum nicht alle möglichen Güter
+verwirklichen kann, so müssen viele zusammenleben. Daraus ergibt sich schon als eine
+erste Pflicht oder die Grundlage aller Tugenden die allgemeine Menschenliebe, ohne
+die keine Gesellschaft möglich ist. Nur mit und in anderen ist der einzelne Mensch
+vollkommen, die Ethik soll Sozialethik sein. Die Freundschaft ist darum nicht, wie
+bei Aristoteles, eine Erweiterung der Selbstliebe, sondern eine Einschränkung oder
+eine Art der Nächstenliebe. Und diese, wie die Tugend überhaupt, kann sich nur bethätigen
+in der Gesellschaft oder der Staatsgemeinschaft, nicht aber in der Weltflucht des
+frommen Mönches. Der Einsiedler, der glaubt, mäßig und gerecht zu leben, irrt sich
+in Bezug auf den Charakter seiner Handlungen. Diese mögen religiös sein, moralisch
+sind sie nicht. Ihre Betrachtung fällt also nicht der Ethik zu.
+</p>
+<p>Übrigens stimmt, nach Ibn Maskawaih, das richtig aufgefasste Religionsgesetz vorzüglich
+mit einer humanen Ethik überein. Die Religion ist eine sittliche Schulung für das
+Volk. Ihre Vorschriften über den gemeinschaftlichen Gottesdienst und die Wallfahrt
+nach Mekka sollen <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> die Pflege der Nächstenliebe in den weitesten Kreisen bezwecken.
+</p>
+<p>Im einzelnen ist es Ibn Maskawaih nicht gelungen, die ethischen Lehren der Griechen,
+die er in seine Darstellung aufnimmt, unter einander und mit dem Gesetz des Islam
+zu verschmelzen. Wir übergehen das. Doch ist <span class="pageNum" id="pb119">[<a href="#pb119">119</a>]</span>nicht nur im allgemeinen sein Versuch zu loben, eine von der Kasuistik der Pflichtenlehrer
+und von der Askese der Sufi’s freie Ethik zu geben, sondern auch in der Ausführung ist die Besonnenheit eines reichgebildeten
+Mannes anzuerkennen.
+</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch4.4" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e625">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">4.</span> Ibn Sina.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch4.4.1" class="first"><b>1.</b> Zu Efschene, in der Nähe Bocharas, wurde im Jahre 980 aus einer Beamtenfamilie geboren
+Abu Ali al-Hosain ibn Abdallah ibn Sina (<span class="ex">Avicenna</span>). Im elterlichen Hause, wo persische und anti-muslimische Traditionen lebendig waren,
+erhielt er seine weltliche und religiöse Erziehung. Dann studierte der körperlich
+und geistig frühreife Jüngling Philosophie und Medizin in Bochara. Siebzehn Jahre
+war er alt, als er den Fürsten Nuch ibn Mansur glücklich kurierte, und der Zutritt
+zu dessen Bibliothek ihm gestattet ward. Von jetzt ab war er, in Studium und Praxis,
+sein eigener Lehrer. Er verstand es, das Leben und die Bildung seiner Zeit sich zu
+Nutzen zu machen. Im Getriebe der Kleinstaaterei versuchte er unablässig sein Glück.
+Einem großen Fürsten hätte er sich wohl ebensowenig unterordnen können wie in der
+Wissenschaft einem Lehrer. Von Hof zu Hof wanderte er fort, bald in der Staatsverwaltung,
+bald als Lehrer und Schriftsteller thätig, bis er Wezir des Schems addaula in Hamadan
+wurde. Nach dem Tode dieses Fürsten ward er von dessen Sohne ein paar Monate auf die
+Festung geschickt. Darauf ging er weiter nach Ispahan zu Ala addaula. Endlich starb
+er noch in Hamadan, das Ala addaula erobert hatte, im Alter von 57 Jahren (1037).
+Sein Grab wird noch heute dort gezeigt.
+</p>
+<p id="ch4.4.2"><b>2.</b> Es ist wohl der größte Irrtum, der sich in der Geschichte der muslimischen Philosophie
+festgesetzt hat, Ibn Sina sei über Farabi hinaus zu einem reineren Aristotelismus
+vorgedrungen. Was kümmerte unser Weltmann <span class="pageNum" id="pb120">[<a href="#pb120">120</a>]</span>sich im Grunde um Aristoteles. Sich in den Geist irgend eines Systems zu versenken,
+war nicht seine Sache. Er nahm das ihm Zusagende, wo er es fand, bevorzugte aber dabei
+die seichten Paraphrasen des Themistius. So ward er der große Vermittlungsphilosoph
+des Orients, der richtige Vorläufer der Kompendienschreiber für alle Welt. Er wusste
+seinen von überall her zusammengeholten Stoff geschickt zu gruppieren und, wenn auch
+nicht ohne Spitzfindigkeit, fasslich darzustellen. Jeden Augenblick seines Lebens
+nutzte er aus. Am Tage besorgte er die Staatsgeschäfte oder übte seine Lehrthätigkeit
+aus, der Abend war den geselligen Genüssen der Freundschaft und der Liebe gewidmet,
+und manche Nacht fand ihn schriftstellerisch thätig, das Schreibrohr in der Hand,
+den Becher zur Seite, damit er nicht einschlafe. Zeit und Umstände bestimmten diese
+Wirksamkeit. Wenn er am fürstlichen Hofe die nötige Muße und eine Bibliothek zur Hand
+hatte, schrieb er seinen Kanon der Medizin oder die große philosophische Encyklopädie.
+Auf Reisen verfasste er Auszüge und kleinere Werke. Auf der Festung schrieb er Gedichte
+und fromme Betrachtungen, aber immer in gefälliger Form. Seine kleineren mystischen
+Schriften haben sogar einen poetischen Reiz. Auf Bestellung ward von ihm auch die
+Wissenschaft, Logik und Medizin versifiziert, wie das seit dem zehnten Jahrhundert
+immer mehr Sitte wurde. Nimmt man hinzu, dass er nach Belieben persisch oder arabisch
+schrieb, so bekommt man das Bild eines vielgewandten Mannes. Sein Leben war reich
+an Arbeit und Genuss bis zur Übersättigung. An Genialität freilich stand er seinem
+älteren Landsmann, dem Dichter Firdausi (940–1020), an wissenschaftlichem Talente
+seinem Zeitgenossen Beruni (<abbr title="siehe">s.</abbr> unten <a href="#ch4.4.9">§ 9</a>) nach. Firdausi und Beruni haben für uns noch Bedeutung. Ibn Sina aber war der Ausdruck
+seiner Zeit und darauf beruht seine große Wirkung, seine geschichtliche Stellung.
+Nicht wie Farabi zog er sich aus dem Leben zurück, sich in die Kommentatoren des Aristoteles
+<span class="pageNum" id="pb121">[<a href="#pb121">121</a>]</span>zu versenken, sondern in ihm verschmolzen sich griechische Wissenschaft und orientalische
+Weisheit. Kommentare zu den Alten, meinte er, waren genug geschrieben. Es war jetzt
+an der Zeit, eine eigene Philosophie auszubilden, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> alten Lehren eine moderne Form zu geben.
+</p>
+<p id="ch4.4.3"><b>3.</b> In der Medizin befleißigt Ibn Sina sich einer systematischen Darstellung, doch ist
+er hier kein strenger Logiker. Der Erfahrung räumt er, wenigstens theoretisch, einen
+großen Platz ein und ausführlich bespricht er die Bedingungen, unter denen nur <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> die Wirksamkeit der Heilmittel erkannt werden könne. Was aber an philosophischen
+Prinzipien die Medizin enthält, soll diese als Lehnsätze aus der Philosophie herübernehmen.
+</p>
+<p>Die eigentliche Philosophie zerfällt in Logik, Physik und Metaphysik. Als Ganzes umfasst
+sie die Wissenschaft alles Seienden als solchen und der Prinzipien aller Einzelwissenschaften,
+wodurch, soweit es menschenmöglich ist, die philosophierende Seele die höchste Vollkommenheit
+erreicht. Das Seiende ist nun entweder geistig, Gegenstand der Metaphysik, oder körperlich,
+Gegenstand der Physik, oder intellektuell, Gegenstand der Logik. Die Gegenstände der
+Physik können weder sein noch gedacht werden ohne Materie. Das Metaphysische aber
+ist ganz ohne Materie und das Logische ist von der Materie abstrahiert. Einige Ähnlichkeit
+hat das Logische mit dem Mathematischen, insofern nämlich die Gegenstände der Mathematik
+sich von der Materie abstrahieren lassen. Doch bleibt das Mathematische immer darstellbar,
+konstruierbar, hingegen hat das Logische als solches sein Dasein nur im Intellekte,
+wie <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> Identität, Einheit und Vielheit, Allgemeinheit und Partikularität, Wesentlichkeit
+und Zufälligkeit <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> Die Logik ist demnach die Wissenschaft der Denkbestimmungen.
+</p>
+<p>In der näheren Ausführung schließt Ibn Sina sich ganz der Logik Farabis an. Wohl besser
+noch würde sich die Übereinstimmung uns zeigen, wenn die logischen <span class="pageNum" id="pb122">[<a href="#pb122">122</a>]</span>Schriften seines Vorgängers vollständiger erhalten wären. Öfter betont er die Mangelhaftigkeit
+der menschlichen Denknatur, die einer logischen Regel dringend bedürftig sei. Wie
+der Physiognomiker aus äußeren Zügen auf den Charakter des Inneren schließt, so soll
+der Logiker aus bekannten Vordersätzen Unbekanntes ableiten. Wie leicht schleichen
+sich dabei die Irrtümer der Phantasie und der Begierde ein! Eines Kampfes mit der
+Sinnlichkeit bedarf es, damit das Vorstellungsleben sich erhebe zu der reinen Wahrheit
+der Vernunft, durch die etwas als notwendig erkannt wird. Nur der göttlich inspirierte
+Mensch kann der Logik entbehren, ebenso wie der Beduine eine arabische Grammatik nicht
+braucht.
+</p>
+<p>Auch die Universalienfrage wird ähnlich wie bei Farabi behandelt. Vor aller Vielheit
+hat jedes Ding ein Sein im Geiste Gottes und der Engel (Sphärengeister), dann geht
+es als materielle Form in die Vielheit ein, um endlich im menschlichen Intellekte
+zur Allgemeinheit des Begriffes sich zu erheben. Wie nun Aristoteles zwischen erster
+(individueller) und zweiter (allgemeinbegrifflicher) Substanz unterschieden hat, so
+macht Ibn Sina ähnlich einen Unterschied zwischen erstem und zweitem Begriff (<span class="ex">ma’nâ</span>, <span class="ex">intentio</span>). Der erste bezieht sich auf die Dinge, der zweite auf die Disposition unseres Denkens.
+</p>
+<p id="ch4.4.4"><b>4.</b> In der Metaphysik und der Physik unterscheidet Ibn Sina sich von Farabi hauptsächlich
+dadurch, dass er, indem er die Materie nicht aus Gott ableitet, das Geistige höher
+<span class="corr" id="xd31e2463" title="Quelle: übes">über</span> alles Materielle hinausrückt, und, im Zusammenhang damit, die Bedeutung der Seele
+als einer Vermittlerin zwischen dem Geistigen und dem Körperlichen steigert.
+</p>
+<p>Aus dem Begriffe des Möglichen und Notwendigen ergibt sich die Existenz eines notwendigen
+Wesens schlechthin. Nicht aus seinen Werken soll man, nach Ibn Sina, das Dasein eines
+Schöpfers zu erweisen suchen, sondern aus dem möglichen Charakter alles Seienden und
+Denklichen <span class="pageNum" id="pb123">[<a href="#pb123">123</a>]</span>in der Welt die Existenz eines ersten notwendig Seienden, in welchem Wesen und Dasein
+Eins sind, folgern.
+</p>
+<p>Nicht nur alles, was unter dem Monde ist, ist möglicher Natur, sondern auch die Himmel
+sind an sich nur möglich. Notwendig wird ihre Existenz durch ein anderes, das über
+alle Möglichkeit hinaus ist, also auch über alle Vielheit und Veränderlichkeit. Das
+absolut Notwendige ist eine starre Einheit, aus der nichts Vielfaches hervorgehen
+kann. Dieses erste Eine ist Ibn Sinas Gott, dem zwar viele Prädikate, des Denkens
+<abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr>, beigelegt werden, aber nur im Sinne der Negation oder der Beziehung, sodass sie
+die Einheit des Wesens nicht berühren.
+</p>
+<p>Aus dem ersten Einen kann also nur Eines hervorgehen, der erste Weltgeist. In diesem
+entsteht die Vielheit. Indem er nämlich seine Ursache denkt, erzeugt er einen dritten
+Geist, den Lenker der äußersten Sphäre; indem er sich selbst denkt, entsteht eine
+Seele, mittelst der der Sphärengeist seine Wirkung ausübt; und sofern er drittens
+ein an sich Mögliches ist, geht aus ihm ein Körper hervor, die äußerste Sphäre. Und
+so geht es weiter. Jeder Geist entlässt aus sich eine Dreiheit: Geist, Seele und Körper.
+Denn, da der Geist nicht unmittelbar den Körper bewegen kann, so bedarf er zur Ausübung
+seiner Wirksamkeit der Seele. Zuletzt kommt der thätige Geist (<span class="ex">ʻaql fu-ʻʻâl</span>) der die Materie des Irdischen, die körperlichen Formen und die menschlichen Seelen
+hervorbringt und lenkt.
+</p>
+<p>Dieser ganze Prozess, der nicht zeitlich vorgestellt werden darf, findet statt in
+einem Substrate, der Materie. Die Materie ist die ewige, reine Möglichkeit alles Seienden,
+zugleich die Schranke für die Wirkung des Geistes. Sie ist das Prinzip aller Individualität.
+</p>
+<p>Das musste nun allerdings gläubigen Muslimen als etwas Furchtbares erscheinen. Wohl
+hatten mutazilitische Dialektiker behauptet, Gott könne kein Böses oder nichts Vernunftwidriges
+thun. Jetzt aber behauptete die Philosophie, <span class="pageNum" id="pb124">[<a href="#pb124">124</a>]</span>dass Gott statt alles Mögliche zu können, nur das an sich Mögliche zu bewirken im
+Stande sei, und dass direkt von ihm nur der erste Weltgeist ausgehe.
+</p>
+<p>Übrigens macht Ibn Sina alle Anstrengung, sich dem Volksglauben anzubequemen. Alles
+ist durch Gottes Bestimmung, sagt er, Gutes und Böses, aber nur ersteres mit freudiger
+Billigung. Das Böse ist entweder ein Nichtseiendes oder, sofern es von Gott herrührt,
+ein Accidentelles. Hätte Er, der notwendigen Übel wegen, diese Welt nicht hervorgehen
+lassen, so wäre das der Übel größtes gewesen. Die Welt könnte nicht besser und schöner
+sein als sie eben ist. In ihrer schönen Ordnung besteht die göttliche Vorsehung, die
+von den Seelen der Himmel vermittelt wird. Gott und die reinen Geister kennen nur
+das Allgemeine, können also nicht für Besonderes sorgen. Aber die Seelen der Himmelsphären,
+denen Vorstellung des Einzelnen zukommt und durch die der Geist auf den Körper wirkt,
+bieten die Möglichkeit, eine Fürsorge auch für das Einzelne und den Einzelnen anzunehmen,
+die Offenbarung zu erklären <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> Auch das plötzliche Entstehen und Vergehen von Substanzen (Schöpfung und Vernichtung)
+im Gegensatze zu der stetigen Bewegung, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> dem allmählichen Übergange des Möglichen zum Wirklichen, scheint dem Ibn Sina nichts
+Unmögliches zu bedeuten. Überhaupt herrscht bei ihm keine Klarheit über das Verhältnis
+der Seinsformen, über Geist und Körper, Form und Materie, Substanz und Accidens. Dem
+Wunder bleibt jedenfalls ein Platz übrig. In heftigen, seelischen Erregungen, die
+oft plötzlich eine große Hitze oder Kälte bei uns hervorrufen, haben wir, nach Ibn
+Sina, Analoga zu wunderbaren Wirkungen der Weltseele, wenn diese auch gewöhnlich dem
+Naturlaufe folgt. Von allen diesen Möglichkeiten macht unser Philosoph selbst sehr
+mäßigen Gebrauch. Astrologie und Alchemie hat er aus ganz vernünftigen Gründen bekämpft.
+Trotzdem hat man ihm bald nach seinem Tode schon astrologische Gedichte aufgebürdet
+und <span class="pageNum" id="pb125">[<a href="#pb125">125</a>]</span>erscheint er in der türkischen Romanlitteratur, freilich an der Stelle eines alten
+Mystikers, als Zauberer.
+</p>
+<p>Ibn Sinas Physik beruht ganz auf der Annahme, ein Körper könne nichts bewirken. Was
+wirkt, ist überall eine Kraft, eine Form, eine Seele und durch sie der Geist. Im Gebiete
+des Physischen gibt es also unzählige Kräfte, deren Hauptstufen von unten nach oben
+die Naturkräfte, die Vermögen der Pflanzen und der Tiere, die Menschenseelen und die
+Weltseelen sind.
+</p>
+<p id="ch4.4.5"><b>5.</b> Farabi war es vor allem um die reine Vernunft zu thun: er hat das Denken um seiner
+selbst willen geliebt. Ibn Sina aber ist überall um die Seele bemüht. Wie er in seiner
+Medizin den menschlichen Körper ins Auge fasst, so in seiner Philosophie die menschliche
+Seele. Seine große philosophische Encyklopädie heißt ja die Heilung (sc. der Seele).
+Die Psychologie ist der Mittelpunkt seines Systems.
+</p>
+<p>Seine Anthropologie ist dualistisch. Körper und Seele gehören nicht wesentlich zusammen.
+Wie alle Körper unter der Einwirkung der Gestirne aus der Mischung der Elemente hervorgehen,
+so der menschliche Körper aus dem schönsten Gleichmaße dieser Mischung. Eine spontane
+Generation des Körpers, wie überhaupt ein Aussterben und Neuerstehen des Menschengeschlechtes
+ist deshalb möglich. Aber aus der Mischung der Elemente lässt sich die Seele nicht
+erklären. Sie ist nicht die untrennbare Form des Körpers, sondern diesem accidentell.
+Von dem Geber der Formen, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> dem thätigen Geiste über uns, erhält jeder Körper seine ihm und nur ihm eignende
+Seele. Von Anfang an ist jede Seele Individualsubstanz und sie bildet sich zeitlebens
+in ihrem Körper immer individueller aus. Zu der Behauptung, die Materie sei das Prinzip
+der Individualität, stimmt dies allerdings nicht. Aber die Seele ist das Wunderkind
+unseres Philosophen. Er ist nicht leichtgläubig, warnt öfter vor einem allzuleichten
+Hinnehmen der Geheimnisse des Seelenlebens, weiß aber doch <span class="pageNum" id="pb126">[<a href="#pb126">126</a>]</span>selber manches zu berichten über die vielen wunderbaren Kräfte und möglichen Wirkungen
+der Seele, die die vielverschlungenen Pfade des Lebens wandert und die Abgründe des
+Seins und Nichtseins übersteigt.
+</p>
+<p>Von allen Seelenkräften sind die theoretischen Vermögen die vorzüglichsten. Äußere
+und innere Sinne führen der vernünftigen Seele die Kenntnis der Welt zu. Besonders
+die Lehre von den inneren Sinnen, den sinnlich-geistigen Vorstellungsvermögen, deren
+Sitz das Gehirn, wird von Ibn Sina eingehend dargestellt.
+</p>
+<p>Gewöhnlich nahmen die Mediziner-Philosophen drei innere Sinne oder Stadien des Vorstellungsprozesses
+an: 1. die Zusammenfassung der einzelnen Sinneswahrnehmungen zu einem Gesamtbilde
+im Vorderhirn; 2. die Umbildung oder Bearbeitung dieser Vorstellung des Gemeinsinnes
+mit Hilfe schon vorhandener Vorstellungen, also die eigentliche Apperzeption, in der
+Mitte des Gehirns; 3. die Aufbewahrung der apperzipierten Vorstellung im Gedächtnis,
+das seinen Sitz im hintern Teile des Gehirns haben soll. Ibn Sina geht etwas weiter
+in der Analyse. Er unterscheidet im Vorderhirne vom Gemeinsinne das sinnliche Gedächtnis<span class="corr" id="xd31e2507" title="Nicht in der Quelle">,</span> die Schatzkammer der Gesamtbilder. Ferner lässt er die Apperzeption teils unbewusst,
+unter dem Einfluss des sinnlich-begehrenden Lebens, wie es sich auch bei den Tieren
+findet, von statten gehen, teils aber bewusst, unter der Mitwirkung der Vernunft,
+zu Stande kommen. In dem ersteren Falle behält die Vorstellung ihre Beziehung zu dem
+Einzelding — so kennt das Schaf die Feindschaft des Wolfes —, in dem zweiten Falle
+aber erweitert sie sich zum allgemeinen. Dazu kommt dann als fünftes hinzu das vorstellende
+Gedächtnis oder das Zeughaus der von der sinnlichen Phantasie und dem vernünftigen
+Nachdenken gebildeten Vorstellungen. Es entsprechen also, aber ganz anders als bei
+den treuen Brüdern (<abbr title="siehe">s.</abbr> <a href="#ch3.2.8">III, 2 § 8</a>), den fünf äußeren Sinnen fünf innere. Unbeantwortet bleibt die aufgeworfene Frage,
+ob man nicht von dem <span class="pageNum" id="pb127">[<a href="#pb127">127</a>]</span>Gedächtnis noch die Erinnerung als ein besonderes Vermögen zu scheiden habe.
+</p>
+<p id="ch4.4.6"><b>6.</b> Auf dem Gipfel der theoretischen Seelenkräfte steht die Vernunft. Es gibt zwar auch
+eine praktische Vernunft, aber in ihrem Thun haben wir uns selbst nur mittelbar, vervielfältigt;
+unmittelbar dagegen in dem Selbstbewusstsein, dem reinen Erkennen unseres Wesens,
+darin die Einheit unserer Vernunft sich darstellt. Statt aber die niederen Kräfte
+der Seele herabzudrücken, zieht die Vernunft dieselben hinauf, die Sinneswahrnehmung
+verfeinernd, die Vorstellung verallgemeinernd. An dem ihr von den äußeren und inneren
+Sinnen zugeführten Materiale arbeitet sich die Vernunft, die anfangs bloße Denkfähigkeit
+ist, nach und nach zur vollkommenen Denkfertigkeit aus. Durch Übung wird die Anlage
+Wirklichkeit. Es geschieht das an der Hand der Erfahrung, aber unter der Führung und
+der Erleuchtung von oben, von dem Geber der Formen, der als thätiger Geist der Vernunft
+die Ideen mitteilt. Ein Gedächtnis aber für die reinen Vernunftideen hat die menschliche
+Seele nicht, denn Gedächtnis setzt immer ein körperliches Substrat voraus. So oft
+also die vernünftige Seele etwas erkennt, fließt ihr jedesmal von oben die Erkenntnis
+zu, und nicht durch Umfang und Inhalt des Erkennens unterscheiden sich die denkenden
+Seelen, sondern durch die Fertigkeit, sich zur Aufnahme der Erkenntnis mit dem Geiste
+über uns in Verbindung zu setzen.
+</p>
+<p>Die vernünftige Seele, die dasjenige, was unter ihr ist, beherrscht, und das Höhere
+durch die Erleuchtung des Weltgeistes erkennt, ist nun der eigentliche Mensch, entstanden
+zwar, aber als einfaches Wesen, als Individualsubstanz, unzerstörbar, unsterblich.
+Hier unterscheidet durch ihre Klarheit Ibn Sinas Lehre sich von derjenigen des Farabi.
+Seit Ibn Sina gilt im Orient die Annahme der individuellen Unsterblichkeit entstandener
+Menschenseelen als aristotelisch, das Gegenteil als platonisch. So versteht sich seine
+Philosophie besser mit der Religion. <span class="pageNum" id="pb128">[<a href="#pb128">128</a>]</span>Im menschlichen Körper und in der ganzen Sinnenwelt hat die Seele eine Schule, sich
+auszubilden. Nach dem leiblichen Tode aber, der diesem Körper für immer ein Ende macht,
+besteht die Seele in enger oder entfernter Verbindung mit dem Weltgeiste fort. In
+dieser Vereinigung (die nicht als völlige Einswerdung aufzufassen ist) mit dem Geiste
+über uns besteht die Seligkeit der guten, wissenden Seelen. Den anderen wird ewiges
+Unglück zu teil. Wie körperliche Mängel zu Krankheiten führen, so folgt notwendig
+aus schlechtem Seelenzustande die Strafe. In derselben Weise bemisst sich aber auch
+die himmlische Belohnung nach der Stufe seelischer Gesundheit oder Vernünftigkeit,
+die im Erdenleben erreicht wurde. Der reinen Seele bleibt in den Leiden der Zeit der
+Trost des Ewigen.
+</p>
+<p>Freilich wird das Höchste nur von wenigen erreicht. Auf dem Gipfel der Wahrheit ist
+für die Masse kein Platz; nur einer nach dem andern dringt zu der auf einsamer Höhe
+entspringenden Quelle der Gotteserkenntnis vor.
+</p>
+<p id="ch4.4.7"><b>7.</b> Seine Ansicht von der menschlichen Vernunft auszudrücken, benutzt und deutet Ibn
+Sina dichterische Überlieferungen, wie das auch in der späteren persischen Litteratur
+sehr beliebt war. An erster Stelle interessiert uns die allegorisierte Gestalt des
+Hai ibn Jaqzan. Sie stellt den Aufstieg des Geistes aus den Elementen durch die Reiche
+der Natur, der Seele und der Geister bis zum Throne des Ewigen, Einen dar. Als ein
+jugendlicher Greis, seine Führerschaft anbietend, begegnet sie dem Philosophen. Dieser
+hat sich bemüht, mit seinen äußeren und inneren Sinnen, Erde und Himmel zu erkennen.
+Zwei Wege öffnen sich ihm: nach Westen der Weg der Materie und des Bösen, nach Sonnenaufgang
+aber der Weg der geistigen, ewigreinen Formen, auf den Hai den Wanderer führt. Zusammen
+gelangen sie zu der Quelle göttlicher Weisheit, dem Born ewiger Jugend, wo Schönheit
+der Schönheit Vorhang, Licht des Lichtes Schleier ist: das ewige Geheimnis.
+<span class="pageNum" id="pb129">[<a href="#pb129">129</a>]</span></p>
+<p>Hai ibn Jaqzan ist demnach der Führer der einzelnen denkenden Seelen, er ist der ewige
+Geist, der über der Menschheit steht und sich in ihr bethätigt.
+</p>
+<p>Einen ähnlichen Sinn findet unser Philosoph in der vielfach umgebildeten spätgriechischen
+Legende von den Brüdern Salaman und Absal. Salaman ist ihm der Weltmensch, dessen
+Weib (= die sinnliche Welt) sich in Absal verliebt und diesen durch eine List in ihre
+Arme zu führen weiß. Vor dem entscheidenden Augenblicke fährt aber ein Blitz vom Himmel
+herab, entdeckt Absal den beinahe begangenen Frevel und erhebt ihn von der sinnlichen
+Genusswelt zu der Welt reingeistiger Betrachtung.
+</p>
+<p>Wie ein Vogel, heißt es an anderer Stelle, ist die Seele des Philosophen. Mit großer
+Mühe entkommt sie irdischen Stricken und durchfliegt die Weltenräume, bis der Engel
+des Todes ihr die letzten Fesseln löst.
+</p>
+<p>Das ist Ibn Sinas Mystik. Seine Seele hat Bedürfnisse, für die seine Apotheke keine
+Mittel, das höfische Leben keine Befriedigung darbietet.
+</p>
+<p id="ch4.4.8"><b>8.</b> Ethik und Politik theoretisch auszubilden bleibe den Lehrern des Fiqh überlassen.
+Unser Philosoph fühlt sich auf der Stufe eines Erleuchteten wie ein Gott über alle
+menschlichen Gesetze hinausgehoben. Nur für die Menge ist das Gesetz der Religion
+und des Staates verpflichtend. Mohammeds Zweck war, die Beduinen zu zivilisieren;
+zu dem Zwecke predigte er <abbr title="unter andere">u. a.</abbr> eine Auferstehung des Fleisches. Was reingeistige Seligkeit bedeutet, hätten sie
+nicht verstanden, er musste sie also mit der Aussicht auf körperliche Leiden oder
+Freuden erziehen. Mit dieser sinnlichen Menge, deren Gottesdienst in der Beobachtung
+äußerer Formen besteht, stimmen insofern die Asketen, obgleich sie ganz der Welt und
+der Sinne entsagen wollen, überein, dass auch sie mit Rücksicht auf eine himmlische
+Belohnung ihre frommen Werke ausüben. Höher als die Menge und die Frommen stehen die
+wahren Gottesverehrer in geistiger Liebe, die nichts wollen als <span class="pageNum" id="pb130">[<a href="#pb130">130</a>]</span>Gott selbst, ohne Hoffnung, ohne Furcht. Ihr Eigentum ist die Freiheit des Geistes.
+</p>
+<p>Dieses Geheimnis aber soll man der Menge nicht offenbaren. Nur seinen liebsten Schülern
+vertraut es der Philosoph.
+</p>
+<p id="ch4.4.9"><b>9.</b> Ibn Sina kam auf seinen Reisen mit vielen gelehrten Zeitgenossen zusammen. Dauernde
+Verbindungen waren, wie es scheint, nicht davon die Folge. Wie er sich von seinen
+Vorgängern allein dem Farabi verpflichtet fühlt, so dankt er der Mitwelt nur in seinen
+fürstlichen Gönnern. Den Ibn Maskawaih (<abbr title="siehe">s.</abbr> IV 3), mit dem er noch öfter zusammenkam, hat er ungünstig beurteilt. Mit dem ihm
+als Forscher überlegenen Beruni führte er eine Korrespondenz, die aber bald abgebrochen
+wurde.
