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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Hurdy-Gurdy - Bilder aus einem Landgängerdorfe - -Author: Ottokar Schupp - -Release Date: May 3, 2017 [EBook #54656] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HURDY-GURDY *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text -ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. Im Original in Antiqua gesetzter Text -ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Hurdy-Gurdy.</h1> -<p class="center"> -Bilder aus einem Landgängerdorfe</p> -<p class="center smaller"> -von</p> -<p class="h2"> -Ottokar Schupp.</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> -<p class="center"> -<span class="larger">Bielefeld</span> und <span class="larger">Leipzig</span>.<br /> -Verlag von Velhagen & Klasing.<br /> -1867. -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<h2 id="I">I.<br /> -Das exercirende Ehepaar.</h2> -</div> - -<p class="drop">Ich hatte den Gipfel des Dachsbergs wieder erreicht und war -somit in den Bezirk meines Kirchspiels eingetreten. Hier pflegte -ich mich von dem ermüdenden Steigen zu erholen und einen -kleinen Umblick zu halten. Denn die Aussicht von dort in die -gesegneten Fluren der Wetterau, die einem weit und breit, -umgränzt von den blauen Höhen des Vogelbergs, zu Füßen -liegt, und in die vielen Dörfer, Städte und Burgen ist eine -so reizende, daß man sich immer wieder gefesselt fühlt, wenn -man sie auch schon hundert und tausendmal betrachtet hat.</p> - -<p>Heute bedurfte ich der Ruhe mehr, als gewöhnlich, da ich -von einer ziemlich weiten Fußtour zurückkehrte und die Sonne -mit ihren heißen Glutblicken mir an dem langen Sommertage -gehörig zugesetzt hatte. Ich suchte mir deshalb ein bequemes, -schattiges Plätzchen im nahen Buchengehölz, und nachdem ich -mir eine Cigarre angesteckt und meine müden Glieder behaglich -auf dem schwellenden Moose ausgestreckt hatte, genoß ich -mit allen Sinnen den herrlichen Abend, den Gott über das -Land hereinsandte.</p> - -<p>Die Cigarre schmeckte besser, als heute den ganzen Tag. -Der kräftige Waldesduft stärkte die erhitzten Lungen und gab -neuen Lebensmuth. Zu meinem besonderen Ohrenschmause<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span> -schienen Finken und Drosseln einen kleinen Sängerkrieg veranstaltet -zu haben. Das Auge hingegen ruhte vergnüglich auf -der mit Schönheiten gesättigten Landschaft. Aber all' dieser -beneidenswerthe Genuß konnte mich nicht der Art erfassen, daß -nicht der müde Leib, durch die bequeme Lage verführt, in jenen -träumerischen Halbschlummer gefallen wäre, der nur wenig -bedurfte, um in festen Schlaf überzugehen.</p> - -<p>Aus diesem süßen Hindämmern wurde ich durch Stimmen -auf der Landstraße aufgeschreckt. Es war sonderbarer Weise ein -militärisches Commando, was ich hörte. Ich glaubte anfangs -noch zu träumen. Denn wie kam hier Militär her? hier auf -die einsame Gränze? – Sollte eine Räuberbande entdeckt worden -sein? Sollte der Schmuggel eine solche Ausdehnung gewonnen -haben, daß man Militär requirirt hatte? – daß -sich dieselben Scenen wiederholten, wie etwa vor vierzig -Jahren, wo auf der nämlichen Stelle ein furchtbares Gemetzel -mit den Schmugglern stattfand? Ich verwarf bald diese -Gedanken, die mir nur so durch den Kopf schossen, als zu abenteuerlich. -Und doch hörte ich jetzt ganz deutlich durch den -Wald hin: »Bataillon halt! Gewehr ab! Auf der Stelle ruht!« -– Freilich vernahm ich nicht das Aufstampfen der Füße, das -Rasseln der Gewehrkolben. Aber jetzt hieß es wieder: »Bataillon -Achtung! Gewehr auf! Vorwärts marsch!«</p> - -<p>Ich war neugierig geworden und schob die Zweige auseinander, -um besser die Straße überblicken zu können und sah -dann zu meinem Erstaunen nichts weiter, als einen Mann und -eine Frau in der üblichen Landestracht, die jetzt ganz in meine -Nähe gekommen waren.</p> - -<p>Von ihnen mußten die Stimmen herrühren. Und so war -es auch. Ich bemerkte es nun ganz deutlich. – Der Mann,<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span> -obwohl er nur im Kittel war, wußte sich eine Würde zu geben, -wie sie nur ein Unteroffizier zu haben vermag. Wie warf er -sich in die Brust – wie legte er das Gesicht in gemessene, -gewichtige Falten, wenn er das Commandowort aussprach! -Leicht voltigirte er neben der Frau her, die groß, stramm und -strack, wie Frankreichs erster Grenadier dahergeschritten kam, -die eine Hand fest angepreßt an den kurzen Unterrock, in der -andern eine lange Stange mit eisernem Haken statt des -Gewehrs haltend, den Kopf hoch aufgerichtet, aber nur mit -einem kleinen Hessenhäubchen bedeckt, statt mit einem Czako -oder Helm. Ich hätte herzlich lachen mögen, so komisch war -das Alles. Und doch lachte ich nicht. Die Frau that mir -so leid.</p> - -<p>Ich kannte die Leute. Sie waren aus meinem Kirchspielsdorf. -Es war ein verdorbener Schneider, Namens <em class="gesperrt">Heimerdinger</em> -und seine Frau.</p> - -<p>Das Sitzfleisch hatte ihm gefehlt, wie so vielen dieser beweglichen -Naturen, und er hatte deshalb sein Handwerk aufgegeben. -Um seiner finanziellen Lage aufzuhelfen, war er mit -Weib und Kind in's Ausland gezogen und hatte sich besonders -im Oestreichischen umhergetrieben, Alles angreifend und probirend, -aber ohne Geduld und Erfolg. Abwechselnd wirkte er -bald als Hausknecht, bald als Gärtner, bald als Schornsteinfeger, -bald als Bretzeljunge; zuletzt wurde er Hanswurst bei -einer Seiltänzerbande und dann noch gar Schauspieler bei einer -umherziehenden Truppe. Viel heimgebracht hatte er nicht. -Aber Eins hatte er draußen gelernt und das verstand er jetzt -aus dem Fundamente: das Schnapstrinken. Und so war bald -der Rest des Vermögens durch die Gurgel gejagt: zuerst ein -Acker nach dem andern und zuletzt wurde das Häuschen, worin<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span> -sie noch wohnten, über und über verpfändet. Um sich das -Nöthigste zu erwerben, hatte er jenen leidigen Ernährungszweig -ergriffen, wie so viele Arme und Heruntergekommene aus dem -Dorfe, daß er mit Frau und Tochter, jedes mit einem eisernen -Haken versehen, um die Aeste herunterzureißen, täglich in die -weiten Gebirgswaldungen zog, eine tüchtige Partie dürren Holzes -zusammenstahl und dieses in der eine Stunde entfernten -Stadt verkaufte. Was er erlöste, vertrank er. Was Frau und -Tochter verdienten, davon wurde die Haushaltung bestritten.</p> - -<p>Die Frau dagegen war mir in jeder Hinsicht ein Räthsel. -Sie war durchaus kein gewöhnliches Weib. Schon ihre körperliche -Erscheinung bekundete dieses. Mit ihrer hohen, majestätischen -Gestalt und ihrem schönen feinen Gesicht hätte sie in andrer -Kleidung und in anderen Verhältnissen, wenn auch nicht gerade -Aufsehen erregt, doch imponirt und wäre nicht unbeachtet geblieben. -Aber wie ihr Auftreten nicht harmoniren wollte mit -ihrer Beschäftigung, so paßte auch ihre Sprache nicht dazu. -Denn diese war edel und verrieth Bildung und Belesenheit, -so daß man leicht zu der Vermuthung kommen konnte, sie sei -kein Dorfkind, sondern eine Dame von Stand wäre durch ganz -außerordentliche Begebenheiten in diese Verhältnisse gekommen. -Ich dachte anfangs, es sei Alles nur äußerer, glänzender Firniß, -angelerntes Wesen. Inwendig sei sie so gemein und niedrig -gesinnt, wie die Andern. Denn ein gebildetes Weib kann -sich selbst in der größten Noth kaum an solcher elenden und -schmachvollen Ernährungsart betheiligen. Es kann aber absolut -einen solchen Mann nicht achten und noch weniger sich den so -excentrisch tollen Launen seines trunkenen Muthes fügen, die -es selbst der Lächerlichkeit preisgeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<p>Doch dagegen sprach gar Mancherlei. Ihre stille und nachdenkliche -Art, womit sie dem Treiben des Dorfs auswich und -sich abschloß; ihre Klugheit, da sie mit den beschränktesten Mitteln -eine ganz schöne Haushaltung führte; ihr Schönheitssinn, -denn ihr Gärtchen war stets am zierlichsten und in ihrem Zimmerchen -sah es immer nett und behaglich aus; die Weise, wie -sie ihre Kinder erzog, indem diese nicht blos ständig reinlich -und hübsch gekleidet gingen, sondern auch so etwas Vornehmes -in ihrem ganzen Wesen hatten, – eine ganz andere Art zu -denken und zu fühlen, als die übrigen Dorfkinder.</p> - -<p>Und so war es mir wie eine Ahnung, diese unbedingte -Fügsamkeit und dieses Hergeben zu den niedrigsten Beschäftigungen -sei nichts Anderes, als strenge Buße, welche sie sich -für ein vergangenes sündiges Leben auferlegt hatte. Wenn es -aber wirklich Buße war, so fehlte ihr jedenfalls die rechte Weihe -des Glaubens. Denn es war dabei etwas so Verbittertes, -Stolzes, Abstoßendes in ihr, daß Niemand sich in ihrer Nähe -wohl fühlte. Und seit sie den Plan gehabt hatte, ein Geschäft -zu gründen und sich durch ihre nicht geringe Geschicklichkeit in -weiblichen Handarbeiten zu ernähren und die ganze Anlage -mißglückt war, war sie noch stolzer und herber geworden. Ich -war noch liegen geblieben, bis das seltsame Paar eine Weile -fort war. Als ich mich aber endlich von meinem königlichen -Lager erhob, traf ich gerade mit einer Schaar Leute zusammen, -die ich alsbald für lauter heimkehrende Holzhändler der -eben beschriebenen Sorte erkannte. Da war vor Allen der -Nestor dieser Helden des Holzfrevels und des Amtsgefängnisses -»<em class="gesperrt">der Maulwurf</em>«, ein alter verwetterter Gesell, der schon -von Jugend auf unverdrossen dieses Geschäft trieb, weil er zu -jedem andern als untauglich erfunden worden war. Ich weiß<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span> -nicht, ob er diesen ehrenden Beinamen deshalb erhalten hatte, -weil er eine besondere Geschicklichkeit besaß, Höhlen und Löcher -aufzusuchen und sich darin zu vergraben und den nachstellenden -Förstern und Holzschlägern zu entgehen, oder weil er die Gewohnheit -hatte, Alles, was er verdiente, in Speise umzuwandeln, -um seinen breiten, liebenswürdigen Mund damit zu füttern, -oder gar wegen der wulstigen, aufgeworfenen Lippen. Das -ist aber gewiß, wenn er über einen gefüllteren Geldbeutel hätte -verfügen können, er wäre einer der ausgemachtesten und renommirtesten -Feinschmecker geworden; so blieb er nur ein besonderer -Liebhaber von Weißbrod, Kuchen, frischer Leberwurst und -Kartoffelsalat mit Speck.</p> - -<p>Da war weiter »<em class="gesperrt">das Käschen</em>«, ein spitzer, kleiner Geselle, -die dürre Gestalt ganz in englisches Leder gehüllt. Er -gab gewiß in der Klugheit dem vielgewanderten Odysseus nichts -nach, denn er hatte aus lauter Klugheit sein schönes Vermögen -verloren. Aus lauter Klugheit ging er nie die offene Straße, -sondern stets die Schleichwege, er kam nie die Vorder-, sondern -stets die Hinterthüre herein. Ein ehrlicher Handel war -ihm ein Gräuel. Dagegen in alle Stänkereien und schlechte -Geschichten der ganzen Gegend war er verwickelt, hatte aber -auch meistens den Schaden zu tragen. Und während alle Welt -glaubte, er müsse im Geld sitzen bis über die Ohren, machte -er plötzlich Bankerott. Natürlich war es ein betrügerischer, -aber es half ihm doch nichts. Jetzt wandte er hauptsächlich -seine Klugheit dazu an, um Käse zu erlangen, der eine leidenschaftliche -Liebhaberei von ihm war, und den Wächter des Amtsgefängnisses -zu betrügen. Denn jedes Vierteljahr wurde beim -Amte große Abrechnung gehalten und da mußten die Herren -Holzhändler die verschiedenen Holzfrevel absitzen, wobei sie erwischt<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -worden waren. Im Amtsgefängniß war aber besonders -»das Rauchen und Kartenspielen« verboten und der Wächter -wachte mit Argusaugen. Aber Käschen-Odysseus wußte Pfeife, -Tabak und Karten dennoch hinein zu schmuggeln. Eine brennende -Pfeife gab er ab, sagte aber dem arglosen Wächter nicht, -daß er eine andere im Strumpfe bei sich führe. Den Tabak -hatte er in einem Töpfchen, worüber Käsematten gebreitet -waren und die Karten waren in das Futter seiner Mütze -eingenäht. – Eigentlich die hervorragendste Gestalt unter den -Männern war der schwarzbärtige, große Mann, der um eines -Hauptes Länge über die ganze Gesellschaft hinaussah: »<em class="gesperrt">Der -Herr Baron</em>«. Er war in seiner Blüthenzeit ein Hauptschwindler -gewesen, der bald die Rolle eines russischen Grafen, -bald die eines englischen Lords spielte und sich Tausende erschwindelte. -In einem amerikanischen Gefängniß hatte er »<em class="gesperrt">die -Rothe</em>« kennen gelernt, und war er schlau, sie war noch -schlauer, und war er stolz, sie hat ihn klein gekriegt. Jetzt -war er nur noch eine Ruine, ein gebrochner, blöder Mensch.</p> - -<p>Doch wo der Ruhm so manches Anderen gemeldet wird, -darf ich auch Deiner nicht vergessen, edler »<em class="gesperrt">Heckenkonrad</em>!« -Denn wenn Du auch nicht gerade der Reinste in Gesicht, Händen -und Kleidung warst, so warst Du doch der Unschuldigste -von ihnen. – Der dicke Kopf und der stiere Blick des Heckenkonrad -verrieth sofort den Cretin. Und doch hatte ihm einst -der Gemeindevorstand die Heirathserlaubniß ertheilt. Aber, als -er sich die nöthigen Papiere und den Proklamationsschein auf -dem Amt geholt hatte und er sie triumphirend unter seiner -Kappe heimtrug, kam ein großer Wind und jagte Kappe und -Papiere in den Bach. Die Kappe bekam er wieder, aber die -Papiere rissen die Wellen mit sich fort. Wenn man ihn jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -noch fragt: »Konrad, warum hast Du nicht geheirathet?« ist -seine ständige Antwort: »das Glück ist mir fortgeflogen.« -Aber noch immer sammelt er für seine künftige Heirath und -nähet jeden Kreuzer, den er verdient, in das Futter seiner -Hosen. Es mögen zwar diese Schilderungen den Leser ein -wenig ermüden, aber es wäre doch unartig, die Damen ganz -zu übergehen. Zumal darf »<em class="gesperrt">die Florentine</em>« oder auch -sonst »<em class="gesperrt">die Speckdine</em>« genannt, nicht übergangen werden. -Dazu wäre sie auch etwas zu groß, (denn sie mißt wohl eher -etwas über als unter sechs Fuß) und die wasserblauen Augen -zu schmachtend und der spitze Mund zu süß. Freilich thut die -Magerkeit ihrer Liebenswürdigkeit etwas Eintrag. Ihr Fuß -ist etwas sehr groß und breit, ihre Schultern etwas sehr schmal, -ihr Hals etwas sehr lang und ihr Köpfchen etwas sehr klein, -und nun hat sich auch ein Zöpfchen losgemacht, und der Wind -treibt es hin und her. Sie hat früher ihre Nachtigallenstimme -neben einer Orgel ertönen lassen und in ihre süßen Flötentöne -mischte sich melodisch der dumpfe Baß ihres Geliebten. -Aber der Geliebte verließ sie, und sie mußte einsam wandern -mit der Harfe. Sie legte nun allen Schmerz getäuschter und -alle Sehnsucht hoffnungsloser Liebe in ihre Lieder und stimmte -andere schöne Seelen zu gleichem Schmerz, zu gleicher Sehnsucht. -Aber die Harfe ward verstimmt und der Schmerz vertrocknete -und die Einnahmen versiegten. Sie mußte Holzhändlerin -werden. Aber noch immer sind ihre Augen schmachtend, -und Abends in der Dämmerung singt sie zur Harfe.</p> - -<p>Neben ihr ging »<em class="gesperrt">das Schnuckeschen</em>«, eine alte Flamme -»des Maulwurfs«. Die Zeit, die Alles verzehrt, hatte ihr -nur noch einen Zahn gelassen. Dafür hatte sie ihr in den -alten Tagen einen üppigen Bartwuchs gegeben, zum Theil um<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -das Kinn, aber auch zum Schrecken der Menschheit auf der -Nase, um eine breite rothe Warze herum. Ihre tückischen, -kleinen Augen, ihr verschrumpftes Gesicht und ihre hohe Schulter -vermehrten nicht grade die Schönheit, doch soll sie, als -»der Maulwurf« sie »Schnuckeschen« nannte, etwas reizender -gewesen sein.</p> - -<p>Etwas zurückgeblieben war »<em class="gesperrt">die Rothe</em>«, nach Zigeunerart -ein Kind auf dem Rücken und einen Rothkopf an der Hand. -Sie war, wie ihr geduldiger Eheherr sagte, »etwas rasch mit -dem Maul« und manchmal wäre sie, meinte er, doch »etwas -gar scharf«. In Wirklichkeit galt aber von ihr, was der ungerechte -Richter im Evangelio von sich rühmt: sie fürchtete Gott -nicht und scheute sich vor keinem Menschen. Zucht und Scham -hatte sie schon als Tanzmädchen in Californien gelassen und -sah auch jetzt noch dieselben als etwas höchst Ueberflüssiges, -ja Störendes an. Ein Schwarzwälder Uhrenhändler sagte mir -einst: »Ich verkaufe schon dreißig Jahre Uhren und bin in -aller Herren Länder gekommen und habe in viele Haushaltungen -geblickt und weiß der Himmel! viel Frauen kennen gelernt. -Lange habe ich die Lügengreth' von Niederallendorf für die -Schlimmste gehalten, aber fürwahr, vor »der Rothen« müßte -die klein beigeben. Das ist ja ein wahrer Satan. Ich glaube, -vor der müßte der Gottseibeiuns selber die Segel streichen.« – -Neben her trabte »<em class="gesperrt">der junge Maulwurf</em>«, baarhäuptig und -baarfüßig, mit Aermeln so blank, wie weiland der Spiegelschwab, -die verrätherische Warze auf der Nase und den -Wurstlippen.</p> - -<p>Das war die ehrenwerthe Gesellschaft, zu der ich jetzt trat. -Aber in ihrer Mitte schritt ein wirklich liebliches Mädchen, -ein Bild von Schönheit, Gesundheit und unverdorbener Jugendkraft.<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -Mit ihren hellen blauen Augen, ihren langen, blonden -Zöpfen, ihrem hohen zierlichen Wuchs und dem ächt jungfräulichen -Wesen, was über ihre ganze Erscheinung ausgegossen -war, bildete sie einen solchen Gegensatz gegen diese unsauberen, -verkommenen Gestalten, daß man denken mußte: »Sie ist nicht -in dem Thal geboren«, ein andrer Boden hat sie erzeugt, -eine andere Sonne sie beschienen.</p> - -<p>Es war <em class="gesperrt">Babette</em>, die Tochter des versoffenen Schneiders -Heimerdinger. Aber es war nicht blos ein schönes Mädchen, -sondern auch edel und hoch begabt und von einer kindlichen -Frömmigkeit. Ich kannte sie noch aus der Schule und der -Confirmandenstunde her.</p> - -<p>Ich war ein Stück Wegs mit ihnen gegangen, hatte einige -gleichgültige Worte mit ihnen gewechselt und wollte eben voraus -eilen, als Heimerdinger und seine Frau zu uns stießen, die -an einer Waldecke auf uns gewartet hatten. Er spielte jetzt -nicht mehr den Unteroffizier, sondern den stolzen Spanier, der -mit seiner Sennora am Arm, jeder Zoll ein Cavalier, auf -uns zugeschritten kam. Seine Frau schämte sich und wollte -sich losmachen. Aber er duldete es durchaus nicht, sondern -trat auf mich zu und redete mich leicht und vornehm an, indem -er seinen Schnurrbart drehte: »Eine Reise gemacht, Herr -Pfarrer? Hm – Bin früher auch gereist. Hab's jetzt aufgegeben. -Man wird alt, Herr Pfarrer, man wird alt. Denke -jetzt oft an die Reise in die Ewigkeit. Sind ja hier nur -Fremdlinge und Pilgrime. Haben keine bleibende Stätte, sondern -die zukünftige suchen wir. Spreche als manchmal, wie -Paulus sprach: Habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.«</p> - -<p>»Lästert nicht, Heimerdinger«, entgegnete ich ernst, »Gott -läßt sich nicht spotten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p> - -<p>»Herr Pfarrer! Ich werde verkannt. Alles verkennt mich. -Mein Weib verkennt mich, meine Kinder verkennen mich. Sie -verkennen mich auch. Ich habe ein butterweiches Herz und -kann durchaus die Sünde nicht leiden. Wie oft sprach ich -zu dem Maulwurf: »Alter! Alter! Das Reich Gottes ist nicht -Essen und Trinken« und zu dem Baron: »Die sich selbst erhöhen, -werden erniedrigt werden, und Hochmuth kommt vor -dem Fall.« Sie meinen mit Ihrem Schelten gewiß den -Branntwein, Herr Pfarrer! Ich weiß es. Sehen Sie, das -hat seine eigene Bewandtniß. Alles hat seine zwei Seiten, nur -die Buchecker hat ihrer drei. Und prüfet Alles; aber das -Gute behaltet, spricht Paulus. Ich trinke gern Branntwein, -das ist wahr; aber ich trinke auch gern Wein. Nun läßt -unser Herr Gott für jeden Menschen seinen Theil Wein wachsen, -hat mir einmal ein alter Mönch in Ungarn gesagt. Ich -bekomme aber meinen Wein nicht. Und der Mensch hat doch -Durst. So trinke ich als Branntwein. Und weil der Andere -mir meinen Wein trinkt, so trinke ich seinen Branntwein und -das von Rechtswegen. – Doch nun muß ich eins singen: -Sie erlauben es, Herr Pfarrer! –</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Der Branntewein, der Branntewein!<br /></span> -<span class="i0">Das ist so mein Vergnügen.<br /></span> -<span class="i0">Da saug' ich frisches Leben ein<br /></span> -<span class="i0">In langen, langen Zügen.<br /></span> -<span class="i2">Gluck, Gluck, Gluck,<br /></span> -<span class="i4">Gluck, Gluck.<br /></span> -<span class="i0">Des Morgens, wenn ich früh aufsteh',<br /></span> -<span class="i0">Thu ich mein Gläschen trinken,<br /></span> -<span class="i0">Und wo ich bin und wo ich geh' –<br /></span> -</div></div> - -<p>Herr Pfarrer! die Babette zupft mir fast den Kittel vom -Leib und stört meinen Gesang. Sie ist ihrer Kindespflichten<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -durchaus nicht eingedenk. Ich werde ihr wohl eine kleine Ermahnung -geben müssen. Vor einem grauen Haupte sollst du -aufstehen, heißt es, und: Ehre Vater und Mutter, auf daß -dir es wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Jetzt hast -du Deines alten Vaters ganze Gesangesfreude vernichtet. Nun -zieht die Sorge wieder in meine Brust, wie ich Euch ernähren -sollte und nicht ernähren kann. O, ich möchte weinen!« Und -damit liefen ihm wirklich die hellen Thränen die Backen herunter, -zum lauten Gelächter seiner ganzen Umgebung. Ich -aber war froh, daß wir in den Bereich des Dorfes gekommen -waren und eilte auf einem näheren Pfade meiner Wohnung -zu.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="II">II.<br /> -Der verhängnißvolle Brief.</h2> -</div> - -<p>Des andern Morgens kam die alte <em class="gesperrt">Balzerswäs</em> zu mir, -beiläufig bemerkt: die reichste Bauersfrau aus dem Dorfe. -Sie hatte etwas Wichtiges, denn sie hatte die Sonntagsnachmittagsschürze -an und machte mir einen Teller voll rother -Herzkirschen zum Geschenk. Nach einer langen Einleitung über -das Wetter und über Dorfverhältnisse rückte sie denn auch endlich -heraus.