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- The Project Gutenberg eBook of Hurdy-Gurdy, by Ottokar Schupp.
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-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Hurdy-Gurdy, by Ottokar Schupp
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Hurdy-Gurdy
- Bilder aus einem Landgängerdorfe
-
-Author: Ottokar Schupp
-
-Release Date: May 3, 2017 [EBook #54656]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HURDY-GURDY ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
-ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. Im Original in Antiqua gesetzter Text
-ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Hurdy-Gurdy.</h1>
-<p class="center">
-Bilder aus einem Landgängerdorfe</p>
-<p class="center smaller">
-von</p>
-<p class="h2">
-Ottokar Schupp.</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.jpg" alt="Signet" />
-</div>
-<p class="center">
-<span class="larger">Bielefeld</span> und <span class="larger">Leipzig</span>.<br />
-Verlag von Velhagen &amp; Klasing.<br />
-1867.
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<h2 id="I">I.<br />
-Das exercirende Ehepaar.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Ich hatte den Gipfel des Dachsbergs wieder erreicht und war
-somit in den Bezirk meines Kirchspiels eingetreten. Hier pflegte
-ich mich von dem ermüdenden Steigen zu erholen und einen
-kleinen Umblick zu halten. Denn die Aussicht von dort in die
-gesegneten Fluren der Wetterau, die einem weit und breit,
-umgränzt von den blauen Höhen des Vogelbergs, zu Füßen
-liegt, und in die vielen Dörfer, Städte und Burgen ist eine
-so reizende, daß man sich immer wieder gefesselt fühlt, wenn
-man sie auch schon hundert und tausendmal betrachtet hat.</p>
-
-<p>Heute bedurfte ich der Ruhe mehr, als gewöhnlich, da ich
-von einer ziemlich weiten Fußtour zurückkehrte und die Sonne
-mit ihren heißen Glutblicken mir an dem langen Sommertage
-gehörig zugesetzt hatte. Ich suchte mir deshalb ein bequemes,
-schattiges Plätzchen im nahen Buchengehölz, und nachdem ich
-mir eine Cigarre angesteckt und meine müden Glieder behaglich
-auf dem schwellenden Moose ausgestreckt hatte, genoß ich
-mit allen Sinnen den herrlichen Abend, den Gott über das
-Land hereinsandte.</p>
-
-<p>Die Cigarre schmeckte besser, als heute den ganzen Tag.
-Der kräftige Waldesduft stärkte die erhitzten Lungen und gab
-neuen Lebensmuth. Zu meinem besonderen Ohrenschmause<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span>
-schienen Finken und Drosseln einen kleinen Sängerkrieg veranstaltet
-zu haben. Das Auge hingegen ruhte vergnüglich auf
-der mit Schönheiten gesättigten Landschaft. Aber all' dieser
-beneidenswerthe Genuß konnte mich nicht der Art erfassen, daß
-nicht der müde Leib, durch die bequeme Lage verführt, in jenen
-träumerischen Halbschlummer gefallen wäre, der nur wenig
-bedurfte, um in festen Schlaf überzugehen.</p>
-
-<p>Aus diesem süßen Hindämmern wurde ich durch Stimmen
-auf der Landstraße aufgeschreckt. Es war sonderbarer Weise ein
-militärisches Commando, was ich hörte. Ich glaubte anfangs
-noch zu träumen. Denn wie kam hier Militär her? hier auf
-die einsame Gränze? &ndash; Sollte eine Räuberbande entdeckt worden
-sein? Sollte der Schmuggel eine solche Ausdehnung gewonnen
-haben, daß man Militär requirirt hatte? &ndash; daß
-sich dieselben Scenen wiederholten, wie etwa vor vierzig
-Jahren, wo auf der nämlichen Stelle ein furchtbares Gemetzel
-mit den Schmugglern stattfand? Ich verwarf bald diese
-Gedanken, die mir nur so durch den Kopf schossen, als zu abenteuerlich.
-Und doch hörte ich jetzt ganz deutlich durch den
-Wald hin: »Bataillon halt! Gewehr ab! Auf der Stelle ruht!«
-&ndash; Freilich vernahm ich nicht das Aufstampfen der Füße, das
-Rasseln der Gewehrkolben. Aber jetzt hieß es wieder: »Bataillon
-Achtung! Gewehr auf! Vorwärts marsch!«</p>
-
-<p>Ich war neugierig geworden und schob die Zweige auseinander,
-um besser die Straße überblicken zu können und sah
-dann zu meinem Erstaunen nichts weiter, als einen Mann und
-eine Frau in der üblichen Landestracht, die jetzt ganz in meine
-Nähe gekommen waren.</p>
-
-<p>Von ihnen mußten die Stimmen herrühren. Und so war
-es auch. Ich bemerkte es nun ganz deutlich. &ndash; Der Mann,<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span>
-obwohl er nur im Kittel war, wußte sich eine Würde zu geben,
-wie sie nur ein Unteroffizier zu haben vermag. Wie warf er
-sich in die Brust &ndash; wie legte er das Gesicht in gemessene,
-gewichtige Falten, wenn er das Commandowort aussprach!
-Leicht voltigirte er neben der Frau her, die groß, stramm und
-strack, wie Frankreichs erster Grenadier dahergeschritten kam,
-die eine Hand fest angepreßt an den kurzen Unterrock, in der
-andern eine lange Stange mit eisernem Haken statt des
-Gewehrs haltend, den Kopf hoch aufgerichtet, aber nur mit
-einem kleinen Hessenhäubchen bedeckt, statt mit einem Czako
-oder Helm. Ich hätte herzlich lachen mögen, so komisch war
-das Alles. Und doch lachte ich nicht. Die Frau that mir
-so leid.</p>
-
-<p>Ich kannte die Leute. Sie waren aus meinem Kirchspielsdorf.
-Es war ein verdorbener Schneider, Namens <em class="gesperrt">Heimerdinger</em>
-und seine Frau.</p>
-
-<p>Das Sitzfleisch hatte ihm gefehlt, wie so vielen dieser beweglichen
-Naturen, und er hatte deshalb sein Handwerk aufgegeben.
-Um seiner finanziellen Lage aufzuhelfen, war er mit
-Weib und Kind in's Ausland gezogen und hatte sich besonders
-im Oestreichischen umhergetrieben, Alles angreifend und probirend,
-aber ohne Geduld und Erfolg. Abwechselnd wirkte er
-bald als Hausknecht, bald als Gärtner, bald als Schornsteinfeger,
-bald als Bretzeljunge; zuletzt wurde er Hanswurst bei
-einer Seiltänzerbande und dann noch gar Schauspieler bei einer
-umherziehenden Truppe. Viel heimgebracht hatte er nicht.
-Aber Eins hatte er draußen gelernt und das verstand er jetzt
-aus dem Fundamente: das Schnapstrinken. Und so war bald
-der Rest des Vermögens durch die Gurgel gejagt: zuerst ein
-Acker nach dem andern und zuletzt wurde das Häuschen, worin<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-sie noch wohnten, über und über verpfändet. Um sich das
-Nöthigste zu erwerben, hatte er jenen leidigen Ernährungszweig
-ergriffen, wie so viele Arme und Heruntergekommene aus dem
-Dorfe, daß er mit Frau und Tochter, jedes mit einem eisernen
-Haken versehen, um die Aeste herunterzureißen, täglich in die
-weiten Gebirgswaldungen zog, eine tüchtige Partie dürren Holzes
-zusammenstahl und dieses in der eine Stunde entfernten
-Stadt verkaufte. Was er erlöste, vertrank er. Was Frau und
-Tochter verdienten, davon wurde die Haushaltung bestritten.</p>
-
-<p>Die Frau dagegen war mir in jeder Hinsicht ein Räthsel.
-Sie war durchaus kein gewöhnliches Weib. Schon ihre körperliche
-Erscheinung bekundete dieses. Mit ihrer hohen, majestätischen
-Gestalt und ihrem schönen feinen Gesicht hätte sie in andrer
-Kleidung und in anderen Verhältnissen, wenn auch nicht gerade
-Aufsehen erregt, doch imponirt und wäre nicht unbeachtet geblieben.
-Aber wie ihr Auftreten nicht harmoniren wollte mit
-ihrer Beschäftigung, so paßte auch ihre Sprache nicht dazu.
-Denn diese war edel und verrieth Bildung und Belesenheit,
-so daß man leicht zu der Vermuthung kommen konnte, sie sei
-kein Dorfkind, sondern eine Dame von Stand wäre durch ganz
-außerordentliche Begebenheiten in diese Verhältnisse gekommen.
-Ich dachte anfangs, es sei Alles nur äußerer, glänzender Firniß,
-angelerntes Wesen. Inwendig sei sie so gemein und niedrig
-gesinnt, wie die Andern. Denn ein gebildetes Weib kann
-sich selbst in der größten Noth kaum an solcher elenden und
-schmachvollen Ernährungsart betheiligen. Es kann aber absolut
-einen solchen Mann nicht achten und noch weniger sich den so
-excentrisch tollen Launen seines trunkenen Muthes fügen, die
-es selbst der Lächerlichkeit preisgeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<p>Doch dagegen sprach gar Mancherlei. Ihre stille und nachdenkliche
-Art, womit sie dem Treiben des Dorfs auswich und
-sich abschloß; ihre Klugheit, da sie mit den beschränktesten Mitteln
-eine ganz schöne Haushaltung führte; ihr Schönheitssinn,
-denn ihr Gärtchen war stets am zierlichsten und in ihrem Zimmerchen
-sah es immer nett und behaglich aus; die Weise, wie
-sie ihre Kinder erzog, indem diese nicht blos ständig reinlich
-und hübsch gekleidet gingen, sondern auch so etwas Vornehmes
-in ihrem ganzen Wesen hatten, &ndash; eine ganz andere Art zu
-denken und zu fühlen, als die übrigen Dorfkinder.</p>
-
-<p>Und so war es mir wie eine Ahnung, diese unbedingte
-Fügsamkeit und dieses Hergeben zu den niedrigsten Beschäftigungen
-sei nichts Anderes, als strenge Buße, welche sie sich
-für ein vergangenes sündiges Leben auferlegt hatte. Wenn es
-aber wirklich Buße war, so fehlte ihr jedenfalls die rechte Weihe
-des Glaubens. Denn es war dabei etwas so Verbittertes,
-Stolzes, Abstoßendes in ihr, daß Niemand sich in ihrer Nähe
-wohl fühlte. Und seit sie den Plan gehabt hatte, ein Geschäft
-zu gründen und sich durch ihre nicht geringe Geschicklichkeit in
-weiblichen Handarbeiten zu ernähren und die ganze Anlage
-mißglückt war, war sie noch stolzer und herber geworden. Ich
-war noch liegen geblieben, bis das seltsame Paar eine Weile
-fort war. Als ich mich aber endlich von meinem königlichen
-Lager erhob, traf ich gerade mit einer Schaar Leute zusammen,
-die ich alsbald für lauter heimkehrende Holzhändler der
-eben beschriebenen Sorte erkannte. Da war vor Allen der
-Nestor dieser Helden des Holzfrevels und des Amtsgefängnisses
-»<em class="gesperrt">der Maulwurf</em>«, ein alter verwetterter Gesell, der schon
-von Jugend auf unverdrossen dieses Geschäft trieb, weil er zu
-jedem andern als untauglich erfunden worden war. Ich weiß<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-nicht, ob er diesen ehrenden Beinamen deshalb erhalten hatte,
-weil er eine besondere Geschicklichkeit besaß, Höhlen und Löcher
-aufzusuchen und sich darin zu vergraben und den nachstellenden
-Förstern und Holzschlägern zu entgehen, oder weil er die Gewohnheit
-hatte, Alles, was er verdiente, in Speise umzuwandeln,
-um seinen breiten, liebenswürdigen Mund damit zu füttern,
-oder gar wegen der wulstigen, aufgeworfenen Lippen. Das
-ist aber gewiß, wenn er über einen gefüllteren Geldbeutel hätte
-verfügen können, er wäre einer der ausgemachtesten und renommirtesten
-Feinschmecker geworden; so blieb er nur ein besonderer
-Liebhaber von Weißbrod, Kuchen, frischer Leberwurst und
-Kartoffelsalat mit Speck.</p>
-
-<p>Da war weiter »<em class="gesperrt">das Käschen</em>«, ein spitzer, kleiner Geselle,
-die dürre Gestalt ganz in englisches Leder gehüllt. Er
-gab gewiß in der Klugheit dem vielgewanderten Odysseus nichts
-nach, denn er hatte aus lauter Klugheit sein schönes Vermögen
-verloren. Aus lauter Klugheit ging er nie die offene Straße,
-sondern stets die Schleichwege, er kam nie die Vorder-, sondern
-stets die Hinterthüre herein. Ein ehrlicher Handel war
-ihm ein Gräuel. Dagegen in alle Stänkereien und schlechte
-Geschichten der ganzen Gegend war er verwickelt, hatte aber
-auch meistens den Schaden zu tragen. Und während alle Welt
-glaubte, er müsse im Geld sitzen bis über die Ohren, machte
-er plötzlich Bankerott. Natürlich war es ein betrügerischer,
-aber es half ihm doch nichts. Jetzt wandte er hauptsächlich
-seine Klugheit dazu an, um Käse zu erlangen, der eine leidenschaftliche
-Liebhaberei von ihm war, und den Wächter des Amtsgefängnisses
-zu betrügen. Denn jedes Vierteljahr wurde beim
-Amte große Abrechnung gehalten und da mußten die Herren
-Holzhändler die verschiedenen Holzfrevel absitzen, wobei sie erwischt<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-worden waren. Im Amtsgefängniß war aber besonders
-»das Rauchen und Kartenspielen« verboten und der Wächter
-wachte mit Argusaugen. Aber Käschen-Odysseus wußte Pfeife,
-Tabak und Karten dennoch hinein zu schmuggeln. Eine brennende
-Pfeife gab er ab, sagte aber dem arglosen Wächter nicht,
-daß er eine andere im Strumpfe bei sich führe. Den Tabak
-hatte er in einem Töpfchen, worüber Käsematten gebreitet
-waren und die Karten waren in das Futter seiner Mütze
-eingenäht. &ndash; Eigentlich die hervorragendste Gestalt unter den
-Männern war der schwarzbärtige, große Mann, der um eines
-Hauptes Länge über die ganze Gesellschaft hinaussah: »<em class="gesperrt">Der
-Herr Baron</em>«. Er war in seiner Blüthenzeit ein Hauptschwindler
-gewesen, der bald die Rolle eines russischen Grafen,
-bald die eines englischen Lords spielte und sich Tausende erschwindelte.
-In einem amerikanischen Gefängniß hatte er »<em class="gesperrt">die
-Rothe</em>« kennen gelernt, und war er schlau, sie war noch
-schlauer, und war er stolz, sie hat ihn klein gekriegt. Jetzt
-war er nur noch eine Ruine, ein gebrochner, blöder Mensch.</p>
-
-<p>Doch wo der Ruhm so manches Anderen gemeldet wird,
-darf ich auch Deiner nicht vergessen, edler »<em class="gesperrt">Heckenkonrad</em>!«
-Denn wenn Du auch nicht gerade der Reinste in Gesicht, Händen
-und Kleidung warst, so warst Du doch der Unschuldigste
-von ihnen. &ndash; Der dicke Kopf und der stiere Blick des Heckenkonrad
-verrieth sofort den Cretin. Und doch hatte ihm einst
-der Gemeindevorstand die Heirathserlaubniß ertheilt. Aber, als
-er sich die nöthigen Papiere und den Proklamationsschein auf
-dem Amt geholt hatte und er sie triumphirend unter seiner
-Kappe heimtrug, kam ein großer Wind und jagte Kappe und
-Papiere in den Bach. Die Kappe bekam er wieder, aber die
-Papiere rissen die Wellen mit sich fort. Wenn man ihn jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-noch fragt: »Konrad, warum hast Du nicht geheirathet?« ist
-seine ständige Antwort: »das Glück ist mir fortgeflogen.«
-Aber noch immer sammelt er für seine künftige Heirath und
-nähet jeden Kreuzer, den er verdient, in das Futter seiner
-Hosen. Es mögen zwar diese Schilderungen den Leser ein
-wenig ermüden, aber es wäre doch unartig, die Damen ganz
-zu übergehen. Zumal darf »<em class="gesperrt">die Florentine</em>« oder auch
-sonst »<em class="gesperrt">die Speckdine</em>« genannt, nicht übergangen werden.
-Dazu wäre sie auch etwas zu groß, (denn sie mißt wohl eher
-etwas über als unter sechs Fuß) und die wasserblauen Augen
-zu schmachtend und der spitze Mund zu süß. Freilich thut die
-Magerkeit ihrer Liebenswürdigkeit etwas Eintrag. Ihr Fuß
-ist etwas sehr groß und breit, ihre Schultern etwas sehr schmal,
-ihr Hals etwas sehr lang und ihr Köpfchen etwas sehr klein,
-und nun hat sich auch ein Zöpfchen losgemacht, und der Wind
-treibt es hin und her. Sie hat früher ihre Nachtigallenstimme
-neben einer Orgel ertönen lassen und in ihre süßen Flötentöne
-mischte sich melodisch der dumpfe Baß ihres Geliebten.
-Aber der Geliebte verließ sie, und sie mußte einsam wandern
-mit der Harfe. Sie legte nun allen Schmerz getäuschter und
-alle Sehnsucht hoffnungsloser Liebe in ihre Lieder und stimmte
-andere schöne Seelen zu gleichem Schmerz, zu gleicher Sehnsucht.
-Aber die Harfe ward verstimmt und der Schmerz vertrocknete
-und die Einnahmen versiegten. Sie mußte Holzhändlerin
-werden. Aber noch immer sind ihre Augen schmachtend,
-und Abends in der Dämmerung singt sie zur Harfe.</p>
-
-<p>Neben ihr ging »<em class="gesperrt">das Schnuckeschen</em>«, eine alte Flamme
-»des Maulwurfs«. Die Zeit, die Alles verzehrt, hatte ihr
-nur noch einen Zahn gelassen. Dafür hatte sie ihr in den
-alten Tagen einen üppigen Bartwuchs gegeben, zum Theil um<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-das Kinn, aber auch zum Schrecken der Menschheit auf der
-Nase, um eine breite rothe Warze herum. Ihre tückischen,
-kleinen Augen, ihr verschrumpftes Gesicht und ihre hohe Schulter
-vermehrten nicht grade die Schönheit, doch soll sie, als
-»der Maulwurf« sie »Schnuckeschen« nannte, etwas reizender
-gewesen sein.</p>
-
-<p>Etwas zurückgeblieben war »<em class="gesperrt">die Rothe</em>«, nach Zigeunerart
-ein Kind auf dem Rücken und einen Rothkopf an der Hand.
-Sie war, wie ihr geduldiger Eheherr sagte, »etwas rasch mit
-dem Maul« und manchmal wäre sie, meinte er, doch »etwas
-gar scharf«. In Wirklichkeit galt aber von ihr, was der ungerechte
-Richter im Evangelio von sich rühmt: sie fürchtete Gott
-nicht und scheute sich vor keinem Menschen. Zucht und Scham
-hatte sie schon als Tanzmädchen in Californien gelassen und
-sah auch jetzt noch dieselben als etwas höchst Ueberflüssiges,
-ja Störendes an. Ein Schwarzwälder Uhrenhändler sagte mir
-einst: »Ich verkaufe schon dreißig Jahre Uhren und bin in
-aller Herren Länder gekommen und habe in viele Haushaltungen
-geblickt und weiß der Himmel! viel Frauen kennen gelernt.
-Lange habe ich die Lügengreth' von Niederallendorf für die
-Schlimmste gehalten, aber fürwahr, vor »der Rothen« müßte
-die klein beigeben. Das ist ja ein wahrer Satan. Ich glaube,
-vor der müßte der Gottseibeiuns selber die Segel streichen.« &ndash;
-Neben her trabte »<em class="gesperrt">der junge Maulwurf</em>«, baarhäuptig und
-baarfüßig, mit Aermeln so blank, wie weiland der Spiegelschwab,
-die verrätherische Warze auf der Nase und den
-Wurstlippen.</p>
-
-<p>Das war die ehrenwerthe Gesellschaft, zu der ich jetzt trat.
-Aber in ihrer Mitte schritt ein wirklich liebliches Mädchen,
-ein Bild von Schönheit, Gesundheit und unverdorbener Jugendkraft.<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-Mit ihren hellen blauen Augen, ihren langen, blonden
-Zöpfen, ihrem hohen zierlichen Wuchs und dem ächt jungfräulichen
-Wesen, was über ihre ganze Erscheinung ausgegossen
-war, bildete sie einen solchen Gegensatz gegen diese unsauberen,
-verkommenen Gestalten, daß man denken mußte: »Sie ist nicht
-in dem Thal geboren«, ein andrer Boden hat sie erzeugt,
-eine andere Sonne sie beschienen.</p>
-
-<p>Es war <em class="gesperrt">Babette</em>, die Tochter des versoffenen Schneiders
-Heimerdinger. Aber es war nicht blos ein schönes Mädchen,
-sondern auch edel und hoch begabt und von einer kindlichen
-Frömmigkeit. Ich kannte sie noch aus der Schule und der
-Confirmandenstunde her.</p>
-
-<p>Ich war ein Stück Wegs mit ihnen gegangen, hatte einige
-gleichgültige Worte mit ihnen gewechselt und wollte eben voraus
-eilen, als Heimerdinger und seine Frau zu uns stießen, die
-an einer Waldecke auf uns gewartet hatten. Er spielte jetzt
-nicht mehr den Unteroffizier, sondern den stolzen Spanier, der
-mit seiner Sennora am Arm, jeder Zoll ein Cavalier, auf
-uns zugeschritten kam. Seine Frau schämte sich und wollte
-sich losmachen. Aber er duldete es durchaus nicht, sondern
-trat auf mich zu und redete mich leicht und vornehm an, indem
-er seinen Schnurrbart drehte: »Eine Reise gemacht, Herr
-Pfarrer? Hm &ndash; Bin früher auch gereist. Hab's jetzt aufgegeben.
-Man wird alt, Herr Pfarrer, man wird alt. Denke
-jetzt oft an die Reise in die Ewigkeit. Sind ja hier nur
-Fremdlinge und Pilgrime. Haben keine bleibende Stätte, sondern
-die zukünftige suchen wir. Spreche als manchmal, wie
-Paulus sprach: Habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.«</p>
-
-<p>»Lästert nicht, Heimerdinger«, entgegnete ich ernst, »Gott
-läßt sich nicht spotten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p>
-
-<p>»Herr Pfarrer! Ich werde verkannt. Alles verkennt mich.
-Mein Weib verkennt mich, meine Kinder verkennen mich. Sie
-verkennen mich auch. Ich habe ein butterweiches Herz und
-kann durchaus die Sünde nicht leiden. Wie oft sprach ich
-zu dem Maulwurf: »Alter! Alter! Das Reich Gottes ist nicht
-Essen und Trinken« und zu dem Baron: »Die sich selbst erhöhen,
-werden erniedrigt werden, und Hochmuth kommt vor
-dem Fall.« Sie meinen mit Ihrem Schelten gewiß den
-Branntwein, Herr Pfarrer! Ich weiß es. Sehen Sie, das
-hat seine eigene Bewandtniß. Alles hat seine zwei Seiten, nur
-die Buchecker hat ihrer drei. Und prüfet Alles; aber das
-Gute behaltet, spricht Paulus. Ich trinke gern Branntwein,
-das ist wahr; aber ich trinke auch gern Wein. Nun läßt
-unser Herr Gott für jeden Menschen seinen Theil Wein wachsen,
-hat mir einmal ein alter Mönch in Ungarn gesagt. Ich
-bekomme aber meinen Wein nicht. Und der Mensch hat doch
-Durst. So trinke ich als Branntwein. Und weil der Andere
-mir meinen Wein trinkt, so trinke ich seinen Branntwein und
-das von Rechtswegen. &ndash; Doch nun muß ich eins singen:
-Sie erlauben es, Herr Pfarrer!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Der Branntewein, der Branntewein!<br /></span>
-<span class="i0">Das ist so mein Vergnügen.<br /></span>
-<span class="i0">Da saug' ich frisches Leben ein<br /></span>
-<span class="i0">In langen, langen Zügen.<br /></span>
-<span class="i2">Gluck, Gluck, Gluck,<br /></span>
-<span class="i4">Gluck, Gluck.<br /></span>
-<span class="i0">Des Morgens, wenn ich früh aufsteh',<br /></span>
-<span class="i0">Thu ich mein Gläschen trinken,<br /></span>
-<span class="i0">Und wo ich bin und wo ich geh'&nbsp;&ndash;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Herr Pfarrer! die Babette zupft mir fast den Kittel vom
-Leib und stört meinen Gesang. Sie ist ihrer Kindespflichten<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-durchaus nicht eingedenk. Ich werde ihr wohl eine kleine Ermahnung
-geben müssen. Vor einem grauen Haupte sollst du
-aufstehen, heißt es, und: Ehre Vater und Mutter, auf daß
-dir es wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Jetzt hast
-du Deines alten Vaters ganze Gesangesfreude vernichtet. Nun
-zieht die Sorge wieder in meine Brust, wie ich Euch ernähren
-sollte und nicht ernähren kann. O, ich möchte weinen!« Und
-damit liefen ihm wirklich die hellen Thränen die Backen herunter,
-zum lauten Gelächter seiner ganzen Umgebung. Ich
-aber war froh, daß wir in den Bereich des Dorfes gekommen
-waren und eilte auf einem näheren Pfade meiner Wohnung
-zu.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="II">II.<br />
-Der verhängnißvolle Brief.</h2>
-</div>
-
-<p>Des andern Morgens kam die alte <em class="gesperrt">Balzerswäs</em> zu mir,
-beiläufig bemerkt: die reichste Bauersfrau aus dem Dorfe.
