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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Jockele und seine Frau - -Author: Max Geißler - -Release Date: May 7, 2017 [EBook #54677] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOCKELE UND SEINE FRAU *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Ullstein-Bücher</p> - -<p class="center">Eine Sammlung<br /> -zeitgenössischer Romane</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center larger">Ullstein & Co / Berlin und Wien -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Jockele und seine Frau</h1> - -<p class="center">Roman von</p> - -<p class="h2">Max Geißler</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center">Ullstein & Co / Berlin und Wien</p> - -<div class="figright"> -<img src="images/censor.png" alt="Censorship mark" /> -</div> -<hr class="chap" /> -</div> - - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten<br /> -Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein & Co, Berlin</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> - -<p class="drop">Der Doktor Jakobus Sinsheimer – lieber Gott, wer kennt -den Doktor Jakobus Sinsheimer nicht! Hat er nicht -als »der Jockele« wegen seines heftigen Betriebes mit den -Mädchen die kleine Stadt Weimar in große Aufregung versetzt? -Der Jockele, der als Zigeunerbüblein von der guten -Tante Veronika auf der Schwelle des Hauses am Walde -gefunden wurde! Der Jockele, der sich hernach so kraftvoll -hineinliebte ins Leben! Der zuerst ein Maler werden wollte, -und zu dem dann sein väterlicher Freund Ernst Haeckel in -Jena sagte: »Ein rechter Kerl geht nicht unter – auch ohne -Matura; deutsche Hochschulprofessoren sind keine Philister, -und aus einem Zigeuner wird durch die kluge Sorge seiner -alten Tante ein gelehrter Doktor.«</p> -</div> - -<p>In Bonn, wo er mit Doris Rinkhaus Hochzeit feierte, -sprach er ein Wort von grundlegender Bedeutung. Er sagte: -»Mit Männern, in deren Leben die Frauen nicht eine ungeheure -Rolle spielen, hat es ein Aber.« Das schmetterte -er so über die Hochzeitsgesellschaft hin. Und die Welt hielt -davor den Atem an. Eine ältere Dame sagte sogar: »Ooh!«</p> - -<p>Papa Rinkhaus, der Fabrikbesitzer, war ein gescheiter, -eigenwilliger und reicher Mann. Es kam ihm gar nicht darauf -an, den Schwiegersohn gleich an seinem Ehrentag ein bißchen -in Reparatur zu nehmen. Seiner väterlichen Würde war -sowieso eine harte Probe zugemutet worden, weil seine -Tochter Doris ihre Herzensangelegenheit durchaus zu eigener<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -Sache gemacht hatte. Nun konnte er gleich anfangen, das -Versäumte nachzuholen; denn – wie gesagt – die Hochzeitsgäste -hielten den Atem an. Der Jockele, der aus dem Thüringer -Walde gezogen worden wie Moses aus dem Schilfe -des Nil, schien ja mit recht netten Grundsätzen in die Ehe -zu treten! Oh!</p> - -<p>Aber Xaverius Rinkhaus zerplatzte nicht gleich, wie das -die ältere Dame erwartet hatte. Nein, nein, er war auch ein -vorsichtiger Mann und fragte: »Wie meinen Sie das?« -Es klang steil.</p> - -<p>»Ganz anders, als Sie erwarten, meine Herrschaften,« -sagte Jockele mit Genugtuung. »Was mich betrifft, so werde -ich mich in die Sonne meiner Frau stehen, wie sich die Erde -stellt in das Licht des Frühlingshimmels.«</p> - -<p>»Wie schön!« seufzte die ältere Dame bekehrt. Aber »Na -na!« sagte Fräulein Hanna von Fellner, die ein halbes Jahr -mit einem Oberleutnant verlobt gewesen war. Im Grunde -war es ihr gar nicht unangenehm, daß man es bei diesem -deutsamen »Na na« nicht bewenden lassen wollte. Sie hatte -gegen die Liebesfähigkeit junger Männer ihre Bedenken – zum -mindesten gegen die Ausdauer dieser Liebesfähigkeit. Und -weil der Hochzeiter Jockele so vergnügt um sie herschien, -getraute sie sich, mit ihm eine Lanze zu brechen. Oho!</p> - -<p>»Lieber Doktor, Sie sind ja nur in die Enge getrieben -worden. Sie wollen Ihre junge Frau nicht ängstlich machen. -Und Sie fürchten sich vor dem gewappneten Heer, das um -Sie lagert! Wetten wir, daß Sie vor dem ehelichen Dasein -alle Bangigkeit befallen hat, die die Männer nun einmal -davor aufbringen?«</p> - -<p>Es war ein roter neunzehnjähriger Mädchenmund, der das -daherredete, wunderhübsch aufgeblüht und wissend – aber nicht -zu sehr. Und gar nicht verkümmert in ungestillten Sehnsüchten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p> - -<p>Deshalb setzten namentlich die jungen Frauen der Tafelrunde -gleich alle Lichter heraus. Teufel auch – wenn solche -Weisheiten zwischen angewelkten Lippen hervorgesickert wären, -so hätte man sich verstohlen mit den Füßen ein Zeichen gegeben -und hätte gedacht: »Nun ja, die Konzession hat sie -nicht bekommen – deshalb verschenkt sie nun den Wermut -der Liebe.« Aber auf Hanna von Fellner traf das nicht zu. -Nein, es traf nicht zu – trotz der aufgetrennten Verlobung; -denn erstens war sie Dos ausgezeichnete Freundin, und -zweitens war sie dieser aufrechten und klaren Do leuchtendes -Ebenbild. Wer die beiden nicht kannte, hielt sie für Schwestern.</p> - -<p>Der Hochzeiter Jockele hatte, wie man weiß, gerade sein -Werk »Der Kunsttrieb der Natur« vollendet. Deshalb hatte -er den Kopf noch bis oben voll von Wissenschaft über »die -Entwicklung der Organismen aus eigener Kraft durch die -physikalische und chemische Energie der lebendigen Substanz«. -Er hätte also präziser antworten können, als er es tat. Aber -er wollte der lustig aufgewiegelten Hanna nicht gleich Schach -bieten, ließ sich in ein Gefecht mit ihr ein und wettete um -eine Mark: er hätte nicht halb so viel Angst vor dem ehelichen -Dasein, als sie ihm andichte.</p> - -<p>Schon wegen der Wette um die Mark bekam er die Lacher -auf seine Seite. Für Hanna von Fellner dagegen wurde die -Lage unbequem.</p> - -<p>»Lassen Sie sich nicht aus dem Sattel werfen, Hannachen!« -reizte Herr Xaverius Rinkhaus.</p> - -<p>Nun, der Jockele war ja seit drei Stunden verheiratet; und -Hanna gehörte zu seiner Frau – sie gehörte also auch zu ihm. -Deshalb durfte sie das schon wagen. »Also,« trumpfte sie -heraus, »meine Wette hab' ich gewonnen: ein bißchen Angst -haben Sie schon zugegeben! Sie sind aber auch ein viel zu -junger und interessanter Mann, als daß es Ihnen nicht bange<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -sein müßte vor der Hürde der Ehe. Wie lautet doch die Weisheit -junger Leute Ihres Schlages? Sie schupfen verstellungsfroh die -Schultern, lieber Doktor! So will ich Ihnen auf die Sprünge -helfen. Sie alle fürchten sich vor dem geordneten Leben …«</p> - -<p>»Stempeln Sie mit diesem kühnen Satze nicht jeden unverheirateten -Mann zu einem Zigeuner?«</p> - -<p>Das sorglos gleitende Schiff Hannas war gegen eine Klippe -gefahren. »Nun, so will ich sagen: Junge Männer, wenn sie -glauben, daß sie richtig gehen, lieben die fröhliche Wildnis, -und sie meinen, in der Ehe verkümmern ihnen unentbehrliche -Blüten des Lebens.«</p> - -<p>Es war keine Erörterung für eine Hochzeitstafel; auch dann -nicht, wenn man schon bei den Knackmandeln war. Und doch -geriet weder die vortreffliche Stimmung noch einer der Gäste -dabei in Gefahr. Nicht einmal Hanna selbst. Aber sie war -klug und wollte für diesmal nicht recht behalten. Sie warf -dem Jockele also noch rasch einige Perlen aus der Kette -ihrer Gedanken zu und rief: »Geben Sie acht, Doktor, daß -Ihnen keine davon fortkommt! Auf der Insel der Auferstehung -oder im Riesengebirge oder im Gartenhaus am Horn -in Weimar wollen wir sie wieder schön auf den Faden reihen.«</p> - -<p>Die Insel der Auferstehung ist ein Eiland im Hardanger -Fjord. Der Name war von einem Kreise junger Menschen -erfunden, die in jener Zeit daselbst hausten. Eine Vereinigung -von Künstlern, Träumern und lebensfrohen Kämpfern, die -sich »Sturmschwalben« nannten.</p> - -<p>Hanna von Fellner hatte nach ihrem rückgängig gewordenen -Verlöbnis zwei Wochen auf dieser seligen Insel gelebt. Sie -war von einer Freundin dorthin gerufen worden, die die -Düsseldorfer Akademie besuchte und einen Sommer lang am -Strande Norwegens malte. »Ich gehörte zu den Träumern -unter den Sturmschwalben,« sagte Hanna.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p> - -<p>»Nun ja, damals!« lachte Jockele.</p> - -<p>Und sie berichtete, wie herrlich, groß und einsam die Welt -dort wäre. Die Insel der Auferstehung sollte das erste Reiseziel -des Doktors und seiner jungen Frau sein. Hannas beredter -Mund hatte viel zu reizvoll von dem Fjord und den Sturmschwalben -geplaudert. Dort im nordischen Sunde auf dem -Sonneneiland flog Jugend aus vielen Ländern zusammen. Es -gab keine gedruckten Vereinsgesetze, keinen Vorstand und keinen -Kassierer, keinen Monatsbeitrag und keinerlei andere Verpflichtungen. -Die Feste, der Ernst und der Frohmut, das Weilen -und das Wandern waren dort Eingebungen des Augenblicks.</p> - -<p>Im Hochzeitstag am Rheine tauchte das Bild der Insel -der Auferstehung empor und ging unter in Tanz und Glück. -Vor Mitternacht – aber lange nicht als die letzten – verschwanden -auch Jockele und Do. Danach blieben sie einige -Zeit verschollen. Das erste Lebenszeichen sandten sie aus dem -Blockhaus am Fjordstrand, in dem sie ihre Koffer, ihre Daseinslust -und ihre Neugier einstweilen verstaut hatten. Von -Hanna wußten sie: ein Gasthaus gab es auf der kleinen Insel -nicht. Auch nach ihrem Namen forschten sie bei den Fischern -vergeblich. Selbst auf dem Dampfboote, das sie durch den -Fjord trug, hatte kein Mensch eine Ahnung von dem Eilande -der Auferstehung. Nur das Gehöft Krokengaard kannte man. -Das lag drüben am Fjordufer über der Sägemühle. Das -hatte ihnen Hanna als Ziel ihrer Fahrt genannt. Es schäumte -nahe dabei in jähem Sturz ein Bergfluß über Schründe und -Zacken und zerschlug sich zu einem Schleier von Staub.</p> - -<p>Am anderen Morgen ergingen sich Do und Jockele am -Strande vor dem Plätschern der schimmernden Wasser. Da -glitt ein Boot mit einem braunen Segel herüber, und Nane -Thord stieg heraus. Sie trug ein schwarzes Wollgewand -und eine weiße Haube.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p> - -<p>Auf Nane Thord mit den stillen grauen Augen hatten sie -gewartet. Das war die Witwe des Fischers Lars Thord. Sie -segelte bis tief in den Herbst hinein an jedem Morgen von -der Insel herüber. Mit dem geräumigen Korb am Arm zog -sie von Haus zu Haus. Auf Krokengaard erstand sie Eier und -Butter, beim Krämer geräucherten und rohen Lachs, Anschovis, -fetten Hering. Sie kaufte rote Rüben und Zwiebeln, Olivenöl, -Essig und Pfeffer; Knäckebröd mit Anis gewürzt; Sillsalat -aus mariniertem Hering; sie feilschte um Gammalost, den -schärfsten alten Käse, für den der Maler Henrik Tofte seinen -letzten Pfennig anlegte, und ließ sich die Flaschen füllen mit -Pomerans und Finkelbränvin. Sie verstaute in ihrem Korb -Brot aus feinem Mehl und Gänsebrust und Kaviar … Oh, -dem »Smörgasbord« von Nane Thord konnte kein Mensch -nachsagen, daß dieser kleine Vorspeisentisch nicht zu aller Zeit -mit Umsicht und Liebe gerüstet stünde! Was ein Smörgasbord -eigentlich wäre, wußten die beiden landfremden Hochzeitsmenschen -noch gar nicht. Sie kamen sich bei ihrer Strandwanderung -ein wenig entwurzelt und sehnsüchtig vor; denn -sie waren an ihrem Reiseziel und waren es doch nicht. Sie -hätten hinüberrufen können zu der Insel der Auferstehung, -und dennoch lag die in dem dunkeln Wasser wie ein fernes, -fernes Land. Es war, als müßten sie erst die Schneegefilde -vom Folgefond, die sich vor ihnen in der Flut des Fjords -spiegelten, überschreiten in langer, mühsamer Wanderung, um -hinzugelangen. Aber als Nane Thords Boot gegen den Strand -stieß, sprangen sie herzu wie Kinder, die ihre Mutter erwarten, -und als wäre das Schifflein das Spielzeug, das sie ihnen -mitgebracht hatte.</p> - -<p>Nane Thord aber wunderte sich an der leuchtenden jungen -Frau Do über die Maßen. »Es wachsen viele blonde und -hohe Mädchen an diesem Strande,« sagte sie, »aber so hell<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -ist keine von uns.« Do sah aus wie ein Maitag, der über die -Zinnen der Berge blüht. Dann redeten sie von Hanna und -fanden sich darüber gleich gutbekannt zueinander.</p> - -<p>Während Nane Thord ihren Einkäufen nachging, blieben -die beiden im Boot. Sie machten es los und glitten vor dem -sachten Morgenwind uferhin. Es dauerte zwei Stunden. Da -lernten sie das Boot wenden und die Leinwand in den Wind -stellen. Sie wurden kecker und fuhren ein wenig hinaus.</p> - -<p>Es hatte sich nämlich ein Mensch zwischen dem Gesteine -der Insel halb aufgerichtet und schaute ihnen unverwandt zu. -»Ich glaube, dieser steinerne Gast ist Rolf Krake,« sagte Do.</p> - -<p>»Ach so – der Dichter, Träumer, Maler, Lautenschläger und -Drechsler?« fragte Jockele. Sie kannten seinen Namen und -seine wunderliche Art von Hanna. Die hatte ihnen sein Bild -nicht ohne Teilnahme gezeichnet und hatte gesagt, Rolf Krake -wäre die einzige der Sturmschwalben, die Nane Thord über -den Winter hätte Gesellschaft leisten wollen. Das einsame -Eiland gehörte ihr, und außer ihr wohnte niemand dort.</p> - -<p>Von Rolf Krake stammte der Name der Insel und der -Vereinigung. Von ihm rührte auch der Anbau aus Stämmen -her, der dem kleinen Blockhause des Fischers Thord im vorigen -Jahr angefügt worden war.</p> - -<p>Dieser Anbau hatte, wie das alte Haus, ein Rasendach, -tief herabgezogen und auf geschälte Birkenrinde gelegt. Aber -während der Rasen auf dem alten ganz von Moos und Flechten -übersponnen war und nun in der Morgensonne leuchtete -wie dunkles Gold, blühte das neue wie ein Frühlingsanger -von Gänseblumen, blauem Gundermann, roten Taubnesseln -und Schaumkraut. »Man kann von den Dächern dieser Blockhäuser -die ganze norwegische Flora zusammenstellen,« sagte -der Naturforscher Jockele.</p> - -<p>Da sahen sie Nane Thord von der Sägemühle her wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -über das kurze Gras des Vorlands herabschreiten. Sie -arbeitete mit dem freien Arm wie eine Windmühle mit ihren -Flügeln; denn sie wollte sich den beiden bemerkbar machen. -Also fuhren sie hinüber. Nane Thord ergriff Steuer und -Segelleine. Und wie ein Renner, der sich wieder in sicheren -Händen weiß, eilte das Fahrzeug nun über den Fjord.</p> - -<p>Der Mann zwischen den Steinen kroch hervor und machte -das Boot fest. Es war aber nicht Rolf Krake, sondern Henrik -Tofte, der Maler, der auf seinen alten Käse gewartet hatte. -»Nane Thord hat mir den Tag zerdonnert,« sagte er. »Wissen -Sie, auf mich haben alte Käse die Wirkung wie auf Ihren -Dichter Schiller die faulen Äpfel. Eigentlich wollte ich heute -das Bild für Johnny fertigkriegen – es ist nämlich eine Sonnenstimmung -aus dem frühen Tage … Nun bin ich den Vormittag -über zu Stein geworden.« Dabei schob er einen halben -Laib Brot aus der Hand Nane Thords in die Tasche seines -Malkittels, nahm den Steinnapf mit dem Käse in Empfang -und stieg wieder seinem vorigen Sitz in den Zacken entgegen.</p> - -<p>»Man darf es mit Herrn Tofte nicht verderben,« sagte Nane -Thord geheimnisvoll. »Er ist 'n Kerl wie 'n Eichbaum; er -kann malen wie der liebe Gott. Aber wenn er wild wird, -geht er nieder wie eine Lawine.«</p> - -<p>»Ein bißchen viel auf einmal,« lachte Do. »Hat ihn eigentlich -Fräulein von Fellner kennen gelernt?«</p> - -<p>»Ah nein! Er ist doch erst mit den beiden Engländern -James King und John Williams im August gekommen.«</p> - -<p>Dann schritten sie vom Landeplatz den schmalen Steig -zwischen Felsblöcken empor und traten in den neuen Teil -des Blockhauses, den sie den Krakesaal nannten. Es war ein -einziger großer Raum mit zwei Reihen niederer Fenster an -den Längsseiten, mit weißen Vorhängen und mit Blumen auf -den Brettern. An der rückwärtigen Schmalseite lag eine<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -Feuerstelle. Ein Kupferkessel hing an einer Kette über -glimmender Torfglut. In der Mitte stand ein bedeutender -runder Tisch. Dunkle geräumige Stühle waren im Kreise -darum geordnet. Und beim ersten Fenster, vor der Staffelei, -stand eine Malerin, die strich in heftiger Versunkenheit die -goldene Dämmernis aus ihrem Pinsel. Sie dachte wohl: es ist -Henrik Tofte, der mit der Fischerfrau hereinkommt. Deshalb -wandte sie sich nicht um. Aber als sie Nane Thords feiertägliche -Sprache hörte, wagte sie einen Blick aus ihrer Lichtfreude. -Und …</p> - -<p>»Jockele! Do, goldene Do!«</p> - -<p>»Gwendolin Vogelgesang!«</p> - -<p>Es folgte ein ungeheurer Zusammensturz. Zuerst rissen -sich Gwendolin und Jockele an die Herzen. Dann warf Do -ihre Arme um beide. So jauchzten sie ihre Glückseligkeit von -heißen Lippen und aus quellenden Augen übereinander dahin. -»Gwendolin, du ewiges Licht, du Zauberin!« Und genau -wie damals in der Stube der kleinen Wirtschaft im Webicht -bei Weimar, als die lange Gwendolin dem Jockele die Bilder -zum »Armen Heinrich« verkauft und ihm sein erstes selbstverdientes -Geld in blauen Scheinen gebracht hatte – genau -wie damals schossen diese ranken jungen Menschen durcheinander -wie Waldbäume und verflochten sich mit Wurzeln -und Ästen. Aber nun waren es ihrer drei. Und genau wie -damals stand eine Wirtsfrau zwischen Tür und Angel, kriegte -die Verklärung und schrieb unter das Bild in Lebensgröße -»Ein Wiedersehen nach langen Jahren«. Aber nun hieß die -Wirtsfrau Nane Thord.</p> - -<p>Großer Gott, wie klein ist deine Erde!</p> - -<p>Henrik Tofte bekam durch das offene Fenster hinaus eine -Ahnung der Ereignisse. Sollte der Herr, der sich ihm als -Doktor Sinsheimer vorgestellt hatte, einer der vielen sein, die<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -Gwendolin Vogelgesang einmal schön gefunden hatten? Und -einer von denen, die sie hernach gehen hieß mit hochmütigem -Munde – »ich kenne diesen Menschen nicht«?</p> - -<p>Henrik Tofte, der ährenblonde Skalde, schritt zweimal ums -Haus, um sich zu überzeugen, ob es dadrinnen einen Streit -gäbe oder eine ausgelassene Freude. Er entschied sich für die -Freude und kam herein. »Tofte, herrlicher Tofte, das ist doch -der Jockele und seine Frau Do!« jubelte Gwendolin.</p> - -<p>»Ach soo!« brummte der Maler. Dann vollbrachte er eine -fast ehrfürchtige Verbeugung vor Do. Aber den Jockele nahm -er in seine beiden Hände … »Herr, Herr –«</p> - -<p>»So redet er sonst nur den lieben Gott an,« rief Gwendolin -dazwischen.</p> - -<p>»Herr, Herr, hätten Sie sich nicht mit einem falschen Namen -eingeführt drunten am Inselrande, so hätt' ich Sie auf -meinen Armen in dies Haus getragen. Ja, wenn Sie der -Jockele sind, Sie Seligster unter den Menschen! Sie kennen -wir hier besser als uns selber. Na, und nun können Sie ja mit -Gwendolin und Ihrer blonden Frau wieder durch die Welt -ziehen wie auf dem Umschlagbilde des Buches ›Jockele und -die Mädchen‹. Ein gelbes Kleid und einen Wildrosenhut hat -die lange Gwendolin nämlich wieder … Und jetzt, Mutter -Thord, bringen Sie Sekt, viel Sekt! Hätten Sie heut morgen -alten Käse gehabt statt Quark, so wäre mein Bild jetzt fertig, -und Mister Johnny hätte mir eine Anzahlung gemacht, -bis daß es trocken ist. Nun aber schreiben Sie den Sekt so -lange auf.«</p> - -<p>»Geld hat er nie,« erklärte Gwendolin. »Und doch verdient -er schrecklich viel. Ich sag' euch: er kann malen …«</p> - -<p>»Wie ein Gott!« unterbrach sie Do.</p> - -<p>»Nein, er kann malen, daß man sich schämt, neben ihm -einen Pinsel anzurühren. Geld hat er nie. Aber er ist der<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -Schönste unter den Menschen.« Dabei wandte sich Gwendolin -ab, aber nicht, weil sie rot wurde, sondern weil sie ihren -Malkittel abstreifte und an den Haken hängte. »Kommen Sie, -Tofte,« sagte sie dann und zog ihm den Linnenrock aus, »Sie -gehen ja daher, als wären Sie von Stein.« Gwendolin hatte -nun wirklich das gelbe Kleid an und sah aus, als liefe sie gerade -aus dem Bilde vom Jockelebuch.</p> - -<p>Marit, das Hausmädchen, hatte inzwischen das Smörgasbord -hergerichtet; und Jockele und Do erfuhren, was es damit -für eine Bewandtnis hatte. Dieser Vorspeisentisch stand an -der anderen Schmalseite des Saales, der Feuerstelle gegenüber, -und wies, sauber zugeschnitten, alle Herrlichkeiten auf, die -Nane Thord an den Vormittagen drüben in der Welt erhandelte. -Es standen Teller dabei. Jeder nahm sich so viel und -wonach er Lust hatte.</p> - -<p>Henrik Tofte hatte draußen gefrühstückt. Er beschied sich -bei einem Vortrunk Pomerans und Finkelbränvin. Dann -saßen sie um den Tisch her. Tofte konnte tagelang zugeschlossen -sein wie die Memnonssäule; aber heute klang er sein -Glück in die Welt in ewigem Sonnenaufgang. »Herr, Herr, -ich habe Mortsrespekt vor Ihnen,« sagte er zu Jockele, »aber -dies erste volle Glas bring ich Ihrer herrlichen Frau! Frau Do, -wissen Sie, daß Sie einen finsteren Winter lang der hohe -Stern dieses Hauses gewesen sind?«</p> - -<p>Da die Hauptmahlzeit erst des Abends um sieben Uhr genommen -wurde, hatte man Muße, alles zu erfahren, was man -voneinander wissen wollte. Jockele und Do würden auch Gelegenheit -haben, alle Sturmschwalben kennenzulernen, die -in diesen Tagen im Hardanger Fjord wohnten, sagte Gwendolin. -»Sie fliegen nämlich herum, wo sie wollen – auf, in -die Fjelds oder gar hin zu den Firnen, weit ins Land, zu -den Wasserfällen in die Schluchten, oder sie segeln den Fjord<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -entlang. Nur zu Tisch erscheinen sie des Abends alle mit -Pünktlichkeit.«</p> - -<p>Hanna von Fellner und Gwendolin kannten sich übrigens -nicht. Auch hatte sich seit Hannas kurzem Aufenthalte manches -geändert; denn Henrik Tofte und Gwendolin wohnten nun -doch auf der Insel bei Nane Thord. Durch den Anbau waren -in dem Fischerhause zwei kleine Räume dafür frei geworden.</p> - -<p>Neben dem Wiedersehen erstaunte Jockele am stärksten -über das Verhältnis Dos zu Gwendolin. Er mußte jenes -Tages auf dem Ettersberge bei Weimar gedenken, an dem sie -Gwendolin malend im Walde getroffen hatten. »Jakobus -Sinsheimer,« hatte Do damals zu ihm gesagt, »diese da ist -Gwendolin Vogelgesang, eine Böhmin, und sehr jung. Die -Männer finden sie hübsch, und sie kann etwas.« So war das -Bild Gwendolins rasch und zutreffend von ihr gezeichnet worden. -Aber zu einer herzlichen Zuneigung war es zwischen den -Mädchen nie gekommen. Und als der Jockele in seinem jungen -Unverstand an das heiße Abenteuer mit Gwendolin geraten -war, hatte ihn Do sogar mit eifersüchtigem Spott überschüttet, -und sie hatten einander den Frieden auf ein paar Wochen -gekündigt.</p> - -<p>Nun, Gwendolin war im Hardanger Fjord noch genau so -verführerisch wie im Sommerwalde des Ettersberges. Ja -sie war vielleicht noch gewalttätiger geworden in ihrer Sieghaftigkeit -und Sinnenfreude. Aber Do brauchte sie heute nicht -mehr zu fürchten. Und sie war auch inniger und fraulicher – -natürlich nur, was ihr Herz anlangte; denn die schlanke Biegsamkeit -des Leibes und das ganze betörende Feuer ihrer -zwanzig Jahre schienen ihr unveränderliches Eigentum.</p> - -<p>Den Samowar, den Gwendolin damals in einer Nebelnacht -für Jockeles kleines Heim gestiftet, hatten sie mitgebracht. -Von ihm war nun die Rede.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<p>»Ach, der Teekessel!« jauchzte Henrik Tofte. »Das ist ja -eine famose Geschichte!«</p> - -<p>»Die kennen Sie auch?« wunderte sich Do.</p> - -<p>»Kunststück! Alles kennen wir – als hätten wir's miterlebt!« -gestand der Maler. »Wir wissen sogar, daß Jungjockele in -jener verbiesterten Nacht zweimal den Namen Gwendolin -Vogelgesang über die schöngemusterte Teedecke losgelassen -und gesagt hat, es kröchen nun zwei Schlangen auf dem -Tisch herum.«</p> - -<p>Gott, wie lustig sich die Welt von damals jetzt ausnahm aus -der gesicherten Entfernung heraus!</p> - -<p>So lag das Lebensbuch des Jockele aufgeschlagen zu -tiefster Vertraulichkeit für alle, die es sehen wollten. Und weil -man auf der Insel einen Winter lang wißbegierig darin gelesen -hatte, leistete sich der Jockele auch seinerseits gleich die -vertrauliche Frage: »Henrik Tofte, wollen Sie Gwendolin -Vogelgesang heiraten?«</p> - -<p>»Jawohl, was <em class="gesperrt">mich</em> anlangt,« sagte der. »Wir haben davon -mehrfach miteinander geredet. Aber mit der Gwendolin -ist ja nichts anzufangen, wenn sie nicht will.«</p> - -<p>»Und – sie – will – nicht?« forschte Jockele aus drohender -Versteinerung heraus.</p> - -<p>»Will nicht!« bestätigte Tofte und zog die Schultern.</p> - -<p>»Will nicht?« sagte Gwendolin. »So ist das nicht richtig! -Nur – ich habe gelernt, mir diese Dinge zu überlegen. Man -weiß, ich bin nicht ohne Erlebnisse. Und immer mußte ich es -sein, die zur Vernunft kam, wenn es höchste Zeit wurde. -Daher ist die Rede unter den Menschen: die Gwendolin Vogelgesang -verleugnet nach vier Wochen kaltherzig jede Liebe … -Nicht wahr, Jockele?« fragte sie in Erinnerung an den -Zwetschengarten von Ettersburg.</p> - -<p>»Es war das närrische Jungsein,« sagte Jockele.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p> - -<p>»… das ich mein Lebtag nicht loswerden kann,« ergänzte -Gwendolin. »Aber ich bin höllisch klug geworden und auf -der Hut vor mir selber. Dürfte ich anders den Mut haben, -mich – als das einzige junge Mädchen – in den Ring der -Männer zu wagen, die des Abends hier zu Tische sitzen?«</p> - -<p>Man merkte: dies Gespräch war die ganz persönliche Angelegenheit -Gwendolins und Henrik Toftes. Es brach jäh -ab, als sich die Tür öffnete.</p> - -<p>Rolf Krake kam herein.</p> - -<p>Er ging ein wenig vornübergebeugt und sah aus, als wollte -er dem Geheimnis Gott auf den Grund kommen; und so, -als wüßte er, daß es nur noch eins gebe, das unergründlicher -sei: nämlich er selbst. Aber das wußte er nicht. Er hatte ein -schmales, bartloses, scharfmodelliertes Gesicht mit einer auffällig -hohen Stirn. Darüber dünnes blondes Haar, nach -rückwärts gestrichen. Es schien zu wehen, so oft er in innere -Erregung geriet. Ein anderes Zeichen dafür gab es an diesem -besinnlichen, etwas <span id="corr022">übermächtigen</span> Kopfe nicht. Denn die -Augen lagen ihm unter der kraftvollen Stirn – grau und -groß, und wer diese Augen zum erstenmal sah, der dachte, -es gebe auf der Welt keine, die ruhevoller wären. Weit -offen – und dennoch Rätsel, die kein Mensch je gelöst hat … -wenn man nicht sagen will, daß dies dem Schwurgerichte -gelungen sei, vor das Rolf Krake hernach gestellt wurde. -Augen, wie diese, hatte niemand. Nicht einmal Nane Thord. -Denn die von Nane Thord waren zwar auch grau, groß -und ruhevoll, aber sie leuchteten jeden Tag über einen Wunderglauben. -Deshalb konnte Nane Thord zuzeiten in die -Welt schauen wie ein Kind, welches den lieben Gott sucht -und meint, er stehe hinter der nächsten Ecke und spiele mit -ihm Verstecken. – Seine Lippen waren schmal, aber nicht -verkniffen; sondern dieser Mund sah aus, als könnte er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -nur mit Rolf Krake unterhalten. Und doch hatte Rolf Krake -keinen Feind auf der Welt als sich selber. Aber er war der -Meinung: er selbst wäre sein bester Freund. In diesem Wahne -litt er sich an den Rand des Verderbens; denn sein bester -und edelster Freund war sein Bruder Woldemar. Der war -aber noch niemals im Hardanger Fjord gewesen; denn Rolf -Krake hatte ihm, in seiner Einbildung von der Feindschaft -des Bruders, seinen Aufenthalt schon seit Jahr und Tag -verschwiegen. Nur manchmal, manchmal bekam er eine so -heftige Sehnsucht nach ihm, daß er Mister Johnnys Segelboot -losmachte – mitten in der Nacht – und den ganzen Fjord -lang segelte – mitten in der Nacht – bis hinaus gegen den -Bömmelsund, wo das Meer offen wird. Das tat er, weil -er auf diese Weise den großen und schnellen Dampfer erreichte, -der im Morgengrauen von Norden kommt und nach -Kiel fährt. Von dort aus reiste er seiner unheimlichen Sehnsucht -nach, in einem fort bis Jena, wo sein Bruder Woldemar -studierte. Aber wenn er ihm dann die Hände schüttelte, -dachte Rolf Krake: »Es ist doch so – dieser Mensch ist mein -schlimmster Feind.« Und in der nächsten oder in der folgenden -Nacht reiste er ohne Abschied wieder von ihm weg. – Bei -alledem hielt kein Mensch seine Sinne sorglicher zusammen -als Rolf Krake.</p> - -<p>Was die Leute von ihm wußten, und wie sie sich das Geheimnis -Rolf Krake ausdeuteten – das kannten Do und Jockele -von Hanna. Es war vielerlei, aber es war nicht viel. Und die -Deutung war flach.</p> - -<p>Rolf Krake dichtete und malte. Rolf Krake studierte dickleibige -theologische Schriften, aber mit gleichem Eifer Darwin, -Büchner und Haeckel. Er hatte zwar den Anbau zu Nane -Thords Fischerhütte errichten lassen, aber er wohnte in der -Sägemühle am Eingange des Seitentales, hinter welcher<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -der Skjoldefoß sechzig Fuß hoch über die Steilwand herabschießt. -Es war dort so: der Wassersturz hing vor der Wand -in der Luft. Wenn der Wind von Norden dagegenstieß, wehte -er wie ein Schleier; denn der Felsen hatte oben eine Nase, -die bei zehn Fuß hervorragte. Über diese Nase brauste die -Flut hernieder. Deshalb konnte Rolf Krake zwischen der -Bergwand und dem Falle stehen mit verschränkten Armen -und konnte – hinter sich den Fels und vor sich die brüllende -Allmacht des Sturzes – fürchterlich einsam sein.</p> - -<p>Er sagte, er wohne in der Sägemühle, weil er dort an -seiner Drehbank drechseln könne, ohne daß er mit seiner Liebhaberei -jemandem auf die Nerven falle. Aber es geschah -auch deshalb, weil die Sägen, Räder und aufgeregten Wasser -lauter redeten als die vielen Stimmen, die in ihm waren.</p> - -<p>Nach alledem könnte man denken, Rolf Krake wäre feindselig -gegen seine Mitmenschen gewesen. Aber auch das traf -nicht zu; ja es läßt sich sagen, daß er von allen Sturmschwalben -der Wohltemperierteste und in seiner Art Liebenswürdigste -war. Und der Rücksichtsvollste. Das ließ sich schon daran -erkennen: er hatte an diesem Vormittage den Gesellschaftsrock -angelegt. Es hatte sich in den Strandhäusern wohl herumgesprochen, -daß die schöne lichte Frau Do nach der Insel -gesegelt sei.</p> - -<p>Do hatte mancherlei Aufträge von Hanna für ihn. Sie -spazierte also im Saale mit ihm hin und her. Henrik Tofte -trank indessen sehr viel Sekt. Darüber wurde er aber nicht -lauter als sonst, und seine Augen verloren nichts von ihrer -stahlblauen Klarheit. Wenn er früh zu trinken begann, trank -er in der Regel bis in die Nacht, ohne daß seine Hünenkraft -erkennbar erschüttert wurde.</p> - -<p>Dieser Vollnatur gab sich Jockele in heller Aufgetanheit -hin. Es gab an ihr nichts zu raten. Do aber wurde von Rolf<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -Krakes rätselhaften Dämmerungen aufs tiefste gefesselt. Sie -dachte: weder Hanna noch irgendeiner aus diesem Tal -ahnt sich heran an seine Seele – und Rolf Krake stand in der -Fülle des Lichts, das von ihr ausging, und vergaß darüber -die Welt und sich selber.</p> - -<p>Nach einer Weile kamen Mister Johnny und Mister James. -Beide in großkarierten hellen Anzügen und in gelben Kalblederschuhen -mit dicken Sohlen. Beide in Sportmützen, beide -gleich hochaufgeschossen und beide gleich blond und tadellos -in der Aufmachung. An dem Malzeug, das sie bei der Tür -ablegten, war zu sehen, daß sie Künstler waren oder werden -wollten. Zu dieser Zeit waren sie englische Staatsstipendiaten, -die von Henrik Tofte jedes Bild von der Staffelei -weg erstanden, vorausgesetzt, daß er es nicht mit seinem Namen -zeichnete. Mit dem reichlichen Gelde, das sie ihm dafür bezahlten, -erwarben sie das Recht, die Bilder als ihre eigenen -auszugeben und als Belege ihres Fleißes und Könnens nach -England zu senden.</p> - -<p>Dieser Brauch hatte sich aus ihrer Bequemlichkeit einerseits, -aus dem andauernden Geldbedarfe Henrik Toftes andererseits -entwickelt. Beide Teile fanden ihn angenehm. Aber -es war eines der Wasser, die zwischen Gwendolin und Tofte -rannen, und über die Gwendolin nicht zu ihm kommen konnte.</p> - -<p>Ihre Shagpfeifen legten sie an diesem Tag auf dem kleinen -Tische neben dem Eingang ab.</p> - -<p>»Es ist ein lächerlich schöner Morgen gewesen,« sagte James -King, »ein Morgen mit einer lächerlichen Fülle von Farben.«</p> - -<p>Do und Rolf hatten sich wieder zu dem runden Tische -gesetzt; und der Doktor hatte Mühe, sich nicht ausgelassen zu -wundern, weil Mister James den Tag und seine Farbenfülle -lächerlich fand.</p> - -<p>»Sie malen also eine Nebelstimmung?« fragte er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p> - -<p>»Im Gegenteil,« behauptete James, »dieser lächerliche -Reichtum von Licht ist mir erwünscht.«</p> - -<p>»Lächerlich ist das einzige schmückende Beiwort, dessen sich -Mister James bedient,« erklärte Henrik Tofte.</p> - -<p>»Ah soo!«</p> - -<p>»Treten Sie mit ihm in den Metzgerladen, so fragt er: -Was kostet diese lächerliche Wurst? Machen Sie mit ihm eine -Hochtour, so redet er von lächerlichen Gletschern und Schründen -und von einer lächerlichen Herrlichkeit in dem Augenblick, -in dem er überwältigt vor der Welt steht. Er hat die Bedeutung -dieses Wortes zu eigenem Gebrauch umgeprägt, und -es ist für ihn zu einem Universalausdruck seines uneingeschränkten -Wohlgefallens geworden. – Dies ist die einzige -nennenswerte Eigentümlichkeit an dem großen Künstler -James King.«</p> - -<p>Henrik Tofte allein durfte sich eine solche Erklärung erlauben. -Er trieb es mit den Menschen, wie er wollte; und -man ertrug seine Allmacht. Nur in Gwendolin war eine -Kraft über ihn gekommen, vor der diese Allmacht versagte.</p> - -<p>Mister Johnny dagegen fürchtete den starken Henrik noch -aus einem anderen selbstsüchtigen Grunde: der Liebe zu -Gwendolin. Nun ja, die Bilder des Norwegers waren wohl -zu allen Zeiten mit Geld zu erkaufen. Und selbst, wenn Tofte -der Wandertrieb überkäme, oder wenn er – was noch schlimmer -war – sich eines Tages von Gwendolin bereden ließe, seine -Lieferungen einzustellen: in einem nahen Augenblick würde -er doch an seinen leeren Geldbeutel fassen. Und dann konnte -für Tofte und seine beiden »Schüler« die Sache wieder von -vorn anfangen. Aber die lächerlich hübsche, die lächerlich -gescheite und die lächerlich mächtige Gwendolin hatte das -Schicksal von James und Johnny in der Hand, wenn es ihr -einfiel, den genialen Henrik eines Tages zu heiraten!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<p>Am einfachsten wäre es gewesen, Gwendolin hätte ihre -Bilder mit der gleichen stillschweigenden Abmachung dem -James und dem Johnny überlassen. Aber die hatte vortreffliche -Beziehungen in Deutschland, sie behielt keine fertige -Tafel lange im Hause; und zweitens brauchte sie lächerlich -wenig Geld.</p> - -<p>Heute morgen hatten James und Johnny droben auf dem -Fjeld gelegen, angeblich malenshalber, und hatten sich gesonnt. -Dabei hatten sie erwogen, daß sie das mühselige Werken mit -Pinsel und Farbe aufgeben und dennoch die berühmtesten -Maler Englands werden könnten – nämlich: wenn der starke -Henrik ihnen für ein paar Jahre sein Genie verkaufte. Und -wenn es nur das war, was er leichtherzig »Kitsch« nannte … -Seiner Ansicht nach malte Henrik Tofte – wenigstens in dieser -Zeit und für James und Johnny – überhaupt nur Kitsch. Er -prahlte nie mit seiner Kunst. Aber Gwendolin versicherte -den Sturmschwalben: was Henrik eigentlich könne, das wisse -kein Mensch, und auch er selbst nicht … Nun, die Gefahr, -daß es die Menschen so bald erführen, war nicht groß; denn -was er aus seinem genialen Pinsel strich, das trug einstweilen -die Namen John Williams oder James King. Haha! Die -beiden hatten in London eine Ausstellung gehabt von »ihren« -Bildern, waren daran zu großem Ruhme gelangt und waren -mit einem Schlage die gesuchtesten Maler ihres Landes geworden. -Davon erzählten sie natürlich im Fjord kein Sterbenswörtchen; -und es schien, als ob der geniale Henrik nicht -einmal die richtige Verachtung für sie aufbrächte.</p> - -<p>Es war ein fabelhafter Bluff. Aber er war lächerlich ungefährlich, -solange James und Johnny das Meer zwischen -sich und die gläubige Heimat legten und – solange diese Gwendolin -Vogelgesang den schönen Pott nicht in Scherben schlug. – -Da mußte etwas geschehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p> - -<p>Jockele und Do, Henrik Tofte und Gwendolin verließen -die erlebnisreiche Tafelrunde schon gegen Mittag; denn -Sinsheimers wollten ein Boot kaufen. Die Lockungen des -Fjords waren mit unwiderstehlicher Macht über sie gekommen. -Aber sie wollten auch nicht immer abhängig bleiben von -Nane Thords Fahrzeug, so oft ihnen der Sinn nach der Insel -stehen würde.</p> - -<p>Gwendolin mußte mit. Das entsprach dem Wunsche Henriks. -Wenn er sie nicht in seiner Nähe wußte, geriet er aus -seiner »lächerlichen Wurstigkeit« – wie James King den -Normalzustand Henriks in tiefer Bewunderung nannte. Aber -wenn er gar einmal nicht wußte, wo sie war, wurde er unfähig -zum Schaffen. Dann war ihm sein guter Stern vom -Himmel gefallen … Die Leute wußten das von einem Ende -des Fjords bis zum anderen. Sie wußten: dieser Mann, -auf den sich die Augen aller richteten, weil er daherschritt -wie ein Sieger, konnte Felsen zerdrücken in seinen Händen, -und er konnte vor Gwendolin beten. Aber sie hörte ihn nicht. -Es war das lauterste Verhältnis, das je zwischen zwei Menschen -bestand, und doch wurde zu Land und zu Wasser kaum -eines ohne das andere gesehen. Keines betrat die Stube -des anderen, die ihnen Nane Thord von ihrem einsamen -Fischerhäuschen vermietet hatte. James und Johnny konnten -dieses Platzmangel wegen nicht auf dem Eilande wohnen. -Die beiden hausten drüben am Festland unter dem Dache -der alten Bolette Steensgard, die auch eine Fischerswitwe -war. Sinsheimers behalfen sich einstweilen im Gehöft Krokengaard -mit zwei kleinen Stuben, die nach dem Fjord hinauslagen. -Und Rolf Krake sinnierte in der Sägemühle. –</p> - -<p>Der Wind, der am Morgen die Flut gekräuselt hatte, lag -irgendwo schlafen an sonnigem Hange. Deshalb mußten -die Männer die Ruder gebrauchen. Es war eine feine Fahrt;<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -denn der Schiffbauer wohnte zwei Stunden fjordabwärts. -Darüber ließ sich Jockele von Henrik Tofte vollends in der -Behandlung solch eines Fahrzeugs einweihen. Do und Gwendolin -aber saßen in der Mitte gegen die rotgepolsterte Rückenlehne -– Do ganz in Weiß, Gwendolin in Gelb – und brachten -den Menschen, die sie vom Ufer aus sahen, den jauchzenden -Glauben bei, daß nun der Frühling in vollem Gange wäre.</p> - -<p>»Jockele,« sagte Gwendolin, »es ist furchtbar nett und -delikat von euch, daß ihr vor der Mitwelt nicht ewig das -Schauspiel der jungen Hochzeiter aufführt.«</p> - -<p>»Der Mensch kann schließlich nicht alles auf einmal tun,« -sagte Jockele. »Jetzt bin ich dabei, mir Quasen an die Hände -zu rudern – siehste nich?«</p> - -<p>Und: »Was meinst du, Jo – ist es nicht so herrlich und -tatenreich hier, daß wir bis in den Herbst bleiben müssen?« -fragte Frau Doris.</p> - -<p>»Ich habe allbereits den gleichen Wunsch,« sagte Jo. »Es -ist gut, daß ich meine Mikroskope eingepackt habe. Ich werde -also versuchen, mein Werk über ›die Flechten‹ dem Abschluß -nahezubringen. Später – etwa im Riesengebirge – will -ich es vollenden. Und zweitens werde ich eine ›spezielle -Naturgeschichte der europäischen Froschlurche‹ in Angriff -nehmen. Es ist da eine Lücke in der Literatur.«</p> - -<p>»Die Sache mit den Fröschen ist etwas Neues,« warf Do -überrascht ein.</p> - -<p>»Ja. Der Gedanke dazu ist mir in diesem Boote gewachsen.«</p> - -<p>»Indes werde ich mich mit der speziellen Naturgeschichte -der ›Sturmschwalben‹ beschäftigen,« sagte Do mit bedeutendem -Lächeln.</p> - -<p>»Hm,« scherzte Jockele, »hm – ich werde also darüber -nachdenken, ob sich eine so junge Frau dem praktischen -Studium dieses Objektes ohne Gefahr aussetzen darf.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p> - -<p>»Nun,« rief Gwendolin in fröhlichem Verstehen, »man -könnte ja im Notfalle dies gefährliche Studium durch eine -jähe Abreise unterbrechen.«</p> - -<p>Henrik Tofte wurde ganz still vor dem Glück, das mit -ihm im Boote saß. Er dachte, es ahnte niemand, welch ungeheure -Erlebnisse diese liebliche Fahrt in ihn warf.</p> - -<p>Aber Gwendolin wußte es doch; denn Henrik Tofte war -für sie nie beredter als in seinem Schweigen. Sie sah heimlich -zu ihm hinüber und erkannte: das Glück dieser klaren und -aufrechten Menschen nahm sein liebes und unstetes Herz -in beide Hände und hielt es tief hinein in die Sonne. Und -Henrik träumte das Märchen: es würde nie mehr ein Sturm -durch dies Herz laufen. Ach, es war ein wunderschöner -Traum!</p> - -<p>»Weißt du, Jo,« begann Do nach einer Weile, »es wäre -wohl gut, wir ließen uns zu unserem Vorhaben ein gemeinsames -Laboratorium von drei kleinen Zimmern auf der Insel -errichten.« Darüber zog der Doktor die Ruder ein, und -Henrik Tofte trieb das Boot mit leisen Schlägen voran. »Nun, -einesteils zum Arbeiten, andernteils zu unserer Bequemlichkeit; -drittens als ein heimeliges Nest für ›Sturmschwalben‹, -die nach uns auf der Osterinsel hausen möchten und unser -dabei freundlich gedenken können; und viertens: wir verbessern -damit der eifrigen Nane Thord ihre wirtschaftliche -Lage. Was meinen Sie zu diesem Plane, lieber Doktor -Jockele?« fragte Do.</p> - -<p>Dem langen Henrik schauerte das Glück immer tiefer in -sein grundgütiges Herz. Er ließ die Ruder aus den Händen -gleiten und vergaß zu atmen – wie Lottchen, als es den -ersten Christbaum sah.</p> - -<p>Er dachte nicht daran, daß man ihn auf solchen weichen -Regungen des Gemüts ertappen könnte. Es focht ihn überhaupt<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -nicht an, was man ihm bei seinem eichbaummäßigen -Wuchs als Schwäche aufrechnete. Pah – in diesem Hünenkörper -flossen so viel Sanftmut und Gewaltart, so viel Allmacht -und Unmacht, so viel Genie und Hilflosigkeit ineinander – der -Teufel mochte dies Wirrsal ausfitzen! Haha, der Teufel! -Als ob der ein Interesse daran gehabt hätte, dies wunderliche -Stück Dasein, das man Henrik Tofte nannte, anders -zu machen! Just so, wie er war, war er ihm herrlich verfallen. -»Auf meinen Feingehalt kannst nur du mich läutern, Gwendolin -Vogelgesang!« hatte er an einem Winterabend zu ihr -gesagt, als sie miteinander bei der Feuerstelle gesessen und -dem Schneesturme gelauscht hatten.</p> - -<p>Nun, die Gwendolin hatte schon vor vier Jahren felsensicher -auf sich selber gestanden – damals, als Jung-Jockele -an ihr in den purpurroten Untergang geriet und am anderen -Tage der Do gelobte: »Diese Gwendolin werde ich -heiraten; sie ist ein süßes und heißes Mädel …«</p> - -<p>Aber im Falle Henrik Tofte fehlte ihr das Vertrauen zu -ihrer Kraft.</p> - -<p>Jockele, der sich die Quasen unter der ungewohnten Tätigkeit -nun errungen hatte, stieg nach vorn und setzte sich den -Damen gegenüber. Sie besprachen den Plan. Do hatte die -Sache ausgezeichnet bedacht. Der kleine Neubau sollte an -die Westseite der Fischerhütte kommen, dem Krakesaal entgegengesetzt. -Auf ein paar Stiegen sollte man von außen -hineingehen, aber man sollte durch Nane Thords Flur auch -zum Saale gelangen können. Und es sollte alles stilecht aus -Blockholz errichtet werden, und mit einem Rasendache.</p> - -<p>Henrik Tofte ruderte sich darüber im Grunde genommen -in tiefe Zwiespältigkeit. Aber er dachte, dieser Tag wäre die -Glückseligkeit selber und wäre für ihn die Schwelle zu einem -neuen Leben. Ja, solch ein Mensch war er nun.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p> - -<p>Es fehlte auf der Leiter der Affekte, die die guten und -schlimmen Mächte in ihn hineingestellt hatten, das Satansgeschenk -des Neides. Dafür war bei den Übermaßen seiner -sonstigen Gaben offenbar kein Platz mehr gewesen. Und -nicht vergeblich hatte für ihn das Doppelgestirn Do und Jo -lange Winternächte hindurch im Haus auf der Insel geschienen -– das hatte die berechnende Sorge Gwendolins -getan. Nun fand er in diesen beiden alles, was ihm zu wünschen -blieb.</p> - -<p>Er fing das Wünschen auf dieser Bootfahrt überhaupt -zum erstenmal an. Denn was er bis zur Stunde an anderen -Menschen wahrgenommen, das besaß er selber in Hülle und -Fülle. Sogar Geld, so viel er wollte. Früher hatte er sich -auch darum den Teufel gekümmert. Aber seit ihm das Schicksal -James und Johnny gesandt – eine Berliner Sturmschwalbe -hatte sie in scharfem Spotte »die beiden Jötter« -genannt – seitdem hatte er auch davon mehr, als nötig war. -Er brauchte nur den Pinsel in sein Genie zu tunken und – er -vermöchte in einem Jahre die gesamte Kulturwelt mit Begeisterung -für ihn zu übermalen, behauptete Gwendolin. -Und die mußte das wissen. Sie war ihm eine strenge Richterin. -Aber er fühlte dazu – als ein richtiges Genie – nicht -das Bedürfnis. Na, und wenn schon! Was hätte denn das -alles zu sagen gehabt gegen die Taten des einzigen Menschen -Jockele? Was denn? Dieser Jockele hatte sich geboren werden -lassen in eine Sommernacht mitten im thüringischen Bergwald. -Dann hatte er sich von der Zigeunerin, die seine Mutter -war, auf die Schwelle der gütigsten, sehnsüchtigsten und -weisesten Tante Veronika legen lassen. Diese Tante setzte sich -von Stund' an mit all ihrer Weisheit und ihrem Gelde für -ihn ein. Und so früh es nur anging, nahm ihn das Schicksal -auf wie einen goldenen Ball und warf ihn schönen oder<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -klugen Mädchen zu, die ihn mit geschickten Händen fingen. -Als die letzte hatte sich dies Schicksal Doris Rinkhaus aufgehoben. -Die war ausgemachtermaßen so etwas wie die -Krone unter den Frauen. Ja. War es denn anders möglich, -als daß bei solch einem Lebenswandel der Zigeunerbub in -ein paar Jahren sogar ein Doktor hieß? Und daß er nun -– acht Tage nach seiner Hochzeit mit der gescheitesten Frau -der Welt – im Boote den Hardanger Fjord entlangglitt -und mit Do die Wohltaten erwog, die sie ihm und den Sturmschwalben -angedeihen lassen wollte? Wenn diese beiden -morgen nach Ägypten und in ein paar Tagen nach Hinterindien -fahren wollten, so fuhren sie – das Schicksal würde -nicht das mindeste dagegen einwenden.</p> - -<p>Jawohl, Rührung und Freude weinte das lange Genie -über diesen Erwägungen an die Ränder seiner Augen. So -sah es nun in Henrik Tofte aus! In jeden Gedanken drängte -sich der Begriff des Schicksals. Schicksal war das einzige -Ding, vor dem der Riese auf der Osterinsel Respekt hatte – -das heißt: wenn man Gwendolin Vogelgesang abrechnete. -Schicksal – damit ließ sich doch noch etwas anfangen! Aber -bloß mit Genie? Pah! – Henrik Tofte war ein Fatalist.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Das Leben der Sturmschwalben, die in jenem Frühling -auf der Insel im Hardanger Fjord zusammengeflogen -waren, war äußerlich wohl sehr arm an Ereignissen. Es war -von der Art, welche Menschen aus dem Durchschnitt »gräßlich -langweilig« finden. Wie es denn die einzige Eigentümlichkeit -solcher Durchschnittsleute ist, jede Stunde fad und abgegriffen -zu machen, in die sie treten. Von dieser Gattung -kamen auch etliche. Sie flogen herzu, weil sie sich draußen -in den Ländern hatten davon erzählen lassen. Genau so, -wie Do und Jo durch Hanna von Fellner von der gastlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -Stätte erfahren hatten und neugierig geworden waren. Und -da diese Wandervögel nicht fanden, was sie erwarteten, zogen -sie rasch wieder fort. Für die anderen aber war jeder Tag -eine schöne schimmernde Schale, voll bis zum Rande.</p> -</div> - -<p>Der Anbau, in dem Sinsheimers nisten wollten, wurde -gleich in Angriff genommen. Er bekam, wegen der gefälligen -Silhouette, auch noch ein Zimmer als Oberstock, das sich -turmartig über denen zu ebener Erde erhob. Der Mai stand -in goldener Fülle über der Welt. Die Stämme, die schon -behauen bereitlagen, mußten nur auf die gegebenen Maße -zugeschnitten werden. So war der Bau ein Werk von Tagen.</p> - -<p>Do und Jockele, Henrik Tofte und Gwendolin und Krake -waren um diese Zeit zu einer Mal- und Studienfahrt auf -die Berge gezogen. Sie hatten sich für zwei Wochen ausgerüstet -und wollten nordwärts bis zu dem großartig düsteren -Songefjord. Nur James und Johnny waren daheimgeblieben, -saßen im Krakesaal, blätterten in Zeitschriften und -rauchten aus ihren Shagpfeifen. Draußen lag eine sehr -finstere Neumondnacht.</p> - -<p>»Meinst du, daß Gwendolin und Tofte heute zurückkommen?« -fragte James.</p> - -<p>Johnny zog die Uhr. »Es ist noch eine Stunde bis Mitternacht,« -sagte er. »Ich glaube, wir fahren hinüber. Warum -wartest du?«</p> - -<p>»Weil Nane Thord noch nicht schlafengegangen ist und wohl -auch wartet. Ich habe sie vor zwei Minuten hinausgehen -hören.«</p> - -<p>Da schritten sie durch die neue Tür in den Anbau, der schon -überdacht war. Aber die Fenster waren noch nicht eingehängt. -Sie sahen da und dort noch einen goldenen Stab Licht in -dem schwarzen Wasser stehen wie Laternenträger. Die Flut -flüsterte im Gestein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p> - -<p>»Nein, es ist ein Mensch,« sagte Johnny und lehnte sich -auf den Fensterstock und hielt den Atem an.</p> - -<p>Der Laden vor Nane Thords Stübchen war geschlossen. -Es war aber ein Herz in jeden Flügel gesägt, so daß zwei -Bündel Licht von Nanes Lampe in die Finsternis fielen. -Die lagen nun draußen auf der Klippe wie zwei Augen. Und -dazwischen stand eine Stranddistel oder eine kleine Birke oder -sonst ein Gewächs, das von dem Schein ein wenig abbekam, -ebenso wie der Zackenrand des Ufergesteins. Man konnte -sich zwischen Traum und Wachen wohl ein wunderliches -Bild von dieser Erscheinung machen.</p> - -<p>James und Johnny rührten sich nicht. Aber so sehr sich -ihre Augen nun an die Dunkelheit gewöhnt hatten, so konnten -sie doch nichts weiter entdecken als das reglose Scheinen, -das gespenstisch gewesen wäre, wenn sie nicht beide gewußt -hätten, woher es kam.</p> - -<p>Nane Thord sahen sie nicht. Weil sie aber gehört hatten, -daß sie hinausgegangen war, erkannten sie ihre Stimme. -Sie sagte: »Du kannst sehr ruhig schlafen, Lars Thord. Warum -willst du nun in der Nacht hier sitzen und angeln? Mir -scheint, du nimmst dir diese Arbeit nur zu einem Vorwande; -denn das wissen wir wohl auch, daß sie dort keine Fische essen, -wo du nun bist. Es war schon bei deiner Erdenzeit so: -immer, wenn du Blockholz schichten oder eine Axt schlagen -hörtest, mußtest du hin und sehen, was sie da treiben. Du -darfst aber ruhig schlafen, Lars Thord. Es geschieht deinem -kleinen Hause nichts. Oder willst du mir sagen, daß wir -seltsamen Besuch erhalten? Du bist nun schon zum drittenmale -da – zuletzt war es, ehe Rolf Krake kam. Das -ist, weil du dir einbildest, man könnte nicht ohne dich -fertig werden, Lars Thord. Du mußt das aber nicht -meinen. Es ist nun schon die vierte Nacht, daß ich den<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -Schlaf nicht finden kann, weil ich dich um das Haus streichen -höre …«</p> - -<p>James und Johnny vernahmen schlürfende Schritte; und -als sie wieder in den Saal traten, stand Nane Thord am Tisch -und schaute sie aus ihren großen grauen Augen an. »Ich -wunderte mich, daß Sie weggegangen sein sollten – und -hätten doch das Licht brennen lassen?« sagte sie.</p> - -<p>»Kommen Sie eben von draußen?« fragte Mister Johnny -mit erzwungener Ruhe.</p> - -<p>Da strich sich Nane Thord mit der Hand über die Stirn. -»Ja – ich bin wohl einmal hinaus gewesen,« sagte sie in -ihrer trockenen nordischen Art.</p> - -<p>So hatte Gwendolin nun doch richtig gesehen: Nane Thord -hatte ihren Wunderschlaf und ihre nächtlichen Erlebnisse! -Und als James und Johnny wieder allein waren, wußten -sie: sie würde sich jetzt zu Bett legen zu einem tiefen, traumlosen -Schlafe.</p> - -<p>Johnny war über all dem stark aus dem Gleichgange -gekommen. Aber Mister James rieb sich die Hände und -rief: »Welch eine lächerliche Komödie!« Er meinte damit: -die Komödie wäre großartig und gefiele ihm ausgezeichnet; -denn sie hatte ihn auf einen leuchtenden Einfall gebracht. -Er trug nämlich seit einer Woche den Brief eines Londoner -Kunsthändlers Watson in seiner Tasche, der an ihn und John -Williams gerichtet war und ihnen den Besuch des Herrn -Watson ankündigte. Aber diesen Brief hatte er seinem Freund -Johnny verschwiegen; denn er hatte geglaubt, Johnny würde -an der Malfahrt der anderen teilnehmen – der Besuch des -Händlers wäre ihm also nicht von Nutzen gewesen. Nun aber -lag nur noch eine halbe Nacht zwischen ihm und der Gefahr, -und in höchster Not sprang er mit Hilfe von Nane -Thords Schlafwandel gleich mitten hinein in die Verwicklung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p> - -<p>»Sie hat recht mit dem seltsamen Besuche,« begann -er, »da, lies!«</p> - -<p>»Warum hast du die Sache hinhängen lassen?« fragte -Johnny mißvergnügt.</p> - -<p>»Ich wollte dir einen Ärger ersparen,« sagte James. -»Henrik Tofte hat ein halb Dutzend Skizzen in seiner Kammer -– das ist alles. Was sollen wir damit beginnen? Ich habe -auf Rettung gesonnen, aber es ist mir nichts eingefallen.«</p> - -<p>Es war eine verzweifelte Sache. Und wenn Henrik und -Gwendolin gar als Verlobte von der Bergfahrt zurückkehrten, -dann konnte es nicht mehr lange dauern mit den Staatsstipendien -und dem leicht erworbenen Künstlerruhme! Eine -Art Rettung gab es freilich noch. Aber die war bescheiden -genug. Henrik hatte nämlich drüben in Krokengaard ein Bild -hängen – dort hatte er im vorigen Sommer gewohnt und -damit einen Teil seiner Rechnung beglichen. Aus dem gleichen -Grunde hing eine Fjordlandschaft Toftes in dem Gasthause, -in dem er seine Mahlzeiten genommen. Nun, beide -ließen sich wohl ohne ein großes Aufgebot von Silberkronen -erstehen; und beide waren zum Glück nicht mit dem Namen -ihres Schöpfers gezeichnet: man brauchte nach langen Jahren -nicht zu wissen, wer einst sein Schlafgeld auf diese Weise -bezahlt hatte. Aber der Händler wollte einen Abschluß auf -die Gesamtproduktion der beiden Jötter für eine bestimmte -Frist machen und hatte eine reichliche Anzahlung in Aussicht -gestellt. Er dachte wohl daran, die Ateliers der beiden -neuen Sterne am britischen Kunsthimmel einfach auszukaufen. -Sie aber hatten nichts als hartgekrustete Farben auf ihren -Paletten …</p> - -<p>Je nun, die Nacht war lang genug, einen listigen Plan -zu schmieden. Um Sonnenaufgang fuhr Johnny im Boot, -die beiden Bilder zu erstehen. James ließ indessen von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -Mädchen Marit die Kammer Toftes in Ordnung bringen, -suchte darin zusammen, was als Bild oder Skizze gelten -konnte, und als Johnny triumphierend zurückkehrte, stellte -er die Fjordlandschaft auf die Staffelei und überzog sie mit -Firnis. So wollten sie die Kammer Toftes als ihr Atelier -vorstellen – lieber Gott, zu einem besseren langte es einstweilen -eben nicht. Und übrigens malten sie stets in freiem -Lichte. Ja. Johnny aber getraute sich nicht, den verbrecherischen -Gleichmut des Mister James aufzubringen. Er wollte -sagen: ein dänischer Kunstfreund habe ihn just einen Tag vor -Empfang des Briefes ausverkauft.</p> - -<p>So erwarteten sie den Mann aus London. Und Mister -Watson kam. Kein anderer als Henrik Tofte ruderte ihn -zur Insel der Auferstehung. Er und Gwendolin, die mit im -Boote war, verstanden zwar kein Wort Englisch und Watson -kein Wort Norwegisch oder Deutsch. Aber an der Haltestelle des -Dampfers hatte man sie zueinandergeführt. Und Gwendolin, -die Ahnungsreiche, hatte dem kindlichen Gemüte Toftes auseinandergesetzt, -um was es sich dabei handelte; denn Herr -Watson hatte ihnen die Namen James King und John -Williams als den jüngsten Stolz Britanniens genannt.