</p> - -<p>Sie war die Woche, wie sie sagte, »auf dem Seminario« -in J. gewesen, um ihren Sohn zu besuchen. Denn sie hatte -so lange Jahre immer die Lehrer in Kost und Logis gehabt, -daß sie mit Recht verlangen konnte, daß Einer ihrer Söhne -sich auch dem Lehrerstande widme.</p> - -<p>Es war schon spät Abends, als sie in J. ankam und sehr -ermüdet, wie sie war, hatte sie auch nicht lange mit dem Schlafengehen<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -gesäumt. Und des andern Morgens lag sie noch in -guter Ruhe, als ihr Sohn schon wieder »auf das Seminario« -mußte. Da hatte sie sich aber auch schnell herausgemacht. -Und weil sie nichts Anderes in seiner Abwesenheit zu thun -wußte, fing sie an, in seinen Sachen zu kramen. Als sie aber -einmal in's Kramen, Mustern und Ordnen gekommen war, -wurden auch alle seine Siebensachen durchstöbert und ein Stück -nach dem andern vorgenommen. Denn als liebende und sorgliche -Mutter mußte sie Alles wissen und kennen, was ihren -Sohn anging. So hatte sie auch eine Weste in die Hand -bekommen und einen schadhaften Sack entdeckt und in dem -schadhaften Sack einen Brief gefunden. Da war ihr denn sehr -leid gewesen, daß sie ihre Brille zu Hause gelassen, denn ohne -Brille konnte sie nicht mehr gut sehen. Aber die Neugier hatte -sie doch nicht ruhen lassen. Sie hatte den Brief entfaltet und -sich an's Fenster gestellt und endlich nach langem Buchstabiren -die Unterschrift herausgebracht. Sie wollte aber ihren Augen -nicht trauen, denn die lautete höchst sonderbar: <em class="gesperrt">Deine Dich -bis in den Tod liebende Babette Heimerdinger</em>. Da -war just in aller Welt an niemand Anderes zu denken, als -an des versoffenen Schneiders Töchterlein. Als ihr das aber -erst so recht klar wurde und sie sich an Dieses und Jenes -erinnerte, über das ihr jetzt erst ein Licht aufging, wurde es -ihr bald heiß, bald kalt und sie meinte, sie bekäme das Gallenfieber. -Sie konnte es kaum erwarten, bis ihr Sohn heimkam. -Dann aber hatte sie es ihm gesagt. Sie meinte denn, sie -hätte es ihm tüchtig gesagt. –</p> - -<p>»Allen Respekt davor, Frau Balzer«, sagte ich, »ich hätte -nicht an Ihres Sohnes Stelle sein mögen.« –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p> - -<p>»Aber denken Sie an! Herr Pfarrer, er gab sich nicht.« Und -um es noch kräftiger zu betonen, daß ihre so eindringliche -Rede keinen Erfolg gehabt hatte, schüttelte sie ihr graues -Haupt und sprach mehrmals hintereinander: »Nein, er gab sich -nicht – nein, er gab sich nicht. Er sagte, er würde nicht von -dem Mädchen lassen und wenn wir ihn enterbten. Nur der -Tod könne sie scheiden.«</p> - -<p>Und nun brach sie im Gefühle ihrer beleidigten Mutterwürde -in einen Strom von Thränen aus, die sie mit der neuen -Schürze abwischte.</p> - -<p>Dann aber sich plötzlich emporrichtend, gab sie mir den -Brief, dessen sie sich bemächtigt hatte. »Lesen Sie nur einmal! -Da können Sie sehen, was das heilige Babettchen für ein -sauberes Mensch ist! Wenn Gerechtigkeit wäre, müßte solch' -eine Verführerin in das Zuchthaus.«</p> - -<p>Ich las den Brief, während sie still fort weinte. Es leuchtete -aus demselben eine zarte, innige Zuneigung zweier unverdorbener -jugendlicher Herzen, die unbewußt mit ihnen aufgewachsen -war. Es wäre die größte Grausamkeit gewesen, hier -störend einzugreifen, selbst wenn man ein Feind von solchen -Liebeleien war. Ich muß eben gestehen, daß ich sogar eine -starke Sympathie für dieses Liebesverhältniß fühlte und mir -die Nachricht davon eine Art Genugthuung und Freude erregt -hatte. Denn sie waren Beide meine Lieblinge und ich hatte -schon oft im Stillen gedacht, was das ein herrliches Paar -gäbe, wenn das leidige Geld, Stand und Verwandtschaftsverhältnisse -nicht wären. Darum sagte ich: »Aber liebe Frau -Balzer, der Brief enthält ja durchaus nichts Böses und Schlechtes.« -»Ei, Ei, Herr Pfarrer,« rief sie, »überlegen Sie doch einmal! -Sie hat ja gar Nichts, auf der ganzen Gottes Welt<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -Nichts« – und immer mehr sich meinem Ohre nähernd und -immer lauter schreiend, als könnte sie mir das schreckliche Verbrechen -desto klarer machen, rief sie: »Sie hat ja gar kein' Sach' -und kein Vermögen!« »Dafür haben Sie desto mehr,« erwiderte -ich ganz ruhig. Nun gerieth sie aber in vollen Eifer -und Zorn. »Sie sind freilich noch jung und unerfahren und -haben den Verstand nicht wie unser eins. Darum kann -man's Ihnen nicht so übel nehmen. Ei, das ist es ja gerade, -daß wir einen schönen Wohlstand haben. Glauben Sie, man -hätte sich den Rücken krumm und die Nägel von den Fingern -gearbeitet, um diesem faulen, liederlichen Lumpengesindel das -Maul zu schmieren? Glauben Sie, wir hätten alle die Unkosten -nicht gescheut und unsern Ernst Schullehrer werden -lassen, um ihn hernach an das Bettelmensch wegzuwerfen? -Ich darf gar nicht daran denken, was es uns schon gekostet -hat, sonst wird es mir schwindelig. Der ganze Beutel mit -Kronenthalern, den ich und mein Balzer selig dafür zusammengespart -hatten, ist fort. Wenn man die Schinken, die -Wurst, die Butter und Eier erst rechnen wollte, die ich oder -der Hanjost hinübergeschleppt haben und die feine Montur und -das Weißzeug – es macht ja ein Heidengeld zusammen. Aber -man thut es ja gern. Jedesmal, wenn mein Balzer selig -einen Kronenthaler in den Beutel that, dann lachte er schon -ganz stolz und sagte: »das ist für den Herrn Lehrer.« Es ist -wahrhaftig gut, daß er diese Geschichte mit dem Ernst nicht -mehr erlebt hat. Es hätte ein Unglück gegeben! – Aber ich -sage es immer: er ist nicht schuld daran; er war ja sonst -immer ein braver, gehorsamer Bub. Das Satansding hat ihn -verhext. Sie müssen mir den Gefallen thun, Herr Pfarrer, -und es kommen lassen und ihm gehörig die Leviten lesen über<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -seine Schlechtigkeit und ihm in's Gewissen reden, daß es den -Ernst aufgibt. Es kriegt ihn doch nicht, so gewiß ich Balzern -heiße!«</p> - -<p>Ich entgegnete ihr hierauf mit ganzem Ernst, daß ich das -durchaus nicht thun würde. Ueberhaupt bäte ich sie, von der -Babette Heimerdinger mit mehr Achtung zu reden, denn diese -verdiene es. Wenn die zwei jungen Leute ein Vorwurf träfe, -so wäre es der, daß sie mit mehr Ueberlegung hätten zu Werk -gehen, die Schwierigkeit der Verhältnisse bedenken und bei -Zeiten die aufkeimende Neigung unterdrücken sollen. Sie hätten -sich jedenfalls viel Kampf und Kummer erspart. Aber wer -könnte solche Bedachtsamkeit von solcher Jugend erwarten? -Nun sei es wahrscheinlich zu spät. Ich wolle sie zwar nicht -hindern, das Ihrige zu thun, würde aber selbst ihr in Nichts -die Hand reichen. Sie würde auch wahrscheinlich durch alle -ihre Einwirkungen das Liebesfeuer nur noch stärker anblasen. -Ich rieth ihr vielmehr, der Sache vor der Hand ihren Lauf -zu lassen und nur ein wachsames Auge zu haben. Es könne -sich ja noch ohne ihr Zuthun Alles anders gestalten. Sie solle -auch ja nicht wähnen, das ihre Ansichten und Worte Gott besonders -wohlgefällig wären. Ihr Geldstolz und ihr liebloses -Urtheil seien vielmehr durchaus unchristlich.</p> - -<p>Die Balzerswäs war mit diesem Bescheid gar nicht einverstanden. -Sie sagte zwar nichts mehr, aber sie ging mit so -unbefriedigtem Gesicht hinweg, daß durchaus nichts Günstiges -für die Liebenden darin zu lesen war.</p> - -<p>Der Brief, den ich leider sogleich wieder zurückgeben mußte, -war etwa folgenden Inhalts, soweit ich mich auf mein Gedächtniß -verlassen kann:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Theurer Ernst!<br /> -Vielgeliebter Schatz! -</p> - -<p>Ich ergreife die Feder, um auf Deinen schönen Brief zu -antworten. Ich muß mich recht schämen, wenn Du die Kratzfüße -siehst und die vielen Fehler, die ich mache. Ach, Du bist -so hochstudirt und kannst gar so gelehrt schreiben und ich bin -doch gar zu dumm. Ich weiß gar nicht, wie Du nur an mir -Gefallen finden kannst. Aber, Du herzlieber Bub Du, Du -kannst einem so herzig sagen, daß Du einen gern hast, daß -man gar nicht mehr zweifelt. Und ich glaube Dir auch gar -zu gern. – Weißt Du auch, daß ich Dir recht böse war, daß -Du fragst, ob ich Dich noch gern hätte und mir die andern -Buben nicht besser gefielen. Siehst Du, ich wäre gar nicht mehr -Babette und Du nicht Ernst, wenn ich aufhören könnte, Dich zu -lieben. Ich meine immer, der liebe Gott hätte uns direkt für -einander geschaffen und deswegen wären unsere Herzen so ineinander -gewachsen, daß sie gar nicht auseinander gerissen -werden könnten, in alle Ewigkeit nicht.</p> - -<p>Ach, wie war ich so traurig, als Du nun fortgingest nach -J.! Ich glaubte, mein Herz würde mitten durchgeschnitten mit -einem scharfen kalten Messer. Ich wäre auch damals gestorben, -wenn Du nicht noch einmal gekommen wärst und hättest -mir gelobt, Du wollest nicht von mir lassen, es müßte denn -Gott uns auseinander reißen. Ich mußte in der letzten Zeit -so Vieles denken. Und meine Gedanken waren so anders, als -früher. Abends sitze ich oft in dem Hüttchen, weißt drunten unter -dem alten Birnbaum an den Weiden am Bach, daß Du heimlich -gemacht hattest und mit Moos gepolstert. Und Niemand -hat es entdeckt. Aber wenn dann der Abendwind so durch den -Wald hinrauscht und über das Gras fährt und die Unken<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -rufen und die Eulen schreien, dann wird mir's so grausig -und ich muß an's Sterben denken und daß es uns noch schlimm, -recht schlimm gehen kann.</p> - -<p>Ach, Deine Mutter und Deine Brüder sind so stolz und -mein Vater – mein Vater hat sich noch gar nicht gebessert. -Ich fürchte immer, wenn Du einmal Herr Lehrer bist, bin ich -Dir auch zu gering und Du schämst Dich meiner. Es war -doch viel besser und schöner, als wir noch Kinder waren, -wenn wir uns dort im Hüttchen über Alles besprachen und -Du immer die schönen Geschichten wußtest aus den Büchern, -die Dir die Schullehrer gaben. Ich mußte immer die verwunschene -Prinzessin sein und Du warst dann der Prinz, der -die Zauberer und Ungeheuer todt machte. Ein andermal -wolltest Du Dir ein Schloß kaufen und Ritter werden und -dann mußte ich irgendwo gefangen sitzen und dann hast Du -mich befreit. Dann dachten wir, es könnte auch Alles so werden -und es wäre dann so schön, so schön! Und denkst Du -noch an jenen Sonntagabend, an der Guntramseiche, als wir -zurückgeblieben waren und alle Burschen und Mädchen waren -schon fort, und wie Du mich bei der Hand nahmst und sagtest: -»Du bist mein Schulschatz gewesen und bist jetzt mein -Schatz, aber ich will's nicht machen, wie die Andern – Du -sollst auch meine Frau werden.« Und als ich Dir sagte: -»das geht nicht, Deine Eltern leiden's nicht und Du kannst -als Lehrer keine Holzdiebin heirathen;« da sagtest Du: »Du -bist ja unschuldig, Deine Eltern zwingen Dich dazu, und meine -Eltern müssen nachgeben. Ich lasse Dich nicht. Lieber werde -ich gar kein Lehrer.« – Damals habe ich Wochen lang geglaubt, -ich wäre gar nicht mehr auf Erden, ich lebte im Himmel. -– Doch ich bin recht einfältig, daß ich lauter solche<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -Dinge schreibe, die Du schon lange weißt. Ich muß Dir recht -kindisch vorkommen. Aber siehst Du, ich muß immer an diese -Zeiten denken. Und manchmal denke ich: es geht nicht, es -kann gar nicht gehen. Und dann denke ich wieder, was Du -für ein guter, treuer Mensch bist. Und dann bin ich so glücklich, -so selig. Aber manchmal bin ich auch so traurig, so unglücklich, -daß ich Dir's gar nicht sagen mag.</p> - -<p>Du wirst lachen über die Strümpfe, die ich Dir mitschicke. -So ein Paar dicke Strümpfe mitten im Sommer. Aber ich -denke, Du wirst ein Einsehens haben. Ich armes Mädchen -habe ja Nichts und wollte doch Etwas mitschicken. Da habe -ich die Wolle genommen, die mir meine Goth' vom Hauserhof -zu Weihnachten geschenkt hat und habe sie Abends im -Hüttchen gestrickt. – Weißt Du auch schon, daß der alte Fink, -der Seelenverkäufer, wieder im Dorfe ist. Es wundert mich -nur, daß so einen schlechten Menschen das Meer nicht verschlingt. -Er war in Californien und hat erstaunlich viel Geld -mitgebracht. Und die Mädchen, die mit waren, haben alle -seidene Kleider und goldene Ringe, wer weiß wie! Und sie -tragen's alle Sonntage und schämen sich nicht.</p> - -<p>Ach, Du lieber himmlischer Gott, wenn doch meine Eltern -nicht auf den Gedanken kommen, mich auch zu verschachern. – -Ich glaube, ich würde es nicht erleben.</p> - -<p>Schreibe bald einmal wieder. Es ist mir in letzter Zeit -oft so ängstlich und so bang, als müßte bald ein Unglück geschehen. -Nun Gott wird helfen! Ich grüße Dich und küsse -Dich vieltausendmal, Du herzlieber Schatz.</p> - -<p class="center"> -Deine Dich bis in den Tod liebende</p> -<p class="right"> -Babette Heimerdinger. -</p> -</div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p> - -<h2 id="III">III.<br /> -Der alte Fink.</h2> -</div> - -<p>Die Furcht Babettens vor dem alten Fink war durchaus -nicht unbegründet. Es war nicht die eitle Besorgniß eines -liebenden Herzens, das im Bewußtsein der Wandelbarkeit -des Glücks Alles schwarz sieht. Sie kannte die Dorfverhältnisse, -kannte ihre Eltern und kannte den alten Fink. Und ehe -sie noch diese Unglück ahnenden Zeilen niederschrieb, hatte bereits -der kundige Blick des alten Fink mit Wohlgefallen auf -ihrer herrlichen Gestalt geruht. Und ehe Ernst erfuhr, daß -der alte Fink da sei, war Babette schon für ihn verloren. -Denn da hatte der alte Seelenverkäufer bereits den festen Entschluß -gefaßt, daß sie um jeden Preis sein werden müsse für -Californien und erwog schon die Mittel, die ihm zu Gebote -ständen und war im Geheimen außerordentlich thätig.</p> - -<p>Um dieses jedoch recht zu verstehen, muß der Leser noch -einen Blick in das Dorf thun. Einen Theil der Ortsbewohner -hat er zwar schon kennen gelernt, aber nur den unwichtigeren, -die Invaliden, die Ruinen. Die Landgänger, die dem -Dorf seinen eigenthümlichen Charakter verleihen, kennt er noch -nicht. Aber wenn er sie kennt, dann müßte kein deutsches -Christenherz in seiner Brust schlagen, wenn es nicht überflösse -vor Zorn und Ingrimm über diese Schmach und diese Schändung -des deutschen Namens. Das Landgängerdorf liegt sonnig -und anmuthig auf den nordwestlichen Abhängen des Taunus, -mit einem weiten Ausblick bis in die Gegend von Gießen -und Marburg. Rings ist es umgeben von einem grünen Kranz -von Buchen- und Eichenwäldern, der sich gar lieblich ausnimmt<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -zu den rothen Ziegeldächern und den schön bemalten Häusern, -etwa wie ein grüner Brautkranz zu den erröthenden Wangen -einer geschmückten Braut. Freilich ist es eine gewagte Sache, -hier von Brautkranz zu reden, wo längst alle Bräutlichkeit und -Jungfräulichkeit in wüstem, schändlichem Treiben untergegangen -ist. Aber es hat ihn doch einst verdient und kann ihn vielleicht -wieder verdienen. – Wer heutzutage kommt, um Land -und Leute zu beobachten, der muß im Spätherbst oder Winter -kommen. Erst wenn die Blätter fallen und die Schwalben -heimwärts ziehn, kehrt auch der Landgänger heim. Im -Sommer sind die meisten Häuser unbewohnt und Thüren und -Läden geschlossen. Man trifft nur hier und da einen Ackersmann -im Feld. Alles ist so still und leer, wie ausgestorben. -In der Umgegend heißt es: »Nur die alten Weiber und -Schulkinder sind daheim.« Erst wenn es draußen im Feld -und Wald stille wird, wird es im Dorfe laut und lebendig. -Hier rauscht ein rasselndes Tambourin, dort klagt eine einsame -Violine; hier orgelt eine Harmonika die neuesten Lieder, -dort übt sich ein ganzes Orchester. Dazwischen tönen dann -die gellenden Stimmen keifernder Weiber, schreiender Kinder, -das Fluchen der Männer, das Singen und Juchzen der -Jugend. Die Männer sind meistens im Wirthshaus bei -Karten, Würfeln und starken Getränken. Es ist, da ein wildes -Lärmen und Gedränge, und englische und französische und -ganz fremdtönende Flüche schallen durcheinander. <em class="antiqua">Goddam</em> -und <em class="antiqua">sacré Dieu</em> heißt es herüber und hinüber; denn im -Dorfe werden fast alle europäischen Sprachen gesprochen, vorzugsweise -aber englisch und französisch. Mancher Junge und -manches Mädchen müssen erst in Deutschland deutsch sprechen -lernen. Aber auch die Weiber bleiben hier nicht im Hause.<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -Kochen und alle weiblichen Handarbeiten sind ihnen ein Gräuel, -dem sie sich nur im Nothfall unterwerfen. Man kann sie zu -allen Tageszeiten in größeren und kleineren Gruppen schwatzend -zusammenstehen sehen. Am liebsten sammeln sie sich jedoch -zu Kaffee- und Theekränzchen, wo Mürbes und feines Gebäck -geschmaust und sehr oft süßer Branntwein getrunken wird. -Es sind meistens große, üppige Gestalten. Doch haben auch -Viele ein gar krankes, armes Aussehen in Folge ihres Lasterlebens. -Ihre Kleidung ist, wenn sie die übliche Landestracht -abgelegt haben, oft sehr reich, aber geschmacklos und ungeordnet. -Man merkt eben, daß sie auf dem Trödelmarkt gekauft -oder durch Bettel zusammengebracht ist. Die Jungen wollen -nicht hinter den Alten zurückbleiben. Darum versammeln sich -auch Burschen und Mädchen, aber besonders in solchen Häusern, -wo Niemand eine Autorität geltend machen kann und -will und gar keine Aufsicht herrscht. Hier wird denn getanzt -und gespielt. Auch fehlt es nicht an berauschenden Getränken. -Und ungescheut und ungestraft geben sie sich allen möglichen -Zügellosigkeiten hin.</p> - -<p>Um die zahlreichen Kinder kümmert sich Niemand. Die -wälzen und balgen sich ungebändigt auf den Straßen umher -– ein hoffnungsvolles, heranwachsendes Geschlecht! So geht -es den ganzen Winter in Saus und Braus. Da wird geschlachtet, -gebacken, gesotten und gebraten; da wird getrunken, -gesungen und getanzt, bis der Schnee schmilzt und der Boden -aufthaut und die erste Lerche trillert. Dann ist keine Ruhe -mehr unter dem Wandervölkchen. Dann verstummen die Gesänge -und die Harmonika's. Und wenn der Kukuck schreit, und -die erste Schwalbe kommt, ist Niemand mehr da von diesen -Zugvögeln. Aber was treiben sie draußen? und wo ist der<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -Schauplatz ihrer Thätigkeit? Ihre Thätigkeit lassen sie sich -nicht gerne beschränken. Sie besuchen alle bekannten und zugänglichen -Theile der Erde. Doch beehren sie am liebsten -den Westen: England, Frankreich, Amerika, Californien. Indessen -ist Australien auch recht beliebt unter ihnen. Der alte -Fink hat sogar bereits China und Japan bereist.</p> - -<p>Ueber ihre Beschäftigung sprechen sie sich nicht gern aus. -Doch ist man darüber durchaus nicht im Unklaren. Die Männer -treiben hauptsächlich Handel und Musik. Die Kinder betteln. -Weiber und Mädchen leben vom Tanz oder von noch schlimmeren -Dingen. Damit soll nun nicht ausgeschlossen sein, daß -nicht auch die Männer betteln und die Weiber nicht auch -öfters hausiren gingen und Musik machten.</p> - -<p>Da wird bereits aller Sitte und Zucht Hohn gesprochen. -Die Familienbande sind gelöst. Eheliche Liebe ist nicht da. -Kindliche Pietät muß zu Grunde gehen. Die heiligsten Triebe -werden geschändet und gemordet. Aber noch schändlicher – -weil hier die Bettelei und die Prostitution gewerbsmäßig betrieben -wird – ist die Seelenverkäuferei. Sie wird aber nur von -den kühneren Naturen und solchen, die über ein Kapital zu -verfügen haben und zwar auf eine doppelte Weise ausgeführt.</p> - -<p>Die unbedeutenden Art ist die, daß Kinder zum Betteln -zusammengemiethet werden, wofür die Eltern sehr anständige -Summen erhalten. Hierbei werden die Reisen nicht besonders -weit ausgedehnt. Der Norden Deutschlands, Schweden und -Rußland sind gewöhnlich die Zielpunkte der Unternehmung. -Die Kinder werden natürlich zur Verstellung, zum Lügen und -Stehlen professionsmäßig angelernt – ein schöner Same für -die Zukunft! Sie sind dabei vollständig in die Gewalt und -Willkür roher gewissenloser Menschen gegeben und müssen Unsägliches<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -erdulden. Jedes kann Gott danken, wenn es wohlbehalten -die Heimat wieder erreicht.</p> - -<p>Von dem Raffinement und der Frechheit dieser Bettelfahrer -nur ein Beispiel: Eine deutsche Prinzessin, in's russische Czarenhaus -verheirathet, hatte einst besonderes Wohlgefallen an -so einem blondlockigen rothbackigen Mädchen gefunden. Dieses -Wohlgefallen aber mußte sie büßen, indem man ihr dafür die -Verpflegungskosten einer langwierigen Krankheit und endlich das -Geld zum Begräbniß abschwindelte. Und während die Prinzessin -ihre Dukaten hergab und Thränen über die Leiden und -den Tod ihres Liebling weinte, war derselbe frisch und gesund. -Von größerer Bedeutung und Ausdehnung ist die andere Art -von Seelenverkäuferei: das Miethen von <em class="gesperrt">Tanzmädchen</em>, -oder wie die Amerikaner sie nennen: <em class="gesperrt">Hurdy-Gurdy's</em>. Es -sind dabei reichlichere Auslagen und mehr List, Muth und -Geschick nöthig. Es werden aber auch ganz enorme Summen -verdient – zwanzig- bis dreißigtausend Thaler haben Etliche -schon nach wenigen Jahren mit heimgebracht. An Mädchen fehlt -es nur selten. Denn auch vermögendere Bauern und Pächter -geben ihre Kinder her und die Armen helfen sich dadurch aus -ihren Schulden. Es handelt sich fast nur um den Preis. Die -Mädchen wissen es nicht besser. Sie werden in die Seehäfen -Nord- und Südamerika's, nach Australien, ganz vorzüglich -aber nach Californien gebracht. In den dortigen Tanzhäusern -dienen sie den spitzbübischen Wirthen und Dienstherren als -Lockvögel, um den leichtsinnigen Matrosen, Goldgräbern und -Bergleuten die vollen Taschen auszuleeren. Und aller Humbug -der neuen Welt und alle Gaunerei der alten Welt wird dabei -angewendet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p> - -<p>Aus den Mädchen haben bald Mißhandlungen und hitzige -Getränke die letzten Reste von Scham hinausgetrieben. Und -die meisten dieser leichtfertigen Geschöpfe geben sich von ganzem -Herzen dem zuchtlosen Leben hin. Es muß übrigens ein -schmähliches Gewerbe sein, denn keine Nation der Erde – auch -die gesunkenste nicht – liefert Contingent dazu. Die Hurdy-Gurdy -sind nur Deutsche, nur Rheinländerinnen.