-Sie hatte etwas Wichtiges, denn sie hatte die Sonntagsnachmittagsschürze
-an und machte mir einen Teller voll rother
-Herzkirschen zum Geschenk. Nach einer langen Einleitung über
-das Wetter und über Dorfverhältnisse rückte sie denn auch endlich
-heraus.</p>
-
-<p>Sie war die Woche, wie sie sagte, »auf dem Seminario«
-in J. gewesen, um ihren Sohn zu besuchen. Denn sie hatte
-so lange Jahre immer die Lehrer in Kost und Logis gehabt,
-daß sie mit Recht verlangen konnte, daß Einer ihrer Söhne
-sich auch dem Lehrerstande widme.</p>
-
-<p>Es war schon spät Abends, als sie in J. ankam und sehr
-ermüdet, wie sie war, hatte sie auch nicht lange mit dem Schlafengehen<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-gesäumt. Und des andern Morgens lag sie noch in
-guter Ruhe, als ihr Sohn schon wieder »auf das Seminario«
-mußte. Da hatte sie sich aber auch schnell herausgemacht.
-Und weil sie nichts Anderes in seiner Abwesenheit zu thun
-wußte, fing sie an, in seinen Sachen zu kramen. Als sie aber
-einmal in's Kramen, Mustern und Ordnen gekommen war,
-wurden auch alle seine Siebensachen durchstöbert und ein Stück
-nach dem andern vorgenommen. Denn als liebende und sorgliche
-Mutter mußte sie Alles wissen und kennen, was ihren
-Sohn anging. So hatte sie auch eine Weste in die Hand
-bekommen und einen schadhaften Sack entdeckt und in dem
-schadhaften Sack einen Brief gefunden. Da war ihr denn sehr
-leid gewesen, daß sie ihre Brille zu Hause gelassen, denn ohne
-Brille konnte sie nicht mehr gut sehen. Aber die Neugier hatte
-sie doch nicht ruhen lassen. Sie hatte den Brief entfaltet und
-sich an's Fenster gestellt und endlich nach langem Buchstabiren
-die Unterschrift herausgebracht. Sie wollte aber ihren Augen
-nicht trauen, denn die lautete höchst sonderbar: <em class="gesperrt">Deine Dich
-bis in den Tod liebende Babette Heimerdinger</em>. Da
-war just in aller Welt an niemand Anderes zu denken, als
-an des versoffenen Schneiders Töchterlein. Als ihr das aber
-erst so recht klar wurde und sie sich an Dieses und Jenes
-erinnerte, über das ihr jetzt erst ein Licht aufging, wurde es
-ihr bald heiß, bald kalt und sie meinte, sie bekäme das Gallenfieber.
-Sie konnte es kaum erwarten, bis ihr Sohn heimkam.
-Dann aber hatte sie es ihm gesagt. Sie meinte denn, sie
-hätte es ihm tüchtig gesagt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Allen Respekt davor, Frau Balzer«, sagte ich, »ich hätte
-nicht an Ihres Sohnes Stelle sein mögen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p>
-
-<p>»Aber denken Sie an! Herr Pfarrer, er gab sich nicht.« Und
-um es noch kräftiger zu betonen, daß ihre so eindringliche
-Rede keinen Erfolg gehabt hatte, schüttelte sie ihr graues
-Haupt und sprach mehrmals hintereinander: »Nein, er gab sich
-nicht &ndash; nein, er gab sich nicht. Er sagte, er würde nicht von
-dem Mädchen lassen und wenn wir ihn enterbten. Nur der
-Tod könne sie scheiden.«</p>
-
-<p>Und nun brach sie im Gefühle ihrer beleidigten Mutterwürde
-in einen Strom von Thränen aus, die sie mit der neuen
-Schürze abwischte.</p>
-
-<p>Dann aber sich plötzlich emporrichtend, gab sie mir den
-Brief, dessen sie sich bemächtigt hatte. »Lesen Sie nur einmal!
-Da können Sie sehen, was das heilige Babettchen für ein
-sauberes Mensch ist! Wenn Gerechtigkeit wäre, müßte solch'
-eine Verführerin in das Zuchthaus.«</p>
-
-<p>Ich las den Brief, während sie still fort weinte. Es leuchtete
-aus demselben eine zarte, innige Zuneigung zweier unverdorbener
-jugendlicher Herzen, die unbewußt mit ihnen aufgewachsen
-war. Es wäre die größte Grausamkeit gewesen, hier
-störend einzugreifen, selbst wenn man ein Feind von solchen
-Liebeleien war. Ich muß eben gestehen, daß ich sogar eine
-starke Sympathie für dieses Liebesverhältniß fühlte und mir
-die Nachricht davon eine Art Genugthuung und Freude erregt
-hatte. Denn sie waren Beide meine Lieblinge und ich hatte
-schon oft im Stillen gedacht, was das ein herrliches Paar
-gäbe, wenn das leidige Geld, Stand und Verwandtschaftsverhältnisse
-nicht wären. Darum sagte ich: »Aber liebe Frau
-Balzer, der Brief enthält ja durchaus nichts Böses und Schlechtes.«
-»Ei, Ei, Herr Pfarrer,« rief sie, »überlegen Sie doch einmal!
-Sie hat ja gar Nichts, auf der ganzen Gottes Welt<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-Nichts« &ndash; und immer mehr sich meinem Ohre nähernd und
-immer lauter schreiend, als könnte sie mir das schreckliche Verbrechen
-desto klarer machen, rief sie: »Sie hat ja gar kein' Sach'
-und kein Vermögen!« »Dafür haben Sie desto mehr,« erwiderte
-ich ganz ruhig. Nun gerieth sie aber in vollen Eifer
-und Zorn. »Sie sind freilich noch jung und unerfahren und
-haben den Verstand nicht wie unser eins. Darum kann
-man's Ihnen nicht so übel nehmen. Ei, das ist es ja gerade,
-daß wir einen schönen Wohlstand haben. Glauben Sie, man
-hätte sich den Rücken krumm und die Nägel von den Fingern
-gearbeitet, um diesem faulen, liederlichen Lumpengesindel das
-Maul zu schmieren? Glauben Sie, wir hätten alle die Unkosten
-nicht gescheut und unsern Ernst Schullehrer werden
-lassen, um ihn hernach an das Bettelmensch wegzuwerfen?
-Ich darf gar nicht daran denken, was es uns schon gekostet
-hat, sonst wird es mir schwindelig. Der ganze Beutel mit
-Kronenthalern, den ich und mein Balzer selig dafür zusammengespart
-hatten, ist fort. Wenn man die Schinken, die
-Wurst, die Butter und Eier erst rechnen wollte, die ich oder
-der Hanjost hinübergeschleppt haben und die feine Montur und
-das Weißzeug &ndash; es macht ja ein Heidengeld zusammen. Aber
-man thut es ja gern. Jedesmal, wenn mein Balzer selig
-einen Kronenthaler in den Beutel that, dann lachte er schon
-ganz stolz und sagte: »das ist für den Herrn Lehrer.« Es ist
-wahrhaftig gut, daß er diese Geschichte mit dem Ernst nicht
-mehr erlebt hat. Es hätte ein Unglück gegeben! &ndash; Aber ich
-sage es immer: er ist nicht schuld daran; er war ja sonst
-immer ein braver, gehorsamer Bub. Das Satansding hat ihn
-verhext. Sie müssen mir den Gefallen thun, Herr Pfarrer,
-und es kommen lassen und ihm gehörig die Leviten lesen über<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-seine Schlechtigkeit und ihm in's Gewissen reden, daß es den
-Ernst aufgibt. Es kriegt ihn doch nicht, so gewiß ich Balzern
-heiße!«</p>
-
-<p>Ich entgegnete ihr hierauf mit ganzem Ernst, daß ich das
-durchaus nicht thun würde. Ueberhaupt bäte ich sie, von der
-Babette Heimerdinger mit mehr Achtung zu reden, denn diese
-verdiene es. Wenn die zwei jungen Leute ein Vorwurf träfe,
-so wäre es der, daß sie mit mehr Ueberlegung hätten zu Werk
-gehen, die Schwierigkeit der Verhältnisse bedenken und bei
-Zeiten die aufkeimende Neigung unterdrücken sollen. Sie hätten
-sich jedenfalls viel Kampf und Kummer erspart. Aber wer
-könnte solche Bedachtsamkeit von solcher Jugend erwarten?
-Nun sei es wahrscheinlich zu spät. Ich wolle sie zwar nicht
-hindern, das Ihrige zu thun, würde aber selbst ihr in Nichts
-die Hand reichen. Sie würde auch wahrscheinlich durch alle
-ihre Einwirkungen das Liebesfeuer nur noch stärker anblasen.
-Ich rieth ihr vielmehr, der Sache vor der Hand ihren Lauf
-zu lassen und nur ein wachsames Auge zu haben. Es könne
-sich ja noch ohne ihr Zuthun Alles anders gestalten. Sie solle
-auch ja nicht wähnen, das ihre Ansichten und Worte Gott besonders
-wohlgefällig wären. Ihr Geldstolz und ihr liebloses
-Urtheil seien vielmehr durchaus unchristlich.</p>
-
-<p>Die Balzerswäs war mit diesem Bescheid gar nicht einverstanden.
-Sie sagte zwar nichts mehr, aber sie ging mit so
-unbefriedigtem Gesicht hinweg, daß durchaus nichts Günstiges
-für die Liebenden darin zu lesen war.</p>
-
-<p>Der Brief, den ich leider sogleich wieder zurückgeben mußte,
-war etwa folgenden Inhalts, soweit ich mich auf mein Gedächtniß
-verlassen kann:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-Theurer Ernst!<br />
-Vielgeliebter Schatz!
-</p>
-
-<p>Ich ergreife die Feder, um auf Deinen schönen Brief zu
-antworten. Ich muß mich recht schämen, wenn Du die Kratzfüße
-siehst und die vielen Fehler, die ich mache. Ach, Du bist
-so hochstudirt und kannst gar so gelehrt schreiben und ich bin
-doch gar zu dumm. Ich weiß gar nicht, wie Du nur an mir
-Gefallen finden kannst. Aber, Du herzlieber Bub Du, Du
-kannst einem so herzig sagen, daß Du einen gern hast, daß
-man gar nicht mehr zweifelt. Und ich glaube Dir auch gar
-zu gern. &ndash; Weißt Du auch, daß ich Dir recht böse war, daß
-Du fragst, ob ich Dich noch gern hätte und mir die andern
-Buben nicht besser gefielen. Siehst Du, ich wäre gar nicht mehr
-Babette und Du nicht Ernst, wenn ich aufhören könnte, Dich zu
-lieben. Ich meine immer, der liebe Gott hätte uns direkt für
-einander geschaffen und deswegen wären unsere Herzen so ineinander
-gewachsen, daß sie gar nicht auseinander gerissen
-werden könnten, in alle Ewigkeit nicht.</p>
-
-<p>Ach, wie war ich so traurig, als Du nun fortgingest nach
-J.! Ich glaubte, mein Herz würde mitten durchgeschnitten mit
-einem scharfen kalten Messer. Ich wäre auch damals gestorben,
-wenn Du nicht noch einmal gekommen wärst und hättest
-mir gelobt, Du wollest nicht von mir lassen, es müßte denn
-Gott uns auseinander reißen. Ich mußte in der letzten Zeit
-so Vieles denken. Und meine Gedanken waren so anders, als
-früher. Abends sitze ich oft in dem Hüttchen, weißt drunten unter
-dem alten Birnbaum an den Weiden am Bach, daß Du heimlich
-gemacht hattest und mit Moos gepolstert. Und Niemand
-hat es entdeckt. Aber wenn dann der Abendwind so durch den
-Wald hinrauscht und über das Gras fährt und die Unken<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-rufen und die Eulen schreien, dann wird mir's so grausig
-und ich muß an's Sterben denken und daß es uns noch schlimm,
-recht schlimm gehen kann.</p>
-
-<p>Ach, Deine Mutter und Deine Brüder sind so stolz und
-mein Vater &ndash; mein Vater hat sich noch gar nicht gebessert.
-Ich fürchte immer, wenn Du einmal Herr Lehrer bist, bin ich
-Dir auch zu gering und Du schämst Dich meiner. Es war
-doch viel besser und schöner, als wir noch Kinder waren,
-wenn wir uns dort im Hüttchen über Alles besprachen und
-Du immer die schönen Geschichten wußtest aus den Büchern,
-die Dir die Schullehrer gaben. Ich mußte immer die verwunschene
-Prinzessin sein und Du warst dann der Prinz, der
-die Zauberer und Ungeheuer todt machte. Ein andermal
-wolltest Du Dir ein Schloß kaufen und Ritter werden und
-dann mußte ich irgendwo gefangen sitzen und dann hast Du
-mich befreit. Dann dachten wir, es könnte auch Alles so werden
-und es wäre dann so schön, so schön! Und denkst Du
-noch an jenen Sonntagabend, an der Guntramseiche, als wir
-zurückgeblieben waren und alle Burschen und Mädchen waren
-schon fort, und wie Du mich bei der Hand nahmst und sagtest:
-»Du bist mein Schulschatz gewesen und bist jetzt mein
-Schatz, aber ich will's nicht machen, wie die Andern &ndash; Du
-sollst auch meine Frau werden.« Und als ich Dir sagte:
-»das geht nicht, Deine Eltern leiden's nicht und Du kannst
-als Lehrer keine Holzdiebin heirathen;« da sagtest Du: »Du
-bist ja unschuldig, Deine Eltern zwingen Dich dazu, und meine
-Eltern müssen nachgeben. Ich lasse Dich nicht. Lieber werde
-ich gar kein Lehrer.« &ndash; Damals habe ich Wochen lang geglaubt,
-ich wäre gar nicht mehr auf Erden, ich lebte im Himmel.
-&ndash; Doch ich bin recht einfältig, daß ich lauter solche<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-Dinge schreibe, die Du schon lange weißt. Ich muß Dir recht
-kindisch vorkommen. Aber siehst Du, ich muß immer an diese
-Zeiten denken. Und manchmal denke ich: es geht nicht, es
-kann gar nicht gehen. Und dann denke ich wieder, was Du
-für ein guter, treuer Mensch bist. Und dann bin ich so glücklich,
-so selig. Aber manchmal bin ich auch so traurig, so unglücklich,
-daß ich Dir's gar nicht sagen mag.</p>
-
-<p>Du wirst lachen über die Strümpfe, die ich Dir mitschicke.
-So ein Paar dicke Strümpfe mitten im Sommer. Aber ich
-denke, Du wirst ein Einsehens haben. Ich armes Mädchen
-habe ja Nichts und wollte doch Etwas mitschicken. Da habe
-ich die Wolle genommen, die mir meine Goth' vom Hauserhof
-zu Weihnachten geschenkt hat und habe sie Abends im
-Hüttchen gestrickt. &ndash; Weißt Du auch schon, daß der alte Fink,
-der Seelenverkäufer, wieder im Dorfe ist. Es wundert mich
-nur, daß so einen schlechten Menschen das Meer nicht verschlingt.
-Er war in Californien und hat erstaunlich viel Geld
-mitgebracht. Und die Mädchen, die mit waren, haben alle
-seidene Kleider und goldene Ringe, wer weiß wie! Und sie
-tragen's alle Sonntage und schämen sich nicht.</p>
-
-<p>Ach, Du lieber himmlischer Gott, wenn doch meine Eltern
-nicht auf den Gedanken kommen, mich auch zu verschachern. &ndash;
-Ich glaube, ich würde es nicht erleben.</p>
-
-<p>Schreibe bald einmal wieder. Es ist mir in letzter Zeit
-oft so ängstlich und so bang, als müßte bald ein Unglück geschehen.
-Nun Gott wird helfen! Ich grüße Dich und küsse
-Dich vieltausendmal, Du herzlieber Schatz.</p>
-
-<p class="center">
-Deine Dich bis in den Tod liebende</p>
-<p class="right">
-Babette Heimerdinger.
-</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p>
-
-<h2 id="III">III.<br />
-Der alte Fink.</h2>
-</div>
-
-<p>Die Furcht Babettens vor dem alten Fink war durchaus
-nicht unbegründet. Es war nicht die eitle Besorgniß eines
-liebenden Herzens, das im Bewußtsein der Wandelbarkeit
-des Glücks Alles schwarz sieht. Sie kannte die Dorfverhältnisse,
-kannte ihre Eltern und kannte den alten Fink. Und ehe
-sie noch diese Unglück ahnenden Zeilen niederschrieb, hatte bereits
-der kundige Blick des alten Fink mit Wohlgefallen auf
-ihrer herrlichen Gestalt geruht. Und ehe Ernst erfuhr, daß
-der alte Fink da sei, war Babette schon für ihn verloren.
-Denn da hatte der alte Seelenverkäufer bereits den festen Entschluß
-gefaßt, daß sie um jeden Preis sein werden müsse für
-Californien und erwog schon die Mittel, die ihm zu Gebote
-ständen und war im Geheimen außerordentlich thätig.</p>
-
-<p>Um dieses jedoch recht zu verstehen, muß der Leser noch
-einen Blick in das Dorf thun. Einen Theil der Ortsbewohner
-hat er zwar schon kennen gelernt, aber nur den unwichtigeren,
-die Invaliden, die Ruinen. Die Landgänger, die dem
-Dorf seinen eigenthümlichen Charakter verleihen, kennt er noch
-nicht. Aber wenn er sie kennt, dann müßte kein deutsches
-Christenherz in seiner Brust schlagen, wenn es nicht überflösse
-vor Zorn und Ingrimm über diese Schmach und diese Schändung
-des deutschen Namens. Das Landgängerdorf liegt sonnig
-und anmuthig auf den nordwestlichen Abhängen des Taunus,
-mit einem weiten Ausblick bis in die Gegend von Gießen
-und Marburg. Rings ist es umgeben von einem grünen Kranz
-von Buchen- und Eichenwäldern, der sich gar lieblich ausnimmt<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-zu den rothen Ziegeldächern und den schön bemalten Häusern,
-etwa wie ein grüner Brautkranz zu den erröthenden Wangen
-einer geschmückten Braut. Freilich ist es eine gewagte Sache,
-hier von Brautkranz zu reden, wo längst alle Bräutlichkeit und
-Jungfräulichkeit in wüstem, schändlichem Treiben untergegangen
-ist. Aber es hat ihn doch einst verdient und kann ihn vielleicht
-wieder verdienen. &ndash; Wer heutzutage kommt, um Land
-und Leute zu beobachten, der muß im Spätherbst oder Winter
-kommen. Erst wenn die Blätter fallen und die Schwalben
-heimwärts ziehn, kehrt auch der Landgänger heim. Im
-Sommer sind die meisten Häuser unbewohnt und Thüren und
-Läden geschlossen. Man trifft nur hier und da einen Ackersmann
-im Feld. Alles ist so still und leer, wie ausgestorben.
-In der Umgegend heißt es: »Nur die alten Weiber und
-Schulkinder sind daheim.« Erst wenn es draußen im Feld
-und Wald stille wird, wird es im Dorfe laut und lebendig.
-Hier rauscht ein rasselndes Tambourin, dort klagt eine einsame
-Violine; hier orgelt eine Harmonika die neuesten Lieder,
-dort übt sich ein ganzes Orchester. Dazwischen tönen dann
-die gellenden Stimmen keifernder Weiber, schreiender Kinder,
-das Fluchen der Männer, das Singen und Juchzen der
-Jugend. Die Männer sind meistens im Wirthshaus bei
-Karten, Würfeln und starken Getränken. Es ist, da ein wildes
-Lärmen und Gedränge, und englische und französische und
-ganz fremdtönende Flüche schallen durcheinander. <em class="antiqua">Goddam</em>
-und <em class="antiqua">sacré Dieu</em> heißt es herüber und hinüber; denn im
-Dorfe werden fast alle europäischen Sprachen gesprochen, vorzugsweise
-aber englisch und französisch. Mancher Junge und
-manches Mädchen müssen erst in Deutschland deutsch sprechen
-lernen. Aber auch die Weiber bleiben hier nicht im Hause.<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-Kochen und alle weiblichen Handarbeiten sind ihnen ein Gräuel,
-dem sie sich nur im Nothfall unterwerfen. Man kann sie zu
-allen Tageszeiten in größeren und kleineren Gruppen schwatzend
-zusammenstehen sehen. Am liebsten sammeln sie sich jedoch
-zu Kaffee- und Theekränzchen, wo Mürbes und feines Gebäck
-geschmaust und sehr oft süßer Branntwein getrunken wird.
-Es sind meistens große, üppige Gestalten. Doch haben auch
-Viele ein gar krankes, armes Aussehen in Folge ihres Lasterlebens.
-Ihre Kleidung ist, wenn sie die übliche Landestracht
-abgelegt haben, oft sehr reich, aber geschmacklos und ungeordnet.
-Man merkt eben, daß sie auf dem Trödelmarkt gekauft
-oder durch Bettel zusammengebracht ist. Die Jungen wollen
-nicht hinter den Alten zurückbleiben. Darum versammeln sich
-auch Burschen und Mädchen, aber besonders in solchen Häusern,
-wo Niemand eine Autorität geltend machen kann und
-will und gar keine Aufsicht herrscht. Hier wird denn getanzt
-und gespielt. Auch fehlt es nicht an berauschenden Getränken.
-Und ungescheut und ungestraft geben sie sich allen möglichen
-Zügellosigkeiten hin.</p>
-
-<p>Um die zahlreichen Kinder kümmert sich Niemand. Die
-wälzen und balgen sich ungebändigt auf den Straßen umher
-&ndash; ein hoffnungsvolles, heranwachsendes Geschlecht! So geht
-es den ganzen Winter in Saus und Braus. Da wird geschlachtet,
-gebacken, gesotten und gebraten; da wird getrunken,
-gesungen und getanzt, bis der Schnee schmilzt und der Boden
-aufthaut und die erste Lerche trillert. Dann ist keine Ruhe
-mehr unter dem Wandervölkchen. Dann verstummen die Gesänge
-und die Harmonika's. Und wenn der Kukuck schreit, und
-die erste Schwalbe kommt, ist Niemand mehr da von diesen
-Zugvögeln. Aber was treiben sie draußen? und wo ist der<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-Schauplatz ihrer Thätigkeit? Ihre Thätigkeit lassen sie sich
-nicht gerne beschränken. Sie besuchen alle bekannten und zugänglichen
-Theile der Erde. Doch beehren sie am liebsten
-den Westen: England, Frankreich, Amerika, Californien. Indessen
-ist Australien auch recht beliebt unter ihnen. Der alte
-Fink hat sogar bereits China und Japan bereist.</p>
-
-<p>Ueber ihre Beschäftigung sprechen sie sich nicht gern aus.
-Doch ist man darüber durchaus nicht im Unklaren. Die Männer
-treiben hauptsächlich Handel und Musik. Die Kinder betteln.
-Weiber und Mädchen leben vom Tanz oder von noch schlimmeren
-Dingen. Damit soll nun nicht ausgeschlossen sein, daß
-nicht auch die Männer betteln und die Weiber nicht auch
-öfters hausiren gingen und Musik machten.</p>
-
-<p>Da wird bereits aller Sitte und Zucht Hohn gesprochen.
-Die Familienbande sind gelöst. Eheliche Liebe ist nicht da.
-Kindliche Pietät muß zu Grunde gehen. Die heiligsten Triebe
-werden geschändet und gemordet. Aber noch schändlicher &ndash;
-weil hier die Bettelei und die Prostitution gewerbsmäßig betrieben
-wird &ndash; ist die Seelenverkäuferei. Sie wird aber nur von
-den kühneren Naturen und solchen, die über ein Kapital zu
-verfügen haben und zwar auf eine doppelte Weise ausgeführt.</p>
-
-<p>Die unbedeutenden Art ist die, daß Kinder zum Betteln
-zusammengemiethet werden, wofür die Eltern sehr anständige
-Summen erhalten. Hierbei werden die Reisen nicht besonders
-weit ausgedehnt. Der Norden Deutschlands, Schweden und
-Rußland sind gewöhnlich die Zielpunkte der Unternehmung.
-Die Kinder werden natürlich zur Verstellung, zum Lügen und
-Stehlen professionsmäßig angelernt &ndash; ein schöner Same für
-die Zukunft! Sie sind dabei vollständig in die Gewalt und
-Willkür roher gewissenloser Menschen gegeben und müssen Unsägliches<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-erdulden. Jedes kann Gott danken, wenn es wohlbehalten
-die Heimat wieder erreicht.</p>
-
-<p>Von dem Raffinement und der Frechheit dieser Bettelfahrer
-nur ein Beispiel: Eine deutsche Prinzessin, in's russische Czarenhaus
-verheirathet, hatte einst besonderes Wohlgefallen an
-so einem blondlockigen rothbackigen Mädchen gefunden. Dieses
-Wohlgefallen aber mußte sie büßen, indem man ihr dafür die
-Verpflegungskosten einer langwierigen Krankheit und endlich das
-Geld zum Begräbniß abschwindelte. Und während die Prinzessin
-ihre Dukaten hergab und Thränen über die Leiden und
-den Tod ihres Liebling weinte, war derselbe frisch und gesund.
-Von größerer Bedeutung und Ausdehnung ist die andere Art
-von Seelenverkäuferei: das Miethen von <em class="gesperrt">Tanzmädchen</em>,
-oder wie die Amerikaner sie nennen: <em class="gesperrt">Hurdy-Gurdy's</em>. Es
-sind dabei reichlichere Auslagen und mehr List, Muth und
-Geschick nöthig. Es werden aber auch ganz enorme Summen
-verdient &ndash; zwanzig- bis dreißigtausend Thaler haben Etliche
-schon nach wenigen Jahren mit heimgebracht. An Mädchen fehlt
-es nur selten. Denn auch vermögendere Bauern und Pächter
-geben ihre Kinder her und die Armen helfen sich dadurch aus
-ihren Schulden. Es handelt sich fast nur um den Preis. Die
-Mädchen wissen es nicht besser. Sie werden in die Seehäfen
-Nord- und Südamerika's, nach Australien, ganz vorzüglich
-aber nach Californien gebracht. In den dortigen Tanzhäusern
-dienen sie den spitzbübischen Wirthen und Dienstherren als
-Lockvögel, um den leichtsinnigen Matrosen, Goldgräbern und
-Bergleuten die vollen Taschen auszuleeren. Und aller Humbug
-der neuen Welt und alle Gaunerei der alten Welt wird dabei
-angewendet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p>
-
-<p>Aus den Mädchen haben bald Mißhandlungen und hitzige
-Getränke die letzten Reste von Scham hinausgetrieben. Und
-die meisten dieser leichtfertigen Geschöpfe geben sich von ganzem
-Herzen dem zuchtlosen Leben hin. Es muß übrigens ein
-schmähliches Gewerbe sein, denn keine Nation der Erde &ndash; auch
-die gesunkenste nicht &ndash; liefert Contingent dazu. Die Hurdy-Gurdy
-sind nur Deutsche, nur Rheinländerinnen.</p>
-
-<p>Die Armuth war die Grundursache dieser auffallenden,
-aber entsetzlich traurigen Erscheinung und ist es zum Theil
-noch jetzt. &ndash; Man hat sich gewöhnt, die Armuth von einer
-gewissen idyllischen Seite anzusehen. Wer sie aber so ansieht,
-den hat die Noth mit ihren hohlen Augen und hohlen Wangen
-noch nicht ernstlich angeblickt; dem hat der Hunger noch
-nicht in den Gedärmen gewühlt. Kein Brod und keine Arbeit
-&ndash; ist schrecklich! Und der weise Salomo wußte recht
-gut, was er that, als er sich keine Armuth erbat. Vor hundert
-Jahren war noch Arbeit im Dorf: Bergmannsarbeit
-und Wollspinnen. Aber es kam eine Zeit, da war keine Arbeit
-mehr da. Und es war eine Zeit unbeschreiblichen Elends.
