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- The Project Gutenberg eBook of Jockele und seine Frau, by Max Geißler.
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Jockele und seine Frau, by Max Geißler
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Jockele und seine Frau
-
-Author: Max Geißler
-
-Release Date: May 7, 2017 [EBook #54677]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOCKELE UND SEINE FRAU ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Ullstein-Bücher</p>
-
-<p class="center">Eine Sammlung<br />
-zeitgenössischer Romane</p>
-
-<div class="figcenter">
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-</div>
-
-<p class="center larger">Ullstein &amp; Co / Berlin und Wien
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Jockele und seine Frau</h1>
-
-<p class="center">Roman von</p>
-
-<p class="h2">Max Geißler</p>
-
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-
-<p class="center">Ullstein &amp; Co / Berlin und Wien</p>
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-<hr class="chap" />
-</div>
-
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten<br />
-Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein &amp; Co, Berlin</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Der Doktor Jakobus Sinsheimer &ndash; lieber Gott, wer kennt
-den Doktor Jakobus Sinsheimer nicht! Hat er nicht
-als »der Jockele« wegen seines heftigen Betriebes mit den
-Mädchen die kleine Stadt Weimar in große Aufregung versetzt?
-Der Jockele, der als Zigeunerbüblein von der guten
-Tante Veronika auf der Schwelle des Hauses am Walde
-gefunden wurde! Der Jockele, der sich hernach so kraftvoll
-hineinliebte ins Leben! Der zuerst ein Maler werden wollte,
-und zu dem dann sein väterlicher Freund Ernst Haeckel in
-Jena sagte: »Ein rechter Kerl geht nicht unter &ndash; auch ohne
-Matura; deutsche Hochschulprofessoren sind keine Philister,
-und aus einem Zigeuner wird durch die kluge Sorge seiner
-alten Tante ein gelehrter Doktor.«</p>
-</div>
-
-<p>In Bonn, wo er mit Doris Rinkhaus Hochzeit feierte,
-sprach er ein Wort von grundlegender Bedeutung. Er sagte:
-»Mit Männern, in deren Leben die Frauen nicht eine ungeheure
-Rolle spielen, hat es ein Aber.« Das schmetterte
-er so über die Hochzeitsgesellschaft hin. Und die Welt hielt
-davor den Atem an. Eine ältere Dame sagte sogar: »Ooh!«</p>
-
-<p>Papa Rinkhaus, der Fabrikbesitzer, war ein gescheiter,
-eigenwilliger und reicher Mann. Es kam ihm gar nicht darauf
-an, den Schwiegersohn gleich an seinem Ehrentag ein bißchen
-in Reparatur zu nehmen. Seiner väterlichen Würde war
-sowieso eine harte Probe zugemutet worden, weil seine
-Tochter Doris ihre Herzensangelegenheit durchaus zu eigener<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-Sache gemacht hatte. Nun konnte er gleich anfangen, das
-Versäumte nachzuholen; denn &ndash; wie gesagt &ndash; die Hochzeitsgäste
-hielten den Atem an. Der Jockele, der aus dem Thüringer
-Walde gezogen worden wie Moses aus dem Schilfe
-des Nil, schien ja mit recht netten Grundsätzen in die Ehe
-zu treten! Oh!</p>
-
-<p>Aber Xaverius Rinkhaus zerplatzte nicht gleich, wie das
-die ältere Dame erwartet hatte. Nein, nein, er war auch ein
-vorsichtiger Mann und fragte: »Wie meinen Sie das?«
-Es klang steil.</p>
-
-<p>»Ganz anders, als Sie erwarten, meine Herrschaften,«
-sagte Jockele mit Genugtuung. »Was mich betrifft, so werde
-ich mich in die Sonne meiner Frau stehen, wie sich die Erde
-stellt in das Licht des Frühlingshimmels.«</p>
-
-<p>»Wie schön!« seufzte die ältere Dame bekehrt. Aber »Na
-na!« sagte Fräulein Hanna von Fellner, die ein halbes Jahr
-mit einem Oberleutnant verlobt gewesen war. Im Grunde
-war es ihr gar nicht unangenehm, daß man es bei diesem
-deutsamen »Na na« nicht bewenden lassen wollte. Sie hatte
-gegen die Liebesfähigkeit junger Männer ihre Bedenken &ndash; zum
-mindesten gegen die Ausdauer dieser Liebesfähigkeit. Und
-weil der Hochzeiter Jockele so vergnügt um sie herschien,
-getraute sie sich, mit ihm eine Lanze zu brechen. Oho!</p>
-
-<p>»Lieber Doktor, Sie sind ja nur in die Enge getrieben
-worden. Sie wollen Ihre junge Frau nicht ängstlich machen.
-Und Sie fürchten sich vor dem gewappneten Heer, das um
-Sie lagert! Wetten wir, daß Sie vor dem ehelichen Dasein
-alle Bangigkeit befallen hat, die die Männer nun einmal
-davor aufbringen?«</p>
-
-<p>Es war ein roter neunzehnjähriger Mädchenmund, der das
-daherredete, wunderhübsch aufgeblüht und wissend &ndash; aber nicht
-zu sehr. Und gar nicht verkümmert in ungestillten Sehnsüchten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p>
-
-<p>Deshalb setzten namentlich die jungen Frauen der Tafelrunde
-gleich alle Lichter heraus. Teufel auch &ndash; wenn solche
-Weisheiten zwischen angewelkten Lippen hervorgesickert wären,
-so hätte man sich verstohlen mit den Füßen ein Zeichen gegeben
-und hätte gedacht: »Nun ja, die Konzession hat sie
-nicht bekommen &ndash; deshalb verschenkt sie nun den Wermut
-der Liebe.« Aber auf Hanna von Fellner traf das nicht zu.
-Nein, es traf nicht zu &ndash; trotz der aufgetrennten Verlobung;
-denn erstens war sie Dos ausgezeichnete Freundin, und
-zweitens war sie dieser aufrechten und klaren Do leuchtendes
-Ebenbild. Wer die beiden nicht kannte, hielt sie für Schwestern.</p>
-
-<p>Der Hochzeiter Jockele hatte, wie man weiß, gerade sein
-Werk »Der Kunsttrieb der Natur« vollendet. Deshalb hatte
-er den Kopf noch bis oben voll von Wissenschaft über »die
-Entwicklung der Organismen aus eigener Kraft durch die
-physikalische und chemische Energie der lebendigen Substanz«.
-Er hätte also präziser antworten können, als er es tat. Aber
-er wollte der lustig aufgewiegelten Hanna nicht gleich Schach
-bieten, ließ sich in ein Gefecht mit ihr ein und wettete um
-eine Mark: er hätte nicht halb so viel Angst vor dem ehelichen
-Dasein, als sie ihm andichte.</p>
-
-<p>Schon wegen der Wette um die Mark bekam er die Lacher
-auf seine Seite. Für Hanna von Fellner dagegen wurde die
-Lage unbequem.</p>
-
-<p>»Lassen Sie sich nicht aus dem Sattel werfen, Hannachen!«
-reizte Herr Xaverius Rinkhaus.</p>
-
-<p>Nun, der Jockele war ja seit drei Stunden verheiratet; und
-Hanna gehörte zu seiner Frau &ndash; sie gehörte also auch zu ihm.
-Deshalb durfte sie das schon wagen. »Also,« trumpfte sie
-heraus, »meine Wette hab' ich gewonnen: ein bißchen Angst
-haben Sie schon zugegeben! Sie sind aber auch ein viel zu
-junger und interessanter Mann, als daß es Ihnen nicht bange<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-sein müßte vor der Hürde der Ehe. Wie lautet doch die Weisheit
-junger Leute Ihres Schlages? Sie schupfen verstellungsfroh die
-Schultern, lieber Doktor! So will ich Ihnen auf die Sprünge
-helfen. Sie alle fürchten sich vor dem geordneten Leben&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Stempeln Sie mit diesem kühnen Satze nicht jeden unverheirateten
-Mann zu einem Zigeuner?«</p>
-
-<p>Das sorglos gleitende Schiff Hannas war gegen eine Klippe
-gefahren. »Nun, so will ich sagen: Junge Männer, wenn sie
-glauben, daß sie richtig gehen, lieben die fröhliche Wildnis,
-und sie meinen, in der Ehe verkümmern ihnen unentbehrliche
-Blüten des Lebens.«</p>
-
-<p>Es war keine Erörterung für eine Hochzeitstafel; auch dann
-nicht, wenn man schon bei den Knackmandeln war. Und doch
-geriet weder die vortreffliche Stimmung noch einer der Gäste
-dabei in Gefahr. Nicht einmal Hanna selbst. Aber sie war
-klug und wollte für diesmal nicht recht behalten. Sie warf
-dem Jockele also noch rasch einige Perlen aus der Kette
-ihrer Gedanken zu und rief: »Geben Sie acht, Doktor, daß
-Ihnen keine davon fortkommt! Auf der Insel der Auferstehung
-oder im Riesengebirge oder im Gartenhaus am Horn
-in Weimar wollen wir sie wieder schön auf den Faden reihen.«</p>
-
-<p>Die Insel der Auferstehung ist ein Eiland im Hardanger
-Fjord. Der Name war von einem Kreise junger Menschen
-erfunden, die in jener Zeit daselbst hausten. Eine Vereinigung
-von Künstlern, Träumern und lebensfrohen Kämpfern, die
-sich »Sturmschwalben« nannten.</p>
-
-<p>Hanna von Fellner hatte nach ihrem rückgängig gewordenen
-Verlöbnis zwei Wochen auf dieser seligen Insel gelebt. Sie
-war von einer Freundin dorthin gerufen worden, die die
-Düsseldorfer Akademie besuchte und einen Sommer lang am
-Strande Norwegens malte. »Ich gehörte zu den Träumern
-unter den Sturmschwalben,« sagte Hanna.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p>
-
-<p>»Nun ja, damals!« lachte Jockele.</p>
-
-<p>Und sie berichtete, wie herrlich, groß und einsam die Welt
-dort wäre. Die Insel der Auferstehung sollte das erste Reiseziel
-des Doktors und seiner jungen Frau sein. Hannas beredter
-Mund hatte viel zu reizvoll von dem Fjord und den Sturmschwalben
-geplaudert. Dort im nordischen Sunde auf dem
-Sonneneiland flog Jugend aus vielen Ländern zusammen. Es
-gab keine gedruckten Vereinsgesetze, keinen Vorstand und keinen
-Kassierer, keinen Monatsbeitrag und keinerlei andere Verpflichtungen.
-Die Feste, der Ernst und der Frohmut, das Weilen
-und das Wandern waren dort Eingebungen des Augenblicks.</p>
-
-<p>Im Hochzeitstag am Rheine tauchte das Bild der Insel
-der Auferstehung empor und ging unter in Tanz und Glück.
-Vor Mitternacht &ndash; aber lange nicht als die letzten &ndash; verschwanden
-auch Jockele und Do. Danach blieben sie einige
-Zeit verschollen. Das erste Lebenszeichen sandten sie aus dem
-Blockhaus am Fjordstrand, in dem sie ihre Koffer, ihre Daseinslust
-und ihre Neugier einstweilen verstaut hatten. Von
-Hanna wußten sie: ein Gasthaus gab es auf der kleinen Insel
-nicht. Auch nach ihrem Namen forschten sie bei den Fischern
-vergeblich. Selbst auf dem Dampfboote, das sie durch den
-Fjord trug, hatte kein Mensch eine Ahnung von dem Eilande
-der Auferstehung. Nur das Gehöft Krokengaard kannte man.
-Das lag drüben am Fjordufer über der Sägemühle. Das
-hatte ihnen Hanna als Ziel ihrer Fahrt genannt. Es schäumte
-nahe dabei in jähem Sturz ein Bergfluß über Schründe und
-Zacken und zerschlug sich zu einem Schleier von Staub.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen ergingen sich Do und Jockele am
-Strande vor dem Plätschern der schimmernden Wasser. Da
-glitt ein Boot mit einem braunen Segel herüber, und Nane
-Thord stieg heraus. Sie trug ein schwarzes Wollgewand
-und eine weiße Haube.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p>
-
-<p>Auf Nane Thord mit den stillen grauen Augen hatten sie
-gewartet. Das war die Witwe des Fischers Lars Thord. Sie
-segelte bis tief in den Herbst hinein an jedem Morgen von
-der Insel herüber. Mit dem geräumigen Korb am Arm zog
-sie von Haus zu Haus. Auf Krokengaard erstand sie Eier und
-Butter, beim Krämer geräucherten und rohen Lachs, Anschovis,
-fetten Hering. Sie kaufte rote Rüben und Zwiebeln, Olivenöl,
-Essig und Pfeffer; Knäckebröd mit Anis gewürzt; Sillsalat
-aus mariniertem Hering; sie feilschte um Gammalost, den
-schärfsten alten Käse, für den der Maler Henrik Tofte seinen
-letzten Pfennig anlegte, und ließ sich die Flaschen füllen mit
-Pomerans und Finkelbränvin. Sie verstaute in ihrem Korb
-Brot aus feinem Mehl und Gänsebrust und Kaviar … Oh,
-dem »Smörgasbord« von Nane Thord konnte kein Mensch
-nachsagen, daß dieser kleine Vorspeisentisch nicht zu aller Zeit
-mit Umsicht und Liebe gerüstet stünde! Was ein Smörgasbord
-eigentlich wäre, wußten die beiden landfremden Hochzeitsmenschen
-noch gar nicht. Sie kamen sich bei ihrer Strandwanderung
-ein wenig entwurzelt und sehnsüchtig vor; denn
-sie waren an ihrem Reiseziel und waren es doch nicht. Sie
-hätten hinüberrufen können zu der Insel der Auferstehung,
-und dennoch lag die in dem dunkeln Wasser wie ein fernes,
-fernes Land. Es war, als müßten sie erst die Schneegefilde
-vom Folgefond, die sich vor ihnen in der Flut des Fjords
-spiegelten, überschreiten in langer, mühsamer Wanderung, um
-hinzugelangen. Aber als Nane Thords Boot gegen den Strand
-stieß, sprangen sie herzu wie Kinder, die ihre Mutter erwarten,
-und als wäre das Schifflein das Spielzeug, das sie ihnen
-mitgebracht hatte.</p>
-
-<p>Nane Thord aber wunderte sich an der leuchtenden jungen
-Frau Do über die Maßen. »Es wachsen viele blonde und
-hohe Mädchen an diesem Strande,« sagte sie, »aber so hell<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-ist keine von uns.« Do sah aus wie ein Maitag, der über die
-Zinnen der Berge blüht. Dann redeten sie von Hanna und
-fanden sich darüber gleich gutbekannt zueinander.</p>
-
-<p>Während Nane Thord ihren Einkäufen nachging, blieben
-die beiden im Boot. Sie machten es los und glitten vor dem
-sachten Morgenwind uferhin. Es dauerte zwei Stunden. Da
-lernten sie das Boot wenden und die Leinwand in den Wind
-stellen. Sie wurden kecker und fuhren ein wenig hinaus.</p>
-
-<p>Es hatte sich nämlich ein Mensch zwischen dem Gesteine
-der Insel halb aufgerichtet und schaute ihnen unverwandt zu.
-»Ich glaube, dieser steinerne Gast ist Rolf Krake,« sagte Do.</p>
-
-<p>»Ach so &ndash; der Dichter, Träumer, Maler, Lautenschläger und
-Drechsler?« fragte Jockele. Sie kannten seinen Namen und
-seine wunderliche Art von Hanna. Die hatte ihnen sein Bild
-nicht ohne Teilnahme gezeichnet und hatte gesagt, Rolf Krake
-wäre die einzige der Sturmschwalben, die Nane Thord über
-den Winter hätte Gesellschaft leisten wollen. Das einsame
-Eiland gehörte ihr, und außer ihr wohnte niemand dort.</p>
-
-<p>Von Rolf Krake stammte der Name der Insel und der
-Vereinigung. Von ihm rührte auch der Anbau aus Stämmen
-her, der dem kleinen Blockhause des Fischers Thord im vorigen
-Jahr angefügt worden war.</p>
-
-<p>Dieser Anbau hatte, wie das alte Haus, ein Rasendach,
-tief herabgezogen und auf geschälte Birkenrinde gelegt. Aber
-während der Rasen auf dem alten ganz von Moos und Flechten
-übersponnen war und nun in der Morgensonne leuchtete
-wie dunkles Gold, blühte das neue wie ein Frühlingsanger
-von Gänseblumen, blauem Gundermann, roten Taubnesseln
-und Schaumkraut. »Man kann von den Dächern dieser Blockhäuser
-die ganze norwegische Flora zusammenstellen,« sagte
-der Naturforscher Jockele.</p>
-
-<p>Da sahen sie Nane Thord von der Sägemühle her wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-über das kurze Gras des Vorlands herabschreiten. Sie
-arbeitete mit dem freien Arm wie eine Windmühle mit ihren
-Flügeln; denn sie wollte sich den beiden bemerkbar machen.
-Also fuhren sie hinüber. Nane Thord ergriff Steuer und
-Segelleine. Und wie ein Renner, der sich wieder in sicheren
-Händen weiß, eilte das Fahrzeug nun über den Fjord.</p>
-
-<p>Der Mann zwischen den Steinen kroch hervor und machte
-das Boot fest. Es war aber nicht Rolf Krake, sondern Henrik
-Tofte, der Maler, der auf seinen alten Käse gewartet hatte.
-»Nane Thord hat mir den Tag zerdonnert,« sagte er. »Wissen
-Sie, auf mich haben alte Käse die Wirkung wie auf Ihren
-Dichter Schiller die faulen Äpfel. Eigentlich wollte ich heute
-das Bild für Johnny fertigkriegen &ndash; es ist nämlich eine Sonnenstimmung
-aus dem frühen Tage … Nun bin ich den Vormittag
-über zu Stein geworden.« Dabei schob er einen halben
-Laib Brot aus der Hand Nane Thords in die Tasche seines
-Malkittels, nahm den Steinnapf mit dem Käse in Empfang
-und stieg wieder seinem vorigen Sitz in den Zacken entgegen.</p>
-
-<p>»Man darf es mit Herrn Tofte nicht verderben,« sagte Nane
-Thord geheimnisvoll. »Er ist 'n Kerl wie 'n Eichbaum; er
-kann malen wie der liebe Gott. Aber wenn er wild wird,
-geht er nieder wie eine Lawine.«</p>
-
-<p>»Ein bißchen viel auf einmal,« lachte Do. »Hat ihn eigentlich
-Fräulein von Fellner kennen gelernt?«</p>
-
-<p>»Ah nein! Er ist doch erst mit den beiden Engländern
-James King und John Williams im August gekommen.«</p>
-
-<p>Dann schritten sie vom Landeplatz den schmalen Steig
-zwischen Felsblöcken empor und traten in den neuen Teil
-des Blockhauses, den sie den Krakesaal nannten. Es war ein
-einziger großer Raum mit zwei Reihen niederer Fenster an
-den Längsseiten, mit weißen Vorhängen und mit Blumen auf
-den Brettern. An der rückwärtigen Schmalseite lag eine<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-Feuerstelle. Ein Kupferkessel hing an einer Kette über
-glimmender Torfglut. In der Mitte stand ein bedeutender
-runder Tisch. Dunkle geräumige Stühle waren im Kreise
-darum geordnet. Und beim ersten Fenster, vor der Staffelei,
-stand eine Malerin, die strich in heftiger Versunkenheit die
-goldene Dämmernis aus ihrem Pinsel. Sie dachte wohl: es ist
-Henrik Tofte, der mit der Fischerfrau hereinkommt. Deshalb
-wandte sie sich nicht um. Aber als sie Nane Thords feiertägliche
-Sprache hörte, wagte sie einen Blick aus ihrer Lichtfreude.
-Und&nbsp;…</p>
-
-<p>»Jockele! Do, goldene Do!«</p>
-
-<p>»Gwendolin Vogelgesang!«</p>
-
-<p>Es folgte ein ungeheurer Zusammensturz. Zuerst rissen
-sich Gwendolin und Jockele an die Herzen. Dann warf Do
-ihre Arme um beide. So jauchzten sie ihre Glückseligkeit von
-heißen Lippen und aus quellenden Augen übereinander dahin.
-»Gwendolin, du ewiges Licht, du Zauberin!« Und genau
-wie damals in der Stube der kleinen Wirtschaft im Webicht
-bei Weimar, als die lange Gwendolin dem Jockele die Bilder
-zum »Armen Heinrich« verkauft und ihm sein erstes selbstverdientes
-Geld in blauen Scheinen gebracht hatte &ndash; genau
-wie damals schossen diese ranken jungen Menschen durcheinander
-wie Waldbäume und verflochten sich mit Wurzeln
-und Ästen. Aber nun waren es ihrer drei. Und genau wie
-damals stand eine Wirtsfrau zwischen Tür und Angel, kriegte
-die Verklärung und schrieb unter das Bild in Lebensgröße
-»Ein Wiedersehen nach langen Jahren«. Aber nun hieß die
-Wirtsfrau Nane Thord.</p>
-
-<p>Großer Gott, wie klein ist deine Erde!</p>
-
-<p>Henrik Tofte bekam durch das offene Fenster hinaus eine
-Ahnung der Ereignisse. Sollte der Herr, der sich ihm als
-Doktor Sinsheimer vorgestellt hatte, einer der vielen sein, die<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-Gwendolin Vogelgesang einmal schön gefunden hatten? Und
-einer von denen, die sie hernach gehen hieß mit hochmütigem
-Munde &ndash; »ich kenne diesen Menschen nicht«?</p>
-
-<p>Henrik Tofte, der ährenblonde Skalde, schritt zweimal ums
-Haus, um sich zu überzeugen, ob es dadrinnen einen Streit
-gäbe oder eine ausgelassene Freude. Er entschied sich für die
-Freude und kam herein. »Tofte, herrlicher Tofte, das ist doch
-der Jockele und seine Frau Do!« jubelte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Ach soo!« brummte der Maler. Dann vollbrachte er eine
-fast ehrfürchtige Verbeugung vor Do. Aber den Jockele nahm
-er in seine beiden Hände … »Herr, Herr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So redet er sonst nur den lieben Gott an,« rief Gwendolin
-dazwischen.</p>
-
-<p>»Herr, Herr, hätten Sie sich nicht mit einem falschen Namen
-eingeführt drunten am Inselrande, so hätt' ich Sie auf
-meinen Armen in dies Haus getragen. Ja, wenn Sie der
-Jockele sind, Sie Seligster unter den Menschen! Sie kennen
-wir hier besser als uns selber. Na, und nun können Sie ja mit
-Gwendolin und Ihrer blonden Frau wieder durch die Welt
-ziehen wie auf dem Umschlagbilde des Buches ›Jockele und
-die Mädchen‹. Ein gelbes Kleid und einen Wildrosenhut hat
-die lange Gwendolin nämlich wieder … Und jetzt, Mutter
-Thord, bringen Sie Sekt, viel Sekt! Hätten Sie heut morgen
-alten Käse gehabt statt Quark, so wäre mein Bild jetzt fertig,
-und Mister Johnny hätte mir eine Anzahlung gemacht,
-bis daß es trocken ist. Nun aber schreiben Sie den Sekt so
-lange auf.«</p>
-
-<p>»Geld hat er nie,« erklärte Gwendolin. »Und doch verdient
-er schrecklich viel. Ich sag' euch: er kann malen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wie ein Gott!« unterbrach sie Do.</p>
-
-<p>»Nein, er kann malen, daß man sich schämt, neben ihm
-einen Pinsel anzurühren. Geld hat er nie. Aber er ist der<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-Schönste unter den Menschen.« Dabei wandte sich Gwendolin
-ab, aber nicht, weil sie rot wurde, sondern weil sie ihren
-Malkittel abstreifte und an den Haken hängte. »Kommen Sie,
-Tofte,« sagte sie dann und zog ihm den Linnenrock aus, »Sie
-gehen ja daher, als wären Sie von Stein.« Gwendolin hatte
-nun wirklich das gelbe Kleid an und sah aus, als liefe sie gerade
-aus dem Bilde vom Jockelebuch.</p>
-
-<p>Marit, das Hausmädchen, hatte inzwischen das Smörgasbord
-hergerichtet; und Jockele und Do erfuhren, was es damit
-für eine Bewandtnis hatte. Dieser Vorspeisentisch stand an
-der anderen Schmalseite des Saales, der Feuerstelle gegenüber,
-und wies, sauber zugeschnitten, alle Herrlichkeiten auf, die
-Nane Thord an den Vormittagen drüben in der Welt erhandelte.
-Es standen Teller dabei. Jeder nahm sich so viel und
-wonach er Lust hatte.</p>
-
-<p>Henrik Tofte hatte draußen gefrühstückt. Er beschied sich
-bei einem Vortrunk Pomerans und Finkelbränvin. Dann
-saßen sie um den Tisch her. Tofte konnte tagelang zugeschlossen
-sein wie die Memnonssäule; aber heute klang er sein
-Glück in die Welt in ewigem Sonnenaufgang. »Herr, Herr,
-ich habe Mortsrespekt vor Ihnen,« sagte er zu Jockele, »aber
-dies erste volle Glas bring ich Ihrer herrlichen Frau! Frau Do,
-wissen Sie, daß Sie einen finsteren Winter lang der hohe
-Stern dieses Hauses gewesen sind?«</p>
-
-<p>Da die Hauptmahlzeit erst des Abends um sieben Uhr genommen
-wurde, hatte man Muße, alles zu erfahren, was man
-voneinander wissen wollte. Jockele und Do würden auch Gelegenheit
-haben, alle Sturmschwalben kennenzulernen, die
-in diesen Tagen im Hardanger Fjord wohnten, sagte Gwendolin.
-»Sie fliegen nämlich herum, wo sie wollen &ndash; auf, in
-die Fjelds oder gar hin zu den Firnen, weit ins Land, zu
-den Wasserfällen in die Schluchten, oder sie segeln den Fjord<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-entlang. Nur zu Tisch erscheinen sie des Abends alle mit
-Pünktlichkeit.«</p>
-
-<p>Hanna von Fellner und Gwendolin kannten sich übrigens
-nicht. Auch hatte sich seit Hannas kurzem Aufenthalte manches
-geändert; denn Henrik Tofte und Gwendolin wohnten nun
-doch auf der Insel bei Nane Thord. Durch den Anbau waren
-in dem Fischerhause zwei kleine Räume dafür frei geworden.</p>
-
-<p>Neben dem Wiedersehen erstaunte Jockele am stärksten
-über das Verhältnis Dos zu Gwendolin. Er mußte jenes
-Tages auf dem Ettersberge bei Weimar gedenken, an dem sie
-Gwendolin malend im Walde getroffen hatten. »Jakobus
-Sinsheimer,« hatte Do damals zu ihm gesagt, »diese da ist
-Gwendolin Vogelgesang, eine Böhmin, und sehr jung. Die
-Männer finden sie hübsch, und sie kann etwas.« So war das
-Bild Gwendolins rasch und zutreffend von ihr gezeichnet worden.
-Aber zu einer herzlichen Zuneigung war es zwischen den
-Mädchen nie gekommen. Und als der Jockele in seinem jungen
-Unverstand an das heiße Abenteuer mit Gwendolin geraten
-war, hatte ihn Do sogar mit eifersüchtigem Spott überschüttet,
-und sie hatten einander den Frieden auf ein paar Wochen
-gekündigt.</p>
-
-<p>Nun, Gwendolin war im Hardanger Fjord noch genau so
-verführerisch wie im Sommerwalde des Ettersberges. Ja
-sie war vielleicht noch gewalttätiger geworden in ihrer Sieghaftigkeit
-und Sinnenfreude. Aber Do brauchte sie heute nicht
-mehr zu fürchten. Und sie war auch inniger und fraulicher &ndash;
-natürlich nur, was ihr Herz anlangte; denn die schlanke Biegsamkeit
-des Leibes und das ganze betörende Feuer ihrer
-zwanzig Jahre schienen ihr unveränderliches Eigentum.</p>
-
-<p>Den Samowar, den Gwendolin damals in einer Nebelnacht
-für Jockeles kleines Heim gestiftet, hatten sie mitgebracht.
-Von ihm war nun die Rede.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, der Teekessel!« jauchzte Henrik Tofte. »Das ist ja
-eine famose Geschichte!«</p>
-
-<p>»Die kennen Sie auch?« wunderte sich Do.</p>
-
-<p>»Kunststück! Alles kennen wir &ndash; als hätten wir's miterlebt!«
-gestand der Maler. »Wir wissen sogar, daß Jungjockele in
-jener verbiesterten Nacht zweimal den Namen Gwendolin
-Vogelgesang über die schöngemusterte Teedecke losgelassen
-und gesagt hat, es kröchen nun zwei Schlangen auf dem
-Tisch herum.«</p>
-
-<p>Gott, wie lustig sich die Welt von damals jetzt ausnahm aus
-der gesicherten Entfernung heraus!</p>
-
-<p>So lag das Lebensbuch des Jockele aufgeschlagen zu
-tiefster Vertraulichkeit für alle, die es sehen wollten. Und weil
-man auf der Insel einen Winter lang wißbegierig darin gelesen
-hatte, leistete sich der Jockele auch seinerseits gleich die
-vertrauliche Frage: »Henrik Tofte, wollen Sie Gwendolin
-Vogelgesang heiraten?«</p>
-
-<p>»Jawohl, was <em class="gesperrt">mich</em> anlangt,« sagte der. »Wir haben davon
-mehrfach miteinander geredet. Aber mit der Gwendolin
-ist ja nichts anzufangen, wenn sie nicht will.«</p>
-
-<p>»Und &ndash; sie &ndash; will &ndash; nicht?« forschte Jockele aus drohender
-Versteinerung heraus.</p>
-
-<p>»Will nicht!« bestätigte Tofte und zog die Schultern.</p>
-
-<p>»Will nicht?« sagte Gwendolin. »So ist das nicht richtig!
-Nur &ndash; ich habe gelernt, mir diese Dinge zu überlegen. Man
-weiß, ich bin nicht ohne Erlebnisse. Und immer mußte ich es
-sein, die zur Vernunft kam, wenn es höchste Zeit wurde.
-Daher ist die Rede unter den Menschen: die Gwendolin Vogelgesang
-verleugnet nach vier Wochen kaltherzig jede Liebe …
-Nicht wahr, Jockele?« fragte sie in Erinnerung an den
-Zwetschengarten von Ettersburg.</p>
-
-<p>»Es war das närrische Jungsein,« sagte Jockele.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p>
-
-<p>»…&nbsp;das ich mein Lebtag nicht loswerden kann,« ergänzte
-Gwendolin. »Aber ich bin höllisch klug geworden und auf
-der Hut vor mir selber. Dürfte ich anders den Mut haben,
-mich &ndash; als das einzige junge Mädchen &ndash; in den Ring der
-Männer zu wagen, die des Abends hier zu Tische sitzen?«</p>
-
-<p>Man merkte: dies Gespräch war die ganz persönliche Angelegenheit
-Gwendolins und Henrik Toftes. Es brach jäh
-ab, als sich die Tür öffnete.</p>
-
-<p>Rolf Krake kam herein.</p>
-
-<p>Er ging ein wenig vornübergebeugt und sah aus, als wollte
-er dem Geheimnis Gott auf den Grund kommen; und so,
-als wüßte er, daß es nur noch eins gebe, das unergründlicher
-sei: nämlich er selbst. Aber das wußte er nicht. Er hatte ein
-schmales, bartloses, scharfmodelliertes Gesicht mit einer auffällig
-hohen Stirn. Darüber dünnes blondes Haar, nach
-rückwärts gestrichen. Es schien zu wehen, so oft er in innere
-Erregung geriet. Ein anderes Zeichen dafür gab es an diesem
-besinnlichen, etwas <span id="corr022">übermächtigen</span> Kopfe nicht. Denn die
-Augen lagen ihm unter der kraftvollen Stirn &ndash; grau und
-groß, und wer diese Augen zum erstenmal sah, der dachte,
-es gebe auf der Welt keine, die ruhevoller wären. Weit
-offen &ndash; und dennoch Rätsel, die kein Mensch je gelöst hat …
-wenn man nicht sagen will, daß dies dem Schwurgerichte
-gelungen sei, vor das Rolf Krake hernach gestellt wurde.
-Augen, wie diese, hatte niemand. Nicht einmal Nane Thord.
-Denn die von Nane Thord waren zwar auch grau, groß
-und ruhevoll, aber sie leuchteten jeden Tag über einen Wunderglauben.
-Deshalb konnte Nane Thord zuzeiten in die
-Welt schauen wie ein Kind, welches den lieben Gott sucht
-und meint, er stehe hinter der nächsten Ecke und spiele mit
-ihm Verstecken. &ndash; Seine Lippen waren schmal, aber nicht
-verkniffen; sondern dieser Mund sah aus, als könnte er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-nur mit Rolf Krake unterhalten. Und doch hatte Rolf Krake
-keinen Feind auf der Welt als sich selber. Aber er war der
-Meinung: er selbst wäre sein bester Freund. In diesem Wahne
-litt er sich an den Rand des Verderbens; denn sein bester
-und edelster Freund war sein Bruder Woldemar. Der war
-aber noch niemals im Hardanger Fjord gewesen; denn Rolf
-Krake hatte ihm, in seiner Einbildung von der Feindschaft
-des Bruders, seinen Aufenthalt schon seit Jahr und Tag
-verschwiegen. Nur manchmal, manchmal bekam er eine so
-heftige Sehnsucht nach ihm, daß er Mister Johnnys Segelboot
-losmachte &ndash; mitten in der Nacht &ndash; und den ganzen Fjord
-lang segelte &ndash; mitten in der Nacht &ndash; bis hinaus gegen den
-Bömmelsund, wo das Meer offen wird. Das tat er, weil
-er auf diese Weise den großen und schnellen Dampfer erreichte,
-der im Morgengrauen von Norden kommt und nach
-Kiel fährt. Von dort aus reiste er seiner unheimlichen Sehnsucht
-nach, in einem fort bis Jena, wo sein Bruder Woldemar
-studierte. Aber wenn er ihm dann die Hände schüttelte,
-dachte Rolf Krake: »Es ist doch so &ndash; dieser Mensch ist mein
-schlimmster Feind.« Und in der nächsten oder in der folgenden
-Nacht reiste er ohne Abschied wieder von ihm weg. &ndash; Bei
-alledem hielt kein Mensch seine Sinne sorglicher zusammen
-als Rolf Krake.</p>
-
-<p>Was die Leute von ihm wußten, und wie sie sich das Geheimnis
-Rolf Krake ausdeuteten &ndash; das kannten Do und Jockele
-von Hanna. Es war vielerlei, aber es war nicht viel. Und die
-Deutung war flach.</p>
-
-<p>Rolf Krake dichtete und malte. Rolf Krake studierte dickleibige
-theologische Schriften, aber mit gleichem Eifer Darwin,
-Büchner und Haeckel. Er hatte zwar den Anbau zu Nane
-Thords Fischerhütte errichten lassen, aber er wohnte in der
-Sägemühle am Eingange des Seitentales, hinter welcher<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-der Skjoldefoß sechzig Fuß hoch über die Steilwand herabschießt.
-Es war dort so: der Wassersturz hing vor der Wand
-in der Luft. Wenn der Wind von Norden dagegenstieß, wehte
-er wie ein Schleier; denn der Felsen hatte oben eine Nase,
-die bei zehn Fuß hervorragte. Über diese Nase brauste die
-Flut hernieder. Deshalb konnte Rolf Krake zwischen der
-Bergwand und dem Falle stehen mit verschränkten Armen
-und konnte &ndash; hinter sich den Fels und vor sich die brüllende
-Allmacht des Sturzes &ndash; fürchterlich einsam sein.</p>
-
-<p>Er sagte, er wohne in der Sägemühle, weil er dort an
-seiner Drehbank drechseln könne, ohne daß er mit seiner Liebhaberei
-jemandem auf die Nerven falle. Aber es geschah
-auch deshalb, weil die Sägen, Räder und aufgeregten Wasser
-lauter redeten als die vielen Stimmen, die in ihm waren.</p>
-
-<p>Nach alledem könnte man denken, Rolf Krake wäre feindselig
-gegen seine Mitmenschen gewesen. Aber auch das traf
-nicht zu; ja es läßt sich sagen, daß er von allen Sturmschwalben
-der Wohltemperierteste und in seiner Art Liebenswürdigste
-war. Und der Rücksichtsvollste. Das ließ sich schon daran
-erkennen: er hatte an diesem Vormittage den Gesellschaftsrock
-angelegt. Es hatte sich in den Strandhäusern wohl herumgesprochen,
-daß die schöne lichte Frau Do nach der Insel
-gesegelt sei.</p>
-
-<p>Do hatte mancherlei Aufträge von Hanna für ihn. Sie
-spazierte also im Saale mit ihm hin und her. Henrik Tofte
-trank indessen sehr viel Sekt. Darüber wurde er aber nicht
-lauter als sonst, und seine Augen verloren nichts von ihrer
-stahlblauen Klarheit. Wenn er früh zu trinken begann, trank
-er in der Regel bis in die Nacht, ohne daß seine Hünenkraft
-erkennbar erschüttert wurde.</p>
-
-<p>Dieser Vollnatur gab sich Jockele in heller Aufgetanheit
-hin. Es gab an ihr nichts zu raten. Do aber wurde von Rolf<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-Krakes rätselhaften Dämmerungen aufs tiefste gefesselt. Sie
-dachte: weder Hanna noch irgendeiner aus diesem Tal
-ahnt sich heran an seine Seele &ndash; und Rolf Krake stand in der
-Fülle des Lichts, das von ihr ausging, und vergaß darüber
-die Welt und sich selber.</p>
-
-<p>Nach einer Weile kamen Mister Johnny und Mister James.
-Beide in großkarierten hellen Anzügen und in gelben Kalblederschuhen
-mit dicken Sohlen. Beide in Sportmützen, beide
-gleich hochaufgeschossen und beide gleich blond und tadellos
-in der Aufmachung. An dem Malzeug, das sie bei der Tür
-ablegten, war zu sehen, daß sie Künstler waren oder werden
-wollten. Zu dieser Zeit waren sie englische Staatsstipendiaten,
-die von Henrik Tofte jedes Bild von der Staffelei
-weg erstanden, vorausgesetzt, daß er es nicht mit seinem Namen
-zeichnete. Mit dem reichlichen Gelde, das sie ihm dafür bezahlten,
-erwarben sie das Recht, die Bilder als ihre eigenen
-auszugeben und als Belege ihres Fleißes und Könnens nach
-England zu senden.</p>
-
-<p>Dieser Brauch hatte sich aus ihrer Bequemlichkeit einerseits,
-aus dem andauernden Geldbedarfe Henrik Toftes andererseits
-entwickelt. Beide Teile fanden ihn angenehm. Aber
-es war eines der Wasser, die zwischen Gwendolin und Tofte
-rannen, und über die Gwendolin nicht zu ihm kommen konnte.</p>
-
-<p>Ihre Shagpfeifen legten sie an diesem Tag auf dem kleinen
-Tische neben dem Eingang ab.</p>
-
-<p>»Es ist ein lächerlich schöner Morgen gewesen,« sagte James
-King, »ein Morgen mit einer lächerlichen Fülle von Farben.«</p>
-
-<p>Do und Rolf hatten sich wieder zu dem runden Tische
-gesetzt; und der Doktor hatte Mühe, sich nicht ausgelassen zu
-wundern, weil Mister James den Tag und seine Farbenfülle
-lächerlich fand.</p>
-
-<p>»Sie malen also eine Nebelstimmung?« fragte er.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p>
-
-<p>»Im Gegenteil,« behauptete James, »dieser lächerliche
-Reichtum von Licht ist mir erwünscht.«</p>
-
-<p>»Lächerlich ist das einzige schmückende Beiwort, dessen sich
-Mister James bedient,« erklärte Henrik Tofte.</p>
-
-<p>»Ah soo!«</p>
-
-<p>»Treten Sie mit ihm in den Metzgerladen, so fragt er:
-Was kostet diese lächerliche Wurst? Machen Sie mit ihm eine
-Hochtour, so redet er von lächerlichen Gletschern und Schründen
-und von einer lächerlichen Herrlichkeit in dem Augenblick,
-in dem er überwältigt vor der Welt steht. Er hat die Bedeutung
-dieses Wortes zu eigenem Gebrauch umgeprägt, und
-es ist für ihn zu einem Universalausdruck seines uneingeschränkten
-Wohlgefallens geworden. &ndash; Dies ist die einzige
-nennenswerte Eigentümlichkeit an dem großen Künstler
-James King.«</p>
-
-<p>Henrik Tofte allein durfte sich eine solche Erklärung erlauben.
-Er trieb es mit den Menschen, wie er wollte; und
-man ertrug seine Allmacht. Nur in Gwendolin war eine
-Kraft über ihn gekommen, vor der diese Allmacht versagte.</p>
-
-<p>Mister Johnny dagegen fürchtete den starken Henrik noch
-aus einem anderen selbstsüchtigen Grunde: der Liebe zu
-Gwendolin. Nun ja, die Bilder des Norwegers waren wohl
-zu allen Zeiten mit Geld zu erkaufen. Und selbst, wenn Tofte
-der Wandertrieb überkäme, oder wenn er &ndash; was noch schlimmer
-war &ndash; sich eines Tages von Gwendolin bereden ließe, seine
-Lieferungen einzustellen: in einem nahen Augenblick würde
-er doch an seinen leeren Geldbeutel fassen. Und dann konnte
-für Tofte und seine beiden »Schüler« die Sache wieder von
-vorn anfangen. Aber die lächerlich hübsche, die lächerlich
-gescheite und die lächerlich mächtige Gwendolin hatte das
-Schicksal von James und Johnny in der Hand, wenn es ihr
-einfiel, den genialen Henrik eines Tages zu heiraten!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>Am einfachsten wäre es gewesen, Gwendolin hätte ihre
-Bilder mit der gleichen stillschweigenden Abmachung dem
-James und dem Johnny überlassen. Aber die hatte vortreffliche
-Beziehungen in Deutschland, sie behielt keine fertige
-Tafel lange im Hause; und zweitens brauchte sie lächerlich
-wenig Geld.</p>
-
-<p>Heute morgen hatten James und Johnny droben auf dem
-Fjeld gelegen, angeblich malenshalber, und hatten sich gesonnt.
-Dabei hatten sie erwogen, daß sie das mühselige Werken mit
-Pinsel und Farbe aufgeben und dennoch die berühmtesten
-Maler Englands werden könnten &ndash; nämlich: wenn der starke
-Henrik ihnen für ein paar Jahre sein Genie verkaufte. Und
-wenn es nur das war, was er leichtherzig »Kitsch« nannte …
-Seiner Ansicht nach malte Henrik Tofte &ndash; wenigstens in dieser
-Zeit und für James und Johnny &ndash; überhaupt nur Kitsch. Er
-prahlte nie mit seiner Kunst. Aber Gwendolin versicherte
-den Sturmschwalben: was Henrik eigentlich könne, das wisse
-kein Mensch, und auch er selbst nicht … Nun, die Gefahr,
-daß es die Menschen so bald erführen, war nicht groß; denn
-was er aus seinem genialen Pinsel strich, das trug einstweilen
-die Namen John Williams oder James King. Haha! Die
-beiden hatten in London eine Ausstellung gehabt von »ihren«
-Bildern, waren daran zu großem Ruhme gelangt und waren
-mit einem Schlage die gesuchtesten Maler ihres Landes geworden.
-Davon erzählten sie natürlich im Fjord kein Sterbenswörtchen;
-und es schien, als ob der geniale Henrik nicht
-einmal die richtige Verachtung für sie aufbrächte.</p>
-
-<p>Es war ein fabelhafter Bluff. Aber er war lächerlich ungefährlich,
-solange James und Johnny das Meer zwischen
-sich und die gläubige Heimat legten und &ndash; solange diese Gwendolin
-Vogelgesang den schönen Pott nicht in Scherben schlug. &ndash;
-Da mußte etwas geschehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p>
-
-<p>Jockele und Do, Henrik Tofte und Gwendolin verließen
-die erlebnisreiche Tafelrunde schon gegen Mittag; denn
-Sinsheimers wollten ein Boot kaufen. Die Lockungen des
-Fjords waren mit unwiderstehlicher Macht über sie gekommen.
-Aber sie wollten auch nicht immer abhängig bleiben von
-Nane Thords Fahrzeug, so oft ihnen der Sinn nach der Insel
-stehen würde.</p>
-
-<p>Gwendolin mußte mit. Das entsprach dem Wunsche Henriks.
-Wenn er sie nicht in seiner Nähe wußte, geriet er aus
-seiner »lächerlichen Wurstigkeit« &ndash; wie James King den
-Normalzustand Henriks in tiefer Bewunderung nannte. Aber
-wenn er gar einmal nicht wußte, wo sie war, wurde er unfähig
-zum Schaffen. Dann war ihm sein guter Stern vom
-Himmel gefallen … Die Leute wußten das von einem Ende
-des Fjords bis zum anderen. Sie wußten: dieser Mann,
-auf den sich die Augen aller richteten, weil er daherschritt
-wie ein Sieger, konnte Felsen zerdrücken in seinen Händen,
-und er konnte vor Gwendolin beten. Aber sie hörte ihn nicht.
-Es war das lauterste Verhältnis, das je zwischen zwei Menschen
-bestand, und doch wurde zu Land und zu Wasser kaum
-eines ohne das andere gesehen. Keines betrat die Stube
-des anderen, die ihnen Nane Thord von ihrem einsamen
-Fischerhäuschen vermietet hatte. James und Johnny konnten
-dieses Platzmangel wegen nicht auf dem Eilande wohnen.
-Die beiden hausten drüben am Festland unter dem Dache
-der alten Bolette Steensgard, die auch eine Fischerswitwe
-war. Sinsheimers behalfen sich einstweilen im Gehöft Krokengaard
-mit zwei kleinen Stuben, die nach dem Fjord hinauslagen.
-Und Rolf Krake sinnierte in der Sägemühle.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Wind, der am Morgen die Flut gekräuselt hatte, lag
-irgendwo schlafen an sonnigem Hange. Deshalb mußten
-die Männer die Ruder gebrauchen. Es war eine feine Fahrt;<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-denn der Schiffbauer wohnte zwei Stunden fjordabwärts.
-Darüber ließ sich Jockele von Henrik Tofte vollends in der
-Behandlung solch eines Fahrzeugs einweihen. Do und Gwendolin
-aber saßen in der Mitte gegen die rotgepolsterte Rückenlehne
-&ndash; Do ganz in Weiß, Gwendolin in Gelb &ndash; und brachten
-den Menschen, die sie vom Ufer aus sahen, den jauchzenden
-Glauben bei, daß nun der Frühling in vollem Gange wäre.</p>
-
-<p>»Jockele,« sagte Gwendolin, »es ist furchtbar nett und
-delikat von euch, daß ihr vor der Mitwelt nicht ewig das
-Schauspiel der jungen Hochzeiter aufführt.«</p>
-
-<p>»Der Mensch kann schließlich nicht alles auf einmal tun,«
-sagte Jockele. »Jetzt bin ich dabei, mir Quasen an die Hände
-zu rudern &ndash; siehste nich?«</p>
-
-<p>Und: »Was meinst du, Jo &ndash; ist es nicht so herrlich und
-tatenreich hier, daß wir bis in den Herbst bleiben müssen?«
-fragte Frau Doris.</p>
-
-<p>»Ich habe allbereits den gleichen Wunsch,« sagte Jo. »Es
-ist gut, daß ich meine Mikroskope eingepackt habe. Ich werde
-also versuchen, mein Werk über ›die Flechten‹ dem Abschluß
-nahezubringen. Später &ndash; etwa im Riesengebirge &ndash; will
-ich es vollenden. Und zweitens werde ich eine ›spezielle
-Naturgeschichte der europäischen Froschlurche‹ in Angriff
-nehmen. Es ist da eine Lücke in der Literatur.«</p>
-
-<p>»Die Sache mit den Fröschen ist etwas Neues,« warf Do
-überrascht ein.</p>
-
-<p>»Ja. Der Gedanke dazu ist mir in diesem Boote gewachsen.«</p>
-
-<p>»Indes werde ich mich mit der speziellen Naturgeschichte
-der ›Sturmschwalben‹ beschäftigen,« sagte Do mit bedeutendem
-Lächeln.</p>
-
-<p>»Hm,« scherzte Jockele, »hm &ndash; ich werde also darüber
-nachdenken, ob sich eine so junge Frau dem praktischen
-Studium dieses Objektes ohne Gefahr aussetzen darf.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>»Nun,« rief Gwendolin in fröhlichem Verstehen, »man
-könnte ja im Notfalle dies gefährliche Studium durch eine
-jähe Abreise unterbrechen.«</p>
-
-<p>Henrik Tofte wurde ganz still vor dem Glück, das mit
-ihm im Boote saß. Er dachte, es ahnte niemand, welch ungeheure
-Erlebnisse diese liebliche Fahrt in ihn warf.</p>
-
-<p>Aber Gwendolin wußte es doch; denn Henrik Tofte war
-für sie nie beredter als in seinem Schweigen. Sie sah heimlich
-zu ihm hinüber und erkannte: das Glück dieser klaren und
-aufrechten Menschen nahm sein liebes und unstetes Herz
-in beide Hände und hielt es tief hinein in die Sonne. Und
-Henrik träumte das Märchen: es würde nie mehr ein Sturm
-durch dies Herz laufen. Ach, es war ein wunderschöner
-Traum!</p>
-
-<p>»Weißt du, Jo,« begann Do nach einer Weile, »es wäre
-wohl gut, wir ließen uns zu unserem Vorhaben ein gemeinsames
-Laboratorium von drei kleinen Zimmern auf der Insel
-errichten.« Darüber zog der Doktor die Ruder ein, und
-Henrik Tofte trieb das Boot mit leisen Schlägen voran. »Nun,
-einesteils zum Arbeiten, andernteils zu unserer Bequemlichkeit;
-drittens als ein heimeliges Nest für ›Sturmschwalben‹,
-die nach uns auf der Osterinsel hausen möchten und unser
-dabei freundlich gedenken können; und viertens: wir verbessern
-damit der eifrigen Nane Thord ihre wirtschaftliche
-Lage. Was meinen Sie zu diesem Plane, lieber Doktor
-Jockele?« fragte Do.</p>
-
-<p>Dem langen Henrik schauerte das Glück immer tiefer in
-sein grundgütiges Herz. Er ließ die Ruder aus den Händen
-gleiten und vergaß zu atmen &ndash; wie Lottchen, als es den
-ersten Christbaum sah.</p>
-
-<p>Er dachte nicht daran, daß man ihn auf solchen weichen
-Regungen des Gemüts ertappen könnte. Es focht ihn überhaupt<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-nicht an, was man ihm bei seinem eichbaummäßigen
-Wuchs als Schwäche aufrechnete. Pah &ndash; in diesem Hünenkörper
-flossen so viel Sanftmut und Gewaltart, so viel Allmacht
-und Unmacht, so viel Genie und Hilflosigkeit ineinander &ndash; der
-Teufel mochte dies Wirrsal ausfitzen! Haha, der Teufel!
-Als ob der ein Interesse daran gehabt hätte, dies wunderliche
-Stück Dasein, das man Henrik Tofte nannte, anders
-zu machen! Just so, wie er war, war er ihm herrlich verfallen.
-»Auf meinen Feingehalt kannst nur du mich läutern, Gwendolin
-Vogelgesang!« hatte er an einem Winterabend zu ihr
-gesagt, als sie miteinander bei der Feuerstelle gesessen und
-dem Schneesturme gelauscht hatten.</p>
-
-<p>Nun, die Gwendolin hatte schon vor vier Jahren felsensicher
-auf sich selber gestanden &ndash; damals, als Jung-Jockele
-an ihr in den purpurroten Untergang geriet und am anderen
-Tage der Do gelobte: »Diese Gwendolin werde ich
-heiraten; sie ist ein süßes und heißes Mädel&nbsp;…«</p>
-
-<p>Aber im Falle Henrik Tofte fehlte ihr das Vertrauen zu
-ihrer Kraft.</p>
-
-<p>Jockele, der sich die Quasen unter der ungewohnten Tätigkeit
-nun errungen hatte, stieg nach vorn und setzte sich den
-Damen gegenüber. Sie besprachen den Plan. Do hatte die
-Sache ausgezeichnet bedacht. Der kleine Neubau sollte an
-die Westseite der Fischerhütte kommen, dem Krakesaal entgegengesetzt.
-Auf ein paar Stiegen sollte man von außen
-hineingehen, aber man sollte durch Nane Thords Flur auch
-zum Saale gelangen können. Und es sollte alles stilecht aus
-Blockholz errichtet werden, und mit einem Rasendache.</p>
-
-<p>Henrik Tofte ruderte sich darüber im Grunde genommen
-in tiefe Zwiespältigkeit. Aber er dachte, dieser Tag wäre die
-Glückseligkeit selber und wäre für ihn die Schwelle zu einem
-neuen Leben. Ja, solch ein Mensch war er nun.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p>
-
-<p>Es fehlte auf der Leiter der Affekte, die die guten und
-schlimmen Mächte in ihn hineingestellt hatten, das Satansgeschenk
-des Neides. Dafür war bei den Übermaßen seiner
-sonstigen Gaben offenbar kein Platz mehr gewesen. Und
-nicht vergeblich hatte für ihn das Doppelgestirn Do und Jo
-lange Winternächte hindurch im Haus auf der Insel geschienen
-&ndash; das hatte die berechnende Sorge Gwendolins
-getan. Nun fand er in diesen beiden alles, was ihm zu wünschen
-blieb.</p>
-
-<p>Er fing das Wünschen auf dieser Bootfahrt überhaupt
-zum erstenmal an. Denn was er bis zur Stunde an anderen
-Menschen wahrgenommen, das besaß er selber in Hülle und
-Fülle. Sogar Geld, so viel er wollte. Früher hatte er sich
-auch darum den Teufel gekümmert. Aber seit ihm das Schicksal
-James und Johnny gesandt &ndash; eine Berliner Sturmschwalbe
-hatte sie in scharfem Spotte »die beiden Jötter«
-genannt &ndash; seitdem hatte er auch davon mehr, als nötig war.
-Er brauchte nur den Pinsel in sein Genie zu tunken und &ndash; er
-vermöchte in einem Jahre die gesamte Kulturwelt mit Begeisterung
-für ihn zu übermalen, behauptete Gwendolin.
-Und die mußte das wissen. Sie war ihm eine strenge Richterin.
-Aber er fühlte dazu &ndash; als ein richtiges Genie &ndash; nicht
-das Bedürfnis. Na, und wenn schon! Was hätte denn das
-alles zu sagen gehabt gegen die Taten des einzigen Menschen
-Jockele? Was denn? Dieser Jockele hatte sich geboren werden
-lassen in eine Sommernacht mitten im thüringischen Bergwald.
-Dann hatte er sich von der Zigeunerin, die seine Mutter
-war, auf die Schwelle der gütigsten, sehnsüchtigsten und
-weisesten Tante Veronika legen lassen. Diese Tante setzte sich
-von Stund' an mit all ihrer Weisheit und ihrem Gelde für
-ihn ein. Und so früh es nur anging, nahm ihn das Schicksal
-auf wie einen goldenen Ball und warf ihn schönen oder<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-klugen Mädchen zu, die ihn mit geschickten Händen fingen.
-Als die letzte hatte sich dies Schicksal Doris Rinkhaus aufgehoben.
-Die war ausgemachtermaßen so etwas wie die
-Krone unter den Frauen. Ja. War es denn anders möglich,
-als daß bei solch einem Lebenswandel der Zigeunerbub in
-ein paar Jahren sogar ein Doktor hieß? Und daß er nun
-&ndash; acht Tage nach seiner Hochzeit mit der gescheitesten Frau
-der Welt &ndash; im Boote den Hardanger Fjord entlangglitt
-und mit Do die Wohltaten erwog, die sie ihm und den Sturmschwalben
-angedeihen lassen wollte? Wenn diese beiden
-morgen nach Ägypten und in ein paar Tagen nach Hinterindien
-fahren wollten, so fuhren sie &ndash; das Schicksal würde
-nicht das mindeste dagegen einwenden.</p>
-
-<p>Jawohl, Rührung und Freude weinte das lange Genie
-über diesen Erwägungen an die Ränder seiner Augen. So
-sah es nun in Henrik Tofte aus! In jeden Gedanken drängte
-sich der Begriff des Schicksals. Schicksal war das einzige
-Ding, vor dem der Riese auf der Osterinsel Respekt hatte &ndash;
-das heißt: wenn man Gwendolin Vogelgesang abrechnete.
-Schicksal &ndash; damit ließ sich doch noch etwas anfangen! Aber
-bloß mit Genie? Pah! &ndash; Henrik Tofte war ein Fatalist.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Das Leben der Sturmschwalben, die in jenem Frühling
-auf der Insel im Hardanger Fjord zusammengeflogen
-waren, war äußerlich wohl sehr arm an Ereignissen. Es war
-von der Art, welche Menschen aus dem Durchschnitt »gräßlich
-langweilig« finden. Wie es denn die einzige Eigentümlichkeit
-solcher Durchschnittsleute ist, jede Stunde fad und abgegriffen
-zu machen, in die sie treten. Von dieser Gattung
-kamen auch etliche. Sie flogen herzu, weil sie sich draußen
-in den Ländern hatten davon erzählen lassen. Genau so,
-wie Do und Jo durch Hanna von Fellner von der gastlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-Stätte erfahren hatten und neugierig geworden waren. Und
-da diese Wandervögel nicht fanden, was sie erwarteten, zogen
-sie rasch wieder fort. Für die anderen aber war jeder Tag
-eine schöne schimmernde Schale, voll bis zum Rande.</p>
-</div>
-
-<p>Der Anbau, in dem Sinsheimers nisten wollten, wurde
-gleich in Angriff genommen. Er bekam, wegen der gefälligen
-Silhouette, auch noch ein Zimmer als Oberstock, das sich
-turmartig über denen zu ebener Erde erhob. Der Mai stand
-in goldener Fülle über der Welt. Die Stämme, die schon
-behauen bereitlagen, mußten nur auf die gegebenen Maße
-zugeschnitten werden. So war der Bau ein Werk von Tagen.</p>
-
-<p>Do und Jockele, Henrik Tofte und Gwendolin und Krake
-waren um diese Zeit zu einer Mal- und Studienfahrt auf
-die Berge gezogen. Sie hatten sich für zwei Wochen ausgerüstet
-und wollten nordwärts bis zu dem großartig düsteren
-Songefjord. Nur James und Johnny waren daheimgeblieben,
-saßen im Krakesaal, blätterten in Zeitschriften und
-rauchten aus ihren Shagpfeifen. Draußen lag eine sehr
-finstere Neumondnacht.</p>
-
-<p>»Meinst du, daß Gwendolin und Tofte heute zurückkommen?«
-fragte James.</p>
-
-<p>Johnny zog die Uhr. »Es ist noch eine Stunde bis Mitternacht,«
-sagte er. »Ich glaube, wir fahren hinüber. Warum
-wartest du?«</p>
-
-<p>»Weil Nane Thord noch nicht schlafengegangen ist und wohl
-auch wartet. Ich habe sie vor zwei Minuten hinausgehen
-hören.«</p>
-
-<p>Da schritten sie durch die neue Tür in den Anbau, der schon
-überdacht war. Aber die Fenster waren noch nicht eingehängt.
-Sie sahen da und dort noch einen goldenen Stab Licht in
-dem schwarzen Wasser stehen wie Laternenträger. Die Flut
-flüsterte im Gestein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p>
-
-<p>»Nein, es ist ein Mensch,« sagte Johnny und lehnte sich
-auf den Fensterstock und hielt den Atem an.</p>
-
-<p>Der Laden vor Nane Thords Stübchen war geschlossen.
-Es war aber ein Herz in jeden Flügel gesägt, so daß zwei
-Bündel Licht von Nanes Lampe in die Finsternis fielen.
-Die lagen nun draußen auf der Klippe wie zwei Augen. Und
-dazwischen stand eine Stranddistel oder eine kleine Birke oder
-sonst ein Gewächs, das von dem Schein ein wenig abbekam,
-ebenso wie der Zackenrand des Ufergesteins. Man konnte
-sich zwischen Traum und Wachen wohl ein wunderliches
-Bild von dieser Erscheinung machen.</p>
-
-<p>James und Johnny rührten sich nicht. Aber so sehr sich
-ihre Augen nun an die Dunkelheit gewöhnt hatten, so konnten
-sie doch nichts weiter entdecken als das reglose Scheinen,
-das gespenstisch gewesen wäre, wenn sie nicht beide gewußt
-hätten, woher es kam.</p>
-
-<p>Nane Thord sahen sie nicht. Weil sie aber gehört hatten,
-daß sie hinausgegangen war, erkannten sie ihre Stimme.
-Sie sagte: »Du kannst sehr ruhig schlafen, Lars Thord. Warum
-willst du nun in der Nacht hier sitzen und angeln? Mir
-scheint, du nimmst dir diese Arbeit nur zu einem Vorwande;
-denn das wissen wir wohl auch, daß sie dort keine Fische essen,
-wo du nun bist. Es war schon bei deiner Erdenzeit so:
-immer, wenn du Blockholz schichten oder eine Axt schlagen
-hörtest, mußtest du hin und sehen, was sie da treiben. Du
-darfst aber ruhig schlafen, Lars Thord. Es geschieht deinem
-kleinen Hause nichts. Oder willst du mir sagen, daß wir
-seltsamen Besuch erhalten? Du bist nun schon zum drittenmale
-da &ndash; zuletzt war es, ehe Rolf Krake kam. Das
-ist, weil du dir einbildest, man könnte nicht ohne dich
-fertig werden, Lars Thord. Du mußt das aber nicht
-meinen. Es ist nun schon die vierte Nacht, daß ich den<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-Schlaf nicht finden kann, weil ich dich um das Haus streichen
-höre&nbsp;…«</p>
-
-<p>James und Johnny vernahmen schlürfende Schritte; und
-als sie wieder in den Saal traten, stand Nane Thord am Tisch
-und schaute sie aus ihren großen grauen Augen an. »Ich
-wunderte mich, daß Sie weggegangen sein sollten &ndash; und
-hätten doch das Licht brennen lassen?« sagte sie.</p>
-
-<p>»Kommen Sie eben von draußen?« fragte Mister Johnny
-mit erzwungener Ruhe.</p>
-
-<p>Da strich sich Nane Thord mit der Hand über die Stirn.
-»Ja &ndash; ich bin wohl einmal hinaus gewesen,« sagte sie in
-ihrer trockenen nordischen Art.</p>
-
-<p>So hatte Gwendolin nun doch richtig gesehen: Nane Thord
-hatte ihren Wunderschlaf und ihre nächtlichen Erlebnisse!
-Und als James und Johnny wieder allein waren, wußten
-sie: sie würde sich jetzt zu Bett legen zu einem tiefen, traumlosen
-Schlafe.</p>
-
-<p>Johnny war über all dem stark aus dem Gleichgange
-gekommen. Aber Mister James rieb sich die Hände und
-rief: »Welch eine lächerliche Komödie!« Er meinte damit:
-die Komödie wäre großartig und gefiele ihm ausgezeichnet;
-denn sie hatte ihn auf einen leuchtenden Einfall gebracht.
-Er trug nämlich seit einer Woche den Brief eines Londoner
-Kunsthändlers Watson in seiner Tasche, der an ihn und John
-Williams gerichtet war und ihnen den Besuch des Herrn
-Watson ankündigte. Aber diesen Brief hatte er seinem Freund
-Johnny verschwiegen; denn er hatte geglaubt, Johnny würde
-an der Malfahrt der anderen teilnehmen &ndash; der Besuch des
-Händlers wäre ihm also nicht von Nutzen gewesen. Nun aber
-lag nur noch eine halbe Nacht zwischen ihm und der Gefahr,
-und in höchster Not sprang er mit Hilfe von Nane
-Thords Schlafwandel gleich mitten hinein in die Verwicklung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p>
-
-<p>»Sie hat recht mit dem seltsamen Besuche,« begann
-er, »da, lies!«</p>
-
-<p>»Warum hast du die Sache hinhängen lassen?« fragte
-Johnny mißvergnügt.</p>
-
-<p>»Ich wollte dir einen Ärger ersparen,« sagte James.
-»Henrik Tofte hat ein halb Dutzend Skizzen in seiner Kammer
-&ndash; das ist alles. Was sollen wir damit beginnen? Ich habe
-auf Rettung gesonnen, aber es ist mir nichts eingefallen.«</p>
-
-<p>Es war eine verzweifelte Sache. Und wenn Henrik und
-Gwendolin gar als Verlobte von der Bergfahrt zurückkehrten,
-dann konnte es nicht mehr lange dauern mit den Staatsstipendien
-und dem leicht erworbenen Künstlerruhme! Eine
-Art Rettung gab es freilich noch. Aber die war bescheiden
-genug. Henrik hatte nämlich drüben in Krokengaard ein Bild
-hängen &ndash; dort hatte er im vorigen Sommer gewohnt und
-damit einen Teil seiner Rechnung beglichen. Aus dem gleichen
-Grunde hing eine Fjordlandschaft Toftes in dem Gasthause,
-in dem er seine Mahlzeiten genommen. Nun, beide
-ließen sich wohl ohne ein großes Aufgebot von Silberkronen
-erstehen; und beide waren zum Glück nicht mit dem Namen
-ihres Schöpfers gezeichnet: man brauchte nach langen Jahren
-nicht zu wissen, wer einst sein Schlafgeld auf diese Weise
-bezahlt hatte. Aber der Händler wollte einen Abschluß auf
-die Gesamtproduktion der beiden Jötter für eine bestimmte
-Frist machen und hatte eine reichliche Anzahlung in Aussicht
-gestellt. Er dachte wohl daran, die Ateliers der beiden
-neuen Sterne am britischen Kunsthimmel einfach auszukaufen.
-Sie aber hatten nichts als hartgekrustete Farben auf ihren
-Paletten&nbsp;…</p>
-
-<p>Je nun, die Nacht war lang genug, einen listigen Plan
-zu schmieden. Um Sonnenaufgang fuhr Johnny im Boot,
-die beiden Bilder zu erstehen. James ließ indessen von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-Mädchen Marit die Kammer Toftes in Ordnung bringen,
-suchte darin zusammen, was als Bild oder Skizze gelten
-konnte, und als Johnny triumphierend zurückkehrte, stellte
-er die Fjordlandschaft auf die Staffelei und überzog sie mit
-Firnis. So wollten sie die Kammer Toftes als ihr Atelier
-vorstellen &ndash; lieber Gott, zu einem besseren langte es einstweilen
-eben nicht. Und übrigens malten sie stets in freiem
-Lichte. Ja. Johnny aber getraute sich nicht, den verbrecherischen
-Gleichmut des Mister James aufzubringen. Er wollte
-sagen: ein dänischer Kunstfreund habe ihn just einen Tag vor
-Empfang des Briefes ausverkauft.</p>
-
-<p>So erwarteten sie den Mann aus London. Und Mister
-Watson kam. Kein anderer als Henrik Tofte ruderte ihn
-zur Insel der Auferstehung. Er und Gwendolin, die mit im
-Boote war, verstanden zwar kein Wort Englisch und Watson
-kein Wort Norwegisch oder Deutsch. Aber an der Haltestelle des
-Dampfers hatte man sie zueinandergeführt. Und Gwendolin,
-die Ahnungsreiche, hatte dem kindlichen Gemüte Toftes auseinandergesetzt,
-um was es sich dabei handelte; denn Herr
-Watson hatte ihnen die Namen James King und John
-Williams als den jüngsten Stolz Britanniens genannt.</p>
-
-<p>Und in der Tat: man fand die beiden in heißem Bemühen
-in Toftes Kämmerlein. James war angetan mit
-Henriks Malkittel und gerade dabei, den letzten Strich Firnis
-auf das »neue« Bild zu setzen, dem er bereits seinen Namen
-verliehen hatte. Johnny aber rieb Farben für künftige
-Wunder.</p>
-
-<p>Das ging dem guten Tofte nun doch über die Hutschnur!