</p> - -<p>Und in der Tat: man fand die beiden in heißem Bemühen -in Toftes Kämmerlein. James war angetan mit -Henriks Malkittel und gerade dabei, den letzten Strich Firnis -auf das »neue« Bild zu setzen, dem er bereits seinen Namen -verliehen hatte. Johnny aber rieb Farben für künftige -Wunder.</p> - -<p>Das ging dem guten Tofte nun doch über die Hutschnur! -Er verfiel also in ein so männliches Schimpfen, daß Mister -Watson wie angedonnert dastand; denn das merkte er wohl: -Liebenswürdigkeiten klingen anders, selbst in einer der unmöglichen -Sprachen außerhalb Englands.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p> - -<p>Der erfinderische James aber besann sich augenblicklich auf -eine kühne Geschichte: dieser lange Mensch, der sich Henrik -Tofte nenne, wäre ein Neiding. Er ärgere sich, wenn James -und Johnny ihre Bilder verkauften. Und zu alledem hätte -das Mädchen Marit in seiner Abwesenheit eine fürchterliche -Dummheit gemacht …</p> - -<p>Das leuchtete Herrn Watson auch vollkommen ein; denn -draußen im Flur lehnte die zerbrochene Marit und bangte -vor dem Zorne Toftes, weil sie den Einbruch in sein Gemach -nicht verhindert hatte.</p> - -<p>Zuletzt waren es doch nur diese Tränen, die den starken -Henrik ins Poltern gebracht hatten. Das Weinen anderer -wendete ihm nun einmal das Herz um. Und zu einem Lawinensturz -kam es diesmal nicht; denn dieser Gewaltmensch -hätte nicht Henrik Tofte zu heißen brauchen, um die lustige -Seite der lächerlich frechen Komödie dennoch genialisch zu -finden, die die »Jötter« in seiner Stube aufführten. Er begann -also, auf sanfteren Saiten zu spielen, und sagte: »Wenn -es nicht ein Kunsthändler wäre, den ihr da foppt, so ließe -ich jetzt den Vorhang erbarmungslos über eurer Gaunerposse -heruntergehen.«</p> - -<p>»Was sagt er?« fragte Mister Watson.</p> - -<p>»Oh, er sagt: unseren Ruhm verdienten wir ja, aber zu -beneiden blieben wir trotzalledem. Er selbst hätte doch auch -eine Ahnung vom Malen – nur eine Ahnung vom Geschäft -hätte er nicht.«</p> - -<p>Da schupfte Mister Watson hochmütig die Schultern: -»<em class="antiqua">He's no Englishman.</em>«</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Danach kamen für Henrik Tofte Tage voll Finsternis: -Gwendolin verachtete ihn. Sie tat nicht nur so; sie -setzte sich nicht in den Schmollwinkel wie eine gekränkte<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -Liebste; sie wich ihm nicht einmal aus, sondern redete sogar -mit ihm, aber alle Herzlichkeit und Teilnahme für ihn war -verweht. Das dauerte bis zur Einweihung des Neubaus. -Da waren alle im Saale versammelt, und es gab ein Fest, -wie es nur Künstlerjugend feiern kann, die zuletzt doch ein -Reich regiert, in dem die Sonne nicht untergeht. Für diesen -Abend hatte Henrik Tofte eine Überraschung vorbereitet …</p> -</div> - -<p>Jockele, Do und Gwendolin waren nämlich wieder einmal -vier Tage auswärts gewesen. Mit Rucksack, Pickel und Nagelschuhen -waren sie den Flechten nachgeklettert bis an die -Ränder des Folgefondgletschers; denn den Doktor drängte es -zu Forschungsreisen dorthin, wo das Geschlecht der Flechten -noch den einzigen Pflanzenschmuck liefert an verschmähten -und gefrorenen Hochlandzinnen; oder dorthin, wo im glühenden -Sonnenbrande jedes andere Pflänzchen verdorrend stirbt. -Hundert Arten von Strauch- und Laubflechten hatte er vorher -eingetragen. Nun kämpfte er an den letzten Steilhängen -der Erde um Krustenflechten, die oft so innig mit ihrer Unterlage -verschmolzen waren, daß er sie nur durch Auflösung -des Gesteins mit Säuren befreien konnte. So führte er Do -und Gwendolin vor ungeahnte Geheimnisse.</p> - -<p>Als sie heimkehrten, war Henrik Tofte verschwunden. Mit -ihm Nane Thord. Aber in einem Winkel des Krakesaales -war ein Webstuhl aufgeschlagen, und ringsherum sah es aus -wie in einer Armeleutstube. Die blonde Marit lief umher -mit wissenden Augen; an der Bedeutung des Winkels mit -dem Webstuhle schwieg sie sich vorbei.</p> - -<p>Abends jedoch, als alle schon um den runden Tisch saßen, -tat sich die Tür auf, und Henrik Tofte kam herein als ein -Mann von fünfzig Jahren. Nane Thord aber war sein Weib -geworden. Und die beiden hatten sieben Kinder, fünf Buben -und zwei Mädel. Der älteste mit seinen sechzehn Jahren<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -stellte den Henrik Tofte dar … Das Spiel begann. Es hieß -»Der verlorene Sohn«.</p> - -<p>Zuerst sprach der wirkliche Henrik einen Vorspruch in machtvoll -gestaltenden harten Versen: er wäre der Weber Skule -Tofte, der mit seiner Familie aus dem Aardal käme, wo -ihnen alles verbrannt wäre – deshalb wollten sie hier in -dem Winkel mit dem Webstuhl ihr Leben der Armut von -vorn anfangen. Darauf setzte sich der alte Skule Tofte an -den Stuhl, und das Webeschifflein begann seine Arbeit …</p> - -<p>Das Spiel stellte jenen Tag aus dem Leben des Henrik -Tofte dar, an dem er gegen Abend ausgezogen war aus der -Kümmerlichkeit der väterlichen Mietstube, um sich sein Brot -als Anstreicher zu verdienen.</p> - -<p>Es war ein Spiel, und es wuchs zu einem gewaltigen -Erlebnis. Es war in zwei Stunden von Henrik Tofte herausgeschrieben -aus einem Jahre seiner Vergangenheit. Und es -war durch vier Tage gelernt worden von Weberkindern und -Nane Thord, die sich dabei nicht in eine fremde Welt hineinzudenken -brauchten. Und es waren harte und schmucklose -Worte, die sie sprachen. Vater Skule Tofte aber war ein -Philosoph im Weberkittel, der es sich angelegen sein ließ, -dem langen Sohne Henrik die Lehre von der Allmacht des -Schicksals ohne Mitleid ins Herz zu hämmern:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Das sollst du nicht vergessen: Armut stand<br /></span> -<span class="i0">Gevatterin, als dich das Leben fand.<br /></span> -<span class="i0">Mit Plack und Sorge salzt es uns das Brot,<br /></span> -<span class="i0">Und was es draufstreicht, schmeckt nach Schweiß und Not.<br /></span> -<span class="i0">Das Schicksal spinnt in weiße Seide ein,<br /></span> -<span class="i0">Die's heimlich hätschelt, sanft wie Mondenschein.<br /></span> -<span class="i0">Der Graben ist dein Grab; Staub ist dein Lohn:<br /></span> -<span class="i0">Du bist des lieben Gotts verlorener Sohn.<br /></span> -</div></div> - -<p>So sah die Tröstung aus, die Skule Tofte seinem Ältesten -Henrik mit auf den Weg gab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p> - -<p>Da es aber doch ein Spiel sein sollte, was man hier trieb, -war es von dem Dichter nicht uneben erdacht, daß er am Ende -die Schauspieler um einen Tisch gesetzt hatte, während die -Mutter in einem Schrank nach Brot suchte und sprach:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Das Fach fast leer – wie ist das Herz mir schwer!<br /></span> -<span class="i0">Wo nehm' ich morgen nur Kartoffeln her?<br /></span> -</div></div> - -<p>Und gleich rief das jüngste Töchterlein das Schlußwort:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Es kommt die Nacht, die keine Not bedrängt,<br /></span> -<span class="i0">Weil da der Himmel ganz voll Talern hängt;<br /></span> -<span class="i0">Leicht fällt den lieben Gott im Traum was an,<br /></span> -<span class="i0">Wie er aus Steinen Semmeln machen kann.<br /></span> -</div></div> - -<p>Das war für die Zuschauer der gegebene Augenblick zum -Mitspielen: im Nu war den Webersleuten der Tisch gedeckt, -und auch der lange Henrik durfte umkehren und den Lohn -für seine Mühe in Empfang nehmen. Henrik Tofte aber, -der richtige, wollte auch nicht zu kurz kommen. Erst überzeugte -er sich von der versöhnlichen Stimmung Gwendolins, -dann trank er ein Glas Sekt.</p> - -<p>So hatte der Abend mit einer ernsten Rückschau begonnen. -Vor allem waren James und Johnny an dem Aktus nachdenklich -geworden; denn ihnen war die Herkunft ihres jugendlichen -Meisters noch ganz unbekannt gewesen.</p> - -<p>»Oh, er hat kein Staatsstipendium gehabt!« flüsterte Johnny -Gwendolin in reuevoller Einkehr zu.</p> - -<p>Da sagte Gwendolin nicht ohne Härte: »Aber er hat ein -Stipendium von Gott: sein Genie. Wendet er es etwa -besser an als Sie das Ihre?«</p> - -<p>Doch – das hörte niemand; denn die vollen Gläser klangen -aneinander, und Henrik Tofte klimperte zum Überfluß auf -der Gitarre, die er einstweilen unter den linken Arm geklemmt -hatte. Es war ihm ein Lied eingefallen, das er nun singen -wollte. Jawohl, auch singen konnte er – furchtbar komisch<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -und mit wunderlichen Gebärden. Wie die Bänkelsänger -singen auf den Jahrmärkten vor einer bemalten Leinwand. -Er aber hatte diese Leinwand nicht und deutete doch mit -dem spanischen Rohre, als ob sie da wäre. Mit der Zunge -ahmte er das Klatschen des Stockes gegen die Bilder nach -und malte sie mit seinen Worten, grausig und volksmäßig. -Oder er sang edle alte Balladen. Seine Stimme konnte -dabei klingen wie geschlagene Glocken oder wie die See, die -vor dem Sturmwind in Klippen zerschellt …</p> - -<p>War es nicht so, als hätte der liebe Gott alle Stipendien, -die er für diese Zeit zu vergeben gehabt, in einem Schöpferrausch -an diesen einen verschwendet? …</p> - -<p>Wenn er annahm, daß man in seiner Abwesenheit von -ihm gesprochen hatte, ärgerte er sich. Aber nicht, weil er -fürchtete, man verlästere ihn. Sondern er sagte: »Ich bin -ein Mensch, der sich nicht auskennt in sich selber. Lobt oder -lästert ihr mich, wenn ich nicht dabei bin, so nützt mir das -nichts. Also ist es besser, ihr schmäht mich oder huldigt mir -ins Angesicht. Ich mache es euch ja so leicht und sage nie -ein Wort dazu, wenn es mich angeht.«</p> - -<p>Als er eine schöne und machtvolle Ballade über Harald -<span id="corr043">Harfager</span> gesungen hatte, waren alle ganz in der Gewalt -seiner stolzen Begabung, die er gar nicht achtete, weil er nur -in die Luft zu greifen brauchte wie ein Zauberkünstler, der -ringsum Wunder fängt.</p> - -<p>Da fragte der nachdenkliche Rolf Krake: »Sagen Sie, -Tofte, sind Sie eigentlich ein verbummeltes Genie?«</p> - -<p>Henrik schlug ein paar Akkorde aus den Saiten und schaute -sich im Kreise um. Es sollte jemand an seiner Statt antworten, -weil er sich selber dazu nicht wichtig genug nahm. -An Gwendolin blieben seine Augen hängen.</p> - -<p>»Ach nein,« sagte sie, »verbummelt ist er nicht. Und er<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -wird auch nie dahin kommen. So oft er an die Dürftigkeit -streift – was er so Dürftigkeit nennt – wird er etwas ganz -Großes aus sich herausschlagen.«</p> - -<p>»Warum heiraten Sie ihn dann nicht?« fragte Rolf Krake.</p> - -<p>»Weil ich zu fleißig bin,« sagte sie gefaßt. »Er würde dann -nie in die tiefe Not geraten, vor der er sich fürchten muß. -Eine kleine Malerin kann aber nicht sich und diesen Riesen -und am Ende eine Familie erhalten mit ihrer Kunst. Trotz -allem: ich mag ihn furchtbar gern leiden. Sehen Sie, das -ist die Tragik meines Lebens. Aber ich werde daran nicht -zugrundegehen.«</p> - -<p>»Plumm plumm,« machte Toftes Gitarre. Er hatte sich -an den Tisch gesetzt und folgte diesem Gespräche mit großer -Aufmerksamkeit. Sie redeten von ihm, als wäre er gar -nicht da.</p> - -<p>»Liebe Gwendolin,« begann Rolf Krake wieder, »wäre -es nicht die Aufgabe einer Frau, dieses Genie für immer -in ihre Macht zu bringen, damit es ranke und blühe nach -ihren Gedanken?«</p> - -<p>»Man könnte das meinen,« entgegnete Gwendolin. »Aber -dann kennt man Henrik Tofte flach. Auf die Dauer erkennt -er nur einen einzigen Herrscher an über die Riesenmaße -seiner Begabung; und dieser König ist der Augenblick.«</p> - -<p>Es war ein Uhr geworden. Tofte hatte sich schon über -Gebühr von dem Gericht über sich selbst fesseln lassen. Er -hatte für die Mitternacht Leute auf die Insel bestellt, die -an Drähten hunderte von Papierlaternen aufhingen … So -kommandierte er die Welt. Wohin er kam, regierte er und -dachte doch nicht daran. Aber sich selbst konnte er kein anderes -Gesetz schreiben als das von der rasenden Unbeständigkeit -des Willens. Nur so vermochte er sich zu ertragen. »Meine -Freunde,« sagte er nun, »die Nacht ist lieb und heiß wie<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -Gwendolin, und sie ist schwer vom Dufte der Rosen, des -Weins und der Berge …«</p> - -<p>»Plumm plumm!« Und Henrik Tofte sang das Lied vom -Rattenfänger. Da mußten sie alle hinterdrein und zogen -hinaus in die liebe heiße Sommernacht, wo die blonde Marit -einen Tisch unter vielen stillen Lampen gedeckt hatte. Und -weit drüben am Ufer standen die Menschen und sahen die -Ranken der blühenden Lichter in der weichatmenden Nacht -und in den weichatmenden Wassern und lauschten dem Sänger. -Dann zischten von den Rändern des Fjords die goldenen -Schlangen eines Feuerwerks empor – oh, Henrik -Tofte hatte heute »viel« Geld eingenommen von James und -Johnny! Und Henrik Tofte stand nun auf dem Dache. Stand -dort mit einem wallenden Barte und in einem langen wehenden -Mantel, wie ein Geist, der aus dem Berge gestiegen, und -sang zu geschlagenen Saiten. Es war immer so: seiner Kraft -schienen keine Grenzen gezogen – je mehr er von ihr forderte, -desto mehr gab sie. Er hatte nie so übermächtig gesungen wie -an den Säumen dieser Mitternacht. Es war ein Lied der -Liebe. Er huldigte damit Gwendolin. Und so klang es aus:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Hell hauchte der Glanz des Nebelfalls<br /></span> -<span class="i0">In silbernes Herbstgespinn.<br /></span> -<span class="i0">Die weiße Hand strich der Stute den Hals<br /></span> -<span class="i0">Und sagt' ihr doch nicht, wohin.<br /></span> -<span class="i0">Am Waldbach perlte der Erlenbaum,<br /></span> -<span class="i0">In den Runsen rauschte das Wehr;<br /></span> -<span class="i0">Sie ritt vorüber, sie ritt im Traum,<br /></span> -<span class="i0">Und das Glück ritt nebenher.<br /></span> -<span class="i0">Heim ritt sie. Um die Hufe klang<br /></span> -<span class="i0">Der klingende Abendtau.<br /></span> -<span class="i0">Und wie sie aus dem Sattel sprang<br /></span> -<span class="i0">Da jauchzte die selige Frau.<br /></span> -</div></div> - -<p>Die bunten Lampen begannen zu verlöschen. Noch verabredete -man für den Vormittag eine Lustfahrt in bekränzten<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -Booten nach der Fjordstadt Elde, um die sich die Berge türmen -und der Sommer blühte. Ein großer Zeltzirkus hatte dort -Einzug gehalten. Dann geleitete man Do und Jockele wie -ein Brautpaar zur Schwelle ihrer Kammer, in der sie zum -ersten Male schliefen. Aber Henrik Tofte fand, das Fest wäre -noch lange nicht zu Ende. Er ruderte Rolf Krake, James -und Johnny hinüber ans Land. Und als er allein in Boot -und Nacht war, streifte er darin um die Insel. Das Glück -Jockeles und seiner Frau machte sein Herz sehnsüchtig – er -wußte nicht wie. Er glitt ein Stück hinaus in die Flut und -verwandte kein Auge von dem einzigen Fenster, das noch hell war -auf dem Eilande. Es war das Gwendolins. Dann trieb er -das Boot an den Rand der Klippe, kletterte empor im Gestein -und rief leise Gwendolins Namen. »Komm zu mir!« bat er.</p> - -<p>Da dachte sie: es ist nicht ungefährlich. Aber sie ging -doch. Es war fast, als hätte sie auf ihn gewartet. Darum -war sie ungeheuer gewappnet. Und die Nacht war spät; -es hauchte schon der Tag an die Zinnen des Gletschers.</p> - -<p>Henrik legte seinen Arm in den ihren und zog sie ganz -fest an sich. So schritten sie nach der Spitze des Eilands, -die am weitesten von den Häusern entfernt lag. Es stand -dort eine Bank ins Strandrohr geschmiegt, und große moosige -Felsblöcke lagen darum her.</p> - -<p>»Wußtest du, daß ich dich rufen würde?« fragte er froh.</p> - -<p>»Ich dachte es,« sagte sie; »denn ich weiß: in Nächten, -wie in dieser, nehmen Sie sich nicht erst die Zeit zum Schlafen. -Warum sagen Sie übrigens »du« zu mir?«</p> - -<p>»Ich habe das beschlossen,« sagte er.</p> - -<p>In der Nähe der Bank fing sein Schritt auf einmal an -zu zögern. Aber sie hüllte sich fester in das graue Schultertuch -und sagte: »Kommen Sie nur. Es muß doch einmal -klar werden zwischen uns – für die nächste Zeit.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span></p> - -<p>Da hob er sie zärtlich über das Wässerlein, das einen -Schuh breit quer vor der Bank lag. Dann krochen sie zwischen -die hohen Halme wie Rohrhühner.</p> - -<p>»Es war fein heute,« begann Gwendolin. »Sie waren -wieder einmal einfach vollkommen; denn Sie waren nie -unmäßig, wie das Ihre Art ist: unmäßig groß, unmäßig -durstig, unmäßig grob und unmäßig sentimental. Deshalb -bin ich jetzt auch gekommen.«</p> - -<p>Er warf seine Arme um sie, daß sie hörte, wie ihr die Gelenke -knackten. »Es ist dir doch nicht ernst gewesen mit dem, -was du heut abend zu Rolf Krake gesagt hast?«</p> - -<p>»Ich schwöre es Ihnen,« sagte sie. »Und wenn Sie mich -jetzt küssen, dann lauf' ich nicht etwa weg – oh nein! Aber -das sag' ich Ihnen: Sie machen mich damit nur häßlich -und aufgewiegelt. Ich habe gelernt, viel zu fest auf mir -selber zu stehen, lieber Henrik Tofte, und mit einem Aufgebot -Ihrer Kraft erobern Sie die Festung nicht.«</p> - -<p>Gwendolin wußte genau, wie sie der Gefahr zu begegnen -hatte, die sie in diesem Mann umlauerte. Ihr heißes jähes -Herz hatte ihr in der anderen Zeit schon manchen Streich -gespielt.</p> - -<p>»Erkennst du denn nicht, daß du der einzige Mensch bist, -der mich in Ketten legt?« fragte er.</p> - -<p>»Sieben Tage, mein Freund!« lachte sie. »Oder siebenmal -sieben Tage. Aber es müßten siebenmal sieben Jahre sein.«</p> - -<p>»Das ist lange,« seufzte er.</p> - -<p>»Billiger bin ich nicht zu haben,« sagte sie.</p> - -<p>»Und wenn ich dir einen Vertrag unterschreibe mit meinem -Blut auf siebenmal sieben Jahre?«</p> - -<p>»Wie dem Herrn der Hölle, dem Sie verfallen sind,« -lachte sie.</p> - -<p>»Nun?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p> - -<p>»Dann glaub' ich Ihnen doch nicht, Henrik Tofte; denn ich -glaube nur an mich und an meine Liebe. Und diese Liebe -hat zu Ihnen nicht die Kraft des Vertrauens für einen Vertrag -auf Lebenszeit.«</p> - -<p>»Und das ist dein letztes Wort, du liebste Gwendolin?«</p> - -<p>»Nein,« sagte sie. »So <em class="gesperrt">dienen</em> Sie um Rahel! Meinetwegen -sieben Jahre. Es kann auch kürzer sein. Es braucht -nur bis zu dem Tage zu sein, an dem wir beide wissen: wir -können zu einer Zweieinigkeit gelangen wie Jockele und Do. -Ich habe viel Leidenschaft und Liebe erfahren in meinem -Leben, Henrik Tofte – aber ich danke mir auf den Knien, -daß ich daran nicht zur Närrin geworden bin wie Tausende. -Oh, wir Mädchen tragen unser Herz in den Händen, und -wenn ein Mann Blumen darüber wirft, bilden wir uns -gleich ein, sie blühen ewig. Sehen Sie Do und Jockele an, -mein Freund! Die haben sich errungen durch Jahre. Diese -herrliche Do hat ihren Mann dem Leben abgekämpft in -einem verschwiegenen Kampfe. Und er ahnte es nicht; sie -selbst nicht – niemand ahnte es. So selbstlos war der Kampf; -und doch war er nicht minder schwer. Darum: reden Sie -von diesen beiden nicht als von Hätschelkindern des Schicksals! -Es gibt unter den Menschen keine, die sich ihr Glück köstlicher -erzwungen haben als sie.« Jawohl, das Wort vom Schicksal -hatte sich ihm schon auf die Lippen gedrängt. Da scheuchte -es Gwendolin fort. »Gute Nacht, Henrik Tofte! Vielleicht -gelangen auch wir über den Sonnensteg in das schöne ferne -Land. Gute Nacht!«</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Die Gletscherspitzen leuchteten nun in einem wundervollen -Rot. Und auch die Worte Gwendolins waren voll von -Verheißung gewesen für einen neuen Tag. Sie waren -gewesen wie nie zuvor. Dennoch sah Henrik Tofte aus, als<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -schrumpften seine mächtigen Glieder vor der Helligkeit ihrer -Rede zusammen.</p> -</div> - -<p>So hockte er im Schilfrohr und war ohne Hoffnung. Gwendolin -hatte just das Werk für den neuen Herkules ausgesucht, -das er unmöglich bewältigen konnte. Sie hatte seinen Gott, -das Schicksal, gelästert und vom Sockel geworfen; sie hatte -allen fröhlichen Glauben in ihm vernichtet; sie hatte seinen -herrlichen Freibrief fürs Leben in tausend Stücke gerissen -und in das Röhricht verstreut. »So <em class="gesperrt">dienen</em> Sie um Rahel!«</p> - -<p>Es brach ein Lachen gewaltigen Schmerzes aus seiner -Brust. Dann hob er den gestürzten Gott wieder an seine -Stelle. – O diese Narren! Warum mochten sie nicht an -das einige Schicksal glauben, das die Welt regiert? War -es denn nicht Schicksal, daß die drei Menschen, die Henrik -Tofte am meisten liebte von allen, ihm den Weg zum Glück -verwehrten? Gleich am ersten Mittag, an dem sie den Fjord -entlang gerudert waren, waren seine Augen finster geworden -über dem Blick in die Sonne Dos und Jockeles. »Nun,« -tröstete er sich damals, »sie sind Hochzeiter!« Aber seither -war alles Flittergold von ihrer Ehe abgefallen, und ein -schönes klares Leuchten war geblieben, das sah aus, als -wär' es für Zeit und Ewigkeit. Vor diese beiden Menschen -führte ihn Gwendolin und sagte: »Sieh hin – getraust du -dir das auch? Was wäre es, wenn wir einen Bund schlössen, -und er könnte nicht sein wie dieser? Was wäre es, wenn -wir zueinanderliefen in einem kindsköpfigen Rausche, wie -zwei aus der Herde? Und flickten an unserer Gemeinsamkeit -herum, stächen die Löcher mühselig zusammen und schafften -damit doch nichts weiter, als daß das Ding ganz morsch -würde? Und zuletzt ließen wir's gehen und kümmerten uns -nicht mehr um die getrennten Nähte, weil sie ja doch nicht -halten! Henrik Tofte, was wäre das?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p> - -<p>Jawohl, es war eine ungeheuer freventliche Weltanschauung, -die die Gwendolin da zum besten gegeben hatte! Bildete -sie sich denn nicht ein, sie wäre der liebe Gott selber und -könnte sich mit ihrer eigenen Kunstfertigkeit das Leben zimmern?</p> - -<p>Darüber nahm er Stück für Stück der umherliegenden -Fetzen auf und paßte sie mit Sorgfalt aneinander. So -baute er den richtigen Henrik Tofte wieder zusammen. Zwar, -die Risse konnte er nicht ungesehen machen. Aber er war -froh, daß es ihm leidlich gelungen war, und kroch aus dem -Rohre; denn er hörte das Fischerboot mit den Kindern inselwärts -plätschern, die die Kränze und Ranken brachten.</p> - -<p>Als die Fahrzeuge bunt und fröhlich geschmückt waren, -trat er in den Saal, wo ihn die Sturmschwalben mit Jubel -empfingen. Da jubelte er sich zwischen sie hin. Aber er -dachte, seit dieser Nacht wäre er hier nicht mehr daheim. Es -war ein wunderlicher Zustand. So, als wäre er nun von -dem Schicksal an eine Wegscheide gesetzt.</p> - -<p>Indessen bereiteten sich die anderen schon zur Fahrt. -Gwendolin und Do blühten wie der junge Tag: Hanna von -Fellner hatte geschrieben, sie wäre auf dem Wege nach dem -Hardanger Fjord und hätte sich Do und ihrem Mann in -Sehnsucht schon dreimal an die Herzen gestürzt; nachmittags -käme sie mit dem Dampfer fjordaufwärts, und sie erwarte, -daß an der Haltestelle alle Flaggen gehißt wären.</p> - -<p>Deshalb war die Insel in so funkelndem Betriebe. Sogar -Rolf Krake, der zu noch seltsameren Göttern betete als Gwendolin, -schnalzte schon drunten auf dem Ufersande herum.</p> - -<p>Daher kam es, daß Henrik Tofte bald allein am runden -Tische saß und merkwürdige Gedanken in den Morgenkaffee -hineinrührte. Es war ihm ums Herz, als geschähe alles zum -letzten Male, was er in den vertrauten Räumen tat. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -endlich stand er mit feuchten Augen vom Tisch auf, um -hinabzugehen zu den anderen.</p> - -<p>An der Schwelle traf er Nane Thord. Die hatte zur Feier -des Tages eine blinksaubere Haube angetan. Sie wollte -hinübersegeln an den Strand, einkaufen. Da bekam Toftes -Herz die Dankbarkeit: er nahm Nane Thord auf den Arm -wie ein dreijähriges Mägdlein und trug sie hinab in sein -Boot und sagte, sie müßte mit nach Elde in den Zirkus. -Als sie merkte, daß es ihm ernst damit war, trieben die Boote -schon mit gefüllten Segeln vor dem Winde – bunt wie -fünf Sommerblumen, die dem Himmel aus den Händen -gefallen waren. Und Henrik Tofte sang ein Scheidelied. Es -klang, als würde er nie mehr einen Fuß auf das Eiland setzen.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Wo sich jener kurze Arm vom Hardanger Fjord nach -Norden abzweigt, an dessen Ende die Fischerstadt Elde -liegt, ist auch die Haltestelle des Dampfers. Dort machten -sie ihre Boote fest, Hanna zu erwarten. Aber Henrik Tofte -war ruhelos. Er reffte vor dem Eldefjord zwar das Segel; -denn der Fjord ist nach Süden offen, und die Uferberge -legen sich darum wie zwei Arme, die alle Sonne für ihn -einfangen. Aber der Wind aus Morgen streicht an seinen -Toren vorbei. Deshalb legte Tofte dort die Ruder ein und -sagte: »Nane Thord will die Rundholmen besuchen, ihre -Tochter, die auf Gaeslinggaard wohnt. Ich fahre also mit -ihr voraus.«</p> -</div> - -<p>Aber als die anderen Boote zwei Stunden danach an Gaeslinggaard -vorüberkamen, lief Nane Thord aus dem Hofe -und machte die Windmühle: Henrik Tofte hatte sie noch nicht -wieder abgeholt.</p> - -<p>Da stieg Nane Thord in Gwendolins Seelenverkäufer -und nahm ihr die Ruder aus den Händen und forschte auf<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -der Weiterfahrt an dem Mädchen herum, was es mit Henrik -Tofte wäre.</p> - -<p>Die zugeflogene Hanna saß in lauter Wiedersehensfreude -im Boote von Do und Jockele. Rolf Krake aber fuhr mit -diesem auf gleicher Höhe und ihm so dicht zur Seite, daß -Do sehen konnte: er schien wie die Sonne.</p> - -<p>In Elde war ein großes Leben. Die Fischer lehnten in -ihren Sonntagskleidern breit und rauchend an den Steinen. -Die Blockhäuser hatten helle Augen. Und die bunten blonden -Mädchen und jungen Frauen wanderten Arm in Arm am -Strande und hatten alle Fenster offen. Aber Henrik Tofte, -den man sonst schon von weitem über allem Volk dahinsegeln -sah, war nicht da. Nur sein Boot hatten sie im Hafen -gesehen.</p> - -<p>Im Zirkus saßen sie dann in der ersten Reihe, gleich neben -den Borten des geharkten Sandes. Die Holzbänke füllten -sich bis auf den letzten Platz und bis unter das Zeltdach -hinan, das leis im Sonnenwinde flappte. Ein sehr kleiner -Clown im weißen Linnenanzuge mit faustgroßen schwarzen -Wollknöpfen ließ es sich angelegen sein, die Menge schon -vor Beginn der Reitkünste und Akrobatenstücke neugierig -zu machen. Dabei diente ihm seine zuckerhutförmige Filzmütze -als Sitzgelegenheit und Schlafgemach: so bedeutend -war diese Mütze, und so gering war das Männlein.</p> - -<p>Aber Henrik Tofte war nicht da – es war zum Lustigwerden.</p> - -<p>Endlich kam er – da war es zum Weinen.</p> - -<p>Er trug die Drahtseiltänzerin Miß Millie auf der freien -Hand herein und schwang sie auf das gespannte Seil. Er -hatte das Kleid eines Hanswurstes an, genau wie der Zwerg, -hatte eine weiße Riesenfilzmütze wie dieser, hatte sich das -Gesicht gepudert und die Nasenspitze und jede Wange mit<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -einem schwarzen Tupfe geziert. Mit der Mütze reichte er -beinahe bis an das Zeltdach. Seine Einkleidung aber war -ohne Wissen des kleinen Mitclowns vor sich gegangen. Deshalb -staunte ihn keiner gewaltiger an als dieser. Er fand -sich aber rasch in die Lage und stellte ihn den Zuschauern -vor als seinen großen Bruder. Weil er immerzu schwätzte, -und Miß Millie doch endlich ihre Kunststücke vorführen -wollte, nahm der neue Clown ihm den Zuckerhut ab, klemmte -ihn hinter ein Seil unterm Dache und steckte das Männlein -einstweilen in seine Hosentasche …</p> - -<p>Es war überwältigend, und der Erfolg der Eröffnungsvorstellung -war schon mit dieser Improvisation gerettet.</p> - -<p>Der Kleine, den man nun in der Tasche der Pluderhose -herumkrauchen sah, drohte die Hauptnummer der Seiltänzerin -in Gefahr zu bringen; denn natürlich guckte er alsbald -heraus wie aus einem Fenster. Es war so hinreißend, daß -Henrik Tofte eine Zeit mit ihm aus der Arena verschwinden -mußte, was dadurch glaubhaft gemacht wurde, daß ein -Nachtwächter mit Spieß und Laterne kam und den geharkten -Sand nach dem großen Bruder des kleinen Mannes ableuchtete. -Als er ihn endlich gefunden hatte, verhaftete er ihn.</p> - -<p>Als »letzte Nummer« aber trat Henrik Tofte wieder auf. -Und zwar als Schnellmaler. Natürlich hatte er den Kleinen -immer noch im Hosensack und tat, als hätte er das ganz vergessen. -Damit ihn die geschwollene Tasche nicht beim Malen -störe, entledigte er sich ihres Inhalts. Er zog ganze Steine -bunter Kreiden hervor, eine Tabakspfeife und zwei Beutel -– in dem vollen war Tabak, in dem leeren kein Geld. Danach -holte er die Rollen seines Malpapiers hervor und zuletzt den -kleinen Mann, über dessen Vorhandensein er natürlich äußerst -verblüfft war. Deshalb ließ er ihn an seinem freien Arm -herumkrabbeln wie einen Käfer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p> - -<p>Danach lief der Kleine nach einem Rahmengestell. Daran -hefteten sie das Zeichenpapier. Der große Bruder begann -sein Werk. Zuerst zeichnete er Gwendolin Vogelgesang – -eins, zwei, drei … und schon war sie fertig. Jedermann sah, -daß sie es war. Er überreichte ihr das Bild mit komischer -Eleganz. Er zeichnete schöne Mädchen und alte Fischer, -wie sie da umhersaßen. Und zuletzt brachte der Kleine einen -Riesenrahmen geschleppt, den stellte er vor dem Eingange -der Sandbahn auf und rief: »Ha, du bist ein großer Maler, -mein Bruder – du bist ein so großer Maler, daß ich deine -Hosentasche als Schlafstelle gemietet habe! Aber du kannst -nicht das große Meer malen.«</p> - -<p>»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte.</p> - -<p>»Das ganze Meer? Mit dem Sturme? Und mit Schiffen -in Not? Und alles auf dies kleine Papier? Ha!«</p> - -<p>»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte und begann zu malen. -Die Fläche maß zehn Geviertmeter. Er sprang um das -Papier, als wäre er aus Gummi: bald kroch er in sich zusammen, -bald schnellte er empor, als hätte er eine Feder -aus Stahl im Leibe. Und aus seinen bunten Kreiden schuf -er das Meer. Wozu der liebe Gott einen Tag gebraucht -hatte – oder tausend Jahre … Henrik Tofte machte das -in sieben Minuten. Und der kleine Bruder saß auf dem Sand -und heulte den Sturmwind darüber.</p> - -<p>»Fertig!« schrie der Kleine.</p> - -<p>Henrik Tofte aber lief an die andere Seite der Arena, -als wolle er sich die Sache aus der Ferne betrachten – da! -Mit ungeheuerem Anlauf flog er über den Sand, mit einem -Gewaltschwung sprang er mitten hinein in das gemalte -Meer. Und blieb verschwunden.</p> - -<p>»Oh,« sagte der Kleine – »jetzt ist er ertrunken!«</p> - -<p>Die Menge tobte. Aber Henrik Tofte kam nicht mehr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> - -<p>Drei Minuten später schaukelte der »Seelenverkäufer« -mit Gwendolin und Nane Thord aus dem Hafen von Elde. -Die anderen suchten nach Henrik Tofte bis gegen Abend. -Sie fanden ihn nicht.</p> - -<p>Da zogen sie mit raschen Ruderschlägen Gwendolin nach. -»Was nützt es uns, wenn wir uns um ihn sorgen oder uns -grämen?« fragte sie. »Auf dies Herz kann man nun einmal -keine Häuser bauen – und er selbst getraut sich das am -wenigsten.«</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Hanna von Fellner wohnte nun im Turm – es war -ein lustiger Name für den kleinen Aufbau, auf dessen -Dache der Sommerrasen schon wieder blühte.</p> -</div> - -<p>»Eure Tage in diesem abwendigen Weltwinkel sind ewig -bewegt wie die hohe See,« sagte Hanna.</p> - -<p>»Es ist in der Tat so,« bestätigte Do, »wir haben genau -die gleiche Wahrnehmung gemacht: als wir nach unserer -Ankunft kaum zwei Stunden am runden Tische gesessen -hatten, war uns, wir wären durch die Erlebnisse aufgeregter -Wochen gewirbelt.«</p> - -<p>Seit Henrik Toftes Verschwinden war fast ein Monat -verstrichen. Der Wanderzirkus war längst fortgezogen.</p> - -<p>Einmal segelten die von der Insel nach Elde, um über -den Freund etwas zu erfahren. Da hörten sie viele widersprechende -Meinungen über das Reiseziel der Truppe – es -lag offenbar eine Verabredung vor, die Neugier irrezuführen. -Henrik Tofte wollte seine Spur für die Sturmschwalben -verwischt sehen. Nur das eine ward ihnen zur -Gewißheit: sein Boot hatte er in Elde verkauft. Daraus -war zu schließen, daß er sich nicht mit der Absicht einer baldigen -Rückkehr trug.</p> - -<p>»Er will dich durch dies Mittel reuig und gefüge machen,«<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -sagte Hanna zu Gwendolin. »Ich denke, in ein paar Tagen -geht das große Licht uns wieder auf.«</p> - -<p>Über das »große Licht« lachten sie. Und damit war ein -Name für Henrik Tofte gefunden, der nun unter ihnen blieb, -wie das freundliche und sorgende Gedenken, das sie ihm -bewahrten.</p> - -<p>Jockele war tief betrübt über den zwar nicht ruhmlosen, -aber unwürdigen Abgang, den sich Tofte gesichert hatte. -»Vielleicht hätte ich mich mehr um ihn kümmern sollen,« -sagte er.</p> - -<p>»Nein,« sagte Gwendolin, »denn dann hätte ich gegen -euch beide kämpfen müssen und wäre wohl besiegt worden. -Möchtest du, daß es so gekommen wäre?«</p> - -<p>Jo zog die Achseln: »Es ist eine zu ungewöhnliche Sache -gewesen mit euch. Und Do und ich, wir haben uns gesagt: -wir wollen uns da nicht hineinmischen. Du hast so klare -Augen, Gwendolin, und du hast ein so aufrechtes Herz -– einem Menschen, der nicht aus eigener Klugheit erwägen -kann, was er wagen darf, wird auch durch den Rat anderer -nicht geholfen. Aber es wäre mir doch leid um das große -Licht, wenn er sich selbst aus den Händen fiele.«</p> - -<p>Den tiefsten Eingriff bewirkte Toftes Flucht in das Leben -der »Glasgow Boys« James und Johnny. Auch dieser Name -stammte von der erfinderischen Hanna. Doch brachte sie -ihn der Kürze halber nur zur Anwendung, wenn sie von -beiden sprach. Meinte sie nur James, so nannte sie ihn -den »Karauschenteich« – nach einem Wasser auf dem Fjeld, -zu dem sie mit Jakobus Sinsheimer um diese Zeit manchmal -auszog. Es war wegen der grünen Wasserfrösche. Der -Karauschenteich war ein Tümpel wunderlich verhaltenen -Lebens. Algen wuchsen drin; Moosinseln trieben auf -seinem Spiegel; er wimmelte von Molchen, Fröschen und<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -Wasserkäfern; und es standen ein paar würdige Karauschen -in der Nacht seiner Gründe, die hatten sich bereits Mooshauben -angeschafft. Es konnte kein Blick recht erspähen, -was in diesem Auge zwischen den Bergen sein verschwiegenes -Dasein <span id="corr057">pflog</span> – genau so ging es dem forschenden Blicke -Hannas vor Mister James King; da erfand sie für ihn den -Namen: der Karauschenteich. Aber weder das eine noch -das andere Kosewort hatte seine Ursache in einer besonderen -Hochachtung Hannas vor James und Johnny. Doch – sie -unterschätzte die beiden; und Jockele mußte sie eines Tages -belehren, daß die »Glasgow Boys« ihre Staatsstipendien -keineswegs zur Pflege ihrer Talentlosigkeit empfangen hätten. -Sondern die Dinge lagen so: Henrik Tofte war im Vergleich -zu ihnen allerdings ein Genie – aber das war er gegenüber -jedem anderen Malmenschen auch. Und da hatte die Gelegenheit -Diebe gemacht: James und Johnny waren seine -Schüler, sie kopierten ihn, sie übernahmen seine Malweise, -und über allem war dann der große Bluff zustande gekommen: -aus einer weitgehenden Bequemlichkeit und Leichtherzigkeit -auf beiden Seiten.</p> - -<p>Nun saßen James und Johnny am Rande des Verderbens. -Oder sie mußten sich den Ruhm, den sie im Traum errungen -hatten, erwerben, um ihn zu besitzen.</p> - -<p>Johnny hatte dazu die ernstliche Absicht. Er ging also -ans Werk; aber er schleppte Lasten. Zu allem erfuhr er -von dem Kunsthändler Watson, daß nach seinen Bildern -eine noch größere Nachfrage wäre als nach denen von James -King … Das war eine neue unfaßbare Überraschung; denn -Henrik Tofte hatte für Johnny nicht etwas Ausgezeichneteres -gemalt als für James. Einige Tage später stellte es sich -heraus, daß dies auf die Meinung Watsons zurückzuführen -war: weil Johnny ihn damals angelogen hatte, ein dänischer<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -Kunstfreund habe seinen gesamten Bestand an Bildern ausgekauft, -war Herrn Watson das Licht aufgegangen, John -Williams wäre der stärkere von den beiden »Jöttern«.</p> - -<p>So kam es, daß Johnny für die Leute auf der Insel nahezu -unsichtbar ward. Es hieß, er feiere seine Auferstehung in -der Romantik der Berge. Mister James dagegen hatte -nach dem Vorbilde seines entschwundenen Meisters ein -weit größeres Vertrauen zu seinem guten Stern als zu -seiner Arbeit und Mühe. Ganz im geheimen erwog er, ob -es nicht ratsamer sei, die sonnige Hanna von Fellner und -ihre Wohlhabenheit sich gewogen zu machen – trotz dem -»Karauschenteich«. Diesen Traum träumte er bald aus und -zog der Leuchte Gwendolins nach. Aber auch das war ein -Irrlicht.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Do hatte sich über allem mit heißem Eifer in das Studium -der norwegischen Sprache gestürzt. Eines Tages fand sie -bei Ibsen das Gedicht von der »Sturmschwalbe«. Dabei -hatte sie eine Offenbarung. Sie übersetzte es in ihrer klaren -Einfühlungskraft und ihrer freien Art:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Draußen, wo sich den Klippen die Wildsee vermählt,<br /></span> -<span class="i0">Wohnt die Sturmschwalbe. Ein Seemann hat mir erzählt:<br /></span> -<span class="i0">Sie schneidet den Schaum der Wogen, ein geflügeltes Schiff,<br /></span> -<span class="i0">Sie tritt das brandende Meer und zerschellt nicht am Riff.<br /></span> -<span class="i0">Mit den Wellen sinkt sie, mit den Wellen steigt sie zur Höh',<br /></span> -<span class="i0">Mit der Stille schweigt sie, und sie schreit mit der kreischenden Bö.<br /></span> -<span class="i0">Sie fliegt nicht, sie schwimmt nicht: wo Himmel und See sich mischt,<br /></span> -<span class="i0">Geht ihre Fahrt, zwischen Sonne und wogendem Gischt.<br /></span> -<span class="i0">Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer –<br /></span> -<span class="i0">Sturmschwalbe, wo nahmst du den Mut zum Leben her?<br /></span> -</div></div> -</div> - -<p>Do wollte weder aus dem Gedichte noch aus der Offenbarung, -die sie davor gehabt hatte, ein Geheimnis machen. -Sie kannte nun die Leute alle bis auf die letzten Kammern<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -ihrer Herzen, die sich die Sturmschwalben nannten. Rolf -Krake hatte mit jenem Namen ihren stolzen Flug zu den -Höhen des Lebens kennzeichnen wollen, zu denen nur seltene -Menschen den Aufschwung probieren. Er war ihm eingefallen -in beglückter jugendlicher Überhebung und in einer -Stunde, in der er die Maße zu sich und der Erde wohl einmal -nicht bei der Hand hatte. Aber nun wußte Do: Rolf Krake -war auch mit der Naturgeschichte der Sturmschwalbe nicht -vertraut gewesen, sonst hätte er zu erhabenem Sinnbild nicht -dies Geschöpf gewählt, das, nach alter Seemannsmär, weder -fliegen noch schwimmen kann, sondern in ewigem Wechsel -bald das eine versucht, bald das andere, und sein Element -doch niemals findet. »Sturmvögel« hatte Rolf Krake sagen -wollen; denn in dem Namen sollte das Symbol des Kampfes -einer hochgemuten Jugend mit den Stürmen des Lebens -aufgestellt werden.</p> - -<p>Nun sprachen sie darüber. Es war abends an dem runden -Tisch im Saal. Do dachte zwar, daß ihm das aus mangelnder -Naturgeschichte passiert wäre – aber: es konnte auch aus -überlegen spottender Erkenntnis gewesen sein.</p> - -<p>»Nein,« gestand er, »es ist eine Dummheit gewesen … Je nun, -vielleicht war es das Gescheiteste, was mir je eingefallen ist; -denn wir alle – mit Ausnahme von Jakobus und Doris – -sind wir nicht die leibhaftigen Sturmschwalben der Seemannsmär? -Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer?«</p> - -<p>Sie saßen bis gegen Mitternacht. Und weil sie sich voreinander -nicht versteckten, war dies Gespräch für alle voller -Erkenntnis und Gewinn.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Am anderen Tage war Jockele mit Hanna schon vor Sonnenaufgang -zum Karauschenteiche hinan auf das Fjeld -gewandert. Die neuesten Werke über die Froschlurche stimmten<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -seltsamerweise darin überein, daß der grüne Wasserfrosch ein -Schattentier wäre – etwa wie die Kröte. Der Doktor aber hatte -beobachtet, daß gerade dieser mit der Sonne an den Teichrand -stieg und mit ihr um den Saum des Wassers wanderte, -immer ängstlich darauf bedacht, in der vollen Bestrahlung -zu sitzen. Auch anderen Irrtümern der neuesten Forschung -war er auf der Spur. Sie betrafen alle die Lebensweise -der Frösche und nicht die Kenntnisse, die man sich in den -zoologischen Instituten der Hochschulen aneignen kann.</p> -</div> - -<p>Johnny und Gwendolin waren ebenfalls schon mit dem -Malzeug fjordaufwärts gefahren. Do hatte eine Bergwanderung -mit Rolf Krake vor. So blieb James allein daheim. -Aber auch er ward von Nane Thord kaum gesehen; denn -er steckte den Tag über mit seinem Boote im Rohr am Ende -der Insel und strich Schilf und Ruder mit Zinkfarbe an, -die in der Nacht leuchtet. Dabei setzte er ein sehr geheimnisvolles -Gesicht auf.</p> - -<p>Es wurde wieder einmal ein ereignisvoller Tag.</p> - -<p>Droben am Karauschenteiche, dem Auge der Bergheide, -saßen Jockele und Hanna. Sie hatten nun das brüderliche -Du füreinander erfunden, und Hanna nannte ihn im fröhlichen -Sonnenrausch ihrer Hochwelteinsamkeit den »Mann -mit den drei Frauen«.</p> - -<p>»Na, hör mal!« sagte Jockele in lustiger Entrüstung.</p> - -<p>»Es ist dennoch so! Du machst es der Gwendolin und -mir furchtbar schwer, dich nicht über Gebühr liebzuhaben.«</p> - -<p>»Das könnt ihr halten wie ihr wollt,« sagte Jockele.</p> - -<p>Da legte sie ihm den Arm um den Nacken und drei schwesterliche -Küsse auf den Mund. »Ist das nicht über Gebühr, -mein Herr?«</p> - -<p>»Ach Unsinn,« sagte er.</p> - -<p>»Nun, so soll Do entscheiden!« antwortete sie ein bißchen<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -ärgerlich; denn sie hatte aus den rückwärtigen Tagen die -Überzeugung gewonnen: ihre Wette von der Hochzeitstafel -würde für sie verloren. Da fiel es auch dem Jockele wieder ein, -daß er damals in überschießender Lust dagegen gesetzt hatte. -»Du hast Angst um deine Mark,« spottete er.</p> - -<p>Da lachte sie: »Ach nein – um die Richtigkeit meiner Ansicht! -Entweder hab' ich damals Unsinn geredet oder – -Jakobus Sinsheimer ist eine Ausnahme von der Regel.«</p> - -<p>»Nach so kurzer Zeit läßt sich das noch nicht mit Sicherheit -feststellen,« scherzte er. »Wir müssen wohl warten bis zu -meinem Tode.«</p> - -<p>»Du hast fürchterliche Angst um deine Mark!« vergalt -sie ihm nun. Sie küßte ihn in jähem Übermute noch dreimal -und sagte: »So, nun hast du deine Wette verloren! Es ist -rein zum Verzweifeln.«</p> - -<p>»Ich finde: weder das eine noch das andere,« sagte er.</p> - -<p>»Nun, wir werden ja hören, was Do dazu meint.«</p> - -<p>Dann sprachen sie über Liebe und Ehe und auch von den Erlebnissen, -die er in seiner jungen Zeit mit Gwendolin gehabt -hatte. Es war Hanna furchtbar interessant, wiewohl Do und -Gwendolin ihr das alles schon einmal erzählt hatten. »Wenn -ich Do wäre, so litte ich nicht, daß Gwendolin und Hanna -Fellner die gleiche Luft mit dir atmeten.«</p> - -<p>»Ja, so halten es die Menschen,« sagte er, »weil sie einander -nicht vertrauen bis zum nächsten Busche – und weil sie ihre -Liebe nicht reif werden lassen vor der Hochzeit.«</p> - -<p>Dann schlich er wieder einmal auf den Zehen um den Karauschenteich. -»Es sind annähernd dreihundert grüne Wasserfrösche -da!«</p> - -<p>Hanna betrieb inzwischen ein nachdenkliches Spiel mit -Heidehalmen. Sooft er an ihr vorüber kam, warf er ihr ein -kluges und schönes Wort von der Ehe hin oder von der Liebe.<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -Das fing sie wie eine seltene Blume und schmückte sich das -Herz damit – das wirbelige törichte Herz, das einst gemeint -hatte: es hätte die Liebe nach allen Himmelsrichtungen -erprobt. –</p> - -<p>Wie es indessen um Gwendolin und den langen Mister -Johnny aussah? Auf der Fahrt den Fjord hinauf war es -morgendlich kühl in dem kleinen Schiffe. Als sie dann an -ein sehr schönes Naturtheater kamen, auf dem sich die Kulissen -sommerbunt und kühn durcheinanderschoben, sagte Gwendolin: -»Sie, lassen Sie mich heraus – das muß ich malen!« -Sie war noch genau so wie damals in der wilden Jockele-Zeit: -vor einer romantischen Aufführung der Natur konnte -sie nicht vorübergehen. Das strich sie dann keck und aufgeblüht -aus ihrem jauchzenden Herzen, und es wurde ein -ungeheueres Farbenerlebnis daraus.</p> - -<p>Sie hatte sich seit dem Tage, da ihr der Freund verlorengegangen -war, nicht gewandelt. Nein, Gwendolin Vogelgesang -war nicht von der Art jener, die die Tür unbedacht ins -Schloß werfen und dann davorstehen mit Reu' und »Hätt' -ich doch«. O, die Entgleisung Henriks war ihr nicht gleichgültig -– ihr am wenigsten. Aber sie hatte von allen die -kräftigste Überlegenheit gegen das Leben.</p> - -<p>Nachdem sie ihre Staffelei aufgestellt hatte, verfiel sie gleich -mit Allgewalt ins Malen. Sie war dabei so rasch, daß sie nie -zweimal zu einem Motive ging; denn sie kopierte nicht die -Natur, sondern sie schuf das künstlerische Erlebnis, das sie -davor hatte, in Form und Farbe. Ja, so war es um ihre -Kunst; es wandelte sich auch darin nichts. Viele verstanden -sie nicht, aber viele beglückte sie. Es kümmerte sie nicht, was -sie damit für eine Wirkung erzielte.</p> - -<p>Ob John Williams weiter fjordaufwärts gerudert war, -oder ob er irgendwo hinter einer Kulisse steckt und sich in<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -seiner veristischen Manier abmühte, wußte sie in ihrem -himmlischen Untergange nicht. Er aber hatte zur Genüge -erfahren: Gwendolin konnte jemandem Palette und Pinsel ins -Gesicht werfen, dem es beikam, ihre Eingebungen zu stören. -Sie mußte allein sein mit dem Gott, der in ihr schuf.</p> - -<p>Wenn Johnny an diesem Tag nicht vorgehabt hätte, auf -sie zu warten, so hätte er sie am Morgen nicht mit in sein Boot -genommen.</p> - -<p>Der Wandel der Lichter und Schatten, der um Mittag eintrat, -verurteilte ihn zur Untätigkeit. Da legte er sich auf das -kurze Gras eines Hügels und guckte in die spiegelnden Wasser. -Bergkuppen standen darin, silberstämmige Birken, finstere -Föhren, die sich an Zacken klammerten; und die flimmernden -Eisströme vom Folgefond. Und alles blühte hinein in die -seligen Himmel der Tiefe. Den »Malkasten des Herrgotts« -hatte Gwendolin den Fjord genannt.</p> - -<p>Johnny hatte seinen Platz so gewählt, daß er Gwendolins -Wildrosenhut sehen konnte, wenn er sich ein wenig aufreckte. -Diese Gelegenheit nahm er viel öfter wahr, als er dachte. -Er sah sich an dem Zauberspiegel der Flut müde, aber an -Gwendolin nicht. Nun ja – Henrik Toftes Abreise mit unbekanntem -Aufenthalt war ein harter Schlag für ihn gewesen. -Aber die Sache hatte doch auch ihre gute Seite …</p> - -<p>Der lange Johnny hatte nie in seinem Leben eine so kurzweilige -Sonnenruhe gehalten wie an diesem Tage. Ohne -Pinsel und Farbe malte er sich ein Bild. Das stellte den -listigen James dar in dem Augenblick, in dem er erkannte: -die heiße nußbraune Gwendolin hatte John Williams unwiderstehlich -gefunden. – Es war sehr unterhaltsam. Ja. -Und deshalb lugte Mister Johnny immer durch den Spalt -zwischen den beiden Birkenstämmen.</p> - -<p>Um die gleiche Stunde befand sich sein Freund James<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -in nicht minder heftiger Kurzweil. Einesteils hockte er in -seinem Boot im Sommerrohr und strich mit einem großen -Pinsel Zinkfarbe an die äußeren Bordwände. Anderenteils -malte er sich ein Bild. Das stellte den listigen Johnny dar -in dem Augenblick, in dem er erkannte: die heiße, nußbraune -Gwendolin hatte James King unwiderstehlich gefunden. – -Es war sehr unterhaltsam. Denn: wo in aller Welt war ein -Mensch auf die köstliche Idee verfallen, mit Hilfe eines Gespensterschiffes -seiner Angebeteten eine nächtliche Aufwartung -zu machen? Seiner Angebeteten? Nun, auf eine so romantische -Gemütsverfassung zielte der Ehrgeiz eines richtigen -Glasgowboys im Grunde genommen nicht. Aber etliches -hatte er doch den Deutschen und Norwegern abgeguckt; und -er war nicht umsonst der Schüler Henrik Toftes gewesen. -So war seiner Weisheit letzter Schluß: mit einigem romantischen -Behaben mußte der Gwendolin wohl beizukommen -sein. Denn erstens würde ihr dabei das Herz erschauern: -es war ja bekannt, daß auch Nane Thord nächtliche Zusammenkünfte -mit ihrem Verstorbenen hatte. Zweitens: Gwendolin, -deren Licht stets bis über die Mitternacht hinaus durch das -Fenster schien, lebte in so später Stunde ein gesteigertes -Leben: sie würde an Henrik Tofte denken, der in der Geisterzeit -sehnsüchtig um die Insel strich … Und drittens berechnete -James das Einkommen, das sich aus Gwendolins Fleiß und -Talent schlagen ließe.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Mister Johnny, weit, weit draußen vorm Zauberspiegel, -stellte die gleiche Berechnung an. Im übrigen -aber: auf die Hilfe der vierten Dimension verließ er sich nicht. -Er wartete, bis Gwendolin so gegen drei Uhr ihre Brote auspackte, -dann schritt er unternehmungsfroh die Hügellehne -zu ihr hinan.</p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p> - -<p>»Fertig!« sagte sie und biß in die Schinkenstulle, »ich -schließe, daß es spät geworden ist, denn ich habe einen Mortshunger.«</p> - -<p>»Well,« sagte Mister Johnny, »und ich habe Ihnen drei -Eier aufgehoben.«</p> - -<p>»Famos! Geben Sie her!«</p> - -<p>Das ließ sich sehr hübsch und nüchtern an und stimmte mit -der Rechnung Johnnys Punkt für Punkt. Er setzte sich zu -ihren Füßen in das blühende Gras und half ihr bei der Betrachtung -des Bildes. Sie kniff das linke Auge zu: »Da -rechts, in den Firnenschnee, muß noch ein kobaltblaues Licht – -der Firn ist um sieben Grad Celsius zu warm,« sagte sie, -sprang auf und strich die fehlende Kälte auf das Bild.</p> - -<p>Über allem schien es dem langen Johnny: Gwendolin -würde ihm nach dem Mahle nicht die nötige Muße zu seinem -Vorhaben lassen.</p> - -<p>»Sie, sind die Eier hart?«</p> - -<p>»Hm,« sagte er. – Es war nun doch ungeheuer schwierig. -Gwendolin ballerte am Stein schon das zweite Solei auf. -»Wie weit sind Sie gekommen?« fragte sie zwischendurch.</p> - -<p>»Ah,« sagte er gefaßt, »bis zu dem Entschlusse, den Ruhm im -Stiche zu lassen, der mir in meinem Vaterlande so unverdient -zugefallen ist.«</p> - -<p>»Und wie gedenken Sie das fertigzubringen?« forschte -sie in belustigter Neugier.</p> - -<p>»Ich will für einige Zeit mit Ihnen nach Deutschland -gehen. Es wäre mir am liebsten … ich meine: was sagen -Sie dazu, wenn wir uns einander nahe blieben, so ganz -nahe … wenn wir gewissermaßen einen eigenen Herd -gründeten?«</p> - -<p>Gwendolin biß in das Ei. »Wir – zwei? … Mensch, -hat Ihnen denn die Sonne das Hirn geröstet?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p> - -<p>Johnny schnellte mit einem Satze von dem blühenden -Rasen zu seiner ganzen Länge empor – es war zu vermuten, -er hätte sich auf eine Giftschlange gesetzt. Gwendolin zuckte -zusammen: er sah aus, als wollte er sich nun auf sie stürzen. -Aber sein Herz war von einer unfaßbar versöhnlichen -Stimmung. »Ich danke,« sagte er. »Es ist nicht nötig, daß -Sie noch stärker gewappnet aus sich heraustreten; an einem -Kampf bis zum sogenannten bitteren Ende liegt mir nicht -das geringste.«</p> - -<p>»Sie sind wohl nicht ganz glücklich in der Wahl des deutschen -Ausdrucks gewesen, so daß ich Sie mißverstehen mußte?« -fragte sie.</p> - -<p>Aber Mister Johnnys Herz war von rassereinstem Gleichmut -– er ergriff nicht einmal dies rettende Seil. »Ach nein,« -sagte er, »sondern mir scheint, ich bin nicht sehr geschickt zu -Werke gegangen. Nun, so teil' ich das Schicksal mit Henrik -Tofte, mit Jakobus, mit dem Mann aus dem deutschen Zwetschengarten -und mit den anderen, die vor mir kamen und nach -mir kommen.« Das kollerte er aus seinem breiten Britenmunde -hervor wie eine Reihe Kegelkugeln. Sie gingen alle -daneben.</p> - -<p>Auf der Bootfahrt, die dreizehn Kilometer lang war, unterhielten -sie sich noch über den Vorfall. Es war die vergnügteste -Überraschung gewesen in Gwendolins Leben. Darum -flatterte ihr Herz nun auch wie ein kleiner Wimpel im lustigen -Sommerwind.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Unterwegs sahen sie Do und Rolf Krake. Die beiden -spazierten die schöne Uferstraße lang und befanden sich -offenbar in einem angelegentlichen Gespräche. Die Bergfahrt -war also kurz gewesen; denn sie hatten sich schon umgekleidet. -Do hatte den roten Sonnenschirm über die Achsel gelegt,<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -als dürfe sie kein Wort von der Geschichte verlieren, die ihr -Begleiter im weißen Strandanzuge berichtete. Darum hielten -sie sich auch vor dem vorübergleitenden Boote nur für die -Länge eines Freundesgrußes auf.</p> -</div> - -<p>»Nun ja,« sagte Do im Weitergehen, »ich habe nicht umsonst -an Ihnen herumgeforscht seit der Stunde, in der wir -uns kennen lernten. Wenn ich nun gleichwohl anfange, Sie -zu verstehen: das verzwickteste Kapitel Mensch, der mir je -vorgekommen ist, bleiben Sie für mich trotzdem.«</p> - -<p>»Darauf kommt es mir weniger an,« sagte Rolf Krake. -»Getrauen Sie sich nun, meine Frage von heute vormittag -zu beantworten?«</p> - -<p>»Ob Hanna von Fellner mit Ihnen glücklich werden könnte? -Nein, das zu entscheiden getraue ich mir nicht. Ich möchte -Sie aber nicht mutlos machen, Rolf Krake, und nicht feindseliger -gegen sich selbst. Es eilt ja damit auch nicht so sehr.«</p> - -<p>»O, es eilt doch,« sagte er. »Wenn mein Bruder Woldemar -kommt, so wird er sich in Hanna verlieben.« Do sah ihn -befremdet an. »Weiß Gott, er wird sich in sie verlieben,« -setzte er mit Nachdruck hinzu.</p> - -<p>Darüber ward sie ganz besinnlich und sagte: »Nun, eigentlich -müßten Sie ja recht haben. Was wir über Ihr Verhältnis -zu diesem Woldemar wissen, ist doch mächtig sonderbar. -Ich kann das nicht verstehen – nein, ich kann es nicht! -Das liegt auch daran, daß Sie alle Fäden Ihrer Jugendgeschichte -an einer gewissen Stelle unvermutet abschneiden. -Sie sagten: als Knaben wären Sie beide keine Ausnahmenaturen -gewesen. Aber Sie, Rolf, dachten schon damals -über leichtsinnige Streiche nach, die Sie gemeinsam begingen. -Woldemar dagegen nahm sich und das Leben wie ein Junge. -Die Mutter verstand Rolf nicht. Sie hält den nachdenklichen -Knaben für ein Kind mit verstocktem Herzen – und setzt ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -zurück. Darüber wird Rolf zu einem Grübler: er sieht in -sich einen Menschen voller Fehler, die ihm dereinst den Weg -ins Leben vermauern werden. Und er mag sich nicht mehr -leiden. Er überträgt dieses Gefühl allgemach auf den Bruder -Woldemar. Sie sind Studenten in Bonn. Da tritt Hanna -von Fellner zum ersten Male zwischen sie. Aber sie verlieren -sie wieder. Der eine studiert dann in Jena weiter, der andere -in Kiel – möglichst entfernt voneinander …«</p> - -<p>So ließ Do die Geschichte Rolf Krakes im Wandern noch -einmal an ihnen vorüberziehen. Dabei knüpfte sie die Fäden -just an der Stelle scheinbar absichtslos wieder zusammen, -an der er sie zu zerreißen pflegte. Es war ganz offenbar: das -tat er deshalb, weil er von da ab sich in sich selber nicht mehr -zurechtfand.