-Da machte sich ein Mann, kühner und energischer als die Andern,
-auf, um mit Fliegenwedeln, jenen bekannten, aus weichem
-Holz geschnitzten, faserigen kleinen Besen einen Handel
-zu treiben. Er brachte viel Geld heim. Und er zog weiter
-und weiter den Rhein hinab bis zu den Mynheers, wo man
-sein Deutsch nicht mehr verstand. Und wieder brachte er viel
-Geld heim. Plötzlich stand er als ein zweiter Columbus vor
-dem atlantischen Ocean, denn er war fest entschlossen, hinüber
-zu segeln und drüben war ihm lauter unbekanntes Land.
-Zuerst kam er nach England. Und John Ball bezahlte das
-unbekannte Fabrikat generös. Da war es, wie er heimkam,<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-als hätte er das Goldland entdeckt. Und nun zogen seine
-Schwiegersöhne und deren Verwandte und Freunde mit. So
-ging es weiter und weiter. Erst gingen die Schwiegersöhne,
-dann das ganze Dorf und zuletzt die ganze Umgegend. Erst
-lernten sie die Straßen der großen Weltstädte kennen und die
-großen Häuser, dann die leichten Sitten und die Verderbniß,
-und zuletzt wurden sie so schlecht, wie der schlechteste Auswurf
-derselben. Erst handelten sie mit Fliegenwedeln, dann mit
-andern Waaren, dann kamen sie zur Musik und Bettelei,
-dann zur Prostitution und zuletzt zur Seelenverkäuferei. Und
-so kommen wir denn auch wieder auf den <em class="gesperrt">alten Fink</em>. Er
-war durch den kühnen Unternehmungsgeist, mit dem er alle
-Schwierigkeiten, die diesem elenden Gewerbe entgegenstanden,
-leicht und schnell beseitigte und durch den Erfolg, der ihn bisher
-begleitet hatte, unstreitig das Haupt der Seelenverkäufer
-in der Gegend. Und als solcher genoß er bedeutendes Ansehen
-und Einfluß, statt Verachtung und Abscheu. Denn das
-Geld ist in diesen armen Walddörfern allmächtig. Aber was
-halfen ihm die Tausende von Dollars, die er heimbrachte?
-Ein reicher Mann ist er doch nie geworden. Es
-war kein Segen in dem Geld. Er hatte sich zwar einen
-Landsitz gekauft, ein schönes Haus und schöne Aecker, aber er
-hatte einen etwas nachlässigen Verwalter an seinem Schwiegersohne.
-Der ließ die Aecker brach liegen, wenn der Schwiegervater
-fort war und machte Schulden auf Schulden. Und
-wenn Niemand mehr borgte, verkaufte er das Vieh aus den
-Ställen und das Gras von den Wiesen. Wenn aber Alles
-fort war, was beweglich war, mußten die Oefen dran und
-die Fenster und die Stallthüren. Bei der Heimkehr des alten
-Fink sah es in der Regel am häuslichen Herd ziemlich<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-unfreundlich aus und er mußte jedesmal tief in den Geldbeutel
-steigen, um Alles wieder einigermaßen in Ordnung zu
-bringen. Es setzte dann auch scharfe Auftritte ab. Einmal
-flog sogar dem Schwiegersohn eine Kugel hart am Kopfe
-vorbei und schlug in die Wand. Aber das nächste Mal war
-es doch wieder so. Ebenso brauchte aber auch der alte Fink
-für seine eigene Person schon ganz ansehnliche Summen. Er
-aß und trank gern gut, war sehr gesellig und spielte gern
-den großen Herrn. In seinem Hause hielt er offene Tafel.
-Im Wirthshause waren die, die an seinem Tische saßen, stets
-seine Gäste. Bei Kirchweihen und Märkten gingen Hunderte
-drauf. Als es ihm einmal eines Morgens an Gesellschaft
-fehlte und eine Anzahl Holzhauer vorübergingen, rief er diese
-herein, bezahlte Jedem einen Gulden Taglohn und bewirthete
-sie bis spät in die Nacht hinein. &ndash; Diesmal war er zu seinem
-besonderen Malheur zur Sommerszeit heimgekehrt und
-hatte sich von einem heimischen Badeorte fesseln lassen, während
-Frau und Mädchen bereits nach Hause waren. Bald
-war er dem allgemeinen Strome zur Spielbank gefolgt. Er
-hatte anfangs viel Glück und lebte ein paar Tage herrlich
-und in Freuden. Aber auf einmal wandte sich das Spiel
-und er verlor Alles &ndash; Alles, so daß er nicht einmal den
-Wirth bezahlen konnte und zu Fuß heim wandern mußte.
-Zu Hause wurde er nicht sehr aufmunternd von seiner Frau
-empfangen, die, von Geburt eine Schottin, als Geizdrache allgemein
-bekannt war. Sie hatte zwar schon bei Zeiten einen
-schönen Nothpfennig zurückgelegt, aber es war hart für den
-alten Fink, von ihrer Barmherzigkeit leben zu müssen. Er
-lebte bereits in zweiter Ehe. Seine erste Frau war auf eine
-schauerliche Weise in Australien um's Leben gekommen. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-war damals noch kein Seelenverkäufer. Aber er war immer unternehmend.
-So war er von Adelaide aus mit seiner Frau zu
-verschiedenen Malen unter die Eingebornen gegangen. Seine
-Frau hatte sich in einen phantastischen verlockenden Anzug gehüllt
-und trug ein Branntweinfäßchen auf dem Kopf. Er war dagegen
-mit Harmonika und Revolver bewaffnet. Wenn sie nun
-einen Lagerplatz der Eingebornen erreicht hatten, wurde der
-Branntwein ausgetheilt, und während sich dieselben berauschten,
-ließ er Lieder und Tänze erschallen und seine Frau sang,
-tanzte und machte allerhand Gaukeleien. Ihre Einnahmen
-waren außerordentlich, weil sie Goldkörner für den Branntwein
-erhielten. Aber als einmal der Golddurst erwacht war,
-waren sie hiermit nicht mehr zufrieden. Ihnen glänzten die
-Goldklumpen, die die Eingebornen in Nase und Ohren trugen,
-zu sehr. Sie thaten betäubende Dinge in den Branntwein,
-und als nun Alles berauscht und betäubt da lag, schnitten
-sie die Ohren- und Nasenzierden ab. Es gelang ihnen
-auch ein-, zweimal. Aber sie hatten dadurch die Eingebornen
-in Wuth gebracht, und als sie es zum dritten Mal versuchten,
-wurden sie überfallen und nur mit Mühe entkam er allein.
-Seine Frau blieb in den Händen der Kannibalen zurück.
-Den nächsten Tag fand er ihren furchtbar verstümmelten
-Leichnam. &ndash; Die mit dem Blut seiner Frau erkauften Goldkörner
-wurden das Kapital zu seinem Seelenhandel.</p>
-
-<p>Sein Verhältniß zu dem Bürgermeister des Dorfes war
-fast zärtlicher Natur. Sie waren Schul- und Jugendfreunde.
-Eine Leidenschaft und ein Streben vereinigte sie. Wenn sie
-nicht Freunde waren, mußten sie Nebenbuhler sein, denn sie
-waren gleich groß im Trunk und Kartenspiel und in ihrer
-Begeisterung für das schöne Geschlecht. Dieses innige Band<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-der Freundschaft hatte sich im Alter nicht gelöst, so wenig
-wie ihr Bestreben und ihre Begeisterung aufgehört hatte. Es
-war sogar noch inniger geworden, je mehr sie sich gegenseitig
-nöthig hatten. Der Bürgermeister brauchte Geld für seine
-kostspieligen Liebhabereien und der alte Fink brauchte obrigkeitlichen
-Schutz.</p>
-
-<p>Sie standen jetzt Beide in den Sechzigen und waren ein
-ausgesuchtes Paar. Der alte Fink, eine kurze gedrungene Gestalt
-mit einem Körper von Stahl. Denn alle Klimate der
-Erde und ein wüstes, ausschweifendes Leben hatten an ihm
-gerüttelt, aber er schritt noch so fest einher, wie ein Jüngling.
-Er glich in seinem Auftreten einem behäbigen, gemüthlichen
-Bürgersmann, und seit sein Haar schneeweiß war, hatte er sogar
-etwas Ehrwürdiges.</p>
-
-<p>Der Bürgermeister dagegen war ungewöhnlich lang und
-schwank und trug eine Nase im Gesicht von einer überraschenden
-Größe, Schwere und Röthe. Es war, als hätten sich alle
-Nasen seiner ungnädigen Vorgesetzten zu <em class="gesperrt">einer</em> Nase vereinigt
-und diese spielte nun in allen Farben des Regenbogens. Ueber
-dieser Urgroßmutter aller Nasen thronte eine Brille mit dicken,
-großen Gläsern, in der eigentlich der Zauber seiner bürgermeisterlichen
-Würde verborgen lag. Denn wenn er redete,
-schob er sie auf die Stirne und zog die Nase herunter. Auf
-diese Weise erhielt sein Gesicht eine Wichtigkeit, daß die hohen
-schnorrenden Nasentöne, die nun hervorkamen, ihre Wirkung
-nicht verfehlen konnten. Er war gewöhnlich schweigsam, denn
-so kostbare Waare, wie seine Worte, durfte nicht wohlfeil
-werden. Sein Gewissen lag in einem Branntweinsglas und
-kam nur dann wieder zum Vorschein, wenn man nicht frischen
-Branntwein darüber goß. Er war von Morgens bis Abends<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-im Wirthshaus &ndash; wahrscheinlich um Ordnung zu halten;
-machte auch dort seine Geschäfte ab. So sagte man in der
-Umgegend: Wer den Bürgermeister von F. sehen will, muß
-ihn durch ein Schnapsglas betrachten.</p>
-
-<p>Im Winter war eigentlich seine fette Zeit; im Sommer
-lag er oft brach und mußte sich mit Holzfuhrknechten, mit
-Scheerenschleifern und allerhand Gesindel, was gewöhnlich auf
-der Grenze umherspukte, begnügen.</p>
-
-<p>Wenn wir übrigens das Rathen und Thaten dieser zwei
-Helden näher betrachten wollen, müssen auch wir sie im Wirthshaus
-aufsuchen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="IV">IV.<br />
-Im Wirthshaus.</h2>
-</div>
-
-<p>Als ich mich der Theologie widmete, dachte ich auch nicht,
-daß ich bald nach meinem Amtsantritt den Kochlöffel in die
-Hand nehmen müßte und daß mein nächstes Studium &ndash;
-»Henriette Davidis« sein würde. Aber es war so. Mein
-Kosthaus wurde mir aufgekündigt; ein anderes Haus, wo
-man mit Appetit essen konnte, war nicht da; einen Koch zu
-halten, erlaubte meine Besoldung nicht; verheirathet war ich
-nicht. Es blieb mir also, wenn ich warme Speisen haben
-wollte, nichts Anderes übrig, als selbst zu kochen. Freilich
-kostete es einige Ueberwindung und Bedenken. Aber ich
-dachte: das Kochen wird wohl auch keine Hexerei sein und
-machte mich frisch an's Werk. Und siehe da! &ndash; es ging.
-Es kamen natürlich vorerst eine Menge Fehlversuche vor. Da
-war es denn gut, daß ich meinen alten, treuen <em class="gesperrt">Anton
-Scheppler</em> hatte. Der aß die mißglückten Produkte meiner<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-Kochkunst mit einer Selbstverleugnung und einem Appetit,
-der wohl besserer Leckerbissen werth gewesen wäre. Im Augenblick
-bildete er mein ganzes Dienstpersonal. Er war meine
-Magd, mein Kammerdiener und mein Auslaufejunge. Doch
-theilte ich seine Thätigkeit mit der Kirche und der Gemeinde.
-Denn er bekleidete noch das Amt eines Küsters, eines Ortsdieners
-und eines Nachtwächters. Wenn er außerdem noch
-einen Verdienst bekommen konnte, nahm er den auch noch mit.
-Denn er hatte allein die Obliegenheit, eine ziemlich starke
-Familie zu ernähren. Seine Frau sagte: wenn sie arbeiten
-wollte, hätte sie ihn nicht genommen; da hätte sie auch daheim
-bleiben können, da hätten sie Arbeit genug gehabt. Sie
-war eigentlich schon sein zweiter Heirathsversuch. Sein erstes
-Ehegespons, die schön und sauber war, »daß man sie auf
-jeden Markt führen konnte«, wie er sich ausdrückte, war ihm
-bei einem Ausflug nach England mit einem Riesen, den man
-in einem Marktflecken für Geld zeigte, durchgebrannt. Mit
-der zweiten ging es auch nicht recht. Er hatte Unglück mit
-den Weibern, der gute Anton. Aber die Liebe, die er zu
-seinen Kindern zeigte, seine Ehrlichkeit und Anhänglichkeit
-machten ihn mir wirklich theuer. Auch besaß er ein ganz
-ungewöhnliches Erzählertalent, womit er mir schon manchen
-Abend erheitert hatte. So saß er wieder einige Tage nach
-den schon erzählten Auftritten eines Abends bei mir und kaute
-mit beiden Backen an einem Kalbsragout, was ich des Morgens
-etwas zu steif gekocht hatte. Ich hatte, scheint es, ein
-wenig zu viel Mehl daran gethan, denn es wurde allmählich
-so dick, daß ich es nur mit Mühe aus dem Topfe herausbrachte.
-Ich hatte ihm in der Angst, es könnten Stickanfälle
-vorkommen, ein Glas Dünnbier dabeigestellt. Aber es erwies<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-sich als vollständig unnöthig, denn er schnalzte und schmatzte
-so nachdrücklich, daß ich alle Minuten glaubte, er würde mich
-um das Rezept von dem kostbaren Ragout angehen. Das
-Bier sparte er sich auf zu der Pfeife, die er sich jetzt stopfen
-durfte. Und nachdem diese brannte und er einen herzhaften
-Schluck genommen hatte, sagte er: »Herr Pfarrer, wenn der
-Babette Heimerdinger Gefahr drohete, würden Sie Etwas
-für sie thun?«</p>
-
-<p>»Ich würde alle Kräfte aufbieten, sie zu retten,« antwortete
-ich. »So denke ich auch. Weiß Gott, ich habe an dem
-Mädchen einen wahren Narren gefressen. Sie ist die Schönste
-und die Beste im Ort. Sie ist hülfreich und tugendhaft.
-Wenn ich in ihr Gesicht sehe, dann ist mir es, als wenn
-die Sonne aufging. Und wenn sie mir Morgens begegnet
-und sagt so freundlich: »Guten Morgen, Anton«, dann, meine
-ich, könnte mir den ganzen Tag kein Unglück passiren.«</p>
-
-<p>»Wenn das Eure Frau wüßte, Anton!« »Das darf sie
-wissen. Darin ist sie mit mir einig. Sie sagt oft selbst:
-Das ist ein Goldmädchen; dem wünschte ich einmal einen
-ordentlichen Mann und keinen solchen Dreidrath. Damit
-meint sie mich.«</p>
-
-<p>»Das merke ich«, sagte ich lachend.</p>
-
-<p>»Sie ist so gut auf die Babette zu sprechen, weil sie nie
-an unsern Kindern vorbeigeht, ohne sie zu streicheln und ihnen
-Etwas zu schenken, oder das kleinste auf den Arm zu nehmen
-und zu küssen. Es wäre mir leid, wenn der alte Fink
-das Mädchen bekäme.«</p>
-
-<p>»Ist denn Etwas im Gang?« fragte ich ganz erschrocken.</p>
-
-<p>»Ei freilich. &ndash; Sehen Sie, Herr Pfarrer, ich will nicht
-besser scheinen als ich bin. Ich war auch draußen im Land<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-und habe an zehn Jahre lang die Orgel gedreht. Aber mit
-den Mädchen, das ist einmal unrecht. Sie wollen es zwar
-Alle nicht gesagt haben, aber hier darf ich es sagen. Und
-es ginge mir ein Stück vom Herzen weg, wenn die Babette
-auch so eine verdorbene Person geben sollte.«</p>
-
-<p>»Was ist denn eigentlich geschehen? So redet denn
-doch einmal.«</p>
-
-<p>»Etwas ganz Besonderes ist es nicht. &ndash; Die Wirthsleut'
-mußten heut all' in's Feld, drum sagte die Annelies zu mir:
-Anton, sagte sie, der Schnapskrug steht auf dem Schrank
-und das Bierfäßchen liegt angesteckt im Keller. Wenn Jemand
-kommt, dann gib ihm, nur dem Förster Köhler nicht;
-der borgt alle Welt aus und bezahlt nicht. Ich sagte: Schon
-gut. Ich that's ja nicht zum ersten Mal.</p>
-
-<p>Es war des Morgens schon früh heiß und ich setzte
-mich unter den Lindenbaum vor dem Haus in den kühlen
-Schatten. In der Wirthsstube waren der alte Fink und der
-Bürgermeister gar eifrig im Gespräch, und von Zeit zu Zeit
-riefen sie mich hinein, daß ich die Schnapsgläser wieder füllte.
-Das Fenster stand auf und ich konnte jedes Wort verstehen,
-ohne daß ich horchte.</p>
-
-<p>»Kommt der Heimerdinger?« fragte der alte Fink.</p>
-
-<p>»Er kommt!« antwortete der Bürgermeister und lachte
-selbstgefällig dazu. &ndash; »Hast ihn bestellt?«</p>
-
-<p>»Nein, aber du wirst sehen: er kommt. Zehn Pferde
-hielten ihn heut nicht aus dem Wirthshaus.«</p>
-
-<p>»Nun, so sprich, alter Sünder! Brauchst bei mir nicht
-so wichtig zu thun mit deiner Klugheit &ndash; wir kennen uns.«</p>
-
-<p>»Es ist ja weiter nichts. Ich habe ihm nur heute früh
-im Vorbeigehen gesagt, Du hättest die Schuldverschreibung<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-von seinem Haus und wolltest sie aufkündigen. Den Schrecken
-und den Brast, den ihm das macht, kann er nicht ohne Schnaps bewältigen.
-Wirst sehen. Aber hast Du auch die Verschreibung?«</p>
-
-<p>»Freilich habe ich sie und theuer genug. Das Lumpenpapier
-kostet mich fünfhundert Gulden. Du hast Dich auch
-einmal wieder verrechnet mit dem »Krämerheimbuk«, &ndash; alter
-Schlaukopf. Der ist so gescheut wie ein Mensch. Als ich
-so zu flankiren anfing und von der Schuld sprach, die der
-Heimerdinger bei mir hätte und wie mir es lieb wäre, wenn
-ich Alles beisammen hätte, damit ich ihm besser zu Leib rücken
-könnte, wußte er gar nicht, was ihn das anging. Und als
-ich ihm geradezu sagte, ich wüßte, daß der Heimerdinger ihm
-sein Haus verschrieben habe, gab er lauter ausweichende Antworten.
-Und je mehr ich drängte, desto zäher wurde er.
-Endlich als ich zornig ward und fortging und die Thür hinter
-mir zuwarf, daß das Haus zitterte, ward er manierlich. Er
-rief mich zurück und wir wurden handelseinig. Aber ich
-mußte dem Halunken die rückständigen Zinsen und noch fünfzig
-Gulden extra bezahlen. Der Heimerdinger will auch noch
-etwas Baar in die Finger haben. Das Mädchen kostet mich
-sechshundert Gulden, so gut wie einen Kreuzer. Was machte
-meine »Alte« Augen, als sie so viel herausrücken mußte!
-Ich habe auch mein Lebtag noch nie soviel gegeben. Die
-»Anne-Mile« war die theuerste und die kostete vierhundert
-Gulden. Mit dem Heimerdinger hätte es alle die Umstände
-nicht gebraucht, aber die Frau, die Frau! Die ist nicht anders
-zu ködern. Aber das Haus läßt sie nicht, denn sie ist
-merkwürdig stolz.«</p>
-
-<p>»Baue nicht zu sicher d'rauf, sagte der Bürgermeister. Es
-sind Weiber. Und die Babett bringst Du gar nicht in Rechnung.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p>
-
-<p>»Ein Gewitter soll Dich und Alle verzehren«, schrie da
-der alte Fink, »wenn der Anschlag mißlingt und ich die Babett
-nicht bekomme. Ich muß sie haben und wenn ich einen
-Mord thun müßte! Du weißt, wie es mit mir steht. Ich
-muß Geld haben, sonst bin ich verloren. Ich spüre auch
-schon das Alter in den Knochen. Es wird meine letzte Reise
-sein und da will ich Etwas für meine alten Tage haben.
-Zehntausend Dollars muß sie mir wenigstens einbringen.«</p>
-
-<p>»Bist Du denn der anderen sicher?«</p>
-
-<p>»Die habe ich sicher und schon bezahlt.«</p>
-
-<p>Ueberdem trat Heimerdinger in die Stube. Er grüßte
-kleinlaut und setzte sich an einen Tisch, den ich von außen
-recht gut überschauen konnte. Die zwei Anderen belauerten
-ihn wie zwei Raubthiere, stellten sich aber, als kümmerten
-sie sich gar nicht um ihn.</p>
-
-<p>Er that einen tiefen Zug Schnaps aus dem Glas, das
-ich ihm hingestellt hatte. Dann aber, als hätte er Gift getrunken,
-stieß er das Glas so heftig auf den Tisch, daß es
-fast ganz verschüttet ging und auf dem ganzen Tisch herumlief.</p>
-
-<p>Es war still im Zimmer, aber es war keine wohlthuende
-Stille. Mir war so unheimlich, wie wenn schwere Gewitterwolken
-am Himmel hängen und kein Blatt sich regt in der
-schwülen Luft.</p>
-
-<p>Heimerdinger stierte auf den Tisch. Dort war eine Mücke,
-frecher wie die andern, dem auf dem Tische liegenden Branntwein
-nahe gekommen. Aber der starke Duft hatte sie betäubt.
-Sie war hineingefallen. Ihre Flügel wurden naß, und nur
-mit Mühe schleppte sie sich eine Weile weiter. Endlich ganz
-betäubt und ermüdet sank sie hin und ersoff. Heimerdinger
-hatte mit großer Aufmerksamkeit und Aufregung zugesehen.<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-Jetzt sprang er auf, schlug sich wider die Stirn und rief,
-als wenn er unsinnig geworden wäre: »Mein Bild &ndash; mein
-Bild! &ndash; Verflucht will ich sein, wenn noch einmal so ein
-gottverdammtes Glas an meine Lippen kommt.«</p>
-
-<p>»Man meint, Du wolltest schon in aller Frühe eine Comödie
-aufführen. Bist und bleibst der lustige Heimerdinger«,
-sagte der alte Fink so kalt und spöttisch, daß ich ordentlich
-grimmig wurde über ihn.</p>
-
-<p>Heimerdinger fuhr auf, als erwachte er aus einem wüsten
-Traum. Einen Augenblick starrte er auf die Beiden, dann sank er
-auf seinen Stuhl zusammen wie ein zugeklapptes Taschenmesser.</p>
-
-<p>Nach einer Weile unterbrach wieder der alte Fink das
-Stillschweigen: »Heimerdinger, Du bist ein Esel!« rief er mit
-seiner tiefen und starken Stimme, daß es ordentlich schallte.
-Dem aber schoß auf einmal alles Blut in's Gesicht. Ganz
-rasend sprang er auf und faßte den alten Fink an der Gurgel,
-aber der baumstarke Fink drückte ihn zusammen, wie ein
-Kind, schüttelte den vor Wuth Zitternden und schrie: »Ruhig,
-sage ich, ruhig!« Dann schob er ihm sein Glas zu und
-sagte: »Da trink! &ndash; Und nun sage ich noch einmal: Du
-bist ein Esel, weil Du Dir helfen kannst und thust es nicht!
-Bist Du denn noch der alte, fidele Heimerdinger? Ich kenne
-Dich nicht wieder. Ich dachte, wenn es Einer im Dorfe
-leicht nimmt, daß Alles d'rauf geht, so ist es gewiß der Heimerdinger.
-Jetzt thust Du aber gerade, als wäre es mit Dir
-Mathäi am Letzten. Lustig, sag' ich, immer lustig! So trink
-doch, Du Schwerenöther! Und wenn Du kein Geld hast und
-der Wirth nicht mehr borgt, so hast Du noch gute Freunde.