-Er verfiel also in ein so männliches Schimpfen, daß Mister
-Watson wie angedonnert dastand; denn das merkte er wohl:
-Liebenswürdigkeiten klingen anders, selbst in einer der unmöglichen
-Sprachen außerhalb Englands.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<p>Der erfinderische James aber besann sich augenblicklich auf
-eine kühne Geschichte: dieser lange Mensch, der sich Henrik
-Tofte nenne, wäre ein Neiding. Er ärgere sich, wenn James
-und Johnny ihre Bilder verkauften. Und zu alledem hätte
-das Mädchen Marit in seiner Abwesenheit eine fürchterliche
-Dummheit gemacht&nbsp;…</p>
-
-<p>Das leuchtete Herrn Watson auch vollkommen ein; denn
-draußen im Flur lehnte die zerbrochene Marit und bangte
-vor dem Zorne Toftes, weil sie den Einbruch in sein Gemach
-nicht verhindert hatte.</p>
-
-<p>Zuletzt waren es doch nur diese Tränen, die den starken
-Henrik ins Poltern gebracht hatten. Das Weinen anderer
-wendete ihm nun einmal das Herz um. Und zu einem Lawinensturz
-kam es diesmal nicht; denn dieser Gewaltmensch
-hätte nicht Henrik Tofte zu heißen brauchen, um die lustige
-Seite der lächerlich frechen Komödie dennoch genialisch zu
-finden, die die »Jötter« in seiner Stube aufführten. Er begann
-also, auf sanfteren Saiten zu spielen, und sagte: »Wenn
-es nicht ein Kunsthändler wäre, den ihr da foppt, so ließe
-ich jetzt den Vorhang erbarmungslos über eurer Gaunerposse
-heruntergehen.«</p>
-
-<p>»Was sagt er?« fragte Mister Watson.</p>
-
-<p>»Oh, er sagt: unseren Ruhm verdienten wir ja, aber zu
-beneiden blieben wir trotzalledem. Er selbst hätte doch auch
-eine Ahnung vom Malen &ndash; nur eine Ahnung vom Geschäft
-hätte er nicht.«</p>
-
-<p>Da schupfte Mister Watson hochmütig die Schultern:
-»<em class="antiqua">He's no Englishman.</em>«</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Danach kamen für Henrik Tofte Tage voll Finsternis:
-Gwendolin verachtete ihn. Sie tat nicht nur so; sie
-setzte sich nicht in den Schmollwinkel wie eine gekränkte<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-Liebste; sie wich ihm nicht einmal aus, sondern redete sogar
-mit ihm, aber alle Herzlichkeit und Teilnahme für ihn war
-verweht. Das dauerte bis zur Einweihung des Neubaus.
-Da waren alle im Saale versammelt, und es gab ein Fest,
-wie es nur Künstlerjugend feiern kann, die zuletzt doch ein
-Reich regiert, in dem die Sonne nicht untergeht. Für diesen
-Abend hatte Henrik Tofte eine Überraschung vorbereitet&nbsp;…</p>
-</div>
-
-<p>Jockele, Do und Gwendolin waren nämlich wieder einmal
-vier Tage auswärts gewesen. Mit Rucksack, Pickel und Nagelschuhen
-waren sie den Flechten nachgeklettert bis an die
-Ränder des Folgefondgletschers; denn den Doktor drängte es
-zu Forschungsreisen dorthin, wo das Geschlecht der Flechten
-noch den einzigen Pflanzenschmuck liefert an verschmähten
-und gefrorenen Hochlandzinnen; oder dorthin, wo im glühenden
-Sonnenbrande jedes andere Pflänzchen verdorrend stirbt.
-Hundert Arten von Strauch- und Laubflechten hatte er vorher
-eingetragen. Nun kämpfte er an den letzten Steilhängen
-der Erde um Krustenflechten, die oft so innig mit ihrer Unterlage
-verschmolzen waren, daß er sie nur durch Auflösung
-des Gesteins mit Säuren befreien konnte. So führte er Do
-und Gwendolin vor ungeahnte Geheimnisse.</p>
-
-<p>Als sie heimkehrten, war Henrik Tofte verschwunden. Mit
-ihm Nane Thord. Aber in einem Winkel des Krakesaales
-war ein Webstuhl aufgeschlagen, und ringsherum sah es aus
-wie in einer Armeleutstube. Die blonde Marit lief umher
-mit wissenden Augen; an der Bedeutung des Winkels mit
-dem Webstuhle schwieg sie sich vorbei.</p>
-
-<p>Abends jedoch, als alle schon um den runden Tisch saßen,
-tat sich die Tür auf, und Henrik Tofte kam herein als ein
-Mann von fünfzig Jahren. Nane Thord aber war sein Weib
-geworden. Und die beiden hatten sieben Kinder, fünf Buben
-und zwei Mädel. Der älteste mit seinen sechzehn Jahren<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-stellte den Henrik Tofte dar … Das Spiel begann. Es hieß
-»Der verlorene Sohn«.</p>
-
-<p>Zuerst sprach der wirkliche Henrik einen Vorspruch in machtvoll
-gestaltenden harten Versen: er wäre der Weber Skule
-Tofte, der mit seiner Familie aus dem Aardal käme, wo
-ihnen alles verbrannt wäre &ndash; deshalb wollten sie hier in
-dem Winkel mit dem Webstuhl ihr Leben der Armut von
-vorn anfangen. Darauf setzte sich der alte Skule Tofte an
-den Stuhl, und das Webeschifflein begann seine Arbeit&nbsp;…</p>
-
-<p>Das Spiel stellte jenen Tag aus dem Leben des Henrik
-Tofte dar, an dem er gegen Abend ausgezogen war aus der
-Kümmerlichkeit der väterlichen Mietstube, um sich sein Brot
-als Anstreicher zu verdienen.</p>
-
-<p>Es war ein Spiel, und es wuchs zu einem gewaltigen
-Erlebnis. Es war in zwei Stunden von Henrik Tofte herausgeschrieben
-aus einem Jahre seiner Vergangenheit. Und es
-war durch vier Tage gelernt worden von Weberkindern und
-Nane Thord, die sich dabei nicht in eine fremde Welt hineinzudenken
-brauchten. Und es waren harte und schmucklose
-Worte, die sie sprachen. Vater Skule Tofte aber war ein
-Philosoph im Weberkittel, der es sich angelegen sein ließ,
-dem langen Sohne Henrik die Lehre von der Allmacht des
-Schicksals ohne Mitleid ins Herz zu hämmern:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Das sollst du nicht vergessen: Armut stand<br /></span>
-<span class="i0">Gevatterin, als dich das Leben fand.<br /></span>
-<span class="i0">Mit Plack und Sorge salzt es uns das Brot,<br /></span>
-<span class="i0">Und was es draufstreicht, schmeckt nach Schweiß und Not.<br /></span>
-<span class="i0">Das Schicksal spinnt in weiße Seide ein,<br /></span>
-<span class="i0">Die's heimlich hätschelt, sanft wie Mondenschein.<br /></span>
-<span class="i0">Der Graben ist dein Grab; Staub ist dein Lohn:<br /></span>
-<span class="i0">Du bist des lieben Gotts verlorener Sohn.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>So sah die Tröstung aus, die Skule Tofte seinem Ältesten
-Henrik mit auf den Weg gab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p>
-
-<p>Da es aber doch ein Spiel sein sollte, was man hier trieb,
-war es von dem Dichter nicht uneben erdacht, daß er am Ende
-die Schauspieler um einen Tisch gesetzt hatte, während die
-Mutter in einem Schrank nach Brot suchte und sprach:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Das Fach fast leer &ndash; wie ist das Herz mir schwer!<br /></span>
-<span class="i0">Wo nehm' ich morgen nur Kartoffeln her?<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und gleich rief das jüngste Töchterlein das Schlußwort:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Es kommt die Nacht, die keine Not bedrängt,<br /></span>
-<span class="i0">Weil da der Himmel ganz voll Talern hängt;<br /></span>
-<span class="i0">Leicht fällt den lieben Gott im Traum was an,<br /></span>
-<span class="i0">Wie er aus Steinen Semmeln machen kann.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Das war für die Zuschauer der gegebene Augenblick zum
-Mitspielen: im Nu war den Webersleuten der Tisch gedeckt,
-und auch der lange Henrik durfte umkehren und den Lohn
-für seine Mühe in Empfang nehmen. Henrik Tofte aber,
-der richtige, wollte auch nicht zu kurz kommen. Erst überzeugte
-er sich von der versöhnlichen Stimmung Gwendolins,
-dann trank er ein Glas Sekt.</p>
-
-<p>So hatte der Abend mit einer ernsten Rückschau begonnen.
-Vor allem waren James und Johnny an dem Aktus nachdenklich
-geworden; denn ihnen war die Herkunft ihres jugendlichen
-Meisters noch ganz unbekannt gewesen.</p>
-
-<p>»Oh, er hat kein Staatsstipendium gehabt!« flüsterte Johnny
-Gwendolin in reuevoller Einkehr zu.</p>
-
-<p>Da sagte Gwendolin nicht ohne Härte: »Aber er hat ein
-Stipendium von Gott: sein Genie. Wendet er es etwa
-besser an als Sie das Ihre?«</p>
-
-<p>Doch &ndash; das hörte niemand; denn die vollen Gläser klangen
-aneinander, und Henrik Tofte klimperte zum Überfluß auf
-der Gitarre, die er einstweilen unter den linken Arm geklemmt
-hatte. Es war ihm ein Lied eingefallen, das er nun singen
-wollte. Jawohl, auch singen konnte er &ndash; furchtbar komisch<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-und mit wunderlichen Gebärden. Wie die Bänkelsänger
-singen auf den Jahrmärkten vor einer bemalten Leinwand.
-Er aber hatte diese Leinwand nicht und deutete doch mit
-dem spanischen Rohre, als ob sie da wäre. Mit der Zunge
-ahmte er das Klatschen des Stockes gegen die Bilder nach
-und malte sie mit seinen Worten, grausig und volksmäßig.
-Oder er sang edle alte Balladen. Seine Stimme konnte
-dabei klingen wie geschlagene Glocken oder wie die See, die
-vor dem Sturmwind in Klippen zerschellt&nbsp;…</p>
-
-<p>War es nicht so, als hätte der liebe Gott alle Stipendien,
-die er für diese Zeit zu vergeben gehabt, in einem Schöpferrausch
-an diesen einen verschwendet?&nbsp;…</p>
-
-<p>Wenn er annahm, daß man in seiner Abwesenheit von
-ihm gesprochen hatte, ärgerte er sich. Aber nicht, weil er
-fürchtete, man verlästere ihn. Sondern er sagte: »Ich bin
-ein Mensch, der sich nicht auskennt in sich selber. Lobt oder
-lästert ihr mich, wenn ich nicht dabei bin, so nützt mir das
-nichts. Also ist es besser, ihr schmäht mich oder huldigt mir
-ins Angesicht. Ich mache es euch ja so leicht und sage nie
-ein Wort dazu, wenn es mich angeht.«</p>
-
-<p>Als er eine schöne und machtvolle Ballade über Harald
-<span id="corr043">Harfager</span> gesungen hatte, waren alle ganz in der Gewalt
-seiner stolzen Begabung, die er gar nicht achtete, weil er nur
-in die Luft zu greifen brauchte wie ein Zauberkünstler, der
-ringsum Wunder fängt.</p>
-
-<p>Da fragte der nachdenkliche Rolf Krake: »Sagen Sie,
-Tofte, sind Sie eigentlich ein verbummeltes Genie?«</p>
-
-<p>Henrik schlug ein paar Akkorde aus den Saiten und schaute
-sich im Kreise um. Es sollte jemand an seiner Statt antworten,
-weil er sich selber dazu nicht wichtig genug nahm.
-An Gwendolin blieben seine Augen hängen.</p>
-
-<p>»Ach nein,« sagte sie, »verbummelt ist er nicht. Und er<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-wird auch nie dahin kommen. So oft er an die Dürftigkeit
-streift &ndash; was er so Dürftigkeit nennt &ndash; wird er etwas ganz
-Großes aus sich herausschlagen.«</p>
-
-<p>»Warum heiraten Sie ihn dann nicht?« fragte Rolf Krake.</p>
-
-<p>»Weil ich zu fleißig bin,« sagte sie gefaßt. »Er würde dann
-nie in die tiefe Not geraten, vor der er sich fürchten muß.
-Eine kleine Malerin kann aber nicht sich und diesen Riesen
-und am Ende eine Familie erhalten mit ihrer Kunst. Trotz
-allem: ich mag ihn furchtbar gern leiden. Sehen Sie, das
-ist die Tragik meines Lebens. Aber ich werde daran nicht
-zugrundegehen.«</p>
-
-<p>»Plumm plumm,« machte Toftes Gitarre. Er hatte sich
-an den Tisch gesetzt und folgte diesem Gespräche mit großer
-Aufmerksamkeit. Sie redeten von ihm, als wäre er gar
-nicht da.</p>
-
-<p>»Liebe Gwendolin,« begann Rolf Krake wieder, »wäre
-es nicht die Aufgabe einer Frau, dieses Genie für immer
-in ihre Macht zu bringen, damit es ranke und blühe nach
-ihren Gedanken?«</p>
-
-<p>»Man könnte das meinen,« entgegnete Gwendolin. »Aber
-dann kennt man Henrik Tofte flach. Auf die Dauer erkennt
-er nur einen einzigen Herrscher an über die Riesenmaße
-seiner Begabung; und dieser König ist der Augenblick.«</p>
-
-<p>Es war ein Uhr geworden. Tofte hatte sich schon über
-Gebühr von dem Gericht über sich selbst fesseln lassen. Er
-hatte für die Mitternacht Leute auf die Insel bestellt, die
-an Drähten hunderte von Papierlaternen aufhingen … So
-kommandierte er die Welt. Wohin er kam, regierte er und
-dachte doch nicht daran. Aber sich selbst konnte er kein anderes
-Gesetz schreiben als das von der rasenden Unbeständigkeit
-des Willens. Nur so vermochte er sich zu ertragen. »Meine
-Freunde,« sagte er nun, »die Nacht ist lieb und heiß wie<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-Gwendolin, und sie ist schwer vom Dufte der Rosen, des
-Weins und der Berge&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Plumm plumm!« Und Henrik Tofte sang das Lied vom
-Rattenfänger. Da mußten sie alle hinterdrein und zogen
-hinaus in die liebe heiße Sommernacht, wo die blonde Marit
-einen Tisch unter vielen stillen Lampen gedeckt hatte. Und
-weit drüben am Ufer standen die Menschen und sahen die
-Ranken der blühenden Lichter in der weichatmenden Nacht
-und in den weichatmenden Wassern und lauschten dem Sänger.
-Dann zischten von den Rändern des Fjords die goldenen
-Schlangen eines Feuerwerks empor &ndash; oh, Henrik
-Tofte hatte heute »viel« Geld eingenommen von James und
-Johnny! Und Henrik Tofte stand nun auf dem Dache. Stand
-dort mit einem wallenden Barte und in einem langen wehenden
-Mantel, wie ein Geist, der aus dem Berge gestiegen, und
-sang zu geschlagenen Saiten. Es war immer so: seiner Kraft
-schienen keine Grenzen gezogen &ndash; je mehr er von ihr forderte,
-desto mehr gab sie. Er hatte nie so übermächtig gesungen wie
-an den Säumen dieser Mitternacht. Es war ein Lied der
-Liebe. Er huldigte damit Gwendolin. Und so klang es aus:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Hell hauchte der Glanz des Nebelfalls<br /></span>
-<span class="i0">In silbernes Herbstgespinn.<br /></span>
-<span class="i0">Die weiße Hand strich der Stute den Hals<br /></span>
-<span class="i0">Und sagt' ihr doch nicht, wohin.<br /></span>
-<span class="i0">Am Waldbach perlte der Erlenbaum,<br /></span>
-<span class="i0">In den Runsen rauschte das Wehr;<br /></span>
-<span class="i0">Sie ritt vorüber, sie ritt im Traum,<br /></span>
-<span class="i0">Und das Glück ritt nebenher.<br /></span>
-<span class="i0">Heim ritt sie. Um die Hufe klang<br /></span>
-<span class="i0">Der klingende Abendtau.<br /></span>
-<span class="i0">Und wie sie aus dem Sattel sprang<br /></span>
-<span class="i0">Da jauchzte die selige Frau.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Die bunten Lampen begannen zu verlöschen. Noch verabredete
-man für den Vormittag eine Lustfahrt in bekränzten<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-Booten nach der Fjordstadt Elde, um die sich die Berge türmen
-und der Sommer blühte. Ein großer Zeltzirkus hatte dort
-Einzug gehalten. Dann geleitete man Do und Jockele wie
-ein Brautpaar zur Schwelle ihrer Kammer, in der sie zum
-ersten Male schliefen. Aber Henrik Tofte fand, das Fest wäre
-noch lange nicht zu Ende. Er ruderte Rolf Krake, James
-und Johnny hinüber ans Land. Und als er allein in Boot
-und Nacht war, streifte er darin um die Insel. Das Glück
-Jockeles und seiner Frau machte sein Herz sehnsüchtig &ndash; er
-wußte nicht wie. Er glitt ein Stück hinaus in die Flut und
-verwandte kein Auge von dem einzigen Fenster, das noch hell war
-auf dem Eilande. Es war das Gwendolins. Dann trieb er
-das Boot an den Rand der Klippe, kletterte empor im Gestein
-und rief leise Gwendolins Namen. »Komm zu mir!« bat er.</p>
-
-<p>Da dachte sie: es ist nicht ungefährlich. Aber sie ging
-doch. Es war fast, als hätte sie auf ihn gewartet. Darum
-war sie ungeheuer gewappnet. Und die Nacht war spät;
-es hauchte schon der Tag an die Zinnen des Gletschers.</p>
-
-<p>Henrik legte seinen Arm in den ihren und zog sie ganz
-fest an sich. So schritten sie nach der Spitze des Eilands,
-die am weitesten von den Häusern entfernt lag. Es stand
-dort eine Bank ins Strandrohr geschmiegt, und große moosige
-Felsblöcke lagen darum her.</p>
-
-<p>»Wußtest du, daß ich dich rufen würde?« fragte er froh.</p>
-
-<p>»Ich dachte es,« sagte sie; »denn ich weiß: in Nächten,
-wie in dieser, nehmen Sie sich nicht erst die Zeit zum Schlafen.
-Warum sagen Sie übrigens »du« zu mir?«</p>
-
-<p>»Ich habe das beschlossen,« sagte er.</p>
-
-<p>In der Nähe der Bank fing sein Schritt auf einmal an
-zu zögern. Aber sie hüllte sich fester in das graue Schultertuch
-und sagte: »Kommen Sie nur. Es muß doch einmal
-klar werden zwischen uns &ndash; für die nächste Zeit.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span></p>
-
-<p>Da hob er sie zärtlich über das Wässerlein, das einen
-Schuh breit quer vor der Bank lag. Dann krochen sie zwischen
-die hohen Halme wie Rohrhühner.</p>
-
-<p>»Es war fein heute,« begann Gwendolin. »Sie waren
-wieder einmal einfach vollkommen; denn Sie waren nie
-unmäßig, wie das Ihre Art ist: unmäßig groß, unmäßig
-durstig, unmäßig grob und unmäßig sentimental. Deshalb
-bin ich jetzt auch gekommen.«</p>
-
-<p>Er warf seine Arme um sie, daß sie hörte, wie ihr die Gelenke
-knackten. »Es ist dir doch nicht ernst gewesen mit dem,
-was du heut abend zu Rolf Krake gesagt hast?«</p>
-
-<p>»Ich schwöre es Ihnen,« sagte sie. »Und wenn Sie mich
-jetzt küssen, dann lauf' ich nicht etwa weg &ndash; oh nein! Aber
-das sag' ich Ihnen: Sie machen mich damit nur häßlich
-und aufgewiegelt. Ich habe gelernt, viel zu fest auf mir
-selber zu stehen, lieber Henrik Tofte, und mit einem Aufgebot
-Ihrer Kraft erobern Sie die Festung nicht.«</p>
-
-<p>Gwendolin wußte genau, wie sie der Gefahr zu begegnen
-hatte, die sie in diesem Mann umlauerte. Ihr heißes jähes
-Herz hatte ihr in der anderen Zeit schon manchen Streich
-gespielt.</p>
-
-<p>»Erkennst du denn nicht, daß du der einzige Mensch bist,
-der mich in Ketten legt?« fragte er.</p>
-
-<p>»Sieben Tage, mein Freund!« lachte sie. »Oder siebenmal
-sieben Tage. Aber es müßten siebenmal sieben Jahre sein.«</p>
-
-<p>»Das ist lange,« seufzte er.</p>
-
-<p>»Billiger bin ich nicht zu haben,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Und wenn ich dir einen Vertrag unterschreibe mit meinem
-Blut auf siebenmal sieben Jahre?«</p>
-
-<p>»Wie dem Herrn der Hölle, dem Sie verfallen sind,«
-lachte sie.</p>
-
-<p>»Nun?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p>
-
-<p>»Dann glaub' ich Ihnen doch nicht, Henrik Tofte; denn ich
-glaube nur an mich und an meine Liebe. Und diese Liebe
-hat zu Ihnen nicht die Kraft des Vertrauens für einen Vertrag
-auf Lebenszeit.«</p>
-
-<p>»Und das ist dein letztes Wort, du liebste Gwendolin?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte sie. »So <em class="gesperrt">dienen</em> Sie um Rahel! Meinetwegen
-sieben Jahre. Es kann auch kürzer sein. Es braucht
-nur bis zu dem Tage zu sein, an dem wir beide wissen: wir
-können zu einer Zweieinigkeit gelangen wie Jockele und Do.
-Ich habe viel Leidenschaft und Liebe erfahren in meinem
-Leben, Henrik Tofte &ndash; aber ich danke mir auf den Knien,
-daß ich daran nicht zur Närrin geworden bin wie Tausende.
-Oh, wir Mädchen tragen unser Herz in den Händen, und
-wenn ein Mann Blumen darüber wirft, bilden wir uns
-gleich ein, sie blühen ewig. Sehen Sie Do und Jockele an,
-mein Freund! Die haben sich errungen durch Jahre. Diese
-herrliche Do hat ihren Mann dem Leben abgekämpft in
-einem verschwiegenen Kampfe. Und er ahnte es nicht; sie
-selbst nicht &ndash; niemand ahnte es. So selbstlos war der Kampf;
-und doch war er nicht minder schwer. Darum: reden Sie
-von diesen beiden nicht als von Hätschelkindern des Schicksals!
-Es gibt unter den Menschen keine, die sich ihr Glück köstlicher
-erzwungen haben als sie.« Jawohl, das Wort vom Schicksal
-hatte sich ihm schon auf die Lippen gedrängt. Da scheuchte
-es Gwendolin fort. »Gute Nacht, Henrik Tofte! Vielleicht
-gelangen auch wir über den Sonnensteg in das schöne ferne
-Land. Gute Nacht!«</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Die Gletscherspitzen leuchteten nun in einem wundervollen
-Rot. Und auch die Worte Gwendolins waren voll von
-Verheißung gewesen für einen neuen Tag. Sie waren
-gewesen wie nie zuvor. Dennoch sah Henrik Tofte aus, als<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-schrumpften seine mächtigen Glieder vor der Helligkeit ihrer
-Rede zusammen.</p>
-</div>
-
-<p>So hockte er im Schilfrohr und war ohne Hoffnung. Gwendolin
-hatte just das Werk für den neuen Herkules ausgesucht,
-das er unmöglich bewältigen konnte. Sie hatte seinen Gott,
-das Schicksal, gelästert und vom Sockel geworfen; sie hatte
-allen fröhlichen Glauben in ihm vernichtet; sie hatte seinen
-herrlichen Freibrief fürs Leben in tausend Stücke gerissen
-und in das Röhricht verstreut. »So <em class="gesperrt">dienen</em> Sie um Rahel!«</p>
-
-<p>Es brach ein Lachen gewaltigen Schmerzes aus seiner
-Brust. Dann hob er den gestürzten Gott wieder an seine
-Stelle. &ndash; O diese Narren! Warum mochten sie nicht an
-das einige Schicksal glauben, das die Welt regiert? War
-es denn nicht Schicksal, daß die drei Menschen, die Henrik
-Tofte am meisten liebte von allen, ihm den Weg zum Glück
-verwehrten? Gleich am ersten Mittag, an dem sie den Fjord
-entlang gerudert waren, waren seine Augen finster geworden
-über dem Blick in die Sonne Dos und Jockeles. »Nun,«
-tröstete er sich damals, »sie sind Hochzeiter!« Aber seither
-war alles Flittergold von ihrer Ehe abgefallen, und ein
-schönes klares Leuchten war geblieben, das sah aus, als
-wär' es für Zeit und Ewigkeit. Vor diese beiden Menschen
-führte ihn Gwendolin und sagte: »Sieh hin &ndash; getraust du
-dir das auch? Was wäre es, wenn wir einen Bund schlössen,
-und er könnte nicht sein wie dieser? Was wäre es, wenn
-wir zueinanderliefen in einem kindsköpfigen Rausche, wie
-zwei aus der Herde? Und flickten an unserer Gemeinsamkeit
-herum, stächen die Löcher mühselig zusammen und schafften
-damit doch nichts weiter, als daß das Ding ganz morsch
-würde? Und zuletzt ließen wir's gehen und kümmerten uns
-nicht mehr um die getrennten Nähte, weil sie ja doch nicht
-halten! Henrik Tofte, was wäre das?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>Jawohl, es war eine ungeheuer freventliche Weltanschauung,
-die die Gwendolin da zum besten gegeben hatte! Bildete
-sie sich denn nicht ein, sie wäre der liebe Gott selber und
-könnte sich mit ihrer eigenen Kunstfertigkeit das Leben zimmern?</p>
-
-<p>Darüber nahm er Stück für Stück der umherliegenden
-Fetzen auf und paßte sie mit Sorgfalt aneinander. So
-baute er den richtigen Henrik Tofte wieder zusammen. Zwar,
-die Risse konnte er nicht ungesehen machen. Aber er war
-froh, daß es ihm leidlich gelungen war, und kroch aus dem
-Rohre; denn er hörte das Fischerboot mit den Kindern inselwärts
-plätschern, die die Kränze und Ranken brachten.</p>
-
-<p>Als die Fahrzeuge bunt und fröhlich geschmückt waren,
-trat er in den Saal, wo ihn die Sturmschwalben mit Jubel
-empfingen. Da jubelte er sich zwischen sie hin. Aber er
-dachte, seit dieser Nacht wäre er hier nicht mehr daheim. Es
-war ein wunderlicher Zustand. So, als wäre er nun von
-dem Schicksal an eine Wegscheide gesetzt.</p>
-
-<p>Indessen bereiteten sich die anderen schon zur Fahrt.
-Gwendolin und Do blühten wie der junge Tag: Hanna von
-Fellner hatte geschrieben, sie wäre auf dem Wege nach dem
-Hardanger Fjord und hätte sich Do und ihrem Mann in
-Sehnsucht schon dreimal an die Herzen gestürzt; nachmittags
-käme sie mit dem Dampfer fjordaufwärts, und sie erwarte,
-daß an der Haltestelle alle Flaggen gehißt wären.</p>
-
-<p>Deshalb war die Insel in so funkelndem Betriebe. Sogar
-Rolf Krake, der zu noch seltsameren Göttern betete als Gwendolin,
-schnalzte schon drunten auf dem Ufersande herum.</p>
-
-<p>Daher kam es, daß Henrik Tofte bald allein am runden
-Tische saß und merkwürdige Gedanken in den Morgenkaffee
-hineinrührte. Es war ihm ums Herz, als geschähe alles zum
-letzten Male, was er in den vertrauten Räumen tat. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-endlich stand er mit feuchten Augen vom Tisch auf, um
-hinabzugehen zu den anderen.</p>
-
-<p>An der Schwelle traf er Nane Thord. Die hatte zur Feier
-des Tages eine blinksaubere Haube angetan. Sie wollte
-hinübersegeln an den Strand, einkaufen. Da bekam Toftes
-Herz die Dankbarkeit: er nahm Nane Thord auf den Arm
-wie ein dreijähriges Mägdlein und trug sie hinab in sein
-Boot und sagte, sie müßte mit nach Elde in den Zirkus.
-Als sie merkte, daß es ihm ernst damit war, trieben die Boote
-schon mit gefüllten Segeln vor dem Winde &ndash; bunt wie
-fünf Sommerblumen, die dem Himmel aus den Händen
-gefallen waren. Und Henrik Tofte sang ein Scheidelied. Es
-klang, als würde er nie mehr einen Fuß auf das Eiland setzen.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Wo sich jener kurze Arm vom Hardanger Fjord nach
-Norden abzweigt, an dessen Ende die Fischerstadt Elde
-liegt, ist auch die Haltestelle des Dampfers. Dort machten
-sie ihre Boote fest, Hanna zu erwarten. Aber Henrik Tofte
-war ruhelos. Er reffte vor dem Eldefjord zwar das Segel;
-denn der Fjord ist nach Süden offen, und die Uferberge
-legen sich darum wie zwei Arme, die alle Sonne für ihn
-einfangen. Aber der Wind aus Morgen streicht an seinen
-Toren vorbei. Deshalb legte Tofte dort die Ruder ein und
-sagte: »Nane Thord will die Rundholmen besuchen, ihre
-Tochter, die auf Gaeslinggaard wohnt. Ich fahre also mit
-ihr voraus.«</p>
-</div>
-
-<p>Aber als die anderen Boote zwei Stunden danach an Gaeslinggaard
-vorüberkamen, lief Nane Thord aus dem Hofe
-und machte die Windmühle: Henrik Tofte hatte sie noch nicht
-wieder abgeholt.</p>
-
-<p>Da stieg Nane Thord in Gwendolins Seelenverkäufer
-und nahm ihr die Ruder aus den Händen und forschte auf<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-der Weiterfahrt an dem Mädchen herum, was es mit Henrik
-Tofte wäre.</p>
-
-<p>Die zugeflogene Hanna saß in lauter Wiedersehensfreude
-im Boote von Do und Jockele. Rolf Krake aber fuhr mit
-diesem auf gleicher Höhe und ihm so dicht zur Seite, daß
-Do sehen konnte: er schien wie die Sonne.</p>
-
-<p>In Elde war ein großes Leben. Die Fischer lehnten in
-ihren Sonntagskleidern breit und rauchend an den Steinen.
-Die Blockhäuser hatten helle Augen. Und die bunten blonden
-Mädchen und jungen Frauen wanderten Arm in Arm am
-Strande und hatten alle Fenster offen. Aber Henrik Tofte,
-den man sonst schon von weitem über allem Volk dahinsegeln
-sah, war nicht da. Nur sein Boot hatten sie im Hafen
-gesehen.</p>
-
-<p>Im Zirkus saßen sie dann in der ersten Reihe, gleich neben
-den Borten des geharkten Sandes. Die Holzbänke füllten
-sich bis auf den letzten Platz und bis unter das Zeltdach
-hinan, das leis im Sonnenwinde flappte. Ein sehr kleiner
-Clown im weißen Linnenanzuge mit faustgroßen schwarzen
-Wollknöpfen ließ es sich angelegen sein, die Menge schon
-vor Beginn der Reitkünste und Akrobatenstücke neugierig
-zu machen. Dabei diente ihm seine zuckerhutförmige Filzmütze
-als Sitzgelegenheit und Schlafgemach: so bedeutend
-war diese Mütze, und so gering war das Männlein.</p>
-
-<p>Aber Henrik Tofte war nicht da &ndash; es war zum Lustigwerden.</p>
-
-<p>Endlich kam er &ndash; da war es zum Weinen.</p>
-
-<p>Er trug die Drahtseiltänzerin Miß Millie auf der freien
-Hand herein und schwang sie auf das gespannte Seil. Er
-hatte das Kleid eines Hanswurstes an, genau wie der Zwerg,
-hatte eine weiße Riesenfilzmütze wie dieser, hatte sich das
-Gesicht gepudert und die Nasenspitze und jede Wange mit<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-einem schwarzen Tupfe geziert. Mit der Mütze reichte er
-beinahe bis an das Zeltdach. Seine Einkleidung aber war
-ohne Wissen des kleinen Mitclowns vor sich gegangen. Deshalb
-staunte ihn keiner gewaltiger an als dieser. Er fand
-sich aber rasch in die Lage und stellte ihn den Zuschauern
-vor als seinen großen Bruder. Weil er immerzu schwätzte,
-und Miß Millie doch endlich ihre Kunststücke vorführen
-wollte, nahm der neue Clown ihm den Zuckerhut ab, klemmte
-ihn hinter ein Seil unterm Dache und steckte das Männlein
-einstweilen in seine Hosentasche&nbsp;…</p>
-
-<p>Es war überwältigend, und der Erfolg der Eröffnungsvorstellung
-war schon mit dieser Improvisation gerettet.</p>
-
-<p>Der Kleine, den man nun in der Tasche der Pluderhose
-herumkrauchen sah, drohte die Hauptnummer der Seiltänzerin
-in Gefahr zu bringen; denn natürlich guckte er alsbald
-heraus wie aus einem Fenster. Es war so hinreißend, daß
-Henrik Tofte eine Zeit mit ihm aus der Arena verschwinden
-mußte, was dadurch glaubhaft gemacht wurde, daß ein
-Nachtwächter mit Spieß und Laterne kam und den geharkten
-Sand nach dem großen Bruder des kleinen Mannes ableuchtete.
-Als er ihn endlich gefunden hatte, verhaftete er ihn.</p>
-
-<p>Als »letzte Nummer« aber trat Henrik Tofte wieder auf.
-Und zwar als Schnellmaler. Natürlich hatte er den Kleinen
-immer noch im Hosensack und tat, als hätte er das ganz vergessen.
-Damit ihn die geschwollene Tasche nicht beim Malen
-störe, entledigte er sich ihres Inhalts. Er zog ganze Steine
-bunter Kreiden hervor, eine Tabakspfeife und zwei Beutel
-&ndash; in dem vollen war Tabak, in dem leeren kein Geld. Danach
-holte er die Rollen seines Malpapiers hervor und zuletzt den
-kleinen Mann, über dessen Vorhandensein er natürlich äußerst
-verblüfft war. Deshalb ließ er ihn an seinem freien Arm
-herumkrabbeln wie einen Käfer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p>
-
-<p>Danach lief der Kleine nach einem Rahmengestell. Daran
-hefteten sie das Zeichenpapier. Der große Bruder begann
-sein Werk. Zuerst zeichnete er Gwendolin Vogelgesang &ndash;
-eins, zwei, drei … und schon war sie fertig. Jedermann sah,
-daß sie es war. Er überreichte ihr das Bild mit komischer
-Eleganz. Er zeichnete schöne Mädchen und alte Fischer,
-wie sie da umhersaßen. Und zuletzt brachte der Kleine einen
-Riesenrahmen geschleppt, den stellte er vor dem Eingange
-der Sandbahn auf und rief: »Ha, du bist ein großer Maler,
-mein Bruder &ndash; du bist ein so großer Maler, daß ich deine
-Hosentasche als Schlafstelle gemietet habe! Aber du kannst
-nicht das große Meer malen.«</p>
-
-<p>»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte.</p>
-
-<p>»Das ganze Meer? Mit dem Sturme? Und mit Schiffen
-in Not? Und alles auf dies kleine Papier? Ha!«</p>
-
-<p>»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte und begann zu malen.
-Die Fläche maß zehn Geviertmeter. Er sprang um das
-Papier, als wäre er aus Gummi: bald kroch er in sich zusammen,
-bald schnellte er empor, als hätte er eine Feder
-aus Stahl im Leibe. Und aus seinen bunten Kreiden schuf
-er das Meer. Wozu der liebe Gott einen Tag gebraucht
-hatte &ndash; oder tausend Jahre … Henrik Tofte machte das
-in sieben Minuten. Und der kleine Bruder saß auf dem Sand
-und heulte den Sturmwind darüber.</p>
-
-<p>»Fertig!« schrie der Kleine.</p>
-
-<p>Henrik Tofte aber lief an die andere Seite der Arena,
-als wolle er sich die Sache aus der Ferne betrachten &ndash; da!
-Mit ungeheuerem Anlauf flog er über den Sand, mit einem
-Gewaltschwung sprang er mitten hinein in das gemalte
-Meer. Und blieb verschwunden.</p>
-
-<p>»Oh,« sagte der Kleine &ndash; »jetzt ist er ertrunken!«</p>
-
-<p>Die Menge tobte. Aber Henrik Tofte kam nicht mehr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<p>Drei Minuten später schaukelte der »Seelenverkäufer«
-mit Gwendolin und Nane Thord aus dem Hafen von Elde.
-Die anderen suchten nach Henrik Tofte bis gegen Abend.
-Sie fanden ihn nicht.</p>
-
-<p>Da zogen sie mit raschen Ruderschlägen Gwendolin nach.
-»Was nützt es uns, wenn wir uns um ihn sorgen oder uns
-grämen?« fragte sie. »Auf dies Herz kann man nun einmal
-keine Häuser bauen &ndash; und er selbst getraut sich das am
-wenigsten.«</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Hanna von Fellner wohnte nun im Turm &ndash; es war
-ein lustiger Name für den kleinen Aufbau, auf dessen
-Dache der Sommerrasen schon wieder blühte.</p>
-</div>
-
-<p>»Eure Tage in diesem abwendigen Weltwinkel sind ewig
-bewegt wie die hohe See,« sagte Hanna.</p>
-
-<p>»Es ist in der Tat so,« bestätigte Do, »wir haben genau
-die gleiche Wahrnehmung gemacht: als wir nach unserer
-Ankunft kaum zwei Stunden am runden Tische gesessen
-hatten, war uns, wir wären durch die Erlebnisse aufgeregter
-Wochen gewirbelt.«</p>
-
-<p>Seit Henrik Toftes Verschwinden war fast ein Monat
-verstrichen. Der Wanderzirkus war längst fortgezogen.</p>
-
-<p>Einmal segelten die von der Insel nach Elde, um über
-den Freund etwas zu erfahren. Da hörten sie viele widersprechende
-Meinungen über das Reiseziel der Truppe &ndash; es
-lag offenbar eine Verabredung vor, die Neugier irrezuführen.
-Henrik Tofte wollte seine Spur für die Sturmschwalben
-verwischt sehen. Nur das eine ward ihnen zur
-Gewißheit: sein Boot hatte er in Elde verkauft. Daraus
-war zu schließen, daß er sich nicht mit der Absicht einer baldigen
-Rückkehr trug.</p>
-
-<p>»Er will dich durch dies Mittel reuig und gefüge machen,«<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-sagte Hanna zu Gwendolin. »Ich denke, in ein paar Tagen
-geht das große Licht uns wieder auf.«</p>
-
-<p>Über das »große Licht« lachten sie. Und damit war ein
-Name für Henrik Tofte gefunden, der nun unter ihnen blieb,
-wie das freundliche und sorgende Gedenken, das sie ihm
-bewahrten.</p>
-
-<p>Jockele war tief betrübt über den zwar nicht ruhmlosen,
-aber unwürdigen Abgang, den sich Tofte gesichert hatte.
-»Vielleicht hätte ich mich mehr um ihn kümmern sollen,«
-sagte er.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Gwendolin, »denn dann hätte ich gegen
-euch beide kämpfen müssen und wäre wohl besiegt worden.
-Möchtest du, daß es so gekommen wäre?«</p>
-
-<p>Jo zog die Achseln: »Es ist eine zu ungewöhnliche Sache
-gewesen mit euch. Und Do und ich, wir haben uns gesagt:
-wir wollen uns da nicht hineinmischen. Du hast so klare
-Augen, Gwendolin, und du hast ein so aufrechtes Herz
-&ndash; einem Menschen, der nicht aus eigener Klugheit erwägen
-kann, was er wagen darf, wird auch durch den Rat anderer
-nicht geholfen. Aber es wäre mir doch leid um das große
-Licht, wenn er sich selbst aus den Händen fiele.«</p>
-
-<p>Den tiefsten Eingriff bewirkte Toftes Flucht in das Leben
-der »Glasgow Boys« James und Johnny. Auch dieser Name
-stammte von der erfinderischen Hanna. Doch brachte sie
-ihn der Kürze halber nur zur Anwendung, wenn sie von
-beiden sprach. Meinte sie nur James, so nannte sie ihn
-den »Karauschenteich« &ndash; nach einem Wasser auf dem Fjeld,
-zu dem sie mit Jakobus Sinsheimer um diese Zeit manchmal
-auszog. Es war wegen der grünen Wasserfrösche. Der
-Karauschenteich war ein Tümpel wunderlich verhaltenen
-Lebens. Algen wuchsen drin; Moosinseln trieben auf
-seinem Spiegel; er wimmelte von Molchen, Fröschen und<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-Wasserkäfern; und es standen ein paar würdige Karauschen
-in der Nacht seiner Gründe, die hatten sich bereits Mooshauben
-angeschafft. Es konnte kein Blick recht erspähen,
-was in diesem Auge zwischen den Bergen sein verschwiegenes
-Dasein <span id="corr057">pflog</span> &ndash; genau so ging es dem forschenden Blicke
-Hannas vor Mister James King; da erfand sie für ihn den
-Namen: der Karauschenteich. Aber weder das eine noch
-das andere Kosewort hatte seine Ursache in einer besonderen
-Hochachtung Hannas vor James und Johnny. Doch &ndash; sie
-unterschätzte die beiden; und Jockele mußte sie eines Tages
-belehren, daß die »Glasgow Boys« ihre Staatsstipendien
-keineswegs zur Pflege ihrer Talentlosigkeit empfangen hätten.
-Sondern die Dinge lagen so: Henrik Tofte war im Vergleich
-zu ihnen allerdings ein Genie &ndash; aber das war er gegenüber
-jedem anderen Malmenschen auch. Und da hatte die Gelegenheit
-Diebe gemacht: James und Johnny waren seine
-Schüler, sie kopierten ihn, sie übernahmen seine Malweise,
-und über allem war dann der große Bluff zustande gekommen:
-aus einer weitgehenden Bequemlichkeit und Leichtherzigkeit
-auf beiden Seiten.</p>
-
-<p>Nun saßen James und Johnny am Rande des Verderbens.
-Oder sie mußten sich den Ruhm, den sie im Traum errungen
-hatten, erwerben, um ihn zu besitzen.</p>
-
-<p>Johnny hatte dazu die ernstliche Absicht. Er ging also
-ans Werk; aber er schleppte Lasten. Zu allem erfuhr er
-von dem Kunsthändler Watson, daß nach seinen Bildern
-eine noch größere Nachfrage wäre als nach denen von James
-King … Das war eine neue unfaßbare Überraschung; denn
-Henrik Tofte hatte für Johnny nicht etwas Ausgezeichneteres
-gemalt als für James. Einige Tage später stellte es sich
-heraus, daß dies auf die Meinung Watsons zurückzuführen
-war: weil Johnny ihn damals angelogen hatte, ein dänischer<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-Kunstfreund habe seinen gesamten Bestand an Bildern ausgekauft,
-war Herrn Watson das Licht aufgegangen, John
-Williams wäre der stärkere von den beiden »Jöttern«.</p>
-
-<p>So kam es, daß Johnny für die Leute auf der Insel nahezu
-unsichtbar ward. Es hieß, er feiere seine Auferstehung in
-der Romantik der Berge. Mister James dagegen hatte
-nach dem Vorbilde seines entschwundenen Meisters ein
-weit größeres Vertrauen zu seinem guten Stern als zu
-seiner Arbeit und Mühe. Ganz im geheimen erwog er, ob
-es nicht ratsamer sei, die sonnige Hanna von Fellner und
-ihre Wohlhabenheit sich gewogen zu machen &ndash; trotz dem
-»Karauschenteich«. Diesen Traum träumte er bald aus und
-zog der Leuchte Gwendolins nach. Aber auch das war ein
-Irrlicht.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Do hatte sich über allem mit heißem Eifer in das Studium
-der norwegischen Sprache gestürzt. Eines Tages fand sie
-bei Ibsen das Gedicht von der »Sturmschwalbe«. Dabei
-hatte sie eine Offenbarung. Sie übersetzte es in ihrer klaren
-Einfühlungskraft und ihrer freien Art:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Draußen, wo sich den Klippen die Wildsee vermählt,<br /></span>
-<span class="i0">Wohnt die Sturmschwalbe. Ein Seemann hat mir erzählt:<br /></span>
-<span class="i0">Sie schneidet den Schaum der Wogen, ein geflügeltes Schiff,<br /></span>
-<span class="i0">Sie tritt das brandende Meer und zerschellt nicht am Riff.<br /></span>
-<span class="i0">Mit den Wellen sinkt sie, mit den Wellen steigt sie zur Höh',<br /></span>
-<span class="i0">Mit der Stille schweigt sie, und sie schreit mit der kreischenden Bö.<br /></span>
-<span class="i0">Sie fliegt nicht, sie schwimmt nicht: wo Himmel und See sich mischt,<br /></span>
-<span class="i0">Geht ihre Fahrt, zwischen Sonne und wogendem Gischt.<br /></span>
-<span class="i0">Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Sturmschwalbe, wo nahmst du den Mut zum Leben her?<br /></span>
-</div></div>
-</div>
-
-<p>Do wollte weder aus dem Gedichte noch aus der Offenbarung,
-die sie davor gehabt hatte, ein Geheimnis machen.
-Sie kannte nun die Leute alle bis auf die letzten Kammern<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-ihrer Herzen, die sich die Sturmschwalben nannten. Rolf
-Krake hatte mit jenem Namen ihren stolzen Flug zu den
-Höhen des Lebens kennzeichnen wollen, zu denen nur seltene
-Menschen den Aufschwung probieren. Er war ihm eingefallen
-in beglückter jugendlicher Überhebung und in einer
-Stunde, in der er die Maße zu sich und der Erde wohl einmal
-nicht bei der Hand hatte. Aber nun wußte Do: Rolf Krake
-war auch mit der Naturgeschichte der Sturmschwalbe nicht
-vertraut gewesen, sonst hätte er zu erhabenem Sinnbild nicht
-dies Geschöpf gewählt, das, nach alter Seemannsmär, weder
-fliegen noch schwimmen kann, sondern in ewigem Wechsel
-bald das eine versucht, bald das andere, und sein Element
-doch niemals findet. »Sturmvögel« hatte Rolf Krake sagen
-wollen; denn in dem Namen sollte das Symbol des Kampfes
-einer hochgemuten Jugend mit den Stürmen des Lebens
-aufgestellt werden.</p>
-
-<p>Nun sprachen sie darüber. Es war abends an dem runden
-Tisch im Saal. Do dachte zwar, daß ihm das aus mangelnder
-Naturgeschichte passiert wäre &ndash; aber: es konnte auch aus
-überlegen spottender Erkenntnis gewesen sein.</p>
-
-<p>»Nein,« gestand er, »es ist eine Dummheit gewesen … Je nun,
-vielleicht war es das Gescheiteste, was mir je eingefallen ist;
-denn wir alle &ndash; mit Ausnahme von Jakobus und Doris &ndash;
-sind wir nicht die leibhaftigen Sturmschwalben der Seemannsmär?
-Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer?«</p>
-
-<p>Sie saßen bis gegen Mitternacht. Und weil sie sich voreinander
-nicht versteckten, war dies Gespräch für alle voller
-Erkenntnis und Gewinn.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Am anderen Tage war Jockele mit Hanna schon vor Sonnenaufgang
-zum Karauschenteiche hinan auf das Fjeld
-gewandert. Die neuesten Werke über die Froschlurche stimmten<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-seltsamerweise darin überein, daß der grüne Wasserfrosch ein
-Schattentier wäre &ndash; etwa wie die Kröte. Der Doktor aber hatte
-beobachtet, daß gerade dieser mit der Sonne an den Teichrand
-stieg und mit ihr um den Saum des Wassers wanderte,
-immer ängstlich darauf bedacht, in der vollen Bestrahlung
-zu sitzen. Auch anderen Irrtümern der neuesten Forschung
-war er auf der Spur. Sie betrafen alle die Lebensweise
-der Frösche und nicht die Kenntnisse, die man sich in den
-zoologischen Instituten der Hochschulen aneignen kann.</p>
-</div>
-
-<p>Johnny und Gwendolin waren ebenfalls schon mit dem
-Malzeug fjordaufwärts gefahren. Do hatte eine Bergwanderung
-mit Rolf Krake vor. So blieb James allein daheim.
-Aber auch er ward von Nane Thord kaum gesehen; denn
-er steckte den Tag über mit seinem Boote im Rohr am Ende
-der Insel und strich Schilf und Ruder mit Zinkfarbe an,
-die in der Nacht leuchtet. Dabei setzte er ein sehr geheimnisvolles
-Gesicht auf.</p>
-
-<p>Es wurde wieder einmal ein ereignisvoller Tag.</p>
-
-<p>Droben am Karauschenteiche, dem Auge der Bergheide,
-saßen Jockele und Hanna. Sie hatten nun das brüderliche
-Du füreinander erfunden, und Hanna nannte ihn im fröhlichen
-Sonnenrausch ihrer Hochwelteinsamkeit den »Mann
-mit den drei Frauen«.</p>
-
-<p>»Na, hör mal!« sagte Jockele in lustiger Entrüstung.</p>
-
-<p>»Es ist dennoch so! Du machst es der Gwendolin und
-mir furchtbar schwer, dich nicht über Gebühr liebzuhaben.«</p>
-
-<p>»Das könnt ihr halten wie ihr wollt,« sagte Jockele.</p>
-
-<p>Da legte sie ihm den Arm um den Nacken und drei schwesterliche
-Küsse auf den Mund. »Ist das nicht über Gebühr,
-mein Herr?«</p>
-
-<p>»Ach Unsinn,« sagte er.</p>
-
-<p>»Nun, so soll Do entscheiden!« antwortete sie ein bißchen<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-ärgerlich; denn sie hatte aus den rückwärtigen Tagen die
-Überzeugung gewonnen: ihre Wette von der Hochzeitstafel
-würde für sie verloren. Da fiel es auch dem Jockele wieder ein,
-daß er damals in überschießender Lust dagegen gesetzt hatte.
-»Du hast Angst um deine Mark,« spottete er.</p>
-
-<p>Da lachte sie: »Ach nein &ndash; um die Richtigkeit meiner Ansicht!
-Entweder hab' ich damals Unsinn geredet oder &ndash;
-Jakobus Sinsheimer ist eine Ausnahme von der Regel.«</p>
-
-<p>»Nach so kurzer Zeit läßt sich das noch nicht mit Sicherheit
-feststellen,« scherzte er. »Wir müssen wohl warten bis zu
-meinem Tode.«</p>
-
-<p>»Du hast fürchterliche Angst um deine Mark!« vergalt
-sie ihm nun. Sie küßte ihn in jähem Übermute noch dreimal
-und sagte: »So, nun hast du deine Wette verloren! Es ist
-rein zum Verzweifeln.«</p>
-
-<p>»Ich finde: weder das eine noch das andere,« sagte er.</p>
-
-<p>»Nun, wir werden ja hören, was Do dazu meint.«</p>
-
-<p>Dann sprachen sie über Liebe und Ehe und auch von den Erlebnissen,
-die er in seiner jungen Zeit mit Gwendolin gehabt
-hatte. Es war Hanna furchtbar interessant, wiewohl Do und
-Gwendolin ihr das alles schon einmal erzählt hatten. »Wenn
-ich Do wäre, so litte ich nicht, daß Gwendolin und Hanna
-Fellner die gleiche Luft mit dir atmeten.«</p>
-
-<p>»Ja, so halten es die Menschen,« sagte er, »weil sie einander
-nicht vertrauen bis zum nächsten Busche &ndash; und weil sie ihre
-Liebe nicht reif werden lassen vor der Hochzeit.«</p>
-
-<p>Dann schlich er wieder einmal auf den Zehen um den Karauschenteich.
-»Es sind annähernd dreihundert grüne Wasserfrösche
-da!«</p>
-
-<p>Hanna betrieb inzwischen ein nachdenkliches Spiel mit
-Heidehalmen. Sooft er an ihr vorüber kam, warf er ihr ein
-kluges und schönes Wort von der Ehe hin oder von der Liebe.<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-Das fing sie wie eine seltene Blume und schmückte sich das
-Herz damit &ndash; das wirbelige törichte Herz, das einst gemeint
-hatte: es hätte die Liebe nach allen Himmelsrichtungen
-erprobt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wie es indessen um Gwendolin und den langen Mister
-Johnny aussah? Auf der Fahrt den Fjord hinauf war es
-morgendlich kühl in dem kleinen Schiffe. Als sie dann an
-ein sehr schönes Naturtheater kamen, auf dem sich die Kulissen
-sommerbunt und kühn durcheinanderschoben, sagte Gwendolin:
-»Sie, lassen Sie mich heraus &ndash; das muß ich malen!«
-Sie war noch genau so wie damals in der wilden Jockele-Zeit:
-vor einer romantischen Aufführung der Natur konnte
-sie nicht vorübergehen. Das strich sie dann keck und aufgeblüht
-aus ihrem jauchzenden Herzen, und es wurde ein
-ungeheueres Farbenerlebnis daraus.</p>
-
-<p>Sie hatte sich seit dem Tage, da ihr der Freund verlorengegangen
-war, nicht gewandelt. Nein, Gwendolin Vogelgesang
-war nicht von der Art jener, die die Tür unbedacht ins
-Schloß werfen und dann davorstehen mit Reu' und »Hätt'
-ich doch«. O, die Entgleisung Henriks war ihr nicht gleichgültig
-&ndash; ihr am wenigsten. Aber sie hatte von allen die
-kräftigste Überlegenheit gegen das Leben.</p>
-
-<p>Nachdem sie ihre Staffelei aufgestellt hatte, verfiel sie gleich
-mit Allgewalt ins Malen. Sie war dabei so rasch, daß sie nie
-zweimal zu einem Motive ging; denn sie kopierte nicht die
-Natur, sondern sie schuf das künstlerische Erlebnis, das sie
-davor hatte, in Form und Farbe. Ja, so war es um ihre
-Kunst; es wandelte sich auch darin nichts. Viele verstanden
-sie nicht, aber viele beglückte sie. Es kümmerte sie nicht, was
-sie damit für eine Wirkung erzielte.</p>
-
-<p>Ob John Williams weiter fjordaufwärts gerudert war,
-oder ob er irgendwo hinter einer Kulisse steckt und sich in<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-seiner veristischen Manier abmühte, wußte sie in ihrem
-himmlischen Untergange nicht. Er aber hatte zur Genüge
-erfahren: Gwendolin konnte jemandem Palette und Pinsel ins
-Gesicht werfen, dem es beikam, ihre Eingebungen zu stören.
-Sie mußte allein sein mit dem Gott, der in ihr schuf.</p>
-
-<p>Wenn Johnny an diesem Tag nicht vorgehabt hätte, auf
-sie zu warten, so hätte er sie am Morgen nicht mit in sein Boot
-genommen.</p>
-
-<p>Der Wandel der Lichter und Schatten, der um Mittag eintrat,
-verurteilte ihn zur Untätigkeit. Da legte er sich auf das
-kurze Gras eines Hügels und guckte in die spiegelnden Wasser.
-Bergkuppen standen darin, silberstämmige Birken, finstere
-Föhren, die sich an Zacken klammerten; und die flimmernden
-Eisströme vom Folgefond. Und alles blühte hinein in die
-seligen Himmel der Tiefe. Den »Malkasten des Herrgotts«
-hatte Gwendolin den Fjord genannt.</p>
-
-<p>Johnny hatte seinen Platz so gewählt, daß er Gwendolins
-Wildrosenhut sehen konnte, wenn er sich ein wenig aufreckte.
-Diese Gelegenheit nahm er viel öfter wahr, als er dachte.
-Er sah sich an dem Zauberspiegel der Flut müde, aber an
-Gwendolin nicht. Nun ja &ndash; Henrik Toftes Abreise mit unbekanntem
-Aufenthalt war ein harter Schlag für ihn gewesen.
-Aber die Sache hatte doch auch ihre gute Seite&nbsp;…</p>
-
-<p>Der lange Johnny hatte nie in seinem Leben eine so kurzweilige
-Sonnenruhe gehalten wie an diesem Tage. Ohne
-Pinsel und Farbe malte er sich ein Bild. Das stellte den
-listigen James dar in dem Augenblick, in dem er erkannte:
-die heiße nußbraune Gwendolin hatte John Williams unwiderstehlich
-gefunden. &ndash; Es war sehr unterhaltsam. Ja.
-Und deshalb lugte Mister Johnny immer durch den Spalt
-zwischen den beiden Birkenstämmen.</p>
-
-<p>Um die gleiche Stunde befand sich sein Freund James<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-in nicht minder heftiger Kurzweil. Einesteils hockte er in
-seinem Boot im Sommerrohr und strich mit einem großen
-Pinsel Zinkfarbe an die äußeren Bordwände. Anderenteils
-malte er sich ein Bild. Das stellte den listigen Johnny dar
-in dem Augenblick, in dem er erkannte: die heiße, nußbraune
-Gwendolin hatte James King unwiderstehlich gefunden. &ndash;
-Es war sehr unterhaltsam. Denn: wo in aller Welt war ein
-Mensch auf die köstliche Idee verfallen, mit Hilfe eines Gespensterschiffes
-seiner Angebeteten eine nächtliche Aufwartung
-zu machen? Seiner Angebeteten? Nun, auf eine so romantische
-Gemütsverfassung zielte der Ehrgeiz eines richtigen
-Glasgowboys im Grunde genommen nicht. Aber etliches
-hatte er doch den Deutschen und Norwegern abgeguckt; und
-er war nicht umsonst der Schüler Henrik Toftes gewesen.
-So war seiner Weisheit letzter Schluß: mit einigem romantischen
-Behaben mußte der Gwendolin wohl beizukommen
-sein. Denn erstens würde ihr dabei das Herz erschauern:
-es war ja bekannt, daß auch Nane Thord nächtliche Zusammenkünfte
-mit ihrem Verstorbenen hatte. Zweitens: Gwendolin,
-deren Licht stets bis über die Mitternacht hinaus durch das
-Fenster schien, lebte in so später Stunde ein gesteigertes
-Leben: sie würde an Henrik Tofte denken, der in der Geisterzeit
-sehnsüchtig um die Insel strich … Und drittens berechnete
-James das Einkommen, das sich aus Gwendolins Fleiß und
-Talent schlagen ließe.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Mister Johnny, weit, weit draußen vorm Zauberspiegel,
-stellte die gleiche Berechnung an. Im übrigen
-aber: auf die Hilfe der vierten Dimension verließ er sich nicht.
-Er wartete, bis Gwendolin so gegen drei Uhr ihre Brote auspackte,
-dann schritt er unternehmungsfroh die Hügellehne
-zu ihr hinan.</p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>»Fertig!« sagte sie und biß in die Schinkenstulle, »ich
-schließe, daß es spät geworden ist, denn ich habe einen Mortshunger.«</p>
-
-<p>»Well,« sagte Mister Johnny, »und ich habe Ihnen drei
-Eier aufgehoben.«</p>
-
-<p>»Famos! Geben Sie her!«</p>
-
-<p>Das ließ sich sehr hübsch und nüchtern an und stimmte mit
-der Rechnung Johnnys Punkt für Punkt. Er setzte sich zu
-ihren Füßen in das blühende Gras und half ihr bei der Betrachtung
-des Bildes. Sie kniff das linke Auge zu: »Da
-rechts, in den Firnenschnee, muß noch ein kobaltblaues Licht &ndash;
-der Firn ist um sieben Grad Celsius zu warm,« sagte sie,
-sprang auf und strich die fehlende Kälte auf das Bild.</p>
-
-<p>Über allem schien es dem langen Johnny: Gwendolin
-würde ihm nach dem Mahle nicht die nötige Muße zu seinem
-Vorhaben lassen.</p>
-
-<p>»Sie, sind die Eier hart?«</p>
-
-<p>»Hm,« sagte er. &ndash; Es war nun doch ungeheuer schwierig.
-Gwendolin ballerte am Stein schon das zweite Solei auf.
-»Wie weit sind Sie gekommen?« fragte sie zwischendurch.</p>
-
-<p>»Ah,« sagte er gefaßt, »bis zu dem Entschlusse, den Ruhm im
-Stiche zu lassen, der mir in meinem Vaterlande so unverdient
-zugefallen ist.«</p>
-
-<p>»Und wie gedenken Sie das fertigzubringen?« forschte
-sie in belustigter Neugier.</p>
-
-<p>»Ich will für einige Zeit mit Ihnen nach Deutschland
-gehen. Es wäre mir am liebsten … ich meine: was sagen
-Sie dazu, wenn wir uns einander nahe blieben, so ganz
-nahe … wenn wir gewissermaßen einen eigenen Herd
-gründeten?«</p>
-
-<p>Gwendolin biß in das Ei. »Wir &ndash; zwei? … Mensch,
-hat Ihnen denn die Sonne das Hirn geröstet?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p>
-
-<p>Johnny schnellte mit einem Satze von dem blühenden
-Rasen zu seiner ganzen Länge empor &ndash; es war zu vermuten,
-er hätte sich auf eine Giftschlange gesetzt. Gwendolin zuckte
-zusammen: er sah aus, als wollte er sich nun auf sie stürzen.
-Aber sein Herz war von einer unfaßbar versöhnlichen
-Stimmung. »Ich danke,« sagte er. »Es ist nicht nötig, daß
-Sie noch stärker gewappnet aus sich heraustreten; an einem
-Kampf bis zum sogenannten bitteren Ende liegt mir nicht
-das geringste.«</p>
-
-<p>»Sie sind wohl nicht ganz glücklich in der Wahl des deutschen
-Ausdrucks gewesen, so daß ich Sie mißverstehen mußte?«
-fragte sie.</p>
-
-<p>Aber Mister Johnnys Herz war von rassereinstem Gleichmut
-&ndash; er ergriff nicht einmal dies rettende Seil. »Ach nein,«
-sagte er, »sondern mir scheint, ich bin nicht sehr geschickt zu
-Werke gegangen. Nun, so teil' ich das Schicksal mit Henrik
-Tofte, mit Jakobus, mit dem Mann aus dem deutschen Zwetschengarten
-und mit den anderen, die vor mir kamen und nach
-mir kommen.« Das kollerte er aus seinem breiten Britenmunde
-hervor wie eine Reihe Kegelkugeln. Sie gingen alle
-daneben.</p>
-
-<p>Auf der Bootfahrt, die dreizehn Kilometer lang war, unterhielten
-sie sich noch über den Vorfall. Es war die vergnügteste
-Überraschung gewesen in Gwendolins Leben. Darum
-flatterte ihr Herz nun auch wie ein kleiner Wimpel im lustigen
-Sommerwind.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Unterwegs sahen sie Do und Rolf Krake. Die beiden
-spazierten die schöne Uferstraße lang und befanden sich
-offenbar in einem angelegentlichen Gespräche. Die Bergfahrt
-war also kurz gewesen; denn sie hatten sich schon umgekleidet.
-Do hatte den roten Sonnenschirm über die Achsel gelegt,<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-als dürfe sie kein Wort von der Geschichte verlieren, die ihr
-Begleiter im weißen Strandanzuge berichtete. Darum hielten
-sie sich auch vor dem vorübergleitenden Boote nur für die
-Länge eines Freundesgrußes auf.</p>
-</div>
-
-<p>»Nun ja,« sagte Do im Weitergehen, »ich habe nicht umsonst
-an Ihnen herumgeforscht seit der Stunde, in der wir
-uns kennen lernten. Wenn ich nun gleichwohl anfange, Sie
-zu verstehen: das verzwickteste Kapitel Mensch, der mir je
-vorgekommen ist, bleiben Sie für mich trotzdem.«</p>
-
-<p>»Darauf kommt es mir weniger an,« sagte Rolf Krake.
-»Getrauen Sie sich nun, meine Frage von heute vormittag
-zu beantworten?«</p>
-
-<p>»Ob Hanna von Fellner mit Ihnen glücklich werden könnte?
-Nein, das zu entscheiden getraue ich mir nicht. Ich möchte
-Sie aber nicht mutlos machen, Rolf Krake, und nicht feindseliger
-gegen sich selbst. Es eilt ja damit auch nicht so sehr.«</p>
-
-<p>»O, es eilt doch,« sagte er. »Wenn mein Bruder Woldemar
-kommt, so wird er sich in Hanna verlieben.« Do sah ihn
-befremdet an. »Weiß Gott, er wird sich in sie verlieben,«
-setzte er mit Nachdruck hinzu.</p>
-
-<p>Darüber ward sie ganz besinnlich und sagte: »Nun, eigentlich
-müßten Sie ja recht haben. Was wir über Ihr Verhältnis
-zu diesem Woldemar wissen, ist doch mächtig sonderbar.
-Ich kann das nicht verstehen &ndash; nein, ich kann es nicht!
-Das liegt auch daran, daß Sie alle Fäden Ihrer Jugendgeschichte
-an einer gewissen Stelle unvermutet abschneiden.
-Sie sagten: als Knaben wären Sie beide keine Ausnahmenaturen
-gewesen. Aber Sie, Rolf, dachten schon damals
-über leichtsinnige Streiche nach, die Sie gemeinsam begingen.
-Woldemar dagegen nahm sich und das Leben wie ein Junge.
-Die Mutter verstand Rolf nicht. Sie hält den nachdenklichen
-Knaben für ein Kind mit verstocktem Herzen &ndash; und setzt ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-zurück. Darüber wird Rolf zu einem Grübler: er sieht in
-sich einen Menschen voller Fehler, die ihm dereinst den Weg
-ins Leben vermauern werden. Und er mag sich nicht mehr
-leiden. Er überträgt dieses Gefühl allgemach auf den Bruder
-Woldemar. Sie sind Studenten in Bonn. Da tritt Hanna
-von Fellner zum ersten Male zwischen sie. Aber sie verlieren
-sie wieder. Der eine studiert dann in Jena weiter, der andere
-in Kiel &ndash; möglichst entfernt voneinander&nbsp;…«</p>
-
-<p>So ließ Do die Geschichte Rolf Krakes im Wandern noch
-einmal an ihnen vorüberziehen. Dabei knüpfte sie die Fäden
-just an der Stelle scheinbar absichtslos wieder zusammen,
-an der er sie zu zerreißen pflegte. Es war ganz offenbar: das
-tat er deshalb, weil er von da ab sich in sich selber nicht mehr
-zurechtfand.</p>
-
-<p>Sie aber wollte ihn von sich selber erlösen. Daher mußte
-er über diese Stelle hinwegkommen. Sie sah: es war der
-verwickeltste Prozeß eines innersten Gefühlslebens, den
-Rolf Krake sich selbst nicht klar aufzeigen konnte, geschweige
-denn einem anderen. Aber so viel Licht, als in das Geheimnis
-dieser verschnörkelten Seele zu werfen war, wollte sie für
-ihre Erkenntnis doch erringen &ndash; nicht allein, weil sie dies
-verschleierte Bild lockte, sondern &ndash; wie es häufig geschieht,
-daß feinfühlige Frauen sich von Ahnungen leiten lassen:
-weil sie dachte, sie könnte dem wunderlichen Freunde mit
-dieser Erkenntnis einmal von Nutzen sein.</p>
-
-<p>Erst in der sinkenden Nacht kamen sie nach Hause. Do
-saß danach mit ihrem Manne noch lange wach. Sie sprachen
-von Rolf Krake.</p>
-
-<p>»Es ist so mit ihm,« sagte Do, »als Kind hat er gelernt,
-sich zu hassen. Dieser Haß blieb ihm und wuchs in dem Jüngling
-weiter&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber, ich bitte dich, Do, wie ist denn so etwas möglich?<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-Es kann sich ein Mensch über sich ärgern, oder es kann ein
-Mensch das Vertrauen zu sich selber verlieren &ndash; aber er
-kann sich doch nicht durch eine Reihe von Jahren unausgesetzt
-hassen! Das wäre für ihn einfach nicht zu ertragen und
-müßte ja zum Selbstmord führen!«</p>
-
-<p>»Ganz richtig,« sagte Do, »und das ist auch die Stelle,
-an der der Schlüssel zu dem Rätsel vergraben liegt: die Eigenliebe
-Rolf Krakes hieß ihn, den Haß gegen sich selbst auf sein
-Ebenbild zu übertragen &ndash; auf seinen Bruder Woldemar!