+</p>
+<p>Beruni (973–1048), wenn er auch Kindi und Masudi eher als Farabi und den jüngeren
+Ibn Sina seine Meister nennen darf, verdient hier zur Charakteristik der Zeit einer
+kurzen Erwähnung. Vorzüglich beschäftigten ihn Mathematik, Astronomie, Länder- und
+Völkerkunde. Er war ein scharfer Beobachter und guter Kritiker. Aber er verdankte
+der Philosophie manche Aufklärung und widmete ihr als Kulturerscheinung fortwährend
+seine Aufmerksamkeit.
+</p>
+<p>Treffend hebt Beruni die Übereinstimmung zwischen pythagoreisch-platonischer Philosophie,
+indischer Weisheit und vielen sufischen Anschauungen hervor. Nicht weniger treffend
+erkennt er die Überlegenheit griechischer Wissenschaft gegenüber den Versuchen und
+Leistungen der Araber und Inder. Indien, sagt er, von Arabien ganz zu schweigen, hat
+keinen Sokrates hervorgebracht. Keine logische Methode hat dort die Phantasie aus
+der Wissenschaft vertrieben. Doch will er einzelnen Indern gerecht werden. Zustimmend
+führt er als die Lehre der Anhänger Aryabhatas folgendes an: “Es genügt uns, das zu
+erkennen, was von den Strahlen der Sonne beleuchtet wird; was darüber hinausgeht,
+wenn auch von <span class="corr" id="xd31e2553" title="Quelle: unmesslicher">unermesslicher</span> Ausdehnung, <span class="pageNum" id="pb131">[<a href="#pb131">131</a>]</span>brauchen wir nicht. Was der Sonnenstrahl nicht erreicht, können die Sinne nicht wahrnehmen,
+und was der Sinn nicht wahrnimmt, können wir nicht erkennen.”
+</p>
+<p>Daraus ergibt sich uns Berunis Philosophie. Nur die Wahrnehmungen der Sinne, von einem
+logischen Geiste verknüpft, gewähren sichere Erkenntnis. Und zum Leben brauchen wir
+eine praktische Philosophie, die uns vom Freunde den Feind unterscheiden lässt. Er
+glaubte selbst wohl nicht, damit alles und das letzte Wort gesagt zu haben.
+</p>
+<p id="ch4.4.10"><b>10.</b> Aus der Schule Ibn Sinas sind uns mehr Namen überliefert als Schriften erhalten.
+Dschuzdschani hat, im Anschluss an eine Selbstbiographie, das Leben des Meisters beschrieben.
+Und von Abu-l-Hasan Behmenjar ibn al-Marzuban haben wir noch ein paar kleinere metaphysische
+Abhandlungen, die sich fast ganz in Übereinstimmung mit dem Systeme seines Lehrers
+befinden. Nur scheint die Materie etwas von ihrer Substantialität einzubüßen: als
+Seinsmöglichkeit wird sie zu einer Relation oder Beziehung des Denkens.
+</p>
+<p>Gott ist, nach Behmenjar, die reine, ursachlose Einheit notwendigen Seins, nicht der
+lebendige, alles wirkende Schöpfer. Er ist zwar Ursache der Welt, aber die Folge ist
+mit der Ursache zugleich und notwendig gegeben, sonst wäre die Ursache nicht vollkommen,
+weil der Veränderung fähig. Wesenhaft, nicht zeitlich, geht Gottes Dasein dem der
+Welt voran. Drei Bestimmungen kommen demnach dem höchsten Sein zu: dass es wesentlich
+zuerst, sich selbst genügend und notwendig sei, m. a. W. Gottes Wesen ist die Seinsnotwendigkeit.
+Diesem absolut-notwendigen Sein verdankt alles möglicherweise Existierende sein Dasein.
+</p>
+<p>Das stimmt nun wohl zu den Lehren Ibn Sinas. Und ebenso verhält es sich mit dem Weltbilde
+und der Seelenlehre des Schülers. Was einmal zur vollen Wirklichkeit <span class="pageNum" id="pb132">[<a href="#pb132">132</a>]</span>gelangt ist, die der Art nach verschiedenen Sphärengeister, die Urmaterie und die
+individuell verschiedenen menschlichen Seelen, besteht alles ewig fort. Vollwirkliches,
+weil ohne jede Möglichkeit, kann nicht vergehen.
+</p>
+<p>Die Eigenart alles Geistigen ist die Erkenntnis des eigenen Wesens. Wille <span class="corr" id="xd31e2571" title="Quelle: heisst">heißt</span>, nach Behmenjar, nichts anderes als Erkenntnis dessen, was notwendig aus dem Wesen
+folgt. In der Selbsterkenntnis besteht auch das Leben und die Lust der vernünftigen
+Seele.
+</p>
+<p id="ch4.4.11"><b>11.</b> Ibn Sina hat eine weitgehende Wirkung erzielt. Nach seinem Kanon der Medizin, der
+auch im Abendlande vom 13. bis 16. Jahrhundert hohes Ansehen genoss, werden heutigen
+Tages noch die Perser kuriert. Sein Einfluss auf die christliche Scholastik war bedeutend.
+Dante setzte ihn zwischen Hippokrat und Galen, und Scaliger behauptete, er sei in
+der Medizin dem Galen gleich, in der Philosophie diesem sogar weit überlegen.
+</p>
+<p>Dem Orient galt und gilt er als der Fürst der Philosophie. Der neuplatonische Aristotelismus
+ist dort bekannt geblieben in der Form, die ihm Ibn Sina gegeben. Zahlreich sind die
+Handschriften seiner Werke, ein Zeugnis seiner Popularität, unzählig aber die Kompendien
+und Kommentare zu seinen Schriften. Mediziner und Staatsmänner, aber auch Theologen
+studierten ihn. Nur wenige gingen über ihn zu den Quellen zurück.
+</p>
+<p>Der Feinde gab es freilich von Anfang an viele und sie äußerten sich lauter als die
+Freunde. Dichter verfluchten ihn, Theologen stimmten mit ein oder versuchten es, ihn
+zu widerlegen. Und der Chalif Mustandschid ließ im Jahre 1150 unter der philosophischen
+Bibliothek eines Richters auch die Schriften Ibn Sinas zu Bagdad dem Feuer übergeben.
+<span class="pageNum" id="pb133">[<a href="#pb133">133</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch4.5" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e669">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">5.</span> Ibn al-Haitham.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch4.5.1" class="first"><b>1.</b> Nach Ibn Sina und seiner Schule fand die theoretische Philosophie in den östlichen
+Ländern des muslimischen Reiches wenig Pflege mehr. Die arabische Sprache musste im
+Leben und in der Litteratur dort immer mehr der persischen weichen. Dass letztere
+Sprache sich weniger gut zu abstrakt logischen und metaphysischen Erörterungen eignet,
+dürfte dabei nur ganz nebensächlich ins Gewicht fallen. Es änderten sich in trauriger
+Weise die Kulturverhältnisse und damit die Interessen der Menschen. Ethik und Politik
+traten in den Vordergrund, jedoch ohne eine wirklich neue Gestalt zu bekommen. Ganz
+vorherrschend aber war es in der neupersischen Litteratur eine teils freigeistige,
+teils, und zwar überwiegend, mystische Poesie, die das Bedürfnis der Gebildeten nach
+Weisheit befriedigte.
+</p>
+<p>Seit der Mitte des zehnten Jahrhunderts etwa hatte sich von Bagdad aus ein Teil der
+wissenschaftlichen Bewegung dem Westen zugewendet. Wir fanden schon Farabi in Syrien,
+Masudi in Ägypten. Dort wurde Kairo ein zweites Bagdad.
+</p>
+<p id="ch4.5.2"><b>2.</b> In Kairo treffen wir am Anfang des elften Jahrhunderts einen der bedeutendsten Mathematiker
+und Physiker des ganzen Mittelalters, Abu Ali Mohammed ibn al-Hasan ibn al-Haitham.
+In Basra, wo er geboren wurde, hatte er schon ein Staatsamt verwaltet. In allzugroßem
+Vertrauen auf die Verwertbarkeit seiner mathematischen Kenntnisse glaubte er die Nilüberschwemmungen
+regulieren zu können. Deshalb vom Chalifen al-Hakim berufen, sah er bald nach seiner
+Ankunft das Vergebliche seiner Bemühungen ein. Als Verwaltungsbeamter fiel er dann
+in Ungnade, verbarg sich bis zum Tode des Chalifen (1020) und lebte ferner wissenschaftlichen
+und litterarischen Arbeiten, bis er im Jahre 1038 starb.
+<span class="pageNum" id="pb134">[<a href="#pb134">134</a>]</span></p>
+<p>Seine Hauptwirksamkeit liegt auf dem Gebiete der Mathematik und ihrer Anwendung. Doch
+hat er sich auch sehr viel mit den galenischen und aristotelischen Schriften, und
+nicht bloß mit den physischen, beschäftigt. Nach seinem eigenen Bekenntnis hat er
+von Jugend auf alles bezweifelnd, die verschiedenen Ansichten und Lehren der Menschen
+betrachtet, bis er in allen mehr oder weniger gelungene Versuche, sich der Wahrheit
+zu nähern, erkannte. Als Wahrheit galt ihm ferner nur das, was sich der sinnlichen
+Wahrnehmung als Material darbot und vom Verstande seine Form erhielt, also die logisch
+bearbeitete Wahrnehmung. Solche Wahrheit zu suchen war sein Bestreben beim Studium
+der Philosophie. Die Philosophie sollte ihm Grundlage aller Wissenschaften sein. Er
+fand sie in den Schriften des Aristoteles, weil dieser es am besten verstanden hatte,
+die sinnliche Wahrnehmung einheitlich zu vernünftiger Erkenntnis zu verknüpfen. Eifrig
+studierte und erläuterte er darum die Werke des Aristoteles, zu Nutz und Frommen der
+Menschheit, zu eigener Übung und als Schatz und Trost für sein Alter. Von diesen Arbeiten
+scheint uns aber nichts erhalten zu sein.
+</p>
+<p>Des Ibn al-Haithams bedeutendste Schrift, die in lateinischer Übersetzung und Bearbeitung
+auf uns gekommen ist, ist die Optik. Er zeigt sich darin als einen scharfen mathematischen
+Denker, überall um die Analyse der Begriffe und der wirklichen Vorgänge bemüht. Ein
+Abendländer des 13. Jahrhunderts (Witelo) wusste das Ganze methodischer darzustellen,
+doch dürfte an Schärfe der Beobachtung im einzelnen Ibn al-Haitham jenem überlegen
+sein.
+</p>
+<p id="ch4.5.3"><b>3.</b> Das Denken Ibn al-Haithams ist ganz mathematisch bestimmt. Die Substanz eines Körpers
+besteht nach ihm aus der Summe seiner wesentlichen Eigenschaften, wie das Ganze der
+Summe der Teile und der Begriff der Summe seiner Merkmale gleich ist.
+<span class="pageNum" id="pb135">[<a href="#pb135">135</a>]</span></p>
+<p>In der Optik interessieren uns besonders die psychologischen Bemerkungen über das
+Sehen und die Sinneswahrnehmung überhaupt. Das Bestreben ist hier darauf gerichtet,
+die einzelnen Momente der Wahrnehmung zu sondern und den zeitlichen Charakter des
+ganzen Prozesses hervorzuheben.
+</p>
+<p>Die Wahrnehmung setzt sich dann zusammen aus der Sinnesempfindung (1), der Vergleichung
+(2) mehrerer Empfindungen oder der jetzigen Empfindung mit dem infolge früherer Empfindungen
+nach und nach in der Seele geformten Erinnerungsbilde, und dem Wiedererkennen (3),
+sodass wir das jetzt Wahrgenommene als mit dem Erinnerungsbilde gleich erkennen. Das
+Vergleichen und das Wiedererkennen sind keine Thätigkeiten der Sinne, die nur passiv
+empfinden, sondern fallen dem urteilenden Verstande zu. Gewöhnlich geht das alles
+unbewusst oder halbbewusst von statten, und nur durch Besinnung wird es uns zum Bewusstsein
+geführt und das scheinbar Einfache in seine Bestandteile zerlegt.
+</p>
+<p>Der Prozess der Wahrnehmung verläuft sehr schnell. Je geübter der Mensch in dieser
+Hinsicht ist und je öfter eine Wahrnehmung sich wiederholt, um so fester wird das
+Erinnerungsbild der Seele eingeprägt, um so schneller kommt das Wiedererkennen oder
+die Wahrnehmung zu Stande. Die Ursache davon ist die, dass die neue Empfindung von
+dem schon vorhandenen seelischen Gebilde ergänzt wird. Leicht könnte man also meinen,
+die Wahrnehmung sei, wenigstens nach langer Einübung, ein zeitloser Akt. Das wäre
+aber ein Irrtum, denn nicht nur entspricht jeder Empfindung eine qualitative, im Sinnesorgan
+lokalisierte Veränderung, die eine Zeit erfordert, sondern auch zwischen der Reizung
+des Organs und der bewussten Wahrnehmung muss der räumlichen Fortleitung des Reizes
+durch die Nerven eine Zeitstrecke entsprechen. Dass es <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> zur Auffassung einer Farbe Zeit bedarf, beweist der drehende Farbenkreisel, der uns
+nur eine Mischfarbe zeigt, weil wir <span class="pageNum" id="pb136">[<a href="#pb136">136</a>]</span>wegen der schnellen Bewegung keine Zeit haben, die einzelnen Farben aufzufassen.
+</p>
+<p>Vergleichen und Wiedererkennen sind nach Ibn al-Haitham die bedeutenden, seelischen
+Momente der Wahrnehmung. Dagegen entspricht die Empfindung der Materie, der empfindende
+Sinn verhält sich passiv. Eigentlich ist alles Empfinden an sich eine Art Unlust,
+welche sich für gewöhnlich nicht fühlbar macht, bei sehr starken Reizen aber, <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> durch allzuhelles Licht, zum Bewusstsein kommt. Der Charakter der Lust kommt nur
+der vollkommenen Wahrnehmung zu, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> dem Erkennen, das die Materie der Empfindung zur seelischen Form erhebt.
+</p>
+<p>Das Vergleichen und Wiedererkennen in der Wahrnehmung ist wesentlich ein unbewusstes
+Urteilen und Schließen. Das Kind macht schon einen Schluss, wenn es von zwei Äpfeln
+den schöneren wählt. Schließen ist jede Erfassung eines Zusammenhanges. Weil aber
+Urteilen und Schließen schnell zu Stande kommen, irrt der Mensch sich dabei leicht,
+und hält auch oft für einen ursprünglichen Begriff, was nur ein auf dem Wege des Schließens
+abgeleitetes Urteil ist. Bei allem, was uns als Axiome verkündet wird, soll man doch
+auf der Hut sein und nachspüren, ob es nicht aus Einfacherem abgeleitet werden könne.
+</p>
+<p id="ch4.5.4"><b>4.</b> Diese Aufforderung unseres Philosophen hat im Orient wenig gefruchtet. Zwar hat er
+in Mathematik und Astronomie etwas Schule gemacht, aber für seine aristotelische Philosophie
+gab es weniger Liebhaber. Wir kennen nur einen seiner Schüler, der zu den Philosophen
+gezählt wird, Abu-l-Wafa Mubasschir ibn Fatik al-Qaid, einen ägyptischen Emir, der
+im Jahre 1053 ein Werk mit Spruchweisheit, Anekdoten zur Philosophiegeschichte <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> lieferte. Von eigener Gedankenarbeit ist dabei kaum etwas zu spüren. Es sollte unterhalten.
+Und mehr noch als an solchem Werke erbauten sich die Einwohner Kairos <span class="pageNum" id="pb137">[<a href="#pb137">137</a>]</span>in der Folgezeit an den Märchen der Tausend und eine Nacht.
+</p>
+<p>Der Orient hat Ibn al-Haitham fast vergessen, ihn und seine Werke verketzert. Ein
+Schüler des jüdischen Philosophen Maimonides erzählt, er sei wegen Handelsgeschäfte
+in Bagdad gewesen, als dort die Bibliothek eines Philosophen (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 1214) verbrannt wurde. Da warf ein Prediger, der die Exekution leitete, mit eigener
+Hand eine astronomische Schrift des Ibn al-Haitham in die Flammen, nachdem er auf
+eine darin abgebildete Weltkugel als das Unglückszeichen verruchter Gottlosigkeit
+hingewiesen hatte.
+<span class="pageNum" id="pb138">[<a href="#pb138">138</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<div class="footnote-body">
+<div id="xd31e2009">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e2009src">1</a></span> <abbr title="Vergleiche">Vgl.</abbr> den Art. “Zu Kindi und seiner Schule” in Stein’s Archiv für Geschichte der Philosophie
+XIII, S. 153 ff., aus dem ich manches, ohne viel zu ändern, hier wieder aufgenommen
+habe. <a class="fnarrow" href="#xd31e2009src" title="Zurück zur Note 1 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+<div id="xd31e2085">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e2085src">2</a></span> Das arab. <span class="ex">ʻaql</span> (<span class="trans" title="nous"><span lang="grc" class="grek">νοῦς</span></span>) übersetzt man gewöhnlich mit Vernunft und Intelligenz (lat. <span class="ex">intellectus</span> und <span class="ex">intelligentia</span>). Ich ziehe aber Geist vor, weil der Ausdruck Gott und die reinen (separaten) Sphärengeister
+mitumfasst. Übrigens ist schwer zu entscheiden, wie weit bei den einzelnen Denkern
+die Personifikation der Vernunft ging. <a class="fnarrow" href="#xd31e2085src" title="Zurück zur Note 2 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div id="ch5" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e693">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h2 class="main"><span class="divNum">V.</span> Der Ausgang der Philosophie im Osten.</h2>
+</div>
+<div class="divBody">
+<div id="ch5.1" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e701">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">1.</span> Gazali.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch5.1.1" class="first"><b>1.</b> Wir haben früher schon gesehen, dass die theologische Bewegung im Islam stark von
+der Philosophie beeinflusst war. Nicht nur die mutazilitische, sondern auch die antimutazilitische
+Dialektik holte ihre Ansichten und die Argumente, womit sie die eigene Lehre stützte,
+die des Gegners bekämpfte, zum großen Teile aus den Schriften der Philosophen. Man
+nahm aus diesen auf, was man eben brauchen konnte, das andere ließ man auf sich beruhen,
+oder aber man machte den Versuch, es zu widerlegen. So entstanden zahlreiche Schriften,
+gegen eine besondere philosophische Lehre oder einen einzelnen Philosophen gerichtet.
+Ein Versuch aber, das ganze System der Philosophie, wie es im Osten auf griechischer
+Grundlage aufgebaut war, nach eingehendem Studium von allgemeinen Gesichtspunkten
+aus zu bekämpfen, ist wohl vor Gazali nicht gemacht worden.
+</p>
+<p>Das Unternehmen Gazalis hatte auch eine positive Seite. Neben der Dialektik, die die
+Lehren des Glaubens verständlich zu machen oder gar vernünftig zu begründen suchte,
+lief im Islam eine Mystik her, die auf innerliches, gemütliches Erfassen des Dogmas
+aus war. Nicht begreifen oder beweisen wollte sie den Glaubensinhalt, sondern erfahren,
+im Geiste erleben. Dem Glauben soll ja die höchste Gewissheit zukommen. Sollte man
+ihn dann in ein abgeleitetes Wissen verwandeln können? Oder sollten seine <span class="pageNum" id="pb139">[<a href="#pb139">139</a>]</span>Sätze Prinzipien der Vernunft sein, keines weiteren Beweises fähig noch bedürftig?
+Aber die Grundsätze der Vernunft müssen, wenn sie einmal bekannt sind, allgemein anerkannt
+werden, und die allgemeine Anerkennung fehlt den Sätzen des Glaubens. Woher sonst
+der Unglaube? So wurde weiter gefragt. Und als der einzige Ausweg aus solchen Zweifeln
+erschien es vielen, die Glaubenslehre auf eine innere, übervernünftige Erleuchtung
+zu gründen. Anfangs geschah das unbewusst, in mystischem Drange, wobei denn oft der
+Inhalt der Pflichten- und Glaubenslehre sehr vernachlässigt wurde. Auch hier hat Gazali
+eingegriffen. Was vielleicht von Salimiten und Karramiten, antimutazilitischen Sekten,
+vorgebildet war, hat er in großem Stile durchgeführt: die Mystik trägt und krönt seit
+seiner Zeit das Lehrgebäude des orthodoxen Islam.
+</p>
+<p id="ch5.1.2"><b>2.</b> Merkwürdig ist die Lebensgeschichte dieses Mannes, und zum Verständnis seiner Wirksamkeit
+ist es unbedingt erforderlich, etwas näher darauf einzugehen. Im Jahre 1059 wurde
+er zu Tos in Chorasan geboren, war also ein Landsmann des großen Dichters Firdausi.
+Wie dieser von der alten Herrlichkeit der persischen Nation zeugt, so sollte Gazali
+“Zeugnis und Zierde” des ganzen zukünftigen Islam sein. Schon seine Erziehung, nach
+dem Tode des Vaters im Hause eines sufischen Freundes, war mehr universal als national
+gerichtet. Dem unruhigen, phantastischen Geiste des Jünglings sagte auch keine Beschränkung
+zu. In der spitzfindigen Kasuistik der Pflichtenlehre mit ihren präzisen Formeln fand
+er sich nicht zurecht. Er sah sie an als ein weltliches Wissen, von dem er sich abwendete,
+um sich in die Erkenntnis Allahs geistig zu vertiefen. Dann studierte er in Nischabur
+Theologie bei einem sufischen Lehrer, dem Imam al-Haramain (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 1085), während dessen er wohl selbst anfing zu schriftstellern und zu lehren, vielleicht
+auch schon an <span class="corr" id="xd31e2659" title="Quelle: seine">seiner</span> Wissenschaft zu zweifeln. Er begab sich darauf zu Nizam al-Mulk, dem Wezir des Seldschukenfürsten,
+bis er (1091) eine Professur in Bagdad erhielt. In <span class="pageNum" id="pb140">[<a href="#pb140">140</a>]</span>diese Zeit fällt jedenfalls die nähere Beschäftigung mit der Philosophie. Es war aber
+nicht reine Liebe zur Wissenschaft, die ihn dazu trieb, sondern die Sehnsucht des
+Herzens, Lösung für die Zweifel des Verstandes zu finden. Keine Aufklärung über das
+Weltgeschehen, auch keine Klärung des eigenen Denkens, sondern Herzensruhe und die
+Erfahrung einer höheren Wirklichkeit suchte er zu erreichen. Eingehend befasste er
+sich mit den Schriften der Philosophen, besonders denen des Farabi und Ibn Sina, und
+hauptsächlich dem System des letzteren folgend, schrieb er ein philosophisches Kompendium,
+objektiv gehalten, scheinbar mit einiger Teilnahme am Inhalt. Er that es, wie er anfangs
+wohl leise zur Selbstberuhigung, später aber laut zu seiner Entschuldigung sagte,
+nur um der Darstellung der philosophischen Lehren die Widerlegung folgen zu lassen.
+Auch diese erschien, wahrscheinlich nicht lange Zeit darauf. Es war die berühmte “Ruin
+der Philosophen”, die vermutlich noch in Bagdad oder kurz nach seiner Abreise verfasst
+wurde.
+</p>
+<p>Schon nach vier Jahren nämlich (1095) hatte Gazali seine von äußerem Erfolg begleitete
+Lehrthätigkeit in Bagdad eingestellt. Sein immer zweifelnder Geist fand im dogmatischen
+Vortrag wohl keine Befriedigung. Seine glänzende Stellung zog ihn bald an, bald stieß
+sie ihn ab. Er glaubte wohl, auf andere Weise besser die Welt und ihre Weisheit bekämpfen
+zu können, zu sollen. Sein Ehrgeiz war größer als diese Welt. Doch tiefer. Während
+einer Krankheit stand ihm der innere Beruf vor der Seele. Im stillen, durch sufische
+Übungen, sollte er sich darauf vorbereiten, vielleicht einmal als religiös-politischer
+Reformator auftreten. Zu derselben Zeit, als die Ritter vom Kreuze im Abendlande sich
+gegen den Islam rüsteten, da bereitete sich Gazali zum geistigen Vorkämpfer des muslimischen
+Glaubens. Nicht gewaltig war seine Bekehrung, wie die des heiligen Augustin, sondern
+dem Erlebnis zu vergleichen des heiligen Hieronymus, der im Traume von <span class="pageNum" id="pb141">[<a href="#pb141">141</a>]</span>seinen ciceronianischen Liebhabereien zum praktischen Christentum berufen ward.
+</p>
+<p>Zehn Jahre ist nun Gazali auf der Wanderschaft, seine Zeit in fromme Übungen und litterarische
+Thätigkeit teilend. In der ersten Zeit vermutlich hat er sein theologisch-ethisches
+Hauptwerk “Die Belebung der Religionswissenschaften” geschrieben. Gegen Ende hat er
+reformatorisch zu wirken versucht. Seine Reise führte ihn über Damaskus und Jerusalem
+(noch vor der Einnahme durch die Kreuzfahrer), Alexandria, Mekka und Medina nach Hause
+zurück.
+</p>
+<p>Nach seiner Rückkehr hat Gazali noch auf kurze Zeit in Nischabur als Lehrer gewirkt
+und ist in seiner Vaterstadt Tos am 19. Dez. des Jahres 1111 gestorben. Die letzten
+Jahre gehören hauptsächlich frommer Betrachtung und dem Studium der Traditionen, die
+einmal dem Jüngling nicht ins Gedächtnis hinein wollten. Ein schön vollendetes Leben,
+in dem das Ende zum Anfang zurückkehrt.
+</p>
+<p id="ch5.1.3"><b>3.</b> Gazali überschaut die geistigen Strömungen seiner Zeit. Da gibt es nun die Dialektik
+der Theologen, eine sufische Mystik, pythagoreische Popularphilosophie und neuplatonischen
+Aristotelismus. Was die Dialektik ergründen will, ist auch Gegenstand seines Glaubens,
+nur dünken ihm ihre Argumente etwas schwach und deshalb viele von ihren Behauptungen
+bedenklich. Der sufischen Mystik fühlt er sich am nächsten verwandt, ihr verdankt
+er das beste: die Begründung seines Glaubens in der Persönlichkeit, sodass er als
+innere Erfahrung postulieren kann, was die Dialektiker verstandesmäßig abzuleiten
+versuchen. Auch der Popularphilosophie dankt er Belehrung, über Mathematik nämlich,
+die er durchaus als Wissenschaft anerkennt, und ihre astronomischen Folgerungen. Ihre
+Physik lässt er, wo sie nicht gegen den Glauben verstößt, gelten. Aber der Aristotelismus,
+wie er von Farabi und Ibn Sina, nicht weniger autoritätsgläubig als die Theologen,
+<span class="pageNum" id="pb142">[<a href="#pb142">142</a>]</span>gelehrt worden, erscheint ihm als der Feind des Islam, den er im Namen sämtlicher
+muslimischen Schulen und Richtungen, also von katholischem Standpunkte, bekämpfen
+soll. Und zwar mit des Aristoteles eigenen Waffen, denen der Logik. Denn ebenso fest
+wie die Sätze der Mathematik, stehen ihm die Grundsätze des Denkens, welche die Logik
+lehrt. Vollbewusst geht er vom Satze des Widerspruchs aus, dem sich Gott selbst, nach
+seiner Behauptung, unterwirft.
+</p>
+<p>Von den physisch-metaphysischen Lehren der Philosophie greift er nun hauptsächlich
+drei an: 1. dass die Welt ewig sei; 2. dass Gott nur Allgemeines erkenne und es folglich
+keine besondere Vorsehung gebe; 3. dass nur die Seele unsterblich sei und also eine
+Auferstehung des Fleisches nicht zu erwarten. Bei der Widerlegung dieser Lehren ist
+Gazali vielfach abhängig von dem christlichen Kommentator des Aristoteles, Johannes
+Philoponus, der auch gegen des Proklos Lehre von der Ewigkeit der Welt geschrieben
+hat.
+</p>
+<p id="ch5.1.4"><b>4.</b> Die Welt ist nach den Philosophen eine Kugel von endlicher Ausdehnung, aber unendlicher
+Dauer. Von Ewigkeit geht sie aus Gott hervor, wie die Wirkung mit der Ursache zugleich
+ist. Dagegen meint Gazali, dass man Raum und Zeit nicht in der Weise verschieden auffassen
+dürfe, und dass die göttliche Ursächlichkeit als freischöpferische Macht zu bestimmen
+sei.
+</p>
+<p>Zunächst Raum und Zeit. Ebensowenig wie Anfang und Ende der Zeit können wir uns eine
+äußerste Grenze des Raumes vorstellen. Wer an eine endlose Zeit glaubt, muss, seiner
+Vorstellung folgend, also auch die Existenz eines unendlichen Raumes annehmen. Dass
+der Raum dem äußeren, die Zeit dagegen dem inneren Sinne entspreche, ändert daran
+nichts, denn aus dem Sinnlichen kommen wir doch nicht heraus. Wie der Raum zum Körper,
+so verhält sich die Zeit zur Bewegung des Körpers. Beide sind nur Verhältnisse der
+Dinge, in und mit den Dingen <span class="pageNum" id="pb143">[<a href="#pb143">143</a>]</span>der Welt erschaffen, oder vielmehr nur Beziehungen unserer Vorstellungen, die Gott
+in uns schafft.
+</p>
+<p>Wichtiger noch ist es, was Gazali über die Ursächlichkeit beibringt. Die Philosophen
+unterscheiden ein Wirken Gottes, der wollenden Geistwesen, der Seele, der Natur, des
+Zufalles oder dergleichen. Für Gazali aber gibt es, wie für den orthodoxen Kalam,
+überhaupt nur eine Kausalität, die des wollenden Wesens. Die Naturkausalität beseitigt
+er ganz, sie löst sich ohne Rest in ein Zeitverhältnis auf. Auf eine bestimmte Erscheinung
+(Ursache) sehen wir regelmäßig eine bestimmte andere (Wirkung) folgen; wie sie aber
+daraus erfolgt, bleibt uns ein Rätsel. Von dem Wirken der Naturdinge wissen wir nichts.