</p> - -<p>Sie aber wollte ihn von sich selber erlösen. Daher mußte -er über diese Stelle hinwegkommen. Sie sah: es war der -verwickeltste Prozeß eines innersten Gefühlslebens, den -Rolf Krake sich selbst nicht klar aufzeigen konnte, geschweige -denn einem anderen. Aber so viel Licht, als in das Geheimnis -dieser verschnörkelten Seele zu werfen war, wollte sie für -ihre Erkenntnis doch erringen – nicht allein, weil sie dies -verschleierte Bild lockte, sondern – wie es häufig geschieht, -daß feinfühlige Frauen sich von Ahnungen leiten lassen: -weil sie dachte, sie könnte dem wunderlichen Freunde mit -dieser Erkenntnis einmal von Nutzen sein.</p> - -<p>Erst in der sinkenden Nacht kamen sie nach Hause. Do -saß danach mit ihrem Manne noch lange wach. Sie sprachen -von Rolf Krake.</p> - -<p>»Es ist so mit ihm,« sagte Do, »als Kind hat er gelernt, -sich zu hassen. Dieser Haß blieb ihm und wuchs in dem Jüngling -weiter …«</p> - -<p>»Aber, ich bitte dich, Do, wie ist denn so etwas möglich?<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -Es kann sich ein Mensch über sich ärgern, oder es kann ein -Mensch das Vertrauen zu sich selber verlieren – aber er -kann sich doch nicht durch eine Reihe von Jahren unausgesetzt -hassen! Das wäre für ihn einfach nicht zu ertragen und -müßte ja zum Selbstmord führen!«</p> - -<p>»Ganz richtig,« sagte Do, »und das ist auch die Stelle, -an der der Schlüssel zu dem Rätsel vergraben liegt: die Eigenliebe -Rolf Krakes hieß ihn, den Haß gegen sich selbst auf sein -Ebenbild zu übertragen – auf seinen Bruder Woldemar! -Alles, was er an sich selber nicht leiden mag, das kommt ihm -im Bruder doppelt und dreifach und peinigend verzerrt -zum Bewußtsein. Er sehnt sich nach ihm, er reist in dieser -brüderlichen Sehnsucht sogar über viele Meilen zu ihm – -aber dann ist es, als begegne er seinem Bilde, und der Haß -gegen dies Bild ist ihm geläufiger; denn die Selbstliebe -dämmt ihn nicht ein.«</p> - -<p>»Ich werde ihn in der kommenden Zeit mitnehmen an -den Karauschenteich,« sagte Jakobus. »Du und Hanna, -ihr sollt mehr um ihn sein als bisher. Während ich arbeite, -lustiert ihr euch in der blühenden Heide.«</p> - -<p>Am anderen Morgen zogen sie zusammen aus. Auch in -den folgenden Tagen. Rolf Krake war gerne dabei. Aber -die funkelnde Helligkeit, mit der er Hanna damals am Eldetag -umleuchtet hatte, war nicht mehr in ihm.</p> - -<p>Darüber ward das Verhältnis der beiden zueinander -freier, erlöster. Von Stund' an konnten sie in der hohen -Sommerwelt miteinander spielen wie Kinder, die sich heute -bis zur Ausgelassenheit aneinander freuen und sich morgen -vergessen. »Ich habe mich immer ein bißchen vor Ihnen -gefürchtet, Rolf Krake,« sagte Hanna. »Nun haben Sie den -Plan der Verlobung ja aufgegeben. Das ist vernünftig. -Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hände – von jetzt ab<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -sagen wir ›du‹ zueinander. Und nun geben Sie mir auch -einen brüderlichen Kuß!«</p> - -<p>Jockele lachte. »Hanna küßt immer erst fröhlich drauflos, -wenn die Gefahr vorüber ist; dann aber mit Vorliebe. Ich -kenne das.«</p> - -<p>»Du, du!« drohte das aufgeblühte Mädchen. »Nimm -dich vor mir in acht! Dich möcht' ich doch gerade erst in -Gefahr <em class="gesperrt">bringen</em> – es ist aber furchtbar schwer.«</p> - -<p>»Ach nein,« scherzte Do.</p> - -<p>»Das sagt sie heute, heute so leicht hin,« rief Jockele und -warf seiner Frau einen lustigen Blick zu. Da sah ihn die -frohe blonde Do an und wurde rot bis hinab in den Ausschnitt -ihres Sommerkleides; denn es fiel ihr ein: sie hatte -einmal im Moose des Buchwaldes im fernen Thüringerlande -gelegen, hatte ihr Gesicht mit dem Hute bedeckt, um den -die Ranke aus kleinen Blumen geschlungen war, und hatte -gedacht: »Am Rhein sind die jungen Studenten in Schwärmen -um mich geflogen – dieser Jockele aber hat seine Augen -noch nicht ein einziges Mal vor mich hingestellt, damit sie -zu mir sagten: ›Do, Do, du bist auch hübsch, und du gefällst -mir doch eigentlich sehr‹ … Die Mädchen prickeln um seine -vollen Sinne wie Sekt in einem neugefüllten Glase. Warum -prickelt er nicht um mich? Und wenn er gar einmal schäumte, -wie vor Gwendolin – man würde sich ja wohl helfen können … -Und wenn nicht? – Na …«</p> - -<p>Ja, so war das damals gewesen. Und vor diesem Gedanken -aus dem Thüringerwalde wurde die frohe blonde Frau auf -dem nordischen Fjeld glückselig rot bis hinab in den Ausschnitt -ihres Sommerkleides. Aus der gesicherten Entfernung -sah sich das alles nun furchtbar lustig an … Aber damals?</p> - -<p>So blühte sich die Jugend dieser Menschen durch den Glanz, -der sie einwob. Und Rolf Krake fand sich für seine Art fröhlich<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -und aufgetan zu ihren Sonnenseelen. »Es wäre wunderschön -gewesen, wenn wir uns fürs Leben gefunden hätten,« -sagte er zu Hanna; »aber ganz so wie Do bist du nun doch -nicht … Na, es ist auch so, wie es ist, wunderschön,« sagte -er in sanfter Bescheidung. »Und dein Kuß hat mir sehr wohlgetan.«</p> - -<p>»Da hast du noch einen, du wunderlicher Heiliger! Du -kannst mitunter einen bekommen – aber sauber, weißt du, -und in Ehren! Ich glaube, man kann dich damit aus deinem -dunklen Wasser ziehen …«</p> - -<p>»Rettungsringe!« lachte Jockele.</p> - -<p>»Es ist ein feiner Einfall,« bestätigte Rolf Krake. »Mir -scheint, ich werde bei euch noch ein ganz vernünftiger Mensch.«</p> - -<p>»Das scheint mir auch so,« sagte Hanna, »nun, da du mich -nicht mehr um jeden Preis heiraten willst, ist das Spiel für -dich schon zur Hälfte gewonnen.«</p> - -<p>So waren die Tage auf dem Fjeld lustig und hell bis -ins Herz.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Einmal des Morgens, als man auf der Osterinsel wieder -zum Aufbruch rüstete, trat Nane Thord herein und -sagte: »Es ist in der Nacht ein Boot um die Insel gefahren. -Es sah aus, als wär' es aus Glas. Und es schien wie ein erleuchtetes -Fenster in der Nacht. Es hatte auch zwei leuchtende -Ruder in den Halftern. Aber es war kein Fährmann dabei.«</p> -</div> - -<p>Nane Thord machte ihre großen, grauen Augen.</p> - -<p>Da sagte Gwendolin: »Wir haben Neumond.«</p> - -<p>»Lars Thord wird wieder etwas auf dem Herzen haben,« -setzte Jockele mit gut verhehltem Spotte hinzu.</p> - -<p>»Ach nein,« antwortete Nane, »wenn Lars Thord kommt, -so setzt er sich auf die Klippe und angelt Karauschen. Deshalb -bin ich auch nicht hinaus gewesen in der Nacht. Es<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -war mir unheimlich. Vor Lars Thord ist es mir nicht unheimlich.«</p> - -<p>»Wir müssen da mal aufpassen,« beruhigte sie Jockele.</p> - -<p>»Ja, das müssen wir wohl,« sagte Nane Thord.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">John Williams war seit ein paar Tagen verreist, nach -London. – Gwendolin wußte: am zweiten Morgen -nach dem Überfall hatte er die Fahrt angetreten.</p> -</div> - -<p>In der Nacht, von der Nane Thord auf der Osterinsel erzählte, -was sie darin gesehen haben wollte, schlenderte Johnny -vom Hydepark her durch die Greenstreet seinem Gasthause -zu. Es ist da an der Ecke ein Kaffeehaus, in dem man zu -allen Zeiten Deutsche trifft. Als Johnny im Vorübergehen -durch die große helle Scheibe blickte, stand er mit jähem Ruck -still, als wäre er gegen ein Hindernis gestoßen. Denn da -drinnen sah er einen hünenhaften Menschen sinnend hinter -dem Stuhl eines Schachspielers stehen … Jawohl, es war -Henrik Tofte!</p> - -<p>Da ging Johnny hinein. Aber Tofte bemerkte ihn nicht. -Es wurden in dem Raume mehrere Partien ausgetragen, -und es wurde kein Wort gesprochen. Deshalb setzte sich -John Williams an einen der kleinen Tische, die hinter Henrik -frei waren, bestellte sich ein Glas Tee, rauchte die Pfeife -und wartete. Wartete zwei Stunden, ohne daß er von dem -»großen Lichte« bemerkt wurde; denn Tofte war ganz vertieft -in die Partie, der er zuschaute. Während nun da und -dort ein Spiel mit dem Siege ausging oder remis wurde, -erkannte Johnny: man spielte in diesem Kaffeehaus die -Partie um die Zehnpfundnote. Um so merkwürdiger war -die Anwesenheit des Malers. Zuletzt lief nur noch jene, bei -der sich Henrik als Zuschauer aufgestellt hatte. Da wurde -der schwarze Turm geschlagen. »Ich gebe das Spiel auf!«<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -rief der Verlustträger seinem Partner zu, »Sie haben Ihre -zehn Pfund gewonnen.« – »Geben Sie sich nicht verloren, -Herr!« sagte Henrik Tofte. »Doch? Nun, wenn Sie erlauben, -spiele ich die Partie für Sie zu Ende und – wenn Sie mir -im Gewinnfalle fünf Pfund abgeben.« – »Mit Vergnügen, -mein Herr,« sagte der Deutsche und schaute verwundert -an dem Riesen empor. Der setzte sich ans Brett und gewann -mit dem siebenten Zuge. Eine freudige Erregung unter -den Anwesenden war die Folge. Währenddessen schob Tofte -die verdienten hundert Mark in die Tasche.</p> - -<p>»Nun darf ich Sie wohl auch zu dem famosen Spiel beglückwünschen, -Meister!« sagte in diesem Augenblick John -Williams.</p> - -<p>»Johnny!!«</p> - -<p>»Ich bin's leibhaftig!«</p> - -<p>»Kommen Sie, trinken wir eine Flasche Sekt!« sagte -Tofte in alter Gewohnheit, faßte seinen Schüler unter und -verließ mit ihm das Schachzimmer. Draußen in dem Erfrischungsraum, -in sicherem Winkel, setzten sie sich fest. »So -treib' ich es seit einer Woche, mein lieber Johnny,« erzählte -das große Licht.</p> - -<p>»Und haben sich dabei einen häßlichen Augenkatarrh geholt,« -warf John halb im Scherz, halb im Ernst ein.</p> - -<p>»Weiß der Teufel,« entgegnete Tofte, »ist das schon so -sichtbar? Im Zirkus hat es angefangen. Es war ein Hundeleben, -sag' ich Ihnen. Seit fünf Wochen bin ich nun in London. -Ich habe gemalt wie nie zuvor: beim Schifferfeuer an der -Themse, im Mondschein an der See und im Hafen, bei lumpigem -Tranlicht in Armeleutkneipen und im Staube der -Straßen. So an die vierzig Bilder. Bei dieser wilden Fahrt -haben meine Augen nachgegeben – wie ein Pferd beim Rennen -um den Goldpokal … Schicksal, Schicksal, Mister Johnny!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p> - -<p>»Vierzig Bilder!« rief Williams wie im Traume.</p> - -<p>»Nu passen Sie auf,« sagte Tofte. »Einmal hab' ich einen -Stoß davon unter den Arm genommen, habe mir einen -deutschen Matrosen als Dolmetsch gedingt, und so bin ich zu -Mister Watson gezogen. »Kaufen Sie mir diese Bilder ab, -Herr,« hab' ich zu ihm gesagt. »Well,« hat er gesagt, »lassen -Sie sehen.« Und »Ah« hat er gesagt, »was soll mir so -etwas nützen? Es ist nicht die Kunst, die ich brauche. Sehen -Sie, dies hier – dies wird bei mir gesucht!« Dabei führt -mich der Kerl vor Bilder, die ich im Hardanger Fjord gemalt -habe und die nun die Namen James King und John Williams -tragen!«</p> - -<p>Johnny erschrak. »Und was haben Sie ihm geantwortet?«</p> - -<p>»Nun, ich war wohl um meinen Verstand gekommen,« -sagte das große Licht, »sonst hätt' ich zu ihm gesagt: ›Mein -Herr, entweder sind Sie ein Esel, oder Sie sind ein Verbrecher.‹ -Aber ich sagte nur, ich glaubte, mit dieser Kunst -könnte es die meine auch aufnehmen … Ausgelacht hat -er mich!«</p> - -<p>»Und die Bilder?«</p> - -<p>»O, die hab' ich aus alter Gewohnheit als Zahlungsmittel -benützt. Für eins hab' ich ein Roastbeef eingetauscht, -für ein anderes eine Flasche Kognak. Zwei hab' ich dem Dolmetscher -gegeben. Den Rest hab' ich um einen Pappenstiel -verkauft, so unter der Hand, wissen Sie, beim Tandler oder -dem Antiquitätenhändler.«</p> - -<p>»Wissen Sie noch einen von den Läden?«</p> - -<p>»Wie soll ich?« rief er. »Sie, das Malen ist eine verdammte -Kunst! Ich glaube, ich geb's auf. Prosit! Und es lebe die -nußbraune Gwendolin!«</p> - -<p>Johnny erhob zwar sein Glas, aber das Gespräch leitete -er hartnäckig zurück zu Henrik Toftes Geschichte. »Sagen<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -Sie, Meister, wie sind Sie eigentlich auf die Idee mit dem -Schachspiel gekommen?«</p> - -<p>»Schicksal!« sagte Tofte. »Ich kenne jetzt drei Kaffeehäuser, -in dem Deutsche, Schweden oder Norweger die -Partie um die Zehnpfundnote spielen. Da geh' ich abwechselnd -vor Anker, verfolge Zug auf Zug, und auf dem toten -Punkt springe ich ein. Immer geht das natürlich nicht, -wissen Sie. Aber dreimal ist es mir geglückt in dieser Woche – -sind dreihundert Mark!« Er ließ noch eine Flasche Sekt -kommen. »Ich spare nämlich jetzt, sag' ich Ihnen. Und -wenn ich zwölfhundert Mark habe, schüttle ich den Staub -Englands von den Füßen und gehe nach Rom. Jawohl, -nach Rom.«</p> - -<p>»Malen?«</p> - -<p>»Das heißt: wenn ich es bis dahin fertiggebracht habe, -meinen Schwur zu brechen, daß ich keinen Pinsel mehr anrühren -wollte.«</p> - -<p>»Aha,« sagte Johnny.</p> - -<p>»Warum aha?«</p> - -<p>»Weil Sie einer von denen sind, die – wenn sie ohne Arme -geboren – dennoch Maler geworden wären … Sehen Sie, -von mir kann ich das nicht sagen.« John Williams hatte -die Lider gesenkt und folgte mit den Augen der Spitze -seines kleinen Fingers, die allerhand Figuren auf der Marmorplatte -des Tisches beschrieb. Johnny war sehr nachdenklich.</p> - -<p>»Haben Sie Ursache zur Reue?« fragte Tofte. »Haben -Sie eine moralische Anwandlung? Bedrängt Ihr Herz -eine große Tat? Lieben Sie unglücklich?« Er wartete aber -nicht auf Antwort, sondern setzte hinzu: »Mit derlei Ballast -schlepp' ich mich überhaupt nicht.«</p> - -<p>»Ich finde, daß wir uns vortrefflich ergänzen, Meister.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p> - -<p>»Diese Wahrnehmung gehört für mich schon der Vergangenheit -an!« lachte das »große Licht«. Dabei strahlte er, als -wäre just er dazu ausersehen, der Erde den Frühling zu -bringen.</p> - -<p>»Übrigens: was hat Sie jetzt nach London geführt?« -fragte Tofte unvermittelt.</p> - -<p>»Ich bin auf dem Wege nach Glasgow. Je nun, man -hat etliches zu bestellen, wenn man der Heimat voraussichtlich -für lange den Rücken kehrt …«</p> - -<p>»Holla – la – la!« machte Tofte.</p> - -<p>»Hm,« sagte Johnny und schaute nicht auf. »Ich muß -loskommen von James King. Er ist kein unebenes Talent. -Ich auch nicht. Aber wir sind beide nicht stark genug, um -faul sein zu dürfen. Er ist ein Mensch, der seine Freunde -mit in den Abgrund reißt. Meister, ich werde nicht mehr in -den Hardanger Fjord zurückkehren. Ich möchte später einmal -nach München. Was meinen Sie dazu, wenn ich vorerst -mit Ihnen nach Rom ginge?«</p> - -<p>»Hurra!«</p> - -<p>»Ich bin von Haus aus nicht ohne Mittel,« fuhr John fort, -»ich werde deshalb auf den Rest meines Stipendiums verzichten …«</p> - -<p>»Sie sind wohl wild geworden?«</p> - -<p>»O, es ist nicht mehr viel. Und ich werde mich der Bildhauerei -widmen.« Er lächelte. »Wir dürften für die Folge -also noch enger zusammenstehen, aber die Firma ›Tofte, -King und William‹ ist aufgelöst – der Gesellschafter Williams -ist ausgeschieden.«</p> - -<p>Henrik Tofte schwenkte das Glas. »Sturmschwalben auf -dem Fluge zum Süden!« Er hatte Dos Naturgeschichte der -Sturmschwalben nicht mit erlebt.</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p> - -<p class="drop">Auf dem Hauptbahnhof in Hamburg standen an einem -Augustmorgen Do, Gwendolin und Hanna, Jockele -und Rolf Krake. Sie warteten auf die Ankunft des Zuges, -der ihnen den vor wenigen Tagen fertig gewordenen <em class="antiqua">Dr. phil.</em> -Woldemar Krake bringen sollte. Der Sommer des Fjords -war an ihnen hängengeblieben, und namentlich den Damen -war anzusehen, daß sie geradewegs aus des Herrgotts Malkasten -kamen. Es war ein Bild von betörendem Reiz, wie -die drei auf dem Bahnsteige wandelten: die Wildrose Gwendolin -in der Mitte, natürlich in sanftem Gelb, Do in Weiß -und Hanna in der Farbe des Morgenhimmels, wenn der -hell um die Schneegefilde des Folgefonds weht. Es war -die springlebendige Lieblichkeit, vor der der Herzschlag der -Männer sieben Sekunden lang aussetzt, und nach der sich -die Augen der Frauen in neidlos stiller Beglücktheit wenden. -Selbst inmitten des losgelassenen Lebens auf einem -Bahnhof.</p> -</div> - -<p>Da schnitt auf einmal einer quer über die schaukelnden -Wogen des bunten Sommergetriebes hinweg. In der Hand -des hochgereckten linken Armes, der wie ein Mastbaum ragte, -schwenkte er einen Rucksack, schmetterte einen jodelnden -Ruf, trieb wie ein Schiff übers Meer vor dem Sturm seiner -Freude und riß die Schwertlilien aus dem Hardanger Fjord -alle drei auf einmal an sein Herz: Henrik Tofte auf dem -Wege nach Rom!</p> - -<p>Weiß Gott, jeder Tag im Leben des »großen Lichtes« sorgte -für eine Stunde, die den Schicksalsglauben immer fester -in ihn hineinhämmerte! – Vor einer Minute hatte er gejauchzt -»Nach Rom! Nach Rom!« nun aber war alles, was -er vorgehabt hatte, in seiner himmellangen Freude ertrunken, -und schon drehte er das Steuer gegen den Wartesaal, um dies -Wiedersehen mit ungeheurer Hingabe zu feiern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p> - -<p>Sein Freund Johnny stand indessen hinter der rückwärtigen -Scheibe des letzten Wagens im <em class="antiqua">D</em>-Zug und merkte wohl, -daß er und die Reise für den jubelnden Henrik ein verwehender -Traum geworden waren. Johnny hatte sich aus einer -vorgefaßten Meinung gegen Gwendolin nicht sehen lassen -wollen; darüber hinaus aber hatte er das Geld für Toftes -Fahrkarte – und zwar bis nach Rom – ausgelegt. Im -Zuge wollten sie abrechnen … Johnny schwang sich also -aus dem Wagen und eilte dem Festzuge Toftes nach. So gelangte -er in die Lage, sich noch ein Auge voll Gwendolin zu -nehmen, riß das große Licht vom Himmel der Seligen herab -und hinter sich drein – Türen schlugen, Fertigrufe erschollen, -die Lokomotive tat einen erlösten Atemzug, Henrik Tofte -streckte seine Arme aus dem Fenster, Gwendolin blühte ihr -Hochsommerglück über das Eisengeländer noch einmal zu ihm -hin – vorbei!</p> - -<p>Vorbei war's, ehe sie recht erkannten, was ihnen da begegnet -war.</p> - -<p>Henrik Tofte aber sank in seinen Ecksitz und ließ den Rausch -eines Kusses über seine Seele perlen wie schäumenden Wein -über die dürstende Zunge. Diesen Kuß hatte er sich von -Gwendolins Lippen genommen in der jähen Sekunde des -Abschieds und in wildausbrechendem Glück. Nun schwieg -er. Schweigend hob er die Finger zum Schwur und deutete -auf seinen Mund. Das sollte heißen: »Ich werde fortan als -stummer Mann durch meine Tage ziehen; denn ich darf den -Kuß nicht zertrümmern, der mir auf den Lippen blüht.«</p> - -<p>So sahen die Schwüre des »großen Lichts« aus. Keine -wußte das besser als Gwendolin. Darum reiste Henrik Tofte -nun in das neue Leben und – sie war nicht dabei.</p> - -<p>Doch, es gibt keinen Fleck Erde, über dem sich die schwarzen -und die roten Fäden hastiger durcheinanderwerfen zu dem<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -närrischen Gewebe des Lebens als über jener Stelle, auf der -die Fünf von der Osterinsel dem wunderlichen Gesicht noch -lustig und betroffen nachstarrten, das sie soeben gehabt hatten -– und schon pustete der erwartete Zug in die Halle. Deshalb -lösten sich Rolf Krake und Hanna von den anderen … Hanna, -die Gwendolin und Do noch gerade von hinnen funkeln -sahen; und Rolf in ehrlichem besinnlichem Frohsinn vor -dem Bruder.</p> - -<p>Und dann brachten sie ihn, den Doktor Woldemar Krake, -der sein Herz voll heißer Liebestatkraft dem sausenden <em class="antiqua">D</em>-Zug -hatte voranfliegen lassen! Der andere hatte überwunden. -Aber Do dachte auch jetzt: sie können wohl Stunden haben, -in denen der eine sich mit dem anderen verwechselt.</p> - -<p>Da war das gleiche schmale, bartlose, scharf modellierte Gesicht -mit der auffällig hohen Stirn. Darüber dünnes blondes -Haar, nach rückwärts gestrichen – es wehte bei Rolf Krake -vor jedem Sturme der Seele. Und die Augen lagen unter -der kraftvollen Stirn, grau und groß, wie Nane Thords -Augen, die das Wundern so gut verstanden. Woldemar ging -auch ein wenig vornübergebeugt, genau wie Rolf. Er sah -nicht geschmeidig aus; aber es stand der Jugend beider gut -und vornehm. Es war fast so, als käme das Übergewicht -der Besinnlichkeit in dieser Haltung zum Ausdruck. Die -gleichen Kräfte des Geistes hatten sich die Krakestirnen geformt; -die gleichen Kräfte des Gemüts stimmten sich diese -Stimmen und Seelen. Aber der eine ging gern mit der -Stunde, ob sie laut war oder leise. Der andere verhielt sich -ihr zu aller Zeit.</p> - -<p>In Hamburg machten sie sich einen vergnügten Tag, -und es war ihnen wohl anzumerken, daß ihnen die Buntheit -der großen Stadt nach der Ruhe ihres heimeligen Winkels -im Fjord zu einem genußhaften Erleben wurde. Abends<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -waren sie in St. Pauli. Als sie lange nach Mitternacht in -ihr Gasthaus am Alsterbassin kamen, sagte Do:</p> - -<p>»Mir ist, als müßte ich mich nun zum Trocknen auf die Leine -hängen; denn wir sind immerfort durch bunte klingelnde Gewässer -gehüpft, ich habe mich vollgeplätschert bis zu den Scheiteln.«</p> - -<p>»O,« sagte Woldemar Krake, »wenn Sie gerade aus dem -Examen kämen, klänge Ihnen das kecke Lied vom Brettl -wie Engelsang, und die Spritzer aus flachen Wässern würden -Ihnen zu einem Bade der Wiedergeburt. Es war ein feiner -Tag. Gute Nacht.«</p> - -<p>Danach schliefen sie einen fixen Schlaf; denn des Morgens -halb fünf Uhr mußten sie schon auf dem Dampfer sein. Als -sie hinkamen, hatten sie noch alle Nerven voll Klingeling -und Gestern und die Lider voll zerbrochenem Schlaf und standen -auf dem Deck herum und sahen, wie noch rasch letzte Lasten -auf dem Dampfer verstaut wurden, und schwiegen sich an -und dachten: es riecht nach Teer.</p> - -<p>Aber es war ein schöner Morgen. Dünne Nebel streiften -seehin wie der Rauch einer feinen Zigarette; und aus der -Kajüte stieg Duft von Kaffee und schmeichelte um ihre Sinne -eine liebe Verheißung. Die ward Erfüllung. Darüber gerieten -sie von dem taukühlen Rande des Tages gleich tief -in ihre Freude. Und als sie wieder auf Deck kamen, zerstießen -die Türme Hamburgs die gelbgraue Hülle, in der die Stadt -versunken war. –</p> - -<p>Am anderen Nachmittage überraschte sie James King an -den Toren des Eldefjords mit den Booten. Es stand ein kleiner -Wind aus Westen, mit dem konnten sie heimsegeln. Gwendolins -»Seelenverkäufer« aber hatte James nicht mitgebracht, -und auch nicht sein eigenes Boot. Er sagte, es wäre leck, -deshalb hätte er sich das von Nane Thord ausgeliehen, -und nahm Gwendolin mit zu sich hinein. Nane Thord aber<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -hatte sich indessen um ein feines Mahl bemüht. So konnte -die Ankunft des Doktors Woldemar mit Nachdruck gefeiert -werden …</p> - -<p>Es machte danach einige Mühe, das durcheinandergeratene -Werk wieder so in Gang zu setzen, daß es den alten schönen -Schlag der Stunden fand.</p> - -<p>Woldemar wohnte nun in dem Zimmer Henrik Toftes. -Und mit Ausnahme von Rolf Krake in der Sägemühle und -von James King, der noch in dem Fischerhaus drüben am -Festland saß, hatten sie alle ihr Nest auf Nane Thords Insel. -Da die Nächte früher einfielen, die Nebel dichter wurden, -und das Feuer an den Abenden schon wieder glomm, rückten -sie gern um die Herdstatt zu traulichen Gesprächen.</p> - -<p>In dieser Zeit, als der Herbst sich heimlich über die Welt -legte, arbeitete Jockele scharf an seinem Werk über die Flechten -und kam über Tag oft kaum von seinen Mikroskopen. Deshalb -fiel ihm die Wandlung, die sich mit Rolf Krake in jenen -Wochen vollzog, stärker auf als den anderen. Rolf schied -sich auch wieder mehr von ihnen ab. Aber wenn sie zu -ihm in ihrer weitoffenen Art davon sprachen, schob er -sein Einsamkeitsbedürfnis auf seine theologischen Studien -und Haeckel. »Es macht mir ein sonderliches Vergnügen, -mich darüber hin und wieder mitten entzweizureißen. Mit -dreiundzwanzig Jahren ist der Mensch nun einmal ein -Philosoph.«</p> - -<p>»Man muß aber nicht auch die Nächte hindurch philosophieren,« -wendete Do ihm ein, »und es ist zum mindesten -nicht notwendig, daß Ihre Lampe dem Morgen ins Gesicht -scheint.«</p> - -<p>Eines Abends blieb er länger als sonst. »Ich setze mich -neuerdings mit dem Glauben an die Seelenwanderung -auseinander,« sagte er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span></p> - -<p>»Eine Sache, die Ihnen unbedingt noch gefehlt hat,« -scherzte Gwendolin.</p> - -<p>»Spaß beiseite,« sagte Hanna, »du hast zweifellos zuvor -als Kröte unter dem Skjoldefoß gesessen oder als Steinkauz -in einer der benachbarten Klippen. Ich habe das neulich ganz -genau bemerkt, als wir zu dem Falle gingen: dein Eulenschrei -hui – huiiihihi war mehr als eine bloße Nachahmung.«</p> - -<p>»Hm,« machte er aus einem lustigen Nachdenken heraus, -»die Wanderung durch den philosophischen Steinkauz fesselt -mich gegenwärtig weniger, sondern vielmehr die Anschauung: -die Seelen fliegen nach dem Tode des Körpers auf den Mond. -Dort wohnen sie während des zunehmenden Mondes, aber -bei abnehmendem steigen sie mit dem Regen herab und -gehen je nach ihren Taten in höhere oder niedere tierische -Körper ein oder sogar in Pflanzen.« Solcherart waren die -Gespräche, die sie über das Herz der Nacht hinweg am -Herdfeuer auf der Insel führten. James King aber saß -dabei und wunderte sich und sagte: »Vom Geschäft reden -die jungen Deutschen niemals. In England lacht man über -sie, und in Amerika nennt man sie ›<em class="antiqua">the greenhorns</em>‹ und -füllt das Wort ›<em class="antiqua">dutch</em>‹ bis obenhin mit Verachtung. Ich -glaube, es kommt die Zeit, da werden sie es spüren.« An diesem -Abend erfuhr er auch, daß Gwendolin eine Böhmin wäre, -und es kam heraus, daß der gescheite James sich Böhmen -als eine Insel im Ozean dachte. Doch – er berief sich dabei -auf Shakespeare. Gwendolin nahm sich den Mister James -daraufhin in ihrer witzigen und leuchtenden Art vor. Es -wurde so launig, daß sogar Rolf Krake vor Vergnügen seine -Schenkel schlug und Mister James auf allen vieren um den -runden Tisch galoppierte. Er hatte den grauen Anzug an.</p> - -<p>Dieses Schauspiel verpaßten Hanna und Woldemar. -Gleich nach Rolfs Mondfahrt waren sie hinausgegangen<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -in die Nacht: sie wollten hören, ob die Käuze riefen – dann -gäbe es anderes Wetter, und sie müßten die Kletterpartie -auf den Folgefond verschieben …</p> - -<p>Es war eine Neumondnacht voll Klarheit und stiller Sterne -und doch so finster im Schatten der Berge, daß sie sich ganz -fest umschlangen. Zu der Bank im Rohre fanden sie sich -aber doch.</p> - -<p>»Holla,« rief Woldemar, »es liegt schon einer da!«</p> - -<p>Da verfiel Hanna in ein schütteres Lachen. »Ach wo,« -sagte sie, »ich habe vor dem Essen rasch meinen Mantel und -das dicke Umschlagtuch hergetragen. Man konnte doch nicht -wissen, ob die Hüllen nötig wären. Nun, eigentlich brauchten -Sie es nicht gleich zu merken.«</p> - -<p>Das war das letztemal, daß sie das fremde »Sie« gegen -ihn gebrauchte; denn nun kam eine Stunde ohne Worte. -Die war so leise – das Rohr hätten sie atmen hören können! -Aber sie horchten nicht hin.</p> - -<p>Auf einmal knirschte der Kies hinter ihnen. Da wurden -ihre betörten Sinne steil. Dann strich etwas in die Schilfhalme -hinein – aber das war schon einen kleinen Steinwurf -weit weg von ihnen und war dort, wo das Rohr so dicht stand, -daß man ein brennendes Licht hinter dem grünen Gewebe -nicht gesehen hätte. Dann folgte ein leichter Sprung und ein -langes heimliches Gleiten … Aber auch darüber fiel gleich -wieder die dunkelblaue Stille.</p> - -<p>»Du,« flüsterte Hanna, »meinst du, daß Rolf nächtlicherweile -Gespenster suchen geht?«</p> - -<p>Da stieg Woldemar auf die Bank, um gegen das Haus zu -schauen, und sagte: »Das Licht im Saal ist ausgetan.« Dann -wollten sie von neuem in ihre liebe purpurne Finsternis versinken. -Aber es kam nicht mehr zu einem tiefen Untergange;<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -denn der Gedanke an den nächtlichen Wanderer drängte -sich zwischen sie. Da brachen sie auf. Und als sie über das -Riff gingen, sahen sie einen leuchtenden Kahn über die Sterne -ziehen, die im Fjord lagen, der wurde von zwei leisen Rudern -getrieben. Aber es war kein Fährmann im Boot.</p> - -<p>Es war unheimlich. Da blieb den beiden der Atem stehen, -und sie legten sich der Länge nach auf den Stein und lugten -aus. So blieben sie, und das Gespensterschiff zog her und hin …</p> - -<p>Um diese Zeit klopfte Nane Thord an Gwendolins Tür; -denn Gwendolin schlief Wand an Wand mit ihr. Als sie herauskam, -sah sie: die Kerze zitterte in Nane Thords Hand. -»Kommen Sie,« sagte Nane Thord, blies das Licht aus und -führte sie in ihre finstere Stube … »Da! Da ist das feurige -Boot! Sehen Sie es auch?«</p> - -<p>»Ja,« sagte Gwendolin.</p> - -<p>»Die Gespenster kommen hier immer im neuen Mond.«</p> - -<p>»Je nun, es hängt vielleicht mit Rolf Krakes neuer Erkenntnis -zusammen.« Das verstand Nane Thord nicht; -aber das merkte sie wohl: es lag in Gwendolins Worten ein -Spott, der nicht recht zur Blüte kam. Eine wunderliche Sache -war die Erscheinung nun doch. Gwendolin eilte indessen -vor die Schlafzimmertür Dos und ihres Mannes. Die lagen -im ersten Schlummer, und es verstrich eine Frist, bis man -sich durch die Tür verständigt hatte. Jockele schlüpfte in den -Kimono, Do warf sich das Morgenkleid über und ließ Gwendolin -herein. Dann öffneten sie das Fenster, so lautlos es -anging – da sahen sie die Sterne still und traumhaft auf dem -Grunde der Wasser funkeln, aber von dem Gespensterschiff -keine Spur.</p> - -<p>Jockele hatte den Revolver aus dem Nachttischkasten genommen -und drehte die Trommel. Es klang ein wenig erregt, -aber es gab die Gewißheit, daß er im Ernstfalle –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p> - -<p>Da war's wieder! »Ho!« machte Jockele sehr bedeutend.</p> - -<p>»Es ist jetzt anders geworden,« stellte Gwendolin fest, -»vorhin war kein Fährmann darin.«</p> - -<p>»Ein Mann ohne Kopf!« flüsterte Do. »Sagt, was ihr -wollt – die Sache ist nun doch unheimlich.«</p> - -<p>Sie sahen den Mann ohne Kopf alle drei. Er saß dort -in weißem Linnen; seine Arme unter der Hülle bewegten -die Ruder in geräuschlos langem Schlag, und zwischen den -Schultern konnte man genau die Stelle erkennen, an der -der Kopf abgerissen war: es sah aus, als läge da noch der -Rest eines Bartes, der bei Männern, die ihn tragen, die -Schifferkrause heißt.</p> - -<p>»Dies Spiel ist mir zu dumm,« sagte Jockele in einer Anwandlung -von Mannesmut, »ich schieße dem Herrn eine -Kugel achtern ins Boot.« Und »Bumm!« dröhnte der Knall -in die schwarze Stille und rannte an den Bergen herum in -hundertfacher Verstärkung. »Nicht getroffen! Noch einmal!« -Bumm! Aber das gläserne Schiff klirrte auch diesmal nicht -in Stücke. Sondern der Mann ohne Kopf schnellte von -seinem Sitz in die Höhe und rief: »Doktor, machen Sie -keinen Unsinn! Was soll denn diese lächerliche Schießerei?«</p> - -<p>Natürlich liefen Jockele und Gwendolin nun hinaus und -nahmen Nane Thord und ihre Windlaterne mit. Dann legte -James King bei der Klippe an, in der Henrik Tofte in Stunden -der Einkehr sein Frühstück zu verzehren pflegte, und kletterte -am Gestein empor. Von der anderen Seite kamen Woldemar -und Hanna, und Jockele leuchtete das Gespenst zwischen -Lachen, Spott und Verwundern mit der Laterne an: Mister -James hatte sich ein Bettuch über die Schultern geworfen -und den Kopf mit einem Pudelfell verhängt, das war genau -so schwarz wie Nacht und Flut und von beiden nicht zu unterscheiden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p> - -<p>»Ist das nicht ein lächerlicher Spaß?«</p> - -<p>»Man kann es so nehmen – aber auch anders,« sagte -Gwendolin ein bißchen verstimmt. »Je nun: es ist der erste -Sieg, den Sie in Ihrem Leben errungen haben – lassen wir -ihn gelten.«</p> - -<p>Mister James gebärdete sich sehr lustig. Aber im Grunde: -nach einem Siege sah die Sache für ihn ganz und gar nicht -aus, sondern nach einer lächerlichen Niederlage; denn er -hatte Gwendolin damit eine Gelegenheit geben wollen, ihn -zu lieben. Und zwar hatte er sich den Gang der Dinge also -gedacht: Gwendolins Licht war alle Nacht das letzte im Haus. -Wenn sie es austat und das Fenster öffnete, ehe sie sich zu -Bett legte, sollte sie die Erscheinung bemerken. Weil sie nun -ein tapferes Herz hatte und eine Lust an kühnem Erleben, -würde sie nicht schreien, sondern sie würde sich die Erscheinung -mit Teilnahme näher betrachten. Auf dies »näher« kam es -ihm an. Alles übrige gedachte der listige James der Gunst -des Augenblickes zu überlassen …</p> - -<p>So war seine Berechnung. Es war eine umständliche -Sache. Aber – nun ja, er hatte seit der Flucht Toftes -tausendmal vergeblich nach einem geraderen Wege zu dem -wachen Mädchen gesucht: es gab für ihn keinen.</p> - -<p>»Mister James,« rief Do aus dem Fenster herab, »wäre es -nicht einfacher gewesen, Sie hätten an Gwendolins Scheibe -geklopft?«</p> - -<p>»Hm,« sagte er, »da hätte sie mir einen Krug Wasser über -den Kopf geschüttet.«</p> - -<p>Dos Frage war keck und hellsichtig. Und das Geständnis -des James war verblüffend. Danach hätte er im Reste der -Nacht seine Koffer packen können. Das tat er aber nicht; -sondern am anderen Morgen fand er sich im Krakesaal zum -Frühstück ein und sah aus, als hätt' er nie im Leben eine<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -Dummheit gemacht. Der begehrten Gwendolin aber schlug -das Herz fortan in schöner Sicherheit, und Hanna und Do -lächelten sich so um den geschlagenen König herum. Der -aber streckte die langen Glieder von sich, zeigte eine lächerliche -Wurstigkeit und rauchte Shagtabak.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Einige Tage danach waren Do, Gwendolin und Hanna -an Land gefahren und wanderten mit verschränkten -Armen am Ufersaum entlang und sprachen vom Leben. -Sie mußten heute dazu unter sich sein. Do war für Hanna -in der letzten Zeit in allen Stücken die liebe weise Beraterin -geworden, und Gwendolin hörte ihnen in nachdenklichem -Frohsinn zu. »Sie reden von meinem fernen Lande,« dachte -sie. Seit der Kunstschule in Weimar war ihr der Anblick -solch einer hoffenden, drängenden und geheimnisvollen -Frauenjugend ganz verlorengegangen. Und auch damals -hatte sie abseits gestanden mit ihrer größeren Begabung und -ihrer gefestigten Art; denn was da in den Malsälen gesessen -hatte aus Liebhaberei oder in der Absicht, sich zu beschäftigen, -das hatte Augen, denen das Lebensziel im Nebel -verschwamm. Eine wie Hanna von Fellner war ihr nie begegnet: -die wollte das ganze Reich, in dem sie einmal als -Frau einzog, aus ihren fixen weißen Händen zaubern – -wenigstens alle Feinarbeit daran. Nun empfing sie Packen -weißen Linnens und spiegelnden Batist und weiße Seide. -Sie hatte sogar eine Nähmaschine kommen lassen. Im Haus -auf der Insel klangen die Nadeln stundenlang durch gespannte -Tücher im Stickrahmen; das Wort »Dutzend« spielte eine -mächtige Rolle, und Nane Thord betastete mit Augen und -Händen den schneeigen Reichtum und wunderte sich stumm -vor den Herrlichkeiten, die da mit blauen Seidenbändern -zu Türmlein geschichtet wurden.</p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p> - -<p>Aber es war nun einmal so; und die Hanna, die sich immer -ein bißchen obenhin durch ihren Vorfrühling geträllert hatte, -rüstete für ihr Ostern mit einer Tiefgewalt, die altmodisch -ausgesehen hätte, wäre sie nicht so voller Innigkeit gewesen. -Deshalb wurde sie einzig in ihrer Art. Sogar die zärtlichen -Jung-Frauenträume der »kleinen Wäsche« vergaßen sie -nicht – es war ein schweres Exempel. Aber mit vereintem -Scharfsinn bekamen sie auch das heraus und dichteten es -gleich für zwei.</p> - -<p>Darüber bekam Gwendolin das lange Sehen. Sie mußte -schon wieder an das »ferne Land« denken und sagte: »Ich -habe mir ein feines Leben gemacht; es ist voll Schönheit und -Fülle und Freiheit bis oben. Und zuletzt? Zuletzt gehör' -ich doch zu den Menschen, die den Weg verloren.«</p> - -<p>»O nein,« sagte Do, »aber du könntest wohl dahin kommen.«</p> - -<p>»Liegt das an mir?« fragte Gwendolin.</p> - -<p>»Ja,« sagte Do, »in der Fremde an deinem hellen Licht -siehst du als Dämmerung und Nacht, was außer dir ist. -Es ist kein Mädchen umworbener als du. Und ich weiß -auch kein Herz, das heißer und genußfroher wäre als deins. -Aber du probierst es nicht, diesem Herzen seine Aufgabe -zu stellen.«</p> - -<p>»Das ist wieder einmal eine richtige Do-Rede gewesen,« -lachte Gwendolin, »nun ja, du bist nach Rolf Krake in dem -Alter, in dem die Menschen Philosophen sind. Oder hast -du das bei Ibsen entdeckt?«</p> - -<p>»Nein,« sagte Do. »Ibsen würde sagen: ›Die Frau soll -dem Manne bei seiner Arbeit und bei seinem Leben helfen, -indem sie ihm Arbeit und Leben leichter macht und indem -sie um ihn ist und ihn pflegt‹.«</p> - -<p>»So ist es mir handlicher,« sagte Gwendolin. »Ich werde -mich daraufhin einmal ansehen müssen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p> - -<p>»Ja, tue das,« sagte Do, »es wird dir nicht schaden. Ein -Mann ohne Frau ist ein Halbnarr. Mit einer Frau ohne -Mann steht es nicht so schlimm; aber die Weisheit, daß wir -ja doch nicht alle heiraten können, ist ein windiger Trost, -und sie ist von alten Jungfern erdacht als Decke für ihre greuliche -Erkenntnis: ich bin durchs Examen gefallen.«</p> - -<p>»Paßt nicht für mich!« erriet Gwendolin.</p> - -<p>»Aber du hast auch keinen gefunden, der dich hätte deinem -Trotz abringen wollen. Zuletzt traut dir keiner zu, daß du -ihm zuliebe ein Stück von dir selbst aufgeben könntest.«</p> - -<p>Gwendolin dachte an Henrik Tofte und an sein Wort von -der Malerei. Das wandelte sie nun ab und sagte: »Die Ehe -ist eine verdammte Kunst.«</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">So schritten sie froh, nachdenklich und wachsam gegen -sich selbst in Sonne.</p> -</div> - -<p>Hanna hatte schon wiederholt gegen die Sägemühle geschaut, -ob Woldemar nicht käme. »Ich weiß nicht, warum er -uns warten läßt,« sagte sie.</p> - -<p>»Nun, er wird eine kleine Ausstaubung an Rolf Krake -vornehmen,« meinte Do, »man wird damit nicht so rasch -fertig, wie man denkt. Ich kenne das. Es gibt in dieser Seele -Winkel voll Dämmerungen. Rolf Krake ist wie eine alte -Burg, vollkommen eingerichtet, aber es wohnt ein Sonderling -darin, und neben ihm ein Haufen wunderlich Wesen, -wie es sich in solch einem abseitigen Bauwerk festsetzt …«</p> - -<p>Wenn sie von Rolf Krake redeten, kamen sie so bald nicht -los. Es wurden da immer neue Entdeckungen gemacht, -und man gelangte doch zu keiner Lösung.</p> - -<p>»Dazu müßte man Seelenarzt sein oder Schriftsteller, -hat mein Jockele gestern abend zu mir gesagt,« erzählte Do.</p> - -<p>»Na ja,« warf Gwendolin ein, »ich sehe Jockele doch noch<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -als Dichter! Ich kann mir gar nicht denken, daß die trockene -Wissenschaft ihn zeit seines Lebens fesselt.«</p> - -<p>»Vielleicht habilitiert er sich einmal in Jena,« sagte Do.</p> - -<p>»Aber wenn er des Abends erzählt, dann höre ich doch -immerfort den Dichter,« redete Gwendolin hartnäckig dagegen. -»Ich glaube, wenn er seine Abhandlungen über die -Flechten und über die lächerlichen Frösche geschrieben hat, -wird er mal halb wachend, halb träumend zu einem Romane -kommen, etwa mit dem Romfahrer Henrik Tofte als Helden -oder mit Rolf Krake, der Zauberburg. Über die Flechten -und Frösche wird er sich noch zu den Menschen finden …«</p> - -<p>»Jockele auf Seelenwanderung!« sagte Hanna. Sie setzten -sich in den blühenden Rasen und plauderten sich in Ausblicke -und Einblicke. Sie hörten in ihrem Sonnenwinkel an der -Hügellehne den Skjoldefoß rauschen und ahnten sich tief -ins Leben. Aber das Entsetzliche, was sich in diesen Minuten -am Fall ereignete, das ahnten sie nicht.</p> - -<p>Zwischen dem Fels und dem schäumenden Vorhange der -Wasser stand Rolf Krake auf der moosgrünen Steinplatte und -schaute in den Gischt, der um seine Füße kochte. Er stand -dort wie einer, der auf der Wanderung ist in den Sommermorgen. -Vielleicht war er auch von den Bergen gekommen. -Unter ihm quoll es aus Tiefen herauf und brüllte. Vor ihm -brach es aus Höhen herab und schnob. Hinter ihm ragte -der tropfende Fels und barst nicht, und doch donnerte der -Bergstrom seit tausend Jahren seine Allmacht darüber hin. -Vor ihm in der Luft hing die zischende Flut, hing zwischen -ihm und der Welt, rückte die Welt weit, weit hinaus: wenn -er seine Füße hob und jetzt schnurgeradeaus wanderte durch -diesen kochheißen eiskalten Vorhang hindurch – die Welt -war für ihn nicht zu erreichen, mochte er gleich tausend Jahre -laufen! So weit weg war Rolf Krake von der Welt, und so<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -fürchterlich hing die Einsamkeit um ihn. Er dachte: »Ich -will den Weg, der tausend Jahre lang ist, jetzt wandern. -Es wird mich von oben die Gewalt des Stromes fassen und -in die Tiefe werfen. Und es wird mich das Brodeln der Tiefe -greifen, wie der heulende Sturm ein Körnlein Sonnenstaub, -und wird mich aus der brüllenden Finsternis heraufwirbeln -und hinab, herauf und hinab. Hundert Schritte wird mein -Herz mitrasen auf der Straße der tausend Jahre … liebes -Herz, so töricht bist du schon all die Zeit her gewesen – ich -will dir diesen letzten verrückten Wettlauf ersparen …«</p> - -<p>Rolf Krake redete das ganz laut in die fürchterliche Einsamkeit -und zog den Revolver aus der Tasche.</p> - -<p>Da trat Woldemar Krake über den Steig von links in den -hohen Dom, der aus Fels und Flut, aus Donner und blauem -Lichte gebaut war. Woldemar Krake sah die Waffe in seines -Bruders Hand, und er sah auch den weiten Weg in seinen -Augen, den er vorhatte.</p> - -<p>Rolf Krake aber kniff die Lippen in unsäglichem Hasse zusammen -– die Felsplatte, auf der sie standen, war von Manneslänge -und drei Fuß breit. Wie tief das Sterben war, das -den Stein umbrandete, ermaß kein Menschenwitz. Und es -gab kein Menschenwort, das den tosenden Schlag der Wasser -überschrie – keine Frage, keine Bitte. Deshalb riß sich Woldemar -Krake zusammen wie ein Tiger zum Sprung: es durfte -kein Ringen geben auf dieser Spanne Gestein, sondern nur -ein gewaltiges Umschließen mit Armen, in denen der Wille -des anderen augenblicklich zerbrach …</p> - -<p>Rolf Krake aber dachte: »Es ist doch kein Wahn, daß ich -dich hasse! Wer hat mir das Leben vermauert von Kind an? -Du! Wer hat mir den Traum der Liebe zerpflückt? Du! -Wer hat mich vor der Welt und mir selbst zum Narren -gemacht? Du! Und wer kommt jetzt und mengt sich auch<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -in mein Sterben? Du! Du! Du – der du ich bist, ich!« -Und er warf den Arm mit der Waffe hoch. Der gekrümmte -Finger riß den Abzug durch. Kein Knall war zu hören. -Kein Wölklein Rauch war zu sehen … Nach dem vierten -Schuß schleuderte er die Handvoll mörderisches Eisen in den -Schwall und sprang durch den Spalt des weißen Vorhangs -hinaus. Durch diesen Spalt war der andere vor einer Minute -hereingetreten …</p> - -<p>Noch einen jähen Blick warf er zurück – das verhaßte Bild -folgte ihm nicht. In einer Bergschrunde klomm er empor, -in der im Frühling ein fußbreites Tauwasser über die Steinstufen -sprang. Er rannte immerzu. Er zog sich an Krüppelkiefern -empor. Er kam in eine sanfte Mulde zwischen den -Wänden, da sah er Lona Steensgard, die Tochter der -Fischerswitwe Bolette Steensgard. Sie stand dort in groben -Schuhen und in ihrem schlechten Wollrock, brach Astholz -und stapelte es in ihren Korb. Lona Steensgard lachte und -sagte: »Sie können von hier aus gut wieder auf den -Pfad kommen, Sie müssen nur immer ein bißchen links -bleiben gegen den Skjold zu, dann sehen Sie alsbald den -Bratthammer …«</p> - -<p>Danach sah ihn niemand mehr, der ihn kannte. –</p> - -<p>»Nein,« sagte Hanna, »das finde ich doch unerhört! Woldemar -hat versprochen, in einer halben Stunde wär' er da!«</p> - -<p>Gwendolin rieb sich die Hände. »Die unglückliche Ehe ist -schon in vollem Gange.«</p> - -<p>Da zog Hanna die Do unter den Wiesenblumen hervor, -zerträllerte ihr Unglück und sagte: »Na warte!« Das galt -ihrem Liebsten; denn sie steuerte nun nach der Mühle und -wollte Rechenschaft von ihm fordern.</p> - -<p>»Ah, das Spiel schau' ich mir an,« lachte Gwendolin und -lief hinterdrein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p> - -<p>In der Sägemühle fanden sie die Brüder nicht. Ein Arbeiter, -der auf dem Holzplatz war, hatte den <em class="antiqua">Dr.</em> Krake vor gar nicht -langer Zeit den schmalen Steig zum Fall schreiten sehen. -Man konnte diesen Steig von der Mühle aus aber nur eine -kleine Strecke weit überschauen, dann kroch er hinter Felsblöcke. -Also gingen Do, Hanna und Gwendolin hinüber -zum Skjold, und als sie durch den Spalt im Vorhang traten, -lehnte Woldemar Krake dort sitzend gegen die nasse Bergwand -und hatte das Gesicht so tief vornübergesenkt, daß ihm -der Hut vom Kopfe gefallen war und auf seinen Knien lag. -Die rechte Hand ruhte flach auf dem Moos und war wie ein -welkes Laub, und es war Blut daran, das aus dem Rockärmel -sickerte.</p> - -<p>Zuerst standen sie mit ihrem Schreck nebeneinander wie -Erscheinungen; denn sie schrien sich an und hörten sich doch -nicht und warfen die Arme. Hanna nahm Woldemars Kopf -in ihre Hände. Dann faßte ihn Do unter den Armen und -Gwendolin an den Füßen, und sie trugen ihn hinaus an -den Rasenrand in die Sonne. Nach einer Zeit erwachte -er und lächelte, weil er die Freundinnen sah. Er hielt Gwendolin -am Rocksaum fest und Hanna an der Hand und sagte: -»Geh du auch nicht fort, liebe Do.« Seit dieser wilden Stunde -nannten sie sich alle du. Aber er schloß die Augen gleich -wieder. Da zogen sie ihm den Rock aus; denn sie sahen -die Schußöffnungen in den Ärmeln. Darüber erwachte er -abermals und merkte, daß Do noch hinter ihm stand und -daß er an ihren Knien lehnte. »Sollen wir denn nicht Hilfe -holen?« fragte Gwendolin.</p> - -<p>»Nein, es ist schon vorbei.«</p> - -<p>Da ließen sie ihn wieder auf den Rücken in das Mittagsgras -gleiten; denn sie merkten, wie ihm die Sonne wohltat. -»Es ist gut, daß wir an diesem Platze sind,« sagte er, »es kommt<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -hierher oft tagelang kein Mensch. Gwendolin, möchtest du -mir nicht ein Glas Sekt holen oder Kognak? Aber du -mußt niemandem ein Wort sagen, wie es mit mir steht, -hörst du?«</p> - -<p>Während Gwendolin den Steig hinabeilte und hinüberruderte -nach der Insel, fragte er: »Wo ist Rolf?«</p> - -<p>»Wir haben ihn nicht gesehen. Hat er dich geschossen?«</p> - -<p>Er nickte und schloß die Augen vor dem tiefen Schmerz, -der über sein Gesicht fiel.</p> - -<p>»Großer Gott, wie hat denn das geschehen können?« -sagte Hanna. Do winkte ihr, daß sie alles Geschrei vermiede, -legte sich den Finger auf den Mund und gab ihr ein Zeichen. -Dann kam Gwendolin mit dem Sekt, und er trank ein Glas -in der Gier eines Verdürstenden. Sie gaben ihm noch mehr, -und danach verlangte er seinen Rock. Sie führten ihn zum -Strand und kamen zur Insel.</p> - -<p>Nicht Nane Thord erfuhr von diesen Dingen und nicht -James King; der war an diesem Tag malen gegangen. Sie -aber wuschen Woldemars Wunden und verbanden sie aus -ihren Reiseapotheken. Es waren Fleischwunden, die eine -im rechten Unterarm, die andere im linken, oben nahe dem -Schultergelenk. Danach lag er und schlief bis gegen Abend. -Jockele aber war inzwischen in der Mühle gewesen und -hatte nach Rolf Krake gesehen und sein Zimmer unverschlossen -gefunden. Da sperrt er die Tür zu und steckte -den Schlüssel zu sich.</p> - -<p>Auch am Abend blieben sie im Saal unter sich, sie hatten -James gebeten, sie dies eine Mal allein zu lassen. Do aber -war nun auch in der Mühle gewesen und hatte über Rolf -Krake nichts erfahren. Da ging sie in sein Zimmer; denn -er hatte ihr in allen Stücken vertraut und viel mehr als sich -selber. Auf dem Tische fand sie sein Tagebuch, das war bis<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -zu dem Augenblicke geführt, in dem er von hinnen gegangen -war. Den letzten Abschnitt las sie:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Liebe liebste Frau Do – wenn Sie mich suchen: ich bin -die Straße gegangen, die tausend Jahre lang ist und noch -viel länger. Darum werden Sie mich nie finden. Aber -denken Sie einmal an mich, wenn im nächsten Jahre der -Wildrosenbusch wieder so schön blüht … wenn Seelen -wandern, dann will ich Ihre Güte und Ihr liebes helles -Licht umhauchen als der Duft von wilden Rosen. Aber -auch wenn dieser Glaube närrisch ist, wie alles, was ich -im Leben tat und träumte, und wenn im ewigen Wechsel -des Stoffes die Lösung des Rätsels von der Unsterblichkeit -liegt – kehren Sie im blühenden Sommer einmal zurück -zu dem Rosenstrauch am Skjoldefoß! Denn wenn er mit -seinen Wurzeln aus dem Quell trinkt, der die Straße der -tausend Jahre umspült, dann trinkt er einen Tropfen meines -närrischen Lebens, und es wird ein Wildrosenduft daraus. -Darum: denken Sie an mich, wenn Sie wilde Rosen sehen, -Sie liebste Frau!</p> - -<p>Geschrieben in dieser Stunde, da ich auf den Weg trat, der -tausend Jahre lang ist.</p> - -<p class="right"> -Rolf Krake.« -</p></div> - -<p>»Was er nur mit dem Wege der tausend Jahre meint?« -dachte Do. Sie nahm das Buch und verschloß die Tür. Als -sie ein Stück den Hügel hinabgegangen war, blieb sie stehen -und blickte hinüber nach dem Rosenstrauch; der klemmte in -einem Felsenspalt, nahe dem Fall. Es wuchs graue Flechte -an seinem alten Holz, und es war ein borstiges und rauhes -Ding. Aber in jedem Jahr trieb er noch Schosse zu seiner Verjüngung, -und so konnte er an diesem feuchten Standort schon -älter geworden sein als Nane Thord und konnte seine Wurzeln -wohl so tief in den steinichten Grund getrieben haben, daß -sie aus dem Kessel der brodelnden Wasser tranken. »Rolf<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -Krake hat sich in das wilde Bergwasser gestürzt,« sagte sie, -und das Herz erschauerte ihr. Dann ruderte sie zur Insel. -Aber in der sinkenden Nacht fuhr Jockele mit zwei Booten -an den Strand und machte das eine dort fest und legte auch -die Ruder hinein – für Rolf Krake, wenn er in der Nacht -käme und den Schlüssel haben wollte. Dort lag das Boot -drei Wochen. Sie ließen in diesen drei Wochen alle Nacht ein -Licht im Blockhaus auf der Insel brennen, bis in den Tag. -Aber Rolf Krake sah es nicht, und er gebrauchte auch das -Boot nicht.</p> - -<p>Er hatte mitten in die Sonne getroffen. Es wurde nach -jenem Tage nicht mehr recht hell in Haus und Herzen. Auch -Nane Thord hatte ihre Sorgen; denn sie fühlte: die leiseren -Stimmen um sie her hatten ein Geheimnis. Die Wanderfreude -von einst war nicht mehr da. Jockele arbeitete über -Tag in seinem Zimmer, Do und Hanna saßen im Saal und -nähten, Gwendolin war ganz gegen ihre Art versonnen. -Und wenn sie sich einmal alle zusammenfanden, dann mußte -Nane Thord an die Schwalben denken, die sich sammeln, um -zu plaudern von dem großen Fluge, der Sonne nach. Auch -James King war traurig. Gerade in den letzten Tagen hatte -er einen Weg zu Rolf Krake gesehen – es war durch das -Gespensterboot gekommen, und weil er wußte, der Einsame -aus der Sägemühle las in den Werken der Inder; vielleicht -neigte er zu allerlei Geheimwissenschaft und Spiritismus! -Das alles lag auch im Wesen des blonden Briten. Aber -vorsichtig, wie er mit sich selber war, hatte er es vor den anderen -verborgen. Von der Tat Rolfs ahnte James auch jetzt nichts. -Aber das mußten sie ihm doch bekennen, daß sie dachten, -der unglückliche Freund wäre im Skjold ertrunken. Eine -Stunde danach hatten sie die Gewißheit: dies wäre nicht -der Fall; denn Lona Steensgard hätte ihn gesehen auf der<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -Wanderung ins Gebirge. Dadurch wurde der Vorgang vom -Skjold noch finsterer. Und auch trostreicher wurde er nicht.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">In jenen Tagen trat Kordula Gunkel in den kleinen Kreis. -Sie war dunkel wie ihr Name; und auch ihre Stimme klang, -als hätte sie an diesem Namen abgefärbt. Sie liebte die -dunklen Farben in ihrer Kleidung und war am frohesten -in Schwarz, das sie mit halbverdeckten gelben oder blauen -Seidenbändern durchbrach. Fräulein Gunkel trug das Haar -kurzgeschnitten. Sie hatte lange, schmale, sehr weiße Hände, -mit denen sie sich die Locken lässig aus der Stirn zu streichen -pflegte. Dann konnte sie aussehen wie eine Heilige aus der -Legende.</p> -</div> - -<p>Aber eine Heilige war sie eigentlich nicht.</p> - -<p>Sie bezog das Zimmer auf Krokengaard, in dem John -Williams gewohnt hatte, malte und komponierte Lieder zur -Laute. Wenn ihre weiche Frauenstimme in Dämmerungen tief -und dunkel durch den Krakesaal klang – o ja, das war schön!</p> - -<p>Und so war es kein Zufall, daß sie über Sommer in einem -Waldhaus am düsteren Songefjord gewohnt hatte. Es war -auch kein Zufall, daß sie nun hier war: Gwendolin kannte -sie aus Weimar, wo Kordula Gunkel damals an der Musikschule -studiert hatte. Auch Jockele erinnerte sich ihrer sehr wohl; -aber sie hatte ihn damals besser gekannt als er sie, und sie -hatte zu denen gehört, die die »Erziehung zum Manne«, -welche Do dem Zigeuner Jockele angedeihen ließ, sonderbar -fanden. Sie kannte diese Geschichte nur vom Hörensagen. -Nun gehörte das Jockelebuch zu ihrer Reiseausrüstung – denn -eine Heilige war sie eigentlich nicht. Sie wollte die Gelegenheit -nicht zum zweiten Male versäumen, die berühmte Do -kennen zu lernen, die sich das Glück ihres Lebens baute nach -ihrem Gefallen. Aber das Licht dieser Frau Do brannte<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -nun unter dem Schleier einer sanften Trauer; und die -Märzenklarheit ihrer Augen leuchtete um kleine Wäsche.</p> - -<p>Kordula Gunkel hatte sich das anders gedacht.</p> - -<p>»Du bist zu spät gekommen,« sagte Gwendolin.</p> - -<p>»Ich komme stets zu spät – es scheint eine meiner Eigenarten -zu sein,« sagte Kordula. Sie wollte den Winter über -in Rom leben oder auch für immer. Aber Pläne für weithinaus -machte sie nicht. Vielleicht war an diesem Einfall -Henrik Tofte schuld; denn Gwendolin redete mehr von ihm, -als ihr lieb war. »Tofte und ich, wir mögen uns gern leiden, -aber wir sind nicht füreinander geboren. Nein, nein. Mit -dem gleichen Rechte könnte man behaupten, du und das große -Licht paßten zueinander.«</p> - -<p>»Man kann das nie wissen,« sagte Kordula. Sie war so -gemessen in ihren Bewegungen und von so stilvoller Ruhe -in ihrem Auftreten, aber ihre Wirkung auf Gwendolin war -ganz anders: Gwendolin wurde manchmal heimlich lustig -vor ihr. Doch ließ sie sich das nicht anmerken, auch nicht nach -dem deutsamen: »Man kann das nie wissen«. Sie wurde darüber -so vergnügt, daß sie nicht übel Lust hatte, mit Kordula -an den Tiber zu reisen. Aber – dann wäre die Posse ja gar -nicht zur Aufführung gelangt! Nun, vielleicht ging es so: -wenn man dem Henrik den Aufenthalt Gwendolins in Rom -verschwiege, bis der Vorhang über dem Spiel zwischen ihm -und Kordula gefallen war?</p> - -<p>Gwendolin verwarf auch diesen Gedanken; denn eigentlich -war er eine Nichtswürdigkeit gegen die dunkle Kordula, und -am Ende: man konnte doch vielleicht nicht wissen … Im -Falle Tofte geriet ihr felsenfestes Vertrauen zu sich selber -immer ins Wanken. »Ach, Unsinn,« sagte sie und lachte, -»was will ich denn in Rom, was will ich in Italien? Sie haben -ja keine Luft dort! Sie haben bloß Äther. Es steht da jede<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Mauer und jeder Baum so hart darin, daß man sich die Augen -wund daran stößt. Nein, ich kann in Italien nicht malen.