-Alles, was er an sich selber nicht leiden mag, das kommt ihm
-im Bruder doppelt und dreifach und peinigend verzerrt
-zum Bewußtsein. Er sehnt sich nach ihm, er reist in dieser
-brüderlichen Sehnsucht sogar über viele Meilen zu ihm &ndash;
-aber dann ist es, als begegne er seinem Bilde, und der Haß
-gegen dies Bild ist ihm geläufiger; denn die Selbstliebe
-dämmt ihn nicht ein.«</p>
-
-<p>»Ich werde ihn in der kommenden Zeit mitnehmen an
-den Karauschenteich,« sagte Jakobus. »Du und Hanna,
-ihr sollt mehr um ihn sein als bisher. Während ich arbeite,
-lustiert ihr euch in der blühenden Heide.«</p>
-
-<p>Am anderen Morgen zogen sie zusammen aus. Auch in
-den folgenden Tagen. Rolf Krake war gerne dabei. Aber
-die funkelnde Helligkeit, mit der er Hanna damals am Eldetag
-umleuchtet hatte, war nicht mehr in ihm.</p>
-
-<p>Darüber ward das Verhältnis der beiden zueinander
-freier, erlöster. Von Stund' an konnten sie in der hohen
-Sommerwelt miteinander spielen wie Kinder, die sich heute
-bis zur Ausgelassenheit aneinander freuen und sich morgen
-vergessen. »Ich habe mich immer ein bißchen vor Ihnen
-gefürchtet, Rolf Krake,« sagte Hanna. »Nun haben Sie den
-Plan der Verlobung ja aufgegeben. Das ist vernünftig.
-Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hände &ndash; von jetzt ab<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-sagen wir ›du‹ zueinander. Und nun geben Sie mir auch
-einen brüderlichen Kuß!«</p>
-
-<p>Jockele lachte. »Hanna küßt immer erst fröhlich drauflos,
-wenn die Gefahr vorüber ist; dann aber mit Vorliebe. Ich
-kenne das.«</p>
-
-<p>»Du, du!« drohte das aufgeblühte Mädchen. »Nimm
-dich vor mir in acht! Dich möcht' ich doch gerade erst in
-Gefahr <em class="gesperrt">bringen</em> &ndash; es ist aber furchtbar schwer.«</p>
-
-<p>»Ach nein,« scherzte Do.</p>
-
-<p>»Das sagt sie heute, heute so leicht hin,« rief Jockele und
-warf seiner Frau einen lustigen Blick zu. Da sah ihn die
-frohe blonde Do an und wurde rot bis hinab in den Ausschnitt
-ihres Sommerkleides; denn es fiel ihr ein: sie hatte
-einmal im Moose des Buchwaldes im fernen Thüringerlande
-gelegen, hatte ihr Gesicht mit dem Hute bedeckt, um den
-die Ranke aus kleinen Blumen geschlungen war, und hatte
-gedacht: »Am Rhein sind die jungen Studenten in Schwärmen
-um mich geflogen &ndash; dieser Jockele aber hat seine Augen
-noch nicht ein einziges Mal vor mich hingestellt, damit sie
-zu mir sagten: ›Do, Do, du bist auch hübsch, und du gefällst
-mir doch eigentlich sehr‹ … Die Mädchen prickeln um seine
-vollen Sinne wie Sekt in einem neugefüllten Glase. Warum
-prickelt er nicht um mich? Und wenn er gar einmal schäumte,
-wie vor Gwendolin &ndash; man würde sich ja wohl helfen können …
-Und wenn nicht? &ndash; Na&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ja, so war das damals gewesen. Und vor diesem Gedanken
-aus dem Thüringerwalde wurde die frohe blonde Frau auf
-dem nordischen Fjeld glückselig rot bis hinab in den Ausschnitt
-ihres Sommerkleides. Aus der gesicherten Entfernung
-sah sich das alles nun furchtbar lustig an … Aber damals?</p>
-
-<p>So blühte sich die Jugend dieser Menschen durch den Glanz,
-der sie einwob. Und Rolf Krake fand sich für seine Art fröhlich<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-und aufgetan zu ihren Sonnenseelen. »Es wäre wunderschön
-gewesen, wenn wir uns fürs Leben gefunden hätten,«
-sagte er zu Hanna; »aber ganz so wie Do bist du nun doch
-nicht … Na, es ist auch so, wie es ist, wunderschön,« sagte
-er in sanfter Bescheidung. »Und dein Kuß hat mir sehr wohlgetan.«</p>
-
-<p>»Da hast du noch einen, du wunderlicher Heiliger! Du
-kannst mitunter einen bekommen &ndash; aber sauber, weißt du,
-und in Ehren! Ich glaube, man kann dich damit aus deinem
-dunklen Wasser ziehen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Rettungsringe!« lachte Jockele.</p>
-
-<p>»Es ist ein feiner Einfall,« bestätigte Rolf Krake. »Mir
-scheint, ich werde bei euch noch ein ganz vernünftiger Mensch.«</p>
-
-<p>»Das scheint mir auch so,« sagte Hanna, »nun, da du mich
-nicht mehr um jeden Preis heiraten willst, ist das Spiel für
-dich schon zur Hälfte gewonnen.«</p>
-
-<p>So waren die Tage auf dem Fjeld lustig und hell bis
-ins Herz.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Einmal des Morgens, als man auf der Osterinsel wieder
-zum Aufbruch rüstete, trat Nane Thord herein und
-sagte: »Es ist in der Nacht ein Boot um die Insel gefahren.
-Es sah aus, als wär' es aus Glas. Und es schien wie ein erleuchtetes
-Fenster in der Nacht. Es hatte auch zwei leuchtende
-Ruder in den Halftern. Aber es war kein Fährmann dabei.«</p>
-</div>
-
-<p>Nane Thord machte ihre großen, grauen Augen.</p>
-
-<p>Da sagte Gwendolin: »Wir haben Neumond.«</p>
-
-<p>»Lars Thord wird wieder etwas auf dem Herzen haben,«
-setzte Jockele mit gut verhehltem Spotte hinzu.</p>
-
-<p>»Ach nein,« antwortete Nane, »wenn Lars Thord kommt,
-so setzt er sich auf die Klippe und angelt Karauschen. Deshalb
-bin ich auch nicht hinaus gewesen in der Nacht. Es<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-war mir unheimlich. Vor Lars Thord ist es mir nicht unheimlich.«</p>
-
-<p>»Wir müssen da mal aufpassen,« beruhigte sie Jockele.</p>
-
-<p>»Ja, das müssen wir wohl,« sagte Nane Thord.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">John Williams war seit ein paar Tagen verreist, nach
-London. &ndash; Gwendolin wußte: am zweiten Morgen
-nach dem Überfall hatte er die Fahrt angetreten.</p>
-</div>
-
-<p>In der Nacht, von der Nane Thord auf der Osterinsel erzählte,
-was sie darin gesehen haben wollte, schlenderte Johnny
-vom Hydepark her durch die Greenstreet seinem Gasthause
-zu. Es ist da an der Ecke ein Kaffeehaus, in dem man zu
-allen Zeiten Deutsche trifft. Als Johnny im Vorübergehen
-durch die große helle Scheibe blickte, stand er mit jähem Ruck
-still, als wäre er gegen ein Hindernis gestoßen. Denn da
-drinnen sah er einen hünenhaften Menschen sinnend hinter
-dem Stuhl eines Schachspielers stehen … Jawohl, es war
-Henrik Tofte!</p>
-
-<p>Da ging Johnny hinein. Aber Tofte bemerkte ihn nicht.
-Es wurden in dem Raume mehrere Partien ausgetragen,
-und es wurde kein Wort gesprochen. Deshalb setzte sich
-John Williams an einen der kleinen Tische, die hinter Henrik
-frei waren, bestellte sich ein Glas Tee, rauchte die Pfeife
-und wartete. Wartete zwei Stunden, ohne daß er von dem
-»großen Lichte« bemerkt wurde; denn Tofte war ganz vertieft
-in die Partie, der er zuschaute. Während nun da und
-dort ein Spiel mit dem Siege ausging oder remis wurde,
-erkannte Johnny: man spielte in diesem Kaffeehaus die
-Partie um die Zehnpfundnote. Um so merkwürdiger war
-die Anwesenheit des Malers. Zuletzt lief nur noch jene, bei
-der sich Henrik als Zuschauer aufgestellt hatte. Da wurde
-der schwarze Turm geschlagen. »Ich gebe das Spiel auf!«<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-rief der Verlustträger seinem Partner zu, »Sie haben Ihre
-zehn Pfund gewonnen.« &ndash; »Geben Sie sich nicht verloren,
-Herr!« sagte Henrik Tofte. »Doch? Nun, wenn Sie erlauben,
-spiele ich die Partie für Sie zu Ende und &ndash; wenn Sie mir
-im Gewinnfalle fünf Pfund abgeben.« &ndash; »Mit Vergnügen,
-mein Herr,« sagte der Deutsche und schaute verwundert
-an dem Riesen empor. Der setzte sich ans Brett und gewann
-mit dem siebenten Zuge. Eine freudige Erregung unter
-den Anwesenden war die Folge. Währenddessen schob Tofte
-die verdienten hundert Mark in die Tasche.</p>
-
-<p>»Nun darf ich Sie wohl auch zu dem famosen Spiel beglückwünschen,
-Meister!« sagte in diesem Augenblick John
-Williams.</p>
-
-<p>»Johnny!!«</p>
-
-<p>»Ich bin's leibhaftig!«</p>
-
-<p>»Kommen Sie, trinken wir eine Flasche Sekt!« sagte
-Tofte in alter Gewohnheit, faßte seinen Schüler unter und
-verließ mit ihm das Schachzimmer. Draußen in dem Erfrischungsraum,
-in sicherem Winkel, setzten sie sich fest. »So
-treib' ich es seit einer Woche, mein lieber Johnny,« erzählte
-das große Licht.</p>
-
-<p>»Und haben sich dabei einen häßlichen Augenkatarrh geholt,«
-warf John halb im Scherz, halb im Ernst ein.</p>
-
-<p>»Weiß der Teufel,« entgegnete Tofte, »ist das schon so
-sichtbar? Im Zirkus hat es angefangen. Es war ein Hundeleben,
-sag' ich Ihnen. Seit fünf Wochen bin ich nun in London.
-Ich habe gemalt wie nie zuvor: beim Schifferfeuer an der
-Themse, im Mondschein an der See und im Hafen, bei lumpigem
-Tranlicht in Armeleutkneipen und im Staube der
-Straßen. So an die vierzig Bilder. Bei dieser wilden Fahrt
-haben meine Augen nachgegeben &ndash; wie ein Pferd beim Rennen
-um den Goldpokal … Schicksal, Schicksal, Mister Johnny!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>»Vierzig Bilder!« rief Williams wie im Traume.</p>
-
-<p>»Nu passen Sie auf,« sagte Tofte. »Einmal hab' ich einen
-Stoß davon unter den Arm genommen, habe mir einen
-deutschen Matrosen als Dolmetsch gedingt, und so bin ich zu
-Mister Watson gezogen. »Kaufen Sie mir diese Bilder ab,
-Herr,« hab' ich zu ihm gesagt. »Well,« hat er gesagt, »lassen
-Sie sehen.« Und »Ah« hat er gesagt, »was soll mir so
-etwas nützen? Es ist nicht die Kunst, die ich brauche. Sehen
-Sie, dies hier &ndash; dies wird bei mir gesucht!« Dabei führt
-mich der Kerl vor Bilder, die ich im Hardanger Fjord gemalt
-habe und die nun die Namen James King und John Williams
-tragen!«</p>
-
-<p>Johnny erschrak. »Und was haben Sie ihm geantwortet?«</p>
-
-<p>»Nun, ich war wohl um meinen Verstand gekommen,«
-sagte das große Licht, »sonst hätt' ich zu ihm gesagt: ›Mein
-Herr, entweder sind Sie ein Esel, oder Sie sind ein Verbrecher.‹
-Aber ich sagte nur, ich glaubte, mit dieser Kunst
-könnte es die meine auch aufnehmen … Ausgelacht hat
-er mich!«</p>
-
-<p>»Und die Bilder?«</p>
-
-<p>»O, die hab' ich aus alter Gewohnheit als Zahlungsmittel
-benützt. Für eins hab' ich ein Roastbeef eingetauscht,
-für ein anderes eine Flasche Kognak. Zwei hab' ich dem Dolmetscher
-gegeben. Den Rest hab' ich um einen Pappenstiel
-verkauft, so unter der Hand, wissen Sie, beim Tandler oder
-dem Antiquitätenhändler.«</p>
-
-<p>»Wissen Sie noch einen von den Läden?«</p>
-
-<p>»Wie soll ich?« rief er. »Sie, das Malen ist eine verdammte
-Kunst! Ich glaube, ich geb's auf. Prosit! Und es lebe die
-nußbraune Gwendolin!«</p>
-
-<p>Johnny erhob zwar sein Glas, aber das Gespräch leitete
-er hartnäckig zurück zu Henrik Toftes Geschichte. »Sagen<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-Sie, Meister, wie sind Sie eigentlich auf die Idee mit dem
-Schachspiel gekommen?«</p>
-
-<p>»Schicksal!« sagte Tofte. »Ich kenne jetzt drei Kaffeehäuser,
-in dem Deutsche, Schweden oder Norweger die
-Partie um die Zehnpfundnote spielen. Da geh' ich abwechselnd
-vor Anker, verfolge Zug auf Zug, und auf dem toten
-Punkt springe ich ein. Immer geht das natürlich nicht,
-wissen Sie. Aber dreimal ist es mir geglückt in dieser Woche &ndash;
-sind dreihundert Mark!« Er ließ noch eine Flasche Sekt
-kommen. »Ich spare nämlich jetzt, sag' ich Ihnen. Und
-wenn ich zwölfhundert Mark habe, schüttle ich den Staub
-Englands von den Füßen und gehe nach Rom. Jawohl,
-nach Rom.«</p>
-
-<p>»Malen?«</p>
-
-<p>»Das heißt: wenn ich es bis dahin fertiggebracht habe,
-meinen Schwur zu brechen, daß ich keinen Pinsel mehr anrühren
-wollte.«</p>
-
-<p>»Aha,« sagte Johnny.</p>
-
-<p>»Warum aha?«</p>
-
-<p>»Weil Sie einer von denen sind, die &ndash; wenn sie ohne Arme
-geboren &ndash; dennoch Maler geworden wären … Sehen Sie,
-von mir kann ich das nicht sagen.« John Williams hatte
-die Lider gesenkt und folgte mit den Augen der Spitze
-seines kleinen Fingers, die allerhand Figuren auf der Marmorplatte
-des Tisches beschrieb. Johnny war sehr nachdenklich.</p>
-
-<p>»Haben Sie Ursache zur Reue?« fragte Tofte. »Haben
-Sie eine moralische Anwandlung? Bedrängt Ihr Herz
-eine große Tat? Lieben Sie unglücklich?« Er wartete aber
-nicht auf Antwort, sondern setzte hinzu: »Mit derlei Ballast
-schlepp' ich mich überhaupt nicht.«</p>
-
-<p>»Ich finde, daß wir uns vortrefflich ergänzen, Meister.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p>
-
-<p>»Diese Wahrnehmung gehört für mich schon der Vergangenheit
-an!« lachte das »große Licht«. Dabei strahlte er, als
-wäre just er dazu ausersehen, der Erde den Frühling zu
-bringen.</p>
-
-<p>»Übrigens: was hat Sie jetzt nach London geführt?«
-fragte Tofte unvermittelt.</p>
-
-<p>»Ich bin auf dem Wege nach Glasgow. Je nun, man
-hat etliches zu bestellen, wenn man der Heimat voraussichtlich
-für lange den Rücken kehrt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Holla &ndash; la &ndash; la!« machte Tofte.</p>
-
-<p>»Hm,« sagte Johnny und schaute nicht auf. »Ich muß
-loskommen von James King. Er ist kein unebenes Talent.
-Ich auch nicht. Aber wir sind beide nicht stark genug, um
-faul sein zu dürfen. Er ist ein Mensch, der seine Freunde
-mit in den Abgrund reißt. Meister, ich werde nicht mehr in
-den Hardanger Fjord zurückkehren. Ich möchte später einmal
-nach München. Was meinen Sie dazu, wenn ich vorerst
-mit Ihnen nach Rom ginge?«</p>
-
-<p>»Hurra!«</p>
-
-<p>»Ich bin von Haus aus nicht ohne Mittel,« fuhr John fort,
-»ich werde deshalb auf den Rest meines Stipendiums verzichten&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sie sind wohl wild geworden?«</p>
-
-<p>»O, es ist nicht mehr viel. Und ich werde mich der Bildhauerei
-widmen.« Er lächelte. »Wir dürften für die Folge
-also noch enger zusammenstehen, aber die Firma ›Tofte,
-King und William‹ ist aufgelöst &ndash; der Gesellschafter Williams
-ist ausgeschieden.«</p>
-
-<p>Henrik Tofte schwenkte das Glas. »Sturmschwalben auf
-dem Fluge zum Süden!« Er hatte Dos Naturgeschichte der
-Sturmschwalben nicht mit erlebt.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Auf dem Hauptbahnhof in Hamburg standen an einem
-Augustmorgen Do, Gwendolin und Hanna, Jockele
-und Rolf Krake. Sie warteten auf die Ankunft des Zuges,
-der ihnen den vor wenigen Tagen fertig gewordenen <em class="antiqua">Dr. phil.</em>
-Woldemar Krake bringen sollte. Der Sommer des Fjords
-war an ihnen hängengeblieben, und namentlich den Damen
-war anzusehen, daß sie geradewegs aus des Herrgotts Malkasten
-kamen. Es war ein Bild von betörendem Reiz, wie
-die drei auf dem Bahnsteige wandelten: die Wildrose Gwendolin
-in der Mitte, natürlich in sanftem Gelb, Do in Weiß
-und Hanna in der Farbe des Morgenhimmels, wenn der
-hell um die Schneegefilde des Folgefonds weht. Es war
-die springlebendige Lieblichkeit, vor der der Herzschlag der
-Männer sieben Sekunden lang aussetzt, und nach der sich
-die Augen der Frauen in neidlos stiller Beglücktheit wenden.
-Selbst inmitten des losgelassenen Lebens auf einem
-Bahnhof.</p>
-</div>
-
-<p>Da schnitt auf einmal einer quer über die schaukelnden
-Wogen des bunten Sommergetriebes hinweg. In der Hand
-des hochgereckten linken Armes, der wie ein Mastbaum ragte,
-schwenkte er einen Rucksack, schmetterte einen jodelnden
-Ruf, trieb wie ein Schiff übers Meer vor dem Sturm seiner
-Freude und riß die Schwertlilien aus dem Hardanger Fjord
-alle drei auf einmal an sein Herz: Henrik Tofte auf dem
-Wege nach Rom!</p>
-
-<p>Weiß Gott, jeder Tag im Leben des »großen Lichtes« sorgte
-für eine Stunde, die den Schicksalsglauben immer fester
-in ihn hineinhämmerte! &ndash; Vor einer Minute hatte er gejauchzt
-»Nach Rom! Nach Rom!« nun aber war alles, was
-er vorgehabt hatte, in seiner himmellangen Freude ertrunken,
-und schon drehte er das Steuer gegen den Wartesaal, um dies
-Wiedersehen mit ungeheurer Hingabe zu feiern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p>
-
-<p>Sein Freund Johnny stand indessen hinter der rückwärtigen
-Scheibe des letzten Wagens im <em class="antiqua">D</em>-Zug und merkte wohl,
-daß er und die Reise für den jubelnden Henrik ein verwehender
-Traum geworden waren. Johnny hatte sich aus einer
-vorgefaßten Meinung gegen Gwendolin nicht sehen lassen
-wollen; darüber hinaus aber hatte er das Geld für Toftes
-Fahrkarte &ndash; und zwar bis nach Rom &ndash; ausgelegt. Im
-Zuge wollten sie abrechnen … Johnny schwang sich also
-aus dem Wagen und eilte dem Festzuge Toftes nach. So gelangte
-er in die Lage, sich noch ein Auge voll Gwendolin zu
-nehmen, riß das große Licht vom Himmel der Seligen herab
-und hinter sich drein &ndash; Türen schlugen, Fertigrufe erschollen,
-die Lokomotive tat einen erlösten Atemzug, Henrik Tofte
-streckte seine Arme aus dem Fenster, Gwendolin blühte ihr
-Hochsommerglück über das Eisengeländer noch einmal zu ihm
-hin &ndash; vorbei!</p>
-
-<p>Vorbei war's, ehe sie recht erkannten, was ihnen da begegnet
-war.</p>
-
-<p>Henrik Tofte aber sank in seinen Ecksitz und ließ den Rausch
-eines Kusses über seine Seele perlen wie schäumenden Wein
-über die dürstende Zunge. Diesen Kuß hatte er sich von
-Gwendolins Lippen genommen in der jähen Sekunde des
-Abschieds und in wildausbrechendem Glück. Nun schwieg
-er. Schweigend hob er die Finger zum Schwur und deutete
-auf seinen Mund. Das sollte heißen: »Ich werde fortan als
-stummer Mann durch meine Tage ziehen; denn ich darf den
-Kuß nicht zertrümmern, der mir auf den Lippen blüht.«</p>
-
-<p>So sahen die Schwüre des »großen Lichts« aus. Keine
-wußte das besser als Gwendolin. Darum reiste Henrik Tofte
-nun in das neue Leben und &ndash; sie war nicht dabei.</p>
-
-<p>Doch, es gibt keinen Fleck Erde, über dem sich die schwarzen
-und die roten Fäden hastiger durcheinanderwerfen zu dem<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-närrischen Gewebe des Lebens als über jener Stelle, auf der
-die Fünf von der Osterinsel dem wunderlichen Gesicht noch
-lustig und betroffen nachstarrten, das sie soeben gehabt hatten
-&ndash; und schon pustete der erwartete Zug in die Halle. Deshalb
-lösten sich Rolf Krake und Hanna von den anderen … Hanna,
-die Gwendolin und Do noch gerade von hinnen funkeln
-sahen; und Rolf in ehrlichem besinnlichem Frohsinn vor
-dem Bruder.</p>
-
-<p>Und dann brachten sie ihn, den Doktor Woldemar Krake,
-der sein Herz voll heißer Liebestatkraft dem sausenden <em class="antiqua">D</em>-Zug
-hatte voranfliegen lassen! Der andere hatte überwunden.
-Aber Do dachte auch jetzt: sie können wohl Stunden haben,
-in denen der eine sich mit dem anderen verwechselt.</p>
-
-<p>Da war das gleiche schmale, bartlose, scharf modellierte Gesicht
-mit der auffällig hohen Stirn. Darüber dünnes blondes
-Haar, nach rückwärts gestrichen &ndash; es wehte bei Rolf Krake
-vor jedem Sturme der Seele. Und die Augen lagen unter
-der kraftvollen Stirn, grau und groß, wie Nane Thords
-Augen, die das Wundern so gut verstanden. Woldemar ging
-auch ein wenig vornübergebeugt, genau wie Rolf. Er sah
-nicht geschmeidig aus; aber es stand der Jugend beider gut
-und vornehm. Es war fast so, als käme das Übergewicht
-der Besinnlichkeit in dieser Haltung zum Ausdruck. Die
-gleichen Kräfte des Geistes hatten sich die Krakestirnen geformt;
-die gleichen Kräfte des Gemüts stimmten sich diese
-Stimmen und Seelen. Aber der eine ging gern mit der
-Stunde, ob sie laut war oder leise. Der andere verhielt sich
-ihr zu aller Zeit.</p>
-
-<p>In Hamburg machten sie sich einen vergnügten Tag,
-und es war ihnen wohl anzumerken, daß ihnen die Buntheit
-der großen Stadt nach der Ruhe ihres heimeligen Winkels
-im Fjord zu einem genußhaften Erleben wurde. Abends<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-waren sie in St. Pauli. Als sie lange nach Mitternacht in
-ihr Gasthaus am Alsterbassin kamen, sagte Do:</p>
-
-<p>»Mir ist, als müßte ich mich nun zum Trocknen auf die Leine
-hängen; denn wir sind immerfort durch bunte klingelnde Gewässer
-gehüpft, ich habe mich vollgeplätschert bis zu den Scheiteln.«</p>
-
-<p>»O,« sagte Woldemar Krake, »wenn Sie gerade aus dem
-Examen kämen, klänge Ihnen das kecke Lied vom Brettl
-wie Engelsang, und die Spritzer aus flachen Wässern würden
-Ihnen zu einem Bade der Wiedergeburt. Es war ein feiner
-Tag. Gute Nacht.«</p>
-
-<p>Danach schliefen sie einen fixen Schlaf; denn des Morgens
-halb fünf Uhr mußten sie schon auf dem Dampfer sein. Als
-sie hinkamen, hatten sie noch alle Nerven voll Klingeling
-und Gestern und die Lider voll zerbrochenem Schlaf und standen
-auf dem Deck herum und sahen, wie noch rasch letzte Lasten
-auf dem Dampfer verstaut wurden, und schwiegen sich an
-und dachten: es riecht nach Teer.</p>
-
-<p>Aber es war ein schöner Morgen. Dünne Nebel streiften
-seehin wie der Rauch einer feinen Zigarette; und aus der
-Kajüte stieg Duft von Kaffee und schmeichelte um ihre Sinne
-eine liebe Verheißung. Die ward Erfüllung. Darüber gerieten
-sie von dem taukühlen Rande des Tages gleich tief
-in ihre Freude. Und als sie wieder auf Deck kamen, zerstießen
-die Türme Hamburgs die gelbgraue Hülle, in der die Stadt
-versunken war.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Am anderen Nachmittage überraschte sie James King an
-den Toren des Eldefjords mit den Booten. Es stand ein kleiner
-Wind aus Westen, mit dem konnten sie heimsegeln. Gwendolins
-»Seelenverkäufer« aber hatte James nicht mitgebracht,
-und auch nicht sein eigenes Boot. Er sagte, es wäre leck,
-deshalb hätte er sich das von Nane Thord ausgeliehen,
-und nahm Gwendolin mit zu sich hinein. Nane Thord aber<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-hatte sich indessen um ein feines Mahl bemüht. So konnte
-die Ankunft des Doktors Woldemar mit Nachdruck gefeiert
-werden&nbsp;…</p>
-
-<p>Es machte danach einige Mühe, das durcheinandergeratene
-Werk wieder so in Gang zu setzen, daß es den alten schönen
-Schlag der Stunden fand.</p>
-
-<p>Woldemar wohnte nun in dem Zimmer Henrik Toftes.
-Und mit Ausnahme von Rolf Krake in der Sägemühle und
-von James King, der noch in dem Fischerhaus drüben am
-Festland saß, hatten sie alle ihr Nest auf Nane Thords Insel.
-Da die Nächte früher einfielen, die Nebel dichter wurden,
-und das Feuer an den Abenden schon wieder glomm, rückten
-sie gern um die Herdstatt zu traulichen Gesprächen.</p>
-
-<p>In dieser Zeit, als der Herbst sich heimlich über die Welt
-legte, arbeitete Jockele scharf an seinem Werk über die Flechten
-und kam über Tag oft kaum von seinen Mikroskopen. Deshalb
-fiel ihm die Wandlung, die sich mit Rolf Krake in jenen
-Wochen vollzog, stärker auf als den anderen. Rolf schied
-sich auch wieder mehr von ihnen ab. Aber wenn sie zu
-ihm in ihrer weitoffenen Art davon sprachen, schob er
-sein Einsamkeitsbedürfnis auf seine theologischen Studien
-und Haeckel. »Es macht mir ein sonderliches Vergnügen,
-mich darüber hin und wieder mitten entzweizureißen. Mit
-dreiundzwanzig Jahren ist der Mensch nun einmal ein
-Philosoph.«</p>
-
-<p>»Man muß aber nicht auch die Nächte hindurch philosophieren,«
-wendete Do ihm ein, »und es ist zum mindesten
-nicht notwendig, daß Ihre Lampe dem Morgen ins Gesicht
-scheint.«</p>
-
-<p>Eines Abends blieb er länger als sonst. »Ich setze mich
-neuerdings mit dem Glauben an die Seelenwanderung
-auseinander,« sagte er.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span></p>
-
-<p>»Eine Sache, die Ihnen unbedingt noch gefehlt hat,«
-scherzte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Spaß beiseite,« sagte Hanna, »du hast zweifellos zuvor
-als Kröte unter dem Skjoldefoß gesessen oder als Steinkauz
-in einer der benachbarten Klippen. Ich habe das neulich ganz
-genau bemerkt, als wir zu dem Falle gingen: dein Eulenschrei
-hui &ndash; huiiihihi war mehr als eine bloße Nachahmung.«</p>
-
-<p>»Hm,« machte er aus einem lustigen Nachdenken heraus,
-»die Wanderung durch den philosophischen Steinkauz fesselt
-mich gegenwärtig weniger, sondern vielmehr die Anschauung:
-die Seelen fliegen nach dem Tode des Körpers auf den Mond.
-Dort wohnen sie während des zunehmenden Mondes, aber
-bei abnehmendem steigen sie mit dem Regen herab und
-gehen je nach ihren Taten in höhere oder niedere tierische
-Körper ein oder sogar in Pflanzen.« Solcherart waren die
-Gespräche, die sie über das Herz der Nacht hinweg am
-Herdfeuer auf der Insel führten. James King aber saß
-dabei und wunderte sich und sagte: »Vom Geschäft reden
-die jungen Deutschen niemals. In England lacht man über
-sie, und in Amerika nennt man sie ›<em class="antiqua">the greenhorns</em>‹ und
-füllt das Wort ›<em class="antiqua">dutch</em>‹ bis obenhin mit Verachtung. Ich
-glaube, es kommt die Zeit, da werden sie es spüren.« An diesem
-Abend erfuhr er auch, daß Gwendolin eine Böhmin wäre,
-und es kam heraus, daß der gescheite James sich Böhmen
-als eine Insel im Ozean dachte. Doch &ndash; er berief sich dabei
-auf Shakespeare. Gwendolin nahm sich den Mister James
-daraufhin in ihrer witzigen und leuchtenden Art vor. Es
-wurde so launig, daß sogar Rolf Krake vor Vergnügen seine
-Schenkel schlug und Mister James auf allen vieren um den
-runden Tisch galoppierte. Er hatte den grauen Anzug an.</p>
-
-<p>Dieses Schauspiel verpaßten Hanna und Woldemar.
-Gleich nach Rolfs Mondfahrt waren sie hinausgegangen<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-in die Nacht: sie wollten hören, ob die Käuze riefen &ndash; dann
-gäbe es anderes Wetter, und sie müßten die Kletterpartie
-auf den Folgefond verschieben&nbsp;…</p>
-
-<p>Es war eine Neumondnacht voll Klarheit und stiller Sterne
-und doch so finster im Schatten der Berge, daß sie sich ganz
-fest umschlangen. Zu der Bank im Rohre fanden sie sich
-aber doch.</p>
-
-<p>»Holla,« rief Woldemar, »es liegt schon einer da!«</p>
-
-<p>Da verfiel Hanna in ein schütteres Lachen. »Ach wo,«
-sagte sie, »ich habe vor dem Essen rasch meinen Mantel und
-das dicke Umschlagtuch hergetragen. Man konnte doch nicht
-wissen, ob die Hüllen nötig wären. Nun, eigentlich brauchten
-Sie es nicht gleich zu merken.«</p>
-
-<p>Das war das letztemal, daß sie das fremde »Sie« gegen
-ihn gebrauchte; denn nun kam eine Stunde ohne Worte.
-Die war so leise &ndash; das Rohr hätten sie atmen hören können!
-Aber sie horchten nicht hin.</p>
-
-<p>Auf einmal knirschte der Kies hinter ihnen. Da wurden
-ihre betörten Sinne steil. Dann strich etwas in die Schilfhalme
-hinein &ndash; aber das war schon einen kleinen Steinwurf
-weit weg von ihnen und war dort, wo das Rohr so dicht stand,
-daß man ein brennendes Licht hinter dem grünen Gewebe
-nicht gesehen hätte. Dann folgte ein leichter Sprung und ein
-langes heimliches Gleiten … Aber auch darüber fiel gleich
-wieder die dunkelblaue Stille.</p>
-
-<p>»Du,« flüsterte Hanna, »meinst du, daß Rolf nächtlicherweile
-Gespenster suchen geht?«</p>
-
-<p>Da stieg Woldemar auf die Bank, um gegen das Haus zu
-schauen, und sagte: »Das Licht im Saal ist ausgetan.« Dann
-wollten sie von neuem in ihre liebe purpurne Finsternis versinken.
-Aber es kam nicht mehr zu einem tiefen Untergange;<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-denn der Gedanke an den nächtlichen Wanderer drängte
-sich zwischen sie. Da brachen sie auf. Und als sie über das
-Riff gingen, sahen sie einen leuchtenden Kahn über die Sterne
-ziehen, die im Fjord lagen, der wurde von zwei leisen Rudern
-getrieben. Aber es war kein Fährmann im Boot.</p>
-
-<p>Es war unheimlich. Da blieb den beiden der Atem stehen,
-und sie legten sich der Länge nach auf den Stein und lugten
-aus. So blieben sie, und das Gespensterschiff zog her und hin&nbsp;…</p>
-
-<p>Um diese Zeit klopfte Nane Thord an Gwendolins Tür;
-denn Gwendolin schlief Wand an Wand mit ihr. Als sie herauskam,
-sah sie: die Kerze zitterte in Nane Thords Hand.
-»Kommen Sie,« sagte Nane Thord, blies das Licht aus und
-führte sie in ihre finstere Stube … »Da! Da ist das feurige
-Boot! Sehen Sie es auch?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Die Gespenster kommen hier immer im neuen Mond.«</p>
-
-<p>»Je nun, es hängt vielleicht mit Rolf Krakes neuer Erkenntnis
-zusammen.« Das verstand Nane Thord nicht;
-aber das merkte sie wohl: es lag in Gwendolins Worten ein
-Spott, der nicht recht zur Blüte kam. Eine wunderliche Sache
-war die Erscheinung nun doch. Gwendolin eilte indessen
-vor die Schlafzimmertür Dos und ihres Mannes. Die lagen
-im ersten Schlummer, und es verstrich eine Frist, bis man
-sich durch die Tür verständigt hatte. Jockele schlüpfte in den
-Kimono, Do warf sich das Morgenkleid über und ließ Gwendolin
-herein. Dann öffneten sie das Fenster, so lautlos es
-anging &ndash; da sahen sie die Sterne still und traumhaft auf dem
-Grunde der Wasser funkeln, aber von dem Gespensterschiff
-keine Spur.</p>
-
-<p>Jockele hatte den Revolver aus dem Nachttischkasten genommen
-und drehte die Trommel. Es klang ein wenig erregt,
-aber es gab die Gewißheit, daß er im Ernstfalle&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p>
-
-<p>Da war's wieder! »Ho!« machte Jockele sehr bedeutend.</p>
-
-<p>»Es ist jetzt anders geworden,« stellte Gwendolin fest,
-»vorhin war kein Fährmann darin.«</p>
-
-<p>»Ein Mann ohne Kopf!« flüsterte Do. »Sagt, was ihr
-wollt &ndash; die Sache ist nun doch unheimlich.«</p>
-
-<p>Sie sahen den Mann ohne Kopf alle drei. Er saß dort
-in weißem Linnen; seine Arme unter der Hülle bewegten
-die Ruder in geräuschlos langem Schlag, und zwischen den
-Schultern konnte man genau die Stelle erkennen, an der
-der Kopf abgerissen war: es sah aus, als läge da noch der
-Rest eines Bartes, der bei Männern, die ihn tragen, die
-Schifferkrause heißt.</p>
-
-<p>»Dies Spiel ist mir zu dumm,« sagte Jockele in einer Anwandlung
-von Mannesmut, »ich schieße dem Herrn eine
-Kugel achtern ins Boot.« Und »Bumm!« dröhnte der Knall
-in die schwarze Stille und rannte an den Bergen herum in
-hundertfacher Verstärkung. »Nicht getroffen! Noch einmal!«
-Bumm! Aber das gläserne Schiff klirrte auch diesmal nicht
-in Stücke. Sondern der Mann ohne Kopf schnellte von
-seinem Sitz in die Höhe und rief: »Doktor, machen Sie
-keinen Unsinn! Was soll denn diese lächerliche Schießerei?«</p>
-
-<p>Natürlich liefen Jockele und Gwendolin nun hinaus und
-nahmen Nane Thord und ihre Windlaterne mit. Dann legte
-James King bei der Klippe an, in der Henrik Tofte in Stunden
-der Einkehr sein Frühstück zu verzehren pflegte, und kletterte
-am Gestein empor. Von der anderen Seite kamen Woldemar
-und Hanna, und Jockele leuchtete das Gespenst zwischen
-Lachen, Spott und Verwundern mit der Laterne an: Mister
-James hatte sich ein Bettuch über die Schultern geworfen
-und den Kopf mit einem Pudelfell verhängt, das war genau
-so schwarz wie Nacht und Flut und von beiden nicht zu unterscheiden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p>
-
-<p>»Ist das nicht ein lächerlicher Spaß?«</p>
-
-<p>»Man kann es so nehmen &ndash; aber auch anders,« sagte
-Gwendolin ein bißchen verstimmt. »Je nun: es ist der erste
-Sieg, den Sie in Ihrem Leben errungen haben &ndash; lassen wir
-ihn gelten.«</p>
-
-<p>Mister James gebärdete sich sehr lustig. Aber im Grunde:
-nach einem Siege sah die Sache für ihn ganz und gar nicht
-aus, sondern nach einer lächerlichen Niederlage; denn er
-hatte Gwendolin damit eine Gelegenheit geben wollen, ihn
-zu lieben. Und zwar hatte er sich den Gang der Dinge also
-gedacht: Gwendolins Licht war alle Nacht das letzte im Haus.
-Wenn sie es austat und das Fenster öffnete, ehe sie sich zu
-Bett legte, sollte sie die Erscheinung bemerken. Weil sie nun
-ein tapferes Herz hatte und eine Lust an kühnem Erleben,
-würde sie nicht schreien, sondern sie würde sich die Erscheinung
-mit Teilnahme näher betrachten. Auf dies »näher« kam es
-ihm an. Alles übrige gedachte der listige James der Gunst
-des Augenblickes zu überlassen&nbsp;…</p>
-
-<p>So war seine Berechnung. Es war eine umständliche
-Sache. Aber &ndash; nun ja, er hatte seit der Flucht Toftes
-tausendmal vergeblich nach einem geraderen Wege zu dem
-wachen Mädchen gesucht: es gab für ihn keinen.</p>
-
-<p>»Mister James,« rief Do aus dem Fenster herab, »wäre es
-nicht einfacher gewesen, Sie hätten an Gwendolins Scheibe
-geklopft?«</p>
-
-<p>»Hm,« sagte er, »da hätte sie mir einen Krug Wasser über
-den Kopf geschüttet.«</p>
-
-<p>Dos Frage war keck und hellsichtig. Und das Geständnis
-des James war verblüffend. Danach hätte er im Reste der
-Nacht seine Koffer packen können. Das tat er aber nicht;
-sondern am anderen Morgen fand er sich im Krakesaal zum
-Frühstück ein und sah aus, als hätt' er nie im Leben eine<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-Dummheit gemacht. Der begehrten Gwendolin aber schlug
-das Herz fortan in schöner Sicherheit, und Hanna und Do
-lächelten sich so um den geschlagenen König herum. Der
-aber streckte die langen Glieder von sich, zeigte eine lächerliche
-Wurstigkeit und rauchte Shagtabak.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Einige Tage danach waren Do, Gwendolin und Hanna
-an Land gefahren und wanderten mit verschränkten
-Armen am Ufersaum entlang und sprachen vom Leben.
-Sie mußten heute dazu unter sich sein. Do war für Hanna
-in der letzten Zeit in allen Stücken die liebe weise Beraterin
-geworden, und Gwendolin hörte ihnen in nachdenklichem
-Frohsinn zu. »Sie reden von meinem fernen Lande,« dachte
-sie. Seit der Kunstschule in Weimar war ihr der Anblick
-solch einer hoffenden, drängenden und geheimnisvollen
-Frauenjugend ganz verlorengegangen. Und auch damals
-hatte sie abseits gestanden mit ihrer größeren Begabung und
-ihrer gefestigten Art; denn was da in den Malsälen gesessen
-hatte aus Liebhaberei oder in der Absicht, sich zu beschäftigen,
-das hatte Augen, denen das Lebensziel im Nebel
-verschwamm. Eine wie Hanna von Fellner war ihr nie begegnet:
-die wollte das ganze Reich, in dem sie einmal als
-Frau einzog, aus ihren fixen weißen Händen zaubern &ndash;
-wenigstens alle Feinarbeit daran. Nun empfing sie Packen
-weißen Linnens und spiegelnden Batist und weiße Seide.
-Sie hatte sogar eine Nähmaschine kommen lassen. Im Haus
-auf der Insel klangen die Nadeln stundenlang durch gespannte
-Tücher im Stickrahmen; das Wort »Dutzend« spielte eine
-mächtige Rolle, und Nane Thord betastete mit Augen und
-Händen den schneeigen Reichtum und wunderte sich stumm
-vor den Herrlichkeiten, die da mit blauen Seidenbändern
-zu Türmlein geschichtet wurden.</p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p>
-
-<p>Aber es war nun einmal so; und die Hanna, die sich immer
-ein bißchen obenhin durch ihren Vorfrühling geträllert hatte,
-rüstete für ihr Ostern mit einer Tiefgewalt, die altmodisch
-ausgesehen hätte, wäre sie nicht so voller Innigkeit gewesen.
-Deshalb wurde sie einzig in ihrer Art. Sogar die zärtlichen
-Jung-Frauenträume der »kleinen Wäsche« vergaßen sie
-nicht &ndash; es war ein schweres Exempel. Aber mit vereintem
-Scharfsinn bekamen sie auch das heraus und dichteten es
-gleich für zwei.</p>
-
-<p>Darüber bekam Gwendolin das lange Sehen. Sie mußte
-schon wieder an das »ferne Land« denken und sagte: »Ich
-habe mir ein feines Leben gemacht; es ist voll Schönheit und
-Fülle und Freiheit bis oben. Und zuletzt? Zuletzt gehör'
-ich doch zu den Menschen, die den Weg verloren.«</p>
-
-<p>»O nein,« sagte Do, »aber du könntest wohl dahin kommen.«</p>
-
-<p>»Liegt das an mir?« fragte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Do, »in der Fremde an deinem hellen Licht
-siehst du als Dämmerung und Nacht, was außer dir ist.
-Es ist kein Mädchen umworbener als du. Und ich weiß
-auch kein Herz, das heißer und genußfroher wäre als deins.
-Aber du probierst es nicht, diesem Herzen seine Aufgabe
-zu stellen.«</p>
-
-<p>»Das ist wieder einmal eine richtige Do-Rede gewesen,«
-lachte Gwendolin, »nun ja, du bist nach Rolf Krake in dem
-Alter, in dem die Menschen Philosophen sind. Oder hast
-du das bei Ibsen entdeckt?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Do. »Ibsen würde sagen: ›Die Frau soll
-dem Manne bei seiner Arbeit und bei seinem Leben helfen,
-indem sie ihm Arbeit und Leben leichter macht und indem
-sie um ihn ist und ihn pflegt‹.«</p>
-
-<p>»So ist es mir handlicher,« sagte Gwendolin. »Ich werde
-mich daraufhin einmal ansehen müssen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, tue das,« sagte Do, »es wird dir nicht schaden. Ein
-Mann ohne Frau ist ein Halbnarr. Mit einer Frau ohne
-Mann steht es nicht so schlimm; aber die Weisheit, daß wir
-ja doch nicht alle heiraten können, ist ein windiger Trost,
-und sie ist von alten Jungfern erdacht als Decke für ihre greuliche
-Erkenntnis: ich bin durchs Examen gefallen.«</p>
-
-<p>»Paßt nicht für mich!« erriet Gwendolin.</p>
-
-<p>»Aber du hast auch keinen gefunden, der dich hätte deinem
-Trotz abringen wollen. Zuletzt traut dir keiner zu, daß du
-ihm zuliebe ein Stück von dir selbst aufgeben könntest.«</p>
-
-<p>Gwendolin dachte an Henrik Tofte und an sein Wort von
-der Malerei. Das wandelte sie nun ab und sagte: »Die Ehe
-ist eine verdammte Kunst.«</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">So schritten sie froh, nachdenklich und wachsam gegen
-sich selbst in Sonne.</p>
-</div>
-
-<p>Hanna hatte schon wiederholt gegen die Sägemühle geschaut,
-ob Woldemar nicht käme. »Ich weiß nicht, warum er
-uns warten läßt,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Nun, er wird eine kleine Ausstaubung an Rolf Krake
-vornehmen,« meinte Do, »man wird damit nicht so rasch
-fertig, wie man denkt. Ich kenne das. Es gibt in dieser Seele
-Winkel voll Dämmerungen. Rolf Krake ist wie eine alte
-Burg, vollkommen eingerichtet, aber es wohnt ein Sonderling
-darin, und neben ihm ein Haufen wunderlich Wesen,
-wie es sich in solch einem abseitigen Bauwerk festsetzt&nbsp;…«</p>
-
-<p>Wenn sie von Rolf Krake redeten, kamen sie so bald nicht
-los. Es wurden da immer neue Entdeckungen gemacht,
-und man gelangte doch zu keiner Lösung.</p>
-
-<p>»Dazu müßte man Seelenarzt sein oder Schriftsteller,
-hat mein Jockele gestern abend zu mir gesagt,« erzählte Do.</p>
-
-<p>»Na ja,« warf Gwendolin ein, »ich sehe Jockele doch noch<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-als Dichter! Ich kann mir gar nicht denken, daß die trockene
-Wissenschaft ihn zeit seines Lebens fesselt.«</p>
-
-<p>»Vielleicht habilitiert er sich einmal in Jena,« sagte Do.</p>
-
-<p>»Aber wenn er des Abends erzählt, dann höre ich doch
-immerfort den Dichter,« redete Gwendolin hartnäckig dagegen.
-»Ich glaube, wenn er seine Abhandlungen über die
-Flechten und über die lächerlichen Frösche geschrieben hat,
-wird er mal halb wachend, halb träumend zu einem Romane
-kommen, etwa mit dem Romfahrer Henrik Tofte als Helden
-oder mit Rolf Krake, der Zauberburg. Über die Flechten
-und Frösche wird er sich noch zu den Menschen finden&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Jockele auf Seelenwanderung!« sagte Hanna. Sie setzten
-sich in den blühenden Rasen und plauderten sich in Ausblicke
-und Einblicke. Sie hörten in ihrem Sonnenwinkel an der
-Hügellehne den Skjoldefoß rauschen und ahnten sich tief
-ins Leben. Aber das Entsetzliche, was sich in diesen Minuten
-am Fall ereignete, das ahnten sie nicht.</p>
-
-<p>Zwischen dem Fels und dem schäumenden Vorhange der
-Wasser stand Rolf Krake auf der moosgrünen Steinplatte und
-schaute in den Gischt, der um seine Füße kochte. Er stand
-dort wie einer, der auf der Wanderung ist in den Sommermorgen.
-Vielleicht war er auch von den Bergen gekommen.
-Unter ihm quoll es aus Tiefen herauf und brüllte. Vor ihm
-brach es aus Höhen herab und schnob. Hinter ihm ragte
-der tropfende Fels und barst nicht, und doch donnerte der
-Bergstrom seit tausend Jahren seine Allmacht darüber hin.
-Vor ihm in der Luft hing die zischende Flut, hing zwischen
-ihm und der Welt, rückte die Welt weit, weit hinaus: wenn
-er seine Füße hob und jetzt schnurgeradeaus wanderte durch
-diesen kochheißen eiskalten Vorhang hindurch &ndash; die Welt
-war für ihn nicht zu erreichen, mochte er gleich tausend Jahre
-laufen! So weit weg war Rolf Krake von der Welt, und so<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-fürchterlich hing die Einsamkeit um ihn. Er dachte: »Ich
-will den Weg, der tausend Jahre lang ist, jetzt wandern.
-Es wird mich von oben die Gewalt des Stromes fassen und
-in die Tiefe werfen. Und es wird mich das Brodeln der Tiefe
-greifen, wie der heulende Sturm ein Körnlein Sonnenstaub,
-und wird mich aus der brüllenden Finsternis heraufwirbeln
-und hinab, herauf und hinab. Hundert Schritte wird mein
-Herz mitrasen auf der Straße der tausend Jahre … liebes
-Herz, so töricht bist du schon all die Zeit her gewesen &ndash; ich
-will dir diesen letzten verrückten Wettlauf ersparen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Rolf Krake redete das ganz laut in die fürchterliche Einsamkeit
-und zog den Revolver aus der Tasche.</p>
-
-<p>Da trat Woldemar Krake über den Steig von links in den
-hohen Dom, der aus Fels und Flut, aus Donner und blauem
-Lichte gebaut war. Woldemar Krake sah die Waffe in seines
-Bruders Hand, und er sah auch den weiten Weg in seinen
-Augen, den er vorhatte.</p>
-
-<p>Rolf Krake aber kniff die Lippen in unsäglichem Hasse zusammen
-&ndash; die Felsplatte, auf der sie standen, war von Manneslänge
-und drei Fuß breit. Wie tief das Sterben war, das
-den Stein umbrandete, ermaß kein Menschenwitz. Und es
-gab kein Menschenwort, das den tosenden Schlag der Wasser
-überschrie &ndash; keine Frage, keine Bitte. Deshalb riß sich Woldemar
-Krake zusammen wie ein Tiger zum Sprung: es durfte
-kein Ringen geben auf dieser Spanne Gestein, sondern nur
-ein gewaltiges Umschließen mit Armen, in denen der Wille
-des anderen augenblicklich zerbrach&nbsp;…</p>
-
-<p>Rolf Krake aber dachte: »Es ist doch kein Wahn, daß ich
-dich hasse! Wer hat mir das Leben vermauert von Kind an?
-Du! Wer hat mir den Traum der Liebe zerpflückt? Du!
-Wer hat mich vor der Welt und mir selbst zum Narren
-gemacht? Du! Und wer kommt jetzt und mengt sich auch<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-in mein Sterben? Du! Du! Du &ndash; der du ich bist, ich!«
-Und er warf den Arm mit der Waffe hoch. Der gekrümmte
-Finger riß den Abzug durch. Kein Knall war zu hören.
-Kein Wölklein Rauch war zu sehen … Nach dem vierten
-Schuß schleuderte er die Handvoll mörderisches Eisen in den
-Schwall und sprang durch den Spalt des weißen Vorhangs
-hinaus. Durch diesen Spalt war der andere vor einer Minute
-hereingetreten&nbsp;…</p>
-
-<p>Noch einen jähen Blick warf er zurück &ndash; das verhaßte Bild
-folgte ihm nicht. In einer Bergschrunde klomm er empor,
-in der im Frühling ein fußbreites Tauwasser über die Steinstufen
-sprang. Er rannte immerzu. Er zog sich an Krüppelkiefern
-empor. Er kam in eine sanfte Mulde zwischen den
-Wänden, da sah er Lona Steensgard, die Tochter der
-Fischerswitwe Bolette Steensgard. Sie stand dort in groben
-Schuhen und in ihrem schlechten Wollrock, brach Astholz
-und stapelte es in ihren Korb. Lona Steensgard lachte und
-sagte: »Sie können von hier aus gut wieder auf den
-Pfad kommen, Sie müssen nur immer ein bißchen links
-bleiben gegen den Skjold zu, dann sehen Sie alsbald den
-Bratthammer&nbsp;…«</p>
-
-<p>Danach sah ihn niemand mehr, der ihn kannte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Hanna, »das finde ich doch unerhört! Woldemar
-hat versprochen, in einer halben Stunde wär' er da!«</p>
-
-<p>Gwendolin rieb sich die Hände. »Die unglückliche Ehe ist
-schon in vollem Gange.«</p>
-
-<p>Da zog Hanna die Do unter den Wiesenblumen hervor,
-zerträllerte ihr Unglück und sagte: »Na warte!« Das galt
-ihrem Liebsten; denn sie steuerte nun nach der Mühle und
-wollte Rechenschaft von ihm fordern.</p>
-
-<p>»Ah, das Spiel schau' ich mir an,« lachte Gwendolin und
-lief hinterdrein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p>
-
-<p>In der Sägemühle fanden sie die Brüder nicht. Ein Arbeiter,
-der auf dem Holzplatz war, hatte den <em class="antiqua">Dr.</em> Krake vor gar nicht
-langer Zeit den schmalen Steig zum Fall schreiten sehen.
-Man konnte diesen Steig von der Mühle aus aber nur eine
-kleine Strecke weit überschauen, dann kroch er hinter Felsblöcke.
-Also gingen Do, Hanna und Gwendolin hinüber
-zum Skjold, und als sie durch den Spalt im Vorhang traten,
-lehnte Woldemar Krake dort sitzend gegen die nasse Bergwand
-und hatte das Gesicht so tief vornübergesenkt, daß ihm
-der Hut vom Kopfe gefallen war und auf seinen Knien lag.
-Die rechte Hand ruhte flach auf dem Moos und war wie ein
-welkes Laub, und es war Blut daran, das aus dem Rockärmel
-sickerte.</p>
-
-<p>Zuerst standen sie mit ihrem Schreck nebeneinander wie
-Erscheinungen; denn sie schrien sich an und hörten sich doch
-nicht und warfen die Arme. Hanna nahm Woldemars Kopf
-in ihre Hände. Dann faßte ihn Do unter den Armen und
-Gwendolin an den Füßen, und sie trugen ihn hinaus an
-den Rasenrand in die Sonne. Nach einer Zeit erwachte
-er und lächelte, weil er die Freundinnen sah. Er hielt Gwendolin
-am Rocksaum fest und Hanna an der Hand und sagte:
-»Geh du auch nicht fort, liebe Do.« Seit dieser wilden Stunde
-nannten sie sich alle du. Aber er schloß die Augen gleich
-wieder. Da zogen sie ihm den Rock aus; denn sie sahen
-die Schußöffnungen in den Ärmeln. Darüber erwachte er
-abermals und merkte, daß Do noch hinter ihm stand und
-daß er an ihren Knien lehnte. »Sollen wir denn nicht Hilfe
-holen?« fragte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Nein, es ist schon vorbei.«</p>
-
-<p>Da ließen sie ihn wieder auf den Rücken in das Mittagsgras
-gleiten; denn sie merkten, wie ihm die Sonne wohltat.
-»Es ist gut, daß wir an diesem Platze sind,« sagte er, »es kommt<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-hierher oft tagelang kein Mensch. Gwendolin, möchtest du
-mir nicht ein Glas Sekt holen oder Kognak? Aber du
-mußt niemandem ein Wort sagen, wie es mit mir steht,
-hörst du?«</p>
-
-<p>Während Gwendolin den Steig hinabeilte und hinüberruderte
-nach der Insel, fragte er: »Wo ist Rolf?«</p>
-
-<p>»Wir haben ihn nicht gesehen. Hat er dich geschossen?«</p>
-
-<p>Er nickte und schloß die Augen vor dem tiefen Schmerz,
-der über sein Gesicht fiel.</p>
-
-<p>»Großer Gott, wie hat denn das geschehen können?«
-sagte Hanna. Do winkte ihr, daß sie alles Geschrei vermiede,
-legte sich den Finger auf den Mund und gab ihr ein Zeichen.
-Dann kam Gwendolin mit dem Sekt, und er trank ein Glas
-in der Gier eines Verdürstenden. Sie gaben ihm noch mehr,
-und danach verlangte er seinen Rock. Sie führten ihn zum
-Strand und kamen zur Insel.</p>
-
-<p>Nicht Nane Thord erfuhr von diesen Dingen und nicht
-James King; der war an diesem Tag malen gegangen. Sie
-aber wuschen Woldemars Wunden und verbanden sie aus
-ihren Reiseapotheken. Es waren Fleischwunden, die eine
-im rechten Unterarm, die andere im linken, oben nahe dem
-Schultergelenk. Danach lag er und schlief bis gegen Abend.
-Jockele aber war inzwischen in der Mühle gewesen und
-hatte nach Rolf Krake gesehen und sein Zimmer unverschlossen
-gefunden. Da sperrt er die Tür zu und steckte
-den Schlüssel zu sich.</p>
-
-<p>Auch am Abend blieben sie im Saal unter sich, sie hatten
-James gebeten, sie dies eine Mal allein zu lassen. Do aber
-war nun auch in der Mühle gewesen und hatte über Rolf
-Krake nichts erfahren. Da ging sie in sein Zimmer; denn
-er hatte ihr in allen Stücken vertraut und viel mehr als sich
-selber. Auf dem Tische fand sie sein Tagebuch, das war bis<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-zu dem Augenblicke geführt, in dem er von hinnen gegangen
-war. Den letzten Abschnitt las sie:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Liebe liebste Frau Do &ndash; wenn Sie mich suchen: ich bin
-die Straße gegangen, die tausend Jahre lang ist und noch
-viel länger. Darum werden Sie mich nie finden. Aber
-denken Sie einmal an mich, wenn im nächsten Jahre der
-Wildrosenbusch wieder so schön blüht … wenn Seelen
-wandern, dann will ich Ihre Güte und Ihr liebes helles
-Licht umhauchen als der Duft von wilden Rosen. Aber
-auch wenn dieser Glaube närrisch ist, wie alles, was ich
-im Leben tat und träumte, und wenn im ewigen Wechsel
-des Stoffes die Lösung des Rätsels von der Unsterblichkeit
-liegt &ndash; kehren Sie im blühenden Sommer einmal zurück
-zu dem Rosenstrauch am Skjoldefoß! Denn wenn er mit
-seinen Wurzeln aus dem Quell trinkt, der die Straße der
-tausend Jahre umspült, dann trinkt er einen Tropfen meines
-närrischen Lebens, und es wird ein Wildrosenduft daraus.
-Darum: denken Sie an mich, wenn Sie wilde Rosen sehen,
-Sie liebste Frau!</p>
-
-<p>Geschrieben in dieser Stunde, da ich auf den Weg trat, der
-tausend Jahre lang ist.</p>
-
-<p class="right">
-Rolf Krake.«
-</p></div>
-
-<p>»Was er nur mit dem Wege der tausend Jahre meint?«
-dachte Do. Sie nahm das Buch und verschloß die Tür. Als
-sie ein Stück den Hügel hinabgegangen war, blieb sie stehen
-und blickte hinüber nach dem Rosenstrauch; der klemmte in
-einem Felsenspalt, nahe dem Fall. Es wuchs graue Flechte
-an seinem alten Holz, und es war ein borstiges und rauhes
-Ding. Aber in jedem Jahr trieb er noch Schosse zu seiner Verjüngung,
-und so konnte er an diesem feuchten Standort schon
-älter geworden sein als Nane Thord und konnte seine Wurzeln
-wohl so tief in den steinichten Grund getrieben haben, daß
-sie aus dem Kessel der brodelnden Wasser tranken. »Rolf<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-Krake hat sich in das wilde Bergwasser gestürzt,« sagte sie,
-und das Herz erschauerte ihr. Dann ruderte sie zur Insel.
-Aber in der sinkenden Nacht fuhr Jockele mit zwei Booten
-an den Strand und machte das eine dort fest und legte auch
-die Ruder hinein &ndash; für Rolf Krake, wenn er in der Nacht
-käme und den Schlüssel haben wollte. Dort lag das Boot
-drei Wochen. Sie ließen in diesen drei Wochen alle Nacht ein
-Licht im Blockhaus auf der Insel brennen, bis in den Tag.
-Aber Rolf Krake sah es nicht, und er gebrauchte auch das
-Boot nicht.</p>
-
-<p>Er hatte mitten in die Sonne getroffen. Es wurde nach
-jenem Tage nicht mehr recht hell in Haus und Herzen. Auch
-Nane Thord hatte ihre Sorgen; denn sie fühlte: die leiseren
-Stimmen um sie her hatten ein Geheimnis. Die Wanderfreude
-von einst war nicht mehr da. Jockele arbeitete über
-Tag in seinem Zimmer, Do und Hanna saßen im Saal und
-nähten, Gwendolin war ganz gegen ihre Art versonnen.
-Und wenn sie sich einmal alle zusammenfanden, dann mußte
-Nane Thord an die Schwalben denken, die sich sammeln, um
-zu plaudern von dem großen Fluge, der Sonne nach. Auch
-James King war traurig. Gerade in den letzten Tagen hatte
-er einen Weg zu Rolf Krake gesehen &ndash; es war durch das
-Gespensterboot gekommen, und weil er wußte, der Einsame
-aus der Sägemühle las in den Werken der Inder; vielleicht
-neigte er zu allerlei Geheimwissenschaft und Spiritismus!
-Das alles lag auch im Wesen des blonden Briten. Aber
-vorsichtig, wie er mit sich selber war, hatte er es vor den anderen
-verborgen. Von der Tat Rolfs ahnte James auch jetzt nichts.
-Aber das mußten sie ihm doch bekennen, daß sie dachten,
-der unglückliche Freund wäre im Skjold ertrunken. Eine
-Stunde danach hatten sie die Gewißheit: dies wäre nicht
-der Fall; denn Lona Steensgard hätte ihn gesehen auf der<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-Wanderung ins Gebirge. Dadurch wurde der Vorgang vom
-Skjold noch finsterer. Und auch trostreicher wurde er nicht.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">In jenen Tagen trat Kordula Gunkel in den kleinen Kreis.
-Sie war dunkel wie ihr Name; und auch ihre Stimme klang,
-als hätte sie an diesem Namen abgefärbt. Sie liebte die
-dunklen Farben in ihrer Kleidung und war am frohesten
-in Schwarz, das sie mit halbverdeckten gelben oder blauen
-Seidenbändern durchbrach. Fräulein Gunkel trug das Haar
-kurzgeschnitten. Sie hatte lange, schmale, sehr weiße Hände,
-mit denen sie sich die Locken lässig aus der Stirn zu streichen
-pflegte. Dann konnte sie aussehen wie eine Heilige aus der
-Legende.</p>
-</div>
-
-<p>Aber eine Heilige war sie eigentlich nicht.</p>
-
-<p>Sie bezog das Zimmer auf Krokengaard, in dem John
-Williams gewohnt hatte, malte und komponierte Lieder zur
-Laute. Wenn ihre weiche Frauenstimme in Dämmerungen tief
-und dunkel durch den Krakesaal klang &ndash; o ja, das war schön!</p>
-
-<p>Und so war es kein Zufall, daß sie über Sommer in einem
-Waldhaus am düsteren Songefjord gewohnt hatte. Es war
-auch kein Zufall, daß sie nun hier war: Gwendolin kannte
-sie aus Weimar, wo Kordula Gunkel damals an der Musikschule
-studiert hatte. Auch Jockele erinnerte sich ihrer sehr wohl;
-aber sie hatte ihn damals besser gekannt als er sie, und sie
-hatte zu denen gehört, die die »Erziehung zum Manne«,
-welche Do dem Zigeuner Jockele angedeihen ließ, sonderbar
-fanden. Sie kannte diese Geschichte nur vom Hörensagen.
-Nun gehörte das Jockelebuch zu ihrer Reiseausrüstung &ndash; denn
-eine Heilige war sie eigentlich nicht. Sie wollte die Gelegenheit
-nicht zum zweiten Male versäumen, die berühmte Do
-kennen zu lernen, die sich das Glück ihres Lebens baute nach
-ihrem Gefallen. Aber das Licht dieser Frau Do brannte<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-nun unter dem Schleier einer sanften Trauer; und die
-Märzenklarheit ihrer Augen leuchtete um kleine Wäsche.</p>
-
-<p>Kordula Gunkel hatte sich das anders gedacht.</p>
-
-<p>»Du bist zu spät gekommen,« sagte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Ich komme stets zu spät &ndash; es scheint eine meiner Eigenarten
-zu sein,« sagte Kordula. Sie wollte den Winter über
-in Rom leben oder auch für immer. Aber Pläne für weithinaus
-machte sie nicht. Vielleicht war an diesem Einfall
-Henrik Tofte schuld; denn Gwendolin redete mehr von ihm,
-als ihr lieb war. »Tofte und ich, wir mögen uns gern leiden,
-aber wir sind nicht füreinander geboren. Nein, nein. Mit
-dem gleichen Rechte könnte man behaupten, du und das große
-Licht paßten zueinander.«</p>
-
-<p>»Man kann das nie wissen,« sagte Kordula. Sie war so
-gemessen in ihren Bewegungen und von so stilvoller Ruhe
-in ihrem Auftreten, aber ihre Wirkung auf Gwendolin war
-ganz anders: Gwendolin wurde manchmal heimlich lustig
-vor ihr. Doch ließ sie sich das nicht anmerken, auch nicht nach
-dem deutsamen: »Man kann das nie wissen«. Sie wurde darüber
-so vergnügt, daß sie nicht übel Lust hatte, mit Kordula
-an den Tiber zu reisen. Aber &ndash; dann wäre die Posse ja gar
-nicht zur Aufführung gelangt! Nun, vielleicht ging es so:
-wenn man dem Henrik den Aufenthalt Gwendolins in Rom
-verschwiege, bis der Vorhang über dem Spiel zwischen ihm
-und Kordula gefallen war?</p>
-
-<p>Gwendolin verwarf auch diesen Gedanken; denn eigentlich
-war er eine Nichtswürdigkeit gegen die dunkle Kordula, und
-am Ende: man konnte doch vielleicht nicht wissen … Im
-Falle Tofte geriet ihr felsenfestes Vertrauen zu sich selber
-immer ins Wanken. »Ach, Unsinn,« sagte sie und lachte,
-»was will ich denn in Rom, was will ich in Italien? Sie haben
-ja keine Luft dort! Sie haben bloß Äther. Es steht da jede<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-Mauer und jeder Baum so hart darin, daß man sich die Augen
-wund daran stößt. Nein, ich kann in Italien nicht malen.«</p>
-
-<p>Kordula sah das gern ein. Auch überzeugte sie sich weiter
-davon, daß Henrik Tofte der interessanteste, genialste und
-schönste Mann war, der sich denken ließ&nbsp;…</p>
-
-<p>Einmal nach dem Zwölf-Uhr-Frühstück ging Kordula mit
-James King zu der Bank im Rohr. Es schien eine märchengoldene
-Septembersonne. Sie sprachen davon, daß Sinsheimers
-in den nächsten Tagen nach Weimar, der Doktor
-Krake und Hanna nach Bonn reisen wollten. Nane Thord
-hatte der blonden Marit daraufhin schon den Dienst gekündigt.</p>
-
-<p>Mit Gwendolin hatte James seine Partie verloren &ndash; dabei
-war ihm passiert, was man im Schachspiel den »Kälberstich«
-nennt. Es war blamabel, es war durchaus blamabel. Deshalb
-liebte James King nun die dunkle Kordula &ndash; einesteils
-um die Scharte mit Gwendolin wieder auszuwetzen und
-um den Freunden zu zeigen, was er könne; andernteils,
-weil ihm vor der Einsamkeit des Winters graute; und zum
-dritten: weil Kordula von dem Gedanken gelockt wurde,
-Nane Thord als Medium bei spiritistischen Sitzungen zu benutzen.