</p> - -<p>Die Armuth war die Grundursache dieser auffallenden, -aber entsetzlich traurigen Erscheinung und ist es zum Theil -noch jetzt. – Man hat sich gewöhnt, die Armuth von einer -gewissen idyllischen Seite anzusehen. Wer sie aber so ansieht, -den hat die Noth mit ihren hohlen Augen und hohlen Wangen -noch nicht ernstlich angeblickt; dem hat der Hunger noch -nicht in den Gedärmen gewühlt. Kein Brod und keine Arbeit -– ist schrecklich! Und der weise Salomo wußte recht -gut, was er that, als er sich keine Armuth erbat. Vor hundert -Jahren war noch Arbeit im Dorf: Bergmannsarbeit -und Wollspinnen. Aber es kam eine Zeit, da war keine Arbeit -mehr da. Und es war eine Zeit unbeschreiblichen Elends. -Da machte sich ein Mann, kühner und energischer als die Andern, -auf, um mit Fliegenwedeln, jenen bekannten, aus weichem -Holz geschnitzten, faserigen kleinen Besen einen Handel -zu treiben. Er brachte viel Geld heim. Und er zog weiter -und weiter den Rhein hinab bis zu den Mynheers, wo man -sein Deutsch nicht mehr verstand. Und wieder brachte er viel -Geld heim. Plötzlich stand er als ein zweiter Columbus vor -dem atlantischen Ocean, denn er war fest entschlossen, hinüber -zu segeln und drüben war ihm lauter unbekanntes Land. -Zuerst kam er nach England. Und John Ball bezahlte das -unbekannte Fabrikat generös. Da war es, wie er heimkam,<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -als hätte er das Goldland entdeckt. Und nun zogen seine -Schwiegersöhne und deren Verwandte und Freunde mit. So -ging es weiter und weiter. Erst gingen die Schwiegersöhne, -dann das ganze Dorf und zuletzt die ganze Umgegend. Erst -lernten sie die Straßen der großen Weltstädte kennen und die -großen Häuser, dann die leichten Sitten und die Verderbniß, -und zuletzt wurden sie so schlecht, wie der schlechteste Auswurf -derselben. Erst handelten sie mit Fliegenwedeln, dann mit -andern Waaren, dann kamen sie zur Musik und Bettelei, -dann zur Prostitution und zuletzt zur Seelenverkäuferei. Und -so kommen wir denn auch wieder auf den <em class="gesperrt">alten Fink</em>. Er -war durch den kühnen Unternehmungsgeist, mit dem er alle -Schwierigkeiten, die diesem elenden Gewerbe entgegenstanden, -leicht und schnell beseitigte und durch den Erfolg, der ihn bisher -begleitet hatte, unstreitig das Haupt der Seelenverkäufer -in der Gegend. Und als solcher genoß er bedeutendes Ansehen -und Einfluß, statt Verachtung und Abscheu. Denn das -Geld ist in diesen armen Walddörfern allmächtig. Aber was -halfen ihm die Tausende von Dollars, die er heimbrachte? -Ein reicher Mann ist er doch nie geworden. Es -war kein Segen in dem Geld. Er hatte sich zwar einen -Landsitz gekauft, ein schönes Haus und schöne Aecker, aber er -hatte einen etwas nachlässigen Verwalter an seinem Schwiegersohne. -Der ließ die Aecker brach liegen, wenn der Schwiegervater -fort war und machte Schulden auf Schulden. Und -wenn Niemand mehr borgte, verkaufte er das Vieh aus den -Ställen und das Gras von den Wiesen. Wenn aber Alles -fort war, was beweglich war, mußten die Oefen dran und -die Fenster und die Stallthüren. Bei der Heimkehr des alten -Fink sah es in der Regel am häuslichen Herd ziemlich<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -unfreundlich aus und er mußte jedesmal tief in den Geldbeutel -steigen, um Alles wieder einigermaßen in Ordnung zu -bringen. Es setzte dann auch scharfe Auftritte ab. Einmal -flog sogar dem Schwiegersohn eine Kugel hart am Kopfe -vorbei und schlug in die Wand. Aber das nächste Mal war -es doch wieder so. Ebenso brauchte aber auch der alte Fink -für seine eigene Person schon ganz ansehnliche Summen. Er -aß und trank gern gut, war sehr gesellig und spielte gern -den großen Herrn. In seinem Hause hielt er offene Tafel. -Im Wirthshause waren die, die an seinem Tische saßen, stets -seine Gäste. Bei Kirchweihen und Märkten gingen Hunderte -drauf. Als es ihm einmal eines Morgens an Gesellschaft -fehlte und eine Anzahl Holzhauer vorübergingen, rief er diese -herein, bezahlte Jedem einen Gulden Taglohn und bewirthete -sie bis spät in die Nacht hinein. – Diesmal war er zu seinem -besonderen Malheur zur Sommerszeit heimgekehrt und -hatte sich von einem heimischen Badeorte fesseln lassen, während -Frau und Mädchen bereits nach Hause waren. Bald -war er dem allgemeinen Strome zur Spielbank gefolgt. Er -hatte anfangs viel Glück und lebte ein paar Tage herrlich -und in Freuden. Aber auf einmal wandte sich das Spiel -und er verlor Alles – Alles, so daß er nicht einmal den -Wirth bezahlen konnte und zu Fuß heim wandern mußte. -Zu Hause wurde er nicht sehr aufmunternd von seiner Frau -empfangen, die, von Geburt eine Schottin, als Geizdrache allgemein -bekannt war. Sie hatte zwar schon bei Zeiten einen -schönen Nothpfennig zurückgelegt, aber es war hart für den -alten Fink, von ihrer Barmherzigkeit leben zu müssen. Er -lebte bereits in zweiter Ehe. Seine erste Frau war auf eine -schauerliche Weise in Australien um's Leben gekommen. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -war damals noch kein Seelenverkäufer. Aber er war immer unternehmend. -So war er von Adelaide aus mit seiner Frau zu -verschiedenen Malen unter die Eingebornen gegangen. Seine -Frau hatte sich in einen phantastischen verlockenden Anzug gehüllt -und trug ein Branntweinfäßchen auf dem Kopf. Er war dagegen -mit Harmonika und Revolver bewaffnet. Wenn sie nun -einen Lagerplatz der Eingebornen erreicht hatten, wurde der -Branntwein ausgetheilt, und während sich dieselben berauschten, -ließ er Lieder und Tänze erschallen und seine Frau sang, -tanzte und machte allerhand Gaukeleien. Ihre Einnahmen -waren außerordentlich, weil sie Goldkörner für den Branntwein -erhielten. Aber als einmal der Golddurst erwacht war, -waren sie hiermit nicht mehr zufrieden. Ihnen glänzten die -Goldklumpen, die die Eingebornen in Nase und Ohren trugen, -zu sehr. Sie thaten betäubende Dinge in den Branntwein, -und als nun Alles berauscht und betäubt da lag, schnitten -sie die Ohren- und Nasenzierden ab. Es gelang ihnen -auch ein-, zweimal. Aber sie hatten dadurch die Eingebornen -in Wuth gebracht, und als sie es zum dritten Mal versuchten, -wurden sie überfallen und nur mit Mühe entkam er allein. -Seine Frau blieb in den Händen der Kannibalen zurück. -Den nächsten Tag fand er ihren furchtbar verstümmelten -Leichnam. – Die mit dem Blut seiner Frau erkauften Goldkörner -wurden das Kapital zu seinem Seelenhandel.</p> - -<p>Sein Verhältniß zu dem Bürgermeister des Dorfes war -fast zärtlicher Natur. Sie waren Schul- und Jugendfreunde. -Eine Leidenschaft und ein Streben vereinigte sie. Wenn sie -nicht Freunde waren, mußten sie Nebenbuhler sein, denn sie -waren gleich groß im Trunk und Kartenspiel und in ihrer -Begeisterung für das schöne Geschlecht. Dieses innige Band<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -der Freundschaft hatte sich im Alter nicht gelöst, so wenig -wie ihr Bestreben und ihre Begeisterung aufgehört hatte. Es -war sogar noch inniger geworden, je mehr sie sich gegenseitig -nöthig hatten. Der Bürgermeister brauchte Geld für seine -kostspieligen Liebhabereien und der alte Fink brauchte obrigkeitlichen -Schutz.</p> - -<p>Sie standen jetzt Beide in den Sechzigen und waren ein -ausgesuchtes Paar. Der alte Fink, eine kurze gedrungene Gestalt -mit einem Körper von Stahl. Denn alle Klimate der -Erde und ein wüstes, ausschweifendes Leben hatten an ihm -gerüttelt, aber er schritt noch so fest einher, wie ein Jüngling. -Er glich in seinem Auftreten einem behäbigen, gemüthlichen -Bürgersmann, und seit sein Haar schneeweiß war, hatte er sogar -etwas Ehrwürdiges.</p> - -<p>Der Bürgermeister dagegen war ungewöhnlich lang und -schwank und trug eine Nase im Gesicht von einer überraschenden -Größe, Schwere und Röthe. Es war, als hätten sich alle -Nasen seiner ungnädigen Vorgesetzten zu <em class="gesperrt">einer</em> Nase vereinigt -und diese spielte nun in allen Farben des Regenbogens. Ueber -dieser Urgroßmutter aller Nasen thronte eine Brille mit dicken, -großen Gläsern, in der eigentlich der Zauber seiner bürgermeisterlichen -Würde verborgen lag. Denn wenn er redete, -schob er sie auf die Stirne und zog die Nase herunter. Auf -diese Weise erhielt sein Gesicht eine Wichtigkeit, daß die hohen -schnorrenden Nasentöne, die nun hervorkamen, ihre Wirkung -nicht verfehlen konnten. Er war gewöhnlich schweigsam, denn -so kostbare Waare, wie seine Worte, durfte nicht wohlfeil -werden. Sein Gewissen lag in einem Branntweinsglas und -kam nur dann wieder zum Vorschein, wenn man nicht frischen -Branntwein darüber goß. Er war von Morgens bis Abends<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -im Wirthshaus – wahrscheinlich um Ordnung zu halten; -machte auch dort seine Geschäfte ab. So sagte man in der -Umgegend: Wer den Bürgermeister von F. sehen will, muß -ihn durch ein Schnapsglas betrachten.</p> - -<p>Im Winter war eigentlich seine fette Zeit; im Sommer -lag er oft brach und mußte sich mit Holzfuhrknechten, mit -Scheerenschleifern und allerhand Gesindel, was gewöhnlich auf -der Grenze umherspukte, begnügen.</p> - -<p>Wenn wir übrigens das Rathen und Thaten dieser zwei -Helden näher betrachten wollen, müssen auch wir sie im Wirthshaus -aufsuchen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="IV">IV.<br /> -Im Wirthshaus.</h2> -</div> - -<p>Als ich mich der Theologie widmete, dachte ich auch nicht, -daß ich bald nach meinem Amtsantritt den Kochlöffel in die -Hand nehmen müßte und daß mein nächstes Studium – -»Henriette Davidis« sein würde. Aber es war so. Mein -Kosthaus wurde mir aufgekündigt; ein anderes Haus, wo -man mit Appetit essen konnte, war nicht da; einen Koch zu -halten, erlaubte meine Besoldung nicht; verheirathet war ich -nicht. Es blieb mir also, wenn ich warme Speisen haben -wollte, nichts Anderes übrig, als selbst zu kochen. Freilich -kostete es einige Ueberwindung und Bedenken. Aber ich -dachte: das Kochen wird wohl auch keine Hexerei sein und -machte mich frisch an's Werk. Und siehe da! – es ging. -Es kamen natürlich vorerst eine Menge Fehlversuche vor. Da -war es denn gut, daß ich meinen alten, treuen <em class="gesperrt">Anton -Scheppler</em> hatte. Der aß die mißglückten Produkte meiner<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -Kochkunst mit einer Selbstverleugnung und einem Appetit, -der wohl besserer Leckerbissen werth gewesen wäre. Im Augenblick -bildete er mein ganzes Dienstpersonal. Er war meine -Magd, mein Kammerdiener und mein Auslaufejunge. Doch -theilte ich seine Thätigkeit mit der Kirche und der Gemeinde. -Denn er bekleidete noch das Amt eines Küsters, eines Ortsdieners -und eines Nachtwächters. Wenn er außerdem noch -einen Verdienst bekommen konnte, nahm er den auch noch mit. -Denn er hatte allein die Obliegenheit, eine ziemlich starke -Familie zu ernähren. Seine Frau sagte: wenn sie arbeiten -wollte, hätte sie ihn nicht genommen; da hätte sie auch daheim -bleiben können, da hätten sie Arbeit genug gehabt. Sie -war eigentlich schon sein zweiter Heirathsversuch. Sein erstes -Ehegespons, die schön und sauber war, »daß man sie auf -jeden Markt führen konnte«, wie er sich ausdrückte, war ihm -bei einem Ausflug nach England mit einem Riesen, den man -in einem Marktflecken für Geld zeigte, durchgebrannt. Mit -der zweiten ging es auch nicht recht. Er hatte Unglück mit -den Weibern, der gute Anton. Aber die Liebe, die er zu -seinen Kindern zeigte, seine Ehrlichkeit und Anhänglichkeit -machten ihn mir wirklich theuer. Auch besaß er ein ganz -ungewöhnliches Erzählertalent, womit er mir schon manchen -Abend erheitert hatte. So saß er wieder einige Tage nach -den schon erzählten Auftritten eines Abends bei mir und kaute -mit beiden Backen an einem Kalbsragout, was ich des Morgens -etwas zu steif gekocht hatte. Ich hatte, scheint es, ein -wenig zu viel Mehl daran gethan, denn es wurde allmählich -so dick, daß ich es nur mit Mühe aus dem Topfe herausbrachte. -Ich hatte ihm in der Angst, es könnten Stickanfälle -vorkommen, ein Glas Dünnbier dabeigestellt. Aber es erwies<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -sich als vollständig unnöthig, denn er schnalzte und schmatzte -so nachdrücklich, daß ich alle Minuten glaubte, er würde mich -um das Rezept von dem kostbaren Ragout angehen. Das -Bier sparte er sich auf zu der Pfeife, die er sich jetzt stopfen -durfte. Und nachdem diese brannte und er einen herzhaften -Schluck genommen hatte, sagte er: »Herr Pfarrer, wenn der -Babette Heimerdinger Gefahr drohete, würden Sie Etwas -für sie thun?«</p> - -<p>»Ich würde alle Kräfte aufbieten, sie zu retten,« antwortete -ich. »So denke ich auch. Weiß Gott, ich habe an dem -Mädchen einen wahren Narren gefressen. Sie ist die Schönste -und die Beste im Ort. Sie ist hülfreich und tugendhaft. -Wenn ich in ihr Gesicht sehe, dann ist mir es, als wenn -die Sonne aufging. Und wenn sie mir Morgens begegnet -und sagt so freundlich: »Guten Morgen, Anton«, dann, meine -ich, könnte mir den ganzen Tag kein Unglück passiren.«</p> - -<p>»Wenn das Eure Frau wüßte, Anton!« »Das darf sie -wissen. Darin ist sie mit mir einig. Sie sagt oft selbst: -Das ist ein Goldmädchen; dem wünschte ich einmal einen -ordentlichen Mann und keinen solchen Dreidrath. Damit -meint sie mich.«</p> - -<p>»Das merke ich«, sagte ich lachend.</p> - -<p>»Sie ist so gut auf die Babette zu sprechen, weil sie nie -an unsern Kindern vorbeigeht, ohne sie zu streicheln und ihnen -Etwas zu schenken, oder das kleinste auf den Arm zu nehmen -und zu küssen. Es wäre mir leid, wenn der alte Fink -das Mädchen bekäme.«</p> - -<p>»Ist denn Etwas im Gang?« fragte ich ganz erschrocken.</p> - -<p>»Ei freilich. – Sehen Sie, Herr Pfarrer, ich will nicht -besser scheinen als ich bin. Ich war auch draußen im Land<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -und habe an zehn Jahre lang die Orgel gedreht. Aber mit -den Mädchen, das ist einmal unrecht. Sie wollen es zwar -Alle nicht gesagt haben, aber hier darf ich es sagen. Und -es ginge mir ein Stück vom Herzen weg, wenn die Babette -auch so eine verdorbene Person geben sollte.«</p> - -<p>»Was ist denn eigentlich geschehen? So redet denn -doch einmal.«</p> - -<p>»Etwas ganz Besonderes ist es nicht. – Die Wirthsleut' -mußten heut all' in's Feld, drum sagte die Annelies zu mir: -Anton, sagte sie, der Schnapskrug steht auf dem Schrank -und das Bierfäßchen liegt angesteckt im Keller. Wenn Jemand -kommt, dann gib ihm, nur dem Förster Köhler nicht; -der borgt alle Welt aus und bezahlt nicht. Ich sagte: Schon -gut. Ich that's ja nicht zum ersten Mal.</p> - -<p>Es war des Morgens schon früh heiß und ich setzte -mich unter den Lindenbaum vor dem Haus in den kühlen -Schatten. In der Wirthsstube waren der alte Fink und der -Bürgermeister gar eifrig im Gespräch, und von Zeit zu Zeit -riefen sie mich hinein, daß ich die Schnapsgläser wieder füllte. -Das Fenster stand auf und ich konnte jedes Wort verstehen, -ohne daß ich horchte.</p> - -<p>»Kommt der Heimerdinger?« fragte der alte Fink.</p> - -<p>»Er kommt!« antwortete der Bürgermeister und lachte -selbstgefällig dazu. – »Hast ihn bestellt?«</p> - -<p>»Nein, aber du wirst sehen: er kommt. Zehn Pferde -hielten ihn heut nicht aus dem Wirthshaus.«</p> - -<p>»Nun, so sprich, alter Sünder! Brauchst bei mir nicht -so wichtig zu thun mit deiner Klugheit – wir kennen uns.«</p> - -<p>»Es ist ja weiter nichts. Ich habe ihm nur heute früh -im Vorbeigehen gesagt, Du hättest die Schuldverschreibung<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -von seinem Haus und wolltest sie aufkündigen. Den Schrecken -und den Brast, den ihm das macht, kann er nicht ohne Schnaps bewältigen. -Wirst sehen. Aber hast Du auch die Verschreibung?«</p> - -<p>»Freilich habe ich sie und theuer genug. Das Lumpenpapier -kostet mich fünfhundert Gulden. Du hast Dich auch -einmal wieder verrechnet mit dem »Krämerheimbuk«, – alter -Schlaukopf. Der ist so gescheut wie ein Mensch. Als ich -so zu flankiren anfing und von der Schuld sprach, die der -Heimerdinger bei mir hätte und wie mir es lieb wäre, wenn -ich Alles beisammen hätte, damit ich ihm besser zu Leib rücken -könnte, wußte er gar nicht, was ihn das anging. Und als -ich ihm geradezu sagte, ich wüßte, daß der Heimerdinger ihm -sein Haus verschrieben habe, gab er lauter ausweichende Antworten. -Und je mehr ich drängte, desto zäher wurde er. -Endlich als ich zornig ward und fortging und die Thür hinter -mir zuwarf, daß das Haus zitterte, ward er manierlich. Er -rief mich zurück und wir wurden handelseinig. Aber ich -mußte dem Halunken die rückständigen Zinsen und noch fünfzig -Gulden extra bezahlen. Der Heimerdinger will auch noch -etwas Baar in die Finger haben. Das Mädchen kostet mich -sechshundert Gulden, so gut wie einen Kreuzer. Was machte -meine »Alte« Augen, als sie so viel herausrücken mußte! -Ich habe auch mein Lebtag noch nie soviel gegeben. Die -»Anne-Mile« war die theuerste und die kostete vierhundert -Gulden. Mit dem Heimerdinger hätte es alle die Umstände -nicht gebraucht, aber die Frau, die Frau! Die ist nicht anders -zu ködern. Aber das Haus läßt sie nicht, denn sie ist -merkwürdig stolz.«</p> - -<p>»Baue nicht zu sicher d'rauf, sagte der Bürgermeister. Es -sind Weiber. Und die Babett bringst Du gar nicht in Rechnung.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p> - -<p>»Ein Gewitter soll Dich und Alle verzehren«, schrie da -der alte Fink, »wenn der Anschlag mißlingt und ich die Babett -nicht bekomme. Ich muß sie haben und wenn ich einen -Mord thun müßte! Du weißt, wie es mit mir steht. Ich -muß Geld haben, sonst bin ich verloren. Ich spüre auch -schon das Alter in den Knochen. Es wird meine letzte Reise -sein und da will ich Etwas für meine alten Tage haben. -Zehntausend Dollars muß sie mir wenigstens einbringen.«</p> - -<p>»Bist Du denn der anderen sicher?«</p> - -<p>»Die habe ich sicher und schon bezahlt.«</p> - -<p>Ueberdem trat Heimerdinger in die Stube. Er grüßte -kleinlaut und setzte sich an einen Tisch, den ich von außen -recht gut überschauen konnte. Die zwei Anderen belauerten -ihn wie zwei Raubthiere, stellten sich aber, als kümmerten -sie sich gar nicht um ihn.</p> - -<p>Er that einen tiefen Zug Schnaps aus dem Glas, das -ich ihm hingestellt hatte. Dann aber, als hätte er Gift getrunken, -stieß er das Glas so heftig auf den Tisch, daß es -fast ganz verschüttet ging und auf dem ganzen Tisch herumlief.</p> - -<p>Es war still im Zimmer, aber es war keine wohlthuende -Stille. Mir war so unheimlich, wie wenn schwere Gewitterwolken -am Himmel hängen und kein Blatt sich regt in der -schwülen Luft.</p> - -<p>Heimerdinger stierte auf den Tisch. Dort war eine Mücke, -frecher wie die andern, dem auf dem Tische liegenden Branntwein -nahe gekommen. Aber der starke Duft hatte sie betäubt. -Sie war hineingefallen. Ihre Flügel wurden naß, und nur -mit Mühe schleppte sie sich eine Weile weiter. Endlich ganz -betäubt und ermüdet sank sie hin und ersoff. Heimerdinger -hatte mit großer Aufmerksamkeit und Aufregung zugesehen.<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -Jetzt sprang er auf, schlug sich wider die Stirn und rief, -als wenn er unsinnig geworden wäre: »Mein Bild – mein -Bild! – Verflucht will ich sein, wenn noch einmal so ein -gottverdammtes Glas an meine Lippen kommt.«</p> - -<p>»Man meint, Du wolltest schon in aller Frühe eine Comödie -aufführen. Bist und bleibst der lustige Heimerdinger«, -sagte der alte Fink so kalt und spöttisch, daß ich ordentlich -grimmig wurde über ihn.</p> - -<p>Heimerdinger fuhr auf, als erwachte er aus einem wüsten -Traum. Einen Augenblick starrte er auf die Beiden, dann sank er -auf seinen Stuhl zusammen wie ein zugeklapptes Taschenmesser.</p> - -<p>Nach einer Weile unterbrach wieder der alte Fink das -Stillschweigen: »Heimerdinger, Du bist ein Esel!« rief er mit -seiner tiefen und starken Stimme, daß es ordentlich schallte. -Dem aber schoß auf einmal alles Blut in's Gesicht. Ganz -rasend sprang er auf und faßte den alten Fink an der Gurgel, -aber der baumstarke Fink drückte ihn zusammen, wie ein -Kind, schüttelte den vor Wuth Zitternden und schrie: »Ruhig, -sage ich, ruhig!« Dann schob er ihm sein Glas zu und -sagte: »Da trink! – Und nun sage ich noch einmal: Du -bist ein Esel, weil Du Dir helfen kannst und thust es nicht! -Bist Du denn noch der alte, fidele Heimerdinger? Ich kenne -Dich nicht wieder. Ich dachte, wenn es Einer im Dorfe -leicht nimmt, daß Alles d'rauf geht, so ist es gewiß der Heimerdinger. -Jetzt thust Du aber gerade, als wäre es mit Dir -Mathäi am Letzten. Lustig, sag' ich, immer lustig! So trink -doch, Du Schwerenöther! Und wenn Du kein Geld hast und -der Wirth nicht mehr borgt, so hast Du noch gute Freunde. -Hier hast Du ein paar Thaler.«</p> - -<p>Heimerdinger war wieder in seinen Trübsinn verfallen.<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -Er hatte das Schnapsglas nicht angerührt, obgleich er den -Blick nicht von ihm wenden konnte. Als ihm aber der alte -Fink die Thaler aus seinem Beutel hinschüttete, hatte er plötzlich -aufgeschaut und ihn mit großen Augen angesehen. Er -nahm jeden Thaler in die Hand und wog ihn. Es war, als -wolle er es nehmen. Plötzlich schob er es aber wieder zurück und -sagte: »Glaubst Du, ich wüßte nicht, wo Du hinauswillst, -warum Du die Verschreibung an Dich gebracht hast und nun -das Geld einforderst? Du willst meine Babett. Aber die ist -viel zu gut für Deine versoffenen Matrosen und Deine californischen -Goldgräber. Ich verkaufe mein frommes, schönes -Kind nicht. Ich kann nicht, wenn ich auch wollte. Behalte -Dein Blutgeld; ich bin kein Judas.