+Auch ist jede Veränderung an sich unbegreiflich. Wie etwas ein anderes wird, ist dem
+Denken unfasslich, dieses kann ebensogut nach Thatsachen wie nach Ursachen fragen.
+Etwas ist oder ist nicht, aber ein Seiendes in ein Anderes zu verwandeln, dazu ist
+nicht einmal die göttliche Allmacht im Stande. Sie schafft oder vernichtet.
+</p>
+<p>Dennoch ist es eine Thatsache unseres Bewusstseins, dass wir etwas wirken. Wenn wir
+etwas wollen und die Kraft zur Ausführung besitzen, nehmen wir den Erfolg als unsere
+That in Anspruch. Aus freiem Willen, mit bewusster Kraft handeln, das ist die einzige
+Kausalität, davon wir wissen, und hieraus schließen wir auf das göttliche Wesen. Mit
+welchem Rechte? In seiner persönlichen Erfahrung des Gottesbildes in seiner Seele
+glaubt Gazali die Berechtigung zu solchem Schlusse zu finden. Aber die Gottähnlichkeit
+seiner Seele will er nicht auf die Natur übertragen.
+</p>
+<p>Gott ist ihm demnach, sofern er aus der Welt zu erkennen, das allmächtige, freiwollende
+und wirkende Wesen. Seiner Wirksamkeit darf man keine räumliche Schranke setzen, wie
+die Philosophen thun, wenn sie ihn nur auf sein erstes Geschöpf wirken lassen. Andererseits
+aber kann er sein Werk räumlich und zeitlich beschränken, <span class="pageNum" id="pb144">[<a href="#pb144">144</a>]</span>sodass diese endliche Welt auch nur eine endliche Dauer besitzt. Dass Gott die Welt
+aus dem Nichts hervorrufe durch eine absolute Schöpfungsthat, scheint den Philosophen
+absurd. Sie erkennen nur einen Wechsel der Accidenzen oder Formen an der Einen Materie,
+ein Wandern des Wirklichen von Möglichkeit zu Möglichkeit. Aber entsteht denn nie
+etwas Neues? Ist nicht jede sinnliche Wahrnehmung, so fragt Gazali, und jede geistige
+Perzeption etwas ganz Neues, das entweder ist oder nicht ist, bei dessen Entstehen
+aber nicht das Gegenteil aufhört, bei dessen Verschwinden nicht das Entgegengesetzte
+eintritt? Sind auch nicht die vielen individuellen Seelen, die es nach Ibn Sinas System
+geben soll, absolut neu entstanden?
+</p>
+<p>Mit Fragen wird man nicht fertig. Die Vorstellung schweift überall in die Weite, das
+Denken führt uns ins Unendliche. Wie Raum und Zeit, lässt sich auch die Reihe der
+Ursachen nirgendwo abschliessen. Damit es aber ein bestimmtes, abgeschlossenes Sein
+gebe, — diese Forderung stellt Gazali mit den Philosophen — brauchen wir einen ewigen
+Willen als erste von allem Anderen verschiedene Ursache.
+</p>
+<p>Dies dürfen wir jedenfalls dem Gazali zugestehen: die phantastische Formen- und Seelenlehre
+des Ibn Sina hält seiner Kritik nicht Stand.
+</p>
+<p id="ch5.1.5"><b>5.</b> Wir haben uns schon dem Gottesbegriffe genähert. Den Philosophen ist Gott das höchste
+Sein, dessen Wesen das Denken. Was er erkennt, wird, geht aus seinem Überflusse hervor,
+positiv gewollt aber hat er es nicht. Denn alles Wollen setzt einen Mangel, ein Bedürfnis,
+voraus und bedingt eine Veränderung in dem wollenden Wesen. Wollen ist Bewegung in
+der Materie, vollwirklicher Geist will nichts. Gott schaut also in wunschloser Betrachtung
+seiner Schöpfung zu. Er erkennt sich selbst oder auch sein erstes Geschöpf oder, nach
+Ibn Sina, das Allgemeine, die ewigen Gattungen und Arten aller Dinge.
+<span class="pageNum" id="pb145">[<a href="#pb145">145</a>]</span></p>
+<p>Nach Gazali aber soll Gott ewig ein Wille zukommen als eins seiner ewigen Attribute.
+Herkömmlicherweise lässt er zwar in metaphysischen und ethischen Betrachtungen das
+Erkennen dem Wollen vorangehen. Aber seiner Überzeugung nach ist im Wissen die Einheit
+des Wesens nicht mehr als im Wollen. Nicht nur die Vielheit der Gegenstände des Wissens
+und ihre verschiedene Beziehung auf das wissende Subjekt, sondern auch das Selbstbewusstsein,
+das Wissen um das Wissen, geht an sich betrachtet ins Unendliche. Es muss da ein Willensakt
+den Abschluss bewirken. In der Richtung der Aufmerksamkeit und in der Selbstbesinnung
+wirkt ein ursprüngliches Wollen. Und so kommt auch das göttliche Wissen nur zu einem
+einheitlichen Abschluss, in seiner Persönlichkeit, durch einen ursprünglichen, ewigen
+Willen. Statt der Behauptung der Philosophen, Gott wolle die Welt, weil er sie als
+das Beste denke, setzt Gazali: Gott erkennt die Welt, weil und indem er sie will.
+</p>
+<p>Sollte denn Er, der alles will und schafft, sein Werk nicht erkennen bis zum kleinsten
+Stoffteile? Wie sein ewiger Wille aller Einzeldinge Ursache, so umfasst sein ewiges
+Wissen alles Besondere zugleich, ohne dass die Einheit seines Wesens dadurch aufgehoben
+wird. Es gibt folglich eine Vorsehung.
+</p>
+<p>Auf die Einwendung, dass die göttliche Vorsehung alles besondere Geschehen notwendig
+mache, entgegnet Gazali, ähnlich wie der hl. Augustin, das Vorherwissen unterscheide
+sich nicht vom Wissen im Gedächtnis, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> Gottes Wissen sei über jeden Zeitunterschied erhaben.
+</p>
+<p>Es lässt sich fragen, ob nicht Gazali, um den ewigen, allmächtigen Schöpferwillen
+zu retten, sowohl den zeitlichen Charakter der Welt, den er beweisen möchte, als die
+Freiheit des menschlichen Handelns, von der er dabei ausgeht, und die er auch nicht
+ganz aufgeben wollte, jener absoluten Macht zum Opfer dargebracht habe. Gott <span class="pageNum" id="pb146">[<a href="#pb146">146</a>]</span>zu liebe verschwindet diese Welt der Schatten und der Abbilder, wie er sie nennt.
+</p>
+<p id="ch5.1.6"><b>6.</b> Die dritte Frage, über die Gazali sich mit den Philosophen auseinandersetzt, hat
+weniger philosophisches Interesse. Sie betrifft die Auferstehung des Fleisches. Nach
+den Philosophen ist nur die Seele unsterblich, sei es individuell oder als Teil der
+Weltseele; dagegen der Körper vergänglich. Gegen diesen Dualismus, der theoretisch
+zu einer asketischen Ethik führte, praktisch aber sehr leicht in Libertinismus sich
+umsetzte, empört sich das religiös-sittliche Gefühl Gazalis. Soll das Fleisch Pflichten
+haben, so muss es wieder in seine Rechte eingesetzt werden. Die Möglichkeit der Auferstehung
+ist ja nicht zu leugnen, denn die Wiedervereinigung der Seele mit ihrem (neuen) Körper
+ist nicht wunderbarer als die erste Verbindung derselben mit dem irdischen Leibe,
+die auch von Philosophen angenommen wird. Kann doch jede Seele zur Zeit der Auferstehung
+einen neuen, ihr passenden Leib bekommen. Jedenfalls aber ist die Seele das eigentliche
+Wesen des Menschen; aus welcher Materie ihr himmlischer Körper gebildet wird, ist
+gleichgiltig.
+</p>
+<p id="ch5.1.7"><b>7.</b> Schon aus diesen letzten Sätzen erhellt, dass Gazalis Theologie von philosophischer
+Spekulation nicht unberührt geblieben ist. Wie die abendländischen Kirchenväter hat
+er, bewusst oder unbewusst, viel Philosophisches aufgenommen. Von den Muslimen des
+Westens wurde deshalb seine Theologie lange Zeit als Neuerung verketzert. Wirklich
+weist seine Lehre von Gott, von der Welt und der menschlichen Seele viele Elemente
+auf, die dem ältesten Islam fremd sind, und, teils durch christliche und jüdische,
+teils durch spätere muslimische Vermittelung, auf heidnische Weisheit zurückgehen.
+</p>
+<p>Allah, der Welten Herr, Mohammeds Gott, ist zwar für Gazali eine lebendige Persönlichkeit,
+aber doch weit weniger anthropomorph als er dem naiven Glauben und im antimutazilitischen
+Dogma erschien. Der sicherste Weg, <span class="pageNum" id="pb147">[<a href="#pb147">147</a>]</span>ihn zu erkennen, soll es sein, alle Eigenschaften der Geschöpfe ihm abzusprechen.
+Das heißt aber nicht, dass er keine Eigenschaften besitze. Im Gegenteil. Die Vielheit
+der Bestimmungen schadet nicht der Einheit des Wesens. Schon das Körperliche bietet
+dafür Analogien. Ein Ding kann zwar nicht zugleich schwarz und weiß, wohl aber kalt
+und trocken sein. Nur soll man, wenn man Gott menschliche Attribute beilegt, diese
+in anderem, höherem Sinne verstehen. Denn er ist reiner Geist. Außer Allwissenheit
+und Allmacht kommen ihm aber auch reine Güte und Allgegenwart zu. Durch diese Allgegenwart
+werden Diesseits und Jenseits einander etwas näher gerückt als in der gewöhnlichen
+Vorstellung.
+</p>
+<p>Gott ist vergeistigt. Nun werden aber auch Auferstehung und zukünftiges Leben viel
+geistiger gefasst als dieses Leben. Die philosophisch-gnostische Lehre von drei oder
+vier Welten ermöglicht solche Auffassung. Stufenmäßig erheben sich über einander die
+irdische sinnliche Menschenwelt, die Welt <span class="corr" id="xd31e2724" title="Quelle: himmlicher">himmlischer</span> Geister, zu der unsere Seele gehört, die Welt überhimmlischer Engel, endlich Gott
+selbst als die Welt reinsten Lichtes, vollkommensten Geistes. Aus der niederen Welt
+steigt die fromme erleuchtete Seele durch die Himmel hinauf bis vor Gottes Angesicht.
+Denn sie ist geistiger Natur und ihr Auferstehungskörper himmlischen Wesens.
+</p>
+<p>Entsprechend den verschiedenen Welten und den Seelenstufen unterscheiden sich auch
+die Menschen von einander. Der sinnliche Mensch muss sich begnügen mit Koran und Tradition,
+über den Buchstaben darf er nicht hinausgehen. Die Pflichtenlehre ist sein Lebensbrot,
+Philosophie wäre für ihn <span class="corr" id="xd31e2729" title="Quelle: tötliches">tödliches</span> Gift. Derjenige, der nicht schwimmen kann, darf sich nicht ins Meer wagen.
+</p>
+<p>Dennoch gibt es immer Leute, die, um schwimmen zu lernen, ins Wasser gehen. Sie wollen
+ihren Glauben zum Wissen erheben und fallen dabei leicht in Zweifel und Unglauben.
+Für sie, meint Gazali, können Dogmatik <span class="pageNum" id="pb148">[<a href="#pb148">148</a>]</span>und Polemik gegen die Philosophie ein nützliches Heilmittel sein.
+</p>
+<p>Auf der höchsten Stufe menschlicher Vollkommenheit stehen aber diejenigen, welche
+ohne schweres Nachdenken durch innere göttliche Erleuchtung die Wahrheit und Wirklichkeit
+der geistigen Welt in sich erfahren. Es sind dies die Propheten und frommen Mystiker,
+zu denen Gazali sich zählen darf. In allem sehen sie Gott, ihn, ja ihn allein, in
+der Natur wie im Leben ihrer Seele. Vorzüglich aber in der Seele, die zwar nicht gottgleich,
+aber doch gottähnlich ist. Wie alles Äußere jetzt sich ändert! Was scheinbar außer
+uns besteht, wird zu einem Zustande oder einer Eigenschaft der Seele, die im Bewusstsein
+ihrer Vereinigung mit Gott zur höchsten Seligkeit fortschreitet. Alles einigt sich
+da in Liebe. Der wahre Gottesdienst geht über Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Belohnung
+hinaus zur Liebe Gottes im Geiste. Über Dulden und Danken — die Pflicht der noch nicht
+vollendeten frommen Wanderer auf Erden — erhebt sich der vollkommene Gottesdiener,
+schon in dieser Welt Gott freudig zu lieben und zu loben.
+</p>
+<p id="ch5.1.8"><b>8.</b> Es ergeben sich uns aus dem Vorigen drei Stufen des Glaubens oder der Gewissheit.
+Erstens der Autoritätsglaube der Menge: sie glaubt, was ihr ein glaubwürdiger Mann
+erzählt, <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> dass N. N. da im Hause sei. Zweitens das abgeleitete Wissen der Gelehrten: sie haben
+den N. N. reden hören und schließen, dass er sich im Hause befinde. Drittens aber
+die unmittelbare Gewissheit der Erkennenden: diese sind ins Haus gegangen und haben
+mit eigenen Augen den N. N. gesehen.
+</p>
+<p>Auf Erfahrung legt Gazali überall Gewicht, den Dialektikern und Philosophen gegenüber.
+Mit ihren allgemeinen Begriffen werden sie zunächst der Mannigfaltigkeit dieser sinnlichen
+Welt nicht gerecht. Die sinnlichen Qualitäten der Dinge, auch die Zahl der Gestirne
+<abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> erkennen wir nur durch Erfahrung, nicht aus reinen Begriffen. <span class="pageNum" id="pb149">[<a href="#pb149">149</a>]</span>Viel weniger aber noch erschöpfen diese die Höhen und Tiefen unseres Inneren. Dem
+diskursiven Verstande der Gelehrten bleibt ewig verborgen, was der Gottesfreund intuitiv
+erkennt. Sehr wenige ersteigen diese Höhe der Erkenntnis, wo sie mit den Gottesgesandten
+und Propheten aller Zeiten zusammentreffen. Ihnen zu folgen ist daher die Pflicht
+der niedriger stehenden Geister.
+</p>
+<p>Wie erkennt man nun aber den überlegenen Geist, dessen man zum Führer bedarf? Das
+ist eine Frage, an der jedes religiös-bestimmte System, das menschlicher Vermittler
+nicht entbehren kann, rein verstandesmäßig betrachtet, scheitern muss. Auch Gazalis
+Antwort ist schwankend. Soviel ist ihm gewiss, dass Verstandesgründe allein hier nicht
+den Ausschlag geben können. Den wirklich von Gott erleuchteten Propheten und Lehrer
+erkennt man durch Versenkung in seine einzigartige Persönlichkeit, durch die Erfahrung
+innerer Verwandtschaft. Die Wahrheit der Prophetie bewährt sich in ihrem sittlichen
+Einfluss auf die Seele. Von der Wahrhaftigkeit des Gotteswortes im Koran bekommen
+wir eine moralische, keine theoretische Gewissheit. Das einzelne Wunder ist nicht
+im Stande zu überzeugen, sondern die Offenbarung als Ganzes sowie die Persönlichkeit
+des Propheten, durch den die Offenbarung vermittelt, machen auf die verwandte Seele
+einen unwiderstehlichen Eindruck. Von diesem Eindrucke ganz hingerissen, entsagt sie
+der Welt, um die Pfade Gottes zu wandern.
+</p>
+<p id="ch5.1.9"><b>9.</b> Gazali ist ohne Zweifel die merkwürdigste Gestalt des Islam. Seine Lehre ist ein
+Ausdruck seiner Persönlichkeit. Auf das Verständnis dieser Welt hat er verzichtet.
+Aber das religiöse Problem hat er viel tiefer erfasst als die Philosophen seiner Zeit.
+Diese waren, wie ihre griechischen Vorgänger, intellektualistisch, sahen folglich
+die Lehren der Religion an nur als Produkte der Vorstellung, der Phantasie oder auch
+der Willkür des Gesetzgebers. Ihnen zufolge war Religion entweder blinder <span class="pageNum" id="pb150">[<a href="#pb150">150</a>]</span>Gehorsam oder eine Art Erkenntnis, eine Wahrheit niederer Ordnung enthaltend.
+</p>
+<p>Dagegen stellt Gazali Religion als Erfahrung seines Inneren hin. Mehr als Gesetz und
+mehr als Lehre ist sie ihm, sie ist Seelenerlebnis.
+</p>
+<p>Nicht jeder erlebt das so wie Gazali. Wer ihm aber bei seinem mystischen Fluge, über
+die Bedingungen möglicher Erfahrung hinaus, nicht folgen kann, wird doch eingestehen
+müssen, dass seine Irrfahrten auf der Suche nach dem Höchsten für die Geschichte des
+menschlichen Geistes nicht weniger wichtig sind als die scheinbar sicheren Gänge der
+Philosophen seiner Zeit durch ein Land, das andere vor ihnen entdeckt haben.
+</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch5.2" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e739">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">2.</span> Die Kompendienschreiber.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch5.2.1" class="first"><b>1.</b> In einer Geschichte des gelehrten Unterrichtes bei den muslimischen Völkern müsste
+dieser Gegenstand einen größeren Raum einnehmen; wir werden ihn hier mit wenigen Worten
+abthun.
+</p>
+<p>Dass Gazali die Philosophie für alle Folgezeit vernichtet habe, ist eine oft wiederholte,
+aber ganz irrige Behauptung, die weder von geschichtlichem Wissen noch von Verständnis
+zeugt. Die Philosophie hat im Osten nach ihm ihre Lehrer und Schüler zu Hunderten
+und Tausenden gezählt. Ebensowenig wie die Pflichtenlehrer ihre spitzfindige Kasuistik,
+haben die Glaubenslehrer ihre dialektischen Argumente zur Stütze des Dogmas aufgegeben.
+Und die allgemeine Bildung hat einen Bestandteil philosophischer Gelehrsamkeit in
+sich aufgenommen.
+</p>
+<p>Freilich, eine hervorragende Stellung hat die Philosophie sich nicht zu erobern, ihr
+früheres Ansehen nicht zu erhalten gewusst. Nach einer arabischen Anekdote soll ein
+Philosoph, der in Gefangenschaft geraten war und von einem Manne, der ihn als Sklaven
+kaufen wollte, befragt wurde, wozu er tauge, die Antwort gegeben haben: Zur <span class="pageNum" id="pb151">[<a href="#pb151">151</a>]</span>Freiheit. Philosophie braucht Freiheit. Und wo gab es diese im Orient? Freiheit von
+materiellen Sorgen, Freiheit zur Bethätigung uninteressierten Denkens schwanden immer
+mehr dahin, wo keine aufgeklärten Despoten im Stande waren, sie zu gewähren und zu
+schützen. Als glaubens- und staatsgefährlich wurden die Philosophen an manchen Orten
+verfolgt. Es ist das nur ein Zeichen des allgemeinen Kulturverfalles. Wenn auch abendländische
+Reisende des zwölften Jahrhunderts die Kultur des Ostens höchlich preisen, so war
+sie doch, mit früheren Zeiten verglichen, im Niedergang begriffen. Auf keinem Gebiete
+ging man über das alte hinaus, dazu waren die Geister zu schwach. Die litterarische
+Produktion stockte und den Vielschreibern der folgenden Jahrhunderte gebührt nur das
+Verdienst der schönen Auswahl. Die Pflichten- und die Glaubenslehre mit der Mystik
+hatten ihren Abschluss gefunden. Ebenso die Philosophie. Nach Ibn Sina, ihrem Fürsten,
+mit selbständigen Ansichten hervorzutreten, fühlte keiner sich berufen. Es war die
+Zeit gekommen der Kompendien, der Kommentare, der Glossen und Superglossen. Damit
+vertrieb die gelehrte Welt sich in der Schule die Zeit, während die gläubige Menge
+sich immer mehr der Führung der Derwischorden unterstellte.
+</p>
+<p id="ch5.2.2"><b>2.</b> Die allgemeine Bildung entnahm am meisten der philosophischen Propädeutik, etwas
+Mathematik <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr>, in der Regel natürlich höchst elementar. Von Sektierern und Mystikern wurde vieles
+der pythagoreisch-platonischen Weisheit entlehnt. Besonders den Heiligen- und Wunderglauben
+zu stützen, mussten jene Lehren herhalten. Eine wüste, synkretistische Theosophie
+schmückte sich damit. Sie nahm auch den Aristoteles, natürlich den unechten, unter
+ihre Lehrer auf, machte ihn aber zum Schüler des Agathodaemon und Hermes.
+</p>
+<p>Die nüchternen Geister dagegen hielten sich an dem Aristotelismus, soweit er sich
+mit ihren eigenen Ansichten oder dem orthodoxen Glauben vertrug. Fast allgemein <span class="pageNum" id="pb152">[<a href="#pb152">152</a>]</span>folgte man dem System des Ibn Sina, nur wenige gingen auf Farabi zurück oder suchten
+beide zu vereinigen. Von den physischen und metaphysischen Lehren nahm man weniger
+Notiz; Ethik und Politik wurden schon mehr gepflegt; allgemein studiert aber nur die
+Logik. Diese ließ sich trefflich in schulmäßige Form bringen, als reine Formallogik
+war sie ein Werkzeug, dessen sich jeder bedienen konnte. Mit den Mitteln der Logik
+ließ sich ja alles beweisen. Und wenn einmal ein Beweis als fehlerhaft erkannt wurde,
+so tröstete man sich damit, dass die Behauptung doch richtig sein könnte, wenn auch
+der Beweis dafür nicht richtig geführt worden war.
+</p>
+<p>Schon in der Encyklopädie des Abu Abdallah al-Chwarizmi aus dem letzten Viertel des
+zehnten Jahrhunderts war der Logik ein größerer Raum zugemessen als der Physik und
+Metaphysik. Ebenso machten es viele spätere Encyklopädien und Sammelwerke. Auch die
+Dogmatiker fingen ihr System an mit logischen und erkenntnistheoretischen Betrachtungen,
+in denen dem “Wissen” ein traditionelles Lob gespendet wurde. Und seit dem zwölften
+Jahrhundert entstand eine ganze Menge Einzelbearbeitungen des aristotelischen Organons.
+Als vielgebraucht, kommentiert <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> seien hier nur genannt die Werke des Abhari (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 1264), der unter dem Titel Isagudschi (<span class="trans" title="eisagōgē"><span lang="grc" class="grek">εἰσαγωγή</span></span>) eine kurze Übersicht der ganzen Logik gab, und des Qazwini (<abbr title="gestorben">gest.</abbr> 1276).
+</p>
+<p>An der größten Universität der muslimischen Welt, in Kairo, werden heutzutage noch
+die Kompendien des 13. und 14. Jahrhunderts gebraucht. Dort heißt es noch, wie lange
+Zeit bei uns: Zuerst Collegium logicum! Selbstverständlich mit keinem besseren Erfolge.
+Man lässt sich, innerhalb der Schranken des Gesetzes, die von den alten Philosophen
+aufgefundenen Regeln des Denkens gefallen, lächelt aber dabei über jene Männer und
+über die mutazilitischen Dialektiker, die “an die Vernunft geglaubt”.
+<span class="pageNum" id="pb153">[<a href="#pb153">153</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div id="ch6" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e755">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h2 class="main"><span class="divNum">VI.</span> Die Philosophie im Westen.</h2>
+</div>
+<div class="divBody">
+<div id="ch6.1" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e763">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">1.</span> Die Anfänge.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch6.1.1" class="first"><b>1.</b> Zum muslimischen Occidente rechnet man das westliche Nordafrika, Spanien und Sizilien.
+Nordafrika hat zunächst untergeordnete Bedeutung. Sizilien richtet sich nach Spanien
+und wird bald von den Nordmannen Unteritaliens unterworfen. Für unseren Zweck kommt
+zunächst das muslimische Spanien oder Andalusien in Betracht.
+</p>
+<p>Das Kulturschauspiel des Orients erlebt hier eine zweite Aufführung. Wie dort Araber
+mit Persern, so vermählen sich hier Araber mit Spaniern. Und statt der Türken und
+Mongolen gibt es hier die Berbern Nordafrikas, deren rohe Kraft immer mehr zerstörend
+in das Spiel feinerer Bildung eingreift.
+</p>
+<p>Nach dem Sturze der Omajjaden in Syrien (750) hat sich einer aus ihrem Hause, Abderrachman
+ibn Moawia, nach Spanien begeben, wo er sich zum Emir von Kordova und ganz Andalusien
+emporzuarbeiten wusste. Über 250 Jahre dauerte diese Omajjadenherrschaft und erreichte,
+nach vorübergehender Kleinstaaterei, unter Abderrachman III. (912–961), dem ersten,
+der sich Chalif nennen <span class="corr" id="xd31e2820" title="Quelle: liess">ließ</span>, und dessen Sohn al-Hakam II. (961–976) ihren Glanzpunkt. Das zehnte Jahrhundert
+war für Spanien, was das neunte für den Orient: die Zeit höchster materieller und
+geistiger Kultur. Wenn möglich war sie hier frischer, naturwüchsiger als dort. Produktiver,
+wenn es wahr ist, dass alles Theoretisieren entweder einen Mangel oder eine <span class="pageNum" id="pb154">[<a href="#pb154">154</a>]</span>Stockung der Produktionskraft bedeutet. Die Wissenschaften, und besonders die Philosophie,
+fanden hier nämlich weit weniger Vertreter. Überhaupt waren die Verhältnisse geistigen
+Lebens einfacher gestaltet. Die Zahl alter Kulturschichten war geringer. Wohl hatte
+man hier außer Muslimen Juden und Christen, die sich zu Abderrachmans III. Zeit gemeinschaftlich
+am Kulturleben arabischen Stempels beteiligten. Aber Anhänger des Zoroaster, Atheisten
+<abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> gab es nicht. Auch waren die Parteiungen des östlichen Islam fast unbekannt. Nur
+eine Rechtschule, die des Malik, fand Eingang. Mutazilitische Dialektik störte nicht
+den Frieden des Glaubens. Zwar verherrlichten die andalusischen Dichter die Dreiheit:
+Wein, Weib und Gesang, aber frivole Freigeisterei einerseits, düstere Weltflucht und
+Theosophie andererseits kamen nur selten zum Ausdruck.
+</p>
+<p>Im ganzen war die geistige Kultur vom Orient abhängig. Seit dem zehnten Jahrhundert
+wurden aus Spanien viele wissenschaftliche Reisen dorthin, über Ägypten bis zum östlichen
+Persien, unternommen, um den Vorlesungen berühmter Gelehrten beizuwohnen. Und das
+Bedürfnis nach Bildung in Andalusien lockte auch manch orientalischen Gelehrten, der
+in seiner Heimat keine Beschäftigung fand, herbei. Dazu ließ al-Hakam II. überall
+im Osten Bücher abschreiben für seine Bibliothek, deren Bändezahl auf 400000 angegeben
+wird.
+</p>
+<p>Hauptsächlich interessierte der Westen sich für Mathematik und Naturwissenschaft,
+Astrologie und Medizin, ebenso wie anfangs der Osten. Poesie, Geschichte und Geographie
+wurden eifrig gepflegt. Der Geist war noch von des Gedankens Blässe nicht angekränkelt.
+Als Abdallah ibn Masarra von Kordova, unter Abderrachman III., mit Naturphilosophie
+nach Hause kam, musste er seine Schriften verbrennen sehen.
+</p>
+<p id="ch6.1.2"><b>2.</b> Im Jahre 1013 wurde Kordova, “die Zierde der Welt”, von den Berbern verwüstet und
+das Omajjadenreich <span class="pageNum" id="pb155">[<a href="#pb155">155</a>]</span>zerfiel in eine Anzahl kleiner Staaten. Ihre Nachblüte füllt das elfte Jahrhundert,
+die mediceische Zeit Spaniens, aus. An den städtischen Höfen gedeihen noch Kunst und
+Poesie, üppig wuchernd auf den Trümmern alter Herrlichkeit. Die Kunst verfeinert sich,
+die Poesie wird weise, subtil der wissenschaftliche Gedanke. Aus dem Orient zieht
+man immerfort geistige Nahrung. Naturphilosophie, die Schriften der treuen Brüder,
+die Logik aus der Schule des Abu Sulaiman al-Sidschistani halten nach einander ihren
+Einzug. Gegen Ende des Jahrhunderts spürt man auch den Einfluss der Schriften Farabis
+und wird Ibn Sinas Medizin bekannt.
+</p>
+<p>Die Anfänge philosophischen Nachdenkens finden wir zumeist bei den zahlreichen gebildeten
+Juden. Mächtig und ganz eigenartig wirkt die Naturphilosophie des Ostens auf Ibn Gebirol,
+den Avencebrol christlicher Schriftsteller. Bachja ibn Pakuda wird von den treuen
+Brüdern beeinflusst. Sogar die religiöse Poesie der Juden wird von der philosophischen
+Bewegung ergriffen. Es spricht darin die Seele, die sich zum Geiste erhebt, nicht
+die jüdische Gemeinde, die ihren Gott sucht.
+</p>
+<p>Unter den Muslimen blieb die Zahl derjenigen, die sich eingehend mit Philosophie beschäftigten,
+sehr beschränkt. Kein Meister sammelte eine zahlreiche Jüngerschaar um sich, gelehrte
+Sitzungen, in denen über philosophische Gegenstände disputiert wurde, fanden kaum
+statt. So musste sich hier der einzelne Denker wohl ganz vereinsamt fühlen. Subjektiv
+wie im Orient, bildete sich auch im Westen die Philosophie aus. Aber sie war hier
+mehr nur die Sache vereinzelter Individuen und stand dazu dem Glauben der Menge ferner.