-Nun, dazu gab es an den langen Winterabenden auf
-dem Eiland im Fjord ja ausgiebig Gelegenheit. Er erwog
-noch einmal die drei Gründe, dann erklärte er Kordula seine
-Liebe.</p>
-
-<p>Kordula pflegte Lagen, wie diese, gemeinhin ernst zu nehmen,
-sehr ernst. Sie zählte vierundzwanzig Jahre, mochte hohe
-blonde Jünglinge gern sehen, na und schließlich &ndash; reich war
-sie nicht, aber sie brauchte sich für ein Leben, wie sie sich's
-dachte, auch nicht gerade etwas zu versagen. Selbst der Weisheit
-war sie nicht abhold, daß die Liebe mit der Ehe wüchse.
-Nur von der freien Liebe schwärmte sie nicht mehr &ndash; das<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-lag für sie schon weit dahinten und war eine Übergangsanschauung
-gewesen.</p>
-
-<p>Den listigen James gereuten die umständlichen Vorbereitungen,
-die er an Gwendolin verschwendet hatte. Deshalb
-sprang er diesmal gleich mittenhinein in die Sache.
-Daß ihm die Worte ein bißchen im Munde lagen wie gequellte
-Erdäpfel, das inkommodierte Kordula nicht weiter. Auch
-seinen eigentümlichen Gebrauch des Wortes »lächerlich«
-kannte sie, und sie wandelte es um zu der landläufigen Bedeutung.
-Und also sprach James King:</p>
-
-<p>»Well. Ich nehme die lächerliche Gelegenheit wahr, Sie
-auf den Reiz des Wintersports aufmerksam zu machen &ndash;
-er ist in der Umgebung des Fjords von unausstaunbarem
-Zauber&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Oh,« sagte Kordula, »im Winter bin ich ja in Rom.«</p>
-
-<p>»Das ist aber kein guter Einfall. Ich habe die lächerliche
-Hoffnung, daß Sie das aufgeben; denn ich habe noch kein
-Frauenhaar gesehen von dem matten Glanze des … des …
-<em class="antiqua">ebony</em> … Na, wie heißt doch gleich das Holz, das von weit,
-weit hinter Hindostan herkommt?«</p>
-
-<p>»Von weit, weit hinter Hindostan?« fragte Kordula. Es
-gehörte zu den Eigentümlichkeiten Kings, mit dieser geographischen
-Bezeichnung eine übergroße Ferne anzudeuten.
-»Ah, Sie meinen Ebenholz?«</p>
-
-<p>»…&nbsp;des Ebenholzes!« rief er erlöst. »Und Sie haben Augen,
-schön wie die Fjordnacht, Kordula Gunkel. Oh, ich liebe diese
-dunkle Schönheit an Frauen. Ich denke es mir lächerlich,
-wenn wir zwei die nordischen Nächte verleben könnten auf
-dieser einsamen Insel als Mann und Weib, von keinem Menschen
-gestört in unserer Liebe. Und wenn Sie dann sängen, wissen
-Sie, und draußen brauste der Sturm, und Ihre lächerlichen
-Hände griffen dabei die Saiten der Laute&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p>
-
-<p>Eine Heilige war Kordula nicht, ja, sie war so erfahren,
-daß sie merkte: diese gefühlvolle Rede hatte sich der listige
-James in der letzten Nacht auswendig gelernt. Sie hatte
-sogar an die Holzwand klopfen wollen zwischen ihren Zimmern
-drüben auf Krokengaard; denn James war bis weit über
-die Mitternacht auf ihrem Schlaf herumgestampft in seinen
-geräumigen Bergsteigstiefeln.</p>
-
-<p>Nun braucht heimliches Erlernen einer solchen Rolle
-nicht auf eine Komödie der Liebe zu deuten &ndash; o nein!
-Und Kordula war ein Mädchen: sie trat also ihren Glauben,
-geliebt zu werden, niemals mutwillig darnieder. Aber vor
-der gleichmütigen Semmelblondheit, die neben ihr saß,
-konnte sie diesen Glauben nicht aufbringen. Deshalb lächelte
-sie &ndash; sie lächelte sogar ein bißchen impertinent, lächelte aus
-der Genugtuung, daß diesmal nicht sie es war, die zu spät
-kam. Übrigens war Gwendolin nicht ganz verschwiegen gewesen,
-hinsichtlich ihres Erlebnisses mit dem listigen James.
-Also nahm Kordula Gunkel einen Vorschuß auf ihre römische
-Liebe und sagte: »Es tut mir ehrlich leid, mein Herr &ndash; aber
-über mein Herz habe ich nicht mehr zu verfügen.«</p>
-
-<p>»Schade,« sagte Mister James, »ich glaube, es wäre ein
-sehr netter Winter geworden.«</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Damit waren die letzten Früchte des lieblichen Sommers
-im Fjord fallreif geworden. Oder: die Schwalben, die
-sich in der Mittagssonne vor der Südwand des Inselhauses
-versammelten, konnten nun die große Reise antreten. Nur
-Gwendolin erwog, ob sie vor den Frost der Julzeit hinstehen
-wollte, um der gefrorenen Welt in Filzstiefeln, Pelzen und
-Einsamkeit ihren flimmernden Zauber mit raschem Pinsel
-zu stehlen. Auch dachte sie, sie könnte sich in diesen stillen
-Wochen auf mancherlei Erkenntnisse ein wenig näher ansehen.</p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p>
-
-<p>Zuerst entflogen Hanna und der Doktor Krake nach Bonn.
-Im letzten Augenblick schloß sich ihnen Kordula mit der Laute
-an. Sie gab ihnen bis Hamburg Geleite. Am anderen Tage
-reiste James King &ndash; schach und matt. Und als auch Do und
-Jockele ihre Koffer packten, die blonde Marit mit geröteten
-Augen half, und Nane Thord mit bitterem Munde sagte,
-nun könne sie sich ja schön mit Lars Thord unterhalten &ndash; da
-sang der Wind bei Gwendolin um alle Fenster ein Lied, das
-war sterbenstraurig. Und weil Jockele und Do so dicht beieinander
-standen, warf Gwendolin ihre Arme um beide und
-sagte: »Kinder, es geht nicht! Ich bin schon über manch gefährlich
-finsteren Steg geschritten, aber über diesen find' ich
-mich nicht hinweg. In eurem großen Haus am Horn werdet
-ihr ein Kämmerlein für mich finden. Oder ich will dicht daneben
-in dem Gartenhause wohnen, aus dem der Jockele
-den Flug in die Sonne getan hat … Kinder, laßt mich mit
-euch ziehen!«</p>
-
-<p>Ja, es war Herbst geworden. Auf den Wassern des Fjords
-schwamm das Birkenlaub und war goldgelb. In der Schärenflur
-saßen die Nebelfrauen und spannen. Es war Herbst.</p>
-
-<p>Am anderen Tage fuhren sie nach Kiel, von da nach Weimar.
-Dort hatten sie das schöne Haus am Horn Nummer 17 A
-gemietet, das in dem Garten mit den herrlichen alten Bäumen
-sieht. Sommer und Winter träumen ringsum traute Märchen,
-und die Wege sind von silbernem Sand. Dort war der Jockele
-vorbeigerannt und hatte sich die Krawatte geknüpft im Sturmschritt
-&ndash; damals, als er mit der schlanken Felidora im Puppenheim
-des Apfelgartens Geburtstag feierte und darüber ganz
-vergaß, daß er des Morgens um acht Uhr vor dem Herrn
-Professor Redslob die Einjährigenprüfung ablegen wollte …
-Jawohl, dort war er krawattenknüpfend vorbeigestürmt,
-und die Frau Stadtrat Meyer stand in ihrem Wintergarten<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-und sah ihn vorüberflitzen und dachte, der Jockele hätte eine
-neue Methode erfunden, sich vom Leben zum Tode zu bringen;
-denn daß sich einer im Zweimeterschritt aufhängt, war ihr
-noch nicht vorgekommen. Nun, solche und ähnliche Dinge
-hatte der Jockele in seiner »Mädchenzeit« angestellt. Aber
-er brauchte sein Schuldbuch von damals nicht mit ängstlichen
-Augen zu durchblättern &ndash; es stand kein Posten darin, deswillen
-er die Nachbarschaft aus seinen Frühlingstagen hätte
-meiden müssen. Darum war es den Dreien nun auch so
-heimatlich und tiefbeglückt um die Herzen, als sie durch die
-Dämmerung des Septembertages im offenen Wagen ans
-Horn fuhren. Langsam, langsam mußten die Pferde treten.
-Das gelbe Maßholderlaub raschelte um die Hufe, das Ilmwehr
-rauschte, die Leutra plätscherte unter der Sphinx hervor,
-hinter den Fenstern am Hange waren die Lichter angetan,
-und alle Häuslein guckten so lieb mit den hellen Augen zu
-ihnen herunter … »Na, Gott sei Dank, daß ihr endlich wieder
-im Lande seid!«</p>
-
-<p>Am anderen Morgen stand der Herr Doktor Jakobus Sinsheimer
-schon im werdenden Licht am Fenster und schaute über
-die Wipfel des Weimarer Parks. Sein Glück konnte den Tag nicht
-erwarten. Er sah Goethes Gartenhaus durch die herbstlaubigen
-Hecken lugen &ndash; weiß Gott, dies ehrwürdige Stück Literaturgeschichte
-zwinkerte ihm vergnügt zu! Es kam ein Zug fröhlicher
-Gestalten klingelnd und doch traumhaft über Anger und
-Hecken, alle bunt angetan; und es guckten blanke Augen hinter
-jedem Baumstamm hervor. Alles, was ringsum war, kniff die
-Augen zusammen und lachte. Da riß der Doktor Sinsheimer
-die Fenster auf, das Wunder zu betrachten &ndash; und auf einmal
-war er wieder der Jockele. Der hob Doris Rinkhaus auf
-seine Arme und drehte sich mit ihr herum wie ein Kreisel und
-machte holdrio hoho … »Mensch, Mensch,« sagte die Do &ndash; denn<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-es war noch ein bißchen morgenkühl um sie; aber innig festhalten
-an ihm mußte sie sich doch, sonst hätte er sie zum Fenster
-hinausgewirbelt &ndash; »Mensch, du bist ja lebensgefährlich,
-aber du bist doch nun etliche Jahre älter geworden!«&nbsp;…</p>
-
-<p>Doch der Jockele hatte keine Zeit, darüber nachzudenken;
-denn als ihm die weiße Do entschlüpft war, wippte einer
-draußen am Gartenzaun entlang … Erich Meyer &ndash; mit y,
-aber nicht verwandt mit der Frau Stadtrat Meyer … Großer
-Gott, das war das einzige Erlebnis der Weimarer Tage,
-das dem Jockele durch ein Loch in seinem Gedächtnis gesickert
-war! Nicht im Traume war ihm Erich Meyer wieder eingefallen!
-Und nun war der der erste, der aus dem glückhaften
-Schiff leibhaftig an Jockeles neues Land stieg. Erich Meyer &ndash;
-wie war denn das damals gleich? Er nahm das Jockelebuch …
-Nein, Erich Meyer hatte sich nicht verändert: er wandelte
-mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße Platz haben
-mußten, hinter ihm herzuläuten. Und während diese Partie
-seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn nach hinten
-entschieden hatte, schwangen die langen stracken blonden Haare
-über dem Rockkragen von links nach rechts. Er war Musikstudierender
-gewesen, von durchschnittlichem Talente, und weil
-er dazu noch ein Herz von Gold besaß, so war seine Begabung
-auch nach der rein menschlichen Seite fast lebensgefährlich.
-Der blonde Erich hatte damals ein Stipendium von dreihundert
-Mark bekommen, deshalb erwog er die Frage, ob
-er nicht umsatteln und sich dem Bankfach widmen sollte …
-Nun, Finanzminister schien Erich Meyer inzwischen ja nicht
-geworden zu sein. Aber den lieben weltfremden Idealisten
-mußte man sich wieder einmal bei Licht betrachten!</p>
-
-<p>Ach ja, was mußte man sich in diesen neuen Tagen in der
-alten Heimat nicht alles betrachten: die Häuschen im Apfelgarten;
-den Zaun, wo der Maler Jockele aus dem Tartarus<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-den Berg der Seligkeiten gemacht und hernach mit dem Grabscheit
-zertrümmert hatte! Es war seine letzte Missetat in
-Farben gewesen. Man ging zu dem Kastanienstamm, in
-dessen Rinde die Namen Do und Jo in schlichter, aber unlösbarer
-Verschlingung geschnitten waren. Frühling nach
-Frühling hatte die tiefen Spuren der Klinge fast zugezogen.
-Jede Seite des bunten Lebensbuches von damals blätterten
-sie um. Aus jeder stieg's wie der Klang einer silbernen Trompete
-und schmetterte ihnen in die Herzen &ndash; Leben, o Leben!
-Liebe, o Liebe! Jugend, o Jugend! Welch ein herrlicher
-frohgemuter Kampf war das gewesen!</p>
-
-<p>Es stand noch alles wie damals. Auch die alten Menschen
-standen noch. Die Dame mit den kraushaarigen grauen Hunden
-begegnete ihnen &ndash; vor Zeiten waren es drei gewesen, jetzt
-waren's vier. Sie schlug noch immer die grüne Stille tot
-mit ihrem brutalen Pfiff, und sie wogte noch immer die gemütvolle
-Baumstraße lang wie ein neapolitanischer Schiffer;
-aber ihre Strickmütze war blau. Nur eins war neu geworden:
-»Haus in der Sonne« stand in schwarzer Schrift an der weißen
-Gartenpforte. Oben auf dem First dieses Hauses in der Sonne
-war eine Leier. Vor der Tür stand ein kleiner Junge mit
-einer roten Zipfelmütze und präsentierte seine Holzflinte.
-Und es sang jemand zum Fenster heraus. Hoh! &ndash; Wegen
-der Leier und der dunklen Frauenstimme dachten sie an
-Kordula Gunkel, wie sie nun römische Schlendertage hielt
-und doch auf dem Kriegspfade war … Und das kleine Haus
-neben dem mit der Harfe stand wie damals auf den Zehen,
-lugte rechts über die hohe Gartenmauer und duckte sich nach
-vorn hinter grüne Hecken. Und die beiden glückseligen Menschen,
-die darin wohnten, saßen in ihrem Fichtenwinkel und pfiffen
-noch immer ganz leise auf die Welt. Das mußte doch sehr
-unterhaltsam sein!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p>
-
-<p>Und richtig, auf dem Heimweg vor der Wildenbruchmauer
-wippte Erich Meyer den Pfad entlang! Wie er Jockele und
-die leuchtende Do und die gescheite Gwendolin erkannte,
-erging er sich in einer ehrfürchtigen Verbeugung und trat
-hinab auf den Fahrdamm. Er hatte &ndash; im Gegensatz zu seinen
-Nachbarn in dem kleinen Hause &ndash; ungeheueren Respekt
-vor der Welt.</p>
-
-<p>»Ah, sieh da, lieber Meyer! Wie steht's mit dem Finanzminister?«
-rief Jockele und faßte ihn an beiden Händen.</p>
-
-<p>»O,« sagte er, »es war ein Plan Hansens im Glück. Aufgegeben,
-verehrter Herr Doktor! Was muß man nicht alles
-aufgeben in diesem Leben!«</p>
-
-<p>»Na, und was machen Sie sonst, lieber Herr Meyer?«
-fragte Do.</p>
-
-<p>»Musik, gnädige Frau, ungeheuer viel Musik. Ich gebe
-Unterricht und wohne im Haus mit der Harfe &ndash; das
-spricht sich bequemer, eigentlich ist es ja wohl eine Leier.«</p>
-
-<p>»Und die haben sie sich als Wahrzeichen dahinaufsetzen
-lassen?«</p>
-
-<p>»O nein, nicht ich!«</p>
-
-<p>Zwei Herren schritten grüßend an dem fröhlichen Trüpplein
-vorüber: ein hochgewachsener junger Mann mit dunklem
-Vollbart und ernstem Gesicht war der eine. Es war ihm anzusehen:
-er war ein Künstler, wußte zu sinnen und wußte zu
-schweigen. Ein Licht ging an in seinen großen braunen
-Augen, als er Gwendolin erkannte. »Sagen Sie, Herr Meyer,
-war das nicht der Porträtmaler Schaffrath?« fragte Gwendolin
-mit leiser Verstellung; denn es lockte sie, zu erfahren, was
-aus diesem tüchtigen und strebsamen Menschen geworden wäre.</p>
-
-<p>»Ja,« antwortete er, »der Schlachtenmaler. Er hat im
-Vorjahr ein Panorama gemalt, in Dresden oder Leipzig &ndash;
-ich weiß es nicht mehr. Es heißt: er kann ungeheuer viel.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>»Und der ältere Herr, der bei ihm war?« fragte Jockele. &ndash;
-»Ein Gelehrter, der Professor Salzer.« &ndash; »Wahrhaftig,
-er war's,« sagte Jockele. »Ich habe ihn vor Jahren flüchtig
-kennengelernt und habe den Wunsch, diese Bekanntschaft
-zu erneuern. Der Professor ist der Mann für meine Frau,«
-setzte er scherzend hinzu. Und Meyer sagte: »Es wird nicht
-lange dauern, dann ist Schaffrath auch Professor, an der
-Kunstschule, und wohl gar Direktor.«</p>
-
-<p>»Ich glaube, er hat sich einmal in meiner Jugend für mich
-interessiert,« sagte Gwendolin zu Do.</p>
-
-<p>Darüber mußte Do lachen. »Du <em class="gesperrt">glaubst</em>? So etwas
-weiß man doch, wenn man solch helle Augen hat.«</p>
-
-<p>»O, bei Schaffrath weiß man das nie,« sagte Gwendolin.
-»Wenn ich mich recht erinnere, hat man ihn damals nie in
-Gemeinschaft anderer gesehen, er pflegte keine Freundschaften,
-und er war nie im Kaffee. Er hatte auch keine Erlebnisse
-mit Frauen &ndash; trotz der Weisheit Jockeles.«</p>
-
-<p>»Vielleicht ist er die Ausnahme von der Regel,« sagte Jockele.
-»Aber woher kam dir dann der Glaube, daß er sich für dich
-interessierte, teuerste Gwendolin?«</p>
-
-<p>»Nun, er ging nie ohne Gruß an mir vorüber,« sagte sie.
-»Ich weiß, das ist damals von den Malmädchen und in der
-Stadt sehr beachtet und bemutmaßt worden.«</p>
-
-<p>Sie fanden, daß die Straße zu so bedeutenden Gesprächen
-nicht der rechte Platz wäre. Deshalb reichte Gwendolin Herrn
-Meyer die Hand.</p>
-
-<p>»In einigen Tagen hoffen wir auf Ihren nachbarlichen
-Besuch, lieber Meyer,« sagte Jockele.</p>
-
-<p>»O,« sagte der in ehrlicher Bescheidenheit und deutete
-an seinem fadenscheinigen Rock hinab, »zuviel Ehre für einen
-armen Musikmeister.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, dichten Sie keine Tragödien, Meyer,« sagte Gwendolin,
-»bei Jockeles sieht man das Herz an.«</p>
-
-<p>Erich Meyer war erschüttert. In seiner Dachkammer sank
-er auf den Stuhl und dachte: vor ein paar Jahren war er
-mit diesem vornehmen Doktor Sinsheimer durch den Park
-gezogen &ndash; damals war der ein schlechter Zigeuner gewesen …
-»aber ein guter Musikant!« sagte Erich Meyer und holte
-einen tiefen Seufzer aus seiner Brust.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Als sie nach Hause kamen, lag da ein Schreiben der Staatsanwaltschaft
-in Hamburg an Frau Doktor Doris Sinsheimer.
-Es war nach der Insel Nane Thords gerichtet gewesen
-und nachgesandt worden. Darin stand: Es befindet sich in
-Hamburg seit drei Wochen ein junger Mann namens Rolf Krake
-in Untersuchungshaft. Er hat sich der Polizei gestellt und behauptet:
-»Ich habe meinen Bruder, den Doktor Woldemar
-Krake, vor acht Tagen erschossen. Den Ort sage ich nicht: ich
-nehme an, die Bluttat ist der Bevölkerung verschwiegen worden,
-die ich durch eine Untersuchung an Ort und Stelle nicht beunruhigt
-sehen mag. Ich glaube auch nicht, daß außer mir
-ein Mensch von dem Verbrechen weiß, da mein Bruder im
-Augenblick seines Sterbens in eine unergründliche Tiefe
-versunken sein dürfte. Man wird ihn vermissen, aber man
-nimmt wohl an: er und ich haben sich heimlich von unserem
-damaligen Aufenthaltsort entfernt &ndash; ich weiß es nicht.
-Ob ich die Tat mit Überlegung und bei vollem Bewußtsein
-vollbrachte, kann ich nicht genau sagen. Ich bin mit der Absicht
-zu dem Tatorte gekommen, mich selbst zu töten. Es ist
-wahrscheinlich, daß der Mord die Folge eines psychologischen
-Vorgangs ist, den ich nicht in vollem Umfange zu erklären vermag.«
-Weiter stand in dem Schreiben: Es stimmen alle Angaben
-Rolf Krakes über seine Herkunft und seinen Bildungsgang.<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-In Kiel, wo er zuletzt Student war, ist er auf Reisen
-ins Ausland abgemeldet, ohne nähere Bezeichnung des
-Aufenthaltsortes. Er hat Frau Doris Sinsheimer angegeben
-als diejenige, welche den von ihm erwähnten »psychologischen
-Vorgang« mit größerer Sicherheit darstellen könnte als er
-selbst. &ndash; Do wurde aufgefordert, aus dem Auslande zunächst
-einen schriftlichen Bericht an die Hamburger Staatsanwaltschaft
-zu senden.</p>
-</div>
-
-<p>Die Erregung über diese Botschaft glich einer totalen
-Sonnenfinsternis: sie brachte eine bleierne Schwere, die den
-Atem beengte, aber sie ging rasch vorüber. Sie wich der
-freudigen Genugtuung, daß dem unglücklichen Freund ein
-großer Dienst geleistet werden konnte.</p>
-
-<p>»Wie hab' ich ihn gequält, damals, ehe ich dem Rätsel
-in ihm auf den Grund kam: dem Weg des Hasses gegen sich
-selbst, in dem eine Stelle ist, an der immer Woldemar Krake
-auftaucht und für ihn zum Träger des Hasses wird&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sage: ein Blitzableiter an der höchsten Stelle des Hauses,
-der den Funken auf sich zieht,« warf Jockele ein. Dann begab
-er sich in sein Arbeitszimmer, schrieb einen langen Bericht
-und nahm darin das eigentümliche Räderwerk dieser Seele
-auseinander und setzte es kunstgerecht wieder zusammen.
-Es wurde darüber Abend, es wurde Nacht, und es graute
-der andere Tag: es war ein Buch geworden, das Jockele verfaßt
-hatte. Darin fand sich alles geschildert, was sich am Skjold
-ereignet hatte, wie sie den Verletzten mit zwei Wunden gefunden,
-die so leicht gewesen waren, daß nicht einmal alle des kleinen
-Kreises Kenntnis von dem Vorfall erhielten. Es war die
-jetzige Wohnung Woldemar Krakes angegeben; es war das
-Verhältnis Rolfs zu den Freunden geschildert und die Eigenart
-seines wissenschaftlichen Interesses; es waren Auszüge
-aus seinem Tagebuch beigefügt, und es wurde der Tatort<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-mit Anschaulichkeit gezeichnet, dessen Lage in Rolf Krake die
-Meinung erweckt hatte, der Bruder wäre in den schäumenden
-Wassern versunken. Über den seelischen Druck, unter dem
-Rolf seit den Tagen des Knaben gelebt hatte, über die Ursachen
-und das Wachstum dieses Druckes gelangte Jakobus
-zum Letzten und Schwersten: zu der Darstellung des psychologischen
-Vorgangs im Augenblick der Tat &ndash; Rolf sieht sich
-von seinem Bruder verfolgt, wiewohl er es selbst ist, der sich
-verfolgt; im Grunde hat er die Liebe zu Hanna von Fellner
-längst überwunden &ndash; zuletzt vielleicht, weil er sich sagte:
-sie wird sich ja doch für den Bruder entscheiden. Und dennoch
-benützt er diesen Verzicht als Vorwand zu seinem Selbstmord:
-er richtet die Waffe gegen sein Herz. Als er schon den Daumen
-um den Abzug krümmt, wird er von dem Bruder gestört.
-Wiederum von diesem Bruder, der ihm, seiner Meinung nach,
-den Weg zu Glück und Leben vermauert &ndash; soll ihm von dem
-nun sogar der Weg zum Sterben verwehrt sein? … Undurchdringlich
-sinkt die Finsternis des Hasses in ihn. Vier
-Kugeln sendet er nach dem Bruder und &ndash; hat eigentlich auf
-sich geschossen: das mörderische Blei galt dem eigenen Spiegelbilde!
-Keine Eifersuchtstat, keine Rache, keine perverse Lust
-an fremdem Blut, nichts von Mordgier, nichts von Gemeingefährlichkeit
-&ndash; sondern: ein »psychologischer Vorgang«,
-dessen Entschleierung die Aufgabe des Seelenarztes ist&nbsp;…</p>
-
-<p>Im Oktober reiste Do mit ihrem Manne zur Verhandlung
-vor dem Schwurgericht nach Hamburg. Woldemar hatte
-die Aussage verweigert, er war nicht da. Die Begegnung
-mit seinem Bruder sollte vermieden werden. Do wiederholte
-in ihrer klaren klugen Art, was sie von Rolf Krake wußte.</p>
-
-<p>Die Volksrichter sprachen ihn frei.</p>
-
-<p>Er verließ das Gerichtsgebäude mit Do und Jockele, war
-nicht fröhlich, war nicht traurig, und sagte: »Die große<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-Einsamkeit, die in diesen Wochen um mich gewesen ist, war
-sehr wohltätig. Kommt, wir wollen unter viele fremde
-Menschen gehen, wo es einsam ist. Und wir wollen nicht von
-gestern reden, sondern von morgen.«</p>
-
-<p>»Was wollen Sie denn morgen tun?« fragte Do.</p>
-
-<p>»Ich will in den Hardanger Fjord reisen und auf Nane
-Thords Insel wohnen,« sagte er.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Es wollte Abend werden. Oktoberabend. Der Sommer
-hauchte von irgendwoher in die Dämmerung unter den
-Bäumen am Horn, und aus dem gefallenen Laube dufteten
-Veilchen. Da gingen Do, Gwendolin und Jockele mit verschränkten
-Armen auf den Wegen des alten Gartens. »Mir
-ist, als wäre die Geschichte der Sturmschwalben noch nicht
-zu Ende,« sagte Gwendolin. »Es ist da wohl noch ein langes
-merkwürdiges Kapitel, das heißt ›Rolf Krake‹&nbsp;…«</p>
-</div>
-
-<p>»Und du wärest darauf gespannt?« fragte Do.</p>
-
-<p>»Vielleicht war es nur eine Überleitung von mir,« gestand
-Gwendolin, »es sind ja auch drei Sturmschwalben nach Rom
-verschlagen worden. Ich denke mehr an die, als mir lieb ist.
-Ich habe merkwürdige Ahnungen.«</p>
-
-<p>»Ahnungen!« sagte Jockele, »Henrik Tofte ist ein Mensch,
-an dem jede Berechnung zerschellt und vor dem auch jede
-Ahnung in tiefe Finsternis gerät.«</p>
-
-<p>»Darum flattern die meinen wie Fledermäuse. Ich glaube,
-es geht ihm nicht gut.«</p>
-
-<p>»Natürlich wird es ihm nicht gut gehen. Pah, was gilt
-das ihm! Fällt ihn heute der Teufel an, so stellt er ihn auf
-den Kopf, und es wird morgen der liebe Gott daraus. Er
-mißt sein Schicksal immer so, daß nie ein richtiges Unglück
-herauskommt. Na und schließlich: er weiß uns ja zu finden.«</p>
-
-<p>»Niemals!« sagte Gwendolin. Dann verscheuchten ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-Do und Jockele die Fledermäuse und wurden alle drei lustig
-an Henrik Tofte, der so lang war, daß er immer ganz vergnügt
-oben herausragte, wenn ihn sein Schicksal gleich einmal
-in recht tiefes Wasser warf. »Er hilft sich selbst,« sagte Jockele,
-»und Rolf Krake hilft sich auch selbst, man muß ihn allein
-lassen &ndash; lebensgefährlich ist das Leben nur für Erich Meyer.
-Erich Meyer ist ein Mensch, der sich seit zehn Jahren in einemfort
-aufrichtet. Aber er hat gleich eine Waffe zur Hand, mit
-der er sich ebenso unausgesetzt niederschlägt: sein goldenes
-Herz. Ich wette, ehe er in die Dachkammer dieses Erholungsheims
-geraten ist, hat er dreimal sein Bett verschenkt. Und
-den Stuhl, für den er einmal das Geld besaß und verschenkte,
-den hat er sich bis heute nicht angeschafft. Aus lauter Bescheidenheit
-geht er jetzt einen anderen Weg zur Stadt, nur
-damit er nicht durch unsere Tür gerät. Do, liebste Do, dieses
-Märchen mit dem Goldherzen könntest du zu einem vernünftigen
-Ende dichten!«</p>
-
-<p>»Nun, und du?« fragte Gwendolin. Da setzte Jockele ein
-geheimnisvolles Gesicht auf. »Ha!« sagte er, »ich glaube,
-ich bin durch die Erlebnisse des Sommers ein bißchen aus
-dem Sattel gekommen« &ndash; er klopfte Gwendolin sanft auf
-die Achsel &ndash; »du, mir scheint, ich stehe wieder einmal am
-Zaune des Tartarus, um auf den Berg der Seligkeiten zu
-steigen! Seit ich mich schreibenderweise in die Rätselseele
-Rolf Krakes vertieft habe, sind mir Flechten und Frösche
-eine etwas trockene Materie geworden.«</p>
-
-<p>Gwendolin schloß ihn in komischer Rührung in ihre Arme.
-»Hurra! Meine Ahnungen! Meine Ahnungen!«</p>
-
-<p>»Es ist wahrhaftig so,« sagte er, »das Beste hab' ich dem
-Hamburger Gericht nämlich gar nicht aufschreiben können &ndash;
-na, nennen wir es mal: den Ertrag des spekulativen Denkens.
-Es sind seit jenen Tagen allerhand Lockungen da, zum<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-Beispiel Henrik Tofte. Seht, diesen Menschen möcht' ich mal
-aufschreiben; den möcht' ich mal auf einem Haufen Papier
-zum Bilde Gottes erschaffen, zu dem er sich selbst nie erschaffen
-kann! Ich gehe seit einigen Tagen in einem wunderlichen
-Zustand umher: als Gelehrter dacht' <em class="gesperrt">ich</em> &ndash; jetzt denkt es in mir;
-als Gelehrter schrieb <em class="gesperrt">ich</em> &ndash; jetzt aber fängt es in mir an zu
-schreiben&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wie es in mir malt,« unterbrach ihn Gwendolin lachend.</p>
-
-<p>»Ja, so wird es wohl sein.«</p>
-
-<p>»Ich finde, es ist bei uns immer ungeheuer viel los,« sagte
-Do, »Gesellschaften will er geben, dichten will er, Erich Meyern
-wollen wir einrichten, die Tante Veronika soll kommen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach, Teufel,« machte Jockele, »da müssen wir das Dichten
-und den ersten Gesellschaftsabend doch noch aufschieben!
-Aber bereiten werden wir Haus und Herzen für beides;
-denn das mag Tante Veronika gern leiden.«</p>
-
-<p>Also gingen sie ans Werk und sannen ein Zimmer nach
-dem anderen, sannen das ganze Haus in seiner Einrichtung
-um, wie es ihrem Wohlbefinden und ihrem anderen Geschmack
-entsprach. Das hatte gleich in den ersten Tagen geschehen
-sollen, aber die waren ja voll gewesen bis zum Rande. Doch
-nun waren sie in Schwung, stellten einen großen Rumor
-an, wirbelten zwischen dem Diener Fritz und einigen Handwerkern,
-wirbelten zwischen der Köchin und dem Zimmermädchen
-herum und fanden das nach den mannigfachen
-Erschütterungen der Gemüter äußerst beruhigend. Zuletzt
-kamen der Wintergarten auf der einen und die Vorhalle
-mit dem Treppenaufgange an der anderen Seite daran.
-Im Wintergarten hinter den doppelten Scheiben wirkte Do.
-Sie schuf ein liebliches Wunder aus Palmen, Grün und
-Blumen und dem Strahle des Springbrunnens, der nun
-klingend über Kristall fiel. In der Vorhalle ließen Jockele und<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-Gwendolin schön geschnittene Säulen aus Lorbeer wachsen,
-und auf den Trägern vor der Treppe glühte das Licht in
-Schalen aus buntgewürfeltem Glas. Es war schön und
-heimelig &ndash; beides.</p>
-
-<p>Erich Meyer war der erste, der kam &ndash; glücklich und unglücklich
-wie stets im Leben. Vor dieser neuerschaffenen Welt
-verzagte ihm das Herz. Zum Glück hatte Gwendolin seinen
-Schatten in der Dämmerung durch die Gartenpforte huschen
-sehen; weil sie danach im Hause nichts von ihm hörte, ward
-sie von einer Ahnung getrieben &ndash; und wahrhaftig: da stand
-Herr Meyer in der Vorhalle zwischen den Lorbeersäulen
-und den stillen dunklen Bildern der Wände und den Glasschalen,
-die aussahen, als wären sie mit leuchtenden Steinen
-gefüllt bis oben hin &ndash; ja, da stand Erich Meyer, hatte beide
-Hände auf sein goldenes Herz gepreßt und träumte, er erlebe
-ein Märchen … denn über den Hintergrund seiner Erinnerung
-zog er selber mit Jockele dem Zigeuner.</p>
-
-<p>»Na, Meyer!« sagte Gwendolin in ihrer lustigen Art.</p>
-
-<p>»Ach, Fräulein Gwendolin, Fräulein Gwendolin … kann
-ich denn da&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Natürlich können Sie! Kommen Sie nur.«</p>
-
-<p>»Wie glücklich, daß ich gerade Sie hier treffe! Man ist
-doch gleich viel mutiger.«</p>
-
-<p>Dann saßen sie in dem Zimmer mit den braunen Ledersesseln
-&ndash; Do, Jo, Gwendolin und Erich Meyer &ndash; und tranken
-Tee. Erich Meyer brauchte zwar geraume Zeit, sich an dem
-Gedanken aufzurichten, daß diese lichten frohen Menschen
-das Herz ansähen; dann aber beteuerte er: diese Stunde
-wäre das tiefste Erlebnis in seinem Dasein. Das kam auch
-daher, weil sie ihn alle drei gleich in Reparatur nahmen.
-»Wir wollen durchaus einen richtigen jungen Mann aus
-Ihnen machen, Herr Meyer,« gestand Gwendolin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span></p>
-
-<p>»O,« sagte er. Es klang dankbar und wehmütig.</p>
-
-<p>Und Do dachte: die Zahl der Sturmschwalben unter den
-Menschen ist nicht zu zählen &ndash; der eine treibt's so, der andere
-anders &ndash; aber Sturmschwalben sind sie fast alle … zu leicht
-zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer, Sturmschwalben,
-wo nehmt ihr den Mut zum Leben her?</p>
-
-<p>Gwendolin schoß Leuten gegenüber, wie Meyer, gern ein
-bißchen über das Ziel. Sie konnte sich nicht helfen: sie fand
-ihn komisch. Und wenn sie gleich jeden Satz mit »lieber
-Meyer« begann, so lag darin zwar ein bißchen warmes Mitleid,
-aber der Spott schwamm oben darauf und deckte das
-Mitgefühl zu.</p>
-
-<p>Der Musikant war empfindsam, aber die Empfindlichkeit
-hatte er vor der Welt verlernt; denn mit Spott begegneten
-ihm sogar Menschen, gegen die er in jeder Beziehung ein
-bedeutendes Licht war. Wie eine Blume, die im Schatten
-blüht, wandte er sich Do zu. Da merkte Gwendolin, daß sie
-und auch Jockele in dieser Stunde nicht am rechten Platze
-wären, und sie sagte: »Lieber Meyer, den Doktor und mich
-beurlauben Sie wohl für heute; wir haben im Büchersaal
-noch alle Hände voll zu tun.« Damit preßte ihn Gwendolin
-mit sanftem Druck in seinen Sitz zurück; denn der
-arme Musikant schickte sich gleich in tiefer Betretenheit
-zur Flucht.</p>
-
-<p>»Gnädige Frau, ist es wirklich wahr, daß ich gern bei Ihnen
-gesehen bin?« fragte er, als er mit Do allein war.</p>
-
-<p>»Ganz gewiß,« sagte sie in ihrer leuchtenden Art, »und nicht
-nur, weil wir nebenan einen sehr schönen Blüthner stehen
-haben, für den wir drei viel zu unmusikalisch sind.«</p>
-
-<p>»O, wenn ich Ihnen mit meiner bescheidenen Begabung
-Freude machen könnte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, das können Sie,« lächelte Do. »Was meinen Sie zu<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-einem kleinen musikalischen Tee, immer an Donnerstagen
-von Fünf bis halb Sieben?«</p>
-
-<p>Es fiel ein Sonnenregen über Erich Meyers Herz. Dann
-saß er draußen an dem Blüthner, nur für zwei dankbare
-flüchtige Minuten &ndash; da regnete es immer weiter, und es
-war zu sehen und zu hören, welch selige Erquickung diesen
-armen Menschen segnete. Er dachte, er wäre zu schlecht,
-der schlanken lichten Frau die Hand zum Abschiede zu bieten.
-Da reichte sie ihm alle beide und sonnte ihre Güte noch einmal
-über den Rausch seines Glückes. Und dann stand draußen in
-der Vorhalle der Diener Fritz und öffnete ihm die Haustür
-und hatte eine herrlich weiße Krawatte vor &ndash; »So lange
-haben Sie auf mich gewartet?«</p>
-
-<p>»O nein,« lächelte Fritz und machte eine tiefe Verbeugung
-vor dem armen Musikanten. Der aber flog auf breiten Flügeln
-davon und flog in den abenddunklen Park, in dem die Herbstnebel
-schwammen. Wunder Gottes, Wunder Gottes, es
-wurde immer heller um ihn. Juhu!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Wieder nach ein paar Tagen waren Haus und Herzen
-fertig. Da kam Tante Veronika aus Ibenheim am Walde.
-Aber diesmal kam sie im Wagen, und Do, Jockele und Gwendolin
-hatten sie am Bahnhof erwartet. Sie ging noch immer
-an dem gleichen gelben Krückstock, und sie trug noch immer
-einen Kapotthut mit veilchenfarbenen Bindebändern und
-trug die cremefarbenen Handschuh. Und sie hatte den Umhang
-mit sanft flimmerndem Jett über den Achseln, hatte noch
-die klaren Augen, und die weichen Wellen des Haars um
-Stirn und Schläfen, und sie sah noch immer so schmuck und
-fein aus, als hätte sie der liebe Gott aus seinen Sonntagshänden
-gerade erst auf die Erde gesetzt. Ihre Seele tat einen
-Rundblick aus den blankgeputzten Fensterlein unter der Stirn<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-und erkannte: es ist alles gut. Aber Do mußte ihr schon
-im Wagen gegenüber sitzen; denn die Do war ihres Glückes
-Erfüllung. Und ihr mußte sie immer einmal aus dem heimeligsten
-Winkel ihres Herzens zublinzeln; das hieß: »Wir
-zwei, wir haben ihn aus dem Walde gezogen.«</p>
-</div>
-
-<p>So kamen sie heim. Erich Meyer war ein Fremdling in
-diesem Hause gewesen &ndash; Tante Veronika paßte allenthalben:
-wie eine blühende Pflanze auf den Geburtstagstisch oder
-an das helle Fenster. Aber als sie durch die schönen ruhevollen
-Zimmer geschritten war, in der die Jugend einer anderen
-Zeit mit so viel Klugheit und Hingebung gewaltet hatte,
-da war ihr doch: der liebe Gott stünde an der letzten Türe,
-lachte sie aus seinen Himmelsaugen an und reichte ihr einen
-schönen Strauß aus gelben Rosen, die sie vor allen liebte;
-und sie machte ihm einen respektvollen Knicks. Dann aber
-preßte sie Do gleich ihr liebes gerührtes Gesicht ans Herz&nbsp;&ndash;:
-»O, laßt mich nur weinen; gäbe es denn ein reineres Glück,
-als in Freude zu weinen über seine Kinder?«</p>
-
-<p>So waren sie durch innige und frohe Stunden beieinander,
-diese drei Menschen, von denen Henrik Tofte gesagt haben
-würde: »Es ist unheimlich, an ihnen der Besinnlichkeit des
-Schicksal nachzuspüren, das man gemeinhin gedankenlos
-nennt.«</p>
-
-<p>Daran dachten sie und belustigten sich über die Maßen, denn
-es lag auf dem weiten klaren Wege, von der Schwelle des
-Zigeunerfindlings an bis zu dieser Stunde, nichts, als was
-von tüchtigem und klugem Menschenwillen an seine Stelle
-geleitet worden war.</p>
-
-<p>Tante Veronika blieb drei Tage, blieb genau so lange,
-daß sie sagen konnte: »Nun hab ich auch diesem Abschnitt
-eures Lebens kennengelernt, und es ist mir, als wäre ich
-stets um euch gewesen.« Gleich an dem Abend, an dem sie<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-wieder in ihrem Ibenheimer Stübchen saß, geleitete Mali
-den Herrn Peter Squenz herein, den früheren Gemeindevorsteher,
-der nun ein sehr alter Mann geworden war; denn
-Herr Peter Squenz verlebte seine Ruhejahre in dem »Wunder«,
-das an dem kleinen Zigeunerjungen geschah. Er sagte, es
-wäre unausstaunlich &ndash; hätte er denn sonst seine schwarze
-Schirmmütze in der Hand behalten, während er mit dem Doktor
-Sinsheimer gesprochen, als sie damals alle nach Bonn reisten?
-Tante Veronika und Herr Peter Squenz waren gute Freunde
-geworden, o ja, aber vor seinem Wunderglauben funkelte
-sich die alte Dame in einen lustigen Spott.</p>
-
-<p>Doch Herr Peter Squenz war nicht der einzige, der sich
-an dem Märchen ergötzte, das sich da durch die nüchterne
-Gegenwart lebte. Es waren noch die hundert Leute um ihn
-her, die der Tante Veronika vor etlichen zwanzig Jahren
-hatten weismachen wollen: wenn der kleine Zigeuner erst
-mal ein großer Zigeuner geworden, dann würde er im Walde
-von Ibenheim ein Räubergeschäft aufmachen!</p>
-
-<p>Und da war auch noch das Zinzilein im Forsthause weit
-draußen vorm Berge der Frau Venus. Das Zinzilein hatte
-dem Jockele an seinem ersten Lebenstage das samtige Fellchen
-auf seinem Kopfe gebürstet und den kleinen Menschen
-im Puppenwagen spazierenfahren wollen. Nun war eine
-blonde hüftenfeste Frau Försterin daraus geworden, die
-selber ein ganzes Haus voll lebendiger Puppen hatte. Daneben
-hätschelte sie die liebe Frage: ob der Jockele mit seiner
-lichten Frau Do wohl einmal leibhaftig in ihr sehnsüchtiges
-Herz scheinen würde? O, das gäbe für dies Herz und seine
-Waldeinsamkeit einen großen Tag!</p>
-
-<p>Und da waren noch andere, die mit ihren Gedanken die
-hochgemuten Menschen suchten, die sich unter den alten Bäumen
-am Horn so wegsicher vorwärtslebten ins Leben; denn<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-Jockeles »Mädchenzeit« kannten sie nun alle. Und in ihrer
-Geschäftigkeit dichteten sie das kleine rote Jockelebuch auf eigene
-Faust weiter zu einem dickleibigen Lexikon; denn sie wußten
-ganz genau: es wäre ihnen in dem kleinen Buche aus triftigen
-Gründen manches verschwiegen worden, und just das
-wäre das Interessanteste. Was darüber hinaus passierte,
-wollten sie nun auch wissen; denn sie meinten, das wäre
-genau so bunt und springlebendig und schmeckte so nach Champagner
-wie die Geschichten aus dem Pflaumenwinkel. Deshalb
-war der Stufensteig, der vom Horn an Goethes Gartenhaus
-vorüber hinabführt in den Park, seit dem Tage ein
-heftig gesuchter Spaziergang für die Weimaraner, an dem
-es ruchbar wurde, Sinsheimers wären wieder im Lande.
-Die Gymnasiasten, die am Zaune vorübergingen, hinter dem
-der Jockele dem geheimnisvollen Augenaufschlag seiner
-Dichterseele zuschaute, erzählten sich von ihm und sagten:
-»Es ist eine großartige Sache!« Und damit fanden sie genau
-die gleichen Worte, die dem Zinzilein vor dreiundzwanzig
-Jahren aus seinem kleinen Munde gestolpert waren, als es dem
-Herrn Peter Squenz berichten sollte: droben bei der Tante
-Veronika wäre ein kleiner Jockele angekommen.</p>
-
-<p>Etliche von diesen vielen waren in der sehr freundlichen Lage,
-die Geschichte mitzuerleben, die sie »Jockele und seine Frau«
-nannten, schon lange bevor sie aufgeschrieben wurde. Es
-war aber nicht ganz leicht, in diese freundliche Lage zu kommen.
-Man durfte nun nicht mehr durch die Türen fahren
-wie vor ein paar Jahren im Pflaumenwinkel &ndash; nein, denn
-schon die eiserne Gartenpforte war verschlossen. Das deutete
-weder auf einsiedlerische noch auf menschenfeindliche Neigungen,
-sondern es hing mit jenem Augenaufschlag der
-Dichterseele zusammen. Das schien ein äußerst geheimnisreicher
-Vorgang zu sein. Ja.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p>
-
-<p>Hinwiederum gab es Abende, da strömte das Licht in
-goldenen Strömen bei Sinsheimers aus allen Fenstern,
-da sausten die Wagen durch die herbststille Baumstraße, da
-kamen elegante Herren und funkelnde Damen; denn es war
-bei Sinsheimers angeregt, klug, heimelig, und es blühte
-da eine Art, die sich nicht nachmachen ließ, weil sie außerhalb
-dieses Hauses eben nicht wuchs. Das war das Werk Dos.
-Und die blonde Frau Do war der helle Stern, der in jenen
-Tagen über dem Herzen Deutschland aufging. Sie war
-leuchtend, innig und schön. Aber verführerisch schön war
-Gwendolin. So standen sie nebeneinander: fröhliche Geistigkeit
-die eine, beseelte Sinnenfreude die andere. Die eine
-sonnig von Augen und Antlitz wie Märzhimmel &ndash; und sie
-konnte auch so kühl sein, wenn sie merkte, sie begegnete leerer
-Neugier &ndash;, die andere bald von träumerischer Melancholie,
-bald ein lachendes leichtgeschürztes Mädchen. Die eine liebte
-die geistreiche Unterhaltung, die andere wich einem galanten
-Flirt nicht aus; aber auch wo sie nur schelmische Zuschauerin
-war, begegnete sie sich mit Do und Jockele in dem Wunsch,
-einen Kreis erlesener Freunde um sich zu sammeln. Der
-blonde Graf Metting nannte das: »Frau Dos graziöse Kunst
-geistiger Geselligkeit.« Aber als wüßte er, daß er diesen
-Forderungen nicht allenthalben standhalten konnte, war er
-besorgt, sich durch seine frohe Laune unentbehrlich zu machen.
-Er war es auch, der für Gwendolin den Namen »Herzogin
-von Urbino« erfand. Die war die Freundin jener Isabella
-d'Este, die man in den Salons der Renaissance »<em class="gesperrt">la prima
-donna del mondo</em>« genannt hatte. Und so machte Graf
-Metting in diesem Namen auch vor Frau Do eine ritterliche
-Verbeugung, mochte er nun für Gwendolin ganz passen
-oder nicht &ndash; was lag ihm daran? Da legte die neue Herzogin
-von Urbino den Finger längs der Nase &ndash; von der träumerischen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-Melancholie, die sie aus dem Fjord mitgebracht hatte, war
-dabei nichts zu merken &ndash; und taufte ihn Fra Mariano. »Man
-ist hier unheimlich gescheit,« sagte Metting, »denn man ist
-noch gescheiter als ich!« Damit rettete er für sich die Lage,
-und Gwendolin erklärte ihm: erstens wäre Fra Mariano der
-bestgelaunte und schlagfertigste Gesell am Hofe Leos des Zehnten
-gewesen, und zweitens hätte er niemals Damengesellschaft gesucht
-… also passe dieser Name für ihn in jeder Hinsicht.</p>
-
-<p>Abneigung gegen Damengesellschaft &ndash; es war kostbar!
-Und bei dem »Fra Mariano« blieb es.</p>
-
-<p>So war auch der Scherz artig und funkelnd. Und dennoch:
-Fra Mariano hatte seine liebe Not; da war nämlich noch der
-Schlachtenmaler Richard Schaffrath, ein stolzer ritterlicher
-junger Mann mit dunklem Vollbart und nachdenklichen
-Augen. Wie Frau Do war er kein Freund lärmender Feste.
-Er war in sich gekehrt, in allen Dingen das Gegenstück zu
-dem Grafen Metting. Anderswo spielte er gern den philosophischen
-Eckensteher; in diesem Hause gab's dazu keine Gelegenheit.
-Man beachtete ihn hier sehr, und er erschien allen
-in gleicher Weise anziehend. Und da war drittens noch Henrik
-Tofte &ndash; er war zwar nicht leibhaftig anwesend, aber: die
-Welt ist eine Nußschale; und so dauerte es gar nicht lange,
-da hatte Fra Mariano das große Licht entdeckt, das im Lande
-der Mitternachtssonne um das größere Gwendolins gekreist
-hatte. Natürlich war daran Kordula Gunkel schuld, die ihre
-Berichte von römischen Schlendertagen an Weimarer Freundinnen
-sandte.</p>
-
-<p>Der Schlachtenmaler aber nannte Gwendolin »Flämmlein«;
-zuerst nur in den Erwägungen, die er wegen ihrer Wildrosenschönheit
-mit sich selber anstellte; dann auch vor den anderen.</p>
-
-<p>So war jedes Zusammensein farbig und abwechslungsreich,
-und Frau Do bildete die reizvolle Vermittlung zwischen<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-den Menschen von verschiedenster Art, die sich in ihrem Hause
-fanden.</p>
-
-<p>Als im Februar &ndash; in Rücksicht auf das große Frühsommerereignis
-&ndash; die Gesellschaftsabende aufhörten, war die Welt
-für viele um ihren lieblichsten Glanz gekommen. »Was
-machen wir nun?« fragte Fra Mariano Gwendolin verzweifelt,
-als er ihr im Park begegnete. &ndash; »Wir arbeiten
-und halten Einkehr,« sagte sie; denn sie wußte, das waren
-zwei Dinge, mit denen sich Graf Metting sein Lebtag nicht
-gern befaßt hatte. Er gehörte auch nicht zu jenen, die an den
-Donnerstagen zu dem musikalischem Tee geladen waren.
-Dazu versammelten sich nur wenige, nur die Intimen des
-Hauses. Vor allen: der Literaturprofessor Salzer, ein älterer
-Herr mit grauem Vollbart und einer Hornbrille mit großen
-Rundgläsern. Er galt als Sonderling. Von ihm stammte
-das Wort: »Um von den Menschen dieser Zeit als Sonderling
-verrufen zu werden, dazu gehört weiter nichts als Natürlichkeit.«
-Er hatte viele tüchtige literarische Werke verfaßt,
-um die sich sein Zeitalter nicht kümmerte. Nur ein einziges
-Mal hatte er die nähere Umwelt in Erregung versetzt. Wenn
-er arbeitete &ndash; und das tat er in der Regel &ndash; war er nämlich
-sehr empfindlich gegen jedes Geräusch. Er hatte in allen
-bewohnbaren Einsamkeiten in und vor der Stadt sein Nest
-gebaut, aber stets war für ihn etwas zu wünschen geblieben,
-was er sich unmöglich versagen konnte. Vor allem liebte er
-des Tags einmal eine reich besetzte und vornehm ausgestattete
-Tafel; dazu ein Glas erlesenen Weins, den er aber nur bei
-der Mahlzeit trank. Er war ein wohlhabender Mann, und
-dennoch drohte an der Wohnungsfrage das Glück seines einspännigen
-Lebens zu zerschellen. Endlich machte er im Turme
-der Hofkirche zwei Stübchen ausfindig. Er mußte dahin
-einhundertneununddreißig Stufen emporklettern. Doch &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-das verschlug ihm nichts. Mit Hilfe der Großherzogin errang
-er die Wohnung im Turm, lebte seit Jahren hoch über allem
-Dasein und pries sich als den Glücklichsten der Menschen.
-Wahrscheinlich hatte er recht. Frau Do war seine himmlische
-Liebe. Man sah ihn an Donnerstagen immer zur gleichen
-Minute über die Sternbrücke schreiten, wo er in den kleinen
-Steig nach dem Horn einbog, und immer hatte er einen
-Strauß der schönsten Blumen in der Hand; denn Frau Do
-war seine himmlische Liebe! Vielleicht war es die einzige
-Herzensangelegenheit, mit der er sich in seinem Leben befaßt
-hatte. Und gerade damit stand er nun nicht allein. Aber das
-war damals noch nicht zu ahnen. Im Haus am Horn hieß
-er der Kürze halber »die Würze des Lebens«. Man verschwieg
-ihm das ebensowenig, wie er aus seiner himmlischen Liebe
-ein Hehl machte. Sein Name Salzer spielte dabei nur die
-Rolle des Zufalls; denn man hörte, sann und freute sich an
-ihm die kargste Stunde in helles Licht. Ohne den Professor
-war das Haus am Horn nicht mehr zu denken. Er kam, wenn
-er wollte, und war blank wie die Tante Veronika. So war
-er auch nach dieser Seite hin ein einziger seiner Art.</p>
-
-<p>Außer ihm waren der Schlachtenmaler Richard Schaffrath
-und der Musikant Erich Meyer da. An Schaffrath schätzte
-er die gesammelte Kraft, an Erich Meyer die Bescheidenheit
-und Entwicklungsfähigkeit; denn Meyer &ndash; oho, wie war
-dieses Blümlein Wegwart über Winter aufgeblüht! Die
-Wandlung ging so weit, daß er selbst den klingenden Namen
-Meyer verloren hatte. Er hieß nun Cornelius, Peter Cornelius.
-Das hatte der Professor erfunden. Erich Meyer mit dem
-stracken Blondhaar und dem gut modellierten Profil sah auch
-geradeso aus wie der Komponist des »Barbiers von Bagdad«.
-Auch seine Kunst ging auf den gleichen Bahnen.</p>
-
-<p>So flogen die zwei Stunden der Donnerstage rasch und<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-tiefbeseelt vorüber und blieben freudig ersehnt von allen.
-Es wurde dabei vom gesamten schöngeistigen Erleben der
-Welt gesprochen; und es lag auch ganz in der Art dieser Menschen,
-von ihren eigenen Wegen zu reden. Nur über Jockeles
-aufgehendes Lebensziel wurde geschwiegen. Davon wußten
-für lange, lange bloß Do und Gwendolin. Aber der Same,
-den Do in jener jungen Zeit ahnungslos ausgestreut hatte,
-in der dem Jockele das Hirn brauste vor den Fragen: »was
-wissen Sie von Goethe, Schiller, Wieland, Wildenbruch?«
-dieser Same hatte ohn' Unterlaß gekeimt und Wurzel gefaßt.
-Das erkannten sie nun und wußten: damals war er gesäet
-worden, als Do dem Zigeuner Jockele die deutsche Literatur
-an einem Bindfädlein zum Fenster im Pflaumenwinkel
-herabgelassen hatte! Und vor dieser Erkenntnis legte
-der Doktor eines Abends seiner Frau den Arm um den Nacken
-und sagte zu ihr: »Was hab' ich denn nun, das mir nicht von
-dir gekommen wäre, du mein lieber Segen?«</p>
-
-<p>Es wuchs vieles aus den sicheren Händen Dos &ndash; von
-Jockele gar nicht zu reden; denn der war sozusagen der nächste
-dazu. Bei dem sanften Erich war es zum mindesten kein
-Wunder, daß in ihrer schönen Sonne aus der Raupe ein
-Schmetterling, aus dem Meyer ein Cornelius wurde. In
-die vorweihnachtlichen Gesellschaften aber hatte er sich nur
-getraut, wenn ihm Do unweigerlich erklärte, daß er unabkömmlich
-sei. Das lag teils an seiner Außenseitigkeit, teils
-an seiner Außenseite. Deshalb gab ihm Do die Erklärung im
-Wintergarten, wo sie beide allein waren. Und eines Tages
-bekam er vom ersten Schneider der Stadt einen Brief; darin
-wurde er gebeten, sich Maß nehmen zu lassen zu zwei neuen
-Anzügen. Doch diese Einkleidung mußte mit einem großen
-Aufgebot von List vorgenommen werden: es wären Rester,
-erzählte ihm der Schneider. Das versöhnte den bescheidensten<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-der Musikanten, langte aber nicht. Da mußte weiter gelogen
-werden: der Schneider habe ihn einmal Klavier spielen hören
-und darüber den Entschluß gefaßt. Das rührte den armen
-Menschen so, daß er den nächsten Donnerstag nicht erwartete,
-sondern gleich am Sonnabend aus dem Himmel seines Glücks
-in Dos Wintergarten fiel und es ihr als ein tiefes Geheimnis
-offenbarte. Do freute sich mit ihm. Und da sie gerade um
-die Pflanzen beschäftigt war, gelang ihr auch das nötige
-Aufgebot von Ahnungslosigkeit. »Nun passen Sie nicht mehr
-in die schiefe Dachkammer, Cornelius,« sagte sie.</p>
-
-<p>»O, ich träume von einem Haus zum Alleinbewohnen,«
-scherzte er.</p>
-
-<p>»Und ich von einem Stutzflügel für Sie,« sagte Do.</p>
-
-<p>Da sank Cornelius in den Rohrstuhl&nbsp;…</p>
-
-<p>»Nun ja, ich denke, Sie wollen eine Oper komponieren?«</p>
-
-<p>»Das tu ich ja schon, teure gnädige Frau! In meiner Kammer
-schreib ich's auf und am anderen Morgen geh' ich in den
-Erlkönig&nbsp;…«</p>
-
-<p>»In den Erlkönig?«</p>
-
-<p>»Ja. Das ist ein Gasthaus da drüben in der Nähe der Ilm,
-da haben sie ein Klavier&nbsp;…«</p>
-
-<p>So fand sich nun dieser Erich Meyer mit dem Leben ab!</p>
-
-<p>»Und Ihre Villa?« fragte Do.</p>
-
-<p>»Ach, da ist doch das kleine Dienerhaus im Apfelgarten,
-wissen Sie, wo Jockele mit der Husch den armen Heinrich
-aufgeführt hat und mit Felidora Geburtstag feierte« &ndash;
-Cornelius war wirklich sehr lustig &ndash; »und wohin Fräulein
-Gwendolin den Teekessel geschickt hat … gnädige Frau,
-gnädige Frau,« sagte er mit geheimnisreichem Gesicht, »ich
-glaube, in dem kleinen Haus steht ein großes Sprungbrett
-ins Leben!«</p>
-
-<p>Ein paar Tage später zog Peter Cornelius in den Apfelgarten;<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-denn Do machte ihm weis, das Wohnen dort wäre nicht
-nur nicht teurer als in der Dachkammer, sondern es kostete gar
-nichts. Es gehörte auch dazu wieder List; denn Meyer durfte
-es anders nicht erfahren. Dahinein kam auch der Stutzflügel
-aus Bonn, an dem Do im Flügelkleide geübt hatte.
-Erichs Glück war vollkommen. Er las um diese Zeit häufig
-und sehr nachdenklich den »Ring des Polykrates«.</p>
-
-<p>Auf einmal ward er drei Tage nicht in der Welt gesehen,
-obwohl er doch nun ein vornehmer Herr geworden war.
-Er erklärte sich diese drei Tage lang für den unglücklichsten
-Narren und hätte sich am liebsten sein undankbares Herz ausgerissen.
-Warum denn? Ach, er hatte da neulich im Wintergarten
-der Frau Do alle blutjungen Streiche an den Fingern
-hergezählt, die dem Jockele in dem kleinen Hause gelungen
-waren! Und das hatte dieser Erich Meyer fertiggebracht
-in dem Augenblick, in dem ihm Do den Stutzflügel verhieß!
-Nun kam er sich vor wie&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auf einmal donnerte es heftig an die braune Tür. Fra
-Mariano trat herein. »Sie, Cornelius, was wissen Sie denn
-von Gwendolin und Richard Schaffrath?«</p>
-
-<p>»Hm. Eigentlich weiter nichts, als daß sie gewissermaßen
-mit Henrik Tofte verlobt ist.«</p>
-
-<p>Diese Antwort war zusammenfassend. Sie wirkte wie
-Öl aufs Feuer. »Die Gwendolin hat sich wohl unsichtbar
-gemacht, was?«</p>
-
-<p>»Es ist nicht ihre Art,« sagte Meyer. Graf Metting hatte
-ihn immer ein wenig verspottet. Warum fand er sich nun in
-das kleine Haus? Er kam zu keiner glücklichen Stunde. Erich
-Meyer war aufgewühlt bis auf den Grund.</p>
-
-<p>»Ich &ndash; nun ich habe die Absicht, mich mit Fräulein Gwendolin
-zu verloben,« sagte Fra Mariano.</p>
-
-<p>»Wär' es nicht besser, Sie sagten ihr das selber?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p>
-
-<p>»Dazu brauche ich Sie natürlich nicht,« fuhr ihn Metting
-an, »aber Sie können doch zum Beispiel hier mal vierhändig
-spielen.«</p>
-
-<p>»Na, davon hätten Sie auch nicht sehr viel.«</p>
-
-<p>»Aber wenn ich dazu käme, teuerster Meyer, und Sie hätten
-gerade zum Beispiel eine Klavierstunde in der Stadt zu geben
-nach dem Spiel zu vier Händen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach, fällt mir ja gar nicht ein! Ich geh' überhaupt nicht
-mehr aus dem Hause, verstehen Sie wohl?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Metting und griff nach seinem Hut, »Frau Do
-geht nicht mehr aus dem Hause, Gwendolin geht nicht mehr
-aus dem Hause, Jockele nicht und Erich Meyer auch nicht &ndash;
-zum Donnerwetter, wollen Sie denn alle Kinder kriegen?«
-Fra Mariano schlug die Tür hart ins Schloß und stapfte
-zwischen Tag und Dunkel die Kastanienallee entlang.</p>
-
-<p>Er hatte dreimal vergeblich bei Doktor Sinsheimer vorgesprochen.
-Nun ging er zum vierten Male hin. Da wurde
-er von Jockele mit weitoffener Fröhlichkeit empfangen: sie
-wären über köstlichem Schaffen, Gwendolin male den Vorfrühling
-von allen Seiten, seit vierzehn Tagen wäre sie in
-Ibenheim bei Tante Veronika&nbsp;…</p>
-
-<p>Nein, es war kein Schatten Falschheit in diesem Lichte,
-das aus Jockele schien. Aber eine halbe Stunde später kam
-Gwendolin aus Ibenheim, und Fra Mariano fuhr gleich
-am nächsten Morgen hin. Fünf Tage später traf ein Brief
-von Tante Veronika ein; darin stand: es wäre seit einigen
-Tagen ein feiner junger Mann ums Haus gestreift, heute habe
-er sich ein Herz gefaßt und nach Gwendolin gefragt … er
-heiße Graf Metting.</p>
-
-<p>Es war eine Pflicht, die die aufmerksame Tante Veronika
-erfüllte. Jockele und Do lasen diesen Brief mit großer Heiterkeit
-und schickten ihn durch Fritz hinauf zu Gwendolin. Als<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-die aus ihrem Zimmer herunterkam, waren Professor Salzer
-und Erich Meyer schon da. Meyer berichtete von seinem Zusammenstoß
-mit Fra Mariano. Deshalb waren sie so ausgelassen
-lustig. Gwendolin aber hatte ihre melancholische
-Stunde. Sie lachte nicht, sondern sah Do mit ernsten Augen
-an und fragte: »Liebe Schwester Do, was soll ich denn
-nun tun?«</p>
-
-<p>Der Winter mit seiner feinen Geselligkeit hatte in ihr einen
-mächtigen Wandel vollbracht. Wenn sie allein war und nachdenklich
-und wohl auch ein bißchen traurig, sah sie nun der
-Herzogin von Urbino viel ähnlicher als dem Flämmlein.
-Dies andere Leben hatte ihr wohlgetan. Sie sehnte sich mit
-heißem Herzen aus ihrem sorglosen »Junggesellentume«
-heraus. Da stand Dos und Jockeles großes Glück, da
-stand die lautere, geregelte und kluge Art dieses Hauses, da
-war … es waren da tausend Dinge, die ließen ihr nun
-keine Ruhe.</p>
-
-<p>Es war von ihnen nicht mehr über Herzensangelegenheiten
-gesprochen worden seit jenem Tage im Fjord, der sich so
-grauenvoll über ihre Sonnenseelen gelegt hatte. Mit keinem
-Worte. Do liebte es nicht, bei jeder Gelegenheit Verbindungen
-zu erwägen. Sie hatte in solchen Dingen auch keinen Rat
-gewünscht, sondern hatte das mit ihrem Herzen und ihrer
-Klugheit ausgemacht. Und damals, auf dem Uferwege am
-Skjold, hatte sie mit Nachdruck ein Punktum dahintergesetzt,
-indem sie zu Gwendolin sagte: »Ich weiß kein Mädchen,
-das umworben ist wie du. Aber du kommst nicht dazu, deinem
-Herzen eine Aufgabe zu stellen.«</p>
-
-<p>»Ich werde mich daraufhin einmal ansehen,« hatte Gwendolin
-geantwortet und: »Die Ehe ist eine verdammte Kunst.«
-Nun sagte sie: »Ich wäre euch dankbar, wenn wir heute statt
-des musikalischen Tees einen Familienrat hielten.« Sie setzte<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-sich in den Ledersessel und dachte, sie hätte ein gefaßtes Herz.