«</p> - -<p>»Himmelsakramenter!« schrie der alte Fink, fast blau im -Gesicht vor Zorn. »Du miserabler Hund, Du Lump! hast -Weib und Kind an den Bettelstab gebracht und willst mir so -etwas bieten.« Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn -auf den Boden, daß die Splitter in alle Ecken flogen. Mit -diesem furchtbaren Ausdruck seines Zornes schien sich derselbe -auch schon wieder verkühlt zu haben und nur noch wie nachrollender -Donner hieß es: »Ei, Dich soll ein Gewitter verschlagen, -Du verfluchter Lump!«</p> - -<p>»Anton,« rief mir der Bürgermeister, »schenk' einmal -ein. Mach' auch dem Heimerdinger sein Glas voll und stell -es hierher auf unsern Tisch. Und Du, Heimerdinger, setz -Dich hier auf den Stuhl zu uns! Hörst Du? Nun, willst -Du gehorchen? So. Und nun trinkst Du mit uns. Willst -nicht? Bist Du etwa zu vornehm geworden? Auf Deine -Gesundheit, Heimerdinger! So, das war einmal ein herzhafter -Zug!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p> - -<p>Heimerdinger hat auf <em class="gesperrt">einen</em> Zug sein Glas ausgeleert.</p> - -<p>»Anton,« sagte jetzt der Bürgermeister zu mir, »kannst -den Krug hier stehen lassen. Auf meinem Pult daheim ist -Allerhand zum Ausschellen zurechtgelegt. Das kannst Du -jetzt thun.«</p> - -<p>Ich merkte, daß der Bürgermeister den Karren, den der -alte Fink in seiner Hitze verfahren, wieder in das rechte Geleise -bringen wollte und gab dem Heimerdinger einen heimlichen -Rippenstoß, er solle mitgehen. Er hat mich auch verstanden. -Ich habe es ihm angesehen. Er wollte auch mitgehen, -aber er konnte nicht. Der Schnapskrug hielt ihn fest. -Ich habe einmal gehört von der Klapperschlange, daß die die -Vögel bannen könnte mit ihrem Blick, daß sie nicht fortkönnten, -wenn sie auch wollten. Wie so ein Vogel saß auch der Heimerdinger -da. Er wußte, daß ihm der Hals zugeschnürt würde, -aber der Schnapskrug hielt ihn fest. Als ich ihn heute Abend -aus dem Wirthshaus taumeln sah, da wußte ich, er war doch -ein Judas geworden und hatte seine Tochter verkauft.</p> - -<p>Herr Pfarrer, wenn Sie etwas thun wollen und thun -können, thun Sie es schnell. Doch ich muß zehn blasen gehn.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="V">V.<br /> -An der Guntramseiche.</h2> -</div> - -<p>Der Sattler Guntram von Friedberg hatte sein nährendes -Handwerk aufgegeben, weil er reich genug war und war -ein gewaltiger Nimrod geworden zum großen Aerger aller -Hasen und Füchse in den nahen Waldgebirgen, die durch das -fortwährende Knallen seiner Flinte auf ihren einsamen Streifereien -und Vergnügungen jetzt immerfort gestört wurden.<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -Zu seinem besonderen Glück gab es damals in Deutschland -keine Auerochsen und Bären mehr. Die hätten sich vielleicht -nicht so lange ärgern lassen. Er war ein seltsamer Jäger; -kurze Beine, kurzen Athem und kurzen Blick, und im Grunde -hatten die Hasen und Füchse gar wenig Respekt vor seinem -dicken Bauch und seinen dicken Brillengläsern. Aber wenn -er Abends heimkam vom Anstand, da wußte er beim Glase -Apfelwein und langer Pfeife so grausige Geschichten zu erzählen, -daß die Andern nur mit offenem Munde und stehendem -Haare zuhören konnten.</p> - -<p>Doch die böse Welt wagte in letzter Zeit auch seine stille -Größe anzutasten. Man sagte, das viele Wild, was er heimbrächte, -kaufe er alles beim Förster in Cransberg. Und selbst -in seinem Apfelweinklub, wo man ihm stets die aufrichtigste -Bewunderung gezollt hatte und keinen Augenblick an seiner -Fertigkeit zweifelte, drangen gelinde Bedenken ein. Zuerst -waren Etliche so kühn, bei den Kraftstellen seiner Erzählung -ein feines Lächeln sehen zu lassen. Dann widersprach man ihm sogar. -Zuletzt utzte und hänselte man ihn ungescheut. »Ehre -verloren, Alles verloren,« sagte Meister Guntram zu sich. -»Heute gehe ich nicht heim, bis ich etwas geschossen habe.« – -Da hatte der Cransberger Förster zu ihm gesagt: »Wenn -Sie ein Reh schießen wollen, dürfen Sie nicht warten, bis -Sie es sehen. Wann es im Gebüsche raschelt, wann Sie -den Schatten sehen, dann drauf los.«</p> - -<p>Und horch! Raschelt es jetzt nicht im Gebüsch, fällt jetzt -nicht ein Schatten auf die Wiese? Er schießt los. Aber -klang das nicht wie menschlicher Schrei? Er läuft hin. Aber -da liegt ja auch kein Rehbock. Da liegt die alte Krexline, -die sich dürren Reisig sammeln wollte für ihren Kaffee. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -verwendet noch einmal die Augen, macht eine Faust und ist -mausetodt. – Meister Guntram weiß nicht, wie er heimgekommen -ist. Ist auch nimmer auf die Jagd und zum Apfelwein -gegangen. Aber dort an der Eiche, wo die Krexline -erschossen lag, mitten im dichten Wald, wo die prächtigen -Waldwiesen liegen und das Sauerbrünnlein quillt, hat er sich -eine Bank gepolstert aus Rasen und Moos und hat oft da -gesessen und heiße Thränen geweint. Jetzt ist er längst gestorben -und begraben, aber das Voll nennt es dort noch immer -»<em class="gesperrt">an der Guntramseiche</em>«.</p> - -<p>An der Guntramseiche war der Tummelplatz der Jugend -an den Sonntagnachmittagen zum lustigen Tanzen, Spielen -und Singen. Dagegen an den Werktagen war es still dort -und einsam. Und in der lieblichen Waldeinsamkeit habe ich -gar manchmal gesessen, in mein Buch vertieft und mein Pfeifchen -schmauchend.</p> - -<p>So war ich wieder einmal hinausgewandert. Ich suchte -die herrliche Kühle und einen frischen Trunk ans dem Sauerborn, -denn das Thermometer zeigte im Schatten 25 Grad -Réaumur. Aber siehe, mein Plätzchen war bereits besetzt. -Es saß auf der Moosbank die Enkelin der alten Krexline, -Babette Heimerdinger. Ich hatte sie schon von Weitem erkannt. -Doch als ich nun näher trat, erschrak ich heftig bei -ihrem Anblick. Bleich wie der Tod war ihr Antlitz, aus dem -sonst das frische, gesunde Leben lachte; die sinnigen, blauen -Augen blickten starr und glanzlos in das Weite; das blonde, -reiche Haar ringelte sich in wilder Unordnung um ihre Schultern; -die kräftigen Arme ruheten wie gelähmt in ihrem Schoos. -Es war die Erscheinung einer an Leib und Seele Gebrochenen, -die abgestorben ist für die Außendinge. So klang auch<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -ihre Stimme eintönig und hohl. So war auch ihre Rede fast -die einer Geistesabwesenden.</p> - -<p>Ich dachte nicht, daß sie mich bemerkt hätte, denn sie war -in ihrer halbliegenden Stellung verblieben und hatte keinen -Zug in ihrem Gesichte verändert; aber plötzlich redete sie -mich an:</p> - -<p>»Es ist gut, daß Sie kommen. Ich habe gebetet, daß -Sie kommen möchten. Es mußte Jemand kommen, sonst wäre -ich verzweifelt.« Sie schwieg hierauf eine Weile, dann begann -sie wieder: »Ich bin arm – arm – entsetzlich arm. -Ich habe Niemand – Nichts mehr in der Welt. Alles ist -todt – leer – fort. Ich habe keine Eltern mehr, nicht -Vater – nicht Mutter, keine Heimat – keine Liebe. Alles – -Alles ist fort. Das Haus ist schuld – der Fink, der Erzbösewicht!« -– Hier war wieder eine Pause, dann rief sie: -»Ernst! Du lieber, lieber Bub! – Dich haben sie mir genommen! -Wir sind geschieden auf immer und ewig! Sie beschmutzen -und besudeln mich! Ernst!« schrie sie laut auf -und immer lauter – »Ernst! Ernst!« Zuletzt war sie aufgesprungen, -mit den Händen in der Luft umhergefahren, war -eine Weile hin und her geschwankt und dann leblos auf den -Rasen hingesunken. Man kann mir glauben, daß ich tüchtig -erschrak. Ich glaubte anfangs, sie wäre todt. Und da ich -gar nicht wußte, was ich beginnen sollte und auch weit und -breit Niemand entdecken konnte, rief ich um Hülfe. Aber -Niemand antwortete. Da fiel mir erst ein, daß sie ohnmächtig -sein könnte. Ich eilte rasch mit meinem Glase an den -Sauerborn und besprengte sie tüchtig mit Wasser. Aber es -half Nichts. Ich wiederholte das Manöver. Da endlich, -nachdem ich schon zu verzweifeln begann, schlug sie die Augen<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -auf und kam nach und nach zu sich. Ich sagte: »Gott sei -Dank!« Sie aber war ganz verwundert. Endlich begann -sie sich über ihre Lage klar zu werden und brach nun in einen -Strom von Thränen aus, der allmählich in krampfhaftes -Schluchzen überging. Da ich dieses für sehr wohlthätig erachtete, -ließ ich sie ruhig gewähren. Und als sie sich herzlich -satt geweint hatte, begann sie von selbst gleichsam zur Rechtfertigung -der Scene, die ich eben angesehen hatte, ihre Erzählung: -»Wenn Sie Alles wissen, Herr Pfarrer, werden Sie -nicht erstaunen, daß mir schwach geworden ist. Ich habe es -schon lange kommen sehen. Seit etlichen Tagen aber wußte -ich es ganz gewiß, daß Etwas wegen mir im Werk war. -Denn mein Vater saß nicht umsonst die Tage her so oft und -so lange mit dem Bürgermeister und dem alten Fink im -Wirthshaus und hatte nicht umsonst mit meiner Mutter so -viel heimlich zu verkehren. Dazu kommt noch vorgestern -Abend Försters Anna zu mir geschlichen und sagt: »Weißt -Du auch etwas Neues? Wir sind veraccordirt: ich, Du, -Fuchse Greth, Schulheimbuk's Lisbeth, Zimmers Dine und -Treppe Dorth. In drei Wochen geht es nach Californien. -Sie freuen sich schon Alle über den Staat und die Herrlichkeit. -– Die schlechten Dinger! An das Andere denken sie -nicht. Ich habe mir schon fast die Augen aus dem Kopf -geheult. Doch, ich muß heim. Verrath' nichts, sonst bin ich -verloren!« Damit war sie auch schon fort. Ich aber war -ganz starr vor Schrecken, daß ich gar nichts sagen konnte. -Doch war ich bald wieder ruhig, denn ich mußte immer denken: -Deine Mutter hilft Dir! Deine Mutter läßt es nimmer -zu. Sie hätte es auch nicht zugelassen und hätte es bei -meinem Vater auch durchgesetzt; denn so nachgiebig sie sonst<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -gegen ihn ist; was uns Kinder angeht, hat sie immer ihren -Willen behauptet. Aber sie hatten es zu pfiffig angefangen. -Sie wollten ihr das Haus nehmen – ihr letztes Eigenthum -– und das läßt sie sich nicht nehmen. Dazu ist sie -viel zu stolz. Ach, die Zwei: der Bürgermeister und der alte -Fink – das sind zwei Bösewichte, so schlecht und schlau! -Die kennt Niemand aus. Früher hatten wir als allerhand -Waaren beim Krämerheimbuk geborgt und der Vater hat auch -noch als baar Geld bei ihm gelehnt. Auf einmal waren es -dreihundert Gulden und wir wußten gar nicht, wie sie zusammengekommen -waren. Aber sie waren da. Der Krämerheimbuk -hat es uns vorgerechnet bis auf den letzten Pfennig. -Und es wäre schon damals Alles zur Versteigerung gekommen, -wenn wir ihm nicht das Haus verschrieben und sich meines -Vaters Bruder für uns verbürgt hätte. Jetzt hat der alte -Fink dem Krämerheimbuk die Schuldforderung abgekauft. Und -der will nun entweder mich oder das Haus. Auf etwas Anderes -will er sich nicht einlassen. Das Alles habe ich nicht -so gewußt. Gestern Abend hat es mir meine Mutter erst -gesagt und dabei bemerkt: »Du wirst Dich doch wohl fügen -müssen.« Ach, ich bin gar so sehr erschrocken, als ich erfuhr, -daß wir in der Gewalt des schrecklichen Menschen wären und -meine Mutter ihm beistimmte.</p> - -<p>»Lieb Mutterchen,« habe ich gesagt, »Du wirst es nicht -thun! Nicht wahr, Du hast mich lieber als das Haus? Du -weißt, ich wäre verloren hier und dort, wenn Du mich diesem -Manne übergibst. Ebensogut könntest Du mich, Dein eigen -Fleisch und Blut, mit diesen Deinen Händen in die Hölle -hineinstoßen, wie Du mich zu Schmach und Verbrechen verkaufst?« -Da wurde sie feuerroth im Gesicht und ich dachte<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -schon, ich hätte gewonnen Spiel, da meine Worte solchen Eindruck -machten. Aber es kam anders. Sie sagte: »Wie redest -Du doch, mein Kind? Wo nimmst Du nur die Worte -her, die einen ja ordentlich ergreifen? Doch, denke ja nicht, -daß Du mich erschüttern könntest. Du kennst mich einfach -nicht, sonst würdest Du Dich gar nicht mühen. Mein Herz -ist todt und leer. Sie haben es draußen getödtet. Ich weiß -von keinem Erbarmen, denn man hat kein Erbarmen mit mir -gehabt. Sieh' ich habe Dich lieb, wie meine eigene Jugend, -denn Du bist das Bild derselben. Ich hätte Dir auch gern -die Leiden und Kämpfe erspart, die ich durchzumachen hatte. -Aber es sollte nicht sein. Und wer kann seinem Schicksal entfliehen? -Es ist so, wie ich es schon oft gedacht habe. Die -Tugend ist recht schön, aber sie ist einmal für uns arme Leute -nicht. Ich habe es nicht anders gefunden in der weiten -Welt. Wo Armuth war, war auch Schlechtigkeit, Laster und -Verbrechen. Es herrscht wohl auch viel Verdorbenheit unter -den Reichen und Wohlhabenden. Aber es gibt immer noch -Brave und Gute. Dagegen der Arme kämpft vergebens gegen -sein Schicksal. Man glaubt gar nicht an seine Tugend. -Wir heißen nur Spitzbuben, Strauchdiebe, Vagabonden, feile -Dirnen, Bettelpack und Lumpengesindel. Und weil man einem -alles Schlechte zutraut, so muß man auch schlecht werden.</p> - -<p>Doch ich muß Dich einmal einen Blick in mein Leben -thun lassen. Du sollst erfahren, was ich noch keinem Menschen -gesagt habe.</p> - -<p>Ich war ein junges, unschuldiges Ding und schön – wie -alle Leute sagten – da hat mich auch Einer mitgenommen -nach Amerika. Es ist schwer, wenn man so allein und schutzlos -ist, sich der Frechheit der wilden Männer zu erwehren,<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -aber ich wehrte mich. Eines Tages verfolgten mich zwei: -ein Irländer und ein Italiener, die Haupthelden unseres -Tanzlokals, auf die Straße. Ich jagte flüchtigen Fußes durch -die Straßen von New-York. Aber die Beiden mir ständig -nach, wie zwei wilde Bestien. Es war schon Alles öde und -vereinsamt und nirgends Hülfe zu erwarten. Meine Kräfte -fingen an nachzulassen. Noch einen Augenblick und ich war -rettunglos in ihrer Gewalt. Schon streckten sie ihre Arme -nach mir aus, da schrie ich Hülfe! Hülfe! so laut ich konnte. -Und noch schrie ich – da kam es plötzlich wie eine Windsbraut -über die beiden Kerle. Der eine flog in diese – der -andere in jene Ecke der Straße. Ein Jüngling, hoch und -gewaltig, war plötzlich zwischen sie getreten mit dem Rufe: -»Weg, ihr amerikanischen Schurken! Ein deutsches Mädchen -schreit um Hülfe!«</p> - -<p>Nie werde ich seinen Anblick und seine Worte vergessen. -Es war eine große, kräftige Gestalt mit langen, blonden Locken -und blauen, blitzenden Augen und einem Gesicht, so fein, -wie ein Mädchenangesicht. Er hatte mich an seinen Arm -genommen und nun stand er da, hochaufgerichtet, mit einem -einfachen Stock bewaffnet, um seine Gegner zu empfangen. -Denn diese hatten ihre Messer gezogen und drangen wüthend -auf ihn ein. Mit etlichen wohlgezielten Streichen trieb er -die Feiglinge in die Flucht. Und da ich noch sehr entkräftet -war, nahm er mich mit in ein naheliegendes Kaffeehaus und ließ -mir eine Tasse Kaffee reichen. Er betrachtete mich eine Zeitlang -unverwandt, ging dann mehrmals durch die Stube, in -der außer uns Niemand war. Dann fing er auf einmal an -und sagte: »Ich bin ein deutscher Student. Ich mußte flüchten, -weil ich mein Vaterland zu heiß geliebt habe. Zu Hause<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -sitzt eine alte Mutter und eine bleiche Braut. Die weinen -um mich. Ich werde sie nie wiedersehen. Ich bin daheim -zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt. Da draußen, in den -Wäldern, habe ich mir ein Haus gebaut. Aber es ist mir -zu einsam dort, wo ich nur den Schall meiner Stimme und -meiner Büchse höre. Darum kam ich in die Stadt. Ich -suchte Menschen. Hier fand ich Dich. Du gleichest, liebes -Mädchen, meiner Braut: dieselben treuen, braunen Augen, -derselbe süße Mund und Deine Stimme ist meiner Mutter -Stimme. Ich habe einen Entschluß gefaßt. In Amerika -freit man schnell. Kannst Du mich lieben? Willst Du mein -Weib werden?« Dann blieb er vor mir stehen – die Arme -gekreuzt – und schaute mich an so ernst und so liebreich.</p> - -<p>Ich war erst ganz erschrocken und verschüchtert. Endlich -wagte ich die Augen aufzuschlagen. Ich spürte aber ordentlich, -wie mein Herz und meine Seele zu ihm hinübergezogen -wurden. Auf einmal lagen wir uns in den Armen und er -drückte einen langen, heißen Kuß auf meinen Mund. So -mag eine Zeitlang vergangen sein. Es waren die seligsten -Augenblicke meines Lebens. Plötzlich schlug er sich wider die -Stirn und sagte: »Da habe ich mich wieder einmal schön -vergallopirt. Mädchen, wie heißt Du denn? Was bist Du? -Und kannst Du auch über Dich verfügen?« Ich fühlte, wie -mir alles Blut aus dem Gesichte zurücktrat. Mir war so -angst, so angst. Ich wußte, daß ich mit dem einen Wort -mein ganzes Glück vernichtete. Ich wollte lügen, aber ich -konnte nicht. Ich nannte meinen Namen und sagte: ich sei eine -Hurdy-Gurdy. Da wurde er bleich wie der Tod. Er schaute -mich mit einer furchtbaren Verachtung an; dann aber so grenzenlos -traurig, daß mir schon die Thränen aus den Augen stürzten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span></p> - -<p>»Mädchen,« sagte er, »Du weißt nicht, wie entsetzlich -wehe Du mir gethan hast! Es ist nicht blos die schreckliche -Täuschung – nicht blos, daß ich meine Liebe, die so plötzlich -und so stark in mir entstanden war, unterdrücken muß, – es -ist die Schmach, die meinem lieben deutschen Vaterlande angethan -wird durch solche deutsche Mädchen.« Und damit wankte -der starke Mann wie ein Trunkener zur Thüre hinaus. Ich -wollte rufen – ich streckte die Arme nach ihm aus – da -wurde es dunkel vor meinen Augen und ich stürzte ohnmächtig -zusammen. Ich verlebte schreckliche Tage. Ich hatte ihm -sagen wollen, daß ich rein und tugendhaft geblieben wäre mitten -in diesem wüsten Treiben. Ich suchte ihn auch überall -und forschte nach ihm, um es ihm noch zu sagen. Aber ich -fand ihn nicht. Er war wahrscheinlich wieder nach seinen -Wäldern. Ich dachte zuletzt: Und wenn du es ihm nun auch -sagst – wird er dir auch glauben? Wird dir es überhaupt -Jemand glauben? Ein furchtbarer Zorn gegen das Schicksal -bemächtigte sich meiner. Warum sollte ich denn besser sein -als die Welt mich machte? Warum sollte ich unnöthigerweise -die Mißhandlungen erdulden? Ich stürzte mich mitten hinein -in das wüste Leben und war bald eine der Schlimmsten.</p> - -<p>So kam ich nach Californien, nach San Franzisco. Es -war ein großer Saal und ein blendender Lichterglanz von den -vielen Kronleuchtern. Mein Blut war wie Feuer durch vielen -Punsch und das wilde Tanzen. Da stand ich da mit -fliegendem Athem und klopfender Brust; ein bärtiger Goldgräber -hielt mich um die Taille und streichelte meine heißen -Wangen. Da sah ich ganz in meiner Nähe wieder das Jünglingsangesicht -und diese blauen Augen mit so unendlich traurigem -und doch so strafendem Blick auf mich gerichtet. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -hätte vor Scham in die Erde sinken mögen und bedeckte mein -Gesicht mit beiden Händen. Als ich wieder aufblickte, war -er verschwunden. Aber die Augen – die Augen habe ich -nicht los werden können, bis heute noch nicht – sie haben -mich weggetrieben von Amerika. Als ich heimkam, trug man -eben meine Mutter zum Dorfe hinaus. Der Meister Guntram -von Friedberg hatte sie wie ein Wild des Waldes todtgeschossen. -Ich war nun ganz allein. Mein Vater war schon längst todt. -Ich hatte ein paar Aecker und unser jetziges Haus von meiner -Mutter schuldenfrei geerbt. Dort wohnte ich nun ganz -einsam. Es war mir lieb, daß das Haus fast völlig im -Walde stand. Er hatte ja auch ein Haus im Walde. – Es -war eine Zeit voll Träumens und Schwärmens. Den ganzen -Tag konnte ich sinnen über Vergangenes und Zukünftiges. -Die Hoffnung, mit ihm vereinigt zu werden, hatte ich noch -immer und baute Luftschlösser, wie es ermöglicht werden könne. -So hätte ich noch lange fortgelebt, aber mein erspartes und -ererbtes Geld ging zur Neige. Heirathen wollte ich nicht, -obwohl ich viele Gelegenheit dazu hatte. Ich mußte darum -auf einen Erwerb denken. Es sollte vor allen Dingen leichte -und bequeme Arbeit sein. Ich wandte mich an die alte Barb. -Sie verschaffte mir auch einen guten Dienst in der Stadt. -Aber bald sollte ich erfahren, warum sie so geheimnißvoll gethan -hatte. Mein Herr ging mir überall zu Gefallen, und -als ich seine Zumuthungen stolz zurückwies, lachte er mich -aus: »Er hätte nicht umsonst ein Mädchen aus unserm Dorfe -genommen.« Er drohte mich fortzujagen. Was sollte ich -machen? Der Winter war vor der Thür; das Essen war -ausgezeichnet; die Arbeit war kaum zu nennen und –« -»Mutter! Mutter!« rief ich – das Herz wollte mir zerspringen<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -– »schweig still! Soll ich denn gar Nichts mehr von -Dir halten? Soll ich denn meine Mutter ganz verlieren? -Ach, wie dachte ich mir Dich immer so rein! Wie warst Du -mir immer Vorbild und Muster und jetzt – jetzt!« »Du -mußt Alles hören. Es ist Zeit, daß Du es hörst. Das war -das Schlimmste nicht, es ging immer mehr abwärts. In -Wien lebte ich in Saus und Braus. Ich hatte Geld in Ueberfluß. -Ich besuchte Theater, Concerte und Bälle. Die schönsten -Bücher standen mir zu Gebote. Ich lernte außerordentlich -viel. Es wurden oft die witzigsten und geistreichsten Gespräche -bei mir geführt und ich konnte mitreden, mitlachen und mitspotten, -aber ich weiß nicht – ich hatte doch keine Befriedigung. -Inwendig kam ich mir so hohl, so leer vor. Dein -Vater, den ich kurz vorher geheirathet hatte, war mir ein ständiger -Vorwurf. Er hatte sich aus Aerger über mein Leben -ganz dem Trunke geweiht und wurde bei Tag und Nacht nicht -mehr nüchtern. Ich kümmerte mich gar nicht mehr um ihn. -Damals sah ich in einer Nacht in einem halbwachenden Zustande -wieder »die Augen!« Und nun ging es gerade wie in -Californien. »Die Augen« verließen mich nicht mehr. Aus -jeder Ecke schauten sie mich an – so unendlich traurig und -doch so strafend; im dunklen Zimmer daheim, im hellerleuchteten -Ballsaal, im Theater – überall waren sie. Ich konnte -es nicht mehr aushalten. So habe ich das glänzende Leben -aufgegeben und bin mit Deinem Vater heimgereist. Wir hatten -uns gar Nichts gespart, obwohl wir es gekonnt hätten. -Dazu war Dein Vater ein Trinker geworden. Ich hatte ihn -dazu gemacht und konnte ihm deshalb auch keinen Vorhalt -thun. Und wenn seine Launen noch so toll wurden – ich -habe immer nachgegeben – ich hatte es ja um ihn verdient.