«</p> - -<p>Kordula sah das gern ein. Auch überzeugte sie sich weiter -davon, daß Henrik Tofte der interessanteste, genialste und -schönste Mann war, der sich denken ließ …</p> - -<p>Einmal nach dem Zwölf-Uhr-Frühstück ging Kordula mit -James King zu der Bank im Rohr. Es schien eine märchengoldene -Septembersonne. Sie sprachen davon, daß Sinsheimers -in den nächsten Tagen nach Weimar, der Doktor -Krake und Hanna nach Bonn reisen wollten. Nane Thord -hatte der blonden Marit daraufhin schon den Dienst gekündigt.</p> - -<p>Mit Gwendolin hatte James seine Partie verloren – dabei -war ihm passiert, was man im Schachspiel den »Kälberstich« -nennt. Es war blamabel, es war durchaus blamabel. Deshalb -liebte James King nun die dunkle Kordula – einesteils -um die Scharte mit Gwendolin wieder auszuwetzen und -um den Freunden zu zeigen, was er könne; andernteils, -weil ihm vor der Einsamkeit des Winters graute; und zum -dritten: weil Kordula von dem Gedanken gelockt wurde, -Nane Thord als Medium bei spiritistischen Sitzungen zu benutzen. -Nun, dazu gab es an den langen Winterabenden auf -dem Eiland im Fjord ja ausgiebig Gelegenheit. Er erwog -noch einmal die drei Gründe, dann erklärte er Kordula seine -Liebe.</p> - -<p>Kordula pflegte Lagen, wie diese, gemeinhin ernst zu nehmen, -sehr ernst. Sie zählte vierundzwanzig Jahre, mochte hohe -blonde Jünglinge gern sehen, na und schließlich – reich war -sie nicht, aber sie brauchte sich für ein Leben, wie sie sich's -dachte, auch nicht gerade etwas zu versagen. Selbst der Weisheit -war sie nicht abhold, daß die Liebe mit der Ehe wüchse. -Nur von der freien Liebe schwärmte sie nicht mehr – das<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -lag für sie schon weit dahinten und war eine Übergangsanschauung -gewesen.</p> - -<p>Den listigen James gereuten die umständlichen Vorbereitungen, -die er an Gwendolin verschwendet hatte. Deshalb -sprang er diesmal gleich mittenhinein in die Sache. -Daß ihm die Worte ein bißchen im Munde lagen wie gequellte -Erdäpfel, das inkommodierte Kordula nicht weiter. Auch -seinen eigentümlichen Gebrauch des Wortes »lächerlich« -kannte sie, und sie wandelte es um zu der landläufigen Bedeutung. -Und also sprach James King:</p> - -<p>»Well. Ich nehme die lächerliche Gelegenheit wahr, Sie -auf den Reiz des Wintersports aufmerksam zu machen – -er ist in der Umgebung des Fjords von unausstaunbarem -Zauber …«</p> - -<p>»Oh,« sagte Kordula, »im Winter bin ich ja in Rom.«</p> - -<p>»Das ist aber kein guter Einfall. Ich habe die lächerliche -Hoffnung, daß Sie das aufgeben; denn ich habe noch kein -Frauenhaar gesehen von dem matten Glanze des … des … -<em class="antiqua">ebony</em> … Na, wie heißt doch gleich das Holz, das von weit, -weit hinter Hindostan herkommt?«</p> - -<p>»Von weit, weit hinter Hindostan?« fragte Kordula. Es -gehörte zu den Eigentümlichkeiten Kings, mit dieser geographischen -Bezeichnung eine übergroße Ferne anzudeuten. -»Ah, Sie meinen Ebenholz?«</p> - -<p>»… des Ebenholzes!« rief er erlöst. »Und Sie haben Augen, -schön wie die Fjordnacht, Kordula Gunkel. Oh, ich liebe diese -dunkle Schönheit an Frauen. Ich denke es mir lächerlich, -wenn wir zwei die nordischen Nächte verleben könnten auf -dieser einsamen Insel als Mann und Weib, von keinem Menschen -gestört in unserer Liebe. Und wenn Sie dann sängen, wissen -Sie, und draußen brauste der Sturm, und Ihre lächerlichen -Hände griffen dabei die Saiten der Laute …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p> - -<p>Eine Heilige war Kordula nicht, ja, sie war so erfahren, -daß sie merkte: diese gefühlvolle Rede hatte sich der listige -James in der letzten Nacht auswendig gelernt. Sie hatte -sogar an die Holzwand klopfen wollen zwischen ihren Zimmern -drüben auf Krokengaard; denn James war bis weit über -die Mitternacht auf ihrem Schlaf herumgestampft in seinen -geräumigen Bergsteigstiefeln.</p> - -<p>Nun braucht heimliches Erlernen einer solchen Rolle -nicht auf eine Komödie der Liebe zu deuten – o nein! -Und Kordula war ein Mädchen: sie trat also ihren Glauben, -geliebt zu werden, niemals mutwillig darnieder. Aber vor -der gleichmütigen Semmelblondheit, die neben ihr saß, -konnte sie diesen Glauben nicht aufbringen. Deshalb lächelte -sie – sie lächelte sogar ein bißchen impertinent, lächelte aus -der Genugtuung, daß diesmal nicht sie es war, die zu spät -kam. Übrigens war Gwendolin nicht ganz verschwiegen gewesen, -hinsichtlich ihres Erlebnisses mit dem listigen James. -Also nahm Kordula Gunkel einen Vorschuß auf ihre römische -Liebe und sagte: »Es tut mir ehrlich leid, mein Herr – aber -über mein Herz habe ich nicht mehr zu verfügen.«</p> - -<p>»Schade,« sagte Mister James, »ich glaube, es wäre ein -sehr netter Winter geworden.«</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Damit waren die letzten Früchte des lieblichen Sommers -im Fjord fallreif geworden. Oder: die Schwalben, die -sich in der Mittagssonne vor der Südwand des Inselhauses -versammelten, konnten nun die große Reise antreten. Nur -Gwendolin erwog, ob sie vor den Frost der Julzeit hinstehen -wollte, um der gefrorenen Welt in Filzstiefeln, Pelzen und -Einsamkeit ihren flimmernden Zauber mit raschem Pinsel -zu stehlen. Auch dachte sie, sie könnte sich in diesen stillen -Wochen auf mancherlei Erkenntnisse ein wenig näher ansehen.</p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p> - -<p>Zuerst entflogen Hanna und der Doktor Krake nach Bonn. -Im letzten Augenblick schloß sich ihnen Kordula mit der Laute -an. Sie gab ihnen bis Hamburg Geleite. Am anderen Tage -reiste James King – schach und matt. Und als auch Do und -Jockele ihre Koffer packten, die blonde Marit mit geröteten -Augen half, und Nane Thord mit bitterem Munde sagte, -nun könne sie sich ja schön mit Lars Thord unterhalten – da -sang der Wind bei Gwendolin um alle Fenster ein Lied, das -war sterbenstraurig. Und weil Jockele und Do so dicht beieinander -standen, warf Gwendolin ihre Arme um beide und -sagte: »Kinder, es geht nicht! Ich bin schon über manch gefährlich -finsteren Steg geschritten, aber über diesen find' ich -mich nicht hinweg. In eurem großen Haus am Horn werdet -ihr ein Kämmerlein für mich finden. Oder ich will dicht daneben -in dem Gartenhause wohnen, aus dem der Jockele -den Flug in die Sonne getan hat … Kinder, laßt mich mit -euch ziehen!«</p> - -<p>Ja, es war Herbst geworden. Auf den Wassern des Fjords -schwamm das Birkenlaub und war goldgelb. In der Schärenflur -saßen die Nebelfrauen und spannen. Es war Herbst.</p> - -<p>Am anderen Tage fuhren sie nach Kiel, von da nach Weimar. -Dort hatten sie das schöne Haus am Horn Nummer 17 A -gemietet, das in dem Garten mit den herrlichen alten Bäumen -sieht. Sommer und Winter träumen ringsum traute Märchen, -und die Wege sind von silbernem Sand. Dort war der Jockele -vorbeigerannt und hatte sich die Krawatte geknüpft im Sturmschritt -– damals, als er mit der schlanken Felidora im Puppenheim -des Apfelgartens Geburtstag feierte und darüber ganz -vergaß, daß er des Morgens um acht Uhr vor dem Herrn -Professor Redslob die Einjährigenprüfung ablegen wollte … -Jawohl, dort war er krawattenknüpfend vorbeigestürmt, -und die Frau Stadtrat Meyer stand in ihrem Wintergarten<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -und sah ihn vorüberflitzen und dachte, der Jockele hätte eine -neue Methode erfunden, sich vom Leben zum Tode zu bringen; -denn daß sich einer im Zweimeterschritt aufhängt, war ihr -noch nicht vorgekommen. Nun, solche und ähnliche Dinge -hatte der Jockele in seiner »Mädchenzeit« angestellt. Aber -er brauchte sein Schuldbuch von damals nicht mit ängstlichen -Augen zu durchblättern – es stand kein Posten darin, deswillen -er die Nachbarschaft aus seinen Frühlingstagen hätte -meiden müssen. Darum war es den Dreien nun auch so -heimatlich und tiefbeglückt um die Herzen, als sie durch die -Dämmerung des Septembertages im offenen Wagen ans -Horn fuhren. Langsam, langsam mußten die Pferde treten. -Das gelbe Maßholderlaub raschelte um die Hufe, das Ilmwehr -rauschte, die Leutra plätscherte unter der Sphinx hervor, -hinter den Fenstern am Hange waren die Lichter angetan, -und alle Häuslein guckten so lieb mit den hellen Augen zu -ihnen herunter … »Na, Gott sei Dank, daß ihr endlich wieder -im Lande seid!«</p> - -<p>Am anderen Morgen stand der Herr Doktor Jakobus Sinsheimer -schon im werdenden Licht am Fenster und schaute über -die Wipfel des Weimarer Parks. Sein Glück konnte den Tag nicht -erwarten. Er sah Goethes Gartenhaus durch die herbstlaubigen -Hecken lugen – weiß Gott, dies ehrwürdige Stück Literaturgeschichte -zwinkerte ihm vergnügt zu! Es kam ein Zug fröhlicher -Gestalten klingelnd und doch traumhaft über Anger und -Hecken, alle bunt angetan; und es guckten blanke Augen hinter -jedem Baumstamm hervor. Alles, was ringsum war, kniff die -Augen zusammen und lachte. Da riß der Doktor Sinsheimer -die Fenster auf, das Wunder zu betrachten – und auf einmal -war er wieder der Jockele. Der hob Doris Rinkhaus auf -seine Arme und drehte sich mit ihr herum wie ein Kreisel und -machte holdrio hoho … »Mensch, Mensch,« sagte die Do – denn<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -es war noch ein bißchen morgenkühl um sie; aber innig festhalten -an ihm mußte sie sich doch, sonst hätte er sie zum Fenster -hinausgewirbelt – »Mensch, du bist ja lebensgefährlich, -aber du bist doch nun etliche Jahre älter geworden!« …</p> - -<p>Doch der Jockele hatte keine Zeit, darüber nachzudenken; -denn als ihm die weiße Do entschlüpft war, wippte einer -draußen am Gartenzaun entlang … Erich Meyer – mit y, -aber nicht verwandt mit der Frau Stadtrat Meyer … Großer -Gott, das war das einzige Erlebnis der Weimarer Tage, -das dem Jockele durch ein Loch in seinem Gedächtnis gesickert -war! Nicht im Traume war ihm Erich Meyer wieder eingefallen! -Und nun war der der erste, der aus dem glückhaften -Schiff leibhaftig an Jockeles neues Land stieg. Erich Meyer – -wie war denn das damals gleich? Er nahm das Jockelebuch … -Nein, Erich Meyer hatte sich nicht verändert: er wandelte -mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße Platz haben -mußten, hinter ihm herzuläuten. Und während diese Partie -seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn nach hinten -entschieden hatte, schwangen die langen stracken blonden Haare -über dem Rockkragen von links nach rechts. Er war Musikstudierender -gewesen, von durchschnittlichem Talente, und weil -er dazu noch ein Herz von Gold besaß, so war seine Begabung -auch nach der rein menschlichen Seite fast lebensgefährlich. -Der blonde Erich hatte damals ein Stipendium von dreihundert -Mark bekommen, deshalb erwog er die Frage, ob -er nicht umsatteln und sich dem Bankfach widmen sollte … -Nun, Finanzminister schien Erich Meyer inzwischen ja nicht -geworden zu sein. Aber den lieben weltfremden Idealisten -mußte man sich wieder einmal bei Licht betrachten!</p> - -<p>Ach ja, was mußte man sich in diesen neuen Tagen in der -alten Heimat nicht alles betrachten: die Häuschen im Apfelgarten; -den Zaun, wo der Maler Jockele aus dem Tartarus<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -den Berg der Seligkeiten gemacht und hernach mit dem Grabscheit -zertrümmert hatte! Es war seine letzte Missetat in -Farben gewesen. Man ging zu dem Kastanienstamm, in -dessen Rinde die Namen Do und Jo in schlichter, aber unlösbarer -Verschlingung geschnitten waren. Frühling nach -Frühling hatte die tiefen Spuren der Klinge fast zugezogen. -Jede Seite des bunten Lebensbuches von damals blätterten -sie um. Aus jeder stieg's wie der Klang einer silbernen Trompete -und schmetterte ihnen in die Herzen – Leben, o Leben! -Liebe, o Liebe! Jugend, o Jugend! Welch ein herrlicher -frohgemuter Kampf war das gewesen!</p> - -<p>Es stand noch alles wie damals. Auch die alten Menschen -standen noch. Die Dame mit den kraushaarigen grauen Hunden -begegnete ihnen – vor Zeiten waren es drei gewesen, jetzt -waren's vier. Sie schlug noch immer die grüne Stille tot -mit ihrem brutalen Pfiff, und sie wogte noch immer die gemütvolle -Baumstraße lang wie ein neapolitanischer Schiffer; -aber ihre Strickmütze war blau. Nur eins war neu geworden: -»Haus in der Sonne« stand in schwarzer Schrift an der weißen -Gartenpforte. Oben auf dem First dieses Hauses in der Sonne -war eine Leier. Vor der Tür stand ein kleiner Junge mit -einer roten Zipfelmütze und präsentierte seine Holzflinte. -Und es sang jemand zum Fenster heraus. Hoh! – Wegen -der Leier und der dunklen Frauenstimme dachten sie an -Kordula Gunkel, wie sie nun römische Schlendertage hielt -und doch auf dem Kriegspfade war … Und das kleine Haus -neben dem mit der Harfe stand wie damals auf den Zehen, -lugte rechts über die hohe Gartenmauer und duckte sich nach -vorn hinter grüne Hecken. Und die beiden glückseligen Menschen, -die darin wohnten, saßen in ihrem Fichtenwinkel und pfiffen -noch immer ganz leise auf die Welt. Das mußte doch sehr -unterhaltsam sein!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p> - -<p>Und richtig, auf dem Heimweg vor der Wildenbruchmauer -wippte Erich Meyer den Pfad entlang! Wie er Jockele und -die leuchtende Do und die gescheite Gwendolin erkannte, -erging er sich in einer ehrfürchtigen Verbeugung und trat -hinab auf den Fahrdamm. Er hatte – im Gegensatz zu seinen -Nachbarn in dem kleinen Hause – ungeheueren Respekt -vor der Welt.</p> - -<p>»Ah, sieh da, lieber Meyer! Wie steht's mit dem Finanzminister?« -rief Jockele und faßte ihn an beiden Händen.</p> - -<p>»O,« sagte er, »es war ein Plan Hansens im Glück. Aufgegeben, -verehrter Herr Doktor! Was muß man nicht alles -aufgeben in diesem Leben!«</p> - -<p>»Na, und was machen Sie sonst, lieber Herr Meyer?« -fragte Do.</p> - -<p>»Musik, gnädige Frau, ungeheuer viel Musik. Ich gebe -Unterricht und wohne im Haus mit der Harfe – das -spricht sich bequemer, eigentlich ist es ja wohl eine Leier.«</p> - -<p>»Und die haben sie sich als Wahrzeichen dahinaufsetzen -lassen?«</p> - -<p>»O nein, nicht ich!«</p> - -<p>Zwei Herren schritten grüßend an dem fröhlichen Trüpplein -vorüber: ein hochgewachsener junger Mann mit dunklem -Vollbart und ernstem Gesicht war der eine. Es war ihm anzusehen: -er war ein Künstler, wußte zu sinnen und wußte zu -schweigen. Ein Licht ging an in seinen großen braunen -Augen, als er Gwendolin erkannte. »Sagen Sie, Herr Meyer, -war das nicht der Porträtmaler Schaffrath?« fragte Gwendolin -mit leiser Verstellung; denn es lockte sie, zu erfahren, was -aus diesem tüchtigen und strebsamen Menschen geworden wäre.</p> - -<p>»Ja,« antwortete er, »der Schlachtenmaler. Er hat im -Vorjahr ein Panorama gemalt, in Dresden oder Leipzig – -ich weiß es nicht mehr. Es heißt: er kann ungeheuer viel.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p> - -<p>»Und der ältere Herr, der bei ihm war?« fragte Jockele. – -»Ein Gelehrter, der Professor Salzer.« – »Wahrhaftig, -er war's,« sagte Jockele. »Ich habe ihn vor Jahren flüchtig -kennengelernt und habe den Wunsch, diese Bekanntschaft -zu erneuern. Der Professor ist der Mann für meine Frau,« -setzte er scherzend hinzu. Und Meyer sagte: »Es wird nicht -lange dauern, dann ist Schaffrath auch Professor, an der -Kunstschule, und wohl gar Direktor.«</p> - -<p>»Ich glaube, er hat sich einmal in meiner Jugend für mich -interessiert,« sagte Gwendolin zu Do.</p> - -<p>Darüber mußte Do lachen. »Du <em class="gesperrt">glaubst</em>? So etwas -weiß man doch, wenn man solch helle Augen hat.«</p> - -<p>»O, bei Schaffrath weiß man das nie,« sagte Gwendolin. -»Wenn ich mich recht erinnere, hat man ihn damals nie in -Gemeinschaft anderer gesehen, er pflegte keine Freundschaften, -und er war nie im Kaffee. Er hatte auch keine Erlebnisse -mit Frauen – trotz der Weisheit Jockeles.«</p> - -<p>»Vielleicht ist er die Ausnahme von der Regel,« sagte Jockele. -»Aber woher kam dir dann der Glaube, daß er sich für dich -interessierte, teuerste Gwendolin?«</p> - -<p>»Nun, er ging nie ohne Gruß an mir vorüber,« sagte sie. -»Ich weiß, das ist damals von den Malmädchen und in der -Stadt sehr beachtet und bemutmaßt worden.«</p> - -<p>Sie fanden, daß die Straße zu so bedeutenden Gesprächen -nicht der rechte Platz wäre. Deshalb reichte Gwendolin Herrn -Meyer die Hand.</p> - -<p>»In einigen Tagen hoffen wir auf Ihren nachbarlichen -Besuch, lieber Meyer,« sagte Jockele.</p> - -<p>»O,« sagte der in ehrlicher Bescheidenheit und deutete -an seinem fadenscheinigen Rock hinab, »zuviel Ehre für einen -armen Musikmeister.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p> - -<p>»Ach, dichten Sie keine Tragödien, Meyer,« sagte Gwendolin, -»bei Jockeles sieht man das Herz an.«</p> - -<p>Erich Meyer war erschüttert. In seiner Dachkammer sank -er auf den Stuhl und dachte: vor ein paar Jahren war er -mit diesem vornehmen Doktor Sinsheimer durch den Park -gezogen – damals war der ein schlechter Zigeuner gewesen … -»aber ein guter Musikant!« sagte Erich Meyer und holte -einen tiefen Seufzer aus seiner Brust.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Als sie nach Hause kamen, lag da ein Schreiben der Staatsanwaltschaft -in Hamburg an Frau Doktor Doris Sinsheimer. -Es war nach der Insel Nane Thords gerichtet gewesen -und nachgesandt worden. Darin stand: Es befindet sich in -Hamburg seit drei Wochen ein junger Mann namens Rolf Krake -in Untersuchungshaft. Er hat sich der Polizei gestellt und behauptet: -»Ich habe meinen Bruder, den Doktor Woldemar -Krake, vor acht Tagen erschossen. Den Ort sage ich nicht: ich -nehme an, die Bluttat ist der Bevölkerung verschwiegen worden, -die ich durch eine Untersuchung an Ort und Stelle nicht beunruhigt -sehen mag. Ich glaube auch nicht, daß außer mir -ein Mensch von dem Verbrechen weiß, da mein Bruder im -Augenblick seines Sterbens in eine unergründliche Tiefe -versunken sein dürfte. Man wird ihn vermissen, aber man -nimmt wohl an: er und ich haben sich heimlich von unserem -damaligen Aufenthaltsort entfernt – ich weiß es nicht. -Ob ich die Tat mit Überlegung und bei vollem Bewußtsein -vollbrachte, kann ich nicht genau sagen. Ich bin mit der Absicht -zu dem Tatorte gekommen, mich selbst zu töten. Es ist -wahrscheinlich, daß der Mord die Folge eines psychologischen -Vorgangs ist, den ich nicht in vollem Umfange zu erklären vermag.« -Weiter stand in dem Schreiben: Es stimmen alle Angaben -Rolf Krakes über seine Herkunft und seinen Bildungsgang.<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -In Kiel, wo er zuletzt Student war, ist er auf Reisen -ins Ausland abgemeldet, ohne nähere Bezeichnung des -Aufenthaltsortes. Er hat Frau Doris Sinsheimer angegeben -als diejenige, welche den von ihm erwähnten »psychologischen -Vorgang« mit größerer Sicherheit darstellen könnte als er -selbst. – Do wurde aufgefordert, aus dem Auslande zunächst -einen schriftlichen Bericht an die Hamburger Staatsanwaltschaft -zu senden.</p> -</div> - -<p>Die Erregung über diese Botschaft glich einer totalen -Sonnenfinsternis: sie brachte eine bleierne Schwere, die den -Atem beengte, aber sie ging rasch vorüber. Sie wich der -freudigen Genugtuung, daß dem unglücklichen Freund ein -großer Dienst geleistet werden konnte.</p> - -<p>»Wie hab' ich ihn gequält, damals, ehe ich dem Rätsel -in ihm auf den Grund kam: dem Weg des Hasses gegen sich -selbst, in dem eine Stelle ist, an der immer Woldemar Krake -auftaucht und für ihn zum Träger des Hasses wird …«</p> - -<p>»Sage: ein Blitzableiter an der höchsten Stelle des Hauses, -der den Funken auf sich zieht,« warf Jockele ein. Dann begab -er sich in sein Arbeitszimmer, schrieb einen langen Bericht -und nahm darin das eigentümliche Räderwerk dieser Seele -auseinander und setzte es kunstgerecht wieder zusammen. -Es wurde darüber Abend, es wurde Nacht, und es graute -der andere Tag: es war ein Buch geworden, das Jockele verfaßt -hatte. Darin fand sich alles geschildert, was sich am Skjold -ereignet hatte, wie sie den Verletzten mit zwei Wunden gefunden, -die so leicht gewesen waren, daß nicht einmal alle des kleinen -Kreises Kenntnis von dem Vorfall erhielten. Es war die -jetzige Wohnung Woldemar Krakes angegeben; es war das -Verhältnis Rolfs zu den Freunden geschildert und die Eigenart -seines wissenschaftlichen Interesses; es waren Auszüge -aus seinem Tagebuch beigefügt, und es wurde der Tatort<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -mit Anschaulichkeit gezeichnet, dessen Lage in Rolf Krake die -Meinung erweckt hatte, der Bruder wäre in den schäumenden -Wassern versunken. Über den seelischen Druck, unter dem -Rolf seit den Tagen des Knaben gelebt hatte, über die Ursachen -und das Wachstum dieses Druckes gelangte Jakobus -zum Letzten und Schwersten: zu der Darstellung des psychologischen -Vorgangs im Augenblick der Tat – Rolf sieht sich -von seinem Bruder verfolgt, wiewohl er es selbst ist, der sich -verfolgt; im Grunde hat er die Liebe zu Hanna von Fellner -längst überwunden – zuletzt vielleicht, weil er sich sagte: -sie wird sich ja doch für den Bruder entscheiden. Und dennoch -benützt er diesen Verzicht als Vorwand zu seinem Selbstmord: -er richtet die Waffe gegen sein Herz. Als er schon den Daumen -um den Abzug krümmt, wird er von dem Bruder gestört. -Wiederum von diesem Bruder, der ihm, seiner Meinung nach, -den Weg zu Glück und Leben vermauert – soll ihm von dem -nun sogar der Weg zum Sterben verwehrt sein? … Undurchdringlich -sinkt die Finsternis des Hasses in ihn. Vier -Kugeln sendet er nach dem Bruder und – hat eigentlich auf -sich geschossen: das mörderische Blei galt dem eigenen Spiegelbilde! -Keine Eifersuchtstat, keine Rache, keine perverse Lust -an fremdem Blut, nichts von Mordgier, nichts von Gemeingefährlichkeit -– sondern: ein »psychologischer Vorgang«, -dessen Entschleierung die Aufgabe des Seelenarztes ist …</p> - -<p>Im Oktober reiste Do mit ihrem Manne zur Verhandlung -vor dem Schwurgericht nach Hamburg. Woldemar hatte -die Aussage verweigert, er war nicht da. Die Begegnung -mit seinem Bruder sollte vermieden werden. Do wiederholte -in ihrer klaren klugen Art, was sie von Rolf Krake wußte.</p> - -<p>Die Volksrichter sprachen ihn frei.</p> - -<p>Er verließ das Gerichtsgebäude mit Do und Jockele, war -nicht fröhlich, war nicht traurig, und sagte: »Die große<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -Einsamkeit, die in diesen Wochen um mich gewesen ist, war -sehr wohltätig. Kommt, wir wollen unter viele fremde -Menschen gehen, wo es einsam ist. Und wir wollen nicht von -gestern reden, sondern von morgen.«</p> - -<p>»Was wollen Sie denn morgen tun?« fragte Do.</p> - -<p>»Ich will in den Hardanger Fjord reisen und auf Nane -Thords Insel wohnen,« sagte er.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Es wollte Abend werden. Oktoberabend. Der Sommer -hauchte von irgendwoher in die Dämmerung unter den -Bäumen am Horn, und aus dem gefallenen Laube dufteten -Veilchen. Da gingen Do, Gwendolin und Jockele mit verschränkten -Armen auf den Wegen des alten Gartens. »Mir -ist, als wäre die Geschichte der Sturmschwalben noch nicht -zu Ende,« sagte Gwendolin. »Es ist da wohl noch ein langes -merkwürdiges Kapitel, das heißt ›Rolf Krake‹ …«</p> -</div> - -<p>»Und du wärest darauf gespannt?« fragte Do.</p> - -<p>»Vielleicht war es nur eine Überleitung von mir,« gestand -Gwendolin, »es sind ja auch drei Sturmschwalben nach Rom -verschlagen worden. Ich denke mehr an die, als mir lieb ist. -Ich habe merkwürdige Ahnungen.«</p> - -<p>»Ahnungen!« sagte Jockele, »Henrik Tofte ist ein Mensch, -an dem jede Berechnung zerschellt und vor dem auch jede -Ahnung in tiefe Finsternis gerät.«</p> - -<p>»Darum flattern die meinen wie Fledermäuse. Ich glaube, -es geht ihm nicht gut.«</p> - -<p>»Natürlich wird es ihm nicht gut gehen. Pah, was gilt -das ihm! Fällt ihn heute der Teufel an, so stellt er ihn auf -den Kopf, und es wird morgen der liebe Gott daraus. Er -mißt sein Schicksal immer so, daß nie ein richtiges Unglück -herauskommt. Na und schließlich: er weiß uns ja zu finden.«</p> - -<p>»Niemals!« sagte Gwendolin. Dann verscheuchten ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -Do und Jockele die Fledermäuse und wurden alle drei lustig -an Henrik Tofte, der so lang war, daß er immer ganz vergnügt -oben herausragte, wenn ihn sein Schicksal gleich einmal -in recht tiefes Wasser warf. »Er hilft sich selbst,« sagte Jockele, -»und Rolf Krake hilft sich auch selbst, man muß ihn allein -lassen – lebensgefährlich ist das Leben nur für Erich Meyer. -Erich Meyer ist ein Mensch, der sich seit zehn Jahren in einemfort -aufrichtet. Aber er hat gleich eine Waffe zur Hand, mit -der er sich ebenso unausgesetzt niederschlägt: sein goldenes -Herz. Ich wette, ehe er in die Dachkammer dieses Erholungsheims -geraten ist, hat er dreimal sein Bett verschenkt. Und -den Stuhl, für den er einmal das Geld besaß und verschenkte, -den hat er sich bis heute nicht angeschafft. Aus lauter Bescheidenheit -geht er jetzt einen anderen Weg zur Stadt, nur -damit er nicht durch unsere Tür gerät. Do, liebste Do, dieses -Märchen mit dem Goldherzen könntest du zu einem vernünftigen -Ende dichten!«</p> - -<p>»Nun, und du?« fragte Gwendolin. Da setzte Jockele ein -geheimnisvolles Gesicht auf. »Ha!« sagte er, »ich glaube, -ich bin durch die Erlebnisse des Sommers ein bißchen aus -dem Sattel gekommen« – er klopfte Gwendolin sanft auf -die Achsel – »du, mir scheint, ich stehe wieder einmal am -Zaune des Tartarus, um auf den Berg der Seligkeiten zu -steigen! Seit ich mich schreibenderweise in die Rätselseele -Rolf Krakes vertieft habe, sind mir Flechten und Frösche -eine etwas trockene Materie geworden.«</p> - -<p>Gwendolin schloß ihn in komischer Rührung in ihre Arme. -»Hurra! Meine Ahnungen! Meine Ahnungen!«</p> - -<p>»Es ist wahrhaftig so,« sagte er, »das Beste hab' ich dem -Hamburger Gericht nämlich gar nicht aufschreiben können – -na, nennen wir es mal: den Ertrag des spekulativen Denkens. -Es sind seit jenen Tagen allerhand Lockungen da, zum<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -Beispiel Henrik Tofte. Seht, diesen Menschen möcht' ich mal -aufschreiben; den möcht' ich mal auf einem Haufen Papier -zum Bilde Gottes erschaffen, zu dem er sich selbst nie erschaffen -kann! Ich gehe seit einigen Tagen in einem wunderlichen -Zustand umher: als Gelehrter dacht' <em class="gesperrt">ich</em> – jetzt denkt es in mir; -als Gelehrter schrieb <em class="gesperrt">ich</em> – jetzt aber fängt es in mir an zu -schreiben …«</p> - -<p>»Wie es in mir malt,« unterbrach ihn Gwendolin lachend.</p> - -<p>»Ja, so wird es wohl sein.«</p> - -<p>»Ich finde, es ist bei uns immer ungeheuer viel los,« sagte -Do, »Gesellschaften will er geben, dichten will er, Erich Meyern -wollen wir einrichten, die Tante Veronika soll kommen …«</p> - -<p>»Ach, Teufel,« machte Jockele, »da müssen wir das Dichten -und den ersten Gesellschaftsabend doch noch aufschieben! -Aber bereiten werden wir Haus und Herzen für beides; -denn das mag Tante Veronika gern leiden.«</p> - -<p>Also gingen sie ans Werk und sannen ein Zimmer nach -dem anderen, sannen das ganze Haus in seiner Einrichtung -um, wie es ihrem Wohlbefinden und ihrem anderen Geschmack -entsprach. Das hatte gleich in den ersten Tagen geschehen -sollen, aber die waren ja voll gewesen bis zum Rande. Doch -nun waren sie in Schwung, stellten einen großen Rumor -an, wirbelten zwischen dem Diener Fritz und einigen Handwerkern, -wirbelten zwischen der Köchin und dem Zimmermädchen -herum und fanden das nach den mannigfachen -Erschütterungen der Gemüter äußerst beruhigend. Zuletzt -kamen der Wintergarten auf der einen und die Vorhalle -mit dem Treppenaufgange an der anderen Seite daran. -Im Wintergarten hinter den doppelten Scheiben wirkte Do. -Sie schuf ein liebliches Wunder aus Palmen, Grün und -Blumen und dem Strahle des Springbrunnens, der nun -klingend über Kristall fiel. In der Vorhalle ließen Jockele und<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -Gwendolin schön geschnittene Säulen aus Lorbeer wachsen, -und auf den Trägern vor der Treppe glühte das Licht in -Schalen aus buntgewürfeltem Glas. Es war schön und -heimelig – beides.</p> - -<p>Erich Meyer war der erste, der kam – glücklich und unglücklich -wie stets im Leben. Vor dieser neuerschaffenen Welt -verzagte ihm das Herz. Zum Glück hatte Gwendolin seinen -Schatten in der Dämmerung durch die Gartenpforte huschen -sehen; weil sie danach im Hause nichts von ihm hörte, ward -sie von einer Ahnung getrieben – und wahrhaftig: da stand -Herr Meyer in der Vorhalle zwischen den Lorbeersäulen -und den stillen dunklen Bildern der Wände und den Glasschalen, -die aussahen, als wären sie mit leuchtenden Steinen -gefüllt bis oben hin – ja, da stand Erich Meyer, hatte beide -Hände auf sein goldenes Herz gepreßt und träumte, er erlebe -ein Märchen … denn über den Hintergrund seiner Erinnerung -zog er selber mit Jockele dem Zigeuner.</p> - -<p>»Na, Meyer!« sagte Gwendolin in ihrer lustigen Art.</p> - -<p>»Ach, Fräulein Gwendolin, Fräulein Gwendolin … kann -ich denn da – –«</p> - -<p>»Natürlich können Sie! Kommen Sie nur.«</p> - -<p>»Wie glücklich, daß ich gerade Sie hier treffe! Man ist -doch gleich viel mutiger.«</p> - -<p>Dann saßen sie in dem Zimmer mit den braunen Ledersesseln -– Do, Jo, Gwendolin und Erich Meyer – und tranken -Tee. Erich Meyer brauchte zwar geraume Zeit, sich an dem -Gedanken aufzurichten, daß diese lichten frohen Menschen -das Herz ansähen; dann aber beteuerte er: diese Stunde -wäre das tiefste Erlebnis in seinem Dasein. Das kam auch -daher, weil sie ihn alle drei gleich in Reparatur nahmen. -»Wir wollen durchaus einen richtigen jungen Mann aus -Ihnen machen, Herr Meyer,« gestand Gwendolin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span></p> - -<p>»O,« sagte er. Es klang dankbar und wehmütig.</p> - -<p>Und Do dachte: die Zahl der Sturmschwalben unter den -Menschen ist nicht zu zählen – der eine treibt's so, der andere -anders – aber Sturmschwalben sind sie fast alle … zu leicht -zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer, Sturmschwalben, -wo nehmt ihr den Mut zum Leben her?</p> - -<p>Gwendolin schoß Leuten gegenüber, wie Meyer, gern ein -bißchen über das Ziel. Sie konnte sich nicht helfen: sie fand -ihn komisch. Und wenn sie gleich jeden Satz mit »lieber -Meyer« begann, so lag darin zwar ein bißchen warmes Mitleid, -aber der Spott schwamm oben darauf und deckte das -Mitgefühl zu.</p> - -<p>Der Musikant war empfindsam, aber die Empfindlichkeit -hatte er vor der Welt verlernt; denn mit Spott begegneten -ihm sogar Menschen, gegen die er in jeder Beziehung ein -bedeutendes Licht war. Wie eine Blume, die im Schatten -blüht, wandte er sich Do zu. Da merkte Gwendolin, daß sie -und auch Jockele in dieser Stunde nicht am rechten Platze -wären, und sie sagte: »Lieber Meyer, den Doktor und mich -beurlauben Sie wohl für heute; wir haben im Büchersaal -noch alle Hände voll zu tun.« Damit preßte ihn Gwendolin -mit sanftem Druck in seinen Sitz zurück; denn der -arme Musikant schickte sich gleich in tiefer Betretenheit -zur Flucht.</p> - -<p>»Gnädige Frau, ist es wirklich wahr, daß ich gern bei Ihnen -gesehen bin?« fragte er, als er mit Do allein war.</p> - -<p>»Ganz gewiß,« sagte sie in ihrer leuchtenden Art, »und nicht -nur, weil wir nebenan einen sehr schönen Blüthner stehen -haben, für den wir drei viel zu unmusikalisch sind.«</p> - -<p>»O, wenn ich Ihnen mit meiner bescheidenen Begabung -Freude machen könnte …«</p> - -<p>»Ja, das können Sie,« lächelte Do. »Was meinen Sie zu<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -einem kleinen musikalischen Tee, immer an Donnerstagen -von Fünf bis halb Sieben?«</p> - -<p>Es fiel ein Sonnenregen über Erich Meyers Herz. Dann -saß er draußen an dem Blüthner, nur für zwei dankbare -flüchtige Minuten – da regnete es immer weiter, und es -war zu sehen und zu hören, welch selige Erquickung diesen -armen Menschen segnete. Er dachte, er wäre zu schlecht, -der schlanken lichten Frau die Hand zum Abschiede zu bieten. -Da reichte sie ihm alle beide und sonnte ihre Güte noch einmal -über den Rausch seines Glückes. Und dann stand draußen in -der Vorhalle der Diener Fritz und öffnete ihm die Haustür -und hatte eine herrlich weiße Krawatte vor – »So lange -haben Sie auf mich gewartet?«</p> - -<p>»O nein,« lächelte Fritz und machte eine tiefe Verbeugung -vor dem armen Musikanten. Der aber flog auf breiten Flügeln -davon und flog in den abenddunklen Park, in dem die Herbstnebel -schwammen. Wunder Gottes, Wunder Gottes, es -wurde immer heller um ihn. Juhu! –</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Wieder nach ein paar Tagen waren Haus und Herzen -fertig. Da kam Tante Veronika aus Ibenheim am Walde. -Aber diesmal kam sie im Wagen, und Do, Jockele und Gwendolin -hatten sie am Bahnhof erwartet. Sie ging noch immer -an dem gleichen gelben Krückstock, und sie trug noch immer -einen Kapotthut mit veilchenfarbenen Bindebändern und -trug die cremefarbenen Handschuh. Und sie hatte den Umhang -mit sanft flimmerndem Jett über den Achseln, hatte noch -die klaren Augen, und die weichen Wellen des Haars um -Stirn und Schläfen, und sie sah noch immer so schmuck und -fein aus, als hätte sie der liebe Gott aus seinen Sonntagshänden -gerade erst auf die Erde gesetzt. Ihre Seele tat einen -Rundblick aus den blankgeputzten Fensterlein unter der Stirn<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -und erkannte: es ist alles gut. Aber Do mußte ihr schon -im Wagen gegenüber sitzen; denn die Do war ihres Glückes -Erfüllung. Und ihr mußte sie immer einmal aus dem heimeligsten -Winkel ihres Herzens zublinzeln; das hieß: »Wir -zwei, wir haben ihn aus dem Walde gezogen.«</p> -</div> - -<p>So kamen sie heim. Erich Meyer war ein Fremdling in -diesem Hause gewesen – Tante Veronika paßte allenthalben: -wie eine blühende Pflanze auf den Geburtstagstisch oder -an das helle Fenster. Aber als sie durch die schönen ruhevollen -Zimmer geschritten war, in der die Jugend einer anderen -Zeit mit so viel Klugheit und Hingebung gewaltet hatte, -da war ihr doch: der liebe Gott stünde an der letzten Türe, -lachte sie aus seinen Himmelsaugen an und reichte ihr einen -schönen Strauß aus gelben Rosen, die sie vor allen liebte; -und sie machte ihm einen respektvollen Knicks. Dann aber -preßte sie Do gleich ihr liebes gerührtes Gesicht ans Herz –: -»O, laßt mich nur weinen; gäbe es denn ein reineres Glück, -als in Freude zu weinen über seine Kinder?«</p> - -<p>So waren sie durch innige und frohe Stunden beieinander, -diese drei Menschen, von denen Henrik Tofte gesagt haben -würde: »Es ist unheimlich, an ihnen der Besinnlichkeit des -Schicksal nachzuspüren, das man gemeinhin gedankenlos -nennt.«</p> - -<p>Daran dachten sie und belustigten sich über die Maßen, denn -es lag auf dem weiten klaren Wege, von der Schwelle des -Zigeunerfindlings an bis zu dieser Stunde, nichts, als was -von tüchtigem und klugem Menschenwillen an seine Stelle -geleitet worden war.</p> - -<p>Tante Veronika blieb drei Tage, blieb genau so lange, -daß sie sagen konnte: »Nun hab ich auch diesem Abschnitt -eures Lebens kennengelernt, und es ist mir, als wäre ich -stets um euch gewesen.« Gleich an dem Abend, an dem sie<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -wieder in ihrem Ibenheimer Stübchen saß, geleitete Mali -den Herrn Peter Squenz herein, den früheren Gemeindevorsteher, -der nun ein sehr alter Mann geworden war; denn -Herr Peter Squenz verlebte seine Ruhejahre in dem »Wunder«, -das an dem kleinen Zigeunerjungen geschah. Er sagte, es -wäre unausstaunlich – hätte er denn sonst seine schwarze -Schirmmütze in der Hand behalten, während er mit dem Doktor -Sinsheimer gesprochen, als sie damals alle nach Bonn reisten? -Tante Veronika und Herr Peter Squenz waren gute Freunde -geworden, o ja, aber vor seinem Wunderglauben funkelte -sich die alte Dame in einen lustigen Spott.</p> - -<p>Doch Herr Peter Squenz war nicht der einzige, der sich -an dem Märchen ergötzte, das sich da durch die nüchterne -Gegenwart lebte. Es waren noch die hundert Leute um ihn -her, die der Tante Veronika vor etlichen zwanzig Jahren -hatten weismachen wollen: wenn der kleine Zigeuner erst -mal ein großer Zigeuner geworden, dann würde er im Walde -von Ibenheim ein Räubergeschäft aufmachen!</p> - -<p>Und da war auch noch das Zinzilein im Forsthause weit -draußen vorm Berge der Frau Venus. Das Zinzilein hatte -dem Jockele an seinem ersten Lebenstage das samtige Fellchen -auf seinem Kopfe gebürstet und den kleinen Menschen -im Puppenwagen spazierenfahren wollen. Nun war eine -blonde hüftenfeste Frau Försterin daraus geworden, die -selber ein ganzes Haus voll lebendiger Puppen hatte. Daneben -hätschelte sie die liebe Frage: ob der Jockele mit seiner -lichten Frau Do wohl einmal leibhaftig in ihr sehnsüchtiges -Herz scheinen würde? O, das gäbe für dies Herz und seine -Waldeinsamkeit einen großen Tag!</p> - -<p>Und da waren noch andere, die mit ihren Gedanken die -hochgemuten Menschen suchten, die sich unter den alten Bäumen -am Horn so wegsicher vorwärtslebten ins Leben; denn<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -Jockeles »Mädchenzeit« kannten sie nun alle. Und in ihrer -Geschäftigkeit dichteten sie das kleine rote Jockelebuch auf eigene -Faust weiter zu einem dickleibigen Lexikon; denn sie wußten -ganz genau: es wäre ihnen in dem kleinen Buche aus triftigen -Gründen manches verschwiegen worden, und just das -wäre das Interessanteste. Was darüber hinaus passierte, -wollten sie nun auch wissen; denn sie meinten, das wäre -genau so bunt und springlebendig und schmeckte so nach Champagner -wie die Geschichten aus dem Pflaumenwinkel. Deshalb -war der Stufensteig, der vom Horn an Goethes Gartenhaus -vorüber hinabführt in den Park, seit dem Tage ein -heftig gesuchter Spaziergang für die Weimaraner, an dem -es ruchbar wurde, Sinsheimers wären wieder im Lande. -Die Gymnasiasten, die am Zaune vorübergingen, hinter dem -der Jockele dem geheimnisvollen Augenaufschlag seiner -Dichterseele zuschaute, erzählten sich von ihm und sagten: -»Es ist eine großartige Sache!« Und damit fanden sie genau -die gleichen Worte, die dem Zinzilein vor dreiundzwanzig -Jahren aus seinem kleinen Munde gestolpert waren, als es dem -Herrn Peter Squenz berichten sollte: droben bei der Tante -Veronika wäre ein kleiner Jockele angekommen.</p> - -<p>Etliche von diesen vielen waren in der sehr freundlichen Lage, -die Geschichte mitzuerleben, die sie »Jockele und seine Frau« -nannten, schon lange bevor sie aufgeschrieben wurde. Es -war aber nicht ganz leicht, in diese freundliche Lage zu kommen. -Man durfte nun nicht mehr durch die Türen fahren -wie vor ein paar Jahren im Pflaumenwinkel – nein, denn -schon die eiserne Gartenpforte war verschlossen. Das deutete -weder auf einsiedlerische noch auf menschenfeindliche Neigungen, -sondern es hing mit jenem Augenaufschlag der -Dichterseele zusammen. Das schien ein äußerst geheimnisreicher -Vorgang zu sein. Ja.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p> - -<p>Hinwiederum gab es Abende, da strömte das Licht in -goldenen Strömen bei Sinsheimers aus allen Fenstern, -da sausten die Wagen durch die herbststille Baumstraße, da -kamen elegante Herren und funkelnde Damen; denn es war -bei Sinsheimers angeregt, klug, heimelig, und es blühte -da eine Art, die sich nicht nachmachen ließ, weil sie außerhalb -dieses Hauses eben nicht wuchs. Das war das Werk Dos. -Und die blonde Frau Do war der helle Stern, der in jenen -Tagen über dem Herzen Deutschland aufging. Sie war -leuchtend, innig und schön. Aber verführerisch schön war -Gwendolin. So standen sie nebeneinander: fröhliche Geistigkeit -die eine, beseelte Sinnenfreude die andere. Die eine -sonnig von Augen und Antlitz wie Märzhimmel – und sie -konnte auch so kühl sein, wenn sie merkte, sie begegnete leerer -Neugier –, die andere bald von träumerischer Melancholie, -bald ein lachendes leichtgeschürztes Mädchen. Die eine liebte -die geistreiche Unterhaltung, die andere wich einem galanten -Flirt nicht aus; aber auch wo sie nur schelmische Zuschauerin -war, begegnete sie sich mit Do und Jockele in dem Wunsch, -einen Kreis erlesener Freunde um sich zu sammeln. Der -blonde Graf Metting nannte das: »Frau Dos graziöse Kunst -geistiger Geselligkeit.« Aber als wüßte er, daß er diesen -Forderungen nicht allenthalben standhalten konnte, war er -besorgt, sich durch seine frohe Laune unentbehrlich zu machen. -Er war es auch, der für Gwendolin den Namen »Herzogin -von Urbino« erfand. Die war die Freundin jener Isabella -d'Este, die man in den Salons der Renaissance »<em class="gesperrt">la prima -donna del mondo</em>« genannt hatte. Und so machte Graf -Metting in diesem Namen auch vor Frau Do eine ritterliche -Verbeugung, mochte er nun für Gwendolin ganz passen -oder nicht – was lag ihm daran? Da legte die neue Herzogin -von Urbino den Finger längs der Nase – von der träumerischen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -Melancholie, die sie aus dem Fjord mitgebracht hatte, war -dabei nichts zu merken – und taufte ihn Fra Mariano. »Man -ist hier unheimlich gescheit,« sagte Metting, »denn man ist -noch gescheiter als ich!« Damit rettete er für sich die Lage, -und Gwendolin erklärte ihm: erstens wäre Fra Mariano der -bestgelaunte und schlagfertigste Gesell am Hofe Leos des Zehnten -gewesen, und zweitens hätte er niemals Damengesellschaft gesucht -… also passe dieser Name für ihn in jeder Hinsicht.</p> - -<p>Abneigung gegen Damengesellschaft – es war kostbar! -Und bei dem »Fra Mariano« blieb es.</p> - -<p>So war auch der Scherz artig und funkelnd. Und dennoch: -Fra Mariano hatte seine liebe Not; da war nämlich noch der -Schlachtenmaler Richard Schaffrath, ein stolzer ritterlicher -junger Mann mit dunklem Vollbart und nachdenklichen -Augen. Wie Frau Do war er kein Freund lärmender Feste. -Er war in sich gekehrt, in allen Dingen das Gegenstück zu -dem Grafen Metting. Anderswo spielte er gern den philosophischen -Eckensteher; in diesem Hause gab's dazu keine Gelegenheit. -Man beachtete ihn hier sehr, und er erschien allen -in gleicher Weise anziehend. Und da war drittens noch Henrik -Tofte – er war zwar nicht leibhaftig anwesend, aber: die -Welt ist eine Nußschale; und so dauerte es gar nicht lange, -da hatte Fra Mariano das große Licht entdeckt, das im Lande -der Mitternachtssonne um das größere Gwendolins gekreist -hatte. Natürlich war daran Kordula Gunkel schuld, die ihre -Berichte von römischen Schlendertagen an Weimarer Freundinnen -sandte.</p> - -<p>Der Schlachtenmaler aber nannte Gwendolin »Flämmlein«; -zuerst nur in den Erwägungen, die er wegen ihrer Wildrosenschönheit -mit sich selber anstellte; dann auch vor den anderen.</p> - -<p>So war jedes Zusammensein farbig und abwechslungsreich, -und Frau Do bildete die reizvolle Vermittlung zwischen<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -den Menschen von verschiedenster Art, die sich in ihrem Hause -fanden.</p> - -<p>Als im Februar – in Rücksicht auf das große Frühsommerereignis -– die Gesellschaftsabende aufhörten, war die Welt -für viele um ihren lieblichsten Glanz gekommen. »Was -machen wir nun?« fragte Fra Mariano Gwendolin verzweifelt, -als er ihr im Park begegnete. – »Wir arbeiten -und halten Einkehr,« sagte sie; denn sie wußte, das waren -zwei Dinge, mit denen sich Graf Metting sein Lebtag nicht -gern befaßt hatte. Er gehörte auch nicht zu jenen, die an den -Donnerstagen zu dem musikalischem Tee geladen waren. -Dazu versammelten sich nur wenige, nur die Intimen des -Hauses. Vor allen: der Literaturprofessor Salzer, ein älterer -Herr mit grauem Vollbart und einer Hornbrille mit großen -Rundgläsern. Er galt als Sonderling. Von ihm stammte -das Wort: »Um von den Menschen dieser Zeit als Sonderling -verrufen zu werden, dazu gehört weiter nichts als Natürlichkeit.« -Er hatte viele tüchtige literarische Werke verfaßt, -um die sich sein Zeitalter nicht kümmerte. Nur ein einziges -Mal hatte er die nähere Umwelt in Erregung versetzt. Wenn -er arbeitete – und das tat er in der Regel – war er nämlich -sehr empfindlich gegen jedes Geräusch. Er hatte in allen -bewohnbaren Einsamkeiten in und vor der Stadt sein Nest -gebaut, aber stets war für ihn etwas zu wünschen geblieben, -was er sich unmöglich versagen konnte. Vor allem liebte er -des Tags einmal eine reich besetzte und vornehm ausgestattete -Tafel; dazu ein Glas erlesenen Weins, den er aber nur bei -der Mahlzeit trank. Er war ein wohlhabender Mann, und -dennoch drohte an der Wohnungsfrage das Glück seines einspännigen -Lebens zu zerschellen. Endlich machte er im Turme -der Hofkirche zwei Stübchen ausfindig. Er mußte dahin -einhundertneununddreißig Stufen emporklettern. Doch –<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -das verschlug ihm nichts. Mit Hilfe der Großherzogin errang -er die Wohnung im Turm, lebte seit Jahren hoch über allem -Dasein und pries sich als den Glücklichsten der Menschen. -Wahrscheinlich hatte er recht. Frau Do war seine himmlische -Liebe. Man sah ihn an Donnerstagen immer zur gleichen -Minute über die Sternbrücke schreiten, wo er in den kleinen -Steig nach dem Horn einbog, und immer hatte er einen -Strauß der schönsten Blumen in der Hand; denn Frau Do -war seine himmlische Liebe! Vielleicht war es die einzige -Herzensangelegenheit, mit der er sich in seinem Leben befaßt -hatte. Und gerade damit stand er nun nicht allein. Aber das -war damals noch nicht zu ahnen. Im Haus am Horn hieß -er der Kürze halber »die Würze des Lebens«. Man verschwieg -ihm das ebensowenig, wie er aus seiner himmlischen Liebe -ein Hehl machte. Sein Name Salzer spielte dabei nur die -Rolle des Zufalls; denn man hörte, sann und freute sich an -ihm die kargste Stunde in helles Licht. Ohne den Professor -war das Haus am Horn nicht mehr zu denken. Er kam, wenn -er wollte, und war blank wie die Tante Veronika. So war -er auch nach dieser Seite hin ein einziger seiner Art.</p> - -<p>Außer ihm waren der Schlachtenmaler Richard Schaffrath -und der Musikant Erich Meyer da. An Schaffrath schätzte -er die gesammelte Kraft, an Erich Meyer die Bescheidenheit -und Entwicklungsfähigkeit; denn Meyer – oho, wie war -dieses Blümlein Wegwart über Winter aufgeblüht! Die -Wandlung ging so weit, daß er selbst den klingenden Namen -Meyer verloren hatte. Er hieß nun Cornelius, Peter Cornelius. -Das hatte der Professor erfunden. Erich Meyer mit dem -stracken Blondhaar und dem gut modellierten Profil sah auch -geradeso aus wie der Komponist des »Barbiers von Bagdad«. -Auch seine Kunst ging auf den gleichen Bahnen.</p> - -<p>So flogen die zwei Stunden der Donnerstage rasch und<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -tiefbeseelt vorüber und blieben freudig ersehnt von allen. -Es wurde dabei vom gesamten schöngeistigen Erleben der -Welt gesprochen; und es lag auch ganz in der Art dieser Menschen, -von ihren eigenen Wegen zu reden. Nur über Jockeles -aufgehendes Lebensziel wurde geschwiegen. Davon wußten -für lange, lange bloß Do und Gwendolin. Aber der Same, -den Do in jener jungen Zeit ahnungslos ausgestreut hatte, -in der dem Jockele das Hirn brauste vor den Fragen: »was -wissen Sie von Goethe, Schiller, Wieland, Wildenbruch?« -dieser Same hatte ohn' Unterlaß gekeimt und Wurzel gefaßt. -Das erkannten sie nun und wußten: damals war er gesäet -worden, als Do dem Zigeuner Jockele die deutsche Literatur -an einem Bindfädlein zum Fenster im Pflaumenwinkel -herabgelassen hatte! Und vor dieser Erkenntnis legte -der Doktor eines Abends seiner Frau den Arm um den Nacken -und sagte zu ihr: »Was hab' ich denn nun, das mir nicht von -dir gekommen wäre, du mein lieber Segen?«</p> - -<p>Es wuchs vieles aus den sicheren Händen Dos – von -Jockele gar nicht zu reden; denn der war sozusagen der nächste -dazu. Bei dem sanften Erich war es zum mindesten kein -Wunder, daß in ihrer schönen Sonne aus der Raupe ein -Schmetterling, aus dem Meyer ein Cornelius wurde. In -die vorweihnachtlichen Gesellschaften aber hatte er sich nur -getraut, wenn ihm Do unweigerlich erklärte, daß er unabkömmlich -sei. Das lag teils an seiner Außenseitigkeit, teils -an seiner Außenseite. Deshalb gab ihm Do die Erklärung im -Wintergarten, wo sie beide allein waren. Und eines Tages -bekam er vom ersten Schneider der Stadt einen Brief; darin -wurde er gebeten, sich Maß nehmen zu lassen zu zwei neuen -Anzügen. Doch diese Einkleidung mußte mit einem großen -Aufgebot von List vorgenommen werden: es wären Rester, -erzählte ihm der Schneider. Das versöhnte den bescheidensten<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -der Musikanten, langte aber nicht. Da mußte weiter gelogen -werden: der Schneider habe ihn einmal Klavier spielen hören -und darüber den Entschluß gefaßt. Das rührte den armen -Menschen so, daß er den nächsten Donnerstag nicht erwartete, -sondern gleich am Sonnabend aus dem Himmel seines Glücks -in Dos Wintergarten fiel und es ihr als ein tiefes Geheimnis -offenbarte. Do freute sich mit ihm. Und da sie gerade um -die Pflanzen beschäftigt war, gelang ihr auch das nötige -Aufgebot von Ahnungslosigkeit. »Nun passen Sie nicht mehr -in die schiefe Dachkammer, Cornelius,« sagte sie.</p> - -<p>»O, ich träume von einem Haus zum Alleinbewohnen,« -scherzte er.</p> - -<p>»Und ich von einem Stutzflügel für Sie,« sagte Do.</p> - -<p>Da sank Cornelius in den Rohrstuhl …</p> - -<p>»Nun ja, ich denke, Sie wollen eine Oper komponieren?«</p> - -<p>»Das tu ich ja schon, teure gnädige Frau! In meiner Kammer -schreib ich's auf und am anderen Morgen geh' ich in den -Erlkönig …«</p> - -<p>»In den Erlkönig?«</p> - -<p>»Ja. Das ist ein Gasthaus da drüben in der Nähe der Ilm, -da haben sie ein Klavier …«</p> - -<p>So fand sich nun dieser Erich Meyer mit dem Leben ab!</p> - -<p>»Und Ihre Villa?« fragte Do.</p> - -<p>»Ach, da ist doch das kleine Dienerhaus im Apfelgarten, -wissen Sie, wo Jockele mit der Husch den armen Heinrich -aufgeführt hat und mit Felidora Geburtstag feierte« – -Cornelius war wirklich sehr lustig – »und wohin Fräulein -Gwendolin den Teekessel geschickt hat … gnädige Frau, -gnädige Frau,« sagte er mit geheimnisreichem Gesicht, »ich -glaube, in dem kleinen Haus steht ein großes Sprungbrett -ins Leben!«</p> - -<p>Ein paar Tage später zog Peter Cornelius in den Apfelgarten;<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -denn Do machte ihm weis, das Wohnen dort wäre nicht -nur nicht teurer als in der Dachkammer, sondern es kostete gar -nichts. Es gehörte auch dazu wieder List; denn Meyer durfte -es anders nicht erfahren. Dahinein kam auch der Stutzflügel -aus Bonn, an dem Do im Flügelkleide geübt hatte. -Erichs Glück war vollkommen. Er las um diese Zeit häufig -und sehr nachdenklich den »Ring des Polykrates«.</p> - -<p>Auf einmal ward er drei Tage nicht in der Welt gesehen, -obwohl er doch nun ein vornehmer Herr geworden war. -Er erklärte sich diese drei Tage lang für den unglücklichsten -Narren und hätte sich am liebsten sein undankbares Herz ausgerissen. -Warum denn? Ach, er hatte da neulich im Wintergarten -der Frau Do alle blutjungen Streiche an den Fingern -hergezählt, die dem Jockele in dem kleinen Hause gelungen -waren! Und das hatte dieser Erich Meyer fertiggebracht -in dem Augenblick, in dem ihm Do den Stutzflügel verhieß! -Nun kam er sich vor wie –</p> - -<p>Auf einmal donnerte es heftig an die braune Tür. Fra -Mariano trat herein. »Sie, Cornelius, was wissen Sie denn -von Gwendolin und Richard Schaffrath?«</p> - -<p>»Hm. Eigentlich weiter nichts, als daß sie gewissermaßen -mit Henrik Tofte verlobt ist.«</p> - -<p>Diese Antwort war zusammenfassend. Sie wirkte wie -Öl aufs Feuer. »Die Gwendolin hat sich wohl unsichtbar -gemacht, was?«</p> - -<p>»Es ist nicht ihre Art,« sagte Meyer. Graf Metting hatte -ihn immer ein wenig verspottet. Warum fand er sich nun in -das kleine Haus? Er kam zu keiner glücklichen Stunde. Erich -Meyer war aufgewühlt bis auf den Grund.</p> - -<p>»Ich – nun ich habe die Absicht, mich mit Fräulein Gwendolin -zu verloben,« sagte Fra Mariano.</p> - -<p>»Wär' es nicht besser, Sie sagten ihr das selber?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p> - -<p>»Dazu brauche ich Sie natürlich nicht,« fuhr ihn Metting -an, »aber Sie können doch zum Beispiel hier mal vierhändig -spielen.«</p> - -<p>»Na, davon hätten Sie auch nicht sehr viel.«</p> - -<p>»Aber wenn ich dazu käme, teuerster Meyer, und Sie hätten -gerade zum Beispiel eine Klavierstunde in der Stadt zu geben -nach dem Spiel zu vier Händen …«</p> - -<p>»Ach, fällt mir ja gar nicht ein! Ich geh' überhaupt nicht -mehr aus dem Hause, verstehen Sie wohl?«</p> - -<p>»Nein,« sagte Metting und griff nach seinem Hut, »Frau Do -geht nicht mehr aus dem Hause, Gwendolin geht nicht mehr -aus dem Hause, Jockele nicht und Erich Meyer auch nicht – -zum Donnerwetter, wollen Sie denn alle Kinder kriegen?« -Fra Mariano schlug die Tür hart ins Schloß und stapfte -zwischen Tag und Dunkel die Kastanienallee entlang.</p> - -<p>Er hatte dreimal vergeblich bei Doktor Sinsheimer vorgesprochen. -Nun ging er zum vierten Male hin. Da wurde -er von Jockele mit weitoffener Fröhlichkeit empfangen: sie -wären über köstlichem Schaffen, Gwendolin male den Vorfrühling -von allen Seiten, seit vierzehn Tagen wäre sie in -Ibenheim bei Tante Veronika …</p> - -<p>Nein, es war kein Schatten Falschheit in diesem Lichte, -das aus Jockele schien. Aber eine halbe Stunde später kam -Gwendolin aus Ibenheim, und Fra Mariano fuhr gleich -am nächsten Morgen hin. Fünf Tage später traf ein Brief -von Tante Veronika ein; darin stand: es wäre seit einigen -Tagen ein feiner junger Mann ums Haus gestreift, heute habe -er sich ein Herz gefaßt und nach Gwendolin gefragt … er -heiße Graf Metting.</p> - -<p>Es war eine Pflicht, die die aufmerksame Tante Veronika -erfüllte. Jockele und Do lasen diesen Brief mit großer Heiterkeit -und schickten ihn durch Fritz hinauf zu Gwendolin. Als<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -die aus ihrem Zimmer herunterkam, waren Professor Salzer -und Erich Meyer schon da. Meyer berichtete von seinem Zusammenstoß -mit Fra Mariano. Deshalb waren sie so ausgelassen -lustig. Gwendolin aber hatte ihre melancholische -Stunde. Sie lachte nicht, sondern sah Do mit ernsten Augen -an und fragte: »Liebe Schwester Do, was soll ich denn -nun tun?«</p> - -<p>Der Winter mit seiner feinen Geselligkeit hatte in ihr einen -mächtigen Wandel vollbracht. Wenn sie allein war und nachdenklich -und wohl auch ein bißchen traurig, sah sie nun der -Herzogin von Urbino viel ähnlicher als dem Flämmlein. -Dies andere Leben hatte ihr wohlgetan. Sie sehnte sich mit -heißem Herzen aus ihrem sorglosen »Junggesellentume« -heraus. Da stand Dos und Jockeles großes Glück, da -stand die lautere, geregelte und kluge Art dieses Hauses, da -war … es waren da tausend Dinge, die ließen ihr nun -keine Ruhe.</p> - -<p>Es war von ihnen nicht mehr über Herzensangelegenheiten -gesprochen worden seit jenem Tage im Fjord, der sich so -grauenvoll über ihre Sonnenseelen gelegt hatte. Mit keinem -Worte. Do liebte es nicht, bei jeder Gelegenheit Verbindungen -zu erwägen. Sie hatte in solchen Dingen auch keinen Rat -gewünscht, sondern hatte das mit ihrem Herzen und ihrer -Klugheit ausgemacht. Und damals, auf dem Uferwege am -Skjold, hatte sie mit Nachdruck ein Punktum dahintergesetzt, -indem sie zu Gwendolin sagte: »Ich weiß kein Mädchen, -das umworben ist wie du. Aber du kommst nicht dazu, deinem -Herzen eine Aufgabe zu stellen.