-»Ich sehe, daß ihr auf meine Kosten vergnügt seid.«</p>
-
-<p>»Auf Kosten Fra Marianos,« sagte Jockele. Professor
-Salzer lächelte so in sich hinein; er hatte für Graf Metting
-nie viel übrig gehabt.</p>
-
-<p>»Das kommt auf eins heraus. Wie steht es mit mir? Es
-steht so: Ehemals habe ich meine Freiheit und Selbständigkeit
-sehr hoch bewertet &ndash; etwa wie ein reicher Mann seine Millionen;
-denn ich habe zu mir gesagt: dafür erstehe ich mir die halbe
-Welt. Dann kamt ihr und ließet mich mit euch ziehen. Ich
-bat euch damals halb wehmütig, halb lustig: eine schiefe Kammer
-werdet ihr in eurem großen Hause für Gwendolin, die Heimatlose,
-haben. Nun aber weiß ich: ich war in jener Stunde zum
-erstenmal ahnungslos. Ihr seid so lieb zu mir gewesen, und
-ihr habt das Leben angepackt mit euren guten und reichen
-Herzen, wie es mir nicht im Traume eingefallen wäre &ndash; das
-Leben und mich selbst. Und nun steh' ich vor euch mit leeren
-Händen und habe nachdenkliche Stunden. O, manchmal
-bin ich sehr traurig: darf das denn so weitergehen aus einem
-Jahr ins andere?« Da merkten sie, daß sich Gwendolins
-Herz auflehnte gegen sich selber und daß ihre Stimme zitterte.
-»Ach nein, liebe Do, spare dir deine Worte! Wie es in euch
-aussieht, das weiß ich. Aber jetzt kommt's wieder einmal auf
-mich an &ndash; endlich!« rief sie. »Mein Reichtum von einst &ndash;
-meine Freiheit &ndash; ist vertan. Ich mag ihn nicht wiedererwerben.
-Ihr habt mich ein Leben gelehrt, das ist schöner und
-beseelter … Ich bin kein Kindskopf. Deshalb hab ich mir nicht
-geschworen: dies Leben mach' ich euch in allen Stücken nach;
-aber ich habe mir gelobt: in meiner Art will ich euch ähnlich werden.
-Nun kommt Graf Metting und sagt, er liebt mich. Ist das
-nicht der Augenblick, in dem ich meinem Herzen die Aufgabe zu
-stellen habe? Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span></p>
-
-<p>Nach Gwendolins langer Rede mußte diese Frage kommen.
-Sie war peinlich &ndash; nichts als »ungeheuer interessant« war
-sie nur für Cornelius. Da meldete der Diener Herrn Richard
-Schaffrath, den Schlachtenmaler. Der hatte wichtigen Atelierbesuch
-gehabt&nbsp;…</p>
-
-<p>Atelierbesuch? Ja. Nur: wie dieser Atelierbesuch ausgesehen
-hatte, das war nicht zu ahnen; denn der Maler, der
-nach fast den gleichen Maßen erbaut war wie Henrik Tofte,
-kam wirklich recht besuchsmäßig daher, feierlich und ungewöhnlich
-vorschriftsmäßig in Anzug und Behaben. Und so war
-seiner Aufmachung nicht anzusehen, daß er daheim im Malraum
-zwei Stunden lang einen Kampf ausgefochten hatte
-mit einem Menschen, der genau so groß und kräftig war wie er,
-der über genau einen so cholerischen Zorn verfügte wie er,
-und der gar noch Richard Schaffrath hieß! Nun kam dieser
-Herr so geruhig und blank gebürstet daher und sah aus, als
-wäre noch niemals ein Sturm durch ihn gefahren. Aber bis
-vor einer halben Stunde hatte er auf seinen Gegner einen
-heißen Zorn niedergehen lassen &ndash; just als hieße dieser Graf
-Metting und hätte einen Eid geschworen, dem Maler Schaffrath
-bei der schönen, schlanken, heißen und klugen Gwendolin
-den Rang abzulaufen. »Siehst du, das kommt nun von deiner
-wortkargen Art! Jetzt hat sich der Windhund ihr ans Herz
-geschmeichelt …« und so weiter &ndash; aber solche häßlichen Gedanken
-waren ihm nicht mehr anzumerken. Sondern er trat
-mit einer sehr höflichen Verbeugung zu Frau Do und rettete
-sich die Verzeihung für sein Zuspätkommen. Gwendolin aber
-wartete noch auf Dos Antwort. Und so schlug sie in ihrer
-bangen Ungeduld eine Brücke … »Wir spielen heut ein
-anderes Instrument, Herr Schaffrath,« sagte sie, »aber Sie
-dürfen zuhören.«</p>
-
-<p>»Ah, ein neues Instrument?« &ndash; »Ja … meine verstimmte<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-Seele,« sagte sie, »sie ist erstaunlich in Unordnung
-geraten … Nun, liebe Schwester Do?«</p>
-
-<p>»Du sollst deine Beziehungen zu Metting abbrechen; denn
-in diesem Falle wäre die Aufgabe, die du deinem Herzen zu
-stellen hättest, zu groß. Gwendolin, du stehst mit deinen herrlichen
-Gaben viel zu weit fort von ihm, und du würdest in
-diesem blitzenden, aber flachen Wasser verdürsten.«</p>
-
-<p>Gwendolin schwieg. Sie schwiegen alle. Und sie sahen,
-es hing eine verräterische Träne an ihrer dunklen Wimper.</p>
-
-<p>»Do, ich wußte: so mußtest du antworten. Und dennoch
-hab' ich dich gefragt. Soll ich dir nun an den Fingern herzählen,
-was ich damit aufgebe?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Do, »das wissen wir. Aber ich will dir nennen,
-was du dir ersparst: die trostlose Mühe, die Kunst einer solchen
-Ehe zu erlernen. Fürchte dich davor, Gwendolin, fürchte
-dich vor der Reue ohne Ende!«</p>
-
-<p>Da ging Gwendolin in ihre Zimmer und warf sich auf ihr
-Bett und weinte.</p>
-
-<p>Die anderen saßen im Wintergarten noch lange beisammen.
-Schaffrath war noch schweigsamer als sonst. Jockele allein
-schupfte die Schultern. Er konnte zum erstenmal nicht ganz
-mit Do übereinstimmen. »Nun, es ist ja nicht das letzte Wort,«
-sagte sie, »Gwendolin wird ihre freudige Klarheit wiederfinden
-und mit sich selbst zu Rate gehen.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Jockele, »und es ist gut so. Es kommt mir vor,
-als entschieden wir ein bißchen selbstherrlich &ndash; schließlich:
-Fra Mariano bewirbt sich doch nicht um jeden von uns, sondern
-um Gwendolin.«</p>
-
-<p>Danach ging Do zu ihr. Cornelius blieb am Flügel und
-träumte wunderliche Fantasien. Jakobus, Salzer und Schaffrath
-begaben sich in das Rauchzimmer. Der Doktor schickte
-seine Gedanken den blauen Ringen nach. »Die Sache ist<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-qualvoller für uns als Sie denken, lieber Schaffrath,« sagte
-er. »Und was halten Sie davon, Professor?«</p>
-
-<p>»Je nun, es überfällt Sie ja nicht,« antwortete er. Es war
-nicht ohne Spott.</p>
-
-<p>»Eigentlich nicht,« sagte Jockele, »wir haben es gefürchtet.
-Aber Do will es durchaus nicht zum äußersten kommen lassen.
-Wenn Metting erst um Gwendolin wirbt, wird sie ihn nicht
-abweisen &ndash; verlassen Sie sich darauf, und dann ist das Unglück
-fertig! Es ist nicht zu glauben, wie erstaunlich die Unordnung
-ist, in die sie geraten. Bedenken Sie doch: dies kluge
-und aufrechte Mädel!«</p>
-
-<p>Hm. Es war wirklich eine höchst unangenehme Geschichte.</p>
-
-<p>Schaffrath konnte sehr undurchsichtig sein; er war es heute
-doppelt. Jockele ärgerte sich darüber und sagte: »Richard
-Schaffrath, Sie sehen aus wie ein Bräutigam auf dem Wege
-von der Kirchtür zum Altar.«</p>
-
-<p>»Wie sieht denn der aus?«</p>
-
-<p>»Versteinert.«</p>
-
-<p>Der Professor prüfte ihn daraufhin. Seit die Herren unter
-sich waren, zuckte es ihm unausgesetzt um die Lippen wie
-Spott und Schadenfreude … »Und Sie, Professor,« sagte
-Jockele, »Sie sehen aus, als sezierten Sie ein Drama von
-Maeterlinck.«</p>
-
-<p>»O nein,« sagte er, »mein Vergnügen ist viel größer.«</p>
-
-<p>»Es wäre besser, Sie machten sich um uns ein bißchen
-nützlich,« scherzte Jockele, aber er sprach nicht ohne Bitterkeit.
-Der Schlachtenmaler schritt indes auf dem Teppich hin und
-her wie ein Löwe im Käfig. Der Lösung seiner schwierigen
-Frage kam er nicht näher. Und die Augen Salzers liefen
-funkelnd hinter ihm drein. Endlich lehnte der Professor sich
-in seinen Stuhl zurück, faltete die Hände über der Uhrkette und
-verfiel in ein ungeheueres Lachen. Jockele stand hilflos am<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-Tisch, Salzer lachte in einemfort, und Schaffrath tat, als wäre
-dieser Ausbruch des Vergnügens eine Selbstverständlichkeit:
-er kümmerte sich nicht darum.</p>
-
-<p>»Zum Teufel,« rief Jockele, »was soll denn das heißen?«</p>
-
-<p>»Großartig, ach großartig! Es ist eine Komödie! Doktor,
-muten Sie mir denn zu, daß ich in einer Komödie sitze wie
-ein Ölgötze? Der Schlachtenmaler, hurrjeh, der Schlachtenmaler
-hat nämlich den Brief im Sack, mit dem er sich um Gwendolin
-bewirbt! Hahahahaha.«</p>
-
-<p>»Und das nennen Sie Komödie?« platzte Jockele heraus.
-»Herr, das ist eine Tragikomödie!«</p>
-
-<p>»Gibt es nicht,« sagte der Professor. »Eine Geschichte
-endet mit unglücklichem Ausgang und ist eine Tragödie.
-Oder sie endet mit vergnüglichem Ausgang, dann ist sie eine
-Komödie. Oder wollen Sie etwa den Mut aufbringen, einen
-Stoff zu gleicher Zeit aus einem ernsten und aus einem lustigen
-Gesichtswinkel zu betrachten? Bedenken Sie doch bloß den
-Unsinn: ein heiteres Trauerspiel, oder ein trauriges Lustspiel!
-Mit der Bezeichnung Tragikomödie hat Plautus ursprünglich
-einen Scherz&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Himmeldonnerwetter!« schrie der Doktor, »ist denn die
-Welt aus den Fugen? Und was gehen uns augenblicklich
-Plautussen seine Witze an?«</p>
-
-<p>»Dieses aber ist eine Komödie,« dozierte der Professor weiter;
-»denn warum? Ich betrachte sie aus dem vergnügten Gesichtswinkel
-des Weisen mit der himmlischen Liebe.« Salzer
-hatte heimlich auf den Klingelknopf gedrückt, der Diener trat
-herein. »Fritz, bringen Sie eine Flasche Johannisberger
-Schloßberg 1878,« befahl der Professor. Und Richard Schaffrath
-ging hin und her, als ginge ihn alles Lebendige nichts
-an. Dann aber setzte ihn Salzer neben sich an den Tisch, und
-sie tranken Johannisberger Schloßberg. Da fand der Schlachtenmaler<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-seine Sprache wieder, und mit Gwendolins Worten
-sagte er: »Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«</p>
-
-<p>»Mir scheint allerdings, als wäre das eine Sache für Frauen,«
-sagte Jockele ratlos.</p>
-
-<p>»Je,« wunderte sich der Professor, »als Sie noch ›Jockele
-und die Mädchen‹ spielten, sind Sie nach allem, was man weiß,
-beherzter gewesen.«</p>
-
-<p>»Ja,« bekannte Jockele und verfärbte sich in blutrotem
-Erinnern, »aber die Gwendolin kann einen mörderlich aufsitzen
-lassen!«</p>
-
-<p>Darüber fiel der Schlachtenmaler vollends ins Dasein
-zurück. »Es ist eine peinliche Sache.«</p>
-
-<p>»Ach wo!« sagte der Professor, »sehen Sie, meine Herren,
-so denk' ich mir das Spiel zwischen schönen Mädchen immer;
-denn an einem schönen Mädchen hängen die Augen vieler;
-und die schönen Mädel &ndash; na, ich weiß nicht, ob die nur immer
-so geradeaus gucken! Wissen Sie, was ich machen würde?
-Ich riefe den Diener Fritz und ließe der Gwendolin mein
-Bewerbungsschreiben um die freigewordene Wohnung augenblicklich
-überbringen.«</p>
-
-<p>»Ich aber werde den Diener Fritz rufen und augenblicklich
-meine Koffer packen lassen,« sagte Jockele.</p>
-
-<p>»Doktor,« gebot Salzer, »machen Sie keine Späße!«</p>
-
-<p>»Wollen Sie die Gwendolin denn ganz zerreißen?«</p>
-
-<p>»Nun, es ist eine Gewaltkur,« sagte der Professor. »Vor
-reichlich drei Wochen haben wir uns die Sache in meiner
-Turmstube ausgedacht. Aber &ndash; ist denn der steinerne Ritter
-Schaffrath zu einem Worte zu bewegen gewesen?«</p>
-
-<p>»Die Würze des Lebens ist in solchen Dingen ahnungslos
-wie der Sommerhimmel,« sagte Schaffrath.</p>
-
-<p>»Warum sind Sie denn dann zu mir gekommen? Und<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-was hab' ich Ihnen gesagt? Schämen Sie sich, Schaffrath,
-so ein großer, schöner, tüchtiger Mensch&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Als ob's bei den Mädchen darauf ankäme!« lächelte
-Schaffrath bitter, »hieß es nicht, Gwendolin hätte sich versprochen
-mit Henrik Tofte? Hieß es nicht, sie wäre heimlich
-verlobt mit dem Grafen Metting? Wollen Sie mich denn vor
-Gwendolin und der Welt zum Narren machen, indem Sie&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»…&nbsp;mich auf das zwiefach verhürdete Schäflein loslassen!«
-vollendete der Professor die Rede des Schlachtenmalers.
-Er konnte sich nicht helfen &ndash; für ihn war dieser Zusammenstoß
-der Ereignisse ein Quell erschütternder Heiterkeit. »Ich
-begreife nicht, warum Sie nicht lachen, meine Herren! So
-helfen Sie mir doch &ndash; lachen wir, daß die Wände wackeln
-und in den Gemächern der Damen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Hab' ich nicht gesagt: die Würze des Lebens ist ahnungslos
-wie der Sommerhimmel?« fragte Schaffrath. Darüber
-bekam Jockele das Laufen und stampfte nun seinerseits über
-den Teppich. Er rang mit beidem: mit dem Lachen und mit
-der Verzweiflung. Salzer aber begann ein Examen. »Ist
-Gwendolin verlobt?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Ist sie verliebt?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Würde sie den Grafen Metting heiraten?«</p>
-
-<p>»Wahrscheinlich.«</p>
-
-<p>»Würde sie Henrik Toften nehmen, wenn er heute um sie
-anhielte?«</p>
-
-<p>»Möglich.«</p>
-
-<p>»Na also,« wandte sich Salzer an Richard Schaffrath,
-»was steht Ihnen denn im Wege? Ein Vielleicht und ein
-Möglich! Und vor diesen beiden windigen Gespenstern
-fürchten Sie sich, Sie Ritter ohne Furcht und Tadel?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p>
-
-<p>»Eigentlich hat er recht,« erwog Jockele. »Aber, liebster
-Schaffrath, warum haben Sie denn den langen Winter
-vor ihr gestanden, als hätten sie ein neunmal gepanzertes
-Herz?«</p>
-
-<p>»Es ist eine Eigentümlichkeit von mir,« sagte Schaffrath.</p>
-
-<p>»Und Sie, Professor, hätten Sie sich nicht für Ihren Freund
-in die Schranken werfen können?«</p>
-
-<p>»Na, ich bitt' Sie, ich habe doch kein Heiratsbureau!« schrie
-Salzer in heller Entrüstung.</p>
-
-<p>So sprangen sie rings um den toten Punkt und bekamen
-das Wirbeln, aber vom Flecke kamen sie nicht.</p>
-
-<p>»Hier muß etwas geschehen,« sagte der Professor. »Ich
-übernehme die Verantwortung!« Er drückte mit fester Hand
-auf die Klingel und nahm den Brief vom Tisch&nbsp;…</p>
-
-<p>»Ich betrete dies Haus drei Wochen nicht mehr!« rief
-Schaffrath.</p>
-
-<p>Aber Salzer befahl: »Fritz, bringen Sie diesen Brief zu
-Fräulein Gwendolin Vogelgesang. Sagen Sie: eine Antwort
-würde vor Ablauf von drei Wochen nicht erwartet.« Fritz
-wiederholte den Befehl und verschwand. Salzer und Schaffrath
-verschwanden auch. »Wollen Sie mich nicht mitnehmen?«
-fragte Jockele. &ndash; »Kommen Sie!«</p>
-
-<p>So schritten sie hinaus in den stürmischen Abend. Peter
-Cornelius aber saß am Flügel und vergaß Zeit und Ewigkeit.
-Halb zehn Uhr spielte er immer noch. Da ging Do hinein
-zu ihm und sagte: »Möchten Sie nicht mit uns zur Nacht
-essen? Es ist zwar schon reichlich über die Stunde, und wir
-sind ganz allein&nbsp;…«</p>
-
-<p>Erich Meyer tat einen harten Fall auf die Erde &ndash; was
-aber nicht wörtlich zu nehmen ist &ndash; und erwachte aus
-tiefen Träumen; denn er erfuhr, daß die Herren mittlerweile
-im Rauchzimmer ein Gelage gehalten hätten und abhanden<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-gekommen wären, und daß er seit länger als drei Stunden
-am Klavier gesessen.</p>
-
-<p>Gwendolin war auch im Speisezimmer. »Sehen Sie,
-lieber Meyer, das ist Ihre Art, das Leben zu verpassen,«
-sagte sie mit einem fröhlichen und einem traurigen Auge.
-»Ich glaube, an diesem Punkt begegnen wir uns. Man wird
-darüber leicht zu einer komischen Figur, lieber Meyer.«</p>
-
-<p>»Wohl, wohl,« sagte er, »aber das ist mir ganz egal. Ob
-der Mensch glücklich ist, darauf kommt's an! Und darin nehm'
-ich es mit ihnen allen auf, seit ich mein Landhaus besitze
-und meinen Stutzflügel.«</p>
-
-<p>»O,« machte Gwendolin, »so ist auch das ins Wasser gefallen!
-Ich dachte schon: wenn Sie noch solch ein Ritter von
-der traurigen Gestalt wären, könnten wir zwei uns heiraten.«</p>
-
-<p>»Ja, <em class="gesperrt">wenn</em> ich es wäre!« scherzte Cornelius, »aber jetzt
-bin ich ein feiner Herr.«</p>
-
-<p>»Und ich? Ich wandele mich allgemach zu einem Narren,«
-sagte Gwendolin bitter, »aber wofür ist denn Fasching?
-Freilich, die Herren haben sich einen sehr schlimmen Spaß
-mit mir erlaubt. Doch warum beklag' ich mich darüber?«
-Cornelius sah Do an, und er sah Gwendolin an. Und weil die
-merkte, Meyer war schuldlos, so begann sie zu erzählen in
-herzhaftem Spott gegen sich selbst … »Nun, wenn ich mich
-selber nicht mehr verhöhnen könnte, stünde es noch schlimmer
-mit mir.«</p>
-
-<p>Aber Erich Meyer saß fast andächtig dabei.</p>
-
-<p>»Und da lachen Sie nicht, Cornelius?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er, »denn ich warte auf die Geschichte von
-dem schlimmen Spaß.«</p>
-
-<p>»Mensch, die hab' ich Ihnen ja soeben haarklein erzählt!«</p>
-
-<p>»Ach so,« staunte Meyer, »und das nennen Sie Spaß?«
-Do begann zu begreifen. »Ein Spaß ist das ganz und gar<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-nicht, Fräulein Gwendolin; denn der Brief Schaffraths ist
-schon seit drei Wochen geschrieben, nämlich: der Schlachtenmaler
-liebt Sie bis zur Selbstverlorenheit.« Und Peter
-Cornelius setzte neckisch hinzu: »Sehen Sie, darum hab' ich
-vorhin Ihrer freundlichen Aufforderung, Sie zu heiraten,
-nicht gleich Folge geleistet.«</p>
-
-<p>Es kam nun eine Stille &ndash; die Uhrenpendel hörte man
-darin schlagen und die Herzen. Do aber legte die Gabel fort
-und faltete ihre beiden Hände im Schoße … »Sturmschwalben,
-Sturmschwalben, wo nehmt ihr den Mut zum Leben her?«
-Die Uhren tickten wieder und die Herzen. Gwendolin war
-aufgestanden und hinter Frau Dos Stuhl getreten. Sie
-neigte die Stirn auf Dos Schulter und umfaßte sie und sagte:
-»Ist es nicht gräßlich mit mir, Do? Die erste tiefe Liebe, die
-mir begegnet, halt' ich für einen schlimmen Spaß … Ist
-es nicht gräßlich?« Und Gwendolin weinte bitterlich.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Wäre diese Geschichte nicht wahr, sondern ein Roman, so
-würde es nun weiter heißen: »Drei Wochen später wurde
-die Verlobung mit großer Pracht gefeiert.« Dem war aber
-nicht so; denn als man Verlobung feierte, war man nur selbdritt
-beieinander: Gwendolin und Richard und eine zeitlose
-Frühlingsnacht, die lag so schmeichelnd, veilchenduftig und
-sammetschwarz über dem Weimarer Park, daß sie James
-King kurz und bündig »lächerlich« genannt hätte. Und wenn
-etwa einer nachträglich kommt und erzählt: es wäre bei Sinsheimers
-im Haus am Horn gewesen, und es hätte eine große
-Aufmachung von Licht, Kuchen, Wein und Musik gegeben, so
-ist das einfach nicht wahr. Sondern: wenn man von Goethes
-Gartenhause den Wiesenweg nach der Ilm geht und an der
-Ilm links weiter, so kommt man nach zweihundert Schritten
-an einen Wildapfelbaum mit tief herabhängenden Ästen.<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-Unter dem Apfelbaume steht eine Bank. Auf dieser Bank
-war es. Und es gab weder Kuchen noch Wein noch große
-Festmusik, bloß Lieder ohne Worte und Süßigkeiten …
-Ferner: es war auch gar nicht drei Wochen später; denn
-Richard Schaffrath war ja schon beim nächsten musikalischen
-Tee wieder bei Sinsheimers, es war da sehr fein, und ein
-Narr wäre gewesen, wer behauptet hätte: am Donnerstag
-zuvor hätte Gwendolin Frau Do ihren heißen Schmerz auf
-die Achsel geweint und hätte gesagt: mit ihr wäre es gräßlich.
-Nein, nein. Die Geschichte unter dem Apfelbaum geschah in
-Wahrheit am darauffolgenden Samstag, abends von neun
-bis elf Uhr; und zwischen dort und jenem Donnerstag im Leid
-lagen zweimal die hundertneununddreißig Stufen der Weimarer
-Hofkirche am alten Friedhof, die Gwendolin zu dem
-Herrn Professor Salzer emporgestiegen war. Daraus ist
-zu ersehen, daß es sich für sie um einen ernsten und wichtigen
-Fall handelte; denn weder wegen James King noch wegen
-Mister Johnny, noch wegen Henrik Tofte hatte sie einen Fuß
-gerührt &ndash; des Jockele und des Unbekannten aus dem Ettersburger
-Zwetschengarten gar nicht zu gedenken! Fra Mariano
-aber stand in der Mitte zwischen Richard Schaffrath und der
-langen Reihe, von der ihr jeder den Jungfernkranz winden
-lassen wollte; denn wegen Fra Mariano war sie wenigstens
-in ihre Zimmer gestiegen, und Fra Mariano muß hier erwähnt
-werden, weil er schon auf dem Weg unter den Wildapfelbaum
-war und zu dem Fest als ungeladener Gast kam … Aber es
-war sehr finster im Park, und es sind viele Bänke dort; nach
-der richtigen mußte er erst eine Weile suchen. Er war noch
-an kein Vorhaben mit gleicher Unentwegtheit herangetreten;
-denn er wollte diesen Porträtmaler auf frischer Tat ertappen.</p>
-</div>
-
-<p>Es ist auch nicht bei der Wahrheit geblieben, wenn man
-wissen will: Gwendolin wäre in tiefer Zerknirschung und mit<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-vom Weinen geröteten Augen unter dem Apfelbaum erschienen;
-denn zweimal hundertneununddreißig Turmstufen
-sind so lang wie zweimal hundertneununddreißig Jahre.
-Und Gwendolin, die weitoffene und gescheite Gwendolin,
-war viel zu ehrlich, als daß sie aus ihrem Herzen eine Mördergrube
-gemacht hätte. Weitoffen, klar und gescheit stieg sie
-gleich am Freitag früh nach dem verweinten Donnerstag
-zu Salzer, dem Turmwart, und sagte: »Ich wollte nur sehen,
-ob Sie über Nacht wieder herzugekommen sind.«</p>
-
-<p>»O ja,« sagte der Professor, »Jockele, Schaffrath und ich
-haben bis gegen morgen im Turm einen respektablen Trunk
-getan. Aber: wollten Sie wirklich nur nachsehen, ob&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Sie sind sehr neugierig,« sagte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Das kommt daher, weil ich für den Brief die Verantwortung
-übernommen habe.«</p>
-
-<p>»Es war tapfer von Ihnen,« lobte sie, »mit den jungen
-Leuten hat man seine liebe Not.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte der Professor.</p>
-
-<p>»Morgen komm' ich noch einmal,« sagte Gwendolin, »ich
-möchte da Richard Schaffrath hier sehen. Übernehmen Sie
-die Verantwortung?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte der Professor.</p>
-
-<p>Am Samstag kam sie erst gegen Abend. Schaffrath aber
-hatte schon seit dem frühen Vormittag auf sie gewartet.
-»Sie müßten Engelein heißen,« sagte der Professor zu ihm.
-Es war Schaffrath sehr bange; denn er dachte: »Dies fixe
-wackere Mädchen wird meine Vorsicht als Feigheit ansehen.«
-Aber das tat sie nicht; sondern sie sagte sehr milde: »Nun, ich
-hätte es mit der Gwendolin wahrscheinlich anders gemacht. Wußten
-Sie denn nicht, daß ich in einer großen Gefahr schwebte?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er, »Sie konnten es auch für ein großes
-Glück halten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p>
-
-<p>Sie war ans Fenster getreten. Es lag über den Dächern
-ein feiner grauer Nebel. Nur die Firste und Schornsteine
-guckten oben darüber heraus, und am Himmel gingen verheißungsfroh
-die ersten Sterne an. »Der Frühlingsmantel,
-den sich die Erde umlegt! Kommen Sie, wir wandern zusammen
-hinab ins Tal!«</p>
-
-<p>»Nein, auf einen hohen Berg.«</p>
-
-<p>Da gingen sie miteinander. Und nach einer Stunde kamen
-sie unter den Wildapfelbaum. Ein ganz dünner Streif
-Mond lag nun auf der Ilm als ein silberner Kahn. Darüber
-fiel Gwendolin James Kings Gespensterschiff ein, und sie
-erzählte dem Manne, der nun neben ihr saß, alle Liebschaften,
-die sie gehabt hatte in den acht Jahren, seit ihrem fünfzehnten,
-und wie sie umworben worden &ndash; von lange vor Jockele bis
-zu dem Grafen Metting. »In fast allen Fällen konnte ich
-gar nichts dafür &ndash; bloß die zwei Sachen in Ettersburg, die
-stehen auch mit auf meiner Rechnung. Aber du mußt nun
-alles wissen; mein Herz sagt einfach: es ist so in der Ordnung!
-Ach du, mein Herz ist ein so natürliche ungefaltetes Ding &ndash;
-rein zum Bangewerden! Wird dir nun bange davor?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er und wunderte sich, daß sie auch für das
-Erlebnis mit Henrik Tofte die Verantwortung ablehnte.
-Aber er redete nicht davon.</p>
-
-<p>Da zog Fra Mariano des Weges. Er hatte sich in seinen
-Sommerüberzieher verkrochen und den Kragen hochgeschlagen
-und trug den Gehstock steil in der Rocktasche. Weil
-er am Apfelbaum so kecklich vor sich hinhüstelte, sagte Gwendolin:
-»Wenn Sie Lust haben, sich ein wenig zu uns zu setzen,
-Graf Metting &ndash; es steht Ihnen ganz und gar nichts im Wege.«</p>
-
-<p>Es war zu merken: die da sprach, war die alte Gwendolin.
-Von ihr hat einer gesagt: sie hätte Stunden, in denen sie
-den lieben Gott besiegen könnte. Ja, so war das mit ihr.<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-Metting hatte vorgehabt, den Überraschten zu spielen und
-beide zur Rechenschaft zu ziehen, aber »zu spielen« brauchte
-er nun nicht; denn das hier war keine Komödie &ndash; das war
-das Leben selber und forderte ihn auf den Plan. Und davor
-stand er, und wußte nicht, was er sagen sollte. Er setzte sich
-auf die Bank, rechts neben Gwendolin, und verkroch sich noch
-tiefer in seinen Überrock.</p>
-
-<p>»Nun?« fragte sie, »was halten Sie von diesem Tatbestande,
-Graf?«</p>
-
-<p>»Eins der vielen Abenteuer der Herzogin von Urbino,«
-sagte er sehr zugeknöpft. Er hätte sagen können, was er wollte
-&ndash; sie faßte ihn sofort am Schopfe und beutelte ihn … was
-wiederum nicht wörtlich zu nehmen ist.</p>
-
-<p>»Ich weiß im Augenblick nicht, ob die Herzogin von Urbino
-Abenteuer suchte in dem Sinne, in dem Sie das meinen,
-lieber Graf. Aber das sag' ich Ihnen: durch die Ungewißheit
-ihres Schicksal ist jede Frau von ihrem sechzehnten Lebensjahr
-ab eine Abenteurerin&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ha, es wäre schlimm!« unterbrach sie Metting.</p>
-
-<p>»…&nbsp;nicht in ihren Taten, sondern in ihren Träumen!
-Sie läßt ihre Träume vom Leben ausfliegen wie Noah den
-Raben oder die Taube aus dem Kasten: sie finden nicht,
-da ihr Fuß ruhen kann. Aber einer bringt den Ölzweig.
-Und danach ist es gemeinhin vorbei mit dem abenteuerlichen
-Flug über den wogenden Wassern. Sehen Sie, so
-mein' ich das.«</p>
-
-<p>»Nicht übel,« sagte er, »und recht spitzfindig ausgedacht.
-Nun, Frauen sind um eine Entschuldigung niemals verlegen.«</p>
-
-<p>»Männer auch nicht,« sagte sie. »Aber ich habe gar nicht
-das Bedürfnis, mich vor Ihnen zu entschuldigen; sondern
-die Dinge liegen einfach so: in dem Augenblick, in dem auch
-mein <em class="gesperrt">Herz</em> in die Lage kam, zu wählen zwischen Richard<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-Schaffrath und dem Grafen Metting, entschied ich mich für
-Richard. Wir haben uns in der vorigen Stunde verlobt.«</p>
-
-<p>»Hoh!«</p>
-
-<p>»Ja. Die Liebe ist ein Geist; sie kann nicht reden, eh' ihr
-nicht ein Wort oder Zeichen gegeben wird. Die Liebe ist ein
-Geist; aber dieser Geist wird erlöst, wenn er weiß, man verlangt
-nach ihm.«</p>
-
-<p>»Nun, ich habe Ihnen Zeichen genug gegeben, Gwendolin.«</p>
-
-<p>»Aber als der andere die Sprache fand, blieb mir keine
-Wahl: mein Herz flog ihm in Seligkeit nach.«</p>
-
-<p>»Hm. Dann wäre wohl meine Aufgabe unter diesem Baum
-erfüllt?«</p>
-
-<p>»Ich glaube es,« sagte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Gute Nacht.«</p>
-
-<p>Fra Mariano versickerte in der Finsternis.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Von den Türmen schlug es Elf, als Richard und Gwendolin
-unter den hohen Birken des Philosophenwegs hervortraten
-und nach dem Horn einbogen. Sie hatten keine Eile und
-sprachen leise. Auf der Höhe des Goethegartens sahen sie:
-bei Sinsheimers war noch das ganze Haus hell. Da wunderten
-sie sich. Es rasselte auch ein Wagen durch die Stille der Straße
-davon. Sollte Fra Mariano&nbsp;&ndash;?</p>
-</div>
-
-<p>Als Schaffrath sie verlassen und Gwendolin hineinkam,
-fragte sie den Diener. »Herr Meyer ist da«, sagte der, »und
-eine Dame: Fräulein Kordula Gunkel aus Rom. Fräulein
-Gunkel hat sich durch ein Telegramm angemeldet und ist vor
-kaum fünf Minuten angelangt.« Man hörte durch die Türen
-lachen, und Gwendolin funkelte in die erste Freude des Wiedersehens.</p>
-
-<p>»Lieber Meyer, wissen Sie, daß die dunkle Kordula eminent
-musikalisch ist?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span></p>
-
-<p>»Ja,« sagte er, »Sie selbst haben es mir erzählt, aus der
-Geschichte der Sturmschwalben.«</p>
-
-<p>»Und wißt ihr, Kinder, daß ich mich verlobt habe?«</p>
-
-<p>Da rissen sie Gwendolin der Reihe nach an ihr Herz &ndash; zuerst
-Jockele. »Er tut das immer sehr ausgiebig,« sagte Do.
-»Ja,« erklärte Cornelius, »man kann da mittlerweile eine
-Partie Schach spielen oder Beethovens Neunte.« Dann
-kamen Do und Fräulein Gunkel an die Reihe. »Na, lieber
-Meyer?« jauchzte Gwendolin. Und weil er beschaulich am
-Flügel lehnte und Miene machte zu einem sanften Handkusse,
-griff sie ihn auf und wirbelte ihn ein paarmal herum. »Die
-Liebe ist ein Geist &ndash; sie muß durch ein Zeichen erlöst werden!«
-rief sie. Cornelius ward von diesem Überfall reichlich betört;
-und als sie ihn wieder freigegeben hatte, war er blutrot geworden
-und gestand: »Jetzt hab' ich den ersten Kuß von einer
-Dame bekommen! … Sie auch?« wandte er sich an Jockele.</p>
-
-<p>»Ich &ndash;&nbsp;&ndash;? &ndash;&nbsp;Ja, natürlich.«</p>
-
-<p>Darüber gerieten sie noch mehr in Lustigkeit. Erich Meyer
-aber hatte einen großen Tag und durfte hinausgehen und
-Wein kommen lassen, ganz nach seiner Wahl. Da entschied
-er sich für Sekt; denn Sekt hatte er in diesem Hause zum ersten
-Male getrunken, und Sekt stand obenan in der Reihe seiner
-unvergeßlichen Erlebnisse. Dann sanken sie in die braunen
-Ledersessel, und es war herzhaft und aufgetan wie in der
-Mädchenzeit.</p>
-
-<p>Die Standuhr schlug die Mitternacht. Da horchten sie hin;
-denn es war ein schöner, weicher Klang und voller Andacht.
-»So ist es, wenn Kordula Gunkel zur Laute singt,« sagte
-Gwendolin und dachte an die Abende im Fjord. Sie dachte
-auch an Henrik Tofte; aber sie wollte nicht nach ihm fragen.
-War die dunkle Kordula damals nicht mit heimlichen Hoffnungen
-nach Rom gezogen? »Jede Frau ist eine Abenteurerin<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-von ihrem sechzehnten Jahr ab.« Der Gedanke, den Gwendolin
-vor zwei Stunden dem Grafen Metting gegenüber ausgesprochen
-hatte, stand nun neben den vielen Lichtern, die in
-dieser Nacht ihre Seele hell machten, und sie fragte: »Kordula,
-warum bist du heute in unser Haus gekommen?«</p>
-
-<p>»Daran ist dein glückseliger Brief schuld, Gwendolin.«</p>
-
-<p>»Du, den hab' ich doch in der Woche vor Weihnachten
-geschrieben!«</p>
-
-<p>»Jawohl,« sagte Kordula, »und es fehlte nicht viel, ich
-wäre gleich damals zu euch gekommen. Er war ein Stern
-in tiefer Finsternis. Ich habe nicht wieder geschrieben &ndash; nun
-ja, ich habe gewartet, bis ich meiner Sehnsucht nachfahren
-könnte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Na, und Tofte?« fragte Jockele, »ist denn der nicht das
-große Licht in der Finsternis geworden?«</p>
-
-<p>»Ja und nein,« sagte Kordula. »Ich war schon seit langem
-wandermüde, aber jetzt bin ich's doppelt. Gwendolin hat
-mir so strahlend vom Leben in diesem Haus erzählt, und das
-hübscheste war der Abschnitt ›Jockele und seine Frau‹. Seht,
-ich komm' auch aus einem solchen Hause! Als meine Eltern
-kurz hintereinander starben, wurde ich mit dem Haus abgefunden,
-mein Bruder empfing bares Geld, er ist Arzt in
-Bingen, und ich saß nun in Göttingen, und es kam mir vor,
-als wollte mich das Leben dort sitzen lassen. Da verkaufte
-ich meine steinerne Einsamkeit, kam nach Weimar und wurde
-Kordula mit der Laute. So lebt' ich mich zwei Jahre durchs
-Dasein. Ich ging an den düsteren Songefjord und ließ die
-traumhafte Herrlichkeit an meiner Seele abfärben. Als ich
-zu euch in den Hardanger Fjord geriet, da hatt' ich Heißhunger
-nach Sonne. Gwendolin hatte mir geschrieben:
-›Wo Jockele und Do sind, da ist die Sonne.‹ Die Insel der
-Auferstehung lockte mich, dort wollt' ich mein Ostern feiern.<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-Und als ich eintraf, hatte Rolf Krake die Kugel in die Sonne
-geschossen. Ich kam zu spät &ndash; aber ich kam zu rechter Zeit
-nach Rom. Da fand ich Henrik Tofte. Er hatte einige Wochen
-mit Mister Johnny in dem deutschen Gasthause ›Zur Post‹
-zu Mittag gegessen. Mister Johnny war noch dort, aber es
-hatte Auseinandersetzungen zwischen beiden gegeben, und
-nun begegneten sie einander mit stummem Gruß, und
-Henrik speiste nicht mehr in der Post. Er speiste überhaupt
-nicht mehr &ndash; so schien's. Künstler, die ihn kannten, erzählten,
-er triebe sich in kleinen italienischen Weinhäusern herum;
-und einer wollte wissen: Henrik Tofte wäre Gepäckträger,
-und wenn ich ihn suchte &ndash; draußen am Bahnhofe könnt'
-ich ihn treffen. ›Großer Gott,‹ sagte ich, ›dieser Henrik
-Tofte ist ja aber ein Genie!‹ Da lachte man mich aus &ndash; Genies
-gäb's auf dem heißen Pflaster Roms massenhaft, aber die
-meisten bekämen das Fieber … Ich ließ also meine Reisetasche
-im Handgepäckschalter niederlegen, und tags darauf
-ging ich vor der Ankunft des Berliner <em class="antiqua">D</em>-Zugs zum Bahnhofe.
-Den Längsten unter den Gepäckträgern ersah ich mir. Er
-war blond und reckenhaft wie ein Skalde und trug die rote
-Mütze der Facchini. ›Wie heißen Sie?‹ fragte ich ihn auf
-norwegisch. Da zuckte er zusammen und schlug die Augen
-nieder. ›Tofte.‹ &ndash; ›So besorgen Sie mir die Tasche auf
-diesen Gepäckschein nach Via Gregoriana Nummer 5.‹ Auf
-meinem Zimmer in der Gregoriana hab' ich dann versucht,
-ihn instandzusetzen. Kinder, diese Geschichte hättet ihr erleben
-sollen! Eine Wohnung hatte er nicht. Aber Angelina Fabbro,
-die Witwe eines Postschaffners, bei der ich wohnte, hatte
-eine große Küche. Sie war sehr einsam, sehr faul und sagte,
-sie trauerte sich um ihren Emilio einen grauen Kopf. Angelina
-Fabbro ist sechsunddreißig Jahre … Nun: Kordula
-Gunkel stattete Henrik Toften aus, bis er wieder manierlich<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-war an seinem langen Leibe. Schön und manierlich; aber
-Angelina liebte ihn, und er liebte sie. Sie ist rund an allen
-Enden, sie ist zierlich, und sie hat das Herz einer Römerin.
-Und Angelinas Küche ist groß, kühl und heimelig, wenn die
-grünen Sparrenläden vor den Fenstern liegen. In dieser
-Küche schliefen sie, in dieser Küche liebten sie einander und
-waren faul, wie man nur in Rom faul sein kann. Angelina
-Fabbro vermietet ihre Zimmer, hat ein kleines Witwengeld
-und führt ein gutes Regiment im Hause. Als ich mir über
-dies alles klar war, zog ich aus&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Römische Schlendertage!« sagte Jockele. »Die Geschichte
-ist zu Ende.« Er klang sein Glas gegen das Glas Kordulas,
-und seine Stimme war von frohem Klang; denn es war zu
-sehen: Kordula Gunkel erzählte nicht aus schmerzlichem Verzicht.
-»Die Geschichte ist zu Ende!«</p>
-
-<p>»Nein, ich möchte sagen: sie geht erst los.«</p>
-
-<p>»Sekt, Sekt, Cornelius!« mahnte Gwendolin, »Herrgott,
-Sie sind sich ja abhanden gekommen!«</p>
-
-<p>»Ich finde so was furchtbar interessant, Fräulein Gwendolin«
-&ndash; das war Erich Meyers Erwachen &ndash; »denken Sie mal:
-Rom, Angelina Fabbro, rund an allen Ecken&nbsp;…« Cornelius
-merkte den lustigen Streich gar nicht, den ihm die gespitzten
-Lippen spielten … »wenn ich daran denke … nun: eigentlich
-dumm scheint Henrik Tofte nicht zu sein. Und diese famose
-Geschichte geht noch weiter, Fräulein Kordula?« Erich Meyer
-rieb sich die Hände. Dann goß er Kordula das Glas voll
-Sekt, ihr ganz allein. »Er will verhüten, daß dir die Lippen
-trocken werden,« bemerkte Gwendolin.</p>
-
-<p>Ach ja, Cornelius war zum Ergötzen! Denn nun sprang er
-hinaus an den Flügel und griff leise, gebrochene Akkorde,
-wie aus einer Harfe, ehe das erwartete Lied ertönt … Und
-Kordula Gunkel sprach:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span></p>
-
-<p>»Ich kann nicht sagen, daß ich darüber traurig geworden
-wäre. O nein, Henrik Tofte ist nicht ein Mensch, vor dem man
-so leicht traurig werden kann &ndash; höchstens ein bißchen wehmütig
-wird einem ums Herz, wenn man sieht, wie diese Fülle
-glänzender Gaben in den Staub fällt&nbsp;…«</p>
-
-<p>Gwendolin sprang ihr mitten hinein in die Rede: »Das
-macht, man kann keinen Glauben an ihn aufbringen, nicht
-einmal den Glauben daran, daß seine unerhörten Gaben
-im Staube liegen bleiben könnten.«</p>
-
-<p>»Ja, so ist es wohl mit ihm,« sagte Kordula, »denn als ich
-damals in Rom hinaus zum Bahnhofe ging und dachte:
-›Nun sollst du diesen schönen und bedeutenden Menschen an
-der Ecke stehen sehen als einen Paria des Lebens,‹ da war mir,
-als hätte der Blitz in mein Herz geschlagen. Aber hernach?
-Es war eine fast gleichgültige Begegnung und war kaum
-anders, als wenn ich den Dienstmann Nummer 17 einen
-Weg schickte.«</p>
-
-<p>Gwendolin hatte noch keinem Erzähler mit tieferer Hingabe
-gelauscht. Es war ihr &ndash; und so war es auch Do und
-Jockele &ndash; als reiche ihr nun das Leben die Bestätigung ihrer
-Klugheit von einst. Und sie sagte: »Das ist der Schadenersatz,
-den das ›Schicksal‹ dem Henrik gewährt für das, was es ihm
-vorenthält: man kann kein Mitleid mit ihm haben! Deshalb
-ist es ihm versagt, andere unglücklich an ihm zu machen.
-In dem Augenblick, in dem er auch das noch fertigbringt, wird
-er zum ersten Male an sich selber unglücklich sein.«</p>
-
-<p>»Du kennst ihn sehr gut,« sagte Kordula; »denn als ich aus
-der Gregoriana fortgezogen war und in der Via Parma wohnte,
-war es mir, als wär' ich einem finsteren Verhängnis entronnen:
-ich war seit dem Tode meiner Eltern nicht mehr frohherzig
-gewesen, nun aber war ich's wieder. Es war zwar ein wunderliches
-Vergnügen, dem ich mich hingab, aber es war doch eins:<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-ich baute mir in Gedanken das Leben Henrik Toftes aus den
-Stücken zusammen, die von ihm in der Welt herumlagen.
-Kinder, was wurde da für eine barocke Unmöglichkeit daraus!
-Alle Narrheit und Weisheit, alles Licht und alle Finsternis,
-aller Ernst und alle Kindsköpfigkeit, die je aus den Gedanken
-des großen Weltenbaumeisters hervorgegangen sind, hat
-er in diesen Überschwung hineingepaßt, der nun Henrik
-Tofte heißt! … Neugierig ging ich nach ein paar Wochen
-durch die Gregoriana &ndash; da war drunten am Torstein des
-Hauses Nummer 5 ein Schild in vier Sprachen angebracht:
-›Institut für schwedische Heilgymnastik und Massage von
-Henrik Tofte.‹«&nbsp;…</p>
-
-<p>Die Standuhr schlug Eins. Sie schlug in die verblüffte Stille,
-die genau so lang war wie der Uhrenschlag. Dann brach das
-Lachen los.</p>
-
-<p>Frau Do aber ging hinaus und kam nicht wieder.</p>
-
-<p>So drängte sich das Leben mit Ungestüm im Haus am Horn.
-»Das Dasein hat um Jockele und Frau Do ein ganz anderes
-Gesicht wie um andere,« bemerkte Cornelius mit einem Aufgebot
-von Wichtigkeit. Sie saßen in dieser Frühlingsnacht,
-bis der Morgen heimlich an die Fenster klopfte, und waren
-doch nur vier junge Menschen, die sich nicht einmal von anregendem
-Trunke locken ließen. Dann verfielen sie in ein
-lustiges Raten, woher das käme. »Es ist die Nachbarschaft
-Goethes,« sagte Jockele, und er hielt eine schöne Rede. Daran
-war zu merken, daß er vor der peinlichen Frage: »Was
-wissen Sie von Goethe?« längst nicht mehr zag zu sein brauchte.
-»Wer in Weimar lebt, hat die Pflicht, in jeder Woche einmal
-nachdenklich daran zu werden, daß Weimar das Herz der
-Welt ist &ndash; diese Erkenntnis wirkt auf die Seele wie ein Sonnenbad
-auf den Körper.«</p>
-
-<p>»Alle Sinne werden wach, wenn man in das Reich der Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-Do tritt,« sagte Cornelius &ndash; »was ich bin und habe, dank' ich
-ihr allein,« setzte er hinzu. Er hatte leuchtende Augen. Und
-Kordula Gunkel war auf die Schwelle des Musikzimmers
-getreten und ließ ihre Blicke wandern. Es hingen da schöne
-und wuchtige Gemälde an den Wänden: der Folgefond,
-wie er sich spiegelte in den dunklen Wassern des Hardangerfjords
-&ndash; von Henrik Tofte. Es war ein königliches Bild.
-Es hing an der Wand im Speisezimmer der Skjoldefoß mit
-der Sägemühle &ndash; auch von Henrik Tofte. Groß und gewaltig
-in Farben und Auffassung. Es waren da Bilder von
-Gwendolin aus den Schären und Holmen; dann die Insel
-der Auferstehung, und der Anger im Walde von Ettersburg,
-den sie damals gemalt hatte, als Jockele vor ihr erkennen
-wollte, wie viel weniger er könnte. Und über den Flügel
-hin, als das einzige an dieser Wand, war ein Kopf Beethovens,
-gemalt von Richard Schaffrath &ndash; stark und tiefbeseelt hingestrichen,
-ward er zu einem Erlebnis.</p>
-
-<p>O ja, es atmeten in diesem Hause Tat, Kraft und Wille
-zu Leben und Schönheit. Und Kordula Gunkel hatte nun fünf
-Jahre an sich vorüberstreichen sehen, fünf Jahre voller Dinge,
-die außer ihr lagen wie ein Film. Das Herz war ihr müde
-daran geworden und das Auge flimmrig. Darum lehnte
-nun Kordula an dem Pfosten der Tür und sagte: »Es ist
-schön und wunderbar &ndash; es ist ein Märchen.« Gwendolin
-aber schenkte die Reste des Sekts aus den Flaschen in ihr Glas
-und setzte sich samt dem Glas mit dem schäumenden Mützlein
-an die Spitze eines Zuges; denn die anderen marschierten
-hinter ihr drein und legten einander die Hände auf die Hüften.
-So schritten sie hinaus in das Zwielicht des Vorgartens. Die
-Luft war weich und voller Verheißungen; die Tulpen stiegen
-aus dem Rasen. So kamen sie bis vor den Erker mit dem
-grünen Kupferdach, der aus der Stirnseite des Hauses springt.<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-Und Gwendolin hob das Glas und rief: »Schön und wunderbar
-bist du, du Reich der goldenen Do! Wunderbar bist
-du und schön wie ein Märchen, du Märchenhaus!« Und sie
-warf das Glas gegen den Stein, daß es jauchzend zersprang.</p>
-
-<p>Da hatte das Haus den Namen, den es seit jener Stunde
-in der Stadt trägt und im Reiche und darüber hinaus; denn
-wo Do und Jockele regieren als König und Königin, das
-weiß die Welt.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Aber der irrt sich, der da meint: nun wäre die Geschichte
-alle, und Frau Do hätte doch nicht ganz recht gehabt,
-als sie sagte: es wäre bei ihnen immer schrecklich viel los;
-denn eine Woche danach &ndash; der Frühling brannte zeitlos
-gerade sein Eröffnungsfeuerwerk ab &ndash; hurra! da hatten
-sie im Märchenhaus ein kleines Mädchen. Das kleine Ding
-hatte es nicht erwarten können! Kunststück &ndash; wenn in der
-Welt an jedem Baum ein grüner Zettel angeschlagen ist:
-»Heute Einzug Sr. Kgl. Hoheit des Frühlings!« und wenn
-die bunten Fähnlein um alle Steine wehen und über dem
-Rasen flattern &ndash; ha, Kunststück! Und so war sie denn gekommen.
-Gwendolin, die als die einzige dabei war &ndash; denn Jockele
-rasselte in einem gefährlich fixen Auto durch die Stadt, und
-sein überfallenes Herz schrie um Hilfe &ndash; die Allerwelts-Gwendolin
-sagte hernach: »Du hättest dich gar nicht zu eilen
-brauchen, die Erbprinzessin sprang so vergnügt in die Welt &ndash;
-es fehlte bloß noch, daß sie heidi! rief.« Damit gab sie auch
-Dos Kindlein den Namen &ndash; in diesem Falle warf sie aber
-kein Sektglas nach ihm. Sondern das war ein lustiger Zufall;
-und es lag in diesem Namen ein so köstliches Befreien von
-der Überrumplung, die sich die kleine Heidi geleistet hatte.
-&ndash; Eine ähnliche Sache hatte sie sich auch für späterhin vorbehalten,<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-als sie die Buschgroßmutter besuchen ging … Das
-war ein sehr aufregendes Unternehmen.</p>
-</div>
-
-<p>So war Heidi das Frühlingskind das wichtigste Ereignis
-seit der Taufe des Märchenhauses. Die ruhevolle Kordula
-Gunkel erklärte: »Es ist nicht nur ungeheuer viel los bei euch,
-nein, die Tage schießen in Kopfstürzen über eure Stiegen.«
-Und damit hatte sie recht. Um so mehr wunderte sie sich, daß
-von einem Jahrmarktsrummel in diesem Hause beim besten
-Willen nicht geredet werden konnte; denn es wohnte besinnliche
-und gesammelte Freude am Dasein darin; und die ist
-immer leise &ndash; zum Unterschiede vom Haus mit der Harfe,
-wo man zu den Fenstern heraussang, und wo der Knabe
-mit der roten Zipfelmütze sogar an einem Wintertage mit
-verbürgten 17 Grad Kälte vorm Gartentore an seinen Liedern
-in die Luft kletterte.</p>
-
-<p>Der ganze römische Winter war für Kordula nicht so voller
-Ereignisse gewesen wie die erste Woche im Märchenhaus:
-Gwendolin verlobte sich; Jockele arbeitete mit geheimnisvoller
-Hingabe an seinem Werk über die Flechten &ndash; so hieß
-es. Dann aber stellte sich's heraus: er hatte einen Roman begonnen.
-Man riet sich über dem Titel und über seinem Stoff
-leuchtende Augen und Herzen und riet daneben. An den
-Abenden fehlte zwar die Märchenkönigin Do; aber Cornelius,
-Schaffrath und der Professor Salzer waren dreimal da, und man
-sprach von der Nachbarschaft. Es gab für die Leute im Märchenhause
-nur einen Nachbar: Goethe. Man brauchte ja bloß
-zum Fenster hinauszulugen, da blinzelte das heimelige
-Schindeldach durch Busch und Hecken … An einem dieser
-Abende war auch Erika Flucht da; denn auf den Spuren der
-endgültigen Fassung des »Faust«, die Goethe im benachbarten
-Gartenhang vergraben haben sollte, erschien mit jedem
-jungen Jahr, sobald die ersten Lerchen schwirrten, dies<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-Mädchen schön und wunderbar. Kordula wußte aus dem
-Jockelebuch, was es damit für eine Bewandtnis hatte. Und
-Fräulein Flucht war noch immer nett und so überzeugt von
-ihrer literarischen Sendung wie vor Jahren. Die kluge Do
-aber blieb diesmal für sie verschollen. Dagegen fand Erika
-Flucht in Salzer einen geistvollen und launigen Zweifler.
-An ihrer Unentwegtheit änderte das nichts. Aber die Menschen
-im Märchenhause waren so, daß auch das Mädchen aus der
-Fremde ein Ereignis unverkümmerter Freude blieb. &ndash; Dann
-wachten die grünen Wasserfrösche auf, die Jockele noch am
-letzten sonnigen Herbsttag in Belvedere gefangen und in
-seinem Gartenteich angesiedelt hatte. Alle Bewohner und
-Freunde des Hauses versammelten sich dazu. Nur Jockele
-war nicht mehr so bei der Sache wie am Karauschenteich in
-Norwegen &ndash; nun ja, es gab in dieser Woche für ihn mancherlei
-Ablenkung. Aber es half ihm nichts: der ansehnliche Stoß
-Papier, den er den Froschlurchen zuliebe vollgeschrieben
-hatte in naturforscherischem Bemühen, durfte nicht unter
-den Tisch fallen. So nahm er Messungen über den Ernährungszustand
-des grünen Teichvolks vor: es war genau so dick in
-den fünfmonatigen Winterschlaf gegangen! Er fütterte sie
-mit Regenwürmern, sogar kleine Molche ließ er sie vertilgen;
-und als sie am dritten Tage Jockeles Schritt auf dem Gartensand
-hörten, hüpften sie ihm entgegen und nahmen die Würmer
-aus seiner Hand. Nicht zu glauben &ndash; und dennoch eine Entdeckung
-rührender Intelligenz der grünen Teichmänner, von der
-die gesamte Literatur keine Ahnung hatte! Jockele war davon
-so überrascht, daß er die wonnevollen Frühlingsmittage dieser
-Woche in forschendem Spiel am kleinen Gartenteich verbrachte.
-Darüber mußte der Rausch des Dichtens in die Einsamkeit der
-Nächte verlegt werden. Und es hätte niemand so leicht davon
-erfahren, hätte nicht Kordula Gunkel das Geheimnis erspäht&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p>
-
-<p>Dies alles fiel in die Woche vor Heidis Sprung in die Welt
-&ndash; der Gwendolin und ihres Schlachtenmalers gar nicht zu
-gedenken! Zu allem: Kordula Gunkel war mit ihren Freuden
-seit ihrem Auftauchen im Märchenhause keineswegs bloß
-neben die anderen gestellt &ndash; nein, nein, die fünf Jahre waren
-für sie vorbei, die ihr Augen und Herz flimmrig gemacht hatten,
-weil sie immer nur zugucken durfte!</p>
-
-<p>Daran war Erich Meyer schuld. Auch an dem Hausschlüssel,
-den die dunkele Kordula besaß. Jockele hatte ihr verständnisvoll
-seinen eigenen gegeben. Es hatte sich nämlich herausgestellt,
-daß der blonde Erich mit Eintritt der Dunkelheit
-von einer Schaffenslust befallen wurde, die er am Tage nicht
-ahnen ließ … Das kann hier nicht verschwiegen werden,
-verwahrt sich aber im vorhinein gegen jede lästerliche Deutung;
-denn im Grunde genommen war diese Eigentümlichkeit
-Meyers im Märchenhause längst bekannt.</p>
-
-<p>Auf Katersteigen ging er nicht, o nein, er komponierte.
-Schon vor Jahren, als er noch im Brückenhause wohnte,
-wo das Ilmwehr über seine Einsamkeiten rauschte, hatte
-er des Nachts schöpferische Bedrängnisse. Doch in jener Zeit
-wußte er sich nicht zu deuten, was nach Leben in ihm rang.
-Da mutmaßte er, und er kam auf wunderliche Gedanken.
-Aber dann später, im Haus mit der Harfe, wenn die drei
-Jungen, die neben seiner Kammer schliefen, sich des Abends
-ausgetobt hatten, da hörte er schöne lockende Saiten tönen
-über das Herz der Nacht hinweg. Als ihm dies zum ersten
-Male geschah, dachte er, es wäre die Leier auf dem Dache,
-an der sich der Sommerwind im Wandern vorübergriff.
-Da schrieb er auf Notenpapier, was durch seine Seele
-zog. Und am Morgen dachte er, er hätte geträumt. Aber
-das mit Noten bedichtete Blatt auf dem Tische belehrte ihn
-anders.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span></p>
-
-<p>Seit er im Häuschen im Apfelgarten wohnte, und seit er
-den Flügel besaß, wußte er: die Nacht war für ihn die schöpferische
-Zeit. Danach richtete er fortan sein Leben: er komponierte
-an seiner Märchenoper; oder in einem goldenen Meer
-von Tönen badete er sich durch Mitternächte die Seele rein
-von dem Staube, der sich über den Klavierstunden am Tage
-darauf gelagert hatte. Unterricht gab er nur noch nachmittags
-&ndash; auch das dankte er Do und dem Märchenhaus.</p>
-
-<p>Und zuletzt dankte er diesem Hause auch Kordula Gunkel.
-Ja, es war Himmel um ihn, Himmel, wohin er griff! Nicht
-die Laute war es gewesen, die ihn bestrickt, sondern er hatte
-noch nie ein Mädchen gesehen, das den Kranz ihres schwarzen
-Haars so fromm um die weiße Stirne trug. Er hatte noch nie
-eine so weiche dunkle Frauenstimme gehört, die sich ins Herz
-schmeichelte wie diese und die so warm zu ihm sprach. Gleich
-am ersten Abend, als Kordula auf der Schwelle stand und einkehrfroh
-war, da hatte er an die heilige Cäcilie gedacht. Nun,
-eigentlich eine Heilige war Kordula Gunkel nicht. Aber auch
-das fand Erich Meyer wunderwunderschön an ihr.</p>
-
-<p>Kordula merkte schon am dritten Tage, wie das mit ihm
-stand. Alle merkten es. Bloß: Erich Meyer wußte nicht,
-wie er so etwas machen sollte&nbsp;…</p>
-
-<p>Einmal ging Kordula mit Gwendolin im Garten spazieren.
-Sie sprachen von Erich, und Gwendolin war von einer bedeutenden
-Lustigkeit &ndash; natürlich ganz heimlich. Da fanden
-sie Jo am Froschteich.</p>
-
-<p>»Er ist bei der Dressur,« sagte Kordula.</p>
-
-<p>»Jockele,« rief Gwendolin, »du mußt der Kordula deinen
-Hausschlüssel geben!«</p>
-
-<p>Kordula war entrüstet. »Willst du mich hier etwa in ein
-verdächtiges Licht setzen? Und meinst du, daß ich Meyern
-damit pfeifen soll?« sagte sie leise zu Gwendolin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span></p>
-
-<p>»Ja,« sagte die &ndash; »so ähnlich; die Liebe ist ein Geist; sie
-lernt erst reden, wenn du ihr ein Zeichen gibst.«</p>
-
-<p>Es ist nicht festgestellt worden, ob die gefährliche Gwendolin
-dem Jockele eine Andeutung gemacht hat &ndash; der Hausschlüssel
-lag gleich danach auf dem Tisch in Kordulas Zimmer.</p>
-
-<p>Es war zwischen den Mädchen nicht mehr von dieser Sache
-gesprochen worden. Aber Kordula dachte darüber nach.
-Gwendolins Weisheit von der Abenteurerin fiel ihr ein &ndash; die
-Gwendolin war doch ein mortsgescheites Mädel!</p>
-
-<p>In der Dämmerung saß Kordula am geöffneten Fenster
-und ließ die hohen Maßholder und die ersten Sterne sacht
-über sich aufblühen. Es knirschten Tritte im Wegsand unter
-den alten Bäumen. Da steckte Kordula Gunkel den Hausschlüssel
-in die Tasche, nahm ein Schultertuch und ging ein
-bißchen in den Garten.</p>
-
-<p>»Sieh da, Herr Meyer! Gehen Sie oft hier ums Märchenhaus
-spazieren?«</p>
-
-<p>»O nein. Ich dachte, vielleicht träfe ich Jo oder Gwendolin
-oder sonst einen lieben Menschen. Man hat sich schon so daran
-gewöhnt. Früher hab' ich nach niemandem Sehnsucht
-gehabt.«</p>
-
-<p>Kordula blickte ringsum und sah die Kastanien des alten
-Schießstands. »Sagen Sie, Herr Meyer, was ist denn eigentlich
-da oben? Es ist da eine Reihe so schöner Kastanien.«</p>
-
-<p>»O,« sagte Meyer, »man kann von da aus recht gut in mein
-›Landhaus‹ gelangen, wenn man nämlich durch die Schlüpfe
-im Zaune geht, wissen Sie &ndash; wo Minchen Herzlieb aus dem
-Jockelebuch den blühenden Mandelzweig zwischen den Zinseln
-hindurchgesteckt hat, und wo die Kastanie steht, in die Jockele
-damals seine Liebe eingeschnitten.«</p>
-
-<p>»Aha,« sagte Kordula, »wollen Sie mich da nicht einmal
-hinführen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>»Wenn es Ihnen nicht zu dunkel wird, Fräulein Kordula?«</p>
-
-<p>»Ach Unsinn!«</p>
-
-<p>Da wanderten sie miteinander ein Stück das Horn entlang
-und bogen dann rechts in den Pfad zwischen den Gärten,
-der unter die Kastanien des alten Schießstandes führt. Es
-war nun schon recht finster geworden unter dem tiefhängenden
-Frühlingslaube. Kordula stieß an einen Stein.</p>
-
-<p>»Es sind wohl gar Stiegen in diesem Wege?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Meyer, »wenn Sie erlauben, könnte ich Sie
-vielleicht führen?«</p>
-
-<p>»Wenigstens über diese holperige Stelle.«</p>
-
-<p>»O, holperig sind hier alle Stellen,« sagte er.</p>
-
-<p>»Und finster ist es.«</p>
-
-<p>»Für mich kann es gar nicht finster genug sein, Fräulein
-Kordula, ich lebe dann eine Art gesteigertes Dasein, und es
-fällt mir darüber furchtbar viel ein.«</p>
-
-<p>»Ja? Ich habe gehört, Sie machen Ihre besten Sachen
-im Finstern, Herr Meyer.«</p>
-
-<p>»Jawohl,« sagte er; »denn erstens spart man dabei Licht.
-Na, und überhaupt&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie gingen den ganzen Schießstand lang. Sie kamen auf
-einen Feldrain. Sie kamen in das Kastanienwäldchen. Und
-sie kamen nach Oberweimar. Da fand Kordula, daß es sehr
-weit wäre, bis zu Meyers Gartenhaus. »Ach,« sagte er, »da
-sind wir ja gleich anfangs vorbeigekommen! Doch &ndash; es
-war so schön … Ich habe ja noch nie das Glück gehabt, eine
-junge Dame zu führen, Fräulein Kordula.«</p>
-
-<p>Da lachte sie. »Mein Gott, ich wollte aber Ihr Häuschen
-sehen! Und Sie sagten doch, in der Nacht fielen Ihnen immer
-die schönsten Dinge ein?«</p>
-
-<p>»Erstaunlich schöne Dinge, Fräulein Kordula&nbsp;…«</p>
-
-<p>Bis dahin war es ein bißchen dürftig zwischen ihnen gewesen;<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-denn Erich Meyer berührte die Erde nur mit den Fußspitzen.
-Kordula Gunkel dachte: »Was ist er für ein lieber unbeholfener
-Träumer! Er fällt immer tiefer hinein in den Himmel.
-Ich glaube, wenn ich ihn nicht festhalte, verläuft er sich hinter
-seinem Glücke her.« Darüber fiel es ihr auch ein: der Hausschlüssel
-wäre der Gwendolin wohl nun ein Sinnbild gewesen und
-Erich Meyer wüßte vor lauter Freude wirklich nicht, wie
-man so etwas mache.</p>
-
-<p>Aber solch ein Unterricht ist furchtbar schwierig&nbsp;…</p>
-
-<p>»Es ist himmlisch, Fräulein Kordula.«</p>
-
-<p>»Woran merken Sie denn das?«</p>
-
-<p>»Es sind mir herrliche Dinge eingefallen auf diesem Wege.«</p>
-
-<p>»Sie sind sehr selbstsüchtig, Herr Meyer &ndash; nun ja, weil Sie
-all die schönen Sachen für sich behalten!«</p>
-
-<p>»Es läßt sich gar nicht in Worten ausdrücken, Fräulein
-Kordula.«</p>
-
-<p>»In Tönen etwa?« begann sie zu raten.</p>
-
-<p>»In Tönen?« fragte er erstaunt. »Na ja, da ginge es auch.
-Aber daran dachte ich nicht. Ich dachte überhaupt nicht an
-Musik&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Herrgott noch mal!« begehrte sie auf.</p>
-
-<p>»Wie, bitte?«</p>
-
-<p>»Lieber Cornelius, ich glaube, Sie müssen sich gewöhnen,
-die Welt herzhafter anzufassen.«</p>
-
-<p>»Ja, das muß ich wohl. Aber ich habe nun mal so leise
-Hände, und ich habe doch ein so furchtbar heißes Herz. Sie
-ahnen gar nicht, Fräulein Kordula, was dies Herz alles anstellen
-möchte!«</p>
-
-<p>»Ach, ahnen,« sagte sie, »natürlich ahn' ich es!«</p>
-
-<p>Darüber waren sie durch die Finsternis wieder zur Wildenbruchbank
-gelangt, die auf dem Kopfe des alten Schießstands
-steht. Sie wußten beide die Verse auswendig, die Wildenbruch<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-dafür gedichtet hatte und die in die Lehne eingegraben
-sind. »Weimar hat so viele Gaben ausgestreut, dir zur Rast
-ein Plätzchen, Wandrer, schenkt es heut.« Meyer sprach
-diese Verse in lockendem Tone vor sich hin.</p>
-
-<p>»Jawohl,« sagte Kordula, »hier wollen wir uns niedersetzen.