-Hier hast Du ein paar Thaler.«</p>
-
-<p>Heimerdinger war wieder in seinen Trübsinn verfallen.<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-Er hatte das Schnapsglas nicht angerührt, obgleich er den
-Blick nicht von ihm wenden konnte. Als ihm aber der alte
-Fink die Thaler aus seinem Beutel hinschüttete, hatte er plötzlich
-aufgeschaut und ihn mit großen Augen angesehen. Er
-nahm jeden Thaler in die Hand und wog ihn. Es war, als
-wolle er es nehmen. Plötzlich schob er es aber wieder zurück und
-sagte: »Glaubst Du, ich wüßte nicht, wo Du hinauswillst,
-warum Du die Verschreibung an Dich gebracht hast und nun
-das Geld einforderst? Du willst meine Babett. Aber die ist
-viel zu gut für Deine versoffenen Matrosen und Deine californischen
-Goldgräber. Ich verkaufe mein frommes, schönes
-Kind nicht. Ich kann nicht, wenn ich auch wollte. Behalte
-Dein Blutgeld; ich bin kein Judas.«</p>
-
-<p>»Himmelsakramenter!« schrie der alte Fink, fast blau im
-Gesicht vor Zorn. »Du miserabler Hund, Du Lump! hast
-Weib und Kind an den Bettelstab gebracht und willst mir so
-etwas bieten.« Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn
-auf den Boden, daß die Splitter in alle Ecken flogen. Mit
-diesem furchtbaren Ausdruck seines Zornes schien sich derselbe
-auch schon wieder verkühlt zu haben und nur noch wie nachrollender
-Donner hieß es: »Ei, Dich soll ein Gewitter verschlagen,
-Du verfluchter Lump!«</p>
-
-<p>»Anton,« rief mir der Bürgermeister, »schenk' einmal
-ein. Mach' auch dem Heimerdinger sein Glas voll und stell
-es hierher auf unsern Tisch. Und Du, Heimerdinger, setz
-Dich hier auf den Stuhl zu uns! Hörst Du? Nun, willst
-Du gehorchen? So. Und nun trinkst Du mit uns. Willst
-nicht? Bist Du etwa zu vornehm geworden? Auf Deine
-Gesundheit, Heimerdinger! So, das war einmal ein herzhafter
-Zug!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p>
-
-<p>Heimerdinger hat auf <em class="gesperrt">einen</em> Zug sein Glas ausgeleert.</p>
-
-<p>»Anton,« sagte jetzt der Bürgermeister zu mir, »kannst
-den Krug hier stehen lassen. Auf meinem Pult daheim ist
-Allerhand zum Ausschellen zurechtgelegt. Das kannst Du
-jetzt thun.«</p>
-
-<p>Ich merkte, daß der Bürgermeister den Karren, den der
-alte Fink in seiner Hitze verfahren, wieder in das rechte Geleise
-bringen wollte und gab dem Heimerdinger einen heimlichen
-Rippenstoß, er solle mitgehen. Er hat mich auch verstanden.
-Ich habe es ihm angesehen. Er wollte auch mitgehen,
-aber er konnte nicht. Der Schnapskrug hielt ihn fest.
-Ich habe einmal gehört von der Klapperschlange, daß die die
-Vögel bannen könnte mit ihrem Blick, daß sie nicht fortkönnten,
-wenn sie auch wollten. Wie so ein Vogel saß auch der Heimerdinger
-da. Er wußte, daß ihm der Hals zugeschnürt würde,
-aber der Schnapskrug hielt ihn fest. Als ich ihn heute Abend
-aus dem Wirthshaus taumeln sah, da wußte ich, er war doch
-ein Judas geworden und hatte seine Tochter verkauft.</p>
-
-<p>Herr Pfarrer, wenn Sie etwas thun wollen und thun
-können, thun Sie es schnell. Doch ich muß zehn blasen gehn.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="V">V.<br />
-An der Guntramseiche.</h2>
-</div>
-
-<p>Der Sattler Guntram von Friedberg hatte sein nährendes
-Handwerk aufgegeben, weil er reich genug war und war
-ein gewaltiger Nimrod geworden zum großen Aerger aller
-Hasen und Füchse in den nahen Waldgebirgen, die durch das
-fortwährende Knallen seiner Flinte auf ihren einsamen Streifereien
-und Vergnügungen jetzt immerfort gestört wurden.<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-Zu seinem besonderen Glück gab es damals in Deutschland
-keine Auerochsen und Bären mehr. Die hätten sich vielleicht
-nicht so lange ärgern lassen. Er war ein seltsamer Jäger;
-kurze Beine, kurzen Athem und kurzen Blick, und im Grunde
-hatten die Hasen und Füchse gar wenig Respekt vor seinem
-dicken Bauch und seinen dicken Brillengläsern. Aber wenn
-er Abends heimkam vom Anstand, da wußte er beim Glase
-Apfelwein und langer Pfeife so grausige Geschichten zu erzählen,
-daß die Andern nur mit offenem Munde und stehendem
-Haare zuhören konnten.</p>
-
-<p>Doch die böse Welt wagte in letzter Zeit auch seine stille
-Größe anzutasten. Man sagte, das viele Wild, was er heimbrächte,
-kaufe er alles beim Förster in Cransberg. Und selbst
-in seinem Apfelweinklub, wo man ihm stets die aufrichtigste
-Bewunderung gezollt hatte und keinen Augenblick an seiner
-Fertigkeit zweifelte, drangen gelinde Bedenken ein. Zuerst
-waren Etliche so kühn, bei den Kraftstellen seiner Erzählung
-ein feines Lächeln sehen zu lassen. Dann widersprach man ihm sogar.
-Zuletzt utzte und hänselte man ihn ungescheut. »Ehre
-verloren, Alles verloren,« sagte Meister Guntram zu sich.
-»Heute gehe ich nicht heim, bis ich etwas geschossen habe.« &ndash;
-Da hatte der Cransberger Förster zu ihm gesagt: »Wenn
-Sie ein Reh schießen wollen, dürfen Sie nicht warten, bis
-Sie es sehen. Wann es im Gebüsche raschelt, wann Sie
-den Schatten sehen, dann drauf los.«</p>
-
-<p>Und horch! Raschelt es jetzt nicht im Gebüsch, fällt jetzt
-nicht ein Schatten auf die Wiese? Er schießt los. Aber
-klang das nicht wie menschlicher Schrei? Er läuft hin. Aber
-da liegt ja auch kein Rehbock. Da liegt die alte Krexline,
-die sich dürren Reisig sammeln wollte für ihren Kaffee. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-verwendet noch einmal die Augen, macht eine Faust und ist
-mausetodt. &ndash; Meister Guntram weiß nicht, wie er heimgekommen
-ist. Ist auch nimmer auf die Jagd und zum Apfelwein
-gegangen. Aber dort an der Eiche, wo die Krexline
-erschossen lag, mitten im dichten Wald, wo die prächtigen
-Waldwiesen liegen und das Sauerbrünnlein quillt, hat er sich
-eine Bank gepolstert aus Rasen und Moos und hat oft da
-gesessen und heiße Thränen geweint. Jetzt ist er längst gestorben
-und begraben, aber das Voll nennt es dort noch immer
-»<em class="gesperrt">an der Guntramseiche</em>«.</p>
-
-<p>An der Guntramseiche war der Tummelplatz der Jugend
-an den Sonntagnachmittagen zum lustigen Tanzen, Spielen
-und Singen. Dagegen an den Werktagen war es still dort
-und einsam. Und in der lieblichen Waldeinsamkeit habe ich
-gar manchmal gesessen, in mein Buch vertieft und mein Pfeifchen
-schmauchend.</p>
-
-<p>So war ich wieder einmal hinausgewandert. Ich suchte
-die herrliche Kühle und einen frischen Trunk ans dem Sauerborn,
-denn das Thermometer zeigte im Schatten 25 Grad
-Réaumur. Aber siehe, mein Plätzchen war bereits besetzt.
-Es saß auf der Moosbank die Enkelin der alten Krexline,
-Babette Heimerdinger. Ich hatte sie schon von Weitem erkannt.
-Doch als ich nun näher trat, erschrak ich heftig bei
-ihrem Anblick. Bleich wie der Tod war ihr Antlitz, aus dem
-sonst das frische, gesunde Leben lachte; die sinnigen, blauen
-Augen blickten starr und glanzlos in das Weite; das blonde,
-reiche Haar ringelte sich in wilder Unordnung um ihre Schultern;
-die kräftigen Arme ruheten wie gelähmt in ihrem Schoos.
-Es war die Erscheinung einer an Leib und Seele Gebrochenen,
-die abgestorben ist für die Außendinge. So klang auch<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-ihre Stimme eintönig und hohl. So war auch ihre Rede fast
-die einer Geistesabwesenden.</p>
-
-<p>Ich dachte nicht, daß sie mich bemerkt hätte, denn sie war
-in ihrer halbliegenden Stellung verblieben und hatte keinen
-Zug in ihrem Gesichte verändert; aber plötzlich redete sie
-mich an:</p>
-
-<p>»Es ist gut, daß Sie kommen. Ich habe gebetet, daß
-Sie kommen möchten. Es mußte Jemand kommen, sonst wäre
-ich verzweifelt.« Sie schwieg hierauf eine Weile, dann begann
-sie wieder: »Ich bin arm &ndash; arm &ndash; entsetzlich arm.
-Ich habe Niemand &ndash; Nichts mehr in der Welt. Alles ist
-todt &ndash; leer &ndash; fort. Ich habe keine Eltern mehr, nicht
-Vater &ndash; nicht Mutter, keine Heimat &ndash; keine Liebe. Alles &ndash;
-Alles ist fort. Das Haus ist schuld &ndash; der Fink, der Erzbösewicht!«
-&ndash; Hier war wieder eine Pause, dann rief sie:
-»Ernst! Du lieber, lieber Bub! &ndash; Dich haben sie mir genommen!
-Wir sind geschieden auf immer und ewig! Sie beschmutzen
-und besudeln mich! Ernst!« schrie sie laut auf
-und immer lauter &ndash; »Ernst! Ernst!« Zuletzt war sie aufgesprungen,
-mit den Händen in der Luft umhergefahren, war
-eine Weile hin und her geschwankt und dann leblos auf den
-Rasen hingesunken. Man kann mir glauben, daß ich tüchtig
-erschrak. Ich glaubte anfangs, sie wäre todt. Und da ich
-gar nicht wußte, was ich beginnen sollte und auch weit und
-breit Niemand entdecken konnte, rief ich um Hülfe. Aber
-Niemand antwortete. Da fiel mir erst ein, daß sie ohnmächtig
-sein könnte. Ich eilte rasch mit meinem Glase an den
-Sauerborn und besprengte sie tüchtig mit Wasser. Aber es
-half Nichts. Ich wiederholte das Manöver. Da endlich,
-nachdem ich schon zu verzweifeln begann, schlug sie die Augen<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-auf und kam nach und nach zu sich. Ich sagte: »Gott sei
-Dank!« Sie aber war ganz verwundert. Endlich begann
-sie sich über ihre Lage klar zu werden und brach nun in einen
-Strom von Thränen aus, der allmählich in krampfhaftes
-Schluchzen überging. Da ich dieses für sehr wohlthätig erachtete,
-ließ ich sie ruhig gewähren. Und als sie sich herzlich
-satt geweint hatte, begann sie von selbst gleichsam zur Rechtfertigung
-der Scene, die ich eben angesehen hatte, ihre Erzählung:
-»Wenn Sie Alles wissen, Herr Pfarrer, werden Sie
-nicht erstaunen, daß mir schwach geworden ist. Ich habe es
-schon lange kommen sehen. Seit etlichen Tagen aber wußte
-ich es ganz gewiß, daß Etwas wegen mir im Werk war.
-Denn mein Vater saß nicht umsonst die Tage her so oft und
-so lange mit dem Bürgermeister und dem alten Fink im
-Wirthshaus und hatte nicht umsonst mit meiner Mutter so
-viel heimlich zu verkehren. Dazu kommt noch vorgestern
-Abend Försters Anna zu mir geschlichen und sagt: »Weißt
-Du auch etwas Neues? Wir sind veraccordirt: ich, Du,
-Fuchse Greth, Schulheimbuk's Lisbeth, Zimmers Dine und
-Treppe Dorth. In drei Wochen geht es nach Californien.
-Sie freuen sich schon Alle über den Staat und die Herrlichkeit.
-&ndash; Die schlechten Dinger! An das Andere denken sie
-nicht. Ich habe mir schon fast die Augen aus dem Kopf
-geheult. Doch, ich muß heim. Verrath' nichts, sonst bin ich
-verloren!« Damit war sie auch schon fort. Ich aber war
-ganz starr vor Schrecken, daß ich gar nichts sagen konnte.
-Doch war ich bald wieder ruhig, denn ich mußte immer denken:
-Deine Mutter hilft Dir! Deine Mutter läßt es nimmer
-zu. Sie hätte es auch nicht zugelassen und hätte es bei
-meinem Vater auch durchgesetzt; denn so nachgiebig sie sonst<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-gegen ihn ist; was uns Kinder angeht, hat sie immer ihren
-Willen behauptet. Aber sie hatten es zu pfiffig angefangen.
-Sie wollten ihr das Haus nehmen &ndash; ihr letztes Eigenthum
-&ndash; und das läßt sie sich nicht nehmen. Dazu ist sie
-viel zu stolz. Ach, die Zwei: der Bürgermeister und der alte
-Fink &ndash; das sind zwei Bösewichte, so schlecht und schlau!
-Die kennt Niemand aus. Früher hatten wir als allerhand
-Waaren beim Krämerheimbuk geborgt und der Vater hat auch
-noch als baar Geld bei ihm gelehnt. Auf einmal waren es
-dreihundert Gulden und wir wußten gar nicht, wie sie zusammengekommen
-waren. Aber sie waren da. Der Krämerheimbuk
-hat es uns vorgerechnet bis auf den letzten Pfennig.
-Und es wäre schon damals Alles zur Versteigerung gekommen,
-wenn wir ihm nicht das Haus verschrieben und sich meines
-Vaters Bruder für uns verbürgt hätte. Jetzt hat der alte
-Fink dem Krämerheimbuk die Schuldforderung abgekauft. Und
-der will nun entweder mich oder das Haus. Auf etwas Anderes
-will er sich nicht einlassen. Das Alles habe ich nicht
-so gewußt. Gestern Abend hat es mir meine Mutter erst
-gesagt und dabei bemerkt: »Du wirst Dich doch wohl fügen
-müssen.« Ach, ich bin gar so sehr erschrocken, als ich erfuhr,
-daß wir in der Gewalt des schrecklichen Menschen wären und
-meine Mutter ihm beistimmte.</p>
-
-<p>»Lieb Mutterchen,« habe ich gesagt, »Du wirst es nicht
-thun! Nicht wahr, Du hast mich lieber als das Haus? Du
-weißt, ich wäre verloren hier und dort, wenn Du mich diesem
-Manne übergibst. Ebensogut könntest Du mich, Dein eigen
-Fleisch und Blut, mit diesen Deinen Händen in die Hölle
-hineinstoßen, wie Du mich zu Schmach und Verbrechen verkaufst?«
-Da wurde sie feuerroth im Gesicht und ich dachte<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-schon, ich hätte gewonnen Spiel, da meine Worte solchen Eindruck
-machten. Aber es kam anders. Sie sagte: »Wie redest
-Du doch, mein Kind? Wo nimmst Du nur die Worte
-her, die einen ja ordentlich ergreifen? Doch, denke ja nicht,
-daß Du mich erschüttern könntest. Du kennst mich einfach
-nicht, sonst würdest Du Dich gar nicht mühen. Mein Herz
-ist todt und leer. Sie haben es draußen getödtet. Ich weiß
-von keinem Erbarmen, denn man hat kein Erbarmen mit mir
-gehabt. Sieh' ich habe Dich lieb, wie meine eigene Jugend,
-denn Du bist das Bild derselben. Ich hätte Dir auch gern
-die Leiden und Kämpfe erspart, die ich durchzumachen hatte.
-Aber es sollte nicht sein. Und wer kann seinem Schicksal entfliehen?
-Es ist so, wie ich es schon oft gedacht habe. Die
-Tugend ist recht schön, aber sie ist einmal für uns arme Leute
-nicht. Ich habe es nicht anders gefunden in der weiten
-Welt. Wo Armuth war, war auch Schlechtigkeit, Laster und
-Verbrechen. Es herrscht wohl auch viel Verdorbenheit unter
-den Reichen und Wohlhabenden. Aber es gibt immer noch
-Brave und Gute. Dagegen der Arme kämpft vergebens gegen
-sein Schicksal. Man glaubt gar nicht an seine Tugend.
-Wir heißen nur Spitzbuben, Strauchdiebe, Vagabonden, feile
-Dirnen, Bettelpack und Lumpengesindel. Und weil man einem
-alles Schlechte zutraut, so muß man auch schlecht werden.</p>
-
-<p>Doch ich muß Dich einmal einen Blick in mein Leben
-thun lassen. Du sollst erfahren, was ich noch keinem Menschen
-gesagt habe.</p>
-
-<p>Ich war ein junges, unschuldiges Ding und schön &ndash; wie
-alle Leute sagten &ndash; da hat mich auch Einer mitgenommen
-nach Amerika. Es ist schwer, wenn man so allein und schutzlos
-ist, sich der Frechheit der wilden Männer zu erwehren,<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-aber ich wehrte mich. Eines Tages verfolgten mich zwei:
-ein Irländer und ein Italiener, die Haupthelden unseres
-Tanzlokals, auf die Straße. Ich jagte flüchtigen Fußes durch
-die Straßen von New-York. Aber die Beiden mir ständig
-nach, wie zwei wilde Bestien. Es war schon Alles öde und
-vereinsamt und nirgends Hülfe zu erwarten. Meine Kräfte
-fingen an nachzulassen. Noch einen Augenblick und ich war
-rettunglos in ihrer Gewalt. Schon streckten sie ihre Arme
-nach mir aus, da schrie ich Hülfe! Hülfe! so laut ich konnte.
-Und noch schrie ich &ndash; da kam es plötzlich wie eine Windsbraut
-über die beiden Kerle. Der eine flog in diese &ndash; der
-andere in jene Ecke der Straße. Ein Jüngling, hoch und
-gewaltig, war plötzlich zwischen sie getreten mit dem Rufe:
-»Weg, ihr amerikanischen Schurken! Ein deutsches Mädchen
-schreit um Hülfe!«</p>
-
-<p>Nie werde ich seinen Anblick und seine Worte vergessen.
-Es war eine große, kräftige Gestalt mit langen, blonden Locken
-und blauen, blitzenden Augen und einem Gesicht, so fein,
-wie ein Mädchenangesicht. Er hatte mich an seinen Arm
-genommen und nun stand er da, hochaufgerichtet, mit einem
-einfachen Stock bewaffnet, um seine Gegner zu empfangen.
-Denn diese hatten ihre Messer gezogen und drangen wüthend
-auf ihn ein. Mit etlichen wohlgezielten Streichen trieb er
-die Feiglinge in die Flucht. Und da ich noch sehr entkräftet
-war, nahm er mich mit in ein naheliegendes Kaffeehaus und ließ
-mir eine Tasse Kaffee reichen. Er betrachtete mich eine Zeitlang
-unverwandt, ging dann mehrmals durch die Stube, in
-der außer uns Niemand war. Dann fing er auf einmal an
-und sagte: »Ich bin ein deutscher Student. Ich mußte flüchten,
-weil ich mein Vaterland zu heiß geliebt habe. Zu Hause<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-sitzt eine alte Mutter und eine bleiche Braut. Die weinen
-um mich. Ich werde sie nie wiedersehen. Ich bin daheim
-zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt. Da draußen, in den
-Wäldern, habe ich mir ein Haus gebaut. Aber es ist mir
-zu einsam dort, wo ich nur den Schall meiner Stimme und
-meiner Büchse höre. Darum kam ich in die Stadt. Ich
-suchte Menschen. Hier fand ich Dich. Du gleichest, liebes
-Mädchen, meiner Braut: dieselben treuen, braunen Augen,
-derselbe süße Mund und Deine Stimme ist meiner Mutter
-Stimme. Ich habe einen Entschluß gefaßt. In Amerika
-freit man schnell. Kannst Du mich lieben? Willst Du mein
-Weib werden?« Dann blieb er vor mir stehen &ndash; die Arme
-gekreuzt &ndash; und schaute mich an so ernst und so liebreich.</p>
-
-<p>Ich war erst ganz erschrocken und verschüchtert. Endlich
-wagte ich die Augen aufzuschlagen. Ich spürte aber ordentlich,
-wie mein Herz und meine Seele zu ihm hinübergezogen
-wurden. Auf einmal lagen wir uns in den Armen und er
-drückte einen langen, heißen Kuß auf meinen Mund. So
-mag eine Zeitlang vergangen sein. Es waren die seligsten
-Augenblicke meines Lebens. Plötzlich schlug er sich wider die
-Stirn und sagte: »Da habe ich mich wieder einmal schön
-vergallopirt. Mädchen, wie heißt Du denn? Was bist Du?
-Und kannst Du auch über Dich verfügen?« Ich fühlte, wie
-mir alles Blut aus dem Gesichte zurücktrat. Mir war so
-angst, so angst. Ich wußte, daß ich mit dem einen Wort
-mein ganzes Glück vernichtete. Ich wollte lügen, aber ich
-konnte nicht. Ich nannte meinen Namen und sagte: ich sei eine
-Hurdy-Gurdy. Da wurde er bleich wie der Tod. Er schaute
-mich mit einer furchtbaren Verachtung an; dann aber so grenzenlos
-traurig, daß mir schon die Thränen aus den Augen stürzten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span></p>
-
-<p>»Mädchen,« sagte er, »Du weißt nicht, wie entsetzlich
-wehe Du mir gethan hast! Es ist nicht blos die schreckliche
-Täuschung &ndash; nicht blos, daß ich meine Liebe, die so plötzlich
-und so stark in mir entstanden war, unterdrücken muß, &ndash; es
-ist die Schmach, die meinem lieben deutschen Vaterlande angethan
-wird durch solche deutsche Mädchen.« Und damit wankte
-der starke Mann wie ein Trunkener zur Thüre hinaus. Ich
-wollte rufen &ndash; ich streckte die Arme nach ihm aus &ndash; da
-wurde es dunkel vor meinen Augen und ich stürzte ohnmächtig
-zusammen. Ich verlebte schreckliche Tage. Ich hatte ihm
-sagen wollen, daß ich rein und tugendhaft geblieben wäre mitten
-in diesem wüsten Treiben. Ich suchte ihn auch überall
-und forschte nach ihm, um es ihm noch zu sagen. Aber ich
-fand ihn nicht. Er war wahrscheinlich wieder nach seinen
-Wäldern. Ich dachte zuletzt: Und wenn du es ihm nun auch
-sagst &ndash; wird er dir auch glauben? Wird dir es überhaupt
-Jemand glauben? Ein furchtbarer Zorn gegen das Schicksal
-bemächtigte sich meiner. Warum sollte ich denn besser sein
-als die Welt mich machte? Warum sollte ich unnöthigerweise
-die Mißhandlungen erdulden? Ich stürzte mich mitten hinein
-in das wüste Leben und war bald eine der Schlimmsten.</p>
-
-<p>So kam ich nach Californien, nach San Franzisco. Es
-war ein großer Saal und ein blendender Lichterglanz von den
-vielen Kronleuchtern. Mein Blut war wie Feuer durch vielen
-Punsch und das wilde Tanzen. Da stand ich da mit
-fliegendem Athem und klopfender Brust; ein bärtiger Goldgräber
-hielt mich um die Taille und streichelte meine heißen
-Wangen. Da sah ich ganz in meiner Nähe wieder das Jünglingsangesicht
-und diese blauen Augen mit so unendlich traurigem
-und doch so strafendem Blick auf mich gerichtet. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-hätte vor Scham in die Erde sinken mögen und bedeckte mein
-Gesicht mit beiden Händen. Als ich wieder aufblickte, war
-er verschwunden. Aber die Augen &ndash; die Augen habe ich
-nicht los werden können, bis heute noch nicht &ndash; sie haben
-mich weggetrieben von Amerika. Als ich heimkam, trug man
-eben meine Mutter zum Dorfe hinaus. Der Meister Guntram
-von Friedberg hatte sie wie ein Wild des Waldes todtgeschossen.
-Ich war nun ganz allein. Mein Vater war schon längst todt.
-Ich hatte ein paar Aecker und unser jetziges Haus von meiner
-Mutter schuldenfrei geerbt. Dort wohnte ich nun ganz
-einsam. Es war mir lieb, daß das Haus fast völlig im
-Walde stand. Er hatte ja auch ein Haus im Walde. &ndash; Es
-war eine Zeit voll Träumens und Schwärmens. Den ganzen
-Tag konnte ich sinnen über Vergangenes und Zukünftiges.
-Die Hoffnung, mit ihm vereinigt zu werden, hatte ich noch
-immer und baute Luftschlösser, wie es ermöglicht werden könne.
-So hätte ich noch lange fortgelebt, aber mein erspartes und
-ererbtes Geld ging zur Neige. Heirathen wollte ich nicht,
-obwohl ich viele Gelegenheit dazu hatte. Ich mußte darum
-auf einen Erwerb denken. Es sollte vor allen Dingen leichte
-und bequeme Arbeit sein. Ich wandte mich an die alte Barb.
-Sie verschaffte mir auch einen guten Dienst in der Stadt.
-Aber bald sollte ich erfahren, warum sie so geheimnißvoll gethan
-hatte. Mein Herr ging mir überall zu Gefallen, und
-als ich seine Zumuthungen stolz zurückwies, lachte er mich
-aus: »Er hätte nicht umsonst ein Mädchen aus unserm Dorfe
-genommen.« Er drohte mich fortzujagen. Was sollte ich
-machen? Der Winter war vor der Thür; das Essen war
-ausgezeichnet; die Arbeit war kaum zu nennen und&nbsp;&ndash;«
-»Mutter! Mutter!« rief ich &ndash; das Herz wollte mir zerspringen<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-&ndash; »schweig still! Soll ich denn gar Nichts mehr von
-Dir halten? Soll ich denn meine Mutter ganz verlieren?
-Ach, wie dachte ich mir Dich immer so rein! Wie warst Du
-mir immer Vorbild und Muster und jetzt &ndash; jetzt!« »Du
-mußt Alles hören. Es ist Zeit, daß Du es hörst. Das war
-das Schlimmste nicht, es ging immer mehr abwärts. In
-Wien lebte ich in Saus und Braus. Ich hatte Geld in Ueberfluß.
-Ich besuchte Theater, Concerte und Bälle. Die schönsten
-Bücher standen mir zu Gebote. Ich lernte außerordentlich
-viel. Es wurden oft die witzigsten und geistreichsten Gespräche
-bei mir geführt und ich konnte mitreden, mitlachen und mitspotten,
-aber ich weiß nicht &ndash; ich hatte doch keine Befriedigung.
-Inwendig kam ich mir so hohl, so leer vor. Dein
-Vater, den ich kurz vorher geheirathet hatte, war mir ein ständiger
-Vorwurf. Er hatte sich aus Aerger über mein Leben
-ganz dem Trunke geweiht und wurde bei Tag und Nacht nicht
-mehr nüchtern. Ich kümmerte mich gar nicht mehr um ihn.