«</p> - -<p>»Ich werde mich daraufhin einmal ansehen,« hatte Gwendolin -geantwortet und: »Die Ehe ist eine verdammte Kunst.« -Nun sagte sie: »Ich wäre euch dankbar, wenn wir heute statt -des musikalischen Tees einen Familienrat hielten.« Sie setzte<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -sich in den Ledersessel und dachte, sie hätte ein gefaßtes Herz. -»Ich sehe, daß ihr auf meine Kosten vergnügt seid.«</p> - -<p>»Auf Kosten Fra Marianos,« sagte Jockele. Professor -Salzer lächelte so in sich hinein; er hatte für Graf Metting -nie viel übrig gehabt.</p> - -<p>»Das kommt auf eins heraus. Wie steht es mit mir? Es -steht so: Ehemals habe ich meine Freiheit und Selbständigkeit -sehr hoch bewertet – etwa wie ein reicher Mann seine Millionen; -denn ich habe zu mir gesagt: dafür erstehe ich mir die halbe -Welt. Dann kamt ihr und ließet mich mit euch ziehen. Ich -bat euch damals halb wehmütig, halb lustig: eine schiefe Kammer -werdet ihr in eurem großen Hause für Gwendolin, die Heimatlose, -haben. Nun aber weiß ich: ich war in jener Stunde zum -erstenmal ahnungslos. Ihr seid so lieb zu mir gewesen, und -ihr habt das Leben angepackt mit euren guten und reichen -Herzen, wie es mir nicht im Traume eingefallen wäre – das -Leben und mich selbst. Und nun steh' ich vor euch mit leeren -Händen und habe nachdenkliche Stunden. O, manchmal -bin ich sehr traurig: darf das denn so weitergehen aus einem -Jahr ins andere?« Da merkten sie, daß sich Gwendolins -Herz auflehnte gegen sich selber und daß ihre Stimme zitterte. -»Ach nein, liebe Do, spare dir deine Worte! Wie es in euch -aussieht, das weiß ich. Aber jetzt kommt's wieder einmal auf -mich an – endlich!« rief sie. »Mein Reichtum von einst – -meine Freiheit – ist vertan. Ich mag ihn nicht wiedererwerben. -Ihr habt mich ein Leben gelehrt, das ist schöner und -beseelter … Ich bin kein Kindskopf. Deshalb hab ich mir nicht -geschworen: dies Leben mach' ich euch in allen Stücken nach; -aber ich habe mir gelobt: in meiner Art will ich euch ähnlich werden. -Nun kommt Graf Metting und sagt, er liebt mich. Ist das -nicht der Augenblick, in dem ich meinem Herzen die Aufgabe zu -stellen habe? Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span></p> - -<p>Nach Gwendolins langer Rede mußte diese Frage kommen. -Sie war peinlich – nichts als »ungeheuer interessant« war -sie nur für Cornelius. Da meldete der Diener Herrn Richard -Schaffrath, den Schlachtenmaler. Der hatte wichtigen Atelierbesuch -gehabt …</p> - -<p>Atelierbesuch? Ja. Nur: wie dieser Atelierbesuch ausgesehen -hatte, das war nicht zu ahnen; denn der Maler, der -nach fast den gleichen Maßen erbaut war wie Henrik Tofte, -kam wirklich recht besuchsmäßig daher, feierlich und ungewöhnlich -vorschriftsmäßig in Anzug und Behaben. Und so war -seiner Aufmachung nicht anzusehen, daß er daheim im Malraum -zwei Stunden lang einen Kampf ausgefochten hatte -mit einem Menschen, der genau so groß und kräftig war wie er, -der über genau einen so cholerischen Zorn verfügte wie er, -und der gar noch Richard Schaffrath hieß! Nun kam dieser -Herr so geruhig und blank gebürstet daher und sah aus, als -wäre noch niemals ein Sturm durch ihn gefahren. Aber bis -vor einer halben Stunde hatte er auf seinen Gegner einen -heißen Zorn niedergehen lassen – just als hieße dieser Graf -Metting und hätte einen Eid geschworen, dem Maler Schaffrath -bei der schönen, schlanken, heißen und klugen Gwendolin -den Rang abzulaufen. »Siehst du, das kommt nun von deiner -wortkargen Art! Jetzt hat sich der Windhund ihr ans Herz -geschmeichelt …« und so weiter – aber solche häßlichen Gedanken -waren ihm nicht mehr anzumerken. Sondern er trat -mit einer sehr höflichen Verbeugung zu Frau Do und rettete -sich die Verzeihung für sein Zuspätkommen. Gwendolin aber -wartete noch auf Dos Antwort. Und so schlug sie in ihrer -bangen Ungeduld eine Brücke … »Wir spielen heut ein -anderes Instrument, Herr Schaffrath,« sagte sie, »aber Sie -dürfen zuhören.«</p> - -<p>»Ah, ein neues Instrument?« – »Ja … meine verstimmte<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -Seele,« sagte sie, »sie ist erstaunlich in Unordnung -geraten … Nun, liebe Schwester Do?«</p> - -<p>»Du sollst deine Beziehungen zu Metting abbrechen; denn -in diesem Falle wäre die Aufgabe, die du deinem Herzen zu -stellen hättest, zu groß. Gwendolin, du stehst mit deinen herrlichen -Gaben viel zu weit fort von ihm, und du würdest in -diesem blitzenden, aber flachen Wasser verdürsten.«</p> - -<p>Gwendolin schwieg. Sie schwiegen alle. Und sie sahen, -es hing eine verräterische Träne an ihrer dunklen Wimper.</p> - -<p>»Do, ich wußte: so mußtest du antworten. Und dennoch -hab' ich dich gefragt. Soll ich dir nun an den Fingern herzählen, -was ich damit aufgebe?«</p> - -<p>»Nein,« sagte Do, »das wissen wir. Aber ich will dir nennen, -was du dir ersparst: die trostlose Mühe, die Kunst einer solchen -Ehe zu erlernen. Fürchte dich davor, Gwendolin, fürchte -dich vor der Reue ohne Ende!«</p> - -<p>Da ging Gwendolin in ihre Zimmer und warf sich auf ihr -Bett und weinte.</p> - -<p>Die anderen saßen im Wintergarten noch lange beisammen. -Schaffrath war noch schweigsamer als sonst. Jockele allein -schupfte die Schultern. Er konnte zum erstenmal nicht ganz -mit Do übereinstimmen. »Nun, es ist ja nicht das letzte Wort,« -sagte sie, »Gwendolin wird ihre freudige Klarheit wiederfinden -und mit sich selbst zu Rate gehen.«</p> - -<p>»Ja,« sagte Jockele, »und es ist gut so. Es kommt mir vor, -als entschieden wir ein bißchen selbstherrlich – schließlich: -Fra Mariano bewirbt sich doch nicht um jeden von uns, sondern -um Gwendolin.«</p> - -<p>Danach ging Do zu ihr. Cornelius blieb am Flügel und -träumte wunderliche Fantasien. Jakobus, Salzer und Schaffrath -begaben sich in das Rauchzimmer. Der Doktor schickte -seine Gedanken den blauen Ringen nach. »Die Sache ist<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -qualvoller für uns als Sie denken, lieber Schaffrath,« sagte -er. »Und was halten Sie davon, Professor?«</p> - -<p>»Je nun, es überfällt Sie ja nicht,« antwortete er. Es war -nicht ohne Spott.</p> - -<p>»Eigentlich nicht,« sagte Jockele, »wir haben es gefürchtet. -Aber Do will es durchaus nicht zum äußersten kommen lassen. -Wenn Metting erst um Gwendolin wirbt, wird sie ihn nicht -abweisen – verlassen Sie sich darauf, und dann ist das Unglück -fertig! Es ist nicht zu glauben, wie erstaunlich die Unordnung -ist, in die sie geraten. Bedenken Sie doch: dies kluge -und aufrechte Mädel!«</p> - -<p>Hm. Es war wirklich eine höchst unangenehme Geschichte.</p> - -<p>Schaffrath konnte sehr undurchsichtig sein; er war es heute -doppelt. Jockele ärgerte sich darüber und sagte: »Richard -Schaffrath, Sie sehen aus wie ein Bräutigam auf dem Wege -von der Kirchtür zum Altar.«</p> - -<p>»Wie sieht denn der aus?«</p> - -<p>»Versteinert.«</p> - -<p>Der Professor prüfte ihn daraufhin. Seit die Herren unter -sich waren, zuckte es ihm unausgesetzt um die Lippen wie -Spott und Schadenfreude … »Und Sie, Professor,« sagte -Jockele, »Sie sehen aus, als sezierten Sie ein Drama von -Maeterlinck.«</p> - -<p>»O nein,« sagte er, »mein Vergnügen ist viel größer.«</p> - -<p>»Es wäre besser, Sie machten sich um uns ein bißchen -nützlich,« scherzte Jockele, aber er sprach nicht ohne Bitterkeit. -Der Schlachtenmaler schritt indes auf dem Teppich hin und -her wie ein Löwe im Käfig. Der Lösung seiner schwierigen -Frage kam er nicht näher. Und die Augen Salzers liefen -funkelnd hinter ihm drein. Endlich lehnte der Professor sich -in seinen Stuhl zurück, faltete die Hände über der Uhrkette und -verfiel in ein ungeheueres Lachen. Jockele stand hilflos am<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -Tisch, Salzer lachte in einemfort, und Schaffrath tat, als wäre -dieser Ausbruch des Vergnügens eine Selbstverständlichkeit: -er kümmerte sich nicht darum.</p> - -<p>»Zum Teufel,« rief Jockele, »was soll denn das heißen?«</p> - -<p>»Großartig, ach großartig! Es ist eine Komödie! Doktor, -muten Sie mir denn zu, daß ich in einer Komödie sitze wie -ein Ölgötze? Der Schlachtenmaler, hurrjeh, der Schlachtenmaler -hat nämlich den Brief im Sack, mit dem er sich um Gwendolin -bewirbt! Hahahahaha.«</p> - -<p>»Und das nennen Sie Komödie?« platzte Jockele heraus. -»Herr, das ist eine Tragikomödie!«</p> - -<p>»Gibt es nicht,« sagte der Professor. »Eine Geschichte -endet mit unglücklichem Ausgang und ist eine Tragödie. -Oder sie endet mit vergnüglichem Ausgang, dann ist sie eine -Komödie. Oder wollen Sie etwa den Mut aufbringen, einen -Stoff zu gleicher Zeit aus einem ernsten und aus einem lustigen -Gesichtswinkel zu betrachten? Bedenken Sie doch bloß den -Unsinn: ein heiteres Trauerspiel, oder ein trauriges Lustspiel! -Mit der Bezeichnung Tragikomödie hat Plautus ursprünglich -einen Scherz …«</p> - -<p>»Himmeldonnerwetter!« schrie der Doktor, »ist denn die -Welt aus den Fugen? Und was gehen uns augenblicklich -Plautussen seine Witze an?«</p> - -<p>»Dieses aber ist eine Komödie,« dozierte der Professor weiter; -»denn warum? Ich betrachte sie aus dem vergnügten Gesichtswinkel -des Weisen mit der himmlischen Liebe.« Salzer -hatte heimlich auf den Klingelknopf gedrückt, der Diener trat -herein. »Fritz, bringen Sie eine Flasche Johannisberger -Schloßberg 1878,« befahl der Professor. Und Richard Schaffrath -ging hin und her, als ginge ihn alles Lebendige nichts -an. Dann aber setzte ihn Salzer neben sich an den Tisch, und -sie tranken Johannisberger Schloßberg. Da fand der Schlachtenmaler<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -seine Sprache wieder, und mit Gwendolins Worten -sagte er: »Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«</p> - -<p>»Mir scheint allerdings, als wäre das eine Sache für Frauen,« -sagte Jockele ratlos.</p> - -<p>»Je,« wunderte sich der Professor, »als Sie noch ›Jockele -und die Mädchen‹ spielten, sind Sie nach allem, was man weiß, -beherzter gewesen.«</p> - -<p>»Ja,« bekannte Jockele und verfärbte sich in blutrotem -Erinnern, »aber die Gwendolin kann einen mörderlich aufsitzen -lassen!«</p> - -<p>Darüber fiel der Schlachtenmaler vollends ins Dasein -zurück. »Es ist eine peinliche Sache.«</p> - -<p>»Ach wo!« sagte der Professor, »sehen Sie, meine Herren, -so denk' ich mir das Spiel zwischen schönen Mädchen immer; -denn an einem schönen Mädchen hängen die Augen vieler; -und die schönen Mädel – na, ich weiß nicht, ob die nur immer -so geradeaus gucken! Wissen Sie, was ich machen würde? -Ich riefe den Diener Fritz und ließe der Gwendolin mein -Bewerbungsschreiben um die freigewordene Wohnung augenblicklich -überbringen.«</p> - -<p>»Ich aber werde den Diener Fritz rufen und augenblicklich -meine Koffer packen lassen,« sagte Jockele.</p> - -<p>»Doktor,« gebot Salzer, »machen Sie keine Späße!«</p> - -<p>»Wollen Sie die Gwendolin denn ganz zerreißen?«</p> - -<p>»Nun, es ist eine Gewaltkur,« sagte der Professor. »Vor -reichlich drei Wochen haben wir uns die Sache in meiner -Turmstube ausgedacht. Aber – ist denn der steinerne Ritter -Schaffrath zu einem Worte zu bewegen gewesen?«</p> - -<p>»Die Würze des Lebens ist in solchen Dingen ahnungslos -wie der Sommerhimmel,« sagte Schaffrath.</p> - -<p>»Warum sind Sie denn dann zu mir gekommen? Und<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -was hab' ich Ihnen gesagt? Schämen Sie sich, Schaffrath, -so ein großer, schöner, tüchtiger Mensch …«</p> - -<p>»Als ob's bei den Mädchen darauf ankäme!« lächelte -Schaffrath bitter, »hieß es nicht, Gwendolin hätte sich versprochen -mit Henrik Tofte? Hieß es nicht, sie wäre heimlich -verlobt mit dem Grafen Metting? Wollen Sie mich denn vor -Gwendolin und der Welt zum Narren machen, indem Sie –«</p> - -<p>»… mich auf das zwiefach verhürdete Schäflein loslassen!« -vollendete der Professor die Rede des Schlachtenmalers. -Er konnte sich nicht helfen – für ihn war dieser Zusammenstoß -der Ereignisse ein Quell erschütternder Heiterkeit. »Ich -begreife nicht, warum Sie nicht lachen, meine Herren! So -helfen Sie mir doch – lachen wir, daß die Wände wackeln -und in den Gemächern der Damen –«</p> - -<p>»Hab' ich nicht gesagt: die Würze des Lebens ist ahnungslos -wie der Sommerhimmel?« fragte Schaffrath. Darüber -bekam Jockele das Laufen und stampfte nun seinerseits über -den Teppich. Er rang mit beidem: mit dem Lachen und mit -der Verzweiflung. Salzer aber begann ein Examen. »Ist -Gwendolin verlobt?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Ist sie verliebt?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Würde sie den Grafen Metting heiraten?«</p> - -<p>»Wahrscheinlich.«</p> - -<p>»Würde sie Henrik Toften nehmen, wenn er heute um sie -anhielte?«</p> - -<p>»Möglich.«</p> - -<p>»Na also,« wandte sich Salzer an Richard Schaffrath, -»was steht Ihnen denn im Wege? Ein Vielleicht und ein -Möglich! Und vor diesen beiden windigen Gespenstern -fürchten Sie sich, Sie Ritter ohne Furcht und Tadel?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p> - -<p>»Eigentlich hat er recht,« erwog Jockele. »Aber, liebster -Schaffrath, warum haben Sie denn den langen Winter -vor ihr gestanden, als hätten sie ein neunmal gepanzertes -Herz?«</p> - -<p>»Es ist eine Eigentümlichkeit von mir,« sagte Schaffrath.</p> - -<p>»Und Sie, Professor, hätten Sie sich nicht für Ihren Freund -in die Schranken werfen können?«</p> - -<p>»Na, ich bitt' Sie, ich habe doch kein Heiratsbureau!« schrie -Salzer in heller Entrüstung.</p> - -<p>So sprangen sie rings um den toten Punkt und bekamen -das Wirbeln, aber vom Flecke kamen sie nicht.</p> - -<p>»Hier muß etwas geschehen,« sagte der Professor. »Ich -übernehme die Verantwortung!« Er drückte mit fester Hand -auf die Klingel und nahm den Brief vom Tisch …</p> - -<p>»Ich betrete dies Haus drei Wochen nicht mehr!« rief -Schaffrath.</p> - -<p>Aber Salzer befahl: »Fritz, bringen Sie diesen Brief zu -Fräulein Gwendolin Vogelgesang. Sagen Sie: eine Antwort -würde vor Ablauf von drei Wochen nicht erwartet.« Fritz -wiederholte den Befehl und verschwand. Salzer und Schaffrath -verschwanden auch. »Wollen Sie mich nicht mitnehmen?« -fragte Jockele. – »Kommen Sie!«</p> - -<p>So schritten sie hinaus in den stürmischen Abend. Peter -Cornelius aber saß am Flügel und vergaß Zeit und Ewigkeit. -Halb zehn Uhr spielte er immer noch. Da ging Do hinein -zu ihm und sagte: »Möchten Sie nicht mit uns zur Nacht -essen? Es ist zwar schon reichlich über die Stunde, und wir -sind ganz allein …«</p> - -<p>Erich Meyer tat einen harten Fall auf die Erde – was -aber nicht wörtlich zu nehmen ist – und erwachte aus -tiefen Träumen; denn er erfuhr, daß die Herren mittlerweile -im Rauchzimmer ein Gelage gehalten hätten und abhanden<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -gekommen wären, und daß er seit länger als drei Stunden -am Klavier gesessen.</p> - -<p>Gwendolin war auch im Speisezimmer. »Sehen Sie, -lieber Meyer, das ist Ihre Art, das Leben zu verpassen,« -sagte sie mit einem fröhlichen und einem traurigen Auge. -»Ich glaube, an diesem Punkt begegnen wir uns. Man wird -darüber leicht zu einer komischen Figur, lieber Meyer.«</p> - -<p>»Wohl, wohl,« sagte er, »aber das ist mir ganz egal. Ob -der Mensch glücklich ist, darauf kommt's an! Und darin nehm' -ich es mit ihnen allen auf, seit ich mein Landhaus besitze -und meinen Stutzflügel.«</p> - -<p>»O,« machte Gwendolin, »so ist auch das ins Wasser gefallen! -Ich dachte schon: wenn Sie noch solch ein Ritter von -der traurigen Gestalt wären, könnten wir zwei uns heiraten.«</p> - -<p>»Ja, <em class="gesperrt">wenn</em> ich es wäre!« scherzte Cornelius, »aber jetzt -bin ich ein feiner Herr.«</p> - -<p>»Und ich? Ich wandele mich allgemach zu einem Narren,« -sagte Gwendolin bitter, »aber wofür ist denn Fasching? -Freilich, die Herren haben sich einen sehr schlimmen Spaß -mit mir erlaubt. Doch warum beklag' ich mich darüber?« -Cornelius sah Do an, und er sah Gwendolin an. Und weil die -merkte, Meyer war schuldlos, so begann sie zu erzählen in -herzhaftem Spott gegen sich selbst … »Nun, wenn ich mich -selber nicht mehr verhöhnen könnte, stünde es noch schlimmer -mit mir.«</p> - -<p>Aber Erich Meyer saß fast andächtig dabei.</p> - -<p>»Und da lachen Sie nicht, Cornelius?«</p> - -<p>»Nein,« sagte er, »denn ich warte auf die Geschichte von -dem schlimmen Spaß.«</p> - -<p>»Mensch, die hab' ich Ihnen ja soeben haarklein erzählt!«</p> - -<p>»Ach so,« staunte Meyer, »und das nennen Sie Spaß?« -Do begann zu begreifen. »Ein Spaß ist das ganz und gar<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -nicht, Fräulein Gwendolin; denn der Brief Schaffraths ist -schon seit drei Wochen geschrieben, nämlich: der Schlachtenmaler -liebt Sie bis zur Selbstverlorenheit.« Und Peter -Cornelius setzte neckisch hinzu: »Sehen Sie, darum hab' ich -vorhin Ihrer freundlichen Aufforderung, Sie zu heiraten, -nicht gleich Folge geleistet.«</p> - -<p>Es kam nun eine Stille – die Uhrenpendel hörte man -darin schlagen und die Herzen. Do aber legte die Gabel fort -und faltete ihre beiden Hände im Schoße … »Sturmschwalben, -Sturmschwalben, wo nehmt ihr den Mut zum Leben her?« -Die Uhren tickten wieder und die Herzen. Gwendolin war -aufgestanden und hinter Frau Dos Stuhl getreten. Sie -neigte die Stirn auf Dos Schulter und umfaßte sie und sagte: -»Ist es nicht gräßlich mit mir, Do? Die erste tiefe Liebe, die -mir begegnet, halt' ich für einen schlimmen Spaß … Ist -es nicht gräßlich?« Und Gwendolin weinte bitterlich.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Wäre diese Geschichte nicht wahr, sondern ein Roman, so -würde es nun weiter heißen: »Drei Wochen später wurde -die Verlobung mit großer Pracht gefeiert.« Dem war aber -nicht so; denn als man Verlobung feierte, war man nur selbdritt -beieinander: Gwendolin und Richard und eine zeitlose -Frühlingsnacht, die lag so schmeichelnd, veilchenduftig und -sammetschwarz über dem Weimarer Park, daß sie James -King kurz und bündig »lächerlich« genannt hätte. Und wenn -etwa einer nachträglich kommt und erzählt: es wäre bei Sinsheimers -im Haus am Horn gewesen, und es hätte eine große -Aufmachung von Licht, Kuchen, Wein und Musik gegeben, so -ist das einfach nicht wahr. Sondern: wenn man von Goethes -Gartenhause den Wiesenweg nach der Ilm geht und an der -Ilm links weiter, so kommt man nach zweihundert Schritten -an einen Wildapfelbaum mit tief herabhängenden Ästen.<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -Unter dem Apfelbaume steht eine Bank. Auf dieser Bank -war es. Und es gab weder Kuchen noch Wein noch große -Festmusik, bloß Lieder ohne Worte und Süßigkeiten … -Ferner: es war auch gar nicht drei Wochen später; denn -Richard Schaffrath war ja schon beim nächsten musikalischen -Tee wieder bei Sinsheimers, es war da sehr fein, und ein -Narr wäre gewesen, wer behauptet hätte: am Donnerstag -zuvor hätte Gwendolin Frau Do ihren heißen Schmerz auf -die Achsel geweint und hätte gesagt: mit ihr wäre es gräßlich. -Nein, nein. Die Geschichte unter dem Apfelbaum geschah in -Wahrheit am darauffolgenden Samstag, abends von neun -bis elf Uhr; und zwischen dort und jenem Donnerstag im Leid -lagen zweimal die hundertneununddreißig Stufen der Weimarer -Hofkirche am alten Friedhof, die Gwendolin zu dem -Herrn Professor Salzer emporgestiegen war. Daraus ist -zu ersehen, daß es sich für sie um einen ernsten und wichtigen -Fall handelte; denn weder wegen James King noch wegen -Mister Johnny, noch wegen Henrik Tofte hatte sie einen Fuß -gerührt – des Jockele und des Unbekannten aus dem Ettersburger -Zwetschengarten gar nicht zu gedenken! Fra Mariano -aber stand in der Mitte zwischen Richard Schaffrath und der -langen Reihe, von der ihr jeder den Jungfernkranz winden -lassen wollte; denn wegen Fra Mariano war sie wenigstens -in ihre Zimmer gestiegen, und Fra Mariano muß hier erwähnt -werden, weil er schon auf dem Weg unter den Wildapfelbaum -war und zu dem Fest als ungeladener Gast kam … Aber es -war sehr finster im Park, und es sind viele Bänke dort; nach -der richtigen mußte er erst eine Weile suchen. Er war noch -an kein Vorhaben mit gleicher Unentwegtheit herangetreten; -denn er wollte diesen Porträtmaler auf frischer Tat ertappen.</p> -</div> - -<p>Es ist auch nicht bei der Wahrheit geblieben, wenn man -wissen will: Gwendolin wäre in tiefer Zerknirschung und mit<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -vom Weinen geröteten Augen unter dem Apfelbaum erschienen; -denn zweimal hundertneununddreißig Turmstufen -sind so lang wie zweimal hundertneununddreißig Jahre. -Und Gwendolin, die weitoffene und gescheite Gwendolin, -war viel zu ehrlich, als daß sie aus ihrem Herzen eine Mördergrube -gemacht hätte. Weitoffen, klar und gescheit stieg sie -gleich am Freitag früh nach dem verweinten Donnerstag -zu Salzer, dem Turmwart, und sagte: »Ich wollte nur sehen, -ob Sie über Nacht wieder herzugekommen sind.«</p> - -<p>»O ja,« sagte der Professor, »Jockele, Schaffrath und ich -haben bis gegen morgen im Turm einen respektablen Trunk -getan. Aber: wollten Sie wirklich nur nachsehen, ob –?«</p> - -<p>»Sie sind sehr neugierig,« sagte Gwendolin.</p> - -<p>»Das kommt daher, weil ich für den Brief die Verantwortung -übernommen habe.«</p> - -<p>»Es war tapfer von Ihnen,« lobte sie, »mit den jungen -Leuten hat man seine liebe Not.«</p> - -<p>»Ja,« sagte der Professor.</p> - -<p>»Morgen komm' ich noch einmal,« sagte Gwendolin, »ich -möchte da Richard Schaffrath hier sehen. Übernehmen Sie -die Verantwortung?«</p> - -<p>»Ja,« sagte der Professor.</p> - -<p>Am Samstag kam sie erst gegen Abend. Schaffrath aber -hatte schon seit dem frühen Vormittag auf sie gewartet. -»Sie müßten Engelein heißen,« sagte der Professor zu ihm. -Es war Schaffrath sehr bange; denn er dachte: »Dies fixe -wackere Mädchen wird meine Vorsicht als Feigheit ansehen.« -Aber das tat sie nicht; sondern sie sagte sehr milde: »Nun, ich -hätte es mit der Gwendolin wahrscheinlich anders gemacht. Wußten -Sie denn nicht, daß ich in einer großen Gefahr schwebte?«</p> - -<p>»Nein,« sagte er, »Sie konnten es auch für ein großes -Glück halten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p> - -<p>Sie war ans Fenster getreten. Es lag über den Dächern -ein feiner grauer Nebel. Nur die Firste und Schornsteine -guckten oben darüber heraus, und am Himmel gingen verheißungsfroh -die ersten Sterne an. »Der Frühlingsmantel, -den sich die Erde umlegt! Kommen Sie, wir wandern zusammen -hinab ins Tal!«</p> - -<p>»Nein, auf einen hohen Berg.«</p> - -<p>Da gingen sie miteinander. Und nach einer Stunde kamen -sie unter den Wildapfelbaum. Ein ganz dünner Streif -Mond lag nun auf der Ilm als ein silberner Kahn. Darüber -fiel Gwendolin James Kings Gespensterschiff ein, und sie -erzählte dem Manne, der nun neben ihr saß, alle Liebschaften, -die sie gehabt hatte in den acht Jahren, seit ihrem fünfzehnten, -und wie sie umworben worden – von lange vor Jockele bis -zu dem Grafen Metting. »In fast allen Fällen konnte ich -gar nichts dafür – bloß die zwei Sachen in Ettersburg, die -stehen auch mit auf meiner Rechnung. Aber du mußt nun -alles wissen; mein Herz sagt einfach: es ist so in der Ordnung! -Ach du, mein Herz ist ein so natürliche ungefaltetes Ding – -rein zum Bangewerden! Wird dir nun bange davor?«</p> - -<p>»Nein,« sagte er und wunderte sich, daß sie auch für das -Erlebnis mit Henrik Tofte die Verantwortung ablehnte. -Aber er redete nicht davon.</p> - -<p>Da zog Fra Mariano des Weges. Er hatte sich in seinen -Sommerüberzieher verkrochen und den Kragen hochgeschlagen -und trug den Gehstock steil in der Rocktasche. Weil -er am Apfelbaum so kecklich vor sich hinhüstelte, sagte Gwendolin: -»Wenn Sie Lust haben, sich ein wenig zu uns zu setzen, -Graf Metting – es steht Ihnen ganz und gar nichts im Wege.«</p> - -<p>Es war zu merken: die da sprach, war die alte Gwendolin. -Von ihr hat einer gesagt: sie hätte Stunden, in denen sie -den lieben Gott besiegen könnte. Ja, so war das mit ihr.<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -Metting hatte vorgehabt, den Überraschten zu spielen und -beide zur Rechenschaft zu ziehen, aber »zu spielen« brauchte -er nun nicht; denn das hier war keine Komödie – das war -das Leben selber und forderte ihn auf den Plan. Und davor -stand er, und wußte nicht, was er sagen sollte. Er setzte sich -auf die Bank, rechts neben Gwendolin, und verkroch sich noch -tiefer in seinen Überrock.</p> - -<p>»Nun?« fragte sie, »was halten Sie von diesem Tatbestande, -Graf?«</p> - -<p>»Eins der vielen Abenteuer der Herzogin von Urbino,« -sagte er sehr zugeknöpft. Er hätte sagen können, was er wollte -– sie faßte ihn sofort am Schopfe und beutelte ihn … was -wiederum nicht wörtlich zu nehmen ist.</p> - -<p>»Ich weiß im Augenblick nicht, ob die Herzogin von Urbino -Abenteuer suchte in dem Sinne, in dem Sie das meinen, -lieber Graf. Aber das sag' ich Ihnen: durch die Ungewißheit -ihres Schicksal ist jede Frau von ihrem sechzehnten Lebensjahr -ab eine Abenteurerin …«</p> - -<p>»Ha, es wäre schlimm!« unterbrach sie Metting.</p> - -<p>»… nicht in ihren Taten, sondern in ihren Träumen! -Sie läßt ihre Träume vom Leben ausfliegen wie Noah den -Raben oder die Taube aus dem Kasten: sie finden nicht, -da ihr Fuß ruhen kann. Aber einer bringt den Ölzweig. -Und danach ist es gemeinhin vorbei mit dem abenteuerlichen -Flug über den wogenden Wassern. Sehen Sie, so -mein' ich das.«</p> - -<p>»Nicht übel,« sagte er, »und recht spitzfindig ausgedacht. -Nun, Frauen sind um eine Entschuldigung niemals verlegen.«</p> - -<p>»Männer auch nicht,« sagte sie. »Aber ich habe gar nicht -das Bedürfnis, mich vor Ihnen zu entschuldigen; sondern -die Dinge liegen einfach so: in dem Augenblick, in dem auch -mein <em class="gesperrt">Herz</em> in die Lage kam, zu wählen zwischen Richard<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -Schaffrath und dem Grafen Metting, entschied ich mich für -Richard. Wir haben uns in der vorigen Stunde verlobt.«</p> - -<p>»Hoh!«</p> - -<p>»Ja. Die Liebe ist ein Geist; sie kann nicht reden, eh' ihr -nicht ein Wort oder Zeichen gegeben wird. Die Liebe ist ein -Geist; aber dieser Geist wird erlöst, wenn er weiß, man verlangt -nach ihm.«</p> - -<p>»Nun, ich habe Ihnen Zeichen genug gegeben, Gwendolin.«</p> - -<p>»Aber als der andere die Sprache fand, blieb mir keine -Wahl: mein Herz flog ihm in Seligkeit nach.«</p> - -<p>»Hm. Dann wäre wohl meine Aufgabe unter diesem Baum -erfüllt?«</p> - -<p>»Ich glaube es,« sagte Gwendolin.</p> - -<p>»Gute Nacht.«</p> - -<p>Fra Mariano versickerte in der Finsternis.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Von den Türmen schlug es Elf, als Richard und Gwendolin -unter den hohen Birken des Philosophenwegs hervortraten -und nach dem Horn einbogen. Sie hatten keine Eile und -sprachen leise. Auf der Höhe des Goethegartens sahen sie: -bei Sinsheimers war noch das ganze Haus hell. Da wunderten -sie sich. Es rasselte auch ein Wagen durch die Stille der Straße -davon. Sollte Fra Mariano –?</p> -</div> - -<p>Als Schaffrath sie verlassen und Gwendolin hineinkam, -fragte sie den Diener. »Herr Meyer ist da«, sagte der, »und -eine Dame: Fräulein Kordula Gunkel aus Rom. Fräulein -Gunkel hat sich durch ein Telegramm angemeldet und ist vor -kaum fünf Minuten angelangt.« Man hörte durch die Türen -lachen, und Gwendolin funkelte in die erste Freude des Wiedersehens.</p> - -<p>»Lieber Meyer, wissen Sie, daß die dunkle Kordula eminent -musikalisch ist?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span></p> - -<p>»Ja,« sagte er, »Sie selbst haben es mir erzählt, aus der -Geschichte der Sturmschwalben.«</p> - -<p>»Und wißt ihr, Kinder, daß ich mich verlobt habe?«</p> - -<p>Da rissen sie Gwendolin der Reihe nach an ihr Herz – zuerst -Jockele. »Er tut das immer sehr ausgiebig,« sagte Do. -»Ja,« erklärte Cornelius, »man kann da mittlerweile eine -Partie Schach spielen oder Beethovens Neunte.« Dann -kamen Do und Fräulein Gunkel an die Reihe. »Na, lieber -Meyer?« jauchzte Gwendolin. Und weil er beschaulich am -Flügel lehnte und Miene machte zu einem sanften Handkusse, -griff sie ihn auf und wirbelte ihn ein paarmal herum. »Die -Liebe ist ein Geist – sie muß durch ein Zeichen erlöst werden!« -rief sie. Cornelius ward von diesem Überfall reichlich betört; -und als sie ihn wieder freigegeben hatte, war er blutrot geworden -und gestand: »Jetzt hab' ich den ersten Kuß von einer -Dame bekommen! … Sie auch?« wandte er sich an Jockele.</p> - -<p>»Ich – –? – Ja, natürlich.«</p> - -<p>Darüber gerieten sie noch mehr in Lustigkeit. Erich Meyer -aber hatte einen großen Tag und durfte hinausgehen und -Wein kommen lassen, ganz nach seiner Wahl. Da entschied -er sich für Sekt; denn Sekt hatte er in diesem Hause zum ersten -Male getrunken, und Sekt stand obenan in der Reihe seiner -unvergeßlichen Erlebnisse. Dann sanken sie in die braunen -Ledersessel, und es war herzhaft und aufgetan wie in der -Mädchenzeit.</p> - -<p>Die Standuhr schlug die Mitternacht. Da horchten sie hin; -denn es war ein schöner, weicher Klang und voller Andacht. -»So ist es, wenn Kordula Gunkel zur Laute singt,« sagte -Gwendolin und dachte an die Abende im Fjord. Sie dachte -auch an Henrik Tofte; aber sie wollte nicht nach ihm fragen. -War die dunkle Kordula damals nicht mit heimlichen Hoffnungen -nach Rom gezogen? »Jede Frau ist eine Abenteurerin<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -von ihrem sechzehnten Jahr ab.« Der Gedanke, den Gwendolin -vor zwei Stunden dem Grafen Metting gegenüber ausgesprochen -hatte, stand nun neben den vielen Lichtern, die in -dieser Nacht ihre Seele hell machten, und sie fragte: »Kordula, -warum bist du heute in unser Haus gekommen?«</p> - -<p>»Daran ist dein glückseliger Brief schuld, Gwendolin.«</p> - -<p>»Du, den hab' ich doch in der Woche vor Weihnachten -geschrieben!«</p> - -<p>»Jawohl,« sagte Kordula, »und es fehlte nicht viel, ich -wäre gleich damals zu euch gekommen. Er war ein Stern -in tiefer Finsternis. Ich habe nicht wieder geschrieben – nun -ja, ich habe gewartet, bis ich meiner Sehnsucht nachfahren -könnte …«</p> - -<p>»Na, und Tofte?« fragte Jockele, »ist denn der nicht das -große Licht in der Finsternis geworden?«</p> - -<p>»Ja und nein,« sagte Kordula. »Ich war schon seit langem -wandermüde, aber jetzt bin ich's doppelt. Gwendolin hat -mir so strahlend vom Leben in diesem Haus erzählt, und das -hübscheste war der Abschnitt ›Jockele und seine Frau‹. Seht, -ich komm' auch aus einem solchen Hause! Als meine Eltern -kurz hintereinander starben, wurde ich mit dem Haus abgefunden, -mein Bruder empfing bares Geld, er ist Arzt in -Bingen, und ich saß nun in Göttingen, und es kam mir vor, -als wollte mich das Leben dort sitzen lassen. Da verkaufte -ich meine steinerne Einsamkeit, kam nach Weimar und wurde -Kordula mit der Laute. So lebt' ich mich zwei Jahre durchs -Dasein. Ich ging an den düsteren Songefjord und ließ die -traumhafte Herrlichkeit an meiner Seele abfärben. Als ich -zu euch in den Hardanger Fjord geriet, da hatt' ich Heißhunger -nach Sonne. Gwendolin hatte mir geschrieben: -›Wo Jockele und Do sind, da ist die Sonne.‹ Die Insel der -Auferstehung lockte mich, dort wollt' ich mein Ostern feiern.<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -Und als ich eintraf, hatte Rolf Krake die Kugel in die Sonne -geschossen. Ich kam zu spät – aber ich kam zu rechter Zeit -nach Rom. Da fand ich Henrik Tofte. Er hatte einige Wochen -mit Mister Johnny in dem deutschen Gasthause ›Zur Post‹ -zu Mittag gegessen. Mister Johnny war noch dort, aber es -hatte Auseinandersetzungen zwischen beiden gegeben, und -nun begegneten sie einander mit stummem Gruß, und -Henrik speiste nicht mehr in der Post. Er speiste überhaupt -nicht mehr – so schien's. Künstler, die ihn kannten, erzählten, -er triebe sich in kleinen italienischen Weinhäusern herum; -und einer wollte wissen: Henrik Tofte wäre Gepäckträger, -und wenn ich ihn suchte – draußen am Bahnhofe könnt' -ich ihn treffen. ›Großer Gott,‹ sagte ich, ›dieser Henrik -Tofte ist ja aber ein Genie!‹ Da lachte man mich aus – Genies -gäb's auf dem heißen Pflaster Roms massenhaft, aber die -meisten bekämen das Fieber … Ich ließ also meine Reisetasche -im Handgepäckschalter niederlegen, und tags darauf -ging ich vor der Ankunft des Berliner <em class="antiqua">D</em>-Zugs zum Bahnhofe. -Den Längsten unter den Gepäckträgern ersah ich mir. Er -war blond und reckenhaft wie ein Skalde und trug die rote -Mütze der Facchini. ›Wie heißen Sie?‹ fragte ich ihn auf -norwegisch. Da zuckte er zusammen und schlug die Augen -nieder. ›Tofte.‹ – ›So besorgen Sie mir die Tasche auf -diesen Gepäckschein nach Via Gregoriana Nummer 5.‹ Auf -meinem Zimmer in der Gregoriana hab' ich dann versucht, -ihn instandzusetzen. Kinder, diese Geschichte hättet ihr erleben -sollen! Eine Wohnung hatte er nicht. Aber Angelina Fabbro, -die Witwe eines Postschaffners, bei der ich wohnte, hatte -eine große Küche. Sie war sehr einsam, sehr faul und sagte, -sie trauerte sich um ihren Emilio einen grauen Kopf. Angelina -Fabbro ist sechsunddreißig Jahre … Nun: Kordula -Gunkel stattete Henrik Toften aus, bis er wieder manierlich<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -war an seinem langen Leibe. Schön und manierlich; aber -Angelina liebte ihn, und er liebte sie. Sie ist rund an allen -Enden, sie ist zierlich, und sie hat das Herz einer Römerin. -Und Angelinas Küche ist groß, kühl und heimelig, wenn die -grünen Sparrenläden vor den Fenstern liegen. In dieser -Küche schliefen sie, in dieser Küche liebten sie einander und -waren faul, wie man nur in Rom faul sein kann. Angelina -Fabbro vermietet ihre Zimmer, hat ein kleines Witwengeld -und führt ein gutes Regiment im Hause. Als ich mir über -dies alles klar war, zog ich aus …«</p> - -<p>»Römische Schlendertage!« sagte Jockele. »Die Geschichte -ist zu Ende.« Er klang sein Glas gegen das Glas Kordulas, -und seine Stimme war von frohem Klang; denn es war zu -sehen: Kordula Gunkel erzählte nicht aus schmerzlichem Verzicht. -»Die Geschichte ist zu Ende!«</p> - -<p>»Nein, ich möchte sagen: sie geht erst los.«</p> - -<p>»Sekt, Sekt, Cornelius!« mahnte Gwendolin, »Herrgott, -Sie sind sich ja abhanden gekommen!«</p> - -<p>»Ich finde so was furchtbar interessant, Fräulein Gwendolin« -– das war Erich Meyers Erwachen – »denken Sie mal: -Rom, Angelina Fabbro, rund an allen Ecken …« Cornelius -merkte den lustigen Streich gar nicht, den ihm die gespitzten -Lippen spielten … »wenn ich daran denke … nun: eigentlich -dumm scheint Henrik Tofte nicht zu sein. Und diese famose -Geschichte geht noch weiter, Fräulein Kordula?« Erich Meyer -rieb sich die Hände. Dann goß er Kordula das Glas voll -Sekt, ihr ganz allein. »Er will verhüten, daß dir die Lippen -trocken werden,« bemerkte Gwendolin.</p> - -<p>Ach ja, Cornelius war zum Ergötzen! Denn nun sprang er -hinaus an den Flügel und griff leise, gebrochene Akkorde, -wie aus einer Harfe, ehe das erwartete Lied ertönt … Und -Kordula Gunkel sprach:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span></p> - -<p>»Ich kann nicht sagen, daß ich darüber traurig geworden -wäre. O nein, Henrik Tofte ist nicht ein Mensch, vor dem man -so leicht traurig werden kann – höchstens ein bißchen wehmütig -wird einem ums Herz, wenn man sieht, wie diese Fülle -glänzender Gaben in den Staub fällt …«</p> - -<p>Gwendolin sprang ihr mitten hinein in die Rede: »Das -macht, man kann keinen Glauben an ihn aufbringen, nicht -einmal den Glauben daran, daß seine unerhörten Gaben -im Staube liegen bleiben könnten.«</p> - -<p>»Ja, so ist es wohl mit ihm,« sagte Kordula, »denn als ich -damals in Rom hinaus zum Bahnhofe ging und dachte: -›Nun sollst du diesen schönen und bedeutenden Menschen an -der Ecke stehen sehen als einen Paria des Lebens,‹ da war mir, -als hätte der Blitz in mein Herz geschlagen. Aber hernach? -Es war eine fast gleichgültige Begegnung und war kaum -anders, als wenn ich den Dienstmann Nummer 17 einen -Weg schickte.«</p> - -<p>Gwendolin hatte noch keinem Erzähler mit tieferer Hingabe -gelauscht. Es war ihr – und so war es auch Do und -Jockele – als reiche ihr nun das Leben die Bestätigung ihrer -Klugheit von einst. Und sie sagte: »Das ist der Schadenersatz, -den das ›Schicksal‹ dem Henrik gewährt für das, was es ihm -vorenthält: man kann kein Mitleid mit ihm haben! Deshalb -ist es ihm versagt, andere unglücklich an ihm zu machen. -In dem Augenblick, in dem er auch das noch fertigbringt, wird -er zum ersten Male an sich selber unglücklich sein.«</p> - -<p>»Du kennst ihn sehr gut,« sagte Kordula; »denn als ich aus -der Gregoriana fortgezogen war und in der Via Parma wohnte, -war es mir, als wär' ich einem finsteren Verhängnis entronnen: -ich war seit dem Tode meiner Eltern nicht mehr frohherzig -gewesen, nun aber war ich's wieder. Es war zwar ein wunderliches -Vergnügen, dem ich mich hingab, aber es war doch eins:<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -ich baute mir in Gedanken das Leben Henrik Toftes aus den -Stücken zusammen, die von ihm in der Welt herumlagen. -Kinder, was wurde da für eine barocke Unmöglichkeit daraus! -Alle Narrheit und Weisheit, alles Licht und alle Finsternis, -aller Ernst und alle Kindsköpfigkeit, die je aus den Gedanken -des großen Weltenbaumeisters hervorgegangen sind, hat -er in diesen Überschwung hineingepaßt, der nun Henrik -Tofte heißt! … Neugierig ging ich nach ein paar Wochen -durch die Gregoriana – da war drunten am Torstein des -Hauses Nummer 5 ein Schild in vier Sprachen angebracht: -›Institut für schwedische Heilgymnastik und Massage von -Henrik Tofte.‹« …</p> - -<p>Die Standuhr schlug Eins. Sie schlug in die verblüffte Stille, -die genau so lang war wie der Uhrenschlag. Dann brach das -Lachen los.</p> - -<p>Frau Do aber ging hinaus und kam nicht wieder.</p> - -<p>So drängte sich das Leben mit Ungestüm im Haus am Horn. -»Das Dasein hat um Jockele und Frau Do ein ganz anderes -Gesicht wie um andere,« bemerkte Cornelius mit einem Aufgebot -von Wichtigkeit. Sie saßen in dieser Frühlingsnacht, -bis der Morgen heimlich an die Fenster klopfte, und waren -doch nur vier junge Menschen, die sich nicht einmal von anregendem -Trunke locken ließen. Dann verfielen sie in ein -lustiges Raten, woher das käme. »Es ist die Nachbarschaft -Goethes,« sagte Jockele, und er hielt eine schöne Rede. Daran -war zu merken, daß er vor der peinlichen Frage: »Was -wissen Sie von Goethe?« längst nicht mehr zag zu sein brauchte. -»Wer in Weimar lebt, hat die Pflicht, in jeder Woche einmal -nachdenklich daran zu werden, daß Weimar das Herz der -Welt ist – diese Erkenntnis wirkt auf die Seele wie ein Sonnenbad -auf den Körper.«</p> - -<p>»Alle Sinne werden wach, wenn man in das Reich der Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -Do tritt,« sagte Cornelius – »was ich bin und habe, dank' ich -ihr allein,« setzte er hinzu. Er hatte leuchtende Augen. Und -Kordula Gunkel war auf die Schwelle des Musikzimmers -getreten und ließ ihre Blicke wandern. Es hingen da schöne -und wuchtige Gemälde an den Wänden: der Folgefond, -wie er sich spiegelte in den dunklen Wassern des Hardangerfjords -– von Henrik Tofte. Es war ein königliches Bild. -Es hing an der Wand im Speisezimmer der Skjoldefoß mit -der Sägemühle – auch von Henrik Tofte. Groß und gewaltig -in Farben und Auffassung. Es waren da Bilder von -Gwendolin aus den Schären und Holmen; dann die Insel -der Auferstehung, und der Anger im Walde von Ettersburg, -den sie damals gemalt hatte, als Jockele vor ihr erkennen -wollte, wie viel weniger er könnte. Und über den Flügel -hin, als das einzige an dieser Wand, war ein Kopf Beethovens, -gemalt von Richard Schaffrath – stark und tiefbeseelt hingestrichen, -ward er zu einem Erlebnis.</p> - -<p>O ja, es atmeten in diesem Hause Tat, Kraft und Wille -zu Leben und Schönheit. Und Kordula Gunkel hatte nun fünf -Jahre an sich vorüberstreichen sehen, fünf Jahre voller Dinge, -die außer ihr lagen wie ein Film. Das Herz war ihr müde -daran geworden und das Auge flimmrig. Darum lehnte -nun Kordula an dem Pfosten der Tür und sagte: »Es ist -schön und wunderbar – es ist ein Märchen.« Gwendolin -aber schenkte die Reste des Sekts aus den Flaschen in ihr Glas -und setzte sich samt dem Glas mit dem schäumenden Mützlein -an die Spitze eines Zuges; denn die anderen marschierten -hinter ihr drein und legten einander die Hände auf die Hüften. -So schritten sie hinaus in das Zwielicht des Vorgartens. Die -Luft war weich und voller Verheißungen; die Tulpen stiegen -aus dem Rasen. So kamen sie bis vor den Erker mit dem -grünen Kupferdach, der aus der Stirnseite des Hauses springt.<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -Und Gwendolin hob das Glas und rief: »Schön und wunderbar -bist du, du Reich der goldenen Do! Wunderbar bist -du und schön wie ein Märchen, du Märchenhaus!« Und sie -warf das Glas gegen den Stein, daß es jauchzend zersprang.</p> - -<p>Da hatte das Haus den Namen, den es seit jener Stunde -in der Stadt trägt und im Reiche und darüber hinaus; denn -wo Do und Jockele regieren als König und Königin, das -weiß die Welt.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Aber der irrt sich, der da meint: nun wäre die Geschichte -alle, und Frau Do hätte doch nicht ganz recht gehabt, -als sie sagte: es wäre bei ihnen immer schrecklich viel los; -denn eine Woche danach – der Frühling brannte zeitlos -gerade sein Eröffnungsfeuerwerk ab – hurra! da hatten -sie im Märchenhaus ein kleines Mädchen. Das kleine Ding -hatte es nicht erwarten können! Kunststück – wenn in der -Welt an jedem Baum ein grüner Zettel angeschlagen ist: -»Heute Einzug Sr. Kgl. Hoheit des Frühlings!« und wenn -die bunten Fähnlein um alle Steine wehen und über dem -Rasen flattern – ha, Kunststück! Und so war sie denn gekommen. -Gwendolin, die als die einzige dabei war – denn Jockele -rasselte in einem gefährlich fixen Auto durch die Stadt, und -sein überfallenes Herz schrie um Hilfe – die Allerwelts-Gwendolin -sagte hernach: »Du hättest dich gar nicht zu eilen -brauchen, die Erbprinzessin sprang so vergnügt in die Welt – -es fehlte bloß noch, daß sie heidi! rief.« Damit gab sie auch -Dos Kindlein den Namen – in diesem Falle warf sie aber -kein Sektglas nach ihm. Sondern das war ein lustiger Zufall; -und es lag in diesem Namen ein so köstliches Befreien von -der Überrumplung, die sich die kleine Heidi geleistet hatte. -– Eine ähnliche Sache hatte sie sich auch für späterhin vorbehalten,<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -als sie die Buschgroßmutter besuchen ging … Das -war ein sehr aufregendes Unternehmen.</p> -</div> - -<p>So war Heidi das Frühlingskind das wichtigste Ereignis -seit der Taufe des Märchenhauses. Die ruhevolle Kordula -Gunkel erklärte: »Es ist nicht nur ungeheuer viel los bei euch, -nein, die Tage schießen in Kopfstürzen über eure Stiegen.« -Und damit hatte sie recht. Um so mehr wunderte sie sich, daß -von einem Jahrmarktsrummel in diesem Hause beim besten -Willen nicht geredet werden konnte; denn es wohnte besinnliche -und gesammelte Freude am Dasein darin; und die ist -immer leise – zum Unterschiede vom Haus mit der Harfe, -wo man zu den Fenstern heraussang, und wo der Knabe -mit der roten Zipfelmütze sogar an einem Wintertage mit -verbürgten 17 Grad Kälte vorm Gartentore an seinen Liedern -in die Luft kletterte.</p> - -<p>Der ganze römische Winter war für Kordula nicht so voller -Ereignisse gewesen wie die erste Woche im Märchenhaus: -Gwendolin verlobte sich; Jockele arbeitete mit geheimnisvoller -Hingabe an seinem Werk über die Flechten – so hieß -es. Dann aber stellte sich's heraus: er hatte einen Roman begonnen. -Man riet sich über dem Titel und über seinem Stoff -leuchtende Augen und Herzen und riet daneben. An den -Abenden fehlte zwar die Märchenkönigin Do; aber Cornelius, -Schaffrath und der Professor Salzer waren dreimal da, und man -sprach von der Nachbarschaft. Es gab für die Leute im Märchenhause -nur einen Nachbar: Goethe. Man brauchte ja bloß -zum Fenster hinauszulugen, da blinzelte das heimelige -Schindeldach durch Busch und Hecken … An einem dieser -Abende war auch Erika Flucht da; denn auf den Spuren der -endgültigen Fassung des »Faust«, die Goethe im benachbarten -Gartenhang vergraben haben sollte, erschien mit jedem -jungen Jahr, sobald die ersten Lerchen schwirrten, dies<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -Mädchen schön und wunderbar. Kordula wußte aus dem -Jockelebuch, was es damit für eine Bewandtnis hatte. Und -Fräulein Flucht war noch immer nett und so überzeugt von -ihrer literarischen Sendung wie vor Jahren. Die kluge Do -aber blieb diesmal für sie verschollen. Dagegen fand Erika -Flucht in Salzer einen geistvollen und launigen Zweifler. -An ihrer Unentwegtheit änderte das nichts. Aber die Menschen -im Märchenhause waren so, daß auch das Mädchen aus der -Fremde ein Ereignis unverkümmerter Freude blieb. – Dann -wachten die grünen Wasserfrösche auf, die Jockele noch am -letzten sonnigen Herbsttag in Belvedere gefangen und in -seinem Gartenteich angesiedelt hatte. Alle Bewohner und -Freunde des Hauses versammelten sich dazu. Nur Jockele -war nicht mehr so bei der Sache wie am Karauschenteich in -Norwegen – nun ja, es gab in dieser Woche für ihn mancherlei -Ablenkung. Aber es half ihm nichts: der ansehnliche Stoß -Papier, den er den Froschlurchen zuliebe vollgeschrieben -hatte in naturforscherischem Bemühen, durfte nicht unter -den Tisch fallen. So nahm er Messungen über den Ernährungszustand -des grünen Teichvolks vor: es war genau so dick in -den fünfmonatigen Winterschlaf gegangen! Er fütterte sie -mit Regenwürmern, sogar kleine Molche ließ er sie vertilgen; -und als sie am dritten Tage Jockeles Schritt auf dem Gartensand -hörten, hüpften sie ihm entgegen und nahmen die Würmer -aus seiner Hand. Nicht zu glauben – und dennoch eine Entdeckung -rührender Intelligenz der grünen Teichmänner, von der -die gesamte Literatur keine Ahnung hatte! Jockele war davon -so überrascht, daß er die wonnevollen Frühlingsmittage dieser -Woche in forschendem Spiel am kleinen Gartenteich verbrachte. -Darüber mußte der Rausch des Dichtens in die Einsamkeit der -Nächte verlegt werden. Und es hätte niemand so leicht davon -erfahren, hätte nicht Kordula Gunkel das Geheimnis erspäht …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p> - -<p>Dies alles fiel in die Woche vor Heidis Sprung in die Welt -– der Gwendolin und ihres Schlachtenmalers gar nicht zu -gedenken! Zu allem: Kordula Gunkel war mit ihren Freuden -seit ihrem Auftauchen im Märchenhause keineswegs bloß -neben die anderen gestellt – nein, nein, die fünf Jahre waren -für sie vorbei, die ihr Augen und Herz flimmrig gemacht hatten, -weil sie immer nur zugucken durfte!</p> - -<p>Daran war Erich Meyer schuld. Auch an dem Hausschlüssel, -den die dunkele Kordula besaß. Jockele hatte ihr verständnisvoll -seinen eigenen gegeben. Es hatte sich nämlich herausgestellt, -daß der blonde Erich mit Eintritt der Dunkelheit -von einer Schaffenslust befallen wurde, die er am Tage nicht -ahnen ließ … Das kann hier nicht verschwiegen werden, -verwahrt sich aber im vorhinein gegen jede lästerliche Deutung; -denn im Grunde genommen war diese Eigentümlichkeit -Meyers im Märchenhause längst bekannt.</p> - -<p>Auf Katersteigen ging er nicht, o nein, er komponierte. -Schon vor Jahren, als er noch im Brückenhause wohnte, -wo das Ilmwehr über seine Einsamkeiten rauschte, hatte -er des Nachts schöpferische Bedrängnisse. Doch in jener Zeit -wußte er sich nicht zu deuten, was nach Leben in ihm rang. -Da mutmaßte er, und er kam auf wunderliche Gedanken. -Aber dann später, im Haus mit der Harfe, wenn die drei -Jungen, die neben seiner Kammer schliefen, sich des Abends -ausgetobt hatten, da hörte er schöne lockende Saiten tönen -über das Herz der Nacht hinweg. Als ihm dies zum ersten -Male geschah, dachte er, es wäre die Leier auf dem Dache, -an der sich der Sommerwind im Wandern vorübergriff. -Da schrieb er auf Notenpapier, was durch seine Seele -zog. Und am Morgen dachte er, er hätte geträumt. Aber -das mit Noten bedichtete Blatt auf dem Tische belehrte ihn -anders.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span></p> - -<p>Seit er im Häuschen im Apfelgarten wohnte, und seit er -den Flügel besaß, wußte er: die Nacht war für ihn die schöpferische -Zeit. Danach richtete er fortan sein Leben: er komponierte -an seiner Märchenoper; oder in einem goldenen Meer -von Tönen badete er sich durch Mitternächte die Seele rein -von dem Staube, der sich über den Klavierstunden am Tage -darauf gelagert hatte. Unterricht gab er nur noch nachmittags -– auch das dankte er Do und dem Märchenhaus.</p> - -<p>Und zuletzt dankte er diesem Hause auch Kordula Gunkel. -Ja, es war Himmel um ihn, Himmel, wohin er griff! Nicht -die Laute war es gewesen, die ihn bestrickt, sondern er hatte -noch nie ein Mädchen gesehen, das den Kranz ihres schwarzen -Haars so fromm um die weiße Stirne trug. Er hatte noch nie -eine so weiche dunkle Frauenstimme gehört, die sich ins Herz -schmeichelte wie diese und die so warm zu ihm sprach. Gleich -am ersten Abend, als Kordula auf der Schwelle stand und einkehrfroh -war, da hatte er an die heilige Cäcilie gedacht. Nun, -eigentlich eine Heilige war Kordula Gunkel nicht. Aber auch -das fand Erich Meyer wunderwunderschön an ihr.</p> - -<p>Kordula merkte schon am dritten Tage, wie das mit ihm -stand. Alle merkten es. Bloß: Erich Meyer wußte nicht, -wie er so etwas machen sollte …</p> - -<p>Einmal ging Kordula mit Gwendolin im Garten spazieren. -Sie sprachen von Erich, und Gwendolin war von einer bedeutenden -Lustigkeit – natürlich ganz heimlich. Da fanden -sie Jo am Froschteich.</p> - -<p>»Er ist bei der Dressur,« sagte Kordula.</p> - -<p>»Jockele,« rief Gwendolin, »du mußt der Kordula deinen -Hausschlüssel geben!«</p> - -<p>Kordula war entrüstet. »Willst du mich hier etwa in ein -verdächtiges Licht setzen? Und meinst du, daß ich Meyern -damit pfeifen soll?« sagte sie leise zu Gwendolin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span></p> - -<p>»Ja,« sagte die – »so ähnlich; die Liebe ist ein Geist; sie -lernt erst reden, wenn du ihr ein Zeichen gibst.«</p> - -<p>Es ist nicht festgestellt worden, ob die gefährliche Gwendolin -dem Jockele eine Andeutung gemacht hat – der Hausschlüssel -lag gleich danach auf dem Tisch in Kordulas Zimmer.</p> - -<p>Es war zwischen den Mädchen nicht mehr von dieser Sache -gesprochen worden. Aber Kordula dachte darüber nach. -Gwendolins Weisheit von der Abenteurerin fiel ihr ein – die -Gwendolin war doch ein mortsgescheites Mädel!</p> - -<p>In der Dämmerung saß Kordula am geöffneten Fenster -und ließ die hohen Maßholder und die ersten Sterne sacht -über sich aufblühen. Es knirschten Tritte im Wegsand unter -den alten Bäumen. Da steckte Kordula Gunkel den Hausschlüssel -in die Tasche, nahm ein Schultertuch und ging ein -bißchen in den Garten.</p> - -<p>»Sieh da, Herr Meyer! Gehen Sie oft hier ums Märchenhaus -spazieren?«</p> - -<p>»O nein. Ich dachte, vielleicht träfe ich Jo oder Gwendolin -oder sonst einen lieben Menschen. Man hat sich schon so daran -gewöhnt. Früher hab' ich nach niemandem Sehnsucht -gehabt.«</p> - -<p>Kordula blickte ringsum und sah die Kastanien des alten -Schießstands. »Sagen Sie, Herr Meyer, was ist denn eigentlich -da oben? Es ist da eine Reihe so schöner Kastanien.«</p> - -<p>»O,« sagte Meyer, »man kann von da aus recht gut in mein -›Landhaus‹ gelangen, wenn man nämlich durch die Schlüpfe -im Zaune geht, wissen Sie – wo Minchen Herzlieb aus dem -Jockelebuch den blühenden Mandelzweig zwischen den Zinseln -hindurchgesteckt hat, und wo die Kastanie steht, in die Jockele -damals seine Liebe eingeschnitten.«</p> - -<p>»Aha,« sagte Kordula, »wollen Sie mich da nicht einmal -hinführen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p> - -<p>»Wenn es Ihnen nicht zu dunkel wird, Fräulein Kordula?«</p> - -<p>»Ach Unsinn!«</p> - -<p>Da wanderten sie miteinander ein Stück das Horn entlang -und bogen dann rechts in den Pfad zwischen den Gärten, -der unter die Kastanien des alten Schießstandes führt. Es -war nun schon recht finster geworden unter dem tiefhängenden -Frühlingslaube. Kordula stieß an einen Stein.</p> - -<p>»Es sind wohl gar Stiegen in diesem Wege?«</p> - -<p>»Ja,« sagte Meyer, »wenn Sie erlauben, könnte ich Sie -vielleicht führen?«</p> - -<p>»Wenigstens über diese holperige Stelle.«</p> - -<p>»O, holperig sind hier alle Stellen,« sagte er.</p> - -<p>»Und finster ist es.«</p> - -<p>»Für mich kann es gar nicht finster genug sein, Fräulein -Kordula, ich lebe dann eine Art gesteigertes Dasein, und es -fällt mir darüber furchtbar viel ein.«</p> - -<p>»Ja? Ich habe gehört, Sie machen Ihre besten Sachen -im Finstern, Herr Meyer.«</p> - -<p>»Jawohl,« sagte er; »denn erstens spart man dabei Licht. -Na, und überhaupt …«</p> - -<p>Sie gingen den ganzen Schießstand lang. Sie kamen auf -einen Feldrain. Sie kamen in das Kastanienwäldchen. Und -sie kamen nach Oberweimar. Da fand Kordula, daß es sehr -weit wäre, bis zu Meyers Gartenhaus. »Ach,« sagte er, »da -sind wir ja gleich anfangs vorbeigekommen! Doch – es -war so schön … Ich habe ja noch nie das Glück gehabt, eine -junge Dame zu führen, Fräulein Kordula.«</p> - -<p>Da lachte sie. »Mein Gott, ich wollte aber Ihr Häuschen -sehen! Und Sie sagten doch, in der Nacht fielen Ihnen immer -die schönsten Dinge ein?«</p> - -<p>»Erstaunlich schöne Dinge, Fräulein Kordula …«</p> - -<p>Bis dahin war es ein bißchen dürftig zwischen ihnen gewesen;<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -denn Erich Meyer berührte die Erde nur mit den Fußspitzen. -Kordula Gunkel dachte: »Was ist er für ein lieber unbeholfener -Träumer! Er fällt immer tiefer hinein in den Himmel. -Ich glaube, wenn ich ihn nicht festhalte, verläuft er sich hinter -seinem Glücke her.« Darüber fiel es ihr auch ein: der Hausschlüssel -wäre der Gwendolin wohl nun ein Sinnbild gewesen und -Erich Meyer wüßte vor lauter Freude wirklich nicht, wie -man so etwas mache.</p> - -<p>Aber solch ein Unterricht ist furchtbar schwierig …</p> - -<p>»Es ist himmlisch, Fräulein Kordula.«</p> - -<p>»Woran merken Sie denn das?«</p> - -<p>»Es sind mir herrliche Dinge eingefallen auf diesem Wege.«</p> - -<p>»Sie sind sehr selbstsüchtig, Herr Meyer – nun ja, weil Sie -all die schönen Sachen für sich behalten!«</p> - -<p>»Es läßt sich gar nicht in Worten ausdrücken, Fräulein -Kordula.«</p> - -<p>»In Tönen etwa?« begann sie zu raten.</p> - -<p>»In Tönen?« fragte er erstaunt. »Na ja, da ginge es auch. -Aber daran dachte ich nicht. Ich dachte überhaupt nicht an -Musik …«</p> - -<p>»Herrgott noch mal!« begehrte sie auf.</p> - -<p>»Wie, bitte?«</p> - -<p>»Lieber Cornelius, ich glaube, Sie müssen sich gewöhnen, -die Welt herzhafter anzufassen.«</p> - -<p>»Ja, das muß ich wohl. Aber ich habe nun mal so leise -Hände, und ich habe doch ein so furchtbar heißes Herz. Sie -ahnen gar nicht, Fräulein Kordula, was dies Herz alles anstellen -möchte!«</p> - -<p>»Ach, ahnen,« sagte sie, »natürlich ahn' ich es!«</p> - -<p>Darüber waren sie durch die Finsternis wieder zur Wildenbruchbank -gelangt, die auf dem Kopfe des alten Schießstands -steht. Sie wußten beide die Verse auswendig, die Wildenbruch<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -dafür gedichtet hatte und die in die Lehne eingegraben -sind. »Weimar hat so viele Gaben ausgestreut, dir zur Rast -ein Plätzchen, Wandrer, schenkt es heut.« Meyer sprach -diese Verse in lockendem Tone vor sich hin.