-Und nun erzählen Sie mir mal ohne Scheu, was Ihr
-berüchtigtes Herz eigentlich möchte; denn wenn Sie Ihr ganzes
-Leben betreiben, wie die Wünsche dieses Abends, so werden
-Sie daran unselig. Wie ist denn das so mit Ihnen gekommen?«</p>
-
-<p>Da war es, als täte er einen tiefen Griff in sein Herz und
-sagte: »Wenn die Menschen sich dereinst nicht mehr einbilden,
-daß sie das Recht besitzen, in dem Leben der anderen herumzuwühlen
-wie in ihrem eigenen, dann geht das Seligsein
-schon auf Erden los.« Er holte das weither. Aber er legte
-damit den Schlüssel zu seinem Wesen zum erstenmal in die
-Hand eines Menschen. Selbst Do gegenüber hatte er das
-nicht gewagt. »Ja, so ist es mit mir &ndash; die Menschen sind
-von jeher um mich herumgelaufen wie Gassenbuben: jeder
-hat eins der kleinen Fenster an mir eingeworfen. Und ehe
-ich zu Sinsheimers kommen durfte, hab' ich wohl ausgesehen
-wie das Haus eines Lumpenmanns. Sie haben alle in meinem
-Leben herumgewühlt wie in einem lächerlichen Dinge. Deshalb
-ist es so mit mir geworden. Erst durch Frau Do hab'
-ich Lust bekommen, dies Haus des Lumpenmannes wieder
-ein wenig sonntäglich aufzuputzen. Und nun möcht' ich es
-so schön haben, daß es auch Ihnen gefällt, Fräulein Kordula.
-Meinen Sie, daß das ginge?«</p>
-
-<p>So darf sich die Wildenbruchbank am Horn rühmen, die
-wunderlichste Liebeserklärung gehört zu haben, die je losgelassen
-worden ist.</p>
-
-<p>Kordula Gunkel war nicht schwerhörig. Sie sagte: »Wissen
-Sie was, lieber Cornelius? Wir werden die Sache miteinander<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-versuchen … denn das war es doch wohl, was ich ahnen
-sollte?«</p>
-
-<p>»Ja, liebe Kordula, das war es.«</p>
-
-<p>»Sie meinen, wir sollen uns heiraten, und dann&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Dann, Kordula &ndash; Kordula!«</p>
-
-<p>Sie zogen nun die blaue Sammetdecke der Nacht ein wenig
-fester um sich zusammen&nbsp;…</p>
-
-<p>»Es ist alles gar nicht so furchtbar schwer, du, gelt?« lachte
-Kordula.</p>
-
-<p>»Ja, nun ist es sehr süß und sehr einfach. &ndash; Komm,« sagte
-er nach einer Weile, »ich zeige dir jetzt mein kleines Haus.«</p>
-
-<p>Da gingen sie den Wall entlang in der holdseligen Finsternis
-und glitten durch die Schlüpfe im Zaun.</p>
-
-<p>Es war recht jämmerlich in dem Häuschen. Aber Erich
-Meyer fand es herrlich. Es war viel jämmerlicher als in
-jenen Tagen, in denen Jockele dort gewohnt hatte. Was
-darin stand, hatte Meyer des Abends von Do herübergetragen.
-Der Stutzflügel füllte das Vorderzimmer, daß fast kein Platz
-mehr blieb. Aber mit einiger Mühe gelangte man zwischen
-Wand und Flügel hindurch in den Schlafraum. Da war
-neben dem Bett auch nur ein schmaler Gang, in dem aller
-möglicher Kram aufgestapelt lag. Erich Meyer hatte die
-kärgliche Stehlampe angebrannt und leuchtete an den Dingen
-verliebt herum.</p>
-
-<p>So sah das Leben Erich Meyers aus. Es war ein Haufen
-Gerümpel, und mitten darin stand der glänzende kleine Flügel.
-Aber es war zu merken: eines Tages würde auch er untergegangen
-sein in den Dingen, die sich um ihn sammelten. Der
-Flügel stellte Meyers Herz dar, und das ganze kleine Haus
-Erich Meyers Leben.</p>
-
-<p>Und doch wurde Kordula Gunkel sehr vergnügt an allem,
-was sie sah. Genau so hatte es ihr Gwendolin schon erzählt.<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-Fünf Jahre lang hatte sie vor ihrem Leben gestanden, wie
-viele Mädchen, und hatte dies Leben gefragt: »Was soll ich
-denn nun tun?« Und dies Leben hatte vor ihr gestanden
-und die Schultern gezogen. Aber in dieser Nacht sagte es
-zu ihr: »Weißt du nun, was du tun sollst, Kordula Gunkel?
-Du bist vor einem halben Jahre nach Rom gefahren und
-hattest den Mut, etwas viel Schwereres zu vollbringen.
-Weißt du nun, was du tun sollst?«</p>
-
-<p>Ja, sie wußte es. »Du,« sagte sie, »da müssen wir gleich
-beginnen, alles fest in die Hand zu nehmen.« Sie rückte den
-Stuhl neben den Klaviersessel Meyers, und sie fingen an
-zu rechnen und Pläne zu machen, und Kordula preßte die
-Pflugschar zur ersten Furche in das verqueckte Land.</p>
-
-<p>Es war so, wie wenn ein Mann einen Acker gekauft hat,
-auf dem seit Menschengedenken Sommer und Winter wachsen
-und ruhen ließen, was Wind und Sonne an gutem und wildem
-Samen in die Scholle geworfen haben nach ihrer Wahl.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Und am Ende der Woche, in der dies alles geschah, kam
-Heidi das Frühlingskind.</p>
-</div>
-
-<p>Kein Wunder, daß Gwendolin und Kordula in der Pflege
-um Do wetteiferten. Sie wechselten in den Tag- und Nachtwachen
-ab, und sie wußten nun alle drei, daß sie von dieser
-Woche noch zärtlicher aneinandergekettet worden und daß
-ihr Leben auf einmal ein ganz anderes Gesicht bekommen
-hatte. Die Herzen der Mädchen hatten heimgefunden und
-sahen eine schöne lichte Straße, von der sie nun sagten: hier
-müssen wir wandern. Und die gütige und weise Frau Do,
-die sich seit der Mitte des Winters in beseligtem Erwarten
-ein wenig zur Seite gestellt hatte, fühlte nun wieder inniger
-mit den Mädchen. So waren sie sich in vollerem Glücke
-nähergerückt. Es gab neue Pflichten im Hause für Kordula<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-und Gwendolin, Pflichten, die sie heimlich ersehnt hatten,
-um Do und Jockele ihre Dankbarkeit zu bezeigen. Und über
-allem schwebte die fröhliche und doch wehmütige Zuversicht:
-in ein paar Wochen wäre dies neue Leben schon wieder von
-einem noch neueren verdrängt. Danach würden sie zusammenkommen
-als drei junge Frauen, jung und glückselig und voller
-Erfüllungen und Geheimnisse&nbsp;…</p>
-
-<p>So lief die Zeit. Es war anders geworden in allen Dingen,
-seit Heidi das Frühlingskind Einzug gehalten hatte. Aber
-ein liebes heimeliges Märchen blieb's, ja, es war noch lieber
-und heimeliger als zuvor. Do fand das richtige Wort dafür
-und sagte:</p>
-
-<p>»Es ist ein Sommer der gekrönten Sorgen. Wißt ihr noch,
-wie wir damals im Blockhaus auf der Osterinsel schon einmal
-an Hochzeit und kleinen Ausstattungen bauten? Es
-ist jetzt viel schöner. Es ist jetzt so, wie ich mir dachte,
-daß es sein müßte &ndash; wir sind jetzt erst alle drei daheim,«
-setzte sie in ihrer goldenen Innigkeit hinzu.</p>
-
-<p>Darüber wurden Sommer, Leben und Menschen immer
-fertiger und schöner.</p>
-
-<p>Zuerst hielten Meyers Hochzeit. Es war im Juni. Sie
-mieteten das kleine Haus am Park, das vor Oberweimar
-an das Birkenwäldchen hingelehnt ist. Man muß nur immer
-die breite Straße weiter gehen, die an Goethes Gartenhause
-vorüberführt &ndash; da ist es dann das erste linker Hand. Auch
-wenn man abends vorbeigeht, erkennt man es gleich: hinter
-zwei Fenstern des Oberstockwerks brennt eine grüne, hinter
-den zwei anderen eine rote Lampe. Bei der roten sitzt
-Erich Meyer und verdichtet sein junges Glück in Tönen.
-Kordula ist eine kluge, ruhsame und frohbewußte Frau.
-Deshalb steht Erich Meyer in voller Blüte. Er ist nun Lehrer
-für Komposition und Klavier an der Musikschule.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p>
-
-<p>Na, und Schaffraths? Die warteten noch auf das Haus,
-das in dieser Zeit als Nummer 15 am Horn gebaut wurde.
-Sie wollten sich alle nahe bleiben und auch in der Nachbarschaft
-Goethes, damit die grüne leuchtende Parkstille ihnen
-durch Fenster und Herzen schiene und dazu die freudige
-Blüte des Lebens, die im Märchenhause gedieh.</p>
-
-<p>So lebten sie bis tief in den Sommer hinein, und doch
-hatten die Tage schnellere Flügel als je zuvor. Wie sich einer
-an den anderen reihte in sommerlicher Helligkeit, waren
-Gwendolin und Do mit der kleinen Heidi schon von morgens
-an unter den Bäumen des Gartens, oder sie saßen auf dem
-Platze mit dem weichen geschorenen Rasen. Es war für jede
-Stunde des Tages eine Stelle gewählt, an der es ganz
-besonders herrlich war.</p>
-
-<p>Jockele war nur mittags oder abends in ihrer Gesellschaft.
-Die Monographie über die Froschlurche hatte er nun fertig
-und einem Verleger übergeben. An dem Werk über die
-Flechten arbeitete er in dieser Zeit nicht; es brauchte dazu
-noch weiterer Forschungen.</p>
-
-<p>So saßen sie auch einmal nach Tisch im Garten zusammen:
-Do, Jo und Gwendolin, die die kleine Heidi auf dem Schoße
-hatte. Da planten sie die »Flechtenreise«, die recht breit
-und besonnen sein sollte wie ihr Leben. Jockele wollte nämlich
-mit Do und seiner Tochter in einem Kutschwagen in das
-Fichtelgebirge reisen, dann die Kammstraße des Erzgebirges
-entlang fahren, an den Hochmooren zwischen Böhmen und
-Sachsen dahin, und so immerfort nach Osten bis in das Riesengebirge.
-Sie dachten, es könne ein ganzer Sommer über
-jener Wagenfahrt dahingehen; aber in dieser Zeit fingen
-sie die Reise in ihren fröhlichen Gedanken schon an. Sie
-sprachen davon, was sie mitnehmen müßten, wiewohl es
-bis dahin noch vier oder fünf Jahre dauern würde, und sie<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-malten sich aus, wie sie zu dritt ganz langsam durch die Herrlichkeit
-der Bergwälder rollen wollten. Das wäre dann eine
-sehr neumodische Art zu reisen; und eine neumodische Art,
-wieder zu dem Genuß einer Reise zu gelangen und nicht nur
-zum Behagen am Ziele. »Es gehört Zeit dazu,« sagte Jockele,
-»es gehört auch Zeit zum Leben. Die Menschen haben diese
-fröhliche Muße verloren, aber ich will sie für euch und mich
-erringen, selbst auf die Gefahr hin, vor der Welt ein Narr
-zu heißen.«</p>
-
-<p>Do sah Gwendolin an. »Merkst du, wer ihm das eingegeben?«</p>
-
-<p>»Aha,« machte Gwendolin und tat den Jasminbusch ein
-wenig auseinander, »schaut da nicht die Tante Veronika
-heraus?«</p>
-
-<p>»Natürlich,« lachte Do.</p>
-
-<p>»Und gleich neben ihr der Zigeuner,« sagte Jockele. »Wißt
-ihr: den Kunstzigeuner hab' ich immer ein bißchen verächtlich
-angesehen &ndash; auch wenn er wirklich mal ein Genie war
-wie Henrik Tofte; die Gwendolin ist ja ihr Lebtag viel zu
-besonnen dazu gewesen &ndash; aber das Gottesgeschenk der echten
-Zigeunerseele, das will ich mir wohl wahren! Denn es ist
-eine Gnade, die ich vor anderen Menschen habe &ndash; ich ganz
-allein. Ganz richtig zu leben verstehen eigentlich nur die
-Zigeuner,« scherzte er. »Aber zu solch einem Auserwählten
-hat's bei mir nicht gelangt. Die Maljahre waren eine Hatz.
-Dabei wär' ich um mich selber gekommen &ndash; es war ein Irrtum
-aus lauter Sehnsucht! Na, und dann tat Do ihre Segenshände
-auf und erschuf mich vollends zum Menschen. Da
-wurde der Naturforscher aus mir &ndash; es war wieder ein Irrtum
-aus Sehnsucht. Aber er war heilsamer. Und nun kommt
-das letzte: dies letzte ist der Dichter. Es ist die Sehnsucht,
-jeden Tag dem lieben Gott einmal mitten hineinzusehen
-ins Herz! Wem anders könnte diese Sehnsucht Erfüllung<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-werden als dem Dichter? … So ist ein gerader Weg von
-dem Findling auf der Schwelle des Frühlingshauses am
-Walde über den Malmenschen mit seiner Unrast, dann über
-den Naturforscher, der in das Räderwerk der Schöpfung eindringt
-&ndash; ein gerader Weg bis hin zum Dichter. Und es ist
-ein gerader Weg von dem Herzen der Zigeunerin durch das
-Herz der Tante Veronika über das Herz Dos an das Herz
-Gottes &ndash; hinter dieses Geheimnis bin ich heute gelangt.
-So. Und da habt ihr die viererlei Gnaden meines Daseins!
-Aber die Zigeunerseele, das Herz Dos und Heidi das Frühlingskind
-fahren wir mal ins Riesengebirge spazieren.«</p>
-
-<p>Danach schlug sich Jockele in die Büsche gegen das Haus
-hin. Er wollte wieder in sein Arbeitszimmer gehen. Auf
-der Straße flimmerte die Sommerluft, die Frösche saßen
-am Teichrand und plumpten schon längst nicht mehr ins
-Wasser, wenn Jockele vorüberschritt. Da tauchte auf einmal
-ein Mensch über den Zaunlatten empor und warf ein paar
-machtvolle Arme in die Luft&nbsp;…</p>
-
-<p>»Henrik Tofte!«</p>
-
-<p>Dieser Name stürzte in den Mittagstraum unter den Bäumen
-wie ein Stück Fels. Do sprang auf. Gwendolin duckte sich
-ein wenig, dann preßte sie Heidi fest ans Herz und lief Do
-nach. Wahrhaftig! Im Torweg standen sie: Henrik Tofte
-und Jockele. Und der Besitzer des »Instituts für schwedische
-Heilgymnastik und Massage« in Rom schwenkte seinen
-echten Panama, sah aus wie der liebe Gott, als er dreißig
-Jahre alt war und noch den blonden Vollbart trug, und hatte
-sich zu diesem Besuch im Märchenhaus einen nagelneuen
-Sommeranzug machen lassen.</p>
-
-<p>Aber es war zu merken: auch ohne diese Nagelneuheit
-hätte er vollwertig ausgesehen. Ein Mensch, um den die
-Mädchenaugen flogen wie Sommervögel, war er schon<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-immer. Selbst die rote Mütze des welschen Gepäckträgers
-hatte dem wenig Eintrag getan.</p>
-
-<p>Und nun war es Heidi das Frühlingskind, das den drei
-Erwachsenen über das Herzbeben hinweghalf. Sie saß da
-auf Gwendolins Arm in ihrem himmelblauen Kleidchen,
-streckte dem machtvollen Manne die Ärmchen entgegen und
-jubelte ein helles Lachen um ihn. Das hatte sie vor einem
-Fremden noch nie getan. Und sie machte das so reizend &ndash;
-was ringsum lebte, jauchzte mit. Da kriegte Tofte das himmelblaue
-Menschlein zu packen, und es hing an seinem Herzen
-wie ein kleiner blauer Schmetterling an einem Eichstamm
-und schlug vor lauter Sonnenfreude mit den Flügeln. Es faßte
-ihm in den Nordlandbart und patschte ihm ins Gesicht, und
-dem blonden Riesen liefen die Augen an vor einer Handvoll
-Kleinkinderglück.</p>
-
-<p>Gwendolin lockte Heidi und wollte ihn von ihr erlösen;
-Mama wandte ihre süßesten Liebkosungen an, aber Heidi
-blieb für alle verloren. Sie hatte ihre Ärmchen auf Toftes
-Achsel gelegt und sah aus, als wollte sie, vereint mit ihm, ihr
-Jahrhundert in die Schranken fordern.</p>
-
-<p>Dem Henrik Tofte gefiel dies holdselige Wunder ungemein.
-Ein bißchen bänglich war ihm aber doch, und er fragte,
-ob er an dem Kleinen etwas entzweimachen könnte&nbsp;…</p>
-
-<p>Das war wieder einmal so bärenmäßig lieb von ihm, daß
-er für die Damen zu seiner vollen Siegergröße emporwuchs.
-Und beruhigt setzte er sich mit Heidi in Bewegung nach dem
-Schattenplatz unter der Ulme, wo schon die Wildrose die
-Hagebutten aufsteckte. Heidi aber blieb bei ihm, bis sie sich
-müde staunte an seinen Übermaßen. Gegen seine sichere
-Brust gelehnt, schlief sie ein. Da legte man sie in den Wagen
-und fuhr sie ein bißchen seitab unter die Bäume; denn Henrik
-Toftes Stimme dröhnte wie der Skjold.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p>
-
-<p>Gwendolin war rasch einmal ins Haus gesprungen &ndash; einer
-Erfrischung wegen, die Fritz alsbald auftrug. Aber sie hatte
-ihm auch befohlen, danach gleich zu Frau Kordula zu laufen &ndash;
-Gwendolin brauchte durchaus eine Seele, die sie von der
-elektrischen Spannung befreite. Ihre Gedanken wirbelten
-durcheinander wie Herbstlaub, und in ihrer Not verfiel sie
-auf Kordula. Unter dem Blätterfalle fand sie sich wieder zur
-Ulme.</p>
-
-<p>Sie fand Jockele und Do fröhlich und gefaßt. Da wollte
-sie nicht zurückstehen. Henrik Tofte saß in himmelheller Aufgetanheit
-dabei, rauchte eine Zigarette und erzählte.</p>
-
-<p>Gwendolin sagte:</p>
-
-<p>»Ich glaube, es kommt vor Abend ein Gewitter &ndash; die
-Frösche hupfen.«</p>
-
-<p>Dazu schwieg Do. Aber Jockele lachte die Gwendolin
-ahnungslos aus und sagte, vor Witterungsverhältnissen
-ginge alle Frauenweisheit in die Brüche.</p>
-
-<p>»…&nbsp;ja,« fuhr Henrik Tofte fort, »so war Angelina Fabbro
-ein etwas wunderliches Erlebnis: ich machte mit ein paar
-Leuten Heilgymnastik und sie nahm das Geld dafür ein,
-kaufte sich Spitzen und Süßigkeiten. Aber was wollen Sie:
-Angela Fabbro war eine Römerin! Da hab' ich mich von ihr
-fortgemalt. Mit dem Frühling bin ich losgezogen: er und ich,
-wir nahmen unser Malzeug untern Arm, einer so reich an
-Geld wie der andere, und im Mai gelangten wir in die Bäder
-von Lucca. Dort setzte ich mich instand, so gut es nach zwei
-Monaten meiner Wanderfahrt in welschem Straßenstaube
-ging. Ich kam gerade zur rechten Zeit. Ich malte da ein
-Fischermädchen am Strand &ndash; vielleicht hatt' ich einen guten
-Tag, vielleicht warf mir das Schicksal einen Dummen zu:
-eines Morgens stand in der Bäderzeitung ein Aufsatz ›Henrik
-Tofte als Erzieher‹&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p>
-
-<p>Es trat eine Unterbrechung ein: stürmischer Beifall auf
-offener Szene; denn »Tofte« und »Erzieher« waren Begriffe
-&ndash; klafften da nicht Himmel und Hölle dazwischen?</p>
-
-<p>Nach einer Weile fuhr Tofte fort: »Es wäre ein neuer Stern
-am Himmel Italien aufgegangen, eine unerhörte Begabung
-säße am Strande, ein Porträtmaler, dessen machtvolle Kunst
-wert wäre, vorbildlich zu sein für die Welschen« … Tofte
-sprach mit den Worten der Zeitung. Weiter aber führte
-er nichts zu seinem Ruhm an; und es war zu sehen: selbst das
-kostete ihm einen Aufwand an Kraft; denn Henrik Tofte
-hatte nicht zwei Vergrößerungsgläser im Kopfe, wenn er
-sich selbst betrachtete. »Nun, ich kannte weder den Aufsatz
-noch seinen Schreiber. Und als ich davon erfuhr, dacht' ich:
-es ist ein Reklametrick der Bäderverwaltung &ndash; ähnlich wird
-sie es jedes Jahr machen. Fortan war ich umdrängt. Was
-ich in Lucca gemalt hatte, verwandelte sich in ein paar Stunden
-in Gold. Nach drei Wochen besaß ich siebentausend Lire.
-Vielleicht hätt' ich siebzigtausend machen können. Aber die
-Luft von Lucca ist gefährlicher als die von Rom, und das
-Malen ist eine verdammte Kunst. Nach drei Wochen hatt'
-ich es satt. Ich wollte einfach nicht mehr, nein, ich wollte
-nicht! Was kann man da machen? Es kam eine kleine Modellgeschichte
-dazu, aus der ein großer Skandal wurde. Ich schwur
-einen Eid, nie mehr im Leben einen Pinsel anzufassen, warf
-meinen Malkasten ins Meer und verschwand. Diesmal per Bahn.
-Ich hatte gedacht: reich sein wäre schön. Nun war ich reich, fünf
-Wochen lang unbändig reich; denn ich kam mit annähernd dreitausend
-Lire nach München und lebte meinem Freunde Johnny
-mal was vor. Johnny befleißigt sich nämlich an der Isar der
-Bildhauerei; neuerdings modelliert er eine Giraffe; er träumt
-aber von einem Löwen … Und wie ich so im besten Leben bin,
-da wählt sich das Schicksal den Rolf Krake aus! Er schreibt mir<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-einen Brief und fordert mich auf: Tofte, fahren Sie nach Weimar
-und malen Sie Frau Do für mein Haus auf der Insel! Ich
-schrieb ihm: Lieber Krake, mit dem Malen ist es vorbei. Aber
-hartnäckig wie das Schicksal ist, läßt es ihn wieder auf mich
-los. Da ist der Brief &ndash; Rolf Krake mag reden, verehrungswürdige
-Frau Do! Er ist der Mund meines Schicksals, und
-dies Schicksal spricht:</p>
-
-<p>›Mit Ihrer Nachricht von dem jüngsten Eide, durch den
-Sie sich der Malerei abgeschworen, teuerster Tofte, haben
-Sie den stärksten Heiterkeitserfolg gehabt. Die Augen müßten
-Ihnen ja auslöschen, Genie, wenn Sie Ihren Schwur halten
-wollten! Ich brauche das Bild der blonden Frau Do in jedem
-Fall, und ich weiß, sie wird ihrem wunderlichen Freunde
-von der Insel der Auferstehung diesen Wunsch nicht versagen.
-Das Bild ist für die Nordwand im Krakesaal bestimmt.
-Ich habe dort zwischen den beiden Mittelfenstern dunkelblauen
-Samt anschlagen lassen. Es ist auch ein Vorhang aus
-dunkelblauem Samt angebracht worden, der in schwerem
-Faltenwurfe über das Kunstwerk gezogen werden kann;
-denn kein fremdes Auge soll dies Bild erschauen. Ich selbst
-aber will des Tages eine Stunde davorsitzen, und dann soll
-der blaue Samt es mir nicht verhüllen. Ich habe alle Götter
-abgesetzt, um die ich mich dereinst bemüht habe. Aber zu
-jener blonden Frau Do kann ich noch beten.</p>
-
-<p>Sie fragen nach mir. Ja, ich bin gesund wie je, wenn
-ich allein war. Nur vor Menschen wurde ich krank; deshalb
-gehe ich nicht mehr zu ihnen &ndash; nie, nie, nie! Ich habe seit
-dem Tage meiner Rückkehr aus Hamburg die Insel nicht mehr
-verlassen und werde sie nicht mehr verlassen. Ich habe sie
-von Nane Thord erworben. Die soll hier wohnen bleiben
-bis an ihr Ende. Das Mädchen Marit habe ich zurückgerufen
-&ndash; wenn es einmal käme, daß Nane Thord einer Pflege<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span>
-bedarf. Der große Anbau ist nun mein Büchersaal. In
-Gwendolins Zimmer steht die Drechselbank, aber ich brauche
-sie fast nie mehr, vielleicht im Winter. Ich benütze alle Räume
-für mich. Nur in jenem, in dem Sie gelebt haben, teuerster
-Tofte, ist alles unberührt geblieben. Oft, wenn ich an der
-verschlossenen Tür vorübergehe, muß ich denken: es wartet
-dahinter auf Ihre Rückkehr. Ich habe Marit Anweisung gegeben,
-daß Sie zu aller Zeit Zutritt zur Insel haben. Der
-Schlüssel hängt im Turmzimmer am rechten Fensterpfosten.</p>
-
-<p>Gleich nach meiner Ankunft im Herbst habe ich in Schiffen
-beste Walderde auf die Insel bringen lassen. Ich habe diese
-Erde ausgebreitet. Ich habe durch Maurer alle Rinnen in den
-Klippen schließen lassen, durch die sie hinabrinnen könnte.
-Und ich habe ein heizbares Glashaus gebaut, in dem ich die
-betörenden Wunder der Orchideen züchte. Über Winter
-hatte ich mir den Plan für die gärtnerischen Anlagen der
-Insel gemacht. Es war kurzweilig und schön; denn ich war
-darauf bedacht, den landschaftlichen Reiz des Eilands zu erhöhen
-und ihn einzustimmen in den vollen und heiteren
-Zusammenklang der Umgebung. Nun treiben die Rosen,
-wo vordem das Strandgras klirrte. Nun stehen die silbernen
-Säulen der Birken, wo vordem wilde Halme schossen, und
-nun grünen die Fichten in verschwiegenen Gruppen, und die
-Krüppelweiden machen Köpfe und werden in nicht zu langer
-Zeit Höhlen in ihren Stämmen bilden, damit die bunten
-Mandarinenenten darin nisten können, die ich bezogen habe.
-Sie sind sehr zutraulich geworden.</p>
-
-<p>So treib' ich es, Meister Henrik! Des Morgens bad' ich
-im Fjord, auch im Winter; denn ich fühle mich sehr wohl
-dabei. Die gärtnerische Anlage ist so, daß ich stundenlang auf
-meiner kleinen Insel umherspazieren kann und vom Strand
-aus in ein paar Jahren doch nicht gesehen zu werden brauche,<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-wenn ich nicht will. Nur den Himmel laß ich hereinschauen,
-wo er mag. Ich glaube nicht, daß er einen Winkel in der
-Welt weiß, der inniger ist als der meine, und ich glaube nicht,
-daß er je einen Menschen sah, der glücklicher ist als ich‹.«</p>
-
-<p>»Schlicht und wunderlich ist Rolf Krake,« sagte Do, »und
-doch ist zu erkennen: er lebt ein glückseliges Leben.«</p>
-
-<p>»Wollen Sie ihm seinen Wunsch erfüllen?« fragte Tofte.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte sie, »aber es ist gut, daß Sie uns den Brief
-mitgebracht haben; sonst hätte ich mich wohl nicht entschließen
-können.«</p>
-
-<p>»Warum denn nicht?« fragte Jockele befremdet.</p>
-
-<p>»Du solltest das doch verstehen.«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>Do blickte hinab auf ihre weißen Hände und schwieg.
-Da rekelte sich Heidi im Wagen, und Mama war froh, daß
-sie zu ihr eilen konnte. Gwendolin aber sagte zu Jockele:
-»Erich Meyers und Salzers himmlische Liebe haben für Do
-nichts Aufregendes; aber bei Rolf Krake &ndash; es ist ja der reine
-Götzendienst! Ich glaube, seit den Abschiedsworten Krakes,
-die er damals in sein Tagebuch geschrieben, hat Do öfter an ihn
-gedacht, als wir ahnen. Sie ist sehr froh gewesen, daß sie ihm
-damals in Hamburg helfen konnte. Und sie ist auch in diesem
-Augenblick froh, weil sie weiß: sie hat ihn zu sich selber zurückfinden
-lassen.«</p>
-
-<p>Das Wort Gwendolins vom Götzendienst griff Henrik Tofte
-gleich auf; denn Do kam mit Heidi zurück, und das Kleine lehnte
-sein goldenes Köpfchen an Mamas Wange und hatte die Augen
-noch ganz voll blankem Schlaf. So stand sie gerade vor dem
-Wildrosenbusch, der sich nun hochsommerlich mit Hagebutten
-geschmückt hatte. Aber vor Toftes Künstleraugen wuchs wieder
-das Wunder der rosa Blüte darüber. »Madonna in Rosen,«
-rief Tofte. »So will ich Sie malen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span></p>
-
-<p>Da dachten sie alle an Rolf Krakes Tagebuch, und was er
-von den wilden Rosen hineingeschrieben hatte. &ndash; Es war
-seltsam. Aber Henrik Tofte wußte es nicht.</p>
-
-<p>Kordula kam. Still, blühend und mit forschenden Blicken.
-»Es ist gut, daß ich dich nicht geheiratet habe,« sagte Tofte
-zu ihr, »und es ist auch gut, daß <em class="gesperrt">du</em> mich nicht gewollt hast,
-Gwendolin.«</p>
-
-<p>Kordula sagte: »Schön und begabt warst du immer, daß
-du nun aber auch vernünftig geworden bist, ist neu.«</p>
-
-<p>»Vernünftig?« fragte er. »Nun, wie man's nimmt!
-Ich bin in meinem Leben einem einzigen Menschen begegnet,
-der annähernd so unvernünftig war wie ich: Angelina Fabbro.
-Und just an ihr bin ich bis zu einem gewissen Grade vernünftig
-geworden. Ich beschränke seitdem meine Dummheiten auf
-ein Mindestmaß&nbsp;…«</p>
-
-<p>»…&nbsp;das bei Ihren machtvollen Maßstäben immerhin
-noch riesenwüchsig sein wird,« sagte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Je nun,« machte Tofte, »zu einem Narren reicht's wohl noch!
-Und Narren sollen nicht heiraten. Die Ehe ist die Kunst der
-Weisen. Nur diese ziehen das Wunder einer Blüte daraus.
-Bei allen anderen kümmert sie.«</p>
-
-<p>»Die Frösche hupfen nun nicht mehr,« sagte Gwendolin.</p>
-
-<p>Das wußten sie alle: in der Kunst Henrik Toftes war der
-Mensch nicht zu erkennen; denn diese Kunst war die Stete &ndash;
-der Mann, der dahinterstand, die Unstete. Der Mann huldigte
-Seiner Majestät dem Augenblick.</p>
-
-<p>Darum war es klug und doch unvorsichtig von Gwendolin,
-daß sie gesagt hatte: »Die Frösche hupfen nun nicht mehr.«
-Als die Hochsommernacht zwischen den alten Bäumen herniederhing
-und die Silberbrünnlein der Sterne aus den blauen
-Gründen sickerten, war Gwendolin mit Henrik Tofte noch
-einmal in den Garten gegangen, gleich nach dem Nachtmahl.<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-Es kam kein Gewitter, aber es wetterleuchtete doch ganz
-gefährlich.</p>
-
-<p>»Hast du denn nicht gesagt, ich sollte sieben Jahre dienen
-um Rahel?« Das klang, als fiele in der Ferne ein Berg um.</p>
-
-<p>»Wohl,« sagte sie; dabei fand sie zum ersten Male die brüderliche
-Anrede, aber er merkte es gar nicht; »hast du jemals
-daran gedacht?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er.</p>
-
-<p>»Und bist nun gekommen, Rechenschaft von mir zu fordern
-&ndash; von mir?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er. »Aber es wäre doch lieb und gut von
-dir gewesen, wenn du dich für mich armen Menschen aufgehoben
-hättest.«</p>
-
-<p>»Ah! Seit wann weißt du denn die Geschichte von deiner
-Armut?«</p>
-
-<p>»Seit heute,« sagte er. »Damals, als ich der Kordula am
-Bahnhof in Rom den Gepäckschein aus der Hand nahm, war
-ich ein Millionär &ndash; seit heute bin ich ein Bettelmann.«</p>
-
-<p>»Du, das hört sich furchtbar tragisch an.«</p>
-
-<p>»Es ist auch so, liebste Gwendolin &ndash; es ist weiß Gott so!
-Sieh, ich bin zum erstenmal in meinem Leben in einem solchen
-Haus. Dazu hab' ich dreißig Jahre gebraucht. Dreißig Jahre
-lang bin ich auf den Schwellen herumgestanden und habe
-immer gedacht: es gäbe keinen König auf der Welt außer mir.
-Nun kam dies Heute und hat mich vor ein Leben geführt
-voller Liebe, Wohlhabenheit, Ordnung, gesammelter Kraft,
-Sonne und was weiß ich! Darum ist mir's vorhin bei Tisch
-so auf die Sprache gefallen: ein Rausch von Andacht vor
-diesem Unerhörten … und deshalb hab' ich mich nun heimlich
-von den anderen fortgeschwiegen.«</p>
-
-<p>»Ah pah, Räusche sind von kurzer Dauer,« sagte Gwendolin
-leichthin. »Du siehst, es ist mit meinem Glauben an dich noch<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-immer wie einst. Das kommt daher, daß du nicht an dich
-selber glaubst.«</p>
-
-<p>Da riß er sie an sein Herz und küßte sie &ndash; dreimal &ndash;
-siebenmal&nbsp;…</p>
-
-<p>»Siehst du,« sagte sie, »das ist alles, was du kannst: die
-Sekunde kannst du überwältigen; aber dein großes und
-starkes Leben in deine mächtigen Arme zwingen &ndash; das
-kannst du nicht. Und willst du jetzt wieder mit hineingehen?
-Was hätten wir zwei uns Neues zu sagen, das die anderen
-nicht hören dürften?«</p>
-
-<p>Da gingen sie. Cornelius saß am Flügel. Richard Schaffrath
-und Professor Salzer waren zusammen schon seit dem
-Morgen auswärts. Do und Jockele sahen Gwendolin und
-Henrik an, was sie draußen miteinander geredet hatten:
-es blieb immer das gleiche zwischen ihnen für und für.
-Und beide wollten auch gar nichts geheimhalten vor den
-Freunden.</p>
-
-<p>Gwendolin sagte: »Es ist so, daß ich mich mit diesem gefühlvollen
-Musikanten lieber verlobt hätte als mit dir; denn
-wären wir zwei aneinander gefesselt gewesen &ndash; wir hätten
-nach beiden Polen der Erde gedrängt und hätten uns mittenauseinandergerissen.«</p>
-
-<p>»Jetzt aber dränge ich nach zwei Menschen: nach Richard
-Schaffrath und nach mir selber,« sagte Henrik. »Ich warte
-mit Ungeduld.« Darüber füllte er sich sein Glas von neuem
-und ging damit in den Wintergarten. Er setzte sich in den
-Rohrsessel, Do gegenüber. »Mich allein haben Sie am Rande
-stehenlassen, liebste Frau Do,« sagte er zu ihr. Es klang wehmütig.</p>
-
-<p>Do wußte, wie es um solche Mollakkorde des Herzens
-bei Tofte stand. Sie scherzte selten. Aber diesmal griff sie
-die Sache doch lustig auf und sagte: »Wir Frauen haben<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-mit den Männern unsere liebe Not. Die anderen konnten
-sich nicht selber helfen: Jockele, weil er zu jung war, und die
-übrigen, weil jeder einen sanften Sparren hatte &ndash; wie unser
-Freund Cornelius.«</p>
-
-<p>»Nun, einen sanften Sparren&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O nein,« unterbrach ihn Do, »der Ihre geht über unsere
-Kraft! Ein Mensch wie Henrik Tofte hat auf sich selber zu
-stehen. Tofte, Sie sind von hundert Frauen geliebt worden …
-nein, nein, zu rechnen brauchen Sie nicht! &ndash; hat Sie eine
-repariert?«</p>
-
-<p>»Jawohl,« sagte er.</p>
-
-<p>»Nun, dann reisen Sie augenblicklich ab und fahren Sie
-zu ihr!«</p>
-
-<p>»Ich bin schon da, sagte der Swinegel.« Tofte sprach es mit
-dunklem Klang der Stimme. Er hatte die Finger durcheinandergeschoben
-und senkte die Stirn. »Ich bin schon da.«</p>
-
-<p>»Jockele,« rief Gwendolin, »komm doch mal in den Wintergarten!
-Vor fünf Minuten hat mich das große Licht siebenmal
-geküßt, und jetzt erklärt er deiner Frau seine ewige Liebe.«</p>
-
-<p>»O,« lachte Jockele, »soll ich mich deswegen erst in Bewegung
-setzen?«</p>
-
-<p>Aber Cornelius kam. Er rieb sich die Hände und schmunzelte.
-»Ich mag derlei Dinge furchtbar gern sehen.«</p>
-
-<p>»Na, Meyer?« fragte Henrik Tofte.</p>
-
-<p>Da raffte sich Erich Meyer zusammen und sagte: »Mir
-scheint, die Gassenbuben werfen Ihnen die Fenster ein. O,
-ich kenne das &ndash; diese Zeit hab' ich schon überwunden.« Dafür
-drückte ihm Gwendolin sein Glas in die Hand und klang
-das ihre herzhaft dagegen.</p>
-
-<p>Aber mit Henrik Tofte war es an diesem Abend doch anders.
-Zu anderen Zeiten war er immer mit geschwungenem Becher
-hoch über der Freude dahingeschwankt. Heute saß er fromm<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-in dem goldenen Lichte Dos. Und so oft ihm ein Stein ins
-Fenster flog, merkte er besinnlich auf. Gwendolin sagte:
-»Es geschehen Zeichen und Wunder, Cornelius! Komm,
-wir beide setzen uns zu Jockele und Kordula. Ich will euch
-eine schöne Rede halten über das Thema Henrik Tofte.«
-Sie faßte ihn unter, und nun gerieten sie im Besuchszimmer
-an dem »großen Licht« in Lust. Die beiden im Wintergarten
-hörten zu. Zuletzt sagte Tofte: »Liebste Frau Do, darf ich
-einen Monat in dem Märchenhause bleiben? Einen ganzen
-Monat?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte sie, »Sie dürfen bleiben, solang es Ihnen
-Freude macht.«</p>
-
-<p>Man ging auch an diesem Abend zur gewohnten Zeit
-schlafen. Halb elf Uhr; längstens elf Uhr wurde es, wenn
-Gäste da waren. Es hatte sich seit dem Winter manches geändert.
-Heidi verlangte früh am Tage nach Mama &ndash; so
-ward der Tag länger. Und Jockele fand sich in das Wirken
-der neuen Zeit nur zäh und ungesammelt, wenn er die Mitternacht
-in Gesellschaft vorübergewacht hatte. Aber von dem Geheimnisse
-seines Schreibzimmers war nicht ein Zipflein gelüpft
-worden, trotz List und tastender Neugier. Und Gwendolin
-hatte in vier Wochen Hochzeit. So trugen die Tage für jeden
-ein gerüttelt Maß freudiger Mühen, die Abende Sehnsucht
-nach Schlummer.</p>
-
-<p>Aber Henrik Tofte schlief nicht. Er saß an dem offenen
-Fenster, an dem noch im Frühlinge die hohen Maßholder
-und Sterne über Kordula aufgeblüht waren, ließ die Nacht
-um sein Herz wehen und erlebte das große Wunder. Nicht so,
-als ob er die Rede vom Segen dieses Hauses weitergedacht
-hätte, die er am Abend vor Gwendolin gehalten. Und nicht
-so, als ob er sich den Weg zu den kommenden Tagen mit
-guten und tüchtigen Vorsätzen gepflastert hätte, weil in der<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-dunkelblauen Hochnacht so schön Zeit dazu war, die Gedanken
-auf einen Müßiggang zu schicken&nbsp;…</p>
-
-<p>Henrik Tofte stand am Anfang einer neuen hellen Straße
-und hub an zu wandern &ndash; ganz ohne Rausch und Plausch,
-ganz ohne Traum und Schaum und ganz ohne Mahnung
-und Ahnung: es war das leibhaftige Wunder! Aber er
-wußte es nicht. Wußte nichts von dem neuen Wege, schwur
-keinen Eid und fühlte nicht, daß, der da saß vor der flimmernden
-Stille der Nacht, ein Mann war, der ihm zeit seines
-Lebens noch nicht vor die Augen gekommen: sondern er
-dachte: dieser Mann ist der blonde Skalde, Weber, Maler,
-Heilgymnastiker, Anstreicher, Zirkusclown und Gepäckträger,
-den ein verrückter Welscher sogar einmal für einen Erzieher
-gehalten hat&nbsp;…</p>
-
-<p>Die Einbildung, daß er sich in diesem Menschen zurechtfinden
-würde, hatte er schon längst aufgegeben, und damit
-mühte er sich nicht mehr ab. Stunden, wie diese
-&ndash; dachte er &ndash; hätte er schon tausendmal erlebt. Also: es
-wäre mit ihm wieder einmal alles in schönster Ordnung,
-und der kleine Gefühlsausbruch in Tugend und Reue, den
-er nach dem Nachtmahle gehabt, wäre glücklich überstanden.
-So dachte er. Und er gelobte nicht: »morgen oder übermorgen,
-oder wenn es paßt, werde ich der Welt mal zeigen,
-was eigentlich hinter mir steckt &ndash; hah!«</p>
-
-<p>Von all dem keine Spur. Es war das leibhaftige Wunder.
-Henrik Tofte wandelte rüstig auf der neuen hellen Straße
-und sah Do. Die kleine Heidi legte ihr Köpflein mit dem
-gesponnenen Golde lieblich an ihre Wange. Und hinter ihr
-stand breit und frühlingsoffen der Wildrosenbusch und blühte
-und blühte. »Madonna in Rosen! So will ich dich malen
-&ndash; in dem kupferfarbigen Sommergewand und mit dem
-blauen Kinde!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span></p>
-
-<p>Wäre es nicht das leibhaftige Wunder gewesen, das in
-ihm wirkte, so wäre er nun in den Garten gestürmt, mitten
-in der Nacht, oder in den Park, und hätte nach dem Lichte
-des Morgens gerufen, um eine ungeheure Tat zu tun. Aber
-wenn er den Morgen dann erspäht hätte, wäre er müde
-gewesen, hätte sich hingelegt und geschlafen &ndash; drei Tage,
-wenn's ihm gerade so paßte.</p>
-
-<p>Das alles tat er nicht. Er legte sich zu Bett. Und am
-Morgen fand er sich pünktlich um acht Uhr an den Frühstückstisch,
-der so schmuck unter der Ulme stand. Ein breiter
-Strom von Sonne stürzte von rechts herein. Und Henrik
-Tofte sprach ruhevoll mit Jockele und Do über die Madonna
-in Rosen, und daß er in diesem wundertätigen Frühlichte
-malen wollte.</p>
-
-<p>»Dies Licht ist nur eine halbe Stunde,« sagte Do.</p>
-
-<p>»So werde ich Sie viele Tage und immer nur eine halbe
-Stunde bitten,« sagte er. »Wo ist Gwendolin?«</p>
-
-<p>»Sie nimmt den Kaffee auf ihrem Zimmer. Früher ging
-sie dann malen, und wir sahen sie über Tag nicht. Sie wissen
-ja, wie sie es treibt. Nun aber hat sie freudige Sorgen und
-Pflichten, die alle in diesen vier Wochen erfüllt sein müssen.
-Für heut abend bittet sie Richard Schaffrath und den Professor
-zu uns.« Und Jockele sagte: »Über Tag richten Sie sich
-ganz nach Ihren Wünschen, lieber Tofte &ndash; wie wir uns
-nach den unseren. Ich arbeite zwischen den Mahlzeiten auf
-meinem Zimmer. Wir wollen da nicht aufeinander angewiesen
-sein, nicht wahr?«</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Abends waren sie im Garten unter stillen bunten Lampen.
-Schaffrath, Salzer und Tofte schritten hin und wieder
-in nachdenklichen Gesprächen um den großen Rasenplatz.
-Von der Gewaltsart, in der ihnen der Norweger vorgestellt<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-worden, spürten sie nichts. Da wuchsen sie freimütig und
-männlich zueinander. Gwendolin merkte es, und die anderen
-merkten es auch: das Wunder war geschehen. Nur
-Tofte ging daran vorüber und war ahnungslos wie ein
-Kind. »Du hast dich an ihm verzeichnet,« sagte Schaffrath
-zu Gwendolin, »du hast uns einen Riesen mit einem Kindskopf
-gemalt und einen Seher mit einer Schellenkappe &ndash; und
-nun ist er ein ganz gewöhnlicher und aufrechter Mensch.«</p>
-</div>
-
-<p>»Morgen werdet ihr ihn erkennen,« sagte Gwendolin.</p>
-
-<p>Es vergingen Tage. Einmal wanderten Schaffrath, Meyer,
-der Professor und Tofte nach Ettersburg, ein andermal nach
-Belvedere. Sie waren fast an jedem Abend zusammen &ndash; aber
-sie erkannten ihn nicht anders als in den ersten Stunden.</p>
-
-<p>»Was ist das mit dem großen Licht?« fragte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht,« sagte Do.</p>
-
-<p>Wenn es des Morgens die Zeit war, daß er malte, war
-er mit ihr und Heidi allein im Garten. Es drängte sich niemand
-in diesem Haus um ein wachsendes Werk. Am Ende der
-zweiten Woche fragte Do die Gwendolin: »Hast du die
-Madonna gesehen?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>Do blickte die Freundin aus ihren hochgemuten Augen an
-und sagte: »Dann laß sie dir zeigen. Ich glaube, das Bild
-ist sehr schön.«</p>
-
-<p>»Hast du mit ihm davon gesprochen, Do?«</p>
-
-<p>»Nein. Du weißt, er wartet nicht auf ein Lob. Und was
-ich zu sagen hätte, kam mir zu billig vor. Deshalb schwieg
-ich &ndash; und weil es so unerhört, weil es über jedes Maß ist.«</p>
-
-<p>»Es kann sein,« sagte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Weißt du auch nicht, daß er sich über jedes Maß abmüht
-dabei, Gwendolin?«</p>
-
-<p>»O, Henrik Tofte quält sich nie!« sagte sie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p>
-
-<p>»Mir scheint, er weiß es selbst nicht. Aber er ist froh, daß
-das Licht nur eine kurze halbe Stunde hält. Nur einmal
-sagte er, es läge wie Spinnengewebe in seinen Augen.«</p>
-
-<p>»So wird er sich an deinem Lichte geblendet haben,«
-scherzte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Ja, das sagte er.«</p>
-
-<p>Am Anfange der vierten Woche ließ Henrik Tofte das Bild
-auf der Staffelei im Garten stehen. »Nun &ndash; darf man
-kommen?« fragte Gwendolin. »Fertig?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>Da legte sie seinen Arm in den ihren und führte ihn hin.
-Wie sie davorstanden, war es, als schlüge Gwendolin Wurzeln;
-und die Augen liefen ihr über. »Tofte, Tofte!« sagte sie und
-legte ihre Hände auf seine Achsel und ihre Stirn an seine
-Brust. Dann sah sie ihn an und sagte:</p>
-
-<p>»Ich habe zweimal geweint, daß ich es weiß: einmal &ndash;
-nun: ein andermal … und jetzt! Du stehst ja selbst davor
-und möchtest weinen!«</p>
-
-<p>»O nein,« sagte er, »es ist fromm und freudig, ja, und
-es macht mich sehr glücklich.«</p>
-
-<p>Dann wandten sie sich, und im Gehen sagte sie: »Ich habe
-recht gehabt: so kann nur Henrik Tofte malen und der liebe
-Gott. Laß das Bild dort stehen. Ich habe Richard und
-Salzer gebeten &ndash; sie kommen vormittags.«</p>
-
-<p>Und als sie gekommen waren, standen sie alle um die
-Madonna in Rosen. Gwendolin hatte nun einen ruhevollen
-Rahmen in altgoldener Tönung darum gelegt. Und alle
-sahen: es war ohnegleichen. Ohnegleichen in seiner Lebensfülle.
-Ohnegleichen in den warmen Schwingungen der Farben.
-Kein Farbenrausch, der die atmende Schönheit der
-Natur erstickte. Ohnegleichen in der schmuckhaften Anordnung.
-»Ein kostbarer Edelstein,« sagte Richard Schaffrath aus<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-einer tiefen Künstlerandacht heraus, »vom Lichte des Gottes
-durchtränkt &ndash; es ist ohnegleichen, ist ohnegleichen.«</p>
-
-<p>Henrik Tofte löste sich hernach aus dem Ringe der Freunde
-und ging in sein Zimmer. Er dachte daran, daß die Zeit
-seiner Abreise nun nahe wäre.</p>
-
-<p>Mit dem Lobe der Freunde war es, wie wenn ein
-Mann einen Becher füllt mit edelstem Weine, den er lange
-Jahre hindurch in seinem Keller aufbewahrt hat für einen
-Tag, der recht herrlich und königlich über alle seine Art
-hinauswächst. Und dies Lob dauerte auch genau so lange,
-wie jener Becher braucht, um einmal die Runde zu machen.
-Dann war es vorbei. Henrik Tofte hatte diese Menschen
-nicht zum ersten Male vor die Schätze geführt, die verschwenderisch
-in ihn geworfen waren. Man wußte: solches Verschwendertum
-ist eine Schöpferlaune. Aber es wiederholt
-sich darin die Geschichte vom Distelfinken, dem der liebe Gott
-aus jeder Farbschale den Rest auftupfte. Er verstaut an Gaben
-in einen einzigen, was in seiner Werkstatt herumliegt und
-ihm gerade in die Hände fällt. Und der Mensch, der also
-angefüllt ist, mag zuschauen, wie er damit fertig wird. »Ja,
-so ist der liebe Gott mit Henrik Tofte zu Werke gegangen,«
-sagte Gwendolin. »Es ist auch viel Sturm in ihn hineingepackt,
-und das große Licht blakt nun in diesem Sturme.«
-Jockele schupfte die Schultern: »Was wollt ihr? Es geht
-in dem reichsten Kopf und Herzen eine ganze Bibliothek von
-Dichtungen zu Grabe, die nie erschienen sind &ndash; hat ein
-Dichter gesagt &ndash; und selbst der liebe Gott kann nicht jedem
-Tag ein Gesicht geben: es hat eben nicht jeder eins.« &ndash; »Ja,«
-sagte Schaffrath, »so ist es wohl. Aber das sollt ihr wissen:
-ich habe vor keinem Bilde die Schauer der Allmacht empfunden
-wie vor diesem.« Sie sahen immer nach der Madonna
-hin, während sie so redeten. Und Gwendolin sagte:<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span>
-»Ich mag dir diesmal nicht zustimmen, Jo; denn ich weiß,
-Henrik Tofte hätte die Kraft, jedem Tag ein Gesicht zu geben,
-wenn er nur wollte!«</p>
-
-<p>Da hatte sie einen schweren Stand und kam sich vor wie
-ein kleiner Vogel, der in einen Flug Falken geraten ist. Aber
-sie wehrte sich mit Frauenhartnäckigkeit und sagte: »Ihr
-werdet mich doch nicht unterkriegen mit euren scharfen Schnäbeln!
-Es wäre besser, ihr fragtet: was ist es, das dem Henrik
-hier in eurem Hause diese Gnade schenkte?«</p>
-
-<p>»Ho,« sagte der kluge Professor Salzer, »jetzt kommen wir
-dem Geheimnis auf die Spur! Es ist der Segen der schönen
-Frau Do; es ist der Segen des Vorbilds, das er sich diesmal
-wählte&nbsp;…«</p>
-
-<p>So rieten sie sich heiße Augen und Herzen. Sie errieten
-vieles, aber zum Kerne des Rätsels gelangten sie nicht; denn
-der Tag, der das letzte Licht brachte, war ein Tag tiefster
-Finsternis. Und dieser Tag war noch nicht gekommen.</p>
-
-<p>Henrik Tofte kümmerte das alles nicht. Er kümmerte sich
-auch nicht um sich selber. Und er konnte nicht begreifen, daß
-die Menschen sich um ihn stritten. Heute hatte er Lust, in
-einem offenen Wagen hinauszufahren in die Wälder. Also
-rief er aus dem Fenster, ob sie dabei sein wollten. Und dann
-bestellte er für nach Tisch drei Wagen aus der Stadt. Die
-Madonna in Rosen schien über dem neuen Plan in ihm schon
-in ewiges Vergessen gesunken zu sein; Gwendolin mußte
-Sorge tragen, daß das Bild ins Haus kam und gefahrlos
-trocknete.</p>
-
-<p>Daß Henrik von einer Sehnsucht nach der grünen Stille
-der Wälder und den sanften Farben der Erde in diesen späten
-Sommertagen geleitet wurde, daran dachte er nicht. Er
-»beschloß« die Fahrt &ndash; das war seine Erklärung. Die stillen
-Stimmen, die sie ihm geboten, vernahm er nicht. Das waren<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span>
-in diesem Falle seine Augen. Und in diesen hellen Brunnen,
-die das Wunder des Lichts auf all seinen Glanz und seine
-Geheimnisse durchspürten, lag zuletzt das Rätsel begriffen,
-das Henrik Tofte hieß. Aber er wußte es nicht. Niemand
-wußte es. Deshalb hatte er zu Frau Do gelacht über das
-Spinnengewebe, das in diese Augen fiele.</p>
-
-<p>Nun hatte er vier Wochen gemalt &ndash; durch dreißig Jahre
-hatte er sich nicht zu einem solchen Aufgebot an Kraft zwingen
-können. Er hatte vier Wochen gemalt, und nun sahen seine
-Augen die Welt wie die Augen eines Kindes, das fürwitzig
-ins Gesicht der Sonne geschaut hat: es hing für sie ein leiser
-grauer Schleier um alle Dinge. Der war unendlich fein, aber
-er war da. Und Henrik Tofte wußte es nicht; denn so war
-es für ihn gewesen, solange er denken konnte. Es war eine
-Selbstverständlichkeit &ndash; wie es für die Sterne eine Selbstverständlichkeit
-ist, daß sie nicht in ihrem Glanze sind, wenn
-sie der Himmel nicht mehr braucht.</p>
-
-<p>Einmal im Hardangerfjord, ein einziges Mal, hatte er daran
-gerührt. Das war, als ihm Gwendolin vorwarf: »Faulheit
-bei einem gewöhnlichen Menschen ist ein Laster &ndash; aber bei
-Ihnen, Tofte, ist sie eine Gotteslästerung.«</p>
-
-<p>Da hatte er gesagt: »Diese Faulheit liegt in meinen Augen
-&ndash; nur wenn ich alle Wunder mit ihnen erringe, die im
-Lichte sind, dann will ich malen. Ihr anderen, die ihr blind
-geboren seid, mögt das halten, wie ihr wollt. <em class="gesperrt">Mir</em> sind die
-Augen an manchem Tag ausgegangen &ndash; je nun: die Sonne
-geht dem lieben Gott ja auch mal für ein paar Wochen aus!«
-Da sagte Gwendolin: »Mit so schönen Worten deckt Henrik
-Tofte seine Faulheit zu.« Weiter fiel dem feinhörigen Mädchen
-dabei nichts ein.</p>
-
-<p>Nach Mittag fuhren sie in die Welt. Auch Kordula und
-Erich Meyer waren dabei, und es war noch Platz in jedem<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span>
-Wagen für ihre Freude. Jockele, Do und Tofte saßen zusammen.
-In allen drei Wagen sprach man von Henrik oder
-von der Madonna. Das Bild war ein Erlebnis. Aber im vorderen,
-in dem Henrik saß, redete man auch von seiner Abreise
-und von seiner Wiederkehr; die eine sollte morgen geschehen,
-die andere in ein oder zwei Jahren. So fuhren sie durch
-die Ettersburger Wälder und am Abend über Tiefurt heim.
-Für Gwendolin und Schaffrath gab es an diesem Tage noch
-andere wichtige Dinge zu reden; denn übermorgen hatten
-sie Hochzeit. Es war gar nicht zu verkennen: Tofte wollte
-diesem Tag ausweichen. Gwendolin fand das seltsam, die
-anderen nicht. Aber er hatte es so eilig, daß ihm Do die
-Sorge um die Madonna abnahm &ndash; sie wollte dafür tun,
-daß sie in Rolf Krakes Hände käme, wenn die Zeit da war.</p>
-
-<p>Am anderen Tage schied Henrik aus dem Haus am Horn
-und ging wieder nach München. Er mietete sich ein Atelier
-in Altschwabing &ndash; das gab eine Aufregung unter den Malern,
-die er kannte. Mister Johnny, der nun wieder sein Nachbar
-war, hatte die Giraffe vollendet. »Ein dusterer Einfall,«
-sagte Tofte.</p>
-
-<p>»Noch dusterer scheint mir Ihr Vorhaben,« lachte Johnny,
-»wozu in aller Welt brauchen Sie einen Malraum?«</p>
-
-<p>»Arbeiten will ich.«</p>
-
-<p>»Haben Sie das in Weimar gelernt? Und ist aus dem
-Bild etwas geworden?«</p>
-
-<p>»In ein paar Jahren will ich es mir darauf ansehen. Bis
-dahin hab' ich zu tun &ndash; es ist die höchste Zeit.«</p>
-
-<p>Mister Johnny wunderte sich selten; aber Tofte sprach
-diesmal so, als gäb' es kein Ausweichen vor sich selber. Zu
-anderen Zeiten hätte das anders geklungen. »Ich modelliere
-jetzt einen Löwen,« sagte Johnny. Dann führte er Henrik
-hinaus in den Garten. Dort stand ein Käfig, wie ihn die<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-Leute aus den Tierbuden von Jahrmarkt zu Jahrmarkt senden,
-und ein leibhaftiger Löwe saß darin … Nun ja, auch Mister
-Johnny hatte seinen sanften Sparren. »Ich habe ihn von
-einem Menageriebesitzer gemietet bis zum Oktoberfest,« sagte
-er. »Und gleich morgen wollen Sie anfangen zu arbeiten?
-Ach, kommen Sie doch heute mit mir nach Dachau! Morgen
-mittag sind wir wieder daheim, und Sie haben bis zum Abend
-noch Zeit zur Übersiedlung.«</p>
-
-<p>Aber Tofte schlug es ihm ab; er hatte einen Einfall, der
-wog ihm heute so viel wie eine Tonne Gold; gerade heute;
-denn gänzlich hatte er den alten Henrik in Weimar nicht umgebracht.
-Er redete aber nicht davon.</p>
-
-<p>Abends, als Johnny schon längst weggefahren war, erschien
-Henrik mit einigen Freunden und einem Löwenkäfig im Garten
-von Altschwabing. Sie ließen den Löwen aus dem einen
-Käfig in den anderen spazieren und entführten ihn so im
-Dunkel der Nacht. Am anderen Vormittage, kurz vor der
-Heimkehr Johnnys, kam Tofte noch einmal und markierte
-in dem geschorenen Rasen eine Löwenfährte. Er wurde damit
-fertig, und es war nun sehr gut zu sehen, wie das Tier ausgebrochen
-und über den Rasen gestapft war, wie es vor dem
-Zaun zum Sprung angesetzt und den Sand mit den Klauen
-geschlagen hatte, ehe es in den Englischen Garten entwich.</p>
-
-<p>Nicht lange, so sprang Mister Johnny die Stiege im Nachbarhause
-zu Toftes Malraum in langen Sätzen empor. Er riß die
-Tür auf und berichtete, der Löwe wäre ihm davongelaufen.</p>
-
-<p>»Unmöglich!«</p>
-
-<p>Dann eilten sie miteinander hinab und sahen die Spuren
-im Gras und im Sande der Wege. »Ha!« stöhnte Mister
-Johnny.</p>
-
-<p>»Man wird Ihnen einen Schabernack gespielt haben,«
-sagte Tofte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span></p>
-
-<p>»Denken Sie denn, ich kenne die Löwenfährte nicht?«
-schrie Johnny. »Halten Sie mich für einen Dummkopf?«</p>
-
-<p>»Im allgemeinen nicht.«</p>
-
-<p>»Und meinen Sie, ich hätte nicht einmal das bei meinen
-afrikanischen Jagderlebnissen gelernt?« Dabei führte er
-Toften noch einmal auf der Spur durch den Garten. »Er
-hat sich keinen Augenblick besonnen &ndash; auf dem kürzesten Weg
-ist die Bestie entronnen.«</p>
-
-<p>»Zu dichten brauchen Sie deshalb nicht &ndash; sondern Sie
-müssen sofort die Polizei benachrichtigen,« sagte Henrik; »mir
-schwant ein fürchterliches Unglück.«</p>
-
-<p>Johnny enteilte. Er warf sich in ein Auto und fuhr zum
-nächsten Polizeiamt. Dort wußte man nichts von dem Ausbruch
-eines Löwen. »Nun ja. Vielleicht ist es erst vor einer
-Viertelstunde geschehen; denn die Fährte war frisch.« Heimlich
-erwog Johnny, ob er nicht auch ausbrechen und nach England
-entweichen sollte auf Nimmerwiedersehen. Finsternis fiel
-über ihn bei dem Gedanken an das Unglück, das da drohte,
-und bei dem Gedanken an die Rechenschaft, die man von
-ihm fordern könnte. In rauchendem Wagen kehrte er nach
-Hause zurück. Es fiel ihm nichts dabei ein, daß er Tofte in
-seinem Atelier fand und daß dieser sagte: »Ich habe alle
-Polizeireviere Münchens und die Ortschaften über den Englischen
-Garten hin angerufen und geboten, das Vieh zu
-erschießen, wo es sich sehen läßt.«</p>
-
-<p>»Machen Sie, was Sie wollen!« brüllte Johnny, »ich
-reiße aus.«</p>
-
-<p>Das hatte Tofte geahnt.</p>
-
-<p>Und keine fünf Minuten vergingen, da rasselte der Wecker
-des Fernsprechers&nbsp;…</p>
-
-<p>»Hier John Williams.«</p>
-
-<p>»Hier Stationsvorsteher von Pasing. Es steht ein Löwe<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-auf der Strecke kurz vor Pasing, der Zug kann nicht einfahren
-&ndash; ist das vielleicht Ihr Löwe?«</p>
-
-<p>»Ach wo! Wie kommen Sie darauf?«</p>
-
-<p>»Ein Reisender sagt, Sie hätten Ihren Löwen als vermißt
-bei der Polizei gemeldet.«</p>
-
-<p>»Fällt mir ja gar nicht ein!«</p>
-
-<p>»Um so besser. So werden wir ihn erschießen.«</p>
-
-<p>Johnny erbleichte. »Um Gottes willen … Nicht erschießen!
-Ja, ja, es ist mein Löwe! Er ist es &ndash; mit größter Wahrscheinlichkeit.
-Aber nicht erschießen &ndash; der Spaß würde mich
-zehntausend Mark kosten!«</p>
-
-<p>»Gut. Wir wollen also sehen, was sich tun läßt. Schluß.«</p>
-
-<p>Tofte hatte das Kursbuch einstweilen in seiner Brusttasche
-geborgen, in dem Johnny zuvor hastig geblättert hatte. »Der
-erste Akt!« sagte Johnny zerknirscht und hing den Hörer an.
-Dann warf er die tausend Dinge herum, die er auf den Tisch
-gestapelt hatte, warf sie in die Koffer, warf sie wieder heraus
-und suchte das Fahrbuch und wußte es kaum. Wieder rief
-das Telephon&nbsp;…</p>
-
-<p>»Hier Erholungsheim Waldhaus.«</p>
-
-<p>»Wer?«</p>
-
-<p>»Wald&nbsp;&ndash;&nbsp;haus, eine halbe Stunde hinter Pasing. Es steht
-hier ein Löwe vor der Gartentüre … Ist das vielleicht
-Ihr Löwe?«</p>
-
-<p>»Wie kann ich das wissen?« brüllte Johnny.</p>
-
-<p>»Wie, bitte?«</p>
-
-<p>»Lauter, lauter!« mahnte Tofte.</p>
-
-<p>»Teufel,« knirschte Johnny, »Teufel!«</p>
-
-<p>»Nein, ein Lö&nbsp;&ndash;&nbsp;we, ein Lö&nbsp;&ndash;&nbsp;we! Wir müssen ihn erschießen,
-wenn Sie nicht augenblicklich Abhilfe schaffen.«</p>
-
-<p>Mit triefender Stirn sank Mister Johnny in den Stuhl.
-»Wollen Sie nicht in einem Auto nachfahren?« rief Tofte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p>
-
-<p>»Zum Donnerwetter, was soll ich denn dabei tun?«</p>
-
-<p>Und wieder gellte der Wecker, jäh, jäh und schüttete einen
-Haufen Entsetzen aus&nbsp;…</p>
-
-<p>»Hallo! Hier Hotel ›Zur Post‹ in Garmisch. Eben ist ein
-Löwe in unseren Speisesaal eingebrochen. Ist das vielleicht
-Ihr Löwe?«</p>
-
-<p>»Herr&nbsp;&ndash;&nbsp;gott!« stöhnte Johnny.</p>
-
-<p>»Nein, ein Löwe&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was?«</p>
-
-<p>»Ein Lö&nbsp;&ndash;&nbsp;we!«</p>
-
-<p>Der Hörer klirrte an den Haken. Mister Johnny preßte
-die Hände vor die Ohren und irrte mit seinem Entsetzen durch
-den Raum. Dann schlug er die Koffer zu, verschloß sie und
-zerrte sie zur Tür. »Es nützt Ihnen nichts,« sagte Tofte,
-»längstens in der Halle des Bahnhofs hat man Sie gehascht.
-Merken Sie denn nicht, daß Sie der Mann des Tages sind?«</p>
-
-<p>Das Telephon!</p>
-
-<p>Noch einmal wankte Johnny hinzu&nbsp;…</p>
-
-<p>»Hallo! Hier Berghaus Zugspitze.«</p>
-
-<p>»Wer?«</p>
-
-<p>»Berghaus Zugspitze &ndash; dreitausend Meter über dem
-Meere.«</p>
-
-<p>»Was gibt's?«</p>
-
-<p>»Es ist hier ein Löwe zugelaufen. Wir haben die Bestie
-eingekäfigt. Ist das vielleicht Ihr Löwe?«</p>
-
-<p>»Ja,« gestand John Williams. Seine Kräfte gingen zu
-Ende. Aber Erlösung träufelte in sein Herz wie Mairegen.</p>
-
-<p>»Sind Sie noch da? Wir fordern Sie auf, Ihr Eigentumsrecht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was?«</p>
-
-<p>»Ihr Eigentumsrecht geltend zu machen und das Tier
-spätestens morgen abzuholen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p>
-
-<p>»Dem Himmel sei Dank,« sagte Mister Johnny, »das Leben
-wird mir in dieser Stunde zum zweiten Male geschenkt.«</p>
-
-<p>»Das kann ich mir wohl denken,« begann Tofte nachdenklich.
-Es wollte ihm scheinen, als hätte das Spiel seinen
-Höhepunkt wohl für die Freunde, nicht aber für Mister Johnny
-bereits überschritten. Das ging eigentlich gegen den Plan.