-Damals sah ich in einer Nacht in einem halbwachenden Zustande
-wieder »die Augen!« Und nun ging es gerade wie in
-Californien. »Die Augen« verließen mich nicht mehr. Aus
-jeder Ecke schauten sie mich an &ndash; so unendlich traurig und
-doch so strafend; im dunklen Zimmer daheim, im hellerleuchteten
-Ballsaal, im Theater &ndash; überall waren sie. Ich konnte
-es nicht mehr aushalten. So habe ich das glänzende Leben
-aufgegeben und bin mit Deinem Vater heimgereist. Wir hatten
-uns gar Nichts gespart, obwohl wir es gekonnt hätten.
-Dazu war Dein Vater ein Trinker geworden. Ich hatte ihn
-dazu gemacht und konnte ihm deshalb auch keinen Vorhalt
-thun. Und wenn seine Launen noch so toll wurden &ndash; ich
-habe immer nachgegeben &ndash; ich hatte es ja um ihn verdient.<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-Euch, Kinder, habe ich immer gern gehabt. Du thust mir
-auch gewissermaßen leid, daß ich Dich hergeben muß. Wenn
-es mit dem Hause nicht gekommen wäre &ndash; es wäre auch
-niemals geschehen. Aber hier &ndash; in mein Herz &ndash; hat sich
-eine Verbitterung und ein Haß eingefressen, von dem Du Dir
-gar keinen Begriff machen kannst. Es steht mir immer vor
-Augen: was hätte aus dir werden können und was ist aus
-dir geworden! Und wer ist schuld an Allem? Doch allein
-das Schicksal und die Welt. Wer arm ist, kommt zu keinem
-sicheren Glück. Du bekommst nie Deinen Ernst! Wenn nur
-die geringste Hoffnung wäre, so solltest Du nicht nach Californien!
-Du entgehst auch Deinem Schicksal nicht, wenn Du
-selbst diesmal noch nicht mitgingest! Wenn dazu nur die geringste
-Hoffnung wäre, so wollte ich Dich bewahren! Aber
-da ja doch gar kein Gedanke daran ist &ndash; was soll ich mir
-mein Haus nehmen lassen? Ich habe Demüthigungen und
-Spott und Lästerung genug erfahren müssen! Sie sollen es
-nicht erleben, daß die stolze Frau Heimerdinger, die sie Alle
-nicht leiden können und der sie alles Böse gönnen, noch aus
-ihrem Hause hinausgeworfen wird! &ndash; Doch genug, ergib
-Dich in Dein Schicksal! Es ist bereits Alles abgemacht.«</p>
-
-<p>»Mutter! Mutter!« schrie ich, »morde mich lieber! Hier ist
-ein Messer, stoße es mir in die Brust!« Aber sie that als
-hörte sie mich gar nicht. »Mutter, ich will ja das, was das
-Haus kostet, mit meiner Arbeit verdienen; ich will arbeiten,
-daß mir das Blut zu den Nägeln herausläuft und Gott, der
-in den Schwachen mächtig ist, wird mir helfen«.</p>
-
-<p>»Kind, du redest Unsinn! Das kannst du nicht.« »Mutter,
-jetzt sehe ich, was Dir immer gefehlt hat, Du glaubst nicht
-an Gott!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p>
-
-<p>»Nein in der Art nicht, wie Du gelernt hast. Doch davon
-spreche ich nicht mit Dir.«</p>
-
-<p>»Aber ich will mit Dir davon sprechen. Siehst Du, »die
-Augen«, die Dir erschienen sind, das war der erste Ruf Gottes
-an Dich, und als Du dem Leichenzug Deiner Mutter begegnet
-bist, das war die zweite Mahnung. Sie ist so gräßlich um's
-Leben gekommen, weil sie Dich verkauft hat für ein Blutgeld
-und Du wirst ebenso schrecklich um's Leben kommen,
-wenn Du mich verkaufst.«</p>
-
-<p>Da wurde aber meine Mutter zornig und fing an mich
-zu schelten. Ueberdem kam mein Vater, und als er hörte,
-von was die Rede war, hat er mich getreten und geschlagen
-und mit den Haaren durch das Zimmer geschleift. Ich konnte
-die ganze Nacht nicht schlafen, aber auch nicht klar denken.
-Dunkle Träume quälten mich. Und zuletzt ergriff mich eine
-Angst, daß ich es nicht mehr aushalten konnte. Da bin ich
-herausgelaufen in den Wald und habe mich hierher gesetzt.
-Ich habe immer dagesessen. Es lag wie ein Alp, wie eine
-Betäubung über mir. Ich wußte Alles, aber ich konnte mich
-nicht rühren. Alles, was meine Mutter gesagt hat und ich
-gesagt habe, ist mir Wort für Wort wieder eingefallen. Dann
-habe ich heiß und lange gebetet. Und so sind auch Sie gekommen,
-aber ich konnte mich immer noch nicht bewegen. Ich
-war wie gebannt.«</p>
-
-<p>»Das war irgend ein mir unbekannter Nervenzustand, der
-über Dich gekommen ist in Folge der starken Aufregung,« erwiderte
-ich, »der ist nun überstanden. Wäre auch das Andere
-ebenso glücklich überstanden! Dein Vater hat wie ein Unmensch
-an Dir gehandelt. Deine Mutter hast Du richtig erkannt.
-Hätte sie Gott vor Augen und im Herzen gehabt, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-hätte gewiß ein glücklicheres Loos gezogen. Nicht die
-Welt und das Schicksal, sondern ihr stolzes, vergnügungssüchtiges
-Herz hat sie in das Verderben gejagt. Aber wie Du
-Deiner Mutter den Namen Gottes zugerufen hast, als sie
-über Dich und Deine Zukunft entschied, so rufe ich Dir in
-diesen schweren Stunden den Namen Gottes zu. Denn nur
-des Herrn mächtiges Wort kann den Sturm Deiner Gefühle
-bedrohen, daß es stille in Deinem Herzen wird, ganz stille.
-Und unter den schwierigen Verhältnissen, denen Du jetzt entgegengehst,
-kann nur seine Hand Dich führen und seine Rechte
-Dich halten. »Gott ist getreu und lässet Dich nicht über
-Vermögen versucht werden.« »Der gute Gott im Himmel
-wird Dich nicht verlassen, noch versäumen.« »Mein Vater
-und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich
-auf!« heißt es, und: »Harre des Herrn, sei getrost und unverzagt
-und harre des Herrn!«</p>
-
-<p>Was ich für Dich thun kann, ist unbedeutend. Mein
-Einfluß auf diese verhärteten Gemüther ist gering und mit
-ihrer List und Verschlagenheit kann ich es nicht aufnehmen.
-Doch was ich zu thun vermag, will ich thun. Auf Etwas
-kann ich Dich übrigens noch aufmerksam machen: Du brauchst
-hier Deinen Eltern keinen Gehorsam zu leisten. Es tritt
-hier der Fall ein, wo es heißt: »Du sollst Gott mehr gehorchen
-als den Menschen!« Sie haben Dich zur Sünde
-verkauft. Und wenn Du ihnen folgst, gibst Du Dich zum
-wenigsten in große Gefahr. Auch haben sie vollständig ihre
-Elternrechte an Dich aufgegeben, indem sie offenbar das Gegentheil
-von dem in Dir pflanzen wollen, wozu Dich Gott
-ihnen anvertraut hat.«</p>
-
-<p>»Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte sie, »fortzulaufen<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-in die weite Welt und dort für mich allein mein Glück
-zu suchen, aber ich kann nicht. Ich bleibe und gehorche.
-Und wenn es noch schwerer wäre, ich bliebe doch! Ich will
-es versuchen, meinen Eltern treu zu sein und auch meinem
-Gott nicht untreu zu werden.«</p>
-
-<p>»Du unternimmst fürwahr Großes und Schweres, Babette
-und ich will Gott danken, wenn es Dir gelingt. Doch des
-Herrn Rath ist wunderbar! Vielleicht soll es so sein. Und
-hier war es, als ob mich ein Geist der Weissagung ergriff.
-Vielleicht sollst Du drüben in Amerika den Ruf einer frommen
-deutschen Jungfrau wieder zur Ehre bringen und Deinen
-gesunkenen Kamerädinnen ein Stachel werden zur Reue und
-Nacheiferung. Wenn Dich aber Gott zu dieser hohen Mission
-als Rüstzeug auserwählt hat, dann sei getrost; der Dich auserwählt
-hat, der weiß, daß Du die Kraft dazu hast und führet
-Alles herrlich hinaus!«</p>
-
-<p>Wir hatten uns auf den Heimweg gemacht, weil es stark
-zu dunkeln begann. Ich hatte ihr noch manches Tröstliche
-gesagt. Auch das noch, daß Gott dem zarten und schwachen
-weiblichen Geschlecht gerade in der Unschuld einen mächtigen
-Schild geschenkt habe, den selbst die größte Rohheit nicht anzutasten
-wage, wenn sie in ihrer kindlichen Reinheit bewahrt bliebe.</p>
-
-<p>Am Rande des Waldes hatte ich sie verabschiedet und
-schaute ihr wohlgefällig nach, wie sie so rüstig und strack dahinschritt
-und schickte ein leises Gebet zum Himmel empor
-für ihr Wohlergehen.</p>
-
-<p>»Ein Rendezvous gehabt, Herr Pfarrer?« zischelte neben
-mir eine Stimme, und eine Gestalt eilte flüchtig an mir vorüber,
-in der ich die »Anne-Mile«, eine der verdorbensten
-Frauen des Dorfes erkannte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p>
-
-<h2 id="VI">VI.<br />
-Die Balzerswäs.</h2>
-</div>
-
-<p>Es war des andern Abends spät ein mächtiges Gewitter
-am Himmel. Die Wolken hingen schwarz und schwer über
-dem Dörfchen. Die Luft war wie ein Feuermeer und wenn
-der Donner krachte, zitterten die Fensterscheiben und wackelte
-mein alter Tisch an der Wand. Jetzt fuhr wieder ein Blitz
-hernieder, so blendend, daß ich die Augen zumachen mußte,
-und dann wogte und prasselte es über mir, als wenn das
-verwetterte Ziegeldach auf mich gefallen käme. Ein alter Eichbaum,
-etliche Schritte vom Hause entfernt, stand in lichten
-Flammen. Damit hatte aber auch das Gewitter seinen Höhepunkt
-erreicht. Nun öffneten sich die Schleusen des Himmels.
-Bald grollten nur noch die Donner in der Ferne und langgezogene
-Blitze erleuchteten das Firmament.</p>
-
-<p>Der Wettersturm draußen in der Natur war ein treues
-Abbild, wie es des Abends in meinem Gemüthe stürmte und
-wetterte. Man hatte mich auf das schmählichste beschimpft.
-Man hatte das Interesse, welches ich an dem Schicksal Babettens
-nahm, und das Wohlgefallen an dem Mädchen, das
-ich offen zeigte, auf das gemeinste gedeutet und zwar hatten
-es die Leute gethan, die noch am ersten im Dorfe den ehrenwerthen
-Bauernstand und die altväterliche Sitte repräsentirten
-und zu denen ich mich noch am meisten hingezogen fühlte.</p>
-
-<p>Es waren die schwersten Augenblicke, die ich bis dahin
-erlebt hatte. Mit großen Schritten wandelte ich im Zimmer<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-umher. Alles war in mir in fessellosem Aufruhr und Empörung.
-Die Finger habe ich öfters in das Fleisch meiner
-Brust eingekrallt und ein- über das anderemal gerufen: »Demüthige
-Dich unter die gewaltige Hand Gottes!« und: »Laß
-Dir an meiner Gnade genügen!«</p>
-
-<p>Der blendende Blitz und der brennende Baum brachten
-mich zu mir selber. Wie aber dann die Schleusen des Himmels
-sich öffneten, so stürzte auch eine Thränenfluth aus meinen
-Augen. Hernach habe ich noch lange am offnen Fenster
-gesessen und in den dunklen Nachthimmel und in das ferne
-Blitzen hineingeschaut und mit meinem Gott gesprochen.</p>
-
-<p>Den ganzen Tag vorher hatten mich die Sorgen für das
-unglückliche Mädchen nicht verlassen. Ich hatte mir gedacht,
-am leichtesten könnten alle Schwierigkeiten gelöst werden, wenn
-die alte Balzerwäs die Einwilligung zu der Verbindung mit
-ihrem Sohne gäbe. Denn hatte nicht die Frau Heimerdinger gesagt:
-»Wenn nur die geringste Hoffnung da wäre, so solltest Du
-nicht nach Californien!« Und sollte denn auch nicht der leiseste
-Hoffnungsschimmer für diese Verbindung zu entdecken sein?</p>
-
-<p>Ich verhehlte mir durchaus nicht das Bedenkliche der
-Sache, denn in einer so wohlhabenden Bauernfamilie, wie die
-Balzerische war, steckt ein Hochmuth und eine Zähigkeit, die
-jeder Einwirkung trotzt. Dabei herrscht eine Nüchternheit und
-trockne Verständigkeit der Auffassung, daß eine Begeisterung
-oder irgend ein höherer Aufschwung geradezu unmöglich erscheint.
-Es ist, als ob der kalte Eigennutz alle Gefühle verknöchert
-hätte. Bei Heirathen gesteht man dem Herzen nicht
-die geringste Berechtigung zu. Nur die Aecker werden gezählt
-und die Viehställe und Weißzeugschränke besichtigt. Und
-die Weiber, bei denen man gern einen idealeren Zug und ein<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-lebhafteres Gefühl voraussetzen möchte, sind die schlimmsten.
-Am wenigsten hatte ich in der Art Etwas von der alten
-Balzerswäs zu erwarten, die mit straffer Hand die Zügel
-ihres Hauswesens führte, seit ihr Mann todt war, vielleicht
-auch schon früher. Auf der andern Seite legte ich großes
-Gewicht auf die freundlichen Beziehungen, in denen ich zu der
-Familie stand, in der ich regelmäßig meine Winterabende zuzubringen
-pflegte. Die Balzerswäs hatte sogar meinem Vater,
-der mich besuchte, versichert, er brauche gar nicht so viel
-nach mir zu sehen, sie sorge für mich wie eine Mutter. Ferner
-hatte in dieser Gegend die Achtung vor dem geistlichen
-Stande Etwas zu bedeuten. Denn, dachte ich, ist nach dem
-Apostel Jakobus die Zunge eine solche Macht zum Bösen,
-ein Feuer, das den Wald anzündet, eine Welt voll Ungerechtigkeit,
-so muß sie wohl auch eine Macht zum Guten sein,
-wenn man sie dazu verwenden will, und ein klein wenig
-durfte ich auch auf meine Fertigkeit im Reden vertrauen.</p>
-
-<p>Der Plan, den ich mir zurecht gelegt hatte, war meiner
-Meinung nach sehr fein und klug ausgedacht und mußte von
-Erfolg sein. Er wäre es vielleicht auch gewesen, wenn er
-überhaupt zur Ausführung gekommen wäre. Aber ich konnte
-ihn nur bruchstückweise gebrauchen; denn als ich in Gottes
-Namen und im Vertrauen auf meine gute Sache hinüberging,
-merkte ich schon gleich beim Empfang, daß nicht
-Alles stand, wie sonst. &ndash; Sonst sagte die ganze Familie
-feierlich »guten Abend!« Der achtzigjährige Großvater oder
-Eller erhob sich hinter dem Ofen, that die Pelzmütze ab, das
-kurze irdene Pfeifchen aus dem Munde und sagte besonders
-»guten Abend, Herr Pfarrer!« Dann wurden die Kinder
-herbeigeholt, der lustige Fritz, die vorlaute Dine und der dicke<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-Adam. Sie mußten mir alle hübsch die Händchen geben.
-Während der Zeit putzte die Balzerswäs einen Stuhl ab und
-stellte ihn oben an den Tisch. Der Friedrich, der unverheirathete
-Sohn, holte ein Glas frisches Wasser am Brunnen
-und stellte es an meinen Platz, weil ich gern Abends ein
-Glas Wasser trank. Der Hanjost dagegen nahm seine lange
-Pfeife von der Wand, die ihm der Ernst zu seinem Geburtstag
-von J. mitgebracht hatte und auf deren Kopf die ganze
-Stadt abgemalt war und lieh sich vom Eller den Tabaksbeutel;
-denn er war nur ein Gelegenheitsraucher. Die Schwiegertochter
-und die Töchter des Hauses gruppirten sich mit ihren
-Spinnrädern und sonstigen Arbeiten um die Hängelampe.
-Recht gemüthlich aber wurde es, wann die Alte ihr Kaffeetöpfchen
-vom Ofensims nahm. »Denn den Kaffee trinke ich
-für mein Leben gern,« sagte die Balzerswäs. »Morgens
-wann ich aufstehe, muß ich gleich meinen Kaffee haben, sonst
-wird mir leicht schwach. Für zehn Uhr hebe ich mir als ein
-Tröpfchen auf, denn dann erquickt er mich am meisten. Mittags,
-gleich nach dem Essen, trinke ich als ein Schälchen wegen
-der Verdauung. Um vier Uhr trinke ich mit den Andern
-und da schmeckt er mir am besten. Abends, sehen Sie, da
-kann ich das schwere Essen nicht mehr vertragen, da machen
-sie mir als Kaffee. Und vor dem Schlafengehen trinke ich
-auch gern noch eine Tasse. Man schläft besser, denken Sie.«</p>
-
-<p>Wann sie nun Kaffee getrunken hatte, dann ging ihr
-Mundwerk besonders gut, das ganz gewiß auch sonst nicht
-stille stand. Es wurden meistentheils Ortsverhältnisse besprochen.
-Ich machte meine Bemerkungen dazu und betheiligte mich
-sonst an der Unterhaltung. Der Eller, der eine merkwürdige
-Frische des Geistes bewahrt hatte, gab von seinen Erfahrungen<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-zum Besten, und der Hanjost warf oft einen sehr treffenden
-Witz dazwischen, der jedesmal mit großem Lachen aufgenommen
-wurde.</p>
-
-<p>Das war nun den Abend, wie gesagt, Alles anders. Ich
-wurde so kleinlaut gegrüßt und man sah mich so verblüfft
-an, daß ich merkte, man hatte eben noch über mich gesprochen
-und zwar nichts Gutes. Es bot mir sogar Niemand einen
-Stuhl an. Ich wurde selbst ganz verlegen und wollte eben
-fragen, was nur in aller Welt geschehen wäre, als der dicke
-Adam den Zauberbann brach, indem er auf drollige Weise
-die Begrüßung des Großvaters nachahmte. Er stand von
-dem Stühlchen auf, auf dem er gesessen hatte, that seine Kappe
-ab und das Reis, an dem er rauchte, aus dem Mund und
-sagte mit lauter feierlicher Stimme: »Guten Abend, Herr
-Pfarrer!« Alles lachte und ich lachte herzlich mit. Die Schwiegertochter
-hatte mir jetzt auch einen Stuhl zurechtgestellt und der
-Hanjost reichte nach der Pfeife. Aber es dauerte lange, bis
-die alte Balzerswäs zu einer ihrer Töchter sagte: »Ich weiß
-nicht, Dorth, ich meine, draußen in den Kohlen müßte noch
-ein Töpfchen mit Kaffee stehen, geh' hin und sieh' einmal nach!«</p>
-
-<p>Ich lenkte allmählich das Gespräch auf den alten Fink
-und die Mädchen, die er für Californien gemiethet hatte.
-»Es ist ein Schimpf und eine Schande für unser Dorf und
-unsere Gegend, sagte ich, daß hier solche Zustände walten! In
-allen Zeitungen wird darüber geschrieben. Es heißt: keine
-Nation der Erde gäbe sich zu diesem schlechten Gewerbe her &ndash;
-es seien nur Deutsche, nur Rheinländerinnen. Wir könnten
-es ihnen noch besser sagen, wer es ist! Nicht wahr? Jedes
-Mal, wann ich so Etwas lese, preßt sich mein Herz zusammen
-und Flammenröthe bedeckt mein Gesicht. Ich meine immer,<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-auch ich trüge einen Theil Schuld und weiß doch Nichts anzufangen,
-um der Sache Einhalt zu thun. Alle meine Worte
-und Zusprache verhallen wie der Wind. Es sind gar harte,
-verstockte Herzen hier. Und muß es nicht so sein? Kann überhaupt
-noch von »Herz« die Rede sein, wo Väter und Mütter
-ihre eigenen Kinder für Geld dahingeben? Man wundert sich
-über die Unmenschlichkeit der Neger an der Westküste Afrikas,
-wo die Häuptlinge ihre eigenen Stammsgenossen und die Väter
-ihre Kinder an die Sklavenhändler verkaufen. Aber was will
-das heißen gegen die Schändlichkeiten, welche hier begangen
-werden! Dort sind Heiden, hier sind Christen. Und die verblendeten,
-unwissenden Heiden verkaufen ihre Kinder doch nur
-zu Sklaven, aber hier verkaufen christliche Eltern ihre Kinder
-zu H… Wenn irgendwo das Wehe, das der Herr über die
-Menschen ausspricht, durch welche Aergerniß kommt, seine Anwendung
-findet, dann ist es hier.«</p>
-
-<p>»Herr Pfarrer«, sagte die Balzerswäs nach einer kleinen
-Pause, »die Menschen wollen leben, und wenn die Kinder nach
-Brod schreien, dann thut man Manches, was man vor seinem
-Gewissen nicht verantworten kann.«</p>
-
-<p>»Ach was,« sagte ich, »die Noth bricht Eisen, aber ein Gebot
-Gottes darf sie nicht brechen. Wer arbeiten will und
-im Vertrauen auf Gottes Hülfe sich redlich mühet, dem hat
-es noch nie an Gottes Hülfe gefehlt. Nur muß mit dem
-Arbeiten das Beten und mit dem Beten das Arbeiten verbunden
-sein. Die Vögel unter dem Himmel und die Lilien
-auf dem Felde sind mahnende Zeugnisse, daß es Niemand
-fehlen könnte, wenn er nur seine Pflicht treulich erfüllen wollte
-und die Sorgen und den Segen dem Herrn überlassen würde.
-Was gibt es öde und wüste Gegenden in der Welt, wo kaum<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-noch die naschende Ziege einen Grashalm findet in dem Steingeklüft,
-nicht wie hier, wo die reichste Fruchtlandschaft zu unseren
-Füßen liegt und wo selbst noch Korn und Weizen herrlich
-gedeihen, und die Menschen, die dort wohnen, ernähren
-sich redlich und ernähren sich reichlich. Denket nur an die
-Schwarzwälder Uhrmacher und an die Tyroler Geigenmacher,
-von denen Ihr in der letzten Spinnstube gelesen habt. Und
-wenn man solche Kunst nicht versteht und erlernen kann, warum
-ernährt man sich nicht durch Tagelöhner- und Handlangerarbeit?
-Die Fulder sehe ich jeden Sommer in Schaaren in die Wetterau
-gezogen kommen, um sich Geld zu verdienen durch redliche
-Arbeit. Dagegen von unseren Dorfleuten sehe ich keinen
-hinunterwandern, als um gestohlenes Holz zu verkaufen und
-um zu betteln. &ndash; Wenn jedoch selbst die Noth nahezu unerträglich
-wäre, so dürfte immerhin nicht aller Sitte Hohn
-gesprochen und das Heiligste und Göttlichste in der Menschennatur
-unter die Füße getreten werden. Aber es geschieht und
-nicht aus Noth. Sie war es nur anfänglich, die zu diesem
-Treiben hinführte. Jetzt sind viel mehr Geiz und Genußsucht
-die Triebfedern, als die Armuth.«</p>
-
-<p>»Das hört sich zu, als ob man in der Kirche wäre,«
-murmelte Hanjost vor sich hin und die Mädchen fingen an
-zu kichern.</p>
-
-<p>»Es ist durchaus meine Absicht nicht, Euch eine Predigt zu
-halten. Und es braucht's auch wahrlich nicht. Wenn ich schwiege,
-würden die Steine schreien, so auffallend sind die Beispiele,
-die Ihr ständig vor Augen habt. Nehmet die alte Justine!
-Was treibt diese greise Frau mit ihren schlottrichten Knien,
-ihr einzig Kind in die weite Welt zu schicken? Kann sie nicht
-längst der grüne Rasen decken, ehe es wiederkehrt? Und wird<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-es überhaupt wiederkehren? Wer wacht denn nun an ihrem
-einsamen Lager? Wer drückt ihr die müden Augen zu? Hat
-denn solch ein Herz gar kein Bedürfniß nach Liebe? Nachdem
-sie ihren Mann so früh begraben hat und ihr ein Kind nach
-dem andern dahingesunken ist, sollte man nicht meinen, sie
-hätte nun alle Liebe auf dieses Eine übertragen? Hat ihr Gott
-darum dieses Eine gelassen und ihm die blühende Schönheit
-geschenkt, daß es auf mütterliches Geheiß für schnödes Geld
-seine Ehre und seinen Seelenfrieden hier auf Erden und sein
-Hoffen auf das Jenseits so dahingeben soll? Ist es nicht ein
-himmelschreiender Frevel? Und hat sie es nöthig, jegliches Muttergefühl
-zu ersticken, weil rasender Hunger sie quälte oder schreiende
-Noth sie zwang? Hat sie nicht ein zweistöckiges Wohnhaus,
-Aecker und Wiesen, ja sogar Geld ausgeliehen und war nicht
-die Herrschaft, wo ihr Mädchen diente, sehr mit ihm zufrieden
-und wollte es auf keine Weise losgeben? Wißt Ihr noch, es
-war ja hier im Zimmer, als ich ihr so eindringliche Vorstellungen
-machte und zuletzt rief: »Weib, Dich hat der Satan
-verblendet, Du bist vom Geizteufel besessen!« und wie sie da
-wüthend ward und die Fäuste ballte und wie der Großvater
-hinter dem Ofen aufstand und ihr »wehe!« zurief und wie
-ein Prophet weissagte, sie würde elend in die Grube fahren
-und wie sie bleich wurde, als hätte sie ein Gesicht gesehen,
-aber dennoch ihr Kind verkaufte?«</p>
-
-<p>Da räusperte sich hinter dem Ofen der Großvater, der
-immer nach seiner Weise sich Alles zurecht legte. »Sie haben
-Recht, Herr Pfarrer, ganz Recht. Der Geiz ist die Wurzel
-alles Uebels und treue Gesellen im Schlechtmachen sind Fleischeslust
-und hoffärtiges Wesen. Wann aber der Teufel einmal
-Herberge gemacht hat in so einem lüsternen Menschenherzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-dann wird es ärger und ärger und der Mensch lädt sich auf
-und lädt sich auf und denkt nicht an die Zeit des Abladens.