</p> - -<p>»Jawohl,« sagte Kordula, »hier wollen wir uns niedersetzen. -Und nun erzählen Sie mir mal ohne Scheu, was Ihr -berüchtigtes Herz eigentlich möchte; denn wenn Sie Ihr ganzes -Leben betreiben, wie die Wünsche dieses Abends, so werden -Sie daran unselig. Wie ist denn das so mit Ihnen gekommen?«</p> - -<p>Da war es, als täte er einen tiefen Griff in sein Herz und -sagte: »Wenn die Menschen sich dereinst nicht mehr einbilden, -daß sie das Recht besitzen, in dem Leben der anderen herumzuwühlen -wie in ihrem eigenen, dann geht das Seligsein -schon auf Erden los.« Er holte das weither. Aber er legte -damit den Schlüssel zu seinem Wesen zum erstenmal in die -Hand eines Menschen. Selbst Do gegenüber hatte er das -nicht gewagt. »Ja, so ist es mit mir – die Menschen sind -von jeher um mich herumgelaufen wie Gassenbuben: jeder -hat eins der kleinen Fenster an mir eingeworfen. Und ehe -ich zu Sinsheimers kommen durfte, hab' ich wohl ausgesehen -wie das Haus eines Lumpenmanns. Sie haben alle in meinem -Leben herumgewühlt wie in einem lächerlichen Dinge. Deshalb -ist es so mit mir geworden. Erst durch Frau Do hab' -ich Lust bekommen, dies Haus des Lumpenmannes wieder -ein wenig sonntäglich aufzuputzen. Und nun möcht' ich es -so schön haben, daß es auch Ihnen gefällt, Fräulein Kordula. -Meinen Sie, daß das ginge?«</p> - -<p>So darf sich die Wildenbruchbank am Horn rühmen, die -wunderlichste Liebeserklärung gehört zu haben, die je losgelassen -worden ist.</p> - -<p>Kordula Gunkel war nicht schwerhörig. Sie sagte: »Wissen -Sie was, lieber Cornelius? Wir werden die Sache miteinander<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -versuchen … denn das war es doch wohl, was ich ahnen -sollte?«</p> - -<p>»Ja, liebe Kordula, das war es.«</p> - -<p>»Sie meinen, wir sollen uns heiraten, und dann …«</p> - -<p>»Dann, Kordula – Kordula!«</p> - -<p>Sie zogen nun die blaue Sammetdecke der Nacht ein wenig -fester um sich zusammen …</p> - -<p>»Es ist alles gar nicht so furchtbar schwer, du, gelt?« lachte -Kordula.</p> - -<p>»Ja, nun ist es sehr süß und sehr einfach. – Komm,« sagte -er nach einer Weile, »ich zeige dir jetzt mein kleines Haus.«</p> - -<p>Da gingen sie den Wall entlang in der holdseligen Finsternis -und glitten durch die Schlüpfe im Zaun.</p> - -<p>Es war recht jämmerlich in dem Häuschen. Aber Erich -Meyer fand es herrlich. Es war viel jämmerlicher als in -jenen Tagen, in denen Jockele dort gewohnt hatte. Was -darin stand, hatte Meyer des Abends von Do herübergetragen. -Der Stutzflügel füllte das Vorderzimmer, daß fast kein Platz -mehr blieb. Aber mit einiger Mühe gelangte man zwischen -Wand und Flügel hindurch in den Schlafraum. Da war -neben dem Bett auch nur ein schmaler Gang, in dem aller -möglicher Kram aufgestapelt lag. Erich Meyer hatte die -kärgliche Stehlampe angebrannt und leuchtete an den Dingen -verliebt herum.</p> - -<p>So sah das Leben Erich Meyers aus. Es war ein Haufen -Gerümpel, und mitten darin stand der glänzende kleine Flügel. -Aber es war zu merken: eines Tages würde auch er untergegangen -sein in den Dingen, die sich um ihn sammelten. Der -Flügel stellte Meyers Herz dar, und das ganze kleine Haus -Erich Meyers Leben.</p> - -<p>Und doch wurde Kordula Gunkel sehr vergnügt an allem, -was sie sah. Genau so hatte es ihr Gwendolin schon erzählt.<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -Fünf Jahre lang hatte sie vor ihrem Leben gestanden, wie -viele Mädchen, und hatte dies Leben gefragt: »Was soll ich -denn nun tun?« Und dies Leben hatte vor ihr gestanden -und die Schultern gezogen. Aber in dieser Nacht sagte es -zu ihr: »Weißt du nun, was du tun sollst, Kordula Gunkel? -Du bist vor einem halben Jahre nach Rom gefahren und -hattest den Mut, etwas viel Schwereres zu vollbringen. -Weißt du nun, was du tun sollst?«</p> - -<p>Ja, sie wußte es. »Du,« sagte sie, »da müssen wir gleich -beginnen, alles fest in die Hand zu nehmen.« Sie rückte den -Stuhl neben den Klaviersessel Meyers, und sie fingen an -zu rechnen und Pläne zu machen, und Kordula preßte die -Pflugschar zur ersten Furche in das verqueckte Land.</p> - -<p>Es war so, wie wenn ein Mann einen Acker gekauft hat, -auf dem seit Menschengedenken Sommer und Winter wachsen -und ruhen ließen, was Wind und Sonne an gutem und wildem -Samen in die Scholle geworfen haben nach ihrer Wahl.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Und am Ende der Woche, in der dies alles geschah, kam -Heidi das Frühlingskind.</p> -</div> - -<p>Kein Wunder, daß Gwendolin und Kordula in der Pflege -um Do wetteiferten. Sie wechselten in den Tag- und Nachtwachen -ab, und sie wußten nun alle drei, daß sie von dieser -Woche noch zärtlicher aneinandergekettet worden und daß -ihr Leben auf einmal ein ganz anderes Gesicht bekommen -hatte. Die Herzen der Mädchen hatten heimgefunden und -sahen eine schöne lichte Straße, von der sie nun sagten: hier -müssen wir wandern. Und die gütige und weise Frau Do, -die sich seit der Mitte des Winters in beseligtem Erwarten -ein wenig zur Seite gestellt hatte, fühlte nun wieder inniger -mit den Mädchen. So waren sie sich in vollerem Glücke -nähergerückt. Es gab neue Pflichten im Hause für Kordula<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span> -und Gwendolin, Pflichten, die sie heimlich ersehnt hatten, -um Do und Jockele ihre Dankbarkeit zu bezeigen. Und über -allem schwebte die fröhliche und doch wehmütige Zuversicht: -in ein paar Wochen wäre dies neue Leben schon wieder von -einem noch neueren verdrängt. Danach würden sie zusammenkommen -als drei junge Frauen, jung und glückselig und voller -Erfüllungen und Geheimnisse …</p> - -<p>So lief die Zeit. Es war anders geworden in allen Dingen, -seit Heidi das Frühlingskind Einzug gehalten hatte. Aber -ein liebes heimeliges Märchen blieb's, ja, es war noch lieber -und heimeliger als zuvor. Do fand das richtige Wort dafür -und sagte:</p> - -<p>»Es ist ein Sommer der gekrönten Sorgen. Wißt ihr noch, -wie wir damals im Blockhaus auf der Osterinsel schon einmal -an Hochzeit und kleinen Ausstattungen bauten? Es -ist jetzt viel schöner. Es ist jetzt so, wie ich mir dachte, -daß es sein müßte – wir sind jetzt erst alle drei daheim,« -setzte sie in ihrer goldenen Innigkeit hinzu.</p> - -<p>Darüber wurden Sommer, Leben und Menschen immer -fertiger und schöner.</p> - -<p>Zuerst hielten Meyers Hochzeit. Es war im Juni. Sie -mieteten das kleine Haus am Park, das vor Oberweimar -an das Birkenwäldchen hingelehnt ist. Man muß nur immer -die breite Straße weiter gehen, die an Goethes Gartenhause -vorüberführt – da ist es dann das erste linker Hand. Auch -wenn man abends vorbeigeht, erkennt man es gleich: hinter -zwei Fenstern des Oberstockwerks brennt eine grüne, hinter -den zwei anderen eine rote Lampe. Bei der roten sitzt -Erich Meyer und verdichtet sein junges Glück in Tönen. -Kordula ist eine kluge, ruhsame und frohbewußte Frau. -Deshalb steht Erich Meyer in voller Blüte. Er ist nun Lehrer -für Komposition und Klavier an der Musikschule.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p> - -<p>Na, und Schaffraths? Die warteten noch auf das Haus, -das in dieser Zeit als Nummer 15 am Horn gebaut wurde. -Sie wollten sich alle nahe bleiben und auch in der Nachbarschaft -Goethes, damit die grüne leuchtende Parkstille ihnen -durch Fenster und Herzen schiene und dazu die freudige -Blüte des Lebens, die im Märchenhause gedieh.</p> - -<p>So lebten sie bis tief in den Sommer hinein, und doch -hatten die Tage schnellere Flügel als je zuvor. Wie sich einer -an den anderen reihte in sommerlicher Helligkeit, waren -Gwendolin und Do mit der kleinen Heidi schon von morgens -an unter den Bäumen des Gartens, oder sie saßen auf dem -Platze mit dem weichen geschorenen Rasen. Es war für jede -Stunde des Tages eine Stelle gewählt, an der es ganz -besonders herrlich war.</p> - -<p>Jockele war nur mittags oder abends in ihrer Gesellschaft. -Die Monographie über die Froschlurche hatte er nun fertig -und einem Verleger übergeben. An dem Werk über die -Flechten arbeitete er in dieser Zeit nicht; es brauchte dazu -noch weiterer Forschungen.</p> - -<p>So saßen sie auch einmal nach Tisch im Garten zusammen: -Do, Jo und Gwendolin, die die kleine Heidi auf dem Schoße -hatte. Da planten sie die »Flechtenreise«, die recht breit -und besonnen sein sollte wie ihr Leben. Jockele wollte nämlich -mit Do und seiner Tochter in einem Kutschwagen in das -Fichtelgebirge reisen, dann die Kammstraße des Erzgebirges -entlang fahren, an den Hochmooren zwischen Böhmen und -Sachsen dahin, und so immerfort nach Osten bis in das Riesengebirge. -Sie dachten, es könne ein ganzer Sommer über -jener Wagenfahrt dahingehen; aber in dieser Zeit fingen -sie die Reise in ihren fröhlichen Gedanken schon an. Sie -sprachen davon, was sie mitnehmen müßten, wiewohl es -bis dahin noch vier oder fünf Jahre dauern würde, und sie<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -malten sich aus, wie sie zu dritt ganz langsam durch die Herrlichkeit -der Bergwälder rollen wollten. Das wäre dann eine -sehr neumodische Art zu reisen; und eine neumodische Art, -wieder zu dem Genuß einer Reise zu gelangen und nicht nur -zum Behagen am Ziele. »Es gehört Zeit dazu,« sagte Jockele, -»es gehört auch Zeit zum Leben. Die Menschen haben diese -fröhliche Muße verloren, aber ich will sie für euch und mich -erringen, selbst auf die Gefahr hin, vor der Welt ein Narr -zu heißen.«</p> - -<p>Do sah Gwendolin an. »Merkst du, wer ihm das eingegeben?«</p> - -<p>»Aha,« machte Gwendolin und tat den Jasminbusch ein -wenig auseinander, »schaut da nicht die Tante Veronika -heraus?«</p> - -<p>»Natürlich,« lachte Do.</p> - -<p>»Und gleich neben ihr der Zigeuner,« sagte Jockele. »Wißt -ihr: den Kunstzigeuner hab' ich immer ein bißchen verächtlich -angesehen – auch wenn er wirklich mal ein Genie war -wie Henrik Tofte; die Gwendolin ist ja ihr Lebtag viel zu -besonnen dazu gewesen – aber das Gottesgeschenk der echten -Zigeunerseele, das will ich mir wohl wahren! Denn es ist -eine Gnade, die ich vor anderen Menschen habe – ich ganz -allein. Ganz richtig zu leben verstehen eigentlich nur die -Zigeuner,« scherzte er. »Aber zu solch einem Auserwählten -hat's bei mir nicht gelangt. Die Maljahre waren eine Hatz. -Dabei wär' ich um mich selber gekommen – es war ein Irrtum -aus lauter Sehnsucht! Na, und dann tat Do ihre Segenshände -auf und erschuf mich vollends zum Menschen. Da -wurde der Naturforscher aus mir – es war wieder ein Irrtum -aus Sehnsucht. Aber er war heilsamer. Und nun kommt -das letzte: dies letzte ist der Dichter. Es ist die Sehnsucht, -jeden Tag dem lieben Gott einmal mitten hineinzusehen -ins Herz! Wem anders könnte diese Sehnsucht Erfüllung<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span> -werden als dem Dichter? … So ist ein gerader Weg von -dem Findling auf der Schwelle des Frühlingshauses am -Walde über den Malmenschen mit seiner Unrast, dann über -den Naturforscher, der in das Räderwerk der Schöpfung eindringt -– ein gerader Weg bis hin zum Dichter. Und es ist -ein gerader Weg von dem Herzen der Zigeunerin durch das -Herz der Tante Veronika über das Herz Dos an das Herz -Gottes – hinter dieses Geheimnis bin ich heute gelangt. -So. Und da habt ihr die viererlei Gnaden meines Daseins! -Aber die Zigeunerseele, das Herz Dos und Heidi das Frühlingskind -fahren wir mal ins Riesengebirge spazieren.«</p> - -<p>Danach schlug sich Jockele in die Büsche gegen das Haus -hin. Er wollte wieder in sein Arbeitszimmer gehen. Auf -der Straße flimmerte die Sommerluft, die Frösche saßen -am Teichrand und plumpten schon längst nicht mehr ins -Wasser, wenn Jockele vorüberschritt. Da tauchte auf einmal -ein Mensch über den Zaunlatten empor und warf ein paar -machtvolle Arme in die Luft …</p> - -<p>»Henrik Tofte!«</p> - -<p>Dieser Name stürzte in den Mittagstraum unter den Bäumen -wie ein Stück Fels. Do sprang auf. Gwendolin duckte sich -ein wenig, dann preßte sie Heidi fest ans Herz und lief Do -nach. Wahrhaftig! Im Torweg standen sie: Henrik Tofte -und Jockele. Und der Besitzer des »Instituts für schwedische -Heilgymnastik und Massage« in Rom schwenkte seinen -echten Panama, sah aus wie der liebe Gott, als er dreißig -Jahre alt war und noch den blonden Vollbart trug, und hatte -sich zu diesem Besuch im Märchenhaus einen nagelneuen -Sommeranzug machen lassen.</p> - -<p>Aber es war zu merken: auch ohne diese Nagelneuheit -hätte er vollwertig ausgesehen. Ein Mensch, um den die -Mädchenaugen flogen wie Sommervögel, war er schon<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -immer. Selbst die rote Mütze des welschen Gepäckträgers -hatte dem wenig Eintrag getan.</p> - -<p>Und nun war es Heidi das Frühlingskind, das den drei -Erwachsenen über das Herzbeben hinweghalf. Sie saß da -auf Gwendolins Arm in ihrem himmelblauen Kleidchen, -streckte dem machtvollen Manne die Ärmchen entgegen und -jubelte ein helles Lachen um ihn. Das hatte sie vor einem -Fremden noch nie getan. Und sie machte das so reizend – -was ringsum lebte, jauchzte mit. Da kriegte Tofte das himmelblaue -Menschlein zu packen, und es hing an seinem Herzen -wie ein kleiner blauer Schmetterling an einem Eichstamm -und schlug vor lauter Sonnenfreude mit den Flügeln. Es faßte -ihm in den Nordlandbart und patschte ihm ins Gesicht, und -dem blonden Riesen liefen die Augen an vor einer Handvoll -Kleinkinderglück.</p> - -<p>Gwendolin lockte Heidi und wollte ihn von ihr erlösen; -Mama wandte ihre süßesten Liebkosungen an, aber Heidi -blieb für alle verloren. Sie hatte ihre Ärmchen auf Toftes -Achsel gelegt und sah aus, als wollte sie, vereint mit ihm, ihr -Jahrhundert in die Schranken fordern.</p> - -<p>Dem Henrik Tofte gefiel dies holdselige Wunder ungemein. -Ein bißchen bänglich war ihm aber doch, und er fragte, -ob er an dem Kleinen etwas entzweimachen könnte …</p> - -<p>Das war wieder einmal so bärenmäßig lieb von ihm, daß -er für die Damen zu seiner vollen Siegergröße emporwuchs. -Und beruhigt setzte er sich mit Heidi in Bewegung nach dem -Schattenplatz unter der Ulme, wo schon die Wildrose die -Hagebutten aufsteckte. Heidi aber blieb bei ihm, bis sie sich -müde staunte an seinen Übermaßen. Gegen seine sichere -Brust gelehnt, schlief sie ein. Da legte man sie in den Wagen -und fuhr sie ein bißchen seitab unter die Bäume; denn Henrik -Toftes Stimme dröhnte wie der Skjold.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p> - -<p>Gwendolin war rasch einmal ins Haus gesprungen – einer -Erfrischung wegen, die Fritz alsbald auftrug. Aber sie hatte -ihm auch befohlen, danach gleich zu Frau Kordula zu laufen – -Gwendolin brauchte durchaus eine Seele, die sie von der -elektrischen Spannung befreite. Ihre Gedanken wirbelten -durcheinander wie Herbstlaub, und in ihrer Not verfiel sie -auf Kordula. Unter dem Blätterfalle fand sie sich wieder zur -Ulme.</p> - -<p>Sie fand Jockele und Do fröhlich und gefaßt. Da wollte -sie nicht zurückstehen. Henrik Tofte saß in himmelheller Aufgetanheit -dabei, rauchte eine Zigarette und erzählte.</p> - -<p>Gwendolin sagte:</p> - -<p>»Ich glaube, es kommt vor Abend ein Gewitter – die -Frösche hupfen.«</p> - -<p>Dazu schwieg Do. Aber Jockele lachte die Gwendolin -ahnungslos aus und sagte, vor Witterungsverhältnissen -ginge alle Frauenweisheit in die Brüche.</p> - -<p>»… ja,« fuhr Henrik Tofte fort, »so war Angelina Fabbro -ein etwas wunderliches Erlebnis: ich machte mit ein paar -Leuten Heilgymnastik und sie nahm das Geld dafür ein, -kaufte sich Spitzen und Süßigkeiten. Aber was wollen Sie: -Angela Fabbro war eine Römerin! Da hab' ich mich von ihr -fortgemalt. Mit dem Frühling bin ich losgezogen: er und ich, -wir nahmen unser Malzeug untern Arm, einer so reich an -Geld wie der andere, und im Mai gelangten wir in die Bäder -von Lucca. Dort setzte ich mich instand, so gut es nach zwei -Monaten meiner Wanderfahrt in welschem Straßenstaube -ging. Ich kam gerade zur rechten Zeit. Ich malte da ein -Fischermädchen am Strand – vielleicht hatt' ich einen guten -Tag, vielleicht warf mir das Schicksal einen Dummen zu: -eines Morgens stand in der Bäderzeitung ein Aufsatz ›Henrik -Tofte als Erzieher‹ …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p> - -<p>Es trat eine Unterbrechung ein: stürmischer Beifall auf -offener Szene; denn »Tofte« und »Erzieher« waren Begriffe -– klafften da nicht Himmel und Hölle dazwischen?</p> - -<p>Nach einer Weile fuhr Tofte fort: »Es wäre ein neuer Stern -am Himmel Italien aufgegangen, eine unerhörte Begabung -säße am Strande, ein Porträtmaler, dessen machtvolle Kunst -wert wäre, vorbildlich zu sein für die Welschen« … Tofte -sprach mit den Worten der Zeitung. Weiter aber führte -er nichts zu seinem Ruhm an; und es war zu sehen: selbst das -kostete ihm einen Aufwand an Kraft; denn Henrik Tofte -hatte nicht zwei Vergrößerungsgläser im Kopfe, wenn er -sich selbst betrachtete. »Nun, ich kannte weder den Aufsatz -noch seinen Schreiber. Und als ich davon erfuhr, dacht' ich: -es ist ein Reklametrick der Bäderverwaltung – ähnlich wird -sie es jedes Jahr machen. Fortan war ich umdrängt. Was -ich in Lucca gemalt hatte, verwandelte sich in ein paar Stunden -in Gold. Nach drei Wochen besaß ich siebentausend Lire. -Vielleicht hätt' ich siebzigtausend machen können. Aber die -Luft von Lucca ist gefährlicher als die von Rom, und das -Malen ist eine verdammte Kunst. Nach drei Wochen hatt' -ich es satt. Ich wollte einfach nicht mehr, nein, ich wollte -nicht! Was kann man da machen? Es kam eine kleine Modellgeschichte -dazu, aus der ein großer Skandal wurde. Ich schwur -einen Eid, nie mehr im Leben einen Pinsel anzufassen, warf -meinen Malkasten ins Meer und verschwand. Diesmal per Bahn. -Ich hatte gedacht: reich sein wäre schön. Nun war ich reich, fünf -Wochen lang unbändig reich; denn ich kam mit annähernd dreitausend -Lire nach München und lebte meinem Freunde Johnny -mal was vor. Johnny befleißigt sich nämlich an der Isar der -Bildhauerei; neuerdings modelliert er eine Giraffe; er träumt -aber von einem Löwen … Und wie ich so im besten Leben bin, -da wählt sich das Schicksal den Rolf Krake aus! Er schreibt mir<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -einen Brief und fordert mich auf: Tofte, fahren Sie nach Weimar -und malen Sie Frau Do für mein Haus auf der Insel! Ich -schrieb ihm: Lieber Krake, mit dem Malen ist es vorbei. Aber -hartnäckig wie das Schicksal ist, läßt es ihn wieder auf mich -los. Da ist der Brief – Rolf Krake mag reden, verehrungswürdige -Frau Do! Er ist der Mund meines Schicksals, und -dies Schicksal spricht:</p> - -<p>›Mit Ihrer Nachricht von dem jüngsten Eide, durch den -Sie sich der Malerei abgeschworen, teuerster Tofte, haben -Sie den stärksten Heiterkeitserfolg gehabt. Die Augen müßten -Ihnen ja auslöschen, Genie, wenn Sie Ihren Schwur halten -wollten! Ich brauche das Bild der blonden Frau Do in jedem -Fall, und ich weiß, sie wird ihrem wunderlichen Freunde -von der Insel der Auferstehung diesen Wunsch nicht versagen. -Das Bild ist für die Nordwand im Krakesaal bestimmt. -Ich habe dort zwischen den beiden Mittelfenstern dunkelblauen -Samt anschlagen lassen. Es ist auch ein Vorhang aus -dunkelblauem Samt angebracht worden, der in schwerem -Faltenwurfe über das Kunstwerk gezogen werden kann; -denn kein fremdes Auge soll dies Bild erschauen. Ich selbst -aber will des Tages eine Stunde davorsitzen, und dann soll -der blaue Samt es mir nicht verhüllen. Ich habe alle Götter -abgesetzt, um die ich mich dereinst bemüht habe. Aber zu -jener blonden Frau Do kann ich noch beten.</p> - -<p>Sie fragen nach mir. Ja, ich bin gesund wie je, wenn -ich allein war. Nur vor Menschen wurde ich krank; deshalb -gehe ich nicht mehr zu ihnen – nie, nie, nie! Ich habe seit -dem Tage meiner Rückkehr aus Hamburg die Insel nicht mehr -verlassen und werde sie nicht mehr verlassen. Ich habe sie -von Nane Thord erworben. Die soll hier wohnen bleiben -bis an ihr Ende. Das Mädchen Marit habe ich zurückgerufen -– wenn es einmal käme, daß Nane Thord einer Pflege<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span> -bedarf. Der große Anbau ist nun mein Büchersaal. In -Gwendolins Zimmer steht die Drechselbank, aber ich brauche -sie fast nie mehr, vielleicht im Winter. Ich benütze alle Räume -für mich. Nur in jenem, in dem Sie gelebt haben, teuerster -Tofte, ist alles unberührt geblieben. Oft, wenn ich an der -verschlossenen Tür vorübergehe, muß ich denken: es wartet -dahinter auf Ihre Rückkehr. Ich habe Marit Anweisung gegeben, -daß Sie zu aller Zeit Zutritt zur Insel haben. Der -Schlüssel hängt im Turmzimmer am rechten Fensterpfosten.</p> - -<p>Gleich nach meiner Ankunft im Herbst habe ich in Schiffen -beste Walderde auf die Insel bringen lassen. Ich habe diese -Erde ausgebreitet. Ich habe durch Maurer alle Rinnen in den -Klippen schließen lassen, durch die sie hinabrinnen könnte. -Und ich habe ein heizbares Glashaus gebaut, in dem ich die -betörenden Wunder der Orchideen züchte. Über Winter -hatte ich mir den Plan für die gärtnerischen Anlagen der -Insel gemacht. Es war kurzweilig und schön; denn ich war -darauf bedacht, den landschaftlichen Reiz des Eilands zu erhöhen -und ihn einzustimmen in den vollen und heiteren -Zusammenklang der Umgebung. Nun treiben die Rosen, -wo vordem das Strandgras klirrte. Nun stehen die silbernen -Säulen der Birken, wo vordem wilde Halme schossen, und -nun grünen die Fichten in verschwiegenen Gruppen, und die -Krüppelweiden machen Köpfe und werden in nicht zu langer -Zeit Höhlen in ihren Stämmen bilden, damit die bunten -Mandarinenenten darin nisten können, die ich bezogen habe. -Sie sind sehr zutraulich geworden.</p> - -<p>So treib' ich es, Meister Henrik! Des Morgens bad' ich -im Fjord, auch im Winter; denn ich fühle mich sehr wohl -dabei. Die gärtnerische Anlage ist so, daß ich stundenlang auf -meiner kleinen Insel umherspazieren kann und vom Strand -aus in ein paar Jahren doch nicht gesehen zu werden brauche,<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -wenn ich nicht will. Nur den Himmel laß ich hereinschauen, -wo er mag. Ich glaube nicht, daß er einen Winkel in der -Welt weiß, der inniger ist als der meine, und ich glaube nicht, -daß er je einen Menschen sah, der glücklicher ist als ich‹.«</p> - -<p>»Schlicht und wunderlich ist Rolf Krake,« sagte Do, »und -doch ist zu erkennen: er lebt ein glückseliges Leben.«</p> - -<p>»Wollen Sie ihm seinen Wunsch erfüllen?« fragte Tofte.</p> - -<p>»Ja,« sagte sie, »aber es ist gut, daß Sie uns den Brief -mitgebracht haben; sonst hätte ich mich wohl nicht entschließen -können.«</p> - -<p>»Warum denn nicht?« fragte Jockele befremdet.</p> - -<p>»Du solltest das doch verstehen.«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>Do blickte hinab auf ihre weißen Hände und schwieg. -Da rekelte sich Heidi im Wagen, und Mama war froh, daß -sie zu ihr eilen konnte. Gwendolin aber sagte zu Jockele: -»Erich Meyers und Salzers himmlische Liebe haben für Do -nichts Aufregendes; aber bei Rolf Krake – es ist ja der reine -Götzendienst! Ich glaube, seit den Abschiedsworten Krakes, -die er damals in sein Tagebuch geschrieben, hat Do öfter an ihn -gedacht, als wir ahnen. Sie ist sehr froh gewesen, daß sie ihm -damals in Hamburg helfen konnte. Und sie ist auch in diesem -Augenblick froh, weil sie weiß: sie hat ihn zu sich selber zurückfinden -lassen.«</p> - -<p>Das Wort Gwendolins vom Götzendienst griff Henrik Tofte -gleich auf; denn Do kam mit Heidi zurück, und das Kleine lehnte -sein goldenes Köpfchen an Mamas Wange und hatte die Augen -noch ganz voll blankem Schlaf. So stand sie gerade vor dem -Wildrosenbusch, der sich nun hochsommerlich mit Hagebutten -geschmückt hatte. Aber vor Toftes Künstleraugen wuchs wieder -das Wunder der rosa Blüte darüber. »Madonna in Rosen,« -rief Tofte. »So will ich Sie malen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span></p> - -<p>Da dachten sie alle an Rolf Krakes Tagebuch, und was er -von den wilden Rosen hineingeschrieben hatte. – Es war -seltsam. Aber Henrik Tofte wußte es nicht.</p> - -<p>Kordula kam. Still, blühend und mit forschenden Blicken. -»Es ist gut, daß ich dich nicht geheiratet habe,« sagte Tofte -zu ihr, »und es ist auch gut, daß <em class="gesperrt">du</em> mich nicht gewollt hast, -Gwendolin.«</p> - -<p>Kordula sagte: »Schön und begabt warst du immer, daß -du nun aber auch vernünftig geworden bist, ist neu.«</p> - -<p>»Vernünftig?« fragte er. »Nun, wie man's nimmt! -Ich bin in meinem Leben einem einzigen Menschen begegnet, -der annähernd so unvernünftig war wie ich: Angelina Fabbro. -Und just an ihr bin ich bis zu einem gewissen Grade vernünftig -geworden. Ich beschränke seitdem meine Dummheiten auf -ein Mindestmaß …«</p> - -<p>»… das bei Ihren machtvollen Maßstäben immerhin -noch riesenwüchsig sein wird,« sagte Gwendolin.</p> - -<p>»Je nun,« machte Tofte, »zu einem Narren reicht's wohl noch! -Und Narren sollen nicht heiraten. Die Ehe ist die Kunst der -Weisen. Nur diese ziehen das Wunder einer Blüte daraus. -Bei allen anderen kümmert sie.«</p> - -<p>»Die Frösche hupfen nun nicht mehr,« sagte Gwendolin.</p> - -<p>Das wußten sie alle: in der Kunst Henrik Toftes war der -Mensch nicht zu erkennen; denn diese Kunst war die Stete – -der Mann, der dahinterstand, die Unstete. Der Mann huldigte -Seiner Majestät dem Augenblick.</p> - -<p>Darum war es klug und doch unvorsichtig von Gwendolin, -daß sie gesagt hatte: »Die Frösche hupfen nun nicht mehr.« -Als die Hochsommernacht zwischen den alten Bäumen herniederhing -und die Silberbrünnlein der Sterne aus den blauen -Gründen sickerten, war Gwendolin mit Henrik Tofte noch -einmal in den Garten gegangen, gleich nach dem Nachtmahl.<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -Es kam kein Gewitter, aber es wetterleuchtete doch ganz -gefährlich.</p> - -<p>»Hast du denn nicht gesagt, ich sollte sieben Jahre dienen -um Rahel?« Das klang, als fiele in der Ferne ein Berg um.</p> - -<p>»Wohl,« sagte sie; dabei fand sie zum ersten Male die brüderliche -Anrede, aber er merkte es gar nicht; »hast du jemals -daran gedacht?«</p> - -<p>»Nein,« sagte er.</p> - -<p>»Und bist nun gekommen, Rechenschaft von mir zu fordern -– von mir?«</p> - -<p>»Nein,« sagte er. »Aber es wäre doch lieb und gut von -dir gewesen, wenn du dich für mich armen Menschen aufgehoben -hättest.«</p> - -<p>»Ah! Seit wann weißt du denn die Geschichte von deiner -Armut?«</p> - -<p>»Seit heute,« sagte er. »Damals, als ich der Kordula am -Bahnhof in Rom den Gepäckschein aus der Hand nahm, war -ich ein Millionär – seit heute bin ich ein Bettelmann.«</p> - -<p>»Du, das hört sich furchtbar tragisch an.«</p> - -<p>»Es ist auch so, liebste Gwendolin – es ist weiß Gott so! -Sieh, ich bin zum erstenmal in meinem Leben in einem solchen -Haus. Dazu hab' ich dreißig Jahre gebraucht. Dreißig Jahre -lang bin ich auf den Schwellen herumgestanden und habe -immer gedacht: es gäbe keinen König auf der Welt außer mir. -Nun kam dies Heute und hat mich vor ein Leben geführt -voller Liebe, Wohlhabenheit, Ordnung, gesammelter Kraft, -Sonne und was weiß ich! Darum ist mir's vorhin bei Tisch -so auf die Sprache gefallen: ein Rausch von Andacht vor -diesem Unerhörten … und deshalb hab' ich mich nun heimlich -von den anderen fortgeschwiegen.«</p> - -<p>»Ah pah, Räusche sind von kurzer Dauer,« sagte Gwendolin -leichthin. »Du siehst, es ist mit meinem Glauben an dich noch<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -immer wie einst. Das kommt daher, daß du nicht an dich -selber glaubst.«</p> - -<p>Da riß er sie an sein Herz und küßte sie – dreimal – -siebenmal …</p> - -<p>»Siehst du,« sagte sie, »das ist alles, was du kannst: die -Sekunde kannst du überwältigen; aber dein großes und -starkes Leben in deine mächtigen Arme zwingen – das -kannst du nicht. Und willst du jetzt wieder mit hineingehen? -Was hätten wir zwei uns Neues zu sagen, das die anderen -nicht hören dürften?«</p> - -<p>Da gingen sie. Cornelius saß am Flügel. Richard Schaffrath -und Professor Salzer waren zusammen schon seit dem -Morgen auswärts. Do und Jockele sahen Gwendolin und -Henrik an, was sie draußen miteinander geredet hatten: -es blieb immer das gleiche zwischen ihnen für und für. -Und beide wollten auch gar nichts geheimhalten vor den -Freunden.</p> - -<p>Gwendolin sagte: »Es ist so, daß ich mich mit diesem gefühlvollen -Musikanten lieber verlobt hätte als mit dir; denn -wären wir zwei aneinander gefesselt gewesen – wir hätten -nach beiden Polen der Erde gedrängt und hätten uns mittenauseinandergerissen.«</p> - -<p>»Jetzt aber dränge ich nach zwei Menschen: nach Richard -Schaffrath und nach mir selber,« sagte Henrik. »Ich warte -mit Ungeduld.« Darüber füllte er sich sein Glas von neuem -und ging damit in den Wintergarten. Er setzte sich in den -Rohrsessel, Do gegenüber. »Mich allein haben Sie am Rande -stehenlassen, liebste Frau Do,« sagte er zu ihr. Es klang wehmütig.</p> - -<p>Do wußte, wie es um solche Mollakkorde des Herzens -bei Tofte stand. Sie scherzte selten. Aber diesmal griff sie -die Sache doch lustig auf und sagte: »Wir Frauen haben<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -mit den Männern unsere liebe Not. Die anderen konnten -sich nicht selber helfen: Jockele, weil er zu jung war, und die -übrigen, weil jeder einen sanften Sparren hatte – wie unser -Freund Cornelius.«</p> - -<p>»Nun, einen sanften Sparren …«</p> - -<p>»O nein,« unterbrach ihn Do, »der Ihre geht über unsere -Kraft! Ein Mensch wie Henrik Tofte hat auf sich selber zu -stehen. Tofte, Sie sind von hundert Frauen geliebt worden … -nein, nein, zu rechnen brauchen Sie nicht! – hat Sie eine -repariert?«</p> - -<p>»Jawohl,« sagte er.</p> - -<p>»Nun, dann reisen Sie augenblicklich ab und fahren Sie -zu ihr!«</p> - -<p>»Ich bin schon da, sagte der Swinegel.« Tofte sprach es mit -dunklem Klang der Stimme. Er hatte die Finger durcheinandergeschoben -und senkte die Stirn. »Ich bin schon da.«</p> - -<p>»Jockele,« rief Gwendolin, »komm doch mal in den Wintergarten! -Vor fünf Minuten hat mich das große Licht siebenmal -geküßt, und jetzt erklärt er deiner Frau seine ewige Liebe.«</p> - -<p>»O,« lachte Jockele, »soll ich mich deswegen erst in Bewegung -setzen?«</p> - -<p>Aber Cornelius kam. Er rieb sich die Hände und schmunzelte. -»Ich mag derlei Dinge furchtbar gern sehen.«</p> - -<p>»Na, Meyer?« fragte Henrik Tofte.</p> - -<p>Da raffte sich Erich Meyer zusammen und sagte: »Mir -scheint, die Gassenbuben werfen Ihnen die Fenster ein. O, -ich kenne das – diese Zeit hab' ich schon überwunden.« Dafür -drückte ihm Gwendolin sein Glas in die Hand und klang -das ihre herzhaft dagegen.</p> - -<p>Aber mit Henrik Tofte war es an diesem Abend doch anders. -Zu anderen Zeiten war er immer mit geschwungenem Becher -hoch über der Freude dahingeschwankt. Heute saß er fromm<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span> -in dem goldenen Lichte Dos. Und so oft ihm ein Stein ins -Fenster flog, merkte er besinnlich auf. Gwendolin sagte: -»Es geschehen Zeichen und Wunder, Cornelius! Komm, -wir beide setzen uns zu Jockele und Kordula. Ich will euch -eine schöne Rede halten über das Thema Henrik Tofte.« -Sie faßte ihn unter, und nun gerieten sie im Besuchszimmer -an dem »großen Licht« in Lust. Die beiden im Wintergarten -hörten zu. Zuletzt sagte Tofte: »Liebste Frau Do, darf ich -einen Monat in dem Märchenhause bleiben? Einen ganzen -Monat?«</p> - -<p>»Ja,« sagte sie, »Sie dürfen bleiben, solang es Ihnen -Freude macht.«</p> - -<p>Man ging auch an diesem Abend zur gewohnten Zeit -schlafen. Halb elf Uhr; längstens elf Uhr wurde es, wenn -Gäste da waren. Es hatte sich seit dem Winter manches geändert. -Heidi verlangte früh am Tage nach Mama – so -ward der Tag länger. Und Jockele fand sich in das Wirken -der neuen Zeit nur zäh und ungesammelt, wenn er die Mitternacht -in Gesellschaft vorübergewacht hatte. Aber von dem Geheimnisse -seines Schreibzimmers war nicht ein Zipflein gelüpft -worden, trotz List und tastender Neugier. Und Gwendolin -hatte in vier Wochen Hochzeit. So trugen die Tage für jeden -ein gerüttelt Maß freudiger Mühen, die Abende Sehnsucht -nach Schlummer.</p> - -<p>Aber Henrik Tofte schlief nicht. Er saß an dem offenen -Fenster, an dem noch im Frühlinge die hohen Maßholder -und Sterne über Kordula aufgeblüht waren, ließ die Nacht -um sein Herz wehen und erlebte das große Wunder. Nicht so, -als ob er die Rede vom Segen dieses Hauses weitergedacht -hätte, die er am Abend vor Gwendolin gehalten. Und nicht -so, als ob er sich den Weg zu den kommenden Tagen mit -guten und tüchtigen Vorsätzen gepflastert hätte, weil in der<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span> -dunkelblauen Hochnacht so schön Zeit dazu war, die Gedanken -auf einen Müßiggang zu schicken …</p> - -<p>Henrik Tofte stand am Anfang einer neuen hellen Straße -und hub an zu wandern – ganz ohne Rausch und Plausch, -ganz ohne Traum und Schaum und ganz ohne Mahnung -und Ahnung: es war das leibhaftige Wunder! Aber er -wußte es nicht. Wußte nichts von dem neuen Wege, schwur -keinen Eid und fühlte nicht, daß, der da saß vor der flimmernden -Stille der Nacht, ein Mann war, der ihm zeit seines -Lebens noch nicht vor die Augen gekommen: sondern er -dachte: dieser Mann ist der blonde Skalde, Weber, Maler, -Heilgymnastiker, Anstreicher, Zirkusclown und Gepäckträger, -den ein verrückter Welscher sogar einmal für einen Erzieher -gehalten hat …</p> - -<p>Die Einbildung, daß er sich in diesem Menschen zurechtfinden -würde, hatte er schon längst aufgegeben, und damit -mühte er sich nicht mehr ab. Stunden, wie diese -– dachte er – hätte er schon tausendmal erlebt. Also: es -wäre mit ihm wieder einmal alles in schönster Ordnung, -und der kleine Gefühlsausbruch in Tugend und Reue, den -er nach dem Nachtmahle gehabt, wäre glücklich überstanden. -So dachte er. Und er gelobte nicht: »morgen oder übermorgen, -oder wenn es paßt, werde ich der Welt mal zeigen, -was eigentlich hinter mir steckt – hah!«</p> - -<p>Von all dem keine Spur. Es war das leibhaftige Wunder. -Henrik Tofte wandelte rüstig auf der neuen hellen Straße -und sah Do. Die kleine Heidi legte ihr Köpflein mit dem -gesponnenen Golde lieblich an ihre Wange. Und hinter ihr -stand breit und frühlingsoffen der Wildrosenbusch und blühte -und blühte. »Madonna in Rosen! So will ich dich malen -– in dem kupferfarbigen Sommergewand und mit dem -blauen Kinde!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span></p> - -<p>Wäre es nicht das leibhaftige Wunder gewesen, das in -ihm wirkte, so wäre er nun in den Garten gestürmt, mitten -in der Nacht, oder in den Park, und hätte nach dem Lichte -des Morgens gerufen, um eine ungeheure Tat zu tun. Aber -wenn er den Morgen dann erspäht hätte, wäre er müde -gewesen, hätte sich hingelegt und geschlafen – drei Tage, -wenn's ihm gerade so paßte.</p> - -<p>Das alles tat er nicht. Er legte sich zu Bett. Und am -Morgen fand er sich pünktlich um acht Uhr an den Frühstückstisch, -der so schmuck unter der Ulme stand. Ein breiter -Strom von Sonne stürzte von rechts herein. Und Henrik -Tofte sprach ruhevoll mit Jockele und Do über die Madonna -in Rosen, und daß er in diesem wundertätigen Frühlichte -malen wollte.</p> - -<p>»Dies Licht ist nur eine halbe Stunde,« sagte Do.</p> - -<p>»So werde ich Sie viele Tage und immer nur eine halbe -Stunde bitten,« sagte er. »Wo ist Gwendolin?«</p> - -<p>»Sie nimmt den Kaffee auf ihrem Zimmer. Früher ging -sie dann malen, und wir sahen sie über Tag nicht. Sie wissen -ja, wie sie es treibt. Nun aber hat sie freudige Sorgen und -Pflichten, die alle in diesen vier Wochen erfüllt sein müssen. -Für heut abend bittet sie Richard Schaffrath und den Professor -zu uns.« Und Jockele sagte: »Über Tag richten Sie sich -ganz nach Ihren Wünschen, lieber Tofte – wie wir uns -nach den unseren. Ich arbeite zwischen den Mahlzeiten auf -meinem Zimmer. Wir wollen da nicht aufeinander angewiesen -sein, nicht wahr?«</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Abends waren sie im Garten unter stillen bunten Lampen. -Schaffrath, Salzer und Tofte schritten hin und wieder -in nachdenklichen Gesprächen um den großen Rasenplatz. -Von der Gewaltsart, in der ihnen der Norweger vorgestellt<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -worden, spürten sie nichts. Da wuchsen sie freimütig und -männlich zueinander. Gwendolin merkte es, und die anderen -merkten es auch: das Wunder war geschehen. Nur -Tofte ging daran vorüber und war ahnungslos wie ein -Kind. »Du hast dich an ihm verzeichnet,« sagte Schaffrath -zu Gwendolin, »du hast uns einen Riesen mit einem Kindskopf -gemalt und einen Seher mit einer Schellenkappe – und -nun ist er ein ganz gewöhnlicher und aufrechter Mensch.«</p> -</div> - -<p>»Morgen werdet ihr ihn erkennen,« sagte Gwendolin.</p> - -<p>Es vergingen Tage. Einmal wanderten Schaffrath, Meyer, -der Professor und Tofte nach Ettersburg, ein andermal nach -Belvedere. Sie waren fast an jedem Abend zusammen – aber -sie erkannten ihn nicht anders als in den ersten Stunden.</p> - -<p>»Was ist das mit dem großen Licht?« fragte Gwendolin.</p> - -<p>»Ich weiß es nicht,« sagte Do.</p> - -<p>Wenn es des Morgens die Zeit war, daß er malte, war -er mit ihr und Heidi allein im Garten. Es drängte sich niemand -in diesem Haus um ein wachsendes Werk. Am Ende der -zweiten Woche fragte Do die Gwendolin: »Hast du die -Madonna gesehen?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>Do blickte die Freundin aus ihren hochgemuten Augen an -und sagte: »Dann laß sie dir zeigen. Ich glaube, das Bild -ist sehr schön.«</p> - -<p>»Hast du mit ihm davon gesprochen, Do?«</p> - -<p>»Nein. Du weißt, er wartet nicht auf ein Lob. Und was -ich zu sagen hätte, kam mir zu billig vor. Deshalb schwieg -ich – und weil es so unerhört, weil es über jedes Maß ist.«</p> - -<p>»Es kann sein,« sagte Gwendolin.</p> - -<p>»Weißt du auch nicht, daß er sich über jedes Maß abmüht -dabei, Gwendolin?«</p> - -<p>»O, Henrik Tofte quält sich nie!« sagte sie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p> - -<p>»Mir scheint, er weiß es selbst nicht. Aber er ist froh, daß -das Licht nur eine kurze halbe Stunde hält. Nur einmal -sagte er, es läge wie Spinnengewebe in seinen Augen.«</p> - -<p>»So wird er sich an deinem Lichte geblendet haben,« -scherzte Gwendolin.</p> - -<p>»Ja, das sagte er.«</p> - -<p>Am Anfange der vierten Woche ließ Henrik Tofte das Bild -auf der Staffelei im Garten stehen. »Nun – darf man -kommen?« fragte Gwendolin. »Fertig?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>Da legte sie seinen Arm in den ihren und führte ihn hin. -Wie sie davorstanden, war es, als schlüge Gwendolin Wurzeln; -und die Augen liefen ihr über. »Tofte, Tofte!« sagte sie und -legte ihre Hände auf seine Achsel und ihre Stirn an seine -Brust. Dann sah sie ihn an und sagte:</p> - -<p>»Ich habe zweimal geweint, daß ich es weiß: einmal – -nun: ein andermal … und jetzt! Du stehst ja selbst davor -und möchtest weinen!«</p> - -<p>»O nein,« sagte er, »es ist fromm und freudig, ja, und -es macht mich sehr glücklich.«</p> - -<p>Dann wandten sie sich, und im Gehen sagte sie: »Ich habe -recht gehabt: so kann nur Henrik Tofte malen und der liebe -Gott. Laß das Bild dort stehen. Ich habe Richard und -Salzer gebeten – sie kommen vormittags.«</p> - -<p>Und als sie gekommen waren, standen sie alle um die -Madonna in Rosen. Gwendolin hatte nun einen ruhevollen -Rahmen in altgoldener Tönung darum gelegt. Und alle -sahen: es war ohnegleichen. Ohnegleichen in seiner Lebensfülle. -Ohnegleichen in den warmen Schwingungen der Farben. -Kein Farbenrausch, der die atmende Schönheit der -Natur erstickte. Ohnegleichen in der schmuckhaften Anordnung. -»Ein kostbarer Edelstein,« sagte Richard Schaffrath aus<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -einer tiefen Künstlerandacht heraus, »vom Lichte des Gottes -durchtränkt – es ist ohnegleichen, ist ohnegleichen.«</p> - -<p>Henrik Tofte löste sich hernach aus dem Ringe der Freunde -und ging in sein Zimmer. Er dachte daran, daß die Zeit -seiner Abreise nun nahe wäre.</p> - -<p>Mit dem Lobe der Freunde war es, wie wenn ein -Mann einen Becher füllt mit edelstem Weine, den er lange -Jahre hindurch in seinem Keller aufbewahrt hat für einen -Tag, der recht herrlich und königlich über alle seine Art -hinauswächst. Und dies Lob dauerte auch genau so lange, -wie jener Becher braucht, um einmal die Runde zu machen. -Dann war es vorbei. Henrik Tofte hatte diese Menschen -nicht zum ersten Male vor die Schätze geführt, die verschwenderisch -in ihn geworfen waren. Man wußte: solches Verschwendertum -ist eine Schöpferlaune. Aber es wiederholt -sich darin die Geschichte vom Distelfinken, dem der liebe Gott -aus jeder Farbschale den Rest auftupfte. Er verstaut an Gaben -in einen einzigen, was in seiner Werkstatt herumliegt und -ihm gerade in die Hände fällt. Und der Mensch, der also -angefüllt ist, mag zuschauen, wie er damit fertig wird. »Ja, -so ist der liebe Gott mit Henrik Tofte zu Werke gegangen,« -sagte Gwendolin. »Es ist auch viel Sturm in ihn hineingepackt, -und das große Licht blakt nun in diesem Sturme.« -Jockele schupfte die Schultern: »Was wollt ihr? Es geht -in dem reichsten Kopf und Herzen eine ganze Bibliothek von -Dichtungen zu Grabe, die nie erschienen sind – hat ein -Dichter gesagt – und selbst der liebe Gott kann nicht jedem -Tag ein Gesicht geben: es hat eben nicht jeder eins.« – »Ja,« -sagte Schaffrath, »so ist es wohl. Aber das sollt ihr wissen: -ich habe vor keinem Bilde die Schauer der Allmacht empfunden -wie vor diesem.« Sie sahen immer nach der Madonna -hin, während sie so redeten. Und Gwendolin sagte:<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span> -»Ich mag dir diesmal nicht zustimmen, Jo; denn ich weiß, -Henrik Tofte hätte die Kraft, jedem Tag ein Gesicht zu geben, -wenn er nur wollte!«</p> - -<p>Da hatte sie einen schweren Stand und kam sich vor wie -ein kleiner Vogel, der in einen Flug Falken geraten ist. Aber -sie wehrte sich mit Frauenhartnäckigkeit und sagte: »Ihr -werdet mich doch nicht unterkriegen mit euren scharfen Schnäbeln! -Es wäre besser, ihr fragtet: was ist es, das dem Henrik -hier in eurem Hause diese Gnade schenkte?«</p> - -<p>»Ho,« sagte der kluge Professor Salzer, »jetzt kommen wir -dem Geheimnis auf die Spur! Es ist der Segen der schönen -Frau Do; es ist der Segen des Vorbilds, das er sich diesmal -wählte …«</p> - -<p>So rieten sie sich heiße Augen und Herzen. Sie errieten -vieles, aber zum Kerne des Rätsels gelangten sie nicht; denn -der Tag, der das letzte Licht brachte, war ein Tag tiefster -Finsternis. Und dieser Tag war noch nicht gekommen.</p> - -<p>Henrik Tofte kümmerte das alles nicht. Er kümmerte sich -auch nicht um sich selber. Und er konnte nicht begreifen, daß -die Menschen sich um ihn stritten. Heute hatte er Lust, in -einem offenen Wagen hinauszufahren in die Wälder. Also -rief er aus dem Fenster, ob sie dabei sein wollten. Und dann -bestellte er für nach Tisch drei Wagen aus der Stadt. Die -Madonna in Rosen schien über dem neuen Plan in ihm schon -in ewiges Vergessen gesunken zu sein; Gwendolin mußte -Sorge tragen, daß das Bild ins Haus kam und gefahrlos -trocknete.</p> - -<p>Daß Henrik von einer Sehnsucht nach der grünen Stille -der Wälder und den sanften Farben der Erde in diesen späten -Sommertagen geleitet wurde, daran dachte er nicht. Er -»beschloß« die Fahrt – das war seine Erklärung. Die stillen -Stimmen, die sie ihm geboten, vernahm er nicht. Das waren<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span> -in diesem Falle seine Augen. Und in diesen hellen Brunnen, -die das Wunder des Lichts auf all seinen Glanz und seine -Geheimnisse durchspürten, lag zuletzt das Rätsel begriffen, -das Henrik Tofte hieß. Aber er wußte es nicht. Niemand -wußte es. Deshalb hatte er zu Frau Do gelacht über das -Spinnengewebe, das in diese Augen fiele.</p> - -<p>Nun hatte er vier Wochen gemalt – durch dreißig Jahre -hatte er sich nicht zu einem solchen Aufgebot an Kraft zwingen -können. Er hatte vier Wochen gemalt, und nun sahen seine -Augen die Welt wie die Augen eines Kindes, das fürwitzig -ins Gesicht der Sonne geschaut hat: es hing für sie ein leiser -grauer Schleier um alle Dinge. Der war unendlich fein, aber -er war da. Und Henrik Tofte wußte es nicht; denn so war -es für ihn gewesen, solange er denken konnte. Es war eine -Selbstverständlichkeit – wie es für die Sterne eine Selbstverständlichkeit -ist, daß sie nicht in ihrem Glanze sind, wenn -sie der Himmel nicht mehr braucht.</p> - -<p>Einmal im Hardangerfjord, ein einziges Mal, hatte er daran -gerührt. Das war, als ihm Gwendolin vorwarf: »Faulheit -bei einem gewöhnlichen Menschen ist ein Laster – aber bei -Ihnen, Tofte, ist sie eine Gotteslästerung.«</p> - -<p>Da hatte er gesagt: »Diese Faulheit liegt in meinen Augen -– nur wenn ich alle Wunder mit ihnen erringe, die im -Lichte sind, dann will ich malen. Ihr anderen, die ihr blind -geboren seid, mögt das halten, wie ihr wollt. <em class="gesperrt">Mir</em> sind die -Augen an manchem Tag ausgegangen – je nun: die Sonne -geht dem lieben Gott ja auch mal für ein paar Wochen aus!« -Da sagte Gwendolin: »Mit so schönen Worten deckt Henrik -Tofte seine Faulheit zu.« Weiter fiel dem feinhörigen Mädchen -dabei nichts ein.</p> - -<p>Nach Mittag fuhren sie in die Welt. Auch Kordula und -Erich Meyer waren dabei, und es war noch Platz in jedem<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span> -Wagen für ihre Freude. Jockele, Do und Tofte saßen zusammen. -In allen drei Wagen sprach man von Henrik oder -von der Madonna. Das Bild war ein Erlebnis. Aber im vorderen, -in dem Henrik saß, redete man auch von seiner Abreise -und von seiner Wiederkehr; die eine sollte morgen geschehen, -die andere in ein oder zwei Jahren. So fuhren sie durch -die Ettersburger Wälder und am Abend über Tiefurt heim. -Für Gwendolin und Schaffrath gab es an diesem Tage noch -andere wichtige Dinge zu reden; denn übermorgen hatten -sie Hochzeit. Es war gar nicht zu verkennen: Tofte wollte -diesem Tag ausweichen. Gwendolin fand das seltsam, die -anderen nicht. Aber er hatte es so eilig, daß ihm Do die -Sorge um die Madonna abnahm – sie wollte dafür tun, -daß sie in Rolf Krakes Hände käme, wenn die Zeit da war.</p> - -<p>Am anderen Tage schied Henrik aus dem Haus am Horn -und ging wieder nach München. Er mietete sich ein Atelier -in Altschwabing – das gab eine Aufregung unter den Malern, -die er kannte. Mister Johnny, der nun wieder sein Nachbar -war, hatte die Giraffe vollendet. »Ein dusterer Einfall,« -sagte Tofte.</p> - -<p>»Noch dusterer scheint mir Ihr Vorhaben,« lachte Johnny, -»wozu in aller Welt brauchen Sie einen Malraum?«</p> - -<p>»Arbeiten will ich.«</p> - -<p>»Haben Sie das in Weimar gelernt? Und ist aus dem -Bild etwas geworden?«</p> - -<p>»In ein paar Jahren will ich es mir darauf ansehen. Bis -dahin hab' ich zu tun – es ist die höchste Zeit.«</p> - -<p>Mister Johnny wunderte sich selten; aber Tofte sprach -diesmal so, als gäb' es kein Ausweichen vor sich selber. Zu -anderen Zeiten hätte das anders geklungen. »Ich modelliere -jetzt einen Löwen,« sagte Johnny. Dann führte er Henrik -hinaus in den Garten. Dort stand ein Käfig, wie ihn die<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -Leute aus den Tierbuden von Jahrmarkt zu Jahrmarkt senden, -und ein leibhaftiger Löwe saß darin … Nun ja, auch Mister -Johnny hatte seinen sanften Sparren. »Ich habe ihn von -einem Menageriebesitzer gemietet bis zum Oktoberfest,« sagte -er. »Und gleich morgen wollen Sie anfangen zu arbeiten? -Ach, kommen Sie doch heute mit mir nach Dachau! Morgen -mittag sind wir wieder daheim, und Sie haben bis zum Abend -noch Zeit zur Übersiedlung.«</p> - -<p>Aber Tofte schlug es ihm ab; er hatte einen Einfall, der -wog ihm heute so viel wie eine Tonne Gold; gerade heute; -denn gänzlich hatte er den alten Henrik in Weimar nicht umgebracht. -Er redete aber nicht davon.</p> - -<p>Abends, als Johnny schon längst weggefahren war, erschien -Henrik mit einigen Freunden und einem Löwenkäfig im Garten -von Altschwabing. Sie ließen den Löwen aus dem einen -Käfig in den anderen spazieren und entführten ihn so im -Dunkel der Nacht. Am anderen Vormittage, kurz vor der -Heimkehr Johnnys, kam Tofte noch einmal und markierte -in dem geschorenen Rasen eine Löwenfährte. Er wurde damit -fertig, und es war nun sehr gut zu sehen, wie das Tier ausgebrochen -und über den Rasen gestapft war, wie es vor dem -Zaun zum Sprung angesetzt und den Sand mit den Klauen -geschlagen hatte, ehe es in den Englischen Garten entwich.</p> - -<p>Nicht lange, so sprang Mister Johnny die Stiege im Nachbarhause -zu Toftes Malraum in langen Sätzen empor. Er riß die -Tür auf und berichtete, der Löwe wäre ihm davongelaufen.</p> - -<p>»Unmöglich!«</p> - -<p>Dann eilten sie miteinander hinab und sahen die Spuren -im Gras und im Sande der Wege. »Ha!« stöhnte Mister -Johnny.</p> - -<p>»Man wird Ihnen einen Schabernack gespielt haben,« -sagte Tofte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span></p> - -<p>»Denken Sie denn, ich kenne die Löwenfährte nicht?« -schrie Johnny. »Halten Sie mich für einen Dummkopf?«</p> - -<p>»Im allgemeinen nicht.«</p> - -<p>»Und meinen Sie, ich hätte nicht einmal das bei meinen -afrikanischen Jagderlebnissen gelernt?« Dabei führte er -Toften noch einmal auf der Spur durch den Garten. »Er -hat sich keinen Augenblick besonnen – auf dem kürzesten Weg -ist die Bestie entronnen.«</p> - -<p>»Zu dichten brauchen Sie deshalb nicht – sondern Sie -müssen sofort die Polizei benachrichtigen,« sagte Henrik; »mir -schwant ein fürchterliches Unglück.«</p> - -<p>Johnny enteilte. Er warf sich in ein Auto und fuhr zum -nächsten Polizeiamt. Dort wußte man nichts von dem Ausbruch -eines Löwen. »Nun ja. Vielleicht ist es erst vor einer -Viertelstunde geschehen; denn die Fährte war frisch.« Heimlich -erwog Johnny, ob er nicht auch ausbrechen und nach England -entweichen sollte auf Nimmerwiedersehen. Finsternis fiel -über ihn bei dem Gedanken an das Unglück, das da drohte, -und bei dem Gedanken an die Rechenschaft, die man von -ihm fordern könnte. In rauchendem Wagen kehrte er nach -Hause zurück. Es fiel ihm nichts dabei ein, daß er Tofte in -seinem Atelier fand und daß dieser sagte: »Ich habe alle -Polizeireviere Münchens und die Ortschaften über den Englischen -Garten hin angerufen und geboten, das Vieh zu -erschießen, wo es sich sehen läßt.«</p> - -<p>»Machen Sie, was Sie wollen!« brüllte Johnny, »ich -reiße aus.«</p> - -<p>Das hatte Tofte geahnt.</p> - -<p>Und keine fünf Minuten vergingen, da rasselte der Wecker -des Fernsprechers …</p> - -<p>»Hier John Williams.«</p> - -<p>»Hier Stationsvorsteher von Pasing. Es steht ein Löwe<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span> -auf der Strecke kurz vor Pasing, der Zug kann nicht einfahren -– ist das vielleicht Ihr Löwe?«</p> - -<p>»Ach wo! Wie kommen Sie darauf?«</p> - -<p>»Ein Reisender sagt, Sie hätten Ihren Löwen als vermißt -bei der Polizei gemeldet.«</p> - -<p>»Fällt mir ja gar nicht ein!«</p> - -<p>»Um so besser. So werden wir ihn erschießen.«</p> - -<p>Johnny erbleichte. »Um Gottes willen … Nicht erschießen! -Ja, ja, es ist mein Löwe! Er ist es – mit größter Wahrscheinlichkeit. -Aber nicht erschießen – der Spaß würde mich -zehntausend Mark kosten!«</p> - -<p>»Gut. Wir wollen also sehen, was sich tun läßt. Schluß.«</p> - -<p>Tofte hatte das Kursbuch einstweilen in seiner Brusttasche -geborgen, in dem Johnny zuvor hastig geblättert hatte. »Der -erste Akt!« sagte Johnny zerknirscht und hing den Hörer an. -Dann warf er die tausend Dinge herum, die er auf den Tisch -gestapelt hatte, warf sie in die Koffer, warf sie wieder heraus -und suchte das Fahrbuch und wußte es kaum. Wieder rief -das Telephon …</p> - -<p>»Hier Erholungsheim Waldhaus.«</p> - -<p>»Wer?«</p> - -<p>»Wald – haus, eine halbe Stunde hinter Pasing. Es steht -hier ein Löwe vor der Gartentüre … Ist das vielleicht -Ihr Löwe?«</p> - -<p>»Wie kann ich das wissen?« brüllte Johnny.</p> - -<p>»Wie, bitte?«</p> - -<p>»Lauter, lauter!« mahnte Tofte.</p> - -<p>»Teufel,« knirschte Johnny, »Teufel!«</p> - -<p>»Nein, ein Lö – we, ein Lö – we! Wir müssen ihn erschießen, -wenn Sie nicht augenblicklich Abhilfe schaffen.«</p> - -<p>Mit triefender Stirn sank Mister Johnny in den Stuhl. -»Wollen Sie nicht in einem Auto nachfahren?« rief Tofte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p> - -<p>»Zum Donnerwetter, was soll ich denn dabei tun?«</p> - -<p>Und wieder gellte der Wecker, jäh, jäh und schüttete einen -Haufen Entsetzen aus …</p> - -<p>»Hallo! Hier Hotel ›Zur Post‹ in Garmisch. Eben ist ein -Löwe in unseren Speisesaal eingebrochen. Ist das vielleicht -Ihr Löwe?«</p> - -<p>»Herr – gott!« stöhnte Johnny.</p> - -<p>»Nein, ein Löwe …«</p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>»Ein Lö – we!«</p> - -<p>Der Hörer klirrte an den Haken. Mister Johnny preßte -die Hände vor die Ohren und irrte mit seinem Entsetzen durch -den Raum. Dann schlug er die Koffer zu, verschloß sie und -zerrte sie zur Tür. »Es nützt Ihnen nichts,« sagte Tofte, -»längstens in der Halle des Bahnhofs hat man Sie gehascht. -Merken Sie denn nicht, daß Sie der Mann des Tages sind?«</p> - -<p>Das Telephon!</p> - -<p>Noch einmal wankte Johnny hinzu …</p> - -<p>»Hallo! Hier Berghaus Zugspitze.«</p> - -<p>»Wer?«</p> - -<p>»Berghaus Zugspitze – dreitausend Meter über dem -Meere.«</p> - -<p>»Was gibt's?«</p> - -<p>»Es ist hier ein Löwe zugelaufen. Wir haben die Bestie -eingekäfigt. Ist das vielleicht Ihr Löwe?«</p> - -<p>»Ja,« gestand John Williams. Seine Kräfte gingen zu -Ende. Aber Erlösung träufelte in sein Herz wie Mairegen.</p> - -<p>»Sind Sie noch da? Wir fordern Sie auf, Ihr Eigentumsrecht …«</p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>»Ihr Eigentumsrecht geltend zu machen und das Tier -spätestens morgen abzuholen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p> - -<p>»Dem Himmel sei Dank,« sagte Mister Johnny, »das Leben -wird mir in dieser Stunde zum zweiten Male geschenkt.«</p> - -<p>»Das kann ich mir wohl denken,« begann Tofte nachdenklich. -Es wollte ihm scheinen, als hätte das Spiel seinen -Höhepunkt wohl für die Freunde, nicht aber für Mister Johnny -bereits überschritten. Das ging eigentlich gegen den Plan. -»Je nun, die Welt ist nicht reich an Humor, und wo er einmal -wächst, soll man ihn nicht in der Blüte knicken,« sagte er zu -sich. Daß es mit der Geographie Johnnys mangelhaft bestellt -war, das wußte man – o, Mister Johnny war ein -Brite! Und so war es für ihn durchaus kein Wunder, daß -der Löwe die Strecke Pasing, Garmisch, Zugspitze im Fluge -weniger Minuten durchmessen. Die Freunde hatten ihre -Rolle ausgezeichnet gespielt, und dem Johnny war über der -raschen Folge der Ereignisse wirklich nicht der leiseste Verdacht -aufgestiegen …</p> - -<p>Oder doch? Und suchte er nun schweigend die Fäden zu -entwirren? Sann er darüber nach, wie die Lage für ihn zu -retten wäre? Tofte wollte zur Klarheit gelangen. »Hm,« -unterbrach er die Stille, »schleierhaft bleibt mir bei alledem, -was das Vieh eigentlich auf der Zugspitze zu suchen hat?«</p> - -<p>»Das ist mir ganz egal,« polterte Johnny los, »im Atlas -klettern die Löwen auch auf die Berge! Ich habe keine Zeit, -mich mit Ihnen darüber zu unterhalten, verstehen Sie? Die -Frage ist jetzt: wie kriegen wir ihn herunter.«</p> - -<p>»Nun, das ist doch sehr einfach: Sie telefonieren nach -einem Rollfuhrwerk, lassen den leeren Käfig zur Bahn bringen, -geben ihn als Passagiergut auf, und wenn es Mühe machen -sollte, ihn auf den Gipfel der Zugspitze zu bringen – nun, -so kann man die Bestie vielleicht droben in ein Drahtgeflecht -einnähen, anseilen und herunterlassen … O, das läßt sich -dann schon machen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p> - -<p>»So!