+Im Orient gab es zahllose Vermittelungen zwischen Glauben und Wissen, zwischen den
+Philosophen und der gläubigen Gemeinde. Das Problem des denkenden Individuums gegenüber
+der staatlichen Gesellschaft und dem Glauben beschränkter fanatischer Massen wurde
+daher im Westen schärfer gefasst.
+<span class="pageNum" id="pb156">[<a href="#pb156">156</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch6.2" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e779">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">2.</span> Ibn Baddscha.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch6.2.1" class="first"><b>1.</b> Gegen Ende des elften Jahrhunderts, als Abu Bekr Mohammed ibn Jachja ibn al-Saig
+ibn Baddscha in Saragossa geboren wurde, war das schöne Andalusien nahe daran, in
+seiner Kleinstaaterei unterzugehen. Von Norden her wurde es von den weniger gebildeten,
+aber kräftigen und tapferen Christenrittern bedroht. Da griff aber rettend die berberische
+Dynastie der Almoraviden ein, die nicht nur fester im Glauben, sondern auch klüger
+in der Politik war als die üppigen Herrschergeschlechter Spaniens. Jetzt schien die
+Zeit feiner Bildung und freien Forschens für immer dahin. Nur Traditionarier der strengsten
+Observanz durften öffentlich auftreten. Und die Philosophen, wenn sie sich nicht verborgen
+hielten, wurden verfolgt oder getötet.
+</p>
+<p id="ch6.2.2"><b>2.</b> Aber barbarische Herren haben ihre Grillen, indem sie die Bildung der von ihnen Unterworfenen,
+wenigstens äußerlich, sich anzueignen lieben. Also nahm sich Abu Bekr ibn Ibrahim,
+Schwager des Almoravidenfürsten Ali, der einige Zeit Gouverneur Saragossas war, zum
+großen Ärgernis seiner Faqihs und Soldaten, den Ibn Baddscha zum Vertrauten und ersten
+Minister. Dieser Mann nun war in den mathematischen Wissenschaften, besonders in der
+Astronomie und Musik, dazu in der Medizin, theoretisch und praktisch bewandert und
+gab sich mit logischen, naturphilosophischen und metaphysischen Spekulationen ab.
+Er war nach der Ansicht der Fanatiker ein ganz verrückter Atheist und unsittlicher
+Mensch.
+</p>
+<p>Von dem äußeren Leben Ibn Baddschas wissen wir ferner nur, dass er im Jahre 1118 nach
+dem Falle Saragossas zu Sevilla war, wo er mehrere seiner Schriften verfasste, darauf
+in Granada, und dass er sich nach Fez an den Almoravidenhof begab, wo er im Jahre
+1138 starb. Der Überlieferung nach fand er, auf Veranlassung eines neidischen Arztes,
+den Gifttod. Glücklich war, nach seinem <span class="pageNum" id="pb157">[<a href="#pb157">157</a>]</span>Selbstbekenntnis, sein kurzes Leben nicht gewesen. Oft hatte er sich, als letzte Zuflucht,
+den Tod herbeigesehnt. Materielle Not, vor allem geistige Vereinsamung mögen ihn gedrückt
+haben. Dass er zu seiner Zeit, in seiner Umgebung, sich nicht heimisch fühlen konnte,
+zeigen zur Genüge die erhaltenen Schriften.
+</p>
+<p id="ch6.2.3"><b>3.</b> Er schließt sich fast ganz an Farabi, den einsamen, stillen Mann des Orients an.
+Wie dieser hat er wenig systematisiert. Die Zahl seiner selbständigen Abhandlungen
+ist nicht groß. Aus kurzen Erläuterungen zu den aristotelischen und anderen philosophischen
+Schriften besteht das meiste. Seine Bemerkungen sind abgerissen, bald fängt er hier,
+bald dort von neuem an. Mit immer neuen Ansätzen sucht er sich dem griechischen Gedanken
+zu nähern, von den verschiedensten Seiten in die alte Wissenschaft einzudringen. Die
+Philosophie wird er nicht los, und er wird nicht fertig mit ihr. Auf den ersten Blick
+macht das einen verwirrenden Eindruck. Im <span class="corr" id="xd31e2861" title="Quelle: dunkeln">dunklen</span> Drange aber ist der Philosoph sich seiner Wege bewusst. Auf der Suche nach Wahrheit
+und Recht findet er ein anderes, Einheit und Freude seines Lebens. Gazali hat es sich,
+seiner Meinung nach, gar zu leicht gemacht, als er glaubte, nur im Vollbesitz der
+durch göttliche Erleuchtung erfassten Wahrheit glücklich sein zu können. Der Wahrheit
+zu liebe, die sich in den sinnlichen Bildern religiöser Mystik mehr verhüllt als aufdeckt,
+soll der Philosoph stark genug sein, jenem Glücke zu entsagen. Nur vom reinen Denken,
+das keine Sinnenlust trübt, wird die höchste Gottheit geschaut.
+</p>
+<p id="ch6.2.4"><b>4.</b> In seinen logischen Schriften hat Ibn Baddscha sich kaum von Farabi entfernt. Auch
+seine physischen und metaphysischen Lehren stimmen im allgemeinen zu den Ansichten
+des Meisters. Nur die Art und Weise, in der er die Entwicklungsgeschichte des menschlichen
+Geistes und die Stellung des Menschen in Wissenschaft und Leben darlegt, darf einiges
+Interesse beanspruchen.
+</p>
+<p>Zwei Arten des Seienden gibt es ihm zufolge: ein bewegtes <span class="pageNum" id="pb158">[<a href="#pb158">158</a>]</span>und ein unbewegtes. Das Bewegte ist körperlich, begrenzt, aber seine ewige Bewegung
+lässt sich aus dem endlichen Körper nicht erklären. Es bedarf, im Gegenteil, zur Erklärung
+dieser unendlichen Bewegung einer unendlichen Kraft oder eines ewigen Wesens, des
+Geistes. Indem nun das Körperliche oder Natürliche von außen bewegt wird und der Geist,
+selbst unbewegt, dem Körperlichen Bewegung verleiht, steht das Seelische als das sich
+selbst Bewegende in der Mitte. Das Verhältnis nun zwischen dem Natürlichen und dem
+Seelischen macht dem Ibn Baddscha ebensowenig Mühe wie seinen Vorgängern. Das Hauptproblem
+aber ist dieses: Wie verhalten sich Seele und Geist zu einander, namentlich im Menschen?
+</p>
+<p id="ch6.2.5"><b>5.</b> Ibn Baddscha geht von der Voraussetzung aus, dass der Stoff nicht ohne irgend eine
+Form sein kann, wohl aber die Form rein für sich ohne Stoff. Sonst nämlich ließe sich
+überhaupt keine Veränderung denken, denn dieselbe ist nur möglich durch das Kommen
+und Gehen der substantiellen Formen.
+</p>
+<p>Diese Formen nun, vom Hylischen bis zum rein Geistigen, bilden eine Reihe, der die
+Entwicklung des menschlichen Geistes entspricht, sofern nämlich er das Vernunftideal
+verwirklicht.<a class="noteRef" id="xd31e2878src" href="#xd31e2878">1</a> Des Menschen Aufgabe ist es, sämtliche geistigen Formen zu erfassen, zunächst die
+intelligibelen Formen alles Körperlichen, dann die sinnlich-geistigen Vorstellungen
+der Seele, darauf den Menschengeist selbst und den thätigen Geist über ihn, endlich
+die reinen Geister der Himmelsphären. Durch successive Erhebung aus dem Individuellen,
+Sinnlichen, dessen Vorstellung den Stoff des Geistes bildet, gelangt der Mensch zum
+<span class="corr" id="xd31e2882" title="Quelle: Uebermenschlichen">Übermenschlichen</span> und Göttlichen. Dazu führt ihn nun die Philosophie oder die Erkenntnis des Allgemeinen,
+die durch Studium und Nachdenken aus der Erkenntnis des Individuellen, aber mit Hilfe
+des erleuchtenden Geistes von oben hervorgeht. <span class="pageNum" id="pb159">[<a href="#pb159">159</a>]</span>Gegenüber dieser Erkenntnis des Allgemeinen oder Unendlichen, in dem Sein und Gedachtwerden
+zusammenfallen, erweist sich alles Wahrnehmen und Vorstellen als trüglich. In der
+Vernunfterkenntnis also und nicht in mystisch-religiösen Träumereien, denen immer
+Sinnliches anhaftet, erreicht der menschliche Geist seine Vollkommenheit. Denken ist
+die höchste Seligkeit, denn alles Intelligibele ist seiner selbst Zweck. Da es aber
+das Allgemeine ist, so lässt sich ein Fortbestehen individueller Menschengeister über
+dieses Leben hinaus nicht annehmen. Es möge die Seele, die im sinnlich-geistigen Vorstellungsleben
+das Individuelle erfasst und in einzelnen Begierden und Handlungen sich kund gibt,
+nach dem Tode weiter bestehen können und Strafe oder Belohnung erhalten, der Geist
+aber oder der vernünftige Teil der Seele ist in allen eins. Ewig ist nur der Geist
+der ganzen Menschheit in seiner Vereinigung mit dem thätigen Geiste über ihm. Diese
+Lehre, unter dem Namen des Averroes in das christliche Mittelalter eingedrungen, findet
+sich also schon bei Ibn Baddscha, wenn nicht ganz scharf gefasst, doch klarer als
+bei Farabi.
+</p>
+<p id="ch6.2.6"><b>6.</b> Nicht jeder Mensch erhebt sich zu solcher Höhe der Betrachtung. Die meisten tasten
+immer im Dunkeln herum, nur Schattenrisse der Dinge sehen sie und wie Schatten werden
+sie vergehen. Einige sehen das Licht zwar und die farbige Welt der Dinge, aber ganz
+wenige erkennen das Wesen dessen, was sie gesehen. Nur die letzteren, die Seligen,
+erreichen das ewige Leben, in dem sie selbst zu Licht werden.
+</p>
+<p>Wie gerät nun aber der Einzelne zu dieser Stufe des Erkennens und seligen Seins? Durch
+vernünftiges Handeln und freie Ausbildung seiner intellektuellen Kräfte. Vernünftiges
+Handeln ist freies <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> zweckbewusstes Handeln. Wenn einer <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> einen Stein zerschlägt, weil er sich daran gestoßen, so handelt er zwecklos wie ein
+Tier oder ein Kind; thut er es aber, damit sich andere nicht <span class="pageNum" id="pb160">[<a href="#pb160">160</a>]</span>daran stoßen werden, so ist seine That menschlich, vernünftig zu nennen.
+</p>
+<p>Um menschlich leben, vernünftig handeln zu können, muss unter Umständen der Einzelne
+sich aus der Gesellschaft zurückziehen. Ibn Baddschas Ethik heißt “die Leitung des
+Einsamen”. Zur Selbsterziehung fordert sie auf. In der Regel aber kann man sich der
+Vorteile menschlichen Zusammenlebens bedienen, ohne die Nachteile mit in den Kauf
+zu nehmen. Zu kleineren oder größeren Verbänden können die Weisen sich zusammenschließen,
+ja das ist sogar ihre Pflicht, wenn sie sich treffen. Sie bilden dann einen Staat
+im Staate. Naturgemäß versuchen sie zu leben, sodass unter ihnen weder Arzt noch Richter
+nötig ist. Wie Pflanzen in freier Luft wachsen sie auf und brauchen die Kunst der
+Gärtner nicht. Von den niederen Genüssen und Gesinnungen der Menge halten sie sich
+fern. Sie sind Fremdlinge in dem weltlichen Treiben der Gesellschaft. Und da sie Freunde
+unter einander sind, wird dieses Leben ganz von der Liebe bestimmt. Und als Freunde
+Gottes, der die Wahrheit ist, finden sie ihre Ruhe in der Vereinigung mit dem übermenschlichen
+Geiste der Erkenntnis.
+</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch6.3" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e809">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">3.</span> Ibn Tofail.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch6.3.1" class="first"><b>1.</b> Die Herrschaft über den westlichen Islam verblieb den Berbern, aber an die Stelle
+der Almoraviden traten alsbald die Almohaden. Der Gründer der neuen Dynastie, Mohammed
+ibn Tumart, war seit 1121 als Mahdi aufgetreten. Unter seinen Nachfolgern Abu Jaaqub
+Jusuf (1163–1184) und Abu Jusuf Jaaqub (1184–1198) erreichte ihre Herrschaft, deren
+Sitz Marokko, den Höhepunkt.
+</p>
+<p>Eine gewaltige Neuerung in der Theologie führten die Almohaden herbei: das bis jetzt
+verketzerte System der Aschari und Gazali wurde im Westen aufgenommen. Das <span class="pageNum" id="pb161">[<a href="#pb161">161</a>]</span>bedeutete eine Vergeistigung der Glaubenslehre, die weder Altgläubige noch Freidenker
+ganz befriedigen konnte, aber doch manchen zu weiterem Philosophieren angeregt haben
+mag. Bisher hatte man sich gegen alles Räsonnieren in Glaubenssachen ablehnend verhalten,
+und auch später noch waren viele Politiker und Philosophen der Ansicht, an dem Glauben
+der Menge solle man nicht rütteln, noch ihn zum Wissen erheben, sondern die Gebiete
+der Religion und der Philosophie reinlich scheiden.
+</p>
+<p>Die Almohaden waren theologisch interessiert, doch zeigten Abu Jaaqub und dessen Nachfolger,
+soweit die politischen Verhältnisse es erlaubten, ein derartiges Verständnis für weltliches
+Wissen, dass eine kurze Blüte der Philosophie an ihrem Hofe hervorbrechen konnte.
+</p>
+<p id="ch6.3.2"><b>2.</b> Nachdem er in Granada eine Sekretärstelle bekleidet hatte, finden wir den Abu Bekr
+Mohammed ibn Abdalmalik ibn Tofail al-Qaisi als Wezir und Leibarzt des Abu Jaaqub.
+In der kleinen andalusischen Stadt Guadix war er geboren und in der Residenz Marokko
+starb er im Jahre 1185. Dazwischen liegt sein, wie es scheint, wenig wechselreiches
+Leben. Er liebte die Bücher mehr als die Menschen und in der großen Bibliothek seines
+Herrn las er sich vieles zusammen, das er für seine Kunst brauchte oder das seiner
+Wissbegierde zusagte. Er war der Dilettant unter den Philosophen des Westens, mehr
+zu beschaulichem Genießen als zu wissenschaftlicher Arbeit aufgelegt. Zum Schreiben
+kam er selten. Seiner Behauptung, das ptolemäische Weltsystem gründlich verbessern
+zu können, braucht man wohl nicht unbedingt Glauben zu schenken. Viele Araber haben
+Ähnliches behauptet, sie <span class="corr" id="xd31e2919" title="Quelle: thatens">thaten es</span> aber nicht.
+</p>
+<p>Von Ibn Tofails poetischen Versuchen haben sich ein paar Gedichte erhalten. Sein Hauptbestreben
+aber war, dem des Ibn Sina ähnlich, griechische Wissenschaft mit orientalischer Weisheit
+zu einer modernen Weltansicht zu vereinigen. Wie Ibn Baddscha war ihm das ein persönliches
+<span class="pageNum" id="pb162">[<a href="#pb162">162</a>]</span>Anliegen. Das Verhältnis des einzelnen zu der Gesellschaft und ihren Vorurteilen beschäftigte
+auch seinen Geist. Aber er ging weiter. Ibn Baddscha ließ als Regel den einzelnen
+oder einen kleinen Kreis selbständiger Denker einen Staat im Staate bilden, gleichsam
+wie ein Abbild des großen Ganzen oder als Vorbild für bessere Zeiten. Ibn Tofail dagegen
+griff auf das Original zurück.
+</p>
+<p id="ch6.3.3"><b>3.</b> In seinem Werke “Hai ibn Jaqzan” stellt er den Fall rein dar. Zwei Inseln bilden
+die Scenerie: auf die eine versetzt er die menschliche Gesellschaft mit ihrer Konvention,
+auf die andere ein Individuum, das sich natürlich entwickelt. Die Gesellschaft als
+Ganzes wird von niederen Trieben, nur äußerlich durch eine grobsinnliche Religion
+etwas gebändigt, beherrscht. Aber zwei Männer aus dieser Gesellschaft, Salaman und
+Asal (Absal, <abbr title="vergleiche">vgl.</abbr> <a href="#ch4.4.7">IV, 4 § 7</a>) genannt, erheben sich zu vernünftiger Erkenntnis und Beherrschung ihrer Begierden.
+Mit Anbequemung an die Volksreligion weiß der erstere, der praktischen Sinnes ist,
+das Volk zu regieren; der andere aber, von spekulativer Anlage und mystischer Neigung,
+wandert aus nach der gegenüberliegenden, wie er glaubt, unbewohnten Insel, dort dem
+Studium und der Askese sich zu ergeben.
+</p>
+<p>Auf jener Insel aber war unser Hai ibn Jaqzan, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> der Einsame, der Sohn des Wachenden, zu einem vollkommenen Philosophen herangebildet.
+Als Kind nach der Insel verschlagen oder durch spontane Generation daselbst entstanden,
+war er von einer Gazelle gesäugt worden, hatte sich dann nach und nach, wie ein Robinson,
+aber ganz auf eigene Mittel angewiesen, eine materielle Existenz gegründet, ferner
+durch Beobachtung und Nachdenken sich die Erkenntnis der Natur, der Himmel, Gottes
+und seines Inneren erworben, bis er nach 7 × 7 Jahren das Höchste erreichte, nämlich
+das sufische Schauen Gottes, die Ekstase. In diesem Zustande fand ihn Asal. Nachdem
+sie dazu gelangt waren, sich zu verständigen — Hai war anfangs noch ohne Sprache —
+stellte es sich heraus, dass die Philosophie <span class="pageNum" id="pb163">[<a href="#pb163">163</a>]</span>des Einen und die Religion des Anderen zwei Formen derselben Wahrheit waren, nur in
+der ersteren etwas weniger verschleiert. Als dann aber Hai erfuhr, dass auf der gegenüberliegenden
+Insel ein ganzes Volk in dunklem Irrtum verharrte, fasste er den Entschluss, dahin
+zu gehen, den Leuten die Wahrheit zu enthüllen. Da musste er aber die Erfahrung machen,
+dass die Menge einer reinen Auffassung der Wahrheit nicht fähig war, und dass Mohammed
+weise daran gethan, als er dem Volke statt des vollen Lichtes Sinnbilder gegeben hatte.
+Nach diesem Ergebnis zog er sich deshalb mit seinem Freunde Asal auf die unbewohnte
+Insel zurück, Gott im Geist und Wahrheit zu dienen bis zum Tode.
+</p>
+<p id="ch6.3.4"><b>4.</b> Ibn Tofail hat den weitaus größten Teil seines Romans dem Entwicklungsgange Hais
+gewidmet. Es wird nun aber wohl nicht seine Meinung gewesen sein, das auf sich selbst
+gestellte Individuum könne es an der Hand der Natur ohne die Hilfe der Gesellschaft
+so weit bringen, wie unser Hai. Er dachte doch wohl etwas mehr historisch als einige
+Aufklärer des vorigen Jahrhunderts. Viele kleine Züge in seinem Werke zeigen, dass
+Hai der Vertreter der außerhalb der Offenbarung stehenden Menschheit sein soll. Was
+sich in ihm vollzieht, ist die Entwicklung indischer, persischer, griechischer Weisheit.
+Ein paar Andeutungen in dieser Richtung, die hier nicht weiter verfolgt werden kann,
+mögen diese Ansicht wahrscheinlich machen. So ist es zunächst bedeutsam, dass Hai
+auf der Insel Ceylon lebt, deren Klima die spontane Generation ermöglichen soll, wo
+der Sage nach Adam, der erste Mensch, erschaffen wurde und wo der indische König zum
+Weisen kam. Hais erste religiöse Bewunderung, nachdem er sich aus tierischen Anfängen
+durch Scham und Neugierde emporgearbeitet, gilt dem von ihm entdeckten Feuer, was
+an die persische Religion erinnert. Und seine weiteren Spekulationen sind der griechisch-arabischen
+Philosophie entlehnt.
+</p>
+<p>Die Verwandtschaft mit Ibn Sinas Hai-Gestalt <span class="pageNum" id="pb164">[<a href="#pb164">164</a>]</span>(<abbr title="siehe">s.</abbr> <a href="#ch4.4.7">IV, 4 § 7</a>), auf die Ibn Tofail selbst hinweist, ist klar. Nur tritt Hai hier menschlicher auf.
+Ibn Sinas Figur stellt den übermenschlichen Geist dar. Der Romanheld Ibn Tofails aber
+scheint die Personifikation zu sein des natürlichen, von oben her erleuchteten Geistes
+der Menschheit, der mit der richtig verstandenen Prophetenseele Mohammeds, deren Aussagen
+allegorisch zu deuten sind, vortrefflich übereinstimmen soll.
+</p>
+<p>Ibn Tofail ist somit zu denselben Ergebnissen gekommen wie seine orientalischen Vorgänger.
+Dem gemeinen Manne muss die Religion erhalten bleiben, weil er nicht darüber hinaus
+kann. Nur wenige erheben sich zum Verständnis der religiösen Symbole. Und ganz vereinzelt
+erreicht einer die freie Anschauung der höchsten Wirklichkeit. Mit dem größten Nachdruck
+ist letzteres hier hervorgehoben. Auch wenn man in Hai den Vertreter der Menschheit
+findet, wird man das nicht leugnen können. Als die höchste Vollkommenheit des Menschen
+wird es hingestellt, in einsamster Stille, von allem Sinnlichen abgewendet, sein Selbst
+in den Weltgeist zu versenken.
+</p>
+<p>Freilich, dazu kommt es erst im Alter, das <span class="corr" id="xd31e2958" title="Quelle: ausserdem">außerdem</span> einen menschlichen Freund findet. Und die Beschäftigung mit dem Materiellen, mit
+Künsten und Wissenschaften, bildet die natürliche Vorstufe geistiger Vollkommenheit.
+Ohne Reue und Scham darf also Ibn Tofail auf sein am Hofe verbrachtes Leben zurückschauen.
+</p>
+<p id="ch6.3.5"><b>5.</b> Die philosophischen Ansichten, die Hai sich in seinen sieben Lebensperioden entwickelte,
+sind uns schon öfter begegnet. Aber auch sein praktisches Verhalten wird von Ibn Tofail
+besonders berücksichtigt. Sufische Übungen, wie sie in orientalischen Ordensgemeinschaften
+noch befolgt werden, wie sie aber auch schon von Platon und Neuplatonikern empfohlen
+worden, haben die Stelle gottesdienstlicher Handlungen nach dem muslimischen Gesetze
+eingenommen. Und Hai bildet sich in der siebenten Periode seines Lebens eine Ethik
+aus, die pythagoreisch aussieht.
+<span class="pageNum" id="pb165">[<a href="#pb165">165</a>]</span></p>
+<p>Als den Zweck seines Handelns hat sich dem Hai ergeben, in allem das Eine zu suchen
+und sich mit dem Absoluten, Selbständigbestehenden zu vereinigen. Diesem Höchsten
+sieht er nämlich die ganze Natur zustreben. Über die Ansicht, alles auf Erden sei
+des Menschen wegen da, ist er hinaus. Tier und Pflanze leben ebenfalls für sich selbst
+und für Gott. Nicht willkürlich also darf er damit handeln. Auf das Notwendigste beschränkt
+er jetzt seine leiblichen Bedürfnisse. Reife Früchte werden von ihm bevorzugt, deren
+Samen er fromm der Erde anvertraut. Sorgfältig hütet er sich davor, dass durch seine
+Begierde irgend eine Art ganz aussterbe. Und nur in der äußersten Not greift er zu
+tierischer Nahrung, wobei er ebenso die Art möglichst zu schonen sucht. Genug zum
+Leben, zum Schlafen zu wenig, wird seine Losung.
+</p>
+<p>Das betrifft das Verhalten seines Körpers zum Irdischen. Aber mit dem Himmel verbindet
+ihn der Lebensgeist. Und wie die Himmel bestrebt er sich, seiner Umgebung zu nützen
+und selbst rein zu leben. So pflegt er die Pflanze und schützt das Tier, damit seine
+Insel zum Paradiese werde. Er hält auf die äußerste Reinlichkeit seines Körpers und
+seiner Kleidung und sucht all seine Bewegungen harmonisch, denen der Himmelskörper
+gleichmäßig, zu gestalten.
+</p>
+<p>Auf diese Weise wird er allmählich befähigt, sein Selbst über Erde und Himmel hinaus
+zum reinen Geiste zu erheben. Das ist der Zustand der Ekstase, den kein Gedanke, kein
+Wort, kein Bild je hat fassen oder ausdrücken können.
+</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch6.4" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e834">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">4.</span> Ibn Roschd.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch6.4.1" class="first"><b>1.</b> Abu-l-Walid Mohammed ibn Achmed ibn Mohammed ibn Roschd (Averroes) wurde im Jahre
+1126 zu Kordova aus einer Juristenfamilie geboren. Dort eignete er sich auch die gelehrte
+Bildung seiner Zeit an. Im Jahre 1153 <span class="pageNum" id="pb166">[<a href="#pb166">166</a>]</span>soll er von Ibn Tofail dem Fürsten Abu Jaaqub Jusuf vorgestellt sein, über welchen
+Vorfall wir einen charakteristischen Bericht besitzen. Nach den einleitenden Höflichkeitsphrasen
+nämlich fragte ihn der Fürst: Was ist die Ansicht der Philosophen über den Himmel,
+ist er ewig oder entstanden? Vorsichtig antwortete Ibn Roschd, er beschäftige sich
+nicht mit Philosophie. Darauf fing der Fürst mit Ibn Tofail über den Gegenstand an
+zu reden und zeigte zum Erstaunen des Zuhörers seine Bekanntschaft mit Aristoteles,
+Platon und den Philosophen und Theologen des Islam. Jetzt rückte auch Ibn Roschd mit
+der Sprache heraus und erwarb sich die Gunst des hohen Herrn. Sein Schicksal war bestimmt.
+Er sollte den Aristoteles interpretieren, wie keiner es vor ihm gethan, damit die
+Menschheit rein und vollständig die Wissenschaft besitze.
+</p>
+<p>Nebenbei war er Jurist und Mediziner. Wir finden ihn (1169) als Richter in Sevilla
+und kurz darauf in Kordova. Abu Jaaqub, jetzt <span class="corr" id="xd31e2982" title="Quelle: Chalife">Chalif</span>, beruft ihn im Jahre 1182 als seinen Leibarzt, nach kurzer Zeit aber ist er wieder
+Richter in seiner Vaterstadt, wie es sein Vater und Großvater gewesen. Aber die Verhältnisse
+verschlechtern sich. Die Philosophen werden verflucht und ihre Schriften ins Feuer
+geworfen. In seinem Alter wird Ibn Roschd von Abu Jusuf nach Elisana (Lucena bei Kordova)
+verbannt, doch stirbt er in der Residenz Marokko, am 10. Dez. 1198.
+</p>
+<p id="ch6.4.2"><b>2.</b> Auf Aristoteles konzentriert sich seine Wirksamkeit. Was er von dessen Schriften
+und über sie erlangen kann, wird fleißig studiert und genau verglichen. Ibn Roschd
+hat noch in Übersetzung Schriften der Griechen gekannt, die jetzt ganz oder teilweise
+verloren sind. Kritisch und systematisch geht er ans Werk. Er paraphrasiert den Aristoteles,
+er interpretiert, bald kürzer, bald ausführlicher, in mittleren und großen Kommentaren.
+So verdient er sich den Namen des Kommentators, den er <span class="pageNum" id="pb167">[<a href="#pb167">167</a>]</span>auch in Dantes Komödie besitzt. Es ist, als ob die Philosophie der Muslime in ihm
+zum Verständnis des Aristoteles kommen soll, um dann, fertig, sterben zu können. Aristoteles
+ist für ihn der vollkommenste Mensch, der größte Denker, der im Besitze einer unfehlbaren
+Wahrheit gewesen. Neue Entdeckungen der Astronomie und der Physik könnten daran nichts
+ändern. Zwar kann man den Aristoteles mißverstehen. Ibn Roschd selbst hat manches,
+was er den Schriften Farabis und Ibn Sinas entnommen, später anders und besser verstehen
+gelernt. Doch lebt er immer des Glaubens, dass der richtig verstandene Aristoteles
+mit der höchsten uns Menschen erreichbaren Wissenschaft übereinstimmen werde. Im ewigen
+Kreislaufe des Weltgeschehens hat Aristoteles eine Höhe erreicht, über die hinauszugelangen
+nicht möglich ist. Denen, die nach Aristoteles gekommen sind, hat es oft viel Mühe
+und Nachdenken gekostet, sich die Einsichten zu erschließen, die sich dem ersten Meister
+leicht eröffneten. Nach und nach aber werden alle Zweifel und Gegenreden verstummen,
+denn Aristoteles ist ein Übermensch, gleichsam von der Vorsehung dazu bestimmt, zu
+zeigen, wie weit das menschliche Geschlecht es in seiner Annäherung an den Weltgeist
+bringen kann. Als die höchste Inkarnation des Geistes der Menschheit möchte Ibn Roschd
+seinen Meister den göttlichen nennen.
+</p>
+<p>Es wird sich im folgenden zeigen, dass die maßlose Bewunderung für Aristoteles zu
+einer reinen Erfassung seiner Gedanken auch bei Ibn Roschd nicht ausreichte. Den Ibn
+Sina zu bekämpfen, lässt er keine Gelegenheit vorbeigehen. Mit Farabi und Ibn Baddscha,
+denen er vieles verdankt, setzt er sich auch gelegentlich auseinander. Er meistert
+alle seine Vorgänger, weit schlimmer als Aristoteles es seinen Lehrer Platon gethan.