-Die Jugend ist thorhaft, aber das Alter sollte bedächtig sein;
-denn der Tod ist nahe und das Gericht!«</p>
-
-<p>»Großvater,« sagte ich, »das Gericht wartet oft nicht bis
-nach dem Tod. Es ist noch Niemanden Segen erwachsen aus
-dem Kinderhandel. Oder könnt ihr mir ein Elternpaar nennen,
-das nicht zum mindesten von seinen Kindern Vernachlässigung
-und Mißhandlung im Alter geerntet hätte? Da ist noch jüngst
-der alte Knoth im Elend und Ungeziefer zu Grunde gegangen.
-Was haben ihm seine fünf Töchter ein Geld eingebracht! Wo
-ist es hingekommen? Seine Töchter sind sämmtlich gut verheirathet
-und im Wohlstand. Warum hat sich nicht eine einzige
-Hand geregt, um ihm sein letztes Leiden zu erleichtern?
-Warum mußten fremde Leute ihm die nothdürftigsten Handreichungen
-thun? Warum mußte er auf seiner öden Kammer einsam
-und verlassen den letzten schrecklichen Kampf auskämpfen?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es sind ja erst ein paar Tage her, daß der alte Hanfriedrich
-auf seinem Karren krank heimgebracht wurde. Was haben
-ihm seine Kinder für einen Empfang bereitet! In den Kuhstall
-haben sie ihn gebettet! Und da er jetzt wieder auf sein kann,
-darf er um keinen Preis in die Stube. Sein Kaffeetöpfchen
-hat ihm seine Schwiegertochter vom Herd gestoßen, daß die
-Scherben in die Ecken flogen. Wenn ich nicht ernstlich eingeschritten
-wäre, wer weiß, was noch hätte geschehen können.
-Aber es wird auch noch Saat des Verderbens in die Zukunft
-gesäet. Was gibt das Gatten! Was gibt das wieder für
-Eltern! Die Sünden der Väter werden heimgesucht bis in's
-dritte und vierte Glied. Auf welchem Boden sollen auch die
-Gattentreue und die Elternliebe wachsen! Es ist ja bekannt,<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-daß Hofmann's Lisbeth bei dem Tode ihres Mannes zwei
-Malter Weizen verbacken ließ. Alle Welt sollte sich mit ihr
-bei Kaffee und Kuchen und Wein und Bier freuen, daß sie
-endlich von ihrem Manne erlöst sei, der sich doch nur für sie
-in den englischen Fabriken das schmerzliche Rückenmarksleiden
-zugezogen hatte. Sie konnte doch jetzt offen mit ihrem Buhlen
-hervortreten.</p>
-
-<p>Doch am ergreifendsten spiegelt sich gewiß die grenzenlose
-Verderbtheit bei der berühmten Anne-Mile, die ich am vorigen
-Sonntag mit dem braven Leonhard copulirt habe. Was
-hatte sie Gott mit reichen Gaben des Leibes und des Geistes
-ausgestattet und wie benutzte sie dieselben! Es kann mich immer
-unendlich jammern, wenn so ein herrliches Geschöpf im
-Lasterleben zu Grunde geht. Eine vom Hagelschlag verwüstete
-Flur, eine vom Feuer zerstörte Stadt ist fürwahr kein so
-trauriger Anblick, als solch ein durch und durch vergiftetes
-Menschenleben.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Man weiß es ja allgemein, daß sie dem alten Fink in
-New-Orleans entfloh, als die Schottin ihr einst den Rücken
-etwas zu derb mit dem spanischen Rohr bearbeitet hatte. Auch
-machte sie kein Geheimniß aus der traurigen Weise, wie sie
-die reichen Putzgegenstände und das blitzende Gold, das sie
-mitbrachte, verdient hat. Ich erinnere mich noch recht wohl
-ihres ersten Auftretens hier und des Aufsehens, welches sie
-allgemein erregte. Fast ein halbes Jahr und noch länger
-war sie Gegenstand aller Gespräche. Die Weiber machte sie
-verrückt mit ihren seidenen Kleidern und der Straußenfeder
-auf dem Hut; die Burschen und Männer verlockte sie durch
-ihre schwarzen frechen Augen und ihre Buhlerkünste. Ihre
-fünfhundert Dollars, die sie sofort ausgeliehen hatte, waren<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-der Gegenstand der Habgier und der Intriguen. &ndash; Als sie
-einmal so mit ihrem Troß vorüberzog und ich mit dem Großvater
-draußen auf dem Bauholz in der Sonne saß, spuckte
-der aus und sagte ganz laut: »Pfui Teufel!« Selbst aus der
-Stadt kamen die sauberen Herren und umschwärmten sie, und
-sie trug ein Kapital nach dem andern auf die Landesbank.
-Aber während sie Kapitalien machte, die Weiber reizte und die
-Männer verführte und herrlich und in Freuden lebte, lag
-ihr alter Vater von der Gicht geplagt, gliederlahm auf dem
-Schmerzenslager und ernährte sich von dem Bettelbrod, was
-ihr achtjähriger Bruder in der Wetterau zusammenbettelte.
-Als sie jedoch ein Kind gebar, bekam ihr Vater auch diese
-dürftige Nahrung nicht mehr; denn da mußte ihr Bruder das
-Kind halten. &ndash; Der Vater ist gestorben &ndash; ob an der Gicht
-oder an Hunger &ndash; das wird wohl einst entschieden werden. &ndash;
-Da war es denn eine unbequeme Geschichte für sie, daß ihr
-Bruder bei fremden Leuten untergebracht wurde; denn nun
-mußte sie selbst für ihr Kind sorgen und das wurde ihr nach
-gerade so lästig, daß der Bürgermeister eines Morgens ihr
-schreiendes Kind vor der Thür liegend fand und sie ihm
-sagen ließ: er hätte ihr den Bruder aus dem Haus genommen:
-nun könne er auch für ihr Kind sorgen. Wißt Ihr auch, was
-mich am meisten bei ihrer Heirath empört hat? Nicht der freche
-triumphirende Blick, den sie mir am Altare zuwarf; nicht
-daß mir die Hochzeitgäste am Abend ein Spottlied sangen,
-sondern daß die ganze Gemeinde ihr »Ja und Amen« zu
-dieser Verbindung gab. Frau Balzer, Sie haben auch dazu
-gerathen und geholfen! Der Leonhard hat mir's gesagt, als
-ich ihm die ganze Geschichte leid machen wollte. Er hat sich
-darauf berufen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>»Ich habe auch zu der Heirath gerathen und heiße sie
-auch jetzt noch gut. Das Mädchen hat eine schöne Sach', ist
-fleißig und sparsam. Sie ist gut für das Land, gut für die
-Haushaltung und versteht alle Feldarbeit. Was will der
-Lumpenkerl, der Leonhard, mehr? Der ist arm wie eine
-Kirchenmaus.«</p>
-
-<p>»Aber brav und unbescholten,« entgegnete ich, »und sie
-ist die abgefeimteste, frechste Dirne, die ich kenne. &ndash; Das
-ist es gerade, was mich so empört, daß man Nichts hierin
-findet. Man ist so tief gesunken, daß man über die gemeinste
-Gesinnung und die schamlosesten Handlungen keine Entrüstung
-mehr hat. Man hat sich so sehr an das Laster gewöhnt,
-daß man ganz und gar vom Ruf eines Mädchens absieht und
-es nur nach seiner äußeren Brauchbarkeit und seinem Gelde
-schätzt. &ndash; Und was enthält der Begriff »brauchbar für's
-Land« für entsetzliche Nebenbegriffe, die man gar nicht nennen
-darf! und was ist das für sauberes Geld! Mancher
-würde sich bedenken, es nur mit der Feuerzange anzurühren.
-&ndash; Ich hätte fürwahr bei Euch, die Ihr Euch wenigstens
-äußerlich vor jedem Makel hütet, andere Gesinnungen gesucht!
-Darum ist auch mein Kampf gegen die täglich zunehmende
-Versunkenheit so vergeblich, weil ich ihn allein kämpfen muß.
-Wenn noch ächte, unverdorbene Art in Euch wäre, so würdet
-Ihr entschieden auf meine Seite treten und mich mit Rath
-und That unterstützen! Euer Ansehen und Einfluß mit in
-die Wagschale geworfen, würde meinen Worten ein ganz anderes
-Gewicht verleihen.«</p>
-
-<p>Da nun auf diese Worte ein verlegenes Stillschweigen
-erfolgte, glaubte ich, das Feld wäre genug bearbeitet und der
-Zeitpunkt gekommen, meinen Antrag anzubringen. Ich sagte<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-also: »Ich will Euch noch diesen Augenblick eine Gelegenheit
-bieten, wo Ihr zeigen könnt, ob noch besseres Gefühl in Euren
-Herzen schlummert, ob Ihr noch irgend ein Opfer zu bringen
-vermöget, ob Ihr noch einer edlen That fähig seid! Frau
-Balzer und Ihr, alter Großvater, Ihr könnt eine Menschenseele
-vom Verderben retten! Ihr könnt Eure eigene Seele
-retten! Denn wer einer Seele vom Tode hilft, der wird
-die Menge der Sünden bedecken. Bedenket die Nähe Eures
-Todes und des Gerichts! Die Frau Heimerdinger hat erklärt:
-wenn die Babette nur die geringste Hoffnung hätte, den Ernst
-zu bekommen, solle sie nicht nach Californien. Gebt Ihr
-diese Hoffnung! Benutzet die Gelegenheit zu einer edlen That,
-die Euch der Herr durch mich anbietet, und ladet Euch nicht
-den Fluch der Versäumniß auf!«</p>
-
-<p>Wenn eine Bombe plötzlich in das Zimmer gefallen wäre,
-die Gesichter hätten nicht verblüffter aussehen können, als
-durch diese meine Aufforderung. Die Balzerswäs rang sichtlich
-nach Athem. Endlich hatte sie die Sprache wiedergefunden.
-Sie war aufgesprungen und trippelte vor mir auf
-und ab, während sie sprach: »Was sagen Sie, was sagen
-Sie, Herr Pfarrer? Ich kann's gar nicht glauben. Wir,
-wir sollen das schlechte Mensch, die Lumpenbagage, in unsere
-Familie aufnehmen! Dazu haben Sie die lange Einleitung
-gemacht und uns die Predigt gehalten! Da hätten Sie den
-Athem sparen können!«</p>
-
-<p>Ganz niedergeschlagen über den schlechten Erfolg meiner
-gewiß guten Absicht erwiderte ich: »Arm ist das Mädchen
-wohl, aber wenn Sie es »schlecht« nennen, versündigen Sie
-sich! Wer weiß, ob nicht ein besseres Herz unter ihren Lumpen
-schlägt, als unter Ihrem feinen Tuchmieder.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, der Herr Pfarrer soll ja nicht glauben, als wüßten
-wir nicht, warum er so warmen Antheil an der Babett
-nimmt, warum er ihr immer die Hand gibt und so freundlich
-zunickt und oft stundenlang mit ihr spricht! Man ist
-endlich hinter Ihre Schliche gekommen. Sie sind gestern mit
-ihr gesehen worden an der Guntramseich'. Die Dorth hat's
-eben mit heimgebracht. Pfui, schämen Sie sich für einen
-Pfarrer und für so einen frommen Mann, wie Sie sein
-wollen! Doch was ich sagen wollte, mit einem Wort: Mein
-Ernst ist viel zu gut, um Ihre Liebste zu heirathen.«</p>
-
-<p>Ich wußte anfangs gar nicht, was die Frau wollte und
-fühlte nur instinktmäßig, daß sie einen schweren Verdacht gegen
-mich aussprach. Aber als ich endlich merkte, wo sie hinauswollte,
-wurde ich ganz betäubt und fing an schwindelig zu
-werden, so daß ich mich durch einen starken Willensakt wieder
-aufraffen mußte. Da wollte sich nun meiner ein entsetzlicher
-Zorn bemeistern, aber ich beherrschte mich und sagte kalt und
-stolz: »Sie werden es wohl beweisen können, denn beweisen
-müssen Sie es! Solche schwere Verdächtigungen spricht man
-ungestraft nicht aus.« Meine Worte verfehlten ihren Eindruck
-nicht; denn ein rechter Bauer scheut die Amtsstube, wie
-das Feuer. &ndash; Ich wäre nun gern gegangen, aber ich fühlte,
-daß ich mit der Drohung, sie vor Gericht zu belangen, als
-Geistlicher nicht gut scheiden konnte und sagte: »Ich meine,
-ich könnte hier, wo man mich auf so niederträchtige Weise
-beleidigt hat, keine Minute mehr verweilen, aber meinem
-Stand und meiner Stellung bin ich es schuldig, Euch etliche
-Aufklärung zu geben. Ich habe allerdings gestern zufällig
-die Babette Heimerdinger an der Guntramseiche getroffen und
-habe eine lange Unterredung mit ihr gehabt. Auch habe ich<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-ein Werk der Barmherzigkeit an ihr ausüben müssen, denn
-kurz nach meiner Ankunft ist sie in Folge der Mißhandlungen
-ihrer Eltern und des Seelenschmerzes, den ihr die Gewißheit
-machte, an den alten Fink verkauft zu sein, in Ohnmacht
-gesunken und ich habe sie erst nach langen vergeblichen Bemühungen
-in's Leben zurückrufen können. Wenn ich der Babette
-freundlich zunickte und gern mit ihr sprach, so hatte das
-darin seinen Grund, daß ich mich freute in dieser gänzlich
-verkommenen Gemeinde ein reines, unverdorbenes Gemüth zu
-entdecken. Das ist etwa die Freude, die man hat, wenn man
-eine Palme in der Wüste oder eine Rose mitten unter Giftgewächsen
-findet. Und nun, wer mir solche Schlechtigkeiten
-zutrauen mag, der soll es thun! Das muß ich sagen: von
-Euch hätte ich es nicht erwartet, und daß Ihr so leicht den
-Verdächtigungen über einen Mann, den Ihr nun schon jahrelang
-kennt und der Euch gewiß nicht den geringsten Anlaß
-zu Verdacht gegeben hat, Glauben schenkt, ist durchaus kein
-gutes Zeichen für Euch selbst. Doch ehe ich gehe, möchte ich
-doch noch wissen, wer dieses schöne Gerücht in Umlauf gesetzt
-hat. Sage, Dorth, wer hat mich gesehen?«</p>
-
-<p>»Ei, die Anne-Mile,« sagte diese ganz kleinlaut. &ndash; »Nun
-da wußtet Ihr ja schon, was Ihr von der Sache zu halten
-hattet. Leben Sie wohl, Frau Balzer! Dieser Stunde
-werden Sie noch auf dem Todesbette gedenken!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p>
-
-<h2 id="VII">VII.<br />
-Ein Kirchenvorstand.</h2>
-</div>
-
-<p>Die Aufregung vom vorigen Abend lag mir in allen
-Nerven. Ich hätte weinen mögen. Hinaus in's Freie wagte
-ich anfangs nicht zu gehen. Ich dachte, man würde mit
-Fingern auf mich deuten. Auch die Unterredung mit den
-Eltern Babettens, die ich mir auf diesen Morgen festgesetzt
-hatte, gab ich auf. Wäre mir noch einmal so Etwas gesagt
-worden, wie die Balzerswäs mir gesagt hatte, ich hätte nicht
-gewußt, ob ich so gleichmüthig geblieben wäre. Es wogte
-noch gar jugendliches Blut in meinen Adern. Ich war noch
-nicht lange von der Universität heimgekommen.</p>
-
-<p>So war es Mittag geworden. Ich konnte es nicht mehr
-in den engen Wänden aushalten. Ich mußte hinaus. Man
-hätte mich anders ja am Ende gar noch für schuldig halten
-können. Auch schämte ich mich meiner Feigheit.</p>
-
-<p>Als ich kaum aus der Hausthüre getreten war, kam der
-Schneider Heimerdinger mit seinem Hunde daher. Ich hielt
-es für eine passende Gelegenheit, um über Babette mit ihm
-zu reden und rief ihn deshalb an. Er kam auch eiligst herbei.
-Aber nun merkte ich, daß er total betrunken war. Er
-legte mir ganz vertraulich die Hand auf die Schulter und
-fragte: »Nun, Herr Pfarrer, wollen Sie einen Spaziergang
-machen?« Ich schüttelte ihn von mir ab und sagte ihm, ich
-liebte solche Vertraulichkeiten nicht. Ob er sich denn gar
-nicht schäme, am hellen Tage betrunken durch die Straße zu
-wanken. Er solle heimgehen und seinen Rausch ausschlafen.
-Da wandte er sich hinweg und sagte zu seinem Hund: »Bello,<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-beiße einmal den Hochwürden! Er hat deinen Herrn beleidigt.«</p>
-
-<p>Das war diesen Tag mein erster Empfang auf der Straße.
-Als ich weiter das Dorf entlang ging, sah ich, wie Alles
-stehen blieb, was mir begegnete, und mir nachsah. Niemand
-grüßte. Am Wirthshaus fuhren plötzlich eine Menge Gesichter
-zum Fenster heraus und glotzten mich an. Als ich vorüber
-war, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus und Etliche
-riefen: »Vivat! unser Pfarrer lebe hoch!« und die Andern
-wieherten Beifall über den äußerst gelungenen Witz. &ndash; Als
-ich heimkam, war mein erster Gedanke: ich kann hier nicht
-mehr bleiben. Mein zweiter Gedanke: Du mußt bleiben. Du
-bist nicht umsonst an diesen schwierigen Posten berufen worden.
-Willst Du schon beim ersten Anstoß fliehen, wie ein
-Miethling? Wer glaubt, fleucht nicht. Aber Du mußt ernster
-und entschiedener werden! Du mußt einmal die Seelenverkäuferei
-geradezu zum Gegenstand Deiner Predigt machen
-und statt einzelner Hindeutungen auf dieses gottwidrige Treiben
-der Gemeinde unverhüllt das Verderben zeigen, wohin
-sie schon gerathen ist und wohin sie noch gerathen wird. Das
-kann nächsten Sonntag schon geschehen. Und so geschah es.
-Ich predigte mit glühendem Herzen und glühenden Worten
-über den Text: Matth. 24. V. 12: »Dieweil die Ungerechtigkeit
-wird überhand nehmen, wird die Liebe in Vielen erkalten.«
-&ndash; Obgleich es durchaus keine Musterpredigt war
-und sein sollte, so muß ich doch einige der stärksten Stellen
-ausziehen, um sie so am besten in der Kürze zu charakterisiren:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»O wie selig sind die Seelen,<br /></span>
-<span class="i0">Die mit Jesu sich vermählen,<br /></span>
-<span class="i0">Die sein Lebenshauch durchweht;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-<span class="i0">Daß ihr Herz mit heißem Triebe<br /></span>
-<span class="i0">Stündlich nur auf seine Liebe<br /></span>
-<span class="i0">Und auf seine Nähe geht.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Solche Seligkeit liegt hinter Euch, wie das verlorene
-Paradies. Nicht einmal die Ahnung derselben lebt in Eurer
-Brust. Es will Nacht in Euch werden, volle Nacht. Viel
-eher als den Lebensweg werdet Ihr den Verzweiflungsweg
-wandeln, den Judas ging, als er das Blutgeld den Hohenpriestern
-vor die Füße geworfen hatte. Denn Judasväter
-und Judasmütter seid Ihr, die Ihr Eure Kinder für elenden
-Mammon verschachert und verkauft! Wenn der Geiz die
-Liebe tödtete in des Judas Brust, daß er seinen Meister und
-Heiland für dreißig Silberlinge verrathen konnte &ndash; steht Ihr
-vielleicht höher? Ist nicht auch Eure Liebe todt? Auch Eure
-Liebe zu Gott und Christus? Vernichtet und veranstaltet Ihr
-nicht in Folge dieses schamlosen Handels das Ebenbild Gottes
-in Euren Kindern? Werfet Ihr sie nicht dem Satan in
-den Rachen, statt der rührenden Bitte des göttlichen Kinderfreundes
-zu gehorchen? »Lasset die Kindlein zu mir kommen
-und wehret ihnen nicht!« Gibt es irgend Heiden in der Welt,
-die so unnatürlich wie Ihr die angebornen Gefühle eines
-Vater- und Mutterherzens unterdrückten?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Abels Blut schrie zum Himmel hinauf. Kains Fuß war
-unstät und flüchtig auf Erden; auf seiner Stirne brannte das
-Brandmal des Mörders.</p>
-
-<p>Auch auf Eurer Stirn ist das Kainszeichen eingebrannt.
-Die gemordete Unschuld Eurer Kinder schreiet zum Himmel
-hinauf. Wenn sie aus dem Ausland zurückkehren, ist ihr Leib
-zerrüttet und ihre Seele gemordet. Ihr seid die Mörder!
-Und das Feuer, das nicht erlischt, brennt auch Euch, und der<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-Wurm, der nicht stirbt, nagt auch an Euch, daß Ihr nicht
-Ruhe findet, hier nicht und dort nicht. Euch wäre besser,
-Ihr wäret nie geboren!</p>
-
-<p>Und könnte es nicht auch hier schön und sonnig sein, wie
-draußen der helle Sommermorgen? Könnte nicht auch hier
-der Geist der Liebe und des Friedens walten? Ist es nicht
-Gottes Himmel, der sich über uns wölbt? Ist es nicht Gottes
-Erde, auf der unser Dorf steht, und wohnet nicht auch
-bei uns die Fülle seiner Liebe und Gnade? Ist des Sohnes
-Blut nicht auch für Euch geflossen? Hat es nicht Kraft,
-selbst Euch von Euren Sünden zu waschen? Ruft er nicht
-dort auf Golgatha mit seinen ausgebreiteten Armen auch Euch:
-»Kommet her zu mir Alle, die Ihr mühselig und beladen
-seid, ich will Euch erquicken!««&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das sind so etliche Stellen aus dieser Predigt. Sie war
-scharf und schneidend, aber von dem heiligen Zorn des Augenblicks
-eingegeben. Und mußte sie nicht schneidend und scharf
-sein, wenn die Eiterbeule, die an dem Leben der Gemeinde
-fraß, aufbrechen sollte?</p>
-
-<p>Den Nachmittag hatte ich Kirchenvorstandssitzung ansagen
-lassen, nicht etwa in der Absicht, große Berathungen mit den
-Kirchenvorstehern zu pflegen, oder ihre Unterstützung zu verlangen;
-sie sollten blos unterschreiben. Denn auf das Unterschreiben
-und Jasagen beschränkte sich nach ihrer eigenen Wahl
-lediglich ihre Amtsthätigkeit. Ich hatte diesmal ihre Unterschriften
-nöthig, weil ich ein gewichtiges Gesuch an das Amt
-wollte abgehen lassen, worin ich um gründliche und ernstliche
-Untersuchung der obwaltenden Zustände und um schleunige
-Abhülfe bat, da dadurch vielleicht noch manchem schwebenden
-Unheil vorgebeugt werden könne.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p>
-
-<p>Das war mein letztes Rettungsmittel für die Mädchen.
-Man sollte denken, es sei mein erstes gewesen; aber frühere
-Erfahrungen hatten mich nicht besonders ermuthigt und auch
-der Erfolg des vorliegenden Schriftstücks widerlegte meine
-Ahnungen nicht. Um die bestimmte Zeit kamen die »Kirchenherrn«,
-wie man dort den Kirchenvorstand bezeichnet. Voran
-schritt der Bürgermeister. Schon an seinem Gruße merkte
-ich, daß er betrunken war. Dieses wurde aber noch deutlicher,
-als er in das Zimmer trat; denn da fing er so an zu taumeln,
-daß ich alle Augenblicke glaubte, er würde hinstürzen,
-und es wäre auch geschehen, wenn er sich nicht krampfhaft
-an meinem Kanapee festgehalten hätte. Als er kaum diesen
-sicheren Hafen erreicht hatte, ließ er sich auch hineinsinken.
-Wie er aber nun festen Grund unter sich spürte, holte er
-auch sofort seine bürgermeisterliche Würde wieder hervor, indem
-er die große Brille, die sich etwas verschoben hatte, zurecht
-setzte, die dünnen Haare an den Schläfen glatt strich
-und den Hemdkragen hervorzupfte.</p>
-
-<p>»Herr Bürgermeister, Sie sind betrunken und wagen es
-in diese Sitzung zu kommen?« sagte ich.</p>
-
-<p>»Das will ich erst bewiesen haben, daß ich betrunken bin!«</p>
-
-<p>»Sie können ja nicht gehen und stammeln nur die Worte
-hervor und das ganze Zimmer ist voll Schnapsgeruch.«</p>
-
-<p>»Ich will's bewiesen haben, daß ich betrunken bin. So
-was lasse ich mir nicht sagen, dafür bin ich Bürgermeister.«</p>
-
-<p>»Sie verlassen jetzt augenblicklich die Sitzung und ich
-werde über Ihr Betragen berichten.«</p>
-
-<p>»Ich bleibe hier und will den einmal sehen, der den Bürgermeister
-von F. hinausthut!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>»Den werden Sie gleich sehen.« Mit diesen Worten
-faßte ich ihn am Arm und führte ihn trotz seines Sträubens
-zur Thüre hinaus, die ich hinter ihm zuschloß. Eine Weile
-murmelte es draußen und man verstand deutlich Worte wie:
-»Schlechter Pfaff, ich komme Dir auch!«</p>
-
-<p>Dann auf einmal gab es ein furchtbares Gepolter. Der
-Herr Bürgermeister war die Treppe hinuntergefallen. Wir
-liefen schnell herbei, um zu sehen, ob er sich keinen Schaden
-gethan habe; aber er hatte sich schon wieder erhoben und spazierte
-nun die Straße hinauf, indem er von einer Seite derselben
-auf die andere taumelte. Als wir wieder in das Zimmer
-traten, sagte der Kirchenvorsteher Mauser: »Es ist eine
-Schande, Herr Pfarrer! Ich sage weiter Nichts &ndash; es ist
-eine Schande. &ndash; Ich bin vierzehn Tage vor Johanni sechzig
-Jahre alt geworden, aber ich muß sagen, So etwas habe ich
-noch nicht erlebt.«</p>
-
-<p>Mauser war der Wortführer in den Kirchenvorstandssitzungen.