« brüllte Johnny, »und das nennen Sie einfach?«</p> - -<p>Tofte zog die Achseln. »Tja – der kürzeste Weg zum -Ziele! Das ist stets der relativ einfachste …«</p> - -<p>Auf einmal erklangen Männerstimmen – von drüben aus -den Fenstern des Ateliers im Nachbarhause. Es waren die -Maler, die an dem Scherze beteiligt waren und zuerst in -Toftes Malraum die Gegend erkunden wollten. Tofte sah -aus dem Fenster und rief hinüber: »Mister Johnny hat mir -den ganzen Tag zerdonnert. Der Löwe ist los!«</p> - -<p>»Der Löwe?«</p> - -<p>Da eilten sie alle herüber, stießen ihre Arme und ihre -entsetzten Stimmen in die Luft, und Johnny forderte sie -auf, mit ihm die Zugspitze zu besteigen, um den Ausreißer -im Triumphe heimzuführen. Aber sie lehnten ab. Tofte -schützte Arbeit vor, die anderen vier fanden die Sache zwar -eigenartig, aber auch gefährlich.</p> - -<p>Es nahm nun alles seinen ordnungsmäßigen Verlauf: das -Rollfuhrwerk kam, der Käfig wurde aufgeladen, Mister Johnny -ließ seine gepackten Koffer im Atelier, reiste dem Käfig nach -und – ward nicht mehr gesehen.</p> - -<p>Die Koffer forderte er einige Tage später nach Glasgow -– woraus zu schließen war, daß er die Zugspitze erklommen -und dort sein »Eigentumsrecht an dem Löwen geltend gemacht« -hatte … Nein, wieder kam er nicht – aber sein -Ruhm hält in München noch für hundert Jahre.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">In diesen Tagen war es, daß Professor Salzer die Tante -Veronika entdeckte. Er war auf einer Septemberwanderung -im Thüringerwald. Damit hielt er es schon immer; denn dies -Fahren in bunten Blättern und Träumen war für sein gesammeltes -und weises Herz die Erfüllung des Jahres. Und -vor allem der letzte Sommer hatte ihm Veranlassung gegeben<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span> -zum Nachdenken über sich selbst. Ganz leise war die Jugend -um ihn her in ihren Frühling geflogen – Kordula, Cornelius, -Gwendolin, Schaffrath, selbst Do und Jockele! Gott ja, sie -waren ihm nicht abhanden gekommen. Aber ihr Leben hatte -einen neuen kraftvollen Schoß getrieben, und Salzer war -ein wenig aus dem Kurs gefallen. Nicht so, als wäre man -seiner müde geworden, o nein. Er fand nur: es wäre für -ihn in der Ordnung, ein bißchen zur Seite zu rücken. Manchmal, -wenn er so droben über den Dächern zwischen Einsamkeit -und aufglimmenden Sternen gesessen hatte, pochte es -leis an sein Herz. »Herein!« Es war das Glück. »Herr -Professor, ich wollte nur fragen, ob wir zwei uns im Leben -vielleicht doch nicht so vollkommen eingerichtet haben, wie -wir die Jahre her dachten.« – »Je nun,« sagte er und strich -die Asche seiner Importe ab, »im allgemeinen doch wohl … -trotz alledem! Etwas zu wünschen bleibt ja immer. Sollten -wir es nicht genau so weiter treiben?«</p> -</div> - -<p>Aber am nächsten Morgen, während das neue Licht einen -herrlichen Kampf mit den Nebeln ausfocht, fuhr auch Salzer -in seinen Frühling, fuhr stracks zu Tante Veronika. Er kam -vor das Häuschen am Buchenschlag wie die Sonne selber; -denn er hatte am Abend zuvor herausbekommen, daß auch -die weise Frau vom Walde über den neuen Schossen, die -das Jahr im Märchenhause getrieben hatte, ein wenig zur -Seite gerückt war. Und Frau Do sollte ihn nicht umsonst die -»Würze des Lebens« genannt haben!</p> - -<p>Tante Veronika war gerade im Gärtlein und schnitt mit -der kleinen Rosenschere ein bißchen am verblühenden Jahre -herum. Sie hatte ein violettes Morgenhäubchen auf den -schneeweißen Haaren. Da stiegen auf einmal zwei blanke -Augen über den Zinseln des Zaunes hervor und darüber -der hellgraue Künstlerhut, der stets aussah, als wär' er erst<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span> -am Morgen aus dem Hutladen bezogen worden. Es gab -eine große Freude; die sah zuletzt aus wie eine Malve, die -vom Scheitel bis zur Sohle und ringsherum mit schönen rosa -Blüten bedeckt ist; denn der Professor wackelte an dem Zauntürlein -… Und als Tante Veronika drinnen den Riegel -zurückschob, feierten die beiden Leutchen das Wiedersehen -so herzfröhlich – es konnte kein Mensch glauben, sie wären -einander in ihrem langen Leben nur ein einziges Mal auf -fünf Minuten begegnet!</p> - -<p>Natürlich lugte das Mädchen Mali im Eckzimmer gleich ein -bißchen durch den Vorhang – was es da draußen für einen -Spektakel gäbe. Und wie sie Herrn Salzer erkannte, der -damals im Märchenhaus auch an ihr vorübergestrichen war, -und wie die Frühsonne so um die beiden herumjauchzte, -dachte sie: »Die Weisen aus dem Morgenlande!« So war -nun das Mädchen Mali! Die Malve wuchs indes immer -weiter, und zuletzt ward ein richtiges Feuerwerk daraus; denn -der Professor wollte zwei bis drei Wochen im Frühlingshause -zu Gast sein – der erste Herr, der darin »Logierbesuch« war, -wenn man das Zigeunerbüblein nicht rechnete. Man denke!</p> - -<p>Die Mali lief im Haus herum, als wäre sie frisch geölt, -und flitzte über die Stiegen wie siebzehn Jahre. Und die -Glocke über der Haustür läutete in einemfort, geriet außer -Atem und mußte abgestellt werden; denn die Leute im Dorfe -hätten ja gedacht, bei Fräulein Sinsheimer wär' Feuer ausgekommen.</p> - -<p>Die Mali rückte gleich das ganze Häuschen in die neue -Sonne. Nach ein paar Stunden funkelte es bis ins Herz -hinein. Nicht etwa, als ob sie nun alle Winkel ausgestaubt -hatte – ach nein, Winkel gab's hier nicht für solch beschauliches -graues Dasein; sondern es war eine lichte Gelegenheit, -alle Fenster aufzustoßen an den beiden alten Frauenherzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span> -und der Himmel fanfarte hinein mit schmetternden Trompeten; -denn auch der Tante Veronika war anzusehen, wie glückselig -sie war.</p> - -<p>Den ganzen Nachmittag saßen die alten Herrschaften in -dem Eckzimmer, durch dessen Scheiben damals das Zinzilein -nach dem Herrn Prinz geschaut hatte, weil sie ahnte, daß sie -nun eine Prinzessin würde – saßen dort nach Tisch vor den -Meißener Schälchen beim Kaffee, und saßen dort beim Tee, -als schon die Sonne ihr Königskleid über den Wipfeln des -Waldes raffte. Das Leben aber fügte in diesen klaren und -köstlichen Herbsttagen dem leuchtenden Sommerschlößlein, das -den Namen Veronika Sinsheimer führte, den Schlußstein -ein. Um diese Zeit wurde es fertig. Ja, es hatte lange gebraucht -dazu, aber nun war es auch etwas prachtvoll Schönes -geworden und war ausgerüstet mit allen Kleinodien, die auf -dem Wege vom Auszug aus dem Himmel bis zur Heimkehr -in ein Menschenherz gelegt werden können. Zuerst hatte es -fast so ausgesehen, als wollte dies Leben dem Fräulein Sinsheimer -seine Kargheit zeigen und ein Weiblein aus ihr machen, -wie sie da und dort an den Rändern stehen. Nun hatte sie -Kinder gehabt und hatte Enkel, ihr Herz hatte alles Glück der -Welt hundertfältig gespiegelt, und nun hatte sie auch den -weisen und fröhlichen Freund, der neben den herrlichen Blüten -ihres Geistes und Herzens bestehen konnte.</p> - -<p>Deshalb trugen die Stunden im Frühlingshaus Festkleider. -Die gläsernen Schränke und die Mahagonimöbel funkelten so, -wenn Tante Veronika mit ihrem Freunde vor den Meißener -Tassen saß … »Ja, ja,« sagte der alte Herr, »mit dem Jockele -sind wir noch nicht am Ende! Ich glaube, da kommt noch -einmal etwas zutage, das keinem von uns im Traum eingefallen -ist. Er hat sich dazu so herrlich auf sich selber gestellt, -und uns – läßt er nicht einmal durch das Schlüsselloch gucken.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span></p> - -<p>Tante Veronika spielte mit ihren Händen auf dem Rande -des Tischleins wohl ein schönes leises Lied. Und ihr Gegenüber, -der Herr Salzer, führte sie an seiner sicheren Freundeshand -den Weg der Wunder: aus dem Herzen der Zigeunerin -durch das Herz der Tante Veronika ans Herz der Frau Do -zum Herzen des lieben Gottes …</p> - -<p>Es war ein feines besinnliches Hinschauen.</p> - -<p>Dann redeten sie von weiser Frauenliebe und von dem -Segen, der in ihr ist. Von dem Fluche sprachen sie nicht; -denn Fluch wächst nur aus Leidenschaft. Liebe aber ist Weisheit -ohn' Unterlaß und Einschränkung; denn das Weiseste, -was es gibt, ist der Verstand Gottes; und dieser ist Liebe.</p> - -<p>So war der Herr Professor Salzer dem Märchenhaus in -jenen Tagen abhandengekommen. Niemand fand eine Spur -von ihm. Auch Jockele nicht – wiewohl er siebenmal die -hundertneununddreißig Turmstufen emporzog. Cornelius -komponierte die Märchenoper und war weg. Gwendolin -feierte Hochzeit und war auch weg. Henrik Tofte? Ganz -richtig – zu ihm gehörte das Fragezeichen. Schreiben tat -er nicht. Tinte und Feder waren für ihn sein Lebtag Dinge -gewesen, die er scheute wie Gift. Seine »Korrespondenz« -hatte er sogar einen Winter lang von Nane Thord besorgen -lassen. Und das einzige Mal, wo er nachweislich geschrieben – -damals, als er unter die Dichter gegangen – hatte er das -Manuskript vor den Augen der Menschen verborgen. Er sagte: -ums Leben könnte er sich auch bringen mit Pinsel und Farbe.</p> - -<p>Da packte Frau Do mit dem Diener Fritz die »Madonna -in Rosen« in eine flache Kiste und schickte sie an Rolf Krake. -Natürlich durfte Fritz nicht sagen, was er dabei dachte – aber -auch für Do war es ein wehmütig Beginnen. Dann setzte -sie sich hin und schrieb an Rolf Krake einen klugen und frohen -Brief …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Lieber Einsiedler! -</p> - -<p>Ihr Verlangen war seltsam. Aber wir dachten: Sie wollen -einen Menschen um sich haben, über den Sie Ihre weisen -und närrischen Gedanken hinausschicken können ins Leben, -in das Sie nicht einmal mehr zu Gaste kommen mögen. Sie -haben sich einen neuen Garten Eden geschaffen und fordern -eine Gehilfin. Da ist sie! Gwendolin sagt: »Geschaffen von -den Händen Gottes …«</p> - -<p>Sie haben sich nun an einen Platz gestellt, an dem für die -Menschen das Narrentum angeht. Wir im Märchenhaus aber -sagen: das Narrentum hört dort auf. Jeder soll es treiben, -wie es sein Glück fordert; denn auf der Welt gehört nichts -inniger zusammen als Leben und Glück. Vielleicht werden -die Menschen nun Ihre Insel die »Narreninsel« nennen und -sagen: »Es lebt dort einer mit einem Bilde!« Und sie wähnen, -Sie wären der einzige.</p> - -<p>Die so reden, haben es zwar nicht zu dem Kleinod einer -Insel gebracht, aber zu Millionen leben sie sich an ihrem Dasein -vorüber und leben – einem Bilde! Meist einem, von -dem sie nicht einmal eine klare Vorstellung haben. So kümmern -sie sich ihre Straße dahin und kümmern sich ins Grab; -aber den frohen Einsamen auf einer Insel nennen sie den -Narren.</p> - -<p>Sehen Sie, so verstehen wir im Märchenhause den Brief, -den Sie an Henrik Tofte geschrieben haben. Er hat ihn uns -gelassen als Gastgeschenk. Wir lesen ihn oft und halten unsere -Herzen in sein warmes stilles Licht. Erkennen Sie nun: es -war ein Traum vom Leben, der Ihnen eingab, das Eiland -die »Insel der Auferstehung« zu taufen? Ein lieblicheres -Ostern – wer könnte sich vermessen, es zu feiern? Die Menschen -sind Schiffer auf dem Ozean. Nach ihrer Insel steuern -sie alle: der eine nennt sie die Insel der Auferstehung, der<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span> -andere nennt sie Märchenhaus – – ihrer sieben gelangen -in den Hafen, dreihundert Millionen treiben daran vorüber. -»Die Insel finden!« stiller Freund, das ist die Weisheit, das -ist die Kraft! Und nun messen Sie Ihr »Narrentum« an diesem -Leitsatze des Lebens und sagen Sie getrost: »Es sei wie es -sei – meinen Himmel hab' ich mir errungen!«</p> - -<p>Ich sage nicht: wenn Sie einmal Lust haben, in die Welt -zu fahren, so kommen Sie zu uns! Nein, schlagen Sie Ihre -Wurzeln frohgemut in Einsamkeit und Tiefe, und stehen Sie -unerschütterlich auf Ihrem Gelöbnis. Aber wenn Sie einmal -herüberzureden wünschen in die Welt der Menschen, so fragen -Sie – mein Mann und ich werden Ihnen von dieser Welt -so viel erzählen, wie Sie hören wollen.</p> - -<p class="right"> -Frau Do. -</p></div> - -<p>Nichts als ein Brief! Und in den ersten Worten nicht -einmal ganz frei und nicht ohne die Sorge des Weibes, das -eines anderen ist. Aber nur in den ersten Worten. Die sollten -dem Robinson sagen: »Siehe, so ist mein Bild gemeint! Und -weil wir es so meinten, hast du es mit Freuden bekommen.« -Aber dann war alle Befangenheit von ihr abgefallen. Sie -erinnerte ihn nicht pharisäisch an die große Dummheit seines -Lebens und sagte: »Das werden Sie nicht wieder tun« – sondern -sie krönte seinen Sieg. Und sie sagte ihm: »Es gibt von alters -her auf Erden sieben Weise; sie sterben nicht aus; darum ist -ihr Sinnbild zu den Gestirnen des Himmels erhoben. Es -sind nicht Sterne erster Größe, aber siehe, du bist einer dieser -glückseligen Sieben. Freue dich!«</p> - -<p>Von sich selber sprach sie kein Wort. Aber sie ließ ihn ahnen: -dein Leben ist nun klug und klar, und es ist ein Leben der -Fülle – trotz alledem! Es ist ein Sinnbild für die dreihundert -Millionen Toren, die jeden einen Narren heißen, der nicht -die Schellenkappe trägt wie sie …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p> - -<p>Jockele war zu ihr an den Schreibtisch getreten; das Fenster -stand offen, die kleine Heidi lag drunten im Garten in ihrem -Wagen und schlief.</p> - -<p>Nun sprachen sie von Rolf Krake aus ihren hochgemuten -Herzen. Do lächelte und sagte: »Haben wir es denn anders -gemacht als er?«</p> - -<p>Da sah er sie erstaunt an. »Ganz anders.«</p> - -<p>Sie aber machte ihre Siegeraugen. Und er sagte: »So hast -du mich nicht mehr angesehen, seit – ich glaube seit damals, -als ich die Gwendolin heiraten wollte.« Es war sehr lustig.</p> - -<p>»Dann hast du wahrscheinlich in all den Jahren keine so -vollendete Dummheit in die Welt gesetzt, liebster Jo.«</p> - -<p>»Vor den Siegeraugen hab' ich noch den gleichen Respekt -wie damals,« sagte er. Dann zog er sie aus ihrem Schreibsessel -empor und führte sie in den Garten, und sie spazierten -Arm in Arm unter den schönen alten Bäumen. Es war eine -heimelige Stunde, leise und voll von dem warmen Lichte -des Mittags.</p> - -<p>»Nichts als ein Brief,« sagte er, »aber du hast damit wieder -einmal einen Wegstein aufgerichtet für Rolf Krake – und -auch für uns. Der Sommer im Fjord war der Reisesommer: -es flimmerte fremde Sonne hinein. Dann kam der Winter -der Freunde oder der Gesellschaften. Im neuen Frühling -fühlte man so sachte vor nach sich selber. Und nun will alles -schön und klar werden …«</p> - -<p>»Nun haben wir unsere Insel,« sagte sie, und wieder blühten -ihre Siegeraugen. »Nun, es ist wohl die Art ernster -Frauen, daß sie ihr Leben früher anfangen, bewußt zu leben, -früher als die Männer. Vielleicht kommt das daher, daß sie -die Grenzen ihres kleineren Reiches besser übersehen.«</p> - -<p>»Es ist bei uns Männern das heiße Begehren nach der Tat, -oft nach einer unerhörten Tat. Darüber stellen wir uns in<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span> -Sturm und werden getrieben und bilden uns ein, wir wären -der Sturm selber. Es ist bei euch Frauen einfacher.«</p> - -<p>»Es ist gar nicht einfacher. Von den Frauen verstehst du -noch immer herzlich wenig, lieber Jockele – trotz deiner umfangreichen -Sammlung von Erfahrungen,« setzte sie lächelnd -hinzu. »Wir geraten in unserer Mädchenzeit an Knaben, von -denen wir uns vorreden, sie wären Männer. Und wir werden -spielerisch. Zuerst fangen wir an, uns mit äußerlichem Kram -zu behängen – und von Stund an ist die Mehrzahl der jungen -Mädchen ruiniert fürs Leben. Aller Sinn für den wahrhaften -Schmuck des Daseins geht ihnen verloren. Aber der für den -Jahrmarktströdel bleibt, wächst, wuchert und verqueckt uns -das Herz.«</p> - -<p>»Ist dir das alles über dem Brief an Rolf Krake eingefallen?«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Du hast noch nie so hart geredet.«</p> - -<p>»O ja,« sagte sie, »aber nicht oft, und du hast auch wohl -nie mit so willigen Ohren zugehört. Oder denkst du, ich wäre -damals aus dem reichen Hause meines Vaters in das Gartenhüttchen -am Horn geflohen und hätte mein Leben auf Biegen -oder Brechen gestellt, wenn ich das nicht gewußt hätte?«</p> - -<p>Sie hatten ihre Arme fest ineinandergelegt und wanderten -zurück bis in jenen Tag, an dem sie einander im Apfelgarten -zum ersten Male begegnet waren. Und sahen ihr Leben an. Es -stand vor ihnen wie in der Kristallkugel der Buschgroßmutter.</p> - -<p>Davon sprachen sie nun. Jockele kannte dies schöne Märchen -von Tante Veronika. Er hatte es lange, lange nicht mehr -erzählt – zuletzt wohl droben im Hardanger Fjord am Herdfeuer. -Da hatten sie alle zugehört, und Gwendolin hatte -gesagt: »Paßt auf, wir erleben es doch noch, daß aus dem -Naturforscher der Dichter wird.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p> - -<p>Durch das grüne Dämmerlicht unter den hohen Bäumen -sah Jockele die Bilder in der Kristallkugel aufgehen und -merkte gar nicht, daß er zu atmen vergaß – genau wie damals, -als ihn die Tante Veronika zum ersten Male vor das Haus -der Buschgroßmutter geführt hatte. Es war ein Novemberabend -gewesen, und der Bergwind lief ums Haus und sang. -Als ihn das Mädchen Mali dann zu Bett brachte, hatte er -zu ihr gesagt: »Wenn es wieder Frühling ist, wollen wir -die Buschgroßmutter besuchen. Ich nehme meinen Schirm -und fort geht's!« – »Na ja,« hatte ihn die Mali vertröstet, -»vielleicht im Frühling. Aber das Gebirge der Riesen ist -schwer zu besteigen, und die Riesen sind auch keine netten -Leute.« Dies Zwiegespräch hatte Mali der Tante Veronika -berichtet; denn das sollte sie. Und Fräulein Sinsheimer -sagte: »Sooo! Dann müssen wir das in den nächsten Tagen -reparieren; denn fürchten darf er sich nicht.« – »Überhaupt -diese Schauergeschichten …,« warf Mali ein. »O, die sind -herrlich,« behauptete Tante Veronika. »Ich besitze gar nichts -Schöneres, was ich in den Jungen hineinspeichern könnte; aber -ich habe es wohl nicht richtig gemacht.« Und gleich am nächsten -Abend erzählte sie wieder. Das Mädchen Mali durfte -zuhören, und es war so schauerlich, daß sie ganz heimlich die -Füße unter ihren Sitz zog, weil sie merkte: die große Kreuzspinne -spann sie ein, die sich die Buschgroßmutter als Haustier -hielt. Dem Zigeunerbuben aber legten sich die blanken -Fäden dieser Phantasien schimmernd um das Herz.</p> - -<p>Wie viele Jahre waren seitdem vergangen! Und nun stand -ein Mann vor der Kristallkugel der Hexe im Baumgarten -am Horn, sah die Bilder seines Lebens darin und sagte: -»Es ist gar kein Märchen!«</p> - -<p>Nein, es war das Leben! Und der Sinn der Rede, daß -es ein Aber habe mit Männern, in deren Leben die Frauen<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -nicht eine ungeheure Rolle spielen, ging ihm erst auf in dieser -Stunde. Vor anderthalb Jahren an der Hochzeitstafel hatte -er das so hinausgeschmettert aus seinem ungestümen Herzen. -Es war nicht darin gewachsen. Darum hatte er es auch in -seiner Art verstanden – nicht so wie die ältere Dame, die -»O« sagte, aber auch nicht viel tiefer als die anderen. Freilich -hatte er hinzugesetzt: »Was mich betrifft, so werde ich mich -in die Sonne meiner Frau stellen, wie sich die Erde stellt in -das Licht des Frühlingshimmels.« Nun ja, das hatte einen -ergebungsvollen Klang gehabt und war auch vorsatzfroh -gewesen. Aber man kennt das; und beides war nicht ungewöhnlich -für einen jungen Hochzeiter, dem das Zigeunertum -nur so aus den Augen blühte. Aber verstanden? Verstanden -hatte er es nach seiner Kraft, und etwa wie Hanna -von Fellner, die daraufhin mit ihm wettete.</p> - -<p>Daran dachten sie nun. Und sie wußten: Hanna hatte die -Wette verloren! Jockele war ein Mann geworden mit allen -Erkenntnissen. Und es kam eine Allgewalt über ihn – da -faßte er Do an den Hüften und hob sie empor und schmetterte -einen Jauchzer über sie. Als sie wieder auf der Erde stand, -preßte sie die Hände an die Schläfen, denn seine Wildheit -brauste ihr durch die Adern. Er aber sagte ganz fromm zu -ihr: »Du liebe Wundertäterin!«</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Als es wieder Frühling wurde, ging Heidi im Rasen auf -wie eine Tulpe. Sie trippelte von einer Blume zur -anderen und trank die blühenden Wunder der Erde in ihre -Augen. Jockele dachte: »Wenn sie im nächsten Jahre kommen, -kann ich ihr die schöne Geschichte von der Buschgroßmutter -erzählen.« Es war ein ungeduldiges Warten in ihm – er -wollte auch sein Teil an der Kleinen haben. Und die verfallende -Hütte der Buschgroßmutter stand in seinem Herzen<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -noch genau so, wie sie die Tante Veronika darin aufgebaut -hatte. Sogar der Waldkauz brütete noch über dem Türpfosten, -und kein Sturm, der in den Jahren durch Jockele -gebraust war, hatte das Spinnennetz zerrissen, das vor dem -windschiefen Fenster hing: die dicke Spinne mit dem blanken -Kreuz auf dem Rücken lauerte noch darin – genau wie -damals.</p> -</div> - -<p>Ach, vieles, vieles, wovon sich die Erziehungsfreude der -Tante Veronika Wunder versprochen hatte, war verflogen -– dachte er. Aber die verstaubteste, hübscheste und geheimnisvollste -Hexenhütte, die je ein Märchenmund gedichtet hatte, -die war stehengeblieben. Und die wollte Jockele seinem Frühlingskinde -mitten hineinbauen ins Herz; denn wie Papa sollte -Heidi in jeder Woche einmal darin einziehen und ihr Zauberglück -finden, weil es so wunderschön war.</p> - -<p>Um diese Zeit begann er, für Heidi zu dichten: kleine -Blumen, kleine Blätter, die er über sie warf und die sie mit -ihrem jauchzenden Herzlein fing. Dazwischen führte er sein -Werk über die Flechten nun doch zur Vollendung. Er reiste -an die Hochmoore des Erzgebirges und Bayerns; er durchwanderte -die Schründe der Sächsischen Schweiz, wo die -Flechten um die Felsenzinnen blühen. Das Riesengebirge -lag noch zu tief in den Jahren, und er fühlte, wie er der -Naturwissenschaft aus den Händen wuchs. Alles drängte -in ihm nach einem Abschluß; denn der hatte noch gut Platz -in der Zeit, in der der Dichter in ihm nicht ganz daheim war.</p> - -<p>Wie alle Dichter, so fing auch dieser mit sich selber an. »Die -halben kommen nie darüber hinaus,« sagte er zu Do; »ich -aber will mich weit dahinten lassen. Es soll nicht etwas Windiges -werden, was ich da schreibe, und nicht ein kärglicher -Abklatsch des Daseins. Es ist Schwachsinn, eine Dichtung -über den Leisten des Lebens zu schlagen. Was soll dann<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span> -weiter daraus werden als ein Schusterwerk? Nein, der Dichter -muß sich den Weltplan vom lieben Gott dazu borgen. So -etwa: ›Gib her, ich werde jetzt einen Roman schreiben und -will darin erschaffen, was du mit der Welt mal vorgehabt -hast; denn ich bin besser daran – mir können die Menschen -mein Werk nicht verpatzen, wie sie es dir täglich tun!‹ Wenn -man von einem Romane nicht sagen kann: er ist ein schönes -Märchen, dann ist er in der Regel miserabel.«</p> - -<p>Das war das erste und letzte, was Jockele über sein Dichten -zu Do und den anderen sagte, bis zu jener Wagenfahrt ins -Riesengebirge. Aber das merkten sie wohl, daß er der Ansicht -war: ein vollkommenes Märchen wäre die wahrhaftigste -und wahrhafteste Dichtung, die sich ersinnen ließe; denn es -steht darin: alle Schöpferweisheit und Teufelslist, alle -Menschenklugheit und Torheit, alle Tücke und Liebe – und -das eindringlichste und beredteste Weltbild ist fertig. »Laß dir -nicht in deinem Leben und Dichten herumwühlen von den -Menschen!« sagte er.</p> - -<p>»Mich deucht, das wäre ein gutes Nachtgebet,« sagte Salzer.</p> - -<p>»Ja – für alle; aber zumeist für die Dichter.«</p> - -<p>So schwang sich aus den Frühlingswiesen des Lebens -alles in die Bahnen, auf denen es dereinst schön und kraftvoll -zu den Höhen des Daseins gelangen sollte. Aber stetig und -unwandelbar in den wandelnden Jahren blieben Dos und -ihres Mannes Herz: das eine in seinem stillen klaren Licht -– und war ein Segen für und für; das andere in seinem -weltseligen Zigeunertum: ewig unrastig und voll stolzer -Träume, dabei immer bedacht auf die ruhevolle Breite des -Lebens – und doch ohne Sturm; stets voller Blüten und -voll der fröhlichen Weisheit des Glücks. »Es ist das Erbgut -der Männer meines Volks,« sagte Jockele, »als Könige der -Pußta tragen sie den Himmel in den Augen, und von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span> -Golde der Sterne – den fliegenden Tropfen des großen -Weltenozeans – ist ein Glanz in unsere Herzen gespritzt.«</p> - -<p>Gwendolin lächelte über diese Worte dahin. »Es scheint, den -Pußtawanderer Adalbert Stifter trägst du stets auf der Brust.«</p> - -<p>»Nein, mitten darin,« bekannte er.</p> - -<p>Aber Gwendolins Rede war nicht mehr frei wie einst. In -ihren Augen lag nicht mehr die stürmende Fülle. Und in -den Klang ihrer Stimme fand sich die Wehmut.</p> - -<p>In einer Juninacht saßen die drei Frauen und Jockele -im Garten, unter der Ulme, und tranken Erdbeerbowle. -Der Mond kämpfte sich blutrot hinter den Büschen herauf. -Heuduft schwebte von den Parkwiesen hoch. Da erhob Gwendolin -ihr Glas gegen den Mond und sagte: »Noch eine halbe -Stunde, du lieber Nachtgesell, dann hast du gesiegt in deinem -dumpfen Kampfe gegen den Dunst der Tiefe! Wo bleibe -aber ich?«</p> - -<p>»Unbegreiflich,« sagte Kordula, »wer hätte gedacht, daß -eine Zeit käme, in der du zag würdest vor dem Leben? Du!«</p> - -<p>»Es wundert mich gar nicht,« sagte Do, »Gwendolin ist -eine von jenen, die mit siebzehn Jahren heiraten müssen. -Es ist nun nicht leicht, ihr Mann zu sein.«</p> - -<p>»Ihr habt beide gut reden,« sagte Gwendolin bitter, »du -und Kordula.«</p> - -<p>»Halt,« gebot Jockele, »ich arbeite nur noch nebenher in Flechten, -Menschenherzen sind mir wertvoller, und Do sagt, von -Frauen hätte ich keine Ahnung. Aber vielleicht von der Ehe?«</p> - -<p>»Erst recht nicht,« behauptete Gwendolin, »denn du bist -eines jener Hätschelkinder des Schicksals: laufe nur mit weit -offenen Händen durchs Leben – es fällt immer etwas Herrliches -hinein!«</p> - -<p>Nun, Jockele war diese Rede von den Menschen gewöhnt; -sie wächst wild um alle Zäune. Ernst nahm er sie nicht. Da<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span> -sie nun aber von Gwendolin kam, wurde er steil und blies -zur Schlacht. »Du, seit wann bist du ungerecht?«</p> - -<p>»Ich habe wohl schon an meinem Verstande gelitten,« -bekannte sie.</p> - -<p>»Du bist auch ungerecht gegen dich selber,« sagte er, »denn -Kämpfer sind wir alle beide – nicht so: ›Mensch sein, heißt -Kämpfer sein‹ … sondern: wir zwei haben unser Lebtag -weit weg gestanden vom Durchschnitt – auch mit unserem -Kampfe. Weiß Gott, es war ein steinichter Weg in den -Tartarus und von da auf den Berg der Seligkeiten! Dann -hab' ich den Berg mit dem Grabscheit zerhauen; dann hab' -ich – na, ich hab' etliches fertiggebracht in meinem Leben. -Aber freilich: an den Laden hab' ich mich dazu nicht gelegt, -und der Welt in die Ohren geschrien hab' ich's nicht: ›Seht -mal her, solch ein Kerl bin ich nun!‹ Zuletzt – das darf man -wohl sagen: das Leben hat es gut gemeint mit mir. Aber -etwa deswegen, weil ich ihm ein lammfrommer Zuschauer -gewesen wäre?«</p> - -<p>»War das bei mir anders?« fragte Gwendolin. Die Wehmut -war weg. Es klang herausfordernd, es klang unzufrieden.</p> - -<p>»Nein. Salzer hat einmal gesagt: ›Die Gwendolin Vogelgesang -ist der weibliche Jakobus Sinsheimer.‹ Recht hat er. -Aber nun, da du davorstehst, dir das Ehrendoktorat fürs -Leben zu erwerben, liebe Gwendolin, nun kneifst du.«</p> - -<p>Gwendolin lachte bitter und jäh auf.</p> - -<p>»Ach papperlapapp!« rief Jockele. »Mit einem Munde -voll Hohn schnellst du mir diesmal nicht aus den Händen!«</p> - -<p>»Du hast ja keine Ahnung von der Ehe,« sagte Gwendolin.</p> - -<p>»Nun, so ist mir das Talent, für und in Do zu leben, wahrscheinlich -im Bergwald eingeboren worden,« sagte er ärgerlich. -»Nein, liebste Gwendolin, ich habe mich gehörig in diese<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span> -Sonne finden müssen! Und das will ich dir auch verraten: -sie war im Vorfrühlinge mitunter eklig frostig – man konnte -sich das Herz daran erfrieren bei all dem hellen Scheinen. -– Warum hast du Erich Meyer nicht geheiratet?«</p> - -<p>»Er ist mir zu sacht.«</p> - -<p>»Warum hast du mich nicht genommen?«</p> - -<p>»Du warst mir damals zu jung.«</p> - -<p>»Mir war er nicht zu jung,« sagte Do sehr ernsthaft.</p> - -<p>»Warum hast du Toften gehen heißen?«</p> - -<p>»Er springt immer hin und her zwischen Himmel und Hölle.«</p> - -<p>»Und James King und John Williams?«</p> - -<p>»<em class="antiqua">They are Englishmen.</em>«</p> - -<p>»Und den Grafen Metting?«</p> - -<p>»Den hätt' ich beinahe genommen.«</p> - -<p>»Wenn ich nicht dazwischengekommen wäre,« sagte Do.</p> - -<p>»Und wenn er kein Windhund gewesen wäre,« ergänzte -Jockele. »Wie sagte Gwendolin Vogelgesang? ›Die Ehe ist -eine verdammte Kunst.‹ Meine Finger langen nicht mehr zu, -dir herzuzählen, was du an jedem auszusetzen hattest. Du -hättest auch zu keinem gepaßt.«</p> - -<p>»Na also!«</p> - -<p>»Aber Richard Schaffrath …«</p> - -<p>»Es scheint, den hab' ich mir vorbehalten, meiner Dummheit -die Krone damit aufzusetzen. O!«</p> - -<p>Im Märchenhause wußte man seit langem, daß die Herzen -dieser beiden hochgemuten Menschen Miene machten, in Trotz -und Selbstherrlichkeit Wege zu laufen, die sie voneinander -fortführten. Es fehlte in diesem Hause nicht an Verständnis -für die Art beider: die Schuld lag bei Gwendolin, und sie -lag bei Schaffrath. Der war nun Professor geworden. Er -war nicht frei von rücksichtslosem Ehrgeiz, aber er hatte nichts -von einem Streber. Es war eine gesunde und männliche<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -Kraft. Er stand fest auf sich selber, wie Gwendolin auch; -und beide hatten den Sinn zur opferwilligen Zweisamkeit -der Ehe darüber ein wenig verkümmern lassen. Nun, so etwas -wächst in jedem Garten. Aber seit einiger Zeit fanden sie -beide: es wüchse bloß bei ihnen. »Er ist ein Starrkopf und -Egoist,« sagte Gwendolin. »Und sie ist unweiblich und rechthaberisch,« -sagte Schaffrath.</p> - -<p>So war es zwischen ihnen über Winter geworden. Gwendolin -war in den vergangenen vierzehn Tagen in Ibenheim -gewesen. Dann war sie ins Forsthaus am Hörselberg gewandert, -hatte wütig darauflos gemalt und zwischendurch dem -Zinzilein ihr Leid geklagt – nicht kleinmütig, und wohl auch -nicht mit vergiftetem Munde. Aber von dem »brutalen Egoismus -der Männer« war doch mehrfach die Rede gewesen. Die -Tante Veronika mischte sich ein für allemal nicht in derlei -Dinge. Sie sagte: »Davon versteh' ich wohl nicht genug.«</p> - -<p>Das Spiel stand bei den Freunden im Märchenhause, zu -denen auch in diesem Falle Kordula und Erich Meyer und -Professor Salzer gehörten, für Gwendolin und Schaffrath -so, daß man Fehler gegen Fehler aufrechnete. Aber in jener -Nacht unter der Ulme verlor Gwendolin die Partie. Man -rückte auf der ganzen Linie geschlossen gegen sie an. Daran -war das harte Wort von der Dummheit schuld, mit der sie -ihr Leben gekrönt hätte.</p> - -<p>Do sagte: »Wenn man nicht wüßte, daß du jetzt gallig und -ungerecht bist, so würde man dich von nun ab zu jener kläglichen -Sorte von Frauen rechnen, die immer auf dem Sprung -ins Elternhaus sind, wenn ihnen in der Ehe mal eine Katze -über den Weg läuft. Du solltest dich schämen, dieser jammervollen -Art nahezurücken.«</p> - -<p>Gwendolin war betroffen. Die hohe Stehlampe mit dem -pfirsichroten Schirme machte diese Betroffenheit offenbar.<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -Und Kordula sagte: »Mit meinem Mann habe ich wohl wenig -Mühe …«</p> - -<p>»Nun ja, dieser Athlet des Herzens,« warf Gwendolin -aufgewiegelt hin, »der paßt sich in dich wie der Kern in die -Aprikose.«</p> - -<p>Kordula griff dies Bild auf. »Ja, wenn die Aprikose fertig -ist!« Dann sagte sie: »Es war auch für mich nicht so einfach, -und es gab viel Falten und Knitter auszubügeln. Das gehört -nun eben zur Ehe. Warum ist sie ein Vertrag auf Gegenseitigkeit?«</p> - -<p>Darauf sagte Do: »Was könntest du denn dagegen haben, -wenn er dich einfach für die Hauswirtschaft forderte?«</p> - -<p>»Gilt nicht!« höhnte Gwendolin, »daß ich dazu nicht tauge, -wußten wir im vorhinein.«</p> - -<p>»Du sollst dir aber nicht einbilden, du könntest nun mit dem -Malkasten unterm Arm in die Welt ziehen, so oft dir's paßt, -und brauchtest zwei Wochen nicht heimzukommen aus Trotz -und Kindsköpfigkeit, und könntest im Walde herumzigeunern -und warten, ob er dich sucht. Wenn ich dein Mann wäre, -liebe Gwendolin, ich würde sehr viel herzhafter mit dir reden.«</p> - -<p>Gwendolin entschuldigte ihre Waldfahrt. »Na, das war -doch bloß mal eine kleine Flucht zu mir selber.«</p> - -<p>So standen sie mit spitzen Sinnen gegeneinander bis Mitternacht. -Schwere Weisheiten förderten sie nicht zutage, aber -wahr war's doch, was sie sagten. Gwendolin hatte einmal -vorgehabt, der blonden Do in dem Verhältnisse zu ihrem Mann -ähnlich zu werden. Und nun war <em class="gesperrt">das</em> daraus geworden!</p> - -<p>Sie wäre in ihrer Hartmütigkeit am liebsten bis in den -neuen Tag im Baumwinkel sitzengeblieben. Aber Kordula -nahm ihren Arm, und von der Straße aus sahen sie noch -Licht in Richards Zimmer. »Ich bringe dich nach Hause,« -sagte Gwendolin. Da gingen sie ganz langsam unter den<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span> -Sommerbäumen dahin. Das Mondsilber sickerte über sie. -»Hast du denn gewußt, daß du so trotzköpfig bist?« fragte -Kordula.</p> - -<p>»Eigentlich – nein. Hartnäckig war ich stets, aber ich hatte -dazu niemanden als mich.«</p> - -<p>»Dann würde ich mir auch fürderhin an mir selber den -Kopf einrennen,« spottete Kordula, »du hast dich ja damals -ganz gut dabei gestanden. Warum suchst du dir nun deinen -Mann dazu aus?«</p> - -<p>Gwendolin lachte. Aber nur mit einem Auge; denn sie -mußte an Salzers Wort denken: »Er ist ja wohl der nächste -dazu.«</p> - -<p>Endlich kamen sie doch vor das Häuschen in Oberweimar, -und Gwendolin mußte mit sich nach Hause wandern. Sie -schritt mitten auf der mondhellen Parkstraße von Oberweimar -her, kam an Goethes Gartenhause vorüber und stieg die Stufen -beim Euphrosyne-Denkmal herauf, die zwischen dem Märchenhaus -und Schaffraths Wohnung ins Horn münden. Von -den Türmen der Stadt rief es ein Uhr. Richards späte Lampe -brannte noch immer.</p> - -<p>Es war eine schmerzliche Niederlage, die Gwendolin in -dieser Nacht erlitten hatte. Ihr Herz, dies funkelnde, lichtselige -Künstlerherz, war angelaufen wie ein Morgenfenster -von der Oktoberkälte.</p> - -<p>Am Kopfe des Stufenweges lehnte sie sich gegen das -Geländer. Der Schatten einer Ohreule zog über den Mond. -Gwendolin suchte nach einem Licht im Märchenhaus. Es -war keins mehr da. Und die Lampe, die in Richards Zimmer -wachte, war so peinlich beredt! »Warum könnt ihr beide -nicht schlafen?« fragte sie, und: »Stehst du nun nicht da -draußen unter den Sommerbäumen wie eine Abenteurerin?« -Jetzt fingen auch die stillen Fenster des Märchenhauses an<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -zu reden. Es war ein heimliches Flüstern vom Glück … -Man konnte neidisch werden. Sogar aus den Tiefen der -Nacht heraus betörte die Sonne von dort her das Herz! -Waren denn Frau Do und Jockele nicht auch aus dem Edelstahle, -der stets wieder zu seiner blanken Geradheit zurückschnellte, -wenn man ihn bog? Zu allem war Do noch zwei -Jahre älter als ihr Mann – und es ging doch? War nun -dort die Weisheit, von der Henrik Tofte gesagt hatte: sie allein -brächte das Wunder einer Blüte zur Entfaltung? Aber im -Zwielicht des Durchschnitts oder des Narrentums kümmere -dies Wunder? …</p> - -<p>Es war eine heilsame Einkehr, die Gwendolin der blonden -Do dankte. Dann ging sie den Gartenweg zwischen den Hecken -entlang und trat in ihr Haus. Als sie im ersten Stock am -Zimmer ihres Mannes vorüberkam, blieb sie nicht stehen; -sie ging auch mit ihrem herausfordernden Schritt und legte -den Hut ab und das Schultertuch. Aber dann kam sie doch -zurück, trat in Richards Zimmer und setzte sich in den Lehnstuhl, -der gleich links neben der Tür stand. Eigentlich wollte -sie etwas sagen. Aber nun ging das nicht. Das Wort vertrocknete -ihr auf den Lippen. Und man kann sich doch auch -das Herz nicht zerbrechen wegen eines Wortes. Also!</p> - -<p>Schaffrath saß am Schreibtisch und hatte den Kopf in die -Hand gestützt. Die kleine Lampe mit dem roten Schirme -stand links vor ihm. Und wenn man ihn so von rückwärts -betrachtete, war er in das rote Licht gemeißelt wie ein Riese -aus schwarzem Gestein. Eigentlich wollte er etwas sagen. -Aber es ging nicht. Man kann sich doch das Herz nicht zerbrechen -wegen eines Wortes.</p> - -<p>So saßen sie eine Weile. Die Zeit lief zwischen ihnen dahin -– mit jedem Pendelschlag der Standuhr tat sie einen Schritt -– ein unsichtbares Gespenst. Einmal zog Gwendolin den<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span> -Atem ein; es war, als fiel ein Tropfen auf eine heiße Herdplatte. -Da stand Schaffrath auf, hob die Lampe hoch und -leuchtete damit gegen die trotzige verführerische Frau. Sie -sah ihn mit versteinten Augen an.</p> - -<p>»Es ist mit dir immer das gleiche,« sagte er und stellte die -Lampe auf den Schreibtisch. Dann schritt er hin und her, -und sein Gang ward heftiger, wie eines Mannes, der gegen -den Sturm läuft. Und dann barst die gefesselte Stille, und -seine machtvolle Stimme gewitterte dahin über beide. »Bilde -dir nicht ein, daß das sieben Jahre zu tragen wäre! Es ist -ein klägliches Leben, und es geht darüber alles in die Brüche: -unsere Freundschaften, unser Ruf, unser Werk und wir selber. -Vier Wochen war es ein Schäferspiel, vier Wochen war es -eine Komödie, seit vier Monaten ist es ein Trutzspiel, und -nun wird gleich eine Tragödie daraus. – Wo bist du heute -abend gewesen?« Sie schwieg. »Es ist gut, daß du dich -scheust, es zu gestehen! Das heißt, Sinsheimers wissen längst, -wie es um uns steht. Sie haben es seit vier Monaten gewußt. -Aber sie sind still gewesen aus Mitleid. Aus Mitleid! Verstehst -du, was das sagen will?«</p> - -<p>Über diesem Worte wand sich Gwendolin in ihrem Stuhl. -»Nicht aus Mitleid! Ich glaube, es ist noch ärger. Vielleicht -ist es auch schon Verachtung. Sie sagen: es fehlt uns an -gutem Willen.«</p> - -<p>»Dir!« schrie er.</p> - -<p>»Natürlich,« höhnte sie, »immer mir!«</p> - -<p>Da rückte er seinen Schreibsessel in die Mitte des Zimmers -und schaltete das Deckenlicht ein und warf sich in den Stuhl. -Gwendolin aber war aufgesprungen und lief vor der Türwand -hin und her.</p> - -<p>»Es liegt doch an dir, Richard! Hast du in den letzten vier -Monaten einmal um mich geworben wie jetzt?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span></p> - -<p>»Werben nennst du das?«</p> - -<p>Nun mußte sie doch ein wenig lachen. »Jawohl – werben! -Vier Monate hast du gebraucht zu diesem erlösenden Wetter! … -Es hätte sich wohl auch anders denken lassen. Aber es war -doch mal ein Losbruch, es war ein Zerdonnern dieser grauenhaften -Verschlossenheit. Du hast dann alle Fenster an dir -verhängt, und es ist mir nicht gegeben, da einen Einschlupf -zu suchen. Ich habe mit mir selber genug zu tun.«</p> - -<p>»Es ist so meine Art,« sagte er. »Ich brauche vier Wochen, -ich brauch' ein Vierteljahr lang mit keinem Menschen zu -reden, weder von Leid noch von Liebe.«</p> - -<p>»So rede wenigstens mit deiner Frau. Aber du sitzt dann -im Haus und im Leben als ein steinerner Gast. Es ist zum -Verzweifeln. Und am Ende versteinere ich auch.«</p> - -<p>»Jawohl, an deinem schlimmen und trotzigen Willen!«</p> - -<p>»Nein, Richard, nein, ich bin ein Weib und bin gewöhnt, -umworben zu werden im Guten und Bösen. Meinetwegen -donnere durch die Tage; das ist mir ganz egal … oder: -es ist mir lieber, als wenn du dich zumauerst mit dieser -wortlosen Kargheit. Damit weiß ich nichts anzufangen. -Und dann lauf' ich fort und mach' es wie in der anderen -Zeit, in der ich glücklich gewesen bin mit mir selber und -hell und aufgetan …«</p> - -<p>Da lief sie hinaus. Es sah aus, als wollte sie nun den -Hut nehmen und das rettende Malzeug und hinfliehen in -die Nacht. Aber das tat sie nicht; sondern sie ging mit ihren -heißen und trockenen Augen in das Schlafzimmer. Sie hatte -ihm alles gesagt, was ihr Herz in dieser jähen Stunde hergeben -mochte. Es war nicht über ihre Kraft gegangen, wie -damals im Märchenhaus, als sie sich ausweinend über das -Bett warf, aber sie dachte: was sie ihm gesagt hätte, wäre -viel mehr gewesen, als sie sich je zugemutet hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p> - -<p>So war nun dies lichte klingende Herz: es mußte durchaus -umworben werden, wenn es blühen sollte. Und so war es -mit ihm gewesen seit den frühesten Mädchentagen. Zehn -Jahre hatte sie es so mit diesem Herzen gehalten; denn es -war eine große Gefahr für sie. Viele Mädchen haben solche -Herzen und nehmen sie nicht in acht und kommen darüber -von sich selber und von allem tapferen Willen für ein gutes -und züchtiges Leben. Vor Gott und der Welt hatte sich -Gwendolin nicht gefürchtet, seit sie sich verstand; aber vor -ihrem Herzen war ihr bange gewesen. Nun war das so geworden; -und als ihr Mann wartete, daß sie es ihm wie einen -goldenen Ball zuwerfen sollte, konnte sie es nicht; denn dies -Spiel hatte sie dereinst mit aller Kraft und Selbstzucht verlernen -müssen.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">»Vielleicht hätten wir mit der Aussprache von gestern abend -nicht so lange warten sollen,« sagte Jockele am anderen -Morgen zu seiner Frau.</p> -</div> - -<p>»Wir sind viel zu nachsichtig mit ihnen gewesen,« sagte -sie, »wir haben uns in diese Angelegenheiten gar nicht zu -mischen – darum haben wir auch nicht zu lange gewartet. -Ich weiß recht wohl, woran sie beide leiden. Deshalb weiß -ich auch, wir hätten uns auf derlei Auseinandersetzungen -gar nicht einlassen sollen. Aber dazu haben wir ein Recht – ich -will zu ihr sagen: Ihr zwei haltet es miteinander wie ihr -es für gut findet; in unser Haus könnt ihr jedoch nur kommen, -wenn ihr in dies Haus paßt.«</p> - -<p>»Es ist wieder mal eklig kalt,« spottete Jockele.</p> - -<p>»Ach nein,« sagte sie, »du hältst dein Herz nur immer in -den Händen wie ein großes Licht und möchtest alle Finsternis -der Welt damit hell machen. Trösten und Ehen flicken, -liebster Jo, das sind zwei Dinge, mit denen schwer hantieren<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span> -ist. Ich traue mir weder das eine zu noch das andere. Wenn -du ihnen Moral predigen willst, so ist das deine Sache. Für -mich gibt es in diesem Falle nur einen Weg: ich lasse in -meine lichte Burg keine Narrheit von draußen hereinbrechen.«</p> - -<p>Dagegen gab es kein Eifern. Und es war wohl auch in -der Ordnung; denn die Moral hatte den beiden im Nachbarhause -der Herr Professor Salzer schon zur Genüge gepaukt. -Aber er hatte es aufgegeben. Nun hatte Schaffrath das -Empfinden: es gehen über unserer Ehe zuerst unsere Freundschaften -in die Brüche. Und daraus folgerte er: man gab -die Schuld beiden, sonst hätte man sich ja auf seine oder auf -die Seite Gwendolins schlagen können. – Vor allem aber -hatte Herr Salzer ihnen gegenüber einen schweren Stand; -denn beide sagten zu ihm: »Sie mögen ja ein ganz guter -Literarhistoriker sein, aber von einer Ehe verstehen Sie nicht -das geringste.« Da hatte er's.</p> - -<p>Schaffrath aber und auch Gwendolin wurden sehr nachdenklich -an sich selber.</p> - -<p>Um Herrn Salzer war es mit einem Male recht einsam -geworden, schauerlich spätherbstlich, mitten im Sommer. -Sein Turm gefiel ihm nicht mehr halb so gut. Das vornehme -Mahl, das er im »Erbprinzen« zu halten pflegte, erfüllte -alle Ansprüche des Feinschmeckers – aber es mundete -ihm nicht mehr recht. Mit der Literatur war das auch solch -eine Sache – man brauchte dazu nicht unbedingt auf einem -Turme zu wohnen. Kurz: Herr Salzer hatte einmal wieder -das dringende Bedürfnis, sein Glück aufzubügeln. Er kleidete -sich unerhört vornehm. Er kaufte sich einen grauen Zylinderhut -wie der Stadtrat Schniedewind. Er trug Schuhe mit -einem Einsatz vom Stoffe seiner Kleider – nun, einen Zigeuner -oder gelehrten Tropf hatte man seinem äußeren -Menschen nie angesehen. Und so furchtbar wichtig vermochte<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span> -er diesen selbst nicht zu nehmen, nicht einmal jetzt; darum -merkte er nach acht Tagen: auch das war kein Heilmittel -für das geheimnisvolle Leiden. Er verfiel sogar auf den -verrückten Gedanken, es wäre das Alter. Achtundfünfzig! -Lieber Himmel, vor einem halben Jahre war er noch ein -leibhaftiger Jüngling gewesen an seinem Herzen! Und nun -wollte dies Herz über Nacht misepeterig geworden sein? -Aber dennoch – er rüstete sich mit der Ergebung des wahrhaft -Weisen und bildete sich drei Tage lang ein, er wäre ein alter -Mann.</p> - -<p>Und merkwürdig: die einhundertneununddreißig Stufen -im Turm waren auf einmal erstaunlich schwer zu steigen. Am -dritten Tage pustete er sich schon hörbar empor und rechnete -aus: in vier Wochen könnte er sich die Welt überhaupt nur -noch aus der Herrgottsperspektive betrachten. Peinlich, höchst -peinlich! Und gerade jetzt hatte er Lust, mal durch einen -Wald zu spazieren, den Gehstock zwischen den Fingern zu -drehen wie ein Windrädchen und dabei vergnügt vor sich hin -zu trudeln »Freut euch des Lebens«!</p> - -<p>»Das Alter muß ich mir wieder abgewöhnen,« sagte er, -»es ist unlustig. Ich muß mir überhaupt mein ganzes bisheriges -Leben abgewöhnen. Zum Beispiel wäre es doch -gar nicht übel …«</p> - -<p>Er dachte an den schönen Buchenwald bei Ibenheim. Dort -hinauf brauchte man keine hundertneununddreißig Stufen -zu klettern …</p> - -<p>Nein, übel wäre das ganz und gar nicht! Aber wenn man -in das Haus der Tante Veronika ziehen wollte, so, so für -immer, da mußte man zunächst mit Tante Veronika darüber -reden. Das war schon wieder ein Stein des Anstoßes, gleich -am Anfange des neuen Wegs. Seit jenen Septembertagen -war er viermal zu Gast im Frühlingshause gewesen. Zuerst<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -hatte er gesagt: es wäre der schöne Buchenwald, der ihn -lockte, und die Stille auf dem Hügel, und die Champagnerluft, -die so in die Lungen prickelte. Und später hatte er gemeint: -es wäre doch ein herrliches Vergnügen, das Erwachen -des Jahres so gleichsam aus der Hand des Weltenschöpfers -heraus zu genießen. Und zuletzt? Da hatte er die Tante -Veronika ganz vergnügt angeguckt: »Warum haben wir uns -nicht ein Dutzend Jahre früher kennengelernt?«</p> - -<p>Natürlich, die Tante Veronika verstand das vollkommen -richtig, aber in ein silbernes Mädchenlachen verfiel sie doch; -denn Tante Veronika war nun Siebzig!</p> - -<p>Nein, nein, an Hochzeit dachte Herr Salzer nicht. Aber die -blanken Augen taten ihm wohl wie der Mai; und wenn die -leisen weißen Hände einmal etwas an ihm zurechtzurücken -hatten, hielt er sehr stille – ganz gegen seine Art. Es war -so feiertäglich um diese klare alte Dame – es war mit einem -Worte: außerordentlich.</p> - -<p>Darum packte er seine Koffer und fuhr nach Ibenheim. -»Hallo! Sie müssen mich mal in die Kur nehmen, liebste -Tante Veronika,« sagte er und schüttelte ihr die Hände, als -wollt' er mit ihr zum Tanz antreten, »jawohl, in die Kur; -denn sonst steh' ich für nichts!«</p> - -<p>Nach einer halben Stunde kam er aus dem Gaststübchen -wieder herunter. Die eine Ledertasche hatte er dem Mädchen -Mali anvertraut. Es waren darin Schildkrötensuppen in -Büchsen, Kaviar, Spickaal, allerhand Pasteten, gezuckerte -Früchte … es war eine Sammlung, die dem Herrn Salzer -Ehre machte. »Es ist aber noch nicht alles,« sagte er geheimnisvoll, -»das hab' ich nur so im Abreisen aufgerafft. Der -Wein kommt aus dem ›Erbprinzen‹ und kommt von Krehan, -eine ganze Kiste,« flüsterte er und sah das alte Mädchen dabei -an … tja, der Herr Salzer! Und ein Kochbuch hatte er ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -auch mitgebracht. Damit sie das aber nicht übelnähme, -überreichte er ihr dazu ein Hausstandsportemonnaie, natürlich -gefüllt. »Sehen Sie, das da, in dieser Abteilung, ist ganz -allein für Sie.« Es war gut und reichlich … tja, der Herr -Salzer!</p> - -<p>Die Tante Veronika geriet an dem neuen Mietsherrn in -herzenshelles Vergnügen. Und der Herr Professor merkte -ihr an, wie es ihr ums Herz war. »Hähähä,« lachte er, »ich -weiß alles: die Schwelle des Frühlingshauses ästimieren Sie -als die reinste Fundgrube für Buben – erst war es ein -kleiner, nun ist es ein alter Junge, den Ihnen der Wind -hergeweht hat, hähähä.«</p> - -<p>Aber – und das ist die Hauptsache – die beiden Leutchen -erschmunzelten sich darüber eine blühende Daseinsfreude. -Das ist ein rares Gewächs auf den höchsten Höhen des Lebens, -und es gibt keins, das köstlicher wäre. So schlossen sie einen -Vertrag, der kaum zwischen ihnen besprochen und der jedenfalls -nie geschrieben wurde: sie wollten sich gegenseitig in -unwandelbarer Glückseligkeit hinauspflegen aus den grünen -Gärten der Erde in die blauen Weiten des Himmels. Fräulein -Sinsheimer dachte, nun würde sie das Häuschen am -Walde nicht mehr verlassen, bis sie die Sternenreise anträte, -die auch fröhlich werden sollte; denn an frohmütiger Weisheit -schüttete das Leben in ihr Herz, was nur hineingehen wollte. -Aber einmal zog sie doch noch hinüber ins Märchenhaus. -Das war aber viel später. Ach ja, die Funkelwiesen, auf denen -die Engel spazieren, mußten lange warten, ehe man im -Frühlingshause die Wanderschuhe schnürte …</p> - -<p>Nach Weimar geriet der Herr Salzer hauptsächlich nur, -wenn es galt, Küche, Keller und Vorratskammer von neuem -auszurüsten. Dies Werk betrieb er fortan mit großem Eifer -und ausgezeichnetem Feinsinn. Tante Veronika schalt immer<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -ein bißchen über den sündhaften Aufwand, den er mit sich -machte, nannte ihn einen Verschwender und behauptete, -sie helfe ihm diese vornehmen Sachen nur essen, weil sie -für ihn allein unbekömmlich wären. Aber schlimm war das -nicht gemeint; denn beim Auspacken waren sie immer zu -dritt und hüpften um die Herrlichkeiten herum wie Kinder -um den Weihnachtsbaum. Es muß auch verraten werden, -daß Fräulein Sinsheimer in dieser Zeit ein ganz kleines -venezianisches Glas besaß. Das war nicht geräumiger als -ein Daumen. Daraus half sie ihrem Freunde mittags und -abends einen Fingerhut voll Wein trinken, oder gar Sekt. -Sie fand, es bekäme ihr ausgezeichnet, und sie schlief danach -wie eine Tulpe im Winter.</p> - -<p>Ja, so trieben sie es. Es war eine Herrlichkeit. Und der -Herr Salzer? So oft es Frühling wurde in der Welt, spazierte -er an den Waldrand, kippte daselbst sein Tintenfaß -um und tat ein Gelöbnis, daß es vor dem ersten November -nicht wieder gefüllt würde; denn er hatte herausgefunden, -Literaturgeschichte im Sommer säure das Herz an.</p> - -<p>»Und zu dieser Entdeckung haben Sie sechzig Jahre gebraucht?« -spottete Tante Veronika.</p> - -<p>»Hm,« machte er. Aber gleich war er wieder vergnügt; -denn er hatte auch herausbekommen, daß er an Frau Do -und ihrem Jockele recht eigentlich zum Leben genesen wäre. -Und doch, von wem sonst hatten jene beiden es gelernt als -von Tante Veronika? Also war Fräulein Sinsheimer für ihn -der Brunnen aller Freude! Die Sache war in schönster -Ordnung, und die Tage flossen in Heiterkeit dahin. Aber -einmal kam ein Ereignis voll herrlicher Allgewalt – das -hieß Henrik Tofte. Es kam nicht in eigener Person, wie -man nach dem Ausdruck »Allgewalt« schließen könnte, sondern -es kam in Gestalt von Zeitungsberichten, und kam aus dem<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span> -Märchenhaus. Aber es wirkte, als stürmte der nordisch blonde -Skalde selber ins Häuschen und wuchtete die oberen Türpfosten -heraus, weil sie zu niedrig waren für sein Hünenmaß …</p> - -<p>Es war in jenem März, in dem Heidi das Frühlingskind -vier Jahr alt wurde.</p> - -<p>Bis dahin war Henrik Tofte für Do und Jo verschollen -gewesen. Das hing auch damit zusammen, daß er Tinte und -Feder für minderwertige Werkzeuge hielt. Zwei Jahre lang -hatte es ausgesehen, als wäre er gestorben. Zwei Jahre? Ach, -noch länger, als Richard Schaffrath brauchte, seine schlanke -Frau Professorin in gründliche Reparatur zu nehmen. Aber -nun war sie wundervoll ausgeputzt, und beide gingen ausgezeichnet. -Schaffrath hatte reden gelernt und werben, wie -sie es gern hatte. Und sie warf ihm ihr funkelhelles Herz zu, -wie er es gern wollte. Aber eigentlich in Weimar war das -nicht so geworden, sondern in Dresden. Dort hatten sie bei -Arnold eine Ausstellung ihrer Bilder, die sie zu bewundertem -Erfolge führte. Beide. Und von der Elbe zogen sie heim -als Hochzeitsreisende und standen in voller Blüte. So blieb -das nun.</p> - -<p>»Und Henrik Tofte?« fragte man im Märchenhause, »habt -ihr nichts von Henrik Tofte gehört?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Ach, Henrik Tofte!« lächelte Kordula Meyer. Merkwürdig -– seitdem das Institut für schwedische Heilgymnastik und -Massage in Rom zu verblüffender Tatsache geworden war, -seitdem konnte Kordula den Namen Henrik Tofte nicht aussprechen -ohne elektrische Zuckungen. Etwa so, als ob sie sagte: -»Kladderadatsch.«</p> - -<p>Zwei Jahre gingen dahin, beinahe drei – Zeit genug, -sich mit dem Gedanken vertraut zu machen: »Henrik Tofte -ist versickert im Staube der großen Stadt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p> - -<p>»Sturmschwalbe du!« sagte Frau Do voller Wehmut. Es -war ihr um diese Fülle von Kraft doch leid.</p> - -<p>»Nun, am Ende wäre durch Rolf Krake etwas zu erfahren?«</p> - -<p>Aber Rolf Krake hatte nicht einmal auf den Brief Dos -geantwortet, den sie damals mit der Madonna in Rosen -gesandt hatte. Er hatte nicht das Bedürfnis gehabt, herüberzurufen -in die Welt der Menschen, und nicht das Bedürfnis, -vom Märchenhause zu hören. Verstürmt – verschollen.</p> - -<p>Einmal – einmal waren zwei Schülerinnen Richard -Schaffraths nach Norwegen gereist. Sie waren an den Hardanger -Fjord gekommen und hatten die Insel der Auferstehung -gesucht und gefunden. Sie waren im Boot um das -Eiland gesegelt. Es hatte in Rosen gestanden, in Rosen. -Eine Wolke von rosa und roten Blüten hatte darübergeweht, -Mauern von Rosen waren rings um die Inselkanten gezogen, -die Dächer des Blockhauses hatten ausgesehen wie Frühlingswiesen -– aber nur der liebe Gott hatte hineinzuschauen vermocht, -Menschen nicht. Die beiden Malerinnen hatten versucht, -vorn an der Stiege zu landen. Da stand es in den -Stein gemeißelt: das Anlegen von Booten und das Betreten -des Eilands wäre verboten! Nane Thord war herausgekommen -und die blonde Marit. Sie hatten beide fremdartig -gelächelt: Herr Krake? O nein, Herr Krake wäre für niemanden -zu sprechen.</p> - -<p>Und dann waren die Mädchen wieder nach Weimar gekommen. -Einen Sommerabend lang erzählten sie unter der -Ulme von der Roseninsel im Hardanger Fjord, und wie sie -mit den spiegelnden Wassern so schön und zauberisch und -traumhaft gewesen wäre. Man hätte zu atmen vergessen, -solange man um dies blühende Wunder glitt …</p> - -<p>Das war das letzte. Auch Rolf Krake war für seine Freunde -verschollen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p> - -<p>»Nun, einmal werden wir ihn zum Leben erwecken,« sagte -Jockele. »Ich weiß eine blonde Frau, die ihn errufen kann.