<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -Euch, Kinder, habe ich immer gern gehabt. Du thust mir -auch gewissermaßen leid, daß ich Dich hergeben muß. Wenn -es mit dem Hause nicht gekommen wäre – es wäre auch -niemals geschehen. Aber hier – in mein Herz – hat sich -eine Verbitterung und ein Haß eingefressen, von dem Du Dir -gar keinen Begriff machen kannst. Es steht mir immer vor -Augen: was hätte aus dir werden können und was ist aus -dir geworden! Und wer ist schuld an Allem? Doch allein -das Schicksal und die Welt. Wer arm ist, kommt zu keinem -sicheren Glück. Du bekommst nie Deinen Ernst! Wenn nur -die geringste Hoffnung wäre, so solltest Du nicht nach Californien! -Du entgehst auch Deinem Schicksal nicht, wenn Du -selbst diesmal noch nicht mitgingest! Wenn dazu nur die geringste -Hoffnung wäre, so wollte ich Dich bewahren! Aber -da ja doch gar kein Gedanke daran ist – was soll ich mir -mein Haus nehmen lassen? Ich habe Demüthigungen und -Spott und Lästerung genug erfahren müssen! Sie sollen es -nicht erleben, daß die stolze Frau Heimerdinger, die sie Alle -nicht leiden können und der sie alles Böse gönnen, noch aus -ihrem Hause hinausgeworfen wird! – Doch genug, ergib -Dich in Dein Schicksal! Es ist bereits Alles abgemacht.«</p> - -<p>»Mutter! Mutter!« schrie ich, »morde mich lieber! Hier ist -ein Messer, stoße es mir in die Brust!« Aber sie that als -hörte sie mich gar nicht. »Mutter, ich will ja das, was das -Haus kostet, mit meiner Arbeit verdienen; ich will arbeiten, -daß mir das Blut zu den Nägeln herausläuft und Gott, der -in den Schwachen mächtig ist, wird mir helfen«.</p> - -<p>»Kind, du redest Unsinn! Das kannst du nicht.« »Mutter, -jetzt sehe ich, was Dir immer gefehlt hat, Du glaubst nicht -an Gott!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p> - -<p>»Nein in der Art nicht, wie Du gelernt hast. Doch davon -spreche ich nicht mit Dir.«</p> - -<p>»Aber ich will mit Dir davon sprechen. Siehst Du, »die -Augen«, die Dir erschienen sind, das war der erste Ruf Gottes -an Dich, und als Du dem Leichenzug Deiner Mutter begegnet -bist, das war die zweite Mahnung. Sie ist so gräßlich um's -Leben gekommen, weil sie Dich verkauft hat für ein Blutgeld -und Du wirst ebenso schrecklich um's Leben kommen, -wenn Du mich verkaufst.«</p> - -<p>Da wurde aber meine Mutter zornig und fing an mich -zu schelten. Ueberdem kam mein Vater, und als er hörte, -von was die Rede war, hat er mich getreten und geschlagen -und mit den Haaren durch das Zimmer geschleift. Ich konnte -die ganze Nacht nicht schlafen, aber auch nicht klar denken. -Dunkle Träume quälten mich. Und zuletzt ergriff mich eine -Angst, daß ich es nicht mehr aushalten konnte. Da bin ich -herausgelaufen in den Wald und habe mich hierher gesetzt. -Ich habe immer dagesessen. Es lag wie ein Alp, wie eine -Betäubung über mir. Ich wußte Alles, aber ich konnte mich -nicht rühren. Alles, was meine Mutter gesagt hat und ich -gesagt habe, ist mir Wort für Wort wieder eingefallen. Dann -habe ich heiß und lange gebetet. Und so sind auch Sie gekommen, -aber ich konnte mich immer noch nicht bewegen. Ich -war wie gebannt.«</p> - -<p>»Das war irgend ein mir unbekannter Nervenzustand, der -über Dich gekommen ist in Folge der starken Aufregung,« erwiderte -ich, »der ist nun überstanden. Wäre auch das Andere -ebenso glücklich überstanden! Dein Vater hat wie ein Unmensch -an Dir gehandelt. Deine Mutter hast Du richtig erkannt. -Hätte sie Gott vor Augen und im Herzen gehabt, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -hätte gewiß ein glücklicheres Loos gezogen. Nicht die -Welt und das Schicksal, sondern ihr stolzes, vergnügungssüchtiges -Herz hat sie in das Verderben gejagt. Aber wie Du -Deiner Mutter den Namen Gottes zugerufen hast, als sie -über Dich und Deine Zukunft entschied, so rufe ich Dir in -diesen schweren Stunden den Namen Gottes zu. Denn nur -des Herrn mächtiges Wort kann den Sturm Deiner Gefühle -bedrohen, daß es stille in Deinem Herzen wird, ganz stille. -Und unter den schwierigen Verhältnissen, denen Du jetzt entgegengehst, -kann nur seine Hand Dich führen und seine Rechte -Dich halten. »Gott ist getreu und lässet Dich nicht über -Vermögen versucht werden.« »Der gute Gott im Himmel -wird Dich nicht verlassen, noch versäumen.« »Mein Vater -und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich -auf!« heißt es, und: »Harre des Herrn, sei getrost und unverzagt -und harre des Herrn!«</p> - -<p>Was ich für Dich thun kann, ist unbedeutend. Mein -Einfluß auf diese verhärteten Gemüther ist gering und mit -ihrer List und Verschlagenheit kann ich es nicht aufnehmen. -Doch was ich zu thun vermag, will ich thun. Auf Etwas -kann ich Dich übrigens noch aufmerksam machen: Du brauchst -hier Deinen Eltern keinen Gehorsam zu leisten. Es tritt -hier der Fall ein, wo es heißt: »Du sollst Gott mehr gehorchen -als den Menschen!« Sie haben Dich zur Sünde -verkauft. Und wenn Du ihnen folgst, gibst Du Dich zum -wenigsten in große Gefahr. Auch haben sie vollständig ihre -Elternrechte an Dich aufgegeben, indem sie offenbar das Gegentheil -von dem in Dir pflanzen wollen, wozu Dich Gott -ihnen anvertraut hat.«</p> - -<p>»Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte sie, »fortzulaufen<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -in die weite Welt und dort für mich allein mein Glück -zu suchen, aber ich kann nicht. Ich bleibe und gehorche. -Und wenn es noch schwerer wäre, ich bliebe doch! Ich will -es versuchen, meinen Eltern treu zu sein und auch meinem -Gott nicht untreu zu werden.«</p> - -<p>»Du unternimmst fürwahr Großes und Schweres, Babette -und ich will Gott danken, wenn es Dir gelingt. Doch des -Herrn Rath ist wunderbar! Vielleicht soll es so sein. Und -hier war es, als ob mich ein Geist der Weissagung ergriff. -Vielleicht sollst Du drüben in Amerika den Ruf einer frommen -deutschen Jungfrau wieder zur Ehre bringen und Deinen -gesunkenen Kamerädinnen ein Stachel werden zur Reue und -Nacheiferung. Wenn Dich aber Gott zu dieser hohen Mission -als Rüstzeug auserwählt hat, dann sei getrost; der Dich auserwählt -hat, der weiß, daß Du die Kraft dazu hast und führet -Alles herrlich hinaus!«</p> - -<p>Wir hatten uns auf den Heimweg gemacht, weil es stark -zu dunkeln begann. Ich hatte ihr noch manches Tröstliche -gesagt. Auch das noch, daß Gott dem zarten und schwachen -weiblichen Geschlecht gerade in der Unschuld einen mächtigen -Schild geschenkt habe, den selbst die größte Rohheit nicht anzutasten -wage, wenn sie in ihrer kindlichen Reinheit bewahrt bliebe.</p> - -<p>Am Rande des Waldes hatte ich sie verabschiedet und -schaute ihr wohlgefällig nach, wie sie so rüstig und strack dahinschritt -und schickte ein leises Gebet zum Himmel empor -für ihr Wohlergehen.</p> - -<p>»Ein Rendezvous gehabt, Herr Pfarrer?« zischelte neben -mir eine Stimme, und eine Gestalt eilte flüchtig an mir vorüber, -in der ich die »Anne-Mile«, eine der verdorbensten -Frauen des Dorfes erkannte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p> - -<h2 id="VI">VI.<br /> -Die Balzerswäs.</h2> -</div> - -<p>Es war des andern Abends spät ein mächtiges Gewitter -am Himmel. Die Wolken hingen schwarz und schwer über -dem Dörfchen. Die Luft war wie ein Feuermeer und wenn -der Donner krachte, zitterten die Fensterscheiben und wackelte -mein alter Tisch an der Wand. Jetzt fuhr wieder ein Blitz -hernieder, so blendend, daß ich die Augen zumachen mußte, -und dann wogte und prasselte es über mir, als wenn das -verwetterte Ziegeldach auf mich gefallen käme. Ein alter Eichbaum, -etliche Schritte vom Hause entfernt, stand in lichten -Flammen. Damit hatte aber auch das Gewitter seinen Höhepunkt -erreicht. Nun öffneten sich die Schleusen des Himmels. -Bald grollten nur noch die Donner in der Ferne und langgezogene -Blitze erleuchteten das Firmament.</p> - -<p>Der Wettersturm draußen in der Natur war ein treues -Abbild, wie es des Abends in meinem Gemüthe stürmte und -wetterte. Man hatte mich auf das schmählichste beschimpft. -Man hatte das Interesse, welches ich an dem Schicksal Babettens -nahm, und das Wohlgefallen an dem Mädchen, das -ich offen zeigte, auf das gemeinste gedeutet und zwar hatten -es die Leute gethan, die noch am ersten im Dorfe den ehrenwerthen -Bauernstand und die altväterliche Sitte repräsentirten -und zu denen ich mich noch am meisten hingezogen fühlte.</p> - -<p>Es waren die schwersten Augenblicke, die ich bis dahin -erlebt hatte. Mit großen Schritten wandelte ich im Zimmer<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -umher. Alles war in mir in fessellosem Aufruhr und Empörung. -Die Finger habe ich öfters in das Fleisch meiner -Brust eingekrallt und ein- über das anderemal gerufen: »Demüthige -Dich unter die gewaltige Hand Gottes!« und: »Laß -Dir an meiner Gnade genügen!«</p> - -<p>Der blendende Blitz und der brennende Baum brachten -mich zu mir selber. Wie aber dann die Schleusen des Himmels -sich öffneten, so stürzte auch eine Thränenfluth aus meinen -Augen. Hernach habe ich noch lange am offnen Fenster -gesessen und in den dunklen Nachthimmel und in das ferne -Blitzen hineingeschaut und mit meinem Gott gesprochen.</p> - -<p>Den ganzen Tag vorher hatten mich die Sorgen für das -unglückliche Mädchen nicht verlassen. Ich hatte mir gedacht, -am leichtesten könnten alle Schwierigkeiten gelöst werden, wenn -die alte Balzerwäs die Einwilligung zu der Verbindung mit -ihrem Sohne gäbe. Denn hatte nicht die Frau Heimerdinger gesagt: -»Wenn nur die geringste Hoffnung da wäre, so solltest Du -nicht nach Californien!« Und sollte denn auch nicht der leiseste -Hoffnungsschimmer für diese Verbindung zu entdecken sein?</p> - -<p>Ich verhehlte mir durchaus nicht das Bedenkliche der -Sache, denn in einer so wohlhabenden Bauernfamilie, wie die -Balzerische war, steckt ein Hochmuth und eine Zähigkeit, die -jeder Einwirkung trotzt. Dabei herrscht eine Nüchternheit und -trockne Verständigkeit der Auffassung, daß eine Begeisterung -oder irgend ein höherer Aufschwung geradezu unmöglich erscheint. -Es ist, als ob der kalte Eigennutz alle Gefühle verknöchert -hätte. Bei Heirathen gesteht man dem Herzen nicht -die geringste Berechtigung zu. Nur die Aecker werden gezählt -und die Viehställe und Weißzeugschränke besichtigt. Und -die Weiber, bei denen man gern einen idealeren Zug und ein<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -lebhafteres Gefühl voraussetzen möchte, sind die schlimmsten. -Am wenigsten hatte ich in der Art Etwas von der alten -Balzerswäs zu erwarten, die mit straffer Hand die Zügel -ihres Hauswesens führte, seit ihr Mann todt war, vielleicht -auch schon früher. Auf der andern Seite legte ich großes -Gewicht auf die freundlichen Beziehungen, in denen ich zu der -Familie stand, in der ich regelmäßig meine Winterabende zuzubringen -pflegte. Die Balzerswäs hatte sogar meinem Vater, -der mich besuchte, versichert, er brauche gar nicht so viel -nach mir zu sehen, sie sorge für mich wie eine Mutter. Ferner -hatte in dieser Gegend die Achtung vor dem geistlichen -Stande Etwas zu bedeuten. Denn, dachte ich, ist nach dem -Apostel Jakobus die Zunge eine solche Macht zum Bösen, -ein Feuer, das den Wald anzündet, eine Welt voll Ungerechtigkeit, -so muß sie wohl auch eine Macht zum Guten sein, -wenn man sie dazu verwenden will, und ein klein wenig -durfte ich auch auf meine Fertigkeit im Reden vertrauen.</p> - -<p>Der Plan, den ich mir zurecht gelegt hatte, war meiner -Meinung nach sehr fein und klug ausgedacht und mußte von -Erfolg sein. Er wäre es vielleicht auch gewesen, wenn er -überhaupt zur Ausführung gekommen wäre. Aber ich konnte -ihn nur bruchstückweise gebrauchen; denn als ich in Gottes -Namen und im Vertrauen auf meine gute Sache hinüberging, -merkte ich schon gleich beim Empfang, daß nicht -Alles stand, wie sonst. – Sonst sagte die ganze Familie -feierlich »guten Abend!« Der achtzigjährige Großvater oder -Eller erhob sich hinter dem Ofen, that die Pelzmütze ab, das -kurze irdene Pfeifchen aus dem Munde und sagte besonders -»guten Abend, Herr Pfarrer!« Dann wurden die Kinder -herbeigeholt, der lustige Fritz, die vorlaute Dine und der dicke<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -Adam. Sie mußten mir alle hübsch die Händchen geben. -Während der Zeit putzte die Balzerswäs einen Stuhl ab und -stellte ihn oben an den Tisch. Der Friedrich, der unverheirathete -Sohn, holte ein Glas frisches Wasser am Brunnen -und stellte es an meinen Platz, weil ich gern Abends ein -Glas Wasser trank. Der Hanjost dagegen nahm seine lange -Pfeife von der Wand, die ihm der Ernst zu seinem Geburtstag -von J. mitgebracht hatte und auf deren Kopf die ganze -Stadt abgemalt war und lieh sich vom Eller den Tabaksbeutel; -denn er war nur ein Gelegenheitsraucher. Die Schwiegertochter -und die Töchter des Hauses gruppirten sich mit ihren -Spinnrädern und sonstigen Arbeiten um die Hängelampe. -Recht gemüthlich aber wurde es, wann die Alte ihr Kaffeetöpfchen -vom Ofensims nahm. »Denn den Kaffee trinke ich -für mein Leben gern,« sagte die Balzerswäs. »Morgens -wann ich aufstehe, muß ich gleich meinen Kaffee haben, sonst -wird mir leicht schwach. Für zehn Uhr hebe ich mir als ein -Tröpfchen auf, denn dann erquickt er mich am meisten. Mittags, -gleich nach dem Essen, trinke ich als ein Schälchen wegen -der Verdauung. Um vier Uhr trinke ich mit den Andern -und da schmeckt er mir am besten. Abends, sehen Sie, da -kann ich das schwere Essen nicht mehr vertragen, da machen -sie mir als Kaffee. Und vor dem Schlafengehen trinke ich -auch gern noch eine Tasse. Man schläft besser, denken Sie.«</p> - -<p>Wann sie nun Kaffee getrunken hatte, dann ging ihr -Mundwerk besonders gut, das ganz gewiß auch sonst nicht -stille stand. Es wurden meistentheils Ortsverhältnisse besprochen. -Ich machte meine Bemerkungen dazu und betheiligte mich -sonst an der Unterhaltung. Der Eller, der eine merkwürdige -Frische des Geistes bewahrt hatte, gab von seinen Erfahrungen<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -zum Besten, und der Hanjost warf oft einen sehr treffenden -Witz dazwischen, der jedesmal mit großem Lachen aufgenommen -wurde.</p> - -<p>Das war nun den Abend, wie gesagt, Alles anders. Ich -wurde so kleinlaut gegrüßt und man sah mich so verblüfft -an, daß ich merkte, man hatte eben noch über mich gesprochen -und zwar nichts Gutes. Es bot mir sogar Niemand einen -Stuhl an. Ich wurde selbst ganz verlegen und wollte eben -fragen, was nur in aller Welt geschehen wäre, als der dicke -Adam den Zauberbann brach, indem er auf drollige Weise -die Begrüßung des Großvaters nachahmte. Er stand von -dem Stühlchen auf, auf dem er gesessen hatte, that seine Kappe -ab und das Reis, an dem er rauchte, aus dem Mund und -sagte mit lauter feierlicher Stimme: »Guten Abend, Herr -Pfarrer!« Alles lachte und ich lachte herzlich mit. Die Schwiegertochter -hatte mir jetzt auch einen Stuhl zurechtgestellt und der -Hanjost reichte nach der Pfeife. Aber es dauerte lange, bis -die alte Balzerswäs zu einer ihrer Töchter sagte: »Ich weiß -nicht, Dorth, ich meine, draußen in den Kohlen müßte noch -ein Töpfchen mit Kaffee stehen, geh' hin und sieh' einmal nach!«</p> - -<p>Ich lenkte allmählich das Gespräch auf den alten Fink -und die Mädchen, die er für Californien gemiethet hatte. -»Es ist ein Schimpf und eine Schande für unser Dorf und -unsere Gegend, sagte ich, daß hier solche Zustände walten! In -allen Zeitungen wird darüber geschrieben. Es heißt: keine -Nation der Erde gäbe sich zu diesem schlechten Gewerbe her – -es seien nur Deutsche, nur Rheinländerinnen. Wir könnten -es ihnen noch besser sagen, wer es ist! Nicht wahr? Jedes -Mal, wann ich so Etwas lese, preßt sich mein Herz zusammen -und Flammenröthe bedeckt mein Gesicht. Ich meine immer,<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -auch ich trüge einen Theil Schuld und weiß doch Nichts anzufangen, -um der Sache Einhalt zu thun. Alle meine Worte -und Zusprache verhallen wie der Wind. Es sind gar harte, -verstockte Herzen hier. Und muß es nicht so sein? Kann überhaupt -noch von »Herz« die Rede sein, wo Väter und Mütter -ihre eigenen Kinder für Geld dahingeben? Man wundert sich -über die Unmenschlichkeit der Neger an der Westküste Afrikas, -wo die Häuptlinge ihre eigenen Stammsgenossen und die Väter -ihre Kinder an die Sklavenhändler verkaufen. Aber was will -das heißen gegen die Schändlichkeiten, welche hier begangen -werden! Dort sind Heiden, hier sind Christen. Und die verblendeten, -unwissenden Heiden verkaufen ihre Kinder doch nur -zu Sklaven, aber hier verkaufen christliche Eltern ihre Kinder -zu H… Wenn irgendwo das Wehe, das der Herr über die -Menschen ausspricht, durch welche Aergerniß kommt, seine Anwendung -findet, dann ist es hier.«</p> - -<p>»Herr Pfarrer«, sagte die Balzerswäs nach einer kleinen -Pause, »die Menschen wollen leben, und wenn die Kinder nach -Brod schreien, dann thut man Manches, was man vor seinem -Gewissen nicht verantworten kann.«</p> - -<p>»Ach was,« sagte ich, »die Noth bricht Eisen, aber ein Gebot -Gottes darf sie nicht brechen. Wer arbeiten will und -im Vertrauen auf Gottes Hülfe sich redlich mühet, dem hat -es noch nie an Gottes Hülfe gefehlt. Nur muß mit dem -Arbeiten das Beten und mit dem Beten das Arbeiten verbunden -sein. Die Vögel unter dem Himmel und die Lilien -auf dem Felde sind mahnende Zeugnisse, daß es Niemand -fehlen könnte, wenn er nur seine Pflicht treulich erfüllen wollte -und die Sorgen und den Segen dem Herrn überlassen würde. -Was gibt es öde und wüste Gegenden in der Welt, wo kaum<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -noch die naschende Ziege einen Grashalm findet in dem Steingeklüft, -nicht wie hier, wo die reichste Fruchtlandschaft zu unseren -Füßen liegt und wo selbst noch Korn und Weizen herrlich -gedeihen, und die Menschen, die dort wohnen, ernähren -sich redlich und ernähren sich reichlich. Denket nur an die -Schwarzwälder Uhrmacher und an die Tyroler Geigenmacher, -von denen Ihr in der letzten Spinnstube gelesen habt. Und -wenn man solche Kunst nicht versteht und erlernen kann, warum -ernährt man sich nicht durch Tagelöhner- und Handlangerarbeit? -Die Fulder sehe ich jeden Sommer in Schaaren in die Wetterau -gezogen kommen, um sich Geld zu verdienen durch redliche -Arbeit. Dagegen von unseren Dorfleuten sehe ich keinen -hinunterwandern, als um gestohlenes Holz zu verkaufen und -um zu betteln. – Wenn jedoch selbst die Noth nahezu unerträglich -wäre, so dürfte immerhin nicht aller Sitte Hohn -gesprochen und das Heiligste und Göttlichste in der Menschennatur -unter die Füße getreten werden. Aber es geschieht und -nicht aus Noth. Sie war es nur anfänglich, die zu diesem -Treiben hinführte. Jetzt sind viel mehr Geiz und Genußsucht -die Triebfedern, als die Armuth.«</p> - -<p>»Das hört sich zu, als ob man in der Kirche wäre,« -murmelte Hanjost vor sich hin und die Mädchen fingen an -zu kichern.</p> - -<p>»Es ist durchaus meine Absicht nicht, Euch eine Predigt zu -halten. Und es braucht's auch wahrlich nicht. Wenn ich schwiege, -würden die Steine schreien, so auffallend sind die Beispiele, -die Ihr ständig vor Augen habt. Nehmet die alte Justine! -Was treibt diese greise Frau mit ihren schlottrichten Knien, -ihr einzig Kind in die weite Welt zu schicken? Kann sie nicht -längst der grüne Rasen decken, ehe es wiederkehrt? Und wird<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -es überhaupt wiederkehren? Wer wacht denn nun an ihrem -einsamen Lager? Wer drückt ihr die müden Augen zu? Hat -denn solch ein Herz gar kein Bedürfniß nach Liebe? Nachdem -sie ihren Mann so früh begraben hat und ihr ein Kind nach -dem andern dahingesunken ist, sollte man nicht meinen, sie -hätte nun alle Liebe auf dieses Eine übertragen? Hat ihr Gott -darum dieses Eine gelassen und ihm die blühende Schönheit -geschenkt, daß es auf mütterliches Geheiß für schnödes Geld -seine Ehre und seinen Seelenfrieden hier auf Erden und sein -Hoffen auf das Jenseits so dahingeben soll? Ist es nicht ein -himmelschreiender Frevel? Und hat sie es nöthig, jegliches Muttergefühl -zu ersticken, weil rasender Hunger sie quälte oder schreiende -Noth sie zwang? Hat sie nicht ein zweistöckiges Wohnhaus, -Aecker und Wiesen, ja sogar Geld ausgeliehen und war nicht -die Herrschaft, wo ihr Mädchen diente, sehr mit ihm zufrieden -und wollte es auf keine Weise losgeben? Wißt Ihr noch, es -war ja hier im Zimmer, als ich ihr so eindringliche Vorstellungen -machte und zuletzt rief: »Weib, Dich hat der Satan -verblendet, Du bist vom Geizteufel besessen!« und wie sie da -wüthend ward und die Fäuste ballte und wie der Großvater -hinter dem Ofen aufstand und ihr »wehe!« zurief und wie -ein Prophet weissagte, sie würde elend in die Grube fahren -und wie sie bleich wurde, als hätte sie ein Gesicht gesehen, -aber dennoch ihr Kind verkaufte?«</p> - -<p>Da räusperte sich hinter dem Ofen der Großvater, der -immer nach seiner Weise sich Alles zurecht legte. »Sie haben -Recht, Herr Pfarrer, ganz Recht. Der Geiz ist die Wurzel -alles Uebels und treue Gesellen im Schlechtmachen sind Fleischeslust -und hoffärtiges Wesen. Wann aber der Teufel einmal -Herberge gemacht hat in so einem lüsternen Menschenherzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -dann wird es ärger und ärger und der Mensch lädt sich auf -und lädt sich auf und denkt nicht an die Zeit des Abladens. -Die Jugend ist thorhaft, aber das Alter sollte bedächtig sein; -denn der Tod ist nahe und das Gericht!