-Er besaß die eigenthümliche Gabe, meine Gedanken,
-wenn sie kaum ausgesprochen waren, zu seinen eigenen zu
-machen und sie weiter auszuspinnen. Er war desto erpichter
-darauf, für einen Ehrenmann und guten Christen zu gelten,
-je deutlicher er fühlte, daß er eigentlich ein Schurke war.
-»Ich habe keinen Feind,« pflegte er zu sagen »und wenn der
-Herr will, werde ich es noch erleben, daß meine Gesinnung
-Anerkennung findet. Die Lieb' und die Freundschaft, die ich
-im Herzen trage, ist gar nicht zu sagen. So bin ich auch
-gegen Sie gesinnt. Ich habe mit allen Pfarrern gar gut
-gestanden. Wir waren immer wie Brüder.« Und in der That,
-er war der Allerweltsfreund und Allerweltsgevattersmann.
-Er war bei allen Viehhändeln, bei allen Krankenbetten, Leichenschmäusen,<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-Taufen und Hochzeiten. Ohne seinen Zuspruch
-und seine beruhigenden Worte geschah Nichts. Das Volk liebt
-es, bei seinen Festlichkeiten einen Mann zu haben, der das
-nöthige Ansehen und genügende Redegewandtheit besitzt, um die
-Mittelsperson bei vornehmen und fremden Gästen zu machen,
-den allgemeinen Gefühlen einen würdigen Ausdruck zu verleihen
-und, wenn das Gespräch stockt, wieder ein neues anzuspinnen
-oder, wie man sich ausdrückt &ndash; »Jemanden für die Ansprache.«
-Dafür war nun unser Mauser wie geschaffen. Er that hierin
-den kühnsten Anforderungen Genüge. Aber auch sich vergaß
-er nicht. Seine Leidenschaft für den Branntwein war eine
-selbst in dem Landgängerdorfe nicht ganz gewöhnliche. Doch
-fehlte es ihm an Mitteln, dieselbe nach Lust zu befriedigen;
-denn seine Frau, die den Schlüssel zum Geldschrank immer
-mit sich führte, hielt ihn äußerst knapp. So mußte er sich
-denn bei andern Gelegenheiten entschädigen und es war fast
-als hätte er dabei noch eine feinere Witterung, als ein Jagdhund,
-so sicher war er dabei, wo Branntwein umsonst gegeben
-wurde. Gar zu gern wäre er Bürgermeister geworden und
-hatte es wahrhaftig nicht an Umtrieben fehlen lassen, aber man
-wollte den Freund und Gevatter Mauser nicht zum Bürgermeister,
-denn man fürchtete für das Gemeindevermögen.</p>
-
-<p>Als ich Nichts erwiderte, sondern vielleicht sehr niedergeschlagen
-aussah, fuhr er fort: »Es muß aber auch in letzter
-Zeit Alles zusammenkommen, um unsern lieben Herrn Pfarrer
-zu beleidigen und zu kränken.« Dabei wischte er mit seinem
-Schnupftuch in den Augenwinkeln, als wenn er ein paar
-Thränen wegzuwischen hätte. »Wissen Sie, daß ich und mein
-Kathrein in der letzten Zeit als ein Stückchen geflennt haben,
-daß sie es unserm Herrn Pfarrer so machen im Ort. O,<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-es sind gar boshafte, neidische Menschen hier im Ort. Wir
-haben es gleich gesagt, daß an der ganzen Geschichte kein
-wahres Wort wäre. Es war am Donnerstag Abend, da saß
-ich und las in der Bibel. Ich lese jeden Abend in der Bibel
-und da kann ich mich so vergessen, daß mein Kathrein als
-sagt: Jakob, weißt Du auch, wie viel Uhr es ist? Es hat
-eben elf geschlagen. So leg' Dich doch in's Bett! Es kostet
-so genug Oel; man kann es gar nicht mehr aufbringen.
-Kathrein, sage ich dann: was hier an irdischem Oel verloren
-geht, das gewinne ich an himmlischem Oel für meine Seele.
-So saß ich am Donnerstag Abend und las in der Bibel, da
-kömmt mein Hannesche hereingestürmt und erzählt in aller
-Hast die Geschichte von Ihnen. Das ganze Dorf spräche davon.
-Da ging ich hin, ohne ein Wort zu sprechen, und gab
-ihm eine Ohrfeige, daß es klatschte. So, sagte ich, wenn
-schlechte Menschen solche Sachen erzählen, dann mußt Du so
-viel Respekt vor unserm lieben Herrn Pfarrer haben, daß Du
-so etwas gar nicht nacherzählst. Und nun gehst Du in Dein
-Bett und legst Dich schlafen. Ich habe aber noch lange mit
-meiner Kathrein Rath gehalten. Kathrein, habe ich gesagt,
-Weißt Du, wer schuld ist an dem Allen? Das ist der Bürgermeister,
-habe ich gesagt. Es muß ein anderes Oberhaupt
-in's Dorf, der alle Strenge anwendet, um die Landgängerei
-zu unterdrücken und nicht überall noch mit Rath und That
-zur Hand geht, und wenn wir keinen andern Bürgermeister
-bekommen, geht noch Alles zu Grunde.«</p>
-
-<p>»Sie mögen Recht haben, Mauser, daß viel Schuld am
-Bürgermeister liegt; aber es muß Jeder seine Schuldigkeit
-thun nach dem Maß seiner Kräfte und Gaben. Ich habe
-hier eine Schrift an's Amt aufgesetzt, worin ich um strenge<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-Untersuchung des Treibens der Seelenverkäuferei und um baldige
-Abhülfe bitte. Das mögen Sie unterschreiben.« »Von
-ganzem Herzen, Herr Pfarrer! Es ist dieses der einzige
-Weg, der noch helfen kann. Das habe ich schon lange gesagt.«</p>
-
-<p>Nun wandte ich mich an den andern Kirchenvorsteher,
-Namens Schwalb, der ein redlicher Mann war, aber zum
-Unglück fast ganz taub. Er saß während der Sitzung gewöhnlich
-so da, daß er die hohle Hand an das am besten
-hörende Ohr legte, den Mund weit aufsperrte und die Augenbrauen
-in die Höhe zog. Sobald ich nach ihm hinsah, nickte
-er freundlich mit dem Kopf und machte eine Bemerkung über
-den jedesmaligen Wetterstand, oder sagte: »Sie haben heute
-gar schön gepredigt,« obwohl er kein Wort recht verstehen
-konnte. Auch jetzt machte er mir das Compliment. Ich gab
-ihm stillschweigend die Schrift zum Durchlesen, aber er unterzeichnete,
-ohne einen Blick hineingeworfen zu haben. Damit
-entließ ich die würdigen Kirchenherrn.</p>
-
-<p>Am folgenden Mittwoch Morgen erhielt ich zwei Dienstbriefe.
-Der eine trug das Amtssiegel, der andere das Decanatssiegel.</p>
-
-<p>Ich öffnete zuerst das Schreiben vom Amt. Da wurde
-ich denn ersucht, erst spezielle Thatsachen aufzuführen und
-Zeugen zu nennen, dann wolle man sich bewogen finden, die
-Zeugen abzuhören und, je nachdem der Thatbestand sich ergebe,
-einzuschreiten. Ich legte den Brief ziemlich unbefriedigt
-bei Seite und öffnete den andern, in welchem noch ein zweites
-Schriftstück lag. Das Schreiben des Decans lautete:
-»Sie empfangen hier eine Anklage Ihres Kirchenvorstandes,
-worüber ich Sie ersuche, sich alsbald zu verantworten.« Die
-Anklage war folgende:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-Hochwürdiger Herr Decan!
-</p>
-
-<p>Wenn es erlaubt ist mit Ihne zu rede, bitte wir Ihne
-um Entschuldigung, daß wir Ihne lästig falle müsse, aber
-mit uns Herrn Pfarrer ist gar kein Auskomme meh. Er
-ist mit eim Wort wüthend und gleicht gar keim Mensch
-meh. Am Sonntag kam er in die Kirch und hat so die
-Thür hinter sich zugeschlage, daß nervenschwache Weiber
-und Greise fast ohnmächtig geworde wärn und hat sich
-geberdt auf der Kanzel, als wenn er besoff wär und geschimft
-und räsonnirt, daß uns Gemein ein ganz schlechte
-Nam kriegt von dene fremde Leut, die auch drin warn.
-Er kümmert sich um alle Angelegenheiten, die ihn nix angehn
-und stift Streit unter die Familien und hetzt die Leut
-hintereinander. Wenn er einmal ein Buckel voll Schläg
-bekäm, dafür könnt mir nix. Wenn uns Dorf in Unzucht
-und Schlechtigkeit fällt, daran ist er allein schuld. Im
-ganze Dorf schwätzt man davon, daß ers mit eim schlechte
-Mädche hätt. Wie soll denn nun die Jugend sein, wenn
-der Pfarrer so ist. Uns ganz Dorf kömmt noch durch so
-ein Pfarrer in Verruf. Wir möchte Herrn hochwürdigste
-Decan unterthänigst gebeten habe, ihn gerad wegzusetze. Es
-könnt möglich sein, daß er sich in einer andern Gemeine
-besser aufführt. Wir wolle an seim Unglück nicht schuld
-sein, darum solle Sie ihn nicht absetze. In großer Unterthänigkeit
-grüßt</p>
-
-<p class="center">
-der Kirchenvorstand:</p>
-<p class="cblock">
-<em class="gesperrt">Adam Koch</em>, Bürgermeister,<br />
-<em class="gesperrt">Jakob Mauser</em>, Kirchenvorsteher,<br />
-<em class="gesperrt">Philipp Schwalb</em>,&nbsp;&nbsp;&nbsp;"
-</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p>
-
-<p>Ich hatte kaum das Schreiben gelesen, da kam der Anton
-Scheppler zur Thüre hereingestürzt:</p>
-
-<p>»Sie sind fort, Herr Pfarrer!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wer ist fort?«</p>
-
-<p>»Der alte Fink und die Mädchen.«</p>
-
-<p>»Auch die Babette Heimerdinger?«</p>
-
-<p>»Auch die Babette Heimerdinger.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="VIII">VIII.<br />
-Eine Predigt Gottes.</h2>
-</div>
-
-<p>Es war Winter geworden. Der Schneesturm tobte und
-in den Feldern und Wiesen lag er fast zwei Fuß hoch. Wie
-ein Wintersturm war es auch über meine Jugend dahingegangen.
-All' mein Hoffen und Sehnen und meine Begeisterung
-war dahin. Ich fühlte mich innerlich geknickt und gebrochen.
-Mein Zerwürfniß mit der Gemeinde war zwar
-äußerlich beigelegt: Anne-Mile hatte geplaudert und sich nach
-und nach selbst verrathen. Als die Babette an der Guntramseiche
-in Ohnmacht fiel und ich um Hülfe rief, war sie
-ganz in der Nähe gewesen und hatte Alles mit angesehen und
-zum Theil mit angehört. Doch statt Mitgefühl zu empfinden,
-war der teuflische Plan in ihrer Seele wach geworden, Babette
-und mich in geschehener Weise zu verdächtigen. Der
-Anton Scheppler hatte einmal zu ihr gesagt, die Babette sei
-tausendmal schöner als sie, weil sie züchtig und rein wäre.
-Das hatte sie schon lange genug geärgert; die sollte nicht länger
-mit ihrer Unschuld groß thun. Nun hatte sie auch soviel<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-verstanden und sich zusammengereimt, daß ich der Babette helfen
-wolle und war den Abend gleich zum alten Fink gelaufen
-und hatte ihm Alles erzählt. Der war heftig erschrocken und
-versprach ihr zehn Thaler, wenn sie Babette und mich in der
-geschehenen Weise verdächtige, einen rechten Lärm im Ort
-mache und so meinen Einfluß vernichte. Die zehn Thaler
-freilich bekam sie nicht und der Aerger darüber war auch der
-Anlaß ihres Plauderns.</p>
-
-<p>Der Kirchenvorstand, als er hörte, daß ich ihre Anklage
-in Händen habe und es mit meiner Versetzung Nichts würde,
-war gekommen, um mich um Verzeihung zu bitten, jedoch
-jeder Kirchenvorsteher allein. Der Bürgermeister meinte, der
-alte Fink und der Mauser wären an Allem schuld. Der alte
-Fink hätte gehetzt und Branntwein bezahlt und der Mauser
-hätte die Schrift gemacht. Der Mauser dagegen sagte, der
-Bürgermeister wäre der Urgrund alles Unheils und wir bekämen
-keinen Frieden in das Dorf, bis wir einen andern Bürgermeister
-hätten. Der Schwalb sprach vielleicht allein die
-Wahrheit, denn er gestand, er habe nicht gewußt, was er unterschrieben
-habe.</p>
-
-<p>Als der Decan Kirchenvisitation hielt, hatte er sehr zur
-Eintracht und zum Frieden gerathen. Konnte aber Eintracht
-und Frieden zwischen mir und meiner Gemeinde sein? Wäre
-es nicht ein trauriges Zeichen für <em class="gesperrt">mich</em> gewesen?</p>
-
-<p>Jetzt im Winter, und da ich Alles in seiner nackten Wirklichkeit
-schaute und nicht mehr mit der idealisirenden Brille
-eines jugendlichen Herzens, fühlte ich doppelt meine Einsamkeit
-und Verlassenheit unter diesen Leuten. Mir war es
-oft mit meinem wunden Gemüthe, wie dem »ausgewanderten
-Dichter«:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Allein? Allein? und so willst du genesen?<br /></span>
-<span class="i0">Allein? Allein? ist das der Wildniß Seegen?<br /></span>
-<span class="i0">Allein? Allein? o Gott, ein einzig Wesen!<br /></span>
-<span class="i0">Um dieses Haupt an seine Brust zu legen.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ich verstand es, wenn es in der Schrift heißt: »Es
-ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.« Und ich hatte ja
-eine geliebte Braut; aber bei dem dürftigen Einkommen der
-Stelle konnte ich nicht an Heirathen denken. Ich konnte stundenlang
-im trüben Sinnen am Fenster sitzen und hinunterblicken
-zu den fernen Burgen und Städten der Wetterau und
-zu den finsteren Höhen des Vogelberges. Meine einzige Gesellschaft
-war ein Rabe, der stets auf dem Stumpfe des vom
-Blitz getroffenen Baumes saß. Er nickte mir zu und ich
-nickte ihm zu, als verständen wir uns. Es schneite dabei
-immer zu und der Nordweststurm rüttelte an den Fenstern
-und wirbelte den Schnee auf und jagte den Rauch aus dem
-Kamin zurück in mein Zimmer. Aus diesem trüben Sinnen
-wurde ich geweckt durch eine Nachricht, die laut predigte von
-der Unbegreiflichkeit der Gerichte Gottes und von der Unerforschlichkeit
-seiner Wege. Es hieß: der Schneider Heimerdinger
-hat seine Frau erschlagen.</p>
-
-<p>Anfangs hörte ich nur dunkle, abenteuerliche Gerüchte, als
-habe er ihr mit einer Axt den Leib aufgeschlitzt. Andere sagten,
-er habe ihr ein Schnitzmesser in den Hals geworfen.
-Endlich gelangte eine bestimmtere Nachricht an mich, daß die
-Frau Heimerdinger zwar stark verwundet sei, aber nicht todt,
-und man auch gar nicht wisse, ob ihr Mann schuldig wäre;
-nur lasse er keinen Menschen in's Haus, indem er vorgäbe,
-seine Frau sei zu schwach, um Besuch anzunehmen. Ich beschloß,
-auf jeden Fall die Sache näher zu untersuchen und mich so<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-leicht nicht abweisen zu lassen. Ich fand die Hausthüre von
-innen verriegelt. Aber als ich ein wenig Lärm mit dem
-Drücker machte, erschien ein Kopf am Fenster und bald darauf
-wurde geöffnet. Es war Konrad, der achtjährige Sohn des
-Heimerdinger, der mir öffnete. Sein Vater war nicht zu
-Hause. Er war vor einer Stunde in den Wald gegangen,
-um Holz zu holen, weil sie keinen Vorrath mehr im Hause
-hatten, um zu kochen und einzuheizen. Ich trat in ein freundliches,
-nettes Zimmer, wie kein zweites im ganzen Dorf zu
-finden war. Die Wände waren mit einer neuen, hellen Tapete
-bekleidet; an den Fenstern waren schneeweiße Halbvorhänge angebracht
-und auf einem selbstverfertigten Blumentischchen stand
-eine ganze Auswahl von Monatsrosen, Nelken, Geranien,
-Fuchsia's und Cactus. In dem Bett, das die Ofenecke ausfüllte
-und durch eine einfache Gardine geschützt war, lag die
-Frau Heimerdinger, das immer noch schöne Gesicht todtenbleich
-und von Schmerz entstellt. Der kleine Konrad war an ihr
-Bett getreten und hatte sein Gesicht in dem Kissen vergraben,
-während die Mutter krampfhaft in seinen Locken wühlte und
-mich gar verlegen und mißtrauisch anblickte.</p>
-
-<p>»Es scheint Ungewöhnliches in diesem Hause vorgegangen
-zu sein«, begann ich die Unterredung.</p>
-
-<p>»Ja, Herr Pfarrer, es wird mein Tod sein.«</p>
-
-<p>»Was ist denn eigentlich geschehen?«</p>
-
-<p>»Gestern Abend bin ich dunkel in den Keller gegangen und
-über das Sauerkrautfaß gefallen und habe mir an einem großen
-Nagel, der herausstand, den Leib aufgeritzt und ich glaube,
-einen Darm verletzt.«</p>
-
-<p>Die Geschichte war so einfach und wahrscheinlich und so
-im Tone der Wahrheit erzählt, daß mir gar kein Bedenken<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-gekommen wäre, wenn ich nicht in ihren Augen etwas Lauerndes
-meinte wahrgenommen zu haben. Doch ich konnte mich
-auch täuschen. Um sie weiter zu beobachten, sagte ich rasch:
-»Es wird im Dorfe ganz anders erzählt, Frau Heimerdinger.«</p>
-
-<p>Aber sie wußte es schon.</p>
-
-<p>»Ich weiß es, der Konrad hat mir's gesagt. Es sind verleumderische
-Menschen, die einem gern etwas anhängen möchten
-und die nicht wissen, was sie thun.«</p>
-
-<p>»Sie werden es wohl am besten wissen und werden nicht
-mit einer Lüge aus der Welt gehen wollen?«</p>
-
-<p>»Nein, wenn man so nahe der Ewigkeit steht, lügt man nicht.«</p>
-
-<p>Sie war aber feuerroth bei diesen Worten geworden und
-wendete sich ein wenig nach der andern Seite. Es war also
-nicht Alles richtig. Sie hatte Etwas zu verbergen.</p>
-
-<p>»Gebrauchen Sie einen Arzt?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Warum nicht?«</p>
-
-<p>»Sie wissen, wir armen Leute schicken nicht gleich zum
-Doctor und in die Apotheke, wir können schon einen Stoß
-vertragen. Doch wenn mein Mann heimkommt, soll er gleich
-nach einem gehen. Die Schmerzen sind nicht gut zu ertragen
-und es ist Alles geschwollen.«</p>
-
-<p>»Versäumen Sie es ja nicht! Sie haben schon zu lange
-gewartet. Sie können dadurch an Ihrem Tode schuldig sein.«</p>
-
-<p>Sie war noch bleicher geworden. Ihre Schmerzen schienen
-furchtbar zu sein. Aber die größten Schmerzen konnten
-ihr das Geheimniß nicht auspressen. Sie hatte sogar noch
-Geistesgegenwart genug, sich nicht durch ein einziges Wort zu
-verrathen. Als sie sich wieder etwas erholt hatte, bemerkte
-ich darum, um sie noch stärker anzugreifen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>»Denken Sie auch an Babette?«</p>
-
-<p>»Herr Pfarrer, die macht mir mehr Schmerzen, als meine
-Wunde. Wir haben gestern Morgen einen Brief von ihr bekommen.
-Sie schreibt nicht gut.«</p>
-
-<p>»Dürfte ich den Brief vielleicht einmal sehen?«</p>
-
-<p>»Ich glaube, mein Mann muß ihn mit haben.«</p>
-
-<p>»Mutter,« sagte Konrad, »er liegt ja unter Deinem Kopfkissen.«</p>
-
-<p>»Nein, Konrad, Dein Vater hat ihn mit.«</p>
-
-<p>»Lassen Sie nur, Frau Heimerdinger, Sie können mir vielleicht
-etwas daraus mittheilen.«</p>
-
-<p>»Sie schreibt von New-York aus, des andern Tages würden
-sie nach Californien absegeln. Sie macht uns schwere
-Vorwürfe und was mich am meisten ängstigt, ist: daß sie
-schreibt, sie blicke oft in das Meer und dann denke sie: wenn
-sie tief, tief dort unten liege, dann hätte sie Ruhe und Frieden.
-Balzer's Ernst hat auch einen Brief von ihr erhalten.«</p>
-
-<p>Als sie mir nichts weiter mittheilte, wollte ich auch nicht
-weiter in sie dringen und fragte nur noch, wenn Sie denn
-sterben sollte, ob Sie sich auch gerüstet glaube, vor dem Richterstuhle
-Gottes zu erscheinen. Da antwortete sie auf einmal
-in einem ganz umgeänderten Tone: »Sie müssen wieder kommen,
-Herr Pfarrer, Sie müssen wieder kommen!« und schwere
-Thränen perlten in ihren Augen. »Ich habe noch viel mit
-Ihnen zu reden, ehe ich sterbe, aber jetzt bin ich zu schwach,
-zu angegriffen.« Ich sah ihr an, wie sie sich nur mit Mühe
-aufrecht erhielt und entfernte mich. Die Erinnerung an ihr
-unglückliches Kind schien den Panzer, der ihr Herz umschloß,
-geschmolzen zu haben. &ndash; Ich lag die Nacht im ernsten,
-tiefen Schlaf; da wurde mit der Faust wider meinen Fensterladen<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-geschlagen. »Herr Pfarrer, Sie sollen gleich in
-Heimerdinger's kommen: Die Frau Heimerdinger stirbt!« rief
-es draußen.</p>
-
-<p>Ich zündete Licht an. Es war eben drei Viertel auf ein
-Uhr. Ich warf mich schnell in meine Kleider und war bereit,
-dem Manne, der noch draußen mit der Laterne stand, zu folgen.
-Der Sturm heulte, Schnee und Regen schmetterten
-wider die Fenster, die Dachziegel klapperten, die zwei alten
-Pappelbäume vor meinem Hause ächzten und stöhnten. Ich
-schauderte, in die schwarze, schreckliche Nacht hinauszugehen zu
-solchem Sterbelager. Aber die Pflicht rief. Unterwegs erzählte
-mir mein Begleiter, der ein Nachbar von Heimerdingers war,
-er und seine Frau seien schon den ganzen Abend im Hause.
-Die Frau Heimerdinger hätte bereits seit Stunden nach mir
-verlangt, aber der Heimerdinger habe immer Entschuldigungen
-und Ausreden vorgebracht. Zuletzt als sie immer schwächer
-geworden, sei er auf eigene Verantwortung zu mir gelaufen
-und hätte mich gerufen. Er glaube, sie wolle mir ein Geständniß
-machen. &ndash; Als wir eintraten, lag sie ebenso da
-wie am Morgen; nur saß ihr Mann neben ihr am Bett.
-Er warf mir einen wilden, verwirrten Blick zu, als ich so
-plötzlich und unvermuthet hereintrat, wandte sich aber gleich
-wieder zu der Sterbenden. Diese faltete die Hände und streckte
-sie hoch in die Luft, warf einen verzweifelten Blick auf mich
-und ihren Mann, that noch einen Schrei und war verschieden.
-Ich war zu spät gekommen. Der Mann warf sich schluchzend
-über die Leiche. Der Konrad lag ohnmächtig in der
-Nachbarin Arm. Ich sank auf die Knie und betete um Gnade
-für die arme Seele. Ich hätte gern eine gerichtliche Untersuchung
-der Leiche gehabt, zumal da das ganze Dorf derselben<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-Ansicht war, wie ich, daß der Fall über das Sauerkrautfaß
-reine Erfindung sei. Man traute allgemein der Frau
-Heimerdinger die Festigkeit und Charakterstärke zu, daß wenn
-sie ein solches Geheimniß hätte mit in's Grab nehmen wollen,
-sie es auch gekonnt habe. Aber der Arzt, der sie noch den
-Nachmittag vor ihrem Tode besucht hatte und den ich darüber
-sprach, sagte: es sei kein Grund vorhanden, hier gerichtlich
-einzuschreiten, indem an der Angabe der Kranken gar nicht zu
-zweifeln sei: Ich solle sie in Gottes Namen beerdigen.</p>
-
-<p>Es war in der folgenden Nacht. Der Nordweststurm
-hatte sich noch nicht gelegt und rüttelte besonders an dem einsamen
-Haus des Schneiders Heimerdinger, als wollte er es
-vom Erdboden mit hinwegnehmen und mit ihm alles Verbrechen
-und Weh, welches es in sich verbarg. Mitternacht
-mochte vorüber sein, da erwachte der kleine Konrad hinter dem
-Ofen, hinter dem er sitzend eingeschlafen war. Der Ofen war
-kalt. Ihn fror es, daß die Zähne klapperten. Das Licht,
-das auf dem Tische stand, war am Ausgehen und flackerte
-auf und nieder. Bei seinem ungewissen Schein glaubte er zu
-sehen, wie seine Mutter, deren Leiche mit einem Leintuch verhüllt
-auf dem Bette lag, ihre Hände nach ihm ausstreckte.
-Wie er sich entsetzt abwandte, fiel sein Blick auf seinen Vater,
-der lang ausgestreckt, bleich wie seine Mutter, auf dem flachen
-Stubenboden lag. So war er hingefallen, als er spät in der
-Nacht betrunken in die Stube hereintaumelte, und liegen geblieben
-und eingeschlafen. In demselben Augenblicke, als der
-Knabe seinen Vater erblickte, erlosch das Licht. Da wurde
-es wirr in seinem Sinn; er meinte den Sterbeschrei seiner
-Mutter wieder zu hören; er glaubte, eine Faust fasse ihn beim
-Genick, sein Haar sträubte sich in die Höhe und mit einem<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-lauten Schrei stürzte das unglückliche Kind, vom Entsetzen gepackt
-vor seinen eigenen Eltern, hinaus aus dem Vaterhaus
-in die wilde Nacht hinein, um sich eine andere Heimat zu
-suchen. Der Wind spielte mit seinen Locken und fuhr eiskalt
-durch seine dünnen Kleider und bei jedem Schritt brach
-er bis über die Knie in den Schnee. Aber fort ging's, wie
-das gehetzte Wild vor einer Meute Hunde dahinläuft. Fort
-&ndash; fort &ndash; aber wohin du armer Knabe, in der dunkeln
-Nacht, in Wind und Wetter, im tiefen Schnee? In die Heimat?