+Und dennoch ist er selbst nicht hinausgekommen, bei weitem nicht, über die Auffassung
+neuplatonischer Ausleger und die <span class="corr" id="xd31e2993" title="Quelle: Mißverständnisse">Missverständnisse</span> syrischer und arabischer Übersetzer. Öfter <span class="pageNum" id="pb168">[<a href="#pb168">168</a>]</span>folgt er sogar dem oberflächlichen Themistius entgegen dem verständigen Alexander
+von Aphrodisias, oder sucht ihre Ansichten zu kombinieren.
+</p>
+<p id="ch6.4.3"><b>3.</b> Ibn Roschd ist vor allem ein Fanatiker der aristotelischen Logik. Ohne sie wird man
+nicht selig und es ist schade für Platon und Sokrates, dass sie nicht davon wussten!
+Die Glückseligkeit der Menschen bemisst sich nach der Stufe ihrer logischen Einsichten.
+Mit kritischem Blicke erkennt er Porphyrs Isagoge als entbehrlich, aber Rhetorik und
+Poetik rechnet er noch zum logischen Organon. Da gibt es denn die wunderlichsten Missverständnisse.
+Tragödie und Komödie <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> werden zu Lob- und Schmähgedichten, die poetische Wahrscheinlichkeit muss es sich
+gefallen lassen, entweder demonstrierbare Wahrheit oder trügerischen Schein zu bedeuten,
+die Erkennung auf der Bühne wird zur apodeiktischen Erkenntnis <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> Von der griechischen Welt hat er natürlich überhaupt keine Anschauung. Es ist verzeihlich,
+denn er konnte keine Ahnung davon haben. Dennoch verzeiht man nicht gerne dem, der
+andere geschulmeistert.
+</p>
+<p>Wie seine Vorgänger legt Ibn Roschd besonderen Nachdruck auf das Sprachliche, soweit
+es allen Sprachen gemeinsam. Dieses Gemeinsame, das Universelle also, hat Aristoteles,
+meint er, in seiner Hermeneutik, aber auch in der Rhetorik, immer vor Augen. So soll
+es auch der arabische Philosoph halten, nur darf er die Beispiele zur Erläuterung
+der allgemeinen Regeln der arabischen Sprache und Litteratur entnehmen. Um die allgemeinen
+Regeln aber ist es zu thun, Wissenschaft ist Erkenntnis des Allgemeinen.
+</p>
+<p>Die Logik ebnet dazu die Wege, dass unser Wissen aus sinnlicher Besonderheit zur reinen
+Vernunftwahrheit aufsteige. Die Menge wird immer im Sinnlichen leben, im Irrtum herumtappen.
+Mangelhafte Anlage und wenig Ausbildung, dazu schlechte Gewöhnung halten sie vom Fortschritt
+zurück. Doch muss es einigen möglich sein, zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen.
+Der Adler <span class="pageNum" id="pb169">[<a href="#pb169">169</a>]</span>schaut der Sonne ins Gesicht, denn, wenn keiner sie anschauen könnte, so hätte die
+Natur etwas vergebens gemacht. Was da glänzt, soll gesehen, was da ist, soll erkannt
+werden, wenn auch nur von einem einzigen Manne. Und die Wahrheit ist. Die Liebe zu
+ihr in unserer Brust wäre ganz vergebens, wenn wir uns ihr nicht nähern könnten. Ibn
+Roschd glaubt, in vielen Dingen die Wahrheit zu erkennen, ja die absolute Wahrheit
+auffinden zu können. Mit Lessing hätte er sich nicht bescheiden mögen, sie zu suchen.
+</p>
+<p>Die Wahrheit ist ihm ja in Aristoteles gegeben. Von diesem Standpunkte blickt er auf
+die muslimische Theologie herab. Zwar erkennt er in der Religion eine Wahrheit eigener
+Art (<abbr title="siehe">s.</abbr> unten <a href="#ch6.4.7">§ 7</a>), aber die Theologie ist ihm zuwider. Sie will beweisen, was, auf diese Weise, nicht
+bewiesen werden kann. Die Offenbarung im Koran, so lehrt Ibn Roschd mit anderen, später
+ähnlich Spinoza, hat nicht den Zweck, die Menschen zu belehren, sondern sie zu bessern.
+Nicht Wissen, sondern Gehorsam oder Sittlichkeit ist das Ziel des Gesetzgebers, der
+weiß, dass menschliches Glück nur in der Gesellschaft zu verwirklichen ist.
+</p>
+<p id="ch6.4.4"><b>4.</b> Was Ibn Roschd von seinen Vorgängern, namentlich von Ibn Sina, unterscheidet, ist
+vor allem die unzweideutige Art und Weise, in der er die Welt als ewigen Prozess des
+Werdens auffasst. Die Welt als ganzes ist eine ewig-notwendige Einheit, ohne irgendwelche
+Möglichkeit des Nicht- oder Andersseins. Materie und Form sind nur im Gedanken zu
+trennen. Die Formen wandern nicht wie Gespenster durch die dunkle Materie, sondern
+sind keimartig in dieser enthalten. Wie Naturkräfte wirken die materiellen Formen,
+ewig fortzeugend, nie von der Materie getrennt, aber dennoch göttlich zu nennen. Absolutes
+Entstehen und Vergehen gibt es nicht, denn alles Geschehen ist Übergang von der Potenzialität
+zur Aktualität und von der Aktualität in die Potenzialität zurück. Dabei wird gleichartiges
+immer nur von gleichartigem erzeugt.
+<span class="pageNum" id="pb170">[<a href="#pb170">170</a>]</span></p>
+<p>Es gibt aber eine Stufenordnung des Seienden. Die materielle oder substanzielle Form
+steht in der Mitte zwischen bloßem Accidens und reiner (separater) Form. Auch die
+substanziellen Formen zeigen graduelle Verschiedenheiten, Mittelzustände zwischen
+Potenzialität und Aktualität. Und endlich das ganze System der Formen, von der niedersten
+hylischen Form bis zum göttlichen Wesen, der Urform des Alls, ist ein geschlossener
+Stufenbau.
+</p>
+<p>Der ewige Prozess des Werdens innerhalb der gegebenen Ordnung setzt nun eine ewige
+Bewegung voraus, und diese ein ewig Bewegendes. Wenn die Welt entstanden wäre, so
+könnte man von ihr nur schließen auf eine andere, ebenfalls entstandene Körperwelt,
+die sie erzeugt hätte, ins Unendliche. Wenn sie ein Mögliches wäre, nur auf ein Mögliches,
+daraus sie geworden, und so in infinitum. Nur die Annahme einer einheitlich ewig-notwendig
+bewegten Welt gewährt uns nach Ibn Roschd die Möglichkeit, auf ein ewig bewegendes,
+von der Welt getrenntes Wesen zu schließen, das, indem es immerfort die Bewegung und
+schöne Ordnung des Alls bewirkt, Urheber der Welt genannt werden darf, und das in
+den Geistern, welche die Sphären bewegen — denn jede besondere Bewegung erfordert
+ihr besonderes Prinzip —, die Vermittler seiner Thätigkeit hat.
+</p>
+<p>Das Wesen des ersten Bewegenden oder Gottes, sowie der Sphärengeister, findet Ibn
+Roschd im Denken, in dem ihm die Einheit des Seins gegeben ist. Das mit seinem Gegenstande
+identische Denken ist die einzige positive Bestimmung des göttlichen Wesens, womit
+dann Sein und Einheit absolut zusammenfallen. Sein und Einheit kommen nämlich nicht
+zum Wesen hinzu, sondern sind, wie alle Universalien, nur im Denken gegeben. Das Denken
+bringt überall das Allgemeine im Besonderen hervor. Zwar ist das Universale als Natur
+in den Dingen wirksam, aber das Universale als solches ist nur im Verstande. Oder
+der Möglichkeit nach ist es in den Dingen, wirklich aber im <span class="pageNum" id="pb171">[<a href="#pb171">171</a>]</span>Verstande, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> im Verstande hat es mehr Sein, eine höhere Art zu existieren als in den Dingen.
+</p>
+<p>Fragt man nun, ob das göttliche Denken auch das Besondere, oder nur das Allgemeine
+umfasse, so antwortet Ibn Roschd: keins von beidem, denn über beides ist das göttliche
+Wesen hinaus. Sein Denken bewirkt das All, umfasst das All. Gott ist das Prinzip,
+die Urform und der Endzweck aller Dinge. Er ist die Weltordnung, die Versöhnung aller
+Gegensätze, das All selbst in seiner höchsten Existenzweise. Dass von einer göttlichen
+Vorsehung im gewöhnlichen Sinne also nicht geredet werden könne, ergibt sich daraus
+von selbst.
+</p>
+<p id="ch6.4.5"><b>5.</b> Zwei Arten des Seienden kennen wir: ein bewegtes und ein bewegendes, selbst aber
+unbewegtes, oder ein körperliches und ein geistiges. Im Geistigen aber liegt die höhere
+Einheit oder Vollendung alles Seienden in stufenmäßiger Ordnung. Es ist also keine
+abstrakte Einheit. Die Sphärengeister sind, je ferner sie dem ersten stehen, um so
+weniger einfach. Alle erkennen sich selbst, aber in ihrem Wissen ist auch die Beziehung
+auf die erste Ursache. Daraus ergibt sich eine Art Parallelismus zwischen dem Körperlichen
+und dem Geistigen. Der Zusammensetzung des Körperlichen aus Materie und Form entspricht
+etwas in den niederen Geistern. Was dem rein Geistigen beigemischt, ist zwar keine
+Materie, die etwas erleiden könnte, aber doch etwas der Materie ähnliches, das ein
+anderes in sich aufzunehmen vermag. Sonst ließe sich mit der Einheit des auffassenden
+Geistes die Vielheit der Intelligibilia nicht in Übereinstimmung bringen.
+</p>
+<p>Die Materie erleidet, der Geist aber empfängt. Hauptsächlich mit Rücksicht auf den
+menschlichen Geist hat Ibn Roschd diesen fein unterscheidenden Parallelismus eingeführt.
+</p>
+<p id="ch6.4.6"><b>6.</b> Dass die menschliche Seele sich zu ihrem Körper verhalte, wie die Form zur Materie,
+steht dem Ibn Roschd fest. Es ist ihm völlig ernst damit. Die Theorie vieler <span class="pageNum" id="pb172">[<a href="#pb172">172</a>]</span>unsterblicher Seelen weist er, Ibn Sina bekämpfend, ganz bestimmt zurück. Nur als
+Vollkommenheit ihres Leibes hat die Seele einen Bestand.
+</p>
+<p>Was die empirische Psychologie betrifft, ist er ängstlich bestrebt, sich an Aristoteles,
+gegen Galen <abbr title="unter andere">u. a.</abbr>, zu halten. Aber in der Lehre vom Nus entfernt er sich, ohne dass er sich dessen
+bewusst wäre, nicht unbeträchtlich von seinem Meister. Eigentümlich, von neuplatonischen
+Anschauungen ausgehend, ist seine Auffassung der materiellen Vernunft. Sie ist nicht
+bloß eine Anlage oder eine Fähigkeit der menschlichen Seele. Sie ist auch nicht gleichbedeutend
+mit dem sinnlich-geistigen Vorstellungsleben, sondern sie ist etwas Überseelisches,
+Überindividuelles. Die materielle Vernunft ist ewiger, unvergänglicher Geist, ebenso
+ewig und unvergänglich wie die reine Vernunft oder der thätige Geist über uns. Es
+ist die Verselbständigung der Materie im Bereiche des Körperlichen, die hier von Ibn
+Roschd, freilich mit Anschluss an Themistius <abbr title="unter andere">u. a.</abbr>, auf das Gebiet des Geistigen übertragen wird.
+</p>
+<p>Die materielle Vernunft ist also ewige Substanz. Die Anlage aber oder die Fähigkeit
+des menschlichen Individuums zu geistiger Erkenntnis nennt Ibn Roschd leidende Vernunft.
+Diese entsteht und vergeht mit den Individuen, während die materielle Vernunft ewig
+ist, wie die Gattung der Menschheit.
+</p>
+<p>Nun bleibt aber, wie nicht anders möglich, das Verhältnis zwischen dem thätigen und
+dem empfangenden Geiste (so sagen wir jetzt für materielle Vernunft) etwas dunkel.
+Der thätige Geist macht die Vorstellungen der menschlichen Seele intelligibel, der
+empfangende Geist nimmt sie in sich auf. Das Seelenleben der menschlichen Individuen
+ist also der Ort, wo das mystische Liebespaar sich trifft. Und die Örter sind sehr
+verschieden. Von der ganzen seelischen Anlage des Menschen und von der Disposition
+seiner Vorstellungen hängt es ab, in welchem Grade der thätige Geist dieselben zur
+Intelligibilität erheben <span class="pageNum" id="pb173">[<a href="#pb173">173</a>]</span>kann, inwiefern der empfangende Geist sie zu seinem Inhalte zu machen im Stande ist.
+Dadurch erklärt es sich, dass die Menschen nicht alle auf derselben Stufe geistigen
+Erkennens stehen. Aber die Summe geistiger Erkenntnis in der Welt ändert sich nicht,
+wenn auch ihre Verteilung an die einzelnen Schwankungen unterliegt. Mit Naturnotwendigkeit
+ersteht immer wieder der Philosoph, sei es Aristoteles oder Ibn Roschd, in dessen
+Kopf das Seiende zum Begriff wird. Zwar sind die Gedanken der Individuen zeitlich
+und ist der empfangende Geist, insofern der einzelne an ihm teil hat, veränderlich,
+aber als menschliche Gattungsvernunft betrachtet, ist dieser Geist ewig unveränderlich,
+wie der thätige Geist aus der letzten Sphäre über uns.
+</p>
+<p id="ch6.4.7"><b>7.</b> Im ganzen sind es drei große Ketzereien, die das System des Ibn Roschd in Widerspruch
+setzen zu der Theologie der drei Weltreligionen seiner Zeit. Erstens die Ewigkeit
+der Körperwelt und der sie bewegenden Geister, zweitens der notwendige Kausalnexus
+alles Weltgeschehens, sodass für Vorsehung, Wunder und dergleichen kein Platz bleibt,
+und drittens die Vergänglichkeit alles Individuellen, womit auch die individuelle
+Unsterblichkeit aufgehoben ist.
+</p>
+<p>Logisch betrachtet scheint die Annahme einer Anzahl selbständiger Sphärengeister unter
+Gott keinen genügenden Grund zu besitzen. Aber Ibn Roschd hilft sich hier, wie seine
+Vorgänger, über den Widerspruch hinweg mit der Behauptung, jene Sphärengeister seien
+nicht individuell, sondern nur der Art nach verschieden. Ihr Zweck war ja nur, so
+lange die Einheit des Weltsystems nicht erkannt war, die verschiedenen Bewegungen
+zu erklären. Nachdem das ptolemäische Weltsystem gefallen und diese vermittelnden
+Geister überflüssig wurden, identifizierte man den thätigen Geist mit Gott, wie es
+übrigens auch schon früher von spekulativer und religiöser Seite versucht war. Ein
+Schritt weiter war es nur, auch den ewigen Geist der Menschheit mit Gott zu identifizieren.
+Keins von beiden <span class="pageNum" id="pb174">[<a href="#pb174">174</a>]</span>hat Ibn Roschd gethan, wenigstens nicht nach dem Wortlaute seiner Schriften. Aber
+in seinem Systeme war, bei konsequenter Durchführung, die Möglichkeit dazu gegeben,
+wie zu einer pantheistischen Weltanschauung überhaupt. Andererseits konnte sich leicht
+der Materialismus, wie entschieden ihn auch unser Philosoph bekämpfte, daran lehnen.
+Denn wo die Ewigkeit, Form und Wirksamkeit alles Materiellen so stark betont wird,
+wie von ihm geschah, da mag der Geist noch König heißen, aber, wie es scheinen könnte,
+nur von des Stoffes Gnaden.
+</p>
+<p>Jedenfalls ist Ibn Roschd ein kühner und folgerichtiger, wenn auch kein origineller
+Denker zu nennen. Die theoretische Philosophie genügte ihm, doch schuldete er es seiner
+Zeit und seiner Stellung, sich mit der Religion und der Praxis abzufinden. Wir können
+uns darüber kurz fassen.
+</p>
+<p id="ch6.4.8"><b>8.</b> Ibn Roschd findet oft Gelegenheit, gegen die ungebildeten Herrscher und die bildungsfeindlichen
+Theologen seiner Zeit sich zu äußern. Doch bleibt ihm das Leben im Staate immer der
+Einsamkeit vorzuziehen. Auch seinen Gegnern dankt er — das ist ein erfreulicher Charakterzug
+— für manche Belehrung. Die Einsamkeit, meint er, bringe keine Künste und Wissenschaften
+hervor, höchstens könne man in ihr das Erworbene genießen und es vielleicht um ein
+weniges vermehren. Zum Wohle des Ganzen aber soll jeder beitragen, auch die Frauen
+sollen wie die Männer der Gesellschaft und dem Staate dienen. Hier schließt Ibn Roschd
+sich dem Platon an (die Politik des Aristoteles hat er nicht gekannt) und bemerkt
+ganz vernünftig, viel Armut und Elend seiner Zeit rühre daher, dass man sich die Weiber
+nur zu einem außerdem sehr fraglichen Vergnügen wie Haustiere oder Pflanzen halte,
+statt sie an der materiellen und geistigen Güterproduktion und der Hütung dieser Güter
+teilnehmen zu lassen.
+</p>
+<p>In der Ethik tadelt unser Philosoph sehr scharf die Doktrin der Rechtslehrer, dass
+etwas nur gut oder böse <span class="pageNum" id="pb175">[<a href="#pb175">175</a>]</span>sei, weil Gott es so gewollt. Alles hat vielmehr von Natur oder vernunftgemäss seinen
+sittlichen Charakter. Die von vernünftiger Einsicht bestimmte Handlung ist sittlich.
+Freilich ist es nicht die Einzelvernunft, sondern die Staatsraison, an die in letzter
+Instanz zu appellieren ist.
+</p>
+<p>Von staatsmännischem Gesichtspunkte aus betrachtet Ibn Roschd auch die Religion. Er
+würdigt sie ihres moralischen Zweckes wegen. Sie ist Gesetz, keine Lehre. Deshalb
+bekämpft er fortwährend die Theologen, die statt gläubig zu gehorchen begreifen wollen.
+Er macht es Gazali zum Vorwurf, dass dieser der Philosophie Einfluss auf seine Religionslehre
+auszuüben gestattet und dadurch viele zum Zweifel und Unglauben veranlasst hat. Das
+Volk soll glauben, so wie es im Buche steht. Das ist Wahrheit, freilich eine Wahrheit
+für große Kinder, denen man Märchen erzählt. Was darüber hinaus, ist vom Übel. Für
+die Existenz Gottes <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> hat der Koran zwei jedem einleuchtende Beweise: die göttliche Fürsorge für alles,
+besonders für den Menschen, und die Erschaffung des Lebens in Pflanzen, Tieren <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> Daran ist nicht zu rütteln, am Wortlaute der Offenbarung nicht theologisch herumzudeuteln.
+Denn die Beweise, welche die Theologen für das Dasein Gottes beibringen, halten einer
+wissenschaftlichen Kritik nicht Stand, ebensowenig wie der aus dem Begriffe des Möglichen
+und Notwendigen bei Farabi und Ibn Sina. Das alles führt zu Atheismus und Libertinismus.
+Im Interesse der Sittlichkeit, des Staates also, ist die halbe Theologie zu bekämpfen.
+</p>
+<p>Dagegen dürfen die wissenden Philosophen das Wort Gottes im Koran deuten. Im Lichte
+höchster Wahrheit verstehen sie, was damit bezweckt ist. Und dem gemeinen Manne sagen
+sie davon nur so viel, wie er eben aufzufassen im Stande ist. Auf diese Weise kommt
+die schönste Harmonie heraus. Religionsgesetz und Philosophie stimmen mit einander
+überein, eben weil sie nicht dasselbe wollen. Wie Praxis und Theorie verhalten sie
+sich. Indem der <span class="pageNum" id="pb176">[<a href="#pb176">176</a>]</span>Philosoph die Religion begreift, lässt er sie in ihrem Bereiche gelten, sodass die
+Philosophie gar nicht wider die Religion verstößt. Die Philosophie aber ist die höchste
+Form der Wahrheit, zugleich auch die erhabenste Religion. Die Religion des Philosophen
+nämlich ist die Erkenntnis alles dessen, was ist.
+</p>
+<p>Aber irreligiös erscheint diese Ansicht doch, und eine positive Religion kann es sich
+nicht gefallen lassen, im Reiche der Wahrheit die führende Stellung der Philosophie
+anzuerkennen. Nur natürlich war es, dass die Theologen des Westens, ähnlich ihren
+orientalischen Brüdern, die Gunst der Verhältnisse ausnutzten und nicht ruhten, bis
+sie die Herrin zur Magd der Theologie erniedrigt hatten.
+<span class="pageNum" id="pb177">[<a href="#pb177">177</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<div class="footnote-body">
+<div id="xd31e2878">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e2878src">1</a></span> <abbr title="Vergleiche">Vgl.</abbr> hierzu Munk, Mélanges, p. 389–409. <a class="fnarrow" href="#xd31e2878src" title="Zurück zur Note 1 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div id="ch7" class="div1 chapter"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e869">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h2 class="main"><span class="divNum">VII.</span> Zum Schluss.</h2>
+</div>
+<div class="divBody">
+<div id="ch7.1" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e877">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">1.</span> Ibn Chaldun.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch7.1.1" class="first"><b>1.</b> Die Philosophie des Ibn Roschd und seine Erklärung des Aristoteles hat auf die muslimische
+Welt äußerst wenig gewirkt. Viele seiner Schriften sind im Original verloren gegangen,
+wir haben sie in hebräischen und lateinischen Übersetzungen. Schüler und Nachfolger
+hat er nicht gefunden. In abgelegenen Winkeln fand sich wohl mancher Freigeist oder
+Mystiker, in dessen Kopf es wunderlich genug aussah, um sich ernstlich mit philosophischen
+Fragen theoretischer Art abzumühen, aber auf die allgemeine Bildung und die Gestaltung
+der Verhältnisse zu wirken, wurde der Philosophie nicht verstattet. Vor den siegreichen
+Waffen der Christen zog die materielle und damit auch die geistige Kultur der Muslime
+sich immer weiter zurück. Spanien ward Afrika, wo der Berber herrschte. Die Zeit war
+ernst, es handelte sich um die Existenz des Islam in diesen Ländern. Zum Kampfe gegen
+den Feind, aber auch gegen einander, rüsteten sich die Männer, und zu mystischen Übungen
+schlossen sich überall die frommen Brüder zusammen. In den sufischen Orden dieser
+Leute retteten sich wenigstens noch einige philosophische Formeln. Als gegen die Mitte
+des dreizehnten Jahrhunderts Kaiser Friedrich II. den muslimischen Gelehrten von Ceuta
+eine Anzahl philosophischer Fragen vorlegte, beauftragte der Almohade Abdalwahid den
+Ibn Sabin, Stifter eines mystischen Ordens, damit, sie zu beantworten. Er that es.
+In schulmeisterlichem Tone leiert er die Ansichten alter und neuer Philosophen ab.
+Das <span class="pageNum" id="pb178">[<a href="#pb178">178</a>]</span>sufische Geheimnis, Gott sei die Realität aller Dinge, lässt er durchblicken. Das
+einzige aber, was wir aus seinen Antworten lernen können, ist, dass Ibn Sabin Bücher
+gelesen, von denen, wie er glaubt, Kaiser Friedrich keine blasse Ahnung hatte.
+</p>
+<p id="ch7.1.2"><b>2.</b> In kleinen Staatengebilden, auf- und abwogend, trieb die muslimische Kultur des Westens
+dahin. Bevor sie jedoch ganz verschwand, fand sich der Mann, der das Gesetz ihrer
+Bildung aufzufinden versuchte, und damit eine neue philosophische Disziplin, die Philosophie
+der Gesellschaft oder der Geschichte, zu begründen glaubte. Dieser merkwürdige Mensch
+ist Ibn Chaldun, im Jahre 1332 aus sevillanischer Familie zu Tunis geboren. Dort erhielt
+er auch seine Erziehung und wurde dann, teilweise von einem im Orient ausgebildeten
+Lehrer, philosophisch geschult. Nach dem Studium aller bekannten Wissenschaften war
+er bald im Staatsdienste, bald auf Reisen, aber überall ein guter Beobachter. Verschiedenen
+Fürsten diente er als Sekretär, auch war er Gesandter an mehreren Höfen in Spanien
+und Afrika. So war er am christlichen Hofe Peters des Grausamen in Sevilla. Auch ist
+er bei Tamerlan in Damaskus gewesen. Eine reiche Welterfahrung hatte er sich also
+zu eigen gemacht, als er im Jahre 1406 zu Kairo starb.
+</p>
+<p>Als Charakter ist er vielleicht nicht hoch zu stellen. Man wird aber dem Manne, der
+mehr als andere seiner Zeit für die Wissenschaft gelebt, etwas Eitelkeit, Dilettantismus
+und dergleichen gerne verzeihen.
+</p>
+<p id="ch7.1.3"><b>3.</b> Die Schulphilosophie, wie Ibn Chaldun sie kennen lernte, befriedigte ihn nicht. In
+ihren fertigen Rahmen passte sein Weltbild nicht hinein. Wenn er etwas mehr zum Theoretisieren
+aufgelegt gewesen wäre, hätte er wohl einen Nominalismus ausgebildet. Die Philosophen
+behaupten, alles zu wissen. Ihm aber erscheint das Universum zu groß, als dass es
+von unserem Verstande begriffen werden könne. Es gibt der Wesen und der Dinge <span class="pageNum" id="pb179">[<a href="#pb179">179</a>]</span>mehr, unendlich viel mehr, als der Mensch wissen kann. “Gott schafft, was ihr nicht
+wisset”. Die logischen Deduktionen wollen oft nicht stimmen zu der empirischen Natur
+der Einzeldinge, die nur durch Beobachtung erkannt wird. Es ist Einbildung, durch
+bloße Anwendung logischer Regeln zur Wahrheit gelangen zu können. Nachdenken über
+das erfahrungsmäßig Gegebene ist demnach die Aufgabe des wissenschaftlichen Mannes.
+Und nicht darf er sich mit seiner Einzelerfahrung begnügen, sondern mit kritischer
+Sorgfalt hat er die Summe der gesamten überlieferten Erfahrung der Menschheit zu ziehen.
+</p>
+<p>Von Natur ist die Seele ohne Wissen. Aber von Natur hat sie auch das Vermögen, nachzudenken,
+die gegebene Erfahrung zu bearbeiten. Beim Nachdenken springt, wie durch Inspiration,
+oft der richtige Mittelbegriff hervor, mittelst dessen die gewonnene Einsicht dann
+nach den Regeln formaler Logik zurechtgelegt werden mag. Die Logik bringt keine Erkenntnis
+hervor, sondern beschreibt nur den Weg unseres Nachdenkens, zeigt, wie wir zum Wissen
+kommen, und hat insofern auch einen Wert, dass sie uns vor Irrtümern hüten und den
+Geist schärfen und zu Genauigkeit im Denken anhalten kann. Sie ist folglich eine Hilfswissenschaft,
+die von einigen Befähigten, dazu Berufenen, auch ihrer selbst wegen gepflegt werden
+soll, jedoch nicht die grundlegende Bedeutung besitzt, die ihr von den Philosophen
+beigelegt wird. Den Weg des Nachdenkens, den sie beschreibt, geht das wissenschaftliche
+Talent in irgend einer Einzelwissenschaft auch zur Not ohne sie.
+</p>
+<p>Ibn Chaldun ist ein nüchterner Denker. Alchemie und Astrologie bekämpft er mit vernünftigen
+Gründen. Dem mystischen Rationalismus der Philosophen hält er öfter die einfachen
+Lehren seiner Religion entgegen, sei es mit persönlicher Überzeugung oder nur aus
+politischer Rücksicht. Aber auf seine wissenschaftlichen Ansichten übt die Religion
+keinen größeren Einfluss als der neuplatonische <span class="pageNum" id="pb180">[<a href="#pb180">180</a>]</span>Aristotelismus. Platons Staat, die pythagoreisch-platonische Philosophie, aber ohne
+ihre wundersüchtigen Auswüchse, und die Geschichtswerke seiner orientalischen Vorgänger,
+namentlich des Masudi, haben auf die Ausbildung seiner Gedanken am meisten gewirkt.
+</p>
+<p id="ch7.1.4"><b>4.</b> Mit dem Anspruch, eine neue philosophische Disziplin zu begründen, von der Aristoteles
+keine Ahnung hatte, tritt Ibn Chaldun auf. Philosophie ist die Wissenschaft dessen,
+was ist, aus seinen Ursachen oder Gründen entwickelt. Aber dem entspricht nicht, was
+die Philosophen über die hohe Geisterwelt und Gottes Wesen vorbringen: Unbeweisbares
+reden sie darüber. Viel besser kennen wir unsere Menschenwelt, und davon lässt sich
+durch Beobachtung und innere Seelenerfahrung etwas Sicheres aussagen. Hier lassen
+sich die Thatsachen nachweisen und ihre Ursachen herausfinden. Insofern nun letzteres
+auch in der Geschichte gelingt, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> sofern die geschichtlichen Ereignisse auf ihre Ursachen zurückgeführt und historische
+Gesetze aufgefunden werden können, ist die Geschichte wirklich Wissenschaft und ein
+Teil der Philosophie zu nennen. So tritt der Begriff der Geschichte als Wissenschaft
+rein heraus. Mit Neugierde, Eitelkeit, gemeinem Nutzen, erbaulicher Wirkung <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> hat sie nichts zu schaffen. Sie soll, wenn auch im Dienste höherer Lebenszwecke,
+nichts anderes als Thatsachen feststellen und deren kausale Verknüpfung auszumitteln
+suchen. Kritisch, ohne Vorurteil. Als oberstes methodologisches Prinzip gilt dabei,
+dass die Ursache der Wirkung entspricht, <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> dass gleiche Erscheinungen auch dieselben Bedingungen voraussetzen oder dass unter
+denselben Kulturverhältnissen auch die nämlichen Vorgänge sich ereignen werden. Da
+nun mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass die Natur der Menschen und der Gesellschaft
+im Laufe der Zeit sich nicht oder nicht bedeutend ändert, so ist ferner ein lebensvolles
+Verständnis der Gegenwart das beste Mittel zur Erforschung der Vergangenheit, indem
+das <span class="pageNum" id="pb181">[<a href="#pb181">181</a>]</span>nächste, vollständig Bekannte uns Rückschlüsse gestattet auf die weniger gut bekannten
+Ereignisse früherer Zeit, ja sogar einen Ausblick auf die Zukunft verheißt. In jedem
+Falle ist also die Überlieferung an der Gegenwart zu prüfen, und wenn sie uns Dinge
+erzählt, die jetzt unmöglich sind, so ist schon deshalb ihre Wahrheit zu bezweifeln.