«</p> - -<p>»Großvater,« sagte ich, »das Gericht wartet oft nicht bis -nach dem Tod. Es ist noch Niemanden Segen erwachsen aus -dem Kinderhandel. Oder könnt ihr mir ein Elternpaar nennen, -das nicht zum mindesten von seinen Kindern Vernachlässigung -und Mißhandlung im Alter geerntet hätte? Da ist noch jüngst -der alte Knoth im Elend und Ungeziefer zu Grunde gegangen. -Was haben ihm seine fünf Töchter ein Geld eingebracht! Wo -ist es hingekommen? Seine Töchter sind sämmtlich gut verheirathet -und im Wohlstand. Warum hat sich nicht eine einzige -Hand geregt, um ihm sein letztes Leiden zu erleichtern? -Warum mußten fremde Leute ihm die nothdürftigsten Handreichungen -thun? Warum mußte er auf seiner öden Kammer einsam -und verlassen den letzten schrecklichen Kampf auskämpfen? –</p> - -<p>Es sind ja erst ein paar Tage her, daß der alte Hanfriedrich -auf seinem Karren krank heimgebracht wurde. Was haben -ihm seine Kinder für einen Empfang bereitet! In den Kuhstall -haben sie ihn gebettet! Und da er jetzt wieder auf sein kann, -darf er um keinen Preis in die Stube. Sein Kaffeetöpfchen -hat ihm seine Schwiegertochter vom Herd gestoßen, daß die -Scherben in die Ecken flogen. Wenn ich nicht ernstlich eingeschritten -wäre, wer weiß, was noch hätte geschehen können. -Aber es wird auch noch Saat des Verderbens in die Zukunft -gesäet. Was gibt das Gatten! Was gibt das wieder für -Eltern! Die Sünden der Väter werden heimgesucht bis in's -dritte und vierte Glied. Auf welchem Boden sollen auch die -Gattentreue und die Elternliebe wachsen! Es ist ja bekannt,<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -daß Hofmann's Lisbeth bei dem Tode ihres Mannes zwei -Malter Weizen verbacken ließ. Alle Welt sollte sich mit ihr -bei Kaffee und Kuchen und Wein und Bier freuen, daß sie -endlich von ihrem Manne erlöst sei, der sich doch nur für sie -in den englischen Fabriken das schmerzliche Rückenmarksleiden -zugezogen hatte. Sie konnte doch jetzt offen mit ihrem Buhlen -hervortreten.</p> - -<p>Doch am ergreifendsten spiegelt sich gewiß die grenzenlose -Verderbtheit bei der berühmten Anne-Mile, die ich am vorigen -Sonntag mit dem braven Leonhard copulirt habe. Was -hatte sie Gott mit reichen Gaben des Leibes und des Geistes -ausgestattet und wie benutzte sie dieselben! Es kann mich immer -unendlich jammern, wenn so ein herrliches Geschöpf im -Lasterleben zu Grunde geht. Eine vom Hagelschlag verwüstete -Flur, eine vom Feuer zerstörte Stadt ist fürwahr kein so -trauriger Anblick, als solch ein durch und durch vergiftetes -Menschenleben. –</p> - -<p>Man weiß es ja allgemein, daß sie dem alten Fink in -New-Orleans entfloh, als die Schottin ihr einst den Rücken -etwas zu derb mit dem spanischen Rohr bearbeitet hatte. Auch -machte sie kein Geheimniß aus der traurigen Weise, wie sie -die reichen Putzgegenstände und das blitzende Gold, das sie -mitbrachte, verdient hat. Ich erinnere mich noch recht wohl -ihres ersten Auftretens hier und des Aufsehens, welches sie -allgemein erregte. Fast ein halbes Jahr und noch länger -war sie Gegenstand aller Gespräche. Die Weiber machte sie -verrückt mit ihren seidenen Kleidern und der Straußenfeder -auf dem Hut; die Burschen und Männer verlockte sie durch -ihre schwarzen frechen Augen und ihre Buhlerkünste. Ihre -fünfhundert Dollars, die sie sofort ausgeliehen hatte, waren<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -der Gegenstand der Habgier und der Intriguen. – Als sie -einmal so mit ihrem Troß vorüberzog und ich mit dem Großvater -draußen auf dem Bauholz in der Sonne saß, spuckte -der aus und sagte ganz laut: »Pfui Teufel!« Selbst aus der -Stadt kamen die sauberen Herren und umschwärmten sie, und -sie trug ein Kapital nach dem andern auf die Landesbank. -Aber während sie Kapitalien machte, die Weiber reizte und die -Männer verführte und herrlich und in Freuden lebte, lag -ihr alter Vater von der Gicht geplagt, gliederlahm auf dem -Schmerzenslager und ernährte sich von dem Bettelbrod, was -ihr achtjähriger Bruder in der Wetterau zusammenbettelte. -Als sie jedoch ein Kind gebar, bekam ihr Vater auch diese -dürftige Nahrung nicht mehr; denn da mußte ihr Bruder das -Kind halten. – Der Vater ist gestorben – ob an der Gicht -oder an Hunger – das wird wohl einst entschieden werden. – -Da war es denn eine unbequeme Geschichte für sie, daß ihr -Bruder bei fremden Leuten untergebracht wurde; denn nun -mußte sie selbst für ihr Kind sorgen und das wurde ihr nach -gerade so lästig, daß der Bürgermeister eines Morgens ihr -schreiendes Kind vor der Thür liegend fand und sie ihm -sagen ließ: er hätte ihr den Bruder aus dem Haus genommen: -nun könne er auch für ihr Kind sorgen. Wißt Ihr auch, was -mich am meisten bei ihrer Heirath empört hat? Nicht der freche -triumphirende Blick, den sie mir am Altare zuwarf; nicht -daß mir die Hochzeitgäste am Abend ein Spottlied sangen, -sondern daß die ganze Gemeinde ihr »Ja und Amen« zu -dieser Verbindung gab. Frau Balzer, Sie haben auch dazu -gerathen und geholfen! Der Leonhard hat mir's gesagt, als -ich ihm die ganze Geschichte leid machen wollte. Er hat sich -darauf berufen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p> - -<p>»Ich habe auch zu der Heirath gerathen und heiße sie -auch jetzt noch gut. Das Mädchen hat eine schöne Sach', ist -fleißig und sparsam. Sie ist gut für das Land, gut für die -Haushaltung und versteht alle Feldarbeit. Was will der -Lumpenkerl, der Leonhard, mehr? Der ist arm wie eine -Kirchenmaus.«</p> - -<p>»Aber brav und unbescholten,« entgegnete ich, »und sie -ist die abgefeimteste, frechste Dirne, die ich kenne. – Das -ist es gerade, was mich so empört, daß man Nichts hierin -findet. Man ist so tief gesunken, daß man über die gemeinste -Gesinnung und die schamlosesten Handlungen keine Entrüstung -mehr hat. Man hat sich so sehr an das Laster gewöhnt, -daß man ganz und gar vom Ruf eines Mädchens absieht und -es nur nach seiner äußeren Brauchbarkeit und seinem Gelde -schätzt. – Und was enthält der Begriff »brauchbar für's -Land« für entsetzliche Nebenbegriffe, die man gar nicht nennen -darf! und was ist das für sauberes Geld! Mancher -würde sich bedenken, es nur mit der Feuerzange anzurühren. -– Ich hätte fürwahr bei Euch, die Ihr Euch wenigstens -äußerlich vor jedem Makel hütet, andere Gesinnungen gesucht! -Darum ist auch mein Kampf gegen die täglich zunehmende -Versunkenheit so vergeblich, weil ich ihn allein kämpfen muß. -Wenn noch ächte, unverdorbene Art in Euch wäre, so würdet -Ihr entschieden auf meine Seite treten und mich mit Rath -und That unterstützen! Euer Ansehen und Einfluß mit in -die Wagschale geworfen, würde meinen Worten ein ganz anderes -Gewicht verleihen.«</p> - -<p>Da nun auf diese Worte ein verlegenes Stillschweigen -erfolgte, glaubte ich, das Feld wäre genug bearbeitet und der -Zeitpunkt gekommen, meinen Antrag anzubringen. Ich sagte<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -also: »Ich will Euch noch diesen Augenblick eine Gelegenheit -bieten, wo Ihr zeigen könnt, ob noch besseres Gefühl in Euren -Herzen schlummert, ob Ihr noch irgend ein Opfer zu bringen -vermöget, ob Ihr noch einer edlen That fähig seid! Frau -Balzer und Ihr, alter Großvater, Ihr könnt eine Menschenseele -vom Verderben retten! Ihr könnt Eure eigene Seele -retten! Denn wer einer Seele vom Tode hilft, der wird -die Menge der Sünden bedecken. Bedenket die Nähe Eures -Todes und des Gerichts! Die Frau Heimerdinger hat erklärt: -wenn die Babette nur die geringste Hoffnung hätte, den Ernst -zu bekommen, solle sie nicht nach Californien. Gebt Ihr -diese Hoffnung! Benutzet die Gelegenheit zu einer edlen That, -die Euch der Herr durch mich anbietet, und ladet Euch nicht -den Fluch der Versäumniß auf!«</p> - -<p>Wenn eine Bombe plötzlich in das Zimmer gefallen wäre, -die Gesichter hätten nicht verblüffter aussehen können, als -durch diese meine Aufforderung. Die Balzerswäs rang sichtlich -nach Athem. Endlich hatte sie die Sprache wiedergefunden. -Sie war aufgesprungen und trippelte vor mir auf -und ab, während sie sprach: »Was sagen Sie, was sagen -Sie, Herr Pfarrer? Ich kann's gar nicht glauben. Wir, -wir sollen das schlechte Mensch, die Lumpenbagage, in unsere -Familie aufnehmen! Dazu haben Sie die lange Einleitung -gemacht und uns die Predigt gehalten! Da hätten Sie den -Athem sparen können!«</p> - -<p>Ganz niedergeschlagen über den schlechten Erfolg meiner -gewiß guten Absicht erwiderte ich: »Arm ist das Mädchen -wohl, aber wenn Sie es »schlecht« nennen, versündigen Sie -sich! Wer weiß, ob nicht ein besseres Herz unter ihren Lumpen -schlägt, als unter Ihrem feinen Tuchmieder.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<p>»Ach, der Herr Pfarrer soll ja nicht glauben, als wüßten -wir nicht, warum er so warmen Antheil an der Babett -nimmt, warum er ihr immer die Hand gibt und so freundlich -zunickt und oft stundenlang mit ihr spricht! Man ist -endlich hinter Ihre Schliche gekommen. Sie sind gestern mit -ihr gesehen worden an der Guntramseich'. Die Dorth hat's -eben mit heimgebracht. Pfui, schämen Sie sich für einen -Pfarrer und für so einen frommen Mann, wie Sie sein -wollen! Doch was ich sagen wollte, mit einem Wort: Mein -Ernst ist viel zu gut, um Ihre Liebste zu heirathen.«</p> - -<p>Ich wußte anfangs gar nicht, was die Frau wollte und -fühlte nur instinktmäßig, daß sie einen schweren Verdacht gegen -mich aussprach. Aber als ich endlich merkte, wo sie hinauswollte, -wurde ich ganz betäubt und fing an schwindelig zu -werden, so daß ich mich durch einen starken Willensakt wieder -aufraffen mußte. Da wollte sich nun meiner ein entsetzlicher -Zorn bemeistern, aber ich beherrschte mich und sagte kalt und -stolz: »Sie werden es wohl beweisen können, denn beweisen -müssen Sie es! Solche schwere Verdächtigungen spricht man -ungestraft nicht aus.« Meine Worte verfehlten ihren Eindruck -nicht; denn ein rechter Bauer scheut die Amtsstube, wie -das Feuer. – Ich wäre nun gern gegangen, aber ich fühlte, -daß ich mit der Drohung, sie vor Gericht zu belangen, als -Geistlicher nicht gut scheiden konnte und sagte: »Ich meine, -ich könnte hier, wo man mich auf so niederträchtige Weise -beleidigt hat, keine Minute mehr verweilen, aber meinem -Stand und meiner Stellung bin ich es schuldig, Euch etliche -Aufklärung zu geben. Ich habe allerdings gestern zufällig -die Babette Heimerdinger an der Guntramseiche getroffen und -habe eine lange Unterredung mit ihr gehabt. Auch habe ich<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -ein Werk der Barmherzigkeit an ihr ausüben müssen, denn -kurz nach meiner Ankunft ist sie in Folge der Mißhandlungen -ihrer Eltern und des Seelenschmerzes, den ihr die Gewißheit -machte, an den alten Fink verkauft zu sein, in Ohnmacht -gesunken und ich habe sie erst nach langen vergeblichen Bemühungen -in's Leben zurückrufen können. Wenn ich der Babette -freundlich zunickte und gern mit ihr sprach, so hatte das -darin seinen Grund, daß ich mich freute in dieser gänzlich -verkommenen Gemeinde ein reines, unverdorbenes Gemüth zu -entdecken. Das ist etwa die Freude, die man hat, wenn man -eine Palme in der Wüste oder eine Rose mitten unter Giftgewächsen -findet. Und nun, wer mir solche Schlechtigkeiten -zutrauen mag, der soll es thun! Das muß ich sagen: von -Euch hätte ich es nicht erwartet, und daß Ihr so leicht den -Verdächtigungen über einen Mann, den Ihr nun schon jahrelang -kennt und der Euch gewiß nicht den geringsten Anlaß -zu Verdacht gegeben hat, Glauben schenkt, ist durchaus kein -gutes Zeichen für Euch selbst. Doch ehe ich gehe, möchte ich -doch noch wissen, wer dieses schöne Gerücht in Umlauf gesetzt -hat. Sage, Dorth, wer hat mich gesehen?«</p> - -<p>»Ei, die Anne-Mile,« sagte diese ganz kleinlaut. – »Nun -da wußtet Ihr ja schon, was Ihr von der Sache zu halten -hattet. Leben Sie wohl, Frau Balzer! Dieser Stunde -werden Sie noch auf dem Todesbette gedenken!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p> - -<h2 id="VII">VII.<br /> -Ein Kirchenvorstand.</h2> -</div> - -<p>Die Aufregung vom vorigen Abend lag mir in allen -Nerven. Ich hätte weinen mögen. Hinaus in's Freie wagte -ich anfangs nicht zu gehen. Ich dachte, man würde mit -Fingern auf mich deuten. Auch die Unterredung mit den -Eltern Babettens, die ich mir auf diesen Morgen festgesetzt -hatte, gab ich auf. Wäre mir noch einmal so Etwas gesagt -worden, wie die Balzerswäs mir gesagt hatte, ich hätte nicht -gewußt, ob ich so gleichmüthig geblieben wäre. Es wogte -noch gar jugendliches Blut in meinen Adern. Ich war noch -nicht lange von der Universität heimgekommen.</p> - -<p>So war es Mittag geworden. Ich konnte es nicht mehr -in den engen Wänden aushalten. Ich mußte hinaus. Man -hätte mich anders ja am Ende gar noch für schuldig halten -können. Auch schämte ich mich meiner Feigheit.</p> - -<p>Als ich kaum aus der Hausthüre getreten war, kam der -Schneider Heimerdinger mit seinem Hunde daher. Ich hielt -es für eine passende Gelegenheit, um über Babette mit ihm -zu reden und rief ihn deshalb an. Er kam auch eiligst herbei. -Aber nun merkte ich, daß er total betrunken war. Er -legte mir ganz vertraulich die Hand auf die Schulter und -fragte: »Nun, Herr Pfarrer, wollen Sie einen Spaziergang -machen?« Ich schüttelte ihn von mir ab und sagte ihm, ich -liebte solche Vertraulichkeiten nicht. Ob er sich denn gar -nicht schäme, am hellen Tage betrunken durch die Straße zu -wanken. Er solle heimgehen und seinen Rausch ausschlafen. -Da wandte er sich hinweg und sagte zu seinem Hund: »Bello,<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -beiße einmal den Hochwürden! Er hat deinen Herrn beleidigt.«</p> - -<p>Das war diesen Tag mein erster Empfang auf der Straße. -Als ich weiter das Dorf entlang ging, sah ich, wie Alles -stehen blieb, was mir begegnete, und mir nachsah. Niemand -grüßte. Am Wirthshaus fuhren plötzlich eine Menge Gesichter -zum Fenster heraus und glotzten mich an. Als ich vorüber -war, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus und Etliche -riefen: »Vivat! unser Pfarrer lebe hoch!« und die Andern -wieherten Beifall über den äußerst gelungenen Witz. – Als -ich heimkam, war mein erster Gedanke: ich kann hier nicht -mehr bleiben. Mein zweiter Gedanke: Du mußt bleiben. Du -bist nicht umsonst an diesen schwierigen Posten berufen worden. -Willst Du schon beim ersten Anstoß fliehen, wie ein -Miethling? Wer glaubt, fleucht nicht. Aber Du mußt ernster -und entschiedener werden! Du mußt einmal die Seelenverkäuferei -geradezu zum Gegenstand Deiner Predigt machen -und statt einzelner Hindeutungen auf dieses gottwidrige Treiben -der Gemeinde unverhüllt das Verderben zeigen, wohin -sie schon gerathen ist und wohin sie noch gerathen wird. Das -kann nächsten Sonntag schon geschehen. Und so geschah es. -Ich predigte mit glühendem Herzen und glühenden Worten -über den Text: Matth. 24. V. 12: »Dieweil die Ungerechtigkeit -wird überhand nehmen, wird die Liebe in Vielen erkalten.« -– Obgleich es durchaus keine Musterpredigt war -und sein sollte, so muß ich doch einige der stärksten Stellen -ausziehen, um sie so am besten in der Kürze zu charakterisiren:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»O wie selig sind die Seelen,<br /></span> -<span class="i0">Die mit Jesu sich vermählen,<br /></span> -<span class="i0">Die sein Lebenshauch durchweht;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -<span class="i0">Daß ihr Herz mit heißem Triebe<br /></span> -<span class="i0">Stündlich nur auf seine Liebe<br /></span> -<span class="i0">Und auf seine Nähe geht.«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Solche Seligkeit liegt hinter Euch, wie das verlorene -Paradies. Nicht einmal die Ahnung derselben lebt in Eurer -Brust. Es will Nacht in Euch werden, volle Nacht. Viel -eher als den Lebensweg werdet Ihr den Verzweiflungsweg -wandeln, den Judas ging, als er das Blutgeld den Hohenpriestern -vor die Füße geworfen hatte. Denn Judasväter -und Judasmütter seid Ihr, die Ihr Eure Kinder für elenden -Mammon verschachert und verkauft! Wenn der Geiz die -Liebe tödtete in des Judas Brust, daß er seinen Meister und -Heiland für dreißig Silberlinge verrathen konnte – steht Ihr -vielleicht höher? Ist nicht auch Eure Liebe todt? Auch Eure -Liebe zu Gott und Christus? Vernichtet und veranstaltet Ihr -nicht in Folge dieses schamlosen Handels das Ebenbild Gottes -in Euren Kindern? Werfet Ihr sie nicht dem Satan in -den Rachen, statt der rührenden Bitte des göttlichen Kinderfreundes -zu gehorchen? »Lasset die Kindlein zu mir kommen -und wehret ihnen nicht!« Gibt es irgend Heiden in der Welt, -die so unnatürlich wie Ihr die angebornen Gefühle eines -Vater- und Mutterherzens unterdrückten? –</p> - -<p>Abels Blut schrie zum Himmel hinauf. Kains Fuß war -unstät und flüchtig auf Erden; auf seiner Stirne brannte das -Brandmal des Mörders.</p> - -<p>Auch auf Eurer Stirn ist das Kainszeichen eingebrannt. -Die gemordete Unschuld Eurer Kinder schreiet zum Himmel -hinauf. Wenn sie aus dem Ausland zurückkehren, ist ihr Leib -zerrüttet und ihre Seele gemordet. Ihr seid die Mörder! -Und das Feuer, das nicht erlischt, brennt auch Euch, und der<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -Wurm, der nicht stirbt, nagt auch an Euch, daß Ihr nicht -Ruhe findet, hier nicht und dort nicht. Euch wäre besser, -Ihr wäret nie geboren!</p> - -<p>Und könnte es nicht auch hier schön und sonnig sein, wie -draußen der helle Sommermorgen? Könnte nicht auch hier -der Geist der Liebe und des Friedens walten? Ist es nicht -Gottes Himmel, der sich über uns wölbt? Ist es nicht Gottes -Erde, auf der unser Dorf steht, und wohnet nicht auch -bei uns die Fülle seiner Liebe und Gnade? Ist des Sohnes -Blut nicht auch für Euch geflossen? Hat es nicht Kraft, -selbst Euch von Euren Sünden zu waschen? Ruft er nicht -dort auf Golgatha mit seinen ausgebreiteten Armen auch Euch: -»Kommet her zu mir Alle, die Ihr mühselig und beladen -seid, ich will Euch erquicken!«« –</p> - -<p>Das sind so etliche Stellen aus dieser Predigt. Sie war -scharf und schneidend, aber von dem heiligen Zorn des Augenblicks -eingegeben. Und mußte sie nicht schneidend und scharf -sein, wenn die Eiterbeule, die an dem Leben der Gemeinde -fraß, aufbrechen sollte?</p> - -<p>Den Nachmittag hatte ich Kirchenvorstandssitzung ansagen -lassen, nicht etwa in der Absicht, große Berathungen mit den -Kirchenvorstehern zu pflegen, oder ihre Unterstützung zu verlangen; -sie sollten blos unterschreiben. Denn auf das Unterschreiben -und Jasagen beschränkte sich nach ihrer eigenen Wahl -lediglich ihre Amtsthätigkeit. Ich hatte diesmal ihre Unterschriften -nöthig, weil ich ein gewichtiges Gesuch an das Amt -wollte abgehen lassen, worin ich um gründliche und ernstliche -Untersuchung der obwaltenden Zustände und um schleunige -Abhülfe bat, da dadurch vielleicht noch manchem schwebenden -Unheil vorgebeugt werden könne.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p> - -<p>Das war mein letztes Rettungsmittel für die Mädchen. -Man sollte denken, es sei mein erstes gewesen; aber frühere -Erfahrungen hatten mich nicht besonders ermuthigt und auch -der Erfolg des vorliegenden Schriftstücks widerlegte meine -Ahnungen nicht. Um die bestimmte Zeit kamen die »Kirchenherrn«, -wie man dort den Kirchenvorstand bezeichnet. Voran -schritt der Bürgermeister. Schon an seinem Gruße merkte -ich, daß er betrunken war. Dieses wurde aber noch deutlicher, -als er in das Zimmer trat; denn da fing er so an zu taumeln, -daß ich alle Augenblicke glaubte, er würde hinstürzen, -und es wäre auch geschehen, wenn er sich nicht krampfhaft -an meinem Kanapee festgehalten hätte. Als er kaum diesen -sicheren Hafen erreicht hatte, ließ er sich auch hineinsinken. -Wie er aber nun festen Grund unter sich spürte, holte er -auch sofort seine bürgermeisterliche Würde wieder hervor, indem -er die große Brille, die sich etwas verschoben hatte, zurecht -setzte, die dünnen Haare an den Schläfen glatt strich -und den Hemdkragen hervorzupfte.</p> - -<p>»Herr Bürgermeister, Sie sind betrunken und wagen es -in diese Sitzung zu kommen?« sagte ich.</p> - -<p>»Das will ich erst bewiesen haben, daß ich betrunken bin!«</p> - -<p>»Sie können ja nicht gehen und stammeln nur die Worte -hervor und das ganze Zimmer ist voll Schnapsgeruch.«</p> - -<p>»Ich will's bewiesen haben, daß ich betrunken bin. So -was lasse ich mir nicht sagen, dafür bin ich Bürgermeister.«</p> - -<p>»Sie verlassen jetzt augenblicklich die Sitzung und ich -werde über Ihr Betragen berichten.«</p> - -<p>»Ich bleibe hier und will den einmal sehen, der den Bürgermeister -von F. hinausthut!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p> - -<p>»Den werden Sie gleich sehen.« Mit diesen Worten -faßte ich ihn am Arm und führte ihn trotz seines Sträubens -zur Thüre hinaus, die ich hinter ihm zuschloß. Eine Weile -murmelte es draußen und man verstand deutlich Worte wie: -»Schlechter Pfaff, ich komme Dir auch!«</p> - -<p>Dann auf einmal gab es ein furchtbares Gepolter. Der -Herr Bürgermeister war die Treppe hinuntergefallen. Wir -liefen schnell herbei, um zu sehen, ob er sich keinen Schaden -gethan habe; aber er hatte sich schon wieder erhoben und spazierte -nun die Straße hinauf, indem er von einer Seite derselben -auf die andere taumelte. Als wir wieder in das Zimmer -traten, sagte der Kirchenvorsteher Mauser: »Es ist eine -Schande, Herr Pfarrer! Ich sage weiter Nichts – es ist -eine Schande. – Ich bin vierzehn Tage vor Johanni sechzig -Jahre alt geworden, aber ich muß sagen, So etwas habe ich -noch nicht erlebt.«</p> - -<p>Mauser war der Wortführer in den Kirchenvorstandssitzungen. -Er besaß die eigenthümliche Gabe, meine Gedanken, -wenn sie kaum ausgesprochen waren, zu seinen eigenen zu -machen und sie weiter auszuspinnen. Er war desto erpichter -darauf, für einen Ehrenmann und guten Christen zu gelten, -je deutlicher er fühlte, daß er eigentlich ein Schurke war. -»Ich habe keinen Feind,« pflegte er zu sagen »und wenn der -Herr will, werde ich es noch erleben, daß meine Gesinnung -Anerkennung findet. Die Lieb' und die Freundschaft, die ich -im Herzen trage, ist gar nicht zu sagen. So bin ich auch -gegen Sie gesinnt. Ich habe mit allen Pfarrern gar gut -gestanden. Wir waren immer wie Brüder.