-Du hast ja keine Heimat! Dein Vater ist ein Mörder
-&ndash; Deine Mutter ist ermordet &ndash; Deine geliebte Schwester
-ist verkauft! Oder willst du in die andere Heimat? Du
-hättest sie wohl auch noch erreicht in dieser Nacht, wenn Gott
-nicht seinen Engeln befohlen hätte: »dies Kind soll wohl behütet
-sein!«</p>
-
-<p>Auf einmal war es dem Konrad, als hätte er keinen Boden
-mehr unter den Füßen; dann meinte er, er könne fliegen,
-dann lag er so weich, so weich und wäre gern eingeschlafen,
-aber das Bein that ihm so weh, daß er in einem fort aufschreien
-mußte.</p>
-
-<p>»Hanjörg, Hanjörg«, sagte zum Bauern auf dem Hauserhof
-seine Frau, die Babett, und strich ihm mit der Hand über's
-Gesicht, um ihn aufzuwecken: »ich weiß nicht, die Hunde rasen
-ordentlich an ihren Ketten; es muß Etwas im Hof sein.
-Es wäre gut, wenn Du einmal hinausgingst und nachsähest:
-ich traue dem Heidenvolk nicht, das in den letzten Tagen hier
-herumstrich. &ndash; Und horch! &ndash; wenn der Sturm nicht so
-heult &ndash; hörst Du es nicht jammern und jispern? Mein
-Gott, wenn so ein Unglücklicher in der Dunkelheit die Felswand
-hinabgestürzt wäre!« Mit gleichen Füßen fuhr sie aus<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-dem Bette und in fünf Minuten stand sie schon mit ihrem
-Manne im Hof und fanden dort den armen Konrad, der ein
-Bein gebrochen hatte.</p>
-
-<p>Ich hatte noch nicht gefrühstückt, da war ein Knecht vom
-Hauserhof da: ich solle gleich einmal hinauskommen, es wäre
-etwas Wichtiges.</p>
-
-<p>Ich beeilte mein Frühstück und machte mich auf den Weg;
-aber der Hof war, obwohl nur eine Viertelstunde entfernt,
-kaum zu erreichen vor dem ungewöhnlich tiefen Schnee. Endlich
-trat ich wie ein Schneemann mit Schnee beladen in's
-Zimmer und merkte nun alsbald auch, um was es sich handelte,
-da ich den Konrad im breiten Familienbette entdeckte
-und die geschwätzige Hoffrau mir fast in einem Athem über
-die nächtlichen Geschichten berichtete und andeutete, daß der
-Knabe Alles wisse und auch sagen würde, worüber man bis
-jetzt nur noch Vermuthungen hatte.</p>
-
-<p>»Das Bein ist wieder kunstgerecht eingerichtet vom Schäfer
-von Langenbuch: der versteht's besser als ein Doctor. Er
-war noch keine fünf Minuten fort, als Sie kamen und morgen
-will er wieder kommen und nachsehen. Aber was das Konrädchen
-zu sagen hat, da sollten Sie dabei sein! Sie wissen
-doch besser mit solchen Dingen umzugehen, als wir. Und wenn
-der schlechte Mensch schuldig ist, so muß er d'ran und wenn
-es tausendmal noch ein Verwandter von uns ist. Für die
-Kinder ist gesorgt. Der Konrad bleibt gerade bei uns und
-ich wollte, die Babett, mein Göthchen, das herzige Mädchen
-wäre auch wieder da! Es würde sich noch Manches machen
-lassen. Ich und mein Alter haben schon lange unser Augenmerk
-auf die herrlichen Kinder des Heimerdinger geworfen, da
-uns Gott diesen Segen versagt hat.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p>
-
-<p>Um den Strom der Rede, der wahrscheinlich noch so eine
-Weile fortgeflossen wäre, abzuschneiden, trat ich an's Bett und
-fing an, den Knaben zu verhören. Jedoch nur auf die heiligsten
-Versicherungen des Schutzes, den er genießen sollte,
-begann er seine Erzählung, die oft durch Weinen unterbrochen
-wurde und worüber ich mir in manchen Stücken erst durch
-langes Examiniren Aufklärung verschaffte. Heimerdinger hatte
-durch den Verkauf seines Mädchens die Schuld, die auf dem
-Hause ruhte, gedeckt und auch noch etliches baare Geld in
-die Finger bekommen. Aber sein Durst war diesem und noch
-mehrerem gewachsen; er schien sich sogar noch von Tag zu
-Tag zu steigern. Die Arbeit war ihm gänzlich verleidet und
-er begehrte Nichts als zu trinken und wieder zu trinken. Das
-war nun ein großes Leidwesen für die Frau, die schon zum
-Voraus berechnen konnte, wann der Preis, für den sie ihr
-herrliches Mädchen dahingegeben hatte, durch den Leichtsinn
-und die Trunksucht ihres verkommenen Mannes bis auf den
-letzten Heller verzehrt sein würde! Alle Vorstellungen und Zuredungen
-halfen Nichts; ebensogut hätte sie dem Winde sagen
-können, er solle nicht mehr wehen oder dem Feuer, es solle
-nicht mehr brennen, wie dem Heimerdinger, er solle nicht mehr
-trinken. &ndash; Ueber die neuen Tapeten, welche sie gekauft und
-über die neuen Einrichtungen im Haus und Garten, wonach
-sie sich schon so lange gesehnt hatte, konnte sie sich gar nicht
-freuen; sie gereichten ihr nur noch zu größerem Schmerz.
-Nun kam der Brief von Babette. Sie hatte laut aufweinen
-müssen vor furchtbarem Weh und Herzeleid, als sie die schweren
-Kämpfe ihres armen verstoßenen Kindes erkannte und seine
-gerechten Vorwürfe fielen wie Hammerschläge auf ihr selbstsüchtiges
-Herz. &ndash; Selbst der Mann wurde soweit gerührt, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-sich vornahm, wieder zu arbeiten. Er wollte sich beim Holzfällen
-betheiligen und wie sonst den Schweinemetzger im Dorfe spielen
-und sich auch diese wenigen Kreuzer nicht entgehen lassen.
-Deshalb nahm er seine Axt und sein Schlachtmesser und sagte:
-er wolle zur Schmiede, um sie sich dort auf dem Schleifstein
-zu schleifen. Aber er kam den ganzen Tag nicht heim. Konrad
-hatte schon mit seiner Mutter zu Nacht gegessen und sie las
-wieder Babettens Brief, da taumelte Heimerdinger völlig berauscht
-zur Thüre herein, in der einen Hand die volle Branntweinflasche,
-in der andern seine Axt und sein Schlachtmesser.
-Er war sehr guten Humors und setzte die Flasche an den
-Mund, um seiner Frau zuzutrinken. Aber in dieser hatte
-jetzt die Geduld ihr Ende erreicht und je lustiger er war, desto
-grimmiger wurde sie. Sie riß ihm die Flasche aus der Hand
-und rief: »Du Nimmersatt, du verfluchter Saufaus, o daß
-Du ersticktest an dem nächsten Tropfen, den Du trinkst! Du
-säufst unsere Thränen und unser Blut, Du Wütherich!«</p>
-
-<p>Ganz kaltblütig erwiderte er: »Gib die Flasche her und
-schrei nicht so!« »Die Flasche bekommst Du nicht wieder!«
-»Gib die Flasche her oder es gibt ein Unglück!«</p>
-
-<p>»Ich fürchte Dich nicht und Du bekommst sie nicht!«</p>
-
-<p>»Gib die Flasche her oder&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>»Da hast Du sie!« rief seine Frau und warf sie ihm vor
-die Füße, daß die Splitter umherflogen. Aber in demselben
-Augenblicke griff er nach seinem Schlachtmesser und rannte es
-ihr in den Leib. Sie stieß einen fürchterlichen Schrei aus
-und fiel für todt in die Stube. Heimerdinger war plötzlich
-nüchtern geworden, als er das Blut am Boden rinnen und
-seine Frau als Leiche im Zimmer liegen sah. Er schlug sich
-mit der Faust wider die Stirn und schrie: »Mörder! Mörder!«<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-verfluchte sich und den Branntwein und warf sich über den
-Leichnam und weinte bitterlich. Als er so über ihr lag, meinte
-er auf einmal noch Leben in ihr zu verspüren und legte sie
-deshalb auf ihr Bett. Um die Wunde ungestört untersuchen
-zu können, riegelte er die Hausthüre zu und machte allerhand
-Wiederbelebungsversuche. Und wirklich erholte sie sich rasch
-wieder und fühlte sogar im Augenblick keinen besonderen
-Schmerz. Da war es denn auch mit der ernstlichen Reue
-des leichtsinnigen Trinkers schon vorbei und er fing an, die
-Spuren seiner Unthat zu vertilgen. Die Blutlache machte
-ihm viele Arbeit, zumal da er nicht überflüssig Wasser im
-Hause hatte. Das Messer vergrub er im Holzschoppen. Dann
-sagte er zu seiner Frau: »Nun mag daraus entstehen, was
-da will; du bist über das Sauerkrautfaß im Keller gefallen.
-Wenn Du anders sagst, schneide ich mir den Hals ab, das
-schwöre ich Dir bei Gott dem Allmächtigen!</p>
-
-<p>Und Du, Konrad, wenn ein Wort über Deine Lippen
-kommt, schlage ich Dir die Axt auf den Kopf, so gewiß ich
-Heimerdinger heiße!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Knabe war durch sein Erzählen und mein ständiges
-Fragen so ermüdet, daß er dringend der Ruhe bedurfte und
-da auch alles Weitere von keinem besonderen Belange war,
-überließ ich ihn ganz seinem weiten Federbette.</p>
-
-<p>Ich aber setzte sofort die Hauptsache des eben Gehörten
-zu einem Bericht zusammen und schickte damit direkt einen
-Knecht an's Amt. Schon gegen Abend desselben Tages kam
-eine Untersuchungscommission in's Dorf, von zwei Gensdarmen
-begleitet. Des Mörders Haus fanden sie jedoch verschlossen.
-Dieser war seit der Todesstunde seiner Frau nicht
-mehr nüchtern geworden; bei Tage trieb er sich in den Branntweinkneipen<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-der Umgegend umher und erst spät in der Nacht
-kehrte er in fast bewustlosem Zustande heim. So wurde die
-Hausthüre erbrochen. Die Section ergab, daß die Wunde
-nicht durch einen Nagel, sondern nur durch ein scharfes, schneidiges
-Instrument könne bewerkstelligt sein. Das Messer fand
-sich nach kurzem Suchen im Holzschoppen. Und nun erstand
-auch noch im Nachbar ein wesentlicher Zeuge, da er den Heimerdinger
-mit Axt, Messer und Flasche hatte heimgehen sehen
-und den Schrei der Frau und den Ruf »Mörder! Mörder!«
-gehört hatte. Er war auch an's Haus geeilt, als er aber
-die Thüre verschlossen fand und er seinen Nachbar in der
-Trunkenheit fürchtete, hatte er sich wieder zurückgezogen. Es
-wurden noch außerdem die halbe Nacht Zeugen verhört. Die
-zwei Gensdarmen saßen während dessen in dem dunklen Haus
-und warteten auf die Heimkehr des trunkenen Schneiders. Sie
-mußten lange vergeblich warten. Endlich kam er. Er hatte
-so weit die Erinnerung an seine ganze Situation durch Branntwein
-hinuntergespült, daß er mit lauter Stimme sang. Doch
-mag er etwas überrascht gewesen sein, als er nun plötzlich
-verhaftet und gefesselt wurde. Den Rest der Nacht mußte er
-in Fesseln neben der Leiche sitzen. Auch des andern Morgens
-wurde er nicht gleich abgeführt, da das Zeugenverhör noch
-immer andauerte, und so traf es sich, daß er gerade von den
-zwei Gensdarmen aus dem Dorfe hinaustransportirt wurde,
-als man seine gemordete Frau im Sarge hinaustrug. Wie
-mag ihm das Grablied, das er noch hörte, in den Ohren
-geklungen haben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p>
-
-<h2 id="IX">IX.<br />
-Das Ende.</h2>
-</div>
-
-<p>Eines Nachmittags kam die alte Balzerswäs ganz verstört
-in mein Zimmer.</p>
-
-<p>»Der Himmel erbarme sich einer alten Wittfrau! Wie
-schwer wird man heimgesucht! Denken Sie, mein Ernst ist
-fort, ist der Babett nach, dem verfluchten Mensch!«</p>
-
-<p>»Was sagen Sie, der Ernst ist fort! ist nach Californien?«
-rief ich ganz verwundert.</p>
-
-<p>»Ach Gott, das viele, viele Geld!«</p>
-
-<p>»Es ist allerdings ein leichtsinniger Streich, der schlimme
-Folgen für seine Zukunft haben kann. Doch wie ist es denn
-zugegangen?«</p>
-
-<p>»Nun wie wird's zugegangen sein! Der Bub ist ganz verhext
-in die Babett, sie hat ihm auch, glaube ich, von Amerika
-aus geschrieben und ihn dazu verleitet. Es kann ja nicht anders
-gehen, wenn man sich unter das Bettelpack mischt. Als er
-die Weihnachten hier war, ist er nicht wieder auf's Seminario.
-Ich hatte ihm das Kostgeld für ein halbes Jahr mitgegeben,
-das hat er nicht bezahlt. Seine Bücher, sein Weißzeug,
-sein Bett und sein Clavier hat er für ein Lumpengeld
-verkauft und vom Izik aus der Stadt hat er sich auf Handschein
-zweihundert Gulden geben lassen. Denken Sie, der
-stille, brave Ernst! Die Gedanken kann ihm doch nur das
-Satans Ding eingegeben haben. Wir sind erst hinter die
-ganze Geschichte gekommen, als der Izik mich vorgestern anrief
-und fragte, wer denn die Zinsen von den zweihundert Gulden
-bezahlte &ndash; ich oder der Ernst. Ich weiß gar nicht, wie
-ich heimgekommen bin. Der Hanjost mußte gleich hinüber nach<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-J., aber das Nest war leer &ndash; der Vogel war fort. Er wird
-auch nicht mehr aufgenommen in's Seminario, weil er durchgegangen
-ist. Der <span id="corr094">Hanjost</span> hat's aus dem Mund vom Direktor.</p>
-
-<p>Denken Sie, jetzt muß ich das Kostgeld noch bezahlen und
-der Izik will am Ende auch noch sein Geld haben. Ach Gott,
-das viele, viele Geld! Was hat das Studium nicht Alles gekostet
-und nun ist Alles umsonst! Es wäre vielleicht doch am
-besten gewesen, wenn wir Ihnen gefolgt hätten, aber wer hätte
-denken können, daß Alles so käme! Ja, ich vergesse ganz, was
-ich eigentlich fragen wollte. Ist denn gar nichts mehr zu
-machen? Kann man ihn denn nicht mehr erreichen?« &ndash; »O ja,
-Sie müssen nach Hamburg oder Bremen telegraphiren und ihn
-dort festnehmen lassen.«</p>
-
-<p>»Kostet das aber nicht wieder Geld?«</p>
-
-<p>»Gewiß wird es Geld kosten, doch ich meine, das könnte
-Sie in diesem Fall nicht kümmern!«</p>
-
-<p>»Nun ich könnte einmal in die Stadt gehen. Hernach
-kann man immer noch machen, was man will.«</p>
-
-<p>»Aber wenn Ihre Bemühungen Erfolg haben sollen, Frau
-Balzer, so thut die größte Eile noth.«</p>
-
-<p>Ob sie hat telegraphiren lassen, weiß ich nicht. Zurückgekommen
-ist er wenigstens nicht. Dagegen kam im Mai des
-Jahres ein Brief von Försters Anna, der von ihm Nachricht
-gab. Weil dieser Brief auch die einzige Nachricht vom ferneren
-Schicksal Babettens enthielt, suchte ich mir denselben zu
-verschaffen und will den Hauptinhalt desselben hierhersetzen.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-Theuerste Eltern!
-</p>
-
-<p>Ihr empfanget hiermit meine Photographie. Es ist jetzt
-Mode, seinen Eltern die Photographie zu schicken. Alle Herrn<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-wollen auch meine Photographie haben. Sie sagen: ich wäre
-sehr gut getroffen und nähme mich reizend aus. Das Kleid,
-was ich auf dem Bilde anhabe, ist von Seide und die gelben
-Streifen um die Finger sind goldene Ringe. Ich wollte auch
-meinen neuen Hut und meine seidene Mantille anthun, aber
-der Maler sagte, ich würde anders viel schöner aussehen.
-Alle Herrn sind in mich vergafft. Mir gefällt's sehr gut hier.
-Anfangs, als ich noch einfältig war, habe ich als viel gegreint
-und mich heim gewünscht, aber jetzt habe ich mich schon recht
-gefunden. Es wäre Alles recht gut hier, wenn die Männer
-nur nicht so wild wären und gleich aufeinander schössen und
-sich todtstächen. Aber Mord und Todtschlag ist hier überall
-und Alle haben Pistolen, wo man oft mit schießen kann, die
-sie »Revolver« nennen und lange Messer. &ndash; Artig sind sie &ndash;
-das ist <span id="corr095">wahr</span> &ndash; und können einem ganz anders die Cour
-schneiden, als unsere Bursche daheim. In unserm Tanzhôtel
-heiße ich allgemein »die Königin«, besonders seit die
-Babett todt ist und auch als sie noch lebte, hatte ich schon viel
-den Vorzug wegen meiner Munterkeit und Anstelligkeit.</p>
-
-<p>Doch ich habe Euch noch gar nicht den Tod der Babett
-berichtet. Ach, das arme, arme Ding! Ich muß gerad weinen,
-wenn ich an sie denke. Wir waren immer so gute Kamerädinnen.
-Ich wollte, ich wäre nur einmal ein paar Stunden
-bei Euch! Es ist gar zu viel zu erzählen. Die Babett war
-schon ganz merkwürdig, als wir auf dem Meer waren, gar
-nicht wie wir Andern. Sie hatte gar keine Furcht, bekam auch
-nicht die Seekrankheit. Meistens saß sie auf dem Deck und
-guckte oft stundenlang nach dem Himmel oder hinunter in die
-See. Ich sagte einmal zu ihr: Nun willst Du ein Sterngucker
-werden? Da hat sie laut angefangen zu weinen. Hernach<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-habe ich sie nie mehr gestört. Aber ich glaube, sie hat
-damals viel daran gedacht, sich selbst um's Leben zu bringen.
-Ich mußte bei ihr sitzen bis spät in die Nacht hinein und wenn
-ich fort wollte gehen, hat sie mich um Gotteswillen gebeten,
-ich solle bei ihr bleiben. Dann sang sie all' die Lieder, die
-wir als Sonntags an der Guntramseiche gesungen haben.
-Aber auch Ein's hat sie oft gesungen; ich glaube, das hat
-sie selbst gemacht:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i2">Ich steh' am Schiffsgeländer<br /></span>
-<span class="i0">Und blicke in die See;<br /></span>
-<span class="i0">Ich möcht' so gern hinunter,<br /></span>
-<span class="i0">Begraben alles Weh!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i2">Es ist so tief da drunten,<br /></span>
-<span class="i0">So tief bis auf den Grund,<br /></span>
-<span class="i0">Mein Schmerz ist noch viel tiefer;<br /></span>
-<span class="i0">Ich werd nicht mehr gesund.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i2">Mein Ernst, du lieber Bube,<br /></span>
-<span class="i0">Dein Schatz sagt dir: Ade!<br /></span>
-<span class="i0">Du siehst Dein Mädchen nimmer;<br /></span>
-<span class="i0">Es liegt in tiefer See.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i2">Im Meer ist gar viel Wasser,<br /></span>
-<span class="i0">Wo man mit säubern mag;<br /></span>
-<span class="i0">Ich möcht' mich drunten waschen<br /></span>
-<span class="i0">Von aller meiner Schmach!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Einmal hatte sie es wieder gesungen, da sprang sie wild
-in die Höhe und schaute ganz verwirrt um sich. Mir war
-angst und bang, und ich wollte schon um Hülfe rufen, da fiel
-sie auf die Knie und betete laut:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut!<br /></span>
-<span class="i0">Mach's nur mit meinem Ende gut.<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p>
-<p>Von der Zeit an habe ich das Lied nicht mehr von ihr gehört.</p>
-
-<p>Wir haben auch einen Sturm mitgemacht. Das brüllte
-und tobte, als ginge die Welt unter. Aber als wir Alle schrien
-und weinten, war die Babett ganz ruhig, als wenn Nichts
-wäre. Und als das Schiff krachte, als wollte Alles kaput
-gehen, da leuchteten ihre Augen zum ersten Mal wieder wie
-daheim. &ndash; In Californien wollte sie ganz apart sein. Sie
-hat uns als recht geärgert mit ihren Ermahnungen, wir sollten
-beten und in der Bibel lesen. Wir sagten ihr, wenn wir
-uns predigen wollten lassen, gingen wir in die Kirche. All'
-ihr Heiligthun hat ihr auch Nichts geholfen. Sie mußte mit
-wie wir Andern. Was ist sie geschlagen und gepeinigt worden!
-Die Schottin ist noch schlimmer als der alte Fink und
-der ist wahrhaftig schlimm genug. Sie hat jedoch nie geklagt
-und auch nie geschrien. In die Lippen hat sie sich gebissen, daß
-das Blut herunterlief und die Thränen sind ihr aus den Augen
-gestürzt. Wir mußten als laut weinen, wenn sie so mißhandelt
-wurde. Im Tanzsaal that sie gar stolz. Sie hat mit
-Niemandem getanzt und wenn's Einer fertig bringen wollte,
-mußte er sie mitschleppen. Und doch waren die Herrn gleich
-in sie vernarrt, als sie zum ersten Mal mit mußte. Es war,
-als wenn sie allein im Saal wäre. Alle hatten Respekt vor
-ihr. Sie nannten sie »die Jungfrau von Orleans.« Da
-war aber Einer &ndash; sie nannten ihn den »schwarzen Tom«, &ndash;
-das war der Haupthahn und der Schönste von Allen. Ich
-konnte ihn ganz gut leiden. Seine kohlschwarzen Augen
-brannten wie lauter Feuer und seine Zähne waren so weiß
-wie Elfenbein. Er führte Alles an und sie mußten ihm Alle
-gehorchen. Der machte eine Wette: er wollte die Babett küssen
-mitten im Saal vor den Leuten. Und er that's auch; aber<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-die Babett, die immer so riesig stark war, gab ihm eine Ohrfeige,
-daß er den langen Weg in den Saal fiel. Alle lachten,
-spotteten und uzten; denn es waren Viele, die ihn nicht
-leiden mochten. Er wurde dadurch wüthend, nahm seinen
-Revolver und schoß der Babett durch die Brust. Es war ein
-furchtbares Durcheinander. Der Tom hätte sich retten können,
-aber ein alter Herr hielt ihn so fest, daß er nur zappelte.
-Der ließ auch die Babett in sein Haus schaffen. Man erfuhr
-hernach, daß er ein Deutscher sei; er hätte auch der Babett
-ihre Mutter schon gekannt und hätte vorgehabt, die Babett zu
-sich zu nehmen und hätte nur noch eine Zeitlang warten wollen,
-um ihre Beständigkeit zu prüfen. Der Tom wurde schon den
-andern Tag gehenkt. Die Babett war nicht gleich todt, sondern
-hat noch vierzehn Tage gelegen und nicht besonders viel
-Schmerzen gehabt. Um den Jammer voll zumachen, kam
-vor ein paar Tagen plötzlich der Ernst und traf mit einem
-von unsern Mädchen zusammen.</p>
-
-<p>Das war ein Wiedersehn: Die Steine hätten sich erbarmen
-mögen! Er hatte die halbe Welt durchreist, um sie zu retten,
-wie er sagte. Er hatte sein Studium und Alles aufgegeben
-und nun fand er sie am Sterben. Die Babett war wunderbar
-ruhig und getrost. Als sie den Ernst sah, sagte sie: Nun ist
-Alles gut! Der Tod ihrer Mutter durfte ihr nicht gesagt
-werden. Sie sah fast aus wie ein Engel und Alle hat sie
-getröstet. Und wie ein Engel ist sie hinübergegangen. Der
-Ernst ist ganz niedergeschmettert. Er ist vorläufig noch bei
-dem alten Herrn. Ich habe ihm die Geschichte von unserer
-Reise so oft erzählen müssen, daß ich sie fast auswendig kann.
-Doch jetzt thun mir die Finger weh, so viel habe ich geschrieben
-und es ist auch Zeit, daß ich an meine Toilette denke.<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-Heute Abend ist großer Maskenball und Alle haben gesagt:
-»Die Königin darf nicht fehlen!«</p>
-
-<p>Haltet Euch gesund und seid gegrüßt von</p>
-
-<p class="center">
-Eurer treuen Tochter</p>
-<p class="right">
-Anna Klein.
-</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Nachschrift</em>: Ihr findet auch ein Bankbillet von fünfzig
-Dollars in dem Brief; der alte Fink braucht nicht Alles
-zu wissen.</p></div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ich hätte vielleicht noch Ausführlicheres von den Heimkehrenden
-in Erfahrung bringen können, wenn ich nicht etliche
-Monate darauf in eine der schönsten Gegenden des Lahnthals
-versetzt worden wäre.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p>
-
-<p class="center">Druck von Velhagen &amp; Klasing in Bielefeld.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Der Schmutztitel wurde entfernt.</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 94: Hangost → Hanjost<br />
-Der <a href="#corr094">Hanjost</a> hat's aus dem Mund</p>
-<p>
-S. 95: war → wahr<br />
-Artig sind sie &ndash; das ist <a href="#corr095">wahr</a></p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Hurdy-Gurdy, by Ottokar Schupp
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HURDY-GURDY ***
-
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-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
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-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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