-»Je nun, die Welt ist nicht reich an Humor, und wo er einmal
-wächst, soll man ihn nicht in der Blüte knicken,« sagte er zu
-sich. Daß es mit der Geographie Johnnys mangelhaft bestellt
-war, das wußte man &ndash; o, Mister Johnny war ein
-Brite! Und so war es für ihn durchaus kein Wunder, daß
-der Löwe die Strecke Pasing, Garmisch, Zugspitze im Fluge
-weniger Minuten durchmessen. Die Freunde hatten ihre
-Rolle ausgezeichnet gespielt, und dem Johnny war über der
-raschen Folge der Ereignisse wirklich nicht der leiseste Verdacht
-aufgestiegen&nbsp;…</p>
-
-<p>Oder doch? Und suchte er nun schweigend die Fäden zu
-entwirren? Sann er darüber nach, wie die Lage für ihn zu
-retten wäre? Tofte wollte zur Klarheit gelangen. »Hm,«
-unterbrach er die Stille, »schleierhaft bleibt mir bei alledem,
-was das Vieh eigentlich auf der Zugspitze zu suchen hat?«</p>
-
-<p>»Das ist mir ganz egal,« polterte Johnny los, »im Atlas
-klettern die Löwen auch auf die Berge! Ich habe keine Zeit,
-mich mit Ihnen darüber zu unterhalten, verstehen Sie? Die
-Frage ist jetzt: wie kriegen wir ihn herunter.«</p>
-
-<p>»Nun, das ist doch sehr einfach: Sie telefonieren nach
-einem Rollfuhrwerk, lassen den leeren Käfig zur Bahn bringen,
-geben ihn als Passagiergut auf, und wenn es Mühe machen
-sollte, ihn auf den Gipfel der Zugspitze zu bringen &ndash; nun,
-so kann man die Bestie vielleicht droben in ein Drahtgeflecht
-einnähen, anseilen und herunterlassen … O, das läßt sich
-dann schon machen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p>
-
-<p>»So!« brüllte Johnny, »und das nennen Sie einfach?«</p>
-
-<p>Tofte zog die Achseln. »Tja &ndash; der kürzeste Weg zum
-Ziele! Das ist stets der relativ einfachste&nbsp;…«</p>
-
-<p>Auf einmal erklangen Männerstimmen &ndash; von drüben aus
-den Fenstern des Ateliers im Nachbarhause. Es waren die
-Maler, die an dem Scherze beteiligt waren und zuerst in
-Toftes Malraum die Gegend erkunden wollten. Tofte sah
-aus dem Fenster und rief hinüber: »Mister Johnny hat mir
-den ganzen Tag zerdonnert. Der Löwe ist los!«</p>
-
-<p>»Der Löwe?«</p>
-
-<p>Da eilten sie alle herüber, stießen ihre Arme und ihre
-entsetzten Stimmen in die Luft, und Johnny forderte sie
-auf, mit ihm die Zugspitze zu besteigen, um den Ausreißer
-im Triumphe heimzuführen. Aber sie lehnten ab. Tofte
-schützte Arbeit vor, die anderen vier fanden die Sache zwar
-eigenartig, aber auch gefährlich.</p>
-
-<p>Es nahm nun alles seinen ordnungsmäßigen Verlauf: das
-Rollfuhrwerk kam, der Käfig wurde aufgeladen, Mister Johnny
-ließ seine gepackten Koffer im Atelier, reiste dem Käfig nach
-und &ndash; ward nicht mehr gesehen.</p>
-
-<p>Die Koffer forderte er einige Tage später nach Glasgow
-&ndash; woraus zu schließen war, daß er die Zugspitze erklommen
-und dort sein »Eigentumsrecht an dem Löwen geltend gemacht«
-hatte … Nein, wieder kam er nicht &ndash; aber sein
-Ruhm hält in München noch für hundert Jahre.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">In diesen Tagen war es, daß Professor Salzer die Tante
-Veronika entdeckte. Er war auf einer Septemberwanderung
-im Thüringerwald. Damit hielt er es schon immer; denn dies
-Fahren in bunten Blättern und Träumen war für sein gesammeltes
-und weises Herz die Erfüllung des Jahres. Und
-vor allem der letzte Sommer hatte ihm Veranlassung gegeben<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span>
-zum Nachdenken über sich selbst. Ganz leise war die Jugend
-um ihn her in ihren Frühling geflogen &ndash; Kordula, Cornelius,
-Gwendolin, Schaffrath, selbst Do und Jockele! Gott ja, sie
-waren ihm nicht abhanden gekommen. Aber ihr Leben hatte
-einen neuen kraftvollen Schoß getrieben, und Salzer war
-ein wenig aus dem Kurs gefallen. Nicht so, als wäre man
-seiner müde geworden, o nein. Er fand nur: es wäre für
-ihn in der Ordnung, ein bißchen zur Seite zu rücken. Manchmal,
-wenn er so droben über den Dächern zwischen Einsamkeit
-und aufglimmenden Sternen gesessen hatte, pochte es
-leis an sein Herz. »Herein!« Es war das Glück. »Herr
-Professor, ich wollte nur fragen, ob wir zwei uns im Leben
-vielleicht doch nicht so vollkommen eingerichtet haben, wie
-wir die Jahre her dachten.« &ndash; »Je nun,« sagte er und strich
-die Asche seiner Importe ab, »im allgemeinen doch wohl …
-trotz alledem! Etwas zu wünschen bleibt ja immer. Sollten
-wir es nicht genau so weiter treiben?«</p>
-</div>
-
-<p>Aber am nächsten Morgen, während das neue Licht einen
-herrlichen Kampf mit den Nebeln ausfocht, fuhr auch Salzer
-in seinen Frühling, fuhr stracks zu Tante Veronika. Er kam
-vor das Häuschen am Buchenschlag wie die Sonne selber;
-denn er hatte am Abend zuvor herausbekommen, daß auch
-die weise Frau vom Walde über den neuen Schossen, die
-das Jahr im Märchenhause getrieben hatte, ein wenig zur
-Seite gerückt war. Und Frau Do sollte ihn nicht umsonst die
-»Würze des Lebens« genannt haben!</p>
-
-<p>Tante Veronika war gerade im Gärtlein und schnitt mit
-der kleinen Rosenschere ein bißchen am verblühenden Jahre
-herum. Sie hatte ein violettes Morgenhäubchen auf den
-schneeweißen Haaren. Da stiegen auf einmal zwei blanke
-Augen über den Zinseln des Zaunes hervor und darüber
-der hellgraue Künstlerhut, der stets aussah, als wär' er erst<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-am Morgen aus dem Hutladen bezogen worden. Es gab
-eine große Freude; die sah zuletzt aus wie eine Malve, die
-vom Scheitel bis zur Sohle und ringsherum mit schönen rosa
-Blüten bedeckt ist; denn der Professor wackelte an dem Zauntürlein
-… Und als Tante Veronika drinnen den Riegel
-zurückschob, feierten die beiden Leutchen das Wiedersehen
-so herzfröhlich &ndash; es konnte kein Mensch glauben, sie wären
-einander in ihrem langen Leben nur ein einziges Mal auf
-fünf Minuten begegnet!</p>
-
-<p>Natürlich lugte das Mädchen Mali im Eckzimmer gleich ein
-bißchen durch den Vorhang &ndash; was es da draußen für einen
-Spektakel gäbe. Und wie sie Herrn Salzer erkannte, der
-damals im Märchenhaus auch an ihr vorübergestrichen war,
-und wie die Frühsonne so um die beiden herumjauchzte,
-dachte sie: »Die Weisen aus dem Morgenlande!« So war
-nun das Mädchen Mali! Die Malve wuchs indes immer
-weiter, und zuletzt ward ein richtiges Feuerwerk daraus; denn
-der Professor wollte zwei bis drei Wochen im Frühlingshause
-zu Gast sein &ndash; der erste Herr, der darin »Logierbesuch« war,
-wenn man das Zigeunerbüblein nicht rechnete. Man denke!</p>
-
-<p>Die Mali lief im Haus herum, als wäre sie frisch geölt,
-und flitzte über die Stiegen wie siebzehn Jahre. Und die
-Glocke über der Haustür läutete in einemfort, geriet außer
-Atem und mußte abgestellt werden; denn die Leute im Dorfe
-hätten ja gedacht, bei Fräulein Sinsheimer wär' Feuer ausgekommen.</p>
-
-<p>Die Mali rückte gleich das ganze Häuschen in die neue
-Sonne. Nach ein paar Stunden funkelte es bis ins Herz
-hinein. Nicht etwa, als ob sie nun alle Winkel ausgestaubt
-hatte &ndash; ach nein, Winkel gab's hier nicht für solch beschauliches
-graues Dasein; sondern es war eine lichte Gelegenheit,
-alle Fenster aufzustoßen an den beiden alten Frauenherzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-und der Himmel fanfarte hinein mit schmetternden Trompeten;
-denn auch der Tante Veronika war anzusehen, wie glückselig
-sie war.</p>
-
-<p>Den ganzen Nachmittag saßen die alten Herrschaften in
-dem Eckzimmer, durch dessen Scheiben damals das Zinzilein
-nach dem Herrn Prinz geschaut hatte, weil sie ahnte, daß sie
-nun eine Prinzessin würde &ndash; saßen dort nach Tisch vor den
-Meißener Schälchen beim Kaffee, und saßen dort beim Tee,
-als schon die Sonne ihr Königskleid über den Wipfeln des
-Waldes raffte. Das Leben aber fügte in diesen klaren und
-köstlichen Herbsttagen dem leuchtenden Sommerschlößlein, das
-den Namen Veronika Sinsheimer führte, den Schlußstein
-ein. Um diese Zeit wurde es fertig. Ja, es hatte lange gebraucht
-dazu, aber nun war es auch etwas prachtvoll Schönes
-geworden und war ausgerüstet mit allen Kleinodien, die auf
-dem Wege vom Auszug aus dem Himmel bis zur Heimkehr
-in ein Menschenherz gelegt werden können. Zuerst hatte es
-fast so ausgesehen, als wollte dies Leben dem Fräulein Sinsheimer
-seine Kargheit zeigen und ein Weiblein aus ihr machen,
-wie sie da und dort an den Rändern stehen. Nun hatte sie
-Kinder gehabt und hatte Enkel, ihr Herz hatte alles Glück der
-Welt hundertfältig gespiegelt, und nun hatte sie auch den
-weisen und fröhlichen Freund, der neben den herrlichen Blüten
-ihres Geistes und Herzens bestehen konnte.</p>
-
-<p>Deshalb trugen die Stunden im Frühlingshaus Festkleider.
-Die gläsernen Schränke und die Mahagonimöbel funkelten so,
-wenn Tante Veronika mit ihrem Freunde vor den Meißener
-Tassen saß … »Ja, ja,« sagte der alte Herr, »mit dem Jockele
-sind wir noch nicht am Ende! Ich glaube, da kommt noch
-einmal etwas zutage, das keinem von uns im Traum eingefallen
-ist. Er hat sich dazu so herrlich auf sich selber gestellt,
-und uns &ndash; läßt er nicht einmal durch das Schlüsselloch gucken.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span></p>
-
-<p>Tante Veronika spielte mit ihren Händen auf dem Rande
-des Tischleins wohl ein schönes leises Lied. Und ihr Gegenüber,
-der Herr Salzer, führte sie an seiner sicheren Freundeshand
-den Weg der Wunder: aus dem Herzen der Zigeunerin
-durch das Herz der Tante Veronika ans Herz der Frau Do
-zum Herzen des lieben Gottes&nbsp;…</p>
-
-<p>Es war ein feines besinnliches Hinschauen.</p>
-
-<p>Dann redeten sie von weiser Frauenliebe und von dem
-Segen, der in ihr ist. Von dem Fluche sprachen sie nicht;
-denn Fluch wächst nur aus Leidenschaft. Liebe aber ist Weisheit
-ohn' Unterlaß und Einschränkung; denn das Weiseste,
-was es gibt, ist der Verstand Gottes; und dieser ist Liebe.</p>
-
-<p>So war der Herr Professor Salzer dem Märchenhaus in
-jenen Tagen abhandengekommen. Niemand fand eine Spur
-von ihm. Auch Jockele nicht &ndash; wiewohl er siebenmal die
-hundertneununddreißig Turmstufen emporzog. Cornelius
-komponierte die Märchenoper und war weg. Gwendolin
-feierte Hochzeit und war auch weg. Henrik Tofte? Ganz
-richtig &ndash; zu ihm gehörte das Fragezeichen. Schreiben tat
-er nicht. Tinte und Feder waren für ihn sein Lebtag Dinge
-gewesen, die er scheute wie Gift. Seine »Korrespondenz«
-hatte er sogar einen Winter lang von Nane Thord besorgen
-lassen. Und das einzige Mal, wo er nachweislich geschrieben &ndash;
-damals, als er unter die Dichter gegangen &ndash; hatte er das
-Manuskript vor den Augen der Menschen verborgen. Er sagte:
-ums Leben könnte er sich auch bringen mit Pinsel und Farbe.</p>
-
-<p>Da packte Frau Do mit dem Diener Fritz die »Madonna
-in Rosen« in eine flache Kiste und schickte sie an Rolf Krake.
-Natürlich durfte Fritz nicht sagen, was er dabei dachte &ndash; aber
-auch für Do war es ein wehmütig Beginnen. Dann setzte
-sie sich hin und schrieb an Rolf Krake einen klugen und frohen
-Brief&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-Lieber Einsiedler!
-</p>
-
-<p>Ihr Verlangen war seltsam. Aber wir dachten: Sie wollen
-einen Menschen um sich haben, über den Sie Ihre weisen
-und närrischen Gedanken hinausschicken können ins Leben,
-in das Sie nicht einmal mehr zu Gaste kommen mögen. Sie
-haben sich einen neuen Garten Eden geschaffen und fordern
-eine Gehilfin. Da ist sie! Gwendolin sagt: »Geschaffen von
-den Händen Gottes&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie haben sich nun an einen Platz gestellt, an dem für die
-Menschen das Narrentum angeht. Wir im Märchenhaus aber
-sagen: das Narrentum hört dort auf. Jeder soll es treiben,
-wie es sein Glück fordert; denn auf der Welt gehört nichts
-inniger zusammen als Leben und Glück. Vielleicht werden
-die Menschen nun Ihre Insel die »Narreninsel« nennen und
-sagen: »Es lebt dort einer mit einem Bilde!« Und sie wähnen,
-Sie wären der einzige.</p>
-
-<p>Die so reden, haben es zwar nicht zu dem Kleinod einer
-Insel gebracht, aber zu Millionen leben sie sich an ihrem Dasein
-vorüber und leben &ndash; einem Bilde! Meist einem, von
-dem sie nicht einmal eine klare Vorstellung haben. So kümmern
-sie sich ihre Straße dahin und kümmern sich ins Grab;
-aber den frohen Einsamen auf einer Insel nennen sie den
-Narren.</p>
-
-<p>Sehen Sie, so verstehen wir im Märchenhause den Brief,
-den Sie an Henrik Tofte geschrieben haben. Er hat ihn uns
-gelassen als Gastgeschenk. Wir lesen ihn oft und halten unsere
-Herzen in sein warmes stilles Licht. Erkennen Sie nun: es
-war ein Traum vom Leben, der Ihnen eingab, das Eiland
-die »Insel der Auferstehung« zu taufen? Ein lieblicheres
-Ostern &ndash; wer könnte sich vermessen, es zu feiern? Die Menschen
-sind Schiffer auf dem Ozean. Nach ihrer Insel steuern
-sie alle: der eine nennt sie die Insel der Auferstehung, der<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-andere nennt sie Märchenhaus &ndash;&nbsp;&ndash; ihrer sieben gelangen
-in den Hafen, dreihundert Millionen treiben daran vorüber.
-»Die Insel finden!« stiller Freund, das ist die Weisheit, das
-ist die Kraft! Und nun messen Sie Ihr »Narrentum« an diesem
-Leitsatze des Lebens und sagen Sie getrost: »Es sei wie es
-sei &ndash; meinen Himmel hab' ich mir errungen!«</p>
-
-<p>Ich sage nicht: wenn Sie einmal Lust haben, in die Welt
-zu fahren, so kommen Sie zu uns! Nein, schlagen Sie Ihre
-Wurzeln frohgemut in Einsamkeit und Tiefe, und stehen Sie
-unerschütterlich auf Ihrem Gelöbnis. Aber wenn Sie einmal
-herüberzureden wünschen in die Welt der Menschen, so fragen
-Sie &ndash; mein Mann und ich werden Ihnen von dieser Welt
-so viel erzählen, wie Sie hören wollen.</p>
-
-<p class="right">
-Frau Do.
-</p></div>
-
-<p>Nichts als ein Brief! Und in den ersten Worten nicht
-einmal ganz frei und nicht ohne die Sorge des Weibes, das
-eines anderen ist. Aber nur in den ersten Worten. Die sollten
-dem Robinson sagen: »Siehe, so ist mein Bild gemeint! Und
-weil wir es so meinten, hast du es mit Freuden bekommen.«
-Aber dann war alle Befangenheit von ihr abgefallen. Sie
-erinnerte ihn nicht pharisäisch an die große Dummheit seines
-Lebens und sagte: »Das werden Sie nicht wieder tun« &ndash; sondern
-sie krönte seinen Sieg. Und sie sagte ihm: »Es gibt von alters
-her auf Erden sieben Weise; sie sterben nicht aus; darum ist
-ihr Sinnbild zu den Gestirnen des Himmels erhoben. Es
-sind nicht Sterne erster Größe, aber siehe, du bist einer dieser
-glückseligen Sieben. Freue dich!«</p>
-
-<p>Von sich selber sprach sie kein Wort. Aber sie ließ ihn ahnen:
-dein Leben ist nun klug und klar, und es ist ein Leben der
-Fülle &ndash; trotz alledem! Es ist ein Sinnbild für die dreihundert
-Millionen Toren, die jeden einen Narren heißen, der nicht
-die Schellenkappe trägt wie sie&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p>
-
-<p>Jockele war zu ihr an den Schreibtisch getreten; das Fenster
-stand offen, die kleine Heidi lag drunten im Garten in ihrem
-Wagen und schlief.</p>
-
-<p>Nun sprachen sie von Rolf Krake aus ihren hochgemuten
-Herzen. Do lächelte und sagte: »Haben wir es denn anders
-gemacht als er?«</p>
-
-<p>Da sah er sie erstaunt an. »Ganz anders.«</p>
-
-<p>Sie aber machte ihre Siegeraugen. Und er sagte: »So hast
-du mich nicht mehr angesehen, seit &ndash; ich glaube seit damals,
-als ich die Gwendolin heiraten wollte.« Es war sehr lustig.</p>
-
-<p>»Dann hast du wahrscheinlich in all den Jahren keine so
-vollendete Dummheit in die Welt gesetzt, liebster Jo.«</p>
-
-<p>»Vor den Siegeraugen hab' ich noch den gleichen Respekt
-wie damals,« sagte er. Dann zog er sie aus ihrem Schreibsessel
-empor und führte sie in den Garten, und sie spazierten
-Arm in Arm unter den schönen alten Bäumen. Es war eine
-heimelige Stunde, leise und voll von dem warmen Lichte
-des Mittags.</p>
-
-<p>»Nichts als ein Brief,« sagte er, »aber du hast damit wieder
-einmal einen Wegstein aufgerichtet für Rolf Krake &ndash; und
-auch für uns. Der Sommer im Fjord war der Reisesommer:
-es flimmerte fremde Sonne hinein. Dann kam der Winter
-der Freunde oder der Gesellschaften. Im neuen Frühling
-fühlte man so sachte vor nach sich selber. Und nun will alles
-schön und klar werden&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun haben wir unsere Insel,« sagte sie, und wieder blühten
-ihre Siegeraugen. »Nun, es ist wohl die Art ernster
-Frauen, daß sie ihr Leben früher anfangen, bewußt zu leben,
-früher als die Männer. Vielleicht kommt das daher, daß sie
-die Grenzen ihres kleineren Reiches besser übersehen.«</p>
-
-<p>»Es ist bei uns Männern das heiße Begehren nach der Tat,
-oft nach einer unerhörten Tat. Darüber stellen wir uns in<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span>
-Sturm und werden getrieben und bilden uns ein, wir wären
-der Sturm selber. Es ist bei euch Frauen einfacher.«</p>
-
-<p>»Es ist gar nicht einfacher. Von den Frauen verstehst du
-noch immer herzlich wenig, lieber Jockele &ndash; trotz deiner umfangreichen
-Sammlung von Erfahrungen,« setzte sie lächelnd
-hinzu. »Wir geraten in unserer Mädchenzeit an Knaben, von
-denen wir uns vorreden, sie wären Männer. Und wir werden
-spielerisch. Zuerst fangen wir an, uns mit äußerlichem Kram
-zu behängen &ndash; und von Stund an ist die Mehrzahl der jungen
-Mädchen ruiniert fürs Leben. Aller Sinn für den wahrhaften
-Schmuck des Daseins geht ihnen verloren. Aber der für den
-Jahrmarktströdel bleibt, wächst, wuchert und verqueckt uns
-das Herz.«</p>
-
-<p>»Ist dir das alles über dem Brief an Rolf Krake eingefallen?«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Du hast noch nie so hart geredet.«</p>
-
-<p>»O ja,« sagte sie, »aber nicht oft, und du hast auch wohl
-nie mit so willigen Ohren zugehört. Oder denkst du, ich wäre
-damals aus dem reichen Hause meines Vaters in das Gartenhüttchen
-am Horn geflohen und hätte mein Leben auf Biegen
-oder Brechen gestellt, wenn ich das nicht gewußt hätte?«</p>
-
-<p>Sie hatten ihre Arme fest ineinandergelegt und wanderten
-zurück bis in jenen Tag, an dem sie einander im Apfelgarten
-zum ersten Male begegnet waren. Und sahen ihr Leben an. Es
-stand vor ihnen wie in der Kristallkugel der Buschgroßmutter.</p>
-
-<p>Davon sprachen sie nun. Jockele kannte dies schöne Märchen
-von Tante Veronika. Er hatte es lange, lange nicht mehr
-erzählt &ndash; zuletzt wohl droben im Hardanger Fjord am Herdfeuer.
-Da hatten sie alle zugehört, und Gwendolin hatte
-gesagt: »Paßt auf, wir erleben es doch noch, daß aus dem
-Naturforscher der Dichter wird.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p>
-
-<p>Durch das grüne Dämmerlicht unter den hohen Bäumen
-sah Jockele die Bilder in der Kristallkugel aufgehen und
-merkte gar nicht, daß er zu atmen vergaß &ndash; genau wie damals,
-als ihn die Tante Veronika zum ersten Male vor das Haus
-der Buschgroßmutter geführt hatte. Es war ein Novemberabend
-gewesen, und der Bergwind lief ums Haus und sang.
-Als ihn das Mädchen Mali dann zu Bett brachte, hatte er
-zu ihr gesagt: »Wenn es wieder Frühling ist, wollen wir
-die Buschgroßmutter besuchen. Ich nehme meinen Schirm
-und fort geht's!« &ndash; »Na ja,« hatte ihn die Mali vertröstet,
-»vielleicht im Frühling. Aber das Gebirge der Riesen ist
-schwer zu besteigen, und die Riesen sind auch keine netten
-Leute.« Dies Zwiegespräch hatte Mali der Tante Veronika
-berichtet; denn das sollte sie. Und Fräulein Sinsheimer
-sagte: »Sooo! Dann müssen wir das in den nächsten Tagen
-reparieren; denn fürchten darf er sich nicht.« &ndash; »Überhaupt
-diese Schauergeschichten&nbsp;…,« warf Mali ein. »O, die sind
-herrlich,« behauptete Tante Veronika. »Ich besitze gar nichts
-Schöneres, was ich in den Jungen hineinspeichern könnte; aber
-ich habe es wohl nicht richtig gemacht.« Und gleich am nächsten
-Abend erzählte sie wieder. Das Mädchen Mali durfte
-zuhören, und es war so schauerlich, daß sie ganz heimlich die
-Füße unter ihren Sitz zog, weil sie merkte: die große Kreuzspinne
-spann sie ein, die sich die Buschgroßmutter als Haustier
-hielt. Dem Zigeunerbuben aber legten sich die blanken
-Fäden dieser Phantasien schimmernd um das Herz.</p>
-
-<p>Wie viele Jahre waren seitdem vergangen! Und nun stand
-ein Mann vor der Kristallkugel der Hexe im Baumgarten
-am Horn, sah die Bilder seines Lebens darin und sagte:
-»Es ist gar kein Märchen!«</p>
-
-<p>Nein, es war das Leben! Und der Sinn der Rede, daß
-es ein Aber habe mit Männern, in deren Leben die Frauen<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-nicht eine ungeheure Rolle spielen, ging ihm erst auf in dieser
-Stunde. Vor anderthalb Jahren an der Hochzeitstafel hatte
-er das so hinausgeschmettert aus seinem ungestümen Herzen.
-Es war nicht darin gewachsen. Darum hatte er es auch in
-seiner Art verstanden &ndash; nicht so wie die ältere Dame, die
-»O« sagte, aber auch nicht viel tiefer als die anderen. Freilich
-hatte er hinzugesetzt: »Was mich betrifft, so werde ich mich
-in die Sonne meiner Frau stellen, wie sich die Erde stellt in
-das Licht des Frühlingshimmels.« Nun ja, das hatte einen
-ergebungsvollen Klang gehabt und war auch vorsatzfroh
-gewesen. Aber man kennt das; und beides war nicht ungewöhnlich
-für einen jungen Hochzeiter, dem das Zigeunertum
-nur so aus den Augen blühte. Aber verstanden? Verstanden
-hatte er es nach seiner Kraft, und etwa wie Hanna
-von Fellner, die daraufhin mit ihm wettete.</p>
-
-<p>Daran dachten sie nun. Und sie wußten: Hanna hatte die
-Wette verloren! Jockele war ein Mann geworden mit allen
-Erkenntnissen. Und es kam eine Allgewalt über ihn &ndash; da
-faßte er Do an den Hüften und hob sie empor und schmetterte
-einen Jauchzer über sie. Als sie wieder auf der Erde stand,
-preßte sie die Hände an die Schläfen, denn seine Wildheit
-brauste ihr durch die Adern. Er aber sagte ganz fromm zu
-ihr: »Du liebe Wundertäterin!«</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Als es wieder Frühling wurde, ging Heidi im Rasen auf
-wie eine Tulpe. Sie trippelte von einer Blume zur
-anderen und trank die blühenden Wunder der Erde in ihre
-Augen. Jockele dachte: »Wenn sie im nächsten Jahre kommen,
-kann ich ihr die schöne Geschichte von der Buschgroßmutter
-erzählen.« Es war ein ungeduldiges Warten in ihm &ndash; er
-wollte auch sein Teil an der Kleinen haben. Und die verfallende
-Hütte der Buschgroßmutter stand in seinem Herzen<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-noch genau so, wie sie die Tante Veronika darin aufgebaut
-hatte. Sogar der Waldkauz brütete noch über dem Türpfosten,
-und kein Sturm, der in den Jahren durch Jockele
-gebraust war, hatte das Spinnennetz zerrissen, das vor dem
-windschiefen Fenster hing: die dicke Spinne mit dem blanken
-Kreuz auf dem Rücken lauerte noch darin &ndash; genau wie
-damals.</p>
-</div>
-
-<p>Ach, vieles, vieles, wovon sich die Erziehungsfreude der
-Tante Veronika Wunder versprochen hatte, war verflogen
-&ndash; dachte er. Aber die verstaubteste, hübscheste und geheimnisvollste
-Hexenhütte, die je ein Märchenmund gedichtet hatte,
-die war stehengeblieben. Und die wollte Jockele seinem Frühlingskinde
-mitten hineinbauen ins Herz; denn wie Papa sollte
-Heidi in jeder Woche einmal darin einziehen und ihr Zauberglück
-finden, weil es so wunderschön war.</p>
-
-<p>Um diese Zeit begann er, für Heidi zu dichten: kleine
-Blumen, kleine Blätter, die er über sie warf und die sie mit
-ihrem jauchzenden Herzlein fing. Dazwischen führte er sein
-Werk über die Flechten nun doch zur Vollendung. Er reiste
-an die Hochmoore des Erzgebirges und Bayerns; er durchwanderte
-die Schründe der Sächsischen Schweiz, wo die
-Flechten um die Felsenzinnen blühen. Das Riesengebirge
-lag noch zu tief in den Jahren, und er fühlte, wie er der
-Naturwissenschaft aus den Händen wuchs. Alles drängte
-in ihm nach einem Abschluß; denn der hatte noch gut Platz
-in der Zeit, in der der Dichter in ihm nicht ganz daheim war.</p>
-
-<p>Wie alle Dichter, so fing auch dieser mit sich selber an. »Die
-halben kommen nie darüber hinaus,« sagte er zu Do; »ich
-aber will mich weit dahinten lassen. Es soll nicht etwas Windiges
-werden, was ich da schreibe, und nicht ein kärglicher
-Abklatsch des Daseins. Es ist Schwachsinn, eine Dichtung
-über den Leisten des Lebens zu schlagen. Was soll dann<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-weiter daraus werden als ein Schusterwerk? Nein, der Dichter
-muß sich den Weltplan vom lieben Gott dazu borgen. So
-etwa: ›Gib her, ich werde jetzt einen Roman schreiben und
-will darin erschaffen, was du mit der Welt mal vorgehabt
-hast; denn ich bin besser daran &ndash; mir können die Menschen
-mein Werk nicht verpatzen, wie sie es dir täglich tun!‹ Wenn
-man von einem Romane nicht sagen kann: er ist ein schönes
-Märchen, dann ist er in der Regel miserabel.«</p>
-
-<p>Das war das erste und letzte, was Jockele über sein Dichten
-zu Do und den anderen sagte, bis zu jener Wagenfahrt ins
-Riesengebirge. Aber das merkten sie wohl, daß er der Ansicht
-war: ein vollkommenes Märchen wäre die wahrhaftigste
-und wahrhafteste Dichtung, die sich ersinnen ließe; denn es
-steht darin: alle Schöpferweisheit und Teufelslist, alle
-Menschenklugheit und Torheit, alle Tücke und Liebe &ndash; und
-das eindringlichste und beredteste Weltbild ist fertig. »Laß dir
-nicht in deinem Leben und Dichten herumwühlen von den
-Menschen!« sagte er.</p>
-
-<p>»Mich deucht, das wäre ein gutes Nachtgebet,« sagte Salzer.</p>
-
-<p>»Ja &ndash; für alle; aber zumeist für die Dichter.«</p>
-
-<p>So schwang sich aus den Frühlingswiesen des Lebens
-alles in die Bahnen, auf denen es dereinst schön und kraftvoll
-zu den Höhen des Daseins gelangen sollte. Aber stetig und
-unwandelbar in den wandelnden Jahren blieben Dos und
-ihres Mannes Herz: das eine in seinem stillen klaren Licht
-&ndash; und war ein Segen für und für; das andere in seinem
-weltseligen Zigeunertum: ewig unrastig und voll stolzer
-Träume, dabei immer bedacht auf die ruhevolle Breite des
-Lebens &ndash; und doch ohne Sturm; stets voller Blüten und
-voll der fröhlichen Weisheit des Glücks. »Es ist das Erbgut
-der Männer meines Volks,« sagte Jockele, »als Könige der
-Pußta tragen sie den Himmel in den Augen, und von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-Golde der Sterne &ndash; den fliegenden Tropfen des großen
-Weltenozeans &ndash; ist ein Glanz in unsere Herzen gespritzt.«</p>
-
-<p>Gwendolin lächelte über diese Worte dahin. »Es scheint, den
-Pußtawanderer Adalbert Stifter trägst du stets auf der Brust.«</p>
-
-<p>»Nein, mitten darin,« bekannte er.</p>
-
-<p>Aber Gwendolins Rede war nicht mehr frei wie einst. In
-ihren Augen lag nicht mehr die stürmende Fülle. Und in
-den Klang ihrer Stimme fand sich die Wehmut.</p>
-
-<p>In einer Juninacht saßen die drei Frauen und Jockele
-im Garten, unter der Ulme, und tranken Erdbeerbowle.
-Der Mond kämpfte sich blutrot hinter den Büschen herauf.
-Heuduft schwebte von den Parkwiesen hoch. Da erhob Gwendolin
-ihr Glas gegen den Mond und sagte: »Noch eine halbe
-Stunde, du lieber Nachtgesell, dann hast du gesiegt in deinem
-dumpfen Kampfe gegen den Dunst der Tiefe! Wo bleibe
-aber ich?«</p>
-
-<p>»Unbegreiflich,« sagte Kordula, »wer hätte gedacht, daß
-eine Zeit käme, in der du zag würdest vor dem Leben? Du!«</p>
-
-<p>»Es wundert mich gar nicht,« sagte Do, »Gwendolin ist
-eine von jenen, die mit siebzehn Jahren heiraten müssen.
-Es ist nun nicht leicht, ihr Mann zu sein.«</p>
-
-<p>»Ihr habt beide gut reden,« sagte Gwendolin bitter, »du
-und Kordula.«</p>
-
-<p>»Halt,« gebot Jockele, »ich arbeite nur noch nebenher in Flechten,
-Menschenherzen sind mir wertvoller, und Do sagt, von
-Frauen hätte ich keine Ahnung. Aber vielleicht von der Ehe?«</p>
-
-<p>»Erst recht nicht,« behauptete Gwendolin, »denn du bist
-eines jener Hätschelkinder des Schicksals: laufe nur mit weit
-offenen Händen durchs Leben &ndash; es fällt immer etwas Herrliches
-hinein!«</p>
-
-<p>Nun, Jockele war diese Rede von den Menschen gewöhnt;
-sie wächst wild um alle Zäune. Ernst nahm er sie nicht. Da<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-sie nun aber von Gwendolin kam, wurde er steil und blies
-zur Schlacht. »Du, seit wann bist du ungerecht?«</p>
-
-<p>»Ich habe wohl schon an meinem Verstande gelitten,«
-bekannte sie.</p>
-
-<p>»Du bist auch ungerecht gegen dich selber,« sagte er, »denn
-Kämpfer sind wir alle beide &ndash; nicht so: ›Mensch sein, heißt
-Kämpfer sein‹ … sondern: wir zwei haben unser Lebtag
-weit weg gestanden vom Durchschnitt &ndash; auch mit unserem
-Kampfe. Weiß Gott, es war ein steinichter Weg in den
-Tartarus und von da auf den Berg der Seligkeiten! Dann
-hab' ich den Berg mit dem Grabscheit zerhauen; dann hab'
-ich &ndash; na, ich hab' etliches fertiggebracht in meinem Leben.
-Aber freilich: an den Laden hab' ich mich dazu nicht gelegt,
-und der Welt in die Ohren geschrien hab' ich's nicht: ›Seht
-mal her, solch ein Kerl bin ich nun!‹ Zuletzt &ndash; das darf man
-wohl sagen: das Leben hat es gut gemeint mit mir. Aber
-etwa deswegen, weil ich ihm ein lammfrommer Zuschauer
-gewesen wäre?«</p>
-
-<p>»War das bei mir anders?« fragte Gwendolin. Die Wehmut
-war weg. Es klang herausfordernd, es klang unzufrieden.</p>
-
-<p>»Nein. Salzer hat einmal gesagt: ›Die Gwendolin Vogelgesang
-ist der weibliche Jakobus Sinsheimer.‹ Recht hat er.
-Aber nun, da du davorstehst, dir das Ehrendoktorat fürs
-Leben zu erwerben, liebe Gwendolin, nun kneifst du.«</p>
-
-<p>Gwendolin lachte bitter und jäh auf.</p>
-
-<p>»Ach papperlapapp!« rief Jockele. »Mit einem Munde
-voll Hohn schnellst du mir diesmal nicht aus den Händen!«</p>
-
-<p>»Du hast ja keine Ahnung von der Ehe,« sagte Gwendolin.</p>
-
-<p>»Nun, so ist mir das Talent, für und in Do zu leben, wahrscheinlich
-im Bergwald eingeboren worden,« sagte er ärgerlich.
-»Nein, liebste Gwendolin, ich habe mich gehörig in diese<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-Sonne finden müssen! Und das will ich dir auch verraten:
-sie war im Vorfrühlinge mitunter eklig frostig &ndash; man konnte
-sich das Herz daran erfrieren bei all dem hellen Scheinen.
-&ndash; Warum hast du Erich Meyer nicht geheiratet?«</p>
-
-<p>»Er ist mir zu sacht.«</p>
-
-<p>»Warum hast du mich nicht genommen?«</p>
-
-<p>»Du warst mir damals zu jung.«</p>
-
-<p>»Mir war er nicht zu jung,« sagte Do sehr ernsthaft.</p>
-
-<p>»Warum hast du Toften gehen heißen?«</p>
-
-<p>»Er springt immer hin und her zwischen Himmel und Hölle.«</p>
-
-<p>»Und James King und John Williams?«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">They are Englishmen.</em>«</p>
-
-<p>»Und den Grafen Metting?«</p>
-
-<p>»Den hätt' ich beinahe genommen.«</p>
-
-<p>»Wenn ich nicht dazwischengekommen wäre,« sagte Do.</p>
-
-<p>»Und wenn er kein Windhund gewesen wäre,« ergänzte
-Jockele. »Wie sagte Gwendolin Vogelgesang? ›Die Ehe ist
-eine verdammte Kunst.‹ Meine Finger langen nicht mehr zu,
-dir herzuzählen, was du an jedem auszusetzen hattest. Du
-hättest auch zu keinem gepaßt.«</p>
-
-<p>»Na also!«</p>
-
-<p>»Aber Richard Schaffrath&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Es scheint, den hab' ich mir vorbehalten, meiner Dummheit
-die Krone damit aufzusetzen. O!«</p>
-
-<p>Im Märchenhause wußte man seit langem, daß die Herzen
-dieser beiden hochgemuten Menschen Miene machten, in Trotz
-und Selbstherrlichkeit Wege zu laufen, die sie voneinander
-fortführten. Es fehlte in diesem Hause nicht an Verständnis
-für die Art beider: die Schuld lag bei Gwendolin, und sie
-lag bei Schaffrath. Der war nun Professor geworden. Er
-war nicht frei von rücksichtslosem Ehrgeiz, aber er hatte nichts
-von einem Streber. Es war eine gesunde und männliche<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-Kraft. Er stand fest auf sich selber, wie Gwendolin auch;
-und beide hatten den Sinn zur opferwilligen Zweisamkeit
-der Ehe darüber ein wenig verkümmern lassen. Nun, so etwas
-wächst in jedem Garten. Aber seit einiger Zeit fanden sie
-beide: es wüchse bloß bei ihnen. »Er ist ein Starrkopf und
-Egoist,« sagte Gwendolin. »Und sie ist unweiblich und rechthaberisch,«
-sagte Schaffrath.</p>
-
-<p>So war es zwischen ihnen über Winter geworden. Gwendolin
-war in den vergangenen vierzehn Tagen in Ibenheim
-gewesen. Dann war sie ins Forsthaus am Hörselberg gewandert,
-hatte wütig darauflos gemalt und zwischendurch dem
-Zinzilein ihr Leid geklagt &ndash; nicht kleinmütig, und wohl auch
-nicht mit vergiftetem Munde. Aber von dem »brutalen Egoismus
-der Männer« war doch mehrfach die Rede gewesen. Die
-Tante Veronika mischte sich ein für allemal nicht in derlei
-Dinge. Sie sagte: »Davon versteh' ich wohl nicht genug.«</p>
-
-<p>Das Spiel stand bei den Freunden im Märchenhause, zu
-denen auch in diesem Falle Kordula und Erich Meyer und
-Professor Salzer gehörten, für Gwendolin und Schaffrath
-so, daß man Fehler gegen Fehler aufrechnete. Aber in jener
-Nacht unter der Ulme verlor Gwendolin die Partie. Man
-rückte auf der ganzen Linie geschlossen gegen sie an. Daran
-war das harte Wort von der Dummheit schuld, mit der sie
-ihr Leben gekrönt hätte.</p>
-
-<p>Do sagte: »Wenn man nicht wüßte, daß du jetzt gallig und
-ungerecht bist, so würde man dich von nun ab zu jener kläglichen
-Sorte von Frauen rechnen, die immer auf dem Sprung
-ins Elternhaus sind, wenn ihnen in der Ehe mal eine Katze
-über den Weg läuft. Du solltest dich schämen, dieser jammervollen
-Art nahezurücken.«</p>
-
-<p>Gwendolin war betroffen. Die hohe Stehlampe mit dem
-pfirsichroten Schirme machte diese Betroffenheit offenbar.<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-Und Kordula sagte: »Mit meinem Mann habe ich wohl wenig
-Mühe&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun ja, dieser Athlet des Herzens,« warf Gwendolin
-aufgewiegelt hin, »der paßt sich in dich wie der Kern in die
-Aprikose.«</p>
-
-<p>Kordula griff dies Bild auf. »Ja, wenn die Aprikose fertig
-ist!« Dann sagte sie: »Es war auch für mich nicht so einfach,
-und es gab viel Falten und Knitter auszubügeln. Das gehört
-nun eben zur Ehe. Warum ist sie ein Vertrag auf Gegenseitigkeit?«</p>
-
-<p>Darauf sagte Do: »Was könntest du denn dagegen haben,
-wenn er dich einfach für die Hauswirtschaft forderte?«</p>
-
-<p>»Gilt nicht!« höhnte Gwendolin, »daß ich dazu nicht tauge,
-wußten wir im vorhinein.«</p>
-
-<p>»Du sollst dir aber nicht einbilden, du könntest nun mit dem
-Malkasten unterm Arm in die Welt ziehen, so oft dir's paßt,
-und brauchtest zwei Wochen nicht heimzukommen aus Trotz
-und Kindsköpfigkeit, und könntest im Walde herumzigeunern
-und warten, ob er dich sucht. Wenn ich dein Mann wäre,
-liebe Gwendolin, ich würde sehr viel herzhafter mit dir reden.«</p>
-
-<p>Gwendolin entschuldigte ihre Waldfahrt. »Na, das war
-doch bloß mal eine kleine Flucht zu mir selber.«</p>
-
-<p>So standen sie mit spitzen Sinnen gegeneinander bis Mitternacht.
-Schwere Weisheiten förderten sie nicht zutage, aber
-wahr war's doch, was sie sagten. Gwendolin hatte einmal
-vorgehabt, der blonden Do in dem Verhältnisse zu ihrem Mann
-ähnlich zu werden. Und nun war <em class="gesperrt">das</em> daraus geworden!</p>
-
-<p>Sie wäre in ihrer Hartmütigkeit am liebsten bis in den
-neuen Tag im Baumwinkel sitzengeblieben. Aber Kordula
-nahm ihren Arm, und von der Straße aus sahen sie noch
-Licht in Richards Zimmer. »Ich bringe dich nach Hause,«
-sagte Gwendolin. Da gingen sie ganz langsam unter den<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-Sommerbäumen dahin. Das Mondsilber sickerte über sie.
-»Hast du denn gewußt, daß du so trotzköpfig bist?« fragte
-Kordula.</p>
-
-<p>»Eigentlich &ndash; nein. Hartnäckig war ich stets, aber ich hatte
-dazu niemanden als mich.«</p>
-
-<p>»Dann würde ich mir auch fürderhin an mir selber den
-Kopf einrennen,« spottete Kordula, »du hast dich ja damals
-ganz gut dabei gestanden. Warum suchst du dir nun deinen
-Mann dazu aus?«</p>
-
-<p>Gwendolin lachte. Aber nur mit einem Auge; denn sie
-mußte an Salzers Wort denken: »Er ist ja wohl der nächste
-dazu.«</p>
-
-<p>Endlich kamen sie doch vor das Häuschen in Oberweimar,
-und Gwendolin mußte mit sich nach Hause wandern. Sie
-schritt mitten auf der mondhellen Parkstraße von Oberweimar
-her, kam an Goethes Gartenhause vorüber und stieg die Stufen
-beim Euphrosyne-Denkmal herauf, die zwischen dem Märchenhaus
-und Schaffraths Wohnung ins Horn münden. Von
-den Türmen der Stadt rief es ein Uhr. Richards späte Lampe
-brannte noch immer.</p>
-
-<p>Es war eine schmerzliche Niederlage, die Gwendolin in
-dieser Nacht erlitten hatte. Ihr Herz, dies funkelnde, lichtselige
-Künstlerherz, war angelaufen wie ein Morgenfenster
-von der Oktoberkälte.</p>
-
-<p>Am Kopfe des Stufenweges lehnte sie sich gegen das
-Geländer. Der Schatten einer Ohreule zog über den Mond.
-Gwendolin suchte nach einem Licht im Märchenhaus. Es
-war keins mehr da. Und die Lampe, die in Richards Zimmer
-wachte, war so peinlich beredt! »Warum könnt ihr beide
-nicht schlafen?« fragte sie, und: »Stehst du nun nicht da
-draußen unter den Sommerbäumen wie eine Abenteurerin?«
-Jetzt fingen auch die stillen Fenster des Märchenhauses an<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-zu reden. Es war ein heimliches Flüstern vom Glück …
-Man konnte neidisch werden. Sogar aus den Tiefen der
-Nacht heraus betörte die Sonne von dort her das Herz!
-Waren denn Frau Do und Jockele nicht auch aus dem Edelstahle,
-der stets wieder zu seiner blanken Geradheit zurückschnellte,
-wenn man ihn bog? Zu allem war Do noch zwei
-Jahre älter als ihr Mann &ndash; und es ging doch? War nun
-dort die Weisheit, von der Henrik Tofte gesagt hatte: sie allein
-brächte das Wunder einer Blüte zur Entfaltung? Aber im
-Zwielicht des Durchschnitts oder des Narrentums kümmere
-dies Wunder?&nbsp;…</p>
-
-<p>Es war eine heilsame Einkehr, die Gwendolin der blonden
-Do dankte. Dann ging sie den Gartenweg zwischen den Hecken
-entlang und trat in ihr Haus. Als sie im ersten Stock am
-Zimmer ihres Mannes vorüberkam, blieb sie nicht stehen;
-sie ging auch mit ihrem herausfordernden Schritt und legte
-den Hut ab und das Schultertuch. Aber dann kam sie doch
-zurück, trat in Richards Zimmer und setzte sich in den Lehnstuhl,
-der gleich links neben der Tür stand. Eigentlich wollte
-sie etwas sagen. Aber nun ging das nicht. Das Wort vertrocknete
-ihr auf den Lippen. Und man kann sich doch auch
-das Herz nicht zerbrechen wegen eines Wortes. Also!</p>
-
-<p>Schaffrath saß am Schreibtisch und hatte den Kopf in die
-Hand gestützt. Die kleine Lampe mit dem roten Schirme
-stand links vor ihm. Und wenn man ihn so von rückwärts
-betrachtete, war er in das rote Licht gemeißelt wie ein Riese
-aus schwarzem Gestein. Eigentlich wollte er etwas sagen.
-Aber es ging nicht. Man kann sich doch das Herz nicht zerbrechen
-wegen eines Wortes.</p>
-
-<p>So saßen sie eine Weile. Die Zeit lief zwischen ihnen dahin
-&ndash; mit jedem Pendelschlag der Standuhr tat sie einen Schritt
-&ndash; ein unsichtbares Gespenst. Einmal zog Gwendolin den<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span>
-Atem ein; es war, als fiel ein Tropfen auf eine heiße Herdplatte.
-Da stand Schaffrath auf, hob die Lampe hoch und
-leuchtete damit gegen die trotzige verführerische Frau. Sie
-sah ihn mit versteinten Augen an.</p>
-
-<p>»Es ist mit dir immer das gleiche,« sagte er und stellte die
-Lampe auf den Schreibtisch. Dann schritt er hin und her,
-und sein Gang ward heftiger, wie eines Mannes, der gegen
-den Sturm läuft. Und dann barst die gefesselte Stille, und
-seine machtvolle Stimme gewitterte dahin über beide. »Bilde
-dir nicht ein, daß das sieben Jahre zu tragen wäre! Es ist
-ein klägliches Leben, und es geht darüber alles in die Brüche:
-unsere Freundschaften, unser Ruf, unser Werk und wir selber.
-Vier Wochen war es ein Schäferspiel, vier Wochen war es
-eine Komödie, seit vier Monaten ist es ein Trutzspiel, und
-nun wird gleich eine Tragödie daraus. &ndash; Wo bist du heute
-abend gewesen?« Sie schwieg. »Es ist gut, daß du dich
-scheust, es zu gestehen! Das heißt, Sinsheimers wissen längst,
-wie es um uns steht. Sie haben es seit vier Monaten gewußt.
-Aber sie sind still gewesen aus Mitleid. Aus Mitleid! Verstehst
-du, was das sagen will?«</p>
-
-<p>Über diesem Worte wand sich Gwendolin in ihrem Stuhl.
-»Nicht aus Mitleid! Ich glaube, es ist noch ärger. Vielleicht
-ist es auch schon Verachtung. Sie sagen: es fehlt uns an
-gutem Willen.«</p>
-
-<p>»Dir!« schrie er.</p>
-
-<p>»Natürlich,« höhnte sie, »immer mir!«</p>
-
-<p>Da rückte er seinen Schreibsessel in die Mitte des Zimmers
-und schaltete das Deckenlicht ein und warf sich in den Stuhl.
-Gwendolin aber war aufgesprungen und lief vor der Türwand
-hin und her.</p>
-
-<p>»Es liegt doch an dir, Richard! Hast du in den letzten vier
-Monaten einmal um mich geworben wie jetzt?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span></p>
-
-<p>»Werben nennst du das?«</p>
-
-<p>Nun mußte sie doch ein wenig lachen. »Jawohl &ndash; werben!
-Vier Monate hast du gebraucht zu diesem erlösenden Wetter! …
-Es hätte sich wohl auch anders denken lassen. Aber es war
-doch mal ein Losbruch, es war ein Zerdonnern dieser grauenhaften
-Verschlossenheit. Du hast dann alle Fenster an dir
-verhängt, und es ist mir nicht gegeben, da einen Einschlupf
-zu suchen. Ich habe mit mir selber genug zu tun.«</p>
-
-<p>»Es ist so meine Art,« sagte er. »Ich brauche vier Wochen,
-ich brauch' ein Vierteljahr lang mit keinem Menschen zu
-reden, weder von Leid noch von Liebe.«</p>
-
-<p>»So rede wenigstens mit deiner Frau. Aber du sitzt dann
-im Haus und im Leben als ein steinerner Gast. Es ist zum
-Verzweifeln. Und am Ende versteinere ich auch.«</p>
-
-<p>»Jawohl, an deinem schlimmen und trotzigen Willen!«</p>
-
-<p>»Nein, Richard, nein, ich bin ein Weib und bin gewöhnt,
-umworben zu werden im Guten und Bösen. Meinetwegen
-donnere durch die Tage; das ist mir ganz egal … oder:
-es ist mir lieber, als wenn du dich zumauerst mit dieser
-wortlosen Kargheit. Damit weiß ich nichts anzufangen.
-Und dann lauf' ich fort und mach' es wie in der anderen
-Zeit, in der ich glücklich gewesen bin mit mir selber und
-hell und aufgetan&nbsp;…«</p>
-
-<p>Da lief sie hinaus. Es sah aus, als wollte sie nun den
-Hut nehmen und das rettende Malzeug und hinfliehen in
-die Nacht. Aber das tat sie nicht; sondern sie ging mit ihren
-heißen und trockenen Augen in das Schlafzimmer. Sie hatte
-ihm alles gesagt, was ihr Herz in dieser jähen Stunde hergeben
-mochte. Es war nicht über ihre Kraft gegangen, wie
-damals im Märchenhaus, als sie sich ausweinend über das
-Bett warf, aber sie dachte: was sie ihm gesagt hätte, wäre
-viel mehr gewesen, als sie sich je zugemutet hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p>
-
-<p>So war nun dies lichte klingende Herz: es mußte durchaus
-umworben werden, wenn es blühen sollte. Und so war es
-mit ihm gewesen seit den frühesten Mädchentagen. Zehn
-Jahre hatte sie es so mit diesem Herzen gehalten; denn es
-war eine große Gefahr für sie. Viele Mädchen haben solche
-Herzen und nehmen sie nicht in acht und kommen darüber
-von sich selber und von allem tapferen Willen für ein gutes
-und züchtiges Leben. Vor Gott und der Welt hatte sich
-Gwendolin nicht gefürchtet, seit sie sich verstand; aber vor
-ihrem Herzen war ihr bange gewesen. Nun war das so geworden;
-und als ihr Mann wartete, daß sie es ihm wie einen
-goldenen Ball zuwerfen sollte, konnte sie es nicht; denn dies
-Spiel hatte sie dereinst mit aller Kraft und Selbstzucht verlernen
-müssen.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">»Vielleicht hätten wir mit der Aussprache von gestern abend
-nicht so lange warten sollen,« sagte Jockele am anderen
-Morgen zu seiner Frau.</p>
-</div>
-
-<p>»Wir sind viel zu nachsichtig mit ihnen gewesen,« sagte
-sie, »wir haben uns in diese Angelegenheiten gar nicht zu
-mischen &ndash; darum haben wir auch nicht zu lange gewartet.
-Ich weiß recht wohl, woran sie beide leiden. Deshalb weiß
-ich auch, wir hätten uns auf derlei Auseinandersetzungen
-gar nicht einlassen sollen. Aber dazu haben wir ein Recht &ndash; ich
-will zu ihr sagen: Ihr zwei haltet es miteinander wie ihr
-es für gut findet; in unser Haus könnt ihr jedoch nur kommen,
-wenn ihr in dies Haus paßt.«</p>
-
-<p>»Es ist wieder mal eklig kalt,« spottete Jockele.</p>
-
-<p>»Ach nein,« sagte sie, »du hältst dein Herz nur immer in
-den Händen wie ein großes Licht und möchtest alle Finsternis
-der Welt damit hell machen. Trösten und Ehen flicken,
-liebster Jo, das sind zwei Dinge, mit denen schwer hantieren<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span>
-ist. Ich traue mir weder das eine zu noch das andere. Wenn
-du ihnen Moral predigen willst, so ist das deine Sache. Für
-mich gibt es in diesem Falle nur einen Weg: ich lasse in
-meine lichte Burg keine Narrheit von draußen hereinbrechen.«</p>
-
-<p>Dagegen gab es kein Eifern. Und es war wohl auch in
-der Ordnung; denn die Moral hatte den beiden im Nachbarhause
-der Herr Professor Salzer schon zur Genüge gepaukt.
-Aber er hatte es aufgegeben. Nun hatte Schaffrath das
-Empfinden: es gehen über unserer Ehe zuerst unsere Freundschaften
-in die Brüche. Und daraus folgerte er: man gab
-die Schuld beiden, sonst hätte man sich ja auf seine oder auf
-die Seite Gwendolins schlagen können. &ndash; Vor allem aber
-hatte Herr Salzer ihnen gegenüber einen schweren Stand;
-denn beide sagten zu ihm: »Sie mögen ja ein ganz guter
-Literarhistoriker sein, aber von einer Ehe verstehen Sie nicht
-das geringste.« Da hatte er's.</p>
-
-<p>Schaffrath aber und auch Gwendolin wurden sehr nachdenklich
-an sich selber.</p>
-
-<p>Um Herrn Salzer war es mit einem Male recht einsam
-geworden, schauerlich spätherbstlich, mitten im Sommer.
-Sein Turm gefiel ihm nicht mehr halb so gut. Das vornehme
-Mahl, das er im »Erbprinzen« zu halten pflegte, erfüllte
-alle Ansprüche des Feinschmeckers &ndash; aber es mundete
-ihm nicht mehr recht. Mit der Literatur war das auch solch
-eine Sache &ndash; man brauchte dazu nicht unbedingt auf einem
-Turme zu wohnen. Kurz: Herr Salzer hatte einmal wieder
-das dringende Bedürfnis, sein Glück aufzubügeln. Er kleidete
-sich unerhört vornehm. Er kaufte sich einen grauen Zylinderhut
-wie der Stadtrat Schniedewind. Er trug Schuhe mit
-einem Einsatz vom Stoffe seiner Kleider &ndash; nun, einen Zigeuner
-oder gelehrten Tropf hatte man seinem äußeren
-Menschen nie angesehen. Und so furchtbar wichtig vermochte<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span>
-er diesen selbst nicht zu nehmen, nicht einmal jetzt; darum
-merkte er nach acht Tagen: auch das war kein Heilmittel
-für das geheimnisvolle Leiden. Er verfiel sogar auf den
-verrückten Gedanken, es wäre das Alter. Achtundfünfzig!
-Lieber Himmel, vor einem halben Jahre war er noch ein
-leibhaftiger Jüngling gewesen an seinem Herzen! Und nun
-wollte dies Herz über Nacht misepeterig geworden sein?
-Aber dennoch &ndash; er rüstete sich mit der Ergebung des wahrhaft
-Weisen und bildete sich drei Tage lang ein, er wäre ein alter
-Mann.</p>
-
-<p>Und merkwürdig: die einhundertneununddreißig Stufen
-im Turm waren auf einmal erstaunlich schwer zu steigen. Am
-dritten Tage pustete er sich schon hörbar empor und rechnete
-aus: in vier Wochen könnte er sich die Welt überhaupt nur
-noch aus der Herrgottsperspektive betrachten. Peinlich, höchst
-peinlich! Und gerade jetzt hatte er Lust, mal durch einen
-Wald zu spazieren, den Gehstock zwischen den Fingern zu
-drehen wie ein Windrädchen und dabei vergnügt vor sich hin
-zu trudeln »Freut euch des Lebens«!</p>
-
-<p>»Das Alter muß ich mir wieder abgewöhnen,« sagte er,
-»es ist unlustig. Ich muß mir überhaupt mein ganzes bisheriges
-Leben abgewöhnen. Zum Beispiel wäre es doch
-gar nicht übel&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er dachte an den schönen Buchenwald bei Ibenheim. Dort
-hinauf brauchte man keine hundertneununddreißig Stufen
-zu klettern&nbsp;…</p>
-
-<p>Nein, übel wäre das ganz und gar nicht! Aber wenn man
-in das Haus der Tante Veronika ziehen wollte, so, so für
-immer, da mußte man zunächst mit Tante Veronika darüber
-reden. Das war schon wieder ein Stein des Anstoßes, gleich
-am Anfange des neuen Wegs. Seit jenen Septembertagen
-war er viermal zu Gast im Frühlingshause gewesen. Zuerst<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-hatte er gesagt: es wäre der schöne Buchenwald, der ihn
-lockte, und die Stille auf dem Hügel, und die Champagnerluft,
-die so in die Lungen prickelte. Und später hatte er gemeint:
-es wäre doch ein herrliches Vergnügen, das Erwachen
-des Jahres so gleichsam aus der Hand des Weltenschöpfers
-heraus zu genießen. Und zuletzt? Da hatte er die Tante
-Veronika ganz vergnügt angeguckt: »Warum haben wir uns
-nicht ein Dutzend Jahre früher kennengelernt?«</p>
-
-<p>Natürlich, die Tante Veronika verstand das vollkommen
-richtig, aber in ein silbernes Mädchenlachen verfiel sie doch;
-denn Tante Veronika war nun Siebzig!</p>
-
-<p>Nein, nein, an Hochzeit dachte Herr Salzer nicht. Aber die
-blanken Augen taten ihm wohl wie der Mai; und wenn die
-leisen weißen Hände einmal etwas an ihm zurechtzurücken
-hatten, hielt er sehr stille &ndash; ganz gegen seine Art. Es war
-so feiertäglich um diese klare alte Dame &ndash; es war mit einem
-Worte: außerordentlich.</p>
-
-<p>Darum packte er seine Koffer und fuhr nach Ibenheim.
-»Hallo! Sie müssen mich mal in die Kur nehmen, liebste
-Tante Veronika,« sagte er und schüttelte ihr die Hände, als
-wollt' er mit ihr zum Tanz antreten, »jawohl, in die Kur;
-denn sonst steh' ich für nichts!«</p>
-
-<p>Nach einer halben Stunde kam er aus dem Gaststübchen
-wieder herunter. Die eine Ledertasche hatte er dem Mädchen
-Mali anvertraut. Es waren darin Schildkrötensuppen in
-Büchsen, Kaviar, Spickaal, allerhand Pasteten, gezuckerte
-Früchte … es war eine Sammlung, die dem Herrn Salzer
-Ehre machte. »Es ist aber noch nicht alles,« sagte er geheimnisvoll,
-»das hab' ich nur so im Abreisen aufgerafft. Der
-Wein kommt aus dem ›Erbprinzen‹ und kommt von Krehan,
-eine ganze Kiste,« flüsterte er und sah das alte Mädchen dabei
-an … tja, der Herr Salzer! Und ein Kochbuch hatte er ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-auch mitgebracht. Damit sie das aber nicht übelnähme,
-überreichte er ihr dazu ein Hausstandsportemonnaie, natürlich
-gefüllt. »Sehen Sie, das da, in dieser Abteilung, ist ganz
-allein für Sie.« Es war gut und reichlich … tja, der Herr
-Salzer!</p>
-
-<p>Die Tante Veronika geriet an dem neuen Mietsherrn in
-herzenshelles Vergnügen. Und der Herr Professor merkte
-ihr an, wie es ihr ums Herz war. »Hähähä,« lachte er, »ich
-weiß alles: die Schwelle des Frühlingshauses ästimieren Sie
-als die reinste Fundgrube für Buben &ndash; erst war es ein
-kleiner, nun ist es ein alter Junge, den Ihnen der Wind
-hergeweht hat, hähähä.«</p>
-
-<p>Aber &ndash; und das ist die Hauptsache &ndash; die beiden Leutchen
-erschmunzelten sich darüber eine blühende Daseinsfreude.
-Das ist ein rares Gewächs auf den höchsten Höhen des Lebens,
-und es gibt keins, das köstlicher wäre. So schlossen sie einen
-Vertrag, der kaum zwischen ihnen besprochen und der jedenfalls
-nie geschrieben wurde: sie wollten sich gegenseitig in
-unwandelbarer Glückseligkeit hinauspflegen aus den grünen
-Gärten der Erde in die blauen Weiten des Himmels. Fräulein
-Sinsheimer dachte, nun würde sie das Häuschen am
-Walde nicht mehr verlassen, bis sie die Sternenreise anträte,
-die auch fröhlich werden sollte; denn an frohmütiger Weisheit
-schüttete das Leben in ihr Herz, was nur hineingehen wollte.
-Aber einmal zog sie doch noch hinüber ins Märchenhaus.
-Das war aber viel später. Ach ja, die Funkelwiesen, auf denen
-die Engel spazieren, mußten lange warten, ehe man im
-Frühlingshause die Wanderschuhe schnürte&nbsp;…</p>
-
-<p>Nach Weimar geriet der Herr Salzer hauptsächlich nur,
-wenn es galt, Küche, Keller und Vorratskammer von neuem
-auszurüsten. Dies Werk betrieb er fortan mit großem Eifer
-und ausgezeichnetem Feinsinn. Tante Veronika schalt immer<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-ein bißchen über den sündhaften Aufwand, den er mit sich
-machte, nannte ihn einen Verschwender und behauptete,
-sie helfe ihm diese vornehmen Sachen nur essen, weil sie
-für ihn allein unbekömmlich wären. Aber schlimm war das
-nicht gemeint; denn beim Auspacken waren sie immer zu
-dritt und hüpften um die Herrlichkeiten herum wie Kinder
-um den Weihnachtsbaum. Es muß auch verraten werden,
-daß Fräulein Sinsheimer in dieser Zeit ein ganz kleines
-venezianisches Glas besaß. Das war nicht geräumiger als
-ein Daumen. Daraus half sie ihrem Freunde mittags und
-abends einen Fingerhut voll Wein trinken, oder gar Sekt.
-Sie fand, es bekäme ihr ausgezeichnet, und sie schlief danach
-wie eine Tulpe im Winter.</p>
-
-<p>Ja, so trieben sie es. Es war eine Herrlichkeit. Und der
-Herr Salzer? So oft es Frühling wurde in der Welt, spazierte
-er an den Waldrand, kippte daselbst sein Tintenfaß
-um und tat ein Gelöbnis, daß es vor dem ersten November
-nicht wieder gefüllt würde; denn er hatte herausgefunden,
-Literaturgeschichte im Sommer säure das Herz an.</p>
-
-<p>»Und zu dieser Entdeckung haben Sie sechzig Jahre gebraucht?«
-spottete Tante Veronika.</p>
-
-<p>»Hm,« machte er. Aber gleich war er wieder vergnügt;
-denn er hatte auch herausbekommen, daß er an Frau Do
-und ihrem Jockele recht eigentlich zum Leben genesen wäre.
-Und doch, von wem sonst hatten jene beiden es gelernt als
-von Tante Veronika? Also war Fräulein Sinsheimer für ihn
-der Brunnen aller Freude! Die Sache war in schönster
-Ordnung, und die Tage flossen in Heiterkeit dahin. Aber
-einmal kam ein Ereignis voll herrlicher Allgewalt &ndash; das
-hieß Henrik Tofte. Es kam nicht in eigener Person, wie
-man nach dem Ausdruck »Allgewalt« schließen könnte, sondern
-es kam in Gestalt von Zeitungsberichten, und kam aus dem<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span>
-Märchenhaus. Aber es wirkte, als stürmte der nordisch blonde
-Skalde selber ins Häuschen und wuchtete die oberen Türpfosten
-heraus, weil sie zu niedrig waren für sein Hünenmaß&nbsp;…</p>
-
-<p>Es war in jenem März, in dem Heidi das Frühlingskind
-vier Jahr alt wurde.</p>
-
-<p>Bis dahin war Henrik Tofte für Do und Jo verschollen
-gewesen. Das hing auch damit zusammen, daß er Tinte und
-Feder für minderwertige Werkzeuge hielt. Zwei Jahre lang
-hatte es ausgesehen, als wäre er gestorben. Zwei Jahre? Ach,
-noch länger, als Richard Schaffrath brauchte, seine schlanke
-Frau Professorin in gründliche Reparatur zu nehmen. Aber
-nun war sie wundervoll ausgeputzt, und beide gingen ausgezeichnet.
-Schaffrath hatte reden gelernt und werben, wie
-sie es gern hatte. Und sie warf ihm ihr funkelhelles Herz zu,
-wie er es gern wollte. Aber eigentlich in Weimar war das
-nicht so geworden, sondern in Dresden. Dort hatten sie bei
-Arnold eine Ausstellung ihrer Bilder, die sie zu bewundertem
-Erfolge führte. Beide. Und von der Elbe zogen sie heim
-als Hochzeitsreisende und standen in voller Blüte. So blieb
-das nun.</p>
-
-<p>»Und Henrik Tofte?« fragte man im Märchenhause, »habt
-ihr nichts von Henrik Tofte gehört?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Ach, Henrik Tofte!« lächelte Kordula Meyer. Merkwürdig
-&ndash; seitdem das Institut für schwedische Heilgymnastik und
-Massage in Rom zu verblüffender Tatsache geworden war,
-seitdem konnte Kordula den Namen Henrik Tofte nicht aussprechen
-ohne elektrische Zuckungen. Etwa so, als ob sie sagte:
-»Kladderadatsch.«</p>
-
-<p>Zwei Jahre gingen dahin, beinahe drei &ndash; Zeit genug,
-sich mit dem Gedanken vertraut zu machen: »Henrik Tofte
-ist versickert im Staube der großen Stadt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p>
-
-<p>»Sturmschwalbe du!« sagte Frau Do voller Wehmut. Es
-war ihr um diese Fülle von Kraft doch leid.</p>
-
-<p>»Nun, am Ende wäre durch Rolf Krake etwas zu erfahren?«</p>
-
-<p>Aber Rolf Krake hatte nicht einmal auf den Brief Dos
-geantwortet, den sie damals mit der Madonna in Rosen
-gesandt hatte. Er hatte nicht das Bedürfnis gehabt, herüberzurufen
-in die Welt der Menschen, und nicht das Bedürfnis,
-vom Märchenhause zu hören. Verstürmt &ndash; verschollen.</p>
-
-<p>Einmal &ndash; einmal waren zwei Schülerinnen Richard
-Schaffraths nach Norwegen gereist. Sie waren an den Hardanger
-Fjord gekommen und hatten die Insel der Auferstehung
-gesucht und gefunden. Sie waren im Boot um das
-Eiland gesegelt. Es hatte in Rosen gestanden, in Rosen.