« Und in der That, -er war der Allerweltsfreund und Allerweltsgevattersmann. -Er war bei allen Viehhändeln, bei allen Krankenbetten, Leichenschmäusen,<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -Taufen und Hochzeiten. Ohne seinen Zuspruch -und seine beruhigenden Worte geschah Nichts. Das Volk liebt -es, bei seinen Festlichkeiten einen Mann zu haben, der das -nöthige Ansehen und genügende Redegewandtheit besitzt, um die -Mittelsperson bei vornehmen und fremden Gästen zu machen, -den allgemeinen Gefühlen einen würdigen Ausdruck zu verleihen -und, wenn das Gespräch stockt, wieder ein neues anzuspinnen -oder, wie man sich ausdrückt – »Jemanden für die Ansprache.« -Dafür war nun unser Mauser wie geschaffen. Er that hierin -den kühnsten Anforderungen Genüge. Aber auch sich vergaß -er nicht. Seine Leidenschaft für den Branntwein war eine -selbst in dem Landgängerdorfe nicht ganz gewöhnliche. Doch -fehlte es ihm an Mitteln, dieselbe nach Lust zu befriedigen; -denn seine Frau, die den Schlüssel zum Geldschrank immer -mit sich führte, hielt ihn äußerst knapp. So mußte er sich -denn bei andern Gelegenheiten entschädigen und es war fast -als hätte er dabei noch eine feinere Witterung, als ein Jagdhund, -so sicher war er dabei, wo Branntwein umsonst gegeben -wurde. Gar zu gern wäre er Bürgermeister geworden und -hatte es wahrhaftig nicht an Umtrieben fehlen lassen, aber man -wollte den Freund und Gevatter Mauser nicht zum Bürgermeister, -denn man fürchtete für das Gemeindevermögen.</p> - -<p>Als ich Nichts erwiderte, sondern vielleicht sehr niedergeschlagen -aussah, fuhr er fort: »Es muß aber auch in letzter -Zeit Alles zusammenkommen, um unsern lieben Herrn Pfarrer -zu beleidigen und zu kränken.« Dabei wischte er mit seinem -Schnupftuch in den Augenwinkeln, als wenn er ein paar -Thränen wegzuwischen hätte. »Wissen Sie, daß ich und mein -Kathrein in der letzten Zeit als ein Stückchen geflennt haben, -daß sie es unserm Herrn Pfarrer so machen im Ort. O,<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -es sind gar boshafte, neidische Menschen hier im Ort. Wir -haben es gleich gesagt, daß an der ganzen Geschichte kein -wahres Wort wäre. Es war am Donnerstag Abend, da saß -ich und las in der Bibel. Ich lese jeden Abend in der Bibel -und da kann ich mich so vergessen, daß mein Kathrein als -sagt: Jakob, weißt Du auch, wie viel Uhr es ist? Es hat -eben elf geschlagen. So leg' Dich doch in's Bett! Es kostet -so genug Oel; man kann es gar nicht mehr aufbringen. -Kathrein, sage ich dann: was hier an irdischem Oel verloren -geht, das gewinne ich an himmlischem Oel für meine Seele. -So saß ich am Donnerstag Abend und las in der Bibel, da -kömmt mein Hannesche hereingestürmt und erzählt in aller -Hast die Geschichte von Ihnen. Das ganze Dorf spräche davon. -Da ging ich hin, ohne ein Wort zu sprechen, und gab -ihm eine Ohrfeige, daß es klatschte. So, sagte ich, wenn -schlechte Menschen solche Sachen erzählen, dann mußt Du so -viel Respekt vor unserm lieben Herrn Pfarrer haben, daß Du -so etwas gar nicht nacherzählst. Und nun gehst Du in Dein -Bett und legst Dich schlafen. Ich habe aber noch lange mit -meiner Kathrein Rath gehalten. Kathrein, habe ich gesagt, -Weißt Du, wer schuld ist an dem Allen? Das ist der Bürgermeister, -habe ich gesagt. Es muß ein anderes Oberhaupt -in's Dorf, der alle Strenge anwendet, um die Landgängerei -zu unterdrücken und nicht überall noch mit Rath und That -zur Hand geht, und wenn wir keinen andern Bürgermeister -bekommen, geht noch Alles zu Grunde.«</p> - -<p>»Sie mögen Recht haben, Mauser, daß viel Schuld am -Bürgermeister liegt; aber es muß Jeder seine Schuldigkeit -thun nach dem Maß seiner Kräfte und Gaben. Ich habe -hier eine Schrift an's Amt aufgesetzt, worin ich um strenge<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -Untersuchung des Treibens der Seelenverkäuferei und um baldige -Abhülfe bitte. Das mögen Sie unterschreiben.« »Von -ganzem Herzen, Herr Pfarrer! Es ist dieses der einzige -Weg, der noch helfen kann. Das habe ich schon lange gesagt.«</p> - -<p>Nun wandte ich mich an den andern Kirchenvorsteher, -Namens Schwalb, der ein redlicher Mann war, aber zum -Unglück fast ganz taub. Er saß während der Sitzung gewöhnlich -so da, daß er die hohle Hand an das am besten -hörende Ohr legte, den Mund weit aufsperrte und die Augenbrauen -in die Höhe zog. Sobald ich nach ihm hinsah, nickte -er freundlich mit dem Kopf und machte eine Bemerkung über -den jedesmaligen Wetterstand, oder sagte: »Sie haben heute -gar schön gepredigt,« obwohl er kein Wort recht verstehen -konnte. Auch jetzt machte er mir das Compliment. Ich gab -ihm stillschweigend die Schrift zum Durchlesen, aber er unterzeichnete, -ohne einen Blick hineingeworfen zu haben. Damit -entließ ich die würdigen Kirchenherrn.</p> - -<p>Am folgenden Mittwoch Morgen erhielt ich zwei Dienstbriefe. -Der eine trug das Amtssiegel, der andere das Decanatssiegel.</p> - -<p>Ich öffnete zuerst das Schreiben vom Amt. Da wurde -ich denn ersucht, erst spezielle Thatsachen aufzuführen und -Zeugen zu nennen, dann wolle man sich bewogen finden, die -Zeugen abzuhören und, je nachdem der Thatbestand sich ergebe, -einzuschreiten. Ich legte den Brief ziemlich unbefriedigt -bei Seite und öffnete den andern, in welchem noch ein zweites -Schriftstück lag. Das Schreiben des Decans lautete: -»Sie empfangen hier eine Anklage Ihres Kirchenvorstandes, -worüber ich Sie ersuche, sich alsbald zu verantworten.« Die -Anklage war folgende:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Hochwürdiger Herr Decan! -</p> - -<p>Wenn es erlaubt ist mit Ihne zu rede, bitte wir Ihne -um Entschuldigung, daß wir Ihne lästig falle müsse, aber -mit uns Herrn Pfarrer ist gar kein Auskomme meh. Er -ist mit eim Wort wüthend und gleicht gar keim Mensch -meh. Am Sonntag kam er in die Kirch und hat so die -Thür hinter sich zugeschlage, daß nervenschwache Weiber -und Greise fast ohnmächtig geworde wärn und hat sich -geberdt auf der Kanzel, als wenn er besoff wär und geschimft -und räsonnirt, daß uns Gemein ein ganz schlechte -Nam kriegt von dene fremde Leut, die auch drin warn. -Er kümmert sich um alle Angelegenheiten, die ihn nix angehn -und stift Streit unter die Familien und hetzt die Leut -hintereinander. Wenn er einmal ein Buckel voll Schläg -bekäm, dafür könnt mir nix. Wenn uns Dorf in Unzucht -und Schlechtigkeit fällt, daran ist er allein schuld. Im -ganze Dorf schwätzt man davon, daß ers mit eim schlechte -Mädche hätt. Wie soll denn nun die Jugend sein, wenn -der Pfarrer so ist. Uns ganz Dorf kömmt noch durch so -ein Pfarrer in Verruf. Wir möchte Herrn hochwürdigste -Decan unterthänigst gebeten habe, ihn gerad wegzusetze. Es -könnt möglich sein, daß er sich in einer andern Gemeine -besser aufführt. Wir wolle an seim Unglück nicht schuld -sein, darum solle Sie ihn nicht absetze. In großer Unterthänigkeit -grüßt</p> - -<p class="center"> -der Kirchenvorstand:</p> -<p class="cblock"> -<em class="gesperrt">Adam Koch</em>, Bürgermeister,<br /> -<em class="gesperrt">Jakob Mauser</em>, Kirchenvorsteher,<br /> -<em class="gesperrt">Philipp Schwalb</em>, " -</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p> - -<p>Ich hatte kaum das Schreiben gelesen, da kam der Anton -Scheppler zur Thüre hereingestürzt:</p> - -<p>»Sie sind fort, Herr Pfarrer!« –</p> - -<p>»Wer ist fort?«</p> - -<p>»Der alte Fink und die Mädchen.«</p> - -<p>»Auch die Babette Heimerdinger?«</p> - -<p>»Auch die Babette Heimerdinger.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="VIII">VIII.<br /> -Eine Predigt Gottes.</h2> -</div> - -<p>Es war Winter geworden. Der Schneesturm tobte und -in den Feldern und Wiesen lag er fast zwei Fuß hoch. Wie -ein Wintersturm war es auch über meine Jugend dahingegangen. -All' mein Hoffen und Sehnen und meine Begeisterung -war dahin. Ich fühlte mich innerlich geknickt und gebrochen. -Mein Zerwürfniß mit der Gemeinde war zwar -äußerlich beigelegt: Anne-Mile hatte geplaudert und sich nach -und nach selbst verrathen. Als die Babette an der Guntramseiche -in Ohnmacht fiel und ich um Hülfe rief, war sie -ganz in der Nähe gewesen und hatte Alles mit angesehen und -zum Theil mit angehört. Doch statt Mitgefühl zu empfinden, -war der teuflische Plan in ihrer Seele wach geworden, Babette -und mich in geschehener Weise zu verdächtigen. Der -Anton Scheppler hatte einmal zu ihr gesagt, die Babette sei -tausendmal schöner als sie, weil sie züchtig und rein wäre. -Das hatte sie schon lange genug geärgert; die sollte nicht länger -mit ihrer Unschuld groß thun. Nun hatte sie auch soviel<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -verstanden und sich zusammengereimt, daß ich der Babette helfen -wolle und war den Abend gleich zum alten Fink gelaufen -und hatte ihm Alles erzählt. Der war heftig erschrocken und -versprach ihr zehn Thaler, wenn sie Babette und mich in der -geschehenen Weise verdächtige, einen rechten Lärm im Ort -mache und so meinen Einfluß vernichte. Die zehn Thaler -freilich bekam sie nicht und der Aerger darüber war auch der -Anlaß ihres Plauderns.</p> - -<p>Der Kirchenvorstand, als er hörte, daß ich ihre Anklage -in Händen habe und es mit meiner Versetzung Nichts würde, -war gekommen, um mich um Verzeihung zu bitten, jedoch -jeder Kirchenvorsteher allein. Der Bürgermeister meinte, der -alte Fink und der Mauser wären an Allem schuld. Der alte -Fink hätte gehetzt und Branntwein bezahlt und der Mauser -hätte die Schrift gemacht. Der Mauser dagegen sagte, der -Bürgermeister wäre der Urgrund alles Unheils und wir bekämen -keinen Frieden in das Dorf, bis wir einen andern Bürgermeister -hätten. Der Schwalb sprach vielleicht allein die -Wahrheit, denn er gestand, er habe nicht gewußt, was er unterschrieben -habe.</p> - -<p>Als der Decan Kirchenvisitation hielt, hatte er sehr zur -Eintracht und zum Frieden gerathen. Konnte aber Eintracht -und Frieden zwischen mir und meiner Gemeinde sein? Wäre -es nicht ein trauriges Zeichen für <em class="gesperrt">mich</em> gewesen?</p> - -<p>Jetzt im Winter, und da ich Alles in seiner nackten Wirklichkeit -schaute und nicht mehr mit der idealisirenden Brille -eines jugendlichen Herzens, fühlte ich doppelt meine Einsamkeit -und Verlassenheit unter diesen Leuten. Mir war es -oft mit meinem wunden Gemüthe, wie dem »ausgewanderten -Dichter«:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Allein? Allein? und so willst du genesen?<br /></span> -<span class="i0">Allein? Allein? ist das der Wildniß Seegen?<br /></span> -<span class="i0">Allein? Allein? o Gott, ein einzig Wesen!<br /></span> -<span class="i0">Um dieses Haupt an seine Brust zu legen.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Ich verstand es, wenn es in der Schrift heißt: »Es -ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.« Und ich hatte ja -eine geliebte Braut; aber bei dem dürftigen Einkommen der -Stelle konnte ich nicht an Heirathen denken. Ich konnte stundenlang -im trüben Sinnen am Fenster sitzen und hinunterblicken -zu den fernen Burgen und Städten der Wetterau und -zu den finsteren Höhen des Vogelberges. Meine einzige Gesellschaft -war ein Rabe, der stets auf dem Stumpfe des vom -Blitz getroffenen Baumes saß. Er nickte mir zu und ich -nickte ihm zu, als verständen wir uns. Es schneite dabei -immer zu und der Nordweststurm rüttelte an den Fenstern -und wirbelte den Schnee auf und jagte den Rauch aus dem -Kamin zurück in mein Zimmer. Aus diesem trüben Sinnen -wurde ich geweckt durch eine Nachricht, die laut predigte von -der Unbegreiflichkeit der Gerichte Gottes und von der Unerforschlichkeit -seiner Wege. Es hieß: der Schneider Heimerdinger -hat seine Frau erschlagen.</p> - -<p>Anfangs hörte ich nur dunkle, abenteuerliche Gerüchte, als -habe er ihr mit einer Axt den Leib aufgeschlitzt. Andere sagten, -er habe ihr ein Schnitzmesser in den Hals geworfen. -Endlich gelangte eine bestimmtere Nachricht an mich, daß die -Frau Heimerdinger zwar stark verwundet sei, aber nicht todt, -und man auch gar nicht wisse, ob ihr Mann schuldig wäre; -nur lasse er keinen Menschen in's Haus, indem er vorgäbe, -seine Frau sei zu schwach, um Besuch anzunehmen. Ich beschloß, -auf jeden Fall die Sache näher zu untersuchen und mich so<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -leicht nicht abweisen zu lassen. Ich fand die Hausthüre von -innen verriegelt. Aber als ich ein wenig Lärm mit dem -Drücker machte, erschien ein Kopf am Fenster und bald darauf -wurde geöffnet. Es war Konrad, der achtjährige Sohn des -Heimerdinger, der mir öffnete. Sein Vater war nicht zu -Hause. Er war vor einer Stunde in den Wald gegangen, -um Holz zu holen, weil sie keinen Vorrath mehr im Hause -hatten, um zu kochen und einzuheizen. Ich trat in ein freundliches, -nettes Zimmer, wie kein zweites im ganzen Dorf zu -finden war. Die Wände waren mit einer neuen, hellen Tapete -bekleidet; an den Fenstern waren schneeweiße Halbvorhänge angebracht -und auf einem selbstverfertigten Blumentischchen stand -eine ganze Auswahl von Monatsrosen, Nelken, Geranien, -Fuchsia's und Cactus. In dem Bett, das die Ofenecke ausfüllte -und durch eine einfache Gardine geschützt war, lag die -Frau Heimerdinger, das immer noch schöne Gesicht todtenbleich -und von Schmerz entstellt. Der kleine Konrad war an ihr -Bett getreten und hatte sein Gesicht in dem Kissen vergraben, -während die Mutter krampfhaft in seinen Locken wühlte und -mich gar verlegen und mißtrauisch anblickte.</p> - -<p>»Es scheint Ungewöhnliches in diesem Hause vorgegangen -zu sein«, begann ich die Unterredung.</p> - -<p>»Ja, Herr Pfarrer, es wird mein Tod sein.«</p> - -<p>»Was ist denn eigentlich geschehen?«</p> - -<p>»Gestern Abend bin ich dunkel in den Keller gegangen und -über das Sauerkrautfaß gefallen und habe mir an einem großen -Nagel, der herausstand, den Leib aufgeritzt und ich glaube, -einen Darm verletzt.«</p> - -<p>Die Geschichte war so einfach und wahrscheinlich und so -im Tone der Wahrheit erzählt, daß mir gar kein Bedenken<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -gekommen wäre, wenn ich nicht in ihren Augen etwas Lauerndes -meinte wahrgenommen zu haben. Doch ich konnte mich -auch täuschen. Um sie weiter zu beobachten, sagte ich rasch: -»Es wird im Dorfe ganz anders erzählt, Frau Heimerdinger.«</p> - -<p>Aber sie wußte es schon.</p> - -<p>»Ich weiß es, der Konrad hat mir's gesagt. Es sind verleumderische -Menschen, die einem gern etwas anhängen möchten -und die nicht wissen, was sie thun.«</p> - -<p>»Sie werden es wohl am besten wissen und werden nicht -mit einer Lüge aus der Welt gehen wollen?«</p> - -<p>»Nein, wenn man so nahe der Ewigkeit steht, lügt man nicht.«</p> - -<p>Sie war aber feuerroth bei diesen Worten geworden und -wendete sich ein wenig nach der andern Seite. Es war also -nicht Alles richtig. Sie hatte Etwas zu verbergen.</p> - -<p>»Gebrauchen Sie einen Arzt?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Warum nicht?«</p> - -<p>»Sie wissen, wir armen Leute schicken nicht gleich zum -Doctor und in die Apotheke, wir können schon einen Stoß -vertragen. Doch wenn mein Mann heimkommt, soll er gleich -nach einem gehen. Die Schmerzen sind nicht gut zu ertragen -und es ist Alles geschwollen.«</p> - -<p>»Versäumen Sie es ja nicht! Sie haben schon zu lange -gewartet. Sie können dadurch an Ihrem Tode schuldig sein.«</p> - -<p>Sie war noch bleicher geworden. Ihre Schmerzen schienen -furchtbar zu sein. Aber die größten Schmerzen konnten -ihr das Geheimniß nicht auspressen. Sie hatte sogar noch -Geistesgegenwart genug, sich nicht durch ein einziges Wort zu -verrathen. Als sie sich wieder etwas erholt hatte, bemerkte -ich darum, um sie noch stärker anzugreifen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p> - -<p>»Denken Sie auch an Babette?«</p> - -<p>»Herr Pfarrer, die macht mir mehr Schmerzen, als meine -Wunde. Wir haben gestern Morgen einen Brief von ihr bekommen. -Sie schreibt nicht gut.«</p> - -<p>»Dürfte ich den Brief vielleicht einmal sehen?«</p> - -<p>»Ich glaube, mein Mann muß ihn mit haben.«</p> - -<p>»Mutter,« sagte Konrad, »er liegt ja unter Deinem Kopfkissen.«</p> - -<p>»Nein, Konrad, Dein Vater hat ihn mit.«</p> - -<p>»Lassen Sie nur, Frau Heimerdinger, Sie können mir vielleicht -etwas daraus mittheilen.«</p> - -<p>»Sie schreibt von New-York aus, des andern Tages würden -sie nach Californien absegeln. Sie macht uns schwere -Vorwürfe und was mich am meisten ängstigt, ist: daß sie -schreibt, sie blicke oft in das Meer und dann denke sie: wenn -sie tief, tief dort unten liege, dann hätte sie Ruhe und Frieden. -Balzer's Ernst hat auch einen Brief von ihr erhalten.«</p> - -<p>Als sie mir nichts weiter mittheilte, wollte ich auch nicht -weiter in sie dringen und fragte nur noch, wenn Sie denn -sterben sollte, ob Sie sich auch gerüstet glaube, vor dem Richterstuhle -Gottes zu erscheinen. Da antwortete sie auf einmal -in einem ganz umgeänderten Tone: »Sie müssen wieder kommen, -Herr Pfarrer, Sie müssen wieder kommen!« und schwere -Thränen perlten in ihren Augen. »Ich habe noch viel mit -Ihnen zu reden, ehe ich sterbe, aber jetzt bin ich zu schwach, -zu angegriffen.« Ich sah ihr an, wie sie sich nur mit Mühe -aufrecht erhielt und entfernte mich. Die Erinnerung an ihr -unglückliches Kind schien den Panzer, der ihr Herz umschloß, -geschmolzen zu haben. – Ich lag die Nacht im ernsten, -tiefen Schlaf; da wurde mit der Faust wider meinen Fensterladen<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -geschlagen. »Herr Pfarrer, Sie sollen gleich in -Heimerdinger's kommen: Die Frau Heimerdinger stirbt!« rief -es draußen.</p> - -<p>Ich zündete Licht an. Es war eben drei Viertel auf ein -Uhr. Ich warf mich schnell in meine Kleider und war bereit, -dem Manne, der noch draußen mit der Laterne stand, zu folgen. -Der Sturm heulte, Schnee und Regen schmetterten -wider die Fenster, die Dachziegel klapperten, die zwei alten -Pappelbäume vor meinem Hause ächzten und stöhnten. Ich -schauderte, in die schwarze, schreckliche Nacht hinauszugehen zu -solchem Sterbelager. Aber die Pflicht rief. Unterwegs erzählte -mir mein Begleiter, der ein Nachbar von Heimerdingers war, -er und seine Frau seien schon den ganzen Abend im Hause. -Die Frau Heimerdinger hätte bereits seit Stunden nach mir -verlangt, aber der Heimerdinger habe immer Entschuldigungen -und Ausreden vorgebracht. Zuletzt als sie immer schwächer -geworden, sei er auf eigene Verantwortung zu mir gelaufen -und hätte mich gerufen. Er glaube, sie wolle mir ein Geständniß -machen. – Als wir eintraten, lag sie ebenso da -wie am Morgen; nur saß ihr Mann neben ihr am Bett. -Er warf mir einen wilden, verwirrten Blick zu, als ich so -plötzlich und unvermuthet hereintrat, wandte sich aber gleich -wieder zu der Sterbenden. Diese faltete die Hände und streckte -sie hoch in die Luft, warf einen verzweifelten Blick auf mich -und ihren Mann, that noch einen Schrei und war verschieden. -Ich war zu spät gekommen. Der Mann warf sich schluchzend -über die Leiche. Der Konrad lag ohnmächtig in der -Nachbarin Arm. Ich sank auf die Knie und betete um Gnade -für die arme Seele. Ich hätte gern eine gerichtliche Untersuchung -der Leiche gehabt, zumal da das ganze Dorf derselben<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -Ansicht war, wie ich, daß der Fall über das Sauerkrautfaß -reine Erfindung sei. Man traute allgemein der Frau -Heimerdinger die Festigkeit und Charakterstärke zu, daß wenn -sie ein solches Geheimniß hätte mit in's Grab nehmen wollen, -sie es auch gekonnt habe. Aber der Arzt, der sie noch den -Nachmittag vor ihrem Tode besucht hatte und den ich darüber -sprach, sagte: es sei kein Grund vorhanden, hier gerichtlich -einzuschreiten, indem an der Angabe der Kranken gar nicht zu -zweifeln sei: Ich solle sie in Gottes Namen beerdigen.</p> - -<p>Es war in der folgenden Nacht. Der Nordweststurm -hatte sich noch nicht gelegt und rüttelte besonders an dem einsamen -Haus des Schneiders Heimerdinger, als wollte er es -vom Erdboden mit hinwegnehmen und mit ihm alles Verbrechen -und Weh, welches es in sich verbarg. Mitternacht -mochte vorüber sein, da erwachte der kleine Konrad hinter dem -Ofen, hinter dem er sitzend eingeschlafen war. Der Ofen war -kalt. Ihn fror es, daß die Zähne klapperten. Das Licht, -das auf dem Tische stand, war am Ausgehen und flackerte -auf und nieder. Bei seinem ungewissen Schein glaubte er zu -sehen, wie seine Mutter, deren Leiche mit einem Leintuch verhüllt -auf dem Bette lag, ihre Hände nach ihm ausstreckte. -Wie er sich entsetzt abwandte, fiel sein Blick auf seinen Vater, -der lang ausgestreckt, bleich wie seine Mutter, auf dem flachen -Stubenboden lag. So war er hingefallen, als er spät in der -Nacht betrunken in die Stube hereintaumelte, und liegen geblieben -und eingeschlafen. In demselben Augenblicke, als der -Knabe seinen Vater erblickte, erlosch das Licht. Da wurde -es wirr in seinem Sinn; er meinte den Sterbeschrei seiner -Mutter wieder zu hören; er glaubte, eine Faust fasse ihn beim -Genick, sein Haar sträubte sich in die Höhe und mit einem<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -lauten Schrei stürzte das unglückliche Kind, vom Entsetzen gepackt -vor seinen eigenen Eltern, hinaus aus dem Vaterhaus -in die wilde Nacht hinein, um sich eine andere Heimat zu -suchen. Der Wind spielte mit seinen Locken und fuhr eiskalt -durch seine dünnen Kleider und bei jedem Schritt brach -er bis über die Knie in den Schnee. Aber fort ging's, wie -das gehetzte Wild vor einer Meute Hunde dahinläuft. Fort -– fort – aber wohin du armer Knabe, in der dunkeln -Nacht, in Wind und Wetter, im tiefen Schnee? In die Heimat? -Du hast ja keine Heimat! Dein Vater ist ein Mörder -– Deine Mutter ist ermordet – Deine geliebte Schwester -ist verkauft! Oder willst du in die andere Heimat? Du -hättest sie wohl auch noch erreicht in dieser Nacht, wenn Gott -nicht seinen Engeln befohlen hätte: »dies Kind soll wohl behütet -sein!