+Vergangenheit und Gegenwart sind einander wie zwei Tropfen Wasser gleich.
+</p>
+<p>Das könnte, absolut gefasst, auch Ibn Roschd gesagt haben. Nach Ibn Chaldun gilt das
+aber nur ganz allgemein als heuristisches Prinzip. Im einzelnen erleidet es manche
+Einschränkung, ist jedenfalls aus den Thatsachen selbst zu begründen.
+</p>
+<p id="ch7.1.5"><b>5.</b> Was ist nun der Gegenstand der Geschichte als philosophischer Disziplin? Es ist,
+antwortet Ibn Chaldun, das soziale Leben, die gesamte materielle und geistige Kultur
+der Gesellschaft. Die Geschichte hat zu zeigen, wie die Menschen arbeiten und sich
+ernähren, warum sie sich streiten und unter einzelnen Führern zu größeren Verbänden
+zusammenschließen, wie sie endlich im sesshaften Leben Muße finden zur Pflege höherer
+Künste und Wissenschaften, wie also aus rohen Anfängen nach und nach eine feinere
+Kultur aufblüht, und wie diese dann wieder hinstirbt.
+</p>
+<p>Die sich ablösenden Gesellschaftsformen sind, nach Ibn Chaldun, Nomadentum, Dynastie
+und Stadtstaat. Die erste Frage ist die Nahrungsfrage. Nach dem Stande ihrer Wirtschaft
+(Nomaden, sesshafte Viehzüchter, Ackerbauer) unterscheiden sich die Menschen und die
+Völker. Bedürfnis führt zu Raub und Krieg und zur Unterwerfung unter den führenden
+Herrscher. So entwickelt sich eine Dynastie und diese gründet sich eine Stadt, wo
+die Arbeitsteilung oder die gegenseitige Hilfeleistung Wohlstand hervorbringt. Aber
+dieser Wohlstand führt zu unnatürlichem Müßiggange und Üppigkeit. Arbeit hat an erster
+Stelle den Wohlstand erzeugt, aber jetzt, auf der höchsten Kulturstufe, <span class="pageNum" id="pb182">[<a href="#pb182">182</a>]</span>lässt man andere für sich arbeiten. Oft ohne Gegenleistung, denn Ansehen, oder auch
+Servilität nach oben, Erpressung nach unten, verschaffen Wohlstand. Man wird aber
+dabei von anderen abhängig. Die Bedürfnisse werden immer größer, die Steuern immer
+drückender. Die reichen Verschwender und Steuerzahler werden arm und ihr unnatürliches
+Leben macht sie krank und elend.<a class="noteRef" id="xd31e3140src" href="#xd31e3140">1</a> Die alten Kriegersitten haben sich verfeinert, sodass man sich nicht mehr verteidigen
+kann. Das Band des Gemeinsinnes oder der Religion, womit früher die Not und der Wille
+des Herrschers die einzelnen zusammenknüpfte, erschlafft, denn die Städter sind nicht
+fromm. So ist alles in innerer Auflösung begriffen. Und da erscheint ein neuer, kräftiger
+Nomadenstamm aus der Wüste, oder ein weniger überbildetes Volk mit einem festeren
+Gemeinsinne und fällt über die verweichlichte Stadt her. Dann bildet sich ein neuer
+Staat, der sich die materiellen und geistigen Güter der alten Kultur aneignet, und
+dieselbe Geschichte wiederholt sich. Es ergeht den Staaten und den größeren Verbänden
+wie einzelnen Familien: in drei bis sechs Generationen vollendet sich ihre Geschichte.
+Die erste Generation gründet, die zweite erhält, vielleicht auch die dritte <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr>, die letzte zerstört. Das ist der Kreislauf aller Civilisation.
+</p>
+<p id="ch7.1.6"><b>6.</b> Nach August Müller stimmt die Theorie Ibn Chalduns zu der Geschichte Spaniens, Westafrikas
+und Siziliens vom 11. bis 15. Jahrhundert, deren Beobachtung sie auch entnommen ist.
+Freilich ist sein eigenes Geschichtswerk eine Kompilation. Im einzelnen fehlt er oft,
+wenn er mit seiner Theorie die Überlieferung meistert. Aber in seiner philosophischen
+Einleitung findet sich eine Fülle feiner psychologischer und politischer Bemerkungen
+und als ganzes ist sie eine großartige Leistung. Das <span class="pageNum" id="pb183">[<a href="#pb183">183</a>]</span>Altertum hat sich mit dem Problem der Geschichte nicht eingehend befasst. Große Kunstwerke
+der Geschichtschreibung hat es uns hinterlassen, aber keine philosophische Begründung
+der Geschichte als Wissenschaft. Dass die Menschheit es, obgleich von Ewigkeit her
+bestehend, nicht längst zu viel höherer Kultur gebracht hatte, wurde aus elementaren
+Ereignissen, Erdbeben, Wasserfluten <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> erklärt. Dagegen fasste die christliche Philosophie die Geschichte mit ihren Wandlungen
+als die Verwirklichung oder Vorbereitung des Gottesstaates auf Erden. Ibn Chaldun
+hat nun zuerst ganz bewusst und in ausführlich begründeter Darstellung den Versuch
+gemacht, die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft aus den nächsten Ursachen abzuleiten.
+Die Verhältnisse der Rasse, des Klimas, der Güterproduktion <abbr title="und so weiter">u. s. w.</abbr> werden erörtert und in ihrer Wirkung auf die sinnlich-geistige Konstitution des Menschen
+und der Gesellschaft dargestellt. Im Kreislaufe der Civilisationen findet er eine
+innere Gesetzmäßigkeit. Überall forscht er den natürlichen Ursachen nach, bis zur
+möglichsten Vollständigkeit. Dass die Kette von Ursachen und Folgen in einer letzten
+Ursache zum Abschlusse komme, behauptet er auch zu glauben. Die Reihe kann nicht ins
+Unendliche gehen, und darum schließen wir auf einen Gott. Dieser Schluss aber, so
+heißt es bei ihm, bedeutet eigentlich dies, dass wir nicht im Stande sind, die Ursachen
+aller Dinge und die Art ihres Wirkens zu erkennen, es ist im Grunde ein Geständnis
+unserer Unwissenheit. Das bewusste Nichtwissen ist auch eine Art Wissen. Aber soweit
+es möglich ist, soll man das Wissen verfolgen. Indem Ibn Chaldun seine neue Wissenschaft
+anbahnt, will er nur die Hauptprobleme angedeutet, nur im allgemeinen Methode und
+Gegenstand dieser Wissenschaft angegeben haben. Aber er hofft, dass andere nach ihm
+kommen werden, mit gesundem Verstande und sicherem Wissen seine Untersuchungen weiterzuführen
+und neue Probleme aufzustellen.
+<span class="pageNum" id="pb184">[<a href="#pb184">184</a>]</span></p>
+<p>Die Hoffnung Ibn Chalduns ist in Erfüllung gegangen, aber nicht im Islam. Wie er ohne
+Vorgänger war, blieb er ohne Nachfolger. Doch hat sein Werk im Orient nachhaltig gewirkt.
+Viele muslimische Staatsmänner, die seit dem 15. Jahrhundert so manchen europäischen
+Fürsten und Diplomaten zur Verzweiflung gebracht haben, sind bei unserem Philosophen
+in die Schule gegangen.
+</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch7.2" class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#xd31e906">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main"><span class="divNum">2.</span> Die Araber und die Scholastik.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p id="ch7.2.1" class="first"><b>1.</b> Dem Sieger gehört die Braut. In den Kriegen zwischen Christen und Muslimen, die in
+Spanien geführt wurden, hatten erstere oft die Anziehungskraft maurischer Schönen
+kennen gelernt. Manch christlicher Ritter hatte mit einer Mohrin den “neuntägigen
+Gottesdienst” gefeiert. Aber außer den materiellen Gütern und den sinnlichen Genüssen
+wirkten auch die Reize geistiger Kultur auf die Eroberer. Und so erschien die arabische
+Wissenschaft dem Auge vieler wissensbedürftiger Männer wie eine holde Braut.
+</p>
+<p>Vermittelnd traten da besonders Juden auf. Die Juden hatten alle Wandlungen der muslimischen
+Geisteskultur mitgemacht. Viele haben in der arabischen Sprache geschrieben, andere
+arabische Schriften ins Hebräische übertragen. Manch philosophisches Werk muslimischer
+Autoren verdankt diesem Umstande seine Erhaltung.
+</p>
+<p>Der Schlusspunkt jüdisch-philosophischer Entwicklung war Maimonides (1135–1204), der,
+hauptsächlich unter dem Einflusse Farabis und Ibn Sinas, Aristoteles mit dem Alten
+Testamente zu versöhnen suchte. Teils deutete er die philosophischen Lehren aus dem
+offenbarten Texte heraus, teils ließ er die aristotelische Philosophie auf das Irdische
+sich beschränken, während dasjenige, was drüber ist, aus dem göttlichen Buche erkannt
+werden sollte.
+</p>
+<p>In den muslimischen Staaten zur Zeit ihrer Blüte hatten die Juden sich an der wissenschaftlichen
+Arbeit beteiligt. <span class="pageNum" id="pb185">[<a href="#pb185">185</a>]</span>Sie waren geduldet, auch wohl begünstigt worden. Aber mit dem Zusammenbruch jener
+Staaten, beim Niedergange der Kultur, änderte sich ihre Lage. Von fanatisierten Massen
+vertrieben, flüchteten sie sich in die Christenländer, besonders nach Südfrankreich,
+dort als Kulturvermittler ihre Mission zu erfüllen.
+</p>
+<p id="ch7.2.2"><b>2.</b> An zwei Punkten berührte sich die muslimische mit der christlichen Welt des Abendlandes:
+in Unteritalien und in Spanien. Zu Palermo, am Hofe Kaiser Friedrichs II. wurde die
+arabische Wissenschaft eifrig gepflegt und den Lateinern zugänglich gemacht. Der Kaiser
+und sein Sohn Manfred schickten den Universitäten zu Bologna und Paris Übersetzungen
+philosophischer Schriften, zum Teil aus dem Arabischen, zum Teil aber auch direkt
+aus dem Griechischen.
+</p>
+<p>Viel bedeutender aber und einflussreicher war die Übersetzerthätigkeit in Spanien.
+In dem von den Christen zurückeroberten Toledo befand sich eine reiche arabische Moschee-Bibliothek,
+die als Bildungsstätte weit in die nördlichen Christenländer hinein bekannt wurde.
+Mosaraber und Juden, zum Teil getaufte, arbeiteten dort mit spanischen Christen zusammen.
+Aus allen Ländern fanden sich Mitarbeiter. So wirkten <abbr title="zum Beispiel">z. B.</abbr> als Übersetzer Johannes Hispanus und Gundisalinus (erste Hälfte des 12. Jahrhunderts)<span class="corr" id="xd31e3181" title="Nicht in der Quelle">,</span> Gerard von Cremona (1114–1187), Michel der Schotte und Hermann der Deutsche (zwischen
+1240 und 1246). Über die Thätigkeit dieser Männer sind wir im einzelnen noch nicht
+genügend unterrichtet. Insofern jedem Worte des arabischen Originales oder der hebräischen
+(auch spanischen?) Übersetzung irgend ein lateinisches entspricht, sind ihre Übersetzungen
+treu zu nennen. Durch geistvolles Verständnis zeichnen sie sich im allgemeinen nicht
+aus. Demjenigen, der des Arabischen nicht kundig ist, fällt es schwer, sich da hinein
+zu lesen. Gespensterhaft nehmen sich viele beibehaltene arabische Worte und bis zur
+Unkenntlichkeit verunstaltete Eigennamen aus. Es mag das alles eine schöne Verwirrung
+in den Köpfen lateinischer Philosophieschüler <span class="pageNum" id="pb186">[<a href="#pb186">186</a>]</span>angestiftet haben. Und nicht weniger thaten es die sich neu aufschließenden Gedanken.
+</p>
+<p>Die Übersetzerthätigkeit hält im allgemeinen gleichen Schritt mit dem Interesse christlicher
+Kreise, und dieses hat sich ähnlich entwickelt, wie wir es im östlichen und westlichen
+Islam zu beobachten Gelegenheit hatten (<abbr title="vergleiche">vgl.</abbr> <a href="#ch6.1.2">VI, 1 § 2</a>). Die ersten Übersetzungen sind mathematisch-astrologisch, medizinisch, naturphilosophisch,
+psychologisch, daran sich das logische und metaphysische schließt. Später beschränkt
+man sich mehr auf Aristoteles und seine Kommentare, anfangs aber wird allerhand Wundersüchtiges
+bevorzugt.
+</p>
+<p>Kindi wurde hauptsächlich als Arzt und Astrolog bekannt. Ibn Sina wirkte durch seine
+Medizin, empirische Psychologie und dazu seine Naturphilosophie und Metaphysik. Weniger
+Einfluss übten neben ihm Farabi und Ibn Baddscha aus. Zuletzt kamen die Kommentare
+des Ibn Roschd (Averroes) und ihr Ansehen hat, neben Ibn Sinas Kanon der Medizin,
+am längsten Stand gehalten.
+</p>
+<p id="ch7.2.3"><b>3.</b> Was hat nun die christliche Philosophie des Mittelalters den Muslimen zu verdanken?
+Diese Frage zu beantworten, gehört eigentlich nicht mehr zur Aufgabe dieser Monographie.
+Es ist eine Arbeit für sich, dafür es viele Folianten, von denen ich keinen gelesen,
+zu durchstöbern gibt. Im allgemeinen lässt sich sagen, dass sich in den Übersetzungen
+aus dem Arabischen dem christlichen Abendlande ein zweifaches <span class="corr" id="xd31e3197" title="Quelle: Neue">Neues</span> aufthat. Erstens bekam man den Aristoteles, sowohl logisch als physisch-metaphysisch,
+vollständiger als man ihn bisher kannte. Doch war dies nur von vorübergehender, zeitweilig
+anregender, Bedeutung, denn bald wurden alle seine Schriften direkt aus dem Griechischen
+viel besser ins Lateinische übersetzt. Das wichtigste aber war, dass man aus den Schriften
+der Araber, namentlich des Ibn Roschd, eine eigentümliche Auffassung der aristotelischen
+Lehren als der höchsten Wahrheit kennen lernte. Dies musste fortwährend zum Widerspruch,
+zum <span class="pageNum" id="pb187">[<a href="#pb187">187</a>]</span>Kompromiss zwischen Theologie und Philosophie, oder gar zur Leugnung des Kirchenglaubens
+Veranlassung geben. Zum Teil anregend, zum Teil zersetzend wirkte so die muslimische
+Philosophie auf die scholastische Entwicklung des kirchlichen Dogmas ein. Denn gleichgültig
+neben einander hergehen, wie das bei muslimischen Denkern wohl vorgekommen, konnten
+im Christentume Philosophie und Theologie noch nicht. Dazu hatte die christliche Dogmatik
+schon in den ersten Jahrhunderten ihrer Ausbildung zu viel griechische Philosophie
+in sich aufgenommen. Sie konnte noch etwas mehr sich assimilieren. Und es war verhältnismäßig
+leichter, über die einfachen Lehren des Islam als über die verwickelten Dogmen des
+Christentums hinauszukommen.
+</p>
+<p>Die christliche Theologie zeigte, als im 12. Jahrhundert der Einfluss der Araber zu
+wirken anfing, einen neuplatonisch-augustinischen Charakter. Bei den Franziskanern
+blieb auch im 13. Jahrhundert dieser Charakter gewahrt. Damit kam nun die pythagoreisch-platonische
+Richtung im muslimischen Denken gut überein. Für Duns Scotus war Ibn Gebirol (Avencebrol,
+<abbr title="siehe">s.</abbr> <a href="#ch6.1.2">VI, 1 § 2</a>) eine erste Autorität. Dagegen nahmen die großen Dominikaner, Albert und Thomas,
+die die Zukunft der kirchlichen Lehre bestimmten, einen gemäßigten Aristotelismus
+auf, mit dem sich vieles aus Farabi, besonders aber aus Ibn Sina und Maimonides, ganz
+gut vertrug.
+</p>
+<p>Erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts geht eine tiefere Wirkung von Ibn Roschd aus,
+und zwar in Paris, dem Mittelpunkte der damaligen christlich-wissenschaftlichen Bildung.
+Im Jahre 1256 schreibt Albert der Große noch gegen Averroes, 15 Jahre später aber
+Thomas von Aquino gegen die Averroisten. Ihr Haupt ist Siger von Brabant (seit 1266
+bekannt), Mitglied der Artistenfakultät von Paris. Vor der strengen Konsequenz des
+averroistischen Systems schreckt er nicht zurück. Und wie Ibn Roschd den Ibn Sina
+meistert, so kritisiert, wenn auch äußerst <span class="pageNum" id="pb188">[<a href="#pb188">188</a>]</span>respektierlich, Siger den großen Albert und den heiligen Thomas. Zwar versichert er,
+sich der Offenbarung zu unterwerfen, aber die Vernunft bestätigt ihm doch, was Aristoteles,
+in zweifelhaften Fällen nach der Erklärung des Ibn Roschd, in seinen Schriften gelehrt
+hat. Sein feiner Intellektualismus gefällt aber den Theologen nicht. Wie es scheint
+auf Anstiften der Franziskaner, die in ihm vielleicht auch den Aristotelismus der
+Dominikaner treffen wollten, wird er von der Inquisition verfolgt, bis er zu Orvieto
+(um 1281–1284) im Gefängnis stirbt. Dante, der möglicherweise von seinen Ketzereien
+nichts wusste, hat unseren Siger als Repräsentanten weltlicher Wissenschaft ins Paradies
+versetzt.
+</p>
+<p>Dagegen sind ihm die beiden Vertreter der muslimischen Philosophie neben den großen
+und weisen Männern Griechenlands und Roms in der Hölle Vorhalle begegnet. Ibn Sina
+und Ibn Roschd schließen dort die Reihe der großen Heiden, zu denen, wie Dante, die
+Nachwelt noch oft mit Bewunderung emporgeblickt hat.
+<span class="pageNum" id="pb189">[<a href="#pb189">189</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<div class="footnote-body">
+<div id="xd31e3140">
+<p class="footnote"><span class="fnlabel"><a class="noteRef" href="#xd31e3140src">1</a></span> Ibn Chaldun spricht nur von armen Reichen und schweigt von Proletariern und großstädtischem
+Elend, wie wir es kennen. Er hat auch meistens nur in kleineren Städten gelebt und
+Kairo aus der Ferne bewundert. <a class="fnarrow" href="#xd31e3140src" title="Zurück zur Note 1 im Text.">↑</a></p>
+</div>
+</div>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div class="back">
+<div class="div1 index"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h2 class="main">Personenregister.</h2>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p class="first">Abdallâh ibn Maimûn <a href="#pb77" class="pageref">77</a>.
+</p>
+<p>— — Masarra <a href="#pb154" class="pageref">154</a>.
+</p>
+<p>abu Abdallâh al-Chwârizmî <a href="#pb152" class="pageref">152</a>.
+</p>
+<p>Abdalmasîch ibn Abdallâh Nâ’ima al-Himsî <a href="#pb23" class="pageref">23</a>.
+</p>
+<p>Abdalwâhid <a href="#pb177" class="pageref">177</a>.
+</p>
+<p>Abderrachmân ibn Moawia <a href="#pb153" class="pageref">153</a>.
+</p>
+<p>— III. <a href="#pb153" class="pageref">153</a> f.
+</p>
+<p>Abharî <a href="#pb152" class="pageref">152</a>.
+</p>
+<p>Abraham <a href="#pb79" class="pageref">79</a>.
+</p>
+<p>Achmed ibn Moh. al-Tajjib al-Sarachsî <a href="#pb97" class="pageref">97</a>.
+</p>
+<p>Adudaddaula <a href="#pb116" class="pageref">116</a>.
+</p>
+<p>Agathodaemon <a href="#pb20" class="pageref">20</a>, <a href="#pb151" class="pageref">151</a>.
+</p>
+<p>Alâ addaula <a href="#pb119" class="pageref">119</a>.
+</p>
+<p>abu-l-ʻAlâ al-Ma’arrî <a href="#pb64" class="pageref">64</a>.
+</p>
+<p>Albertus Magnus <a href="#pb187" class="pageref">187</a> f.
+</p>
+<p>Alexander Aphrodis. <a href="#pb23" class="pageref">23</a>, <a href="#pb96" class="pageref">96</a>, <a href="#pb168" class="pageref">168</a>.
+</p>
+<p>— Magnus <a href="#pb14" class="pageref">14</a>, <a href="#pb26" class="pageref">26</a>.
+</p>
+<p>ʻAlî <a href="#pb9" class="pageref">9</a> f., <a href="#pb27" class="pageref">27</a>, <a href="#pb35" class="pageref">35</a>, <a href="#pb69" class="pageref">69</a>, <a href="#pb79" class="pageref">79</a>.
+</p>
+<p>—, Almoravide <a href="#pb156" class="pageref">156</a>.
+</p>
+<p>abu ʻAlî s. ibn Sînâ.
+</p>
+<p>— — ʻIsâ ibn Ishâq ibn Zur’a <a href="#pb24" class="pageref">24</a>.
+</p>
+<p>Anaxagoras <a href="#pb27" class="pageref">27</a>, <a href="#pb51" class="pageref">51</a>, <a href="#pb58" class="pageref">58</a>, <a href="#pb74" class="pageref">74</a>.
+</p>
+<p>Apollonius von Tyane <a href="#pb72" class="pageref">72</a>.
+</p>
+<p>Aristoteles <a href="#pb19" class="pageref">19</a>, <a href="#pb21" class="pageref">21</a>–23, <a href="#pb26" class="pageref">26</a>–32, <a href="#pb56" class="pageref">56</a>, <a href="#pb69" class="pageref">69</a>, <a href="#pb74" class="pageref">74</a>, <a href="#pb83" class="pageref">83</a>, <a href="#pb91" class="pageref">91</a>, <a href="#pb96" class="pageref">96</a>, <a href="#pb98" class="pageref">98</a>, <a href="#pb100" class="pageref">100</a> f., <a href="#pb107" class="pageref">107</a>, <a href="#pb110" class="pageref">110</a> f., <a href="#pb115" class="pageref">115</a> f., <a href="#pb118" class="pageref">118</a>, <a href="#pb120" class="pageref">120</a>–122, <a href="#pb134" class="pageref">134</a>, <a href="#pb142" class="pageref">142</a>, <a href="#pb151" class="pageref">151</a>, <a href="#pb166" class="pageref">166</a>–169, <a href="#pb172" class="pageref">172</a>–174, <a href="#pb177" class="pageref">177</a>, <a href="#pb180" class="pageref">180</a>, <a href="#pb184" class="pageref">184</a>, <a href="#pb186" class="pageref">186</a>, <a href="#pb188" class="pageref">188</a>.
+</p>
+<p>Aryabhata <a href="#pb130" class="pageref">130</a>.
+</p>
+<p>Ascharî <a href="#pb55" class="pageref">55</a> f., <a href="#pb160" class="pageref">160</a>.
+</p>
+<p>abu-l-Atâhia <a href="#pb63" class="pageref">63</a>.
+</p>
+<p>al-ʻAufî <a href="#pb79" class="pageref">79</a>.
+</p>
+<p>Augustinus, S. <a href="#pb140" class="pageref">140</a>, <a href="#pb145" class="pageref">145</a>.
+</p>
+<p>Avempace s. ibn Bâddscha.
+</p>
+<p>Avencebrol s. ibn Gebirol.
+</p>
+<p>Averroes s. ibn Roschd.
+</p>
+<p>Avicenna s. ibn Sînâ.
+</p>
+<p>Bachja ibn Pakuda <a href="#pb155" class="pageref">155</a>.
+</p>
+<p>ibn Bâddscha <a href="#pb156" class="pageref">156</a> ff., <a href="#pb161" class="pageref">161</a>, <a href="#pb167" class="pageref">167</a>, <a href="#pb186" class="pageref">186</a>.
+</p>
+<p>Behmenjârʻ s. abu-l-Hasan.
+</p>
+<p>abu Bekr <a href="#pb9" class="pageref">9</a>.
+</p>
+<p>— — ibn Ibrâhîm <a href="#pb156" class="pageref">156</a>.
+</p>
+<p>Bêrûnî <a href="#pb120" class="pageref">120</a>, <a href="#pb130" class="pageref">130</a> f.
+</p>
+<p>abu Bischr Mattâ ibn Jûnus al-Qannâ’î <a href="#pb24" class="pageref">24</a>, <a href="#pb99" class="pageref">99</a> f.
+</p>
+<p>Brahmagupta <a href="#pb16" class="pageref">16</a>.
+</p>
+<p>Cardan <a href="#pb93" class="pageref">93</a>.
+</p>
+<p>abu-l-Chair al-Hasan ibn al-Chammâr <a href="#pb24" class="pageref">24</a>.
+</p>
+<p>ibn Chaldûn <a href="#pb177" class="pageref">177</a> ff.
+</p>
+<p>Châlid ibn Jezîd <a href="#pb23" class="pageref">23</a>.
+</p>
+<p>Chalîl <a href="#pb36" class="pageref">36</a> f.
+</p>
+<p>Chosrau Anoscharwân <a href="#pb20" class="pageref">20</a>, <a href="#pb22" class="pageref">22</a>.
+</p>
+<p>Dante <a href="#pb106" class="pageref">106</a>, <a href="#pb132" class="pageref">132</a>, <a href="#pb167" class="pageref">167</a>, <a href="#pb188" class="pageref">188</a>.
+</p>
+<p>David <a href="#pb27" class="pageref">27</a>.
+</p>
+<p>Demokrit <a href="#pb74" class="pageref">74</a>.
+</p>
+<p>Dionysios Areopag. <a href="#pb22" class="pageref">22</a>, <a href="#pb61" class="pageref">61</a>.
+</p>
+<p>Dschâhiz <a href="#pb36" class="pageref">36</a>, <a href="#pb51" class="pageref">51</a>, <a href="#pb53" class="pageref">53</a> f.
+</p>
+<p>ibn Dschibrîl <a href="#pb25" class="pageref">25</a>.
+</p>
+<p>Dschuzdschânî <a href="#pb131" class="pageref">131</a>.
+</p>
+<p><span class="corr" id="xd31e3627" title="Quelle: Dunss 187 Scotu">Duns Scotus <a href="#pb187" class="pageref">187</a></span>.
+</p>
+<p>Empedokles <a href="#pb27" class="pageref">27</a>, <a href="#pb51" class="pageref">51</a>, <a href="#pb74" class="pageref">74</a>, <a href="#pb115" class="pageref">115</a>.
+<span class="pageNum" id="pb190">[<a href="#pb190">190</a>]</span>
+</p>
+<p>Euklid <a href="#pb23" class="pageref">23</a>, <a href="#pb69" class="pageref">69</a>.
+</p>
+<p>Fârâbî <a href="#pb98" class="pageref">98</a> ff., <a href="#pb120" class="pageref">120</a>–122, <a href="#pb125" class="pageref">125</a>, <a href="#pb127" class="pageref">127</a>, <a href="#pb130" class="pageref">130</a>, <a href="#pb133" class="pageref">133</a>, <a href="#pb140" class="pageref">140</a> f., <a href="#pb152" class="pageref">152</a>, <a href="#pb155" class="pageref">155</a>, <a href="#pb157" class="pageref">157</a>, <a href="#pb159" class="pageref">159</a>, <a href="#pb167" class="pageref">167</a>, <a href="#pb175" class="pageref">175</a>, <a href="#pb184" class="pageref">184</a>, <a href="#pb186" class="pageref">186</a> f.
+</p>
+<p>Fazârî <a href="#pb16" class="pageref">16</a>.
+</p>
+<p>Firdausî <a href="#pb120" class="pageref">120</a>, <a href="#pb139" class="pageref">139</a>.
+</p>
+<p>Friedrich II. <a href="#pb177" class="pageref">177</a> f., <a href="#pb185" class="pageref">185</a>.
+</p>
+<p>Galen <a href="#pb19" class="pageref">19</a>, <a href="#pb23" class="pageref">23</a>, <a href="#pb26" class="pageref">26</a>, <a href="#pb69" class="pageref">69</a>, <a href="#pb72" class="pageref">72</a>, <a href="#pb74" class="pageref">74</a>, <a href="#pb116" class="pageref">116</a>, <a href="#pb132" class="pageref">132</a>, <a href="#pb172" class="pageref">172</a>.
+</p>
+<p>Gazâlî <a href="#pb41" class="pageref">41</a>, <a href="#pb89" class="pageref">89</a>, <a href="#pb138" class="pageref">138</a> ff., <a href="#pb157" class="pageref">157</a>, <a href="#pb160" class="pageref">160</a>, <a href="#pb175" class="pageref">175</a>.
+</p>
+<p>ibn Gebirol <a href="#pb155" class="pageref">155</a>, <a href="#pb187" class="pageref">187</a>.
+</p>
+<p>Gerard von Cremona <a href="#pb185" class="pageref">185</a>.
+</p>
+<p>Gundisalinus <a href="#pb185" class="pageref">185</a>.
+</p>
+<p>ibn al-Haitham <a href="#pb133" class="pageref">133</a> ff.