-Eine Wolke von rosa und roten Blüten hatte darübergeweht,
-Mauern von Rosen waren rings um die Inselkanten gezogen,
-die Dächer des Blockhauses hatten ausgesehen wie Frühlingswiesen
-&ndash; aber nur der liebe Gott hatte hineinzuschauen vermocht,
-Menschen nicht. Die beiden Malerinnen hatten versucht,
-vorn an der Stiege zu landen. Da stand es in den
-Stein gemeißelt: das Anlegen von Booten und das Betreten
-des Eilands wäre verboten! Nane Thord war herausgekommen
-und die blonde Marit. Sie hatten beide fremdartig
-gelächelt: Herr Krake? O nein, Herr Krake wäre für niemanden
-zu sprechen.</p>
-
-<p>Und dann waren die Mädchen wieder nach Weimar gekommen.
-Einen Sommerabend lang erzählten sie unter der
-Ulme von der Roseninsel im Hardanger Fjord, und wie sie
-mit den spiegelnden Wassern so schön und zauberisch und
-traumhaft gewesen wäre. Man hätte zu atmen vergessen,
-solange man um dies blühende Wunder glitt&nbsp;…</p>
-
-<p>Das war das letzte. Auch Rolf Krake war für seine Freunde
-verschollen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p>
-
-<p>»Nun, einmal werden wir ihn zum Leben erwecken,« sagte
-Jockele. »Ich weiß eine blonde Frau, die ihn errufen kann.«</p>
-
-<p>»Vielleicht,« lächelte Do, »aber die blonde Frau will nicht!
-Ach, dies kluge einsame Herz versteht keiner besser als sie!
-&ndash; Rolf Krake ist gar nicht einsam,« sagte sie nach einer Weile,
-»für ihn ist das die Fülle des Lebens. Warum soll ich ihn
-aus seinem Rosengrab erwecken?«</p>
-
-<p>Und Henrik Tofte?</p>
-
-<p>Nun, der Herr Salzer verstand es schon, eine Zeitung zu
-lesen! Er saß an dem Fenster nach dem Garten hinaus, vor
-dem die »fliegenden Herzen« im Lenzwind schaukelten, und
-rückte die Hornbrille wiederholt sehr bedeutend. Tante Veronika
-saß an ihrem Nähfenster und hörte ihm zu: Henrik
-Tofte war nun nicht mehr das Genie, das dem lieben Gott
-aus der Hand gefallen, ehe es ganz fertig geworden war &ndash;
-war nicht mehr das Genie, in das von allen Gaben des Lichts
-und der Finsternis ein wahllos Übermaß hineingepackt worden
-war, nein: Henrik Tofte war der größte Maler des Jahrhunderts!
-Es stand da: seine Kunst wäre seherhafte Physiognomik,
-und er wäre ein aufrichtender und ausgleichender
-Deuter aller Dinge. Er war nicht Impressionist, nicht Kubist,
-nicht Pleinairist &ndash; es war nicht Raum für diesen Gewaltstrom
-zwischen Ufern, in denen sich die Wässerlein vom Berge
-recht hübsch ausschäumten oder zwischen denen sie recht wacker
-funkelten &ndash; sondern: seine Kunst wäre das vertiefende
-Gleichgewicht zwischen Form und Farbe, stand da zu lesen,
-und Henrik Tofte hätte sein Genie an den Alten gestärkt; in
-München zum ersten Male hätte er mit Eifer studiert &ndash; was
-man so nennt &ndash; und die skulpturale Abrundung seiner
-Figuren, das feinste Farbengefühl für die lebendige Masse
-und für die warmen Schwingungen der körperlichen Oberfläche
-&ndash; all das wäre in dieser Vollkommenheit vor Henrik<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-Tofte ein schöner Malertraum gewesen; in ihm aber wäre
-es Erfüllung geworden&nbsp;…</p>
-
-<p>Das war die kleine Auslese aus dem dicken Stoß Zeitungen.
-Herr Salzer gab sie der Tante Veronika zum besten. Bei
-manchen der randgefüllten Sätze konnten sie sich viel denken,
-bei manchem weniger &ndash; was kam zuletzt darauf an? Das
-aber wußten sie beide: Henrik Tofte war ein ungeheures
-Ereignis geworden &ndash; ungeheuer, wie die Manierlosigkeit
-seiner Schöpfungen. Riesenflächen von Leinwand hatte er
-bemalt mit Leben. Und wer seine Bilder sah, der mußte
-empfinden: der das gemacht, hatte die Kraft, Chronik und
-Spiegel seiner Zeit zu sein.</p>
-
-<p>Das war umfassend. Und danach stellten sich die beiden
-Alten am Buchenwalde vor, wie das aussähe: Chronik und
-Spiegel seiner Zeit.</p>
-
-<p>»Na, da muß er ja reinweg einen ganzen Himmel bemalt
-haben,« sagte Tante Veronika in ihrer bedachtsam-lustigen
-Art. Und sie gab damit des berühmten Mannes berühmtem
-Werke gleich die nötige Ausdehnung an Fläche. Herr Salzer
-hinwiederum sorgte für den Gehalt der Bilder. So betrachteten
-sie das Ereignis in ihrem Häuschen am Walde aus
-der Ferne; denn man hatte aus der kleinen Stube einen
-Rundblick über die Welt &ndash; nicht zu sagen! Sie redeten von
-Henrik Tofte und seinem Leben; denn auch von diesem Leben
-stand in den Zeitungen: von dem Drama, das er einst selber
-gedichtet hatte; von seinen Eltern, die arme Webersleute
-gewesen; von seiner Lehrzeit als Anstreicher; von seinem
-Zwischenspiel als Zirkusclown; und von seinem Erlebnis mit
-King, Williams und Watson. Jawohl, Watson &ndash; und das
-war ein feines Kapitel! Sie redeten von der Löwenballade
-und von der Zugspitzpartie des Mister Johnny und vom alten
-Käse … es war nichts unwichtig auf der Bahn dieser neuen<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span>
-Sonne. Und sie redeten von der Frage: wo sie augenblicklich
-kreise. Die Zeitungen wußten es nicht und rieten.</p>
-
-<p>Danach schrieb Herr Salzer den Ertrag seiner Kunstbetrachtung
-mit Veronika in einem langen Brief an die Leute
-vom Märchenhaus. Und darunter schrieben sie: »Der Hügelmann
-und die Hügelfrau.« Und diese Namen verblieben den
-beiden Menschen für den fröhlichen Rest ihres Lebens.</p>
-
-<p>Nachschrift: »Wo ist Henrik Tofte? Wißt ihr es nicht?«
-»Nein.«</p>
-
-<p>Sein Ruhm war nicht über Nacht gekommen. Schon lange
-hatte er kleine Ringe geschlagen auf dem stillen Wasser seines
-Lebens. Tofte verkaufte ein Bild, wenn er Geld brauchte.
-Dann wurden die Leiter der großen und staatlichen Sammlungen
-auf ihn aufmerksam. Er verkaufte. Aber er blieb in
-der Stille seiner Werkstatt. Die Freunde vom Zigeunerbummel
-vergaßen ihn; die Helden der Löwenballade wurden
-berühmt oder verkamen &ndash; Tofte wußte es kaum. Er hatte
-keine Zeit. Denn was er erkannte, maß er, und es maß drei
-Jahre … Drei Jahre?</p>
-
-<p>»Wo ist Henrik Tofte, wißt ihr es nicht?« fragten die Leute
-vom Märchenhaus Richard Schaffrath und seine Frau. »Nein.«</p>
-
-<p>Die Ringe, die seine Würfe zogen, wurden größer. Immer
-mehr malte er und staffelte seine Werke vor die Wände seiner
-Wohnung. Er trachtete nicht nach Verkauf; denn er wußte:
-wenn er Geld hatte, mußte er dies Geld umbringen &ndash; und
-seine Frist maß drei Jahre!</p>
-
-<p>Nach einigen Wochen erzählte eine Zeitung, Henrik Tofte
-wäre in Rom. Eine andere wußte es besser: er wäre in einer
-einsamen Alpenklause zwischen grünen Sommermatten, um
-seinen Augen Ruhe zu gönnen. Eine dritte sagte gar: er
-hätte in jungen Jahren zu rasch gelebt und wäre in einer
-Nervenheilanstalt. Eine vierte meinte, sie hätte den Stein<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-der Weisen gefunden: Henrik Tofte hätte die große Ausstellung
-im Münchener Glaspalaste noch geordnet, die drei
-Säle füllte, und dann wäre er geflohen vor den Bedrängnissen
-seines riesenwüchsigen Ruhms&nbsp;…</p>
-
-<p>Sie wußten es alle nicht. Henrik Tofte saß in der Augenklinik
-des Doktors Pagenstecher in Wiesbaden. Saß in einem
-halbfinsteren Raume. Trug einen grünen Schirm auf der
-Stirn. Und ward blind. Ganz langsam fiel Finsternis in
-die hellen Brunnen seiner Augen. Ein Himmelswunder war
-das Licht für sie gewesen. An diesem Himmelswunder hatten
-sie sich zersehen. Noch war es nicht Nacht. Aber Henrik Tofte
-hatte gemalt bis in die späte Dämmerung. Und nun saß er
-in dem halben Düster seiner Krankenstube und sagte: »Doktor,
-warum fürchten Sie sich vor dem letzten Worte? Wissen Sie
-nicht, daß mir mein Freund, das Schicksal, dies letzte Wort
-schon im Garten des Märchenhauses von Weimar verraten
-hat, zu dem Sie nun nicht den Mut aufbringen? Wissen Sie
-nicht, daß in jenem Märchenhaus ein Vorhang von meinem
-ganzen rückwärtigen Leben dahinsank und daß ich von Stund
-an in dies Leben blicken konnte, solang ich es gelebt hatte,
-und daß ich erkannte: in meinen <em class="gesperrt">Augen</em> liegt die Lösung des
-wunderlichen Rätsels, das Henrik Tofte heißt? O, ich bin
-nicht traurig, Doktor! Es haben sich alle Wunder der Erde
-und des Himmels in diesen hellen Brunnen gespiegelt in
-unerhörtem Glanze. Nun steh' ich dort, wo die Millionen
-der anderen stehen &ndash; was ist dabei traurig zu sein? Drei
-Jahre, oder sagen Sie: an jedem Tag, an dem ich malte,
-war ich begnadet wie keiner der Menschen. Soll ich nun
-traurig sein? Ich habe mein Werk getan, und, weiß Gott,
-ich war ein frommer und getreuer Knecht &ndash; mögen's die
-Menschen glauben oder nicht! Warum sitz' ich hier und lasse
-mir vorreden, ich sei krank?« Henrik Tofte war aufgestanden;<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-er riß den Schirm von der Stirn und schritt nach den dunkelblauen
-Vorhängen der Fenster und riß sie zurück. »Noch find'
-ich den Weg heim,« sagte er, »so lassen Sie mich gehen!«</p>
-
-<p>In jenem Mai war das, in dem Heidi das Frühlingskind
-vier Jahre alt wurde.</p>
-
-<p>Er reiste nordwärts und reiste in der Nacht. Des Tages
-schlief er in einem Gasthaus. Mit der Nacht zog er wieder
-aus. Am vierten Morgen kam er in den Hardanger Fjord.
-Da scheute er das Licht nicht mehr. An jener Haltestelle,
-wo der Arm nach Elde gegen Norden abzweigt, kannte man
-ihn. Er erzählte den Schiffern, wie es mit ihm wäre, lieh
-sich ein Boot, ließ sich hineingeleiten und ruderte auf den
-Wassern des heimatlichen Landes gegen Morgen. Er kam an
-Eilanden vorüber, er rief Schiffer an und fragte nach der
-Insel Rolf Krakes, wie weit es noch wäre. Und als er den
-Folgefond scheinen sah, wenn er das Antlitz gegen den Himmel
-bog, als könne nur so der volle Strom des Lichts in seine
-Augen sinken, da lauschte er, ob ein Rauschen in der Luft
-wäre. Denn jenen dumpfen Klang der Allmacht hatte er
-mit hinausgetragen über die Alpen und in seinen Ohren
-wieder zurückgebracht an die Isar: das Rauschen des Skjold.</p>
-
-<p>So glitt er die Bahn der dunklen Wasser und kam vor die
-Roseninsel.</p>
-
-<p>Es war die Zeit, in der sich die ersten Blüten erschlossen.
-Er sah sie nicht mehr, aber aus der Schründe rauschte der
-Fall des Bergstroms, und in der Luft hing der Atem der
-Rosen. Darum rief er Nane Thord. Er stand im Boot und
-hatte die Hände um den Mund gelegt. »Nane Thord!« O,
-das war nicht die Stimme des Schmerzes; denn an den Hängen
-lief der Ruf hin als ein Jauchzen. »Nane Thord!«</p>
-
-<p>Da trat sie aus dem Haus und baute mit der Hand ein Dächlein
-über ihre staunenden Augen gegen die Nachmittagssonne,<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span>
-daß sie das Wunder besser betrachten könne. Das merkte
-sie gleich: Henrik Toftes Ruf war voll von Heimatglück &ndash;
-es brach aus seinem Munde als ein Sturm. Aber wie er
-sich in dem Boote zurechtsetzte, wie er nach den Rudern
-griff und so langsam dem Klange von Nane Thords Stimme
-nachtrieb, das war tastend und war, als ob er nicht mit den
-Augen, sondern mit den anderen Sinnen sehe. Er bat sie,
-sie sollte herunterkommen auf die letzte Stufe und sollte reden;
-denn er müßte sie hören. Dann sagte er, sie sollte das Boot
-vollends heranziehen und an dem Pfosten festmachen und
-ihm die Hand herüberreichen &ndash; es fiele vom Tage nur ein
-mühseliger Schimmer in seine Augen. Und doch war er froh,
-so froh! »Nane Thord,« rief er und riß die alte Frau in seine
-Arme, »liebe Mutter Thord, wissen Sie auch, daß Sie nun
-nicht sterben dürfen, weil ich Sie immer um mich haben muß?
-Liebe, treue Mutter Thord!«</p>
-
-<p>»Heiliger Gott,« sagte sie, »was ist da geschehen?« Sie
-sah ihn an: in seinen Augen waren die blauen Reifen der
-Iris noch blank wie Sommerhimmel. Aber die Pupillen
-lagen nicht mehr darin wie funkelndes Glas, in dem das
-große Strahlenmeer des Lichtes zusammenrinnt, sondern sie
-lagen dort wie schwarzer Sammet, matt und still und ohne
-Glanz. Sie waren auch größer als andere, die vor den ungedämmten
-Schein des Sonnenmittags gestellt sind; und es
-sah aus, als hätten sie sich geweitet in Sehnsucht, von dem
-Bilde der Heimatscholle so viel in sich zu trinken, wie sie vermochten.</p>
-
-<p>Er hatte Nane Thords Hand gefaßt und ließ sich von ihr
-die schmale Treppe emporleiten. Da quollen Nane Thords
-Augen über in heißem Schmerz und in mütterlichem Glück.</p>
-
-<p>Rings um die Insel lief eine Mauer aus rankenden Rosen.
-Die war drei Meter hoch und bildete am Kopfe der Stiege<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-einen Torbogen, der schon ganz erblüht war, weil er gegen
-Süden lag. Unter diesem Bogen hätte Henrik Tofte sich
-ein wenig neigen müssen; denn das Tor aus Rosen war
-nicht bestimmt für das Maß eines so hohen Mannes. Er
-aber löste seine Hand aus der Hand der alten Frau, legte
-seine Arme über die Brust wie ein Kreuz und beugte sich
-sehr tief. »Ich grüße mein schönes Grab,« sagte er, »und
-ich grüße mein schönes neues Leben.«</p>
-
-<p>Darüber trat Rolf Krake in einem Mantel aus roher gelber
-Seide in die Tür des Hauses; denn die fremde Stimme hatte
-ihn gelockt. Henrik Tofte streckte ihm beide Hände entgegen.
-»Das große Licht!« rief der Einsiedler von der Roseninsel,
-»das große Licht nun in Wahrheit! Was ist das für ein
-herrlicher Ruhm, den Sie heimbringen!« Denn er hatte
-in den Zeitungen gelesen, wie der Klang des Namens Henrik
-Tofte durch alle Länder lief.</p>
-
-<p>»Lieber Bruder Krake,« sagte der Heimgekehrte, »das große
-Licht? Ich komme mit zwei armen Fünklein in diesem Haupte,
-so winzig wie das Verglimmen des Dochtes, auf dem gestern
-eine Flamme gestanden. Empfange mich nicht wie einen
-Fremden, lieber Bruder; denn ich bin da, um mit deinen
-Augen zu sehen.«</p>
-
-<p>Dann setzten sie sich auf die Bank neben der Tür, an die
-sich Rolf Krake bei der Nachricht gelehnt hatte. Es war ihm
-gewesen, als bräche das Verhängnis über seine gesicherten
-Grenzen, und er fand kein Wort, diesem Einsturz zu begegnen.</p>
-
-<p>Aber es löste sich alle Dumpfheit des Augenblicks; denn
-Henrik Tofte kam als ein fröhlicher Sieger. »Warum bist
-du so schweigsam, mein Bruder?« fragte er. »Ist etwas
-weiser und gewaltiger im Himmel und auf Erden als mein
-Schicksal? Dies Schicksal allein hat gewußt, was mit mir<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span>
-war. Da hat es dir und mir den Weg zu dem Eilande
-gewiesen, und es hat dich gesandt, daß du aus Fels und Klippe
-blühende Gärten schufst. Und es hat durch deinen Mund zu
-mir geredet vor vier Jahren, daß du hier auf mich wartest.
-Ich aber, habe ich den Becher meines Lebens im Licht nicht
-ausgetrunken wie ein König? Ungeheuere Reichtümer habe
-ich in diesem Leben aufgestapelt; ich habe errungen, was
-zu erringen war &ndash; und viel mehr. Und sollte nicht fröhlich
-sein?«</p>
-
-<p>Henrik Tofte berichtete über die letzten Jahre. Er begann
-bei der Madonna in Rosen, und wie ihn die Erkenntnis
-der versickernden Brunnen in seinem Haupte so tief getroffen
-hatte, daß er dachte, er hätte die Sprache verloren und das
-Herz gefröre ihm in der Brust. Er berichtete alles bis zur
-Pforte des Eilands und sagte, wie wunderbar es wäre, daß
-Rolf Krake dafür vor Jahren den Namen der Auferstehungsinsel
-gefunden hätte; denn beiden wäre nun hier ein neues
-Leben geschenkt.</p>
-
-<p>Danach ging er an der Hand des Freundes durchs Haus.
-Die Räume lagen zu ebener Erde, und die alten Gänge
-waren dem Heimgekehrten bald wieder vertraut. Sie schritten
-in den Saal &ndash; Henrik, Rolf Krake, Nane Thord und die
-blonde Marit &ndash; und es klang fremd und machte sie betroffen,
-wenn Henrik sagte: »Ich sehe …« »Ich sehe, daß es hier
-ganz anders geworden ist: der Klang der Tritte und der
-Stimmen ist nicht mehr wie früher.«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Rolf Krake, »die Wände sind mit einem
-grauen Wollstoff bespannt, und auch der Fußboden ist mit
-diesem weichen Überzuge belegt. Hier zwischen den Fenstern
-hat die Madonna in Rosen ihren Platz gefunden. Und
-rings an den Wänden sind auch die Regale mit den vielen
-Büchern.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p>
-
-<p>Henrik betastete den blauen Sammetgrund, auf dem das
-Bild hing, und betastete den schweren Vorhang und die
-Schnur, an dem sich jener zur Seite ziehen ließ. Sie traten
-hinaus in den Garten. Die Wege waren so breit, daß zwei
-Männer nebeneinander wandeln konnten, ohne an die grünen
-Mauern zu streifen, zwischen denen sie dahinliefen. Die
-kleinen Mandarinenenten schaukelten auf dem Wasser wie
-schwimmende Edelsteine, in denen die Sonne spielt; oder
-sie flogen empor, richteten sich zum Dreieckflug und stießen
-weit hinaus über den Fjord, bis man ihren Ruf nicht mehr
-hören konnte.</p>
-
-<p>Rolf Krake malte ihm jedes Bild, das sich an einer Wegbiegung
-für seine Augen öffnete. Er wählte dazu Worte
-von weichem Klang und warmen Farben, die nur dem zu
-Gebote standen, der dies ganze bunte Wunder zwischen Berg
-und Wasser hingedichtet hatte in beglückter Einsamkeit.</p>
-
-<p>Es kam der Sommer und wehte seinen Glanz um die
-Insel, und es war, als wäre das blaue Tuch des Himmels
-offen darüber, und Rosen würden hindurch geschüttet: weiß
-und gelb auf die Spitzbogen und Pfeiler eines kleinen Tempels,
-der in der Mitte des Gartens stand &ndash; rot und rosa
-auf alle grünen Wände, daß sie aussahen, wie aus dem
-Purpur oder der Seide des vergehenden Tages gewoben.</p>
-
-<p>Henrik Tofte lernte dies alles sehen durch die Augen des
-Freundes, wie er gesagt hatte.</p>
-
-<p>Und in den einsamen Mann von der Insel, der nun im
-fünften Jahre mit keinem Schritt aus der freiwilligen Haft
-gewichen war, wuchs dies Erlebnis herrlicher hinein als er
-geahnt hatte. Damals aber, als Tofte kam, hing sich Rolf
-Krakes erster Gedanke wie ein neues Glied an jene Kette,
-mit der er vor langer Zeit gefesselt worden war. Er wähnte
-nämlich, von nun an müßte er die schwere Last von einst<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span>
-wieder aufnehmen, und er könnte, trotz allem, seinem dumpfen
-Geschicke nicht entfliehen, ob er gleich wiche an das Ende
-der Erde. Er hätte sich nun sein Leben so erlöst gestaltet
-&ndash; da trete dieser unselige Fremde hinein und zertrümmere
-das beste Teil&nbsp;…</p>
-
-<p>Aber es kam anders; denn es war der alte Rolf Krake
-gewesen, der so zu ihm gesprochen &ndash; jener alte, dem es
-immer gelungen war, niederträchtig zwischen ihn und das
-Glück zu treten und zu sagen: »Mann der Finsternis, was
-träumst du von einem sonnigen Leben?« Nun aber war es
-ihm zur Gewißheit geworden: jener Frühlingstag, mit dem
-Henrik Tofte kam, war seines Traumes Erfüllung geworden!
-In der Madonna in Rosen hatte er sich ein Sinnbild der
-schönen und heiteren Erde aufstellen wollen, die für ihn verschlossen
-war. Es war ein Bild gewesen, ein Bild. Nun
-aber hatte er einen Menschen gewonnen, der in Dankbarkeit
-und Freude um ihn war und der in ihm ebenfalls die Erfüllung
-erkannte. Für diesen Menschen war er der Brunnen
-des Lichts geworden in allerschöpfendem Sinne, denn er
-senkte mit seinen warmen gütigen Dichterworten nicht nur
-das Bild der Erde so lebendig in ihn hinein, daß es fast war,
-als tränken die erloschenen Sterne des Sehens das Leben
-wie einst &ndash; sondern er schenkte dem sinnenden Geiste des
-Genossen auch das Licht seiner Klugheit und seiner Bücher;
-er schenkte der dürstenden Seele die Träume der Weisen
-und Dichter und gab zugleich die Deutung. Er hob die Hülle
-für den Blinden von einer Welt, an der dieser in den Tagen
-des Lichts scheu und fremd vorübergestrichen war, weil er
-meinte: die Armut und Unbildung seines Elternhauses wären
-schuld daran, daß er diese fremden Gärten nie betreten dürfe.</p>
-
-<p>So saßen sie in Zeiten, in denen der Regen über die Insel
-plätscherte, im Büchersaal und wanderten doch im Geiste<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-weite Wege der Wissenschaft und wanderten durch ferne
-Länder: zwei Menschen, die gar nicht voneinander konnten,
-wenn sie nicht elend werden wollten. Oder sie saßen in lauen
-Sommernächten draußen unter den Rosen. Henrik nahm
-die Gitarre und sang, und wie einst traten die Menschen
-drüben aus ihren Häusern am Lande, schritten auf dem
-Uferweg und lauschten, wie schön es war. Die blonde Marit
-und Nane Thord saßen dann bei den Männern am Tisch
-und rasteten ihre Hände von der Arbeit des Tages.</p>
-
-<p>Henrik Tofte schritt nun allein bis an die Kante der Flut
-an jenem Ende, an dem die Mandarinenenten im Röhricht
-schliefen. Auch bei Nacht. Er stieß an keine Ranke, er streifte
-an keinen Zweig. Und wenn er des Abends in den Garten
-kam, so sprach er von dem leisen Lichte der Mondsichel, die
-auf den Flutterwolken des Himmels schwamm, oder er sprach
-von der Fülle des Glanzes der vollen Scheibe, als ob er
-sie sähe.</p>
-
-<p>Des Morgens fuhren die Frauen noch immer hinüber und
-kauften ein. Oder sie ließen sich an Speis' und Trank aus
-den Städten schicken, wonach die Männer Lust hatten. Ehe
-Henrik Tofte gekommen, war es karger in Keller und Küche
-gewesen; denn Rolf Krake hatte die Hälfte seines kleinen
-Vermögens zur Ausstattung des Hauses und zum Aufbau
-der Insel verwandt, die beide sehr schön geworden waren.
-Und er hatte durch drei Jahre so viele Bücher angeschafft,
-daß Nane Thord das Geld dafür mit schwerem und immer
-schwererem Herzen eingezahlt hatte.</p>
-
-<p>An jenem Tag, an dem Henrik eintraf, hatte der gesagt:
-»Ungeheure Reichtümer hab' ich in meinem Leben aufgestapelt«
-&ndash; er meinte aber nicht: an Geld. Daß er auch davon
-so viel besaß, um sich das Dasein äußerst behaglich zu
-gestalten, wußte er damals noch nicht. Zuerst war er eine<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-Zeitlang verschollen gewesen. Nicht einmal der Leiter seiner
-Ausstellung in München konnte ihn finden. Aber als es
-klar war, daß die Insel im Fjord seine Heimat wäre für
-und für, sandte er Botschaft hinaus &ndash; nur daß er blind
-wäre, sagte er nicht. Es fand sich, daß bei der Bayerischen
-Vereinsbank in München ein Betrag für ihn eingezahlt war,
-der zweimalhunderttausend Mark überstieg. Das war der
-Erlös aus seinen Bildern. Etliche große Gemälde waren
-noch im Glaspalast.</p>
-
-<p>Als es gegen den Herbst ging, arbeitete er mit Rolf Krake
-im Inselgarten. Er löste die Weidenbänder von den Rosen
-und bog die Stämme an die Erde. Er schaufelte sie mit
-dem weichen Boden zu, gegen die Kälte des Winters. Oder
-er legte das Deckreisig darüber, das in Schiffen hergefahren
-worden war. Er grub die Erde, er tat alles, als ob er sähe.
-Und so ging durch die freudige Siedelei keine Stunde mit
-leeren Händen.</p>
-
-<p>Der erste Schnee fiel.</p>
-
-<p>Auf diese Zeit hatten sie gewartet. Da wollten sie für die
-Leute im Märchenhause die Frage lösen: Wo ist Henrik Tofte?</p>
-
-<p>Als der Brief in Weimar eintraf, da war es, als träte
-Henrik Tofte selber herein mit seinen erloschenen Augen &ndash; so
-erschraken die Freunde. Aber auch in ihnen löste sich die
-dumpfe Schwere der Stunde; denn es klang aus jeder Zeile
-der Ruf: »Sollen wir nun nicht fröhlich sein?« Ein Brief?
-Ach, es war ja kein Brief. Es war ein Buch, an dem Rolf
-Krake die erste weiße Woche des Winters geschrieben hatte;
-es war das Buch mit den Ereignissen von fünf Jahren.
-Nur Inseleinsamkeit, nur Auferstehungsglück &ndash; aber gerade
-deshalb gehörte ein Buch dazu.</p>
-
-<p>An diesem Abende saßen sie im Wintergarten des Märchenhauses
-&ndash; Do und Jo, Schaffrath und Gwendolin, Kordula<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-und Cornelius &ndash; saßen um den plätschernden Springbrunnen
-und lasen bis weit über die Mitternacht. Am anderen Tage
-riefen sie Tante Veronika und Herrn Salzer. Aber der
-Hügelmann kam allein, denn um die Tore des Waldes fuhr
-ein harter Wind und säete Novemberschnee.</p>
-
-<p>Herr Salzer, der einige Verbindungen mit großen Zeitungen
-besaß, berichtete des Rätsels Lösung augenblicklich in
-die Welt. So jäh fiel die Nachricht auch in ihn, daß er gleich
-am Pulte Jockeles ins Schreiben geriet; »denn«, sagte er,
-»ich habe daheim mein Tintenfaß noch in der Sommerfrische.«
-Und nun erfuhr man draußen, daß Henrik Tofte nie mehr
-ein Bild malen würde. Damit leistete er dem blinden Mann
-im Fjord einen großen Dienst, denn das Wenige, was noch
-von ihm im Glaspalast hing, wuchs im Preise, wuchs, wuchs.
-Als es Henrik Tofte erfuhr, fragte er allen Ernstes: ob er
-sich denn nicht schämen müßte, dies sündhafte Geld anzunehmen
-für Dinge, die schon weit dahinten lägen in dem
-vergangenen Leben! Er hatte seintag keine Wage gehabt
-für das Gewicht des Goldes. Und nun, da andere für ihn
-rechneten, und da er nicht einmal mehr in seine Tasche langte,
-um ein Tüblein Farbe oder einen Apfel zu erstehen, nun
-war ihm auch der <em class="gesperrt">Gedanke</em> an das Geld abhanden gekommen.
-Ja, solch ein König war er geworden!</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Im Ausgange jenes Winters beendete Jakobus seinen
-Roman.</p>
-</div>
-
-<p>Aber wie er während der langen Zeit kaum einmal vor
-den Freunden von den Gedanken gesprochen hatte, die ihn
-bewegten, so blieb es auch jetzt. Märchen und Kinderverse für
-Heidi hatte er viele gedichtet, und die kannten sie alle; denn
-er hatte auch Zeichnungen oder gar bunte Bilder dazu gemacht,
-und das Kind hatte das meiste in seinem Gedächtnisse<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span>
-behalten. Es erzählte Mama die schönen Geschichten, wenn
-sie mit ihr im Garten saß. Oder es dichtete den Wintergarten
-in der rauhen Jahreszeit schon selbst zu einem tiefen
-Wald und die Blumenbänke zu dem Hexenhause der Buschgroßmutter.</p>
-
-<p>So hatte Jakobus in den erblühenden Geist eine Fülle
-köstlichen Samens gelegt, und es war zu sehen, wie herrlich
-dieser in dem Segen wuchs, der ihn umschien.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ob Do, die Vertraute seines Herzens und seiner Pläne,
-von dem großen Dichtwerke ihres Mannes mehr wußte als
-die Freunde, ließ sich von diesen nicht erraten. Jedenfalls drang
-sie nie in ihn. Sie dachte, es wäre wohl die rätselvolle Seele
-des Rolf Krake, die ihn beschäftigte, oder das traurig-glückselige
-Los des blinden Königs Henrik Tofte, das ihn zu
-dichterischer Gestaltung verlockt hätte. Sicher wußte sie nur,
-daß auch sein eigenes Leben für ihn nun ein rechter Dichtertraum
-geworden war; denn er sprach mit ihr in jener Zeit
-mehr davon als je. Vor allem die Waldjahre von Ibenheim
-hatten sich für ihn schon mit dem Funkelglanze der Phantasie
-umwoben. Oft schien es, als wisse er kaum noch, was an
-ihnen gesehen oder Gesicht war; und seine Erzählungen
-glichen der Wirklichkeit wie ein brennender Weihnachtsbaum
-einem Tännlein im Walde.</p>
-
-<p>Wenn er dann an den musikalischen Donnerstagen nach
-der Abendmahlzeit berichtete, so erkannten sie alle, wie heimisch
-sein Herz in den Gärten der Dichtung geworden war, und in
-wie tiefer Glückseligkeit es darin blühte.</p>
-
-<p>Aber das Geschriebene den Freunden vorzulesen, dazu
-brachten sie ihn nicht. Fast sah es aus, als hätte er eine Scheu,
-sich ihnen auf den neuen Bahnen zu offenbaren &ndash; entweder
-weil die wissenschaftlichen Werke noch hüben und drüben
-wuchsen, oder weil er sich selbst noch für zu jung hielt, als<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-Dichter etwas leidlich Vollendetes zu schaffen; oder auch,
-weil er den Ereignissen nicht vorgreifen wollte, die sich im
-Leben der Freunde vom Hardanger Fjord vor seinen Augen
-erfüllten.</p>
-
-<p>So verschloß er dies Werk in sich, ganz gegen seine Art.
-Und als Salzer eines Abends im Märchenhause zu Gast war
-und mit Gwendolin ihn um sein Geheimnis bestürmte, entwischte
-er doch und sagte: »Es muß erst auf der schönen
-Frühlingsfahrt ins Riesengebirge vor mir selber die Probe
-bestehen.«</p>
-
-<p>Ja, die Wagenfahrt über die hundert Meilen! Das war
-der Traum, der von ihm durch Jahre geträumt war und
-der lieblicher wurde, je länger er sich dahinspann.</p>
-
-<p>Es waren dazu aber auch sehr umfassende Vorbereitungen
-nötig &ndash; nicht an jenen Dingen, die sie mitnehmen wollten
-in ihren Koffern. Die waren an einem Tage geordnet.
-Sondern es war Klein Heidi, ohne die der strahlende Vater
-durchaus nicht reisen wollte. Es war lustig anzusehen, mit
-welchem Eifer er das kleine goldhaarige Menschenkind für
-die lange Waldfahrt an Herz und Verstand ausrüstete.</p>
-
-<p>Professor Salzer, der Herr nach der Mode, neckte ihn mit
-dieser Reise weidlich; denn er begriff nicht, warum ein
-Mensch von so leuchtenden Gaben mit dem Aufgebot aller
-Kraft in die Gebräuche des Mittelalters zurücksegeln wollte.
-Herr Salzer konnte in solchen Augenblicken wissenschaftliche
-Vorträge halten! Er hatte das mehrfach bewiesen &ndash; auch
-damals, als Gwendolin in der Bedrängnis ihres Herzens
-auf dem Bette lag und weinte und der Herr Richard Schaffrath
-den Werbebrief in der Brusttasche trug. Das hatte
-Herrn Salzer Gelegenheit gegeben zu einer Erörterung über
-den Begriff Tragikomödie und über einen lustigen Einfall
-des Plautus&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p>
-
-<p>Vor der Hochwaldfahrt in der Kutsche schnitt ihm Jockele
-den Faden seiner Rede aber kurzerhand ab. Er behauptete:
-der Herr Salzer wäre gar nicht der einzige, der eine solche
-Reise für hervorragend hirnverbrannt und altmodisch hielte.
-Aber sie wären alle auf falschen Wegen; denn die Jockelereise
-wäre das neueste und wäre so neumodisch, daß sie für
-diese Zeit überhaupt noch um reichlich fünf Jahrzehnte verfrüht
-wäre! Erstens müßte das Automobil für Vergnügungsreisen
-überwunden werden. Nun, das würde in einer kleinen
-Frist Tatsache geworden sein. Es könnte doch kein vernünftiger
-Mensch meinen, daß eine Fixfahrt zwischen Staub,
-Stank und Sturm zu den Annehmlichkeiten des Lebens
-gehöre.</p>
-
-<p>Hm. Herr Salzer konnte dagegen nicht viel vorbringen.
-Er hatte sich dies Vergnügen einige Male geleistet. Aber als
-er mit einer mächtigen Panne sieben Stunden im Regen
-auf dem Thüringer Walde gelegen hatte, fern von jeder
-menschlichen Siedlung, hatte das Automobil als Lustfahrzeug
-wesentlich für ihn eingebüßt. Nach dem Automobil käme
-die Flugmaschine. Auch darin würde man spazierenfahren
-&ndash; natürlich. Aber so um 1940 herum &ndash; ermaß Jakobus
-&ndash; würde das friedliche Zweigespann mit behaglichem Polstersitz
-zu den Gepflogenheiten aller jener Menschen gehören, die
-es verstünden, in weisem Behagen wohlhabend zu sein. Zu
-solch einer neumodischen Sache gehörten freilich vier Dinge,
-sagte Jakobus: Zeit, Gemüt, Weisheit und Geld. Da diese
-vier Brüder aber nicht leicht in einem Wagen zusammenzubringen
-wären, bespöttelten die Menschen mit Zeit und Geld
-das »vorsintflutliche Vehikel«. Jockele aber hielt es mit dieser
-»Dichterkutsche« und sagte, schon der Gedanke an solch eine
-Reise beselige ihn wie die Maiensonne die Felder. Wenn
-er dichte, brauche er sich nur vorzustellen, er schaukele in einem<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-weichen Wagen hinter zwei trabenden Pferden durch einen
-Bergwald&nbsp;…</p>
-
-<p>Natürlich bemerkte Herr Salzer: schade, daß er das nicht
-früher gewußt hätte. Das Dichten wäre danach eine sehr
-einfache Sache, und er hätte wohl selber&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So spottete man weidlich. Aber es war nicht unzeitgemäß;
-denn das Märchenhaus ward getauft in jenen Jahren, in
-denen das Leben, das man darin führte, vor der Welt rar
-war wie Erdbeeren im Winter.</p>
-
-<p>Das konnte selbst der neumodische Herr Salzer nicht von
-der Hand weisen. Und Jockele blieb der Sieger im Kampf.</p>
-
-<p>Herr Salzer kam immer ein bißchen nachdenklich aus dem
-Märchenhaus vor die Tore des Waldes. Diesmal aber hatte
-er so viel erlebt, daß er der Tante Veronika gelobte, er wolle
-ein besserer Mensch werden, und er hätte das unfehlbare
-Rezept dazu gefunden.</p>
-
-<p>Ob er es ihr nicht verraten wollte, fragte Fräulein Sinsheimer.</p>
-
-<p>»O,« sagte er, »man knetet Gemüt, Geld, Zeit und Weisheit
-gut durcheinander und bäckt sie in einer Dichterkutsche
-bei mäßiger Sonne.«</p>
-
-<p>»Ach,« lächelte Tante Veronika, »das hab' ich schon längst
-gewußt; denn danach hab' ich den Jakobus für sein Dasein
-zurechtgemacht.«</p>
-
-<p>Fast die ganze nächste Woche hindurch erzählte Herr Salzer
-von Heidi dem Frühlingskind. Es wäre ganz unbeschreiblich,
-welch ein liebes herziges Wunder solch ein kleines
-Mädel ist&nbsp;…</p>
-
-<p>Und in diesem Fall erlitt der alte Herr keine Abfuhr; denn
-Heidi war in der Sonne des Märchenhauses gewachsen wie
-ein schöner Frühlingstag im Herzen des lieben Gottes. Ihretwegen
-war die Wagenfahrt solange hinausgeschoben worden;<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span>
-Heidi sollte aufgeschlossen und mit der beseligenden Gabe
-vor die Welt treten, sich an allem zu wundern; denn es
-gibt nichts Kurzweiligeres im Leben, als sich zu wundern.</p>
-
-<p>Eine Woche danach jubelten Himmel und Erde. Da ging
-die Sache los.</p>
-
-<p>Hinter dem Wagen war eine Gepäckraufe angelegt für
-einen einzigen Koffer. Weiteres Gepäck war an bestimmte
-Haltestellen auf dem Reiseweg vorausgesandt. An diesen
-Stellen wurden alle verbrauchten Stücke aus dem Koffer ausgewechselt
-und liefen von dort ab zurück in die Heimat. So
-wurde die Reise selbst zu einer breiten Behaglichkeit &ndash; man
-denke: die Reise selbst! Aus der Last wurde eine Lust, aus
-der Hatz ein fröhliches Rasten, fast ununterbrochen in stilldurchsonnten
-Bergforsten. Regnete es einmal, so ward der
-Wagen zu einem heimeligen Stübchen, an dessen Fenstern
-die Tropfen spielten. Hatte man Lust zu wandern, so ließ man
-die Pferde des Weges trotten, schlug sich hinüber auf einen
-freundlichen Pfad im Hochwald, und Klein Heidi konnte
-den Frühling in beiden Fäusten halten. Ward sie über Tag
-müde, so schlief sich's daheim in ihrem Bettchen nicht halb
-so schön wie in den sanft dahingleitenden Polstern, über die
-sich die blaue Seide des Himmels deckte. Und wenn der
-Abend dämmerte, kam man zu dem im vorhinein bestimmten
-Gasthause. Da standen die Zimmer blank und gerüstet, da
-wartete ein Mahl, und da wartete die Genugtuung über
-den herrlich hinabgeblühten Reisetag; denn es wickelt sich
-auf der ganzen Welt nichts behaglicher und mit schönerer
-Pünktlichkeit ab als die wohlbedachte Fahrt in solch einer
-Dichterkutsche.</p>
-
-<p>Das ist ein Ding, von dem die fixe Zeit und das jappende
-Menschenherz seit anderthalbhundert Jahren die Wissenschaft
-verloren haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span></p>
-
-<p>So kamen sie in die Waldstille des Fichtelgebirges. Sie
-kamen am fünften Tage zwischen Keilberg und Fichtelberg
-auf die Kammstraße des hohen Erzgebirges, und die Rösser
-traten auf der breiten Bahn in Sonne und Bergwind. Wieder
-fünf Tage &ndash; da durchquerte man das Elbsandsteingebirge
-mit seinen zerklüfteten Felsen und setzte bei Herrnskretschen
-über den Strom. Man gelangte ins Zittauergebirge, ins
-Isergebirge, ins Riesengebirge. Sie kamen am Hohen Rad
-vorbei und sahen die Elbquellen. Sie standen auf der Schneekoppe
-und kamen durch finstere Forsten, in denen die Fichten
-so wohlbetagt sind, daß sie ihre Bärte auf der Erde schleppen.
-Sie strichen vorüber an der »Kanzel Rübezahls« bei der Schneegrubenbaude;
-und weiter ging es die Kammstraße lang nach
-dem Zackenfall. Ihre Herzen wurden Säle, und diese Säle
-füllten sich mit schönen lichten Bildern, vor deren jedem
-man ruhen konnte, wie Rolf Krake ruhte vor der Madonna
-in Rosen. Sie rasteten noch einmal zur Nacht in dem Städtchen
-Freiheit, wie es vorausbestimmt war &ndash; es war nur
-eine halbe Stunde von ihrem Reiseziel Johannisbad entfernt.
-Aber sie rasteten und gelangten ins Johannisbad so
-sauber, so froh, so erdselig, als wenn sie sich daheim im Märchengarten
-nach süßestem Schlummer an den funkelnden
-Frühstückstisch setzten. Und Johannisbad war in den Bergwald
-gefallen wie das Bild eines Sterns in einen dunkelgrünen
-See.</p>
-
-<p>Ja, so war diese Fahrt in der Dichterkutsche.</p>
-
-<p>Sie dauerte fast den lieben fröhlichen Mai hindurch. Aber
-es war der köstlichste Frühling, und war so köstlich, daß kein
-Dichtertraum hinreicht, dieses Erleben zu schildern.</p>
-
-<p>Sie hätten in ihrem Reisewagen auch in der halben Zeit
-am Ziele sein können, ohne die Pferde zu wechseln. Aber
-Jockeles Zigeunerherz hatte sich vorgesetzt, drei Monate also<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span>
-durch die Welt zu gleiten, den Frühling erblühen und
-vergehen, den Sommer heraufkommen und reifen zu sehen
-geradeswegs aus der Hand Gottes und in langsamen bunten
-Bildern&nbsp;…</p>
-
-<p>Die Menschen, die von dieser Reise lesen, meinen: so
-etwas wäre nicht auszuhalten; in solch einer Dichterkutsche
-müßte man ja vor Langeweile sterben! Aber: sst, lieber
-Leser und geliebte Leserin &ndash; wie furchtbar altmodisch ist
-solch eine Anrede wieder mal mitten in der Erzählung,
-gelt? &ndash; sst, sag' du das nicht, lieber Leser! Denn du möchtest
-doch zum mindesten jenen Menschen ähnlich werden,
-die mit den vornehmen Herrschaften Zeit, Geld, Gemüt
-und Weisheit durchs Leben fahren; aber solche Menschen
-haben nie Langeweile &ndash; Langeweile haben nur Dummköpfe&nbsp;…</p>
-
-<p>Es war Ende Mai geworden. Aber die Tage im Wagen
-waren nun doch rasch vergangen; denn Klein Heidi riet an
-Gott und der Welt herum und tat, als müßte sie alle Rätsel
-des Daseins lösen. Sie wollte wissen, wie lang die Wälder
-wären, und was hinter dem blauen Tuche des Himmels ist,
-und wie die Wege über den Sternen aussehen, und ob der
-liebe Gott auch eine Dichterkutsche hätte, und ob die kleinen
-Engel mit den Sternen Fußball spielten oder Wurfball, und
-ob sie auch so schöne Musik machen könnten wie die Kurmusikanten
-von Johannisbad, und ob Rübezahl auf der
-Kanzel bei der Schneegrube Sonntags eine Predigt hielt,
-und ob dann die Riesen kämen und ihm zuhörten&nbsp;…</p>
-
-<p>Manchmal mußte Do diese Fragen beantworten, und
-manchmal Jockele. Und es kam dabei heraus, daß Eltern
-furchtbar gescheite Leute sein müssen, wenn sie solch ein
-kleines Menschenwunder nicht heißhungrig vom Tisch ihrer
-Weisheit aufstehen lassen mögen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span></p>
-
-<p>Aber sie standen beide ihren Mann. Frau Do kam dabei
-meist mit ihrem natürlichen Verstand aus &ndash; der Herr Doktor
-aber mußte eine geradezu unnatürliche Findigkeit aufbieten.</p>
-
-<p>Es gelang ihm betörend. Auch Mama hörte da gleich mit
-zu; und Heidi lehnte mit weitoffenen Augen zwischen Väterchens
-Knien und konnte gar nicht erwarten, bis die wunderschönen
-Weisheiten wohlbedachte Worte waren. Sie verstand
-alles herrlich, so herrlich, daß sie behauptete, Papa könnte
-ebensogut der liebe Gott sein und die Welt regieren. Dabei
-fiel ihr ein, wie das eigentlich gemacht würde, dies Regieren?</p>
-
-<p>Man kann sich vorstellen, daß ein findiger Verlag auf
-den Einfall käme, ein hundertbändiges Lexikon herauszugeben,
-in dem immer nur vom Weltregieren die Rede wäre,
-und an dem die zehntausend besten Gelehrten der Welt
-hundert Jahre zu arbeiten hätten &ndash; Jockele aber mußte diese
-Aufgabe in einem halben Nachmittage lösen! Es gelang;
-doch stand er hernach tief erschüttert und sagte: seine mündliche
-Doktorprüfung wäre dagegen ein Kinderspiel gewesen.</p>
-
-<p>Schon allein daraus ist zu erkennen: langweilig ist es
-in einer Dichterkutsche keineswegs.</p>
-
-<p>Aber Klein Heidi war nur ein Teil der Reisegesellschaft
-und Reiseaufgaben, wenn auch der lieblichste; denn da war
-noch das Werk über die Flechten; da war der Roman; da
-war wiederum Heidi, das Märchenkind; da waren der Hügelmann
-und die Hügelfrau, die im Geist an der Fahrt teilnehmen
-wollten; da waren ferner der Herr und die Frau
-Professor Schaffrath, Kordula und Erich Meyer, der blinde
-König und sein Freund Rolf Krake, die immerfort in der
-Auferstehung begriffen waren &ndash; kurz: wenn die Reise nicht
-so lang gewesen, wäre es gar nicht gegangen.</p>
-
-<p>Vier Stunden der Tagesfahrt brauchte Heidi allein zur
-Vervollkommnung der Wertschätzung ihres Papas. Wenn er<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span>
-ihr zwanzig Märchen erzählt hatte, wollte sie wissen, ob es
-tausend gäbe, und ob er sie nun alle erzählt hätte, und er
-sollte doch gleich noch mal von vorne anfangen, und bei
-jedem neuen wollte sie einen Knoten in die Schnur ihres
-Nastuchtäschleins knüpfen, damit kein Irrtum entstehe&nbsp;…</p>
-
-<p>So lief das weiter. Und so ging die Fahrt herum. Rübezahl
-und Papa traten für die Kleine allgemach an die
-Stelle des lieben Gottes.</p>
-
-<p>Abends schrieb Jockele manchmal noch einen Brief in den
-Hardanger Fjord, ans Horn oder an die beiden Alten im
-Frühlingshause; denn eigentlich müde wurde man ja von
-diesem neumodischen Reisen nicht, sondern nur ungeheuer
-wohlig und ausgeruht. Was daher kam: man hatte sich
-ganz voller Himmel und Hochwald geatmet.</p>
-
-<p>Da passierte etwas. Es passierte etwas ganz Unerhörtes.</p>
-
-<p>Als die Dichterkutsche hinter Oberwiesenthal auf die Kammstraße
-des Erzgebirges rollte &ndash; das war also am fünften
-Tage nach der Ausreise &ndash; bekam Herr Salzer das Fieber.</p>
-
-<p>Einen Tag lang trug er es schweratmend mit sich herum.
-Am nächsten Morgen fand es sich: auch die Tante Veronika
-war angesteckt worden. Salzer, der sogar einen grauen
-Zylinderhut riskiert hatte, wollte unter keinen Umständen
-hinter der Zeit dreinhinken. Er stellte also fest, daß ihre
-Krankheit das Reisefieber wäre. Das ließe sich nur heilen,
-wenn sie schnurstracks einen Wagen nähmen und hinterdrein
-führen.</p>
-
-<p>Weiß Gott, die Sache wurde gemacht!</p>
-
-<p>Als die Dichterkutsche ins Isergebirge einbog, setzten sich
-die Rösser vor der zweiten in Ibenheim am Walde in Bewegung.
-Tante Veronika diesmal in einem neuen grauseidenen
-Umhang, den ihr Herr Salzer gestiftet hatte, in einem
-silbergrauen Kapotthütchen mit veilchenfarbenen Bindebändern<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span>
-und mit dem gelben Krückstock. Und Herr Salzer im
-grauen Zylinderhut. Es war außerordentlich.</p>
-
-<p>Den Reiseweg wußten sie auswendig; denn so an die drei
-Jahre hatte Jockele den gelehrten Freund daran in Begeisterung
-gehüllt. Also.</p>
-
-<p>Natürlich hatten die Drei in der ersten Dichterkutsche von
-der zweiten keine Ahnung. Sie fuhren dahin, als wäre die
-ihrige ganz allein auf der Welt. Die Alten hatten es ein
-bißchen eiliger, und auch sie fanden die Reise kurzweilig.
-»Herrlich, herrlich!« sagte Herr Salzer und rollte seine Augen
-auf dem grünen Tuche der Matten und Bergwälder und
-auf dem blauen des Himmels herum, als wären sie ein paar
-blanke Billardkugeln. Herrlich! Herrlich!</p>
-
-<p>So langten sie auf dem gleichen Wege in Johannisbad
-bei Freiheit im Riesengebirge an. Es war ein großes Ereignis.
-Alle zweihundertzwanzig Einwohner des Ortes nahmen
-daran teil.</p>
-
-<p>»Heidi! Heidi, die Großmama ist gekommen!«</p>
-
-<p>Ja, lieber Gott, wo ist denn das Kind? Es flatterte doch
-so aufgetan um die Mittagsmusik am Kurbrunnen!</p>
-
-<p>»Heidi! Heidi!«</p>
-
-<p>Kein Mensch wußte, wo Heidi war. Aber ängstlich war
-man gar nicht; denn das kleine Fräulein im blauen Röckchen
-lächelte alle Finsternis der Erde hell.</p>
-
-<p>Tante Veronika brauchte ein Viertelstündchen Mittagsschlaf.
-Und da es gerade ihre Zeit war, geleitete Frau Do sie auf
-ihr Zimmer und sagte, sie solle nur recht hübsch sorglos schlafen.</p>
-
-<p>Als Do wieder herunterkam, war Heidi immer noch nicht
-da. Ein kleines Mädel sagte: »O, die Heidi ist vor einer
-Viertelstunde in den Wald gelaufen, dort beim hohen Steig
-hinan. Sie hat im Sommergrase gestanden und hat mit
-den Schmetterlingen geredet.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p>
-
-<p>In den Wald gelaufen? Na!</p>
-
-<p>»Jo,« sagte Do, »ich werde nun doch ein bißchen ängstlich.«</p>
-
-<p>»Ach lieber gar &ndash; das gescheite Mädel.«</p>
-
-<p>»Ich kenne das,« sagte Do. »Sie redet mit Schmetterlingen
-und Vögeln und mit blitzenden Bächlein; sie versteht
-ja all diese Sprachen von ihrem Papa her&nbsp;…«</p>
-
-<p>Keine drei Minuten vergingen, so hatte der Herr Salzer
-seinen grauen Zylinder aufgestülpt, griff in der Hast nach
-Tante Veronikas Krückstock, der da am Tisch im Kurgarten
-lehnte, und hüpfte hinter Do und Jo den hohen Steig entlang
-gegen den Waldrand.</p>
-
-<p>Es schwammen Schmetterlinge in der Mittagssonne &ndash;
-Heidi nicht.</p>
-
-<p>Es sangen Drosseln, es sangen Grasmücken &ndash; Heidi nicht.</p>
-
-<p>Es plauderte ein Bächlein zwischen den Blütenköpfen
-dahin &ndash; Heidi nicht.</p>
-
-<p>»Heidi! Heid&nbsp;&ndash;&nbsp;di! Heiei&nbsp;&ndash;&nbsp;diih!«</p>
-
-<p>Ja, vor einer kleinen Erdenfrist war die Heidi dort gewesen!
-Man konnte noch die Füßchen im Grase sehen.
-Aber da kam ein Schwalbenschwanz am Waldrande daher
-gesegelt &ndash; es war, als schwämme er auf der Kurmusik,
-die man ganz traumhaft bis hier herauf hören konnte.</p>
-
-<p>»Wo fliegst du denn hin?« fragte Heidi den Sommervogel
-in dem schönen gelben Kleidchen mit den schwarzen
-Streifen und blauen Tupfen darauf.</p>
-
-<p>Der Schmetterling sagte nichts, bog in den Wald und
-winkte so mit den Flügeln. Da ging Heidi ein bißchen
-hinterdrein.</p>
-
-<p>Auf einmal &ndash; da zog ein Trauermantel um einen silbernen
-Birkenstamm. Der hatte ein Röckchen aus dunkelbraunem
-Sammet an, funkelnagelneu, und mit hellgelben
-Borten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span></p>
-
-<p>»Ei, du bist ein kleines Mädchen wie ich,« sagte das
-himmelblaue Menschenkind; »denn die Buben bei den
-Trauermänteln tragen Kleider aus schwarzem Sammet. Darf
-ich mitkommen?«</p>
-
-<p>Der Trauermantel winkte mit den Flügeln und flog über
-den Bach.</p>
-
-<p>Plötzlich konnte das Bächlein reden und sagte: »Guten
-Tag, Heidi Sinsheimer. Komm, spring ein bißchen mit mir
-den Berg hinunter. Wir laufen zur Buschgroßmutter!«</p>
-
-<p>»Meinst du auch, daß ich mich wieder heimfinde von solch
-einer langen Reise? Du mußt doch bedenken, daß ich noch
-ein recht kleiner Mensch bin.«</p>
-
-<p>»Haha,« lachte das Bächlein, »nichts leichter als das! Du
-brauchst nur immer an meinem Ufer zurückzulaufen, bis du
-zu der weißen Birke kommst; von dort führt das Pfädlein
-aus dem Walde.«</p>
-
-<p>Ein Stückchen ging Heidi mit. Das Bächlein plätscherte
-so herrlich um die Steine. Da sangen sie ein Lied miteinander,
-und Heidi pflückte im Wandern und Singen ein Händchen
-voll Vergißmeinnicht. Und da sie an einen Mooshang
-gelangte, setzte sie sich hin und wollte ein Kränzlein winden …
-winden … la … la … l&nbsp;…</p>
-
-<p>Auf einmal guckte ein liebes kleines Gesicht über den Spiegel
-des Baches heraus. Das sah genau aus wie Heidis Gesicht,
-das sie vorhin darin gesehen hatte, und hatte so goldene Härchen
-und so zwei Augen voller Frühling.</p>
-
-<p>»Heidi,« sagte das Kleine, das da über den Bachrand guckte,
-»paß auf, jetzt kommt gleich der Elfenzug durch den Wald!«</p>
-
-<p>Und schon ging es los. Es war eine sehr merkwürdige
-Geschichte; denn es kam mitten auf der silbernen Straße
-des Bächleins daher: hundert Elfen, oder tausend, oder eine
-Million &ndash; das wußte Heidi nicht so genau. Aber es waren<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span>
-lauter Elfen in herrlichen bunten Kleidchen. Hohe Stengel
-rosaroten Fingerhuts schwangen die ersten und klingelten
-damit, daß die Luft wackelte. Dunkelrotes Löwenmaul trugen
-die anderen und Mohnblumen, und dann kam ein schöner
-junger Elfenjunge mit braunen Locken, der spielte auf einer
-Hirtenflöte, wie sie jener Knabe beim Schneebruche geblasen
-hatte. Danach marschierten sie alle im Takt und marschierten
-hinüber auf die Waldwiese, die an dem Berghange lag.
-Viele winkten dem kleinen Mädchen am anderen Ufer: »Heidi!
-Heidi, komm mit! Weißt du denn nicht, daß Herr Rübezahl
-heute Hochzeit hält?«</p>
-
-<p>»Ah,« sagte Heidi, »das trifft sich ja großartig! Natürlich
-komm' ich da mit. Aber ein bißchen will ich noch warten
-und dem langen Zuge zugucken &ndash; es sind ja eine Million.«</p>
-
-<p>Es kamen immer mehr, und sie schritten im Takte der Pfeife.
-In der Mitte des Zuges ging ein schönes weißes Pferd, und
-darauf saß ein wunderschönes Jungfräulein. Das war die
-Braut. Sie hatte ein seegrünes Schleierkleid an, und das
-Haar fiel ihr über die Schultern wie gesponnenes Mondlicht.</p>
-
-<p>Ein Mann führte das Pferd am Zügel über alle Fährnisse.
-Der hatte einen so großen Bart, daß er ihm bis auf
-die Bergschuhe hinabfiel. Und in der Hand hatte er einen
-mäßigen Fichtenstamm als Spazierstock.</p>
-
-<p>»Ist das der Herr Rübezahl?« fragte Heidi.</p>
-
-<p>»Natürlich! Und du bist wohl gar ein richtiges Menschenkind,
-weil du den König der Berge nicht kennst?«</p>
-
-<p>»O,« sagte Heidi, »kennen tu ich ihn schon. Ich kenn'
-ihn sogar sehr gut. Aber, nicht wahr &ndash; wenn man einem
-Bergkönig zum ersten Male begegnet&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Komm mit, komm mit!« sagten die Elfen, und warfen
-ihr Blumen herüber; die sprangen dem kleinen Mädchen an
-die Nase oder auf die Stirn und waren kühl wie Morgentau.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span></p>
-
-<p>Dann ging sie mit und ging richtig im Takte der Pfeife,
-die nun von ganz fern über den Hügel herüberklang. Sie
-lief auch rasch einmal zu dem weißen Pferd und warf der
-schönen jungen Elfenbraut ihre Vergißmeinnicht in den Schoß.
-Da nickte die sehr lieblich und königlich. Und Heidi machte
-ihr einen feinen Knicks.</p>
-
-<p>Nach einer Weile kamen sie auf eine kleine Wiese im Walde.
-Dort stand ein Himmelbett aus blauer Seide, und oben auf
-dem Himmel saßen zwölf Engel und wackelten mit den
-Flügeln.</p>
-
-<p>Auf einmal erklang eine mächtige Stimme. Nämlich:
-der Herr Rübezahl hielt eine Rede&nbsp;…</p>
-
-<p>Es war aber gar nicht der Herr Rübezahl, sondern es war
-der Herr Professor Salzer, der hatte den gelben Krückstock
-in die Erde gestochen und den grauen Stoffzylinder daraufgestülpt,
-wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte:
-»Na, Heidi, was ist dir denn eigentlich eingefallen?«</p>
-
-<p>Und neben ihm standen Papa und Mama und eine große
-Menge Menschen aus Johannisbad, dazu die halbe Kurmusik;
-denn als es ruchbar geworden, daß Heidi weg wäre, die der
-Liebling aller war, kriegten sie das Suchen und stürzten
-gegen den Wald, als wäre dort ein Luftschiff niedergegangen
-und sie müßten es besehen.</p>
-
-<p>Und nun tat Heidi die Augen auf und sagte: »O, jetzt
-seid ihr gerade zu spät gekommen! Nämlich, der Herr Rübezahl
-hat heute Hochzeit und eben ist der ganze Zug hier
-vorübergeschritten.«</p>
-
-<p>Eigentlich wollte Mama ein bißchen schelten. Aber nun ging
-das nicht. Es gab nur Küsse, und der Großpapa Salzer
-hatte ihr noch etwas sehr Schönes mitgebracht.</p>
-
-<p>Ein Glück war, daß Fräulein Sinsheimer die ganze Aufregung
-verschlafen hatte.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Einmal im August, als schon die Linden tief drinnen
-im Astwerk die ersten goldenen Blätter aufsteckten, war
-der ganze Freundeskreis wieder im Märchenhause versammelt.
-Auch die Tante Veronika war mit aus Ibenheim gekommen.
-Sie hatten die fröhliche Heimkehr gefeiert, und Herr Salzer
-war Festredner gewesen. Zwei Stunden war ihm Frist gesteckt
-worden dafür &ndash; das war lange. Aber es ist zu bedenken,
-daß er über die Erlebnisse zweier Dichterkutschen und über
-Rübezahls Hochzeit und die schöne Elfenbraut im seegrünen
-Schleierkleide und über ein Himmelbett mit zwölf Engeln
-zu berichten hatte&nbsp;…</p>
-</div>
-
-<p>Es war schön. Es war atemberaubend schön. Es war
-so springlebendig, daß sie meinten, sie machten die Reise in
-dieser Nacht noch einmal. Aber nun waren es vier Dichterkutschen.</p>
-
-<p>Als Herr Salzer fertig war, waren sie noch lange nicht
-müde, und Gwendolin bat: »So, Jockele, und nun lies uns
-deinen Roman.«</p>
-
-<p>»Das nächste Mal,« sagte er, »es ist ja gleich Mitternacht.«</p>
-
-<p>Da schlugen die Uhren.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="noind">Im Verlag <em class="gesperrt">Ullstein &amp; Co, Berlin</em>,
-erschien ferner in der Sammlung der Ullstein-Bücher
-von</p>
-</div>
-
-<p class="center larger">Max Geißler</p>
-
-<p class="h2">Jockele<br />
-und die Mädchen</p>
-
-<p class="center">
-Ein Buch der Jugend ist dieser erste Jockele-Roman<br />
-Geißlers und ein Buch der genialischen Lehrjahre,<br />
-durch die der schwarzlockige Jakobus Sinsheimer,<br />
-Kunstschüler in Weimar und Student in Jena, zum<br />
-Manne reift. Kluge und törichte, blonde und dunkle,<br />
-sanfte und ausgelassene Mädchen begleiten das<br />
-verhätschelte Naturkind. An die rauschende Ilm<br />
-versetzt der Roman, in den Weimarer Stadtpark,<br />
-ins Liszthaus, nach Tiefurt, Belvedere und<br />
-Ettersburg. Allen Reiz der Erinnerung macht<br />
-er lebendig, der für die deutsche Andacht<br />
-diese Stuben und Gärten umklingt, und der<br />
-traulich hinüberspielt in die Gegenwart<br />
-mit ihrem frohen, jungen<br />
-Menschenwesen.
-</p>
-
-<p class="center p2">In gleicher Ausstattung zu gleichem Preise</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="h2">Verlag Ullstein &amp; Co, Berlin</p>
-
-<p class="center">Ferner erschien von</p>
-
-<p class="center larger">Max Geißler</p>
-
-<p class="h2">Der Stein der Weisen</p>
-
-<p class="noind">Die letzten fünfundzwanzig Jahre deutschen Lebens umfaßt
-Max Geißlers Roman, der ganz eingesponnen ist in den
-Frieden des dunkelgrünen Bergwaldes. Durchs Wettertal
-fährt im Juli 1890 der Doktor Valerius Degenhart aus
-Frankfurt a. Main, der Träumer, der aus der zerrüttenden
-Berufsarbeit sich nach der großen Stille sehnt. Im Wettertal
-läßt er, als seine unmoderne Reisekutsche verunglückt, zu
-dauernder Rast sich nieder. Zwischen Himmel und Erde, vor
-einer Natur von unsagbarer Schönheit baut er sich sein
-Haus, die Streitburg. Wenig Äußeres geschieht in diesem
-Buch. Aber es hat eine Melodie tiefinnerster Seligkeit, die
-im Herzen nachklingt wie der Glanz endloser Sommertage,
-und die Andacht, mit der es vom wahren Glück spricht,
-kommt aus dem besten Erbteil des deutschen Wesens.</p>
-
-<p class="center p2">Preis 4.50 Mark</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="center larger">Von Max Geißler sind im Verlage von
-<em class="gesperrt">L. Staackmann</em> in Leipzig erschienen:</p>
-
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Das Tristanlied.</em> Epos</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Die Rose von Schottland.</em> Epos</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Gedichte.</em> Volksausgabe</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Die neuen Gedichte.</em> Volksausgabe</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Die Bernsteinhexe.</em> Schauspiel</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Die Herrgottswiege.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Das hohe Licht.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Soldatenballaden</em></p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Am Sonnenwirbel.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Das Heidejahr.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Das Moordorf.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Das sechste Gebot.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Der Erlkönig.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Die Glocken von Robbensiel.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Nach Rußland wollen wir reiten!</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Die Musikantenstadt.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Hütten im Hochland.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Inseln im Winde.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Die goldenen Türme.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Die Wacht in Polen.</em> Roman</p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Das neue Märchenbuch</em></p>
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Briefe an meine Frau</em></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">
-Ullstein &amp; Co<br />
-Berlin SW 68
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
-Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Originalschreibweise
-wurde beibehalten.
-Der Schmutztitel wurde entfernt.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 22: übernächtigen → übermächtigen<br />
-diesem besinnlichen, etwas <a href="#corr022">übermächtigen</a> Kopfe nicht</p>
-<p>
-S. 43: Harsager → Harfager<br />
-Ballade über Harald <a href="#corr043">Harfager</a> gesungen</p>
-<p>
-S. 57: pflag → pflog<br />
-den Bergen sein verschwiegenes Dasein <a href="#corr057">pflog</a></p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Jockele und seine Frau, by Max Geißler
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOCKELE UND SEINE FRAU ***
-
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-works. See paragraph 1.E below.
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
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-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
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- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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