«</p> - -<p>»Vielleicht,« lächelte Do, »aber die blonde Frau will nicht! -Ach, dies kluge einsame Herz versteht keiner besser als sie! -– Rolf Krake ist gar nicht einsam,« sagte sie nach einer Weile, -»für ihn ist das die Fülle des Lebens. Warum soll ich ihn -aus seinem Rosengrab erwecken?«</p> - -<p>Und Henrik Tofte?</p> - -<p>Nun, der Herr Salzer verstand es schon, eine Zeitung zu -lesen! Er saß an dem Fenster nach dem Garten hinaus, vor -dem die »fliegenden Herzen« im Lenzwind schaukelten, und -rückte die Hornbrille wiederholt sehr bedeutend. Tante Veronika -saß an ihrem Nähfenster und hörte ihm zu: Henrik -Tofte war nun nicht mehr das Genie, das dem lieben Gott -aus der Hand gefallen, ehe es ganz fertig geworden war – -war nicht mehr das Genie, in das von allen Gaben des Lichts -und der Finsternis ein wahllos Übermaß hineingepackt worden -war, nein: Henrik Tofte war der größte Maler des Jahrhunderts! -Es stand da: seine Kunst wäre seherhafte Physiognomik, -und er wäre ein aufrichtender und ausgleichender -Deuter aller Dinge. Er war nicht Impressionist, nicht Kubist, -nicht Pleinairist – es war nicht Raum für diesen Gewaltstrom -zwischen Ufern, in denen sich die Wässerlein vom Berge -recht hübsch ausschäumten oder zwischen denen sie recht wacker -funkelten – sondern: seine Kunst wäre das vertiefende -Gleichgewicht zwischen Form und Farbe, stand da zu lesen, -und Henrik Tofte hätte sein Genie an den Alten gestärkt; in -München zum ersten Male hätte er mit Eifer studiert – was -man so nennt – und die skulpturale Abrundung seiner -Figuren, das feinste Farbengefühl für die lebendige Masse -und für die warmen Schwingungen der körperlichen Oberfläche -– all das wäre in dieser Vollkommenheit vor Henrik<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -Tofte ein schöner Malertraum gewesen; in ihm aber wäre -es Erfüllung geworden …</p> - -<p>Das war die kleine Auslese aus dem dicken Stoß Zeitungen. -Herr Salzer gab sie der Tante Veronika zum besten. Bei -manchen der randgefüllten Sätze konnten sie sich viel denken, -bei manchem weniger – was kam zuletzt darauf an? Das -aber wußten sie beide: Henrik Tofte war ein ungeheures -Ereignis geworden – ungeheuer, wie die Manierlosigkeit -seiner Schöpfungen. Riesenflächen von Leinwand hatte er -bemalt mit Leben. Und wer seine Bilder sah, der mußte -empfinden: der das gemacht, hatte die Kraft, Chronik und -Spiegel seiner Zeit zu sein.</p> - -<p>Das war umfassend. Und danach stellten sich die beiden -Alten am Buchenwalde vor, wie das aussähe: Chronik und -Spiegel seiner Zeit.</p> - -<p>»Na, da muß er ja reinweg einen ganzen Himmel bemalt -haben,« sagte Tante Veronika in ihrer bedachtsam-lustigen -Art. Und sie gab damit des berühmten Mannes berühmtem -Werke gleich die nötige Ausdehnung an Fläche. Herr Salzer -hinwiederum sorgte für den Gehalt der Bilder. So betrachteten -sie das Ereignis in ihrem Häuschen am Walde aus -der Ferne; denn man hatte aus der kleinen Stube einen -Rundblick über die Welt – nicht zu sagen! Sie redeten von -Henrik Tofte und seinem Leben; denn auch von diesem Leben -stand in den Zeitungen: von dem Drama, das er einst selber -gedichtet hatte; von seinen Eltern, die arme Webersleute -gewesen; von seiner Lehrzeit als Anstreicher; von seinem -Zwischenspiel als Zirkusclown; und von seinem Erlebnis mit -King, Williams und Watson. Jawohl, Watson – und das -war ein feines Kapitel! Sie redeten von der Löwenballade -und von der Zugspitzpartie des Mister Johnny und vom alten -Käse … es war nichts unwichtig auf der Bahn dieser neuen<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span> -Sonne. Und sie redeten von der Frage: wo sie augenblicklich -kreise. Die Zeitungen wußten es nicht und rieten.</p> - -<p>Danach schrieb Herr Salzer den Ertrag seiner Kunstbetrachtung -mit Veronika in einem langen Brief an die Leute -vom Märchenhaus. Und darunter schrieben sie: »Der Hügelmann -und die Hügelfrau.« Und diese Namen verblieben den -beiden Menschen für den fröhlichen Rest ihres Lebens.</p> - -<p>Nachschrift: »Wo ist Henrik Tofte? Wißt ihr es nicht?« -»Nein.«</p> - -<p>Sein Ruhm war nicht über Nacht gekommen. Schon lange -hatte er kleine Ringe geschlagen auf dem stillen Wasser seines -Lebens. Tofte verkaufte ein Bild, wenn er Geld brauchte. -Dann wurden die Leiter der großen und staatlichen Sammlungen -auf ihn aufmerksam. Er verkaufte. Aber er blieb in -der Stille seiner Werkstatt. Die Freunde vom Zigeunerbummel -vergaßen ihn; die Helden der Löwenballade wurden -berühmt oder verkamen – Tofte wußte es kaum. Er hatte -keine Zeit. Denn was er erkannte, maß er, und es maß drei -Jahre … Drei Jahre?</p> - -<p>»Wo ist Henrik Tofte, wißt ihr es nicht?« fragten die Leute -vom Märchenhaus Richard Schaffrath und seine Frau. »Nein.«</p> - -<p>Die Ringe, die seine Würfe zogen, wurden größer. Immer -mehr malte er und staffelte seine Werke vor die Wände seiner -Wohnung. Er trachtete nicht nach Verkauf; denn er wußte: -wenn er Geld hatte, mußte er dies Geld umbringen – und -seine Frist maß drei Jahre!</p> - -<p>Nach einigen Wochen erzählte eine Zeitung, Henrik Tofte -wäre in Rom. Eine andere wußte es besser: er wäre in einer -einsamen Alpenklause zwischen grünen Sommermatten, um -seinen Augen Ruhe zu gönnen. Eine dritte sagte gar: er -hätte in jungen Jahren zu rasch gelebt und wäre in einer -Nervenheilanstalt. Eine vierte meinte, sie hätte den Stein<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -der Weisen gefunden: Henrik Tofte hätte die große Ausstellung -im Münchener Glaspalaste noch geordnet, die drei -Säle füllte, und dann wäre er geflohen vor den Bedrängnissen -seines riesenwüchsigen Ruhms …</p> - -<p>Sie wußten es alle nicht. Henrik Tofte saß in der Augenklinik -des Doktors Pagenstecher in Wiesbaden. Saß in einem -halbfinsteren Raume. Trug einen grünen Schirm auf der -Stirn. Und ward blind. Ganz langsam fiel Finsternis in -die hellen Brunnen seiner Augen. Ein Himmelswunder war -das Licht für sie gewesen. An diesem Himmelswunder hatten -sie sich zersehen. Noch war es nicht Nacht. Aber Henrik Tofte -hatte gemalt bis in die späte Dämmerung. Und nun saß er -in dem halben Düster seiner Krankenstube und sagte: »Doktor, -warum fürchten Sie sich vor dem letzten Worte? Wissen Sie -nicht, daß mir mein Freund, das Schicksal, dies letzte Wort -schon im Garten des Märchenhauses von Weimar verraten -hat, zu dem Sie nun nicht den Mut aufbringen? Wissen Sie -nicht, daß in jenem Märchenhaus ein Vorhang von meinem -ganzen rückwärtigen Leben dahinsank und daß ich von Stund -an in dies Leben blicken konnte, solang ich es gelebt hatte, -und daß ich erkannte: in meinen <em class="gesperrt">Augen</em> liegt die Lösung des -wunderlichen Rätsels, das Henrik Tofte heißt? O, ich bin -nicht traurig, Doktor! Es haben sich alle Wunder der Erde -und des Himmels in diesen hellen Brunnen gespiegelt in -unerhörtem Glanze. Nun steh' ich dort, wo die Millionen -der anderen stehen – was ist dabei traurig zu sein? Drei -Jahre, oder sagen Sie: an jedem Tag, an dem ich malte, -war ich begnadet wie keiner der Menschen. Soll ich nun -traurig sein? Ich habe mein Werk getan, und, weiß Gott, -ich war ein frommer und getreuer Knecht – mögen's die -Menschen glauben oder nicht! Warum sitz' ich hier und lasse -mir vorreden, ich sei krank?« Henrik Tofte war aufgestanden;<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -er riß den Schirm von der Stirn und schritt nach den dunkelblauen -Vorhängen der Fenster und riß sie zurück. »Noch find' -ich den Weg heim,« sagte er, »so lassen Sie mich gehen!«</p> - -<p>In jenem Mai war das, in dem Heidi das Frühlingskind -vier Jahre alt wurde.</p> - -<p>Er reiste nordwärts und reiste in der Nacht. Des Tages -schlief er in einem Gasthaus. Mit der Nacht zog er wieder -aus. Am vierten Morgen kam er in den Hardanger Fjord. -Da scheute er das Licht nicht mehr. An jener Haltestelle, -wo der Arm nach Elde gegen Norden abzweigt, kannte man -ihn. Er erzählte den Schiffern, wie es mit ihm wäre, lieh -sich ein Boot, ließ sich hineingeleiten und ruderte auf den -Wassern des heimatlichen Landes gegen Morgen. Er kam an -Eilanden vorüber, er rief Schiffer an und fragte nach der -Insel Rolf Krakes, wie weit es noch wäre. Und als er den -Folgefond scheinen sah, wenn er das Antlitz gegen den Himmel -bog, als könne nur so der volle Strom des Lichts in seine -Augen sinken, da lauschte er, ob ein Rauschen in der Luft -wäre. Denn jenen dumpfen Klang der Allmacht hatte er -mit hinausgetragen über die Alpen und in seinen Ohren -wieder zurückgebracht an die Isar: das Rauschen des Skjold.</p> - -<p>So glitt er die Bahn der dunklen Wasser und kam vor die -Roseninsel.</p> - -<p>Es war die Zeit, in der sich die ersten Blüten erschlossen. -Er sah sie nicht mehr, aber aus der Schründe rauschte der -Fall des Bergstroms, und in der Luft hing der Atem der -Rosen. Darum rief er Nane Thord. Er stand im Boot und -hatte die Hände um den Mund gelegt. »Nane Thord!« O, -das war nicht die Stimme des Schmerzes; denn an den Hängen -lief der Ruf hin als ein Jauchzen. »Nane Thord!«</p> - -<p>Da trat sie aus dem Haus und baute mit der Hand ein Dächlein -über ihre staunenden Augen gegen die Nachmittagssonne,<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span> -daß sie das Wunder besser betrachten könne. Das merkte -sie gleich: Henrik Toftes Ruf war voll von Heimatglück – -es brach aus seinem Munde als ein Sturm. Aber wie er -sich in dem Boote zurechtsetzte, wie er nach den Rudern -griff und so langsam dem Klange von Nane Thords Stimme -nachtrieb, das war tastend und war, als ob er nicht mit den -Augen, sondern mit den anderen Sinnen sehe. Er bat sie, -sie sollte herunterkommen auf die letzte Stufe und sollte reden; -denn er müßte sie hören. Dann sagte er, sie sollte das Boot -vollends heranziehen und an dem Pfosten festmachen und -ihm die Hand herüberreichen – es fiele vom Tage nur ein -mühseliger Schimmer in seine Augen. Und doch war er froh, -so froh! »Nane Thord,« rief er und riß die alte Frau in seine -Arme, »liebe Mutter Thord, wissen Sie auch, daß Sie nun -nicht sterben dürfen, weil ich Sie immer um mich haben muß? -Liebe, treue Mutter Thord!«</p> - -<p>»Heiliger Gott,« sagte sie, »was ist da geschehen?« Sie -sah ihn an: in seinen Augen waren die blauen Reifen der -Iris noch blank wie Sommerhimmel. Aber die Pupillen -lagen nicht mehr darin wie funkelndes Glas, in dem das -große Strahlenmeer des Lichtes zusammenrinnt, sondern sie -lagen dort wie schwarzer Sammet, matt und still und ohne -Glanz. Sie waren auch größer als andere, die vor den ungedämmten -Schein des Sonnenmittags gestellt sind; und es -sah aus, als hätten sie sich geweitet in Sehnsucht, von dem -Bilde der Heimatscholle so viel in sich zu trinken, wie sie vermochten.</p> - -<p>Er hatte Nane Thords Hand gefaßt und ließ sich von ihr -die schmale Treppe emporleiten. Da quollen Nane Thords -Augen über in heißem Schmerz und in mütterlichem Glück.</p> - -<p>Rings um die Insel lief eine Mauer aus rankenden Rosen. -Die war drei Meter hoch und bildete am Kopfe der Stiege<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span> -einen Torbogen, der schon ganz erblüht war, weil er gegen -Süden lag. Unter diesem Bogen hätte Henrik Tofte sich -ein wenig neigen müssen; denn das Tor aus Rosen war -nicht bestimmt für das Maß eines so hohen Mannes. Er -aber löste seine Hand aus der Hand der alten Frau, legte -seine Arme über die Brust wie ein Kreuz und beugte sich -sehr tief. »Ich grüße mein schönes Grab,« sagte er, »und -ich grüße mein schönes neues Leben.«</p> - -<p>Darüber trat Rolf Krake in einem Mantel aus roher gelber -Seide in die Tür des Hauses; denn die fremde Stimme hatte -ihn gelockt. Henrik Tofte streckte ihm beide Hände entgegen. -»Das große Licht!« rief der Einsiedler von der Roseninsel, -»das große Licht nun in Wahrheit! Was ist das für ein -herrlicher Ruhm, den Sie heimbringen!« Denn er hatte -in den Zeitungen gelesen, wie der Klang des Namens Henrik -Tofte durch alle Länder lief.</p> - -<p>»Lieber Bruder Krake,« sagte der Heimgekehrte, »das große -Licht? Ich komme mit zwei armen Fünklein in diesem Haupte, -so winzig wie das Verglimmen des Dochtes, auf dem gestern -eine Flamme gestanden. Empfange mich nicht wie einen -Fremden, lieber Bruder; denn ich bin da, um mit deinen -Augen zu sehen.«</p> - -<p>Dann setzten sie sich auf die Bank neben der Tür, an die -sich Rolf Krake bei der Nachricht gelehnt hatte. Es war ihm -gewesen, als bräche das Verhängnis über seine gesicherten -Grenzen, und er fand kein Wort, diesem Einsturz zu begegnen.</p> - -<p>Aber es löste sich alle Dumpfheit des Augenblicks; denn -Henrik Tofte kam als ein fröhlicher Sieger. »Warum bist -du so schweigsam, mein Bruder?« fragte er. »Ist etwas -weiser und gewaltiger im Himmel und auf Erden als mein -Schicksal? Dies Schicksal allein hat gewußt, was mit mir<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span> -war. Da hat es dir und mir den Weg zu dem Eilande -gewiesen, und es hat dich gesandt, daß du aus Fels und Klippe -blühende Gärten schufst. Und es hat durch deinen Mund zu -mir geredet vor vier Jahren, daß du hier auf mich wartest. -Ich aber, habe ich den Becher meines Lebens im Licht nicht -ausgetrunken wie ein König? Ungeheuere Reichtümer habe -ich in diesem Leben aufgestapelt; ich habe errungen, was -zu erringen war – und viel mehr. Und sollte nicht fröhlich -sein?«</p> - -<p>Henrik Tofte berichtete über die letzten Jahre. Er begann -bei der Madonna in Rosen, und wie ihn die Erkenntnis -der versickernden Brunnen in seinem Haupte so tief getroffen -hatte, daß er dachte, er hätte die Sprache verloren und das -Herz gefröre ihm in der Brust. Er berichtete alles bis zur -Pforte des Eilands und sagte, wie wunderbar es wäre, daß -Rolf Krake dafür vor Jahren den Namen der Auferstehungsinsel -gefunden hätte; denn beiden wäre nun hier ein neues -Leben geschenkt.</p> - -<p>Danach ging er an der Hand des Freundes durchs Haus. -Die Räume lagen zu ebener Erde, und die alten Gänge -waren dem Heimgekehrten bald wieder vertraut. Sie schritten -in den Saal – Henrik, Rolf Krake, Nane Thord und die -blonde Marit – und es klang fremd und machte sie betroffen, -wenn Henrik sagte: »Ich sehe …« »Ich sehe, daß es hier -ganz anders geworden ist: der Klang der Tritte und der -Stimmen ist nicht mehr wie früher.«</p> - -<p>»Nein,« sagte Rolf Krake, »die Wände sind mit einem -grauen Wollstoff bespannt, und auch der Fußboden ist mit -diesem weichen Überzuge belegt. Hier zwischen den Fenstern -hat die Madonna in Rosen ihren Platz gefunden. Und -rings an den Wänden sind auch die Regale mit den vielen -Büchern.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p> - -<p>Henrik betastete den blauen Sammetgrund, auf dem das -Bild hing, und betastete den schweren Vorhang und die -Schnur, an dem sich jener zur Seite ziehen ließ. Sie traten -hinaus in den Garten. Die Wege waren so breit, daß zwei -Männer nebeneinander wandeln konnten, ohne an die grünen -Mauern zu streifen, zwischen denen sie dahinliefen. Die -kleinen Mandarinenenten schaukelten auf dem Wasser wie -schwimmende Edelsteine, in denen die Sonne spielt; oder -sie flogen empor, richteten sich zum Dreieckflug und stießen -weit hinaus über den Fjord, bis man ihren Ruf nicht mehr -hören konnte.</p> - -<p>Rolf Krake malte ihm jedes Bild, das sich an einer Wegbiegung -für seine Augen öffnete. Er wählte dazu Worte -von weichem Klang und warmen Farben, die nur dem zu -Gebote standen, der dies ganze bunte Wunder zwischen Berg -und Wasser hingedichtet hatte in beglückter Einsamkeit.</p> - -<p>Es kam der Sommer und wehte seinen Glanz um die -Insel, und es war, als wäre das blaue Tuch des Himmels -offen darüber, und Rosen würden hindurch geschüttet: weiß -und gelb auf die Spitzbogen und Pfeiler eines kleinen Tempels, -der in der Mitte des Gartens stand – rot und rosa -auf alle grünen Wände, daß sie aussahen, wie aus dem -Purpur oder der Seide des vergehenden Tages gewoben.</p> - -<p>Henrik Tofte lernte dies alles sehen durch die Augen des -Freundes, wie er gesagt hatte.</p> - -<p>Und in den einsamen Mann von der Insel, der nun im -fünften Jahre mit keinem Schritt aus der freiwilligen Haft -gewichen war, wuchs dies Erlebnis herrlicher hinein als er -geahnt hatte. Damals aber, als Tofte kam, hing sich Rolf -Krakes erster Gedanke wie ein neues Glied an jene Kette, -mit der er vor langer Zeit gefesselt worden war. Er wähnte -nämlich, von nun an müßte er die schwere Last von einst<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -wieder aufnehmen, und er könnte, trotz allem, seinem dumpfen -Geschicke nicht entfliehen, ob er gleich wiche an das Ende -der Erde. Er hätte sich nun sein Leben so erlöst gestaltet -– da trete dieser unselige Fremde hinein und zertrümmere -das beste Teil …</p> - -<p>Aber es kam anders; denn es war der alte Rolf Krake -gewesen, der so zu ihm gesprochen – jener alte, dem es -immer gelungen war, niederträchtig zwischen ihn und das -Glück zu treten und zu sagen: »Mann der Finsternis, was -träumst du von einem sonnigen Leben?« Nun aber war es -ihm zur Gewißheit geworden: jener Frühlingstag, mit dem -Henrik Tofte kam, war seines Traumes Erfüllung geworden! -In der Madonna in Rosen hatte er sich ein Sinnbild der -schönen und heiteren Erde aufstellen wollen, die für ihn verschlossen -war. Es war ein Bild gewesen, ein Bild. Nun -aber hatte er einen Menschen gewonnen, der in Dankbarkeit -und Freude um ihn war und der in ihm ebenfalls die Erfüllung -erkannte. Für diesen Menschen war er der Brunnen -des Lichts geworden in allerschöpfendem Sinne, denn er -senkte mit seinen warmen gütigen Dichterworten nicht nur -das Bild der Erde so lebendig in ihn hinein, daß es fast war, -als tränken die erloschenen Sterne des Sehens das Leben -wie einst – sondern er schenkte dem sinnenden Geiste des -Genossen auch das Licht seiner Klugheit und seiner Bücher; -er schenkte der dürstenden Seele die Träume der Weisen -und Dichter und gab zugleich die Deutung. Er hob die Hülle -für den Blinden von einer Welt, an der dieser in den Tagen -des Lichts scheu und fremd vorübergestrichen war, weil er -meinte: die Armut und Unbildung seines Elternhauses wären -schuld daran, daß er diese fremden Gärten nie betreten dürfe.</p> - -<p>So saßen sie in Zeiten, in denen der Regen über die Insel -plätscherte, im Büchersaal und wanderten doch im Geiste<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -weite Wege der Wissenschaft und wanderten durch ferne -Länder: zwei Menschen, die gar nicht voneinander konnten, -wenn sie nicht elend werden wollten. Oder sie saßen in lauen -Sommernächten draußen unter den Rosen. Henrik nahm -die Gitarre und sang, und wie einst traten die Menschen -drüben aus ihren Häusern am Lande, schritten auf dem -Uferweg und lauschten, wie schön es war. Die blonde Marit -und Nane Thord saßen dann bei den Männern am Tisch -und rasteten ihre Hände von der Arbeit des Tages.</p> - -<p>Henrik Tofte schritt nun allein bis an die Kante der Flut -an jenem Ende, an dem die Mandarinenenten im Röhricht -schliefen. Auch bei Nacht. Er stieß an keine Ranke, er streifte -an keinen Zweig. Und wenn er des Abends in den Garten -kam, so sprach er von dem leisen Lichte der Mondsichel, die -auf den Flutterwolken des Himmels schwamm, oder er sprach -von der Fülle des Glanzes der vollen Scheibe, als ob er -sie sähe.</p> - -<p>Des Morgens fuhren die Frauen noch immer hinüber und -kauften ein. Oder sie ließen sich an Speis' und Trank aus -den Städten schicken, wonach die Männer Lust hatten. Ehe -Henrik Tofte gekommen, war es karger in Keller und Küche -gewesen; denn Rolf Krake hatte die Hälfte seines kleinen -Vermögens zur Ausstattung des Hauses und zum Aufbau -der Insel verwandt, die beide sehr schön geworden waren. -Und er hatte durch drei Jahre so viele Bücher angeschafft, -daß Nane Thord das Geld dafür mit schwerem und immer -schwererem Herzen eingezahlt hatte.</p> - -<p>An jenem Tag, an dem Henrik eintraf, hatte der gesagt: -»Ungeheure Reichtümer hab' ich in meinem Leben aufgestapelt« -– er meinte aber nicht: an Geld. Daß er auch davon -so viel besaß, um sich das Dasein äußerst behaglich zu -gestalten, wußte er damals noch nicht. Zuerst war er eine<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span> -Zeitlang verschollen gewesen. Nicht einmal der Leiter seiner -Ausstellung in München konnte ihn finden. Aber als es -klar war, daß die Insel im Fjord seine Heimat wäre für -und für, sandte er Botschaft hinaus – nur daß er blind -wäre, sagte er nicht. Es fand sich, daß bei der Bayerischen -Vereinsbank in München ein Betrag für ihn eingezahlt war, -der zweimalhunderttausend Mark überstieg. Das war der -Erlös aus seinen Bildern. Etliche große Gemälde waren -noch im Glaspalast.</p> - -<p>Als es gegen den Herbst ging, arbeitete er mit Rolf Krake -im Inselgarten. Er löste die Weidenbänder von den Rosen -und bog die Stämme an die Erde. Er schaufelte sie mit -dem weichen Boden zu, gegen die Kälte des Winters. Oder -er legte das Deckreisig darüber, das in Schiffen hergefahren -worden war. Er grub die Erde, er tat alles, als ob er sähe. -Und so ging durch die freudige Siedelei keine Stunde mit -leeren Händen.</p> - -<p>Der erste Schnee fiel.</p> - -<p>Auf diese Zeit hatten sie gewartet. Da wollten sie für die -Leute im Märchenhause die Frage lösen: Wo ist Henrik Tofte?</p> - -<p>Als der Brief in Weimar eintraf, da war es, als träte -Henrik Tofte selber herein mit seinen erloschenen Augen – so -erschraken die Freunde. Aber auch in ihnen löste sich die -dumpfe Schwere der Stunde; denn es klang aus jeder Zeile -der Ruf: »Sollen wir nun nicht fröhlich sein?« Ein Brief? -Ach, es war ja kein Brief. Es war ein Buch, an dem Rolf -Krake die erste weiße Woche des Winters geschrieben hatte; -es war das Buch mit den Ereignissen von fünf Jahren. -Nur Inseleinsamkeit, nur Auferstehungsglück – aber gerade -deshalb gehörte ein Buch dazu.</p> - -<p>An diesem Abende saßen sie im Wintergarten des Märchenhauses -– Do und Jo, Schaffrath und Gwendolin, Kordula<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span> -und Cornelius – saßen um den plätschernden Springbrunnen -und lasen bis weit über die Mitternacht. Am anderen Tage -riefen sie Tante Veronika und Herrn Salzer. Aber der -Hügelmann kam allein, denn um die Tore des Waldes fuhr -ein harter Wind und säete Novemberschnee.</p> - -<p>Herr Salzer, der einige Verbindungen mit großen Zeitungen -besaß, berichtete des Rätsels Lösung augenblicklich in -die Welt. So jäh fiel die Nachricht auch in ihn, daß er gleich -am Pulte Jockeles ins Schreiben geriet; »denn«, sagte er, -»ich habe daheim mein Tintenfaß noch in der Sommerfrische.« -Und nun erfuhr man draußen, daß Henrik Tofte nie mehr -ein Bild malen würde. Damit leistete er dem blinden Mann -im Fjord einen großen Dienst, denn das Wenige, was noch -von ihm im Glaspalast hing, wuchs im Preise, wuchs, wuchs. -Als es Henrik Tofte erfuhr, fragte er allen Ernstes: ob er -sich denn nicht schämen müßte, dies sündhafte Geld anzunehmen -für Dinge, die schon weit dahinten lägen in dem -vergangenen Leben! Er hatte seintag keine Wage gehabt -für das Gewicht des Goldes. Und nun, da andere für ihn -rechneten, und da er nicht einmal mehr in seine Tasche langte, -um ein Tüblein Farbe oder einen Apfel zu erstehen, nun -war ihm auch der <em class="gesperrt">Gedanke</em> an das Geld abhanden gekommen. -Ja, solch ein König war er geworden!</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Im Ausgange jenes Winters beendete Jakobus seinen -Roman.</p> -</div> - -<p>Aber wie er während der langen Zeit kaum einmal vor -den Freunden von den Gedanken gesprochen hatte, die ihn -bewegten, so blieb es auch jetzt. Märchen und Kinderverse für -Heidi hatte er viele gedichtet, und die kannten sie alle; denn -er hatte auch Zeichnungen oder gar bunte Bilder dazu gemacht, -und das Kind hatte das meiste in seinem Gedächtnisse<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span> -behalten. Es erzählte Mama die schönen Geschichten, wenn -sie mit ihr im Garten saß. Oder es dichtete den Wintergarten -in der rauhen Jahreszeit schon selbst zu einem tiefen -Wald und die Blumenbänke zu dem Hexenhause der Buschgroßmutter.</p> - -<p>So hatte Jakobus in den erblühenden Geist eine Fülle -köstlichen Samens gelegt, und es war zu sehen, wie herrlich -dieser in dem Segen wuchs, der ihn umschien. –</p> - -<p>Ob Do, die Vertraute seines Herzens und seiner Pläne, -von dem großen Dichtwerke ihres Mannes mehr wußte als -die Freunde, ließ sich von diesen nicht erraten. Jedenfalls drang -sie nie in ihn. Sie dachte, es wäre wohl die rätselvolle Seele -des Rolf Krake, die ihn beschäftigte, oder das traurig-glückselige -Los des blinden Königs Henrik Tofte, das ihn zu -dichterischer Gestaltung verlockt hätte. Sicher wußte sie nur, -daß auch sein eigenes Leben für ihn nun ein rechter Dichtertraum -geworden war; denn er sprach mit ihr in jener Zeit -mehr davon als je. Vor allem die Waldjahre von Ibenheim -hatten sich für ihn schon mit dem Funkelglanze der Phantasie -umwoben. Oft schien es, als wisse er kaum noch, was an -ihnen gesehen oder Gesicht war; und seine Erzählungen -glichen der Wirklichkeit wie ein brennender Weihnachtsbaum -einem Tännlein im Walde.</p> - -<p>Wenn er dann an den musikalischen Donnerstagen nach -der Abendmahlzeit berichtete, so erkannten sie alle, wie heimisch -sein Herz in den Gärten der Dichtung geworden war, und in -wie tiefer Glückseligkeit es darin blühte.</p> - -<p>Aber das Geschriebene den Freunden vorzulesen, dazu -brachten sie ihn nicht. Fast sah es aus, als hätte er eine Scheu, -sich ihnen auf den neuen Bahnen zu offenbaren – entweder -weil die wissenschaftlichen Werke noch hüben und drüben -wuchsen, oder weil er sich selbst noch für zu jung hielt, als<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span> -Dichter etwas leidlich Vollendetes zu schaffen; oder auch, -weil er den Ereignissen nicht vorgreifen wollte, die sich im -Leben der Freunde vom Hardanger Fjord vor seinen Augen -erfüllten.</p> - -<p>So verschloß er dies Werk in sich, ganz gegen seine Art. -Und als Salzer eines Abends im Märchenhause zu Gast war -und mit Gwendolin ihn um sein Geheimnis bestürmte, entwischte -er doch und sagte: »Es muß erst auf der schönen -Frühlingsfahrt ins Riesengebirge vor mir selber die Probe -bestehen.«</p> - -<p>Ja, die Wagenfahrt über die hundert Meilen! Das war -der Traum, der von ihm durch Jahre geträumt war und -der lieblicher wurde, je länger er sich dahinspann.</p> - -<p>Es waren dazu aber auch sehr umfassende Vorbereitungen -nötig – nicht an jenen Dingen, die sie mitnehmen wollten -in ihren Koffern. Die waren an einem Tage geordnet. -Sondern es war Klein Heidi, ohne die der strahlende Vater -durchaus nicht reisen wollte. Es war lustig anzusehen, mit -welchem Eifer er das kleine goldhaarige Menschenkind für -die lange Waldfahrt an Herz und Verstand ausrüstete.</p> - -<p>Professor Salzer, der Herr nach der Mode, neckte ihn mit -dieser Reise weidlich; denn er begriff nicht, warum ein -Mensch von so leuchtenden Gaben mit dem Aufgebot aller -Kraft in die Gebräuche des Mittelalters zurücksegeln wollte. -Herr Salzer konnte in solchen Augenblicken wissenschaftliche -Vorträge halten! Er hatte das mehrfach bewiesen – auch -damals, als Gwendolin in der Bedrängnis ihres Herzens -auf dem Bette lag und weinte und der Herr Richard Schaffrath -den Werbebrief in der Brusttasche trug. Das hatte -Herrn Salzer Gelegenheit gegeben zu einer Erörterung über -den Begriff Tragikomödie und über einen lustigen Einfall -des Plautus …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p> - -<p>Vor der Hochwaldfahrt in der Kutsche schnitt ihm Jockele -den Faden seiner Rede aber kurzerhand ab. Er behauptete: -der Herr Salzer wäre gar nicht der einzige, der eine solche -Reise für hervorragend hirnverbrannt und altmodisch hielte. -Aber sie wären alle auf falschen Wegen; denn die Jockelereise -wäre das neueste und wäre so neumodisch, daß sie für -diese Zeit überhaupt noch um reichlich fünf Jahrzehnte verfrüht -wäre! Erstens müßte das Automobil für Vergnügungsreisen -überwunden werden. Nun, das würde in einer kleinen -Frist Tatsache geworden sein. Es könnte doch kein vernünftiger -Mensch meinen, daß eine Fixfahrt zwischen Staub, -Stank und Sturm zu den Annehmlichkeiten des Lebens -gehöre.</p> - -<p>Hm. Herr Salzer konnte dagegen nicht viel vorbringen. -Er hatte sich dies Vergnügen einige Male geleistet. Aber als -er mit einer mächtigen Panne sieben Stunden im Regen -auf dem Thüringer Walde gelegen hatte, fern von jeder -menschlichen Siedlung, hatte das Automobil als Lustfahrzeug -wesentlich für ihn eingebüßt. Nach dem Automobil käme -die Flugmaschine. Auch darin würde man spazierenfahren -– natürlich. Aber so um 1940 herum – ermaß Jakobus -– würde das friedliche Zweigespann mit behaglichem Polstersitz -zu den Gepflogenheiten aller jener Menschen gehören, die -es verstünden, in weisem Behagen wohlhabend zu sein. Zu -solch einer neumodischen Sache gehörten freilich vier Dinge, -sagte Jakobus: Zeit, Gemüt, Weisheit und Geld. Da diese -vier Brüder aber nicht leicht in einem Wagen zusammenzubringen -wären, bespöttelten die Menschen mit Zeit und Geld -das »vorsintflutliche Vehikel«. Jockele aber hielt es mit dieser -»Dichterkutsche« und sagte, schon der Gedanke an solch eine -Reise beselige ihn wie die Maiensonne die Felder. Wenn -er dichte, brauche er sich nur vorzustellen, er schaukele in einem<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -weichen Wagen hinter zwei trabenden Pferden durch einen -Bergwald …</p> - -<p>Natürlich bemerkte Herr Salzer: schade, daß er das nicht -früher gewußt hätte. Das Dichten wäre danach eine sehr -einfache Sache, und er hätte wohl selber –</p> - -<p>So spottete man weidlich. Aber es war nicht unzeitgemäß; -denn das Märchenhaus ward getauft in jenen Jahren, in -denen das Leben, das man darin führte, vor der Welt rar -war wie Erdbeeren im Winter.</p> - -<p>Das konnte selbst der neumodische Herr Salzer nicht von -der Hand weisen. Und Jockele blieb der Sieger im Kampf.</p> - -<p>Herr Salzer kam immer ein bißchen nachdenklich aus dem -Märchenhaus vor die Tore des Waldes. Diesmal aber hatte -er so viel erlebt, daß er der Tante Veronika gelobte, er wolle -ein besserer Mensch werden, und er hätte das unfehlbare -Rezept dazu gefunden.</p> - -<p>Ob er es ihr nicht verraten wollte, fragte Fräulein Sinsheimer.</p> - -<p>»O,« sagte er, »man knetet Gemüt, Geld, Zeit und Weisheit -gut durcheinander und bäckt sie in einer Dichterkutsche -bei mäßiger Sonne.«</p> - -<p>»Ach,« lächelte Tante Veronika, »das hab' ich schon längst -gewußt; denn danach hab' ich den Jakobus für sein Dasein -zurechtgemacht.«</p> - -<p>Fast die ganze nächste Woche hindurch erzählte Herr Salzer -von Heidi dem Frühlingskind. Es wäre ganz unbeschreiblich, -welch ein liebes herziges Wunder solch ein kleines -Mädel ist …</p> - -<p>Und in diesem Fall erlitt der alte Herr keine Abfuhr; denn -Heidi war in der Sonne des Märchenhauses gewachsen wie -ein schöner Frühlingstag im Herzen des lieben Gottes. Ihretwegen -war die Wagenfahrt solange hinausgeschoben worden;<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span> -Heidi sollte aufgeschlossen und mit der beseligenden Gabe -vor die Welt treten, sich an allem zu wundern; denn es -gibt nichts Kurzweiligeres im Leben, als sich zu wundern.</p> - -<p>Eine Woche danach jubelten Himmel und Erde. Da ging -die Sache los.</p> - -<p>Hinter dem Wagen war eine Gepäckraufe angelegt für -einen einzigen Koffer. Weiteres Gepäck war an bestimmte -Haltestellen auf dem Reiseweg vorausgesandt. An diesen -Stellen wurden alle verbrauchten Stücke aus dem Koffer ausgewechselt -und liefen von dort ab zurück in die Heimat. So -wurde die Reise selbst zu einer breiten Behaglichkeit – man -denke: die Reise selbst! Aus der Last wurde eine Lust, aus -der Hatz ein fröhliches Rasten, fast ununterbrochen in stilldurchsonnten -Bergforsten. Regnete es einmal, so ward der -Wagen zu einem heimeligen Stübchen, an dessen Fenstern -die Tropfen spielten. Hatte man Lust zu wandern, so ließ man -die Pferde des Weges trotten, schlug sich hinüber auf einen -freundlichen Pfad im Hochwald, und Klein Heidi konnte -den Frühling in beiden Fäusten halten. Ward sie über Tag -müde, so schlief sich's daheim in ihrem Bettchen nicht halb -so schön wie in den sanft dahingleitenden Polstern, über die -sich die blaue Seide des Himmels deckte. Und wenn der -Abend dämmerte, kam man zu dem im vorhinein bestimmten -Gasthause. Da standen die Zimmer blank und gerüstet, da -wartete ein Mahl, und da wartete die Genugtuung über -den herrlich hinabgeblühten Reisetag; denn es wickelt sich -auf der ganzen Welt nichts behaglicher und mit schönerer -Pünktlichkeit ab als die wohlbedachte Fahrt in solch einer -Dichterkutsche.</p> - -<p>Das ist ein Ding, von dem die fixe Zeit und das jappende -Menschenherz seit anderthalbhundert Jahren die Wissenschaft -verloren haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span></p> - -<p>So kamen sie in die Waldstille des Fichtelgebirges. Sie -kamen am fünften Tage zwischen Keilberg und Fichtelberg -auf die Kammstraße des hohen Erzgebirges, und die Rösser -traten auf der breiten Bahn in Sonne und Bergwind. Wieder -fünf Tage – da durchquerte man das Elbsandsteingebirge -mit seinen zerklüfteten Felsen und setzte bei Herrnskretschen -über den Strom. Man gelangte ins Zittauergebirge, ins -Isergebirge, ins Riesengebirge. Sie kamen am Hohen Rad -vorbei und sahen die Elbquellen. Sie standen auf der Schneekoppe -und kamen durch finstere Forsten, in denen die Fichten -so wohlbetagt sind, daß sie ihre Bärte auf der Erde schleppen. -Sie strichen vorüber an der »Kanzel Rübezahls« bei der Schneegrubenbaude; -und weiter ging es die Kammstraße lang nach -dem Zackenfall. Ihre Herzen wurden Säle, und diese Säle -füllten sich mit schönen lichten Bildern, vor deren jedem -man ruhen konnte, wie Rolf Krake ruhte vor der Madonna -in Rosen. Sie rasteten noch einmal zur Nacht in dem Städtchen -Freiheit, wie es vorausbestimmt war – es war nur -eine halbe Stunde von ihrem Reiseziel Johannisbad entfernt. -Aber sie rasteten und gelangten ins Johannisbad so -sauber, so froh, so erdselig, als wenn sie sich daheim im Märchengarten -nach süßestem Schlummer an den funkelnden -Frühstückstisch setzten. Und Johannisbad war in den Bergwald -gefallen wie das Bild eines Sterns in einen dunkelgrünen -See.</p> - -<p>Ja, so war diese Fahrt in der Dichterkutsche.</p> - -<p>Sie dauerte fast den lieben fröhlichen Mai hindurch. Aber -es war der köstlichste Frühling, und war so köstlich, daß kein -Dichtertraum hinreicht, dieses Erleben zu schildern.</p> - -<p>Sie hätten in ihrem Reisewagen auch in der halben Zeit -am Ziele sein können, ohne die Pferde zu wechseln. Aber -Jockeles Zigeunerherz hatte sich vorgesetzt, drei Monate also<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -durch die Welt zu gleiten, den Frühling erblühen und -vergehen, den Sommer heraufkommen und reifen zu sehen -geradeswegs aus der Hand Gottes und in langsamen bunten -Bildern …</p> - -<p>Die Menschen, die von dieser Reise lesen, meinen: so -etwas wäre nicht auszuhalten; in solch einer Dichterkutsche -müßte man ja vor Langeweile sterben! Aber: sst, lieber -Leser und geliebte Leserin – wie furchtbar altmodisch ist -solch eine Anrede wieder mal mitten in der Erzählung, -gelt? – sst, sag' du das nicht, lieber Leser! Denn du möchtest -doch zum mindesten jenen Menschen ähnlich werden, -die mit den vornehmen Herrschaften Zeit, Geld, Gemüt -und Weisheit durchs Leben fahren; aber solche Menschen -haben nie Langeweile – Langeweile haben nur Dummköpfe …</p> - -<p>Es war Ende Mai geworden. Aber die Tage im Wagen -waren nun doch rasch vergangen; denn Klein Heidi riet an -Gott und der Welt herum und tat, als müßte sie alle Rätsel -des Daseins lösen. Sie wollte wissen, wie lang die Wälder -wären, und was hinter dem blauen Tuche des Himmels ist, -und wie die Wege über den Sternen aussehen, und ob der -liebe Gott auch eine Dichterkutsche hätte, und ob die kleinen -Engel mit den Sternen Fußball spielten oder Wurfball, und -ob sie auch so schöne Musik machen könnten wie die Kurmusikanten -von Johannisbad, und ob Rübezahl auf der -Kanzel bei der Schneegrube Sonntags eine Predigt hielt, -und ob dann die Riesen kämen und ihm zuhörten …</p> - -<p>Manchmal mußte Do diese Fragen beantworten, und -manchmal Jockele. Und es kam dabei heraus, daß Eltern -furchtbar gescheite Leute sein müssen, wenn sie solch ein -kleines Menschenwunder nicht heißhungrig vom Tisch ihrer -Weisheit aufstehen lassen mögen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span></p> - -<p>Aber sie standen beide ihren Mann. Frau Do kam dabei -meist mit ihrem natürlichen Verstand aus – der Herr Doktor -aber mußte eine geradezu unnatürliche Findigkeit aufbieten.</p> - -<p>Es gelang ihm betörend. Auch Mama hörte da gleich mit -zu; und Heidi lehnte mit weitoffenen Augen zwischen Väterchens -Knien und konnte gar nicht erwarten, bis die wunderschönen -Weisheiten wohlbedachte Worte waren. Sie verstand -alles herrlich, so herrlich, daß sie behauptete, Papa könnte -ebensogut der liebe Gott sein und die Welt regieren. Dabei -fiel ihr ein, wie das eigentlich gemacht würde, dies Regieren?</p> - -<p>Man kann sich vorstellen, daß ein findiger Verlag auf -den Einfall käme, ein hundertbändiges Lexikon herauszugeben, -in dem immer nur vom Weltregieren die Rede wäre, -und an dem die zehntausend besten Gelehrten der Welt -hundert Jahre zu arbeiten hätten – Jockele aber mußte diese -Aufgabe in einem halben Nachmittage lösen! Es gelang; -doch stand er hernach tief erschüttert und sagte: seine mündliche -Doktorprüfung wäre dagegen ein Kinderspiel gewesen.</p> - -<p>Schon allein daraus ist zu erkennen: langweilig ist es -in einer Dichterkutsche keineswegs.</p> - -<p>Aber Klein Heidi war nur ein Teil der Reisegesellschaft -und Reiseaufgaben, wenn auch der lieblichste; denn da war -noch das Werk über die Flechten; da war der Roman; da -war wiederum Heidi, das Märchenkind; da waren der Hügelmann -und die Hügelfrau, die im Geist an der Fahrt teilnehmen -wollten; da waren ferner der Herr und die Frau -Professor Schaffrath, Kordula und Erich Meyer, der blinde -König und sein Freund Rolf Krake, die immerfort in der -Auferstehung begriffen waren – kurz: wenn die Reise nicht -so lang gewesen, wäre es gar nicht gegangen.</p> - -<p>Vier Stunden der Tagesfahrt brauchte Heidi allein zur -Vervollkommnung der Wertschätzung ihres Papas. Wenn er<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -ihr zwanzig Märchen erzählt hatte, wollte sie wissen, ob es -tausend gäbe, und ob er sie nun alle erzählt hätte, und er -sollte doch gleich noch mal von vorne anfangen, und bei -jedem neuen wollte sie einen Knoten in die Schnur ihres -Nastuchtäschleins knüpfen, damit kein Irrtum entstehe …</p> - -<p>So lief das weiter. Und so ging die Fahrt herum. Rübezahl -und Papa traten für die Kleine allgemach an die -Stelle des lieben Gottes.</p> - -<p>Abends schrieb Jockele manchmal noch einen Brief in den -Hardanger Fjord, ans Horn oder an die beiden Alten im -Frühlingshause; denn eigentlich müde wurde man ja von -diesem neumodischen Reisen nicht, sondern nur ungeheuer -wohlig und ausgeruht. Was daher kam: man hatte sich -ganz voller Himmel und Hochwald geatmet.</p> - -<p>Da passierte etwas. Es passierte etwas ganz Unerhörtes.</p> - -<p>Als die Dichterkutsche hinter Oberwiesenthal auf die Kammstraße -des Erzgebirges rollte – das war also am fünften -Tage nach der Ausreise – bekam Herr Salzer das Fieber.</p> - -<p>Einen Tag lang trug er es schweratmend mit sich herum. -Am nächsten Morgen fand es sich: auch die Tante Veronika -war angesteckt worden. Salzer, der sogar einen grauen -Zylinderhut riskiert hatte, wollte unter keinen Umständen -hinter der Zeit dreinhinken. Er stellte also fest, daß ihre -Krankheit das Reisefieber wäre. Das ließe sich nur heilen, -wenn sie schnurstracks einen Wagen nähmen und hinterdrein -führen.</p> - -<p>Weiß Gott, die Sache wurde gemacht!</p> - -<p>Als die Dichterkutsche ins Isergebirge einbog, setzten sich -die Rösser vor der zweiten in Ibenheim am Walde in Bewegung. -Tante Veronika diesmal in einem neuen grauseidenen -Umhang, den ihr Herr Salzer gestiftet hatte, in einem -silbergrauen Kapotthütchen mit veilchenfarbenen Bindebändern<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span> -und mit dem gelben Krückstock. Und Herr Salzer im -grauen Zylinderhut. Es war außerordentlich.</p> - -<p>Den Reiseweg wußten sie auswendig; denn so an die drei -Jahre hatte Jockele den gelehrten Freund daran in Begeisterung -gehüllt. Also.</p> - -<p>Natürlich hatten die Drei in der ersten Dichterkutsche von -der zweiten keine Ahnung. Sie fuhren dahin, als wäre die -ihrige ganz allein auf der Welt. Die Alten hatten es ein -bißchen eiliger, und auch sie fanden die Reise kurzweilig. -»Herrlich, herrlich!« sagte Herr Salzer und rollte seine Augen -auf dem grünen Tuche der Matten und Bergwälder und -auf dem blauen des Himmels herum, als wären sie ein paar -blanke Billardkugeln. Herrlich! Herrlich!</p> - -<p>So langten sie auf dem gleichen Wege in Johannisbad -bei Freiheit im Riesengebirge an. Es war ein großes Ereignis. -Alle zweihundertzwanzig Einwohner des Ortes nahmen -daran teil.</p> - -<p>»Heidi! Heidi, die Großmama ist gekommen!«</p> - -<p>Ja, lieber Gott, wo ist denn das Kind? Es flatterte doch -so aufgetan um die Mittagsmusik am Kurbrunnen!</p> - -<p>»Heidi! Heidi!«</p> - -<p>Kein Mensch wußte, wo Heidi war. Aber ängstlich war -man gar nicht; denn das kleine Fräulein im blauen Röckchen -lächelte alle Finsternis der Erde hell.</p> - -<p>Tante Veronika brauchte ein Viertelstündchen Mittagsschlaf. -Und da es gerade ihre Zeit war, geleitete Frau Do sie auf -ihr Zimmer und sagte, sie solle nur recht hübsch sorglos schlafen.</p> - -<p>Als Do wieder herunterkam, war Heidi immer noch nicht -da. Ein kleines Mädel sagte: »O, die Heidi ist vor einer -Viertelstunde in den Wald gelaufen, dort beim hohen Steig -hinan. Sie hat im Sommergrase gestanden und hat mit -den Schmetterlingen geredet.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p> - -<p>In den Wald gelaufen? Na!</p> - -<p>»Jo,« sagte Do, »ich werde nun doch ein bißchen ängstlich.«</p> - -<p>»Ach lieber gar – das gescheite Mädel.«</p> - -<p>»Ich kenne das,« sagte Do. »Sie redet mit Schmetterlingen -und Vögeln und mit blitzenden Bächlein; sie versteht -ja all diese Sprachen von ihrem Papa her …«</p> - -<p>Keine drei Minuten vergingen, so hatte der Herr Salzer -seinen grauen Zylinder aufgestülpt, griff in der Hast nach -Tante Veronikas Krückstock, der da am Tisch im Kurgarten -lehnte, und hüpfte hinter Do und Jo den hohen Steig entlang -gegen den Waldrand.</p> - -<p>Es schwammen Schmetterlinge in der Mittagssonne – -Heidi nicht.</p> - -<p>Es sangen Drosseln, es sangen Grasmücken – Heidi nicht.</p> - -<p>Es plauderte ein Bächlein zwischen den Blütenköpfen -dahin – Heidi nicht.</p> - -<p>»Heidi! Heid – di! Heiei – diih!«</p> - -<p>Ja, vor einer kleinen Erdenfrist war die Heidi dort gewesen! -Man konnte noch die Füßchen im Grase sehen. -Aber da kam ein Schwalbenschwanz am Waldrande daher -gesegelt – es war, als schwämme er auf der Kurmusik, -die man ganz traumhaft bis hier herauf hören konnte.</p> - -<p>»Wo fliegst du denn hin?« fragte Heidi den Sommervogel -in dem schönen gelben Kleidchen mit den schwarzen -Streifen und blauen Tupfen darauf.</p> - -<p>Der Schmetterling sagte nichts, bog in den Wald und -winkte so mit den Flügeln. Da ging Heidi ein bißchen -hinterdrein.</p> - -<p>Auf einmal – da zog ein Trauermantel um einen silbernen -Birkenstamm. Der hatte ein Röckchen aus dunkelbraunem -Sammet an, funkelnagelneu, und mit hellgelben -Borten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span></p> - -<p>»Ei, du bist ein kleines Mädchen wie ich,« sagte das -himmelblaue Menschenkind; »denn die Buben bei den -Trauermänteln tragen Kleider aus schwarzem Sammet. Darf -ich mitkommen?«</p> - -<p>Der Trauermantel winkte mit den Flügeln und flog über -den Bach.</p> - -<p>Plötzlich konnte das Bächlein reden und sagte: »Guten -Tag, Heidi Sinsheimer. Komm, spring ein bißchen mit mir -den Berg hinunter. Wir laufen zur Buschgroßmutter!«</p> - -<p>»Meinst du auch, daß ich mich wieder heimfinde von solch -einer langen Reise? Du mußt doch bedenken, daß ich noch -ein recht kleiner Mensch bin.«</p> - -<p>»Haha,« lachte das Bächlein, »nichts leichter als das! Du -brauchst nur immer an meinem Ufer zurückzulaufen, bis du -zu der weißen Birke kommst; von dort führt das Pfädlein -aus dem Walde.«</p> - -<p>Ein Stückchen ging Heidi mit. Das Bächlein plätscherte -so herrlich um die Steine. Da sangen sie ein Lied miteinander, -und Heidi pflückte im Wandern und Singen ein Händchen -voll Vergißmeinnicht. Und da sie an einen Mooshang -gelangte, setzte sie sich hin und wollte ein Kränzlein winden … -winden … la … la … l …</p> - -<p>Auf einmal guckte ein liebes kleines Gesicht über den Spiegel -des Baches heraus. Das sah genau aus wie Heidis Gesicht, -das sie vorhin darin gesehen hatte, und hatte so goldene Härchen -und so zwei Augen voller Frühling.</p> - -<p>»Heidi,« sagte das Kleine, das da über den Bachrand guckte, -»paß auf, jetzt kommt gleich der Elfenzug durch den Wald!«</p> - -<p>Und schon ging es los. Es war eine sehr merkwürdige -Geschichte; denn es kam mitten auf der silbernen Straße -des Bächleins daher: hundert Elfen, oder tausend, oder eine -Million – das wußte Heidi nicht so genau. Aber es waren<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span> -lauter Elfen in herrlichen bunten Kleidchen. Hohe Stengel -rosaroten Fingerhuts schwangen die ersten und klingelten -damit, daß die Luft wackelte. Dunkelrotes Löwenmaul trugen -die anderen und Mohnblumen, und dann kam ein schöner -junger Elfenjunge mit braunen Locken, der spielte auf einer -Hirtenflöte, wie sie jener Knabe beim Schneebruche geblasen -hatte. Danach marschierten sie alle im Takt und marschierten -hinüber auf die Waldwiese, die an dem Berghange lag. -Viele winkten dem kleinen Mädchen am anderen Ufer: »Heidi! -Heidi, komm mit! Weißt du denn nicht, daß Herr Rübezahl -heute Hochzeit hält?«</p> - -<p>»Ah,« sagte Heidi, »das trifft sich ja großartig! Natürlich -komm' ich da mit. Aber ein bißchen will ich noch warten -und dem langen Zuge zugucken – es sind ja eine Million.«</p> - -<p>Es kamen immer mehr, und sie schritten im Takte der Pfeife. -In der Mitte des Zuges ging ein schönes weißes Pferd, und -darauf saß ein wunderschönes Jungfräulein. Das war die -Braut. Sie hatte ein seegrünes Schleierkleid an, und das -Haar fiel ihr über die Schultern wie gesponnenes Mondlicht.</p> - -<p>Ein Mann führte das Pferd am Zügel über alle Fährnisse. -Der hatte einen so großen Bart, daß er ihm bis auf -die Bergschuhe hinabfiel. Und in der Hand hatte er einen -mäßigen Fichtenstamm als Spazierstock.</p> - -<p>»Ist das der Herr Rübezahl?« fragte Heidi.</p> - -<p>»Natürlich! Und du bist wohl gar ein richtiges Menschenkind, -weil du den König der Berge nicht kennst?«</p> - -<p>»O,« sagte Heidi, »kennen tu ich ihn schon. Ich kenn' -ihn sogar sehr gut. Aber, nicht wahr – wenn man einem -Bergkönig zum ersten Male begegnet –«</p> - -<p>»Komm mit, komm mit!« sagten die Elfen, und warfen -ihr Blumen herüber; die sprangen dem kleinen Mädchen an -die Nase oder auf die Stirn und waren kühl wie Morgentau.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span></p> - -<p>Dann ging sie mit und ging richtig im Takte der Pfeife, -die nun von ganz fern über den Hügel herüberklang. Sie -lief auch rasch einmal zu dem weißen Pferd und warf der -schönen jungen Elfenbraut ihre Vergißmeinnicht in den Schoß. -Da nickte die sehr lieblich und königlich. Und Heidi machte -ihr einen feinen Knicks.</p> - -<p>Nach einer Weile kamen sie auf eine kleine Wiese im Walde. -Dort stand ein Himmelbett aus blauer Seide, und oben auf -dem Himmel saßen zwölf Engel und wackelten mit den -Flügeln.</p> - -<p>Auf einmal erklang eine mächtige Stimme. Nämlich: -der Herr Rübezahl hielt eine Rede …</p> - -<p>Es war aber gar nicht der Herr Rübezahl, sondern es war -der Herr Professor Salzer, der hatte den gelben Krückstock -in die Erde gestochen und den grauen Stoffzylinder daraufgestülpt, -wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte: -»Na, Heidi, was ist dir denn eigentlich eingefallen?«</p> - -<p>Und neben ihm standen Papa und Mama und eine große -Menge Menschen aus Johannisbad, dazu die halbe Kurmusik; -denn als es ruchbar geworden, daß Heidi weg wäre, die der -Liebling aller war, kriegten sie das Suchen und stürzten -gegen den Wald, als wäre dort ein Luftschiff niedergegangen -und sie müßten es besehen.</p> - -<p>Und nun tat Heidi die Augen auf und sagte: »O, jetzt -seid ihr gerade zu spät gekommen! Nämlich, der Herr Rübezahl -hat heute Hochzeit und eben ist der ganze Zug hier -vorübergeschritten.«</p> - -<p>Eigentlich wollte Mama ein bißchen schelten. Aber nun ging -das nicht. Es gab nur Küsse, und der Großpapa Salzer -hatte ihr noch etwas sehr Schönes mitgebracht.</p> - -<p>Ein Glück war, daß Fräulein Sinsheimer die ganze Aufregung -verschlafen hatte.</p> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p> - -<p class="drop">Einmal im August, als schon die Linden tief drinnen -im Astwerk die ersten goldenen Blätter aufsteckten, war -der ganze Freundeskreis wieder im Märchenhause versammelt. -Auch die Tante Veronika war mit aus Ibenheim gekommen. -Sie hatten die fröhliche Heimkehr gefeiert, und Herr Salzer -war Festredner gewesen. Zwei Stunden war ihm Frist gesteckt -worden dafür – das war lange. Aber es ist zu bedenken, -daß er über die Erlebnisse zweier Dichterkutschen und über -Rübezahls Hochzeit und die schöne Elfenbraut im seegrünen -Schleierkleide und über ein Himmelbett mit zwölf Engeln -zu berichten hatte …</p> -</div> - -<p>Es war schön. Es war atemberaubend schön. Es war -so springlebendig, daß sie meinten, sie machten die Reise in -dieser Nacht noch einmal. Aber nun waren es vier Dichterkutschen.</p> - -<p>Als Herr Salzer fertig war, waren sie noch lange nicht -müde, und Gwendolin bat: »So, Jockele, und nun lies uns -deinen Roman.«</p> - -<p>»Das nächste Mal,« sagte er, »es ist ja gleich Mitternacht.«</p> - -<p>Da schlugen die Uhren.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="noind">Im Verlag <em class="gesperrt">Ullstein & Co, Berlin</em>, -erschien ferner in der Sammlung der Ullstein-Bücher -von</p> -</div> - -<p class="center larger">Max Geißler</p> - -<p class="h2">Jockele<br /> -und die Mädchen</p> - -<p class="center"> -Ein Buch der Jugend ist dieser erste Jockele-Roman<br /> -Geißlers und ein Buch der genialischen Lehrjahre,<br /> -durch die der schwarzlockige Jakobus Sinsheimer,<br /> -Kunstschüler in Weimar und Student in Jena, zum<br /> -Manne reift. Kluge und törichte, blonde und dunkle,<br /> -sanfte und ausgelassene Mädchen begleiten das<br /> -verhätschelte Naturkind. An die rauschende Ilm<br /> -versetzt der Roman, in den Weimarer Stadtpark,<br /> -ins Liszthaus, nach Tiefurt, Belvedere und<br /> -Ettersburg. Allen Reiz der Erinnerung macht<br /> -er lebendig, der für die deutsche Andacht<br /> -diese Stuben und Gärten umklingt, und der<br /> -traulich hinüberspielt in die Gegenwart<br /> -mit ihrem frohen, jungen<br /> -Menschenwesen. -</p> - -<p class="center p2">In gleicher Ausstattung zu gleichem Preise</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="h2">Verlag Ullstein & Co, Berlin</p> - -<p class="center">Ferner erschien von</p> - -<p class="center larger">Max Geißler</p> - -<p class="h2">Der Stein der Weisen</p> - -<p class="noind">Die letzten fünfundzwanzig Jahre deutschen Lebens umfaßt -Max Geißlers Roman, der ganz eingesponnen ist in den -Frieden des dunkelgrünen Bergwaldes. Durchs Wettertal -fährt im Juli 1890 der Doktor Valerius Degenhart aus -Frankfurt a. Main, der Träumer, der aus der zerrüttenden -Berufsarbeit sich nach der großen Stille sehnt. Im Wettertal -läßt er, als seine unmoderne Reisekutsche verunglückt, zu -dauernder Rast sich nieder. Zwischen Himmel und Erde, vor -einer Natur von unsagbarer Schönheit baut er sich sein -Haus, die Streitburg. Wenig Äußeres geschieht in diesem -Buch. Aber es hat eine Melodie tiefinnerster Seligkeit, die -im Herzen nachklingt wie der Glanz endloser Sommertage, -und die Andacht, mit der es vom wahren Glück spricht, -kommt aus dem besten Erbteil des deutschen Wesens.</p> - -<p class="center p2">Preis 4.50 Mark</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="center larger">Von Max Geißler sind im Verlage von -<em class="gesperrt">L. Staackmann</em> in Leipzig erschienen:</p> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Das Tristanlied.</em> Epos</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Die Rose von Schottland.</em> Epos</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Gedichte.</em> Volksausgabe</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Die neuen Gedichte.</em> Volksausgabe</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Die Bernsteinhexe.</em> Schauspiel</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Die Herrgottswiege.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Das hohe Licht.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Soldatenballaden</em></p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Am Sonnenwirbel.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Das Heidejahr.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Das Moordorf.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Das sechste Gebot.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Der Erlkönig.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Die Glocken von Robbensiel.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Nach Rußland wollen wir reiten!</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Die Musikantenstadt.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Hütten im Hochland.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Inseln im Winde.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Die goldenen Türme.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Die Wacht in Polen.</em> Roman</p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Das neue Märchenbuch</em></p> -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Briefe an meine Frau</em></p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center"> -Ullstein & Co<br /> -Berlin SW 68 -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die -Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Originalschreibweise -wurde beibehalten. -Der Schmutztitel wurde entfernt.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 22: übernächtigen → übermächtigen<br /> -diesem besinnlichen, etwas <a href="#corr022">übermächtigen</a> Kopfe nicht</p> -<p> -S. 43: Harsager → Harfager<br /> -Ballade über Harald <a href="#corr043">Harfager</a> gesungen</p> -<p> -S. 57: pflag → pflog<br /> -den Bergen sein verschwiegenes Dasein <a href="#corr057">pflog</a></p> -</div> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Jockele und seine Frau, by Max Geißler - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOCKELE UND SEINE FRAU *** - -***** This file should be named 54677-h.htm or 54677-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/6/7/54677/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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