+</p>
+<p>al-Hakam II. <a href="#pb153" class="pageref">153</a> f.
+</p>
+<p>al-Hâkim <a href="#pb133" class="pageref">133</a>.
+</p>
+<p>abu Hâmid s. Gazâlî.
+</p>
+<p>abu Hanîfa <a href="#pb38" class="pageref">38</a> f.
+</p>
+<p>al-Haramain, Imâm <a href="#pb139" class="pageref">139</a>.
+</p>
+<p>Harîrî <a href="#pb65" class="pageref">65</a>.
+</p>
+<p>Hârûn <a href="#pb11" class="pageref">11</a> f., <a href="#pb16" class="pageref">16</a>, <a href="#pb63" class="pageref">63</a>.
+</p>
+<p>abu-l-Hasan ʻAlî ibn Hârûn al-Zandschânî <a href="#pb79" class="pageref">79</a>.
+</p>
+<p>— Behmenjâr ibn Marzubân <a href="#pb131" class="pageref">131</a> f.
+</p>
+<p>abu Hâschim <a href="#pb54" class="pageref">54</a>.
+</p>
+<p>Hermann der Deutsche <a href="#pb185" class="pageref">185</a>.
+</p>
+<p>Hermes Trismegistos <a href="#pb20" class="pageref">20</a>, <a href="#pb27" class="pageref">27</a>, <a href="#pb151" class="pageref">151</a>.
+</p>
+<p>Hieronymus, S. <a href="#pb140" class="pageref">140</a>.
+</p>
+<p>Hippokrat <a href="#pb19" class="pageref">19</a>, <a href="#pb23" class="pageref">23</a>, <a href="#pb69" class="pageref">69</a>, <a href="#pb132" class="pageref">132</a>.
+</p>
+<p>Hobaisch ibn al-Hasan <a href="#pb24" class="pageref">24</a>.
+</p>
+<p>Homeros <a href="#pb26" class="pageref">26</a>.
+</p>
+<p>Honain ibn Ishâq s. abu Zaid.
+</p>
+<p>abu-l-Hudhail al-ʻAllâf <a href="#pb49" class="pageref">49</a>–53.
+</p>
+<p>Ishâq ibn Honain <a href="#pb24" class="pageref">24</a>.
+</p>
+<p>Jachjâ ibn Bitrîq <a href="#pb23" class="pageref">23</a>.
+</p>
+<p>Jakob von Edessa <a href="#pb21" class="pageref">21</a>.
+</p>
+<p>abu Ja’qûb Jûsuf <a href="#pb160" class="pageref">160</a> f., <a href="#pb166" class="pageref">166</a>.
+</p>
+<p>Jaunân <a href="#pb91" class="pageref">91</a>.
+</p>
+<p>Jesus <a href="#pb79" class="pageref">79</a>, <a href="#pb88" class="pageref">88</a>.
+</p>
+<p>Jezdegerd II. <a href="#pb15" class="pageref">15</a>.
+</p>
+<p>Johannâ ibn Hailân <a href="#pb99" class="pageref">99</a>.
+</p>
+<p>Johannes <a href="#pb21" class="pageref">21</a>.
+</p>
+<p>— Hispanus <a href="#pb185" class="pageref">185</a>.
+</p>
+<p>— Philoponus <a href="#pb23" class="pageref">23</a>, <a href="#pb142" class="pageref">142</a>.
+</p>
+<p>abu Jûsuf Ja’qûb <a href="#pb160" class="pageref">160</a> f., <a href="#pb166" class="pageref">166</a>.
+</p>
+<p>Kachtân <a href="#pb91" class="pageref">91</a>.
+</p>
+<p>Kindî <a href="#pb90" class="pageref">90</a> ff., <a href="#pb98" class="pageref">98</a>, <a href="#pb114" class="pageref">114</a>, <a href="#pb116" class="pageref">116</a>, <a href="#pb130" class="pageref">130</a>, <a href="#pb186" class="pageref">186</a>.
+</p>
+<p>Kleopatra <a href="#pb26" class="pageref">26</a>.
+</p>
+<p>Lessing <a href="#pb169" class="pageref">169</a>.
+</p>
+<p>Loqmân <a href="#pb14" class="pageref">14</a>, <a href="#pb27" class="pageref">27</a>.
+</p>
+<p>Machmûd von Ghazna <a href="#pb13" class="pageref">13</a>.
+</p>
+<p>Maimonides <a href="#pb137" class="pageref">137</a>, <a href="#pb184" class="pageref">184</a>, <a href="#pb187" class="pageref">187</a>.
+</p>
+<p>Mâlik <a href="#pb39" class="pageref">39</a>, <a href="#pb154" class="pageref">154</a>.
+</p>
+<p>Mamûn <a href="#pb11" class="pageref">11</a> f., <a href="#pb23" class="pageref">23</a>, <a href="#pb44" class="pageref">44</a>, <a href="#pb63" class="pageref">63</a>.
+</p>
+<p>Manfred <a href="#pb185" class="pageref">185</a>.
+</p>
+<p>Mâni <a href="#pb74" class="pageref">74</a>.
+</p>
+<p>Mansûr <a href="#pb11" class="pageref">11</a> f., <a href="#pb16" class="pageref">16</a>, <a href="#pb23" class="pageref">23</a>, <a href="#pb25" class="pageref">25</a>, <a href="#pb63" class="pageref">63</a>.
+</p>
+<p>— ibn Ishâq <a href="#pb73" class="pageref">73</a>.
+</p>
+<p>abu Maschar <a href="#pb97" class="pageref">97</a>.
+</p>
+<p>ibn Maskawaih <a href="#pb116" class="pageref">116</a> ff., <a href="#pb130" class="pageref">130</a>.
+</p>
+<p>Mas’ûdî <a href="#pb35" class="pageref">35</a>, <a href="#pb66" class="pageref">66</a> f., <a href="#pb69" class="pageref">69</a>, <a href="#pb91" class="pageref">91</a>, <a href="#pb130" class="pageref">130</a>, <a href="#pb133" class="pageref">133</a>, <a href="#pb180" class="pageref">180</a>.
+</p>
+<p>Michel der Schotte <a href="#pb185" class="pageref">185</a>.
+</p>
+<p>Moawia <a href="#pb10" class="pageref">10</a>.
+</p>
+<p>Mohammed <a href="#pb9" class="pageref">9</a> f., <a href="#pb27" class="pageref">27</a>, <a href="#pb31" class="pageref">31</a>, <a href="#pb38" class="pageref">38</a>, <a href="#pb42" class="pageref">42</a>, <a href="#pb52" class="pageref">52</a>, <a href="#pb79" class="pageref">79</a>, <a href="#pb87" class="pageref">87</a>, <a href="#pb112" class="pageref">112</a>, <a href="#pb129" class="pageref">129</a>, <a href="#pb146" class="pageref">146</a>, <a href="#pb164" class="pageref">164</a>.
+</p>
+<p>— ibn Achmed al-Nahradschûrî <a href="#pb79" class="pageref">79</a>.
+</p>
+<p>— ibn Tûmart <a href="#pb160" class="pageref">160</a>.
+</p>
+<p>ibn al-Moqaffa <a href="#pb16" class="pageref">16</a>, <a href="#pb23" class="pageref">23</a>, <a href="#pb36" class="pageref">36</a>.
+</p>
+<p>Mu’ammar <a href="#pb54" class="pageref">54</a>.
+</p>
+<p>Muqaddasî <a href="#pb67" class="pageref">67</a>.
+</p>
+<p>Mustandschid <a href="#pb132" class="pageref">132</a>.
+</p>
+<p>Mu’tadid <a href="#pb97" class="pageref">97</a>.
+</p>
+<p>Mutanabbî <a href="#pb64" class="pageref">64</a>.
+</p>
+<p>Mutawakkil <a href="#pb44" class="pageref">44</a>, <a href="#pb91" class="pageref">91</a>.
+</p>
+<p>abu Nasr s. Fârâbî.
+</p>
+<p>Nazzâm <a href="#pb51" class="pageref">51</a>–53.
+</p>
+<p>Nizâm al-mulk <a href="#pb139" class="pageref">139</a>.
+</p>
+<p>Noah <a href="#pb79" class="pageref">79</a>.
+</p>
+<p>Nûch ibn Mansûr <a href="#pb119" class="pageref">119</a>.
+<span class="pageNum" id="pb191">[<a href="#pb191">191</a>]</span>
+</p>
+<p>Omar <a href="#pb9" class="pageref">9</a>.
+</p>
+<p>Othmân <a href="#pb9" class="pageref">9</a>.
+</p>
+<p>Paulus <a href="#pb21" class="pageref">21</a>.
+</p>
+<p>— Persa <a href="#pb22" class="pageref">22</a>.
+</p>
+<p>Peter der Grausame <a href="#pb178" class="pageref">178</a>.
+</p>
+<p>Petrus <a href="#pb21" class="pageref">21</a>.
+</p>
+<p>Platon <a href="#pb21" class="pageref">21</a>–23, <a href="#pb27" class="pageref">27</a>–29, <span class="corr" id="xd31e4298" title="Quelle: 31f."><a href="#pb31" class="pageref">31</a> f.</span>, <a href="#pb69" class="pageref">69</a>, <a href="#pb74" class="pageref">74</a>, <a href="#pb79" class="pageref">79</a>, <a href="#pb96" class="pageref">96</a>, <a href="#pb100" class="pageref">100</a>, <a href="#pb110" class="pageref">110</a>, <a href="#pb112" class="pageref">112</a>, <span class="corr" id="xd31e4325" title="Quelle: 115f."><a href="#pb115" class="pageref">115</a> f.</span>, <a href="#pb164" class="pageref">164</a>, <a href="#pb166" class="pageref">166</a>–168, <a href="#pb174" class="pageref">174</a>, <a href="#pb180" class="pageref">180</a>.
+</p>
+<p>Plotin <a href="#pb23" class="pageref">23</a>, <a href="#pb30" class="pageref">30</a>.
+</p>
+<p>Plutarch <a href="#pb22" class="pageref">22</a>, <a href="#pb24" class="pageref">24</a>, <a href="#pb26" class="pageref">26</a>.
+</p>
+<p>Porphyr <a href="#pb21" class="pageref">21</a>, <a href="#pb26" class="pageref">26</a>, <a href="#pb83" class="pageref">83</a>, <a href="#pb103" class="pageref">103</a>, <a href="#pb168" class="pageref">168</a>.
+</p>
+<p>Probus <span class="corr" id="xd31e4381" title="Quelle: 20f."><a href="#pb20" class="pageref">20</a> f.</span>
+</p>
+<p>Proklos <a href="#pb31" class="pageref">31</a>, <a href="#pb142" class="pageref">142</a>.
+</p>
+<p>Ptolemäus <a href="#pb16" class="pageref">16</a>, <a href="#pb23" class="pageref">23</a>, <a href="#pb69" class="pageref">69</a>.
+</p>
+<p>Pythagoras <a href="#pb22" class="pageref">22</a>, <a href="#pb27" class="pageref">27</a>, <span class="corr" id="xd31e4414" title="Quelle: 69f."><a href="#pb69" class="pageref">69</a> f.</span>, <a href="#pb74" class="pageref">74</a>, <a href="#pb98" class="pageref">98</a>.
+</p>
+<p>Qazwînî <a href="#pb152" class="pageref">152</a>.
+</p>
+<p>Qostâ ibn Lûqâ al-Ba’labakkî <a href="#pb23" class="pageref">23</a>, <a href="#pb25" class="pageref">25</a>.
+</p>
+<p>Râzî <span class="corr" id="xd31e4440" title="Quelle: 73ff."><a href="#pb73" class="pageref">73</a> ff.</span>, <a href="#pb90" class="pageref">90</a>, <span class="corr" id="xd31e4448" title="Quelle: 97f."><a href="#pb97" class="pageref">97</a> f.</span>
+</p>
+<p>ibn Roschd <a href="#pb159" class="pageref">159</a>, <span class="corr" id="xd31e4458" title="Quelle: 165ff."><a href="#pb165" class="pageref">165</a> ff.</span>, <a href="#pb181" class="pageref">181</a>, <a href="#pb186" class="pageref">186</a>–188.
+</p>
+<p>ibn Sab’în <a href="#pb177" class="pageref">177</a>.
+</p>
+<p>Saif addaula <a href="#pb99" class="pageref">99</a>.
+</p>
+<p>Salomon <a href="#pb27" class="pageref">27</a>.
+</p>
+<p>Sarachsî s. Achmed.
+</p>
+<p>Scaliger <a href="#pb132" class="pageref">132</a>.
+</p>
+<p>Schâfi’î <a href="#pb39" class="pageref">39</a>.
+</p>
+<p>Schems addaula <a href="#pb119" class="pageref">119</a>.
+</p>
+<p>Sergius von Ras’ain <a href="#pb21" class="pageref">21</a>.
+</p>
+<p>Sîbawaih <a href="#pb35" class="pageref">35</a>, <a href="#pb37" class="pageref">37</a>.
+</p>
+<p>Siger von Brabant <a href="#pb187" class="pageref">187</a> f.
+</p>
+<p>ibn Sînâ <a href="#pb35" class="pageref">35</a>, <a href="#pb89" class="pageref">89</a>, <a href="#pb116" class="pageref">116</a>, <a href="#pb119" class="pageref">119</a> ff., <a href="#pb140" class="pageref">140</a> f., <a href="#pb144" class="pageref">144</a>, <a href="#pb151" class="pageref">151</a> f., <a href="#pb155" class="pageref">155</a>, <a href="#pb161" class="pageref">161</a>, <a href="#pb163" class="pageref">163</a> f., <a href="#pb167" class="pageref">167</a>, <a href="#pb169" class="pageref">169</a>, <a href="#pb172" class="pageref">172</a>, <a href="#pb175" class="pageref">175</a>, <a href="#pb184" class="pageref">184</a>, <a href="#pb186" class="pageref">186</a>–188.
+</p>
+<p>Sokrates <a href="#pb21" class="pageref">21</a> f., <a href="#pb27" class="pageref">27</a> f., <a href="#pb79" class="pageref">79</a>, <a href="#pb88" class="pageref">88</a>, <a href="#pb96" class="pageref">96</a>, <a href="#pb115" class="pageref">115</a>, <a href="#pb130" class="pageref">130</a>, <a href="#pb168" class="pageref">168</a>.
+</p>
+<p>Spinoza <a href="#pb169" class="pageref">169</a>.
+</p>
+<p>Stephen bar Sudaili <a href="#pb61" class="pageref">61</a>.
+</p>
+<p>abu Sulaimân Moh. ibn Muschîr al-Bustî <a href="#pb79" class="pageref">79</a>.
+</p>
+<p>— Moh. ibn Tâhîr ibn Bahrâm al-Sidschistânî <a href="#pb114" class="pageref">114</a> ff., <a href="#pb155" class="pageref">155</a>.
+</p>
+<p>Tamerlan <a href="#pb178" class="pageref">178</a>.
+</p>
+<p>Tauhîdî <a href="#pb115" class="pageref">115</a>.
+</p>
+<p>Thâbit ibn Qorra <a href="#pb37" class="pageref">37</a>.
+</p>
+<p>Themistius <a href="#pb120" class="pageref">120</a>, <a href="#pb168" class="pageref">168</a>, <a href="#pb172" class="pageref">172</a>.
+</p>
+<p>Thomas von Aquino, S. <a href="#pb187" class="pageref">187</a> f.
+</p>
+<p>Thukydides <a href="#pb26" class="pageref">26</a>.
+</p>
+<p>ibn Tofail <span class="corr" id="xd31e4660" title="Quelle: 160ff."><a href="#pb160" class="pageref">160</a> ff.</span>, <a href="#pb166" class="pageref">166</a>.
+</p>
+<p>Uranius <a href="#pb20" class="pageref">20</a>.
+</p>
+<p>abu-l-Wafâ Mubasschir ibn Fâtik al-Qâ’id <a href="#pb136" class="pageref">136</a>.
+</p>
+<p>abu-l-Walîd s. ibn Roschd. Wâthik <a href="#pb73" class="pageref">73</a>.
+</p>
+<p>Witelo <a href="#pb134" class="pageref">134</a>.
+</p>
+<p>Zaid ibn Rifâ’a <a href="#pb79" class="pageref">79</a>.
+</p>
+<p>abu Zaid Honain ibn Ishâq <a href="#pb24" class="pageref">24</a>.
+</p>
+<p>abu Zakarîjâ Jachjâ ibn ʻAdî al-Mantiqî <a href="#pb24" class="pageref">24</a>, <a href="#pb100" class="pageref">100</a>, <a href="#pb114" class="pageref">114</a>.
+</p>
+<p>Zoroaster <a href="#pb79" class="pageref">79</a>, <a href="#pb154" class="pageref">154</a>.
+<span class="pageNum" id="pb193">[<a href="#pb193">193</a>]</span> </p>
+</div>
+</div>
+<div class="div1 advertisement"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h2 class="main">Fr. Frommanns Verlag (E. Hauff) in Stuttgart.</h2>
+</div>
+<div class="divBody">
+<div class="div2 section"><span class="pageNum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span><div class="divHead">
+<h3 class="main xd31e4723">Frommanns Klassiker der Philosophie.</h3>
+</div>
+<div class="divBody">
+<p class="first xd31e122">Herausgegeben von
+</p>
+<p class="xd31e122">Prof. Dr. <b>Richard Falckenberg</b> in Erlangen.
+</p>
+<p>Strassburger Post: Auch wir mochten diese Sammlung von Monographien dem deutschen
+Publikum aufs wärmste empfehlen, ja, wir nehmen keinen Anstand, diese klar geschriebenen
+Einführungen in das Reich der Denkerfürsten als den Grundstock jeder gediegenen Privatbibliothek
+zu bezeichnen. Dazu eignen sich die Monographien, nebenbei bemerkt, auch durch ihre
+vornehme Ausstattung.
+</p>
+<p class="adTitle">I. <b>G. Th. Fechner.</b>
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>K. Lasswitz</b> in Gotha. 214 S. Brosch. M. 1.75. Geb. M. 2.25.
+</p>
+<p class="adContent">I. Leben und Wirken. — II. Das Weltbild. 1. Die Bewegung. 2. Das Bewusstsein.
+</p>
+<p class="adTitle">II. <b>Hobbes</b>
+</p>
+<p class="adSubTitle">Leben und Lehre.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>Ferd. Tönnies</b> in Kiel. 246 S. Brosch. M. 2.— Geb. M. 2.50.
+</p>
+<p class="adContent">I. Leben des Hobbes. — II. Lehre des Hobbes: Logik. Grund-Begriffe. Die mechanischen
+Grundsätze. Die Physik. Die Anthropologie. Das Naturrecht.
+</p>
+<p class="adTitle">III. <b>S. Kierkegaard</b>
+</p>
+<p class="adSubTitle">als Philosoph.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>H. Höffding</b> in Kopenhagen.
+</p>
+<p class="adPrice">186 S. Brosch. M. 1.50. Geb. M. 2.—.
+</p>
+<p class="adContent">I. Die romantisch-spekulative Religionsphilosophie. — II. K’s. ältere Zeitgenossen
+in Dänemark. — III. K’s. Persönlichkeit. — IV. K’s. Philosophie.
+</p>
+<p class="adTitle">IV. <b>Rousseau</b>
+</p>
+<p class="adSubTitle">und seine Philosophie.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>H. Höffding</b> in Kopenhagen.
+</p>
+<p class="adPrice">158 S. Brosch. M. 1.75. Geb. M. 2.25.
+</p>
+<p class="adContent">I. Rousseaus Erweckung und sein Problem. — II. R. und seine Bekenntnisse. — III. Leben,
+Charakter und Werke. — IV. Die Philosophie Rousseaus.
+</p>
+<p class="adTitle">V. <b>Herbert Spencer.</b>
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Dr. <b>Otto Gaupp</b> in London.
+</p>
+<p class="adPrice">Mit Spencers Bildnis. 2. verm. Aufl. 186 S. Brosch. M. 2.—. Geb. M. 2.50.
+</p>
+<p class="adContent">I. Spencers Leben. — II. Spencers Werk. 1. Zur Entstehungsgeschichte der Entwicklungsphilosophie.
+2. Die Prinzipienlehre. 3 Biologie und Psychologie. 4. Soziologie und Ethik.
+<span class="pageNum" id="pb194">[<a href="#pb194">194</a>]</span></p>
+<p class="adTitle">VI. <b>Fr. Nietzsche.</b>
+</p>
+<p class="adSubTitle">Der Künstler und der Denker.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>Alois Riehl</b> in Halle.
+</p>
+<p class="adPrice">Mit Nietzsches Bildnis. 3. verm. Aufl. 176 S. Brosch. M. 2.—. Geb. M. 2.50.
+</p>
+<p class="adContent">I. Die Schriften und die Persönlichkeit. — II. Der Künstler. — III. Der Denker.
+</p>
+<p class="adTitle">VII. <b><span class="corr" id="xd31e4827" title="Quelle: J.">I.</span> Kant.</b>
+</p>
+<p class="adSubTitle">Sein Leben und seine Lehre.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>Friedr. Paulsen</b> in Berlin.
+</p>
+<p class="adPrice">Mit Kants Bildnis und Brieffaksimile aus 1792.
+</p>
+<p class="adPrice">3. Aufl. 420 S. Brosch. M. 4.—. Geb. M. 4.75.
+</p>
+<p class="adTitle">VIII. <b>Aristoteles.</b>
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>Herm. Siebeck</b> in Giessen.
+</p>
+<p class="adPrice">144 S. Brosch. M. 1.75. Geb. M. 2.25.
+</p>
+<p class="adTitle">IX. <b>Platon.</b>
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>Wilhelm Windelband</b> in Strassburg.
+</p>
+<p class="adPrice">Mit Platons Bildnis. 196 S. Brosch. M. 2.—. Geb. M. 2.50.
+</p>
+<p class="adTitle">X. <b>Schopenhauer.</b>
+</p>
+<p class="adSubTitle">Seine Persönlichkeit, seine Lehre, sein Glaube.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>Johannes Volkelt</b> in Leipzig.
+</p>
+<p class="adPrice">Mit Schopenhauers Bildnis. 408 S. Brosch. M. 4.—.
+</p>
+<p class="adPrice">Geb. <span class="corr" id="xd31e4884" title="Quelle: Mk.">M.</span> 4.75.
+</p>
+<p class="adTitle">XI. <b>Thomas Carlyle.</b>
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>Paul Hensel</b> in <b>Heidelberg</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">Mit Carlyles Bildnis. 212 S. Brosch. M. 2.—. Geb. M. 2.50.
+</p>
+<p class="adTitle">XII. <b>Hermann Lotze.</b>
+</p>
+<p class="adSubTitle">Erster Teil: Leben und Schriften.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>Richard Falckenberg</b> in <b>Erlangen</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">Mit Lotzes Bildnis. 206 S<span class="corr" id="xd31e4919" title="Nicht in der Quelle">.</span> Brosch. M. 2.—. Geb. M. 2.50.
+</p>
+<p class="adTitle">XIII. <b>W. Wundt.</b>
+</p>
+<p class="adSubTitle">Seine Philosophie und Psychologie.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>Edmund König</b> in <b>Sondershausen</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">Mit Wundts Bildnis. 207 S. Brosch. M. 2.—. Geb. M. 2.50.
+</p>
+<p>Darstellungen von <b>Stuart Mill</b> und <b>Goethe als Denker</b> werden sich zunächst anschliessen.
+<span class="pageNum" id="pb195">[<a href="#pb195">195</a>]</span>
+</p>
+<p class="adTitle">Geschichte der Philosophie im Umriss.
+</p>
+<p class="adAuthor">Ein Leitfaden zur Übersicht von Dr. <b>Albert Schwegler</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">15. Aufl. durchgesehen und ergänzt von Prof. Dr. <span class="ex">R. Koeber</span>. 402 S. Originalausg. gr. Oktav, Brosch. M. 2.25. Geb. M. 3.—.
+</p>
+<p class="adContent">Das Schweglersche Werk behält in der philosophischen Geschichtslitteratur bleibenden
+Wert durch die lichtvolle Behandlung und leichte Bewältigung des spröden Stoffs bei
+gemeinfasslicher Darstellung, die sich mit wissenschaftlicher Gründlichkeit paart.
+</p>
+<p class="adTitle">Mythologie und Metaphysik.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Grundlinien einer Geschichte der Weltanschauungen
+</p>
+<p class="adAuthor">von Prof. Dr. <b>Wilhelm Bender</b> in Bonn.
+</p>
+<p class="adSubTitle">I. Bd.: <b>Die Entstehung der Weltanschauungen im griechischen Altertum.</b>
+</p>
+<p class="adPrice">296 S. Brosch. M. 4.—.
+</p>
+<p class="adTitle">Geschichte der Philosophie im Islam.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von <b>T. J. de Boer</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">191 S. Brosch. M. 4.—. Geb. M. 5.—.
+</p>
+<p class="adTitle">Psychische Kraftübertragung.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Enthaltend unter anderem einen Beitrag zur Lehre von dem Unterschied der Stände.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von <b>Exsul</b><span class="corr" id="xd31e4997" title="Quelle: ,">.</span>
+</p>
+<p class="adPrice">23 S. Brosch. M. —.50.
+</p>
+<p class="adTitle">John Locke,
+</p>
+<p class="adSubTitle">ein Bild aus den geistigen Kämpfen Englands im 17. Jahrhundert.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Dr. <b>Ed. Fechtner</b>, Bibliothekar d. techn. Hochschule Wien.
+</p>
+<p class="adPrice">310 S. Brosch. M. 5.—.
+</p>
+<p class="adTitle">Der Wille zum Glauben
+</p>
+<p class="adSubTitle">und andere popularphilosophische Essays.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. <b>William James</b>. Übersetzt von Dr. <b>Th. Lorenz</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">216 S. Brosch. M. 3.—.
+</p>
+<p class="adContent">1. Der Wille zum Glauben. 2. Ist das Leben wert, gelebt zu werden. 3. Das Rationalitätsgefühl.
+4. Das Dilemma des Determinismus. 5. Der Moralphilosoph und das sittliche Leben.
+</p>
+<p class="adTitle">Der Kampf zweier Weltanschauungen.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Eine Kritik, der alten und neuesten Philosophie mit Einschluss der christlichen Offenbarung.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>G. Spicker</b> in Münster.
+</p>
+<p class="adPrice">310 S. Brosch. M. 5.—.
+<span class="pageNum" id="pb196">[<a href="#pb196">196</a>]</span>
+</p>
+<p class="adTitle">Ein deutscher Buddhist.
+</p>
+<p class="adAuthor"><span class="ex">Biographische Skizze</span> von <b>Dr. Arthur Pfungst</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">Mit Schultzes Bildnis. 2. verm. Aufl. 52 S. 8<sup>o</sup>. Brosch. M. —.75.
+</p>
+<p class="adTitle">Die Grundfrage der Religion.
+</p>
+<p class="adAuthor">Versuch einer auf den realen Wissenschaften ruhenden Gotteslehre von Prof. <b>Dr. Julius Baumann</b> in Göttingen.
+</p>
+<p class="adPrice">72 S. Brosch. M. 1.20.
+</p>
+<p class="adTitle">Wie Christus urteilen und handeln würde,
+</p>
+<p class="adSubTitle">wenn er heutzutage unter uns lebte.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. <b>Dr. Julius Baumann</b> in Göttingen.
+</p>
+<p class="adPrice">88 S. Brosch. M. 1.40.
+</p>
+<p class="adTitle">Leben und Walten der Liebe.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von <b>S. Kierkegaard</b>. <span class="corr" id="xd31e5085" title="Quelle: Uebersetzt">Übersetzt</span> von <b>A. Dorner</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">534 S. Brosch. M. 5.—. Gebd. M. 6.—.
+</p>
+<p class="adTitle">Kierkegaard, S., Angriff auf die Christenheit.
+</p>
+<p class="adAuthor"><span class="corr" id="xd31e5097" title="Quelle: Uebersetzt">Übersetzt</span> von <b>A. Dorner</b> und <b>Chr. Schrempf</b>.
+</p>
+<p class="adAuthor">656 S. In 2 Teile brosch. M. 8.50. Geb. M. 10.—.
+</p>
+<p>Daraus Sonderdruck:
+</p>
+<p class="adTitle">Richtet selbst.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen.
+</p>
+<p class="adPrice">Zweite Reihe. 112 S. M. 1.50.
+</p>
+<p class="adTitle">Der Anti-Pietist. 67 S. Brosch. M. 1.—.
+</p>
+<p class="adTitle">Die Wahrheit.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Halbmonatschrift zur Vertiefung in die Fragen und Aufgaben des Menschenlebens.
+</p>
+<p class="adAuthor">Herausgeber: <b>Chr. Schrempf</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">Bd. I–IV brosch. à M. 3.20, gebd. à M. 3.75., V–VIII brosch. à M. 3.60, gebd. à M.
+4.15. Bei gleichzeitiger Abnahme von mindestens 4 Bänden jeder Band nur M. 2.— brosch.,
+M. 2.50 gebd.
+</p>
+<p class="adContent">Die Zeitschrift, die seit Oktober 1897 nicht mehr erscheint, enthält eine Anzahl Aufsätze
+von bleibendem Werte aus der Feder der Professoren Fr. <span class="ex">Paulsen</span>, <span class="ex">Max Weber</span>, <span class="ex">H. Herkner</span>, <span class="ex">Theobald Ziegler</span>, <span class="ex">Alois Riehl</span>, von Pfarrer Fr. <span class="ex">Naumann</span>, <span class="ex">Karl Jentsch</span>, <span class="ex">Chr. Schrempf</span> und anderen hervorragenden Mitarbeitern.
+<span class="pageNum" id="pb197">[<a href="#pb197">197</a>]</span>
+</p>
+<p>Schriften von <b>Christoph Schrempf</b>:
+</p>
+<p class="adTitle"><b>Drei Religiöse Reden.</b> 76 S. Brosch. M. 1.20.
+</p>
+<p class="adTitle">Natürliches Christentum.