«</p> - -<p>Auf einmal war es dem Konrad, als hätte er keinen Boden -mehr unter den Füßen; dann meinte er, er könne fliegen, -dann lag er so weich, so weich und wäre gern eingeschlafen, -aber das Bein that ihm so weh, daß er in einem fort aufschreien -mußte.</p> - -<p>»Hanjörg, Hanjörg«, sagte zum Bauern auf dem Hauserhof -seine Frau, die Babett, und strich ihm mit der Hand über's -Gesicht, um ihn aufzuwecken: »ich weiß nicht, die Hunde rasen -ordentlich an ihren Ketten; es muß Etwas im Hof sein. -Es wäre gut, wenn Du einmal hinausgingst und nachsähest: -ich traue dem Heidenvolk nicht, das in den letzten Tagen hier -herumstrich. – Und horch! – wenn der Sturm nicht so -heult – hörst Du es nicht jammern und jispern? Mein -Gott, wenn so ein Unglücklicher in der Dunkelheit die Felswand -hinabgestürzt wäre!« Mit gleichen Füßen fuhr sie aus<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -dem Bette und in fünf Minuten stand sie schon mit ihrem -Manne im Hof und fanden dort den armen Konrad, der ein -Bein gebrochen hatte.</p> - -<p>Ich hatte noch nicht gefrühstückt, da war ein Knecht vom -Hauserhof da: ich solle gleich einmal hinauskommen, es wäre -etwas Wichtiges.</p> - -<p>Ich beeilte mein Frühstück und machte mich auf den Weg; -aber der Hof war, obwohl nur eine Viertelstunde entfernt, -kaum zu erreichen vor dem ungewöhnlich tiefen Schnee. Endlich -trat ich wie ein Schneemann mit Schnee beladen in's -Zimmer und merkte nun alsbald auch, um was es sich handelte, -da ich den Konrad im breiten Familienbette entdeckte -und die geschwätzige Hoffrau mir fast in einem Athem über -die nächtlichen Geschichten berichtete und andeutete, daß der -Knabe Alles wisse und auch sagen würde, worüber man bis -jetzt nur noch Vermuthungen hatte.</p> - -<p>»Das Bein ist wieder kunstgerecht eingerichtet vom Schäfer -von Langenbuch: der versteht's besser als ein Doctor. Er -war noch keine fünf Minuten fort, als Sie kamen und morgen -will er wieder kommen und nachsehen. Aber was das Konrädchen -zu sagen hat, da sollten Sie dabei sein! Sie wissen -doch besser mit solchen Dingen umzugehen, als wir. Und wenn -der schlechte Mensch schuldig ist, so muß er d'ran und wenn -es tausendmal noch ein Verwandter von uns ist. Für die -Kinder ist gesorgt. Der Konrad bleibt gerade bei uns und -ich wollte, die Babett, mein Göthchen, das herzige Mädchen -wäre auch wieder da! Es würde sich noch Manches machen -lassen. Ich und mein Alter haben schon lange unser Augenmerk -auf die herrlichen Kinder des Heimerdinger geworfen, da -uns Gott diesen Segen versagt hat.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p> - -<p>Um den Strom der Rede, der wahrscheinlich noch so eine -Weile fortgeflossen wäre, abzuschneiden, trat ich an's Bett und -fing an, den Knaben zu verhören. Jedoch nur auf die heiligsten -Versicherungen des Schutzes, den er genießen sollte, -begann er seine Erzählung, die oft durch Weinen unterbrochen -wurde und worüber ich mir in manchen Stücken erst durch -langes Examiniren Aufklärung verschaffte. Heimerdinger hatte -durch den Verkauf seines Mädchens die Schuld, die auf dem -Hause ruhte, gedeckt und auch noch etliches baare Geld in -die Finger bekommen. Aber sein Durst war diesem und noch -mehrerem gewachsen; er schien sich sogar noch von Tag zu -Tag zu steigern. Die Arbeit war ihm gänzlich verleidet und -er begehrte Nichts als zu trinken und wieder zu trinken. Das -war nun ein großes Leidwesen für die Frau, die schon zum -Voraus berechnen konnte, wann der Preis, für den sie ihr -herrliches Mädchen dahingegeben hatte, durch den Leichtsinn -und die Trunksucht ihres verkommenen Mannes bis auf den -letzten Heller verzehrt sein würde! Alle Vorstellungen und Zuredungen -halfen Nichts; ebensogut hätte sie dem Winde sagen -können, er solle nicht mehr wehen oder dem Feuer, es solle -nicht mehr brennen, wie dem Heimerdinger, er solle nicht mehr -trinken. – Ueber die neuen Tapeten, welche sie gekauft und -über die neuen Einrichtungen im Haus und Garten, wonach -sie sich schon so lange gesehnt hatte, konnte sie sich gar nicht -freuen; sie gereichten ihr nur noch zu größerem Schmerz. -Nun kam der Brief von Babette. Sie hatte laut aufweinen -müssen vor furchtbarem Weh und Herzeleid, als sie die schweren -Kämpfe ihres armen verstoßenen Kindes erkannte und seine -gerechten Vorwürfe fielen wie Hammerschläge auf ihr selbstsüchtiges -Herz. – Selbst der Mann wurde soweit gerührt, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -sich vornahm, wieder zu arbeiten. Er wollte sich beim Holzfällen -betheiligen und wie sonst den Schweinemetzger im Dorfe spielen -und sich auch diese wenigen Kreuzer nicht entgehen lassen. -Deshalb nahm er seine Axt und sein Schlachtmesser und sagte: -er wolle zur Schmiede, um sie sich dort auf dem Schleifstein -zu schleifen. Aber er kam den ganzen Tag nicht heim. Konrad -hatte schon mit seiner Mutter zu Nacht gegessen und sie las -wieder Babettens Brief, da taumelte Heimerdinger völlig berauscht -zur Thüre herein, in der einen Hand die volle Branntweinflasche, -in der andern seine Axt und sein Schlachtmesser. -Er war sehr guten Humors und setzte die Flasche an den -Mund, um seiner Frau zuzutrinken. Aber in dieser hatte -jetzt die Geduld ihr Ende erreicht und je lustiger er war, desto -grimmiger wurde sie. Sie riß ihm die Flasche aus der Hand -und rief: »Du Nimmersatt, du verfluchter Saufaus, o daß -Du ersticktest an dem nächsten Tropfen, den Du trinkst! Du -säufst unsere Thränen und unser Blut, Du Wütherich!«</p> - -<p>Ganz kaltblütig erwiderte er: »Gib die Flasche her und -schrei nicht so!« »Die Flasche bekommst Du nicht wieder!« -»Gib die Flasche her oder es gibt ein Unglück!«</p> - -<p>»Ich fürchte Dich nicht und Du bekommst sie nicht!«</p> - -<p>»Gib die Flasche her oder –!«</p> - -<p>»Da hast Du sie!« rief seine Frau und warf sie ihm vor -die Füße, daß die Splitter umherflogen. Aber in demselben -Augenblicke griff er nach seinem Schlachtmesser und rannte es -ihr in den Leib. Sie stieß einen fürchterlichen Schrei aus -und fiel für todt in die Stube. Heimerdinger war plötzlich -nüchtern geworden, als er das Blut am Boden rinnen und -seine Frau als Leiche im Zimmer liegen sah. Er schlug sich -mit der Faust wider die Stirn und schrie: »Mörder! Mörder!«<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -verfluchte sich und den Branntwein und warf sich über den -Leichnam und weinte bitterlich. Als er so über ihr lag, meinte -er auf einmal noch Leben in ihr zu verspüren und legte sie -deshalb auf ihr Bett. Um die Wunde ungestört untersuchen -zu können, riegelte er die Hausthüre zu und machte allerhand -Wiederbelebungsversuche. Und wirklich erholte sie sich rasch -wieder und fühlte sogar im Augenblick keinen besonderen -Schmerz. Da war es denn auch mit der ernstlichen Reue -des leichtsinnigen Trinkers schon vorbei und er fing an, die -Spuren seiner Unthat zu vertilgen. Die Blutlache machte -ihm viele Arbeit, zumal da er nicht überflüssig Wasser im -Hause hatte. Das Messer vergrub er im Holzschoppen. Dann -sagte er zu seiner Frau: »Nun mag daraus entstehen, was -da will; du bist über das Sauerkrautfaß im Keller gefallen. -Wenn Du anders sagst, schneide ich mir den Hals ab, das -schwöre ich Dir bei Gott dem Allmächtigen!</p> - -<p>Und Du, Konrad, wenn ein Wort über Deine Lippen -kommt, schlage ich Dir die Axt auf den Kopf, so gewiß ich -Heimerdinger heiße!« –</p> - -<p>Der Knabe war durch sein Erzählen und mein ständiges -Fragen so ermüdet, daß er dringend der Ruhe bedurfte und -da auch alles Weitere von keinem besonderen Belange war, -überließ ich ihn ganz seinem weiten Federbette.</p> - -<p>Ich aber setzte sofort die Hauptsache des eben Gehörten -zu einem Bericht zusammen und schickte damit direkt einen -Knecht an's Amt. Schon gegen Abend desselben Tages kam -eine Untersuchungscommission in's Dorf, von zwei Gensdarmen -begleitet. Des Mörders Haus fanden sie jedoch verschlossen. -Dieser war seit der Todesstunde seiner Frau nicht -mehr nüchtern geworden; bei Tage trieb er sich in den Branntweinkneipen<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -der Umgegend umher und erst spät in der Nacht -kehrte er in fast bewustlosem Zustande heim. So wurde die -Hausthüre erbrochen. Die Section ergab, daß die Wunde -nicht durch einen Nagel, sondern nur durch ein scharfes, schneidiges -Instrument könne bewerkstelligt sein. Das Messer fand -sich nach kurzem Suchen im Holzschoppen. Und nun erstand -auch noch im Nachbar ein wesentlicher Zeuge, da er den Heimerdinger -mit Axt, Messer und Flasche hatte heimgehen sehen -und den Schrei der Frau und den Ruf »Mörder! Mörder!« -gehört hatte. Er war auch an's Haus geeilt, als er aber -die Thüre verschlossen fand und er seinen Nachbar in der -Trunkenheit fürchtete, hatte er sich wieder zurückgezogen. Es -wurden noch außerdem die halbe Nacht Zeugen verhört. Die -zwei Gensdarmen saßen während dessen in dem dunklen Haus -und warteten auf die Heimkehr des trunkenen Schneiders. Sie -mußten lange vergeblich warten. Endlich kam er. Er hatte -so weit die Erinnerung an seine ganze Situation durch Branntwein -hinuntergespült, daß er mit lauter Stimme sang. Doch -mag er etwas überrascht gewesen sein, als er nun plötzlich -verhaftet und gefesselt wurde. Den Rest der Nacht mußte er -in Fesseln neben der Leiche sitzen. Auch des andern Morgens -wurde er nicht gleich abgeführt, da das Zeugenverhör noch -immer andauerte, und so traf es sich, daß er gerade von den -zwei Gensdarmen aus dem Dorfe hinaustransportirt wurde, -als man seine gemordete Frau im Sarge hinaustrug. Wie -mag ihm das Grablied, das er noch hörte, in den Ohren -geklungen haben.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p> - -<h2 id="IX">IX.<br /> -Das Ende.</h2> -</div> - -<p>Eines Nachmittags kam die alte Balzerswäs ganz verstört -in mein Zimmer.</p> - -<p>»Der Himmel erbarme sich einer alten Wittfrau! Wie -schwer wird man heimgesucht! Denken Sie, mein Ernst ist -fort, ist der Babett nach, dem verfluchten Mensch!«</p> - -<p>»Was sagen Sie, der Ernst ist fort! ist nach Californien?« -rief ich ganz verwundert.</p> - -<p>»Ach Gott, das viele, viele Geld!«</p> - -<p>»Es ist allerdings ein leichtsinniger Streich, der schlimme -Folgen für seine Zukunft haben kann. Doch wie ist es denn -zugegangen?«</p> - -<p>»Nun wie wird's zugegangen sein! Der Bub ist ganz verhext -in die Babett, sie hat ihm auch, glaube ich, von Amerika -aus geschrieben und ihn dazu verleitet. Es kann ja nicht anders -gehen, wenn man sich unter das Bettelpack mischt. Als er -die Weihnachten hier war, ist er nicht wieder auf's Seminario. -Ich hatte ihm das Kostgeld für ein halbes Jahr mitgegeben, -das hat er nicht bezahlt. Seine Bücher, sein Weißzeug, -sein Bett und sein Clavier hat er für ein Lumpengeld -verkauft und vom Izik aus der Stadt hat er sich auf Handschein -zweihundert Gulden geben lassen. Denken Sie, der -stille, brave Ernst! Die Gedanken kann ihm doch nur das -Satans Ding eingegeben haben. Wir sind erst hinter die -ganze Geschichte gekommen, als der Izik mich vorgestern anrief -und fragte, wer denn die Zinsen von den zweihundert Gulden -bezahlte – ich oder der Ernst. Ich weiß gar nicht, wie -ich heimgekommen bin. Der Hanjost mußte gleich hinüber nach<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -J., aber das Nest war leer – der Vogel war fort. Er wird -auch nicht mehr aufgenommen in's Seminario, weil er durchgegangen -ist. Der <span id="corr094">Hanjost</span> hat's aus dem Mund vom Direktor.</p> - -<p>Denken Sie, jetzt muß ich das Kostgeld noch bezahlen und -der Izik will am Ende auch noch sein Geld haben. Ach Gott, -das viele, viele Geld! Was hat das Studium nicht Alles gekostet -und nun ist Alles umsonst! Es wäre vielleicht doch am -besten gewesen, wenn wir Ihnen gefolgt hätten, aber wer hätte -denken können, daß Alles so käme! Ja, ich vergesse ganz, was -ich eigentlich fragen wollte. Ist denn gar nichts mehr zu -machen? Kann man ihn denn nicht mehr erreichen?« – »O ja, -Sie müssen nach Hamburg oder Bremen telegraphiren und ihn -dort festnehmen lassen.«</p> - -<p>»Kostet das aber nicht wieder Geld?«</p> - -<p>»Gewiß wird es Geld kosten, doch ich meine, das könnte -Sie in diesem Fall nicht kümmern!«</p> - -<p>»Nun ich könnte einmal in die Stadt gehen. Hernach -kann man immer noch machen, was man will.«</p> - -<p>»Aber wenn Ihre Bemühungen Erfolg haben sollen, Frau -Balzer, so thut die größte Eile noth.«</p> - -<p>Ob sie hat telegraphiren lassen, weiß ich nicht. Zurückgekommen -ist er wenigstens nicht. Dagegen kam im Mai des -Jahres ein Brief von Försters Anna, der von ihm Nachricht -gab. Weil dieser Brief auch die einzige Nachricht vom ferneren -Schicksal Babettens enthielt, suchte ich mir denselben zu -verschaffen und will den Hauptinhalt desselben hierhersetzen.</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Theuerste Eltern! -</p> - -<p>Ihr empfanget hiermit meine Photographie. Es ist jetzt -Mode, seinen Eltern die Photographie zu schicken. Alle Herrn<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -wollen auch meine Photographie haben. Sie sagen: ich wäre -sehr gut getroffen und nähme mich reizend aus. Das Kleid, -was ich auf dem Bilde anhabe, ist von Seide und die gelben -Streifen um die Finger sind goldene Ringe. Ich wollte auch -meinen neuen Hut und meine seidene Mantille anthun, aber -der Maler sagte, ich würde anders viel schöner aussehen. -Alle Herrn sind in mich vergafft. Mir gefällt's sehr gut hier. -Anfangs, als ich noch einfältig war, habe ich als viel gegreint -und mich heim gewünscht, aber jetzt habe ich mich schon recht -gefunden. Es wäre Alles recht gut hier, wenn die Männer -nur nicht so wild wären und gleich aufeinander schössen und -sich todtstächen. Aber Mord und Todtschlag ist hier überall -und Alle haben Pistolen, wo man oft mit schießen kann, die -sie »Revolver« nennen und lange Messer. – Artig sind sie – -das ist <span id="corr095">wahr</span> – und können einem ganz anders die Cour -schneiden, als unsere Bursche daheim. In unserm Tanzhôtel -heiße ich allgemein »die Königin«, besonders seit die -Babett todt ist und auch als sie noch lebte, hatte ich schon viel -den Vorzug wegen meiner Munterkeit und Anstelligkeit.</p> - -<p>Doch ich habe Euch noch gar nicht den Tod der Babett -berichtet. Ach, das arme, arme Ding! Ich muß gerad weinen, -wenn ich an sie denke. Wir waren immer so gute Kamerädinnen. -Ich wollte, ich wäre nur einmal ein paar Stunden -bei Euch! Es ist gar zu viel zu erzählen. Die Babett war -schon ganz merkwürdig, als wir auf dem Meer waren, gar -nicht wie wir Andern. Sie hatte gar keine Furcht, bekam auch -nicht die Seekrankheit. Meistens saß sie auf dem Deck und -guckte oft stundenlang nach dem Himmel oder hinunter in die -See. Ich sagte einmal zu ihr: Nun willst Du ein Sterngucker -werden? Da hat sie laut angefangen zu weinen. Hernach<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -habe ich sie nie mehr gestört. Aber ich glaube, sie hat -damals viel daran gedacht, sich selbst um's Leben zu bringen. -Ich mußte bei ihr sitzen bis spät in die Nacht hinein und wenn -ich fort wollte gehen, hat sie mich um Gotteswillen gebeten, -ich solle bei ihr bleiben. Dann sang sie all' die Lieder, die -wir als Sonntags an der Guntramseiche gesungen haben. -Aber auch Ein's hat sie oft gesungen; ich glaube, das hat -sie selbst gemacht:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i2">Ich steh' am Schiffsgeländer<br /></span> -<span class="i0">Und blicke in die See;<br /></span> -<span class="i0">Ich möcht' so gern hinunter,<br /></span> -<span class="i0">Begraben alles Weh!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">Es ist so tief da drunten,<br /></span> -<span class="i0">So tief bis auf den Grund,<br /></span> -<span class="i0">Mein Schmerz ist noch viel tiefer;<br /></span> -<span class="i0">Ich werd nicht mehr gesund.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">Mein Ernst, du lieber Bube,<br /></span> -<span class="i0">Dein Schatz sagt dir: Ade!<br /></span> -<span class="i0">Du siehst Dein Mädchen nimmer;<br /></span> -<span class="i0">Es liegt in tiefer See.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">Im Meer ist gar viel Wasser,<br /></span> -<span class="i0">Wo man mit säubern mag;<br /></span> -<span class="i0">Ich möcht' mich drunten waschen<br /></span> -<span class="i0">Von aller meiner Schmach!<br /></span> -</div></div> - -<p>Einmal hatte sie es wieder gesungen, da sprang sie wild -in die Höhe und schaute ganz verwirrt um sich. Mir war -angst und bang, und ich wollte schon um Hülfe rufen, da fiel -sie auf die Knie und betete laut:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut!<br /></span> -<span class="i0">Mach's nur mit meinem Ende gut.<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p> -<p>Von der Zeit an habe ich das Lied nicht mehr von ihr gehört.</p> - -<p>Wir haben auch einen Sturm mitgemacht. Das brüllte -und tobte, als ginge die Welt unter. Aber als wir Alle schrien -und weinten, war die Babett ganz ruhig, als wenn Nichts -wäre. Und als das Schiff krachte, als wollte Alles kaput -gehen, da leuchteten ihre Augen zum ersten Mal wieder wie -daheim. – In Californien wollte sie ganz apart sein. Sie -hat uns als recht geärgert mit ihren Ermahnungen, wir sollten -beten und in der Bibel lesen. Wir sagten ihr, wenn wir -uns predigen wollten lassen, gingen wir in die Kirche. All' -ihr Heiligthun hat ihr auch Nichts geholfen. Sie mußte mit -wie wir Andern. Was ist sie geschlagen und gepeinigt worden! -Die Schottin ist noch schlimmer als der alte Fink und -der ist wahrhaftig schlimm genug. Sie hat jedoch nie geklagt -und auch nie geschrien. In die Lippen hat sie sich gebissen, daß -das Blut herunterlief und die Thränen sind ihr aus den Augen -gestürzt. Wir mußten als laut weinen, wenn sie so mißhandelt -wurde. Im Tanzsaal that sie gar stolz. Sie hat mit -Niemandem getanzt und wenn's Einer fertig bringen wollte, -mußte er sie mitschleppen. Und doch waren die Herrn gleich -in sie vernarrt, als sie zum ersten Mal mit mußte. Es war, -als wenn sie allein im Saal wäre. Alle hatten Respekt vor -ihr. Sie nannten sie »die Jungfrau von Orleans.« Da -war aber Einer – sie nannten ihn den »schwarzen Tom«, – -das war der Haupthahn und der Schönste von Allen. Ich -konnte ihn ganz gut leiden. Seine kohlschwarzen Augen -brannten wie lauter Feuer und seine Zähne waren so weiß -wie Elfenbein. Er führte Alles an und sie mußten ihm Alle -gehorchen. Der machte eine Wette: er wollte die Babett küssen -mitten im Saal vor den Leuten. Und er that's auch; aber<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -die Babett, die immer so riesig stark war, gab ihm eine Ohrfeige, -daß er den langen Weg in den Saal fiel. Alle lachten, -spotteten und uzten; denn es waren Viele, die ihn nicht -leiden mochten. Er wurde dadurch wüthend, nahm seinen -Revolver und schoß der Babett durch die Brust. Es war ein -furchtbares Durcheinander. Der Tom hätte sich retten können, -aber ein alter Herr hielt ihn so fest, daß er nur zappelte. -Der ließ auch die Babett in sein Haus schaffen. Man erfuhr -hernach, daß er ein Deutscher sei; er hätte auch der Babett -ihre Mutter schon gekannt und hätte vorgehabt, die Babett zu -sich zu nehmen und hätte nur noch eine Zeitlang warten wollen, -um ihre Beständigkeit zu prüfen. Der Tom wurde schon den -andern Tag gehenkt. Die Babett war nicht gleich todt, sondern -hat noch vierzehn Tage gelegen und nicht besonders viel -Schmerzen gehabt. Um den Jammer voll zumachen, kam -vor ein paar Tagen plötzlich der Ernst und traf mit einem -von unsern Mädchen zusammen.</p> - -<p>Das war ein Wiedersehn: Die Steine hätten sich erbarmen -mögen! Er hatte die halbe Welt durchreist, um sie zu retten, -wie er sagte. Er hatte sein Studium und Alles aufgegeben -und nun fand er sie am Sterben. Die Babett war wunderbar -ruhig und getrost. Als sie den Ernst sah, sagte sie: Nun ist -Alles gut! Der Tod ihrer Mutter durfte ihr nicht gesagt -werden. Sie sah fast aus wie ein Engel und Alle hat sie -getröstet. Und wie ein Engel ist sie hinübergegangen. Der -Ernst ist ganz niedergeschmettert. Er ist vorläufig noch bei -dem alten Herrn. Ich habe ihm die Geschichte von unserer -Reise so oft erzählen müssen, daß ich sie fast auswendig kann. -Doch jetzt thun mir die Finger weh, so viel habe ich geschrieben -und es ist auch Zeit, daß ich an meine Toilette denke.<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Heute Abend ist großer Maskenball und Alle haben gesagt: -»Die Königin darf nicht fehlen!«</p> - -<p>Haltet Euch gesund und seid gegrüßt von</p> - -<p class="center"> -Eurer treuen Tochter</p> -<p class="right"> -Anna Klein. -</p> - -<p><em class="gesperrt">Nachschrift</em>: Ihr findet auch ein Bankbillet von fünfzig -Dollars in dem Brief; der alte Fink braucht nicht Alles -zu wissen.</p></div> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich hätte vielleicht noch Ausführlicheres von den Heimkehrenden -in Erfahrung bringen können, wenn ich nicht etliche -Monate darauf in eine der schönsten Gegenden des Lahnthals -versetzt worden wäre.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p> - -<p class="center">Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Der Schmutztitel wurde entfernt.</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 94: Hangost → Hanjost<br /> -Der <a href="#corr094">Hanjost</a> hat's aus dem Mund</p> -<p> -S. 95: war → wahr<br /> -Artig sind sie – das ist <a href="#corr095">wahr</a></p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Hurdy-Gurdy, by Ottokar Schupp - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HURDY-GURDY *** - -***** This file should be named 54656-h.htm or 54656-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/6/5/54656/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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