+</p>
+<p class="adPrice">Vier neue religiöse Reden. 112 S. Brosch. M. 1.50.
+</p>
+<p class="adTitle"><span class="corr" id="xd31e5172" title="Quelle: Ueber">Über</span> die Verkündigung des Evangeliums an d. neue Zeit.
+</p>
+<p class="adPrice">40 S. Brosch. M. —.60.
+</p>
+<p class="adTitle"><b>Zur Pfarrersfrage.</b> 52 S. Brosch. M. —.80.
+</p>
+<p class="adTitle">An die Studenten der Theologie zu Tübingen.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Noch ein Wort zur Pfarrersfrage.
+</p>
+<p class="adPrice">30 S. Brosch. M. —.50.
+</p>
+<p class="adTitle"><b>Eine Nottaufe.</b> 56 S. Brosch. M.—.75.
+</p>
+<p class="adTitle">Toleranz.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Rede geh. in der Berl. Gesellschaft für Eth. Kultur.
+</p>
+<p class="adPrice">32 S. Brosch. M. —.50.
+</p>
+<p class="adTitle">Zur Theorie des Geisteskampfes.
+</p>
+<p class="adPrice">56 S. Brosch. M. —.80.
+</p>
+<p class="adPrice">Obige 8 Schriften <span class="ex">Chr. Schrempfs</span> kosten anstatt M. 6.65, wenn gleichzeitig bezogen, nur M. 3.—.
+</p>
+<p class="adTitle">Menschenloos.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Hiob * Ödipus * Jesus * Homo sum<span class="corr" id="xd31e5211" title="Quelle: ..">…</span>
+</p>
+<p class="adPrice">152 S. Brosch. M. 1.80. Geb. M. 2.60.
+</p>
+<p class="adTitle">Martin Luther
+</p>
+<p class="adSubTitle">aus dem Christlichen ins Menschliche übersetzt.
+</p>
+<p class="adPrice">188 S. Brosch. M. 2.50. Geb. M. 3.50.
+</p>
+<p class="adTitle">Das moderne Drama der Franzosen
+</p>
+<p class="adSubTitle">in seinen Hauptvertretern.
+</p>
+<p class="adContent">Mit zahlreichen Textproben aus hervorragenden Werken von Augier, Dumas, Sardou und
+Pailleron.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>Joseph Sarrazin</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">2. Aufl. 325 S. Brosch. M. 2.—. Geb. M. 3.—.
+<span class="pageNum" id="pb198">[<a href="#pb198">198</a>]</span>
+</p>
+<p class="adTitle">Schiller in seinen Dramen.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von <b>Carl Weitbrecht</b>, Prof. a. d. techn. Hochschule Stuttgart.
+</p>
+<p class="adPrice">314 S. Brosch. M. 3.60. Eleg. geb. M. 4.50.
+</p>
+<p class="adContent">Ein bedeutendes und schönes Bach zugleich, getragen von jenem sittlichen Pathos, das
+allein Schillers Person und Lebenswerk gerecht zu werden vermag und dabei in seiner
+Darstellungsweise darauf angelegt, dem Leser einen wirklichen ästhetischen Genuss
+zu bereiten. (Dtsche. Litteraturztg.)
+</p>
+<p class="adTitle">Diesseits von Weimar.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Auch ein Buch über Goethe.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von <b>Carl Weitbrecht</b>, Prof. a. d. techn. Hochschule Stuttgart.
+</p>
+<p class="adPrice">320 S. Brosch. M. 3.60. Eleg. geb. M 4.50.
+</p>
+<p class="adContent">Ein köstliches Buch, das man von Anfang bis Ende mit immer gleichbleibendem Vergnügen
+liest. Der Titel will sagen, dass es sich hier um den jungen Goethe handelt vor seiner
+<span class="corr" id="xd31e5263" title="Quelle: Uebersiedelung">Übersiedelung</span> nach Weimar.
+</p>
+<p class="adCitation">(Pädagog. Jahresbericht.)
+</p>
+<p class="adTitle">Schwarmgeister.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Tragödie.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von <b>Carl Weitbrecht</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">125 S. Brosch. M. 1.80.
+</p>
+<p class="adTitle">Das Frommannsche Haus und seine Freunde.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von <b>F. J. Frommann</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">3. Ausgabe. 191 S. Brosch. M. 3.—.
+</p>
+<p class="adTitle">Goethes Charakter.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Eine Seelenschilderung
+</p>
+<p class="adAuthor">von <b>Robert Saitschick</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">150 S. Brosch. M. 1.80.
+</p>
+<p class="adContent">I. Lebenskämpfe. II. Eigenart. III. Welt und Seele.
+</p>
+<p class="adContent">Wir zählen Saitschicks Schrift zu den wertvollsten Essays, die über Goethe geschrieben
+wurden. (Beil. z. Allg. Ztg.)
+</p>
+<p class="adTitle">Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen.
+</p>
+<p class="adAuthor">Vom <b>Grafen Gobineau</b>.
+</p>
+<p class="adAuthor">Deutsche Ausgabe von <b>Ludwig Schemann</b>.
+</p>
+<ul>
+<li>Erster Band 324 S. Brosch. M. 3.50. Geb. M. 4.50. </li>
+<li>Zweiter Band 388 S. Brosch. M. 4.20. Geb. M. 5.20. </li>
+<li>Dritter Band 440 S. Brosch. M. 4.80. Geb. M. 5.80. </li>
+</ul><p>
+</p>
+<p><span class="ex">Gobineau</span> hat stolz und gross es ausgesprochen, er habe zuerst die wirkliche noch unerkannte
+Basis der <span class="ex">Geschichte</span> aufgedeckt. Schwerlich möchte er sich mit seinem Glauben überhoben haben! … Der »Nationalitäten«—,
+<abbr title="das heißt">d. h.</abbr> eben der Racen-Gedanke durchzieht das moderne Völkerleben heute mehr denn je, und
+keiner kann sich mehr der Empfindung erwehren, dass alle modernen Nationen vor eine
+Entscheidung, eine Prüfung gestellt sind, was sie als Nationen — <abbr title="das heißt">d. h.</abbr> eben nach ihrer Racen-Anlage, ihren Mischungsbestandteilen, dem Ergebnisse ihrer
+Racenmischungen — wert seien, inwieweit sie dunkel geahnten, vielleicht mit Vernichtung
+drohenden Stürmen der Zukunft gewachsen sein werden<span class="corr" id="xd31e5333" title="Nicht in der Quelle">.</span>
+</p>
+<p>Mit dem im Jahre 1901 erscheinenden vierten Bande ist das Werk vollständig.
+<span class="pageNum" id="pb199">[<a href="#pb199">199</a>]</span>
+</p>
+<p class="adTitle">Handbuch der natürlich-menschlichen Sittenlehre
+</p>
+<p class="adSubTitle">für Eltern und Erzieher.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Direktor Dr. <b>A. Döring</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">431 S. Brosch. M. 4.—. Eleg. geb. M. 5.—.
+</p>
+<p class="adContent">I. Der Stoff des ethischen Unterrichts. 1. Der Inhalt der sittlichen Forderung. 2
+Das Zustandekommen des Sittlichen. II. Die dem ethischen Unterrichte vorangehende
+sittliche Erziehung.
+</p>
+<p class="adTitle">Herbart, Pestalozzi
+</p>
+<p class="adSubTitle">und die heutigen Aufgaben der Erziehungslehre.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>P. Natorp</b> in Marburg.
+</p>
+<p class="adPrice">157 S. Brosch. M. 1.80.
+</p>
+<p>I. Herbarts allgemeine Bedeutung. II. Herbarts Ethik. III. Herbarts Psychologie. Einteilung
+seiner Pädagogik. »Regierung«. IV. »Unterricht« und »Zucht«; »Erziehender Unterricht«.
+V. Das Zeitalter <span class="ex">Pestalozzis</span>. VI. Allgemeine Grundlagen der Erziehungslehre Pestalozzis. VII. Pestalozzis Grundansicht
+über die soziale Bedingtheit der Erziehung. Die »Abendstunde«. VIII. Ethik und Sozialphilosophie
+nach den »Nachforschungen«. Religion.
+</p>
+<p class="adTitle">Sozialpädagogik.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Theorie der Willenserziehung auf der Grundlage der Gemeinschaft.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Prof. Dr. <b>P. Natorp</b> in Marburg.
+</p>
+<p class="adPrice">360 S. Brosch. M. 6.—.
+</p>
+<p class="adContent">I. Fundamentalphilosophische Voraussetzungen. II. Grundlinien individualer und sozialer
+Ethik. III. Organisation und Methode der Willenserziehung.
+</p>
+<p class="adTitle">Rodbertus.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von <b>Karl Jentsch</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">259 S. Preis brosch. M. 3.—. Eleg. gebd. M. 3.80.
+</p>
+<p class="adContent">I. Lebensgeschichte. II. Die Lehre. 1. Antike Staatswirtschaft. 2. Die Volkswirtschaft
+der Gegenwart. 3. Die Staatswirtschaft der Zukunft. III. Die Bedeutung des Mannes.
+</p>
+<p class="adTitle">P. J. Proudhon.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Leben und Werke.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von Dr. <b>Arthur Mülberger</b>.
+</p>
+<p class="adPrice">248 S. Brosch. M. 2.80. Eleg. geb. M. 3.60.
+</p>
+<p class="adContent">I. Der Kritiker. 1809–1848. II. Der Kämpfer. 1848–1852. III. Der Denker. 1852–1865.
+</p>
+<p class="adTitle">Gut und Geld.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Volkswirtschaftliche Studien eines Praktikers.
+</p>
+<p class="adAuthor">Von <b>Gustav Müller</b>. (New-York).
+</p>
+<p class="adPrice">292 S. Brosch. M. 2.40. Eleg. geb. M. 3.20.
+</p>
+<p class="adContent">I. Der Reichtum. II. Das Kapital. III. Der produktive und der unproduktive Verbrauch.
+IV. Der Lohn. V. Der Gewinn. VI. Die Rente. VII. Der Wert. VIII. Das Geld. IX. Die
+Produktivität der Nationen. X. Der Welthandel. XI. Freihandel und Zollschutz. XII.
+Die Krisis. XIII. Die Grenzen des Reichtums.
+<span class="pageNum" id="pb200">[<a href="#pb200">200</a>]</span>
+</p>
+<p class="adTitle">Politiker und Nationalökonomen.
+</p>
+<p class="adSubTitle">Eine Sammlung biographischer System- und Charakterschilderungen
+</p>
+<p class="xd31e122">herausgegeben von
+</p>
+<p class="adAuthor"><b>G. Schmoller</b> und <b>O. Hintze</b>
+</p>
+<p class="xd31e122">Professoren an der Universität Berlin.
+</p>
+<p class="adSubTitle">I. <b>Machiavelli</b>
+</p>
+<p class="xd31e122">von
+</p>
+<p class="adAuthor">Richard Fester
+</p>
+<p class="xd31e122">Professor an der Universität Erlangen.
+</p>
+<p class="adPrice">214 S. Brosch. M. 2.50; Geb. M. 3.—.
+</p>
+<p>Plan und Mitarbeiter des Unternehmens.
+</p>
+<p>Eine neue Durchforschung und eine aus dem lebendigen Geist moderner Weltauffassung
+und Wissenschaft entspringende Würdigung der politischen und sozialen Systeme, die
+im Laufe der letzten vier Jahrhunderte die denkenden Köpfe und das Leben der Völker
+beherrscht haben, ist eine heute vielfach empfundene Aufgabe. Zur Lösung derselben
+erschien die Form der Biographie die geeignetste.
+</p>
+<p>Hervorragende Gelehrte und Schriftsteller haben sich zu monographischen Darstellungen
+grosser Politiker und Nationalökonomen vereinigt. Es wurde dabei der schriftstellerischen
+Individualität, der Neigung der einzelnen Forscher volle Freiheit gewährt, in der
+Auswahl wie in der Behandlung der Gegenstände.
+</p>
+<p>Die Sammlung will nicht einseitigen, wissenschaftlichen oder politisch-sozialen Parteiidealen
+dienen.
+</p>
+<p>Als Leser denken wir uns nicht bloss und nicht in erster Linie Fachgelehrte, sondern
+gebildete Männer und Frauen aus allen Lebenskreisen, vor allem auch Studierende aller
+Fakultäten. Die Sammlung will einerseits dazu beitragen, die Wissenschaft vom Staats-
+und Gesellschaftsleben zu fördern; sie will aber andererseits auch dem praktischen
+Bedürfnis dienen, die politische und soziale Bildung unserer Nation zu klären und
+zu vertiefen.
+</p>
+<p>Ihre Mitarbeit bei diesem Unternehmen haben bisher zugesagt oder doch in Aussicht
+gestellt:
+</p>
+<div class="table">
+<table>
+<tr>
+<td class="cellLeft cellTop">Prof. Dr. <i>v. Bezold</i> in <i>Bonn</i> </td>
+<td class="cellRight cellTop"><span class="seg">für</span> <b>Bodinus</b>. </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">Dr. <i>Gaupp</i> in <i>London</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>Gladstone</b>. </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">Prof. Dr. <i>Gothein</i> in <i>Bonn</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>Vico</b>. </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">Prof. Dr. <i>Grünberg</i> in <i>Wien</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>Turgot</b>. </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">Prof. Dr. <i>Hasbach</i> in <i>Kiel</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>Adam Smith</b>. </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">Prof. Dr. <i>Hintze</i> in <i>Berlin</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>Friedrich d. Gr.</b> </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">Prof. Dr. <i>Marcks</i> in <i>Leipzig</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>Dahlmann</b>. </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">Prof. Dr. <i>Oldenberg</i> in <i>Marburg</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>K. Marx</b>. </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">Prof. Dr. <i>Pribram</i> in <i>Wien</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>Cromwell</b>. </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">Prof. Dr. <i>Rathgen</i> in <i>Marburg</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>Niebuhr</b>. </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">H. <i>Rippler</i> in <i>Berlin</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>Bismarck</b>. </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">Prof. Dr. <i>Schäfer</i> in <i>Heidelberg</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>Treitschke</b>. </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft">Prof. Dr. <i>Schmoller</i> in <i>Berlin</i> </td>
+<td class="cellRight"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>Friedr. Wilhelm I.</b> </td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="cellLeft cellBottom">Prof. Dr. <i>Waentig</i> in <i>Greifswald</i> </td>
+<td class="cellRight cellBottom"><span class="seg"><span class="ditto"><span class="s">für</span><span class="d"><span class="i">,,</span></span></span> </span> <b>St. Simon</b>. </td>
+</tr>
+</table>
+</div><p>
+</p>
+<p>Darstellungen von <b>Cavour</b>, <b>Roon</b>, <b>Moltke</b>, <b>Lassalle</b>, <b>Fr. List</b> und andern grossen Staatsmännern und Nationalökonomen werden folgen.
+</p>
+</div>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div class="transcriberNote">
+<h2 class="main">Kolophon</h2>
+<h3 class="main">Verfügbarkeit</h3>
+<p class="first">This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project
+Gutenberg License included with this eBook or online at <a class="seclink xd31e40" title="Externe Link" href="https://www.gutenberg.org/" rel="home">www.gutenberg.org</a>.
+</p>
+<p>This eBook is produced by the Online Distributed Proofreading Team at <a class="seclink xd31e40" title="Externe Link" href="https://www.pgdp.net/">www.pgdp.net</a>.
+</p>
+<p>An English translation of this ebook, <i><a class="pglink xd31e40" title="Link zu Project Gutenberg Ebook" href="https://www.gutenberg.org/ebooks/66566">The History of Philosophy in Islam</a></i>, is also available from Project Gutenberg.
+</p>
+<h3 class="main">Metadaten</h3>
+<table class="colophonMetadata" summary="Metadaten">
+<tr>
+<td><b>Titel:</b></td>
+<td>Geschichte der Philosophie im Islam</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Autor:</b></td>
+<td>Tjitze Jacobs de Boer (1866–1942)</td>
+<td><a href="https://viaf.org/viaf/12674288/" class="seclink">Information</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Veröffentlichungsdatum:</b></td>
+<td>2017-05-07</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Sprache:</b></td>
+<td>Deutsch</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Veröffentlichungsdatum des Originals:</b></td>
+<td>1901</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Stichwörter:</b></td>
+<td>Arabic Philosophy, History</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b></b></td>
+<td>Islamic philosophy</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Projekt Gutenberg:</b></td>
+<td><a href="https://www.gutenberg.org/ebooks/54679" class="seclink">54679</a></td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>OCLC/WorldCat:</b></td>
+<td><a href="https://www.worldcat.org/oclc/8362771" class="seclink">8362771</a></td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Open Library (Buch):</b></td>
+<td><a href="https://openlibrary.org/books/OL24783344M" class="seclink">OL24783344M</a></td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>Open Library (Werk):</b></td>
+<td><a href="https://openlibrary.org/works/OL15874814W" class="seclink">OL15874814W</a></td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>GitHub:</b></td>
+<td><a href="https://github.com/GutenbergSource/54679-De-Boer-Geschichte-der-Philosophie-im-Islam" class="seclink">54679-De-Boer-Geschichte-der-Philosophie-im-Islam</a></td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td><b>QR-Code:</b></td>
+<td colspan="2"><img src="images/qr54679.png" alt="QR-Code der URL von Project Gutenberg" width="148" height="148"></td>
+</tr>
+</table>
+<h3 class="main">Kodierung</h3>
+<p class="first">
+</p>
+<h3 class="main">Überblick der Revisionen</h3>
+<ul>
+<li>2017-04-29 Started. </li>
+</ul>
+<h3 class="main">Externe Referenzen</h3>
+<p>Dieses Project Gutenberg Buch enthält externe Referenzen. Diese Links können möglicherweise
+für Sie nicht funktionieren.</p>
+<h3 class="main">Korrekturen</h3>
+<p>Die folgenden Korrekturen sind am Text angewendet worden:</p>
+<table class="correctionTable" summary="Übersicht der Korrekturen im Text">
+<tr>
+<th>Seite</th>
+<th>Quelle</th>
+<th>Korrektur</th>
+<th>Edit-Distanz</th>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e135">3</a></td>
+<td class="width40 bottom">Uebrigens</td>
+<td class="width40 bottom">Übrigens</td>
+<td class="bottom">2 / 1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e147">3</a></td>
+<td class="width40 bottom">Ueberweg-Heinze</td>
+<td class="width40 bottom">Überweg-Heinze</td>
+<td class="bottom">2 / 1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e248">5</a>, <a class="pageref" href="#xd31e257">5</a>, <a class="pageref" href="#xd31e1134">23</a></td>
+<td class="width40 bottom">Uebersetzungen</td>
+<td class="width40 bottom">Übersetzungen</td>
+<td class="bottom">2 / 1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e263">5</a></td>
+<td class="width40 bottom">Uebersetzer</td>
+<td class="width40 bottom">Übersetzer</td>
+<td class="bottom">2 / 1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e269">5</a>, <a class="pageref" href="#xd31e415">6</a>, <a class="pageref" href="#xd31e988">13</a></td>
+<td class="width40 bottom">Ueberlieferung</td>
+<td class="width40 bottom">Überlieferung</td>
+<td class="bottom">2 / 1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e589">6</a></td>
+<td class="width40 bottom">1</td>
+<td class="width40 bottom">12.</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1034">15</a></td>
+<td class="width40 bottom">II</td>
+<td class="width40 bottom">III</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1162">24</a></td>
+<td class="width40 bottom">grosse</td>
+<td class="width40 bottom">große</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1165">24</a></td>
+<td class="width40 bottom">Ausser</td>
+<td class="width40 bottom">Außer</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1170">25</a></td>
+<td class="width40 bottom">reichbeschenkt</td>
+<td class="width40 bottom">reich beschenkt</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1290">33</a></td>
+<td class="width40 bottom">jeden</td>
+<td class="width40 bottom">jedes</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1353">37</a></td>
+<td class="width40 bottom">fleissig</td>
+<td class="width40 bottom">fleißig</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1521">47</a></td>
+<td class="width40 bottom">.</td>
+<td class="width40 bottom">,</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1537">48</a></td>
+<td class="width40 bottom">Mutaliziten</td>
+<td class="width40 bottom">Mutaziliten</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1726">65</a></td>
+<td class="width40 bottom">begnüg</td>
+<td class="width40 bottom">begnüg’</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1736">65</a></td>
+<td class="width40 bottom">grosses</td>
+<td class="width40 bottom">großes</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1790">69</a></td>
+<td class="width40 bottom">Metereologie</td>
+<td class="width40 bottom">Meteorologie</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1806">71</a></td>
+<td class="width40 bottom">Besonderkeit</td>
+<td class="width40 bottom">Besonderheit</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1819">72</a></td>
+<td class="width40 bottom">dasein</td>
+<td class="width40 bottom">da sein</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1869">76</a>, <a class="pageref" href="#xd31e2507">126</a>, <a class="pageref" href="#xd31e3181">185</a></td>
+<td class="width40 bottom">
+[<i>Nicht in der Quelle</i>]
+</td>
+<td class="width40 bottom">,</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e1894">78</a></td>
+<td class="width40 bottom">Encyclopädie</td>
+<td class="width40 bottom">Encyklopädie</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2137">97</a></td>
+<td class="width40 bottom">Kindis</td>
+<td class="width40 bottom">Kindi’s</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2213">101</a></td>
+<td class="width40 bottom">erkenntnis-theoretische</td>
+<td class="width40 bottom">erkenntnistheoretische</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2298">109</a>, <a class="pageref" href="#xd31e4919">194</a>, <a class="pageref" href="#xd31e5333">198</a></td>
+<td class="width40 bottom">
+[<i>Nicht in der Quelle</i>]
+</td>
+<td class="width40 bottom">.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2463">122</a></td>
+<td class="width40 bottom">übes</td>
+<td class="width40 bottom">über</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2553">130</a></td>
+<td class="width40 bottom">unmesslicher</td>
+<td class="width40 bottom">unermesslicher</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2571">132</a></td>
+<td class="width40 bottom">heisst</td>
+<td class="width40 bottom">heißt</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2659">139</a></td>
+<td class="width40 bottom">seine</td>
+<td class="width40 bottom">seiner</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2724">147</a></td>
+<td class="width40 bottom">himmlicher</td>
+<td class="width40 bottom">himmlischer</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2729">147</a></td>
+<td class="width40 bottom">tötliches</td>
+<td class="width40 bottom">tödliches</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2820">153</a></td>
+<td class="width40 bottom">liess</td>
+<td class="width40 bottom">ließ</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2861">157</a></td>
+<td class="width40 bottom">dunkeln</td>
+<td class="width40 bottom">dunklen</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2882">158</a></td>
+<td class="width40 bottom">Uebermenschlichen</td>
+<td class="width40 bottom">Übermenschlichen</td>
+<td class="bottom">2 / 1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2919">161</a></td>
+<td class="width40 bottom">thatens</td>
+<td class="width40 bottom">thaten es</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2958">164</a></td>
+<td class="width40 bottom">ausserdem</td>
+<td class="width40 bottom">außerdem</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2982">166</a></td>
+<td class="width40 bottom">Chalife</td>
+<td class="width40 bottom">Chalif</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e2993">167</a></td>
+<td class="width40 bottom">Mißverständnisse</td>
+<td class="width40 bottom">Missverständnisse</td>
+<td class="bottom">2</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e3197">186</a></td>
+<td class="width40 bottom">Neue</td>
+<td class="width40 bottom">Neues</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e3627">189</a></td>
+<td class="width40 bottom">Dunss 187 Scotu</td>
+<td class="width40 bottom">Duns Scotus 187</td>
+<td class="bottom">10</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e4298">191</a></td>
+<td class="width40 bottom">31f.</td>
+<td class="width40 bottom">31 f.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e4325">191</a></td>
+<td class="width40 bottom">115f.</td>
+<td class="width40 bottom">115 f.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e4381">191</a></td>
+<td class="width40 bottom">20f.</td>
+<td class="width40 bottom">20 f.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e4414">191</a></td>
+<td class="width40 bottom">69f.</td>
+<td class="width40 bottom">69 f.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e4440">191</a></td>
+<td class="width40 bottom">73ff.</td>
+<td class="width40 bottom">73 ff.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e4448">191</a></td>
+<td class="width40 bottom">97f.</td>
+<td class="width40 bottom">97 f.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e4458">191</a></td>
+<td class="width40 bottom">165ff.</td>
+<td class="width40 bottom">165 ff.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e4660">191</a></td>
+<td class="width40 bottom">160ff.</td>
+<td class="width40 bottom">160 ff.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e4827">194</a></td>
+<td class="width40 bottom">J.</td>
+<td class="width40 bottom">I.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e4884">194</a></td>
+<td class="width40 bottom">Mk.</td>
+<td class="width40 bottom">M.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e4997">195</a></td>
+<td class="width40 bottom">,</td>
+<td class="width40 bottom">.</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e5085">196</a>, <a class="pageref" href="#xd31e5097">196</a></td>
+<td class="width40 bottom">Uebersetzt</td>
+<td class="width40 bottom">Übersetzt</td>
+<td class="bottom">2 / 1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e5172">197</a></td>
+<td class="width40 bottom">Ueber</td>
+<td class="width40 bottom">Über</td>
+<td class="bottom">2 / 1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e5211">197</a></td>
+<td class="width40 bottom">..</td>
+<td class="width40 bottom">…</td>
+<td class="bottom">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd31e5263">198</a></td>
+<td class="width40 bottom">Uebersiedelung</td>
+<td class="width40 bottom">Übersiedelung</td>
+<td class="bottom">2 / 1</td>
+</tr>
+</table>
+<h3 class="main">Abkürzungen</h3>
+<p>Übersicht der Abkürzungen im Text.</p>
+<table class="abbreviationtable" summary="Übersicht der Abkürzungen im Text.">
+<tr>
+<th>Abkürzung</th>
+<th>Ausgeschriebene Form</th>
+</tr>
+<tr>
+<td class="bottom">d. h.</td>
+<td class="bottom">das heißt</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="bottom">gest.</td>
+<td class="bottom">gestorben</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="bottom">s.</td>
+<td class="bottom">siehe</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="bottom">u. A.</td>
+<td class="bottom">und Andere</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="bottom">u. a.</td>
+<td class="bottom">unter andere</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="bottom">u. s. w.</td>
+<td class="bottom">und so weiter</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="bottom">Vgl.</td>
+<td class="bottom">Vergleiche</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="bottom">vgl.</td>
+<td class="bottom">vergleiche</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="bottom">z. B.</td>
+<td class="bottom">zum Beispiel</td>
+</tr>
+</table>
+</div>
+</div>
+<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER PHILOSOPHIE IM ISLAM ***</div>
+<div style='text-align:left'>
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+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase “Project
+Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full
+Project Gutenberg™ License available with this file or online at
+www.gutenberg.org/license.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or
+destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your
+possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
+Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound
+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person
+or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the
+Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
+all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
+that you will support the Project Gutenberg™ mission of promoting
+free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg™
+works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
+Project Gutenberg™ name associated with the work. You can easily
+comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg™ License when
+you share it without charge with others.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
+in a constant state of change. If you are outside the United States,
+check the laws of your country in addition to the terms of this
+agreement before downloading, copying, displaying, performing,
+distributing or creating derivative works based on this work or any
+other Project Gutenberg™ work. The Foundation makes no
+representations concerning the copyright status of any work in any
+country other than the United States.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
+immediate access to, the full Project Gutenberg™ License must appear
+prominently whenever any copy of a Project Gutenberg™ work (any work
+on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the
+phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed,
+performed, viewed, copied or distributed:
+</div>
+
+<blockquote>
+ <div style='display:block; margin:1em 0'>
+ This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+ other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+ whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+ of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
+ at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
+ are not located in the United States, you will have to check the laws
+ of the country where you are located before using this eBook.
+ </div>
+</blockquote>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is
+derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
+contain a notice indicating that it is posted with permission of the
+copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
+the United States without paying any fees or charges. If you are
+redistributing or providing access to a work with the phrase “Project
+Gutenberg” associated with or appearing on the work, you must comply
+either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
+obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
+additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
+will be linked to the Project Gutenberg™ License for all works
+posted with the permission of the copyright holder found at the
+beginning of this work.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg™.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg™ License.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+any word processing or hypertext form. However, if you provide access
+to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format
+other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official
+version posted on the official Project Gutenberg™ website
+(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
+to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
+of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain
+Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the
+full Project Gutenberg™ License as specified in paragraph 1.E.1.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg™ works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg™ electronic works
+provided that:
+</div>
+
+<div style='margin-left:0.7em;'>
+ <div style='text-indent:-0.7em'>
+ • You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
+ to the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has
+ agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
+ within 60 days following each date on which you prepare (or are
+ legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
+ payments should be clearly marked as such and sent to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
+ Section 4, “Information about donations to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation.”
+ </div>
+
+ <div style='text-indent:-0.7em'>
+ • You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™
+ License. You must require such a user to return or destroy all
+ copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
+ all use of and all access to other copies of Project Gutenberg™
+ works.
+ </div>
+
+ <div style='text-indent:-0.7em'>
+ • You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+ </div>
+
+ <div style='text-indent:-0.7em'>
+ • You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg™ works.
+ </div>
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
+Gutenberg™ electronic work or group of works on different terms than
+are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
+from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
+the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set
+forth in Section 3 below.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
+Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™
+electronic works, and the medium on which they may be stored, may
+contain “Defects,” such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
+or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
+other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
+cannot be read by your equipment.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the “Right
+of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg™ electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium
+with your written explanation. The person or entity that provided you
+with the defective work may elect to provide a replacement copy in
+lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
+or entity providing it to you may choose to give you a second
+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in
+accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
+production, promotion and distribution of Project Gutenberg™
+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any
+Defect you cause.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s
+goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg™ and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state’s laws.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation’s website
+and official page at www.gutenberg.org/contact
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
+public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
+visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Most people start at our website which has the main PG search
+facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+This website includes information about Project Gutenberg™,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+</div>
+
+</div>
+
+</body>
+</html>
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